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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 20:05:21 -0700 |
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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + + + + +Title: Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten + Fünfter Band (der 11) + + +Author: Thomas Babington Macaulay + + + +Release Date: May 25, 2011 [eBook #36217] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE VON ENGLAND SEIT DER +THRONBESTEIGUNG JAKOB'S DES ZWEITEN*** + + +E-text prepared by Louise Hope, Delphine Lettau, richyfourtytwo, and the +Online Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net) + + + +[Zeichen _wie so_ bedeuten Gesperrt; +wie so+ bedeuten Antiqua +(nicht-Fraktur); =wie so= bedeuten Fettschrift.] + + + + + +Thomas Babington Macaulay's + ++Geschichte von England+ + +seit der + +Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. + + +Aus dem Englischen. + + ++Vollständige und wohlfeilste Stereotyp-Ausgabe.+ + + +Fünfter Band. + + + + + + + +=Leipzig, 1854.= +_G. H. Friedlein._ + + + * * * * * + * * * * + + +Neuntes Kapitel. + + _Jakob II._ + + + + +=Inhalt.= + + Seite + Die Tories werden andrer Ansicht in Betreff der + Rechtmäßigkeit des Widerstandes 5 + Russell schlägt dem Prinzen von Oranien eine Landung in + England vor 11 + Heinrich Sidney 11 + Devonshire 12 + Shrewsbury. -- Halifax 12 + Danby und der Bischof Compton 13 + Nottingham 14 + Lumley 14 + Absendung der Einladung an Wilhelm 14 + Mariens Verhalten 15 + Schwierigkeiten der Unternehmung Wilhelm's 16 + Jakob's Benehmen nach dem Prozesse der Bischöfe 19 + Entlassungen und Ernennungen 20 + Verfahren der Hohen Commission. Sprat tritt aus 22 + Unzufriedenheit des Klerus. -- Vorgänge in Oxford 23 + Unzufriedenheit der Gentry 23 + Unzufriedenheit der Armee 24 + Es werden irische Truppen herübergezogen. + -- Unwille des Volks 25 + Lillibullero 39 + Politische Zustände in den Vereinigten Provinzen 30 + Fehler des Königs von Frankreich 31 + Sein Streit mit dem Papste bezüglich der Vorrechte + auswärtiger Gesandter 32 + Das Erzbisthum Köln 33 + Kluges Verfahren Wilhelm's 33 + Seine Rüstungen zu Lande und zur See 34 + Er erhält zahlreiche Unterstützungszusagen aus England 35 + Sunderland 36 + Wilhelm's Befürchtungen 39 + Jakob wird gewarnt 40 + Ludwig's Bemühungen, um Jakob zu retten 41 + Jakob vereitelt dieselben 42 + Die französischen Armeen fallen in Deutschland ein 44 + Wilhelm erlangt die Genehmigung der Generalstaaten für + seine Expedition 45 + Britische Abenteurer im Haag 46 + Wilhelm's Erklärung 47 + Jakob fängt an die Gefahr zu ahnen 49 + Seine Seemacht 49 + Seine militairischen Mittel 50 + Er versucht es, seine Unterthanen mit sich auszusöhnen 51 + Er bewilligt den Bischöfen eine Audienz 51 + Seine Zugeständnisse werden übel aufgenommen 53 + Dem Geheimen Rath werden Beweise für die legitime Geburt + des Prinzen von Wales vorgelegt 55 + Sunderland's Ungnade 56 + Wilhelm nimmt Abschied von den holländischen Generalstaaten 57 + Er schifft sich ein und segelt ab 58 + Er wird durch einen Sturm zurückgeworfen 58 + Seine Erklärung kommt in England an 58 + Jakob befragt die Lords 58 + Wilhelm geht zum zweiten Male unter Segel 60 + Er passirt die Meerenge 61 + Seine Landung bei Torbay 62 + Sein Einzug in Exeter 65 + Unterredung des Königs mit den Bischöfen 69 + Ruhestörungen in London 71 + Angesehene Männer fangen an zu dem Prinzen überzugehen 72 + Lovelace 72 + Colchester 73 + Abingdon 73 + Abfall Cornbury's 74 + Petition der Lords um Einberufung eines Parlaments 77 + Der König begiebt sich nach Salisbury 79 + Seymour 79 + Wilhelm's Hoflager in Exeter 79 + Aufstand im Norden 80 + Gefecht bei Wincanton 82 + Churchill's und Grafton's Abfall 84 + Rückzug der königlichen Armee von Salisbury 85 + Abfall des Prinzen Georg und Ormond's 85 + Flucht der Prinzessin Anna 86 + Jakob hält eine Berathung mit den Lords 88 + Er ernennt Commissare zur Unterhandlung mit Wilhelm 91 + Die Unterhandlung eine Finte 91 + Dartmouth weigert sich, den Prinzen von Wales nach Frankreich + zu senden 93 + Aufregung in London 94 + Falsche Proklamation 94 + Aufstände in verschiedenen Theilen des Landes 95 + Clarendon schließt sich in Salisbury dem Prinzen an 97 + Spaltung im Lager des Prinzen 97 + Ankunft des Prinzen in Hungerford 99 + Gefecht bei Reading 100 + Ankunft der königlichen Commissare in Hungerford 100 + Unterhandlung 100 + Die Königin und der Prinz von Wales werden nach Frankreich + geschickt 104 + Lauzun 104 + Anstalten des Königs zur Flucht 107 + Seine Flucht 108 + + + + +Die Freisprechung der Bischöfe war nicht das einzige Ereigniß, das den +13. Juni 1688 zu einem wichtigen Datum unsrer Geschichte macht. An dem +nämlichen Tage, während auf hundert Kirchthürmen alle Glocken läuteten, +während von Hydepark bis Mile-End das Volk beschäftigt war, für die +Freudendemonstrationen in der Nacht Reisigbündel zusammenzutragen und +Päpste anzuputzen, wurde ein Actenstück, das für die Freiheiten Englands +kaum minder wichtig war, als die Magna Charta, von London nach dem Haag +gesandt. + + +[_Die Tories werden andrer Ansicht in Betreff der Rechtmäßigkeit des +Widerstandes._] Der Prozeß der Bischöfe und die Geburt des Prinzen von +Wales hatten in den Gesinnungen vieler Tories einen großen Umschwung +herbeigeführt. In dem Augenblicke, wo ihrer Kirche eine so empörende +Beleidigung und Verhöhnung widerfuhr, mußten sie die Hoffnung auf eine +friedliche Lösung aufgeben. Bisher hatten sie gehofft, daß die Prüfung, +welche ihre Loyalität zu ertragen hatte, wenn auch hart, doch nur +vorübergehend sein werde und daß ihre Leiden ohne Verletzung der +feststehenden Thronfolgeordnung bald gehoben werden würden. Jetzt aber +eröffnete sich ihnen eine ganz andre Aussicht. So weit sie vorwärts +blickten, sahen sie die verkehrte Regierung der letzten drei Jahre durch +ganze Menschenalter sich fortspinnen. Die Wiege des präsumtiven +Thronfolgers war von Jesuiten umgeben und es stand zu befürchten, daß +dem kindlichen Gemüth des Prinzen ein tödtlicher Haß gegen die Kirche, +deren Oberhaupt er dereinst werden sollte, eingeimpft, daß dieser Haß +das leitende Prinzip seines Lebens werden und auf seine Nachkommenschaft +übergehen würde. Und diese unheilvolle Aussicht hatte keine Grenze, sie +reichte über die Lebenszeit des jüngsten Menschen, bis über das +achtzehnte Jahrhundert hinaus. Niemand konnte sagen, wie viele +Generationen protestantischer Engländer noch ein Joch zu tragen haben +würden, das man selbst bei der Voraussicht einer kurzen Dauer schon für +unerträglich hielt. Gab es denn gar kein Heilmittel? Eines gab es noch, +ein rasches, heftiges und entscheidendes, ein Mittel, zu dem die Whigs +nur zu bereitwillig gegriffen hätten, das aber von den Tories jederzeit +und unter allen Umständen als verwerflich betrachtet worden war. + +Die größten anglikanischen Gelehrten der damaligen Zeit hatten den Satz +aufgestellt, daß keine Übertretung eines Gesetzes oder eines Vertrags, +kein Übermaß von Härte, Raubsucht oder Willkür von Seiten eines +rechtmäßigen Königs sein Volk zum gewaltsamen Widerstande gegen ihn +berechtigen könne. Einige von ihnen hatten etwas darin gesucht, die +Lehre vom Nichtwiderstande in einer so überspannten Form darzustellen, +daß der gesunde Verstand und die Humanität sich dagegen empören mußten. +Sie bemerkten häufig und mit Nachdruck, daß Nero an der Spitze des +römischen Reiches gestanden habe, als Paulus die Pflicht des Gehorsams +gegen die Obrigkeit einschärfte. Daraus zogen sie den Schluß, daß, wenn +ein englischer König, ohne ein andres Gesetz als seinen Willen, seine +Unterthanen wegen Nichtanbetung von Götzenbildern verfolgte, sie den +Löwen im Tower vorwürfe, sie in getheerte Tücher hüllte und zur +Beleuchtung des St. Jamesparkes anzündete, und wenn er mit diesen +Grausamkeiten fortführe, bis ganze Städte und Grafschaften entvölkert +wären, die Überlebenden trotzdem noch immer verpflichtet sein würden, +sich willig zu unterwerfen und sich ohne Widerstand in Stücken zerreißen +oder lebendig braten zu lassen. Allerdings waren die Gründe, welche zu +Gunsten dieser Behauptung angeführt wurden, unhaltbar, aber der Mangel +vernünftiger Argumente wurde reichlich ersetzt durch die Alles +vermögende Sophistik des Eigennutzes und der Leidenschaft. Viele +Schriftsteller haben ihr Erstaunen darüber ausgedrückt, wie die stolzen +Kavaliere Englands sich für die knechtischeste Theorie, die die Welt je +gesehen hat, so begeistern konnten. Dies kommt daher, weil diese Theorie +dem Kavalier anfangs als der directe Gegensatz des Knechtischen +erschien, denn sie machte ihn nicht zum Sklaven, sondern zum freien +Herrn und Gebieter. Sie gefiel ihm, weil sie dem gefiel, den er als +seinen Beschützer, als seinen Freund, als das Oberhaupt seiner geliebten +Partei und seiner noch mehr geliebten Kirche betrachtete. Unter der +Herrschaft der Republikaner hatte der Royalist Unbilden und Kränkungen +ertragen müssen, welche er nach der Wiedereinsetzung der rechtmäßigen +Regierung hatte vergelten können. Rebellion war daher in seinem Sinne +gleichbedeutend mit Unterwerfung und Erniedrigung, monarchische +Autorität mit Freiheit und Übergewicht. Es war ihm nie eingefallen, +daß eine Zeit kommen könnte, wo ein König, ein Stuart die loyalsten +Geistlichen und Edelleute mit größerer Erbitterung verfolgen würde, als +einst der Rumpf oder der Protector. Eine solche Zeit war gekommen. Jetzt +mußte es sich zeigen, wie die Geduld, welche die Anhänger der +Landeskirche aus den Schriften des Paulus gelernt zu haben vermeinten, +die Probe einer Verfolgung bestehen würde, die noch keineswegs so +schlimm war, wie die eines Nero. Das Ergebniß war so, wie es Jedermann, +der die menschliche Natur nur einigermaßen kannte, vorausgesagt haben +würde. Der Despotismus bewirkte bald, was, der Philosophie und der +Beredtsamkeit nie gelungen wäre. Die Angriffe Locke's hatte Filmer's +System überleben können, aber von dem tödtlichen Schlage, den Jakob ihm +versetzte, erholte es sich nie wieder. + +Die Gründe, welche für unwiderleglich erklärt wurden, so lange man damit +beweisen wollte, daß Presbyterianer und Independenten Haft und +Eigenthumsberaubung mit Sanftmuth und Geduld ertragen müßten, schienen +bedeutend an Haltbarkeit zu verlieren, als es sich fragte, ob +anglikanische Bischöfe eingesperrt und die Einkünfte anglikanischer +Collegien eingezogen werden dürften. Es war von den Kanzeln aller +Kathedralen des Landes herab oft wiederholt worden, daß das apostolische +Gebot, der bürgerlichen Obrigkeit zu gehorchen, unbedingt und allgemein +und daß es eine gottlose Anmaßung der Menschen sei, ein im Worte Gottes +ohne alle Beschränkung erlassenes Gebot beschränken zu wollen. Jetzt +aber entdeckten die Geistlichen, deren Scharfsinn durch die drohende +Gefahr, ihrer Ämter und Pfründen entsetzt zu werden, um Papisten Platz +zu machen, bedeutend erhöht wurde, einige Lücken in dem Raisonnement, +das ihnen früher so überzeugend vorgekommen war. Die ethischen +Stellen der heiligen Schrift, meinten sie, dürfe man nicht wie +Parlamentsverordnungen oder wie casuistische Abhandlungen der Gelehrten +deuten. Welcher Christ werde dem Grobian, der ihn auf die rechte Wange +geschlagen, wirklich auch die linke hinhalten? Welcher Christ werde dem +Diebe, der ihm den Rock genommen, auch noch den Mantel geben? Im Alten +wie im Neuen Testament seien durchgängig nur allgemeine Regeln +aufgestellt, ohne die Ausnahmen mit anzuführen. So stehe darin das +allgemeine Gebot, nicht zu tödten, aber ohne einen Vorbehalt zu Gunsten +des Kriegers, der zur Vertheidigung seines Königs und seines Vaterlandes +tödtet. So stehe ferner darin das allgemeine Gebot nicht zu schwören, +aber ohne Vorbehalt zu Gunsten des Zeugen, der vor dem Richter schwört, +daß er die Wahrheit sagen wolle. Die Rechtmäßigkeit des +Vertheidigungskrieges und des gerichtlichen Eides werde aber nur von +einigen obscuren Sectirern bestritten, und sei in den Artikeln der +anglikanischen Kirche ausdrücklich behauptet. Alle die Gründe, welche +bewiesen, daß die Weigerung des Quäkers, Waffen zu tragen oder das +Evangelium zu küssen, unvernünftig und verkehrt sei, könnten auch gegen +Diejenigen gewendet werden, welche den Unterthanen das Recht des +gewaltsamen Widerstandes gegen maßlose Tyrannei absprachen. Wenn man +behaupte, daß die Bibelstellen, welche das Tödten und das Schwören +verboten, trotz ihrer allgemeinen Fassung doch als Unterwerfung unter +das große Gebot ausgelegt werden müßten, welches jedem Menschen +befiehlt, die Wohlfahrt seines Nächsten zu fördern und daß sie bei +solcher Auslegung nicht auf Fälle angewendet werden könnten, in denen +das Tödten und Schwören zum Schutze der theuersten Interessen der +Gesellschaft durchaus nothwendig sei, dann werde man auch schwerlich +leugnen können, daß die Bibelstellen, welche den gewaltsamen Widerstand +gegen Vorgesetzte verbieten, ebenso gedeutet werden dürften. Wenn dem +alten Volke Gottes unter Umständen gestattet worden sei, Menschenleben +zu vernichten und sich durch Eide zu binden, so sei es ihnen unter +Umständen auch erlaubt gewesen, schlechten Fürsten Widerstand zu +leisten. Wenn die alten Väter der Kirche gelegentlich eine Sprache +geführt hätten, aus welcher hervorzugehen schiene, daß sie jeden +gewaltsamen Widerstand mißbilligten, so hätten sie gelegentlich auch +eine Sprache geführt, aus welcher hervorgehe, daß sie allen Krieg und +alle Eide verwarfen. In der That, die Lehre vom passiven Gehorsam, wie +sie unter der Regierung Karl's II. in Oxford gepredigt wurde, kann nur +durch eine einseitige Auslegung, die uns unvermeidlich zu den +Schlußfolgerungen Barclay's und Penn's führen wurde, aus der Bibel +hergeleitet werden. + +Es waren jedoch nicht allein dem Wortlaute der heiligen Schrift +entlehnte Gründe, vermittelst deren die anglikanischen Theologen in den +unmittelbar auf die Restauration folgenden Jahren ihren Lieblingssatz zu +beweisen versuchten. Sie hatten sich auch bemüht darzuthun, daß selbst +wenn die Offenbarung darüber schweige, schon die Vernunft den Weisen von +der Thorheit und Verwerflichkeit jedes gewaltsamen Widerstandes gegen +die bestehende Regierung überzeugt haben würde. Es werde allgemein +zugegeben, daß solcher Widerstand, außer im höchsten Nothfalle, nicht zu +rechtfertigen sei. Aber wer könne die Grenze zwischen höchsten +Nothfällen und gewöhnlichen Fällen bestimmen? Gäbe es wohl eine +Regierung, unter der sich nicht Mißvergnügte und Aufwiegler finden +würden, welche sagten und vielleicht auch wirklich glaubten, daß ihre +Beschwerden einen höchsten Nothfall begründeten? Ja, wenn sich eine +klare und bestimmte Regel aufstellen ließe, welche den Menschen verböte, +sich gegen einen Trajan zu empören, ihnen aber erlaubte, sich gegen +einen Caligula aufzulehnen, so würde eine solche Regel allerdings höchst +wohlthätig sein. Aber eine derartige Regel sei nie aufgestellt worden +und könne auch nie aufgestellt werden. Wenn man sage, der Aufruhr sei +unter gewissen Umständen erlaubt, ohne diese Umstände genau zu +bezeichnen, so sei dies eben so gut als wenn man sage, Jedermann dürfe +sich empören, sobald es ihm passend erscheine; eine Gesellschaft aber, +in der sich Jedermann empören könne, wenn er es für zweckmäßig halte, +sei schlechter bestellt als eine unter der Herrschaft des grausamsten +und willkürlichsten Despoten stehende. Daher sei es nothwendig, das +große Prinzip des Nichtwiderstandes in seinem vollen Umfange aufrecht zu +erhalten. Allerdings könnten besondere Fälle eintreten, in denen der +Widerstand eine Wohlthat für die Gesellschaft sein würde; im Ganzen +genommen aber sei es immer besser, wenn das Volk geduldig eine schlechte +Regierung ertrage, als wenn es sich durch Verletzung eines Gesetzes zu +helfen suche, auf dem die Sicherheit jeder Regierung beruhe. + +Eine solche Argumentation überzeugte wohl eine herrschende und +glückliche Partei sehr leicht, aber die Prüfung von Geistern, welche +durch königliche Ungerechtigkeit und Undankbarkeit heftig gereizt waren, +hielt sie nicht aus. Es ist allerdings unmöglich, eine strenge Grenze +zwischen rechtmäßigem und unrechtmäßigem Widerstande zu ziehen; aber +diese Unmöglichkeit liegt in dem ganzen Wesen von Recht und Unrecht und +findet sich in fast jedem Zweige der ethischen Wissenschaft. Eine gute +Handlung unterscheidet sich von einer schlechten nicht durch so +deutliche Kennzeichen, wie ein Sechseck von einem Quadrat. Es giebt eine +Grenze, wo Tugend und Laster in einander verschmelzen. Wer hat jemals +eine genaue Grenzlinie zwischen Muth und Unbesonnenheit, zwischen +Vorsicht und Feigheit, zwischen Sparsamkeit und Geiz, zwischen +Freigebigkeit und Verschwendung zu ziehen vermocht? Wer hat jemals sagen +können, wie weit die Nachsicht gegen Verbrecher gehen darf, wo sie +aufhört den Namen Nachsicht zu verdienen, um verderbliche Schwäche zu +werden? Welcher Casuist, welcher Gesetzgeber ist jemals im Stande +gewesen, die Grenzen des Selbstvertheidigungsrechts zu bestimmen? Alle +unsere Juristen sind der Ansicht, daß ein gewisses Maß von Gefahr für +Leben oder Glieder den Menschen berechtige, einen Angreifer +niederzuschießen oder zu erstechen, aber den Versuch, das Maß der Gefahr +in bestimmten Worten zu bezeichnen, haben sie längst als unausführbar +aufgegeben. Sie sagen nur, es dürfe keine unbedeutende, sondern eine +solche Gefahr sein, die einen muthigen Menschen ernstlich um sich +besorgt machen kann; aber wer wird es unternehmen zu sagen, welcher Grad +von Besorgniß wirklich ernst genannt zu werden verdient oder wie der +Geist eines Menschen beschaffen sein muß, um als muthig gelten zu +können? Man muß es allerdings beklagen, daß die Natur der Worte und die +Natur der Dinge eine genauere Gesetzgebung nicht gestattet, und es läßt +sich nicht leugnen, daß oft Jemandem Unrecht geschieht, wenn die +Menschen Richter in ihrer eignen Sache sind und ihr Urtheil +augenblicklich vollziehen. Aber wer könnte deshalb alle und jede +Nothwehr verbieten? Das Recht eines Volks, einer schlechten Regierung +Widerstand zu leisten, ist ganz analog dem Rechte, mit dem der Einzelne +in Ermangelung gesetzlichen Schutzes einen ihn Angreifenden erschlagen +darf. In beiden Fällen muß die Gefahr sehr ernst sein; in beiden Fällen +müssen alle gesetzlichen und friedlichen Vertheidigungsmittel erschöpft +sein, ehe die verletzte Partei zum Äußersten schreitet; in beiden Fällen +ladet man sich eine große Verantwortlichkeit auf; in beiden Fällen ruht +die Beweislast auf Demjenigen, der es gewagt hat, zu einem so +verzweifelten Auskunftsmittel zu greifen, und vermag er sich nicht zu +rechtfertigen, so verwirkt er mit Recht die schwersten Strafen. Aber in +keinem der beiden Fälle können wir das Vorhandensein alles Rechts +leugnen. Ein von Mördern überfallener Mensch ist nicht verpflichtet, +sich ohne von seinen Waffen Gebrauch zu machen, martern und abschlachten +zu lassen, weil noch Niemand im Stande gewesen ist, das Maß der Gefahr, +welches einen Todtschlag rechtfertigt, genau zu bestimmen. Ebenso wenig +ist eine Gesellschaft verpflichtet, Alles was die Tyrannei über sie +verhängen kann, mit passiver Geduld zu ertragen, weil noch Niemand das +Maß der Regierungssünden, das eine Empörung rechtfertigt, genau zu +bestimmen vermochte. + +Aber konnte der Widerstand der Engländer gegen einen Fürsten wie Jakob +eigentlich Empörung genannt werden? Die ächten Schüler Filmer's +behaupteten allerdings, daß zwischen unsrem Regierungssystem und dem der +Türkei nicht der geringste Unterschied sei, und wenn der König sich +nicht den Inhalt aller Kaufmannskasten in Lombard Street zueigne und +Stumme mit der seidenen Schnur zu Sancroft und Halifax sende, so +geschehe dies nur, weil Seine Majestät zu mild und gnädig sei, als daß +er seine ganze, ihm vom Himmel ertheilte Macht ausüben sollte. Aber wenn +auch die Tories zuweilen in der Hitze des Wortstreits eine Sprache +führten, welche anzudeuten schien, daß sie diesen überspannten Lehren +Beifall zollten, so verabscheuten sie den Despotismus doch gründlich. +Die englische Regierungsform war nach ihren Begriffen eine beschränkt +monarchische. Aber wie kann eine Monarchie beschränkt genannt werden, +wenn niemals, selbst nicht im äußersten Nothfalle Gewalt angewendet +werden darf, um sie innerhalb der ihr vorgeschriebenen Schranken zu +halten? In Rußland, wo der Herrscher nach der Verfassung des Staats +unbeschränkt war, konnte man vielleicht mit einem Schein von Richtigkeit +behaupten, daß er, welche Übergriffe er sich auch erlaubte, noch immer +nach christlichen Grundsätzen von seinen Unterthanen Gehorsam verlangen +durfte. Bei uns aber stand der Fürst so gut unter dem Gesetze wie das +Volk. Es war daher Jakob, der das Wehe über sich brachte, welches Denen +angedroht ist, die der bestehenden Gewalt Hohn sprechen. Jakob war es, +der sich den Anordnungen Gottes widersetzte, der sich gegen die +rechtmäßige Autorität auflehnte, welcher er nicht allein aus Furcht vor +dem göttlichen Zorne, sondern schon nach eigenem Gewissen hätte +unterthan sein sollen, und der im wahren Sinne der Worte Jesu dem Kaiser +nicht gab was des Kaisers war. + +In Folge derartiger Betrachtungen fingen die kundigsten und +aufgeklärtesten Tories an zuzugeben, daß sie in der Lehre vom passiven +Gehorsam doch zu weit gegangen waren. Der Streit zwischen diesen Männern +und den Whigs bezüglich der gegenseitigen Verpflichtungen der Könige und +Unterthanen war jetzt kein Prinzipstreit mehr. Es blieben allerdings +noch einige gerichtliche Streitpunkte zwischen der Partei, welche +jederzeit die Rechtmäßigkeit des gewaltsamen Widerstandes behauptet +hatten, und den Neubekehrten. Das Andenken des gesegneten Märtyrers +wurde von den alten Kavalieren, welche bereit waren, gegen seinen +entarteten Sohn die Waffen zu ergreifen, noch immer so hoch als je +verehrt. Sie sprachen noch immer mit Abscheu von dem langen Parlamente, +von dem Ryehousecomplot und von dem Aufstande im Westen. Aber wie sie +auch über die Vergangenheit denken mochten, ihre Ansicht von der +Gegenwart war entschieden whiggistisch, denn sie waren jetzt der +Meinung, daß äußerster Druck gewaltsamen Widerstand rechtfertigen könne +und daß der Druck, unter dem die Nation eben seufzte, den äußersten Grad +erreicht habe.[1] + +Man darf jedoch nicht glauben, daß alle Tories selbst unter den +damaligen Umständen einem Prinzipe entsagten, daß sie von Kindheit auf +als einen wesentlichen Bestandtheil des Christenthums betrachten +gelernt, zu dem sie sich viele Jahre lang mit prahlender Heftigkeit +bekannt und das sie durch Verfolgung zu verbreiten gesucht hatten. +Manche hielten aus wirklicher Überzeugung, Andere aus Scham an dem alten +Glauben fest. Der größere Theil aber selbst von Denen, welche nach wie +vor jeden gewaltsamen Widerstand gegen den Landesherrn für unstatthaft +erklärten, war geneigt, im Falle eines Bürgerkriegs neutral zu bleiben. +Keine Herausforderung sollte sie zum Aufstande bewegen, wenn aber ein +solcher ausbräche, so glaubten sie sich nicht verpflichtet, für +Jakob II. zu kämpfen, wie sie für Karl I. gekämpft haben würden. Paulus +habe den Christen in Rom verboten, sich gegen die Herrschaft Nero's zu +empören; aber es sei kein Grund zu der Annahme vorhanden, daß, wenn der +Apostel noch gelebt hätte, als die Legionen und der Senat sich gegen den +ruchlosen Kaiser erhoben, er den Brüdern befohlen haben würde, zur +Unterstützung der Tyrannei zu den Waffen zu eilen. Die Pflicht der +verfolgten Kirche sei klar: sie müsse geduldig ausharren und ihre Sache +Gott anheim stellen. Wenn es aber Gott, dessen weise Fürsorge stets das +Böse zum Guten lenkt, gefallen sollte, wie es ihm oft gefallen habe, +sich zur Abstellung ihrer Leiden der Vermittelung solcher Menschen zu +bedienen, deren heftige Leidenschaften ihre Lehren nicht zu bezähmen +vermocht hätten, so könne sie dankbar von ihm eine Befreiung annehmen, +welche auf eigne Hand zu bewerkstelligen ihre Grundsätze ihr nicht +gestatteten. So waren die meisten von den Tories, welche noch immer +jeden Gedanken an einen Angriff auf die Regierung aufrichtig +zurückwiesen, doch keineswegs gemeint, sie zu vertheidigen, und freuten +sich vielleicht, während sie sich ihrer eigenen Gewissensscrupel +rühmten, im Stillen darüber, daß nicht Jedermann so bedenklich war als +sie. + +Die Whigs sahen, daß ihre Zeit gekommen war. Ob sie das Schwert gegen +die Regierung ziehen sollten, war schon seit sechs oder sieben Jahren +bei ihnen nur noch eine Frage der Klugheit und jetzt gebot ihnen eben +die Klugheit, einen kühnen Weg einzuschlagen. + + [Anmerkung 1: Dieser Umschwung in den Ansichten eines Theiles der + Torypartei ist in einem Schriftchen, welches zu Anfang des Jahres + 1689 unter dem Titel erschien: +»A Dialogue betwen Two friends, + wherein the Church of England is vindicated in joining with the + Prince of Orange«+ trefflich dargestellt.] + + +[_Russell schlägt dem Prinzen von Oranien eine Landung in England vor._] +Im Mai, vor der Geburt des Prinzen von Wales und während es noch ungewiß +war, ob die Indulgenzerklärung in den Kirchen verlesen werden würde oder +nicht, hatte sich Eduard Russell nach dem Haag begeben, hatte dem +Prinzen von Oranien den Zustand der Volksstimmung eindringlich +geschildert und Seiner Hoheit gerathen, an der Spitze einer starken +Truppenmacht in England zu erscheinen und das Volk zu den Waffen zu +rufen. + +Wilhelm hatte die ganze Bedeutung der Krisis auf den ersten Blick +erkannt. »Jetzt oder nie!« sagte er auf Lateinisch zu Dykvelt.[2] Gegen +Russell sprach er sich vorsichtiger aus, gab zu, daß die Leiden des +Staats von der Art seien, daß sie ein außergewöhnliches Heilmittel +erheischten, sprach aber sehr ernstlich von dem möglichen Scheitern des +Unternehmens und von dem Unheil, welches dadurch über Großbritannien und +über ganz Europa gebracht werden konnte. Er wisse nur zu gut, daß Viele, +die sich jetzt in hochtönenden Worten bereit erklärten, Gut und Blut dem +Vaterlande zu opfern, wieder zaghaft werden würden, wenn ihnen die +Aussicht auf eine Wiederholung der Blutigen Assisen nahe vor Augen +träte, und er könne sich daher nicht mit unbestimmten Versicherungen von +Geneigtheit begnügen, sondern verlange bestimmte Einladungen und +schriftliche Unterstützungszusagen von einflußreichen und bedeutenden +Männern. Russell bemerkte ihm dagegen, daß es gefährlich sein werde, +eine größere Anzahl von Personen in den Plan einzuweihen. Wilhelm +stimmte ihm bei und sagte, daß einige wenige Unterschriften genügen +würden, wenn es die von Staatsmännern wären, welche große Parteien +repräsentirten.[3] + + [Anmerkung 2: +»Aut nunc, aut nunquam.«+ -- Witsen's + Handschriften, citirt von Wagenaar, Buch 60.] + + [Anmerkung 3: +Burnet, I. 763.+] + + +[_Heinrich Sidney._] Mit dieser Antwort kehrte Russell nach London +zurück, wo er die Aufregung bedeutend gestiegen und noch täglich +zunehmend fand. Die Einsperrung der Bischöfe und die Entbindung der +Königin erleichterten ihm seine Aufgabe mehr als er es hätte erwarten +können. Er eilte die Stimmen der Oberhäupter der Opposition zu sammeln +und sein Hauptgehülfe bei diesem Geschäft war Heinrich Sidney, der +Bruder Algernon's. Es ist ein bemerkenswerther Umstand, daß Eduard +Russell sowohl als Heinrich Sidney dem Hofstaate Jakob's angehört +hatten, daß Beide theils aus politischen, theils aus Privatgründen seine +Feinde geworden waren und daß Beide das Blut naher Verwandter zu rächen +hatten, welche in einem und demselben Jahre als Opfer seiner +unerbittlichen Strenge gefallen waren. Hier endet jedoch die +Ähnlichkeit. Russel war, bei bedeutenden Fähigkeiten, stolz, +sarkastisch, ruhelos und heftig. Sidney schien bei sanftem Gemüth und +einnehmenden Manieren seine besonderen Fähigkeiten und Kenntnisse zu +besitzen und in Genußsucht und Indolenz versunken zu sein. Von Gesicht +und Gestalt war er auffallend hübsch. In seiner Jugend war er der +Schrecken der Ehemänner gewesen und selbst jetzt, dem fünfzigsten Jahre +nahe, war er noch der Liebling der Frauen und ein Gegenstand des Neides +für jüngere Männer. Er hatte sich früher in amtlicher Stellung im Haag +aufgehalten und es war ihm gelungen, sich Wilhelm's Vertrauen in hohem +Grade zu erwerben. Viele wunderten sich darüber, denn man hätte glauben +sollen, daß der ernsteste Staatsmann und der ausschweifendste +Müßiggänger nichts mit einander gemein haben könnten. Swift konnte viele +Jahre später nicht begreifen, daß ein Mann, den er nur als einen +wissenschaftlich ungebildeten und frivolen alten Wüstling gekannt hatte, +wirklich in einer großen Revolution eine große Rolle gespielt haben +sollte. Doch selbst ein minder scharfsichtiger Beobachter als Swift +hätte wissen können, daß es einen gewissen instinktartigen Takt giebt, +der oft großen Rednern und Philosophen fehlt, aber oft bei Personen +gefunden wird, die man für einfältige Menschen erklären würde, wenn man +sie nur nach ihren Reden und Schriften beurtheilte. In der That, wer +diesen Takt besitzt, für den ist es in gewissem Sinne ein Vortheil, wenn +ihm die glänzenderen Talente mangeln, die ihn zu einem Gegenstande der +Bewunderung, des Neides und der Furcht machen würden. Sidney war ein +sprechender Beleg für diese Wahrheit. So untüchtig, unwissend und +ausschweifend er zu sein schien, so erkannte er doch ober fühlte er +vielmehr, gegen wen er zurückhaltend sein mußte und gegen wen er ohne +Gefahr mittheilend sein durfte. In Folge dessen leistete er was Mordaunt +mit all' seiner Lebhaftigkeit und all' seinem Erfindungsgeiste oder +Burnet mit all' seinem vielseitigen Wissen und seiner fließenden +Beredtsamkeit nie hätten ausführen können.[4] + + [Anmerkung 4: +Sidney's Diary and Correspondence, edited by + Blencowe+; +Mackay's Memoirs+ und Swift's Note; +Burnet, I. 763.+] + + +[_Devonshire._] Bei den alten Whigs konnte es keine Schwierigkeiten +haben. Ihrer Meinung nach hatte es seit vielen Jahren kaum einen +Augenblick gegeben, wo die öffentlichen Rechtsverletzungen nicht den +Widerstand gerechtfertigt hätten. Devonshire, der als ihr Oberhaupt +betrachtet werden konnte, hatte sowohl private als öffentliche Unbilden +zu rächen. Er ging mit ganzem Herzen auf den Plan ein und bürgte für +seine Partei.[5] + + [Anmerkung 5: +Burnet, I. 764+; Chiffrirter Brief an Wilhelm vom + 18. Juni 1688 in Dalrymple.] + + +[_Shrewsbury. -- Halifax._] Russell theilte den Plan Shrewsbury mit und +Sidney sondirte Halifax. Shrewsbury entschloß sich mit einem Muthe und +einer Entschiedenheit, welche späterhin seinem Character zu fehlen +schienen. Er erklärte sich sofort bereit, sein Vermögen, seine Ehre und +sein Leben aufs Spiel zu setzen. Halifax aber nahm die erste Andeutung +des Vorhabens in einer Weise auf, welche bewies, daß es nutzlos und +vielleicht sogar gefährlich gewesen wäre, sich deutlicher auszusprechen. +Er war in der That auch nicht der Mann zu einem solchen Unternehmen. +Sein Geist war unerschöpflich in subtilen Unterscheidungen und +Einwendungen, sein Temperament friedliebend und nicht waghalsig. Er war +bereit, dem Hofe im Hause der Lords und durch anonyme Schriften bis aufs +Äußerste zu opponiren; aber seine vornehme Ruhe mit dem unsicheren und +bewegten Leben eines Verschwörers zu vertauschen, sich in die Gewalt von +Mitverschwornen zu geben, in beständiger Angst vor Verhaftbefehlen und +Königsboten zu leben, ja vielleicht gar auf dem Schaffot zu enden, oder +in einer Hintergasse im Haag von Almosen zu existiren, dazu hatte er +wenig Lust. Er äußerte daher einige Worte, welche deutlich erkennen +ließen, daß er nicht wünschte, in die Pläne seiner verwegeneren und +ungestümeren Freunde eingeweiht zu werden. Sidney verstand ihn und sagte +nichts mehr.[6] + + [Anmerkung 6: +Ibid.+] + + +[_Danby und der Bischof Compton._] Hierauf wendete man sich nun zunächst +an Danby und mit weit besserem Erfolg. Für seinen kühnen und +thatkräftigen Geist hatten Gefahr und Aufregung, welche dem zarter +organisirten Gemüth Halifax' unerträglich waren, einen großen Reiz. Die +verschiedenen Charactere der beiden Staatsmänner waren schon in ihren +Gesichtszügen zu erkennen. Halifax' Stirn, Auge und Mund verriethen +einen ausgezeichneten Verstand und einen ungewöhnlichen Sinn für die +Satire; aber sein Gesichtsausdruck war der eines Skeptikers, eines +Sybariten, eines Mannes, der so leicht nicht Alles auf eine Karte setzt +oder für irgend eine Sache zum Märtyrer wird. Wer sein Gesicht kennt, +wird sich nicht wundern können, daß der Schriftsteller, der ihm am +meisten Vergnügen machte, Montaigne war.[7] Danby war ein Skelett; sein +hageres und faltenreiches, obgleich ansprechendes und edles Gesicht +verrieth sowohl seine ausgezeichneten Geistesgaben, als auch seinen +ruhelosen Ehrgeiz. Er hatte sich schon einmal aus der Dunkelheit auf den +Gipfel der Macht emporgeschwungen und war dann plötzlich von seiner Höhe +herabgestürzt. Sein Leben war in Gefahr gewesen und er hatte Jahre lang +im Gefängniß zugebracht. Jetzt war er frei, aber damit war er nicht +zufrieden, er wollte wieder groß werden. Als treuer Anhänger der +anglikanischen Kirche und Feind des französischen Übergewichts konnte er +nicht hoffen, an einem von Jesuiten wimmelnden und dem Hause Bourbon +ergebenen Hofe etwas Großes zu werden. Wenn er aber eine Hauptrolle in +einer Revolution übernahm, welche alle Pläne der Papisten vereiteln, der +langen Vasallenschaft Englands ein Ziel setzen und die königliche Macht +auf ein erlauchtes Paar übertragen sollte, dessen eheliches Band er +geknüpft hatte, so konnte er mit neuem Glanze aus seiner Dunkelheit +hervortreten. Die Whigs, deren Groll ihn neun Jahre früher aus dem Amte +gestoßen hatte, verbanden bei seinem glücklichen Wiedererscheinen gewiß +ihren Beifallsjubel mit dem seiner alten Freunde, der Kavaliere. Schon +hatte er sich mit einem der Ausgezeichnetsten von Denen, welche ihn +vormals angeklagt hatten, mit dem Earl von Devonshire, vollständig +wieder ausgesöhnt. Die beiden Kavaliere waren in einem Dorfe im Peak +zusammengekommen und hatten einander ihrer freundschaftlichen +Gesinnungen versichert. Devonshire hatte offen eingestanden, daß die +Whigs sich einer großen Ungerechtigkeit schuldig gemacht und hatte +erklärt, daß sie jetzt von ihrem Irrthum überzeugt wären. Auch Danby +hatte Mancherlei zurückzunehmen. Er hatte einst wirklich oder vorgeblich +der Lehre vom passiven Gehorsame im weitesten Sinne gehuldigt. Auf seine +Anregung oder mit seiner Genehmigung war ein Gesetz beantragt worden, +das, wenn es angenommen worden wäre, alle Diejenigen, die sich weigerten +eidlich zu erklären, daß sie gewaltsamen Widerstand unter allen +Umständen für unerlaubt hielten, vom Parlament ausgeschlossen haben +würde. Aber sein scharfer Verstand, durch die Sorge um das öffentliche +wie um sein persönliches Wohl vollständig erleuchtet, ließ sich jetzt +nicht mehr durch solche kindische Trugschlüsse täuschen, wenn dies +überhaupt jemals der Fall gewesen war. Er erklärte sofort seinen +Beitritt zu der Verschwörung, und bemühte sich dann, die Mitwirkung +Compton's, des suspendirten Bischofs von London zu gewinnen, was ihm +auch ohne Schwierigkeit gelang. Kein Prälat war von der Regierung so +rücksichtslos und ungerecht behandelt worden als Compton, auch hatte +kein Prälat soviel von einer Revolution zu erwarten als er, denn er war +der Erzieher der Prinzessin von Oranien gewesen und man glaubte +allgemein, daß er ihr Vertrauen in hohem Maße genoß. Er hatte wie seine +Collegen, so lange er noch nicht unterdrückt wurde, entschieden +behauptet, daß es ein Verbrechen sei, sich gegen den Druck aufzulehnen; +seitdem er aber vor der Hohen Commission gestanden, war ein neues Licht +in ihm aufgegangen.[8] + + [Anmerkung 7: In Betreff Montaigne's siehe Halifax' Brief an + Cotton. Ich weiß nicht, ob Halifax' Kopf in der Westminsterabtei + nicht ein richtigeres Bild von ihm giebt als alle gemalten oder + gestochenen Portraits, die ich von ihm gesehen habe.] + + [Anmerkung 8: Siehe Danby's Einleitung zu den Actenstücken, die er + 1710 veröffentlichte, so wie auch +Burnet, I. 764.+] + + +[_Nottingham._] Danby und Compton wünschten Beide, sich der +Unterstützung Nottingham's zu versichern. Der ganze Plan wurde ihm +mitgetheilt und er billigte denselben. Aber schon nach wenigen Tagen +fing er an besorgt zu werden. Seine Seele war nicht stark genug, um sich +von anerzogenen Vorurtheilen loszureißen. Er ging von einem Geistlichen +zum andern, legte ihnen in allgemeinen Ausdrücken angenommene Fälle von +Tyrannei vor und fragte sie, ob in solchen Fällen der Widerstand erlaubt +sei. Die Antworten, die er erhielt, vermehrten seine Angst. Endlich +sagte er seinen Mitverschwornen, daß er nicht weiter mit ihnen gehen +könne. Wenn sie ihn für fähig hielten, sie zu verrathen, so sollten sie +ihn umbringen, und er werde sie schwerlich deshalb tadeln, denn indem er +zurücktrete, nachdem er so weit gegangen sei, gebe er ihnen eine Art von +Recht über sein Leben. Er versichere aber, daß sie von ihm nichts zu +fürchten hatten; er werde ihr Geheimniß streng bewahren und könne nicht +anders als ihnen den besten Erfolg wünschen, aber sein Gewissen gestatte +ihm nicht, thätigen Antheil an einem Aufstande zu nehmen. Sie vernahmen +sein Bekenntniß mit Argwohn und Verachtung. Sidney, der sehr unbestimmte +Begriffe von Gewissensscrupeln hatte, benachrichtigte den Prinzen, daß +Nottingham Angst bekommen habe. Man ist es jedoch Nottingham schuldig, +zu sagen, daß sein allgemeiner Lebenswandel uns zu dem Glauben +berechtigt, daß er bei dieser Gelegenheit durchaus rechtschaffen, wenn +auch höchst unklug und unentschlossen handelte.[9] + + [Anmerkung 9: +Burnet, I. 764+; Sidney an den Prinzen von Oranien, + 30. Juni 1688, in Dalrymple.] + + +[_Lumley._] Einen vollständigeren Erfolg hatten die Agenten des Prinzen +bei Lord Lumley, der wohl wußte, daß er trotz des hochwichtigen +Dienstes, den er zur Zeit des Aufstandes im Westen geleistet, in +Whitehall nicht blos als Ketzer, sondern als Renegat verhaßt war, und +der sich daher mehr als die meisten gebornen Protestanten danach sehnte, +zur Vertheidigung des Protestantismus die Waffen zu ergreifen.[10] + + [Anmerkung 10: +Burnet, I. 763+; Lumley an Wilhelm, 31. Mai 1688 + in Dalrymple.] + + +[_Absendung der Einladung an Wilhelm._] Im Monat Juni hatten die ins +Geheimniß Eingeweihten häufige Zusammenkünfte, und am Letzten dieses +Monats, dem Tage, an welchem die Bischöfe für nichtschuldig erklärt +wurden, geschah endlich der entscheidende Schritt. Es wurde eine von +Sidney geschriebene, aber von einer in der Abfassung derartiger Aufsätze +geübteren Person entworfene förmliche Einladung nach dem Haag +abgeschickt. In diesem Schreiben wurde Wilhelm versichert, daß neunzehn +Zwanzigstel des englischen Volks sich nach einer Änderung sehnten und +sich gern zur Herbeiführung einer solchen verbinden würden, wenn sie den +Beistand einer solchen auswärtigen Macht erlangen könnten, welche die +sich in Waffen Erhebenden vor der Gefahr sichere, zerstreut und +niedergehauen zu werden, ehe sie sich in irgend einer militairischen +Ordnung formiren könnten. Wenn Seine Hoheit an der Spitze eines +Truppencorps in England erschiene, würden viele Tausende zu seinen +Fahnen eilen, und er würde bald über eine der regulären Armee Englands +weit überlegene Streitmacht zu verfügen haben. Überdies könne sich die +Regierung selbst auf diese Armee nicht unbedingt verlassen. Die +Offiziere seien unzufrieden und die gemeinen Soldaten theilten den +Widerwillen gegen den Papismus, der in dem Stande, welchem sie +angehörten, allgemein sei. Bei der Seemacht sei die protestantische +Gesinnung noch allgemeiner. Es sei daher von Wichtigkeit, daß ein +entscheidender Schritt geschehe, so lange sich die Dinge in diesem +Zustande befänden. Das Unternehmen würde viel schwieriger sein, wenn es +verschoben würde, bis der König durch Umgestaltung der Wahlkörper und +der Regimenter sich ein Parlament und ein Heer gebildet habe, auf die er +sich verlassen könnte. Die Verschwornen baten demnach den Prinzen +dringend, so schleunig als möglich zu ihnen zu kommen. Sie gaben ihr +Ehrenwort darauf, daß sie sich ihm anschließen würden und machten sich +anheischig, die Mitwirkung einer so großen Anzahl Personen zu erlangen, +als man ohne Gefahr in ein so wichtiges und gefährliches Geheimniß +ziehen könne. Über einen Punkt hielten sie es für ihre Pflicht, Seiner +Hoheit eine Vorstellung zu machen. Er habe die Meinung der großen Masse +der Engländer über die kürzliche Geburt eines Prinzen nicht zu seinem +Vortheile benutzt, sondern im Gegentheil Glückwünsche nach Whitehall +gesandt, wodurch es scheinen müsse, als ob das Kind, welches den Namen +eines Prinzen von Wales bekommen habe, der rechtmäßige Erbe des Thrones +sei. Dies sei ein großer Fehler gewesen und habe den Eifer abgekühlt. +Nicht Einer unter Tausend zweifle daran, daß der Knabe untergeschoben +sei und der Prinz würde seinen Vortheil nicht richtig erkennen, wenn er +nicht die verdächtigen Umstände, welche die Niederkunft der Königin +begleitet hätten, unter den Gründen für seine bewaffnete Erhebung obenan +stelle.[11] + +Dieses Schreiben war mit den Namenschiffern der sieben Oberhäupter der +Verschwörung, Shrewsbury, Devonshire, Danby, Lumley, Compton, Russell +und Sidney, unterzeichnet. Herbert übernahm das Amt des Überbringers. +Seine Sendung war mit nicht geringer Gefahr verknüpft. Er legte die +Tracht eines gemeinen Matrosen an und erreichte am Freitag nach dem +Prozesse der Bischöfe die niederländische Küste. Er eilte augenblicklich +zu dem Prinzen. Bentinck und Dyckvelt wurden gerufen und es vergingen +mehrere Tage unter Berathungen. Das erste Resultat dieser Berathungen +war, daß das Gebet für den Prinzen von Wales nicht mehr in der Kapelle +des Prinzen verlesen wurde.[12] + + [Anmerkung 11: Siehe die ausführliche Einladung bei Dalrymple.] + + [Anmerkung 12: Sidney's Brief an Wilhelm, 30. Juni 1688; Avaux, + 11.(21.), 12.(22.) Juli.] + + +[_Mariens Verhalten._] Von Seiten seiner Gemahlin hatte Wilhelm keine +Opposition zu fürchten. Er übte eine unbeschränkte Gewalt über ihren +Geist aus und, was noch merkwürdiger war, er hatte ihre ganze Zuneigung +gewonnen. Er ersetzte ihr die Eltern, die sie durch den Tod und durch +Entfremdung verloren hatte, die Kinder, die ihren Gebeten versagt +worden, und das Vaterland, aus dem sie verbannt war. Er theilte die +Herrschaft über ihr Herz nur mit ihrem Gott. An ihrem Vater hatte sie +wahrscheinlich nie mit Liebe gehangen, sie hatte ihn in früher Jugend +verlassen, seit vielen Jahren hatte sie ihn nicht gesehen und sein +Benehmen gegen sie seit ihrer Vermählung hatte weder Zärtlichkeit von +seiner Seite verrathen noch in ihr ein derartiges Gefühl erwecken +können. Er hatte alles Mögliche gethan, um ihr häusliches Glück zu +stören und unter ihrem Dache ein förmliches System von Spioniererei, +Aushorcherei und Angeberei eingeführt. Er bezog größere Einkünfte als +irgend einer seiner Vorgänger und bewilligte ihrer jüngeren Schwester +ein regelmäßiges Jahrgehalt von vierzigtausend Pfund;[13] die +muthmaßliche Erbin seines Thrones aber hatte nie die geringste +Geldunterstützung von ihm erhalten und war kaum im Stande, den ihrem +hohen Range unter den europäischen Fürstinnen zukommenden Aufwand zu +machen. Sie hatte es gewagt, sich für ihren alten Freund und Lehrer +Compton bei ihm zu verwenden, der von seinen bischöflichen Functionen +suspendirt worden war, weil er sich geweigert hatte, eine Handlung +empörender Ungerechtigkeit zu begehen, aber ihre Fürsprache war ungnädig +abgewiesen werden.[14] Von dem Tage an, wo es sich klar herausgestellt +hatte, daß sie und ihr Gemahl entschlossen waren, sich bei dem Umsturze +der englischen Verfassung nicht zu betheiligen, war es ein Hauptzweck +der Politik Jakob's gewesen, sie Beide zu kränken. Er hatte die +britischen Regimenter aus Holland zurückberufen, er hatte mit Tyrconnel +und mit Frankreich gegen Mariens Rechte conspirirt und Anstalten +getroffen, um sie wenigstens einer der drei Kronen zu berauben, auf +welche sie bei seinem Tode Anspruch gehabt haben würde. Jetzt glaubte +die große Masse seines Volks und viele Personen von hohem Range und +ausgezeichneten Fähigkeiten, daß er einen unächten Prinzen von Wales in +die königliche Familie eingeschmuggelt habe, um sie eines reichen +Erbtheils zu berauben, und man konnte nicht zweifeln, daß auch sie den +herrschenden Argwohn theilte. Einen solchen Vater konnte sie unmöglich +lieben. Ihre religiösen Grundsätze waren allerdings so streng, daß sie +sich wahrscheinlich bemüht haben würde, das was sie für ihre Pflicht +hielt, auch gegen einen nicht geliebten Vater zu erfüllen. In dem +vorliegenden Falle aber war sie der Meinung, daß Jakob's Anrecht auf +ihren Gehorsam einem geheiligteren Anrechte weichen müsse. In der That +stimmen alle Theologen und Publicisten darin überein, daß, wenn die +Tochter des Fürsten eines Landes mit dem Fürsten eines andren Landes +vermählt ist, sie ihr eignes Volk und ihr Vaterhaus vergessen und im +Falle eines Bruches zwischen ihrem Gemahl und ihren Eltern auf die Seite +des Ersteren treten muß. Dies ist die feststehende Regel, selbst wenn +der Gatte im Unrecht wäre; in Mariens Augen aber war das von Wilhelm +beabsichtigte Unternehmen nicht nur gerecht, sondern heilig. + + [Anmerkung 13: Bonrepaux, 18.(28.) Juli 1687.] + + [Anmerkung 14: Birch's Auszüge im Britischen Museum.] + + +[_Schwierigkeiten der Unternehmung Wilhelm's._] Obgleich sie es aber +sorgfältig vermied, irgend etwas zu thun oder zu sagen, was die ihm +entgegenstehenden Schwierigkeiten vermehren konnte, so waren diese +Schwierigkeiten doch sehr ernster Art. Sie wurden jedoch selbst von +Einigen von Denen, die ihn einluden hinüberzukommen, nur unvollkommen +begriffen, und sind auch von einigen Geschichtsschreibern der +Unternehmung nur unvollkommen geschildert worden. + +Die Hindernisse, welche er auf englischem Boden zu erwarten hatte, waren +zwar die mindest furchtbaren, die der Ausführung seines Planes +entgegenstanden, waren aber doch auch sehr ernst. Er sah wohl ein, daß +es Wahnsinn gewesen wäre, nach dem Beispiele Monmouth's mit einigen +wenigen britischen Abenteurern über das Meer zu fahren und auf eine +allgemeine Erhebung der Bevölkerung zu rechnen. Es war nothwendig und +wurde von Allen, die ihn einluden, als nothwendig erkannt, daß er eine +Armee mitbrachte. Aber wer konnte für den Eindruck stehen, den das +Erscheinen einer solchen Armee machen würde? Die Regierung war +allerdings mit Recht verhaßt, aber ließ sich wohl erwarten, daß das an +die Einmischung festländischer Mächte in englische Streitigkeiten nicht +gewohnte englische Volk einen von fremden Soldaten umgebenen Befreier +mit wohlwollendem Auge betrachten würde? Wenn nur ein Theil der +königlichen Truppen dem Eindringenden entschlossenen Widerstand +entgegensetzte, würde dieser Theil nicht bald die vaterländischen +Sympathien von Millionen auf seiner Seite haben? Eine Niederlage würde +dem ganzen Unternehmen verderblich geworden sein. Ein blutiger Sieg der +Söldlinge der Generalstaaten über die Coldstreamgarden und die Buffs im +Herzen der Insel wäre fast ein eben so großes Unglück gewesen als eine +Niederlage. Ein solcher Sieg würde die schmerzlichste Wunde gewesen +sein, welche je dem Nationalstolze einer der stolzesten Nationen +geschlagen worden. Die so eroberte Krone hätte nie in Ruhe und Frieden +getragen werden können. Der Haß, mit dem man die Hohe Commission und die +Jesuiten betrachtete, wäre durch den viel stärkeren Haß gegen fremde +Eroberer verdrängt worden, und Viele, die seither auf Frankreichs Macht +mit Furcht und Abscheu geblickt hatten, würden gesagt haben, daß wenn +nun einmal ein fremdes Joch getragen werden müsse, das französische +weniger schimpflich sei als das holländische. + +Diese Betrachtungen hätten Wilhelm wohl bedenklich machen können, selbst +wenn ihm alle militairischen Hülfsmittel der Vereinigten Provinzen zur +unumschränkten Verfügung gestanden hätten. In Wirklichkeit aber schien +es sehr zweifelhaft, ob er die Unterstützung eines einzigen Bataillons +würde erlangen können. Von allen Schwierigkeiten, mit denen er zu +kämpfen hatte, war die größte, obgleich von den englischen +Geschichtsschreibern wenig beachtete, die, welche in der Verfassung der +batavischen Republik selbst lag. Noch nie hatte ein großer Staat unter +einer so unzweckmäßigen Verfassung eine lange Reihe von Jahren existirt. +Die Generalstaaten konnten ohne die Zustimmung der Staaten jeder +einzelnen Provinz weder Krieg noch Frieden beschließen, weder ein +Bündniß eingehen, noch eine Steuer erheben. Und die Provinzialstaaten +konnten wieder ihre Zustimmung nicht ohne die Zustimmung derjenigen +Municipalitäten geben, welche einen Antheil an der Vertretung hatten. +Jede Municipalität war gleichsam ein souverainer Staat und beanspruchte +als solcher das Recht, mit den fremden Gesandten direct zu verkehren und +mit ihnen die Mittel zur Vereitelung von Plänen zu verabreden, welche +andere Municipalitäten beabchsichtigten. In einigen Stadträthen hatte +die Partei, welche mehrere Generationen hindurch den Einfluß der +Stadthalter mit eifersüchtigem Auge ansah, ein große Masse. An der +Spitze dieser Partei standen die Behörden der stolzen Stadt Amsterdam, +welche damals in ihrer höchsten Blüthe war. Sie hatten seit dem Frieden +von Nymwegen mit Ludwig durch die Vermittelung seines geschickten und +thätigen Gesandten, des Grafen von Avaux, stets einen freundschaftlichen +Verkehr unterhalten. Vorschläge, die der Statthalter als zum Wohle der +Republik unumgänglich nöthig beantragt, die von allen Provinzen außer +Holland und von siebzehn unter den achtzehn holländischen Stadträthen +genehmigt worden, waren schon mehr als einmal durch die einzige Stimme +Amsterdam's verworfen worden. Das einzige verfassungsgemäße Hülfsmittel +in solchen Fällen bestand darin, daß Deputationen von den zustimmenden +Städten der andersmeinenden Stadt einen Besuch machten, um sie womöglich +zu überreden. Die Anzahl der Deputirten war unbeschränkt, sie konnten +ihre Vorstellungen so lange fortsetzen, als es ihnen gutdünkte, und +währenddem mußte die starrsinnige Commun, die sich ihren Gründen nicht +fügen wollte, für ihren Unterhalt sorgen. Dieses abgeschmackte +Zwangsmittel war einmal mit Erfolg gegen die kleine Stadt Gorkum +angewendet worden, machte aber voraussichtlich keinen großen Eindruck +auf das mächtige und reiche Amsterdam, das durch seinen von zahllosen +Masten strotzenden Hafen, durch seine von stattlichen Gebäuden +eingefaßten Kanäle, durch seine prächtige Stadthalle mit Wänden, Decken +und Fußböden von polirtem Marmor, durch seine mit den kostbarsten +Producten Ceylon's und Surinam's gefüllten Waarenmagazine und seine +Börse, in der das endlose Summen aller Sprachen der civilisirten Völker +ertönte, in der ganzen Welt berühmt war.[15] + +Die Streitigkeiten zwischen der Majorität, welche den Statthalter +unterstützte, und der Minorität, zu deren Spitze der Magistrat von +Amsterdam stand, waren schon mehrmals so heftig geworden, daß +Blutvergießen unvermeidlich zu sein schien. Einmal hatte der Prinz den +Versuch gemacht, die widerspenstigen Deputirten als Verräther bestrafen +zu lassen. Ein andermal waren ihm die Thore von Amsterdam versperrt und +Truppen zur Vertheidigung der Privilegien des Municipalraths ausgehoben +worden. Es war nicht zu erwarten, daß die obrigkeitliche Behörde dieser +großen Stadt je in eine Expedition willigen würde, welche für Ludwig, +dem sie den Hof machte, im höchsten Grade beleidigend war und +voraussichtlich das ihr verhaßte Haus Oranien zu größerer Macht erhob. +Und doch konnte eine solche Expedition ohne ihre Einwilligung gesetzlich +nicht unternommen werden. Ihren Widerstand durch Waffengewalt zu +brechen, war ein Mittel, daß der entschlossene und kühne Statthalter +unter anderen Umständen nicht gescheut haben würde. In vorliegendem +Falle aber war es von höchster Wichtigkeit, daß er sorgfältig jeden +Schritt vermied, der als tyrannisch dargestellt werden konnte. Er durfte +es nicht wagen, in demselben Augenblicke, wo er gegen seinen +Schwiegervater das Schwert zog, weil dieser die Grundgesetze Englands +verletzt hatte, die Grundgesetze Holland's zu verletzen. Der gewaltsame +Umsturz einer freien Verfassung würde ein sonderbares Vorspiel zur +gewaltsamen Aufrichtung einer andren gewesen sein.[16] + +Außerdem gab es noch eine andre Schwierigkeit, welche von den englischen +Geschichtschreibern zu wenig beachtet worden ist, die aber Wilhelm nicht +einen Augenblick aus dem Gesicht verlor. Er konnte das beabsichtigte +Unternehmen nur dann glücklich durchführen, wenn er an das +protestantische Gefühl Englands appellirte und dieses Gefühl so kräftig +anspornte, daß es eine Zeit lang das vorherrschende und fast +ausschließliche Gefühl der Nation würde. Dies würde in der That eine +sehr einfaches Verfahren gewesen sein, hätte seine Politik einzig und +allein dahin gezielt, auf unsrer Insel eine Revolution hervorzurufen und +daselbst zu regieren. Aber er hatte ein andres Endziel vor Augen, das er +nur mit Beihülfe von Fürsten, welche der römischen Kirche aufrichtig +ergeben waren, erreichen konnte. Er wollte das deutsche Reich, den +katholischen König und den heiligen Stuhl mit England und Holland zu +einem Bündnisse gegen das Übergewicht Frankreichs vereinigen, daher war +es nöthig, daß er, während er den gewaltigsten Schlag führte, der je zur +Vertheidigung des Protestantismus geführt worden war, sich das +Wohlwollen von Regierungen zu erhalten suchte, welche den +Protestantismus als eine gefährliche Ketzerei betrachteten. + +Dies waren die verwickelten Schwierigkeiten dieses großen Unternehmens. +Staatsmänner des Continents erkannten einen Theil dieser +Schwierigkeiten, britische Staatsmänner einen andren. Nur ein +scharfblickender und gewaltiger Geist übersah sie mit einem einzigen +Blicke und beschloß sie alle zu überwinden. Es war kein leichtes Ding, +die englische Regierung vermittelst einer fremden Heeresmacht zu +stürzen, ohne den Nationalstolz der Engländer zu verwunden. Es war kein +leichtes Ding, von der batavischen Faction, welche Frankreich mit +Vorliebe und das Haus Oranien mit Widerwillen betrachtete, eine +Entscheidung zu Gunsten einer Expedition zu erlangen, die alle Pläne +Frankreichs über den Haufen warf und das Haus Oranien auf den Gipfel der +Größe erheben mußte. Es war kein leichtes Ding, begeisterte Protestanten +zu einem Kreuzzuge gegen den Papismus zu führen, und sich trotzdem die +Freundschaft fast aller papistischen Regierungen und des Papstes selbst +zu erhalten. Doch alles dies führte Wilhelm aus. Er erreichte alle seine +Zwecke, selbst die, welche sich am wenigsten mit einander zu vertragen +schienen, vollständig und zu gleicher Zeit. Die ganze Geschichte der +alten wie der neuen Zeit berichtet keinen zweiten ähnlichen Triumph der +Staatskunst. + +Die Aufgabe würde allerdings selbst für einen solchen Staatsmann wie der +Prinz von Oranien zu schwierig gewesen sein, wären nicht seine +Hauptgegner damals in einer Bethörung befangen gewesen, welche von +vielen gerade nicht abergläubischen Leuten als eine besondere göttliche +Strafe betrachtet wurde. Nicht nur der König von England war wie immer +verblendet und verkehrt, sondern selbst die Räthe des klugen Königs von +England waren thöricht geworden. Was Weisheit und Energie irgend +vermögen, das that Wilhelm. Die Hindernisse aber, welche keine Weisheit +oder Energie hätte überwinden können, räumten seine Feinde selbst +geflissentlich aus dem Wege. + + [Anmerkung 15: +Avaux Neg., Oct. 29. (Nov. 8.) 1683+.] + + [Anmerkung 16: In Betreff des Verhältnisses, in welchem der + Statthalter und die Stadt Amsterdam zu einander standen, siehe + Avaux an mehreren Stellen.] + + +[_Jakob's Benehmen nach dem Prozesse der Bischöfe._] An dem wichtigen +Tage, an welchem die Bischöfe freigesprochen und die Einladung nach dem +Haag abgesandt wurde, kehrte Jakob in verdrüßlicher und gereizter +Stimmung von Hounslow nach Westminster zurück. Er bemühte sich diesen +Nachmittag heiter zu scheinen;[17] aber die Freudenfeuer, die Raketen +und vor Allem die wächsernen Päpste, welche in allen Stadttheilen +Londons leuchteten, waren eben nicht geeignet, ihn zu erheitern. Wer ihn +am andren Morgen sah, konnte in seinen Zügen und in seiner Haltung ohne +Mühe die heftigen Gemüthsbewegungen erkennen, die in seiner Brust +tobten.[18] Einige Tage lang schien er sehr ungern von dem Prozeß zu +sprechen, so daß selbst Barillon es nicht wagen durfte, die Sache zur +Sprache zu bringen.[19] + +Bald begann es sich klar zu zeigen, daß die Niederlage und Demüthigung +das Herz des Königs nur noch mehr verhärtet hatte. Die ersten Worte, die +über seine Lippen kamen, als er erfuhr, daß die Gegenstände seiner Rache +ihm entschlüpft, waren: »Sie sollen es bereuen!« Schon nach wenigen +Tagen wurde der Sinn dieser Worte, die er seiner Gewohnheit nach sehr +häufig wiederholte, vollkommen klar. Er machte sich Vorwürfe, nicht +darüber, daß er die Bischöfe gerichtlich verfolgt, sondern daß er sie +vor ein Tribunal gestellt hatte, wo die factischen Fragen durch +Geschworne entschieden wurden und die feststehenden Rechtsgrundsätze +auch von den servilsten Richtern nicht gänzlich aus den Augen gelassen +werden konnten. Diesen Fehler beschloß er wieder gut zu machen. Nicht +nur die sieben Prälaten, welche die Petition unterzeichnet hatten, +sondern die gesammte anglikanische Geistlichkeit sollte Ursache haben, +den Tag zu verwünschen, an welchem sie einen Sieg über ihren Landesherrn +davon getragen. Etwa vierzehn Tage nach dem Prozeß wurde eine +Kabinetsordre erlassen, welche allen Diöcesankanzlern und Archidiakonen +anbefahl, in ihren betreffenden Sprengeln eine strenge Untersuchung +vorzunehmen und binnen fünf Wochen der Hohen Commission die Namen aller +derjenigen Pfarrer, Vikare und Curaten aufzugeben, welche die +Indulgenzerklärung nicht verlesen hatten.[20] Der König weidete sich +schon im voraus an dem Entsetzen, mit dem die Ungehorsamen vernehmen +würden, daß sie vor ein Tribunal gestellt werden sollten, von dem sie +keine Gnade zu erwarten hatten.[21] Die Anzahl der Schuldigen betrug +wenig unter, wenn nicht volle zehntausend und nach dem, was im +Magdalenen-Collegium geschehen war, konnte jeder von ihnen mit gutem +Grunde darauf gefaßt sein, daß ihm die Ausübung aller seiner geistlichen +Functionen untersagt, daß er aus seiner Pfründe vertrieben, zur +Bekleidung irgend eines andren Amtes für unfähig erklärt und in die +Kosten des Prozesses verurtheilt würde, der ihn zum Bettler gemacht. + + [Anmerkung 17: Adda, 6.(16.) Juli 1688.] + + [Anmerkung 18: +Reresby's Memoirs+.] + + [Anmerkung 19: Barillon, 2.(12.) Juli 1688.] + + [Anmerkung 20: +London Gazette, July 16. 1688+. Die Kabinetsordre + ist vom 12. Juli datirt.] + + [Anmerkung 21: Barillon's eigene Worte 6.(16.) Juli 1688.] + + +[_Entlassungen und Ernennungen._] Dies war die Verfolgung, durch welche +Jakob im Ärger über seine große Niederlage in Westminsterhall die +Geistlichkeit zu züchtigen beschloß. Vor der Hand bemühte er sich, den +Männern des Gesetzes durch rasche und ausgedehnte Vertheilung von +Belohnungen und Strafen zu zeigen, daß consequente und schamlose +Servilität, wenn sie auch nicht zum Ziele führte, ein sicheres Anrecht +auf seine Gunst verleihe und daß Jeder, der nach jahrelanger +Unterwürfigkeit nur einen Augenblick auf den Pfad des Muthes und der +Rechtschaffenheit überzuspringen wagte, sich eines unverzeihlichen +Verbrechens schuldig mache. Die Heftigkeit und Frechheit, welche der +Renegat Williams während des ganzen Prozesses der Bischöfe an den Tag +gelegt, hatte ihn der ganzen Nation verhaßt gemacht.[22] Er wurde mit +dem Baronettitel belohnt. Holloway und Powell hatten ihren Ruf durch die +Erklärung gehoben, daß die Petition ihrer Ansicht nach kein Libell sei. +Sie wurden ihrer Stellen entsetzt.[23] Wright's Schicksal scheint einige +Zeit zweifelhaft gewesen zu sein. Er hatte zwar gegen die Bischöfe +resumirt, hatte es aber geduldet, daß ihr Rechtsbeistand die +Dispensationsgewalt bestritt; er hatte die Petition ein Libell genannt, +es aber sorgfältig vermieden, die Indulgenzerklärung gesetzlich zu +nennen, und während der ganzen Verhandlung hatte er in dem Tone eines +Mannes gesprochen, welcher wußte, daß ein Tag der Rechenschaft kommen +konnte. Allerdings hatte er auch gegründete Ansprüche auf Nachsicht, +denn es war wohl kaum zu erwarten, daß irgend eines Menschen Frechheit +in einer solchen Aufgabe, angesichts einer solchen Barre und eines +solchen Auditoriums von Anfang bis zu Ende hätte aushalten können, ohne +zu erschlaffen. Die Mitglieder der jesuitischen Cabale tadelten ihn +jedoch wegen seines Mangels an Muth; der Kanzler nannte ihn einen Esel +und man glaubte allgemein, daß ein neuer Oberrichter ernannt werden +würde.[24] Aber es fand keine derartige Veränderung statt. Es würde auch +nicht leicht gewesen sein, Wright's Stelle wieder zu besetzen. Die +vielen Juristen, welche in Talenten und Kenntnissen hoch über ihm +standen, waren fast ohne Ausnahme den Plänen der Regierung feindlich +gesinnt; und die sehr wenigen, die ihn in Gewissenlosigkeit und +Frechheit übertrafen, waren fast ohne Ausnahme nur in den untersten +Schichten ihres Standes zu finden und würden unfähig gewesen sein, nur +die gewöhnlichen Geschäfte des Kingsbenchgerichts zu leiten. Williams +vereinigte allerdings alle Eigenschaften in sich, welche Jakob von einem +hohen Gerichtsbeamten verlangte, aber seiner Dienste bedurfte man bei +der Staatsanwaltschaft und wäre er von derselben entfernt worden, so +würde der Krone nicht der Beistand eines Advokaten dritten Ranges +geblieben sein. + +Nichts hatte den König mehr in Erstaunen gesetzt und gekränkt, als die +Begeisterung, welche die Dissenters für die Sache der Bischöfe an den +Tag legten. Penn, der, obgleich er selbst seinen Gewissensscrupeln +Reichthum und Ehrenstellen aufgeopfert hatte, zu glauben schien, daß +außer ihm Niemand ein Gewissen habe, schrieb die Unzufriedenheit der +Puritaner dem Neide und dem unbefriedigten Ehrgeize zu. Er meinte, sie +hätten keinen Antheil an den durch die Indulgenzerklärung verheißenen +Wohlthaten gehabt, keiner von ihnen sei zu einem hohen und ehrenvollen +Posten berufen worden, und es sei daher kein Wunder, daß sie auf die +Katholiken eifersüchtig wären. In Folge dessen wurde acht Tage nach dem +hochwichtigen Verdict der Geschwornen in Westminsterhall, Silas Titus, +ein angesehener Presbyterianer, ein heftiger Exclusionist und einer der +Hauptankläger Stafford's, eingeladen, einen Sitz im Geheimen Rathe +einzunehmen. Er gehörte zu Denen, auf welche die Opposition am +sichersten gerechnet hatte. Aber die ihm jetzt angetragene Ehre und die +Aussicht eine bedeutende Summe zu erhalten, die ihm die Krone schuldete, +gewannen die Oberhand über seine Tugend und er wurde zum großen Ärgerniß +aller Klassen von Protestanten vereidigt.[25] + +Die Rachepläne des Königs gegen die Kirche gingen nicht in Erfüllung. +Fast sämmtliche Archidiakonen und Diöcesankanzler verweigerten die +verlangten Angaben. Der Tag, an welchem die ganze Masse der Geistlichen +vorgeladen werden sollte, um sich wegen ihres Ungehorsams zu +verantworten, kam heran. + + [Anmerkung 22: In einer der zahlreichen Balladen jener Zeit kommen + folgende Zeilen vor: + + »Unsere beiden Briten sind Thoren, + Die sich gegen das Gesetz verschworen, + Aber das nächste Parlament wird sie kriegen bei den Ohren.« + + Die beiden Briten sind Jeffrey's und Williams, beide aus Wales + gebürtig.] + + [Anmerkung 23: +London Gazette, July 9. 1688+.] + + [Anmerkung 24: Ellis' Correspondenz, 10. Juli 1688; +Clarendon's + Diary, Aug. 3. 1688+.] + + [Anmerkung 25: +London Gazette, July 9. 1688+; Adda, 13 (23.) + Juli; +Evelyn's Diary, July 12+; Johnstone, 8.(18.) Dec. 1687, + 6.(16.) Febr. 1688.] + + +[_Verfahren der Hohen Commission. Sprat tritt aus._] Die Hohe Commission +trat zusammen. Es zeigte sich, daß kaum ein kirchlicher Beamter eine +Liste eingeschickt hatte. Zu gleicher Zeit wurde der Commission eine +Schrift von der höchsten Bedeutung vorgelegt. Es war ein Schreiben von +Sprat, dem Bischof von Rochester. Zwei Jahre lang hatte er in der +Hoffnung auf ein Erzbisthum den Vorwurf ertragen, daß er die Kirche +verfolge, deren Vertheidigung eine Gewissens- und Ehrenpflicht für ihn +war. Aber seine Hoffnung war getäuscht worden. Er sah, daß er keine +Aussicht hatte, auf den Metropolitenthron von York zu gelangen, wenn er +nicht seinem Glauben entsagte. Er war zu gutherzig, als daß er an der +Tyrannei hätte Gefallen finden können und zu scharfblickend, um nicht +die Anzeichen der kommenden Vergeltung zu erkennen. Daher beschloß er, +seine gehässigen Functionen niederzulegen, und er theilte diesen +Entschluß seinen Collegen in einem Schreiben mit, das gleich allen +Erzeugnissen seiner Prosa in einem sehr eleganten und würdevollen Style +abgefaßt war. Er sagte, es sei ihm nicht möglich, noch länger Mitglied +der Commission zu bleiben. Er habe zwar selbst aus Gehorsam gegen den +königlichen Befehl die Erklärung verlesen, aber er könne es nicht auf +sich nehmen, Tausende von frommen und loyalen Geistlichen, die eine +andre Ansicht von ihrer Pflicht hätten, dazu zu verurtheilen, und da man +beschlossen habe, sie dafür zu bestrafen, daß sie ihrer Überzeugung +gemäß gehandelt, müsse er erklären, daß er lieber mit ihnen leiden, als +zu ihren Leiden beitragen wolle. + +Die Commissare lasen das Schreiben mit nicht geringem Erstaunen. Gerade +die Fehler ihres Collegen, die bekannte Lockerheit seiner Grundsätze und +seine bekannte Zaghaftigkeit machten seinen Abfall ganz besonders +beunruhigend. Wenn Männer wie Sprat in der Sprache eines Hampden zu +einer Regierung redeten, so mußte diese Regierung in der That sehr +gefährdet sein. Das vor kurzem noch so übermüthige Tribunal wurde mit +einem Male merkwürdig zahm. Die kirchlichen Beamten, welche seiner +Autorität getrotzt, erhielten nicht einmal einen Verweis. Man hielt es +nicht für rathsam, nur den Verdacht zu äußern, daß ihr Ungehorsam +absichtlich gewesen sei. Es wurde ihnen nur bedeutet, daß ihre Berichte +in vier Monaten fertig sein müßten. Dann ging die Commission bestürzt +auseinander. Sie hatte den Todesstoß empfangen.[26] + + [Anmerkung 26: Sprat's Briefe an den Earl von Dorset; +London + Gazette, Aug. 23. 1688+.] + + +[_Unzufriedenheit des Klerus. -- Vorgänge in Oxford._] Während die Hohe +Commission sich vor einem Conflict mit der Kirche scheute, reizte diese +im Bewußtsein ihrer Stärke und von neuer Begeisterung beseelt, die Hohe +Commission durch eine Reihe von Herausforderungen zum Angriff. Bald nach +der Freisprechung der Bischöfe erlag der ehrwürdige Ormond, der +vornehmste Kavalier aus dem großen Bürgerkriege, den Gebrechlichkeiten +seines hohen Alters. Sein Tod wurde sogleich nach Oxford berichtet und +die Universität, deren Kanzler er seit vielen Jahren gewesen war, +versammelte sich augenblicklich, um einen Nachfolger für ihn zu wählen. +Ein Theil war für den beredtsamen und gebildeten Halifax, ein andrer für +den ernsten und orthodoxen Nottingham. Einige erwähnten auch den Earl +von Abingdon, der in ihrer Nähe wohnte und unlängst seiner Stelle als +Statthalter der Grafschaft entsetzt worden war, weil er sich geweigert +hatte, den König in seinen Maßregeln gegen die Landeskirche zu +unterstützen. Die Mehrheit aber, aus hundertachtzig Graduirten +bestehend, stimmte für den jungen Herzog von Ormond, den Enkel ihres +verstorbenen Oberhauptes und Sohn des tapferen Ossory. Die Eil, mit der +sie zu diesem Beschlusse kamen, hatte ihren Grund in der Besorgniß, daß, +wenn sie nur einen Tag zögerten, der König es versuchen möchte, ihnen +einen Kanzler aufzudringen, der ihre Rechte nicht wahren würde. Diese +Besorgniß war auch gegründet, denn kaum zwei Stunden nachdem sie +auseinander gegangen waren, kam ein Befehl von Whitehall, der ihnen +vorschrieb Jeffreys zu wählen. Zum Glück war die Wahl des jungen Ormond +bereits vollendet und nicht mehr rückgängig zu machen.[27] Einige Wochen +darauf wurde der ehrlose Timotheus Hall, der sich durch Verlesung der +Indulgenzerklärung unter der londoner Geistlichkeit ausgezeichnet hatte, +mit dem Bisthum Oxford belohnt, welches seit dem Tode des nicht minder +ehrlosen Parker unbesetzt war. Hall kam nach Oxford, um seinen +Bischofssitz einzunehmen, aber die Canonici seiner Kathedrale weigerten +sich seiner Einsetzung beizuwohnen, die Universität wollte ihn nicht zum +Doctor creiren, nicht ein einziges Mitglied der akademischen Jugend +wendete sich an ihn behufs der Ordination, kein Hut wurde vor ihm +abgenommen und er war in seinem Palaste beständig allein.[28] + +Bald darauf kam eine Pfründe zur Erledigung, welche das +Magdalenen-Collegium von Oxford zu vergeben hatte. Hough und seine +vertriebenen Collegen versammelten sich und schlugen einen Candidaten +vor, den der Bischof von Gloucester, in dessen Diöcese die Pfründe lag, +auch ohne Besinnen einsetzte.[29] + + [Anmerkung 27: +London Gazette, July 26. 1688+; Adda, 27. Juli + (6. Aug.); Neuigkeitsbrief vom 23. Juli in der Mackintosh-Sammlung; + Ellis Correspondenz, 28., 31. Juli. +Wood's Fasti Oxonienses+.] + + [Anmerkung 28: +Wood's Athenae Oxonienses+; +Luttrell's Diary, + Aug. 23. 1688.+] + + [Anmerkung 29: Ronquillo, 17.(27.) Sept. 1688; +Luttrell's Diary, + Sept. 6.+] + + +[_Unzufriedenheit der Gentry._] Die Gentry war nicht minder +widerspenstig, als der Klerus. Die Assisen dieses Sommers gewährten im +ganzen Lande einen noch nie dagewesenen Anblick. Die Richter waren vor +dem Antritt ihrer Rundreise zum Könige beschieden worden und hatten von +ihm die Weisung erhalten, daß sie den Mitgliedern der großen Jury's und +den Magistratsbeamten im ganzen Reiche die Pflicht einschärfen sollten, +nur solche Mitglieder ins Parlament zu wählen, die seine Politik +unterstützen würden. Sie gehorchten seinem Befehle, ließen sich heftig +über die Geistlichkeit aus, schmähten die sieben Bischöfe, nannten die +denkwürdige Petition ein aufrührerisches Libell, kritisirten Sancroft's +Styl mit großer Schärfe und sagten, Seine Gnaden sollten für ihr +schlechtes Englisch vom Doctor Busby ausgepeitscht werden. Diese +unschicklichen Reden hatten jedoch keine andre Wirkung, als daß sie die +öffentliche Unzufriedenheit noch vermehrten. Alle öffentlichen +Achtungsbezeigungen, welche sonst dem richterlichen Amte und der +königlichen Vollmacht erwiesen worden waren, wurden unterlassen. Die +alte Sitte verlangte eigentlich, daß angesehene und vermögende Männer im +Gefolge des Sheriffs ritten, wenn er die Richter nach der Hauptstadt der +Grafschaft begleitete; jetzt aber hielt es schwer, in irgend einem +Theile des Landes einen solchen Zug zusammen zu bringen. Besonders die +Nachfolger Powell's und Holloway's wurden mit auffallender +Geringschätzung behandelt. Ihnen waren die Assisen von Oxford zugefallen +und sie hatten erwartet, daß sie in jeder Grafschaft von einer Cavalcade +der loyalen Gentry begrüßt werden würden. Als sie sich aber Wallingford +näherten, wo sie ihre Sitzungen für Berkshire eröffnen sollten, kam nur +der Sheriff ihnen entgegen. Auch vor Oxford, der höchst loyalen +Hauptstadt einer höchst loyalen Provinz, wurden sie abermals von dem +Sheriff allein bewillkommnet.[30] + + [Anmerkung 30: Ellis' Correspondenz, 4. 7. Aug. 1688; Bischof + Sprat's Bericht über die Conferenz vom 6. Nov. 1688.] + + +[_Unzufriedenheit der Armee._] Die Armee war kaum weniger mißvergnügt, +als die Geistlichkeit und die Gentry. Die Besatzung des Tower hatte auf +das Wohl der gefangenen Bischöfe getrunken. Die in Lambeth stehenden +Fußgarden hatten den Primas bei seiner Rückkehr in seinen Palast mit +allen Zeichen der Ehrerbietung bewillkommnet. Nirgends war die Nachricht +von der Freisprechung mit lauterem Jubel aufgenommen worden, als im +Lager von Hounslow. Die große Truppenmacht, welche der König +zusammengezogen hatte, um seine meuterische Hauptstadt im Schach zu +halten, war in der That meuterischer geworden, als die Hauptstadt +selbst, und wurde vom Hofe mehr gefürchtet, als von den Bürgern. Anfangs +August wurde daher das Lager aufgehoben und die Truppen in verschiedenen +Theilen des Landes einquartirt.[31] + +Jakob schmeichelte sich mit der Hoffnung, daß einzelne Bataillone +leichter im Zaume zu halten sein würden, als viele tausend auf einem +kleinen Raume zusammengedrängte Soldaten. Das erste Experiment wurde mit +Lord Lichfield's Infanterieregiment, dem gegenwärtigen zwölften +Linienregiment gemacht. Man hatte dieses Regiment wahrscheinlich deshalb +gewählt, weil es zur Zeit des Aufstandes im Westen in Staffordshire +ausgehoben worden war, einer Provinz, die verhältnißmäßig mehr +Katholiken zählte, als irgend ein andrer Theil Englands. Die +Mannschaften wurden vor dem Könige aufgestellt und ihr Major setzte sie +in Kenntniß, daß Seine Majestät wünschte, sie sollten eine Verpflichtung +unterschreiben, durch die sie sich verbindlich machten, ihn bei der +Ausführung seiner Absichten bezüglich des Testes zu unterstützen, und +daß alle Diejenigen, die sich nicht dazu verstehen wollten, auf der +Stelle den Militairdienst verlassen müßten. Zum großen Erstaunen des +Königs legten ganze Reihen augenblicklich ihre Piken und Musketen +nieder. Nur zwei Offiziere und einige Gemeine, sämmtlich Katholiken, +gehorchten seinem Befehle. Er schwieg eine Weile, dann befahl er den +Leuten, daß sie ihre Waffen wieder aufnehmen sollten, und sagte mit +einem finstren Blicke zu ihnen: »Ein andermal werde ich Euch nicht die +Ehre erzeigen, Euch erst zu fragen.«[32] + +Es war klar, daß er die Armee vollständig reorganisiren mußte, wenn er +auf seinen Plänen beharren wollte. Die dazu geeigneten Elemente aber +konnte er auf unsrer Insel nicht finden. Die Mitglieder seiner Kirche +bildeten selbst in den Districten, wo sie am zahlreichsten waren, nur +den bei weitem kleineren Theil der Bevölkerung. Der Haß gegen den +Papismus hatte sich durch alle Klassen seiner protestantischen +Unterthanen verbreitet und war das vorherrschende Gefühl selbst der +Landleute und Handwerker geworden. Aber es gab einen andren Theil seines +Reichs, wo die Hauptmasse der Bevölkerung von einem ganz andren Geiste +beseelt war. Die Zahl der römisch-katholischen Soldaten, welche durch +den guten Sold und die guten Quartiere Englands von jenseit des St. +Georgskanals herübergelockt werden würden, hatte keine Grenze. Tyrconnel +hatte sich seit einiger Zeit bemüht, aus dem Landvolke seiner Heimath +eine Heeresmacht zu bilden, auf die sein Gebieter sich verlassen konnte. +Fast die ganze irische Armee bestand schon aus Papisten von celtischer +Abkunft und Sprache. Barillon hatte dem Könige schon öfters ernstlich +gerathen, diese Armee herüberkommen zu lassen, um der englischen Respekt +einzuflößen.[33] + + [Anmerkung 31: +Luttrell's Diary, Aug. 8, 1688.+] + + [Anmerkung 32: Dies wird uns von drei Schriftstellern erzählt, die + sich jener Zeit wohl erinnern konnten: von Kennet, Eachard und + Oldmixon. Siehe auch das +Caveat against the Whigs+.] + + [Anmerkung 33: Barillon, 23. Aug. (2. Sept.), 3.(13.), 6.(16.) u. + 8.(18.) Sept. 1688.] + + +[_Es werden irische Truppen herübergezogen. -- Unwille des Volks._] +Jakob schwankte. Er wollte gern von Truppen umgeben sein, auf die er +sich verlassen konnte; aber er fürchtete den Ausbruch des +Nationalunwillens, den das Erscheinen einer bedeutenden irischen +Militairmacht auf englischem Boden hervorrufen mußte. Wie es gewöhnlich +zu geschehen pflegt, wenn ein schwacher Mann einander entgegengesetzte +Nachtheile vermeiden will, schlug er endlich einen Weg ein, der sie alle +in sich vereinigte. Er zog so viele Irländer herüber, als in der That +nicht hingereicht haben würden, um nur die Hauptstadt oder die +Grafschaft York im Zaume zu halten, die aber doch genügten, um die +Besorgniß und den Unwillen des ganzen Königreiches von Northumberland +bis Cornwall zu erregen. Ein Bataillon nach dem andren, von Tyrconnel +ausgehoben und eingeübt, landete an der Westküste und marschirte nach +der Hauptstadt, und irische Rekruten wurden in bedeutender Anzahl +herübergezogen, um die Lücken in den englischen Regimentern +auszufüllen.[34] + +Dies war einer der verderblichsten von den vielen Fehlern, welche Jakob +beging. Er hatte sich schon die Herzen seiner Nation durch Verletzung +ihrer Gesetze, durch Einziehung ihrer Güter und durch Verfolgung ihrer +Religion entfremdet. Von Denen, welche einst die eifrigsten Anhänger der +Monarchie gewesen waren, hatte er schon viele dahin gebracht, daß sie im +Herzen Rebellen waren. Indessen hätte er noch immer mit einiger Aussicht +auf Erfolg den patriotischen Sinn seiner Unterthanen gegen einen +eindringenden Feind aufrufen können. Denn sie waren der Gesinnung wie +der geographischen Lage nach ein Inselvolk, und ganz besonders damals +waren ihre nationalen Antipathien über alle Maßen heftig und lieblos. +Noch nie waren die Engländer an die Gewalt oder Einmischung eines +Fremden gewöhnt gewesen; das Erscheinen einer ausländischen Armee auf +ihrem Boden hätte sie bestimmen können, sich selbst um einen solchen +König zu schaaren, den sie zu lieben keine Ursache hatten. Wilhelm wäre +vielleicht nicht im Stande gewesen, diese Schwierigkeit zu überwinden; +aber Jakob räumte sie selbst aus dem Wege. Selbst die Ankunft einer +Brigade von Ludwig's Musketieren würde keine solche Entrüstung und +Beschämung hervorgerufen haben, als sie unsere Vorfahren beim Anblick +der aus Dublin ankommenden papistischen Colonnen empfanden, die sich mit +militairischem Gepränge auf den Landstraßen fortbewegten. Kein geborener +Engländer betrachtete damals die Ureinwohner Irlands als seine +Landsleute. Sie gehörten nicht zu unsrem Zweige der großen menschlichen +Familie, sie unterschieden sich von uns durch mehr als eine moralische +und intellectuelle Eigenthümlichkeit, welche der Unterschied der Lage +und der Erziehung, so groß derselbe auch sein mochte, nicht genügend +erklärte. Sie hatten ein andres Aussehen und eine andre Muttersprache. +Wenn sie englisch sprachen, war ihre Aussprache fehlerhaft; ihre +Phraseologie war holprig, wie immer bei Denen, welche in einer Sprache +denken und ihre Gedanken in einer andren ausdrücken. Sie waren daher +Ausländer und zwar die am meisten verhaßten und verachteten von allen +Ausländern; am meisten verhaßt deshalb, weil sie seit fünf Jahrhunderten +stets unsere Feinde gewesen waren, und am meisten verachtet, weil wir +sie besiegt, unterjocht und ausgeplündert hatten. Der Engländer verglich +mit Stolz seine Felder mit den öden Sümpfen, aus denen irische Räuber +hervorstürzten, um zu plündern und zu morden, und seine Wohnung mit den +elenden Hütten, in denen die Landleute und die Schweine vom Shannon sich +zusammen im Kothe wälzten. Der Engländer gehörte einer Gesellschaft an, +welche in Reichthum und Civilisation allerdings noch weit unter der +stand, in welcher wir jetzt leben, die aber doch eine der reichsten und +civilisirtesten der damaligen Zeit war; der Irländer dagegen war fast so +roh wie die Wilden von Labrador. Er war ein freier Mann, die Iren waren +die erblichen Leibeigenen seines Stammes. Er verehrte Gott nach einem +reinen und vernünftigen Brauche der Irländer und war in Götzendienerei +und Aberglauben versunken. Er wußte, daß mehr als einmal große Massen +von Iren vor einer kleinen englischen Streitmacht geflohen waren und daß +eine kleine englische Colonie die ganze irische Bevölkerung +niedergehalten hatte, und daraus zog er den selbstgefälligen Schluß, daß +er von Natur ein höher stehendes Wesen sei als der Irländer, denn so +erklärt ein herrschender Stamm immer sein Übergewicht und entschuldigt +damit seine Tyrannei. Jetzt werden die Irländer allgemein als ein Volk +anerkannt, das in Bezug auf Lebhaftigkeit, Mutterwitz und Beredtsamkeit +einen hohen Rang unter den Nationen der Erde einnimmt, und daß sie bei +guter Leitung vortreffliche Soldaten sind, haben sie auf hundert +Schlachtfeldern bewiesen. Gleichwohl ist es gewiß, daß sie vor +anderthalb Jahrhunderten auf unsrer Insel allgemein als ein dummes und +zugleich feiges Volk verachtet wurden. Und ein solches Volk sollte mit +bewaffneter Hand England im Schach halten, während des Letzteren +bürgerliche und kirchliche Verfassung vernichtet wurde. Das Blut der +ganzen Nation kochte bei diesem Gedanken. Von Franzosen oder Spaniern +besiegt zu werden, würde im Vergleich damit noch als ein erträgliches +Loos erschienen sein, denn die Franzosen und Spanier waren wir gewohnt +als unsrer ebenbürtig zu betrachten. Wir hatten zuweilen ihr Glück +beneidet, zuweilen ihre Macht gefürchtet, zuweilen uns zu ihrer +Freundschaft gratulirt. Bei all unsrem schroffen Stolze gaben wir zu, +daß sie große Nationen waren und daß sie sich in den Künsten des Kriegs +und des Friedens ausgezeichneter Männer rühmen konnten. Aber von einer +tief unter uns stehenden Kaste dominirt zu werden, war eine Schmach, +gegen die jede andre Schmach nichts war. Die Engländer fühlten dasselbe, +was die weißen Bewohner von Charleston oder Neworleans fühlen würden, +wenn diese Städte Negergarnisonen erhalten sollten. Die wirklichen +Thatsachen würden schon hingereicht haben, um Besorgniß und Unwillen zu +erregen; die wirklichen Thatsachen aber verschwanden in einer Masse +verworrener Gerüchte, welche unaufhörlich von einem Kaffeehause zum +andren, von einer Bierschenke zur andren flogen und auf jeder Station +ihrer Wanderung immer wunderbarer und erschreckender wurden. Die Zahl +der irischen Truppen, welche an unseren Küsten gelandet waren, konnte +allerdings ernste Besorgnisse wegen der daraus ersichtlichen Zwecke des +Königs erregen, aber sie wurde durch den Schrecken des Publikums um das +Zehnfache vergrößert. Es war wohl kaum anders zu erwarten, als daß der +rohe Kerne von Connaught, mit bewaffneter Hand unter ein fremdes Volk +gestellt, das er haßte und von dem er wieder gehaßt wurde, einige +Excesse beging; aber diese Excesse wurden durch das Gerücht übertrieben +und als Zugabe zu den Gewaltthätigkeiten, die sich der Fremde wirklich +erlaubt hatte, wurden auch die, welche seine englischen Kameraden +begangen, mit auf seine Rechnungen gesetzt. Aus allen Winkeln des +Reiches erscholl ein allgemeiner Schrei gegen die fremden Barbaren, die +sich in Privathäuser eindrängten, Pferde und Wagen wegnähmen, Geld +erpreßten und die Frauen insultirten. Diese Menschen, sagte man, seien +die Söhne Derer, welche vor siebenundvierzig Jahren die Protestanten zu +Tausenden hingeschlachtet hätten. Die Geschichte des Aufstandes von +1641, eine Geschichte, die selbst bei nüchterner Betrachtung wohl +Mitleid und Entsetzen erregen konnte und welche durch nationale und +religiöse Antipathien schrecklich entstellt worden war, bildete jetzt +das Lieblingsthema der Unterhaltung. Grauenvolle Geschichten von +Häusern, welche sammt allen ihren Bewohnern niedergebrannt worden, von +kaltblütig abgeschlachteten Frauen und Kindern, von nahen Verwandten, +welche durch die Folter gezwungen wurden, einander gegenseitig zu +morden, von geschändeten und verstümmelten Leichen, wurden in vollem +Ernste erzählt und mit vollem Glauben und gespannter Aufmerksamkeit +angehört. Dann setzte man hinzu, daß die feigen Wilden, welche +heimtückischerweise alle diese Grausamkeiten an einer nichts Arges +vermuthenden und wehrlosen Colonie verübt hätten, sobald Oliver zu +seinem großen Rachewerk unter ihnen erschienen sei, in panischem +Schrecken die Waffen weggeworfen hätten, und ohne das Glück einer +einzigen Schlacht zu versuchen, in die ihnen gebührende Sklaverei +versunken seien. Viele Anzeichen deuteten darauf hin, daß der +Lordstatthalter eine zweite große Beraubung und Niedermetzelung der +sächsischen Ansiedler beabsichtige. Tausende protestantischer +Colonisten, die sich vor der Ungerechtigkeit und frechen Willkür +Tyrconnel's geflüchtet, hatten durch Schilderung der überstandenen und +der nur zu wahrscheinlich in Aussicht stehenden ferneren Leiden den +Unwillen des Mutterlandes erregt. Wie heftig das Publikum durch die +Klagen dieser Flüchtlinge erbittert wurde, hatte sich noch ganz kürzlich +in unverkennbarer Weise gezeigt. Tyrconnel hatte der königlichen +Genehmigung die Hauptpunkte einer Bill unterbreitet, die das Gesetz +aufhob, auf welchem das Besitzrecht der Hälfte des ganzen irländischen +Grund und Bodens beruhte, und hatte als Bevollmächtigte zwei seiner +katholischen Landsleute, die erst unlängst zu hohen richterlichen Ämtern +befördert worden waren, nach Westminster gesandt: Nugent, Oberrichter +der irischen Kings Bench, eine Verkörperung aller Laster und Schwächen, +welche die Engländer damals für characteristische Eigenschaften der +papistischen Celten hielten, und Rice, ein Baron der irischen +Schatzkammer, der in Talent und Wissen vielleicht der Ausgezeichnetste +seines Stammes und seines Glaubens war. Der Zweck dieser Sendung war +wohl bekannt, und die beiden Richter durften es daher nicht wagen, sich +auf der Straße sehen zu lassen, denn wo sie erkannt wurden, rief +sogleich der Pöbel: »Platz für die irischen Gesandten!« und ihr Wagen +wurde mit höhnischer Feierlichkeit von einem Zuge Ceremonienmeister und +Läufer begleitet, welche Stöcke mit daran gespießten Kartoffeln +trugen.[35] + +Die Abneigung der Engländer gegen die Irländer war damals in der That so +groß und so allgemein, daß selbst die ausgezeichnetsten Katholiken sie +theilten. Powis und Bellasyse sprachen sogar im Geheimen Rathe in den +rücksichtslosesten und schärfsten Worten ihren Widerwillen gegen die +Fremdlinge aus.[36] Unter den englischen Protestanten war diese Aversion +noch stärker und vielleicht am stärksten war sie in der Armee. Weder +Offiziere noch Soldaten waren geneigt, den Vorzug, den ihr Gebieter +einem fremden und unterjochten Stamme gab, sich ruhig gefallen zu +lassen. Der Herzog von Berwick, welcher Oberst des damals in Portsmouth +stehenden achten Linieninfanterieregiments war, gab Befehl, daß dreißig +Mann, welche soeben von Irland angekommen waren, eingereiht werden +sollten. Die englischen Soldaten erklärten, daß sie mit diesen +Eindringlingen nicht dienen wollten. Der Oberstlieutenant Johann +Beaumont protestirte für sich und im Namen von fünf Hauptleuten dem +Herzoge ins Gesicht gegen diese Beschimpfung der englischen Armee und +Nation. »Wir haben,« sagte er, »das Regiment auf unsere eigenen Kosten +errichtet, um die Krone Seiner Majestät in Zeiten der Gefahr zu +vertheidigen. Es wurde uns damals nicht schwer, Hunderte von englischen +Rekruten zu finden, und wir können leicht jede Compagnie vollzählig +erhalten, ohne Irländer aufzunehmen. Wir halten es daher für unvereinbar +mit unsrer Ehre, und diese Fremdlinge aufdringen zu lassen, und bitten, +daß es uns gestattet werde, entweder Leute unsrer eignen Nation zu +befehligen, oder unsren Abschied zu nehmen.« Berwick schickte nach +Windsor, um sich Verhaltungsbefehle zu erbitten. Der König war höchlich +entrüstet und sandte sofort eine Abtheilung Reiterei nach Portsmouth mit +dem Befehl, die sechs widerspenstigen Offiziere vor ihn zu bringen. Sie +wurden vor ein Kriegsgericht gestellt, und da sie sich durchaus nicht +fügen wollten, wurden sie zur Ausstoßung aus der Armee verurtheilt, der +höchsten Strafe, welche damals ein Kriegsgericht zuerkennen konnte. Die +ganze Nation zollte den entlassenen Offizieren ihren Beifall und die +herrschende Stimmung wurde durch das ungegründete Gerücht, daß sie +während ihrer Haft mit Härte behandelt worden seien, noch mehr +aufgereizt.[37] + + [Anmerkung 34: +Luttrell's Diary, Aug. 27. 1688+.] + + [Anmerkung 35: +King's State of the Protestants of Ireland+; + +Secret Consults of the Romish Party in Ireland.+] + + [Anmerkung 36: +Secret Consults of the Romish Party in Ireland.+] + + [Anmerkung 37: +History of the Desertion, 1689+; vergleiche die 1. + und 2. Ausg. Barillon 8.(18.) Sept. 1688; Citters von demselben + Datum; +Clarke's Life of James the Second, II, 168+. Der + Compilator des letztgenannten Werks sagt, Churchill habe das + Gericht aufgefordert, die sechs Offiziere zum Tode zu + verurtheilen. Diese Geschichte scheint nicht den Papieren des + Königs entnommen zu sein und ich halte sie daher für eine der + zahlreichen Erdichtungen, welche in St. Germain erfunden wurden, + um einen ohnehin schon hinreichend schwarzen Character noch + schwärzer darzustellen. Daß Churchill bei dieser Gelegenheit + großen Unwillen affectirte, um den im Sinne habenden Verrath zu + verbergen, ist sehr wahrscheinlich. Aber man kann unmöglich + glauben, daß ein so verständiger Mann die Mitglieder eines + Kriegsgerichts aufgefordert haben sollte, eine Strafe zu + verhängen, welche anerkanntermaßen außer dem Bereiche ihrer + Competenz lag.] + + +[_Lillibullero._] Die öffentliche Stimmung äußerte sich damals noch +nicht durch die Zeichen, welche jetzt bei uns gebräuchlich sind, durch +große Volksversammlungen und heftige Reden. Dessenungeachtet fand sie +ein Organ. Thomas Wharton, der beim letzten Parlament die Grafschaft +Buckingham vertreten und der sich schon als Freigeist und als Whig +ausgezeichnet, hatte eine satyrische Ballade auf Tyrconnel geschrieben. +In diesem kleinen Gedicht gratulirt ein Irländer einem Landsmanne in +barbarischem Jargon zu dem nahe bevorstehenden Triumphe des Papismus und +des milesischen Stammes. Der protestantische Erbe würde enterbt werden; +die protestantischen Offiziere würden verabschiedet werden; die Magna +Charta und die Maulhelden, welche darauf pochten, würden gehängt werden; +der gute Talbot würde seine Landsleute mit Stellen und Ämtern +überschütten und den Engländern die Kehle abschneiden. Diese Verse, die +sich in keiner Hinsicht über das gewöhnliche Niveau der +Gassenhauerpoesie erhoben, hatten zum Refrain ein Kauderwelsch, das +angeblich im Jahre 1641 das Feldgeschrei der Insurgenten von Ulster +gewesen sein sollte. Die Verse und die Melodie entsprachen ganz der +Stimmung der Nation und die hohlen Reime wurden daher von einem Ende des +Landes zum andren von allen Klassen beständig gesungen. Ganz besonderen +Anklang fanden sie bei der englischen Armee. Mehr als siebzig Jahre nach +der Revolution schilderte ein Schriftsteller mit außerordentlicher Treue +einen Veteranen, der am Boyne und bei Namur gefochten,[38] und ein +characteristischer Zug dieses wackeren alten Kriegers ist seine +Gewohnheit, den Lillibullero zu pfeifen.[39] + +Wharton rühmte sich später, daß er einen König aus drei Königreichen +hinausgesungen habe. In Wahrheit aber war der Erfolg des Lillibullero +nicht die Ursache, sondern die Wirkung des aufgeregten Zustandes der +Volksstimmung, der die Revolution erzeugte. + +Während Jakob so alle die Nationalgefühle gegen sich aufstachelte, die +seinen Thron hätten retten können, wenn er nicht so verblendet gewesen +wäre, bemühte sich Ludwig auf andre Weise nicht minder wirksam, dem +Prinzen Wilhelm die Ausführung seines Unternehmens zu erleichtern. + + [Anmerkung 38: Der Onkel Tobias in Sterne's Tristram Shandy. Der + Übers.] + + [Anmerkung 39: Das Lillibullerolied findet sich in den +State + Poems+. In Percy's +Relics+ findet man den ersten Theil, aber + nicht den zweiten, der erst nach Wilhelm's Landung hinzugefügt + wurde. Im +Examiner+ und in verschiedenen Flugschriften aus dem + Jahre 1712 wird Wharton als Verfasser genannt.] + + +[_Politische Zustände in den Vereinigten Provinzen._] Die Partei in +Holland, welche Frankreich geneigt war, war eine Minorität, die aber der +Verfassung des Batavischen Staatenbundes gemäß stark genug war, um den +Statthalter an jedem großen Schlage zu verhindern. Diese Minorität sich +zu erhalten, würde für den Hof von Versailles, wenn er klug gewesen +wäre, eine Aufgabe gewesen sein, der unter den damaligen Verhältnissen +alles Andre hätte nachstehen müssen. Ludwig aber hatte sich seit einiger +Zeit wie absichtlich bemüht, sich seine holländischen Freunde zu +entfremden, und es gelang ihm endlich, obwohl nicht ohne Schwierigkeit, +sie zu zwingen, daß sie gerade in dem Augenblicke, wo ihr Beistand von +unschätzbarem Werthe für ihn gewesen sein würde, seine Feinde wurden. + +Zwei Dinge waren es, in Bezug auf welche die Bevölkerung der Vereinigten +Provinzen besonders empfindlich war; die Religion und der Handel, und +der französische König griff sie sowohl in ihrer Religion als in ihrem +Handel an. Die Verfolgung der Hugenotten und die Widerrufung des Edicts +von Nantes hatte überall den Schmerz und die Entrüstung der Protestanten +erregt. In Holland aber waren tiefe Gefühle stärker als in irgend einem +andren Lande, denn viele geborne Holländer hatten sich im Vertrauen auf +die wiederholten feierlichen Versicherungen Ludwig's, daß die von seinem +Großvater gewährte Duldung aufrecht erhalten werden sollte, zu +Handelszwecken in Frankreich niedergelassen und ein großer Theil der +Übergesiedelten war daselbst naturalisirt worden. Jetzt brachte jede +Post die Nachricht nach Holland, daß diese Leute ihres Glaubens wegen +mit außerordentlicher Strenge behandelt würden. Dem Einen waren Dragoner +ins Quartier gelegt worden, ein Andrer war nackt an ein Feuer gehalten +worden, bis er halb gebraten war; und Allen war bei strengster Strafe +verboten, ihre gottesdienstlichen Gebräuche auszuüben, oder das Land zu +verlassen, in das sie unter falschen Vorspiegelungen gelockt worden +waren. Die Anhänger des Hauses Oranien äußerten laut ihren Unwillen über +die Grausamkeit und Treulosigkeit des Tyrannen. Die Opposition war +beschämt und entmuthigt. Selbst der Stadtrath von Amsterdam, so sehr +derselbe dem französischen Interesse und der arminianischen Theologie +zugethan, und so wenig er geneigt war, Ludwig zu tadeln oder mit den von +ihm verfolgten Calvinisten zu sympathisiren, durfte es nicht wagen, sich +gegen die allgemeine Stimmung aufzulehnen, denn es gab in dieser großen +Stadt kaum einen einzigen reichen Kaufmann, der nicht einen Verwandten +oder einen Freund unter den Verfolgten hatte. Es wurden den +Bürgermeistern Petitionen mit zahlreichen und sehr angesehenen +Unterschriften überreicht, in denen sie dringend gebeten wurden, dem +Grafen Avaux energische Vorstellungen zu machen. Verschiedene +Bittsteller begaben sich sogar persönlich in das Rathhaus, fielen auf +die Knie, schilderten unter Thränen und Schluchzen die traurige Lage +ihrer Lieben und flehten den Magistrat um seine Verwendung an. Auf allen +Kanzeln ertönten Schmähungen und Klagen, und die Presse ergoß sich in +herzzerreißenden Schilderungen und aufregenden Mahnungen. Avaux erkannte +die ganze Größe der Gefahr. Er berichtete seinem Hofe, daß selbst die +Gutgesinnten -- denn so pflegte er die Feinde des Hauses Oranien zu +nennen -- die allgemeine Stimmung entweder theilten oder durch dieselbe +eingeschüchtert würden, und er rieth ernstlich dazu, auf ihre Wünsche +einige Rücksicht zu nehmen. Er erhielt jedoch kalte und geringschätzende +Antworten von Versailles. Es wurde zwar einigen holländischen Familien, +welche nicht in Frankreich naturalisirt waren, die Rückkehr in ihr +Vaterland gestattet, den naturalisirten Holländern aber verweigerte +Ludwig jedes Zugeständniß. Keine Macht der Erde, sagte er, habe ein +Recht, zwischen ihn und seine Unterthanen zu treten; diese Leute wären +aus eigenem Antriebe seine Unterthanen geworden, und wie er sie +behandle, das gehe keinen Nachbarstaat etwas an. Der Magistrat von +Amsterdam fühlte sich durch den hochmüthigen Undank des Potentaten, den +er gegen die allgemeine Stimmung ihrer eigenen Landsleute kräftig und +rücksichtslos unterstützt hatte, natürlich sehr unangenehm berührt. Bald +folgte eine andre Herausforderung, die sie noch schmerzlicher empfanden. +Ludwig begann ihren Handel anzugreifen. Er erließ zuerst eine +Verordnung, welche die Heringseinfuhr in seine Staaten verbot. Avaux +beeilte sich seinem Hofe zu melden, daß dieser Schritt großen Unwillen +erregt habe, daß in den Vereinigten Provinzen sechzigtausend Menschen +vom Heringsfang lebten und daß die Generalstaaten wahrscheinlich strenge +Repressalien beschließen würden. Der König antwortete, daß er nicht nur +auf dem Verbot beharre, sondern auch die Einfuhrzölle auf viele Waaren, +mit denen Holland einen einträglichen Handel mit Frankreich trieb, zu +erhöhen beabsichtige. Die Folge dieser Mißgriffe, welche trotz +wiederholter Warnungen, wie es scheint aus bloßem übermüthigen Eigensinn +begangen wurden, war, daß sich jetzt, wo die Stimme eines einzelnen +mächtigen Mitgliedes der Batavischen Föderation ein der ganzen Politik +Ludwig's Verderben drohendes Ereigniß hätte abwenden können, eine solche +Stimme nicht erhob. Der Gesandte bemühte sich mit all' seiner +diplomatischen Gewandtheit vergebens, die Partei, mit deren Hülfe er +seit mehreren Jahren den Statthalter in Schach gehalten hatte, zu +ralliiren. Die Arroganz und der Starrsinn seines Gebieters vereitelten +alle seine Anstrengungen. + + +[_Fehler des Königs von Frankreich._] Endlich sah Avaux sich genöthigt, +die beunruhigende Nachricht nach Versailles zu senden, daß man sich auf +die der französischen Sache so lange ergeben gewesene Stadt Amsterdam +nicht mehr verlassen könne, daß ein Theil der Gutgesinnten um ihre +Religion besorgt sei und daß die Wenigen, deren Gesinnungen unverändert +geblieben wären, es nicht wagen dürften, ihre Gedanken zu äußern. Die +feurige Beredtsamkeit der Prediger, welche gegen die Greuel der +französischen Verfolgung eiferten und die Wehklagen der bankerottirten +Kaufleute, die ihren Untergang den französischen Maßregeln zuschrieben, +hatten das Volk in eine so gereizte Stimmung versetzt, daß kein Bürger +es mehr wagen durfte, sich offen für Frankreich zu erklären, wenn er +sich nicht der Gefahr aussetzen wollte, in den nächsten Kanal geworfen +zu werden. Man erinnerte daran, daß vor nicht mehr als fünfzehn Jahren +das vornehmste Oberhaupt der dem Hause Oranien feindlich gesinnten +Partei im Bereiche des Palastes der Generalstaaten von dem wüthenden +Pöbel in Stücke zerrissen worden war. Ein gleiches Schicksal könnte +nicht unwahrscheinlich auch Diejenigen treffen, welche beschuldigt +werden sollten, daß sie in diesem kritischen Augenblicke den Absichten +Frankreichs gegen ihr Vaterland und gegen den reformirten Glauben +dienten.[40] + + [Anmerkung 40: Siehe die Depeschen des Grafen Avaux. Es würde mir + kaum möglich sein, alle die Stellen anzuführen, welche mir + Material zu diesem Theile meiner Geschichte lieferten. Die + wichtigsten finden sich unter folgenden Daten: 20. Sept., 24. + Sept., 5. Oct. u. 20. Dec. 1685; 3. Jan. u. 22. Nov. 1686; 2. + Oct., 6. Nov. u. 19. Nov. 1687; 29. Juli u. 20. Aug. 1688. Lord + Lonsdale sagt in seinen Memoiren sehr richtig, daß ohne Ludwig's + thörichtes Verfahren die Stadt Amsterdam die Revolution verhindert + haben würde.] + + +[_Sein Streit mit dem Papste bezüglich der Vorrechte auswärtiger +Gesandter._] Während Ludwig auf diese Weise seine Freunde zwang, seine +wirklichen oder vorgeblichen Feinde zu werden, arbeitete er mit nicht +geringerem Erfolge darauf hin, alle Bedenken zu zerstreuen, welche die +römisch-katholischen Fürsten vielleicht noch hätten abhalten können, die +Pläne Wilhelm's zu unterstützen. Es hatte sich zwischen dem Hofe von +Versailles und dem Vatikan ein neuer Streit erhoben, ein Streit, in +welchem sich die Unbilligkeit und der Übermuth des Königs von Frankreich +vielleicht in beleidigenderer Weise zeigte, als bei irgend einem andren +Schritte seiner Regierung. + +Seit langer Zeit hatte in Rom die Regel gegolten, daß kein Justiz- oder +Finanzbeamter das Haus eines Gesandten betreten durfte, der einen +katholischen Staat repräsentirte. Im Laufe der Zeit war dieses Vorrecht +so weit ausgedehnt worden, daß nicht nur die Wohnung, sondern auch ein +beträchtlicher Umkreis um dieselbe als unverletzbar betrachtet wurde. +Jeder Gesandte suchte eine Ehre darin, die Grenzen des unter seinem +Schutze stehenden Raumgebiets möglichst zu erweitern, so daß endlich die +halbe Stadt aus privilegirten Bezirken bestand, in denen die päpstliche +Regierung nicht mehr Gewalt hatte als im Louvre oder im Escurial. Jedes +Asyl wimmelte von Schleichhändlern, betrügerischen Bankerotteurs, Dieben +und Mördern; in jedem Asyle waren Massen von gestohlenen oder +eingeschmuggelten Waaren aufgehäuft; aus jedem Asyle zogen des Nachts +Banditen aus, um zu rauben und zu morden. In keiner Stadt der +Christenheit war daher das Gesetz so ohnmächtig und das Verbrechen so +dreist als in der alten Hauptstadt der Religion und Civilisation. +Innocenz dachte darüber, wie es einem Priester und Fürsten geziemte. Er +erklärte, daß er keinen Gesandten mehr aufnehmen werde, der auf diesem +alle Ordnung und Sittlichkeit untergrabenden Rechte bestände. Anfangs +wurde laut darüber gemurrt, aber die Gerechtigkeit seines Entschlusses +war so in die Augen springend, daß alle Regierungen, mit Ausnahme einer +einzigen, ihm nach und nach beipflichteten. Der Kaiser, der unter den +christlichen Monarchen die erste Stelle einnahm, der spanische Hof, der +sich unter allen Höfen durch seine Empfindlichkeit und Zähigkeit in +Sachen der Etikette auszeichnete, entsagten dem verderblichen +Privilegium. Nur Ludwig blieb unbeugsam. Was andere Fürsten thäten, +sagte er, gehe ihn nichts an. Er schickte daher eine Gesandtschaft nach +Rom, die von einer starken Abtheilung Reiterei und Fußvolk begleitet +war. Der Gesandte zog im Triumph nach seinem Palaste, wie ein +siegreicher General durch eine eroberte Stadt marschirt. Der Palast +wurde stark bewacht und Patrouillen machten Tag und Nacht die Runde um +den geschützten Bezirk, wie auf den Wällen einer Festung. Der Papst ließ +sich dadurch nicht einschüchtern. »Sie vertrauen auf Wagen und Rosse,« +sagte er, »wir aber denken an den Namen des Herrn unsres Gottes.« Er +griff energisch zu seinen geistlichen Waffen und belegte das von den +Franzosen besetzte Gebiet mit einem Interdict.[41] + +Als dieser Streit den Höhepunkt erreicht hatte, brach noch ein andrer +aus, bei welchem Deutschland eben so stark betheiligt war als der Papst. + + [Anmerkung 41: Prof. Ranke's Römische Päpste, Buch 8; +Burnet I. + 789+.] + + +[_Das Erzbisthum Köln._] Köln und das umliegende Gebiet wurde von einem +Erzbischof regiert, der zugleich ein Kurfürst des deutschen Reiches war. +Das Recht der Erwählung dieses mächtigen Prälaten stand unter gewissen +Beschränkungen dem Domkapitel zu. Der Erzbischof war zu gleicher Zeit +auch Bischof von Lüttich, von Münster und von Hildesheim, seine +Besitzungen waren bedeutend und enthielten mehrere starke Festungen, +welche im Falle eines Feldzugs am Rhein von höchster Wichtigkeit waren. +In Kriegszeiten konnte er zwanzigtausend Mann ins Feld stellen. Ludwig +hatte keine Mühe gespart, um einen so werthvollen Bundesgenossen zu +gewinnen, und dies war ihm so gut gelungen, daß Köln fast von +Deutschland losgetrennt und ein Außenwerk Frankreichs geworden war. +Viele dem Hofe von Versailles ergebene Priester waren in das Kapitel +gebracht und der Cardinal Fürstenberg, eine notorische Creatur des +Hofes, war zum Coadjutor ernannt worden. + +Im Sommer des Jahres 1688 kam das Erzbisthum zur Erledigung. Fürstenberg +war der Candidat des Hauses Bourbon; die Feinde dieses Hauses schlugen +den jungen Prinzen Clemens von Baiern vor. Fürstenberg war bereits +Bischof und konnte daher nur vermittelst einer Dispensation vom Papste, +oder einer Postulation, der sich zwei Drittheile des kölner Domkapitels +anschließen mußten, in eine andre Diöcese versetzt werden. Der Papst +wollte einer Creatur Frankreichs keine Dispensation bewilligen, und der +Kaiser bewog mehr als ein Drittheil des Kapitels, für den bairischen +Prinzen zu stimmen. Inzwischen war auch in den Kapiteln von Lüttich, +Münster und Hildesheim die Majorität gegen Frankreich. Ludwig sah mit +Unwillen und Besorgniß, daß eine ausgedehnte Provinz, die er schon +angefangen hatte als ein Besitzthum seiner Krone zu betrachten, nahe +daran war, nicht allein unabhängig von ihm, sondern sogar ihm feindlich +gesinnt zu werden. In einem mit großer Bitterkeit abgefaßten Schreiben +beklagte er sich über die Ungerechtigkeit, mit der Frankreich bei jeder +Gelegenheit vom heiligen Stuhle behandelt werde, während derselbe doch +der ganzen Christenheit seinen väterlichen Schutz angedeihen lassen +sollte. Viele Anzeichen verriethen, daß er fest entschlossen war, die +Ansprüche seines Candidaten mit bewaffneter Hand gegen den Papst und +dessen Verbündete zu unterstützen.[42] + + [Anmerkung 42: +Burnet I. 758+; Ludwig's Schreiben ist vom 27. + Aug. (6. Sept.) 1688 datirt. Es findet sich im +Recueil des + Traités, vol. IV. No. 219+.] + + +[_Kluges Verfahren Wilhelm's._] So stachelte Ludwig durch zwei einander +entgegengesetzte Fehler den Zorn der beiden Religionsparteien, die sich +in das westliche Europa theilten, zu gleicher Zeit gegen sich auf. +Nachdem er sich die eine große Abtheilung der Christenheit durch +Verfolgung der Hugenotten entfremdet hatte, entfremdete er sich auch die +andre durch Beleidigung des römischen Stuhles. Und diese Mißgriffe that +er in einem Augenblicke, wo kein Fehler ungestraft begangen werden +konnte, und vor den Augen eines Gegners, der keinem Staatsmanne, dessen +Andenken die Geschichte aufbewahrt hat, an Wachsamkeit, Scharfblick und +Energie nachstand. Wilhelm sah mit heimlicher Freude, wie seine Gegner +sich bemühten, ein Hinderniß nach dem andren aus seinem Wege zu +entfernen. Während sie sich die Feindschaft aller Parteien zuzogen, +arbeitete er darauf hin, sie alle zu gewinnen. Mit seltener Klugheit +stellte er den im Sinne habenden Plan den verschiedenen Regierungen in +verschiedenem Lichte dar, und man muß hinzusetzen, daß keine seiner +Darlegungen trotz ihrer Verschiedenheit falsch war. Er forderte die +norddeutschen Fürsten auf, sich zur Vertheidigung der gemeinsamen Sache +aller reformirten Kirchen um ihn zu schaaren, und den beiden +Oberhäuptern des Hauses Österreich stellte er die Gefahr vor, die ihnen +von Seiten des französischen Ehrgeizes drohte, sowie die Nothwendigkeit, +England aus seiner Abhängigkeit zu befreien und es in den europäischen +Staatenbund aufzunehmen.[43] Er verwahrte sich, und zwar aufrichtig, +gegen jede Bigotterie. Der wahre Feind der britischen Katholiken, sagte +er, sei der kurzsichtige und halsstarrige König, der ihnen leicht hätte +gesetzliche Duldung verschaffen können, anstatt dessen aber Gesetz, +Freiheit und Eigenthum mit Füßen getreten hätte, um ihnen ein gehässiges +und unsicheres Übergewicht zu geben. Wenn man Jakob seine schlechte +Regierung ungehindert fortsetzen lasse, müsse dieselbe in nicht zu +ferner Zeit einen allgemeinen Volksaufstand herbeiführen, der eine +grausame Verfolgung der Papisten nach sich ziehen könne. Der Prinz +erklärte es als einen seiner Hauptzwecke, den Greueln einer solchen +Verfolgung vorzubeugen. Wenn sein Plan gelinge, würde er die Macht, die +er dann als Oberhaupt der protestantischen Interessen besitzen müsse, +zum Schutze der Mitglieder der römischen Kirche anwenden. Zwar könnten +die durch Jakob's Tyrannei entzündeten Leidenschaften es ihm vielleicht +unmöglich machen, die Strafgesetze aus dem Gesetzbuche zu streichen; +aber diese Strafgesetze sollten dann wenigstens durch gelinde Ausübung +gemildert werden. Keine Klasse werde aus dem beabsichtigten Unternehmen +mehr Gewinn ziehen, als die friedliebenden und anspruchsloseren +Katholiken, welche nur den Wunsch hegten, ungestört ihrem Berufe +nachgehen und ihren Schöpfer verehren zu dürfen. Die einzigen, welche +dabei verlieren würden, seien die Tyrconnel, die Dover, die Albeville +und anderen politischen Abenteurer, welche zum Dank für Schmeichelei und +schlimmen Rath von ihrem leichtgläubigen Gebieter Statthalterposten, +Regimenter und Gesandtschaften erhalten hätten. + + [Anmerkung 43: Wegen der außerordentlichen Geschicklichkeit, mit + der er zwei verschiedenen Parteien seine Politik in verschiedenem + Lichte darstellte, wurde er später vom Hofe von St. Germains + bitter geschmäht. +»Licet foederatis publicus ille praedo haud + aliud aperte proponat nisi ut Gallici imperii exuberans amputetur + potestas; veruntamen sibi, et suis ex haeretica faece complicibus, + ut pro comperto habemus, longe aliud promittit, nempe ut, exciso + vel enervato Francorum regno, ubi Catholicarum partium summum jam + robur situm est, haeretica ipsorum pravitas per orbem Christianum + universum praevaleat.«+ -- Brief von Jakob an den Papst, + unzweifelhaft 1689 geschrieben.] + + +[_Seine Rüstungen zu Lande und zur See._] Während Wilhelm sich bemühte, +die Sympathien der Protestanten sowohl als der Katholiken zu gewinnen, +sorgte er mit nicht geringerer Energie und Klugheit für Anschaffung der +zu seinem Unternehmen erforderlichen militairischen Hülfsmittel. Er +konnte eine Landung in England nicht ohne Genehmigung der Vereinigten +Provinzen bewerkstelligen. Hielt er um diese Genehmigung an bevor sein +Plan zur Ausführung reif war, so konnten seine Absichten durch eine +seinem Hause feindlich gesinnte Partei möglicherweise vereitelt werden +und jedenfalls mußte die ganze Welt Kenntniß davon erhalten. Er beschloß +daher, seine Voranstalten mit größter Eil zu betreiben und nach +Vollendung derselben einen günstigen Augenblick abzuwarten, wo er den +Bund um seine Zustimmung ersuchen konnte. Die Agenten Frankreichs +bemerkten, daß sie ihn noch nie so geschäftig gesehen hatten. Es verging +kein Tag, wo man ihn nicht von seiner Villa nach dem Haag sprengen sah, +und beständig hielt er geheime Berathungen mit seinen ausgezeichnetsten +Anhängern. Vierundzwanzig Schiffe wurden zur Verstärkung der +gewöhnlichen Seemacht der Republik vollständig ausgerüstet. Für diese +Vermehrung der Flotte bot sich zufällig ein vortrefflicher Vorwand dar, +denn es hatten sich kürzlich einige algierische Corsaren in der Nordsee +zu zeigen gewagt. Bei Nymwegen wurde ein Lager gebildet und viele +tausend Mann daselbst zusammengezogen. Um diese Armee zu verstärken, +wurden die Besatzungen aus den Festungen von Holländisch Brabant +genommen; selbst die berühmte Festung Bergopzoom wurde fast ganz +entblößt. Feldgeschütze, Bomben und Munitionswagen wurden aus allen +Arsenalen der Vereinigten Provinzen nach den Hauptquartieren geschafft. +Sämmtliche Bäcker von Rotterdam bucken Tag und Nacht Schiffszwieback; +alle Gewehrfabrikanten von Utrecht reichten nicht hin, um die +Bestellungen auf Pistolen und Flinten auszuführen; alle Sattler von +Amsterdam arbeiteten mit der größten Anstrengung an Kürassen und +Holftern. Die Schiffsmannschaft wurde um sechstausend Matrosen vermehrt +und siebentausend neue Soldaten ausgehoben. Diese konnten allerdings +nicht ohne Genehmigung des Bundes förmlich eingereiht werden; aber sie +wurden inzwischen immer eingeübt und in solcher Kriegszucht gehalten, +daß sie binnen vierundzwanzig Stunden nach erlangter Genehmigung ohne +Schwierigkeit unter die verschiedenen Regimenter vertheilt werden +konnten. Diese Rüstungen erforderten zwar viel baares Geld; aber Wilhelm +hatte auch durch weise Sparsamkeit für den Fall unvorhergesehener großer +Bedürfnisse einen Reserveschatz zurückgelegt, der sich auf ungefähr +zweihundertfünfzigtausend Pfund Sterling belief. Das noch Fehlende wurde +von seinen Anhängern bereitwilligst zugeschossen. Außerdem erhielt er +auch aus England große Massen Gold, man sprach von nicht weniger als +hunderttausend Guineen. Die Hugenotten, welche bedeutende Quantitäten +des edlen Metalls ins Exil mitgenommen hatten, liehen ihm gern Alles, +was sie besaßen, denn sie lebten der frohen Hoffnung, daß sie, wenn sein +Unternehmen gelang, in ihr Vaterland würden zurückkehren dürfen, und +fürchteten, daß sie im Falle des Mißlingens in ihrer Adoptivheimath kaum +noch sicher sein würden.[44] + + [Anmerkung 44: +Avaux Neg., Aug. 2.(12.), 10.(20.), 11.(21.), + 14.(24.), 16.(26.), 17.(27.), Aug. 23. (Sept. 2.) 1688+.] + + +[_Er erhält zahlreiche Unterstützungszusagen aus England._] Während der +letzten Hälfte des Juli und im Laufe des ganzen August nahmen die +Rüstungen einen raschen, dem ungestümen Wilhelm aber noch immer zu +langsamen Fortgang. Mittlerweile wurde zwischen England und Holland ein +lebhafter Verkehr unterhalten. Da man die gewöhnlichen Mittel zur +Beförderung von Nachrichten und Passagieren nicht mehr für sicher hielt, +fuhr ein leichtes Boot von wunderbarer Schnelligkeit beständig zwischen +Scheveningen und der Ostküste unsrer Insel hin und her.[45] Durch dieses +Fahrzeug erhielt Wilhelm von hochstehenden Männern der Kirche, der +Politik und des Heeres eine Reihe von Zuschriften. Von den sieben +Prälaten, welche die denkwürdige Petition unterzeichnet, hatten zwei, +Lloyd, Bischof von St. Asaph, und Trelawney, Bischof von Bristol, +während ihres Aufenthalts im Tower die Lehre vom Nichtwiderstande noch +einmal in Erwägung gezogen und waren bereit, einen bewaffneten Befreier +willkommen zu heißen. Ein Bruder des Bischofs von Bristol, der Oberst +Karl Trelawney, der eines der tangerschen Regimenter commandirte, +welches jetzt als das vierte Linienregiment bekannt ist, erklärte sich +bereit, für den protestantischen Glauben sein Schwert zu ziehen. +Ähnliche Versicherungen kamen auch von dem rohen Kirke. Churchill +erklärte in einem Briefe, der in ziemlich pathetischem Tone, dem +sicheren Zeichen, daß er einen Schurkenstreich im Sinne hatte, +geschrieben war, er sei entschlossen, seine Pflicht gegen den Himmel und +gegen sein Vaterland zu erfüllen, und lege seine Ehre ganz in die Hände +des Prinzen von Oranien. Wilhelm las dieses Schreiben gewiß mit jenem +bittern und cynischen Lächeln, das seinen Zügen den mindest angenehmen +Ausdruck gab. Er hielt sich nicht für bemüßigt, die Ehre Anderer in +seine Obhut zu nehmen; auch hatten es die strengsten Casuisten nicht für +unrecht erklärt, wenn ein General die Dienste von Überläufern, die er +nur verachten konnte, erbat, benutzte und belohnte.[46] + +Churchill's Brief wurde von Sidney überbracht, dessen Stellung in +England gefährlich geworden war und der, nachdem er die Spur seines +Weges durch zahlreiche Vorsichtsmaßregeln verborgen hatte, Mitte August +nach Holland kam.[47] Um die nämliche Zeit schifften Shrewsbury und +Eduard Russell in einem Boote, das sie in aller Stille gemiethet hatten, +durch die Nordsee und erschienen im Haag. Shrewsbury brachte +zwölftausend Pfund Sterling mit, die er auf seine Güter aufgenommen +hatte und bei der Bank von Amsterdam deponirte. Devonshire, Danby und +Lumley blieben in England, wo sie sich, sobald der Prinz den Fuß auf die +Insel setzte, bewaffnet erheben wollten. + + [Anmerkung 45: +Avaux Neg., Sept. 4.(14.) 1688.+] + + [Anmerkung 46: +Burnet I. 765+; Churchill's Brief ist vom 4. + August 1688 datirt.] + + [Anmerkung 47: +Memoirs of the Duke of Shrewsbury, 1718.+] + + +[_Sunderland._] Man hat Grund zu glauben, daß Wilhelm um diese Zeit auch +die ersten Beitrittsversicherungen von einer ganz andren Seite erhielt. +Die Geschichte der Intriguen Sunderland's ist in ein Dunkel gehüllt, das +schwerlich je ein Forscher wird aufzuklären vermögen; wenn es aber auch +nicht möglich ist, die ganze Wahrheit zu entdecken, so kann man doch +leicht einige handgreifliche Erdichtungen nachweisen. Die Jakobiten +behaupteten aus naheliegenden Gründen, die Revolution von 1688 sei die +Frucht eines schon vor langer Zeit angezettelten Complots gewesen, und +Sunderland bezeichneten sie als das Haupt der Verschwörung. Sie +behaupteten, er habe in der Verfolgung seines großen Planes seinen nur +zu vetrauensvollen Gebieter angereizt, von Gesetzen zu dispensiren, ein +ungesetzliches Tribunal zu errichten, freies Eigenthum zu confisciren +und die Väter der Landeskirche ins Gefängniß zu werfen. Dieser Roman +stützt sich auf keinen Beweis, und obgleich er bis auf unsre Zeit +nacherzählt worden ist, verdient er doch kaum eine Widerlegung. Nichts +ist gewisser, als daß Sunderland sich einigen der unklügsten Schritte +Jakob's widersetzte, insbesondere der Verfolgung der Bischöfe, welche +eigentlich die entscheidende Krisis herbeiführte. Aber wenn auch diese +Thatsache nicht feststände, so würde noch ein andres Argument den Streit +entscheiden. Welchen denkbaren Grund konnte Sunderland haben, eine +Revolution herbeizuwünschen? Unter dem herrschenden Systeme stand er auf +dem Gipfel des Ansehens und des Glücks. Als Präsident des Geheimen Raths +hatte er den Vorrang vor allen weltlichen Peers, und als erster +Staatssekretär war er das thätigste und mächtigste Mitglied des +Kabinets. Er durfte den Herzogstitel erwarten. Er hatte den +Hosenbandorden erhalten, den noch unlängst der glänzende und +leichtfertige Buckingham getragen, der nach Vergeudung seines +fürstlichen Vermögens und seines reichbegabten Geistes verlassen, +verachtet und mit gebrochenem Herzen ins Grab gesunken war.[48] Geld, +auf das Sunderland mehr Werth legte als auf Gunst- und Ehrenbezeigungen, +strömte ihm in solcher Fülle zu, daß er bei einigermaßen geregelter +Verwaltung seiner Einkünfte hoffen konnte, binnen wenigen Jahren einer +der reichsten Unterthanen in Europa zu werden. Die directen Einkünfte +seiner Stellen waren, obwohl sehr bedeutend, doch nur ein kleiner Theil +seiner Revenüen. Von Frankreich allein bezog er ein regelmäßiges +Jahrgeld von nahe an sechstausend Pfund, abgesehen von bedeutenden +Gelegenheitsgratifikationen. Mit Tyrconnel war er, wie wir wissen, auf +fünftausend Pfund jährlich, oder fünfzigtausend ein für allemal, einig +geworden. Welche Summen er außerdem durch den Handel mit Stellen, Titeln +und Begnadigungen verdiente, kann nur gemuthmaßt werden, aber sie müssen +enorm gewesen sein. Es schien Jakob Vergnügen zu machen, einen Mann, den +er als durch sich bekehrt betrachtete, mit Reichthümern förmlich zu +überschütten. Alle Geldbußen, alles verfallende Eigenthum erhielt +Sunderland. Von jeder Verleihung bekam Sunderland Gebühren. Wenn irgend +ein Bittsteller es wagte, sich direct an den König zu wenden, so erhielt +er von diesem die Antwort: »Haben Sie mit meinem Lordpräsidenten +gesprochen?« Ein beherzter Mann erlaubte sich einmal die Äußerung, der +Lordpräsident verschlinge das ganze Geld des Hofes. »Ja,« erwiederte +Seine Majestät, »aber er verdient es auch.«[49] Wir werden das +Gesammteinkommen des Ministers nicht zu hoch anschlagen, wenn wir es auf +dreißigtausend Pfund jährlich schätzen, und man darf nicht vergessen, +daß ein solches Einkommen damals seltener war als gegenwärtig ein +Einkommen von hunderttausend Pfund. Es ist sehr wahrscheinlich, daß es +damals nicht einen einzigen Peer gab, dessen Privateinkünfte den +Amtseinkünften Sunderlands gleichgekommen waren. + +Hatte nun ein in ungesetzliche und unpopuläre Regierungsmaßregeln so +tief verwickelter Mann, ein Mitglied der Hohen Commission, ein Renegat, +den die Menge auf öffentlichen Plätzen mit dem Geschrei: »Papistischer +Hund!« verfolgte, wohl Aussicht, unter einer neuen Ordnung der Dinge +noch größer und reicher zu werden? Hatte er wohl nur Aussicht, der +verdienten Strafe zu entgehen? + +Er hatte gewiß schon seit langer Zeit die Möglichkeit im Auge, daß +Wilhelm und Maria nach dem natürlichen Laufe der Natur und des Gesetzes +einst an die Spitze der englischen Regierung kommen könnten, und +wahrscheinlich hatte er es auch schon versucht, sich durch +Versprechungen und Dienstleistungen, die, wenn sie entdeckt worden +wären, seinen Credit in Whitehall gerade nicht erhöht haben würden, ihre +Gunst zu erwerben. Aber man darf mit Gewißheit behaupten, daß es nicht +sein Wunsch war, sie durch eine Revolution auf den Thron erhoben zu +sehen, und daß er eine solche Revolution nicht im entferntesten +vermuthete, als er gegen Ende Juni 1688 feierlich in den Schooß der +römischen Kirche übertrat. + +Kaum jedoch hatte er sich durch dieses unverzeihliche Verbrechen den Haß +und die Verachtung der ganzen Nation zugezogen, so erfuhr er, daß die +bürgerliche und kirchliche Verfassung Englands demnächst durch fremde +und einheimische Waffen vertheidigt werden sollte. Von diesem +Augenblicke an scheinen alle seine Pläne eine Umgestaltung erfahren zu +haben. Angst und Furcht drückten ihn gänzlich darnieder und sprachen so +deutlich aus seinen Gesichtszügen, daß Jedermann sie auf den ersten +Blick darin lesen konnte.[50] Es unterlag kaum einem Zweifel, daß im +Falle einer Revolution die den Thron umgebenden bösen Rathgeber zu +strenger Rechenschaft gezogen werden würden, und er stand unter diesen +bösen Rathgebern obenan. Der Verlust seiner Stellen, seiner Gehalte und +seiner Pensionen war das Geringste, was er zu fürchten hatte. Sein +Stammschloß Althorpe mit seinen großen Waldungen konnte confiscirt +werden. Er konnte viele Jahre im Gefängniß schmachten oder sein Leben in +fremdem Lande als Pensionair der Freigebigkeit Frankreichs beschließen +müssen. Und selbst dies war noch nicht das Schlimmste. Der unglückliche +Staatsmann begann von schrecklichen Visionen verfolgt zu werden; er sah +im Geiste Towerhill mit einer zahllosen Menschenmenge bedeckt, die beim +Anblicke des Apostaten in ein wildes Jubelgeschrei ausbrach, er sah ein +schwarz behangenes Schaffot, er sah Burnet, der das Sterbegebet für ihn +las, und Ketch, auf das Beil gestützt, mit welchem Russell und Monmouth +in so grauenvoller Weise abgeschlachtet worden waren. Wohl gab es noch +einen Ausweg, durch den er sich retten konnte, aber dieser Weg würde +einem edlen Character noch viel schrecklicher gewesen sein, als ein +Kerker oder das Schaffot. Er konnte sich durch einen rechtzeitigen und +nützlichen Verrath von den Feinden der Regierung Verzeihung erwirken. Es +stand in seiner Macht, ihnen in jenem Augenblicke unschätzbare Dienste +zu leisten, denn der König befolgte stets seinen Rath, er hatte großen +Einfluß auf die jesuitische Cabale, und der französische Gesandte +schenkte ihm blindes Vertrauen. An einer des Zweckes, dem sie dienen +sollte, würdigen Vermittlerin fehlte es ihm nicht. Die Gräfin von +Sunderland war ein schlaues Weib, die unter einem Schein von +Frömmigkeit, durch welchen sich viele erfahrene Männer täuschen ließen, +mit großer Thätigkeit verliebte und politische Intriguen betrieb.[51] +Der schöne und leichtfertige Heinrich Sidney war seit geraumer Zeit ihr +begünstigter Anbeter, und ihrem Gatten war es ganz angenehm, sie auf +diese Weise mit dem Hofe im Haag verbunden zu sehen. Wenn er eine +geheime Botschaft nach Holland befördern wollte, sprach er mit seiner +Gattin darüber, diese schrieb an Sidney, und Sidney theilte ihren Brief +dem Prinzen Wilhelm mit. Ein derartiges Schreiben wurde aufgefangen und +Jakob hinterbracht. Sie behauptete keck, es sei gefälscht, und ihr Gatte +vertheidigte sich mit der ihm eigenen Geschicklichkeit, indem er dem +Könige vorstellte, es sei unmöglich, daß irgend ein Mensch so schlecht +sein könne, das zu thun, was er gleichwohl fortwährend that. »Selbst +wenn dies wirklich Lady Sunderland's Hand wäre,« sagte er, »so würde ich +doch nichts damit zu thun haben. Eure Majestät kennt mein häusliches +Mißgeschick. Es ist nur zu bekannt, auf welchem Fuße meine Frau mit +Sidney steht. Wer könnte glauben, daß ich einen Mann zu meinem +Vertrauten machen werde, der meine Ehre an der empfindlichsten Seite +gekränkt hat, den Mann, den ich von Allen am meisten hassen muß?«[52] +Diese Vertheidigung wurde für genügend erachtet und nach wie vor gingen +geheime Nachrichten von dem wissentlich betrogenen Gatten an die +Ehebrecherin, von der Ehebrecherin an den Galan und von dem Galan an die +Feinde Jakob's. + +Es ist sehr wahrscheinlich, daß Wilhelm um die Mitte des August die +ersten bestimmten Versicherungen von Sunderland's Unterstützung mündlich +durch Sidney erhielt. Gewiß ist soviel, daß von dieser Zeit an bis zu +dem Augenblicke, wo die Expedition zum Absegeln bereit war, eine +lebhafte Correspondenz zwischen der Gräfin und ihrem Geliebten +unterhalten wurde. Einige von ihren Briefen, welche zum Theil in +Chiffersprache geschrieben waren, sind noch vorhanden. Sie enthalten +Versicherungen von Geneigtheit und Dienstversprechungen nebst dringenden +Bitten um Schutz. Die Schreiberin giebt zu verstehen, daß ihr Gatte +Alles thun werde, was seine Freunde im Haag nur wünschen könnten; sie +hält es für nöthig, daß er auf einige Zeit ins Exil geht, aber sie +hofft, daß seine Verbannung nicht ewig dauern und daß ihm sein Erbgut +erhalten bleiben werde und bittet angelegentlich um Bezeichnung eines +passenden Ortes, wohin er sich zurückziehen könne, bis die erste Wuth +des Sturmes sich gelegt haben würde.[53] + + [Anmerkung 48: +London Gazette, April 25. 28. 1687+.] + + [Anmerkung 49: +Secret Consults of the Romish Party in Ireland+. + Diese Mittheilung wird durch eine Stelle in einem Schreiben von + Bonrepaux an Seignelay vom 12.(22.) Sept. 1687 bestätigt. +»Il + (Sunderland) amassera beaucoup d'argent, le roi son maître lui + donnant la plus grande partie de celui qui provient des + confiscations ou des accommodemens que ceux qui ont encourû des + peines font pour obtenir leur grace.«+] + + [Anmerkung 50: Adda sagt in einer Depesche vom 26. Oct. (5. Nov.) + 1688, daß man Sunderland seine Angst angesehen habe.] + + [Anmerkung 51: Vergleiche Evelyn's Mittheilungen über sie mit dem, + was die Prinzessin von Dänemark von ihr nach dem Haag schrieb, und + mit ihren eigenen Briefen an Heinrich Sidney.] + + [Anmerkung 52: Bonrepaux an Seignelay, 11.(21.) Juli 1688.] + + [Anmerkung 53: Siehe ihre Briefe in Sidney's unlängst erschienenem + Tagebuche und Correspondenz. Fox bezeichnet in seiner Ausgabe der + Depeschen von Barillon den 30. August n. St. 1688 als den + Zeitpunkt, von welchem an Sunderland ganz bestimmt ein falsches + Spiel spielte.] + + +[_Wilhelm's Befürchtungen._] Der Beistand Sunderland's war höchst +willkommen. Denn je näher der für den großen Schlag bestimmte Zeitpunkt +heranrückte, um so mehr nahm Wilhelm's ängstliche Besorgniß zu. Vor +gewöhnlichen Blicken verbarg er seine Gefühle hinter der eiskalten Ruhe +seines Benehmens; Bentinck aber öffnete er sein ganzes Herz. Die +Vorbereitungen waren noch nicht ganz vollendet, der Plan wurde schon +geahnet und konnte nicht länger verborgen werden. Der König von +Frankreich oder die Stadt Amsterdam konnten noch immer das ganze +Unternehmen vereiteln. Wenn Ludwig eine bedeutende Truppenmacht nach +Brabant schickte, wenn die Partei, welche den Statthalter haßte, das +Haupt erhob, so war Alles vorbei. »Meine Angst und meine Besorgniß,« +schrieb der Prinz, »sind furchtbar. Ich weiß kaum mehr was ich thue. +Noch nie in meinem Leben fühlte ich so stark das Bedürfniß der +göttlichen Leitung.«[54] Bentinck's Gemahlin war um diese Zeit +gefährlich krank, und beide Freunde ängstigten sich sehr um sie. »Gott +halte Sie aufrecht,« schrieb Wilhelm, »und gebe Ihnen die Kraft, Ihren +Theil bei einem Werke zu verrichten, von welchem, soweit Menschen es +beurtheilen können, das Wohl seiner Kirche abhängt.«[55] + + [Anmerkung 54: 19.(29.) August 1688.] + + [Anmerkung 55: 4.(14.) Sept. 1688.] + + +[_Jakob wird gewarnt._] Es war in der That unmöglich, daß ein so +umfassender Plan, wie der gegen den König von England entworfene war, +viele Wochen lang geheim bleiben konnte. Keine Vorsicht konnte es +verhindern, daß scharfblickende Leute Wilhelm's großartige +Kriegsrüstungen zu Lande und zur See bemerkten und den Zweck dieser +Rüstungen ahneten. Schon Anfang August raunte man einander in London zu, +daß ein großes Ereigniß im Anzuge sei. Der schwache und bestochene +Albeville, der sich damals zu Besuch in England befand, war überzeugt +oder stellte sich wenigstens so, daß die holländische Regierung keine +feindlichen Absichten gegen England hege. Aber während Albeville's +Abwesenheit versah Avaux mit ausgezeichneter Umsicht die Geschäfte eines +französischen und englischen Gesandten zugleich bei den Generalstaaten +und lieferte sowohl Barillon als auch Ludwig ausführliche Nachrichten. +Avaux war fest überzeugt, daß eine Landung in England beabsichtigt +wurde, und es gelang ihm, seinem Gebieter die Richtigkeit dieser +Vermuthung vollkommen einleuchtend zu machen. Jeder Courier, der +entweder vom Haag oder von Versailles nach Westminster kam, brachte +ernste Warnungen mit.[56] Jakob aber war in einer Täuschung befangen, +in der er allem Anscheine nach von Sunderland geschickt erhalten wurde. +Der Prinz von Oranien, sagte der schlaue Minister, werde es nie +wagen, eine überseeische Expedition zu unternehmen und Holland von +Vertheidigungsmitteln zu entblößen. Die Generalstaaten würden sich in +Erinnerung dessen, was sie während des furchtbaren Kampfes von 1672 +gelitten und zu fürchten gehabt hätten, gewiß nicht der Gefahr +aussetzen, wieder ein feindliches Heer auf der Ebene zwischen Utrecht +und Amsterdam lagern zu sehen. Es herrsche allerdings große +Unzufriedenheit in England, aber zwischen Unzufriedenheit und Rebellion +liege noch eine große Kluft. Männer von Rang und Vermögen seien nicht so +leicht zu bewegen, ihre Stellung, ihr Eigenthum und ihr Leben auf's +Spiel zu setzen. Wie viele hochstehende Whigs hätten zu der Zeit, als +Monmouth in den Niederlanden war, eine übermüthige Sprache geführt! Und +welcher hochstehende Whig habe sich ihm angeschlossen, als er sein +Banner aufgepflanzt? Es sei leicht erklärlich, warum Ludwig sich +stellte, als ob er diesen leeren Gerüchten Glauben schenke. Er hoffte +ohne Zweifel, den König von England durch Ängstigung zu bestimmen, daß +er in dem kölner Streite auf die Seite Frankreichs trat. Durch solche +Argumente ließ Jakob sich leicht in eine stupide Sicherheit wiegen.[57] +Ludwig's Angst und Unwille nahm dagegen mit jedem Tage zu und der Ton +seiner Briefe wurde immer schärfer und heftiger.[58] Er sagte, er könne +diese Gleichgültigkeit am Vorabende einer großen Krisis nicht begreifen. +Sei denn der König behext? Seien seine Minister blind? Sei es möglich, +daß Niemand in Whitehall merkte, was in England und auf dem Continent +vorging? Eine so thörichte Sicherheit könne doch kaum die Wirkung bloßer +Unvorsichtigkeit sein, dahinter müsse absichtliche Täuschung stecken, +Jakob müsse offenbar in treulosen Händen sein. Barillon wurde dringend +ermahnt, den englischen Ministern nicht vollkommen zu trauen; aber alle +Ermahnungen waren umsonst. Ihn sowohl als Jakob hatte Sunderland mit +einem Zauber umsponnen, den keine Ermahnungen zerstören konnten. + + [Anmerkung 56: Avaux 19.(29.) Juni; 31. Juli (10. Aug,), 11.(21.) + Aug. 1688; Ludwig an Barillon, 2.(12.), 16.(26.) Aug.] + + [Anmerkung 57: Barillon 20.(30.) Aug., 23. Aug. (2. Sept.) 1688; + Adda, 24. Aug. (3. Sept.); +Clarke's Life of James the Second, II. + 177. Orig. Mem.+] + + [Anmerkung 58: Ludwig an Barillon, 3.(13.), 8.(18.), 11.(21.) + Sept. 1688.] + + +[_Ludwig's Bemühungen, um Jakob zu retten._] Ludwig regte sich +nachdrücklich. Bonrepaux, welcher Barillon an Schlauheit weit überlegen +war und der Sunderland stets mit feindseligem und argwöhnischem Blicke +betrachtet hatte, wurde mit dem Anerbieten einer Unterstützung durch +Schiffe nach London gesandt. Zu gleicher Zeit erhielt Avaux Auftrag, den +Generalstaaten zu erklären, daß Frankreich den König Jakob unter seinen +Schutz genommen habe. Ein starkes Truppencorps wurde zum Aufbruch nach +der holländischen Grenze bereit gehalten. Dieser kühne Versuch, den +verblendeten Tyrannen wider seinen Willen zu retten, wurde im vollen +Einverständniß mit Skelton gemacht, der jetzt Gesandter England's am +Hofe von Versailles war. + +Avaux verlangte seinen Instructionen gemäß eine Audienz bei den +Generalstaaten, die ihm bereitwillig zugestanden wurde. Die Versammlung +war ungewöhnlich zahlreich. Man glaubte allgemein, daß er eine Eröffnung +in Bezug auf den Handel machen werde, und der Präsident hatte sich mit +einer in dieser Voraussetzung entworfenen Antwort versehen. Sobald aber +Avaux sich seines Auftrags zu entledigen begann, äußerten sich +unverkennbare Zeichen von Mißbehagen. Diejenigen, von denen man glaubte, +daß sie das Vertrauen des Prinzen von Oranien genossen, schlugen die +Augen nieder. Die Aufregung nahm zu, als der Gesandte ankündigte, daß +sein Gebieter durch die engsten Bande der Freundschaft und Allianz mit +Seiner Großbritannischen Majestät verbunden sei und daß jeder Angriff +auf England als eine Kriegserklärung gegen Frankreich betrachtet werden +würde. Der völlig unvorbereitete Präsident stammelte einige ausweichende +Phrasen hervor und die Conferenz war zu Ende. Zu gleicher Zeit war den +Staaten angekündigt worden, daß Ludwig den Cardinal Fürstenberg und das +kölner Domkapitel unter seinen Schutz genommen habe.[59] + +Die Deputirten waren in der größten Bestürzung. Einige empfahlen +Vorsicht und Aufschub. Andere athmeten nichts als Krieg. Fagel sprach +mit Heftigkeit von der französischen Anmaßung und bat seine Collegen +dringend, sich durch Drohungen nicht einschüchtern zu lassen. Er sagte, +die passende Antwort auf eine solche Mittheilung sei die Verstärkung des +Heeres und die Ausrüstung neuer Schiffe. Es wurde augenblicklich ein +Courier abgesandt, um Wilhelm von Minden zu holen, wo er eine wichtige +Besprechung mit dem Kurfürsten von Brandenburg hatte. + + [Anmerkung 59: Avaux, 23. August (2. Sept.), 30. Aug. (9. Sept.) + 1688.] + + +[_Jakob vereitelt dieselben._] Doch man brauchte nicht ängstlich zu +sein. Jakob schien es darauf anzulegen, sich ins Verderben zu stürzen +und jeder Versuch ihn zurückzuhalten hatte keinen andren Erfolg, als daß +er dem Abgrunde nur noch rascher zueilte. Als sein Thron befestigt, als +sein Volk gehorsam war, als das dienstwilligste aller Parlamente sich +befleißigte, allen seinen billigen Wünschen entgegenzukommen, als +auswärtige Königreiche und Republiken mit einander wetteiferten, ihm zu +huldigen und zu schmeicheln, als es nur von ihm abhing, der +Schiedsrichter der Christenheit zu sein, hatte er sich zum Sklaven und +Söldlinge Frankreichs erniedrigt. Und jetzt, wo es ihm durch eine Reihe +von Verbrechen und Thorheiten gelungen war, sich seine Nachbarn, seine +Unterthanen, seine Soldaten, seine Seeleute und seine Kinder zu +entfremden, und wo ihm kein andrer Ausweg mehr blieb, als der +französische Schutz, bekam er plötzlich einen Anfall von Stolz und +beschloß seine Unabhängigkeit zu behaupten. Die Hülfe, die er zu einer +Zeit, wo er ihrer nicht bedurfte, mit schimpflichen Dankesthränen +angenommen hatte, wies er jetzt, wo er sie nicht entbehren konnte, mit +Verachtung zurück. Nachdem er sich zu einer Zeit, wo er viel eher mit +ängstlicher Sorgfalt auf die Wahrung seiner Würde hätte halten können, +erniedrigt hatte, wurde er undankbar hochmüthig in einem Augenblicke, wo +der Hochmuth ihm zu gleicher Zeit Hohn und Verderben zuziehen mußte. Er +fühlte sich beleidigt durch die freundschaftliche Hülfe, die ihn hätte +retten können. War je ein König so behandelt worden? War er ein Kind +oder ein Schwachkopf, daß Andere für ihn denken mußten? War er ein +Winkelfürst, ein Cardinal Fürstenberg, der fallen mußte, wenn nicht ein +mächtiger Beschützer ihn hielt? Sollte er sich durch einen prahlerischen +Schutz, um den er nie gebeten, sich in den Augen von ganz Europa +herabsetzen lassen? Skelton wurde zurückgerufen, um über sein Verfahren +Rechenschaft zu geben, und wurde sogleich nach seiner Ankunft in den +Tower gesperrt. Citters dagegen wurde in Whitehall gut aufgenommen und +er hatte eine lange Audienz. Er konnte mit mehr Wahrheit, als die +Diplomaten in solchen Fällen überhaupt für nöthig hielten, jede +feindselige Absicht auf Seiten der Generalstaaten leugnen. Denn die +Generalstaaten hatten bis jetzt noch keine öffentliche Kenntniß von +Wilhelm's Plane, und es war keineswegs unmöglich, daß sie selbst jetzt +noch demselben ihre Genehmigung vorenthielten. Jakob erklärte, daß er +den Gerüchten von einer holländischen Invasion nicht den geringsten +Glauben schenke und daß das Benehmen der französischen Regierung ihn +überrascht und verdrossen habe. Middleton erhielt die Weisung, allen +auswärtigen Gesandten zu versichern, daß kein solches Bündniß zwischen +Frankreich und England bestehe, wie der Hof von Versailles zu seinen +Zwecken vorgebe; dem Nuntius sagte der König, Ludwig's Absichten seien +mit Händen zu greifen, sollten aber vereitelt werden. Diese zudringliche +Protection sei zu gleicher Zeit eine Beleidigung und eine Schlinge. +»Mein guter Bruder,« sagte Jakob, »hat vortreffliche Eigenschaften; aber +Schmeichelei und Eitelkeit haben ihm den Kopf verrückt.«[60] Adda, dem +an Cöln mehr gelegen war, als an England, nährte diese sonderbare +Täuschung. Albeville, der jetzt wieder auf seinen Posten zurückgekehrt +war, erhielt Befehl, den Generalstaaten freundschaftliche Versicherungen +zu geben und einige hochtrabende Redensarten hinzuzusetzen, die sich in +dem Munde einer Elisabeth oder eines Oliver nicht übel ausgenommen haben +würden. »Mein Gebieter,« sagte er, »steht durch seine Macht und seinen +Muth hoch über der Stufe, die ihm Frankreich gern anweisen möchte. Es +ist ein kleiner Unterschied zwischen einem König von England und einem +Erzbischof von Cöln.« Bonrepaux wurde in Whitehall sehr kühl +aufgenommen. Die von ihm offerirte Unterstützung an Schiffen wurde zwar +nicht geradezu abgelehnt, aber er mußte wieder abreisen, ohne etwas +festgesetzt zu haben, und die Gesandten der Vereinigten Provinzen wie +des Hauses Österreich wurden benachrichtigt, daß seine Sendung dem +Könige unangenehm gewesen sei und zu keinem Resultate geführt habe. Nach +der Revolution rühmte sich Sunderland, und wahrscheinlich mit Recht, daß +er seinen Gebieter dazu bestimmt habe, die angebotene Unterstützung +Frankreichs zurückzuweisen.[61] + +Die unvernünftige Thorheit Jakob's erregte natürlich den Unwillen seines +mächtigen Nachbars. Ludwig beklagte sich, daß die englische Regierung +ihn zum Dank für den größten Dienst, den er ihr hätte leisten können, +angesichts der ganzen Christenheit Lügen gestraft habe. Er bemerkte ganz +richtig, was Avaux in Betreff des Bündnisses zwischen Frankreich und +Großbritannien gesagt habe, sei wenn auch nicht dem Buchstaben nach, +doch im allgemeinen Sinne wahr. Es bestehe allerdings kein in +Paragraphen eingetheilter, unterschriebener, besiegelter und +ratificirter Vertrag, aber Zusicherungen, welche in den Augen von +Ehrenmännern für eben so heilig gälten als Verträge, wären seit mehreren +Jahren zwischen den beiden Höfen gewechselt worden. Ludwig setzte noch +hinzu, daß er, eine so hohe Stellung er auch in Europa einnehme, doch +nie so lächerlich eifersüchtig auf seine Würde sein werde, um in einer +durch die Freundschaft eingegebenen Handlung eine Beleidigung zu +erblicken. Jakob aber sei in einer ganz andren Lage und werde bald den +Werth des so unfreundlich zurückgewiesenen Beistandes schätzen +lernen.[62] + +Trotz Jakob's Verblendung und Undankbarkeit würde Ludwig aber doch klug +gethan haben, wenn er auf dem den Generalstaaten angekündigten +Entschlusse beharrt hätte. Avaux, der in Folge seines Scharfblicks und +seines richtigen Urtheils ein Wilhelm's würdiger Gegner war, erkannte +das vollkommen. Das Bestreben der französischen Regierung -- so dachte +der kluge Gesandte -- müsse vor Allem dahin gehen, die beabsichtigte +Landung in England zu verhindern. Um diesen Zweck zu erreichen, müsse +man in die spanischen Niederlande einrücken und die batavischen Grenzen +bedrohen. Der Prinz von Oranien sei allerdings für seinen Lieblingsplan +so sehr eingenommen, daß er denselben ausführen werde, selbst wenn die +weiße Fahne schon auf den Wällen von Brüssel wehte, denn er hatte +wirklich gesagt, wenn die Spanier Ostende, Mons und Namur nur bis zum +nächsten Frühjahr halten könnten, so würde er dann mit einer Streitmacht +von England zurückkehren, welche alles Verlorne bald wieder erobern +werde. Allein dies sei wohl die Meinung des Prinzen, nicht aber die der +Generalstaaten. Diese würden es gewiß nicht so leicht zugeben, daß ihr +Oberbefehlshaber mit der Elite der Armee über die Nordsee fahre, während +ein gewaltiges Heer ihr eignes Gebiet bedrohte.[63] + + [Anmerkung 60: +»Che l'adulazione e la vanità gli avevano tornato + il capo.«+ -- Adda, 31. Aug. (10. Sept.) 1688.] + + [Anmerkung 61: Citters, 11.(21.) Sept. 1688; Avaux, 17.(27.) + Sept., 27. Sept. (7. Oct.); Barillon, 23. Sept. (3. Oct.); + Wagenaar, Buch 60; +Sunderland's Apology+. Es ist oft behauptet + worden, Jakob habe die Unterstützung eines französischen + Armeecorps abgelehnt. In Wirklichkeit aber wurde ihm eine solche + Unterstützung gar nicht angeboten. Die französischen Truppen + würden auch in der That Jakob viel mehr genützt haben, wenn sie + die holländischen Grenzen bedroht hätten, als wenn sie über den + Kanal gekommen wären.] + + [Anmerkung 62: Ludwig an Barillon, 20.(30.) Sept. 1688.] + + [Anmerkung 63: Avaux, 27. Sept. (7. Oct.), 4.(14.) Oct. 1688.] + + +[_Die französischen Armeen fallen in Deutschland ein._] Ludwig gab die +Haltbarkeit dieser Gründe zu, aber er hatte sich schon zu einem andren +Verfahren entschieden. Vielleicht hatte ihn die Unhöflichkeit und +Verkehrtheit der englischen Regierung gereizt und er ließ sich zu seinem +Nachtheile von seiner aufgebrachten Stimmung leiten. Vielleicht war er +auch durch die Rathschläge seines Kriegsministers Louvois irregeführt, +der großen Einfluß hatte und Avaux nicht mit freundlichem Auge +betrachtete. Kurz, es wurde beschlossen, auf einer von Holland +entfernten Seite einen großen und unerwarteten Schlag zu führen. Ludwig +zog plötzlich seine Truppen aus Flandern und warf sie nach Deutschland. +Ein Armeecorps unter dem nominellen Commando des Dauphins, in Wahrheit +aber geleitet vom Herzoge von Duras und von Vauban, dem Vater der +Befestigungskunst, belagerte Philippsburg. Ein andres unter den Befehlen +des Marquis von Bouffiers nahm Worms, Mainz und Trier. Ein drittes unter +dem Marquis von Humieres, besetzte Bonn. Den ganzen Rhein hinunter, von +Karlsruhe bis Cöln waren die französischen Waffen siegreich. Die +Nachricht von der Einnahme von Philippsburg traf am Allerheiligentage in +Versailles ein, während der Hof gerade in der Kapelle den Gottesdienst +hörte. Der König winkte dem Prediger inne zu halten, kündigte der +Versammlung die frohe Botschaft an und kniete dann nieder, um Gott für +diesen großen Sieg zu danken. Die Anwesenden weinten vor Freude.[64] Die +Nachricht wurde von dem sanguinischen und leicht entzündlichen +französischen Volke mit Jubel begrüßt. Dichter besangen die Triumphe +ihres freigebigen Schutzherrn; Redner priesen auf der Kanzel die +Weisheit und Großmuth des ältesten Sohnes der Kirche. Das Tedeum wurde +mit ungewohntem Pomp gesungen und die feierlichen Töne der Orgel +vermischten sich mit dem Schalle der Cymbeln und dem Geschmetter der +Trompeten. Es war indessen wenig Ursache zur Freude vorhanden. Der große +Staatsmann, der an der Spitze der europäischen Coalition stand, lächelte +im Stillen über die nutzlose Kraftvergeudung seines Feindes. Ludwig +hatte zwar durch sein rasches Handeln einige Vortheile in Deutschland +errungen, aber diese Vortheile konnten ihm nur wenig nützen, wenn +England, nachdem es unter vier aufeinanderfolgenden Königen unthätig und +ruhmlos gewesen, plötzlich wieder seinen früheren Rang in Europa +einnahm. Wenige Wochen genügten zur Ausführung des Unternehmens, von dem +das Schicksal der ganzen Welt abhing, und für einige Wochen waren die +Vereinigten Provinzen noch in Sicherheit. + + [Anmerkung 64: Frau von Sévigné, 24. Oct. (3. Nov.) 1688.] + + +[_Wilhelm erlangt die Genehmigung der Generalstaaten für seine +Expedition._] Wilhelm betrieb nun seine Rüstungen mit unermüdlicher +Thätigkeit und nicht mehr so heimlich, als er es bisher für nöthig +gehalten hatte. Täglich gingen Unterstützungszusagen von auswärtigen +Höfen ein. Im Haag war die Opposition zum Schweigen gebracht. Umsonst +bot Avaux noch in diesem letzten Augenblicke seine ganze Gewandtheit +auf, um die Partei, welche gegen drei Generationen des Hauses Oranien +gekämpft hatte, zu ermuthigen. Die Häupter dieser Partei sahen zwar den +Statthalter noch immer nicht mit günstigem Auge an, denn sie hatten +Grund zu der Besorgniß, daß er, wenn sein Unternehmen gegen England +gelang, er auch unumschränkter Beherrscher von Holland werden möchte. +Aber die Fehler des Hofes von Versailles und die Geschicklichkeit, mit +der er dieselben benutzt hatte, machten es unmöglich, ferner noch gegen +ihn zu kämpfen. Er sah ein, daß es jetzt Zeit war, um die Genehmigung +der Generalstaaten nachzusuchen. Amsterdam war das Hauptquartier der +seinem Hause, seinem Amte und seiner Person feindlich gesinnten Partei, +und selbst von Amsterdam hatte er diesen Augenblick nichts zu +befürchten. Mit mehreren der vornehmsten Beamten dieser Stadt hatte er +schon zu wiederholten Malen in Anwesenheit Dykvelt's und Bentinck's +geheime Unterredungen gehabt und hatte sie zu dem Versprechen +bewogen, daß sie das große Unternehmen fördern, oder sich demselben +wenigstens nicht widersetzen wollten. Andere waren über Ludwig's +Handelsverordnungen erbittert, noch Andere waren besorgt um ihre von den +französischen Dragonern tyrannisirten Verwandten und Freunde; wieder +Andere fürchteten die Verantwortlichkeit, eine Spaltung herbeizuführen, +welche dem batavischen Bunde verderblich werden konnte, und Einige +endlich fürchteten das gemeine Volk, welches, durch die Ermahnungen +eifriger Prediger aufgestachelt, bereit war, an jedem Verräther des +Protestantismus eine summarische Justiz auszuüben. Daher erklärte sich +die Majorität dieses Stadtraths, der so lange Zeit Frankreich ergeben +gewesen war, zu Gunsten der Unternehmung Wilhelm's. Von diesem +Augenblicke an war jede Besorgniß wegen einer Opposition in irgend einem +Theile der Vereinigten Provinzen gehoben und die Föderation ertheilte +ihm in geheimer Sitzung die volle Genehmigung zu seiner Expedition.[65] + +Der Prinz hatte sich bereits für einen zum Unterbefehlshaber trefflich +geeigneten General entschieden. Dies war in der That kein unwichtiger +Gegenstand. Ein zufälliger Schuß oder der Dolch eines Meuchelmörders +konnte in einem Augenblicke die Expedition ihres Anführers berauben, und +für diesen Fall mußte im Voraus ein Nachfolger bestimmt werden, der die +Lücke sofort ausfüllte. Einen Engländer konnte man jedoch dazu nicht +wählen, ohne entweder den Whigs oder den Tories zu nahe zu treten; auch +hatte noch kein damals lebender Engländer bewiesen, daß er das zur +Leitung eines Feldzugs nöthige militairische Geschick besaß. Auf der +andren Seite war es nicht leicht, einem Ausländer den Vorzug zu geben, +ohne das Nationalgefühl der stolzen Insulaner zu verwunden. Einen Mann +gab es in Europa, aber auch nur diesen einen, gegen den sich nichts +einwenden ließ; Friedrich, Graf von Schomberg, ein Deutscher aus einem +edlen Hause der Pfalz. Er galt allgemein für den größten damals lebenden +Meister der Kriegskunst. Seine oftmals durch starke Versuchungen +geprüfte, aber nie erschütterte Rechtschaffenheit und Frömmigkeit hatten +ihm allgemeine Achtung und Vertrauen erworben. Obgleich Protestant, +hatte er mehrere Jahre im Dienste Ludwig's gestanden und durch eine +Reihe glänzender Waffenthaten seinem Gebieter trotz aller Ränke der +Jesuiten den französischen Marschallsstab abgenöthigt. Als die +Verfolgung zu wüthen begann, weigerte sich der tapfere Veteran +standhaft, die königliche Gunst durch Abtrünnigkeit zu erkaufen, legte +ohne Murren alle seine Ehrenstellen und Commando's nieder, verließ sein +zweites Vaterland für immer und zog sich an den berliner Hof zurück. Er +war bereits über siebzig Jahre alt, aber geistig und körperlich noch +sehr rüstig. Er war in England gewesen und dort außerordentlich geliebt +und geehrt worden. Allerdings hatte er eine Empfehlung, der sich damals +wenige Ausländer rühmen konnten: er sprach unsre Sprache, und zwar nicht +nur verständlich, sondern elegant und rein. Er wurde mit Bewilligung des +Kurfürsten von Brandenburg und zur aufrichtigen Freude der Oberhäupter +aller englischen Parteien zu Wilhelm's Stellvertreter ernannt.[66] + + [Anmerkung 65: Witson's MS., angeführt von Wagenaar; Lord + Lonsdale's Memoiren; Avaux, 4.(14.), 5.(15.) Oct. 1688. Die + förmliche Erklärung der Generalstaaten, datirt vom 18.(28.) Oct., + findet man im IV. Bande des +Recueil des Traités, No. 225+.] + + [Anmerkung 66: +Abrégé de la Vie de Frédéric Duc de Schomberg, + 1690+; Sidney an Wilhelm, 30. Juni 1688; +Burnet I. 677+.] + + +[_Britische Abenteurer im Haag._] Inzwischen wimmelte es im Haag von +Abenteurern aller der verschiedenen Factionen, welche Jakob's Tyrannei +zu einer sonderbaren Coalition verbunden hatte: alte Royalisten, die ihr +Blut für den Thron vergossen hatten, alte Agitatoren von der +Parlamentsarmee, Tories, welche in den Tagen der Ausschließungsbill +verfolgt worden waren, und Whigs, die wegen ihrer Theilnahme am +Ryehousecomplot sich auf den Continent geflüchtet hatten. + +Unter dieser großen Menge zeichnete sich Karl Gerard, Earl von +Macclesfield aus, ein alter Kavalier, der für Karl I. gekämpft und +Karl's II. Exil getheilt hatte; ferner Archibald Campbell, der älteste +Sohn des unglücklichen Argyle, der aber von seinem Vater nichts geerbt +hatte als einen erlauchten Namen und die unwandelbare Liebe eines +zahlreichen Clan; Karl Paulet, Earl von Wiltshire, unzweifelhafter Erbe +des Marquisats von Winchester, und Peregrine Osborne, Lord Dumblane, +unzweifelhafter Erbe des Earlthums Danby. Mordaunt, der vor Begierde +nach Abenteuern brannte, die für sein feuriges Temperament einen +unwiderstehlichen Reiz hatten, war einer der Ersten unter den +Freiwilligen. Fletcher von Saltoun hatte, während er die Grenzen der +Christenheit gegen die Ungläubigen beschützte, erfahren, daß sein +Vaterland wieder einmal Hoffnung auf Befreiung hatte, und er hatte sich +beeilt, sein Schwert anzubieten. Sir Patrick Hume, der seit seiner +Flucht aus Schottland sehr bescheiden und eingezogen lebte, trat jetzt +wieder aus seinem Dunkel hervor; zum Glück aber konnte seine +Redseligkeit diesmal wenig Schaden anrichten, denn der Prinz von Oranien +war durchaus nicht geneigt, der abhängige General einer debattirenden +Gesellschaft zu sein wie die, welche Argyle's Unternehmen zum Verderben +gereicht hatte. Der verschmitzte und ruhelose Wildman, der vor kurzem +die Überzeugung gewonnen, daß England ein unsicherer Aufenthalt für ihn +war und der sich deshalb nach Deutschland begeben hatte, erschien +ebenfalls an Wilhelm's Hofe. Eben so auch Carstairs, ein +presbyterianischer Priester aus Schottland, der an Schlauheit und Muth +keinem Politiker seiner Zeit nachstand. Fagel hatte ihm einige Jahre +vorher wichtige Geheimnisse anvertraut und er hatte sie trotz der +fürchterlichsten Qualen, die ihm der spanische Stiefel und die +Daumschraube bereitet, treu bewahrt. Seine seltene Standhaftigkeit hatte +ihm das Vertrauen und die Achtung des Prinzen in eben so hohem Grade +erworben, als irgend ein Andrer, außer Bentinck, sich derselben +erfreute.[67] Ferguson konnte nicht ruhig bleiben, wenn eine Revolution +im Werke war. Er sicherte sich einen Platz zur Überfahrt auf der Flotte +und entfaltete eine große Thätigkeit unter seinen Mitemigranten; aber er +fand überall Mißtrauen und Verachtung. Unter der Schaar von unwissenden +und heißblütigen Verbannten, welche den schwachen Monmouth ins Verderben +geführt, war er ein großer Mann gewesen; unter den ernsten Staatsmännern +und Generälen aber, welche die Sorgen des entschlossenen und umsichtigen +Wilhelm theilten, war kein Platz für einen niedrigdenkenden, halb +wahnsinnigen und halb schurkischen Agitator. + + [Anmerkung 67: +Burnet I. 584+; +Mackay's Memoirs.+] + + +[_Wilhelm's Erklärung._] Der Unterschied zwischen der Expedition von +1685 und der von 1688 zeigte sich schon deutlich genug in der +Verschiedenheit der Manifeste, welche die Führer der beiden +Unternehmungen erließen. Für Monmouth hatte Ferguson ein abgeschmacktes +und gemeines Libell über den Brand von London, die Ermordung Godfrey's +und Essex' und die Vergiftung Karl's geschmiert. Wilhelm's Erklärung war +von dem Großpensionär Fagel verfaßt, der als ausgezeichneter Publicist +bekannt war. Obgleich gehaltvoll und wohldurchdacht, war sie doch in +ihrer ursprünglichen Form zu weitschweifig; aber sie wurde von Burnet, +der populär zu schreiben verstand, abgekürzt und ins Englische +übersetzt. Sie begann mit einer feierlichen Einleitung, in welcher +gesagt war, daß in jedem Staate die strenge Beobachtung des Gesetzes für +das Wohl der Nationen wie für die Sicherheit der Regierung gleich +nothwendig sei. Der Prinz von Oranien habe daher mit tiefer Betrübniß +gesehen, daß die Grundgesetze eines Reiches, mit dem er durch Bande des +Bluts und durch Verheirathung so eng verbunden sei, durch den Rath +schlimmer Rathgeber gröblich und systematisch verletzt worden seien. Das +Recht von Parlamentsacten zu dispensiren, sei bis zu einem solchen +Punkte ausgedehnt worden, daß die ganze legislative Gewalt auf die Krone +übertragen worden sei. Von den Gerichten habe man dem Geiste der +Verfassung widerstreitende Erkenntnisse erlangt, indem man einen Richter +nach dem andren abgesetzt, bis die Bank nur aus Männern bestanden habe, +welche bereit gewesen seien, den Befehlen der Regierung blindlings zu +gehorchen. Trotz der wiederholten Versicherungen des Königs, daß er die +Staatsreligion aufrechterhalten werde, seien anerkannten Feinden dieser +Religion nicht nur bürgerliche Ämter, sondern auch geistliche Pfründen +verliehen worden. Trotz ausdrücklicher Gesetze sei das Kirchenregiment +einem Collegium übertragen worden, das eine neue Hohe Commission sei und +in diesem Collegium sitze ein erklärter Papist. Gute Unterthanen seien +deshalb, weil sie sich weigerten, ihre Pflicht und ihre Eide zu +verletzen, der Magna Charta der englischen Freiheiten zum Hohn aus ihrem +Eigenthum vertrieben worden. Dagegen seien Leute, welche dem Gesetze +nach die Insel gar nicht betreten dürften, zur Verderbniß der Jugend an +die Spitze von Seminarien gestellt worden. Grafschaftsstatthalter, +stellvertretende Statthalter und Friedensrichter seien massenhaft +abgesetzt worden, weil sie sich geweigert hätten eine verderbliche und +verfassungswidrige Politik zu unterstützen. Die Freiheiten fast jedes +Boroughs im Lande seien verletzt worden. Die Gerichtshöfe seien in einem +Zustande, daß ihre Erkenntnisse selbst in Civilklagen kein Vertrauen +mehr einflößten und daß ihre Servilität in Criminalsachen das Königthum +mit unschuldigem Blute befleckt habe. Alle diese Mißbräuche, deren das +englische Volk müde sei, sollten nun, wie es scheine, durch ein Heer +irischer Papisten vertheidigt werden. Und dies sei noch nicht Alles. Die +willkürlichsten Fürsten hätten es einem Unterthanen nie als ein +Verbrechen angerechnet, wenn er bescheiden und friedlich seine +Beschwerden angebracht und um Abhülfe gebeten habe. Aber das +Petitioniren werde jetzt in England als ein schweres Vergehen +betrachtet. Die Väter der Kirche seien wegen keines andren Verbrechens, +als weil sie dem Landesherrn eine in den ehrerbietigsten Ausdrücken +abgefaßte Petition überreicht, ins Gefängniß geworfen und ihnen der +Prozeß gemacht worden, und jeden Richter, der sich zu ihren Gunsten +ausgesprochen, habe man ohne weiteres abgesetzt. Die Einberufung eines +freien und gesetzlichen Parlaments könne allerdings diesen Übeln wirksam +abhelfen, aber die Nation dürfe nicht hoffen ein solches Parlament zu +erhalten, wenn nicht der ganze Geist der Verwaltung ein andrer werde. Es +sei offenbar die Absicht des Hofes durch neu organisirte Wahlkörper und +papistische Wahlbeamte eine Versammlung zusammenzubringen, welche nur +dem Namen nach ein Haus der Gemeinen sein werde. Endlich erregten +gewisse Umstände den dringenden Verdacht, daß das Kind, welches den +Namen eines Prinzen von Wales erhalten habe, nicht wirklich von der +Königin geboren sei. Aus diesen Gründen habe der Prinz, eingedenk seiner +nahen Verwandtschaft mit dem königlichen Hause und dankbar für die +Zuneigung, die das englische Volk seiner geliebten Gemahlin und ihm +selbst stets bewiesen habe, sich entschlossen, der Aufforderung vieler +geistlichen und weltlichen Lords und vieler anderer Personen aus allen +Ständen Folge zu leisten und an der Spitze einer zur Begegnung +gewaltsamen Widerstandes hinreichenden Streitmacht nach England +hinüberzugehen. Jeden Gedanken an Eroberung wies er entschieden zurück. +Er erklärte, daß seine Truppen während ihres Aufenthalts auf der Insel +unter strengster Kriegszucht gehalten und daß sie sobald die Nation von +der Tyrannei befreit sei, wieder zurückgeschickt werden sollten. Sein +einziger Zweck sei die Versammlung eines freien und gesetzlichen +Parlaments, und er verpflichtete sich feierlich, alle öffentlichen und +privaten Fragen der Entscheidung eines solchen Parlaments zu überlassen. + +Sobald Exemplare von dieser Erklärung im Haag ausgegeben waren, begannen +auch schon Zeichen von Meinungsverschiedenheit sichtbar zu werden. Der +im Unheilstiften unermüdliche Wildman bewog einige seiner Landsleute, +unter Anderen den starrsinnigen und leichtfertigen Mordaunt, zu der +Erklärung, daß sie auf solche Gründe hin die Waffen nicht ergreifen +würden. Das Manifest sei nur darauf berechnet, den Kavalieren und den +Geistlichen zu gefallen. Die Gewaltthätigkeiten gegen die Kirche und der +Prozeß der Bischöfe seien zu sehr in den Vordergrund gestellt und es sei +gar nichts von der Tyrannei gesagt, mit der die Tories vor ihrem Bruche +mit dem Hofe die Whigs behandelt hätten. Wildman legte hierauf einen von +ihm selbst verfaßten Gegenentwurf vor, der, wenn er angenommen worden +wäre, der ganzen anglikanischen Geistlichkeit und vier Fünftheilen des +grundbesitzenden Adels mißfallen haben würde. Die Whighäupter opponirten +ihm energisch. Russell insbesondere erklärte, daß, wenn ein so +verkehrter Weg eingeschlagen würde, es mit der Coalition, von welcher +allein die Nation Befreiung erwarten könne, vorbei sei. Der Streit wurde +endlich durch einen Machtspruch Wilhelm's geschlichtet, der mit +gewohntem richtigen Takt entschied, daß das Manifest im Wesentlichen so +wie Fagel und Burnet es entworfen hatten, beibehalten werden solle.[68] + + [Anmerkung 68: +Burnet I., 775, 780+.] + + +[_Jakob fängt an die Gefahr zu ahnen._] Während dies in Holland geschah, +hatte Jakob endlich die ihm drohende Gefahr erkannt. Von verschiedenen +Seiten kamen Nachrichten, die man nicht unbeachtet lassen konnte, bis +endlich eine Depesche von Albeville jedem Zweifel ein Ende machte. Als +der König sie gelesen hatte, sollen seine Wangen sich entfärbt haben und +er soll eine Weile sprachlos geblieben sein.[69] Er hatte in der That +auch Ursache zu erschrecken. Der erste Ostwind sollte eine feindliche +Flotte an die Küsten seines Reiches bringen. Ganz Europa, mit Ausnahme +einer einzigen Macht, erwartete ungeduldig die Nachricht von seinem +Sturze, und den Beistand dieser einzigen Macht hatte er thörichterweise +abgelehnt. Ja, er hatte sogar die freundschaftliche Intervention, die +ihn hätte retten können, mit Beleidigungen vergolten. Die französischen +Armeen, welche zur Einschüchterung der Generalstaaten hätten verwendet +werden können, wenn er nicht so verblendet gewesen wäre, belagerten +Philippsburg und hielten Mainz besetzt. In wenigen Tagen mußte er +vielleicht auf englischem Boden für seine Krone und für das Geburtsrecht +seines Sohnes kämpfen. + + [Anmerkung 69: +Eachard's History of the Revolution, II. 2+.] + + +[_Seine Seemacht._] Anscheinend standen ihm allerdings große Mittel zu +Gebote. Die Flotte war in einem viel besseren Zustande als zur Zeit +seiner Thronbesteigung, und diese Verbesserung muß zum Theil seinen +eigenen Anstrengungen zugeschrieben werden. Er hatte keinen +Lordgroßadmiral oder Admiralitätsrath ernannt, sondern die Hauptleitung +der Marineangelegenheiten in seiner eignen Hand behalten und Pepys hatte +ihn dabei kräftig unterstützt. Ein Sprichwort sagt, daß der Blick eines +Meisters sicherer ist, als der eines Stellvertreters, und in einer Zeit +der Bestechung und der Unterschleife kann man annehmen, daß ein +Verwaltungszweig, dem der Souverain selbst, sei er auch von noch so +beschränkten Gaben, genaue persönliche Aufmerksamkeit zuwendet, von +Mißbräuchen verhältnißmäßig ziemlich frei bleiben wird. Ein +geschickterer Marineminister als Jakob würde nicht schwer zu finden +gewesen sein; schwerlich aber würde man unter den damaligen +Staatsmännern einen Marineminister gefunden haben, der nicht Vorräthe +nutzlos vergeudet, von Lieferanten Bestechungen angenommen und der Krone +Kosten für Reparaturen aufgebürdet haben würde, welche nie gemacht +worden waren. Der König war in der That fast der Einzige, von dem man +überzeugt sein konnte, daß er den König nicht bestehlen würde. Daher +waren denn auch während der letzten drei Jahre auf den Schiffswerften +viel weniger Veruntreuungen und Diebereien vorgekommen als früher. Es +waren wirklich seetüchtige Schiffe gebaut worden und durch eine +zweckmäßige Verordnung waren die Gehalte der Kapitaine erhöht, zu +gleicher Zeit aber auch ihnen streng verboten worden, ohne besondere +königliche Erlaubniß Waaren von einem Hafen zum andren zu führen. Die +Wirkung dieser Reformen machte sich schon bemerkbar, und es wurde Jakob +nicht schwer, in kurzer Zeit eine ansehnliche Flotte auszurüsten. +Dreißig Linienschiffe dritten und vierten Ranges wurden unter dem +Commando Lord Dartmouth's in der Themse versammelt. Dartmouth's +Loyalität war über jeden Zweifel erhaben, und er galt für eben so +geschickt und kenntnißreich in seinem Fache als irgend einer der +patrizischen Seeleute, die sich damals ohne ordentliche seemännische +Erziehung und Ausbildung zu den höchsten Schiffscommando's +emporschwangen und welche zu gleicher Zeit Flaggenoffiziere zur See und +Infanterieobersten im Landheere waren.[70] + + [Anmerkung 70: +Pepys's Memoirs relating to the Royal Navy, 1690+; + +Clarke's Life of James the Second, II. 186. Orig. Mem.+; Adda, + 24. Sept. (4. Oct.); Citters, 21. Sept. (1. Oct.)] + + +[_Seine militairischen Mittel._] Die reguläre Armee war die stärkste, +die je ein König von England zu seiner Verfügung gehabt hatte, und sie +wurde rasch noch verstärkt. Alle vorhandenen Regimenter wurden um neue +Compagnien vermehrt und neue Regimenter ausgehoben. Die Stärke des +englischen Heeres wurde dadurch um viertausend Mann erhöht; dreitausend +Mann wurden eiligst aus Irland gesendet und eine gleiche Anzahl erhielt +Befehl, aus Schottland nach dem Süden zu marschiren. Jakob schätzte die +Streitmacht, die er den Einfallenden entgegenstellen konnte, auf +vierzigtausend Mann, ungerechnet die Miliz.[71] + +Flotte und Landheer waren sonach mehr als ausreichend, um eine +holländische Invasion zurückzuschlagen. Konnte man sich aber auf die +Flotte und auf die Armee verlassen? Mußte man nicht befürchten, daß die +Milizen zu Tausenden zu der Fahne ihres Befreiers übergehen würden? Die +Partei, welche vor einigen Jahren für Monmouth das Schwert gezogen, +konnte es gewiß kaum erwarten, den Prinzen von Oranien willkommen zu +heißen. Und was war aus der Partei geworden, welche siebenundvierzig +Jahre lang das Bollwerk der Monarchie gewesen? Wo waren jetzt die +tapferen Gentlemen, welche stets bereit gewesen waren, ihr Blut für die +Krone zu vergießen? Mißhandelt und verhöhnt, von der Richterbank +vertrieben und aller militairischen Commando's beraubt, sahen sie die +Gefahr ihres undankbaren Gebieters mit unverhohlener Schadenfreude. Wo +waren die Priester und Prälaten, welche auf zehntausend Kanzeln die +Pflicht des Gehorsams gegen den gesalbten Stellvertreter Gottes +gepredigt hatten? Einige waren eingekerkert. Andere ausgeplündert. Alle +waren unter das eiserne Regiment der Hohen Commission gestellt worden +und hatten beständig gefürchtet, daß eine neue Laune der Tyrannei sie +ihrer Pfründen berauben und ohne ein Stück Brot lassen würde. Daß die +Männer der Staatskirche den Grundsatz, auf den sie immer das größte +Gewicht gelegt hatten, so vollständig vergessen würden, um sich dem +thätigen Widerstande anzuschließen, schien auch jetzt noch unglaublich. +Aber konnte ihr Unterdrücker erwarten, daß er bei ihnen noch den Geist +finden werde, der unter der vorhergehenden Generation die Armeen Essex' +und Waller's besiegt, und sich nur nach einer verzweifelten Gegenwehr +dem Genie und der Kraft Cromwell's unterworfen hatte? + + [Anmerkung 71: +Clarke's Life of James the Second. II. 186. Orig. + Mem.+; Adda, 24. Sept. (4. Oct.); Citters, 21. Sept. (1. Oct.)] + + +[_Er versucht es, seine Unterthanen mit sich auszusöhnen._] Der Tyrann +wurde von der Angst überwältigt. Er sagte nicht mehr, daß Nachgiebigkeit +die Fürsten jederzeit ins Verderben gestürzt habe, und gab gezwungen zu, +daß er sich herablassen müsse, den Tories noch einmal zu +schmeicheln.[72] Man hat Grund zu der Annahme, daß um diese Zeit Halifax +eingeladen wurde, wieder ein Ministerium zu übernehmen und daß er auch +nicht abgeneigt dazu war. Die Rolle eines Vermittlers zwischen den +Throne und der Nation war diejenige, zu der er sich am besten eignete +und nach der er am eifrigsten strebte. Warum die betreffende +Unterhandlung mit ihm abgebrochen wurde, ist nicht bekannt, aber es ist +nicht unwahrscheinlich, daß die Dispensationsfrage das unübersteigliche +Hinderniß war. Sein Widerwille gegen diese Befugniß war vor drei Jahren +die Veranlassung zu seiner Ungnade gewesen, und es war seitdem nichts +geschehen, was geeignet gewesen wäre ihn andren Sinnes zu machen. Jakob +seinerseits hatte sich fest vorgenommen, in diesem Punkte kein +Zugeständniß zu machen.[73] In anderen Dingen war er minder starrsinnig. +Er erließ eine Proklamation, in der er feierlich versprach, die +anglikanische Kirche zu schützen und die Uniformitätsacte aufrecht zu +erhalten. Er erklärte sich bereit, um der Eintracht willen große Opfer +zu bringen. Er wolle nicht mehr darauf beharren, daß Katholiken ins +Unterhaus zugelassen würden und er hege das gute Vertrauen zu seinem +Volke, daß es einen solchen Beweis von seinem aufrichtigen Willen, ihren +Wünschen zu entsprechen, gebührend anerkennen werde. Drei Tage später +kündigte er an, daß es seine Absicht sei, alle Magistratsbeamten und +stellvertretenden Lieutenants, welche entlassen worden waren, weil sie +seine Politik nicht hatten unterstützen wollen, wieder anzustellen. Den +Tag nach dem Erscheinen dieser Ankündigung wurde Compton's Suspension +wieder aufgehoben.[74] + + [Anmerkung 72: Adda, 28. Sept. (8. Oct.) 1688. In dieser Depesche + ist Jakob's Angst vor einem allgemeinen Abfalle seiner Unterthanen + kräftig geschildert.] + + [Anmerkung 73: Die spärlichen Aufschlüsse, welche wir über diese + Unterhandlung haben, verdanken wir Reresby. Seine Quelle war eine + Dame, die er nicht nennt und der man gewiß nicht unbedingt glauben + durfte.] + + [Anmerkung 74: +London Gazette, Sept. 24., 27., Oct. 1. 1688+.] + + +[_Er bewilligt den Bischöfen eine Audienz._] Zu gleicher Zeit gab der +König allen damals in London anwesenden Bischöfen eine Audienz. Sie +hatten um eine solche nachgesucht, um ihm in seiner kritischen Lage +ihren Rath anzubieten. Der Primas führte das Wort. Er bat ehrerbietig +darum, daß die Verwaltung den Händen gehörig qualificirter Personen +übergeben, daß alle unter dem Vorwande des Dispensationsrechts +vorgenommenen Acte widerrufen, daß die kirchliche Commission +abgeschafft, daß die dem Magdalenen-Collegium zugefügte Unbill wieder +gutgemacht und daß die alten Privilegien der Municipalkörperschaften +wiederhergestellt werden möchten. Er gab sehr deutlich zu verstehen, daß +es ein wünschenswerthes Mittel gebe, durch welches der Thron vollkommen +gesichert und das erschütterte Reich wieder beruhigt werden könne. Wenn +Seine Majestät die zwischen der römischen und anglikanischen Kirche +obschwebenden Streitpunkte nochmals in Erwägung ziehen wolle, so würde +er durch die Gründe, welche sie ihm vorzutragen wünschten, unter Gottes +Beistande vielleicht zu der Überzeugung gebracht werden, daß es seine +Pflicht sei, zu dem Glauben seines Vaters und seines Großvaters +zurückzukehren. Bis hierher, fuhr Sancroft fort, habe er die Ansicht +seiner Collegen ausgesprochen. Aber es sei noch ein Punkt, über den er +sich nicht mit ihnen berathen habe, auf den er jedoch den König +aufmerksam machen zu müssen glaube. Allerdings sei er auch das einzige +Mitglied seines Standes, welches diesen Gegenstand berühren dürfe, ohne +sich dem Verdachte eines eigennützigen Beweggrundes auszusetzen. Der +erzbischöfliche Stuhl von York war seit drei Jahren erledigt. Der +Erzbischof bat den König dringend, er möge denselben schleunigst mit +einem frommen und gelehrten Geistlichen besetzen, und fügte hinzu, es +werde sich unter den eben Anwesenden leicht, ein solcher Mann finden. +Der König verstand es sich hinreichend zu beherrschen, um für diesen +bitteren Rath zu danken und zu versprechen, daß er denselben in Erwägung +ziehen wolle.[75] Von dem Dispensationsrecht aber wollte er durchaus +nichts nachlassen. Keine gesetzlich unqualificirte Person wurde von +irgend einem bürgerlichen oder militairischen Amte entfernt. Aber einige +von Sancroft's Vorschlägen wurden befolgt. Binnen zweimal vierundzwanzig +Stunden war der Gerichtshof der Hohen Commission abgeschafft.[76] Es +ward beschlossen, der Hauptstadt ihren vor sechs Jahren entzogenen +Freibrief zurückzugeben und der Kanzler selbst mußte das ehrwürdige +Pergament feierlich nach der Guildhall tragen.[77] Acht Tage später +erfuhr das Publikum, daß der Bischof von Winchester, der vermöge seiner +amtlichen Stellung Visitator des Magdalenen-Collegiums war, vom Könige +beauftragt sei, alle Mißstände in diesem Collegium abzustellen. Zu +dieser letzten Demüthigung hatte sich der König nicht ohne langen +inneren Kampf und bitteren Schmerz entschlossen. Er verstand sich in der +That erst dazu, nachdem der apostolische Vikar Leyburn, der sich bei +jeder Gelegenheit als einsichtsvoller und rechtschaffener Mann benommen +zu haben scheint, erklärt hatte, daß seiner Ansicht nach den +vertriebenen Collegiaten und ihrem Präsidenten Unrecht gethan worden sei +und daß ihre Wiedereinsetzung aus religiösen wie aus politischen Gründen +erfolgen müsse.[78] Nach wenigen Tagen erschien eine Proklamation, +welche die entzogenen Privilegien aller Municipalkörperschaften +wiederherstellte.[79] + + [Anmerkung 75: +Tanner MSS+; +Burnet I. 784+. Burnet hat, wie ich + glaube, diese Audienz mit einer andren verwechselt, welche einige + Wochen später stattfand.] + + [Anmerkung 76: +London Gazette, Oct. 8. 1688.+] + + [Anmerkung 77: +Ibid.