The Project Gutenberg EBook of Seelenverkufer, by M. Gontard-Schuck

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Title: Seelenverkufer
       Das Schicksal einer Deutsch-Amerikanerin

Author: M. Gontard-Schuck

Release Date: April 30, 2011 [EBook #35999]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SEELENVERKUFER ***




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  M. GONTARD-SCHUCK

  SEELENVERKUFER

  DAS SCHICKSAL
  EINER DEUTSCH-AMERIKANERIN



  VIERTES UND FNFTES TAUSEND


  [Illustration: F.F.&C.]



  BERLIN / F. FONTANE & CO.



  Das erste bis dritte Tausend erschien als erste Auflage im Juni 1914,
  das vierte und fnfte Tausend im darauffolgenden Monat.

  Auf Grund des U. G. vom 19. Mai 1909 gegen Nachdruck geschtzt.

  Copyright 1914 by F. Fontane & Co.





          Per me si va nella citt dolente,
          Per me si va nell' eterno dolore,
          Per me si va tra la perduta gente.

    Der Eingang bin ich zu der Stadt der Schmerzen,
    Der Eingang bin ich zu den ew'gen Qualen,
    Der Eingang bin ich zum verlorenen Volke ...

                      (_Dante, Inferno._)




Inhalt


  I. Kindheit                 1

  II. Der neuen Welt zu      24

  III. Nacht                 36

  IV. Sonnenaufgang          94

  V. Als Stewarde          131

  VI. Im sichern Hafen      183

  VII. Eine Abrechnung      224

  VIII. Ans Werk            255




I.

Kindheit.


Zum letzten Male liegst du vor mir, mein treuer Weggeno. Zum letzten
Male, ehe ich dich hinausschicke in die Welt.

Sinnend ruhen meine Blicke auf den ersten Aufzeichnungen aus jener Zeit,
da die verschlossenen Tren des Lebens sich fr mich ffneten.

Ein Kind war ich noch damals, und wie hart hat mich das Schicksal in die
Schmiede genommen, um einen Menschen aus mir zu machen, der Menschen und
menschliche Schwchen versteht.

Und war es nicht gut, da ich noch so jung war? Wie wre es mir sonst
mglich gewesen, die furchtbaren Erlebnisse meiner ersten Jugend so
vollstndig verwinden zu knnen?

Die kindlich unfertigen Schriftzge da vor mir, die noch so gar keine
Charakteristik zeigen, wecken nur eine leise, wehmtige Rhrung in mir.
Von dem Schmerz, der Bitterkeit jener Tage spre ich nichts, gar nichts
mehr.

Vielleicht, weil ich jetzt verstehe, wie alles kommen konnte, ja, wie
alles kommen mute. Wie eine Schuld, die andere nach sich zog, und wie
auch an mir der uralte Fluch sich erfllte, wie in mir das Vergehen der
Eltern seine Shne fand.

Und war es denn berhaupt ein Vergehen? War es Snde?

Meine arme Mutter, was wute sie von Snde in ihrer Waldeinsamkeit?

Ihre Eltern waren stille, wortkarge Menschen, und sie fhlte sich oft
sehr einsam in dem groen, alten Jagdhause oben im Gebirge. Und der
Erbprinz, der als leidenschaftlicher Jger oft ganze Wochen dort oben
zubrachte, hatte nach den Pirschgngen am frhen Morgen Zeit und Mue
genug, sich mit der schnen Frsterstochter zu beschftigen.

Mehr als fr Ruhe und Glck des Mdchens gut war. -- -- --

Der Prinz war ein schner Mann, und das Frsterkind liebte ihn.

Sie mute ihn ja lieben!

Wie selten kamen Fremde in ihre Waldeinsamkeit; und wie begreiflich ist
es, da ihr junges Herz dem ersten, der sich um sie bemhte, zuflog.

Wer will da von Schuld und Snde sprechen?

Aber der rosenrote Traumhimmel des jungen Mdchens wurde gar rauh
zerstrt, als die Folgen sich zeigten. Und Lisbeth mute heiraten. Zwar
nicht den Prinzen, wohl aber seinen Bchsenspanner.

Alles Struben half nichts, der Vater war unerbittlich!

Hoheit wnschte es, so war es fr ihn Befehl.

Der Bchsenspanner erhielt die Pachtung der Domne Neuhof, und ich wurde
als Tochter des Herzoglichen Domnenpchters Georg Albrecht geboren. --

Ich beneide jeden, der auf eine frohe, ungetrbte Kindheit zurckblicken
kann.

Meine ersten Erinnerungen haften an einzelnen hlichen Szenen im
Elternhause. Die weinende, betrbt einherschleichende Mutter, der zornig
scheltende Vater sind die am fernsten liegenden Bilder. Spter entsinne
ich mich, da die Mutter immer krank war. Hliche Auftritte gab es auch
da noch. Ich frchte, ich habe die Mutter nicht so geliebt, wie sie es
um mich verdient hat.

Ihr stilles Dulden lag meiner wilden, aufbrausenden Natur nicht. Am
liebsten wre ich ihrem Peiniger an die Kehle gesprungen, wenn er ihr
harte Worte gab, wenn er mich Wechselbalg oder Kuckucksei nannte.
Obgleich ich die Bedeutung der Worte gar nicht verstand. --

Ich war noch nicht zwlf Jahre alt, als meine Mutter starb. Fr die arme
Dulderin war es eine Erlsung -- fr mich ein Unglck, dessen Tragweite
ich erst in spteren Jahren voll ermessen konnte. Erst viel spter,
Jahrzehnte spter, habe ich verstehen gelernt, was mir an jenem Tage
genommen worden war.

Die Jahre nach dem Tode meiner Mutter, bis zu meinem fnfzehnten Jahre
sind mir wie eine ununterbrochene Kette von Unannehmlichkeiten in
Erinnerung. Lichtblicke waren es, wenn ich zu den Groeltern durfte.
Bei ihnen war ich daheim.

Und als ich eines Tages von meinem Vater gezchtigt worden war --
ungerecht, wie ich meinte -- da ri ich aus, und wanderte zu Fu die
neun Stunden ber den Wald zu den Groeltern.

Einige Tage durfte ich bei ihnen bleiben, dann kam mein Vater, und ich
mute wieder mit nach Hause.

Liebe zu mir war es nicht, die ihn dazu trieb, mich wieder zu holen.
Erst viel spter habe ich begriffen, da, solange er mich bei sich
hatte, immer eine gewisse Nachsicht mit ihm gebt wurde, wenn er mit der
Pacht im Rckstande war. Und das war wohl meistens der Fall.

Das flotte Leben, das er fhrte, verschlang zu viel.

Oft hrte ich damals des Abends Glserklingen und lustiges Frauenlachen
aus den unteren Rumen zu mir herauftnen.

Ich war neugierig -- sehr neugierig.

Aber die alte Rosine schalt mich aus, wenn ich sie fragte.

Du hast getrumt, Kind! In der Nacht schlft man. Wo sollten hier denn
Damen herkommen?

Ich hatte aber doch nicht getrumt. Ich wei es jetzt.




Mein Tagebuch.

Ich habe mir ein Tagebuch gekauft, und heute will ich es einweihen,
heute am Todestage meiner lieben, toten Mutter.

Nun ich aber davorsitze, wei ich gar nicht, was ich schreiben soll. Ich
erlebe so gar nichts. Soll ich schreiben, da ich sehr unglcklich bin?
Das kann ich nicht! Ich bin mir selbst nicht recht klar ber mein
Empfinden. Ich habe etwas sehr Bses getan und wei nicht, was aus mir
werden wird, und darber mte ich doch traurig sein, aber ich bin es
nicht.

Die Groeltern werden schon fr mich sorgen, sie haben es ja immer
getan. -- Und Rudolph? Wie kommt es, da ich so wenig an ihn denke in
meiner Verbannung? Und wie kommt es, da ich keine Nachricht von ihm
bekomme? Ist sein Vater noch immer nicht gesund? --

       *       *       *       *       *

Den 4. Februar.

Ich sitze wieder vor meinem Tagebuch und wei nicht, was ich schreiben
soll. Ich will deshalb eintragen, warum ich hier in E. bin und warum ich
eigentlich unglcklich sein sollte. -- --

Ich war im Frhjahr fnfzehn Jahre alt und sollte Ostern konfirmiert
werden. Unser Inspektor war zum 1. Januar gegangen, und Vater war immer
in einer frchterlichen Laune.

Ich ging mit den andern Dorfkindern zu Pastor Eckebrecht in die
Konfirmandenstunde. Der Pastor war immer sehr gut zu mir, er fragte mich
oft nach den Groeltern und auch, wie es bei uns zu Hause ginge. Auch ob
Vater oft abends zur Stadt fhre.

Am Palmsonntag kamen die Groeltern; das war mir das Liebste an der
ganzen Konfirmation. Die Gromutter backte immer so schnen
Rosinenkuchen.

Wir haben aber gar nicht viel gefeiert, denn der Vater fuhr nach dem
Kaffee gleich wieder in die Stadt, und darber schien Grovater
rgerlich zu sein. Ich freute mich, als er weg war. Mit den Groeltern
allein war es viel schner.

Gromutter sagte mir, da ich bis zum Herbst im Hause bleiben solle,
dann solle ich fort, um etwas zu lernen. Was, das wute ich nicht, war
mir auch einerlei. Mir war die Hauptsache, da ich fortkam. Auch ber
das Wohin machte ich mir keine Sorgen, jedenfalls in eine schne, groe
Stadt, wo es Schaufenster gab, die man sich besehen konnte.

Anna Marie Walter war einmal in Dresden gewesen und hatte mir so viel
davon erzhlt, da ich ganz neugierig war. -- --

Ich bin auch fortgekommen -- aber schn ist es hier nicht. -- --

Am ersten April war ein Volontr bei uns eingetreten. Der Sohn eines
Gutsbesitzers aus dem Hessischen. Er war sehr hbsch, so flott und
lustig, da wir bald gute Freunde waren. --

Warum Rudolph Schnewald gerade zu uns gekommen war, wei ich nicht,
denn lernen konnte er bei uns wahrhaftig nicht viel. Rosine sagte mir,
da er schon auf verschiedenen Gtern gewesen sei, aber nirgends
ausgehalten habe.

Bei uns kam es nicht so genau darauf an. Er bezahlte eine schne Summe
dazu, und das konnte mein Vater gut gebrauchen. -- --

Rudolph war noch nicht vier Wochen bei uns, als wir uns schon heimlich
trafen. Bald im Feld, bald im nahen Gehlz.

Ich liebte ihn sehr, und er nannte mich seine se, kleine Lotte. Ob er
mich ebensosehr geliebt, wie ich ihn? Ich zweifle jetzt oft daran. Wenn
ich darber nachdenke, ist mir, als ob er viel khler und ruhiger
gewesen sei als ich.

Er hat wohl schon mehr junge Mdchen gekannt und geliebt. --

Fr mich war es etwas Neues, berwltigendes.

Ich war in jenen seligen, duftschweren Sommerwochen wie im Fieber. Ich
war gar nicht ich selbst.

Dieses heimliche Suchen und Finden. -- -- --

Ich war so selig, alles in mir drngte diesem Manne entgegen. -- --

Heuernte! Sonnenflimmer und Blumenduft!

Seit Tagen war schnes Wetter; die Heuernte war im vollen Gange. Alles
was Arme hatte, mute helfen. Auch ich half.

Ob ich auch geholfen haben wrde, wenn der Verwalter nicht Rudolph
Schnewald gewesen wre? --

Wir waren beim Heuabladen. Auf dem Wagen unten stand der Groknecht, und
in der Luke stand Rudolph und nahm ab. Ich stand etwas zurck und nahm
Rudolph das Heu ab. Oben auf dem Heu waren noch zwei Kleinmgde, die es
verstauten. Alle anderen, Tagelhner, Knechte, Mgde und Schnitter,
waren auf dem Feld beim Drren.

Als der Wagen leer war, schickte Rudolph die beiden Mdchen nach dem
Heuboden ber der groen Scheune, wo gerade ein Wagen vorfuhr. Im Scherz
nahm er einen Arm voll Heu und warf es ber mich, so da ich ganz
darunter begraben war.

Ich krabbelte mich heraus, nahm einen Arm voll und tat das gleiche. --

Erhitzt und keuchend setzten wir das Spiel eine Zeitlang so fort, dann
sank ich ermattet von der Anstrengung und dem betubenden Duft ins Heu.

Rudolph warf sich ber mich und kte mich, hei, leidenschaftlich,
sinnverwirrend -- -- -- --

Den nchsten Wagen lud ich nicht mit ab. -- --

Tagelang war ich wie betubt. Ob man mir etwas ansah?

Ich wagte mich gar nicht aus dem Hause. Konnte mir denn nicht jeder von
der Stirne lesen, was ich getan?

Doch nichts geschah, alles war wie bisher.

Alles war wie bisher, nur ich war eine andere. --

Drei Tage lie ich mich nicht vor Rudolph sehen, dann hielt ich es nicht
mehr aus. Ich mute ihn sehen, ich mute wissen, was er von mir dachte.

War er auch in einer solch klglichen Stimmung? Schmte er sich auch?

Ich mute ihn sprechen, aber nicht am Tage. Ich wrde ihm nicht in die
Augen sehen knnen. -- --

Gegen Abend, als es dunkel war, ging ich den gewohnten, ihm bekannten
Weg.

Meine Hoffnung trog mich nicht, schon nach kurzer Zeit kam er mir nach.

Ich konnte die Augen nicht aufschlagen, als er zu mir trat.

Wo bist du gewesen, Lotte? Warum bist du die ganzen Tage nicht einmal
herausgekommen? fragte er.

Ich hob die Augen und sah ihm ins Gesicht. Doch da stand nichts als ein
leichtes Verwundern ber mein ihm unerklrliches Fernbleiben. War es
denn mglich! War das, was mich bis ins Innerste aufgerttelt, fr ihn
gar nichts?

Ich war eine andere seit jener Stunde, und er?

Ich wute nicht, was ich sagen sollte und stammelte: Ich -- ich schmte
mich.

Du bist mein kleines Schfchen, sagte er lachend und schlo mich in
die Arme. Komm, la uns noch ein wenig weitergehen.

Wir trafen uns nun tglich und -- bald schmte ich mich nicht mehr.
----

Alles wird zur Gewohnheit, und Rudolph verstand es, meine Gewissensbisse
und Selbstvorwrfe einzuschlfern.

Liebten wir uns denn nicht?

Wen ging es etwas an, wenn wir die heimliche Sigkeit der Liebe
auskosteten?

Wenn ich noch einige Jahre lter bin, wenn ich ausgelernt habe und vom
Militr frei bin, dann wirst du ja doch meine Frau, meine se, kleine
Frau!

Ich war sehr jung, sehr verliebt, und die Sommernchte waren schwl und
voller Dfte. -- --

Der Sommer ist hin und mit ihm meine rosenrote, geheimnisvolle
Verliebtheit. -- --

In den ersten Oktobertagen kam eine Depesche an Rudolph, da sein Vater
pltzlich sehr schwer erkrankt sei; er msse sofort nach Hause kommen.

Wir konnten kaum Abschied nehmen, so rasch ging alles. Ich war ganz
unglcklich. Kam er wieder, ehe ich fortging? Wrde ich ihn noch einmal
sehen, ehe ich in ein Pensionat kam?

Ich war berhaupt in einer ganz schrecklichen Stimmung. Schon seit
einigen Wochen fhlte ich mich gar nicht besonders wohl. Mir war oft so
bel des Morgens, da ich kaum den Kopf erheben konnte.

Am liebsten wre ich jetzt hier geblieben. So sehr ich mich Ostern auf
die Pension gefreut hatte, jetzt hatte ich gar kein Verlangen mehr
danach. Rosine war auch gar nicht gut zu mir, den ganzen Tag schalt sie
mit mir herum. Am liebsten wre ich zur Gromutter gegangen.

Da, am zweiten Sonntag nach Rudolphs Abreise, kam pltzlich ganz
unerwartet die Gromutter.

Ich wei nicht, mir war seltsam beklommen, als sie mir in die Augen sah.
Das gtige, alte Gesicht sah so kummervoll auf mich.

Kind, Kind, was hast du getan, sagte sie dann weinend.

Ich konnte nicht antworten, ich weinte mit; obgleich ich gar nicht wute
worber. Mir war nur pltzlich so bange, so seltsam ahnungsvoll zumute.

Und dann erfuhr ich den Grund von Gromutters Kommen.

Rosine hatte ihr geschrieben: Sie habe schon den ganzen Sommer bemerkt,
da der Windhund, der Schnewald, hinter mir hergelaufen sei, und sie
habe lngst bemerkt, da nicht mehr alles mit mir in Ordnung sei. -- --

Erzhle, Kind, alles Weinen hilft nun nichts mehr, und verheimlichen
lt es sich auch nicht, sagte die Gromutter.

Ich erzhlte. Die Gromutter sa ganz still. Sie sah so gramvoll vor
sich nieder, da ich htte laut aufschreien knnen.

Als ich geendet, nickte sie einige Male still vor sich hin, dann lste
ein Seufzer die beklommene Stille, und Gromutter sagte:

Du gehst heut' abend mit mir, Lottchen. Mach' einstweilen deine Sachen
fertig, ich werde mit dem Vater sprechen, was spter wird, das mssen
wir noch sehen.

Was dann da unten ber mich verhandelt wurde, ich wei es nicht. Oft
drang die scheltende Stimme des Vaters zu mir herauf, aber auch die
sonst so sanfte Stimme der Gromutter war seltsam hart und klar.

Am andern Tage war ich in der Frsterei. Der tiefe Friede, der um das
liebe, alte Haus lag, tat mir wohl. Der Waldbach, der durch den Garten
rauschte, sang mir sein wundersames Lied. Ich fhlte mich geborgen.

Nach einigen Tagen erwartete ich, da der Grovater oder die Gromutter
mit mir sprechen, vielleicht mit mir schelten wrden. Doch nichts von
alledem geschah. Der Grovater sagte gar nichts. -- Nur schien mir, sein
Gang sei noch gebckter und sein Haar noch weier geworden. -- --

Was wrde aus mir werden?

Ich wollte an Rudolph schreiben und wurde zu meinem Schrecken gewahr,
da ich nicht einmal seine Adresse wute. Den Namen seines vterlichen
Gutes wute ich, aber wo lag es?

Oder war Rudolph schon wieder in Neuhof?

Die Groeltern wagte ich gar nicht zu fragen. Htten sie mich doch
gescholten, ich glaube, mir wre wohler gewesen. Diese schweigende Gte
erdrckte mich.

Am Ende der Woche reiste der Grovater nach E. Gromutter sagte mir, da
er eine Pension fr mich suchen wolle; hier knne ich nicht bleiben,
weil die Frsterei zu einsam im Walde liege. -- --

Eigentlich ist es gar keine Frsterei, es ist ein Jagdhaus, das einst
ein Vorfahr des jetzigen Herzogs fr seine Geliebte erbaut hat. Wenn der
Herzog im Sommer auf Schlo Ringhardt residierte, dann wollte er sie
immer in der Nhe haben. Nach Schlo Ringhardt durfte er sie nicht
bringen, dort wohnte seine Mutter, so baute er ihr mitten im Walde,
dreiviertel Stunden entfernt von Schlo Ringhardt, das Jagdschlo
Finsterberg.

Es ist ein zweistckiges Gebude mit weit vorspringendem Dach und
kleinen, bleigefaten Fensterscheiben.

Im Untergescho wohnte jeweilig ein Frster, zu dessen Obliegenheiten es
gehrte, die oberen Rume in Ordnung zu halten. -- --

Jene Zeiten sind lange vorbei. Es wohnt keine geheimnisvolle Unbekannte
mehr da oben, und auf der schnen Chaussee, die damals angelegt wurde,
klingt selten der Hufschlag eines Vollblutes. -- -- --

Weihnachten durfte ich noch bei den Groeltern bleiben, doch es war ein
trauriges Fest; keines von uns dreien hatte Mut und Lust zur lauten
Freude. Lautlos, als lge ein Toter im Hause, gingen wir aneinander hin.

Es lag wie ein Bann ber uns allen. -- -- --

Einige Tage nach Neujahr hat mich der Grovater hierher gebracht. Hier,
bei Frau Martin, soll ich bleiben bis Anfang Mrz, dann komme ich in die
Entbindungsanstalt, die hier in der Stadt ist. Was dann mit mir werden
soll, wenn alles vorber ist, ich wei es nicht. Mir ist unsglich
bange.

Als der Grovater von mir ging, meinte ich, das Herz mte mir brechen
vor Weh. Und vergebens versuchte er mich zu trsten. Ihm selbst war auch
gar weh ums Herz, denn kaum konnte er sprechen vor Rhrung.

Gromutter soll mich bald besuchen. -- -- --

Nun bin ich allein.

Ich habe ein ganz einfaches, sauberes Stbchen. Frau Martin, bei der ich
wohne, ist die Witwe eines Beamten und lebt in ziemlich beschrnkten
Verhltnissen. Sie ist vom Grovater wohl in meine Geschichte eingeweiht
worden, sie qult mich nicht mit Fragen. Sie ist lieb und gut zu mir und
trstet mich, wenn mich das Heimweh gar zu sehr packt.

Ich helfe ihr ein wenig in der kleinen Wirtschaft, dann vergesse ich
wenigstens fr kurze Zeit meinen Kummer.

Was soll ich auch immer tun?

Ich habe so viel berflssige Zeit zum Denken.

Ich schreibe Briefe an Rudolph, ohne je einen abzusenden.

Und nun habe ich mir sogar ein Tagebuch gekauft, obgleich ich sonst
nicht fr solch berflssigen Kram bin. Tagebcher und Poesiealbums
waren mir immer greulich. --

Aber die Langeweile! Die vielen unausgefllten Stunden! --

Mit wem soll ich sprechen? Wem soll ich mein Herz ausschtten? Wenn ich
lter wre, htte ich wohl nicht solches Anlehnungsbedrfnis.

Warum bin ich noch so jung? So furchtbar jung?

Ob ich wohl auch hier wre, wenn meine Mutter noch lebte? -- -- --

       *       *       *       *       *

Den 8. Februar.

Heute hatte ich einen Brief und ein Paket von der Gromutter. Ein
schner, warmer Schlafrock fr mich war darin und dann noch eine Menge
kleiner Schelchen. Kinderwsche! Ach, und von mir! Ich mute weinen.
Das alles habe _ich_ angehabt, als ganz kleines Wrmchen. Ob wohl meine
Mutter alles selbst gemacht hat? Ob sie sich wohl sehr gefreut hat, als
sie mich in den Armen hielt? Ich freue mich gar nicht! Wie knnte ich
auch! Ich wnschte, mein Kind wre tot. Frau Martin sagt mir auch, die
bedauernswertesten Geschpfe auf der Welt seien diese unehelichen
Kinder. Niemand liebe sie. berall wrden sie herumgestoen. Vielleicht
nimmt Gromutter mich mit dem Kinde zu sich, ich wollte es schon recht
gern haben. Aber es soll doch niemand wissen, da ich ein Kind habe,
deshalb haben sie mich doch gerade hierher gebracht.

Und Rudolph schreibt noch immer nicht!

Ob er nicht wei, wo ich bin? -- -- --

       *       *       *       *       *

Den 20. Februar.

Ich glaube, es war doch Unsinn, da ich mir ein Tagebuch gekauft habe.
Manchmal abends, wenn ich es ffne und hineinschreiben will, dann wei
ich nichts. Ich kann doch nicht blo hineinschreiben, was ich den Tag
ber esse und trinke! Und sonst erlebe ich ganz und gar nichts. In die
Stadt bin ich noch nicht einmal gekommen. Wenn ich abends im Dunkeln
spazieren gehe, suche ich immer die Anlagen auf, die hierhinaus liegen.
Da begegne ich fast nie einem Menschen.

Am 1. Mrz soll ich wahrscheinlich schon in die Anstalt. Der Arzt kommt
morgen und untersucht mich, dann wird er sagen, wann ich hinkommen soll.
Wenn alles vorber ist, bleibe ich noch einige Wochen bei Frau Martin,
bis ich mich wieder ganz erholt habe.

Wenn ich nur wte, was dann aus mir werden soll! -- --

       *       *       *       *       *

Den 22. Februar.

Ich darf noch acht Tage lnger bei Frau Martin bleiben. Gestern war der
Doktor hier, es war grlich! Ich habe mich so geschmt. Aber als ich
mich nicht anfassen lassen wollte, wurde er grob. Er ist ein widerlicher
Kerl mit wsserigen Schellfischaugen, ich mag ihn gar nicht. Hoffentlich
ist er gerade krank, wenn es so weit mit mir ist, und es ist ein anderer
da.

berhaupt fand ich es hlich von ihm, gleich so grob zu mir zu sein.
Das kann er sich doch denken, da man sich schmt! Er ist doch ein Mann.

Ob es wohl sehr schlimm ist? Es soll sehr wehe tun. Maria Rettberg sagte
es einmal, als wir noch zu Frulein Fischer gingen. Ihre groe Schwester
hatte ein Baby, und da hatte sie hinter der Portiere versteckt zugehrt,
wie die es ihrer Freundin erzhlt hatte. Sie wre beinahe gestorben.

Aber ich will nicht sterben! Ich bin noch so jung. -- -- --

       *       *       *       *       *

Den 28. April.

Acht Wochen sind es her, seit ich zuletzt in mein Bchlein geschrieben.
Nun ist alles vorber. Ich mute doch frher in die Anstalt, als
bestimmt war; die Niederkunft kam etwas zu frh.

Es war furchtbar! Zuletzt habe ich gar nichts mehr davon gewut, ich war
besinnungslos. Und das war gut. Es wre vielleicht auch besser gewesen,
wenn ich gar nicht wieder zu mir gekommen wre, ist doch auch mein Kind
tot. Sie sagen wenigstens so. Aber ich glaub' es nicht, sie machen alle
so sonderbare Gesichter dabei. Als ich fragte, ob es schon totgeboren
sei, sagte die Schwester ja. Und als ich Frau Martin gestern fragte, wie
lange es gelebt habe, da sagte sie, sie wisse es nicht genau, einige
Stunden nur.

Das widerspricht sich doch!

Ein Knabe ist es gewesen. Mein Kind! Wie mir zumute ist bei dem
Gedanken. Ich habe frher wohl oft gedacht, es sei besser, wenn es tot
wre, und nun mchte ich es doch so gerne haben. Ich wrde es doch sehr
liebhaben.

Wenn ich nur die Wahrheit wte! Aber wer wird sie mir sagen?

Seit gestern bin ich nun wieder bei Frau Martin. Ich sehe jetzt wie ein
Junge aus, ganz kurze Haare habe ich. Das kommt von der Krankheit, sagt
Frau Martin, da gehen einem immer die Haare aus. Ich bin sehr krank
gewesen, Kindbettfieber! Es soll sehr schlimm sein, und manchmal haben
sie nicht gedacht, da ich durchkommen wrde. Gromutter ist lange bei
mir gewesen, ich hab's aber nicht gewut.

Ich bin jetzt sehr mager und bla, und Frau Martin sagt, ich sei noch
gewachsen. Das ist ja auch gut mglich, mit sechzehn Jahren kann man
noch lange wachsen.

Morgen will ich an Vater schreiben, damit er mir Rudolphs Adresse
schreibt. Ich htte es schon frher tun sollen, denn Gromutter sagt's
mir doch nicht. Wir mssen doch nun bald heiraten.

Mir ist ganz sonderbar bei dem Gedanken. Ich wei nicht -- das alles
liegt mir jetzt so weit ab -- so gar nicht mehr, als ob ich die wre,
die in jenen schwlen, duftschweren Sommertagen heimliche Wege
gewandelt. Mein Blut ist so ruhig, und wenn ich an Rudolph denke, ist
mir gar nicht mehr sehnschtig zu Sinn. Es ist schrecklich! Ich glaube
zuweilen, er ist mir ganz gleichgltig. Ich verstehe mich selbst nicht.
Denn das ist doch unmglich! Ich mu ihn doch heiraten! Oder mu ich
vielleicht gar nicht? Knnte ich doch einmal mit der Gromutter
sprechen! Lange bleibe ich nicht mehr hier; im Walde unter meinen
schnen Bumen kann ich mich viel besser erholen. Gibt es ein schneres
Pltzchen, als unter meinen geliebten Tannen? Ich knnte Ziegenmilch
trinken und weite Spaziergnge machen. Wo geht es sich schner, als auf
den schmalen moosgepolsterten Pirschwegen, zwischen den schlanken
Stmmen der Kiefern, wo es so khl und rein ist! Ich will schreiben, sie
sollen mich heimnehmen, sonst werde ich wieder krank. -- -- --

       *       *       *       *       *

Ich habe viel zu schreiben diesmal. Ob ich noch alles genau wei?

Schon acht Tage nach meiner Entlassung aus der Anstalt holte Grovater
mich nach Hause. Sie waren noch immer sehr gut zu mir, alle beide. Viel
zu gut, ich wei es wohl. Aber Gromutter sagt, ich sei zu jung und
unerfahren gewesen, und Rudolph trge ganz allein die Schuld.

Mu ich ihn denn nicht heiraten, Gromutter? fragte ich zagend.

Ach Kind, das ist ja gerade das Schlimme. Er denkt nicht dran. Sein
Vater ist doch gestorben, er hat nun zum Grovater gesagt, er msse
seine beiden Schwestern auszahlen, knne also nur eine reiche Frau
heiraten. Ein Landwirt, der kein Geld in den Hnden habe, knne sich
nicht lange halten.

Einen Augenblick sa ich ganz still, ich wute nicht, sollte ich mich
freuen oder sollte ich betrbt sein. Was aber nun? Wieder zum Vater? Der
wrde schn mit mir umspringen!

Aber das war noch nicht alles, was die Gromutter mir zu sagen hatte.
Vater ist gar nicht mehr auf Neuhof. Die ganze Geschichte ist bald nach
meiner Abreise zusammengebrochen.

Gromutter sagte: Du bist zwar noch sehr jung, aber in Anbetracht aller
Umstnde und weil ich annehme, da dich das, was du jetzt hinter dir
hast, ber deine Jahre hinaus gereift hat, so will ich dir erzhlen, was
du, wenn alles anders gekommen wre, nie httest erfahren drfen.

Und so erfuhr ich alles. Es wurde mir jetzt klar, was ich schon oft
geahnt, wenn ich des Vaters Redensarten und Scheltworte hrte. --

Er ist gar nicht mein rechter Vater. Mein Vater ist ein ganz hoher Herr,
der mein Mtterchen nicht hat heiraten drfen, weil sie nur ein armes
Brgermdchen gewesen ist.

Damit ich aber nicht als uneheliches Kind geboren wurde, hat die Mutter
Georg Albrecht geheiratet. Dafr hat er die Pachtung der Domne Neuhof
sehr billig bekommen. Fr mich selbst ist eine Summe von 50 000 Mark
deponiert worden, von der er bis zu meiner Grojhrigkeit die
Nutznieung gehabt htte.

Und nun? Alles ist fort! Der Vater hat schon lange keine Pacht mehr
bezahlt, immer ist sie ihm wieder gestundet worden, und jetzt ist es
herausgekommen, da er auch mein Geld durchgebracht hat. Alles mit
leichtsinnigen Weibern in Champagner umgesetzt. So geht es mir nun. Weil
der Vater mein Geld mit leichtsinnigen Weibern durchgebracht hat, kann
Rudolph mich nicht heiraten. Denn htte ich die 50 000 Mark, dann wre
ich eine reiche Frau.

Aber bin ich denn berhaupt traurig, da Rudolph mich nicht haben will?
Eigentlich nicht! Wenn ich es mir recht berlege, dann fhle ich mich
eher erleichtert bei dem Gedanken. Wenn ich nur erst wte, was aus mir
werden soll! Ein anderer Mann wird mich auch nicht wollen, denn ich
glaube, die Leute hier wissen doch alles. Und berhaupt, ich will auch
gar keinen haben, die Mnner sind alle schlecht! Alle! Nur Grovater ist
gut! --

Ich will etwas lernen, dann brauch' ich keinen Mann zu heiraten. -- --

Ob ich Gromutter mal frage, ob mein Kind wirklich tot ist?

Warum mir nur so sonderbar ist, wenn ich daran denke. Ich habe doch in
meiner Ohnmacht, in der halben Bewutlosigkeit das Schreien eines Kindes
gehrt! -- --

Mein Haar wchst wieder! Ich fhle mich mit jedem Tage wohler. -- -- --

       *       *       *       *       *

Ich bin glcklich! Gerade, wenn man keinen Ausweg sieht, kommt manchmal
von einer Seite, an die man am wenigsten gedacht, die rettende Hand. --

Ich gehe nach _Amerika_!

Mit vier Worten ist es gesagt, und birgt doch so viel in sich.

Aber nur ruhig und vernnftig!

Also: Die Gromutter hat ihre einzige Schwester drben. Lange schon.
Geschrieben haben die Schwestern sich zuweilen, aber sehr lebhaft ist
der Briefwechsel gerade nicht gewesen in den letzten Jahren.

Die Gromutter hat nun auch mein Unglck nach drben berichtet, und da
hat die Grotante geschrieben, ich solle nach drben kommen. Sie habe
sich schon immer ein Tchterchen gewnscht. Nach einigen Jahren, wenn
ich Sehnsucht nach den Groeltern habe, knnte ich ja auch einmal wieder
zu ihnen fahren.

Ich freute mich sehr, ich lachte und weinte in einem Atem. Da war die
Gromutter sehr traurig, aber dann sagte sie, auch sie she ein, da es
das beste fr mich sei, und ich solle in Zukunft so leben, da ich
tglich und stndlich bestrebt sei, das auszulschen, was ich unbewut
gesndigt. Das sei die beste Shne. -- --

Nun wei ich nicht recht, wie mir ist. Ich freue mich und bin doch auch
wieder traurig. Aber die Freude berwiegt. --

Ich werde sehr fleiig sein in Amerika, damit ich bald reich werde, dann
komme ich wieder, aber Rudolph Schnewald heirate ich dann auch nicht.
Ich hasse ihn! --

Gromutter kauft mir jetzt allerlei schne Sachen, Wsche und Kleider.
Schon am 28. Mai soll ich fahren. Ein Brief an die Grotante ist schon
fort, und ein Platz auf dem Dampfer ist auch bestellt. Die Groeltern
fahren beide mit nach Bremen.

Ich habe sehr viel zu tun jetzt, da werde ich lange nicht einschreiben
knnen.




II.

Der neuen Welt zu.


Den ersten Tag auf See.

Der Abschied von den lieben Alten war schrecklich! Die Gromutter weinte
zum Erbarmen. Und ich? Ich wei nicht, es tat mir ja auch sehr leid,
aber trotzdem -- ich komme mir beinahe schlecht vor -- ich freute mich!
Freute mich auf die groe, unbekannte Welt und auf all das Schne, das
sie mir vielleicht bringt.

Ich bin jung, und ein klein wenig von all den Herrlichkeiten der Welt
ist das Leben mir doch auch schuldig.........?!

Das Wetter ist sehr schn, nur gegen Abend wurde es etwas bewegter.
Hoffentlich behalten wir es so, da ich nicht seekrank werde. Die
Groeltern haben mich dem Kapitn sehr empfohlen, und er will gut auf
mich aufpassen.

Er ist ein reizender Mensch und auch noch gar nicht so alt. Ich habe
frher immer gedacht, die Kapitne wren alle alt und grau. --

       *       *       *       *       *

Den 29. Mai.

Ich habe kein Auge zugetan die ganze Nacht. Das Bett war entsetzlich
hart. Ich bin nicht gewhnt, nur auf der Matratze zu liegen. Und die
Wolldecken zum Zudecken sind auch nicht besonders hbsch.