+] + + [Anmerkung 78: +Ibid. Oct. 15, 1688+; Adda, 12.(22.) Oct. Obgleich + der Nuntius im Allgemeinen Gewaltmaßregeln abgeneigt war, so + scheint er doch gegen die Wiedereinsetzung Hough's opponirt zu + haben, wahrscheinlich aus Rücksicht auf die Interessen Giffard's + und der anderen Katholiken, welche Mitglieder des + Magdalenen-Collegiums waren. Leyburn erklärte selbst: +»Nel + sentimento che fosse stato uno spoglio, e che il possesso in cui + si trovano ora li Cattolici fosse violento ed illegale, onde non + era privar questi di un dritto acquisto, ma rendere agli altri + quello era stato levalo con violenza.«+] + + [Anmerkung 79: +London Gazette, Oct. 18. 1688+.] + + +[_Seine Zugeständnisse werden übel aufgenommen._] Jakob schmeichelte +sich mit der Hoffnung, daß die ausgedehnten Zugeständnisse, die er im +Laufe eines Monats gemacht, ihm die Herzen seines Volks wieder gewinnen +würden. Es unterliegt auch keinem Zweifel, daß diese Zugeständnisse, +wenn sie gemacht worden wären, als noch kein Grund zu der Befürchtung +eines Einfalls von Seiten Hollands vorhanden war, viel zur Versöhnung +der Tories beigetragen haben würden. Aber Fürsten, welche der Angst +zugestehen, was sie der Gerechtigkeit verweigert haben, dürfen keinen +Dank erwarten. Seit drei Jahren war der König gegen alle Vorstellungen +und Bitten taub gewesen. Jeder Minister, der sich erlaubt hatte, seine +Stimme zu Gunsten der bürgerlichen und kirchlichen Verfassung des Reichs +zu erheben, war in Ungnade gefallen. Ein ausgezeichnet loyales Parlament +hatte es gewagt, bescheiden und ehrerbietig gegen eine Verletzung der +Grundgesetze Englands zu protestiren; es hatte dafür einen strengen +Verweis erhalten und war prorogirt und aufgelöst worden. Ein Richter +nach dem andren war des Hermelins beraubt worden, weil er sich geweigert +hatte, Erkenntnisse abzugeben, welche dem gemeinen Rechte und dem +Gesetzbuche zuwiderliefen. Die achtungswerthesten Kavaliere waren von +jeder Theilnahme an der Verwaltung der Grafschaften ausgeschlossen +worden, weil sie sich geweigert hatten, die öffentlichen Freiheiten zu +verrathen. Geistliche waren zu Dutzenden abgesetzt worden, weil sie ihre +Eide nicht brechen wollten. Prälaten, deren unerschütterlicher Treue der +König seine Krone verdankte, hatten ihn auf den Knien gebeten, daß er +ihnen nicht befehlen möchte, die Gesetze Gottes und des Landes zu +verletzen. Ihre bescheidene Bittschrift war als ein aufrührerisches +Libell betrachtet worden. Sie waren hart angelassen, bedroht, ins +Gefängniß geworfen, gerichtlich verfolgt worden und waren mit genauer +Noth dem gänzlichen Verderben entronnen. Jetzt endlich begann die +Nation, da sie sah, daß das Recht durch die Macht mit Füßen getreten und +selbst Bitten als ein Verbrechen betrachtet wurden, auf den Gedanken zu +kommen, das Kriegsglück zu versuchen. Der Tyrann erfuhr, daß ein +bewaffneter Befreier zur Hand sei, der von Whigs und Tories, von +Dissenters und Anglikanern freudig begrüßt werden würde. Da wurde mit +einem Male Alles anders. Die nämliche Regierung, welche treue und +eifrige Dienste mit Beraubung und Verfolgung vergolten, die Regierung, +welche auf gewichtige Gründe und rührende Bitten nur mit Beleidigungen +und Schmähungen geantwortet hatte, wurde in einem Augenblicke merkwürdig +freundlich. Jede Nummer der Gazette brachte die Abstellung einer neuen +Beschwerde. Man sah es also deutlich, daß man sich auf die Billigkeit, +die Humanität und das verpfändete Wort des Königs nicht verlassen konnte +und daß er nur so lange gut regieren würde, als er gewaltsamen +Widerstand fürchtete. Seine Unterthanen waren daher durchaus nicht +geneigt, ihm ein Vertrauen wieder zu schenken, das er sich völlig +verscherzt hatte, oder den Druck zu lindern, der ihm die einzigen guten +Maßregeln seiner ganzen Regierung abgepreßt hatte. Die allgemeine +Ungeduld, mit der man die Ankunft der Holländer erwartete, nahm mit +jedem Tage zu. Das Volk verwünschte den Wind, der um diese Zeit +beharrlich aus dem Westen kam, die Flotte des Prinzen am Auslaufen +hinderte und zugleich immer neue Regimenter von Dublin nach Chester +brachte. Man sagte, es sei papistisches Wetter. In Cheapside standen +fortwährend Massen von Menschen, welche nach der Wetterfahne auf der +Spitze des schlanken Thurmes der Bowkirche blickten und den Himmel um +protestantischen Wind baten.[80] + +Die allgemeine Stimmung wurde noch mehr erbittert durch einen Vorfall, +der zwar rein zufällig war, aber leicht erklärlicherweise der Perfidie +des Königs zugeschrieben wurde. Der Bischof von Winchester kündigte an, +daß er auf königlichen Befehl die vertriebenen Mitglieder des +Magdalenen-Collegiums wieder einzusetzen gedenke. Er bestimmte zu der +Feierlichkeit den 21. October und traf am 20. in Oxford ein. Die ganze +Universität war in erwartungsvoller Spannung. Die vertriebenen +Collegiaten waren aus allen Theilen des Landes herbeigekommen, um ihre +geliebte Heimath wieder in Besitz zu nehmen. Dreihundert berittene +Gentlemen geleiteten den Visitator nach seiner Wohnung. Während seines +Zuges durch die Stadt, gingen alle Glocken und High Street war mit einer +jubelnden Zuschauermenge gefüllt. Er begab sich zur Ruhe. Am andren +Morgen versammelte sich eine freudig bewegte Menge an den Eingängen des +Magdalenen-Collegiums; aber der Bischof erschien nicht. Bald erfuhr man, +daß er durch einen königlichen Boten aus dem Schlafe geweckt und +aufgefordert worden war, unverzüglich nach Whitehall zu kommen. Diese +rücksichtslose Täuschung erregte große Verwunderung und Angst; in +einigen Stunden aber trafen Nachrichten ein, welche Gemüthern, die nicht +ohne Grund das Schlimmste zu glauben geneigt waren, die Sinnesänderung +des Königs genügend zu erklären schienen. Die holländische Flotte war +ausgelaufen, aber durch einen Sturm zurückgetrieben worden. Das Gerücht +vergrößerte den Unfall. Eine Menge Schiffe sollten zu Grunde gegangen +und tausende von Pferden umgekommen sein. Jeder Gedanke an ein +Unternehmen gegen England müsse, wenigstens für dieses Jahr aufgegeben +werden. Hier mache die Nation wieder eine schöne Erfahrung. So lange +Jakob einen nahe bevorstehenden Einfall und Aufstand erwartet, habe er +Befehl zur Wiedereinsetzung Derer gegeben, die er gesetzwidrig beraubt; +sobald er sich aber wieder für sicher gehalten habe, sei dieser Befehl +widerrufen worden. Obgleich diese Beschuldigung damals allgemein +geglaubt und später von Schriftstellern wiederholt wurde, welche hätten +gut unterrichtet sein können, war sie doch völlig ungegründet. Es ist +erwiesen, daß die Nachricht von dem Mißgeschick der holländischen Flotte +auf keinem Wege früher nach Westminster gelangen konnte, als einige +Stunden nachdem der Bischof von Winchester den Befehl erhalten hatte, +der ihn von Oxford zurückrief. Der König hatte jedoch wenig Recht, sich +über den Argwohn seines Volkes zu beschweren. Es war lediglich seine +Schuld, wenn es zuweilen ohne genaue Untersuchung der Beweise etwas +seiner unehrlichen Politik zuschrieb, was in Wirklichkeit nur Folge +eines Zufalls oder eines Versehens war. Daß Leute, welche +gewohnheitsmäßig ihr Wort brechen, auch dann keinen Glauben finden, wenn +sie es einmal wirklich zu halten gedenken, ist ein Theil ihrer gerechten +und natürlichen Strafe.[81] + +Es ist bemerkenswerth, daß Jakob sich bei dieser Gelegenheit eine +unverdiente Beschuldigung lediglich durch das eifrige Bestreben zuzog, +sich von einer andren eben so unverdienten zu reinigen. Der Bischof war +so eilig von Oxford zurückberufen worden, um einer außerordentlichen +Staatsrathssitzung, oder vielmehr einer nach Whitehall berufenen +Versammlung von Notablen beizuwohnen. Außer den wirklichen Mitgliedern +des Geheimen Raths nahmen an dieser feierlichen Sitzung alle geistlichen +und weltlichen Lords Theil, welche zufällig in der Hauptstadt oder doch +in der Nähe derselben waren, außerdem die Richter, die Kronanwälte, der +Lordmayor und die Aldermen von London. Petre hatte den Wink bekommen, er +werde wohl daran thun, wenn er wegbliebe. Es würden auch in der That +wenige Peers Lust gehabt haben, neben ihm zu sitzen. In der Nähe des +obersten Sitzes war ein Staatssessel für die Königin Wittwe bereit +gestellt. Auch die Prinzessin Anna war zur Theilnahme an der Sitzung +eingeladen worden, hatte sich aber mit Unwohlsein entschuldigt. + + [Anmerkung 80: +»Vento Papista«+, sagt Adda unterm 24. Oct. (3. + Nov.) 1688. Der Ausdruck »protestantischer Wind« scheint zuerst + auf den Wind angewendet worden zu sein, welcher Tyrconnel eine + Zeitlang verhinderte, seine Statthalterschaft in Irland + anzutreten. Siehe den ersten Theil des »Lillibullero.«] + + [Anmerkung 81: Alle hierauf bezüglichen Beweise sind in Howell's + Ausgabe der Staatsprozesse zusammengestellt.] + + +[_Dem Geheimen Rath werden Beweise für die legitime Geburt des Prinzen +von Wales vorgelegt._] Jakob sagte dieser zahlreichen Versammlung, daß +er es für nöthig halte, Beweise für die Geburt seines Sohnes +beizubringen. Die Einflüsterungen böser Menschen hätten die öffentliche +Meinung in einer solchen Ausdehnung vergiftet, daß Viele den Prinzen von +Wales für ein untergeschobenes Kind hielten. Die Vorsehung aber habe es +mit weiser Hand gefügt, daß kaum je ein andrer Prinz in Anwesenheit so +vieler Augenzeugen zur Welt gekommen sei. Diese Zeugen traten nun auf +und gaben ihre Aussagen ab. Nachdem sie sämmtlich zu Protokoll genommen +waren, erklärte Jakob mit großer Feierlichkeit, daß die ihm zur Last +gelegte Beschuldigung durchaus falsch sei und daß er lieber einen +tausendfachen Tod sterben als einem seiner Kinder Unrecht thun würde. + +Alle Anwesenden schienen befriedigt zu sein. Die Zeugenaussagen wurden +sogleich veröffentlicht und einsichtsvolle und unparteiische Personen +erkannten die Glaubwürdigkeit derselben an.[82] Aber die Verständigen +bilden immer eine Minorität, und unparteiisch war damals kaum irgend +Jemand. Die ganze Nation war überzeugt, daß jeder aufrichtige Papist es +für seine Pflicht hielt, einen falschen Eid zu schwören, wenn er dadurch +dem Interesse seiner Kirche diente, und Leute, welche ursprünglich +Protestanten, um des Gewinnes willen aber scheinbar zum Papismus +übergetreten waren, verdienten womöglich noch weniger Glauben als +aufrichtige Papisten. Die Aussagen aller Derjenigen, welche diesen +beiden Klassen angehörten, wurden daher von vornherein als null und +nichtig betrachtet, und dadurch wurde das Gewicht des Beweises, von dem +sich Jakob viel versprochen hatte, bedeutend verringert. Was übrig blieb +wurde boshaft bekrittelt. Gegen jeden der protestantischen Zeugen, +welche etwas Wesentliches ausgesagt, hatte man etwas einzuwenden. Der +Eine war notorisch ein habgieriger Schmarotzer; der Andre hatte zwar +seinen Glauben nicht abgeschworen, war aber nahe verwandt mit einem +Apostaten. Die Leute fragten, wie sie von Anfang an gefragt hatten, +warum, wenn Alles mit rechten Dingen zugegangen sei, der König nicht +dafür gesorgt habe, daß die Geburt genügender bewiesen werden könne, da +er doch gewußt habe, daß Viele an der wirklichen Schwangerschaft der +Königin zweifelten? Lag etwa nichts Verdächtiges in der falschen +Berechnung der Zeit, sowie in der Abwesenheit der Prinzessin Anna und +des Erzbischofs von Canterbury? Warum war kein Prälat der Landeskirche +anwesend? Warum war der holländische Gesandte nicht zugezogen worden? +Warum vor Allem hatten die Hyde, diese loyalen Diener der Krone, diese +treuen Söhne der Kirche und natürlichen Wächter der Interessen ihrer +Nichten, sich nicht unter den Schwarm von Papisten mischen dürfen, +welcher in und neben dem Schlafgemache der Königin versammelt war? Warum +mit einem Worte befand sich in der langen Liste der Anwesenden nicht ein +einziger Name, der das Vertrauen und die Achtung des Publikums genoß? +Die wahre Antwort auf diese Fragen war, daß der König einen beschränkten +Verstand und einen despotischen Character besaß und daß er mit Freuden +eine Gelegenheit ergriffen hatte, um seine Geringschätzung der Meinung +seiner Unterthanen an den Tag zu legen. Der große Haufe aber, dem diese +Erklärung nicht genügte, schrieb das, was lediglich die Wirkung von +Thorheit und Verkehrtheit war, einer vorsätzlichen bösen Absicht zu. Und +diese Meinung beschränkte sich nicht allein auf den großen Haufen. Lady +Anna sprach am Morgen nach der Staatsrathssitzung bei ihrer Toilette so +höhnisch von den Zeugenaussagen, daß selbst die Kammerfrauen, welche sie +ankleideten, sich Scherze darüber erlaubten. Einige von den Lords, +welche in der Sitzung zugegen gewesen waren und befriedigt zu sein +schienen, waren in der That keineswegs überzeugt. Lloyd, Bischof von St. +Asaph, dessen Frömmigkeit und Gelehrsamkeit allgemeine Achtung gebot, +glaubte bis ans Ende seines Lebens, daß ein Betrug gespielt worden sei. + + [Anmerkung 82: Sie finden sich mit ausführlichen Erläuterungen in + Howell's Ausgabe der Staatsprozesse.] + + +[_Sunderland's Ungnade._] Die vor dem Geheimen Rathe abgegebenen +Zeugenaussagen waren erst wenige Stunden in den Händen des Publikums, +als sich das Gerücht verbreitete, daß Sunderland aller seiner Stellen +entsetzt worden sei. Die Nachricht von seiner Ungnade scheint die +Kaffeehauspolitiker überrascht zu haben, kam aber Denen, welche die +Vorgänge im Palaste beobachtet hatten, nicht unerwartet. Verrath hatte +man weder durch rechtlichen noch durch greifbaren Beweis auf ihn bringen +können; Diejenigen aber, die ihn scharf im Auge hielten, hatten ihn +stark in dem Verdachte, daß er auf diesem oder jenem Wege mit den +Feinden der Regierung, bei der er eine so hohe Stellung einnahm, +Verbindungen unterhielt. Mit frecher Stirn wünschte er alles zeitliche +und ewige Verderben auf sich herab, wenn er schuldig sei. Er betheuerte, +sein einziger Fehler bestehe darin, daß er der Krone zu eifrig gedient +habe. Habe er der königlichen Sache nicht Bürgschaften gegeben? Habe er +nicht jede Brücke abgebrochen, über die er im Fall eines Unglücks seinen +Rückzug hätte bewerkstelligen können? Habe er nicht fortwährend das +Dispensationsrecht aufs äußerste vertheidigt, in der Hohen Commission +gesessen, den Verhaftsbefehl gegen die Bischöfe unterzeichnet und sei er +nicht mit eigner Lebensgefahr unter dem Gezisch und den Verwünschungen +der Tausende, welche damals Westminsterhall füllten, als Zeuge gegen sie +aufgetreten? Habe er nicht den glänzendsten Beweis von seiner Treue +gegeben, indem er seinem Glauben entsagt und öffentlich zu einer der +Nation verhaßten Kirche übergetreten sei? Was habe er von einer +Veränderung zu hoffen? Habe er nicht Alles zu fürchten? So plausible +diese Gründe waren und obgleich sie mit der schlauesten Gewandtheit +hervorgehoben wurden, sie vermochten den Eindruck, der von hundert +verschiedenen Seiten gleichzeitig aufgetauchten Einflüsterungen und +Gerüchte nicht zu verwischen. Der König wurde von Tag zu Tag kälter. +Sunderland versuchte es nun, sich an die Königin anzulehnen, erlangte +auch eine Audienz bei Ihrer Majestät und befand sich gerade in ihrem +Zimmer, als Middleton eintrat und ihm auf Befehl des Königs die Siegel +abverlangte. An diesem Abend hatte der gefallene Minister die letzte +Privatunterredung mit dem Fürsten, dem er geschmeichelt und den er +hintergangen hatte. Die Unterredung war höchst merkwürdig. Sunderland +spielte den verleumdeten Tugendhelden mit seltener Vollendung. Er sagte, +er bedaure den Verlust des Staatssekretariats und der Präsidentschaft im +Geheimen Rathe nicht, wenn ihm nur die Achtung seines Herrn und +Gebieters bliebe. »Machen Sie mich nicht zum unglücklichsten Unterthan +Ihres Reichs, Sire, indem Sie mir die Erklärung verweigern, daß Sie mich +von Illoyalität freisprechen.« Der König wußte nicht was er denken +sollte. Ein bestimmter Schuldbeweis lag nicht vor und die Energie und +der Pathos, womit Sunderland log, hätte einen schärferen Verstand als +der war, mit dem er es zu thun hatte, täuschen können. Bei der +französischen Gesandtschaft fanden seine Versicherungen noch immer +Glauben. Dort erklärte er, daß er noch einige Tage in London bleiben und +sich am Hofe zeigen werde; dann wolle er sich auf seinen Landsitz in +Althorpe zurückziehen und seinen zerrütteten Finanzen durch Sparsamkeit +wieder aufzuhelfen suchen. Sollte eine Revolution ausbrechen, so müsse +er nach Frankreich flüchten; seine schlecht vergoltene Loyalität lasse +ihm keine andre Zufluchtsstätte übrig.[83] + +Die Sunderland abgenommenen Staatssiegel wurden Preston übergeben. +Dieselbe Nummer der Gazette, welche diesen Ministerwechsel ankündigte, +enthielt auch die officielle Nachricht von dem Unfalle, der die +holländische Flotte betroffen.[84] Dieser Unfall war zwar ernster Art, +aber doch bei weitem nicht so schlimm, als der König und seine wenigen +durch ihre Wünsche irregeleiteten Anhänger zu glauben geneigt waren. + + [Anmerkung 83: Barillon, 8.(18.), 15.(25.), 18.(28.) Oct., 25. + Oct. (4. Nov.), 27. Oct. (6. Nov.), 29. Oct. (8. Nov.) 1688; Adda, + 26. Oct. (5. Nov.).] + + [Anmerkung 84: +London Gazette, Oct. 29. 1688+.] + + +[_Wilhelm nimmt Abschied von den holländischen Generalstaaten._] Am 16. +October nach englischer Zeitrechnung wurde eine feierliche Sitzung der +Staaten von Holland gehalten. Der Prinz erschien, um von ihnen Abschied +zu nehmen. Er dankte ihnen für die freundliche Fürsorge, mit der sie +über ihn gewacht, als er eine verlassene Waise gewesen, für das +Vertrauen, das sie ihm während seiner Verwaltung geschenkt und für den +Beistand, den sie ihm in dieser wichtigen Krisis gewährt hätten. Er bat +sie überzeugt zu sein, daß er das Wohl seines Vaterlandes stets im Auge +gehabt und es zu fördern gesucht habe. Er verlasse sie jetzt vielleicht +auf immer. Wenn er im Kampfe für den reformirten Glauben und für die +Unabhängigkeit Europa's fallen sollte, so empfehle er sein geliebtes +Weib ihrer Fürsorge. Der Großpensionair antwortete mit gebrochener +Stimme und kein Mitglied des ernsten Senates konnte sich der Thränen +enthalten. Aber Wilhelm's eiserner Stoicismus verleugnete sich nie; er +stand ruhig und ernst unter seinen weinenden Freunden, als ob er sie nur +zu einem kurzen Ausfluge nach seinen Jagdgründen bei Loo hätte verlassen +wollen.[85] + +Die Deputirten der vornehmsten Städte begleiteten ihn bis zu seiner +Yacht. Selbst die Vertreter von Amsterdam, das so lange der Hauptsitz +der Opposition gegen seine Verwaltung gewesen war, schlossen sich dieser +Höflichkeitsbezeigung an. In allen Kirchen des Haags wurden an diesem +Tage öffentliche Gebete für ihn gehalten. + + [Anmerkung 85: Protokolle der Staaten von Holland und + Westfriesland; +Burnet, I. 782+.] + + +[_Er schifft sich ein und segelt ab._] Am Abend kam er in Helvoetsluys +an und begab sich an Bord einer Fregatte, die »Brill« genannt. +Unmittelbar darauf wurde seine Flagge aufgehißt. Sie zeigte das Wappen +des Hauses Nassau, verbunden mit dem englischen. Die in drei Fuß hohen +Buchstaben eingestickte Devise war glücklich gewählt. Das Haus Oranien +führte seit langer Zeit die elliptische Devise: »Ich werde +aufrechterhalten« (+Je maintiendrai+); der fehlende Nachsatz wurde jetzt +durch die Worte ergänzt: »Die Freiheiten Englands und die +protestantische Religion.« + + +[_Er wird durch einen Sturm zurückgeworfen._] Der Prinz befand sich kaum +einige Stunden an Bord, so wurde der Wind günstig. Am neunzehnten stach +die Flotte in See und legte vor einer steifen Brise ungefähr den halben +Weg zwischen den Küsten Hollands und Englands zurück. Plötzlich aber +sprang der Wind um, blies stark aus Westen und schwoll zu einem heftigen +Sturme an. Die zerstreuten Schiffe erreichten mit genauer Noth die +holländische Küste wieder. Die »Brill« langte am einundzwanzigsten vor +Helvoetsluys an. Die Schiffsgenossen des Prinzen hatten mit Bewunderung +bemerkt, daß weder Gefahr noch Mißgeschick nur einen Augenblick seine +ernste Ruhe gestört hatten. Obgleich er seekrank war, weigerte er sich +doch ans Land zu gehen, denn er sah ein, daß sein Bleiben an Bord Europa +am deutlichsten zeigen werde, daß der ihn betroffene Unfall die +Ausführung seines Vorhabens nur um kurze Zeit verzögern könne. In +einigen Tagen war die Flotte wieder beisammen. Ein einziges Schiff war +gescheitert, aber nicht ein Soldat oder Matrose wurde vermißt. Nur +einige Pferde waren umgekommen, aber diesen Verlust ersetzte der Prinz +auf der Stelle wieder und noch ehe die London Gazette die Nachricht von +seinem Unfalle verbreitet hatte, war er schon wieder segelfertig.[86] + + [Anmerkung 86: +London Gazette, Oct. 29. 1688+; +Burnet, I. 782+; + Bentinck an seine Gattin, 21.(31.) Oct., 22. Oct.(1. Nov.), 24. + Oct. (3. Nov.), 27. Oct. (6. Nov.) 1688.] + + +[_Seine Erklärung kommt in England an._] Seine Erklärung gelangte nur +einige Stunden vor seiner Ankunft nach England. Am 1. November begannen +die londoner Politiker heimlich davon zu flüstern, sie ging von Hand zu +Hand und wurde in die Briefkästen des Postamts geworfen. Einer der +Agenten wurde verhaftet und die Packete, die er zu besorgen hatte, nach +Whitehall gebracht. Der König las die Proklamation und sie machte einen +erschütternden Eindruck auf ihn. Sein erster Gedanke war, das Papier vor +jedem menschlichen Blicke zu verbergen. Er ließ daher sämmtliche ihm +überbrachte Exemplare bis auf eines verbrennen, und dieses eine wagte er +kaum aus den Händen zu geben.[87] + + [Anmerkung 87: Citters, 2.(12.) Nov. 1688; Adda, 2.(12.) Nov.] + + +[_Jakob befragt die Lords._] Der Paragraph des Manifestes, der ihn am +meisten beunruhigte, war der, in welchem gesagt war, daß einige von den +geistlichen und weltlichen Peers den Prinzen von Oranien zu einem +Einfall in England aufgefordert hätten. Halifax, Clarendon und +Nottingham, welche gerade in London waren, wurden sogleich in den Palast +beschieden und über diesen Punkt befragt. Halifax weigerte sich anfangs, +eine Antwort zu geben, obgleich er sich seiner Unschuld bewußt war. +»Eure Majestät fragt mich, ob ich einen Hochverrath begangen habe,« +sagte er. »Wenn ich eines solchen verdächtig bin, so lassen Sie mich vor +den Gerichtshof meiner Peers stellen. Kann Eure Majestät der Antwort +eines Angeklagten, dessen Leben auf dem Spiele steht, Glauben schenken? +Selbst wenn ich Seine Hoheit ersucht hätte herüberzukommen, würde ich +mich ohne Bedenken für nichtschuldig erklären.« Der König erwiederte +ihm, daß er ihn durchaus nicht als einen Angeklagten betrachte, sondern +ihn nur gefragt habe, wie ein Gentleman einen Andren, der verleumdet +worden sei, frage, ob die Verleumdung irgend eine Begründung habe. »In +diesem Falle,« sagte Halifax, »nehme ich als Gentleman, der mit einem +Gentleman spricht, keinen Anstand, bei meiner Ehre, die mir eben so +heilig ist als ein Eid, zu versichern, daß ich den Prinzen von Oranien +nicht veranlaßt habe herüberzukommen.«[88] Clarendon und Nottingham +sagten das Nämliche. Noch mehr wünschte der König, die Gesinnung der +Prälaten zu ergründen. Wenn diese ihm feindlich gesinnt waren, dann war +sein Thron wirklich in Gefahr. Aber das konnte nicht sein. Daß ein +Bischof der anglikanischen Kirche sich gegen seinen Souverain empören +sollte, war etwas Unerhörtes. Compton wurde ins königliche Kabinet +gerufen und gefragt, ob der Prinz den geringsten Grund zu seiner +Behauptung habe. Der Bischof war in Verlegenheit, denn er gehörte zu den +Sieben, welche die Einladung unterzeichnet hatten, und sein nicht sehr +weites Gewissen wollte ihm wahrscheinlich nicht gestatten, eine positive +Unwahrheit zu sagen. »Sire,« antwortete er, »ich bin fest überzeugt, daß +es unter meinen Amtsbrüdern keinen giebt, der in dieser Angelegenheit +nicht eben so schuldlos wäre, als ich selbst.« Die Zweideutigkeit war +gut ersonnen; ob aber der Unterschied zwischen der Sünde einer solchen +Zweideutigkeit und der Sünde einer Lüge irgend eines Aufwandes von +Erfindungsgeist werth war, mag vielleicht bezweifelt werden. Der König +war zufriedengestellt. »Ich spreche Sie Alle vollkommen frei,« sagte er; +»aber ich halte es für nöthig, daß Sie öffentlich die ehrenrührige +Beschuldigung zurückweisen, die Ihnen in der Erklärung des Prinzen zur +Last gelegt wird.« Der Bischof bat natürlich darum, das Papier lesen zu +dürfen, dem er widersprechen sollte; der König aber wollte ihn keinen +Blick darauf werfen lassen. + +Am folgenden Tage erschien eine Proklamation, in der einem Jeden, der es +wagen sollte, Wilhelm's Manifest zu verbreiten, oder es auch nur zu +lesen, die härtesten Strafen angedroht wurden.[89] Der Primas und die +wenigen in London anwesenden geistlichen Peers waren vor den König +beschieden worden. Preston war, mit der Erklärung des Prinzen in der +Hand, bei der Audienz zugegen. »Mylords,« sagte der König, »hören Sie +folgende Stelle. Dieselbe geht Sie an.« Preston las nun den Paragraph +vor, in welchem die geistlichen Peers erwähnt waren. »Ich glaube kein +Wort von dem Allen,« fuhr der König fort; »ich bin von Ihrer Unschuld +überzeugt; aber ich halte es für nöthig Ihnen mitzutheilen, wessen Sie +beschuldigt sind.« + +Der Primas erklärte dem Könige mit vielen Versicherungen der +Ehrerbietung, daß Seine Majestät ihm nur Gerechtigkeit widerfahren +lasse. »Ich bin als treuer Unterthan Eurer Majestät geboren,« sagte er, +»und ich habe meine Unterthanentreue zu wiederholten Malen eidlich +bekräftigt. Ich kann nur einen König auf einmal haben. Ich habe den +Prinzen nicht eingeladen herüberzukommen, und ich glaube nicht, daß ein +einziger von meinen Amtsbrüdern es gethan hat.« -- »Ich weiß gewiß, daß +ich es nicht gethan habe,« sagte Crewe von Durham. »Ich auch,« setzte +Cartwright von Chester hinzu. Crewe und Cartwright konnte man wohl +glauben, denn sie hatten Beide in der Hohen Commission gesessen. Als +Compton an die Reihe kam, umging er die Frage mit einer Gewandtheit, um +die ihn ein Jesuit hätte beneiden können. »Ich gab schon gestern Eurer +Majestät meine Antwort.« + +Jakob wiederholte ihnen immer und immer wieder, daß er sie alle +vollkommen freispreche. Trotzdem dürfte es aber doch für ihn nützlich +und zu ihrer Ehrenrettung nöthig sein, daß sie sich öffentlich +rechtfertigten. Er verlangte daher von ihnen die schriftliche Erklärung, +daß sie den Plan des Prinzen verabscheuten. Sie schwiegen, ihr +Stillschweigen wurde als Zustimmung betrachtet und sie durften sich +entfernen.[90] + + [Anmerkung 88: Ronquillo, 12.(22.) Nov. 1688. +»Estas + respuestas,«+ sagt Ronquillo, +»son ciertas, aunque mas las + encubrian en la corte.«+] + + [Anmerkung 89: +London Gazette, Nov. 5. 1688.+ Die Proklamation + ist vom 2. Nov. datirt.] + + [Anmerkung 90: +Tanner MSS.+] + + +[_Wilhelm geht zum zweiten Male unter Segel._] Unterdessen schwamm +Wilhelm's Flotte auf der Nordsee. Am Abend des Donnerstag, den 2. +November, ging er wieder unter Segel. Der Wind blies frisch aus Osten. +Zwölf Stunden lang steuerte die Flotte in nordwestlicher Richtung. Die +von dem englischen Admiral auf Recognoscirung ausgesandten leichten +Fahrzeuge brachten Nachrichten, welche die vorherrschende Ansicht, daß +der Feind in Yorkshire zu landen versuchen werde, bestätigten. Plötzlich +aber machte die ganze Flotte auf ein vom Schiffe des Prinzen gegebenes +Signal eine Wendung und steuerte nach dem britischen Kanal. Der nämliche +Wind, der die Reise der Angreifer begünstigte, verhinderte Dartmouth, +aus der Themse auszulaufen. Seine Schiffe mußten Raaen und Stengen +einziehen, und zwei von seinen Fregatten, welche die hohe See gewonnen +hatten, wurden von dem heftigen Sturme arg zugerichtet und in den Fluß +zurückgetrieben. + +Inzwischen segelte die holländische Flotte rasch vor dem Winde und +erreichte die Meerenge am Samstag den 3. November ungefähr um zehn Uhr +Morgens. Wilhelm selbst fuhr mit der »Brill« voraus, und mehr als +sechshundert Fahrzeuge folgten ihm mit vollen Segeln. Die +Transportschiffe befanden sich in der Mitte, und die Kriegsschiffe, über +fünfzig an Zahl, bildeten den äußeren Wehrgürtel. Herbert befehligte die +ganze Flotte unter dem Titel eines Generallieutenant-Admirals. Sein +Schiff segelte unter der Nachhut und viele englische Seeleute, die von +Haß gegen den Papismus erfüllt und durch hohen Sold angelockt waren, +dienten unter ihm. Es hatte dem Prinzen viele Mühe gekostet einige hohe +holländische Offiziere dazu zu bewegen, daß sie sich dem Oberbefehl +eines Ausländers unterwarfen. Diese Anordnung aber war höchst weise. Auf +der Flotte des Königs herrschte große Unzufriedenheit und ein glühender +Eifer für den protestantischen Glauben. Aber innerhalb der Erinnerung +alter Seeleute hatten die holländische und die englische Flotte dreimal +mit heldenmüthiger Tapferkeit und wechselndem Glücke um die Herrschaft +auf der See gekämpft. Unsere Seeleute hatten den Besen noch nicht +vergessen, mit dem Van Tromp den Kanal zu fegen gedroht hatte, und eben +so wenig das Feuer, welches De Ruyter auf den Werften des Medway +angezündet. Hätten sich die beiden rivalisirenden Nationen noch einmal +auf dem Elemente begegnet, auf welchem jede von ihnen die Herrschaft für +sich in Anspruch nahm, so würde die gegenseitige Erbitterung keinen +andren Gedanken haben aufkommen lassen. Eine blutige und hartnäckige +Schlacht würde stattgefunden haben und eine Niederlage wäre für Wilhelm +der Todesstoß gewesen. Selbst ein Sieg würde alle seine tief +durchdachten politischen Pläne zerstört haben. Er hatte daher +wohlweislich beschlossen, die Verfolger, falls er mit ihnen +zusammentreffen sollte, in ihrer Muttersprache zu begrüßen und sie durch +einen Admiral, unter dem sie gedient hatten, und den sie hochachteten, +bitten zu lassen, daß sie nicht gegen alte Kameraden für papistische +Tyrannei fechten sollten. Eine solche Aufforderung konnte möglicherweise +einem Zusammenstoße vorbeugen. Erfolgte aber dennoch ein solcher, so +standen wenigstens zwei englische Befehlshaber einander gegenüber, und +der Stolz der Inselbewohner wurde nicht verwundet, wenn sie erfuhren, +daß Dartmouth vor Herbert hatte die Flagge streichen müssen.[91] + + [Anmerkung 91: Avaux, 12.(22.) Juli u. 14.(24.) Aug. 1688. Herr de + Jonge, der mit den Nachkommen des holländischen Admirals Evertson + verwandt ist, hat die Gefälligkeit gehabt, mir einige aus + Familienpapieren entnommene interessante Notizen mitzutheilen. In + einem vom 6.(16.) Sept. 1688 datirten Briefe an Bentinck legt + Wilhelm ein großes Gewicht auf die Nothwendigkeit, einen + Zusammenstoß zu vermeiden und bittet Bentinck darum, dies Herbert + vorzustellen. +»Ce n'est pas le tems de faire voir sa bravoure, ni + de se battre si l'on le peut éviter. Je luy l'ai déjà dit, mais il + sera nécessaire que vous le répétiez, et que vous le luy fassiez + bien comprendre.«+] + + +[_Er passirt die Meerenge._] Zum Glück war Wilhelm's Vorsicht +überflüssig. Bald nach Mittag passirte er die Meerenge. Seine Flotte +breitete sich auf eine Meile Entfernung von Dover im Norden und von +Calais im Süden aus. Die Kriegsschiffe auf der äußersten Rechten und der +äußersten Linken begrüßten beide Festungen gleichzeitig. Die Truppen +traten auf dem Verdeck unters Gewehr, und das Geschmetter der Trompeten, +der Klang der Cymbeln und der Trommelwirbel wurden an der englischen und +der französischen Küste zu gleicher Zeit deutlich gehört. Eine unzählige +Menge Neugieriger verdunkelte das weiße Gestade von Kent. Eine nicht +minder zahlreiche Menge bedeckte die Küste der Picardie. Rapin de +Thoyras, der durch Verfolgung aus seinem Vaterlande vertrieben, in der +holländischen Armee Dienste genommen hatte und den Prinzen nach England +begleitete, schilderte viele Jahre später das Schauspiel als das +prächtigste und erhabenste, das je ein menschliches Auge gesehen. Bei +Sonnenuntergang befand sich die Flotte auf der Höhe von Beachy Head. +Jetzt wurden die Lichter angezündet. Das Meer strahlte davon viele +Meilen im Umkreise. Aber die Blicke aller Steuermänner waren die ganze +Nacht hindurch auf drei kolossale Laternen gerichtet, welche am Spiegel +der »Brill« leuchteten.[92] + +Unterdessen war von Dover ein Courier nach Whitehall abgeschickt worden +mit der Nachricht, daß die holländische Flotte die Meerenge passirt habe +und westwärts steure. Dies machte eine sofortige Abänderung aller +militairischen Anordnungen nöthig. Nach allen Richtungen hin wurden +Eilboten ausgesandt, die Offiziere mitten in der Nacht aus den Betten +geholt. Am Sonntag Morgen um drei Uhr fand in Hyde Park eine große +Musterung bei Fackelschein statt. In der Voraussetzung, daß Wilhelm in +Yorkshire landen werde, hatte der König mehrere Regimenter nach dem +Norden geschickt. Es wurden unverzüglich Expresse abgefertigt, um sie +zurückzurufen. Alle Truppen bis auf diejenigen, welche zur +Aufrechthaltung der Ruhe in der Hauptstadt nöthig waren, wurden nach dem +Westen beordert. Salisbury war zum Sammelplatz bestimmt; da man es aber +für möglich hielt, daß Portsmouth der erste Angriffspunkt werden könnte, +so brachen drei Bataillone Garden und ein starkes Kavalleriecorps nach +dieser Festung auf. In einigen Stunden erfuhr man, daß Portsmouth sicher +sei, und die Truppen erhielten deshalb sofort den Befehl, umzukehren und +nach Salisbury zu eilen.[93] + + [Anmerkung 92: +Rapin's History+; +Whittle's Exact Diary+. Ich + habe einen aus der damaligen Zeit herrührenden Plan von der + Ordnung gesehen, in welcher die Flotte segelte.] + + [Anmerkung 93: Adda, 5.(15.) Nov. 1688; Neuigkeitsbrief in der + Mackintosh-Sammlung; Citters, 6.(16.) Nov.] + + +[_Seine Landung bei Torbay._] Als der Sonntag, der 4. November, anbrach, +hatte die holländische Flotte die Klippen der Insel Wight in Sicht. +Dieser Tag war zu gleicher Zeit Wilhelm's Geburtstag und Hochzeitstag. +Während der ersten Stunden des Morgens wurden die Segel losgemacht und +auf den Schiffen Gottesdienst gehalten. Am Nachmittag und die Nacht +durch steuerte die Flotte in der bisher verfolgten Richtung weiter. +Torbay war der Ort, wo Wilhelm zu landen gedachte. Der Morgen des 5. +November war trübe und nebelig, so daß der Steuermann der »Brill« die +Seezeichen nicht erkennen konnte und die Flotte zu weit westlich führte. +Die Gefahr war groß. Dem Wind entgegen wieder umzukehren war unmöglich. +Der nächste Hafen war Plymouth, aber dort lag eine Garnison unter dem +Commando des Lord Bath. Diese konnte sich der Landung möglicherweise +widersetzen und ein Unfall konnte schlimme Folgen haben. Überdies konnte +man kaum daran zweifeln, daß die königliche Flotte jetzt die Themse +verlassen hatte und mit vollen Segeln dem Kanal zusteuerte. Russell +erkannte die ganze Größe der Gefahr und sagte zu Burnet: »Sie können +immer beten, Doctor. Es ist Alles vorbei.« In diesem Augenblicke sprang +der Wind um, es erhob sich eine leichte Südbrise, der Nebel zerstreute +sich, die Sonne schien, und bei dem matten Lichte eines +Herbstnachmittags wendete sich die Flotte, umschiffte das hohe Cap Berry +Head und lief wohlbehalten in den Hafen von Torbay ein.[94] + +Seit der Zeit, als Wilhelm auf diesen Hafen blickte, hat sich die +Gestalt desselben sehr verändert. Das Amphitheater, welches das weite +Becken umgiebt, bietet jetzt überall Zeichen von Wohlstand und +Civilisation dar. Am nordöstlichen Ende ist ein großer Badeort +entstanden, dessen milder italienischer Himmel Gäste aus den +entferntesten Theilen der Insel anzieht, denn hier blüht die Myrthe im +Freien und selbst der Winter ist milder als in Northumberland der April. +Die Einwohnerzahl beläuft sich auf ungefähr zehntausend Seelen. Die +neuerbauten Kirchen und Kapellen, die Bäder und Leseinstitute, die +Gasthöfe und öffentlichen Gärten, das Krankenhaus und das Museum, die +sich terrassenförmig an der Küste hinaufziehenden weißen Straßen, die +hinter Buschwerk und Blumenbeeten hervorschimmernden freundlichen +Landhäuser gewähren einen Anblick, wie ihn England im siebzehnten +Jahrhunderte nirgends aufweisen konnte. Auf der andren Seite der Bucht +liegt, durch Berry Head geschützt, der lebhafte Marktort Brixham, der +wohlhabendste Sitz unsres Fischhandels. Zu Anfang des gegenwärtigen +Jahrhunderts wurde hier ein Molo und ein Hafen angelegt, die sich aber +für den zunehmenden Verkehr bald als ungenügend erwiesen. Die +Bevölkerung beträgt etwa sechstausend Seelen und der Schiffsverkehr +beläuft sich auf mehr als zweihundert Segel. Der Tonnengehalt der +ein- und auslaufenden Schiffe übertrifft sehr oft den des Hafens von +Liverpool zu den Zeiten der Stuarts. Als aber die holländische Flotte in +der Torbay vor Anker ging, war sie nur als ein Hafen bekannt, in den +sich zuweilen die Schiffe vor den Stürmen des atlantischen Oceans +flüchteten. Das Gewühl des Handels und des Vergnügens störte noch nicht +die Ruhe ihrer stillen Ufer und nur spärliche Bauer- und Fischerhütten +lagen zerstreut umher auf dem Boden, der jetzt mit belebten Marktorten +und prächtigen Lusthäusern bedeckt ist. + +Die Landleute an der Küste von Devonshire gedachten noch in Liebe des +Namens Monmouth und verabscheuten den Papismus. Sie kamen daher ans Ufer +herbeigeströmt, um Lebensmittel und Dienstleistungen anzubieten. Die +Ausschiffung begann unverzüglich. Sechzig Böte brachten die Truppen ans +Ufer. Zuerst wurde Mackay mit den britischen Regimentern ans Land +gesetzt. Ihm folgte bald nachher der Prinz. Er landete an der Stelle, wo +sich gegenwärtig der Quai von Brixham befindet. Die Gegend hat jetzt ein +ganz andres Aussehen. Wo wir jetzt einen mit Fahrzeugen angefüllten +Hafen und einen von Käufern und Verkäufern wimmelnden Marktort +erblicken, brachen sich damals die Wogen an einer öden Küste; aber ein +Stück von dem Felsen, auf den der Befreier beim Aussteigen aus seinem +Boote trat, ist sorgsam aufbewahrt und in der Mitte des geräuschvollen +Quais als ein Gegenstand der öffentlichen Verehrung aufgestellt worden. + +Sobald der Prinz den Fuß auf festen Boden gesetzt hatte, verlangte er +Pferde, und zwei Thiere, wie die kleinen Gutsbesitzer sie damals zu +reiten pflegten, wurden aus dem nächsten Dorfe herbeigeschafft. Wilhelm +und Schomberg bestiegen dieselben und ritten fort, um die Gegend zu +recognosciren. + +Sobald Burnet ans Land gestiegen war, eilte er zu dem Prinzen, und es +fand ein ergötzliches Gespräch zwischen ihnen statt. Burnet ergoß sich +in freudige Beglückwünschungen und fragte dann begierig, was Seine +Hoheit zu thun gedenke. Militairs haben selten Lust, sich über +kriegerische Angelegenheiten mit Geistlichen zu berathen, und Wilhelm +betrachtete die Einmischung von Laien in Kriegsfragen mit noch größerem +Widerwillen als andere Soldaten bei solchen Gelegenheiten. Aber er war +in diesem Augenblicke gerade besonders gutgelaunt, und anstatt daher +durch einen kurzen, dem Gespräch sofort ein Ende machenden Verweis sein +Mißfallen zu äußern, reichte er seinem Kaplan freundlich die Hand und +antwortete auf dessen Frage mit einer andren, indem er sagte: »Nun, +Doctor, was halten Sie jetzt von der Prädestination?« Der Tadel war so +mild, daß Burnet, der eben nicht sehr feinfühlend war, ihn gar nicht +fühlte. Er antwortete mit großer Wärme, daß er nie vergessen werde, wie +sichtbar der Himmel ihr Unternehmen begünstigt habe.[95] + +Am ersten Tage hatten die ausgeschifften Truppen manche +Unannehmlichkeiten zu ertragen. Der Boden war vom Regen erweicht, und +die Bagage war noch auf den Schiffen. Hohe Offiziere mußten in +durchnäßten Kleidern auf der feuchten Erde schlafen und der Prinz selbst +hatte kein besseres Obdach als eine gewöhnliche Hütte. Auf dem +Strohdache derselben wurde sein Banner aufgepflanzt und einige Betten, +die man von seinem Schiffe mitgebracht hatte, wurden auf den Boden +gebreitet.[96] Die Ausschiffung der Pferde machte einige +Schwierigkeiten, und es hatte ganz den Anschein, als würde dieses +Geschäft mehrere Tage Zeit wegnehmen. Am folgenden Morgen aber +erheiterte sich die Aussicht. Der Wind legte sich und das Wasser der Bai +war eben wie ein Spiegel. Einige Fischer zeigten eine Stelle, wo sich +die Schiffe der Küste bis auf sechzig Fuß nähern konnten. Dies geschah +und in drei Stunden wurden mehrere hundert Pferde wohlbehalten ans Land +geschafft. + +Die Ausschiffung war kaum beendigt, so erhob sich der Wind von neuem und +schwoll bald zu einem heftigen Weststurme an. Der zur Verfolgung den +Kanal herabkommende Feind war durch den nämlichen Witterungswechsel, +welcher dem Prinzen die Landung ermöglichte, aufgehalten worden. Seit +zwei Tagen lag die königliche Flotte auf windstiller See angesichts +Beachy Head. Endlich konnte Dartmouth wieder unter Segel gehen. Er fuhr +bei der Insel Wight vorüber und eines seiner Schiffe bekam die +Mastspitzen der bei Torbay liegenden Holländer in Sicht. Gerade in +diesem Augenblicke erhob sich der ihm widrige Sturm, der ihn zwang, sich +in den Hafen von Portsmouth zu flüchten.[97] Jakob, der in +Schifffahrtsangelegenheiten wohl ein Urtheil hatte, erklärte damals, er +sei fest überzeugt, daß sein Admiral Alles gethan habe, was in eines +Menschen Macht stehe und daß er nur der unüberwindlichen Feindschaft des +Windes und der Wogen gewichen sei. Zu einer späteren Zeit begann der +unglückliche Fürst mit schlechtem Grunde Dartmouth des Verraths oder +wenigstens eines Mangels an Energie zu beschuldigen.[98] + +Das Wetter hatte in der That die protestantische Sache so auffallend +begünstigt, daß manche Leute, deren Frömmigkeit größer war als ihr +Verstand, fest glaubten, die gewöhnlichen Gesetze der Natur seien um der +Erhaltung der Freiheit und der Religion Englands willen außer Kraft +gesetzt worden. Gerade vor hundert Jahren, sagten sie, sei die für +unüberwindlich gehaltene Armada durch den Zorn Gottes vernichtet worden. +Die bürgerliche Freiheit und die göttliche Wahrheit seien abermals in +Gefahr gewesen, und wieder hätten die gehorsamen Elemente für die gute +Sache gekämpft. Der Wind habe kräftig aus Osten geblasen, als der Prinz +den Kanal hinabzusegeln wünschte, sei nach Süden umgesprungen, als er +habe in die Torbai einfahren wollen, habe sich für die Dauer der +Ausschiffung gelegt und sei sobald die Ausschiffung vollendet gewesen, +wieder zu einem Sturme angeschwollen, der den Verfolgern gerade ins +Gesicht wehte. Auch unterließ man nicht, auf das sonderbare +Zusammentreffen Gewicht zu legen, daß der Prinz unsere Küsten gerade an +dem Tage erreicht hatte, an welchem die anglikanische Kirche die +wunderbare Errettung des königlichen Hauses und der drei Stände von dem +schwärzesten Complot, das die Papisten jemals ersonnen, durch Gebet und +Dankgottesdienst feierte. Carstairs, dessen Winke bei dem Prinzen stets +beachtet wurden, rieth dazu, daß sogleich nach bewerkstelligter Landung +ein öffentlicher Dankgottesdienst für den sichtbaren Schutz, den der +Himmel dem Unternehmen habe angedeihen lassen, gehalten werden solle. +Der Rath wurde befolgt und hatte außerordentlich gute Wirkung. Die +Truppen, die sich nun als Günstlinge des Himmels betrachten lernten, +wurden von neuem Muthe beseelt und das englische Volk faßte die +günstigste Meinung von einem General und einer Armee, welche den +Pflichten der Religion so große Aufmerksamkeit schenkten. + +Am Dienstag den 6. November begann Wilhelm's Armee landeinwärts zu +marschiren. Einige Regimenter rückten bis Newton Abbot vor. Ein im +Mittelpunkte dieses Städtchens errichteter Denkstein bezeichnet noch die +Stelle, wo die Erklärung des Prinzen den Bewohnern feierlich vorgelesen +wurde. Die Truppen konnten sich nur langsam vorwärts bewegen, denn der +Regen fiel in Strömen und die Straßen Englands befanden sich damals noch +in einem Zustande, der Leuten, welche die vortrefflichen +Communicationswege Hollands gewohnt waren, entsetzlich vorkam. Wilhelm +nahm auf zwei Tage sein Hauptquartier in Ford, einer Besitzung der alten +und vornehmen Familie von Courtenay, unweit Newton Abbot. Er fand hier +eine prächtige Wohnung und glänzende Bewirthung, aber es ist auffallend, +daß der Hausherr, obgleich ein eifriger Whig, nicht der Erste sein +wollte, der Leben und Eigenthum aufs Spiel setzte, und sich sorgfältig +hütete, irgend etwas zu thun, was, im Fall der König die Oberhand +behielt, als ein Verbrechen angesehen werden konnte. + + [Anmerkung 94: +Burnet, I. 788+; Auszüge aus den Legge'schen + Papieren in der Mackintosh-Sammlung.] + + [Anmerkung 95: Ich glaube, wer Burnet's Bericht von dieser + Unterredung mit dem Bericht Dartmouth's vergleicht, kann nicht + zweifeln, daß ich den Vorgang richtig dargestellt habe.] + + [Anmerkung 96: Ich habe eine Abbildung der Ausschiffung aus der + damaligen Zeit gesehen. Einige Männer bringen eben die Betten des + Prinzen in die Hütte, auf deren Dache seine Fahne weht.] + + [Anmerkung 97: +Burnet, I. 789+; Legge-Papiere.] + + [Anmerkung 98: Unterm 9. Nov. 1688 schrieb Jakob an Dartmouth: + »Niemand hätte anders zu Werke gehen können als Sie es gethan + haben. Ich bin überzeugt, daß alle erfahrenen Seeleute der + nämlichen Meinung sein müssen.« Siehe dagegen +Clarke's Life of + James, II. 207. Orig. Mem.+] + + +[_Sein Einzug in Exeter._] In Exeter herrschte inzwischen große +Aufregung. Sobald der Bischof Lamplugh erfuhr, daß die Holländer in der +Torbai angekommen waren, eilte er in Todesangst nach London. Der Dechant +entfloh aus der Dechanei. Die Behörden waren für den König, die große +Masse der Einwohner für den Prinzen. Alles gerieth in die größte +Bestürzung, als am Morgen des 8. November ein Truppencorps unter +Mordaunt's Commando vor der Stadt erschien. Mit Mordaunt zugleich kam +Burnet, dem Wilhelm aufgetragen hatte, die Geistlichkeit der Kathedrale +vor Beleidigungen und Insulten zu schützen.[99] Der Mayor und die +Aldermen hatten die Thore schließen lassen, öffneten sie aber auf die +erste Aufforderung. Die Dechanei wurde zum Empfang des Prinzen +eingerichtet. Am folgenden Tage, Freitag den neunten, kam er an. Die +Behörden waren dringend aufgefordert worden, ihn am Thore der Stadt mit +Gepränge zu empfangen, hatten dies aber beharrlich verweigert. Der Pomp +dieses Tages konnte sie auch entbehren. Ein solches Schauspiel hatte +Devonshire noch nie gesehen. Viele kamen eine halbe Tagereise weit +herbei, um den Vorkämpfer ihres Glaubens zu begrüßen. Alle umliegenden +Dörfer sandten ihre Einwohnerschaft. Eine große Volksmenge, +hauptsächlich aus jungen Landleuten bestehend, die ihre Knotenstöcke +schwangen, hatte sich auf dem Gipfel des Haldonhügels versammelt, wo die +von Chudleigh kommende Armee zum ersten Male das reiche Thal der Exe und +die beiden massiven Thürme erblickte, welche aus der über der Hauptstadt +des Westens lagernden Rauchwolke emporragten. Der ganze Weg den Abhang +hinunter über die Ebene bis aus Ufer des Flusses war in seiner ganzen +Länge mit Zuschauern bedeckt. Vom Westthore bis zum Domplatze war das +Gedränge und der Jubel allenthalben so groß, daß anwesende Londoner sich +dabei an den Umzug des Lordmayors erinnerten. Die Häuser waren festlich +geschmückt und alle Thüren, Fenster, Balcons und Dächer mit Zuschauern +besetzt. Ein an kriegerischen Pomp gewöhntes Auge würde jedoch an dem +Schauspiele mancherlei zu tadeln gefunden haben, denn mehrere +beschwerliche Tagemärsche bei Regenwetter und auf Straßen, wo ein +Fußgänger bei jedem Schritte bis über die Knöchel in den Schmutz +einsank, hatten das Aussehen der Mannschaften und ihrer Monturstücke +eben nicht verbessert. Die Bevölkerung von Devonshire aber, welche an +den Glanz wohlgeordneter Feldlager durchaus nicht gewöhnt war, wurde von +Freude und Ehrfurcht überwältigt. Beschreibungen des kriegerischen +Schauspiels wurden im ganzen Lande verbreitet, und sie enthielten +Vieles, was wohl geeignet war, den Geschmack des gemeinen Volks an +Wunderdingen zu befriedigen. Denn die holländische Armee, aus Männern +zusammengesetzt, die unter verschiedenen Himmelsstrichen geboren waren +und unter verschiedenen Fahnen gedient hatten, gewährte Inselbewohnern, +welche größtentheils sehr undeutliche Begriffe von fremden Ländern +hatten, einen zugleich grotesken, prächtigen und furchtbaren Anblick. +Voran ritt Macclesfield an der Spitze von zweihundert Gentlemen meist +britischer Abkunft, mit blitzenden Helmen und Brustharnischen, auf +flämischen Schlachtrossen reitend. Jeder von ihnen hatte einen aus den +Zuckerplantagen der Küste von Guiana mitgebrachten Neger bei sich. Die +Bürger von Exeter, welche noch nie so viele Exemplare der afrikanischen +Menschenrace beisammengesehen hatten, betrachteten mit Staunen die +schwarzen Gesichter, welche durch gestickte Turbane und weiße Federn +noch mehr hervorgehoben wurden. Dann kam eine Schwadron schwedischer +Reiter mit gezogenen breiten Schwertern in schwarzer Rüstung und +Pelzmänteln. Sie erweckten ganz besonderes Interesse, denn man sagte, +daß sie aus einem Lande stammten, wo das Meer zugefroren und es die +Hälfte des ganzen Jahres hindurch Nacht sei, und daß sie die riesigen +Bären, deren Felle sie trugen, selbst erlegt hätten. Hierauf folgte, +umgeben von einer eleganten Truppe Gentlemen und Pagen das hoch +getragene Banner des Prinzen. Auf den breiten Falten desselben las die +Menge, welche Fenster und Dächer besetzt hielt, mit Wonne die +denkwürdige Inschrift: »Die protestantische Religion und die Freiheiten +Englands.« Der Jubel steigerte sich noch, als der Prinz selbst, mit +Brust- und Rückenharnisch und einer weißen Feder geschmückt auf seinem +weißen Streitrosse erschien. Mit welchem kriegerischen Anstande er sein +Pferd lenkte, wie sinnend und gebieterisch der Ausdruck seiner breiten +Stirn und seines Falkenauges war, kann man noch heute an Kneller's +Portrait von ihm sehen. Einmal milderten sich seine ernsten Gesichtszüge +zu einem Lächeln, als eine alte Frau, vielleicht eine von den eifrigen +Puritanerinnen, welche durch achtundzwanzig Jahre der Verfolgung im +festen Glauben auf den Trost Israels ausgeharrt hatte, vielleicht die +Mutter eines Rebellen, der in der blutigen Schlacht von Sedgemoor oder +bei dem noch fürchterlicheren Gemetzel der blutigen Assisen umgekommen +war, sich hervordrängte, sich mitten unter die gezogenen Schwerter und +bäumenden Rosse stürzte, die Hand des Befreiers berührte und ausrief, +daß sie jetzt glücklich sei. Nicht weit von dem Prinzen ritt ein Mann, +der mit ihm die aufmerksamen Blicke der Menge theilte. Das, sagte man, +sei der große Graf Schomberg, der erste Soldat in Europa, seitdem +Turenne und Condé nicht mehr wären, der Mann, dessen Genie und +Tapferkeit die portugiesische Monarchie auf dem Schlachtfelde von Montes +Claros gerettet, der Mann, der sich noch höheren Ruhm dadurch erworben, +daß er um seines Glaubens willen den Stab eines Marschalls von +Frankreich niedergelegt. Man hatte nicht vergessen, daß die beiden +Helden, welche, durch ihren gemeinsamen Protestantismus unauflöslich +aneinander gekettet, jetzt zusammen in Exeter einzogen, vor zwölf Jahren +einander unter den Mauern von Mastricht gegenüberstanden und daß damals +der Feuereifer des jungen Prinzen dem kalten Wissen des Veteranen, der +jetzt als Freund an seiner Seite ritt, nicht gewachsen war. Dann kam +eine lange Colonne des bärtigen Fußvolks der Schweizer, die sich seit +zwei Jahrhunderten in allen festländischen Kriegen durch vorzügliche +Tapferkeit und Disciplin ausgezeichnet, aber bis diesen Augenblick noch +nie auf englischem Boden gesehen worden waren. Hinter ihnen folgte eine +Reihe von Truppencorps, welche nach ihren Anführern Bentinck, Solms und +Ginkell, Talmash und Mackay genannt wurden. Mit besonderem Vergnügen +mochten die Engländer ein tapferes Regiment betrachten, das noch den +Namen des verehrten und bedauerten Ossory führte. Der Eindruck des +ganzen Schauspiels wurde noch erhöht durch die Erinnerung an die +denkwürdigen Ereignisse, an denen viele von den Kriegern, welche jetzt +durch das Westthor einmarschirten, Theil genommen. Denn sie hatten ganz +andren Dienst gesehen, als den der Miliz von Devonshire oder des Lagers +von Hounslow. Einige von ihnen hatten den ungestümen Angriff der +Franzosen auf dem Schlachtfelde von Seneff zurückgeschlagen, und Andere +hatten an jenem hochwichtigen Tage, an welchem die Belagerung von Wien +aufgehoben wurde, für das Christenthum mit den Ungläubigen die Schwerter +gekreuzt. Selbst die Sinne der Menge wurden durch die Einbildungskraft +getäuscht. Neuigkeitsbriefe verbreiteten nach allen Gegenden des Reichs +fabelhafte Berichte von der Gestalt und Körperkraft der Eingedrungenen. +Es wurde versichert, daß sie mit wenigen Ausnahmen sechs Fuß lang seien +und daß sie so große Lanzen, Schwerter und Musketen trügen, wie man sie +noch nie in England gesehen hätte. Das Erstaunen der Menge verminderte +sich nicht, als die Artillerie ankam, bestehend aus einundzwanzig +kolossalen ehernen Geschützen, deren jedes von sechzehn Lastpferden mit +Mühe fortgeschleppt wurde. Große Bewunderung erregte ein sonderbares, +auf Rädern ruhendes Gebäude. Es war eine ambulante Feldschmiede mit +allen zur Ausbesserung von Waffen und Fuhrwerken nöthigen Werkzeugen und +Materialien versehen. Nichts aber wurde mit so großem Erstaunen +betrachtet, als die Brücke von Böten, welche zum Übersetzen der Wagen +mit großer Leichtigkeit über die Exe geschlagen und dann eben so schnell +wieder auseinandergenommen wurde, um weiter transportirt zu werden. Wenn +man dem Gerücht glauben durfte, war sie nach einem Muster angefertigt, +welches die an der Donau gegen die Türken kämpfenden Christen erfunden +hatten. Die Fremden erweckten eben so große Zuneigung als Bewunderung. +Ihr umsichtiger Führer sorgte dafür, die Einquartierungen so zu +vertheilen, daß die Bewohner von Exeter und der umliegenden Ortschaften +so wenig als möglich belästigt wurden. Es wurde die strengste +Kriegszucht gehandhabt, und nicht allein Plünderung und +Gewaltthätigkeiten wirksam verhindert, sondern auch den Truppen +eingeschärft, daß sie sich gegen Jedermann, weß Standes er auch sei, +artig zu benehmen hätten. Diejenigen, die sich ihre Vorstellungen von +einer Armee nach dem Verfahren Kirke's und seiner Lämmer gebildet +hatten, waren ganz erstaunt, Soldaten zu sehen, welche niemals eine +Hausfrau barsch anfuhren und kein Ei nahmen ohne es zu bezahlen. In +Anerkennung dieses gesitteten Benehmens lieferte das Volk den Truppen +Lebensmittel im Überfluß und zu mäßigem Preise.[100] + +Sehr viel hing von dem Verfahren ab, welches in dieser wichtigen Krisis +die Geistlichkeit der anglikanischen Kirche beobachtete, und die +Mitglieder des Kapitels von Exeter waren die Ersten, welche aufgefordert +wurden, ihre Gesinnungen offen zu erklären. Burnet kündigte den +Canonici, welche durch die Flucht des Dechanten ihres Vorgesetzten +beraubt waren, an, daß sie hinfüro das Gebet für den Prinzen von Wales +nicht mehr sprechen dürften und daß zu Ehren der glücklichen Ankunft des +Prinzen von Oranien ein feierlicher Gottesdienst gehalten werden müßte. +Die Canonici fanden es nicht für gut, in ihren Chorstühlen zu +erscheinen; aber einige von den Chorsängern und Pfründnern waren +anwesend. Wilhelm begab sich mit militairischem Gepränge in die +Kathedrale. Als er die prächtige Vorhalle betrat, ließ die berühmte +Orgel, welche kaum von einer einzigen von denjenigen übertroffen wird, +die der Stolz seines Geburtslandes sind, Triumphklänge ertönen. Er +bestieg den Bischofssitz, einen prachtvollen Thron mit reichem +Schnitzwerk aus dem fünfzehnten Jahrhundert. Burnet stand am Fuße +desselben und zu beiden Seiten versammelte sich ein zahlreiches Gefolge +von Kriegern und Kavalieren. Die weißgekleideten Sänger stimmten das +Tedeum an. Als der Gesang, zu Ende war, las Burnet die Erklärung des +Prinzen vor; kaum aber hatte er die ersten Worte derselben gesprochen, +so drängten sich Geistliche und Sänger eiligst aus dem Chore. Am +Schlusse rief Burnet mit lauter Stimme: »Gott erhalte den Prinzen von +Oranien!« und viele Stimmen antworteten feierlich: »Amen!«[101] + +Am Sonntag, den 11. November, predigte Burnet vor dem Prinzen in der +Kathedrale und sprach über die sichtbare Gnade, welche Gott der +englischen Kirche und Nation gewährt. Um dieselbe Zeit ereignete sich in +einem bescheideneren Gotteshause ein sonderbarer Vorfall. Ferguson hatte +sich vorgenommen, in dem presbyterianischen Versammlungshause zu +predigen. Der Geistliche und die Ältesten wollten dies nicht zugeben; +aber der heftige und halbwahnsinnige Schurke, der wahrscheinlich die +Zeiten Fleetwood's und Harrison's zurückgekehrt glaubte, erbrach die +Thür, schritt mit dem Schwert in der Hand durch die Versammlung, bestieg +die Kanzel und hielt eine heftige Schmährede gegen den König. Die Zeit +für solche Albernheiten war vorüber und der Skandal erregte nur Spott +und Widerwillen.[102] + + [Anmerkung 99: +Burnet, I. 790.+] + + [Anmerkung 100: Siehe in Whittle's Tagebuch die Expedition Seiner + Hoheit und den um diese Zeit erschienenen Brief von Exon. Ich habe + selbst zwei geschriebene Neuigkeitsbriefe gesehen, in denen der + Einzug des Prinzen in Exeter geschildert war. Einige Monate darauf + schrieb ein schlechter Dichter ein Theaterstück betitelt: »Die + letzte Revolution.« Eine Scene spielt in Exeter. »Bataillone von + der Armee des Prinzen auf ihrem Marsche in die Stadt treten mit + wehenden Fahnen, unter Trommelwirbel und Zujauchzen der Bürger + auf.« Ein Edelmann, Namens Misopapas spricht: + + »Mylord, könnt Ihr Euch denken, + Wie furchtbar Schuld und Angst dem Hof geschildert + Eure Truppen? Man übertreibt die Zahl + Wie die Gestalt. Sechs Fuß soll jeder sein, gehüllt + In Bärenhaut, der Schweizer, Schwed' und Brandenburger.« + + In einem Liede, das kurz nach dem Einzuge in Exeter erschien, sind + die Irländer im Vergleich mit den Riesen, welche Wilhelm + commandirte, als wahre Zwerge geschildert: + + »O, Berwick, wehe Deinen Mannen, + Im Kampf mit dem Viaggio! + Gleich Zwergen wird man sie verhöhnen + Vor Brandenburgs und Schwedens Söhnen. + Coraggio. Coraggio!« + + Addison erwähnt in seinem +Freeholder+ den außerordentlichen + Eindruck, den diese romantischen Schilderungen machten.] + + [Anmerkung 101: +Expedition of the Prince of Orange+; +Oldmixon, + 755+; +Whittle's Diary; Eachard, III. 911+; +London Gazette, Nov. + 15. 1688.+] + + [Anmerkung 102: +London Gazette, Nov. 15. 1688+; +Expedition of + the Prince of Orange.+] + + +[_Unterredung des Königs mit den Bischöfen._] Während dieser Vorgänge in +Devonshire herrschte in London große Gährung. Die Erklärung des Prinzen +war trotz aller Vorsichtsmaßregeln jetzt in Jedermanns Händen. Am 6. +November beschied Jakob, der noch immer nicht wußte, auf welchem Theile +der Küste die Eroberer gelandet waren, den Primas nebst drei anderen +Bischöfen, Compton von London, White von Peterborough und Sprat von +Rochester, zu einer Conferenz in sein Privatkabinet. Der König hörte die +warmen Loyalitätsversicherungen der Prälaten gnädig an und gab ihnen +sein Wort darauf, daß er sie nicht in Verdacht habe. »Aber wo ist die +Rechtfertigung, die Sie mir bringen sollten?« fragte er dann. »Sire,« +antwortete Sancroft, »wir haben keine solche mitgebracht, denn wir +drängen uns nicht danach, uns vor der Welt rein zu waschen. Es ist uns +nichts Neues, daß wir verleumdet und fälschlich angeklagt werden. Unser +Gewissen und Eure Majestät sprechen uns frei: dies genügt uns.« -- »Ja,« +entgegnete der König, »aber eine Erklärung von Ihnen ist um meinetwillen +nothwendig.« Hierauf zeigte er den Prälaten ein Exemplar von dem +Manifeste des Prinzen und sagte: »Lesen Sie, wie hier von Ihnen +gesprochen ist« -- »Sire,« versetzte einer von den Bischöfen, »nicht +Einer unter Fünfhundert hält dieses Manifest für ächt.« -- »Nein!« rief +der König mit Heftigkeit; »dann würden diese Fünfhundert den Prinzen +herbeirufen, um mich zu ermorden!« -- »Das wolle Gott verhüten!« +erwiederten die Prälaten einstimmig. Aber der niemals helle Verstand des +Königs war jetzt völlig verwirrt. Es war eine seiner Eigenheiten, daß, +wenn man seiner Ansicht nicht beipflichtete, er glaubte, man ziehe seine +Wahrhaftigkeit in Zweifel. »Dieses Papier wäre nicht ächt?« rief er aus, +indem er die Blätter umwendete. »Verdiene ich keinen Glauben? Hat mein +Wort gar keinen Werth?« -- »Jedenfalls, Sire,« sagte einer der Bischöfe, +»ist dies keine geistliche Angelegenheit, sondern sie gehört in das +Bereich der Civilgewalt. Gott hat Eurer Majestät das Schwert in die Hand +gegeben, und es kommt uns nicht zu, in Ihre Functionen einzugreifen.« +Dann sagte der Erzbischof mit der sanften und gemäßigten Ironie, welche +die schmerzlichsten Wunden schlägt, der König müsse ihn entschuldigen, +wenn er zu keinem politischen Schriftstück seine Hand leihe. »Ich und +meine Amtsbrüder, Sire,« setzte er hinzu, »haben für unsre Einmischung +in Staatsangelegenheiten schon hart genug büßen müssen, und wir werden +uns vor einem derartigen Wiederholungsfalle sorgfältig hüten. Wir +unterschrieben einst eine durchaus harmlose Petition, wir überreichten +dieselbe auf die ehrerbietigste Weise, und wir mußten erfahren, daß wir +ein schweres Verbrechen begangen hatten. Nur durch Gottes gnädigen +Schutz wurden wir vom Untergange gerettet. Und, Sire, der Grund, den +Eurer Majestät Fiskal und Prokurator damals anführten, war der, daß wir +außerhalb des Parlaments Privatleute seien und daß Privatleute eine +strafbare Anmaßung begingen, wenn sie sich in die Politik mischten. Sie +griffen uns mit einer solchen Heftigkeit an, daß ich meinestheils mich +für verloren hielt.« -- »Ich danke Ihnen für diese Lection, Mylord von +Canterbury,« sagte der König; »ich hätte gedacht, daß Sie sich nicht für +verloren halten würden, wenn Sie in meine Hände fielen.« Eine solche +Sprache würde einem milden Herrscher ganz wohl angestanden haben, aber +sie klang sehr sonderbar aus dem Munde eines Fürsten, der eine Frau +lebendig verbrannt hatte, weil sie einen seiner fliehenden Feinde bei +sich aufgenommen, und dessen eigner Neffe in nutzloser Verzweiflung +seine Knie flehend umschlungen hatte. Der Erzbischof ließ sich dadurch +nicht zum Schweigen bringen. Er fuhr in seiner Rede fort und zählte die +Beleidigungen auf, welche die Creaturen des Hofes der Kirche Englands +zugefügt, wobei die Verhöhnung seiner eigenen Schreibart besonders +hervorgehoben wurde. Der König wußte nichts weiter zu erwiedern, als daß +es unnütz sei vergangene Beschwerden wieder aufzuwärmen und daß er +geglaubt habe, diese Dinge seien völlig vergessen. Während er selbst nie +die geringste Beleidigung vergaß, war es ihm unbegreiflich, wie Andere +nur einige Wochen lang die empfindlichste Beleidigung, die er jemals +zugefügt, im Gedächtniß behalten konnten. + +Endlich kam das Gespräch wieder auf den Punkt, von dem es ausgegangen +war. Der König bestand darauf, daß die Bischöfe öffentlich ihren Abscheu +gegen das Unternehmen des Prinzen erklären sollten. Unter zahlreichen +Versicherungen der unterwürfigsten Loyalität weigerten sie sich dessen +beharrlich. Der Prinz, sagten sie, behaupte sowohl von weltlichen als +von geistlichen Peers eingeladen worden zu sein. Die Beschuldigung sei +gemeinsam, warum solle also nicht auch die Rechtfertigung gemeinsam +sein? »Ich errathe Alles,« sagte der König; »einige weltliche Peers sind +bei Ihnen gewesen und haben Sie überredet, mir in dieser Angelegenheit +einen Strich durch die Rechnung zu machen.« Die Bischöfe versicherten +feierlich, daß dem nicht so sei. Aber es würde sonderbar aussehen, +bemerkten sie, wenn in einer Frage, bei welcher hochwichtige politische +und militairische Rücksichten im Spiele seien, die weltlichen Peers +völlig übergangen würden und die Prälaten allein eine hervorragende +Rolle spielen sollten. »Ich will es nun einmal so,« entgegnete Jakob. +»Ich bin Ihr König und ich muß wissen, was das Zweckmäßigste ist. Ich +will meinen eigenen Weg gehen, und ich verlange von Ihnen, daß Sie mich +unterstützen.« Die Bischöfe versicherten ihn, daß sie vollkommen bereit +seien, ihn im Bereiche ihres Wirkungskreises zu unterstützen, als +christliche Geistliche mit ihren Gebeten und als Peers des Königreichs +mit ihrem parlamentarischen Rathe. Jakob, der weder die Gebete von +Ketzern, noch den Rath von Parlamenten brauchte, sah sich bitter +getäuscht. Nach einem langen Wortwechsel sagte er endlich: »Genug, ich +will Sie nicht weiter belästigen. Da Sie mir nicht beistehen wollen, muß +ich mich auf mich selbst und auf meine eigenen Waffen beschränken.«[103] + + [Anmerkung 103: +Clarke's Life of James the Second, II. 210+; + +Sprat's Narrative+; Citters, 6.(16.) Nov. 1688.] + + +[_Ruhestörungen in London._] Kaum hatten die Bischöfe den König +verlassen, so brachte ein Courier die Nachricht, daß der Prinz von +Oranien am vorigen Tage in Devonshire gelandet sei. Während der +nächstfolgenden Woche war London in gewaltiger Aufregung. Am Sonntag, +den 11. November, verbreitete sich das Gerücht, daß in dem unter dem +Patronat des Königs zu Clerkenwell errichteten Kloster Messer, Bratroste +und Siedekessel versteckt wären, welche zur Folterung von Ketzern hätten +dienen sollen. Zahlreiche Menschenmassen belagerten das Gebäude und +schickten sich eben an, es zu demoliren, als eine Truppenabtheilung +ankam. Die Menge wurde auseinandergetrieben und mehrere von den +Aufwieglern wurden niedergemacht. Die Leichen der Gefallenen wurden von +einem Todtenschau-Gericht[104] untersucht, und dieses gab einen +Ausspruch ab, der für die allgemeine Volksstimmung sehr bezeichnend war. +Die Jury erklärte sich dahin, daß gewisse loyale und wohlgesinnte +Personen, welche ausgegangen seien, um eine Versammlung von +Landesverräthern und öffentlichen Feinden in einem Meßhause aufzuheben, +vorsätzlich von den Soldaten ermordet wären, und dieses sonderbare +Verdict war von sämmtlichen Geschwornen unterzeichnet. Die Mönche von +Clerkenwell, welche diese Symptome der Volksstimmung natürlich nicht +wenig beunruhigte, sorgten ängstlich für die Sicherung ihres Eigenthums. +Es gelang ihnen auch, den größten Theil ihres Mobiliars fortzuschaffen, +ehe dieses Vorhaben ruchbar geworden war. Endlich aber wurde der +Verdacht des Pöbels doch rege, die beiden letzten Lastwagen wurden in +Holborn angehalten und Alles was sich darauf befand, auf offener Straße +verbrannt. Die Angst unter den Katholiken war so groß, daß alle ihre +Gotteshäuser mit Ausnahme derjenigen, welche der königlichen Familie und +den auswärtigen Gesandten gehörten, geschlossen wurden.[105] + +Im Ganzen hatten jedoch die Dinge bis jetzt noch kein für Jakob +ungünstiges Aussehen. Die Eingedrungenen befanden sich schon über eine +Woche auf englischem Boden und noch hatte sich keine hervorragende +Persönlichkeit ihnen angeschlossen. Weder im Norden noch im Osten war +ein Aufstand ausgebrochen; kein Diener der Krone schien noch seiner +Pflicht untreu geworden zu sein; die königliche Armee sammelte sich +rasch in Salisbury, und wenn sie auch dem Heere Wilhelm's in der +Kriegszucht nachstand, so war sie doch an Zahl demselben überlegen. + + [Anmerkung 104: In England muß der Coroner bei unnatürlichen + Todesfällen eine Jury von zwölf Personen versammeln, welche + darüber zu entscheiden hat, ob ein Verbrechen begangen worden ist, + um in diesem Falle bei den zuständigen Gerichten Anzeige zu + machen. -- Der Übers.] + + [Anmerkung 105: +Luttrell's Diary+; Neuigkeitsbrief in der + Mackintosh-Sammlung; Adda, 16.(26.) Nov. 1688.] + + +[_Angesehene Männer fangen an zu dem Prinzen überzugehen._] Der Prinz +war ohne Zweifel überrascht und gekränkt durch die Lauheit Derer, die +ihn nach England eingeladen hatten. Das Volk von Devonshire hatte ihn +zwar mit allen Zeichen der Freude empfangen, aber kein Adeliger, kein +angesehener Gentleman war bis jetzt in sein Hauptquartier gekommen. Die +Erklärung dieser auffallenden Erscheinung ist wahrscheinlich in dem +Umstande zu suchen, daß er in einem Theile der Insel gelandet war, wo +man ihn nicht erwartet hatte. Im Norden hatten seine Freunde alle +Anstalten zu einem Aufstande getroffen, in der Voraussetzung, daß er +bald mit einer Armee bei ihnen sein werde. Seine Freunde im Westen aber +hatten gar nichts vorbereitet und waren natürlich betroffen, als sie +plötzlich aufgefordert wurden, sich an die Spitze einer so wichtigen und +gefährlichen Bewegung zu stellen. Dazu kam noch, daß sie die traurigen +Folgen eines Aufstandes: Galgen, abgeschlagene Köpfe, zerrissene +Glieder, Familien, die noch um tapfere Dulder trauerten, welche ihr +Vaterland aufrichtig aber nicht mit Klugheit geliebt, frisch im +Gedächtniß, ja dicht vor Augen hatten. Nach einer so schrecklichen und +so neuen Warnung war einige Unschlüssigkeit natürlich. Ebenso natürlich +aber war es auch, daß Wilhelm, der im Vertrauen auf die ihm aus England +zugekommenen Versprechungen, nicht nur seinen eignen Ruf und sein +persönliches Glück, sondern auch das Wohl und die Unabhängigkeit seines +Vaterlandes aufs Spiel gesetzt hatte, sich bitter gekränkt fühlte. Er +war in der That so aufgebracht, daß er schon davon sprach, sich nach +Torbay zurückzuziehen, seine Truppen wieder einzuschiffen, nach Holland +heimzukehren und Die, welche ihn verrathen hatten, ihrem verdienten +Schicksale zu überlassen. Endlich am Montag, den 12. November, schloß +sich ein in der Nähe von Crediton wohnender Gentleman, Namens +Burrington, der Fahne des Prinzen an, und diesem Beispiele folgten bald +mehrere von seinen Nachbarn. + + +[_Lovelace._] Schon waren aber auch Männer von wichtigerer Bedeutung aus +verschiedenen Theilen des Landes nach Exeter aufgebrochen. Der erste von +diesen war Johann Lord Lovelace, ein Mann, der sich durch feinen +Geschmack, durch Prachtliebe und durch die tollkühne und maßlose +Heftigkeit seines Whiggismus auszeichnete. Er war fünf- oder sechsmal +wegen politischer Vergehen in Haft gewesen. Das letzte ihm zur Last +gelegte Verbrechen war, daß er die Rechtsgültigkeit eines von einem +römisch-katholischen Friedensrichter angestellten Verhaftbefehls +verächtlich geleugnet hatte. Er war vor den Geheimen Rathe gefordert und +streng verhört worden, aber mit geringem Erfolge. Er weigerte sich +entschieden, sich schuldig zu bekennen und die Zeugenbeweise gegen ihn +waren ungenügend. Er wurde entlassen, aber ehe er sich entfernte, rief +Jakob ihm mit großer Heftigkeit zu: »Mylord, dies ist nicht der erste +Streich, den Sie mir gespielt haben.« -- »Sire,« entgegnete Lovelace +unerschrocken, »ich habe weder Eurer Majestät noch sonst Jemandem je +einen Streich gespielt. Wer mich dessen bei Eurer Majestät angeklagt +hat, ist ein Lügner.« Bald darauf war Lovelace von Denen, welche den +Plan zu einer Revolution entworfen hatten, ins Vertrauen gezogen +worden.[106] Sein Schloß, das seine Vorfahren von der Beute +indisch-spanischer Galleonen erbaut, stand auf den Trümmern eines Hauses +Unserer Lieben Frau in dem schönen Thale, durch welches die Themse, noch +nicht durch die Nähe einer großen Hauptstadt verunreinigt, noch mit der +Ebbe und Fluth des Meeres fallend und steigend, unter Buchenwäldern +zwischen den lieblichen Anhöhen von Berkshire dahin strömt. Unter dem +von italienischen Malern decorirten Prunksaale befand sich ein gewölbtes +Souterrain, in welchem hin und wieder Gebeine von vorzeitlichen Mönchen +gefunden worden waren. In diesem finstren Gemache hatten eine Anzahl +eifriger und verwegener Gegner der Regierung während der angstvollen +Zeit, als England mit Ungeduld auf protestantischen Wind wartete, viele +nächtliche Zusammenkünfte gehalten.[107] Jetzt war der Augenblick zum +Handeln gekommen, Lovelace brach mit siebzig wohl bewaffneten und +berittenen Begleitern nach dem Westen auf. Er erreichte ohne +Schwierigkeit Gloucestershire. Aber Beaufort, der Statthalter dieser +Grafschaft, verwendete sein hohes Ansehen und seinen ganzen Einfluß zu +Gunsten der Krone. Die Miliz war aufgeboten und eine starke Abtheilung +derselben nach Cirencester verlegt worden. Als Lovelace hier ankam, +wurde er bedeutet, daß ihm der Durchzug nicht gestattet werden könne. Er +mußte daher entweder von seinem Vorhaben abstehen, oder sich +durchschlagen. Er beschloß das Letztere zu versuchen und seine Freunde +und Untergebenen schlugen sich tapfer. Es fand ein hitziges Gefecht +statt. Die Miliz verlor einen Offizier und sechs oder sieben Mann; +endlich aber wurde Lovelace's Truppe überwältigt und er selbst gefangen +genommen und nach Gloucester Castle geschickt.[108] + + [Anmerkung 106: Johnstone, 27. Febr. 1688; Citters unter demselben + Datum.] + + [Anmerkung 107: +Lyson's Magna Britannia, Berkshire.+] + + [Anmerkung 108: +London Gazette, Nov. 15. 1688+; +Luttrell's + Diary.+] + + +[_Colchester._] Andere waren glücklicher. An dem Tage, an welchem das +Scharmützel bei Circencester stattfand, kam Richard Savage, Lord +Colchester, Sohn und Erbe des Earls Rivers und durch eine unerlaubte +Liebe Vater jenes unglücklichen Dichters[109], dessen Verbrechen und +Mißgeschicke eine der dunkelsten Seiten der Literaturgeschichte füllen, +mit sechzig bis siebzig Reitern in Exeter an. Mit ihm zugleich traf der +kühne und unruhige Thomas Wharton ein. Wenige Stunden später kam Eduard +Russell, Sohn des Earls von Bedford und Bruder des tugendhaften +Edelmanns, dessen Blut auf dem Schaffot geflossen war. Kurz darauf wurde +die Ankunft eines andren noch wichtigeren Mannes gemeldet. + + [Anmerkung 109: Richard Savage. -- Der Übers.] + + +[_Abingdon._] Colchester, Wharton und Russell gehörten der Partei an, +welche dem Hofe von jeher opponirt hatte. Jakob Bertin, Earl von +Abingdon dagegen war stets als eine Stütze der Willkürherrschaft +betrachtet worden. Er war in den Tagen der Ausschließungsbill Jakob treu +geblieben, war als Lordlieutenant von Oxfordshire mit Energie und +Strenge gegen die Anhänger Monmouth's verfahren und hatte zur Feier der +Niederlage Argyle's Freudenfeuer angezündet. Aber die Furcht vor dem +Papismus hatte ihn zur Opposition und Empörung getrieben. Er war der +erste Peer des Reichs, der im Hauptquartier des Prinzen von Oranien +erschien.[110] + +Doch von Denen, die sich offen gegen seine Autorität auflehnten, hatte +der König weniger zu befürchten, als von der im Dunklen schleichenden +Verschwörung, deren Verzweigungen sich durch seine Armee und bis in +seine Familie erstreckten. Als die Seele dieser Verschwörung muß +Churchill betrachtet werden, der in Bezug auf Scharfblick und +Gewandtheit seines Gleichen nicht hatte, den die Natur mit einer +gewissen kaltblütigen Unerschrockenheit ausgestattet, die sich weder im +Kampfe noch im Lügen je verleugnete, und welcher dabei einen hohen +militairischen Rang einnahm und sich der Gunst der Prinzessin Anna in +hohem Grade erfreute. Für ihn war jedoch die Zeit zu dem entscheidenden +Schlage noch nicht gekommen. Indessen brachte er doch schon jetzt durch +die Vermittelung eines untergeordneten Werkzeugs der Sache des Königs +eine gefährliche, wenn nicht tödtliche Wunde bei. + + [Anmerkung 110: +Burnet, I. 790+; +Life of William, 1703.+] + + +[_Abfall Cornbury's._] Eduard Viscount Cornbury, der älteste Sohn des +Earls von Clarendon, war ein junger Mann von unbedeutenden Geistesgaben, +von lockeren Grundsätzen und heftigem Temperament. Man hatte ihn von +Jugend auf gelehrt, seine Verwandtschaft mit der Prinzessin Anna als die +Grundlage seines zukünftigen Glücks zu betrachten, und ihm eingeschärft, +daß er ihr fleißig den Hof machen solle. Seinem Vater war es nie in den +Sinn gekommen, daß die angestammte Loyalität der Hyde im Hause der +Lieblingstochter des Königs gefährdet sein könnte; aber in diesem Hause +führten die Churchill die unumschränkte Herrschaft und Cornbury wurde +ihr Werkzeug. Er commandirte eines von den nach dem Westen gesandten +Dragonerregimentern. Man hatte es so einzurichten gewußt, daß er am 14. +November einige Stunden lang der höchste Offizier zu Salisbury war, so +daß alle dort versammelten Truppen unter seinem Oberbefehl standen. Es +muß auffallend erscheinen, daß zu einem so kritischen Zeitpunkte die +Armee, auf welche Alles ankam, nur einen Augenblick dem Commando eines +jungen Obersten überlassen werden konnte, der weder Talent noch +Erfahrung hatte. Es kann wohl kaum einem Zweifel unterliegen, daß diese +Anordnung das Resultat eines geschickt angelegten Planes war, und eben +so wenig kann man darüber in Zweifel sein, welchem Kopfe und welchem +Herzen dieser Plan zuzuschreiben ist. + +Plötzlich erhielten drei von den in Salisbury stehenden +Kavallerieregimentern Befehl zum Abmarsch nach dem Westen. Cornbury +stellte sich an ihre Spitze und führte sie zuerst nach Blandford und +dann nach Dorchester. Von Dorchester brachen sie nach einer kurzen Rast +von einigen Stunden nach Axminster auf. Einige von den Offizieren +begannen Verdacht zu schöpfen und verlangten eine Erklärung dieser +sonderbaren Bewegungen. Cornbury antwortete, er habe Befehl, einen +nächtlichen Angriff auf eine Truppenabtheilung zu machen, die der Prinz +von Oranien bei Honiton postirt habe. Doch der Argwohn war einmal rege, +es wurden weitere Fragen gestellt, aber ausweichend beantwortet. Endlich +wurde Cornbury geradezu aufgefordert, seine Instruction vorzuzeigen. Er +sah ein, daß es ihm nicht nur unmöglich sein würde, mit allen drei +Regimentern überzugehen, sondern daß er sich auch selbst in einer höchst +gefährlichen Lage befand. In Folge dessen stahl er sich mit einigen +wenigen Begleitern fort in das holländische Hauptquartier. Der größte +Theil seiner Truppen kehrte nach Salisbury zurück; ein andrer Theil +aber, der von dem Hauptcorps detaschirt worden war und die Absichten des +Befehlshabers nicht ahnete, marschirte bis Honiton. Hier sahen sie sich +inmitten eines zu ihrem Empfange vollständig gerüsteten starken +Armeecorps. Widerstand war unmöglich. Ihr Anführer drang in sie, unter +Wilhelm zu dienen. Es wurde ihnen ein Monatssold als Geschenk angeboten, +und die Meisten nahmen dies an.[111] + +Die Nachricht von diesen Vorgängen kam am Fünfzehnten nach London. Jakob +war am Morgen dieses Tages sehr heiterer Laune gewesen. Der Bischof +Lamplugh hatte eben nach seiner Ankunft von Exeter dem Hofe seine +Aufwartung gemacht und war sehr gnädig empfangen worden. »Mylord,« sagte +der König zu ihm, »Sie sind ein ächter alter Kavalier.« Lamplugh erhielt +zum Lohn für seine Loyalität sofort das schon seit mehr als dritthalb +Jahren erledigte Erzbisthum York. Am Nachmittage, als der König sich +eben zu Tisch setzte, kam ein Expresser mit der Nachricht von Cornbury's +Abfall. Jakob erhob sich von der Tafel, ohne die Speisen zu berühren, +genoß nichts als eine Brotrinde und ein Glas Wein und zog sich in sein +Privatkabinet zurück. Er erfuhr später, daß nach seinem Weggange aus dem +Speisesaale mehrere anwesende Lords, in die er das größte Vertrauen +setzte, sich in der anstoßenden Gallerie die Hände geschüttelt und +einander beglückwünscht hatten. Als die Botschaft der Königin +mitgetheilt wurde, brach sie mit ihren Damen in Thränen und Wehklagen +aus.[112] + +Der Schlag war allerdings hart. Zwar belief sich der unmittelbare +Verlust der Krone und der unmittelbare Gewinn der Feinde auf kaum +zweihundert Mann und eben so viele Pferde. Aber wo konnte der König von +nun an hoffen, diejenigen Gesinnungen zu finden, welche die Stärke der +Staaten und der Armeen bilden? Cornbury war der Erbe eines Hauses, das +sich stets durch seine Anhänglichkeit an die Monarchie ausgezeichnet +hatte. Sein Vater Clarendon und sein Oheim Rochester waren Männer, deren +Loyalität für unerschütterlich galt. Wie stark mußte das Gefühl sein, +gegen welches die am tiefsten wurzelnden angeerbten Vorurtheile nicht +Stand hielten, das Gefühl, das einen jungen Offizier von vornehmer +Geburt zu einer durch Vertrauensbruch und grobe Falschheit +verschlimmerten Desertion bewegen konnte? Daß Cornbury kein besonders +talentvoller und unternehmender Mann war, machte den Vorfall nur noch +beunruhigender. Man konnte unmöglich daran zweifeln, daß er irgendwo +einen mächtigen und gewandten Verführer hatte. Wer dieser Verführer war, +das sollte sich bald zeigen. Mittlerweile aber konnte Niemand im +königlichen Lager sicher sein, daß er nicht von Verräthern umgeben war. +Politische Stellung, mititairischer Rang, Kavalierehre, Soldatenehre, +die stärksten Betheuerungen, das reinste Adelsblut boten keine +Sicherheit mehr. Jedermann konnte mit Grund zweifeln, ob nicht jeder +Befehl, den er von seinem Vorgesetzten erhielt, den Zwecken des Feindes +dienen sollte. Der pünktliche Gehorsam, ohne den eine Armee nichts als +ein zügelloser Pöbelhaufe ist, mußte nothwendig vorbei sein. Welche +Disciplin konnte man von Soldaten erwarten, welche eben einer Schlinge +entgangen waren, indem sie sich weigerten, ihren commandirenden Offizier +zu einer geheimen Expedition zu folgen, und indem sie auf Vorzeigung +seiner Befehle drangen? + +Cornbury wurde bald durch eine Menge in Rang und Fähigkeiten hoch über +ihm stehender Überläufer unterstützt; einige Tage lang aber stand er +ganz allein mit seiner Schande da und wurde von Vielen, welche nachher +seinem Beispiele folgten und ihn darum beneideten, daß er zuerst den +entehrenden Schritt gethan, heftig geschmäht. Unter diesen war sein +eigner Vater. Der erste Ausbruch von Clarendon's Zorn und Schmerz war +ergreifend. »O Gott!« rief er aus, »daß einer meiner Söhne ein Rebell +werden mußte!« Vierzehn Tage später entschloß er selbst sich dazu, ein +Rebell zu werden. Man würde ihm jedoch Unrecht thun, wollte man ihn für +einen bloßen Heuchler erklären. In Revolutionen lebt der Mensch schnell; +die Erfahrung von Jahren drängt sich in wenigen Stunden zusammen; alte +Gewohnheiten im Denken und Handeln werden gewaltsam gebrochen; man wird +mit Neuerungen, die auf den ersten Anblick Entsetzen und Abscheu +erwecken, binnen wenigen Tagen vertraut, man findet sie erträglich, ja +anziehend. Viele weit tugendhaftere und muthigere Männer als Clarendon +waren vor dem Schlusse jenes denkwürdigen Jahres zu Handlungen bereit, +die sie am Anfange desselben für ruchlos und entehrend erklärt haben +würden. + +Der unglückliche Vater tröstete sich so gut er konnte und hielt um eine +Privataudienz beim Könige an. Sie wurde ihm bewilligt. Jakob sagte mit +mehr als gewöhnlicher Freundlichkeit, daß er Cornbury's Verwandte +aufrichtig bedaure und sie von aller Schuld an dem Verbrechen ihres +entarteten Familienmitgliedes durchaus freispreche. Clarendon kehrte +nach Hause zurück und wagte es kaum, seinen Freunden ins Auge zu +blicken. Bald aber erfuhr er zu seinem Erstaunen, daß der Schritt, den +er anfangs für seine Familie auf immer entehrend gehalten hatte, von +vielen hochstehenden Personen gelobt wurde. Seine Nichte, die Prinzessin +von Dänemark, fragte ihn, warum er sich so zurückziehe. Er antwortete +ihr, daß die Schändlichkeit seines Sohnes ihn völlig zu Boden drücke. +Anna schien diesen Kummer durchaus nicht zu begreifen. »Das Volk,« sagte +sie, »ist der Herrschaft des Papismus müde. Ich glaube, daß Viele von +der Armee das Nämliche thun werden.«[113] + +Der König rief nun in seiner Angst alle noch in London anwesenden hohen +Offiziere zusammen. Churchill, welcher kurz vorher zum Generallieutenant +befördert worden war, erschien mit der heiteren Ruhe, die weder Gefahr +noch Schande je zu erschüttern vermochten. Heinrich Fitzroy, Herzog von +Grafton, der sich unter den natürlichen Kindern Karl's II. durch seine +Verwegenheit und Thätigkeit auszeichnete, wohnte der Zusammenkunft bei. +Grafton war Oberst des ersten Regiments der Fußgarden. Er scheint damals +ganz unter Churchills Einfluß gestanden zu haben und war bereit, bei der +ersten günstigen Gelegenheit die königliche Fahne zu verlassen. Außerdem +waren noch zwei andere Hochverräther anwesend, Kirke und Trelawney, +welche die damals unter der Bezeichnung der tangerschen Regimenter +bekannten zwei wilden und zügellosen Heerhaufen befehligten. Sie hatten +Beide, wie alle anderen protestantische Offiziere der Armee, die +Parteilichkeit, welche der König für die Mitglieder seiner eigenen +Kirche an den Tag legte, schon seit langer Zeit mit großem Mißfallen +betrachtet, und Trelawney erinnerte sich mit bitterem Grolle der +Verfolgung seines Bruders, des Bischofs von Bristol. Jakob hielt eine +Ansprache an die Versammlung, die eines besseren Mannes und einer +besseren Sache würdig gewesen wäre. Es könnte sein, sagte er, daß einige +von seinen Offizieren Gewissensbedenken hätten, für ihn zu kämpfen. Wenn +dem so wäre, sei er bereit, ihre Patente zurückzunehmen. Aber er +beschwöre sie als Gentlemen und Soldaten, das schmachvolle Beispiel +Cornbury's nicht nachzuahmen. Alle schienen tief ergriffen zu sein, am +tiefsten Churchill. Er war der Erste, der mit vortrefflich gespielter +Begeisterung gelobte, daß er sein Blut bis auf den letzten Tropfen für +seinen huldvollen Gebieter zu vergießen bereit sei. Grafton ergoß sich +in ähnliche laute Betheuerungen und seinem Beispiele folgten auch Kirke +und Trelawney.[114] + + [Anmerkung 111: +Clarke's Life of James the Second, II. 215. Orig. + Mem.+; +Burnet, I. 790+; +Clarendon's Diary, Nov. 15. 1688+; + +London Gazette, Nov. 17.+] + + [Anmerkung 112: +Clarke's Life of James the Second, II. 218+; + +Clarendon's Diary, Nov. 15. 1688+; Citters, 16.(26.) Nov.] + + [Anmerkung 113: +Clarendon's Diary, Nov. 15, 16, 17, 20. 1688.+] + + [Anmerkung 114: +Clarke's Life of James the Second, II. 219. Orig. + Mem.+] + + +[_Petition der Lords um Einberufung eines Parlaments._] Durch diese +Versicherungen getäuscht, schickte der König sich zum Aufbruch nach +Salisbury an. Vor seiner Abreise wurde er benachrichtigt, daß eine +beträchtliche Anzahl weltlicher und geistlicher Peers ihn um eine +Audienz bitten ließen. Sie kamen mit Sancroft an ihrer Spitze um eine +Petition zu überreichen, in der sie um Einberufung eines freien und +gesetzlichen Parlaments und um Einleitung von Unterhandlungen mit dem +Prinzen von Oranien baten. + +Die Geschichte dieser Petition ist interessant. Die Idee scheint zwei +wichtigen Parteihäuptern, welche lange Nebenbuhler und Feinde gewesen +waren, Rochester und Halifax, zu gleicher Zeit gekommen zu sein. Sie +zogen Beide unabhängig von einander die Bischöfe deshalb zu Rathe. Diese +zollten dem Vorschlage warmen Beifall. Es wurde nun darauf angetragen, +eine Generalversammlung der Peers anzuberaumen, um über die Form der dem +Könige zu überreichenden Adresse zu berathen. Es war gerade Terminzeit +der Gerichtshöfe, und zu dieser Zeit war Westminsterhall jeden Tag von +hochgestellten und vornehmen Männern angefüllt, wie gegenwärtig die +Clubs in Pall Mall und St. James Street. Nichts war leichter, als daß +die dort versammelten Lords sich zu einer Berathung in ein Nebenzimmer +begaben. Allein es erhoben sich unerwartete Schwierigkeiten. Halifax +wurde zuerst kalt und dann sogar der Sache abgeneigt. Es lag in seiner +Natur, gegen Alles Einwendungen zu entdecken und in gegenwärtigem Falle +wurde seine Erfindungsgabe durch die Eifersucht noch besonders +geschärft. Der Plan, der seinen Beifall gehabt hatte, so lange er ihn +als seinen eigenen betrachtete, begann ihm zu mißfallen, sobald er +entdeckte, daß es auch der Plan Rochester's war, der ihm so lange +hinderlich im Wege gestanden und ihn endlich verdrängt hatte, und gegen +den er eine so starke Abneigung empfand, als er bei seinem sanften +Character überhaupt gegen Jemanden empfinden konnte. Nottingham stand +damals bedeutend unter Halifax' Einflusse. Sie erklärten Beide, daß sie +die Adresse nicht unterzeichnen würden, wenn Rochester sie mit +unterzeichnete. Clarendon's Vorstellungen blieben erfolglos. »Es ist +nicht meine Absicht,« sagte Halifax, »Mylord Rochester zu beleidigen, +aber er ist Mitglied der kirchlichen Commission gewesen, die Proceduren +dieses Gerichtshofes werden bald einer strengen Untersuchung unterzogen +werden, und es ist unpassend, daß ein Mann, der einen Sitz darin +eingenommen hat, sich an unseren Maßregeln betheiligt.« Nottingham +sprach unter lebhaften Versicherungen seiner persönlichen Hochachtung +für Rochester die nämliche Ansicht aus. Die Autorität der beiden +dissentirenden Lords hielt mehrere andere Kavaliere ab, die Petition zu +unterschreiben; aber die Hyde und die Bischöfe blieben bei ihrem +Vorhaben. Es kamen neunzehn Unterschriften zusammen und die Petenten +begaben sich +in pleno+ zu dem Könige.[115] + +Er nahm ihre Adresse sehr ungnädig auf. Er versicherte zwar, daß er +selbst den Zusammentritt eines freien Parlaments dringend wünsche und +versprach ihnen auf sein königliches Wort, ein solches einzuberufen, +sobald der Prinz von Oranien die Insel wieder verlassen haben würde. +»Aber,« setzte er hinzu, »wie kann ein Parlament frei sein, so lange ein +Feind im Lande ist und nahe an hundert Stimmen gewinnen kann?« Zu den +Prälaten sprach er mit besonderer Gereiztheit. »Neulich,« sagte er, +»konnte ich Sie nicht dazu bewegen, Sich gegen die Invasion zu erklären; +jetzt aber sind Sie völlig bereit, Sich gegen mich zu erklären. Damals +wollten Sie Sich nicht in die Politik mischen; heute tragen Sie kein +Bedenken mehr, Sich in dieselbe zu mischen. Sie haben den Geist der +Empörung unter Ihren Heerden erregt, und jetzt schüren Sie ihn noch an. +Sie würden Ihre Zeit besser anwenden, wenn Sie sie lehrten mir zu +gehorchen, anstatt daß Sie mich lehren wollen zu regieren.« Sehr +aufgebracht war er auch gegen seinen Neffen Grafton, dessen Name +unmittelbar unter Sancroft's Namen stand, und er sagte mit großer +Heftigkeit zu dem jungen Manne: »Sie verstehen nichts von Religion, Sie +kümmern Sich auch gar nicht darum, und doch wollen Sie behaupten, daß +Sie ein Gewissen haben!« -- »Es ist wahr, Sire,« erwiederte Grafton mit +schamloser Offenheit, »ich habe sehr wenig Gewissen; aber ich gehöre +einer Partei an, die sehr viel hat«.[116] + +So gereizt die Sprache des Königs gegen die Bischöfe selbst war, so +wurde sie doch noch viel bitterer, nachdem sie sich entfernt hatten. In +der Hoffnung, sein pflichtvergessenes und undankbares Volk zufrieden zu +stellen, sagte er, habe er schon viel zu viel gethan. Der Gedanke an +Zugeständnisse sei ihm von jeher verhaßt gewesen, doch er habe sich +überreden lassen, und jetzt habe er wie sein Vater gesehen, daß +Zugeständnisse die Unterthanen nur noch anspruchsvoller machten. Er +wolle nun aber nichts mehr bewilligen, kein Atom, welche letzten zwei +Worte er seiner Gewohnheit nach mehrere Male mit Heftigkeit wiederholte. +Er wolle den Angreifern nicht nur keine Eröffnungen machen, sondern auch +keine von ihnen annehmen. Sollten die Holländer Parlamentaire schicken, +so würde der erste ohne Antwort zurückgeschickt und der zweite gehängt +werden.[117] + + [Anmerkung 115: +Clarendon's Diary vom 8. bis 17. Nov. 1688.+] + + [Anmerkung 116: +Clarke's Life of James the Second, II. 212. Orig. + Mem.+; +Clarendon's Diary, Nov. 17. 1688+; Citters, 20.(30.) Nov.; + +Burnet, I. 791+; +Some Reflections upon the most Humble Petition + to the King's most Excellent Majesty, 1688+; +Modest Vindication + of the Petition+; +First Collection of Papers relating to English + Affairs, 1688.+] + + [Anmerkung 117: Adda, 19.(29.) Nov. 1688.] + + +[_Der König begiebt sich nach Salisbury._] In dieser Stimmung reiste +Jakob nach Salisbury ab. Sein letzter Act vor seiner Abreise war die +Ernennung eines Rathes von fünf Lords, die ihn während seiner +Abwesenheit in London vertreten sollten. Zwei davon waren Papisten und +deshalb gar nicht befähigt zu diesem Amte. Ihnen zur Seite stand +Jeffreys, zwar ein Protestant, aber von der Nation mehr verabscheut, als +irgend ein Papist. Gegen die übrigen zwei Mitglieder des Collegiums, +Preston und Godolphin, war nichts Erhebliches einzuwenden. An dem Tage, +an welchem der König London verließ, wurde der Prinz von Wales nach +Portsmouth geschickt. Diese Festung hatte eine starke Besatzung und +Berwick war Gouverneur. Die von Dartmouth commandirte Flotte lag nahe +zur Hand, und so hoffte man, wenn die Dinge eine unglückliche Wendung +nahmen, den kleinen Prinzen ohne Schwierigkeit von Portsmouth nach +Frankreich bringen zu können.[118] + +Am Neunzehnten traf der König in Salisbury ein und stieg im +bischöflichen Palaste ab. Von allen Seiten kamen ihm nun in rascher +Aufeinanderfolge schlimme Nachrichten zu. Die westlichen Grafschaften +hatten sich endlich erhoben. Sobald Cornbury's Abfall bekannt wurde, +faßten sich viele reiche Grundeigenthümer ein Herz und eilten nach +Exeter. Unter ihnen befand sich Sir Wilhelm Portman von Bryanstone, +einer der angesehensten Männer von Dorsetshire, und Sir Franz Warre von +Hestercombe, der in Somersetshire großen Einfluß hatte.[119] + + [Anmerkung 118: +Clarke's Life of James, 220, 221.+] + + [Anmerkung 119: +Eachard's History of the Revolution.+] + + +[_Seymour._] Der Bedeutendste von den Neuangekommenen aber war Seymour, +der unlängst eine Baronetschaft geerbt hatte, welche jedoch seinen Rang +wenig erhöhte, und der in Folge seiner Geburt, seines politischen +Ansehens und seiner parlamentarischen Talente entschieden der erste +Torygentleman Englands war. Bei seiner ersten Audienz soll er seinen +characteristischen Stolz in einer Weise geäußert haben, die den Prinzen +überraschte und ergötzte. »Soviel ich weiß, Sir Eduard,« sagte Wilhelm, +der sehr artig zu sein glaubte, »gehören Sie zur Familie des Herzogs von +Somerset?« -- »Entschuldigen Sie, Sire,« entgegnete Sir Eduard, der nie +vergaß, daß er das Oberhaupt der älteren Linie der Seymour war, »der +Herzog von Somerset ist ein Mitglied meiner Familie«.[120] + + [Anmerkung 120: Seymour's Antwort an Wilhelm wird von vielen + Schriftstellern mitgetheilt. Sie hat große Ähnlichkeit mit einer + Anekdote, die man sich von der Familie Manriquez erzählt. Sie soll + zu ihrer Devise die Worte gewählt haben: +»Nos no descendemos de + los Reyes, sino los Reyes descienden de nos.« -- Carpentariana.+] + + +[_Wilhelm's Hoflager in Exeter._] Das Hauptquartier Wilhelm's fing nun +an das Aussehen eines Hofes zu gewinnen. Mehr als sechzig angesehene und +vermögende Männer wohnten in Exeter und die tägliche Schaustellung von +glänzenden Livreen und sechsspännigen Equipagen auf dem Domplatz verlieh +diesem stillen Orte etwas von dem in Whitehall herrschenden Glanze und +Leben. Das gemeine Volk konnte es kaum erwarten, die Waffen zu +ergreifen, und man hätte mit Leichtigkeit mehrere Bataillone Infanterie +bilden können. Schomberg aber, der auf frisch vom Pfluge genommene +Soldaten wenig Werth legte, war der Meinung, daß, wenn das Unternehmen +nicht ohne solche Hülfe gelingen könne, es überhaupt gar nicht gelingen +würde, und Wilhelm, der das Kriegshandwerk eben so genau kannte als +Schomberg, theilte diese Ansicht. Es wurden daher nur wenige neue +Regimenter errichtet und nur auserlesene Rekruten dazu genommen. + +Man hielt es jetzt für wünschenswerth, daß der Prinz die sämmtlichen in +Exeter anwesenden Edelleute und Gentlemen öffentlich empfing. Er hielt +eine kurze, aber würdevolle und wohl durchdachte Anrede an sie. Er +sagte, er kenne nicht alle um ihn Versammelten persönlich, aber er habe +eine Liste ihrer Namen und wisse, wie hoch sie in der Achtung ihres +Vaterlandes ständen. Er tadelte mit milden Worten ihr spätes Erscheinen, +sprach aber die zuversichtliche Hoffnung aus, daß es noch nicht zu spät +sei, das Königreich zu retten. »Somit,« schloß er, »heißen wir Euch, +Gentlemen, Freunde und Mitprotestanten, sowie Eure Begleiter an unsrem +Hofe und in unsrem Lager herzlich willkommen.«[121] + +Seymour, ein seit langer Zeit an die Parteitaktik gewöhnter Staatsmann +von scharfem Blicke, erkannte sogleich, daß die Partei, welche sich um +den Prinzen zu schaaren begonnen hatte, der Organisation bedurfte. Bis +jetzt, sagte er, sei sie nur ein Sandhaufen, kein gemeinsamer Zweck sei +öffentlich und feierlich angekündigt worden, Niemand habe sich noch zu +etwas verpflichtet. Sobald die Versammlung in der Dechanei wieder +auseinander gegangen war, ließ er Burnet rufen und schlug ihm vor, daß +ein Bund gebildet werden und alle englischen Anhänger des Prinzen eine +Urkunde unterzeichnen sollten, durch welche sie sich zur Treue gegen +ihren Führer und gegen einander verpflichteten. Burnet theilte diesen +Vorschlag dem Prinzen und Shrewsbury mit, die ihn Beide billigten. Es +wurde eine Versammlung in der Kathedrale gehalten und Burnet legte einen +Entwurf vor, der angenommen und eifrig unterzeichnet wurde. Die +Unterzeichner verpflichteten sich, die in der Erklärung des Prinzen +dargelegten Zwecke einmüthig zu verfolgen, ihm und sich selbst +gegenseitig beizustehen, gegen Jeden, der ein Attentat auf seine Person +unternehmen sollte, exemplarische Rache zu üben und selbst wenn ein +solches Attentat unglücklicherweise gelingen sollte, in ihrem +Unternehmen zu beharren, bis die Freiheiten und die Religion des Volks +wirksam gesichert seien.[122] + +Um die nämliche Zeit kam ein Bote vom Earl von Bath, der in Plymouth +commandirte, in Exeter an. Bath erklärte, daß er seine Person, seine +Mannschaft und die Festung, deren Gouverneur er war, dem Prinzen zur +Verfügung stelle. So hatten die Angreifenden keinen einzigen Feind mehr +im Rücken.[123] + + [Anmerkung 121: +Fourth Collection of Papers, 1688+; Brief von + Exon; +Burnet, I. 792.+] + + [Anmerkung 122: +Burnet, I. 792+; +History of the Desertion+; + +Second Collection of Papers, 1688.+] + + [Anmerkung 123: Brief von Bath an den Prinzen von Oranien vom 18. + Nov. 1688; Dalrymple.] + + +[_Aufstand im Norden._] Während der Westen sich so gegen den König +erhob, stand hinter ihm auch schon der ganze Norden in Flammen. Am +Sechzehnten griff Delamere in Cheshire zu den Waffen. Er rief seine +Pächter zusammen, forderte sie auf, ihm beizustehen, versprach ihnen, +daß, wenn sie im Kampfe fielen, die Pachtungen ihren Hinterlassenen aufs +neue bewilligt werden sollten, und ermahnte Jeden, der ein gutes Pferd +habe, entweder selbst ins Feld zu ziehen, oder einen Ersatzmann zu +stellen.[124] Er erschien mit funfzig bewaffneten und berittenen Männern +in Manchester und bevor er Boaden Downs erreichte, hatte sich seine +Truppe verdreifacht. + +Die benachbarten Grafschaften waren in heftiger Gährung. Es war +festgesetzt worden, daß Danby York nehmen und Devonshire in Nottingham +erscheinen sollte. In Nottingham erwartete man keinen Widerstand zu +finden, in York aber lag eine kleine Garnison unter dem Commando Sir +John Reresby's. Danby ging mit großer Klugheit und Umsicht zu Werke. Auf +den 22. November war eine Versammlung der Gentry und der Freisassen von +Yorkshire ausgeschrieben, um eine Adresse wegen der Lage der Dinge an +den König zu berathen. Alle Statthaltersubstituten der drei Bezirke, +mehrere Kavaliere und eine Menge reicher Esquires und wohlhabender +Freisassen hatten sich zu dieser Versammlung in der Provincialhauptstadt +eingefunden. Vier Abtheilungen Miliz waren zur Aufrechthaltung der Ruhe +und Ordnung commandirt. Das Rathhaus war gedrängt voll Freisassen und +die Berathung hatte eben begonnen, als sich plötzlich der Ruf vernehmen +ließ, die Papisten hätten sich erhoben und metzelten die Protestanten +nieder. Die Papisten von York waren viel wahrscheinlicher darauf +bedacht, sich zu verbergen, als einen Feind anzugreifen, der ihnen um +das Hundertfache überlegen war. Aber damals konnte eine Geschichte von +Papistenwuth noch so übernatürlich und wunderbar sein, sie fand dennoch +bereitwilligen Glauben. Die Versammlung ging erschreckt auseinander. Die +ganze Stadt war in Aufruhr. In diesem Augenblicke ritt Danby an der +Spitze von etwa hundert Reitern der Miliz entgegen und erhob den Ruf: +»Keinen Papismus! ein freies Parlament! die protestantische Religion!« +Die Miliz stimmte ein. In einem Nu war die Garnison überrumpelt und +entwaffnet. Der Gouverneur wurde in Gewahrsam gebracht, die Thore +geschlossen und überall Schildwachen ausgestellt. Man ließ den Pöbel +ungehindert eine katholische Kapelle niederreißen; sonst aber scheint +kein Unfug verübt worden zu sein. Am folgenden Morgen war die Guildhall +von den vornehmsten Gentlemen der Grafschaft und den höchsten +Magistratsbeamten der Stadt angefüllt. Der Lordmayor wurde zum +Vorsitzenden ernannt. Danby schlug eine Erklärung vor, in der die Gründe +dargelegt werden sollten, welche die Freunde der Verfassung und der +protestantischen Religion bewogen hatten, zu den Waffen zu greifen. +Diese Erklärung wurde mit allgemeinem Beifall angenommen und war binnen +wenigen Stunden von sechs Peers, fünf Baronets, sechs Rittern und vielen +hochangesehenen Gentlemen unterzeichnet.[125] + +Inzwischen verließ Devonshire an der Spitze einer starken Truppe von +Freunden und Untergebenen den Palast, den er eben in Chatsworth bauen +ließ, und erschien bewaffnet in Derby. Hier übergab er der städtischen +Behörde in aller Form eine Schrift, in der die Beweggründe seines +Unternehmens auseinandergesetzt waren. Dann marschirte er nach +Nottingham, das bald das Hauptquartier des Aufstandes im Norden wurde. +Hier erließ er eine in kühnen und harten Ausdrücken abgefaßte +Proklamation. Das Wort Rebellion, hieß es darin, sei ein Popanz, der +keinen verständigen Mann schrecken könne. Sei es Rebellion, die Gesetze +und den Glauben zu vertheidigen, zu deren Aufrechthaltung jeder +englische König sich eidlich verpflichte? Wie dieser Eid neuerdings +gehalten worden sei, darüber werde hoffentlich bald ein freies Parlament +entscheiden. Die Insurgenten erklärten, daß sie es, bis diese +Entscheidung erfolge, nicht für Rebellion, sondern nur für rechtmäßige +Nothwehr hielten, sich einem Tyrannen zu widersetzen, der kein andres +Gesetz kenne, als seinen Willen. Im Norden gewann der Aufstand mit jedem +Tage eine größere Ausdehnung. Vier mächtige und reiche Earls, +Manchester, Stamford, Rutland und Chesterfield, begaben sich nach +Nottingham, wo sich ihnen Lord Cholmondely und Lord Grey de Ruthyn +anschlossen.[126] + +Währenddem kamen die feindlichen Heere im Süden einander immer näher. +Als der Prinz von Oranien erfuhr, daß der König in Salisbury angekommen +war, hielt er es für an der Zeit, Exeter zu verlassen. Er stellte diese +Stadt und ihre Umgegend unter das Commando Sir Eduard Seymour's und +brach Mittwoch den 21. November in Begleitung vieler der angesehensten +Gentlemen der westlichen Grafschaften nach Axminster auf, wo er mehrere +Tage blieb. + +Der König wünschte sehnlichst, daß es zu einem Kampfe kommen möchte, was +offenbar in seinem Interesse lag. Jede Stunde entriß ihm etwas von +seiner Stärke und vermehrte die seiner Feinde. Überdies war es sehr +wichtig, daß seine Truppen sich ans Feuer gewöhnten. Eine große +Schlacht, welchen Ausgang sie auch nehmen mochte, konnte die Popularität +des Prinzen nur vermindern. Dies Alles erkannte Wilhelm sehr wohl und er +nahm sich deshalb vor, einen Zusammenstoß so lange als möglich zu +vermeiden. Als Schomberg die Nachricht erhielt, daß der Feind anrücke +und zu einer Schlacht entschlossen sei, soll er mit der Gelassenheit +eines sich seiner Geschicklichkeit bewußten Taktikers gesagt haben: »Das +wird lediglich von uns abhängen.« Es war indessen nicht möglich, alles +Scharmützeln zwischen den Vorposten der beiden Armeen zu verhindern. +Wilhelm wünschte, daß bei diesen Scharmützeln nichts geschah, was den +Stolz der Nation, die er befreien wollte, verletzen oder ihr Rachegefühl +aufstacheln könnte. Daher stellte er mit bewundernswerther Klugheit +seine britischen Regimenter dahin, wo die Wahrscheinlichkeit eines +Zusammenstoßes am größten war. Die Vorposten der königlichen Armee waren +Irländer, und in Folge dessen hatten die Eingedrungenen bei den kleinen +Gefechten dieses kurzen Feldzugs die aufrichtige Sympathie aller +Engländer für sich. + + [Anmerkung 124: +First Collection of Papers, 1688+; +London + Gazette, Nov. 22.+] + + [Anmerkung 125: +Reresby's Memoirs+; +Clarke's Life of James, II. + 231. Orig. Mem.+] + + [Anmerkung 126: +Cibber's Apology+; +History of the Desertion+; + +Luttrell's Diary+; +Second Collection of Papers, 1688+.] + + +[_Gefecht bei Wincanton._] Das erste derartige Treffen fand bei +Wincanton statt. Mackay's Regiment, das aus britischen Soldaten bestand, +lag in der Nähe einer Abtheilung irischer Truppen des Königs, welche ihr +Landsmann, der tapfere Sarsfield, befehligte. Mackay schickte ein +kleines Detachement unter einem Lieutenant Namens Campbell aus, um +Bagagepferde herbeizuschaffen. In Wincanton fand Campbell was er +brauchte, und als er eben die Stadt wieder verließ, um zur Armee +zurückzukehren, rückte eine starke Abtheilung von Sarsfield's Truppen +heran. Die Irländer waren ihren Gegnern um das Vierfache überlegen, +dennoch aber entschloß sich Campbell bis zum Äußersten zu kämpfen. Mit +einem Häuflein tapferer Männer stellte er sich auf der Straße auf, und +seine übrigen Soldaten besetzten die Hecken zu beiden Seiten der Straße. +Der Feind kam heran. »Halt!« rief Campbell, »für wen seid Ihr.« -- »Ich +bin für König Jakob,« antwortete der Anführer der feindlichen Truppe. +»Und ich für den Prinzen von Oranien,« versetzte Campbell. »Wir wollen +Euch beprinzen!« rief der Irländer mit einem Fluche. »Feuer!« +commandirte Campbell, und augenblicklich knatterte ein wohlgezieltes +Feuer hinter den Hecken hervor. Die königlichen Truppen erhielten drei +kräftige Salven, ehe sie das Feuer erwiedern konnten. Endlich gelang es +ihnen, eine der Hecken zu nehmen, und sie würden die ihnen +entgegenstehende kleine Schaar überwältigt haben, hätte nicht das +Landvolk, das die Irländer gründlich haßte, falschen Lärm gemacht, daß +noch mehr Truppen des Prinzen anrückten. Sarsfield rief seine Leute ab +und zog sich zurück und Campbell setzte mit den Bagagepferden seinen +Marsch ungehindert fort. Dieses Gefecht, das zwar dem Muthe und der +Disciplin der Armee des Prinzen Ehre machte, wurde durch die Fama zu +einem Siege vergrößert, den britische Protestanten über eine bedeutende +Übermacht von papistischen Barbaren davongetragen, welche aus Connaught +herübergeholt worden seien, um unsre Insel zu unterdrücken.[127] + +Wenige Stunden nach diesem Scharmützel ereignete sich ein Vorfall, der +jeder Wahrscheinlichkeit eines ernsten Kampfes zwischen den beiden +Armeen ein Ende machte. Churchill und einige von seinen Hauptcomplicen +befanden sich in Salisbury. Zwei der Verschwornen, Kirke und Trelawney, +hatten sich nach Warminster begeben, wo ihre Regimenter standen. Alles +war reif zur Ausführung des lange erwogenen Verraths. + +Churchill rieth dem Könige, Warminster zu besuchen und die dort +stehenden Truppen zu inspiciren. Jakob willigte ein und sein Wagen hielt +schon am Thore des bischöflichen Palastes, als er mit einem Male +heftiges Nasenbluten bekam. Er mußte die Reise aufschieben und sich +einer ärztlichen Behandlung unterziehen. Drei Tage vergingen, ehe die +Blutung völlig gestillt war und während dieser drei Tage kamen ihm +beunruhigende Gerüchte zu Ohren. + +Eine so weitverzweigte Verschwörung wie die, an deren Spitze Churchill +stand, konnte unmöglich lange streng geheim gehalten werden. Man hatte +zwar keine Beweise, die einer Jury oder einem Kriegsgericht hätten +vorgelegt werden können, aber es circulirten sonderbare Gerüchte im +Lager. Feversham, der das Obercommando führte, meldete, daß ein +schlechter Geist in der Armee herrsche. Man machte den König darauf +aufmerksam, daß gewisse Personen seiner nächsten Umgebung nicht seine +Freunde seien und daß es nur ein Schritt weiser Vorsicht sein würde, +wenn er Churchill und Grafton unter Bedeckung nach Portsmouth sendete. +Jakob verwarf diesen Rath. Neigung zum Argwohn gehörte nicht zu seinen +Fehlern. Im Gegentheil, er setzte ein so großes Vertrauen in +Versicherungen der Treue und Anhänglichkeit, wie man es wohl von einem +gutmüthigen und unerfahrenen jungen Menschen, nicht aber von einem in +Jahren vorgerückten Staatsmann hätte erwarten sollen, der die Welt +kennen gelernt, der von schurkischen Ränken und Intriguen viel zu leiden +gehabt hatte und dessen eigner Character keineswegs ein vortheilhaftes +Muster der menschlichen Natur war. Es dürfte schwer sein, einen zweiten +Mann zu finden, der sein Wort so leichtsinnig brach, als Jakob und der +dabei so schwer zu dem Glauben zu bringen war, daß Andere ihr Wort gegen +ihn brechen könnten. Nichtsdestoweniger machten ihn die ihm zukommenden +Berichte über die Stimmung seiner Armee sehr besorgt. Er sehnte sich +jetzt nicht mehr nach einer Schlacht, ja er begann sogar an den Rückzug +zu denken. Samstag Abend, den 24. November berief er einen Kriegsrath +zusammen, dem auch diejenigen Offiziere beiwohnten, gegen die er +ernstlich gewarnt worden war. Feversham sprach sich dahin aus, daß der +Rückzug wünschenswerth sei. Churchill stimmte für das Gegentheil. Die +Berathung dauerte bis Mitternacht. Endlich erklärte der König, daß er +sich zu dem Rückzuge entschieden habe. + + [Anmerkung 127: +Whittle's Diary+; +History of the Desertion+; + +Luttrell's Diary.+] + + +[_Churchill's und Grafton's Abfall._] Churchill bemerkte oder glaubte +zu bemerken, daß man ihm nicht traute und vermochte trotz seiner nicht +gewöhnlichen Selbstbeherrschung seine Angst nicht zu verbergen. Er +entfloh daher noch vor Tagesanbruch mit Grafton ins Lager des +Prinzen.[128] + +Er ließ eine schriftliche Erklärung zurück, welche in dem anständigen +Tone gehalten war, den er bei aller Strafbarkeit und Ehrlosigkeit doch +stets beobachtete. Er erkannte an, daß er der Gunst des Königs Alles +verdanke. Interesse und Dankbarkeit, sagte er, zogen ihn nach der +nämlichen Seite hin. Unter keiner andren Regierung könne er hoffen so +einflußreich und mächtig zu werden, als er es gewesen sei; aber alle +solche Rücksichten müßten einer höheren Pflicht weichen. Er sei +Protestant und sein Gewissen gestatte ihm nicht, gegen den +Protestantismus das Schwert zu ziehen. Übrigens aber werde er stets +bereit sein, zur Vertheidigung der geheiligten Person und der +gesetzlichen Rechte seines gnädigen Gebieters Gut und Leben +aufzuopfern.[129] + +Am nächsten Morgen war im königlichen Lager Alles in der größten +Bestürzung. Die Freunde des Königs waren wie vernichtet und seine Feinde +konnten ihre Freude nicht unterdrücken. Jakob's Bestürzung wurde noch +durch Nachrichten vermehrt, welche denselben Tag von Warminster +einliefen. Kirke, welcher dort commandirte, hatte Befehlen, die er von +Salisbury erhalten, den Gehorsam verweigert. Es konnte keinem Zweifel +mehr unterliegen, daß auch er mit dem Prinzen von Oranien im Bunde +stand. Es hieß, er sei schon mit allen seinen Truppen zum Feinde +übergegangen, und obgleich dieses Gerücht falsch war, fand es doch +einige Stunden lang vollen Glauben.[130] Jetzt ging dem unglücklichen +Könige wieder ein neues Licht auf. Er glaubte zu errathen, warum man ihn +vor einigen Tagen gedrängt hatte, Warminster zu besuchen. Er würde dort +hülflos in der Gewalt der Verschwörer und in der Nähe der feindlichen +Vorposten gewesen, Die, welche es versucht hätten ihn zu vertheidigen, +würden leicht überwältigt und er als Gefangener in das Hauptquartier der +feindlichen Armee gebracht worden sein. Vielleicht wäre ein noch +schwärzerer Verrath verübt worden, denn Menschen, die einmal ein +strafbares und gefährliches Unternehmen begonnen haben, sind nicht mehr +Herren ihrer selbst und werden oft durch ein Verhängniß, das einen Theil +ihrer verdienten Strafe bildet, zu Verbrechen getrieben, an die sie +vorher nur mit Schaudern hätten denken können. Gewiß war es das Werk +irgend eines Schutzheiligen, daß ein der katholischen Kirche ergebener +König in dem Augenblicke, wo er blindlings der Gefangenschaft, ja +vielleicht dem Tode entgegenzueilen im Begriffe war, plötzlich durch +eine Unpäßlichkeit aufgehalten wurde, die er damals als ein Unglück +betrachtete. + + [Anmerkung 128: +Clarke's Life of James, II. 222. Orig. Mem.+: + Barillon, 21. Nov. (1. Dec.) 1688; +Sheridan MS.+] + + [Anmerkung 129: +First Collection of Papers+, 1688.] + + [Anmerkung 130: Brief von Middleton an Preston aus Salisbury vom + 25. Nov. »Schurkerei über Schurkerei,« sagt Middleton, »die letzte + immer größer als die vorhergehende.« +Clarke's Life of James, II. + 224. 225, Orig. Mem.+] + + +[_Rückzug der königlichen Armee von Salisbury._] Dies Alles bestärkte +Jakob in dem am vorhergehenden Abend gefaßten Entschlusse. Es wurde +Befehl zum unverweilten Rückzuge gegeben. Ganz Salisbury war in Aufruhr. +Das Lager wurde mit der Verwirrung einer Flucht abgebrochen. Kein Mensch +wußte mehr, wem er trauen und wem er gehorchen sollte. Die materielle +Stärke der Armee hatte sich nur unbedeutend vermindert, aber ihre +moralische Kraft war vernichtet. Viele, die sich geschämt haben würden, +mit dem Übertritt zu dem Prinzen voranzugehen, folgten nun bereitwillig +einem Beispiele, das sie nie gegeben haben würden, und viele Andere, die +zu ihrem Könige gehalten haben würden, so lange er muthig gegen den +Feind vorzurücken schien, hatten keine Lust, bei einer zurückweichenden +Fahne zu bleiben.[131] + +Jakob ging an diesem Tage bis Andover. Sein Schwiegersohn, Prinz Georg, +und der Herzog von Ormond begleiteten ihn. Beide gehörten zu den +Verschwornen und würden wahrscheinlich mit Churchill geflohen sein, +hätte dieser es in Folge der Vorgänge im Kriegsrathe nicht für rathsam +gehalten, seine Abreise zu beschleunigen. Dem Prinzen Georg kam seine +Geistesbeschränktheit in diesem Falle besser zu statten, als es Klugheit +gethan haben würde. Wenn ihm eine Nachricht gemeldet wurde, pflegte er +auf Französisch auszurufen: +»Est-il possible?«+ (ist es möglich?) Diese +Phrase war ihm jetzt sehr nützlich. +»Est-il possible?«+ rief er, als +man ihn benachrichtigte, daß Churchill und Grafton vermißt wurden. Und +als die schlimme Botschaft von Warminster kam, rief er abermals: ++»Est-il possible?«+ + + [Anmerkung 131: +History of the Desertion+; +Luttrell's Diary.+] + + +[_Abfall des Prinzen Georg und Ormond's._] Prinz Georg und Ormond wurden +in Andover eingeladen, mit dem Könige zu Abend zu speisen. Dies muß eine +traurige Mahlzeit gewesen sein. Der König war von seinem Unglück zu +Boden gedrückt, und sein Schwiegersohn war der langweiligste +Gesellschafter, den es geben konnte. Karl II. sagte einmal: »Ich habe +den Prinzen Georg nüchtern gesehen und habe ihn betrunken gesehen, aber +mag er nüchtern oder betrunken sein, es ist nichts an ihm.«[132] Ormond, +der während seines ganzen Lebens schweigsam und zurückhaltend gewesen, +war in einem solchen Augenblicke gewiß auch nicht heiter. Sogleich nach +beendeter Mahlzeit ging der König zur Ruhe. Für den Prinzen und Ormond +standen schon Pferde bereit; sobald sie sich von der Tafel erhoben +hatten, saßen sie auf und sprengten davon. In ihrer Begleitung befand +sich der Earl von Drumlanrig, der älteste Sohn des Herzogs von +Queensberry. Der Abfall dieses jungen Kavaliers war kein unwichtiges +Ereigniß, denn Queensberry war das Oberhaupt der protestantischen +Episcopalen Schottlands, einer Klasse, im Vergleich zu welcher die +entschiedensten englischen Tories whiggistisch genannt werden konnten, +und Drumlanrig selbst war Oberstlieutenant von Dundee's Regiment, eines +Corps, das die Whigs noch mehr haßten, als Kirke's Lämmer. Dieses neue +Unglück wurde dem Könige am nächsten Morgen gemeldet. Er war von der +Nachricht weniger ergriffen, als man hatte erwarten sollen. Der Schlag, +der ihn vierundzwanzig Stunden früher getroffen, hatte ihn auf fast +jedes nur mögliche Unglück vorbereitet, und er konnte dem Prinzen Georg, +der kaum zurechnungsfähig war, unmöglich ernstlich zürnen, daß er den +Kunstgriffen eines Verführers wie Churchill erlegen war. »Wie?« rief +Jakob, »ist +Est-il possible+ auch fort? Nun, im Grunde würde ein guter +Dragoner ein größerer Verlust gewesen sein.«[133] Der Zorn des Königs +schien sich in der That, und nicht ohne Grund, damals auf eine einzige +Person zu concentriren. Von glühendem Rachedurst gegen Churchill +erfüllt, reiste er weiter nach London und erfuhr bei seiner Ankunft +daselbst ein neues Verbrechen des Erzverräthers. Seit einigen Stunden +wurde die Prinzessin Anna vermißt. + + [Anmerkung 132: Dartmouth's Note zu Burnet, I. 643.] + + [Anmerkung 133: +Clarendon's Diary, Nov. 26+; +Clarke's Life of + James, II. 224+; Prinz Georg's Brief an den König ist oft gedruckt + worden.] + + +[_Flucht der Prinzessin Anna._] Anna, welche keinen andren Willen als +den der Churchill hatte, war vor acht Tagen durch sie bewogen worden, +eigenhändig dem Prinzen Wilhelm zu versichern, daß sie sein Unternehmen +billige. Sie schrieb ihm, daß sie ganz in den Händen ihrer Freunde sei +und ganz nach deren Bestimmung entweder im Palaste bleiben oder in der +Stadt einen Zufluchtsort suchen werde.[134] Am Sonntag, den 25. November +mußte sie und Diejenigen, welche für sie dachten und handelten, +plötzlich einen Entschluß fassen. An diesem Nachmittag brachte ein +Courier von Salisbury die Nachricht, daß Churchill verschwunden sei, daß +Grafton ihn begleitet habe, daß auch Kirke untreu geworden und die ganze +königliche Armee im vollen Rückzüge begriffen sei. Wie gewöhnlich, wenn +wichtige Nachrichten, gleichviel ob gute oder schlimme, in der Stadt +anlangten, so versammelte sich auch an diesem Abende eine große +Menschenmenge in den Gallerien von Whitehall. Neugierde und ängstliche +Spannung sprach aus allen Gesichtern. Die Königin ergoß sich in wohl zu +entschuldigende Äußerungen des Unwillens über den Hauptverräther und +schonte dabei auch seine allzu parteiische Gebieterin nicht ganz. An den +Zugängen des Palastflügels, den Anna bewohnte, wurden die Schildwachen +verstärkt. Die Prinzessin war in der größten Angst. In wenigen Stunden +mußte ihr Vater in Westminster eintreffen. Daß er sie persönlich mit +Strenge behandeln würde, war nicht anzunehmen, aber sie durfte nicht +hoffen, daß er ihr fernerhin den Umgang mit ihrer Freundin gestatten +werde. Es war kaum daran zu zweifeln, daß Sara festgenommen und einem +strengen Verhör durch gewandte und rücksichtslose Inquisitoren +unterworfen werden würde. Jedenfalls wurden ihre Papiere mit Beschlag +belegt, und vielleicht fand man darunter Beweise, die ihr Leben in +Gefahr brachten. In diesem Falle war das Schlimmste zu fürchten. Die +Rache des unerbittlichen Königs kannte keinen Unterschied des +Geschlechts; um viel geringfügigerer Vergehen willen als diejenigen, +deren Lady Churchill möglicherweise überführt werden konnte, hatte er +Frauen aufs Schaffott und auf den Scheiterhaufen geschickt. Ihre starke +Zuneigung zu Lady Churchill verlieh dem Geiste der Prinzessin eine +ungewöhnliche Energie. Es gab kein Band, das sie um des Gegenstandes +ihrer abgöttischen Liebe willen nicht zerrissen, keine Gefahr, der sie +sich für sie nicht ausgesetzt haben würde. »Eher springe ich aus dem +Fenster,« rief sie aus, »als daß ich mich von meinem Vater hier finden +lasse!« Die Freundin übernahm es, ihre Flucht zu bewerkstelligen. Sie +berieth sich in aller Eil mit einigen Oberhäuptern der Verschwörung und +binnen wenigen Stunden waren alle Anstalten zur Flucht getroffen. Am +Abend zog sich Anna wie gewöhnlich in ihre Gemächer zurück. Sobald es +völlig dunkel geworden war, stand sie auf und schlich leise, von ihrer +Freundin Sara und einigen Kammerfrauen begleitet, im Morgenrock und +Hausschuhen die Hintertreppe hinunter. Die Flüchtlinge gelangten +unangefochten auf die Straße, wo ein Miethwagen sie erwartete. Zwei +Männer bewachten die bescheidene Equipage: Compton, Bischof von London, +der alte Lehrer der Prinzessin, und der prachtliebende, talentvolle +Dorset, den die Größe der öffentlichen Gefahr aus seiner üppigen Ruhe +aufgerüttelt hatte. Der Wagen fuhr sogleich nach Aldersgate Street, wo +damals der städtische Palast der Bischöfe von London im Schatten ihrer +Kathedrale stand. Hier brachte die Prinzessin die Nacht zu. Am folgenden +Morgen reiste sie nach dem Eppingwalde ab, wo Dorset ein altes Schloß +besaß, das schon vor langer Zeit zerstört worden ist. In dieser +gastlichen Wohnung, viele Jahre lang der Lieblingsaufenthalt von +Schöngeistern und Dichtern, hielten die Flüchtlinge eine kurze Rast. Sie +konnten es nicht ohne Gefahr versuchen, Wilhelm's Hauptquartier zu +erreichen, denn der Weg dahin führte durch eine von königlichen Truppen +besetzte Gegend. Es wurde daher beschlossen, daß Anna sich zu den +Insurgenten im Norden begeben sollte. Compton legte für diese Zeit +seinen geistlichen Character völlig ab. Gefahr und Kampf hatten in +seiner Brust wieder das ganze kriegerische Feuer entzündet, das ihn +achtundzwanzig Jahre früher beseelte, als er unter der Leibgarde diente. +In einem Büffelwams und Reiterstiefeln, das Schwert an der Seite und +Pistolen in den Holstern, ritt er vor dem Wagen der Prinzessin her. +Lange vor ihrer Ankunft in Nottingham war sie bereits von einer +Leibwache von Gentlemen umgeben, die sie aus eignem Antriebe +begleiteten. Sie ersuchten den Bischof, sich als Oberst an ihre Spitze +zu stellen, und er erfüllte ihren Wunsch mit einer Bereitwilligkeit, +welche bei den strengen Kirchenmännern großes Ärgerniß erregte und +seinem Rufe selbst in den Augen der Whigs keinen Vortheil brachte.[135] + +Als am Morgen des Sechsundzwanzigsten Anna's Gemächer leer gefunden +wurden, war die Bestürzung in Whitehall groß. Während ihre Kammerfrauen +jammernd und händeringend durch die Höfe des Palastes liefen, während +Lord Carven, der die Leibgarde zu Fuß commandirte, die Wachen in der +Gallerie ausfragte, während der Kanzler die Papiere der Churchill +versiegelte, stürzte die Amme der Prinzessin in die königlichen Gemächer +und rief aus, ihre geliebte Herrin sei von den Papisten ermordet worden. +Die Nachricht gelangte nach Westminsterhall. Hier erzählte man sich, +Ihre Hoheit sei gewaltsam in ein Gefängniß gebracht worden. Als es nicht +mehr geleugnet werden konnte, daß sie freiwillig entflohen war, wurden +eine Menge Geschichten zur Motivirung ihrer Flucht erdichtet. Sie sei +gröblich beleidigt und bedroht, ja sogar von ihrer gefühllosen +Stiefmutter geschlagen worden, obgleich sie sich in Umständen befand, in +denen eine Frau Anspruch auf eine besonders zarte Behandlung hat. Das +durch eine mehrjährige schlechte Regierung argwöhnisch und reizbar +gemachte Volk wurde durch diese Verleumdungen so aufgebracht, daß die +Königin ihres Lebens kaum sicher war. Viele Katholiken und mehrere +protestantische Tories von erprobter Loyalität eilten in den Palast, um +sie im Fall eines Ausbruchs vertheidigen zu können. Inmitten dieses +Schreckens und Entsetzens kam die Nachricht von der Flucht des Prinzen +Georg. Dem Courier, welcher diese schlimme Botschaft überbrachte, folgte +der König selbst auf dem Fuße. Es war bereits völlig dunkel, als der +König ankam und von dem Verschwinden seiner Tochter unterrichtet wurde. +Nach Allem, was er schon gelitten hatte, preßte dieser neue Schlag ihm +einen Jammerschrei aus. »Gott stehe mir bei!« rief er aus; »meine +eigenen Kinder haben mich verlassen!«[136] + + [Anmerkung 134: Der vom 18. Nov. datirte Brief ist in Dalrymple zu + finden.] + + [Anmerkung 135: +Clarendon's Diary, Nov. 25, 26. 1688+; Citters, + 26. Nov. (6. Dec.); +Ellis Correspondence, Dec. 19.+; +Duchess of + Marlborough's Vindication+; +Burnet, I. 792+; Compton, an den + Prinzen von Oranien, 2. Dec. 1688 in Dalrymple. Das militairische + Kostüm des Bischofs wird in unzähligen Flugschriften und + Spottgedichten erwähnt.] + + [Anmerkung 136: Dartmouth's Note zu Burnet I. 792: Citters, 26. + Nov. (6. Dec.) 1688; +Clarke's Life of James, II. 226. Orig. + Mem.+; +Clarendon's Diary, Nov. 26.+; +Revolution Politics.+] + + +[_Jakob hält eine Berathung mit den Lords._] Noch denselben Abend hielt +er mit seinen ersten Ministern eine bis spät in die Nacht dauernde +Berathung. Es wurde beschlossen, daß er alle zur Zeit in London +anwesenden geistlichen und weltlichen Lords am folgenden Tage zu sich +entbieten und sie feierlich um Rath fragen sollte. Demgemäß versammelten +sich die Lords am Dienstag Nachmittag, den 27. November, im Speisesaale +des Palastes. Die Versammlung bestand aus neun Prälaten und zwischen +dreißig und vierzig weltlichen Edelleuten, sämmtlich Protestanten. Auch +die beiden Staatssekretäre, Middleton und Preston, waren anwesend, +obgleich sie nicht Peers des Reichs waren. Der König selbst präsidirte. +Die Spuren schwerer körperlicher und geistiger Leiden waren in seinen +Gesichtszügen und in seiner Haltung deutlich zu erkennen. Er eröffnete +die Verhandlung mit der Erwähnung der Petition, die ihm kurz vor seiner +Abreise nach Salisbury überreicht worden war. Der Inhalt dieser Petition +war die Bitte um Einberufung eines freien Parlaments. In seiner +damaligen Lage, sagte er, habe er es nicht für zweckmäßig gehalten, der +Bitte zu willfahren. Während seiner Abwesenheit von London aber seien +wichtige Veränderungen eingetreten; auch habe er bemerkt, das sein Volk +überall den Zusammentritt der Kammern sehnlichst wünsche. Daher habe er +seine getreuen Peers zu sich entboten, um ihren Rath zu hören. + +Es trat eine Pause ein. Dann sagte Oxford, dem sein in Alter und Glanz +unerreichter Stammbaum ein gewisses Übergewicht in der Versammlung gab, +seiner Ansicht nach müßten die Lords, welche die von Seiner Majestät +erwähnte Petition unterzeichnet hätten, ihre Meinungen jetzt +aussprechen. + +Diese Worte bestimmten Rochester zu reden. Er vertheidigte die Petition +und erklärte, daß er noch immer nirgends eine Hoffnung für den Thron und +das Land sehe, als in einem Parlament. Er wage es nicht zu behaupten, +daß in einer so unheilvollen Bedrängniß selbst dieses Mittel wirksamen +Erfolg haben werde; aber er wisse kein andres vorzuschlagen. Er setzte +hinzu, daß es rathsam sein dürfte, Unterhandlungen mit dem Prinzen von +Oranien zu eröffnen. Nach ihm sprachen Jeffreys und Godolphin, und Beide +erklärten sich mit ihm einverstanden. + +Jetzt stand Clarendon auf und ergoß sich zum Erstaunen Aller, die sich +seiner lauten Loyalitätsversicherungen und der heftigen Äußerungen von +Scham und Schmerz erinnerten, die ihm noch vor wenigen Tagen die +Nachricht von dem Abfalle seines Sohnes entrissen hatte, in eine +Schmährede gegen Tyrannei und Papismus. »Noch in diesem Augenblicke,« +sagte er, »errichtet Seine Majestät in London ein Regiment, in welches +keine Protestanten aufgenommen werden.« -- »Das ist nicht wahr!« rief +Jakob mit Heftigkeit aus. Clarendon bestand auf seiner Behauptung und +verließ dieses beleidigende Thema nur um auf ein noch beleidigenderes +überzugehen. Er beschuldigte den unglücklichen König des Kleinmuths. +Warum sei er nicht in Salisbury geblieben? warum habe er nicht das Glück +einer Schlacht versucht? Könne man es dem Volke verargen, daß es sich +dem Angreifer unterwarf, wenn es seinen König an der Spitze seiner Armee +davonlaufen sehe? Jakob fühlte diese Vorwürfe tief und vergaß sie nicht +so bald. In der That, selbst Whigs hielten Clarendon's Sprache für +unpassend und unedel. Halifax sprach in einem ganz andren Tone. Seit +mehreren Jahren der Gefahr hatte er mit bewundernswürdigem Talent die +bürgerliche und kirchliche Verfassung seines Vaterlandes gegen die +Prärogative vertheidigt. Aber sein klarer, für Begeisterung durchaus +unempfänglicher und Extremen entschieden abgeneigter Verstand begann +sich gerade in dem Augenblicke, wo die großsprecherischen Royalisten, +welche noch vor Kurzem die Trimmers als wenig besser denn Rebellen +verwünscht hatten, sich überall zum Aufstande erhoben, zur Sache des +Königthums hinzuneigen. Er setzte seine Ehre darein, in diesem +kritischen Augenblicke der Friedensstifter zwischen dem Throne und der +Nation zu werden. Seine Talente und sein Character befähigten ihn zu +diesem Amte und wenn sein Versuch scheiterte, so ist dies Ursachen +zuzuschreiben, gegen die keine menschliche Geschicklichkeit etwas +auszurichten vermochte, ganz besonders der Thorheit, Wortbrüchigkeit und +Hartnäckigkeit des Fürsten, den er zu retten versuchte. + +Halifax sprach manche bittere Wahrheit aus, aber mit einer so zarten +Rücksicht, daß er sich den Vorwurf der Schmeichelei von Leuten zuzog, +welche viel zu niedrigdenkend waren, als daß sie hätten begreifen +können, daß Worte, die mit Recht Schmeichelei genannt werden mögen, wenn +man sie an einen Mächtigen richtet, einer gefallenen Größe gegenüber ein +Tribut der Humanität sind. Er erklärte es unter vielen Versicherungen +von Theilnahme und Ehrerbietung als seine Ansicht, daß der König sich zu +großen Opfern entschließen müsse. Es sei nicht genug, daß er ein +Parlament einberufe und mit dem Prinzen von Oranien in Unterhandlung +trete. Wenigstens einige von den Beschwerden, über welche die Nation +klage, müßten augenblicklich abgestellt werden, ohne darauf zu warten, +bis die Häuser oder der Anführer des feindlichen Heeres die Abstellung +verlangten. Nottingham erklärte sich in eben so ehrerbietiger Sprache +mit Halifax vollkommen einverstanden. Es waren drei Hauptzugeständnisse, +zu denen die Lords den König zu bewegen suchten. Er sollte, sagten sie, +alle Katholiken sofort aus dem Staatsdienste entlassen, sich ganz von +Frankreich lossagen und Denen, welche bewaffnet gegen ihn aufgestanden, +unbedingte Amnestie zusichern. Man sollte denken, daß der letzte von +diesen drei Vorschlägen keinen Einwand zugelassen hätte. Denn hatten +auch Einige von Denen, die sich gegen den König zusammengeschaart, so +gegen ihn gehandelt, daß er sich dadurch bitter gekränkt fühlen mußte, +so war es doch viel wahrscheinlicher, daß er bald von ihrer Gnade +abhängen würde, als sie je von der seinigen. Es wäre geradezu kindisch +gewesen, mit Wilhelm Unterhandlungen zu eröffnen und zu gleicher Zeit +Männern, welche Wilhelm nicht im Stiche lassen konnte, ohne eine +Schändlichkeit gegen sie zu begehen, mit Rache zu drohen. Aber der +umwölkte Verstand und der unversöhnliche Character Jakob's sträubten +sich lange gegen die Gründe der Männer, die ihn zu überzeugen suchten, +daß er wohl daran thun werde, Kränkungen zu verzeihen, die er nicht +bestrafen konnte. »Ich kann es nicht thun,« rief er aus; »ich muß ein +Exempel statuiren, vor Allem an Churchill, den ich so hoch erhoben habe. +Er, und nur er allein hat dies Alles gethan. Er hat meine Armee +verführt, er hat meine Tochter verführt und er würde mich ohne den +besonderen Schutz Gottes dem Prinzen von Oranien überliefert haben. Sie +sind auffallend besorgt um die Sicherheit von Verräthern, Mylords; +keiner von Ihnen aber kümmert sich um meine Sicherheit.« Als Antwort auf +diesen Ausbruch ohnmächtigen Zornes stellten Diejenigen, welche zur +Amnestie gerathen hatten, mit tiefster Ehrerbietung, aber mit +Entschiedenheit vor, daß ein von mächtigen Feinden angegriffener Fürst +nur durch einen Sieg oder durch Nachgiebigkeit gerettet werden konnte. +»Wenn Eure Majestät nach Allem was geschehen ist noch von den Waffen +Rettung erwartet, so sind wir fertig, wo nicht, können Sie nur dadurch +gerettet werden, daß Sie die Zuneigung Ihres Volks wieder zu gewinnen +suchen.« Nach einer langen und lebhaften Debatte hob der König die +Versammlung auf, indem er sagte: »Mylords, Sie haben Sich viel Freiheit +herausgenommen, aber ich zürne Ihnen deshalb nicht. In einem Punkte bin +ich zu einem Entschlusse gekommen. Ich werde ein Parlament einberufen. +Die anderen Rathschläge, die Sie mir gegeben haben, sind von ernster +Bedeutung, und Sie werden Sich nicht wundern, wenn ich mir eine Nacht +zur Überlegung vorbehalte, ehe ich mich entscheide.«[137] + + [Anmerkung 137: +Clarke's Life of James, II. 236: Orig. Mem.+; + +Burnet I. 794+; +Luttrell's Diary+; +Clarendon's Diary, Nov. 27. + 1688.+ Citters, 27. Nov. (7. Dec.) und 30. Nov. (10. Dec.). + Citters schöpfte seine Angaben offenbar aus Mittheilungen von + einem der anwesenden Lords. Da der Gegenstand wichtig ist, will + ich einige kurze Stellen aus seinen Depeschen hier anführen. Der + König sagte, +»Dat het by na voor heem unmogelyck was te + pardoneren persoonen wie so hoog in syn reguarde schuldig stonden, + vooral seer uytvarende tegens den Lord Churchill wien hy hadde + groot gemaakt, en nogtans meynde de eenigste oorsake van alle dese + desertie en van de retraite van hare Coninglycke Hoogheden te + wesen.«+ Einer von den Lords, wahrscheinlich Halifax oder + Nottingham, +»seer hadde geurgeert op de securiteyt van de lords + die nu met syn Hoogheyt geengageert staan. Soo hoor ick,«+ sagt + Citters, +»dat syn Majesteyt onder anderen soude gesegt hebben: + »»Men spreekt al voor de securiteyt voor andere, en niet voor de + myne.«« -- Waar op een der Pairs resolut dan met groot respect + soude geantwoordt hebben dat, so de difficulteyt dan nog te + surmonteren was, dat het den moeste geschieden door de meeste + condescendance, en hoe meer die was, en hy genegen om aan de natic + contentement te geven, dat syne securyteyt ook des te grooter + soude wesen.«+] + + +[_Er ernennt Commissare zur Unterhandlung mit Wilhelm._] Anfangs schien +Jakob die ausbedungene Bedenkzeit vortrefflich anwenden zu wollen: der +Kanzler erhielt die Weisung, Ausschreiben zur Einberufung eines +Parlaments auf den 13. Januar zu erlassen. Halifax wurde ins königliche +Kabinet beschieden, hatte eine lange Audienz und sprach mit mehr +Freimuth, als er in Anwesenheit einer zahlreichen Versammlung zu zeigen +für schicklich gehalten hatte. Es wurde ihm angekündigt, daß er zu einem +der Commissare ernannt sei, welche mit dem Prinzen von Oranien +unterhandeln sollten. Nottingham und Godolphin waren ihm beigegeben. Der +König erklärte, daß er im Interesse des Friedens große Opfer zu bringen +bereit sei. Halifax antwortete ihm darauf, daß es auch ohne Zweifel +großer Opfer bedürfen werde. »Eure Majestät,« sagte er, »darf nicht +erwarten, daß Diejenigen, welche die Macht in Händen haben, auf +Bedingungen eingehen werden, welche die Gesetze in die Gewalt der +Prärogative geben.« Mit dieser deutlichen Erklärung seiner Ansichten +nahm er den Auftrag an, den der König ihm ertheilen wollte.[138] Jetzt +wurden die vor wenigen Stunden noch hartnäckig verweigerten +Zugeständnisse auf das Bereitwilligste gewährt. Es wurde eine +Proklamation erlassen, durch welche der König nicht nur Allen, die sich +gegen ihn empört hatten, unbedingte Verzeihung zusicherte, sondern sie +sogar als wählbar für das bevorstehende Parlament erklärte. Nicht einmal +die Niederlegung der Waffen wurde als Bedingung der Wählbarkeit +gestellt. Dieselbe Nummer der Gazette, welche den bevorstehenden +Zusammentritt der Häuser anzeigte, enthielt auch die Ankündigung, daß +Sir Eduard Hales, der als Papist, als Renegat, als Hauptvorkämpfer für +die Dispensationsgewalt und als der strenge Kerkermeister der Bischöfe +einer der unpopulärsten Männer des ganzen Reichs war, nicht mehr +Gouverneur des Tower sei und seinen kürzlichen Gefangenen Bevil Skelton, +der zwar in der Achtung seiner Landsleute eben nicht hoch stand, aber +wenigstens nicht gesetzlich vom Staatsdienste ausgeschlossen war, zum +Nachfolger erhalten habe.[139] + + [Anmerkung 138: Brief des Bischofs von St. Asaph an den Prinzen + von Oranien vom 17. Dec. 1688.] + + [Anmerkung 139: +London Gazette, Nov. 29., Dec. 3. 1688+; + +Clarendon's Diary, Nov. 29, 30+] + + +[_Die Unterhandlung eine Finte._] Diese Zugeständnisse hatten jedoch nur +den Zweck, die Lords und die Nation über die wahren Absichten des Königs +zu täuschen. Im Stillen hatte er sich vorgenommen, selbst in dieser +äußersten Bedrängniß nicht nachzugeben. An dem nämlichen Tage, an +welchem er das Amnestiedecret erließ, sprach er seine wirklichen +Gesinnungen offen gegen Barillon aus. »Diese Unterhandlung,« sagte +Jakob, »ist eine bloße Finte. Ich muß Commissare an meinen Neffen +senden, damit ich Zeit gewinne, um meine Frau und den Prinzen von Wales +fortschaffen zu können. Sie kennen die Stimmung meiner Truppen. Nur die +Irländer werden mir treu bleiben, und sie sind nicht stark genug, um dem +Feinde Widerstand zu leisten. Ein Parlament würde mir Bedingungen +vorschreiben, die ich nicht ertragen könnte. Ich würde Alles was ich für +die Katholiken gethan habe, wieder zurücknehmen, und mit dem Könige von +Frankreich brechen müssen. Sobald daher die Königin und mein Kind in +Sicherheit sind, werde ich England verlassen und mich nach Irland, +Schottland oder zu Ihrem Gebieter flüchten«.[140] + +Jakob hatte bereits die nöthigen Anstalten zur Ausführung dieses Planes +getroffen. Dover war mit Instructionen, für den Prinzen von Wales zu +sorgen, nach Portsmouth geschickt worden, und Dartmouth, welcher die +dort liegende Flotte befehligte, hatte Ordre erhalten, allen Anordnungen +Dover's in Betreff des Kronprinzen Folge zu leisten und eine mit +zuverlässigen Matrosen bemannte Yacht bereit zu halten, damit sie jeden +Augenblick nach Frankreich unter Segel gehen könnte.[141] Jetzt sandte +der König den bestimmten Befehl ab, daß der Prinz augenblicklich nach +dem nächsten Hafen des Continentes gebracht werden solle.[142] Nächst +dem Prinzen von Wales war der Hauptgegenstand seiner Sorge das große +Staatssiegel. Diesem Symbole der königlichen Autorität haben unsere +Juristen jederzeit eine besondere, fast geheimnißvolle Wichtigkeit +beigelegt Man ist der Ansicht, daß, wenn der Siegelbewahrer es auch ohne +königliche Genehmigung einem Peerspatent oder einer Begnadigung +aufdrückt, er sich zwar eines schweren Vergehens schuldig macht, die +Gültigkeit des Instruments aber von keinem Gerichtshofe angefochten und +nur durch eine Parlamentsacte annullirt werden kann. Jakob fürchtete +wahrscheinlich, daß seine Feinde dieses Organ seines Willens in die +Hände bekommen und dadurch Maßregeln, die ihn nachtheilig berühren +könnten, gesetzliche Gültigkeit geben könnten. Seine Besorgnisse können +auch nicht unbegründet erscheinen, wenn man bedenkt, daß gerade hundert +Jahre später das große Siegel eines Königs mit Bewilligung der Lords und +der Gemeinen und unter Gutheißung von Seiten vieler großen Staatsmänner +und Juristen zu dem Zwecke benutzt wurde, um seine Hoheitsrechte auf +seinen Sohn zu übertragen. Damit der Talisman, der so furchtbare Kräfte +besaß, nicht in unrechte Hände komme, beschloß Jakob, ihn wenige +Schritte von seinem Kabinet aufzubewahren. Jeffrey's erhielt zu dem Ende +Befehl, sein erst kürzlich mit großem Kostenaufwande erbautes Haus in +Duke Street zu verlassen und ein kleines Apartement in Whitehall zu +beziehen.[143] + +Der König hatte bereits alle Anstalten zur Flucht getroffen, als ein +unerwartetes Hinderniß ihn zwang, die Ausführung seines Vorhabens +aufzuschieben. Seine Agenten in Portsmouth fingen an Bedenklichkeiten zu +hegen. Selbst Dover ließ, obgleich er Mitglied der jesuitischen Cabale +war, Zeichen von Unschlüssigkeit merken. Noch weniger war Dartmouth +geneigt, den Wünschen des Königs zu willfahren. Er war bisher dem Throne +treu gewesen und hatte mit einer mißgestimmten Flotte und bei widrigem +Winde sein Möglichstes gethan, um die Landung der Holländer in England +zu verhindern; aber er war ein eifriges Mitglied der anglikanischen +Kirche und durchaus nicht befreundet mit der Politik der Regierung, +welche zu vertheidigen er für eine Pflicht und eine Ehrensache hielt. +Die meuterische Stimmung der unter seinem Befehle stehenden Offiziere +und Mannschaften hatte ihm viel zu schaffen gemacht und die Nachricht +von der Einberufung eines freien Parlaments und der Ernennung von +Commissaren, welche mit dem Prinzen von Oranien unterhandeln sollten, +hatte ihn sehr erfreut. Die ganze Flotte gab ihre Freude darüber laut zu +erkennen. An Bord des Admiralschiffs wurde eine Adresse entworfen, +welche dem Könige für diese der öffentlichen Meinung gemachten gnädigen +Zugeständnisse den wärmsten Dank aussprach. Der Admiral unterzeichnete +zuerst und achtunddreißig Kapitäne schrieben ihre Namen unter den +seinigen. Dieses Schriftstück kreuzte sich auf dem Wege nach Whitehall +mit dem Boten, der den Befehl nach Portsmouth brachte, daß der Prinz von +Wales unverzüglich nach Frankreich übergeführt werden sollte. Dartmouth +erkannte nun mit bitterem Schmerz und Unwillen, daß das freie Parlament, +die allgemeine Amnestie und die Unterhandlung nur Theile eines gegen die +Nation zu verübenden großartigen Betrugs waren und daß er bei diesem +Betruge eine Rolle spielen sollte. + + [Anmerkung 140: Barillon, 1.(11.) Dec. 1688.] + + [Anmerkung 141: Jakob an Dartmouth, 25. Nov. 1688. Die Briefe + findet man in Dalrymple.] + + [Anmerkung 142: Jakob an Dartmouth, 1. Dec. 1688.] + + [Anmerkung 143: +Luttrell's Diary+.] + + +[_Dartmouth weigert sich, den Prinzen von Wales nach Frankreich zu +senden._] In einem ergreifenden und männlichen Schreiben erklärte er, +daß er in seinem Gehorsam schon so weit gegangen sei, als ein Protestant +und Engländer nur irgend gehen könne. Den muthmaßlichen Erben der +britischen Krone den Händen Ludwigs zu überliefern, würde nichts +Geringeres als ein Verrath gegen die Monarchie sein. Die dem Könige nur +zu sehr schon entfremdete Nation würde aufs Äußerste erbittert werden. +Der Prinz von Wales würde entweder gar nicht, oder in Begleitung einer +französischen Armee zurückkehren. Wenn Seine Königliche Hoheit auf der +Insel bliebe, so wäre das Schlimmste was zu befürchten stände, daß er +als Mitglied der Landeskirche erzogen würde, und jeder loyale Unterthan +müßte den Himmel bitten, daß dies geschehen möchte. Er schloß mit der +Erklärung, daß er bereitwillig sein Leben zur Vertheidigung des Thrones +opfern werde, sich aber nimmermehr an der Überführung des Prinzen nach +Frankreich betheiligen könne.[144] + +Dieser Brief warf alle Pläne Jakob's über den Haufen. Zu gleicher Zeit +erfuhr er, daß er bei dieser Gelegenheit nicht einmal passiven Gehorsam +voll seinem Admiral erwarten durfte, denn Dartmouth war so weit +gegangen, daß er mehrere Sloops am Eingange des Hafens aufgestellt, +welche Befehl hatten, kein Schiff ununtersucht passiren zu lassen. Der +Plan mußte somit abgeändert werden. Das Kind mußte nach London +zurückgebracht und von hier aus nach Frankreich befördert werden. Dies +konnte aber erst nach Verlauf mehrerer Tage geschehen, und während +dieser Zwischenzeit mußte die öffentliche Meinung durch die Hoffnung auf +ein Parlament und durch eine Scheinunterhandlung hingehalten werden. Die +Ausschreiben zu den Wahlen wurden erlassen. Zwischen der Hauptstadt und +dem holländischen Hauptquartier gingen Trompeter hin und her. Endlich +kamen auch die Pässe für die königlichen Commissare und die drei Lords +traten ihre Gesandtschaftsreise an. + + [Anmerkung 144: +Second Collection of Papers+, 1688; Dartmouth's + Brief, datirt vom 3. Dec. 1688 findet sich in Dalrymple; +Clarke's + Life of James, II. 233. Orig. Mem.+ Jakob beschuldigt Dartmouth, + die Flotte zu einer Adresse um Einberufung eines Parlaments + bestimmt zu haben. Dies ist eine grundlose Verleumdung. Die + Adresse ist eine Dankadresse an den König dafür, daß er ein + Parlament einberufen, und war bereits abgefaßt, ehe Dartmouth die + entfernteste Ahnung davon hatte, daß Seine Majestät die Nation + hintergehen wollte.] + + +[_Aufregung in London._] Die Hauptstadt war bei ihrer Abreise in einem +Zustande furchtbarer Gährung. Die Leidenschaften, welche im Laufe dreier +unruhiger Jahre nach und nach immer heftiger geworden, zeigten sich +jetzt, wo sie von dem Zügel der Furcht befreit und durch Sieg und +Sympathie aufgestachelt waren, unverhohlen, selbst im Bereiche des +königlichen Schlosses. Die große Jury von Middlesex nahm eine Anklage +gegen den Earl von Salisbury, weil er Papist geworben war, an.[145] Der +Lordmayor ließ bei den Katholiken der City eine Haussuchung nach Waffen +halten. Der Pöbel stürmte das Haus eines dem verhaßten Glauben +anhängenden achtbaren Kaufmanns, um sich zu überzeugen, ob er nicht von +seinem Keller aus unter die benachbarte Pfarrkirche eine Mine angelegt +habe, um den Geistlichen mit der Gemeinde in die Luft zu sprengen.[146] +Die Ausrufer schrien in den Straßen einen Aufruf zur Festnehmung Pater +Petre's aus, der seine Gemächer im Palaste gerade noch zur rechten Zeit +verlassen hatte.[147] Wharton's berühmtes Lied wurde mit vielen neu +hinzugefügten Versen lauter als je in allen Straßen der Hauptstadt +gesungen. Selbst die Schildwachen des Palastes sangen auf ihrer Runde: + + »Der Engländer auf den Untergang des Papismus trinkt, + Lillibullero bullen a la.« + + [Anmerkung 145: +Luttrell's Diary+.] + + [Anmerkung 146: Adda, 7.(17.) Dec. 1688.] + + [Anmerkung 147: Der Nuntius sagt: +»Se lo avesse fatto prima di + ora, per il Rè ne sarebbe stato meglio.«+] + + +[_Falsche Proklamation._] Die geheimen Pressen von London waren +unausgesetzt in Thätigkeit. Tagtäglich kamen Flugschriften durch Mittel +und Wege in Circulation, welche die Behörden nicht entdecken konnten +oder nicht hindern wollten. Eine davon ist durch die Gewandtheit und +verwegene Rücksichtslosigkeit, mit der sie geschrieben war, sowie durch +den ungeheuren Eindruck, den sie machte, der Vergessenheit entrissen +worden. Sie gab sich für eine ergänzende Erklärung von der Hand und +unter dem Siegel des Prinzen von Oranien aus, war aber in einem ganz +andren Style gehalten als sein ächtes Manifest. Allen Papisten, die es +wagen sollten, sich der königlichen Sache anzuschließen, war mit einer +bei christlichen und civilisirten Nationen unbekannten Rache gedroht. +Sie sollten nicht als Soldaten oder Gentlemen, sondern wie Freibeuter +behandelt werden. Das bis jetzt durch eine starke Hand im Zaume +gehaltene Heer der Feinde sollte in seiner ganzen Wildheit und +Zügellosigkeit auf sie gehetzt werden. Die guten Protestanten, +namentlich diejenigen, welche die Hauptstadt bewohnten, wurden bei Allem +was ihnen theuer sei beschworen und bei Strafe des allerhöchsten +Mißfallens des Prinzen angewiesen, ihre katholischen Nachbarn +festzunehmen, zu entwaffnen und einzusperren. Das Manuscript dieser +Schrift war angeblich von einem whiggistischen Buchhändler eines Morgens +unter seiner Ladenthür gefunden worden. Er beeilte sich, es drucken zu +lassen. Viele Exemplare wurden mit der Post versandt und gingen rasch +von Hand zu Hand. Scharfsichtige Leute erkannten es jedoch ohne Mühe als +das falsche Machwerk irgend eines unruhigen und characterlosen +Abenteurers, wie sie in bewegten Zeiten stets bei den unreinsten und +schwärzesten Parteiumtrieben thätig sind. Der große Haufe aber ließ sich +vollkommen täuschen. Der nationale und religiöse Abscheu gegen die +irischen Papisten war in der That so stark erregt, daß die Mehrzahl von +Denen, welche die Proklamation für ächt hielten, sie als eine ganz +zeitgemäße Entfaltung von Energie mit Beifall begrüßten. Als es bekannt +wurde, daß ein solches Dokument von Wilhelm selbst nicht ausgegangen +war, fragte man neugierig, wer wohl der Betrüger sein möchte, der so +kühn und so glücklich die Rolle des Prinzen gespielt hatte. Einige +hatten Ferguson, Andere Johnson im Verdacht, bis endlich nach Verlauf +von siebenundzwanzig Jahren Hugo Speke sich zum Autor der Fälschung +bekannte und für diesen der protestantischen Religion geleisteten großen +Dienst vom Hause Braunschweig eine Belohnung verlangte. Er behauptete in +dem Tone eines Mannes, der etwas höchst Lobenswerthes und Ehrenvolles +gethan zu haben glaubt, er habe, als die holländische Invasion Whitehall +in Bestürzung versetzt, dem Hofe seine Dienste angeboten, habe +vorgegeben, mit den Whigs zerfallen zu sein und sich erboten, bei ihnen +den Spion zu spielen. So habe er Zutritt in das königliche Kabinet +erlangt, habe Treue gelobt, dafür das Versprechen großer Geldbelohnungen +erhalten und sich Geleitsbriefe verschafft, die ihn in den Stand +setzten, die feindlichen Linien zu passiren. Dies Alles versicherte er +nur in der Absicht gethan zu haben, damit er, ohne in Verdacht zu +kommen, der Regierung einen tödtlichen Streich versetzen und einen +heftigen Ausbruch des Nationalgefühls gegen die Katholiken herbeiführen +konnte. Die falsche Proklamation erklärte er für sein Werk; ob sie dies +aber wirklich war, dürfte in Zweifel zu ziehen sein. Er machte seinen +Anspruch so spät erst geltend, daß wir mit Recht vermuthen dürfen, er +habe auf den Tod Derer gewartet, die ihn widerlegen konnten; auch berief +er sich auf kein andres Zeugniß als sein eignes.[148] + + [Anmerkung 148: Siehe die +Secret History of the Revolution+, von + Hugo Speke, 1715. In der Londoner Bibliothek befindet sich ein + Exemplar dieses seltenen Werks mit einer handschriftlichen Note, + welche von Speke selbst herzurühren scheint.] + + +[_Aufstände in verschiedenen Theilen des Landes._] Während dies in +London vorging, brachte jede Post aus jedem Theile des Landes die +Nachricht von einem neuen Aufstande. Lumley hatte sich Newcastle's +bemächtigt und die Bewohner hatten ihn freudig willkommen geheißen. Die +Statue des Königs, die auf einem hohen Piedestale von Marmor stand, war +umgerissen und in den Tyne gestürzt worden. In Hull erinnerte man sich +noch lange des 3. Decembers als des Jahrestages der Einnahme der Stadt. +In dieser Stadt lag eine Garnison unter den Befehlen Lord Langdale's, +eines Katholiken. Die protestantischen Offiziere entwarfen im +Einverständniß mit dem Magistrat den Plan zu einem Aufstande; Langdale +und seine Anhänger wurden festgenommen und Soldaten und Bürger erklärten +sich gemeinsam für die protestantische Religion und ein freies +Parlament.[149] + +Inzwischen hatten sich auch die örtlichen Grafschaften erhoben. Der +Herzog von Norfolk erschien mit einem Gefolge von dreihundert +bewaffneten und berittenen Gentlemen auf dem stattlichen Marktplatze von +Norwich. Hier begrüßten ihn der Mayor und die Aldermen und +verpflichteten sich, ihm gegen Papismus und Willkürherrschaft +beizustehen.[150] Lord Herbert von Cherbury und Sir Eduard Harley +griffen in Worcestershire zu den Waffen.[151] Bristol, die zweite Stadt +des Reichs, öffnete Shrewsbury ihre Thore. Trelawney, der Bischof, der +im Tower das Prinzip des Nichtwiderstandes völlig verlernt hatte, war +der Erste, der die Truppen des Prinzen bewillkommnete. Die Stimmung der +Einwohner war so, daß man es für unnöthig hielt, eine Garnison unter +ihnen zurückzulassen.[152] Das Volk von Gloucester erhob sich ebenfalls +und befreite Lovelace aus dem Gefängniß. Es sammelte sich bald ein +irreguläres Truppencorps um ihn. Einige von seinen Reitern hatten nur +Stricke anstatt der Zügel und viele von seinen Fußsoldaten hatten keine +andre Waffe als einen Knotenstock. Aber diese Truppe marschirte +unangefochten durch Grafschaften, welche einst dem Hause Stuart ergeben +waren, und zog endlich triumphirend in Oxford ein. Die Behörden +bewillkommneten die Aufständischen mit feierlichem Gepränge. Selbst die +durch neuerliche Kränkungen noch erbitterte Universität war nicht +geneigt, den Aufstand zu tadeln. Schon hatten die Oberhäupter +angesehener Familien eines ihrer Mitglieder abgesandt, um den Prinzen +von Oranien zu versichern, daß sie aufrichtig für ihn seien und ihm gern +ihr Silbergeräth zum Einschmelzen überlassen würden. Der whiggistische +Anführer ritt daher unter allgemeinem Jubel durch die Hauptstadt des +Toryismus. Vor ihm her schlugen die Tambours den Lillibullero. Hinter +ihm folgte ein langer Zug von Reiterei und Fußvolk. Ganz High Street war +mit orangefarbenen Bändern freundlich geschmückt, denn das orangefarbene +Band hatte bereits die doppelte Bedeutung, die es noch jetzt, nach +Verlauf von hundertsechzig Jahren besitzt. Es war schon für den +protestantischen Engländer das Sinnbild der bürgerlichen und religiösen +Freiheit, für den katholischen Celten das Sinnbild der Unterjochung und +Verfolgung.[153] + +Während sich so rings um den König Feinde erhoben, wichen die Freunde +mehr und mehr von seiner Seite. Jedermann hatte sich mit dem Gedanken +des Widerstandes vertraut gemacht. Viele, die mit Abscheu die Nachricht +von den ersten Abfällen vernommen, machten sich jetzt Vorwürfe, daß sie +die Zeichen der Zeit so spät erkannt hatten. Man konnte jetzt ohne +Schwierigkeit und Gefahr mit Wilhelm verkehren. Indem der König die +Nation zur Erwählung von Vertretern aufforderte, hatte er Jedermann +stillschweigend ermächtigt, sich an diejenigen Orte zu begeben, wo er +Stimmen oder Einfluß hatte, und viele von diesen Orten waren schon von +Truppen Wilhelm's oder von Insurgenten besetzt. Clarendon ergriff +begierig diese Gelegenheit, um sich von der verlornen Sache loszusagen. +Er wußte, daß er mit seiner Rede in der berathenden Versammlung der +Peers unverzeihlichen Anstoß gegeben hatte, und es verdroß ihn, daß er +nicht mit zum königlichen Commissar ernannt worden war. Er hatte +Besitzungen in Wiltshire. Er beschloß, daß sein Sohn, von dem er noch +unlängst mit tiefem Schmerz und Abscheu gesprochen, ein Wahlcandidat für +diese Grafschaft werden sollte und unter dem Vorwande, für diese Wahl +die nöthigen Veranstaltungen zu treffen, begab er sich nach dem Westen. +Seinem Beispiele folgte sehr bald der Earl von Oxford und Andere, welche +bisher jede Connection mit der Unternehmung des Prinzen von sich +gewiesen hatten.[154] + +Inzwischen waren die Eingedrungenen, langsam aber unaufgehalten +vorrückend, der Hauptstadt bis auf siebzig Meilen nahe gekommen. +Obgleich die Mitte des Winters vor der Thür war, hatte man doch schönes +Wetter, der Weg war angenehm und die grünen Wiesen der Ebene von +Salisbury erschienen den Truppen, die sich durch die kothigen Gleise der +Landstraßen von Devonshire und Somersetshire hindurchgearbeitet hatten, +von üppiger Weichheit. Der Marsch der Armee ging über Stonehenge, wo ein +Regiment nach dem andren Halt machte, um diese geheimnißvolle Ruine +anzusehen, die auf dem ganzen Continent als das größte Wunder unsrer +Insel bekannt ist. Wilhelm zog mit demselben militairischen Pomp, den er +in Exeter entfaltet hatte, in Salisbury ein und stieg in dem Palaste ab, +den wenige Tage zuvor der König bewohnt hatte.[155] + + [Anmerkung 149: +Brand's History of Newcastle+; +Tickell's History + of Hull.+] + + [Anmerkung 150: Ein Bericht über die Vorgänge in Norwich findet + sich noch in mehreren Sammlungen in der Originalschrift. Siehe + auch die +Fourth Collection of Papers, 1688+.] + + [Anmerkung 151: +Clarke's Life of James, II. 233+; + Handschriftliches Memoir der Familie Harley in der + Mackintosh-Sammlung.] + + [Anmerkung 152: Citters, 9.(19.) Dec. 1688; Brief des Bischofs von + Bristol an den Prinzen von Oranien vom 5. Dec. 1688, in + Dalrymple.] + + [Anmerkung 153: Citters, 27. Nov. (7. Dec.) 1688; +Clarendon's + Diary, Dec. 11+; +Song on Lord Lovelace's entry into Oxford, + 1688+; +Burnet I. 793.+] + + [Anmerkung 154: +Clarendon's Diary, Dec. 2, 3, 4, 5. 1688.+] + + [Anmerkung 155: +Whittle's Exact Diary+; +Eachard's History of the + Revolution.+] + + +[_Clarendon schließt sich in Salisbury dem Prinzen an._] Hier wurde sein +Gefolge durch die Earls von Clarendon und von Oxford und andere +hochgestellte Männer vermehrt, welche noch vor einigen Tagen als eifrige +Royalisten betrachtet worden waren. Auch Citters erschien im +holländischen Hauptquartier. Er war seit einigen Wochen in seinem Hause +bei Whitehall unter der beständigen Aufsicht einander ablösender Spione +fast ein Gefangener gewesen. Doch trotz dieser Spione und vielleicht mit +ihrer Beihülfe hatte er sich von Allem was im Palast vorging genaue +Kenntniß zu verschaffen gewußt und er kam nun mit werthvollen Notizen +über Menschen und Dinge reich versehen, um Wilhelm durch seinen Rath zu +unterstützen.[156] + + [Anmerkung 156: Citters, 20.(30.) Nov., 9.(19.) Dec. 1688.] + + +[_Spaltung im Lager des Prinzen._] Bis hieher hatte die Unternehmung des +Prinzen einen die sanguinischesten Hoffnungen übertreffenden glücklichen +Fortgang gehabt. Jetzt aber begann das Glück nach dem allgemeinen +Gesetz, das die irdischen Dinge regiert, Uneinigkeit zu erzeugen. Die in +Salisbury versammelten Engländer spalteten sich in zwei Parteien. Die +eine davon bestand aus Whigs, welche die Lehren vom passiven Gehorsam +und vom unveräußerlichen Erbrechte stets als knechtischen Aberglauben +betrachtet hatten. Viele von ihnen hatten Jahre lang im Exil zugebracht. +Alle waren lange von jedem Antheil an den Gunstbezeigungen der Krone +ausgeschlossen gewesen. Jetzt frohlockten sie über die nahe Aussicht auf +Größe und Rache. Von glühendem Zorne beseelt und von Sieg und Hoffnung +aufgebläht, wollten sie von keinem Vergleiche hören. Nur die Absetzung +ihres Todfeindes konnte sie zufriedenstellen, und es läßt sich nicht +leugnen, daß sie hierin durchaus consequent waren. Neun Jahre früher +hatten sie sich bemüht, ihn vom Throne auszuschließen, weil sie +fürchteten, daß er ein schlechter König werden möchte, und nachdem er +sich als ein viel schlechterer König erwiesen, als irgend ein +vernünftiger Mensch es hätte vermuthen können, durfte man wohl kaum +erwarten, daß sie ihn gutwillig auf dem Throne lassen würden. + +Auf der andren Seite waren nicht wenige von Wilhelm's Anhängern eifrige +Tories, welche bis vor ganz Kurzem die Lehre vom Nichtwiderstande in der +absolutesten Form aufrechterhalten, deren Glaube an diese Lehre aber +einen Augenblick durch die heftigen Leidenschaften erschüttert worden +war, welche die Undankbarkeit des Königs und die Gefahr der Kirche in +ihnen geweckt hatten. Keine Lage konnte peinlicher und beängstigender +sein, als die des alten Kavaliers, der mit bewaffneter Hand dem Throne +gegenüberstand. Die Gewissensscrupel, die ihn nicht abgehalten hatten, +sich in das holländische Lager zu begeben, begannen ihn furchtbar zu +quälen, sobald er sich dort befand. Eine innere Stimme sagte ihm, daß er +ein Verbrechen begangen habe. Jedenfalls hatte er sich Vorwürfen +ausgesetzt, indem er im directen Widerspruch mit den erklärten +Prinzipien seines ganzen Lebens handelte. Er empfand einen +unüberwindlichen Widerwillen gegen seine neuen Verbündeten. Es waren +Leute, die er, so lange er denken konnte, geschmäht und verfolgt hatte: +Presbyterianer, Independenten, Anabaptisten, alte Soldaten Cromwell's, +kecke Burschen Shaftesbury's, Theilnehmer am Ryehousecomplot, gewesene +Anführer des Aufstandes im Westen. Natürlich wünschte er eine Ausflucht +zu finden, die sein Gewissen beruhigen, seine Consequenz rechtfertigen +und zwischen ihm und der großen Masse schismatischer Rebellen, die er +stets verachtet und verabscheut hatte, mit denen er aber jetzt in eine +Kategorie geworfen zu werden fürchten mußte, eine Scheidewand ziehen +konnte. Er verwahrte sich daher entschieden gegen den Gedanken, die +Krone von dem gesalbten Haupte nehmen zu wollen, das der Wille des +Himmels und die Grundgesetze des Reichs geheiligt hatten. Es war sein +sehnlichster Wunsch, auf Grundlagen, welche die königliche Würde nicht +herabsetzten, eine Versöhnung zu Stande kommen zu sehen. Er war ja kein +Verräther, er widersetzte sich eigentlich gar nicht der königlichen +Autorität; er stand nur deshalb unter Waffen, weil er überzeugt war, daß +man dem Throne keinen besseren Dienst leisten könne, als indem man Seine +Majestät durch ein wenig Zwang aus den Händen schlechter Rathgeber +befreite. + +Die schlimmen Folgen, welche die gegenseitige Erbitterung dieser +Factionen herbeizuführen drohten, wurden zum großen Theile durch den +Einfluß und die Weisheit des Prinzen verhütet. Umgeben von +streitsüchtigen Disputanten, von zudringlichen Rathgebern, von +kriechenden Schmeichlern, von wachsamen Spionen und böswilligen +Verleumdern, bewahrte er stets seine heitere, undurchdringliche Ruhe. Er +schwieg so lange als Schweigen möglich war, und wenn er sprechen mußte, +brachte der ernste und gebieterische Ton, in welchem er seine reiflich +erwogenen Ansichten kund that, bald jeden Andren zum Schweigen. Was auch +einige seiner allzu eifrigen Anhänger sagen mochten, er äußerte kein +Wort, das die mindeste Absicht auf den Besitz der englischen Krone +verrieth. Er wußte sehr gut, daß zwischen ihm und dieser Krone noch +Hindernisse standen, die vielleicht keine menschliche Klugheit zu +beseitigen vermochte, die aber ein einziger falscher Schritt +unüberwindlich machen konnte. Er hatte nur dann Aussicht, den glänzenden +Preis zu erringen, wenn er sich desselben nicht mit rücksichtsloser Hand +bemächtigte, sondern es ruhig abwartete, bis sein geheimer Wunsch ohne +sichtbares Bemühen oder List von seiner Seite, durch den Drang der +Umstände, durch die Mißgriffe seiner Widersacher und durch die freie +Wahl der Stände des Reichs erfüllt werden würde. Diejenigen, die ihn +auszuforschen wagten, erfuhren nichts, konnten ihn aber doch nicht der +Winkelzüge beschuldigen. Er verwies sie ruhig auf seine Erklärung und +versicherte, daß seit der Abfassung dieses Dokuments in seinen Ansichten +keine Änderung eingetreten sei. Er behandelte seine Anhänger mit so +kluger Gewandtheit, daß ihre Uneinigkeit seine Hand eher gestärkt als +geschwächt zu haben scheint; aber sie brach mit Heftigkeit hervor, +sobald seine Aufsicht nachließ, störte die Eintracht geselliger +Zusammenkünfte und respectirte selbst die Heiligkeit des Gotteshauses +nicht. Clarendon, welcher durch sein Prahlen mit loyalen Gesinnungen die +unleugbare Thatsache, daß er ein Rebell war, bemänteln wollte, hörte mit +heftiger Entrüstung einige seiner neuen Verbündeten bei der Flasche über +die königliche Amnestie lachen, die ihnen so eben huldvoll angeboten +worden war. Sie brauchten keine Verzeihung, sagten sie; im Gegentheil, +der König müßte sie um Verzeihung bitten, ehe sie ihn laufen ließen. +Noch beunruhigender und kränkender für jeden guten Tory war ein Vorfall, +der sich in der Kathedrale von Salisbury ereignete. Sobald der +fungirende Geistliche das Gebet für den König zu lesen begann, erhob +sich Burnet, zu dessen vielen guten Eigenschaften Selbstbeherrschung und +feines Schicklichkeitsgefühl nicht gehörten, von den Knien, setzte sich +in seinen Stuhl und gab einige verächtliche Laute von sich, welche die +Andacht der Gemeinde störten.[157] + +Bald hatten die Factionen, welche das Lager des Prinzen spalteten, +Gelegenheit, ihre Stärke zu messen. Die königlichen Commissare waren auf +dem Wege zu ihm. Schon mehrere Tage waren seit ihrer Ernennung +verstrichen, und eine solche Verspätigung in einer Angelegenheit von so +dringender Wichtigkeit war auffallend. In Wahrheit aber wünschte weder +Jakob noch Wilhelm die schleunige Anknüpfung von Unterhandlungen, denn +Jakob wollte nur Zeit gewinnen, um seine Gemahlin und seinen Sohn nach +Frankreich schicken zu können, und Wilhelm's Stellung wurde mit jedem +Tage gebietender. Endlich ließ der Prinz den Commissaren sagen, daß er +in Hungerford mit ihnen zusammentreffen wolle. Er wählte diese Stadt +wahrscheinlich deshalb, weil sie gerade auf halbem Wege zwischen +Salisbury und Oxford lag und sich daher zu einer Zusammenkunft seiner +bedeutendsten Anhänger am besten eignete. In Salisbury befanden sich +diejenigen Kavaliere und Gentlemen, die ihn von Holland aus begleitet +oder sich im Westen ihm angeschlossen hatten, und in Oxford waren viele +Häupter des Aufstandes im Norden. + + [Anmerkung 157: +Clarendon's Diary, Dec, 6, 7. 1688.+] + + +[_Ankunft des Prinzen in Hungerford._] Donnerstag Abend, den 6. December +traf er in Hungerford ein, und bald füllte sich die kleine Stadt mit +Männern von hohem Rang und Ansehen, welche von allen Seiten herbeikamen. +Der Prinz war von einer starken Truppenabtheilung begleitet, und die aus +dem Norden kommenden Lords brachten Hunderte von irregulären Reitern +mit, deren Armaturen und Reitkunst die Heiterkeit Derer erregte, welche +an den glänzenden Anblick und an die präcisen Bewegungen regulärer +Armeen gewöhnt waren.[158] + + [Anmerkung 158: +Clarendon's Diary. Dec. 7. 1688.+] + + +[_Gefecht bei Reading._] Während des Prinzen Anwesenheit in Hungerford +fand zwischen einem zweihundertfünfzig Mann starken Detaschement seiner +Truppen und sechshundert in Reading stehenden Irländern ein heißes +Gefecht statt. Bei dieser Gelegenheit bewährte sich die bessere +Disciplin der Eingedrungenen auf das Glänzendste. Obgleich von weit +geringerer Anzahl, trieben sie doch sogleich beim ersten Anlauf die +königlichen Truppen in wilder Flucht durch die Straßen der Stadt bis auf +den Marktplatz. Hier machten die Irländer einen Versuch, sich wieder zu +sammeln, da sie aber von vorn kräftig angegriffen wurden und zu gleicher +Zeit die Bewohner der umliegenden Häuser aus den Fenstern auf sie +feuerten, so entsank ihnen bald der Muth und sie flohen mit dem Verlust +ihrer Fahne und fünfzig Mann. Von den Siegern fielen nur fünf. Die +Nachricht von diesem Kampfe erfüllte die Lords und Gentlemen, die sich +Wilhelm angeschlossen hatten, mit ungetrübter Freude. Nichts an diesem +ganzen Vorfall konnte ihren Nationalstolz kränken. Die Holländer hatten +nicht die Engländer geschlagen, sondern hatten einer englischen Stadt +geholfen, sich von der unerträglichen Herrschaft der Irländer zu +befreien.[159] + + [Anmerkung 159: +History of the Desertion+; Citters, 9.(19.) Dec. + 1688; +Exact Diary+; +Oldmixon, 760.+] + + +[_Ankunft der königlichen Commissare in Hungerford._] Samstag Morgens, +den 8. December, kamen die königlichen Commissare in Hungerford an. Die +Leibgarde des Prinzen war in Parade aufgestellt, um sie mit +militairischen Ehrenbezeigungen zu empfangen. Bentinck bewillkommnete +sie und erbot sich, sie sofort zu seinem Gebieter zu geleiten. Sie +sprachen die Hoffnung aus, daß der Prinz ihnen eine Privataudienz +bewilligen werde; aber es wurde ihnen darauf erwiedert, daß er +beschlossen habe, sie öffentlich anzuhören und ihnen ebenso zu +antworten. Sie wurden in sein Schlafgemach eingeführt, wo sie ihn von +einer Menge Lords und Gentlemen umgeben fanden. + + +[_Unterhandlung._] Halifax, dem seine Stellung, sein Alter und seine +Fähigkeiten den Vorrang gaben, führte das Wort. Der Vorschlag, den die +Commissare zu machen beauftragt waren, bestand darin, daß die streitigen +Punkte der Entscheidung des Parlaments, für welches die Wahlen bereits +angeordnet seien, anheimgegeben werden und daß sich bis dahin die Armee +des Prinzen der Hauptstadt nicht weiter als bis auf dreißig oder vierzig +Meilen nähern sollte. Nachdem Halifax erklärt hatte, daß er und seine +Collegen bereit seien, auf dieser Grundlage zu unterhandeln, überreichte +er Wilhelm ein Schreiben vom Könige und entfernte sich dann. Wilhelm +erbrach den Brief und schien ungewöhnlich bewegt zu sein. Es war der +erste, den er von seinem Schwiegervater erhielt, seitdem sie erklärte +Feinde geworden waren. Sie hatten einst auf gutem Fuße gestanden und +einander vertraulich geschrieben; auch hatten sie selbst als sie schon +anfingen, einander mit Mißtrauen und Abneigung zu betrachten, die +freundschaftlichen Formen, welche nahe Verwandte zu gebrauchen pflegen, +noch nicht aus ihren Briefen verbannt. Das von den Commissaren +überbrachte Schreiben aber war von einem Sekretär in diplomatischer Form +und in französischer Sprache abgefaßt. »Ich habe viele Briefe vom Könige +erhalten,« sagte Wilhelm, »aber sie waren alle in englischer Sprache und +von ihm eigenhändig geschrieben.« Er sprach mit einer Gemüthsbewegung, +die er sonst nicht zu zeigen gewohnt war. Er dachte vielleicht in diesem +Augenblicke daran, welche Vorwürfe sein Unternehmen, so gerecht, so +wohlthätig und so nothwendig es auch sein mochte, ihm selbst und der ihm +ergebenen Frau zuziehen mußte. Vielleicht beklagte er das harte +Geschick, das ihn in eine Lage versetzt hatte, in der er seine +Staatspflichten nur dadurch erfüllen konnte, daß er Familienbande +zerriß, und beneidete die glücklichere Lage Derer, die für das Wohl von +Nationen und Kirchen nicht verantwortlich sind. Doch wenn solche +Gedanken wirklich in ihm aufstiegen, so wurden sie mit männlicher +Festigkeit unterdrückt. Er forderte die Lords und Gentlemen, die er in +Folge jenes Schreibens zusammenberief, auf, über die zu ertheilende +Antwort zu berathschlagen, ohne daß er sie durch seine Anwesenheit +irgendwie behindern wolle. Er selbst behielt sich nur das Recht vor, +nach Anhörung ihrer Meinungen in letzter Instanz zu entscheiden. Hierauf +verließ er sie und zog sich nach Littlecote Hall zurück, einem etwa zwei +Meilen entfernten Schlosse, das bis auf unsere Tage nicht allein durch +seine ehrwürdige Bauart und Einrichtung, sondern auch wegen eines +entsetzlichen und geheimnißvollen Verbrechens berühmt ist, das zu den +Zeiten der Tudors daselbst verübt wurde.[160] + +Vor seiner Abreise von Hungerford erfuhr er, daß Halifax den dringenden +Wunsch geäußert habe, mit Burnet zu sprechen. In diesem Wunsche lag +nichts Auffallendes, denn Halifax und Burnet hatten lange auf +freundschaftlichem Fuße gestanden. Allerdings konnte es wohl kaum zwei +Männer geben, die einander so wenig glichen. Burnet fehlte es gänzlich +an Takt und Zartgefühl. Halifax besaß dagegen ein außerordentlich feines +Gefühl und sein Sinn für das Lächerliche war von krankhafter +Reizbarkeit. Burnet betrachtete jede Handlung und jeden Character durch +ein vom Parteigeist entstelltes und gefärbtes Medium. Halifax dagegen +war stets geneigt, die Fehler seiner Verbündeten mit schärferem Blicke +zu untersuchen als die Fehler seiner Gegner. Burnet war bei allen seinen +Mängeln und Schwächen und durch alle Wechselfälle seines in +Verhältnissen, welche der Frömmigkeit eben nicht günstig waren, +hingebrachten Lebens ein wahrhaft religiöser Mann. Der skeptische und +sarkastische Halifax wurde für einen Ungläubigen gehalten. Halifax zog +sich daher oft den unwilligen Tadel Burnet's zu, und Burnet war oft die +Zielscheibe von Halifax' scharfem und feinem Witze. Dennoch fühlten sie +sich zu einander hingezogen, fanden gegenseitig Gefallen an ihrer +Unterhaltung, schätzten ihre beiderseitigen Talente, tauschten +freimüthig ihre Ansichten aus und erwiesen einander auch in Zeiten der +Gefahr gute Dienste. Indessen wünschte Halifax seinen alten Bekannten +jetzt nicht aus rein persönlichen Rücksichten zu sprechen. Es mußte den +Commissaren daran gelegen sein, den eigentlichen Endzweck des Prinzen zu +erfahren. Er hatte sich geweigert, sie privatim zu empfangen, und aus +dem, was er ihnen bei einer förmlichen und öffentlichen Zusammenkunft +sagen konnte, war wenig zu ersehen. Fast Alle die sein Vertrauen +besaßen, waren eben so verschwiegen und unergründlich als er selbst. +Burnet bildete die einzige Ausnahme. Er war notorisch geschwätzig und +indiscret, die Umstände aber hatten es nöthig gemacht, ihn ins Vertrauen +zu ziehen, und es unterlag keinem Zweifel, daß es dem gewandten Halifax +gelingen würde, ihm eben so viele Geheimnisse als Worte zu entlocken. +Wilhelm wußte dies sehr gut, und als er erfuhr, daß Halifax mit dem +Doctor sprechen wollte, konnte er sich der Äußerung nicht enthalten: +»Wenn die Beiden zusammenkommen, wird es ein schönes Geschwätz geben.