Ich bin mit einer Dame zusammen im Zimmer, einer Amerikanerin. Das
heit, eigentlich ist sie aus Wien, aber sie ist schon sehr lange in
Amerika. Sie fhrt jedes Jahr zweimal nach Europa. Ich glaube, sie ist
sehr reich. Sie hat die ganzen Hnde voll feiner Ringe. Mit mir ist sie
sehr freundlich und gibt mir allerlei gute Ratschlge.

Hbsch ist sie nicht, aber sehr fein; sie hat so feine Nachthemden, wie
ich noch gar keine gesehen habe. -- --

       *       *       *       *       *

Donnerstag, den 30.

Heute ist schlechtes Wetter, tchtig Wind und Regen. Gegen Abend wurde
es sogar sehr strmisch -- nach unsrer Ansicht.

Zum Mittagessen lag schon alles krank. An unserem Tisch waren nur ganz
wenige erschienen, und whrend des Essens verschwanden auch die noch zum
Teil sehr rasch. Es war mir auch ein wenig sonderbar, ich hab' aber doch
gut gegessen, nur keinen Fisch, der Geruch war mir zu widerlich.

Ich bin gestern abend erst um elf Uhr zu Bett gegangen, habe dann aber
ganz fein geschlafen.

       *       *       *       *       *

Den 1. Juni.

Heute war das Wetter wieder schn; den ganzen Tag sehr ruhig, und
trotzdem sind noch Einige seekrank. Mir schmeckt jetzt wieder alles.
Heute nachmittag zwischen vier und fnf Uhr fuhr auch ein Dampfer an uns
vorbei, nach Hause zu. Mir war ein klein wenig sonderbar zumute, ob es
wohl Heimweh ist? Ich habe recht nette Gesellschaft gefunden. Meine
Zimmergenossin -- Frau Frhlich heit sie -- hat einen Neffen mit an
Bord; gleich am ersten Tage hat sie ihn mir vorgestellt. Er sieht sehr
gut aus, und ich glaube, er mag mich auch gern, denn er ist immer um
mich herum.

Ich glaube, wenn ich nicht so furchtbar viel durchgemacht htte mit den
Mnnern -- ich meine mit Rudolph -- so knnte ich ihn vielleicht
liebhaben, aber so! Nein! Ich werde niemals wieder einen Mann lieben. --
-- --

       *       *       *       *       *

Mr. Smith -- so heit der Neffe -- gibt sich sehr viel Mhe mit mir. Er
will mich Englisch lehren. Die paar Brocken, die ich bei Frulein
Fischer gelernt habe, die helfen mir gar nichts.

An Deck haben wir immer viel Spa. Wenn wir in den Sthlen liegen, kommt
zuweilen der Kapitn und fragt, ob wir auch gut zugedeckt seien oder ob
er den vierten Offizier schicken solle, damit er den Damen die Fe
schn einwickele. Dann gibt es immer groes Gelchter. -- -- -- --

       *       *       *       *       *

Den 2., abends.

Endlich haben wir das lange prophezeite schlechte Wetter. Heut' gegen
Abend waren wir auf der Brcke; es sah wunderschn aus, wenn das Wasser
vorn ber Deck kam und sogar bis zu uns heraufspritzte. Herr Smith ist
sehr aufmerksam, stets ist er in meiner Nhe. Heute frh sa er im Stuhl
neben mir -- seine Tante war im Damenzimmer, da sie sich nicht besonders
wohl fhlte. Er hat mir so viel dummes Zeug vorgeschwatzt. Er sagt, ich
sei sehr schn -- ob das wohl wahr ist? -- Er ist der einzige Erbe
seiner Tante, die sehr reich ist, und kann seiner Frau jeden Wunsch
erfllen. Und wenn er eine so schne Frau htte, wie ich, so wrde er
sie in Samt und Seide kleiden, das mu fein sein. -- Und Geld braucht
sie gar nicht zu haben, er hat nicht ntig, darauf zu sehen.

Wenn ich dagegen an Rudolph denke! Jetzt knnte ich mich schon rchen.
Wenn ich Mr. Smith heiratete, so knnte ich schon nchstes Jahr wieder
zu Besuch nach Hause reisen, und dann knnte ich Rudolph zeigen, da ich
auch ohne Geld einen reichen und hbschen Mann bekommen habe. -- Denn
hbsch ist Herr Smith, hbscher als Rudolph. Aber ich liebe ihn nicht,
kann ihn also auch nicht heiraten. Das habe ich ihm auch gesagt.

Er war sehr traurig -- und da tat er mir wieder leid. -- --

       *       *       *       *       *

Den 3., morgens.

Die Nacht war schrecklich! Das Innere wurde mir frmlich umgedreht.
Scheulich! Ich frchtete wirklich, ich wrde auch noch krank. Um zwei
Uhr bin ich aufgestanden, ich konnte nicht mehr liegen, bald stand ich
nahezu Kopf, bald wieder auf den Fen. Ich habe mich auf das Sofa
gesetzt und eine Apfelsine gegessen, dann war mir etwas menschlicher.

Frau Frhlich ist sehr krank, jetzt sieht sie gar nicht mehr fein aus.
Auch viel lter kommt sie mir vor. Erst dachte ich, sie wre kaum
dreiig.

Aber natrlich, sie hat doch einen Neffen, der 27 Jahre alt ist. --
----

       *       *       *       *       *

Den 4.

Heute ist wieder prachtvolles Wetter. Trotzdem sind noch immer Einige
krank. Ich selbst fhle mich groartig. Ich habe zwar noch nicht ein
einziges Mal bei Tisch gefehlt, aber gestern war's doch nicht so ganz
richtig.

Riesigen Spa haben wir gestern nachmittag gehabt, als wir im Salon zum
Kaffee waren. Ohne da man vorher viel gemerkt hatte, holte das Schiff
pltzlich so stark ber, da unsere Kuchenteller, Kaffeetassen und alles
was nicht fest war, mit einem Male auf der Erde herumflog. Natrlich
groes Geschrei. Alle suchten Zwiebcke zusammen. Kaffee wurde dann
nicht mehr getrunken. Heute abend ist groes Konzert, sogenanntes
Seemannskonzert. Ich gehe auch hin. Alle wollen sich sehr elegant
machen, und ich habe nur ein einfaches weies Kleid, das ich anziehen
kann. --

       *       *       *       *       *

Da sitz' ich nun und halte schon eine ganze Weile die Feder in der Hand,
ohne da ich wei, wo ich beginnen soll. Und doch habe ich so viel zu
schreiben, wie noch nie whrend der ganzen Reise.

Zwischen gestern und heute liegt eine Ewigkeit oder ein ganzes
Menschenschicksal, ich wei es nicht.

Mir ist so sonderbar -- so bange. Ist es das Neue, das Unbekannte, dem
ich entgegengehe?

Es ist wohl hauptschlich der Gedanke: hast du auch recht getan, der
mich qult. --

Ist es doch das erstemal, da ich bewut mein Schicksal in die eigenen
Hnde genommen habe. -- --

Also ich habe mich nun doch mit Herbert Smith verlobt. --

Ich war gestern abend in dem Konzert und hatte mein weies Kleid an.
Alle andern Damen waren feiner, denn das Kleid ist sehr einfach. Frau
Frhlich und ihr Neffe saen mit mir am Tisch, auerdem noch eine junge
Dame aus Baltimore, Mi Pfort, und ein Herr aus Kln. Schon als ich in
den Salon kam, sah ich, da Herberts Augen aufleuchteten; er sprang auf
und kam mir entgegen; er sagte mir gleich so viel Schnes, da ich ganz
rot und verlegen wurde.

Eine Schnheit wie ich, habe nicht ntig, sich noch mit kostbaren
Kleidern zu schmcken, ich sei die Schnste im Saal trotz meiner
Einfachheit. -- -- --

Ich mte kein Mdchen sein, wenn ich mich nicht gefreut htte. --

Zuweilen dachte ich wohl, es seien nur Redensarten, aber mir scheint
doch, es ist etwas Wahres daran, denn ich habe wohl bemerkt, da alle
Herren nach mir sahen. Und ich mu sagen, ich gefalle mir selbst, wenn
ich im Gesellschaftszimmer an den groen Spiegeln vorbergehe. Ich bin
gro und schlank, und mein goldbraun leuchtendes Haar sieht sehr apart
aus. --

Ein bichen eitel darf ich wohl sein. --

Nach dem Konzert saen wir noch etwas zusammen, es kamen noch einige
Herren dazu, und als im Salon die Lichter ausgelscht werden sollten,
beschlossen alle, ins Rauchzimmer zu gehen. Frau Frhlich bat so lange,
bis ich mitging. --

Wir haben sehr viel Champagner getrunken -- ich trinke ihn gern -- und
ich glaube, ich habe einen regelrechten kleinen Schwips gehabt. Ja --
und heute frh war ich verlobt. -- Wenigstens sagen es alle. Und Herbert
war schon um acht Uhr an unserer Zimmertre und nannte mich seine schne
Braut, seinen stolzen Schwan und was der dummen Dinge mehr sind. -- Aber
gern hr' ich's doch. -- --

Ich kann's jetzt verstehen, da mein Vater gern Champagner trinkt; mir
hat er auch geschmeckt. --

Herbert sagt, wenn ich erst seine Frau sei, knne ich trinken, so viel
ich wolle. --

Ich bin doch etwas stark benommen im Kopf. Frau Frhlich sagt, das komme
vom ungewohnten Trinken; sie lie eine Flasche Sherry kommen, da habe
ich auch ein Glas mitgetrunken, und es ist mir wirklich etwas besser
geworden. --

Wenn ich ber alles klar nachdenke, dann ist mir ganz miserabel zumute.
-- Soll ich Herbert mein -- mein -- ja was ist es eigentlich, was hinter
mir liegt? Ein Erlebnis -- ein Unglck -- oder was sonst? Es ist
schrecklich! Nein, ich kann es nicht sagen. Wrde er dann noch zu mir
sagen -- mein stolzer Schwan? Schwne sind rein -- wei -- unnahbar.
Ach, ich komme mir manchmal so gar nicht mehr rein vor. -- Ich sage
nichts, lieber will ich ihn berhaupt nicht heiraten.

Aber wird er mich wieder freigeben?

Er hat mir heute nachmittag schon seinen Plan entwickelt. --

Sowie wir in New York ankommen, fahren wir beide im Automobil zum
Pfarrer und lassen uns trauen. Das geht in Amerika ganz leicht. Herbert
kennt einen Pfarrer in der 2. Avenue, zu dem fahren wir. Papiere
brauchen wir nicht.

Die Tante besorgt whrenddessen das Gepck, und ehe alles fertig ist,
sind wir schon wieder zurck, dann kann ich meinen Groonkel, der mich
abholen will, immer noch begren.

Herbert meint, es wre mglich, da wir beide mit zur Grotante reisten,
aber es sei besser, da wir uns sofort trauen lieen, dann knne der
Onkel nichts mehr daran ndern.

Wenn wir nicht gleich mit dem Onkel gehen, dann wollen wir aber spter
einige Wochen zu ihm und der Tante. --

Und nchstes Jahr kann ich schon wieder nach Deutschland zu Besuch. --

       *       *       *       *       *

Herbert hat mich gebeten, dem Kapitn nichts von unserem Plan zu
erzhlen. Es wre ihm vielleicht nicht recht, weil ich noch so jung
sei, und weil er doch den Groeltern versprochen habe, auf mich zu
achten.

Ich werde es ihm nicht sagen, ich sehe ihn ja auch so selten. -- Ich
qule mich immer mit dem Gedanken, da ich Herbert doch meinen Fehltritt
sagen mte. Ich warte immer auf einen gnstigen Augenblick. Wenn ich
einmal lngere Zeit ganz allein mit ihm wre, dann htte ich den Mut.
Aber hier am Schiff ist man ja nie allein. --

Ob ich Herbert liebe, wei ich wirklich nicht. Manchmal glaube ich es
ja, aber trotzdem -- wenn er jetzt pltzlich von mir gehen wrde, ich
glaube kaum, da es besonders wehe tt'. --

Es ist vielleicht gut so. -- --

       *       *       *       *       *

Morgen sind wir dort. Eben sagte mir der Kapitn im Vorbergehen, da
wir morgen frh 10 Uhr am Pier in Hoboken sind.

Jetzt sitzt nun alles im Salon und schreibt Briefe, und auch ich will
die letzten Zeilen in mein Buch schreiben, ehe ich es weglege.
Vielleicht komme ich in nchster Zeit doch nicht zum Schreiben. Und wenn
ich wieder schreibe, bin ich schon Frau. Frau! Komisch. Mir ist, als
knnt ich's kaum glauben. --

Gleich will ich noch einen Brief an die Groeltern schreiben, denen
werde ich aber doch alles berichten, obgleich Herbert mich bat,
vorlufig noch nichts davon zu erwhnen. --

Um mich herum sitzt alles und schreibt. Briefe und Karten.

Adressen werden ausgetauscht, Versprechungen gemacht usw.

Ich mchte wohl wissen, wie viele von diesen Adressen benutzt werden.
Wer denkt nach einem halben Jahre noch an die geschlossene Freundschaft?

Es sind auch eine ganze Anzahl Liebesprchen hier an Bord, alle erst von
dieser Reise.

Die Seeluft mu eine stark aufreizende Wirkung haben.

Bei manchen sollte man es kaum glauben, da sie sich erst seit kaum acht
Tagen kennen.

Da ist zum Beispiel ein Prchen an unserem Tisch. Alle Anzeichen
sprechen dafr, da sie sehr intim miteinander sind. -- Ich hielt sie
fr Mann und Frau.

Gestern sprach ich mit dem Zahlmeister darber, der lachte. --

Das ist jede Reise so, zuweilen mehr, zuweilen weniger. Diese beiden
haben sich vordem nie gesehen. Sie ist Rheinlnderin und er ist aus
Thringen. berdies wird sie von ihrem Brutigam erwartet. -- --

Der Zahlmeister wird wohl recht haben. -- --

Ich mchte keinen Seemann heiraten. Die Damen hier am Schiff sind
teilweise sehr entgegenkommend gegen die Herren. -- --

Herbert, der schon oft gefahren, lacht mich aus und sagt, das sei nicht
so schlimm. Ein bichen amsieren drfe sich jeder Mann. -- --

Die See wird manchmal so unruhig, lange wird's nicht dauern, dann gibt's
wieder Seekranke.

Allzu schlimm kann's nicht mehr werden, denn es sind jetzt nur noch
zwlf Stunden. --

Wenn ich dann wieder einschreibe, ist es in der Neuen Welt. -- --




III.

Nacht.


Vier Wochen spter.

Ach ja, es ist eine neue Welt, in der ich lebe -- aber was fr eine!

Furchtbare Wochen liegen hinter mir -- frchterlichere vielleicht noch
vor mir!

Ich will schreiben -- und wei nicht, wo beginnen -- ich wei weder
Anfang noch Ende.

Mit einem einzigen Schrei der Qual mchte ich alles in die Welt
hinausrufen. --

In die Welt! In welche Welt?

Die Welt, die mich jetzt umgibt, lacht ber meine Klagen. Und eine
andere aufzusuchen, in der ich nicht verlacht werde, liegt nicht in
meiner Macht. -- --

Ich bin gefangen! Wo? Ich wei es nicht. --

Doch ich will es dir schlicht und der Reihe nach erzhlen, kleines Buch.
Du allein bist ohne Falsch. --

Alles spielte sich so ab, wie Herbert es mir gesagt. Wir beide gingen
nach Ankunft des Schiffes sofort ohne Aufenthalt durch die Zollschranke.
Gepck hatten wir nicht. Im Automobil fuhren wir dann ein ziemliches
Stck, auch auf einem groen Fhrboot ber den Flu und dann noch eine
kurze Strecke weiter.

Wir sind dann in ein groes Haus gegangen. Wie Herbert mir sagte, zu
seinem Freunde, dem Pfarrer. --

Ob es eine Vorahnung war? -- Als die Tr hinter mir zuschlug, berkam
mich pltzlich eine Angst, da ich am liebsten wieder hinausgelaufen
wre. Doch Herbert legte den Arm um mich und fhrte mich in ein auf der
linken Seite des Flures gelegenes Zimmer.

Sonderbar, ich sah keinen Menschen, und Herbert schien hier wie zu Hause
zu sein.

Auch im Zimmer war niemand. Herbert geleitete mich zu einem Sessel,
welcher der Tr gegenberstand. --

Ich war pltzlich so mde. --

Einen Augenblick nur solle ich ihn entschuldigen, er komme sofort
zurck, sagte er mir, und ging durch eine andere Tr hinaus.

Ich sah mich im Zimmer um. Die Wnde waren mit einigen Bildern
geschmckt -- Dutzendware --, gegenber der Tr stand eine Chaiselongue,
kein Tisch, nur noch einige Sessel. --

Aber was mir jetzt erst auffiel -- das Zimmer hatte ja gar kein Fenster!
Eine elektrische Krone erhellte es, es war aber doch Tag. Es konnte
hchstens zwlf Uhr sein! --

Noch immer kam Herbert nicht wieder.

Hinter mir rauschte ein Seidenkleid -- eine Tr hatte ich nicht gehen
hren. Ich drehte mich aufhorchend um, eine Dame stand vor mir und
lchelte mich an.

Es war eine groe, krftig gebaute Frau im Alter von ungefhr fnfzig
Jahren. Sie war sehr elegant gekleidet, sah aber trotzdem sehr
gewhnlich aus, denn ihr Gesicht war unangenehm und brutal. --

Sie mssen Herrn Smith einen Augenblick entschuldigen. Er hat erst noch
rasch etwas zu erledigen, wird aber sofort hier sein. Darf ich Ihnen
einstweilen eine kleine Erfrischung anbieten?

Und ohne eine Erwiderung abzuwarten, trat sie an einen kleinen
Seitenschrank und go zwei Glser voll Wein, von denen sie mir das eine
anbot; das andere stellte sie auf ein kleines Ziertischchen, in dessen
Nhe sie sich niederlie. --

Ich hatte bis jetzt noch kein Wort gesprochen.

Ich sa da mit meinem Weinglas in der Hand und sah mich hilflos um. Ich
htte es gern hingesetzt, aber ein Tisch schien in diesem Zimmer ein
berflssiges Mbel zu sein. --

Trinken Sie, liebes Kind, Sie werden erschpft sein. Ich nehme Ihnen
dann das Glas wieder ab, sagte meine liebenswrdige Wirtin -- die
Gattin des Pfarrers, wie ich damals annahm.

Ich war wirklich durstig, aber noch mehr hungrig. Ich hatte seit dem
Frhstck nichts mehr genossen, und auch da vor lauter Aufregung nur
wenig. Ich tat deshalb einen guten Zug aus meinem Glase, dann nahm sie
mir das Glas ab und setzte sich mir gegenber.

Was sie zu mir gesprochen, wei ich nicht; mich berfiel eine seltsame,
bleierne Mdigkeit, ich ri einige Male mit Gewalt die Augen auf, aber
dann konnte ich nicht mehr dagegen ankmpfen. Ich bin dann wohl
eingeschlafen. -- --

Als ich erwachte, war es Nacht. Ich lag ausgezogen auf einem Bett. Im
Zimmer war es ganz finster.

Ich versuchte mhsam, meine Gedanken zu sammeln. Wo war ich? Was war mit
mir geschehen? War ich krank gewesen? Mir war sonderbar benommen im
Kopf. Ich sann und sann und kam zu keiner Klarheit.

Mde schlief ich endlich wieder ein. -- --

Das Gerusch einer schlieenden Tr weckte mich. Als ich die Augen
aufschlug, war es Tag, und die Frau von gestern stand vor meinem Bett.

Nun, ausgeschlafen? fragte sie.

Ich sah sie verstndnislos an.

Wo ist Herbert? fragte ich, nachdem ich meine Gedanken einigermaen
gesammelt hatte.

Sie meinen Herrn Smith? Der hat noch gestern wieder abreisen mssen,
liebes Kind. Aber er kommt wieder, sobald er nur irgend kann. Seien Sie
nur zufrieden, Sie sind bei Freunden. Sie werden es gut bei uns haben,
wenn Sie schn artig und vernnftig sind.

Aber wo bin ich denn! Bei wem? fragte ich dringend. Ich mu doch zu
meiner Tante!

Es ist leider niemand gekommen, der Sie hat abholen wollen. Wir haben
gestern sofort nachfragen lassen. Sie mssen deshalb schon bei uns
bleiben. Nun ruhen Sie sich nur noch recht schn aus, ich schicke Ihnen
gleich etwas Frhstck herauf. Spter kommen Sie dann auch mal herunter
in den Salon. Vorlufig ruhen Sie noch. -- --

Sie ging, und ich war wieder allein. Doch nicht lange.

Ein Mdchen kam und brachte mir Kaffee und Gebck.

Aber wie sah die Person denn aus! Schrecklich! Wie konnte man denn so
ein Geschpf um sich haben? Ganz entzndete Augen und auch sonst so
ekelhaft.

Sie sah mir den Widerwillen wohl an und lachte hlich.

Wenn du Glck hast, mein Engel, so siehst du eines Tages auch so hbsch
aus, sagte sie frech.

Wie meinen Sie das? fragte ich.

Sie antwortete nicht, drehte sich um und ging hinaus.

Ich mochte nichts anrhren von dem, was dieses Geschpf in den Hnden
gehabt hatte. Der Kaffee wurde kalt.

Doch in meinen Eingeweiden whlte der Hunger; ich war jung und gesund
und hatte seit vierundzwanzig Stunden nichts gegessen. Nach und nach
trank ich den kalten Kaffee und a auch das Gebck. Ich wollte endlich
aufstehen und mich nach meinen Wirten umsehen. -- Ich suchte nach
meinen Kleidern, sie waren nicht da. Ich sah mich um, nichts war zu
sehen, auch keine Klingel, um jemand herbeizurufen.

Mein Gott, was bedeutete das alles?! Wo war ich nur? Ich tat das
einzige, was mir brig blieb, ich kroch wieder ins Bett.

Wie lange ich gelegen -- ich wei es nicht, ich mute wohl wieder
eingeschlafen sein. --

Ein Gerusch schreckte mich auf, meine Wirtin stand wieder vor mir. Ich
sprang rasch aus dem Bett und fragte nach meinen Kleidern.

Ihre Kleider sind ganz verdorben, liebes Kind. Sie sind ein wenig krank
gewesen gestern. Aber ich habe Ihnen hier ein schnes neues Kleid
mitgebracht, das ziehen Sie an.

Mit diesen Worten legte sie ein wunderbares Gebilde von Spitzen und
durchsichtigem Mull auf das Bett.

In meiner grenzenlosen Dummheit freute ich mich ber das schne Zeug.

Oh, von Herbert! rief ich erfreut.

Ich dachte an die versprochenen Kleider aus Samt und Seide. -- --

Meine Wirtin antwortete nicht, sie lchelte nur zustimmend. --

Ich zog mich rasch an, es pate wie fr mich gemacht.

Ich suchte mit den Augen nach einem Spiegel, denn ich htte mich gern
gesehen in meiner neuen Herrlichkeit, aber ich sah keinen.

Kommen Sie, Kind, sagte die Frau, die meinem Blick gefolgt war, und
fate mich um. Wenn Sie recht vernnftig und artig sind, bekommen Sie
bald ein schnes groes Zimmer mit groen Spiegeln.

Wenn ich artig und vernnftig bin -- schon wieder diese Redensart. Was
soll das? Weshalb sollte ich _nicht_ artig sein? -- --

Lange dachte ich aber nicht ber dieses Rtsel nach, ich verstand es
einfach nicht. --

Ich ging mit meiner Fhrerin eine schne, breite Treppe hinunter -- ich
war also in meinem gestrigen Zustand die Treppe hinauf getragen worden
-- dann trat sie mit mir in einen Salon, der, nach meiner Berechnung, in
entgegengesetzter Richtung von dem Eingang liegen mute.

Ein merkwrdiges Haus. Auch hier brannten wieder die elektrischen
Flammen. Anscheinend war gerade eine grere Gesellschaft. Im Zimmer
saen elegante Damen und Herren. --

Und fein war es hier, berall standen bequeme Sofas und Tischchen. --
Lauschige Ecken, schwellende Polster; kurz und gut, ich kam mir vor wie
im Mrchen.

Meine Fhrerin, deren Namen ich noch nicht einmal wute, stellte mich
mit den Worten vor: Meine Herrschaften, hier bringe ich Ihnen Frulein
Lotti. Gestern erst frisch von Europa angekommen.

Das war ja eine sonderbare Sitte hier in diesem Lande. Aber alle
schienen das in der Ordnung zu finden. Alle lachten und schwatzten
durcheinander. Einige kamen auf mich zu und sprachen einige Worte mit
mir. Doch ich verstand sehr wenig, sie sprachen fast alle englisch.

Ich war ganz verlegen. Ich setzte mich auf ein Sofa in der Nhe der Tr.

Bald setzte sich ein Herr zu mir, ein kleiner, dicker Kerl mit einer
Glatze und vorstehenden, wsserigen Augen.

Ein ganz frecher Patron! Setzte sich sofort zu mir auf das Sofa, ganz
dicht an mich heran.

Ich rckte von ihm ab, da lachte er so widerlich und sagte:

Na, Kleine! Noch so sprde? Wird bald besser. Komm, wir trinken ein
Flschchen zusammen. Dann gibt's Mut.

Ich sah mich hilflos um. Was bedeutete das? War ich in einem Narrenhaus?
Da sah ich an der anderen Seite des Salons meine Wirtin.

Ich wollte aufspringen, sie fragen, um Aufklrung bitten. Aber ich wei
nicht, wie mir pltzlich war; auf halbem Wege blieb ich stehen. Die Frau
sah mich so sonderbar stechend, so lauernd an. -- --

Ich mute an den Blick einer Schlange denken, die ihr Opfer
hypnotisiert. Ich sah mich um. Alle hatten jetzt Wein auf den Tischen,
nur noch einige Damen saen so da. Ich machte ein paar Schritte und
wollte zu einer alleinsitzenden Dame hingehen, da stand der alte, eklige
Kerl wieder neben mir.

Mach' keine Dummheiten, Kleine, komm setz' dich, sagte er zu mir und
fate zugleich nach meinem Arm.

Ich ri mich los und strmte nach der Tr. Als ich drauen stand, wute
ich nicht wohin. Ich hatte den Gedanken, nach unten zu laufen, hinaus
aus diesem sonderbaren Hause -- da stand die Frau neben mir.

Was soll das? sagte sie kurz, warum laufen Sie weg?

Ich will mich nicht von dem alten Kerl anfassen lassen! Ich kenne ihn
ja gar nicht! Man ist doch nicht gleich so dreist!

Da wirst du dich dran gewhnen mssen, liebes Kind. Das ist bei uns nun
mal so. Und berhaupt, gerade mit diesem Herrn wirst du sehr freundlich
sein, der hat sehr viel Geld. Komm!

Jetzt sagte sie schon Du zu mir! Und wie schroff sie war! Hier blieb ich
nicht!

Dann will ich hier fort, sagte ich rasch. Ich kenne ja die Leute alle
gar nicht. Lassen Sie mich gehen, ich laufe ans Schiff zu dem Kapitn,
der wird an meine Verwandten telegraphieren.

Schlag dir das aus dem Kopf, sagte die Frau. Du kannst hier nicht
fort. Ich habe gestern deine Koffer holen lassen, die standen noch
drben am Pier, das kostet Geld. Das Kleid hier habe ich fr dich
bezahlt, kannst du mir das alles wiedergeben? -- --

Ach Gott, mein Geld! Da ich daran nicht gedacht hatte! --

Ich hatte ja noch zweihundert Mark gehabt. Wo war meine Tasche? Alles
fort!

Wo ist mein Geld, meine Tasche! Ich hab' es doch mit hierher gebracht!
rief ich angstvoll.

Du glaubst doch nicht, da du hier bestohlen worden bist? sagte die
Frau hhnisch. Wenn du Geld bringst, kannst du gehen; so lange bleibst
du hier.

Mit diesen Worten fate sie mich an der Hand und zog mich wieder in den
Salon.

Da ging es jetzt lustig zu. Sie sangen und tanzten wild durcheinander.
-- Und wie waren die Mdchen angezogen! Das war mir vorhin noch gar
nicht so aufgefallen. --

Ich setzte mich ratlos wieder hin. Da kam auch schon wieder dieser
Mensch und setzte sich neben mich.

Ich sah ihn gar nicht an. --

Es wurde Champagner gebracht, ich nippte kaum. So gut er mir unterwegs
geschmeckt hatte, der Appetit war mir vergangen. -- --

Wre ich nicht gar so dumm gewesen, htte ich nur einmal ber etwas
derartiges gelesen oder gehrt, ich wrde endlich gewut haben, wo ich
war. So aber sa ich noch immer und zermarterte mir den Kopf, was das
eigentlich fr eine Gesellschaft sei, in der ich mich befand. -- -- --

Es gab an dem Abend noch einen furchtbaren Skandal. Ich begriff endlich,
wo ich mich befand und was man von mir wollte. Als der alte Kerl einige
Glas Champagner getrunken hatte, wurde er zudringlich, und ich schlug
ihn ins Gesicht. Da wurde er wtend, er tobte wie ein Wahnsinniger. Mir
war es einerlei, ich verstand auch nicht, was er sagte.

Die Frau verstand ich dann um so besser. Sie wurde furchtbar heftig und
lie endlich die Maske fallen.

Ich sei in diesem Hause zu keinem anderen Zweck, als den Herren, die
hierher kmen und die ihr schweres Geld dafr bezahlten, gefllig zu
sein. Sie habe ein anstndiges Stck Geld fr mich bezahlt und sie wrde
schon dafr sorgen, da sie keinen Schaden habe. Sie wolle mich schon
zahm kriegen. Sie habe da ganz schne Mittelchen. Sie gebe mir aber den
guten Rat, mich gleich zu fgen, denn ntzen wrde mir mein Widerstand
doch nichts. --

Ein paar Tage frher oder spter, es sei nur mein eigener Schaden. --

Willst du also vernnftig sein und mit dem Herrn recht freundlich
sprechen?

Nein! Lieber spring ich aus dem Fenster! rief ich auer mir.

Wie du willst! Dann spring aus dem Fenster! rief sie, fate mich am
Arm und schob mich in ein Zimmer.

Hier bleibst du, bis du Vernunft angenommen hast, rief sie mir nach
und schlo die Tr zu.

Im Zimmer war es dunkel, ich konnte nicht die Hand vor den Augen sehen.

Ich tastete umher, ich suchte an der Wand entlang, vorsichtig schritt
ich weiter. Ein Bett war da. Gott sei Dank.

Ich zog das feine Kleid aus und legte mich nieder. Ich sann und sann,
was konnte ich tun? Hier im fremden Land, in der groen fremden Stadt,
ohne Geld, ohne Freunde! Und doch! Wenn ich nur hinaus knnte, jemand
wrde sich schon meiner annehmen.

Zuletzt kamen die Trnen, ich weinte so hei und schmerzlich, da ich
gar nicht wieder aufhren konnte.

Sie mssen mein verzweifeltes Weinen gehrt haben, aber kein Mensch
kmmerte sich um mich; die sind alle hart wie Stein. --

Zuletzt bin ich wohl vor Ermattung eingeschlafen.

Als ich erwachte, war es noch immer dunkel um mich. Ich wute gar nicht
mehr, war es Tag oder Nacht. Wie lange war ich schon hier? War es ein
Tag oder waren es mehrere?

Mich qulte schon wieder der Hunger. War ich denn immer hungrig? Bei all
meinem Elend und bei all dem Kummer -- die Natur verlangte ihr Recht.

In Geschichten hatte ich so oft gelesen, wenn sie traurig waren oder
Kummer hatten, dann nahmen sie tagelang keine Nahrung zu sich. Ich hatte
immer Hunger.

Ich konnte nicht mehr schlafen, vorsichtig erhob ich mich und tastete
nach der Tr, sie war noch immer verschlossen. Ich klopfte, niemand kam.
Ich klopfte strker, alles umsonst.

Ich ging wieder ins Bett und wartete. Ich meinte, Stunden gelegen zu
haben, und nichts lie sich hren.

Ich konnte es zuletzt gar nicht mehr aushalten und stand wieder auf. Ich
hatte Kopfschmerz und war ganz zittrig auf den Beinen, so elend war ich.

Was hatte man mit mir vor? Wollte man mich hier verhungern lassen?

Ich schlug mit den Fusten gegen die Tr und schrie aus Leibeskrften.
Niemand kam.

Jetzt kam die Furcht langsam gekrochen! Was wollte man mit mir machen?
Oder hatten sie mich vergessen?

Wieder kroch ich ins Bett. --

Ob ich dann vor Erschpfung ohnmchtig geworden bin oder ob ich wieder
eingeschlafen bin, ich wei es nicht.

Nur da ich, als das schreckliche Weib wieder zu mir kam und mich
fragte, ob ich gehorchen wolle, ganz apathisch zu allem ja gesagt habe.

Ich glaube, sie haben mich lange hungern lassen, denn ich bekam zuerst
ein wenig warmen Wein und dann ein rohes Ei. -- --

Zwei Tage danach war ich wieder im Salon. Der ekelhafte Kerl war wieder
da, und alles ging seinen Gang. -- --

Jetzt habe ich ein schnes Zimmer, und der Mensch kommt jeden Abend. Es
ist ein reicher Pelzhndler aus der 8. Strae.

Ich wei jetzt auch, wo ich bin. -- Es ist ein Mdchen hier -- die
schwarze Katze sagen alle zu ihr -- sie ist vom ersten Tage an sehr
freundlich zu mir gewesen. Sie riet mir auch, als ich wieder in den
Salon kam, mich zu fgen. Ich sei doch machtlos.

Jedenfalls bist du Mdchenhndlern in die Hnde gefallen, sagte sie.

Ich erzhlte ihr alles. Von Frau Frhlich, von Herbert Smith, von der
Heirat, alles!

Es ist so! Das saubere Paar ist mit frischer Ladung von Europa
gekommen. Entweder, sie haben im Zwischendeck noch Mdchen gehabt, oder
aber sie haben auf einem anderen Dampfer, der langsamer fhrt, die
Mdchen eingeschifft und sind dann selbst mit dem Schnelldampfer
gefahren, um die Ware hier in Empfang zu nehmen. Du bist ihnen als
Leckerbissen unterwegs noch in die Arme gelaufen.

Aber knnen wir denn nicht zur Polizei?

Die Polizei? Du kommst vorlufig berhaupt nicht an die Luft, eher
nicht, bis du erst richtig zahm bist. Und dann! Die Polizei! Da mach dir
nur nicht zu viel Hoffnung. Weit du, ich knnte dir Sachen erzhlen.
Die Policeleute hier im Viertel werden alle von ihr bezahlt. Denn die
versteht ihr Geschft. -- Und uns glaubt man ja doch nicht. Aber trotz
alledem, wenn wir Geld htten, und du bist nach einigen Monaten noch
derselben Ansicht, so will ich dir wohl helfen. Nur jetzt ist noch
nichts zu machen. --

Und warum gehst du nicht fort, wenn du doch kannst? fragte ich sie.

Gott, ich! Wo soll ich hin? Es ist immer noch besser als auf der
Strae, da laufen hier in New York sowieso genug herum. Ich bin ja mal
'ne Zeitlang 'raus gewesen; solange man ein festes Verhltnis hat, mag's
gehen. Hat man das nicht, dann gibt's Tage, da kann man hungern.

Ich war ganz benommen. Das war ja schrecklich.

Aber du kannst doch in Stellung gehen. Nicht immer so etwas, sagte ich
beschwrend.

Du bist ein kleines Schfchen, lachte sie mich aus. Das ist bei mir
zu spt. Ich habe dies Leben schon zu lange gelebt. -- Und -- ich will
auch nichts anderes mehr. Wir werden ja sehen, vielleicht geht es dir
eines Tages ebenso.