« +Es wurde Burnet nicht erlaubt, privatim mit den Commissaren zu sprechen, +ihm aber versichert, daß seine Treue in den Augen des Prinzen über jeden +Verdacht erhaben sei, und damit er keinen Grund haben konnte, sich zu +beklagen, wurde das Verbot allgemein gemacht. + +An jenem Nachmittage versammelten sich die Lords und Gentlemen, welche +Wilhelm um ihren Rath ersucht hatte, in dem Hauptsaale des ersten +Gasthofes zu Hungerford. Oxford präsidirte und die Eröffnungen des +Königs wurden in Erwägung gezogen. Es zeigte sich bald, daß die +Versammlung in zwei Parteien gespalten war, deren eine sehnlichst einen +Vergleich mit dem Könige wünschte, während die andre seinen Sturz +wollte. Die letztere Partei hatte das numerische Übergewicht; aber es +wurde bemerkt, daß Shrewsbury, von dem man glaubte, daß er von allen +englischen Kavalieren den größten Antheil an Wilhelm's Vertrauen hatte, +bei dieser Gelegenheit auf Seiten der Tories stand. Nach langem Hin- und +Herreden wurde die Frage gestellt. Die Majorität war für die Verwerfung +des Vorschlags, den die Commissare zu machen beauftragt waren. Der +Beschluß der Versammlung wurde dem Prinzen nach Littlecote gemeldet. Bei +keinem Anlasse während seines ganzen ereignißvollen Lebens zeigte er +mehr Klugheit und Selbstbeherrschung. Er konnte unmöglich wünschen, daß +die Unterhandlung Erfolg habe; aber er war viel zu klug, um nicht +einzusehen, daß er die öffentliche Meinung nicht mehr für sich gehabt +haben würde, wenn die Unterhandlung an unbilligen Forderungen von seiner +Seite scheiterte. Er verwarf daher die Ansicht seiner allzueifrigen +Anhänger und erklärte, daß er entschlossen sei, auf der vom Könige +proponirten Grundlage zu unterhandeln. Viele von den in Hungerford +versammelten Lords und Gentlemen erhoben Einwendungen dagegen, und ein +ganzer Tag verging unter Hin- und Herstreiten; aber Wilhelm's Entschluß +stand unwiderruflich fest. Er erklärte sich bereit, die Entscheidung +aller streitigen Punkte dem eben einberufenen Parlamente zu überlassen +und sich London nur bis auf vierzig Meilen zu nähern. Er stellte +seinerseits einige Forderungen, welche selbst Diejenigen, die am +wenigsten für ihn eingenommen waren, als mäßig anerkannten. Er +verlangte, daß die bestehenden Gesetze so lange befolgt würden, bis sie +durch die competente Autorität abgeändert wären, und daß alle +Diejenigen, welche ohne gesetzliche Qualification Ämter bekleideten, +sofort entlassen werden sollten. Er war ferner der vollkommen +begründeten Meinung, daß die Berathungen des Parlaments nicht frei sein +könnten, wenn es von irischen Regimentern umgeben war, während er mit +seiner Armee mehrere Tagemärsche weit von demselben entfernt stand. Er +hielt es daher für recht und billig, daß, wenn seine Truppen sich im +Westen der Hauptstadt nur bis auf vierzig Meilen nähern sollten, auch +die königlichen Truppen im Osten sich auf gleiche Entfernung +zurückziehen müßten. So wäre um den Ort herum, wo die Häuser tagten, ein +großer Kreis neutralen Bodens gewesen. Allerdings befanden sich +innerhalb dieses Umkreises zwei für die Bewohner der Hauptstadt höchst +wichtige Festungen, der Tower, der ihre Häuser, und Tilbury Fort, das +ihren Seehandel beherrschte. Ohne Besatzung konnten diese Plätze +unmöglich bleiben, und Wilhelm schlug daher vor, sie einstweilen der +Obhut der City von London zu übergeben. Ferner konnte es der König +möglicherweise für angemessen erachten, sich zur Eröffnung des +Parlaments mit einer Abtheilung Leibgarden nach Westminster zu begeben. +Der Prinz kündigte an, daß er in diesem Falle das Recht beanspruchen +werde, sich ebenfalls mit einer gleichen Anzahl Soldaten dahin zu +begeben. Es schien ihm gerecht, daß, so lange die militairischen +Operationen eingestellt waren, beide Armeen gleichmäßig im Dienste der +Nation stehend betrachtet und gleichmäßig auf Kosten des englischen +Staatsschatzes unterhalten würden. Endlich verlangte er noch eine +Gewährschaft dafür, daß der König sich den Waffenstillstand nicht zu +Nutze machte, um französische Truppen nach England zu ziehen. Der +gefährlichste Punkt in dieser Beziehung war Portsmouth. Der Prinz +bestand jedoch nicht darauf, daß ihm diese wichtige Festung überliefert +werden sollte, sondern machte nur den Vorschlag, sie für die Dauer des +Waffenstillstandes unter das Commando eines Offiziers zu stellen, zu dem +er und Jakob Vertrauen habe. + +Wilhelm's Vorschläge waren mit der gewissenhaftesten Ehrlichkeit und +Aufrichtigkeit entworfen, wie sie eher von einem unbeteiligten +Schiedsrichter, der sein Urtheil abgiebt, als von einem siegreichen +Fürsten, der einem hülflosen Feinde Bedingungen vorschreibt, zu erwarten +gewesen wären. Die Anhänger des Königs fanden nichts daran auszusetzen. +Unter den Whigs aber wurde viel darüber gemurrt. Sie wollten von einer +Versöhnung mit ihrem gewesenen Gebieter nichts wissen, sie glaubten sich +aller Unterthanenpflichten gegen ihn entbunden, sie wollten die +Autorität eines durch ihn einberufenen Parlaments nicht anerkennen, +waren einem Waffenstillstande entschieden abgeneigt und konnten nicht +einsehen, warum ein solcher, wenn er dennoch abgeschlossen werden +sollte, auf gleiche Bedingungen basirt sein müsse. Nach allen Regeln des +Kriegs habe die stärkere Partei das Recht, aus ihrer Starke Vortheil zu +ziehen, und sei Jakob's Character von der Art, um eine außerordentliche +Nachsicht zu rechtfertigen? Die, welche so raisonnirten, hatten keinen +Begriff, aus welchem erhabenen Gesichtspunkte und mit welchem scharfen +Blicke der von ihnen getadelte Führer die ganze Stellung Englands und +Europa's betrachtete. Sie wollten Jakob schlechterdings stürzen und +würden sich daher entweder geweigert haben, unter irgend welchen +Bedingungen mit ihm zu unterhandeln, oder sie würden ihm unerträglich +harte Bedingungen gestellt haben. Wenn Wilhelm's umfassender und tief +durchdachter politischer Plan gelingen sollte, mußte Jakob durch +Zurückweisung auffallend liberaler Bedingungen sich selbst ins Verderben +stürzen. Die kommenden Ereignisse bewiesen sprechend die Weisheit des +Verfahrens, welches die Mehrzahl der in Hungerford versammelten +Engländer zu verdammen geneigt war. + +Am Sonntag, den 9. December, wurden die Forderungen des Prinzen +niedergeschrieben und Halifax übergeben. Die Commissare speisten in +Littlecote mit einer glänzenden Gesellschaft, welche ihnen zu Ehren +eingeladen worden war. Die alte Halle, geschmückt mit Panzerhemden, +welche die Kriege der Rosen gesehen und mit den Bildnissen von +Kavalieren, die eine Zierde des Hofes Philipp's und Mariens gewesen +waren, war an jenem Tage mit Peers und Generälen angefüllt. In einem +solchen Gedränge konnte man leicht eine kurze Frage und Antwort +wechseln, ohne die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Halifax benutzte +die Gelegenheit, die sich ihm darbot, um Burnet Alles was er wußte und +dachte zu entlocken. »Was wollt Ihr eigentlich?« fragte der gewandte +Diplomat; »wollt Ihr den König in Eure Gewalt haben?« -- »Durchaus +nicht,« antwortete Burnet, »wir würden seiner Person nicht das mindeste +Leid anthun.« -- »Wenn er aber flüchtete?« fuhr Halifax fort. »Dies wäre +uns das Erwünschteste.« Es kann nicht bezweifelt werden, daß Burnet die +allgemeine Ansicht der Whigs im Lager des Prinzen aussprach. Sie +wünschten Alle, daß Jakob das Land verlassen möchte, aber nur einige +wenige von den weisesten unter ihnen sahen ein, wie wichtig es war, daß +seine Flucht von der Nation seiner eignen Thorheit und Verblendung und +nicht harter Behandlung oder begründeter Furcht zugeschrieben wurde. +Wahrscheinlich wären selbst in der verzweifelten Lage, in die er +versetzt war, alle seine Feinde zusammengenommen noch immer nicht im +Stande gewesen, seinen völligen Sturz zu bewirken, wäre er selbst nicht +sein schlimmster Feind gewesen; aber während seine Commissare an seiner +Rettung arbeiteten, arbeitete er eben so eifrig daran, alle ihre +Bemühungen nutzlos zu machen.[161] + + [Anmerkung 160: Siehe eine höchst interessante Note zum fünften + Gesange von Sir Walter Scotts Rokeby.] + + [Anmerkung 161: Die Quellen meiner Mittheilungen über die Vorgänge + in Hungerford sind: +Clarendon's Diary, Dec. 8, 9. 1688+; +Burnet, + I. 794+; das Schreiben, welches die Commissare dem Prinzen + überbrachten, und dessen Antwort darauf; +Sir Patrick Hume's + Diary+; Citters, 9.(19.) Dec.] + + +[_Die Königin und der Prinz von Wales werden nach Frankreich +geschickt._] Seine Pläne waren endlich reif zur Ausführung. Die +Scheinunterhandlung hatte ihren Zweck erfüllt. An dem nämlichen Tage, an +welchem die drei Lords in Hungerford eintrafen, kam der Prinz von Wales +in Westminster an. Man hatte die Absicht gehabt, ihn die London-Brücke +passiren zu lassen, und einige irländische Truppen waren ihm daher nach +Southwark entgegengesandt worden. Aber sie wurden von einer zahlreichen +Volksmenge mit solchem Geschrei und solchen Verwünschungen empfangen, +daß sie es für gerathen hielten, schleunigst wieder umzukehren. Das +unglückliche Kind passirte die Themse bei Kingston und wurde so in aller +Stille nach Whitehall gebracht, daß Viele glaubten, es sei noch in +Portsmouth.[162] + +Den Prinzen und die Königin außer Landes zu schicken, war jetzt das +Hauptziel Jakob's. Aber wem konnte die Leitung der Flucht anvertraut +werden? Dartmouth war der loyalste aller protestantischen Tories, und er +hatte sich geweigert. Dover war eine Creatur der Jesuiten, und selbst er +hatte sich nicht entschließen können. Es war nicht sehr leicht, einen +Engländer von hohem Range und von Ehre zu finden, der es unternommen +hätte, den wahrscheinlichen Erben der englischen Krone den Händen des +Königs von Frankreich zu übergeben. Unter diesen Umständen dachte Jakob +an einen damals in London lebenden Franzosen, Namens Antonin Graf von +Lauzun. + + [Anmerkung 162: +Clarke's Life of James, II. 237.+ Burnet hat + sonderbarerweise nichts davon gehört oder es vergessen, daß der + Prinz nach London zurückgebracht wurde. (I. 796.)] + + +[_Lauzun._] Man hat von diesem Manne gesagt, sein Leben sei wunderbarer +gewesen, als die Träume anderer Leute. In seiner Jugend war er Ludwig's +intimer Gesellschafter gewesen und man hatte ihm Aussicht auf die +höchsten Ämter unter der französischen Krone gemacht. Dann hatte sein +Glücksstern sich plötzlich verdunkelt. Ludwig hatte seinen Jugendfreund +mit bitteren Vorwürfen von sich gestoßen und sollte sich angeblich kaum +haben enthalten können, ihn zu schlagen. Der gefallene Günstling war als +Gefangener auf eine Festung geschickt, aber wieder in Freiheit gesetzt +worden, hatte sich aufs neue der Gunst seines Gebieters erfreut und das +Herz einer der vornehmsten Damen in Europa, Anna Maria, Tochter des +Herzogs Gaston von Orleans, Enkelin König Heinrich's IV. und Erbin der +unermeßlichen Besitzungen des Hauses Montpensier, erobert. Die beiden +Liebenden wünschten sich zu vermählen, der König gab seine Einwilligung +und einige Stunden lang wurde Lauzun vom Hofe als ein Mitglied des +Hauses Bourbon betrachtet. Die Mitgift der Prinzessin wäre in der That +der Bewerbung souverainer Fürsten werth gewesen, denn sie bestand aus +drei großen Herzogthümern, einem unabhängigen Fürstenthume mit eigner +Münze und eigenen Tribunalen, und einem Einkommen, das die +Gesammteinkünfte des Königreichs Schottland weit überstieg. Aber diese +glänzende Aussicht trübte sich, die Verbindung wurde abgebrochen und der +Freier wurde viele Jahre in einem Alpenschlosse eingesperrt. Endlich +ließ sich Ludwig wieder erweichen. Lauzun durfte nicht vor dem Könige +erscheinen, aber es war ihm gestattet, fern vom Hofe seine Freiheit zu +genießen. Er ging nach England und wurde im Palaste Jakob's und in den +vornehmen Cirkeln London's wohl aufgenommen, denn damals galten die +französischen Edelleute in ganz Europa für Muster von Eleganz, und viele +Chevaliers und Vicomtes, welche in den Privatcirkeln zu Versailles nie +Zutritt gehabt hatten, sahen sich in Whitehall von allgemeiner Neugierde +und Bewunderung umgeben. Lauzun war der gegenwärtigen Anforderung in +jeder Hinsicht gewachsen. Er hatte Muth und Ehrgefühl, war an +excentrische Abenteuer gewöhnt und verband mit dem scharfen +Beobachtungssinn und dem sarkastischen Witze eines vollendeten Weltmanns +eine entschiedene Neigung zum irrenden Ritterthum. Alle seine nationalen +Gefühle und alle seine persönlichen Interessen trieben ihn an, das +Abenteuer zu wagen, vor dem die treuesten Unterthanen der englischen +Krone zurückzuschrecken schienen. Als Beschützer der Königin von +Großbritannien und des Prinzen von Wales in einer gefahrvollen Krisis, +konnte er mit Ehren in sein Vaterland zurückkehren, es konnte ihm wieder +gestattet werden, Ludwig ankleiden und speisen zu sehen und nach so +vielen Wechselfällen konnte er am Abende seines Lebens noch einmal die +so wunderbar bezaubernde Jagd nach der königlichen Gunst beginnen. + +Von solchen Gefühlen beseelt, nahm Lauzun das ihm angebotene wichtige +Amt bereitwilligst an. Die Vorkehrungen zur Flucht wurden schleunigst +getroffen, ein Schiff erhielt Befehl, sich bei Gravesend bereit zu +halten; aber nach Gravesend zu gelangen, war nicht leicht. Die City war +in einer furchtbaren Aufregung. Die geringste Ursache war hinreichend, +um einen Auflauf zu veranlassen, kein Fremder durfte sich auf den +Straßen zeigen, wenn er sich nicht der Gefahr aussetzen wollte, +angehalten, ausgefragt und als verkappter Jesuit vor einen +Magistratsbeamten geführt zu werden. Man mußte sich daher auf der +Südseite der Themse halten. Es wurde keine Vorsichtsmaßregel versäumt, +um jeden Verdacht zu zerstreuen. Der König und die Königin begaben sich +wie gewöhnlich zur Ruhe. Jakob wartete, bis eine Zeit lang im Palaste +Alles still gewesen war, dann stand er auf und rief einen Diener, zu dem +er sagte: »Ihr werdet an der Thür des Vorzimmers einen Mann finden; +bringt ihn hierher.« Der Diener gehorchte und Lauzun wurde ins +königliche Schlafgemach eingeführt. »Ich vertraue Ihnen meine Gemahlin +und meinen Sohn an,« sagte der König zu ihm; »sie müssen auf jede Gefahr +hin nach Frankreich gebracht werden.« Lauzun sprach mit ächt +ritterlichem Sinne seinen Dank aus für die ihm zu Theil werdende +gefährliche Ehre und bat um die Erlaubniß, sich der Mithülfe seines +Freundes Saint-Victor, eines Edelmanns aus der Provence, dessen Muth und +Treue vielfach erprobt sei, bedienen zu dürfen. Die Dienste eines so +werthvollen Beistandes wurden bereitwillig angenommen. Lauzun reichte +Marien die Hand, und Saint-Victor hüllte den unglücklichen Erben so +vieler Könige in seinen warmen Mantel. Die Gesellschaft schlich leise +die Hintertreppe hinab und stieg in einen offenen Kahn. Es war eine +traurige Fahrt. Die Nacht war kalt, es regnete, der Wind heulte und der +Wellenschlag war heftig. Endlich erreichte der Kahn Lambeth und die +Flüchtlinge landeten in der Nähe eines Gasthofes, wo ein Wagen und +Pferde sie erwarteten. Es dauerte eine Weile, bis die Pferde angeschirrt +und angespannt waren. Marie wollte aus Furcht erkannt zu werden nicht in +das Haus treten. Sie blieb bei ihrem Kinde, zum Schutz vor dem Unwetter +unter dem Thurme der Lambethkirche kauernd und jedesmal vor Schreck +zusammenfahrend, wenn der Hausknecht sich ihr mit seiner Laterne +näherte. Sie hatte zwei von ihren Kammerfrauen bei sich; die eine nährte +den Prinzen, die andre hatte das Amt, ihn zu wiegen; ihrer Gebieterin +aber konnten Beide nur wenig nützen, denn sie waren Ausländerinnen, +welche kaum englisch sprachen und beständig über das rauhe Klima +Englands klagten. Der einzige tröstliche Umstand war, daß das Kind wohl +war und nicht ein einziges Mal schrie. Endlich war der Wagen bereit. +Saint-Victor begleitete denselben zu Pferde. Die Flüchtlinge kamen +wohlbehalten in Gravesend an und schifften sich auf der sie erwartenden +Yacht ein. Sie fanden auf derselben Lord Powis mit seiner Gattin und +drei irische Offiziere. Diese waren dahin geschickt worden, um Lauzun in +einem etwaigen verzweifelten Nothfalle beizustehen, denn es wurde nicht +für unmöglich gehalten, daß der Kapitain des Schiffes sich als treulos +erwies, und man hatte sich fest vorgenommen, ihn beim geringsten +Verdacht von Verrätherei sofort niederzustoßen. Man kam jedoch nicht in +die Nothwendigkeit, Gewalt zu brauchen. Die Yacht fuhr mit günstigem +Winde den Strom hinab und nachdem Saint-Victor sie hatte absegeln sehen, +sprengte er mit der guten Nachricht nach Whitehall zurück.[163] + +Am Montag Morgen, den 10. December, erfuhr der König, daß seine Gemahlin +und sein Sohn ihre Reise unter günstigen Aussichten für die glückliche +Vollendung derselben angetreten hatten. Um die nämliche Zeit kam ein +Courier mit Depeschen von Hungerford im Palaste an. Wäre Jakob ein wenig +scharfsichtiger und etwas weniger halsstarrig gewesen, so würden diese +Depeschen ihn bestimmt haben, alle seine Pläne noch einmal zu erwägen. +Das Schreiben der Commissare berechtigte zu guten Hoffnungen. Die von +dem Sieger gestellten Bedingungen waren auffallend liberal. Der König +selbst konnte sich der Bemerkung nicht enthalten, daß sie günstiger +seien, als er es erwartet hätte. Zwar konnte er nicht ohne Grund +annehmen, daß sie in keiner freundlichen Absicht gestellt wurden; allein +dies kam hier nicht in Betracht; mochten sie ihm in der Hoffnung +angeboten werden, daß er durch Annahme derselben den Grund zu einer +gütlichen Ausgleichung legen werde, oder, und dies war wahrscheinlicher, +in der Hoffnung, daß er sich durch ihre Zurückweisung der Nation als +durchaus unvernünftig und unverbesserlich darstellen werde, jedenfalls +war der Weg, den er hatte einschlagen sollen, vollkommen klar. In beiden +Fallen würde es die Klugheit erfordert haben, sie ohne Besinnen +anzunehmen und treulich zu halten. + + [Anmerkung 163: +Clarke's Life of James, II. 246+; +Père + d'Orléans, Revolutions d'Angleterre, XI.+; Frau von Sévigné, + 14.(24.) Dec. 1688; +Dangeau Mémoires, 13.(23.) Dec.+ Über Lauzun + siehe die Memoiren Mademoiselle's und des Herzogs von St. Simon + und die Characteristiken von Labruyère.] + + +[_Anstalten des Königs zur Flucht._] Es zeigte sich aber bald, daß +Wilhelm den Character, mit dem er es zu thun hatte, richtig beurtheilt +und durch das Anerbieten jener Bedingungen, welche die in Hungerford +anwesenden Whigs als zu nachsichtig getadelt, nichts gewagt hatte. Die +feierliche Komödie, mit der das Publikum seit dem Rückzuge der +königlichen Armee von Salisbury unterhalten worden war, wurde noch +einige Stunden fortgesetzt. Alle noch in der Hauptstadt anwesenden Lords +wurden in den Palast beschieden, um von den Fortschritten der auf ihren +Rath eingeleiteten Unterhandlungen unterrichtet zu werden. Eine zweite +Versammlung von Peers wurde auf den nächstfolgenden Tag festgesetzt. Der +Lordmayor und die Sheriffs von London wurden ebenfalls vor den König +geladen. Er ermahnte sie, ihre Pflichten mit ungeschwächtem Eifer zu +erfüllen und gestand ihnen, daß er es für zweckmäßig erachtet habe, +seine Gemahlin und seinen Sohn außer Landes zu schicken, versicherte +aber, daß er selbst auf seinem Posten ausharren werde. Als er diese +unkönigliche und unmännliche Lüge sagte, war es schon sein fester +Entschluß, noch vor Tagesanbruch abzureisen. Er hatte bereits sein +werthvollstes bewegliches Eigenthum mehreren fremden Gesandten zur +Aufbewahrung übergeben. Seine wichtigsten Papiere hatte er dem +toskanischen Gesandten anvertraut. Etwas aber mußte vor der Flucht noch +geschehen. Der Tyrann schmeichelte sich mit der Hoffnung, daß er sich an +dem Volke, welches seinen Despotismus nicht länger ertragen wollte, +werde rächen können, indem er es bei seinem Scheiden allem Unheile der +Anarchie preisgab. Er ließ das große Siegel und die Ausschreiben für das +neue Parlament in sein Zimmer bringen. Die noch vorhandenen Ausschreiben +warf er ins Feuer und die bereits abgesandten erklärte er durch eine in +gesetzlicher Form abgefaßte Urkunde für ungültig. An Feversham schrieb +er einen Brief, der nur als ein Befehl zur Auflösung der Armee +verstanden werden konnte. Gleichwohl verhehlte der König selbst seinen +ersten Ministern noch immer seine Absicht, zu entweichen. Ehe er sich +zur Ruhe begab, befahl er noch Jeffreys, am andren Morgen bei Zeiten im +Kabinet zu erscheinen, und als er ins Bett stieg, raunte er Mulgrave zu, +die aus Hungerford angelangten Nachrichten seien höchst befriedigend. +Jedermann entfernte sich hierauf, mit Ausnahme des Herzogs von +Northumberland. Dieser junge Mann, ein natürlicher Sohn Karl's II. und +der Herzogin von Cleveland, war Commandant einer Abtheilung der +Leibgarde und Kammerherr. Es scheint damals am Hofe Sitte gewesen zu +sein, daß in Abwesenheit der Königin ein Kammerherr im Zimmer des Königs +auf einem Feldbett schlafen mußte, und Northumberland war an der Reihe, +diesen Dienst zu versehen. + + +[_Seine Flucht._] Dienstag den 11. December um drei Uhr Morgens stand +Jakob auf, nahm das große Siegel an sich, befahl Northumberland, die +Thür des Schlafzimmers erst zur gewohnten Stunde zu öffnen und +verschwand durch einen verborgenen Ausgang, wahrscheinlich derselbe, +durch welchen Huddleston ans Bett des vorigen Königs gebracht worden +war. Sir Eduard Hales erwartete ihn mit einer Miethkutsche. Jakob fuhr +nach Millbank, wo er in einem kleinen Nachen über die Themse setzte. Als +er bei Lambeth vorüberfuhr, warf er das große Siegel mitten in den +Strom, wo es viele Monate darauf zufällig in ein Fischernetz gerieth und +herausgezogen wurde. + +In Vauxhall stieg er an's Land. Hier erwartete ihn ein bekannter +Reisewagen und er schlug ohne Aufenthalt den Weg nach Sheerneß ein, wo +ein dem Zollhause gehörendes Boot für ihn in Bereitschaft gehalten +wurde.[164] + + [Anmerkung 164: +History of the Desertion+; +Clarke's Life of + James, II. 251. Orig. Mem.+; +Mulgrave's Account of the + Revolution+; +Burnet, I. 795+.] + + + * * * * * + * * * * + + + =Zehntes Kapitel.= + + _Das Interregnum._ + + + + + =Inhalt.= + + Seite + Die Flucht des Königs wird bekannt 5 + Große Aufregung 5 + Die Lords versammeln sich in Guildhall 5 + Tumulte in London 8 + Das Haus des spanischen Gesandten geplündert 9 + Verhaftung Jeffreys' 10 + Die irische Macht 11 + Der König wird unweit Sheerneß angehalten 14 + Die Lords geben Befehl zu seiner Freilassung 18 + Wilhelm's Verlegenheit 19 + Verhaftung Feversham's 19 + Ankunft Jakob's in London 20 + Berathung in Windsor 21 + Die holländischen Truppen besetzen Whitehall 24 + Das Schreiben des Prinzen wird Jakob überbracht 24 + Jakob's Aufbruch nach Rochester 25 + Wilhelm's Ankunft im St. Jamespalaste 25 + Es wird ihm gerathen, sich die Krone kraft des + Eroberungsrechtes aufzusetzen 27 + Er beruft die Lords und die Mitglieder der Parlamente + Karl's II. zusammen 28 + Jakob's Flucht von Rochester 30 + Berathungen und Beschlüsse der Lords 31 + Verhandlungen und Beschlüsse der von dem Prinzen + einberufenen Gemeinen 32 + Eine Convention berufen 33 + Bemühungen des Prinzen zur Herstellung der Ordnung 33 + Seine tolerante Politik 34 + Zufriedenheit der katholischen Mächte 35 + Stimmung in Frankreich 35 + Empfang der Königin von England in Frankreich 36 + Ankunft Jakob's in St.-Germain 37 + Stimmung in den Vereinigten Provinzen 39 + Wahl der Mitglieder zur Convention 39 + Die Angelegenheiten Schottlands 40 + Stand der Parteien in England 42 + Sherlock's Plan 44 + Sancroft's Plan 45 + Danby's Plan 47 + Der Plan der Whigs 48 + Zusammentritt der Convention. Leitende Mitglieder des Hauses + der Gemeinen 50 + Wahl eines Sprechers 51 + Debatte über die Lage der Nation 52 + Beschluß, durch den der Thron für erledigt erklärt wird 54 + Der Beschluß wird den Lords vorgelegt 55 + Debatte im Oberhause über den Regentschaftsplan 55 + Spaltung zwischen den Whigs und den Anhängern Danby's 61 + Versammlung bei dem Earl von Devonshire 62 + Debatte im Hause der Lords über die Frage der Thronerledigung 63 + Die Majorität für die Verneinung 64 + Aufregung in London 64 + Brief von Jakob an die Convention 65 + Debatte 65 + Unterhandlungen 65 + Schreiben der Prinzessin von Oranien an Danby 65 + Die Prinzessin Anna erklärt sich mit dem Whigplane + einverstanden 66 + Wilhelm spricht seine Absichten aus 67 + Die Conferenz zwischen den beiden Häusern 68 + Die Lords geben nach 69 + Es werden neue Gesetze zur Sicherung der Freiheit + vorgeschlagen 70 + Streitigkeiten und Vergleich 71 + Die Rechtserklärung 73 + Ankunft Marien's 73 + Anbietung und Annahme der Krone 74 + Wilhelm und Marie werden ausgerufen 75 + Eigenthümlicher Character der englischen Revolution 75 + + + + +[_Die Flucht des Königs wird bekannt._] Northumberland gehorchte +pünktlich dem erhaltenen Befehle und öffnete den Eingang zu den +königlichen Apartements erst als es heller Tag geworden war. Das +Vorzimmer war mit Höflingen, welche ihre Morgenvisite machen wollten, +und mit den zu einer Berathung in den Palast beschiedenen Lords +angefüllt. In einem Augenblicke verbreitete sich die Nachricht von +Jakob's Flucht von den Gallerien in die Straßen und die ganze Stadt kam +in Aufruhr. + + +[_Große Aufregung._] Es war ein schrecklicher Augenblick. Der König war +fort, der Prinz noch nicht da und keine Regentschaft war ernannt. Das +zur Verwaltung der ordentlichen Rechtspflege unentbehrliche große Siegel +war verschwunden, und bald erfuhr man, daß Feversham bei Empfang des +königlichen Befehls seine Truppen auf der Stelle entlassen hatte. Welche +Achtung vor dem Gesetz und den Eigenthumsrechten konnte man von +bewaffneten und zusammenhaltenden Soldaten erwarten, welche aller +Beschränkungen der Disciplin entledigt waren und denen es an den +nothwendigsten Lebensbedürfnissen fehlte? Auf der andren Seite hatte +auch der Pöbel von London seit einigen Wochen eine starke Neigung zu +Tumulten und Räubereien gezeigt. Die dringende Gefahr des Augenblicks +vereinigte auf kurze Zeit alle Diejenigen mit einander, die ein +Interesse an der Ruhe und Sicherheit der Gesellschaft hatten. Rochester +hatte bis zu diesem Tage fest zur Sache des Königs gehalten. Jetzt sah +er nur noch ein Mittel, um einer allgemeinen Verwirrung vorzubeugen. +»Rufen Sie Ihre Abtheilung Garden zusammen,« sagte er zu Northumberland, +»und erklären Sie sich für den Prinzen von Oranien.« Der Rath wurde +sofort befolgt. Die zur Zeit in London anwesenden höheren Offiziere der +Armee hielten in Whitehall eine berathende Versammlung und beschlossen, +sich der Autorität Wilhelm's zu unterwerfen, ihre Truppen +zusammenzuhalten bis er seinen Willen kund thun würde, und die +Civilgewalt in der Aufrechthaltung der Ruhe und Ordnung zu +unterstützen.[1] + + [Anmerkung 1: +History of the Desertion+; +Mulgrave's Account of + the Revolution+; +Eachard's History of the Revolution+.] + + +[_Die Lords versammeln sich in Guildhall._] Die Peers begaben sich nach +der Guildhall, wo sie von dem Magistrat der Stadt mit allen +Ehrenbezeigungen empfangen wurden. Streng gesetzlich waren sie so wenig +als irgend ein andrer Verein von Personen befugt, die ausübende Gewalt +zu übernehmen. Aber im Interesse der öffentlichen Sicherheit war eine +provisorische Regierung durchaus nöthig und zu dem Ende richtete sich +der Blick des Publikums natürlich auf die erblichen Magnaten des Reichs. +Die Größe der Gefahr trieb auch Sancroft aus seinem Palaste. Er nahm den +Präsidentenstuhl ein und unter seinem Vorsitze beschlossen der neue +Erzbischof von York, fünf Bischöfe und zweiundzwanzig weltliche Lords +eine Erklärung aufzusetzen, zu unterzeichnen und zu veröffentlichen. Sie +erklärten in diesem Aktenstücke, daß sie treu zur Religion und +Verfassung ihres Vaterlandes hielten, daß sie die Hoffnung gehegt +hätten, die öffentlichen Mißstände durch das vor kurzem vom Könige +einberufene Parlament abgestellt zu sehen, daß aber seine Flucht diese +Hoffnung zerstört habe. Sie hätten daher beschlossen, sich dem Prinzen +von Oranien anzuschließen, damit die Freiheit der Nation und die Rechte +der Kirche gesichert, den Dissenters gebührende Gewissensfreiheit +gewährt und der Protestantismus durch die ganze Welt befestigt werde. +Bis zur Ankunft Seiner Hoheit wollten sie die Verantwortlichkeit für die +zur Aufrechthaltung der Ordnung nöthigen Maßregeln übernehmen. Es wurde +sofort eine Deputation abgesandt, welche dem Prinzen diese Erklärung +vorlegen und ihm sagen sollte, daß er mit Ungeduld in London erwartet +werde.[2] + +Die Lords schritten nun zur Berathung der Maßregeln, welche ergriffen +werden mußten, um Ruhestörungen vorzubeugen. Sie schickten nach den +beiden Staatssekretären. Middleton wollte sich einer Autorität, die er +für widerrechtlich angemaßt hielt, nicht unterwerfen; Preston aber, der +über die Flucht seines Gebieters ganz bestürzt war und nicht wußte, was +er zu erwarten hatte, noch wohin er sich wenden sollte, kam der +Aufforderung nach. Es wurde ein Bote an Skelton, den Gouverneur des +Tower gesandt, um ihn in die Guildhall zu berufen. Er kam und ward +bedeutet, daß man seiner Dienste nicht länger bedürfe und daß er +augenblicklich seine Schlüssel abzuliefern habe. Zu seinem Nachfolger +wurde Lord Lucas ernannt. Zu gleicher Zeit wurde auf Befehl der Peers an +Dartmouth ein Brief geschrieben, welcher die Weisung enthielt, daß er +sich jeder feindseligen Operation gegen die holländische Flotte +enthalten und alle unter ihm commandirenden papistischen Offiziere +entlassen solle.[3] + +Die Rolle, welche Sancroft und einige andere Personen, die bis zu diesem +Tage das Prinzip des passiven Gehorsams streng festgehalten hatten, bei +diesen Maßnahmen spielten, verdient besondere Erwähnung. Den Oberbefehl +über die Land- und Seemacht des Staats eigenmächtig zu übernehmen, die +Offiziere zu entlassen, denen der König seine Schlösser und Schiffe +anvertraut, und seinem Admiral alle Operationen gegen seine Feinde zu +verbieten: dies war gewiß nichts Geringeres als offener Aufruhr. +Indessen redeten sich mehrere rechtschaffene und talentvolle Tories aus +Filmer's Schule dennoch ein, daß sie dies Alles thun könnten, ohne sich +des Widerstandes gegen ihren Souverain schuldig zu machen. Die +Unterscheidung, welche sie dabei machten, war wenigstens sinnreich. Die +Regierung, sagten sie, ist eine göttliche Anordnung. Die erbliche +monarchische Regierung ist vorzugsweise eine göttliche Anordnung. So +lange der König befiehlt was recht und gesetzlich ist, müssen wir ihm +bereitwillig gehorchen, und wenn er etwas Ungesetzliches befiehlt, +müssen wir ihm passiv gehorchen. Selbst im äußersten Falle sind wir +nicht berechtigt, ihm gewaltsamen Widerstand entgegenzusetzen. Legt er +aber freiwillig seine Functionen nieder, so erlöschen dadurch seine +Rechte über uns. So lange er uns, wenn auch schlecht, regiert, sind wir +ihm Gehorsam schuldig; will er uns aber gar nicht mehr regieren, so sind +wir nicht verbunden, für immer ohne Regierung zu bleiben. Anarchie ist +keine göttliche Anordnung und Gott wird es uns gewiß nicht als Sünde +anrechnen, wenn ein Fürst, den wir trotz der heftigsten Provokationen +niemals die Ehrerbietung und den Gehorsam verweigert haben, plötzlich +abreist, ohne daß wir wissen wohin und ohne daß er einen Stellvertreter +hinterlassen, und wir schlagen dann das einzige Verfahren ein, durch das +wir die völlige Auflösung der Gesellschaft verhindern können. Wäre unser +Monarch bei uns geblieben, so würden wir, so wenig er auch unsre Liebe +verdiente, mit Freuden zu seinen Füßen gestorben sein. Hätte er, als er +uns verließ, eine Regentschaft eingesetzt, die uns während seiner +Abwesenheit mit stellvertretender Autorität regieren sollte, so würden +wir dieser Regentschaft allein die Leitung der Geschäfte überlassen +haben. Aber er ist verschwunden, ohne für die Erhaltung der Ordnung oder +für die Verwaltung der Justiz Vorsorge getroffen zu haben. Mit ihm und +seinem großen Siegel ist auch das ganze Triebwerk verschwunden, durch +welches ein Mörder bestraft, das Recht auf einen Besitz entschieden und +das Vermögen eines Bankerotteurs vertheilt werden kann. Seine letzte +Handlung war, daß er viele Tausende bewaffneter Männer von den Zügeln +der militairischen Disciplin befreite und sie in die Lage versetzte, +entweder plündern oder darben zu müssen. Noch einige Stunden, und +Jedermann wird sich an seinem Nachbar vergreifen. Leben, Eigenthum und +Frauenehre werden allen Ungesetzlichkeiten preisgegeben sein. Wir +befinden uns diesen Augenblick thatsächlich in dem Naturzustande, über +den die Theoretiker soviel geschrieben haben, und in diesen Zustand sind +wir nicht durch unsre Schuld, sondern durch den freiwilligen Abfall des +Mannes versetzt worden, der unser Beschützer hätte sein sollen. Sein +Abfall darf mit Recht freiwillig genannt werden, denn weder sein Leben +noch seine Freiheit war gefährdet. Seine Feinde hatten sich eben bereit +erklärt, auf einer von ihm selbst vorgeschlagenen Grundlage mit ihm zu +unterhandeln und sich unter Bedingungen, deren Billigkeit er nicht +leugnen konnte, erboten, alle feindseligen Operationen sofort +einzustellen. Unter solchen Umständen hat er sein Amt niedergelegt. Wir +widerrufen nichts, wir sind in nichts inconsequent, wir halten noch +immer ohne Unterschied an unseren alten Prinzipien fest, wir sind noch +immer der Meinung, daß es in allen Fällen sündhaft ist, sich der +Obrigkeit zu widersetzen; aber wir sagen, es giebt keine Obrigkeit mehr, +der wir uns widersetzen könnten. Der Mann, der die Obrigkeit war, hat +seine Gewalt, nachdem er sie lange gemißbraucht, endlich niedergelegt. +Der Mißbrauch berechtigte uns nicht dazu ihn abzusetzen, die Abdankung +aber giebt uns das Recht, zu erwägen, wie wir seine Stelle am besten +wieder besetzen. + +Aus diesen Gründen gewann die Partei des Prinzen viele neue Anhänger, +die sich bisher von ihm fern gehalten hatten. Seit Menschengedenken war +man der vollkommenen Einigkeit aller verständigen Engländer noch nie so +nahe gewesen, als bei dieser Gelegenheit; nie hatte man aber auch der +Einigkeit so sehr bedurft. Eine gesetzliche Autorität gab es nicht. Alle +die schlimmen Leidenschaften, welche eine Regierung zu zügeln +verpflichtet ist und welche auch die besten Regierungen nur unvollkommen +zu zügeln vermögen, waren plötzlich von jedem Zwange befreit: Habgier, +Sittenlosigkeit, Rachsucht, Seelenhaß und Nationalhaß. Bei solchen +Gelegenheiten wird man stets finden, daß das menschliche Ungeziefer, +das, von den Dienern des Staats und der Kirche vernachlässigt, inmitten +der Civilisation und des Christenthums in heidnischer Rohheit und mit +allen möglichen physischen und moralischen Lastern befleckt in den +Kellern und Dachkammern der großen Städte nistet, sich mit einem Male zu +furchtbarer Bedeutung erhebt. So war es damals auch in London. + + [Anmerkung 2: +London Gazette, Dec. 13. 1688.+] + + [Anmerkung 3: +Clarke's Life of James, II. 259+; +Mulgrave's + Account of the Revolution+; Legge's Papiere in der + Mackintosh-Sammlung.] + + +[_Tumulte in London._] Als die Nacht, zufällig die längste Nacht im +Jahre, hereinbrach, spieen alle Höhlen des Lasters, der Bärenzwinger von +Hockley und das Labyrinth von Kneipen und Bordellen in den Friars, +Tausende von Einbrechern und Straßenräubern, Taschendieben und Gaunern +aus. Zu ihnen gesellten sich Tausende von Lehrbuben und Gesellen, denen +lediglich nach der Aufregung eines Tumults gelüstete. Selbst +friedliebende und achtbare Leute wurden durch die religiöse Erbitterung +angetrieben, sich dem gesetzlosen Theile der Bevölkerung anzuschließen. +Denn der Ruf: »Kein Papismus!« ein Ausruf, der mehr als einmal die +Existenz Londons gefährdet hat, war das Signal zu Gewaltthätigkeiten und +Räubereien. Zuerst fiel der Pöbel über die katholischen Andachtshäuser +her. Die Gebäude wurden demolirt. Bänke, Kanzeln, Beichtstühle und +Breviarien wurden auf einen Haufen geworfen und verbrannt. Ein +ungeheurer Berg von Büchern und Geräthschaften brannte in der Gegend des +Klosters von Clerkenwell. Ein andrer Haufen wurde neben den Trümmern des +Franziskanerklosters in Lincoln's Inn Fields angezündet. Die beiden +Kapellen in Lime Street und in Bucklersbury wurden niedergerissen. Die +Gemälde, Bilder und Kruzifixe wurden beim Scheine der von den Altären +genommenen Wachskerzen im Triumph durch die Straßen getragen. Die +Prozession starrte von Schwertern und Stöcken, an welche Orangen +gespießt waren. Die Druckerei des Königs, aus der während der letzten +drei Jahre unzählige Schriften zur Vertheidigung der päpstlichen +Oberhoheit, des Bilderdienstes und der Klostergelübde hervorgegangen +waren, wurde, um uns eines Ausdrucks zu bedienen, welcher damals zum +ersten Male aufkam, vollständig ausgeweidet (+gutted+). Die großen +Papiervorräthe, welche zum Theil noch nicht bedruckt waren, lieferten +das Material zu einem ungeheuren Freudenfeuer. Von den Klöstern, Tempeln +und öffentlichen Anstalten wendete sich die Wuth der Menge auf +Privatwohnungen. Mehrere Häuser wurden ausgeplündert und zerstört; die +Geringfügigkeit der Beute aber befriedigte die Plünderer nicht, und bald +verbreitete sich das Gerücht, daß die werthvollsten Effecten der +Papisten den auswärtigen Gesandten zur Aufbewahrung übergeben worden +seien. Der rohe und unwissende Pöbel fragte nichts nach dem Völkerrechte +und nach der Gefahr, die gerechte Rache von ganz Europa auf das +Vaterland zu bringen. Die Häuser der Gesandten wurden belagert. Ein +großer Haufe sammelte sich vor Barillon's Palaste in St. James' Square. +Er kam jedoch leichteren Kaufes davon, als man hätte erwarten sollen, +denn obgleich die Regierung, welche er repräsentirte, allgemein verhaßt +war, so hatten doch sein gastfreier Haushalt und seine pünktlichen +Zahlungen ihn persönlich beliebt gemacht. Überdies hatte er die Vorsicht +gebraucht, um eine militairische Schutzwache zu bitten, und da mehrere +andere in seiner Nähe wohnende Männer von Rang das Nämliche gethan, so +war auf dem Platze eine ansehnliche Streitmacht versammelt. Die +Tumultuanten ließen ihn deshalb unbelästigt, nachdem er versichert +hatte, daß keine Waffen oder Priester in seinem Hause versteckt seien. +Auch der venetianische Gesandte war durch eine Truppenabtheilung +geschützt; die Häuser aber, welche die Gesandten des Kurfürsten von der +Pfalz und des Großherzogs von Toskana bewohnten, wurden zerstört. Einen +werthvollen Kasten konnte der toskanische Gesandte vor den Plünderern +retten. Derselbe enthielt neun Bände Memoiren, von Jakob eigenhändig +geschrieben. Diese Bände kamen unversehrt nach Frankreich, wo sie nach +Verlauf von mehr als einem Jahrhunderte in den Stürmen einer noch weit +furchtbareren Revolution als die, weicher sie glücklich entronnen waren, +zu Grunde gingen. Einige Bruchstücke davon sind indessen noch vorhanden, +und obgleich diese arg verstümmelt und in Massen lächerlicher +Erdichtungen gekleidet sind, so verdienen sie doch aufmerksam studirt zu +werden. + + +[_Das Haus des spanischen Gesandten geplündert._] Das kostbare +Silbergeräth der königlichen Kapelle war nach Wild House, unweit +Lincoln's Inn Fields, der Wohnung des spanischen Gesandten Ronquillo, +gebracht worden. Ronquillo, der sich bewußt war, daß er und sein Hof +keine üble Behandlung von Seiten der englischen Nation verdienten, hatte +es nicht für nöthig erachtet, um Soldaten zu bitten; aber der Pöbel war +nicht in der Stimmung, um feine Unterschiede zu machen. Der Name Spanien +wurde in der öffentlichen Meinung seit langer Zeit mit der Inquisition +und der Armada, mit den Grausamkeiten Mariens und den Anschlägen gegen +Elisabeth in Verbindung gebracht. Auch hatte sich Ronquillo selbst unter +dem Volke viele Feinde gemacht, indem er sich seines Vorrechts bediente, +um der Nothwendigkeit, seine Schulden zu bezahlen, überhoben zu sein. +Sein Haus wurde daher ohne Gnade geplündert und eine von ihm gesammelte +prächtige Bibliothek den Flammen überliefert. Sein einziger Trost war, +daß die Hostie in seiner Kapelle dem gleichen Schicksale entging.[4] + +Die Morgensonne des 12. Decembers beleuchtete ein grauenvolles +Schauspiel. Die Hauptstadt bot an vielen Stellen den Anblick einer mit +Sturm genommenen Stadt dar. Die Lords versammelten sich in Whitehall und +bemühten sich, die Ruhe wieder herzustellen. Die Milizen wurden unter +die Waffen gerufen und ein Kavalleriedetaschement in Bereitschaft +gehalten, um tumultuarische Zusammenrottungen zu zerstreuen. Für die den +fremden Regierungen zugefügten Insulten wurde Genugthuung gewährt, so +weit es in jenem Augenblicke möglich war. Es wurde eine Belohnung auf +die Entdeckung der aus Wild House geraubten Effecten ausgesetzt, und +Ronquillo, der kein Bett und keine Unze Silbergeschirr mehr besaß, wurde +in dem verlassenen Palaste der Könige von England glänzend einquartirt. +Eine splendide Tafel wurde ihm gehalten und die königlichen Leibwachen +erhielten Befehl, ihn in seinem Vorzimmer mit der nämlichen +Aufmerksamkeit zu bewachen, die sie dem Souverain zu erzeigen gewohnt +waren. Diese Beweise von Achtung beschwichtigten selbst den +empfindlichen Stolz des spanischen Hofes und beugten jeder Gefahr eines +Bruches vor.[5] + + [Anmerkung 4: +London Gazette, Dec. 13. 1688+; Barillon, 14.(24.) + Dec.; Citters, von demselben Datum; +Luttrell's Diary+; +Clarke's + Life of James, II. 256. Orig. Mem.+; Ellis' Correspondenz, 13. + Dec.; Berathung des spanischen Staatsraths vom 19.(29.) Jan. 1689. + Ronquillo beklagte sich gegen seine Regierung bitter über die + erlittenen Verluste: +»Sirviendole solo de consuelo el haber + tenido prevencion de poder consumir El Santisimo.«+] + + [Anmerkung 5: +London Gazette, Dec. 13. 1688+; +Luttrell's Diary+; + +Mulgrave's Account of the Revolution+; Berathung des spanischen + Staatsraths vom 19.(29.) Jan. 1689. Es wurde von Repressalien + gesprochen, aber der spanische Staatsrath wies den Vorschlag mit + Verachtung zurück. +»Habiendo sido este hecho por un furor de + pueblo, sin consentimiento del gobierno, y antes contra su + voluntad, como lo ha mostrado la satisfaccion que le han dado y le + han prometido, parece que no hay juicio humano que puede aconsejar + que se pase à semejante remedio.«+] + + +[_Verhaftung Jeffreys'._] Trotz der wohlmeinenden Bemühungen der +provisorischen Regierung nahm jedoch die Aufregung stündlich in +erschreckendem Maße zu. Sie wurde noch vermehrt durch einen Vorfall, der +selbst nach so langer Zeit nicht ohne ein Gefühl von Schadenfreude +berichtet werden kann. Ein in Wapping wohnender Geldmäkler, dessen +Hauptgeschäft darin bestand, daß er den dortigen Seeleuten Geld auf hohe +Zinsen vorstreckte, hatte vor einiger Zeit eine Summe auf Bodmerei +ausgeliehen. Der Schuldner suchte bei dem Billigkeitsgericht um +Entbindung von seiner schriftlich eingegangenen Verpflichtung nach, und +der Fall kam vor Jeffreys. Da der Rechtsbeistand des Schuldners sonst +wenig zu sagen wußte, so sagte er, der Darleiher sei ein Trimmer. Der +Kanzler gerieth sogleich in Flammen. »Ein Trimmer?« rief er aus; »wo ist +er? ich will ihn sehen, ich habe von dieser Gattung Ungeheuer gehört. +Wie mögen sie aussehen?« Der unglückliche Gläubiger mußte vortreten. Der +Kanzler sah ihn mit einem durchbohrenden Blicke an, überhäufte ihn mit +einer Fluth von Schmähungen und schickte ihn dann halb todt vor Angst +wieder fort. »Dieses fürchterliche Gesicht,« sagte der arme Mann, +während er aus dem Gerichtssaale wankte, »werde ich zeitlebens nicht +vergessen.« Jetzt aber war der Tag der Vergeltung gekommen. Auf einem +Gange durch Wapping sah der Trimmer am Fenster eines Alehauses ein ihm +wohlbekanntes Gesicht. Er konnte sich nicht irren. Zwar waren die +Augenbrauen abrasirt und der von Kohlenstaub geschwärzte Anzug war der +eines gemeinen Matrosen; aber Jeffreys' wilder Blick und boshafter Mund +waren nicht zu verkennen. Es wurde Lärm gemacht, und in einem +Augenblicke war das Haus von mehreren hundert Leuten aus dem Volke, die +unter lauten Verwünschungen gewaltige Knittel schwangen, belagert. Eine +Compagnie Miliz rettete dem Flüchtling das Leben und führte ihn vor den +Lordmayor. Dieser war ein einfacher Mann, der sein ganzes Leben in +Dunkelheit zugebracht hatte und jetzt ganz bestürzt war, als er sah, daß +er in einer großen Revolution eine wichtige Rolle spielen sollte. Die +Ereignisse der letzten vierundzwanzig Stunden und der gefahrdrohende +Zustand der seiner Obhut anvertrauten Stadt, hatte seine geistigen und +körperlichen Kräfte fast erschöpft. Als der große Mann, bei dessen +Zornesblicke noch vor wenigen Tagen das ganze Königreich gezittert +hatte, von Ruß geschwärzt, halb todt vor Angst und von einem tobenden +Pöbelhaufen verfolgt, in das Gerichtszimmer geschleppt wurde, stieg die +Aufregung des unglücklichen Mayors auf's Höchste. Er bekam Nervenzufälle +und wurde zu Bett gebracht, um nie wieder aufzustehen. Inzwischen wurde +die Volksmenge draußen immer zahlreicher und wüthender. Jeffreys bat +darum, daß man ihn ins Gefängniß führen solle. Man holte von den in +Whitehall tagenden Lords einen dazu nöthigen Verhaftbefehl herbei und +Jeffreys wurde in einem Wagen nach dem Tower gebracht. Zwei Regimenter +Miliz waren zur Eskorte aufgeboten worden, und sie hatten ein schweres +Stück Arbeit. Sie waren zu wiederholten Malen genöthigt, sich so zu +formiren, als ob sie einen Kavallerieangriff abzuwehren hätten, und dem +Pöbel einen Wald von Lanzen entgegenzuhalten. Die Tausende, die sich in +ihren rachsüchtigen Hoffnungen getäuscht sahen, verfolgten den Wagen +unter wüthendem Gebrüll bis zum Eingang in den Tower, dabei beständig +ihre Stöcke schwingend und dem Gefangenen Stricke vor die Augen haltend. +Der Unglückliche war vom Entsetzen und der Angst wie gelähmt. Er rang +die Hände, blickte bald aus diesem, bald aus jenem Fenster und man hörte +ihn trotz des betäubenden Lärms deutlich ausrufen: »Haltet sie zurück, +Gentlemen! um des Himmels willen, haltet sie zurück!« Endlich nachdem er +weit mehr als die Qualen des Todes gelitten, wurde er in dem +Staatsgefängnisse, in welchem einige von seinen erlauchtesten +Schlachtopfern ihr Leben beschlossen hatten und in welchem auch er seine +Tage in unsäglicher Schmach und Angst beschließen sollte, in Sicherheit +gebracht.[6] + +Diese ganze Zeit über wurde eifrig auf katholische Priester gefahndet. +Viele wurden festgenommen und zwei Bischöfe, Ellis und Leyburne, wurden +nach Newgate abgeführt. Der Nuntius, welcher kaum erwarten durfte, daß +die Menge seinen geistlichen oder weltlichen Character respectiren +werde, entkam als Bedienter verkleidet, im Gefolge des Gesandten des +Herzogs von Savoyen.[7] + + [Anmerkung 6: +North's Life of Guildford, 220+; +Jeffreys' Elegy+; + +Luttrell's Diary; Oldmixon, 762+. Oldmixon befand sich unter der + Menge und war, wie ich nicht zweifle, einer der Wüthendsten. Er + erzählt die Geschichte gut. Ellis' Correspondenz; Burnet I. 797, + und Onslow's Note.] + + [Anmerkung 7: Adda, 9.(19.) Dec.; Citters, 18.(28.) Dec.] + + +[_Die irische Nacht._] Ein zweiter Tag der Aufregung und des Schreckens +ging zu Ende und auf ihn folgte die seltsamste und grauenvollste Nacht, +welche England je gesehen. Gegen Abend machte der Pöbel einen Angriff +auf ein stattliches Haus, das vor wenigen Monaten für Lord Powis erbaut +worden war, unter Georg II. die Wohnung des Herzogs von Newcastle wurde +und sich noch jetzt unter den Gebäuden der nordwestlichen Seite von +Lincoln's Inn Fields auszeichnet. Es wurden einige Truppen hingeschickt, +welche den Pöbel zerstreuten; die Ruhe schien hergestellt zu sein und +die Bürger gingen sorglos zu Bett. In diesem Augenblicke tauchte ein +Gerücht auf, das rasch zu einem furchtbaren Geschrei anschwoll, in einer +Stunde von Piccadilly bis Whitechapel flog und sich durch alle Straßen +und Gassen der Hauptstadt verbreitete. Es hieß, die Irländer, welche +Feversham entlassen, marschirten nach London und machten unterwegs +Alles, Männer, Frauen und Kinder, nieder. Um ein Uhr Morgens schlugen +die Trommeln der Miliz Generalmarsch. Allenthalben weinten die +geängstigten Frauen und rangen die Hände, während ihre Väter und Gatten +sich zum Kampfe fertig machten. Noch vor zwei Uhr gewährte die Stadt das +Ansehen ernster Kampfbereitschaft, das einem wirklichen Feinde gewiß +Respect eingeflößt haben würde, wenn ein solcher im Anzuge gewesen wäre. +An allen Fenstern brannten Lichter. Auf den öffentlichen Plätzen war es +so hell wie am Tage. Alle Hauptzugänge waren verbarrikadirt. Mehr als +zwanzigtausend Piken und Musketen zogen sich die Straßen entlang. Die +späte Morgensonne des Wintersolstitiums fand die ganze City noch unter +den Waffen. Die Londoner erinnerten sich viele Jahre lang lebhaft dieser +Nacht, die sie die irische Nacht nannten. Als es sich zeigte, daß kein +Grund zu Besorgnissen vorhanden gewesen war, versuchte man den Ursprung +des Gerüchts zu entdecken, das eine so große Aufregung veranlaßt hatte. +Es stellte sich heraus, daß einige Personen, welche aussahen und +gekleidet waren wie eben vom Lande hereinkommende Bauern, kurz vor +Mitternacht das Gerücht zuerst in den Vorstädten ausgesprengt hatten; +woher diese Leute aber kamen und in wessen Dienste sie standen, blieb +ein Geheimniß. Bald kamen von vielen Seiten Nachrichten, welche das +Publikum noch bestürzter machten. Der Schrecken hatte sich nicht auf +London allein beschränkt. Das Gerücht, daß irische Soldaten im Anzuge +seien, um die Protestanten niederzumetzeln, war mit boshafter Arglist in +vielen weit von einander entfernten Städten zu gleicher Zeit verbreitet +worden. Eine große Anzahl Briefe, welche sehr geschickt abgefaßt waren, +um das unwissende Volk zu ängstigen, waren durch Diligencen, +Landkutschen und durch die Post nach verschiedenen Gegenden Englands +gesandt worden. Alle diese Briefe kamen fast gleichzeitig in ihre +Bestimmungsorte. In hundert Städten zugleich bemächtigte sich des +niederen Volkes der Wahn, daß bewaffnete Barbaren in der Nähe seien, +welche eben so empörende Verbrechen verüben wollten, wie die, welche den +Aufstand von Ulster geschändet hatten. Kein Protestant sollte verschont +bleiben, Kinder sollten durch die Folter gezwungen werden, ihre Eltern +zu ermorden, Säuglinge sollten auf Lanzen gespießt oder in die +brennenden Trümmern der vor einigen Stunden noch friedlichen Wohnungen +geworfen werden. Große Volksmassen traten unter die Waffen; an einigen +Orten fing man schon an, die Brücken abzubrechen und Barrikaden zu +errichten; bald aber legte sich die Aufregung wieder. In vielen +Districten erfuhren die so schändlich Betrogenen mit einer mit +Beschämung gemischten Freude, daß sich bis auf die Entfernung eines +Achttagemarsches nicht ein einziger papistischer Soldat befinde. In +einigen Orten erschienen zwar vereinzelte herumstreifende Banden von +Irländern und forderten Lebensmittel; aber man darf es ihnen kaum als +Verbrechen anrechnen, daß sie nicht Hungers sterben wollten, und es ist +durch nichts bewiesen, daß sie irgend einen muthwilligen Frevel +verübten. In der That waren sie auch bei weitem nicht so zahlreich, als +man allgemein glaubte, und es sank ihnen aller Muth, als sie sich +plötzlich, ohne Anführer und ohne Lebensmittel inmitten einer starken +Bevölkerung erblickten, von der sie mit Gefühlen betrachtet wurden, wie +man sie etwa gegen eine Heerde Wölfe empfindet. Von allen Unterthanen +Jakob's hatte Niemand mehr Ursache, ihm zu fluchen, als diese +unglücklichen Mitglieder seiner Kirche und Vertheidiger seines +Thrones.[8] + +Es macht dem englischen Character Ehre, daß trotz des Widerwillens, mit +welchem die katholische Religion und das irische Volk damals betrachtet +wurden, trotz der Anarchie, welche Jakob's Flucht herbeiführte, und +trotz der kunstvollen Machinationen, welche angewendet wurden, um die +Menge durch die Furcht zur Grausamkeit aufzustacheln, bei dieser +Gelegenheit kein blutiges Verbrechen verübt ward. Allerdings wurde viel +Eigenthum zerstört und geraubt, die Häuser vieler Katholiken wurden +angegriffen, Parke wurden verwüstet und Wild geschossen und gestohlen. +Manch' ehrwürdiges Denkmal der häuslichen Baukunst des Mittelalters +zeigt noch heutigen Tages die Spuren der Gewaltthätigkeit des Volks. Die +Straßen waren an vielen Stellen durch eine selbst errichtete Polizei +gesperrt, welche jeden Reisenden anhielt, bis er bewies, daß er kein +Papist war. Die Themse war von einer Art von Piraten heimgesucht, welche +unter dem Vorwande, auf Waffen und Delinquenten zu fahnden, jedes +vorüberfahrende Boot durchstöberten. Mißliebige Personen wurden +insultirt und hin und her gestoßen. Andere gerade nicht mißliebige waren +froh, wenn sie sich selbst und ihre Effecten dadurch loskaufen durften, +daß sie den eifrigen Protestanten, die sich ohne gesetzliche Autorität +das Amt von Untersuchungsrichtern angemaßt hatten, einige Guineen gaben. +Aber inmitten dieser Verwirrung, welche mehrere Tage währte und sich +über viele Grafschaften erstreckte, kam nicht ein einziger Katholik ums +Leben. Der Pöbel zeigte kein Verlangen nach Blutvergießen, ausgenommen +bei Jeffreys, und der Haß, den dieser abscheuliche Mann erweckte, stand +der Menschlichkeit näher als der Grausamkeit.[9] + +Viele Jahre später behauptete Hugo Speke, die irische Nacht sei sein +Werk gewesen; er habe die Bauern angestellt, welche London aufgeregt, +und er sei der Verfasser der Briefe, welche im ganzen Lande Schrecken +verbreitet hatten. Seine Behauptung an sich ist nicht unwahrscheinlich, +aber sie stützt sich auf kein andres Zeugniß als sein eignes Wort. Er +war wohl der Mann dazu, eine solche Schurkerei zu begehen, aber auch +eben so fähig, sich fälschlich einer solchen That zu rühmen.[10] + +In London wurde Wilhelm mit Ungeduld erwartet; denn man zweifelte nicht, +daß seine Energie und Einsicht die Ordnung und Sicherheit bald wieder +herstellen werde. Seine Ankunft aber erlitt eine Verzögerung, wegen der +er billigerweise nicht getadelt werden kann. Es war ursprünglich seine +Absicht gewesen, sich von Hungerford nach Oxford zu begeben, wo ihm ein +ehrenvoller und warmer Empfang zugesichert war; die Ankunft der +Deputation von der Guildhall aber bewog ihn, seinen Plan zu ändern und +direct nach der Hauptstadt zu eilen. Unterwegs erfuhr er, daß Feversham +dem Befehle des Königs zufolge die royalistische Armee entlassen habe +und daß Tausende von Soldaten, des Zwanges der Disciplin enthoben und an +dem Nothwendigsten Mangel leidend, in den Grafschaften, durch welche der +Weg nach London führte, zerstreut umherirrten. Wilhelm hätte daher nicht +ohne große Gefahr, nicht allein für seine Person, um die er sich wenig +zu kümmern pflegte, sondern auch für die wichtigen Interessen, die er +wahrzunehmen hatte, unter schwacher Bedeckung weiter vordringen können. +Er mußte seine eigenen Bewegungen nach den Bewegungen seiner Truppen +regeln, und Truppen konnten sich damals im tiefsten Winter nur langsam +auf den Heerstraßen vorwärts bewegen. Er kam bei dieser Gelegenheit doch +ein wenig aus seiner gewohnten Ruhe. »So darf man mir nicht kommen,« +rief er mit Bitterkeit aus; »Mylord Feversham soll das bald erfahren.« +Es wurden sofort die geeigneten Maßregeln getroffen, um den durch Jakob +herbeigeführten Übeln abzuhelfen. Churchill und Grafton wurden +beauftragt, die zerstreute Armee wieder zu sammeln und zu ordnen. Die +englischen Soldaten wurden aufgefordert, ihren militairischen Character +wieder anzunehmen, und die Irländer erhielten Befehl, ihre Waffen +abzuliefern, widrigenfalls sie als Banditen betrachtet werden würden; +zugleich aber wurde ihnen versprochen, daß, wenn sie sich gutwillig +fügten, sie mit allem Nothwendigen versehen werden sollten.[11] + +Die Befehle des Prinzen wurden fast ohne Widerstand, ausgenommen von +Seiten der irischen Soldaten, welche in Tilbury gelegen hatten, +ausgeführt. Einer von diesen drückte ein Pistol auf Grafton ab. Es +verfehlte, und der Mörder wurde von einem Engländer auf der Stelle +niedergeschossen. Ungefähr zweihundert der unglücklichen Fremden machten +einen tapferen Versuch zur Rückkehr in ihr Vaterland. Sie bemächtigten +sich eines reichbefrachteten Ostindienfahrers, der eben in die Themse +eingelaufen war und versuchten es, in Gravesend Lootsen zu pressen. Sie +fanden jedoch keinen und mußten sich daher ihrer eigenen +Geschicklichkeit in der Schifffahrtskunde anvertrauen. Sie liefen mit +ihrem Schiffe bald auf den Grund und wurden nach einigem Blutvergießen +gezwungen, die Waffen zu strecken.[12] + +Wilhelm befand sich jetzt seit fünf Wochen auf englischem Boden und +während dieser ganzen Zeit war ihm das Glück nicht einen Augenblick +untreu geworden, seine Klugheit und Festigkeit hatten sich glänzend +bewährt; noch mehr aber hatte die Thorheit und der Kleinmuth Anderer für +ihn gethan. Und jetzt, in dem Augenblicke, wo es schien, als ob der +vollständigste Erfolg seine Pläne krönen sollte, wurden sie durch einen +jener unerwarteten Zwischenfälle zerstört, welche so oft die klügsten +Berechnungen des menschlichen Scharfsinns zu Schanden machen. + + [Anmerkung 8: Citters, 14.(24.) Dec. 1688. +Luttrell's Diary+; + Ellis' Correspondenz; +Oldmixon, 761+; +Speke's Secret History of + the Revolution+; +Clarke's Life of James, II. 257+; +Eachard's + History of the Revolution+; +History of the Desertion.+] + + [Anmerkung 9: +Clarke's Life of James, II. 258.+] + + [Anmerkung 10: +Secret History of the Revolution.+] + + [Anmerkung 11: +Clarendon's Diary, Dec. 13. 1688+; Citters, + 14.(24.) Dec.; +Eachard's History of the Revolution+.] + + [Anmerkung 12: Citters, 14.(24.) Dec.; +Luttrell's Diary+.] + + +[_Der König wird unweit Sheerneß angehalten._] Am Morgen des 13. +Decembers wurde die Bevölkerung von London, die sich noch nicht ganz von +der Aufregung der irischen Nacht erholt hatte, durch das Gerücht +überrascht, der König sei angehalten worden und befinde sich noch auf +der Insel. Im Laufe des Tages gewann das Gerücht an Consistenz und +erhielt noch vor dem Abend die vollkommenste Bestätigung. + +Jakob war mit untergelegten Pferden das südliche Ufer der Themse entlang +gereist und hatte am Morgen des 12. Decembers Emley Ferry, in der Nähe +der Insel Sheppey, erreicht. Hier lag das Fahrzeug, auf welchem er sich +einschiffen wollte. Er ging an Bord, aber der Wind blies frisch und der +Schiffer wollte es nicht wagen, ohne mehr Ballast in See zu gehen. +Darüber wurde die günstige Gelegenheit einer Ebbe verloren. Es war nahe +an Mitternacht, ehe das Boot flott zu werden begann. Inzwischen hatte +sich die Nachricht, daß der König verschwunden, daß das Land ohne +Regierung und London in der größten Bestürzung sei, rasch die Themse +stromabwärts verbreitet und überall Gewaltthätigkeiten und Unruhen +erzeugt. Die rauhen Fischer der Küste von Kent betrachteten das Boot mit +argwöhnischen und gierigen Blicken. Es hieß, einige vornehm gekleidete +Herren seien eiligst an Bord desselben gegangen. Vielleicht waren es +Jesuiten, und vielleicht waren sie reich! Fünfzig bis sechzig Schiffer, +vom Haß gegen den Papismus und vom Hang zum Plündern angetrieben, +hielten das Boot an, als es eben wieder abfahren wollte. Sie erklärten +den Passagieren, daß sie ans Land gehen und sich bei einem +Magistratsbeamten legitimiren müßten. Das Aussehen des Königs erregte +Verdacht. »Das ist Pater Petre!« rief Einer von der Horde; »ich erkenne +ihn an seinen hohlen Backen.« -- »Durchsucht den alten Jesuiten mit dem +Fratzengesicht!« erscholl es nun von allen Seiten. Er wurde sehr unsanft +hin und her gestoßen und man nahm ihm seine Börse und seine Uhr. Er +hatte seinen Krönungsring und einige andere werthvolle Kleinodien bei +sich; aber diese entgingen den Nachforschungen der Räuber, die sich +überhaupt so wenig auf Juwelen verstanden, daß sie die Diamanten auf +seinen Schuhschnallen für Glasstückchen hielten. + +Endlich wurden die Gefangenen ans Land gebracht und in einen Gasthof +geführt. Hier hatte sich ein Volkshaufen versammelt, um sie zu sehen, +und obgleich sich Jakob durch eine Perrücke von andrer Form und Farbe, +als er sie gewöhnlich trug, entstellt hatte, wurde er doch sofort +erkannt. Einen Augenblick schien der Pöbel von ehrfurchtsvoller Scheu +ergriffen, aber die Zureden der Führer gaben ihm wieder Muth und der +Anblick Hales', den sie genau kannten und tödtlich haßten, entflammte +ihre Wuth. Sein Park lag in der Nähe und eine Horde Tumultuanten war +eben damit beschäftigt, sein Haus zu demoliren und sein Wild zu +schießen. Die Menge versicherte den König, daß sie ihm nichts zu Leibe +thun wolle, ihn aber nicht abreisen lassen werde. Der Earl von +Winchelsea, ein Protestant, aber eifriger Royalist, das Oberhaupt der +Familie Finch und ein naher Verwandter Nottingham's, befand sich damals +zufällig in Canterbury. Sobald er erfuhr was geschehen war, eilte er in +Begleitung einiger kentischen Gentlemen nach der Küste. Durch ihre +Verwendung erhielt der König eine anständigere Wohnung, aber er blieb +ein Gefangener. Der Pöbel bewachte fortwährend das Haus, in das er +gebracht worden war, und einige von den Rädelsführern lagen an der Thür +seines Schlafzimmers. Er benahm sich dabei wie ein Mann, den die Last +des Mißgeschicks völlig zu Boden drückt. Zuweilen sprach er in einem so +hochmüthigen Tone, daß die Bauern, die ihn bewachten, zu unehrerbietigen +Antworten gereizt wurden. Dann nahm er wieder zu Bitten seine Zuflucht. +»Laßt mich gehen,« sagte er, »verschafft mir ein Boot. Der Prinz von +Oranien trachtet mir nach dem Leben. Wenn Ihr mich jetzt nicht fliehen +laßt, so wird es zu spät sein. Mein Blut wird dann über Euch kommen. Wer +nicht für mich ist, der ist gegen mich.« Über diesen letzten Text +predigte er eine halbe Stunde lang. Er sprach über eine Menge +verschiedener Gegenstände: über den Ungehorsam der Collegiaten des +Magdalenenstiftes, über die durch den Brunnen der heiligen Winfrede +bewirkten Wunder, über die Illoyalität der Schwarzröcke und über die +Wunderkräfte eines Splitters vom wahrem Kreuze des Erlösers, den er +leider verloren habe. »Was habe ich gethan?« fragte er die anwesenden +kentischen Squires. »Sagen Sie mir die Wahrheit: welchen Fehler habe ich +begangen?« Diejenigen, an welche er diese Frage richtete, waren zu +human, als daß sie ihm die Antwort hätten geben sollen, die ihnen gewiß +auf den Lippen schwebte, und sie hörten daher sein verworrenes Geschwätz +mit mitleidigem Stillschweigen an.[13] + +Als die Nachricht, daß er angehalten, insultirt, mit roher Härte +behandelt und ausgeplündert worden sei und daß er sich noch in der +Gewalt roher Bauern befinde, in der Hauptstadt ankam, äußerten sich +verschiedenartige Leidenschaften. Strenge Staatskirchenmänner, welche +wenige Stunden zuvor angefangen hatten zu glauben, daß sie ihrer +Unterthanenpflichten gegen ihn entbunden seien, wurden wieder +schwankend. Er hatte sein Reich nicht verlassen und also die Abdankung +nicht vollendet. Sollte er sein königliches Amt wieder übernehmen, +konnten sie ihm dann nach ihren Grundsätzen den Gehorsam verweigern? +Einsichtsvolle Staatsmänner sahen mit tiefer Betrübniß voraus, daß alle +Streitigkeiten, welche seine Flucht auf einen Augenblick beschwichtigt +hatte, durch seine Rückkehr wieder angeregt und mit vermehrter +Erbitterung fortgesetzt werden würden. Viele Leute aus dem Volke wurden, +obgleich sie noch den Schmerz der ihnen unlängst zugefügten Unbilden +fühlten, von Mitleid für einen von Räubern mißhandelten großen Fürsten +ergriffen und waren zu der Hoffnung geneigt, welche mehr ihrer +Gutherzigkeit als ihrem Verstande zur Ehre gereichte, daß er jetzt noch +die Fehler bereuen könnte, die eine so entsetzliche Strafe über ihn +gebracht hatten. + +Von dem Augenblicke an, wo es bekannt wurde, daß der König sich noch in +England befand, erschien Sancroft, der bis dahin als Präsident der +provisorischen Regierung fungirt hatte, nicht mehr in den Sitzungen der +Peers. Halifax, der eben aus dem holländischen Hauptquartier angekommen +war, übernahm den Vorsitz. Seine Ansichten hatten sich in einigen +Stunden völlig verändert. Sowohl politische als religiöse Gefühle +bestimmten ihn jetzt, sich den Whigs anzuschließen. Wer die auf uns +gekommenen Beweisstücke unbefangen prüft, muß der Meinung sein, daß er +das Amt eines königlichen Commissars in der aufrichtigen Hoffnung +übernahm, er werde eine Verständigung zwischen dem Könige und dem +Prinzen unter billigen Bedingungen zu Stande bringen. Die Unterhandlung +hatte mit günstigen Aussichten begonnen; der Prinz hatte Bedingungen +gestellt, die der König selbst als billig anerkennen mußte und der +beredte und geniale Trimmer durfte sich mit der Hoffnung schmeicheln, +daß er im Stande sein werde, zwischen den erbitterten Parteien zu +vermitteln, zwischen extremen Meinungen einen Vergleich zu dictiren, die +Freiheiten und die Religion seines Vaterlandes zu sichern, ohne es den +von einem Dynastiewechsel und einer streitigen Thronfolge +unzertrennlichen Gefahren auszusetzen. Während er sich in derartigen, +seinem Character so wohl zusagenden Gedanken wiegte, erfuhr er, daß er +hintergangen worden war und daß man sich seiner als eines Werkzeugs +bedient hatte, um die Nation zu hintergehen. Seine Sendung nach +Hungerford war eine bloße Komödie gewesen. Der König hatte nicht daran +gedacht, an den Bedingungen festzuhalten, welche die Commissare auf +seinen Befehl vorschlagen hatten. Er hatte ihnen aufgetragen, zu +erklären, daß es sein Wille sei, alle streitigen Fragen dem von ihm +einberufenen Parlamente zur Entscheidung vorzulegen, und während sie +sich dieses Auftrags entledigten, hatte er die Wahlausschreiben +verbrannt, war mit dem Staatssiegel entflohen, hatte die Armee +entlassen, die Justizverwaltung suspendirt, die Regierung aufgelöst und +war aus der Hauptstadt entflohen. Halifax sah nun ein, daß eine gütliche +Verständigung nicht mehr möglich war. Wahrscheinlich empfand er wohl +auch den Verdruß, welcher bei einem durch seine Weisheit weltberühmten +Manne, der die Erfahrung macht, daß ein in jeder Beziehung tief unter +ihm stehender Geist ihn betrogen hat, und bei einem großen Meister der +Satire, der sich selbst in eine lächerliche Situation versetzt sieht, +sehr natürlich ist. Sein Verstand und sein Unwille bewogen ihn in +gleichem Maße, die Versöhnungspläne, auf welche er bisher hingearbeitet +hatte, aufzugeben und sich an die Spitze Derer zu stellen, welche den +Prinzen Wilhelm auf den Thron erheben wollten.[14] + +Es existirt noch ein von ihm eigenhändig geschriebenes Tagebuch über die +Vorgänge in der Rathsversammlung der Lords während seiner +Präsidentschaft in derselben.[15] Es wurde keine Vorsichtsmaßregel, +welche zur Verhütung von Gewaltthätigkeiten und Räubereien nöthig +erschien, verabsäumt. Die Peers erließen auf ihre Verantwortung den +Befehl, daß, wenn der Pöbel noch einmal aufstände, die Soldaten scharf +schießen sollten. Jeffreys wurde nach Whitehall gebracht und über das +Schicksal des Staatssiegels und der Wahlausschreiben befragt. Auf seine +eigenen dringenden Bitten wurde er wieder in den Tower geschickt, als +den einzigen Ort, wo er seines Lebens sicher sei, und er entfernte sich +unter Dankesversicherungen und Segenswünschen gegen Diejenigen, die ihm +den Schutz eines Gefängnisses gewährt hatten. Ein whiggistischer +Edelmann trug darauf an, daß Oates in Freiheit gesetzt werden solle; +aber dieser Antrag wurde verworfen.[16] + +Die Geschäfte des Tages waren so ziemlich erledigt und Halifax wollte +sich eben erheben, als ihm gemeldet wurde, daß ein Bote von Sheerneß +angekommen sei. Kein Vorfall konnte unangenehmer und störender sein. Man +lud eine große Verantwortlichkeit auf sich, mochte man etwas thun oder +nicht. Halifax, der wahrscheinlich Zeit zu gewinnen wünschte, um sich +mit dem Prinzen in Vernehmen zu setzen, hatte die Versammlung am +liebsten vertagt; Mulgrave aber ersuchte die Lords, auf ihren Plätzen zu +bleiben und führte den Boten ein. Der Mann erzählte seine Geschichte mit +Thränen in den Augen und überreichte einen Brief, der vom König selbst +geschrieben, aber an keine bestimmte Person gerichtet war, sondern nur +den Beistand aller guten Engländer anrief.[17] + + [Anmerkung 13: +Clarke's Life of James, II. 251. Orig. Mem.+; ein + in Tindal's Fortsetzung zu Rapin abgedruckter Brief. Dieser + interessante Brief befindet sich in den Harley'schen + Handschriften, 6852.] + + [Anmerkung 14: Mulgrave erfuhr von einer Dame, die er nicht nennt, + daß der König erst dann entfliehen wollte, als er einen Brief von + Halifax erhielt, der sich damals in Hungerford befand. Dieser + Brief, sagte sie, habe Seine Majestät darauf aufmerksam gemacht, + daß sein Leben in Gefahr sei, wenn er bleibe. Dies ist sicherlich + ein Roman. Vor der Abreise der Commissare von London hatte der + König Barillon gesagt, ihre Sendung sei eine bloße Finte, und den + festen Entschluß ausgesprochen, das Land zu verlassen. Aus + Reresby's eigner Erzählung geht hervor, daß Halifax sich + schändlich hintergangen glaubte.] + + [Anmerkung 15: +Harl. MS. 255.+] + + [Anmerkung 16: +Halifax MS.+; Citters, 18.(28.) Dec. 1688.] + + [Anmerkung 17: +Mulgrave's Account of the Revolution+.] + + +[_Die Lords geben Befehl zu seiner Freilassung._] Eine solche Bitte +konnte man kaum unbeachtet lassen. Die Lords gaben Feversham Befehl, mit +einer Abtheilung der Leibgarde an den Ort zu eilen, wo der König +zurückgehalten wurde, und Seine Majestät in Freiheit zu setzen. + +Middleton und einige andere Anhänger des Königs waren bereits +aufgebrochen, um ihrem unglücklichen Gebieter beizustehen und ihn zu +trösten. Sie fanden ihn in strengem Gewahrsam und sie wurden nicht eher +zu ihm gelassen, als bis sie ihre Degen abgegeben hatten. Er war von +einer ungeheuren Menge Volks umgeben. Einige whiggistische Gentlemen aus +der Umgegend hatten eine starke Abtheilung Miliz zu seiner Bewachung +herbeigeführt. Sie waren der sehr irrigen Meinung gewesen, daß sie sich +durch seine Festhaltung bei seinen Feinden beliebt machen würden, und +waren nicht wenig erstaunt, als sie vernahmen, daß die dem Könige zu +Theil gewordene Behandlung von der provisorischen Regierung in London +gemißbilligt werde, und eine Kavallerieabtheilung unterwegs sei, um ihn +zu befreien. Feversham kam bald an. Er hatte seine Truppe in +Sittingbourne zurückgelassen; aber man hatte nicht nöthig, Gewalt +anzuwenden. Der König durfte ungehindert abreisen und wurde von seinen +Freunden nach Rochester gebracht, wo er sich einige Ruhe gönnte, deren +er dringend bedurfte. Er war in einem traurigen Zustande. Nicht nur sein +niemals sehr heller Verstand war völlig verwirrt, sondern auch der +persönliche Muth, den er in seinen jüngeren Jahren in mehreren +Schlachten, zur See wie zu Lande bewiesen, hatte ihn verlassen. Die +harte körperliche Behandlung, die er jetzt zum ersten Male erfahren, +scheint ihn mehr als irgend ein andres Ereigniß seines bewegten Lebens +niedergedrückt zu haben. Der Abfall seiner Armee, seiner Günstlinge und +seiner Familie erschütterte ihn weniger als die Rohheiten, die er beim +Anhalten seines Bootes ertragen hatte. Die Erinnerung an diese Rohheiten +nagte noch lange an seinem Herzen und äußerte sich einmal in einer +Weise, welche den verächtlichen Spott von ganz Europa erregte. Im +vierten Jahre seiner Verbannung versuchte er es seine Unterthanen durch +das Versprechen einer Amnestie wieder zu gewinnen. Dieser Amnestie war +jedoch eine lange Liste von Ausnahmen beigegeben, und auf dieser Liste +standen neben Churchill und Danby auch die armen Fischer, welche seine +Taschen so unsanft untersucht hatten. Aus diesem Umstande kann man +schließen, wie schmerzlich er die ihm widerfahrene rücksichtslose +Behandlung empfunden haben muß, als sie noch neu war.[18] + +Hätte er indessen nur das gewöhnliche Maß von gesundem Verstande +besessen, so würde er eingesehen haben, daß Diejenigen, welche ihn +festnahmen, ihm unabsichtlich einen großen Dienst erzeigt hatten. Die +Ereignisse, welche seit seiner Abwesenheit von der Hauptstadt daselbst +eingetreten waren, hätten ihn überzeugen müssen, daß, wenn seine Flucht +gelungen wäre, er nie hätte zurückkehren dürfen. Er war wider seinen +Willen vom gänzlichen Untergange errettet worden. Jetzt hatte er noch +eine Aussicht, die letzte und einzige, die ihm noch blieb. So groß auch +seine Vergehen sein mochten, ihn zu entthronen, so lange er noch in +seinem Reiche war und sich den Bedingungen fügte, die ein freies +Parlament ihm vorschrieb, wäre fast unmöglich gewesen. + +Eine Weile schien er geneigt, zu bleiben. Er sandte Feversham von +Rochester mit einem Briefe an Wilhelm. Der Inhalt dieses Briefes war, +daß Seine Majestät auf der Rückreise nach Whitehall begriffen sei, daß +er eine persönliche Unterredung mit dem Prinzen wünsche und daß der St. +Jamespalast zum Empfang Seiner Hoheit eingerichtet werden solle.[19] + + [Anmerkung 18: Siehe seine aus Saint-Germains datirte Proklamation + vom 20. April 1692.] + + [Anmerkung 19: +Clarke's Life of James, II, 261. Orig. Mem.+] + + +[_Wilhelm's Verlegenheit._] Wilhelm befand sich jetzt in Windsor. Er +hatte mit schmerzlichem Bedauern die an der Küste von Kent stattgehabten +Vorfälle erfahren. Kurz vor dem Eintreffen der Nachricht hatten seine +Umgebungen bemerkt, daß er ungewöhnlich heiter war. Er hatte auch in der +That Ursache, sich zu freuen. Er stand am Fuße eines erledigten Thrones. +Es schien, als würden alle Parteien ihn einstimmig auffordern, denselben +zu besteigen. Doch plötzlich trübten sich seine Aussichten. Es ergab +sich, daß die Abdankung nicht vollständig gewesen war. Ein großer Theil +seiner Anhänger trug gewiß Bedenken, einen König abzusetzen, der noch +unter ihnen war, der sie aufforderte, ihre Beschwerden auf +parlamentarischem Wege anzubringen, und der vollständige Abstellung +derselben versprach. Der Prinz mußte seine neue Stellung erwägen und ein +neues Verfahren einschlagen. Kein Weg stand ihm offen, gegen den sich +nicht Einwendungen hätten machen lassen, kein Weg, der ihn in eine so +vortheilhafte Lage versetzen konnte, als die war, in der er sich vor +wenigen Stunden noch befand. Etwas konnte indessen gethan werden. Der +erste Fluchtversuch des Königs war gescheitert. Das Wünschenswertheste +war jetzt, daß er einen zweiten Versuch mit besserem Erfolge unternehmen +möchte. Er mußte zu gleicher Zeit geängstigt und geködert werden. Die +Liberalität, mit der man ihm bei der Unterhandlung zu Hungerford +entgegengekommen war, und die er mit einem Treubruche vergolten hatte, +war jetzt nicht mehr angewandt. Vergleichsvorschläge durften ihm nicht +mehr gemacht werden, und wenn er solche machte, so mußte man sie kalt +aufnehmen. Aber auch Gewalt durfte nicht gegen ihn angewendet, ja ihm +nicht einmal angedroht werden. Indessen war es vielleicht nicht +unmöglich, einen so schwachen Mann auch ohne Anwendung oder Androhung +von Gewalt um seine persönliche Sicherheit besorgt zu machen. Dann +dachte er gewiß bald wieder an die Flucht, und in diesem Falle mußte ihm +die Flucht auf jede Weise erleichtert und dafür gesorgt werden, daß er +nicht wieder durch einen diensteifrigen Tölpel zurückgehalten wurde. + + +[_Verhaftung Feversham's._] Dies war Wilhelm's Plan, und die +Geschicklichkeit und Entschlossenheit, womit er denselben ausführte, +contrastiren auffallend mit der ihm gegenüberstehenden Thorheit und +Feigheit. Bald bot sich ihm eine vortreffliche Gelegenheit dar, sein +Einschüchterungssystem zu beginnen. Feversham kam mit Jakob's Brief in +Windsor an. Die Wahl des Boten war eben keine glückliche. Er hatte die +königliche Armee entlassen und ihm gab man vorzugsweise die Verwirrung +und Angst der irischen Nacht Schuld. Sein Benehmen wurde von der +öffentlichen Meinung entschieden getadelt. Wilhelm hatte sich zu einigen +drohenden Worten reizen lassen, und einige drohende Worte aus Wilhelm's +Munde bedeuteten gewöhnlich etwas. Feversham wurde nach seinem +Geleitsbriefe gefragt. Er hatte keinen. Indem er ohne einen solchen in +einem feindlichen Lager erschien, hatte er sich nach den Kriegsgesetzen +der strengsten Behandlung ausgesetzt. Wilhelm weigerte sich ihn zu +empfangen und gab Befehl ihn festzunehmen.[20] Zulestein wurde sofort +abgesandt, um Jakob zu benachrichtigen, daß der Prinz die verlangte +Unterredung ablehne und wünsche, daß Seine Majestät in Rochester blieb. + + [Anmerkung 20: +Clarendon's Diary, Dec. 16. 1688+; +Burnet, I. + 800.+] + + +[_Ankunft Jakob's in London._] Aber es war zu spät. Jakob war bereits in +London. Er war anfangs unschlüssig gewesen und hatte sich schon einmal +wieder vorgenommen gehabt, einen neuen Versuch zur Flucht auf das +Festland zu machen. Endlich aber gab er dem Andringen von Freunden, +welche klüger waren als er, nach und reiste nach Whitehall ab. Am +Sonntag Nachmittag den 16. December kam er daselbst an. Er hatte +gefürchtet, das Volk, das während seiner Abwesenheit so viele Beweise +von Haß gegen den Papismus gegeben, werde ihm einen schimpflichen +Empfang bereiten. Aber gerade die Heftigkeit des neuerlichen Ausbruchs +hatte eine Erschlaffung zur Folge gehabt. Der Sturm hatte sich selbst +aufgezehrt. Heiterkeit und Mitleid waren auf die Wuth gefolgt. In keinem +Stadttheile Londons äußerte sich die mindeste Neigung, den König zu +beschimpfen; man hörte sogar einzelne Lebehochs, als er durch die City +fuhr. Auf einigen Kirchthürmen läuteten die Glocken und ein paar +Freudenfeuer wurden zu Ehren seiner Zurückkunft angezündet.[21] Sein +kurz zuvor von der Verzweiflung überwältigter schwacher Geist wurde +durch diese unerwarteten Zeichen der Gutherzigkeit und Theilnahme des +Volks mit übermäßiger Freude erfüllt. In der frohesten Stimmung betrat +er seine Wohnung, welche sehr bald ihr früheres Aussehen wieder annahm. +Katholische Priester, welche in der vergangenen Woche froh gewesen +waren, wenn sie sich in Kellern und Dachkammern vor der Wuth der Menge +hatten verbergen können, kamen aus ihren Schlupfwinkeln hervor und +machten Anspruch auf ihre früher innegehabten Gemächer im Palaste. Ein +Jesuit sprach das Tischgebet an der königlichen Tafel. Der irische +Jargon, damals jedem englischen Ohre der verhaßteste von allen +Dialecten, wurde wieder überall in den Höfen und Gallerien vernommen. +Der König selbst zeigte wieder seinen ganzen früheren Hochmuth. Er hielt +einen Staatsrath, den letzten, dem er präsidirte, und berief selbst in +dieser äußerst gefährlichen Lage Personen in denselben, welche +gesetzlich nicht berechtigt waren, einen Sitz darin einzunehmen. Er +sprach sein hohes Mißfallen über das Verfahren der Lords aus, die es +gewagt hatten, während seiner Abwesenheit die Regierungsgeschäfte zu +übernehmen. Er meinte, es sei ihre Pflicht gewesen, eher die +Gesellschaft sich auflösen, die Häuser der Gesandten niederreißen und +London in Brand stecken zu lassen, als sich die Functionen anzumaßen, +welche er niederzulegen für gut befunden hatte. Unter den so Getadelten +befanden sich einige Kavaliere und Prälaten, die ihm trotz aller seiner +Fehler stets treu geblieben waren und selbst nach dieser Provocation nie +weder durch die Hoffnung noch durch die Furcht bewogen werden konnten, +ihre Unterthanentreue von ihm auf einen andren Souverain zu +übertragen.[22] + +Doch sein Muth ward bald gebrochen. Kaum war er in seinen Palast +eingezogen, so wurde ihm Zulestein gemeldet. Er überbrachte Wilhelm's +kalte und ernste Botschaft. Der König bestand noch immer auf einer +persönlichen Unterredung mit seinem Neffen. »Ich würde Rochester nicht +verlassen haben,« sagte er, »wenn ich gewußt hätte, daß er dies nicht +wünschte; da ich aber nun einmal hier bin, wird er hoffentlich in den +St. Jamespalast kommen.« -- »Ich muß Eurer Majestät offen sagen,« +entgegnete Zulestein, »daß Seine Hoheit nicht nach London kommen wird, +so lange Truppen hier sind, welche nicht unter seinen Befehlen stehen.« +Der König schwieg bestürzt über diese Antwort. Zulestein entfernte sich, +und bald darauf trat ein Gentleman in das Schlafzimmer mit der Meldung, +daß Feversham verhaftet worden sei.[23] Jakob erschrak nicht wenig +darüber. Doch die Erinnerung an den Beifall, mit dem er begrüßt worden +war, hielt seinen Muth noch immer aufrecht. Eine kühne Hoffnung stieg in +ihm auf. Er glaubte London, so lange das Bollwerk des Protestantismus +und des Whiggismus, werde bereitwilligst zu seinem Schutze die Waffen +ergreifen. Er ließ den Gemeinderath fragen, ob er sich verbindlich +machen wolle, ihn gegen den Prinzen zu vertheidigen, wenn er, der König, +seine Residenz in der City aufschlüge. Der Gemeinderath aber hatte die +Entziehung des Freibriefs und den Justizmord Cornish's nicht vergessen, +und weigerte sich das verlangte Versprechen zu geben. Da sank dem Könige +der Muth wieder. Wohin, fragte er, solle er sich um Schutz wenden? Es +sei ganz das Nämliche, ob er holländische Truppen um sich habe, oder +seine eigene Leibgarde. Was die Bürger betreffe, so wisse er jetzt, was +ihre Lebehochrufe und ihre Freudenfeuer werth seien. Es bleibe ihm +nichts Andres übrig als die Flucht, obgleich er recht wohl wisse, daß +seine Feinde nichts sehnlicher wünschten, als daß er wieder fliehen +möchte.[24] + + [Anmerkung 21: +Clarke's Life of James, II. 262. Orig. Mem.+; + +Burnet, I. 799.+ In der +History of the Desertion (1689)+ wird + behauptet, die Lebehochs seien bei dieser Gelegenheit nur von + einigen jugendlichen Gaffern ausgerufen worden, die Hauptmasse des + Volks aber habe schweigend zugesehen. Oldmixon, der sich unter der + Menge befand, sagt das Nämliche, und Ralph, dessen vorgefaßte + Meinungen von denen Oldmixon's durchaus verschieden waren, erzählt + uns, daß ein achtbarer Augenzeuge ihm dasselbe mitgetheilt habe. + Die Wahrheit ist ohne Zweifel die, daß die Freudenbezeigungen an + sich unbedeutend waren, aber außerordentlich schienen, weil man + einen heftigen Ausbruch des öffentlichen Unwillens erwartet hatte. + Barillon erwähnt auch, daß einige Zurufe und Freudenfeuer + vorgekommen seien, setzt aber hinzu: +»Le peuple dans le fond est + pour le Prince d'Orange.«+ -- 17.(27.) Dec. 1688.] + + [Anmerkung 22: +London Gazette, Dec. 16. 1688+; +Mulgrave's + Account of the Revolution; History of the Desertion+; +Burnet, I. + 799+; +Evelyn's Diary, Dec. 13, 17. 1688+.] + + [Anmerkung 23: +Clarke's Life of James, II. 262. Orig. Mem.+] + + [Anmerkung 24: Barillon, 17.(27.) Dec. 1681; +Clarke's Life of + James, II. 271+.] + + +[_Berathung in Windsor._] Während er sich in diesem Zustande von Angst +und Ungewißheit befand, war sein Schicksal in Windsor der Gegenstand +ernster Berathung. Wilhelm's Hof war jetzt mit ausgezeichneten Männern +alter Parteien angefüllt. Die meisten Führer des Aufstandes im Norden +hatten sich ihm zugesellt, und mehrere von den Lords, welche während der +Anarchie der vergangenen Woche die Functionen einer provisorischen +Regierung übernommen hatten, waren sogleich nach der Rückkehr des Königs +von London ins holländische Hauptquartier abgereist. Einer von diesen +war Halifax. Wilhelm hatte ihn mit großem Vergnügen willkommen geheißen, +hatte aber ein sarkastisches Lächeln nicht unterdrücken können, als er +diesen genialen und vollendeten Staatsmann, der so gern der +Schiedsrichter in diesem großen Kampfe geworden wäre, gezwungen sah, den +Mittelweg zu verlassen und auf eine Seite zu treten. Unter Denen, die +sich damals nach Windsor begaben, waren auch Einige, welche Jakob's +Gunst durch schmachvolle Dienstleistungen erkauft hatten und die jetzt +das Verbrechen, ihr Vaterland verrathen zu haben, durch Verrath an ihrem +Gebieter wieder gut machen wollten. Ein solcher Mann war Titus, der in +Widerspruch mit dem Gesetz im Geheimen Rath gesessen und sich bemüht +hatte, die Puritaner mit den Jesuiten zu einem Bunde gegen die +Verfassung zu vereinigen. Ein solcher Mann war auch Williams, ein +gewesener Demagog, der aus Eigennutz zum Vertheidiger der Prärogative +geworden und der jetzt zu einem abermaligen Abfalle bereit war. Diese +Männer ließ der Prinz mit gerechter Verachtung in seinem Vorzimmer +vergebens auf eine Audienz warten.[25] + +Am Montag den 17. December wurden sämmtliche in Windsor anwesende Peers +zu einer feierlichen Berathung in das Schloß berufen. Der Gegenstand der +Besprechung war die Frage, wie es mit dem Könige gehalten werden sollte. +Wilhelm hielt es nicht für passend, der Discussion beizuwohnen. Er +entfernte sich daher und Halifax wurde aufgefordert, den +Präsidentenstuhl einzunehmen. Über einen Punkt waren die Lords einig, +daß nämlich der König da wo er war nicht bleiben dürfe. Jedermann +fühlte, daß es unpassend sein würde, wenn der eine Fürst sich in +Whitehall, der andre in St. James verschanzte und es auf einem +Flächenraume von hundert Acres zwei feindliche Besatzungen gab. Eine +solche Situation mußte fast unvermeidlich Argwohn, Beleidigungen und +Reibungen hervorrufen, welche einen blutigen Ausgang nehmen konnten. Die +versammelten Lords hielten es daher für zweckmäßig, daß Jakob aus London +entfernt wurde. Ham, das Lauderdale von dem geraubten Gelde Schottlands +und von den Geschenken Frankreichs am Ufer der Themse erbaut und +ausgeschmückt hatte und das für das prächtigste Lustschloß Englands +galt, wurde als ein geeigneter Aufenthaltsort vorgeschlagen. Sobald die +Lords diesen Beschluß gefaßt hatten, ließen sie den Prinzen bitten, daß +er zu ihnen kommen möchte, und Halifax theilte ihm ihre Meinung mit. +Wilhelm hörte sie an und billigte sie. Es wurde sogleich ein kurzes +Schreiben an den König aufgesetzt. »Durch wem sollen wir es ihm zu +senden?« fragte Wilhelm dann. -- »Sollte es nicht durch einen Offizier +Eurer Hoheit überbracht werden?« entgegnete Halifax. -- »Nein, Mylords, +mit Verlaub,« erwiederte der Prinz; »es wird auf Anrathen Eurer +Herrlichkeiten abgesandt, und daher müssen Einige von Ihnen es +überbringen.« Und ohne weitere Einwendungen abzuwarten, ernannte er +Halifax, Shrewsbury und Delamere zu Überbringern.[26] + +Der Beschluß der Lords schien einhellig zu sein; aber es waren Einige +darunter, welche die Entscheidung, mit der sie einverstanden zu sein +vorgaben, keineswegs billigten und den König mit einer Strenge behandelt +zu sehen wünschten, die sie nicht offen anzuempfehlen wagten. Es ist +eine bemerkenswerthe Thatsache, daß das Oberhaupt dieser Partei ein Peer +war, der ein heftiger Tory gewesen und der nachher als Eidverweigerer +starb: Clarendon. Die Rapidität, mit der er in dieser Krisis von einem +Extrem zum andren übersprang, muß Leuten, die in friedlichen Zeiten +leben, unglaublich erscheinen, wird aber Diejenigen nicht Wunder nehmen, +welche Gelegenheit hatten, den Gang von Revolutionen zu beobachten. Er +wußte, daß die Rücksichtslosigkeit, mit der er in Anwesenheit des Königs +das ganze Regierungssystem getadelt, seinen ehemaligen Gebieter tief +gekränkt hatte. Auf der andren Seite durfte er als Oheim der +Prinzessinnen hoffen, bei der bevorstehenden neuen Ordnung der Dinge +groß und reich zu werden. Die englische Colonie in Irland betrachtete +ihn als ihren Freund und Beschützer, und er sah ein, daß von dem +Vertrauen und der Zuneigung dieser wichtigen Partei seine zukünftige +Bedeutung großentheils abhing. Diesen Rücksichten mußten jetzt die +Prinzipien weichen, zu denen er sich während seines ganzen Lebens mit +Ostentation bekannt hatte. Er begab sich ins Kabinet des Prinzen und +stellte ihm vor, wie gefährlich es sein würde, wenn man den König frei +ließe. Die irischen Protestanten seien dann in der größten Gefahr. Es +gebe keinen andren Weg, um ihr Eigenthum und ihr Leben zu sichern, als +die strenge Gefangenhaltung des Königs. Ihm ein englisches Schloß zu +seinem Aufenthalt anzuweisen, dürfte nicht klug gehandelt sein; aber man +könnte ihn über's Meer schicken und in die Festung Vreda einschließen, +bis die Angelegenheiten der britischen Inseln geordnet seien. Wenn der +Prinz in Besitz einer solchen Geißel sei, würde Tyrconnel wahrscheinlich +das Staatsschwert niederlegen und die Oberherrschaft Englands in Irland +würde ohne einen Schwertstreich wiederhergestellt werden. Wenn dagegen +Jakob nach Frankreich entkäme und an der Spitze einer fremden Armee in +Dublin erschiene, so müßte dies die verderblichsten Folgen nach sich +ziehen. Wilhelm gab zu, daß diese Gründe sehr gewichtig seien, erklärte +aber, daß er sich dadurch nicht bestimmen lassen könne. Er kenne den +Character seiner Gemahlin und wisse, daß sie nie in einen solchen +Schritt willigen werde. Auch würde es ihm selbst nicht zur Ehre +gereichen, wenn er seinen besiegten Verwandten so rücksichtslos +behandelte. Übrigens könne man gar nicht wissen, ob Großmuth in diesem +Falle nicht die beste Politik sei. Wer könne sagen, welchen Eindruck +eine solche Strenge, wie Clarendon sie anempfahl, auf die öffentliche +Meinung machen werde? Sei es unmöglich, daß die loyale Begeisterung, +welche das verkehrte Benehmen des Königs erstickt hatte, wieder +auflebte, sobald es bekannt würde, daß er sich innerhalb der Mauern +einer ausländischen Festung befinde? Aus diesen Gründen beschloß +Wilhelm, seinen Schwiegervater keinem persönlichen Zwange zu +unterwerfen, und es ist kaum daran zu zweifeln, daß dies ein weiser +Entschluß war.[27] + +Jakob blieb, während über sein Schicksal deliberirt wurde, durch die +Größe und Nähe der Gefahr gleichsam wie festgebannt, in Whitehall, eben +so unfähig zu kämpfen, wie zu fliehen. Am Abend traf die Nachricht ein, +daß die Holländer Chelsea und Kensington in Besitz genommen hatten. +Dessenungeachtet schickte sich der König an, wie gewöhnlich zur Ruhe zu +gehen. Die Coldstreamgarden hatten im Palaste den Dienst. Sie standen +unter den Befehlen Wilhelm's, Earl von Craven, eines hochbetagten +Mannes, der sich fünfzig Jahre früher im Kriege und in der Liebe +ausgezeichnet, der bei Kreuznach seine hoffnungslose Stellung mit +solchem Muthe behauptet hatte, daß der große Gustav ihm auf die Schulter +klopfte, und von dem man glaubte, daß er unter tausend Mitbewerbern das +Herz der unglücklichen Königin von Böhmen erobert habe. Craven stand +jetzt in seinem achtzigsten Lebensjahre; aber die Zeit hatte seinen Muth +nicht gebrochen.[28] + + [Anmerkung 25: +Mulgrave's Account of the Revolution+; + +Clarendon's Diary, Dec. 16. 1688.+] + + [Anmerkung 26: +Burnet, I. 800+; +Clarendon's Diary, Dec. 17. + 1688+; Citters, 18.(28.) Dec. 1688.] + + [Anmerkung 27: +Burnet, I, 800+; +Conduct of the Duchess of + Marlborough+; +Mulgrave's Account of the Revolution.+ Clarendon + sagt davon nichts unter dem richtigen Datum, aber man sehe sein + Tagebuch vom 19. August 1689.] + + [Anmerkung 28: +Harte's Life of Gustavus Adolphus.+] + + +[_Die holländischen Truppen besetzen Whitehall._] Es war zehn Uhr +vorüber als ihm gemeldet wurde, daß drei Bataillone von der Infanterie +des Prinzen, nebst einigen Reitern, mit brennenden Lunten und vollkommen +kampffertig durch die lange Hauptallee des St. Jamesparks heranrückten. +Graf Solms, der die fremden Truppen befehligte, sagte, er habe Befehl, +die Posten in der Umgebung von Whitehall militairisch zu besetzen und +forderte Craven auf, sich gutwillig zurückzuziehen. Craven schwur, er +werde sich eher in Stücken hauen lassen; als aber der König, der sich +eben auskleidete, erfuhr was vorging, verbot er dem tapferen alten +Soldaten jeden Widerstandsversuch, der doch keinen Erfolg haben konnte. +Um elf Uhr waren die Coldstreamgarden abgezogen und holländische +Schildwachen machten auf allen Seiten des Palastes die Runde. Einige vom +Gefolge des Königs fragten ihn, ob er es wagen wolle, sich, von Feinden +umringt, niederzulegen. Er antwortete, daß sie ihn kaum schlechter +behandeln könnten, als seine eigenen Unterthanen ihn behandelt hätten, +und mit der gefühllosen Gleichgültigkeit eines durch das Unglück +abgestumpften Mannes legte er sich zu Bett.[29] + + [Anmerkung 29: +Clarke's Life of James, II, 264+, größtentheils + aus den +Orig. Memoirs. Mulgrave's Account of the Revolution+; + +Rapin de Thoyras+. Es muß bemerkt werden, daß Rapin an diesen + Vorgängen thätigen Antheil hatte.] + + +[_Das Schreiben des Prinzen wird Jakob überbracht._] Es war kaum erst +wieder ruhig geworden im Palaste, so gerieth aufs neue Alles in +Bewegung. Kurz nach Mitternacht kamen die drei Lords von Windsor an. +Middleton wurde ersucht, sie zu empfangen. Sie erklärten ihm, daß sie +mit einer Sendung betraut seien, welche keinen Aufschub gestatte. Der +König ward aus seinem ersten Schlummer geweckt, und sie wurden in sein +Schlafzimmer eingeführt. Sie überreichten ihm das ihnen anvertraute +Schreiben und kündigten ihm an, daß der Prinz in einigen Stunden in +Westminster eintreffen und daß Seine Majestät wohl thun werde, vor zehn +Uhr nach Ham abzureisen. Jakob machte einige Einwendungen. Ham gefiel +ihm nicht. Im Sommer sei es ein ganz angenehmer Aufenthalt, um +Weihnachten aber sei es dort kalt und unbehaglich, und überdies sei auch +das Schloß nicht möblirt. Halifax antwortete, daß sofort Möbeln +hingeschickt werden sollten. Die drei Abgesandten entfernten sich; +Middleton aber eilte ihnen nach, um ihnen zu sagen, daß Rochester dem +Könige viel lieber sein werde als Ham. Sie erwiederten, daß sie keine +Vollmacht hätten, den Wunsch des Königs zu erfüllen, daß sie aber +augenblicklich einen Expressen an den Prinzen absenden wollten, der in +Sion House zu übernachten gedenke. Es ging unverzüglich ein Courier ab, +der noch vor Tagesanbruch mit Wilhelm's Einwilligung zurückkam. Wilhelm +gab seine Zustimmung in der That sehr gern, denn es unterlag keinem +Zweifel, daß Rochester deshalb gewählt worden war, weil es große +Erleichterungen für die Flucht darbot, und daß Jakob fliehen möchte, war +der sehnlichste Wunsch seines Neffen.[30] + + [Anmerkung 30: +Clarke's Life of James, II. 265+; +Mulgrave's + Account of the Revolution; Burnet, I. 801+; Citters, 18.(28.) Dec. + 1688.] + + +[_Jakob's Aufbruch nach Rochester._] Am Morgen des 18. December, einem +regnerischen und stürmischen Morgen, hielt die königliche Barke +frühzeitig an der Treppe von Whitehall, umgeben von acht bis zehn mit +holländischen Soldaten gefüllten Böten. Mehrere Edelleute und Gentlemen +begleiteten den König bis ans Wasser. Es wird erzählt und läßt sich wohl +auch denken, daß viele Thränen vergossen wurden. Denn selbst der +eifrigste Freund der Freiheit konnte das traurige und schmachvolle Ende +einer Dynastie, welche so groß hätte sein können, nicht gleichgültig mit +ansehen. Shrewsbury that sein Möglichstes, um den gestürzten Monarchen +zu trösten. Selbst der erbitterte und heftige Delamere war ergriffen. +Man bemerkte aber, daß Halifax, der sich sonst durch seine +rücksichtsvolle Freundlichkeit gegen Besiegte auszeichnete, bei dieser +Gelegenheit weniger theilnehmend war als seine beiden Collegen. +Wahrscheinlich konnte er die Scheingesandtschaft nach Hungerford noch +immer nicht vergessen.[31] + +Während die königliche Barke langsam über die hochgehenden Wellen den +Fluß hinabfuhr, zog eine Brigade von den Truppen des Prinzen nach der +andren in London ein. Man hatte die sehr weise Anordnung getroffen, daß +der Dienst in der Hauptstadt namentlich von den im Dienste der +Generalstaaten stehenden britischen Soldaten verrichtet werden sollte. +Die drei englischen Regimenter wurden in und um den Tower, die drei +schottischen in Southwark einquartirt.[32] + + [Anmerkung 31: Citters, 18.(28.) Dec. 1688; +Evelyn's Diary+ unter + demselben Datum; +Clarke's Life of James, II. 266, 267. Orig. + Mem.+] + + [Anmerkung 32: Citters, 18.(28.) Dec. 1688.] + + +[_Wilhelm's Ankunft im St. Jamespalaste._] Trotz des schlechten Wetters +sammelte sich eine große Volksmenge zwischen Albemarle House und dem St. +Jamespalaste, um den Prinzen zu bewillkommnen. Jeder Hut, jeder Stock +war mit einem orangefarbenen Bande geschmückt. Alle Glocken von ganz +London wurden geläutet, und an allen Fenstern standen Lichter zu einer +Illumination bereit, während in den Straßen Reißigbündel zu +Freudenfeuern aufgehäuft wurden. Wilhelm aber, der kein Freund vom +Gedränge und vom Jubelgeschrei war; nahm seinen Weg durch den Park. Vor +Einbruch der Nacht kam er, von Schomberg begleitet, in einem leichten +Wagen im St. Jamespalaste an. In kurzer Zeit waren alle Zimmer und +Treppen mit Leuten gefüllt, die ihm ihre Aufwartung machen wollten. Das +Gedränge war so arg, daß die hochgestelltesten Männer nicht im Stande +waren, sich bis in das Empfangszimmer hindurchzuarbeiten.[33] Während +sich Westminster in dieser Aufregung befand, entwarf der Gemeinderath in +der Guildhall eine Dank- und Beglückwünschungsadresse. Der Lordmayor war +nicht im Stande den Vorsitz zu führen. Er hatte das Bett noch nicht +wieder verlassen, seitdem der Kanzler in dem Anzuge eines +Kohlenschiffers in den Gerichtssaal geschleppt worden war. Die Aldermen +aber und die übrigen Beamten der Corporationen waren auf ihren Plätzen. +Am folgenden Tage kam der Magistrat der City in Gala, um dem Befreier zu +huldigen. Ihre Dankbarkeit wurde mit beredten Worten durch ihren +Syndikus, Sir Georg Treby ausgesprochen. Einige Prinzen aus dem Hause +Nassau, sagte er, seien die ersten Beamten einer großen Republik +gewesen. Andere hätten die Kaiserkrone getragen; der gegründetste +Anspruch dieses berühmten Geschlechts auf die öffentliche Verehrung +bestehe darin, daß Gott es zu dem hohen Amte auserwählt und geweiht +habe, von Generation zu Generation die Wahrheit und die Freiheit gegen +die Tyrannei zu vertheidigen. An dem nämlichen Tage machten auch alle in +der Hauptstadt anwesenden Prälaten, mit Ausnahme Sancroft's, dem Prinzen ++in corpore+ ihre Aufwartung. Dann kam, mit ihrem Bischof an der Spitze, +die londoner Geistlichkeit, an Gelehrsamkeit, Beredtsamkeit und Einfluß +die ersten Männer ihres Standes. Ihnen hatten sich einige hervorragende +Dissentergeistliche angeschlossen, welche Compton, was ihm zu großer +Ehre gereichte, mit ausgezeichneter Artigkeit behandelte. Einige +Monate vorher oder nachher würde diese Artigkeit von vielen +Staatskirchenmännern als ein Verrath an der Kirche betrachtet worden +sein, selbst damals konnte ein scharfes Auge nur zu deutlich erkennen, +daß der Waffenstillstand, zu welchen die protestantischen Secten +gezwungen worden waren, die Gefahr, aus der er entsprungen war, nicht +lange überdauern werde. Ungefähr hundert in der Hauptstadt wohnende +nonconformistische Geistliche überreichten eine Separatadresse. Sie +wurden durch Devonshire vorgestellt und mit allen Achtungs- und +Wohlwollensbezeigungen empfangen. Die Juristen brachten ihre Huldigung +unter Anführung Maynard's dar, der im Alter von neunzig Jahren noch so +rüstig und so hellen Geistes war als zu der Zeit, da er in +Westminsterhall als Ankläger Strafford's auftrat. »Mr. Serjeant,« sagte +der Prinz zu ihm, »Sie müssen alle Juristen, die mit Ihnen studirten, +überlebt haben.« -- »Ja, Sire,« erwiederte der Greis, »und wäre Eure +Hoheit nicht gekommen, so würde ich auch die Gesetze überlebt +haben«.[34] + +Aber obgleich die Adressen zahlreich und voll von Lobeserhebungen, +obgleich die Jubelrufe laut und die Illumination glänzend, obgleich der +St. Jamespalast für die Masse der Höflinge zu klein und obgleich die +Theater jeden Abend vom Parterre bis zur letzten Gallerie von +orangefarbenen Bändern strotzten, so fühlte Wilhelm doch, daß die +Schwierigkeiten seines Unternehmens erst begonnen hatten. Er hatte eine +Regierung gestürzt: jetzt galt es die Lösung der weit schwierigeren +Aufgabe, eine neue zu errichten. Von dem Augenblicke seiner Landung bis +zu seiner Ankunft in London hatte er die Autorität ausgeübt, welche nach +den in der ganzen civilisirten Welt anerkannten Kriegsgesetzen dem +Oberbefehlshaber einer im Felde stehenden Armee zukommt. Jetzt mußte er +die Rolle eines Generals mit der eines Civilbeamten vertauschen, und +dies war keine leichte Aufgabe. Ein einziger falscher Schritt konnte +unheilbringend werden und es war unmöglich, irgend einen Schritt zu +thun, ohne Vorurtheile zu verletzen und heftige Leidenschaften zu +entzünden. + + [Anmerkung 33: +Luttrell's Diary+; +Evelyn's Diary+; +Clarendon's + Diary, Dec. 18. 1688; Revolution Politics.+] + + [Anmerkung 34: +Fourth Collection of Papers relating to the + present juncture of affairs in England, 1688+; +Burnet, I. 802, + 803+; +Calamy's Life and Times of Baxter, chap. XIV.+] + + +[_Es wird ihm gerathen, sich die Krone kraft des Eroberungsrechtes +aufzusetzen._] Einige von den Rathgebern des Prinzen drangen in ihn, daß +er sich die Krone ohne weiteres kraft des Eroberungsrechtes aufsetzen +und dann als König unter seinem großen Siegel Einberufungsschreiben zu +einem Parlamente erlassen solle. Dieses Verfahren wurde ihm von einigen +ausgezeichneten Juristen eifrig anempfohlen. Sie sagten, es sei der +kürzeste Weg zu dem Ziele, welches außerdem nur mit zahllosen +Schwierigkeiten und Streitigkeiten erreicht werden könne. Es stimme +genau mit dem glückverheißenden Beispiele überein, das vor ihm +Heinrich VII. nach der Schlacht von Bosworth gegeben. Auch werde es die +Bedenken vieler achtbarer Personen wegen Statthaftigkeit der Übertragung +des Unterthaneneides auf einen andren Regenten zerstreuen. Weder das +englische Recht noch die englische Kirche gestehe den Unterthanen die +Befugniß zu, ihren Landesherrn abzusetzen. Aber kein Jurist und kein +Theolog habe je geleugnet, daß eine im Kriege überwundene Nation sich +dem Beschlusse des Gottes der Schlachten unterwerfen dürfe, ohne eine +Sünde zu begehen. So hätten nach der chaldäischen Eroberung die +gottesfürchtigsten und patriotischesten Juden die Pflichten gegen ihren +angestammten König nicht zu verletzen geglaubt, indem sie dem neuen +Herrscher, den die Vorsehung ihnen gesandt, mit Treue dienten. Die drei +Bekenner, welche im feurigen Ofen so wunderbar erhalten worden waren, +hätten in der Provinz Babylon hohe Ämter begleitet. Daniel sei +nacheinander Minister des Assyrers, welcher Juda, und des Persers, +welcher Assyrien unterjochte, gewesen. Ja, Christus selbst, der seinem +Blute nach ein Prinz aus dem Geschlechte David's gewesen, habe dadurch, +daß er seinen Landsleuten befahl, dem Kaiser Tribut zu zahlen, +ausgesprochen, daß fremde Eroberung erbliche Rechte aufhebt und +wohlbegründeten Anspruch auf Herrschaft giebt. Es sei daher +wahrscheinlich, daß eine große Anzahl Tories, wenn sie auch nicht selbst +mit gutem Gewissen einen König wählen könnten, doch unbedenklich einen +durch den Ausgang des Kriegs ihnen gegebenen König annehmen würden.[35] + +Auf der andren Seite standen jedoch Gründe, welche bei weitem +überwiegend waren. Der Prinz konnte die Krone als mit dem Schwerte +erobert nicht beanspruchen, ohne sich eines groben Wortbruches schuldig +zu machen. In seiner Erklärung hatte er versichert, daß es nicht seine +Absicht sei, England zu erobern, daß, wer ihn einer solchen Absicht +beschuldige, nicht nur ihn persönlich, sondern auch die patriotischen +Kavaliere und Gentlemen, die ihn herübergerufen, schändlich verleumde, +daß die Streitmacht, die er mitgebracht habe, zu einem so schwierigen +Unternehmen offenbar nicht genüge und daß es sein fester Entschluß sei, +alle öffentlichen Beschwerden, wie alle seine eigenen Ansprüche einem +freien Parlamente anheim zu geben. Um keines irdischen Zweckes willen +konnte es recht oder klug sein, das im Angesicht von ganz Europa +gegebene Wort zu brechen. Auch war es keineswegs ausgemacht, ob er, wenn +er sich als Eroberer gerirte, dadurch die Bedenken zerstreute, welche +die strengen Hochkirchenmänner ungeneigt machten, ihn als König +anzuerkennen. Denn er mochte sich nennen wie er wollte, Jedermann wußte, +daß er in Wirklichkeit kein Eroberer war. Es wäre notorisch eine bloße +Fiction gewesen, hatte man sagen wollen, daß dieses große Königreich, +mit einer mächtigen Flotte auf der See, einer regulären Armee von +vierzigtausend Mann und einer Miliz von hundertdreißigtausend Mann, ohne +eine einzige Belagerung oder Schlacht durch eine fünfzehntausend Mann +starke Invasionsarmee in eine abhängige Provinz verwandelt worden sei. +Es war nicht anzunehmen, daß eine solche Fiction wirklich empfindliche +Gewissen beruhigen würde, aber es war kaum zu bezweifeln, daß sie den +ohnehin schon gereizten Nationalstolz verwundete. Die englischen Truppen +waren in einer Stimmung, welche die zarteste Schonung erheischte. Sie +wußten, daß sie im letzten Feldzuge eben keine glänzende Rolle gespielt +hatten. Die Anführer wie die Soldaten sehnten sich danach zu beweisen, +daß sie nicht aus Mangel an Muth einer geringeren Streitmacht gewichen +waren. Einige holländische Offiziere waren so unbesonnen gewesen, sich +in einem Wirthshause beim Weine zu rühmen, daß sie die Armee des Königs +vor sich her getrieben hätten. Diese Beleidigung hatte unter den +englischen Truppen eine Gährung hervorgebracht, welche ohne das rasche +Einschreiten des Prinzen wahrscheinlich mit einem furchtbaren Gemetzel +geendet haben würde.[36] Welchen Eindruck mußte unter solchen Umständen +eine Proklamation machen, welche verkündete, daß der Oberbefehlshaber +der Fremden die ganze Insel als rechtmäßige Kriegsbeute betrachte? + +Außerdem war zu berücksichtigen, daß der Prinz durch Erlassung einer +solchen Proklamation mit einem Male alle die Rechte vernichtet haben +würde, zu deren Vertheidiger er sich erklärt hatte. Denn die Autorität +eines fremden Eroberers wird nicht durch die Gebräuche und Gesetze der +besiegten Nation beschränkt, sondern sie ist ihrem Wesen nach +despotisch. Wilhelm war also entweder nicht berechtigt, sich zum Könige +zu erklären, oder er war auch berechtigt, die Magna Charta und die Bitte +um Recht für null und nichtig zu erklären, die Geschwornengerichte +abzuschaffen und ohne Zustimmung des Parlaments Steuern zu erheben. +Allerdings konnte er die alte Verfassung des Reichs wiederherstellen; +aber wenn er dies that, so that er es ebenfalls kraft eines +willkürlichen Beschlusses. Von diesem Augenblicke an würde die englische +Freiheit auf eine niedere Stufe herabgesunken sein. Sie wäre dann nicht +mehr ein uraltes Erbtheil gewesen, sondern ein neues Geschenk, welches +der großmüthige Gebieter, der es verliehen, auch wieder entziehen +konnte, wenn es ihm sonst beliebte. + + [Anmerkung 35: +Burnet, I. 803.+] + + [Anmerkung 36: +Gazette de France+ 26. Jan. (5. Febr.) 1689.] + + +[_Er beruft die Lords und die Mitglieder der Parlamente Karl's II. +zusammen._] Wilhelm beschloß daher rechtschaffener und kluger Weise, die +in seiner Erklärung gegebenen Versprechungen zu erfüllen und die Aufgabe +der Einsetzung der Regierung der gesetzgebenden Gewalt zu überlassen. Er +vermied Alles was für Usurpation hätte erklärt werden können, so +sorgfältig, daß er es ohne einen Schein von parlamentarischer Autorität +nicht über sich nehmen wollte, nur die Stände des Reichs einzuberufen +oder während der Wahlen die ausübende Gewalt zu handhaben. Eine +eigentlich parlamentarische Autorität gab es nicht im Staate; aber es +war möglich, in einigen Stunden eine Versammlung zusammenzubringen, der +die Nation wenigstens einen großen Theil der einem Parlamente +gebührenden Achtung zollte. Die eine Kammer konnte aus den vielen +geistlichen und weltlichen Lords, welche damals in London waren, die +andre aus ehemaligen Mitgliedern des Unterhauses und den +Magistratsbeamten der City gebildet werden. Dieser Plan war höchst +sinnreich und er wurde rasch ins Werk gesetzt. Die Peers wurden auf den +21. December in den St. Jamespalast beschieden. Es erschienen etwa +siebzig. Der Prinz forderte sie auf, die Lage des Landes in Erwägung zu +ziehen und ihm das Ergebniß ihrer Berathungen vorzulegen. Bald darauf +erschien eine Bekanntmachung, welche alle Gentlemen, die während der +Regierung Karl's II. einen Sitz im Unterhause gehabt hatten, +aufforderte, am Morgen des Sechsundzwanzigsten vor Seiner Hoheit zu +erscheinen. Die Aldermen von London wurden ebenfalls entboten und auch +der Gemeinderath ersucht, eine Deputation zu schicken.[37] + +Man hat oft in tadelndem Tone gefragt, warum diese Einladung nicht auf +die Mitglieder des im vorhergehenden Jahre aufgelösten Parlaments +ausgedehnt worden sei. Die Antwort darauf liegt sehr nahe. Einer der +Hauptmißstände, über welche die Nation klagte, war die Art und Weise der +Erwählung jenes Parlaments. Die meisten Abgeordneten der Boroughs waren +durch Wahlkörper gewählt worden, welche in einer allgemein als +gesetzwidrig betrachteten und von dem Prinzen in seinem Manifeste für +verwerflich erklärten Weise reorganisirt worden waren. Jakob selbst +hatte unmittelbar vor seinem Sturze eingewilligt, die früheren +municipalen Freiheiten wieder herzustellen. Es würde gewiß von Seiten +Wilhelms die größte Inconsequenz gewesen sein, wenn er, nachdem er zur +Vertheidigung der angetasteten Freibriefe der Corporationen die Waffen +ergriffen, Personen, welche jenen Freibriefen zuwider gewählt worden +waren, als rechtmäßige Vertreter der Städte Englands anerkannt hätte. + +Am Sonnabend den 22. versammelten sich die Lords in ihrem +Sitzungslokale. Dieser Tag wurde damit hingebracht, die Geschäftsordnung +festzusetzen. Es wurde ein Schriftführer ernannt, und da man keinem der +zwölf Richter Vertrauen schenken konnte, so wurden einige von den +angesehendsten Sergeants und Barristers[38] eingeladen, um über +juristische Punkte ihren Rath abgeben zu können. Es wurde hierauf +beschlossen, daß am nächsten Montag die Lage des Königreichs in Erwägung +gezogen werden sollte.[39] + +Die Zwischenzeit bis zur Montagssitzung war erwartungs- und +ereignißvoll. Eine starke Partei unter den Peers nährte noch immer die +Hoffnung, daß die Verfassung und die Kirche Englands auch ohne die +Absetzung des Königs gesichert werden könnten. Diese Partei beschloß, +eine feierliche Adresse an ihn zu beantragen, durch die er beschworen +werden sollte, sich Bedingungen zu unterwerfen, welche die durch sein +früheres Verfahren hervorgerufene Unzufriedenheit und Besorgniß +beseitigen konnten. Sancroft, der seit der Rückkehr Jakob's von Kent +nach Whitehall keinen Theil an den öffentlichen Angelegenheiten genommen +hatte, beschloß jetzt, aus seiner Zurückgezogenheit wieder ans Licht zu +treten und sich an die Spitze der Royalisten zu stellen. Mehrere Boten +wurden mit Briefen an den König nach Rochester gesandt. Es wurde ihm +darin versichert, daß seine Interessen energisch in Schutz genommen +werden sollten, wenn er sich nur in diesem Augenblicke entschließen +könnte, Plänen zu entsagen, die sein Volk verabscheue. Einige angesehene +Katholiken begaben sich persönlich zu ihm, um ihn im Namen ihres +gemeinsamen Glaubens zu bitten, daß er den fruchtlosen Kampf nicht +weiter treiben möchte.[40] + +Der Rath war gut; Jakob aber war nicht in der Stimmung, um ihn +anzunehmen. Sein Verstand war stets stumpf und schwach gewesen, jetzt +aber verhinderten ihn weibische Befürchtungen und kindische Einbildungen +an dem Gebrauche desselben. Er wußte, daß seine Flucht das war, was +seine Anhänger am meisten fürchteten und seine Feinde am sehnlichsten +wünschten. Selbst wenn sein Bleiben mit ernster persönlicher Gefahr +verknüpft gewesen wäre, so hätte er es doch unter den obwaltenden +Umständen für schimpflich halten müssen, das Feld zu räumen, denn es +handelte sich jetzt darum, ob er und seine Nachkommen auf dem Throne +seiner Ahnen regieren oder heimathlose Bettler werden sollten. Doch die +feige Angst um sein Leben hatte jedes andre Gefühl aus seiner Brust +verdrängt. Auf die eindringlichen Bitten und unverwerflichen Gründe der +Bevollmächtigten, die seine Freunde nach Rochester gesandt, hatte er nur +die eine Antwort: sein Kopf sei in Gefahr. Umsonst versicherte man ihm, +daß er durchaus keine Ursache zu einer solchen Besorgniß habe, daß der +Prinz von Oranien schon durch den gesunden Verstand, wenn nicht durch +seine Grundsätze abgehalten werden würde, die Schuld und Schande eines +Königsmordes und eines Verwandtenmordes auf sich zu laden, und daß +Viele, welche niemals in die Absetzung ihres Souverains willigen würden, +so lange er noch auf englischem Boden war, durch seine Flucht sich der +Unterthanentreue gegen ihn entbunden erachten würden. Die Furcht +unterdrückte jedes andre Gefühl. Er beschloß abzureisen, und die +Ausführung dieses Entschlusses war leicht. Er wurde sehr nachlässig +bewacht, Jedermann hatte Zutritt bei ihm, segelfertige Schiffe lagen in +geringer Entfernung bereit, und ihre Böte konnten bis dicht an den +Garten des Hauses herankommen, das er bewohnte. Wäre er klug gewesen, so +würde schon der Umstand, daß seine Wächter sich bemühten, ihm die Flucht +zu erleichtern, hingereicht haben, um ihn zu überzeugen, daß er bleiben +mußte, wo er war. In der That, die Schlinge lag so offen zu Tage, daß +nur ein durch die Angst geblendeter Thor sie nicht sehen konnte. + + [Anmerkung 37: +History of the Desertion+; +Clarendon's Diary, + Dec. 21. 1688+; +Burnet I. 803+, und Onslow's Note.] + + [Anmerkung 38: Sachwalter ersten und zweiten Ranges. -- Der + Übers.] + + [Anmerkung 39: +Clarendon's Diary, Dec. 21. 1688+; Citters unter + dem nämlichen Datum.] + + [Anmerkung 40: +Clarendon's Diary. Dec. 21, 22, 1688+; +Clarke's + Life of James, II. 268, 270. Orig. Mem.+] + + +[_Jakob's Flucht von Rochester._] Die Vorbereitungen wurden schleunigst +getroffen. Am Samstag Abend, den Zweiundzwanzigsten, versicherte der +König einigen von den Herren, welche von London aus mit Nachricht und +gutem Rathe zu ihm gesandt worden, daß er sie am folgenden Morgen +wiedersehen werde. Er legte sich zu Bett, stand mitten in der Nacht auf, +stahl sich in Begleitung Berwick's durch eine Hinterthür fort und ging +durch den Garten bis ans Ufer des Medway. Hier erwartete ihn ein kleines +Boot. Bald nach Tagesanbruch befanden sich die Flüchtlinge am Bord einer +Schmacke, welche die Themse hinab fuhr.[41] + +Am Nachmittag gelangte die Nachricht von der Flucht nach London. Die +Anhänger des Königs waren ganz bestürzt, während die Whigs ihre Freude +nicht verhehlen konnten. Die gute Nachricht ermuthigte den Prinzen zu +einem kühnen und wichtigen Schritte. Er hatte erfahren, daß die +französische Gesandtschaft mit der ihm feindlich gesinnten Partei +fortwährende Communication unterhielt. Man wußte sehr wohl, daß diese +Gesandtschaft sich vortrefflich auf alle Verführungskünste verstand, und +es unterlag kaum einem Zweifel, daß bei einer solchen Gelegenheit weder +Ränke noch Goldstücke gespart werden würden. Barillon wollte gar zu gern +noch einige Tage in London bleiben, und zu dem Ende ließ er kein Mittel +unversucht, um die siegreiche Partei zu versöhnen. Auf den Straßen +beruhigte er den Pöbel, der zornige Blicke auf seine Equipage warf, +dadurch, daß er ihm Geld zuwarf. An seiner Tafel trank er öffentlich auf +das Wohl des Prinzen von Oranien. Wilhelm aber ließ sich dadurch nicht +bethören. Er hatte zwar die Ausübung der königlichen Autorität noch +nicht auf sich genommen, aber er war commandirender General und als +solcher nicht verbunden, einen Mann, den er als einen Spion betrachtete, +innerhalb des von ihm militairisch besetzten Gebietes zu dulden. Noch +vor dem Ende des Tages erhielt Barillon die Weisung, daß er England +binnen vierundzwanzig Stunden verlassen müsse. Er bat dringend um einen +kurzen Aufschub, aber die Minuten waren kostbar, der Befehl wurde in +noch bestimmteren Ausdrücken wiederholt und er reiste mit Widerstreben +nach Dover ab. Um kein Zeichen von Geringschätzung und Trotz zu +unterlassen, wurde er durch einen seiner protestantischen Landsleute, +den die Verfolgung ins Exil getrieben, bis an die Küste begleitet. Der +Ehrgeiz und die Anmaßung Frankreichs hatte so bitteren Groll erregt, daß +selbst diejenigen Engländer, welche im Allgemeinen nicht geneigt waren, +Wilhelm's Verhalten mit günstigem Auge zu betrachten, ihm lauten Beifall +dafür zollten, daß er dem Übermuth, mit dem Ludwig viele Jahre hindurch +alle europäischen Höfe behandelt hatte, so herzhaft entgegentrat.[42] + + [Anmerkung 41: Clarendon's Diary. Dec. 23. 1638; Clarke's Life of + James, II. 271, 273, 274. Orig. Mem.] + + [Anmerkung 42: Citters, 1.(11.) Jan. 1689; Witsen's Handschr. + angeführt von Wagenaar, Buch 60.] + + +[_Berathungen und Beschlüsse der Lords._] Am Montag versammelten sich +die Lords wieder. Halifax wurde zum Präsidenten gewählt. Der Primas war +abwesend, die Royalisten traurig und muthlos, die Whigs heiter und guter +Dinge. Es war bekannt, daß Jakob einen Brief zurückgelassen hatte. +Einige von seinen Freunden stellten in der schwachen Hoffnung, daß der +Brief vielleicht Vorschläge enthielt, welche als Grundlage zu einem +gütlichen Abkommen dienen konnten, den Antrag ihn vorzulegen. Über +diesen Antrag wurde abgestimmt und er wurde angenommen. Godolphin, der +keineswegs als ein Feind seines ehemaligen Gebieters bekannt war, sprach +einige Worte, welche den Ausschlag gaben. »Ich habe das Schreiben +gesehen,« sagte er, »und muß Ihnen zu meinem Bedauern bemerken, daß es +nichts enthält, was Eure Herrlichkeiten irgend zufriedenstellen könnte.« +Es enthielt in der That keine Äußerung von Bedauern über frühere Fehler; +es gab keiner Hoffnung Raum, daß diese Fehler in Zukunft vermieden +werden würden, und es wälzte die Schuld an allem Geschehenen auf die +Böswilligkeit Wilhelm's und auf die Blindheit des Volks, das sich durch +die schimmernden Worte Religion und Eigenthum habe bethören lassen. +Niemand wagte den Vorschlag zu machen, daß Unterhandlungen mit einem +Fürsten eingeleitet werden möchten, den die härteste Schule des Unglücks +nur hartnäckiger im Unrecht gemacht zu haben schien. Es war die Rede von +einer Untersuchung der Geburt des Prinzen von Wales; aber die +whiggistischen Peers behandelten diesen Vorschlag mit Geringschätzung. +»Ich hätte nicht erwartet, Mylords,« rief Philipp, Lord Wharton, ein +alter Rundkopf, der bei Edgehill gegen Karl I. ein Regiment commandirt +hatte, »daß unter den gegenwärtigen Umständen Jemand das Kind erwähnen +würde, das Prinz von Wales genannt worden ist, und ich hoffe, es wird +zum letzten Male von ihm die Rede gewesen sein.« Nach langer Berathung +wurden zwei Adressen an Wilhelm beschlossen. Die eine ersuchte ihn, die +Leitung der Regierung provisorisch zu übernehmen; die andre rieth ihm, +durch eigenhändig unterzeichnete Rundschreiben alle Wahlkörper des +Reichs zur Absendung von Vertretern nach Westminster aufzufordern. Zu +gleicher Zeit nahmen die Peers es auf sich, eine Verordnung zu erlassen, +welche alle Papisten, mit Ausnahme einiger weniger bevorzugter Personen, +aus London und dessen nächster Umgebung verwies.[43] + +Die Lords überreichten ihre Adressen dem Prinzen am folgenden Tage, ohne +den Ausgang der Berathungen der von ihm einberufenen Gemeinen zu +erwarten. Es scheint in der That, als ob der erbliche Adel in diesem +Augenblicke um die Aufrechthaltung seines Ansehens sehr besorgt gewesen +wäre und keine Lust gehabt hätte, einer Versammlung, von der das Gesetz +nichts wußte, eine ebenbürtige Autorität zuzugestehen. Sie hielten sich +für ein ächtes Haus der Lords; die andre Kammer aber verachteten sie als +ein bloß nachgemachtes Haus der Gemeinen. Wilhelm lehnte es jedoch +wohlweislich ab einen Entschluß zu fassen, bevor er sich von der Ansicht +derjenigen Gentlemen überzeugt haben würde, welche früher mit den +Vertrauen der Grafschaften und Städte Englands beehrt worden waren.[44] + + [Anmerkung 43: +Halifax's notes+; +Landsdown MS. 255+; + +Clarendon's Diary, Dec. 24. 1688+; +London Gazette, Dec. 31.+] + + [Anmerkung 44: Citters, 25. Dec. (4. Jan.) 1688/89.] + + +[_Verhandlungen und Beschlüsse der von dem Prinzen einberufenen +Gemeinen._] Die einberufenen Gemeinen kamen in der St. Stephanskapelle +zusammen und bildeten eine zahlreiche Versammlung. Sie ernannten zu +ihrem Präsidenten Heinrich Powle, welcher Cirencester in mehreren +Parlamenten vertreten und sich unter den Vertheidigern der +Ausschließungsbill hervorgethan hatte. + +Es wurden ähnliche Adressen wie die von den Lords bereits überreichten +beantragt und angenommen. In keiner wichtigen Frage zeigte sich eine +Meinungsverschiedenheit und einige schwache Versuche, über formelle +Punkte eine Debatte zu eröffnen, wurden durch die allgemeine Verachtung +vereitelt. Sir Robert Sawyer erklärte, er könne nicht begreifen, wie der +Prinz ohne einen unterscheidenden Titel, wie Regent oder Protektor, die +Regierung verwalten könne. Der greise Maynard, der als Jurist seines +Gleichen nicht hatte und dabei ein mit der Taktik der Revolutionen wohl +vertrauter Staatsmann war, versuchte es gar nicht, seinen Unwillen über +einen so kindischen Einwand zu verhehlen, der in einem Augenblicke +erhoben wurde, wo einmüthiges und rasches Handeln von der größten +Wichtigkeit waren. »Wir werden sehr lange hier sitzen,« sagte er, »wenn +wir warten wollen, bis Sir Robert begreifen kann, wie so etwas möglich +ist.« Die Versammlung hielt diese Antwort der Krittelei ganz +entsprechend.[45] + + [Anmerkung 45: Der Urheber dieses Einwandes wurde in damaligen + Büchern und Pamphlets nur mit den Anfangsbuchstaben seines Namens + bezeichnet und diese wurden zuweilen mißverstanden. Eachard + schrieb die Krittelei Sir Robert Southwell zu; ich bin aber fest + überzeugt, daß Oldmixon ganz Recht hat, wenn er sie Sawyer in den + Mund legt.] + + +[_Eine Convention berufen._] Die Beschlüsse der Versammlung wurden dem +Prinzen mitgetheilt. Er erklärte sogleich seinen Entschluß, dem +vereinten Ansuchen der von ihm einberufenen beiden Kammern zu +entsprechen, Ausschreiben zur Einberufung einer Convention der Stände +des Reichs zu erlassen und bis zum Zusammentritt dieser Convention die +ausübende Verwaltung selbst zu übernehmen.[46] + + [Anmerkung 46: +History of the Desertion+; +Life of William, + 1703+; Citters, 28. Dec. (7. Jan.) 1688/89.] + + +[_Bemühungen des Prinzen zur Herstellung der Ordnung._] Er hatte sich +keine leichte Aufgabe vorgenommen. Die ganze Regierungsmaschine war in +Unordnung. Die Friedensrichter hatten ihre Functionen eingestellt. Die +Finanzbeamten hatten aufgehört, Steuern zu erheben. Die von Feversham +aufgelöste Armee war noch immer in Verwirrung und zur Empörung bereit. +Die Flotte befand sich in einem kaum weniger beunruhigenden Zustande. +Die bürgerlichen und militairischen Diener der Krone hatten bedeutende +Soldrückstande zu fordern und im Staatsschatze befanden sich nur noch +vierzigtausend Pfund. Der Prinz ging mit Energie an die +Wiederherstellung der Ordnung. Er erließ eine Proklamation, durch welche +alle Magistratspersonen in ihren Ämtern bestätigt wurden, und eine +andre, welche Anordnungen zur Erhebung der Staatseinkünfte enthielt.[47] +Die Reorganisation der Armee wurde rasch betrieben. Viele von den +Kavalieren und Gentlemen, welche Jakob des Kommandos englischer +Regimenter enthoben hatte, wurden wieder angestellt. Auch wurden Mittel +und Wege gefunden, um die Tausende von irländischen Soldaten, welche +Jakob nach England hatte kommen lassen, zu verwenden. In einem Lande, wo +sie dem religiösen und nationalen Hasse preisgegeben waren, konnten sie +nicht bleiben. Eben so wenig durfte man sie in ihre Heimath +zurücksenden, wo sie Tyrconnel's Armee verstärkt haben würden. Man +beschloß daher, sie auf den Continent zu schicken, wo sie unter den +Fahnen des Hauses Österreich der englischen Verfassung und der +protestantischen Religion indirecte, aber wirksame Dienste leisten +konnten. Dartmouth wurde seines Commando's enthoben und die Seemacht +durch das bestimmte Versprechen gewonnen, daß jeder Matrose so bald als +möglich seinen rückständigen Sold erhalten solle. Die City von London +nahm es auf sich, den Prinzen aus seiner finanziellen Verlegenheit zu +reißen. Der Gemeinderath verpflichtete sich durch ein einstimmiges +Votum, ihm zweimalhunderttausend Pfund zu verschaffen. Es wurde als ein +großer Beweis von dem Reichthume und dem Gemeinsinne der londoner +Kaufmannschaft betrachtet, daß binnen achtundvierzig Stunden die ganze +Summe ohne ein andres Unterpfand als das Wort des Prinzen eingezahlt +wurde. Wenige Wochen zuvor war Jakob nicht im Stande gewesen, eine viel +kleinere Summe aufzubringen, obgleich er höhere Zinsen bot und +werthvolles Eigenthum verpfänden wollte.[48] + + [Anmerkung 47: +London Gazette, Jan. 3, 7. 1688/89.+] + + [Anmerkung 48: +London Gazette, Jan. 10, 17. 1688/89; Luttrell's + Diary+; Legge-Papiere; Citters, 1.(11.), 4.(14.), 11.(21.) Jan. + 1689; Ronquillo, 15.(21.) Jan., 23. Febr. (5. März); Berathung des + spanischen Staatsrathes vom 26. März (5. April).] + + +[_Seine tolerante Politik._] In sehr wenigen Tagen war die Unordnung, +welche die Invasion, die Aufstände, die Flucht Jakob's und das Aufhören +aller regelmäßigen Verwaltung herbeigeführt hatten, zu Ende und das +Königreich hatte wieder sein gewohntes Aussehen angenommen. Ein +allgemeines Gefühl von Sicherheit war zurückgekehrt. Selbst diejenigen +Stände, auf welche der öffentliche Haß vorzugsweise gerichtet war und +die am meisten Ursache hatten, eine Verfolgung zu befürchten, wurden +durch die weise Milde des Siegers beschützt. Leute, welche in die +gesetzwidrigen Handlungen der vorigen Regierung tief verwickelt gewesen +waren, gingen nicht nur unangefochten einher, sondern traten sogar als +Candidaten für Sitze in der Convention auf. Mulgrave wurde im St. +Jamespalaste nicht ungnädig empfangen. Feversham wurde seiner Haft +entlassen und ihm gestattet, das einzige Amt zu verwalten, dem er +gewachsen war: das eines Bankhalters am Bassettische der Königin Wittwe. +Doch Niemand hatte so viel Ursache, Wilhelm dankbar zu sein, als die +Katholiken. Es würde nicht rathsam gewesen sein, die strengen +Verordnungen, welche die Peers gegen die Bekenner eines von der ganzen +Nation verabscheuten Glaubens erlassen hatten, förmlich aufzuheben; +durch die Klugheit und Menschlichkeit des Prinzen aber wurden diese +Verordnungen praktisch nicht angewendet. Auf seinem Marsche von Torbay +nach London hatte er Befehl gegeben, daß an den Personen oder Wohnungen +von Papisten durchaus keine Gewaltthätigkeiten verübt werden sollten. +Diesen Befehl erneuerte er jetzt und wies Burnet an, auf strengste +Befolgung desselben zu sehen. Eine glücklichere Wahl hätte er nicht +treffen können, denn Burnet war ein so edelmüthiger und gutherziger +Mann, daß sein Herz stets in warmer Theilnahme für Unglückliche schlug, +und sein Haß gegen das Papstthum bot zugleich auch den eifrigsten +Protestanten hinreichende Gewähr dafür, daß die Interessen ihrer +Religion in seinen Händen wohl aufgehoben waren. Er hörte die Klagen der +Katholiken freundlich an, verschaffte Denen, die über das Meer gehen +wollten, Pässe und besuchte selbst in Newgate die dort gefangensitzenden +Prälaten. Er gab Befehl, daß sie in ein bequemeres Zimmer versetzt und +ihnen jede mögliche Erleichterung verschafft werden sollte. Er gab ihnen +die feierliche Versicherung, daß ihnen kein Haar gekrümmt werden und daß +der Prinz, sobald er es wagen könnte, nach seinen Wünschen zu handeln, +sie in Freiheit setzen würde. Der spanische Gesandte meldete seinem +Hofe, und durch seinen Hof dem Papste, daß kein Katholik wegen der +letzten englischen Revolution Gewissensscrupel zu hegen brauche, daß +Jakob allein für die Gefahren, denen die Mitglieder der wahren Kirche +ausgesetzt wären, verantwortlich sei und daß Wilhelm allein sie vor +einer blutigen Verfolgung gerettet habe.[49] + + [Anmerkung 49: +Burnet, I. 802+; Ronquillo, 2.(12.) Jan., 8.(18.) + Febr. 1689. Die Originale dieser Depeschen wurden mir durch die + Gefälligkeit der verstorbenen Lady Holland und des gegenwärtigen + Lord Holland mitgetheilt. Aus der letzten will ich einige Worte + anführen. +»La tema de S. M. Britanica à seguir imprudentes + consejos perdió á los Catolicos aquella quietud en que les dexo + Carlos segundo. V. E. asegure á su Santidad que mas sacaré del + Principe para los Catolicos que pudiera sacra del Rey.«+] + + +[_Zufriedenheit der katholischen Mächte._] In Folge dessen war die +Befriedigung, mit der die Fürsten des Hauses Österreich und der Papst +erfuhren, daß die langjährige Abhängigkeit Englands zu Ende sei, +ziemlich ungetrübt. Als es in Madrid bekannt wurde, daß Wilhelm dem +glücklichen Erfolge seines Unternehmens entgegenging, sprach nur eine +einzige Stimme im spanischen Staatsrathe schüchtern sein Bedauern +darüber aus, daß ein vom politischen Standpunkte betrachtet höchst +erfreuliches Ereigniß den Interessen der wahren Kirche nachtheilig +werden müsse.[50] Aber die tolerante Politik des Prinzen zerstreute bald +alle Besorgnisse und die bigotten Granden Castiliens betrachteten seine +Erhebung fast mit eben so großer Befriedigung, als die englischen Whigs. + + [Anmerkung 50: Am 13.(23.) Dec. 1688 gab der Admiral von Castilien + seine Meinung folgendermaßen ab: +»Esta materia es de calidad que + no puede dexar de padecer nuestra sagrada religion ó el servicio + de V. M.; porque, si el Principe de Orange tiene buenos succesos, + nos aseguraremos de Franceses, pero peligrarà la religion.«+ Der + Staatsrath wurde am 16.(26.) Februar sehr erfreut durch ein + Schreiben des Prinzen, in welchem er versprach, +»que los + Catolicos que se portaren con prudencia no sean molestados, y + gocen libertad di conciencia, por ser contra su dictamen el forzar + ni castigar por esta ràzon à nadie.«+] + + +[_Stimmung in Frankreich._] Mit ganz anderen Gefühlen war die Nachricht +von der großen Revolution in Frankreich aufgenommen worden. Die Politik +einer langen, ereignißreichen und ruhmvollen Regierung war in einem Tage +über den Haufen geworfen worden. England war wieder das England der +Elisabeth und Cromwell's und alle Beziehungen zu sämmtlichen Staaten der +Christenheit wurden durch die plötzliche Einführung dieser neuen Macht +in das System völlig verändert. Die Pariser sprachen von nichts als von +den Vorgängen in London. Nationale und religiöse Gefühle bewogen sie, +für Jakob Partei zu nehmen. Sie kannten die englische Verfassung nicht, +sie verabscheuten die englische Kirche und unsre Revolution erschien +ihnen nicht als der Sieg der öffentlichen Freiheit über den Despotismus, +sondern als eine grauenvolle Familientragödie, in der ein ehrwürdiger +und frommer Servius durch einen Tarquin vom Throne gestürzt und unter +den Wagenrädern einer Tullia zermalmt wurde. Sie schrien Zeter über die +treulosen Heerführer, verwünschten die unnatürlichen Töchter und +betrachteten Wilhelm mit einem heftigen Widerwillen, der jedoch durch +die Achtung, welche Tapferkeit, Genie und Erfolg fast immer erwecken, +gemildert wurde.[51] Die Königin, dem Nachtwind und Regen ausgesetzt, +den unmündigen Erben dreier Kronen an die Brust drückend und der von +rohen Buben angehaltene, beraubte und gemißhandelte König waren in ganz +Frankreich Gegenstände des Mitleids und der romanhaften Theilnahme. +Ludwig aber betrachtete das Unglück des Hauses Stuart mit ganz besonders +lebhaftem Mitgefühl. Alle egoistischen und alle edlen Seiten seines +Characters wurden gleichmäßig erregt. Nach langen Jahren des Glücks traf +ihn endlich ein großes Unglück. Er hatte auf die Unterstützung oder +Neutralität Englands gerechnet; jetzt hatte er von diesem Lande nichts +mehr als energische und beharrliche Feindseligkeit zu erwarten. Noch +wenige Wochen zuvor hätte er nicht mit Unrecht hoffen können, Flandern +zu unterjochen und Deutschland Gesetze zu geben. Jetzt konnte er froh +sein, wenn er im Stande war, seine eigenen Grenzen gegen einen +Staatenbund zu vertheidigen, wie ihn Europa seit vielen Menschenaltern +nicht mehr gesehen hatte. Nichts konnte ihn aus dieser ganz neuen +beunruhigenden Lage reißen, als eine Contrerevolution oder ein +Bürgerkrieg auf den britischen Inseln. Ehrgeiz und Furcht bestimmten ihn +daher, sich der gestürzten Dynastie anzunehmen. Man muß ihm jedoch die +Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß auch edlere Motive als Ehrgeiz und +Furcht ihn bei seinem Verfahren leiteten. Er besaß von Natur ein +mitfühlendes Herz und der vorliegende Fall mußte nothwendig sein ganzes +Mitgefühl erregen. Nur seine Stellung hatte die volle Entwickelung +seiner guten Charactereigenschaften verhindert. Bei großer Ungleichheit +der Standesverhältnisse wird selten ein starkes Mitgefühl aufkommen +können, und er stand so hoch über der großen Masse seiner Nebenmenschen, +daß ihre Drangsale nur geringe Theilnahme in ihm erweckten, ähnlich der, +mit der wir die Leiden niederer Geschöpfe, eines verhungerten Vogels +oder eines abgetriebenen Pferdes betrachten. So hatte die Verwüstung der +Pfalz und die Verfolgung der Hugenotten kein theilnehmendes Gefühl in +ihm erregt, das nicht durch Stolz und Bigotterie wirksam unterdrückt +worden wäre. Aber die ganze Sympathie, deren er fähig war, wurde durch +das Unglück eines großen Königs erweckt, der noch vor wenigen Wochen von +knieenden Lords bedient worden und der jetzt ein verlassener Verbannter +war. Mit dieser Rührung verband sich im Herzen Ludwig's eine nicht +unedle Eitelkeit. Er wollte der Welt ein Beispiel von Großmuth und +Artigkeit geben. Er wollte der Menschheit zeigen, wie sich ein +vollendeter Edelmann in der höchsten Stellung und bei der wichtigsten +Veranlassung benehmen müsse, und sein Benehmen zeichnete sich in der +That durch ritterliche Großmuth und Urbanität aus, wie sie die +Geschichtsbücher Europa's nicht wieder geziert hatten, seitdem der +schwarze Prinz beim Souper auf dem Schlachtfelde von Poitiers hinter dem +Stuhle König Johann's gestanden. + + [Anmerkung 51: In dem Kapitel von La Bruyère unter der + Überschrift: +Sur les Jugemens+, kommt eine Stelle vor, welche + gelesen zu werden verdient, weil sie zeigt, in welchem Lichte + unsre Revolution einem Franzosen von ausgezeichneten Fähigkeiten + erschien.] + + +[_Empfang der Königin von England in Frankreich._] Sobald die Nachricht +von der Landung der Königin von England an der französischen Küste nach +Versailles kam, wurde ein Palast für sie in Bereitschaft gebracht. +Equipagen und Garden wurden zu ihrer Verfügung abgesandt. Arbeiter +wurden angestellt, um die Straße von Calais auszubessern, damit ihr die +Reise möglichst erleichtert werde. Lauzun erhielt nicht nur die +Zusicherung, daß ihm seine früheren Vergehen um ihretwillen vergeben +sein sollten, sondern er wurde überdies mit einem eigenhändigen gnädigen +Schreiben von Ludwig beehrt. Marie war schon auf dem Wege nach dem +französischen Hofe, als sie die Nachricht erhielt, daß ihr Gemahl nach +einer stürmischen Überfahrt glücklich bei dem kleinen Dorfe Ambleteuse +gelandet war. Einige Personen von hohem Range wurden sogleich von +Versailles abgesandt, um ihn zu begrüßen und zu begleiten. Unterdessen +brach Ludwig selbst mit seiner Familie und seinem höchsten Adel auf, um +die verbannte Königin mit Gepränge zu empfangen. Vor seiner prachtvollen +Staatscarosse marschirten die schweizer Hellebardiere. Zu beiden Seiten +und hinter derselben ritt die Leibgarde mit klingendem Spiel. Der +glänzendste Adel von Europa folgte dem Könige mit hundert sechsspännigen +Equipagen; Alles strotzte von Federn, Bändern, Juwelen und Stickereien. +Der Zug war noch nicht weit gekommen, als die Annäherung Mariens +gemeldet wurde. Ludwig stieg aus und ging ihr zu Fuß entgegen. Sie brach +in leidenschaftliche Dankesversicherungen aus. »Madame,« sagte der +König, »es ist leider ein schmerzlicher Dienst, den ich Ihnen heute +erzeige. Ich hoffe später im Stande zu sein, Ihnen größere und +angenehmere Dienste zu erzeigen.« Er küßte den kleinen Prinzen von Wales +und ließ die Königin in seinem Staatswagen zur Rechten sitzen. Dann +setzte sich der Zug nach Saint-Germains in Bewegung. + +In Saint-Germains hatte Franz I. am Saume eines von Jagdwild reich +bestandenen Forstes und auf dem Gipfel eines die Windungen der Seine +beherrschenden Hügels ein Schloß erbaut und Heinrich IV. eine prächtige +Terrasse angelegt. Keine von den Residenzen der Könige von Frankreich +hatte eine gesundere Lage und eine herrlichere Aussicht. Die gewaltige +Größe und das ehrwürdige Alter der Bäume, die Schönheit der Gärten und +der Überfluß an Quellen waren weit berühmt. Ludwig XIV. war hier +geboren, hatte hier als Jüngling sein Hoflager gehalten, hatte das +Schloß Franz' I. durch mehrere stattliche Pavillons erweitert und die +Terrasse Heinrich's vollendet. Bald aber bemächtigte sich des +prachtliebenden Königs ein unerklärlicher Widerwille gegen seine +Geburtsstätte. Er vertauschte Saint-Germains mit Versailles und +verwendete ungeheure Summen auf das vergebliche Bemühen, einen ganz +besonders unfruchtbaren und ungesunden Ort, dessen Boden nur aus Sand +oder Lehm bestand und der weder Wald, noch Wasser, noch Wild hatte, in +ein Paradies umzuschaffen. Saint-Germains war jetzt zum Wohnsitz für die +königliche Familie Englands erwählt worden. Prachtvolle Mobilien waren +in aller Eile dahin gesandt worden und die für den kleinen Prinzen von +Wales bestimmten Gemächer waren mit Allem versehen, was ein Kind +bedurfte. Einer von dem Gefolge überreichte der Königin den Schlüssel zu +einer kostbaren Chatulle, die in ihrem Zimmer stand. Sie öffnete +dieselbe und fand darin sechstausend Pistolen. + + +[_Ankunft Jakob's in St.-Germains._] Am folgenden Tage kam auch Jakob in +St.-Germains an. Ludwig war schon dort, um ihn zu bewillkommnen. Der +unglückliche Verbannte verbeugte sich so tief, als ob er die Knie seines +Beschützers hatte umfassen wollen. Ludwig hob ihn auf und umarmte ihn +mit brüderlicher Zärtlichkeit. Dann traten die beiden Könige ins Zimmer +der Königin. »Hier ist ein Herr,« sagte Ludwig zu ihr, »dessen Ankunft +Sie gewiß erfreuen wird.« Nachdem er hierauf seine Gäste eingeladen +hatte, ihn am folgenden Tage in Versailles zu besuchen und ihm das +Vergnügen zu verschaffen, ihnen seine Gebäude, seine Gemälde und seine +Anlagen zu zeigen, verabschiedete er sich ohne alle Ceremonien, wie ein +alter Freund. + +Wenige Stunden darauf wurde dem königlichen Paare gemeldet, daß ihnen, +so lange sie dem Könige von Frankreich die Ehre erzeigen würden, seine +Gastfreundschaft anzunehmen, jährlich fünfundvierzigtausend Pfund +Sterling aus seinem Staatsschatze ausgezahlt werden sollten. Zehntausend +Pfund wurden zur ersten Einrichtung gesandt. + +Viel rühmenswerther und bewundernswürdiger als Ludwig's Freigebigkeit +war jedoch die ausgezeichnete Delicatesse, mit der er sich bemühte, die +Gefühle seiner Gäste zu beruhigen und ihnen die fast unerträgliche Last +der Verbindlichkeiten, die er ihnen auflud, zu erleichtern. Er, der +bisher in allen Fragen des Vorrangs empfindlich, streitsüchtig und +anmaßend, der mehr als einmal bereit gewesen war, eher ganz Europa in +Krieg zu verwickeln, als in dem geringfügigsten Punkte der Etikette +nachzugeben, war jetzt übertrieben ängstlich, und zwar für seine Freunde +gegen sich selbst. Er gab Befehl, daß Marien alle Ehrfurchtsbezeigungen +zu Theil werden sollten, die seiner verstorbenen Gemahlin je erwiesen +worden waren. Es wurde die Frage aufgeworfen, ob die Prinzen des Hauses +Bourbon berechtigt seien, sich in Anwesenheit der Königin +niederzusetzen. Derartige Kleinigkeiten waren an dem alten französischen +Hofe sehr wichtige Dinge. Es ließen sich auf beiden Seiten +Precedenzfälle nachweisen; aber Ludwig entschied die Frage gegen sein +eignes Blut. Einige vornehme Damen unterließen die Ceremonie, den Saum +von Mariens Kleide zu küssen. Ludwig bemerkte die Unterlassung und rügte +sie in einem Tone und mit einem Blicke, daß diese ganze Pairie von nun +an bereit gewesen wäre, ihr den Fuß zu küssen. Als das so eben von +Racine geschriebene Schauspiel »Esther« in Saint-Cyr aufgeführt wurde, +hatte Marie den Ehrenplatz. Jakob saß ihr zur Rechten, Ludwig nahm +bescheiden zu ihrer Linken Platz. Ja er wünschte sogar, daß ein von +seiner Freigebigkeit lebender Verbannter in seinem eigenen Palaste den +Titel König von Frankreich führen, als König von Frankreich die Lilien +mit dem englischen Löwen vereinigen und sich als König von Frankreich +bei vorkommender Hoftrauer violett kleiden sollte. + +Das Benehmen des französischen Adels bei feierlichen Anlässen wurde +durchaus vom Souverain geregelt; aber es lag außer dem Bereiche seiner +Macht, sie am freien Denken zu hindern und in Privatzirkeln ihre +Gedanken mit dem ihrer Nation und ihrem Stande eigenen feinen und +beißenden Witze auszudrücken. Ihre Meinung von Marien war eine günstige. +Sie fanden ihre persönliche Erscheinung einnehmend und ihre Haltung +würdevoll. Sie achteten ihren Muth und ihre Mutterliebe und beklagten +ihr Mißgeschick. Jakob aber verachteten sie gründlich. Sein Stumpfsinn, +die kalte Gleichgültigkeit, mit der er gegen Jedermann von seinem Sturze +sprach, und das kindische Vergnügen, das er an dem Pomp und Luxus von +Versailles fand, waren ihnen widerlich. Sie schrieben diese sonderbare +Apathie nicht der Philosophie oder Religiosität, sondern einem +beschränkten und niedrig denkenden Geiste zu und äußerten, daß Niemand +der die Ehre gehabt habe, Seine Großbritannische Majestät seine +Geschichte erzählen zu hören, sich darüber wundern könne, daß er in +Saint-Germains und sein Schwiegersohn in Saint-James war.[52] + + [Anmerkung 52: Meine Mittheilungen über den Empfang Jakob's und + seiner Gemahlin in Frankreich sind namentlich den Briefen der Frau + von Sévigné und den Memoiren Dangeau's entnommen.] + + +[_Stimmung in den Vereinigten Provinzen._] In den Vereinigten Provinzen +war die durch die Nachrichten aus England verursachte Aufregung noch +größer als in Frankreich. Dies war der Zeitpunkt, wo der batavische Bund +den Höhepunkt seiner Macht und seines Ruhmes erreichte. Von dem Tage, an +welchem die Expedition absegelte, war die ganze holländische Nation in +ängstlicher Spannung. Nie waren die Kirchen so gefüllt, nie war die +Begeisterung der Prediger so glühend gewesen. Man konnte es nicht +verhindern, daß die Bewohner des Haag Albeville insultirten. Sein Haus +war Tag und Nacht von so dichten Volkshaufen belagert, daß fast Niemand +es wagte, ihn zu besuchen, und er fürchtete ernstlich, seine Kapelle +würde in Brand gesteckt werden.[53] Da jede Post Nachricht von dem immer +weiteren Vorschreiten des Prinzen brachte, stieg der Muth seiner +Landsleute mit jedem Augenblicke, und als es endlich bekannt wurde, daß +er auf Ansuchen der Lords und einer Versammlung ausgezeichneter Gemeinen +die ausübende Verwaltung übernommen hatte, brachen alle holländischen +Parteien in einen einstimmigen Ruf des Stolzes und der Freude aus. Es +wurde in aller Eil eine außerordentliche Gesandtschaft abgeschickt, um +ihn zu beglückwünschen. Dykvelt, dessen Beistand wegen seiner +diplomatischen Geschicklichkeit und seiner gründlichen Kenntniß des +englischen Staatswesens in diesem Augenblicke besonderen Werth hatte, +war einer der Abgesandten, und ihm war Nikolaus Witsen, ein +Bürgermeister von Amsterdam, beigegeben, welcher deshalb dazu auserwählt +worden zu sein scheint, um ganz Europa zu beweisen, daß die lange Fehde +zwischen dem Hause Oranien und der Hauptstadt Hollands zu Ende sei. Am +8. Januar erschienen Dykvelt und Witsen in Westminster. Wilhelm sprach +mit einer Offenheit und Herzlichkeit zu ihnen, die man in seinen +Unterredungen mit Engländern selten bemerkte. Seine ersten Worte waren: +»Nun, was sagen jetzt unsere Freunde in der Heimath?« In der That, der +einzige Beifall, der auf sein stoisches Gemüth einen tiefen Eindruck +machte, war der Beifall seines geliebten Vaterlandes. Von seiner großen +Popularität in England sprach er mit kalter Geringschätzung und +prophezeite nur zu wahr die wirklich eintretende Reaction. »Hier,« sagte +er, »ruft jetzt Alles Hosianna, und morgen wird man vielleicht rufen: +Kreuziget ihn!«[54] + + [Anmerkung 53: Albeville an Preston, 23. Nov. (3. Dec.) 1688 in + der Mackintosh-Sammlung.] + + [Anmerkung 54: +»'Tis hier nu Hosanna: maar 't zal, veelligt, + haast Kruist hem, kruist hem, zyn.«+ Witsen +MS.+ in Wagenaar, + Buch 61. Es ist ein sonderbares Zusammentreffen, daß einige Jahre + früher Richard Duke, ein ehedem wohlbekannter, jetzt aber fast + ganz vergessener toryistischer Dichter, den man höchstens noch aus + Johnson's biographischer Skizze kennt, ganz denselben Vergleich + auf Jakob anwendete: + + »Ist's nicht der Judenpöbel, der einstmals geschrie'n + Hosianna erst und nachher kreuzigt ihn?« + +»The Review.«+ + + Depesche der außerordentlichen holländischen Gesandten vom 8.(18.) + Jan. 1689; Citters von dem nämlichen Datum.] + + +[_Wahl der Mitglieder zur Convention._] Am folgenden Tage wurden die +ersten Mitglieder der Convention gewählt. Die City von London machte den +Anfang und wählte ohne allen Widerstreit vier große Kaufleute, welche +eifrige Whigs waren. Der König und seine Anhänger hatten gehofft, daß +viele Wahlbeamten das Schreiben des Prinzen als ungültig betrachten +würden, aber seine Hoffnung wurde getäuscht. Die Wahlen gingen rasch und +ohne Hindernisse von Statten. Kaum an einem einzigen Orte gab es +Widerspruch. Denn die Nation war seit länger als einem Jahre in +beständiger Erwartung eines Parlaments gehalten worden. Es waren zweimal +Wahlschreiben erlassen und zweimal waren sie widerrufen worden. Einige +Wahlkörper waren in Folge dieser Ausschreiben schon zu der Wahl von +Abgeordneten geschritten. Es gab kaum eine Grafschaft, in der die Gentry +und die Freisassenschaft nicht schon vor vielen Monaten über Candidaten +einig gewesen wäre, lauter gute Protestanten, welche trotz König und +Lordlieutenant durchzubringen man keine Anstrengung gespart haben würde, +und diese Candidaten wurden ohne Opposition gewählt. + +Der Prinz erließ strenge Befehle, daß kein Staatsdiener bei dieser +Gelegenheit jene Kunstgriffe anwenden solle, welche der vorigen +Regierung so viele Vorwürfe zugezogen hatten. Namentlich verfügte er, +daß in keiner Stadt, wo eine Wahl vor sich ging, Soldaten erscheinen +dürften.[55] Seine Bewunderer konnten rühmend behaupten und seine Feinde +scheinen nicht im Stande gewesen zu sein es zu leugnen, daß die +Gesinnung der Wahlkörper einen unverfälschten Ausdruck erhielt. +Allerdings wagte er auch nicht viel. Die ihm anhängende Partei war +siegreich, voll Begeisterung und energischer Lebenskraft, und die +Partei, von der allein er ernsten Widerstand zu fürchten gehabt hätte, +war uneinig und muthlos mit sich selbst und noch mehr mit ihrem +natürlichen Oberhaupte unzufrieden. Daher wählte ein großer Theil der +Grafschaften und Boroughs whiggistische Abgeordnete. + + [Anmerkung 55: +London Gazette, Jan. 7. 1688/89.+] + + +[_Die Angelegenheiten Schottlands._] Wilhelm's Regentenautorität +erstreckte sich nicht auf England allein. Auch Schottland hatte sich +gegen seine Tyrannen erhoben. Alle regulären Soldaten, durch die es so +lange niedergehalten worden, waren mit Ausnahme einer sehr kleinen +Truppe, welche unter dem Commando des Herzogs von Gordon, eines +angesehenen katholischen Lords, die Besatzung des Schlosses von Edinburg +bildete, von Jakob zum Beistande gegen das holländische Invasionsheer +aufgeboten worden. Jede während des ereignißvollen Monats November nach +dem Norden gegangene Post hatte Nachrichten gebracht, welche die +Leidenschaften der bedrückten Schotten aufstachelten. So lange der +Ausgang der militairischen Operationen noch zweifelhaft war, gab es in +Edinburg Tumulte und Demonstrationen, welche drohender wurden, nachdem +Jakob sich von Salisbury zurückgezogen hatte. Große Volksmassen +versammelten sich anfangs bei Nacht, dann selbst am hellen Tage. Päpste +wurden öffentlich verbrannt, man rief laut nach einem freien Parlamente, +und Plakate wurden angeschlagen, welche auf die Köpfe der Staatsminister +Preise setzten. Der am meisten verhaßte unter diesen Ministern war +Perth, der den hohen Posten des Staatskanzlers bekleidete, in der +königlichen Gunst sehr hoch stand, vom reformirten Glauben abgefallen +war und in dem Gerichtsverfahren seines Vaterlandes zuerst die +Daumenschraube eingeführt hatte. Er war ein Mann ohne Energie und von +niedriger Denkweise; der einzige Muth, den er besaß, war der entehrende +Muth, welcher der Schande trotzt und die Qualen Anderer gleichgültig mit +ansieht. Sein Posten war zu solchen Zeiten an der Spitze des +Staatsrathes; aber er hatte nicht das Herz dazu und beschloß daher, sich +der Gefahr, die nach den Blicken und Äußerungen des wilden und +unerschrockenen Pöbels von Edinburg nicht fern war, dadurch zu +entziehen, daß er sich auf seinen Landsitz flüchtete. Eine starke Wache +begleitete ihn nach Schloß Drummond; kaum aber war er abgereist, so +erhob sich die Stadt. Eine kleine Anzahl Truppen versuchten es, den +Aufstand zu unterdrücken, aber sie wurden überwältigt. Der Palast +Holyrood, der in ein katholisches Seminar und in eine Staatsdruckerei +verwandelt worden war, wurde erstürmt und demolirt. Ungeheure Haufen von +papistischen Büchern, Rosenkränzen, Kruzifixen und Bildern wurden in +High Street verbrannt. Mitten in der Aufregung kam die Nachricht von der +Flucht des Königs. Die Mitglieder der Regierung gaben jeden Gedanken an +eine Bekämpfung der Volkswuth auf und wechselten mit einer bei den +schottischen Staatsmännern damals sehr gewöhnlichen Schnelligkeit die +Farbe. Der Geheime Rath erließ eine Verordnung des Inhalts, daß alle +Papisten entwaffnet werden sollten, und durch eine andre Proklamation +forderte er die Protestanten auf, sich zur Vertheidigung des reinen +Glaubens zusammenzuschaaren. Die Nation hatte nicht erst auf diesen +Aufruf gewartet; Stadt und Land standen schon für den Prinzen von +Oranien unter den Waffen. Nithisdale und Clydesdale waren die einzigen +Bezirke, in denen eine schwache Aussicht war, daß die Katholiken sich +widersetzen würden; aber beide Bezirke waren bald von Schaaren +bewaffneter Presbyterianer besetzt. Unter den Insurgenten befanden sich +einige heftige und finstre Männer, welche früher Argyle verleugnet +hatten und die jetzt eben so wenig von Wilhelm etwas wissen wollten. +Seine Hoheit, sagten sie, habe offenbar Böses im Sinne. Er habe in +seiner Erklärung kein Wort von dem Covenant erwähnt. Die Holländer wären +ein Volk, mit dem kein wahrer Diener des Herrn gemeinschaftliche Sache +machen würde. Sie hielten es mit den Lutheranern und ein Lutheraner sei +eben so gut ein Kind der Verdammniß wie ein Jesuit. Die allgemeine +Stimme des Königreichs erstickte jedoch wirksam das Murren dieser +haßschnaubenden Faction.[56] + +Die Bewegung verbreitete sich bald bis in die Gegend des Schlosses +Drummond. Perth sah, daß er unter seinen eigenen Dienern und Pächtern +nicht mehr sicher war. Er überließ sich daher einer eben so trostlosen +Verzweiflung, als in welche seine unbarmherzige Tyrannei oft viel +bessere Menschen als er war, gestürzt hatte. In seiner Todesangst suchte +er Trost in den Gebräuchen seiner neuen Kirche. Er quälte seine Priester +um geistlichen Zuspruch, betete, beichtete und communicirte; aber sein +Glaube war schwach und er gestand, daß trotz aller seiner +Andachtsübungen die Todesfurcht ihn überwältige. Um diese Zeit erfuhr +er, daß er Aussicht hatte, auf einem vor Brentisland liegenden Schiffe +zu entkommen. Er verkleidete sich so gut als möglich und nach einer +langen und beschwerlichen Reise über die ungangbaren Pfade des damals +mit tiefem Schnee bedeckten Ochillgebirges gelang es ihm sich +einzuschiffen; aber trotz aller beobachteten Vorsicht war er erkannt und +Lärm gemacht worden. Sobald es bekannt wurde, daß der blutdürstige +Renegat sich auf der See befinde, und daß er Gold bei sich habe, waren +ihm von Haß und Habgier erfüllte Verfolger auf den Fersen. Ein von einem +alten Freibeuter befehligtes Boot holte das fliehende Schiff ein und +enterte es. Perth, der Frauenkleider angelegt hatte, wurde aus dem +Kielraume aufs Verdeck geschleppt, ausgezogen, gemißhandelt und +geplündert. Man setzte ihm Bajonnette auf die Brust. Mit weibischem +Gejammer um Schonung seines Lebens flehend wurde er ans Land +zurückgebracht und in die Frohnfeste von Kirkaldy geworfen. Von dort +wurde er auf Befehl des Geheimen Raths, dem er kürzlich noch präsidirt +hatte und in welchem Männer saßen, die seine Schuld theilten, nach dem +Schlosse Stirling transportirt. Es war an einem Sonntage während des +öffentlichen Gottesdienstes, als er unter militairischer Eskorte in sein +Gefängniß abgeführt wurde; aber selbst strenge Puritaner vergaßen die +Heiligkeit des Tages und des Gottesdienstes. Die Andächtigen verließen +die Kirchen, als der Tyrann vorüberkam und laute Drohungen, +Verwünschungen und Ausbrüche des Hasses begleiteten ihn bis an den +Eingang seines Gefängnisses.[57] + +Mehrere angesehene Schotten befanden sich in London, als der Prinz +daselbst ankam, und viele andere eilten jetzt dahin, um ihm ihre +Aufwartung zu machen. Am 7. Januar ersuchte er sie, sich ihm in +Whitehall vorzustellen. Die Versammlung war zahlreich und bestand aus +sehr achtbaren Männern. An der Spitze des Zuges erblickte man den Herzog +von Hamilton und seinen ältesten Sohn, den Earl von Arran, die +Oberhäupter eines Hauses von fast königlichem Ansehen. Sie waren +begleitet von dreißig Lords und ungefähr achtzig angesehenen Gentlemen. +Wilhelm sprach den Wunsch aus, daß sie sich mit einander berathen und +ihm dann sagen möchten, wie er das Wohl ihres Landes am besten fördern +könnte. Dann entfernte er sich, damit sie, durch seine Anwesenheit nicht +beengt, sich mit einander besprechen konnten. Sie gingen in das +Berathungszimmer und übertrugen dem Herzoge von Hamilton den Vorsitz. +Obgleich nur wenig Meinungsverschiedenheit stattgefunden zu haben +scheint, dauerten die Verhandlungen doch drei Tage, ein Umstand, der +sich durch Sir Patrick Hume's Betheiligung an der Debatte genügend +erklären läßt. Arran wagte es, eine Unterhandlung mit dem Könige +vorzuschlagen. Dieser Antrag aber wurde von seinem Vater und von der +ganzen Versammlung übel aufgenommen und fand gar keine Unterstützung. +Endlich wurden Beschlüsse gefaßt, ganz ähnlich denen, welche die +englischen Lords und Gemeinen einige Tage vorher dem Prinzen überreicht +hatten. Er wurde ersucht, eine Convention der schottischen Stände +einzuberufen, ihren Zusammentritt auf den 14. März zu bestimmen und bis +zu diesem Tage die Civil- und Militairverwaltung selbst zu übernehmen. +Er kam diesen Wünschen nach und die Regierung der ganzen Insel war von +nun an in seinen Händen.[58] + + [Anmerkung 56: +Sixth Collection of Papers, 1689+; +Wodrow, III. + 12. 4. App. 150, 151; Faithful Contendings Displayed+; +Burnet, I. + 804.+] + + [Anmerkung 57: Perth an Lady Errol, 29. Dec. 1688; an Melfort, 21. + Dec. 1688: +Sixth Collection of Papers, 1689.+] + + [Anmerkung 58: +Burnet, I. 805+; +Sixth Collection of Papers, + 1689.+] + + +[_Stand der Parteien in England._] Der entscheidende Augenblick rückte +heran und die Aufregung der Gemüther stieg auf den Höhepunkt. Kleine +Clubs von Politikern steckten überall flüsternd und berathend die Köpfe +zusammen. Die Kaffeehäuser waren in heftiger Gährung, und die Pressen +der Hauptstadt standen keine Minute still. Von den damals erschienenen +Flugschriften könnte man noch jetzt mehrere Bände füllen und man kann +sich aus diesen Flugschriften unschwer eine richtige Vorstellung von dem +Stande der Parteien bilden. + +Eine sehr kleine Faction wollte Jakob ohne irgend eine Bedingung +zurückrufen. Eine andre, ebenfalls sehr kleine Faction wünschte eine +Republik zu errichten und die Verwaltung einem Staatsrathe unter der +Präsidentschaft des Prinzen von Oranien zu übertragen. Diese extremen +Meinungen wurden jedoch allgemein mit Abscheu verworfen. Die Nation +bestand zu Neunzehn Zwanzigsteln aus Leuten, welche mit der Liebe zur +erblichen Monarchie die Liebe zur constitutionellen Freiheit verbanden, +wenn auch nicht alle in gleichem Verhältnisse, und die von der +gänzlichen Abschaffung des Königstitels eben so wenig etwas wissen +wollten, als von der unbedingten Wiedereinsetzung des Königs. + +Doch in der weiten Entfernung, welche die noch den Lehren Filmer's +anhängenden Bigotten von den Schwärmern trennte, die noch an die +Verwirklichung der Träume Harrington's dachten, war Raum für viele +Meinungsschattirungen. Läßt man die unwichtigen Unterabtheilungen +unberücksichtigt, so wird man finden, daß die große Majorität der Nation +und der Convention in vier Abtheilungen zerfiel. Drei von diesen +Abtheilungen bestanden aus Tories und die vierte bildete die Whigpartei. + +Die Freundschaft zwischen den Whigs und Tories hatte die Gefahr, welche +sie erzeugt, nicht überdauert. Während des Marsches des Prinzen aus dem +Westen hatten sich bei verschiedenen Gelegenheiten Spaltungen unter +seinen Anhängern gezeigt. So lange der Ausgang seines Unternehmens noch +zweifelhaft war, hatte seine geschickte Leitung diese Zerwürfnisse ohne +Mühe geschlichtet. Aber von dem Tage seines triumphirenden Einzugs in +den St. Jamespalast an war eine solche Leitung nicht mehr möglich. Indem +sein Sieg die Nation von der Furcht vor papistischer Tyrannei befreite, +hatte er ihm zugleich die Hälfte seines Einflusses entzogen. Alte +Antipathien, welche geschlummert hatten, so lange die Bischöfe im Tower +und die Jesuiten im Staatsrathe saßen, so lange loyale Geistliche zu +Dutzenden ihres Lebensunterhalts beraubt und loyale Gentlemen zu +Hunderten ihres Friedensrichteramtes entsetzt wurden, erwachten jetzt +mit erneuter Heftigkeit wieder. Der Royalist schauderte bei dem +Gedanken, daß er mit allen Denen verbündet sei, die er von Jugend auf am +meisten gehaßt habe: mit ehemaligen Anführern der Parlamentsarmee, die +sein Landhaus erstürmt, mit ehemaligen Parlamentscommissaren, die sein +Vermögen sequestrirt hatten, mit Männern, welche das Ryehouse-Gemetzel +angestiftet und an der Spitze der Insurrection im Westen gestanden +hatten. Auch die theure Kirche, der zu Liebe er nach einem qualvollen +Kampfe seine Unterthanentreue gegen den Thron gebrochen, war sie +wirklich in Sicherheit? Oder hatte er sie von einem Feinde befreit, nur +um sie einem andren preis zu geben? Allerdings waren die papistischen +Priester in der Verbannung, in Verstecken oder im Gefängniß. Kein Jesuit +oder Benedictiner, dem sein Leben lieb war, wagte es jetzt, sich in +seiner Ordenstracht zu zeigen. Aber die Presbyterianer- und +Independentenprediger zogen in langer Procession zu dem Oberhaupte der +Regierung, um ihm ihre Huldigung darzubringen und wurden eben so +freundlich empfangen, wie die wahren Nachfolger der Apostel. Einige +Schismatiker sprachen die Hoffnung aus, daß bald jede Schranke, die sie +von geistlichen Ämtern ausschlösse, fallen werde, daß die Artikel +gemildert, die Liturgie gesichtet, daß Weihnachten aufhören werde ein +Fest, der Charfreitag ein Fasttag zu sein, daß Canonici, deren Haupt nie +ein Bischof berührt, ohne das heilige Gewand von weißen Linnen in den +Chören der Kathedralen das Brot und den Wein des Abendmahls an auf +Bänken sitzende Communicanten austheilen werden. Der Prinz war zwar kein +fanatischer Presbyterianer, aber höchstens ein Latitudinarier. Er trug +kein Bedenken, nach anglikanischem Ritus zu communiciren, aber es war +ihm auch gleichgültig, nach welchem Ritus andere Leute communicirten. Es +stand zu befürchten, daß seine Gemahlin nur zuviel von seinem Geiste +eingesogen hatte. Burnet war ihr Gewissensrath; sie hörte Prediger von +verschiedenen protestantischen Secten, und hatte unlängst geäußert, daß +sie zwischen der Kirche Englands und den anderen reformirten Kirchen +keinen wesentlichen Unterschied erblicke.[59] Es war daher nothwendig, +daß die Kavaliere in diesem Augenblicke das von ihren Vätern im Jahre +1641 gegebene Beispiel befolgten, sich von den Rundköpfen und Sectirern +trennten und trotz aller Fehler des erblichen Monarchen die Sache der +erblichen Monarchie aufrecht erhielten. + +Die von solchen Gesinnungen beseelte Partei war zahlreich und +achtungswerth. Sie schloß ungefähr die Hälfte des Hauses der Lords, etwa +ein Drittel des Hauses der Gemeinen, die Mehrheit der Landgentry und +mindestens neun Zehntel der Geistlichkeit in sich; aber sie war durch +Spaltungen zerrissen und auf allen Seiten von Schwierigkeiten umgeben. + + [Anmerkung 59: Albeville, 9.(19.) Nov. 1688.] + + +[_Sherlock's Plan._] Eine Section dieser großen Partei, die besonders +unter der Geistlichkeit stark vertreten und deren Hauptorgan Sherlock +war, wünschte, daß Unterhandlungen mit Jakob eröffnet und daß er unter +Bedingungen, welche die bürgerliche und kirchliche Verfassung des Reichs +vollkommen sicher stellten, zur Rückkehr nach Whitehall eingeladen +werden sollte.[60] Es springt in die Augen, daß dieser Plan, so +energisch er auch von der Geistlichkeit unterstützt wurde, doch in +directem Widerspruche mit den Doctrinen stand, welche der Klerus seit +vielen Jahren lehrte. Es war in der That ein Versuch, einen Mittelweg +einzuschlagen, wo kein Mittelweg möglich war, und einen Vergleich +zwischen zwei Dingen herbeizuführen, welche keinen Vergleich zulassen: +zwischen Widerstand und Nichtwiderstand. Die Tories hatten sich früher +zu dem Prinzipe des Nichtwiderstandes gehalten. Aber diesen Boden hatten +die meisten von ihnen jetzt verlassen und waren nicht geneigt, denselben +wieder einzunehmen. Die englischen Kavaliere in ihrer Gesammtheit waren +bei der letzten Erhebung gegen den König direct oder indirect so stark +betheiligt gewesen, daß sie in diesem Augenblicke nicht ohne die größte +Schande von der geheiligten Pflicht, einem Nero zu gehorchen, sprechen +konnten; auch hatten sie überhaupt keine Lust, den Fürsten, unter dessen +schlechter Regierung sie so viel hatten leiden müssen, zurückzurufen, +ohne ihm Bedingungen vorzuschreiben, die es ihm unmöglich machten, seine +Gewalt abermals zu mißbrauchen. Sie befanden sich deshalb in einer +schiefen Stellung. Ihre alte Theorie, mochte sie nun vernünftig oder +unvernünftig sein, war wenigstens vollständig und folgerichtig. War +diese Theorie zweckmäßig, so mußte der König unverweilt zur Rückkehr +aufgefordert und es ihm, wenn anders er wollte, gestattet werden, +Seymour und Danby, den Bischof von London und den Bischof von Bristol +wegen Hochverraths hinrichten zu lassen, die kirchliche Commission +wiederherzustellen, die Kirche mit papistischen Würdenträgern zu füllen +und die Armee unter das Commando papistischer Offiziere zu stellen. Wenn +aber, wie die Tories jetzt selbst zuzugeben schienen, die Theorie +unpraktisch war, warum dann mit dem Könige unterhandeln? Gestand man zu, +daß er rechtmäßigerweise vom Throne ausgeschlossen werden dürfe, bis er +befriedigende Garantien für die Sicherheit der kirchlichen und +staatlichen Verfassung gebe, so konnte man schwerlich leugnen, daß er +auch für immer rechtmäßigerweise ausgeschlossen werden durfte. Denn +welche befriedigenden Garantien konnte er geben? Konnte wohl eine +Parlamentsacte in klarerer Sprache gefaßt sein als die, welche +vorschrieben, daß der Dechant des Christchurch-Collegiums ein Protestant +sein müsse? Konnte ein Versprechen klarer und deutlicher sein als die, +in denen Jakob wiederholt erklärt hatte, daß er die gesetzlichen Rechte +der anglikanischen Geistlichkeit streng respectiren werde? Wenn Gesetz +oder Ehrgefühl etwas Bindendes für ihn gehabt hätten, so würde er nie +gezwungen gewesen sein, aus seinem Königreiche zu fliehen. Wenn aber +weder Gesetz noch Ehre in seinen Augen bindend für ihn waren, konnte es +dann wohl rathsam sein, ihn zurückzurufen? + +Indessen würde trotz dieser Argumente wahrscheinlich ein Antrag auf +Eröffnung von Unterhandlungen mit Jakob in der Convention gestellt und +von der Hauptmasse der Tories unterstützt worden sein, wäre er nicht bei +dieser, wie bei jeder andren Gelegenheit sein eigner schlimmster Feind +gewesen. Jede von Saint-Germains kommende Post brachte Mittheilungen, +welche den Eifer seiner Anhänger abkühlten. Er hielt es nicht einmal der +Mühe werth, Reue über seine früheren Fehler zu heucheln oder Besserung +zu geloben. Er erließ ein Manifest, in welchem er seinem Volke sagte, +daß es stets sein eifriges Bestreben gewesen sei, mit Gerechtigkeit und +Mäßigung zu regieren und daß es sich durch eingebildete Beschwerden +selbst ins Verderben habe locken lassen.[61] + + [Anmerkung 60: Siehe die Flugschrift, betitelt: +Letter to a + Member of the Convention+, und die Antwort darauf; +Burnet, I. + 809.+] + + [Anmerkung 61: Brief an die Lords des Geheimen Raths, 4.(14.) Jan. + 1688/89; +Clarendon's Diary, Jan. 9.(19.)+] + + +[_Sancroft's Plan._] Die Folge seiner Thorheit und seines Starrsinns +war, daß selbst Diejenigen, welche am meisten wünschten, ihn unter +billigen Bedingungen wieder auf den Thron zu setzen, erkannten, daß sie +der Sache, der sie dienen wollten, nur schaden würden, wenn sie in +diesem Augenblicke die Eröffnung von Unterhandlungen vorschlügen. Sie +beschlossen daher, sich mit einer andren Abtheilung der Tories zu +verbinden, deren Oberhaupt Sancroft war. Sancroft glaubte ein Mittel +gefunden zu haben, durch welches für die Regierung des Landes gesorgt +werden könnte, ohne Jakob zurückzurufen, aber auch ohne ihn deshalb +seiner Krone zu berauben. Dieses Mittel war eine Regentschaft. Die +unfügsamsten unter denjenigen Theologen, welche die Lehre vom passiven +Gehorsam eingeschärft, hatten doch nie behauptet, daß man diesen +Gehorsam einem Kinde oder einem Wahnsinnigen schuldig sei. Es war +allgemein anerkannt, daß, wenn der rechtmäßige Souverain zur Verwaltung +seines Amtes geistig unfähig sei, ein Stellvertreter für ihn erwählt +werden könne, und daß Jeder, der sich diesem Stellvertreter widersetzte +und sich zu seiner Entschuldigung auf den Befehl eines Fürsten berief, +der noch in der Wiege lag oder geistesschwach war, mit vollem Rechte den +auf Empörung gesetzten Strafen verfiele. Dummheit, Unverstand und +Aberglaube -- so raisonnirte der Primas -- hätten Jakob eben so unfähig +gemacht, sein Land zu regieren, wie nur ein in den Windeln liegendes +Kind oder ein auf dem Stroh von Bedlam grinsender und Unsinn +schwatzender Wahnsinniger es sein könnte. Es müsse daher der Weg +eingeschlagen werden, den man ergriffen habe, als Heinrich VI. noch ein +Kind war, und dann wieder, als er in Schlafsucht verfiel. Jakob könne +factisch nicht mehr König sein, aber er müsse es doch dem Anscheine nach +bleiben. Die Regierungsdecrete müßten noch unter seinem Namen erlassen, +und sein Bildniß und sein Namenszug müßten noch immer auf den Münzen und +im Staatssiegel figuriren. Die Parlamentsacten müßten nach wie vor mit +den Jahren seiner Regierung bezeichnet, die Verwaltung aber müsse ihm +entzogen und einem von den Ständen des Reichs ernannten Regenten +übertragen werden. Auf diese Weise, behauptete Sancroft allen Ernstes, +werde das Volk seiner Unterthanenpflicht treu bleiben, die Eide der +Treue, die es seinem Könige geschworen, würden streng beobachtet werden, +und die orthodoxesten Anglikaner könnten ohne die geringsten +Gewissensscrupel unter dem Regenten Ämter übernehmen.[62] + +Sancroft's Meinung hatte bei der ganzen Torypartei und ganz besonders +bei der Geistlichkeit großes Gewicht. Eine Woche vor dem Tage, auf den +die Convention einberufen war, versammelte sich im Lambethpalaste eine +ehrwürdige Gesellschaft, hörte in der Kapelle eine Betübung an, speiste +bei dem Primas und berieth sich dann über den Stand der öffentlichen +Angelegenheiten. Fünf Suffraganen des Erzbischofs, die im vergangenen +Sommer seine Gefahren und seinen Ruhm getheilt hatten, waren anwesend. +Die Earls von Clarendon und von Ailesbury vertraten die toryistische +Laienschaft. Die ganze Versammlung schien einmüthig der Ansicht zu sein, +daß Diejenigen, welche Jakob den Unterthaneneid geleistet hatten, ihm +mit vollem Rechte den Gehorsam verweigern, aber nicht mit gutem Gewissen +den Königstitel einem Andren beilegen könnten.[63] + + [Anmerkung 62: Es scheint unglaublich, daß irgend Jemand sich + durch solchen Unsinn hätte täuschen lassen sollen. Ich halte es + daher für nöthig, Sancroft's Worte anzuführen, die noch in seiner + eignen Handschrift existiren. »Die politische Capacität oder + Autorität des Königs und sein Name in der Regentenreihe sind + vollkommen und unleugbar. Da aber seine Person menschlich und + sterblich und sonst gegen die übrigen Menschen nicht bevorzugt + ist, so ist sie auch allen Mängeln und Fehlern derselben + unterworfen. Er kann daher zur Leitung der Regierung, zur + Verwaltung des Staatsschatzes etc. unfähig werden, sei es durch + Abwesenheit, durch Unmündigkeit, durch Geistesschwäche, Wahnsinn + oder Apathie, durch natürliche oder zufällige Krankheit, oder + endlich durch gewisse, in Folge von Erziehung oder Gewohnheit + entstandene und festgewurzelte, mit unabänderlichen + Entschließungen verbundene Vorurtheile in mit den Gesetzen, der + Religion, dem Landesfrieden und der wahren Politik des Reichs + unvereinbaren Dingen. In allen diesen Fällen, sage ich, müssen + eine oder mehrere Personen ernannt werden, um solchem Mängel + abzuhelfen und die Regierungsgeschäfte statt seiner und im Namen + seiner Gewalt und Autorität zu leiten. Ist dies geschehen, sage + ich weiter, so sind alle wie früher stattfindenden Proceduren, + Autoritäten, Ernennungen, Verleihungen etc. in jeder Hinsicht + gesetzlich und rechtsgültig, die Unterthanenpflichten des Volkes + bleiben die nämlichen, seine Eide und Verbindlichkeiten sind in + keiner Weise verändert. So lange die Regierung kraft der Autorität + und im Namen des Königs fortgeführt wird, bestehen auch alle die + geheiligten Bande und eingeführten Proceduren fort und keines + Menschen Gewissen wird mit irgend etwas beschwert, was zu + übernehmen er Bedenken zu tragen braucht.« -- +Tanner MS.; Doyly's + Life of Sancroft+. Die Creaturen Jakob's machten sich nicht ganz + ohne Grund über das Englisch des guten Erzbischofs lustig.] + + [Anmerkung 63: +Evelyn, Jan. 15, 1688/89.