Nein, o nein. Ich will hier nicht bleiben, lieber sterben, rief ich
verzweifelt.

Na, na, nur ruhig, Kleines. Ich gebe dir einen guten Rat: Lerne vor
allen Dingen Englisch, das ist die Hauptsache. Dann sauf' nicht zu viel,
das ist auch 'ne Hauptsache. Dann halte die Augen gut offen, mglich,
da mal einer kommt, der so viel Gefallen an dir findet, da er dich
auskauft. Alles schon dagewesen. Und hbsch bist du ja, das mu dir der
Neid lassen. Du hast so was Besonderes, so was Vornehmes an dir.
Vielleicht hast du Glck.

Ich fate wieder Hoffnung. Ich war dem Mdchen so dankbar fr seine
Ratschlge und habe sie bisher getreulich befolgt. -- -- -- --

Bis jetzt gehre ich noch immer dem alten, dicken Ekel. Er scheint
groes Gefallen an mir zu finden, denn er bezahlt alles, was sie
verlangt.

Ich hatte einige Tage die Hoffnung, da er mich vielleicht herausnehmen
wrde. Als er einmal sehr guter Laune war, bat ich ihn darum. Ich
versprach, bei ihm zu bleiben, so lange er mich haben wolle -- natrlich
sagte ich das nur, denn ich wre sofort ausgerissen, wenn ich das Haus
hinter mir gehabt htte. Aber er lachte mich nur aus.

Nee, Kleine, auf den Leim kriech' ich nicht. Ich habe das hier viel
besser und bequemer. Solange ich nicht will, kriegt dich kein anderer.
In dieser Weise ist die Rottmann anstndig, da betrgt sie nicht. --

Bis jetzt habe ich also nur diesem einen gehrt, aber wie lange wird es
dauern und ich gehre jedem, der mich will!

Der Gedanke ist mir furchtbar!

Ich liebe das Leben so sehr. Ich bin jung, und jede Kreatur hngt am
Leben. Und doch -- wenn ich irgendein Mittel htte, ich wrde mich
tten. -- Aber hier ist auch auf solche Stimmungen Rcksicht genommen,
ich bin gewi nicht die erste Anfngerin. --

Wenn ich jetzt einmal an die lieben, alten Groeltern denke, so knnte
ich laut aufweinen vor Qual.

Nie wieder werde ich sie sehen, nie wieder die lieben, alten Gesichter
kssen drfen. --

Auch wenn ich Glck habe und wieder herauskomme, es soll kein bekanntes
Gesicht das meine wiedersehen. -- Ich will tot sein, tot fr alle! -- --

Es ist eine furchtbare Einrichtung, da es Menschen gibt, denen erlaubt
wird, andere Menschen gegen ihren Willen festzuhalten und Geld mit ihnen
zu verdienen. -- -- --

       *       *       *       *       *

Es ist schrecklich! Ich fange an, mich vor mir selbst zu frchten. Ich
habe oft den kaum zu unterdrckenden Wunsch, diesem Menschen die Hnde
um den Hals zu krallen und ihn so lange zu wrgen, bis er tot ist. Es
zuckt mir dann frmlich in den Fingern vor Begierde. --

Ob wohl einem Manne nie der Gedanke kommt, da er eigentlich in
Lebensgefahr schwebt, wenn er sich so ein geknechtetes Wesen leibeigen
macht? Wre es nicht mglich, da in einem solchen Geschpf einmal der
Rachedurst berschumt?

Sich und ihr ganzes zertretenes Geschlecht wrde sie rchen. --

Ach, ich glaube, ich werde wahnsinnig oder schlecht. -- --

Da ein Mensch sich in kurzer Zeit so sehr verndern kann!

Noch vor einem Jahre war ich ein dummes, leidenschaftlich verliebtes
Ding. Und nun? Mir ist zuweilen, als ob ich das gar nicht bin. Mir ist,
als sei das alles schon eine Ewigkeit. Bin ich es wirklich, deren Herz
einst aufjubelte bei den trichten Liebesworten, die man mir ins Ohr
flsterte?

Und jetzt! Ich glaube, ich kann nie wieder Liebe und Leidenschaft
empfinden. -- Mgen sie mit meinem Krper Schacher treiben, meine Seele
gehrt mir. Meine Seele bleibt rein. --

Ich bin keine Dirne und will auch keine werden. --

       *       *       *       *       *

Ich sinne und sinne, wie aus diesem Hause herauszukommen ist, aber alle
meine Bemhungen sind erfolglos.

In einem Gefngnis knnte ich nicht sicherer verwahrt sein.

Die Tr ist Tag und Nacht gut bewacht, und Neuankmmlingen wird nur
unter gewissen Vorsichtsmaregeln geffnet.

Nur alte Bekannte, die das bestimmte Klingelzeichen geben, knnen ohne
weiteres herein.

Ich habe mir gestern die Rckseite des Hauses angesehen, ich hoffte,
vielleicht von da auf ein Nebengrundstck kommen zu knnen, aber auch
diese Hoffnung mu ich aufgeben.

Eine glatte, hohe Mauer umgibt einen kleinen, dreieckigen Hof, und die
Fenster, die nach diesem Hofe gehen, sind nicht zu ffnen, sondern haben
nur oben eine kleine Luftscheibe. Jenseits der Mauer sind sehr hohe
Huser; auf der einen Seite ein kleineres, das aber, wie es scheint,
unbewohnt ist.

An dem einen groen Hause laufen schmale eiserne Leitern empor, wenn ich
die erreichen knnte, dann wre Rettung mglich.

Aber die Mauer ist hoch und der Zugang zum Hofe ist bewacht. --

Das Schlimmste aber sind die Kleider! Kann ich halbnackt auf die Strae
gehen?

Es ist ein raffiniert einfaches Mittel, uns unsere Straenkleider
wegzuschlieen, um uns an der Flucht zu hindern. --

       *       *       *       *       *

Heute erzhlte mir die Bronja aus ihrem Leben. Bronja, so heit die
schwarze Katze. --

Sie ist verheiratet gewesen und hat sogar ein Kind, ein kleines Mdchen.
Es lebt noch, bei ihren Eltern in Posen. Ihr Mann hat Gelder bei
irgendeiner Kasse unterschlagen, und als es entdeckt wurde, haben sie
ihn eingesperrt. Als er dann wieder freigekommen ist, sind die beiden
nach Amerika gegangen, da der Mann nirgends wieder eine Stelle bekam.
Bronja ging mit ihm. Sie hat ihn sehr geliebt! Das Kind sollte bei den
Eltern bleiben, bis die beiden hier festen Fu gefat hatten. --

Aber hier in Amerika ist es fr solche verkrachten Existenzen auch
schwer. Die beiden muten sich trennen. Bronja nahm eine Stelle als
Empfangsdame bei einem Arzte an, und ihr Mann lie sich vorlufig von
ihr ernhren.

Schlielich fand er eine Stelle in einer deutschen Wirtschaft als
Kellner. Doch dann fing er das Trinken an und sank immer tiefer. Als er
die Stelle verloren, trieb er sich berall herum, war bald da, bald dort
an der Ostseite. Und jetzt sitzt er wegen Einbruchdiebstahls im
Gefngnis. --

Bronja lernte in ihrer Stellung einen reichen Herrn kennen und wurde
dessen Freundin -- ein Wunder ist es ja nicht, denn sie ist eine
Schnheit in ihrer Art.

Als ihr Gnner ihrer eines Tages berdrssig geworden war, verlor sie
allen Halt und alle Selbstachtung.

Durch den Verkehr in den Lokalen, wo der Herr sie hingefhrt, war sie in
der Lebewelt bekannt geworden, und es fehlte ihr nicht an Zuspruch. Sie
bekam Geld, kaufte sich feine Kleider und Schmuck und war eines der am
meisten gesuchten Mdchen in dem berchtigten Viertel New Yorks. --

Eines Abends war sie noch ziemlich spt in der 14. Strae ohne
Begleitung, als ihr ein Seemann in die Hnde fiel. Sie geht mit ihm in
eines der bekannten Huser, wo sie sich ein Zimmer geben lt, nachdem
natrlich vorher frchterlich getrunken worden war. -- In der Nacht ist
dann dem Fremden seine ganze Barschaft gestohlen worden. Bronja sagt,
sie habe es nicht getan, sie sei selbst viel zu betrunken gewesen. Der
Fremde schlug aber Lrm, die Polizei kam ins Haus, und Bronja wurde
verhaftet.

Man lie sie nach einiger Zeit wieder frei, da man ihr nichts nachweisen
konnte. Zu allem Unglck war aber ihre Wirtin whrend der Zeit mit ihrem
ganzen Kram, Kleidern und Wsche und ihren paar Dollars verschwunden. Um
wenigstens ein Unterkommen zu haben, ging sie in ein ffentliches
Haus.--

Diese Huser knnen unsereinen immer gebrauchen, wenigstens solange man
gesund und hbsch ist. Und was ist denn auch weiter dabei? Mir gefllt
es! Frher, als ich mit meinem Manne noch zusammen war, war es auch
nicht viel besser, wenn er besoffen nach Hause kam.

Aber was soll aus dir werden, wenn du lter bist? fragte ich sie
mitleidig.

Dann mache ich's wie die Rottmann. Glaub' mir, das bringt am meisten
Geld. Je feiner, desto besser. Was bringen allein die Getrnke schon.
Nur mit Mdchenhndlern la ich mich nicht ein, da werde ich, glaub'
ich, nie hart genug dazu. Du solltest klug sein und deinem alten
Pelzhndler richtig um den Bart gehen, da er dir ordentlich was
schenkt. Nur wenn du Geld hast, kannst du hier herauskommen.

Und willst du nie mehr zu deinem Manne, wenn er wieder freikommt?
fragte ich sie.

Nie wieder! Er wird mich hoffentlich nicht finden. Ich glaube nicht
mehr an ihn. Und wenn er so lange in Sing-Sing gewesen ist, dann ist es
berhaupt ausgeschlossen.

Arme Bronja. -- --

       *       *       *       *       *

Den 4. Juli.

Nun bin ich schon ber vier Wochen in diesem Hause und bin heute zum
ersten Male in der frischen Luft gewesen. Mit Madame zusammen. Wir
haben im Automobil eine Ausfahrt gemacht, ganz weit hinaus nach
Bronxpark. Die Bronja sagt, das sei alles Berechnung von ihr.

Amerika feiert heute ein groes Nationalfest, da zeigt sie den Herren,
was sie fr gutes und schnes Material auf Lager hat.

Denn unter der Herrenwelt ist sie gut bekannt.

Sie frchtet also wohl, da mein Dicker bald wegbleibt. Ich wollte mich
freuen, denn widerlicher kann keiner sein.

Und er hilft mir ja doch nicht heraus. -- --

Ich habe also heute zum ersten Male dieses Land gesehen. Gesehen? Nein!
Gesehen habe ich nichts davon. Ich wagte kaum aufzublicken. Ich meine,
jeder Mensch mu es mir vom Gesicht ablesen, was ich bin. Sehr hohe
Huser sind hier, so viel wenigstens habe ich gesehen. Als ich die Bume
und Bsche im Bronxpark sah, mute ich an zu Hause denken, und das
Heimweh packte mich furchtbar.

Ich habe mich nachher sattgeweint. -- -- --

       *       *       *       *       *

Den 5. Juli.

Gestern abend ist es toll hergegangen. Es war furchtbar voll, denn es
ist nichts Seltenes, da auch Herren mit fremden Mdchen kommen,
ordentlich zechen und dann ein Zimmer nehmen. So auch gestern abend. Es
waren sehr viele und auch sehr elegante Damen da. Aber Bronja sagt, ich
steche alle aus. Wenn ich so dabei bliebe, sei ich mit zwanzig Jahren
eine knigliche Schnheit.

Wenn ich dann nicht schon tot bin. -- --

Mir kommt es vor, als ob auch zuweilen verheiratete Frauen hierher
kmen, und Bronja meint, das sei schon so. Das seien solche, denen es zu
gut ginge, oder auch solche, die sich etwas Taschengeld nebenbei
verdienten.

Ich mchte sie an meine Stelle wnschen. -- --

Der Dicke war auch da gestern abend. Ich habe wohl bemerkt, da die
Herren sehr viel nach mir guckten, aber er wich nicht von meiner Seite.
Er war ordentlich stolz, da er der Besitzer war. Als ob er das seiner
Schnheit zu verdanken htte.

Ich dachte an Bronjas Mahnung, ich solle schn mit ihm tun -- ich kann
es nicht. Ich werde Gott danken, wenn er nicht mehr kommt. Ich habe
gestern auch zu viel getrunken. Es lt sich nicht ganz vermeiden, so
sehr ich mich auch in acht nehme.

Und dann die Hauptsache: man kommt besser darber weg, wenn man nicht
ganz bei Sinnen ist. --

Wie soll man es sonst nur auf die Dauer aushalten?

Die Madame schimpft noch dazu immer, da ich nicht genug trinke.

       *       *       *       *       *

Den 16.

Gott sei Dank, das Scheusal ist fort. Vorgestern war er zum letzten Male
hier. Er ist heute nach Europa gefahren.

Ich habe ihn noch einmal gebeten, fufllig habe ich ihn angefleht, mich
herauszunehmen. Ich habe die Zhne zusammengebissen und habe getan, als
ob ich ihn furchtbar gern htte, als ob mich sein Fortgehen ganz
unglcklich machte -- es war alles umsonst. -- Da war ich zuletzt so
wtend, da ich ihm ins Gesicht gespuckt habe. Es war mir auch alles
einerlei. Aber er ist doch dageblieben, der furchtbare Mensch! Ich wei
nicht, ob sich jemand das Widerliche, das in einer solch erzwungenen
Vereinigung liegt, voll ausdenken kann. Ich fhle Gott sei Dank nichts
dabei, das ist ein Glck fr mich. Aber ich liege dann und analysiere
jede Bewegung des Verhaten, der glaubt, durch sein Geld mir meinen
Krper abkaufen zu knnen. --

Wenn die Liebe oder der Sinnenrausch die Ursache einer Vereinigung sind,
so ist sie geadelt durch das Gefhl. Hier aber! Es ist mir unfabar, wie
Mnner -- Mnner mit Geist und Herz -- eine solch furchtbare Snde
begehen knnen und kraft ihres Geldes und ihrer physischen berlegenheit
diese armen Geschpfe so foltern. --

Denn freiwillig oder nicht -- die hier sind, haben alle einmal den
Anfang machen mssen -- und der ist furchtbar.

Gewohnheit und Alkohol tun viel -- doch bis man so weit ist -- --.

       *       *       *       *       *

Den 17.

Ein bel bin ich los und dem andern bin ich verfallen.

In meinem Ha gegen den alten dicken Kerl habe ich nicht daran gedacht,
da noch Widerlichere kommen knnten.

Jetzt mu ich jeden nehmen, der mich begehrt, und wenn es in einem Abend
ein Dutzend sind.

Bronja gibt mir gute Ratschlge. Gut essen und trinken. Geld sparen und
Englisch lernen.

Geld sparen -- bis jetzt habe ich noch keinen Cent zu sehen bekommen.
Ich brauche nichts -- sagt Madame. Sie will es fr mich sparen. -- Die
ist immer noch nicht mit mir zufrieden. Ich trinke nicht genug und
animiere nicht genug zum Trinken. --

Obgleich es ja wirklich das beste ist, man kommt aus dem Alkoholdusel
gar nicht heraus.

Das Schlimme ist: ich gefalle --, alle wollen mich haben. Ich mchte nur
wissen, was sie an mir finden.

Einige von den Mdchen sind schon neidisch. Die dummen Gnse, als ob ich
etwas dazu knnte! Ich wre zufrieden, wenn keiner zu mir kme. Nur
Bronja hlt treu zu mir. Als ich ihr gestern meine Not klagte, lachte
sie mich aus.

Du bist ein kleines Schaf, sagte sie. Deine hoheitsvolle, unnahbare
Miene und deine groartige Figur reizen die Mnner. Freue dich! Denn,
wenn eine keinen Anklang findet, ist es erst recht schlimm. Die schaffen
sie dann fort in ein anderes Loch. Frei kommt sie deshalb doch nicht.
Erst mu sie ausgenutzt sein. Die ganze Bande hier im Land steckt unter
einer Decke. Die Mdchenhndler, die Wirte und, nicht zu vergessen, die
wohllbliche Polizei. Ich bin berzeugt, der Policemann, der hier an der
Ecke patrouilliert, verdient mehr als ein Bankdirektor.

Er hrt nichts, er sieht nichts, kurz und gut, er versteht sein
Geschft. Deshalb wrde es dir auch nichts helfen, wenn du wirklich
fortlaufen knntest. Keine Viertelstunde wrst du drauen. Unter dem
Vorwand, dich zu beschtzen und Erkundigungen einzuziehen, liefert er
dich wieder dahin ab, woher du gekommen. Ich wei ja, wie's gemacht
wird. Die ganze Bande ist organisiert. Es ist die reine
Aktiengesellschaft. -- -- -- -- --

       *       *       *       *       *

Welch seltsame Verirrungen doch das Tier im Menschen haben kann! -- Es
ist hier im Hause eine Wienerin, Kathinka heit sie. Ein Monstrum von
einer Frau. Sonst ist sie gar nicht auergewhnlich gro und dick, aber
einen Busen hat sie -- unbeschreiblich!

Und ist es zu glauben, da dieses Mdchen, das weder schn ist noch
sonst besondere Anziehungskraft besitzt, nur wegen ihres abnormen Busens
eine Art Zugnummer dieses gesegneten Hauses ist?

Sie selbst ist dabei kreuzfidel und spart sich Geld.

Es gibt halt Mannsleut', die gern auf'm Fettpolster liegen, wann's viel
getrunken haben, sagt sie lachend. -- -- --

Wenn ich doch auch erst etwas gleichgltiger werden knnte. -- Aber nein
-- ich will es gar nicht werden. Ich will nicht jeden moralischen Halt
verlieren. Ich mu hier wieder fort oder sterben. -- Ich darf gar nicht
denken -- nicht nach Hause an die alten Leute, dann schme ich mich
furchtbar, obgleich ich schuldlos an meiner Schande bin.

Ich habe nun schon wiederholt versucht, einen meiner Kufer fr meine
Lage zu interessieren. Keiner glaubt mir. Sie lachen und sagen: Das sagt
jede. -- -- --

       *       *       *       *       *

Den 22.

Wie soll ich es ertragen!

Gestern abend war es wieder einmal recht voll, aber es wurde der Alten
nicht genug verzehrt. Hauptschlich Mixed-drinks sollen viel verkauft
werden, denn daran wird verdient.

An mir lie sie ihre Wut wieder aus, weil an meinem Tisch am wenigsten
verzehrt worden war. Ich war bis elf Uhr schon viermal oben im Zimmer
gewesen und hatte keine Lust mehr. --

Sie hat mich nun beobachtet. Und behauptet, ich sei viel zu
unfreundlich. Kurz und gut, sie hat mir gedroht, wenn ich mich nicht
bessere, kme ich nchste Woche ins Hafenviertel, an den Eastriver, da
haben sie auch noch ein Haus.

Bronja kennt es. Es sei frchterlich dort. Heizer und Kohlenzieher,
betrunkene Seeleute aus aller Herren Lnder. Kein weibezogenes Bett,
schmutzige Schlafsofas und dazu an manchem Tage zwanzig Besucher.
Krankheiten unausbleiblich. Kontrolle gibt's nicht. --

brigens gibt es die auch hier nicht, denn ich habe noch nie einen Arzt
gesehen. --

Aber das tue ich nicht, nein, das nicht! Dann wird sich schon ein Weg
finden, wie ich ein Ende machen kann. --

Ich bete zu Gott, aber ich glaube, es gibt gar keinen mehr.

Wenn es wirklich einen allmchtigen Gott im Himmel gbe, dann knnte er
nicht zugeben, da so furchtbare Dinge auf seiner Erde geschhen.

Bronja trstet mich.

Sei nur nicht bange, du kommst hier nicht fort, sie will dich nur
erschrecken. Aber du solltest wirklich ein klein wenig mehr trinken. Es
ist besser. Du brauchst deshalb immer noch nicht zu saufen. Du kommst
aber viel besser ber alles fort.

Ich will es tun, ja, ich will es tun. Spter, wenn ich wieder frei bin,
werde ich desto enthaltsamer sein.

Ich mochte frher nie Bier und Wein, nur der Champagner hat mir
geschmeckt -- zu meinem Verhngnis.

Htte ich an Bord nicht zu viel Sekt getrunken, so htte ich mich nicht
von dieser Bande umgarnen lassen.

berhaupt der Alkohol. Ich habe nun schon manche hier kennen gelernt --
wir sind fr bestndig fnfundzwanzig bis achtundzwanzig, ohne die
Vorbergehenden -- und es sind wenige darunter, bei denen der erste
Fehltritt -- der erste Fall -- nicht im Alkohol geschehen ist. --

In der Bibel ist die verbotene Frucht der Apfel -- wollten doch alle nur
pfel essen, es wre besser.

Es ist vielleicht auch nicht recht berichtet, es war vielleicht auch
schon der Sekt.

       *       *       *       *       *

Seit vierzehn Tagen ist eine Neue da. Ein kleines zartes Ding von kaum
Mittelgre.

Solange sie nichts getrunken hat, sieht sie immer so traurig aus, aber
abends ist sie die Schlimmste. Sie trinkt wie ein Irlnder und kann
furchtbar viel vertragen.

Sie hat mir vor einigen Tagen ihre Geschichte erzhlt.

Sie ist glcklich verheiratet gewesen. Ihr Mann, der fr eine groe
Firma jedes Jahr zweimal nach Berlin reiste, um Herrenstoffe
einzukaufen, war gut und lieb zu ihr.

Im vergangenen Herbst, als sie wieder fr einige Wochen allein war, ging
sie mit einer befreundeten Familie zu einem Picknick.

Ein Herr, der mit von der Partie war, hatte sich den ganzen Tag sehr
aufmerksam gegen sie gezeigt. Am Tage haben sie noch fast nichts
getrunken, doch abends, als sie in einem Auto nach Hause fuhren, sind
sie noch am Broadway in einem Hotel eingekehrt, um zu Abend zu essen.
Bis in die Nacht hinein ist gegessen und getrunken worden. -- --

Als sie am andern Morgen aufwachte, lag der Herr neben ihr im Bett. --
Ihr Mann hat es erfahren, und sie sind geschieden.

Hat mich der Alkohol hineingebracht, soll er mich auch wieder
herausbringen, ich sauf' mich tot, sagt sie lachend.

Aber dabei knnte man weinen. -- -- --

       *       *       *       *       *

Ich bin krank, und ich mchte sagen, Gott sei Dank. Zumal auch der Arzt
sagt, da es nicht schlimm sein soll. Nur einige Tage Ruhe.

Der Doktor war erst recht ungezogen zu mir. So barsch und grob, da mir
die Trnen in die Augen traten.

Ich drehte mein Gesicht nach der Wand, damit er -- und hauptschlich die
Madame -- nichts sehen sollten.

Denn sie ist nicht aus dem Zimmer gegangen, solange der Arzt da war.
Wahrscheinlich frchtete sie, da ich etwas sagen wrde. --

Nachher war er ganz nett und manierlich.

Ich schmte mich aber doch ganz frchterlich.

Es sei nicht so schlimm. berreizung -- was Wunder. Einige Tage Ruhe,
dann sei alles wieder gut.

Er kommt noch einmal wieder. -- --

Wenn er dann doch allein ins Zimmer kme. Ich wrde ihn bitten, mir
herauszuhelfen. Aber er wird's auch nicht wollen. Die Menschen machen
sich nicht gern Unannehmlichkeiten mit Leuten, die sie nichts
angehen.--

Wenn ich so allein hier liege, mache ich mir allerlei Gedanken.

Dumm bin ich doch gewesen, sehr dumm.

Wie kann man als junges Mdchen mit einem wildfremden Menschen in die
Welt hineingehen! Wenn ich auch erst sechzehn Jahre alt bin, so viel
htte ich doch bedenken mssen. Freilich, besser wre es gewesen, ich
htte schon frher etwas von solchen Sachen gelesen, dann wre mir
vielleicht doch der Gedanke gekommen, knnten das womglich auch solche
Menschen sein? -- --

Aber soviel wei ich, komme ich je hier aus diesem Hause -- und ich habe
den festen Glauben daran -- dann soll das, was ich hier erlebt, nicht
umsonst gewesen sein. -- --

Ich freue mich jetzt so, da ich mein Tagebuch habe; da kann ich doch so
recht mein Herz ausschtten. Etwas mu der Mensch haben. Briefe kann ich
nicht schreiben, und ich glaube auch kaum, da ein Brief von mir aus dem
Hause gelassen wrde.

An wen sollte ich auch schreiben?

Fr die Groeltern bin ich tot, und hier im Lande habe ich keine Seele,
die sich um mich sorgt.

Was mgen wohl die lieben, alten Leute fr Kummer gehabt haben, als sie
erfahren haben, da ich nicht bei den Verwandten angekommen bin?
Vielleicht haben sie gedacht, ich bin kurz vorher ber Bord gefallen.
Denn ich bin doch spurlos verschwunden. Nur Frau Frhlich und ihr
sauberer Neffe knnten Auskunft geben, und die werden sich hten.

       *       *       *       *       *

Ich mchte nur wissen, wo mein Koffer ist. Die Rottmann sagte doch
damals, sie htte ihn holen lassen.

Mich wundert nur, da die beiden ihn nicht behalten haben, jedenfalls
ist ihnen der Inhalt zu gewhnlich gewesen. --

Wie froh wre ich, knnte ich meine Wsche anziehen, die darin war. Wie
gern wrfe ich den ganzen Plunder von mir.

Damit will ich nicht sagen, da ich die feinen Sachen nicht mag, ganz
gewi nicht! Schn ist es, so zarte Stoffe zu tragen -- aber unter
diesen Umstnden! Ja, wenn ich reich wre -- recht reich --, dann wrde
ich auch feine seidene Hemden tragen und mich an meiner Schnheit freuen
-- aber so!

Ich sei schn, sagen sie -- und wenn ich mich zuweilen im Spiegel
betrachte, komme ich mir so unrein vor, so fleckig, so -- pfui Teufel,
habe ich dann einen merkwrdigen Geschmack auf der Zunge. --

Dann htte ich auch Lust, mir dicken Puder an Gesicht und Hals zu
schmieren, wie sie's alle hier machen. -- -- --

       *       *       *       *       *

Ich hab's gewagt!

Also, der Doktor war wieder da. Die Madame stand dabei, und trotzdem
habe ich sie angefhrt. --

Ach, ich bin so froh, so glcklich, vielleicht hilft es was.

Weil ich mir denken konnte, da die Alte wieder dabeistehen wrde, hatte
ich schon vorher ein kleines Stckchen Papier ganz eng beschrieben.
Alles hatte ich darauf geschrieben, was wichtig war. --

Ich flehte den Doktor an, mir zu helfen. --

Als er mich nun wieder untersuchte und gerade mit einem Arm ber mich
hinreichte, habe ich ihm das Rllchen in die Hand geschoben. Er verstand
meine Absicht sofort, schlo die Hand und fuhr in seiner Untersuchung
fort. -- --

Die Alte hat nichts bemerkt, und ich bin so froh, so glcklich. Wenn er
mir doch helfen wollte! Er brauchte ja nur zur Polizei zu gehen. -- --

Ich glaube, ich kann nicht eher wieder ruhig schlafen, ehe ich nicht
wei, ob ich mich an keinen Unwrdigen gewandt habe.

       *       *       *       *       *

Den 4. August.

Gestern war ich wieder im Salon. Ich bin wieder gesund, nun kann die
Tierqulerei von neuem beginnen.

Tierqulerei! -- Ich sage das so leichtsinnig -- ein Tier wrde sich
nicht gefallen lassen, was ich mir gefallen lassen mu. Und was das
beste ist, sein Artgenosse wrde es auch nicht in dieser Weise
mibrauchen.

Die Tiere sind klger und besser als die Menschen.

Ich komme auf ganz, ganz dumme Gedanken.

Frher habe ich zu wenig nachgedacht und jetzt denke ich zuviel. Wre
ich frher mehr zum Nachdenken gezwungen gewesen, so brauchte ich jetzt
meine Gedanken nicht auf diese Weise spazieren zu fhren. -- --

       *       *       *       *       *

Von dem Doktor habe ich noch nichts gehrt, aber eine andere
interessante Bekanntschaft habe ich gemacht. Ein junger Landsmann war
da, ein lieber Mensch. Er gefiel mir gleich, als er kam, und weil ich
gerade allein sa, ging ich sofort zu ihm. Er bestellte eine Flasche
Rdesheimer. Aber echten, rief er mir noch zu.

Wir kamen ins Gesprch und pltzlich entdeckten wir, da wir Landsleute
waren. Gar nicht weit voneinander zu Hause.

In meiner Freude und Aufregung verga ich ganz, da ich ja nie jemand
hatte sagen wollen, wer ich war.

Er ging dann mit mir nach oben, und da -- als wir allein waren -- fate
ich mir ein Herz und erzhlte ihm alles, mein ganzes Unglck.

Er glaubte mir gleich und lachte gar nicht ber mich.

Ich habe ihn auch gefragt, ob er mir nicht heraushelfen knne.

Er meinte, leicht wrde es nicht sein, ich sei noch zu kurze Zeit hier,
und die Besitzer dieser Huser mten die Schlepper wohl gut bezahlen
und wollten dann natrlich ihr Geld auch wieder heraus haben. Gutwillig
wrde mich die Rottmann nicht gehen lassen, auch wenn sie Geld geboten
kriegte.

Er will sich alles berlegen.

Mit der Polizei sei nichts zu machen, da msse man Geld haben, sehr viel
Geld. Denn da hiee es, wer am besten bezahlt, wird am besten bedient.
Und die Rottmann kenne ihre Leute, die wrde schon anstndig bezahlen.
-- -- -- --

Das ist ja ganz schrecklich! Das sieht ja trostlos fr mich aus. Aber
mein neuer Freund kommt wieder -- heute noch nicht, damit es nicht
auffllt, aber morgen. Dann werden wir weiter beraten.

Ich habe jetzt Hoffnung.

Dem kann ich vertrauen, er hat ein so gutes Auge.

Als ich ihm sagte, wie alt ich sei, da sah er mich so mitleidig an und
sagte: Du armes Ding. Da mute ich natrlich weinen. Das Mitleid mit
mir selbst trieb mir die Trnen in die Augen.

Und habe ich nicht wirklich ein Recht, ber mich zu weinen?

Gibt es ein zweites Geschpf, das so unglcklich, so armselig ist wie
ich! Mit noch nicht siebzehn Jahren eine Dirne, eine Verworfene!

Und doch bin ich das Kind eines Frsten!

Aber das ist ja gerade mein Unglck. --

Ich fhle einen Ha in mir, ich kann es gar nicht sagen. Ich wei nur
nicht, wen ich mehr hassen soll: die Rottmann, Herbert Smith, Rudolph
Schnewald oder den Urheber meines Daseins.

Ich bin berhaupt zuweilen ganz wirr von all dem Denken. -- Ich bin wohl
auch noch zu jung und habe zu wenig praktischen Verstand.

       *       *       *       *       *

Ich habe jetzt doch wenigstens etwas Schnes, an das ich denken kann.
Ich freue mich so darauf, da mein neuer Freund wiederkommt.

Ob er Wort hlt?

Wenn ich daran denke, da er nicht kommen knnte, dann wird mir
siedendhei vor Angst. -- --

       *       *       *       *       *

Er war da! Schon am zweiten Abend kam er wieder. --

So frh er aber auch kam, ich war schon vergeben.

Aber ich hatte dann doch noch Glck, ich konnte mich freimachen und zu
ihm gehen.

Er hatte keine andere angenommen.

Ich konnte ihm an den Augen ansehen, wie widerlich es ihm war, da ich
direkt aus den Armen eines anderen Mannes zu ihm kam.

Aber ich kann's doch nicht ndern, ist es mir doch nicht weniger
widerlich.

Es war trotzdem ein so glcklicher Abend. --

Wir saen noch nicht lange zusammen, da kam der Doktor -- mein Doktor.

Er ging nicht gleich zu mir, er sa erst eine Zeitlang bei Lizzi und hat
mit der eine Flasche Wein getrunken. Dann trat er ganz harmlos auf uns
zu und rief schon von weitem: Ah, da ist ja auch meine Patientin! Wie
geht's uns denn?

Dann hat er sich zu uns gesetzt. Wie bin ich glcklich! Wie ist es gut,
da ich ihn gebeten habe. Der ist klug und kennt die hiesigen
Verhltnisse. Er spricht ganz nett Deutsch, da seine Eltern geborene
Deutsche sind.

Er sagt, auf geradem Wege, mit der Polizei, sei gar nichts zu machen.
Wir mten berhaupt uerst vorsichtig sein. Wendeten wir uns an die
Polizei, so bekomme die Rottmann sofort einen Wink, und wenn dann die
Polizei offiziell ins Haus komme, sei ich verschwunden.

Entweder wrde ich versteckt oder ich sei schon an ein anderes Haus
verschickt, was noch viel schlimmer sei. Denn dieses Haus hier am
Broadway sei noch eines der besten.

Herr Werner, mein neuer Freund, fragte, ob ich nicht herauszukaufen sei.
Da meinte der Doktor, auch das habe wenig Aussicht.

Erstens wrde sie einen unverschmten Preis fordern, und zweitens sei
noch die Frage, ob sie es berhaupt tue.

Ich verdiene ihr vorlufig doch ein gutes Stck Geld, und so sehr junge
Mdchen bekme sie auch nicht alle Tage. -- --

Aber er hat doch einen Plan. Sie wollen mich entfhren. --

Wenn Herr Werner jetzt wieder kommt, will er all sein Geld mitbringen,
das er auf der Sparkasse hat. Aber es soll nicht fr die Rottmann,
sondern zu andern Zwecken verwendet werden.

Geld mten wir in Hnden haben, sonst sei nichts zu machen.

Der Doktor will alles besorgen in der Zeit, da Werner fort ist, und er
will whrenddem auch noch einige Male wiederkommen.

Ich htte laut aufjubeln mgen, dabei mute ich ein gleichgltiges
Gesicht machen. -- --

Werner ging mit mir nach oben, und der Doktor wartete unten, bis wir
wiederkamen.

Ich habe Werner fast erdrckt vor Zrtlichkeit, und gern gab ich mich
ihm an diesem Abend. --

Ich hab' ihm soviel gelobt, heiraten darf er mich nicht -- obgleich er
eine Andeutung machte -- dazu bin ich zu schlecht. Aber dienen will ich
ihm, dienen wie eine Magd, damit ich die Schuld abtrage. --

Ich htte so gern einmal aufgejubelt, nur einmal -- aber ich mute still
sein. -- --

Als wir nach unten kamen, sa der Doktor noch da. Er ist dann zum Schein
mit mir nach oben gegangen. Er hat sein Geld aber umsonst bezahlt, wir
haben nur noch ein wenig geplaudert. --

Die beiden Herren sind dann zusammen fortgegangen, sie wollten nach
Lchow, um noch ein Glas Pilsener zu trinken und alles Ntige zu
besprechen. -- --

Die Augusta Viktoria fhrt morgen, und mein Freund kommt nicht wieder.
Aber nchste Reise! Ob ich es wohl aushalte?

Und dabei mu ich so gleichgltig tun, damit nichts auffllt, sonst bin
ich womglich fort, wenn das Schiff wiederkommt. --

Aber wenn ich allein im Zimmer bin und an die Zukunft denke, dann
krieche ich oft unter die Bettdecke, balle das Taschentuch vor dem Munde
zusammen und schreie laut auf; und wenn es auch nur ein undeutliches
Grunzen wird, ich habe mich doch erleichtert. -- --

       *       *       *       *       *

Den 20. August.