+] + + +[_Danby's Plan._] So stimmten zwei Sectionen der Torypartei (diejenigen, +welche eine Verständigung mit Jakob wünschten, und die, welche von einer +solchen Verständigung nichts wissen wollten) in der Unterstützung der +Regentschaftsidee überein. Eine dritte Section jedoch, die zwar nicht +sehr zahlreich war, aber großes Gewicht und großen Einfluß hatte, +empfahl einen ganz andren Plan. Die Oberhäupter dieser kleinen Schaar +waren im Hause der Lords Danby und der Bischof von London, im Hause der +Gemeinen Sir Robert Sawyer. Sie meinten ein Mittel ausfindig gemacht zu +haben, um unter streng gesetzlichen Formen eine völlige Revolution zu +bewerkstelligen. Sie sagten, es widerstreite allem Prinzip, daß ein +König durch seine Unterthanen abgesetzt werden solle. Durch seine Flucht +habe er selbst seiner Macht und Stellung entsagt. Der Thron sei factisch +erledigt und könne nach der Ansicht aller verfassungskundigen Juristen +keinen Augenblick unbesetzt bleiben. Der nächste Erbe sei daher an seine +Stelle getreten. Aber wer sei der nächste Thronerbe? Was den nach +Frankreich übergeführten unmündigen Prinzen anlange, so sei dessen +Eintritt in die Welt von vielen verdächtigen Umständen begleitet +gewesen. Man sei es den anderen Mitgliedern des königlichen Hauses und +der Nation schuldig, jeden Zweifel hierüber zu heben. Der Gemahl der +Prinzessin von Oranien habe daher in ihrem Namen feierlich eine +Untersuchung verlangt, welche auch vorgenommen worden wäre, hätten nicht +die des Betrugs angeklagten Parteien einen Weg eingeschlagen, der in +jedem gewöhnlichen Falle als ein entscheidender Schuldbeweis gegolten +haben würde. Sie hätten sich nicht für bemüßigt gehalten, den Ausgang +einer feierlichen Parlamentsuntersuchung abzuwarten, sie hätten sich +heimlich in ein fremdes Land begeben und nicht allein das Kind, sondern +auch alle diejenigen französischen und italienischen Kammerfrauen mit +sich genommen, welche in den Betrug, falls ein solcher stattgefunden +haben sollte, eingeweiht sein müßten und daher einem strengen Verhör zu +unterwerfen gewesen wären. Die Ansprüche des Prinzen ohne Untersuchung +anzuerkennen, sei nicht möglich, und Diejenigen, die sich seine Eltern +nennten, hätten jede Untersuchung unmöglich gemacht. Das Urtheil müsse +daher +in contumaciam+ gegen ihn gefällt werden. Geschehe ihm dann +Unrecht, so geschehe ihm nicht von Seiten der Nation, sondern von Seiten +Derer Unrecht, deren auffallendes Benehmen bei seiner Geburt die Nation +berechtigt habe, eine Untersuchung zu verlangen, und die sich einer +solchen Untersuchung durch die Flucht entzogen hätten. Er könne daher +mit vollkommenem Rechte als ein Prätendent betrachtet werden. Und so sei +die Krone gesetzmäßig auf die Prinzessin von Oranien übergegangen. Sie +sei thatsächlich regierende Königin und die beiden Häuser hätten nichts +weiter zu thun, als sie zu proclamiren. Sie könne, wenn sie sonst wolle, +ihren Gemahl zu ihrem ersten Minister ernennen und ihm sogar mit +Bewilligung des Parlaments den Königstitel verleihen. + +Nur wenige Personen zogen diesen Plan jedem andren vor und es war mit +Gewißheit zu erwarten, daß sich demselben sowohl Diejenigen, welche +Jakob noch zugethan waren, wie auch alle Anhänger Wilhelm's widersetzen +würden. Indessen gab Danby, der auf seine Kenntniß der parlamentarischen +Taktik vertraute und wohl wußte, was ein kleines Streifcorps +auszurichten vermag, wenn große Parteien einander ziemlich die Wage +halten, noch keineswegs die Hoffnung auf, daß er im Stande sein werde, +den Ausgang des Kampfes so lange in der Schwebe zu erhalten, bis Whigs +und Tories, an einem vollkommenen Siege verzweifelnd und die Folgen der +Verzögerung fürchtend, ihn als Schiedsrichter annehmen würden. Auch ist +es durchaus nicht unmöglich, daß er reussirt haben würde, wenn die Frau, +die er auf den höchsten Gipfel irdischer Größe erheben wollte, +unterstützt oder doch wenigstens nicht behindert worden wäre. So +scharfblickend und wohlerfahren er in Staatsgeschäften war, so kannte er +doch weder den Character Mariens noch die Gefühle, mit denen sie ihren +Gemahl betrachtete, und selbst ihr alter Lehrer Compton war nicht besser +unterrichtet. Wilhelm's Manieren waren trocken und kalt, seine +Constitution war schwächlich und kränklich und seine Gemüthsart +nichts weniger als sanft; er war daher nicht der Mann, der nach +gewöhnlichen Begriffen für geeignet gehalten werden konnte, einer +sechsundzwanzigjährigen schönen jungen Frau eine heftige Leidenschaft +einzuflößen. Es war bekannt, daß er seiner Gemahlin nicht immer ganz +treu geblieben war und der Leumund hatte ausgesprengt, daß sie nicht +glücklich mit ihm lebe. Die scharfsichtigsten Politiker ahneten daher +nicht, daß er bei allen seinen Fehlern eine solche Herrschaft über ihr +Herz erlangt hatte, als selbst Fürsten, die wegen ihres Glücks in der +Liebe am berühmtesten waren, wie Franz I. und Heinrich IV., Ludwig XIV. +und Karl II. sie niemals über ein weibliches Herz besessen hatten, und +daß die drei Königreiche ihrer Voreltern in ihren Augen hauptsächlich +deshalb einen Werth hatten, weil sie ihrem Gemahl durch die Verleihung +derselben die Innigkeit und Uneigennützigkeit ihrer Liebe beweisen +konnte. Danby versicherte ihr in seiner völligen Unkenntniß ihrer +Gesinnungen, daß er ihre Rechte vertheidigen und daß, wenn sie ihn +unterstütze, er sie allein auf den Thron setzen zu können hoffe.[64] + + [Anmerkung 64: +Clarendon's Diary, Dec. 24. 1688+; +Burnet, I. + 819+; +Proposals humbly offered in behalf of the Princess of + Orange, Jan. 28. 1688/89.+] + + +[_Der Plan der Whigs._] Das Verfahren der Whigs war inzwischen einfach +und consequent. Nach ihrer Doctrin war die Grundlage unsrer Regierung +ein Vertrag, der auf der einen Seite durch den Unterthaneneid, auf der +andren durch den Krönungseid ausgedrückt sei, und die durch diesen +Vertrag auferlegten Pflichten waren gegenseitig. Sie hielten dafür, daß +einem Fürsten, der seine Macht gröblich mißbrauchte, von seinem Volke +mit vollem Rechte der Gehorsam verweigert und er des Thrones entsetzt +werden könne. Daß Jakob seine Macht gröblich gemißbraucht hatte, wurde +nicht bestritten, und die ganze Whigpartei war bereit, es offen +auszusprechen, daß er sie verwirkt habe. Ob der Prinz von Wales +untergeschoben war oder nicht, sei ein Punkt, der gar nicht der +Untersuchung werth sei. Es gebe jetzt viel gewichtigere Gründe, ihn vom +Throne auszuschließen als die, welche aus den Vorgängen bei seiner +Geburt hergeleitet werden könnten. Ein Kind, das in einer Wärmpfanne ins +Bett der Königin gelegt worden sei, könne möglicherweise auch ein guter +König von England werden. Dies sei aber nicht von einem Kinde zu +erwarten, das von seinem Vater, dem stupidesten und starrsinnigsten +Tyrannen von der Welt, in einem fremden Lande, dem Sitze des Despotismus +und des Aberglaubens erzogen werde, in einem Lande, wo jede Spur von +Freiheit verschwunden sei, wo die Stände des Reichs sich nicht +mehr versammelten, wo die Parlamente seit langer Zeit, ohne +Gegenvorstellungen zu machen, die drückendsten Erlasse des Landesherrn +zu Gesetzen erhoben hätten, wo Tapferkeit, Genie und Gelehrsamkeit nur +da zu sein schienen, um einen einzelnen Mann zu vergrößern, wo +kriechende Schmeichelei das Hauptstreben der Presse, der Kanzel und der +Bühne, und wo die grausamste Verfolgung der reformirten Kirche ein +Hauptgegenstand jener kriechenden Schmeichelei sei. Könne man wohl +erwarten, daß der Knabe unter solcher Leitung und in solcher Umgebung +die Institutionen seines Vaterlandes werde achten lernen? Könne man +daran zweifeln, daß er zu einem Sklaven der Jesuiten und der Bourbons +erzogen und ihm wo möglich noch heftigere Vorurtheile gegen die Gesetze +Englands eingeimpft werden würden als irgend einem der vorhergehenden +Stuarts? + +Auch glaubten die Whigs nicht, daß bei der damaligen Lage des Landes +eine Abweichung von der gewöhnlichen Thronfolge an sich ein Übel sei. +Sie waren der Meinung, daß, wenn man diese Ordnung nicht unterbreche, +die Lehre von dem unveräußerlichen Erbrechte und dem passiven Gehorsam +dem Hofe stets gefallen, von Seiten der Geistlichkeit eingeschärft +werden und in der öffentlichen Meinung einen starken Anhang behalten +würde. Es würde die Ansicht vorherrschend bleiben, daß das Königthum +eine göttliche Anordnung in einem andren Sinne sei, als in welchem jede +Regierungsform eine solche Anordnung ist. Es liege auf der Hand, daß die +Verfassung niemals gesichert sein könne, so lange dieser Irrwahn nicht +zerstört sei. Denn eine wirklich beschränkte Monarchie könne in einer +Gesellschaft, welche die Monarchie als etwas Göttliches und die +Beschränkungen derselben als bloße menschliche Erfindungen betrachte, +nicht lange bestehen. Wenn das Königthum in vollkommenem Einklange mit +unseren Freiheiten bestehen solle, dürfe es sich auf keinen höheren oder +ehrwürdigeren Rechtstitel berufen können, als den, auf welchen sich +unsere Freiheiten gründeten. Der König müsse hinfüro als ein Beamter +betrachtet werden, allerdings als ein hoher und hochzuachtender Beamter, +der aber wie jeder andre Beamte dem Gesetze unterworfen sei und seine +Macht in keinem andren Sinne vom Himmel herleiten könne, als man von den +Lords oder den Gemeinen sagen dürfe, daß sie ihre Macht vom Himmel +herleiteten. Das beste Mittel, um diese heilsame Veränderung zu +bewirken, werde eine Unterbrechung der Erbfolge sein. Unter Souverainen, +die es kaum für etwas Geringeres als für Hochverrath ansähen, wenn die +Lehre vom Nichtwiderstande und die patriarchalische Regierungsform +gepredigt würde, unter Souverainen, deren auf Beschlüsse der beiden +Häuser sich gründende Autorität niemals höher steigen könne als die +Quelle, aus der sie entsprungen sei, würde man schwerlich solche +Bedrückungen zu fürchten haben, welche bereits zwei Generationen von +Engländern gezwungen hätten, sich mit bewaffneter Hand gegen zwei +Generationen von Stuarts zu erheben. Aus diesen Gründen waren die Whigs +bereit, den Thron für erledigt zu erklären, ihn durch Wahl wieder zu +besetzen und dem Fürsten ihrer Wahl Bedingungen vorzuschreiben, welche +das Land gegen schlechte Regierung sichern konnten. + + +[_Zusammentritt der Convention. Leitende Mitglieder des Hauses der +Gemeinen._] Die Zeit der Entscheidung dieser großen Fragen war jetzt +gekommen. Am 22. Januar mit Tagesanbruch füllte sich das Haus der +Gemeinen mit Rittern und Boroughvertretern. Auf den Bänken erblickte man +viele Gesichter, welche unter der Regierung Karl's II. hier wohlbekannt +gewesen, unter seinem Nachfolger aber nicht daselbst gesehen worden +waren. Die Mehrzahl der Torysquires und der mittellosen Anhänger des +Hofes, welche massenweise in das Parlament von 1685 gewählt worden +waren, hatten den Männern der ehemaligen Vaterlandspartei Platz gemacht, +welche die Cabale gestürzt, die Habeascorpusacte durchgesetzt und die +Ausschließungsbill vor die Lords gebracht hatten. Unter ihnen befand +sich Powle, gründlich bewandert in der Geschichte und dem Rechte der +Parlamente und ausgezeichnet durch die Beredtsamkeit, welche +erforderlich ist, wenn hochwichtige Fragen feierlich der Erwägung von +Senaten unterbreitet werden sollen, und Sir Thomas Littleton, +wohlerfahren in der europäischen Politik und mit einer heftigen, +scharfen Logik begabt, welche oftmals, wenn nach langer Sitzung die +Lichter angezündet worden waren, das erschöpfte Haus neu belebt und die +Debatte entschieden hatte. Hier saß auch Wilhelm Sacheverell, ein +Redner, dessen große parlamentarische Fähigkeiten viele Jahre später ein +Lieblingsthema alter Leute waren, welche die Kämpfe von Walpole und +Pulteney erlebten.[65] Diesen hervorragenden Männern zur Seite stand +Robert Clayton, der reichste Kaufmann von London, dessen Palast in der +alten Judenstadt die aristokratischen Gebäude in Lincoln's Inn Fields +und Conventgarden an Glanz übertraf, dessen Landgut zwischen den Hügeln +von Surrey als ein wahres Eden geschildert ward, dessen Gastmähler mit +denen der Könige wetteiferten und dessen einsichtsvolle Freigebigkeit, +von der noch heute zahlreiche öffentliche Denkmale Zeugniß ablegen, ihm +in den Annalen der City eine Stelle verschafft hat, welche nur der +Gresham's untergeordnet ist. In dem Parlamente, welches 1681 zu Oxford +tagte, hatte Clayton als Vertreter der Hauptstadt und auf Ersuchen +seiner Wähler um die Erlaubniß gebeten, die Ausschließungsbill +einzubringen und Lord Russel hatte ihn darin unterstützt. Im Jahre 1685 +hatte die ihrer Privilegien beraubte und von Creaturen des Hofes +regierte Hauptstadt vier toryistische Vertreter gesandt. Jetzt aber war +der alte Freibrief wieder zurückgegeben und Clayton war durch +Acclamation wieder gewählt worden.[66] Auch Johann Birch darf nicht +unerwähnt bleiben. Er hatte seine Laufbahn als Fuhrmann begonnen, hatte +aber in den Bürgerkriegen sein Geschirr im Stich gelassen, war Soldat +geworden, hatte sich zum Range eines Obersten in der Armee der Republik +emporgeschwungen, hatte in hohen fiskalischen Ämtern großes +Geschäftstalent gezeigt, hatte viele Jahre im Parlament gesessen und +obgleich er bis zuletzt die derben Manieren und den plebejischen Dialect +seiner Jugend beibehielt, hatte er doch durch gesunden Verstand und +Mutterwitz das Ohr der Gemeinen gewonnen und wurde von den +ausgezeichnetsten Parlamentsrednern seiner Zeit als ein furchtbarer +Gegner betrachtet.[67] Dies waren die hervorragendsten unter den +Veteranen, welche jetzt nach langer Abgeschiedenheit ins öffentliche +Leben zurückkehrten. Sie wurden jedoch sehr bald durch zwei jüngere +Whigs in den Schatten gestellt, welche an jenem wichtigen Tage zum +ersten Male ihre Sitze einnahmen, bald zu den höchsten Ehrenstellen im +Staate emporstiegen, gemeinsam die heftigsten Parteistürme bestanden und +nachdem sie lange weit und breit als Staatsmänner, als Redner, als +freigebige Beschützer des Genies und der Gelehrsamkeit berühmt gewesen +waren, bald nach dem Regierungsantritte des Hauses Braunschweig wenige +Monate hintereinander starben. Diese waren Karl Montague und Johann +Somers. + +Außerdem muß noch ein Name erwähnt werden, ein Name, welcher damals nur +einem kleinen Kreise von Philosophen bekannt war, der aber jetzt bis +über den Ganges und den Mississippi hinaus mit einer höheren Verehrung +genannt wird, als man sie dem Gedächtniß der größten Krieger und +Herrscher zollt. Unter der Menge der schweigenden Mitglieder erschien +auch die majestätische Stirn und das gedankenvolle Antlitz Isaak +Newton's. Die berühmte Universität, der sein Genie schon einen +eigenthümlichen noch nach Verlauf von hundertsechzig Jahren deutlich +erkennbaren Character aufzudrücken begonnen, hatte ihn in die Convention +gesandt, und hier saß er in seiner bescheidenen Größe als +anspruchsloser, aber unerschütterlicher Freund der bürgerlichen und +religiösen Freiheit. + + [Anmerkung 65: +Burnet, I. 389+ und Präsident Onslow's Note.] + + [Anmerkung 66: +Evelyn's Diary, Sept. 26. 1672, Oct. 12. 1679, + Juli 13. 1700+; +Seymour's Survey of London.+] + + [Anmerkung 67: +Burnet, I. 388+ und Onslow's Note.] + + +[_Wahl eines Sprechers._] Die Gemeinen schritten vor Allem zur Wahl +eines Sprechers, und das Ergebniß dieser Wahl deutete schon unverkennbar +ihre Ansicht über die großen Fragen an, die sie entscheiden sollten. Bis +zum Vorabend der Versammlung hatte man geglaubt, daß Seymour zum +Präsidenten gewählt werden würde. Er hatte dieses Amt früher mehrere +Jahre bekleidet und hatte mehrfache gewichtige Ansprüche auf Beachtung: +Herkunft, Vermögen, Kenntnisse, Erfahrung und Beredtsamkeit. Er hatte +ferner lange an der Spitze eines einflußreichen Vereins von Mitgliedern +aus den westlichen Grafschaften gestanden. Obgleich ein Tory, hatte er +doch im letzten Parlament die Opposition gegen Papismus und +Willkürherrschaft mit ausgezeichnetem Geschick und Muth geleitet. Er war +einer der ersten Edelleute gewesen, der sich ins holländische +Hauptquartier nach Exeter begeben, und war der Urheber der Verbindung, +durch welche die Anhänger des Prinzen sich gegenseitig verpflichtet +hatten, zusammen zu siegen oder zu fallen. Aber einige Stunden vor dem +Zusammentritt der Häuser hatte sich das Gerücht verbreitet, Seymour sei +gegen die Erklärung, daß der Thron erledigt sei. Sobald sich daher die +Bänke gefüllt hatten, erhob sich der Earl von Wiltshire, welcher +Hampshire vertrat, und schlug Powle zum Sprecher vor. Sir Vere Fane, +Vertreter von Kent, unterstützte den Antrag. Es hätte allerdings ein +plausibler Einwurf dagegen erhoben werden können, denn es war bekannt, +daß eine Petition gegen Powle's Wahl zum Präsidenten dem Parlament +vorgelegt werden sollte; aber die allgemeine Stimme des Hauses berief +ihn auf den Präsidentenstuhl, und die Tories hielten es für gerathen, +sich damit einverstanden zu erklären.[68] Das Scepter wurde auf den +Tisch gelegt, die Liste der Mitglieder verlesen und die Namen der +fehlenden vorgemerkt. + +Inzwischen hatten sich auch die Peers in einer Anzahl von etwa hundert +versammelt, hatten Halifax zum Sprecher gewählt und mehreren +ausgezeichneten Juristen diejenigen Functionen übertragen, welche in +ordentlichen Parlamenten den Richtern zukommen. Die beiden Häuser +setzten sich im Laufe des Tages häufig mit einander in Vernehmen. Sie +vereinigten sich zu dem Ersuchen, daß der Prinz die Zügel der Regierung +in der Hand behalten möchte, bis er Weiteres von ihnen hören würde, zum +Ausdrucke ihres Dankes für die Befreiung der Nation, die er mit Gottes +Hülfe bewerkstelligt, und zu der Bestimmung, daß der 31. Januar als +Dankfest für diese Befreiung gefeiert werden solle.[69] + +Bis dahin hatte sich keine Meinungsverschiedenheit gezeigt; aber beide +Parteien rüsteten sich zum Kampfe. Die Tories waren im Oberhause stark, +im Unterhause schwach vertreten, und sie wußten, daß bei einer solchen +Gelegenheit dasjenige Haus, welches zuerst zu einem Entschlusse kam, +einen großen Vortheil über das andre haben mußte. Es war nicht die +geringste Aussicht vorhanden, daß die Gemeinen einen Beschluß zu Gunsten +des Regentschaftsplanes der Lords vorlegen würden, wenn aber ein solcher +Beschluß von den Lords den Gemeinen vorgelegt wurde, so war es nicht +ganz unmöglich, daß selbst viele von den whiggistischen Volksvertretern +geneigt sein würden, sich lieber damit einverstanden zu erklären, als +die große Verantwortlichkeit auf sich zu nehmen, in einer Krisis, welche +Einmüthigkeit und rasches Handeln erforderte, Uneinigkeit und +Verzögerung verursacht zu haben. Die Gemeinen hatten beschlossen, am +Montag den 28. Januar die Lage der Nation in Erwägung zu ziehen. Daher +schlugen die toryistischen Lords am Freitag, den 25. vor, sofort an das +wichtige Geschäft zu gehen, um derentwillen sie sich versammelt hatten. +Ihre Beweggründe wurden jedoch von Halifax, der seit seiner Rückkehr von +Hungerford erkannt hatte, daß die Regierung nur nach whiggistischen +Prinzipien eingerichtet werden konnte und der sich daher für den +Augenblick eng an die Whigs angeschlossen hatte, klar durchschaut und +ihre Taktik vereitelt. Devonshire trug darauf an, daß Dienstag, der +neunundzwanzigste, der Tag sein solle. »Bis dahin,« sagte er mit mehr +Wahrheit als Überlegung, »können wir einige Aufklärungen von unten +erhalten, die uns zur Richtschnur dienen können.« Sein Antrag ging +durch, seine Sprache aber wurde von einigen seiner Mitpeers als ihres +Standes unwürdig streng getadelt.[70] + + [Anmerkung 68: Citters, 22. Jan. (1. Febr.) 1689; +Grey's + Debates+.] + + [Anmerkung 69: +Lords' and Commons' Journals, Jan. 22. 1688+; + Citters und Clarendon's Tagebuch von demselben Datum.] + + [Anmerkung 70: +Lords' Journals, Jan. 25. 1688/89; Clarendon's + Diary, Jan. 23, 25.+] + + +[_Debatte über die Lage der Nation._] Am 28. erklärten sich die Gemeinen +zu einem Comité des ganzen Hauses. Ein Mitglied, das vor mehr als +dreißig Jahren einer von Cromwell's Lords gewesen war, Richard Hampden, +Sohn des berühmten Führers der Rundköpfe und Vater des Unglücklichen, +der nur durch große Bestechungen und erniedrigende Demüthigungen mit +genauer Noth der Rache Jakob's entgangen war, wurde zum Präsidenten +gewählt und die große Debatte begann. + +Es zeigte sich sehr bald, daß eine überwiegende Majorität Jakob nicht +mehr als König betrachtete. Gilbert Dolben, der Sohn des verstorbenen +Erzbischofs von York, war der Erste, der sich zu dieser Ansicht +bekannte, und er wurde darin von vielen Mitgliedern unterstützt, +besonders von dem kühnen und heftigen Wharton, von Sawyer, dessen +beharrliches Opponiren gegen das Dispensationsrecht seine früheren +Vergehen einigermaßen wieder gut gemacht hatte, von Maynard, dessen +Stimme, obgleich vom Alter so geschwächt, daß sie auf den entfernteren +Bänken nicht vernommen werden konnte, doch noch immer die Achtung aller +Parteien genoß und von Somers, dessen glänzende Beredtsamkeit und +vielseitige Kenntnisse sich zum ersten Male in den Räumen des Parlaments +entfalteten. Auch die schamlose Stirn und die geläufige Zunge Sir +Wilhelm Williams' waren auf derselben Seite zu finden. Er war schon +stark betheiligt bei den Excessen der schlechtesten Opposition und der +schlechtesten Regierung. Er hatte unschuldige Papisten und unschuldige +Protestanten verfolgt, er war der Beschützer Oates' und das Werkzeug +Petre's gewesen, sein Name war mit aufrührerischen Gewaltthätigkeiten, +deren sich alle ehrenwerthen Whigs mit Bedauern und Beschämung +erinnerten, und mit Handlungen des Despotismus verknüpft, welche alle +ehrenwerthen Tories verabscheuten. Wie ein Mensch unter der Last solcher +Schande noch leben kann, ist schwer zu begreifen; aber selbst eine +solche Schande war für Williams noch nicht genug. Er schämte sich nicht, +den gefallenen Gebieter anzugreifen, dem er sich zu Dienstleistungen, +die kein rechtschaffener Mann irgend eines Justizcollegiums übernommen +haben würde, vermiethet, und von dem er erst vor einem halben Jahre als +Belohnung für seine Servilität eine Baronetschaft angenommen hatte. + +Nur drei Mitglieder wagten es, sich der offenbar allgemeinen Ansicht der +Versammlung zu widersetzen. Sir Christoph Musgrave, ein Torygentleman +von großem Ansehen und Talent äußerte einige Zweifel. Heneage Finch ließ +ebenfalls einige Äußerungen fallen, welche so verstanden wurden, als ob +er die Eröffnung von Unterhandlungen mit dem Könige wünschte. Diese +Andeutung wurde so übel aufgenommen, daß er sich beeilte, sie weg zu +erklären. Er versicherte, daß er falsch verstanden worden sei. Er sei +überzeugt, daß unter einem solchen Fürsten keine Sicherheit für +Religion, Freiheit und Eigenthum denkbar sei. König Jakob zurückzurufen +oder mit ihm zu unterhandeln, würde ein verderblicher Schritt sein; aber +Viele, welche nie ihre Einwilligung dazu geben würden, daß er die +königliche Gewalt wieder ausübte, könnten es mit ihrem Gewissen nicht +vereinbaren, ihm auch den Königstitel zu nehmen. Es gebe jedoch einen +Ausweg, der alle Schwierigkeiten beseitigte: eine Regentschaft. Dieser +Vorschlag fand so wenig Beifall, daß Finch es nicht wagte, die +Abstimmung darüber zu verlangen. Richard Fanshaw, Viscount Fanshaw aus +Irland sprach einige Worte über Jakob und empfahl einen Aufschub; aber +sein Vorschlag erregte allgemeines Mißfallen. Ein Mitglied nach dem +andren stand auf, um die Wichtigkeit der Beschleunigung hervorzuheben. +Jeder Augenblick, wurde gesagt, sei kostbar, die Erwartung des Volks sei +aufs Höchste gespannt, so daß alle Geschäfte stockten. Die Minorität +fügte sich murrend und räumte der überwiegenden Partei das Feld. + +Worin das Verfahren der Majorität bestehen würde, war noch nicht recht +klar, denn sie zerfiel in zwei Abtheilungen. Die eine bestand aus +eifrigen und heftigen Whigs, die, wenn sie ihren Weg hätten gehen +können, dem Verfahren der Convention einen entschieden revolutionären +Character gegeben haben würden. Die andre gab zu, daß eine Revolution +nothwendig sei, betrachtete sie aber als ein nothwendiges Übel und +wünschte sie soviel als möglich unter dem Scheine der Gesetzmäßigkeit zu +verhüllen. Die erstere Abtheilung verlangte die bestimmte Anerkennung +des Rechtes der Unterthanen, schlechte Fürsten des Thrones zu entsetzen. +Die andre Abtheilung wollte nur das Land von einem schlechten Fürsten +befreien, ohne ein Prinzip aufzustellen, das leicht zu den Zwecke +gemißbraucht werden könnte, die rechtmäßige und heilsame Autorität +zukünftiger Monarchen zu schwächen. Die erstere Abtheilung hob +namentlich die schlechte Regierung des Königs, die andre seine Flucht +hervor; jene war der Ansicht, daß er seine Krone verwirkt, diese, daß er +ihr freiwillig entsagt habe. Es war nicht leicht, eine Beschlußformel zu +entwerfen, welche Allen gefiel, deren Zustimmung zu erlangen von +Wichtigkeit war; endlich aber wurde aus den von verschiedenen Seiten +gemachten Vorschlägen ein Beschluß gebildet, der alle Theile +befriedigte. + + +[_Beschluß, durch den der Thron für erledigt erklärt wird._] Es wurde +beantragt, daß König Jakob II., indem er es versucht, durch einen Bruch +des ursprünglichen Vertrags zwischen König und Volk die Verfassung des +Reichs umzustürzen, und indem er auf den Rath der Jesuiten und anderer +übelgesinnter Personen die Grundgesetze verletzt und sich aus dem Lande +entfernt, die Regierung niedergelegt habe und daß der Thron dadurch +erledigt worden sei. + +Dieser Beschluß ist häufig einer so genauen und strengen Kritik +unterworfen worden wie irgend eine von Menschenhand geschriebene +Sentenz, und doch giebt es vielleicht keine von Menschenhand +geschriebene Sentenz, die eine solche Kritik weniger vertrüge. Daß ein +König seine Macht durch groben Mißbrauch derselben verwirken kann, ist +wahr. Daß man von einem Könige, der auf und davon geht, ohne Vorsorge +für die Verwaltung der Regierungsgeschäfte zu treffen, und sein Volk in +einem Zustande von Anarchie zurückläßt, ohne gewaltsame Wortverdrehung +sagen kann, er habe seine Funktionen niedergelegt, ist ebenfalls wahr. +Aber kein gewissenhafter Schriftsteller wird behaupten, daß lange +fortgesetzte schlechte Regierung und Flucht zusammengenommen einen +Abdankungsact constituiren. Ebenso klar ist es, daß die Erwähnung der +Jesuiten und anderer schlechter Rathgeber Jakob's die Beschuldigung +gegen ihn schwächt, anstatt sie zu bekräftigen. Denn ein durch schlimme +Rathgeber irregeleiteter Mann verdient gewiß mehr Nachsicht als einer, +der lediglich aus eigenem Antriebe Unrecht thut. Es ist jedoch ein +eitles Beginnen, diese denkwürdigen Worte zu analysiren, wie wir ein +Kapitel von Aristoteles oder von Hobbes untersuchen. Derartige Worte +sind nicht als Worte, sondern als Thaten zu betrachten, und wenn sie das +bewirken, was sie bewirken sollen, so sind sie vernünftig, mögen sie +auch an sich widersinnig sein. Erreichen sie aber ihren Zweck nicht, so +sind sie absurd, wenn sie auch Beweiskraft in sich tragen. Die Logik +läßt keine Auslegung zu. Das Wesen der Politik aber ist die Auslegung. +Es ist daher nicht zu verwundern, daß einige der wichtigsten und +nützlichsten politischen Dokumente zu den unlogischesten Aufsätzen +gehören, welche je geschrieben wurden. Somers, Maynard und die anderen +ausgezeichneten Männer, welche den berühmten Antrag entwarfen, hatten +dabei nicht den Zweck, der Nachwelt ein Muster von Definition und +Eintheilung zu hinterlassen, sondern die Wiedereinsetzung eines Tyrannen +unmöglich zu machen und einen Fürsten auf den Thron zu erheben, unter +welchem Gesetz und Freiheit gesichert waren. Diesen Zweck erreichten sie +durch die Anwendung von Worten, welche in einer philosophischen +Abhandlung mit Recht als ungenau und unklar getadelt worden wären. Es +kümmerte sie wenig, ob der Vordersatz und der Schlußsatz zu einander +paßten, wenn nur der Vordersatz ihnen zweihundert Stimmen und der +Schlußsatz weitere zweihundert Stimmen verschaffte. Die einzige +Schönheit des Beschlusses ist in der That seine Inconsequenz. Sie +enthielt eine Phrase für jede Unterabtheilung der Majorität. Die +Erwähnung des ursprünglichen Vertrags befriedigte die Anhänger Sidney's. +Das Wort Abdankung beschwichtigte Politiker einer zurückhaltenderen +Schule. Vielen eifrigen Protestanten gefiel ohne Zweifel der gegen die +Jesuiten ausgesprochene Tadel. In den Augen des wirklichen Staatsmanns +war der einzige wichtige Satz der, welcher den Thron für erledigt +erklärte, und wenn nur dieser Satz angenommen wurde, so war es ihm +ziemlich gleichgültig, welche Einleitung demselben vorausging. Eine so +vereinigte Macht ließ keiner Hoffnung auf Widerstand Raum. Der Antrag +wurde vom Ausschusse ohne Abstimmung angenommen, und es wurde +unverzügliche Berichterstattung darüber beschlossen. Powle nahm den +Präsidentenstuhl wieder ein, das Scepter wurde auf den Tisch gelegt, +Hampden trug auf Erhebung zum Beschluß an, das Haus gab seine Zustimmung +und die sofortige Überreichung an die Lords wurde anbefohlen.[71] + + [Anmerkung 71: +Commons' Journals, Jan. 28. 1688/89; Grey's + Debates+; Citters, 29. Jan. (8. Febr.). Wenn der Bericht in + +Grey's Debates+ genau ist, so muß Citters in Betreff der Rede + Sawyer's falsch unterrichtet gewesen sein.] + + +[_Der Beschluß wird den Lords vorgelegt._] Am folgenden Morgen +frühzeitig versammelten sich die Lords. Die Bänke der geistlichen wie +der weltlichen Lords waren dicht besetzt. Hampden erschien in der +Schranke und überreichte Halifax den Beschluß der Gemeinen. Das Oberhaus +constituirte sich hierauf zu einem Comité und Danby nahm den +Präsidentenstuhl ein. + +Die Discussion wurde bald durch das nochmalige Erscheinen Hampden's +unterbrochen, der eine andre Botschaft überbrachte. Das Haus +constituirte sich wieder als solches und vernahm, daß die Gemeinen es so +eben als unvereinbar mit der Sicherheit und dem Wohle der +protestantischen Nation erklärt habe, von einem papistischen Könige +regiert zu werden. So wenig sich dieser Beschluß mit dem Prinzipe des +unveräußerlichen Erbrechts vertrug, so gaben die Peers doch auf der +Stelle und einmüthig ihre Zustimmung zu demselben. Der dadurch +aufgestellte Grundsatz ist bis auf unsre Zeit von allen protestantischen +Staatsmännern stets heilig gehalten worden und kein verständiger +Katholik hat ihn je als Einwendungen zulassend betrachtet. Wenn unsere +Souveraine, wie die Präsidenten der Vereinigten Staaten, bloße +bürgerliche Beamte wären, so würde es allerdings schwer sein, eine +solche Beschränkung zu rechtfertigen. Allein mit der englischen Krone +ist zugleich die Oberhauptswürde über die englische Kirche verbunden, +und es ist keine Intoleranz, wenn man sagt, daß eine Kirche nicht einem +Oberhaupte unterthan sein kann, das sie als schismatisch und ketzerisch +betrachtet.[72] + + [Anmerkung 72: +Lords' and Commons' Journals, Jan. 29, 1688/89.+] + + +[_Debatte im Oberhause über den Regentschaftsplan._] Nach dieser kurzen +Unterbrechung constituirten sich die Lords wieder zum Comité. Die Tories +drangen darauf, daß ihr Plan berathen werden sollte, ehe der Beschluß +der Gemeinen, welcher den Thron für erledigt erklärte, in Betracht +gezogen würde. Dies ward ihnen zugestanden und die Frage gestellt, ob +eine Regentschaft, die während Jakob's Lebzeiten in seinem Namen die +königliche Gewalt ausübe, das beste Mittel zur Aufrechthaltung der +Gesetze und der Freiheiten der Nation sein würde. + +Der Kampf war lang und heftig. Die Hauptsprecher zu Gunsten einer +Regentschaft waren Rochester und Nottingham. Halifax und Danby waren die +leitenden Häupter der andren Seite. Der Primas trat sonderbarerweise +nicht auf, obgleich die toryistischen Peers ihn dringend ersucht hatten, +sich an ihre Spitze zu stellen. Seine Abwesenheit zog ihm vielfachen +bitteren Tadel zu, und selbst seine Lobredner waren nicht im Stande, +eine seinem Character zur Ehre gereichende Erklärung zu finden.[73] Der +Regentschaftsplan war von ihm ausgegangen und er hatte erst vor wenigen +Tagen in einem von ihm eigenhändig geschriebenen Aufsatze diesen Plan +für den unzweifelhaft besten erklärt, den man annehmen könnte. Die +Besprechungen der Lords, welche diesen Plan unterstützten, hatten unter +seinem eigenen Dache stattgefunden. Seine Stellung machte es ihm +unbestreitbar zur Pflicht, seine Ansicht öffentlich auszusprechen. Den +Verdacht persönlicher Feigheit oder niedriger Habsucht kann Niemand auf +ihn werfen. Wahrscheinlich that er aus einer krankhaften Besorgniß, +etwas Unrechtes zu thun, in diesem wichtigen Augenblicke nichts, aber er +hätte wissen sollen, daß bei einem Manne in seiner Stellung nichts thun +so viel hieß als Unrecht thun. Ein Mann, der zu scrupulös ist, um in +einer wichtigen Krisis eine große Verantwortlichkeit zu übernehmen, +sollte auch zu scrupulös sein, um die Stelle eines ersten Dieners der +Kirche und eines ersten Peers des Reichs anzunehmen. + +Ein Wunder war es jedoch nicht, daß Sancroft nicht wohl zu Muthe war, +denn er konnte wohl kaum gegen die auf der Hand liegende Wahrheit blind +sein, daß der Plan, den er seinen Freunden empfohlen, durchaus +unverträglich war mit Allem, was er und seine Amtsbrüder seit vielen +Jahren gepredigt hatten. Die anglikanische Kirche hatte sich lange mit +der Lehre gebrüstet, daß der König ein göttliches und unveräußerliches +Recht auf die königliche Gewalt habe und daß man sich der königlichen +Gewalt, selbst wenn sie gröblich gemißbraucht würde, nicht widersetzen +dürfe, ohne eine Sünde zu begehen. Hatte denn diese Lehre wirklich nur +die Bedeutung, daß der König ein göttliches und unveräußerliches Recht +habe, sein Bildniß und seinen Namen in ein Petschaft stechen zu lassen, +welches täglich gegen seinen Willen dazu gebraucht werden konnte, seine +Feinde zum Krieg gegen ihn zu ermächtigen und seine Freunde an den +Galgen zu schicken, weil sie ihm gehorcht hatten? Bestand denn die ganze +Pflicht eines guten Unterthanen in der Anwendung des Wortes König? Dann +hatten Fairfax bei Naseby und Bradshaw im Hohen Gerichtshofe ihre ganze +Pflicht als gute Unterthanen erfüllt, denn Karl war von den gegen ihn +befehligenden Generälen und selbst von den ihn verurtheilenden Richtern +als König bezeichnet worden. Nichts hatte die Kirche in dem Verfahren +des langen Parlaments schärfer getadelt als den sinnreichen Einfall, den +Namen Karl's gegen ihn selbst zu gebrauchen. Alle ihre Diener waren +aufgefordert worden, eine Erklärung zu unterschreiben, welche die +Fiction, wodurch die Autorität des Souverains von seiner Person getrennt +worden war, als hochverrätherisch verdammte.[74] Gleichwohl würde diese +hochverrätherische Fiction jetzt von dem Primas und vielen seiner +Suffraganen als die einzige Grundlage betrachtet, auf der sie in +strenger Übereinstimmung mit christlichen Prinzipien eine Regierung +aufrichten konnten. + +Die Unterscheidung, welche Sancroft von den Rundköpfen der +vorhergehenden Generation entlehnt hatte, stürzte von Grund aus das +ganze politische System um, das die Kirche und die Universitäten vom +Apostel Paulus gelernt zu haben behaupteten. Tausendmal war es +wiederholt worden, daß der heilige Geist den Römern befohlen habe, sich +Nero zu unterwerfen. Jetzt schien dieses Gebot nur den Sinn gehabt zu +haben, daß die Römer den Nero Augustus nennen sollten. Es stand ihnen +vollkommen frei, ihn über den Euphrat zu jagen, ihn von der +Freigebigkeit der Parther leben zu lassen, ihm gewaltsamen Widerstand zu +leisten, wenn er einen Versuch zur Rückkehr machen sollte, Alle die ihm +beistanden oder mit ihm verkehrten, zu bestrafen, und die tribunitische +und consulatorische Gewalt, den Vorsitz im Senat und den Oberbefehl über +die Legionen auf Galba oder Vespasian zu übertragen. + +Die Analogie, welche der Erzbischof zwischen einem thörichten König und +einem wahnsinnigen König entdeckt zu haben glaubte, hält keinen +Augenblick gründlicher Prüfung aus. Es war klar, daß Jakob sich nicht in +einem solchen Geisteszustande befand, wo ihn, wäre er ein Landedelmann +oder ein Kaufmann gewesen, ein Gerichtshof für unfähig erklärt haben +würde, einen Vertrag abzuschließen, oder ein Testament zu machen. Er war +nur in so weit geistesschwach, als alle schlechten Könige geistesschwach +sind, wie Karl I. geistesschwach war, als er aufbrach, um die fünf +Parlamentsmitglieder festzunehmen, wie Karl II. geistesschwach war, als +er den Vertrag von Dover schloß. Wenn diese Art der Geisteskrankheit +Unterthanen nicht das Recht gab, ihren Fürsten den Gehorsam zu +verweigern, so war der Regentschaftsplan offenbar nicht zu vertheidigen. +Im entgegengesetzten Falle war das Prinzip des Nichtwiderstandes völlig +aufgegeben und Alles gutgeheißen, was ein gemäßigter Whig je behauptet +hatte. + +Was den Unterthaneneid anlangt, um den Sancroft und seine Anhänger so +sehr besorgt waren, so ist wenigstens das klar, daß sie Unrecht hatten, +mochte übrigens Recht haben wer da wollte. Die Whigs waren der Ansicht, +daß der Unterthaneneid gewisse Bedingungen enthalte, das der König diese +Bedingungen verletzt und daß der Eid dadurch seine Kraft verloren habe. +War aber die whiggistische Meinung irrig, und der Eid noch bindend, +konnten dann verständige Männer wirklich glauben, daß sie sich keines +Eidbruches schuldig machten, wenn sie für eine Regentschaft stimmten? +Konnten sie behaupten, daß sie die Unterthanentreue gegen Jakob nicht +verletzten, wenn sie trotz seiner angesichts ganz Europa's erhobenen +Protestationen einen Andren ermächtigten, die königlichen Revenuen zu +beziehen, Parlamente einzuberufen und zu prorogiren, Herzöge und Earls +zu creiren, Bischöfe und Richter zu ernennen, Verbrecher zu begnadigen, +über die Streitkräfte des Staats zu verfügen und mit fremden Mächten +Verträge zu schließen? Hatte Pascal wohl in allen Folianten der +jesuitischen Casuistiker einen verachtungswertheren Sophismus finden +können als der war, welcher jetzt, wie es schien, hinreichte, um das +Gewissen der Väter der anglikanischen Kirche zu beruhigen? + +Es konnte nichts Augenfälligeres geben, als daß sich der +Regentschaftsplan nur vom whiggistischen Standpunkte vertheidigen ließ. +Über die Rechtsfrage konnte zwischen den vernünftigen Anhängern des +Planes und der Majorität des Hauses der Gemeinen kein Streit obwalten. +Es blieb nur eine Zweckmäßigkeitsfrage übrig. Und konnte wohl irgend ein +Staatsmann im Ernst behaupten, daß es zweckmäßig sei, eine Regierung mit +zwei Oberhäuptern einzusetzen und dem einen dieser beiden Oberhäupter +die königliche Macht ohne die königliche Würde, dem andren die +königliche Würde ohne die königliche Macht zu ertheilen? Es war +notorisch, daß eine solche Einrichtung, selbst wenn sie durch die +Unmündigkeit oder Geistesschwäche eines Fürsten geboten war, ernste +Nachtheile hatte. Daß Regentschaftsperioden Zeiten der Schwäche, der +Unruhen oder des Unheils sind, war eine durch die ganze Geschichte +Englands, Frankreichs und Schottlands bewiesene, fast sprichwörtlich +gewordene Wahrheit. Indessen war der König im Fall der Unmündigkeit oder +Geistesschwäche wenigstens passiv, und er konnte dem Regenten nicht +thätig entgegenwirken. Der gegenwärtige Vorschlag aber hieß so viel als +England zwei Staatsoberhäupter von reifem Alter und gesundem Verstande +geben, die einen unversöhnlichen Krieg gegeneinander führten. Es war +lächerlich, davon zu reden, daß man Jakob bloß den Königstitel lassen +und ihm alle königliche Macht entziehen wolle. Denn der Titel war ein +Theil der Macht. Das Wort König war ein Zauberwort, mit dem sich bei +vielen Engländern die Idee einer von oben stammenden geheimnißvollen +Eigenschaft und bei allen Engländern der Begriff einer rechtmäßigen und +ehrwürdigen Autorität verband. Wenn der Titel eine solche Macht in sich +trug, so konnten Diejenigen, welche behaupteten, daß Jakob _alle_ Macht +entzogen werden müsse, gewiß nicht leugnen, daß man ihm auch den Titel +nehmen mußte. + +Und wie lange sollte die von Sancroft's Genie ersonnene anomale +Regierung dauern? Jeder Grund, der überhaupt für ihre Errichtung +angeführt werden konnte, konnte mit gleicher Beweiskraft für +Beibehaltung derselben bis ans Ende der Zeiten geltend gemacht werden. +War der nach Frankreich gebrachte Knabe wirklich von der Königin +geboren, so mußte er später das göttliche und unveräußerliche Recht +erben, König genannt zu werden, und das nämliche Recht ging dann sehr +wahrscheinlich durch das ganze achtzehnte und neunzehnte Jahrhundert von +Papist zu Papist über. Beide Häuser aber hatten einstimmig beschlossen, +daß England nicht von einem Papisten regiert werden sollte. Es konnte +daher leicht kommen, daß, von Geschlecht zu Geschlecht Regenten die +Regierung im Namen vacirender und bettelnder Könige verwalteten. Es +unterlag keinem Zweifel, daß die Regenten vom Parlament ernannt werden +mußten, und so würde diese Erfindung, welche das geheiligte Prinzip der +erblichen Monarchie ungeschwächt aufrechterhalten sollte, zur Folge +gehabt haben, daß die Monarchie factisch eine Wahlmonarchie geworden +wäre. + +Außerdem wurde noch ein unverwerflicher Grund gegen Sancroft's Plan +geltend gemacht. Die Gesetzsammlung enthielt ein Gesetz, daß bald nach +Beendigung des langen und blutigen Kampfes zwischen den Häusern York und +Lancaster zu dem Zwecke erlassen worden war, das Unheil abzuwenden, +welches die abwechselnden Siege dieser beiden Häuser über den Adel und +die Gentry des Reichs gebracht hatten. Dieses Gesetz bestimmte, daß +Niemand deshalb, weil er es mit einem im Besitz der Macht befindlichen +König gehalten, den auf Hochverrath gesetzten Strafen verfallen sollte. +Als den Königsmördern nach der Restauration der Prozeß gemacht wurde, +behaupteten einige von ihnen, ihr Fall sei nach diesem Gesetze zu +richten. Sie sagten, sie hätten der Regierung gehorcht, die im Besitz +der Macht gewesen, und sie seien daher keine Hochverräther. Die Richter +gaben zu, daß dies eine gute Entschuldigung sein würde, wenn die +Gefangenen unter der Autorität eines Usurpators gehandelt hätten, der, +wie Heinrich IV. und Richard III. den Königstitel getragen, erklärten +aber, daß ein solcher Entschuldigungsgrund Leuten, welche einen in der +Anklageacte, im Todesurtheile und im Hinrichtungsbefehle als König +bezeichneten Mann angeklagt, verurtheilt und hingerichtet hatten, nicht +zu Gute kommen konnte. Daraus folgte sonach, daß Jeder, der einen +Regenten gegen Jakob unterstützte, große Gefahr lief, gehängt, +geschleift und geviertheilt zu werden, wenn Jakob einmal wieder zur +höchsten Macht gelangte, daß aber Niemand ohne eine solche Verletzung +des Gesetzes, wie selbst ein Jeffreys sie schwerlich zu begehen gewagt +haben würde, bestraft werden könnte, weil er einen wenn auch +unrechtmäßigerweise zu Whitehall regierenden Könige gegen einen zu +Saint-Germain im Exil lebenden rechtmäßigen Könige gehalten hatte.[75] + +Man sollte meinen, daß diese Gründe keinen Einwand zuließen, und sie +wurden in der That von Danby, der die wundervolle Gabe besaß, jeden +Gegenstand, den er behandelte, auch dem beschränktesten Verstande klar +zu machen, und von Halifax, der in Gedankenreichthum und glänzender +Diction unter den Rednern der damaligen Zeit seines Gleichen nicht +hatte, mit Nachdruck hervorgehoben. Aber die Tories waren im Oberhause +so zahlreich und mächtig, daß sie trotz der Unhaltbarkeit ihrer Sache, +des Abfalls ihres Führers und der Geschicklichkeit ihrer Gegner bei +einem Haare den Sieg davongetragen hätten. Hundert Lords stimmten ab. +Neunundvierzig stimmten für eine Regentschaft, einundfünfzig dagegen. +Bei der Minorität befanden sich die natürlichen Söhne Karl's, die +Schwäger Jakob's, die Herzöge von Somerset und von Ormond, der +Erzbischof von York und elf Bischöfe. Mit der Majorität stimmte außer +Compton und Trelawney kein Prälat.[76] + +Es war fast neun Uhr Abends, als das Haus auseinanderging. Der folgende +Tag war der dreißigste Januar, der Todestag Karl's I. Die große +Körperschaft des anglikanischen Clerus hatte es seit vielen Jahren für +eine heilige Pflicht gehalten, an diesem Tage die Lehren vom +Nichtwiderstande und vom passiven Gehorsam einzuschärfen. Ihre früheren +Predigten konnten sie jedoch jetzt nicht mehr brauchen und viele +Geistliche waren sogar in Zweifel, ob sie es wagen dürften, die ganze +Liturgie zu lesen. Das Unterhaus hatte erklärt, daß der Thron erledigt +sei, das Oberhaus hatte noch gar keine Ansicht ausgesprochen, und es war +daher nicht leicht zu entscheiden, ob die Gebete für den Souverain +angewendet werden konnten. Jeder Gottesdienst haltende Geistliche +handelte nach seinem persönlichen Ermessen. In den meisten Kirchen der +Hauptstadt wurden die Gebete für Jakob weggelassen; in der +Margarethenkirche aber las Sharp, Dechant von Norwich, welcher ersucht +worden war, vor den Mitgliedern des Unterhauses zu predigen, nicht +allein die ganzen Gebete, wie sie im Buche standen, sondern extemporirte +auch vor seiner Predigt einen Segen für den König und sprach am Schlusse +seines Vortrags gegen die jesuitische Lehre, daß Unterthanen berechtigt +seien, ihre Fürsten abzusetzen. Der Sprecher beschwerte sich noch +denselben Nachmittag vor dem Hause über diese Beleidigung. »Heute fassen +Sie einen Beschluß,« sagte er, »und morgen hören Sie denselben mit +eigenen Ohren auf der Kanzel widersprechen.« Sharp wurde von den Tories +kräftig in Schutz genommen und hatte selbst unter den Whigs Freunde; +denn es war noch nicht vergessen, daß er sich in schlimmen Zeiten durch +den Muth, mit dem er trotz des königlichen Befehls gegen den Papismus +gepredigt, ernsten Gefahren ausgesetzt hatte. Sir Christoph Musgrave +bemerkte sehr treffend, das Haus habe den Beschluß, welcher den Thron +für erledigt erklärte, noch nicht bekannt machen lassen. Sharp sei daher +nicht allein nicht verpflichtet gewesen, von diesem Beschlusse etwas zu +wissen, sondern er hätte sogar nicht Notiz davon nehmen können, ohne +sich eine Verletzung des Privilegiums des Hauses zu Schulden kommen zu +lassen, wofür er hätte vor die Schranken gefordert und kniend einen +Verweis erhalten können. Die Majorität sah ein, daß es nicht weise +gewesen wäre, in diesem Augenblicke mit der Geistlichkeit zu hadern und +man ließ den Gegenstand daher fallen.[77] + +Während die Gemeinen über Sharp's Predigt discutirten, hatten sich die +Lords wieder zu einem Comité zur Erwägung der Lage der Nation +constituirt und hatten den Beschluß, der den Thron für erledigt +erklärte, Satz für Satz vorlesen lassen. + +Der erste Ausdruck, über den sich eine Debatte entspann, war der, +welcher den ursprünglichen Vertrag zwischen König und Volk anerkannte. +Es war nicht zu erwarten, daß die toryistischen Peers eine die +Quintessenz des Whiggismus enthaltende Phrase ohne Einwendungen würden +durchgehen lassen. Es wurde abgestimmt und mit dreiundfünfzig gegen +sechsundvierzig Stimmen beschlossen, daß die Worte stehen bleiben +sollten. + +Der strenge Tadel, den die Gemeinen über die Verwaltung Jakob's +ausgesprochen hatten, wurde nun zunächst in Betracht gezogen und ohne +eine einzige abweichende Stimme gebilligt. Nur gegen den Ausdruck, Jakob +habe die Regierung niedergelegt, wurden einige redactionelle +Einwendungen gemacht. Es wurde hervorgehoben, man könne richtiger sagen, +daß er sie verlassen habe. Dieses Amendement wurde, wie es scheint, fast +ohne alle Debatte, und ohne Abstimmung angenommen. Inzwischen war es +spät geworden, und die Lords hoben daher die Sitzung auf.[78] + + [Anmerkung 73: +Clarendon's Diary, Jan. 21. 1688/89; Burnet, I. + 810: Doyly's Life of Sancroft.+] + + [Anmerkung 74: Siehe die Uniformitätsacte.] + + [Anmerkung 75: +Stat. 2. Hen. 7. c. 1+; +Lord Coke's Institutes, + III. 1.+ Cook's Hochverrathsprozeß in der +Collection of State + Trials+; +Burnet, I. 813+, und Swift's Note.] + + [Anmerkung 76: +Lords' Journals, Jan. 29. 1688/89; Clarendon's + Diary; Evelyn's Diary+; Citters; +Eachard's History of the + Revolution+; +Burnet, I. 813+; +History of the Reestablishment of + the Government, 1689.+ Die Anzahl der Stimmen für und wider sind + in den Protokollen nicht angeführt und werden von verschiedenen + Schriftstellern verschieden angegeben. Ich habe mich an Clarendon + gehalten, der sich die Mühe genommen, Listen der Majorität und der + Minorität zu entwerfen.] + + [Anmerkung 77: +Grey's Debates+; +Evelyn's Diary+; +Life of + Archbishop Sharp, by his son+; +Apology for the New Separation, in + a letter to Dr. John Sharp, Archbishop of York, 1691.+] + + [Anmerkung 78: +Lords' Journals, Jan. 30. 1688/89; Clarendon's + Diary.+] + + +[_Spaltung zwischen den Whigs und den Anhängern Danby's._] Bis hieher +hatte die kleine Anzahl Peers, welche unter Danby's Leitung standen, in +festem Bunde mit Halifax und den Whigs gehandelt. Das Ergebniß dieser +Einigung war die Verwerfung des Regentschaftsplanes und die Bestätigung +des Grundsatzes vom ursprünglichen Vertrag. Der Satz, daß Jakob +aufgehört habe, König zu sein, war der Vereinigungspunkt der beiden +Parteien gewesen, welche zusammen die Majorität gebildet hatten. Von +diesem Punkte an aber gingen ihre Wege auseinander. Die nächste zu +entscheidende Frage war, ob der Thron erledigt sei, und dies war keine +bloße Formfrage, sondern eine Frage von ernster praktischer Bedeutung. +Wenn der Thron erledigt war, so konnten die Stände des Reichs Wilhelm +auf denselben erheben; war er nicht erledigt, so konnte er erst nach +seiner Gemahlin, nach der Prinzessin Anna und nach deren +Nachkommenschaft auf denselben gelangen. + +Nach der Ansicht der Anhänger Danby's war es ein feststehender +Grundsatz, daß unser Land nicht einen Augenblick ohne einen rechtmäßigen +Fürsten sein konnte. Der Mensch konnte sterben, aber der Regent war +unsterblich; der Mensch konnte abdanken, der Regent aber war +unabsetzbar. Wenn wir, sagten diese Politiker, einmal zugeben, daß der +Thron erledigt ist, so geben wir auch zu, daß er durch Wahl besetzt +werden kann. Der Souverain, den wir auf denselben erheben, wird dann +nicht ein Souverain nach englischem, sondern einer nach polnischem Modus +sein. Selbst wenn wir die Person wählten, welche dem Geburtsrechte nach +zur Regierung kommen würde, so würde diese Person doch nicht kraft des +Geburtsrechtes, sondern kraft unsrer Wahl regieren und würde als +Geschenk erhalten was als Erbtheil betrachtet werden sollte. Die +heilsame Ehrfurcht, mit der das königliche Blut und das Erstgeburtsrecht +bisher betrachtet worden sind, würde bedeutend geschwächt werden. Noch +schlimmer würde das Übel sein, wenn wir den Thron nicht allein durch +Wahl, sondern mit einem Prinzen besetzten, der zwar unbestreitbar die +Eigenschaften eines großen und guten Regenten hat und uns eine +wunderbare Befreiung gebracht, der aber nicht der Erste, ja nicht einmal +der Zweite in der Thronfolgeordnung ist. Wenn wir einmal sagen, daß +Verdienste, so groß sie immer sein mögen, ein Anrecht auf die Krone +geben, so erschüttern wir die Grundpfeiler unsrer Verfassung und liefern +einen Precedenzfall, den jeder ehrgeizige Krieger oder Staatsmann, +welcher dem Lande einen großen Dienst geleistet haben mag, in seinem +Interesse zu benutzen sich versucht fühlen wird. Diese Gefahr vermeiden +wir, wenn wir die Prinzipien der Verfassung logisch bis zu ihren +Consequenzen festhalten. Es hat eine Niederlegung der Krone +stattgefunden. Im Augenblicke der Niederlegung wurde der nächste Erbe +unser rechtmäßiger Souverain. Wir betrachten die Prinzessin von Oranien +als nächste Erbin, und sind der Meinung, daß sie unverzüglich als das +was sie wirklich ist, als unsre Königin, proklamirt werden muß. + +Die Whigs entgegneten hierauf, es sei nutzlos, die gewöhnlichen Regeln +auf ein im Zustande der Revolution befindliches Land anzuwenden, die +jetzt obschwebende große Frage dürfe nicht nach den Ansprüchen +pedantischer Templer entschieden werden, und wenn sie so entschieden +werden solle, so könnten derartige Aussprüche auf der einen Seite eben +so gut wie auf der andren angeführt werden. Wenn es ein Rechtsgrundsatz +sei, daß der Thron nie unbesetzt sein könne, so sei es auch ein +Rechtsgrundsatz, daß ein noch lebender Mensch keinen Erben haben könne. +Jakob lebte noch; wie könnte also die Prinzessin von Oranien seine Erbin +sein? Das englische Recht habe allerdings vollständige Vorsorge für die +Thronfolge getroffen, für den Fall, daß die Macht eines Souverains zu +gleicher Zeit mit seinem Leben endete, nicht aber für die seltenen +Fälle, in denen seine Macht vor dem Aufhören seines physischen Lebens +endete, und mit einem dieser höchst seltenen Fälle habe die Convention +es jetzt zu thun. Daß Jakob nicht mehr auf dem Throne sitze, hätten +beide Häuser erklärt. Weder das gemeine Recht, noch das in den Gesetzen +enthaltene Recht bezeichne irgend Jemanden als befugt, in der Zeit +zwischen seiner Abdankung und seinem Ableben den Thron einzunehmen. +Daraus folge, daß der Thron erledigt sei und daß die Häuser den Prinzen +von Oranien ersuchen könnten, denselben einzunehmen. In der +Geburtsordnung sei er allerdings nicht der Nächste, allein dies sei kein +Nachtheil, sondern vielmehr gerade eine positive Empfehlung. Die +erbliche Monarchie sei eine gute politische Institution, aber keineswegs +heiliger als andere gute politische Institutionen. Leider hätten bigotte +und servile Theologen es zu einem religiösen Mysterium gemacht, das fast +eine eben so heilige Scheu erwecke und eben so unbegreiflich sei, als +die Transsubstantiation selbst. Die Institution aufrecht zu erhalten, +aber die nachtheiligen abergläubischen Begriffe zu entfernen, die man +seit den letzten Jahren daran geknüpft, und die sie zu einem Fluche, +anstatt zu einem Segen für die Gesellschaft gemacht hätten, müsse das +Hauptbestreben der englischen Staatsmänner sein, und dieser Zweck werde +am besten erreicht werden, wenn man einmal von der allgemeinen +Erbfolgeordnung ein wenig abweiche und dann wieder zu derselben +zurückkehre. + + +[_Versammlung bei dem Earl von Devonshire._] Es wurden viele Versuche +gemacht, um einen offenen Bruch zwischen der Partei des Prinzen und der +Partei der Prinzessin zu verhüten. Eine große Versammlung wurde im Hause +des Earl von Devonshire gehalten und daselbst lebhaft debattirt. Halifax +war der Hauptsprecher für Wilhelm, Danby für Marien. Von Marien's +Gesinnungen wußte Danby nichts. Sie wurde seit einiger Zeit in London +erwartet, war aber zuerst durch die Eismassen, welche die Flußmündungen +versperrten, und nach eingetretenem Thauwetter durch heftige Westwinde +in Holland, zurückgehalten worden. Wäre sie früher gekommen, so würde +der Streit wahrscheinlich mit einem Male beigelegt worden sein. Auf der +andren Seite war Halifax nicht ermächtigt irgend etwas im Namen +Wilhelm's zu thun. Der Prinz hatte, getreu seinem Versprechen, daß er +die Einsetzung der Regierung der Convention überlassen werde, eine +undurchdringliche Zurückhaltung bewahrt und hatte sich kein Wort, keinen +Blick, keine Geberde entschlüpfen lassen, welche Zufriedenheit oder +Mißfallen hätte verrathen können. Einer seiner Landsleute, der sein +Vertrauen in hohem Maße genoß, war zu der Versammlung eingeladen und von +den Peers dringend ersucht worden, daß er ihnen einige Aufschlüsse geben +möchte. Er weigerte sich lange. Endlich aber gab er ihren Bitten +insoweit nach, daß er sagte: »Ich kann die Gesinnung Seiner Hoheit nur +muthmaßen. Wenn Sie es gern wissen wollen, was ich muthmaße, so will ich +es Ihnen sagen: ich vermuthe, daß er nicht gern der Ceremonienmeister +seiner Gemahlin werden möchte. Doch ich weiß nichts.« -- »Aber ich weiß +nun etwas,« erwiederte Danby. »Ich weiß genug, mehr als genug.« Dann +entfernte er sich und die Versammlung ging auseinander.[79] + +Am 31. Januar wurde die so beendigte Privatdebatte im Hause der Peers +öffentlich wieder aufgenommen. Dieser Tag war zur Feier des +Nationaldankfestes bestimmt worden. Mehrere Bischöfe, darunter Ken und +Sprat, hatten für diese Gelegenheit ein besonderes Gebet abgefaßt. Es +ist vollkommen frei von Schmeicheleien wie von Gehässigkeiten, welche +derartige Erzeugnisse damals nur zu oft verunzierten und hält vielleicht +besser als irgend ein andres Gelegenheitsgebet, das seit zwei +Jahrhunderten verfaßt wurde, einen Vergleich mit jenem herrlichen Muster +reiner, erhabener und ergreifender Beredtsamkeit, mit dem allgemeinen +Gebetbuche aus. Die Lords gingen am Morgen in die Westminsterabtei. Die +Gemeinen hatten Burnet gebeten, in der Margarethenkirche vor ihnen zu +predigen. Von ihm hatte man nicht zu fürchten, daß er in den Fehler +verfallen werde, welcher den Tag vorher daselbst begangen worden war. +Sein kräftiger und lebendiger Vortrag fand gewiß lauten Beifall bei +seinen Zuhörern. Die Predigt wurde nicht allein auf Befehl des Hauses +gedruckt, sondern auch zur Erbauung fremder Protestanten ins +Französische übersetzt.[80] Der Tag wurde mit den bei solchen +Gelegenheiten üblichen Festlichkeiten beschlossen. Die ganze Stadt +strahlte von Feuerwerk und Freudenfeuern; der Kanonendonner und das +Glockengeläute dauerten bis tief in die Nacht hinein; aber ehe die +Lichter erloschen und die Straßen wieder still geworden waren, hatte ein +Ereigniß stattgefunden, das die Freude des Volks dämpfte. + + [Anmerkung 79: Dartmouth's Note zu Burnet, I. 393. Dartmouth sagt, + die Lords hätten Fagel diese Andeutung abgedrungen. Dies war ein + Schreibfehler, der in einer eilig hingeschriebenen Anmerkung wohl + zu entschuldigen ist; aber Dalrymple und Andere hätten einen so + auffallenden Fehler nicht abschreiben sollen. Fagel war am 5. Dec. + 1688, während sich Wilhelm in Salisbury und Jakob in Whitehall + befand, in Holland gestorben. Die richtige Person war vermuthlich + Dykvelt, Bentinck oder Zulestein, am wahrscheinlichsten Dykvelt.] + + [Anmerkung 80: Das Gebet sowohl als Burnet's Predigt sind noch in + unseren großen Bibliotheken zu finden und verdienen gelesen zu + werden.] + + +[_Debatte im Hause der Lords über die Frage der Thronerledigung._] Die +Peers hatten sich aus der Abtei in ihr Sitzungslokal begeben und die +Discussion über die Lage der Nation wieder aufgenommen. Die letzten +Worte des Beschlusses der Gemeinen wurden in Erwägung gezogen, und es +zeigte sich bald, daß die Majorität nicht gemeint war, diesen Worten +beizustimmen. Zu den nahe an fünfzig Lords, welche der Ansicht waren, +daß Jakob noch der Königstitel gebühre, kamen jetzt noch sieben bis +acht, welche behaupteten, daß derselbe schon auf Marien übergegangen +sei. Als die Whigs sahen, daß ihre Gegner ihnen an Zahl überlegen waren, +versuchten sie es, einen Vergleich zu Stande zu bringen. Sie schlugen +deshalb vor, die Worte, welche den Thron für erledigt erklärten, +wegzulassen und den Prinzen und die Prinzessin einfach zum König und zur +Königin zu proklamiren. Es war augenscheinlich, daß eine solche +Erklärung Alles was die Tories nicht zugestehen wollten, wenn nicht +ausdrücklich aussprach, doch in sich schloß. Denn Niemand konnte +behaupten, daß Wilhelm kraft des Geburtsrechts in das königliche Amt +eingetreten war. Ein Beschluß, der ihn als König anerkannte, wäre +demnach ein Wahlact gewesen, und wie konnte eine Wahl stattfinden ohne +Erledigung? + + +[_Die Majorität für die Verneinung._] Der Vorschlag der whiggistischen +Lords wurde mit zweiundfünfzig gegen siebenundvierzig Stimmen verworfen. +Dann wurde die Frage gestellt, ob der Thron erledigt sei. Hiermit waren +einverstanden einundvierzig, nicht einverstanden fünfundfünfzig. +Sechsunddreißig von der Minorität protestirten.[81] + + [Anmerkung 81: +Lords' Journals, Jan. 31. 1688/89+.] + + +[_Aufregung in London._] Während der beiden folgenden Tage war London in +einer unruhigen und angstvollen Stimmung. Die Tories begannen zu hoffen, +daß sie ihren Lieblingsplan einer Regentschaft mit besserem Erfolge +wieder zur Sprache würden bringen können. Vielleicht zog der Prinz +selbst, wenn er sah, daß er keine Aussicht hatte, die Krone zu tragen, +Sancroft's Plan, dem Plane Danby's vor. Es war allerdings besser, König +zu sein als Regent; aber Regent war immer noch besser als +Ceremonienmeister. Auf der andren Seite begann auch die niedere und +heftigere Klasse der Whigs, die ehemaligen Emissäre Shaftesbury's die +alten Bundesgenossen College's sich in der City zu regen. Volkshaufen +versammelten sich im Palasthofe und führten eine drohende Sprache. Lord +Lovelace, der im Verdacht stand, zu diesen Versammlungen aufgereizt zu +haben, kündigte den Peers an, daß er beauftragt sei, eine Petition zu +überreichen, in der sie aufgefordert würden, den Prinzen und die +Prinzessin von Oranien unverzüglich zum König und zur Königin zu +erklären. Auf die Frage, von wem die Petition unterzeichnet sei, +antwortete er: »Sie hat noch keine Unterschriften, wenn ich sie aber das +nächste Mal wieder mit hierher bringe, wird sie deren genug haben.« +Diese Drohung beunruhigte und verdroß seine eigne Partei. Die leitenden +Whigs waren in der That noch ängstlicher besorgt, als die Tories, daß +die Berathungen der Convention vollkommen frei seien und daß kein +Anhänger Jakob's behaupten könne, daß das eine oder das andre Haus unter +dem Einflusse eines Zwanges gehandelt habe. Eine ähnliche Petition wie +die von Lovelace überreichte, wurde auch im Hause der Gemeinen +vorgelegt, aber mit Verachtung zurückgewiesen. Maynard war der Erste, +der gegen den Versuch des Straßenpöbels, die Stände des Reichs +einzuschüchtern, protestirte. Wilhelm ließ Lovelace zu sich kommen, +setzte ihn sehr ernsthaft zur Rede und befahl den städtischen Behörden, +gegen alle ungesetzlichen Versammlungen kräftig einzuschreiten.[82] +Nichts in der Geschichte unsrer Revolution verdient mehr Bewunderung und +Nachahmung als die Art, wie sich die beiden Parteien der Convention +gerade in dem Augenblicke, wo ihr Streit am heftigsten war, wie ein Mann +zum Widerstand gegen die Vorschriften des Pöbels der Hauptstadt +verbanden. + + [Anmerkung 82: Citters, 5.(15.) Febr. 186 f.; +Diary, Feb. 2.+ In + dem Werke, +Revolution Politics+, einem höchst abgeschmackten + Buche, das aber als Sammlung der unsinnigen Tagesgerüchte einigen + Werth hat, übertreibt die Geschichte maßlos. -- +Grey's Debates+.] + + +[_Brief von Jakob an die Convention._] Obgleich aber die Whigs fest +entschlossen waren, die Ordnung aufrecht zu erhalten und die Freiheit +der Debatte zu achten, so waren sie doch nicht minder fest entschlossen, +kein Zugeständniß zu machen. Am Samstag, den 2. Februar beschlossen die +Gemeinen ohne Abstimmung, die ursprüngliche Fassung ihres Beschlusses +beizubehalten. Jakob kam wie immer seinen Feinden zu Hülfe. Eben war ein +Schreiben von ihm an die Convention angelangt. Der Apostat Melfort, der +jetzt in St.-Germain in hoher Gunst stand, hatte es Preston überbracht. +Der Name Melfort war jedem Anhänger der Staatskirche verhaßt. Daß er +noch immer ein vertrauter Diener Jakob's war, genügte an sich schon um +zu beweisen, daß die Thorheit und Verkehrtheit seines Gebieters +unheilbar waren. Kein Mitglied eines der beiden Häuser wagte es, die +Vorlesung eines von solcher Seite kommenden Schreibens zu beantragen. +Der Inhalt war jedoch der ganzen Stadt bekannt. Seine Majestät ermahnte +die Lords und Gemeinen, an seiner Milde nicht zu verzweifeln und +versicherte gnädigst, daß er Denen, die ihn verrathen hätten, verzeihen +wolle, einige Wenige ausgenommen, die er nicht nannte. War es wohl +möglich etwas für einen Fürsten zu thun, der besiegt, verlassen, +verbannt und von Almosen lebend, Denjenigen, in deren Hand sein +Schicksal lag, sagte, daß er, wenn sie ihn wieder auf den Thron setzten, +nur einige wenige von ihnen hängen lassen würde?[83] + + [Anmerkung 83: Jakob's Brief, vom 24. Jan. (3. Febr.) 1689 datirt, + findet sich bei Kennet. In Clarke's +Life of James+ ist er auf die + unredlichste Weise entstellt. Siehe +Clarendon's Diary, Feb. 2, + 4+; +Grey's Debates+; +Lords' Journals, Feb. 2, 4, 1688/89+.] + + +[_Debatte._] Der Streit zwischen den beiden Parteien der gesetzgebenden +Gewalt dauerte noch einige Tage. Montag, den 4. Februar, beschlossen die +Lords auf ihren Amendements zu beharren; aber es wurde ein mit +neununddreißig Namen unterzeichneter Protest in die Protokolle +eingetragen.[84] + + [Anmerkung 84: Es ist von mehrern Schriftstellern, unter anderen + von Ralph, und B. Mazure behauptet worden, Danby habe diesen + Protest unterzeichnet. Dies ist ein Irrthum. Wahrscheinlich las + Jemand, der die Protokolle vor dem Drucke durchsah, Danby für + Derby. +Lords' Journals, Feb. 4. 1688/89+. Einige Tage vorher + schrieb Evelyn fälschlich Derby anstatt Danby. Sein Tagebuch vom + 29. Jan. 1688/89.] + + +[_Unterhandlungen._] Am folgenden Tage beschlossen die Tories, ihre +Stärke im Unterhause zu versuchen. Sie erschienen in großer Anzahl und +es wurde der Antrag gestellt, den Amendements der Lords beizutreten. +Die, welche für Sancroft's Plan und die, welche für Danby's Plan waren, +stimmten miteinander; allein sie wurden mit zweihundertundachtzig gegen +hunderteinundfünfzig Stimmen geschlagen. Das Haus beschloß hierauf, um +eine freie Conferenz mit den Lords nachzusuchen.[85] + + [Anmerkung 85: +Commons' Journals, Feb. 5. 1688/89.+] + + +[_Schreiben der Prinzessin von Oranien an Danby._] Zu gleicher Zeit +wurden außerhalb der Mauern des Parlaments energische Anstrengungen +gemacht, um den Streit zwischen den beiden Zweigen der gesetzgebenden +Versammlung zu beendigen. Burnet glaubte es durch die Wichtigkeit der +Krisis gerechtfertigt, das ihm von der Prinzessin anvertraute große +Geheimniß zu veröffentlichen. Er wisse aus ihrem eigenen Munde, sagte +er, daß es schon längst ihr fester Entschluß sei, selbst wenn sie nach +der regelmäßigen Erbfolge auf den Thron gelangen sollte, mit Genehmigung +des Parlaments ihre Gewalt in die Hände ihres Gemahls niederzulegen. +Danby erhielt von ihr einen ernsten, fast harten Verweis. Sie sei die +Gattin des Prinzen, schrieb sie ihm, und hege keinen andren Wunsch als +ihm unterthan zu sein; man könne ihr keine schwerere Beleidigung +zufügen, als wenn man sie als seine Nebenbuhlerin darstelle und sie +könne Niemanden, der ein solches Verfahren einschlage, als ihren wahren +Freund betrachten.[86] + + [Anmerkung 86: +Burnet, I. 819.+] + + +[_Die Prinzessin Anna erklärt sich mit dem Whigplane einverstanden._] +Die Tories hatten noch eine Hoffnung. Anna konnte vielleicht auf ihren +eigenen und auf den Rechten ihrer Kinder bestehen. Es wurde keine Mühe +gespart, um ihren Ehrgeiz aufzustacheln und ihr Gewissen zu beunruhigen. +Ihr Oheim Clarendon war ganz besonders thätig. Erst wenige Wochen waren +vergangen, seitdem die Hoffnung auf Reichthum und Ansehen ihn bewogen +hatte, die pomphaft zur Schau getragenen Glaubensbekenntnisse seines +ganzen Lebens zu verleugnen, von dem Könige abzufallen, sich dem Wildman +und dem Ferguson anzuschließen und sogar vorzuschlagen, daß der König +als Gefangener in ein fremdes Land geschickt und in eine von ungesunden +Sümpfen umgebene Festung eingesperrt werden sollte. Der Köder, der diese +auffallende Sinnesveränderung bewirkt hatte, war das Vicekönigamt in +Irland. Bald zeigte es sich jedoch, daß der Proselyt wenig Aussicht +hatte, den glänzenden Preis, nach welchem sein Sinn strebte, zu +erringen. Er sah, daß Andere über die irländischen Angelegenheiten zu +Rathe gezogen wurden. Sein Rath wurde nie verlangt, und wenn er ihn +zudringlicherweise anbot, wurde er mit Kälte aufgenommen. Er begab sich +häufig in den St. Jamespalast, konnte aber kaum ein Wort oder einen +Blick erlangen. Das eine Mal schrieb der Prinz eben; ein ander Mal +sollte er frische Luft schöpfen und einen Spazierritt durch den Park +machen; das dritte Mal hatte er eine Conferenz mit Offizieren über +militairische Angelegenheiten und konnte Niemanden empfangen. Clarendon +sah nun, daß er keine Aussicht hatte, durch die Aufopferung seiner +Grundsätze etwas zu gewinnen, und er beschloß daher, zu denselben +zurückzukehren. Im December hatte der Ehrgeiz ihn zum Rebellen gemacht; +im Januar verwandelte Enttäuschung ihn wieder in einen Royalisten. Das +drückende Bewußtsein, daß er kein standhafter Tory gewesen war, verlieh +seinem Toryismus eine besondere Leidenschaftlichkeit.[87] Im Hause der +Lords hatte er Alles aufgeboten, um eine bestimmte Entscheidung zu +hintertreiben. Jetzt verwendete er seinen ganzen Einfluß zu demselben +Zwecke bei der Prinzessin Anna. Aber sein Einfluß auf sie war nur gering +im Vergleich mit dem der Churchill, welche wohlweislich zwei mächtige +Verbündete zu Hülfe nahmen: Tilletson, der als Gewissensrath damals ein +großes Ansehen genoß, und Lady Russel, deren edle und liebenswürdige +Tugenden, welche die schwerste aller Prüfungen bestanden, ihr den Ruf +einer Heiligen erworben hatten. Bald ward es bekannt, daß die Prinzessin +von Dänemark ihre Einwilligung zu Wilhelm's lebenslänglicher Regierung +zu geben geneigt war, und es lag auf der Hand, daß es ein vergebliches +Beginnen gewesen wäre, die Sache der Töchter Jakob's gegen sie selbst zu +vertheidigen.[88] + + [Anmerkung 87: +Clarendon's Diary, Jan. 1, 4, 8, 9, 10, 11, 12, + 13, 14, 1688/89; Burnet, I. 807.+] + + [Anmerkung 88: +Clarendon's Diary, Feb. 5. 1688/89; Duchess of + Marlborough's Vindication; Mulgrave's Account of the Revolution.+] + + +[_Wilhelm spricht seine Absichten aus._] Jetzt glaubte Wilhelm, die Zeit +sei gekommen, wo er sich aussprechen müsse. Er berief daher Halifax, +Danby, Shrewsbury und einige andere politische Parteihäupter von hohem +Ansehen zu sich und richtete mit dem stoischen Gleichmuth, unter dem er +von Kindheit auf seine stärksten Gefühlsregungen zu verbergen pflegte, +einige tief durchdachte und gewichtige Worte an sie. + +Er habe bis jetzt geschwiegen, sagte er, und weder Bitten noch Drohungen +angewendet, ja nicht einmal eine Andeutung über seine Ansichten oder +Wünsche laut werden lassen; jetzt aber sei der entscheidende Augenblick +gekommen, wo er seine Absichten offen erklären müsse. Er habe weder das +Recht, noch den Wunsch, der Convention Vorschriften zu machen. Er +beanspruche weiter nichts als das Vorrecht, jedes Amt, das er nach +seiner Überzeugung nicht mit Ehren für sich und zum Wohle des Staats +würde verwalten können, ablehnen zu dürfen. + +Eine starke Partei sei für eine Regentschaft. Die beiden Häuser hätten +darüber zu entscheiden, ob eine solche Einrichtung dem Vaterlande zum +Heile gereichen könne. Seine Meinung über diesen Punkt stehe fest und er +halte es für nöthig, mit Bestimmtheit zu erklären, daß er für seine +Person nicht Regent werden möchte. + +Eine andre Partei wünsche die Prinzessin auf den Thron zu erheben und +ihm auf Lebenszeit den Königstitel und denjenigen Antheil an der +Regierung zu gewähren, den sie ihm freiwillig zugestehen würde. Zu einer +solchen Stellung könne er sich nicht herablassen. Er achte die +Prinzessin so hoch, als nur irgend ein Mann ein Weib achten könne, aber +selbst aus ihren Händen werde er eine untergeordnete und unsichere +Stellung bei der Regierung nicht annehmen. Es liege einmal nicht in +seiner Natur, daß er sich an die Schürzenbänder auch der besten Frau +knüpfen lassen könne. Er dränge sich durchaus nicht danach, in der +englischen Geschichte eine Rolle zu spielen, wenn er aber einwillige, +eine solche Rolle zu übernehmen, so gebe es nur eine, die er mit Nutzen +oder mit Ehren übernehmen könne. Wenn die Stände ihm die Krone auf +Lebenszeit anböten, so würde er sie annehmen, wo nicht, würde er, ohne +sich zu grämen, in sein Vaterland zurückkehren. Er schloß mit den +Worten, er halte es für recht und billig, daß Lady Anna und ihre +Nachkommen allen Kindern, die ihm eine andre Frau als Lady etwa schenken +möchte, in der Thronfolge vorgezogen würden.[89] + +Die Versammlung trennte sich und binnen wenigen Stunden war die Rede des +Prinzen in ganz London bekannt. Daß er König werden mußte, war jetzt +klar. Die einzige Frage war nur noch, ob er die königliche Würde allein +oder mit der Prinzessin gemeinschaftlich bekleiden sollte. Halifax und +einige andere Staatsmänner, welche die Gefahr einer Theilung der +höchsten Executivgewalt in grellem Lichte erblickten, hielten es für +wünschenswerth, daß Marie, so lange Wilhelm lebte, nur Königsgemahlin +und Unterthanin sein sollte. Obgleich sich viel zu Gunsten eines solchen +Arrangements sagen ließ, so beleidigte sie doch das Gefühl selbst +derjenigen Engländer, welche dem Prinzen am meisten ergeben waren. Seine +Gemahlin hatte ihm einen beispiellosen Beweis von ehelicher Unterwerfung +und Liebe gegeben, und die geringste Vergeltung dafür von seiner Seite +war die Verleihung der Würde einer regierenden Königin. Wilhelm Herbert, +einer der wärmsten Anhänger des Prinzen, war so entrüstet, daß er aus +dem Bette sprang, an das die Gicht ihn fesselte, und mit Heftigkeit +erklärte, daß er nie für Seine Hoheit das Schwert gezogen haben würde, +wenn er geahnet hätte, daß eine so schmachvolle Anordnung getroffen +werden solle. Niemand aber zeigte sich so gereizt über die Sache als +Burnet. Sein Blut kochte bei dem Gedanken an das seiner gütigen +Beschützerin zugefügte Unrecht. Er gerieth in einen heftigen Streit mit +Bentinck und bat um Enthebung von seinem Kaplanposten. »So lange ich ein +Diener Seiner Hoheit bin,« sagte der wackere, rechtschaffene Geistliche, +»würde es mir nicht geziemen, einen Plan zu bekämpfen, der vielleicht +seinen Beifall hat. Ich wünsche daher, meine Freiheit wieder zu +erhalten, um mit allen mir von Gott verliehenen Kräften für die +Prinzessin zu kämpfen.« Bentinck bewog ihn, eine offene Kriegserklärung +so lange aufzuschieben, bis Wilhelm's Entschließungen näher bekannt sein +würden. In wenigen Stunden war der Plan, der so viel böses Blut gemacht +hatte, völlig aufgegeben, und alle Diejenigen, welche Jakob nicht mehr +als König betrachteten, stimmten in der Art der Wiederbesetzung des +Thrones überein. Wilhelm und Marie mußten König und Königin werden; die +Münzen mußten beider Brustbilder zeigen, die Regierungsdecrete mußten in +beider Namen erlassen werden, beide mußten alle persönlichen Ehren und +Privilegien der Königswürde genießen; aber die Verwaltung, welche nicht +füglich getheilt werden konnte, mußte Wilhelm allein bleiben.[90] + + [Anmerkung 89: +Burnet, I. 820.+ Burnet sagt, er habe die + Ereignisse dieser bewegten Zeit nicht in chronologischer Ordnung + berichtet. Ich mußte sie daher nach meinen eigenen Muthmaßungen + ordnen, glaube aber kaum mich zu irren, wenn ich annehme, daß das + Schreiben der Prinzessin in der Zeit zwischen Donnerstag den 31. + Jan. und Mittwoch den 6. Febr. ankam und auch der Prinz die + Erklärung über seine Absichten kund gab.] + + [Anmerkung 90: +Mulgrave's Account of the Revolution.+ In den + ersten drei Ausgaben habe ich diesen Vorgang unrichtig erzählt. + Die Schuld lag größtentheils an mir selbst, zum Theil aber auch an + Burnet, dessen nachlässiger Gebrauch des Fürworts »er« mich + irreführte. +Burnet I. 858.+] + + +[_Die Conferenz zwischen den beiden Häusern._] Inzwischen war die zu der +freien Conferenz zwischen den Häusern festgesetzte Zeit herangekommen. +Die Wortführer der Lords nahmen in vollem Ornat ihre Sitze auf der einen +Seite der Tafel im sogenannten gemalten Saale (+painted chamber+) ein; +aber auf der andren Seite drängte sich eine so große Anzahl von +Mitgliedern des Hauses der Gemeinen, daß die Herren, welche die Frage +erörtern sollten, nicht hindurchkommen konnten. Nicht ohne große +Schwierigkeit und erst nach geraumer Zeit gelang es dem Stabträger, +ihnen einen Weg zu bahnen.[91] + +Endlich begann die Verhandlung. Die bei dieser Gelegenheit gehaltenen +Reden sind vollständig auf uns gekommen. Es wird wenige +Geschichtsforscher geben, welche den Bericht darüber nicht mit +gespannter Neugierde zur Hand genommen und mit getäuschten Erwartungen +wieder bei Seite gelegt hätten. Die zwischen den beiden Häusern +obschwebende Streitfrage wurde von beiden Theilen als eine Rechtsfrage +behandelt. Die Einwürfe der Lords gegen den Beschluß der Gemeinen waren +formeller und technischer Art, ebenso auch die Entgegnungen. Somers +vertheidigte den Gebrauch des Wortes Abdication durch Citate aus Grotius +und Brissonius, Spigelius und Bartolus. Als er aufgefordert wurde, eine +Autorität für die Behauptung anzuführen, daß England ohne Souverain sein +könne, legte er die Parlamentsprotokolle vom Jahre 1399 vor, in denen +ausdrücklich gesagt war, daß der Thron in der Zeit zwischen der +Abdankung Richard's II. und der Thronbesteigung Heinrich's IV. vakant +gewesen sei. Die Lords führten zur Widerlegung die Parlamentsprotokolle +vom ersten Regierungsjahre Eduard's IV. an, aus denen hervorging, daß +die Urkunde von 1399 feierlich annullirt worden war. Sie behaupteten +daher, der Precedenzfall, auf den Somers sich stützte, habe keine +Gültigkeit mehr. Treby kam nun Somers zu Hülfe und legte die +Parlamentsacten vom ersten Regierungsjahre Heinrich's VII. vor, welche +die Acte Eduard's IV. aufhoben und demnach die Gültigkeit der Urkunde +vom Jahre 1399 wiederherstellten. Nach einer mehrstündigen Discussion +trennten sich die Disputanten.[92] Die Lords versammelten sich in ihrem +Sitzungslokale. Man wußte sehr wohl, daß sie auf dem Punkte standen, +nachzugeben und daß die Conferenz eine bloße Formalität gewesen war. Die +Freunde Mariens hatten eingesehen, daß sie sie tief gekränkt hatten, +indem sie sie als Nebenbuhlerin ihres Gemahls hingestellt. Einige von +den Peers, welche früher für eine Regentschaft gestimmt hatten, waren +entschlossen, wegzubleiben oder den Beschluß des Unterhauses zu +unterstützen. Sie sagten, ihre Ansicht habe sich nicht geändert, aber +eine Regierung sei immer besser als gar keine und die Nation könne eine +Verlängerung dieser qualvollen Ungewißheit nicht ertragen. Selbst +Nottingham, der im gemalten Saale die Discussion gegen die Gemeinen +geleitet hatte, erklärte, sein Gewissen erlaube ihm zwar nicht, +nachzugeben, es freue ihn aber, daß die Gewissen Anderer nicht so +ängstlich seien. Mehrere Lords, die in der Convention noch nicht mit +abgestimmt hatten, waren bewogen worden zu erscheinen; so Lord +Lexington, der eben in aller Eil vom Continent herübergekommen war, der +halb wahnsinnige Earl von Lincoln, der an Krücken gehende Earl von +Carlisle, und der Bischof von Durham, der sich verborgen gehalten, um +über das Meer zu flüchten, aber den Wink erhalten hatte, daß sein +Benehmen in der kirchlichen Commission nicht gegen ihn geltend gemacht +werden sollte, wenn er für die Feststellung der Regierung stimmen würde. +Danby, welcher die von ihm verursachte Spaltung zu heilen wünschte, +mahnte das Haus in einer Rede, die seine gewöhnlichen Vorträge an +Genialität noch übertraf, einen Kampf nicht länger fortzusetzen, der dem +Staate verderblich werden könne. Halifax unterstützte ihn kräftig. Der +Muth der Gegner war gebrochen. + + [Anmerkung 91: +Commons' Journals, Febr. 6. 1688/89.+] + + [Anmerkung 92: Siehe +Lords' and Commons' Journals, Feb. 6. + 1688/89+ und den Bericht über die Conferenz.] + + +[_Die Lords geben nach._] Als die Frage gestellt wurde, ob König +Jakob die Regierung niedergelegt habe, sagten nur drei Lords +Nichteinverstanden. Über die Frage, ob der Thron erledigt sei, wurde die +Abstimmung verlangt, und es ergaben sich zweiundsechzig Einverstandene +und siebenundvierzig Nichteinverstandene. Unmittelbar darauf wurde der +Antrag gestellt und ohne Abstimmung angenommen, daß der Prinz und die +Prinzessin von Oranien zum König und zur Königin von England erklärt +werden sollten.[93] + +Nottingham trug nun darauf an, daß die Fassung des Unterthaneneides und +des Supremateides dergestalt abgeändert werden möchte, daß auch +Diejenigen ihn mit gutem Gewissen leisten könnten, die, wie er selbst, +den Beschluß der Convention mißbilligten, sich aber dennoch vorgenommen +hätten, loyale und gehorsame Unterthanen der neuen Souveraine zu sein. +Gegen diesen Antrag wurde kein Einwurf erhoben. Es kann allerdings kaum +bezweifelt werden, daß die Whigführer und diejenigen toryistischen +Lords, deren Stimmen bei der letzten Abstimmung den Ausschlag gegeben, +sich vorher über diesen Punkt verständigt hatten. Die neuen Eidformeln +wurden den Gemeinen zu gleicher Zeit mit dem Beschlusse, daß der Prinz +und die Prinzessin von Oranien als König und Königin proklamirt werden +sollten, zugesandt.[94] + + [Anmerkung 93: +Lords' Journals, Feb. 6. 1688/89; Clarendon's + Diary; Burnet, I. 822+, und Dartmouth's Note; Citters, 8.(18.) + Febr. In Betreff der Zahlen habe ich mich an Clarendon gehalten. + Einige Schriftsteller geben die Majorität kleiner, andere größer + an.] + + [Anmerkung 94: +Lords' Journals, Feb. 6, 7. 1688/89; Clarendon's + Diary.+] + + +[_Es werden neue Gesetze zur Sicherung der Freiheit vorgeschlagen._] Man +wußte nun, wem die Krone verliehen werden sollte. Jetzt waren noch die +Bedingungen der Verleihung zu bestimmen. Die Gemeinen hatten einen +Ausschuß ernannt, welcher die zweckmäßig erscheinenden Schritte zur +Sicherung des Gesetzes und der Freiheit gegen die Angriffe zukünftiger +Regenten erwägen sollte, und der Ausschuß hatte einen Bericht +erstattet.[95] Dieser Bericht empfahl erstens, daß die großen Prinzipien +der Verfassung, welche der entthronte König verletzt hatte, feierlich +bestätigt und daß zweitens verschiedene neue Gesetze zur Beschränkung +der Prärogative und zur Läuterung der Justizpflege erlassen werden +sollten. Die meisten Vorschläge des Ausschusses waren vortrefflich, aber +es war schlechterdings unmöglich, daß die Häuser in einem Monate, und +selbst in einem Jahre so zahlreiche, so mannichfaltige und so wichtige +Angelegenheiten erledigen konnten. Es war unter andrem vorgeschlagen, +daß die Miliz neu organisirt, das Recht des Souverains, die Parlamente +zu prorogiren und aufzulösen, beschränkt und die Dauer der Parlamente +begrenzt werden sollte; daß bei einer parlamentarischen Anklage keine +Berufung an die königliche Gnade mehr zulässig sein, daß den +protestantischen Dissenters Duldung gewährt, daß das Verbrechen des +Hochverraths genauer bestimmt, daß Hochverrathsprozesse in einer die +Unschuld mehr schützenden Weise geführt, daß die Richter auf Lebenszeit +angestellt, daß die Ernennungsart der Sheriffs abgeändert werden, daß +die Wahl der Geschwornen hinfüro in einer Weise stattfinden sollte, +welche Parteilichkeit und Bestechung ausschloß, daß der Gebrauch, bei +der Kings Bench Criminalklagen anhängig zu machen, abgeschafft, daß der +Kanzleigerichtshof reformirt, daß die Gebühren der öffentlichen Beamten +regulirt und daß die Quo-Warranto-Acte verbessert werden sollte. Es war +augenscheinlich, daß eine umsichtige und besonnene Gesetzgebung über +diese Gegenstände das Werk mehr als einer geschäftsreichen Session sein +mußte, und eben so augenscheinlich war es, daß eine übereilte und +unreife Gesetzgebung über so wichtige Dinge neue Mißstände erzeugen +würde, schlimmer als die, welche sie vielleicht beseitigen konnte. Wenn +der Ausschuß alle die Reformen aufzählen wollte, welche vor der +Wiederbesetzung des Thrones bewerkstelligt werden mußten, so war die +Liste unsinnig lang. Wollte er dagegen eine Liste aller Reformen geben, +welche die gesetzgebende Versammlung zur geeigneten Zeit durchführen +sollte, so war die Liste sehr unvollständig. Sobald der Bericht +vorgelesen war, erhob sich in der That ein Mitglied nach dem andren, um +einen Zusatz zu beantragen. Es wurde vorgeschlagen und angenommen, daß +der Stellenverkauf verboten, die Habeascorpusacte wirksamer gemacht und +das Gesetz über die +Mandamus+[96] revidirt werden sollte. Der eine +Gentleman griff die Herdgeldeinnehmer, ein andrer die Acciseeinnehmer +an, und das Haus beschloß, daß den Mißbräuchen dieser beiden +Beamtenklassen ein Ziel gesetzt werden sollte. Ein höchst merkwürdiger +Umstand ist es, daß, während das ganze militairische, gerichtliche und +fiskalische System so durchgemustert wurde, kein einziger Volksvertreter +die Aufhebung des Gesetzes beantragte, welches die Presse einer Censur +unterwarf. Selbst die aufgeklärtesten Männer begriffen damals noch +nicht, daß die Freiheit der Discussion die Hauptschutzwehr aller anderen +Freiheiten ist.[97] + + [Anmerkung 95: +Commons' Journals, Jan. 29., Feb. 2. 1688/89.+] + + [Anmerkung 96: Die Befehle der Kings Bench an untergeordnete + Gerichte, so genannt nach dem Anfangsworte. Der Übersetzer.] + + [Anmerkung 97: +Commons' Journals, Feb. 2. 1688/89.+] + + +[_Streitigkeiten und Vergleich._] Das Haus war in großer Verlegenheit. +Einige Redner erklärten mit Heftigkeit, man habe schon zu viel Zeit +verloren und die Regierung müsse ohne noch einen einzigen Tag zu säumen, +festgestellt werden. Die Gesellschaft sei besorgt, der Verkehr stocke, +der englischen Colonie in Irland drohe die Gefahr des Untergangs, ein +auswärtiger Krieg stehe zu befürchten, der verbannte Tyrann könne binnen +wenigen Wochen mit einer französischen Armee in Dublin sein und von +Dublin aus könne er bald nach Chester übersetzen. Sei es nicht +wahnsinnig, in einer so kritischen Zeit den Thron unbesetzt zu lassen, +und während die ganze Existenz der Parlamente gefährdet sei, die Zeit +mit Debattirung über die Frage zu vergeuden, ob die Parlamente durch den +Souverain oder durch sich selbst prorogirt werden sollten? Auf der +andren Seite wurde gefragt, ob die Convention ihre Aufgabe damit gelöst +zu haben glaube, daß sie einen Fürsten vom Throne gestürzt und einen +andren auf denselben erhoben habe? Gewiß, jetzt oder nie sei es Zeit, +die öffentliche Freiheit durch Schutzwehren zu sichern, welche den +Übergriffen der Prärogative wirksam vorbeugen könnten.[98] Die auf +beiden Seiten geltend gemachten Gründe waren ohne Zweifel von großem +Gewicht. Die talentvollsten Führer der Whigpartei, unter denen Somers +rasch einen großen Einfluß erlangte, schlugen einen Mittelweg vor. Das +Haus, sagten sie, habe zwei Ziele im Auge, welche streng von einander +geschieden werden müßten. Das eine Ziel sei die Sicherung der alten +Verfassung des Reichs gegen ungesetzliche Angriffe, das andre die +Verbesserung dieser Verfassung durch gesetzliche Reformen. Das erstere +Ziel könne dadurch erreicht werden, daß man den Anspruch der englischen +Nation auf ihre alten Freiheiten durch Aufnahme in den Beschluß, welcher +die neuen Souveraine auf den Thron erhob, feierlich verbriefe, so daß +der König seine Krone und das Volk seine Rechte kraft einer und der +nämlichen Urkunde besitze. Der letztere Gegenstand werde einen ganzen +Band sorgfältig ausgearbeiteter Gesetze erfordern. Der erstere Zweck +könne in einem Tage, der zweite kaum in fünf Jahren erreicht werden. +Über jenen seien alle Parteien einig; über diesen herrsche große +Meinungsverschiedenheit. Kein Mitglied beider Häuser werde einen +Augenblick zögern dafür zu stimmen, daß der König die Steuern nicht ohne +Bewilligung des Parlaments erheben dürfe; aber es werde schwerlich ein +neues Gesetz über das Verfahren in Hochverrathsprozessen entworfen +werden können, das nicht lange Debatten hervorrufen und von dem Einen +als ungerecht gegen den Angeklagten, von dem Andren als ungerecht gegen +die Krone verworfen werden würde. Die Aufgabe einer außerordentlichen +Versammlung der Stände des Reiches sei nicht, die gewöhnlichen Arbeiten +eines Parlaments zu erledigen, die Gebühren des Kanzleigerichts zu +reguliren, und den ungesetzlichen Forderungen der Visitatoren +vorzubeugen, sondern vielmehr die große Regierungsmaschine wieder in +Gang zu bringen. Wenn dies geschehen sei, dann würde es an der Zeit sein +zu fragen, welcher Verbesserungen unsere Institutionen bedürften, auch +habe diese Verzögerung durchaus keine Gefahr, denn ein Souverain, der +lediglich durch die Wahl der Nation regiere, könne einer Verbesserung, +welche die Nation durch das Organ ihrer Vertreter verlange, seine +Zustimmung unmöglich lange verweigern. + +Aus diesen Gründen beschlossen die Gemeinen mit weiser Vorsicht, alle +Reformen so lange aufzuschieben, bis die alte Verfassung des Reichs in +allen ihren Theilen wiederhergestellt sein würde und unverzüglich den +Thron zu besetzen, ohne Wilhelm und Marien eine andre Verpflichtung +aufzulegen, als daß sie den bestehenden Gesetzen Englands gemäß +regierten. Damit die zwischen den Stuarts und der Nation streitig +gewesenen Fragen nie wieder aufgeregt werden möchten, wurde beschlossen, +daß das Instrument, durch welches der Prinz und die Prinzessin von +Oranien auf den Thron berufen und die Thronfolgeordnung festgestellt +wurde, die Grundprinzipien der Verfassung auf das Bestimmteste und +Feierlichste darlegen sollte. + + [Anmerkung 98: +Grey's Debates+; +Burnet, I. 822.+] + + +[_Die Rechtserklärung._] Diese unter der Bezeichnung »Rechtserklärung« +bekannte Urkunde wurde durch einen Ausschuß, in welchem Somers den +Vorsitz führte, entworfen. Daß dieser junge Advokat von niederer +Herkunft schon zehn Tage, nachdem er zum ersten Male im Hause der +Gemeinen gesprochen, zu einem so ehrenvollen und wichtigen Posten in +einem mit geschickten und erfahrenen Männern gefüllten Parlamente +ernannt wurde, beweist zur Genüge die Überlegenheit seines Geistes. In +wenigen Stunden war die Erklärung entworfen und von den Gemeinen +gebilligt. Die Lords nahmen sie ebenfalls mit einigen unwesentlichen +Abänderungen an.[99] + +Die Erklärung begann mit einer Aufzählung der Verbrechen und Fehler, +welche eine Revolution nothwendig gemacht hatten. Jakob habe in das +Gebiet der Gesetzgebung eingegriffen, er habe bescheidenes Petitioniren +als Verbrechen behandelt, habe die Kirche durch ein gesetzwidriges +Tribunal tyrannisirt, habe ohne Zustimmung des Parlaments Steuern +erhoben und in Friedenszeiten ein stehendes Heer unterhalten, habe die +Wahlfreiheit verletzt und den Gang der Rechtspflege willkürlich +abgeändert. Handlungen, welche nach dem Gesetz nur vom Parlament +untersucht werden könnten, wären zu Klagobjecten bei der Kings Bench +gemacht worden. Es seien parteiische und bestochene Geschworne ernannt, +von Gefangenen übermäßig hohe Kautionen verlangt, barbarische und +ungebräuchliche Strafen verhängt und das Vermögen von Angeklagten noch +vor ihrer Überführung anderweitig vergeben worden. Der Mann, unter +dessen Autorität dies Alles geschehen sei, habe die Regierung +niedergelegt. Der Prinz von Oranien, den Gott zum ruhmvollen Werkzeuge +der Befreiung der Nation von Aberglauben und Tyrannei berufen, habe die +Stände des Reichs aufgefordert, zusammenzutreten und sich über die +Sicherung der Religion, des Gesetzes und der Freiheit zu berathen. Nach +stattgefundener Berathung hatten die Lords und die Gemeinen beschlossen, +zuerst nach dem Beispiele ihrer Vorfahren die alten Rechte und +Freiheiten Englands zu bestätigen. Es werde demgemäß erklärt, daß die +neuerdings angemaßte und ausgeübte Dispensationsgewalt gesetzlich nicht +bestehe, daß der Souverain ohne Bewilligung des Parlaments von dem +Unterthan kein Geld erheben dürfe und daß ohne Zustimmung des Parlaments +in Friedenszeiten kein stehendes Heer gehalten werden könne. Das +Petitionsrecht der Unterthanen, das Recht der Wahlmänner, die +Volksvertreter nach ihrem freien Ermessen zu wählen, das Recht der +Parlamente auf Freiheit der Discussion und das Recht der Nation auf eine +reine und schonende, dem Geiste ihrer eigenen milden Gesetze +entsprechende Ausübung der Rechtspflege werde feierlich anerkannt und +bestätigt. Alle diese Dinge verlange die Convention im Namen der ganzen +Nation als das unbestreitbare Erbtheil der Engländer. Nachdem die Lords +und Gemeinen so die Grundprinzipien der Verfassung gewahrt, hätten sie +in dem festen Vertrauen, daß der Befreier die von ihm geretteten Gesetze +und Freiheiten heilig halten werde, beschlossen, daß Wilhelm und Marie, +Prinz und Prinzessin von Oranien, auf gemeinsame und einzelne Lebenszeit +zum König und zur Königin von England erklärt werden und daß während der +Dauer ihres gemeinsamen Lebens die Verwaltung der Regierung dem Prinzen +allein zustehen solle. Nach ihnen sollte die Krone der Nachkommenschaft +Mariens, dann der Prinzessin Anna und ihrer Nachkommenschaft, und dann +der Nachkommenschaft Wilhelm's zufallen. + + [Anmerkung 99: +Commons' Journals. Feb. 4, 8, 11, 12.: Lords' + Journals. Feb. 9, 11, 12. 1688/89.+] + + +[_Ankunft Mariens._] Inzwischen hatte der Wind aufgehört, aus Westen zu +wehen. Das Schiff, an dessen Bord sich die Prinzessin von Oranien +befand, lag am 11. Februar auf der Höhe von Margate und am folgenden +Morgen ging es bei Greenwich vor Anker.[100] Marie wurde mit vielen +Äußerungen der Freude und Zuneigung empfangen; aber ihr Benehmen +verletzte die Tories und wurde selbst von den Whigs nicht für tadellos +gehalten. Eine junge Frau, welche durch ein so trauriges und +verhängnisvolles Geschick wie das, welches über den fabelhaften Häusern +des Labdacus und Pelops waltete, in eine solche Lage versetzt worden +war, daß sie, ohne ihre Pflichten gegen Gott, gegen ihren Gemahl und +gegen ihr Vaterland zu verletzen, sich nicht weigern konnte, den Thron +einzunehmen, von dem so eben ihr Vater herabgestürzt worden war, hatte +betrübt oder wenigstens ernst gestimmt sein sollen. Marie aber war nicht +blos heiter, sondern sogar ausgelassen lustig. Es wurde versichert, sie +habe Whitehall mit einer kindischen Freude darüber, daß sie nun die +Herrin eines so schönen Schlosses sein sollte, betreten, sei durch alle +Zimmer gelaufen, habe in alle Nebenkabinette geblickt und selbst die +Kissen des Staatsbettes untersucht, ohne, wie es schien, daran zu +denken, wer diese prachtvollen Gemächer zuletzt bewohnt hatte. Burnet, +der sie bis dahin als einen Engel in Menschengestalt betrachtet hatte, +konnte bei dieser Gelegenheit nicht umhin, sie zu tadeln. Er war um so +mehr erstaunt über ihr Benehmen, da sie an dem Tage, als er im Haag von +ihr Abschied nahm, wenn auch fest überzeugt, daß sie den Pfad der +Pflicht ging, doch sehr niedergeschlagen gewesen war. Später erklärte +sie ihm, als ihrem Gewissensrath, ihr damaliges Benehmen. Wilhelm hatte +ihr geschrieben, daß einige von Denen, welche ihr Interesse von dem +seinigen zu trennen versucht hatten, ihre Machinationen noch immer +fortsetzten; sie hätten ausgesprengt, daß sie sich für beeinträchtigt +halte, und wenn sie daher ein betrübtes Gesicht zeigte, so würde dies +dem Gerede Grund geben. Er bat sie daher, bei ihrem ersten Erscheinen +heiter und vergnügt auszusehen. Ihr Herz, sagte sie, sei allerdings von +der Heiterkeit weit entfernt gewesen; aber sie habe ihr Möglichstes +gethan und aus Besorgniß, daß sie eine ihren Gefühlen widerstreitende +Rolle nicht gut werde durchführen können, habe sie dieselbe übertrieben. +Ihr Benehmen rief ganze Riese von Spottschriften in Prosa und in Versen +hervor; sie verlor dadurch in der Meinung einiger Personen, auf deren +Achtung sie Werth legte, und die Welt erfuhr erst, nachdem sie dem +Bereiche des Lobes und des Tadels entrückt war, daß das Benehmen, das +ihr den Vorwurf des Leichtsinns und der Gefühllosigkeit zugezogen hatte, +in Wirklichkeit ein seltener Beweis von der vollkommenen +Uneigennützigkeit und Hingebung war, deren der Mann gar nicht fähig zu +sein scheint und die man nur zuweilen bei dem Weibe findet.[101] + + [Anmerkung 100: +London Gazette, Feb. 14. 1688/89+; Citters, + 12.(22.) Febr.] + + [Anmerkung 101: +Duchess of Marlborough's Vindication+; +Review of + the Vindication; Burnet, I. 781, 825+, und Dartmouth's Note; + +Evelyn's Diary, Feb. 21. 1688/89.+] + + +[_Anbietung und Annahme der Krone._] Am Mittwoch den 13. Februar Morgens +waren der Hof von Whitehall und alle benachbarten Straßen mit +Neugierigen angefüllt. Das prächtige Bankethaus, das Meisterstück +Inigo's und mit Meisterwerken von Rubens ausgeschmückt, war zu einer +großen Ceremonie hergerichtet. Die Wände entlang war die Leibgarde +aufgestellt. Zur Rechten unweit des nördlichen Eingangs hatte sich eine +große Anzahl Peers versammelt. Zur Linken standen die Gemeinen mit ihrem +Sprecher und dem Scepterträger. Die südliche Thür wurde geöffnet und der +Prinz und die Prinzessin von Oranien traten zusammen ein und nahmen +unter dem Thronhimmel Platz. + +Beide Häuser kamen nun mit tiefen Verbeugungen näher. Wilhelm und Marie +gingen ihnen einige Schritte entgegen. Halifax und Powle, jener zur +Rechten, dieser zur Linken, traten vor und Halifax sprach. Die +Convention, sagte er, habe sich zu einem Beschlusse geeinigt, den er +Ihre Hoheiten anzuhören bitte. Sie gaben ihre Einwilligung und der +Schriftführer des Oberhauses las mit lauter Stimme die Rechtserklärung +vor. Als er geendet hatte, bat Halifax den Prinzen und die Prinzessin im +Namen aller Stände des Reichs, die Krone anzunehmen. + +Wilhelm antwortete für sich und seine Gemahlin, daß die Krone in ihren +Augen einen um so höheren Werth habe, weil sie ihnen als ein Zeichen des +Vertrauens der Nation angeboten werde. »Wir nehmen das, was Sie uns +angeboten haben, dankend an,« sagte er, und versicherte dann für seine +Person, daß die Gesetze Englands, die er schon einmal vertheidigt, die +Richtschnur seines Verhaltens sein sollten, daß er sich bestreben werde, +das Wohl des Landes zu fördern, daß er über die Mittel und Wege dazu +stets den Rath der beiden Häuser einholen und auf ihr Urtheil mehr geben +werde, als auf sein eignes.[102] Diese Worte wurden mit einem +Beifallssturme aufgenommen, den man unten auf den Straßen hörte und auf +den alsbald ein tausendstimmiges Hurrah antwortete. Die Lords und +Gemeinen verließen hierauf unter den gebührenden Ehrfurchtsbezeigungen +das Bankethaus und begaben sich in feierlichem Zuge nach dem +Haupteingange von Whitehall, wo die Herolde und Staatsboten in ihren +prächtigen Wappenröcken warteten. + + [Anmerkung 102: +Lords' und Commons' Journals, Feb. 14. 1688/89+; + Citters, 15.(25.) Febr. Citters legt Wilhelm noch stärkere + Äußerungen von Achtung vor der Autorität des Parlaments in den + Mund, als sie in den Protokollen stehen; aus Powle's Reden aber + ergibt es sich, daß die Angabe in den Protokollen nicht ganz + richtig war.] + + +[_Wilhelm und Marie werden ausgerufen._] Die ganze Strecke bis Charing +Croß war ein Meer von Köpfen. Die Pauken erdröhnten, die Trompeten +schmetterten und der Wappenkönig proklamirte mit lauter Stimme den +Prinzen und die Prinzessin von Oranien als König und Königin von +England, forderte alle Engländer auf, von diesem Augenblicke an den +neuen Souverainen Treue und Gehorsam zu schenken und bat den Himmel, der +schon eine so augenfällige Befreiung unsrer Kirche und unsrer Nation +herbeigeführt, daß er Wilhelm und Marien mit einer langen und +glücklichen Regierung segnen möchte.[103] + + [Anmerkung 103: +London Gazette, Feb. 14. 1688/89; Lords'+ und + +Commons' Journals, Feb. 13+; Citters, 15.(25.) Febr.; +Evelyn's + Diary, Feb. 21.+] + + +[_Eigenthümlicher Character der englischen Revolution._] Die englische +Revolution war somit vollendet. Wenn wir sie mit den Revolutionen +vergleichen, welche während der letzten sechzig Jahre so manche +Regierung gestürzt haben, so muß uns ihr eigenthümlicher Character +nothwendig auffallen. Warum dieser Character so eigenthümlich war, ist +leicht zu erklären, scheint aber doch von Lobrednern wie von Tadlern +nicht immer begriffen worden zu sein. + +Die festländischen Revolutionen des achtzehnten und neunzehnten +Jahrhunderts fanden in Ländern statt, wo jede Spur der beschränkten +Monarchie des Mittelalters längst verwischt war. Das Recht des Fürsten, +Gesetze zu machen und Geld zu erheben, war seit vielen Generationen +nicht bestritten worden. Sein Thron wurde durch ein großes stehendes +Heer beschützt. Seine Verwaltung konnte ohne die größte Gefahr, selbst +in den wildesten Ausdrücken nicht getadelt werden. Die persönliche +Freiheit seiner Unterthanen hing lediglich von seinem Willen ab. Es gab +keine einzige Institution mehr, die, soweit die ältesten Leute +zurückdenken konnten, den Unterthan gegen die ärgsten Excesse der +Tyrannei wirksamen Schutz gewährt hätte. Die großen Rathsversammlungen, +welche ehemals die königliche Gewalt beschränkten, waren der +Vergessenheit anheimgefallen. Ihre Zusammensetzung und ihre Privilegien +waren nur noch Alterthumsforschern bekannt. Wir dürfen uns daher nicht +wundern, daß, wenn es Menschen, die so regiert worden waren, gelang, +einer im Stillen schon seit langer Zeit gehaßten Regierung die höchste +Gewalt zu entreißen, sie voll ungeduldigen Verlangens waren, zu +zerstören, und unfähig wieder aufzubauen, daß jede glänzende Neuerung +sie bezauberte, daß sie alle an das alte System erinnernden Titel, +Ceremonien und Ausdrücke verbannten, und daß sie, ihrer eigenen +nationalen Vergangenheit und Tradition überdrüssig, in den Schriften von +Theoretikern nach Regierungsprinzipien suchten, oder mit unwissender und +widerlicher Affectation die Patrioten von Athen und Rom nachäfften. Eben +so wenig dürfen wir uns wundern, daß auf den heftigen Ausbruch des +revolutionairen Geistes eine nicht minder heftige Reaction folgte und +die Unordnung sofort einen härteren Despotismus erzeugte als der, aus +dem sie entstanden war. + +Wären wir in der nämlichen Lage gewesen, wäre Strafford sein +Lieblingsplan »Durch« gelungen, hätte er eine eben so zahlreiche und +wohl disciplinirte Armee gebildet, wie sie Cromwell einige Jahre später +bildete, hätte eine Reihe ähnlicher Richtersprüche, wie die, welche das +Schatzkammergericht in der Angelegenheit des Schiffsgeldes fällte, das +Recht der Besteuerung des Volks auf die Krone übertragen, hätten die +Sternkammer und die Hohe Commission nach wie vor einem Jeden, der seine +Stimme gegen die Regierung zu erheben wagte, mit Geldstrafen belegt, +verstümmelt und eingekerkert, wäre die Presse bei uns so vollständig +geknechtet worden, wie in Wien oder in Neapel, hätten unsere Könige +allmälig die ganze gesetzgebende Gewalt an sich gezogen, wären sechs +Generationen von Engländern ohne eine einzige Parlamentssession +vorübergegangen, und hätten wir uns dann endlich in einem Augenblicke +wilder Aufwallung gegen unsere Herren erhoben, welch' einen Ausbruch +würde dies gegeben haben! Mit welch' einem furchtbaren Krachen, das bis +an die entferntesten Enden der Welt gehört und gefühlt worden wäre, +würde das ganze gewaltige Gebäude der menschlichen Gesellschaft +zusammengestürzt sein! Wie viele Tausende von Verbannten, einst die +glücklichsten und gebildetsten Mitglieder dieses großen Volkes, würden +in den Städten des Festlandes ihr Brot erbettelt oder in den +ungelichteten Wäldern Amerika's in Hütten von Baumrinde ein Obdach +gesucht haben! Wie oft würden wir das Straßenpflaster von London zu +Barrikaden aufgethürmt, die Häuser von Kugeln zerrissen, die Gassen von +Blut schäumend gesehen haben! Wie oft würden wir selbst in wilder +Leidenschaft von einem Extrem zum andren übergesprungen sein, gegen die +Anarchie im Despotismus Hülfe gesucht haben und durch den Despotismus +wieder zur Anarchie getrieben worden sein! Wie viele Jahre des +Blutvergießens und der Verwirrung würde es uns gekostet haben, ehe wir +nur die Anfangsgründe der Staatswissenschaft gelernt hätten! Wie viele +kindische Theorien würden uns getäuscht haben! Wie viele rohe und +schlecht erwogene Verfassungen würden wir aufgerichtet haben, nur um sie +wieder umstürzen zu sehen! Glücklich hätten wir uns noch preisen können, +wenn eine harte Schule von einem halben Jahrhundert genügt hätte, uns +zum Genuß der wahren Freiheit tauglich zu machen. + +Diesen Calamitäten beugte unsre Revolution vor. Sie war eine streng +defensive Revolution und hatte Verjährung und Legitimität auf ihrer +Seite. Bei uns, und bei uns allein hatte sich eine beschränkte Monarchie +des dreizehnten Jahrhunderts unverändert bis ins siebzehnte erhalten. +Unsere parlamentarischen Institutionen standen noch in voller Kraft. Die +Hauptprinzipien unsrer Verfassung waren vortrefflich. Sie waren zwar +nicht förmlich und genau in einer geschriebenen Urkunde festgestellt, +aber sie fanden sich zerstreut in unseren alten, trefflichen Gesetzen, +und, was noch viel wichtiger war, sie hatten seit vier Jahrhunderten in +den Herzen aller Engländer feste Wurzeln gefaßt. Daß ohne Bewilligung +der Vertreter der Nation kein Gesetz gegeben, keine Steuer erhoben, +keine regulaire Armee gehalten, Niemand nach Willkür des Souverains nur +einen Tag in Haft gesetzt und kein Werkzeug der Regierung sich zur +Rechtfertigung wegen der Verletzung eines Rechts auch des geringsten +Unterthanen auf einen königlichen Befehl berufen konnte: dies waren in +den Augen der Whigs wie der Tories Grundgesetze des Reichs. Ein Land, +das solche Grundgesetze hatte, bedurfte keiner neuen Verfassung. + +Aber wenn es auch keiner neuen Verfassung bedurfte, so war es doch klar, +daß Veränderungen vorgenommen werden mußten. Die schlechte Regierung der +Stuarts und die dadurch erzeugten Unruhen bewiesen hinreichend, daß +unsre Verfassung an irgend einer Stelle mangelhaft war, und diesen +Mangel zu entdecken und ihm abzuhelfen, war die Aufgabe der Convention. + +Mehrere wichtige Fragen waren noch immer streitig. Unsre Verfassung war +in einer Zeit entstanden, wo die Staatsmänner nicht gewohnt waren, +genaue Definitionen zu machen. Es hatten sich daher fast unmerklich mit +ihren Prinzipien unvereinbare und selbst ihrer Existenz gefährliche +Anomalien gebildet, welche nach und nach die Kraft der Verjährung +erworben hatten, weil sie viele Jahre lang keine ernsten Nachtheile +herbeigeführt. Das Abhülfsmittel für diese Übel bestand darin, daß man +die Rechte des Volks in solchen Ausdrücken feststellte, welche allem +Streite ein Ende machten, und daß man erklärte, kein Precedenzfall könne +irgend eine Verletzung dieser Rechte entschuldigen. + +Wenn dies geschehen war, so konnten unsere Regenten unmöglich das Gesetz +noch mißverstehen; wenn aber nicht noch etwas Andres geschah, war es +durchaus nicht unwahrscheinlich, daß sie es dennoch verletzten. Leider +hatte die Kirche seit langer Zeit die Nation gelehrt, daß unter allen +unseren Institutionen die erbliche Monarchie allein göttlich und +unverletzbar sei, daß das Recht des Hauses der Gemeinen auf einen +Antheil an der gesetzgebenden Gewalt ein bloß menschliches Recht sei, +daß aber das Recht des Königs auf den Gehorsam seines Volks von oben +stamme, daß die Magna Charta ein Gesetz sei, das von denen, die es +gemacht hätten, wieder aufgehoben werden könne, daß aber die Regel, +welche die Prinzen von königlichem Geblüt nach der Erbfolgeordnung auf +den Thron beriefe, göttlichen Ursprungs und daß jede dieser Regel +widerstreitende Parlamentsacte null und nichtig sei. Es liegt auf der +Hand, daß in einem Staate, wo solche abergläubische Begriffe +vorherrschen, die verfassungsmäßige Freiheit stets gefährdet sein muß. +Eine Macht, welche blos als eine menschliche Anordnung betrachtet wird, +kann kein wirksamer Zügel für eine Macht sein, die für eine Verordnung +Gottes angesehen wird. Man wird vergebens hoffen, daß Gesetze, so +vortrefflich sie auch sein mögen, auf die Dauer einen König zügeln +werden, der nach seiner eigenen, wie nach der Meinung eines großen +Theils seines Volks eine ungleich höhere Autorität besitzt, als jene +Gesetze. Dem Königstitel diese geheimnißvollen Attribute zu nehmen und +das Prinzip festzustellen, daß die Könige auf Grund eines Rechtes +regieren, das sich in keiner Weise von dem Rechte unterscheidet, nach +welchem die Freisassen Grafschaftsvertreter wählen, oder die Richter +Verhaftsbefehle ausstellen, war zur Sicherung unserer Freiheiten +durchaus nothwendig. + +So hatte die Convention zwei große Pflichten zu erfüllen: erstens die +Grundgesetze des Reichs von aller Zweideutigkeit zu reinigen, und +zweitens aus dem Geiste der Regierenden wie der Regierten die irrige und +verderbliche Meinung auszurotten, daß die königliche Prärogative etwas +Erhabeneres und Geheiligteres sei als jene Grundgesetze. Das erstere +Ziel wurde durch den feierlichen Eingang der Rechtserklärung erreicht, +das andre durch den Beschluß, welcher den Thron für erledigt erklärte +und Wilhelm und Marien einlud, denselben einzunehmen. + +Die Veränderung scheint unbedeutend zu sein. Nicht ein einziges Kleinod +der Krone wurde angetastet, nicht ein einziges neues Recht wurde dem +Volke gegeben. Das ganze englische Recht im Allgemeinen wie im +Besonderen war nach der Ansicht der größten Juristen, wie Holt und +Treby, Maynard und Somers, nach der Revolution noch genau das nämliche +wie vor derselben. Einige streitige Punkte waren nach dem Ausspruche der +besten Juristen entschieden worden und es hatte eine kleine Abweichung +von dem regelmäßigen Gange der Thronfolge stattgefunden. Dies war Alles, +und es war genug. + +Wie unsre Revolution eine Vertheidigung alter Rechte war, so wurde sie +auch mit strenger Beobachtung alter Formalitäten vollbracht. Fast in +jedem Worte und Schritte kann man eine tiefe Verehrung der Vergangenheit +erkennen. Die Stände des Reichs beriethen sich in den alten Hallen und +nach den alten parlamentarischen Regeln. Powle wurde nach der +althergebrachten Form von dem Antragsteller und dem Unterstützer zu +seinem Präsidentenstuhle geführt. Der Scepterträger führte die +Abgesandten der Lords an den Tisch der Gemeinen und es wurden die drei +pflichtmäßigen Verbeugungen gemacht. Die Conferenz wurde mit allen +alterthümlichen Formalitäten abgehalten. Auf der einen Seite der Tafel +im gemalten Saale saßen die Wortführer der Lords bedeckten Hauptes und +in ihren mit Hermelin und Gold besetzten Mänteln. Die Wortführer der +Gemeinen standen entblößten Hauptes auf der andren Seite. Die Reden +bilden einen fast komischen Contrast gegen die Revolutionsrhetorik jedes +andren Landes. Beide englische Parteien waren darüber einig, die alten +constitutionellen Überlieferungen des Reichs mit feierlicher +Ehrerbietung zu behandeln. Die Frage war nur, wie diese Überlieferungen +zu verstehen seien. Die Vertheidiger der Freiheit sprachen kein Wort von +der natürlichen Gleichheit der Menschen und der unveräußerlichen +Souverainetät des Volks, von Harmodius oder Timoleon, von Brutus dem +Älteren oder Brutus dem Jüngeren. Als man ihnen sagte, daß die Krone +nach englischem Recht im Augenblicke ihrer Erledigung auf den nächsten +Erben übergehen müsse, so erwiederten sie, daß nach englischem Rechte +ein lebender Mensch keinen Erben haben könne. Als man ihnen sagte, der +Fall sei noch nie vorgekommen, daß der Thron für erledigt erklärt worden +wäre, so legten sie aus den im Tower aufbewahrten Urkunden ein fast +dreihundert Jahr altes Pergament vor, auf welchem in wunderlicher +Schrift und in barbarischem Latein geschrieben stand, daß die Stände des +Reichs den Thron eines treulosen und tyrannischen Plantagenet für +erledigt erklärt hatten. Als endlich der Streit beigelegt war, wurden +die neuen Herrscher mit dem althergebrachten Gepränge ausgerufen. Der +ganze phantastische Pomp des Heroldwesens war dabei: Clarencieux und +Norroy, Portcullis und Rouge Dragon[104], die Trompeten, die Banner und +die mit Löwen und Lilien gestickten grotesken Wappenröcke. Auch der +Titel »König von Frankreich,« den der Sieger von Cressy sich beigelegt, +wurde von den königlichen Titulaturen nicht ausgeschlossen. Uns, die wir +das Jahr 1848 erlebt haben, muß es fast als ein Wortmißbrauch +erscheinen, daß man einer mit so reiflicher Überlegung, mit so ruhiger +Besonnenheit und so ängstlicher Beobachtung der herkömmlichen Etikette +bewerkstelligten Veränderung den schrecklichen Namen einer Revolution +giebt. + +Und doch war diese Revolution, obgleich die mindest gewaltsame aller +Revolutionen, die wohlthätigste von allen. Sie entschied für immer die +große Frage, ob das volksthümliche Element, das sich seit den Zeiten der +Fitzwalter und de Monfort in der englischen Verfassung vorfand, durch +das monarchische Element zerstört werden, oder ob es sich frei sollte +entwickeln und das vorherrschende werden dürfen. Der Kampf zwischen den +beiden Prinzipien war lang, heftig und zweifelhaft gewesen. Er hatte +vier Regierungen hindurch gedauert und hatte Aufstände, Staatsprozesse, +Rebellionen, Schlachten, Belagerungen, Proscriptionen und Justizmorde +herbeigeführt. Bald hatte es den Anschein gehabt, als ob die Freiheit, +bald wieder, als ob die Monarchie auf dem Punkte stände unterzugehen. +Viele Jahre lang war die eine Hälfte der Kraft Englands beschäftigt +gewesen, die andre Hälfte zu bekämpfen. Die ausübende Gewalt und die +gesetzgebende Gewalt hatten einander in ihrer Thätigkeit so gehemmt, daß +der Staat in Europa fast keine Bedeutung gehabt hatte. Der Wappenkönig, +welcher Wilhelm und Marien vor dem Eingange von Whitehall proklamirte, +verkündete sehr wahr, daß dieser große Kampf nun vorüber sei, daß +vollkommene Einigkeit zwischen dem Throne und dem Parlamente obwalte, +daß das so lange abhängige und erniedrigte England wieder eine Macht +ersten Ranges geworden sei, daß die alten Gesetze, welche die +Prärogative beschränkten, hinfüro eben so heilig wie die Prärogative +selbst gehalten und bis zu allen ihren Consequenzen durchgeführt, daß +die ausübende Verwaltung in Übereinstimmung mit den Ansichten der +Vertreter des Volks geleitet und daß keine Reform, welche die beiden +Häuser nach reiflicher Erwägung vorschlagen würden, bei dem Souverain +beharrlichen Widerstand finden werde. Obwohl die Rechtserklärung nichts +zum Gesetz machte, was nicht vorher schon Gesetz gewesen wäre, so +enthielt sie doch den Keim des Gesetzes, das dem Dissenter +Religionsfreiheit gab, des Gesetzes, das die Unabhängigkeit der Richter +sicherte, des Gesetzes, das die Dauer der Parlamente beschränkte, des +Gesetzes, das die Preßfreiheit unter den Schutz von Geschwornen stellte, +des Gesetzes, das den Sklavenhandel verbot, des Gesetzes, das den +Religionseid abschaffte, des Gesetzes, das die Katholiken von den +Ausschließungen von Civilämtern befreite, des Gesetzes, welches das +System der Volksvertretung reformirte, kurz jedes guten Gesetzes, das +seit hundertsechzig Jahren eingeführt worden ist, wie jeden guten +Gesetzes, das auch fernerhin im Laufe der Seiten zur Förderung des +Gemeinwohls und zur Befriedigung der Wünsche der öffentlichen Meinung +für nöthig befunden werden wird. + +Das beste Lob aber, das man der Revolution von 1688 geben kann, ist, das +sie unsre letzte Revolution war. Seit mehreren Generationen hat kein +verständiger und patriotischer Engländer mehr daran gedacht, sich gegen +die bestehende Regierung aufzulehnen. Alle rechtschaffenen und denkenden +Geister sind der Überzeugung, in der sie durch die tägliche Erfahrung +bestärkt werden, daß die Mittel, um jede der Verfassung nöthige +Verbesserung zu bewirken, von der Verfassung selbst geboten sind. + +Unsre gegenwärtige Generation sollte besser als irgend eine die volle +Bedeutung des Widerstandes unserer Vorfahren gegen das Haus Stuart zu +würdigen vermögen. Rings um uns her wird die Welt von den +Verzweiflungskämpfen großer Nationen erschüttert. Regierungen, welche +noch vor Kurzem alle Aussicht auf ein jahrhundertelanges Fortbestehen zu +haben schienen, sind plötzlich erschüttert und gestürzt worden. In den +stolzesten Hauptstädten des westlichen Europa ist Bürgerblut geflossen. +Alle bösen Leidenschaften, die Gewinnsucht und der Rachedurst, die +Antipathie zwischen den Klassen und zwischen den Stämmen haben sich von +dem Zwange göttlicher und menschlicher Gesetze losgerissen. Furcht und +Angst haben die Stimmen von Millionen verdüstert und ihre Herzen +bekümmert. Der Handel ist ins Stocken gerathen und die Industrie gelähmt +worden. Die Reichen sind arm, die Armen noch ärmer geworden. Lehren, +welche allen Wissenschaften, allen Künsten und allem Gewerbfleiße feind +sind, Lehren, die, wenn sie praktisch angewendet würden, Alles was +dreißig Jahrhunderte für die Menschheit gethan haben, vernichten und die +schönsten Gauen Frankreichs und Deutschlands zu eben so wilden Ländern +als Congo oder Patagonien machen würden, sind auf der Tribüne gepredigt +und mit dem Schwerte vertheidigt worden. Europa hat die Unterjochung +durch Barbaren gedroht, im Vergleich mit denen die Barbaren Attila's und +Alboin's aufgeklärt und menschlich waren. Die aufrichtigsten Freunde des +Volks haben mit tiefem Schmerze gestanden, daß Interessen, welche +kostbarer als irgend welche politische Rechte sind, auf dem Spiele +stehen, und daß es nöthig werden könnte, selbst die Freiheit zu opfern, +um die Civilisation zu retten. Währenddem ist auf unsrer Insel der +regelmäßige Gang der Regierung nie auch nur einen Tag unterbrochen +worden. Die wenigen schlechten Menschen, denen nach Zügellosigkeit und +Plünderung gelüstete, haben nicht den Muth gehabt, nur einen Augenblick +der Kraft einer fest um den angestammten Thron geschaarten Nation zu +trotzen. Und fragt man nach dem Grunde dieses Unterschiedes zwischen uns +und Anderen, so ist die Antwort darauf: weil wir nie das verloren haben, +was Andere mit blinder Hast wieder zu gewinnen suchen. Weil wir im +siebzehnten Jahrhundert eine erhaltende Revolution gehabt haben, darum +haben wir im neunzehnten keine zerstörende Revolution gehabt. Weil wir +inmitten der Knechtschaft Freiheit hatten, darum haben wir inmitten der +Anarchie Ordnung. Für das Ansehen des Gesetzes, für die Sicherheit des +Eigenthums, für die Ruhe unserer Straßen und für das Glück unserer +Familien gebührt unser Dank nächst Dem, der nach seinem Willen die +Nationen erhebt und zu Boden wirft, dem Langen Parlamente, der +Convention und Wilhelm von Oranien. + + [Anmerkung 104: Bezeichnungen verschiedener Wappenherolde. -- Der + Übers.] + + + + +Druck von Philipp Reclam jun. in Leipzig. + + + * * * * * + * * * * + * * * * * + + +Druckfehler und Unregelmässigkeiten + +Rechtschreibungsformen wie »funfzig« : »fünfzig«, »Urtel« : »Urtheil« +und »Partein« : »Parteien« sind ungeändert. Die Namen »Russel« und +»Russell«, »Dyckvelt« und »Dykvelt« sind ebenso ungeändert (auch +wenn es um die selbe Person handelt). Weitere: + + Geschichtschreiber : Geschichtsschreiber + Verhaft(s)befehl + Geschicht(s)schreiber + angesehen(d)ste + + +IX. Kapitel + + ihrer Ämter und Pfründen entsetzt zu werden [Pfründer] + [Anmerkung 4: ... edited by Blencowe [Blecnowe] + welche andere Municipalitäten beabchsichtigten [beasichtigten] + Er bemühte sich diesen Nachmittag [be-/bemühte _am Seitenende_] + um sich Verhaltungsbefehle zu erbitten + [ungeändert, mögligens »Verhaftungsbefehle«] + [Anmerkung 65: Witson's MS. [ungeändert, anderswo Witsen] + die ihm der spanische Stiefel und die Daumschraube bereitet + [ungeändert, anderswo Daumenschraube] + [Anmerkung 104: ... welche darüber zu entscheiden hat [enscheiden] + eine starke Abtheilung derselben nach Cirencester verlegt + [Circencester] + oder einen Ersatzmann zu stellen. [Ersatzman] + das Schwert an der Seite und Pistolen in den Holstern [Holftern] + den 27. November, im Speisesaale des Palastes [Speisesale] + ehe ich mich entscheide.«[137] [« _fehlt_] + hingebrachten Lebens ein wahrhaft religiöser Mann [relegiöser] + +X. Kapitel + + in der Gegend des Klosters von Clerkenwell. + [Clarkenwell, mögligens auch in Macaulays Englisch] + [Anmerkung 15: +Harl. MS. 255.+] [Harl;] + [Anmerkung 37: ... +Clarendon's Diary, Dec. 21. 1688+ [21.1688] + eine prächtige Terrasse angelegt [Terasse] + Auch ist es durchaus nicht unmöglich, daß er reussirt haben würde + [ungeändert, gewöhnliche Form ist reüssirt (Fr. réussir)] + Lincoln's Inn Fields und Conventgarden + [ungeändert, rechte Form ist Coventgarden = Covent Garden] + [Anmerkung 79: Dartmouth's Note zu Burnet, I. 393. [Darthmouth's] + durch die Wichtigkeit der Krisis gerechtfertigt [gerechfertigt] + die er mit Nutzen oder mit Ehren übernehmen könne [könnne] + daß die Mittel um jede der Verfassung nöthige Verbesserung [Mitttel] + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE VON ENGLAND SEIT DER +THRONBESTEIGUNG JAKOB'S DES ZWEITEN*** + + +******* This file should be named 36217-8.txt or 36217-8.zip ******* + + +This and all associated files of various formats will be found in: +http://www.gutenberg.org/dirs/3/6/2/1/36217 + + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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charset=utf-8"> +<title>The Project Gutenberg eBook of Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten, by Thomas Babington Macaulay</title> +<style type = "text/css"> + +body {margin-left: 10%; margin-right: 10%;} + +div.wholetext {padding: 0; margin: 0;} +/* dummy div for language */ + +div.titlepage {padding: 2em 0;} +div.chapterhead {padding: 6em 2em; width: 20em; margin: 2em auto; +border-top: 1px solid #000; border-bottom: 1px solid #000;} + +hr {width: 80%; margin-top: 1em; margin-bottom: 1em; text-align: center; +height: 1px; color: #000; background-color: #000;} +hr.small {width: 30%;} +hr.tiny {width: 20%;} +hr.micro {width: 10%;} + +hr.border {margin-top: .5em; margin-bottom: 0; width: 14em; +height: 1px;} + +em {font-style: normal; letter-spacing: 0.2em; margin-right: -.2em;} + +div.mynote a {text-decoration: none;} +table.toc a {text-decoration: none;} +table.toc a:link {color: #006; background-color: inherit;} +table.toc a:visited {color: #003; background-color: inherit;} +a.tag {text-decoration: none; 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at <a href = "http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a></pre> +<p>Title: Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten</p> +<p> Fünfter Band (der 11)</p> +<p>Author: Thomas Babington Macaulay</p> +<p>Release Date: May 25, 2011 [eBook #36217]</p> +<p>Language: German</p> +<p>Character set encoding: UTF-8</p> +<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE VON ENGLAND SEIT DER THRONBESTEIGUNG JAKOB'S DES ZWEITEN***</p> +<br><br><center><h3 class="pg">E-text prepared by<br> + Louise Hope, Delphine Lettau, richyfourtytwo,<br> + and the Online Distributed Proofreading Team<br > + (http://www.pgdp.net)</h3></center><br><br> + +<div class = "wholetext" lang = "de"> + +<div class = "mynote"> + +<p><a name = "start" id = "start">Dieser Text</a> benutzt die +UTF-8-Kodierung (Unicode). Wenn die Apostrophe, Anführungs­zeichen +und die Umlaute in diesem Absatz als seltsame Zeichen dargestellt +werden, könnte es auch an Ihrem inkompa­tiblen Browser oder an +fehlenden Fonts (Zeichen­sätzen) liegen. Stellen Sie zunächst +sicher, dass der „Zeichensatz“ oder „Datei-Kodierung“ auf Unicode +(UTF-8) eingestellt ist. Eventuell ist es auch nötig, die +Standard­schrift Ihres Browser zu ändern.</p> + +<p>Einige Druckfehler sind korrigiert und mit <ins class = "correction" +title = "wie so">popups</ins> notiert. Recht­schreibungs­formen +wie »funfzig« : »fünfzig«, »Urtel« : »Urtheil« und »Partein« : +»Parteien« sind ungeändert. Die Namen »Russel« und +»Russell«, »Dyckvelt« und »Dykvelt« sind ebenso ungeändert (auch +wenn es um die selbe Person handelt). Weitere:</p> + +<p class = "inset"> +Geschichtschreiber : Geschichtsschreiber<br> +Verhaft(s)befehl<br> +Geschicht(s)schreiber<br> +angesehen(d)ste</p> + +<hr class = "small"> + +<p class = "hanging"><a href = "#kap_IX">9. Kapitel</a><br> +<a href = "#inhalt_IX">Inhalt</a></p> + +<p class = "hanging"><a href = "#kap_X">10. Kapitel</a><br> +<a href = "#inhalt_X">Inhalt</a></p> + +</div> +<p> </p> +<hr class="full"> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<div class = "titlepage"> + +<h2>Thomas Babington Macaulay’s</h2> + +<h1>Geschichte von England</h1> + +<h3 class = "six"><em>seit der</em></h3> + +<h3 class = "four">Thronbesteigung Jakob’s des Zweiten.</h3> + +<p> </p> + +<hr class = "tiny"> + +<p> </p> + +<h3 class = "six"><em>Aus dem Englischen.</em></h3> + +<p> </p> + +<hr class = "border"> + +<h5 class = "sans">Vollständige und wohlfeilste Stereotyp-Ausgabe.</h5> + +<hr class = "border"> + +<p> <br> </p> + +<h5>Fünfter Band</h5> + +<p> </p> + +<p class = "illustration"> +<img src = "images/floral.png" width = "178" height = "9" +alt = "----"></p> + +<h5>Leipzig, 1854.</h5> + +<h5 class = "six">G. H. <span class = +"extended">Friedlein</span>.</h5> + +</div> + + +<a name = "kap_IX" id = "kap_IX"> </a> +<center> +<div class = "chapterhead"> + +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_1" id = "pageIX_1"> +IX.1</a></span> + +<h4 class = "five"><b>Neuntes Kapitel.</b></h4> + +<h4><span class = "extended">Jakob</span> <b>II.</b></h4> + +<hr class = "tiny"> + +</div> +</center> +<a name = "pageIX_2" id = "pageIX_2"> </a> + +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_3" id = "pageIX_3"> +IX.3</a></span> + +<h4><a name = "inhalt_IX" id = "inhalt_IX"> +<b><span class = "extended">Inhalt</span>.</b></a></h4> + +<hr class = "micro"> + +<table class = "toc" summary = "inhaltsverzeichniss"> +<tr> +<td></td> +<td class = "seite">Seite</td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secIX_1">Die Tories werden andrer Ansicht in Betreff +der Rechtmäßigkeit des Widerstandes</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_5">5</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secIX_2">Russell schlägt dem Prinzen von Oranien eine +Landung in England vor</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_11">11</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_3">Heinrich Sidney</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_11">11</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_4">Devonshire</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_12">12</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_5">Shrewsbury. — Halifax</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_12">12</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_6">Danby und der Bischof Compton</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_13">13</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_7">Nottingham</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_14">14</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_8">Lumley</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_14">14</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_9">Absendung der Einladung an Wilhelm</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_14">14</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_10">Mariens Verhalten</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_15">15</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_11">Schwierigkeiten der Unternehmung +Wilhelm’s</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_16">16</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secIX_12">Jakob’s Benehmen nach dem Prozesse der +Bischöfe</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_19">19</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_13">Entlassungen und Ernennungen</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_20">20</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secIX_14">Verfahren der Hohen Commission. Sprat tritt +aus</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_22">22</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secIX_15">Unzufriedenheit des Klerus. — +Vorgänge in Oxford</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_23">23</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_16">Unzufriedenheit der Gentry</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_23">23</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_17">Unzufriedenheit der Armee</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_24">24</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secIX_18">Es werden irische Truppen herübergezogen. +— Unwille des Volks</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_25">25</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_19">Lillibullero</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_39">39</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secIX_20">Politische Zustände in den Vereinigten +Provinzen</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_30">30</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_21">Fehler des Königs von Frankreich</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_31">31</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secIX_22">Sein Streit mit dem Papste bezüglich der +Vorrechte auswärtiger Gesandter</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_32">32</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_23">Das Erzbisthum Köln</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_33">33</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_24">Kluges Verfahren Wilhelm’s</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_33">33</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_25">Seine Rüstungen zu Lande und zur See</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_34">34</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secIX_26">Er erhält zahlreiche Unterstützungszusagen +aus England</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_35">35</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_27">Sunderland</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_36">36</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_28">Wilhelm’s Befürchtungen</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_39">39</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_29">Jakob wird gewarnt</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_40">40</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_30">Ludwig’s Bemühungen, um Jakob zu +retten</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_41">41</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_31">Jakob vereitelt dieselben</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_42">42</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secIX_32">Die französischen Armeen fallen in +Deutschland ein</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_44">44</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secIX_33">Wilhelm erlangt die Genehmigung der +Generalstaaten für seine Expedition</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_45">45</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_34">Britische Abenteurer im Haag</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_46">46</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_35">Wilhelm’s Erklärung</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_47">47</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_36">Jakob fängt an die Gefahr zu ahnen</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_49">49</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_37">Seine Seemacht</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_49">49</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_38">Seine militairischen Mittel</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_50">50</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secIX_39">Er versucht es, seine Unterthanen mit sich +auszusöhnen</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_51">51</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_40">Er bewilligt den Bischöfen eine +Audienz</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_51">51</a></td> +</tr> +<tr> +<td> +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_4" id = "pageIX_4"> +IX.4</a></span> +<a href = "#secIX_41">Seine Zugeständnisse werden übel +aufgenommen</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_53">53</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secIX_42">Dem Geheimen Rath werden Beweise für die +legitime Geburt des Prinzen von Wales vorgelegt</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_55">55</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_43">Sunderland’s Ungnade</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_56">56</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secIX_44">Wilhelm nimmt Abschied von den +holländischen Generalstaaten</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_57">57</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_45">Er schifft sich ein und segelt ab</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_58">58</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_46">Er wird durch einen Sturm +zurückgeworfen</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_58">58</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_47">Seine Erklärung kommt in England an</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_58">58</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_48">Jakob befragt die Lords</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_58">58</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_49">Wilhelm geht zum zweiten Male unter +Segel</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_60">60</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_50">Er passirt die Meerenge</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_61">61</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_51">Seine Landung bei Torbay</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_62">62</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_52">Sein Einzug in Exeter</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_65">65</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_53">Unterredung des Königs mit den +Bischöfen</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_69">69</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_54">Ruhestörungen in London</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_71">71</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secIX_55">Angesehene Männer fangen an zu dem Prinzen +überzugehen</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_72">72</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_56">Lovelace</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_72">72</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_57">Colchester</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_73">73</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_58">Abingdon</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_73">73</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_59">Abfall Cornbury’s</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_74">74</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secIX_60">Petition der Lords um Einberufung eines +Parlaments</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_77">77</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_61">Der König begiebt sich nach Salisbury</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_79">79</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_62">Seymour</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_79">79</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_63">Wilhelm’s Hoflager in Exeter</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_79">79</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_64">Aufstand im Norden</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_80">80</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_65">Gefecht bei Wincanton</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_82">82</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_66">Churchill’s und Grafton’s Abfall</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_84">84</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_67">Rückzug der königlichen Armee von +Salisbury</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_85">85</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_68">Abfall des Prinzen Georg und Ormond’s</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_85">85</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_69">Flucht der Prinzessin Anna</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_86">86</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_70">Jakob hält eine Berathung mit den +Lords</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_88">88</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secIX_71">Er ernennt Commissare zur Unterhandlung mit +Wilhelm</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_91">91</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_72">Die Unterhandlung eine Finte</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_91">91</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secIX_73">Dartmouth weigert sich, den Prinzen von +Wales nach Frankreich zu senden</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_93">93</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_74">Aufregung in London</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_94">94</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_75">Falsche Proklamation</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_94">94</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secIX_76">Aufstände in verschiedenen Theilen des +Landes</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_95">95</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secIX_77">Clarendon schließt sich in Salisbury dem +Prinzen an</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_97">97</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_78">Spaltung im Lager des Prinzen</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_97">97</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_79">Ankunft des Prinzen in Hungerford</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_99">99</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_80">Gefecht bei Reading</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_100">100</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secIX_81">Ankunft der königlichen Commissare in +Hungerford</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_100">100</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_82">Unterhandlung</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_100">100</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secIX_83">Die Königin und der Prinz von Wales werden +nach Frankreich geschickt</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_104">104</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_84">Lauzun</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_104">104</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_85">Anstalten des Königs zur Flucht</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_107">107</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secIX_86">Seine Flucht</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageIX_108">108</a></td> +</tr> +</table> + + +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_5" id = "pageIX_5"> +IX.5</a></span> +<p>Die Freisprechung der Bischöfe war nicht das einzige Ereigniß, das +den 13. Juni 1688 zu einem wichtigen Datum unsrer Geschichte macht. An +dem nämlichen Tage, während auf hundert Kirchthürmen alle Glocken +läuteten, während von Hydepark bis Mile-End das Volk beschäftigt war, +für die Freudendemonstrationen in der Nacht Reisigbündel +zusammenzutragen und Päpste anzuputzen, wurde ein Actenstück, das für +die Freiheiten Englands kaum minder wichtig war, als die Magna Charta, +von London nach dem Haag gesandt.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die Tories werden andrer Ansicht in Betreff der Rechtmäßigkeit des +Widerstandes.</span> +<a name = "secIX_1" id = "secIX_1">Der</a> Prozeß der Bischöfe und die +Geburt des Prinzen von Wales hatten in den Gesinnungen vieler Tories +einen großen Umschwung herbeigeführt. In dem Augenblicke, wo ihrer +Kirche eine so empörende Beleidigung und Verhöhnung widerfuhr, mußten +sie die Hoffnung auf eine friedliche Lösung aufgeben. Bisher hatten sie +gehofft, daß die Prüfung, welche ihre Loyalität zu ertragen hatte, wenn +auch hart, doch nur vorübergehend sein werde und daß ihre Leiden ohne +Verletzung der feststehenden Thronfolgeordnung bald gehoben werden +würden. Jetzt aber eröffnete sich ihnen eine ganz andre Aussicht. So +weit sie vorwärts blickten, sahen sie die verkehrte Regierung der +letzten drei Jahre durch ganze Menschenalter sich fortspinnen. Die Wiege +des präsumtiven Thronfolgers war von Jesuiten umgeben und es stand zu +befürchten, daß dem kindlichen Gemüth des Prinzen ein tödtlicher Haß +gegen die Kirche, deren Oberhaupt er dereinst werden sollte, eingeimpft, +daß dieser Haß das leitende Prinzip seines Lebens werden und auf seine +Nachkommenschaft übergehen würde. Und diese unheilvolle Aussicht hatte +keine Grenze, sie reichte über die Lebenszeit des jüngsten Menschen, bis +über das achtzehnte Jahrhundert hinaus. Niemand konnte sagen, wie viele +Generationen protestantischer Engländer noch ein Joch zu tragen haben +würden, das man selbst bei der Voraussicht einer kurzen Dauer schon für +unerträglich hielt. Gab es denn gar kein Heilmittel? Eines gab es noch, +ein rasches, heftiges und entscheidendes, ein Mittel, zu dem die Whigs +nur zu bereitwillig gegriffen hätten, das aber von den Tories jederzeit +und unter allen Umständen als verwerflich betrachtet worden war.</p> + +<p>Die größten anglikanischen Gelehrten der damaligen Zeit hatten den +Satz aufgestellt, daß keine Übertretung eines Gesetzes oder eines +Vertrags, +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_6" id = "pageIX_6"> +IX.6</a></span> +kein Übermaß von Härte, Raubsucht oder Willkür von Seiten eines +rechtmäßigen Königs sein Volk zum gewaltsamen Widerstande gegen ihn +berechtigen könne. Einige von ihnen hatten etwas darin gesucht, die +Lehre vom Nichtwiderstande in einer so überspannten Form darzustellen, +daß der gesunde Verstand und die Humanität sich dagegen empören mußten. +Sie bemerkten häufig und mit Nachdruck, daß Nero an der Spitze des +römischen Reiches gestanden habe, als Paulus die Pflicht des Gehorsams +gegen die Obrigkeit einschärfte. Daraus zogen sie den Schluß, daß, wenn +ein englischer König, ohne ein andres Gesetz als seinen Willen, seine +Unterthanen wegen Nichtanbetung von Götzenbildern verfolgte, sie den +Löwen im Tower vorwürfe, sie in getheerte Tücher hüllte und zur +Beleuchtung des St. Jamesparkes anzündete, und wenn er mit diesen +Grausamkeiten fortführe, bis ganze Städte und Grafschaften entvölkert +wären, die Überlebenden trotzdem noch immer verpflichtet sein würden, +sich willig zu unterwerfen und sich ohne Widerstand in Stücken zerreißen +oder lebendig braten zu lassen. Allerdings waren die Gründe, welche zu +Gunsten dieser Behauptung angeführt wurden, unhaltbar, aber der Mangel +vernünftiger Argumente wurde reichlich ersetzt durch die Alles +vermögende Sophistik des Eigennutzes und der Leidenschaft. Viele +Schriftsteller haben ihr Erstaunen darüber ausgedrückt, wie die stolzen +Kavaliere Englands sich für die knechtischeste Theorie, die die Welt je +gesehen hat, so begeistern konnten. Dies kommt daher, weil diese Theorie +dem Kavalier anfangs als der directe Gegensatz des Knechtischen +erschien, denn sie machte ihn nicht zum Sklaven, sondern zum freien +Herrn und Gebieter. Sie gefiel ihm, weil sie dem gefiel, den er als +seinen Beschützer, als seinen Freund, als das Oberhaupt seiner geliebten +Partei und seiner noch mehr geliebten Kirche betrachtete. Unter der +Herrschaft der Republikaner hatte der Royalist Unbilden und Kränkungen +ertragen müssen, welche er nach der Wiedereinsetzung der rechtmäßigen +Regierung hatte vergelten können. Rebellion war daher in seinem Sinne +gleichbedeutend mit Unterwerfung und Erniedrigung, monarchische +Autorität mit Freiheit und Übergewicht. Es war ihm nie eingefallen, daß +eine Zeit kommen könnte, wo ein König, ein Stuart die loyalsten +Geistlichen und Edelleute mit größerer Erbitterung verfolgen würde, als +einst der Rumpf oder der Protector. Eine solche Zeit war gekommen. Jetzt +mußte es sich zeigen, wie die Geduld, welche die Anhänger der +Landeskirche aus den Schriften des Paulus gelernt zu haben vermeinten, +die Probe einer Verfolgung bestehen würde, die noch keineswegs so +schlimm war, wie die eines Nero. Das Ergebniß war so, wie es Jedermann, +der die menschliche Natur nur einigermaßen kannte, vorausgesagt haben +würde. Der Despotismus bewirkte bald, was, der Philosophie und der +Beredtsamkeit nie gelungen wäre. Die Angriffe Locke’s hatte Filmer’s +System überleben können, aber von dem tödtlichen Schlage, den Jakob ihm +versetzte, erholte es sich nie wieder.</p> + +<p>Die Gründe, welche für unwiderleglich erklärt wurden, so lange man +damit beweisen wollte, daß Presbyterianer und Independenten Haft und +Eigenthumsberaubung mit Sanftmuth und Geduld ertragen müßten, schienen +bedeutend an Haltbarkeit zu verlieren, als es sich fragte, ob +anglikanische Bischöfe eingesperrt und die Einkünfte anglikanischer +Collegien eingezogen werden dürften. Es war von den Kanzeln aller +Kathedralen des Landes herab oft wiederholt worden, daß das apostolische +Gebot, der bürgerlichen Obrigkeit zu gehorchen, unbedingt und allgemein +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_7" id = "pageIX_7"> +IX.7</a></span> +und daß es eine gottlose Anmaßung der Menschen sei, ein im Worte Gottes +ohne alle Beschränkung erlassenes Gebot beschränken zu wollen. Jetzt +aber entdeckten die Geistlichen, deren Scharfsinn durch die drohende +Gefahr, ihrer Ämter und <ins class = "correction" title = "Original hat »Pfründer«">Pfründen</ins> entsetzt zu werden, um Papisten Platz zu +machen, bedeutend erhöht wurde, einige Lücken in dem Raisonnement, das +ihnen früher so überzeugend vorgekommen war. Die ethischen Stellen der +heiligen Schrift, meinten sie, dürfe man nicht wie +Parlamentsverordnungen oder wie casuistische Abhandlungen der Gelehrten +deuten. Welcher Christ werde dem Grobian, der ihn auf die rechte Wange +geschlagen, wirklich auch die linke hinhalten? Welcher Christ werde dem +Diebe, der ihm den Rock genommen, auch noch den Mantel geben? Im Alten +wie im Neuen Testament seien durchgängig nur allgemeine Regeln +aufgestellt, ohne die Ausnahmen mit anzuführen. So stehe darin das +allgemeine Gebot, nicht zu tödten, aber ohne einen Vorbehalt zu Gunsten +des Kriegers, der zur Vertheidigung seines Königs und seines Vaterlandes +tödtet. So stehe ferner darin das allgemeine Gebot nicht zu schwören, +aber ohne Vorbehalt zu Gunsten des Zeugen, der vor dem Richter schwört, +daß er die Wahrheit sagen wolle. Die Rechtmäßigkeit des +Vertheidigungskrieges und des gerichtlichen Eides werde aber nur von +einigen obscuren Sectirern bestritten, und sei in den Artikeln der +anglikanischen Kirche ausdrücklich behauptet. Alle die Gründe, welche +bewiesen, daß die Weigerung des Quäkers, Waffen zu tragen oder das +Evangelium zu küssen, unvernünftig und verkehrt sei, könnten auch gegen +Diejenigen gewendet werden, welche den Unterthanen das Recht des +gewaltsamen Widerstandes gegen maßlose Tyrannei absprachen. Wenn man +behaupte, daß die Bibelstellen, welche das Tödten und das Schwören +verboten, trotz ihrer allgemeinen Fassung doch als Unterwerfung unter +das große Gebot ausgelegt werden müßten, welches jedem Menschen +befiehlt, die Wohlfahrt seines Nächsten zu fördern und daß sie bei +solcher Auslegung nicht auf Fälle angewendet werden könnten, in denen +das Tödten und Schwören zum Schutze der theuersten Interessen der +Gesellschaft durchaus nothwendig sei, dann werde man auch schwerlich +leugnen können, daß die Bibelstellen, welche den gewaltsamen Widerstand +gegen Vorgesetzte verbieten, ebenso gedeutet werden dürften. Wenn dem +alten Volke Gottes unter Umständen gestattet worden sei, Menschenleben +zu vernichten und sich durch Eide zu binden, so sei es ihnen unter +Umständen auch erlaubt gewesen, schlechten Fürsten Widerstand zu +leisten. Wenn die alten Väter der Kirche gelegentlich eine Sprache +geführt hätten, aus welcher hervorzugehen schiene, daß sie jeden +gewaltsamen Widerstand mißbilligten, so hätten sie gelegentlich auch +eine Sprache geführt, aus welcher hervorgehe, daß sie allen Krieg und +alle Eide verwarfen. In der That, die Lehre vom passiven Gehorsam, wie +sie unter der Regierung Karl’s II. in Oxford gepredigt wurde, kann +nur durch eine einseitige Auslegung, die uns unvermeidlich zu den +Schlußfolgerungen Barclay’s und Penn’s führen wurde, aus der Bibel +hergeleitet werden.</p> + +<p>Es waren jedoch nicht allein dem Wortlaute der heiligen Schrift +entlehnte Gründe, vermittelst deren die anglikanischen Theologen in den +unmittelbar auf die Restauration folgenden Jahren ihren Lieblingssatz zu +beweisen versuchten. Sie hatten sich auch bemüht darzuthun, daß selbst +wenn die Offenbarung darüber schweige, schon die Vernunft den Weisen von +der Thorheit und Verwerflichkeit jedes gewaltsamen Widerstandes +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_8" id = "pageIX_8"> +IX.8</a></span> +gegen die bestehende Regierung überzeugt haben würde. Es werde allgemein +zugegeben, daß solcher Widerstand, außer im höchsten Nothfalle, nicht zu +rechtfertigen sei. Aber wer könne die Grenze zwischen höchsten +Nothfällen und gewöhnlichen Fällen bestimmen? Gäbe es wohl eine +Regierung, unter der sich nicht Mißvergnügte und Aufwiegler finden +würden, welche sagten und vielleicht auch wirklich glaubten, daß ihre +Beschwerden einen höchsten Nothfall begründeten? Ja, wenn sich eine +klare und bestimmte Regel aufstellen ließe, welche den Menschen verböte, +sich gegen einen Trajan zu empören, ihnen aber erlaubte, sich gegen +einen Caligula aufzulehnen, so würde eine solche Regel allerdings höchst +wohlthätig sein. Aber eine derartige Regel sei nie aufgestellt worden +und könne auch nie aufgestellt werden. Wenn man sage, der Aufruhr sei +unter gewissen Umständen erlaubt, ohne diese Umstände genau zu +bezeichnen, so sei dies eben so gut als wenn man sage, Jedermann dürfe +sich empören, sobald es ihm passend erscheine; eine Gesellschaft aber, +in der sich Jedermann empören könne, wenn er es für zweckmäßig halte, +sei schlechter bestellt als eine unter der Herrschaft des grausamsten +und willkürlichsten Despoten stehende. Daher sei es nothwendig, das +große Prinzip des Nichtwiderstandes in seinem vollen Umfange aufrecht zu +erhalten. Allerdings könnten besondere Fälle eintreten, in denen der +Widerstand eine Wohlthat für die Gesellschaft sein würde; im Ganzen +genommen aber sei es immer besser, wenn das Volk geduldig eine schlechte +Regierung ertrage, als wenn es sich durch Verletzung eines Gesetzes zu +helfen suche, auf dem die Sicherheit jeder Regierung beruhe.</p> + +<p>Eine solche Argumentation überzeugte wohl eine herrschende und +glückliche Partei sehr leicht, aber die Prüfung von Geistern, welche +durch königliche Ungerechtigkeit und Undankbarkeit heftig gereizt waren, +hielt sie nicht aus. Es ist allerdings unmöglich, eine strenge Grenze +zwischen rechtmäßigem und unrechtmäßigem Widerstande zu ziehen; aber +diese Unmöglichkeit liegt in dem ganzen Wesen von Recht und Unrecht und +findet sich in fast jedem Zweige der ethischen Wissenschaft. Eine gute +Handlung unterscheidet sich von einer schlechten nicht durch so +deutliche Kennzeichen, wie ein Sechseck von einem Quadrat. Es giebt eine +Grenze, wo Tugend und Laster in einander verschmelzen. Wer hat jemals +eine genaue Grenzlinie zwischen Muth und Unbesonnenheit, zwischen +Vorsicht und Feigheit, zwischen Sparsamkeit und Geiz, zwischen +Freigebigkeit und Verschwendung zu ziehen vermocht? Wer hat jemals sagen +können, wie weit die Nachsicht gegen Verbrecher gehen darf, wo sie +aufhört den Namen Nachsicht zu verdienen, um verderbliche Schwäche zu +werden? Welcher Casuist, welcher Gesetzgeber ist jemals im Stande +gewesen, die Grenzen des Selbstvertheidigungsrechts zu bestimmen? Alle +unsere Juristen sind der Ansicht, daß ein gewisses Maß von Gefahr für +Leben oder Glieder den Menschen berechtige, einen Angreifer +niederzuschießen oder zu erstechen, aber den Versuch, das Maß der Gefahr +in bestimmten Worten zu bezeichnen, haben sie längst als unausführbar +aufgegeben. Sie sagen nur, es dürfe keine unbedeutende, sondern eine +solche Gefahr sein, die einen muthigen Menschen ernstlich um sich +besorgt machen kann; aber wer wird es unternehmen zu sagen, welcher Grad +von Besorgniß wirklich ernst genannt zu werden verdient oder wie der +Geist eines Menschen beschaffen sein muß, um als muthig gelten zu +können? Man muß es allerdings beklagen, daß die Natur der Worte und die +Natur der Dinge eine genauere Gesetzgebung +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_9" id = "pageIX_9"> +IX.9</a></span> +nicht gestattet, und es läßt sich nicht leugnen, daß oft Jemandem +Unrecht geschieht, wenn die Menschen Richter in ihrer eignen Sache sind +und ihr Urtheil augenblicklich vollziehen. Aber wer könnte deshalb alle +und jede Nothwehr verbieten? Das Recht eines Volks, einer schlechten +Regierung Widerstand zu leisten, ist ganz analog dem Rechte, mit dem der +Einzelne in Ermangelung gesetzlichen Schutzes einen ihn Angreifenden +erschlagen darf. In beiden Fällen muß die Gefahr sehr ernst sein; in +beiden Fällen müssen alle gesetzlichen und friedlichen +Vertheidigungsmittel erschöpft sein, ehe die verletzte Partei zum +Äußersten schreitet; in beiden Fällen ladet man sich eine große +Verantwortlichkeit auf; in beiden Fällen ruht die Beweislast auf +Demjenigen, der es gewagt hat, zu einem so verzweifelten Auskunftsmittel +zu greifen, und vermag er sich nicht zu rechtfertigen, so verwirkt er +mit Recht die schwersten Strafen. Aber in keinem der beiden Fälle können +wir das Vorhandensein alles Rechts leugnen. Ein von Mördern überfallener +Mensch ist nicht verpflichtet, sich ohne von seinen Waffen Gebrauch zu +machen, martern und abschlachten zu lassen, weil noch Niemand im Stande +gewesen ist, das Maß der Gefahr, welches einen Todtschlag rechtfertigt, +genau zu bestimmen. Ebenso wenig ist eine Gesellschaft verpflichtet, +Alles was die Tyrannei über sie verhängen kann, mit passiver Geduld zu +ertragen, weil noch Niemand das Maß der Regierungssünden, das eine +Empörung rechtfertigt, genau zu bestimmen vermochte.</p> + +<p>Aber konnte der Widerstand der Engländer gegen einen Fürsten wie +Jakob eigentlich Empörung genannt werden? Die ächten Schüler Filmer’s +behaupteten allerdings, daß zwischen unsrem Regierungssystem und dem der +Türkei nicht der geringste Unterschied sei, und wenn der König sich +nicht den Inhalt aller Kaufmannskasten in Lombard Street zueigne und +Stumme mit der seidenen Schnur zu Sancroft und Halifax sende, so +geschehe dies nur, weil Seine Majestät zu mild und gnädig sei, als daß +er seine ganze, ihm vom Himmel ertheilte Macht ausüben sollte. Aber wenn +auch die Tories zuweilen in der Hitze des Wortstreits eine Sprache +führten, welche anzudeuten schien, daß sie diesen überspannten Lehren +Beifall zollten, so verabscheuten sie den Despotismus doch gründlich. +Die englische Regierungsform war nach ihren Begriffen eine beschränkt +monarchische. Aber wie kann eine Monarchie beschränkt genannt werden, +wenn niemals, selbst nicht im äußersten Nothfalle Gewalt angewendet +werden darf, um sie innerhalb der ihr vorgeschriebenen Schranken zu +halten? In Rußland, wo der Herrscher nach der Verfassung des Staats +unbeschränkt war, konnte man vielleicht mit einem Schein von Richtigkeit +behaupten, daß er, welche Übergriffe er sich auch erlaubte, noch immer +nach christlichen Grundsätzen von seinen Unterthanen Gehorsam verlangen +durfte. Bei uns aber stand der Fürst so gut unter dem Gesetze wie das +Volk. Es war daher Jakob, der das Wehe über sich brachte, welches Denen +angedroht ist, die der bestehenden Gewalt Hohn sprechen. Jakob war es, +der sich den Anordnungen Gottes widersetzte, der sich gegen die +rechtmäßige Autorität auflehnte, welcher er nicht allein aus Furcht vor +dem göttlichen Zorne, sondern schon nach eigenem Gewissen hätte +unterthan sein sollen, und der im wahren Sinne der Worte Jesu dem Kaiser +nicht gab was des Kaisers war.</p> + +<p>In Folge derartiger Betrachtungen fingen die kundigsten und +aufgeklärtesten Tories an zuzugeben, daß sie in der Lehre vom passiven +Gehorsam doch zu weit gegangen waren. Der Streit zwischen diesen Männern +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_10" id = "pageIX_10"> +IX.10</a></span> +und den Whigs bezüglich der gegenseitigen Verpflichtungen der Könige und +Unterthanen war jetzt kein Prinzipstreit mehr. Es blieben allerdings +noch einige gerichtliche Streitpunkte zwischen der Partei, welche +jederzeit die Rechtmäßigkeit des gewaltsamen Widerstandes behauptet +hatten, und den Neubekehrten. Das Andenken des gesegneten Märtyrers +wurde von den alten Kavalieren, welche bereit waren, gegen seinen +entarteten Sohn die Waffen zu ergreifen, noch immer so hoch als je +verehrt. Sie sprachen noch immer mit Abscheu von dem langen Parlamente, +von dem Ryehousecomplot und von dem Aufstande im Westen. Aber wie sie +auch über die Vergangenheit denken mochten, ihre Ansicht von der +Gegenwart war entschieden whiggistisch, denn sie waren jetzt der +Meinung, daß äußerster Druck gewaltsamen Widerstand rechtfertigen könne +und daß der Druck, unter dem die Nation eben seufzte, den äußersten Grad +erreicht habe.<a class = "tag" name = "tagIX_1" id = "tagIX_1" href = +"#noteIX_1">1</a></p> + +<p>Man darf jedoch nicht glauben, daß alle Tories selbst unter den +damaligen Umständen einem Prinzipe entsagten, daß sie von Kindheit auf +als einen wesentlichen Bestandtheil des Christenthums betrachten +gelernt, zu dem sie sich viele Jahre lang mit prahlender Heftigkeit +bekannt und das sie durch Verfolgung zu verbreiten gesucht hatten. +Manche hielten aus wirklicher Überzeugung, Andere aus Scham an dem alten +Glauben fest. Der größere Theil aber selbst von Denen, welche nach wie +vor jeden gewaltsamen Widerstand gegen den Landesherrn für unstatthaft +erklärten, war geneigt, im Falle eines Bürgerkriegs neutral zu bleiben. +Keine Herausforderung sollte sie zum Aufstande bewegen, wenn aber ein +solcher ausbräche, so glaubten sie sich nicht verpflichtet, für +Jakob II. zu kämpfen, wie sie für Karl I. gekämpft haben +würden. Paulus habe den Christen in Rom verboten, sich gegen die +Herrschaft Nero’s zu empören; aber es sei kein Grund zu der Annahme +vorhanden, daß, wenn der Apostel noch gelebt hätte, als die Legionen und +der Senat sich gegen den ruchlosen Kaiser erhoben, er den Brüdern +befohlen haben würde, zur Unterstützung der Tyrannei zu den Waffen zu +eilen. Die Pflicht der verfolgten Kirche sei klar: sie müsse geduldig +ausharren und ihre Sache Gott anheim stellen. Wenn es aber Gott, dessen +weise Fürsorge stets das Böse zum Guten lenkt, gefallen sollte, wie es +ihm oft gefallen habe, sich zur Abstellung ihrer Leiden der Vermittelung +solcher Menschen zu bedienen, deren heftige Leidenschaften ihre Lehren +nicht zu bezähmen vermocht hätten, so könne sie dankbar von ihm eine +Befreiung annehmen, welche auf eigne Hand zu bewerkstelligen ihre +Grundsätze ihr nicht gestatteten. So waren die meisten von den Tories, +welche noch immer jeden Gedanken an einen Angriff auf die Regierung +aufrichtig zurückwiesen, doch keineswegs gemeint, sie zu vertheidigen, +und freuten sich vielleicht, während sie sich ihrer eigenen +Gewissensscrupel rühmten, im Stillen darüber, daß nicht Jedermann so +bedenklich war als sie.</p> + +<p>Die Whigs sahen, daß ihre Zeit gekommen war. Ob sie das Schwert gegen +die Regierung ziehen sollten, war schon seit sechs oder sieben Jahren +bei ihnen nur noch eine Frage der Klugheit und jetzt gebot ihnen eben +die Klugheit, einen kühnen Weg einzuschlagen.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteIX_1" id = "noteIX_1" href = "#tagIX_1">1.</a> +Dieser Umschwung in den Ansichten eines Theiles der Torypartei ist in +einem Schriftchen, welches zu Anfang des Jahres 1689 unter dem Titel +erschien: <span class = "antiqua">„A Dialogue betwen Two friends, +wherein the Church of England is vindicated in joining with the Prince +of Orange“</span> trefflich dargestellt.</p> + + +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_11" id = "pageIX_11"> +IX.11</a></span> +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Russell schlägt dem Prinzen von Oranien eine Landung in England +vor.</span> +<a name = "secIX_2" id = "secIX_2">Im</a> Mai, vor der Geburt des +Prinzen von Wales und während es noch ungewiß war, ob die +Indulgenzerklärung in den Kirchen verlesen werden würde oder nicht, +hatte sich Eduard Russell nach dem Haag begeben, hatte dem Prinzen von +Oranien den Zustand der Volksstimmung eindringlich geschildert und +Seiner Hoheit gerathen, an der Spitze einer starken Truppenmacht in +England zu erscheinen und das Volk zu den Waffen zu rufen.</p> + +<p>Wilhelm hatte die ganze Bedeutung der Krisis auf den ersten Blick +erkannt. „Jetzt oder nie!“ sagte er auf Lateinisch zu Dykvelt.<a class = +"tag" name = "tagIX_2" id = "tagIX_2" href = "#noteIX_2">2</a> Gegen +Russell sprach er sich vorsichtiger aus, gab zu, daß die Leiden des +Staats von der Art seien, daß sie ein außergewöhnliches Heilmittel +erheischten, sprach aber sehr ernstlich von dem möglichen Scheitern des +Unternehmens und von dem Unheil, welches dadurch über Großbritannien und +über ganz Europa gebracht werden konnte. Er wisse nur zu gut, daß Viele, +die sich jetzt in hochtönenden Worten bereit erklärten, Gut und Blut dem +Vaterlande zu opfern, wieder zaghaft werden würden, wenn ihnen die +Aussicht auf eine Wiederholung der Blutigen Assisen nahe vor Augen +träte, und er könne sich daher nicht mit unbestimmten Versicherungen von +Geneigtheit begnügen, sondern verlange bestimmte Einladungen und +schriftliche Unterstützungszusagen von einflußreichen und bedeutenden +Männern. Russell bemerkte ihm dagegen, daß es gefährlich sein werde, +eine größere Anzahl von Personen in den Plan einzuweihen. Wilhelm +stimmte ihm bei und sagte, daß einige wenige Unterschriften genügen +würden, wenn es die von Staatsmännern wären, welche große Parteien +repräsentirten.<a class = "tag" name = "tagIX_3" id = "tagIX_3" href = +"#noteIX_3">3</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteIX_2" id = "noteIX_2" href = "#tagIX_2">2.</a> +<span class = "antiqua">„Aut nunc, aut nunquam.“</span> — Witsen’s +Handschriften, citirt von Wagenaar, Buch 60.</p> + +<p><a name = "noteIX_3" id = "noteIX_3" href = "#tagIX_3">3.</a> +<span class = "antiqua">Burnet, I. 763.</span></p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Heinrich Sidney.</span> +<a name = "secIX_3" id = "secIX_3">Mit</a> dieser Antwort kehrte Russell +nach London zurück, wo er die Aufregung bedeutend gestiegen und noch +täglich zunehmend fand. Die Einsperrung der Bischöfe und die Entbindung +der Königin erleichterten ihm seine Aufgabe mehr als er es hätte +erwarten können. Er eilte die Stimmen der Oberhäupter der Opposition zu +sammeln und sein Hauptgehülfe bei diesem Geschäft war Heinrich Sidney, +der Bruder Algernon’s. Es ist ein bemerkenswerther Umstand, daß Eduard +Russell sowohl als Heinrich Sidney dem Hofstaate Jakob’s angehört +hatten, daß Beide theils aus politischen, theils aus Privatgründen seine +Feinde geworden waren und daß Beide das Blut naher Verwandter zu rächen +hatten, welche in einem und demselben Jahre als Opfer seiner +unerbittlichen Strenge gefallen waren. Hier endet jedoch die +Ähnlichkeit. Russel war, bei bedeutenden Fähigkeiten, stolz, +sarkastisch, ruhelos und heftig. Sidney schien bei sanftem Gemüth und +einnehmenden Manieren seine besonderen Fähigkeiten und Kenntnisse zu +besitzen und in Genußsucht und Indolenz versunken zu sein. Von Gesicht +und Gestalt war er auffallend hübsch. In seiner Jugend war er der +Schrecken der Ehemänner gewesen und selbst jetzt, dem fünfzigsten Jahre +nahe, war er noch der Liebling der Frauen und ein Gegenstand des Neides +für jüngere Männer. Er hatte sich früher in amtlicher Stellung im Haag +aufgehalten und es war ihm gelungen, sich Wilhelm’s Vertrauen in hohem +Grade zu erwerben. Viele wunderten sich darüber, denn man hätte glauben +sollen, daß der ernsteste +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_12" id = "pageIX_12"> +IX.12</a></span> +Staatsmann und der ausschweifendste Müßiggänger nichts mit einander +gemein haben könnten. Swift konnte viele Jahre später nicht begreifen, +daß ein Mann, den er nur als einen wissenschaftlich ungebildeten und +frivolen alten Wüstling gekannt hatte, wirklich in einer großen +Revolution eine große Rolle gespielt haben sollte. Doch selbst ein +minder scharfsichtiger Beobachter als Swift hätte wissen können, daß es +einen gewissen instinktartigen Takt giebt, der oft großen Rednern und +Philosophen fehlt, aber oft bei Personen gefunden wird, die man für +einfältige Menschen erklären würde, wenn man sie nur nach ihren Reden +und Schriften beurtheilte. In der That, wer diesen Takt besitzt, für den +ist es in gewissem Sinne ein Vortheil, wenn ihm die glänzenderen Talente +mangeln, die ihn zu einem Gegenstande der Bewunderung, des Neides und +der Furcht machen würden. Sidney war ein sprechender Beleg für diese +Wahrheit. So untüchtig, unwissend und ausschweifend er zu sein schien, +so erkannte er doch ober fühlte er vielmehr, gegen wen er zurückhaltend +sein mußte und gegen wen er ohne Gefahr mittheilend sein durfte. In +Folge dessen leistete er was Mordaunt mit all’ seiner Lebhaftigkeit und +all’ seinem Erfindungsgeiste oder Burnet mit all’ seinem vielseitigen +Wissen und seiner fließenden Beredtsamkeit nie hätten ausführen +können.<a class = "tag" name = "tagIX_4" id = "tagIX_4" href = +"#noteIX_4">4</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteIX_4" id = "noteIX_4" href = "#tagIX_4">4.</a> +<span class = "antiqua">Sidney’s Diary and Correspondence, edited by +<ins class = "correction" title = "Original hat »Blecnowe«">Blencowe</ins></span>; <span class = "antiqua">Mackay’s +Memoirs</span> und Swift’s Note; <span class = "antiqua">Burnet, I. +763.</span></p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Devonshire.</span> +<a name = "secIX_4" id = "secIX_4">Bei</a> den alten Whigs konnte es +keine Schwierigkeiten haben. Ihrer Meinung nach hatte es seit vielen +Jahren kaum einen Augenblick gegeben, wo die öffentlichen +Rechtsverletzungen nicht den Widerstand gerechtfertigt hätten. +Devonshire, der als ihr Oberhaupt betrachtet werden konnte, hatte sowohl +private als öffentliche Unbilden zu rächen. Er ging mit ganzem Herzen +auf den Plan ein und bürgte für seine Partei.<a class = "tag" name = +"tagIX_5" id = "tagIX_5" href = "#noteIX_5">5</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteIX_5" id = "noteIX_5" href = "#tagIX_5">5.</a> +<span class = "antiqua">Burnet, I. 764</span>; Chiffrirter Brief an +Wilhelm vom 18. Juni 1688 in Dalrymple.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Shrewsbury. — Halifax.</span> +<a name = "secIX_5" id = "secIX_5">Russell</a> theilte den Plan +Shrewsbury mit und Sidney sondirte Halifax. Shrewsbury entschloß sich +mit einem Muthe und einer Entschiedenheit, welche späterhin seinem +Character zu fehlen schienen. Er erklärte sich sofort bereit, sein +Vermögen, seine Ehre und sein Leben aufs Spiel zu setzen. Halifax aber +nahm die erste Andeutung des Vorhabens in einer Weise auf, welche +bewies, daß es nutzlos und vielleicht sogar gefährlich gewesen wäre, +sich deutlicher auszusprechen. Er war in der That auch nicht der Mann zu +einem solchen Unternehmen. Sein Geist war unerschöpflich in subtilen +Unterscheidungen und Einwendungen, sein Temperament friedliebend und +nicht waghalsig. Er war bereit, dem Hofe im Hause der Lords und durch +anonyme Schriften bis aufs Äußerste zu opponiren; aber seine vornehme +Ruhe mit dem unsicheren und bewegten Leben eines Verschwörers zu +vertauschen, sich in die Gewalt von Mitverschwornen zu geben, in +beständiger Angst vor Verhaftbefehlen und Königsboten zu leben, ja +vielleicht gar auf dem Schaffot zu enden, oder in einer Hintergasse im +Haag von Almosen zu existiren, dazu hatte er wenig Lust. Er äußerte +daher einige Worte, welche deutlich erkennen ließen, daß er nicht +wünschte, in die Pläne seiner verwegeneren und ungestümeren Freunde +eingeweiht zu werden. Sidney verstand ihn und sagte nichts mehr.<a class += "tag" name = "tagIX_6" id = "tagIX_6" href = "#noteIX_6">6</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteIX_6" id = "noteIX_6" href = "#tagIX_6">6.</a> +<span class = "antiqua">Ibid.</span></p> + + +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_13" id = "pageIX_13"> +IX.13</a></span> +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Danby und der Bischof Compton.</span> +<a name = "secIX_6" id = "secIX_6">Hierauf</a> wendete man sich nun +zunächst an Danby und mit weit besserem Erfolg. Für seinen kühnen und +thatkräftigen Geist hatten Gefahr und Aufregung, welche dem zarter +organisirten Gemüth Halifax’ unerträglich waren, einen großen Reiz. Die +verschiedenen Charactere der beiden Staatsmänner waren schon in ihren +Gesichtszügen zu erkennen. Halifax’ Stirn, Auge und Mund verriethen +einen ausgezeichneten Verstand und einen ungewöhnlichen Sinn für die +Satire; aber sein Gesichtsausdruck war der eines Skeptikers, eines +Sybariten, eines Mannes, der so leicht nicht Alles auf eine Karte setzt +oder für irgend eine Sache zum Märtyrer wird. Wer sein Gesicht kennt, +wird sich nicht wundern können, daß der Schriftsteller, der ihm am +meisten Vergnügen machte, Montaigne war.<a class = "tag" name = +"tagIX_7" id = "tagIX_7" href = "#noteIX_7">7</a> Danby war ein Skelett; +sein hageres und faltenreiches, obgleich ansprechendes und edles Gesicht +verrieth sowohl seine ausgezeichneten Geistesgaben, als auch seinen +ruhelosen Ehrgeiz. Er hatte sich schon einmal aus der Dunkelheit auf den +Gipfel der Macht emporgeschwungen und war dann plötzlich von seiner Höhe +herabgestürzt. Sein Leben war in Gefahr gewesen und er hatte Jahre lang +im Gefängniß zugebracht. Jetzt war er frei, aber damit war er nicht +zufrieden, er wollte wieder groß werden. Als treuer Anhänger der +anglikanischen Kirche und Feind des französischen Übergewichts konnte er +nicht hoffen, an einem von Jesuiten wimmelnden und dem Hause Bourbon +ergebenen Hofe etwas Großes zu werden. Wenn er aber eine Hauptrolle in +einer Revolution übernahm, welche alle Pläne der Papisten vereiteln, der +langen Vasallenschaft Englands ein Ziel setzen und die königliche Macht +auf ein erlauchtes Paar übertragen sollte, dessen eheliches Band er +geknüpft hatte, so konnte er mit neuem Glanze aus seiner Dunkelheit +hervortreten. Die Whigs, deren Groll ihn neun Jahre früher aus dem Amte +gestoßen hatte, verbanden bei seinem glücklichen Wiedererscheinen gewiß +ihren Beifallsjubel mit dem seiner alten Freunde, der Kavaliere. Schon +hatte er sich mit einem der Ausgezeichnetsten von Denen, welche ihn +vormals angeklagt hatten, mit dem Earl von Devonshire, vollständig +wieder ausgesöhnt. Die beiden Kavaliere waren in einem Dorfe im Peak +zusammengekommen und hatten einander ihrer freundschaftlichen +Gesinnungen versichert. Devonshire hatte offen eingestanden, daß die +Whigs sich einer großen Ungerechtigkeit schuldig gemacht und hatte +erklärt, daß sie jetzt von ihrem Irrthum überzeugt wären. Auch Danby +hatte Mancherlei zurückzunehmen. Er hatte einst wirklich oder vorgeblich +der Lehre vom passiven Gehorsame im weitesten Sinne gehuldigt. Auf seine +Anregung oder mit seiner Genehmigung war ein Gesetz beantragt worden, +das, wenn es angenommen worden wäre, alle Diejenigen, die sich weigerten +eidlich zu erklären, daß sie gewaltsamen Widerstand unter allen +Umständen für unerlaubt hielten, vom Parlament ausgeschlossen haben +würde. Aber sein scharfer Verstand, durch die Sorge um das öffentliche +wie um sein persönliches Wohl vollständig erleuchtet, ließ sich jetzt +nicht mehr durch solche kindische Trugschlüsse täuschen, wenn dies +überhaupt jemals der Fall gewesen war. Er erklärte sofort seinen +Beitritt zu der Verschwörung, und bemühte sich dann, die Mitwirkung +Compton’s, des +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_14" id = "pageIX_14"> +IX.14</a></span> +suspendirten Bischofs von London zu gewinnen, was ihm auch ohne +Schwierigkeit gelang. Kein Prälat war von der Regierung so rücksichtslos +und ungerecht behandelt worden als Compton, auch hatte kein Prälat +soviel von einer Revolution zu erwarten als er, denn er war der Erzieher +der Prinzessin von Oranien gewesen und man glaubte allgemein, daß er ihr +Vertrauen in hohem Maße genoß. Er hatte wie seine Collegen, so lange er +noch nicht unterdrückt wurde, entschieden behauptet, daß es ein +Verbrechen sei, sich gegen den Druck aufzulehnen; seitdem er aber vor +der Hohen Commission gestanden, war ein neues Licht in ihm +aufgegangen.