Schrecklich ist es doch, was das Leben aus all diesen Mdchen gemacht
hat. Sie betrachten ihr Handwerk als etwas ganz Selbstverstndliches.
Alle wollen Geld verdienen, und die Wenigsten haben etwas. --

Bronja sagt auch, da es nur sehr Wenige gibt, die sich hier wieder
herausarbeiten. Die weitaus Meisten enden an der Ostseite, am Flu
unten, in den Verbrecherkellern.

Wenn sie zu nichts sonst mehr taugen, dann verdienen sie immer noch
einige Cents fr ihre Zuhlter, bis sie eines Tages abgefangen werden
oder bei einer Schlgerei umkommen. --

Mir ist das unbegreiflich. Es mu herauszukommen sein, wenn der feste
Wille da ist.

Ich glaube nur, die meisten der Mdchen wollen auch nicht ernstlich. Das
faule Leben, das Saufen -- denn trinken kann man es wirklich nicht mehr
nennen -- gefllt ihnen. Des Nachts wird gefeiert dann bis in den
Nachmittag hinein geschlafen und dann geht's von neuem los. -- Viele
sind auch schon nach kurzer Zeit derart verdorben, da sie fr ein
anstndiges brgerliches Leben gar nicht mehr zu gebrauchen sind. Auch
die Mdchen untereinander sind oft widerlich. Das ist ein Kssen und
Umarmen, als ob sie noch nicht genug an dem aufgezwungenen Verkehr
htten. --

Ich bin nicht genug in die Geheimnisse des Geschlechtslebens eingeweiht,
aber so viel merke ich doch, da da etwas vorgeht, was _nicht_ sein
darf. Etwas Unerlaubtes, Anormales.

Die Rottmann pat aber auf, und ich habe schon verschiedene Male gehrt,
wie sie die eine aus dem Zimmer der anderen holte. Ich glaube sogar, sie
schlgt sie, schimpfen tut sie wenigstens genug.

Mir ist die ganze Sache beraus widerlich!

berhaupt mag ich das ewige Kssen untereinander nicht. Die Ulli ist
darin schrecklich. --

Krzlich fragte sie mich sogar, ob ich nicht ihre Freundin sein wolle.
Ich habe mich bestens bedankt.

Ich bin mit Bronjas Freundschaft vollstndig zufrieden. --

       *       *       *       *       *

Gestern habe ich wieder etwas erlebt -- eine traurige Abwechslung in
diesem Geist und Krper mordenden Einerlei.

Ich glaube, wenn ich noch lange in diesem Hause bin, dann bleibt mir
kein Abgrund der Natur verborgen.

Zu den stndigen Besuchern gehrt ein Herr Vaillant, der Besitzer eines
groen Warenhauses. Die Mdchen sagen alle Bobbi zu ihm. Wenn er kommt,
dann ist ordentlich was los. Er lt immer so viel anfahren, da sich
bald alles auf dem Teppich wlzt. --

Gestern wollte er nun haben, die Sofia und die kleine, zarte Mary
sollten im Evakostm vor ihm tanzen.

Es reize ihn nichts mehr, und nun wolle er sehen, wer mehr Reiz auf ihn
ausbe, die groe, stattliche Sofia, oder die kleine, zierliche Mary.

Jede bekam zehn Dollar extra.

Erst natrlich ordentlich getrunken und dann ging es los. --

Die Rottmann sa an der Seite, mit einem alten verkommenen Kerl -- es
soll ein frherer Lehrer sein, jetzt fhrt er ihr die Bcher. Ihre Augen
funkelten wie bei einer Katze; wenn ich es nicht zu unglaublich fnde,
so mchte ich sagen, da sie selbst das ekle Schauspiel mit lsternen
Blicken betrachtete.

Die beiden Mdchen hatten sich bei ihrem Tanzen und Drehen derartig
erhitzt und aufgeregt, da ihnen die Haare wirr ums Gesicht flogen.
Pltzlich stie die kleine Mary einen Schrei aus und strzte hin.

Dann lachte und schrie sie immerzu. Sie hatte Krmpfe. Es war
schrecklich! -- Die allgemeine Lust wurde aber nicht dadurch gestrt. --

Mary wurde weggetragen und Bobbi ging mit Sofia nach oben. --

Sie habe noch zehn Dollar Strumpfgeld von ihm bekommen, sagte sie uns
spter. --

       *       *       *       *       *

Den 28.

Jetzt sind es schon beinahe drei Wochen, seit ich Werner kenne. Ich
verfolge im Geiste seine Reise nach Deutschland. Zwlf bis vierzehn Tage
dauert die Fahrt, dann die Zeit, da das Schiff im Hafen liegt, und
endlich die Herreise. --

Ich habe zuweilen solche Angst, da Werner nicht wiederkommt.

Wenn auch diese Hoffnung scheitert, dann glaube ich an nichts mehr. --
Aber nein, diese Augen knnen nicht lgen. Er ist ein guter Mensch,
einer von den Wenigen, die es gibt. -- -- -- -- --

Der Doktor hat auch nicht Wort gehalten. Noch nicht ein einziges Mal war
er hier, und ich hatte doch so darauf gehofft. Er wird mich vergessen
haben oder er will nicht kommen. --

       *       *       *       *       *

Mir kommt es vor, als ob wieder irgend etwas im Hause vor sich ginge.
Wenn mich nicht alles tuscht, sind wieder Neue eingebracht worden. Das
alte, schreckliche Geschpf, das mir am ersten Morgen mein Frhstck
brachte, begegnete mir heute frh auf der Treppe. Ich habe es Bronja
erzhlt, und die meint, das wrde wohl so sein. Wenn neu Aufgegriffene
ankommen, dann mu immer diese Person die Bedienung besorgen. Sie ist
der Rottmann ergeben auf Tod und Leben, weil sie sonst nirgends mehr hin
kann. Sie ist unheilbar geschlechtskrank. -- Die Rottmann behlt sie
aber, weil sie fr diese Henkersdienste jemand haben mu, der
verschwiegen und ihr blindlings ergeben ist.

Und dieses Mdchen -- anstatt jede Geschlechtsgenossin zu warnen und ihr
Gelegenheit zu geben, aus diesem Hause wieder hinauszukommen -- hilft
mit einer wahren Wollust dabei, sie zu verderben. --

Sonderbare Seelenabgrnde sind es, die das Leben zeitigt. --

       *       *       *       *       *

4. September.

Ich habe richtig vermutet. Gestern waren zwei Neue im Salon. --

Die armen Dinger! Ich bin berzeugt, es sind ein paar arme Dienstmdchen
vom Lande oder so was hnliches. Sie waren so schchtern und linkisch,
und an ihren Hnden und Armen konnte man noch sehen, da sie bis jetzt
wenig gepflegt worden waren.

Mein eigenes Unglck steht mir mit erneuter Klarheit und Strke wieder
vor Augen. Knnte ich doch mit ihnen sprechen, sie fragen, ob sie sich
in ihr Schicksal ergeben, oder ob sie auch versuchen wollen, hier wieder
fortzukommen.

Aber ich darf noch nicht einmal gleich zu ihnen hingehen, sonst erwecke
ich das Mitrauen der Rottmann, und ich mu jetzt doppelt auf der Hut
sein. --

Die Viola sagte krzlich zu mir, ich sei noch gut behandelt worden, wenn
ich blo htte hungern mssen. Sie selbst sei noch viel schlimmer
hereingefallen. --

Vor fnf Jahren hatte sie eine Stelle als Erzieherin nach New Orleans
angenommen.

Alles sei sehr schn abgemacht gewesen, freie berfahrt auf einem
franzsischen Dampfer. Drben sei sie von einem Diener in Livree
abgeholt worden, kurz und gut, alles habe sich aufs feinste angelassen.
Auch beim Betreten des Hauses sei ihr noch kein Zweifel gekommen.

Aber dann! Schon am ersten Abend wollte man sie einkleiden, und da waren
ihr pltzlich die Augen geffnet worden.

Sie hatte dann sofort gewut, wo sie war, da sie schon fter derartige
Sachen gelesen hatte.

Sie hat geweint, gebeten, gedroht und Gott wei was versucht, es hat
alles nichts gentzt. Und als sie sich geweigert hat, Dienst zu tun,
da hat sie ein Kerl -- jedenfalls der extra dafr angestellte Bndiger
-- gebunden und geknebelt und derart mit einem Gummischlauch geschlagen,
da sie tagelang nicht hat liegen knnen ohne die frchterlichsten
Schmerzen.

Als sie nach sechs Tagen wieder aufstehen konnte, hat die Madame gesagt:
Na, mein Kind, hast du dich besonnen? Da hat sie schaudernd zu allem
ja gesagt.

Sie sagt, nie in ihrem Leben wrde sie diese Zchtigung vergessen; sie
habe das Gefhl gehabt, als hinge ihr das Fleisch in Streifen vom
Krper. --

Also ist es mir im Verhltnis noch gut ergangen. -- --

Die Viola will aber auch nicht beim Gewerbe bleiben. Sie spart sich
etwas Geld und will dann sehen, ob sie nicht heiraten kann.

Irgend jemand, und wenn es der geringste Arbeiter ist, nur damit sie
wieder in anstndige Umgebung kommt.

Sie spricht nie von ihren Eltern oder ihrer Heimat.

Ich glaube aber, sie ist aus ganz guter Familie, man merkt es an der
Sprache. --

       *       *       *       *       *

Gestern war Marys Geburtstag. Als die letzten Besucher in der Nacht oder
vielmehr gegen Morgen fortgingen, war es eben nach fnf Uhr.

Nun wird Geburtstag gefeiert, sagte Mary. Keine darf zu Bett, ich
halte alle frei. --

Da haben wir denn gefeiert! Gegen neun Uhr hatte Mary schon eine Zeche
von dreiig Dollar und noch dachte keine ans Schlafengehen. Auch ich
habe tchtig mitgetrunken -- man wird wirklich so langsam in den Strudel
gezogen. Es wird hchste Zeit, da ich fortkomme. -- Zuletzt konnten wir
uns kaum noch auf den Beinen halten, und die Alte, die sich sonst immer
freut, wenn gut verzehrt wird, gab nichts mehr heraus.

Wir sollten zu Bett, damit wir abends wieder frisch wren. --

Ja, ja, das Geschft! Das ist die Hauptsache. Ob dabei sonst etwas
zugrunde geht, das kmmert sie wenig. --

Heut' tut mir die arme Mary leid, sie hat sicher den Verdienst von
einigen Wochen geopfert und niemand gentzt. -- --

       *       *       *       *       *

Ich glaube, ich liebe Werner. Ich sehne mich so nach ihm, da ich es
bald nicht mehr aushalte. Oder ist es die Sehnsucht nach Freiheit? Ich
wei es wirklich nicht. Meine Gedanken gehen zuweilen ganz
absonderliche Wege.

Wenn er mich liebte! Wenn er mich doch heiratete! Ich selbst mag ihn
gern leiden -- sollte es Liebe sein? Es wre ein groes Glck fr mich.
Aus aller Not und allem Schlamm wre ich heraus. Und niemand kennt mich
dort, wo er mich hinfhrt, niemand wei, woher ich komme. --

Aber nein, das darf nicht sein. Ich darf seine Gte nicht mibrauchen.
Es wre schlechter Lohn fr ihn -- und vielleicht auch fr mich, wollte
ich den lockenden Stimmen meines Innern nachgeben. --

Das Bewutsein, wo ich gewesen -- von welchem Ort er mich geholt, wrde
in jede Stunde, auf jede harmlose Freude einen Schatten werfen.

Meine Trume aber kann mir niemand rauben. Sie sind so trstend, aber
ach so unwirklich, wenn ich meinen jetzigen Aufenthalt bedenke.

Die Nchte sind so hei -- so wollstig -- so voll prickelnder Unruhe.
Ist es Snde, wenn ich an den fernen Freund denke, wenn mein Blut
aufgepeitscht wird durch aufreizende Getrnke und die Berhrung heier,
sinnenzuckender Krper?

Ist es Snde, wenn ich ihn vor mein geistiges Auge zaubere, um damit die
erzwungene Umarmung ertrglicher zu machen? --

Ich liebe ihn! Ganz gewi, ich liebe ihn. -- -- --

       *       *       *       *       *

Noch zwei Tage, dann mu Werners Schiff wieder hier sein, und meine
Erlsung ist nahe. Dann ist alles berstanden, auch diese letzten
ekelhaften Episoden sind vergessen.

Den Gedanken, was werden soll, wenn Werner nicht Wort hlt, kann ich gar
nicht ausdenken. Ich habe dann ein Gefhl, als ob mir jemand die Kehle
zuschnrt. Hei und kalt berluft es mich.

       *       *       *       *       *

Der Doktor war hier. Er ist doch treu. --

Aber klug ist er, das mu ich sagen; na, er mu es ja am besten wissen,
er kennt die Verhltnisse hier im Lande und wird schon alles gut
einrichten.

Zuerst kmmerte er sich scheinbar gar nicht um mich, trank mit der Mary
ein Flasche Wein und kam dann erst zu mir.

Er hatte einen Brief fr mich -- von Werner -- nur einige Zeilen.

Ich bin so glcklich, obgleich es nun noch etwas lnger dauert.

Werner schreibt mir, da sein Schiff zehn Tage berliegt, aber dann holt
er mich bestimmt, ich soll ihm vertrauen.

Der Doktor war sehr vorsichtig, er gab mir den Brief erst, nachdem er
mit mir im Zimmer war, und als ich ihn gelesen, mute ich ihn
zerreien, und er steckte die Stckchen in die Tasche. --

Er selbst hat Werner geraten, nicht an mich direkt zu schreiben, denn es
htte auffallen mssen, wenn ich einen Brief von Europa bekommen htte.

Er hat recht, daran habe ich gar nicht gedacht. berhaupt habe ich mir
noch gar nicht berlegt, da ja niemand meinen Familiennamen wei. Man
vergit ihn hier beinahe. Man ist wie im Zuchthaus -- nur eine Nummer.

Ich hatte berhaupt meinen guten Tag heute, nur anstndigen Besuch. Von
einem habe ich sogar ein wunderschnes Geschenk bekommen, eine reizende,
brillantenbesetzte Uhr.

Ich war ganz sprachlos.

Ich habe sie spter Bronja gezeigt, die hat aber meine Freude mchtig
gedmpft.

Der hat sie sicher erst gestohlen, sagte sie trocken. Denn sonst
verschenken sie nicht so leicht so kostbare Dinger.

Meinetwegen, ich freue mich trotzdem.

Aber recht knnte Bronja schon haben, etwas sonderbar ist es. Kennt mich
nicht weiter und schenkt mir gleich eine Uhr?

Na einerlei!

       *       *       *       *       *

Es gibt auch kleine Lichtblicke im Dunkel unserer Existenzen. Wenigstens
mu ich es so nennen, wenn ich jemand sagen hre, da er gern hier ist.

Die Lilly wenigstens sagt, ihr gefiele das Leben ganz gut und sie
wnsche sich auch nie etwas anderes. --

Geschmacksache ist es natrlich, aber ihr bekommt es ja auch
anscheinend, denn sie wird dick und fett dabei. --

Wie ein Roman hrt sich's an, wenn sie ihre Geschichte erzhlt. -- --

In einem kleinen mhrischen Drfchen im Armenhaus gro geworden, wird
sie von Deutsch-Amerikanern, die zu Besuch in der Heimat weilen, als
Mdchen fr alles mit nach Amerika genommen.

Sie, die bis dahin kaum satt zu essen bekommen, blht bei der guten Kost
auf wie eine Rose. --

Sie hatte es gut in ihrer Stelle. Der Mann, der eine gutgehende Bckerei
in Pittsburg hatte, hielt die Familie gut -- aber -- aber. -- Die Frau
war ziemlich verblht -- war wohl auch nie eine Schnheit gewesen -- und
nun gar -- neben der ppig aufblhenden achtzehnjhrigen Lilly!

Was Wunder, da die Augen des Mannes immer hufiger und unruhiger auf
Lilly hafteten. --

Lilly schlief mit der ltesten Tochter ihrer Herrschaft in einem Bett,
einem jener breiten amerikanischen Betten, in denen bequem ein halbes
Dutzend Kinder liegen knnte.

Die Sommernchte waren schwl und hei. Die gute Kost hatte alles in ihr
zur Entfaltung gebracht, die Sinne forderten ihr Recht.

Und eines Nachts -- genau als ob es in ihren wollstigen Traum pate,
kommt ihr Dienstherr und nimmt sich, was ihm ohne Widerstreben gegeben
wurde. --

Wie eine Frucht, die sich berreif vom Baume lst, so fllt Lillys
Jungfrulichkeit dem alternden Manne in den Scho. --

Die Tochter daneben ist nicht einmal gestrt worden in ihrem kindlichen
Schlummer. -- --

Doch die inbrnstige Umarmung hatte Folgen -- was nun?

Der Mann war nicht schlecht, er versprach fr Lilly zu sorgen.

Als die Frau merkte, was los war, mute sie aus dem Hause. --

Als ein Glck betrachteten es beide, da der Geselle, ein hlicher,
pockennarbiger Ungar, der Lilly schon immer gern gesehen hatte, ihr aber
nicht hbsch genug gewesen war, nun aufs neue um sie warb. -- Lilly war
froh, mit seinem Namen ihre Schande zudecken zu knnen. -- Der Meister
gab eine gute Aussteuer und Lilly wurde Frau Allasch. Sie erffneten
einen Laden, und alles wre gut gewesen, wenn nicht der junge Ehemann so
eiferschtig gewesen wre. Er war sich wohl bewut, da er Lillys Besitz
nicht nur seiner Schnheit zu danken hatte. --

Es gab hliche Szenen, und da zudem das Kind kurze Zeit nach der Geburt
gestorben war, lie Lilly eines Tages ihren pockennarbigen Herrn Gemahl
sitzen und fuhr nach New York. --

Hier ist sie zuerst in einem deutschen Haushalt in Brooklyn in Stellung
gewesen, es hat ihr aber gar nicht gefallen.

Die Deutschen wollen nichts bezahlen, aber arbeiten soll man wie ein
Pferd, sagt sie. --

Dann war sie in einem Hotel in der 8. Strae Zimmermdchen, und da hat
sie so nach und nach Geschmack am leichten Leben gefunden.

Sie fhlt sich ganz wohl dabei und legt sich sogar noch Geld zurck.
Doch ich glaube, es gibt nicht viele Lillys. -- --

Ich mu oft darber nachdenken, was zu tun ist, um solch armen Teufeln
zu helfen, die in diese Huser verschleppt werden.

Das einzig Richtige wrde sein, wenn diese Huser gesetzlich nicht
geduldet wrden. Es wrde trotz alledem noch genug derartige Mdchen
geben, wie man an Lilly sehen kann.

Aber Leute wie die Rottmann, die sich von der Schande und dem Elend
anderer msten, die drfte es nicht geben. -- Und wenn es wirklich nicht
ohne diese Huser geht, dann sollte der Staat sie bauen, genau wie er
Gefngnisse, Zuchthuser und Idiotenanstalten baut. --

Doch ich phantasiere. Mit meinen siebzehn Jahren fange ich an und will
die Welt verbessern. --

Man hrt so vieles in diesem Hause, so manches Schicksal geht an einem
vorber, und immer, oder doch zum weitaus grten Teil, ist an dem
ersten Fall die Hauptschuld auf seiten des Mannes und des Alkohols.

Mag die Gefallene spter werden wie sie will -- zuerst ist sie verfhrt
worden. --

       *       *       *       *       *

Ich fhle mich seit einigen Tagen gar nicht wohl. Ist es die Unruhe
wegen Werner, die mich qult, oder steckt mir eine Krankheit in den
Gliedern? Das Essen will mir gar nicht schmecken, obgleich es im
allgemeinen ganz gut ist.

Auch Bronja meint, da es in dieser Weise bei der Rottmann recht
anstndig sei. Es gibt reichlich und gut zu essen und wenigstens einmal
am Tage -- abends um sechs Uhr -- eine gemeinsame Tafel.

Wie ich von den anderen schon gehrt habe, gibt es Huser, wo die
Mdchen noch nicht einmal ausreichend bekstigt werden und wo sie sich
noch zum Teil von ihrem eigenen Geld unterhalten mssen. -- --

       *       *       *       *       *

Ich werde immer unruhiger. Wenn ich richtig rechne und sonst nichts
dazwischen kommt, mu das Schiff bald ankommen.

Ich bin frmlich wie im Fieber, es kann nicht allein die Sehnsucht nach
Freiheit sein.

Wenn ich an Werner denke, berluft mich ein so sonderbares Gefhl, ein
traumhaftes Glcksempfinden berkommt mich, das ich aber immer rasch
wieder abschttele. --

Ich bin aberglubisch geworden, ich frchte, wenn ich schon zu fest an
mein Glck glaube, so zerrinnt es wie eine Fata Morgana vor meinem
sehnschtigen Blick. -- --

Die beiden zuletzt Angekommenen habe ich auch einmal unbeobachtet
gesprochen. Es sind ein paar Sddeutsche. Sie haben sich unterwegs
bereden lassen, als Kellnerinnen hierher zu kommen. Anfangs sind sie
ziemlich unglcklich gewesen, ergeben sich aber jetzt in ihr Schicksal.
Die eine, die Sepha, anscheinend die Schlauere, sagt: Mir werden uns
halt a Geld sparen und hernach gehn m'r wieder ham, da wa ka Mensch
net, wo m'rs Geld her ham. --

Auch ein Standpunkt. -- --

       *       *       *       *       *

Ich habe heute die Madame um Geld gebeten und habe ihr gesagt, da die
Mdchen alle ihr Geld selbst aufbewahrten, nur ich bekme keinen
Pfennig.

So, Geld willst du haben? Dann komm mal mit ins Garderobenzimmer, da
will ich dir zeigen, wo dein Geld ist, war die Antwort. --

Ach ja, das Garderobenzimmer. Ein riesenhaftes Kapital steckt in diesem
Raum. Alle vierzehn Tage heit es: es mssen neue Kleider angeschafft
werden, in diesen vertragenen Fhnchen kannst du nicht jeden Abend
dasitzen. --

Ich habe Kleider ber Kleider, und doch nicht ein einziges, um als
anstndiger Mensch auf die Strae gehen zu knnen. -- --

       *       *       *       *       *

Heute war der Doktor wieder da, und morgen kommt Werner!

Ich bin wie von Sinnen. Ich mu wenigstens mein Buch zum Vertrauten
machen, sonst, glaube ich, sprengt es mir die Brust.

Heute abend mu ich wieder unter die Decke kriechen und mein Glck in
diese kleine Welt hinausschreien. --

Ach, wenn es doch gelingen wollte! --

An ein Scheitern darf ich gar nicht denken, dann stockt mein Herzschlag.
Es mu gelingen oder -- ich werde wahnsinnig. --

O, guter Gott, guter Gott, ich will wieder an dich glauben, wenn du mir
diesmal hilfst -- nur dies eine Mal hilf mir, ich bin doch auch dein
Geschpf. --

Ich mu aufhren mit Schreiben, meine Sinne verwirren sich, ich glaube,
ich habe in Wirklichkeit Fieber.

Wenn ich doch ein Mittel htte, um schlafen zu knnen, ich werde sonst
morgen ganz krank und elend sein, und vielleicht habe ich meine Krfte
ntig. --

Ob auch kein Mensch etwas ahnt? Hat mich nicht die Rottmann vorhin so
sonderbar angesehen? Oder bilde ich es mir nur ein?

Wenn es milingt, gibt es ein Unglck! Mir ist dann alles einerlei --
ich knnte das Weib kalten Blutes ermorden.

Mag man mich dann ins Gefngnis stecken, wenigstens ist eines dieser
Scheusale weniger auf der Erde. -- --

Ich kann nicht mehr -- ich glaube, ich bin krank.




IV.

Sonnenaufgang.


Auf See, den 2. November.

Seit fnf Tagen habe ich dich nicht geffnet, mein kleiner Trster in
der Not.

Jetzt will ich dir aber auch sehr vieles, sehr Schnes und sehr
Wichtiges erzhlen. --

Ich bin auf der Fahrt nach Deutschland.

Das sagt eigentlich alles. Trotzdem will ich ausfhrlich erzhlen, wie
alles zugegangen ist; ist es mir doch selbst noch wie ein Mrchen.

Als Werner kam, hielt er sich nicht lange unten auf, sondern ging gleich
mit mir hinauf. Die Flasche Wein, die er hatte bringen lassen, blieb
fast unberhrt stehen. Er rief dem Charly zu, er solle alles so stehen
lassen, er kme gleich wieder.

Oben teilte er mir hastig seinen Plan mit. Ich mute rasch zu mir
stecken, was ich gerne mitnehmen wollte.

Es war wenig genug. Dich, mein kleines Buch, steckte Werner in die
Brusttasche, dann saen wir atemlos und warteten.

Das Schlimmste war, da ich keine Kleider hatte. Ich mute in dem
dnnen, spitzenbersten Kunstwerk, das meinen Krper mehr preisgab als
verhllte, auf die Strae.

Alles war auf die Minute festgelegt.

Werner war um zehn Uhr gekommen, bis um einhalb elf Uhr kamen vier junge
Mnner, die in den groen Salon gingen. Bis drei viertel elf kamen vier,
die in den kleinen Salon hinter der Bar gingen.

Alle diese Leute waren vom Doktor angeworben und wurden mit dem Gelde
Werners bezahlt. --

Fnf Minuten vor elf muten die im kleinen Salon untereinander Streit
anfangen, einer davon mute einen blinden Schu abgeben, zu gleicher
Zeit muten die im groen Salon so agieren, da alles nach dem kleinen
Salon hinstrzte.

Und genau auf die Minute -- elf Uhr -- gab der Doktor an der Eingangstr
das bekannte Einlazeichen, so da der Portier wute, es war ein
eingeweihter Besucher.

Genau in diesem Augenblick kamen wir, Werner und ich, die Treppe
herunter. Die Tr durfte nicht wieder ins Schlo fallen. Ein Auto stand
drauen, und fort ging es -- ich war _frei_!!!

Alles klappte. Der Doktor hatte noch einen handfesten Kerl bei sich, und
als der Schlieer auf mich zustrzen wollte, fate ihn der Begleiter des
Doktors an der Kehle und sagte leise aber bestimmt: Keep quiet! Einen
Laut und du bist ein toter Mann!

Der Doktor sprang zurck und war mit einem Satz bei uns im Auto, dann
ging es vorwrts.

Wir sind erst ganz nach oben bis zur 128. Strae gefahren, um etwaige
Verfolger irrezufhren, dann ging es durch den Zentralpark und an der
anderen Seite herunter nach Hoboken.

Es war bereits nach Mitternacht, als wir im Zentralhotel ankamen.

Der Doktor hatte an alles gedacht. Im Auto lag ein Mantel, in den ich
schlpfen mute, damit meine Kleidung bei den Hotelbediensteten nicht
auffiele und etwaigen Nachforschungen Vorschub geleistet wrde. Ich
bekam ein Zimmer, Werner lie sich eines daneben geben, dann schlo er
mich ein und, ich war allein -- allein und in Freiheit.

Am anderen Morgen -- Werner hatte einen Tag Urlaub genommen --
telephonierte er an ein Konfektionsgeschft und lie mir etwas
anstndige Garderobe kommen.

Unter dem Vorwand, da ich mit dem Schiff gekommen sei und
unglcklicherweise meinen Koffer eingebt habe, wurde ich vollstndig
neu ausgestattet.

Ein einfaches, dunkelblaues Kostm, ein Reisehut und Stiefel waren das
Ntigste. Dann bekam ich noch ein einfaches Straenkleid, und die
brgerlich einfache Dame war fertig.

Ich nahm alles widerspruchslos an. Es waren Wohltaten, die ich
vielleicht nie wrde vergelten knnen; ich mute sie annehmen.

Vorlufig dachte ich nur an den Augenblick. --

Als ich mit allem fertig war, und wir in meinem Zimmer beim Lunch saen,
sagte Werner: Heute nachmittag fahren wir nach New York hinber zu
Pastor Schneider und lassen uns trauen.

Nein, o nein! rief ich, tun Sie das nicht!

Nun, nun, sagte Werner, warum denn nicht?

Sie -- werden es spter bereuen, bitter bereuen. Ich darf Ihre Gte so
nicht ausnutzen. Das Mitleid mit meiner verzweifelten Lage hat Sie
handeln lassen, aber nun ist es genug.

Und meinen Sie, ich htte dies alles getan, wenn ich nicht von Anfang
an die Absicht gehabt htte, Sie zu heiraten? Ich wei alles, was Sie
mir sagen wollen; ich wei, da Hunderte von jenen Mdchen nicht
verdienen, da ein anstndiger Mann auch nur den Finger um sie rhrt,
ich wei aber auch, da Sie keine von denen sind. Sie haben Unglck
gehabt -- es wird bei Ihnen liegen, zu beweisen, da es unverdientes
war. -- --

Es ist nicht schwer fr einen jungen Mann, ein junges Mdchen, das ihm
sowieso schon zugetan ist, zu bereden, ihn zu heiraten, ihr plausibel zu
machen, da sie nicht zu schlecht fr ihn ist.

Ich erinnerte mich so mancher, mit der ich zusammen war, die sich keinen
Augenblick besonnen haben wrde. Ich dachte auch an manche, die wirklich
besser war, als so viele verheiratete Damen, die geachtet dastanden und
doch innerlich nichts taugten, und all meine groen und festen Vorstze
schmolzen dahin wie Butter an der Sonne. -- -- Wenn ich von jetzt ab ein
tadelloses Leben fhrte, war dann nicht alles gut? Was aber, wenn spter
bei Werner die Reue kam?

Sie werden es spter bereuen, lieber Freund! Gesetzt den Fall, es kme
durch irgendeinen Zufall heraus, wo Sie mich hergeholt haben, ich knnte
es nicht ertragen, Schande ber Sie gebracht zu haben!

Das brauchen wir nicht zu befrchten. Kein Mensch von unserem Schiff
ist drben in jenem Hause gewesen, keiner hat Sie gesehen.

Und wenn doch? Sie kennen die Menschen nicht, mein Freund! Ich will
Ihre Freundin sein, Ihre Dienerin, alles will ich fr Sie tun, und wenn
Sie mich nicht mehr wollen, dann schicken Sie mich fort -- dann -- Ich
fing an zu weinen. Das ganze Elend meiner jungen Jahre kam mir mit
Allgewalt zum Bewutsein.

Wre es nicht besser, ich wre tot? Wem ntzte mein Dasein?

Weine nicht, Liebling! Du mut mein Weib werden. Es ist unmglich, wie
du dir das denkst. Ich kann so nicht neben dir leben, ich habe dich lieb
-- komm, sei vernnftig und gib nach. Magst du mich denn nicht auch ein
wenig leiden? Ich schwre dir, ich rhre dich nicht eher wieder an, bis
du mein Weib bist; bedenke -- ich bin ein Mensch von Fleisch und Blut --
und ich liebe dich -- qule mich nicht lnger.

Wenn ich nur wte, da es zu deinem Glcke wre, da ich dadurch nur
etwas von der groen Schuld abtragen knnte, wie gern wrde ich dir
gehren. Aber deine Zukunft, dein Glck! entgegnete ich, nur noch
schwach widerstrebend.

Mein Glck und meine Zukunft bist du! La die Menschen sagen und tun
was sie wollen, wenn nur wir beide zufrieden sind. Komm, sag' ja!

Aber -- -- --

Kein Aber mehr, Liebling, sagte da Werner und nahm mich in seine Arme.
Und jauchzend flog ich an seinen Hals, und er vergrub sein Gesicht in
meinen Haaren.

Mein Liebling, mein alles! flsterte er, und kte mich immer und
immer wieder. Wie schn du bist! Und jetzt bist du mein! Jetzt gehrt
diese Schnheit, dieser entzckende Krper mir -- mir ganz allein!

Willenlos hing ich in seinem Arm. Mein ganzes Herz schlug ihm entgegen.
Wie war er gut! Das war endlich ein Mann von jener Sorte, die wir ntig
haben. Nun war auch fr mich die Sonne eines besseren Tages aufgegangen.

Ja, ich wollte sein Weib sein, und mein ganzes ferneres Leben sollte ein
einziges Dankgebet -- ein einziges Opferfeuer fr meinen Retter sein. --
-- --

Zwei Stunden spter waren wir Mann und Frau.

Der alte, wrdige Pfarrer und seine Gattin nahmen uns sehr liebevoll
auf. Werner kannte das Ehepaar schon seit langem, da sie schon
wiederholt mit seinem Schiff gefahren waren.

Nach der Trauung hatten wir ein schnes Diner bei Reienwebers, und
fuhren dann wieder nach Hoboken.

Ich hatte groe Angst, und Werner mute ein geschlossenes Auto nehmen,
weil ich immer noch Sorge hatte, da ich entdeckt wrde. --

Auch als wir wieder im Hotel waren, wollte die Ruhe noch nicht kommen;
erst hier auf dem Schiff, als einige Meilen Wasser zwischen mir und
jener Stadt mit den hohen Husern lagen, konnte ich aufatmen.

Also wirklich und wahrhaftig frei! Frei, und so Gott will, ein
anstndiger Mensch! -- -- --

       *       *       *       *       *

Es gefiel mir erst sehr auf dem Schiff, aber das hat nicht lange
gedauert. Wir hatten Sturm, und ich bin tchtig seekrank gewesen, jetzt
geht es aber wieder.

Ich fahre in der zweiten Kajte, und Werner hat dafr gesorgt, da ich
allein im Zimmer bin. Ich freue mich sehr darber, ich mute immer
wieder an meine Herfahrt denken und an meine Zimmernachbarin, diese alte
Seelenverkuferin.

Ich bin aber doch auch zu dumm gewesen, jetzt knnte mir das nicht
wieder passieren, jetzt kenne ich den Geruch.

Ich bilde mir immer ein, ich selbst rieche auch noch nach diesem
verfluchten slichen Zeug, mit dem die ganze Luft in jenem Hause
durchtrnkt war. Es kann aber gar nicht mglich sein -- denn ich habe
nichts mehr von jenem Zeug am Leibe und habe schon drei Bder genommen
-- und doch -- sehen mich nicht auch die Mnner mit besonderen Blicken
an?

Werner, dem ich meine Befrchtungen mitteilte, lachte.

Ich glaub' es wohl, da sie dich angucken, Ses! Du weit wohl gar
nicht, wie schn du bist! --

Ich bin sehr glcklich! Werner und ich machen Plne -- wonnige Plne fr
die Zukunft.

Eine kleine Wohnung werden wir uns mieten, drei Zimmer nur, denn Werner
verdient noch nicht viel -- aber wir werden trotzdem glcklich sein --
so glcklich.

Wir brauchen niemand, ganz allein fr uns beide wollen wir sein. Ich
werde sehr viel zu tun haben fr die erste Zeit, die ganze Wohnung mu
eingerichtet werden, und ich habe doch so gar nichts.

rmer als ich ist wohl nie ein Mdchen in die Ehe gegangen. Alles
verdanke ich der Gte dieses Mannes -- es wird mir schwer -- meines
Mannes zu sagen, es ist mir, als ob ich noch kein Recht dazu htte.

Und doch habe ich es, er selbst hat es mir gegeben. --

Wenn ich alles recht berdenke, dann mchte ich seine Hnde kssen, er
macht vieles wieder gut, was andere gesndigt. --

Wenn ich doch nicht immer wieder ins Grbeln kommen wollte! Wenn ich
mich doch uneingeschrnkt der Stunde freuen knnte!

Aber ich kann es nicht. Eine Angst verzehrt mich, fr die ich keinen
Namen habe.

Bald sind wir in Deutschland -- wenn ich nach der Heimat knnte! Nur
einmal meinen Kopf im Schoe der lieben alten Frau zu vergraben.

Aber nein, fort mit diesen Gedanken -- ich bin tot -- mu tot sein!

Wrden sie mich nicht fragen? Wrde ich der Gromutter in die lieben,
alten, reinen Augen sehen knnen?

Ach, htte ich doch meine Mutter noch! Zu ihr knnte ich kommen! --
Htte ich meine Mutter noch, dann wre alles anders, und ich brauchte
nicht so vor sie zu treten. -- --

       *       *       *       *       *

Morgen kommen wir an. Man merkt es an der Unruhe unter den Passagieren.
Alle haben zu packen, zu schreiben und zu besprechen; wie in einem
Bienenkorb ist es.

Ich allein habe nichts zu packen und zu schreiben -- ich besitze nichts,
auch habe ich mich dieses Mal mit keinem Menschen bekanntgemacht. Ich
bin mitrauisch geworden. Was ich frher zu offen und zu vertrauensselig
war, bin ich nun zu scheu. -- --

Ich wei nicht, wie mir ist -- ein sonderbares Angstgefhl qult mich
die letzten Tage. Ich will mir mit Gewalt das Glcksempfinden, das mich
zu Beginn der Reise beseelte, zurckzwingen -- ich kann es nicht.

Ich sollte mich freuen, der Heimat nherzukommen und kann es nicht.

Schlaflos wlze ich mich des Nachts auf meinem Lager, sonderbare
bengstigende Trume qulen mich, ich habe versucht zu beten -- ich kann
es nicht. Will Gott nichts mehr von mir wissen, weil ich sein Dasein
angezweifelt habe? Aber hatte ich nicht ein Recht dazu? Kann man an Gott
und seine Allmacht glauben, wenn man so entsetzliche Dinge erlebt?

Warum lt dieser Gott, der doch ein Gott der Liebe sein soll, zu, da
ein schuldloses, unerfahrenes Mdchen so vergewaltigt, gemartert und
gepeinigt wird! Und doch will ich mir Mhe geben, aufs neue an seine
Gte und Allmacht zu glauben. Ich will gut sein. Doch dann darf ich
nicht mehr an das Vergangene denken. Erst wenn ich das Entsetzliche ganz
aus meiner Erinnerung ausgelscht habe, wird es mir mglich sein, den
alten Kinderglauben wiederzufinden. --

       *       *       *       *       *

Im eigenen Heim!

Wer kennt nicht den Zauber dieses Wortes?

Fr mich ist es doppelt heilig: Daheim!

Ich, die Ausgestoene, bin daheim.

Und doch ist mein Glck nicht ohne bitteren Beigeschmack, denn ich bin
schon wieder allein.

Allein im eigenen Heim, ohne ihn, der es mir geschaffen.

Du mut dich daran gewhnen, Lottchen! Sieh, du hast nun einmal einen
Seemann zum Manne, da mut du dir sagen, da es unmglich fr ihn ist,
zu Hause zu bleiben. Und mit der Zeit gewhnst du dich daran. Alle
Seemannsfrauen mssen sich darein finden; in vier Wochen bin ich ja
wieder da und dann ist es um so schner. --

Er hat recht, ich mu mich daran gewhnen. Aber schwer ist es doch.
Daran habe ich gar nicht gedacht, an dieses immerwhrende Alleinsein.
Aber selbst wenn ich daran gedacht htte, wrde es nichts gentzt haben,
Werner kann eben nicht an Land bleiben. Sobald er aber Oberzahlmeister
ist, kann er mich einmal mitnehmen.

       *       *       *       *       *

Wenn ich nur nicht gar so fremd hier wre!

Und doch, bin ich nicht kindisch mit meinen unntzen Klagen?

Ist es nicht im Gegenteil recht gut, da ich fremd bin?

Wie furchtbar wrde es fr Werner sein, wenn mich jemand erkennen
sollte. --

Zum Glck habe ich nicht viel Zeit zu dummen Gedanken und nutzlosen
Klagen. Ich mu arbeiten, mu meine Wohnung einrichten.

Vorlufig haben wir nur Kche und Schlafzimmer. Alles in Eile und
provisorisch hingestellt. Aber wenn Werner wiederkommt, soll er alles
hbsch und gemtlich vorfinden, er soll sich freuen ber seine Frau und
sein Heim. --

Eine ganze Menge Geld hat er mir hier gelassen. Zweihundert Mark! Was
kann ich dafr alles kaufen! Tpfe und Pfannen, auch einige Deckchen und
Lufer, um alles recht schn zu machen. --

Die Mbel fr das Wohnzimmer kaufen wir erst, wenn Werner wiederkommt,
die mssen wir auf Abzahlung nehmen, Werner hatte gar kein Geld mehr. --

Eigentlich ist es schrecklich, da er all das viele Geld fr mich hat
ausgeben mssen; was htte man alles dafr kaufen knnen!

Eine Wut berkommt mich, wenn ich an die Rottmann denke -- nur einmal
mchte ich sie wiedersehen, einmal mchte ich ihr gegenbertreten, um
ihr meinen ganzen Zorn, meine ganze Verachtung ins Gesicht zu
schleudern.

Aber was ntzt es, wenn ich gegen dieses Weib wte, ist sie doch nicht
allein schuld an diesen Zustnden. --

Nicht ein Unternehmer allein, das ganze System mu bekmpft werden. Ich
will klug und reich werden, ich will Geld sammeln. berall mssen
Warnungstafeln angebracht werden.

Es mu anders werden, ganz anders. --

       *       *       *       *       *

Eine Woche lang habe ich nicht an mein Bchlein gedacht, aber heute ist
ein so kalter, strmischer Tag, da habe ich mir Feuer im Herd
angezndet, damit die Kche schn durchwrmt ist, und nun will ich mich
wieder einmal mit dir unterhalten. --

Ich habe mich nun schon ganz nett und behaglich eingerichtet.

Auch auerhalb meiner kleinen Wohnung habe ich mich schon umgesehen. Die
Stadt ist nicht gro, und man ist bald zu Ende mit den
Sehenswrdigkeiten. Landschaftliche Reize kann ich an der flachen,
eintnigen Gegend wenig entdecken. Trotz alledem wre es unrecht, ihr
jede Schnheit absprechen zu wollen.

Wie wunderschn allein ist ein Spaziergang bei Sonnenuntergang am
Auendeich. Ein ganz wunderbares Schauspiel ist es, wenn der Sonnenball
langsam im Wasser versinkt. Der Horizont, das Wasser, alles glht
tiefrot, um dann langsam, blasser und blasser werdend, in rosa und
blulichen Tnen zu verglimmen.

Und dann der Heimweg; hier und da auf dem Wasser ragt gespenstisch ein
Mast empor, dann blitzt da und dort ein Lichtlein rot, grn oder
grellwei, das Blinklicht des Leuchtturmes alles berragend, und weit,
weit unten in ununterbrochener Reihe die Lichter des Hafens.

Aber diese einsamen Spaziergnge sind nichts fr mich, sie machen mich
melancholisch und heimwehkrank.

Heimwehkrank nach einer Heimat, die ich nicht habe.

Meine Heimat ist jetzt hier, ist bei dem Manne, der mir einen ehrlichen
Namen gab. --

Ich bin immer noch ngstlich, wenn ich auf der Strae gehe.

Wie leicht ist es mglich, da mich jemand gesehen hat. Es ist eine
Hafenstadt, und der Weg nach Amerika ist sehr kurz -- ber die Planken
eines Dampfers. --

Nicht um mich bin ich besorgt, um ihn.

Und noch etwas anderes macht mir Sorge.

Fast htte ich ber dem letzten groen Unglck, das mich betroffen,
meinen Fehltritt von zu Hause vergessen. Nicht ein einziges Mal in den
letzten Wochen habe ich daran gedacht.

Aber nun, wo ich in Ruhe bin, qult es mich um so mehr. --

Mu ich es Werner sagen? Hat er ein Anrecht an das Leben, das so weit
zurckliegt? So weit!

Und doch ist es noch kein Jahr her, seit ich von den Groeltern fort
bin. -- Mir scheinen es Ewigkeiten.

Ich bin in einem furchtbaren Zwiespalt.

Ist es meine Pflicht, es meinem Manne zu sagen oder darf ich schweigen?

Wird er nicht an mir zweifeln, wenn ich es sage? Wird er nicht denken,
da der Ort, an dem er mich getroffen, dann gar nicht so unrecht fr
mich gewesen sei?

Htte ich doch einen einzigen Menschen, mit dem ich sprechen knnte! --
Ich glaube nicht, da ich den Mut habe, es ihm zu sagen; ich frchte
seine Liebe und Achtung -- jawohl seine Achtung, so paradox es auch
klingen mag -- zu verlieren. --

Denn trotz alledem und alledem, Werner achtet mich. Er wei, ich war
unschuldig dort hingekommen; und er achtet mich deshalb, weil ich mit
allen Mitteln versucht habe, herauszukommen. --

Erfhre er meinen ersten, dummen, kindischen Streich -- wer wei, ob
dann nicht dieses Gefhl, das mich so sehr erhebt, fr immer verloren
wre.

Ich mu das Geheimnis mit mir herumtragen. -- --

       *       *       *       *       *

Der Schlaf, der mich auch in den schlimmsten Augenblicken meines Lebens
nicht verlassen, scheint mich jetzt zu fliehen.

Ich liege oft stundenlang und grbele ber Dinge, die ich nicht ndern
kann. Ruhelos wlze ich mich hin und her. --

Ist es die Einsamkeit um mich? Ist es das geheime innere Schuldgefhl,
das mich qult? Diese stillen, schwarzen Nchte erdrcken mich. Wre
doch Werner erst wieder hier! Ich eigne mich nicht zur Seemannsfrau.

Immer allein!

Abends beim Schlafengehen und morgens beim Aufstehen. --

Oft schrecke ich Nachts aus unruhigem Schlummer auf, dann ist mir, als
hrte ich ruhige, schwere Atemzge neben mir -- ich fasse hinber, aber
da ist nichts, ich bin allein -- immer allein. --

       *       *       *       *       *

Letzte Nacht hatte ich einen entsetzlichen Traum.

Mir trumte, ich stand allein auf einem weiten, endlos weiten Platz und
wute nicht, wohin ich mich wenden sollte.

Da kam ein Mann in einem langen, schwarzen Mantel, den groen Hut tief
in die Stirn gedrckt, so da ich nichts von dem Gesicht sehen konnte,
und fate mich bei der Hand.

Er fhrte mich ber Felder und Auen weit, weit, und dann zuletzt in ein
groes, palastartiges Haus, viele, viele Treppen empor.

Als wir schon sehr hoch gestiegen waren, ffnete mein Fhrer eine Tr,
lie mich los und sagte mit dumpfer Stimme: Gehe diesen Weg, und du
wirst rein wie eine Lilie sein.

Ich hob den Fu und wollte vorwrts schreiten, doch mit einem entsetzten
Schrei fuhr ich zurck. Vor mir breitete sich endlos, unabsehbar das
Meer.

Durch den Schrei war ich erwacht, entsetzt starrte ich ins Dunkel. Ich
frchtete mich so, da ich nicht einmal wagte, mir Licht anzuznden. --

Was bedeutete dieser unheimliche Traum?

Was wollte dieser unheimliche Mensch?

Und dieses groe Wasser? Soll ich sterben? Soll ich im Wasser sterben?

Aber ich will nicht! Jetzt nicht! Dann htte mich das Wasser vor sieben
Monaten verschlingen sollen!

Ach Werner, mein Liebster, ich sehne mich nach dir, wrest du bei mir,
du wrdest mich trsten.

Die Sehnsucht, das Verlangen nach dir brennt mir wie Feuer in den Adern.
-- --

       *       *       *       *       *

Schon wieder einmal bin ich allein.

Selige Tage waren es, als Werner hier war, ach, wie ist er gut! So gut,
da ich fast beschmt bin.

Ich wei nicht, wie ich ihm danken soll. --

Nun haben wir auch die Mbel fr unsere Wohnstube, fein!

Wie knnt' ich glcklich sein, wenn -- ja wenn die bsen Gedanken nicht
wren.

Ein jedes Vergehen trgt die Strafe gleich in sich -- habe ich einmal
irgendwo gelesen. Wie wahr das ist, das fhle ich jetzt nur zu gut. Ich
bin bestraft durch die fortwhrende Angst, da Werner auch _das_ noch
erfahren knnte.

Ich machte eine kleine Andeutung, da ich gern einmal die Heimat sehen
wrde. Gleich war er bereit.

Warum nicht, Lieb! Nchste Reise, oder Pfingsten. Fahre ruhig hin; wenn
ich wiederkomme, bist du lngst wieder hier. Denn zu den Groeltern
willst du ja doch nicht.

Ich knnte also reisen! Aber nein, es geht nicht! Das habe ich auch
Werner gesagt; ich habe ihm gesagt, da es Wnsche bleiben mssen.

Mir ist es recht, Lieb, sagte er, ich will nur dich zufrieden
wissen.

Ich soll mir ein Hndchen kaufen, damit ich nicht mehr so verlassen bin.

Ich freue mich, ich mag Tiere so gern. Gleich heute werde ich ausgehen
und mir einige ansehen, die in der Zeitung standen.

       *       *       *       *       *

Meine einsamen Spaziergnge am Auendeich mu ich aufgeben. Es ist hier
wie berall. --

Ein Weib, das allein auf einsamen Wegen geht, ist ein Stck Freiwild.
Oder habe ich etwas an mir? Trage ich ein Kainszeichen mit mir herum?

Wie kann ein Mann sich einfach erlauben, einer Frau, die ruhig ihres
Weges geht, seine Begleitung anzubieten!

Woher nimmt er sich das Recht? Ist das auch ein Stck Herrenmoral?

Mich kostet es leider eine schne, liebgewordene Gewohnheit. -- --

       *       *       *       *       *

Wenn ich doch einmal nach Hause in meine Berge knnte!

Jetzt liegt wohl noch Schnee, aber nicht lange mehr, und es beginnt zu
grnen und zu blhen.

Die Tler fangen frh an, sich zu schmcken, wenn auch die Berge noch
lange ihre winterliche Haube aufbehalten. --

In Gromutters Garten die Schneeglckchen und Veilchen haben es immer am
eiligsten.

Wie schn wrde es sein, knnte ich hingehen!

Zu schn, um wahr zu werden. -- --

       *       *       *       *       *

Nun habe ich wirklich einen kleinen vierfigen Hausgenossen.

Wie ist das schn! So gesellig!

Jetzt kann ich wenigstens mal ein Wort sprechen.

Pit, mein kleiner Pit versteht alles. Er ist so klug, und wenn er sich
erst vollstndig an mich gewhnt hat, versteht er gewi jedes Wort.
Abends stelle ich sein Krbchen vor mein Bett -- nun bin ich doch nicht
mehr so allein. --

Ob Werner ihn auch mag? Ganz sicher! Er ist zu niedlich.

Wenn ich im Bett liege, kann ich ihn immer beobachten, wie er sein
Bettchen fr die Nacht zurecht macht. Und wenn ich seine Decke noch so
schn hingelegt habe, er fngt doch noch selbst an, alles
zurechtzuzerren. Er kratzt mit den Fchen und stuppst mit dem Nschen,
bis alles nach Wunsch ist, dann legt er sich sehr befriedigt hin und
wirft mir einen Blick zu aus seinen blanken ugelchen, als wollte er
sagen: So gehrt sich das, du verstehst auch rein gar nichts davon. --

Ich bin so zufrieden, das Leben ist doch ganz schn.

       *       *       *       *       *

Morgen kommt Werner.

Heute will ich alles schn sauber machen, damit unser kleines Reich
wrdig ist, seinen Herrn aufzunehmen.

Wenn das Wetter schn ist, werde ich an den Hafen gehen, um das Schiff
hereinkommen zu sehen. Pit geht mit. --

Was Werner wohl sagen wird ber meinen kleinen Freund?

Noch eine Nacht, dann ist er bei mir. Ich freue mich sehr auf ihn.

Ob er sich ebenso nach mir sehnt?

Ich will ihn doch fragen, ob er auch so unruhig nach mir ist.

Werner macht so wenig Worte; es ist mir schon wiederholt aufgefallen.
Seine Handlungen sind um so besser. -- --

       *       *       *       *       *

Da ist es, das Geahnte, Gefrchtete.

Meine Angst, meine Scheu vor den Menschen war berechtigt.

Wre ich nicht mit ausgegangen! -- -- --

Werner kam vorgestern von See. Er war so glcklich und zufrieden, er
hatte eine schne Reise gehabt und auch gut verdient, da er hin und
zurck sein Zimmer vermietet hatte. --

Gestern Abend wollte er eine Stunde mit mir in ein Caf gehen. Ich hatte
keine rechte Lust und bat: La uns zu Hause bleiben, da ist es viel
schner.

Er hrte nicht auf mich.

Du mut auch mal raus, Schatz; du wirst mir sonst noch ganz
melancholisch.

Um ihm die Freude nicht zu verderben, gab ich nach, und wir gingen nach
dem Viktoria-Caf.

Anfangs war es nur schwach besucht, spter setzte sich an den Tisch
neben uns ein Trupp Herren.

Ich kannte niemand im ganzen Lokal.

Pltzlich fhlte ich, da mich jemand beobachtete. Mir wurde
unbehaglich, ohne zu wissen, warum.

Ich wandte den Kopf etwas zur Seite und sah, da ein Herr mich ziemlich
ungeniert anstarrte.

Ich kannte ihn nicht; aber -- mein schlechtes Gewissen! Ich wurde
blutrot und drehte den Kopf zur Seite; wie unter einem hypnotischen
Zwang mute ich nach einiger Zeit wieder hinsehen; noch immer dieses
fatale Anstarren. --

Ein bartloses Gesicht mit einigen Schmissen an der linken Backe und
hellen, erbarmungslosen Augen.

Wer war es nur? --

La uns gehen, Werner, bat ich.

Werner, der nichts von meiner Not merkte, sagte: Aber warum denn,
Schatz? 's ist doch ganz nett hier!

Ich mu hier heraus, sagte ich angstvoll und sah ihn flehend an.
Sofort sprang er auf und beugte sich ber mich.

Ist dir nicht gut, Lieb? fragte er besorgt. --

Da stand der Herr, der wohl bemerkt hatte, da ich fort wollte, auf und
ging langsam an unserem Tisch vorber, mich immerzu scharf und dreist
anstarrend.

Auch Werner wurde aufmerksam. Er fate sich an die Stirne, warf dann
einen Blick auf mich, der zu fragen schien: Kennst du ihn?

Ich schttelte den Kopf und sah ihn hilflos an. --

Wie ist mir denn, murmelte Werner vor sich hin, den mu ich doch
kennen! Dann wandte er sich und schritt dem andern nach zur Toilette.

Ich wollte ihn zurckhalten, doch meine Hand fiel kraftlos in den Scho.

Was htte es auch gentzt. Ich hatte geahnt, da es so kommen mute.

Die Welt ist so gro, so unendlich gro, und doch zu klein fr ein
wundgeschossenes Geschpf, um sich verkriechen zu knnen. -- --

Als Werner kam, stand ich sofort auf; schweigend half er mir in den
Mantel; schweigend verlieen wir das Lokal.

Als wir einige Schritte gegangen waren, nahm er meinen Arm und zog ihn
unter den seinen; ich wagte kaum, ihm in die Augen zu sehen. --

Es war ein Schiffsarzt, sagte er nach einigen Minuten, ich habe ihn
zur Rede gestellt wegen seiner Ungebhrlichkeit; er kennt dich --
leider; er ist einmal drben gewesen bei der Rottmann. Na, weine nur
nicht, diesem edlen Herrn knnen wir ja aus dem Wege gehen. Aber meine
Meinung habe ich ihm wenigstens gesagt!

Ich antwortete nicht. Ich schluchzte krampfhaft in mein Taschentuch. Die
Vorbergehenden sahen uns nach, sie hielten uns wohl fr ein Liebespaar,
das sich verzankt hatte. --

Als wir zu Hause ankamen, warf ich mich angekleidet aufs Bett und
schluchzte jammervoll; Werner hatte Mhe, mich zu beruhigen.

Was ist denn weiter geschehen, Liebling? Rege dich doch nicht so
furchtbar auf. Was liegt an diesem Laffen? Wir beide sind zufrieden, das
ist die Hauptsache.

Du Armer! Zufrieden, ich und zufrieden! Ja, wenn die Schatten der
Vergangenheit nicht so unbarmherzig auf das bichen Licht fielen, das
mich jetzt umleuchtet.

Nun mache ich auch ihn noch unglcklich! Diesen Einzigen, der mir den
Glauben an die Menschheit wiedergeben konnte.

Es ist zum Wahnsinnigwerden!

Immer und immer wieder mchte ich rufen: Warum mir das alles? Warum dies
bervolle Ma fr mich?

Ach, knnt' ich schlafen, schlafen, um nie mehr aufzuwachen. -- --

       *       *       *       *       *

Nun bin ich wieder allein. Das bichen Ruhe, in das ich mich nach und
nach hineingetrumt habe, ist wieder hin.

Auch um Werner bin ich sehr in Sorge, er war gar nicht besonders auf dem
Posten die letzten Tage; eine starke Erkltung hatte ihn befallen. Wenn
er mir nur nicht ernstlich krank wird! Er freilich lachte mich aus, als
ich ihn bat, zu Hause zu bleiben.

Das wrde eine schne Geschichte werden, wenn jeder Seemann wegen einer
kleinen Erkltung gleich an Land bleiben wollte; da knnten unsere
Dampfer bald leer losfahren, sagte er lachend. --

Er hat recht, aber trotzdem -- was kann nicht alles passieren whrend
einer solchen Reise. --

Und lt sich nicht alles besser tragen, wenn man es gemeinsam trgt?

An _die_ Schattenseiten des Seemannslebens habe ich nicht gedacht. Als
ich auf dem Schiff war und dort alles wie am Schnrchen ging, als die
Besatzung mit immer freundlichen Mienen auf die manchmal recht
unsinnigen Wnsche der Passagiere einging, da habe ich nicht daran
gedacht, da diese Leute ein Doppelleben fhren, um das sie wirklich
nicht zu beneiden sind.

Ich mchte meinen Mann gerne an Land behalten; lieber wenig Verdienst,
aber beisammen. --

Wie ist das zum Beispiel schrecklich mit meiner Flurnachbarin: der Mann
fhrt nach Ostasien; whrend der letzten Reise hat sie ein Tchterchen
bekommen und hat es auch wieder verloren; das Kindchen ist nur sechs
Wochen alt geworden.

Der Vater aber hat das Kind gar nicht gesehen.

Und das alles hat die arme Frau allein durchmachen mssen. --

Wirklich, auch eine Art Heldentum, von dem die Auenwelt nichts wei.
Ich werde Werner bitten, doch lieber im Bureau der Gesellschaft zu
arbeiten, wenn er auch weniger verdient, es wird schon gehen. Oder
vielleicht knnen wir ganz von hier fort, an einen Ort, wo niemand uns
kennt.

Hier kennt mich nun doch schon ein Mensch, und nicht lange wird es
dauern, so kennen mich noch mehr.

Was habe ich diesem Menschen getan, da er mich so brandmarkt? Mu ich
immer auf der Flucht vor meiner Vergangenheit sein? Wenn ich anders
geartet wre! Gleichgltiger gegen das Urteil der Menschen.

Nein, nein, das kann ich nicht -- ich kann nicht leben ohne die Achtung
meiner Mitmenschen. -- --

       *       *       *       *       *

Wre doch die Reise erst zu Ende. --

Ich bin in einer furchtbaren Unruhe. Kommt es davon, da Werner nicht
ganz wohl war, oder kommt es, weil ich gar nicht aus dem Hause komme?
Beides wirkt wohl zusammen.

Ich gehe auch des Morgens nicht mehr aus; wie leicht knnte mir dieser
Mensch begegnen und mich auf offener Strae insultieren. -- Und doch
kann ich nicht immer eingeschlossen sein!

Was soll nur werden? -- -- --

       *       *       *       *       *

Soeben war ein Herr vom Kontor bei mir. --

Was mag das nur zu bedeuten haben? Ich verstehe das gar nicht. Ich bin
wie betubt. --

Das Schiff ist drben angekommen, und unter den telegraphischen
Berichten, die an die Direktion gekommen sind, ist auch die Nachricht
gewesen, da mein Mann erkrankt ist und wahrscheinlich in Hoboken ins
Hospital msse; ich solle mich nicht ngstigen, wenn das Schiff ohne ihn
zurckkme, er sei drben sehr gut aufgehoben. -- --

Nicht ngstigen! -- Wie ruhig er das sagt! --

Ich soll mir keine Sorgen machen, es sei nicht schlimm! Mein Mann komme
vielleicht schon mit dem nchsten Dampfer. --

Sind das nun Worte -- nur Worte? Was ist daran wahr? --

Was kann ich tun? Nichts!

Knnt' ich rasch hinlaufen; aber ich kann ja nicht!

Und wenn ich wirklich Geld htte und hinfahren knnte, so wre Werner
mglicherweise schon wieder fort, wenn ich dort ankme. --

Aber wenn man mir nun gar nicht die Wahrheit gesagt hat? Wenn es schlimm
ist -- viel schlimmer?

Ach, wer gibt mir Klarheit?

Ruhig warten, wenn jeder Blutstropfen kocht vor Angst. Die Hnde in den
Scho legen, wenn man Berge versetzen mchte. --

       *       *       *       *       *

Zwei Stunden spter.

Ich kann nicht schlafen. Es ist eine so warme, schwle Nacht.

Ich bin wieder aufgestanden und sitze im Nachthemd am offenen Fenster.
Kein Mondstrahl durchbricht das Dunkel; der Himmel hngt wie eine groe,
grauschwarze Glocke ber der Erde.

Nirgends ein heller Schein.

Ist diese dunkle, schwle Nacht das Abbild meines Lebens -- meiner
Zukunft? -- --

       *       *       *       *       *

Mutter! Meine liebe tote Mutter, woher pltzlich der Gedanke an dich!
Bist du mir nah?

Wenn du es bist, o, so gib mir ein Zeichen von deiner Nhe; sage mir,
da du bei mir bist und mich leitest. --

Ich war dir ein schlechtes, liebloses Kind, ich fhle es.

Gedankenlos ging ich neben dir -- gedankenlos und ohne rechtes
Verstndnis nahm ich dein frhes Scheiden.

Und doch hast du so viel um mich gelitten.

Ach, Mutter, htte ich dich jetzt, du wrdest mir helfen und raten. --
Mutter, komm zu mir, ich brauche dich, nie brauchte ich eine liebende
Hand ntiger. Ich fhle, etwas Schreckliches steht vor mir und droht,
sich auf mich zu strzen.

Mutter, hilf mir! -- -- -- --

       *       *       *       *       *

Noch einmal habe ich versucht, zu schlafen, ich kann es nicht. Der
Morgen dmmert schon im Osten, und noch fand ich keinen Schlaf. -- Auch
mein kleiner Freund findet keine Ruhe. Oder ist es nur meine Aufregung,
die sich ihm mitteilt?

Sonst liegt er die ganze Nacht still in seinem Krbchen, und jetzt luft
er ruhelos umher und heult zuweilen so seltsam schauerlich. Ich glaube,
ich frchte mich.

Aber wovor?

Ich wnschte, ich wre anders geartet; wre gleichgltiger, dann knnte
ich ruhig schlafen und se nicht um vier Uhr morgens am Fenster meines
Schlafzimmers und starrte mit brennenden, bernchtigen Augen in den
langsam heraufsteigenden Tag. --

Mein Traum, mein Traum; sollte das seine Lsung sein? Stehe ich jetzt
vielleicht vor der endlosen Wasserwste, die mir mein Alles verschlungen
hat? --

Ich frchte, ich bin krank, sonst wrde ich mich nicht so entsetzlich
ngstigen -- um ein Nichts vielleicht.

Mein Mann ist wohl lngst wieder gesund, und wenn ich ihm meine Sorgen
erzhle, wird er mich schelten, da ich so wenig Seemannsfrau bin. Ich
werde versuchen, noch eine Stunde zu schlafen. -- --

       *       *       *       *       *

Wenn ich oft noch im Zweifel war, ob ich Werner wirklich liebte, so wie
man sich Gattenliebe untereinander vorstellt, so sind diese Zweifel
jetzt geschwunden.

Wre es nur Dankbarkeit gewesen, ich wrde nicht so um sein Leben
zittern.

Werner, Werner, mein Lieb, mein Alles, wo bist du? Wie lange hrte ich
nichts von dir! Bist du noch krank? Rufe mich, und ich eile zu dir, um
dich zu pflegen, und wenn ich durch Welten von dir getrennt wre. -- Ich
mu Gewiheit haben, ich ertrage keine Nacht mehr wie die vergangene. --

Und doch, was kann ein Weib tun in meiner Lage! Was kann sie tun? Ein
Telegramm wird mir Erlsung und Gewiheit bringen. --

       *       *       *       *       *

Nun habe ich Gewiheit. Entsetzliche Gewiheit!

Nun liegt es wieder vor mir, das Leben, unntz und von niemand gewollt.
Was soll ich damit?

Wem frommt es?

Nun er _tot_ ist!

Tot, der einzige Mensch, der mich geliebt, der an mich geglaubt, der
mich dem Schlamm entrissen hat.

Ach Mutter, Mutter, warum hast du mich geboren? Wo bist du, um dein Kind
zu schtzen?

Gib ihn mir wieder, Gott, aus deinem Himmel oder nimm auch mich zu dir!

Ich kann nicht mehr -- wrde ich doch krank -- knnte ich sterben --.

       *       *       *       *       *

Heute habe ich die Sachen meines Mannes bekommen. --

Gestern kam sein Schiff zurck -- ohne ihn -- ohne ihn!

Nur die paar armseligen Sachen bezeugen mir, da er gewesen. --

Ein kleiner Kasten mit seinen intimen, kleinen Sachen: Briefe -- sein
Taschenbuch -- seine Brieftasche -- eine Photographie -- meine eigene.

Bin ich das wirklich? Dies unschuldige Gesichtchen mit den groen,
fragenden Augen? Nein, ich bin es nicht.

Seine Brse, das alte, abgegriffene Ding, von dem er sich nicht trennen
mochte. Sonst nichts, nichts!

Kein letzter Gru, kein Zeichen, da er mein gedacht in seiner letzten
Stunde.

In seinem Taschenbuch nichts. Aufzeichnungen, mir unverstndlich. --

Ist das alles? Ist das das Ende? Es ist unmglich!

Ein Wort, ein letztes Wort!

La mich wissen, ob du noch immer in Liebe mein gedacht.

Der Gedanke lt mich nicht los, foltert mich bis zu krperlicher Pein,
da du freiwillig gingst.

Jene Begegnung im Caf -- war sie dir so furchtbar?

Konntest du die Verachtung nicht ertragen, die dein Weib traf?

Erbarme dich, du Unbarmherziger da oben, und gib mir Gewiheit. --

Ah, ein Brief!

Ich kann ihn kaum ffnen, so zittern mir die Finger. Ein Brief von ihm,
mit zitternder Hand geschrieben:

        Gott schtze Dich, Liebling! Ich frchte, ich bin sehr krank.
    -- Wenn wir uns nicht wiedersehen sollten? -- Lotti, mein ses
    Weib, ich habe Dich sehr geliebt. Bleibe gut, wenn ich von Dir gehen
    sollte. Du bist ein seltenes Geschpf, la Dich nicht zerbrechen,
    la den Gedanken an mich Dein Leitstern sein, damit Du nicht wieder
    untergehst. Mchtest Du nicht doch zu Deinen Groeltern gehen? --

        Lottchen, Liebling, seit ich erwachsen bin, habe ich nicht oft
    an meinen Gott gedacht -- ich hatte ihn fast vergessen; heut' ist er
    mir nah, darum bin ich gefat. Er wird auch Dich beschtzen. Was er
    tut, ist gut. Ich umarme Dich im Geiste und ksse Deinen sen,
    warmen Mund und Deine strahlenden Augen.

          Gott schtze Dich!
                       Dein Werner.


Ist das das Ende von meinem Paradies? Es ist ja nicht mglich -- nicht
mglich!

Er kann mich nicht verlassen haben!

Ist all das warme pulsierende Leben tot? Hinweggeweht?

Wo ist es? Wo ist sein lieber Krper? Wo ist das, was von ihm brig
blieb? -- Ich will zu ihm. Wenn ich sonst nichts kann, so will ich an
seinem Grabe knien und will ihm mein Leid klagen.

Zu ihm, zu ihm! Das soll jetzt meine Aufgabe sein! --

       *       *       *       *       *

Ich bin matt bis zum Sterben, und doch ist eine Zentnerlast von mir
genommen. --

Er ging nicht freiwillig; eine bsartige Mandelentzndung hat ihn
dahingerafft. --

Die besten Menschen sterben frh, heit es. An ihm hat es sich
bewahrheitet.

Er war der Besten einer. -- --

Ich nehme sein Kopfkissen, so wie ich es bekommen, und lege mein mdes
Haupt darauf. Ich will darauf schlafen heute nacht. Vielleicht kommt er
zu mir und hlt geheime Zwiesprache mit mir.

Ich werde inbrnstig flehen, da er zu mir kommt.

Ich grabe meinen Kopf in das Kissen, auf welchem er geruht, und denke an
ihn und seine groe Liebe, und er wird kommen und wird mir raten, wohin
ich mein Lebensschifflein steuern soll. -- Zur Gromutter gehe ich
nicht; wei ich doch nicht einmal, ob sie noch lebt. -- --

       *       *       *       *       *

Er ist nicht gekommen. All mein Bitten, all mein Flehen war umsonst.
Niemand kommt wieder, der in jene geheimnisvollen Fernen ging. --

Ich bin allein mit meinem Gram und meiner Liebe.

Er ist tot, und ich habe ihn verloren.

Ich habe oft darber gelchelt, wenn ich hrte, da es Leute gibt, die
vermeinen, sich mit ihren toten Lieben in Verbindung setzen zu knnen,
jetzt verstehe ich sie. Auch dieser Wahn ist ein Trost. -- Nur zu mir
kommt niemand, weder die Mutter noch er.

Und doch wird er unvergessen sein. Er soll leben in meiner Erinnerung
und in meinem Herzen.

-- Der Tote ist tot und nur der Lebende hat Rechte, sagt man ja wohl.
Bei mir soll auch der Tote sein Recht behalten. -- --

       *       *       *       *       *

Ich bin so fremd hier geblieben, und das rcht sich jetzt. Kein Mensch
kommt zu mir, niemand sagt mir ein liebes, trstendes Wort.

In solchen Zeiten merkt man doch, da es gut ist, wenn der Mensch zum
Menschen geht.

Nur vom Kontor kommt ab und zu ein Herr zu mir. Er hat mir auch Werners
noch ausstehendes Gehalt gebracht und zudem eine kleine Summe, die jede
Witwe beim Tode ihres Mannes von der Gesellschaft erhlt.

Ich bin also nicht ganz mittellos, fr einige Monate htte ich zu leben.
Aber was dann?

Die Frage wird immer dringender. Das Leben ist brutal in seinen
Forderungen.

In meinen Schmerz und in meine Trauer drngt sich gewaltsam die Sorge
ums tgliche Brot. --

       *       *       *       *       *

Als ich heute Herrn Rehm meinen Wunsch andeutete, da ich so gern nach
drben an das Grab meines Gatten mchte, macht er mir einen Vorschlag,
der mir zuerst ganz ungeheuerlich, bei lngerem Nachdenken aber gar
nicht so bel erscheint.

Er meint, ich solle bei der Kompanie als Stewarde fahren. --

Ein verlockender Vorschlag.

Ich komme umsonst an das Ziel meiner Wnsche, und wenn es mir auf dem
Schiff nicht gefllt, so kann ich zu jeder Zeit wieder abgehen; eine
passende Stelle wird sich finden.

Ein unangenehmes Gefhl beschleicht mich zwar, wenn ich an New York
denke, doch die Verlockung ist zu gro. Und bin ich jetzt nicht gefeit
gegen alles?