<a class = "tag" name = "tagIX_8" id = "tagIX_8" href = +"#noteIX_8">8</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteIX_7" id = "noteIX_7" href = "#tagIX_7">7.</a> +In Betreff Montaigne’s siehe Halifax’ Brief an Cotton. Ich weiß nicht, +ob Halifax’ Kopf in der Westminsterabtei nicht ein richtigeres Bild von +ihm giebt als alle gemalten oder gestochenen Portraits, die ich von ihm +gesehen habe.</p> + +<p><a name = "noteIX_8" id = "noteIX_8" href = "#tagIX_8">8.</a> +Siehe Danby’s Einleitung zu den Actenstücken, die er 1710 +veröffentlichte, so wie auch <span class = "antiqua">Burnet, I. +764.</span></p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Nottingham.</span> +<a name = "secIX_7" id = "secIX_7">Danby</a> und Compton wünschten +Beide, sich der Unterstützung Nottingham’s zu versichern. Der ganze Plan +wurde ihm mitgetheilt und er billigte denselben. Aber schon nach wenigen +Tagen fing er an besorgt zu werden. Seine Seele war nicht stark genug, +um sich von anerzogenen Vorurtheilen loszureißen. Er ging von einem +Geistlichen zum andern, legte ihnen in allgemeinen Ausdrücken +angenommene Fälle von Tyrannei vor und fragte sie, ob in solchen Fällen +der Widerstand erlaubt sei. Die Antworten, die er erhielt, vermehrten +seine Angst. Endlich sagte er seinen Mitverschwornen, daß er nicht +weiter mit ihnen gehen könne. Wenn sie ihn für fähig hielten, sie zu +verrathen, so sollten sie ihn umbringen, und er werde sie schwerlich +deshalb tadeln, denn indem er zurücktrete, nachdem er so weit gegangen +sei, gebe er ihnen eine Art von Recht über sein Leben. Er versichere +aber, daß sie von ihm nichts zu fürchten hatten; er werde ihr Geheimniß +streng bewahren und könne nicht anders als ihnen den besten Erfolg +wünschen, aber sein Gewissen gestatte ihm nicht, thätigen Antheil an +einem Aufstande zu nehmen. Sie vernahmen sein Bekenntniß mit Argwohn und +Verachtung. Sidney, der sehr unbestimmte Begriffe von Gewissensscrupeln +hatte, benachrichtigte den Prinzen, daß Nottingham Angst bekommen habe. +Man ist es jedoch Nottingham schuldig, zu sagen, daß sein allgemeiner +Lebenswandel uns zu dem Glauben berechtigt, daß er bei dieser +Gelegenheit durchaus rechtschaffen, wenn auch höchst unklug und +unentschlossen handelte.<a class = "tag" name = "tagIX_9" id = "tagIX_9" +href = "#noteIX_9">9</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteIX_9" id = "noteIX_9" href = "#tagIX_9">9.</a> +<span class = "antiqua">Burnet, I. 764</span>; Sidney an den Prinzen von +Oranien, 30. Juni 1688, in Dalrymple.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Lumley.</span> +<a name = "secIX_8" id = "secIX_8">Einen</a> vollständigeren Erfolg +hatten die Agenten des Prinzen bei Lord Lumley, der wohl wußte, daß er +trotz des hochwichtigen Dienstes, den er zur Zeit des Aufstandes im +Westen geleistet, in Whitehall nicht blos als Ketzer, sondern als +Renegat verhaßt war, und der sich daher mehr als die meisten gebornen +Protestanten danach sehnte, zur Vertheidigung des Protestantismus die +Waffen zu ergreifen.<a class = "tag" name = "tagIX_10" id = "tagIX_10" +href = "#noteIX_10">10</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteIX_10" id = "noteIX_10" href = "#tagIX_10">10.</a> +<span class = "antiqua">Burnet, I. 763</span>; Lumley an Wilhelm, 31. +Mai 1688 in Dalrymple.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Absendung der Einladung an Wilhelm.</span> +<a name = "secIX_9" id = "secIX_9">Im</a> Monat Juni hatten die ins +Geheimniß Eingeweihten häufige Zusammenkünfte, und am Letzten dieses +Monats, dem Tage, an welchem die Bischöfe für nichtschuldig erklärt +wurden, geschah endlich der entscheidende Schritt. Es wurde eine von +Sidney geschriebene, aber von einer in der Abfassung derartiger Aufsätze +geübteren Person entworfene förmliche Einladung nach dem Haag +abgeschickt. In diesem Schreiben wurde Wilhelm versichert, daß neunzehn +Zwanzigstel des englischen Volks sich nach einer Änderung sehnten und +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_15" id = "pageIX_15"> +IX.15</a></span> +sich gern zur Herbeiführung einer solchen verbinden würden, wenn sie den +Beistand einer solchen auswärtigen Macht erlangen könnten, welche die +sich in Waffen Erhebenden vor der Gefahr sichere, zerstreut und +niedergehauen zu werden, ehe sie sich in irgend einer militairischen +Ordnung formiren könnten. Wenn Seine Hoheit an der Spitze eines +Truppencorps in England erschiene, würden viele Tausende zu seinen +Fahnen eilen, und er würde bald über eine der regulären Armee Englands +weit überlegene Streitmacht zu verfügen haben. Überdies könne sich die +Regierung selbst auf diese Armee nicht unbedingt verlassen. Die +Offiziere seien unzufrieden und die gemeinen Soldaten theilten den +Widerwillen gegen den Papismus, der in dem Stande, welchem sie +angehörten, allgemein sei. Bei der Seemacht sei die protestantische +Gesinnung noch allgemeiner. Es sei daher von Wichtigkeit, daß ein +entscheidender Schritt geschehe, so lange sich die Dinge in diesem +Zustande befänden. Das Unternehmen würde viel schwieriger sein, wenn es +verschoben würde, bis der König durch Umgestaltung der Wahlkörper und +der Regimenter sich ein Parlament und ein Heer gebildet habe, auf die er +sich verlassen könnte. Die Verschwornen baten demnach den Prinzen +dringend, so schleunig als möglich zu ihnen zu kommen. Sie gaben ihr +Ehrenwort darauf, daß sie sich ihm anschließen würden und machten sich +anheischig, die Mitwirkung einer so großen Anzahl Personen zu erlangen, +als man ohne Gefahr in ein so wichtiges und gefährliches Geheimniß +ziehen könne. Über einen Punkt hielten sie es für ihre Pflicht, Seiner +Hoheit eine Vorstellung zu machen. Er habe die Meinung der großen Masse +der Engländer über die kürzliche Geburt eines Prinzen nicht zu seinem +Vortheile benutzt, sondern im Gegentheil Glückwünsche nach Whitehall +gesandt, wodurch es scheinen müsse, als ob das Kind, welches den Namen +eines Prinzen von Wales bekommen habe, der rechtmäßige Erbe des Thrones +sei. Dies sei ein großer Fehler gewesen und habe den Eifer abgekühlt. +Nicht Einer unter Tausend zweifle daran, daß der Knabe untergeschoben +sei und der Prinz würde seinen Vortheil nicht richtig erkennen, wenn er +nicht die verdächtigen Umstände, welche die Niederkunft der Königin +begleitet hätten, unter den Gründen für seine bewaffnete Erhebung obenan +stelle.<a class = "tag" name = "tagIX_11" id = "tagIX_11" href = +"#noteIX_11">11</a></p> + +<p>Dieses Schreiben war mit den Namenschiffern der sieben Oberhäupter +der Verschwörung, Shrewsbury, Devonshire, Danby, Lumley, Compton, +Russell und Sidney, unterzeichnet. Herbert übernahm das Amt des +Überbringers. Seine Sendung war mit nicht geringer Gefahr verknüpft. Er +legte die Tracht eines gemeinen Matrosen an und erreichte am Freitag +nach dem Prozesse der Bischöfe die niederländische Küste. Er eilte +augenblicklich zu dem Prinzen. Bentinck und <ins class = "correction" +title = "ungeändert: anderswo »Dykvelt«">Dyckvelt</ins> wurden gerufen +und es vergingen mehrere Tage unter Berathungen. Das erste Resultat +dieser Berathungen war, daß das Gebet für den Prinzen von Wales nicht +mehr in der Kapelle des Prinzen verlesen wurde.<a class = "tag" name = +"tagIX_12" id = "tagIX_12" href = "#noteIX_12">12</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteIX_11" id = "noteIX_11" href = "#tagIX_11">11.</a> +Siehe die ausführliche Einladung bei Dalrymple.</p> + +<p><a name = "noteIX_12" id = "noteIX_12" href = "#tagIX_12">12.</a> +Sidney’s Brief an Wilhelm, 30. Juni 1688; Avaux, 11.(21.), 12.(22.) +Juli.</p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Mariens Verhalten.</span> +<a name = "secIX_10" id = "secIX_10">Von</a> Seiten seiner Gemahlin +hatte Wilhelm keine Opposition zu fürchten. Er übte eine unbeschränkte +Gewalt über ihren Geist aus und, was noch merkwürdiger war, er hatte +ihre ganze Zuneigung gewonnen. Er ersetzte ihr die Eltern, die sie durch +den Tod +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_16" id = "pageIX_16"> +IX.16</a></span> +und durch Entfremdung verloren hatte, die Kinder, die ihren Gebeten +versagt worden, und das Vaterland, aus dem sie verbannt war. Er theilte +die Herrschaft über ihr Herz nur mit ihrem Gott. An ihrem Vater hatte +sie wahrscheinlich nie mit Liebe gehangen, sie hatte ihn in früher +Jugend verlassen, seit vielen Jahren hatte sie ihn nicht gesehen und +sein Benehmen gegen sie seit ihrer Vermählung hatte weder Zärtlichkeit +von seiner Seite verrathen noch in ihr ein derartiges Gefühl erwecken +können. Er hatte alles Mögliche gethan, um ihr häusliches Glück zu +stören und unter ihrem Dache ein förmliches System von Spioniererei, +Aushorcherei und Angeberei eingeführt. Er bezog größere Einkünfte als +irgend einer seiner Vorgänger und bewilligte ihrer jüngeren Schwester +ein regelmäßiges Jahrgehalt von vierzigtausend Pfund;<a class = "tag" +name = "tagIX_13" id = "tagIX_13" href = "#noteIX_13">13</a> die +muthmaßliche Erbin seines Thrones aber hatte nie die geringste +Geldunterstützung von ihm erhalten und war kaum im Stande, den ihrem +hohen Range unter den europäischen Fürstinnen zukommenden Aufwand zu +machen. Sie hatte es gewagt, sich für ihren alten Freund und Lehrer +Compton bei ihm zu verwenden, der von seinen bischöflichen Functionen +suspendirt worden war, weil er sich geweigert hatte, eine Handlung +empörender Ungerechtigkeit zu begehen, aber ihre Fürsprache war ungnädig +abgewiesen werden.<a class = "tag" name = "tagIX_14" id = "tagIX_14" +href = "#noteIX_14">14</a> Von dem Tage an, wo es sich klar +herausgestellt hatte, daß sie und ihr Gemahl entschlossen waren, sich +bei dem Umsturze der englischen Verfassung nicht zu betheiligen, war es +ein Hauptzweck der Politik Jakob’s gewesen, sie Beide zu kränken. Er +hatte die britischen Regimenter aus Holland zurückberufen, er hatte mit +Tyrconnel und mit Frankreich gegen Mariens Rechte conspirirt und +Anstalten getroffen, um sie wenigstens einer der drei Kronen zu +berauben, auf welche sie bei seinem Tode Anspruch gehabt haben würde. +Jetzt glaubte die große Masse seines Volks und viele Personen von hohem +Range und ausgezeichneten Fähigkeiten, daß er einen unächten Prinzen von +Wales in die königliche Familie eingeschmuggelt habe, um sie eines +reichen Erbtheils zu berauben, und man konnte nicht zweifeln, daß auch +sie den herrschenden Argwohn theilte. Einen solchen Vater konnte sie +unmöglich lieben. Ihre religiösen Grundsätze waren allerdings so streng, +daß sie sich wahrscheinlich bemüht haben würde, das was sie für ihre +Pflicht hielt, auch gegen einen nicht geliebten Vater zu erfüllen. In +dem vorliegenden Falle aber war sie der Meinung, daß Jakob’s Anrecht auf +ihren Gehorsam einem geheiligteren Anrechte weichen müsse. In der That +stimmen alle Theologen und Publicisten darin überein, daß, wenn die +Tochter des Fürsten eines Landes mit dem Fürsten eines andren Landes +vermählt ist, sie ihr eignes Volk und ihr Vaterhaus vergessen und im +Falle eines Bruches zwischen ihrem Gemahl und ihren Eltern auf die Seite +des Ersteren treten muß. Dies ist die feststehende Regel, selbst wenn +der Gatte im Unrecht wäre; in Mariens Augen aber war das von Wilhelm +beabsichtigte Unternehmen nicht nur gerecht, sondern heilig.</p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteIX_13" id = "noteIX_13" href = "#tagIX_13">13.</a> +Bonrepaux, 18.(28.) Juli 1687.</p> + +<p><a name = "noteIX_14" id = "noteIX_14" href = "#tagIX_14">14.</a> +Birch’s Auszüge im Britischen Museum.</p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Schwierigkeiten der Unternehmung Wilhelm’s.</span> +<a name = "secIX_11" id = "secIX_11">Obgleich</a> sie es aber sorgfältig +vermied, irgend etwas zu thun oder zu sagen, was die ihm +entgegenstehenden Schwierigkeiten vermehren konnte, so +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_17" id = "pageIX_17"> +IX.17</a></span> +waren diese Schwierigkeiten doch sehr ernster Art. Sie wurden jedoch +selbst von Einigen von Denen, die ihn einluden hinüberzukommen, nur +unvollkommen begriffen, und sind auch von einigen Geschichtsschreibern +der Unternehmung nur unvollkommen geschildert worden.</p> + +<p>Die Hindernisse, welche er auf englischem Boden zu erwarten hatte, +waren zwar die mindest furchtbaren, die der Ausführung seines Planes +entgegenstanden, waren aber doch auch sehr ernst. Er sah wohl ein, daß +es Wahnsinn gewesen wäre, nach dem Beispiele Monmouth’s mit einigen +wenigen britischen Abenteurern über das Meer zu fahren und auf eine +allgemeine Erhebung der Bevölkerung zu rechnen. Es war nothwendig und +wurde von Allen, die ihn einluden, als nothwendig erkannt, daß er eine +Armee mitbrachte. Aber wer konnte für den Eindruck stehen, den das +Erscheinen einer solchen Armee machen würde? Die Regierung war +allerdings mit Recht verhaßt, aber ließ sich wohl erwarten, daß das an +die Einmischung festländischer Mächte in englische Streitigkeiten nicht +gewohnte englische Volk einen von fremden Soldaten umgebenen Befreier +mit wohlwollendem Auge betrachten würde? Wenn nur ein Theil der +königlichen Truppen dem Eindringenden entschlossenen Widerstand +entgegensetzte, würde dieser Theil nicht bald die vaterländischen +Sympathien von Millionen auf seiner Seite haben? Eine Niederlage würde +dem ganzen Unternehmen verderblich geworden sein. Ein blutiger Sieg der +Söldlinge der Generalstaaten über die Coldstreamgarden und die Buffs im +Herzen der Insel wäre fast ein eben so großes Unglück gewesen als eine +Niederlage. Ein solcher Sieg würde die schmerzlichste Wunde gewesen +sein, welche je dem Nationalstolze einer der stolzesten Nationen +geschlagen worden. Die so eroberte Krone hätte nie in Ruhe und Frieden +getragen werden können. Der Haß, mit dem man die Hohe Commission und die +Jesuiten betrachtete, wäre durch den viel stärkeren Haß gegen fremde +Eroberer verdrängt worden, und Viele, die seither auf Frankreichs Macht +mit Furcht und Abscheu geblickt hatten, würden gesagt haben, daß wenn +nun einmal ein fremdes Joch getragen werden müsse, das französische +weniger schimpflich sei als das holländische.</p> + +<p>Diese Betrachtungen hätten Wilhelm wohl bedenklich machen können, +selbst wenn ihm alle militairischen Hülfsmittel der Vereinigten +Provinzen zur unumschränkten Verfügung gestanden hätten. In Wirklichkeit +aber schien es sehr zweifelhaft, ob er die Unterstützung eines einzigen +Bataillons würde erlangen können. Von allen Schwierigkeiten, mit denen +er zu kämpfen hatte, war die größte, obgleich von den englischen +Geschichtsschreibern wenig beachtete, die, welche in der Verfassung der +batavischen Republik selbst lag. Noch nie hatte ein großer Staat unter +einer so unzweckmäßigen Verfassung eine lange Reihe von Jahren existirt. +Die Generalstaaten konnten ohne die Zustimmung der Staaten jeder +einzelnen Provinz weder Krieg noch Frieden beschließen, weder ein +Bündniß eingehen, noch eine Steuer erheben. Und die Provinzialstaaten +konnten wieder ihre Zustimmung nicht ohne die Zustimmung derjenigen +Municipalitäten geben, welche einen Antheil an der Vertretung hatten. +Jede Municipalität war gleichsam ein souverainer Staat und beanspruchte +als solcher das Recht, mit den fremden Gesandten direct zu verkehren und +mit ihnen die Mittel zur Vereitelung von Plänen zu verabreden, welche +andere Municipalitäten <ins class = "correction" title = "Original hat »beachsichtigten«">beabsichtigten</ins>. In einigen Stadträthen hatte +die Partei, welche mehrere Generationen hindurch den Einfluß der +Stadthalter mit +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_18" id = "pageIX_18"> +IX.18</a></span> +eifersüchtigem Auge ansah, ein große Masse. An der Spitze dieser Partei +standen die Behörden der stolzen Stadt Amsterdam, welche damals in ihrer +höchsten Blüthe war. Sie hatten seit dem Frieden von Nymwegen mit Ludwig +durch die Vermittelung seines geschickten und thätigen Gesandten, des +Grafen von Avaux, stets einen freundschaftlichen Verkehr unterhalten. +Vorschläge, die der Statthalter als zum Wohle der Republik unumgänglich +nöthig beantragt, die von allen Provinzen außer Holland und von siebzehn +unter den achtzehn holländischen Stadträthen genehmigt worden, waren +schon mehr als einmal durch die einzige Stimme Amsterdam’s verworfen +worden. Das einzige verfassungsgemäße Hülfsmittel in solchen Fällen +bestand darin, daß Deputationen von den zustimmenden Städten der +andersmeinenden Stadt einen Besuch machten, um sie womöglich zu +überreden. Die Anzahl der Deputirten war unbeschränkt, sie konnten ihre +Vorstellungen so lange fortsetzen, als es ihnen gutdünkte, und +währenddem mußte die starrsinnige Commun, die sich ihren Gründen nicht +fügen wollte, für ihren Unterhalt sorgen. Dieses abgeschmackte +Zwangsmittel war einmal mit Erfolg gegen die kleine Stadt Gorkum +angewendet worden, machte aber voraussichtlich keinen großen Eindruck +auf das mächtige und reiche Amsterdam, das durch seinen von zahllosen +Masten strotzenden Hafen, durch seine von stattlichen Gebäuden +eingefaßten Kanäle, durch seine prächtige Stadthalle mit Wänden, Decken +und Fußböden von polirtem Marmor, durch seine mit den kostbarsten +Producten Ceylon’s und Surinam’s gefüllten Waarenmagazine und seine +Börse, in der das endlose Summen aller Sprachen der civilisirten Völker +ertönte, in der ganzen Welt berühmt war.<a class = "tag" name = +"tagIX_15" id = "tagIX_15" href = "#noteIX_15">15</a></p> + +<p>Die Streitigkeiten zwischen der Majorität, welche den Statthalter +unterstützte, und der Minorität, zu deren Spitze der Magistrat von +Amsterdam stand, waren schon mehrmals so heftig geworden, daß +Blutvergießen unvermeidlich zu sein schien. Einmal hatte der Prinz den +Versuch gemacht, die widerspenstigen Deputirten als Verräther bestrafen +zu lassen. Ein andermal waren ihm die Thore von Amsterdam versperrt und +Truppen zur Vertheidigung der Privilegien des Municipalraths ausgehoben +worden. Es war nicht zu erwarten, daß die obrigkeitliche Behörde dieser +großen Stadt je in eine Expedition willigen würde, welche für Ludwig, +dem sie den Hof machte, im höchsten Grade beleidigend war und +voraussichtlich das ihr verhaßte Haus Oranien zu größerer Macht erhob. +Und doch konnte eine solche Expedition ohne ihre Einwilligung gesetzlich +nicht unternommen werden. Ihren Widerstand durch Waffengewalt zu +brechen, war ein Mittel, daß der entschlossene und kühne Statthalter +unter anderen Umständen nicht gescheut haben würde. In vorliegendem +Falle aber war es von höchster Wichtigkeit, daß er sorgfältig jeden +Schritt vermied, der als tyrannisch dargestellt werden konnte. Er durfte +es nicht wagen, in demselben Augenblicke, wo er gegen seinen +Schwiegervater das Schwert zog, weil dieser die Grundgesetze Englands +verletzt hatte, die Grundgesetze Holland’s zu verletzen. Der gewaltsame +Umsturz einer freien Verfassung würde ein sonderbares Vorspiel zur +gewaltsamen Aufrichtung einer andren gewesen sein.<a class = "tag" name += "tagIX_16" id = "tagIX_16" href = "#noteIX_16">16</a></p> + +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_19" id = "pageIX_19"> +IX.19</a></span> +<p>Außerdem gab es noch eine andre Schwierigkeit, welche von den +englischen Geschichtschreibern zu wenig beachtet worden ist, die aber +Wilhelm nicht einen Augenblick aus dem Gesicht verlor. Er konnte das +beabsichtigte Unternehmen nur dann glücklich durchführen, wenn er an das +protestantische Gefühl Englands appellirte und dieses Gefühl so kräftig +anspornte, daß es eine Zeit lang das vorherrschende und fast +ausschließliche Gefühl der Nation würde. Dies würde in der That eine +sehr einfaches Verfahren gewesen sein, hätte seine Politik einzig und +allein dahin gezielt, auf unsrer Insel eine Revolution hervorzurufen und +daselbst zu regieren. Aber er hatte ein andres Endziel vor Augen, das er +nur mit Beihülfe von Fürsten, welche der römischen Kirche aufrichtig +ergeben waren, erreichen konnte. Er wollte das deutsche Reich, den +katholischen König und den heiligen Stuhl mit England und Holland zu +einem Bündnisse gegen das Übergewicht Frankreichs vereinigen, daher war +es nöthig, daß er, während er den gewaltigsten Schlag führte, der je zur +Vertheidigung des Protestantismus geführt worden war, sich das +Wohlwollen von Regierungen zu erhalten suchte, welche den +Protestantismus als eine gefährliche Ketzerei betrachteten.</p> + +<p>Dies waren die verwickelten Schwierigkeiten dieses großen +Unternehmens. Staatsmänner des Continents erkannten einen Theil dieser +Schwierigkeiten, britische Staatsmänner einen andren. Nur ein +scharfblickender und gewaltiger Geist übersah sie mit einem einzigen +Blicke und beschloß sie alle zu überwinden. Es war kein leichtes Ding, +die englische Regierung vermittelst einer fremden Heeresmacht zu +stürzen, ohne den Nationalstolz der Engländer zu verwunden. Es war kein +leichtes Ding, von der batavischen Faction, welche Frankreich mit +Vorliebe und das Haus Oranien mit Widerwillen betrachtete, eine +Entscheidung zu Gunsten einer Expedition zu erlangen, die alle Pläne +Frankreichs über den Haufen warf und das Haus Oranien auf den Gipfel der +Größe erheben mußte. Es war kein leichtes Ding, begeisterte Protestanten +zu einem Kreuzzuge gegen den Papismus zu führen, und sich trotzdem die +Freundschaft fast aller papistischen Regierungen und des Papstes selbst +zu erhalten. Doch alles dies führte Wilhelm aus. Er erreichte alle seine +Zwecke, selbst die, welche sich am wenigsten mit einander zu vertragen +schienen, vollständig und zu gleicher Zeit. Die ganze Geschichte der +alten wie der neuen Zeit berichtet keinen zweiten ähnlichen Triumph der +Staatskunst.</p> + +<p>Die Aufgabe würde allerdings selbst für einen solchen Staatsmann wie +der Prinz von Oranien zu schwierig gewesen sein, wären nicht seine +Hauptgegner damals in einer Bethörung befangen gewesen, welche von +vielen gerade nicht abergläubischen Leuten als eine besondere göttliche +Strafe betrachtet wurde. Nicht nur der König von England war wie immer +verblendet und verkehrt, sondern selbst die Räthe des klugen Königs von +England waren thöricht geworden. Was Weisheit und Energie irgend +vermögen, das that Wilhelm. Die Hindernisse aber, welche keine Weisheit +oder Energie hätte überwinden können, räumten seine Feinde selbst +geflissentlich aus dem Wege.</p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteIX_15" id = "noteIX_15" href = "#tagIX_15">15.</a> +<span class = "antiqua">Avaux Neg., Oct. 29. (Nov. 8.) 1683</span>.</p> + +<p><a name = "noteIX_16" id = "noteIX_16" href = "#tagIX_16">16.</a> +In Betreff des Verhältnisses, in welchem der Statthalter und die Stadt +Amsterdam zu einander standen, siehe Avaux an mehreren Stellen.</p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Jakob’s Benehmen nach dem Prozesse der Bischöfe.</span> +<a name = "secIX_12" id = "secIX_12">An</a> dem wichtigen Tage, an +welchem die Bischöfe freigesprochen und die Einladung nach dem Haag +abgesandt wurde, kehrte Jakob in verdrüßlicher und gereizter Stimmung +von Hounslow nach Westminster zurück. Er +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_20" id = "pageIX_20"> +IX.20</a></span> +<ins class = "correction" title = "Original hat »be-/bemühte« am Seitenende">bemühte </ins> sich diesen Nachmittag heiter zu scheinen;<a +class = "tag" name = "tagIX_17" id = "tagIX_17" href = +"#noteIX_17">17</a> aber die Freudenfeuer, die Raketen und vor Allem die +wächsernen Päpste, welche in allen Stadttheilen Londons leuchteten, +waren eben nicht geeignet, ihn zu erheitern. Wer ihn am andren Morgen +sah, konnte in seinen Zügen und in seiner Haltung ohne Mühe die heftigen +Gemüthsbewegungen erkennen, die in seiner Brust tobten.<a class = "tag" +name = "tagIX_18" id = "tagIX_18" href = "#noteIX_18">18</a> Einige Tage +lang schien er sehr ungern von dem Prozeß zu sprechen, so daß selbst +Barillon es nicht wagen durfte, die Sache zur Sprache zu bringen.<a +class = "tag" name = "tagIX_19" id = "tagIX_19" href = +"#noteIX_19">19</a></p> + +<p>Bald begann es sich klar zu zeigen, daß die Niederlage und +Demüthigung das Herz des Königs nur noch mehr verhärtet hatte. Die +ersten Worte, die über seine Lippen kamen, als er erfuhr, daß die +Gegenstände seiner Rache ihm entschlüpft, waren: „Sie sollen es +bereuen!“ Schon nach wenigen Tagen wurde der Sinn dieser Worte, die er +seiner Gewohnheit nach sehr häufig wiederholte, vollkommen klar. Er +machte sich Vorwürfe, nicht darüber, daß er die Bischöfe gerichtlich +verfolgt, sondern daß er sie vor ein Tribunal gestellt hatte, wo die +factischen Fragen durch Geschworne entschieden wurden und die +feststehenden Rechtsgrundsätze auch von den servilsten Richtern nicht +gänzlich aus den Augen gelassen werden konnten. Diesen Fehler beschloß +er wieder gut zu machen. Nicht nur die sieben Prälaten, welche die +Petition unterzeichnet hatten, sondern die gesammte anglikanische +Geistlichkeit sollte Ursache haben, den Tag zu verwünschen, an welchem +sie einen Sieg über ihren Landesherrn davon getragen. Etwa vierzehn Tage +nach dem Prozeß wurde eine Kabinetsordre erlassen, welche allen +Diöcesankanzlern und Archidiakonen anbefahl, in ihren betreffenden +Sprengeln eine strenge Untersuchung vorzunehmen und binnen fünf Wochen +der Hohen Commission die Namen aller derjenigen Pfarrer, Vikare und +Curaten aufzugeben, welche die Indulgenzerklärung nicht verlesen +hatten.<a class = "tag" name = "tagIX_20" id = "tagIX_20" href = +"#noteIX_20">20</a> Der König weidete sich schon im voraus an dem +Entsetzen, mit dem die Ungehorsamen vernehmen würden, daß sie vor ein +Tribunal gestellt werden sollten, von dem sie keine Gnade zu erwarten +hatten.<a class = "tag" name = "tagIX_21" id = "tagIX_21" href = +"#noteIX_21">21</a> Die Anzahl der Schuldigen betrug wenig unter, wenn +nicht volle zehntausend und nach dem, was im Magdalenen-Collegium +geschehen war, konnte jeder von ihnen mit gutem Grunde darauf gefaßt +sein, daß ihm die Ausübung aller seiner geistlichen Functionen +untersagt, daß er aus seiner Pfründe vertrieben, zur Bekleidung irgend +eines andren Amtes für unfähig erklärt und in die Kosten des Prozesses +verurtheilt würde, der ihn zum Bettler gemacht.</p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteIX_17" id = "noteIX_17" href = "#tagIX_17">17.</a> +Adda, 6.(16.) Juli 1688.</p> + +<p><a name = "noteIX_18" id = "noteIX_18" href = "#tagIX_18">18.</a> +<span class = "antiqua">Reresby’s Memoirs</span>.</p> + +<p><a name = "noteIX_19" id = "noteIX_19" href = "#tagIX_19">19.</a> +Barillon, 2.(12.) Juli 1688.</p> + +<p><a name = "noteIX_20" id = "noteIX_20" href = "#tagIX_20">20.</a> +<span class = "antiqua">London Gazette, July 16. 1688</span>. Die +Kabinetsordre ist vom 12. Juli datirt.</p> + +<p><a name = "noteIX_21" id = "noteIX_21" href = "#tagIX_21">21.</a> +Barillon’s eigene Worte 6.(16.) Juli 1688.</p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Entlassungen und Ernennungen.</span> +<a name = "secIX_13" id = "secIX_13">Dies</a> war die Verfolgung, durch +welche Jakob im Ärger über seine große Niederlage in Westminsterhall die +Geistlichkeit zu züchtigen beschloß. Vor der Hand bemühte er sich, den +Männern des Gesetzes durch rasche und ausgedehnte Vertheilung von +Belohnungen und Strafen zu zeigen, daß consequente und schamlose +Servilität, wenn sie auch nicht zum Ziele führte, ein sicheres Anrecht +auf seine Gunst verleihe und daß Jeder, der nach jahrelanger +Unterwürfigkeit nur einen Augenblick auf den Pfad des Muthes +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_21" id = "pageIX_21"> +IX.21</a></span> +und der Rechtschaffenheit überzuspringen wagte, sich eines +unverzeihlichen Verbrechens schuldig mache. Die Heftigkeit und +Frechheit, welche der Renegat Williams während des ganzen Prozesses der +Bischöfe an den Tag gelegt, hatte ihn der ganzen Nation verhaßt +gemacht.<a class = "tag" name = "tagIX_22" id = "tagIX_22" href = +"#noteIX_22">22</a> Er wurde mit dem Baronettitel belohnt. Holloway und +Powell hatten ihren Ruf durch die Erklärung gehoben, daß die Petition +ihrer Ansicht nach kein Libell sei. Sie wurden ihrer Stellen entsetzt.<a +class = "tag" name = "tagIX_23" id = "tagIX_23" href = +"#noteIX_23">23</a> Wright’s Schicksal scheint einige Zeit zweifelhaft +gewesen zu sein. Er hatte zwar gegen die Bischöfe resumirt, hatte es +aber geduldet, daß ihr Rechtsbeistand die Dispensationsgewalt bestritt; +er hatte die Petition ein Libell genannt, es aber sorgfältig vermieden, +die Indulgenzerklärung gesetzlich zu nennen, und während der ganzen +Verhandlung hatte er in dem Tone eines Mannes gesprochen, welcher wußte, +daß ein Tag der Rechenschaft kommen konnte. Allerdings hatte er auch +gegründete Ansprüche auf Nachsicht, denn es war wohl kaum zu erwarten, +daß irgend eines Menschen Frechheit in einer solchen Aufgabe, angesichts +einer solchen Barre und eines solchen Auditoriums von Anfang bis zu Ende +hätte aushalten können, ohne zu erschlaffen. Die Mitglieder der +jesuitischen Cabale tadelten ihn jedoch wegen seines Mangels an Muth; +der Kanzler nannte ihn einen Esel und man glaubte allgemein, daß ein +neuer Oberrichter ernannt werden würde.<a class = "tag" name = +"tagIX_24" id = "tagIX_24" href = "#noteIX_24">24</a> Aber es fand keine +derartige Veränderung statt. Es würde auch nicht leicht gewesen sein, +Wright’s Stelle wieder zu besetzen. Die vielen Juristen, welche in +Talenten und Kenntnissen hoch über ihm standen, waren fast ohne Ausnahme +den Plänen der Regierung feindlich gesinnt; und die sehr wenigen, die +ihn in Gewissenlosigkeit und Frechheit übertrafen, waren fast ohne +Ausnahme nur in den untersten Schichten ihres Standes zu finden und +würden unfähig gewesen sein, nur die gewöhnlichen Geschäfte des +Kingsbenchgerichts zu leiten. Williams vereinigte allerdings alle +Eigenschaften in sich, welche Jakob von einem hohen Gerichtsbeamten +verlangte, aber seiner Dienste bedurfte man bei der Staatsanwaltschaft +und wäre er von derselben entfernt worden, so würde der Krone nicht der +Beistand eines Advokaten dritten Ranges geblieben sein.</p> + +<p>Nichts hatte den König mehr in Erstaunen gesetzt und gekränkt, als +die Begeisterung, welche die Dissenters für die Sache der Bischöfe an +den Tag legten. Penn, der, obgleich er selbst seinen Gewissensscrupeln +Reichthum und Ehrenstellen aufgeopfert hatte, zu glauben schien, daß +außer ihm Niemand ein Gewissen habe, schrieb die Unzufriedenheit der +Puritaner dem Neide und dem unbefriedigten Ehrgeize zu. Er meinte, sie +hätten keinen Antheil an den durch die Indulgenzerklärung verheißenen +Wohlthaten gehabt, keiner von ihnen sei zu einem hohen und ehrenvollen +Posten berufen worden, und es sei daher kein Wunder, daß sie auf die +Katholiken eifersüchtig wären. In Folge dessen wurde acht Tage nach dem +hochwichtigen Verdict der Geschwornen in Westminsterhall, Silas +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_22" id = "pageIX_22"> +IX.22</a></span> +Titus, ein angesehener Presbyterianer, ein heftiger Exclusionist und +einer der Hauptankläger Stafford’s, eingeladen, einen Sitz im Geheimen +Rathe einzunehmen. Er gehörte zu Denen, auf welche die Opposition am +sichersten gerechnet hatte. Aber die ihm jetzt angetragene Ehre und die +Aussicht eine bedeutende Summe zu erhalten, die ihm die Krone schuldete, +gewannen die Oberhand über seine Tugend und er wurde zum großen Ärgerniß +aller Klassen von Protestanten vereidigt.<a class = "tag" name = +"tagIX_25" id = "tagIX_25" href = "#noteIX_25">25</a></p> + +<p>Die Rachepläne des Königs gegen die Kirche gingen nicht in Erfüllung. +Fast sämmtliche Archidiakonen und Diöcesankanzler verweigerten die +verlangten Angaben. Der Tag, an welchem die ganze Masse der Geistlichen +vorgeladen werden sollte, um sich wegen ihres Ungehorsams zu +verantworten, kam heran.</p> + +<div class = "footnote"> + +<p><a name = "noteIX_22" id = "noteIX_22" href = "#tagIX_22">22.</a> +In einer der zahlreichen Balladen jener Zeit kommen folgende Zeilen +vor:</p> + +<div class = "verse"> +<p>„Unsere beiden Briten sind Thoren,</p> +<p>Die sich gegen das Gesetz verschworen,</p> +<p>Aber das nächste Parlament wird sie kriegen bei den Ohren.“</p> +</div> + +<p>Die beiden Briten sind Jeffrey’s und Williams, beide aus Wales +gebürtig.</p> + +<p><a name = "noteIX_23" id = "noteIX_23" href = "#tagIX_23">23.</a> +<span class = "antiqua">London Gazette, July 9. 1688</span>.</p> + +<p><a name = "noteIX_24" id = "noteIX_24" href = "#tagIX_24">24.</a> +Ellis’ Correspondenz, 10. Juli 1688; <span class = "antiqua">Clarendon’s +Diary, Aug. 3. 1688</span>.</p> + +<p><a name = "noteIX_25" id = "noteIX_25" href = "#tagIX_25">25.</a> +<span class = "antiqua">London Gazette, July 9. 1688</span>; Adda, 13 +(23.) Juli; <span class = "antiqua">Evelyn’s Diary, July 12</span>; +Johnstone, 8.(18.) Dec. 1687, 6.(16.) Febr. 1688.</p> + +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Verfahren der Hohen Commission. Sprat tritt aus.</span> +<a name = "secIX_14" id = "secIX_14">Die</a> Hohe Commission trat +zusammen. Es zeigte sich, daß kaum ein kirchlicher Beamter eine Liste +eingeschickt hatte. Zu gleicher Zeit wurde der Commission eine Schrift +von der höchsten Bedeutung vorgelegt. Es war ein Schreiben von Sprat, +dem Bischof von Rochester. Zwei Jahre lang hatte er in der Hoffnung auf +ein Erzbisthum den Vorwurf ertragen, daß er die Kirche verfolge, deren +Vertheidigung eine Gewissens- und Ehrenpflicht für ihn war. Aber seine +Hoffnung war getäuscht worden. Er sah, daß er keine Aussicht hatte, auf +den Metropolitenthron von York zu gelangen, wenn er nicht seinem Glauben +entsagte. Er war zu gutherzig, als daß er an der Tyrannei hätte Gefallen +finden können und zu scharfblickend, um nicht die Anzeichen der +kommenden Vergeltung zu erkennen. Daher beschloß er, seine gehässigen +Functionen niederzulegen, und er theilte diesen Entschluß seinen +Collegen in einem Schreiben mit, das gleich allen Erzeugnissen seiner +Prosa in einem sehr eleganten und würdevollen Style abgefaßt war. Er +sagte, es sei ihm nicht möglich, noch länger Mitglied der Commission zu +bleiben. Er habe zwar selbst aus Gehorsam gegen den königlichen Befehl +die Erklärung verlesen, aber er könne es nicht auf sich nehmen, Tausende +von frommen und loyalen Geistlichen, die eine andre Ansicht von ihrer +Pflicht hätten, dazu zu verurtheilen, und da man beschlossen habe, sie +dafür zu bestrafen, daß sie ihrer Überzeugung gemäß gehandelt, müsse er +erklären, daß er lieber mit ihnen leiden, als zu ihren Leiden beitragen +wolle.</p> + +<p>Die Commissare lasen das Schreiben mit nicht geringem Erstaunen. +Gerade die Fehler ihres Collegen, die bekannte Lockerheit seiner +Grundsätze und seine bekannte Zaghaftigkeit machten seinen Abfall ganz +besonders beunruhigend. Wenn Männer wie Sprat in der Sprache eines +Hampden zu einer Regierung redeten, so mußte diese Regierung in der That +sehr gefährdet sein. Das vor kurzem noch so übermüthige Tribunal wurde +mit einem Male merkwürdig zahm. Die kirchlichen Beamten, welche seiner +Autorität getrotzt, erhielten nicht einmal einen Verweis. Man hielt es +nicht für rathsam, nur den Verdacht zu äußern, daß ihr Ungehorsam +absichtlich gewesen sei. Es wurde ihnen nur bedeutet, daß ihre Berichte +in vier Monaten fertig sein müßten. Dann ging die Commission bestürzt +auseinander. Sie hatte den Todesstoß empfangen.<a class = "tag" name = +"tagIX_26" id = "tagIX_26" href = "#noteIX_26">26</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteIX_26" id = "noteIX_26" href = "#tagIX_26">26.</a> +Sprat’s Briefe an den Earl von Dorset; <span class = "antiqua">London +Gazette, Aug. 23. 1688</span>.</p> + + +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_23" id = "pageIX_23"> +IX.23</a></span> +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Unzufriedenheit des Klerus. — Vorgänge in Oxford.</span> +<a name = "secIX_15" id = "secIX_15">Während</a> die Hohe Commission +sich vor einem Conflict mit der Kirche scheute, reizte diese im +Bewußtsein ihrer Stärke und von neuer Begeisterung beseelt, die Hohe +Commission durch eine Reihe von Herausforderungen zum Angriff. Bald nach +der Freisprechung der Bischöfe erlag der ehrwürdige Ormond, der +vornehmste Kavalier aus dem großen Bürgerkriege, den Gebrechlichkeiten +seines hohen Alters. Sein Tod wurde sogleich nach Oxford berichtet und +die Universität, deren Kanzler er seit vielen Jahren gewesen war, +versammelte sich augenblicklich, um einen Nachfolger für ihn zu wählen. +Ein Theil war für den beredtsamen und gebildeten Halifax, ein andrer für +den ernsten und orthodoxen Nottingham. Einige erwähnten auch den Earl +von Abingdon, der in ihrer Nähe wohnte und unlängst seiner Stelle als +Statthalter der Grafschaft entsetzt worden war, weil er sich geweigert +hatte, den König in seinen Maßregeln gegen die Landeskirche zu +unterstützen. Die Mehrheit aber, aus hundertachtzig Graduirten +bestehend, stimmte für den jungen Herzog von Ormond, den Enkel ihres +verstorbenen Oberhauptes und Sohn des tapferen Ossory. Die Eil, mit der +sie zu diesem Beschlusse kamen, hatte ihren Grund in der Besorgniß, daß, +wenn sie nur einen Tag zögerten, der König es versuchen möchte, ihnen +einen Kanzler aufzudringen, der ihre Rechte nicht wahren würde. Diese +Besorgniß war auch gegründet, denn kaum zwei Stunden nachdem sie +auseinander gegangen waren, kam ein Befehl von Whitehall, der ihnen +vorschrieb Jeffreys zu wählen. Zum Glück war die Wahl des jungen Ormond +bereits vollendet und nicht mehr rückgängig zu machen.<a class = "tag" +name = "tagIX_27" id = "tagIX_27" href = "#noteIX_27">27</a> Einige +Wochen darauf wurde der ehrlose Timotheus Hall, der sich durch Verlesung +der Indulgenzerklärung unter der londoner Geistlichkeit ausgezeichnet +hatte, mit dem Bisthum Oxford belohnt, welches seit dem Tode des nicht +minder ehrlosen Parker unbesetzt war. Hall kam nach Oxford, um seinen +Bischofssitz einzunehmen, aber die Canonici seiner Kathedrale weigerten +sich seiner Einsetzung beizuwohnen, die Universität wollte ihn nicht zum +Doctor creiren, nicht ein einziges Mitglied der akademischen Jugend +wendete sich an ihn behufs der Ordination, kein Hut wurde vor ihm +abgenommen und er war in seinem Palaste beständig allein.<a class = +"tag" name = "tagIX_28" id = "tagIX_28" href = "#noteIX_28">28</a></p> + +<p>Bald darauf kam eine Pfründe zur Erledigung, welche das +Magdalenen-Collegium von Oxford zu vergeben hatte. Hough und seine +vertriebenen Collegen versammelten sich und schlugen einen Candidaten +vor, den der Bischof von Gloucester, in dessen Diöcese die Pfründe lag, +auch ohne Besinnen einsetzte.<a class = "tag" name = "tagIX_29" id = +"tagIX_29" href = "#noteIX_29">29</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteIX_27" id = "noteIX_27" href = "#tagIX_27">27.</a> +<span class = "antiqua">London Gazette, July 26. 1688</span>; Adda, 27. +Juli (6. Aug.); Neuigkeitsbrief vom 23. Juli in der Mackintosh-Sammlung; +Ellis Correspondenz, 28., 31. Juli. <span class = "antiqua">Wood’s Fasti +Oxonienses</span>.</p> + +<p><a name = "noteIX_28" id = "noteIX_28" href = "#tagIX_28">28.</a> +<span class = "antiqua">Wood’s Athenae Oxonienses</span>; <span class = +"antiqua">Luttrell’s Diary, Aug. 23. 1688.</span></p> + +<p><a name = "noteIX_29" id = "noteIX_29" href = "#tagIX_29">29.</a> +Ronquillo, 17.(27.) Sept. 1688; <span class = "antiqua">Luttrell’s +Diary, Sept. 6.</span></p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Unzufriedenheit der Gentry.</span> +<a name = "secIX_16" id = "secIX_16">Die</a> Gentry war nicht minder +widerspenstig, als der Klerus. Die Assisen dieses Sommers gewährten im +ganzen Lande einen noch nie dagewesenen Anblick. Die Richter waren vor +dem Antritt ihrer Rundreise zum Könige beschieden worden und hatten von +ihm die Weisung erhalten, daß sie den Mitgliedern der großen +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_24" id = "pageIX_24"> +IX.24</a></span> +Jury’s und den Magistratsbeamten im ganzen Reiche die Pflicht +einschärfen sollten, nur solche Mitglieder ins Parlament zu wählen, die +seine Politik unterstützen würden. Sie gehorchten seinem Befehle, ließen +sich heftig über die Geistlichkeit aus, schmähten die sieben Bischöfe, +nannten die denkwürdige Petition ein aufrührerisches Libell, kritisirten +Sancroft’s Styl mit großer Schärfe und sagten, Seine Gnaden sollten für +ihr schlechtes Englisch vom Doctor Busby ausgepeitscht werden. Diese +unschicklichen Reden hatten jedoch keine andre Wirkung, als daß sie die +öffentliche Unzufriedenheit noch vermehrten. Alle öffentlichen +Achtungsbezeigungen, welche sonst dem richterlichen Amte und der +königlichen Vollmacht erwiesen worden waren, wurden unterlassen. Die +alte Sitte verlangte eigentlich, daß angesehene und vermögende Männer im +Gefolge des Sheriffs ritten, wenn er die Richter nach der Hauptstadt der +Grafschaft begleitete; jetzt aber hielt es schwer, in irgend einem +Theile des Landes einen solchen Zug zusammen zu bringen. Besonders die +Nachfolger Powell’s und Holloway’s wurden mit auffallender +Geringschätzung behandelt. Ihnen waren die Assisen von Oxford zugefallen +und sie hatten erwartet, daß sie in jeder Grafschaft von einer Cavalcade +der loyalen Gentry begrüßt werden würden. Als sie sich aber Wallingford +näherten, wo sie ihre Sitzungen für Berkshire eröffnen sollten, kam nur +der Sheriff ihnen entgegen. Auch vor Oxford, der höchst loyalen +Hauptstadt einer höchst loyalen Provinz, wurden sie abermals von dem +Sheriff allein bewillkommnet.<a class = "tag" name = "tagIX_30" id = +"tagIX_30" href = "#noteIX_30">30</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteIX_30" id = "noteIX_30" href = "#tagIX_30">30.</a> +Ellis’ Correspondenz, 4. 7. Aug. 1688; Bischof Sprat’s Bericht über die +Conferenz vom 6. Nov. 1688.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Unzufriedenheit der Armee.</span> +<a name = "secIX_17" id = "secIX_17">Die</a> Armee war kaum weniger +mißvergnügt, als die Geistlichkeit und die Gentry. Die Besatzung des +Tower hatte auf das Wohl der gefangenen Bischöfe getrunken. Die in +Lambeth stehenden Fußgarden hatten den Primas bei seiner Rückkehr in +seinen Palast mit allen Zeichen der Ehrerbietung bewillkommnet. Nirgends +war die Nachricht von der Freisprechung mit lauterem Jubel aufgenommen +worden, als im Lager von Hounslow. Die große Truppenmacht, welche der +König zusammengezogen hatte, um seine meuterische Hauptstadt im Schach +zu halten, war in der That meuterischer geworden, als die Hauptstadt +selbst, und wurde vom Hofe mehr gefürchtet, als von den Bürgern. Anfangs +August wurde daher das Lager aufgehoben und die Truppen in verschiedenen +Theilen des Landes einquartirt.<a class = "tag" name = "tagIX_31" id = +"tagIX_31" href = "#noteIX_31">31</a></p> + +<p>Jakob schmeichelte sich mit der Hoffnung, daß einzelne Bataillone +leichter im Zaume zu halten sein würden, als viele tausend auf einem +kleinen Raume zusammengedrängte Soldaten. Das erste Experiment wurde mit +Lord Lichfield’s Infanterieregiment, dem gegenwärtigen zwölften +Linienregiment gemacht. Man hatte dieses Regiment wahrscheinlich deshalb +gewählt, weil es zur Zeit des Aufstandes im Westen in Staffordshire +ausgehoben worden war, einer Provinz, die verhältnißmäßig mehr +Katholiken zählte, als irgend ein andrer Theil Englands. Die +Mannschaften wurden vor dem Könige aufgestellt und ihr Major setzte sie +in Kenntniß, daß Seine Majestät wünschte, sie sollten eine Verpflichtung +unterschreiben, durch die sie sich verbindlich machten, ihn bei der +Ausführung seiner +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_25" id = "pageIX_25"> +IX.25</a></span> +Absichten bezüglich des Testes zu unterstützen, und daß alle Diejenigen, +die sich nicht dazu verstehen wollten, auf der Stelle den Militairdienst +verlassen müßten. Zum großen Erstaunen des Königs legten ganze Reihen +augenblicklich ihre Piken und Musketen nieder. Nur zwei Offiziere und +einige Gemeine, sämmtlich Katholiken, gehorchten seinem Befehle. Er +schwieg eine Weile, dann befahl er den Leuten, daß sie ihre Waffen +wieder aufnehmen sollten, und sagte mit einem finstren Blicke zu ihnen: +„Ein andermal werde ich Euch nicht die Ehre erzeigen, Euch erst zu +fragen.“<a class = "tag" name = "tagIX_32" id = "tagIX_32" href = +"#noteIX_32">32</a></p> + +<p>Es war klar, daß er die Armee vollständig reorganisiren mußte, wenn +er auf seinen Plänen beharren wollte. Die dazu geeigneten Elemente aber +konnte er auf unsrer Insel nicht finden. Die Mitglieder seiner Kirche +bildeten selbst in den Districten, wo sie am zahlreichsten waren, nur +den bei weitem kleineren Theil der Bevölkerung. Der Haß gegen den +Papismus hatte sich durch alle Klassen seiner protestantischen +Unterthanen verbreitet und war das vorherrschende Gefühl selbst der +Landleute und Handwerker geworden. Aber es gab einen andren Theil seines +Reichs, wo die Hauptmasse der Bevölkerung von einem ganz andren Geiste +beseelt war. Die Zahl der römisch-katholischen Soldaten, welche durch +den guten Sold und die guten Quartiere Englands von jenseit des St. +Georgskanals herübergelockt werden würden, hatte keine Grenze. Tyrconnel +hatte sich seit einiger Zeit bemüht, aus dem Landvolke seiner Heimath +eine Heeresmacht zu bilden, auf die sein Gebieter sich verlassen konnte. +Fast die ganze irische Armee bestand schon aus Papisten von celtischer +Abkunft und Sprache. Barillon hatte dem Könige schon öfters ernstlich +gerathen, diese Armee herüberkommen zu lassen, um der englischen Respekt +einzuflößen.<a class = "tag" name = "tagIX_33" id = "tagIX_33" href = +"#noteIX_33">33</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteIX_31" id = "noteIX_31" href = "#tagIX_31">31.</a> +<span class = "antiqua">Luttrell’s Diary, Aug. 8, 1688.</span></p> + +<p><a name = "noteIX_32" id = "noteIX_32" href = "#tagIX_32">32.</a> +Dies wird uns von drei Schriftstellern erzählt, die sich jener Zeit wohl +erinnern konnten: von Kennet, Eachard und Oldmixon. Siehe auch das <span +class = "antiqua">Caveat against the Whigs</span>.</p> + +<p><a name = "noteIX_33" id = "noteIX_33" href = "#tagIX_33">33.</a> +Barillon, 23. Aug. (2. Sept.), 3.(13.), 6.(16.) u. 8.(18.) Sept. +1688.</p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Es werden irische Truppen herübergezogen. — Unwille des +Volks.</span> +<a name = "secIX_18" id = "secIX_18">Jakob</a> schwankte. Er wollte gern +von Truppen umgeben sein, auf die er sich verlassen konnte; aber er +fürchtete den Ausbruch des Nationalunwillens, den das Erscheinen einer +bedeutenden irischen Militairmacht auf englischem Boden hervorrufen +mußte. Wie es gewöhnlich zu geschehen pflegt, wenn ein schwacher Mann +einander entgegengesetzte Nachtheile vermeiden will, schlug er endlich +einen Weg ein, der sie alle in sich vereinigte. Er zog so viele Irländer +herüber, als in der That nicht hingereicht haben würden, um nur die +Hauptstadt oder die Grafschaft York im Zaume zu halten, die aber doch +genügten, um die Besorgniß und den Unwillen des ganzen Königreiches von +Northumberland bis Cornwall zu erregen. Ein Bataillon nach dem andren, +von Tyrconnel ausgehoben und eingeübt, landete an der Westküste und +marschirte nach der Hauptstadt, und irische Rekruten wurden in +bedeutender Anzahl herübergezogen, um die Lücken in den englischen +Regimentern auszufüllen.<a class = "tag" name = "tagIX_34" id = +"tagIX_34" href = "#noteIX_34">34</a></p> + +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_26" id = "pageIX_26"> +IX.26</a></span> +<p>Dies war einer der verderblichsten von den vielen Fehlern, welche +Jakob beging. Er hatte sich schon die Herzen seiner Nation durch +Verletzung ihrer Gesetze, durch Einziehung ihrer Güter und durch +Verfolgung ihrer Religion entfremdet. Von Denen, welche einst die +eifrigsten Anhänger der Monarchie gewesen waren, hatte er schon viele +dahin gebracht, daß sie im Herzen Rebellen waren. Indessen hätte er noch +immer mit einiger Aussicht auf Erfolg den patriotischen Sinn seiner +Unterthanen gegen einen eindringenden Feind aufrufen können. Denn sie +waren der Gesinnung wie der geographischen Lage nach ein Inselvolk, und +ganz besonders damals waren ihre nationalen Antipathien über alle Maßen +heftig und lieblos. Noch nie waren die Engländer an die Gewalt oder +Einmischung eines Fremden gewöhnt gewesen; das Erscheinen einer +ausländischen Armee auf ihrem Boden hätte sie bestimmen können, sich +selbst um einen solchen König zu schaaren, den sie zu lieben keine +Ursache hatten. Wilhelm wäre vielleicht nicht im Stande gewesen, diese +Schwierigkeit zu überwinden; aber Jakob räumte sie selbst aus dem Wege. +Selbst die Ankunft einer Brigade von Ludwig’s Musketieren würde keine +solche Entrüstung und Beschämung hervorgerufen haben, als sie unsere +Vorfahren beim Anblick der aus Dublin ankommenden papistischen Colonnen +empfanden, die sich mit militairischem Gepränge auf den Landstraßen +fortbewegten. Kein geborener Engländer betrachtete damals die +Ureinwohner Irlands als seine Landsleute. Sie gehörten nicht zu unsrem +Zweige der großen menschlichen Familie, sie unterschieden sich von uns +durch mehr als eine moralische und intellectuelle Eigenthümlichkeit, +welche der Unterschied der Lage und der Erziehung, so groß derselbe auch +sein mochte, nicht genügend erklärte. Sie hatten ein andres Aussehen und +eine andre Muttersprache. Wenn sie englisch sprachen, war ihre +Aussprache fehlerhaft; ihre Phraseologie war holprig, wie immer bei +Denen, welche in einer Sprache denken und ihre Gedanken in einer andren +ausdrücken. Sie waren daher Ausländer und zwar die am meisten verhaßten +und verachteten von allen Ausländern; am meisten verhaßt deshalb, weil +sie seit fünf Jahrhunderten stets unsere Feinde gewesen waren, und am +meisten verachtet, weil wir sie besiegt, unterjocht und ausgeplündert +hatten. Der Engländer verglich mit Stolz seine Felder mit den öden +Sümpfen, aus denen irische Räuber hervorstürzten, um zu plündern und zu +morden, und seine Wohnung mit den elenden Hütten, in denen die Landleute +und die Schweine vom Shannon sich zusammen im Kothe wälzten. Der +Engländer gehörte einer Gesellschaft an, welche in Reichthum und +Civilisation allerdings noch weit unter der stand, in welcher wir jetzt +leben, die aber doch eine der reichsten und civilisirtesten der +damaligen Zeit war; der Irländer dagegen war fast so roh wie die Wilden +von Labrador. Er war ein freier Mann, die Iren waren die erblichen +Leibeigenen seines Stammes. Er verehrte Gott nach einem reinen und +vernünftigen Brauche der Irländer und war in Götzendienerei und +Aberglauben versunken. Er wußte, daß mehr als einmal große Massen von +Iren vor einer kleinen englischen Streitmacht geflohen waren und daß +eine kleine englische Colonie die ganze irische Bevölkerung +niedergehalten hatte, und daraus zog er den selbstgefälligen Schluß, daß +er von Natur ein höher stehendes Wesen sei als der Irländer, denn so +erklärt ein herrschender Stamm immer sein Übergewicht und entschuldigt +damit seine Tyrannei. Jetzt werden die Irländer allgemein als ein Volk +anerkannt, das in Bezug auf Lebhaftigkeit, Mutterwitz und Beredtsamkeit +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_27" id = "pageIX_27"> +IX.27</a></span> +einen hohen Rang unter den Nationen der Erde einnimmt, und daß sie bei +guter Leitung vortreffliche Soldaten sind, haben sie auf hundert +Schlachtfeldern bewiesen. Gleichwohl ist es gewiß, daß sie vor +anderthalb Jahrhunderten auf unsrer Insel allgemein als ein dummes und +zugleich feiges Volk verachtet wurden. Und ein solches Volk sollte mit +bewaffneter Hand England im Schach halten, während des Letzteren +bürgerliche und kirchliche Verfassung vernichtet wurde. Das Blut der +ganzen Nation kochte bei diesem Gedanken. Von Franzosen oder Spaniern +besiegt zu werden, würde im Vergleich damit noch als ein erträgliches +Loos erschienen sein, denn die Franzosen und Spanier waren wir gewohnt +als unsrer ebenbürtig zu betrachten. Wir hatten zuweilen ihr Glück +beneidet, zuweilen ihre Macht gefürchtet, zuweilen uns zu ihrer +Freundschaft gratulirt. Bei all unsrem schroffen Stolze gaben wir zu, +daß sie große Nationen waren und daß sie sich in den Künsten des Kriegs +und des Friedens ausgezeichneter Männer rühmen konnten. Aber von einer +tief unter uns stehenden Kaste dominirt zu werden, war eine Schmach, +gegen die jede andre Schmach nichts war. Die Engländer fühlten dasselbe, +was die weißen Bewohner von Charleston oder Neworleans fühlen würden, +wenn diese Städte Negergarnisonen erhalten sollten. Die wirklichen +Thatsachen würden schon hingereicht haben, um Besorgniß und Unwillen zu +erregen; die wirklichen Thatsachen aber verschwanden in einer Masse +verworrener Gerüchte, welche unaufhörlich von einem Kaffeehause zum +andren, von einer Bierschenke zur andren flogen und auf jeder Station +ihrer Wanderung immer wunderbarer und erschreckender wurden. Die Zahl +der irischen Truppen, welche an unseren Küsten gelandet waren, konnte +allerdings ernste Besorgnisse wegen der daraus ersichtlichen Zwecke des +Königs erregen, aber sie wurde durch den Schrecken des Publikums um das +Zehnfache vergrößert. Es war wohl kaum anders zu erwarten, als daß der +rohe Kerne von Connaught, mit bewaffneter Hand unter ein fremdes Volk +gestellt, das er haßte und von dem er wieder gehaßt wurde, einige +Excesse beging; aber diese Excesse wurden durch das Gerücht übertrieben +und als Zugabe zu den Gewaltthätigkeiten, die sich der Fremde wirklich +erlaubt hatte, wurden auch die, welche seine englischen Kameraden +begangen, mit auf seine Rechnungen gesetzt. Aus allen Winkeln des +Reiches erscholl ein allgemeiner Schrei gegen die fremden Barbaren, die +sich in Privathäuser eindrängten, Pferde und Wagen wegnähmen, Geld +erpreßten und die Frauen insultirten. Diese Menschen, sagte man, seien +die Söhne Derer, welche vor siebenundvierzig Jahren die Protestanten zu +Tausenden hingeschlachtet hätten. Die Geschichte des Aufstandes von +1641, eine Geschichte, die selbst bei nüchterner Betrachtung wohl +Mitleid und Entsetzen erregen konnte und welche durch nationale und +religiöse Antipathien schrecklich entstellt worden war, bildete jetzt +das Lieblingsthema der Unterhaltung. Grauenvolle Geschichten von +Häusern, welche sammt allen ihren Bewohnern niedergebrannt worden, von +kaltblütig abgeschlachteten Frauen und Kindern, von nahen Verwandten, +welche durch die Folter gezwungen wurden, einander gegenseitig zu +morden, von geschändeten und verstümmelten Leichen, wurden in vollem +Ernste erzählt und mit vollem Glauben und gespannter Aufmerksamkeit +angehört. Dann setzte man hinzu, daß die feigen Wilden, welche +heimtückischerweise alle diese Grausamkeiten an einer nichts Arges +vermuthenden und wehrlosen Colonie verübt hätten, sobald Oliver zu +seinem großen Rachewerk unter ihnen erschienen sei, in panischem +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_28" id = "pageIX_28"> +IX.28</a></span> +Schrecken die Waffen weggeworfen hätten, und ohne das Glück einer +einzigen Schlacht zu versuchen, in die ihnen gebührende Sklaverei +versunken seien. Viele Anzeichen deuteten darauf hin, daß der +Lordstatthalter eine zweite große Beraubung und Niedermetzelung der +sächsischen Ansiedler beabsichtige. Tausende protestantischer +Colonisten, die sich vor der Ungerechtigkeit und frechen Willkür +Tyrconnel’s geflüchtet, hatten durch Schilderung der überstandenen und +der nur zu wahrscheinlich in Aussicht stehenden ferneren Leiden den +Unwillen des Mutterlandes erregt. Wie heftig das Publikum durch die +Klagen dieser Flüchtlinge erbittert wurde, hatte sich noch ganz kürzlich +in unverkennbarer Weise gezeigt. Tyrconnel hatte der königlichen +Genehmigung die Hauptpunkte einer Bill unterbreitet, die das Gesetz +aufhob, auf welchem das Besitzrecht der Hälfte des ganzen irländischen +Grund und Bodens beruhte, und hatte als Bevollmächtigte zwei seiner +katholischen Landsleute, die erst unlängst zu hohen richterlichen Ämtern +befördert worden waren, nach Westminster gesandt: Nugent, Oberrichter +der irischen Kings Bench, eine Verkörperung aller Laster und Schwächen, +welche die Engländer damals für characteristische Eigenschaften der +papistischen Celten hielten, und Rice, ein Baron der irischen +Schatzkammer, der in Talent und Wissen vielleicht der Ausgezeichnetste +seines Stammes und seines Glaubens war. Der Zweck dieser Sendung war +wohl bekannt, und die beiden Richter durften es daher nicht wagen, sich +auf der Straße sehen zu lassen, denn wo sie erkannt wurden, rief +sogleich der Pöbel: „Platz für die irischen Gesandten!“ und ihr Wagen +wurde mit höhnischer Feierlichkeit von einem Zuge Ceremonienmeister und +Läufer begleitet, welche Stöcke mit daran gespießten Kartoffeln +trugen.<a class = "tag" name = "tagIX_35" id = "tagIX_35" href = +"#noteIX_35">35</a></p> + +<p>Die Abneigung der Engländer gegen die Irländer war damals in der That +so groß und so allgemein, daß selbst die ausgezeichnetsten Katholiken +sie theilten. Powis und Bellasyse sprachen sogar im Geheimen Rathe in +den rücksichtslosesten und schärfsten Worten ihren Widerwillen gegen die +Fremdlinge aus.<a class = "tag" name = "tagIX_36" id = "tagIX_36" href = +"#noteIX_36">36</a> Unter den englischen Protestanten war diese Aversion +noch stärker und vielleicht am stärksten war sie in der Armee. Weder +Offiziere noch Soldaten waren geneigt, den Vorzug, den ihr Gebieter +einem fremden und unterjochten Stamme gab, sich ruhig gefallen zu +lassen. Der Herzog von Berwick, welcher Oberst des damals in Portsmouth +stehenden achten Linieninfanterieregiments war, gab Befehl, daß dreißig +Mann, welche soeben von Irland angekommen waren, eingereiht werden +sollten. Die englischen Soldaten erklärten, daß sie mit diesen +Eindringlingen nicht dienen wollten. Der Oberstlieutenant Johann +Beaumont protestirte für sich und im Namen von fünf Hauptleuten dem +Herzoge ins Gesicht gegen diese Beschimpfung der englischen Armee und +Nation. „Wir haben,“ sagte er, „das Regiment auf unsere eigenen Kosten +errichtet, um die Krone Seiner Majestät in Zeiten der Gefahr zu +vertheidigen. Es wurde uns damals nicht schwer, Hunderte von englischen +Rekruten zu finden, und wir können leicht jede Compagnie vollzählig +erhalten, ohne Irländer aufzunehmen. Wir halten es daher für unvereinbar +mit unsrer Ehre, und diese Fremdlinge aufdringen zu lassen, und bitten, +daß es uns +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_29" id = "pageIX_29"> +IX.29</a></span> +gestattet werde, entweder Leute unsrer eignen Nation zu befehligen, oder +unsren Abschied zu nehmen.“ Berwick schickte nach Windsor, um sich <ins +class = "correction" title = "ungeändert, mögligens »Verhaftungsbefehle«">Verhaltungsbefehle</ins> zu erbitten. Der König +war höchlich entrüstet und sandte sofort eine Abtheilung Reiterei nach +Portsmouth mit dem Befehl, die sechs widerspenstigen Offiziere vor ihn +zu bringen. Sie wurden vor ein Kriegsgericht gestellt, und da sie sich +durchaus nicht fügen wollten, wurden sie zur Ausstoßung aus der Armee +verurtheilt, der höchsten Strafe, welche damals ein Kriegsgericht +zuerkennen konnte. Die ganze Nation zollte den entlassenen Offizieren +ihren Beifall und die herrschende Stimmung wurde durch das ungegründete +Gerücht, daß sie während ihrer Haft mit Härte behandelt worden seien, +noch mehr aufgereizt.<a class = "tag" name = "tagIX_37" id = "tagIX_37" +href = "#noteIX_37">37</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteIX_34" id = "noteIX_34" href = "#tagIX_34">34.</a> +<span class = "antiqua">Luttrell’s Diary, Aug. 27. 1688</span>.</p> + +<p><a name = "noteIX_35" id = "noteIX_35" href = "#tagIX_35">35.</a> +<span class = "antiqua">King’s State of the Protestants of +Ireland</span>; <span class = "antiqua">Secret Consults of the Romish +Party in Ireland.</span></p> + +<p><a name = "noteIX_36" id = "noteIX_36" href = "#tagIX_36">36.</a> +<span class = "antiqua">Secret Consults of the Romish Party in +Ireland.</span></p> + +<p><a name = "noteIX_37" id = "noteIX_37" href = "#tagIX_37">37.</a> +<span class = "antiqua">History of the Desertion, 1689</span>; +vergleiche die 1. und 2. Ausg. Barillon 8.(18.) Sept. 1688; Citters von +demselben Datum; <span class = "antiqua">Clarke’s Life of James the +Second, II, 168</span>. Der Compilator des letztgenannten Werks sagt, +Churchill habe das Gericht aufgefordert, die sechs Offiziere zum Tode zu +verurtheilen. Diese Geschichte scheint nicht den Papieren des Königs +entnommen zu sein und ich halte sie daher für eine der zahlreichen +Erdichtungen, welche in St. Germain erfunden wurden, um einen ohnehin +schon hinreichend schwarzen Character noch schwärzer darzustellen. Daß +Churchill bei dieser Gelegenheit großen Unwillen affectirte, um den im +Sinne habenden Verrath zu verbergen, ist sehr wahrscheinlich. Aber man +kann unmöglich glauben, daß ein so verständiger Mann die Mitglieder +eines Kriegsgerichts aufgefordert haben sollte, eine Strafe zu +verhängen, welche anerkanntermaßen außer dem Bereiche ihrer Competenz +lag.</p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Lillibullero.</span> +<a name = "secIX_19" id = "secIX_19">Die</a> öffentliche Stimmung +äußerte sich damals noch nicht durch die Zeichen, welche jetzt bei uns +gebräuchlich sind, durch große Volksversammlungen und heftige Reden. +Dessenungeachtet fand sie ein Organ. Thomas Wharton, der beim letzten +Parlament die Grafschaft Buckingham vertreten und der sich schon als +Freigeist und als Whig ausgezeichnet, hatte eine satyrische Ballade auf +Tyrconnel geschrieben. In diesem kleinen Gedicht gratulirt ein Irländer +einem Landsmanne in barbarischem Jargon zu dem nahe bevorstehenden +Triumphe des Papismus und des milesischen Stammes. Der protestantische +Erbe würde enterbt werden; die protestantischen Offiziere würden +verabschiedet werden; die Magna Charta und die Maulhelden, welche darauf +pochten, würden gehängt werden; der gute Talbot würde seine Landsleute +mit Stellen und Ämtern überschütten und den Engländern die Kehle +abschneiden. Diese Verse, die sich in keiner Hinsicht über das +gewöhnliche Niveau der Gassenhauerpoesie erhoben, hatten zum Refrain ein +Kauderwelsch, das angeblich im Jahre 1641 das Feldgeschrei der +Insurgenten von Ulster gewesen sein sollte. Die Verse und die Melodie +entsprachen ganz der Stimmung der Nation und die hohlen Reime wurden +daher von einem Ende des Landes zum andren von allen Klassen beständig +gesungen. Ganz besonderen Anklang fanden sie bei der englischen Armee. +Mehr als siebzig Jahre nach der Revolution schilderte ein Schriftsteller +mit außerordentlicher Treue einen Veteranen, der am Boyne und bei Namur +gefochten,<a class = "tag" name = "tagIX_38" id = "tagIX_38" href = +"#noteIX_38">38</a> und ein characteristischer Zug dieses wackeren alten +Kriegers ist seine Gewohnheit, den Lillibullero zu pfeifen.<a class = +"tag" name = "tagIX_39" id = "tagIX_39" href = "#noteIX_39">39</a></p> + +<p>Wharton rühmte sich später, daß er einen König aus drei Königreichen +hinausgesungen habe. In Wahrheit aber war der Erfolg des +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_30" id = "pageIX_30"> +IX.30</a></span> +Lillibullero nicht die Ursache, sondern die Wirkung des aufgeregten +Zustandes der Volksstimmung, der die Revolution erzeugte.</p> + +<p>Während Jakob so alle die Nationalgefühle gegen sich aufstachelte, +die seinen Thron hätten retten können, wenn er nicht so verblendet +gewesen wäre, bemühte sich Ludwig auf andre Weise nicht minder wirksam, +dem Prinzen Wilhelm die Ausführung seines Unternehmens zu +erleichtern.</p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteIX_38" id = "noteIX_38" href = "#tagIX_38">38.</a> +Der Onkel Tobias in Sterne’s Tristram Shandy. Der Übers.</p> + +<p><a name = "noteIX_39" id = "noteIX_39" href = "#tagIX_39">39.</a> +Das Lillibullerolied findet sich in den <span class = "antiqua">State +Poems</span>. In Percy’s <span class = "antiqua">Relics</span> findet +man den ersten Theil, aber nicht den zweiten, der erst nach Wilhelm’s +Landung hinzugefügt wurde. Im <span class = "antiqua">Examiner</span> +und in verschiedenen Flugschriften aus dem Jahre 1712 wird Wharton als +Verfasser genannt.</p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Politische Zustände in den Vereinigten Provinzen.</span> +<a name = "secIX_20" id = "secIX_20">Die</a> Partei in Holland, welche +Frankreich geneigt war, war eine Minorität, die aber der Verfassung des +Batavischen Staatenbundes gemäß stark genug war, um den Statthalter an +jedem großen Schlage zu verhindern. Diese Minorität sich zu erhalten, +würde für den Hof von Versailles, wenn er klug gewesen wäre, eine +Aufgabe gewesen sein, der unter den damaligen Verhältnissen alles Andre +hätte nachstehen müssen. Ludwig aber hatte sich seit einiger Zeit wie +absichtlich bemüht, sich seine holländischen Freunde zu entfremden, und +es gelang ihm endlich, obwohl nicht ohne Schwierigkeit, sie zu zwingen, +daß sie gerade in dem Augenblicke, wo ihr Beistand von unschätzbarem +Werthe für ihn gewesen sein würde, seine Feinde wurden.</p> + +<p>Zwei Dinge waren es, in Bezug auf welche die Bevölkerung der +Vereinigten Provinzen besonders empfindlich war; die Religion und der +Handel, und der französische König griff sie sowohl in ihrer Religion +als in ihrem Handel an. Die Verfolgung der Hugenotten und die +Widerrufung des Edicts von Nantes hatte überall den Schmerz und die +Entrüstung der Protestanten erregt. In Holland aber waren tiefe Gefühle +stärker als in irgend einem andren Lande, denn viele geborne Holländer +hatten sich im Vertrauen auf die wiederholten feierlichen Versicherungen +Ludwig’s, daß die von seinem Großvater gewährte Duldung aufrecht +erhalten werden sollte, zu Handelszwecken in Frankreich niedergelassen +und ein großer Theil der Übergesiedelten war daselbst naturalisirt +worden. Jetzt brachte jede Post die Nachricht nach Holland, daß diese +Leute ihres Glaubens wegen mit außerordentlicher Strenge behandelt +würden. Dem Einen waren Dragoner ins Quartier gelegt worden, ein Andrer +war nackt an ein Feuer gehalten worden, bis er halb gebraten war; und +Allen war bei strengster Strafe verboten, ihre gottesdienstlichen +Gebräuche auszuüben, oder das Land zu verlassen, in das sie unter +falschen Vorspiegelungen gelockt worden waren. Die Anhänger des Hauses +Oranien äußerten laut ihren Unwillen über die Grausamkeit und +Treulosigkeit des Tyrannen. Die Opposition war beschämt und entmuthigt. +Selbst der Stadtrath von Amsterdam, so sehr derselbe dem französischen +Interesse und der arminianischen Theologie zugethan, und so wenig er +geneigt war, Ludwig zu tadeln oder mit den von ihm verfolgten +Calvinisten zu sympathisiren, durfte es nicht wagen, sich gegen die +allgemeine Stimmung aufzulehnen, denn es gab in dieser großen Stadt kaum +einen einzigen reichen Kaufmann, der nicht einen Verwandten oder einen +Freund unter den Verfolgten hatte. Es wurden den Bürgermeistern +Petitionen mit zahlreichen und sehr angesehenen Unterschriften +überreicht, in denen sie dringend gebeten wurden, dem Grafen Avaux +energische Vorstellungen zu machen. Verschiedene Bittsteller begaben +sich sogar persönlich in das Rathhaus, fielen auf die Knie, schilderten +unter Thränen und Schluchzen die traurige Lage ihrer Lieben und flehten +den Magistrat um seine Verwendung an. Auf allen Kanzeln ertönten +Schmähungen und Klagen, und die Presse ergoß sich in herzzerreißenden +Schilderungen und aufregenden +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_31" id = "pageIX_31"> +IX.31</a></span> +Mahnungen. Avaux erkannte die ganze Größe der Gefahr. Er berichtete +seinem Hofe, daß selbst die Gutgesinnten — denn so pflegte er die +Feinde des Hauses Oranien zu nennen — die allgemeine Stimmung +entweder theilten oder durch dieselbe eingeschüchtert würden, und er +rieth ernstlich dazu, auf ihre Wünsche einige Rücksicht zu nehmen. Er +erhielt jedoch kalte und geringschätzende Antworten von Versailles. Es +wurde zwar einigen holländischen Familien, welche nicht in Frankreich +naturalisirt waren, die Rückkehr in ihr Vaterland gestattet, den +naturalisirten Holländern aber verweigerte Ludwig jedes Zugeständniß. +Keine Macht der Erde, sagte er, habe ein Recht, zwischen ihn und seine +Unterthanen zu treten; diese Leute wären aus eigenem Antriebe seine +Unterthanen geworden, und wie er sie behandle, das gehe keinen +Nachbarstaat etwas an. Der Magistrat von Amsterdam fühlte sich durch den +hochmüthigen Undank des Potentaten, den er gegen die allgemeine Stimmung +ihrer eigenen Landsleute kräftig und rücksichtslos unterstützt hatte, +natürlich sehr unangenehm berührt. Bald folgte eine andre +Herausforderung, die sie noch schmerzlicher empfanden. Ludwig begann +ihren Handel anzugreifen. Er erließ zuerst eine Verordnung, welche die +Heringseinfuhr in seine Staaten verbot. Avaux beeilte sich seinem Hofe +zu melden, daß dieser Schritt großen Unwillen erregt habe, daß in den +Vereinigten Provinzen sechzigtausend Menschen vom Heringsfang lebten und +daß die Generalstaaten wahrscheinlich strenge Repressalien beschließen +würden. Der König antwortete, daß er nicht nur auf dem Verbot beharre, +sondern auch die Einfuhrzölle auf viele Waaren, mit denen Holland einen +einträglichen Handel mit Frankreich trieb, zu erhöhen beabsichtige. Die +Folge dieser Mißgriffe, welche trotz wiederholter Warnungen, wie es +scheint aus bloßem übermüthigen Eigensinn begangen wurden, war, daß sich +jetzt, wo die Stimme eines einzelnen mächtigen Mitgliedes der +Batavischen Föderation ein der ganzen Politik Ludwig’s Verderben +drohendes Ereigniß hätte abwenden können, eine solche Stimme nicht +erhob. Der Gesandte bemühte sich mit all’ seiner diplomatischen +Gewandtheit vergebens, die Partei, mit deren Hülfe er seit mehreren +Jahren den Statthalter in Schach gehalten hatte, zu ralliiren. Die +Arroganz und der Starrsinn seines Gebieters vereitelten alle seine +Anstrengungen.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Fehler des Königs von Frankreich.</span> +<a name = "secIX_21" id = "secIX_21">Endlich</a> sah Avaux sich +genöthigt, die beunruhigende Nachricht nach Versailles zu senden, daß +man sich auf die der französischen Sache so lange ergeben gewesene Stadt +Amsterdam nicht mehr verlassen könne, daß ein Theil der Gutgesinnten um +ihre Religion besorgt sei und daß die Wenigen, deren Gesinnungen +unverändert geblieben wären, es nicht wagen dürften, ihre Gedanken zu +äußern. Die feurige Beredtsamkeit der Prediger, welche gegen die Greuel +der französischen Verfolgung eiferten und die Wehklagen der +bankerottirten Kaufleute, die ihren Untergang den französischen +Maßregeln zuschrieben, hatten das Volk in eine so gereizte Stimmung +versetzt, daß kein Bürger es mehr wagen durfte, sich offen für +Frankreich zu erklären, wenn er sich nicht der Gefahr aussetzen wollte, +in den nächsten Kanal geworfen zu werden. Man erinnerte daran, daß vor +nicht mehr als fünfzehn Jahren das vornehmste Oberhaupt der dem Hause +Oranien feindlich gesinnten Partei im Bereiche des Palastes der +Generalstaaten von dem wüthenden Pöbel in Stücke zerrissen worden war. +Ein gleiches Schicksal könnte nicht unwahrscheinlich auch Diejenigen +treffen, welche beschuldigt werden sollten, +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_32" id = "pageIX_32"> +IX.32</a></span> +daß sie in diesem kritischen Augenblicke den Absichten Frankreichs gegen +ihr Vaterland und gegen den reformirten Glauben dienten.<a class = "tag" +name = "tagIX_40" id = "tagIX_40" href = "#noteIX_40">40</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteIX_40" id = "noteIX_40" href = "#tagIX_40">40.</a> +Siehe die Depeschen des Grafen Avaux. Es würde mir kaum möglich sein, +alle die Stellen anzuführen, welche mir Material zu diesem Theile meiner +Geschichte lieferten. Die wichtigsten finden sich unter folgenden Daten: +20. Sept., 24. Sept., 5. Oct. u. 20. Dec. 1685; 3. Jan. u. 22. Nov. +1686; 2. Oct., 6. Nov. u. 19. Nov. 1687; 29. Juli u. 20. Aug. 1688. Lord +Lonsdale sagt in seinen Memoiren sehr richtig, daß ohne Ludwig’s +thörichtes Verfahren die Stadt Amsterdam die Revolution verhindert haben +würde.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Sein Streit mit dem Papste bezüglich der Vorrechte auswärtiger +Gesandter.</span> +<a name = "secIX_22" id = "secIX_22">Während</a> Ludwig auf diese Weise +seine Freunde zwang, seine wirklichen oder vorgeblichen Feinde zu +werden, arbeitete er mit nicht geringerem Erfolge darauf hin, alle +Bedenken zu zerstreuen, welche die römisch-katholischen Fürsten +vielleicht noch hätten abhalten können, die Pläne Wilhelm’s zu +unterstützen. Es hatte sich zwischen dem Hofe von Versailles und dem +Vatikan ein neuer Streit erhoben, ein Streit, in welchem sich die +Unbilligkeit und der Übermuth des Königs von Frankreich vielleicht in +beleidigenderer Weise zeigte, als bei irgend einem andren Schritte +seiner Regierung.</p> + +<p>Seit langer Zeit hatte in Rom die Regel gegolten, daß kein Justiz- +oder Finanzbeamter das Haus eines Gesandten betreten durfte, der einen +katholischen Staat repräsentirte. Im Laufe der Zeit war dieses Vorrecht +so weit ausgedehnt worden, daß nicht nur die Wohnung, sondern auch ein +beträchtlicher Umkreis um dieselbe als unverletzbar betrachtet wurde. +Jeder Gesandte suchte eine Ehre darin, die Grenzen des unter seinem +Schutze stehenden Raumgebiets möglichst zu erweitern, so daß endlich die +halbe Stadt aus privilegirten Bezirken bestand, in denen die päpstliche +Regierung nicht mehr Gewalt hatte als im Louvre oder im Escurial. Jedes +Asyl wimmelte von Schleichhändlern, betrügerischen Bankerotteurs, Dieben +und Mördern; in jedem Asyle waren Massen von gestohlenen oder +eingeschmuggelten Waaren aufgehäuft; aus jedem Asyle zogen des Nachts +Banditen aus, um zu rauben und zu morden. In keiner Stadt der +Christenheit war daher das Gesetz so ohnmächtig und das Verbrechen so +dreist als in der alten Hauptstadt der Religion und Civilisation. +Innocenz dachte darüber, wie es einem Priester und Fürsten geziemte. Er +erklärte, daß er keinen Gesandten mehr aufnehmen werde, der auf diesem +alle Ordnung und Sittlichkeit untergrabenden Rechte bestände. Anfangs +wurde laut darüber gemurrt, aber die Gerechtigkeit seines Entschlusses +war so in die Augen springend, daß alle Regierungen, mit Ausnahme einer +einzigen, ihm nach und nach beipflichteten. Der Kaiser, der unter den +christlichen Monarchen die erste Stelle einnahm, der spanische Hof, der +sich unter allen Höfen durch seine Empfindlichkeit und Zähigkeit in +Sachen der Etikette auszeichnete, entsagten dem verderblichen +Privilegium. Nur Ludwig blieb unbeugsam. Was andere Fürsten thäten, +sagte er, gehe ihn nichts an. Er schickte daher eine Gesandtschaft nach +Rom, die von einer starken Abtheilung Reiterei und Fußvolk begleitet +war. Der Gesandte zog im Triumph nach seinem Palaste, wie ein +siegreicher General durch eine eroberte Stadt marschirt. Der Palast +wurde stark bewacht und Patrouillen machten Tag und Nacht die Runde um +den geschützten Bezirk, wie auf den Wällen einer Festung. Der Papst ließ +sich dadurch +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_33" id = "pageIX_33"> +IX.33</a></span> +nicht einschüchtern. „Sie vertrauen auf Wagen und Rosse,“ sagte er, „wir +aber denken an den Namen des Herrn unsres Gottes.“ Er griff energisch zu +seinen geistlichen Waffen und belegte das von den Franzosen besetzte +Gebiet mit einem Interdict.<a class = "tag" name = "tagIX_41" id = +"tagIX_41" href = "#noteIX_41">41</a></p> + +<p>Als dieser Streit den Höhepunkt erreicht hatte, brach noch ein andrer +aus, bei welchem Deutschland eben so stark betheiligt war als der +Papst.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteIX_41" id = "noteIX_41" href = "#tagIX_41">41.</a> +Prof. Ranke’s Römische Päpste, Buch 8; <span class = "antiqua">Burnet I. +789</span>.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Das Erzbisthum Köln.</span> +<a name = "secIX_23" id = "secIX_23">Köln</a> und das umliegende Gebiet +wurde von einem Erzbischof regiert, der zugleich ein Kurfürst des +deutschen Reiches war. Das Recht der Erwählung dieses mächtigen Prälaten +stand unter gewissen Beschränkungen dem Domkapitel zu. Der Erzbischof +war zu gleicher Zeit auch Bischof von Lüttich, von Münster und von +Hildesheim, seine Besitzungen waren bedeutend und enthielten mehrere +starke Festungen, welche im Falle eines Feldzugs am Rhein von höchster +Wichtigkeit waren. In Kriegszeiten konnte er zwanzigtausend Mann ins +Feld stellen. Ludwig hatte keine Mühe gespart, um einen so werthvollen +Bundesgenossen zu gewinnen, und dies war ihm so gut gelungen, daß Köln +fast von Deutschland losgetrennt und ein Außenwerk Frankreichs geworden +war. Viele dem Hofe von Versailles ergebene Priester waren in das +Kapitel gebracht und der Cardinal Fürstenberg, eine notorische Creatur +des Hofes, war zum Coadjutor ernannt worden.</p> + +<p>Im Sommer des Jahres 1688 kam das Erzbisthum zur Erledigung. +Fürstenberg war der Candidat des Hauses Bourbon; die Feinde dieses +Hauses schlugen den jungen Prinzen Clemens von Baiern vor. Fürstenberg +war bereits Bischof und konnte daher nur vermittelst einer Dispensation +vom Papste, oder einer Postulation, der sich zwei Drittheile des kölner +Domkapitels anschließen mußten, in eine andre Diöcese versetzt werden. +Der Papst wollte einer Creatur Frankreichs keine Dispensation +bewilligen, und der Kaiser bewog mehr als ein Drittheil des Kapitels, +für den bairischen Prinzen zu stimmen. Inzwischen war auch in den +Kapiteln von Lüttich, Münster und Hildesheim die Majorität gegen +Frankreich. Ludwig sah mit Unwillen und Besorgniß, daß eine ausgedehnte +Provinz, die er schon angefangen hatte als ein Besitzthum seiner Krone +zu betrachten, nahe daran war, nicht allein unabhängig von ihm, sondern +sogar ihm feindlich gesinnt zu werden. In einem mit großer Bitterkeit +abgefaßten Schreiben beklagte er sich über die Ungerechtigkeit, mit der +Frankreich bei jeder Gelegenheit vom heiligen Stuhle behandelt werde, +während derselbe doch der ganzen Christenheit seinen väterlichen Schutz +angedeihen lassen sollte. Viele Anzeichen verriethen, daß er fest +entschlossen war, die Ansprüche seines Candidaten mit bewaffneter Hand +gegen den Papst und dessen Verbündete zu unterstützen.<a class = "tag" +name = "tagIX_42" id = "tagIX_42" href = "#noteIX_42">42</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteIX_42" id = "noteIX_42" href = "#tagIX_42">42.</a> +<span class = "antiqua">Burnet I. 758</span>; Ludwig’s Schreiben ist vom +27. Aug. (6. Sept.) 1688 datirt. Es findet sich im <span class = +"antiqua">Recueil des Traités, vol. IV. No. 219</span>.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Kluges Verfahren Wilhelm’s.</span> +<a name = "secIX_24" id = "secIX_24">So</a> stachelte Ludwig durch zwei +einander entgegengesetzte Fehler den Zorn der beiden Religionsparteien, +die sich in das westliche Europa theilten, zu gleicher Zeit gegen sich +auf. Nachdem er sich die eine große Abtheilung der Christenheit durch +Verfolgung der Hugenotten entfremdet hatte, entfremdete er sich auch die +andre durch Beleidigung des römischen Stuhles. Und diese Mißgriffe that +er in einem Augenblicke, wo kein Fehler ungestraft begangen werden +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_34" id = "pageIX_34"> +IX.34</a></span> +konnte, und vor den Augen eines Gegners, der keinem Staatsmanne, dessen +Andenken die Geschichte aufbewahrt hat, an Wachsamkeit, Scharfblick und +Energie nachstand. Wilhelm sah mit heimlicher Freude, wie seine Gegner +sich bemühten, ein Hinderniß nach dem andren aus seinem Wege zu +entfernen. Während sie sich die Feindschaft aller Parteien zuzogen, +arbeitete er darauf hin, sie alle zu gewinnen. Mit seltener Klugheit +stellte er den im Sinne habenden Plan den verschiedenen Regierungen in +verschiedenem Lichte dar, und man muß hinzusetzen, daß keine seiner +Darlegungen trotz ihrer Verschiedenheit falsch war. Er forderte die +norddeutschen Fürsten auf, sich zur Vertheidigung der gemeinsamen Sache +aller reformirten Kirchen um ihn zu schaaren, und den beiden +Oberhäuptern des Hauses Österreich stellte er die Gefahr vor, die ihnen +von Seiten des französischen Ehrgeizes drohte, sowie die Nothwendigkeit, +England aus seiner Abhängigkeit zu befreien und es in den europäischen +Staatenbund aufzunehmen.<a class = "tag" name = "tagIX_43" id = +"tagIX_43" href = "#noteIX_43">43</a> Er verwahrte sich, und zwar +aufrichtig, gegen jede Bigotterie. Der wahre Feind der britischen +Katholiken, sagte er, sei der kurzsichtige und halsstarrige König, der +ihnen leicht hätte gesetzliche Duldung verschaffen können, anstatt +dessen aber Gesetz, Freiheit und Eigenthum mit Füßen getreten hätte, um +ihnen ein gehässiges und unsicheres Übergewicht zu geben. Wenn man Jakob +seine schlechte Regierung ungehindert fortsetzen lasse, müsse dieselbe +in nicht zu ferner Zeit einen allgemeinen Volksaufstand herbeiführen, +der eine grausame Verfolgung der Papisten nach sich ziehen könne. Der +Prinz erklärte es als einen seiner Hauptzwecke, den Greueln einer +solchen Verfolgung vorzubeugen. Wenn sein Plan gelinge, würde er die +Macht, die er dann als Oberhaupt der protestantischen Interessen +besitzen müsse, zum Schutze der Mitglieder der römischen Kirche +anwenden. Zwar könnten die durch Jakob’s Tyrannei entzündeten +Leidenschaften es ihm vielleicht unmöglich machen, die Strafgesetze aus +dem Gesetzbuche zu streichen; aber diese Strafgesetze sollten dann +wenigstens durch gelinde Ausübung gemildert werden. Keine Klasse werde +aus dem beabsichtigten Unternehmen mehr Gewinn ziehen, als die +friedliebenden und anspruchsloseren Katholiken, welche nur den Wunsch +hegten, ungestört ihrem Berufe nachgehen und ihren Schöpfer verehren zu +dürfen. Die einzigen, welche dabei verlieren würden, seien die +Tyrconnel, die Dover, die Albeville und anderen politischen Abenteurer, +welche zum Dank für Schmeichelei und schlimmen Rath von ihrem +leichtgläubigen Gebieter Statthalterposten, Regimenter und +Gesandtschaften erhalten hätten.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteIX_43" id = "noteIX_43" href = "#tagIX_43">43.</a> +Wegen der außerordentlichen Geschicklichkeit, mit der er zwei +verschiedenen Parteien seine Politik in verschiedenem Lichte darstellte, +wurde er später vom Hofe von St. Germains bitter geschmäht. <span class += "antiqua">„Licet foederatis publicus ille praedo haud aliud aperte +proponat nisi ut Gallici imperii exuberans amputetur potestas; +veruntamen sibi, et suis ex haeretica faece complicibus, ut pro comperto +habemus, longe aliud promittit, nempe ut, exciso vel enervato Francorum +regno, ubi Catholicarum partium summum jam robur situm est, haeretica +ipsorum pravitas per orbem Christianum universum praevaleat.“</span> +— Brief von Jakob an den Papst, unzweifelhaft 1689 +geschrieben.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Seine Rüstungen zu Lande und zur See.</span> +<a name = "secIX_25" id = "secIX_25">Während</a> Wilhelm sich bemühte, +die Sympathien der Protestanten sowohl als der Katholiken zu gewinnen, +sorgte er mit nicht geringerer Energie und Klugheit für Anschaffung der +zu seinem Unternehmen erforderlichen militairischen +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_35" id = "pageIX_35"> +IX.35</a></span> +Hülfsmittel. Er konnte eine Landung in England nicht ohne Genehmigung +der Vereinigten Provinzen bewerkstelligen. Hielt er um diese Genehmigung +an bevor sein Plan zur Ausführung reif war, so konnten seine Absichten +durch eine seinem Hause feindlich gesinnte Partei möglicherweise +vereitelt werden und jedenfalls mußte die ganze Welt Kenntniß davon +erhalten. Er beschloß daher, seine Voranstalten mit größter Eil zu +betreiben und nach Vollendung derselben einen günstigen Augenblick +abzuwarten, wo er den Bund um seine Zustimmung ersuchen konnte. Die +Agenten Frankreichs bemerkten, daß sie ihn noch nie so geschäftig +gesehen hatten. Es verging kein Tag, wo man ihn nicht von seiner Villa +nach dem Haag sprengen sah, und beständig hielt er geheime Berathungen +mit seinen ausgezeichnetsten Anhängern. Vierundzwanzig Schiffe wurden +zur Verstärkung der gewöhnlichen Seemacht der Republik vollständig +ausgerüstet. Für diese Vermehrung der Flotte bot sich zufällig ein +vortrefflicher Vorwand dar, denn es hatten sich kürzlich einige +algierische Corsaren in der Nordsee zu zeigen gewagt. Bei Nymwegen wurde +ein Lager gebildet und viele tausend Mann daselbst zusammengezogen. Um +diese Armee zu verstärken, wurden die Besatzungen aus den Festungen von +Holländisch Brabant genommen; selbst die berühmte Festung Bergopzoom +wurde fast ganz entblößt. Feldgeschütze, Bomben und Munitionswagen +wurden aus allen Arsenalen der Vereinigten Provinzen nach den +Hauptquartieren geschafft. Sämmtliche Bäcker von Rotterdam bucken Tag +und Nacht Schiffszwieback; alle Gewehrfabrikanten von Utrecht reichten +nicht hin, um die Bestellungen auf Pistolen und Flinten auszuführen; +alle Sattler von Amsterdam arbeiteten mit der größten Anstrengung an +Kürassen und Holftern. Die Schiffsmannschaft wurde um sechstausend +Matrosen vermehrt und siebentausend neue Soldaten ausgehoben. Diese +konnten allerdings nicht ohne Genehmigung des Bundes förmlich eingereiht +werden; aber sie wurden inzwischen immer eingeübt und in solcher +Kriegszucht gehalten, daß sie binnen vierundzwanzig Stunden nach +erlangter Genehmigung ohne Schwierigkeit unter die verschiedenen +Regimenter vertheilt werden konnten. Diese Rüstungen erforderten zwar +viel baares Geld; aber Wilhelm hatte auch durch weise Sparsamkeit für +den Fall unvorhergesehener großer Bedürfnisse einen Reserveschatz +zurückgelegt, der sich auf ungefähr zweihundertfünfzigtausend Pfund +Sterling belief. Das noch Fehlende wurde von seinen Anhängern +bereitwilligst zugeschossen. Außerdem erhielt er auch aus England große +Massen Gold, man sprach von nicht weniger als hunderttausend Guineen. +Die Hugenotten, welche bedeutende Quantitäten des edlen Metalls ins Exil +mitgenommen hatten, liehen ihm gern Alles, was sie besaßen, denn sie +lebten der frohen Hoffnung, daß sie, wenn sein Unternehmen gelang, in +ihr Vaterland würden zurückkehren dürfen, und fürchteten, daß sie im +Falle des Mißlingens in ihrer Adoptivheimath kaum noch sicher sein +würden.<a class = "tag" name = "tagIX_44" id = "tagIX_44" href = +"#noteIX_44">44</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteIX_44" id = "noteIX_44" href = "#tagIX_44">44.</a> +<span class = "antiqua">Avaux Neg., Aug. 2.(12.), 10.(20.), 11.(21.), +14.(24.), 16.(26.), 17.(27.), Aug. 23. (Sept. 2.) 1688</span>.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Er erhält zahlreiche Unterstützungszusagen aus England.</span> +<a name = "secIX_26" id = "secIX_26">Während</a> der letzten Hälfte des +Juli und im Laufe des ganzen August nahmen die Rüstungen einen raschen, +dem ungestümen Wilhelm aber noch immer zu langsamen Fortgang. +Mittlerweile wurde zwischen +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_36" id = "pageIX_36"> +IX.36</a></span> +England und Holland ein lebhafter Verkehr unterhalten. Da man die +gewöhnlichen Mittel zur Beförderung von Nachrichten und Passagieren +nicht mehr für sicher hielt, fuhr ein leichtes Boot von wunderbarer +Schnelligkeit beständig zwischen Scheveningen und der Ostküste unsrer +Insel hin und her.<a class = "tag" name = "tagIX_45" id = "tagIX_45" +href = "#noteIX_45">45</a> Durch dieses Fahrzeug erhielt Wilhelm von +hochstehenden Männern der Kirche, der Politik und des Heeres eine Reihe +von Zuschriften. Von den sieben Prälaten, welche die denkwürdige +Petition unterzeichnet, hatten zwei, Lloyd, Bischof von St. Asaph, und +Trelawney, Bischof von Bristol, während ihres Aufenthalts im Tower die +Lehre vom Nichtwiderstande noch einmal in Erwägung gezogen und waren +bereit, einen bewaffneten Befreier willkommen zu heißen. Ein Bruder des +Bischofs von Bristol, der Oberst Karl Trelawney, der eines der +tangerschen Regimenter commandirte, welches jetzt als das vierte +Linienregiment bekannt ist, erklärte sich bereit, für den +protestantischen Glauben sein Schwert zu ziehen. Ähnliche Versicherungen +kamen auch von dem rohen Kirke. Churchill erklärte in einem Briefe, der +in ziemlich pathetischem Tone, dem sicheren Zeichen, daß er einen +Schurkenstreich im Sinne hatte, geschrieben war, er sei entschlossen, +seine Pflicht gegen den Himmel und gegen sein Vaterland zu erfüllen, und +lege seine Ehre ganz in die Hände des Prinzen von Oranien. Wilhelm las +dieses Schreiben gewiß mit jenem bittern und cynischen Lächeln, das +seinen Zügen den mindest angenehmen Ausdruck gab. Er hielt sich nicht +für bemüßigt, die Ehre Anderer in seine Obhut zu nehmen; auch hatten es +die strengsten Casuisten nicht für unrecht erklärt, wenn ein General die +Dienste von Überläufern, die er nur verachten konnte, erbat, benutzte +und belohnte.<a class = "tag" name = "tagIX_46" id = "tagIX_46" href = +"#noteIX_46">46</a></p> + +<p>Churchill’s Brief wurde von Sidney überbracht, dessen Stellung in +England gefährlich geworden war und der, nachdem er die Spur seines +Weges durch zahlreiche Vorsichtsmaßregeln verborgen hatte, Mitte August +nach Holland kam.<a class = "tag" name = "tagIX_47" id = "tagIX_47" href += "#noteIX_47">47</a> Um die nämliche Zeit schifften Shrewsbury und +Eduard Russell in einem Boote, das sie in aller Stille gemiethet hatten, +durch die Nordsee und erschienen im Haag. Shrewsbury brachte +zwölftausend Pfund Sterling mit, die er auf seine Güter aufgenommen +hatte und bei der Bank von Amsterdam deponirte. Devonshire, Danby und +Lumley blieben in England, wo sie sich, sobald der Prinz den Fuß auf die +Insel setzte, bewaffnet erheben wollten.</p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteIX_45" id = "noteIX_45" href = "#tagIX_45">45.</a> +<span class = "antiqua">Avaux Neg., Sept. 4.(14.) 1688.</span></p> + +<p><a name = "noteIX_46" id = "noteIX_46" href = "#tagIX_46">46.</a> +<span class = "antiqua">Burnet I. 765</span>; Churchill’s Brief ist vom +4. August 1688 datirt.</p> + +<p><a name = "noteIX_47" id = "noteIX_47" href = "#tagIX_47">47.</a> +<span class = "antiqua">Memoirs of the Duke of Shrewsbury, +1718.</span></p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Sunderland.</span> +<a name = "secIX_27" id = "secIX_27">Man</a> hat Grund zu glauben, daß +Wilhelm um diese Zeit auch die ersten Beitrittsversicherungen von einer +ganz andren Seite erhielt. Die Geschichte der Intriguen Sunderland’s ist +in ein Dunkel gehüllt, das schwerlich je ein Forscher wird aufzuklären +vermögen; wenn es aber auch nicht möglich ist, die ganze Wahrheit zu +entdecken, so kann man doch leicht einige handgreifliche Erdichtungen +nachweisen. Die Jakobiten behaupteten aus naheliegenden Gründen, die +Revolution von 1688 sei die Frucht eines schon vor langer Zeit +angezettelten Complots gewesen, und Sunderland bezeichneten sie als das +Haupt der Verschwörung. Sie behaupteten, er habe in der Verfolgung +seines großen Planes seinen nur zu vetrauensvollen Gebieter angereizt, +von Gesetzen +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_37" id = "pageIX_37"> +IX.37</a></span> +zu dispensiren, ein ungesetzliches Tribunal zu errichten, freies +Eigenthum zu confisciren und die Väter der Landeskirche ins Gefängniß zu +werfen. Dieser Roman stützt sich auf keinen Beweis, und obgleich er bis +auf unsre Zeit nacherzählt worden ist, verdient er doch kaum eine +Widerlegung. Nichts ist gewisser, als daß Sunderland sich einigen der +unklügsten Schritte Jakob’s widersetzte, insbesondere der Verfolgung der +Bischöfe, welche eigentlich die entscheidende Krisis herbeiführte. Aber +wenn auch diese Thatsache nicht feststände, so würde noch ein andres +Argument den Streit entscheiden. Welchen denkbaren Grund konnte +Sunderland haben, eine Revolution herbeizuwünschen? Unter dem +herrschenden Systeme stand er auf dem Gipfel des Ansehens und des +Glücks. Als Präsident des Geheimen Raths hatte er den Vorrang vor allen +weltlichen Peers, und als erster Staatssekretär war er das thätigste und +mächtigste Mitglied des Kabinets. Er durfte den Herzogstitel erwarten. +Er hatte den Hosenbandorden erhalten, den noch unlängst der glänzende +und leichtfertige Buckingham getragen, der nach Vergeudung seines +fürstlichen Vermögens und seines reichbegabten Geistes verlassen, +verachtet und mit gebrochenem Herzen ins Grab gesunken war.<a class = +"tag" name = "tagIX_48" id = "tagIX_48" href = "#noteIX_48">48</a> Geld, +auf das Sunderland mehr Werth legte als auf Gunst- und Ehrenbezeigungen, +strömte ihm in solcher Fülle zu, daß er bei einigermaßen geregelter +Verwaltung seiner Einkünfte hoffen konnte, binnen wenigen Jahren einer +der reichsten Unterthanen in Europa zu werden. Die directen Einkünfte +seiner Stellen waren, obwohl sehr bedeutend, doch nur ein kleiner Theil +seiner Revenüen. Von Frankreich allein bezog er ein regelmäßiges +Jahrgeld von nahe an sechstausend Pfund, abgesehen von bedeutenden +Gelegenheitsgratifikationen. Mit Tyrconnel war er, wie wir wissen, auf +fünftausend Pfund jährlich, oder fünfzigtausend ein für allemal, einig +geworden. Welche Summen er außerdem durch den Handel mit Stellen, Titeln +und Begnadigungen verdiente, kann nur gemuthmaßt werden, aber sie müssen +enorm gewesen sein. Es schien Jakob Vergnügen zu machen, einen Mann, den +er als durch sich bekehrt betrachtete, mit Reichthümern förmlich zu +überschütten. Alle Geldbußen, alles verfallende Eigenthum erhielt +Sunderland. Von jeder Verleihung bekam Sunderland Gebühren. Wenn irgend +ein Bittsteller es wagte, sich direct an den König zu wenden, so erhielt +er von diesem die Antwort: „Haben Sie mit meinem Lordpräsidenten +gesprochen?“ Ein beherzter Mann erlaubte sich einmal die Äußerung, der +Lordpräsident verschlinge das ganze Geld des Hofes. „Ja,“ erwiederte +Seine Majestät, „aber er verdient es auch.“<a class = "tag" name = +"tagIX_49" id = "tagIX_49" href = "#noteIX_49">49</a> Wir werden das +Gesammteinkommen des Ministers nicht zu hoch anschlagen, wenn wir es auf +dreißigtausend Pfund jährlich schätzen, und man darf nicht vergessen, +daß ein solches Einkommen damals seltener war als gegenwärtig ein +Einkommen von hunderttausend Pfund. Es ist sehr wahrscheinlich, daß es +damals nicht einen einzigen Peer gab, dessen Privateinkünfte den +Amtseinkünften Sunderlands gleichgekommen waren.</p> + +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_38" id = "pageIX_38"> +IX.38</a></span> +<p>Hatte nun ein in ungesetzliche und unpopuläre Regierungsmaßregeln so +tief verwickelter Mann, ein Mitglied der Hohen Commission, ein Renegat, +den die Menge auf öffentlichen Plätzen mit dem Geschrei: „Papistischer +Hund!“ verfolgte, wohl Aussicht, unter einer neuen Ordnung der Dinge +noch größer und reicher zu werden? Hatte er wohl nur Aussicht, der +verdienten Strafe zu entgehen?</p> + +<p>Er hatte gewiß schon seit langer Zeit die Möglichkeit im Auge, daß +Wilhelm und Maria nach dem natürlichen Laufe der Natur und des Gesetzes +einst an die Spitze der englischen Regierung kommen könnten, und +wahrscheinlich hatte er es auch schon versucht, sich durch +Versprechungen und Dienstleistungen, die, wenn sie entdeckt worden +wären, seinen Credit in Whitehall gerade nicht erhöht haben würden, ihre +Gunst zu erwerben. Aber man darf mit Gewißheit behaupten, daß es nicht +sein Wunsch war, sie durch eine Revolution auf den Thron erhoben zu +sehen, und daß er eine solche Revolution nicht im entferntesten +vermuthete, als er gegen Ende Juni 1688 feierlich in den Schooß der +römischen Kirche übertrat.</p> + +<p>Kaum jedoch hatte er sich durch dieses unverzeihliche Verbrechen den +Haß und die Verachtung der ganzen Nation zugezogen, so erfuhr er, daß +die bürgerliche und kirchliche Verfassung Englands demnächst durch +fremde und einheimische Waffen vertheidigt werden sollte. Von diesem +Augenblicke an scheinen alle seine Pläne eine Umgestaltung erfahren zu +haben. Angst und Furcht drückten ihn gänzlich darnieder und sprachen so +deutlich aus seinen Gesichtszügen, daß Jedermann sie auf den ersten +Blick darin lesen konnte.<a class = "tag" name = "tagIX_50" id = +"tagIX_50" href = "#noteIX_50">50</a> Es unterlag kaum einem Zweifel, +daß im Falle einer Revolution die den Thron umgebenden bösen Rathgeber +zu strenger Rechenschaft gezogen werden würden, und er stand unter +diesen bösen Rathgebern obenan. Der Verlust seiner Stellen, seiner +Gehalte und seiner Pensionen war das Geringste, was er zu fürchten +hatte. Sein Stammschloß Althorpe mit seinen großen Waldungen konnte +confiscirt werden. Er konnte viele Jahre im Gefängniß schmachten oder +sein Leben in fremdem Lande als Pensionair der Freigebigkeit Frankreichs +beschließen müssen. Und selbst dies war noch nicht das Schlimmste. Der +unglückliche Staatsmann begann von schrecklichen Visionen verfolgt zu +werden; er sah im Geiste Towerhill mit einer zahllosen Menschenmenge +bedeckt, die beim Anblicke des Apostaten in ein wildes Jubelgeschrei +ausbrach, er sah ein schwarz behangenes Schaffot, er sah Burnet, der das +Sterbegebet für ihn las, und Ketch, auf das Beil gestützt, mit welchem +Russell und Monmouth in so grauenvoller Weise abgeschlachtet worden +waren. Wohl gab es noch einen Ausweg, durch den er sich retten konnte, +aber dieser Weg würde einem edlen Character noch viel schrecklicher +gewesen sein, als ein Kerker oder das Schaffot. Er konnte sich durch +einen rechtzeitigen und nützlichen Verrath von den Feinden der Regierung +Verzeihung erwirken. Es stand in seiner Macht, ihnen in jenem +Augenblicke unschätzbare Dienste zu leisten, denn der König befolgte +stets seinen Rath, er hatte großen Einfluß auf die jesuitische Cabale, +und der französische Gesandte schenkte ihm blindes Vertrauen. An einer +des Zweckes, dem sie dienen sollte, würdigen Vermittlerin fehlte es ihm +nicht. Die Gräfin +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_39" id = "pageIX_39"> +IX.39</a></span> +von Sunderland war ein schlaues Weib, die unter einem Schein von +Frömmigkeit, durch welchen sich viele erfahrene Männer täuschen ließen, +mit großer Thätigkeit verliebte und politische Intriguen betrieb.<a +class = "tag" name = "tagIX_51" id = "tagIX_51" href = +"#noteIX_51">51</a> Der schöne und leichtfertige Heinrich Sidney war +seit geraumer Zeit ihr begünstigter Anbeter, und ihrem Gatten war es +ganz angenehm, sie auf diese Weise mit dem Hofe im Haag verbunden zu +sehen. Wenn er eine geheime Botschaft nach Holland befördern wollte, +sprach er mit seiner Gattin darüber, diese schrieb an Sidney, und Sidney +theilte ihren Brief dem Prinzen Wilhelm mit. Ein derartiges Schreiben +wurde aufgefangen und Jakob hinterbracht. Sie behauptete keck, es sei +gefälscht, und ihr Gatte vertheidigte sich mit der ihm eigenen +Geschicklichkeit, indem er dem Könige vorstellte, es sei unmöglich, daß +irgend ein Mensch so schlecht sein könne, das zu thun, was er gleichwohl +fortwährend that. „Selbst wenn dies wirklich Lady Sunderland’s Hand +wäre,“ sagte er, „so würde ich doch nichts damit zu thun haben. Eure +Majestät kennt mein häusliches Mißgeschick. Es ist nur zu bekannt, auf +welchem Fuße meine Frau mit Sidney steht. Wer könnte glauben, daß ich +einen Mann zu meinem Vertrauten machen werde, der meine Ehre an der +empfindlichsten Seite gekränkt hat, den Mann, den ich von Allen am +meisten hassen muß?“<a class = "tag" name = "tagIX_52" id = "tagIX_52" +href = "#noteIX_52">52</a> Diese Vertheidigung wurde für genügend +erachtet und nach wie vor gingen geheime Nachrichten von dem wissentlich +betrogenen Gatten an die Ehebrecherin, von der Ehebrecherin an den Galan +und von dem Galan an die Feinde Jakob’s.</p> + +<p>Es ist sehr wahrscheinlich, daß Wilhelm um die Mitte des August die +ersten bestimmten Versicherungen von Sunderland’s Unterstützung mündlich +durch Sidney erhielt. Gewiß ist soviel, daß von dieser Zeit an bis zu +dem Augenblicke, wo die Expedition zum Absegeln bereit war, eine +lebhafte Correspondenz zwischen der Gräfin und ihrem Geliebten +unterhalten wurde. Einige von ihren Briefen, welche zum Theil in +Chiffersprache geschrieben waren, sind noch vorhanden. Sie enthalten +Versicherungen von Geneigtheit und Dienstversprechungen nebst dringenden +Bitten um Schutz. Die Schreiberin giebt zu verstehen, daß ihr Gatte +Alles thun werde, was seine Freunde im Haag nur wünschen könnten; sie +hält es für nöthig, daß er auf einige Zeit ins Exil geht, aber sie +hofft, daß seine Verbannung nicht ewig dauern und daß ihm sein Erbgut +erhalten bleiben werde und bittet angelegentlich um Bezeichnung eines +passenden Ortes, wohin er sich zurückziehen könne, bis die erste Wuth +des Sturmes sich gelegt haben würde.<a class = "tag" name = "tagIX_53" +id = "tagIX_53" href = "#noteIX_53">53</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteIX_48" id = "noteIX_48" href = "#tagIX_48">48.</a> +<span class = "antiqua">London Gazette, April 25. 28. 1687</span>.</p> + +<p><a name = "noteIX_49" id = "noteIX_49" href = "#tagIX_49">49.</a> +<span class = "antiqua">Secret Consults of the Romish Party in +Ireland</span>. Diese Mittheilung wird durch eine Stelle in einem +Schreiben von Bonrepaux an Seignelay vom 12.(22.) Sept. 1687 bestätigt. +<span class = "antiqua">„Il (Sunderland) amassera beaucoup d’argent, le +roi son maître lui donnant la plus grande partie de celui qui provient +des confiscations ou des accommodemens que ceux qui ont encourû des +peines font pour obtenir leur grace.“</span></p> + +<p><a name = "noteIX_50" id = "noteIX_50" href = "#tagIX_50">50.</a> +Adda sagt in einer Depesche vom 26. Oct. (5. Nov.) 1688, daß man +Sunderland seine Angst angesehen habe.</p> + +<p><a name = "noteIX_51" id = "noteIX_51" href = "#tagIX_51">51.</a> +Vergleiche Evelyn’s Mittheilungen über sie mit dem, was die Prinzessin +von Dänemark von ihr nach dem Haag schrieb, und mit ihren eigenen +Briefen an Heinrich Sidney.</p> + +<p><a name = "noteIX_52" id = "noteIX_52" href = "#tagIX_52">52.</a> +Bonrepaux an Seignelay, 11.(21.) Juli 1688.</p> + +<p><a name = "noteIX_53" id = "noteIX_53" href = "#tagIX_53">53.</a> +Siehe ihre Briefe in Sidney’s unlängst erschienenem Tagebuche und +Correspondenz. Fox bezeichnet in seiner Ausgabe der Depeschen von +Barillon den 30. August n. St. 1688 als den Zeitpunkt, von welchem an +Sunderland ganz bestimmt ein falsches Spiel spielte.</p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Wilhelm’s Befürchtungen.</span> +<a name = "secIX_28" id = "secIX_28">Der</a> Beistand Sunderland’s war +höchst willkommen. Denn je näher der für den großen Schlag bestimmte +Zeitpunkt heranrückte, um so mehr nahm Wilhelm’s ängstliche Besorgniß +zu. Vor gewöhnlichen Blicken verbarg er seine Gefühle hinter +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_40" id = "pageIX_40"> +IX.40</a></span> +der eiskalten Ruhe seines Benehmens; Bentinck aber öffnete er sein +ganzes Herz. Die Vorbereitungen waren noch nicht ganz vollendet, der +Plan wurde schon geahnet und konnte nicht länger verborgen werden. Der +König von Frankreich oder die Stadt Amsterdam konnten noch immer das +ganze Unternehmen vereiteln. Wenn Ludwig eine bedeutende Truppenmacht +nach Brabant schickte, wenn die Partei, welche den Statthalter haßte, +das Haupt erhob, so war Alles vorbei. „Meine Angst und meine Besorgniß,“ +schrieb der Prinz, „sind furchtbar. Ich weiß kaum mehr was ich thue. +Noch nie in meinem Leben fühlte ich so stark das Bedürfniß der +göttlichen Leitung.“<a class = "tag" name = "tagIX_54" id = "tagIX_54" +href = "#noteIX_54">54</a> Bentinck’s Gemahlin war um diese Zeit +gefährlich krank, und beide Freunde ängstigten sich sehr um sie. „Gott +halte Sie aufrecht,“ schrieb Wilhelm, „und gebe Ihnen die Kraft, Ihren +Theil bei einem Werke zu verrichten, von welchem, soweit Menschen es +beurtheilen können, das Wohl seiner Kirche abhängt.“<a class = "tag" +name = "tagIX_55" id = "tagIX_55" href = "#noteIX_55">55</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteIX_54" id = "noteIX_54" href = "#tagIX_54">54.</a> +19.(29.) August 1688.</p> + +<p><a name = "noteIX_55" id = "noteIX_55" href = "#tagIX_55">55.</a> +4.(14.) Sept. 1688.</p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Jakob wird gewarnt.</span> +<a name = "secIX_29" id = "secIX_29">Es</a> war in der That unmöglich, +daß ein so umfassender Plan, wie der gegen den König von England +entworfene war, viele Wochen lang geheim bleiben konnte. Keine Vorsicht +konnte es verhindern, daß scharfblickende Leute Wilhelm’s großartige +Kriegsrüstungen zu Lande und zur See bemerkten und den Zweck dieser +Rüstungen ahneten. Schon Anfang August raunte man einander in London zu, +daß ein großes Ereigniß im Anzuge sei. Der schwache und bestochene +Albeville, der sich damals zu Besuch in England befand, war überzeugt +oder stellte sich wenigstens so, daß die holländische Regierung keine +feindlichen Absichten gegen England hege. Aber während Albeville’s +Abwesenheit versah Avaux mit ausgezeichneter Umsicht die Geschäfte eines +französischen und englischen Gesandten zugleich bei den Generalstaaten +und lieferte sowohl Barillon als auch Ludwig ausführliche Nachrichten. +Avaux war fest überzeugt, daß eine Landung in England beabsichtigt +wurde, und es gelang ihm, seinem Gebieter die Richtigkeit dieser +Vermuthung vollkommen einleuchtend zu machen. Jeder Courier, der +entweder vom Haag oder von Versailles nach Westminster kam, brachte +ernste Warnungen mit.<a class = "tag" name = "tagIX_56" id = "tagIX_56" +href = "#noteIX_56">56</a> Jakob aber war in einer Täuschung befangen, +in der er allem Anscheine nach von Sunderland geschickt erhalten wurde. +Der Prinz von Oranien, sagte der schlaue Minister, werde es nie wagen, +eine überseeische Expedition zu unternehmen und Holland von +Vertheidigungsmitteln zu entblößen. Die Generalstaaten würden sich in +Erinnerung dessen, was sie während des furchtbaren Kampfes von 1672 +gelitten und zu fürchten gehabt hätten, gewiß nicht der Gefahr +aussetzen, wieder ein feindliches Heer auf der Ebene zwischen Utrecht +und Amsterdam lagern zu sehen. Es herrsche allerdings große +Unzufriedenheit in England, aber zwischen Unzufriedenheit und Rebellion +liege noch eine große Kluft. Männer von Rang und Vermögen seien nicht so +leicht zu bewegen, ihre Stellung, ihr Eigenthum und ihr Leben auf’s +Spiel zu setzen. Wie viele hochstehende Whigs hätten zu der Zeit, als +Monmouth in den Niederlanden war, eine übermüthige Sprache geführt! Und +welcher hochstehende Whig habe sich ihm angeschlossen, als er sein +Banner +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_41" id = "pageIX_41"> +IX.41</a></span> +aufgepflanzt? Es sei leicht erklärlich, warum Ludwig sich stellte, als +ob er diesen leeren Gerüchten Glauben schenke. Er hoffte ohne Zweifel, +den König von England durch Ängstigung zu bestimmen, daß er in dem +kölner Streite auf die Seite Frankreichs trat. Durch solche Argumente +ließ Jakob sich leicht in eine stupide Sicherheit wiegen.<a class = +"tag" name = "tagIX_57" id = "tagIX_57" href = "#noteIX_57">57</a> +Ludwig’s Angst und Unwille nahm dagegen mit jedem Tage zu und der Ton +seiner Briefe wurde immer schärfer und heftiger.<a class = "tag" name = +"tagIX_58" id = "tagIX_58" href = "#noteIX_58">58</a> Er sagte, er könne +diese Gleichgültigkeit am Vorabende einer großen Krisis nicht begreifen. +Sei denn der König behext? Seien seine Minister blind? Sei es möglich, +daß Niemand in Whitehall merkte, was in England und auf dem Continent +vorging? Eine so thörichte Sicherheit könne doch kaum die Wirkung bloßer +Unvorsichtigkeit sein, dahinter müsse absichtliche Täuschung stecken, +Jakob müsse offenbar in treulosen Händen sein. Barillon wurde dringend +ermahnt, den englischen Ministern nicht vollkommen zu trauen; aber alle +Ermahnungen waren umsonst. Ihn sowohl als Jakob hatte Sunderland mit +einem Zauber umsponnen, den keine Ermahnungen zerstören konnten.</p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteIX_56" id = "noteIX_56" href = "#tagIX_56">56.</a> +Avaux 19.(29.) Juni; 31. Juli (10. Aug,), 11.(21.) Aug. 1688; Ludwig an +Barillon, 2.(12.), 16.(26.) Aug.</p> + +<p><a name = "noteIX_57" id = "noteIX_57" href = "#tagIX_57">57.</a> +Barillon 20.(30.) Aug., 23. Aug. (2. Sept.) 1688; Adda, 24. Aug. (3. +Sept.); <span class = "antiqua">Clarke’s Life of James the Second, II. +177. Orig. Mem.</span></p> + +<p><a name = "noteIX_58" id = "noteIX_58" href = "#tagIX_58">58.</a> +Ludwig an Barillon, 3.(13.), 8.(18.), 11.(21.) Sept. 1688.</p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Ludwig’s Bemühungen, um Jakob zu retten.</span> +<a name = "secIX_30" id = "secIX_30">Ludwig</a> regte sich +nachdrücklich. Bonrepaux, welcher Barillon an Schlauheit weit überlegen +war und der Sunderland stets mit feindseligem und argwöhnischem Blicke +betrachtet hatte, wurde mit dem Anerbieten einer Unterstützung durch +Schiffe nach London gesandt. Zu gleicher Zeit erhielt Avaux Auftrag, den +Generalstaaten zu erklären, daß Frankreich den König Jakob unter seinen +Schutz genommen habe. Ein starkes Truppencorps wurde zum Aufbruch nach +der holländischen Grenze bereit gehalten. Dieser kühne Versuch, den +verblendeten Tyrannen wider seinen Willen zu retten, wurde im vollen +Einverständniß mit Skelton gemacht, der jetzt Gesandter England’s am +Hofe von Versailles war.</p> + +<p>Avaux verlangte seinen Instructionen gemäß eine Audienz bei den +Generalstaaten, die ihm bereitwillig zugestanden wurde. Die Versammlung +war ungewöhnlich zahlreich. Man glaubte allgemein, daß er eine Eröffnung +in Bezug auf den Handel machen werde, und der Präsident hatte sich mit +einer in dieser Voraussetzung entworfenen Antwort versehen. Sobald aber +Avaux sich seines Auftrags zu entledigen begann, äußerten sich +unverkennbare Zeichen von Mißbehagen. Diejenigen, von denen man glaubte, +daß sie das Vertrauen des Prinzen von Oranien genossen, schlugen die +Augen nieder. Die Aufregung nahm zu, als der Gesandte ankündigte, daß +sein Gebieter durch die engsten Bande der Freundschaft und Allianz mit +Seiner Großbritannischen Majestät verbunden sei und daß jeder Angriff +auf England als eine Kriegserklärung gegen Frankreich betrachtet werden +würde. Der völlig unvorbereitete Präsident stammelte einige ausweichende +Phrasen hervor und die Conferenz war zu Ende. Zu gleicher Zeit war den +Staaten angekündigt worden, daß Ludwig den Cardinal Fürstenberg und das +kölner Domkapitel unter seinen Schutz genommen habe.<a class = "tag" +name = "tagIX_59" id = "tagIX_59" href = "#noteIX_59">59</a></p> + +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_42" id = "pageIX_42"> +IX.42</a></span> +<p>Die Deputirten waren in der größten Bestürzung. Einige empfahlen +Vorsicht und Aufschub. Andere athmeten nichts als Krieg. Fagel sprach +mit Heftigkeit von der französischen Anmaßung und bat seine Collegen +dringend, sich durch Drohungen nicht einschüchtern zu lassen. Er sagte, +die passende Antwort auf eine solche Mittheilung sei die Verstärkung des +Heeres und die Ausrüstung neuer Schiffe. Es wurde augenblicklich ein +Courier abgesandt, um Wilhelm von Minden zu holen, wo er eine wichtige +Besprechung mit dem Kurfürsten von Brandenburg hatte.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteIX_59" id = "noteIX_59" href = "#tagIX_59">59.</a> +Avaux, 23. August (2. Sept.), 30. Aug. (9. Sept.) 1688.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Jakob vereitelt dieselben.</span> +<a name = "secIX_31" id = "secIX_31">Doch</a> man brauchte nicht +ängstlich zu sein. Jakob schien es darauf anzulegen, sich ins Verderben +zu stürzen und jeder Versuch ihn zurückzuhalten hatte keinen andren +Erfolg, als daß er dem Abgrunde nur noch rascher zueilte. Als sein Thron +befestigt, als sein Volk gehorsam war, als das dienstwilligste aller +Parlamente sich befleißigte, allen seinen billigen Wünschen +entgegenzukommen, als auswärtige Königreiche und Republiken mit einander +wetteiferten, ihm zu huldigen und zu schmeicheln, als es nur von ihm +abhing, der Schiedsrichter der Christenheit zu sein, hatte er sich zum +Sklaven und Söldlinge Frankreichs erniedrigt. Und jetzt, wo es ihm durch +eine Reihe von Verbrechen und Thorheiten gelungen war, sich seine +Nachbarn, seine Unterthanen, seine Soldaten, seine Seeleute und seine +Kinder zu entfremden, und wo ihm kein andrer Ausweg mehr blieb, als der +französische Schutz, bekam er plötzlich einen Anfall von Stolz und +beschloß seine Unabhängigkeit zu behaupten. Die Hülfe, die er zu einer +Zeit, wo er ihrer nicht bedurfte, mit schimpflichen Dankesthränen +angenommen hatte, wies er jetzt, wo er sie nicht entbehren konnte, mit +Verachtung zurück. Nachdem er sich zu einer Zeit, wo er viel eher mit +ängstlicher Sorgfalt auf die Wahrung seiner Würde hätte halten können, +erniedrigt hatte, wurde er undankbar hochmüthig in einem Augenblicke, wo +der Hochmuth ihm zu gleicher Zeit Hohn und Verderben zuziehen mußte. Er +fühlte sich beleidigt durch die freundschaftliche Hülfe, die ihn hätte +retten können. War je ein König so behandelt worden? War er ein Kind +oder ein Schwachkopf, daß Andere für ihn denken mußten? War er ein +Winkelfürst, ein Cardinal Fürstenberg, der fallen mußte, wenn nicht ein +mächtiger Beschützer ihn hielt? Sollte er sich durch einen prahlerischen +Schutz, um den er nie gebeten, sich in den Augen von ganz Europa +herabsetzen lassen? Skelton wurde zurückgerufen, um über sein Verfahren +Rechenschaft zu geben, und wurde sogleich nach seiner Ankunft in den +Tower gesperrt. Citters dagegen wurde in Whitehall gut aufgenommen und +er hatte eine lange Audienz. Er konnte mit mehr Wahrheit, als die +Diplomaten in solchen Fällen überhaupt für nöthig hielten, jede +feindselige Absicht auf Seiten der Generalstaaten leugnen. Denn die +Generalstaaten hatten bis jetzt noch keine öffentliche Kenntniß von +Wilhelm’s Plane, und es war keineswegs unmöglich, daß sie selbst jetzt +noch demselben ihre Genehmigung vorenthielten. Jakob erklärte, daß er +den Gerüchten von einer holländischen Invasion nicht den geringsten +Glauben schenke und daß das Benehmen der französischen Regierung ihn +überrascht und verdrossen habe. Middleton erhielt die Weisung, allen +auswärtigen Gesandten zu versichern, daß kein solches Bündniß zwischen +Frankreich und England bestehe, wie der Hof von Versailles zu seinen +Zwecken vorgebe; dem Nuntius sagte der König, Ludwig’s Absichten seien +mit Händen zu greifen, sollten aber vereitelt werden. Diese zudringliche +Protection sei zu gleicher Zeit eine +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_43" id = "pageIX_43"> +IX.43</a></span> +Beleidigung und eine Schlinge. „Mein guter Bruder,“ sagte Jakob, „hat +vortreffliche Eigenschaften; aber Schmeichelei und Eitelkeit haben ihm +den Kopf verrückt.“<a class = "tag" name = "tagIX_60" id = "tagIX_60" +href = "#noteIX_60">60</a> Adda, dem an Cöln mehr gelegen war, als an +England, nährte diese sonderbare Täuschung. Albeville, der jetzt wieder +auf seinen Posten zurückgekehrt war, erhielt Befehl, den Generalstaaten +freundschaftliche Versicherungen zu geben und einige hochtrabende +Redensarten hinzuzusetzen, die sich in dem Munde einer Elisabeth oder +eines Oliver nicht übel ausgenommen haben würden. „Mein Gebieter,“ sagte +er, „steht durch seine Macht und seinen Muth hoch über der Stufe, die +ihm Frankreich gern anweisen möchte. Es ist ein kleiner Unterschied +zwischen einem König von England und einem Erzbischof von Cöln.“ +Bonrepaux wurde in Whitehall sehr kühl aufgenommen. Die von ihm +offerirte Unterstützung an Schiffen wurde zwar nicht geradezu abgelehnt, +aber er mußte wieder abreisen, ohne etwas festgesetzt zu haben, und die +Gesandten der Vereinigten Provinzen wie des Hauses Österreich wurden +benachrichtigt, daß seine Sendung dem Könige unangenehm gewesen sei und +zu keinem Resultate geführt habe. Nach der Revolution rühmte sich +Sunderland, und wahrscheinlich mit Recht, daß er seinen Gebieter dazu +bestimmt habe, die angebotene Unterstützung Frankreichs +zurückzuweisen.<a class = "tag" name = "tagIX_61" id = "tagIX_61" href = +"#noteIX_61">61</a></p> + +<p>Die unvernünftige Thorheit Jakob’s erregte natürlich den Unwillen +seines mächtigen Nachbars. Ludwig beklagte sich, daß die englische +Regierung ihn zum Dank für den größten Dienst, den er ihr hätte leisten +können, angesichts der ganzen Christenheit Lügen gestraft habe. Er +bemerkte ganz richtig, was Avaux in Betreff des Bündnisses zwischen +Frankreich und Großbritannien gesagt habe, sei wenn auch nicht dem +Buchstaben nach, doch im allgemeinen Sinne wahr. Es bestehe allerdings +kein in Paragraphen eingetheilter, unterschriebener, besiegelter und +ratificirter Vertrag, aber Zusicherungen, welche in den Augen von +Ehrenmännern für eben so heilig gälten als Verträge, wären seit mehreren +Jahren zwischen den beiden Höfen gewechselt worden. Ludwig setzte noch +hinzu, daß er, eine so hohe Stellung er auch in Europa einnehme, doch +nie so lächerlich eifersüchtig auf seine Würde sein werde, um in einer +durch die Freundschaft eingegebenen Handlung eine Beleidigung zu +erblicken. Jakob aber sei in einer ganz andren Lage und werde bald den +Werth des so unfreundlich zurückgewiesenen Beistandes schätzen lernen.<a +class = "tag" name = "tagIX_62" id = "tagIX_62" href = +"#noteIX_62">62</a></p> + +<p>Trotz Jakob’s Verblendung und Undankbarkeit würde Ludwig aber doch +klug gethan haben, wenn er auf dem den Generalstaaten angekündigten +Entschlusse beharrt hätte. Avaux, der in Folge seines Scharfblicks und +seines richtigen Urtheils ein Wilhelm’s würdiger Gegner war, erkannte +das vollkommen. Das Bestreben der französischen Regierung — so +dachte der kluge Gesandte — müsse vor Allem dahin gehen, die +beabsichtigte +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_44" id = "pageIX_44"> +IX.44</a></span> +Landung in England zu verhindern. Um diesen Zweck zu erreichen, müsse +man in die spanischen Niederlande einrücken und die batavischen Grenzen +bedrohen. Der Prinz von Oranien sei allerdings für seinen Lieblingsplan +so sehr eingenommen, daß er denselben ausführen werde, selbst wenn die +weiße Fahne schon auf den Wällen von Brüssel wehte, denn er hatte +wirklich gesagt, wenn die Spanier Ostende, Mons und Namur nur bis zum +nächsten Frühjahr halten könnten, so würde er dann mit einer Streitmacht +von England zurückkehren, welche alles Verlorne bald wieder erobern +werde. Allein dies sei wohl die Meinung des Prinzen, nicht aber die der +Generalstaaten. Diese würden es gewiß nicht so leicht zugeben, daß ihr +Oberbefehlshaber mit der Elite der Armee über die Nordsee fahre, während +ein gewaltiges Heer ihr eignes Gebiet bedrohte.<a class = "tag" name = +"tagIX_63" id = "tagIX_63" href = "#noteIX_63">63</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteIX_60" id = "noteIX_60" href = "#tagIX_60">60.</a> +<span class = "antiqua">„Che l’adulazione e la vanità gli avevano +tornato il capo.“</span> — Adda, 31. Aug. (10. Sept.) +1688.</p> + +<p><a name = "noteIX_61" id = "noteIX_61" href = "#tagIX_61">61.</a> +Citters, 11.(21.) Sept. 1688; Avaux, 17.(27.) Sept., 27. Sept. (7. +Oct.); Barillon, 23. Sept. (3. Oct.); Wagenaar, Buch 60; <span class = +"antiqua">Sunderland’s Apology</span>. Es ist oft behauptet worden, +Jakob habe die Unterstützung eines französischen Armeecorps abgelehnt. +In Wirklichkeit aber wurde ihm eine solche Unterstützung gar nicht +angeboten. Die französischen Truppen würden auch in der That Jakob viel +mehr genützt haben, wenn sie die holländischen Grenzen bedroht hätten, +als wenn sie über den Kanal gekommen wären.</p> + +<p><a name = "noteIX_62" id = "noteIX_62" href = "#tagIX_62">62.</a> +Ludwig an Barillon, 20.(30.) Sept. 1688.</p> + +<p><a name = "noteIX_63" id = "noteIX_63" href = "#tagIX_63">63.</a> +Avaux, 27. Sept. (7. Oct.), 4.(14.) Oct. 1688.</p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die französischen Armeen fallen in Deutschland ein.</span> +<a name = "secIX_32" id = "secIX_32">Ludwig</a> gab die Haltbarkeit +dieser Gründe zu, aber er hatte sich schon zu einem andren Verfahren +entschieden. Vielleicht hatte ihn die Unhöflichkeit und Verkehrtheit der +englischen Regierung gereizt und er ließ sich zu seinem Nachtheile von +seiner aufgebrachten Stimmung leiten. Vielleicht war er auch durch die +Rathschläge seines Kriegsministers Louvois irregeführt, der großen +Einfluß hatte und Avaux nicht mit freundlichem Auge betrachtete. Kurz, +es wurde beschlossen, auf einer von Holland entfernten Seite einen +großen und unerwarteten Schlag zu führen. Ludwig zog plötzlich seine +Truppen aus Flandern und warf sie nach Deutschland. Ein Armeecorps unter +dem nominellen Commando des Dauphins, in Wahrheit aber geleitet vom +Herzoge von Duras und von Vauban, dem Vater der Befestigungskunst, +belagerte Philippsburg. Ein andres unter den Befehlen des Marquis von +Bouffiers nahm Worms, Mainz und Trier. Ein drittes unter dem Marquis von +Humieres, besetzte Bonn. Den ganzen Rhein hinunter, von Karlsruhe bis +Cöln waren die französischen Waffen siegreich. Die Nachricht von der +Einnahme von Philippsburg traf am Allerheiligentage in Versailles ein, +während der Hof gerade in der Kapelle den Gottesdienst hörte. Der König +winkte dem Prediger inne zu halten, kündigte der Versammlung die frohe +Botschaft an und kniete dann nieder, um Gott für diesen großen Sieg zu +danken. Die Anwesenden weinten vor Freude.<a class = "tag" name = +"tagIX_64" id = "tagIX_64" href = "#noteIX_64">64</a> Die Nachricht +wurde von dem sanguinischen und leicht entzündlichen französischen Volke +mit Jubel begrüßt. Dichter besangen die Triumphe ihres freigebigen +Schutzherrn; Redner priesen auf der Kanzel die Weisheit und Großmuth des +ältesten Sohnes der Kirche. Das Tedeum wurde mit ungewohntem Pomp +gesungen und die feierlichen Töne der Orgel vermischten sich mit dem +Schalle der Cymbeln und dem Geschmetter der Trompeten. Es war indessen +wenig Ursache zur Freude vorhanden. Der große Staatsmann, der an der +Spitze der europäischen Coalition stand, lächelte im Stillen über die +nutzlose Kraftvergeudung seines Feindes. Ludwig hatte zwar durch sein +rasches Handeln einige Vortheile in Deutschland errungen, aber diese +Vortheile konnten ihm nur wenig nützen, wenn England, nachdem es unter +vier aufeinanderfolgenden Königen unthätig und ruhmlos gewesen, +plötzlich wieder seinen früheren Rang in Europa einnahm. Wenige Wochen +genügten zur Ausführung des Unternehmens, +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_45" id = "pageIX_45"> +IX.45</a></span> +von dem das Schicksal der ganzen Welt abhing, und für einige Wochen +waren die Vereinigten Provinzen noch in Sicherheit.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteIX_64" id = "noteIX_64" href = "#tagIX_64">64.</a> +Frau von Sévigné, 24. Oct. (3. Nov.) 1688.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Wilhelm erlangt die Genehmigung der Generalstaaten für seine +Expedition.</span> +<a name = "secIX_33" id = "secIX_33">Wilhelm</a> betrieb nun seine +Rüstungen mit unermüdlicher Thätigkeit und nicht mehr so heimlich, als +er es bisher für nöthig gehalten hatte. Täglich gingen +Unterstützungszusagen von auswärtigen Höfen ein. Im Haag war die +Opposition zum Schweigen gebracht. Umsonst bot Avaux noch in diesem +letzten Augenblicke seine ganze Gewandtheit auf, um die Partei, welche +gegen drei Generationen des Hauses Oranien gekämpft hatte, zu +ermuthigen. Die Häupter dieser Partei sahen zwar den Statthalter noch +immer nicht mit günstigem Auge an, denn sie hatten Grund zu der +Besorgniß, daß er, wenn sein Unternehmen gegen England gelang, er auch +unumschränkter Beherrscher von Holland werden möchte. Aber die Fehler +des Hofes von Versailles und die Geschicklichkeit, mit der er dieselben +benutzt hatte, machten es unmöglich, ferner noch gegen ihn zu kämpfen. +Er sah ein, daß es jetzt Zeit war, um die Genehmigung der Generalstaaten +nachzusuchen. Amsterdam war das Hauptquartier der seinem Hause, seinem +Amte und seiner Person feindlich gesinnten Partei, und selbst von +Amsterdam hatte er diesen Augenblick nichts zu befürchten. Mit mehreren +der vornehmsten Beamten dieser Stadt hatte er schon zu wiederholten +Malen in Anwesenheit Dykvelt’s und Bentinck’s geheime Unterredungen +gehabt und hatte sie zu dem Versprechen bewogen, daß sie das große +Unternehmen fördern, oder sich demselben wenigstens nicht widersetzen +wollten. Andere waren über Ludwig’s Handelsverordnungen erbittert, noch +Andere waren besorgt um ihre von den französischen Dragonern +tyrannisirten Verwandten und Freunde; wieder Andere fürchteten die +Verantwortlichkeit, eine Spaltung herbeizuführen, welche dem batavischen +Bunde verderblich werden konnte, und Einige endlich fürchteten das +gemeine Volk, welches, durch die Ermahnungen eifriger Prediger +aufgestachelt, bereit war, an jedem Verräther des Protestantismus eine +summarische Justiz auszuüben. Daher erklärte sich die Majorität dieses +Stadtraths, der so lange Zeit Frankreich ergeben gewesen war, zu Gunsten +der Unternehmung Wilhelm’s. Von diesem Augenblicke an war jede Besorgniß +wegen einer Opposition in irgend einem Theile der Vereinigten Provinzen +gehoben und die Föderation ertheilte ihm in geheimer Sitzung die volle +Genehmigung zu seiner Expedition.<a class = "tag" name = "tagIX_65" id = +"tagIX_65" href = "#noteIX_65">65</a></p> + +<p>Der Prinz hatte sich bereits für einen zum Unterbefehlshaber +trefflich geeigneten General entschieden. Dies war in der That kein +unwichtiger Gegenstand. Ein zufälliger Schuß oder der Dolch eines +Meuchelmörders konnte in einem Augenblicke die Expedition ihres +Anführers berauben, und für diesen Fall mußte im Voraus ein Nachfolger +bestimmt werden, der die Lücke sofort ausfüllte. Einen Engländer konnte +man jedoch dazu nicht wählen, ohne entweder den Whigs oder den Tories zu +nahe zu treten; auch hatte noch kein damals lebender Engländer bewiesen, +daß er das zur Leitung eines Feldzugs nöthige militairische Geschick +besaß. Auf der andren Seite war es nicht leicht, einem Ausländer den +Vorzug zu geben, ohne das Nationalgefühl der stolzen Insulaner zu +verwunden. +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_46" id = "pageIX_46"> +IX.46</a></span> +Einen Mann gab es in Europa, aber auch nur diesen einen, gegen den sich +nichts einwenden ließ; Friedrich, Graf von Schomberg, ein Deutscher aus +einem edlen Hause der Pfalz. Er galt allgemein für den größten damals +lebenden Meister der Kriegskunst. Seine oftmals durch starke +Versuchungen geprüfte, aber nie erschütterte Rechtschaffenheit und +Frömmigkeit hatten ihm allgemeine Achtung und Vertrauen erworben. +Obgleich Protestant, hatte er mehrere Jahre im Dienste Ludwig’s +gestanden und durch eine Reihe glänzender Waffenthaten seinem Gebieter +trotz aller Ränke der Jesuiten den französischen Marschallsstab +abgenöthigt. Als die Verfolgung zu wüthen begann, weigerte sich der +tapfere Veteran standhaft, die königliche Gunst durch Abtrünnigkeit zu +erkaufen, legte ohne Murren alle seine Ehrenstellen und Commando’s +nieder, verließ sein zweites Vaterland für immer und zog sich an den +berliner Hof zurück. Er war bereits über siebzig Jahre alt, aber geistig +und körperlich noch sehr rüstig. Er war in England gewesen und dort +außerordentlich geliebt und geehrt worden. Allerdings hatte er eine +Empfehlung, der sich damals wenige Ausländer rühmen konnten: er sprach +unsre Sprache, und zwar nicht nur verständlich, sondern elegant und +rein. Er wurde mit Bewilligung des Kurfürsten von Brandenburg und zur +aufrichtigen Freude der Oberhäupter aller englischen Parteien zu +Wilhelm’s Stellvertreter ernannt.<a class = "tag" name = "tagIX_66" id = +"tagIX_66" href = "#noteIX_66">66</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteIX_65" id = "noteIX_65" href = "#tagIX_65">65.</a> +<ins class = "correction" title = "ungeändert: anderswo »Witsen«">Witson’s</ins> MS., angeführt von Wagenaar; Lord Lonsdale’s +Memoiren; Avaux, 4.(14.), 5.(15.) Oct. 1688. Die förmliche Erklärung der +Generalstaaten, datirt vom 18.(28.) Oct., findet man im IV. Bande des +<span class = "antiqua">Recueil des Traités, No. 225</span>.</p> + +<p><a name = "noteIX_66" id = "noteIX_66" href = "#tagIX_66">66.</a> +<span class = "antiqua">Abrégé de la Vie de Frédéric Duc de Schomberg, +1690</span>; Sidney an Wilhelm, 30. Juni 1688; <span class = +"antiqua">Burnet I. 677</span>.</p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Britische Abenteurer im Haag.</span> +<a name = "secIX_34" id = "secIX_34">Inzwischen</a> wimmelte es im Haag +von Abenteurern aller der verschiedenen Factionen, welche Jakob’s +Tyrannei zu einer sonderbaren Coalition verbunden hatte: alte +Royalisten, die ihr Blut für den Thron vergossen hatten, alte Agitatoren +von der Parlamentsarmee, Tories, welche in den Tagen der +Ausschließungsbill verfolgt worden waren, und Whigs, die wegen ihrer +Theilnahme am Ryehousecomplot sich auf den Continent geflüchtet +hatten.</p> + +<p>Unter dieser großen Menge zeichnete sich Karl Gerard, Earl von +Macclesfield aus, ein alter Kavalier, der für Karl I. gekämpft und +Karl’s II. Exil getheilt hatte; ferner Archibald Campbell, der +älteste Sohn des unglücklichen Argyle, der aber von seinem Vater nichts +geerbt hatte als einen erlauchten Namen und die unwandelbare Liebe eines +zahlreichen Clan; Karl Paulet, Earl von Wiltshire, unzweifelhafter Erbe +des Marquisats von Winchester, und Peregrine Osborne, Lord Dumblane, +unzweifelhafter Erbe des Earlthums Danby. Mordaunt, der vor Begierde +nach Abenteuern brannte, die für sein feuriges Temperament einen +unwiderstehlichen Reiz hatten, war einer der Ersten unter den +Freiwilligen. Fletcher von Saltoun hatte, während er die Grenzen der +Christenheit gegen die Ungläubigen beschützte, erfahren, daß sein +Vaterland wieder einmal Hoffnung auf Befreiung hatte, und er hatte sich +beeilt, sein Schwert anzubieten. Sir Patrick Hume, der seit seiner +Flucht aus Schottland sehr bescheiden und eingezogen lebte, trat jetzt +wieder aus seinem Dunkel hervor; zum Glück aber konnte seine +Redseligkeit diesmal wenig Schaden anrichten, denn der Prinz von Oranien +war durchaus nicht geneigt, der abhängige General einer debattirenden +Gesellschaft zu sein wie die, welche Argyle’s Unternehmen zum Verderben +gereicht hatte. Der verschmitzte und ruhelose Wildman, der vor kurzem +die Überzeugung gewonnen, daß England ein unsicherer +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_47" id = "pageIX_47"> +IX.47</a></span> +Aufenthalt für ihn war und der sich deshalb nach Deutschland begeben +hatte, erschien ebenfalls an Wilhelm’s Hofe. Eben so auch Carstairs, ein +presbyterianischer Priester aus Schottland, der an Schlauheit und Muth +keinem Politiker seiner Zeit nachstand. Fagel hatte ihm einige Jahre +vorher wichtige Geheimnisse anvertraut und er hatte sie trotz der +fürchterlichsten Qualen, die ihm der spanische Stiefel und die <ins +class = "correction" title = "ungeändert: anderswo »Daumenschraube«">Daumschraube</ins> bereitet, treu bewahrt. Seine +seltene Standhaftigkeit hatte ihm das Vertrauen und die Achtung des +Prinzen in eben so hohem Grade erworben, als irgend ein Andrer, außer +Bentinck, sich derselben erfreute.<a class = "tag" name = "tagIX_67" id += "tagIX_67" href = "#noteIX_67">67</a> Ferguson konnte nicht ruhig +bleiben, wenn eine Revolution im Werke war. Er sicherte sich einen Platz +zur Überfahrt auf der Flotte und entfaltete eine große Thätigkeit unter +seinen Mitemigranten; aber er fand überall Mißtrauen und Verachtung. +Unter der Schaar von unwissenden und heißblütigen Verbannten, welche den +schwachen Monmouth ins Verderben geführt, war er ein großer Mann +gewesen; unter den ernsten Staatsmännern und Generälen aber, welche die +Sorgen des entschlossenen und umsichtigen Wilhelm theilten, war kein +Platz für einen niedrigdenkenden, halb wahnsinnigen und halb +schurkischen Agitator.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteIX_67" id = "noteIX_67" href = "#tagIX_67">67.</a> +<span class = "antiqua">Burnet I. 584</span>; <span class = +"antiqua">Mackay’s Memoirs.</span></p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Wilhelm’s Erklärung.</span> +<a name = "secIX_35" id = "secIX_35">Der</a> Unterschied zwischen der +Expedition von 1685 und der von 1688 zeigte sich schon deutlich genug in +der Verschiedenheit der Manifeste, welche die Führer der beiden +Unternehmungen erließen. Für Monmouth hatte Ferguson ein abgeschmacktes +und gemeines Libell über den Brand von London, die Ermordung Godfrey’s +und Essex’ und die Vergiftung Karl’s geschmiert. Wilhelm’s Erklärung war +von dem Großpensionär Fagel verfaßt, der als ausgezeichneter Publicist +bekannt war. Obgleich gehaltvoll und wohldurchdacht, war sie doch in +ihrer ursprünglichen Form zu weitschweifig; aber sie wurde von Burnet, +der populär zu schreiben verstand, abgekürzt und ins Englische +übersetzt. Sie begann mit einer feierlichen Einleitung, in welcher +gesagt war, daß in jedem Staate die strenge Beobachtung des Gesetzes für +das Wohl der Nationen wie für die Sicherheit der Regierung gleich +nothwendig sei. Der Prinz von Oranien habe daher mit tiefer Betrübniß +gesehen, daß die Grundgesetze eines Reiches, mit dem er durch Bande des +Bluts und durch Verheirathung so eng verbunden sei, durch den Rath +schlimmer Rathgeber gröblich und systematisch verletzt worden seien. Das +Recht von Parlamentsacten zu dispensiren, sei bis zu einem solchen +Punkte ausgedehnt worden, daß die ganze legislative Gewalt auf die Krone +übertragen worden sei. Von den Gerichten habe man dem Geiste der +Verfassung widerstreitende Erkenntnisse erlangt, indem man einen Richter +nach dem andren abgesetzt, bis die Bank nur aus Männern bestanden habe, +welche bereit gewesen seien, den Befehlen der Regierung blindlings zu +gehorchen. Trotz der wiederholten Versicherungen des Königs, daß er die +Staatsreligion aufrechterhalten werde, seien anerkannten Feinden dieser +Religion nicht nur bürgerliche Ämter, sondern auch geistliche Pfründen +verliehen worden. Trotz ausdrücklicher Gesetze sei das Kirchenregiment +einem Collegium übertragen worden, das eine neue Hohe Commission sei und +in diesem Collegium sitze ein erklärter Papist. Gute Unterthanen seien +deshalb, weil sie sich weigerten, ihre Pflicht und ihre Eide zu +verletzen, der Magna +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_48" id = "pageIX_48"> +IX.48</a></span> +Charta der englischen Freiheiten zum Hohn aus ihrem Eigenthum vertrieben +worden. Dagegen seien Leute, welche dem Gesetze nach die Insel gar nicht +betreten dürften, zur Verderbniß der Jugend an die Spitze von Seminarien +gestellt worden. Grafschaftsstatthalter, stellvertretende Statthalter +und Friedensrichter seien massenhaft abgesetzt worden, weil sie sich +geweigert hätten eine verderbliche und verfassungswidrige Politik zu +unterstützen. Die Freiheiten fast jedes Boroughs im Lande seien verletzt +worden. Die Gerichtshöfe seien in einem Zustande, daß ihre Erkenntnisse +selbst in Civilklagen kein Vertrauen mehr einflößten und daß ihre +Servilität in Criminalsachen das Königthum mit unschuldigem Blute +befleckt habe. Alle diese Mißbräuche, deren das englische Volk müde sei, +sollten nun, wie es scheine, durch ein Heer irischer Papisten +vertheidigt werden. Und dies sei noch nicht Alles. Die willkürlichsten +Fürsten hätten es einem Unterthanen nie als ein Verbrechen angerechnet, +wenn er bescheiden und friedlich seine Beschwerden angebracht und um +Abhülfe gebeten habe. Aber das Petitioniren werde jetzt in England als +ein schweres Vergehen betrachtet. Die Väter der Kirche seien wegen +keines andren Verbrechens, als weil sie dem Landesherrn eine in den +ehrerbietigsten Ausdrücken abgefaßte Petition überreicht, ins Gefängniß +geworfen und ihnen der Prozeß gemacht worden, und jeden Richter, der +sich zu ihren Gunsten ausgesprochen, habe man ohne weiteres abgesetzt. +Die Einberufung eines freien und gesetzlichen Parlaments könne +allerdings diesen Übeln wirksam abhelfen, aber die Nation dürfe nicht +hoffen ein solches Parlament zu erhalten, wenn nicht der ganze Geist der +Verwaltung ein andrer werde. Es sei offenbar die Absicht des Hofes durch +neu organisirte Wahlkörper und papistische Wahlbeamte eine Versammlung +zusammenzubringen, welche nur dem Namen nach ein Haus der Gemeinen sein +werde. Endlich erregten gewisse Umstände den dringenden Verdacht, daß +das Kind, welches den Namen eines Prinzen von Wales erhalten habe, nicht +wirklich von der Königin geboren sei. Aus diesen Gründen habe der Prinz, +eingedenk seiner nahen Verwandtschaft mit dem königlichen Hause und +dankbar für die Zuneigung, die das englische Volk seiner geliebten +Gemahlin und ihm selbst stets bewiesen habe, sich entschlossen, der +Aufforderung vieler geistlichen und weltlichen Lords und vieler anderer +Personen aus allen Ständen Folge zu leisten und an der Spitze einer zur +Begegnung gewaltsamen Widerstandes hinreichenden Streitmacht nach +England hinüberzugehen. Jeden Gedanken an Eroberung wies er entschieden +zurück. Er erklärte, daß seine Truppen während ihres Aufenthalts auf der +Insel unter strengster Kriegszucht gehalten und daß sie sobald die +Nation von der Tyrannei befreit sei, wieder zurückgeschickt werden +sollten. Sein einziger Zweck sei die Versammlung eines freien und +gesetzlichen Parlaments, und er verpflichtete sich feierlich, alle +öffentlichen und privaten Fragen der Entscheidung eines solchen +Parlaments zu überlassen.</p> + +<p>Sobald Exemplare von dieser Erklärung im Haag ausgegeben waren, +begannen auch schon Zeichen von Meinungsverschiedenheit sichtbar zu +werden. Der im Unheilstiften unermüdliche Wildman bewog einige seiner +Landsleute, unter Anderen den starrsinnigen und leichtfertigen Mordaunt, +zu der Erklärung, daß sie auf solche Gründe hin die Waffen nicht +ergreifen würden. Das Manifest sei nur darauf berechnet, den Kavalieren +und den Geistlichen zu gefallen. Die Gewaltthätigkeiten gegen die Kirche +und der Prozeß der Bischöfe seien zu sehr in den Vordergrund gestellt +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_49" id = "pageIX_49"> +IX.49</a></span> +und es sei gar nichts von der Tyrannei gesagt, mit der die Tories vor +ihrem Bruche mit dem Hofe die Whigs behandelt hätten. Wildman legte +hierauf einen von ihm selbst verfaßten Gegenentwurf vor, der, wenn er +angenommen worden wäre, der ganzen anglikanischen Geistlichkeit und vier +Fünftheilen des grundbesitzenden Adels mißfallen haben würde. Die +Whighäupter opponirten ihm energisch. Russell insbesondere erklärte, +daß, wenn ein so verkehrter Weg eingeschlagen würde, es mit der +Coalition, von welcher allein die Nation Befreiung erwarten könne, +vorbei sei. Der Streit wurde endlich durch einen Machtspruch Wilhelm’s +geschlichtet, der mit gewohntem richtigen Takt entschied, daß das +Manifest im Wesentlichen so wie Fagel und Burnet es entworfen hatten, +beibehalten werden solle.<a class = "tag" name = "tagIX_68" id = +"tagIX_68" href = "#noteIX_68">68</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteIX_68" id = "noteIX_68" href = "#tagIX_68">68.</a> +<span class = "antiqua">Burnet I., 775, 780</span>.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Jakob fängt an die Gefahr zu ahnen.</span> +<a name = "secIX_36" id = "secIX_36">Während</a> dies in Holland +geschah, hatte Jakob endlich die ihm drohende Gefahr erkannt. Von +verschiedenen Seiten kamen Nachrichten, die man nicht unbeachtet lassen +konnte, bis endlich eine Depesche von Albeville jedem Zweifel ein Ende +machte. Als der König sie gelesen hatte, sollen seine Wangen sich +entfärbt haben und er soll eine Weile sprachlos geblieben sein.<a class += "tag" name = "tagIX_69" id = "tagIX_69" href = "#noteIX_69">69</a> Er +hatte in der That auch Ursache zu erschrecken. Der erste Ostwind sollte +eine feindliche Flotte an die Küsten seines Reiches bringen. Ganz +Europa, mit Ausnahme einer einzigen Macht, erwartete ungeduldig die +Nachricht von seinem Sturze, und den Beistand dieser einzigen Macht +hatte er thörichterweise abgelehnt. Ja, er hatte sogar die +freundschaftliche Intervention, die ihn hätte retten können, mit +Beleidigungen vergolten. Die französischen Armeen, welche zur +Einschüchterung der Generalstaaten hätten verwendet werden können, wenn +er nicht so verblendet gewesen wäre, belagerten Philippsburg und hielten +Mainz besetzt. In wenigen Tagen mußte er vielleicht auf englischem Boden +für seine Krone und für das Geburtsrecht seines Sohnes kämpfen.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteIX_69" id = "noteIX_69" href = "#tagIX_69">69.</a> +<span class = "antiqua">Eachard’s History of the Revolution, II. +2</span>.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Seine Seemacht.</span> +<a name = "secIX_37" id = "secIX_37">Anscheinend</a> standen ihm +allerdings große Mittel zu Gebote. Die Flotte war in einem viel besseren +Zustande als zur Zeit seiner Thronbesteigung, und diese Verbesserung muß +zum Theil seinen eigenen Anstrengungen zugeschrieben werden. Er hatte +keinen Lordgroßadmiral oder Admiralitätsrath ernannt, sondern die +Hauptleitung der Marineangelegenheiten in seiner eignen Hand behalten +und Pepys hatte ihn dabei kräftig unterstützt. Ein Sprichwort sagt, daß +der Blick eines Meisters sicherer ist, als der eines Stellvertreters, +und in einer Zeit der Bestechung und der Unterschleife kann man +annehmen, daß ein Verwaltungszweig, dem der Souverain selbst, sei er +auch von noch so beschränkten Gaben, genaue persönliche Aufmerksamkeit +zuwendet, von Mißbräuchen verhältnißmäßig ziemlich frei bleiben wird. +Ein geschickterer Marineminister als Jakob würde nicht schwer zu finden +gewesen sein; schwerlich aber würde man unter den damaligen +Staatsmännern einen Marineminister gefunden haben, der nicht Vorräthe +nutzlos vergeudet, von Lieferanten Bestechungen angenommen und der Krone +Kosten für Reparaturen aufgebürdet haben würde, welche nie gemacht +worden waren. Der König war in der That fast der Einzige, von dem man +überzeugt sein konnte, daß +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_50" id = "pageIX_50"> +IX.50</a></span> +er den König nicht bestehlen würde. Daher waren denn auch während der +letzten drei Jahre auf den Schiffswerften viel weniger Veruntreuungen +und Diebereien vorgekommen als früher. Es waren wirklich seetüchtige +Schiffe gebaut worden und durch eine zweckmäßige Verordnung waren die +Gehalte der Kapitaine erhöht, zu gleicher Zeit aber auch ihnen streng +verboten worden, ohne besondere königliche Erlaubniß Waaren von einem +Hafen zum andren zu führen. Die Wirkung dieser Reformen machte sich +schon bemerkbar, und es wurde Jakob nicht schwer, in kurzer Zeit eine +ansehnliche Flotte auszurüsten. Dreißig Linienschiffe dritten und +vierten Ranges wurden unter dem Commando Lord Dartmouth’s in der Themse +versammelt. Dartmouth’s Loyalität war über jeden Zweifel erhaben, und er +galt für eben so geschickt und kenntnißreich in seinem Fache als irgend +einer der patrizischen Seeleute, die sich damals ohne ordentliche +seemännische Erziehung und Ausbildung zu den höchsten Schiffscommando’s +emporschwangen und welche zu gleicher Zeit Flaggenoffiziere zur See und +Infanterieobersten im Landheere waren.<a class = "tag" name = "tagIX_70" +id = "tagIX_70" href = "#noteIX_70">70</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteIX_70" id = "noteIX_70" href = "#tagIX_70">70.</a> +<span class = "antiqua">Pepys’s Memoirs relating to the Royal Navy, +1690</span>; <span class = "antiqua">Clarke’s Life of James the Second, +II. 186. Orig. Mem.</span>; Adda, 24. Sept. (4. Oct.); Citters, 21. +Sept. (1. Oct.)</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Seine militairischen Mittel.</span> +<a name = "secIX_38" id = "secIX_38">Die</a> reguläre Armee war die +stärkste, die je ein König von England zu seiner Verfügung gehabt hatte, +und sie wurde rasch noch verstärkt. Alle vorhandenen Regimenter wurden +um neue Compagnien vermehrt und neue Regimenter ausgehoben. Die Stärke +des englischen Heeres wurde dadurch um viertausend Mann erhöht; +dreitausend Mann wurden eiligst aus Irland gesendet und eine gleiche +Anzahl erhielt Befehl, aus Schottland nach dem Süden zu marschiren. +Jakob schätzte die Streitmacht, die er den Einfallenden entgegenstellen +konnte, auf vierzigtausend Mann, ungerechnet die Miliz.<a class = "tag" +name = "tagIX_71" id = "tagIX_71" href = "#noteIX_71">71</a></p> + +<p>Flotte und Landheer waren sonach mehr als ausreichend, um eine +holländische Invasion zurückzuschlagen. Konnte man sich aber auf die +Flotte und auf die Armee verlassen? Mußte man nicht befürchten, daß die +Milizen zu Tausenden zu der Fahne ihres Befreiers übergehen würden? Die +Partei, welche vor einigen Jahren für Monmouth das Schwert gezogen, +konnte es gewiß kaum erwarten, den Prinzen von Oranien willkommen zu +heißen. Und was war aus der Partei geworden, welche siebenundvierzig +Jahre lang das Bollwerk der Monarchie gewesen? Wo waren jetzt die +tapferen Gentlemen, welche stets bereit gewesen waren, ihr Blut für die +Krone zu vergießen? Mißhandelt und verhöhnt, von der Richterbank +vertrieben und aller militairischen Commando’s beraubt, sahen sie die +Gefahr ihres undankbaren Gebieters mit unverhohlener Schadenfreude. Wo +waren die Priester und Prälaten, welche auf zehntausend Kanzeln die +Pflicht des Gehorsams gegen den gesalbten Stellvertreter Gottes +gepredigt hatten? Einige waren eingekerkert. Andere ausgeplündert. Alle +waren unter das eiserne Regiment der Hohen Commission gestellt worden +und hatten beständig gefürchtet, daß eine neue Laune der Tyrannei sie +ihrer Pfründen berauben und ohne ein Stück Brot lassen würde. Daß die +Männer der Staatskirche den Grundsatz, auf den sie immer das größte +Gewicht gelegt hatten, so vollständig vergessen würden, um sich +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_51" id = "pageIX_51"> +IX.51</a></span> +dem thätigen Widerstande anzuschließen, schien auch jetzt noch +unglaublich. Aber konnte ihr Unterdrücker erwarten, daß er bei ihnen +noch den Geist finden werde, der unter der vorhergehenden Generation die +Armeen Essex’ und Waller’s besiegt, und sich nur nach einer +verzweifelten Gegenwehr dem Genie und der Kraft Cromwell’s unterworfen +hatte?</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteIX_71" id = "noteIX_71" href = "#tagIX_71">71.</a> +<span class = "antiqua">Clarke’s Life of James the Second. II. 186. +Orig. Mem.</span>; Adda, 24. Sept. (4. Oct.); Citters, 21. Sept. (1. +Oct.)</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Er versucht es, seine Unterthanen mit sich auszusöhnen.</span> +<a name = "secIX_39" id = "secIX_39">Der</a> Tyrann wurde von der Angst +überwältigt. Er sagte nicht mehr, daß Nachgiebigkeit die Fürsten +jederzeit ins Verderben gestürzt habe, und gab gezwungen zu, daß er sich +herablassen müsse, den Tories noch einmal zu schmeicheln.<a class = +"tag" name = "tagIX_72" id = "tagIX_72" href = "#noteIX_72">72</a> Man +hat Grund zu der Annahme, daß um diese Zeit Halifax eingeladen wurde, +wieder ein Ministerium zu übernehmen und daß er auch nicht abgeneigt +dazu war. Die Rolle eines Vermittlers zwischen den Throne und der Nation +war diejenige, zu der er sich am besten eignete und nach der er am +eifrigsten strebte. Warum die betreffende Unterhandlung mit ihm +abgebrochen wurde, ist nicht bekannt, aber es ist nicht +unwahrscheinlich, daß die Dispensationsfrage das unübersteigliche +Hinderniß war. Sein Widerwille gegen diese Befugniß war vor drei Jahren +die Veranlassung zu seiner Ungnade gewesen, und es war seitdem nichts +geschehen, was geeignet gewesen wäre ihn andren Sinnes zu machen. Jakob +seinerseits hatte sich fest vorgenommen, in diesem Punkte kein +Zugeständniß zu machen.<a class = "tag" name = "tagIX_73" id = +"tagIX_73" href = "#noteIX_73">73</a> In anderen Dingen war er minder +starrsinnig. Er erließ eine Proklamation, in der er feierlich versprach, +die anglikanische Kirche zu schützen und die Uniformitätsacte aufrecht +zu erhalten. Er erklärte sich bereit, um der Eintracht willen große +Opfer zu bringen. Er wolle nicht mehr darauf beharren, daß Katholiken +ins Unterhaus zugelassen würden und er hege das gute Vertrauen zu seinem +Volke, daß es einen solchen Beweis von seinem aufrichtigen Willen, ihren +Wünschen zu entsprechen, gebührend anerkennen werde. Drei Tage später +kündigte er an, daß es seine Absicht sei, alle Magistratsbeamten und +stellvertretenden Lieutenants, welche entlassen worden waren, weil sie +seine Politik nicht hatten unterstützen wollen, wieder anzustellen. Den +Tag nach dem Erscheinen dieser Ankündigung wurde Compton’s Suspension +wieder aufgehoben.<a class = "tag" name = "tagIX_74" id = "tagIX_74" +href = "#noteIX_74">74</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteIX_72" id = "noteIX_72" href = "#tagIX_72">72.</a> +Adda, 28. Sept. (8. Oct.) 1688. In dieser Depesche ist Jakob’s Angst vor +einem allgemeinen Abfalle seiner Unterthanen kräftig geschildert.</p> + +<p><a name = "noteIX_73" id = "noteIX_73" href = "#tagIX_73">73.</a> +Die spärlichen Aufschlüsse, welche wir über diese Unterhandlung haben, +verdanken wir Reresby. Seine Quelle war eine Dame, die er nicht nennt +und der man gewiß nicht unbedingt glauben durfte.</p> + +<p><a name = "noteIX_74" id = "noteIX_74" href = "#tagIX_74">74.</a> +<span class = "antiqua">London Gazette, Sept. 24., 27., Oct. 1. +1688</span>.</p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Er bewilligt den Bischöfen eine Audienz.</span> +<a name = "secIX_40" id = "secIX_40">Zu</a> gleicher Zeit gab der König +allen damals in London anwesenden Bischöfen eine Audienz. Sie hatten um +eine solche nachgesucht, um ihm in seiner kritischen Lage ihren Rath +anzubieten. Der Primas führte das Wort. Er bat ehrerbietig darum, daß +die Verwaltung den Händen gehörig qualificirter Personen übergeben, daß +alle unter dem Vorwande des Dispensationsrechts vorgenommenen Acte +widerrufen, daß die kirchliche Commission abgeschafft, daß die dem +Magdalenen-Collegium zugefügte Unbill wieder gutgemacht und daß die +alten Privilegien der Municipalkörperschaften wiederhergestellt werden +möchten. Er gab sehr deutlich zu verstehen, daß es ein wünschenswerthes +Mittel gebe, durch welches der Thron vollkommen gesichert und +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_52" id = "pageIX_52"> +IX.52</a></span> +das erschütterte Reich wieder beruhigt werden könne. Wenn Seine Majestät +die zwischen der römischen und anglikanischen Kirche obschwebenden +Streitpunkte nochmals in Erwägung ziehen wolle, so würde er durch die +Gründe, welche sie ihm vorzutragen wünschten, unter Gottes Beistande +vielleicht zu der Überzeugung gebracht werden, daß es seine Pflicht sei, +zu dem Glauben seines Vaters und seines Großvaters zurückzukehren. Bis +hierher, fuhr Sancroft fort, habe er die Ansicht seiner Collegen +ausgesprochen. Aber es sei noch ein Punkt, über den er sich nicht mit +ihnen berathen habe, auf den er jedoch den König aufmerksam machen zu +müssen glaube. Allerdings sei er auch das einzige Mitglied seines +Standes, welches diesen Gegenstand berühren dürfe, ohne sich dem +Verdachte eines eigennützigen Beweggrundes auszusetzen. Der +erzbischöfliche Stuhl von York war seit drei Jahren erledigt. Der +Erzbischof bat den König dringend, er möge denselben schleunigst mit +einem frommen und gelehrten Geistlichen besetzen, und fügte hinzu, es +werde sich unter den eben Anwesenden leicht, ein solcher Mann finden. +Der König verstand es sich hinreichend zu beherrschen, um für diesen +bitteren Rath zu danken und zu versprechen, daß er denselben in Erwägung +ziehen wolle.<a class = "tag" name = "tagIX_75" id = "tagIX_75" href = +"#noteIX_75">75</a> Von dem Dispensationsrecht aber wollte er durchaus +nichts nachlassen. Keine gesetzlich unqualificirte Person wurde von +irgend einem bürgerlichen oder militairischen Amte entfernt. Aber einige +von Sancroft’s Vorschlägen wurden befolgt. Binnen zweimal vierundzwanzig +Stunden war der Gerichtshof der Hohen Commission abgeschafft.<a class = +"tag" name = "tagIX_76" id = "tagIX_76" href = "#noteIX_76">76</a> Es +ward beschlossen, der Hauptstadt ihren vor sechs Jahren entzogenen +Freibrief zurückzugeben und der Kanzler selbst mußte das ehrwürdige +Pergament feierlich nach der Guildhall tragen.<a class = "tag" name = +"tagIX_77" id = "tagIX_77" href = "#noteIX_77">77</a> Acht Tage später +erfuhr das Publikum, daß der Bischof von Winchester, der vermöge seiner +amtlichen Stellung Visitator des Magdalenen-Collegiums war, vom Könige +beauftragt sei, alle Mißstände in diesem Collegium abzustellen. Zu +dieser letzten Demüthigung hatte sich der König nicht ohne langen +inneren Kampf und bitteren Schmerz entschlossen. Er verstand sich in der +That erst dazu, nachdem der apostolische Vikar Leyburn, der sich bei +jeder Gelegenheit als einsichtsvoller und rechtschaffener Mann benommen +zu haben scheint, erklärt hatte, daß seiner Ansicht nach den +vertriebenen Collegiaten und ihrem Präsidenten Unrecht gethan worden sei +und daß ihre Wiedereinsetzung aus religiösen wie aus politischen Gründen +erfolgen müsse.<a class = "tag" name = "tagIX_78" id = "tagIX_78" href = +"#noteIX_78">78</a> Nach wenigen Tagen erschien eine Proklamation, +welche die entzogenen Privilegien aller Municipalkörperschaften +wiederherstellte.<a class = "tag" name = "tagIX_79" id = "tagIX_79" href += "#noteIX_79">79</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteIX_75" id = "noteIX_75" href = "#tagIX_75">75.</a> +<span class = "antiqua">Tanner MSS</span>; <span class = +"antiqua">Burnet I. 784</span>. Burnet hat, wie ich glaube, diese +Audienz mit einer andren verwechselt, welche einige Wochen später +stattfand.</p> + +<p><a name = "noteIX_76" id = "noteIX_76" href = "#tagIX_76">76.</a> +<span class = "antiqua">London Gazette, Oct. 8. 1688.</span></p> + +<p><a name = "noteIX_77" id = "noteIX_77" href = "#tagIX_77">77.</a> +<span class = "antiqua">Ibid.</span></p> + +<p><a name = "noteIX_78" id = "noteIX_78" href = "#tagIX_78">78.</a> +<span class = "antiqua">Ibid. Oct. 15, 1688</span>; Adda, 12.(22.) Oct. +Obgleich der Nuntius im Allgemeinen Gewaltmaßregeln abgeneigt war, so +scheint er doch gegen die Wiedereinsetzung Hough’s opponirt zu haben, +wahrscheinlich aus Rücksicht auf die Interessen Giffard’s und der +anderen Katholiken, welche Mitglieder des Magdalenen-Collegiums waren. +Leyburn erklärte selbst: <span class = "antiqua">„Nel sentimento che +fosse stato uno spoglio, e che il possesso in cui si trovano ora li +Cattolici fosse violento ed illegale, onde non era privar questi di un +dritto acquisto, ma rendere agli altri quello era stato levalo con +violenza.“</span></p> + +<p><a name = "noteIX_79" id = "noteIX_79" href = "#tagIX_79">79.</a> +<span class = "antiqua">London Gazette, Oct. 18. 1688</span>.</p> +</div> + + +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_53" id = "pageIX_53"> +IX.53</a></span> +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Seine Zugeständnisse werden übel aufgenommen.</span> +<a name = "secIX_41" id = "secIX_41">Jakob</a> schmeichelte sich mit der +Hoffnung, daß die ausgedehnten Zugeständnisse, die er im Laufe eines +Monats gemacht, ihm die Herzen seines Volks wieder gewinnen würden. Es +unterliegt auch keinem Zweifel, daß diese Zugeständnisse, wenn sie +gemacht worden wären, als noch kein Grund zu der Befürchtung eines +Einfalls von Seiten Hollands vorhanden war, viel zur Versöhnung der +Tories beigetragen haben würden. Aber Fürsten, welche der Angst +zugestehen, was sie der Gerechtigkeit verweigert haben, dürfen keinen +Dank erwarten. Seit drei Jahren war der König gegen alle Vorstellungen +und Bitten taub gewesen. Jeder Minister, der sich erlaubt hatte, seine +Stimme zu Gunsten der bürgerlichen und kirchlichen Verfassung des Reichs +zu erheben, war in Ungnade gefallen. Ein ausgezeichnet loyales Parlament +hatte es gewagt, bescheiden und ehrerbietig gegen eine Verletzung der +Grundgesetze Englands zu protestiren; es hatte dafür einen strengen +Verweis erhalten und war prorogirt und aufgelöst worden. Ein Richter +nach dem andren war des Hermelins beraubt worden, weil er sich geweigert +hatte, Erkenntnisse abzugeben, welche dem gemeinen Rechte und dem +Gesetzbuche zuwiderliefen. Die achtungswerthesten Kavaliere waren von +jeder Theilnahme an der Verwaltung der Grafschaften ausgeschlossen +worden, weil sie sich geweigert hatten, die öffentlichen Freiheiten zu +verrathen. Geistliche waren zu Dutzenden abgesetzt worden, weil sie ihre +Eide nicht brechen wollten. Prälaten, deren unerschütterlicher Treue der +König seine Krone verdankte, hatten ihn auf den Knien gebeten, daß er +ihnen nicht befehlen möchte, die Gesetze Gottes und des Landes zu +verletzen. Ihre bescheidene Bittschrift war als ein aufrührerisches +Libell betrachtet worden. Sie waren hart angelassen, bedroht, ins +Gefängniß geworfen, gerichtlich verfolgt worden und waren mit genauer +Noth dem gänzlichen Verderben entronnen. Jetzt endlich begann die +Nation, da sie sah, daß das Recht durch die Macht mit Füßen getreten und +selbst Bitten als ein Verbrechen betrachtet wurden, auf den Gedanken zu +kommen, das Kriegsglück zu versuchen. Der Tyrann erfuhr, daß ein +bewaffneter Befreier zur Hand sei, der von Whigs und Tories, von +Dissenters und Anglikanern freudig begrüßt werden würde. Da wurde mit +einem Male Alles anders. Die nämliche Regierung, welche treue und +eifrige Dienste mit Beraubung und Verfolgung vergolten, die Regierung, +welche auf gewichtige Gründe und rührende Bitten nur mit Beleidigungen +und Schmähungen geantwortet hatte, wurde in einem Augenblicke merkwürdig +freundlich. Jede Nummer der Gazette brachte die Abstellung einer neuen +Beschwerde. Man sah es also deutlich, daß man sich auf die Billigkeit, +die Humanität und das verpfändete Wort des Königs nicht verlassen konnte +und daß er nur so lange gut regieren würde, als er gewaltsamen +Widerstand fürchtete. Seine Unterthanen waren daher durchaus nicht +geneigt, ihm ein Vertrauen wieder zu schenken, das er sich völlig +verscherzt hatte, oder den Druck zu lindern, der ihm die einzigen guten +Maßregeln seiner ganzen Regierung abgepreßt hatte. Die allgemeine +Ungeduld, mit der man die Ankunft der Holländer erwartete, nahm mit +jedem Tage zu. Das Volk verwünschte den Wind, der um diese Zeit +beharrlich aus dem Westen kam, die Flotte des Prinzen am Auslaufen +hinderte und zugleich immer neue Regimenter von Dublin nach Chester +brachte. Man sagte, es sei papistisches Wetter. In Cheapside standen +fortwährend Massen von Menschen, welche nach der Wetterfahne auf der +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_54" id = "pageIX_54"> +IX.54</a></span> +Spitze des schlanken Thurmes der Bowkirche blickten und den Himmel um +protestantischen Wind baten.<a class = "tag" name = "tagIX_80" id = +"tagIX_80" href = "#noteIX_80">80</a></p> + +<p>Die allgemeine Stimmung wurde noch mehr erbittert durch einen +Vorfall, der zwar rein zufällig war, aber leicht erklärlicherweise der +Perfidie des Königs zugeschrieben wurde. Der Bischof von Winchester +kündigte an, daß er auf königlichen Befehl die vertriebenen Mitglieder +des Magdalenen-Collegiums wieder einzusetzen gedenke. Er bestimmte zu +der Feierlichkeit den 21. October und traf am 20. in Oxford ein. Die +ganze Universität war in erwartungsvoller Spannung. Die vertriebenen +Collegiaten waren aus allen Theilen des Landes herbeigekommen, um ihre +geliebte Heimath wieder in Besitz zu nehmen. Dreihundert berittene +Gentlemen geleiteten den Visitator nach seiner Wohnung. Während seines +Zuges durch die Stadt, gingen alle Glocken und High Street war mit einer +jubelnden Zuschauermenge gefüllt. Er begab sich zur Ruhe. Am andren +Morgen versammelte sich eine freudig bewegte Menge an den Eingängen des +Magdalenen-Collegiums; aber der Bischof erschien nicht. Bald erfuhr man, +daß er durch einen königlichen Boten aus dem Schlafe geweckt und +aufgefordert worden war, unverzüglich nach Whitehall zu kommen. Diese +rücksichtslose Täuschung erregte große Verwunderung und Angst; in +einigen Stunden aber trafen Nachrichten ein, welche Gemüthern, die nicht +ohne Grund das Schlimmste zu glauben geneigt waren, die Sinnesänderung +des Königs genügend zu erklären schienen. Die holländische Flotte war +ausgelaufen, aber durch einen Sturm zurückgetrieben worden. Das Gerücht +vergrößerte den Unfall. Eine Menge Schiffe sollten zu Grunde gegangen +und tausende von Pferden umgekommen sein. Jeder Gedanke an ein +Unternehmen gegen England müsse, wenigstens für dieses Jahr aufgegeben +werden. Hier mache die Nation wieder eine schöne Erfahrung. So lange +Jakob einen nahe bevorstehenden Einfall und Aufstand erwartet, habe er +Befehl zur Wiedereinsetzung Derer gegeben, die er gesetzwidrig beraubt; +sobald er sich aber wieder für sicher gehalten habe, sei dieser Befehl +widerrufen worden. Obgleich diese Beschuldigung damals allgemein +geglaubt und später von Schriftstellern wiederholt wurde, welche hätten +gut unterrichtet sein können, war sie doch völlig ungegründet. Es ist +erwiesen, daß die Nachricht von dem Mißgeschick der holländischen Flotte +auf keinem Wege früher nach Westminster gelangen konnte, als einige +Stunden nachdem der Bischof von Winchester den Befehl erhalten hatte, +der ihn von Oxford zurückrief. Der König hatte jedoch wenig Recht, sich +über den Argwohn seines Volkes zu beschweren. Es war lediglich seine +Schuld, wenn es zuweilen ohne genaue Untersuchung der Beweise etwas +seiner unehrlichen Politik zuschrieb, was in Wirklichkeit nur Folge +eines Zufalls oder eines Versehens war. Daß Leute, welche +gewohnheitsmäßig ihr Wort brechen, auch dann keinen Glauben finden, wenn +sie es einmal wirklich zu halten gedenken, ist ein Theil ihrer gerechten +und natürlichen Strafe.<a class = "tag" name = "tagIX_81" id = +"tagIX_81" href = "#noteIX_81">81</a></p> + +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_55" id = "pageIX_55"> +IX.55</a></span> +<p>Es ist bemerkenswerth, daß Jakob sich bei dieser Gelegenheit eine +unverdiente Beschuldigung lediglich durch das eifrige Bestreben zuzog, +sich von einer andren eben so unverdienten zu reinigen. Der Bischof war +so eilig von Oxford zurückberufen worden, um einer außerordentlichen +Staatsrathssitzung, oder vielmehr einer nach Whitehall berufenen +Versammlung von Notablen beizuwohnen. Außer den wirklichen Mitgliedern +des Geheimen Raths nahmen an dieser feierlichen Sitzung alle geistlichen +und weltlichen Lords Theil, welche zufällig in der Hauptstadt oder doch +in der Nähe derselben waren, außerdem die Richter, die Kronanwälte, der +Lordmayor und die Aldermen von London. Petre hatte den Wink bekommen, er +werde wohl daran thun, wenn er wegbliebe. Es würden auch in der That +wenige Peers Lust gehabt haben, neben ihm zu sitzen. In der Nähe des +obersten Sitzes war ein Staatssessel für die Königin Wittwe bereit +gestellt. Auch die Prinzessin Anna war zur Theilnahme an der Sitzung +eingeladen worden, hatte sich aber mit Unwohlsein entschuldigt.</p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteIX_80" id = "noteIX_80" href = "#tagIX_80">80.</a> +<span class = "antiqua">„Vento Papista“</span>, sagt Adda unterm 24. +Oct. (3. Nov.) 1688. Der Ausdruck „protestantischer Wind“ scheint zuerst +auf den Wind angewendet worden zu sein, welcher Tyrconnel eine Zeitlang +verhinderte, seine Statthalterschaft in Irland anzutreten. Siehe den +ersten Theil des „Lillibullero.“</p> + +<p><a name = "noteIX_81" id = "noteIX_81" href = "#tagIX_81">81.</a> +Alle hierauf bezüglichen Beweise sind in Howell’s Ausgabe der +Staatsprozesse zusammengestellt.</p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Dem Geheimen Rath werden Beweise für die legitime Geburt des Prinzen von +Wales vorgelegt.</span> +<a name = "secIX_42" id = "secIX_42">Jakob</a> sagte dieser zahlreichen +Versammlung, daß er es für nöthig halte, Beweise für die Geburt seines +Sohnes beizubringen. Die Einflüsterungen böser Menschen hätten die +öffentliche Meinung in einer solchen Ausdehnung vergiftet, daß Viele den +Prinzen von Wales für ein untergeschobenes Kind hielten. Die Vorsehung +aber habe es mit weiser Hand gefügt, daß kaum je ein andrer Prinz in +Anwesenheit so vieler Augenzeugen zur Welt gekommen sei. Diese Zeugen +traten nun auf und gaben ihre Aussagen ab. Nachdem sie sämmtlich zu +Protokoll genommen waren, erklärte Jakob mit großer Feierlichkeit, daß +die ihm zur Last gelegte Beschuldigung durchaus falsch sei und daß er +lieber einen tausendfachen Tod sterben als einem seiner Kinder Unrecht +thun würde.</p> + +<p>Alle Anwesenden schienen befriedigt zu sein. Die Zeugenaussagen +wurden sogleich veröffentlicht und einsichtsvolle und unparteiische +Personen erkannten die Glaubwürdigkeit derselben an.<a class = "tag" +name = "tagIX_82" id = "tagIX_82" href = "#noteIX_82">82</a> Aber die +Verständigen bilden immer eine Minorität, und unparteiisch war damals +kaum irgend Jemand. Die ganze Nation war überzeugt, daß jeder +aufrichtige Papist es für seine Pflicht hielt, einen falschen Eid zu +schwören, wenn er dadurch dem Interesse seiner Kirche diente, und Leute, +welche ursprünglich Protestanten, um des Gewinnes willen aber scheinbar +zum Papismus übergetreten waren, verdienten womöglich noch weniger +Glauben als aufrichtige Papisten. Die Aussagen aller Derjenigen, welche +diesen beiden Klassen angehörten, wurden daher von vornherein als null +und nichtig betrachtet, und dadurch wurde das Gewicht des Beweises, von +dem sich Jakob viel versprochen hatte, bedeutend verringert. Was übrig +blieb wurde boshaft bekrittelt. Gegen jeden der protestantischen Zeugen, +welche etwas Wesentliches ausgesagt, hatte man etwas einzuwenden. Der +Eine war notorisch ein habgieriger Schmarotzer; der Andre hatte zwar +seinen Glauben nicht abgeschworen, war aber nahe verwandt mit einem +Apostaten. Die Leute fragten, wie sie von Anfang an gefragt hatten, +warum, wenn Alles mit rechten Dingen zugegangen sei, der König nicht +dafür gesorgt habe, daß die Geburt genügender bewiesen werden könne, da +er doch +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_56" id = "pageIX_56"> +IX.56</a></span> +gewußt habe, daß Viele an der wirklichen Schwangerschaft der Königin +zweifelten? Lag etwa nichts Verdächtiges in der falschen Berechnung der +Zeit, sowie in der Abwesenheit der Prinzessin Anna und des Erzbischofs +von Canterbury? Warum war kein Prälat der Landeskirche anwesend? Warum +war der holländische Gesandte nicht zugezogen worden? Warum vor Allem +hatten die Hyde, diese loyalen Diener der Krone, diese treuen Söhne der +Kirche und natürlichen Wächter der Interessen ihrer Nichten, sich nicht +unter den Schwarm von Papisten mischen dürfen, welcher in und neben dem +Schlafgemache der Königin versammelt war? Warum mit einem Worte befand +sich in der langen Liste der Anwesenden nicht ein einziger Name, der das +Vertrauen und die Achtung des Publikums genoß? Die wahre Antwort auf +diese Fragen war, daß der König einen beschränkten Verstand und einen +despotischen Character besaß und daß er mit Freuden eine Gelegenheit +ergriffen hatte, um seine Geringschätzung der Meinung seiner Unterthanen +an den Tag zu legen. Der große Haufe aber, dem diese Erklärung nicht +genügte, schrieb das, was lediglich die Wirkung von Thorheit und +Verkehrtheit war, einer vorsätzlichen bösen Absicht zu. Und diese +Meinung beschränkte sich nicht allein auf den großen Haufen. Lady Anna +sprach am Morgen nach der Staatsrathssitzung bei ihrer Toilette so +höhnisch von den Zeugenaussagen, daß selbst die Kammerfrauen, welche sie +ankleideten, sich Scherze darüber erlaubten. Einige von den Lords, +welche in der Sitzung zugegen gewesen waren und befriedigt zu sein +schienen, waren in der That keineswegs überzeugt. Lloyd, Bischof von St. +Asaph, dessen Frömmigkeit und Gelehrsamkeit allgemeine Achtung gebot, +glaubte bis ans Ende seines Lebens, daß ein Betrug gespielt worden +sei.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteIX_82" id = "noteIX_82" href = "#tagIX_82">82.</a> +Sie finden sich mit ausführlichen Erläuterungen in Howell’s Ausgabe der +Staatsprozesse.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Sunderland’s Ungnade.</span> +<a name = "secIX_43" id = "secIX_43">Die</a> vor dem Geheimen Rathe +abgegebenen Zeugenaussagen waren erst wenige Stunden in den Händen des +Publikums, als sich das Gerücht verbreitete, daß Sunderland aller seiner +Stellen entsetzt worden sei. Die Nachricht von seiner Ungnade scheint +die Kaffeehauspolitiker überrascht zu haben, kam aber Denen, welche die +Vorgänge im Palaste beobachtet hatten, nicht unerwartet. Verrath hatte +man weder durch rechtlichen noch durch greifbaren Beweis auf ihn bringen +können; Diejenigen aber, die ihn scharf im Auge hielten, hatten ihn +stark in dem Verdachte, daß er auf diesem oder jenem Wege mit den +Feinden der Regierung, bei der er eine so hohe Stellung einnahm, +Verbindungen unterhielt. Mit frecher Stirn wünschte er alles zeitliche +und ewige Verderben auf sich herab, wenn er schuldig sei. Er betheuerte, +sein einziger Fehler bestehe darin, daß er der Krone zu eifrig gedient +habe. Habe er der königlichen Sache nicht Bürgschaften gegeben? Habe er +nicht jede Brücke abgebrochen, über die er im Fall eines Unglücks seinen +Rückzug hätte bewerkstelligen können? Habe er nicht fortwährend das +Dispensationsrecht aufs äußerste vertheidigt, in der Hohen Commission +gesessen, den Verhaftsbefehl gegen die Bischöfe unterzeichnet und sei er +nicht mit eigner Lebensgefahr unter dem Gezisch und den Verwünschungen +der Tausende, welche damals Westminsterhall füllten, als Zeuge gegen sie +aufgetreten? Habe er nicht den glänzendsten Beweis von seiner Treue +gegeben, indem er seinem Glauben entsagt und öffentlich zu einer der +Nation verhaßten Kirche übergetreten sei? Was habe er von einer +Veränderung zu hoffen? Habe er nicht Alles zu fürchten? So plausible +diese Gründe waren und obgleich sie mit der schlauesten Gewandtheit +hervorgehoben +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_57" id = "pageIX_57"> +IX.57</a></span> +wurden, sie vermochten den Eindruck, der von hundert verschiedenen +Seiten gleichzeitig aufgetauchten Einflüsterungen und Gerüchte nicht zu +verwischen. Der König wurde von Tag zu Tag kälter. Sunderland versuchte +es nun, sich an die Königin anzulehnen, erlangte auch eine Audienz bei +Ihrer Majestät und befand sich gerade in ihrem Zimmer, als Middleton +eintrat und ihm auf Befehl des Königs die Siegel abverlangte. An diesem +Abend hatte der gefallene Minister die letzte Privatunterredung mit dem +Fürsten, dem er geschmeichelt und den er hintergangen hatte. Die +Unterredung war höchst merkwürdig. Sunderland spielte den verleumdeten +Tugendhelden mit seltener Vollendung. Er sagte, er bedaure den Verlust +des Staatssekretariats und der Präsidentschaft im Geheimen Rathe nicht, +wenn ihm nur die Achtung seines Herrn und Gebieters bliebe. „Machen Sie +mich nicht zum unglücklichsten Unterthan Ihres Reichs, Sire, indem Sie +mir die Erklärung verweigern, daß Sie mich von Illoyalität +freisprechen.