Ein Fall wie der im vergangenen Jahre bei meiner Ausreise kann mir nicht
wieder passieren. -- --

Nur meine Jugend! Werde ich einem so verantwortungsvollen Posten
gewachsen sein? -- --

       *       *       *       *       *

Die Wrfel sind gefallen. Ich komme auf einen neugebauten Dampfer, der
noch im Herbst seine erste Reise macht. --

Nun habe ich wieder alle mglichen neuen Sorgen.

Die Wohnung aufgeben, ein Zimmer mieten, was nicht so leicht sein wird,
denn ich will meinen kleinen Pit behalten, und mu mir Leute aussuchen,
die gut zu ihm sind.

Er ist so klug; alles versteht er. Und wenn ich ihm erzhle, da
Frauchen ausgehen mu, dann weint er wie ein Kind. Er kuschelt sich in
meinem Scho wie ein Igel zusammen. Es ist doch etwas Lebendes, das ich
um mich habe. Hoffentlich finde ich gute Pflege fr ihn. Es gibt mir
wirklich ein wenig das Gefhl des Gehobenseins, wenn ich mir sage, ich
habe fr etwas zu sorgen, ich mu Geld verdienen -- und wenn es auch nur
ein Hund ist.

Nur ein Hund -- man sagt das so -- und welch ein Trost war er mir!
Wenigstens ein Geschpf, das mich lieb hatte, das mein war und nicht mit
unbarmherzigem Forschen nach meiner Vergangenheit fragte.

Oft sind Tiere besser als Menschen.




V.

Als Stewarde.


Eine neue Phase meines Lebens.

Seit drei Tagen bin ich auf der Nirwana als Stewarde. --

Noch kann ich nicht viel sagen, es wre verfrht, schon jetzt ber
irgend etwas urteilen zu wollen.

Der Dienst ist nicht so schwer wie ich gedacht. Kranke Damen bedienen,
ihnen etwas zu essen bringen und sonstige intimere Hilfeleistungen, bei
denen sie keine mnnliche Bedienung brauchen knnen, ab und zu ein Bad
fertig machen und den Damensalon in Ordnung halten, das wren so bis
jetzt meine Pflichten. Ob noch andere dazu kommen, mu ich abwarten.

Das einfache schwarze Kleid, das ich trage, habe ich durch einen weien
Kragen etwas freundlicher gestalten mssen.

Ich gebe zu, da das ntig war, man mu doch leicht kenntlich sein
zwischen den vielen Passagieren, aber es hat so was Zofenmiges an
sich, und das mag ich nicht. --

Meine Kollegin, mit der ich die Kabine teile, ist eine ltere Frau, die
Witwe eines frheren I. Offiziers der Gesellschaft. Sie hat vier Kinder
grozuziehen, und da sie bei dem Tode ihres Mannes vollstndig ohne
Mittel zurckgeblieben ist, so hat sie die gnstige Gelegenheit benutzt.
Sie hat recht, was soll eine Frau anfangen, die nichts weiter gelernt
hat als einen Haushalt zu fhren, wenn sie in eine derartige Situation
gert? Die Beschftigung hier kommt der huslichen am nchsten. --

Und von den weien Hubchen kann man auch eine andere Auffassung haben.
Auch Krankenschwestern tragen Hubchen. --

Ja, ja, Frau Marie hat ganz recht, alles hat seine zwei Seiten. --

       *       *       *       *       *

Alles hat seine zwei Seiten, das merke ich auch im Dienst.

Ich bin in Trauer um meinen Mann, der kaum zehn Wochen tot ist, aber das
hlt die Mnner nicht ab, mich mit begehrlichen Blicken zu verfolgen.

Ich tue doch nun gewi nichts, um sie zu ermuntern, aber auch gar
nichts. Ich war so ruhig, so zufrieden. Mein schwarzes Kleid schien mir
Schutz genug zu sein.

Oft mu ich denken, ob ich wohl etwas Besonderes an mir habe, das die
Mnner reizt? Ich bin doch nicht anders in meinem Auftreten als andere
Frauen auch.

Haben die Mnner eine besonders feine Nase fr gewisse Dinge? Es ist
doch beinahe ein Jahr, da ich aus jener Atmosphre heraus bin. --

Aber nein, ich brauche keine Angst zu haben, niemand wei etwas, niemand
kann etwas wissen. --

       *       *       *       *       *

Ich habe meiner Kollegin meine Not geklagt. Sie sagt, das mache meine
Jugend und Schnheit. --

Also mu ich wirklich schn sein, wenn sogar die Geschlechtsgenossinnen
es unumwunden zugeben.

Ich knnte stolz darauf sein, denn Schnheit ist bekanntlich die grte
Macht eines Weibes. Aber Schnheit ist auch eine Gefahr, und fr mich
war sie die letztere. --

Gewi, wer klug ist und seine Waffen und Mittel zu gebrauchen versteht,
aber ich war bislang eben nicht klug. -- Doch werde ich mir jetzt Mhe
geben, es zu sein.

Ich bin jetzt alt genug, habe genug durchgemacht, und wenn ich wirklich
noch etwas Gutes und Ntzliches aus meinem Leben zimmern will, so ist es
Zeit. --

Ich mu fr mich selbst denken und handeln, ich mu das Andenken meines
Mannes ehren.

Mittwoch sind wir in New York, an seinem Grabe werde ich beten. Nicht zu
Gott, dem Unsichtbaren, der mich bisher immer verlassen, nein, zu ihm,
zu Werner, zu meinem Retter. -- --

       *       *       *       *       *

Gestern war ich endlich bei ihm.

Sie haben ihn schn gebettet, und noch waren die Schleifen und Krnze
nicht zerstrt, die man ihm von allen Seiten dargebracht hatte.

Lange habe ich an seinem Grabe gekniet und leise Zwiesprache mit ihm
gehalten. Er hat mich gehrt und verstanden.

Mir war ganz anders zu Sinn, so froh, so voller Zuversicht ging ich auf
den Weg.

Er wird mir beistehen, sein Geist wird um mich sein. -- --

       *       *       *       *       *

Wir haben nicht viel Passagiere, ich bin also nicht sehr beschftigt.
Ich bin froh, da die Tage in New York vorber sind, ich hatte doch
immer noch etwas Furcht, obgleich es ja Unsinn ist. --

Und wenn mich wirklich jemand erkannt htte, was wollten sie mir tun?
berhaupt, wo drben die Frauen so viel Rechte haben -- das heit --
wenn sie frei sind und Gebrauch davon machen knnen; denn ich habe
damals sehr wenig davon bemerkt. --

Ich habe mich schon ganz nett eingearbeitet. Der Kapitn ist ein
vornehmer alter Herr, der mir immer sehr freundlich zunickt, wenn er mir
mal begegnet.

Auch der Obersteward, mein direkter Vorgesetzter, ist ganz nett. Sie
haben alle Mitleid mit mir, weil ich nach so kurzer Ehe und so jung
schon auf mich selbst angewiesen bin.

berhaupt finde ich, die Mnner knnen unter Umstnden ganz nett sein,
wenn sie nur nicht immer gleich das Weibchen in der Frau suchen wrden.
-- --

       *       *       *       *       *

Unter den Passagieren ist ein Rechtsanwalt aus Patterson; schon am
dritten Tage machte er mir einen regelrechten Heiratsantrag. Er will
meinetwegen wieder mit der Nirwana zurck, dann will er mich auf einen
Tag abholen, will mir sein Haus zeigen usw. Ich sage zu allem ja. Er
kann lange warten; lieber gehe ich nach der Reise gar nicht an Land. --

Gebranntes Kind scheut's Feuer. --

Auf Steuerbordseite in Nr. 65 wohnt ein berhmter Snger mit seiner
Frau. Er ist in Amerika auf einer Gastspieltournee gewesen.

Gestern hatten wir etwas hohe See, da war seine Frau krank, und ich
mute verschiedene Male zu ihr ins Zimmer.

Gegen Abend traf ich auch den berhmten Mann. Er war sehr freundlich
und sagte dann zu seiner Frau: ich sei viel zu schade fr dieses Leben
hier, ob ich kein Talent htte, um zur Bhne zu gehen. Ich htte eine
wundervolle elegante Figur und sei sehr schn. --

Seine Frau schalt ihn aus und sagte, er solle mir keine Dummheiten in
den Kopf setzen. --

Eiferschtig scheint sie aber nicht zu sein.

Sie hat mich dann gefragt, wie es komme, da ich so jung schon einen
solchen Platz einnehme, da habe ich ihr von meiner kurzen Ehe und von
meinem Verlust erzhlt; das, was vorherging, habe ich verschwiegen.

Sie sagte, ich sei sehr tapfer. Ob ich gar keine Angehrigen mehr habe?
Ich sagte: Nein.

Wozu soll ich mehr sagen? Ich mu lernen, Herz und Zunge im Zaume zu
halten. -- --

       *       *       *       *       *

Ich habe mir in der Bibliothek etwas zu lesen geholt. Die Abende sind so
lang, wenn man nicht genug zu tun hat, und fr Handarbeiten war ich nie.

Es ist ein englisches Buch und heit: Wenn die Liebe stirbt.

Eigentlich schrecklich, dieses langsame gegenseitige Erkalten zwischen
zwei Menschen, die sich einst so hei geliebt.

Ist das immer so? Und mu das sein?

Dann mte ich ja glcklich sein, da Werner von mir gegangen ist.
Unsere Liebe war neu, gro, noch tglich im Wachsen.

Sie war wie ein Sonnenaufgang.

Zuerst war ich noch furchtsam und glaubte nicht an mein Glck, bis es
dann strahlend wie das Sonnenwunder vor mir stand.

Aber doch -- etwas lnger htte es schon whren drfen. -- --

       *       *       *       *       *

Wieder zu Hause. Ich habe mich so ber meinen kleinen Pit gefreut, da
ich wohl geweint habe. Wie war das Tier glcklich! Es konnte mir gar
nicht genug seine Freude und Liebe zeigen; den ganzen Abend ist es nicht
von meinem Scho gegangen. Und fein war Pit! Frau Meyer hatte ihm extra
ein blaues Schleifchen umgebunden. -- --

Ich knnte nun eigentlich ganz zufrieden sein; verdient habe ich auch
ganz schn -- aber trotzdem, bleiben werde ich nicht in dieser Stellung.
Ich betrachte sie nur als bergang.

Ich werde mir etwas Geld sparen, da ich meine Kost an Bord habe, brauche
ich ja wenig, und ich will mich offenen Auges umsehen, um vor allen
Dingen einige Bekanntschaften zu machen. --

Wenn ich mit einer lteren Dame aus der ersten Kajte gehen knnte, wre
es das beste.

Ich mu doch wieder drben bleiben, so bse mir auch das erste Mal die
Neue Welt mitgespielt hat. Nur drben ist die Mglichkeit fr mich, hoch
zu kommen.

Man wird doch nicht so sehr nach dem Woher und Wohin gefragt wie in
Deutschland. --

       *       *       *       *       *

Weihnacht auf See.

Es war wunderschn. In jedem Salon war ein Baum auch im Zwischendeck und
in den Mannschaftsrumen.

Im ersten Salon ging der Baum bis hinauf durch das groe Skylight.

Die Musik spielte berall den Weihnachtschoral, der Kapitn hielt eine
kleine Ansprache, es war wirklich wunderschn.

Ich habe natrlich geweint, ganz furchtbar, ich mute der beiden
vergangenen Weihnachten gedenken. --

Als alles vorber war, habe ich mir ein Tuch umgeworfen und bin noch fr
einige Augenblicke auf Deck gegangen.

Die Nacht war kalt und klar. Kein Wind und kein Schnee, hoch und rein
wlbte sich der Himmel ber der unendlichen Weite. --

Es sind meine schnsten Augenblicke, die ich mir auch beim schlechtesten
Wetter nicht nehmen lasse.

Auf dem Bootsdeck ist ein wunderschnes Pltzchen zwischen dem
Maschinenskylight und dem Rauchzimmer. Hier ist es stets geschtzt, auch
bei dem schlechtesten Wetter.

Hier kann ich Ich sein. Hier auf diesem stillen Pltzchen, um mich die
Unendlichkeit, lt es sich trumen. Mir ist dann, als ob meine Seele
Schwingen bekme und ber die Wellen eilte, um gleichgestimmte Genossen
zu suchen. --

Wenn schlechtes Wetter ist, schlinge ich den Arm um den eisernen Pfeiler
und lasse mich von den Wellen hin und her wiegen.

Es ist ein Gefhl des Gehobenseins in mir. Losgelst von aller
Erdenschwere schwebe ich mit meiner Seele ber die unendlichen
Weiten.--

Heut' ist niemand auf den Decks. Was noch nicht schlft, sitzt in den
Rauchzimmern und feiert Weihnachten. -- --

Auch ich feiere Weihnacht -- heimlich und still mit meinem Liebsten. Ob
er wohl um mich ist heute? Und du, Mutter?

Ob die abgeschiedenen Seelen sich begegnen im unendlichen Raum?

Dann mten jene beiden, die mir die liebsten waren auf dieser Welt,
zusammen sein. --

Ich mu so viel an das denken, was hinter jenem undurchdringlichen
Vorhang liegt, seit er von mir ging. Und doch werde ich auch mit all
meinem Grbeln nichts erforschen.

Ist es nicht, als ob jemand auf mich zuschritte, als ob eine strahlende
Gestalt auf dem hellen Streif stnde, der ber dem Wasser liegt? -- Und
der Geist Gottes schwebte ber den Wassern. Kinderglaube -- du bist so
trstlich. --

Ich bin mde, so mde! Ich will schlafen gehen. --

Ich wei nicht -- ich war immer so gesund und stark. Hunger und Schlaf
verlieen mich auch in den schlimmsten Lagen meines Lebens nicht, und
nun? Ich grble und habe schlaflose Nchte.

Was ist mit mir?

       *       *       *       *       *

Wir haben diese Reise einen Pfarrer an Bord, einen behbigen Herrn in
mittleren Jahren.

Leider widmet er meiner Person mehr Aufmerksamkeit als mir lieb ist. Er
scheint zu glauben, da die Pflichten einer Stewarde, noch dazu wenn
sie jung und hbsch ist, sich auch auf ein anderes Gebiet erstrecken.

Er ist strenger Temperenzler -- nur Champagner trinkt er ziemlich viel
-- because the Doctor says so.

Gestern abend ist er mir auf Deck gefolgt und hat mir einen kleinen
Vortrag ber seine Gesundheit gehalten, und was ihm auer dem Champagner
der Arzt noch verordnet hat.

Dann lud er mich zu einem Glase Sekt ein. Ich lehnte ab, auch sein
anderes Angebot mute ich leider ablehnen.

Ich fhlte ganz und gar kein Bedrfnis, bei dem geistlichen Herrn als
Medizin zu fungieren. --

Aber natrlich ist mir mein Erholungspltzchen fr diese Reise
verleidet. --

Wir legen auf -- vielmehr das Schiff legt auf --: vier Wochen. Ich
knnte mich eigentlich auch ein wenig freuen und im Grunde meines
Herzens tue ich es wirklich, denn es ist doch ganz schn, wenn man
wieder einmal ganz sich selbst gehrt, nur wird diese Auflegezeit wieder
ein kleines Loch in meine Ersparnisse reien.

Ein paar hundert Mark habe ich doch schon zusammen, zum Drbenbleiben
langt es aber noch nicht. Und die Gelegenheit, mit einer Dame zu gehen,
hat sich noch nicht geboten. --

Ich werde in diesen Wochen allerlei ordnen. Vor allen Dingen mu ich
Werners Sachen einmal gut durchsehen. Ich mu mich ber mich selbst
wundern, da ich so ruhig sein kann bei diesem Gedanken. Vor einigen
Monaten htte ich nichts anrhren knnen ohne vor Schmerz zu vergehen.
Und nun! Sein liebes Bild rckt in immer weitere Fernen.

Die Zeit ist doch die beste Trsterin. Nie htte ich geglaubt, als ich
mein Haupt verzweiflungsvoll in sein Kissen grub, da ich einmal wieder
so ruhig an ihn denken knnte.

Oder bin ich gar nicht fhig, die rechte Liebe zu empfinden und Treue zu
halten? Bald werde ich an mir selbst irre.

Ist ein Weib wirklich ein so sonderbares, unergrndliches Geschpf, wie
die Buddhisten sagen?

Sind andere Frauen besser oder sind sie nur klger?

       *       *       *       *       *

Es ist totenstill im Hause. Die Wirtsleute sind aus, und ich bin ganz
allein. Pit liegt auf meinem Scho, und ich freue mich der Nhe des
kleinen, warmen Geschpfes.

Soeben las ich in einem franzsischen Buche den Satz: Glcklich sein ist
eine Kunst. -- Eine Kunst? Ich habe geglaubt, es sei ein Geschenk der
Gtter.

Ich bin leider kein Liebling der Gtter! -- --

       *       *       *       *       *

Ich werde aufatmen, wenn die Auflegezeit vorber ist. Ich bin nicht
geschaffen fr ein stilles, ruhiges Leben ohne Zweck und Ziel. --

Als Werner noch lebte, drehte sich alles um ihn. Was ich tat, tat ich
fr ihn und freute mich immer, wenn alles recht schn bei seiner
Heimkehr war.

Jetzt hab' ich niemand, fr den ich sorge, nur meinen kleinen, sen
Pit, und der braucht so wenig.

       *       *       *       *       *

Wieder auf der Fahrt. Ich bin froh, da die einsamen Tage vorber sind.
Es geht auf das Frhjahr zu, und wie alle an Bord sagen, gibt es nun
bald viel zu tun. Schon mit dieser Reise beginnt der Passagierandrang
von drben.

Mir ist es recht. Denn erstens habe ich dann keine Zeit zum Grbeln, und
die Unruhe in mir wird durch die Arbeit zum Schweigen gebracht, und
zweitens verdiene ich hoffentlich bald recht viel Geld und komme meinem
Ziele immer nher. -- --

       *       *       *       *       *

Seit Tagen fhle ich mich nicht recht wohl. Es ist eine Hitze im Schiff
zum Ersticken, an Schlaf ist kaum zu denken.

Dazu diese Unruhe in mir! Ich fhle mich so unsicher, eine unbestimmte
Sehnsucht qult mich, wonach? -- -- --

Ich will meinen Schlafrock berwerfen, um noch ein Stndchen auf Deck zu
gehen. -- --

       *       *       *       *       *

Das hilft immer. Es ist etwas Groes um diese unendliche Einsamkeit. Nur
das Stampfen der mchtigen Riesen im Innern des Schiffes strt. Wie
schn mu es auf einem Segler sein!

       *       *       *       *       *

Ich bin in einer schrecklichen Stimmung in diesen Tagen.

Unzufriedenheit, Mitleid mit mir selbst und ein unbestimmtes Sehnen
liegen mir wie eine Krankheit in den Gliedern.

Und habe ich nicht recht, Mitleid mit mir zu haben? Ist es nicht
wirklich etwas Bedauernswertes, so ein einsames, verlassenes, junges
Geschpf, wie ich es bin?!

Ein wenig Liebe, ein wenig Gte und Selbstlosigkeit wrden mir gut tun,
aber wo sie finden?

Man sagt: die Jugend ist nur glcklich in der Erwartung all des Groen
und Schnen, was das Leben bringen soll, und das Alter ist glcklich,
da alles vorber ist. --

Ich habe nicht bemerkt, da ich jung war, soll ich mir wnschen, alt zu
sein? -- --

       *       *       *       *       *

Ich habe eine neue Bekanntschaft gemacht.

Ein Deutschamerikaner, der zu Besuch nach der alten Heimat geht. Vom
ersten Tage an habe ich bemerkt, da er nach mir sah, wenn ich ber Deck
oder durch den Salon ging.

Schon zu verschiedenen Malen hat er versucht, mit mir zu sprechen. Seine
Augen hngen voll unverhohlener Bewunderung an meinem Gesicht. Wenn er
jetzt wieder mit mir anfngt, werde ich ihn fragen, warum er ohne seine
Frau reist.

Ich mu auf der Hut sein, nicht noch einmal darf ich das Recht zu
Selbstvorwrfen haben. --

       *       *       *       *       *

Mr. Siegel ist nicht verheiratet. Ich habe ihn gefragt, als er heute mit
mir zu sprechen anfing.

Ich glaube, er hatte mich abgefangen, als ich von der alten Frau
Fletcher kam. Sie ist so krank, da sie gar nicht aus dem Bett kann, ich
mu sie nun immer fr die Nacht fertig machen und tue das meist so gegen
neun Uhr. --

Als ich nun vorhin von der alten Dame kam, stand Mr. Siegel vor dem
Salon und wartete.

Er fragte sofort, warum ich ihm aus dem Wege gehe.

Er scheint ziemlich gerade auf sein Ziel los zu steuern.

Ich sagte ihm, da ich mich nicht entsinnen knne, ihm aus dem Wege
gegangen zu sein, ich wte aber auch nicht, da es zu meinen Pflichten
gehre, mich mit den Herren zu beschftigen. -- --

Sie wissen ganz genau, was ich von Ihnen will. Sie wissen, da ich Sie
suche vom ersten Tage an. Sie mten kein Weib sein, wenn Sie das nicht
bemerkt htten.

Und wenn ich es bemerkt htte? Was dann?

Dann mssen Sie einen Grund haben, mir auszuweichen. Bin ich Ihnen
unsympathisch?

Das wei ich nicht! Darber nachzudenken hatte ich keine Gelegenheit.
Im brigen kann es Ihnen ja auch gleichgltig sein, ob ich Sie gern oder
weniger gern mag. In einigen Tagen sind wir in Europa, dann gehen Sie
fort und denken nicht mehr an uns hier. Und fr uns kommen andere
Passagiere, so da auch wir nicht mehr lange ber die Fortgegangenen
nachdenken knnen.

Ich werde aber an Sie denken! Und damit auch Sie mich nicht so rasch
vergessen, gebe ich Ihnen hier ein kleines Andenken. In zwei Monaten
komme ich zurck, ich hatte eigentlich schon einen Platz auf dem
Moltke belegt, aber das mache ich sofort rckgngig. Ich fahre wieder
mit diesem Dampfer.

Das wird wahrscheinlich nichts werden; wir sind ausverkauft bis zum
Herbst hinein.

Das ist mir einerlei, und wenn ich im Rauchzimmer auf dem Sofa schlafen
soll, ich komme schon mit.

Es kamen Passagiere, und ich lief durch den Salon, unwillkrlich das
lange, flache Kstchen, das Mr. Siegel mir in die Hand gedrckt hatte,
unter der Schrze verbergend.

Ich lief in mein Zimmer; ich war neugierig, was es war.

Eine wunderhbsche kleine Tasche aus rtlichem Leder mit altsilbernen
Beschlgen -- so wie sie die Damen in Amerika statt des Portemonnaies
tragen, war in dem Kasten. Wunderhbsch! Ja, aber -- warum habe ich es
angenommen? Ich darf das Ding doch nicht behalten, auf keinen Fall! Und
wie kommt dieser Mensch dazu, mir ein solches Geschenk zu machen? Ob er
die Tasche an Bord gekauft hat? Oder drben?

Einerlei, was geht es mich an. Sofort morgen frh werde ich mich
erkundigen, wo er wohnt, und werde ihm die Tasche durch seinen
Zimmersteward wieder zurckgeben lassen.

Schade! Sie ist reizend! -- -- -- --

       *       *       *       *       *

Ich war noch ein Stndchen auf Deck. Ach, es ist wundervoll.

Allein mit der Natur! Gibt es etwas Erfrischenderes als diese herbe,
krftige Seeluft? Wenn man barhuptig dasteht und sich anblasen lt?

Ich fhle mich dann wie ein Mann, stark, krftig, unternehmungslustig.
Ach ja, ein Mann! Ich mchte ein Mann sein. Ein Seemann!

Fechten mit Sturm und Wetter. Die Krfte messen an den Aufgaben, die
Natur und Technik uns stellt. --

Aber ich bin nur ein Weib -- ein schwaches Weib -- wie man sagt.

Warum sind wir schwcher als die Mnner?

Und sind wir es denn wirklich?

Knnte ich nicht ebensogut mit lrock und Sdwester da oben stehen, wie
der vierte Offizier, dieser kleine dicke Junge, der aussieht wie ein
recht gut gefttertes Muttershnchen?

Aber nein, ich bin ein Mdchen, ich mu recht schn hier unten bleiben,
mu zufrieden sein, wenn ein Mann sich herbeilt, mir seine
Aufmerksamkeit zu schenken. --

Der Teufel hole sie alle! Was will nun dieser Siegel wieder von mir?
Warum strt er meine Ruhe?

Ich knnte ihn schon leiden, er ist ein rechter Mann. --

Ein offenes, schnes Auge, kurzes, starkes Haar und einen wunderhbschen
Mund, eigentlich viel zu schn fr einen Mann.

Auch seine ganze Art und Weise gefllt mir.

Wie alt er wohl sein mag? Nicht mehr sehr jung. Fnf-, sechsunddreiig?
Viel zu alt fr mich mit meinen achtzehn Jahren. -- Lotte, Lotte, wohin
verirrst du dich! Geh schlafen, dann vergehen dir die dummen Gedanken.
-- --

       *       *       *       *       *

Der Steward hat mir die Tasche wiedergebracht, Mr. Siegel kenne sie
nicht; es sei wohl ein Irrtum. --

Nun liegt sie wieder in meiner Koje. Was mache ich damit? Ich kann das
hbsche Ding doch nicht einfach ber Bord werfen! Der Mann zwingt mich
wirklich dazu, an ihn zu denken. --

       *       *       *       *       *

Morgen kommen wir an. Mr. Siegel hat mich diese Tage nicht wieder
angesprochen, nur heute abend war er mir auf Deck gefolgt.

Er mu doch also gewut haben, da ich abends immer noch nach oben gehe.
Nett von ihm, da er mich bis jetzt nicht gestrt hat. Er will allen
Ernstes mit uns zurck und hofft, da ich dann etwas liebenswrdiger zu
ihm bin.

Ich habe ihm gesagt, da ich niemals anders zu ihm sein wrde. berhaupt
solle er mich in Ruhe lassen. Die Mnner seien alle schlecht, er auch --
gewi, er auch! --

Liebes Kind, wer sagt Ihnen, da die Mnner so schlecht sind? Haben Sie
so frh schon bse Erfahrungen gemacht?

Ich antwortete nicht. Ich wurde ganz verlegen -- -- wenn er wte -- --!

Ich habe gehrt, da Ihnen Ihr Mann nach kurzer Ehe gestorben ist. War
er nicht gut zu Ihnen? Undenkbar!

Oh, mein Mann! rief ich, und stockte, in diesem Ausruf lag schon viel
zu viel. --

Ich will Ihnen jetzt Lebewohl sagen, fuhr Mr. Siegel fort. Lebewohl
und auf Wiedersehen. Denn ich werde Sie wiedersehen. Und versuchen Sie
einstweilen, ohne Vorurteil an mich zu denken. Ich war bis jetzt noch
nie schlecht gegen eine Frau. -- Ich hatte keine Zeit, mich mit ihnen zu
beschftigen, weder im Guten noch im Bsen. Jetzt habe ich Zeit, da
drfen Sie es mir nicht verdenken, wenn ich mich freue, da mir ein
solches Prachtexemplar in die Hnde luft. Doch nun Adio. Auf
Wiedersehen in acht Wochen.

Er gab mir nicht die Hand, er zog nur seinen Hut und blieb stehen, bis
ich die Treppe zum Bootsdeck hinauf war. --

       *       *       *       *       *

Zwei Stunden spter.

Ich kann wieder mal nicht schlafen. Ich liege und simuliere und grble,
bis mir die Schlfen hmmern.

Diese Mnner! Warum beunruhigt mich nur das alles? Was will er von mir?

Welche Frage! Was sie alle von uns wollen. Auer ihm, auer Werner.

Schtze du mich, Liebster, schtze mich vor mir selbst, vor meinen
eigenen, jungen, sehnschtigen Gedanken. --

       *       *       *       *       *

Herrn Siegel habe ich nicht mehr gesehen bei der Ankunft. Es war solch
ein Trubel. Die Empfangs- und Zollhalle ist viel zu klein bei so vielen
Passagieren.

Ein prachtvoller Rosenstrau wurde mir heute frh von einem
Grtnerburschen gebracht.

Nur eine Karte war dabei. C. W. Siegel -- sonst nichts.

Herr Siegel sorgt also dafr, da ich ihn nicht vergesse. --

Mein kleiner Pit freut sich immer, wenn ich komme. Es ist merkwrdig,
wie anhnglich so ein Tier ist.

Es ist fr mich ein Trost, doch etwas zu haben, was mir ganz und gar
gehrt; ich mchte mich nie von ihm trennen, ist es doch auch noch ein
Stck Erinnerung an mein kurzes Eheglck. --

       *       *       *       *       *

Seit drei Tagen sind wir wieder auf See.

Ich habe diesesmal ein kleines, dreijhriges Mdchen in meinem Zimmer,
ein reizendes, kleines Ding.

Die Mutter ist in New York und erwartet dort ihren Liebling.

Eine ltere Dame brachte das Kind in Southampton an Bord. Ich habe sehr
viel zu tun, jede freie Minute mu ich dem Kinde widmen. Es ist nur gut,
da wir nach drben zu jetzt nicht so viel Passagiere haben, so bleibt
mir doch etwas mehr Zeit fr die Kleine. --

       *       *       *       *       *

Tagsber setze ich die Kleine oft ein Stndchen in den Damensalon. Die
Damen beschftigen sich dann alle gern ein wenig mit ihr, und ich kann
in dieser Zeit etwas anderes erledigen. Auch ein Herr ist zwischen den
Passagieren, der sich oft eine ganze Weile mit dem Kinde beschftigt.

So nett und lieb spielt er mit ihm, wie ich es einem Manne gar nicht
zugetraut htte. Heute Nachmittag habe ich ihm eine Zeitlang zugesehen,
ohne da er mich bemerkte. --

Mir kam Werner in den Sinn. Wie schn, wenn mir dieses Glck beschieden
gewesen wre. --

Vorbei -- fr mich scheint kein ruhiges Glck im Schoe der Zeit zu
harren. --

       *       *       *       *       *

Heute morgen um zehn Uhr waren wir bei Sandy Hook Feuerschiff und
sollten schon gegen zwlf Uhr am Pier in Hoboken sein.

Aber es wurde nachmittags zwei Uhr, ehe wir anlegten. Wie auf Bestellung
kam ein Nebel, dick wie ein Londoner Novembernebel.

Wir muten warten, bis es sich wenigstens ein klein wenig aufgeklrt
hatte, um durch die hier stets massenhaft aus- und einfahrenden Schiffe
durchzukommen.

Schrecklich ist so eine Verzgerung. Die Passagiere stellen sich dann
an, als wre der Kapitn und die ganze Schiffsbesatzung fr das Wetter
verantwortlich, und sie verlren durch die kleine Verzgerung mindestens
ein halbes Vermgen.

Unangenehm ist das Warten ja, aber am unangenehmsten doch fr die am
Pier stehenden Angehrigen. Diesesmal speziell fr die in Angst und
Sorge wartende Mutter der kleinen Elsie.

Sie stand unten, als das Schiff anlegte. Ich hatte das Kind auf dem Arm
und lehnte mich an die Reeling. Durch ihr heftiges Winken wurde ich
aufmerksam und zeigte der Kleinen die Mutter, doch das Kind schien sie
nicht mehr zu kennen.

Der Steg war noch nicht fest, da versuchte die Mutter als erste
heraufzulaufen; man hielt sie fest. Der erste Offizier, der am Fallreep
stand, hatte Mitleid mit der rmsten und holte sie herauf.

Nie werde ich den Schrei vergessen, mit dem sie auf mich zustrzte. Sie
wollte mir das Kind aus dem Arm nehmen, brach aber buchstblich vor
meinen Fen zusammen. --

O, Mutterliebe, du rtselvolles Heiligtum, wirst du auch mir noch
aufgehen? -- --

Den Bemhungen des Arztes gelang es bald, die junge Frau zur Besinnung
zu bringen. Sie sa dann noch ein Stndchen im Damensalon, ihr kleines
Mdchen neben sich, und freute sich, es glcklich hier zu haben.

Sie wute gar nicht, wie sie mir danken sollte, da ich ihr ihren
Liebling gebracht.

Als sie fortging, wollte sie mir etwas geben -- Geld -- ich habe es
nicht genommen. So gern ich Geld verdiene, hier war es mir unmglich,
etwas zu nehmen. Die Frau sah berdies nicht danach aus, als ob sie mit
Glcksgtern allzu reichlich gesegnet sei. --

Sie will mich in den nchsten Tagen noch einmal besuchen. Darauf freue
ich mich.

       *       *       *       *       *

Mr. Siegel hatte ich ganz vergessen ber meinem kleinen Passagier. Heute
wurde ich wieder an ihn erinnert.

Ein Korb wundervoller Rosen wurde fr mich abgegeben. Alle
tiefdunkelrot. -- Der Brief, der die Bestellung enthalten hat, mu mit
uns gegangen sein.

Es ist doch wirklich zu reizend von ihm! Aber -- Vorsicht! War nicht
Herbert Smith auch sehr aufmerksam?

Wir sind in Amerika, im Lande der Freiheit!

Man hte sich also!

       *       *       *       *       *

Wir haben noch mehr Passagiere auf der Rckfahrt als wir erwartet
hatten. Alles drngt aus diesem Fegefeuer fort. Uns wird es schon die
paar Tage zu viel.

Im Pier ist aber die Hitze auch zeitweise unertrglich.

Kein Luftzug, dazu nachts diese hochbeinigen Plagegeister, die
Moskitos.--

Am Tage vor der Abfahrt war ein Kohlenzieher an Land gewesen und hatte
des Guten etwas zuviel getan; in seinem Dusel legt er sich zwischen die
Warenballen im Pier und schlft ein.

Am andern Morgen konnte er nicht aus den Augen sehen, so zerstochen war
er. Sein Gesicht sah aus wie eine riesige Melone. --

       *       *       *       *       *

Bald sind wir wieder daheim. --

Ich bin wirklich begierig, ob mich auch da wieder ein blhender Gru
erwartet. Es wrde mir etwas fehlen, wenn dem nicht so wre..........

Dieser Mann kennt die Frauen, obgleich er sagt, da er bis jetzt noch
keine Zeit fr sie gehabt habe. --

Ich kann mich gar nicht mehr darauf besinnen, was er fr Augen hat. In
den Augen liegt das Herz........

Ich bin eine zu schlechte Menschenkennerin, da wird es mir wohl mit den
Augen ebenso gehen. --

       *       *       *       *       *

Wir haben nichts Besonderes an Bord diese Reise. Nach und nach habe ich
mich auch schon so eingelebt, da ich gar nicht mehr nach dem Einzelnen
hinsehe.

Irgend etwas passiert ja jede Reise. Auch nette Damen, die den Herren
gern gefllig sind, gibt es fast immer dabei, man wird als Stewarde
doch so manches gewahr. --

Ich bin ja nun auch nicht mehr so dumm. --

Diesesmal ist in Nr. 42 eine Jdin, ein schnes, ppiges Weib, ich
mchte darauf wetten, da der Geigenvirtuose aus Nr. 10 nicht nur zu
einer Tasse Tee zu ihr geht, wenn er abends um zehn Uhr immer so rasch
ins Zimmer schlpft. -- --

       *       *       *       *       *

Morgen sind wir da. Ich bin ganz unruhig vor lauter Erwartung, ob ein
duftender Gru da ist.

Dieser bse Mensch bringt mit seinen Rosen meine ganze, mhsam
erzwungene Ruhe wieder in Aufruhr.