“ Der König wußte nicht was er denken sollte. Ein +bestimmter Schuldbeweis lag nicht vor und die Energie und der Pathos, +womit Sunderland log, hätte einen schärferen Verstand als der war, mit +dem er es zu thun hatte, täuschen können. Bei der französischen +Gesandtschaft fanden seine Versicherungen noch immer Glauben. Dort +erklärte er, daß er noch einige Tage in London bleiben und sich am Hofe +zeigen werde; dann wolle er sich auf seinen Landsitz in Althorpe +zurückziehen und seinen zerrütteten Finanzen durch Sparsamkeit wieder +aufzuhelfen suchen. Sollte eine Revolution ausbrechen, so müsse er nach +Frankreich flüchten; seine schlecht vergoltene Loyalität lasse ihm keine +andre Zufluchtsstätte übrig.<a class = "tag" name = "tagIX_83" id = +"tagIX_83" href = "#noteIX_83">83</a></p> + +<p>Die Sunderland abgenommenen Staatssiegel wurden Preston übergeben. +Dieselbe Nummer der Gazette, welche diesen Ministerwechsel ankündigte, +enthielt auch die officielle Nachricht von dem Unfalle, der die +holländische Flotte betroffen.<a class = "tag" name = "tagIX_84" id = +"tagIX_84" href = "#noteIX_84">84</a> Dieser Unfall war zwar ernster +Art, aber doch bei weitem nicht so schlimm, als der König und seine +wenigen durch ihre Wünsche irregeleiteten Anhänger zu glauben geneigt +waren.</p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteIX_83" id = "noteIX_83" href = "#tagIX_83">83.</a> +Barillon, 8.(18.), 15.(25.), 18.(28.) Oct., 25. Oct. (4. Nov.), 27. Oct. +(6. Nov.), 29. Oct. (8. Nov.) 1688; Adda, 26. Oct. (5. Nov.).</p> + +<p><a name = "noteIX_84" id = "noteIX_84" href = "#tagIX_84">84.</a> +<span class = "antiqua">London Gazette, Oct. 29. 1688</span>.</p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Wilhelm nimmt Abschied von den holländischen Generalstaaten.</span> +<a name = "secIX_44" id = "secIX_44">Am</a> 16. October nach englischer +Zeitrechnung wurde eine feierliche Sitzung der Staaten von Holland +gehalten. Der Prinz erschien, um von ihnen Abschied zu nehmen. Er dankte +ihnen für die freundliche Fürsorge, mit der sie über ihn gewacht, als er +eine verlassene Waise gewesen, für das Vertrauen, das sie ihm während +seiner Verwaltung geschenkt und für den Beistand, den sie ihm in dieser +wichtigen Krisis gewährt hätten. Er bat sie überzeugt zu sein, daß er +das Wohl seines Vaterlandes stets im Auge gehabt und es zu fördern +gesucht habe. Er verlasse sie jetzt vielleicht auf immer. Wenn er im +Kampfe für den reformirten Glauben und für die Unabhängigkeit Europa’s +fallen sollte, so empfehle er sein geliebtes Weib ihrer Fürsorge. Der +Großpensionair antwortete mit gebrochener Stimme und kein Mitglied des +ernsten Senates konnte sich der Thränen enthalten. Aber Wilhelm’s +eiserner Stoicismus verleugnete sich nie; er stand ruhig und ernst unter +seinen weinenden Freunden, als ob er sie nur zu einem kurzen Ausfluge +nach seinen Jagdgründen bei Loo hätte verlassen wollen.<a class = "tag" +name = "tagIX_85" id = "tagIX_85" href = "#noteIX_85">85</a></p> + +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_58" id = "pageIX_58"> +IX.58</a></span> +<p>Die Deputirten der vornehmsten Städte begleiteten ihn bis zu seiner +Yacht. Selbst die Vertreter von Amsterdam, das so lange der Hauptsitz +der Opposition gegen seine Verwaltung gewesen war, schlossen sich dieser +Höflichkeitsbezeigung an. In allen Kirchen des Haags wurden an diesem +Tage öffentliche Gebete für ihn gehalten.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteIX_85" id = "noteIX_85" href = "#tagIX_85">85.</a> +Protokolle der Staaten von Holland und Westfriesland; <span class = +"antiqua">Burnet, I. 782</span>.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Er schifft sich ein und segelt ab.</span> +<a name = "secIX_45" id = "secIX_45">Am</a> Abend kam er in Helvoetsluys +an und begab sich an Bord einer Fregatte, die „Brill“ genannt. +Unmittelbar darauf wurde seine Flagge aufgehißt. Sie zeigte das Wappen +des Hauses Nassau, verbunden mit dem englischen. Die in drei Fuß hohen +Buchstaben eingestickte Devise war glücklich gewählt. Das Haus Oranien +führte seit langer Zeit die elliptische Devise: „Ich werde +aufrechterhalten“ (<span class = "antiqua">Je maintiendrai</span>); der +fehlende Nachsatz wurde jetzt durch die Worte ergänzt: „Die Freiheiten +Englands und die protestantische Religion.“</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Er wird durch einen Sturm zurückgeworfen.</span> +<a name = "secIX_46" id = "secIX_46">Der</a> Prinz befand sich kaum +einige Stunden an Bord, so wurde der Wind günstig. Am neunzehnten stach +die Flotte in See und legte vor einer steifen Brise ungefähr den halben +Weg zwischen den Küsten Hollands und Englands zurück. Plötzlich aber +sprang der Wind um, blies stark aus Westen und schwoll zu einem heftigen +Sturme an. Die zerstreuten Schiffe erreichten mit genauer Noth die +holländische Küste wieder. Die „Brill“ langte am einundzwanzigsten vor +Helvoetsluys an. Die Schiffsgenossen des Prinzen hatten mit Bewunderung +bemerkt, daß weder Gefahr noch Mißgeschick nur einen Augenblick seine +ernste Ruhe gestört hatten. Obgleich er seekrank war, weigerte er sich +doch ans Land zu gehen, denn er sah ein, daß sein Bleiben an Bord Europa +am deutlichsten zeigen werde, daß der ihn betroffene Unfall die +Ausführung seines Vorhabens nur um kurze Zeit verzögern könne. In +einigen Tagen war die Flotte wieder beisammen. Ein einziges Schiff war +gescheitert, aber nicht ein Soldat oder Matrose wurde vermißt. Nur +einige Pferde waren umgekommen, aber diesen Verlust ersetzte der Prinz +auf der Stelle wieder und noch ehe die London Gazette die Nachricht von +seinem Unfalle verbreitet hatte, war er schon wieder segelfertig.<a +class = "tag" name = "tagIX_86" id = "tagIX_86" href = +"#noteIX_86">86</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteIX_86" id = "noteIX_86" href = "#tagIX_86">86.</a> +<span class = "antiqua">London Gazette, Oct. 29. 1688</span>; <span +class = "antiqua">Burnet, I. 782</span>; Bentinck an seine Gattin, +21.(31.) Oct., 22. Oct.(1. Nov.), 24. Oct. (3. Nov.), 27. Oct. (6. Nov.) +1688.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Seine Erklärung kommt in England an.</span> +<a name = "secIX_47" id = "secIX_47">Seine</a> Erklärung gelangte nur +einige Stunden vor seiner Ankunft nach England. Am 1. November begannen +die londoner Politiker heimlich davon zu flüstern, sie ging von Hand zu +Hand und wurde in die Briefkästen des Postamts geworfen. Einer der +Agenten wurde verhaftet und die Packete, die er zu besorgen hatte, nach +Whitehall gebracht. Der König las die Proklamation und sie machte einen +erschütternden Eindruck auf ihn. Sein erster Gedanke war, das Papier vor +jedem menschlichen Blicke zu verbergen. Er ließ daher sämmtliche ihm +überbrachte Exemplare bis auf eines verbrennen, und dieses eine wagte er +kaum aus den Händen zu geben.<a class = "tag" name = "tagIX_87" id = +"tagIX_87" href = "#noteIX_87">87</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteIX_87" id = "noteIX_87" href = "#tagIX_87">87.</a> +Citters, 2.(12.) Nov. 1688; Adda, 2.(12.) Nov.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Jakob befragt die Lords.</span> +<a name = "secIX_48" id = "secIX_48">Der</a> Paragraph des Manifestes, +der ihn am meisten beunruhigte, war der, in welchem gesagt war, daß +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_59" id = "pageIX_59"> +IX.59</a></span> +einige von den geistlichen und weltlichen Peers den Prinzen von Oranien +zu einem Einfall in England aufgefordert hätten. Halifax, Clarendon und +Nottingham, welche gerade in London waren, wurden sogleich in den Palast +beschieden und über diesen Punkt befragt. Halifax weigerte sich anfangs, +eine Antwort zu geben, obgleich er sich seiner Unschuld bewußt war. +„Eure Majestät fragt mich, ob ich einen Hochverrath begangen habe,“ +sagte er. „Wenn ich eines solchen verdächtig bin, so lassen Sie mich vor +den Gerichtshof meiner Peers stellen. Kann Eure Majestät der Antwort +eines Angeklagten, dessen Leben auf dem Spiele steht, Glauben schenken? +Selbst wenn ich Seine Hoheit ersucht hätte herüberzukommen, würde ich +mich ohne Bedenken für nichtschuldig erklären.“ Der König erwiederte +ihm, daß er ihn durchaus nicht als einen Angeklagten betrachte, sondern +ihn nur gefragt habe, wie ein Gentleman einen Andren, der verleumdet +worden sei, frage, ob die Verleumdung irgend eine Begründung habe. „In +diesem Falle,“ sagte Halifax, „nehme ich als Gentleman, der mit einem +Gentleman spricht, keinen Anstand, bei meiner Ehre, die mir eben so +heilig ist als ein Eid, zu versichern, daß ich den Prinzen von Oranien +nicht veranlaßt habe herüberzukommen.“<a class = "tag" name = "tagIX_88" +id = "tagIX_88" href = "#noteIX_88">88</a> Clarendon und Nottingham +sagten das Nämliche. Noch mehr wünschte der König, die Gesinnung der +Prälaten zu ergründen. Wenn diese ihm feindlich gesinnt waren, dann war +sein Thron wirklich in Gefahr. Aber das konnte nicht sein. Daß ein +Bischof der anglikanischen Kirche sich gegen seinen Souverain empören +sollte, war etwas Unerhörtes. Compton wurde ins königliche Kabinet +gerufen und gefragt, ob der Prinz den geringsten Grund zu seiner +Behauptung habe. Der Bischof war in Verlegenheit, denn er gehörte zu den +Sieben, welche die Einladung unterzeichnet hatten, und sein nicht sehr +weites Gewissen wollte ihm wahrscheinlich nicht gestatten, eine positive +Unwahrheit zu sagen. „Sire,“ antwortete er, „ich bin fest überzeugt, daß +es unter meinen Amtsbrüdern keinen giebt, der in dieser Angelegenheit +nicht eben so schuldlos wäre, als ich selbst.“ Die Zweideutigkeit war +gut ersonnen; ob aber der Unterschied zwischen der Sünde einer solchen +Zweideutigkeit und der Sünde einer Lüge irgend eines Aufwandes von +Erfindungsgeist werth war, mag vielleicht bezweifelt werden. Der König +war zufriedengestellt. „Ich spreche Sie Alle vollkommen frei,“ sagte er; +„aber ich halte es für nöthig, daß Sie öffentlich die ehrenrührige +Beschuldigung zurückweisen, die Ihnen in der Erklärung des Prinzen zur +Last gelegt wird.“ Der Bischof bat natürlich darum, das Papier lesen zu +dürfen, dem er widersprechen sollte; der König aber wollte ihn keinen +Blick darauf werfen lassen.</p> + +<p>Am folgenden Tage erschien eine Proklamation, in der einem Jeden, der +es wagen sollte, Wilhelm’s Manifest zu verbreiten, oder es auch nur zu +lesen, die härtesten Strafen angedroht wurden.<a class = "tag" name = +"tagIX_89" id = "tagIX_89" href = "#noteIX_89">89</a> Der Primas und die +wenigen in London anwesenden geistlichen Peers waren vor den König +beschieden worden. Preston war, mit der Erklärung des Prinzen in der +Hand, bei der Audienz zugegen. „Mylords,“ sagte der König, „hören Sie +folgende Stelle. Dieselbe geht Sie an.“ Preston las nun den +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_60" id = "pageIX_60"> +IX.60</a></span> +Paragraph vor, in welchem die geistlichen Peers erwähnt waren. „Ich +glaube kein Wort von dem Allen,“ fuhr der König fort; „ich bin von Ihrer +Unschuld überzeugt; aber ich halte es für nöthig Ihnen mitzutheilen, +wessen Sie beschuldigt sind.“</p> + +<p>Der Primas erklärte dem Könige mit vielen Versicherungen der +Ehrerbietung, daß Seine Majestät ihm nur Gerechtigkeit widerfahren +lasse. „Ich bin als treuer Unterthan Eurer Majestät geboren,“ sagte er, +„und ich habe meine Unterthanentreue zu wiederholten Malen eidlich +bekräftigt. Ich kann nur einen König auf einmal haben. Ich habe den +Prinzen nicht eingeladen herüberzukommen, und ich glaube nicht, daß ein +einziger von meinen Amtsbrüdern es gethan hat.“ — „Ich weiß gewiß, +daß ich es nicht gethan habe,“ sagte Crewe von Durham. „Ich auch,“ +setzte Cartwright von Chester hinzu. Crewe und Cartwright konnte man +wohl glauben, denn sie hatten Beide in der Hohen Commission gesessen. +Als Compton an die Reihe kam, umging er die Frage mit einer Gewandtheit, +um die ihn ein Jesuit hätte beneiden können. „Ich gab schon gestern +Eurer Majestät meine Antwort.“</p> + +<p>Jakob wiederholte ihnen immer und immer wieder, daß er sie alle +vollkommen freispreche. Trotzdem dürfte es aber doch für ihn nützlich +und zu ihrer Ehrenrettung nöthig sein, daß sie sich öffentlich +rechtfertigten. Er verlangte daher von ihnen die schriftliche Erklärung, +daß sie den Plan des Prinzen verabscheuten. Sie schwiegen, ihr +Stillschweigen wurde als Zustimmung betrachtet und sie durften sich +entfernen.<a class = "tag" name = "tagIX_90" id = "tagIX_90" href = +"#noteIX_90">90</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteIX_88" id = "noteIX_88" href = "#tagIX_88">88.</a> +Ronquillo, 12.(22.) Nov. 1688. <span class = "antiqua">„Estas +respuestas,“</span> sagt Ronquillo, <span class = "antiqua">„son +ciertas, aunque mas las encubrian en la corte.“</span></p> + +<p><a name = "noteIX_89" id = "noteIX_89" href = "#tagIX_89">89.</a> +<span class = "antiqua">London Gazette, Nov. 5. 1688.</span> Die +Proklamation ist vom 2. Nov. datirt.</p> + +<p><a name = "noteIX_90" id = "noteIX_90" href = "#tagIX_90">90.</a> +<span class = "antiqua">Tanner MSS.</span></p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Wilhelm geht zum zweiten Male unter Segel.</span> +<a name = "secIX_49" id = "secIX_49">Unterdessen</a> schwamm Wilhelm’s +Flotte auf der Nordsee. Am Abend des Donnerstag, den 2. November, ging +er wieder unter Segel. Der Wind blies frisch aus Osten. Zwölf Stunden +lang steuerte die Flotte in nordwestlicher Richtung. Die von dem +englischen Admiral auf Recognoscirung ausgesandten leichten Fahrzeuge +brachten Nachrichten, welche die vorherrschende Ansicht, daß der Feind +in Yorkshire zu landen versuchen werde, bestätigten. Plötzlich aber +machte die ganze Flotte auf ein vom Schiffe des Prinzen gegebenes Signal +eine Wendung und steuerte nach dem britischen Kanal. Der nämliche Wind, +der die Reise der Angreifer begünstigte, verhinderte Dartmouth, aus der +Themse auszulaufen. Seine Schiffe mußten Raaen und Stengen einziehen, +und zwei von seinen Fregatten, welche die hohe See gewonnen hatten, +wurden von dem heftigen Sturme arg zugerichtet und in den Fluß +zurückgetrieben.</p> + +<p>Inzwischen segelte die holländische Flotte rasch vor dem Winde und +erreichte die Meerenge am Samstag den 3. November ungefähr um zehn Uhr +Morgens. Wilhelm selbst fuhr mit der „Brill“ voraus, und mehr als +sechshundert Fahrzeuge folgten ihm mit vollen Segeln. Die +Transportschiffe befanden sich in der Mitte, und die Kriegsschiffe, über +fünfzig an Zahl, bildeten den äußeren Wehrgürtel. Herbert befehligte die +ganze Flotte unter dem Titel eines Generallieutenant-Admirals. Sein +Schiff segelte unter der Nachhut und viele englische Seeleute, die von +Haß gegen den Papismus erfüllt und durch hohen Sold angelockt waren, +dienten unter ihm. Es hatte dem Prinzen viele Mühe gekostet einige hohe +holländische Offiziere dazu zu bewegen, daß sie sich dem Oberbefehl +eines Ausländers +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_61" id = "pageIX_61"> +IX.61</a></span> +unterwarfen. Diese Anordnung aber war höchst weise. Auf der Flotte des +Königs herrschte große Unzufriedenheit und ein glühender Eifer für den +protestantischen Glauben. Aber innerhalb der Erinnerung alter Seeleute +hatten die holländische und die englische Flotte dreimal mit +heldenmüthiger Tapferkeit und wechselndem Glücke um die Herrschaft auf +der See gekämpft. Unsere Seeleute hatten den Besen noch nicht vergessen, +mit dem Van Tromp den Kanal zu fegen gedroht hatte, und eben so wenig +das Feuer, welches De Ruyter auf den Werften des Medway angezündet. +Hätten sich die beiden rivalisirenden Nationen noch einmal auf dem +Elemente begegnet, auf welchem jede von ihnen die Herrschaft für sich in +Anspruch nahm, so würde die gegenseitige Erbitterung keinen andren +Gedanken haben aufkommen lassen. Eine blutige und hartnäckige Schlacht +würde stattgefunden haben und eine Niederlage wäre für Wilhelm der +Todesstoß gewesen. Selbst ein Sieg würde alle seine tief durchdachten +politischen Pläne zerstört haben. Er hatte daher wohlweislich +beschlossen, die Verfolger, falls er mit ihnen zusammentreffen sollte, +in ihrer Muttersprache zu begrüßen und sie durch einen Admiral, unter +dem sie gedient hatten, und den sie hochachteten, bitten zu lassen, daß +sie nicht gegen alte Kameraden für papistische Tyrannei fechten sollten. +Eine solche Aufforderung konnte möglicherweise einem Zusammenstoße +vorbeugen. Erfolgte aber dennoch ein solcher, so standen wenigstens zwei +englische Befehlshaber einander gegenüber, und der Stolz der +Inselbewohner wurde nicht verwundet, wenn sie erfuhren, daß Dartmouth +vor Herbert hatte die Flagge streichen müssen.<a class = "tag" name = +"tagIX_91" id = "tagIX_91" href = "#noteIX_91">91</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteIX_91" id = "noteIX_91" href = "#tagIX_91">91.</a> +Avaux, 12.(22.) Juli u. 14.(24.) Aug. 1688. Herr de Jonge, der mit den +Nachkommen des holländischen Admirals Evertson verwandt ist, hat die +Gefälligkeit gehabt, mir einige aus Familienpapieren entnommene +interessante Notizen mitzutheilen. In einem vom 6.(16.) Sept. 1688 +datirten Briefe an Bentinck legt Wilhelm ein großes Gewicht auf die +Nothwendigkeit, einen Zusammenstoß zu vermeiden und bittet Bentinck +darum, dies Herbert vorzustellen. <span class = "antiqua">„Ce n’est pas +le tems de faire voir sa bravoure, ni de se battre si l’on le peut +éviter. Je luy l’ai déjà dit, mais il sera nécessaire que vous le +répétiez, et que vous le luy fassiez bien comprendre.“</span></p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Er passirt die Meerenge.</span> +<a name = "secIX_50" id = "secIX_50">Zum</a> Glück war Wilhelm’s +Vorsicht überflüssig. Bald nach Mittag passirte er die Meerenge. Seine +Flotte breitete sich auf eine Meile Entfernung von Dover im Norden und +von Calais im Süden aus. Die Kriegsschiffe auf der äußersten Rechten und +der äußersten Linken begrüßten beide Festungen gleichzeitig. Die Truppen +traten auf dem Verdeck unters Gewehr, und das Geschmetter der Trompeten, +der Klang der Cymbeln und der Trommelwirbel wurden an der englischen und +der französischen Küste zu gleicher Zeit deutlich gehört. Eine unzählige +Menge Neugieriger verdunkelte das weiße Gestade von Kent. Eine nicht +minder zahlreiche Menge bedeckte die Küste der Picardie. Rapin de +Thoyras, der durch Verfolgung aus seinem Vaterlande vertrieben, in der +holländischen Armee Dienste genommen hatte und den Prinzen nach England +begleitete, schilderte viele Jahre später das Schauspiel als das +prächtigste und erhabenste, das je ein menschliches Auge gesehen. Bei +Sonnenuntergang befand sich die Flotte auf der Höhe von Beachy Head. +Jetzt wurden die Lichter angezündet. Das Meer strahlte davon viele +Meilen im Umkreise. Aber die Blicke aller Steuermänner +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_62" id = "pageIX_62"> +IX.62</a></span> +waren die ganze Nacht hindurch auf drei kolossale Laternen gerichtet, +welche am Spiegel der „Brill“ leuchteten.<a class = "tag" name = +"tagIX_92" id = "tagIX_92" href = "#noteIX_92">92</a></p> + +<p>Unterdessen war von Dover ein Courier nach Whitehall abgeschickt +worden mit der Nachricht, daß die holländische Flotte die Meerenge +passirt habe und westwärts steure. Dies machte eine sofortige Abänderung +aller militairischen Anordnungen nöthig. Nach allen Richtungen hin +wurden Eilboten ausgesandt, die Offiziere mitten in der Nacht aus den +Betten geholt. Am Sonntag Morgen um drei Uhr fand in Hyde Park eine +große Musterung bei Fackelschein statt. In der Voraussetzung, daß +Wilhelm in Yorkshire landen werde, hatte der König mehrere Regimenter +nach dem Norden geschickt. Es wurden unverzüglich Expresse abgefertigt, +um sie zurückzurufen. Alle Truppen bis auf diejenigen, welche zur +Aufrechthaltung der Ruhe in der Hauptstadt nöthig waren, wurden nach dem +Westen beordert. Salisbury war zum Sammelplatz bestimmt; da man es aber +für möglich hielt, daß Portsmouth der erste Angriffspunkt werden könnte, +so brachen drei Bataillone Garden und ein starkes Kavalleriecorps nach +dieser Festung auf. In einigen Stunden erfuhr man, daß Portsmouth sicher +sei, und die Truppen erhielten deshalb sofort den Befehl, umzukehren und +nach Salisbury zu eilen.<a class = "tag" name = "tagIX_93" id = +"tagIX_93" href = "#noteIX_93">93</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteIX_92" id = "noteIX_92" href = "#tagIX_92">92.</a> +<span class = "antiqua">Rapin’s History</span>; <span class = +"antiqua">Whittle’s Exact Diary</span>. Ich habe einen aus der damaligen +Zeit herrührenden Plan von der Ordnung gesehen, in welcher die Flotte +segelte.</p> + +<p><a name = "noteIX_93" id = "noteIX_93" href = "#tagIX_93">93.</a> +Adda, 5.(15.) Nov. 1688; Neuigkeitsbrief in der Mackintosh-Sammlung; +Citters, 6.(16.) Nov.</p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Seine Landung bei Torbay.</span> +<a name = "secIX_51" id = "secIX_51">Als</a> der Sonntag, der 4. +November, anbrach, hatte die holländische Flotte die Klippen der Insel +Wight in Sicht. Dieser Tag war zu gleicher Zeit Wilhelm’s Geburtstag und +Hochzeitstag. Während der ersten Stunden des Morgens wurden die Segel +losgemacht und auf den Schiffen Gottesdienst gehalten. Am Nachmittag und +die Nacht durch steuerte die Flotte in der bisher verfolgten Richtung +weiter. Torbay war der Ort, wo Wilhelm zu landen gedachte. Der Morgen +des 5. November war trübe und nebelig, so daß der Steuermann der „Brill“ +die Seezeichen nicht erkennen konnte und die Flotte zu weit westlich +führte. Die Gefahr war groß. Dem Wind entgegen wieder umzukehren war +unmöglich. Der nächste Hafen war Plymouth, aber dort lag eine Garnison +unter dem Commando des Lord Bath. Diese konnte sich der Landung +möglicherweise widersetzen und ein Unfall konnte schlimme Folgen haben. +Überdies konnte man kaum daran zweifeln, daß die königliche Flotte jetzt +die Themse verlassen hatte und mit vollen Segeln dem Kanal zusteuerte. +Russell erkannte die ganze Größe der Gefahr und sagte zu Burnet: „Sie +können immer beten, Doctor. Es ist Alles vorbei.“ In diesem Augenblicke +sprang der Wind um, es erhob sich eine leichte Südbrise, der Nebel +zerstreute sich, die Sonne schien, und bei dem matten Lichte eines +Herbstnachmittags wendete sich die Flotte, umschiffte das hohe Cap Berry +Head und lief wohlbehalten in den Hafen von Torbay ein.<a class = "tag" +name = "tagIX_94" id = "tagIX_94" href = "#noteIX_94">94</a></p> + +<p>Seit der Zeit, als Wilhelm auf diesen Hafen blickte, hat sich die +Gestalt desselben sehr verändert. Das Amphitheater, welches das weite +Becken umgiebt, bietet jetzt überall Zeichen von Wohlstand und +Civilisation +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_63" id = "pageIX_63"> +IX.63</a></span> +dar. Am nordöstlichen Ende ist ein großer Badeort entstanden, dessen +milder italienischer Himmel Gäste aus den entferntesten Theilen der +Insel anzieht, denn hier blüht die Myrthe im Freien und selbst der +Winter ist milder als in Northumberland der April. Die Einwohnerzahl +beläuft sich auf ungefähr zehntausend Seelen. Die neuerbauten Kirchen +und Kapellen, die Bäder und Leseinstitute, die Gasthöfe und öffentlichen +Gärten, das Krankenhaus und das Museum, die sich terrassenförmig an der +Küste hinaufziehenden weißen Straßen, die hinter Buschwerk und +Blumenbeeten hervorschimmernden freundlichen Landhäuser gewähren einen +Anblick, wie ihn England im siebzehnten Jahrhunderte nirgends aufweisen +konnte. Auf der andren Seite der Bucht liegt, durch Berry Head +geschützt, der lebhafte Marktort Brixham, der wohlhabendste Sitz unsres +Fischhandels. Zu Anfang des gegenwärtigen Jahrhunderts wurde hier ein +Molo und ein Hafen angelegt, die sich aber für den zunehmenden Verkehr +bald als ungenügend erwiesen. Die Bevölkerung beträgt etwa sechstausend +Seelen und der Schiffsverkehr beläuft sich auf mehr als zweihundert +Segel. Der Tonnengehalt der ein- und auslaufenden Schiffe übertrifft +sehr oft den des Hafens von Liverpool zu den Zeiten der Stuarts. Als +aber die holländische Flotte in der Torbay vor Anker ging, war sie nur +als ein Hafen bekannt, in den sich zuweilen die Schiffe vor den Stürmen +des atlantischen Oceans flüchteten. Das Gewühl des Handels und des +Vergnügens störte noch nicht die Ruhe ihrer stillen Ufer und nur +spärliche Bauer- und Fischerhütten lagen zerstreut umher auf dem Boden, +der jetzt mit belebten Marktorten und prächtigen Lusthäusern bedeckt +ist.</p> + +<p>Die Landleute an der Küste von Devonshire gedachten noch in Liebe des +Namens Monmouth und verabscheuten den Papismus. Sie kamen daher ans Ufer +herbeigeströmt, um Lebensmittel und Dienstleistungen anzubieten. Die +Ausschiffung begann unverzüglich. Sechzig Böte brachten die Truppen ans +Ufer. Zuerst wurde Mackay mit den britischen Regimentern ans Land +gesetzt. Ihm folgte bald nachher der Prinz. Er landete an der Stelle, wo +sich gegenwärtig der Quai von Brixham befindet. Die Gegend hat jetzt ein +ganz andres Aussehen. Wo wir jetzt einen mit Fahrzeugen angefüllten +Hafen und einen von Käufern und Verkäufern wimmelnden Marktort +erblicken, brachen sich damals die Wogen an einer öden Küste; aber ein +Stück von dem Felsen, auf den der Befreier beim Aussteigen aus seinem +Boote trat, ist sorgsam aufbewahrt und in der Mitte des geräuschvollen +Quais als ein Gegenstand der öffentlichen Verehrung aufgestellt +worden.</p> + +<p>Sobald der Prinz den Fuß auf festen Boden gesetzt hatte, verlangte er +Pferde, und zwei Thiere, wie die kleinen Gutsbesitzer sie damals zu +reiten pflegten, wurden aus dem nächsten Dorfe herbeigeschafft. Wilhelm +und Schomberg bestiegen dieselben und ritten fort, um die Gegend zu +recognosciren.</p> + +<p>Sobald Burnet ans Land gestiegen war, eilte er zu dem Prinzen, und es +fand ein ergötzliches Gespräch zwischen ihnen statt. Burnet ergoß sich +in freudige Beglückwünschungen und fragte dann begierig, was Seine +Hoheit zu thun gedenke. Militairs haben selten Lust, sich über +kriegerische Angelegenheiten mit Geistlichen zu berathen, und Wilhelm +betrachtete die Einmischung von Laien in Kriegsfragen mit noch größerem +Widerwillen als andere Soldaten bei solchen Gelegenheiten. Aber er war +in diesem Augenblicke gerade besonders gutgelaunt, und anstatt daher +durch einen +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_64" id = "pageIX_64"> +IX.64</a></span> +kurzen, dem Gespräch sofort ein Ende machenden Verweis sein Mißfallen zu +äußern, reichte er seinem Kaplan freundlich die Hand und antwortete auf +dessen Frage mit einer andren, indem er sagte: „Nun, Doctor, was halten +Sie jetzt von der Prädestination?“ Der Tadel war so mild, daß Burnet, +der eben nicht sehr feinfühlend war, ihn gar nicht fühlte. Er antwortete +mit großer Wärme, daß er nie vergessen werde, wie sichtbar der Himmel +ihr Unternehmen begünstigt habe.<a class = "tag" name = "tagIX_95" id = +"tagIX_95" href = "#noteIX_95">95</a></p> + +<p>Am ersten Tage hatten die ausgeschifften Truppen manche +Unannehmlichkeiten zu ertragen. Der Boden war vom Regen erweicht, und +die Bagage war noch auf den Schiffen. Hohe Offiziere mußten in +durchnäßten Kleidern auf der feuchten Erde schlafen und der Prinz selbst +hatte kein besseres Obdach als eine gewöhnliche Hütte. Auf dem +Strohdache derselben wurde sein Banner aufgepflanzt und einige Betten, +die man von seinem Schiffe mitgebracht hatte, wurden auf den Boden +gebreitet.<a class = "tag" name = "tagIX_96" id = "tagIX_96" href = +"#noteIX_96">96</a> Die Ausschiffung der Pferde machte einige +Schwierigkeiten, und es hatte ganz den Anschein, als würde dieses +Geschäft mehrere Tage Zeit wegnehmen. Am folgenden Morgen aber +erheiterte sich die Aussicht. Der Wind legte sich und das Wasser der Bai +war eben wie ein Spiegel. Einige Fischer zeigten eine Stelle, wo sich +die Schiffe der Küste bis auf sechzig Fuß nähern konnten. Dies geschah +und in drei Stunden wurden mehrere hundert Pferde wohlbehalten ans Land +geschafft.</p> + +<p>Die Ausschiffung war kaum beendigt, so erhob sich der Wind von neuem +und schwoll bald zu einem heftigen Weststurme an. Der zur Verfolgung den +Kanal herabkommende Feind war durch den nämlichen Witterungswechsel, +welcher dem Prinzen die Landung ermöglichte, aufgehalten worden. Seit +zwei Tagen lag die königliche Flotte auf windstiller See angesichts +Beachy Head. Endlich konnte Dartmouth wieder unter Segel gehen. Er fuhr +bei der Insel Wight vorüber und eines seiner Schiffe bekam die +Mastspitzen der bei Torbay liegenden Holländer in Sicht. Gerade in +diesem Augenblicke erhob sich der ihm widrige Sturm, der ihn zwang, sich +in den Hafen von Portsmouth zu flüchten.<a class = "tag" name = +"tagIX_97" id = "tagIX_97" href = "#noteIX_97">97</a> Jakob, der in +Schifffahrtsangelegenheiten wohl ein Urtheil hatte, erklärte damals, er +sei fest überzeugt, daß sein Admiral Alles gethan habe, was in eines +Menschen Macht stehe und daß er nur der unüberwindlichen Feindschaft des +Windes und der Wogen gewichen sei. Zu einer späteren Zeit begann der +unglückliche Fürst mit schlechtem Grunde Dartmouth des Verraths oder +wenigstens eines Mangels an Energie zu beschuldigen.<a class = "tag" +name = "tagIX_98" id = "tagIX_98" href = "#noteIX_98">98</a></p> + +<p>Das Wetter hatte in der That die protestantische Sache so auffallend +begünstigt, daß manche Leute, deren Frömmigkeit größer war als ihr +Verstand, fest glaubten, die gewöhnlichen Gesetze der Natur seien um +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_65" id = "pageIX_65"> +IX.65</a></span> +der Erhaltung der Freiheit und der Religion Englands willen außer Kraft +gesetzt worden. Gerade vor hundert Jahren, sagten sie, sei die für +unüberwindlich gehaltene Armada durch den Zorn Gottes vernichtet worden. +Die bürgerliche Freiheit und die göttliche Wahrheit seien abermals in +Gefahr gewesen, und wieder hätten die gehorsamen Elemente für die gute +Sache gekämpft. Der Wind habe kräftig aus Osten geblasen, als der Prinz +den Kanal hinabzusegeln wünschte, sei nach Süden umgesprungen, als er +habe in die Torbai einfahren wollen, habe sich für die Dauer der +Ausschiffung gelegt und sei sobald die Ausschiffung vollendet gewesen, +wieder zu einem Sturme angeschwollen, der den Verfolgern gerade ins +Gesicht wehte. Auch unterließ man nicht, auf das sonderbare +Zusammentreffen Gewicht zu legen, daß der Prinz unsere Küsten gerade an +dem Tage erreicht hatte, an welchem die anglikanische Kirche die +wunderbare Errettung des königlichen Hauses und der drei Stände von dem +schwärzesten Complot, das die Papisten jemals ersonnen, durch Gebet und +Dankgottesdienst feierte. Carstairs, dessen Winke bei dem Prinzen stets +beachtet wurden, rieth dazu, daß sogleich nach bewerkstelligter Landung +ein öffentlicher Dankgottesdienst für den sichtbaren Schutz, den der +Himmel dem Unternehmen habe angedeihen lassen, gehalten werden solle. +Der Rath wurde befolgt und hatte außerordentlich gute Wirkung. Die +Truppen, die sich nun als Günstlinge des Himmels betrachten lernten, +wurden von neuem Muthe beseelt und das englische Volk faßte die +günstigste Meinung von einem General und einer Armee, welche den +Pflichten der Religion so große Aufmerksamkeit schenkten.</p> + +<p>Am Dienstag den 6. November begann Wilhelm’s Armee landeinwärts zu +marschiren. Einige Regimenter rückten bis Newton Abbot vor. Ein im +Mittelpunkte dieses Städtchens errichteter Denkstein bezeichnet noch die +Stelle, wo die Erklärung des Prinzen den Bewohnern feierlich vorgelesen +wurde. Die Truppen konnten sich nur langsam vorwärts bewegen, denn der +Regen fiel in Strömen und die Straßen Englands befanden sich damals noch +in einem Zustande, der Leuten, welche die vortrefflichen +Communicationswege Hollands gewohnt waren, entsetzlich vorkam. Wilhelm +nahm auf zwei Tage sein Hauptquartier in Ford, einer Besitzung der alten +und vornehmen Familie von Courtenay, unweit Newton Abbot. Er fand hier +eine prächtige Wohnung und glänzende Bewirthung, aber es ist auffallend, +daß der Hausherr, obgleich ein eifriger Whig, nicht der Erste sein +wollte, der Leben und Eigenthum aufs Spiel setzte, und sich sorgfältig +hütete, irgend etwas zu thun, was, im Fall der König die Oberhand +behielt, als ein Verbrechen angesehen werden konnte.</p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteIX_94" id = "noteIX_94" href = "#tagIX_94">94.</a> +<span class = "antiqua">Burnet, I. 788</span>; Auszüge aus den +Legge’schen Papieren in der Mackintosh-Sammlung.</p> + +<p><a name = "noteIX_95" id = "noteIX_95" href = "#tagIX_95">95.</a> +Ich glaube, wer Burnet’s Bericht von dieser Unterredung mit dem Bericht +Dartmouth’s vergleicht, kann nicht zweifeln, daß ich den Vorgang richtig +dargestellt habe.</p> + +<p><a name = "noteIX_96" id = "noteIX_96" href = "#tagIX_96">96.</a> +Ich habe eine Abbildung der Ausschiffung aus der damaligen Zeit gesehen. +Einige Männer bringen eben die Betten des Prinzen in die Hütte, auf +deren Dache seine Fahne weht.</p> + +<p><a name = "noteIX_97" id = "noteIX_97" href = "#tagIX_97">97.</a> +<span class = "antiqua">Burnet, I. 789</span>; Legge-Papiere.</p> + +<p><a name = "noteIX_98" id = "noteIX_98" href = "#tagIX_98">98.</a> +Unterm 9. Nov. 1688 schrieb Jakob an Dartmouth: „Niemand hätte anders zu +Werke gehen können als Sie es gethan haben. Ich bin überzeugt, daß alle +erfahrenen Seeleute der nämlichen Meinung sein müssen.“ Siehe dagegen +<span class = "antiqua">Clarke’s Life of James, II. 207. Orig. +Mem.</span></p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Sein Einzug in Exeter.</span> +<a name = "secIX_52" id = "secIX_52">In</a> Exeter herrschte inzwischen +große Aufregung. Sobald der Bischof Lamplugh erfuhr, daß die Holländer +in der Torbai angekommen waren, eilte er in Todesangst nach London. Der +Dechant entfloh aus der Dechanei. Die Behörden waren für den König, die +große Masse der Einwohner für den Prinzen. Alles gerieth in die größte +Bestürzung, als am Morgen des 8. November ein Truppencorps unter +Mordaunt’s Commando vor der Stadt erschien. Mit Mordaunt zugleich kam +Burnet, dem Wilhelm aufgetragen hatte, die Geistlichkeit der Kathedrale +vor Beleidigungen und Insulten zu schützen.<a class = "tag" name = +"tagIX_99" id = "tagIX_99" href = "#noteIX_99">99</a> Der Mayor +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_66" id = "pageIX_66"> +IX.66</a></span> +und die Aldermen hatten die Thore schließen lassen, öffneten sie aber +auf die erste Aufforderung. Die Dechanei wurde zum Empfang des Prinzen +eingerichtet. Am folgenden Tage, Freitag den neunten, kam er an. Die +Behörden waren dringend aufgefordert worden, ihn am Thore der Stadt mit +Gepränge zu empfangen, hatten dies aber beharrlich verweigert. Der Pomp +dieses Tages konnte sie auch entbehren. Ein solches Schauspiel hatte +Devonshire noch nie gesehen. Viele kamen eine halbe Tagereise weit +herbei, um den Vorkämpfer ihres Glaubens zu begrüßen. Alle umliegenden +Dörfer sandten ihre Einwohnerschaft. Eine große Volksmenge, +hauptsächlich aus jungen Landleuten bestehend, die ihre Knotenstöcke +schwangen, hatte sich auf dem Gipfel des Haldonhügels versammelt, wo die +von Chudleigh kommende Armee zum ersten Male das reiche Thal der Exe und +die beiden massiven Thürme erblickte, welche aus der über der Hauptstadt +des Westens lagernden Rauchwolke emporragten. Der ganze Weg den Abhang +hinunter über die Ebene bis aus Ufer des Flusses war in seiner ganzen +Länge mit Zuschauern bedeckt. Vom Westthore bis zum Domplatze war das +Gedränge und der Jubel allenthalben so groß, daß anwesende Londoner sich +dabei an den Umzug des Lordmayors erinnerten. Die Häuser waren festlich +geschmückt und alle Thüren, Fenster, Balcons und Dächer mit Zuschauern +besetzt. Ein an kriegerischen Pomp gewöhntes Auge würde jedoch an dem +Schauspiele mancherlei zu tadeln gefunden haben, denn mehrere +beschwerliche Tagemärsche bei Regenwetter und auf Straßen, wo ein +Fußgänger bei jedem Schritte bis über die Knöchel in den Schmutz +einsank, hatten das Aussehen der Mannschaften und ihrer Monturstücke +eben nicht verbessert. Die Bevölkerung von Devonshire aber, welche an +den Glanz wohlgeordneter Feldlager durchaus nicht gewöhnt war, wurde von +Freude und Ehrfurcht überwältigt. Beschreibungen des kriegerischen +Schauspiels wurden im ganzen Lande verbreitet, und sie enthielten +Vieles, was wohl geeignet war, den Geschmack des gemeinen Volks an +Wunderdingen zu befriedigen. Denn die holländische Armee, aus Männern +zusammengesetzt, die unter verschiedenen Himmelsstrichen geboren waren +und unter verschiedenen Fahnen gedient hatten, gewährte Inselbewohnern, +welche größtentheils sehr undeutliche Begriffe von fremden Ländern +hatten, einen zugleich grotesken, prächtigen und furchtbaren Anblick. +Voran ritt Macclesfield an der Spitze von zweihundert Gentlemen meist +britischer Abkunft, mit blitzenden Helmen und Brustharnischen, auf +flämischen Schlachtrossen reitend. Jeder von ihnen hatte einen aus den +Zuckerplantagen der Küste von Guiana mitgebrachten Neger bei sich. Die +Bürger von Exeter, welche noch nie so viele Exemplare der afrikanischen +Menschenrace beisammengesehen hatten, betrachteten mit Staunen die +schwarzen Gesichter, welche durch gestickte Turbane und weiße Federn +noch mehr hervorgehoben wurden. Dann kam eine Schwadron schwedischer +Reiter mit gezogenen breiten Schwertern in schwarzer Rüstung und +Pelzmänteln. Sie erweckten ganz besonderes Interesse, denn man sagte, +daß sie aus einem Lande stammten, wo das Meer zugefroren und es die +Hälfte des ganzen Jahres hindurch Nacht sei, und daß sie die riesigen +Bären, deren Felle sie trugen, selbst erlegt hätten. Hierauf folgte, +umgeben von einer eleganten Truppe Gentlemen und Pagen das hoch +getragene Banner des Prinzen. Auf den breiten Falten desselben las die +Menge, welche Fenster und Dächer besetzt hielt, mit Wonne die +denkwürdige Inschrift: „Die protestantische Religion und die Freiheiten +Englands.“ Der Jubel +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_67" id = "pageIX_67"> +IX.67</a></span> +steigerte sich noch, als der Prinz selbst, mit Brust- und Rückenharnisch +und einer weißen Feder geschmückt auf seinem weißen Streitrosse +erschien. Mit welchem kriegerischen Anstande er sein Pferd lenkte, wie +sinnend und gebieterisch der Ausdruck seiner breiten Stirn und seines +Falkenauges war, kann man noch heute an Kneller’s Portrait von ihm +sehen. Einmal milderten sich seine ernsten Gesichtszüge zu einem +Lächeln, als eine alte Frau, vielleicht eine von den eifrigen +Puritanerinnen, welche durch achtundzwanzig Jahre der Verfolgung im +festen Glauben auf den Trost Israels ausgeharrt hatte, vielleicht die +Mutter eines Rebellen, der in der blutigen Schlacht von Sedgemoor oder +bei dem noch fürchterlicheren Gemetzel der blutigen Assisen umgekommen +war, sich hervordrängte, sich mitten unter die gezogenen Schwerter und +bäumenden Rosse stürzte, die Hand des Befreiers berührte und ausrief, +daß sie jetzt glücklich sei. Nicht weit von dem Prinzen ritt ein Mann, +der mit ihm die aufmerksamen Blicke der Menge theilte. Das, sagte man, +sei der große Graf Schomberg, der erste Soldat in Europa, seitdem +Turenne und Condé nicht mehr wären, der Mann, dessen Genie und +Tapferkeit die portugiesische Monarchie auf dem Schlachtfelde von Montes +Claros gerettet, der Mann, der sich noch höheren Ruhm dadurch erworben, +daß er um seines Glaubens willen den Stab eines Marschalls von +Frankreich niedergelegt. Man hatte nicht vergessen, daß die beiden +Helden, welche, durch ihren gemeinsamen Protestantismus unauflöslich +aneinander gekettet, jetzt zusammen in Exeter einzogen, vor zwölf Jahren +einander unter den Mauern von Mastricht gegenüberstanden und daß damals +der Feuereifer des jungen Prinzen dem kalten Wissen des Veteranen, der +jetzt als Freund an seiner Seite ritt, nicht gewachsen war. Dann kam +eine lange Colonne des bärtigen Fußvolks der Schweizer, die sich seit +zwei Jahrhunderten in allen festländischen Kriegen durch vorzügliche +Tapferkeit und Disciplin ausgezeichnet, aber bis diesen Augenblick noch +nie auf englischem Boden gesehen worden waren. Hinter ihnen folgte eine +Reihe von Truppencorps, welche nach ihren Anführern Bentinck, Solms und +Ginkell, Talmash und Mackay genannt wurden. Mit besonderem Vergnügen +mochten die Engländer ein tapferes Regiment betrachten, das noch den +Namen des verehrten und bedauerten Ossory führte. Der Eindruck des +ganzen Schauspiels wurde noch erhöht durch die Erinnerung an die +denkwürdigen Ereignisse, an denen viele von den Kriegern, welche jetzt +durch das Westthor einmarschirten, Theil genommen. Denn sie hatten ganz +andren Dienst gesehen, als den der Miliz von Devonshire oder des Lagers +von Hounslow. Einige von ihnen hatten den ungestümen Angriff der +Franzosen auf dem Schlachtfelde von Seneff zurückgeschlagen, und Andere +hatten an jenem hochwichtigen Tage, an welchem die Belagerung von Wien +aufgehoben wurde, für das Christenthum mit den Ungläubigen die Schwerter +gekreuzt. Selbst die Sinne der Menge wurden durch die Einbildungskraft +getäuscht. Neuigkeitsbriefe verbreiteten nach allen Gegenden des Reichs +fabelhafte Berichte von der Gestalt und Körperkraft der Eingedrungenen. +Es wurde versichert, daß sie mit wenigen Ausnahmen sechs Fuß lang seien +und daß sie so große Lanzen, Schwerter und Musketen trügen, wie man sie +noch nie in England gesehen hätte. Das Erstaunen der Menge verminderte +sich nicht, als die Artillerie ankam, bestehend aus einundzwanzig +kolossalen ehernen Geschützen, deren jedes von sechzehn Lastpferden mit +Mühe fortgeschleppt wurde. Große Bewunderung +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_68" id = "pageIX_68"> +IX.68</a></span> +erregte ein sonderbares, auf Rädern ruhendes Gebäude. Es war eine +ambulante Feldschmiede mit allen zur Ausbesserung von Waffen und +Fuhrwerken nöthigen Werkzeugen und Materialien versehen. Nichts aber +wurde mit so großem Erstaunen betrachtet, als die Brücke von Böten, +welche zum Übersetzen der Wagen mit großer Leichtigkeit über die Exe +geschlagen und dann eben so schnell wieder auseinandergenommen wurde, um +weiter transportirt zu werden. Wenn man dem Gerücht glauben durfte, war +sie nach einem Muster angefertigt, welches die an der Donau gegen die +Türken kämpfenden Christen erfunden hatten. Die Fremden erweckten eben +so große Zuneigung als Bewunderung. Ihr umsichtiger Führer sorgte dafür, +die Einquartierungen so zu vertheilen, daß die Bewohner von Exeter und +der umliegenden Ortschaften so wenig als möglich belästigt wurden. Es +wurde die strengste Kriegszucht gehandhabt, und nicht allein Plünderung +und Gewaltthätigkeiten wirksam verhindert, sondern auch den Truppen +eingeschärft, daß sie sich gegen Jedermann, weß Standes er auch sei, +artig zu benehmen hätten. Diejenigen, die sich ihre Vorstellungen von +einer Armee nach dem Verfahren Kirke’s und seiner Lämmer gebildet +hatten, waren ganz erstaunt, Soldaten zu sehen, welche niemals eine +Hausfrau barsch anfuhren und kein Ei nahmen ohne es zu bezahlen. In +Anerkennung dieses gesitteten Benehmens lieferte das Volk den Truppen +Lebensmittel im Überfluß und zu mäßigem Preise.<a class = "tag" name = +"tagIX_100" id = "tagIX_100" href = "#noteIX_100">100</a></p> + +<p>Sehr viel hing von dem Verfahren ab, welches in dieser wichtigen +Krisis die Geistlichkeit der anglikanischen Kirche beobachtete, und die +Mitglieder des Kapitels von Exeter waren die Ersten, welche aufgefordert +wurden, ihre Gesinnungen offen zu erklären. Burnet kündigte den +Canonici, welche durch die Flucht des Dechanten ihres Vorgesetzten +beraubt waren, an, daß sie hinfüro das Gebet für den Prinzen von Wales +nicht mehr sprechen dürften und daß zu Ehren der glücklichen Ankunft des +Prinzen von Oranien ein feierlicher Gottesdienst gehalten werden müßte. +Die Canonici fanden es nicht für gut, in ihren Chorstühlen zu +erscheinen; aber einige von den Chorsängern und Pfründnern waren +anwesend. Wilhelm begab sich mit militairischem Gepränge in die +Kathedrale. Als +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_69" id = "pageIX_69"> +IX.69</a></span> +er die prächtige Vorhalle betrat, ließ die berühmte Orgel, welche kaum +von einer einzigen von denjenigen übertroffen wird, die der Stolz seines +Geburtslandes sind, Triumphklänge ertönen. Er bestieg den Bischofssitz, +einen prachtvollen Thron mit reichem Schnitzwerk aus dem fünfzehnten +Jahrhundert. Burnet stand am Fuße desselben und zu beiden Seiten +versammelte sich ein zahlreiches Gefolge von Kriegern und Kavalieren. +Die weißgekleideten Sänger stimmten das Tedeum an. Als der Gesang, zu +Ende war, las Burnet die Erklärung des Prinzen vor; kaum aber hatte er +die ersten Worte derselben gesprochen, so drängten sich Geistliche und +Sänger eiligst aus dem Chore. Am Schlusse rief Burnet mit lauter Stimme: +„Gott erhalte den Prinzen von Oranien!“ und viele Stimmen antworteten +feierlich: „Amen!“<a class = "tag" name = "tagIX_101" id = "tagIX_101" +href = "#noteIX_101">101</a></p> + +<p>Am Sonntag, den 11. November, predigte Burnet vor dem Prinzen in der +Kathedrale und sprach über die sichtbare Gnade, welche Gott der +englischen Kirche und Nation gewährt. Um dieselbe Zeit ereignete sich in +einem bescheideneren Gotteshause ein sonderbarer Vorfall. Ferguson hatte +sich vorgenommen, in dem presbyterianischen Versammlungshause zu +predigen. Der Geistliche und die Ältesten wollten dies nicht zugeben; +aber der heftige und halbwahnsinnige Schurke, der wahrscheinlich die +Zeiten Fleetwood’s und Harrison’s zurückgekehrt glaubte, erbrach die +Thür, schritt mit dem Schwert in der Hand durch die Versammlung, bestieg +die Kanzel und hielt eine heftige Schmährede gegen den König. Die Zeit +für solche Albernheiten war vorüber und der Skandal erregte nur Spott +und Widerwillen.<a class = "tag" name = "tagIX_102" id = "tagIX_102" +href = "#noteIX_102">102</a></p> + +<div class = "footnote"> + +<p><a name = "noteIX_99" id = "noteIX_99" href = "#tagIX_99">99.</a> +<span class = "antiqua">Burnet, I. 790.</span></p> + +<p><a name = "noteIX_100" id = "noteIX_100" href = "#tagIX_100">100.</a> +Siehe in Whittle’s Tagebuch die Expedition Seiner Hoheit und den um +diese Zeit erschienenen Brief von Exon. Ich habe selbst zwei +geschriebene Neuigkeitsbriefe gesehen, in denen der Einzug des Prinzen +in Exeter geschildert war. Einige Monate darauf schrieb ein schlechter +Dichter ein Theaterstück betitelt: „Die letzte Revolution.“ Eine Scene +spielt in Exeter. „Bataillone von der Armee des Prinzen auf ihrem +Marsche in die Stadt treten mit wehenden Fahnen, unter Trommelwirbel und +Zujauchzen der Bürger auf.“ Ein Edelmann, Namens Misopapas spricht:</p> + +<div class = "verse"> +<p class = "indent3">„Mylord, könnt Ihr Euch denken,</p> +<p>Wie furchtbar Schuld und Angst dem Hof geschildert</p> +<p>Eure Truppen? Man übertreibt die Zahl</p> +<p>Wie die Gestalt. Sechs Fuß soll jeder sein, gehüllt</p> +<p>In Bärenhaut, der Schweizer, Schwed’ und Brandenburger.“</p> +</div> + +<p>In einem Liede, das kurz nach dem Einzuge in Exeter erschien, sind +die Irländer im Vergleich mit den Riesen, welche Wilhelm commandirte, +als wahre Zwerge geschildert:</p> + +<div class = "verse"> +<p>„O, Berwick, wehe Deinen Mannen,</p> +<p>Im Kampf mit dem Viaggio!</p> +<p>Gleich Zwergen wird man sie verhöhnen</p> +<p>Vor Brandenburgs und Schwedens Söhnen.</p> +<p class = "indent2">Coraggio. Coraggio!“</p> +</div> + +<p>Addison erwähnt in seinem <span class = "antiqua">Freeholder</span> +den außerordentlichen Eindruck, den diese romantischen Schilderungen +machten.</p> + +<p><a name = "noteIX_101" id = "noteIX_101" href = "#tagIX_101">101.</a> +<span class = "antiqua">Expedition of the Prince of Orange</span>; <span +class = "antiqua">Oldmixon, 755</span>; <span class = +"antiqua">Whittle’s Diary; Eachard, III. 911</span>; <span class = +"antiqua">London Gazette, Nov. 15. 1688.</span></p> + +<p><a name = "noteIX_102" id = "noteIX_102" href = "#tagIX_102">102.</a> +<span class = "antiqua">London Gazette, Nov. 15. 1688</span>; <span +class = "antiqua">Expedition of the Prince of Orange.</span></p> + +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Unterredung des Königs mit den Bischöfen.</span> +<a name = "secIX_53" id = "secIX_53">Während</a> dieser Vorgänge in +Devonshire herrschte in London große Gährung. Die Erklärung des Prinzen +war trotz aller Vorsichtsmaßregeln jetzt in Jedermanns Händen. Am 6. +November beschied Jakob, der noch immer nicht wußte, auf welchem Theile +der Küste die Eroberer gelandet waren, den Primas nebst drei anderen +Bischöfen, Compton von London, White von Peterborough und Sprat von +Rochester, zu einer Conferenz in sein Privatkabinet. Der König hörte die +warmen Loyalitätsversicherungen der Prälaten gnädig an und gab ihnen +sein Wort darauf, daß er sie nicht in Verdacht habe. „Aber wo ist die +Rechtfertigung, die Sie mir bringen sollten?“ fragte er dann. „Sire,“ +antwortete Sancroft, „wir haben keine solche mitgebracht, denn wir +drängen uns nicht danach, uns vor der Welt rein zu waschen. Es ist uns +nichts Neues, daß wir verleumdet und fälschlich angeklagt werden. Unser +Gewissen und Eure Majestät sprechen uns frei: dies genügt uns.“ — +„Ja,“ entgegnete der König, „aber eine Erklärung von Ihnen ist um +meinetwillen nothwendig.“ Hierauf zeigte er den Prälaten ein Exemplar +von dem Manifeste des Prinzen und sagte: „Lesen Sie, wie hier von Ihnen +gesprochen ist“ — „Sire,“ versetzte einer von den Bischöfen, +„nicht Einer unter Fünfhundert hält dieses Manifest für ächt.“ — +„Nein!“ rief der König mit Heftigkeit; „dann würden diese Fünfhundert +den Prinzen herbeirufen, um mich zu ermorden!“ — „Das wolle Gott +verhüten!“ erwiederten die Prälaten einstimmig. Aber der niemals helle +Verstand des Königs war jetzt völlig verwirrt. Es war +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_70" id = "pageIX_70"> +IX.70</a></span> +eine seiner Eigenheiten, daß, wenn man seiner Ansicht nicht +beipflichtete, er glaubte, man ziehe seine Wahrhaftigkeit in Zweifel. +„Dieses Papier wäre nicht ächt?“ rief er aus, indem er die Blätter +umwendete. „Verdiene ich keinen Glauben? Hat mein Wort gar keinen +Werth?“ — „Jedenfalls, Sire,“ sagte einer der Bischöfe, „ist dies +keine geistliche Angelegenheit, sondern sie gehört in das Bereich der +Civilgewalt. Gott hat Eurer Majestät das Schwert in die Hand gegeben, +und es kommt uns nicht zu, in Ihre Functionen einzugreifen.“ Dann sagte +der Erzbischof mit der sanften und gemäßigten Ironie, welche die +schmerzlichsten Wunden schlägt, der König müsse ihn entschuldigen, wenn +er zu keinem politischen Schriftstück seine Hand leihe. „Ich und meine +Amtsbrüder, Sire,“ setzte er hinzu, „haben für unsre Einmischung in +Staatsangelegenheiten schon hart genug büßen müssen, und wir werden uns +vor einem derartigen Wiederholungsfalle sorgfältig hüten. Wir +unterschrieben einst eine durchaus harmlose Petition, wir überreichten +dieselbe auf die ehrerbietigste Weise, und wir mußten erfahren, daß wir +ein schweres Verbrechen begangen hatten. Nur durch Gottes gnädigen +Schutz wurden wir vom Untergange gerettet. Und, Sire, der Grund, den +Eurer Majestät Fiskal und Prokurator damals anführten, war der, daß wir +außerhalb des Parlaments Privatleute seien und daß Privatleute eine +strafbare Anmaßung begingen, wenn sie sich in die Politik mischten. Sie +griffen uns mit einer solchen Heftigkeit an, daß ich meinestheils mich +für verloren hielt.“ — „Ich danke Ihnen für diese Lection, Mylord +von Canterbury,“ sagte der König; „ich hätte gedacht, daß Sie sich nicht +für verloren halten würden, wenn Sie in meine Hände fielen.“ Eine solche +Sprache würde einem milden Herrscher ganz wohl angestanden haben, aber +sie klang sehr sonderbar aus dem Munde eines Fürsten, der eine Frau +lebendig verbrannt hatte, weil sie einen seiner fliehenden Feinde bei +sich aufgenommen, und dessen eigner Neffe in nutzloser Verzweiflung +seine Knie flehend umschlungen hatte. Der Erzbischof ließ sich dadurch +nicht zum Schweigen bringen. Er fuhr in seiner Rede fort und zählte die +Beleidigungen auf, welche die Creaturen des Hofes der Kirche Englands +zugefügt, wobei die Verhöhnung seiner eigenen Schreibart besonders +hervorgehoben wurde. Der König wußte nichts weiter zu erwiedern, als daß +es unnütz sei vergangene Beschwerden wieder aufzuwärmen und daß er +geglaubt habe, diese Dinge seien völlig vergessen. Während er selbst nie +die geringste Beleidigung vergaß, war es ihm unbegreiflich, wie Andere +nur einige Wochen lang die empfindlichste Beleidigung, die er jemals +zugefügt, im Gedächtniß behalten konnten.</p> + +<p>Endlich kam das Gespräch wieder auf den Punkt, von dem es ausgegangen +war. Der König bestand darauf, daß die Bischöfe öffentlich ihren Abscheu +gegen das Unternehmen des Prinzen erklären sollten. Unter zahlreichen +Versicherungen der unterwürfigsten Loyalität weigerten sie sich dessen +beharrlich. Der Prinz, sagten sie, behaupte sowohl von weltlichen als +von geistlichen Peers eingeladen worden zu sein. Die Beschuldigung sei +gemeinsam, warum solle also nicht auch die Rechtfertigung gemeinsam +sein? „Ich errathe Alles,“ sagte der König; „einige weltliche Peers sind +bei Ihnen gewesen und haben Sie überredet, mir in dieser Angelegenheit +einen Strich durch die Rechnung zu machen.“ Die Bischöfe versicherten +feierlich, daß dem nicht so sei. Aber es würde sonderbar aussehen, +bemerkten sie, wenn in einer Frage, bei welcher hochwichtige politische +und +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_71" id = "pageIX_71"> +IX.71</a></span> +militairische Rücksichten im Spiele seien, die weltlichen Peers völlig +übergangen würden und die Prälaten allein eine hervorragende Rolle +spielen sollten. „Ich will es nun einmal so,“ entgegnete Jakob. „Ich bin +Ihr König und ich muß wissen, was das Zweckmäßigste ist. Ich will meinen +eigenen Weg gehen, und ich verlange von Ihnen, daß Sie mich +unterstützen.“ Die Bischöfe versicherten ihn, daß sie vollkommen bereit +seien, ihn im Bereiche ihres Wirkungskreises zu unterstützen, als +christliche Geistliche mit ihren Gebeten und als Peers des Königreichs +mit ihrem parlamentarischen Rathe. Jakob, der weder die Gebete von +Ketzern, noch den Rath von Parlamenten brauchte, sah sich bitter +getäuscht. Nach einem langen Wortwechsel sagte er endlich: „Genug, ich +will Sie nicht weiter belästigen. Da Sie mir nicht beistehen wollen, muß +ich mich auf mich selbst und auf meine eigenen Waffen beschränken.“<a +class = "tag" name = "tagIX_103" id = "tagIX_103" href = +"#noteIX_103">103</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteIX_103" id = "noteIX_103" href = "#tagIX_103">103.</a> +<span class = "antiqua">Clarke’s Life of James the Second, II. +210</span>; <span class = "antiqua">Sprat’s Narrative</span>; Citters, +6.(16.) Nov. 1688.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Ruhestörungen in London.</span> +<a name = "secIX_54" id = "secIX_54">Kaum</a> hatten die Bischöfe den +König verlassen, so brachte ein Courier die Nachricht, daß der Prinz von +Oranien am vorigen Tage in Devonshire gelandet sei. Während der +nächstfolgenden Woche war London in gewaltiger Aufregung. Am Sonntag, +den 11. November, verbreitete sich das Gerücht, daß in dem unter dem +Patronat des Königs zu Clerkenwell errichteten Kloster Messer, Bratroste +und Siedekessel versteckt wären, welche zur Folterung von Ketzern hätten +dienen sollen. Zahlreiche Menschenmassen belagerten das Gebäude und +schickten sich eben an, es zu demoliren, als eine Truppenabtheilung +ankam. Die Menge wurde auseinandergetrieben und mehrere von den +Aufwieglern wurden niedergemacht. Die Leichen der Gefallenen wurden von +einem Todtenschau-Gericht<a class = "tag" name = "tagIX_104" id = +"tagIX_104" href = "#noteIX_104">104</a> untersucht, und dieses gab +einen Ausspruch ab, der für die allgemeine Volksstimmung sehr +bezeichnend war. Die Jury erklärte sich dahin, daß gewisse loyale und +wohlgesinnte Personen, welche ausgegangen seien, um eine Versammlung von +Landesverräthern und öffentlichen Feinden in einem Meßhause aufzuheben, +vorsätzlich von den Soldaten ermordet wären, und dieses sonderbare +Verdict war von sämmtlichen Geschwornen unterzeichnet. Die Mönche von +Clerkenwell, welche diese Symptome der Volksstimmung natürlich nicht +wenig beunruhigte, sorgten ängstlich für die Sicherung ihres Eigenthums. +Es gelang ihnen auch, den größten Theil ihres Mobiliars fortzuschaffen, +ehe dieses Vorhaben ruchbar geworden war. Endlich aber wurde der +Verdacht des Pöbels doch rege, die beiden letzten Lastwagen wurden in +Holborn angehalten und Alles was sich darauf befand, auf offener Straße +verbrannt. Die Angst unter den Katholiken war so groß, daß alle ihre +Gotteshäuser mit Ausnahme derjenigen, welche der königlichen Familie und +den auswärtigen Gesandten gehörten, geschlossen wurden.<a class = "tag" +name = "tagIX_105" id = "tagIX_105" href = "#noteIX_105">105</a></p> + +<p>Im Ganzen hatten jedoch die Dinge bis jetzt noch kein für Jakob +ungünstiges Aussehen. Die Eingedrungenen befanden sich schon über eine +Woche auf englischem Boden und noch hatte sich keine hervorragende +Persönlichkeit +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_72" id = "pageIX_72"> +IX.72</a></span> +ihnen angeschlossen. Weder im Norden noch im Osten war ein Aufstand +ausgebrochen; kein Diener der Krone schien noch seiner Pflicht untreu +geworden zu sein; die königliche Armee sammelte sich rasch in Salisbury, +und wenn sie auch dem Heere Wilhelm’s in der Kriegszucht nachstand, so +war sie doch an Zahl demselben überlegen.</p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteIX_104" id = "noteIX_104" href = "#tagIX_104">104.</a> +In England muß der Coroner bei unnatürlichen Todesfällen eine Jury von +zwölf Personen versammeln, welche darüber zu <ins class = "correction" +title = "Original hat »enscheiden«">entscheiden</ins> hat, ob ein +Verbrechen begangen worden ist, um in diesem Falle bei den zuständigen +Gerichten Anzeige zu machen. — Der Übers.</p> + +<p><a name = "noteIX_105" id = "noteIX_105" href = "#tagIX_105">105.</a> +<span class = "antiqua">Luttrell’s Diary</span>; Neuigkeitsbrief in der +Mackintosh-Sammlung; Adda, 16.(26.) Nov. 1688.</p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Angesehene Männer fangen an zu dem Prinzen überzugehen.</span> +<a name = "secIX_55" id = "secIX_55">Der</a> Prinz war ohne Zweifel +überrascht und gekränkt durch die Lauheit Derer, die ihn nach England +eingeladen hatten. Das Volk von Devonshire hatte ihn zwar mit allen +Zeichen der Freude empfangen, aber kein Adeliger, kein angesehener +Gentleman war bis jetzt in sein Hauptquartier gekommen. Die Erklärung +dieser auffallenden Erscheinung ist wahrscheinlich in dem Umstande zu +suchen, daß er in einem Theile der Insel gelandet war, wo man ihn nicht +erwartet hatte. Im Norden hatten seine Freunde alle Anstalten zu einem +Aufstande getroffen, in der Voraussetzung, daß er bald mit einer Armee +bei ihnen sein werde. Seine Freunde im Westen aber hatten gar nichts +vorbereitet und waren natürlich betroffen, als sie plötzlich +aufgefordert wurden, sich an die Spitze einer so wichtigen und +gefährlichen Bewegung zu stellen. Dazu kam noch, daß sie die traurigen +Folgen eines Aufstandes: Galgen, abgeschlagene Köpfe, zerrissene +Glieder, Familien, die noch um tapfere Dulder trauerten, welche ihr +Vaterland aufrichtig aber nicht mit Klugheit geliebt, frisch im +Gedächtniß, ja dicht vor Augen hatten. Nach einer so schrecklichen und +so neuen Warnung war einige Unschlüssigkeit natürlich. Ebenso natürlich +aber war es auch, daß Wilhelm, der im Vertrauen auf die ihm aus England +zugekommenen Versprechungen, nicht nur seinen eignen Ruf und sein +persönliches Glück, sondern auch das Wohl und die Unabhängigkeit seines +Vaterlandes aufs Spiel gesetzt hatte, sich bitter gekränkt fühlte. Er +war in der That so aufgebracht, daß er schon davon sprach, sich nach +Torbay zurückzuziehen, seine Truppen wieder einzuschiffen, nach Holland +heimzukehren und Die, welche ihn verrathen hatten, ihrem verdienten +Schicksale zu überlassen. Endlich am Montag, den 12. November, schloß +sich ein in der Nähe von Crediton wohnender Gentleman, Namens +Burrington, der Fahne des Prinzen an, und diesem Beispiele folgten bald +mehrere von seinen Nachbarn.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Lovelace.</span> +<a name = "secIX_56" id = "secIX_56">Schon</a> waren aber auch Männer +von wichtigerer Bedeutung aus verschiedenen Theilen des Landes nach +Exeter aufgebrochen. Der erste von diesen war Johann Lord Lovelace, ein +Mann, der sich durch feinen Geschmack, durch Prachtliebe und durch die +tollkühne und maßlose Heftigkeit seines Whiggismus auszeichnete. Er war +fünf- oder sechsmal wegen politischer Vergehen in Haft gewesen. Das +letzte ihm zur Last gelegte Verbrechen war, daß er die Rechtsgültigkeit +eines von einem römisch-katholischen Friedensrichter angestellten +Verhaftbefehls verächtlich geleugnet hatte. Er war vor den Geheimen +Rathe gefordert und streng verhört worden, aber mit geringem Erfolge. Er +weigerte sich entschieden, sich schuldig zu bekennen und die +Zeugenbeweise gegen ihn waren ungenügend. Er wurde entlassen, aber ehe +er sich entfernte, rief Jakob ihm mit großer Heftigkeit zu: „Mylord, +dies ist nicht der erste Streich, den Sie mir gespielt haben.“ — +„Sire,“ entgegnete Lovelace unerschrocken, „ich habe weder Eurer +Majestät noch sonst Jemandem je einen Streich gespielt. Wer mich dessen +bei Eurer Majestät angeklagt hat, ist ein Lügner.“ Bald darauf war +Lovelace von Denen, welche den Plan zu einer Revolution +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_73" id = "pageIX_73"> +IX.73</a></span> +entworfen hatten, ins Vertrauen gezogen worden.<a class = "tag" name = +"tagIX_106" id = "tagIX_106" href = "#noteIX_106">106</a> Sein Schloß, +das seine Vorfahren von der Beute indisch-spanischer Galleonen erbaut, +stand auf den Trümmern eines Hauses Unserer Lieben Frau in dem schönen +Thale, durch welches die Themse, noch nicht durch die Nähe einer großen +Hauptstadt verunreinigt, noch mit der Ebbe und Fluth des Meeres fallend +und steigend, unter Buchenwäldern zwischen den lieblichen Anhöhen von +Berkshire dahin strömt. Unter dem von italienischen Malern decorirten +Prunksaale befand sich ein gewölbtes Souterrain, in welchem hin und +wieder Gebeine von vorzeitlichen Mönchen gefunden worden waren. In +diesem finstren Gemache hatten eine Anzahl eifriger und verwegener +Gegner der Regierung während der angstvollen Zeit, als England mit +Ungeduld auf protestantischen Wind wartete, viele nächtliche +Zusammenkünfte gehalten.<a class = "tag" name = "tagIX_107" id = +"tagIX_107" href = "#noteIX_107">107</a> Jetzt war der Augenblick zum +Handeln gekommen, Lovelace brach mit siebzig wohl bewaffneten und +berittenen Begleitern nach dem Westen auf. Er erreichte ohne +Schwierigkeit Gloucestershire. Aber Beaufort, der Statthalter dieser +Grafschaft, verwendete sein hohes Ansehen und seinen ganzen Einfluß zu +Gunsten der Krone. Die Miliz war aufgeboten und eine starke Abtheilung +derselben nach <ins class = "correction" title = "Original hat »Circencester«">Cirencester</ins> verlegt worden. Als Lovelace hier +ankam, wurde er bedeutet, daß ihm der Durchzug nicht gestattet werden +könne. Er mußte daher entweder von seinem Vorhaben abstehen, oder sich +durchschlagen. Er beschloß das Letztere zu versuchen und seine Freunde +und Untergebenen schlugen sich tapfer. Es fand ein hitziges Gefecht +statt. Die Miliz verlor einen Offizier und sechs oder sieben Mann; +endlich aber wurde Lovelace’s Truppe überwältigt und er selbst gefangen +genommen und nach Gloucester Castle geschickt.<a class = "tag" name = +"tagIX_108" id = "tagIX_108" href = "#noteIX_108">108</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteIX_106" id = "noteIX_106" href = "#tagIX_106">106.</a> +Johnstone, 27. Febr. 1688; Citters unter demselben Datum.</p> + +<p><a name = "noteIX_107" id = "noteIX_107" href = "#tagIX_107">107.</a> +<span class = "antiqua">Lyson’s Magna Britannia, Berkshire.</span></p> + +<p><a name = "noteIX_108" id = "noteIX_108" href = "#tagIX_108">108.</a> +<span class = "antiqua">London Gazette, Nov. 15. 1688</span>; <span +class = "antiqua">Luttrell’s Diary.</span></p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Colchester.</span> +<a name = "secIX_57" id = "secIX_57">Andere</a> waren glücklicher. An +dem Tage, an welchem das Scharmützel bei Circencester stattfand, kam +Richard Savage, Lord Colchester, Sohn und Erbe des Earls Rivers und +durch eine unerlaubte Liebe Vater jenes unglücklichen Dichters<a class = +"tag" name = "tagIX_109" id = "tagIX_109" href = "#noteIX_109">109</a>, +dessen Verbrechen und Mißgeschicke eine der dunkelsten Seiten der +Literaturgeschichte füllen, mit sechzig bis siebzig Reitern in Exeter +an. Mit ihm zugleich traf der kühne und unruhige Thomas Wharton ein. +Wenige Stunden später kam Eduard Russell, Sohn des Earls von Bedford und +Bruder des tugendhaften Edelmanns, dessen Blut auf dem Schaffot +geflossen war. Kurz darauf wurde die Ankunft eines andren noch +wichtigeren Mannes gemeldet.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteIX_109" id = "noteIX_109" href = "#tagIX_109">109.</a> +Richard Savage. — Der Übers.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Abingdon.</span> +<a name = "secIX_58" id = "secIX_58">Colchester,</a> Wharton und Russell +gehörten der Partei an, welche dem Hofe von jeher opponirt hatte. Jakob +Bertin, Earl von Abingdon dagegen war stets als eine Stütze der +Willkürherrschaft betrachtet worden. Er war in den Tagen der +Ausschließungsbill Jakob treu geblieben, war als Lordlieutenant von +Oxfordshire mit Energie und Strenge gegen die Anhänger Monmouth’s +verfahren und hatte zur Feier der Niederlage Argyle’s Freudenfeuer +angezündet. Aber die Furcht vor dem Papismus hatte ihn zur Opposition +und Empörung getrieben. Er war der erste Peer des Reichs, der im +Hauptquartier des Prinzen von Oranien erschien.<a class = "tag" name = +"tagIX_110" id = "tagIX_110" href = "#noteIX_110">110</a></p> + +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_74" id = "pageIX_74"> +IX.74</a></span> +<p>Doch von Denen, die sich offen gegen seine Autorität auflehnten, +hatte der König weniger zu befürchten, als von der im Dunklen +schleichenden Verschwörung, deren Verzweigungen sich durch seine Armee +und bis in seine Familie erstreckten. Als die Seele dieser Verschwörung +muß Churchill betrachtet werden, der in Bezug auf Scharfblick und +Gewandtheit seines Gleichen nicht hatte, den die Natur mit einer +gewissen kaltblütigen Unerschrockenheit ausgestattet, die sich weder im +Kampfe noch im Lügen je verleugnete, und welcher dabei einen hohen +militairischen Rang einnahm und sich der Gunst der Prinzessin Anna in +hohem Grade erfreute. Für ihn war jedoch die Zeit zu dem entscheidenden +Schlage noch nicht gekommen. Indessen brachte er doch schon jetzt durch +die Vermittelung eines untergeordneten Werkzeugs der Sache des Königs +eine gefährliche, wenn nicht tödtliche Wunde bei.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteIX_110" id = "noteIX_110" href = "#tagIX_110">110.</a> +<span class = "antiqua">Burnet, I. 790</span>; <span class = +"antiqua">Life of William, 1703.</span></p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Abfall Cornbury’s.</span> +<a name = "secIX_59" id = "secIX_59">Eduard</a> Viscount Cornbury, der +älteste Sohn des Earls von Clarendon, war ein junger Mann von +unbedeutenden Geistesgaben, von lockeren Grundsätzen und heftigem +Temperament. Man hatte ihn von Jugend auf gelehrt, seine Verwandtschaft +mit der Prinzessin Anna als die Grundlage seines zukünftigen Glücks zu +betrachten, und ihm eingeschärft, daß er ihr fleißig den Hof machen +solle. Seinem Vater war es nie in den Sinn gekommen, daß die angestammte +Loyalität der Hyde im Hause der Lieblingstochter des Königs gefährdet +sein könnte; aber in diesem Hause führten die Churchill die +unumschränkte Herrschaft und Cornbury wurde ihr Werkzeug. Er commandirte +eines von den nach dem Westen gesandten Dragonerregimentern. Man hatte +es so einzurichten gewußt, daß er am 14. November einige Stunden lang +der höchste Offizier zu Salisbury war, so daß alle dort versammelten +Truppen unter seinem Oberbefehl standen. Es muß auffallend erscheinen, +daß zu einem so kritischen Zeitpunkte die Armee, auf welche Alles ankam, +nur einen Augenblick dem Commando eines jungen Obersten überlassen +werden konnte, der weder Talent noch Erfahrung hatte. Es kann wohl kaum +einem Zweifel unterliegen, daß diese Anordnung das Resultat eines +geschickt angelegten Planes war, und eben so wenig kann man darüber in +Zweifel sein, welchem Kopfe und welchem Herzen dieser Plan zuzuschreiben +ist.</p> + +<p>Plötzlich erhielten drei von den in Salisbury stehenden +Kavallerieregimentern Befehl zum Abmarsch nach dem Westen. Cornbury +stellte sich an ihre Spitze und führte sie zuerst nach Blandford und +dann nach Dorchester. Von Dorchester brachen sie nach einer kurzen Rast +von einigen Stunden nach Axminster auf. Einige von den Offizieren +begannen Verdacht zu schöpfen und verlangten eine Erklärung dieser +sonderbaren Bewegungen. Cornbury antwortete, er habe Befehl, einen +nächtlichen Angriff auf eine Truppenabtheilung zu machen, die der Prinz +von Oranien bei Honiton postirt habe. Doch der Argwohn war einmal rege, +es wurden weitere Fragen gestellt, aber ausweichend beantwortet. Endlich +wurde Cornbury geradezu aufgefordert, seine Instruction vorzuzeigen. Er +sah ein, daß es ihm nicht nur unmöglich sein würde, mit allen drei +Regimentern überzugehen, sondern daß er sich auch selbst in einer höchst +gefährlichen Lage befand. In Folge dessen stahl er sich mit einigen +wenigen Begleitern fort in das holländische Hauptquartier. Der größte +Theil seiner Truppen kehrte nach Salisbury zurück; ein andrer Theil +aber, der von dem Hauptcorps detaschirt worden war und die Absichten des +Befehlshabers nicht ahnete, marschirte bis Honiton. Hier sahen sie sich +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_75" id = "pageIX_75"> +IX.75</a></span> +inmitten eines zu ihrem Empfange vollständig gerüsteten starken +Armeecorps. Widerstand war unmöglich. Ihr Anführer drang in sie, unter +Wilhelm zu dienen. Es wurde ihnen ein Monatssold als Geschenk angeboten, +und die Meisten nahmen dies an.<a class = "tag" name = "tagIX_111" id = +"tagIX_111" href = "#noteIX_111">111</a></p> + +<p>Die Nachricht von diesen Vorgängen kam am Fünfzehnten nach London. +Jakob war am Morgen dieses Tages sehr heiterer Laune gewesen. Der +Bischof Lamplugh hatte eben nach seiner Ankunft von Exeter dem Hofe +seine Aufwartung gemacht und war sehr gnädig empfangen worden. „Mylord,“ +sagte der König zu ihm, „Sie sind ein ächter alter Kavalier.“ Lamplugh +erhielt zum Lohn für seine Loyalität sofort das schon seit mehr als +dritthalb Jahren erledigte Erzbisthum York. Am Nachmittage, als der +König sich eben zu Tisch setzte, kam ein Expresser mit der Nachricht von +Cornbury’s Abfall. Jakob erhob sich von der Tafel, ohne die Speisen zu +berühren, genoß nichts als eine Brotrinde und ein Glas Wein und zog sich +in sein Privatkabinet zurück. Er erfuhr später, daß nach seinem Weggange +aus dem Speisesaale mehrere anwesende Lords, in die er das größte +Vertrauen setzte, sich in der anstoßenden Gallerie die Hände geschüttelt +und einander beglückwünscht hatten. Als die Botschaft der Königin +mitgetheilt wurde, brach sie mit ihren Damen in Thränen und Wehklagen +aus.<a class = "tag" name = "tagIX_112" id = "tagIX_112" href = +"#noteIX_112">112</a></p> + +<p>Der Schlag war allerdings hart. Zwar belief sich der unmittelbare +Verlust der Krone und der unmittelbare Gewinn der Feinde auf kaum +zweihundert Mann und eben so viele Pferde. Aber wo konnte der König von +nun an hoffen, diejenigen Gesinnungen zu finden, welche die Stärke der +Staaten und der Armeen bilden? Cornbury war der Erbe eines Hauses, das +sich stets durch seine Anhänglichkeit an die Monarchie ausgezeichnet +hatte. Sein Vater Clarendon und sein Oheim Rochester waren Männer, deren +Loyalität für unerschütterlich galt. Wie stark mußte das Gefühl sein, +gegen welches die am tiefsten wurzelnden angeerbten Vorurtheile nicht +Stand hielten, das Gefühl, das einen jungen Offizier von vornehmer +Geburt zu einer durch Vertrauensbruch und grobe Falschheit +verschlimmerten Desertion bewegen konnte? Daß Cornbury kein besonders +talentvoller und unternehmender Mann war, machte den Vorfall nur noch +beunruhigender. Man konnte unmöglich daran zweifeln, daß er irgendwo +einen mächtigen und gewandten Verführer hatte. Wer dieser Verführer war, +das sollte sich bald zeigen. Mittlerweile aber konnte Niemand im +königlichen Lager sicher sein, daß er nicht von Verräthern umgeben war. +Politische Stellung, mititairischer Rang, Kavalierehre, Soldatenehre, +die stärksten Betheuerungen, das reinste Adelsblut boten keine +Sicherheit mehr. Jedermann konnte mit Grund zweifeln, ob nicht jeder +Befehl, den er von seinem Vorgesetzten erhielt, den Zwecken des Feindes +dienen sollte. Der pünktliche Gehorsam, ohne den eine Armee nichts als +ein zügelloser Pöbelhaufe ist, mußte nothwendig vorbei sein. Welche +Disciplin konnte man von Soldaten erwarten, welche eben einer Schlinge +entgangen waren, indem sie sich weigerten, ihren commandirenden Offizier +zu einer geheimen +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_76" id = "pageIX_76"> +IX.76</a></span> +Expedition zu folgen, und indem sie auf Vorzeigung seiner Befehle +drangen?</p> + +<p>Cornbury wurde bald durch eine Menge in Rang und Fähigkeiten hoch +über ihm stehender Überläufer unterstützt; einige Tage lang aber stand +er ganz allein mit seiner Schande da und wurde von Vielen, welche +nachher seinem Beispiele folgten und ihn darum beneideten, daß er zuerst +den entehrenden Schritt gethan, heftig geschmäht. Unter diesen war sein +eigner Vater. Der erste Ausbruch von Clarendon’s Zorn und Schmerz war +ergreifend. „O Gott!“ rief er aus, „daß einer meiner Söhne ein Rebell +werden mußte!“ Vierzehn Tage später entschloß er selbst sich dazu, ein +Rebell zu werden. Man würde ihm jedoch Unrecht thun, wollte man ihn für +einen bloßen Heuchler erklären. In Revolutionen lebt der Mensch schnell; +die Erfahrung von Jahren drängt sich in wenigen Stunden zusammen; alte +Gewohnheiten im Denken und Handeln werden gewaltsam gebrochen; man wird +mit Neuerungen, die auf den ersten Anblick Entsetzen und Abscheu +erwecken, binnen wenigen Tagen vertraut, man findet sie erträglich, ja +anziehend. Viele weit tugendhaftere und muthigere Männer als Clarendon +waren vor dem Schlusse jenes denkwürdigen Jahres zu Handlungen bereit, +die sie am Anfange desselben für ruchlos und entehrend erklärt haben +würden.</p> + +<p>Der unglückliche Vater tröstete sich so gut er konnte und hielt um +eine Privataudienz beim Könige an. Sie wurde ihm bewilligt. Jakob sagte +mit mehr als gewöhnlicher Freundlichkeit, daß er Cornbury’s Verwandte +aufrichtig bedaure und sie von aller Schuld an dem Verbrechen ihres +entarteten Familienmitgliedes durchaus freispreche. Clarendon kehrte +nach Hause zurück und wagte es kaum, seinen Freunden ins Auge zu +blicken. Bald aber erfuhr er zu seinem Erstaunen, daß der Schritt, den +er anfangs für seine Familie auf immer entehrend gehalten hatte, von +vielen hochstehenden Personen gelobt wurde. Seine Nichte, die Prinzessin +von Dänemark, fragte ihn, warum er sich so zurückziehe. Er antwortete +ihr, daß die Schändlichkeit seines Sohnes ihn völlig zu Boden drücke. +Anna schien diesen Kummer durchaus nicht zu begreifen. „Das Volk,“ sagte +sie, „ist der Herrschaft des Papismus müde. Ich glaube, daß Viele von +der Armee das Nämliche thun werden.“<a class = "tag" name = "tagIX_113" +id = "tagIX_113" href = "#noteIX_113">113</a></p> + +<p>Der König rief nun in seiner Angst alle noch in London anwesenden +hohen Offiziere zusammen. Churchill, welcher kurz vorher zum +Generallieutenant befördert worden war, erschien mit der heiteren Ruhe, +die weder Gefahr noch Schande je zu erschüttern vermochten. Heinrich +Fitzroy, Herzog von Grafton, der sich unter den natürlichen Kindern +Karl’s II. durch seine Verwegenheit und Thätigkeit auszeichnete, +wohnte der Zusammenkunft bei. Grafton war Oberst des ersten Regiments +der Fußgarden. Er scheint damals ganz unter Churchills Einfluß gestanden +zu haben und war bereit, bei der ersten günstigen Gelegenheit die +königliche Fahne zu verlassen. Außerdem waren noch zwei andere +Hochverräther anwesend, Kirke und Trelawney, welche die damals unter der +Bezeichnung der tangerschen Regimenter bekannten zwei wilden und +zügellosen Heerhaufen befehligten. Sie hatten Beide, wie alle anderen +protestantische Offiziere der +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_77" id = "pageIX_77"> +IX.77</a></span> +Armee, die Parteilichkeit, welche der König für die Mitglieder seiner +eigenen Kirche an den Tag legte, schon seit langer Zeit mit großem +Mißfallen betrachtet, und Trelawney erinnerte sich mit bitterem Grolle +der Verfolgung seines Bruders, des Bischofs von Bristol. Jakob hielt +eine Ansprache an die Versammlung, die eines besseren Mannes und einer +besseren Sache würdig gewesen wäre. Es könnte sein, sagte er, daß einige +von seinen Offizieren Gewissensbedenken hätten, für ihn zu kämpfen. Wenn +dem so wäre, sei er bereit, ihre Patente zurückzunehmen. Aber er +beschwöre sie als Gentlemen und Soldaten, das schmachvolle Beispiel +Cornbury’s nicht nachzuahmen. Alle schienen tief ergriffen zu sein, am +tiefsten Churchill. Er war der Erste, der mit vortrefflich gespielter +Begeisterung gelobte, daß er sein Blut bis auf den letzten Tropfen für +seinen huldvollen Gebieter zu vergießen bereit sei. Grafton ergoß sich +in ähnliche laute Betheuerungen und seinem Beispiele folgten auch Kirke +und Trelawney.<a class = "tag" name = "tagIX_114" id = "tagIX_114" href += "#noteIX_114">114</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteIX_111" id = "noteIX_111" href = "#tagIX_111">111.</a> +<span class = "antiqua">Clarke’s Life of James the Second, II. 215. +Orig. Mem.</span>; <span class = "antiqua">Burnet, I. 790</span>; <span +class = "antiqua">Clarendon’s Diary, Nov. 15. 1688</span>; <span class = +"antiqua">London Gazette, Nov. 17.</span></p> + +<p><a name = "noteIX_112" id = "noteIX_112" href = "#tagIX_112">112.</a> +<span class = "antiqua">Clarke’s Life of James the Second, II. +218</span>; <span class = "antiqua">Clarendon’s Diary, Nov. 15. +1688</span>; Citters, 16.(26.) Nov.</p> + +<p><a name = "noteIX_113" id = "noteIX_113" href = "#tagIX_113">113.</a> +<span class = "antiqua">Clarendon’s Diary, Nov. 15, 16, 17, 20. +1688.</span></p> + +<p><a name = "noteIX_114" id = "noteIX_114" href = "#tagIX_114">114.</a> +<span class = "antiqua">Clarke’s Life of James the Second, II. 219. +Orig. Mem.</span></p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Petition der Lords um Einberufung eines Parlaments.</span> +<a name = "secIX_60" id = "secIX_60">Durch</a> diese Versicherungen +getäuscht, schickte der König sich zum Aufbruch nach Salisbury an. Vor +seiner Abreise wurde er benachrichtigt, daß eine beträchtliche Anzahl +weltlicher und geistlicher Peers ihn um eine Audienz bitten ließen. Sie +kamen mit Sancroft an ihrer Spitze um eine Petition zu überreichen, in +der sie um Einberufung eines freien und gesetzlichen Parlaments und um +Einleitung von Unterhandlungen mit dem Prinzen von Oranien baten.</p> + +<p>Die Geschichte dieser Petition ist interessant. Die Idee scheint zwei +wichtigen Parteihäuptern, welche lange Nebenbuhler und Feinde gewesen +waren, Rochester und Halifax, zu gleicher Zeit gekommen zu sein. Sie +zogen Beide unabhängig von einander die Bischöfe deshalb zu Rathe. Diese +zollten dem Vorschlage warmen Beifall. Es wurde nun darauf angetragen, +eine Generalversammlung der Peers anzuberaumen, um über die Form der dem +Könige zu überreichenden Adresse zu berathen. Es war gerade Terminzeit +der Gerichtshöfe, und zu dieser Zeit war Westminsterhall jeden Tag von +hochgestellten und vornehmen Männern angefüllt, wie gegenwärtig die +Clubs in Pall Mall und St. James Street. Nichts war leichter, als daß +die dort versammelten Lords sich zu einer Berathung in ein Nebenzimmer +begaben. Allein es erhoben sich unerwartete Schwierigkeiten. Halifax +wurde zuerst kalt und dann sogar der Sache abgeneigt. Es lag in seiner +Natur, gegen Alles Einwendungen zu entdecken und in gegenwärtigem Falle +wurde seine Erfindungsgabe durch die Eifersucht noch besonders +geschärft. Der Plan, der seinen Beifall gehabt hatte, so lange er ihn +als seinen eigenen betrachtete, begann ihm zu mißfallen, sobald er +entdeckte, daß es auch der Plan Rochester’s war, der ihm so lange +hinderlich im Wege gestanden und ihn endlich verdrängt hatte, und gegen +den er eine so starke Abneigung empfand, als er bei seinem sanften +Character überhaupt gegen Jemanden empfinden konnte. Nottingham stand +damals bedeutend unter Halifax’ Einflusse. Sie erklärten Beide, daß sie +die Adresse nicht unterzeichnen würden, wenn Rochester sie mit +unterzeichnete. Clarendon’s Vorstellungen blieben erfolglos. „Es ist +nicht meine Absicht,“ sagte Halifax, „Mylord Rochester zu beleidigen, +aber er ist Mitglied der kirchlichen Commission gewesen, die Proceduren +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_78" id = "pageIX_78"> +IX.78</a></span> +dieses Gerichtshofes werden bald einer strengen Untersuchung unterzogen +werden, und es ist unpassend, daß ein Mann, der einen Sitz darin +eingenommen hat, sich an unseren Maßregeln betheiligt.“ Nottingham +sprach unter lebhaften Versicherungen seiner persönlichen Hochachtung +für Rochester die nämliche Ansicht aus. Die Autorität der beiden +dissentirenden Lords hielt mehrere andere Kavaliere ab, die Petition zu +unterschreiben; aber die Hyde und die Bischöfe blieben bei ihrem +Vorhaben. Es kamen neunzehn Unterschriften zusammen und die Petenten +begaben sich <span class = "antiqua">in pleno</span> zu dem Könige.<a +class = "tag" name = "tagIX_115" id = "tagIX_115" href = +"#noteIX_115">115</a></p> + +<p>Er nahm ihre Adresse sehr ungnädig auf. Er versicherte zwar, daß er +selbst den Zusammentritt eines freien Parlaments dringend wünsche und +versprach ihnen auf sein königliches Wort, ein solches einzuberufen, +sobald der Prinz von Oranien die Insel wieder verlassen haben würde. +„Aber,“ setzte er hinzu, „wie kann ein Parlament frei sein, so lange ein +Feind im Lande ist und nahe an hundert Stimmen gewinnen kann?“ Zu den +Prälaten sprach er mit besonderer Gereiztheit. „Neulich,“ sagte er, +„konnte ich Sie nicht dazu bewegen, Sich gegen die Invasion zu erklären; +jetzt aber sind Sie völlig bereit, Sich gegen mich zu erklären. Damals +wollten Sie Sich nicht in die Politik mischen; heute tragen Sie kein +Bedenken mehr, Sich in dieselbe zu mischen. Sie haben den Geist der +Empörung unter Ihren Heerden erregt, und jetzt schüren Sie ihn noch an. +Sie würden Ihre Zeit besser anwenden, wenn Sie sie lehrten mir zu +gehorchen, anstatt daß Sie mich lehren wollen zu regieren.“ Sehr +aufgebracht war er auch gegen seinen Neffen Grafton, dessen Name +unmittelbar unter Sancroft’s Namen stand, und er sagte mit großer +Heftigkeit zu dem jungen Manne: „Sie verstehen nichts von Religion, Sie +kümmern Sich auch gar nicht darum, und doch wollen Sie behaupten, daß +Sie ein Gewissen haben!“ — „Es ist wahr, Sire,“ erwiederte Grafton +mit schamloser Offenheit, „ich habe sehr wenig Gewissen; aber ich gehöre +einer Partei an, die sehr viel hat“.<a class = "tag" name = "tagIX_116" +id = "tagIX_116" href = "#noteIX_116">116</a></p> + +<p>So gereizt die Sprache des Königs gegen die Bischöfe selbst war, so +wurde sie doch noch viel bitterer, nachdem sie sich entfernt hatten. In +der Hoffnung, sein pflichtvergessenes und undankbares Volk zufrieden zu +stellen, sagte er, habe er schon viel zu viel gethan. Der Gedanke an +Zugeständnisse sei ihm von jeher verhaßt gewesen, doch er habe sich +überreden lassen, und jetzt habe er wie sein Vater gesehen, daß +Zugeständnisse die Unterthanen nur noch anspruchsvoller machten. Er +wolle nun aber nichts mehr bewilligen, kein Atom, welche letzten zwei +Worte er seiner Gewohnheit nach mehrere Male mit Heftigkeit wiederholte. +Er wolle den Angreifern nicht nur keine Eröffnungen machen, sondern auch +keine von ihnen annehmen. Sollten die Holländer Parlamentaire schicken, +so würde der erste ohne Antwort zurückgeschickt und der zweite gehängt +werden.<a class = "tag" name = "tagIX_117" id = "tagIX_117" href = +"#noteIX_117">117</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteIX_115" id = "noteIX_115" href = "#tagIX_115">115.</a> +<span class = "antiqua">Clarendon’s Diary vom 8. bis 17. Nov. +1688.</span></p> + +<p><a name = "noteIX_116" id = "noteIX_116" href = "#tagIX_116">116.</a> +<span class = "antiqua">Clarke’s Life of James the Second, II. 212. +Orig. Mem.</span>; <span class = "antiqua">Clarendon’s Diary, Nov. 17. +1688</span>; Citters, 20.(30.) Nov.; <span class = "antiqua">Burnet, I. +791</span>; <span class = "antiqua">Some Reflections upon the most +Humble Petition to the King’s most Excellent Majesty, 1688</span>; <span +class = "antiqua">Modest Vindication of the Petition</span>; <span class += "antiqua">First Collection of Papers relating to English Affairs, +1688.</span></p> + +<p><a name = "noteIX_117" id = "noteIX_117" href = "#tagIX_117">117.</a> +Adda, 19.(29.) Nov. 1688.</p> +</div> + + +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_79" id = "pageIX_79"> +IX.79</a></span> +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Der König begiebt sich nach Salisbury.</span> +<a name = "secIX_61" id = "secIX_61">In</a> dieser Stimmung reiste Jakob +nach Salisbury ab. Sein letzter Act vor seiner Abreise war die Ernennung +eines Rathes von fünf Lords, die ihn während seiner Abwesenheit in +London vertreten sollten. Zwei davon waren Papisten und deshalb gar +nicht befähigt zu diesem Amte. Ihnen zur Seite stand Jeffreys, zwar ein +Protestant, aber von der Nation mehr verabscheut, als irgend ein Papist. +Gegen die übrigen zwei Mitglieder des Collegiums, Preston und Godolphin, +war nichts Erhebliches einzuwenden. An dem Tage, an welchem der König +London verließ, wurde der Prinz von Wales nach Portsmouth geschickt. +Diese Festung hatte eine starke Besatzung und Berwick war Gouverneur. +Die von Dartmouth commandirte Flotte lag nahe zur Hand, und so hoffte +man, wenn die Dinge eine unglückliche Wendung nahmen, den kleinen +Prinzen ohne Schwierigkeit von Portsmouth nach Frankreich bringen zu +können.<a class = "tag" name = "tagIX_118" id = "tagIX_118" href = +"#noteIX_118">118</a></p> + +<p>Am Neunzehnten traf der König in Salisbury ein und stieg im +bischöflichen Palaste ab. Von allen Seiten kamen ihm nun in rascher +Aufeinanderfolge schlimme Nachrichten zu. Die westlichen Grafschaften +hatten sich endlich erhoben. Sobald Cornbury’s Abfall bekannt wurde, +faßten sich viele reiche Grundeigenthümer ein Herz und eilten nach +Exeter. Unter ihnen befand sich Sir Wilhelm Portman von Bryanstone, +einer der angesehensten Männer von Dorsetshire, und Sir Franz Warre von +Hestercombe, der in Somersetshire großen Einfluß hatte.<a class = "tag" +name = "tagIX_119" id = "tagIX_119" href = "#noteIX_119">119</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteIX_118" id = "noteIX_118" href = "#tagIX_118">118.</a> +<span class = "antiqua">Clarke’s Life of James, 220, 221.</span></p> + +<p><a name = "noteIX_119" id = "noteIX_119" href = "#tagIX_119">119.</a> +<span class = "antiqua">Eachard’s History of the Revolution.</span></p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Seymour.</span> +<a name = "secIX_62" id = "secIX_62">Der</a> Bedeutendste von den +Neuangekommenen aber war Seymour, der unlängst eine Baronetschaft geerbt +hatte, welche jedoch seinen Rang wenig erhöhte, und der in Folge seiner +Geburt, seines politischen Ansehens und seiner parlamentarischen Talente +entschieden der erste Torygentleman Englands war. Bei seiner ersten +Audienz soll er seinen characteristischen Stolz in einer Weise geäußert +haben, die den Prinzen überraschte und ergötzte. „Soviel ich weiß, Sir +Eduard,“ sagte Wilhelm, der sehr artig zu sein glaubte, „gehören Sie zur +Familie des Herzogs von Somerset?“ — „Entschuldigen Sie, Sire,“ +entgegnete Sir Eduard, der nie vergaß, daß er das Oberhaupt der älteren +Linie der Seymour war, „der Herzog von Somerset ist ein Mitglied meiner +Familie“.<a class = "tag" name = "tagIX_120" id = "tagIX_120" href = +"#noteIX_120">120</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteIX_120" id = "noteIX_120" href = "#tagIX_120">120.</a> +Seymour’s Antwort an Wilhelm wird von vielen Schriftstellern +mitgetheilt. Sie hat große Ähnlichkeit mit einer Anekdote, die man sich +von der Familie Manriquez erzählt. Sie soll zu ihrer Devise die Worte +gewählt haben: <span class = "antiqua">„Nos no descendemos de los Reyes, +sino los Reyes descienden de nos.“ +— Carpentariana.</span></p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Wilhelm’s Hoflager in Exeter.</span> +<a name = "secIX_63" id = "secIX_63">Das</a> Hauptquartier Wilhelm’s +fing nun an das Aussehen eines Hofes zu gewinnen. Mehr als sechzig +angesehene und vermögende Männer wohnten in Exeter und die tägliche +Schaustellung von glänzenden Livreen und sechsspännigen Equipagen auf +dem Domplatz verlieh diesem stillen Orte etwas von dem in Whitehall +herrschenden Glanze und Leben. Das gemeine Volk konnte es kaum erwarten, +die Waffen zu ergreifen, und man hätte mit Leichtigkeit mehrere +Bataillone Infanterie bilden können. Schomberg aber, der auf frisch vom +Pfluge genommene Soldaten wenig Werth legte, war der +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_80" id = "pageIX_80"> +IX.80</a></span> +Meinung, daß, wenn das Unternehmen nicht ohne solche Hülfe gelingen +könne, es überhaupt gar nicht gelingen würde, und Wilhelm, der das +Kriegshandwerk eben so genau kannte als Schomberg, theilte diese +Ansicht. Es wurden daher nur wenige neue Regimenter errichtet und nur +auserlesene Rekruten dazu genommen.</p> + +<p>Man hielt es jetzt für wünschenswerth, daß der Prinz die sämmtlichen +in Exeter anwesenden Edelleute und Gentlemen öffentlich empfing. Er +hielt eine kurze, aber würdevolle und wohl durchdachte Anrede an sie. Er +sagte, er kenne nicht alle um ihn Versammelten persönlich, aber er habe +eine Liste ihrer Namen und wisse, wie hoch sie in der Achtung ihres +Vaterlandes ständen. Er tadelte mit milden Worten ihr spätes Erscheinen, +sprach aber die zuversichtliche Hoffnung aus, daß es noch nicht zu spät +sei, das Königreich zu retten. „Somit,“ schloß er, „heißen wir Euch, +Gentlemen, Freunde und Mitprotestanten, sowie Eure Begleiter an unsrem +Hofe und in unsrem Lager herzlich willkommen.“<a class = "tag" name = +"tagIX_121" id = "tagIX_121" href = "#noteIX_121">121</a></p> + +<p>Seymour, ein seit langer Zeit an die Parteitaktik gewöhnter +Staatsmann von scharfem Blicke, erkannte sogleich, daß die Partei, +welche sich um den Prinzen zu schaaren begonnen hatte, der Organisation +bedurfte. Bis jetzt, sagte er, sei sie nur ein Sandhaufen, kein +gemeinsamer Zweck sei öffentlich und feierlich angekündigt worden, +Niemand habe sich noch zu etwas verpflichtet. Sobald die Versammlung in +der Dechanei wieder auseinander gegangen war, ließ er Burnet rufen und +schlug ihm vor, daß ein Bund gebildet werden und alle englischen +Anhänger des Prinzen eine Urkunde unterzeichnen sollten, durch welche +sie sich zur Treue gegen ihren Führer und gegen einander verpflichteten. +Burnet theilte diesen Vorschlag dem Prinzen und Shrewsbury mit, die ihn +Beide billigten. Es wurde eine Versammlung in der Kathedrale gehalten +und Burnet legte einen Entwurf vor, der angenommen und eifrig +unterzeichnet wurde. Die Unterzeichner verpflichteten sich, die in der +Erklärung des Prinzen dargelegten Zwecke einmüthig zu verfolgen, ihm und +sich selbst gegenseitig beizustehen, gegen Jeden, der ein Attentat auf +seine Person unternehmen sollte, exemplarische Rache zu üben und selbst +wenn ein solches Attentat unglücklicherweise gelingen sollte, in ihrem +Unternehmen zu beharren, bis die Freiheiten und die Religion des Volks +wirksam gesichert seien.<a class = "tag" name = "tagIX_122" id = +"tagIX_122" href = "#noteIX_122">122</a></p> + +<p>Um die nämliche Zeit kam ein Bote vom Earl von Bath, der in Plymouth +commandirte, in Exeter an. Bath erklärte, daß er seine Person, seine +Mannschaft und die Festung, deren Gouverneur er war, dem Prinzen zur +Verfügung stelle. So hatten die Angreifenden keinen einzigen Feind mehr +im Rücken.<a class = "tag" name = "tagIX_123" id = "tagIX_123" href = +"#noteIX_123">123</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteIX_121" id = "noteIX_121" href = "#tagIX_121">121.</a> +<span class = "antiqua">Fourth Collection of Papers, 1688</span>; Brief +von Exon; <span class = "antiqua">Burnet, I. 792.</span></p> + +<p><a name = "noteIX_122" id = "noteIX_122" href = "#tagIX_122">122.</a> +<span class = "antiqua">Burnet, I. 792</span>; <span class = +"antiqua">History of the Desertion</span>; <span class = +"antiqua">Second Collection of Papers, 1688.</span></p> + +<p><a name = "noteIX_123" id = "noteIX_123" href = "#tagIX_123">123.</a> +Brief von Bath an den Prinzen von Oranien vom 18. Nov. 1688; +Dalrymple.</p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Aufstand im Norden.</span> +<a name = "secIX_64" id = "secIX_64">Während</a> der Westen sich so +gegen den König erhob, stand hinter ihm auch schon der ganze Norden in +Flammen. Am Sechzehnten griff Delamere in Cheshire zu den Waffen. Er +rief seine Pächter zusammen, forderte sie auf, ihm beizustehen, +versprach ihnen, daß, wenn sie im Kampfe fielen, die Pachtungen ihren +Hinterlassenen aufs neue bewilligt werden sollten, und ermahnte Jeden, +der ein gutes Pferd +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_81" id = "pageIX_81"> +IX.81</a></span> +habe, entweder selbst ins Feld zu ziehen, oder einen <ins class = +"correction" title = "Original hat »Ersatzman«">Ersatzmann</ins> zu +stellen.<a class = "tag" name = "tagIX_124" id = "tagIX_124" href = +"#noteIX_124">124</a> Er erschien mit funfzig bewaffneten und berittenen +Männern in Manchester und bevor er Boaden Downs erreichte, hatte sich +seine Truppe verdreifacht.</p> + +<p>Die benachbarten Grafschaften waren in heftiger Gährung. Es war +festgesetzt worden, daß Danby York nehmen und Devonshire in Nottingham +erscheinen sollte. In Nottingham erwartete man keinen Widerstand zu +finden, in York aber lag eine kleine Garnison unter dem Commando Sir +John Reresby’s. Danby ging mit großer Klugheit und Umsicht zu Werke. Auf +den 22. November war eine Versammlung der Gentry und der Freisassen von +Yorkshire ausgeschrieben, um eine Adresse wegen der Lage der Dinge an +den König zu berathen. Alle Statthaltersubstituten der drei Bezirke, +mehrere Kavaliere und eine Menge reicher Esquires und wohlhabender +Freisassen hatten sich zu dieser Versammlung in der Provincialhauptstadt +eingefunden. Vier Abtheilungen Miliz waren zur Aufrechthaltung der Ruhe +und Ordnung commandirt. Das Rathhaus war gedrängt voll Freisassen und +die Berathung hatte eben begonnen, als sich plötzlich der Ruf vernehmen +ließ, die Papisten hätten sich erhoben und metzelten die Protestanten +nieder. Die Papisten von York waren viel wahrscheinlicher darauf +bedacht, sich zu verbergen, als einen Feind anzugreifen, der ihnen um +das Hundertfache überlegen war. Aber damals konnte eine Geschichte von +Papistenwuth noch so übernatürlich und wunderbar sein, sie fand dennoch +bereitwilligen Glauben. Die Versammlung ging erschreckt auseinander. Die +ganze Stadt war in Aufruhr. In diesem Augenblicke ritt Danby an der +Spitze von etwa hundert Reitern der Miliz entgegen und erhob den Ruf: +„Keinen Papismus! ein freies Parlament! die protestantische Religion!“ +Die Miliz stimmte ein. In einem Nu war die Garnison überrumpelt und +entwaffnet. Der Gouverneur wurde in Gewahrsam gebracht, die Thore +geschlossen und überall Schildwachen ausgestellt. Man ließ den Pöbel +ungehindert eine katholische Kapelle niederreißen; sonst aber scheint +kein Unfug verübt worden zu sein. Am folgenden Morgen war die Guildhall +von den vornehmsten Gentlemen der Grafschaft und den höchsten +Magistratsbeamten der Stadt angefüllt. Der Lordmayor wurde zum +Vorsitzenden ernannt. Danby schlug eine Erklärung vor, in der die Gründe +dargelegt werden sollten, welche die Freunde der Verfassung und der +protestantischen Religion bewogen hatten, zu den Waffen zu greifen. +Diese Erklärung wurde mit allgemeinem Beifall angenommen und war binnen +wenigen Stunden von sechs Peers, fünf Baronets, sechs Rittern und vielen +hochangesehenen Gentlemen unterzeichnet.<a class = "tag" name = +"tagIX_125" id = "tagIX_125" href = "#noteIX_125">125</a></p> + +<p>Inzwischen verließ Devonshire an der Spitze einer starken Truppe von +Freunden und Untergebenen den Palast, den er eben in Chatsworth bauen +ließ, und erschien bewaffnet in Derby. Hier übergab er der städtischen +Behörde in aller Form eine Schrift, in der die Beweggründe seines +Unternehmens auseinandergesetzt waren. Dann marschirte er nach +Nottingham, das bald das Hauptquartier des Aufstandes im Norden wurde. +Hier erließ er eine in kühnen und harten Ausdrücken abgefaßte +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_82" id = "pageIX_82"> +IX.82</a></span> +Proklamation. Das Wort Rebellion, hieß es darin, sei ein Popanz, der +keinen verständigen Mann schrecken könne. Sei es Rebellion, die Gesetze +und den Glauben zu vertheidigen, zu deren Aufrechthaltung jeder +englische König sich eidlich verpflichte? Wie dieser Eid neuerdings +gehalten worden sei, darüber werde hoffentlich bald ein freies Parlament +entscheiden. Die Insurgenten erklärten, daß sie es, bis diese +Entscheidung erfolge, nicht für Rebellion, sondern nur für rechtmäßige +Nothwehr hielten, sich einem Tyrannen zu widersetzen, der kein andres +Gesetz kenne, als seinen Willen. Im Norden gewann der Aufstand mit jedem +Tage eine größere Ausdehnung. Vier mächtige und reiche Earls, +Manchester, Stamford, Rutland und Chesterfield, begaben sich nach +Nottingham, wo sich ihnen Lord Cholmondely und Lord Grey de Ruthyn +anschlossen.<a class = "tag" name = "tagIX_126" id = "tagIX_126" href = +"#noteIX_126">126</a></p> + +<p>Währenddem kamen die feindlichen Heere im Süden einander immer näher. +Als der Prinz von Oranien erfuhr, daß der König in Salisbury angekommen +war, hielt er es für an der Zeit, Exeter zu verlassen. Er stellte diese +Stadt und ihre Umgegend unter das Commando Sir Eduard Seymour’s und +brach Mittwoch den 21. November in Begleitung vieler der angesehensten +Gentlemen der westlichen Grafschaften nach Axminster auf, wo er mehrere +Tage blieb.</p> + +<p>Der König wünschte sehnlichst, daß es zu einem Kampfe kommen möchte, +was offenbar in seinem Interesse lag. Jede Stunde entriß ihm etwas von +seiner Stärke und vermehrte die seiner Feinde. Überdies war es sehr +wichtig, daß seine Truppen sich ans Feuer gewöhnten. Eine große +Schlacht, welchen Ausgang sie auch nehmen mochte, konnte die Popularität +des Prinzen nur vermindern. Dies Alles erkannte Wilhelm sehr wohl und er +nahm sich deshalb vor, einen Zusammenstoß so lange als möglich zu +vermeiden. Als Schomberg die Nachricht erhielt, daß der Feind anrücke +und zu einer Schlacht entschlossen sei, soll er mit der Gelassenheit +eines sich seiner Geschicklichkeit bewußten Taktikers gesagt haben: „Das +wird lediglich von uns abhängen.“ Es war indessen nicht möglich, alles +Scharmützeln zwischen den Vorposten der beiden Armeen zu verhindern. +Wilhelm wünschte, daß bei diesen Scharmützeln nichts geschah, was den +Stolz der Nation, die er befreien wollte, verletzen oder ihr Rachegefühl +aufstacheln könnte. Daher stellte er mit bewundernswerther Klugheit +seine britischen Regimenter dahin, wo die Wahrscheinlichkeit eines +Zusammenstoßes am größten war. Die Vorposten der königlichen Armee waren +Irländer, und in Folge dessen hatten die Eingedrungenen bei den kleinen +Gefechten dieses kurzen Feldzugs die aufrichtige Sympathie aller +Engländer für sich.</p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteIX_124" id = "noteIX_124" href = "#tagIX_124">124.</a> +<span class = "antiqua">First Collection of Papers, 1688</span>; <span +class = "antiqua">London Gazette, Nov. 22.</span></p> + +<p><a name = "noteIX_125" id = "noteIX_125" href = "#tagIX_125">125.</a> +<span class = "antiqua">Reresby’s Memoirs</span>; <span class = +"antiqua">Clarke’s Life of James, II. 231. Orig. Mem.</span></p> + +<p><a name = "noteIX_126" id = "noteIX_126" href = "#tagIX_126">126.</a> +<span class = "antiqua">Cibber’s Apology</span>; <span class = +"antiqua">History of the Desertion</span>; <span class = +"antiqua">Luttrell’s Diary</span>; <span class = "antiqua">Second +Collection of Papers, 1688</span>.</p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Gefecht bei Wincanton.</span> +<a name = "secIX_65" id = "secIX_65">Das</a> erste derartige Treffen +fand bei Wincanton statt. Mackay’s Regiment, das aus britischen Soldaten +bestand, lag in der Nähe einer Abtheilung irischer Truppen des Königs, +welche ihr Landsmann, der tapfere Sarsfield, befehligte. Mackay schickte +ein kleines Detachement unter einem Lieutenant Namens Campbell aus, um +Bagagepferde herbeizuschaffen. In Wincanton fand Campbell was er +brauchte, und als er eben die Stadt wieder verließ, um zur Armee +zurückzukehren, rückte eine starke Abtheilung von Sarsfield’s Truppen +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_83" id = "pageIX_83"> +IX.83</a></span> +heran. Die Irländer waren ihren Gegnern um das Vierfache überlegen, +dennoch aber entschloß sich Campbell bis zum Äußersten zu kämpfen. Mit +einem Häuflein tapferer Männer stellte er sich auf der Straße auf, und +seine übrigen Soldaten besetzten die Hecken zu beiden Seiten der Straße. +Der Feind kam heran. „Halt!“ rief Campbell, „für wen seid Ihr.“ — +„Ich bin für König Jakob,“ antwortete der Anführer der feindlichen +Truppe. „Und ich für den Prinzen von Oranien,“ versetzte Campbell. „Wir +wollen Euch beprinzen!“ rief der Irländer mit einem Fluche. „Feuer!“ +commandirte Campbell, und augenblicklich knatterte ein wohlgezieltes +Feuer hinter den Hecken hervor. Die königlichen Truppen erhielten drei +kräftige Salven, ehe sie das Feuer erwiedern konnten. Endlich gelang es +ihnen, eine der Hecken zu nehmen, und sie würden die ihnen +entgegenstehende kleine Schaar überwältigt haben, hätte nicht das +Landvolk, das die Irländer gründlich haßte, falschen Lärm gemacht, daß +noch mehr Truppen des Prinzen anrückten. Sarsfield rief seine Leute ab +und zog sich zurück und Campbell setzte mit den Bagagepferden seinen +Marsch ungehindert fort. Dieses Gefecht, das zwar dem Muthe und der +Disciplin der Armee des Prinzen Ehre machte, wurde durch die Fama zu +einem Siege vergrößert, den britische Protestanten über eine bedeutende +Übermacht von papistischen Barbaren davongetragen, welche aus Connaught +herübergeholt worden seien, um unsre Insel zu unterdrücken.<a class = +"tag" name = "tagIX_127" id = "tagIX_127" href = +"#noteIX_127">127</a></p> + +<p>Wenige Stunden nach diesem Scharmützel ereignete sich ein Vorfall, +der jeder Wahrscheinlichkeit eines ernsten Kampfes zwischen den beiden +Armeen ein Ende machte. Churchill und einige von seinen Hauptcomplicen +befanden sich in Salisbury. Zwei der Verschwornen, Kirke und Trelawney, +hatten sich nach Warminster begeben, wo ihre Regimenter standen. Alles +war reif zur Ausführung des lange erwogenen Verraths.</p> + +<p>Churchill rieth dem Könige, Warminster zu besuchen und die dort +stehenden Truppen zu inspiciren. Jakob willigte ein und sein Wagen hielt +schon am Thore des bischöflichen Palastes, als er mit einem Male +heftiges Nasenbluten bekam. Er mußte die Reise aufschieben und sich +einer ärztlichen Behandlung unterziehen. Drei Tage vergingen, ehe die +Blutung völlig gestillt war und während dieser drei Tage kamen ihm +beunruhigende Gerüchte zu Ohren.</p> + +<p>Eine so weitverzweigte Verschwörung wie die, an deren Spitze +Churchill stand, konnte unmöglich lange streng geheim gehalten werden. +Man hatte zwar keine Beweise, die einer Jury oder einem Kriegsgericht +hätten vorgelegt werden können, aber es circulirten sonderbare Gerüchte +im Lager. Feversham, der das Obercommando führte, meldete, daß ein +schlechter Geist in der Armee herrsche. Man machte den König darauf +aufmerksam, daß gewisse Personen seiner nächsten Umgebung nicht seine +Freunde seien und daß es nur ein Schritt weiser Vorsicht sein würde, +wenn er Churchill und Grafton unter Bedeckung nach Portsmouth sendete. +Jakob verwarf diesen Rath. Neigung zum Argwohn gehörte nicht zu seinen +Fehlern. Im Gegentheil, er setzte ein so großes Vertrauen in +Versicherungen der Treue und Anhänglichkeit, wie man es wohl von einem +gutmüthigen und unerfahrenen jungen Menschen, nicht aber von +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_84" id = "pageIX_84"> +IX.84</a></span> +einem in Jahren vorgerückten Staatsmann hätte erwarten sollen, der die +Welt kennen gelernt, der von schurkischen Ränken und Intriguen viel zu +leiden gehabt hatte und dessen eigner Character keineswegs ein +vortheilhaftes Muster der menschlichen Natur war. Es dürfte schwer sein, +einen zweiten Mann zu finden, der sein Wort so leichtsinnig brach, als +Jakob und der dabei so schwer zu dem Glauben zu bringen war, daß Andere +ihr Wort gegen ihn brechen könnten. Nichtsdestoweniger machten ihn die +ihm zukommenden Berichte über die Stimmung seiner Armee sehr besorgt. Er +sehnte sich jetzt nicht mehr nach einer Schlacht, ja er begann sogar an +den Rückzug zu denken. Samstag Abend, den 24. November berief er einen +Kriegsrath zusammen, dem auch diejenigen Offiziere beiwohnten, gegen die +er ernstlich gewarnt worden war. Feversham sprach sich dahin aus, daß +der Rückzug wünschenswerth sei. Churchill stimmte für das Gegentheil. +Die Berathung dauerte bis Mitternacht. Endlich erklärte der König, daß +er sich zu dem Rückzuge entschieden habe.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteIX_127" id = "noteIX_127" href = "#tagIX_127">127.</a> +<span class = "antiqua">Whittle’s Diary</span>; <span class = +"antiqua">History of the Desertion</span>; <span class = +"antiqua">Luttrell’s Diary.</span></p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Churchill’s und Grafton’s Abfall.</span> +<a name = "secIX_66" id = "secIX_66">Churchill</a> bemerkte oder glaubte +zu bemerken, daß man ihm nicht traute und vermochte trotz seiner nicht +gewöhnlichen Selbstbeherrschung seine Angst nicht zu verbergen. Er +entfloh daher noch vor Tagesanbruch mit Grafton ins Lager des Prinzen.<a +class = "tag" name = "tagIX_128" id = "tagIX_128" href = +"#noteIX_128">128</a></p> + +<p>Er ließ eine schriftliche Erklärung zurück, welche in dem anständigen +Tone gehalten war, den er bei aller Strafbarkeit und Ehrlosigkeit doch +stets beobachtete. Er erkannte an, daß er der Gunst des Königs Alles +verdanke. Interesse und Dankbarkeit, sagte er, zogen ihn nach der +nämlichen Seite hin. Unter keiner andren Regierung könne er hoffen so +einflußreich und mächtig zu werden, als er es gewesen sei; aber alle +solche Rücksichten müßten einer höheren Pflicht weichen. Er sei +Protestant und sein Gewissen gestatte ihm nicht, gegen den +Protestantismus das Schwert zu ziehen. Übrigens aber werde er stets +bereit sein, zur Vertheidigung der geheiligten Person und der +gesetzlichen Rechte seines gnädigen Gebieters Gut und Leben +aufzuopfern.<a class = "tag" name = "tagIX_129" id = "tagIX_129" href = +"#noteIX_129">129</a></p> + +<p>Am nächsten Morgen war im königlichen Lager Alles in der größten +Bestürzung. Die Freunde des Königs waren wie vernichtet und seine Feinde +konnten ihre Freude nicht unterdrücken. Jakob’s Bestürzung wurde noch +durch Nachrichten vermehrt, welche denselben Tag von Warminster +einliefen. Kirke, welcher dort commandirte, hatte Befehlen, die er von +Salisbury erhalten, den Gehorsam verweigert. Es konnte keinem Zweifel +mehr unterliegen, daß auch er mit dem Prinzen von Oranien im Bunde +stand. Es hieß, er sei schon mit allen seinen Truppen zum Feinde +übergegangen, und obgleich dieses Gerücht falsch war, fand es doch +einige Stunden lang vollen Glauben.<a class = "tag" name = "tagIX_130" +id = "tagIX_130" href = "#noteIX_130">130</a> Jetzt ging dem +unglücklichen Könige wieder ein neues Licht auf. Er glaubte zu errathen, +warum man ihn vor einigen Tagen gedrängt hatte, Warminster zu besuchen. +Er würde dort hülflos in der Gewalt der Verschwörer und in der Nähe der +feindlichen +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_85" id = "pageIX_85"> +IX.85</a></span> +Vorposten gewesen, Die, welche es versucht hätten ihn zu vertheidigen, +würden leicht überwältigt und er als Gefangener in das Hauptquartier der +feindlichen Armee gebracht worden sein. Vielleicht wäre ein noch +schwärzerer Verrath verübt worden, denn Menschen, die einmal ein +strafbares und gefährliches Unternehmen begonnen haben, sind nicht mehr +Herren ihrer selbst und werden oft durch ein Verhängniß, das einen Theil +ihrer verdienten Strafe bildet, zu Verbrechen getrieben, an die sie +vorher nur mit Schaudern hätten denken können. Gewiß war es das Werk +irgend eines Schutzheiligen, daß ein der katholischen Kirche ergebener +König in dem Augenblicke, wo er blindlings der Gefangenschaft, ja +vielleicht dem Tode entgegenzueilen im Begriffe war, plötzlich durch +eine Unpäßlichkeit aufgehalten wurde, die er damals als ein Unglück +betrachtete.</p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteIX_128" id = "noteIX_128" href = "#tagIX_128">128.</a> +<span class = "antiqua">Clarke’s Life of James, II. 222. Orig. +Mem.</span>: Barillon, 21. Nov. (1. Dec.) 1688; <span class = +"antiqua">Sheridan MS.</span></p> + +<p><a name = "noteIX_129" id = "noteIX_129" href = "#tagIX_129">129.</a> +<span class = "antiqua">First Collection of Papers</span>, 1688.</p> + +<p><a name = "noteIX_130" id = "noteIX_130" href = "#tagIX_130">130.</a> +Brief von Middleton an Preston aus Salisbury vom 25. Nov. „Schurkerei +über Schurkerei,“ sagt Middleton, „die letzte immer größer als die +vorhergehende.“ <span class = "antiqua">Clarke’s Life of James, II. 224. +225, Orig. Mem.</span></p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Rückzug der königlichen Armee von Salisbury.</span> +<a name = "secIX_67" id = "secIX_67">Dies</a> Alles bestärkte Jakob in +dem am vorhergehenden Abend gefaßten Entschlusse. Es wurde Befehl zum +unverweilten Rückzuge gegeben. Ganz Salisbury war in Aufruhr. Das Lager +wurde mit der Verwirrung einer Flucht abgebrochen. Kein Mensch wußte +mehr, wem er trauen und wem er gehorchen sollte. Die materielle Stärke +der Armee hatte sich nur unbedeutend vermindert, aber ihre moralische +Kraft war vernichtet. Viele, die sich geschämt haben würden, mit dem +Übertritt zu dem Prinzen voranzugehen, folgten nun bereitwillig einem +Beispiele, das sie nie gegeben haben würden, und viele Andere, die zu +ihrem Könige gehalten haben würden, so lange er muthig gegen den Feind +vorzurücken schien, hatten keine Lust, bei einer zurückweichenden Fahne +zu bleiben.<a class = "tag" name = "tagIX_131" id = "tagIX_131" href = +"#noteIX_131">131</a></p> + +<p>Jakob ging an diesem Tage bis Andover. Sein Schwiegersohn, Prinz +Georg, und der Herzog von Ormond begleiteten ihn. Beide gehörten zu den +Verschwornen und würden wahrscheinlich mit Churchill geflohen sein, +hätte dieser es in Folge der Vorgänge im Kriegsrathe nicht für rathsam +gehalten, seine Abreise zu beschleunigen. Dem Prinzen Georg kam seine +Geistesbeschränktheit in diesem Falle besser zu statten, als es Klugheit +gethan haben würde. Wenn ihm eine Nachricht gemeldet wurde, pflegte er +auf Französisch auszurufen: <span class = "antiqua">„Est-il +possible?“</span> (ist es möglich?) Diese Phrase war ihm jetzt sehr +nützlich. <span class = "antiqua">„Est-il possible?“</span> rief er, als +man ihn benachrichtigte, daß Churchill und Grafton vermißt wurden. Und +als die schlimme Botschaft von Warminster kam, rief er abermals: <span +class = "antiqua">„Est-il possible?“</span></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteIX_131" id = "noteIX_131" href = "#tagIX_131">131.</a> +<span class = "antiqua">History of the Desertion</span>; <span class = +"antiqua">Luttrell’s Diary.</span></p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Abfall des Prinzen Georg und Ormond’s.</span> +<a name = "secIX_68" id = "secIX_68">Prinz</a> Georg und Ormond wurden +in Andover eingeladen, mit dem Könige zu Abend zu speisen. Dies muß eine +traurige Mahlzeit gewesen sein. Der König war von seinem Unglück zu +Boden gedrückt, und sein Schwiegersohn war der langweiligste +Gesellschafter, den es geben konnte. Karl II. sagte einmal: „Ich +habe den Prinzen Georg nüchtern gesehen und habe ihn betrunken gesehen, +aber mag er nüchtern oder betrunken sein, es ist nichts an ihm.“<a class += "tag" name = "tagIX_132" id = "tagIX_132" href = "#noteIX_132">132</a> +Ormond, der während seines ganzen Lebens schweigsam und zurückhaltend +gewesen, war in einem solchen Augenblicke gewiß auch nicht heiter. +Sogleich nach beendeter Mahlzeit ging der König zur Ruhe. Für den +Prinzen und Ormond standen schon Pferde bereit; sobald sie sich +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_86" id = "pageIX_86"> +IX.86</a></span> +von der Tafel erhoben hatten, saßen sie auf und sprengten davon. In +ihrer Begleitung befand sich der Earl von Drumlanrig, der älteste Sohn +des Herzogs von Queensberry. Der Abfall dieses jungen Kavaliers war kein +unwichtiges Ereigniß, denn Queensberry war das Oberhaupt der +protestantischen Episcopalen Schottlands, einer Klasse, im Vergleich zu +welcher die entschiedensten englischen Tories whiggistisch genannt +werden konnten, und Drumlanrig selbst war Oberstlieutenant von Dundee’s +Regiment, eines Corps, das die Whigs noch mehr haßten, als Kirke’s +Lämmer. Dieses neue Unglück wurde dem Könige am nächsten Morgen +gemeldet. Er war von der Nachricht weniger ergriffen, als man hatte +erwarten sollen. Der Schlag, der ihn vierundzwanzig Stunden früher +getroffen, hatte ihn auf fast jedes nur mögliche Unglück vorbereitet, +und er konnte dem Prinzen Georg, der kaum zurechnungsfähig war, +unmöglich ernstlich zürnen, daß er den Kunstgriffen eines Verführers wie +Churchill erlegen war. „Wie?“ rief Jakob, „ist <span class = +"antiqua">Est-il possible</span> auch fort? Nun, im Grunde würde ein +guter Dragoner ein größerer Verlust gewesen sein.“<a class = "tag" name += "tagIX_133" id = "tagIX_133" href = "#noteIX_133">133</a> Der Zorn des +Königs schien sich in der That, und nicht ohne Grund, damals auf eine +einzige Person zu concentriren. Von glühendem Rachedurst gegen Churchill +erfüllt, reiste er weiter nach London und erfuhr bei seiner Ankunft +daselbst ein neues Verbrechen des Erzverräthers. Seit einigen Stunden +wurde die Prinzessin Anna vermißt.</p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteIX_132" id = "noteIX_132" href = "#tagIX_132">132.</a> +Dartmouth’s Note zu Burnet, I. 643.</p> + +<p><a name = "noteIX_133" id = "noteIX_133" href = "#tagIX_133">133.</a> +<span class = "antiqua">Clarendon’s Diary, Nov. 26</span>; <span class = +"antiqua">Clarke’s Life of James, II. 224</span>; Prinz Georg’s Brief an +den König ist oft gedruckt worden.</p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Flucht der Prinzessin Anna.</span> +<a name = "secIX_69" id = "secIX_69">Anna,</a> welche keinen andren +Willen als den der Churchill hatte, war vor acht Tagen durch sie bewogen +worden, eigenhändig dem Prinzen Wilhelm zu versichern, daß sie sein +Unternehmen billige. Sie schrieb ihm, daß sie ganz in den Händen ihrer +Freunde sei und ganz nach deren Bestimmung entweder im Palaste bleiben +oder in der Stadt einen Zufluchtsort suchen werde.<a class = "tag" name += "tagIX_134" id = "tagIX_134" href = "#noteIX_134">134</a> Am Sonntag, +den 25. November mußte sie und Diejenigen, welche für sie dachten und +handelten, plötzlich einen Entschluß fassen. An diesem Nachmittag +brachte ein Courier von Salisbury die Nachricht, daß Churchill +verschwunden sei, daß Grafton ihn begleitet habe, daß auch Kirke untreu +geworden und die ganze königliche Armee im vollen Rückzüge begriffen +sei. Wie gewöhnlich, wenn wichtige Nachrichten, gleichviel ob gute oder +schlimme, in der Stadt anlangten, so versammelte sich auch an diesem +Abende eine große Menschenmenge in den Gallerien von Whitehall. +Neugierde und ängstliche Spannung sprach aus allen Gesichtern. Die +Königin ergoß sich in wohl zu entschuldigende Äußerungen des Unwillens +über den Hauptverräther und schonte dabei auch seine allzu parteiische +Gebieterin nicht ganz. An den Zugängen des Palastflügels, den Anna +bewohnte, wurden die Schildwachen verstärkt. Die Prinzessin war in der +größten Angst. In wenigen Stunden mußte ihr Vater in Westminster +eintreffen. Daß er sie persönlich mit Strenge behandeln würde, war nicht +anzunehmen, aber sie durfte nicht hoffen, daß er ihr fernerhin den +Umgang mit ihrer Freundin gestatten werde. Es war kaum daran zu +zweifeln, daß Sara festgenommen und einem strengen Verhör durch gewandte +und rücksichtslose Inquisitoren unterworfen werden würde. Jedenfalls +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_87" id = "pageIX_87"> +IX.87</a></span> +wurden ihre Papiere mit Beschlag belegt, und vielleicht fand man +darunter Beweise, die ihr Leben in Gefahr brachten. In diesem Falle war +das Schlimmste zu fürchten. Die Rache des unerbittlichen Königs kannte +keinen Unterschied des Geschlechts; um viel geringfügigerer Vergehen +willen als diejenigen, deren Lady Churchill möglicherweise überführt +werden konnte, hatte er Frauen aufs Schaffott und auf den Scheiterhaufen +geschickt. Ihre starke Zuneigung zu Lady Churchill verlieh dem Geiste +der Prinzessin eine ungewöhnliche Energie. Es gab kein Band, das sie um +des Gegenstandes ihrer abgöttischen Liebe willen nicht zerrissen, keine +Gefahr, der sie sich für sie nicht ausgesetzt haben würde. „Eher springe +ich aus dem Fenster,“ rief sie aus, „als daß ich mich von meinem Vater +hier finden lasse!“ Die Freundin übernahm es, ihre Flucht zu +bewerkstelligen. Sie berieth sich in aller Eil mit einigen Oberhäuptern +der Verschwörung und binnen wenigen Stunden waren alle Anstalten zur +Flucht getroffen. Am Abend zog sich Anna wie gewöhnlich in ihre Gemächer +zurück. Sobald es völlig dunkel geworden war, stand sie auf und schlich +leise, von ihrer Freundin Sara und einigen Kammerfrauen begleitet, im +Morgenrock und Hausschuhen die Hintertreppe hinunter. Die Flüchtlinge +gelangten unangefochten auf die Straße, wo ein Miethwagen sie erwartete. +Zwei Männer bewachten die bescheidene Equipage: Compton, Bischof von +London, der alte Lehrer der Prinzessin, und der prachtliebende, +talentvolle Dorset, den die Größe der öffentlichen Gefahr aus seiner +üppigen Ruhe aufgerüttelt hatte. Der Wagen fuhr sogleich nach Aldersgate +Street, wo damals der städtische Palast der Bischöfe von London im +Schatten ihrer Kathedrale stand. Hier brachte die Prinzessin die Nacht +zu. Am folgenden Morgen reiste sie nach dem Eppingwalde ab, wo Dorset +ein altes Schloß besaß, das schon vor langer Zeit zerstört worden ist. +In dieser gastlichen Wohnung, viele Jahre lang der Lieblingsaufenthalt +von Schöngeistern und Dichtern, hielten die Flüchtlinge eine kurze Rast. +Sie konnten es nicht ohne Gefahr versuchen, Wilhelm’s Hauptquartier zu +erreichen, denn der Weg dahin führte durch eine von königlichen Truppen +besetzte Gegend. Es wurde daher beschlossen, daß Anna sich zu den +Insurgenten im Norden begeben sollte. Compton legte für diese Zeit +seinen geistlichen Character völlig ab. Gefahr und Kampf hatten in +seiner Brust wieder das ganze kriegerische Feuer entzündet, das ihn +achtundzwanzig Jahre früher beseelte, als er unter der Leibgarde diente. +In einem Büffelwams und Reiterstiefeln, das Schwert an der Seite und +Pistolen in den <ins class = "correction" title = "Original hat »Holftern«">Holstern</ins>, ritt er vor dem Wagen der Prinzessin her. +Lange vor ihrer Ankunft in Nottingham war sie bereits von einer +Leibwache von Gentlemen umgeben, die sie aus eignem Antriebe +begleiteten. Sie ersuchten den Bischof, sich als Oberst an ihre Spitze +zu stellen, und er erfüllte ihren Wunsch mit einer Bereitwilligkeit, +welche bei den strengen Kirchenmännern großes Ärgerniß erregte und +seinem Rufe selbst in den Augen der Whigs keinen Vortheil brachte.<a +class = "tag" name = "tagIX_135" id = "tagIX_135" href = +"#noteIX_135">135</a></p> + +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_88" id = "pageIX_88"> +IX.88</a></span> +<p>Als am Morgen des Sechsundzwanzigsten Anna’s Gemächer leer gefunden +wurden, war die Bestürzung in Whitehall groß. Während ihre Kammerfrauen +jammernd und händeringend durch die Höfe des Palastes liefen, während +Lord Carven, der die Leibgarde zu Fuß commandirte, die Wachen in der +Gallerie ausfragte, während der Kanzler die Papiere der Churchill +versiegelte, stürzte die Amme der Prinzessin in die königlichen Gemächer +und rief aus, ihre geliebte Herrin sei von den Papisten ermordet worden. +Die Nachricht gelangte nach Westminsterhall. Hier erzählte man sich, +Ihre Hoheit sei gewaltsam in ein Gefängniß gebracht worden. Als es nicht +mehr geleugnet werden konnte, daß sie freiwillig entflohen war, wurden +eine Menge Geschichten zur Motivirung ihrer Flucht erdichtet. Sie sei +gröblich beleidigt und bedroht, ja sogar von ihrer gefühllosen +Stiefmutter geschlagen worden, obgleich sie sich in Umständen befand, in +denen eine Frau Anspruch auf eine besonders zarte Behandlung hat. Das +durch eine mehrjährige schlechte Regierung argwöhnisch und reizbar +gemachte Volk wurde durch diese Verleumdungen so aufgebracht, daß die +Königin ihres Lebens kaum sicher war. Viele Katholiken und mehrere +protestantische Tories von erprobter Loyalität eilten in den Palast, um +sie im Fall eines Ausbruchs vertheidigen zu können. Inmitten dieses +Schreckens und Entsetzens kam die Nachricht von der Flucht des Prinzen +Georg. Dem Courier, welcher diese schlimme Botschaft überbrachte, folgte +der König selbst auf dem Fuße. Es war bereits völlig dunkel, als der +König ankam und von dem Verschwinden seiner Tochter unterrichtet wurde. +Nach Allem, was er schon gelitten hatte, preßte dieser neue Schlag ihm +einen Jammerschrei aus. „Gott stehe mir bei!“ rief er aus; „meine +eigenen Kinder haben mich verlassen!“<a class = "tag" name = "tagIX_136" +id = "tagIX_136" href = "#noteIX_136">136</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteIX_134" id = "noteIX_134" href = "#tagIX_134">134.</a> +Der vom 18. Nov. datirte Brief ist in Dalrymple zu finden.</p> + +<p><a name = "noteIX_135" id = "noteIX_135" href = "#tagIX_135">135.</a> +<span class = "antiqua">Clarendon’s Diary, Nov. 25, 26. 1688</span>; +Citters, 26. Nov. (6. Dec.); <span class = "antiqua">Ellis +Correspondence, Dec. 19.</span>; <span class = "antiqua">Duchess of +Marlborough’s Vindication</span>; <span class = "antiqua">Burnet, I. +792</span>; Compton, an den Prinzen von Oranien, 2. Dec. 1688 in +Dalrymple. Das militairische Kostüm des Bischofs wird in unzähligen +Flugschriften und Spottgedichten erwähnt.</p> + +<p><a name = "noteIX_136" id = "noteIX_136" href = "#tagIX_136">136.</a> +Dartmouth’s Note zu Burnet I. 792: Citters, 26. Nov. (6. Dec.) 1688; +<span class = "antiqua">Clarke’s Life of James, II. 226. Orig. +Mem.</span>; <span class = "antiqua">Clarendon’s Diary, Nov. 26.</span>; +<span class = "antiqua">Revolution Politics.</span></p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Jakob hält eine Berathung mit den Lords.</span> +<a name = "secIX_70" id = "secIX_70">Noch</a> denselben Abend hielt er +mit seinen ersten Ministern eine bis spät in die Nacht dauernde +Berathung. Es wurde beschlossen, daß er alle zur Zeit in London +anwesenden geistlichen und weltlichen Lords am folgenden Tage zu sich +entbieten und sie feierlich um Rath fragen sollte. Demgemäß versammelten +sich die Lords am Dienstag Nachmittag, den 27. November, im <ins class = +"correction" title = "Original hat »Speisesale«">Speisesaale</ins> des +Palastes. Die Versammlung bestand aus neun Prälaten und zwischen dreißig +und vierzig weltlichen Edelleuten, sämmtlich Protestanten. Auch die +beiden Staatssekretäre, Middleton und Preston, waren anwesend, obgleich +sie nicht Peers des Reichs waren. Der König selbst präsidirte. Die +Spuren schwerer körperlicher und geistiger Leiden waren in seinen +Gesichtszügen und in seiner Haltung deutlich zu erkennen. Er eröffnete +die Verhandlung mit der Erwähnung der Petition, die ihm kurz vor seiner +Abreise nach Salisbury überreicht worden war. Der Inhalt dieser Petition +war die Bitte um Einberufung eines freien Parlaments. In seiner +damaligen Lage, sagte er, habe er es nicht für zweckmäßig gehalten, der +Bitte zu willfahren. Während seiner Abwesenheit von London aber seien +wichtige Veränderungen eingetreten; auch habe er bemerkt, das sein Volk +überall den Zusammentritt der Kammern sehnlichst +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_89" id = "pageIX_89"> +IX.89</a></span> +wünsche. Daher habe er seine getreuen Peers zu sich entboten, um ihren +Rath zu hören.</p> + +<p>Es trat eine Pause ein. Dann sagte Oxford, dem sein in Alter und +Glanz unerreichter Stammbaum ein gewisses Übergewicht in der Versammlung +gab, seiner Ansicht nach müßten die Lords, welche die von Seiner +Majestät erwähnte Petition unterzeichnet hätten, ihre Meinungen jetzt +aussprechen.</p> + +<p>Diese Worte bestimmten Rochester zu reden. Er vertheidigte die +Petition und erklärte, daß er noch immer nirgends eine Hoffnung für den +Thron und das Land sehe, als in einem Parlament. Er wage es nicht zu +behaupten, daß in einer so unheilvollen Bedrängniß selbst dieses Mittel +wirksamen Erfolg haben werde; aber er wisse kein andres vorzuschlagen. +Er setzte hinzu, daß es rathsam sein dürfte, Unterhandlungen mit dem +Prinzen von Oranien zu eröffnen. Nach ihm sprachen Jeffreys und +Godolphin, und Beide erklärten sich mit ihm einverstanden.</p> + +<p>Jetzt stand Clarendon auf und ergoß sich zum Erstaunen Aller, die +sich seiner lauten Loyalitätsversicherungen und der heftigen Äußerungen +von Scham und Schmerz erinnerten, die ihm noch vor wenigen Tagen die +Nachricht von dem Abfalle seines Sohnes entrissen hatte, in eine +Schmährede gegen Tyrannei und Papismus. „Noch in diesem Augenblicke,“ +sagte er, „errichtet Seine Majestät in London ein Regiment, in welches +keine Protestanten aufgenommen werden.“ — „Das ist nicht wahr!“ +rief Jakob mit Heftigkeit aus. Clarendon bestand auf seiner Behauptung +und verließ dieses beleidigende Thema nur um auf ein noch +beleidigenderes überzugehen. Er beschuldigte den unglücklichen König des +Kleinmuths. Warum sei er nicht in Salisbury geblieben? warum habe er +nicht das Glück einer Schlacht versucht? Könne man es dem Volke +verargen, daß es sich dem Angreifer unterwarf, wenn es seinen König an +der Spitze seiner Armee davonlaufen sehe? Jakob fühlte diese Vorwürfe +tief und vergaß sie nicht so bald. In der That, selbst Whigs hielten +Clarendon’s Sprache für unpassend und unedel. Halifax sprach in einem +ganz andren Tone. Seit mehreren Jahren der Gefahr hatte er mit +bewundernswürdigem Talent die bürgerliche und kirchliche Verfassung +seines Vaterlandes gegen die Prärogative vertheidigt. Aber sein klarer, +für Begeisterung durchaus unempfänglicher und Extremen entschieden +abgeneigter Verstand begann sich gerade in dem Augenblicke, wo die +großsprecherischen Royalisten, welche noch vor Kurzem die Trimmers als +wenig besser denn Rebellen verwünscht hatten, sich überall zum Aufstande +erhoben, zur Sache des Königthums hinzuneigen. Er setzte seine Ehre +darein, in diesem kritischen Augenblicke der Friedensstifter zwischen +dem Throne und der Nation zu werden. Seine Talente und sein Character +befähigten ihn zu diesem Amte und wenn sein Versuch scheiterte, so ist +dies Ursachen zuzuschreiben, gegen die keine menschliche +Geschicklichkeit etwas auszurichten vermochte, ganz besonders der +Thorheit, Wortbrüchigkeit und Hartnäckigkeit des Fürsten, den er zu +retten versuchte.</p> + +<p>Halifax sprach manche bittere Wahrheit aus, aber mit einer so zarten +Rücksicht, daß er sich den Vorwurf der Schmeichelei von Leuten zuzog, +welche viel zu niedrigdenkend waren, als daß sie hätten begreifen +können, daß Worte, die mit Recht Schmeichelei genannt werden mögen, wenn +man sie an einen Mächtigen richtet, einer gefallenen Größe gegenüber ein +Tribut der Humanität sind. Er erklärte es unter vielen Versicherungen +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_90" id = "pageIX_90"> +IX.90</a></span> +von Theilnahme und Ehrerbietung als seine Ansicht, daß der König sich zu +großen Opfern entschließen müsse. Es sei nicht genug, daß er ein +Parlament einberufe und mit dem Prinzen von Oranien in Unterhandlung +trete. Wenigstens einige von den Beschwerden, über welche die Nation +klage, müßten augenblicklich abgestellt werden, ohne darauf zu warten, +bis die Häuser oder der Anführer des feindlichen Heeres die Abstellung +verlangten. Nottingham erklärte sich in eben so ehrerbietiger Sprache +mit Halifax vollkommen einverstanden. Es waren drei Hauptzugeständnisse, +zu denen die Lords den König zu bewegen suchten. Er sollte, sagten sie, +alle Katholiken sofort aus dem Staatsdienste entlassen, sich ganz von +Frankreich lossagen und Denen, welche bewaffnet gegen ihn aufgestanden, +unbedingte Amnestie zusichern. Man sollte denken, daß der letzte von +diesen drei Vorschlägen keinen Einwand zugelassen hätte. Denn hatten +auch Einige von Denen, die sich gegen den König zusammengeschaart, so +gegen ihn gehandelt, daß er sich dadurch bitter gekränkt fühlen mußte, +so war es doch viel wahrscheinlicher, daß er bald von ihrer Gnade +abhängen würde, als sie je von der seinigen. Es wäre geradezu kindisch +gewesen, mit Wilhelm Unterhandlungen zu eröffnen und zu gleicher Zeit +Männern, welche Wilhelm nicht im Stiche lassen konnte, ohne eine +Schändlichkeit gegen sie zu begehen, mit Rache zu drohen. Aber der +umwölkte Verstand und der unversöhnliche Character Jakob’s sträubten +sich lange gegen die Gründe der Männer, die ihn zu überzeugen suchten, +daß er wohl daran thun werde, Kränkungen zu verzeihen, die er nicht +bestrafen konnte. „Ich kann es nicht thun,“ rief er aus; „ich muß ein +Exempel statuiren, vor Allem an Churchill, den ich so hoch erhoben habe. +Er, und nur er allein hat dies Alles gethan. Er hat meine Armee +verführt, er hat meine Tochter verführt und er würde mich ohne den +besonderen Schutz Gottes dem Prinzen von Oranien überliefert haben. Sie +sind auffallend besorgt um die Sicherheit von Verräthern, Mylords; +keiner von Ihnen aber kümmert sich um meine Sicherheit.“ Als Antwort auf +diesen Ausbruch ohnmächtigen Zornes stellten Diejenigen, welche zur +Amnestie gerathen hatten, mit tiefster Ehrerbietung, aber mit +Entschiedenheit vor, daß ein von mächtigen Feinden angegriffener Fürst +nur durch einen Sieg oder durch Nachgiebigkeit gerettet werden konnte. +„Wenn Eure Majestät nach Allem was geschehen ist noch von den Waffen +Rettung erwartet, so sind wir fertig, wo nicht, können Sie nur dadurch +gerettet werden, daß Sie die Zuneigung Ihres Volks wieder zu gewinnen +suchen.“ Nach einer langen und lebhaften Debatte hob der König die +Versammlung auf, indem er sagte: „Mylords, Sie haben Sich viel Freiheit +herausgenommen, aber ich zürne Ihnen deshalb nicht. In einem Punkte bin +ich zu einem Entschlusse gekommen. Ich werde ein Parlament einberufen. +Die anderen Rathschläge, die Sie mir gegeben haben, sind von ernster +Bedeutung, und Sie werden Sich nicht wundern, wenn ich mir eine Nacht +zur Überlegung vorbehalte, ehe ich mich entscheide<ins class = +"correction" title = "“ fehlt">.“</ins><a class = "tag" name = +"tagIX_137" id = "tagIX_137" href = "#noteIX_137">137</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteIX_137" id = "noteIX_137" href = "#tagIX_137">137.</a> +<span class = "antiqua">Clarke’s Life of James, II. 236: Orig. +Mem.</span>; <span class = "antiqua">Burnet I. 794</span>; <span class = +"antiqua">Luttrell’s Diary</span>; <span class = "antiqua">Clarendon’s +Diary, Nov. 27. 1688.</span> Citters, 27. Nov. (7. Dec.) und 30. Nov. +(10. Dec.). Citters schöpfte seine Angaben offenbar aus Mittheilungen +von einem der anwesenden Lords. Da der Gegenstand wichtig ist, will ich +einige kurze Stellen aus seinen Depeschen hier anführen. Der König +sagte, <span class = "antiqua">„Dat het by na voor heem unmogelyck was +te pardoneren persoonen wie so hoog in syn reguarde schuldig stonden, +vooral seer uytvarende tegens den Lord Churchill wien hy hadde groot +gemaakt, en nogtans meynde de eenigste oorsake van alle dese desertie en +van de retraite van hare Coninglycke Hoogheden te wesen.“</span> Einer +von den Lords, wahrscheinlich Halifax oder Nottingham, <span class = +"antiqua">„seer hadde geurgeert op de securiteyt van de lords die nu met +syn Hoogheyt geengageert staan. Soo hoor ick,“</span> sagt Citters, +<span class = "antiqua">„dat syn Majesteyt onder anderen soude gesegt +hebben: „„Men spreekt al voor de securiteyt voor andere, en niet voor de +myne.““ — Waar op een der Pairs resolut dan met groot respect +soude geantwoordt hebben dat, so de difficulteyt dan nog te surmonteren +was, dat het den moeste geschieden door de meeste condescendance, en hoe +meer die was, en hy genegen om aan de natic contentement te geven, dat +syne securyteyt ook des te grooter soude wesen.“</span></p> + + +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_91" id = "pageIX_91"> +IX.91</a></span> +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Er ernennt Commissare zur Unterhandlung mit Wilhelm.</span> +<a name = "secIX_71" id = "secIX_71">Anfangs</a> schien Jakob die +ausbedungene Bedenkzeit vortrefflich anwenden zu wollen: der Kanzler +erhielt die Weisung, Ausschreiben zur Einberufung eines Parlaments auf +den 13. Januar zu erlassen. Halifax wurde ins königliche Kabinet +beschieden, hatte eine lange Audienz und sprach mit mehr Freimuth, als +er in Anwesenheit einer zahlreichen Versammlung zu zeigen für schicklich +gehalten hatte. Es wurde ihm angekündigt, daß er zu einem der Commissare +ernannt sei, welche mit dem Prinzen von Oranien unterhandeln sollten. +Nottingham und Godolphin waren ihm beigegeben. Der König erklärte, daß +er im Interesse des Friedens große Opfer zu bringen bereit sei. Halifax +antwortete ihm darauf, daß es auch ohne Zweifel großer Opfer bedürfen +werde. „Eure Majestät,“ sagte er, „darf nicht erwarten, daß Diejenigen, +welche die Macht in Händen haben, auf Bedingungen eingehen werden, +welche die Gesetze in die Gewalt der Prärogative geben.“ Mit dieser +deutlichen Erklärung seiner Ansichten nahm er den Auftrag an, den der +König ihm ertheilen wollte.<a class = "tag" name = "tagIX_138" id = +"tagIX_138" href = "#noteIX_138">138</a> Jetzt wurden die vor wenigen +Stunden noch hartnäckig verweigerten Zugeständnisse auf das +Bereitwilligste gewährt. Es wurde eine Proklamation erlassen, durch +welche der König nicht nur Allen, die sich gegen ihn empört hatten, +unbedingte Verzeihung zusicherte, sondern sie sogar als wählbar für das +bevorstehende Parlament erklärte. Nicht einmal die Niederlegung der +Waffen wurde als Bedingung der Wählbarkeit gestellt. Dieselbe Nummer der +Gazette, welche den bevorstehenden Zusammentritt der Häuser anzeigte, +enthielt auch die Ankündigung, daß Sir Eduard Hales, der als Papist, als +Renegat, als Hauptvorkämpfer für die Dispensationsgewalt und als der +strenge Kerkermeister der Bischöfe einer der unpopulärsten Männer des +ganzen Reichs war, nicht mehr Gouverneur des Tower sei und seinen +kürzlichen Gefangenen Bevil Skelton, der zwar in der Achtung seiner +Landsleute eben nicht hoch stand, aber wenigstens nicht gesetzlich vom +Staatsdienste ausgeschlossen war, zum Nachfolger erhalten habe.<a class += "tag" name = "tagIX_139" id = "tagIX_139" href = +"#noteIX_139">139</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteIX_138" id = "noteIX_138" href = "#tagIX_138">138.</a> +Brief des Bischofs von St. Asaph an den Prinzen von Oranien vom 17. Dec. +1688.</p> + +<p><a name = "noteIX_139" id = "noteIX_139" href = "#tagIX_139">139.</a> +<span class = "antiqua">London Gazette, Nov. 29., Dec. 3. 1688</span>; +<span class = "antiqua">Clarendon’s Diary, Nov. 29, 30</span></p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die Unterhandlung eine Finte.</span> +<a name = "secIX_72" id = "secIX_72">Diese</a> Zugeständnisse hatten +jedoch nur den Zweck, die Lords und die Nation über die wahren Absichten +des Königs zu täuschen. Im Stillen hatte er sich vorgenommen, selbst in +dieser äußersten Bedrängniß nicht nachzugeben. An dem nämlichen Tage, an +welchem er das Amnestiedecret erließ, sprach er seine wirklichen +Gesinnungen offen gegen Barillon aus. „Diese Unterhandlung,“ sagte +Jakob, „ist eine bloße Finte. Ich muß Commissare an meinen Neffen +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_92" id = "pageIX_92"> +IX.92</a></span> +senden, damit ich Zeit gewinne, um meine Frau und den Prinzen von Wales +fortschaffen zu können. Sie kennen die Stimmung meiner Truppen. Nur die +Irländer werden mir treu bleiben, und sie sind nicht stark genug, um dem +Feinde Widerstand zu leisten. Ein Parlament würde mir Bedingungen +vorschreiben, die ich nicht ertragen könnte. Ich würde Alles was ich für +die Katholiken gethan habe, wieder zurücknehmen, und mit dem Könige von +Frankreich brechen müssen. Sobald daher die Königin und mein Kind in +Sicherheit sind, werde ich England verlassen und mich nach Irland, +Schottland oder zu Ihrem Gebieter flüchten“.<a class = "tag" name = +"tagIX_140" id = "tagIX_140" href = "#noteIX_140">140</a></p> + +<p>Jakob hatte bereits die nöthigen Anstalten zur Ausführung dieses +Planes getroffen. Dover war mit Instructionen, für den Prinzen von Wales +zu sorgen, nach Portsmouth geschickt worden, und Dartmouth, welcher die +dort liegende Flotte befehligte, hatte Ordre erhalten, allen Anordnungen +Dover’s in Betreff des Kronprinzen Folge zu leisten und eine mit +zuverlässigen Matrosen bemannte Yacht bereit zu halten, damit sie jeden +Augenblick nach Frankreich unter Segel gehen könnte.<a class = "tag" +name = "tagIX_141" id = "tagIX_141" href = "#noteIX_141">141</a> Jetzt +sandte der König den bestimmten Befehl ab, daß der Prinz augenblicklich +nach dem nächsten Hafen des Continentes gebracht werden solle.<a class = +"tag" name = "tagIX_142" id = "tagIX_142" href = "#noteIX_142">142</a> +Nächst dem Prinzen von Wales war der Hauptgegenstand seiner Sorge das +große Staatssiegel. Diesem Symbole der königlichen Autorität haben +unsere Juristen jederzeit eine besondere, fast geheimnißvolle +Wichtigkeit beigelegt Man ist der Ansicht, daß, wenn der Siegelbewahrer +es auch ohne königliche Genehmigung einem Peerspatent oder einer +Begnadigung aufdrückt, er sich zwar eines schweren Vergehens schuldig +macht, die Gültigkeit des Instruments aber von keinem Gerichtshofe +angefochten und nur durch eine Parlamentsacte annullirt werden kann. +Jakob fürchtete wahrscheinlich, daß seine Feinde dieses Organ seines +Willens in die Hände bekommen und dadurch Maßregeln, die ihn nachtheilig +berühren könnten, gesetzliche Gültigkeit geben könnten. Seine +Besorgnisse können auch nicht unbegründet erscheinen, wenn man bedenkt, +daß gerade hundert Jahre später das große Siegel eines Königs mit +Bewilligung der Lords und der Gemeinen und unter Gutheißung von Seiten +vieler großen Staatsmänner und Juristen zu dem Zwecke benutzt wurde, um +seine Hoheitsrechte auf seinen Sohn zu übertragen. Damit der Talisman, +der so furchtbare Kräfte besaß, nicht in unrechte Hände komme, beschloß +Jakob, ihn wenige Schritte von seinem Kabinet aufzubewahren. Jeffrey’s +erhielt zu dem Ende Befehl, sein erst kürzlich mit großem Kostenaufwande +erbautes Haus in Duke Street zu verlassen und ein kleines Apartement in +Whitehall zu beziehen.<a class = "tag" name = "tagIX_143" id = +"tagIX_143" href = "#noteIX_143">143</a></p> + +<p>Der König hatte bereits alle Anstalten zur Flucht getroffen, als ein +unerwartetes Hinderniß ihn zwang, die Ausführung seines Vorhabens +aufzuschieben. Seine Agenten in Portsmouth fingen an Bedenklichkeiten zu +hegen. Selbst Dover ließ, obgleich er Mitglied der jesuitischen Cabale +war, Zeichen von Unschlüssigkeit merken. Noch weniger war Dartmouth +geneigt, den Wünschen des Königs zu willfahren. Er war bisher dem Throne +treu gewesen und hatte mit einer mißgestimmten Flotte und bei +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_93" id = "pageIX_93"> +IX.93</a></span> +widrigem Winde sein Möglichstes gethan, um die Landung der Holländer in +England zu verhindern; aber er war ein eifriges Mitglied der +anglikanischen Kirche und durchaus nicht befreundet mit der Politik der +Regierung, welche zu vertheidigen er für eine Pflicht und eine +Ehrensache hielt. Die meuterische Stimmung der unter seinem Befehle +stehenden Offiziere und Mannschaften hatte ihm viel zu schaffen gemacht +und die Nachricht von der Einberufung eines freien Parlaments und der +Ernennung von Commissaren, welche mit dem Prinzen von Oranien +unterhandeln sollten, hatte ihn sehr erfreut. Die ganze Flotte gab ihre +Freude darüber laut zu erkennen. An Bord des Admiralschiffs wurde eine +Adresse entworfen, welche dem Könige für diese der öffentlichen Meinung +gemachten gnädigen Zugeständnisse den wärmsten Dank aussprach. Der +Admiral unterzeichnete zuerst und achtunddreißig Kapitäne schrieben ihre +Namen unter den seinigen. Dieses Schriftstück kreuzte sich auf dem Wege +nach Whitehall mit dem Boten, der den Befehl nach Portsmouth brachte, +daß der Prinz von Wales unverzüglich nach Frankreich übergeführt werden +sollte. Dartmouth erkannte nun mit bitterem Schmerz und Unwillen, daß +das freie Parlament, die allgemeine Amnestie und die Unterhandlung nur +Theile eines gegen die Nation zu verübenden großartigen Betrugs waren +und daß er bei diesem Betruge eine Rolle spielen sollte.</p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteIX_140" id = "noteIX_140" href = "#tagIX_140">140.</a> +Barillon, 1.(11.) Dec. 1688.</p> + +<p><a name = "noteIX_141" id = "noteIX_141" href = "#tagIX_141">141.</a> +Jakob an Dartmouth, 25. Nov. 1688. Die Briefe findet man in +Dalrymple.</p> + +<p><a name = "noteIX_142" id = "noteIX_142" href = "#tagIX_142">142.</a> +Jakob an Dartmouth, 1. Dec. 1688.</p> + +<p><a name = "noteIX_143" id = "noteIX_143" href = "#tagIX_143">143.</a> +<span class = "antiqua">Luttrell’s Diary</span>.</p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Dartmouth weigert sich, den Prinzen von Wales nach Frankreich zu +senden.</span> +<a name = "secIX_73" id = "secIX_73">In</a> einem ergreifenden und +männlichen Schreiben erklärte er, daß er in seinem Gehorsam schon so +weit gegangen sei, als ein Protestant und Engländer nur irgend gehen +könne. Den muthmaßlichen Erben der britischen Krone den Händen Ludwigs +zu überliefern, würde nichts Geringeres als ein Verrath gegen die +Monarchie sein. Die dem Könige nur zu sehr schon entfremdete Nation +würde aufs Äußerste erbittert werden. Der Prinz von Wales würde entweder +gar nicht, oder in Begleitung einer französischen Armee zurückkehren. +Wenn Seine Königliche Hoheit auf der Insel bliebe, so wäre das +Schlimmste was zu befürchten stände, daß er als Mitglied der +Landeskirche erzogen würde, und jeder loyale Unterthan müßte den Himmel +bitten, daß dies geschehen möchte. Er schloß mit der Erklärung, daß er +bereitwillig sein Leben zur Vertheidigung des Thrones opfern werde, sich +aber nimmermehr an der Überführung des Prinzen nach Frankreich +betheiligen könne.<a class = "tag" name = "tagIX_144" id = "tagIX_144" +href = "#noteIX_144">144</a></p> + +<p>Dieser Brief warf alle Pläne Jakob’s über den Haufen. Zu gleicher +Zeit erfuhr er, daß er bei dieser Gelegenheit nicht einmal passiven +Gehorsam voll seinem Admiral erwarten durfte, denn Dartmouth war so weit +gegangen, daß er mehrere Sloops am Eingange des Hafens aufgestellt, +welche Befehl hatten, kein Schiff ununtersucht passiren zu lassen. Der +Plan mußte somit abgeändert werden. Das Kind mußte nach London +zurückgebracht und von hier aus nach Frankreich befördert werden. Dies +konnte aber erst nach Verlauf mehrerer Tage geschehen, und während +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_94" id = "pageIX_94"> +IX.94</a></span> +dieser Zwischenzeit mußte die öffentliche Meinung durch die Hoffnung auf +ein Parlament und durch eine Scheinunterhandlung hingehalten werden. Die +Ausschreiben zu den Wahlen wurden erlassen. Zwischen der Hauptstadt und +dem holländischen Hauptquartier gingen Trompeter hin und her. Endlich +kamen auch die Pässe für die königlichen Commissare und die drei Lords +traten ihre Gesandtschaftsreise an.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteIX_144" id = "noteIX_144" href = "#tagIX_144">144.</a> +<span class = "antiqua">Second Collection of Papers</span>, 1688; +Dartmouth’s Brief, datirt vom 3. Dec. 1688 findet sich in Dalrymple; +<span class = "antiqua">Clarke’s Life of James, II. 233. Orig. +Mem.</span> Jakob beschuldigt Dartmouth, die Flotte zu einer Adresse um +Einberufung eines Parlaments bestimmt zu haben. Dies ist eine grundlose +Verleumdung. Die Adresse ist eine Dankadresse an den König dafür, daß er +ein Parlament einberufen, und war bereits abgefaßt, ehe Dartmouth die +entfernteste Ahnung davon hatte, daß Seine Majestät die Nation +hintergehen wollte.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Aufregung in London.</span> +<a name = "secIX_74" id = "secIX_74">Die</a> Hauptstadt war bei ihrer +Abreise in einem Zustande furchtbarer Gährung. Die Leidenschaften, +welche im Laufe dreier unruhiger Jahre nach und nach immer heftiger +geworden, zeigten sich jetzt, wo sie von dem Zügel der Furcht befreit +und durch Sieg und Sympathie aufgestachelt waren, unverhohlen, selbst im +Bereiche des königlichen Schlosses. Die große Jury von Middlesex nahm +eine Anklage gegen den Earl von Salisbury, weil er Papist geworben war, +an.<a class = "tag" name = "tagIX_145" id = "tagIX_145" href = +"#noteIX_145">145</a> Der Lordmayor ließ bei den Katholiken der City +eine Haussuchung nach Waffen halten. Der Pöbel stürmte das Haus eines +dem verhaßten Glauben anhängenden achtbaren Kaufmanns, um sich zu +überzeugen, ob er nicht von seinem Keller aus unter die benachbarte +Pfarrkirche eine Mine angelegt habe, um den Geistlichen mit der Gemeinde +in die Luft zu sprengen.<a class = "tag" name = "tagIX_146" id = +"tagIX_146" href = "#noteIX_146">146</a> Die Ausrufer schrien in den +Straßen einen Aufruf zur Festnehmung Pater Petre’s aus, der seine +Gemächer im Palaste gerade noch zur rechten Zeit verlassen hatte.<a +class = "tag" name = "tagIX_147" id = "tagIX_147" href = +"#noteIX_147">147</a> Wharton’s berühmtes Lied wurde mit vielen neu +hinzugefügten Versen lauter als je in allen Straßen der Hauptstadt +gesungen. Selbst die Schildwachen des Palastes sangen auf ihrer +Runde:</p> + +<div class = "verse"> +<p>„Der Engländer auf den Untergang des Papismus trinkt,</p> +<p>Lillibullero bullen a la.“</p> +</div> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteIX_145" id = "noteIX_145" href = "#tagIX_145">145.</a> +<span class = "antiqua">Luttrell’s Diary</span>.</p> + +<p><a name = "noteIX_146" id = "noteIX_146" href = "#tagIX_146">146.</a> +Adda, 7.(17.) Dec. 1688.</p> + +<p><a name = "noteIX_147" id = "noteIX_147" href = "#tagIX_147">147.</a> +Der Nuntius sagt: <span class = "antiqua">„Se lo avesse fatto prima di +ora, per il Rè ne sarebbe stato meglio.“</span></p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Falsche Proklamation.</span> +<a name = "secIX_75" id = "secIX_75">Die</a> geheimen Pressen von London +waren unausgesetzt in Thätigkeit. Tagtäglich kamen Flugschriften durch +Mittel und Wege in Circulation, welche die Behörden nicht entdecken +konnten oder nicht hindern wollten. Eine davon ist durch die Gewandtheit +und verwegene Rücksichtslosigkeit, mit der sie geschrieben war, sowie +durch den ungeheuren Eindruck, den sie machte, der Vergessenheit +entrissen worden. Sie gab sich für eine ergänzende Erklärung von der +Hand und unter dem Siegel des Prinzen von Oranien aus, war aber in einem +ganz andren Style gehalten als sein ächtes Manifest. Allen Papisten, die +es wagen sollten, sich der königlichen Sache anzuschließen, war mit +einer bei christlichen und civilisirten Nationen unbekannten Rache +gedroht. Sie sollten nicht als Soldaten oder Gentlemen, sondern wie +Freibeuter behandelt werden. Das bis jetzt durch eine starke Hand im +Zaume gehaltene Heer der Feinde sollte in seiner ganzen Wildheit und +Zügellosigkeit auf sie gehetzt werden. Die guten Protestanten, +namentlich diejenigen, welche die Hauptstadt bewohnten, wurden bei Allem +was ihnen theuer sei beschworen und bei Strafe des allerhöchsten +Mißfallens des Prinzen angewiesen, ihre katholischen Nachbarn +festzunehmen, zu entwaffnen und einzusperren. Das Manuscript dieser +Schrift war angeblich von einem whiggistischen Buchhändler eines Morgens +unter seiner Ladenthür gefunden +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_95" id = "pageIX_95"> +IX.95</a></span> +worden. Er beeilte sich, es drucken zu lassen. Viele Exemplare wurden +mit der Post versandt und gingen rasch von Hand zu Hand. Scharfsichtige +Leute erkannten es jedoch ohne Mühe als das falsche Machwerk irgend +eines unruhigen und characterlosen Abenteurers, wie sie in bewegten +Zeiten stets bei den unreinsten und schwärzesten Parteiumtrieben thätig +sind. Der große Haufe aber ließ sich vollkommen täuschen. Der nationale +und religiöse Abscheu gegen die irischen Papisten war in der That so +stark erregt, daß die Mehrzahl von Denen, welche die Proklamation für +ächt hielten, sie als eine ganz zeitgemäße Entfaltung von Energie mit +Beifall begrüßten. Als es bekannt wurde, daß ein solches Dokument von +Wilhelm selbst nicht ausgegangen war, fragte man neugierig, wer wohl der +Betrüger sein möchte, der so kühn und so glücklich die Rolle des Prinzen +gespielt hatte. Einige hatten Ferguson, Andere Johnson im Verdacht, bis +endlich nach Verlauf von siebenundzwanzig Jahren Hugo Speke sich zum +Autor der Fälschung bekannte und für diesen der protestantischen +Religion geleisteten großen Dienst vom Hause Braunschweig eine Belohnung +verlangte. Er behauptete in dem Tone eines Mannes, der etwas höchst +Lobenswerthes und Ehrenvolles gethan zu haben glaubt, er habe, als die +holländische Invasion Whitehall in Bestürzung versetzt, dem Hofe seine +Dienste angeboten, habe vorgegeben, mit den Whigs zerfallen zu sein und +sich erboten, bei ihnen den Spion zu spielen. So habe er Zutritt in das +königliche Kabinet erlangt, habe Treue gelobt, dafür das Versprechen +großer Geldbelohnungen erhalten und sich Geleitsbriefe verschafft, die +ihn in den Stand setzten, die feindlichen Linien zu passiren. Dies Alles +versicherte er nur in der Absicht gethan zu haben, damit er, ohne in +Verdacht zu kommen, der Regierung einen tödtlichen Streich versetzen und +einen heftigen Ausbruch des Nationalgefühls gegen die Katholiken +herbeiführen konnte. Die falsche Proklamation erklärte er für sein Werk; +ob sie dies aber wirklich war, dürfte in Zweifel zu ziehen sein. Er +machte seinen Anspruch so spät erst geltend, daß wir mit Recht vermuthen +dürfen, er habe auf den Tod Derer gewartet, die ihn widerlegen konnten; +auch berief er sich auf kein andres Zeugniß als sein eignes.<a class = +"tag" name = "tagIX_148" id = "tagIX_148" href = +"#noteIX_148">148</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteIX_148" id = "noteIX_148" href = "#tagIX_148">148.</a> +Siehe die <span class = "antiqua">Secret History of the +Revolution</span>, von Hugo Speke, 1715. In der Londoner Bibliothek +befindet sich ein Exemplar dieses seltenen Werks mit einer +handschriftlichen Note, welche von Speke selbst herzurühren scheint.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Aufstände in verschiedenen Theilen des Landes.</span> +<a name = "secIX_76" id = "secIX_76">Während</a> dies in London vorging, +brachte jede Post aus jedem Theile des Landes die Nachricht von einem +neuen Aufstande. Lumley hatte sich Newcastle’s bemächtigt und die +Bewohner hatten ihn freudig willkommen geheißen. Die Statue des Königs, +die auf einem hohen Piedestale von Marmor stand, war umgerissen und in +den Tyne gestürzt worden. In Hull erinnerte man sich noch lange des 3. +Decembers als des Jahrestages der Einnahme der Stadt. In dieser Stadt +lag eine Garnison unter den Befehlen Lord Langdale’s, eines Katholiken. +Die protestantischen Offiziere entwarfen im Einverständniß mit dem +Magistrat den Plan zu einem Aufstande; Langdale und seine Anhänger +wurden festgenommen und Soldaten und Bürger erklärten sich gemeinsam für +die protestantische Religion und ein freies Parlament.<a class = "tag" +name = "tagIX_149" id = "tagIX_149" href = "#noteIX_149">149</a></p> + +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_96" id = "pageIX_96"> +IX.96</a></span> +<p>Inzwischen hatten sich auch die örtlichen Grafschaften erhoben. Der +Herzog von Norfolk erschien mit einem Gefolge von dreihundert +bewaffneten und berittenen Gentlemen auf dem stattlichen Marktplatze von +Norwich. Hier begrüßten ihn der Mayor und die Aldermen und +verpflichteten sich, ihm gegen Papismus und Willkürherrschaft +beizustehen.<a class = "tag" name = "tagIX_150" id = "tagIX_150" href = +"#noteIX_150">150</a> Lord Herbert von Cherbury und Sir Eduard Harley +griffen in Worcestershire zu den Waffen.<a class = "tag" name = +"tagIX_151" id = "tagIX_151" href = "#noteIX_151">151</a> Bristol, die +zweite Stadt des Reichs, öffnete Shrewsbury ihre Thore. Trelawney, der +Bischof, der im Tower das Prinzip des Nichtwiderstandes völlig verlernt +hatte, war der Erste, der die Truppen des Prinzen bewillkommnete. Die +Stimmung der Einwohner war so, daß man es für unnöthig hielt, eine +Garnison unter ihnen zurückzulassen.<a class = "tag" name = "tagIX_152" +id = "tagIX_152" href = "#noteIX_152">152</a> Das Volk von Gloucester +erhob sich ebenfalls und befreite Lovelace aus dem Gefängniß. Es +sammelte sich bald ein irreguläres Truppencorps um ihn. Einige von +seinen Reitern hatten nur Stricke anstatt der Zügel und viele von seinen +Fußsoldaten hatten keine andre Waffe als einen Knotenstock. Aber diese +Truppe marschirte unangefochten durch Grafschaften, welche einst dem +Hause Stuart ergeben waren, und zog endlich triumphirend in Oxford ein. +Die Behörden bewillkommneten die Aufständischen mit feierlichem +Gepränge. Selbst die durch neuerliche Kränkungen noch erbitterte +Universität war nicht geneigt, den Aufstand zu tadeln. Schon hatten die +Oberhäupter angesehener Familien eines ihrer Mitglieder abgesandt, um +den Prinzen von Oranien zu versichern, daß sie aufrichtig für ihn seien +und ihm gern ihr Silbergeräth zum Einschmelzen überlassen würden. Der +whiggistische Anführer ritt daher unter allgemeinem Jubel durch die +Hauptstadt des Toryismus. Vor ihm her schlugen die Tambours den +Lillibullero. Hinter ihm folgte ein langer Zug von Reiterei und Fußvolk. +Ganz High Street war mit orangefarbenen Bändern freundlich geschmückt, +denn das orangefarbene Band hatte bereits die doppelte Bedeutung, die es +noch jetzt, nach Verlauf von hundertsechzig Jahren besitzt. Es war schon +für den protestantischen Engländer das Sinnbild der bürgerlichen und +religiösen Freiheit, für den katholischen Celten das Sinnbild der +Unterjochung und Verfolgung.<a class = "tag" name = "tagIX_153" id = +"tagIX_153" href = "#noteIX_153">153</a></p> + +<p>Während sich so rings um den König Feinde erhoben, wichen die Freunde +mehr und mehr von seiner Seite. Jedermann hatte sich mit dem Gedanken +des Widerstandes vertraut gemacht. Viele, die mit Abscheu die Nachricht +von den ersten Abfällen vernommen, machten sich jetzt Vorwürfe, daß sie +die Zeichen der Zeit so spät erkannt hatten. Man konnte jetzt ohne +Schwierigkeit und Gefahr mit Wilhelm verkehren. Indem der König die +Nation zur Erwählung von Vertretern aufforderte, hatte er Jedermann +stillschweigend ermächtigt, sich an diejenigen Orte zu begeben, wo er +Stimmen oder Einfluß hatte, und viele von diesen Orten waren schon von +Truppen Wilhelm’s oder von Insurgenten besetzt. Clarendon +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_97" id = "pageIX_97"> +IX.97</a></span> +ergriff begierig diese Gelegenheit, um sich von der verlornen Sache +loszusagen. Er wußte, daß er mit seiner Rede in der berathenden +Versammlung der Peers unverzeihlichen Anstoß gegeben hatte, und es +verdroß ihn, daß er nicht mit zum königlichen Commissar ernannt worden +war. Er hatte Besitzungen in Wiltshire. Er beschloß, daß sein Sohn, von +dem er noch unlängst mit tiefem Schmerz und Abscheu gesprochen, ein +Wahlcandidat für diese Grafschaft werden sollte und unter dem Vorwande, +für diese Wahl die nöthigen Veranstaltungen zu treffen, begab er sich +nach dem Westen. Seinem Beispiele folgte sehr bald der Earl von Oxford +und Andere, welche bisher jede Connection mit der Unternehmung des +Prinzen von sich gewiesen hatten.<a class = "tag" name = "tagIX_154" id += "tagIX_154" href = "#noteIX_154">154</a></p> + +<p>Inzwischen waren die Eingedrungenen, langsam aber unaufgehalten +vorrückend, der Hauptstadt bis auf siebzig Meilen nahe gekommen. +Obgleich die Mitte des Winters vor der Thür war, hatte man doch schönes +Wetter, der Weg war angenehm und die grünen Wiesen der Ebene von +Salisbury erschienen den Truppen, die sich durch die kothigen Gleise der +Landstraßen von Devonshire und Somersetshire hindurchgearbeitet hatten, +von üppiger Weichheit. Der Marsch der Armee ging über Stonehenge, wo ein +Regiment nach dem andren Halt machte, um diese geheimnißvolle Ruine +anzusehen, die auf dem ganzen Continent als das größte Wunder unsrer +Insel bekannt ist. Wilhelm zog mit demselben militairischen Pomp, den er +in Exeter entfaltet hatte, in Salisbury ein und stieg in dem Palaste ab, +den wenige Tage zuvor der König bewohnt hatte.<a class = "tag" name = +"tagIX_155" id = "tagIX_155" href = "#noteIX_155">155</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteIX_149" id = "noteIX_149" href = "#tagIX_149">149.</a> +<span class = "antiqua">Brand’s History of Newcastle</span>; <span class += "antiqua">Tickell’s History of Hull.</span></p> + +<p><a name = "noteIX_150" id = "noteIX_150" href = "#tagIX_150">150.</a> +Ein Bericht über die Vorgänge in Norwich findet sich noch in mehreren +Sammlungen in der Originalschrift. Siehe auch die <span class = +"antiqua">Fourth Collection of Papers, 1688</span>.</p> + +<p><a name = "noteIX_151" id = "noteIX_151" href = "#tagIX_151">151.</a> +<span class = "antiqua">Clarke’s Life of James, II. 233</span>; +Handschriftliches Memoir der Familie Harley in der +Mackintosh-Sammlung.</p> + +<p><a name = "noteIX_152" id = "noteIX_152" href = "#tagIX_152">152.</a> +Citters, 9.(19.) Dec. 1688; Brief des Bischofs von Bristol an den +Prinzen von Oranien vom 5. Dec. 1688, in Dalrymple.</p> + +<p><a name = "noteIX_153" id = "noteIX_153" href = "#tagIX_153">153.</a> +Citters, 27. Nov. (7. Dec.) 1688; <span class = "antiqua">Clarendon’s +Diary, Dec. 11</span>; <span class = "antiqua">Song on Lord Lovelace’s +entry into Oxford, 1688</span>; <span class = "antiqua">Burnet I. +793.</span></p> + +<p><a name = "noteIX_154" id = "noteIX_154" href = "#tagIX_154">154.</a> +<span class = "antiqua">Clarendon’s Diary, Dec. 2, 3, 4, 5. +1688.</span></p> + +<p><a name = "noteIX_155" id = "noteIX_155" href = "#tagIX_155">155.</a> +<span class = "antiqua">Whittle’s Exact Diary</span>; <span class = +"antiqua">Eachard’s History of the Revolution.</span></p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Clarendon schließt sich in Salisbury dem Prinzen an.</span> +<a name = "secIX_77" id = "secIX_77">Hier</a> wurde sein Gefolge durch +die Earls von Clarendon und von Oxford und andere hochgestellte Männer +vermehrt, welche noch vor einigen Tagen als eifrige Royalisten +betrachtet worden waren. Auch Citters erschien im holländischen +Hauptquartier. Er war seit einigen Wochen in seinem Hause bei Whitehall +unter der beständigen Aufsicht einander ablösender Spione fast ein +Gefangener gewesen. Doch trotz dieser Spione und vielleicht mit ihrer +Beihülfe hatte er sich von Allem was im Palast vorging genaue Kenntniß +zu verschaffen gewußt und er kam nun mit werthvollen Notizen über +Menschen und Dinge reich versehen, um Wilhelm durch seinen Rath zu +unterstützen.<a class = "tag" name = "tagIX_156" id = "tagIX_156" href = +"#noteIX_156">156</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteIX_156" id = "noteIX_156" href = "#tagIX_156">156.</a> +Citters, 20.(30.) Nov., 9.(19.) Dec. 1688.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Spaltung im Lager des Prinzen.</span> +<a name = "secIX_78" id = "secIX_78">Bis</a> hieher hatte die +Unternehmung des Prinzen einen die sanguinischesten Hoffnungen +übertreffenden glücklichen Fortgang gehabt. Jetzt aber begann das Glück +nach dem allgemeinen Gesetz, das die irdischen Dinge regiert, +Uneinigkeit zu erzeugen. Die in Salisbury versammelten Engländer +spalteten sich in zwei Parteien. Die eine davon bestand aus Whigs, +welche die Lehren vom passiven Gehorsam und vom unveräußerlichen +Erbrechte stets als knechtischen Aberglauben betrachtet hatten. Viele +von ihnen hatten Jahre lang im Exil zugebracht. Alle waren lange von +jedem Antheil an den Gunstbezeigungen der Krone ausgeschlossen gewesen. +Jetzt frohlockten sie über die nahe Aussicht auf Größe und Rache. Von +glühendem Zorne beseelt und von Sieg und Hoffnung aufgebläht, wollten +sie von keinem +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_98" id = "pageIX_98"> +IX.98</a></span> +Vergleiche hören. Nur die Absetzung ihres Todfeindes konnte sie +zufriedenstellen, und es läßt sich nicht leugnen, daß sie hierin +durchaus consequent waren. Neun Jahre früher hatten sie sich bemüht, ihn +vom Throne auszuschließen, weil sie fürchteten, daß er ein schlechter +König werden möchte, und nachdem er sich als ein viel schlechterer König +erwiesen, als irgend ein vernünftiger Mensch es hätte vermuthen können, +durfte man wohl kaum erwarten, daß sie ihn gutwillig auf dem Throne +lassen würden.</p> + +<p>Auf der andren Seite waren nicht wenige von Wilhelm’s Anhängern +eifrige Tories, welche bis vor ganz Kurzem die Lehre vom +Nichtwiderstande in der absolutesten Form aufrechterhalten, deren Glaube +an diese Lehre aber einen Augenblick durch die heftigen Leidenschaften +erschüttert worden war, welche die Undankbarkeit des Königs und die +Gefahr der Kirche in ihnen geweckt hatten. Keine Lage konnte peinlicher +und beängstigender sein, als die des alten Kavaliers, der mit +bewaffneter Hand dem Throne gegenüberstand. Die Gewissensscrupel, die +ihn nicht abgehalten hatten, sich in das holländische Lager zu begeben, +begannen ihn furchtbar zu quälen, sobald er sich dort befand. Eine +innere Stimme sagte ihm, daß er ein Verbrechen begangen habe. Jedenfalls +hatte er sich Vorwürfen ausgesetzt, indem er im directen Widerspruch mit +den erklärten Prinzipien seines ganzen Lebens handelte. Er empfand einen +unüberwindlichen Widerwillen gegen seine neuen Verbündeten. Es waren +Leute, die er, so lange er denken konnte, geschmäht und verfolgt hatte: +Presbyterianer, Independenten, Anabaptisten, alte Soldaten Cromwell’s, +kecke Burschen Shaftesbury’s, Theilnehmer am Ryehousecomplot, gewesene +Anführer des Aufstandes im Westen. Natürlich wünschte er eine Ausflucht +zu finden, die sein Gewissen beruhigen, seine Consequenz rechtfertigen +und zwischen ihm und der großen Masse schismatischer Rebellen, die er +stets verachtet und verabscheut hatte, mit denen er aber jetzt in eine +Kategorie geworfen zu werden fürchten mußte, eine Scheidewand ziehen +konnte. Er verwahrte sich daher entschieden gegen den Gedanken, die +Krone von dem gesalbten Haupte nehmen zu wollen, das der Wille des +Himmels und die Grundgesetze des Reichs geheiligt hatten. Es war sein +sehnlichster Wunsch, auf Grundlagen, welche die königliche Würde nicht +herabsetzten, eine Versöhnung zu Stande kommen zu sehen. Er war ja kein +Verräther, er widersetzte sich eigentlich gar nicht der königlichen +Autorität; er stand nur deshalb unter Waffen, weil er überzeugt war, daß +man dem Throne keinen besseren Dienst leisten könne, als indem man Seine +Majestät durch ein wenig Zwang aus den Händen schlechter Rathgeber +befreite.</p> + +<p>Die schlimmen Folgen, welche die gegenseitige Erbitterung dieser +Factionen herbeizuführen drohten, wurden zum großen Theile durch den +Einfluß und die Weisheit des Prinzen verhütet. Umgeben von +streitsüchtigen Disputanten, von zudringlichen Rathgebern, von +kriechenden Schmeichlern, von wachsamen Spionen und böswilligen +Verleumdern, bewahrte er stets seine heitere, undurchdringliche Ruhe. Er +schwieg so lange als Schweigen möglich war, und wenn er sprechen mußte, +brachte der ernste und gebieterische Ton, in welchem er seine reiflich +erwogenen Ansichten kund that, bald jeden Andren zum Schweigen. Was auch +einige seiner allzu eifrigen Anhänger sagen mochten, er äußerte kein +Wort, das die mindeste Absicht auf den Besitz der englischen Krone +verrieth. Er wußte sehr gut, daß zwischen ihm und dieser Krone noch +Hindernisse standen, die vielleicht keine menschliche Klugheit zu +beseitigen vermochte, die aber +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_99" id = "pageIX_99"> +IX.99</a></span> +ein einziger falscher Schritt unüberwindlich machen konnte. Er hatte nur +dann Aussicht, den glänzenden Preis zu erringen, wenn er sich desselben +nicht mit rücksichtsloser Hand bemächtigte, sondern es ruhig abwartete, +bis sein geheimer Wunsch ohne sichtbares Bemühen oder List von seiner +Seite, durch den Drang der Umstände, durch die Mißgriffe seiner +Widersacher und durch die freie Wahl der Stände des Reichs erfüllt +werden würde. Diejenigen, die ihn auszuforschen wagten, erfuhren nichts, +konnten ihn aber doch nicht der Winkelzüge beschuldigen. Er verwies sie +ruhig auf seine Erklärung und versicherte, daß seit der Abfassung dieses +Dokuments in seinen Ansichten keine Änderung eingetreten sei. Er +behandelte seine Anhänger mit so kluger Gewandtheit, daß ihre +Uneinigkeit seine Hand eher gestärkt als geschwächt zu haben scheint; +aber sie brach mit Heftigkeit hervor, sobald seine Aufsicht nachließ, +störte die Eintracht geselliger Zusammenkünfte und respectirte selbst +die Heiligkeit des Gotteshauses nicht. Clarendon, welcher durch sein +Prahlen mit loyalen Gesinnungen die unleugbare Thatsache, daß er ein +Rebell war, bemänteln wollte, hörte mit heftiger Entrüstung einige +seiner neuen Verbündeten bei der Flasche über die königliche Amnestie +lachen, die ihnen so eben huldvoll angeboten worden war. Sie brauchten +keine Verzeihung, sagten sie; im Gegentheil, der König müßte sie um +Verzeihung bitten, ehe sie ihn laufen ließen. Noch beunruhigender und +kränkender für jeden guten Tory war ein Vorfall, der sich in der +Kathedrale von Salisbury ereignete. Sobald der fungirende Geistliche das +Gebet für den König zu lesen begann, erhob sich Burnet, zu dessen vielen +guten Eigenschaften Selbstbeherrschung und feines Schicklichkeitsgefühl +nicht gehörten, von den Knien, setzte sich in seinen Stuhl und gab +einige verächtliche Laute von sich, welche die Andacht der Gemeinde +störten.<a class = "tag" name = "tagIX_157" id = "tagIX_157" href = +"#noteIX_157">157</a></p> + +<p>Bald hatten die Factionen, welche das Lager des Prinzen spalteten, +Gelegenheit, ihre Stärke zu messen. Die königlichen Commissare waren auf +dem Wege zu ihm. Schon mehrere Tage waren seit ihrer Ernennung +verstrichen, und eine solche Verspätigung in einer Angelegenheit von so +dringender Wichtigkeit war auffallend. In Wahrheit aber wünschte weder +Jakob noch Wilhelm die schleunige Anknüpfung von Unterhandlungen, denn +Jakob wollte nur Zeit gewinnen, um seine Gemahlin und seinen Sohn nach +Frankreich schicken zu können, und Wilhelm’s Stellung wurde mit jedem +Tage gebietender. Endlich ließ der Prinz den Commissaren sagen, daß er +in Hungerford mit ihnen zusammentreffen wolle. Er wählte diese Stadt +wahrscheinlich deshalb, weil sie gerade auf halbem Wege zwischen +Salisbury und Oxford lag und sich daher zu einer Zusammenkunft seiner +bedeutendsten Anhänger am besten eignete. In Salisbury befanden sich +diejenigen Kavaliere und Gentlemen, die ihn von Holland aus begleitet +oder sich im Westen ihm angeschlossen hatten, und in Oxford waren viele +Häupter des Aufstandes im Norden.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteIX_157" id = "noteIX_157" href = "#tagIX_157">157.</a> +<span class = "antiqua">Clarendon’s Diary, Dec, 6, 7. 1688.</span></p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Ankunft des Prinzen in Hungerford.</span> +<a name = "secIX_79" id = "secIX_79">Donnerstag</a> Abend, den 6. +December traf er in Hungerford ein, und bald füllte sich die kleine +Stadt mit Männern von hohem Rang und Ansehen, welche von allen Seiten +herbeikamen. Der Prinz war von einer starken Truppenabtheilung +begleitet, und die aus dem Norden kommenden Lords brachten Hunderte +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_100" id = "pageIX_100"> +IX.100</a></span> +von irregulären Reitern mit, deren Armaturen und Reitkunst die +Heiterkeit Derer erregte, welche an den glänzenden Anblick und an die +präcisen Bewegungen regulärer Armeen gewöhnt waren.<a class = "tag" name += "tagIX_158" id = "tagIX_158" href = "#noteIX_158">158</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteIX_158" id = "noteIX_158" href = "#tagIX_158">158.</a> +<span class = "antiqua">Clarendon’s Diary. Dec. 7. 1688.</span></p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Gefecht bei Reading.</span> +<a name = "secIX_80" id = "secIX_80">Während</a> des Prinzen Anwesenheit +in Hungerford fand zwischen einem zweihundertfünfzig Mann starken +Detaschement seiner Truppen und sechshundert in Reading stehenden +Irländern ein heißes Gefecht statt. Bei dieser Gelegenheit bewährte sich +die bessere Disciplin der Eingedrungenen auf das Glänzendste. Obgleich +von weit geringerer Anzahl, trieben sie doch sogleich beim ersten Anlauf +die königlichen Truppen in wilder Flucht durch die Straßen der Stadt bis +auf den Marktplatz. Hier machten die Irländer einen Versuch, sich wieder +zu sammeln, da sie aber von vorn kräftig angegriffen wurden und zu +gleicher Zeit die Bewohner der umliegenden Häuser aus den Fenstern auf +sie feuerten, so entsank ihnen bald der Muth und sie flohen mit dem +Verlust ihrer Fahne und fünfzig Mann. Von den Siegern fielen nur fünf. +Die Nachricht von diesem Kampfe erfüllte die Lords und Gentlemen, die +sich Wilhelm angeschlossen hatten, mit ungetrübter Freude. Nichts an +diesem ganzen Vorfall konnte ihren Nationalstolz kränken. Die Holländer +hatten nicht die Engländer geschlagen, sondern hatten einer englischen +Stadt geholfen, sich von der unerträglichen Herrschaft der Irländer zu +befreien.<a class = "tag" name = "tagIX_159" id = "tagIX_159" href = +"#noteIX_159">159</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteIX_159" id = "noteIX_159" href = "#tagIX_159">159.</a> +<span class = "antiqua">History of the Desertion</span>; Citters, +9.(19.) Dec. 1688; <span class = "antiqua">Exact Diary</span>; <span +class = "antiqua">Oldmixon, 760.</span></p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Ankunft der königlichen Commissare in Hungerford.</span> +<a name = "secIX_81" id = "secIX_81">Samstag</a> Morgens, den 8. +December, kamen die königlichen Commissare in Hungerford an. Die +Leibgarde des Prinzen war in Parade aufgestellt, um sie mit +militairischen Ehrenbezeigungen zu empfangen. Bentinck bewillkommnete +sie und erbot sich, sie sofort zu seinem Gebieter zu geleiten. Sie +sprachen die Hoffnung aus, daß der Prinz ihnen eine Privataudienz +bewilligen werde; aber es wurde ihnen darauf erwiedert, daß er +beschlossen habe, sie öffentlich anzuhören und ihnen ebenso zu +antworten. Sie wurden in sein Schlafgemach eingeführt, wo sie ihn von +einer Menge Lords und Gentlemen umgeben fanden.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Unterhandlung.</span> +<a name = "secIX_82" id = "secIX_82">Halifax,</a> dem seine Stellung, +sein Alter und seine Fähigkeiten den Vorrang gaben, führte das Wort. Der +Vorschlag, den die Commissare zu machen beauftragt waren, bestand darin, +daß die streitigen Punkte der Entscheidung des Parlaments, für welches +die Wahlen bereits angeordnet seien, anheimgegeben werden und daß sich +bis dahin die Armee des Prinzen der Hauptstadt nicht weiter als bis auf +dreißig oder vierzig Meilen nähern sollte. Nachdem Halifax erklärt +hatte, daß er und seine Collegen bereit seien, auf dieser Grundlage zu +unterhandeln, überreichte er Wilhelm ein Schreiben vom Könige und +entfernte sich dann. Wilhelm erbrach den Brief und schien ungewöhnlich +bewegt zu sein. Es war der erste, den er von seinem Schwiegervater +erhielt, seitdem sie erklärte Feinde geworden waren. Sie hatten einst +auf gutem Fuße gestanden und einander vertraulich geschrieben; auch +hatten sie selbst als sie schon anfingen, einander mit Mißtrauen und +Abneigung zu betrachten, die freundschaftlichen Formen, welche nahe +Verwandte zu gebrauchen pflegen, noch nicht aus ihren Briefen verbannt. +Das von den +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_101" id = "pageIX_101"> +IX.101</a></span> +Commissaren überbrachte Schreiben aber war von einem Sekretär in +diplomatischer Form und in französischer Sprache abgefaßt. „Ich habe +viele Briefe vom Könige erhalten,“ sagte Wilhelm, „aber sie waren alle +in englischer Sprache und von ihm eigenhändig geschrieben.“ Er sprach +mit einer Gemüthsbewegung, die er sonst nicht zu zeigen gewohnt war. Er +dachte vielleicht in diesem Augenblicke daran, welche Vorwürfe sein +Unternehmen, so gerecht, so wohlthätig und so nothwendig es auch sein +mochte, ihm selbst und der ihm ergebenen Frau zuziehen mußte. Vielleicht +beklagte er das harte Geschick, das ihn in eine Lage versetzt hatte, in +der er seine Staatspflichten nur dadurch erfüllen konnte, daß er +Familienbande zerriß, und beneidete die glücklichere Lage Derer, die für +das Wohl von Nationen und Kirchen nicht verantwortlich sind. Doch wenn +solche Gedanken wirklich in ihm aufstiegen, so wurden sie mit männlicher +Festigkeit unterdrückt. Er forderte die Lords und Gentlemen, die er in +Folge jenes Schreibens zusammenberief, auf, über die zu ertheilende +Antwort zu berathschlagen, ohne daß er sie durch seine Anwesenheit +irgendwie behindern wolle. Er selbst behielt sich nur das Recht vor, +nach Anhörung ihrer Meinungen in letzter Instanz zu entscheiden. Hierauf +verließ er sie und zog sich nach Littlecote Hall zurück, einem etwa zwei +Meilen entfernten Schlosse, das bis auf unsere Tage nicht allein durch +seine ehrwürdige Bauart und Einrichtung, sondern auch wegen eines +entsetzlichen und geheimnißvollen Verbrechens berühmt ist, das zu den +Zeiten der Tudors daselbst verübt wurde.<a class = "tag" name = +"tagIX_160" id = "tagIX_160" href = "#noteIX_160">160</a></p> + +<p>Vor seiner Abreise von Hungerford erfuhr er, daß Halifax den +dringenden Wunsch geäußert habe, mit Burnet zu sprechen. In diesem +Wunsche lag nichts Auffallendes, denn Halifax und Burnet hatten lange +auf freundschaftlichem Fuße gestanden. Allerdings konnte es wohl kaum +zwei Männer geben, die einander so wenig glichen. Burnet fehlte es +gänzlich an Takt und Zartgefühl. Halifax besaß dagegen ein +außerordentlich feines Gefühl und sein Sinn für das Lächerliche war von +krankhafter Reizbarkeit. Burnet betrachtete jede Handlung und jeden +Character durch ein vom Parteigeist entstelltes und gefärbtes Medium. +Halifax dagegen war stets geneigt, die Fehler seiner Verbündeten mit +schärferem Blicke zu untersuchen als die Fehler seiner Gegner. Burnet +war bei allen seinen Mängeln und Schwächen und durch alle Wechselfälle +seines in Verhältnissen, welche der Frömmigkeit eben nicht günstig +waren, hingebrachten Lebens ein wahrhaft <ins class = "correction" title += "Original hat »relegiöser«">religiöser</ins> Mann. Der skeptische und +sarkastische Halifax wurde für einen Ungläubigen gehalten. Halifax zog +sich daher oft den unwilligen Tadel Burnet’s zu, und Burnet war oft die +Zielscheibe von Halifax’ scharfem und feinem Witze. Dennoch fühlten sie +sich zu einander hingezogen, fanden gegenseitig Gefallen an ihrer +Unterhaltung, schätzten ihre beiderseitigen Talente, tauschten +freimüthig ihre Ansichten aus und erwiesen einander auch in Zeiten der +Gefahr gute Dienste. Indessen wünschte Halifax seinen alten Bekannten +jetzt nicht aus rein persönlichen Rücksichten zu sprechen. Es mußte den +Commissaren daran gelegen sein, den eigentlichen Endzweck des Prinzen zu +erfahren. Er hatte sich geweigert, sie privatim zu empfangen, und aus +dem, was er ihnen bei einer förmlichen +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_102" id = "pageIX_102"> +IX.102</a></span> +und öffentlichen Zusammenkunft sagen konnte, war wenig zu ersehen. Fast +Alle die sein Vertrauen besaßen, waren eben so verschwiegen und +unergründlich als er selbst. Burnet bildete die einzige Ausnahme. Er war +notorisch geschwätzig und indiscret, die Umstände aber hatten es nöthig +gemacht, ihn ins Vertrauen zu ziehen, und es unterlag keinem Zweifel, +daß es dem gewandten Halifax gelingen würde, ihm eben so viele +Geheimnisse als Worte zu entlocken. Wilhelm wußte dies sehr gut, und als +er erfuhr, daß Halifax mit dem Doctor sprechen wollte, konnte er sich +der Äußerung nicht enthalten: „Wenn die Beiden zusammenkommen, wird es +ein schönes Geschwätz geben.“ Es wurde Burnet nicht erlaubt, privatim +mit den Commissaren zu sprechen, ihm aber versichert, daß seine Treue in +den Augen des Prinzen über jeden Verdacht erhaben sei, und damit er +keinen Grund haben konnte, sich zu beklagen, wurde das Verbot allgemein +gemacht.</p> + +<p>An jenem Nachmittage versammelten sich die Lords und Gentlemen, +welche Wilhelm um ihren Rath ersucht hatte, in dem Hauptsaale des ersten +Gasthofes zu Hungerford. Oxford präsidirte und die Eröffnungen des +Königs wurden in Erwägung gezogen. Es zeigte sich bald, daß die +Versammlung in zwei Parteien gespalten war, deren eine sehnlichst einen +Vergleich mit dem Könige wünschte, während die andre seinen Sturz +wollte. Die letztere Partei hatte das numerische Übergewicht; aber es +wurde bemerkt, daß Shrewsbury, von dem man glaubte, daß er von allen +englischen Kavalieren den größten Antheil an Wilhelm’s Vertrauen hatte, +bei dieser Gelegenheit auf Seiten der Tories stand. Nach langem Hin- und +Herreden wurde die Frage gestellt. Die Majorität war für die Verwerfung +des Vorschlags, den die Commissare zu machen beauftragt waren. Der +Beschluß der Versammlung wurde dem Prinzen nach Littlecote gemeldet. Bei +keinem Anlasse während seines ganzen ereignißvollen Lebens zeigte er +mehr Klugheit und Selbstbeherrschung. Er konnte unmöglich wünschen, daß +die Unterhandlung Erfolg habe; aber er war viel zu klug, um nicht +einzusehen, daß er die öffentliche Meinung nicht mehr für sich gehabt +haben würde, wenn die Unterhandlung an unbilligen Forderungen von seiner +Seite scheiterte. Er verwarf daher die Ansicht seiner allzueifrigen +Anhänger und erklärte, daß er entschlossen sei, auf der vom Könige +proponirten Grundlage zu unterhandeln. Viele von den in Hungerford +versammelten Lords und Gentlemen erhoben Einwendungen dagegen, und ein +ganzer Tag verging unter Hin- und Herstreiten; aber Wilhelm’s Entschluß +stand unwiderruflich fest. Er erklärte sich bereit, die Entscheidung +aller streitigen Punkte dem eben einberufenen Parlamente zu überlassen +und sich London nur bis auf vierzig Meilen zu nähern. Er stellte +seinerseits einige Forderungen, welche selbst Diejenigen, die am +wenigsten für ihn eingenommen waren, als mäßig anerkannten. Er +verlangte, daß die bestehenden Gesetze so lange befolgt würden, bis sie +durch die competente Autorität abgeändert wären, und daß alle +Diejenigen, welche ohne gesetzliche Qualification Ämter bekleideten, +sofort entlassen werden sollten. Er war ferner der vollkommen +begründeten Meinung, daß die Berathungen des Parlaments nicht frei sein +könnten, wenn es von irischen Regimentern umgeben war, während er mit +seiner Armee mehrere Tagemärsche weit von demselben entfernt stand. Er +hielt es daher für recht und billig, daß, wenn seine Truppen sich im +Westen der Hauptstadt nur bis auf vierzig Meilen nähern sollten, auch +die königlichen Truppen im Osten sich auf +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_103" id = "pageIX_103"> +IX.103</a></span> +gleiche Entfernung zurückziehen müßten. So wäre um den Ort herum, wo die +Häuser tagten, ein großer Kreis neutralen Bodens gewesen. Allerdings +befanden sich innerhalb dieses Umkreises zwei für die Bewohner der +Hauptstadt höchst wichtige Festungen, der Tower, der ihre Häuser, und +Tilbury Fort, das ihren Seehandel beherrschte. Ohne Besatzung konnten +diese Plätze unmöglich bleiben, und Wilhelm schlug daher vor, sie +einstweilen der Obhut der City von London zu übergeben. Ferner konnte es +der König möglicherweise für angemessen erachten, sich zur Eröffnung des +Parlaments mit einer Abtheilung Leibgarden nach Westminster zu begeben. +Der Prinz kündigte an, daß er in diesem Falle das Recht beanspruchen +werde, sich ebenfalls mit einer gleichen Anzahl Soldaten dahin zu +begeben. Es schien ihm gerecht, daß, so lange die militairischen +Operationen eingestellt waren, beide Armeen gleichmäßig im Dienste der +Nation stehend betrachtet und gleichmäßig auf Kosten des englischen +Staatsschatzes unterhalten würden. Endlich verlangte er noch eine +Gewährschaft dafür, daß der König sich den Waffenstillstand nicht zu +Nutze machte, um französische Truppen nach England zu ziehen. Der +gefährlichste Punkt in dieser Beziehung war Portsmouth. Der Prinz +bestand jedoch nicht darauf, daß ihm diese wichtige Festung überliefert +werden sollte, sondern machte nur den Vorschlag, sie für die Dauer des +Waffenstillstandes unter das Commando eines Offiziers zu stellen, zu dem +er und Jakob Vertrauen habe.</p> + +<p>Wilhelm’s Vorschläge waren mit der gewissenhaftesten Ehrlichkeit und +Aufrichtigkeit entworfen, wie sie eher von einem unbeteiligten +Schiedsrichter, der sein Urtheil abgiebt, als von einem siegreichen +Fürsten, der einem hülflosen Feinde Bedingungen vorschreibt, zu erwarten +gewesen wären. Die Anhänger des Königs fanden nichts daran auszusetzen. +Unter den Whigs aber wurde viel darüber gemurrt. Sie wollten von einer +Versöhnung mit ihrem gewesenen Gebieter nichts wissen, sie glaubten sich +aller Unterthanenpflichten gegen ihn entbunden, sie wollten die +Autorität eines durch ihn einberufenen Parlaments nicht anerkennen, +waren einem Waffenstillstande entschieden abgeneigt und konnten nicht +einsehen, warum ein solcher, wenn er dennoch abgeschlossen werden +sollte, auf gleiche Bedingungen basirt sein müsse. Nach allen Regeln des +Kriegs habe die stärkere Partei das Recht, aus ihrer Starke Vortheil zu +ziehen, und sei Jakob’s Character von der Art, um eine außerordentliche +Nachsicht zu rechtfertigen? Die, welche so raisonnirten, hatten keinen +Begriff, aus welchem erhabenen Gesichtspunkte und mit welchem scharfen +Blicke der von ihnen getadelte Führer die ganze Stellung Englands und +Europa’s betrachtete. Sie wollten Jakob schlechterdings stürzen und +würden sich daher entweder geweigert haben, unter irgend welchen +Bedingungen mit ihm zu unterhandeln, oder sie würden ihm unerträglich +harte Bedingungen gestellt haben. Wenn Wilhelm’s umfassender und tief +durchdachter politischer Plan gelingen sollte, mußte Jakob durch +Zurückweisung auffallend liberaler Bedingungen sich selbst ins Verderben +stürzen. Die kommenden Ereignisse bewiesen sprechend die Weisheit des +Verfahrens, welches die Mehrzahl der in Hungerford versammelten +Engländer zu verdammen geneigt war.</p> + +<p>Am Sonntag, den 9. December, wurden die Forderungen des Prinzen +niedergeschrieben und Halifax übergeben. Die Commissare speisten in +Littlecote mit einer glänzenden Gesellschaft, welche ihnen zu Ehren +eingeladen worden war. Die alte Halle, geschmückt mit Panzerhemden, +welche die Kriege der Rosen gesehen und mit den Bildnissen von +Kavalieren, die +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_104" id = "pageIX_104"> +IX.104</a></span> +eine Zierde des Hofes Philipp’s und Mariens gewesen waren, war an jenem +Tage mit Peers und Generälen angefüllt. In einem solchen Gedränge konnte +man leicht eine kurze Frage und Antwort wechseln, ohne die +Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Halifax benutzte die Gelegenheit, die +sich ihm darbot, um Burnet Alles was er wußte und dachte zu entlocken. +„Was wollt Ihr eigentlich?“ fragte der gewandte Diplomat; „wollt Ihr den +König in Eure Gewalt haben?“ — „Durchaus nicht,“ antwortete +Burnet, „wir würden seiner Person nicht das mindeste Leid anthun.“ +— „Wenn er aber flüchtete?“ fuhr Halifax fort. „Dies wäre uns das +Erwünschteste.“ Es kann nicht bezweifelt werden, daß Burnet die +allgemeine Ansicht der Whigs im Lager des Prinzen aussprach. Sie +wünschten Alle, daß Jakob das Land verlassen möchte, aber nur einige +wenige von den weisesten unter ihnen sahen ein, wie wichtig es war, daß +seine Flucht von der Nation seiner eignen Thorheit und Verblendung und +nicht harter Behandlung oder begründeter Furcht zugeschrieben wurde. +Wahrscheinlich wären selbst in der verzweifelten Lage, in die er +versetzt war, alle seine Feinde zusammengenommen noch immer nicht im +Stande gewesen, seinen völligen Sturz zu bewirken, wäre er selbst nicht +sein schlimmster Feind gewesen; aber während seine Commissare an seiner +Rettung arbeiteten, arbeitete er eben so eifrig daran, alle ihre +Bemühungen nutzlos zu machen.<a class = "tag" name = "tagIX_161" id = +"tagIX_161" href = "#noteIX_161">161</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteIX_160" id = "noteIX_160" href = "#tagIX_160">160.</a> +Siehe eine höchst interessante Note zum fünften Gesange von Sir Walter +Scotts Rokeby.</p> + +<p><a name = "noteIX_161" id = "noteIX_161" href = "#tagIX_161">161.</a> +Die Quellen meiner Mittheilungen über die Vorgänge in Hungerford sind: +<span class = "antiqua">Clarendon’s Diary, Dec. 8, 9. 1688</span>; <span +class = "antiqua">Burnet, I. 794</span>; das Schreiben, welches die +Commissare dem Prinzen überbrachten, und dessen Antwort darauf; <span +class = "antiqua">Sir Patrick Hume’s Diary</span>; Citters, 9.(19.) +Dec.</p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die Königin und der Prinz von Wales werden nach Frankreich +geschickt.</span> +<a name = "secIX_83" id = "secIX_83">Seine</a> Pläne waren endlich reif +zur Ausführung. Die Scheinunterhandlung hatte ihren Zweck erfüllt. An +dem nämlichen Tage, an welchem die drei Lords in Hungerford eintrafen, +kam der Prinz von Wales in Westminster an. Man hatte die Absicht gehabt, +ihn die London-Brücke passiren zu lassen, und einige irländische Truppen +waren ihm daher nach Southwark entgegengesandt worden. Aber sie wurden +von einer zahlreichen Volksmenge mit solchem Geschrei und solchen +Verwünschungen empfangen, daß sie es für gerathen hielten, schleunigst +wieder umzukehren. Das unglückliche Kind passirte die Themse bei +Kingston und wurde so in aller Stille nach Whitehall gebracht, daß Viele +glaubten, es sei noch in Portsmouth.<a class = "tag" name = "tagIX_162" +id = "tagIX_162" href = "#noteIX_162">162</a></p> + +<p>Den Prinzen und die Königin außer Landes zu schicken, war jetzt das +Hauptziel Jakob’s. Aber wem konnte die Leitung der Flucht anvertraut +werden? Dartmouth war der loyalste aller protestantischen Tories, und er +hatte sich geweigert. Dover war eine Creatur der Jesuiten, und selbst er +hatte sich nicht entschließen können. Es war nicht sehr leicht, einen +Engländer von hohem Range und von Ehre zu finden, der es unternommen +hätte, den wahrscheinlichen Erben der englischen Krone den Händen des +Königs von Frankreich zu übergeben. Unter diesen Umständen dachte Jakob +an einen damals in London lebenden Franzosen, Namens Antonin Graf von +Lauzun.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteIX_162" id = "noteIX_162" href = "#tagIX_162">162.</a> +<span class = "antiqua">Clarke’s Life of James, II. 237.</span> Burnet +hat sonderbarerweise nichts davon gehört oder es vergessen, daß der +Prinz nach London zurückgebracht wurde. (I. 796.)</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Lauzun.</span> +<a name = "secIX_84" id = "secIX_84">Man</a> hat von diesem Manne +gesagt, sein Leben sei wunderbarer gewesen, als die Träume anderer +Leute. In seiner Jugend +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_105" id = "pageIX_105"> +IX.105</a></span> +war er Ludwig’s intimer Gesellschafter gewesen und man hatte ihm +Aussicht auf die höchsten Ämter unter der französischen Krone gemacht. +Dann hatte sein Glücksstern sich plötzlich verdunkelt. Ludwig hatte +seinen Jugendfreund mit bitteren Vorwürfen von sich gestoßen und sollte +sich angeblich kaum haben enthalten können, ihn zu schlagen. Der +gefallene Günstling war als Gefangener auf eine Festung geschickt, aber +wieder in Freiheit gesetzt worden, hatte sich aufs neue der Gunst seines +Gebieters erfreut und das Herz einer der vornehmsten Damen in Europa, +Anna Maria, Tochter des Herzogs Gaston von Orleans, Enkelin König +Heinrich’s IV. und Erbin der unermeßlichen Besitzungen des Hauses +Montpensier, erobert. Die beiden Liebenden wünschten sich zu vermählen, +der König gab seine Einwilligung und einige Stunden lang wurde Lauzun +vom Hofe als ein Mitglied des Hauses Bourbon betrachtet. Die Mitgift der +Prinzessin wäre in der That der Bewerbung souverainer Fürsten werth +gewesen, denn sie bestand aus drei großen Herzogthümern, einem +unabhängigen Fürstenthume mit eigner Münze und eigenen Tribunalen, und +einem Einkommen, das die Gesammteinkünfte des Königreichs Schottland +weit überstieg. Aber diese glänzende Aussicht trübte sich, die +Verbindung wurde abgebrochen und der Freier wurde viele Jahre in einem +Alpenschlosse eingesperrt. Endlich ließ sich Ludwig wieder erweichen. +Lauzun durfte nicht vor dem Könige erscheinen, aber es war ihm +gestattet, fern vom Hofe seine Freiheit zu genießen. Er ging nach +England und wurde im Palaste Jakob’s und in den vornehmen Cirkeln +London’s wohl aufgenommen, denn damals galten die französischen +Edelleute in ganz Europa für Muster von Eleganz, und viele Chevaliers +und Vicomtes, welche in den Privatcirkeln zu Versailles nie Zutritt +gehabt hatten, sahen sich in Whitehall von allgemeiner Neugierde und +Bewunderung umgeben. Lauzun war der gegenwärtigen Anforderung in jeder +Hinsicht gewachsen. Er hatte Muth und Ehrgefühl, war an excentrische +Abenteuer gewöhnt und verband mit dem scharfen Beobachtungssinn und dem +sarkastischen Witze eines vollendeten Weltmanns eine entschiedene +Neigung zum irrenden Ritterthum. Alle seine nationalen Gefühle und alle +seine persönlichen Interessen trieben ihn an, das Abenteuer zu wagen, +vor dem die treuesten Unterthanen der englischen Krone zurückzuschrecken +schienen. Als Beschützer der Königin von Großbritannien und des Prinzen +von Wales in einer gefahrvollen Krisis, konnte er mit Ehren in sein +Vaterland zurückkehren, es konnte ihm wieder gestattet werden, Ludwig +ankleiden und speisen zu sehen und nach so vielen Wechselfällen konnte +er am Abende seines Lebens noch einmal die so wunderbar bezaubernde Jagd +nach der königlichen Gunst beginnen.</p> + +<p>Von solchen Gefühlen beseelt, nahm Lauzun das ihm angebotene wichtige +Amt bereitwilligst an. Die Vorkehrungen zur Flucht wurden schleunigst +getroffen, ein Schiff erhielt Befehl, sich bei Gravesend bereit zu +halten; aber nach Gravesend zu gelangen, war nicht leicht. Die City war +in einer furchtbaren Aufregung. Die geringste Ursache war hinreichend, +um einen Auflauf zu veranlassen, kein Fremder durfte sich auf den +Straßen zeigen, wenn er sich nicht der Gefahr aussetzen wollte, +angehalten, ausgefragt und als verkappter Jesuit vor einen +Magistratsbeamten geführt zu werden. Man mußte sich daher auf der +Südseite der Themse halten. Es wurde keine Vorsichtsmaßregel versäumt, +um jeden Verdacht zu zerstreuen. Der König und die Königin begaben sich +wie gewöhnlich +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_106" id = "pageIX_106"> +IX.106</a></span> +zur Ruhe. Jakob wartete, bis eine Zeit lang im Palaste Alles still +gewesen war, dann stand er auf und rief einen Diener, zu dem er sagte: +„Ihr werdet an der Thür des Vorzimmers einen Mann finden; bringt ihn +hierher.“ Der Diener gehorchte und Lauzun wurde ins königliche +Schlafgemach eingeführt. „Ich vertraue Ihnen meine Gemahlin und meinen +Sohn an,“ sagte der König zu ihm; „sie müssen auf jede Gefahr hin nach +Frankreich gebracht werden.“ Lauzun sprach mit ächt ritterlichem Sinne +seinen Dank aus für die ihm zu Theil werdende gefährliche Ehre und bat +um die Erlaubniß, sich der Mithülfe seines Freundes Saint-Victor, eines +Edelmanns aus der Provence, dessen Muth und Treue vielfach erprobt sei, +bedienen zu dürfen. Die Dienste eines so werthvollen Beistandes wurden +bereitwillig angenommen. Lauzun reichte Marien die Hand, und +Saint-Victor hüllte den unglücklichen Erben so vieler Könige in seinen +warmen Mantel. Die Gesellschaft schlich leise die Hintertreppe hinab und +stieg in einen offenen Kahn. Es war eine traurige Fahrt. Die Nacht war +kalt, es regnete, der Wind heulte und der Wellenschlag war heftig. +Endlich erreichte der Kahn Lambeth und die Flüchtlinge landeten in der +Nähe eines Gasthofes, wo ein Wagen und Pferde sie erwarteten. Es dauerte +eine Weile, bis die Pferde angeschirrt und angespannt waren. Marie +wollte aus Furcht erkannt zu werden nicht in das Haus treten. Sie blieb +bei ihrem Kinde, zum Schutz vor dem Unwetter unter dem Thurme der +Lambethkirche kauernd und jedesmal vor Schreck zusammenfahrend, wenn der +Hausknecht sich ihr mit seiner Laterne näherte. Sie hatte zwei von ihren +Kammerfrauen bei sich; die eine nährte den Prinzen, die andre hatte das +Amt, ihn zu wiegen; ihrer Gebieterin aber konnten Beide nur wenig +nützen, denn sie waren Ausländerinnen, welche kaum englisch sprachen und +beständig über das rauhe Klima Englands klagten. Der einzige tröstliche +Umstand war, daß das Kind wohl war und nicht ein einziges Mal schrie. +Endlich war der Wagen bereit. Saint-Victor begleitete denselben zu +Pferde. Die Flüchtlinge kamen wohlbehalten in Gravesend an und schifften +sich auf der sie erwartenden Yacht ein. Sie fanden auf derselben Lord +Powis mit seiner Gattin und drei irische Offiziere. Diese waren dahin +geschickt worden, um Lauzun in einem etwaigen verzweifelten Nothfalle +beizustehen, denn es wurde nicht für unmöglich gehalten, daß der +Kapitain des Schiffes sich als treulos erwies, und man hatte sich fest +vorgenommen, ihn beim geringsten Verdacht von Verrätherei sofort +niederzustoßen. Man kam jedoch nicht in die Nothwendigkeit, Gewalt zu +brauchen. Die Yacht fuhr mit günstigem Winde den Strom hinab und nachdem +Saint-Victor sie hatte absegeln sehen, sprengte er mit der guten +Nachricht nach Whitehall zurück.<a class = "tag" name = "tagIX_163" id = +"tagIX_163" href = "#noteIX_163">163</a></p> + +<p>Am Montag Morgen, den 10. December, erfuhr der König, daß seine +Gemahlin und sein Sohn ihre Reise unter günstigen Aussichten für die +glückliche Vollendung derselben angetreten hatten. Um die nämliche Zeit +kam ein Courier mit Depeschen von Hungerford im Palaste an. Wäre Jakob +ein wenig scharfsichtiger und etwas weniger halsstarrig +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_107" id = "pageIX_107"> +IX.107</a></span> +gewesen, so würden diese Depeschen ihn bestimmt haben, alle seine Pläne +noch einmal zu erwägen. Das Schreiben der Commissare berechtigte zu +guten Hoffnungen. Die von dem Sieger gestellten Bedingungen waren +auffallend liberal. Der König selbst konnte sich der Bemerkung nicht +enthalten, daß sie günstiger seien, als er es erwartet hätte. Zwar +konnte er nicht ohne Grund annehmen, daß sie in keiner freundlichen +Absicht gestellt wurden; allein dies kam hier nicht in Betracht; mochten +sie ihm in der Hoffnung angeboten werden, daß er durch Annahme derselben +den Grund zu einer gütlichen Ausgleichung legen werde, oder, und dies +war wahrscheinlicher, in der Hoffnung, daß er sich durch ihre +Zurückweisung der Nation als durchaus unvernünftig und unverbesserlich +darstellen werde, jedenfalls war der Weg, den er hatte einschlagen +sollen, vollkommen klar. In beiden Fallen würde es die Klugheit +erfordert haben, sie ohne Besinnen anzunehmen und treulich zu +halten.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteIX_163" id = "noteIX_163" href = "#tagIX_163">163.</a> +<span class = "antiqua">Clarke’s Life of James, II. 246</span>; <span +class = "antiqua">Père d’Orléans, Revolutions d’Angleterre, XI.</span>; +Frau von Sévigné, 14.(24.) Dec. 1688; <span class = "antiqua">Dangeau +Mémoires, 13.(23.) Dec.</span> Über Lauzun siehe die Memoiren +Mademoiselle’s und des Herzogs von St. Simon und die Characteristiken +von Labruyère.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Anstalten des Königs zur Flucht.</span> +<a name = "secIX_85" id = "secIX_85">Es</a> zeigte sich aber bald, daß +Wilhelm den Character, mit dem er es zu thun hatte, richtig beurtheilt +und durch das Anerbieten jener Bedingungen, welche die in Hungerford +anwesenden Whigs als zu nachsichtig getadelt, nichts gewagt hatte. Die +feierliche Komödie, mit der das Publikum seit dem Rückzuge der +königlichen Armee von Salisbury unterhalten worden war, wurde noch +einige Stunden fortgesetzt. Alle noch in der Hauptstadt anwesenden Lords +wurden in den Palast beschieden, um von den Fortschritten der auf ihren +Rath eingeleiteten Unterhandlungen unterrichtet zu werden. Eine zweite +Versammlung von Peers wurde auf den nächstfolgenden Tag festgesetzt. Der +Lordmayor und die Sheriffs von London wurden ebenfalls vor den König +geladen. Er ermahnte sie, ihre Pflichten mit ungeschwächtem Eifer zu +erfüllen und gestand ihnen, daß er es für zweckmäßig erachtet habe, +seine Gemahlin und seinen Sohn außer Landes zu schicken, versicherte +aber, daß er selbst auf seinem Posten ausharren werde. Als er diese +unkönigliche und unmännliche Lüge sagte, war es schon sein fester +Entschluß, noch vor Tagesanbruch abzureisen. Er hatte bereits sein +werthvollstes bewegliches Eigenthum mehreren fremden Gesandten zur +Aufbewahrung übergeben. Seine wichtigsten Papiere hatte er dem +toskanischen Gesandten anvertraut. Etwas aber mußte vor der Flucht noch +geschehen. Der Tyrann schmeichelte sich mit der Hoffnung, daß er sich an +dem Volke, welches seinen Despotismus nicht länger ertragen wollte, +werde rächen können, indem er es bei seinem Scheiden allem Unheile der +Anarchie preisgab. Er ließ das große Siegel und die Ausschreiben für das +neue Parlament in sein Zimmer bringen. Die noch vorhandenen Ausschreiben +warf er ins Feuer und die bereits abgesandten erklärte er durch eine in +gesetzlicher Form abgefaßte Urkunde für ungültig. An Feversham schrieb +er einen Brief, der nur als ein Befehl zur Auflösung der Armee +verstanden werden konnte. Gleichwohl verhehlte der König selbst seinen +ersten Ministern noch immer seine Absicht, zu entweichen. Ehe er sich +zur Ruhe begab, befahl er noch Jeffreys, am andren Morgen bei Zeiten im +Kabinet zu erscheinen, und als er ins Bett stieg, raunte er Mulgrave zu, +die aus Hungerford angelangten Nachrichten seien höchst befriedigend. +Jedermann entfernte sich hierauf, mit Ausnahme des Herzogs von +Northumberland. Dieser junge Mann, ein natürlicher Sohn Karl’s II. +und der Herzogin von Cleveland, war Commandant einer Abtheilung der +Leibgarde +<span class = "pagenum"><a name = "pageIX_108" id = "pageIX_108"> +IX.108</a></span> +und Kammerherr. Es scheint damals am Hofe Sitte gewesen zu sein, daß in +Abwesenheit der Königin ein Kammerherr im Zimmer des Königs auf einem +Feldbett schlafen mußte, und Northumberland war an der Reihe, diesen +Dienst zu versehen.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Seine Flucht.</span> +<a name = "secIX_86" id = "secIX_86">Dienstag</a> den 11. December um +drei Uhr Morgens stand Jakob auf, nahm das große Siegel an sich, befahl +Northumberland, die Thür des Schlafzimmers erst zur gewohnten Stunde zu +öffnen und verschwand durch einen verborgenen Ausgang, wahrscheinlich +derselbe, durch welchen Huddleston ans Bett des vorigen Königs gebracht +worden war. Sir Eduard Hales erwartete ihn mit einer Miethkutsche. Jakob +fuhr nach Millbank, wo er in einem kleinen Nachen über die Themse +setzte. Als er bei Lambeth vorüberfuhr, warf er das große Siegel mitten +in den Strom, wo es viele Monate darauf zufällig in ein Fischernetz +gerieth und herausgezogen wurde.</p> + +<p>In Vauxhall stieg er an’s Land. Hier erwartete ihn ein bekannter +Reisewagen und er schlug ohne Aufenthalt den Weg nach Sheerneß ein, wo +ein dem Zollhause gehörendes Boot für ihn in Bereitschaft gehalten +wurde.<a class = "tag" name = "tagIX_164" id = "tagIX_164" href = +"#noteIX_164">164</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteIX_164" id = "noteIX_164" href = "#tagIX_164">164.</a> +<span class = "antiqua">History of the Desertion</span>; <span class = +"antiqua">Clarke’s Life of James, II. 251. Orig. Mem.</span>; <span +class = "antiqua">Mulgrave’s Account of the Revolution</span>; <span +class = "antiqua">Burnet, I. 795</span>.</p> + + + + +<a name = "kap_X" id = "kap_X"> </a> +<center> +<div class = "chapterhead"> + +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_1" id = "pageX_1"> +X.1</a></span> + +<h4 class = "five"><b>Zehntes Kapitel.</b></h4> + +<h4>Das Interregnum.</h4> + +<hr class = "tiny"> + +</div> +</center> +<a name = "pageX_2" id = "pageX_2"> </a> + +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_3" id = "pageX_3"> +X.3</a></span> + +<h4><a name = "inhalt_X" id = "inhalt_X"> +<b><span class = "extended">Inhalt</span>.</b></a></h4> + +<hr class = "micro"> + +<table class = "toc" summary = "inhaltsverzeichniss"> +<tr> +<td></td> +<td class = "seite">Seite</td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secX_1">Die Flucht des Königs wird bekannt</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_5">5</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secX_2">Große Aufregung</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_5">5</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secX_3">Die Lords versammeln sich in Guildhall</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_5">5</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secX_4">Tumulte in London</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_8">8</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secX_5">Das Haus des spanischen Gesandten +geplündert</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_9">9</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secX_6">Verhaftung Jeffreys’</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_10">10</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secX_7">Die irische Macht</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_11">11</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secX_8">Der König wird unweit Sheerneß +angehalten</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_14">14</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secX_9">Die Lords geben Befehl zu seiner +Freilassung</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_18">18</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secX_10">Wilhelm’s Verlegenheit</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_19">19</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secX_11">Verhaftung Feversham’s</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_19">19</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secX_12">Ankunft Jakob’s in London</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_20">20</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secX_13">Berathung in Windsor</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_21">21</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secX_14">Die holländischen Truppen besetzen +Whitehall</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_24">24</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secX_15">Das Schreiben des Prinzen wird Jakob +überbracht</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_24">24</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secX_16">Jakob’s Aufbruch nach Rochester</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_25">25</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secX_17">Wilhelm’s Ankunft im St. Jamespalaste</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_25">25</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secX_18">Es wird ihm gerathen, sich die Krone kraft +des Eroberungsrechtes aufzusetzen</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_27">27</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secX_19">Er beruft die Lords und die Mitglieder der +Parlamente Karl’s II. zusammen</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_28">28</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secX_20">Jakob’s Flucht von Rochester</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_30">30</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secX_21">Berathungen und Beschlüsse der Lords</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_31">31</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secX_22">Verhandlungen und Beschlüsse der von dem +Prinzen einberufenen Gemeinen</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_32">32</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secX_23">Eine Convention berufen</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_33">33</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secX_24">Bemühungen des Prinzen zur Herstellung der +Ordnung</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_33">33</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secX_25">Seine tolerante Politik</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_34">34</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secX_26">Zufriedenheit der katholischen Mächte</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_35">35</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secX_27">Stimmung in Frankreich</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_35">35</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secX_28">Empfang der Königin von England in +Frankreich</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_36">36</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secX_29">Ankunft Jakob’s in St.-Germain</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_37">37</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secX_30">Stimmung in den Vereinigten Provinzen</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_39">39</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secX_31">Wahl der Mitglieder zur Convention</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_39">39</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secX_32">Die Angelegenheiten Schottlands</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_40">40</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secX_33">Stand der Parteien in England</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_42">42</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secX_34">Sherlock’s Plan</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_44">44</a></td> +</tr> +<tr> +<td> +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_4" id = "pageX_4"> +X.4</a></span> +<a href = "#secX_35">Sancroft’s Plan</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_45">45</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secX_36">Danby’s Plan</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_47">47</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secX_37">Der Plan der Whigs</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_48">48</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secX_38">Zusammentritt der Convention. Leitende +Mitglieder des Hauses der Gemeinen</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_50">50</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secX_39">Wahl eines Sprechers</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_51">51</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secX_40">Debatte über die Lage der Nation</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_52">52</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secX_41">Beschluß, durch den der Thron für erledigt +erklärt wird</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_54">54</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secX_42">Der Beschluß wird den Lords vorgelegt</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_55">55</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secX_43">Debatte im Oberhause über den +Regentschaftsplan</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_55">55</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secX_44">Spaltung zwischen den Whigs und den +Anhängern Danby’s</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_61">61</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secX_45">Versammlung bei dem Earl von +Devonshire</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_62">62</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secX_46">Debatte im Hause der Lords über die Frage +der Thronerledigung</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_63">63</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secX_47">Die Majorität für die Verneinung</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_64">64</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secX_48">Aufregung in London</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_64">64</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secX_49">Brief von Jakob an die Convention</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_65">65</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secX_50">Debatte</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_65">65</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secX_51">Unterhandlungen</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_65">65</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secX_52">Schreiben der Prinzessin von Oranien an +Danby</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_65">65</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secX_53">Die Prinzessin Anna erklärt sich mit dem +Whigplane einverstanden</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_66">66</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secX_54">Wilhelm spricht seine Absichten aus</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_67">67</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secX_55">Die Conferenz zwischen den beiden +Häusern</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_68">68</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secX_56">Die Lords geben nach</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_69">69</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secX_57">Es werden neue Gesetze zur Sicherung der +Freiheit vorgeschlagen</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_70">70</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secX_58">Streitigkeiten und Vergleich</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_71">71</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secX_59">Die Rechtserklärung</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_73">73</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secX_60">Ankunft Marien’s</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_73">73</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secX_61">Anbietung und Annahme der Krone</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_74">74</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secX_62">Wilhelm und Marie werden ausgerufen</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_75">75</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secX_63">Eigenthümlicher Character der englischen +Revolution</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageX_75">75</a></td> +</tr> +</table> + + +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_5" id = "pageX_5"> +X.5</a></span> +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die Flucht des Königs wird bekannt.</span> +<a name = "secX_1" id = "secX_1">Northumberland</a> gehorchte pünktlich +dem erhaltenen Befehle und öffnete den Eingang zu den königlichen +Apartements erst als es heller Tag geworden war. Das Vorzimmer war mit +Höflingen, welche ihre Morgenvisite machen wollten, und mit den zu einer +Berathung in den Palast beschiedenen Lords angefüllt. In einem +Augenblicke verbreitete sich die Nachricht von Jakob’s Flucht von den +Gallerien in die Straßen und die ganze Stadt kam in Aufruhr.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Große Aufregung.</span> +<a name = "secX_2" id = "secX_2">Es</a> war ein schrecklicher +Augenblick. Der König war fort, der Prinz noch nicht da und keine +Regentschaft war ernannt. Das zur Verwaltung der ordentlichen +Rechtspflege unentbehrliche große Siegel war verschwunden, und bald +erfuhr man, daß Feversham bei Empfang des königlichen Befehls seine +Truppen auf der Stelle entlassen hatte. Welche Achtung vor dem Gesetz +und den Eigenthumsrechten konnte man von bewaffneten und +zusammenhaltenden Soldaten erwarten, welche aller Beschränkungen der +Disciplin entledigt waren und denen es an den nothwendigsten +Lebensbedürfnissen fehlte? Auf der andren Seite hatte auch der Pöbel von +London seit einigen Wochen eine starke Neigung zu Tumulten und +Räubereien gezeigt. Die dringende Gefahr des Augenblicks vereinigte auf +kurze Zeit alle Diejenigen mit einander, die ein Interesse an der Ruhe +und Sicherheit der Gesellschaft hatten. Rochester hatte bis zu diesem +Tage fest zur Sache des Königs gehalten. Jetzt sah er nur noch ein +Mittel, um einer allgemeinen Verwirrung vorzubeugen. „Rufen Sie Ihre +Abtheilung Garden zusammen,“ sagte er zu Northumberland, „und erklären +Sie sich für den Prinzen von Oranien.“ Der Rath wurde sofort befolgt. +Die zur Zeit in London anwesenden höheren Offiziere der Armee hielten in +Whitehall eine berathende Versammlung und beschlossen, sich der +Autorität Wilhelm’s zu unterwerfen, ihre Truppen zusammenzuhalten bis er +seinen Willen kund thun würde, und die Civilgewalt in der +Aufrechthaltung der Ruhe und Ordnung zu unterstützen.<a class = "tag" +name = "tagX_1" id = "tagX_1" href = "#noteX_1">1</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteX_1" id = "noteX_1" href = "#tagX_1">1.</a> +<span class = "antiqua">History of the Desertion</span>; <span class = +"antiqua">Mulgrave’s Account of the Revolution</span>; <span class = +"antiqua">Eachard’s History of the Revolution</span>.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die Lords versammeln sich in Guildhall.</span> +<a name = "secX_3" id = "secX_3">Die</a> Peers begaben sich nach der +Guildhall, wo sie von dem Magistrat der Stadt +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_6" id = "pageX_6"> +X.6</a></span> +mit allen Ehrenbezeigungen empfangen wurden. Streng gesetzlich waren sie +so wenig als irgend ein andrer Verein von Personen befugt, die ausübende +Gewalt zu übernehmen. Aber im Interesse der öffentlichen Sicherheit war +eine provisorische Regierung durchaus nöthig und zu dem Ende richtete +sich der Blick des Publikums natürlich auf die erblichen Magnaten des +Reichs. Die Größe der Gefahr trieb auch Sancroft aus seinem Palaste. Er +nahm den Präsidentenstuhl ein und unter seinem Vorsitze beschlossen der +neue Erzbischof von York, fünf Bischöfe und zweiundzwanzig weltliche +Lords eine Erklärung aufzusetzen, zu unterzeichnen und zu +veröffentlichen. Sie erklärten in diesem Aktenstücke, daß sie treu zur +Religion und Verfassung ihres Vaterlandes hielten, daß sie die Hoffnung +gehegt hätten, die öffentlichen Mißstände durch das vor kurzem vom +Könige einberufene Parlament abgestellt zu sehen, daß aber seine Flucht +diese Hoffnung zerstört habe. Sie hätten daher beschlossen, sich dem +Prinzen von Oranien anzuschließen, damit die Freiheit der Nation und die +Rechte der Kirche gesichert, den Dissenters gebührende Gewissensfreiheit +gewährt und der Protestantismus durch die ganze Welt befestigt werde. +Bis zur Ankunft Seiner Hoheit wollten sie die Verantwortlichkeit für die +zur Aufrechthaltung der Ordnung nöthigen Maßregeln übernehmen. Es wurde +sofort eine Deputation abgesandt, welche dem Prinzen diese Erklärung +vorlegen und ihm sagen sollte, daß er mit Ungeduld in London erwartet +werde.<a class = "tag" name = "tagX_2" id = "tagX_2" href = +"#noteX_2">2</a></p> + +<p>Die Lords schritten nun zur Berathung der Maßregeln, welche ergriffen +werden mußten, um Ruhestörungen vorzubeugen. Sie schickten nach den +beiden Staatssekretären. Middleton wollte sich einer Autorität, die er +für widerrechtlich angemaßt hielt, nicht unterwerfen; Preston aber, der +über die Flucht seines Gebieters ganz bestürzt war und nicht wußte, was +er zu erwarten hatte, noch wohin er sich wenden sollte, kam der +Aufforderung nach. Es wurde ein Bote an Skelton, den Gouverneur des +Tower gesandt, um ihn in die Guildhall zu berufen. Er kam und ward +bedeutet, daß man seiner Dienste nicht länger bedürfe und daß er +augenblicklich seine Schlüssel abzuliefern habe. Zu seinem Nachfolger +wurde Lord Lucas ernannt. Zu gleicher Zeit wurde auf Befehl der Peers an +Dartmouth ein Brief geschrieben, welcher die Weisung enthielt, daß er +sich jeder feindseligen Operation gegen die holländische Flotte +enthalten und alle unter ihm commandirenden papistischen Offiziere +entlassen solle.<a class = "tag" name = "tagX_3" id = "tagX_3" href = +"#noteX_3">3</a></p> + +<p>Die Rolle, welche Sancroft und einige andere Personen, die bis zu +diesem Tage das Prinzip des passiven Gehorsams streng festgehalten +hatten, bei diesen Maßnahmen spielten, verdient besondere Erwähnung. Den +Oberbefehl über die Land- und Seemacht des Staats eigenmächtig zu +übernehmen, die Offiziere zu entlassen, denen der König seine Schlösser +und Schiffe anvertraut, und seinem Admiral alle Operationen gegen seine +Feinde zu verbieten: dies war gewiß nichts Geringeres als offener +Aufruhr. Indessen redeten sich mehrere rechtschaffene und talentvolle +Tories aus Filmer’s Schule dennoch ein, daß sie dies Alles thun könnten, +ohne sich des Widerstandes gegen ihren Souverain schuldig zu machen. Die +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_7" id = "pageX_7"> +X.7</a></span> +Unterscheidung, welche sie dabei machten, war wenigstens sinnreich. Die +Regierung, sagten sie, ist eine göttliche Anordnung. Die erbliche +monarchische Regierung ist vorzugsweise eine göttliche Anordnung. So +lange der König befiehlt was recht und gesetzlich ist, müssen wir ihm +bereitwillig gehorchen, und wenn er etwas Ungesetzliches befiehlt, +müssen wir ihm passiv gehorchen. Selbst im äußersten Falle sind wir +nicht berechtigt, ihm gewaltsamen Widerstand entgegenzusetzen. Legt er +aber freiwillig seine Functionen nieder, so erlöschen dadurch seine +Rechte über uns. So lange er uns, wenn auch schlecht, regiert, sind wir +ihm Gehorsam schuldig; will er uns aber gar nicht mehr regieren, so sind +wir nicht verbunden, für immer ohne Regierung zu bleiben. Anarchie ist +keine göttliche Anordnung und Gott wird es uns gewiß nicht als Sünde +anrechnen, wenn ein Fürst, den wir trotz der heftigsten Provokationen +niemals die Ehrerbietung und den Gehorsam verweigert haben, plötzlich +abreist, ohne daß wir wissen wohin und ohne daß er einen Stellvertreter +hinterlassen, und wir schlagen dann das einzige Verfahren ein, durch das +wir die völlige Auflösung der Gesellschaft verhindern können. Wäre unser +Monarch bei uns geblieben, so würden wir, so wenig er auch unsre Liebe +verdiente, mit Freuden zu seinen Füßen gestorben sein. Hätte er, als er +uns verließ, eine Regentschaft eingesetzt, die uns während seiner +Abwesenheit mit stellvertretender Autorität regieren sollte, so würden +wir dieser Regentschaft allein die Leitung der Geschäfte überlassen +haben. Aber er ist verschwunden, ohne für die Erhaltung der Ordnung oder +für die Verwaltung der Justiz Vorsorge getroffen zu haben. Mit ihm und +seinem großen Siegel ist auch das ganze Triebwerk verschwunden, durch +welches ein Mörder bestraft, das Recht auf einen Besitz entschieden und +das Vermögen eines Bankerotteurs vertheilt werden kann. Seine letzte +Handlung war, daß er viele Tausende bewaffneter Männer von den Zügeln +der militairischen Disciplin befreite und sie in die Lage versetzte, +entweder plündern oder darben zu müssen. Noch einige Stunden, und +Jedermann wird sich an seinem Nachbar vergreifen. Leben, Eigenthum und +Frauenehre werden allen Ungesetzlichkeiten preisgegeben sein. Wir +befinden uns diesen Augenblick thatsächlich in dem Naturzustande, über +den die Theoretiker soviel geschrieben haben, und in diesen Zustand sind +wir nicht durch unsre Schuld, sondern durch den freiwilligen Abfall des +Mannes versetzt worden, der unser Beschützer hätte sein sollen. Sein +Abfall darf mit Recht freiwillig genannt werden, denn weder sein Leben +noch seine Freiheit war gefährdet. Seine Feinde hatten sich eben bereit +erklärt, auf einer von ihm selbst vorgeschlagenen Grundlage mit ihm zu +unterhandeln und sich unter Bedingungen, deren Billigkeit er nicht +leugnen konnte, erboten, alle feindseligen Operationen sofort +einzustellen. Unter solchen Umständen hat er sein Amt niedergelegt. Wir +widerrufen nichts, wir sind in nichts inconsequent, wir halten noch +immer ohne Unterschied an unseren alten Prinzipien fest, wir sind noch +immer der Meinung, daß es in allen Fällen sündhaft ist, sich der +Obrigkeit zu widersetzen; aber wir sagen, es giebt keine Obrigkeit mehr, +der wir uns widersetzen könnten. Der Mann, der die Obrigkeit war, hat +seine Gewalt, nachdem er sie lange gemißbraucht, endlich niedergelegt. +Der Mißbrauch berechtigte uns nicht dazu ihn abzusetzen, die Abdankung +aber giebt uns das Recht, zu erwägen, wie wir seine Stelle am besten +wieder besetzen.</p> + +<p>Aus diesen Gründen gewann die Partei des Prinzen viele neue +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_8" id = "pageX_8"> +X.8</a></span> +Anhänger, die sich bisher von ihm fern gehalten hatten. Seit +Menschengedenken war man der vollkommenen Einigkeit aller verständigen +Engländer noch nie so nahe gewesen, als bei dieser Gelegenheit; nie +hatte man aber auch der Einigkeit so sehr bedurft. Eine gesetzliche +Autorität gab es nicht. Alle die schlimmen Leidenschaften, welche eine +Regierung zu zügeln verpflichtet ist und welche auch die besten +Regierungen nur unvollkommen zu zügeln vermögen, waren plötzlich von +jedem Zwange befreit: Habgier, Sittenlosigkeit, Rachsucht, Seelenhaß und +Nationalhaß. Bei solchen Gelegenheiten wird man stets finden, daß das +menschliche Ungeziefer, das, von den Dienern des Staats und der Kirche +vernachlässigt, inmitten der Civilisation und des Christenthums in +heidnischer Rohheit und mit allen möglichen physischen und moralischen +Lastern befleckt in den Kellern und Dachkammern der großen Städte +nistet, sich mit einem Male zu furchtbarer Bedeutung erhebt. So war es +damals auch in London.</p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteX_2" id = "noteX_2" href = "#tagX_2">2.</a> +<span class = "antiqua">London Gazette, Dec. 13. 1688.</span></p> + +<p><a name = "noteX_3" id = "noteX_3" href = "#tagX_3">3.</a> +<span class = "antiqua">Clarke’s Life of James, II. 259</span>; <span +class = "antiqua">Mulgrave’s Account of the Revolution</span>; Legge’s +Papiere in der Mackintosh-Sammlung.</p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Tumulte in London.</span> +<a name = "secX_4" id = "secX_4">Als</a> die Nacht, zufällig die längste +Nacht im Jahre, hereinbrach, spieen alle Höhlen des Lasters, der +Bärenzwinger von Hockley und das Labyrinth von Kneipen und Bordellen in +den Friars, Tausende von Einbrechern und Straßenräubern, Taschendieben +und Gaunern aus. Zu ihnen gesellten sich Tausende von Lehrbuben und +Gesellen, denen lediglich nach der Aufregung eines Tumults gelüstete. +Selbst friedliebende und achtbare Leute wurden durch die religiöse +Erbitterung angetrieben, sich dem gesetzlosen Theile der Bevölkerung +anzuschließen. Denn der Ruf: „Kein Papismus!“ ein Ausruf, der mehr als +einmal die Existenz Londons gefährdet hat, war das Signal zu +Gewaltthätigkeiten und Räubereien. Zuerst fiel der Pöbel über die +katholischen Andachtshäuser her. Die Gebäude wurden demolirt. Bänke, +Kanzeln, Beichtstühle und Breviarien wurden auf einen Haufen geworfen +und verbrannt. Ein ungeheurer Berg von Büchern und Geräthschaften +brannte in der Gegend des Klosters von <ins class = "correction" title = +"Original hat »Clarkenwell«, mögligens auch in Macaulays Englisch">Clerkenwell</ins>. Ein andrer Haufen wurde neben den Trümmern +des Franziskanerklosters in Lincoln’s Inn Fields angezündet. Die beiden +Kapellen in Lime Street und in Bucklersbury wurden niedergerissen. Die +Gemälde, Bilder und Kruzifixe wurden beim Scheine der von den Altären +genommenen Wachskerzen im Triumph durch die Straßen getragen. Die +Prozession starrte von Schwertern und Stöcken, an welche Orangen +gespießt waren. Die Druckerei des Königs, aus der während der letzten +drei Jahre unzählige Schriften zur Vertheidigung der päpstlichen +Oberhoheit, des Bilderdienstes und der Klostergelübde hervorgegangen +waren, wurde, um uns eines Ausdrucks zu bedienen, welcher damals zum +ersten Male aufkam, vollständig ausgeweidet (<span class = +"antiqua">gutted</span>). Die großen Papiervorräthe, welche zum Theil +noch nicht bedruckt waren, lieferten das Material zu einem ungeheuren +Freudenfeuer. Von den Klöstern, Tempeln und öffentlichen Anstalten +wendete sich die Wuth der Menge auf Privatwohnungen. Mehrere Häuser +wurden ausgeplündert und zerstört; die Geringfügigkeit der Beute aber +befriedigte die Plünderer nicht, und bald verbreitete sich das Gerücht, +daß die werthvollsten Effecten der Papisten den auswärtigen Gesandten +zur Aufbewahrung übergeben worden seien. Der rohe und unwissende Pöbel +fragte nichts nach dem Völkerrechte und nach der Gefahr, die gerechte +Rache von ganz Europa auf das Vaterland zu bringen. Die Häuser der +Gesandten wurden belagert. Ein großer Haufe sammelte sich vor Barillon’s +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_9" id = "pageX_9"> +X.9</a></span> +Palaste in St. James’ Square. Er kam jedoch leichteren Kaufes davon, als +man hätte erwarten sollen, denn obgleich die Regierung, welche er +repräsentirte, allgemein verhaßt war, so hatten doch sein gastfreier +Haushalt und seine pünktlichen Zahlungen ihn persönlich beliebt gemacht. +Überdies hatte er die Vorsicht gebraucht, um eine militairische +Schutzwache zu bitten, und da mehrere andere in seiner Nähe wohnende +Männer von Rang das Nämliche gethan, so war auf dem Platze eine +ansehnliche Streitmacht versammelt. Die Tumultuanten ließen ihn deshalb +unbelästigt, nachdem er versichert hatte, daß keine Waffen oder Priester +in seinem Hause versteckt seien. Auch der venetianische Gesandte war +durch eine Truppenabtheilung geschützt; die Häuser aber, welche die +Gesandten des Kurfürsten von der Pfalz und des Großherzogs von Toskana +bewohnten, wurden zerstört. Einen werthvollen Kasten konnte der +toskanische Gesandte vor den Plünderern retten. Derselbe enthielt neun +Bände Memoiren, von Jakob eigenhändig geschrieben. Diese Bände kamen +unversehrt nach Frankreich, wo sie nach Verlauf von mehr als einem +Jahrhunderte in den Stürmen einer noch weit furchtbareren Revolution als +die, weicher sie glücklich entronnen waren, zu Grunde gingen. Einige +Bruchstücke davon sind indessen noch vorhanden, und obgleich diese arg +verstümmelt und in Massen lächerlicher Erdichtungen gekleidet sind, so +verdienen sie doch aufmerksam studirt zu werden.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Das Haus des spanischen Gesandten geplündert.</span> +<a name = "secX_5" id = "secX_5">Das</a> kostbare Silbergeräth der +königlichen Kapelle war nach Wild House, unweit Lincoln’s Inn Fields, +der Wohnung des spanischen Gesandten Ronquillo, gebracht worden. +Ronquillo, der sich bewußt war, daß er und sein Hof keine üble +Behandlung von Seiten der englischen Nation verdienten, hatte es nicht +für nöthig erachtet, um Soldaten zu bitten; aber der Pöbel war nicht in +der Stimmung, um feine Unterschiede zu machen. Der Name Spanien wurde in +der öffentlichen Meinung seit langer Zeit mit der Inquisition und der +Armada, mit den Grausamkeiten Mariens und den Anschlägen gegen Elisabeth +in Verbindung gebracht. Auch hatte sich Ronquillo selbst unter dem Volke +viele Feinde gemacht, indem er sich seines Vorrechts bediente, um der +Nothwendigkeit, seine Schulden zu bezahlen, überhoben zu sein. Sein Haus +wurde daher ohne Gnade geplündert und eine von ihm gesammelte prächtige +Bibliothek den Flammen überliefert. Sein einziger Trost war, daß die +Hostie in seiner Kapelle dem gleichen Schicksale entging.<a class = +"tag" name = "tagX_4" id = "tagX_4" href = "#noteX_4">4</a></p> + +<p>Die Morgensonne des 12. Decembers beleuchtete ein grauenvolles +Schauspiel. Die Hauptstadt bot an vielen Stellen den Anblick einer mit +Sturm genommenen Stadt dar. Die Lords versammelten sich in Whitehall und +bemühten sich, die Ruhe wieder herzustellen. Die Milizen wurden unter +die Waffen gerufen und ein Kavalleriedetaschement in Bereitschaft +gehalten, um tumultuarische Zusammenrottungen zu zerstreuen. Für die den +fremden Regierungen zugefügten Insulten wurde Genugthuung +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_10" id = "pageX_10"> +X.10</a></span> +gewährt, so weit es in jenem Augenblicke möglich war. Es wurde eine +Belohnung auf die Entdeckung der aus Wild House geraubten Effecten +ausgesetzt, und Ronquillo, der kein Bett und keine Unze Silbergeschirr +mehr besaß, wurde in dem verlassenen Palaste der Könige von England +glänzend einquartirt. Eine splendide Tafel wurde ihm gehalten und die +königlichen Leibwachen erhielten Befehl, ihn in seinem Vorzimmer mit der +nämlichen Aufmerksamkeit zu bewachen, die sie dem Souverain zu erzeigen +gewohnt waren. Diese Beweise von Achtung beschwichtigten selbst den +empfindlichen Stolz des spanischen Hofes und beugten jeder Gefahr eines +Bruches vor.<a class = "tag" name = "tagX_5" id = "tagX_5" href = +"#noteX_5">5</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteX_4" id = "noteX_4" href = "#tagX_4">4.</a> +<span class = "antiqua">London Gazette, Dec. 13. 1688</span>; Barillon, +14.(24.) Dec.; Citters, von demselben Datum; <span class = +"antiqua">Luttrell’s Diary</span>; <span class = "antiqua">Clarke’s Life +of James, II. 256. Orig. Mem.</span>; Ellis’ Correspondenz, 13. Dec.; +Berathung des spanischen Staatsraths vom 19.(29.) Jan. 1689. Ronquillo +beklagte sich gegen seine Regierung bitter über die erlittenen Verluste: +<span class = "antiqua">„Sirviendole solo de consuelo el haber tenido +prevencion de poder consumir El Santisimo.“</span></p> + +<p><a name = "noteX_5" id = "noteX_5" href = "#tagX_5">5.</a> +<span class = "antiqua">London Gazette, Dec. 13. 1688</span>; <span +class = "antiqua">Luttrell’s Diary</span>; <span class = +"antiqua">Mulgrave’s Account of the Revolution</span>; Berathung des +spanischen Staatsraths vom 19.(29.) Jan. 1689. Es wurde von Repressalien +gesprochen, aber der spanische Staatsrath wies den Vorschlag mit +Verachtung zurück. <span class = "antiqua">„Habiendo sido este hecho por +un furor de pueblo, sin consentimiento del gobierno, y antes contra su +voluntad, como lo ha mostrado la satisfaccion que le han dado y le han +prometido, parece que no hay juicio humano que puede aconsejar que se +pase à semejante remedio.“</span></p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Verhaftung Jeffreys’.</span> +<a name = "secX_6" id = "secX_6">Trotz</a> der wohlmeinenden Bemühungen +der provisorischen Regierung nahm jedoch die Aufregung stündlich in +erschreckendem Maße zu. Sie wurde noch vermehrt durch einen Vorfall, der +selbst nach so langer Zeit nicht ohne ein Gefühl von Schadenfreude +berichtet werden kann. Ein in Wapping wohnender Geldmäkler, dessen +Hauptgeschäft darin bestand, daß er den dortigen Seeleuten Geld auf hohe +Zinsen vorstreckte, hatte vor einiger Zeit eine Summe auf Bodmerei +ausgeliehen. Der Schuldner suchte bei dem Billigkeitsgericht um +Entbindung von seiner schriftlich eingegangenen Verpflichtung nach, und +der Fall kam vor Jeffreys. Da der Rechtsbeistand des Schuldners sonst +wenig zu sagen wußte, so sagte er, der Darleiher sei ein Trimmer. Der +Kanzler gerieth sogleich in Flammen. „Ein Trimmer?“ rief er aus; „wo ist +er? ich will ihn sehen, ich habe von dieser Gattung Ungeheuer gehört. +Wie mögen sie aussehen?“ Der unglückliche Gläubiger mußte vortreten. Der +Kanzler sah ihn mit einem durchbohrenden Blicke an, überhäufte ihn mit +einer Fluth von Schmähungen und schickte ihn dann halb todt vor Angst +wieder fort. „Dieses fürchterliche Gesicht,“ sagte der arme Mann, +während er aus dem Gerichtssaale wankte, „werde ich zeitlebens nicht +vergessen.“ Jetzt aber war der Tag der Vergeltung gekommen. Auf einem +Gange durch Wapping sah der Trimmer am Fenster eines Alehauses ein ihm +wohlbekanntes Gesicht. Er konnte sich nicht irren. Zwar waren die +Augenbrauen abrasirt und der von Kohlenstaub geschwärzte Anzug war der +eines gemeinen Matrosen; aber Jeffreys’ wilder Blick und boshafter Mund +waren nicht zu verkennen. Es wurde Lärm gemacht, und in einem +Augenblicke war das Haus von mehreren hundert Leuten aus dem Volke, die +unter lauten Verwünschungen gewaltige Knittel schwangen, belagert. Eine +Compagnie Miliz rettete dem Flüchtling das Leben und führte ihn vor den +Lordmayor. Dieser war ein einfacher Mann, der sein ganzes Leben in +Dunkelheit zugebracht hatte und jetzt ganz bestürzt war, als er sah, daß +er in einer großen Revolution eine wichtige Rolle spielen sollte. Die +Ereignisse der letzten vierundzwanzig Stunden und der gefahrdrohende +Zustand der seiner Obhut +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_11" id = "pageX_11"> +X.11</a></span> +anvertrauten Stadt, hatte seine geistigen und körperlichen Kräfte fast +erschöpft. Als der große Mann, bei dessen Zornesblicke noch vor wenigen +Tagen das ganze Königreich gezittert hatte, von Ruß geschwärzt, halb +todt vor Angst und von einem tobenden Pöbelhaufen verfolgt, in das +Gerichtszimmer geschleppt wurde, stieg die Aufregung des unglücklichen +Mayors auf’s Höchste. Er bekam Nervenzufälle und wurde zu Bett gebracht, +um nie wieder aufzustehen. Inzwischen wurde die Volksmenge draußen immer +zahlreicher und wüthender. Jeffreys bat darum, daß man ihn ins Gefängniß +führen solle. Man holte von den in Whitehall tagenden Lords einen dazu +nöthigen Verhaftbefehl herbei und Jeffreys wurde in einem Wagen nach dem +Tower gebracht. Zwei Regimenter Miliz waren zur Eskorte aufgeboten +worden, und sie hatten ein schweres Stück Arbeit. Sie waren zu +wiederholten Malen genöthigt, sich so zu formiren, als ob sie einen +Kavallerieangriff abzuwehren hätten, und dem Pöbel einen Wald von Lanzen +entgegenzuhalten. Die Tausende, die sich in ihren rachsüchtigen +Hoffnungen getäuscht sahen, verfolgten den Wagen unter wüthendem Gebrüll +bis zum Eingang in den Tower, dabei beständig ihre Stöcke schwingend und +dem Gefangenen Stricke vor die Augen haltend. Der Unglückliche war vom +Entsetzen und der Angst wie gelähmt. Er rang die Hände, blickte bald aus +diesem, bald aus jenem Fenster und man hörte ihn trotz des betäubenden +Lärms deutlich ausrufen: „Haltet sie zurück, Gentlemen! um des Himmels +willen, haltet sie zurück!“ Endlich nachdem er weit mehr als die Qualen +des Todes gelitten, wurde er in dem Staatsgefängnisse, in welchem einige +von seinen erlauchtesten Schlachtopfern ihr Leben beschlossen hatten und +in welchem auch er seine Tage in unsäglicher Schmach und Angst +beschließen sollte, in Sicherheit gebracht.<a class = "tag" name = +"tagX_6" id = "tagX_6" href = "#noteX_6">6</a></p> + +<p>Diese ganze Zeit über wurde eifrig auf katholische Priester +gefahndet. Viele wurden festgenommen und zwei Bischöfe, Ellis und +Leyburne, wurden nach Newgate abgeführt. Der Nuntius, welcher kaum +erwarten durfte, daß die Menge seinen geistlichen oder weltlichen +Character respectiren werde, entkam als Bedienter verkleidet, im Gefolge +des Gesandten des Herzogs von Savoyen.<a class = "tag" name = "tagX_7" +id = "tagX_7" href = "#noteX_7">7</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteX_6" id = "noteX_6" href = "#tagX_6">6.</a> +<span class = "antiqua">North’s Life of Guildford, 220</span>; <span +class = "antiqua">Jeffreys’ Elegy</span>; <span class = +"antiqua">Luttrell’s Diary; Oldmixon, 762</span>. Oldmixon befand sich +unter der Menge und war, wie ich nicht zweifle, einer der Wüthendsten. +Er erzählt die Geschichte gut. Ellis’ Correspondenz; Burnet I. 797, und +Onslow’s Note.</p> + +<p><a name = "noteX_7" id = "noteX_7" href = "#tagX_7">7.</a> +Adda, 9.(19.) Dec.; Citters, 18.(28.) Dec.</p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die irische Nacht.</span> +<a name = "secX_7" id = "secX_7">Ein</a> zweiter Tag der Aufregung und +des Schreckens ging zu Ende und auf ihn folgte die seltsamste und +grauenvollste Nacht, welche England je gesehen. Gegen Abend machte der +Pöbel einen Angriff auf ein stattliches Haus, das vor wenigen Monaten +für Lord Powis erbaut worden war, unter Georg II. die Wohnung des +Herzogs von Newcastle wurde und sich noch jetzt unter den Gebäuden der +nordwestlichen Seite von Lincoln’s Inn Fields auszeichnet. Es wurden +einige Truppen hingeschickt, welche den Pöbel zerstreuten; die Ruhe +schien hergestellt zu sein und die Bürger gingen sorglos zu Bett. In +diesem Augenblicke tauchte ein Gerücht auf, das rasch zu einem +furchtbaren Geschrei anschwoll, in einer Stunde von Piccadilly bis +Whitechapel flog und sich durch alle +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_12" id = "pageX_12"> +X.12</a></span> +Straßen und Gassen der Hauptstadt verbreitete. Es hieß, die Irländer, +welche Feversham entlassen, marschirten nach London und machten +unterwegs Alles, Männer, Frauen und Kinder, nieder. Um ein Uhr Morgens +schlugen die Trommeln der Miliz Generalmarsch. Allenthalben weinten die +geängstigten Frauen und rangen die Hände, während ihre Väter und Gatten +sich zum Kampfe fertig machten. Noch vor zwei Uhr gewährte die Stadt das +Ansehen ernster Kampfbereitschaft, das einem wirklichen Feinde gewiß +Respect eingeflößt haben würde, wenn ein solcher im Anzuge gewesen wäre. +An allen Fenstern brannten Lichter. Auf den öffentlichen Plätzen war es +so hell wie am Tage. Alle Hauptzugänge waren verbarrikadirt. Mehr als +zwanzigtausend Piken und Musketen zogen sich die Straßen entlang. Die +späte Morgensonne des Wintersolstitiums fand die ganze City noch unter +den Waffen. Die Londoner erinnerten sich viele Jahre lang lebhaft dieser +Nacht, die sie die irische Nacht nannten. Als es sich zeigte, daß kein +Grund zu Besorgnissen vorhanden gewesen war, versuchte man den Ursprung +des Gerüchts zu entdecken, das eine so große Aufregung veranlaßt hatte. +Es stellte sich heraus, daß einige Personen, welche aussahen und +gekleidet waren wie eben vom Lande hereinkommende Bauern, kurz vor +Mitternacht das Gerücht zuerst in den Vorstädten ausgesprengt hatten; +woher diese Leute aber kamen und in wessen Dienste sie standen, blieb +ein Geheimniß. Bald kamen von vielen Seiten Nachrichten, welche das +Publikum noch bestürzter machten. Der Schrecken hatte sich nicht auf +London allein beschränkt. Das Gerücht, daß irische Soldaten im Anzuge +seien, um die Protestanten niederzumetzeln, war mit boshafter Arglist in +vielen weit von einander entfernten Städten zu gleicher Zeit verbreitet +worden. Eine große Anzahl Briefe, welche sehr geschickt abgefaßt waren, +um das unwissende Volk zu ängstigen, waren durch Diligencen, +Landkutschen und durch die Post nach verschiedenen Gegenden Englands +gesandt worden. Alle diese Briefe kamen fast gleichzeitig in ihre +Bestimmungsorte. In hundert Städten zugleich bemächtigte sich des +niederen Volkes der Wahn, daß bewaffnete Barbaren in der Nähe seien, +welche eben so empörende Verbrechen verüben wollten, wie die, welche den +Aufstand von Ulster geschändet hatten. Kein Protestant sollte verschont +bleiben, Kinder sollten durch die Folter gezwungen werden, ihre Eltern +zu ermorden, Säuglinge sollten auf Lanzen gespießt oder in die +brennenden Trümmern der vor einigen Stunden noch friedlichen Wohnungen +geworfen werden. Große Volksmassen traten unter die Waffen; an einigen +Orten fing man schon an, die Brücken abzubrechen und Barrikaden zu +errichten; bald aber legte sich die Aufregung wieder. In vielen +Districten erfuhren die so schändlich Betrogenen mit einer mit +Beschämung gemischten Freude, daß sich bis auf die Entfernung eines +Achttagemarsches nicht ein einziger papistischer Soldat befinde. In +einigen Orten erschienen zwar vereinzelte herumstreifende Banden von +Irländern und forderten Lebensmittel; aber man darf es ihnen kaum als +Verbrechen anrechnen, daß sie nicht Hungers sterben wollten, und es ist +durch nichts bewiesen, daß sie irgend einen muthwilligen Frevel +verübten. In der That waren sie auch bei weitem nicht so zahlreich, als +man allgemein glaubte, und es sank ihnen aller Muth, als sie sich +plötzlich, ohne Anführer und ohne Lebensmittel inmitten einer starken +Bevölkerung erblickten, von der sie mit Gefühlen betrachtet wurden, wie +man sie etwa gegen eine Heerde Wölfe empfindet. Von allen Unterthanen +Jakob’s hatte Niemand mehr Ursache, ihm zu fluchen, als +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_13" id = "pageX_13"> +X.13</a></span> +diese unglücklichen Mitglieder seiner Kirche und Vertheidiger seines +Thrones.<a class = "tag" name = "tagX_8" id = "tagX_8" href = +"#noteX_8">8</a></p> + +<p>Es macht dem englischen Character Ehre, daß trotz des Widerwillens, +mit welchem die katholische Religion und das irische Volk damals +betrachtet wurden, trotz der Anarchie, welche Jakob’s Flucht +herbeiführte, und trotz der kunstvollen Machinationen, welche angewendet +wurden, um die Menge durch die Furcht zur Grausamkeit aufzustacheln, bei +dieser Gelegenheit kein blutiges Verbrechen verübt ward. Allerdings +wurde viel Eigenthum zerstört und geraubt, die Häuser vieler Katholiken +wurden angegriffen, Parke wurden verwüstet und Wild geschossen und +gestohlen. Manch’ ehrwürdiges Denkmal der häuslichen Baukunst des +Mittelalters zeigt noch heutigen Tages die Spuren der Gewaltthätigkeit +des Volks. Die Straßen waren an vielen Stellen durch eine selbst +errichtete Polizei gesperrt, welche jeden Reisenden anhielt, bis er +bewies, daß er kein Papist war. Die Themse war von einer Art von Piraten +heimgesucht, welche unter dem Vorwande, auf Waffen und Delinquenten zu +fahnden, jedes vorüberfahrende Boot durchstöberten. Mißliebige Personen +wurden insultirt und hin und her gestoßen. Andere gerade nicht +mißliebige waren froh, wenn sie sich selbst und ihre Effecten dadurch +loskaufen durften, daß sie den eifrigen Protestanten, die sich ohne +gesetzliche Autorität das Amt von Untersuchungsrichtern angemaßt hatten, +einige Guineen gaben. Aber inmitten dieser Verwirrung, welche mehrere +Tage währte und sich über viele Grafschaften erstreckte, kam nicht ein +einziger Katholik ums Leben. Der Pöbel zeigte kein Verlangen nach +Blutvergießen, ausgenommen bei Jeffreys, und der Haß, den dieser +abscheuliche Mann erweckte, stand der Menschlichkeit näher als der +Grausamkeit.<a class = "tag" name = "tagX_9" id = "tagX_9" href = +"#noteX_9">9</a></p> + +<p>Viele Jahre später behauptete Hugo Speke, die irische Nacht sei sein +Werk gewesen; er habe die Bauern angestellt, welche London aufgeregt, +und er sei der Verfasser der Briefe, welche im ganzen Lande Schrecken +verbreitet hatten. Seine Behauptung an sich ist nicht unwahrscheinlich, +aber sie stützt sich auf kein andres Zeugniß als sein eignes Wort. Er +war wohl der Mann dazu, eine solche Schurkerei zu begehen, aber auch +eben so fähig, sich fälschlich einer solchen That zu rühmen.<a class = +"tag" name = "tagX_10" id = "tagX_10" href = "#noteX_10">10</a></p> + +<p>In London wurde Wilhelm mit Ungeduld erwartet; denn man zweifelte +nicht, daß seine Energie und Einsicht die Ordnung und Sicherheit bald +wieder herstellen werde. Seine Ankunft aber erlitt eine Verzögerung, +wegen der er billigerweise nicht getadelt werden kann. Es war +ursprünglich seine Absicht gewesen, sich von Hungerford nach Oxford zu +begeben, wo ihm ein ehrenvoller und warmer Empfang zugesichert war; die +Ankunft der Deputation von der Guildhall aber bewog ihn, seinen Plan zu +ändern und direct nach der Hauptstadt zu eilen. Unterwegs erfuhr er, daß +Feversham dem Befehle des Königs zufolge die royalistische Armee +entlassen habe und daß Tausende von Soldaten, des Zwanges der Disciplin +enthoben und an dem Nothwendigsten Mangel leidend, in den Grafschaften, +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_14" id = "pageX_14"> +X.14</a></span> +durch welche der Weg nach London führte, zerstreut umherirrten. Wilhelm +hätte daher nicht ohne große Gefahr, nicht allein für seine Person, um +die er sich wenig zu kümmern pflegte, sondern auch für die wichtigen +Interessen, die er wahrzunehmen hatte, unter schwacher Bedeckung weiter +vordringen können. Er mußte seine eigenen Bewegungen nach den Bewegungen +seiner Truppen regeln, und Truppen konnten sich damals im tiefsten +Winter nur langsam auf den Heerstraßen vorwärts bewegen. Er kam bei +dieser Gelegenheit doch ein wenig aus seiner gewohnten Ruhe. „So darf +man mir nicht kommen,“ rief er mit Bitterkeit aus; „Mylord Feversham +soll das bald erfahren.“ Es wurden sofort die geeigneten Maßregeln +getroffen, um den durch Jakob herbeigeführten Übeln abzuhelfen. +Churchill und Grafton wurden beauftragt, die zerstreute Armee wieder zu +sammeln und zu ordnen. Die englischen Soldaten wurden aufgefordert, +ihren militairischen Character wieder anzunehmen, und die Irländer +erhielten Befehl, ihre Waffen abzuliefern, widrigenfalls sie als +Banditen betrachtet werden würden; zugleich aber wurde ihnen +versprochen, daß, wenn sie sich gutwillig fügten, sie mit allem +Nothwendigen versehen werden sollten.<a class = "tag" name = "tagX_11" +id = "tagX_11" href = "#noteX_11">11</a></p> + +<p>Die Befehle des Prinzen wurden fast ohne Widerstand, ausgenommen von +Seiten der irischen Soldaten, welche in Tilbury gelegen hatten, +ausgeführt. Einer von diesen drückte ein Pistol auf Grafton ab. Es +verfehlte, und der Mörder wurde von einem Engländer auf der Stelle +niedergeschossen. Ungefähr zweihundert der unglücklichen Fremden machten +einen tapferen Versuch zur Rückkehr in ihr Vaterland. Sie bemächtigten +sich eines reichbefrachteten Ostindienfahrers, der eben in die Themse +eingelaufen war und versuchten es, in Gravesend Lootsen zu pressen. Sie +fanden jedoch keinen und mußten sich daher ihrer eigenen +Geschicklichkeit in der Schifffahrtskunde anvertrauen. Sie liefen mit +ihrem Schiffe bald auf den Grund und wurden nach einigem Blutvergießen +gezwungen, die Waffen zu strecken.<a class = "tag" name = "tagX_12" id = +"tagX_12" href = "#noteX_12">12</a></p> + +<p>Wilhelm befand sich jetzt seit fünf Wochen auf englischem Boden und +während dieser ganzen Zeit war ihm das Glück nicht einen Augenblick +untreu geworden, seine Klugheit und Festigkeit hatten sich glänzend +bewährt; noch mehr aber hatte die Thorheit und der Kleinmuth Anderer für +ihn gethan. Und jetzt, in dem Augenblicke, wo es schien, als ob der +vollständigste Erfolg seine Pläne krönen sollte, wurden sie durch einen +jener unerwarteten Zwischenfälle zerstört, welche so oft die klügsten +Berechnungen des menschlichen Scharfsinns zu Schanden machen.</p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteX_8" id = "noteX_8" href = "#tagX_8">8.</a> +Citters, 14.(24.) Dec. 1688. <span class = "antiqua">Luttrell’s +Diary</span>; Ellis’ Correspondenz; <span class = "antiqua">Oldmixon, +761</span>; <span class = "antiqua">Speke’s Secret History of the +Revolution</span>; <span class = "antiqua">Clarke’s Life of James, II. +257</span>; <span class = "antiqua">Eachard’s History of the +Revolution</span>; <span class = "antiqua">History of the +Desertion.</span></p> + +<p><a name = "noteX_9" id = "noteX_9" href = "#tagX_9">9.</a> +<span class = "antiqua">Clarke’s Life of James, II. 258.</span></p> + +<p><a name = "noteX_10" id = "noteX_10" href = "#tagX_10">10.</a> +<span class = "antiqua">Secret History of the Revolution.</span></p> + +<p><a name = "noteX_11" id = "noteX_11" href = "#tagX_11">11.</a> +<span class = "antiqua">Clarendon’s Diary, Dec. 13. 1688</span>; +Citters, 14.(24.) Dec.; <span class = "antiqua">Eachard’s History of the +Revolution</span>.</p> + +<p><a name = "noteX_12" id = "noteX_12" href = "#tagX_12">12.</a> +Citters, 14.(24.) Dec.; <span class = "antiqua">Luttrell’s +Diary</span>.</p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Der König wird unweit Sheerneß angehalten.</span> +<a name = "secX_8" id = "secX_8">Am</a> Morgen des 13. Decembers wurde +die Bevölkerung von London, die sich noch nicht ganz von der Aufregung +der irischen Nacht erholt hatte, durch das Gerücht überrascht, der König +sei angehalten worden und befinde sich noch auf der Insel. Im Laufe des +Tages gewann das Gerücht an Consistenz und erhielt noch vor dem Abend +die vollkommenste Bestätigung.</p> + +<p>Jakob war mit untergelegten Pferden das südliche Ufer der Themse +entlang gereist und hatte am Morgen des 12. Decembers Emley Ferry, +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_15" id = "pageX_15"> +X.15</a></span> +in der Nähe der Insel Sheppey, erreicht. Hier lag das Fahrzeug, auf +welchem er sich einschiffen wollte. Er ging an Bord, aber der Wind blies +frisch und der Schiffer wollte es nicht wagen, ohne mehr Ballast in See +zu gehen. Darüber wurde die günstige Gelegenheit einer Ebbe verloren. Es +war nahe an Mitternacht, ehe das Boot flott zu werden begann. Inzwischen +hatte sich die Nachricht, daß der König verschwunden, daß das Land ohne +Regierung und London in der größten Bestürzung sei, rasch die Themse +stromabwärts verbreitet und überall Gewaltthätigkeiten und Unruhen +erzeugt. Die rauhen Fischer der Küste von Kent betrachteten das Boot mit +argwöhnischen und gierigen Blicken. Es hieß, einige vornehm gekleidete +Herren seien eiligst an Bord desselben gegangen. Vielleicht waren es +Jesuiten, und vielleicht waren sie reich! Fünfzig bis sechzig Schiffer, +vom Haß gegen den Papismus und vom Hang zum Plündern angetrieben, +hielten das Boot an, als es eben wieder abfahren wollte. Sie erklärten +den Passagieren, daß sie ans Land gehen und sich bei einem +Magistratsbeamten legitimiren müßten. Das Aussehen des Königs erregte +Verdacht. „Das ist Pater Petre!“ rief Einer von der Horde; „ich erkenne +ihn an seinen hohlen Backen.“ — „Durchsucht den alten Jesuiten mit +dem Fratzengesicht!“ erscholl es nun von allen Seiten. Er wurde sehr +unsanft hin und her gestoßen und man nahm ihm seine Börse und seine Uhr. +Er hatte seinen Krönungsring und einige andere werthvolle Kleinodien bei +sich; aber diese entgingen den Nachforschungen der Räuber, die sich +überhaupt so wenig auf Juwelen verstanden, daß sie die Diamanten auf +seinen Schuhschnallen für Glasstückchen hielten.</p> + +<p>Endlich wurden die Gefangenen ans Land gebracht und in einen Gasthof +geführt. Hier hatte sich ein Volkshaufen versammelt, um sie zu sehen, +und obgleich sich Jakob durch eine Perrücke von andrer Form und Farbe, +als er sie gewöhnlich trug, entstellt hatte, wurde er doch sofort +erkannt. Einen Augenblick schien der Pöbel von ehrfurchtsvoller Scheu +ergriffen, aber die Zureden der Führer gaben ihm wieder Muth und der +Anblick Hales’, den sie genau kannten und tödtlich haßten, entflammte +ihre Wuth. Sein Park lag in der Nähe und eine Horde Tumultuanten war +eben damit beschäftigt, sein Haus zu demoliren und sein Wild zu +schießen. Die Menge versicherte den König, daß sie ihm nichts zu Leibe +thun wolle, ihn aber nicht abreisen lassen werde. Der Earl von +Winchelsea, ein Protestant, aber eifriger Royalist, das Oberhaupt der +Familie Finch und ein naher Verwandter Nottingham’s, befand sich damals +zufällig in Canterbury. Sobald er erfuhr was geschehen war, eilte er in +Begleitung einiger kentischen Gentlemen nach der Küste. Durch ihre +Verwendung erhielt der König eine anständigere Wohnung, aber er blieb +ein Gefangener. Der Pöbel bewachte fortwährend das Haus, in das er +gebracht worden war, und einige von den Rädelsführern lagen an der Thür +seines Schlafzimmers. Er benahm sich dabei wie ein Mann, den die Last +des Mißgeschicks völlig zu Boden drückt. Zuweilen sprach er in einem so +hochmüthigen Tone, daß die Bauern, die ihn bewachten, zu unehrerbietigen +Antworten gereizt wurden. Dann nahm er wieder zu Bitten seine Zuflucht. +„Laßt mich gehen,“ sagte er, „verschafft mir ein Boot. Der Prinz von +Oranien trachtet mir nach dem Leben. Wenn Ihr mich jetzt nicht fliehen +laßt, so wird es zu spät sein. Mein Blut wird dann über Euch kommen. Wer +nicht für mich ist, der ist gegen mich.“ Über diesen letzten Text +predigte er eine halbe Stunde lang. Er sprach über eine Menge +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_16" id = "pageX_16"> +X.16</a></span> +verschiedener Gegenstände: über den Ungehorsam der Collegiaten des +Magdalenenstiftes, über die durch den Brunnen der heiligen Winfrede +bewirkten Wunder, über die Illoyalität der Schwarzröcke und über die +Wunderkräfte eines Splitters vom wahrem Kreuze des Erlösers, den er +leider verloren habe. „Was habe ich gethan?“ fragte er die anwesenden +kentischen Squires. „Sagen Sie mir die Wahrheit: welchen Fehler habe ich +begangen?“ Diejenigen, an welche er diese Frage richtete, waren zu +human, als daß sie ihm die Antwort hätten geben sollen, die ihnen gewiß +auf den Lippen schwebte, und sie hörten daher sein verworrenes Geschwätz +mit mitleidigem Stillschweigen an.<a class = "tag" name = "tagX_13" id = +"tagX_13" href = "#noteX_13">13</a></p> + +<p>Als die Nachricht, daß er angehalten, insultirt, mit roher Härte +behandelt und ausgeplündert worden sei und daß er sich noch in der +Gewalt roher Bauern befinde, in der Hauptstadt ankam, äußerten sich +verschiedenartige Leidenschaften. Strenge Staatskirchenmänner, welche +wenige Stunden zuvor angefangen hatten zu glauben, daß sie ihrer +Unterthanenpflichten gegen ihn entbunden seien, wurden wieder +schwankend. Er hatte sein Reich nicht verlassen und also die Abdankung +nicht vollendet. Sollte er sein königliches Amt wieder übernehmen, +konnten sie ihm dann nach ihren Grundsätzen den Gehorsam verweigern? +Einsichtsvolle Staatsmänner sahen mit tiefer Betrübniß voraus, daß alle +Streitigkeiten, welche seine Flucht auf einen Augenblick beschwichtigt +hatte, durch seine Rückkehr wieder angeregt und mit vermehrter +Erbitterung fortgesetzt werden würden. Viele Leute aus dem Volke wurden, +obgleich sie noch den Schmerz der ihnen unlängst zugefügten Unbilden +fühlten, von Mitleid für einen von Räubern mißhandelten großen Fürsten +ergriffen und waren zu der Hoffnung geneigt, welche mehr ihrer +Gutherzigkeit als ihrem Verstande zur Ehre gereichte, daß er jetzt noch +die Fehler bereuen könnte, die eine so entsetzliche Strafe über ihn +gebracht hatten.</p> + +<p>Von dem Augenblicke an, wo es bekannt wurde, daß der König sich noch +in England befand, erschien Sancroft, der bis dahin als Präsident der +provisorischen Regierung fungirt hatte, nicht mehr in den Sitzungen der +Peers. Halifax, der eben aus dem holländischen Hauptquartier angekommen +war, übernahm den Vorsitz. Seine Ansichten hatten sich in einigen +Stunden völlig verändert. Sowohl politische als religiöse Gefühle +bestimmten ihn jetzt, sich den Whigs anzuschließen. Wer die auf uns +gekommenen Beweisstücke unbefangen prüft, muß der Meinung sein, daß er +das Amt eines königlichen Commissars in der aufrichtigen Hoffnung +übernahm, er werde eine Verständigung zwischen dem Könige und dem +Prinzen unter billigen Bedingungen zu Stande bringen. Die Unterhandlung +hatte mit günstigen Aussichten begonnen; der Prinz hatte Bedingungen +gestellt, die der König selbst als billig anerkennen mußte und der +beredte und geniale Trimmer durfte sich mit der Hoffnung schmeicheln, +daß er im Stande sein werde, zwischen den erbitterten Parteien zu +vermitteln, zwischen extremen Meinungen einen Vergleich zu dictiren, die +Freiheiten und die Religion seines Vaterlandes zu sichern, ohne es den +von einem Dynastiewechsel und einer streitigen Thronfolge +unzertrennlichen Gefahren +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_17" id = "pageX_17"> +X.17</a></span> +auszusetzen. Während er sich in derartigen, seinem Character so wohl +zusagenden Gedanken wiegte, erfuhr er, daß er hintergangen worden war +und daß man sich seiner als eines Werkzeugs bedient hatte, um die Nation +zu hintergehen. Seine Sendung nach Hungerford war eine bloße Komödie +gewesen. Der König hatte nicht daran gedacht, an den Bedingungen +festzuhalten, welche die Commissare auf seinen Befehl vorschlagen +hatten. Er hatte ihnen aufgetragen, zu erklären, daß es sein Wille sei, +alle streitigen Fragen dem von ihm einberufenen Parlamente zur +Entscheidung vorzulegen, und während sie sich dieses Auftrags +entledigten, hatte er die Wahlausschreiben verbrannt, war mit dem +Staatssiegel entflohen, hatte die Armee entlassen, die Justizverwaltung +suspendirt, die Regierung aufgelöst und war aus der Hauptstadt +entflohen. Halifax sah nun ein, daß eine gütliche Verständigung nicht +mehr möglich war. Wahrscheinlich empfand er wohl auch den Verdruß, +welcher bei einem durch seine Weisheit weltberühmten Manne, der die +Erfahrung macht, daß ein in jeder Beziehung tief unter ihm stehender +Geist ihn betrogen hat, und bei einem großen Meister der Satire, der +sich selbst in eine lächerliche Situation versetzt sieht, sehr natürlich +ist. Sein Verstand und sein Unwille bewogen ihn in gleichem Maße, die +Versöhnungspläne, auf welche er bisher hingearbeitet hatte, aufzugeben +und sich an die Spitze Derer zu stellen, welche den Prinzen Wilhelm auf +den Thron erheben wollten.<a class = "tag" name = "tagX_14" id = +"tagX_14" href = "#noteX_14">14</a></p> + +<p>Es existirt noch ein von ihm eigenhändig geschriebenes Tagebuch über +die Vorgänge in der Rathsversammlung der Lords während seiner +Präsidentschaft in derselben.<a class = "tag" name = "tagX_15" id = +"tagX_15" href = "#noteX_15">15</a> Es wurde keine Vorsichtsmaßregel, +welche zur Verhütung von Gewaltthätigkeiten und Räubereien nöthig +erschien, verabsäumt. Die Peers erließen auf ihre Verantwortung den +Befehl, daß, wenn der Pöbel noch einmal aufstände, die Soldaten scharf +schießen sollten. Jeffreys wurde nach Whitehall gebracht und über das +Schicksal des Staatssiegels und der Wahlausschreiben befragt. Auf seine +eigenen dringenden Bitten wurde er wieder in den Tower geschickt, als +den einzigen Ort, wo er seines Lebens sicher sei, und er entfernte sich +unter Dankesversicherungen und Segenswünschen gegen Diejenigen, die ihm +den Schutz eines Gefängnisses gewährt hatten. Ein whiggistischer +Edelmann trug darauf an, daß Oates in Freiheit gesetzt werden solle; +aber dieser Antrag wurde verworfen.<a class = "tag" name = "tagX_16" id += "tagX_16" href = "#noteX_16">16</a></p> + +<p>Die Geschäfte des Tages waren so ziemlich erledigt und Halifax wollte +sich eben erheben, als ihm gemeldet wurde, daß ein Bote von Sheerneß +angekommen sei. Kein Vorfall konnte unangenehmer und störender sein. Man +lud eine große Verantwortlichkeit auf sich, mochte man etwas thun oder +nicht. Halifax, der wahrscheinlich Zeit zu gewinnen wünschte, um sich +mit dem Prinzen in Vernehmen zu setzen, hatte die +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_18" id = "pageX_18"> +X.18</a></span> +Versammlung am liebsten vertagt; Mulgrave aber ersuchte die Lords, auf +ihren Plätzen zu bleiben und führte den Boten ein. Der Mann erzählte +seine Geschichte mit Thränen in den Augen und überreichte einen Brief, +der vom König selbst geschrieben, aber an keine bestimmte Person +gerichtet war, sondern nur den Beistand aller guten Engländer anrief.<a +class = "tag" name = "tagX_17" id = "tagX_17" href = +"#noteX_17">17</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteX_13" id = "noteX_13" href = "#tagX_13">13.</a> +<span class = "antiqua">Clarke’s Life of James, II. 251. Orig. +Mem.</span>; ein in Tindal’s Fortsetzung zu Rapin abgedruckter Brief. +Dieser interessante Brief befindet sich in den Harley’schen +Handschriften, 6852.</p> + +<p><a name = "noteX_14" id = "noteX_14" href = "#tagX_14">14.</a> +Mulgrave erfuhr von einer Dame, die er nicht nennt, daß der König erst +dann entfliehen wollte, als er einen Brief von Halifax erhielt, der sich +damals in Hungerford befand. Dieser Brief, sagte sie, habe Seine +Majestät darauf aufmerksam gemacht, daß sein Leben in Gefahr sei, wenn +er bleibe. Dies ist sicherlich ein Roman. Vor der Abreise der Commissare +von London hatte der König Barillon gesagt, ihre Sendung sei eine bloße +Finte, und den festen Entschluß ausgesprochen, das Land zu verlassen. +Aus Reresby’s eigner Erzählung geht hervor, daß Halifax sich schändlich +hintergangen glaubte.</p> + +<p><a name = "noteX_15" id = "noteX_15" href = "#tagX_15">15.</a> +<span class = "antiqua"><ins class = "correction" title = "Original hat »Harl;«">Harl.</ins> MS. 255.</span></p> + +<p><a name = "noteX_16" id = "noteX_16" href = "#tagX_16">16.</a> +<span class = "antiqua">Halifax MS.</span>; Citters, 18.(28.) Dec. +1688.</p> + +<p><a name = "noteX_17" id = "noteX_17" href = "#tagX_17">17.</a> +<span class = "antiqua">Mulgrave’s Account of the Revolution</span>.</p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die Lords geben Befehl zu seiner Freilassung.</span> +<a name = "secX_9" id = "secX_9">Eine</a> solche Bitte konnte man kaum +unbeachtet lassen. Die Lords gaben Feversham Befehl, mit einer +Abtheilung der Leibgarde an den Ort zu eilen, wo der König +zurückgehalten wurde, und Seine Majestät in Freiheit zu setzen.</p> + +<p>Middleton und einige andere Anhänger des Königs waren bereits +aufgebrochen, um ihrem unglücklichen Gebieter beizustehen und ihn zu +trösten. Sie fanden ihn in strengem Gewahrsam und sie wurden nicht eher +zu ihm gelassen, als bis sie ihre Degen abgegeben hatten. Er war von +einer ungeheuren Menge Volks umgeben. Einige whiggistische Gentlemen aus +der Umgegend hatten eine starke Abtheilung Miliz zu seiner Bewachung +herbeigeführt. Sie waren der sehr irrigen Meinung gewesen, daß sie sich +durch seine Festhaltung bei seinen Feinden beliebt machen würden, und +waren nicht wenig erstaunt, als sie vernahmen, daß die dem Könige zu +Theil gewordene Behandlung von der provisorischen Regierung in London +gemißbilligt werde, und eine Kavallerieabtheilung unterwegs sei, um ihn +zu befreien. Feversham kam bald an. Er hatte seine Truppe in +Sittingbourne zurückgelassen; aber man hatte nicht nöthig, Gewalt +anzuwenden. Der König durfte ungehindert abreisen und wurde von seinen +Freunden nach Rochester gebracht, wo er sich einige Ruhe gönnte, deren +er dringend bedurfte. Er war in einem traurigen Zustande. Nicht nur sein +niemals sehr heller Verstand war völlig verwirrt, sondern auch der +persönliche Muth, den er in seinen jüngeren Jahren in mehreren +Schlachten, zur See wie zu Lande bewiesen, hatte ihn verlassen. Die +harte körperliche Behandlung, die er jetzt zum ersten Male erfahren, +scheint ihn mehr als irgend ein andres Ereigniß seines bewegten Lebens +niedergedrückt zu haben. Der Abfall seiner Armee, seiner Günstlinge und +seiner Familie erschütterte ihn weniger als die Rohheiten, die er beim +Anhalten seines Bootes ertragen hatte. Die Erinnerung an diese Rohheiten +nagte noch lange an seinem Herzen und äußerte sich einmal in einer +Weise, welche den verächtlichen Spott von ganz Europa erregte. Im +vierten Jahre seiner Verbannung versuchte er es seine Unterthanen durch +das Versprechen einer Amnestie wieder zu gewinnen. Dieser Amnestie war +jedoch eine lange Liste von Ausnahmen beigegeben, und auf dieser Liste +standen neben Churchill und Danby auch die armen Fischer, welche seine +Taschen so unsanft untersucht hatten. Aus diesem Umstande kann man +schließen, wie schmerzlich er die ihm widerfahrene rücksichtslose +Behandlung empfunden haben muß, als sie noch neu war.<a class = "tag" +name = "tagX_18" id = "tagX_18" href = "#noteX_18">18</a></p> + +<p>Hätte er indessen nur das gewöhnliche Maß von gesundem Verstande +besessen, so würde er eingesehen haben, daß Diejenigen, welche ihn +festnahmen, ihm unabsichtlich einen großen Dienst erzeigt hatten. Die +Ereignisse, welche seit seiner Abwesenheit von der Hauptstadt daselbst +eingetreten +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_19" id = "pageX_19"> +X.19</a></span> +waren, hätten ihn überzeugen müssen, daß, wenn seine Flucht gelungen +wäre, er nie hätte zurückkehren dürfen. Er war wider seinen Willen vom +gänzlichen Untergange errettet worden. Jetzt hatte er noch eine +Aussicht, die letzte und einzige, die ihm noch blieb. So groß auch seine +Vergehen sein mochten, ihn zu entthronen, so lange er noch in seinem +Reiche war und sich den Bedingungen fügte, die ein freies Parlament ihm +vorschrieb, wäre fast unmöglich gewesen.</p> + +<p>Eine Weile schien er geneigt, zu bleiben. Er sandte Feversham von +Rochester mit einem Briefe an Wilhelm. Der Inhalt dieses Briefes war, +daß Seine Majestät auf der Rückreise nach Whitehall begriffen sei, daß +er eine persönliche Unterredung mit dem Prinzen wünsche und daß der St. +Jamespalast zum Empfang Seiner Hoheit eingerichtet werden solle.<a class += "tag" name = "tagX_19" id = "tagX_19" href = "#noteX_19">19</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteX_18" id = "noteX_18" href = "#tagX_18">18.</a> +Siehe seine aus Saint-Germains datirte Proklamation vom 20. April +1692.</p> + +<p><a name = "noteX_19" id = "noteX_19" href = "#tagX_19">19.</a> +<span class = "antiqua">Clarke’s Life of James, II, 261. Orig. +Mem.</span></p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Wilhelm’s Verlegenheit.</span> +<a name = "secX_10" id = "secX_10">Wilhelm</a> befand sich jetzt in +Windsor. Er hatte mit schmerzlichem Bedauern die an der Küste von Kent +stattgehabten Vorfälle erfahren. Kurz vor dem Eintreffen der Nachricht +hatten seine Umgebungen bemerkt, daß er ungewöhnlich heiter war. Er +hatte auch in der That Ursache, sich zu freuen. Er stand am Fuße eines +erledigten Thrones. Es schien, als würden alle Parteien ihn einstimmig +auffordern, denselben zu besteigen. Doch plötzlich trübten sich seine +Aussichten. Es ergab sich, daß die Abdankung nicht vollständig gewesen +war. Ein großer Theil seiner Anhänger trug gewiß Bedenken, einen König +abzusetzen, der noch unter ihnen war, der sie aufforderte, ihre +Beschwerden auf parlamentarischem Wege anzubringen, und der vollständige +Abstellung derselben versprach. Der Prinz mußte seine neue Stellung +erwägen und ein neues Verfahren einschlagen. Kein Weg stand ihm offen, +gegen den sich nicht Einwendungen hätten machen lassen, kein Weg, der +ihn in eine so vortheilhafte Lage versetzen konnte, als die war, in der +er sich vor wenigen Stunden noch befand. Etwas konnte indessen gethan +werden. Der erste Fluchtversuch des Königs war gescheitert. Das +Wünschenswertheste war jetzt, daß er einen zweiten Versuch mit besserem +Erfolge unternehmen möchte. Er mußte zu gleicher Zeit geängstigt und +geködert werden. Die Liberalität, mit der man ihm bei der Unterhandlung +zu Hungerford entgegengekommen war, und die er mit einem Treubruche +vergolten hatte, war jetzt nicht mehr angewandt. Vergleichsvorschläge +durften ihm nicht mehr gemacht werden, und wenn er solche machte, so +mußte man sie kalt aufnehmen. Aber auch Gewalt durfte nicht gegen ihn +angewendet, ja ihm nicht einmal angedroht werden. Indessen war es +vielleicht nicht unmöglich, einen so schwachen Mann auch ohne Anwendung +oder Androhung von Gewalt um seine persönliche Sicherheit besorgt zu +machen. Dann dachte er gewiß bald wieder an die Flucht, und in diesem +Falle mußte ihm die Flucht auf jede Weise erleichtert und dafür gesorgt +werden, daß er nicht wieder durch einen diensteifrigen Tölpel +zurückgehalten wurde.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Verhaftung Feversham’s.</span> +<a name = "secX_11" id = "secX_11">Dies</a> war Wilhelm’s Plan, und die +Geschicklichkeit und Entschlossenheit, womit er denselben ausführte, +contrastiren auffallend mit der ihm gegenüberstehenden Thorheit und +Feigheit. Bald bot sich ihm eine vortreffliche Gelegenheit dar, sein +Einschüchterungssystem zu beginnen. Feversham kam mit Jakob’s Brief in +Windsor an. +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_20" id = "pageX_20"> +X.20</a></span> +Die Wahl des Boten war eben keine glückliche. Er hatte die königliche +Armee entlassen und ihm gab man vorzugsweise die Verwirrung und Angst +der irischen Nacht Schuld. Sein Benehmen wurde von der öffentlichen +Meinung entschieden getadelt. Wilhelm hatte sich zu einigen drohenden +Worten reizen lassen, und einige drohende Worte aus Wilhelm’s Munde +bedeuteten gewöhnlich etwas. Feversham wurde nach seinem Geleitsbriefe +gefragt. Er hatte keinen. Indem er ohne einen solchen in einem +feindlichen Lager erschien, hatte er sich nach den Kriegsgesetzen der +strengsten Behandlung ausgesetzt. Wilhelm weigerte sich ihn zu empfangen +und gab Befehl ihn festzunehmen.<a class = "tag" name = "tagX_20" id = +"tagX_20" href = "#noteX_20">20</a> Zulestein wurde sofort abgesandt, um +Jakob zu benachrichtigen, daß der Prinz die verlangte Unterredung +ablehne und wünsche, daß Seine Majestät in Rochester blieb.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteX_20" id = "noteX_20" href = "#tagX_20">20.</a> +<span class = "antiqua">Clarendon’s Diary, Dec. 16. 1688</span>; <span +class = "antiqua">Burnet, I. 800.</span></p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Ankunft Jakob’s in London.</span> +<a name = "secX_12" id = "secX_12">Aber</a> es war zu spät. Jakob war +bereits in London. Er war anfangs unschlüssig gewesen und hatte sich +schon einmal wieder vorgenommen gehabt, einen neuen Versuch zur Flucht +auf das Festland zu machen. Endlich aber gab er dem Andringen von +Freunden, welche klüger waren als er, nach und reiste nach Whitehall ab. +Am Sonntag Nachmittag den 16. December kam er daselbst an. Er hatte +gefürchtet, das Volk, das während seiner Abwesenheit so viele Beweise +von Haß gegen den Papismus gegeben, werde ihm einen schimpflichen +Empfang bereiten. Aber gerade die Heftigkeit des neuerlichen Ausbruchs +hatte eine Erschlaffung zur Folge gehabt. Der Sturm hatte sich selbst +aufgezehrt. Heiterkeit und Mitleid waren auf die Wuth gefolgt. In keinem +Stadttheile Londons äußerte sich die mindeste Neigung, den König zu +beschimpfen; man hörte sogar einzelne Lebehochs, als er durch die City +fuhr. Auf einigen Kirchthürmen läuteten die Glocken und ein paar +Freudenfeuer wurden zu Ehren seiner Zurückkunft angezündet.<a class = +"tag" name = "tagX_21" id = "tagX_21" href = "#noteX_21">21</a> Sein +kurz zuvor von der Verzweiflung überwältigter schwacher Geist wurde +durch diese unerwarteten Zeichen der Gutherzigkeit und Theilnahme des +Volks mit übermäßiger Freude erfüllt. In der frohesten Stimmung betrat +er seine Wohnung, welche sehr bald ihr früheres Aussehen wieder annahm. +Katholische Priester, welche in der vergangenen Woche froh gewesen +waren, wenn sie sich in Kellern und Dachkammern vor der Wuth der Menge +hatten verbergen können, kamen aus ihren Schlupfwinkeln hervor und +machten Anspruch auf ihre früher innegehabten Gemächer im Palaste. Ein +Jesuit sprach das Tischgebet an der königlichen Tafel. Der irische +Jargon, damals jedem englischen Ohre der verhaßteste von allen +Dialecten, wurde wieder überall in den Höfen und Gallerien vernommen. +Der König selbst zeigte wieder seinen ganzen früheren Hochmuth. Er hielt +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_21" id = "pageX_21"> +X.21</a></span> +einen Staatsrath, den letzten, dem er präsidirte, und berief selbst in +dieser äußerst gefährlichen Lage Personen in denselben, welche +gesetzlich nicht berechtigt waren, einen Sitz darin einzunehmen. Er +sprach sein hohes Mißfallen über das Verfahren der Lords aus, die es +gewagt hatten, während seiner Abwesenheit die Regierungsgeschäfte zu +übernehmen. Er meinte, es sei ihre Pflicht gewesen, eher die +Gesellschaft sich auflösen, die Häuser der Gesandten niederreißen und +London in Brand stecken zu lassen, als sich die Functionen anzumaßen, +welche er niederzulegen für gut befunden hatte. Unter den so Getadelten +befanden sich einige Kavaliere und Prälaten, die ihm trotz aller seiner +Fehler stets treu geblieben waren und selbst nach dieser Provocation nie +weder durch die Hoffnung noch durch die Furcht bewogen werden konnten, +ihre Unterthanentreue von ihm auf einen andren Souverain zu +übertragen.<a class = "tag" name = "tagX_22" id = "tagX_22" href = +"#noteX_22">22</a></p> + +<p>Doch sein Muth ward bald gebrochen. Kaum war er in seinen Palast +eingezogen, so wurde ihm Zulestein gemeldet. Er überbrachte Wilhelm’s +kalte und ernste Botschaft. Der König bestand noch immer auf einer +persönlichen Unterredung mit seinem Neffen. „Ich würde Rochester nicht +verlassen haben,“ sagte er, „wenn ich gewußt hätte, daß er dies nicht +wünschte; da ich aber nun einmal hier bin, wird er hoffentlich in den +St. Jamespalast kommen.“ — „Ich muß Eurer Majestät offen sagen,“ +entgegnete Zulestein, „daß Seine Hoheit nicht nach London kommen wird, +so lange Truppen hier sind, welche nicht unter seinen Befehlen stehen.“ +Der König schwieg bestürzt über diese Antwort. Zulestein entfernte sich, +und bald darauf trat ein Gentleman in das Schlafzimmer mit der Meldung, +daß Feversham verhaftet worden sei.<a class = "tag" name = "tagX_23" id += "tagX_23" href = "#noteX_23">23</a> Jakob erschrak nicht wenig +darüber. Doch die Erinnerung an den Beifall, mit dem er begrüßt worden +war, hielt seinen Muth noch immer aufrecht. Eine kühne Hoffnung stieg in +ihm auf. Er glaubte London, so lange das Bollwerk des Protestantismus +und des Whiggismus, werde bereitwilligst zu seinem Schutze die Waffen +ergreifen. Er ließ den Gemeinderath fragen, ob er sich verbindlich +machen wolle, ihn gegen den Prinzen zu vertheidigen, wenn er, der König, +seine Residenz in der City aufschlüge. Der Gemeinderath aber hatte die +Entziehung des Freibriefs und den Justizmord Cornish’s nicht vergessen, +und weigerte sich das verlangte Versprechen zu geben. Da sank dem Könige +der Muth wieder. Wohin, fragte er, solle er sich um Schutz wenden? Es +sei ganz das Nämliche, ob er holländische Truppen um sich habe, oder +seine eigene Leibgarde. Was die Bürger betreffe, so wisse er jetzt, was +ihre Lebehochrufe und ihre Freudenfeuer werth seien. Es bleibe ihm +nichts Andres übrig als die Flucht, obgleich er recht wohl wisse, daß +seine Feinde nichts sehnlicher wünschten, als daß er wieder fliehen +möchte.<a class = "tag" name = "tagX_24" id = "tagX_24" href = +"#noteX_24">24</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteX_21" id = "noteX_21" href = "#tagX_21">21.</a> +<span class = "antiqua">Clarke’s Life of James, II. 262. Orig. +Mem.</span>; <span class = "antiqua">Burnet, I. 799.</span> In der <span +class = "antiqua">History of the Desertion (1689)</span> wird behauptet, +die Lebehochs seien bei dieser Gelegenheit nur von einigen jugendlichen +Gaffern ausgerufen worden, die Hauptmasse des Volks aber habe schweigend +zugesehen. Oldmixon, der sich unter der Menge befand, sagt das Nämliche, +und Ralph, dessen vorgefaßte Meinungen von denen Oldmixon’s durchaus +verschieden waren, erzählt uns, daß ein achtbarer Augenzeuge ihm +dasselbe mitgetheilt habe. Die Wahrheit ist ohne Zweifel die, daß die +Freudenbezeigungen an sich unbedeutend waren, aber außerordentlich +schienen, weil man einen heftigen Ausbruch des öffentlichen Unwillens +erwartet hatte. Barillon erwähnt auch, daß einige Zurufe und +Freudenfeuer vorgekommen seien, setzt aber hinzu: <span class = +"antiqua">„Le peuple dans le fond est pour le Prince d’Orange.“</span> +— 17.(27.) Dec. 1688.</p> + +<p><a name = "noteX_22" id = "noteX_22" href = "#tagX_22">22.</a> +<span class = "antiqua">London Gazette, Dec. 16. 1688</span>; <span +class = "antiqua">Mulgrave’s Account of the Revolution; History of the +Desertion</span>; <span class = "antiqua">Burnet, I. 799</span>; <span +class = "antiqua">Evelyn’s Diary, Dec. 13, 17. 1688</span>.</p> + +<p><a name = "noteX_23" id = "noteX_23" href = "#tagX_23">23.</a> +<span class = "antiqua">Clarke’s Life of James, II. 262. Orig. +Mem.</span></p> + +<p><a name = "noteX_24" id = "noteX_24" href = "#tagX_24">24.</a> +Barillon, 17.(27.) Dec. 1681; <span class = "antiqua">Clarke’s Life of +James, II. 271</span>.</p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Berathung in Windsor.</span> +<a name = "secX_13" id = "secX_13">Während</a> er sich in diesem +Zustande von Angst und Ungewißheit befand, war sein Schicksal in Windsor +der Gegenstand ernster Berathung. Wilhelm’s Hof war jetzt mit +ausgezeichneten Männern alter Parteien angefüllt. Die meisten Führer des +Aufstandes +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_22" id = "pageX_22"> +X.22</a></span> +im Norden hatten sich ihm zugesellt, und mehrere von den Lords, welche +während der Anarchie der vergangenen Woche die Functionen einer +provisorischen Regierung übernommen hatten, waren sogleich nach der +Rückkehr des Königs von London ins holländische Hauptquartier abgereist. +Einer von diesen war Halifax. Wilhelm hatte ihn mit großem Vergnügen +willkommen geheißen, hatte aber ein sarkastisches Lächeln nicht +unterdrücken können, als er diesen genialen und vollendeten Staatsmann, +der so gern der Schiedsrichter in diesem großen Kampfe geworden wäre, +gezwungen sah, den Mittelweg zu verlassen und auf eine Seite zu treten. +Unter Denen, die sich damals nach Windsor begaben, waren auch Einige, +welche Jakob’s Gunst durch schmachvolle Dienstleistungen erkauft hatten +und die jetzt das Verbrechen, ihr Vaterland verrathen zu haben, durch +Verrath an ihrem Gebieter wieder gut machen wollten. Ein solcher Mann +war Titus, der in Widerspruch mit dem Gesetz im Geheimen Rath gesessen +und sich bemüht hatte, die Puritaner mit den Jesuiten zu einem Bunde +gegen die Verfassung zu vereinigen. Ein solcher Mann war auch Williams, +ein gewesener Demagog, der aus Eigennutz zum Vertheidiger der +Prärogative geworden und der jetzt zu einem abermaligen Abfalle bereit +war. Diese Männer ließ der Prinz mit gerechter Verachtung in seinem +Vorzimmer vergebens auf eine Audienz warten.<a class = "tag" name = +"tagX_25" id = "tagX_25" href = "#noteX_25">25</a></p> + +<p>Am Montag den 17. December wurden sämmtliche in Windsor anwesende +Peers zu einer feierlichen Berathung in das Schloß berufen. Der +Gegenstand der Besprechung war die Frage, wie es mit dem Könige gehalten +werden sollte. Wilhelm hielt es nicht für passend, der Discussion +beizuwohnen. Er entfernte sich daher und Halifax wurde aufgefordert, den +Präsidentenstuhl einzunehmen. Über einen Punkt waren die Lords einig, +daß nämlich der König da wo er war nicht bleiben dürfe. Jedermann +fühlte, daß es unpassend sein würde, wenn der eine Fürst sich in +Whitehall, der andre in St. James verschanzte und es auf einem +Flächenraume von hundert Acres zwei feindliche Besatzungen gab. Eine +solche Situation mußte fast unvermeidlich Argwohn, Beleidigungen und +Reibungen hervorrufen, welche einen blutigen Ausgang nehmen konnten. Die +versammelten Lords hielten es daher für zweckmäßig, daß Jakob aus London +entfernt wurde. Ham, das Lauderdale von dem geraubten Gelde Schottlands +und von den Geschenken Frankreichs am Ufer der Themse erbaut und +ausgeschmückt hatte und das für das prächtigste Lustschloß Englands +galt, wurde als ein geeigneter Aufenthaltsort vorgeschlagen. Sobald die +Lords diesen Beschluß gefaßt hatten, ließen sie den Prinzen bitten, daß +er zu ihnen kommen möchte, und Halifax theilte ihm ihre Meinung mit. +Wilhelm hörte sie an und billigte sie. Es wurde sogleich ein kurzes +Schreiben an den König aufgesetzt. „Durch wem sollen wir es ihm zu +senden?“ fragte Wilhelm dann. — „Sollte es nicht durch einen +Offizier Eurer Hoheit überbracht werden?“ entgegnete Halifax. — +„Nein, Mylords, mit Verlaub,“ erwiederte der Prinz; „es wird auf +Anrathen Eurer Herrlichkeiten abgesandt, und daher müssen Einige von +Ihnen es überbringen.“ Und ohne weitere Einwendungen abzuwarten, +ernannte er Halifax, Shrewsbury und Delamere zu Überbringern.<a class = +"tag" name = "tagX_26" id = "tagX_26" href = "#noteX_26">26</a></p> + +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_23" id = "pageX_23"> +X.23</a></span> +<p>Der Beschluß der Lords schien einhellig zu sein; aber es waren Einige +darunter, welche die Entscheidung, mit der sie einverstanden zu sein +vorgaben, keineswegs billigten und den König mit einer Strenge behandelt +zu sehen wünschten, die sie nicht offen anzuempfehlen wagten. Es ist +eine bemerkenswerthe Thatsache, daß das Oberhaupt dieser Partei ein Peer +war, der ein heftiger Tory gewesen und der nachher als Eidverweigerer +starb: Clarendon. Die Rapidität, mit der er in dieser Krisis von einem +Extrem zum andren übersprang, muß Leuten, die in friedlichen Zeiten +leben, unglaublich erscheinen, wird aber Diejenigen nicht Wunder nehmen, +welche Gelegenheit hatten, den Gang von Revolutionen zu beobachten. Er +wußte, daß die Rücksichtslosigkeit, mit der er in Anwesenheit des Königs +das ganze Regierungssystem getadelt, seinen ehemaligen Gebieter tief +gekränkt hatte. Auf der andren Seite durfte er als Oheim der +Prinzessinnen hoffen, bei der bevorstehenden neuen Ordnung der Dinge +groß und reich zu werden. Die englische Colonie in Irland betrachtete +ihn als ihren Freund und Beschützer, und er sah ein, daß von dem +Vertrauen und der Zuneigung dieser wichtigen Partei seine zukünftige +Bedeutung großentheils abhing. Diesen Rücksichten mußten jetzt die +Prinzipien weichen, zu denen er sich während seines ganzen Lebens mit +Ostentation bekannt hatte. Er begab sich ins Kabinet des Prinzen und +stellte ihm vor, wie gefährlich es sein würde, wenn man den König frei +ließe. Die irischen Protestanten seien dann in der größten Gefahr. Es +gebe keinen andren Weg, um ihr Eigenthum und ihr Leben zu sichern, als +die strenge Gefangenhaltung des Königs. Ihm ein englisches Schloß zu +seinem Aufenthalt anzuweisen, dürfte nicht klug gehandelt sein; aber man +könnte ihn über’s Meer schicken und in die Festung Vreda einschließen, +bis die Angelegenheiten der britischen Inseln geordnet seien. Wenn der +Prinz in Besitz einer solchen Geißel sei, würde Tyrconnel wahrscheinlich +das Staatsschwert niederlegen und die Oberherrschaft Englands in Irland +würde ohne einen Schwertstreich wiederhergestellt werden. Wenn dagegen +Jakob nach Frankreich entkäme und an der Spitze einer fremden Armee in +Dublin erschiene, so müßte dies die verderblichsten Folgen nach sich +ziehen. Wilhelm gab zu, daß diese Gründe sehr gewichtig seien, erklärte +aber, daß er sich dadurch nicht bestimmen lassen könne. Er kenne den +Character seiner Gemahlin und wisse, daß sie nie in einen solchen +Schritt willigen werde. Auch würde es ihm selbst nicht zur Ehre +gereichen, wenn er seinen besiegten Verwandten so rücksichtslos +behandelte. Übrigens könne man gar nicht wissen, ob Großmuth in diesem +Falle nicht die beste Politik sei. Wer könne sagen, welchen Eindruck +eine solche Strenge, wie Clarendon sie anempfahl, auf die öffentliche +Meinung machen werde? Sei es unmöglich, daß die loyale Begeisterung, +welche das verkehrte Benehmen des Königs erstickt hatte, wieder +auflebte, sobald es bekannt würde, daß er sich innerhalb der Mauern +einer ausländischen Festung befinde? Aus diesen Gründen beschloß +Wilhelm, seinen Schwiegervater keinem persönlichen Zwange zu +unterwerfen, und es ist kaum daran zu zweifeln, daß dies ein weiser +Entschluß war.<a class = "tag" name = "tagX_27" id = "tagX_27" href = +"#noteX_27">27</a></p> + +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_24" id = "pageX_24"> +X.24</a></span> +<p>Jakob blieb, während über sein Schicksal deliberirt wurde, durch die +Größe und Nähe der Gefahr gleichsam wie festgebannt, in Whitehall, eben +so unfähig zu kämpfen, wie zu fliehen. Am Abend traf die Nachricht ein, +daß die Holländer Chelsea und Kensington in Besitz genommen hatten. +Dessenungeachtet schickte sich der König an, wie gewöhnlich zur Ruhe zu +gehen. Die Coldstreamgarden hatten im Palaste den Dienst. Sie standen +unter den Befehlen Wilhelm’s, Earl von Craven, eines hochbetagten +Mannes, der sich fünfzig Jahre früher im Kriege und in der Liebe +ausgezeichnet, der bei Kreuznach seine hoffnungslose Stellung mit +solchem Muthe behauptet hatte, daß der große Gustav ihm auf die Schulter +klopfte, und von dem man glaubte, daß er unter tausend Mitbewerbern das +Herz der unglücklichen Königin von Böhmen erobert habe. Craven stand +jetzt in seinem achtzigsten Lebensjahre; aber die Zeit hatte seinen Muth +nicht gebrochen.<a class = "tag" name = "tagX_28" id = "tagX_28" href = +"#noteX_28">28</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteX_25" id = "noteX_25" href = "#tagX_25">25.</a> +<span class = "antiqua">Mulgrave’s Account of the Revolution</span>; +<span class = "antiqua">Clarendon’s Diary, Dec. 16. 1688.</span></p> + +<p><a name = "noteX_26" id = "noteX_26" href = "#tagX_26">26.</a> +<span class = "antiqua">Burnet, I. 800</span>; <span class = +"antiqua">Clarendon’s Diary, Dec. 17. 1688</span>; Citters, 18.(28.) +Dec. 1688.</p> + +<p><a name = "noteX_27" id = "noteX_27" href = "#tagX_27">27.</a> +<span class = "antiqua">Burnet, I, 800</span>; <span class = +"antiqua">Conduct of the Duchess of Marlborough</span>; <span class = +"antiqua">Mulgrave’s Account of the Revolution.</span> Clarendon sagt +davon nichts unter dem richtigen Datum, aber man sehe sein Tagebuch vom +19. August 1689.</p> + +<p><a name = "noteX_28" id = "noteX_28" href = "#tagX_28">28.</a> +<span class = "antiqua">Harte’s Life of Gustavus Adolphus.</span></p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die holländischen Truppen besetzen Whitehall.</span> +<a name = "secX_14" id = "secX_14">Es</a> war zehn Uhr vorüber als ihm +gemeldet wurde, daß drei Bataillone von der Infanterie des Prinzen, +nebst einigen Reitern, mit brennenden Lunten und vollkommen kampffertig +durch die lange Hauptallee des St. Jamesparks heranrückten. Graf Solms, +der die fremden Truppen befehligte, sagte, er habe Befehl, die Posten in +der Umgebung von Whitehall militairisch zu besetzen und forderte Craven +auf, sich gutwillig zurückzuziehen. Craven schwur, er werde sich eher in +Stücken hauen lassen; als aber der König, der sich eben auskleidete, +erfuhr was vorging, verbot er dem tapferen alten Soldaten jeden +Widerstandsversuch, der doch keinen Erfolg haben konnte. Um elf Uhr +waren die Coldstreamgarden abgezogen und holländische Schildwachen +machten auf allen Seiten des Palastes die Runde. Einige vom Gefolge des +Königs fragten ihn, ob er es wagen wolle, sich, von Feinden umringt, +niederzulegen. Er antwortete, daß sie ihn kaum schlechter behandeln +könnten, als seine eigenen Unterthanen ihn behandelt hätten, und mit der +gefühllosen Gleichgültigkeit eines durch das Unglück abgestumpften +Mannes legte er sich zu Bett.<a class = "tag" name = "tagX_29" id = +"tagX_29" href = "#noteX_29">29</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteX_29" id = "noteX_29" href = "#tagX_29">29.</a> +<span class = "antiqua">Clarke’s Life of James, II, 264</span>, +größtentheils aus den <span class = "antiqua">Orig. Memoirs. Mulgrave’s +Account of the Revolution</span>; <span class = "antiqua">Rapin de +Thoyras</span>. Es muß bemerkt werden, daß Rapin an diesen Vorgängen +thätigen Antheil hatte.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Das Schreiben des Prinzen wird Jakob überbracht.</span> +<a name = "secX_15" id = "secX_15">Es</a> war kaum erst wieder ruhig +geworden im Palaste, so gerieth aufs neue Alles in Bewegung. Kurz nach +Mitternacht kamen die drei Lords von Windsor an. Middleton wurde +ersucht, sie zu empfangen. Sie erklärten ihm, daß sie mit einer Sendung +betraut seien, welche keinen Aufschub gestatte. Der König ward aus +seinem ersten Schlummer geweckt, und sie wurden in sein Schlafzimmer +eingeführt. Sie überreichten ihm das ihnen anvertraute Schreiben und +kündigten ihm an, daß der Prinz in einigen Stunden in Westminster +eintreffen und daß Seine Majestät wohl thun werde, vor zehn Uhr nach Ham +abzureisen. Jakob machte einige Einwendungen. Ham gefiel ihm nicht. Im +Sommer sei es ein ganz angenehmer Aufenthalt, um Weihnachten aber sei es +dort kalt und unbehaglich, und überdies sei auch das Schloß nicht +möblirt. Halifax antwortete, daß sofort Möbeln hingeschickt werden +sollten. Die drei Abgesandten entfernten sich; Middleton aber eilte +ihnen nach, um ihnen zu +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_25" id = "pageX_25"> +X.25</a></span> +sagen, daß Rochester dem Könige viel lieber sein werde als Ham. Sie +erwiederten, daß sie keine Vollmacht hätten, den Wunsch des Königs zu +erfüllen, daß sie aber augenblicklich einen Expressen an den Prinzen +absenden wollten, der in Sion House zu übernachten gedenke. Es ging +unverzüglich ein Courier ab, der noch vor Tagesanbruch mit Wilhelm’s +Einwilligung zurückkam. Wilhelm gab seine Zustimmung in der That sehr +gern, denn es unterlag keinem Zweifel, daß Rochester deshalb gewählt +worden war, weil es große Erleichterungen für die Flucht darbot, und daß +Jakob fliehen möchte, war der sehnlichste Wunsch seines Neffen.<a class += "tag" name = "tagX_30" id = "tagX_30" href = "#noteX_30">30</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteX_30" id = "noteX_30" href = "#tagX_30">30.</a> +<span class = "antiqua">Clarke’s Life of James, II. 265</span>; <span +class = "antiqua">Mulgrave’s Account of the Revolution; Burnet, I. +801</span>; Citters, 18.(28.) Dec. 1688.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Jakob’s Aufbruch nach Rochester.</span> +<a name = "secX_16" id = "secX_16">Am</a> Morgen des 18. December, einem +regnerischen und stürmischen Morgen, hielt die königliche Barke +frühzeitig an der Treppe von Whitehall, umgeben von acht bis zehn mit +holländischen Soldaten gefüllten Böten. Mehrere Edelleute und Gentlemen +begleiteten den König bis ans Wasser. Es wird erzählt und läßt sich wohl +auch denken, daß viele Thränen vergossen wurden. Denn selbst der +eifrigste Freund der Freiheit konnte das traurige und schmachvolle Ende +einer Dynastie, welche so groß hätte sein können, nicht gleichgültig mit +ansehen. Shrewsbury that sein Möglichstes, um den gestürzten Monarchen +zu trösten. Selbst der erbitterte und heftige Delamere war ergriffen. +Man bemerkte aber, daß Halifax, der sich sonst durch seine +rücksichtsvolle Freundlichkeit gegen Besiegte auszeichnete, bei dieser +Gelegenheit weniger theilnehmend war als seine beiden Collegen. +Wahrscheinlich konnte er die Scheingesandtschaft nach Hungerford noch +immer nicht vergessen.<a class = "tag" name = "tagX_31" id = "tagX_31" +href = "#noteX_31">31</a></p> + +<p>Während die königliche Barke langsam über die hochgehenden Wellen den +Fluß hinabfuhr, zog eine Brigade von den Truppen des Prinzen nach der +andren in London ein. Man hatte die sehr weise Anordnung getroffen, daß +der Dienst in der Hauptstadt namentlich von den im Dienste der +Generalstaaten stehenden britischen Soldaten verrichtet werden sollte. +Die drei englischen Regimenter wurden in und um den Tower, die drei +schottischen in Southwark einquartirt.<a class = "tag" name = "tagX_32" +id = "tagX_32" href = "#noteX_32">32</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteX_31" id = "noteX_31" href = "#tagX_31">31.</a> +Citters, 18.(28.) Dec. 1688; <span class = "antiqua">Evelyn’s +Diary</span> unter demselben Datum; <span class = "antiqua">Clarke’s +Life of James, II. 266, 267. Orig. Mem.</span></p> + +<p><a name = "noteX_32" id = "noteX_32" href = "#tagX_32">32.</a> +Citters, 18.(28.) Dec. 1688.</p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Wilhelm’s Ankunft im St. Jamespalaste.</span> +<a name = "secX_17" id = "secX_17">Trotz</a> des schlechten Wetters +sammelte sich eine große Volksmenge zwischen Albemarle House und dem St. +Jamespalaste, um den Prinzen zu bewillkommnen. Jeder Hut, jeder Stock +war mit einem orangefarbenen Bande geschmückt. Alle Glocken von ganz +London wurden geläutet, und an allen Fenstern standen Lichter zu einer +Illumination bereit, während in den Straßen Reißigbündel zu +Freudenfeuern aufgehäuft wurden. Wilhelm aber, der kein Freund vom +Gedränge und vom Jubelgeschrei war; nahm seinen Weg durch den Park. Vor +Einbruch der Nacht kam er, von Schomberg begleitet, in einem leichten +Wagen im St. Jamespalaste an. In kurzer Zeit waren alle Zimmer und +Treppen mit Leuten gefüllt, die ihm ihre Aufwartung machen wollten. Das +Gedränge war so arg, daß die hochgestelltesten Männer nicht im Stande +waren, sich bis in das Empfangszimmer hindurchzuarbeiten.<a class = +"tag" name = "tagX_33" id = "tagX_33" href = "#noteX_33">33</a> Während +sich Westminster in dieser Aufregung +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_26" id = "pageX_26"> +X.26</a></span> +befand, entwarf der Gemeinderath in der Guildhall eine Dank- und +Beglückwünschungsadresse. Der Lordmayor war nicht im Stande den Vorsitz +zu führen. Er hatte das Bett noch nicht wieder verlassen, seitdem der +Kanzler in dem Anzuge eines Kohlenschiffers in den Gerichtssaal +geschleppt worden war. Die Aldermen aber und die übrigen Beamten der +Corporationen waren auf ihren Plätzen. Am folgenden Tage kam der +Magistrat der City in Gala, um dem Befreier zu huldigen. Ihre +Dankbarkeit wurde mit beredten Worten durch ihren Syndikus, Sir Georg +Treby ausgesprochen. Einige Prinzen aus dem Hause Nassau, sagte er, +seien die ersten Beamten einer großen Republik gewesen. Andere hätten +die Kaiserkrone getragen; der gegründetste Anspruch dieses berühmten +Geschlechts auf die öffentliche Verehrung bestehe darin, daß Gott es zu +dem hohen Amte auserwählt und geweiht habe, von Generation zu Generation +die Wahrheit und die Freiheit gegen die Tyrannei zu vertheidigen. An dem +nämlichen Tage machten auch alle in der Hauptstadt anwesenden Prälaten, +mit Ausnahme Sancroft’s, dem Prinzen <span class = "antiqua">in +corpore</span> ihre Aufwartung. Dann kam, mit ihrem Bischof an der +Spitze, die londoner Geistlichkeit, an Gelehrsamkeit, Beredtsamkeit und +Einfluß die ersten Männer ihres Standes. Ihnen hatten sich einige +hervorragende Dissentergeistliche angeschlossen, welche Compton, was ihm +zu großer Ehre gereichte, mit ausgezeichneter Artigkeit behandelte. +Einige Monate vorher oder nachher würde diese Artigkeit von vielen +Staatskirchenmännern als ein Verrath an der Kirche betrachtet worden +sein, selbst damals konnte ein scharfes Auge nur zu deutlich erkennen, +daß der Waffenstillstand, zu welchen die protestantischen Secten +gezwungen worden waren, die Gefahr, aus der er entsprungen war, nicht +lange überdauern werde. Ungefähr hundert in der Hauptstadt wohnende +nonconformistische Geistliche überreichten eine Separatadresse. Sie +wurden durch Devonshire vorgestellt und mit allen Achtungs- und +Wohlwollensbezeigungen empfangen. Die Juristen brachten ihre Huldigung +unter Anführung Maynard’s dar, der im Alter von neunzig Jahren noch so +rüstig und so hellen Geistes war als zu der Zeit, da er in +Westminsterhall als Ankläger Strafford’s auftrat. „Mr. Serjeant,“ sagte +der Prinz zu ihm, „Sie müssen alle Juristen, die mit Ihnen studirten, +überlebt haben.“ — „Ja, Sire,“ erwiederte der Greis, „und wäre +Eure Hoheit nicht gekommen, so würde ich auch die Gesetze überlebt +haben“.<a class = "tag" name = "tagX_34" id = "tagX_34" href = +"#noteX_34">34</a></p> + +<p>Aber obgleich die Adressen zahlreich und voll von Lobeserhebungen, +obgleich die Jubelrufe laut und die Illumination glänzend, obgleich der +St. Jamespalast für die Masse der Höflinge zu klein und obgleich die +Theater jeden Abend vom Parterre bis zur letzten Gallerie von +orangefarbenen Bändern strotzten, so fühlte Wilhelm doch, daß die +Schwierigkeiten seines Unternehmens erst begonnen hatten. Er hatte eine +Regierung gestürzt: jetzt galt es die Lösung der weit schwierigeren +Aufgabe, eine neue zu errichten. Von dem Augenblicke seiner Landung bis +zu seiner Ankunft in London hatte er die Autorität ausgeübt, welche nach +den in der ganzen civilisirten Welt anerkannten Kriegsgesetzen dem +Oberbefehlshaber +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_27" id = "pageX_27"> +X.27</a></span> +einer im Felde stehenden Armee zukommt. Jetzt mußte er die Rolle eines +Generals mit der eines Civilbeamten vertauschen, und dies war keine +leichte Aufgabe. Ein einziger falscher Schritt konnte unheilbringend +werden und es war unmöglich, irgend einen Schritt zu thun, ohne +Vorurtheile zu verletzen und heftige Leidenschaften zu entzünden.</p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteX_33" id = "noteX_33" href = "#tagX_33">33.</a> +<span class = "antiqua">Luttrell’s Diary</span>; <span class = +"antiqua">Evelyn’s Diary</span>; <span class = "antiqua">Clarendon’s +Diary, Dec. 18. 1688; Revolution Politics.</span></p> + +<p><a name = "noteX_34" id = "noteX_34" href = "#tagX_34">34.</a> +<span class = "antiqua">Fourth Collection of Papers relating to the +present juncture of affairs in England, 1688</span>; <span class = +"antiqua">Burnet, I. 802, 803</span>; <span class = "antiqua">Calamy’s +Life and Times of Baxter, chap. XIV.</span></p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Es wird ihm gerathen, sich die Krone kraft des Eroberungsrechtes +aufzusetzen.</span> +<a name = "secX_18" id = "secX_18">Einige</a> von den Rathgebern des +Prinzen drangen in ihn, daß er sich die Krone ohne weiteres kraft des +Eroberungsrechtes aufsetzen und dann als König unter seinem großen +Siegel Einberufungsschreiben zu einem Parlamente erlassen solle. Dieses +Verfahren wurde ihm von einigen ausgezeichneten Juristen eifrig +anempfohlen. Sie sagten, es sei der kürzeste Weg zu dem Ziele, welches +außerdem nur mit zahllosen Schwierigkeiten und Streitigkeiten erreicht +werden könne. Es stimme genau mit dem glückverheißenden Beispiele +überein, das vor ihm Heinrich VII. nach der Schlacht von Bosworth +gegeben. Auch werde es die Bedenken vieler achtbarer Personen wegen +Statthaftigkeit der Übertragung des Unterthaneneides auf einen andren +Regenten zerstreuen. Weder das englische Recht noch die englische Kirche +gestehe den Unterthanen die Befugniß zu, ihren Landesherrn abzusetzen. +Aber kein Jurist und kein Theolog habe je geleugnet, daß eine im Kriege +überwundene Nation sich dem Beschlusse des Gottes der Schlachten +unterwerfen dürfe, ohne eine Sünde zu begehen. So hätten nach der +chaldäischen Eroberung die gottesfürchtigsten und patriotischesten Juden +die Pflichten gegen ihren angestammten König nicht zu verletzen +geglaubt, indem sie dem neuen Herrscher, den die Vorsehung ihnen +gesandt, mit Treue dienten. Die drei Bekenner, welche im feurigen Ofen +so wunderbar erhalten worden waren, hätten in der Provinz Babylon hohe +Ämter begleitet. Daniel sei nacheinander Minister des Assyrers, welcher +Juda, und des Persers, welcher Assyrien unterjochte, gewesen. Ja, +Christus selbst, der seinem Blute nach ein Prinz aus dem Geschlechte +David’s gewesen, habe dadurch, daß er seinen Landsleuten befahl, dem +Kaiser Tribut zu zahlen, ausgesprochen, daß fremde Eroberung erbliche +Rechte aufhebt und wohlbegründeten Anspruch auf Herrschaft giebt. Es sei +daher wahrscheinlich, daß eine große Anzahl Tories, wenn sie auch nicht +selbst mit gutem Gewissen einen König wählen könnten, doch unbedenklich +einen durch den Ausgang des Kriegs ihnen gegebenen König annehmen +würden.<a class = "tag" name = "tagX_35" id = "tagX_35" href = +"#noteX_35">35</a></p> + +<p>Auf der andren Seite standen jedoch Gründe, welche bei weitem +überwiegend waren. Der Prinz konnte die Krone als mit dem Schwerte +erobert nicht beanspruchen, ohne sich eines groben Wortbruches schuldig +zu machen. In seiner Erklärung hatte er versichert, daß es nicht seine +Absicht sei, England zu erobern, daß, wer ihn einer solchen Absicht +beschuldige, nicht nur ihn persönlich, sondern auch die patriotischen +Kavaliere und Gentlemen, die ihn herübergerufen, schändlich verleumde, +daß die Streitmacht, die er mitgebracht habe, zu einem so schwierigen +Unternehmen offenbar nicht genüge und daß es sein fester Entschluß sei, +alle öffentlichen Beschwerden, wie alle seine eigenen Ansprüche einem +freien Parlamente anheim zu geben. Um keines irdischen Zweckes willen +konnte es recht oder klug sein, das im Angesicht von ganz Europa +gegebene Wort zu +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_28" id = "pageX_28"> +X.28</a></span> +brechen. Auch war es keineswegs ausgemacht, ob er, wenn er sich als +Eroberer gerirte, dadurch die Bedenken zerstreute, welche die strengen +Hochkirchenmänner ungeneigt machten, ihn als König anzuerkennen. Denn er +mochte sich nennen wie er wollte, Jedermann wußte, daß er in +Wirklichkeit kein Eroberer war. Es wäre notorisch eine bloße Fiction +gewesen, hatte man sagen wollen, daß dieses große Königreich, mit einer +mächtigen Flotte auf der See, einer regulären Armee von vierzigtausend +Mann und einer Miliz von hundertdreißigtausend Mann, ohne eine einzige +Belagerung oder Schlacht durch eine fünfzehntausend Mann starke +Invasionsarmee in eine abhängige Provinz verwandelt worden sei. Es war +nicht anzunehmen, daß eine solche Fiction wirklich empfindliche Gewissen +beruhigen würde, aber es war kaum zu bezweifeln, daß sie den ohnehin +schon gereizten Nationalstolz verwundete. Die englischen Truppen waren +in einer Stimmung, welche die zarteste Schonung erheischte. Sie wußten, +daß sie im letzten Feldzuge eben keine glänzende Rolle gespielt hatten. +Die Anführer wie die Soldaten sehnten sich danach zu beweisen, daß sie +nicht aus Mangel an Muth einer geringeren Streitmacht gewichen waren. +Einige holländische Offiziere waren so unbesonnen gewesen, sich in einem +Wirthshause beim Weine zu rühmen, daß sie die Armee des Königs vor sich +her getrieben hätten. Diese Beleidigung hatte unter den englischen +Truppen eine Gährung hervorgebracht, welche ohne das rasche Einschreiten +des Prinzen wahrscheinlich mit einem furchtbaren Gemetzel geendet haben +würde.<a class = "tag" name = "tagX_36" id = "tagX_36" href = +"#noteX_36">36</a> Welchen Eindruck mußte unter solchen Umständen eine +Proklamation machen, welche verkündete, daß der Oberbefehlshaber der +Fremden die ganze Insel als rechtmäßige Kriegsbeute betrachte?</p> + +<p>Außerdem war zu berücksichtigen, daß der Prinz durch Erlassung einer +solchen Proklamation mit einem Male alle die Rechte vernichtet haben +würde, zu deren Vertheidiger er sich erklärt hatte. Denn die Autorität +eines fremden Eroberers wird nicht durch die Gebräuche und Gesetze der +besiegten Nation beschränkt, sondern sie ist ihrem Wesen nach +despotisch. Wilhelm war also entweder nicht berechtigt, sich zum Könige +zu erklären, oder er war auch berechtigt, die Magna Charta und die Bitte +um Recht für null und nichtig zu erklären, die Geschwornengerichte +abzuschaffen und ohne Zustimmung des Parlaments Steuern zu erheben. +Allerdings konnte er die alte Verfassung des Reichs wiederherstellen; +aber wenn er dies that, so that er es ebenfalls kraft eines +willkürlichen Beschlusses. Von diesem Augenblicke an würde die englische +Freiheit auf eine niedere Stufe herabgesunken sein. Sie wäre dann nicht +mehr ein uraltes Erbtheil gewesen, sondern ein neues Geschenk, welches +der großmüthige Gebieter, der es verliehen, auch wieder entziehen +konnte, wenn es ihm sonst beliebte.</p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteX_35" id = "noteX_35" href = "#tagX_35">35.</a> +<span class = "antiqua">Burnet, I. 803.</span></p> + +<p><a name = "noteX_36" id = "noteX_36" href = "#tagX_36">36.</a> +<span class = "antiqua">Gazette de France</span> 26. Jan. (5. Febr.) +1689.</p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Er beruft die Lords und die Mitglieder der Parlamente Karl’s II. +zusammen.</span> +<a name = "secX_19" id = "secX_19">Wilhelm</a> beschloß daher +rechtschaffener und kluger Weise, die in seiner Erklärung gegebenen +Versprechungen zu erfüllen und die Aufgabe der Einsetzung der Regierung +der gesetzgebenden Gewalt zu überlassen. Er vermied Alles was für +Usurpation hätte erklärt werden können, so sorgfältig, daß er es ohne +einen Schein von parlamentarischer Autorität nicht über sich nehmen +wollte, nur die Stände des Reichs einzuberufen oder während der Wahlen +die ausübende Gewalt zu +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_29" id = "pageX_29"> +X.29</a></span> +handhaben. Eine eigentlich parlamentarische Autorität gab es nicht im +Staate; aber es war möglich, in einigen Stunden eine Versammlung +zusammenzubringen, der die Nation wenigstens einen großen Theil der +einem Parlamente gebührenden Achtung zollte. Die eine Kammer konnte aus +den vielen geistlichen und weltlichen Lords, welche damals in London +waren, die andre aus ehemaligen Mitgliedern des Unterhauses und den +Magistratsbeamten der City gebildet werden. Dieser Plan war höchst +sinnreich und er wurde rasch ins Werk gesetzt. Die Peers wurden auf den +21. December in den St. Jamespalast beschieden. Es erschienen etwa +siebzig. Der Prinz forderte sie auf, die Lage des Landes in Erwägung zu +ziehen und ihm das Ergebniß ihrer Berathungen vorzulegen. Bald darauf +erschien eine Bekanntmachung, welche alle Gentlemen, die während der +Regierung Karl’s II. einen Sitz im Unterhause gehabt hatten, +aufforderte, am Morgen des Sechsundzwanzigsten vor Seiner Hoheit zu +erscheinen. Die Aldermen von London wurden ebenfalls entboten und auch +der Gemeinderath ersucht, eine Deputation zu schicken.<a class = "tag" +name = "tagX_37" id = "tagX_37" href = "#noteX_37">37</a></p> + +<p>Man hat oft in tadelndem Tone gefragt, warum diese Einladung nicht +auf die Mitglieder des im vorhergehenden Jahre aufgelösten Parlaments +ausgedehnt worden sei. Die Antwort darauf liegt sehr nahe. Einer der +Hauptmißstände, über welche die Nation klagte, war die Art und Weise der +Erwählung jenes Parlaments. Die meisten Abgeordneten der Boroughs waren +durch Wahlkörper gewählt worden, welche in einer allgemein als +gesetzwidrig betrachteten und von dem Prinzen in seinem Manifeste für +verwerflich erklärten Weise reorganisirt worden waren. Jakob selbst +hatte unmittelbar vor seinem Sturze eingewilligt, die früheren +municipalen Freiheiten wieder herzustellen. Es würde gewiß von Seiten +Wilhelms die größte Inconsequenz gewesen sein, wenn er, nachdem er zur +Vertheidigung der angetasteten Freibriefe der Corporationen die Waffen +ergriffen, Personen, welche jenen Freibriefen zuwider gewählt worden +waren, als rechtmäßige Vertreter der Städte Englands anerkannt +hätte.</p> + +<p>Am Sonnabend den 22. versammelten sich die Lords in ihrem +Sitzungslokale. Dieser Tag wurde damit hingebracht, die Geschäftsordnung +festzusetzen. Es wurde ein Schriftführer ernannt, und da man keinem der +zwölf Richter Vertrauen schenken konnte, so wurden einige von den +angesehendsten Sergeants und Barristers<a class = "tag" name = "tagX_38" +id = "tagX_38" href = "#noteX_38">38</a> eingeladen, um über juristische +Punkte ihren Rath abgeben zu können. Es wurde hierauf beschlossen, daß +am nächsten Montag die Lage des Königreichs in Erwägung gezogen werden +sollte.<a class = "tag" name = "tagX_39" id = "tagX_39" href = +"#noteX_39">39</a></p> + +<p>Die Zwischenzeit bis zur Montagssitzung war erwartungs- und +ereignißvoll. Eine starke Partei unter den Peers nährte noch immer die +Hoffnung, daß die Verfassung und die Kirche Englands auch ohne die +Absetzung des Königs gesichert werden könnten. Diese Partei beschloß, +eine feierliche Adresse an ihn zu beantragen, durch die er beschworen +werden sollte, sich Bedingungen zu unterwerfen, welche die durch sein +früheres Verfahren hervorgerufene Unzufriedenheit und Besorgniß +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_30" id = "pageX_30"> +X.30</a></span> +beseitigen konnten. Sancroft, der seit der Rückkehr Jakob’s von Kent +nach Whitehall keinen Theil an den öffentlichen Angelegenheiten genommen +hatte, beschloß jetzt, aus seiner Zurückgezogenheit wieder ans Licht zu +treten und sich an die Spitze der Royalisten zu stellen. Mehrere Boten +wurden mit Briefen an den König nach Rochester gesandt. Es wurde ihm +darin versichert, daß seine Interessen energisch in Schutz genommen +werden sollten, wenn er sich nur in diesem Augenblicke entschließen +könnte, Plänen zu entsagen, die sein Volk verabscheue. Einige angesehene +Katholiken begaben sich persönlich zu ihm, um ihn im Namen ihres +gemeinsamen Glaubens zu bitten, daß er den fruchtlosen Kampf nicht +weiter treiben möchte.<a class = "tag" name = "tagX_40" id = "tagX_40" +href = "#noteX_40">40</a></p> + +<p>Der Rath war gut; Jakob aber war nicht in der Stimmung, um ihn +anzunehmen. Sein Verstand war stets stumpf und schwach gewesen, jetzt +aber verhinderten ihn weibische Befürchtungen und kindische Einbildungen +an dem Gebrauche desselben. Er wußte, daß seine Flucht das war, was +seine Anhänger am meisten fürchteten und seine Feinde am sehnlichsten +wünschten. Selbst wenn sein Bleiben mit ernster persönlicher Gefahr +verknüpft gewesen wäre, so hätte er es doch unter den obwaltenden +Umständen für schimpflich halten müssen, das Feld zu räumen, denn es +handelte sich jetzt darum, ob er und seine Nachkommen auf dem Throne +seiner Ahnen regieren oder heimathlose Bettler werden sollten. Doch die +feige Angst um sein Leben hatte jedes andre Gefühl aus seiner Brust +verdrängt. Auf die eindringlichen Bitten und unverwerflichen Gründe der +Bevollmächtigten, die seine Freunde nach Rochester gesandt, hatte er nur +die eine Antwort: sein Kopf sei in Gefahr. Umsonst versicherte man ihm, +daß er durchaus keine Ursache zu einer solchen Besorgniß habe, daß der +Prinz von Oranien schon durch den gesunden Verstand, wenn nicht durch +seine Grundsätze abgehalten werden würde, die Schuld und Schande eines +Königsmordes und eines Verwandtenmordes auf sich zu laden, und daß +Viele, welche niemals in die Absetzung ihres Souverains willigen würden, +so lange er noch auf englischem Boden war, durch seine Flucht sich der +Unterthanentreue gegen ihn entbunden erachten würden. Die Furcht +unterdrückte jedes andre Gefühl. Er beschloß abzureisen, und die +Ausführung dieses Entschlusses war leicht. Er wurde sehr nachlässig +bewacht, Jedermann hatte Zutritt bei ihm, segelfertige Schiffe lagen in +geringer Entfernung bereit, und ihre Böte konnten bis dicht an den +Garten des Hauses herankommen, das er bewohnte. Wäre er klug gewesen, so +würde schon der Umstand, daß seine Wächter sich bemühten, ihm die Flucht +zu erleichtern, hingereicht haben, um ihn zu überzeugen, daß er bleiben +mußte, wo er war. In der That, die Schlinge lag so offen zu Tage, daß +nur ein durch die Angst geblendeter Thor sie nicht sehen konnte.</p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteX_37" id = "noteX_37" href = "#tagX_37">37.</a> +<span class = "antiqua">History of the Desertion</span>; <span class = +"antiqua">Clarendon’s Diary, Dec. <ins class = "correction" title = +"Original hat »21.1688«">21. 1688</ins></span>; <span class = +"antiqua">Burnet I. 803</span>, und Onslow’s Note.</p> + +<p><a name = "noteX_38" id = "noteX_38" href = "#tagX_38">38.</a> +Sachwalter ersten und zweiten Ranges. — Der Übers.</p> + +<p><a name = "noteX_39" id = "noteX_39" href = "#tagX_39">39.</a> +<span class = "antiqua">Clarendon’s Diary, Dec. 21. 1688</span>; Citters +unter dem nämlichen Datum.</p> + +<p><a name = "noteX_40" id = "noteX_40" href = "#tagX_40">40.</a> +<span class = "antiqua">Clarendon’s Diary. Dec. 21, 22, 1688</span>; +<span class = "antiqua">Clarke’s Life of James, II. 268, 270. Orig. +Mem.</span></p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Jakob’s Flucht von Rochester.</span> +<a name = "secX_20" id = "secX_20">Die</a> Vorbereitungen wurden +schleunigst getroffen. Am Samstag Abend, den Zweiundzwanzigsten, +versicherte der König einigen von den Herren, welche von London aus mit +Nachricht und gutem Rathe zu ihm gesandt worden, daß er sie am folgenden +Morgen wiedersehen werde. Er legte sich zu Bett, stand mitten in der +Nacht auf, stahl sich in Begleitung Berwick’s durch eine Hinterthür +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_31" id = "pageX_31"> +X.31</a></span> +fort und ging durch den Garten bis ans Ufer des Medway. Hier erwartete +ihn ein kleines Boot. Bald nach Tagesanbruch befanden sich die +Flüchtlinge am Bord einer Schmacke, welche die Themse hinab fuhr.<a +class = "tag" name = "tagX_41" id = "tagX_41" href = +"#noteX_41">41</a></p> + +<p>Am Nachmittag gelangte die Nachricht von der Flucht nach London. Die +Anhänger des Königs waren ganz bestürzt, während die Whigs ihre Freude +nicht verhehlen konnten. Die gute Nachricht ermuthigte den Prinzen zu +einem kühnen und wichtigen Schritte. Er hatte erfahren, daß die +französische Gesandtschaft mit der ihm feindlich gesinnten Partei +fortwährende Communication unterhielt. Man wußte sehr wohl, daß diese +Gesandtschaft sich vortrefflich auf alle Verführungskünste verstand, und +es unterlag kaum einem Zweifel, daß bei einer solchen Gelegenheit weder +Ränke noch Goldstücke gespart werden würden. Barillon wollte gar zu gern +noch einige Tage in London bleiben, und zu dem Ende ließ er kein Mittel +unversucht, um die siegreiche Partei zu versöhnen. Auf den Straßen +beruhigte er den Pöbel, der zornige Blicke auf seine Equipage warf, +dadurch, daß er ihm Geld zuwarf. An seiner Tafel trank er öffentlich auf +das Wohl des Prinzen von Oranien. Wilhelm aber ließ sich dadurch nicht +bethören. Er hatte zwar die Ausübung der königlichen Autorität noch +nicht auf sich genommen, aber er war commandirender General und als +solcher nicht verbunden, einen Mann, den er als einen Spion betrachtete, +innerhalb des von ihm militairisch besetzten Gebietes zu dulden. Noch +vor dem Ende des Tages erhielt Barillon die Weisung, daß er England +binnen vierundzwanzig Stunden verlassen müsse. Er bat dringend um einen +kurzen Aufschub, aber die Minuten waren kostbar, der Befehl wurde in +noch bestimmteren Ausdrücken wiederholt und er reiste mit Widerstreben +nach Dover ab. Um kein Zeichen von Geringschätzung und Trotz zu +unterlassen, wurde er durch einen seiner protestantischen Landsleute, +den die Verfolgung ins Exil getrieben, bis an die Küste begleitet. Der +Ehrgeiz und die Anmaßung Frankreichs hatte so bitteren Groll erregt, daß +selbst diejenigen Engländer, welche im Allgemeinen nicht geneigt waren, +Wilhelm’s Verhalten mit günstigem Auge zu betrachten, ihm lauten Beifall +dafür zollten, daß er dem Übermuth, mit dem Ludwig viele Jahre hindurch +alle europäischen Höfe behandelt hatte, so herzhaft entgegentrat.<a +class = "tag" name = "tagX_42" id = "tagX_42" href = +"#noteX_42">42</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteX_41" id = "noteX_41" href = "#tagX_41">41.</a> +Clarendon’s Diary. Dec. 23. 1638; Clarke’s Life of James, II. 271, 273, +274. Orig. Mem.</p> + +<p><a name = "noteX_42" id = "noteX_42" href = "#tagX_42">42.</a> +Citters, 1.(11.) Jan. 1689; Witsen’s Handschr. angeführt von Wagenaar, +Buch 60.</p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Berathungen und Beschlüsse der Lords.</span> +<a name = "secX_21" id = "secX_21">Am</a> Montag versammelten sich die +Lords wieder. Halifax wurde zum Präsidenten gewählt. Der Primas war +abwesend, die Royalisten traurig und muthlos, die Whigs heiter und guter +Dinge. Es war bekannt, daß Jakob einen Brief zurückgelassen hatte. +Einige von seinen Freunden stellten in der schwachen Hoffnung, daß der +Brief vielleicht Vorschläge enthielt, welche als Grundlage zu einem +gütlichen Abkommen dienen konnten, den Antrag ihn vorzulegen. Über +diesen Antrag wurde abgestimmt und er wurde angenommen. Godolphin, der +keineswegs als ein Feind seines ehemaligen Gebieters bekannt war, sprach +einige Worte, welche den Ausschlag +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_32" id = "pageX_32"> +X.32</a></span> +gaben. „Ich habe das Schreiben gesehen,“ sagte er, „und muß Ihnen zu +meinem Bedauern bemerken, daß es nichts enthält, was Eure Herrlichkeiten +irgend zufriedenstellen könnte.“ Es enthielt in der That keine Äußerung +von Bedauern über frühere Fehler; es gab keiner Hoffnung Raum, daß diese +Fehler in Zukunft vermieden werden würden, und es wälzte die Schuld an +allem Geschehenen auf die Böswilligkeit Wilhelm’s und auf die Blindheit +des Volks, das sich durch die schimmernden Worte Religion und Eigenthum +habe bethören lassen. Niemand wagte den Vorschlag zu machen, daß +Unterhandlungen mit einem Fürsten eingeleitet werden möchten, den die +härteste Schule des Unglücks nur hartnäckiger im Unrecht gemacht zu +haben schien. Es war die Rede von einer Untersuchung der Geburt des +Prinzen von Wales; aber die whiggistischen Peers behandelten diesen +Vorschlag mit Geringschätzung. „Ich hätte nicht erwartet, Mylords,“ rief +Philipp, Lord Wharton, ein alter Rundkopf, der bei Edgehill gegen +Karl I. ein Regiment commandirt hatte, „daß unter den gegenwärtigen +Umständen Jemand das Kind erwähnen würde, das Prinz von Wales genannt +worden ist, und ich hoffe, es wird zum letzten Male von ihm die Rede +gewesen sein.“ Nach langer Berathung wurden zwei Adressen an Wilhelm +beschlossen. Die eine ersuchte ihn, die Leitung der Regierung +provisorisch zu übernehmen; die andre rieth ihm, durch eigenhändig +unterzeichnete Rundschreiben alle Wahlkörper des Reichs zur Absendung +von Vertretern nach Westminster aufzufordern. Zu gleicher Zeit nahmen +die Peers es auf sich, eine Verordnung zu erlassen, welche alle +Papisten, mit Ausnahme einiger weniger bevorzugter Personen, aus London +und dessen nächster Umgebung verwies.<a class = "tag" name = "tagX_43" +id = "tagX_43" href = "#noteX_43">43</a></p> + +<p>Die Lords überreichten ihre Adressen dem Prinzen am folgenden Tage, +ohne den Ausgang der Berathungen der von ihm einberufenen Gemeinen zu +erwarten. Es scheint in der That, als ob der erbliche Adel in diesem +Augenblicke um die Aufrechthaltung seines Ansehens sehr besorgt gewesen +wäre und keine Lust gehabt hätte, einer Versammlung, von der das Gesetz +nichts wußte, eine ebenbürtige Autorität zuzugestehen. Sie hielten sich +für ein ächtes Haus der Lords; die andre Kammer aber verachteten sie als +ein bloß nachgemachtes Haus der Gemeinen. Wilhelm lehnte es jedoch +wohlweislich ab einen Entschluß zu fassen, bevor er sich von der Ansicht +derjenigen Gentlemen überzeugt haben würde, welche früher mit den +Vertrauen der Grafschaften und Städte Englands beehrt worden waren.<a +class = "tag" name = "tagX_44" id = "tagX_44" href = +"#noteX_44">44</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteX_43" id = "noteX_43" href = "#tagX_43">43.</a> +<span class = "antiqua">Halifax’s notes</span>; <span class = +"antiqua">Landsdown MS. 255</span>; <span class = "antiqua">Clarendon’s +Diary, Dec. 24. 1688</span>; <span class = "antiqua">London Gazette, +Dec. 31.</span></p> + +<p><a name = "noteX_44" id = "noteX_44" href = "#tagX_44">44.</a> +Citters, 25. Dec. (4. Jan.) 1688/89.</p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Verhandlungen und Beschlüsse der von dem Prinzen einberufenen +Gemeinen.</span> +<a name = "secX_22" id = "secX_22">Die</a> einberufenen Gemeinen kamen +in der St. Stephanskapelle zusammen und bildeten eine zahlreiche +Versammlung. Sie ernannten zu ihrem Präsidenten Heinrich Powle, welcher +Cirencester in mehreren Parlamenten vertreten und sich unter den +Vertheidigern der Ausschließungsbill hervorgethan hatte.</p> + +<p>Es wurden ähnliche Adressen wie die von den Lords bereits +überreichten beantragt und angenommen. In keiner wichtigen Frage zeigte +sich eine +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_33" id = "pageX_33"> +X.33</a></span> +Meinungsverschiedenheit und einige schwache Versuche, über formelle +Punkte eine Debatte zu eröffnen, wurden durch die allgemeine Verachtung +vereitelt. Sir Robert Sawyer erklärte, er könne nicht begreifen, wie der +Prinz ohne einen unterscheidenden Titel, wie Regent oder Protektor, die +Regierung verwalten könne. Der greise Maynard, der als Jurist seines +Gleichen nicht hatte und dabei ein mit der Taktik der Revolutionen wohl +vertrauter Staatsmann war, versuchte es gar nicht, seinen Unwillen über +einen so kindischen Einwand zu verhehlen, der in einem Augenblicke +erhoben wurde, wo einmüthiges und rasches Handeln von der größten +Wichtigkeit waren. „Wir werden sehr lange hier sitzen,“ sagte er, „wenn +wir warten wollen, bis Sir Robert begreifen kann, wie so etwas möglich +ist.“ Die Versammlung hielt diese Antwort der Krittelei ganz +entsprechend.<a class = "tag" name = "tagX_45" id = "tagX_45" href = +"#noteX_45">45</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteX_45" id = "noteX_45" href = "#tagX_45">45.</a> +Der Urheber dieses Einwandes wurde in damaligen Büchern und Pamphlets +nur mit den Anfangsbuchstaben seines Namens bezeichnet und diese wurden +zuweilen mißverstanden. Eachard schrieb die Krittelei Sir Robert +Southwell zu; ich bin aber fest überzeugt, daß Oldmixon ganz Recht hat, +wenn er sie Sawyer in den Mund legt.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Eine Convention berufen.</span> +<a name = "secX_23" id = "secX_23">Die</a> Beschlüsse der Versammlung +wurden dem Prinzen mitgetheilt. Er erklärte sogleich seinen Entschluß, +dem vereinten Ansuchen der von ihm einberufenen beiden Kammern zu +entsprechen, Ausschreiben zur Einberufung einer Convention der Stände +des Reichs zu erlassen und bis zum Zusammentritt dieser Convention die +ausübende Verwaltung selbst zu übernehmen.<a class = "tag" name = +"tagX_46" id = "tagX_46" href = "#noteX_46">46</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteX_46" id = "noteX_46" href = "#tagX_46">46.</a> +<span class = "antiqua">History of the Desertion</span>; <span class = +"antiqua">Life of William, 1703</span>; Citters, 28. Dec. (7. Jan.) +1688/89.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Bemühungen des Prinzen zur Herstellung der Ordnung.</span> +<a name = "secX_24" id = "secX_24">Er</a> hatte sich keine leichte +Aufgabe vorgenommen. Die ganze Regierungsmaschine war in Unordnung. Die +Friedensrichter hatten ihre Functionen eingestellt. Die Finanzbeamten +hatten aufgehört, Steuern zu erheben. Die von Feversham aufgelöste Armee +war noch immer in Verwirrung und zur Empörung bereit. Die Flotte befand +sich in einem kaum weniger beunruhigenden Zustande. Die bürgerlichen und +militairischen Diener der Krone hatten bedeutende Soldrückstande zu +fordern und im Staatsschatze befanden sich nur noch vierzigtausend +Pfund. Der Prinz ging mit Energie an die Wiederherstellung der Ordnung. +Er erließ eine Proklamation, durch welche alle Magistratspersonen in +ihren Ämtern bestätigt wurden, und eine andre, welche Anordnungen zur +Erhebung der Staatseinkünfte enthielt.<a class = "tag" name = "tagX_47" +id = "tagX_47" href = "#noteX_47">47</a> Die Reorganisation der Armee +wurde rasch betrieben. Viele von den Kavalieren und Gentlemen, welche +Jakob des Kommandos englischer Regimenter enthoben hatte, wurden wieder +angestellt. Auch wurden Mittel und Wege gefunden, um die Tausende von +irländischen Soldaten, welche Jakob nach England hatte kommen lassen, zu +verwenden. In einem Lande, wo sie dem religiösen und nationalen Hasse +preisgegeben waren, konnten sie nicht bleiben. Eben so wenig durfte man +sie in ihre Heimath zurücksenden, wo sie Tyrconnel’s Armee verstärkt +haben würden. Man beschloß daher, sie auf den Continent zu schicken, wo +sie unter den Fahnen des Hauses Österreich der englischen Verfassung und +der protestantischen Religion indirecte, aber wirksame Dienste leisten +konnten. Dartmouth wurde seines Commando’s enthoben +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_34" id = "pageX_34"> +X.34</a></span> +und die Seemacht durch das bestimmte Versprechen gewonnen, daß jeder +Matrose so bald als möglich seinen rückständigen Sold erhalten solle. +Die City von London nahm es auf sich, den Prinzen aus seiner +finanziellen Verlegenheit zu reißen. Der Gemeinderath verpflichtete sich +durch ein einstimmiges Votum, ihm zweimalhunderttausend Pfund zu +verschaffen. Es wurde als ein großer Beweis von dem Reichthume und dem +Gemeinsinne der londoner Kaufmannschaft betrachtet, daß binnen +achtundvierzig Stunden die ganze Summe ohne ein andres Unterpfand als +das Wort des Prinzen eingezahlt wurde. Wenige Wochen zuvor war Jakob +nicht im Stande gewesen, eine viel kleinere Summe aufzubringen, obgleich +er höhere Zinsen bot und werthvolles Eigenthum verpfänden wollte.<a +class = "tag" name = "tagX_48" id = "tagX_48" href = +"#noteX_48">48</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteX_47" id = "noteX_47" href = "#tagX_47">47.</a> +<span class = "antiqua">London Gazette, Jan. 3, 7. 1688/89.</span></p> + +<p><a name = "noteX_48" id = "noteX_48" href = "#tagX_48">48.</a> +<span class = "antiqua">London Gazette, Jan. 10, 17. 1688/89; Luttrell’s +Diary</span>; Legge-Papiere; Citters, 1.(11.), 4.(14.), 11.(21.) Jan. +1689; Ronquillo, 15.(21.) Jan., 23. Febr. (5. März); Berathung des +spanischen Staatsrathes vom 26. März (5. April).</p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Seine tolerante Politik.</span> +<a name = "secX_25" id = "secX_25">In</a> sehr wenigen Tagen war die +Unordnung, welche die Invasion, die Aufstände, die Flucht Jakob’s und +das Aufhören aller regelmäßigen Verwaltung herbeigeführt hatten, zu Ende +und das Königreich hatte wieder sein gewohntes Aussehen angenommen. Ein +allgemeines Gefühl von Sicherheit war zurückgekehrt. Selbst diejenigen +Stände, auf welche der öffentliche Haß vorzugsweise gerichtet war und +die am meisten Ursache hatten, eine Verfolgung zu befürchten, wurden +durch die weise Milde des Siegers beschützt. Leute, welche in die +gesetzwidrigen Handlungen der vorigen Regierung tief verwickelt gewesen +waren, gingen nicht nur unangefochten einher, sondern traten sogar als +Candidaten für Sitze in der Convention auf. Mulgrave wurde im St. +Jamespalaste nicht ungnädig empfangen. Feversham wurde seiner Haft +entlassen und ihm gestattet, das einzige Amt zu verwalten, dem er +gewachsen war: das eines Bankhalters am Bassettische der Königin Wittwe. +Doch Niemand hatte so viel Ursache, Wilhelm dankbar zu sein, als die +Katholiken. Es würde nicht rathsam gewesen sein, die strengen +Verordnungen, welche die Peers gegen die Bekenner eines von der ganzen +Nation verabscheuten Glaubens erlassen hatten, förmlich aufzuheben; +durch die Klugheit und Menschlichkeit des Prinzen aber wurden diese +Verordnungen praktisch nicht angewendet. Auf seinem Marsche von Torbay +nach London hatte er Befehl gegeben, daß an den Personen oder Wohnungen +von Papisten durchaus keine Gewaltthätigkeiten verübt werden sollten. +Diesen Befehl erneuerte er jetzt und wies Burnet an, auf strengste +Befolgung desselben zu sehen. Eine glücklichere Wahl hätte er nicht +treffen können, denn Burnet war ein so edelmüthiger und gutherziger +Mann, daß sein Herz stets in warmer Theilnahme für Unglückliche schlug, +und sein Haß gegen das Papstthum bot zugleich auch den eifrigsten +Protestanten hinreichende Gewähr dafür, daß die Interessen ihrer +Religion in seinen Händen wohl aufgehoben waren. Er hörte die Klagen der +Katholiken freundlich an, verschaffte Denen, die über das Meer gehen +wollten, Pässe und besuchte selbst in Newgate die dort gefangensitzenden +Prälaten. Er gab Befehl, daß sie in ein bequemeres Zimmer versetzt und +ihnen jede mögliche Erleichterung verschafft werden sollte. Er gab ihnen +die feierliche Versicherung, daß ihnen kein Haar gekrümmt werden und daß +der Prinz, sobald er es wagen könnte, nach seinen Wünschen +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_35" id = "pageX_35"> +X.35</a></span> +zu handeln, sie in Freiheit setzen würde. Der spanische Gesandte meldete +seinem Hofe, und durch seinen Hof dem Papste, daß kein Katholik wegen +der letzten englischen Revolution Gewissensscrupel zu hegen brauche, daß +Jakob allein für die Gefahren, denen die Mitglieder der wahren Kirche +ausgesetzt wären, verantwortlich sei und daß Wilhelm allein sie vor +einer blutigen Verfolgung gerettet habe.<a class = "tag" name = +"tagX_49" id = "tagX_49" href = "#noteX_49">49</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteX_49" id = "noteX_49" href = "#tagX_49">49.</a> +<span class = "antiqua">Burnet, I. 802</span>; Ronquillo, 2.(12.) Jan., +8.(18.) Febr. 1689. Die Originale dieser Depeschen wurden mir durch die +Gefälligkeit der verstorbenen Lady Holland und des gegenwärtigen Lord +Holland mitgetheilt. Aus der letzten will ich einige Worte anführen. +<span class = "antiqua">„La tema de S. M. Britanica à seguir +imprudentes consejos perdió á los Catolicos aquella quietud en que les +dexo Carlos segundo. V. E. asegure á su Santidad que mas sacaré del +Principe para los Catolicos que pudiera sacra del Rey.“</span></p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Zufriedenheit der katholischen Mächte.</span> +<a name = "secX_26" id = "secX_26">In</a> Folge dessen war die +Befriedigung, mit der die Fürsten des Hauses Österreich und der Papst +erfuhren, daß die langjährige Abhängigkeit Englands zu Ende sei, +ziemlich ungetrübt. Als es in Madrid bekannt wurde, daß Wilhelm dem +glücklichen Erfolge seines Unternehmens entgegenging, sprach nur eine +einzige Stimme im spanischen Staatsrathe schüchtern sein Bedauern +darüber aus, daß ein vom politischen Standpunkte betrachtet höchst +erfreuliches Ereigniß den Interessen der wahren Kirche nachtheilig +werden müsse.<a class = "tag" name = "tagX_50" id = "tagX_50" href = +"#noteX_50">50</a> Aber die tolerante Politik des Prinzen zerstreute +bald alle Besorgnisse und die bigotten Granden Castiliens betrachteten +seine Erhebung fast mit eben so großer Befriedigung, als die englischen +Whigs.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteX_50" id = "noteX_50" href = "#tagX_50">50.</a> +Am 13.(23.) Dec. 1688 gab der Admiral von Castilien seine Meinung +folgendermaßen ab: <span class = "antiqua">„Esta materia es de calidad +que no puede dexar de padecer nuestra sagrada religion ó el servicio de +V. M.; porque, si el Principe de Orange tiene buenos succesos, nos +aseguraremos de Franceses, pero peligrarà la religion.“</span> Der +Staatsrath wurde am 16.(26.) Februar sehr erfreut durch ein Schreiben +des Prinzen, in welchem er versprach, <span class = "antiqua">„que los +Catolicos que se portaren con prudencia no sean molestados, y gocen +libertad di conciencia, por ser contra su dictamen el forzar ni castigar +por esta rà zon à nadie.“</span></p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Stimmung in Frankreich.</span> +<a name = "secX_27" id = "secX_27">Mit</a> ganz anderen Gefühlen war die +Nachricht von der großen Revolution in Frankreich aufgenommen worden. +Die Politik einer langen, ereignißreichen und ruhmvollen Regierung war +in einem Tage über den Haufen geworfen worden. England war wieder das +England der Elisabeth und Cromwell’s und alle Beziehungen zu sämmtlichen +Staaten der Christenheit wurden durch die plötzliche Einführung dieser +neuen Macht in das System völlig verändert. Die Pariser sprachen von +nichts als von den Vorgängen in London. Nationale und religiöse Gefühle +bewogen sie, für Jakob Partei zu nehmen. Sie kannten die englische +Verfassung nicht, sie verabscheuten die englische Kirche und unsre +Revolution erschien ihnen nicht als der Sieg der öffentlichen Freiheit +über den Despotismus, sondern als eine grauenvolle Familientragödie, in +der ein ehrwürdiger und frommer Servius durch einen Tarquin vom Throne +gestürzt und unter den Wagenrädern einer Tullia zermalmt wurde. Sie +schrien Zeter über die treulosen Heerführer, verwünschten die +unnatürlichen Töchter und betrachteten Wilhelm mit einem heftigen +Widerwillen, der jedoch durch die Achtung, welche Tapferkeit, Genie und +Erfolg fast immer erwecken, gemildert wurde.<a class = "tag" name = +"tagX_51" id = "tagX_51" href = "#noteX_51">51</a> Die +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_36" id = "pageX_36"> +X.36</a></span> +Königin, dem Nachtwind und Regen ausgesetzt, den unmündigen Erben dreier +Kronen an die Brust drückend und der von rohen Buben angehaltene, +beraubte und gemißhandelte König waren in ganz Frankreich Gegenstände +des Mitleids und der romanhaften Theilnahme. Ludwig aber betrachtete das +Unglück des Hauses Stuart mit ganz besonders lebhaftem Mitgefühl. Alle +egoistischen und alle edlen Seiten seines Characters wurden gleichmäßig +erregt. Nach langen Jahren des Glücks traf ihn endlich ein großes +Unglück. Er hatte auf die Unterstützung oder Neutralität Englands +gerechnet; jetzt hatte er von diesem Lande nichts mehr als energische +und beharrliche Feindseligkeit zu erwarten. Noch wenige Wochen zuvor +hätte er nicht mit Unrecht hoffen können, Flandern zu unterjochen und +Deutschland Gesetze zu geben. Jetzt konnte er froh sein, wenn er im +Stande war, seine eigenen Grenzen gegen einen Staatenbund zu +vertheidigen, wie ihn Europa seit vielen Menschenaltern nicht mehr +gesehen hatte. Nichts konnte ihn aus dieser ganz neuen beunruhigenden +Lage reißen, als eine Contrerevolution oder ein Bürgerkrieg auf den +britischen Inseln. Ehrgeiz und Furcht bestimmten ihn daher, sich der +gestürzten Dynastie anzunehmen. Man muß ihm jedoch die Gerechtigkeit +widerfahren lassen, daß auch edlere Motive als Ehrgeiz und Furcht ihn +bei seinem Verfahren leiteten. Er besaß von Natur ein mitfühlendes Herz +und der vorliegende Fall mußte nothwendig sein ganzes Mitgefühl erregen. +Nur seine Stellung hatte die volle Entwickelung seiner guten +Charactereigenschaften verhindert. Bei großer Ungleichheit der +Standesverhältnisse wird selten ein starkes Mitgefühl aufkommen können, +und er stand so hoch über der großen Masse seiner Nebenmenschen, daß +ihre Drangsale nur geringe Theilnahme in ihm erweckten, ähnlich der, mit +der wir die Leiden niederer Geschöpfe, eines verhungerten Vogels oder +eines abgetriebenen Pferdes betrachten. So hatte die Verwüstung der +Pfalz und die Verfolgung der Hugenotten kein theilnehmendes Gefühl in +ihm erregt, das nicht durch Stolz und Bigotterie wirksam unterdrückt +worden wäre. Aber die ganze Sympathie, deren er fähig war, wurde durch +das Unglück eines großen Königs erweckt, der noch vor wenigen Wochen von +knieenden Lords bedient worden und der jetzt ein verlassener Verbannter +war. Mit dieser Rührung verband sich im Herzen Ludwig’s eine nicht +unedle Eitelkeit. Er wollte der Welt ein Beispiel von Großmuth und +Artigkeit geben. Er wollte der Menschheit zeigen, wie sich ein +vollendeter Edelmann in der höchsten Stellung und bei der wichtigsten +Veranlassung benehmen müsse, und sein Benehmen zeichnete sich in der +That durch ritterliche Großmuth und Urbanität aus, wie sie die +Geschichtsbücher Europa’s nicht wieder geziert hatten, seitdem der +schwarze Prinz beim Souper auf dem Schlachtfelde von Poitiers hinter dem +Stuhle König Johann’s gestanden.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteX_51" id = "noteX_51" href = "#tagX_51">51.</a> +In dem Kapitel von La Bruyère unter der Überschrift: <span class = +"antiqua">Sur les Jugemens</span>, kommt eine Stelle vor, welche gelesen +zu werden verdient, weil sie zeigt, in welchem Lichte unsre Revolution +einem Franzosen von ausgezeichneten Fähigkeiten erschien.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Empfang der Königin von England in Frankreich.</span> +<a name = "secX_28" id = "secX_28">Sobald</a> die Nachricht von der +Landung der Königin von England an der französischen Küste nach +Versailles kam, wurde ein Palast für sie in Bereitschaft gebracht. +Equipagen und Garden wurden zu ihrer Verfügung abgesandt. Arbeiter +wurden angestellt, um die Straße von Calais auszubessern, damit ihr die +Reise möglichst erleichtert werde. Lauzun erhielt nicht nur die +Zusicherung, daß ihm seine früheren Vergehen um ihretwillen vergeben +sein sollten, sondern er wurde überdies mit einem eigenhändigen gnädigen +Schreiben von Ludwig beehrt. Marie war schon auf dem Wege nach dem +französischen Hofe, als sie die Nachricht erhielt, daß +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_37" id = "pageX_37"> +X.37</a></span> +ihr Gemahl nach einer stürmischen Überfahrt glücklich bei dem kleinen +Dorfe Ambleteuse gelandet war. Einige Personen von hohem Range wurden +sogleich von Versailles abgesandt, um ihn zu begrüßen und zu begleiten. +Unterdessen brach Ludwig selbst mit seiner Familie und seinem höchsten +Adel auf, um die verbannte Königin mit Gepränge zu empfangen. Vor seiner +prachtvollen Staatscarosse marschirten die schweizer Hellebardiere. Zu +beiden Seiten und hinter derselben ritt die Leibgarde mit klingendem +Spiel. Der glänzendste Adel von Europa folgte dem Könige mit hundert +sechsspännigen Equipagen; Alles strotzte von Federn, Bändern, Juwelen +und Stickereien. Der Zug war noch nicht weit gekommen, als die +Annäherung Mariens gemeldet wurde. Ludwig stieg aus und ging ihr zu Fuß +entgegen. Sie brach in leidenschaftliche Dankesversicherungen aus. +„Madame,“ sagte der König, „es ist leider ein schmerzlicher Dienst, den +ich Ihnen heute erzeige. Ich hoffe später im Stande zu sein, Ihnen +größere und angenehmere Dienste zu erzeigen.“ Er küßte den kleinen +Prinzen von Wales und ließ die Königin in seinem Staatswagen zur Rechten +sitzen. Dann setzte sich der Zug nach Saint-Germains in Bewegung.