Was er wohl ist? Ob er ein Geschft hat? Oder vielleicht Farmer? Das
wre schn! Ich mochte immer gern auf dem Lande sein, nur einmal hatte
ich Sehnsucht nach der Stadt. --

Aber was fllt mir denn ein! Ich glaube, ich trume wachenden Auges. Was
geht es mich an, was dieser Mann ist?

Aber seine Rosen sind doch schn.

       *       *       *       *       *

Rote Rosen! Rot wie Rubinen oder wie Blutstropfen, die aus dem Herzen
eines liebenden Weibes strmen.

Gleich bei meiner Ankunft wurde mir ein Korb gebracht.

Ich war ordentlich zufrieden als sie ankamen. Als ob ich ein Recht
darauf htte.

Das Herz ist ein sonderbares Ding, die besten Vorstze wirft es ber den
Haufen. --

Ich will noch bis Oktober fahren, dann bleibe ich drben. --

Ich werde auf dieser Reise einmal zu den Pfarrersleuten gehen in der II.
Avenue; die sind lange im Lande, ber dreiig Jahre, die werden mir
gewi raten.

Bis jetzt war ich noch nicht ein einziges Mal in New York; es war mir
immer noch etwas unbehaglich bei dem Gedanken. Nur Hoboken und der
Kirchhof auf dem Berge, das waren meine Ausgehziele.

Nach Werners Grab mochte ich die letzte Zeit gar nicht. Ich hatte ein
schlechtes Gewissen. -- Ich habe immer das Gefhl, als ob Werner es
wissen mte, da ich ihm untreu war, wenn auch nur in Gedanken. Doch
wenn er es wei und als verklrter Geist oder als Astralkrper um mich
ist, dann wird er auch mein Inneres kennen, wird die Leidenschaften und
Triebe verstehen, die die Natur in mich gelegt -- und mir verzeihen. --

       *       *       *       *       *

Der Rechtsanwalt ist diese Reise wieder hier.

Er kam gleich auf mich zu, als die Passagiere ankamen, und schien sich
wirklich zu freuen.

Es kann ja sein, da er ein ganz guter Mensch ist und absolut nichts
Bses mit mir im Sinne hat, aber nach meiner schlimmen Erfahrung von
damals sehe ich beinahe in jedem mnnlichen Wesen einen Schuft. --

Wir haben auch schon wieder allerlei Passagiere nach drben zu, da die
Heimkehr der Vergngungsreisenden bereits wieder einsetzt. --

       *       *       *       *       *

Abends elf Uhr.

Ich habe wieder einmal ein Stndchen auf meinem Lieblingspltzchen
gesessen. Wir haben so wunderbar schnes, klares Wetter, da man meint,
die hellen, leichten Wlkchen, die da und dort eilend am Himmel
hinziehen, wren von der Hand eines gottbegnadeten Knstlers auf diesen
durchsichtigen Hintergrund gemalt.

Mit sehnschtigen Blicken folgen ihnen meine Augen.

Was drngt und treibt in meiner Brust? Wo liegt fr mich die Zukunft?
Die Zukunft und das Glck?

Wenn ich nur nicht mehr so gar jung wre! Wie ruhig und zufrieden ist
meine Kollegin, sie freut sich, wenn sie so viel verdient, da sie gut
fr ihre Kinder sorgen kann, weiter gehen ihre Wnsche nicht. Wre ich
wenigstens vierzig Jahre alt. Vierzig Jahre! Eine lange Wegstrecke liegt
vor mir bis dahin. Werde ich sie allein zurcklegen oder --?

Die Luft ist klar und rein, ich aber stehe wie in einem dicken,
undurchdringlichen Nebel.

Was verbirgt er vor mir? --

Geh schlafen, Lotte, geh schlafen! Was hilft dein Grbeln ber Jugend
und Alter, solange noch das Blut hei und verlangend durch die Adern
pulst.

Ach, es ist schwer, den ruhig abgemessenen Schritt der reiferen Jahre zu
wandern. -- --

       *       *       *       *       *

Mr. Turner, der Rechtsanwalt, bat mich heute, ihm einen Tag zu
bestimmen, an dem ich mit ihm ausgehen wolle.

Ich habe ihm gesagt, ich ginge nicht mit fremden Herren spazieren.

Er machte mir darauf den Vorschlag, noch jemand von Bord mitzunehmen,
falls ich nicht mit ihm allein gehen wolle.

Wir sollten bei ihm zu Mittag essen und Nachmittags wrden wir eine
schne Ausfahrt machen, in den Centralpark oder nach Coney Island
hinber. Da htte ich nun wirklich Lust. Von Coney Island habe ich schon
so viel gehrt. -- Aber wen soll ich mitnehmen?

Ich mu mal mit meiner Kollegin sprechen. --

       *       *       *       *       *

Gestern abend hatten wir ein tragikomisches Erlebnis in der zweiten
Kajte. Im zweiten Salon war Konzert; ich ging ber den Vorplatz, um
noch einige Minuten auf Deck zu gehen; da wurde gerade der Brautchor aus
Lohengrin gespielt.

Ich blieb an der Treppe stehen und hrte zu. Da kam eine Dame aus dem
Salon und verwickelte mich in ein Gesprch; wir setzten uns auf das Sofa
und plauderten immer weiter.

Im Salon wurde mittlerweile ein Gassenhauer oder so etwas hnliches
gespielt, bei dem die Musiker mitsangen. Am Schlu kam immer der
Refrain: Aujust, sollst mal runter kommen! Aujust! Aujust! --

Neben dem Salon am Fue der Treppe liegt auf der Backbordseite die
Herrentoilette. --

In dem Augenblick als im Salon das Singen aufhrte, flog die Tr zur
Toilette auf; der Rechtsanwalt, notdrftig sein Beinkleid mit den Hnden
haltend, strzt angsterfllt einige Stufen die Treppe herauf auf uns zu
und stammelt: Feuer? Feuer im Schiff? Dann brach er zusammen.

Im ersten Augenblick verstand ich nicht, was los war, dann begriff ich
den Zusammenhang. --

Aujust -- Feuer. So hatte er miverstanden.

Der arme Kerl, er schmte sich hernach seiner Furcht, und am andern Tage
war er ganz krank, er hatte einen richtigen Nervenchock gehabt. Der
Vorfall kam auch vor den Kapitn, und in Zukunft drfen solche Sachen
nicht mehr gespielt werden. Obgleich die Passagiere, wenn sie in
Stimmung sind, immer gerade diesen Bldsinn haben wollen. -- --

       *       *       *       *       *

Mr. Turner ist wieder wohlauf. Zuerst schien es ihm ein wenig peinlich
zu sein, da ich ihn in dieser Verfassung gesehen, aber am zweiten Tage
hatte er sein ganzes Selbstbewutsein wiedergefunden. Er lt nicht nach
mit Bitten, einen Tag mit ihm auszugehen. --

Frau Martens, meine Kollegin, will mich begleiten, und auerdem will
unser Kapellmeister, der ein Landsmann von Frau Martens ist, auch noch
mit.

Er sagte zwar zu mir: Wenn der Mensch etwas Bses im Schilde fhrt,
ntzt unsere Begleitung auch nichts. Wenn er mit Ihnen allein sein will,
braucht er blo einen Schutzmann anzurufen und ihm zu sagen, da wir ihn
belstigen, und sofort werden wir beide mitgenommen. Der Rechtsanwalt
gibt seine Adresse an, und der ehrenwerte Hter des Gesetzes wei, da
er am anderen Tage ein schnes Geschft macht. --

Uns beide lassen sie nach einigen Stunden laufen, sie haben sich dann
eben geirrt. --

Ja, ja, in Amerika wird alles gemacht. -- --

       *       *       *       *       *

Wir gehen doch! Der Kapellmeister ist schon fter in Coney Island
gewesen und sagt, es sei sehr interessant. Und ich mchte zu gern mal
hin. Seit ich hier an Bord bin, war ich noch nicht ein einziges Mal an
Land, auer auf dem Kirchhof. Auch da will ich hin in diesen Tagen. Ich
mu zu Werner, um in seiner Nhe meine Gefhle zu prfen. Ich bin ber
mich selbst in Unruhe.

Acht Monate sind es her, seit Werner tot ist; ich dachte damals, ich
wrde nie wieder lachen knnen, wrde nie wieder an ein Vergngen
denken, und jetzt?

Ich schme mich manchmal meiner selbst. --

       *       *       *       *       *

Heute, am Ankunftstag, war auch wieder ein Korb Rosen fr mich da. Ich
hatte beinahe nicht daran gedacht ber all dem Ankunftstrubel. --

Wir hatten einen Ausreier an Bord und wuten nichts davon. Erst als bei
Sandy Hook Bundesmarschall Bernhard an Bord kam, erfuhren wir, was wir
fr interessante Ladung gehabt hatten.

Einen Bankdirektor mit seiner Geliebten.

Dieser Bernhard ist ein schrecklicher Sprhund, er hatte die beiden
sofort.

Der Herr, der unter anderm Namen in die Passagierliste eingetragen war,
wurde leichenbla, als Bernhard ihn pltzlich ganz jovial mit seinem
rechten Namen anredete. Er tat mir ordentlich leid.

Nun mssen beide wieder mit zurck, aber dieses Mal nicht in der ersten
Kajte. -- --

       *       *       *       *       *

Ich habe erst heute, nachdem wir schon wieder zwei Tage auf See sind,
einige Minuten Zeit, ein wenig mit dir zu plaudern. --

Ich bin also wirklich mit Mr. Turner ausgewesen. Frau Martens und der
Kapellmeister sind mit mir gegangen.

Mr. Turner holte uns am Ferryboot ab und ging erst mit uns nach dem
Hoffmannhaus, wo wir ein Glas Wein tranken. Dann rief er ein Auto und
fuhr mit uns durch den Park. --

Ich wre furchtbar gern mal den Broadway hinauf gefahren und htte nach
dem Hause gesehen, aber ich wagte nicht, etwas davon zu sagen.

Wer wei auch, ob ich es gefunden htte. Ich bin bei Nacht heraus, ich
wei nicht mal, wie es aussieht. --

Nach der Fahrt haben wir dann am oberen Broadway gegessen; geluncht, wie
man hier sagt.

Mittags um eins lunchen sie und abends um sechs essen sie zu Mittag. --

Nachdem fuhren wir hinber nach Coney Island.

Mr. Turner war sehr nett und ganz anstndig zu mir. Aber -- aber -- ein
Wolf im Schafspelz ist er doch. --

Unterwegs hat er mir erzhlt, er habe keine Frau, und nun ist er doch
verheiratet, deshalb hat er auch im Restaurant mit uns gegessen. Er sagt
natrlich, er lebe schon seit Jahren getrennt von seiner Frau, innerlich
seien sie schon lngst geschieden und nur der Kinder wegen drnge er auf
keine ffentliche Scheidung.

Bis jetzt ist es mir auch gleichgltig gewesen, sagte er im Laufe des
Gesprchs. Aber seit ich Sie gesehen, drckt mich die Fessel. Noch nie
habe ich ein Weib gekannt, das all meine Sinne und Gedanken so gefangen
genommen hat wie Sie. Knnten Sie mich lieben? Knnten Sie vergessen,
da ich kein freier Mann bin, und knnten Sie trotzdem Ihr Geschick in
meine Hnde legen? Ich wrde alles fr Sie tun!

Wie meinen Sie das? Sie sagten doch selbst, da Ihre Frau noch lebt.

Ich sagte Ihnen doch, heiraten kann ich Sie nicht, so gern ich auch
mchte. Aber trotz alledem, Sie sollen leben wie eine Frstin, wenn Sie
mich nur ein klein wenig wiederlieben.........

Ich bin reich, reicher als die Welt vermutet. Sie sollen alles haben,
was Ihnen das Leben angenehm machen kann. Reisen, Schmuck, Toiletten,
eine reizende kleine Wohnung, und nichts anderes sollen Sie mir dafr
geben als sich selbst, Ihren schnen jugendlichen Krper, Ihre Liebe.

-- Nichts anderes?!! -- Ah!

Und Ihre Frau?

Oh, meine Frau! sagte er mit einer wegwerfenden Handbewegung. Was
geht sie mich an? Ich gebe ihr genug, da sie ein vornehmes Leben fhren
kann, mehr verlangt sie nicht von mir. Das einzige, was mich an unser
Haus fesselt, sind die Kinder. Keinen Augenblick wrde ich mich
besinnen, meine Ehe zu lsen, wenn die Kinder nicht wren. -- --

Er sprach gut, der Herr Rechtsanwalt, und vielleicht htte er Erfolg
gehabt, htte eine andere neben ihm gesessen, ein harmloses, dummes
Ding. Aber so!

Doch es hie vorsichtig sein, ihn nicht vor den Kopf stoen, damit unser
schner Ausflug nicht mit einem Miton endete. --

Frau Hrtens und Herr Lnsberg saen auf der andern Seite des Fhrbootes
-- wir waren auf der Rckfahrt von Coney Island -- und unterhielten
sich; sie ahnten nicht, was Herr Turner fr wunderschne Luftschlsser
vor mir aufbaute.

Sie sind sehr liebenswrdig, Herr Turner. Aber Sie werden verstehen, es
ist eine Sache, die berlegt sein will. Geben Sie mir eine Reise
Bedenkzeit, ich will mit mir zu Rate gehen, es ist doch immerhin eine
einschneidende Frage, die Sie da an mich stellen.

Gewi, gewi, das kann ich verstehen. Nur sagen Sie mir das eine,
lieben Sie einen andern Mann?

Nein, sagte ich mit voller berzeugung, ich liebe keinen Lebenden.
Der einzige, den ich geliebt, der liegt drben in Jersey City unterm
khlen Rasen.

Er schwieg einen Augenblick, die Erinnerung an den Tod war ihm wohl
etwas unbehaglich. Dann fuhr er rasch fort:

Dann bin ich beruhigt. Wenn mir sonst nichts im Wege steht, werden Sie
mich lieben lernen. Ich werde so gut zu Ihnen sein, da Sie gar nicht
anders knnen.

Ich schwieg. Was sollte ich darauf erwidern? Mochte er glcklich sein in
dem Gedanken. --

Als wir in New York ankamen, war es bereits neun Uhr. Doch Mr. Turner in
seiner frohen, siegesgewissen Stimmung lie uns noch nicht los. Wir
muten noch mit ihm dinieren. Er fuhr uns zum Atlantic-Garden, einer
kleinen Oase in dem Steinmeer der Grostadt, und da haben wir noch ein
paar wirklich vergngte Stunden verlebt.

New York kann also auch schn sein, wenn man es in der rechten
Gesellschaft und in der rechten Beleuchtung sieht. --

Unser splendider Gastgeber lie ein Men zusammenstellen, das sich essen
lie. Dazu einen wirklich guten Chambertin. --

Wir waren alle in bester Stimmung, unser Kapellmeisterchen hatte sogar
einen regelrechten kleinen Spitz.

Alle unsere guten Vorstze waren vergessen, und wenn jetzt der
Rechtsanwalt etwas Bses im Schilde gefhrt htte, wre es ihm nicht
schwer geworden, es auszufhren. --

Aber er selbst war viel zu selig, zweimal selig: vom Wein und von der
Liebe. -- --

       *       *       *       *       *

Es war ein schner Tag, ich kann nicht anders sagen, und es hat mich
nicht gereut, mitgegangen zu sein. Die Arbeit geht noch einmal so gut
von der Hand, wenn man dazwischen auch einmal ein wenig Vergngen hat.
Schwarzbrot allein schmeckt auch nicht immer. --

Wir haben zur Heimreise das Schiff nicht mehr sehr voll; im August flaut
es immer stark ab. Auf der nchsten Ausreise werden wir dafr um so mehr
Passagiere haben; sicher sind auch alle Offizierszimmer vermietet. --

Ob wohl Mr. Siegel mitkommt? Ob er noch einen Platz erhalten hat? Ich
mu doch sehen, da ich so bald wie mglich eine Passagierliste
bekomme.--

Ich bin wirklich neugierig -- nur neugierig. -- --

       *       *       *       *       *

Ich will froh sein, wenn diese Reise zu Ende ist. Ich habe eine Unruhe
in mir, die mich kaum schlafen lt. --

Ist es die Ahnung vor etwas Unbestimmtem?

Wenn ich jemand htte, der mir nahe stnde, so wrde ich frchten, es
sei etwas passiert, aber so? Wessen Geschick geht mich etwas an? Nur
mein kleiner Pit freut sich auf mein Kommen, sonst niemand. -- --

       *       *       *       *       *

Der bliche Rosenstrau erwartete mich, aber kein Wort, ob er kommt. Ich
bin so erregt, da ich gar nicht wei, wie ich die Tage hinbringen soll.

Warum beunruhigt mich dieser Mann so mit seinen Blumen?

Eine leichtsinnige Tndelei sieht ihm nicht hnlich.

Dieser breitschultrige, krftige Mann mit den scharfen Zgen hat mir
nicht den Eindruck gemacht, als ob er seine Zeit mit Nichtigkeiten
hinbrchte.

Wre es doch schon Mittwoch! Die Tasche habe ich noch nicht ein einziges
Mal gebraucht, wann sollte ich auch? Noch bin ich in Trauer um meinen
Gatten, und meine schwarzen Kleider vertragen keine so prunkvollen
Beigaben. -- --

       *       *       *       *       *

Morgen fahren wir ab. Ich bin in einer Unruhe, fr die ich mir selbst am
liebsten die Erklrung schuldig bliebe.

Ich kann nicht sagen, da ich mich glcklich fhle, im Gegenteil, mir
ist ganz miserabel zumute. --

Ich habe mir die Passagierliste beim Obersteward durchgesehen, sein Name
ist nicht darin. --

Aber was geht es schlielich auch mich an, mit welchem Schiff Mr. C. W.
Siegel aus Chikago nach Hause fhrt.

Kmmere dich um deine eigenen Angelegenheiten, Lotte, und schme dich!
Jawohl, schme dich! Schreib' es ruhig nieder, damit du es schwarz auf
wei vor dir hast. Gefllt es dir? Ganz ohne beschnigendes Mntelchen?
Denkst schon wieder an einen Mann und lt dich durch den Gedanken an
ihn beunruhigen, noch ehe dein Gatte ein Jahr tot ist!

Er, der so gut zu dir war und den du nie vergessen wolltest! --

Gewi, ich schme mich. Aber gibt es nicht doch eine Entschuldigung fr
mich? Ist es nicht natrlich, wenn ich in meinem Alter den Wunsch habe,
noch einmal wieder in andere Verhltnisse zu kommen. Und da ich dies
nur an der Hand eines guten, starken Mannes kann, wei ich jetzt. Htte
ich etwas Tchtiges gelernt, dann wre es etwas anderes, aber so?

Ich mchte recht stark und selbstndig sein. Ein Weib wie Katharina die
Zweite oder, um in der Jetztzeit zu bleiben, wie Henriette Goldsmith.
Zielbewut und kraftvoll.

Vielleicht werde ich es noch. Schicksal und Schicksalsschlge schmieden
Charaktere.

Und ich will mir Mhe geben, ein ganzer Mensch zu werden. --

Die Mnner sind besser daran als wir Frauen, schon von klein auf wird
mehr Selbstbewutsein in sie hineingepflanzt. --

An uns rcht sich die alte Vernachlssigung. --

Nur ein Mdchen!

Ich habe mir immer gewnscht, ein Mann zu sein, nun will ich mein Bestes
tun, um ein kraftvolles, selbstbewutes Weib zu werden. --

       *       *       *       *       *

Er ist doch da. Und ich habe mich gefreut, als ich ihn das Fallreep
heraufkommen sah, als ob mir Gott wei was widerfahren wre. --

Wenn ich mir selbst Rechenschaft ablegen sollte, warum ich mich so
gefreut, so kann ich es nicht sagen, und doch ist es so; dich, mein
kleines Buch, brauche ich ja nicht zu belgen.

Es war mir, als wrde ein Druck von meinem Herzen genommen.

Auch seine Augen leuchteten auf, ich sah es wohl, bin dann aber rasch
nach unten gegangen in mein Zimmer.

Mittags ein Uhr gingen wir in See, und jetzt ist es vier Uhr.

Ich habe eine aberglubische Furcht, aus der Kabine zu gehen, und doch
mu ich mich jetzt nach meinen Passagieren umsehen. Also geh' an die
Arbeit, Lotte, wovor frchtest du dich? Frchtest du dich vor etwas, das
du herbeigesehnt?

Das Herz ist ein sonderbares Ding, es will oft ganz etwas anderes als
-- als -- Lotte, Lotte -- sag' ruhig die Wahrheit. --

       *       *       *       *       *

Mr. Siegel hat meine Gewohnheit nicht vergessen.

Nachdem ich ihn den ganzen Nachmittag nicht gesehen, stand er auf Deck,
als ich etwas nach neun Uhr nach oben ging. --

Um die Wahrheit zu sagen -- ich hatte es erwartet. Es wre widersinnig
gewesen, wenn er mich nicht gesucht htte. --

Die Rosengaben wren dann nur einer Laune entsprungen, und danach sieht
er mir nicht aus. --

Als ich die Treppe zum Bootsdeck heraufkam, war ich vom Licht noch etwas
geblendet und konnte die dunkle Gestalt an der Ecke des Skylights nicht
gleich entdecken. --

Guten Abend, Frau Lotti, scholl eine gedmpfte Stimme aus dem
Halbdunkel.

Ich war im Augenblick doch etwas erschrocken.

Oh! Sie sind es, Mr. Siegel! Wie geht es Ihnen?

Ausgezeichnet! Und Ihnen? Haben Sie zuweilen an mich gedacht?

Dafr haben Sie ja gesorgt. Ich mu mich wohl bedanken fr die schnen
Blumen -- aber -- warum haben Sie das getan? Warum --.

Warum? Das fragen Sie noch? Aber ich will es Ihnen erklren, wenn es
einer Erklrung bedarf, wenn Ihnen Ihr Herz nicht selbst die Antwort
gibt. Sagen Sie mir die Wahrheit, Frau Lotti, mu ich Ihnen wirklich
mein Tun mit drren Worten erklren?

Ich wurde ber und ber rot, es war gut, da es dunkel war, so sah er
meine Verlegenheit nicht. Ich wute nicht, was ich ihm antworten sollte.

Es ist schrecklich! Vorlufig bin ich noch weit von meinem Ideal
entfernt. --

Mr. Siegel fuhr fort: Sagen Sie mir nur das eine: Haben Sie zuweilen an
mich gedacht?

Das mute ich schon. Ihre schnen Rosen sorgten dafr, da ich den
Spender nicht verga.

Und haben sie Ihnen Freude gemacht?

Gewi, das heit bedingungsweise. Um die Wahrheit zu sagen, haben sie
mich mehr beunruhigt als erfreut. Kurz und gut -- Sie htten es nicht
tun sollen, Mr. Siegel. --

Ich hatte meine Verlegenheit berwunden und sprach nun ruhig und
sachlich.

Einen Augenblick schwieg er und sah mich forschend an, dann sagte er
kurz und ohne Umschweife: Wollen Sie meine Frau werden?

Das war kurz und bndig.

Einen Augenblick blieb es still zwischen uns, dann sagte ich langsam:
Wissen Sie denn auch, wen Sie zu Ihrer Frau begehren?

Einen Moment stutzte er, dann sagte er: Ich frage nicht nach dem
Woher. Ich verlasse mich auf meine Augen und auf meinen Instinkt. Ich
habe mich bis jetzt noch nie geirrt, wenn ich mir jemand fr eine
wichtige Sache ausgesucht habe. Ich nehme auch hier die Verantwortung
auf mich.

Und da ich nach Woher und Wohin fragen knnte, daran denken Sie wohl
nicht? Leiden Sie auch an der allgemein verbreiteten Einbildung der
Herren, wonach ein Weib froh sein mu, wenn ein Mann es begehrt?

Aber, teure Frau, Sie tun mir unrecht. Im Gegenteil, ich wrde es als
ein ganz unerhrtes Glck betrachten, wenn Sie mich nur ein wenig, ein
ganz klein wenig lieben knnten. Und alles, was Sie ber meine Person
wissen mssen, das sollen Sie erfahren.

Ich bin kein Mann von vielen Worten, aber das mu ich Ihnen sagen: vom
ersten Sehen an stand es bei mir fest: Die soll es sein. -- Ich glaube,
Sie knnen ein guter Kamerad sein, Frau Lotti! Nicht wahr?

Ich stand wortlos da.

Was sollte ich sagen? Hier war Erlsung aus dem jetzigen Verhltnis.
Aber -- noch liebte ich diesen Mann nicht, so sehr ich mich auch auf ihn
gefreut hatte. Noch liebte ich ihn nicht, das war mir klar. Er ist mir
sehr sympathisch, er hat ein schnes Organ, und berhaupt sein ganzes
Wesen ist mir beraus angenehm.

Er ist nicht hbsch, kein sogenannter schner Mann. Aber das ist auch
nicht ntig; meist sind schne Mnner unausstehlich eitel. --

Haben Sie keine Antwort fr mich, Frau Lotti? fragte die Stimme neben
mir.

Ich wei nicht, was ich sagen soll. Geben Sie mir Zeit. Und dann -- Sie
wissen, da mein Mann erst seit elf Monaten tot ist, ich habe ihn sehr
geliebt.

Ich wei es. Ich bin nicht eiferschtig auf den Toten. Ich gnne ihm
gern Ihr schmerzliches Gedenken. Sie selbst aber gehren dem Leben, dem
roten, leuchtenden, vollpulsierenden Leben.

Er griff nach meiner schlaff herniederhngenden Hand und drckte einen
feurigen Ku darauf.

Hastig zog ich sie zurck.

Lassen Sie mich jetzt allein, Mr. Siegel. Ich mu noch ein Stndchen
allein mit dem Meere sein. Morgen, bermorgen, sprechen wir weiter
darber.

Lassen Sie mich nicht zu lange warten, teure Frau. Ich warte, warte mit
Ungeduld.

Als er gegangen, lehnte ich mich ber die Reeling und sah in das
schumende Wasser. Wie Myriaden kleiner Fnkchen brach es sich in den
Wellen am Bug des Schiffes. --

Auch das Meer hat seine Sterne! Oder sind es Sterne, die vom Himmel
gefallen sind?

Gefallene Sterne?

Gefallene Sterne -- und doch leuchten sie noch.

Knnte ich es als Sinnbild betrachten! Als Sinnbild meines
Lebens?.........

Was fr eine Antwort werde ich diesem Manne geben? Was fr eine Antwort
darf ich ihm geben?

Ist es Betrug, wenn ich sein Weib werde, ohne ihm zu sagen, was hinter
mir liegt?

Hat er ein Recht auf meine Vergangenheit?

-- -- Nein, er hat kein Recht darauf. -- --

Ich wei, ich stehe im Widerspruch mit unseren herrschenden
Anschauungen, ich wei, ich mu diesen Entschlu mit meiner Ruhe
erkaufen. --

Sei es drum!

Nie wrde es dem Manne einfallen, dem Weibe, das er erwhlt, vor der
Hochzeit alle dunklen Punkte seiner Vergangenheit aufzudecken. Er fhlt
sich viel zu wohl in der Rolle des Helden, zu dem man hinaufsieht, um
diesen Nimbus von selbst zu zerstren. --

Warum soll ein Weib nicht dieselben Rechte haben?

Gleiches Recht fr alle!

Der Mann ist aus genau demselben Stoff wie die Frau. Das, was er als
Vorrecht fr sich in Anspruch nimmt, hat er sich selbst angemat. Ich
will dieselben Rechte beanspruchen. --

Das Weib befindet sich dem Manne gegenber sowieso in stndiger Notwehr
-- und da sind alle Mittel erlaubt. -- --

       *       *       *       *       *

Liebe und Glck! Sind sie immer zusammen, diese beiden?

Oder kann ich auch ohne Liebe ein wenig Glck in der Ehe finden? Ich bin
schon jetzt entschlossen, den Antrag dieses Mannes anzunehmen. Ich bin
ihm zugetan und ich glaube, er ist ein Mann, den man achten mu. Da ich
zu ihm aufsehe, wie zu einem Halbgott, wie man es so oft in
berschwenglichen Romanen liest, das verlangt er nicht von mir. -- Und
ich wrde es auch nicht tun. --

       *       *       *       *       *

Mr. Siegel schickt mir soeben einen Brief. --

Nicht eigentlich einen Brief, es sind vielmehr Aufzeichnungen ber sein
Leben und Wirken. Kurz und prgnant, ganz wie er selbst. --

Als sechzehnjhriger Junge aus Deutschland ausgewandert, hat er in
Amerika so ziemlich alles versucht, was Arbeit heit, bis er durch
Zufall nach Chikago verschlagen worden ist.

Mit fnf Cents in der Tasche ist er dort angekommen, heute besitzt er
eine groe Fleischkonservenfabrik und beschftigt bereits ber hundert
Personen.

Das ist gewi etwas! Fr mich ist es die erste Staffel auf der Leiter.
-- Ich bin mir bewut, da wir, falls ich die Gattin dieses Mannes
werde, auf dieser Staffel nicht stehen bleiben werden. --

Hat mich das Leben um das Schnste betrogen, so soll es mir dafr etwas
anderes geben: Reichtum.

Und dieser Mann ist dazu wie geschaffen, mit ihm mu es sich gut und
sicher wandern lassen. --

Aber noch will ich warten. Ein Jahr wenigstens will ich den
Witwenschleier tragen.

Obgleich -- wenn ich mir gegenber ehrlich sein will -- es ja doch nur
uerlich ist. In Wirklichkeit war ich dem Toten doch schon lngst
untreu. Denn auch der Gedanke an einen anderen Mann ist
Treulosigkeit.--

       *       *       *       *       *

Heute, am Tage vor der Ankunft in New York habe ich mich mit Mr. Siegel
ausgesprochen.

Ich bin sehr zufrieden, ich glaube, da ich diesen Schritt nicht bereuen
werde.

Mr. Siegel ist ein Mann von auergewhnlicher Regsamkeit, den das Leben
ganz gehrig zwischen die Scheren genommen hat.

Da er sich nicht hat unterkriegen lassen, ist ein gutes Zeichen. Wir
passen in gewisser Weise sehr gut zusammen, auch ich habe mich nicht
zermalmen lassen.

Nur darf er das nicht wissen. --

Hoffentlich fragt er mich nie nach meiner Vergangenheit. Sagen wrde ich
ihm doch nichts, aber es ist gut, wenn ich nicht zu lgen brauche. --

       *       *       *       *       *

Wir haben soeben einen recht heftigen Gewittersturm gehabt.

Niemand dachte mehr an schlechtes Wetter so kurz vor der Ankunft, und
alles freute sich schon auf morgen, da kam noch einmal ganz unerwartet
die Seekrankheit. Beim Diner waren fast alle Pltze leer, sogar die
Herren konnten nicht widerstehen. --

Ich bin nachher noch auf Deck gewesen, es war wunderbar klare, schne
Luft, nachdem es ausgetobt.

Mr. Siegel suchte mich auf und hat allerlei mit mir besprochen.

Ich soll, wenn ich jetzt nach Deutschland komme, meine berflssigen
Sachen verkaufen und als Passagier mit der Nirwana zurckkommen. --

Das erstere werde ich tun, das letztere nicht, wozu?

Ich fahre als Stewarde und mustere in New York ab, wozu unntz Geld
ausgeben?

Vorlufig habe ich sowieso nicht allzu viel, und es widerstrebt mir,
etwas von ihm anzunehmen, bevor ich sein Weib bin.

Auf der Rckreise knnen sie mich an Bord ganz gut entbehren, wir haben
nach drauen zu jetzt doch wenig Passagiere. --

Aber meinen sen, kleinen Pit mu ich mitnehmen. Ob er wohl seekrank
wird?

       *       *       *       *       *

Gestern bin ich noch einmal an Werners Grab gewesen. Ich habe Abschied
genommen auf lange Zeit, vielleicht fr immer.

Es war, trotz aller schlimmen Erfahrungen, ein seliges Stck meiner
Jugend, das da oben auf dem stillen Friedhof auf der Hhe ruht. Die
schmerzlichen Trnen, die ich geweint, bringen es mir nicht zurck.

Und doch, wie wandelbar ist der Mensch!

Wer mir vor elf Monaten gesagt htte, da ich einmal wieder so ruhig
ber alles denken wrde, ich htte ihn fr roh und gefhllos gehalten.
Und nun? Ja, ja, es ist schon so, das Leben ist brutal. --

       *       *       *       *       *

Zum letzten Male zu Hause.

Noch einmal bin ich um den Auendeich gegangen. --

Es wird Herbst. Kalt und unfreundlich blst der Wind ber das Wasser.
Die Sonne hat ihre strahlende Glut verloren, fahl und glanzlos versinkt
sie in den Wellen.

Lange starre ich in die verglimmenden Farben.

Knnte ich schauend vergessen, was mir das Leben getan!

Doch Kopf hoch! Ich werde es vergessen, denn ich mu. Das Leben ist zu
hart, um nur zu schauen und zu trumen. --

Das alles sage ich mir, und doch wende ich mich traurig um und lenke
meine Schritte heimwrts. --

Wie das Laub zu meinen Fen starb mein schner Sommertraum. --

       *       *       *       *       *

Die letzte Reise!

Eigentlich ist es mir trotz alledem etwas wehmtig zu Sinn. Es war doch
ein interessanter Abschnitt meines wechselvollen Daseins. -- Was fr
Gestalten gehen an einem vorber! In wie manches Schicksal sieht man
hinein!

Glck und Unglck, Ha und Neid, Liebe und Abneigung, Gleichgltigkeit
und Verachtung -- wie nahe kommt es einem, und wie eng zusammengedrngt
ist es zwischen den Wnden dieser schwimmenden Riesen. Mancher Bund wird
geschlossen und manches noch so fest scheinende Band lst sich.

Kaleidoskopartig wechselt es von Reise zu Reise.

Vorbei! --

Meinen kleinen Pit darf ich leider nicht bei mir haben. Er ist ganz oben
auf dem obersten Deck in der Hundevilla. Noch zwei kleine reizende Kerls
sind bei ihm und eine prachtvolle siamesische Katze, die einer lteren
Dame gehrt.

Gesellschaft hat er also genug. Trotzdem sitzen alle Bewohner der Villa
verdrossen in ihrem Kfig, und Pit ist immer halb wahnsinnig, wenn ich
hinaufkomme und ihn ein halbes Stndchen auf Deck lasse.

       *       *       *       *       *

Um zehn Uhr waren wir am Pier; Mr. Siegel war schon da und winkte von
weitem.

Als die Passagiere gelandet, kam er sofort an Bord und brachte mir einen
Strau roter Rosen, dieselbe Farbe wie immer.

Ich freute mich doch sehr, ihn zu sehen; obgleich ich keinen Augenblick
daran gezweifelt habe, da er Wort halten wrde, war es mir doch immer,
als ob es gar nicht wahr sein knnte. --

Heute nachmittag mustere ich ab und morgen gehe ich vom Schiff.

Mr. Siegel war beim Kapitn und hat mit ihm gesprochen, er wird morgen
mit uns fahren und unser Trauzeuge sein.

Es war mir sehr angenehm, denn trotz aller Vernunftgrnde beschlich mich
zuweilen doch ein unangenehmes Gefhl, wenn ich an meine erste
amerikanische Trauungsfahrt dachte. --

Dies ist nun die dritte, der Himmel mag mir beistehen, da es zum Guten
ausfllt.




VI.

Im sichern Hafen.


In der kleinen evangelischen Kirche auf dem Berge sind wir getraut. Nach
der Trauung sind wir alle -- Kapitn Heymann, Pastor Morris, seine Frau
und wir beide -- nach New York gefahren, wo Mr. Siegel, vielmehr mein
Mann, im Astoria ein exquisites kleines Diner bestellt hatte. Wir waren
recht vergngt zusammen, und Kapitn Heymann hielt sogar noch eine
launige Rede, in der er bedauerte, da er nicht jede Reise eine junge,
hbsche Stewarde zu verheiraten habe. --

Ich frchte nur, es wird auch nicht oft einen Mr. Siegel geben. --

Nach dem Essen, als wir allein waren, bat ich meinen Mann, noch eine
kleine Ausfahrt mit mir zu machen. --

Ich bin mir selbst nicht klar ber das, was in mir vorging.