</p> + +<p>In Saint-Germains hatte Franz I. am Saume eines von Jagdwild reich +bestandenen Forstes und auf dem Gipfel eines die Windungen der Seine +beherrschenden Hügels ein Schloß erbaut und Heinrich IV. eine +prächtige <ins class = "correction" title = "Original hat »Terasse«">Terrasse</ins> angelegt. Keine von den Residenzen der Könige +von Frankreich hatte eine gesundere Lage und eine herrlichere Aussicht. +Die gewaltige Größe und das ehrwürdige Alter der Bäume, die Schönheit +der Gärten und der Überfluß an Quellen waren weit berühmt. +Ludwig XIV. war hier geboren, hatte hier als Jüngling sein Hoflager +gehalten, hatte das Schloß Franz’ I. durch mehrere stattliche +Pavillons erweitert und die Terrasse Heinrich’s vollendet. Bald aber +bemächtigte sich des prachtliebenden Königs ein unerklärlicher +Widerwille gegen seine Geburtsstätte. Er vertauschte Saint-Germains mit +Versailles und verwendete ungeheure Summen auf das vergebliche Bemühen, +einen ganz besonders unfruchtbaren und ungesunden Ort, dessen Boden nur +aus Sand oder Lehm bestand und der weder Wald, noch Wasser, noch Wild +hatte, in ein Paradies umzuschaffen. Saint-Germains war jetzt zum +Wohnsitz für die königliche Familie Englands erwählt worden. Prachtvolle +Mobilien waren in aller Eile dahin gesandt worden und die für den +kleinen Prinzen von Wales bestimmten Gemächer waren mit Allem versehen, +was ein Kind bedurfte. Einer von dem Gefolge überreichte der Königin den +Schlüssel zu einer kostbaren Chatulle, die in ihrem Zimmer stand. Sie +öffnete dieselbe und fand darin sechstausend Pistolen.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Ankunft Jakob’s in St.-Germains.</span> +<a name = "secX_29" id = "secX_29">Am</a> folgenden Tage kam auch Jakob +in St.-Germains an. Ludwig war schon dort, um ihn zu bewillkommnen. Der +unglückliche Verbannte verbeugte sich so tief, als ob er die Knie seines +Beschützers hatte umfassen wollen. Ludwig hob ihn auf und umarmte ihn +mit brüderlicher Zärtlichkeit. Dann traten die beiden Könige ins Zimmer +der Königin. „Hier ist ein Herr,“ sagte Ludwig zu ihr, „dessen Ankunft +Sie gewiß erfreuen wird.“ Nachdem er hierauf seine Gäste eingeladen +hatte, ihn am folgenden Tage in Versailles zu besuchen und ihm das +Vergnügen zu verschaffen, ihnen seine Gebäude, seine Gemälde und seine +Anlagen zu zeigen, verabschiedete er sich ohne alle Ceremonien, wie ein +alter Freund.</p> + +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_38" id = "pageX_38"> +X.38</a></span> +<p>Wenige Stunden darauf wurde dem königlichen Paare gemeldet, daß +ihnen, so lange sie dem Könige von Frankreich die Ehre erzeigen würden, +seine Gastfreundschaft anzunehmen, jährlich fünfundvierzigtausend Pfund +Sterling aus seinem Staatsschatze ausgezahlt werden sollten. Zehntausend +Pfund wurden zur ersten Einrichtung gesandt.</p> + +<p>Viel rühmenswerther und bewundernswürdiger als Ludwig’s Freigebigkeit +war jedoch die ausgezeichnete Delicatesse, mit der er sich bemühte, die +Gefühle seiner Gäste zu beruhigen und ihnen die fast unerträgliche Last +der Verbindlichkeiten, die er ihnen auflud, zu erleichtern. Er, der +bisher in allen Fragen des Vorrangs empfindlich, streitsüchtig und +anmaßend, der mehr als einmal bereit gewesen war, eher ganz Europa in +Krieg zu verwickeln, als in dem geringfügigsten Punkte der Etikette +nachzugeben, war jetzt übertrieben ängstlich, und zwar für seine Freunde +gegen sich selbst. Er gab Befehl, daß Marien alle Ehrfurchtsbezeigungen +zu Theil werden sollten, die seiner verstorbenen Gemahlin je erwiesen +worden waren. Es wurde die Frage aufgeworfen, ob die Prinzen des Hauses +Bourbon berechtigt seien, sich in Anwesenheit der Königin +niederzusetzen. Derartige Kleinigkeiten waren an dem alten französischen +Hofe sehr wichtige Dinge. Es ließen sich auf beiden Seiten +Precedenzfälle nachweisen; aber Ludwig entschied die Frage gegen sein +eignes Blut. Einige vornehme Damen unterließen die Ceremonie, den Saum +von Mariens Kleide zu küssen. Ludwig bemerkte die Unterlassung und rügte +sie in einem Tone und mit einem Blicke, daß diese ganze Pairie von nun +an bereit gewesen wäre, ihr den Fuß zu küssen. Als das so eben von +Racine geschriebene Schauspiel „Esther“ in Saint-Cyr aufgeführt wurde, +hatte Marie den Ehrenplatz. Jakob saß ihr zur Rechten, Ludwig nahm +bescheiden zu ihrer Linken Platz. Ja er wünschte sogar, daß ein von +seiner Freigebigkeit lebender Verbannter in seinem eigenen Palaste den +Titel König von Frankreich führen, als König von Frankreich die Lilien +mit dem englischen Löwen vereinigen und sich als König von Frankreich +bei vorkommender Hoftrauer violett kleiden sollte.</p> + +<p>Das Benehmen des französischen Adels bei feierlichen Anlässen wurde +durchaus vom Souverain geregelt; aber es lag außer dem Bereiche seiner +Macht, sie am freien Denken zu hindern und in Privatzirkeln ihre +Gedanken mit dem ihrer Nation und ihrem Stande eigenen feinen und +beißenden Witze auszudrücken. Ihre Meinung von Marien war eine günstige. +Sie fanden ihre persönliche Erscheinung einnehmend und ihre Haltung +würdevoll. Sie achteten ihren Muth und ihre Mutterliebe und beklagten +ihr Mißgeschick. Jakob aber verachteten sie gründlich. Sein Stumpfsinn, +die kalte Gleichgültigkeit, mit der er gegen Jedermann von seinem Sturze +sprach, und das kindische Vergnügen, das er an dem Pomp und Luxus von +Versailles fand, waren ihnen widerlich. Sie schrieben diese sonderbare +Apathie nicht der Philosophie oder Religiosität, sondern einem +beschränkten und niedrig denkenden Geiste zu und äußerten, daß Niemand +der die Ehre gehabt habe, Seine Großbritannische Majestät seine +Geschichte erzählen zu hören, sich darüber wundern könne, daß er in +Saint-Germains und sein Schwiegersohn in Saint-James war.<a class = +"tag" name = "tagX_52" id = "tagX_52" href = "#noteX_52">52</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteX_52" id = "noteX_52" href = "#tagX_52">52.</a> +Meine Mittheilungen über den Empfang Jakob’s und seiner Gemahlin in +Frankreich sind namentlich den Briefen der Frau von Sévigné und den +Memoiren Dangeau’s entnommen.</p> + + +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_39" id = "pageX_39"> +X.39</a></span> +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Stimmung in den Vereinigten Provinzen.</span> +<a name = "secX_30" id = "secX_30">In</a> den Vereinigten Provinzen war +die durch die Nachrichten aus England verursachte Aufregung noch größer +als in Frankreich. Dies war der Zeitpunkt, wo der batavische Bund den +Höhepunkt seiner Macht und seines Ruhmes erreichte. Von dem Tage, an +welchem die Expedition absegelte, war die ganze holländische Nation in +ängstlicher Spannung. Nie waren die Kirchen so gefüllt, nie war die +Begeisterung der Prediger so glühend gewesen. Man konnte es nicht +verhindern, daß die Bewohner des Haag Albeville insultirten. Sein Haus +war Tag und Nacht von so dichten Volkshaufen belagert, daß fast Niemand +es wagte, ihn zu besuchen, und er fürchtete ernstlich, seine Kapelle +würde in Brand gesteckt werden.<a class = "tag" name = "tagX_53" id = +"tagX_53" href = "#noteX_53">53</a> Da jede Post Nachricht von dem immer +weiteren Vorschreiten des Prinzen brachte, stieg der Muth seiner +Landsleute mit jedem Augenblicke, und als es endlich bekannt wurde, daß +er auf Ansuchen der Lords und einer Versammlung ausgezeichneter Gemeinen +die ausübende Verwaltung übernommen hatte, brachen alle holländischen +Parteien in einen einstimmigen Ruf des Stolzes und der Freude aus. Es +wurde in aller Eil eine außerordentliche Gesandtschaft abgeschickt, um +ihn zu beglückwünschen. Dykvelt, dessen Beistand wegen seiner +diplomatischen Geschicklichkeit und seiner gründlichen Kenntniß des +englischen Staatswesens in diesem Augenblicke besonderen Werth hatte, +war einer der Abgesandten, und ihm war Nikolaus Witsen, ein +Bürgermeister von Amsterdam, beigegeben, welcher deshalb dazu auserwählt +worden zu sein scheint, um ganz Europa zu beweisen, daß die lange Fehde +zwischen dem Hause Oranien und der Hauptstadt Hollands zu Ende sei. Am +8. Januar erschienen Dykvelt und Witsen in Westminster. Wilhelm sprach +mit einer Offenheit und Herzlichkeit zu ihnen, die man in seinen +Unterredungen mit Engländern selten bemerkte. Seine ersten Worte waren: +„Nun, was sagen jetzt unsere Freunde in der Heimath?“ In der That, der +einzige Beifall, der auf sein stoisches Gemüth einen tiefen Eindruck +machte, war der Beifall seines geliebten Vaterlandes. Von seiner großen +Popularität in England sprach er mit kalter Geringschätzung und +prophezeite nur zu wahr die wirklich eintretende Reaction. „Hier,“ sagte +er, „ruft jetzt Alles Hosianna, und morgen wird man vielleicht rufen: +Kreuziget ihn!“<a class = "tag" name = "tagX_54" id = "tagX_54" href = +"#noteX_54">54</a></p> + +<div class = "footnote"> + +<p><a name = "noteX_53" id = "noteX_53" href = "#tagX_53">53.</a> +Albeville an Preston, 23. Nov. (3. Dec.) 1688 in der +Mackintosh-Sammlung.</p> + +<p><a name = "noteX_54" id = "noteX_54" href = "#tagX_54">54.</a> +<span class = "antiqua">„’Tis hier nu Hosanna: maar ’t zal, veelligt, +haast Kruist hem, kruist hem, zyn.“</span> Witsen <span class = +"antiqua">MS.</span> in Wagenaar, Buch 61. Es ist ein sonderbares +Zusammentreffen, daß einige Jahre früher Richard Duke, ein ehedem +wohlbekannter, jetzt aber fast ganz vergessener toryistischer Dichter, +den man höchstens noch aus Johnson’s biographischer Skizze kennt, ganz +denselben Vergleich auf Jakob anwendete:</p> + +<div class = "verse"> +<p>„Ist’s nicht der Judenpöbel, der einstmals geschrie’n</p> +<p>Hosianna erst und nachher kreuzigt ihn?“</p> +<p class = "indent3"><span class = "antiqua">„The Review.“</span></p> +</div> + +<p>Depesche der außerordentlichen holländischen Gesandten vom 8.(18.) +Jan. 1689; Citters von dem nämlichen Datum.</p> + +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Wahl der Mitglieder zur Convention.</span> +<a name = "secX_31" id = "secX_31">Am</a> folgenden Tage wurden die +ersten Mitglieder der Convention gewählt. Die City von London machte den +Anfang und wählte ohne allen Widerstreit vier große Kaufleute, welche +eifrige Whigs waren. Der König und seine Anhänger hatten gehofft, daß +viele Wahlbeamten das Schreiben des Prinzen als ungültig betrachten +würden, aber seine Hoffnung wurde +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_40" id = "pageX_40"> +X.40</a></span> +getäuscht. Die Wahlen gingen rasch und ohne Hindernisse von Statten. +Kaum an einem einzigen Orte gab es Widerspruch. Denn die Nation war seit +länger als einem Jahre in beständiger Erwartung eines Parlaments +gehalten worden. Es waren zweimal Wahlschreiben erlassen und zweimal +waren sie widerrufen worden. Einige Wahlkörper waren in Folge dieser +Ausschreiben schon zu der Wahl von Abgeordneten geschritten. Es gab kaum +eine Grafschaft, in der die Gentry und die Freisassenschaft nicht schon +vor vielen Monaten über Candidaten einig gewesen wäre, lauter gute +Protestanten, welche trotz König und Lordlieutenant durchzubringen man +keine Anstrengung gespart haben würde, und diese Candidaten wurden ohne +Opposition gewählt.</p> + +<p>Der Prinz erließ strenge Befehle, daß kein Staatsdiener bei dieser +Gelegenheit jene Kunstgriffe anwenden solle, welche der vorigen +Regierung so viele Vorwürfe zugezogen hatten. Namentlich verfügte er, +daß in keiner Stadt, wo eine Wahl vor sich ging, Soldaten erscheinen +dürften.<a class = "tag" name = "tagX_55" id = "tagX_55" href = +"#noteX_55">55</a> Seine Bewunderer konnten rühmend behaupten und seine +Feinde scheinen nicht im Stande gewesen zu sein es zu leugnen, daß die +Gesinnung der Wahlkörper einen unverfälschten Ausdruck erhielt. +Allerdings wagte er auch nicht viel. Die ihm anhängende Partei war +siegreich, voll Begeisterung und energischer Lebenskraft, und die +Partei, von der allein er ernsten Widerstand zu fürchten gehabt hätte, +war uneinig und muthlos mit sich selbst und noch mehr mit ihrem +natürlichen Oberhaupte unzufrieden. Daher wählte ein großer Theil der +Grafschaften und Boroughs whiggistische Abgeordnete.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteX_55" id = "noteX_55" href = "#tagX_55">55.</a> +<span class = "antiqua">London Gazette, Jan. 7. 1688/89.</span></p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die Angelegenheiten Schottlands.</span> +<a name = "secX_32" id = "secX_32">Wilhelm’s</a> Regentenautorität +erstreckte sich nicht auf England allein. Auch Schottland hatte sich +gegen seine Tyrannen erhoben. Alle regulären Soldaten, durch die es so +lange niedergehalten worden, waren mit Ausnahme einer sehr kleinen +Truppe, welche unter dem Commando des Herzogs von Gordon, eines +angesehenen katholischen Lords, die Besatzung des Schlosses von Edinburg +bildete, von Jakob zum Beistande gegen das holländische Invasionsheer +aufgeboten worden. Jede während des ereignißvollen Monats November nach +dem Norden gegangene Post hatte Nachrichten gebracht, welche die +Leidenschaften der bedrückten Schotten aufstachelten. So lange der +Ausgang der militairischen Operationen noch zweifelhaft war, gab es in +Edinburg Tumulte und Demonstrationen, welche drohender wurden, nachdem +Jakob sich von Salisbury zurückgezogen hatte. Große Volksmassen +versammelten sich anfangs bei Nacht, dann selbst am hellen Tage. Päpste +wurden öffentlich verbrannt, man rief laut nach einem freien Parlamente, +und Plakate wurden angeschlagen, welche auf die Köpfe der Staatsminister +Preise setzten. Der am meisten verhaßte unter diesen Ministern war +Perth, der den hohen Posten des Staatskanzlers bekleidete, in der +königlichen Gunst sehr hoch stand, vom reformirten Glauben abgefallen +war und in dem Gerichtsverfahren seines Vaterlandes zuerst die +Daumenschraube eingeführt hatte. Er war ein Mann ohne Energie und von +niedriger Denkweise; der einzige Muth, den er besaß, war der entehrende +Muth, welcher der Schande trotzt und die Qualen Anderer gleichgültig mit +ansieht. Sein Posten war zu solchen Zeiten an der Spitze des +Staatsrathes; aber er hatte nicht das Herz dazu und beschloß daher, +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_41" id = "pageX_41"> +X.41</a></span> +sich der Gefahr, die nach den Blicken und Äußerungen des wilden und +unerschrockenen Pöbels von Edinburg nicht fern war, dadurch zu +entziehen, daß er sich auf seinen Landsitz flüchtete. Eine starke Wache +begleitete ihn nach Schloß Drummond; kaum aber war er abgereist, so +erhob sich die Stadt. Eine kleine Anzahl Truppen versuchten es, den +Aufstand zu unterdrücken, aber sie wurden überwältigt. Der Palast +Holyrood, der in ein katholisches Seminar und in eine Staatsdruckerei +verwandelt worden war, wurde erstürmt und demolirt. Ungeheure Haufen von +papistischen Büchern, Rosenkränzen, Kruzifixen und Bildern wurden in +High Street verbrannt. Mitten in der Aufregung kam die Nachricht von der +Flucht des Königs. Die Mitglieder der Regierung gaben jeden Gedanken an +eine Bekämpfung der Volkswuth auf und wechselten mit einer bei den +schottischen Staatsmännern damals sehr gewöhnlichen Schnelligkeit die +Farbe. Der Geheime Rath erließ eine Verordnung des Inhalts, daß alle +Papisten entwaffnet werden sollten, und durch eine andre Proklamation +forderte er die Protestanten auf, sich zur Vertheidigung des reinen +Glaubens zusammenzuschaaren. Die Nation hatte nicht erst auf diesen +Aufruf gewartet; Stadt und Land standen schon für den Prinzen von +Oranien unter den Waffen. Nithisdale und Clydesdale waren die einzigen +Bezirke, in denen eine schwache Aussicht war, daß die Katholiken sich +widersetzen würden; aber beide Bezirke waren bald von Schaaren +bewaffneter Presbyterianer besetzt. Unter den Insurgenten befanden sich +einige heftige und finstre Männer, welche früher Argyle verleugnet +hatten und die jetzt eben so wenig von Wilhelm etwas wissen wollten. +Seine Hoheit, sagten sie, habe offenbar Böses im Sinne. Er habe in +seiner Erklärung kein Wort von dem Covenant erwähnt. Die Holländer wären +ein Volk, mit dem kein wahrer Diener des Herrn gemeinschaftliche Sache +machen würde. Sie hielten es mit den Lutheranern und ein Lutheraner sei +eben so gut ein Kind der Verdammniß wie ein Jesuit. Die allgemeine +Stimme des Königreichs erstickte jedoch wirksam das Murren dieser +haßschnaubenden Faction.<a class = "tag" name = "tagX_56" id = "tagX_56" +href = "#noteX_56">56</a></p> + +<p>Die Bewegung verbreitete sich bald bis in die Gegend des Schlosses +Drummond. Perth sah, daß er unter seinen eigenen Dienern und Pächtern +nicht mehr sicher war. Er überließ sich daher einer eben so trostlosen +Verzweiflung, als in welche seine unbarmherzige Tyrannei oft viel +bessere Menschen als er war, gestürzt hatte. In seiner Todesangst suchte +er Trost in den Gebräuchen seiner neuen Kirche. Er quälte seine Priester +um geistlichen Zuspruch, betete, beichtete und communicirte; aber sein +Glaube war schwach und er gestand, daß trotz aller seiner +Andachtsübungen die Todesfurcht ihn überwältige. Um diese Zeit erfuhr +er, daß er Aussicht hatte, auf einem vor Brentisland liegenden Schiffe +zu entkommen. Er verkleidete sich so gut als möglich und nach einer +langen und beschwerlichen Reise über die ungangbaren Pfade des damals +mit tiefem Schnee bedeckten Ochillgebirges gelang es ihm sich +einzuschiffen; aber trotz aller beobachteten Vorsicht war er erkannt und +Lärm gemacht worden. Sobald es bekannt wurde, daß der blutdürstige +Renegat sich auf der See befinde, und daß er Gold bei sich habe, waren +ihm von Haß +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_42" id = "pageX_42"> +X.42</a></span> +und Habgier erfüllte Verfolger auf den Fersen. Ein von einem alten +Freibeuter befehligtes Boot holte das fliehende Schiff ein und enterte +es. Perth, der Frauenkleider angelegt hatte, wurde aus dem Kielraume +aufs Verdeck geschleppt, ausgezogen, gemißhandelt und geplündert. Man +setzte ihm Bajonnette auf die Brust. Mit weibischem Gejammer um Schonung +seines Lebens flehend wurde er ans Land zurückgebracht und in die +Frohnfeste von Kirkaldy geworfen. Von dort wurde er auf Befehl des +Geheimen Raths, dem er kürzlich noch präsidirt hatte und in welchem +Männer saßen, die seine Schuld theilten, nach dem Schlosse Stirling +transportirt. Es war an einem Sonntage während des öffentlichen +Gottesdienstes, als er unter militairischer Eskorte in sein Gefängniß +abgeführt wurde; aber selbst strenge Puritaner vergaßen die Heiligkeit +des Tages und des Gottesdienstes. Die Andächtigen verließen die Kirchen, +als der Tyrann vorüberkam und laute Drohungen, Verwünschungen und +Ausbrüche des Hasses begleiteten ihn bis an den Eingang seines +Gefängnisses.<a class = "tag" name = "tagX_57" id = "tagX_57" href = +"#noteX_57">57</a></p> + +<p>Mehrere angesehene Schotten befanden sich in London, als der Prinz +daselbst ankam, und viele andere eilten jetzt dahin, um ihm ihre +Aufwartung zu machen. Am 7. Januar ersuchte er sie, sich ihm in +Whitehall vorzustellen. Die Versammlung war zahlreich und bestand aus +sehr achtbaren Männern. An der Spitze des Zuges erblickte man den Herzog +von Hamilton und seinen ältesten Sohn, den Earl von Arran, die +Oberhäupter eines Hauses von fast königlichem Ansehen. Sie waren +begleitet von dreißig Lords und ungefähr achtzig angesehenen Gentlemen. +Wilhelm sprach den Wunsch aus, daß sie sich mit einander berathen und +ihm dann sagen möchten, wie er das Wohl ihres Landes am besten fördern +könnte. Dann entfernte er sich, damit sie, durch seine Anwesenheit nicht +beengt, sich mit einander besprechen konnten. Sie gingen in das +Berathungszimmer und übertrugen dem Herzoge von Hamilton den Vorsitz. +Obgleich nur wenig Meinungsverschiedenheit stattgefunden zu haben +scheint, dauerten die Verhandlungen doch drei Tage, ein Umstand, der +sich durch Sir Patrick Hume’s Betheiligung an der Debatte genügend +erklären läßt. Arran wagte es, eine Unterhandlung mit dem Könige +vorzuschlagen. Dieser Antrag aber wurde von seinem Vater und von der +ganzen Versammlung übel aufgenommen und fand gar keine Unterstützung. +Endlich wurden Beschlüsse gefaßt, ganz ähnlich denen, welche die +englischen Lords und Gemeinen einige Tage vorher dem Prinzen überreicht +hatten. Er wurde ersucht, eine Convention der schottischen Stände +einzuberufen, ihren Zusammentritt auf den 14. März zu bestimmen und bis +zu diesem Tage die Civil- und Militairverwaltung selbst zu übernehmen. +Er kam diesen Wünschen nach und die Regierung der ganzen Insel war von +nun an in seinen Händen.<a class = "tag" name = "tagX_58" id = "tagX_58" +href = "#noteX_58">58</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteX_56" id = "noteX_56" href = "#tagX_56">56.</a> +<span class = "antiqua">Sixth Collection of Papers, 1689</span>; <span +class = "antiqua">Wodrow, III. 12. 4. App. 150, 151; Faithful +Contendings Displayed</span>; <span class = "antiqua">Burnet, I. +804.</span></p> + +<p><a name = "noteX_57" id = "noteX_57" href = "#tagX_57">57.</a> +Perth an Lady Errol, 29. Dec. 1688; an Melfort, 21. Dec. 1688: <span +class = "antiqua">Sixth Collection of Papers, 1689.</span></p> + +<p><a name = "noteX_58" id = "noteX_58" href = "#tagX_58">58.</a> +<span class = "antiqua">Burnet, I. 805</span>; <span class = +"antiqua">Sixth Collection of Papers, 1689.</span></p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Stand der Parteien in England.</span> +<a name = "secX_33" id = "secX_33">Der</a> entscheidende Augenblick +rückte heran und die Aufregung der Gemüther stieg auf den Höhepunkt. +Kleine Clubs von Politikern steckten überall flüsternd und berathend die +Köpfe zusammen. Die Kaffeehäuser waren in heftiger Gährung, +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_43" id = "pageX_43"> +X.43</a></span> +und die Pressen der Hauptstadt standen keine Minute still. Von den +damals erschienenen Flugschriften könnte man noch jetzt mehrere Bände +füllen und man kann sich aus diesen Flugschriften unschwer eine richtige +Vorstellung von dem Stande der Parteien bilden.</p> + +<p>Eine sehr kleine Faction wollte Jakob ohne irgend eine Bedingung +zurückrufen. Eine andre, ebenfalls sehr kleine Faction wünschte eine +Republik zu errichten und die Verwaltung einem Staatsrathe unter der +Präsidentschaft des Prinzen von Oranien zu übertragen. Diese extremen +Meinungen wurden jedoch allgemein mit Abscheu verworfen. Die Nation +bestand zu Neunzehn Zwanzigsteln aus Leuten, welche mit der Liebe zur +erblichen Monarchie die Liebe zur constitutionellen Freiheit verbanden, +wenn auch nicht alle in gleichem Verhältnisse, und die von der +gänzlichen Abschaffung des Königstitels eben so wenig etwas wissen +wollten, als von der unbedingten Wiedereinsetzung des Königs.</p> + +<p>Doch in der weiten Entfernung, welche die noch den Lehren Filmer’s +anhängenden Bigotten von den Schwärmern trennte, die noch an die +Verwirklichung der Träume Harrington’s dachten, war Raum für viele +Meinungsschattirungen. Läßt man die unwichtigen Unterabtheilungen +unberücksichtigt, so wird man finden, daß die große Majorität der Nation +und der Convention in vier Abtheilungen zerfiel. Drei von diesen +Abtheilungen bestanden aus Tories und die vierte bildete die +Whigpartei.</p> + +<p>Die Freundschaft zwischen den Whigs und Tories hatte die Gefahr, +welche sie erzeugt, nicht überdauert. Während des Marsches des Prinzen +aus dem Westen hatten sich bei verschiedenen Gelegenheiten Spaltungen +unter seinen Anhängern gezeigt. So lange der Ausgang seines Unternehmens +noch zweifelhaft war, hatte seine geschickte Leitung diese Zerwürfnisse +ohne Mühe geschlichtet. Aber von dem Tage seines triumphirenden Einzugs +in den St. Jamespalast an war eine solche Leitung nicht mehr möglich. +Indem sein Sieg die Nation von der Furcht vor papistischer Tyrannei +befreite, hatte er ihm zugleich die Hälfte seines Einflusses entzogen. +Alte Antipathien, welche geschlummert hatten, so lange die Bischöfe im +Tower und die Jesuiten im Staatsrathe saßen, so lange loyale Geistliche +zu Dutzenden ihres Lebensunterhalts beraubt und loyale Gentlemen zu +Hunderten ihres Friedensrichteramtes entsetzt wurden, erwachten jetzt +mit erneuter Heftigkeit wieder. Der Royalist schauderte bei dem +Gedanken, daß er mit allen Denen verbündet sei, die er von Jugend auf am +meisten gehaßt habe: mit ehemaligen Anführern der Parlamentsarmee, die +sein Landhaus erstürmt, mit ehemaligen Parlamentscommissaren, die sein +Vermögen sequestrirt hatten, mit Männern, welche das Ryehouse-Gemetzel +angestiftet und an der Spitze der Insurrection im Westen gestanden +hatten. Auch die theure Kirche, der zu Liebe er nach einem qualvollen +Kampfe seine Unterthanentreue gegen den Thron gebrochen, war sie +wirklich in Sicherheit? Oder hatte er sie von einem Feinde befreit, nur +um sie einem andren preis zu geben? Allerdings waren die papistischen +Priester in der Verbannung, in Verstecken oder im Gefängniß. Kein Jesuit +oder Benedictiner, dem sein Leben lieb war, wagte es jetzt, sich in +seiner Ordenstracht zu zeigen. Aber die Presbyterianer- und +Independentenprediger zogen in langer Procession zu dem Oberhaupte der +Regierung, um ihm ihre Huldigung darzubringen und wurden eben so +freundlich empfangen, wie die wahren Nachfolger der Apostel. Einige +Schismatiker sprachen die Hoffnung aus, daß bald jede +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_44" id = "pageX_44"> +X.44</a></span> +Schranke, die sie von geistlichen Ämtern ausschlösse, fallen werde, daß +die Artikel gemildert, die Liturgie gesichtet, daß Weihnachten aufhören +werde ein Fest, der Charfreitag ein Fasttag zu sein, daß Canonici, deren +Haupt nie ein Bischof berührt, ohne das heilige Gewand von weißen Linnen +in den Chören der Kathedralen das Brot und den Wein des Abendmahls an +auf Bänken sitzende Communicanten austheilen werden. Der Prinz war zwar +kein fanatischer Presbyterianer, aber höchstens ein Latitudinarier. Er +trug kein Bedenken, nach anglikanischem Ritus zu communiciren, aber es +war ihm auch gleichgültig, nach welchem Ritus andere Leute +communicirten. Es stand zu befürchten, daß seine Gemahlin nur zuviel von +seinem Geiste eingesogen hatte. Burnet war ihr Gewissensrath; sie hörte +Prediger von verschiedenen protestantischen Secten, und hatte unlängst +geäußert, daß sie zwischen der Kirche Englands und den anderen +reformirten Kirchen keinen wesentlichen Unterschied erblicke.<a class = +"tag" name = "tagX_59" id = "tagX_59" href = "#noteX_59">59</a> Es war +daher nothwendig, daß die Kavaliere in diesem Augenblicke das von ihren +Vätern im Jahre 1641 gegebene Beispiel befolgten, sich von den +Rundköpfen und Sectirern trennten und trotz aller Fehler des erblichen +Monarchen die Sache der erblichen Monarchie aufrecht erhielten.</p> + +<p>Die von solchen Gesinnungen beseelte Partei war zahlreich und +achtungswerth. Sie schloß ungefähr die Hälfte des Hauses der Lords, etwa +ein Drittel des Hauses der Gemeinen, die Mehrheit der Landgentry und +mindestens neun Zehntel der Geistlichkeit in sich; aber sie war durch +Spaltungen zerrissen und auf allen Seiten von Schwierigkeiten +umgeben.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteX_59" id = "noteX_59" href = "#tagX_59">59.</a> +Albeville, 9.(19.) Nov. 1688.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Sherlock’s Plan.</span> +<a name = "secX_34" id = "secX_34">Eine</a> Section dieser großen +Partei, die besonders unter der Geistlichkeit stark vertreten und deren +Hauptorgan Sherlock war, wünschte, daß Unterhandlungen mit Jakob +eröffnet und daß er unter Bedingungen, welche die bürgerliche und +kirchliche Verfassung des Reichs vollkommen sicher stellten, zur +Rückkehr nach Whitehall eingeladen werden sollte.<a class = "tag" name = +"tagX_60" id = "tagX_60" href = "#noteX_60">60</a> Es springt in die +Augen, daß dieser Plan, so energisch er auch von der Geistlichkeit +unterstützt wurde, doch in directem Widerspruche mit den Doctrinen +stand, welche der Klerus seit vielen Jahren lehrte. Es war in der That +ein Versuch, einen Mittelweg einzuschlagen, wo kein Mittelweg möglich +war, und einen Vergleich zwischen zwei Dingen herbeizuführen, welche +keinen Vergleich zulassen: zwischen Widerstand und Nichtwiderstand. Die +Tories hatten sich früher zu dem Prinzipe des Nichtwiderstandes +gehalten. Aber diesen Boden hatten die meisten von ihnen jetzt verlassen +und waren nicht geneigt, denselben wieder einzunehmen. Die englischen +Kavaliere in ihrer Gesammtheit waren bei der letzten Erhebung gegen den +König direct oder indirect so stark betheiligt gewesen, daß sie in +diesem Augenblicke nicht ohne die größte Schande von der geheiligten +Pflicht, einem Nero zu gehorchen, sprechen konnten; auch hatten sie +überhaupt keine Lust, den Fürsten, unter dessen schlechter Regierung sie +so viel hatten leiden müssen, zurückzurufen, ohne ihm Bedingungen +vorzuschreiben, die es ihm unmöglich machten, seine Gewalt abermals zu +mißbrauchen. Sie befanden sich deshalb in einer schiefen Stellung. Ihre +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_45" id = "pageX_45"> +X.45</a></span> +alte Theorie, mochte sie nun vernünftig oder unvernünftig sein, war +wenigstens vollständig und folgerichtig. War diese Theorie zweckmäßig, +so mußte der König unverweilt zur Rückkehr aufgefordert und es ihm, wenn +anders er wollte, gestattet werden, Seymour und Danby, den Bischof von +London und den Bischof von Bristol wegen Hochverraths hinrichten zu +lassen, die kirchliche Commission wiederherzustellen, die Kirche mit +papistischen Würdenträgern zu füllen und die Armee unter das Commando +papistischer Offiziere zu stellen. Wenn aber, wie die Tories jetzt +selbst zuzugeben schienen, die Theorie unpraktisch war, warum dann mit +dem Könige unterhandeln? Gestand man zu, daß er rechtmäßigerweise vom +Throne ausgeschlossen werden dürfe, bis er befriedigende Garantien für +die Sicherheit der kirchlichen und staatlichen Verfassung gebe, so +konnte man schwerlich leugnen, daß er auch für immer rechtmäßigerweise +ausgeschlossen werden durfte. Denn welche befriedigenden Garantien +konnte er geben? Konnte wohl eine Parlamentsacte in klarerer Sprache +gefaßt sein als die, welche vorschrieben, daß der Dechant des +Christchurch-Collegiums ein Protestant sein müsse? Konnte ein +Versprechen klarer und deutlicher sein als die, in denen Jakob +wiederholt erklärt hatte, daß er die gesetzlichen Rechte der +anglikanischen Geistlichkeit streng respectiren werde? Wenn Gesetz oder +Ehrgefühl etwas Bindendes für ihn gehabt hätten, so würde er nie +gezwungen gewesen sein, aus seinem Königreiche zu fliehen. Wenn aber +weder Gesetz noch Ehre in seinen Augen bindend für ihn waren, konnte es +dann wohl rathsam sein, ihn zurückzurufen?</p> + +<p>Indessen würde trotz dieser Argumente wahrscheinlich ein Antrag auf +Eröffnung von Unterhandlungen mit Jakob in der Convention gestellt und +von der Hauptmasse der Tories unterstützt worden sein, wäre er nicht bei +dieser, wie bei jeder andren Gelegenheit sein eigner schlimmster Feind +gewesen. Jede von Saint-Germains kommende Post brachte Mittheilungen, +welche den Eifer seiner Anhänger abkühlten. Er hielt es nicht einmal der +Mühe werth, Reue über seine früheren Fehler zu heucheln oder Besserung +zu geloben. Er erließ ein Manifest, in welchem er seinem Volke sagte, +daß es stets sein eifriges Bestreben gewesen sei, mit Gerechtigkeit und +Mäßigung zu regieren und daß es sich durch eingebildete Beschwerden +selbst ins Verderben habe locken lassen.<a class = "tag" name = +"tagX_61" id = "tagX_61" href = "#noteX_61">61</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteX_60" id = "noteX_60" href = "#tagX_60">60.</a> +Siehe die Flugschrift, betitelt: <span class = "antiqua">Letter to a +Member of the Convention</span>, und die Antwort darauf; <span class = +"antiqua">Burnet, I. 809.</span></p> + +<p><a name = "noteX_61" id = "noteX_61" href = "#tagX_61">61.</a> +Brief an die Lords des Geheimen Raths, 4.(14.) Jan. 1688/89; <span class += "antiqua">Clarendon’s Diary, Jan. 9.(19.)</span></p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Sancroft’s Plan.</span> +<a name = "secX_35" id = "secX_35">Die</a> Folge seiner Thorheit und +seines Starrsinns war, daß selbst Diejenigen, welche am meisten +wünschten, ihn unter billigen Bedingungen wieder auf den Thron zu +setzen, erkannten, daß sie der Sache, der sie dienen wollten, nur +schaden würden, wenn sie in diesem Augenblicke die Eröffnung von +Unterhandlungen vorschlügen. Sie beschlossen daher, sich mit einer +andren Abtheilung der Tories zu verbinden, deren Oberhaupt Sancroft war. +Sancroft glaubte ein Mittel gefunden zu haben, durch welches für die +Regierung des Landes gesorgt werden könnte, ohne Jakob zurückzurufen, +aber auch ohne ihn deshalb seiner Krone zu berauben. Dieses Mittel war +eine Regentschaft. Die unfügsamsten unter denjenigen Theologen, welche +die Lehre vom passiven Gehorsam eingeschärft, hatten doch nie behauptet, +daß man diesen Gehorsam einem Kinde oder einem Wahnsinnigen schuldig +sei. Es war allgemein anerkannt, +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_46" id = "pageX_46"> +X.46</a></span> +daß, wenn der rechtmäßige Souverain zur Verwaltung seines Amtes geistig +unfähig sei, ein Stellvertreter für ihn erwählt werden könne, und daß +Jeder, der sich diesem Stellvertreter widersetzte und sich zu seiner +Entschuldigung auf den Befehl eines Fürsten berief, der noch in der +Wiege lag oder geistesschwach war, mit vollem Rechte den auf Empörung +gesetzten Strafen verfiele. Dummheit, Unverstand und Aberglaube — +so raisonnirte der Primas — hätten Jakob eben so unfähig gemacht, +sein Land zu regieren, wie nur ein in den Windeln liegendes Kind oder +ein auf dem Stroh von Bedlam grinsender und Unsinn schwatzender +Wahnsinniger es sein könnte. Es müsse daher der Weg eingeschlagen +werden, den man ergriffen habe, als Heinrich VI. noch ein Kind war, +und dann wieder, als er in Schlafsucht verfiel. Jakob könne factisch +nicht mehr König sein, aber er müsse es doch dem Anscheine nach bleiben. +Die Regierungsdecrete müßten noch unter seinem Namen erlassen, und sein +Bildniß und sein Namenszug müßten noch immer auf den Münzen und im +Staatssiegel figuriren. Die Parlamentsacten müßten nach wie vor mit den +Jahren seiner Regierung bezeichnet, die Verwaltung aber müsse ihm +entzogen und einem von den Ständen des Reichs ernannten Regenten +übertragen werden. Auf diese Weise, behauptete Sancroft allen Ernstes, +werde das Volk seiner Unterthanenpflicht treu bleiben, die Eide der +Treue, die es seinem Könige geschworen, würden streng beobachtet werden, +und die orthodoxesten Anglikaner könnten ohne die geringsten +Gewissensscrupel unter dem Regenten Ämter übernehmen.<a class = "tag" +name = "tagX_62" id = "tagX_62" href = "#noteX_62">62</a></p> + +<p>Sancroft’s Meinung hatte bei der ganzen Torypartei und ganz besonders +bei der Geistlichkeit großes Gewicht. Eine Woche vor dem Tage, auf den +die Convention einberufen war, versammelte sich im Lambethpalaste eine +ehrwürdige Gesellschaft, hörte in der Kapelle eine Betübung an, speiste +bei dem Primas und berieth sich dann über den Stand der öffentlichen +Angelegenheiten. Fünf Suffraganen des Erzbischofs, die im vergangenen +Sommer seine Gefahren und seinen Ruhm getheilt hatten, waren +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_47" id = "pageX_47"> +X.47</a></span> +anwesend. Die Earls von Clarendon und von Ailesbury vertraten die +toryistische Laienschaft. Die ganze Versammlung schien einmüthig der +Ansicht zu sein, daß Diejenigen, welche Jakob den Unterthaneneid +geleistet hatten, ihm mit vollem Rechte den Gehorsam verweigern, aber +nicht mit gutem Gewissen den Königstitel einem Andren beilegen +könnten.<a class = "tag" name = "tagX_63" id = "tagX_63" href = +"#noteX_63">63</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteX_62" id = "noteX_62" href = "#tagX_62">62.</a> +Es scheint unglaublich, daß irgend Jemand sich durch solchen Unsinn +hätte täuschen lassen sollen. Ich halte es daher für nöthig, Sancroft’s +Worte anzuführen, die noch in seiner eignen Handschrift existiren. „Die +politische Capacität oder Autorität des Königs und sein Name in der +Regentenreihe sind vollkommen und unleugbar. Da aber seine Person +menschlich und sterblich und sonst gegen die übrigen Menschen nicht +bevorzugt ist, so ist sie auch allen Mängeln und Fehlern derselben +unterworfen. Er kann daher zur Leitung der Regierung, zur Verwaltung des +Staatsschatzes etc. unfähig werden, sei es durch Abwesenheit, durch +Unmündigkeit, durch Geistesschwäche, Wahnsinn oder Apathie, durch +natürliche oder zufällige Krankheit, oder endlich durch gewisse, in +Folge von Erziehung oder Gewohnheit entstandene und festgewurzelte, mit +unabänderlichen Entschließungen verbundene Vorurtheile in mit den +Gesetzen, der Religion, dem Landesfrieden und der wahren Politik des +Reichs unvereinbaren Dingen. In allen diesen Fällen, sage ich, müssen +eine oder mehrere Personen ernannt werden, um solchem Mängel abzuhelfen +und die Regierungsgeschäfte statt seiner und im Namen seiner Gewalt und +Autorität zu leiten. Ist dies geschehen, sage ich weiter, so sind alle +wie früher stattfindenden Proceduren, Autoritäten, Ernennungen, +Verleihungen etc. in jeder Hinsicht gesetzlich und rechtsgültig, die +Unterthanenpflichten des Volkes bleiben die nämlichen, seine Eide und +Verbindlichkeiten sind in keiner Weise verändert. So lange die Regierung +kraft der Autorität und im Namen des Königs fortgeführt wird, bestehen +auch alle die geheiligten Bande und eingeführten Proceduren fort und +keines Menschen Gewissen wird mit irgend etwas beschwert, was zu +übernehmen er Bedenken zu tragen braucht.“ — <span class = +"antiqua">Tanner MS.; Doyly’s Life of Sancroft</span>. Die Creaturen +Jakob’s machten sich nicht ganz ohne Grund über das Englisch des guten +Erzbischofs lustig.</p> + +<p><a name = "noteX_63" id = "noteX_63" href = "#tagX_63">63.</a> +<span class = "antiqua">Evelyn, Jan. 15, 1688/89.</span></p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Danby’s Plan.</span> +<a name = "secX_36" id = "secX_36">So</a> stimmten zwei Sectionen der +Torypartei (diejenigen, welche eine Verständigung mit Jakob wünschten, +und die, welche von einer solchen Verständigung nichts wissen wollten) +in der Unterstützung der Regentschaftsidee überein. Eine dritte Section +jedoch, die zwar nicht sehr zahlreich war, aber großes Gewicht und +großen Einfluß hatte, empfahl einen ganz andren Plan. Die Oberhäupter +dieser kleinen Schaar waren im Hause der Lords Danby und der Bischof von +London, im Hause der Gemeinen Sir Robert Sawyer. Sie meinten ein Mittel +ausfindig gemacht zu haben, um unter streng gesetzlichen Formen eine +völlige Revolution zu bewerkstelligen. Sie sagten, es widerstreite allem +Prinzip, daß ein König durch seine Unterthanen abgesetzt werden solle. +Durch seine Flucht habe er selbst seiner Macht und Stellung entsagt. Der +Thron sei factisch erledigt und könne nach der Ansicht aller +verfassungskundigen Juristen keinen Augenblick unbesetzt bleiben. Der +nächste Erbe sei daher an seine Stelle getreten. Aber wer sei der +nächste Thronerbe? Was den nach Frankreich übergeführten unmündigen +Prinzen anlange, so sei dessen Eintritt in die Welt von vielen +verdächtigen Umständen begleitet gewesen. Man sei es den anderen +Mitgliedern des königlichen Hauses und der Nation schuldig, jeden +Zweifel hierüber zu heben. Der Gemahl der Prinzessin von Oranien habe +daher in ihrem Namen feierlich eine Untersuchung verlangt, welche auch +vorgenommen worden wäre, hätten nicht die des Betrugs angeklagten +Parteien einen Weg eingeschlagen, der in jedem gewöhnlichen Falle als +ein entscheidender Schuldbeweis gegolten haben würde. Sie hätten sich +nicht für bemüßigt gehalten, den Ausgang einer feierlichen +Parlamentsuntersuchung abzuwarten, sie hätten sich heimlich in ein +fremdes Land begeben und nicht allein das Kind, sondern auch alle +diejenigen französischen und italienischen Kammerfrauen mit sich +genommen, welche in den Betrug, falls ein solcher stattgefunden haben +sollte, eingeweiht sein müßten und daher einem strengen Verhör zu +unterwerfen gewesen wären. Die Ansprüche des Prinzen ohne Untersuchung +anzuerkennen, sei nicht möglich, und Diejenigen, die sich seine Eltern +nennten, hätten jede Untersuchung unmöglich gemacht. Das Urtheil müsse +daher <span class = "antiqua">in contumaciam</span> gegen ihn gefällt +werden. Geschehe ihm dann Unrecht, so geschehe ihm nicht von Seiten der +Nation, sondern von Seiten Derer Unrecht, deren auffallendes Benehmen +bei seiner Geburt die Nation berechtigt habe, eine Untersuchung zu +verlangen, und die sich einer solchen Untersuchung durch die Flucht +entzogen hätten. Er könne daher mit vollkommenem Rechte als ein +Prätendent betrachtet werden. Und so sei die Krone gesetzmäßig auf die +Prinzessin von Oranien übergegangen. Sie sei thatsächlich regierende +Königin und die beiden Häuser hätten nichts weiter zu thun, als sie zu +proclamiren. Sie könne, wenn sie sonst wolle, ihren Gemahl zu ihrem +ersten Minister ernennen und ihm sogar mit Bewilligung des Parlaments +den Königstitel verleihen.</p> + +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_48" id = "pageX_48"> +X.48</a></span> +<p>Nur wenige Personen zogen diesen Plan jedem andren vor und es war mit +Gewißheit zu erwarten, daß sich demselben sowohl Diejenigen, welche +Jakob noch zugethan waren, wie auch alle Anhänger Wilhelm’s widersetzen +würden. Indessen gab Danby, der auf seine Kenntniß der parlamentarischen +Taktik vertraute und wohl wußte, was ein kleines Streifcorps +auszurichten vermag, wenn große Parteien einander ziemlich die Wage +halten, noch keineswegs die Hoffnung auf, daß er im Stande sein werde, +den Ausgang des Kampfes so lange in der Schwebe zu erhalten, bis Whigs +und Tories, an einem vollkommenen Siege verzweifelnd und die Folgen der +Verzögerung fürchtend, ihn als Schiedsrichter annehmen würden. Auch ist +es durchaus nicht unmöglich, daß er <ins class = "correction" title = +"ungeändert, gewöhnliche Form ist »reüssirt« (fr. réussir)">reussirt</ins> haben würde, wenn die Frau, die er auf den +höchsten Gipfel irdischer Größe erheben wollte, unterstützt oder doch +wenigstens nicht behindert worden wäre. So scharfblickend und +wohlerfahren er in Staatsgeschäften war, so kannte er doch weder den +Character Mariens noch die Gefühle, mit denen sie ihren Gemahl +betrachtete, und selbst ihr alter Lehrer Compton war nicht besser +unterrichtet. Wilhelm’s Manieren waren trocken und kalt, seine +Constitution war schwächlich und kränklich und seine Gemüthsart nichts +weniger als sanft; er war daher nicht der Mann, der nach gewöhnlichen +Begriffen für geeignet gehalten werden konnte, einer +sechsundzwanzigjährigen schönen jungen Frau eine heftige Leidenschaft +einzuflößen. Es war bekannt, daß er seiner Gemahlin nicht immer ganz +treu geblieben war und der Leumund hatte ausgesprengt, daß sie nicht +glücklich mit ihm lebe. Die scharfsichtigsten Politiker ahneten daher +nicht, daß er bei allen seinen Fehlern eine solche Herrschaft über ihr +Herz erlangt hatte, als selbst Fürsten, die wegen ihres Glücks in der +Liebe am berühmtesten waren, wie Franz I. und Heinrich IV., +Ludwig XIV. und Karl II. sie niemals über ein weibliches Herz +besessen hatten, und daß die drei Königreiche ihrer Voreltern in ihren +Augen hauptsächlich deshalb einen Werth hatten, weil sie ihrem Gemahl +durch die Verleihung derselben die Innigkeit und Uneigennützigkeit ihrer +Liebe beweisen konnte. Danby versicherte ihr in seiner völligen +Unkenntniß ihrer Gesinnungen, daß er ihre Rechte vertheidigen und daß, +wenn sie ihn unterstütze, er sie allein auf den Thron setzen zu können +hoffe.<a class = "tag" name = "tagX_64" id = "tagX_64" href = +"#noteX_64">64</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteX_64" id = "noteX_64" href = "#tagX_64">64.</a> +<span class = "antiqua">Clarendon’s Diary, Dec. 24. 1688</span>; <span +class = "antiqua">Burnet, I. 819</span>; <span class = +"antiqua">Proposals humbly offered in behalf of the Princess of Orange, +Jan. 28. 1688/89.</span></p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Der Plan der Whigs.</span> +<a name = "secX_37" id = "secX_37">Das</a> Verfahren der Whigs war +inzwischen einfach und consequent. Nach ihrer Doctrin war die Grundlage +unsrer Regierung ein Vertrag, der auf der einen Seite durch den +Unterthaneneid, auf der andren durch den Krönungseid ausgedrückt sei, +und die durch diesen Vertrag auferlegten Pflichten waren gegenseitig. +Sie hielten dafür, daß einem Fürsten, der seine Macht gröblich +mißbrauchte, von seinem Volke mit vollem Rechte der Gehorsam verweigert +und er des Thrones entsetzt werden könne. Daß Jakob seine Macht gröblich +gemißbraucht hatte, wurde nicht bestritten, und die ganze Whigpartei war +bereit, es offen auszusprechen, daß er sie verwirkt habe. Ob der Prinz +von Wales untergeschoben war oder nicht, sei ein Punkt, der gar nicht +der Untersuchung werth sei. Es gebe jetzt viel gewichtigere Gründe, ihn +vom Throne auszuschließen als die, welche aus den Vorgängen bei seiner +Geburt hergeleitet +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_49" id = "pageX_49"> +X.49</a></span> +werden könnten. Ein Kind, das in einer Wärmpfanne ins Bett der Königin +gelegt worden sei, könne möglicherweise auch ein guter König von England +werden. Dies sei aber nicht von einem Kinde zu erwarten, das von seinem +Vater, dem stupidesten und starrsinnigsten Tyrannen von der Welt, in +einem fremden Lande, dem Sitze des Despotismus und des Aberglaubens +erzogen werde, in einem Lande, wo jede Spur von Freiheit verschwunden +sei, wo die Stände des Reichs sich nicht mehr versammelten, wo die +Parlamente seit langer Zeit, ohne Gegenvorstellungen zu machen, die +drückendsten Erlasse des Landesherrn zu Gesetzen erhoben hätten, wo +Tapferkeit, Genie und Gelehrsamkeit nur da zu sein schienen, um einen +einzelnen Mann zu vergrößern, wo kriechende Schmeichelei das +Hauptstreben der Presse, der Kanzel und der Bühne, und wo die grausamste +Verfolgung der reformirten Kirche ein Hauptgegenstand jener kriechenden +Schmeichelei sei. Könne man wohl erwarten, daß der Knabe unter solcher +Leitung und in solcher Umgebung die Institutionen seines Vaterlandes +werde achten lernen? Könne man daran zweifeln, daß er zu einem Sklaven +der Jesuiten und der Bourbons erzogen und ihm wo möglich noch heftigere +Vorurtheile gegen die Gesetze Englands eingeimpft werden würden als +irgend einem der vorhergehenden Stuarts?</p> + +<p>Auch glaubten die Whigs nicht, daß bei der damaligen Lage des Landes +eine Abweichung von der gewöhnlichen Thronfolge an sich ein Übel sei. +Sie waren der Meinung, daß, wenn man diese Ordnung nicht unterbreche, +die Lehre von dem unveräußerlichen Erbrechte und dem passiven Gehorsam +dem Hofe stets gefallen, von Seiten der Geistlichkeit eingeschärft +werden und in der öffentlichen Meinung einen starken Anhang behalten +würde. Es würde die Ansicht vorherrschend bleiben, daß das Königthum +eine göttliche Anordnung in einem andren Sinne sei, als in welchem jede +Regierungsform eine solche Anordnung ist. Es liege auf der Hand, daß die +Verfassung niemals gesichert sein könne, so lange dieser Irrwahn nicht +zerstört sei. Denn eine wirklich beschränkte Monarchie könne in einer +Gesellschaft, welche die Monarchie als etwas Göttliches und die +Beschränkungen derselben als bloße menschliche Erfindungen betrachte, +nicht lange bestehen. Wenn das Königthum in vollkommenem Einklange mit +unseren Freiheiten bestehen solle, dürfe es sich auf keinen höheren oder +ehrwürdigeren Rechtstitel berufen können, als den, auf welchen sich +unsere Freiheiten gründeten. Der König müsse hinfüro als ein Beamter +betrachtet werden, allerdings als ein hoher und hochzuachtender Beamter, +der aber wie jeder andre Beamte dem Gesetze unterworfen sei und seine +Macht in keinem andren Sinne vom Himmel herleiten könne, als man von den +Lords oder den Gemeinen sagen dürfe, daß sie ihre Macht vom Himmel +herleiteten. Das beste Mittel, um diese heilsame Veränderung zu +bewirken, werde eine Unterbrechung der Erbfolge sein. Unter Souverainen, +die es kaum für etwas Geringeres als für Hochverrath ansähen, wenn die +Lehre vom Nichtwiderstande und die patriarchalische Regierungsform +gepredigt würde, unter Souverainen, deren auf Beschlüsse der beiden +Häuser sich gründende Autorität niemals höher steigen könne als die +Quelle, aus der sie entsprungen sei, würde man schwerlich solche +Bedrückungen zu fürchten haben, welche bereits zwei Generationen von +Engländern gezwungen hätten, sich mit bewaffneter Hand gegen zwei +Generationen von Stuarts zu erheben. Aus diesen Gründen waren die Whigs +bereit, den Thron für erledigt zu erklären, ihn durch +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_50" id = "pageX_50"> +X.50</a></span> +Wahl wieder zu besetzen und dem Fürsten ihrer Wahl Bedingungen +vorzuschreiben, welche das Land gegen schlechte Regierung sichern +konnten.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Zusammentritt der Convention. Leitende Mitglieder des Hauses der +Gemeinen.</span> +<a name = "secX_38" id = "secX_38">Die</a> Zeit der Entscheidung dieser +großen Fragen war jetzt gekommen. Am 22. Januar mit Tagesanbruch füllte +sich das Haus der Gemeinen mit Rittern und Boroughvertretern. Auf den +Bänken erblickte man viele Gesichter, welche unter der Regierung +Karl’s II. hier wohlbekannt gewesen, unter seinem Nachfolger aber +nicht daselbst gesehen worden waren. Die Mehrzahl der Torysquires und +der mittellosen Anhänger des Hofes, welche massenweise in das Parlament +von 1685 gewählt worden waren, hatten den Männern der ehemaligen +Vaterlandspartei Platz gemacht, welche die Cabale gestürzt, die +Habeascorpusacte durchgesetzt und die Ausschließungsbill vor die Lords +gebracht hatten. Unter ihnen befand sich Powle, gründlich bewandert in +der Geschichte und dem Rechte der Parlamente und ausgezeichnet durch die +Beredtsamkeit, welche erforderlich ist, wenn hochwichtige Fragen +feierlich der Erwägung von Senaten unterbreitet werden sollen, und Sir +Thomas Littleton, wohlerfahren in der europäischen Politik und mit einer +heftigen, scharfen Logik begabt, welche oftmals, wenn nach langer +Sitzung die Lichter angezündet worden waren, das erschöpfte Haus neu +belebt und die Debatte entschieden hatte. Hier saß auch Wilhelm +Sacheverell, ein Redner, dessen große parlamentarische Fähigkeiten viele +Jahre später ein Lieblingsthema alter Leute waren, welche die Kämpfe von +Walpole und Pulteney erlebten.<a class = "tag" name = "tagX_65" id = +"tagX_65" href = "#noteX_65">65</a> Diesen hervorragenden Männern zur +Seite stand Robert Clayton, der reichste Kaufmann von London, dessen +Palast in der alten Judenstadt die aristokratischen Gebäude in Lincoln’s +Inn Fields und <ins class = "correction" title = "ungeändert, gewöhnliche Form ist »Coventgarden« (Covent Garden)">Conventgarden</ins> +an Glanz übertraf, dessen Landgut zwischen den Hügeln von Surrey als ein +wahres Eden geschildert ward, dessen Gastmähler mit denen der Könige +wetteiferten und dessen einsichtsvolle Freigebigkeit, von der noch heute +zahlreiche öffentliche Denkmale Zeugniß ablegen, ihm in den Annalen der +City eine Stelle verschafft hat, welche nur der Gresham’s untergeordnet +ist. In dem Parlamente, welches 1681 zu Oxford tagte, hatte Clayton als +Vertreter der Hauptstadt und auf Ersuchen seiner Wähler um die Erlaubniß +gebeten, die Ausschließungsbill einzubringen und Lord Russel hatte ihn +darin unterstützt. Im Jahre 1685 hatte die ihrer Privilegien beraubte +und von Creaturen des Hofes regierte Hauptstadt vier toryistische +Vertreter gesandt. Jetzt aber war der alte Freibrief wieder +zurückgegeben und Clayton war durch Acclamation wieder gewählt worden.<a +class = "tag" name = "tagX_66" id = "tagX_66" href = "#noteX_66">66</a> +Auch Johann Birch darf nicht unerwähnt bleiben. Er hatte seine Laufbahn +als Fuhrmann begonnen, hatte aber in den Bürgerkriegen sein Geschirr im +Stich gelassen, war Soldat geworden, hatte sich zum Range eines Obersten +in der Armee der Republik emporgeschwungen, hatte in hohen fiskalischen +Ämtern großes Geschäftstalent gezeigt, hatte viele Jahre im Parlament +gesessen und obgleich er bis zuletzt die derben Manieren und den +plebejischen Dialect seiner Jugend beibehielt, hatte er doch durch +gesunden Verstand und Mutterwitz das Ohr der Gemeinen gewonnen und wurde +von den ausgezeichnetsten Parlamentsrednern seiner Zeit +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_51" id = "pageX_51"> +X.51</a></span> +als ein furchtbarer Gegner betrachtet.<a class = "tag" name = "tagX_67" +id = "tagX_67" href = "#noteX_67">67</a> Dies waren die hervorragendsten +unter den Veteranen, welche jetzt nach langer Abgeschiedenheit ins +öffentliche Leben zurückkehrten. Sie wurden jedoch sehr bald durch zwei +jüngere Whigs in den Schatten gestellt, welche an jenem wichtigen Tage +zum ersten Male ihre Sitze einnahmen, bald zu den höchsten Ehrenstellen +im Staate emporstiegen, gemeinsam die heftigsten Parteistürme bestanden +und nachdem sie lange weit und breit als Staatsmänner, als Redner, als +freigebige Beschützer des Genies und der Gelehrsamkeit berühmt gewesen +waren, bald nach dem Regierungsantritte des Hauses Braunschweig wenige +Monate hintereinander starben. Diese waren Karl Montague und Johann +Somers.</p> + +<p>Außerdem muß noch ein Name erwähnt werden, ein Name, welcher damals +nur einem kleinen Kreise von Philosophen bekannt war, der aber jetzt bis +über den Ganges und den Mississippi hinaus mit einer höheren Verehrung +genannt wird, als man sie dem Gedächtniß der größten Krieger und +Herrscher zollt. Unter der Menge der schweigenden Mitglieder erschien +auch die majestätische Stirn und das gedankenvolle Antlitz Isaak +Newton’s. Die berühmte Universität, der sein Genie schon einen +eigenthümlichen noch nach Verlauf von hundertsechzig Jahren deutlich +erkennbaren Character aufzudrücken begonnen, hatte ihn in die Convention +gesandt, und hier saß er in seiner bescheidenen Größe als +anspruchsloser, aber unerschütterlicher Freund der bürgerlichen und +religiösen Freiheit.</p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteX_65" id = "noteX_65" href = "#tagX_65">65.</a> +<span class = "antiqua">Burnet, I. 389</span> und Präsident Onslow’s +Note.</p> + +<p><a name = "noteX_66" id = "noteX_66" href = "#tagX_66">66.</a> +<span class = "antiqua">Evelyn’s Diary, Sept. 26. 1672, Oct. 12. 1679, +Juli 13. 1700</span>; <span class = "antiqua">Seymour’s Survey of +London.</span></p> + +<p><a name = "noteX_67" id = "noteX_67" href = "#tagX_67">67.</a> +<span class = "antiqua">Burnet, I. 388</span> und Onslow’s Note.</p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Wahl eines Sprechers.</span> +<a name = "secX_39" id = "secX_39">Die</a> Gemeinen schritten vor Allem +zur Wahl eines Sprechers, und das Ergebniß dieser Wahl deutete schon +unverkennbar ihre Ansicht über die großen Fragen an, die sie entscheiden +sollten. Bis zum Vorabend der Versammlung hatte man geglaubt, daß +Seymour zum Präsidenten gewählt werden würde. Er hatte dieses Amt früher +mehrere Jahre bekleidet und hatte mehrfache gewichtige Ansprüche auf +Beachtung: Herkunft, Vermögen, Kenntnisse, Erfahrung und Beredtsamkeit. +Er hatte ferner lange an der Spitze eines einflußreichen Vereins von +Mitgliedern aus den westlichen Grafschaften gestanden. Obgleich ein +Tory, hatte er doch im letzten Parlament die Opposition gegen Papismus +und Willkürherrschaft mit ausgezeichnetem Geschick und Muth geleitet. Er +war einer der ersten Edelleute gewesen, der sich ins holländische +Hauptquartier nach Exeter begeben, und war der Urheber der Verbindung, +durch welche die Anhänger des Prinzen sich gegenseitig verpflichtet +hatten, zusammen zu siegen oder zu fallen. Aber einige Stunden vor dem +Zusammentritt der Häuser hatte sich das Gerücht verbreitet, Seymour sei +gegen die Erklärung, daß der Thron erledigt sei. Sobald sich daher die +Bänke gefüllt hatten, erhob sich der Earl von Wiltshire, welcher +Hampshire vertrat, und schlug Powle zum Sprecher vor. Sir Vere Fane, +Vertreter von Kent, unterstützte den Antrag. Es hätte allerdings ein +plausibler Einwurf dagegen erhoben werden können, denn es war bekannt, +daß eine Petition gegen Powle’s Wahl zum Präsidenten dem Parlament +vorgelegt werden sollte; aber die allgemeine Stimme des Hauses berief +ihn auf den Präsidentenstuhl, und die Tories hielten es für gerathen, +sich damit einverstanden zu erklären.<a class = "tag" name = "tagX_68" +id = "tagX_68" href = "#noteX_68">68</a> Das Scepter wurde +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_52" id = "pageX_52"> +X.52</a></span> +auf den Tisch gelegt, die Liste der Mitglieder verlesen und die Namen +der fehlenden vorgemerkt.</p> + +<p>Inzwischen hatten sich auch die Peers in einer Anzahl von etwa +hundert versammelt, hatten Halifax zum Sprecher gewählt und mehreren +ausgezeichneten Juristen diejenigen Functionen übertragen, welche in +ordentlichen Parlamenten den Richtern zukommen. Die beiden Häuser +setzten sich im Laufe des Tages häufig mit einander in Vernehmen. Sie +vereinigten sich zu dem Ersuchen, daß der Prinz die Zügel der Regierung +in der Hand behalten möchte, bis er Weiteres von ihnen hören würde, zum +Ausdrucke ihres Dankes für die Befreiung der Nation, die er mit Gottes +Hülfe bewerkstelligt, und zu der Bestimmung, daß der 31. Januar als +Dankfest für diese Befreiung gefeiert werden solle.<a class = "tag" name += "tagX_69" id = "tagX_69" href = "#noteX_69">69</a></p> + +<p>Bis dahin hatte sich keine Meinungsverschiedenheit gezeigt; aber +beide Parteien rüsteten sich zum Kampfe. Die Tories waren im Oberhause +stark, im Unterhause schwach vertreten, und sie wußten, daß bei einer +solchen Gelegenheit dasjenige Haus, welches zuerst zu einem Entschlusse +kam, einen großen Vortheil über das andre haben mußte. Es war nicht die +geringste Aussicht vorhanden, daß die Gemeinen einen Beschluß zu Gunsten +des Regentschaftsplanes der Lords vorlegen würden, wenn aber ein solcher +Beschluß von den Lords den Gemeinen vorgelegt wurde, so war es nicht +ganz unmöglich, daß selbst viele von den whiggistischen Volksvertretern +geneigt sein würden, sich lieber damit einverstanden zu erklären, als +die große Verantwortlichkeit auf sich zu nehmen, in einer Krisis, welche +Einmüthigkeit und rasches Handeln erforderte, Uneinigkeit und +Verzögerung verursacht zu haben. Die Gemeinen hatten beschlossen, am +Montag den 28. Januar die Lage der Nation in Erwägung zu ziehen. Daher +schlugen die toryistischen Lords am Freitag, den 25. vor, sofort an das +wichtige Geschäft zu gehen, um derentwillen sie sich versammelt hatten. +Ihre Beweggründe wurden jedoch von Halifax, der seit seiner Rückkehr von +Hungerford erkannt hatte, daß die Regierung nur nach whiggistischen +Prinzipien eingerichtet werden konnte und der sich daher für den +Augenblick eng an die Whigs angeschlossen hatte, klar durchschaut und +ihre Taktik vereitelt. Devonshire trug darauf an, daß Dienstag, der +neunundzwanzigste, der Tag sein solle. „Bis dahin,“ sagte er mit mehr +Wahrheit als Überlegung, „können wir einige Aufklärungen von unten +erhalten, die uns zur Richtschnur dienen können.“ Sein Antrag ging +durch, seine Sprache aber wurde von einigen seiner Mitpeers als ihres +Standes unwürdig streng getadelt.<a class = "tag" name = "tagX_70" id = +"tagX_70" href = "#noteX_70">70</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteX_68" id = "noteX_68" href = "#tagX_68">68.</a> +Citters, 22. Jan. (1. Febr.) 1689; <span class = "antiqua">Grey’s +Debates</span>.</p> + +<p><a name = "noteX_69" id = "noteX_69" href = "#tagX_69">69.</a> +<span class = "antiqua">Lords’ and Commons’ Journals, Jan. 22. +1688</span>; Citters und Clarendon’s Tagebuch von demselben Datum.</p> + +<p><a name = "noteX_70" id = "noteX_70" href = "#tagX_70">70.</a> +<span class = "antiqua">Lords’ Journals, Jan. 25. 1688/89; Clarendon’s +Diary, Jan. 23, 25.</span></p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Debatte über die Lage der Nation.</span> +<a name = "secX_40" id = "secX_40">Am</a> 28. erklärten sich die +Gemeinen zu einem Comité des ganzen Hauses. Ein Mitglied, das vor mehr +als dreißig Jahren einer von Cromwell’s Lords gewesen war, Richard +Hampden, Sohn des berühmten Führers der Rundköpfe und Vater des +Unglücklichen, der nur durch große Bestechungen und erniedrigende +Demüthigungen mit genauer Noth der Rache Jakob’s entgangen war, wurde +zum Präsidenten gewählt und die große Debatte begann.</p> + +<p>Es zeigte sich sehr bald, daß eine überwiegende Majorität Jakob nicht +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_53" id = "pageX_53"> +X.53</a></span> +mehr als König betrachtete. Gilbert Dolben, der Sohn des verstorbenen +Erzbischofs von York, war der Erste, der sich zu dieser Ansicht +bekannte, und er wurde darin von vielen Mitgliedern unterstützt, +besonders von dem kühnen und heftigen Wharton, von Sawyer, dessen +beharrliches Opponiren gegen das Dispensationsrecht seine früheren +Vergehen einigermaßen wieder gut gemacht hatte, von Maynard, dessen +Stimme, obgleich vom Alter so geschwächt, daß sie auf den entfernteren +Bänken nicht vernommen werden konnte, doch noch immer die Achtung aller +Parteien genoß und von Somers, dessen glänzende Beredtsamkeit und +vielseitige Kenntnisse sich zum ersten Male in den Räumen des Parlaments +entfalteten. Auch die schamlose Stirn und die geläufige Zunge Sir +Wilhelm Williams’ waren auf derselben Seite zu finden. Er war schon +stark betheiligt bei den Excessen der schlechtesten Opposition und der +schlechtesten Regierung. Er hatte unschuldige Papisten und unschuldige +Protestanten verfolgt, er war der Beschützer Oates’ und das Werkzeug +Petre’s gewesen, sein Name war mit aufrührerischen Gewaltthätigkeiten, +deren sich alle ehrenwerthen Whigs mit Bedauern und Beschämung +erinnerten, und mit Handlungen des Despotismus verknüpft, welche alle +ehrenwerthen Tories verabscheuten. Wie ein Mensch unter der Last solcher +Schande noch leben kann, ist schwer zu begreifen; aber selbst eine +solche Schande war für Williams noch nicht genug. Er schämte sich nicht, +den gefallenen Gebieter anzugreifen, dem er sich zu Dienstleistungen, +die kein rechtschaffener Mann irgend eines Justizcollegiums übernommen +haben würde, vermiethet, und von dem er erst vor einem halben Jahre als +Belohnung für seine Servilität eine Baronetschaft angenommen hatte.</p> + +<p>Nur drei Mitglieder wagten es, sich der offenbar allgemeinen Ansicht +der Versammlung zu widersetzen. Sir Christoph Musgrave, ein +Torygentleman von großem Ansehen und Talent äußerte einige Zweifel. +Heneage Finch ließ ebenfalls einige Äußerungen fallen, welche so +verstanden wurden, als ob er die Eröffnung von Unterhandlungen mit dem +Könige wünschte. Diese Andeutung wurde so übel aufgenommen, daß er sich +beeilte, sie weg zu erklären. Er versicherte, daß er falsch verstanden +worden sei. Er sei überzeugt, daß unter einem solchen Fürsten keine +Sicherheit für Religion, Freiheit und Eigenthum denkbar sei. König Jakob +zurückzurufen oder mit ihm zu unterhandeln, würde ein verderblicher +Schritt sein; aber Viele, welche nie ihre Einwilligung dazu geben +würden, daß er die königliche Gewalt wieder ausübte, könnten es mit +ihrem Gewissen nicht vereinbaren, ihm auch den Königstitel zu nehmen. Es +gebe jedoch einen Ausweg, der alle Schwierigkeiten beseitigte: eine +Regentschaft. Dieser Vorschlag fand so wenig Beifall, daß Finch es nicht +wagte, die Abstimmung darüber zu verlangen. Richard Fanshaw, Viscount +Fanshaw aus Irland sprach einige Worte über Jakob und empfahl einen +Aufschub; aber sein Vorschlag erregte allgemeines Mißfallen. Ein +Mitglied nach dem andren stand auf, um die Wichtigkeit der +Beschleunigung hervorzuheben. Jeder Augenblick, wurde gesagt, sei +kostbar, die Erwartung des Volks sei aufs Höchste gespannt, so daß alle +Geschäfte stockten. Die Minorität fügte sich murrend und räumte der +überwiegenden Partei das Feld.</p> + +<p>Worin das Verfahren der Majorität bestehen würde, war noch nicht +recht klar, denn sie zerfiel in zwei Abtheilungen. Die eine bestand aus +eifrigen und heftigen Whigs, die, wenn sie ihren Weg hätten gehen +können, dem Verfahren der Convention einen entschieden revolutionären +Character +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_54" id = "pageX_54"> +X.54</a></span> +gegeben haben würden. Die andre gab zu, daß eine Revolution nothwendig +sei, betrachtete sie aber als ein nothwendiges Übel und wünschte sie +soviel als möglich unter dem Scheine der Gesetzmäßigkeit zu verhüllen. +Die erstere Abtheilung verlangte die bestimmte Anerkennung des Rechtes +der Unterthanen, schlechte Fürsten des Thrones zu entsetzen. Die andre +Abtheilung wollte nur das Land von einem schlechten Fürsten befreien, +ohne ein Prinzip aufzustellen, das leicht zu den Zwecke gemißbraucht +werden könnte, die rechtmäßige und heilsame Autorität zukünftiger +Monarchen zu schwächen. Die erstere Abtheilung hob namentlich die +schlechte Regierung des Königs, die andre seine Flucht hervor; jene war +der Ansicht, daß er seine Krone verwirkt, diese, daß er ihr freiwillig +entsagt habe. Es war nicht leicht, eine Beschlußformel zu entwerfen, +welche Allen gefiel, deren Zustimmung zu erlangen von Wichtigkeit war; +endlich aber wurde aus den von verschiedenen Seiten gemachten +Vorschlägen ein Beschluß gebildet, der alle Theile befriedigte.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Beschluß, durch den der Thron für erledigt erklärt wird.</span> +<a name = "secX_41" id = "secX_41">Es</a> wurde beantragt, daß König +Jakob II., indem er es versucht, durch einen Bruch des +ursprünglichen Vertrags zwischen König und Volk die Verfassung des +Reichs umzustürzen, und indem er auf den Rath der Jesuiten und anderer +übelgesinnter Personen die Grundgesetze verletzt und sich aus dem Lande +entfernt, die Regierung niedergelegt habe und daß der Thron dadurch +erledigt worden sei.</p> + +<p>Dieser Beschluß ist häufig einer so genauen und strengen Kritik +unterworfen worden wie irgend eine von Menschenhand geschriebene +Sentenz, und doch giebt es vielleicht keine von Menschenhand +geschriebene Sentenz, die eine solche Kritik weniger vertrüge. Daß ein +König seine Macht durch groben Mißbrauch derselben verwirken kann, ist +wahr. Daß man von einem Könige, der auf und davon geht, ohne Vorsorge +für die Verwaltung der Regierungsgeschäfte zu treffen, und sein Volk in +einem Zustande von Anarchie zurückläßt, ohne gewaltsame Wortverdrehung +sagen kann, er habe seine Funktionen niedergelegt, ist ebenfalls wahr. +Aber kein gewissenhafter Schriftsteller wird behaupten, daß lange +fortgesetzte schlechte Regierung und Flucht zusammengenommen einen +Abdankungsact constituiren. Ebenso klar ist es, daß die Erwähnung der +Jesuiten und anderer schlechter Rathgeber Jakob’s die Beschuldigung +gegen ihn schwächt, anstatt sie zu bekräftigen. Denn ein durch schlimme +Rathgeber irregeleiteter Mann verdient gewiß mehr Nachsicht als einer, +der lediglich aus eigenem Antriebe Unrecht thut. Es ist jedoch ein +eitles Beginnen, diese denkwürdigen Worte zu analysiren, wie wir ein +Kapitel von Aristoteles oder von Hobbes untersuchen. Derartige Worte +sind nicht als Worte, sondern als Thaten zu betrachten, und wenn sie das +bewirken, was sie bewirken sollen, so sind sie vernünftig, mögen sie +auch an sich widersinnig sein. Erreichen sie aber ihren Zweck nicht, so +sind sie absurd, wenn sie auch Beweiskraft in sich tragen. Die Logik +läßt keine Auslegung zu. Das Wesen der Politik aber ist die Auslegung. +Es ist daher nicht zu verwundern, daß einige der wichtigsten und +nützlichsten politischen Dokumente zu den unlogischesten Aufsätzen +gehören, welche je geschrieben wurden. Somers, Maynard und die anderen +ausgezeichneten Männer, welche den berühmten Antrag entwarfen, hatten +dabei nicht den Zweck, der Nachwelt ein Muster von Definition und +Eintheilung zu hinterlassen, sondern die Wiedereinsetzung eines Tyrannen +unmöglich zu machen und einen Fürsten auf den Thron zu +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_55" id = "pageX_55"> +X.55</a></span> +erheben, unter welchem Gesetz und Freiheit gesichert waren. Diesen Zweck +erreichten sie durch die Anwendung von Worten, welche in einer +philosophischen Abhandlung mit Recht als ungenau und unklar getadelt +worden wären. Es kümmerte sie wenig, ob der Vordersatz und der +Schlußsatz zu einander paßten, wenn nur der Vordersatz ihnen zweihundert +Stimmen und der Schlußsatz weitere zweihundert Stimmen verschaffte. Die +einzige Schönheit des Beschlusses ist in der That seine Inconsequenz. +Sie enthielt eine Phrase für jede Unterabtheilung der Majorität. Die +Erwähnung des ursprünglichen Vertrags befriedigte die Anhänger Sidney’s. +Das Wort Abdankung beschwichtigte Politiker einer zurückhaltenderen +Schule. Vielen eifrigen Protestanten gefiel ohne Zweifel der gegen die +Jesuiten ausgesprochene Tadel. In den Augen des wirklichen Staatsmanns +war der einzige wichtige Satz der, welcher den Thron für erledigt +erklärte, und wenn nur dieser Satz angenommen wurde, so war es ihm +ziemlich gleichgültig, welche Einleitung demselben vorausging. Eine so +vereinigte Macht ließ keiner Hoffnung auf Widerstand Raum. Der Antrag +wurde vom Ausschusse ohne Abstimmung angenommen, und es wurde +unverzügliche Berichterstattung darüber beschlossen. Powle nahm den +Präsidentenstuhl wieder ein, das Scepter wurde auf den Tisch gelegt, +Hampden trug auf Erhebung zum Beschluß an, das Haus gab seine Zustimmung +und die sofortige Überreichung an die Lords wurde anbefohlen.<a class = +"tag" name = "tagX_71" id = "tagX_71" href = "#noteX_71">71</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteX_71" id = "noteX_71" href = "#tagX_71">71.</a> +<span class = "antiqua">Commons’ Journals, Jan. 28. 1688/89; Grey’s +Debates</span>; Citters, 29. Jan. (8. Febr.). Wenn der Bericht in <span +class = "antiqua">Grey’s Debates</span> genau ist, so muß Citters in +Betreff der Rede Sawyer’s falsch unterrichtet gewesen sein.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Der Beschluß wird den Lords vorgelegt.</span> +<a name = "secX_42" id = "secX_42">Am</a> folgenden Morgen frühzeitig +versammelten sich die Lords. Die Bänke der geistlichen wie der +weltlichen Lords waren dicht besetzt. Hampden erschien in der Schranke +und überreichte Halifax den Beschluß der Gemeinen. Das Oberhaus +constituirte sich hierauf zu einem Comité und Danby nahm den +Präsidentenstuhl ein.</p> + +<p>Die Discussion wurde bald durch das nochmalige Erscheinen Hampden’s +unterbrochen, der eine andre Botschaft überbrachte. Das Haus +constituirte sich wieder als solches und vernahm, daß die Gemeinen es so +eben als unvereinbar mit der Sicherheit und dem Wohle der +protestantischen Nation erklärt habe, von einem papistischen Könige +regiert zu werden. So wenig sich dieser Beschluß mit dem Prinzipe des +unveräußerlichen Erbrechts vertrug, so gaben die Peers doch auf der +Stelle und einmüthig ihre Zustimmung zu demselben. Der dadurch +aufgestellte Grundsatz ist bis auf unsre Zeit von allen protestantischen +Staatsmännern stets heilig gehalten worden und kein verständiger +Katholik hat ihn je als Einwendungen zulassend betrachtet. Wenn unsere +Souveraine, wie die Präsidenten der Vereinigten Staaten, bloße +bürgerliche Beamte wären, so würde es allerdings schwer sein, eine +solche Beschränkung zu rechtfertigen. Allein mit der englischen Krone +ist zugleich die Oberhauptswürde über die englische Kirche verbunden, +und es ist keine Intoleranz, wenn man sagt, daß eine Kirche nicht einem +Oberhaupte unterthan sein kann, das sie als schismatisch und ketzerisch +betrachtet.<a class = "tag" name = "tagX_72" id = "tagX_72" href = +"#noteX_72">72</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteX_72" id = "noteX_72" href = "#tagX_72">72.</a> +<span class = "antiqua">Lords’ and Commons’ Journals, Jan. 29, +1688/89.</span></p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Debatte im Oberhause über den Regentschaftsplan.</span> +<a name = "secX_43" id = "secX_43">Nach</a> dieser kurzen Unterbrechung +constituirten sich die Lords wieder zum +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_56" id = "pageX_56"> +X.56</a></span> +Comité. Die Tories drangen darauf, daß ihr Plan berathen werden sollte, +ehe der Beschluß der Gemeinen, welcher den Thron für erledigt erklärte, +in Betracht gezogen würde. Dies ward ihnen zugestanden und die Frage +gestellt, ob eine Regentschaft, die während Jakob’s Lebzeiten in seinem +Namen die königliche Gewalt ausübe, das beste Mittel zur Aufrechthaltung +der Gesetze und der Freiheiten der Nation sein würde.</p> + +<p>Der Kampf war lang und heftig. Die Hauptsprecher zu Gunsten einer +Regentschaft waren Rochester und Nottingham. Halifax und Danby waren die +leitenden Häupter der andren Seite. Der Primas trat sonderbarerweise +nicht auf, obgleich die toryistischen Peers ihn dringend ersucht hatten, +sich an ihre Spitze zu stellen. Seine Abwesenheit zog ihm vielfachen +bitteren Tadel zu, und selbst seine Lobredner waren nicht im Stande, +eine seinem Character zur Ehre gereichende Erklärung zu finden.<a class += "tag" name = "tagX_73" id = "tagX_73" href = "#noteX_73">73</a> Der +Regentschaftsplan war von ihm ausgegangen und er hatte erst vor wenigen +Tagen in einem von ihm eigenhändig geschriebenen Aufsatze diesen Plan +für den unzweifelhaft besten erklärt, den man annehmen könnte. Die +Besprechungen der Lords, welche diesen Plan unterstützten, hatten unter +seinem eigenen Dache stattgefunden. Seine Stellung machte es ihm +unbestreitbar zur Pflicht, seine Ansicht öffentlich auszusprechen. Den +Verdacht persönlicher Feigheit oder niedriger Habsucht kann Niemand auf +ihn werfen. Wahrscheinlich that er aus einer krankhaften Besorgniß, +etwas Unrechtes zu thun, in diesem wichtigen Augenblicke nichts, aber er +hätte wissen sollen, daß bei einem Manne in seiner Stellung nichts thun +so viel hieß als Unrecht thun. Ein Mann, der zu scrupulös ist, um in +einer wichtigen Krisis eine große Verantwortlichkeit zu übernehmen, +sollte auch zu scrupulös sein, um die Stelle eines ersten Dieners der +Kirche und eines ersten Peers des Reichs anzunehmen.</p> + +<p>Ein Wunder war es jedoch nicht, daß Sancroft nicht wohl zu Muthe war, +denn er konnte wohl kaum gegen die auf der Hand liegende Wahrheit blind +sein, daß der Plan, den er seinen Freunden empfohlen, durchaus +unverträglich war mit Allem, was er und seine Amtsbrüder seit vielen +Jahren gepredigt hatten. Die anglikanische Kirche hatte sich lange mit +der Lehre gebrüstet, daß der König ein göttliches und unveräußerliches +Recht auf die königliche Gewalt habe und daß man sich der königlichen +Gewalt, selbst wenn sie gröblich gemißbraucht würde, nicht widersetzen +dürfe, ohne eine Sünde zu begehen. Hatte denn diese Lehre wirklich nur +die Bedeutung, daß der König ein göttliches und unveräußerliches Recht +habe, sein Bildniß und seinen Namen in ein Petschaft stechen zu lassen, +welches täglich gegen seinen Willen dazu gebraucht werden konnte, seine +Feinde zum Krieg gegen ihn zu ermächtigen und seine Freunde an den +Galgen zu schicken, weil sie ihm gehorcht hatten? Bestand denn die ganze +Pflicht eines guten Unterthanen in der Anwendung des Wortes König? Dann +hatten Fairfax bei Naseby und Bradshaw im Hohen Gerichtshofe ihre ganze +Pflicht als gute Unterthanen erfüllt, denn Karl war von den gegen ihn +befehligenden Generälen und selbst von den ihn verurtheilenden Richtern +als König bezeichnet worden. Nichts hatte die Kirche in dem Verfahren +des langen Parlaments schärfer getadelt als den +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_57" id = "pageX_57"> +X.57</a></span> +sinnreichen Einfall, den Namen Karl’s gegen ihn selbst zu gebrauchen. +Alle ihre Diener waren aufgefordert worden, eine Erklärung zu +unterschreiben, welche die Fiction, wodurch die Autorität des Souverains +von seiner Person getrennt worden war, als hochverrätherisch +verdammte.<a class = "tag" name = "tagX_74" id = "tagX_74" href = +"#noteX_74">74</a> Gleichwohl würde diese hochverrätherische Fiction +jetzt von dem Primas und vielen seiner Suffraganen als die einzige +Grundlage betrachtet, auf der sie in strenger Übereinstimmung mit +christlichen Prinzipien eine Regierung aufrichten konnten.</p> + +<p>Die Unterscheidung, welche Sancroft von den Rundköpfen der +vorhergehenden Generation entlehnt hatte, stürzte von Grund aus das +ganze politische System um, das die Kirche und die Universitäten vom +Apostel Paulus gelernt zu haben behaupteten. Tausendmal war es +wiederholt worden, daß der heilige Geist den Römern befohlen habe, sich +Nero zu unterwerfen. Jetzt schien dieses Gebot nur den Sinn gehabt zu +haben, daß die Römer den Nero Augustus nennen sollten. Es stand ihnen +vollkommen frei, ihn über den Euphrat zu jagen, ihn von der +Freigebigkeit der Parther leben zu lassen, ihm gewaltsamen Widerstand zu +leisten, wenn er einen Versuch zur Rückkehr machen sollte, Alle die ihm +beistanden oder mit ihm verkehrten, zu bestrafen, und die tribunitische +und consulatorische Gewalt, den Vorsitz im Senat und den Oberbefehl über +die Legionen auf Galba oder Vespasian zu übertragen.</p> + +<p>Die Analogie, welche der Erzbischof zwischen einem thörichten König +und einem wahnsinnigen König entdeckt zu haben glaubte, hält keinen +Augenblick gründlicher Prüfung aus. Es war klar, daß Jakob sich nicht in +einem solchen Geisteszustande befand, wo ihn, wäre er ein Landedelmann +oder ein Kaufmann gewesen, ein Gerichtshof für unfähig erklärt haben +würde, einen Vertrag abzuschließen, oder ein Testament zu machen. Er war +nur in so weit geistesschwach, als alle schlechten Könige geistesschwach +sind, wie Karl I. geistesschwach war, als er aufbrach, um die fünf +Parlamentsmitglieder festzunehmen, wie Karl II. geistesschwach war, +als er den Vertrag von Dover schloß. Wenn diese Art der Geisteskrankheit +Unterthanen nicht das Recht gab, ihren Fürsten den Gehorsam zu +verweigern, so war der Regentschaftsplan offenbar nicht zu vertheidigen. +Im entgegengesetzten Falle war das Prinzip des Nichtwiderstandes völlig +aufgegeben und Alles gutgeheißen, was ein gemäßigter Whig je behauptet +hatte.</p> + +<p>Was den Unterthaneneid anlangt, um den Sancroft und seine Anhänger so +sehr besorgt waren, so ist wenigstens das klar, daß sie Unrecht hatten, +mochte übrigens Recht haben wer da wollte. Die Whigs waren der Ansicht, +daß der Unterthaneneid gewisse Bedingungen enthalte, das der König diese +Bedingungen verletzt und daß der Eid dadurch seine Kraft verloren habe. +War aber die whiggistische Meinung irrig, und der Eid noch bindend, +konnten dann verständige Männer wirklich glauben, daß sie sich keines +Eidbruches schuldig machten, wenn sie für eine Regentschaft stimmten? +Konnten sie behaupten, daß sie die Unterthanentreue gegen Jakob nicht +verletzten, wenn sie trotz seiner angesichts ganz Europa’s erhobenen +Protestationen einen Andren ermächtigten, die königlichen Revenuen zu +beziehen, Parlamente einzuberufen und zu prorogiren, Herzöge +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_58" id = "pageX_58"> +X.58</a></span> +und Earls zu creiren, Bischöfe und Richter zu ernennen, Verbrecher zu +begnadigen, über die Streitkräfte des Staats zu verfügen und mit fremden +Mächten Verträge zu schließen? Hatte Pascal wohl in allen Folianten der +jesuitischen Casuistiker einen verachtungswertheren Sophismus finden +können als der war, welcher jetzt, wie es schien, hinreichte, um das +Gewissen der Väter der anglikanischen Kirche zu beruhigen?</p> + +<p>Es konnte nichts Augenfälligeres geben, als daß sich der +Regentschaftsplan nur vom whiggistischen Standpunkte vertheidigen ließ. +Über die Rechtsfrage konnte zwischen den vernünftigen Anhängern des +Planes und der Majorität des Hauses der Gemeinen kein Streit obwalten. +Es blieb nur eine Zweckmäßigkeitsfrage übrig. Und konnte wohl irgend ein +Staatsmann im Ernst behaupten, daß es zweckmäßig sei, eine Regierung mit +zwei Oberhäuptern einzusetzen und dem einen dieser beiden Oberhäupter +die königliche Macht ohne die königliche Würde, dem andren die +königliche Würde ohne die königliche Macht zu ertheilen? Es war +notorisch, daß eine solche Einrichtung, selbst wenn sie durch die +Unmündigkeit oder Geistesschwäche eines Fürsten geboten war, ernste +Nachtheile hatte. Daß Regentschaftsperioden Zeiten der Schwäche, der +Unruhen oder des Unheils sind, war eine durch die ganze Geschichte +Englands, Frankreichs und Schottlands bewiesene, fast sprichwörtlich +gewordene Wahrheit. Indessen war der König im Fall der Unmündigkeit oder +Geistesschwäche wenigstens passiv, und er konnte dem Regenten nicht +thätig entgegenwirken. Der gegenwärtige Vorschlag aber hieß so viel als +England zwei Staatsoberhäupter von reifem Alter und gesundem Verstande +geben, die einen unversöhnlichen Krieg gegeneinander führten. Es war +lächerlich, davon zu reden, daß man Jakob bloß den Königstitel lassen +und ihm alle königliche Macht entziehen wolle. Denn der Titel war ein +Theil der Macht. Das Wort König war ein Zauberwort, mit dem sich bei +vielen Engländern die Idee einer von oben stammenden geheimnißvollen +Eigenschaft und bei allen Engländern der Begriff einer rechtmäßigen und +ehrwürdigen Autorität verband. Wenn der Titel eine solche Macht in sich +trug, so konnten Diejenigen, welche behaupteten, daß Jakob <span class = +"extended">alle</span> Macht entzogen werden müsse, gewiß nicht leugnen, +daß man ihm auch den Titel nehmen mußte.</p> + +<p>Und wie lange sollte die von Sancroft’s Genie ersonnene anomale +Regierung dauern? Jeder Grund, der überhaupt für ihre Errichtung +angeführt werden konnte, konnte mit gleicher Beweiskraft für +Beibehaltung derselben bis ans Ende der Zeiten geltend gemacht werden. +War der nach Frankreich gebrachte Knabe wirklich von der Königin +geboren, so mußte er später das göttliche und unveräußerliche Recht +erben, König genannt zu werden, und das nämliche Recht ging dann sehr +wahrscheinlich durch das ganze achtzehnte und neunzehnte Jahrhundert von +Papist zu Papist über. Beide Häuser aber hatten einstimmig beschlossen, +daß England nicht von einem Papisten regiert werden sollte. Es konnte +daher leicht kommen, daß, von Geschlecht zu Geschlecht Regenten die +Regierung im Namen vacirender und bettelnder Könige verwalteten. Es +unterlag keinem Zweifel, daß die Regenten vom Parlament ernannt werden +mußten, und so würde diese Erfindung, welche das geheiligte Prinzip der +erblichen Monarchie ungeschwächt aufrechterhalten sollte, zur Folge +gehabt haben, daß die Monarchie factisch eine Wahlmonarchie geworden +wäre.</p> + +<p>Außerdem wurde noch ein unverwerflicher Grund gegen Sancroft’s Plan +geltend gemacht. Die Gesetzsammlung enthielt ein Gesetz, daß bald +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_59" id = "pageX_59"> +X.59</a></span> +nach Beendigung des langen und blutigen Kampfes zwischen den Häusern +York und Lancaster zu dem Zwecke erlassen worden war, das Unheil +abzuwenden, welches die abwechselnden Siege dieser beiden Häuser über +den Adel und die Gentry des Reichs gebracht hatten. Dieses Gesetz +bestimmte, daß Niemand deshalb, weil er es mit einem im Besitz der Macht +befindlichen König gehalten, den auf Hochverrath gesetzten Strafen +verfallen sollte. Als den Königsmördern nach der Restauration der Prozeß +gemacht wurde, behaupteten einige von ihnen, ihr Fall sei nach diesem +Gesetze zu richten. Sie sagten, sie hätten der Regierung gehorcht, die +im Besitz der Macht gewesen, und sie seien daher keine Hochverräther. +Die Richter gaben zu, daß dies eine gute Entschuldigung sein würde, wenn +die Gefangenen unter der Autorität eines Usurpators gehandelt hätten, +der, wie Heinrich IV. und Richard III. den Königstitel +getragen, erklärten aber, daß ein solcher Entschuldigungsgrund Leuten, +welche einen in der Anklageacte, im Todesurtheile und im +Hinrichtungsbefehle als König bezeichneten Mann angeklagt, verurtheilt +und hingerichtet hatten, nicht zu Gute kommen konnte. Daraus folgte +sonach, daß Jeder, der einen Regenten gegen Jakob unterstützte, große +Gefahr lief, gehängt, geschleift und geviertheilt zu werden, wenn Jakob +einmal wieder zur höchsten Macht gelangte, daß aber Niemand ohne eine +solche Verletzung des Gesetzes, wie selbst ein Jeffreys sie schwerlich +zu begehen gewagt haben würde, bestraft werden könnte, weil er einen +wenn auch unrechtmäßigerweise zu Whitehall regierenden Könige gegen +einen zu Saint-Germain im Exil lebenden rechtmäßigen Könige gehalten +hatte.<a class = "tag" name = "tagX_75" id = "tagX_75" href = +"#noteX_75">75</a></p> + +<p>Man sollte meinen, daß diese Gründe keinen Einwand zuließen, und sie +wurden in der That von Danby, der die wundervolle Gabe besaß, jeden +Gegenstand, den er behandelte, auch dem beschränktesten Verstande klar +zu machen, und von Halifax, der in Gedankenreichthum und glänzender +Diction unter den Rednern der damaligen Zeit seines Gleichen nicht +hatte, mit Nachdruck hervorgehoben. Aber die Tories waren im Oberhause +so zahlreich und mächtig, daß sie trotz der Unhaltbarkeit ihrer Sache, +des Abfalls ihres Führers und der Geschicklichkeit ihrer Gegner bei +einem Haare den Sieg davongetragen hätten. Hundert Lords stimmten ab. +Neunundvierzig stimmten für eine Regentschaft, einundfünfzig dagegen. +Bei der Minorität befanden sich die natürlichen Söhne Karl’s, die +Schwäger Jakob’s, die Herzöge von Somerset und von Ormond, der +Erzbischof von York und elf Bischöfe. Mit der Majorität stimmte außer +Compton und Trelawney kein Prälat.<a class = "tag" name = "tagX_76" id = +"tagX_76" href = "#noteX_76">76</a></p> + +<p>Es war fast neun Uhr Abends, als das Haus auseinanderging. Der +folgende Tag war der dreißigste Januar, der Todestag Karl’s I. Die +große Körperschaft des anglikanischen Clerus hatte es seit vielen Jahren +für eine heilige Pflicht gehalten, an diesem Tage die Lehren vom +Nichtwiderstande +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_60" id = "pageX_60"> +X.60</a></span> +und vom passiven Gehorsam einzuschärfen. Ihre früheren Predigten konnten +sie jedoch jetzt nicht mehr brauchen und viele Geistliche waren sogar in +Zweifel, ob sie es wagen dürften, die ganze Liturgie zu lesen. Das +Unterhaus hatte erklärt, daß der Thron erledigt sei, das Oberhaus hatte +noch gar keine Ansicht ausgesprochen, und es war daher nicht leicht zu +entscheiden, ob die Gebete für den Souverain angewendet werden konnten. +Jeder Gottesdienst haltende Geistliche handelte nach seinem persönlichen +Ermessen. In den meisten Kirchen der Hauptstadt wurden die Gebete für +Jakob weggelassen; in der Margarethenkirche aber las Sharp, Dechant von +Norwich, welcher ersucht worden war, vor den Mitgliedern des Unterhauses +zu predigen, nicht allein die ganzen Gebete, wie sie im Buche standen, +sondern extemporirte auch vor seiner Predigt einen Segen für den König +und sprach am Schlusse seines Vortrags gegen die jesuitische Lehre, daß +Unterthanen berechtigt seien, ihre Fürsten abzusetzen. Der Sprecher +beschwerte sich noch denselben Nachmittag vor dem Hause über diese +Beleidigung. „Heute fassen Sie einen Beschluß,“ sagte er, „und morgen +hören Sie denselben mit eigenen Ohren auf der Kanzel widersprechen.“ +Sharp wurde von den Tories kräftig in Schutz genommen und hatte selbst +unter den Whigs Freunde; denn es war noch nicht vergessen, daß er sich +in schlimmen Zeiten durch den Muth, mit dem er trotz des königlichen +Befehls gegen den Papismus gepredigt, ernsten Gefahren ausgesetzt hatte. +Sir Christoph Musgrave bemerkte sehr treffend, das Haus habe den +Beschluß, welcher den Thron für erledigt erklärte, noch nicht bekannt +machen lassen. Sharp sei daher nicht allein nicht verpflichtet gewesen, +von diesem Beschlusse etwas zu wissen, sondern er hätte sogar nicht +Notiz davon nehmen können, ohne sich eine Verletzung des Privilegiums +des Hauses zu Schulden kommen zu lassen, wofür er hätte vor die +Schranken gefordert und kniend einen Verweis erhalten können. Die +Majorität sah ein, daß es nicht weise gewesen wäre, in diesem +Augenblicke mit der Geistlichkeit zu hadern und man ließ den Gegenstand +daher fallen.<a class = "tag" name = "tagX_77" id = "tagX_77" href = +"#noteX_77">77</a></p> + +<p>Während die Gemeinen über Sharp’s Predigt discutirten, hatten sich +die Lords wieder zu einem Comité zur Erwägung der Lage der Nation +constituirt und hatten den Beschluß, der den Thron für erledigt +erklärte, Satz für Satz vorlesen lassen.</p> + +<p>Der erste Ausdruck, über den sich eine Debatte entspann, war der, +welcher den ursprünglichen Vertrag zwischen König und Volk anerkannte. +Es war nicht zu erwarten, daß die toryistischen Peers eine die +Quintessenz des Whiggismus enthaltende Phrase ohne Einwendungen würden +durchgehen lassen. Es wurde abgestimmt und mit dreiundfünfzig gegen +sechsundvierzig Stimmen beschlossen, daß die Worte stehen bleiben +sollten.</p> + +<p>Der strenge Tadel, den die Gemeinen über die Verwaltung Jakob’s +ausgesprochen hatten, wurde nun zunächst in Betracht gezogen und ohne +eine einzige abweichende Stimme gebilligt. Nur gegen den Ausdruck, Jakob +habe die Regierung niedergelegt, wurden einige redactionelle +Einwendungen +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_61" id = "pageX_61"> +X.61</a></span> +gemacht. Es wurde hervorgehoben, man könne richtiger sagen, daß er sie +verlassen habe. Dieses Amendement wurde, wie es scheint, fast ohne alle +Debatte, und ohne Abstimmung angenommen. Inzwischen war es spät +geworden, und die Lords hoben daher die Sitzung auf.<a class = "tag" +name = "tagX_78" id = "tagX_78" href = "#noteX_78">78</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteX_73" id = "noteX_73" href = "#tagX_73">73.</a> +<span class = "antiqua">Clarendon’s Diary, Jan. 21. 1688/89; Burnet, I. +810: Doyly’s Life of Sancroft.</span></p> + +<p><a name = "noteX_74" id = "noteX_74" href = "#tagX_74">74.</a> +Siehe die Uniformitätsacte.</p> + +<p><a name = "noteX_75" id = "noteX_75" href = "#tagX_75">75.</a> +<span class = "antiqua">Stat. 2. Hen. 7. c. 1</span>; <span class = +"antiqua">Lord Coke’s Institutes, III. 1.</span> Cook’s +Hochverrathsprozeß in der <span class = "antiqua">Collection of State +Trials</span>; <span class = "antiqua">Burnet, I. 813</span>, und +Swift’s Note.</p> + +<p><a name = "noteX_76" id = "noteX_76" href = "#tagX_76">76.</a> +<span class = "antiqua">Lords’ Journals, Jan. 29. 1688/89; Clarendon’s +Diary; Evelyn’s Diary</span>; Citters; <span class = "antiqua">Eachard’s +History of the Revolution</span>; <span class = "antiqua">Burnet, I. +813</span>; <span class = "antiqua">History of the Reestablishment of +the Government, 1689.</span> Die Anzahl der Stimmen für und wider sind +in den Protokollen nicht angeführt und werden von verschiedenen +Schriftstellern verschieden angegeben. Ich habe mich an Clarendon +gehalten, der sich die Mühe genommen, Listen der Majorität und der +Minorität zu entwerfen.</p> + +<p><a name = "noteX_77" id = "noteX_77" href = "#tagX_77">77.</a> +<span class = "antiqua">Grey’s Debates</span>; <span class = +"antiqua">Evelyn’s Diary</span>; <span class = "antiqua">Life of +Archbishop Sharp, by his son</span>; <span class = "antiqua">Apology for +the New Separation, in a letter to Dr. John Sharp, Archbishop of York, +1691.</span></p> + +<p><a name = "noteX_78" id = "noteX_78" href = "#tagX_78">78.</a> +<span class = "antiqua">Lords’ Journals, Jan. 30. 1688/89; Clarendon’s +Diary.</span></p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Spaltung zwischen den Whigs und den Anhängern Danby’s.</span> +<a name = "secX_44" id = "secX_44">Bis</a> hieher hatte die kleine +Anzahl Peers, welche unter Danby’s Leitung standen, in festem Bunde mit +Halifax und den Whigs gehandelt. Das Ergebniß dieser Einigung war die +Verwerfung des Regentschaftsplanes und die Bestätigung des Grundsatzes +vom ursprünglichen Vertrag. Der Satz, daß Jakob aufgehört habe, König zu +sein, war der Vereinigungspunkt der beiden Parteien gewesen, welche +zusammen die Majorität gebildet hatten. Von diesem Punkte an aber gingen +ihre Wege auseinander. Die nächste zu entscheidende Frage war, ob der +Thron erledigt sei, und dies war keine bloße Formfrage, sondern eine +Frage von ernster praktischer Bedeutung. Wenn der Thron erledigt war, so +konnten die Stände des Reichs Wilhelm auf denselben erheben; war er +nicht erledigt, so konnte er erst nach seiner Gemahlin, nach der +Prinzessin Anna und nach deren Nachkommenschaft auf denselben +gelangen.</p> + +<p>Nach der Ansicht der Anhänger Danby’s war es ein feststehender +Grundsatz, daß unser Land nicht einen Augenblick ohne einen rechtmäßigen +Fürsten sein konnte. Der Mensch konnte sterben, aber der Regent war +unsterblich; der Mensch konnte abdanken, der Regent aber war +unabsetzbar. Wenn wir, sagten diese Politiker, einmal zugeben, daß der +Thron erledigt ist, so geben wir auch zu, daß er durch Wahl besetzt +werden kann. Der Souverain, den wir auf denselben erheben, wird dann +nicht ein Souverain nach englischem, sondern einer nach polnischem Modus +sein. Selbst wenn wir die Person wählten, welche dem Geburtsrechte nach +zur Regierung kommen würde, so würde diese Person doch nicht kraft des +Geburtsrechtes, sondern kraft unsrer Wahl regieren und würde als +Geschenk erhalten was als Erbtheil betrachtet werden sollte. Die +heilsame Ehrfurcht, mit der das königliche Blut und das Erstgeburtsrecht +bisher betrachtet worden sind, würde bedeutend geschwächt werden. Noch +schlimmer würde das Übel sein, wenn wir den Thron nicht allein durch +Wahl, sondern mit einem Prinzen besetzten, der zwar unbestreitbar die +Eigenschaften eines großen und guten Regenten hat und uns eine +wunderbare Befreiung gebracht, der aber nicht der Erste, ja nicht einmal +der Zweite in der Thronfolgeordnung ist. Wenn wir einmal sagen, daß +Verdienste, so groß sie immer sein mögen, ein Anrecht auf die Krone +geben, so erschüttern wir die Grundpfeiler unsrer Verfassung und liefern +einen Precedenzfall, den jeder ehrgeizige Krieger oder Staatsmann, +welcher dem Lande einen großen Dienst geleistet haben mag, in seinem +Interesse zu benutzen sich versucht fühlen wird. Diese Gefahr vermeiden +wir, wenn wir die Prinzipien der Verfassung logisch bis zu ihren +Consequenzen festhalten. Es hat eine Niederlegung der Krone +stattgefunden. Im Augenblicke der Niederlegung wurde der nächste Erbe +unser rechtmäßiger Souverain. Wir betrachten die Prinzessin von Oranien +als nächste Erbin, und sind der Meinung, daß sie unverzüglich als das +was sie wirklich ist, als unsre Königin, proklamirt werden muß.</p> + +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_62" id = "pageX_62"> +X.62</a></span> +<p>Die Whigs entgegneten hierauf, es sei nutzlos, die gewöhnlichen +Regeln auf ein im Zustande der Revolution befindliches Land anzuwenden, +die jetzt obschwebende große Frage dürfe nicht nach den Ansprüchen +pedantischer Templer entschieden werden, und wenn sie so entschieden +werden solle, so könnten derartige Aussprüche auf der einen Seite eben +so gut wie auf der andren angeführt werden. Wenn es ein Rechtsgrundsatz +sei, daß der Thron nie unbesetzt sein könne, so sei es auch ein +Rechtsgrundsatz, daß ein noch lebender Mensch keinen Erben haben könne. +Jakob lebte noch; wie könnte also die Prinzessin von Oranien seine Erbin +sein? Das englische Recht habe allerdings vollständige Vorsorge für die +Thronfolge getroffen, für den Fall, daß die Macht eines Souverains zu +gleicher Zeit mit seinem Leben endete, nicht aber für die seltenen +Fälle, in denen seine Macht vor dem Aufhören seines physischen Lebens +endete, und mit einem dieser höchst seltenen Fälle habe die Convention +es jetzt zu thun. Daß Jakob nicht mehr auf dem Throne sitze, hätten +beide Häuser erklärt. Weder das gemeine Recht, noch das in den Gesetzen +enthaltene Recht bezeichne irgend Jemanden als befugt, in der Zeit +zwischen seiner Abdankung und seinem Ableben den Thron einzunehmen. +Daraus folge, daß der Thron erledigt sei und daß die Häuser den Prinzen +von Oranien ersuchen könnten, denselben einzunehmen. In der +Geburtsordnung sei er allerdings nicht der Nächste, allein dies sei kein +Nachtheil, sondern vielmehr gerade eine positive Empfehlung. Die +erbliche Monarchie sei eine gute politische Institution, aber keineswegs +heiliger als andere gute politische Institutionen. Leider hätten bigotte +und servile Theologen es zu einem religiösen Mysterium gemacht, das fast +eine eben so heilige Scheu erwecke und eben so unbegreiflich sei, als +die Transsubstantiation selbst. Die Institution aufrecht zu erhalten, +aber die nachtheiligen abergläubischen Begriffe zu entfernen, die man +seit den letzten Jahren daran geknüpft, und die sie zu einem Fluche, +anstatt zu einem Segen für die Gesellschaft gemacht hätten, müsse das +Hauptbestreben der englischen Staatsmänner sein, und dieser Zweck werde +am besten erreicht werden, wenn man einmal von der allgemeinen +Erbfolgeordnung ein wenig abweiche und dann wieder zu derselben +zurückkehre.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Versammlung bei dem Earl von Devonshire.</span> +<a name = "secX_45" id = "secX_45">Es</a> wurden viele Versuche gemacht, +um einen offenen Bruch zwischen der Partei des Prinzen und der Partei +der Prinzessin zu verhüten. Eine große Versammlung wurde im Hause des +Earl von Devonshire gehalten und daselbst lebhaft debattirt. Halifax war +der Hauptsprecher für Wilhelm, Danby für Marien. Von Marien’s +Gesinnungen wußte Danby nichts. Sie wurde seit einiger Zeit in London +erwartet, war aber zuerst durch die Eismassen, welche die Flußmündungen +versperrten, und nach eingetretenem Thauwetter durch heftige Westwinde +in Holland, zurückgehalten worden. Wäre sie früher gekommen, so würde +der Streit wahrscheinlich mit einem Male beigelegt worden sein. Auf der +andren Seite war Halifax nicht ermächtigt irgend etwas im Namen +Wilhelm’s zu thun. Der Prinz hatte, getreu seinem Versprechen, daß er +die Einsetzung der Regierung der Convention überlassen werde, eine +undurchdringliche Zurückhaltung bewahrt und hatte sich kein Wort, keinen +Blick, keine Geberde entschlüpfen lassen, welche Zufriedenheit oder +Mißfallen hätte verrathen können. Einer seiner Landsleute, der sein +Vertrauen in hohem Maße genoß, war zu der Versammlung eingeladen und von +den Peers dringend ersucht +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_63" id = "pageX_63"> +X.63</a></span> +worden, daß er ihnen einige Aufschlüsse geben möchte. Er weigerte sich +lange. Endlich aber gab er ihren Bitten insoweit nach, daß er sagte: +„Ich kann die Gesinnung Seiner Hoheit nur muthmaßen. Wenn Sie es gern +wissen wollen, was ich muthmaße, so will ich es Ihnen sagen: ich +vermuthe, daß er nicht gern der Ceremonienmeister seiner Gemahlin werden +möchte. Doch ich weiß nichts.“ — „Aber ich weiß nun etwas,“ +erwiederte Danby. „Ich weiß genug, mehr als genug.“ Dann entfernte er +sich und die Versammlung ging auseinander.<a class = "tag" name = +"tagX_79" id = "tagX_79" href = "#noteX_79">79</a></p> + +<p>Am 31. Januar wurde die so beendigte Privatdebatte im Hause der Peers +öffentlich wieder aufgenommen. Dieser Tag war zur Feier des +Nationaldankfestes bestimmt worden. Mehrere Bischöfe, darunter Ken und +Sprat, hatten für diese Gelegenheit ein besonderes Gebet abgefaßt. Es +ist vollkommen frei von Schmeicheleien wie von Gehässigkeiten, welche +derartige Erzeugnisse damals nur zu oft verunzierten und hält vielleicht +besser als irgend ein andres Gelegenheitsgebet, das seit zwei +Jahrhunderten verfaßt wurde, einen Vergleich mit jenem herrlichen Muster +reiner, erhabener und ergreifender Beredtsamkeit, mit dem allgemeinen +Gebetbuche aus. Die Lords gingen am Morgen in die Westminsterabtei. Die +Gemeinen hatten Burnet gebeten, in der Margarethenkirche vor ihnen zu +predigen. Von ihm hatte man nicht zu fürchten, daß er in den Fehler +verfallen werde, welcher den Tag vorher daselbst begangen worden war. +Sein kräftiger und lebendiger Vortrag fand gewiß lauten Beifall bei +seinen Zuhörern. Die Predigt wurde nicht allein auf Befehl des Hauses +gedruckt, sondern auch zur Erbauung fremder Protestanten ins +Französische übersetzt.<a class = "tag" name = "tagX_80" id = "tagX_80" +href = "#noteX_80">80</a> Der Tag wurde mit den bei solchen +Gelegenheiten üblichen Festlichkeiten beschlossen. Die ganze Stadt +strahlte von Feuerwerk und Freudenfeuern; der Kanonendonner und das +Glockengeläute dauerten bis tief in die Nacht hinein; aber ehe die +Lichter erloschen und die Straßen wieder still geworden waren, hatte ein +Ereigniß stattgefunden, das die Freude des Volks dämpfte.</p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteX_79" id = "noteX_79" href = "#tagX_79">79.</a> +<ins class = "correction" title = "Original hat »Darthmouth’s«">Dartmouth’s</ins> Note zu Burnet, I. 393. Dartmouth +sagt, die Lords hätten Fagel diese Andeutung abgedrungen. Dies war ein +Schreibfehler, der in einer eilig hingeschriebenen Anmerkung wohl zu +entschuldigen ist; aber Dalrymple und Andere hätten einen so +auffallenden Fehler nicht abschreiben sollen. Fagel war am 5. Dec. 1688, +während sich Wilhelm in Salisbury und Jakob in Whitehall befand, in +Holland gestorben. Die richtige Person war vermuthlich Dykvelt, Bentinck +oder Zulestein, am wahrscheinlichsten Dykvelt.</p> + +<p><a name = "noteX_80" id = "noteX_80" href = "#tagX_80">80.</a> +Das Gebet sowohl als Burnet’s Predigt sind noch in unseren großen +Bibliotheken zu finden und verdienen gelesen zu werden.</p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Debatte im Hause der Lords über die Frage der Thronerledigung.</span> +<a name = "secX_46" id = "secX_46">Die</a> Peers hatten sich aus der +Abtei in ihr Sitzungslokal begeben und die Discussion über die Lage der +Nation wieder aufgenommen. Die letzten Worte des Beschlusses der +Gemeinen wurden in Erwägung gezogen, und es zeigte sich bald, daß die +Majorität nicht gemeint war, diesen Worten beizustimmen. Zu den nahe an +fünfzig Lords, welche der Ansicht waren, daß Jakob noch der Königstitel +gebühre, kamen jetzt noch sieben bis acht, welche behaupteten, daß +derselbe schon auf Marien übergegangen sei. Als die Whigs sahen, daß +ihre Gegner ihnen an Zahl überlegen waren, versuchten sie es, einen +Vergleich zu Stande zu bringen. Sie schlugen deshalb vor, die Worte, +welche den Thron für erledigt +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_64" id = "pageX_64"> +X.64</a></span> +erklärten, wegzulassen und den Prinzen und die Prinzessin einfach zum +König und zur Königin zu proklamiren. Es war augenscheinlich, daß eine +solche Erklärung Alles was die Tories nicht zugestehen wollten, wenn +nicht ausdrücklich aussprach, doch in sich schloß. Denn Niemand konnte +behaupten, daß Wilhelm kraft des Geburtsrechts in das königliche Amt +eingetreten war. Ein Beschluß, der ihn als König anerkannte, wäre +demnach ein Wahlact gewesen, und wie konnte eine Wahl stattfinden ohne +Erledigung?</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die Majorität für die Verneinung.</span> +<a name = "secX_47" id = "secX_47">Der</a> Vorschlag der whiggistischen +Lords wurde mit zweiundfünfzig gegen siebenundvierzig Stimmen verworfen. +Dann wurde die Frage gestellt, ob der Thron erledigt sei. Hiermit waren +einverstanden einundvierzig, nicht einverstanden fünfundfünfzig. +Sechsunddreißig von der Minorität protestirten.<a class = "tag" name = +"tagX_81" id = "tagX_81" href = "#noteX_81">81</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteX_81" id = "noteX_81" href = "#tagX_81">81.</a> +<span class = "antiqua">Lords’ Journals, Jan. 31. 1688/89</span>.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Aufregung in London.</span> +<a name = "secX_48" id = "secX_48">Während</a> der beiden folgenden Tage +war London in einer unruhigen und angstvollen Stimmung. Die Tories +begannen zu hoffen, daß sie ihren Lieblingsplan einer Regentschaft mit +besserem Erfolge wieder zur Sprache würden bringen können. Vielleicht +zog der Prinz selbst, wenn er sah, daß er keine Aussicht hatte, die +Krone zu tragen, Sancroft’s Plan, dem Plane Danby’s vor. Es war +allerdings besser, König zu sein als Regent; aber Regent war immer noch +besser als Ceremonienmeister. Auf der andren Seite begann auch die +niedere und heftigere Klasse der Whigs, die ehemaligen Emissäre +Shaftesbury’s die alten Bundesgenossen College’s sich in der City zu +regen. Volkshaufen versammelten sich im Palasthofe und führten eine +drohende Sprache. Lord Lovelace, der im Verdacht stand, zu diesen +Versammlungen aufgereizt zu haben, kündigte den Peers an, daß er +beauftragt sei, eine Petition zu überreichen, in der sie aufgefordert +würden, den Prinzen und die Prinzessin von Oranien unverzüglich zum +König und zur Königin zu erklären. Auf die Frage, von wem die Petition +unterzeichnet sei, antwortete er: „Sie hat noch keine Unterschriften, +wenn ich sie aber das nächste Mal wieder mit hierher bringe, wird sie +deren genug haben.“ Diese Drohung beunruhigte und verdroß seine eigne +Partei. Die leitenden Whigs waren in der That noch ängstlicher besorgt, +als die Tories, daß die Berathungen der Convention vollkommen frei seien +und daß kein Anhänger Jakob’s behaupten könne, daß das eine oder das +andre Haus unter dem Einflusse eines Zwanges gehandelt habe. Eine +ähnliche Petition wie die von Lovelace überreichte, wurde auch im Hause +der Gemeinen vorgelegt, aber mit Verachtung zurückgewiesen. Maynard war +der Erste, der gegen den Versuch des Straßenpöbels, die Stände des +Reichs einzuschüchtern, protestirte. Wilhelm ließ Lovelace zu sich +kommen, setzte ihn sehr ernsthaft zur Rede und befahl den städtischen +Behörden, gegen alle ungesetzlichen Versammlungen kräftig +einzuschreiten.<a class = "tag" name = "tagX_82" id = "tagX_82" href = +"#noteX_82">82</a> Nichts in der Geschichte unsrer Revolution verdient +mehr Bewunderung und Nachahmung als die Art, wie sich die beiden +Parteien der Convention gerade in dem Augenblicke, wo ihr Streit am +heftigsten war, wie ein Mann zum Widerstand gegen die Vorschriften des +Pöbels der Hauptstadt verbanden.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteX_82" id = "noteX_82" href = "#tagX_82">82.</a> +Citters, 5.(15.) Febr. 186 f.; <span class = "antiqua">Diary, Feb. +2.</span> In dem Werke, <span class = "antiqua">Revolution +Politics</span>, einem höchst abgeschmackten Buche, das aber als +Sammlung der unsinnigen Tagesgerüchte einigen Werth hat, übertreibt die +Geschichte maßlos. — <span class = "antiqua">Grey’s +Debates</span>.</p> + + +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_65" id = "pageX_65"> +X.65</a></span> +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Brief von Jakob an die Convention.</span> +<a name = "secX_49" id = "secX_49">Obgleich</a> aber die Whigs fest +entschlossen waren, die Ordnung aufrecht zu erhalten und die Freiheit +der Debatte zu achten, so waren sie doch nicht minder fest entschlossen, +kein Zugeständniß zu machen. Am Samstag, den 2. Februar beschlossen die +Gemeinen ohne Abstimmung, die ursprüngliche Fassung ihres Beschlusses +beizubehalten. Jakob kam wie immer seinen Feinden zu Hülfe. Eben war ein +Schreiben von ihm an die Convention angelangt. Der Apostat Melfort, der +jetzt in St.-Germain in hoher Gunst stand, hatte es Preston überbracht. +Der Name Melfort war jedem Anhänger der Staatskirche verhaßt. Daß er +noch immer ein vertrauter Diener Jakob’s war, genügte an sich schon um +zu beweisen, daß die Thorheit und Verkehrtheit seines Gebieters +unheilbar waren. Kein Mitglied eines der beiden Häuser wagte es, die +Vorlesung eines von solcher Seite kommenden Schreibens zu beantragen. +Der Inhalt war jedoch der ganzen Stadt bekannt. Seine Majestät ermahnte +die Lords und Gemeinen, an seiner Milde nicht zu verzweifeln und +versicherte gnädigst, daß er Denen, die ihn verrathen hätten, verzeihen +wolle, einige Wenige ausgenommen, die er nicht nannte. War es wohl +möglich etwas für einen Fürsten zu thun, der besiegt, verlassen, +verbannt und von Almosen lebend, Denjenigen, in deren Hand sein +Schicksal lag, sagte, daß er, wenn sie ihn wieder auf den Thron setzten, +nur einige wenige von ihnen hängen lassen würde?<a class = "tag" name = +"tagX_83" id = "tagX_83" href = "#noteX_83">83</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteX_83" id = "noteX_83" href = "#tagX_83">83.</a> +Jakob’s Brief, vom 24. Jan. (3. Febr.) 1689 datirt, findet sich bei +Kennet. In Clarke’s <span class = "antiqua">Life of James</span> ist er +auf die unredlichste Weise entstellt. Siehe <span class = +"antiqua">Clarendon’s Diary, Feb. 2, 4</span>; <span class = +"antiqua">Grey’s Debates</span>; <span class = "antiqua">Lords’ +Journals, Feb. 2, 4, 1688/89</span>.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Debatte.</span> +<a name = "secX_50" id = "secX_50">Der</a> Streit zwischen den beiden +Parteien der gesetzgebenden Gewalt dauerte noch einige Tage. Montag, den +4. Februar, beschlossen die Lords auf ihren Amendements zu beharren; +aber es wurde ein mit neununddreißig Namen unterzeichneter Protest in +die Protokolle eingetragen.<a class = "tag" name = "tagX_84" id = +"tagX_84" href = "#noteX_84">84</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteX_84" id = "noteX_84" href = "#tagX_84">84.</a> +Es ist von mehrern Schriftstellern, unter anderen von Ralph, und B. +Mazure behauptet worden, Danby habe diesen Protest unterzeichnet. Dies +ist ein Irrthum. Wahrscheinlich las Jemand, der die Protokolle vor dem +Drucke durchsah, Danby für Derby. <span class = "antiqua">Lords’ +Journals, Feb. 4. 1688/89</span>. Einige Tage vorher schrieb Evelyn +fälschlich Derby anstatt Danby. Sein Tagebuch vom 29. Jan. 1688/89.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Unterhandlungen.</span> +<a name = "secX_51" id = "secX_51">Am</a> folgenden Tage beschlossen die +Tories, ihre Stärke im Unterhause zu versuchen. Sie erschienen in großer +Anzahl und es wurde der Antrag gestellt, den Amendements der Lords +beizutreten. Die, welche für Sancroft’s Plan und die, welche für Danby’s +Plan waren, stimmten miteinander; allein sie wurden mit +zweihundertundachtzig gegen hunderteinundfünfzig Stimmen geschlagen. Das +Haus beschloß hierauf, um eine freie Conferenz mit den Lords +nachzusuchen.<a class = "tag" name = "tagX_85" id = "tagX_85" href = +"#noteX_85">85</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteX_85" id = "noteX_85" href = "#tagX_85">85.</a> +<span class = "antiqua">Commons’ Journals, Feb. 5. 1688/89.</span></p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Schreiben der Prinzessin von Oranien an Danby.</span> +<a name = "secX_52" id = "secX_52">Zu</a> gleicher Zeit wurden außerhalb +der Mauern des Parlaments energische Anstrengungen gemacht, um den +Streit zwischen den beiden Zweigen der gesetzgebenden Versammlung zu +beendigen. Burnet glaubte es durch die Wichtigkeit der Krisis <ins class += "correction" title = "Original hat »gerechfertigt«">gerechtfertigt</ins>, das ihm von der Prinzessin +anvertraute große Geheimniß zu veröffentlichen. Er wisse aus ihrem +eigenen Munde, sagte er, daß es schon längst ihr fester Entschluß sei, +selbst wenn sie nach der regelmäßigen Erbfolge auf den Thron gelangen +sollte, +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_66" id = "pageX_66"> +X.66</a></span> +mit Genehmigung des Parlaments ihre Gewalt in die Hände ihres Gemahls +niederzulegen. Danby erhielt von ihr einen ernsten, fast harten Verweis. +Sie sei die Gattin des Prinzen, schrieb sie ihm, und hege keinen andren +Wunsch als ihm unterthan zu sein; man könne ihr keine schwerere +Beleidigung zufügen, als wenn man sie als seine Nebenbuhlerin darstelle +und sie könne Niemanden, der ein solches Verfahren einschlage, als ihren +wahren Freund betrachten.<a class = "tag" name = "tagX_86" id = +"tagX_86" href = "#noteX_86">86</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteX_86" id = "noteX_86" href = "#tagX_86">86.</a> +<span class = "antiqua">Burnet, I. 819.</span></p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die Prinzessin Anna erklärt sich mit dem Whigplane einverstanden.</span> +<a name = "secX_53" id = "secX_53">Die</a> Tories hatten noch eine +Hoffnung. Anna konnte vielleicht auf ihren eigenen und auf den Rechten +ihrer Kinder bestehen. Es wurde keine Mühe gespart, um ihren Ehrgeiz +aufzustacheln und ihr Gewissen zu beunruhigen. Ihr Oheim Clarendon war +ganz besonders thätig. Erst wenige Wochen waren vergangen, seitdem die +Hoffnung auf Reichthum und Ansehen ihn bewogen hatte, die pomphaft zur +Schau getragenen Glaubensbekenntnisse seines ganzen Lebens zu +verleugnen, von dem Könige abzufallen, sich dem Wildman und dem Ferguson +anzuschließen und sogar vorzuschlagen, daß der König als Gefangener in +ein fremdes Land geschickt und in eine von ungesunden Sümpfen umgebene +Festung eingesperrt werden sollte. Der Köder, der diese auffallende +Sinnesveränderung bewirkt hatte, war das Vicekönigamt in Irland. Bald +zeigte es sich jedoch, daß der Proselyt wenig Aussicht hatte, den +glänzenden Preis, nach welchem sein Sinn strebte, zu erringen. Er sah, +daß Andere über die irländischen Angelegenheiten zu Rathe gezogen +wurden. Sein Rath wurde nie verlangt, und wenn er ihn zudringlicherweise +anbot, wurde er mit Kälte aufgenommen. Er begab sich häufig in den St. +Jamespalast, konnte aber kaum ein Wort oder einen Blick erlangen. Das +eine Mal schrieb der Prinz eben; ein ander Mal sollte er frische Luft +schöpfen und einen Spazierritt durch den Park machen; das dritte Mal +hatte er eine Conferenz mit Offizieren über militairische +Angelegenheiten und konnte Niemanden empfangen. Clarendon sah nun, daß +er keine Aussicht hatte, durch die Aufopferung seiner Grundsätze etwas +zu gewinnen, und er beschloß daher, zu denselben zurückzukehren. Im +December hatte der Ehrgeiz ihn zum Rebellen gemacht; im Januar +verwandelte Enttäuschung ihn wieder in einen Royalisten. Das drückende +Bewußtsein, daß er kein standhafter Tory gewesen war, verlieh seinem +Toryismus eine besondere Leidenschaftlichkeit.<a class = "tag" name = +"tagX_87" id = "tagX_87" href = "#noteX_87">87</a> Im Hause der Lords +hatte er Alles aufgeboten, um eine bestimmte Entscheidung zu +hintertreiben. Jetzt verwendete er seinen ganzen Einfluß zu demselben +Zwecke bei der Prinzessin Anna. Aber sein Einfluß auf sie war nur gering +im Vergleich mit dem der Churchill, welche wohlweislich zwei mächtige +Verbündete zu Hülfe nahmen: Tilletson, der als Gewissensrath damals ein +großes Ansehen genoß, und Lady Russel, deren edle und liebenswürdige +Tugenden, welche die schwerste aller Prüfungen bestanden, ihr den Ruf +einer Heiligen erworben hatten. Bald ward es bekannt, daß die Prinzessin +von Dänemark ihre Einwilligung zu Wilhelm’s lebenslänglicher Regierung +zu geben geneigt war, und es lag auf der Hand, +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_67" id = "pageX_67"> +X.67</a></span> +daß es ein vergebliches Beginnen gewesen wäre, die Sache der Töchter +Jakob’s gegen sie selbst zu vertheidigen.<a class = "tag" name = +"tagX_88" id = "tagX_88" href = "#noteX_88">88</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteX_87" id = "noteX_87" href = "#tagX_87">87.</a> +<span class = "antiqua">Clarendon’s Diary, Jan. 1, 4, 8, 9, 10, 11, 12, +13, 14, 1688/89; Burnet, I. 807.</span></p> + +<p><a name = "noteX_88" id = "noteX_88" href = "#tagX_88">88.</a> +<span class = "antiqua">Clarendon’s Diary, Feb. 5. 1688/89; Duchess of +Marlborough’s Vindication; Mulgrave’s Account of the +Revolution.</span></p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Wilhelm spricht seine Absichten aus.</span> +<a name = "secX_54" id = "secX_54">Jetzt</a> glaubte Wilhelm, die Zeit +sei gekommen, wo er sich aussprechen müsse. Er berief daher Halifax, +Danby, Shrewsbury und einige andere politische Parteihäupter von hohem +Ansehen zu sich und richtete mit dem stoischen Gleichmuth, unter dem er +von Kindheit auf seine stärksten Gefühlsregungen zu verbergen pflegte, +einige tief durchdachte und gewichtige Worte an sie.</p> + +<p>Er habe bis jetzt geschwiegen, sagte er, und weder Bitten noch +Drohungen angewendet, ja nicht einmal eine Andeutung über seine +Ansichten oder Wünsche laut werden lassen; jetzt aber sei der +entscheidende Augenblick gekommen, wo er seine Absichten offen erklären +müsse. Er habe weder das Recht, noch den Wunsch, der Convention +Vorschriften zu machen. Er beanspruche weiter nichts als das Vorrecht, +jedes Amt, das er nach seiner Überzeugung nicht mit Ehren für sich und +zum Wohle des Staats würde verwalten können, ablehnen zu dürfen.</p> + +<p>Eine starke Partei sei für eine Regentschaft. Die beiden Häuser +hätten darüber zu entscheiden, ob eine solche Einrichtung dem Vaterlande +zum Heile gereichen könne. Seine Meinung über diesen Punkt stehe fest +und er halte es für nöthig, mit Bestimmtheit zu erklären, daß er für +seine Person nicht Regent werden möchte.</p> + +<p>Eine andre Partei wünsche die Prinzessin auf den Thron zu erheben und +ihm auf Lebenszeit den Königstitel und denjenigen Antheil an der +Regierung zu gewähren, den sie ihm freiwillig zugestehen würde. Zu einer +solchen Stellung könne er sich nicht herablassen. Er achte die +Prinzessin so hoch, als nur irgend ein Mann ein Weib achten könne, aber +selbst aus ihren Händen werde er eine untergeordnete und unsichere +Stellung bei der Regierung nicht annehmen. Es liege einmal nicht in +seiner Natur, daß er sich an die Schürzenbänder auch der besten Frau +knüpfen lassen könne. Er dränge sich durchaus nicht danach, in der +englischen Geschichte eine Rolle zu spielen, wenn er aber einwillige, +eine solche Rolle zu übernehmen, so gebe es nur eine, die er mit Nutzen +oder mit Ehren übernehmen <ins class = "correction" title = "Original hat »könnne«">könne</ins>. Wenn die Stände ihm die Krone auf Lebenszeit +anböten, so würde er sie annehmen, wo nicht, würde er, ohne sich zu +grämen, in sein Vaterland zurückkehren. Er schloß mit den Worten, er +halte es für recht und billig, daß Lady Anna und ihre Nachkommen allen +Kindern, die ihm eine andre Frau als Lady etwa schenken möchte, in der +Thronfolge vorgezogen würden.<a class = "tag" name = "tagX_89" id = +"tagX_89" href = "#noteX_89">89</a></p> + +<p>Die Versammlung trennte sich und binnen wenigen Stunden war die Rede +des Prinzen in ganz London bekannt. Daß er König werden mußte, war jetzt +klar. Die einzige Frage war nur noch, ob er die königliche Würde allein +oder mit der Prinzessin gemeinschaftlich bekleiden sollte. Halifax und +einige andere Staatsmänner, welche die Gefahr einer Theilung +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_68" id = "pageX_68"> +X.68</a></span> +der höchsten Executivgewalt in grellem Lichte erblickten, hielten es für +wünschenswerth, daß Marie, so lange Wilhelm lebte, nur Königsgemahlin +und Unterthanin sein sollte. Obgleich sich viel zu Gunsten eines solchen +Arrangements sagen ließ, so beleidigte sie doch das Gefühl selbst +derjenigen Engländer, welche dem Prinzen am meisten ergeben waren. Seine +Gemahlin hatte ihm einen beispiellosen Beweis von ehelicher Unterwerfung +und Liebe gegeben, und die geringste Vergeltung dafür von seiner Seite +war die Verleihung der Würde einer regierenden Königin. Wilhelm Herbert, +einer der wärmsten Anhänger des Prinzen, war so entrüstet, daß er aus +dem Bette sprang, an das die Gicht ihn fesselte, und mit Heftigkeit +erklärte, daß er nie für Seine Hoheit das Schwert gezogen haben würde, +wenn er geahnet hätte, daß eine so schmachvolle Anordnung getroffen +werden solle. Niemand aber zeigte sich so gereizt über die Sache als +Burnet. Sein Blut kochte bei dem Gedanken an das seiner gütigen +Beschützerin zugefügte Unrecht. Er gerieth in einen heftigen Streit mit +Bentinck und bat um Enthebung von seinem Kaplanposten. „So lange ich ein +Diener Seiner Hoheit bin,“ sagte der wackere, rechtschaffene Geistliche, +„würde es mir nicht geziemen, einen Plan zu bekämpfen, der vielleicht +seinen Beifall hat. Ich wünsche daher, meine Freiheit wieder zu +erhalten, um mit allen mir von Gott verliehenen Kräften für die +Prinzessin zu kämpfen.“ Bentinck bewog ihn, eine offene Kriegserklärung +so lange aufzuschieben, bis Wilhelm’s Entschließungen näher bekannt sein +würden. In wenigen Stunden war der Plan, der so viel böses Blut gemacht +hatte, völlig aufgegeben, und alle Diejenigen, welche Jakob nicht mehr +als König betrachteten, stimmten in der Art der Wiederbesetzung des +Thrones überein. Wilhelm und Marie mußten König und Königin werden; die +Münzen mußten beider Brustbilder zeigen, die Regierungsdecrete mußten in +beider Namen erlassen werden, beide mußten alle persönlichen Ehren und +Privilegien der Königswürde genießen; aber die Verwaltung, welche nicht +füglich getheilt werden konnte, mußte Wilhelm allein bleiben.<a class = +"tag" name = "tagX_90" id = "tagX_90" href = "#noteX_90">90</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteX_89" id = "noteX_89" href = "#tagX_89">89.</a> +<span class = "antiqua">Burnet, I. 820.</span> Burnet sagt, er habe die +Ereignisse dieser bewegten Zeit nicht in chronologischer Ordnung +berichtet. Ich mußte sie daher nach meinen eigenen Muthmaßungen ordnen, +glaube aber kaum mich zu irren, wenn ich annehme, daß das Schreiben der +Prinzessin in der Zeit zwischen Donnerstag den 31. Jan. und Mittwoch den +6. Febr. ankam und auch der Prinz die Erklärung über seine Absichten +kund gab.</p> + +<p><a name = "noteX_90" id = "noteX_90" href = "#tagX_90">90.</a> +<span class = "antiqua">Mulgrave’s Account of the Revolution.</span> In +den ersten drei Ausgaben habe ich diesen Vorgang unrichtig erzählt. Die +Schuld lag größtentheils an mir selbst, zum Theil aber auch an Burnet, +dessen nachlässiger Gebrauch des Fürworts „er“ mich irreführte. <span +class = "antiqua">Burnet I. 858.</span></p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die Conferenz zwischen den beiden Häusern.</span> +<a name = "secX_55" id = "secX_55">Inzwischen</a> war die zu der freien +Conferenz zwischen den Häusern festgesetzte Zeit herangekommen. Die +Wortführer der Lords nahmen in vollem Ornat ihre Sitze auf der einen +Seite der Tafel im sogenannten gemalten Saale (<span class = +"antiqua">painted chamber</span>) ein; aber auf der andren Seite drängte +sich eine so große Anzahl von Mitgliedern des Hauses der Gemeinen, daß +die Herren, welche die Frage erörtern sollten, nicht hindurchkommen +konnten. Nicht ohne große Schwierigkeit und erst nach geraumer Zeit +gelang es dem Stabträger, ihnen einen Weg zu bahnen.<a class = "tag" +name = "tagX_91" id = "tagX_91" href = "#noteX_91">91</a></p> + +<p>Endlich begann die Verhandlung. Die bei dieser Gelegenheit gehaltenen +Reden sind vollständig auf uns gekommen. Es wird wenige +Geschichtsforscher geben, welche den Bericht darüber nicht mit +gespannter Neugierde zur Hand genommen und mit getäuschten Erwartungen +wieder bei Seite gelegt hätten. Die zwischen den beiden Häusern +obschwebende +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_69" id = "pageX_69"> +X.69</a></span> +Streitfrage wurde von beiden Theilen als eine Rechtsfrage behandelt. Die +Einwürfe der Lords gegen den Beschluß der Gemeinen waren formeller und +technischer Art, ebenso auch die Entgegnungen. Somers vertheidigte den +Gebrauch des Wortes Abdication durch Citate aus Grotius und Brissonius, +Spigelius und Bartolus. Als er aufgefordert wurde, eine Autorität für +die Behauptung anzuführen, daß England ohne Souverain sein könne, legte +er die Parlamentsprotokolle vom Jahre 1399 vor, in denen ausdrücklich +gesagt war, daß der Thron in der Zeit zwischen der Abdankung +Richard’s II. und der Thronbesteigung Heinrich’s IV. vakant +gewesen sei. Die Lords führten zur Widerlegung die Parlamentsprotokolle +vom ersten Regierungsjahre Eduard’s IV. an, aus denen hervorging, +daß die Urkunde von 1399 feierlich annullirt worden war. Sie behaupteten +daher, der Precedenzfall, auf den Somers sich stützte, habe keine +Gültigkeit mehr. Treby kam nun Somers zu Hülfe und legte die +Parlamentsacten vom ersten Regierungsjahre Heinrich’s VII. vor, +welche die Acte Eduard’s IV. aufhoben und demnach die Gültigkeit +der Urkunde vom Jahre 1399 wiederherstellten. Nach einer mehrstündigen +Discussion trennten sich die Disputanten.<a class = "tag" name = +"tagX_92" id = "tagX_92" href = "#noteX_92">92</a> Die Lords +versammelten sich in ihrem Sitzungslokale. Man wußte sehr wohl, daß sie +auf dem Punkte standen, nachzugeben und daß die Conferenz eine bloße +Formalität gewesen war. Die Freunde Mariens hatten eingesehen, daß sie +sie tief gekränkt hatten, indem sie sie als Nebenbuhlerin ihres Gemahls +hingestellt. Einige von den Peers, welche früher für eine Regentschaft +gestimmt hatten, waren entschlossen, wegzubleiben oder den Beschluß des +Unterhauses zu unterstützen. Sie sagten, ihre Ansicht habe sich nicht +geändert, aber eine Regierung sei immer besser als gar keine und die +Nation könne eine Verlängerung dieser qualvollen Ungewißheit nicht +ertragen. Selbst Nottingham, der im gemalten Saale die Discussion gegen +die Gemeinen geleitet hatte, erklärte, sein Gewissen erlaube ihm zwar +nicht, nachzugeben, es freue ihn aber, daß die Gewissen Anderer nicht so +ängstlich seien. Mehrere Lords, die in der Convention noch nicht mit +abgestimmt hatten, waren bewogen worden zu erscheinen; so Lord +Lexington, der eben in aller Eil vom Continent herübergekommen war, der +halb wahnsinnige Earl von Lincoln, der an Krücken gehende Earl von +Carlisle, und der Bischof von Durham, der sich verborgen gehalten, um +über das Meer zu flüchten, aber den Wink erhalten hatte, daß sein +Benehmen in der kirchlichen Commission nicht gegen ihn geltend gemacht +werden sollte, wenn er für die Feststellung der Regierung stimmen würde. +Danby, welcher die von ihm verursachte Spaltung zu heilen wünschte, +mahnte das Haus in einer Rede, die seine gewöhnlichen Vorträge an +Genialität noch übertraf, einen Kampf nicht länger fortzusetzen, der dem +Staate verderblich werden könne. Halifax unterstützte ihn kräftig. Der +Muth der Gegner war gebrochen.</p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteX_91" id = "noteX_91" href = "#tagX_91">91.</a> +<span class = "antiqua">Commons’ Journals, Febr. 6. 1688/89.</span></p> + +<p><a name = "noteX_92" id = "noteX_92" href = "#tagX_92">92.</a> +Siehe <span class = "antiqua">Lords’ and Commons’ Journals, Feb. 6. +1688/89</span> und den Bericht über die Conferenz.</p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die Lords geben nach.</span> +<a name = "secX_56" id = "secX_56">Als</a> die Frage gestellt wurde, ob +König Jakob die Regierung niedergelegt habe, sagten nur drei Lords +Nichteinverstanden. Über die Frage, ob der Thron erledigt sei, wurde die +Abstimmung verlangt, und es ergaben sich zweiundsechzig Einverstandene +und siebenundvierzig Nichteinverstandene. Unmittelbar darauf wurde der +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_70" id = "pageX_70"> +X.70</a></span> +Antrag gestellt und ohne Abstimmung angenommen, daß der Prinz und die +Prinzessin von Oranien zum König und zur Königin von England erklärt +werden sollten.<a class = "tag" name = "tagX_93" id = "tagX_93" href = +"#noteX_93">93</a></p> + +<p>Nottingham trug nun darauf an, daß die Fassung des Unterthaneneides +und des Supremateides dergestalt abgeändert werden möchte, daß auch +Diejenigen ihn mit gutem Gewissen leisten könnten, die, wie er selbst, +den Beschluß der Convention mißbilligten, sich aber dennoch vorgenommen +hätten, loyale und gehorsame Unterthanen der neuen Souveraine zu sein. +Gegen diesen Antrag wurde kein Einwurf erhoben. Es kann allerdings kaum +bezweifelt werden, daß die Whigführer und diejenigen toryistischen +Lords, deren Stimmen bei der letzten Abstimmung den Ausschlag gegeben, +sich vorher über diesen Punkt verständigt hatten. Die neuen Eidformeln +wurden den Gemeinen zu gleicher Zeit mit dem Beschlusse, daß der Prinz +und die Prinzessin von Oranien als König und Königin proklamirt werden +sollten, zugesandt.<a class = "tag" name = "tagX_94" id = "tagX_94" href += "#noteX_94">94</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteX_93" id = "noteX_93" href = "#tagX_93">93.</a> +<span class = "antiqua">Lords’ Journals, Feb. 6. 1688/89; Clarendon’s +Diary; Burnet, I. 822</span>, und Dartmouth’s Note; Citters, 8.(18.) +Febr. In Betreff der Zahlen habe ich mich an Clarendon gehalten. Einige +Schriftsteller geben die Majorität kleiner, andere größer an.</p> + +<p><a name = "noteX_94" id = "noteX_94" href = "#tagX_94">94.</a> +<span class = "antiqua">Lords’ Journals, Feb. 6, 7. 1688/89; Clarendon’s +Diary.</span></p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Es werden neue Gesetze zur Sicherung der Freiheit vorgeschlagen.</span> +<a name = "secX_57" id = "secX_57">Man</a> wußte nun, wem die Krone +verliehen werden sollte. Jetzt waren noch die Bedingungen der Verleihung +zu bestimmen. Die Gemeinen hatten einen Ausschuß ernannt, welcher die +zweckmäßig erscheinenden Schritte zur Sicherung des Gesetzes und der +Freiheit gegen die Angriffe zukünftiger Regenten erwägen sollte, und der +Ausschuß hatte einen Bericht erstattet.<a class = "tag" name = "tagX_95" +id = "tagX_95" href = "#noteX_95">95</a> Dieser Bericht empfahl erstens, +daß die großen Prinzipien der Verfassung, welche der entthronte König +verletzt hatte, feierlich bestätigt und daß zweitens verschiedene neue +Gesetze zur Beschränkung der Prärogative und zur Läuterung der +Justizpflege erlassen werden sollten. Die meisten Vorschläge des +Ausschusses waren vortrefflich, aber es war schlechterdings unmöglich, +daß die Häuser in einem Monate, und selbst in einem Jahre so zahlreiche, +so mannichfaltige und so wichtige Angelegenheiten erledigen konnten. Es +war unter andrem vorgeschlagen, daß die Miliz neu organisirt, das Recht +des Souverains, die Parlamente zu prorogiren und aufzulösen, beschränkt +und die Dauer der Parlamente begrenzt werden sollte; daß bei einer +parlamentarischen Anklage keine Berufung an die königliche Gnade mehr +zulässig sein, daß den protestantischen Dissenters Duldung gewährt, daß +das Verbrechen des Hochverraths genauer bestimmt, daß +Hochverrathsprozesse in einer die Unschuld mehr schützenden Weise +geführt, daß die Richter auf Lebenszeit angestellt, daß die +Ernennungsart der Sheriffs abgeändert werden, daß die Wahl der +Geschwornen hinfüro in einer Weise stattfinden sollte, welche +Parteilichkeit und Bestechung ausschloß, daß der Gebrauch, bei der Kings +Bench Criminalklagen anhängig zu machen, abgeschafft, daß der +Kanzleigerichtshof reformirt, daß die Gebühren der öffentlichen Beamten +regulirt und daß die Quo-Warranto-Acte verbessert werden sollte. Es war +augenscheinlich, daß eine umsichtige und besonnene Gesetzgebung über +diese Gegenstände das Werk mehr als einer geschäftsreichen Session sein +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_71" id = "pageX_71"> +X.71</a></span> +mußte, und eben so augenscheinlich war es, daß eine übereilte und +unreife Gesetzgebung über so wichtige Dinge neue Mißstände erzeugen +würde, schlimmer als die, welche sie vielleicht beseitigen konnte. Wenn +der Ausschuß alle die Reformen aufzählen wollte, welche vor der +Wiederbesetzung des Thrones bewerkstelligt werden mußten, so war die +Liste unsinnig lang. Wollte er dagegen eine Liste aller Reformen geben, +welche die gesetzgebende Versammlung zur geeigneten Zeit durchführen +sollte, so war die Liste sehr unvollständig. Sobald der Bericht +vorgelesen war, erhob sich in der That ein Mitglied nach dem andren, um +einen Zusatz zu beantragen. Es wurde vorgeschlagen und angenommen, daß +der Stellenverkauf verboten, die Habeascorpusacte wirksamer gemacht und +das Gesetz über die <span class = "antiqua">Mandamus</span><a class = +"tag" name = "tagX_96" id = "tagX_96" href = "#noteX_96">96</a> revidirt +werden sollte. Der eine Gentleman griff die Herdgeldeinnehmer, ein +andrer die Acciseeinnehmer an, und das Haus beschloß, daß den +Mißbräuchen dieser beiden Beamtenklassen ein Ziel gesetzt werden sollte. +Ein höchst merkwürdiger Umstand ist es, daß, während das ganze +militairische, gerichtliche und fiskalische System so durchgemustert +wurde, kein einziger Volksvertreter die Aufhebung des Gesetzes +beantragte, welches die Presse einer Censur unterwarf. Selbst die +aufgeklärtesten Männer begriffen damals noch nicht, daß die Freiheit der +Discussion die Hauptschutzwehr aller anderen Freiheiten ist.<a class = +"tag" name = "tagX_97" id = "tagX_97" href = "#noteX_97">97</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteX_95" id = "noteX_95" href = "#tagX_95">95.</a> +<span class = "antiqua">Commons’ Journals, Jan. 29., Feb. 2. +1688/89.</span></p> + +<p><a name = "noteX_96" id = "noteX_96" href = "#tagX_96">96.</a> +Die Befehle der Kings Bench an untergeordnete Gerichte, so genannt nach +dem Anfangsworte. Der Übersetzer.</p> + +<p><a name = "noteX_97" id = "noteX_97" href = "#tagX_97">97.</a> +<span class = "antiqua">Commons’ Journals, Feb. 2. 1688/89.</span></p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Streitigkeiten und Vergleich.</span> +<a name = "secX_58" id = "secX_58">Das</a> Haus war in großer +Verlegenheit. Einige Redner erklärten mit Heftigkeit, man habe schon zu +viel Zeit verloren und die Regierung müsse ohne noch einen einzigen Tag +zu säumen, festgestellt werden. Die Gesellschaft sei besorgt, der +Verkehr stocke, der englischen Colonie in Irland drohe die Gefahr des +Untergangs, ein auswärtiger Krieg stehe zu befürchten, der verbannte +Tyrann könne binnen wenigen Wochen mit einer französischen Armee in +Dublin sein und von Dublin aus könne er bald nach Chester übersetzen. +Sei es nicht wahnsinnig, in einer so kritischen Zeit den Thron unbesetzt +zu lassen, und während die ganze Existenz der Parlamente gefährdet sei, +die Zeit mit Debattirung über die Frage zu vergeuden, ob die Parlamente +durch den Souverain oder durch sich selbst prorogirt werden sollten? Auf +der andren Seite wurde gefragt, ob die Convention ihre Aufgabe damit +gelöst zu haben glaube, daß sie einen Fürsten vom Throne gestürzt und +einen andren auf denselben erhoben habe? Gewiß, jetzt oder nie sei es +Zeit, die öffentliche Freiheit durch Schutzwehren zu sichern, welche den +Übergriffen der Prärogative wirksam vorbeugen könnten.<a class = "tag" +name = "tagX_98" id = "tagX_98" href = "#noteX_98">98</a> Die auf beiden +Seiten geltend gemachten Gründe waren ohne Zweifel von großem Gewicht. +Die talentvollsten Führer der Whigpartei, unter denen Somers rasch einen +großen Einfluß erlangte, schlugen einen Mittelweg vor. Das Haus, sagten +sie, habe zwei Ziele im Auge, welche streng von einander geschieden +werden müßten. Das eine Ziel sei die Sicherung der alten Verfassung des +Reichs gegen ungesetzliche Angriffe, das andre die Verbesserung dieser +Verfassung durch gesetzliche Reformen. Das erstere Ziel könne dadurch +erreicht werden, daß man den Anspruch der englischen +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_72" id = "pageX_72"> +X.72</a></span> +Nation auf ihre alten Freiheiten durch Aufnahme in den Beschluß, welcher +die neuen Souveraine auf den Thron erhob, feierlich verbriefe, so daß +der König seine Krone und das Volk seine Rechte kraft einer und der +nämlichen Urkunde besitze. Der letztere Gegenstand werde einen ganzen +Band sorgfältig ausgearbeiteter Gesetze erfordern. Der erstere Zweck +könne in einem Tage, der zweite kaum in fünf Jahren erreicht werden. +Über jenen seien alle Parteien einig; über diesen herrsche große +Meinungsverschiedenheit. Kein Mitglied beider Häuser werde einen +Augenblick zögern dafür zu stimmen, daß der König die Steuern nicht ohne +Bewilligung des Parlaments erheben dürfe; aber es werde schwerlich ein +neues Gesetz über das Verfahren in Hochverrathsprozessen entworfen +werden können, das nicht lange Debatten hervorrufen und von dem Einen +als ungerecht gegen den Angeklagten, von dem Andren als ungerecht gegen +die Krone verworfen werden würde. Die Aufgabe einer außerordentlichen +Versammlung der Stände des Reiches sei nicht, die gewöhnlichen Arbeiten +eines Parlaments zu erledigen, die Gebühren des Kanzleigerichts zu +reguliren, und den ungesetzlichen Forderungen der Visitatoren +vorzubeugen, sondern vielmehr die große Regierungsmaschine wieder in +Gang zu bringen. Wenn dies geschehen sei, dann würde es an der Zeit sein +zu fragen, welcher Verbesserungen unsere Institutionen bedürften, auch +habe diese Verzögerung durchaus keine Gefahr, denn ein Souverain, der +lediglich durch die Wahl der Nation regiere, könne einer Verbesserung, +welche die Nation durch das Organ ihrer Vertreter verlange, seine +Zustimmung unmöglich lange verweigern.</p> + +<p>Aus diesen Gründen beschlossen die Gemeinen mit weiser Vorsicht, alle +Reformen so lange aufzuschieben, bis die alte Verfassung des Reichs in +allen ihren Theilen wiederhergestellt sein würde und unverzüglich den +Thron zu besetzen, ohne Wilhelm und Marien eine andre Verpflichtung +aufzulegen, als daß sie den bestehenden Gesetzen Englands gemäß +regierten. Damit die zwischen den Stuarts und der Nation streitig +gewesenen Fragen nie wieder aufgeregt werden möchten, wurde beschlossen, +daß das Instrument, durch welches der Prinz und die Prinzessin von +Oranien auf den Thron berufen und die Thronfolgeordnung festgestellt +wurde, die Grundprinzipien der Verfassung auf das Bestimmteste und +Feierlichste darlegen sollte.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteX_98" id = "noteX_98" href = "#tagX_98">98.</a> +<span class = "antiqua">Grey’s Debates</span>; <span class = +"antiqua">Burnet, I. 822.</span></p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die Rechtserklärung.</span> +<a name = "secX_59" id = "secX_59">Diese</a> unter der Bezeichnung +„Rechtserklärung“ bekannte Urkunde wurde durch einen Ausschuß, in +welchem Somers den Vorsitz führte, entworfen. Daß dieser junge Advokat +von niederer Herkunft schon zehn Tage, nachdem er zum ersten Male im +Hause der Gemeinen gesprochen, zu einem so ehrenvollen und wichtigen +Posten in einem mit geschickten und erfahrenen Männern gefüllten +Parlamente ernannt wurde, beweist zur Genüge die Überlegenheit seines +Geistes. In wenigen Stunden war die Erklärung entworfen und von den +Gemeinen gebilligt. Die Lords nahmen sie ebenfalls mit einigen +unwesentlichen Abänderungen an.<a class = "tag" name = "tagX_99" id = +"tagX_99" href = "#noteX_99">99</a></p> + +<p>Die Erklärung begann mit einer Aufzählung der Verbrechen und Fehler, +welche eine Revolution nothwendig gemacht hatten. Jakob habe +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_73" id = "pageX_73"> +X.73</a></span> +in das Gebiet der Gesetzgebung eingegriffen, er habe bescheidenes +Petitioniren als Verbrechen behandelt, habe die Kirche durch ein +gesetzwidriges Tribunal tyrannisirt, habe ohne Zustimmung des Parlaments +Steuern erhoben und in Friedenszeiten ein stehendes Heer unterhalten, +habe die Wahlfreiheit verletzt und den Gang der Rechtspflege willkürlich +abgeändert. Handlungen, welche nach dem Gesetz nur vom Parlament +untersucht werden könnten, wären zu Klagobjecten bei der Kings Bench +gemacht worden. Es seien parteiische und bestochene Geschworne ernannt, +von Gefangenen übermäßig hohe Kautionen verlangt, barbarische und +ungebräuchliche Strafen verhängt und das Vermögen von Angeklagten noch +vor ihrer Überführung anderweitig vergeben worden. Der Mann, unter +dessen Autorität dies Alles geschehen sei, habe die Regierung +niedergelegt. Der Prinz von Oranien, den Gott zum ruhmvollen Werkzeuge +der Befreiung der Nation von Aberglauben und Tyrannei berufen, habe die +Stände des Reichs aufgefordert, zusammenzutreten und sich über die +Sicherung der Religion, des Gesetzes und der Freiheit zu berathen. Nach +stattgefundener Berathung hatten die Lords und die Gemeinen beschlossen, +zuerst nach dem Beispiele ihrer Vorfahren die alten Rechte und +Freiheiten Englands zu bestätigen. Es werde demgemäß erklärt, daß die +neuerdings angemaßte und ausgeübte Dispensationsgewalt gesetzlich nicht +bestehe, daß der Souverain ohne Bewilligung des Parlaments von dem +Unterthan kein Geld erheben dürfe und daß ohne Zustimmung des Parlaments +in Friedenszeiten kein stehendes Heer gehalten werden könne. Das +Petitionsrecht der Unterthanen, das Recht der Wahlmänner, die +Volksvertreter nach ihrem freien Ermessen zu wählen, das Recht der +Parlamente auf Freiheit der Discussion und das Recht der Nation auf eine +reine und schonende, dem Geiste ihrer eigenen milden Gesetze +entsprechende Ausübung der Rechtspflege werde feierlich anerkannt und +bestätigt. Alle diese Dinge verlange die Convention im Namen der ganzen +Nation als das unbestreitbare Erbtheil der Engländer. Nachdem die Lords +und Gemeinen so die Grundprinzipien der Verfassung gewahrt, hätten sie +in dem festen Vertrauen, daß der Befreier die von ihm geretteten Gesetze +und Freiheiten heilig halten werde, beschlossen, daß Wilhelm und Marie, +Prinz und Prinzessin von Oranien, auf gemeinsame und einzelne Lebenszeit +zum König und zur Königin von England erklärt werden und daß während der +Dauer ihres gemeinsamen Lebens die Verwaltung der Regierung dem Prinzen +allein zustehen solle. Nach ihnen sollte die Krone der Nachkommenschaft +Mariens, dann der Prinzessin Anna und ihrer Nachkommenschaft, und dann +der Nachkommenschaft Wilhelm’s zufallen.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteX_99" id = "noteX_99" href = "#tagX_99">99.</a> +<span class = "antiqua">Commons’ Journals. Feb. 4, 8, 11, 12.: Lords’ +Journals. Feb. 9, 11, 12. 1688/89.</span></p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Ankunft Mariens.</span> +<a name = "secX_60" id = "secX_60">Inzwischen</a> hatte der Wind +aufgehört, aus Westen zu wehen. Das Schiff, an dessen Bord sich die +Prinzessin von Oranien befand, lag am 11. Februar auf der Höhe von +Margate und am folgenden Morgen ging es bei Greenwich vor Anker.<a class += "tag" name = "tagX_100" id = "tagX_100" href = "#noteX_100">100</a> +Marie wurde mit vielen Äußerungen der Freude und Zuneigung empfangen; +aber ihr Benehmen verletzte die Tories und wurde selbst von den Whigs +nicht für tadellos gehalten. Eine junge Frau, welche durch ein so +trauriges und verhängnisvolles Geschick wie das, welches über den +fabelhaften Häusern des Labdacus und Pelops waltete, in eine solche Lage +versetzt +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_74" id = "pageX_74"> +X.74</a></span> +worden war, daß sie, ohne ihre Pflichten gegen Gott, gegen ihren Gemahl +und gegen ihr Vaterland zu verletzen, sich nicht weigern konnte, den +Thron einzunehmen, von dem so eben ihr Vater herabgestürzt worden war, +hatte betrübt oder wenigstens ernst gestimmt sein sollen. Marie aber war +nicht blos heiter, sondern sogar ausgelassen lustig. Es wurde +versichert, sie habe Whitehall mit einer kindischen Freude darüber, daß +sie nun die Herrin eines so schönen Schlosses sein sollte, betreten, sei +durch alle Zimmer gelaufen, habe in alle Nebenkabinette geblickt und +selbst die Kissen des Staatsbettes untersucht, ohne, wie es schien, +daran zu denken, wer diese prachtvollen Gemächer zuletzt bewohnt hatte. +Burnet, der sie bis dahin als einen Engel in Menschengestalt betrachtet +hatte, konnte bei dieser Gelegenheit nicht umhin, sie zu tadeln. Er war +um so mehr erstaunt über ihr Benehmen, da sie an dem Tage, als er im +Haag von ihr Abschied nahm, wenn auch fest überzeugt, daß sie den Pfad +der Pflicht ging, doch sehr niedergeschlagen gewesen war. Später +erklärte sie ihm, als ihrem Gewissensrath, ihr damaliges Benehmen. +Wilhelm hatte ihr geschrieben, daß einige von Denen, welche ihr +Interesse von dem seinigen zu trennen versucht hatten, ihre +Machinationen noch immer fortsetzten; sie hätten ausgesprengt, daß sie +sich für beeinträchtigt halte, und wenn sie daher ein betrübtes Gesicht +zeigte, so würde dies dem Gerede Grund geben. Er bat sie daher, bei +ihrem ersten Erscheinen heiter und vergnügt auszusehen. Ihr Herz, sagte +sie, sei allerdings von der Heiterkeit weit entfernt gewesen; aber sie +habe ihr Möglichstes gethan und aus Besorgniß, daß sie eine ihren +Gefühlen widerstreitende Rolle nicht gut werde durchführen können, habe +sie dieselbe übertrieben. Ihr Benehmen rief ganze Riese von +Spottschriften in Prosa und in Versen hervor; sie verlor dadurch in der +Meinung einiger Personen, auf deren Achtung sie Werth legte, und die +Welt erfuhr erst, nachdem sie dem Bereiche des Lobes und des Tadels +entrückt war, daß das Benehmen, das ihr den Vorwurf des Leichtsinns und +der Gefühllosigkeit zugezogen hatte, in Wirklichkeit ein seltener Beweis +von der vollkommenen Uneigennützigkeit und Hingebung war, deren der Mann +gar nicht fähig zu sein scheint und die man nur zuweilen bei dem Weibe +findet.<a class = "tag" name = "tagX_101" id = "tagX_101" href = +"#noteX_101">101</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteX_100" id = "noteX_100" href = "#tagX_100">100.</a> +<span class = "antiqua">London Gazette, Feb. 14. 1688/89</span>; +Citters, 12.(22.) Febr.</p> + +<p><a name = "noteX_101" id = "noteX_101" href = "#tagX_101">101.</a> +<span class = "antiqua">Duchess of Marlborough’s Vindication</span>; +<span class = "antiqua">Review of the Vindication; Burnet, I. 781, +825</span>, und Dartmouth’s Note; <span class = "antiqua">Evelyn’s +Diary, Feb. 21. 1688/89.</span></p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Anbietung und Annahme der Krone.</span> +<a name = "secX_61" id = "secX_61">Am</a> Mittwoch den 13. Februar +Morgens waren der Hof von Whitehall und alle benachbarten Straßen mit +Neugierigen angefüllt. Das prächtige Bankethaus, das Meisterstück +Inigo’s und mit Meisterwerken von Rubens ausgeschmückt, war zu einer +großen Ceremonie hergerichtet. Die Wände entlang war die Leibgarde +aufgestellt. Zur Rechten unweit des nördlichen Eingangs hatte sich eine +große Anzahl Peers versammelt. Zur Linken standen die Gemeinen mit ihrem +Sprecher und dem Scepterträger. Die südliche Thür wurde geöffnet und der +Prinz und die Prinzessin von Oranien traten zusammen ein und nahmen +unter dem Thronhimmel Platz.</p> + +<p>Beide Häuser kamen nun mit tiefen Verbeugungen näher. Wilhelm und +Marie gingen ihnen einige Schritte entgegen. Halifax und Powle, jener +zur Rechten, dieser zur Linken, traten vor und Halifax sprach. Die +Convention, sagte er, habe sich zu einem Beschlusse geeinigt, den er +Ihre +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_75" id = "pageX_75"> +X.75</a></span> +Hoheiten anzuhören bitte. Sie gaben ihre Einwilligung und der +Schriftführer des Oberhauses las mit lauter Stimme die Rechtserklärung +vor. Als er geendet hatte, bat Halifax den Prinzen und die Prinzessin im +Namen aller Stände des Reichs, die Krone anzunehmen.</p> + +<p>Wilhelm antwortete für sich und seine Gemahlin, daß die Krone in +ihren Augen einen um so höheren Werth habe, weil sie ihnen als ein +Zeichen des Vertrauens der Nation angeboten werde. „Wir nehmen das, was +Sie uns angeboten haben, dankend an,“ sagte er, und versicherte dann für +seine Person, daß die Gesetze Englands, die er schon einmal vertheidigt, +die Richtschnur seines Verhaltens sein sollten, daß er sich bestreben +werde, das Wohl des Landes zu fördern, daß er über die Mittel und Wege +dazu stets den Rath der beiden Häuser einholen und auf ihr Urtheil mehr +geben werde, als auf sein eignes.<a class = "tag" name = "tagX_102" id = +"tagX_102" href = "#noteX_102">102</a> Diese Worte wurden mit einem +Beifallssturme aufgenommen, den man unten auf den Straßen hörte und auf +den alsbald ein tausendstimmiges Hurrah antwortete. Die Lords und +Gemeinen verließen hierauf unter den gebührenden Ehrfurchtsbezeigungen +das Bankethaus und begaben sich in feierlichem Zuge nach dem +Haupteingange von Whitehall, wo die Herolde und Staatsboten in ihren +prächtigen Wappenröcken warteten.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteX_102" id = "noteX_102" href = "#tagX_102">102.</a> +<span class = "antiqua">Lords’ und Commons’ Journals, Feb. 14. +1688/89</span>; Citters, 15.(25.) Febr. Citters legt Wilhelm noch +stärkere Äußerungen von Achtung vor der Autorität des Parlaments in den +Mund, als sie in den Protokollen stehen; aus Powle’s Reden aber ergibt +es sich, daß die Angabe in den Protokollen nicht ganz richtig war.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Wilhelm und Marie werden ausgerufen.</span> +<a name = "secX_62" id = "secX_62">Die</a> ganze Strecke bis Charing +Croß war ein Meer von Köpfen. Die Pauken erdröhnten, die Trompeten +schmetterten und der Wappenkönig proklamirte mit lauter Stimme den +Prinzen und die Prinzessin von Oranien als König und Königin von +England, forderte alle Engländer auf, von diesem Augenblicke an den +neuen Souverainen Treue und Gehorsam zu schenken und bat den Himmel, der +schon eine so augenfällige Befreiung unsrer Kirche und unsrer Nation +herbeigeführt, daß er Wilhelm und Marien mit einer langen und +glücklichen Regierung segnen möchte.<a class = "tag" name = "tagX_103" +id = "tagX_103" href = "#noteX_103">103</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteX_103" id = "noteX_103" href = "#tagX_103">103.</a> +<span class = "antiqua">London Gazette, Feb. 14. 1688/89; Lords’</span> +und <span class = "antiqua">Commons’ Journals, Feb. 13</span>; Citters, +15.(25.) Febr.; <span class = "antiqua">Evelyn’s Diary, Feb. +21.</span></p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Eigenthümlicher Character der englischen Revolution.</span> +<a name = "secX_63" id = "secX_63">Die</a> englische Revolution war +somit vollendet. Wenn wir sie mit den Revolutionen vergleichen, welche +während der letzten sechzig Jahre so manche Regierung gestürzt haben, so +muß uns ihr eigenthümlicher Character nothwendig auffallen. Warum dieser +Character so eigenthümlich war, ist leicht zu erklären, scheint aber +doch von Lobrednern wie von Tadlern nicht immer begriffen worden zu +sein.</p> + +<p>Die festländischen Revolutionen des achtzehnten und neunzehnten +Jahrhunderts fanden in Ländern statt, wo jede Spur der beschränkten +Monarchie des Mittelalters längst verwischt war. Das Recht des Fürsten, +Gesetze zu machen und Geld zu erheben, war seit vielen Generationen +nicht bestritten worden. Sein Thron wurde durch ein großes stehendes +Heer beschützt. Seine Verwaltung konnte ohne die größte Gefahr, selbst +in den wildesten Ausdrücken nicht getadelt werden. Die persönliche +Freiheit seiner Unterthanen hing lediglich von seinem Willen ab. Es gab +keine einzige Institution mehr, die, soweit die ältesten Leute +zurückdenken konnten, den Unterthan +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_76" id = "pageX_76"> +X.76</a></span> +gegen die ärgsten Excesse der Tyrannei wirksamen Schutz gewährt hätte. +Die großen Rathsversammlungen, welche ehemals die königliche Gewalt +beschränkten, waren der Vergessenheit anheimgefallen. Ihre +Zusammensetzung und ihre Privilegien waren nur noch Alterthumsforschern +bekannt. Wir dürfen uns daher nicht wundern, daß, wenn es Menschen, die +so regiert worden waren, gelang, einer im Stillen schon seit langer Zeit +gehaßten Regierung die höchste Gewalt zu entreißen, sie voll +ungeduldigen Verlangens waren, zu zerstören, und unfähig wieder +aufzubauen, daß jede glänzende Neuerung sie bezauberte, daß sie alle an +das alte System erinnernden Titel, Ceremonien und Ausdrücke verbannten, +und daß sie, ihrer eigenen nationalen Vergangenheit und Tradition +überdrüssig, in den Schriften von Theoretikern nach Regierungsprinzipien +suchten, oder mit unwissender und widerlicher Affectation die Patrioten +von Athen und Rom nachäfften. Eben so wenig dürfen wir uns wundern, daß +auf den heftigen Ausbruch des revolutionairen Geistes eine nicht minder +heftige Reaction folgte und die Unordnung sofort einen härteren +Despotismus erzeugte als der, aus dem sie entstanden war.</p> + +<p>Wären wir in der nämlichen Lage gewesen, wäre Strafford sein +Lieblingsplan „Durch“ gelungen, hätte er eine eben so zahlreiche und +wohl disciplinirte Armee gebildet, wie sie Cromwell einige Jahre später +bildete, hätte eine Reihe ähnlicher Richtersprüche, wie die, welche das +Schatzkammergericht in der Angelegenheit des Schiffsgeldes fällte, das +Recht der Besteuerung des Volks auf die Krone übertragen, hätten die +Sternkammer und die Hohe Commission nach wie vor einem Jeden, der seine +Stimme gegen die Regierung zu erheben wagte, mit Geldstrafen belegt, +verstümmelt und eingekerkert, wäre die Presse bei uns so vollständig +geknechtet worden, wie in Wien oder in Neapel, hätten unsere Könige +allmälig die ganze gesetzgebende Gewalt an sich gezogen, wären sechs +Generationen von Engländern ohne eine einzige Parlamentssession +vorübergegangen, und hätten wir uns dann endlich in einem Augenblicke +wilder Aufwallung gegen unsere Herren erhoben, welch’ einen Ausbruch +würde dies gegeben haben! Mit welch’ einem furchtbaren Krachen, das bis +an die entferntesten Enden der Welt gehört und gefühlt worden wäre, +würde das ganze gewaltige Gebäude der menschlichen Gesellschaft +zusammengestürzt sein! Wie viele Tausende von Verbannten, einst die +glücklichsten und gebildetsten Mitglieder dieses großen Volkes, würden +in den Städten des Festlandes ihr Brot erbettelt oder in den +ungelichteten Wäldern Amerika’s in Hütten von Baumrinde ein Obdach +gesucht haben! Wie oft würden wir das Straßenpflaster von London zu +Barrikaden aufgethürmt, die Häuser von Kugeln zerrissen, die Gassen von +Blut schäumend gesehen haben! Wie oft würden wir selbst in wilder +Leidenschaft von einem Extrem zum andren übergesprungen sein, gegen die +Anarchie im Despotismus Hülfe gesucht haben und durch den Despotismus +wieder zur Anarchie getrieben worden sein! Wie viele Jahre des +Blutvergießens und der Verwirrung würde es uns gekostet haben, ehe wir +nur die Anfangsgründe der Staatswissenschaft gelernt hätten! Wie viele +kindische Theorien würden uns getäuscht haben! Wie viele rohe und +schlecht erwogene Verfassungen würden wir aufgerichtet haben, nur um sie +wieder umstürzen zu sehen! Glücklich hätten wir uns noch preisen können, +wenn eine harte Schule von einem halben Jahrhundert genügt hätte, uns +zum Genuß der wahren Freiheit tauglich zu machen.</p> + +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_77" id = "pageX_77"> +X.77</a></span> +<p>Diesen Calamitäten beugte unsre Revolution vor. Sie war eine streng +defensive Revolution und hatte Verjährung und Legitimität auf ihrer +Seite. Bei uns, und bei uns allein hatte sich eine beschränkte Monarchie +des dreizehnten Jahrhunderts unverändert bis ins siebzehnte erhalten. +Unsere parlamentarischen Institutionen standen noch in voller Kraft. Die +Hauptprinzipien unsrer Verfassung waren vortrefflich. Sie waren zwar +nicht förmlich und genau in einer geschriebenen Urkunde festgestellt, +aber sie fanden sich zerstreut in unseren alten, trefflichen Gesetzen, +und, was noch viel wichtiger war, sie hatten seit vier Jahrhunderten in +den Herzen aller Engländer feste Wurzeln gefaßt. Daß ohne Bewilligung +der Vertreter der Nation kein Gesetz gegeben, keine Steuer erhoben, +keine regulaire Armee gehalten, Niemand nach Willkür des Souverains nur +einen Tag in Haft gesetzt und kein Werkzeug der Regierung sich zur +Rechtfertigung wegen der Verletzung eines Rechts auch des geringsten +Unterthanen auf einen königlichen Befehl berufen konnte: dies waren in +den Augen der Whigs wie der Tories Grundgesetze des Reichs. Ein Land, +das solche Grundgesetze hatte, bedurfte keiner neuen Verfassung.</p> + +<p>Aber wenn es auch keiner neuen Verfassung bedurfte, so war es doch +klar, daß Veränderungen vorgenommen werden mußten. Die schlechte +Regierung der Stuarts und die dadurch erzeugten Unruhen bewiesen +hinreichend, daß unsre Verfassung an irgend einer Stelle mangelhaft war, +und diesen Mangel zu entdecken und ihm abzuhelfen, war die Aufgabe der +Convention.</p> + +<p>Mehrere wichtige Fragen waren noch immer streitig. Unsre Verfassung +war in einer Zeit entstanden, wo die Staatsmänner nicht gewohnt waren, +genaue Definitionen zu machen. Es hatten sich daher fast unmerklich mit +ihren Prinzipien unvereinbare und selbst ihrer Existenz gefährliche +Anomalien gebildet, welche nach und nach die Kraft der Verjährung +erworben hatten, weil sie viele Jahre lang keine ernsten Nachtheile +herbeigeführt. Das Abhülfsmittel für diese Übel bestand darin, daß man +die Rechte des Volks in solchen Ausdrücken feststellte, welche allem +Streite ein Ende machten, und daß man erklärte, kein Precedenzfall könne +irgend eine Verletzung dieser Rechte entschuldigen.</p> + +<p>Wenn dies geschehen war, so konnten unsere Regenten unmöglich das +Gesetz noch mißverstehen; wenn aber nicht noch etwas Andres geschah, war +es durchaus nicht unwahrscheinlich, daß sie es dennoch verletzten. +Leider hatte die Kirche seit langer Zeit die Nation gelehrt, daß unter +allen unseren Institutionen die erbliche Monarchie allein göttlich und +unverletzbar sei, daß das Recht des Hauses der Gemeinen auf einen +Antheil an der gesetzgebenden Gewalt ein bloß menschliches Recht sei, +daß aber das Recht des Königs auf den Gehorsam seines Volks von oben +stamme, daß die Magna Charta ein Gesetz sei, das von denen, die es +gemacht hätten, wieder aufgehoben werden könne, daß aber die Regel, +welche die Prinzen von königlichem Geblüt nach der Erbfolgeordnung auf +den Thron beriefe, göttlichen Ursprungs und daß jede dieser Regel +widerstreitende Parlamentsacte null und nichtig sei. Es liegt auf der +Hand, daß in einem Staate, wo solche abergläubische Begriffe +vorherrschen, die verfassungsmäßige Freiheit stets gefährdet sein muß. +Eine Macht, welche blos als eine menschliche Anordnung betrachtet wird, +kann kein wirksamer Zügel für eine Macht sein, die für eine Verordnung +Gottes angesehen wird. Man wird vergebens hoffen, daß Gesetze, so +vortrefflich sie +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_78" id = "pageX_78"> +X.78</a></span> +auch sein mögen, auf die Dauer einen König zügeln werden, der nach +seiner eigenen, wie nach der Meinung eines großen Theils seines Volks +eine ungleich höhere Autorität besitzt, als jene Gesetze. Dem +Königstitel diese geheimnißvollen Attribute zu nehmen und das Prinzip +festzustellen, daß die Könige auf Grund eines Rechtes regieren, das sich +in keiner Weise von dem Rechte unterscheidet, nach welchem die +Freisassen Grafschaftsvertreter wählen, oder die Richter Verhaftsbefehle +ausstellen, war zur Sicherung unserer Freiheiten durchaus +nothwendig.</p> + +<p>So hatte die Convention zwei große Pflichten zu erfüllen: erstens die +Grundgesetze des Reichs von aller Zweideutigkeit zu reinigen, und +zweitens aus dem Geiste der Regierenden wie der Regierten die irrige und +verderbliche Meinung auszurotten, daß die königliche Prärogative etwas +Erhabeneres und Geheiligteres sei als jene Grundgesetze. Das erstere +Ziel wurde durch den feierlichen Eingang der Rechtserklärung erreicht, +das andre durch den Beschluß, welcher den Thron für erledigt erklärte +und Wilhelm und Marien einlud, denselben einzunehmen.</p> + +<p>Die Veränderung scheint unbedeutend zu sein. Nicht ein einziges +Kleinod der Krone wurde angetastet, nicht ein einziges neues Recht wurde +dem Volke gegeben. Das ganze englische Recht im Allgemeinen wie im +Besonderen war nach der Ansicht der größten Juristen, wie Holt und +Treby, Maynard und Somers, nach der Revolution noch genau das nämliche +wie vor derselben. Einige streitige Punkte waren nach dem Ausspruche der +besten Juristen entschieden worden und es hatte eine kleine Abweichung +von dem regelmäßigen Gange der Thronfolge stattgefunden. Dies war Alles, +und es war genug.</p> + +<p>Wie unsre Revolution eine Vertheidigung alter Rechte war, so wurde +sie auch mit strenger Beobachtung alter Formalitäten vollbracht. Fast in +jedem Worte und Schritte kann man eine tiefe Verehrung der Vergangenheit +erkennen. Die Stände des Reichs beriethen sich in den alten Hallen und +nach den alten parlamentarischen Regeln. Powle wurde nach der +althergebrachten Form von dem Antragsteller und dem Unterstützer zu +seinem Präsidentenstuhle geführt. Der Scepterträger führte die +Abgesandten der Lords an den Tisch der Gemeinen und es wurden die drei +pflichtmäßigen Verbeugungen gemacht. Die Conferenz wurde mit allen +alterthümlichen Formalitäten abgehalten. Auf der einen Seite der Tafel +im gemalten Saale saßen die Wortführer der Lords bedeckten Hauptes und +in ihren mit Hermelin und Gold besetzten Mänteln. Die Wortführer der +Gemeinen standen entblößten Hauptes auf der andren Seite. Die Reden +bilden einen fast komischen Contrast gegen die Revolutionsrhetorik jedes +andren Landes. Beide englische Parteien waren darüber einig, die alten +constitutionellen Überlieferungen des Reichs mit feierlicher +Ehrerbietung zu behandeln. Die Frage war nur, wie diese Überlieferungen +zu verstehen seien. Die Vertheidiger der Freiheit sprachen kein Wort von +der natürlichen Gleichheit der Menschen und der unveräußerlichen +Souverainetät des Volks, von Harmodius oder Timoleon, von Brutus dem +Älteren oder Brutus dem Jüngeren. Als man ihnen sagte, daß die Krone +nach englischem Recht im Augenblicke ihrer Erledigung auf den nächsten +Erben übergehen müsse, so erwiederten sie, daß nach englischem Rechte +ein lebender Mensch keinen Erben haben könne. Als man ihnen sagte, der +Fall sei noch nie vorgekommen, daß der Thron für erledigt erklärt worden +wäre, so legten sie aus den im Tower aufbewahrten Urkunden +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_79" id = "pageX_79"> +X.79</a></span> +ein fast dreihundert Jahr altes Pergament vor, auf welchem in +wunderlicher Schrift und in barbarischem Latein geschrieben stand, daß +die Stände des Reichs den Thron eines treulosen und tyrannischen +Plantagenet für erledigt erklärt hatten. Als endlich der Streit +beigelegt war, wurden die neuen Herrscher mit dem althergebrachten +Gepränge ausgerufen. Der ganze phantastische Pomp des Heroldwesens war +dabei: Clarencieux und Norroy, Portcullis und Rouge Dragon<a class = +"tag" name = "tagX_104" id = "tagX_104" href = "#noteX_104">104</a>, die +Trompeten, die Banner und die mit Löwen und Lilien gestickten grotesken +Wappenröcke. Auch der Titel „König von Frankreich,“ den der Sieger von +Cressy sich beigelegt, wurde von den königlichen Titulaturen nicht +ausgeschlossen. Uns, die wir das Jahr 1848 erlebt haben, muß es fast als +ein Wortmißbrauch erscheinen, daß man einer mit so reiflicher +Überlegung, mit so ruhiger Besonnenheit und so ängstlicher Beobachtung +der herkömmlichen Etikette bewerkstelligten Veränderung den +schrecklichen Namen einer Revolution giebt.</p> + +<p>Und doch war diese Revolution, obgleich die mindest gewaltsame aller +Revolutionen, die wohlthätigste von allen. Sie entschied für immer die +große Frage, ob das volksthümliche Element, das sich seit den Zeiten der +Fitzwalter und de Monfort in der englischen Verfassung vorfand, durch +das monarchische Element zerstört werden, oder ob es sich frei sollte +entwickeln und das vorherrschende werden dürfen. Der Kampf zwischen den +beiden Prinzipien war lang, heftig und zweifelhaft gewesen. Er hatte +vier Regierungen hindurch gedauert und hatte Aufstände, Staatsprozesse, +Rebellionen, Schlachten, Belagerungen, Proscriptionen und Justizmorde +herbeigeführt. Bald hatte es den Anschein gehabt, als ob die Freiheit, +bald wieder, als ob die Monarchie auf dem Punkte stände unterzugehen. +Viele Jahre lang war die eine Hälfte der Kraft Englands beschäftigt +gewesen, die andre Hälfte zu bekämpfen. Die ausübende Gewalt und die +gesetzgebende Gewalt hatten einander in ihrer Thätigkeit so gehemmt, daß +der Staat in Europa fast keine Bedeutung gehabt hatte. Der Wappenkönig, +welcher Wilhelm und Marien vor dem Eingange von Whitehall proklamirte, +verkündete sehr wahr, daß dieser große Kampf nun vorüber sei, daß +vollkommene Einigkeit zwischen dem Throne und dem Parlamente obwalte, +daß das so lange abhängige und erniedrigte England wieder eine Macht +ersten Ranges geworden sei, daß die alten Gesetze, welche die +Prärogative beschränkten, hinfüro eben so heilig wie die Prärogative +selbst gehalten und bis zu allen ihren Consequenzen durchgeführt, daß +die ausübende Verwaltung in Übereinstimmung mit den Ansichten der +Vertreter des Volks geleitet und daß keine Reform, welche die beiden +Häuser nach reiflicher Erwägung vorschlagen würden, bei dem Souverain +beharrlichen Widerstand finden werde. Obwohl die Rechtserklärung nichts +zum Gesetz machte, was nicht vorher schon Gesetz gewesen wäre, so +enthielt sie doch den Keim des Gesetzes, das dem Dissenter +Religionsfreiheit gab, des Gesetzes, das die Unabhängigkeit der Richter +sicherte, des Gesetzes, das die Dauer der Parlamente beschränkte, des +Gesetzes, das die Preßfreiheit unter den Schutz von Geschwornen stellte, +des Gesetzes, das den Sklavenhandel verbot, des Gesetzes, das den +Religionseid abschaffte, des Gesetzes, das die Katholiken von den +Ausschließungen von Civilämtern befreite, des Gesetzes, welches das +System der Volksvertretung reformirte, kurz jedes guten Gesetzes, das +seit hundertsechzig Jahren eingeführt worden ist, wie +<span class = "pagenum"><a name = "pageX_80" id = "pageX_80"> +X.80</a></span> +jeden guten Gesetzes, das auch fernerhin im Laufe der Seiten zur +Förderung des Gemeinwohls und zur Befriedigung der Wünsche der +öffentlichen Meinung für nöthig befunden werden wird.</p> + +<p>Das beste Lob aber, das man der Revolution von 1688 geben kann, ist, +das sie unsre letzte Revolution war. Seit mehreren Generationen hat kein +verständiger und patriotischer Engländer mehr daran gedacht, sich gegen +die bestehende Regierung aufzulehnen. Alle rechtschaffenen und denkenden +Geister sind der Überzeugung, in der sie durch die tägliche Erfahrung +bestärkt werden, daß die <ins class = "correction" title = "Original hat »Mitttel«">Mittel</ins>, um jede der Verfassung nöthige Verbesserung zu +bewirken, von der Verfassung selbst geboten sind.</p> + +<p>Unsre gegenwärtige Generation sollte besser als irgend eine die volle +Bedeutung des Widerstandes unserer Vorfahren gegen das Haus Stuart zu +würdigen vermögen. Rings um uns her wird die Welt von den +Verzweiflungskämpfen großer Nationen erschüttert. Regierungen, welche +noch vor Kurzem alle Aussicht auf ein jahrhundertelanges Fortbestehen zu +haben schienen, sind plötzlich erschüttert und gestürzt worden. In den +stolzesten Hauptstädten des westlichen Europa ist Bürgerblut geflossen. +Alle bösen Leidenschaften, die Gewinnsucht und der Rachedurst, die +Antipathie zwischen den Klassen und zwischen den Stämmen haben sich von +dem Zwange göttlicher und menschlicher Gesetze losgerissen. Furcht und +Angst haben die Stimmen von Millionen verdüstert und ihre Herzen +bekümmert. Der Handel ist ins Stocken gerathen und die Industrie gelähmt +worden. Die Reichen sind arm, die Armen noch ärmer geworden. Lehren, +welche allen Wissenschaften, allen Künsten und allem Gewerbfleiße feind +sind, Lehren, die, wenn sie praktisch angewendet würden, Alles was +dreißig Jahrhunderte für die Menschheit gethan haben, vernichten und die +schönsten Gauen Frankreichs und Deutschlands zu eben so wilden Ländern +als Congo oder Patagonien machen würden, sind auf der Tribüne gepredigt +und mit dem Schwerte vertheidigt worden. Europa hat die Unterjochung +durch Barbaren gedroht, im Vergleich mit denen die Barbaren Attila’s und +Alboin’s aufgeklärt und menschlich waren. Die aufrichtigsten Freunde des +Volks haben mit tiefem Schmerze gestanden, daß Interessen, welche +kostbarer als irgend welche politische Rechte sind, auf dem Spiele +stehen, und daß es nöthig werden könnte, selbst die Freiheit zu opfern, +um die Civilisation zu retten. Währenddem ist auf unsrer Insel der +regelmäßige Gang der Regierung nie auch nur einen Tag unterbrochen +worden. Die wenigen schlechten Menschen, denen nach Zügellosigkeit und +Plünderung gelüstete, haben nicht den Muth gehabt, nur einen Augenblick +der Kraft einer fest um den angestammten Thron geschaarten Nation zu +trotzen. Und fragt man nach dem Grunde dieses Unterschiedes zwischen uns +und Anderen, so ist die Antwort darauf: weil wir nie das verloren haben, +was Andere mit blinder Hast wieder zu gewinnen suchen. Weil wir im +siebzehnten Jahrhundert eine erhaltende Revolution gehabt haben, darum +haben wir im neunzehnten keine zerstörende Revolution gehabt. Weil wir +inmitten der Knechtschaft Freiheit hatten, darum haben wir inmitten der +Anarchie Ordnung. Für das Ansehen des Gesetzes, für die Sicherheit des +Eigenthums, für die Ruhe unserer Straßen und für das Glück unserer +Familien gebührt unser Dank nächst Dem, der nach seinem Willen die +Nationen erhebt und zu Boden wirft, dem Langen Parlamente, der +Convention und Wilhelm von Oranien.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteX_104" id = "noteX_104" href = "#tagX_104">104.</a> +Bezeichnungen verschiedener Wappenherolde. — Der Übers.</p> + +<p> </p> + +<hr class = "small"> + +<p> </p> + +<h6>Druck von Philipp Reclam jun. in Leipzig.</h6> + +</div> +<!-- end overall German div --> + +<p> </p> +<p> </p> +<hr class="full"> +<p>***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE VON ENGLAND SEIT DER THRONBESTEIGUNG JAKOB'S DES ZWEITEN***</p> +<p>******* This file should be named 36217-h.txt or 36217-h.zip *******</p> +<p>This and all associated files of various formats will be found in:<br> +<a href="http://www.gutenberg.org/dirs/3/6/2/1/36217">http://www.gutenberg.org/3/6/2/1/36217</a></p> +<p>Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed.</p> + +<p>Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://www.gutenberg.org/about/contact + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's +eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII, +compressed (zipped), HTML and others. + +Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over +the old filename and etext number. 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For +example an eBook of filename 10234 would be found at: + +http://www.gutenberg.org/dirs/1/0/2/3/10234 + +or filename 24689 would be found at: +http://www.gutenberg.org/dirs/2/4/6/8/24689 + +An alternative method of locating eBooks: +<a href="http://www.gutenberg.org/dirs/GUTINDEX.ALL">http://www.gutenberg.org/dirs/GUTINDEX.ALL</a> + +*** END: FULL LICENSE *** +</pre> +</body> +</html> diff --git a/36217-h/images/floral.png b/36217-h/images/floral.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..43c6737 --- /dev/null +++ b/36217-h/images/floral.png diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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