Ein beinahe krankhaftes Verlangen beherrschte mich, jenes Haus einmal
wiederzusehen.

Wie es den Verbrecher unwiderstehlich an den Ort seiner Schandtat
treibt, so geht es mir mit jenem Hause.

Langsam fuhren wir am Broadway hinauf, durch den Centralpark und die
fnfte Avenue wieder herunter.

Aufmerksam habe ich jedes Haus geprft, ich konnte es nicht finden.
Manchmal meinte ich wohl, das mu es sein, dann wurde ich wieder irre.
Alle Huser haben Fenster, und ich meine, dieser Kerker habe nach der
Strae zu keine Fenster gehabt. --

Auch an den Doktor mu ich denken; wte ich nur seinen Namen und seine
Adresse, so wrde ich ihn von meinen vernderten Verhltnissen in
Kenntnis setzen.

Auch Werners Tod htte ich ihm melden mssen, er hat es um mich
verdient. Es ist schade, da ich nicht wei, wie er heit. -- --

Heute Abend fahren wir weiter. --

Leb' wohl fr einige Zeit, mein treuer Weggeno; mchte es nur Gutes
sein, was ich dir ferner anzuvertrauen habe. -- -- --

       *       *       *       *       *

Sechs Wochen spter.

Wir sind noch fr drei Wochen in dem idyllisch gelegenen Seebad Bar
Harbour gewesen. Wie ein kleines Paradies ist dieses Fleckchen Erde, und
ich war glcklich, restlos glcklich.

Keine Angst, keine Sorgen, ein Gatte, der mir jeden Wunsch an den Augen
absieht -- es ist doch schn auf der Welt. --

Schn, solange man jung ist. Auch ohne die vielgepriesene Liebe.

       *       *       *       *       *

Chikago, den 28. Oktober.

Mein Gatte mu doch reicher sein als ich gedacht. Das kleine Huschen,
das er nach seiner Rckkehr von Europa gekauft, ist ein ganz stattlicher
Bau und liegt in einem prachtvollen, alten Garten am Lake Shore Drive.
Das Haus hat frher einem reichen Schweinezchter gehrt, und mein Mann
hat es hauptschlich meinetwegen gekauft, da ihm sein altes Haus an
Sheridan Road nicht hbsch genug war.

Ich bin ihm sehr dankbar, wir leben in glcklichster Gemeinschaft und
kein Schatten trbt unser Leben.

Ich will ihm eine treue und gute Gefhrtin sein. Nie soll er empfinden,
da nicht mein volles Herz ihm gehrt. --

       *       *       *       *       *

Ich habe dich lange nicht in Hnden gehabt, kleines Buch. Mein Leben
luft so glatt und ereignislos dahin, da ich kaum etwas aufzuzeichnen
habe. Ich lebe, wie eine Amerikanerin der besseren Stnde lebt. --

Mit meinem Manne verbindet mich innigste Freundschaft.

Er bespricht alles mit mir und freut sich, da ich seinem Wirken und
Schaffen so lebhaftes Interesse entgegenbringe. --

Und mir wiederum macht es Freude, da ich teilhaben darf an seiner
Arbeit. --

Trotzdem bin ich nicht voll befriedigt, ich habe noch zu viel
unausgefllte Zeit.

Ja, wenn ich ein Kind htte! Ob ich vergebens auf dies hchste Glck
warte? Auch mein Mann wrde sich freuen, und ich wrde ihm doch so gern
einmal eine recht groe Freude machen. --

Ich mu jetzt oft wieder an den 20. Februar vor zwei Jahren denken.
Welches Glck empfnde mein Mann, wenn ich ihm einen Knaben schenkte,
und wie unwillkommen war das arme Kind damals! Ob es wirklich tot ist?

Ich habe ein so sonderbares Gefhl, eine Art Unterbewutsein, das mir
sagt, mein Kind lebt. --

Wer gibt mir Gewiheit? --

       *       *       *       *       *

Ich bin einige Monate recht faul gewesen. --

Im Unglck und in der Einsamkeit habe ich mich immer zu dir geflchtet,
jetzt, in meinem wohleingerichteten Leben vergesse ich dich oft, kleiner
Freund.

Eine Entschuldigung habe ich wenigstens: ich hatte keine Zeit.

Wir sind einige Monate auf Reisen gewesen. Drei Wochen in gypten und
drei Wochen in Italien, von wo aus wir einen kleinen Abstecher nach
Paris gemacht haben. --

Mein Mann ist zu gut, die ganze Welt mchte er mir zeigen, er wei gar
nicht, was er mir alles Liebes erweisen soll. Und ich stehe so bettelarm
daneben und kann ihm gar nichts geben, nicht einmal ein ganzes volles
Herz. --

Ob er nie etwas vermit? Glhende Ksse, strmische Umarmungen?

Ich bin ihm sehr gut -- aber ich bin mir zuweilen selbst ein Rtsel.
Nichts treibt mich zum Manne.

Ich bin doch jung, sehr jung!

Aber nie mehr seit jenen heien, schwlen Sommernchten auf dem
heimatlichen Gut fiebert mein Blut dem Manne entgegen. --

Auch bei aller Liebe zu Werner, es war nichts Strmisches, kein
leidenschaftliches Begehren in meiner Liebe.

Ruhig und still wie ein linder Sommerabend.

Oft denke ich, ich habe zu frh vom Baume der Erkenntnis gegessen.
Vielleicht war mein Krper doch noch nicht entwickelt genug, um den
Anforderungen ohne Schaden gerecht zu werden, die das Mutterwerden an
das Weib stellt. -- --

Oder ist es das verdorbene, degenerierte Blut des Vaters, das dies
sonderbare Wesen aus mir gemacht hat?

Ich erzhle dir wieder allen mglichen Unsinn, du mein kleiner,
verschwiegener Freund; und ich wollte dir doch nur sagen, da ich sehr,
sehr glcklich sein knnte, wenn --

       *       *       *       *       *

Mein kleiner, ser Pit. Ich hatte ihn zurckgelassen, nun war er wie
von Sinnen, als ich heimkam, und ging mir nicht vom Scho. Ich werde ihn
jetzt immer mitnehmen, wenn ich auf Reisen gehe. --

       *       *       *       *       *

Heute ist mein zwanzigster Geburtstag; ich wollte, es wre der
vierzigste. Ich fhle mich auch viel eher wie vierzig. --

Ich wei nicht, ich kann in der letzten Zeit gar nicht so recht von
Herzen froh sein. Ich bin im Gegenteil sonderbar trb gestimmt.

Ich mchte schreiben und kann nicht. Ein geheimnisvolles Glcksgefhl
keimt leise, ganz leise in meinem Innern. --

       *       *       *       *       *

Ich habe nie leicht geweint. Es war mir immer unsympathisch, wenn Frauen
um jede Kleinigkeit in Trnen zerflossen. Aber jetzt bin ich selbst die
reine Trauerweide. Um nichts mu ich weinen. --

Pit trstet mich, er will mir immer die Trnen von den Wangen kssen.
Sonderbar, gerade als ob er wte, da Trnen an den Wimpern etwas
Schmerzliches bedeuten. --

Und mde bin ich, so mde. --

Mein Mann ist von einer Aufmerksamkeit, die geradezu rhrend ist. Ob er
etwas ahnt? Noch habe ich ihm nichts gesagt, die Enttuschung wre sonst
zu gro. Spter. -- --

       *       *       *       *       *

Weihnachten!

Ich bin beschenkt worden wie eine Frstin, und doch sagt mein Mann, ich
habe ihm noch viel mehr gegeben.

Er ist auer sich vor Glck. Aber ich glaube, er wnscht sehr, da es
ein Junge ist. Ich nicht, ich mchte viel lieber ein Mdchen. Jungens
gehren der Mutter nie so lange wie ein Mdchen. --

Und doch sollte ich andererseits gar nicht den Wunsch haben, der Welt
ein solches Wesen zu schenken. Wie leicht kann ihm einmal mein eigenes
Schicksal zustoen. --

Aber nein! Das sind Hirngespinste.

Ich werde dafr sorgen, da meine Tochter einst gewappnet ins Leben
tritt. Meine Tochter! Meine Tochter! Welch ser Klang in meinem Ohr!

       *       *       *       *       *

Heute bin ich zum ersten Male wieder vollstndig auer Bett, und da
sollst du, mein geduldiger Freund, auch sogleich mein neues Glck
erfahren.

Ich bin Mutter!

Weit du, was dieses Wort bedeutet? Was es fr mich bedeutet?

Und auch mein innigster Wunsch ist erfllt. Es ist ein Mdchen, ein
kleines, ses Mdchen.

Ob mein Mann enttuscht war? Ich wei es nicht, gefhlt habe ich es
nicht. Seine Liebe und Frsorge gehen ins Ungemessene. --

Und ich? Mu ich dir sagen, _wie_ glcklich ich bin? Das se, kleine
Geschpf, dem ich jetzt alles bin!

Mein Mann wollte eine Amme, um mich zu schonen, aber ich gebe mein Kind
keiner fremden Person; das hchste Glck, das kleine Wesen an der Brust
zu haben, gnne ich niemand. --

Drollig ist es, Pit zu beobachten. Er ist richtig eiferschtig. Wenn ich
das Kind auf dem Scho habe, weint und jammert er, kratzt an meinem
Kleid und geberdet sich ganz unsinnig. Lege ich das Kind in sein
Bettchen, so springt er mit einem Seufzer der Erleichterung auf meinen
Scho und kuschelt sich umstndlich zurecht, dabei fortwhrend
entrstete Blicke nach dem kleinen Eindringling werfend.

       *       *       *       *       *

Mein Mann findet, da mich die Pflege des Kindes zu sehr anstrengt. Ich
soll es nicht mehr stillen oder soll an einen schnen Platz aufs Land,
wo ich gute, frische Milch und reine Luft habe.

Ich gehe also lieber aufs Land, damit ich meinen kleinen Liebling noch
lnger ganz fr mich allein habe.

Das Kind entwickelt sich prchtig, und mein Mann ist ganz vernarrt.
Seine Enttuschung ber den ausgebliebenen Thronfolger hat er
verschmerzt. Oder hofft er noch? --

Nein, ich mchte keinen Jungen haben. Ein Junge, der mir aus den Hnden
wchst und vielleicht auch einmal Wege geht, auf denen die Weiblichkeit
durch den Schlamm gezogen wird. -- --

       *       *       *       *       *

Mowbray, Rocky Mountains, den 6. Juni.

Ich habe heute eine Begegnung gehabt, die mich bis ins Innerste
erschttert hat. Alles, die ganze Vergangenheit ist mit einem Schlage
wieder lebendig geworden. --

Ich habe den Doktor getroffen, meinen Doktor!

Er ist fr einige Wochen hier zur Erholung. --

Nun wei ich auch seinen Namen. Curtis heit er.

Doktor Curtis freute sich sehr, als er mich sah, war aber natrlich
ebenso sehr verwundert, mich hier im Westen zu sehen.

Zuerst war ich natrlich doch etwas beunruhigt, aber ich brauche ihn
nicht zu frchten, er ist ein anstndiger Mensch, und niemand wird etwas
durch ihn erfahren. Warum htte er sich auch wohl so viel Mhe mit
meiner Rettung gegeben?

Ich bin jetzt auch lange nicht mehr so in Sorge wegen meiner
Vergangenheit; wer soll mich hier wohl erkennen? In einer Hafenstadt ist
es doch schon anders. --

Lange haben wir auf der Bank gesessen, meine ganze Geschichte habe ich
ihm erzhlt, und herzliche Worte sprach er ber den armen Werner.

Auch ber die schrecklichen Verhltnisse in diesen Husern,
hauptschlich in den Hafenstdten, haben wir gesprochen. Eine nderung
wre nur mit Hilfe der Regierung und einer eingreifenden Gesetzgebung
mglich.

Der Doktor ist nie wieder bei der Rottmann gewesen. Auf meine Bitte will
er nach seiner Heimkehr einmal hin. Wenn die Bronja noch da ist und sie
will heraus, soll er ihr behilflich sein.

Ich habe Geld genug, und mein Mann gibt mir gern ein paar tausend
Dollars, wenn ich ihn darum bitte, ohne zu fragen wofr.

Nur meinen Namen darf der Doktor nicht nennen. -- --

       *       *       *       *       *

Ich bin ganz allein im Wald. Mein Tchterchen ist mit der Wrterin im
Garten; ich war so unruhig, ich mute eine Strecke laufen. --

Hier ist es himmlisch, die Unruhe fllt von mir wie ein schwerer,
stickender Dunst.

Wie ein Dom wlben sich die Jahrhunderte alten Bume ber mir. Die Hnde
eines Knstlers htten es nicht schner schaffen knnen. Wie sanft
spielt das grnliche Licht in den Zweigen. Von Baum zu Baum winden sich
Schmarotzerpflanzen mit leuchtenden Blumen. Eine fast tropische
berschwenglichkeit herrscht. Der Fu versinkt wie in dicken Teppichen.

Kann man sich unglcklich fhlen in solcher Umgebung? -- --

       *       *       *       *       *

Der Doktor ist abgereist, er wird mir schreiben, sobald er mir etwas zu
berichten hat.

Auch ich werde mich zur Heimkehr rsten, ich sehne mich nach meinem Heim
und seinem Herrn.

       *       *       *       *       *

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Lange Jahre sind es her, seit ich nicht mehr in mein Bchlein
geschrieben habe. Oft hatte ich es in Hnden und lie die eng
beschriebenen Seiten durch die Finger gleiten, doch nichts, was mir des
Aufzeichnens wert schien, ist in diesen Jahren durch mein Leben
gegangen. --

Einfache tgliche Erlebnisse, kleine Freuden, kleine Leiden. --

Mein Tchterchen wchst heran und verspricht krperlich und geistig das
Beste. Meinem Manne bin ich in den letzten Jahren immer unentbehrlicher
geworden bei seinen ausgedehnten Geschften, und das erfllt mich mit
ganz besonderem Stolz. Es zeigt mir, da ein Weib doch auch zu etwas
anderem zu gebrauchen ist, als nur zu inhaltlosen Tndeleien.

Ich habe also in gewisser Weise erreicht, was ich erreichen wollte, und
knnte dich nun endgltig zur Seite legen, mein kleiner papierener
Freund.

Aber -- ich kann es doch nicht. Es ist mir wie ein Unrecht, das ich an
dir begehe. --

Und dann, ich mchte, falls ich frher sterbe als mein Mann, das Buch in
seine Hnde legen, damit er sieht, wen er an sein Herz genommen hatte.
Stirbt mein Mann vor mir, so soll meine Tochter die Aufzeichnungen ihrer
Mutter lesen, sie wird daraus ersehen, wie viel ein Weib ertragen kann,
ohne da es seelisch zugrunde geht. --

Der Vollstndigkeit halber will ich noch erwhnen, da Bronja wieder in
ihrer Heimat ist. Der Doktor hat ihr zweitausend Dollars gegeben, hat
ihr ein Billett besorgt und sie auch nach dem Dampfer gebracht. Sie hat
so groe Sehnsucht nach ihrem Kinde gehabt.

Mgen die guten Wnsche, die sie fr die unbekannte Wohltterin
ausgesprochen, sich an ihr selbst erfllen! --

       *       *       *       *       *

Wir gehen in diesem Frhjahr nach Europa. Mein Mann ist gar nicht recht
wohl; ein Herzleiden, das er schon lngere Jahre hat, macht ihm viel zu
schaffen.

Die Geschfte bringen zuviel Aufregung, er mu deshalb einmal
vollstndig ausspannen. --

In Bad Nauheim werde ich dafr sorgen, da ihm jede Aufregung fern
bleibt.

Wir sind reich, sehr reich.

Daran, da ich mir in keiner Weise Beschrnkungen aufzulegen brauchte,
merkte ich schon frher, da wir ber reiche Mittel zu verfgen hatten.
In den letzten Jahren, wo ich mich um alle geschftlichen
Angelegenheiten kmmere, wei ich, da wir nicht mehr zu arbeiten
brauchten. Aber es geht mir genau wie meinem Manne, ich knnte mich
nicht darein denken, da alles, sein ganzes Lebenswerk, fr andere
geschaffen sein sollte.

Und ist nicht die Arbeit eine herrliche Trsterin?

       *       *       *       *       *

Lou freut sich furchtbar auf unsere Reise. Sie ist nun zehn Jahre alt
und hat schon einiges Verstndnis dafr. --

Doch fr mich gibt es nun wieder allerlei heikle Punkte.

Das Fragen nimmt kein Ende.

Wo ist deine Heimat, Pa?

Bist du in einem Dorf zu Hause oder in einer Stadt, Ma?

Was soll ich antworten? Ich frchte auch, mein Mann denkt sich etwas
dabei, wenn ich zu sehr ausweiche.

Ich selbst fiebere frmlich bei dem Gedanken, da ich von Bad Nauheim
aus in einigen Stunden da sein kann, wo das stille alte Haus der
Groeltern im dunkeln Tannenwald trumt.

Ob ich es einmal wage? Unerkannt knnte ich sie vielleicht sehen. --
Ach, ich glaube, ich wrde mich verraten, wenn ich sie vor mir she. --
Und Prinz, der alte Hhnerhund! Er wrde mich sofort erkennen, wenn er
noch lebt. -- --

       *       *       *       *       *

Dienstag, den 28. Mai sind wir mit der Spree von New York abgefahren.
Mein Mann hat ein hbsches Pullmanset fr uns belegt, und wir sind ganz
begeistert von der Bequemlichkeit und Eleganz der Einrichtung. Man merkt
kaum, da man auf See ist.

Lou ist ganz und gar aus dem Huschen. Ihr Vater erfreut sich, glaub'
ich, zum ersten Male vollkommen ohne irgendwelche Ablenkung an ihrer
frischen, kindlichen Heiterkeit.

Ich finde, er erholt sich schon jetzt von Tag zu Tag.

Mir selbst geht es sonderbar. Von der ersten Stunde an, da ich das
Schiff betrat, ist mir so sonderbar unruhig zu Sinn.

Ich suche etwas und wei nicht was. --

Gleich am ersten Abend bin ich ein Stndchen auf Deck gewesen.

Wie wunderbar ist die reine, salzige Luft! Welch wunderbare Farben
verglimmen am Horizont und wecken tausend Erinnerungen, se und
schmerzliche, in meiner Brust!

Sonnenuntergang! Der ganze Horizont ist von einem satten, tiefen Rot.
Der Himmel scheint wie ein einziger groer ausgehhlter Rubin ber uns
zu hngen.

Das Wasser ist so ruhig wie ein See, nur hie und da tanzen rotgoldene
Lichter; gibt es Schneres?

Doch alles Schne ist vergnglich. Kaum eine halbe Stunde, und grau und
fahl, gespensterhaft liegt die unabsehbare Flche vor mir. --

Mich friert trotz des warmen Wetters.

Es macht traurig, immer an die Vergnglichkeit alles wahrhaft Schnen
erinnert zu werden. -- --

       *       *       *       *       *

Bad Nauheim.

Deutschland bekommt mir nicht. Mein Mann erholt sich von Tag zu Tag, und
ich verzehre mich selbst vor Unruhe.

Die Luft hier ist erfllt von Erinnerungen.

Diese ganzen Jahre hatte ich alles vergessen, die Heimat, die Groeltern
und -- die Schuld!

Nun wacht alles wieder auf, und ich stehe schwindelnd am Wege und wei
nicht, wohin er mich fhren wird.

Ich sehe ein, da eine Schuld wie ein Schmutzfleck auf der Vergangenheit
liegt, der sich nie wieder auslschen lt.

Mag man zuweilen glauben, da er verblat, mag man sein Vorhandensein
fr einige Zeit vergessen, er kommt wieder. --

       *       *       *       *       *

Ich kann es nicht mehr aushalten, ich mu hin!

Ich mu wenigstens versuchen, die alten Leute von weitem zu sehen.

Ob sie noch leben? Aber warum nicht? Vierzehn Jahre sind es her, seit
ich von ihnen ging, und die Leute in meiner Heimat werden alt. --

Ob ich es wage und unter dem Deckmantel einer Fremden das Jagdschlo
besehe?

Werde ich mich beherrschen knnen?

       *       *       *       *       *

Ich war da!

Unter dem Vorwand, etwas in Frankfurt besorgen zu wollen, bin ich
hingefahren.

Ich habe meinen Mann belogen; diesen besten, gtigsten aller Mnner habe
ich belogen! So gebiert noch nach Jahren die alte Schuld neue Konflikte
und Verwicklungen.

Ich bin froh, da ich es getan. Ich werde Ruhe finden, nun ich die alten
lieben Groeltern gesehen. --

Und doch htte ich aufschreien knnen, als ich die gebckte Gestalt des
Grovaters an mir vorbergehen sah.

Ob sie sich gewundert haben ber die fremde Frau, die so gern das alte
Jagdschlo sehen wollte, und die gar so dicht verschleiert war?......

Wie glcklich wrde es mich machen, wenn ich ihnen meine Lou bringen
knnte, mein prchtiges, liebes Mdchen!

Und wie wrden sie sich freuen!

Aber das ist alles fr mich unmglich, es ist ein verlorenes Paradies,
in das ich mit brennenden, sehnschtigen Augen starre.

Und warum? War es nur _meine_ Schuld, da ich diesen Weg der Lge und
der Verstellung wandern mu?

       *       *       *       *       *

Morgen fahren wir nach E., um von da aus die Heimat meines Mannes zu
besuchen.

Lou freut sich kniglich. Sie denkt sich wohl das Huschen, in dem ihr
Vater geboren, als eine niedliche, kleine Villa. --

Hoffentlich ist sie nicht zu sehr enttuscht. -- --

       *       *       *       *       *

Seit fnf Tagen sind wir auf Capri. Der Arzt hlt die Fahrt von hier aus
fr besser. Ich freue mich ber das gute Aussehen meines Mannes;
hoffentlich hlt es an.

Am Siebzehnten fahren wir von Genua aus mit der Prinze Irene wieder
nach Hause. --

Die letzten Tage in Deutschland sind uns wie im Fluge vergangen. --

Die paar Stunden, die wir in der Heimat meines Mannes zugebracht haben,
waren auch fr mich eine Erquickung.

Lou war gar nicht enttuscht. Im Gegenteil, alles war ihr neu und
kstlich.

Und ich?

Ich beneide meinen Mann um seine arme, aber fleckenreine Vergangenheit.
Welch ein Triumph war es fr den armen, herumgestoenen Waisenknaben,
da er so vor seine Landsleute hintreten konnte! --

       *       *       *       *       *

Ich bin des Reisens mde und freue mich, heimzukommen.

Heim? Wohin zieht es mich?

Bald reit die alte Heimat an meinem Herzen, bald die neue.

Ich habe Heimweh und bin nirgends zu Hause. --

Und doch ist meine Heimat da drben in dem Lande, das mich trotz aller
Schuld der brgerlichen Gesellschaft wiedergegeben hat.

       *       *       *       *       *

Nach zwei Jahren.

Amerika hat nicht gehalten, was Europa versprochen.

Das Befinden meines Mannes ist wieder ebenso schwankend wie vor unserer
Reise.

Er mu sich schonen, und um ihm dazu Gelegenheit zu geben, habe ich
nach und nach die Geschfte fast ganz in meine Hnde genommen. Es war
ein schweres Stck Arbeit, aber es ist mir gelungen.

Der alte Thomas, der schon seit Jahren meines Gatten rechte Hand ist,
bespricht alles mit mir. Und nur wenn etwas ganz besonders Wichtiges
vorliegt, mssen wir erst seinen Rat einholen.

Aber wir sorgen schon dafr, da es keine aufregenden Sachen sind, die
wir mit ihm besprechen. --

Oft sagt mein Mann zu mir: Du hast mich schon gar nicht mehr ntig,
Liebling. Du bist so entschlossen und umsichtig, wie nur je ein Mann es
sein knnte.

Das macht mich stolz. Es erfllt mich mit ungeahnter Befriedigung, da
ich meine Krfte so entfalten kann. Da ich diesem Manne, der mich
genommen, ohne viel zu fragen, einen Teil der Schuld abtragen kann.

       *       *       *       *       *

Nun mu ich die Geschfte Thomas berlassen und mich ganz meinem Manne
widmen. Werde ich ihn mir erhalten? Er ist sehr krank.

       *       *       *       *       *

Meine Lou, mein liebes, gutes Kind; sie ist mir ein rechter Trost in
diesen schweren Tagen.

Wie liebt sie ihren Vater! Sie weicht kaum von seinem Lager. Ich htte
dem kleinen, lustigen Vogel gar nicht so viel tiefes Gefhl
zugetraut.--

       *       *       *       *       *

Das Schlimmste ist vorber.

Es waren lange, schwere Wochen, aber noch einmal haben wir gesiegt. Und
nun gehen wir wieder nach Europa; noch einmal soll Nauheim seine
Wunderkraft beweisen.

Lou freut sich wieder sehr auf die Fahrt, wenn auch die Freude etwas
gedmpft wird durch des guten Vaters Krankheit. --

       *       *       *       *       *

Wieder einmal bin ich auf meiner geliebten See. Sie zeigt sich mir
diesmal nicht von der besten Seite. Wir haben Sturm und Regen, und der
Wind rast ber Deck, da es kaum mglich ist, nach oben zu gehen. --

       *       *       *       *       *

Ich habe eine Begegnung gehabt, die alles, was langsam zur Ruhe gekommen
war, wieder in Aufruhr gebracht hat.

Ich mte mich sehr irren, wenn nicht Smith, Herbert Smith, an Bord
wre. Er trgt einen kurz verschnittenen Vollbart, und doch habe ich ihn
sofort erkannt.

Wie ein elektrischer Schlag ging es durch meinen Krper. Und auch er mu
mich erkannt haben, denn ein leichter Schreck huschte ber seine Zge.

Das Geschft mu sehr viel einbringen, denn er fhrt erste Kajte. --

Was soll ich tun?

Soll ich diesen Menschen ungehindert seines Weges ziehen lassen?

Ist es nicht vielmehr meine Pflicht, ihn zu entlarven?

Alles in mir ist in Aufruhr. Wird man mir glauben?

Nein, man wird mir nicht glauben, oder doch nur dann, wenn ich mich
selbst preisgebe.

Und mein Mann! Wie wrde er es ertragen?

Ach, und mein Kind, meine Lou!

Nein, ich kann es nicht, jetzt noch nicht!

Ich kann in den reinen Augen meines Kindes nicht als eine Verworfene
dastehen! --

Ein Vorfall kam mir ins Gedchtnis, den ich vor einigen Jahren erlebte.

Qulende Selbstvorwrfe peinigten mich; ich fhlte mich unsglich elend
und unglcklich und weinte still in meinem Zimmer.

Da kam Lou zu mir herein, und als sie meine Trnen sah, war sie ganz
Mitleid. Strmisch umschlang sie meinen Hals.

Mama, se Mama, warum weinst du? rief sie zrtlich.

Ich schttelte mit dem Kopfe, ich konnte kein Wort hervorbringen vor
lauter Schluchzen.

Als ich mich etwas gefat hatte, sagte ich:

La mich, Kind, la mich allein!

Mama, sei gut; sage mir, warum du weinst. Wer hat dir etwas zuleide
getan?

Niemand, Liebling. Mama mu an frher denken. Damals als sie noch nicht
ihren Liebling, ihre Lou, hatte.

Darber brauchst du doch nicht zu weinen, se Ma!

Aber Mama hat damals sehr viel Schweres durchgemacht, und darber mu
sie weinen.

Aber du sollst nicht weinen, Ma. Wer hat dir etwas getan? Ich werde es
Pa sagen. Niemand darf dir etwas tun!

Aber die Mama war nicht gut gewesen und hatte Strafe verdient,
Liebling.

Aber Mama! Wenn das der Papa hrte! Du bist doch meine liebste, beste,
einzigste Mama.

Hast du mich denn so lieb, mein Engel?

So lieb! jauchzte das kleine Geschpf und umschlang mich mit ihren
Armen. -- --

Nein, ich kann es nicht von mir wlzen. Um des Kindes willen nicht.

Was sollte aus ihr werden, wenn sie den Glauben an die Mutter verlieren
mte? -- -- --

       *       *       *       *       *

Meinem Manne geht es schlecht. Er leidet stark an Atemnot.

Wren wir erst in Nauheim. Ich darf ihn nicht verlieren, jetzt noch
nicht. Ich wrde wieder ganz einsam sein -- denn noch kann mir mein
Kind, meine Lou, den Gatten nicht ersetzen. --

Ich habe mich nie nach einer Freundin gesehnt, mein Gatte war mir alles.

Doch sollte er von mir gehen, und ich allein die Strecke wandern mssen,
die ich noch vor mir habe, so werde ich Trost in der Arbeit und bei
meinem Kinde suchen.

Nur jetzt la ihn mir noch, noch ist es zu frh. --

Wenn es wahr ist, da _die_ Ehen am glcklichsten sind, in denen die
Liebe des Mannes grer ist als die der Frau, so mag es davon kommen,
da die unsere so beraus glcklich war.

Sicher mu aber auch die Frau danach sein, wenn eine solche Ehe wirklich
glcklich sein soll.

Was ihr an Liebe fehlt, mu sie durch Pflichtgefhl ersetzen. --

       *       *       *       *       *

Mein Mann erholt sich nicht wieder. Der Arzt lt mir keine Hoffnung.

Es kann noch Monate whren, es kann auch pltzlich kommen, ich mu auf
alles gefat sein. --

Es ist Arterienverkalkung dazugekommen.

Der rmste, er hat in seiner Jugend zu viel gearbeitet und entbehrt.

Ich bin jetzt ganz gefat und zeige meinem Manne immer ein frhliches
Gesicht; er darf nicht ahnen, wie es um ihn steht.

Ob er wirklich nichts ahnt? -- Seine sonderbaren Reden machen mich
manchmal stutzig.

Du hast mich sehr glcklich gemacht, Liebling, sagte er krzlich zu
mir.

Tu' ich es denn jetzt nicht mehr, Liebster? fragte ich scherzend.

Immer! Aber wenn ich einmal von dir gehen sollte, Lotti, wirst du mich
auch nicht so bald vergessen?

Ich dich vergessen? Wie redest du nur? Du bleibst noch lange bei uns.
Denk' an Lou! An deine Lou! Du mut noch bei uns bleiben! Hrst du?

Trnen liefen mir ber die Wangen, und auch ihm verging vor Rhrung die
Stimme. Wie gerne mchte ich! Und doch, kann ich nicht ohne Sorge
gehen? Ruht nicht mein Lebenswerk in guten Hnden? Du bist ein ganzer
Mensch geworden, meine Lotti.

Du warst mein Lehrer, ich war in guten Hnden.

       *       *       *       *       *

Ich mchte gern wieder einmal in meinen Wald, darf aber nicht wagen,
meinen Mann zu verlassen.

       *       *       *       *       *

Gestern hatte ich eine Begegnung, die mich gleicherweise erschreckte und
erfreute.

Der Herzog ist hier, der Herzog von B.

Das also ist mein Vater! Dieser blasse, schmale Herr!

Ich hab' ihn mir anders vorgestellt. Als einen ritterlichen, sieghaften
Mann. --

Er wird anders gewesen sein, als meine Mutter ihn geliebt hat. Nun ist
er krank, herzleidend natrlich.

Er hat keine Kinder und eine kalte, unsympathische Gattin.

Das ist die Strafe! Die gerechte Strafe fr meine zerstrte Jugend und
den frhen Tod meiner Mutter.

Ich mchte ihn hassen -- und doch -- ich kann es nicht. -- --

       *       *       *       *       *

Gestern hat er mit Lou gesprochen, mit meiner Lou.

Ob wirklich etwas daran ist, an dem Mrchen von der Stimme des Blutes?
Ich glaub' es nicht. Wenn ihm Lou gefllt, so ist das nur natrlich.
Jedermann mag das entzckende, natrliche Geschpfchen gern.

       *       *       *       *       *

Wir saen gestern abend auf der Terrasse, mein Mann und ich.

Wenn es nicht so sonderbar wre, so mchte ich sagen, mein Mann ist mir
jetzt teurer als je zuvor.

Es ist ein solch inniges Verhltnis zwischen uns, wie es kaum zwischen
jungen Liebesleuten sein kann.

Ich mag gar nicht von seiner Seite gehen.

Ist es das nahe Scheiden, das uns so innig vereint? Hat uns etwas, das
mehr ist als Liebe, zusammengefhrt?

Der Rckblick auf meine Ehe lt mich keinen Augenblick den Schritt
bereuen, den ich getan, trotzdem es ohne Liebe geschah.

Knnte ich ebenso sagen von dem, was frher geschah! -- -- --

       *       *       *       *       *

Heute waren wir zusammen im Wald. Lou suchte Blumen, und wir beide waren
allein unter dem grnen Gewlbe.

Die Luft schien geschwngert mit Wohlgerchen, und die Ruhe, die uns
umgab, hob uns ber den Alltag hinaus.

Gibt es etwas Schneres als unseren deutschen Wald? sagte mein Mann
sinnend, nachdem er eine Weile regungslos den Blick nach oben gewandt
hatte.

Mir traten die Trnen in die Augen. Wer wute es besser als ich, wie
schn er war. Mit einem Schlage stand alles vor mir. Das Forsthaus, die
Groeltern, die dunkeln Tannen, alles, alles!

Ich mchte im deutschen Walde ruhen, wenn ich einmal nicht mehr bin,
Lottchen. Versprich mir, da du mir hier oder in der Heimat ein schnes
Pltzchen unter den rauschenden Tannen aussuchen willst, fuhr er fort.

Sprich nicht immer vom Sterben, Liebster, sagte ich schluchzend.

Weine nicht, Lotti. Ich will nicht mehr davon sprechen, wenn es dich
aufregt. Nur versprich mir, da du mir meinen Wunsch erfllen willst.
Willst du, Liebling?

Ich verspreche es dir. Du sollst unter den schnsten Tannen schlafen,
die unser deutscher Hochwald hat, sagte ich feierlich.

Wie eine Vision stieg der Platz vor mir auf. Ich kannte ihn! Oh, ich
kannte ihn!

       *       *       *       *       *

Ich sehe den Herzog fast tglich. Ich mchte vor ihn hintreten und ihm
sagen, wer ich bin.

Doch wem wrde es ntzen! Mir? Ich brauche ihn nicht.

Meiner Lou? Auch in Deutschland duckt man sich vor amerikanischen
Millionen genau so sehr wie vor Herzogskronen, das habe ich kennen
gelernt.

Und wenn mein Sinn nach einer Krone stnde, so knnte ich einst eine
kaufen fr meinen Liebling; tun es doch so viele. --

Kronen drcken schwer, das sehe ich jetzt wieder an dem Frsten und
seiner Gattin. Sie sehen beide nicht eben glcklich aus.

Und mein Kind soll glcklich sein.

       *       *       *       *       *

Das Verhngnis kommt zusehends nher. Mein Mann hat seine Anflle immer
hufiger. Es ist mir entsetzlich, ihn so leiden zu sehen und nicht
helfen zu knnen. Aber hier mu auch die Kunst der rzte Halt machen.
Nur erleichtern lt sich sein Leiden.

Rhrend ist seine Mhe, mit der er mir seine Schmerzen zu verbergen
sucht. --

Er frchtet, mir wehe zu tun.

Gibt es grere Liebe? --

       *       *       *       *       *

Wie langsam und bleiern die Stunden in die Ewigkeit rinnen!

Wie furchtbar mu ein Mensch kmpfen, ehe er die Hlle abwerfen kann,
die doch zuweilen so unsglich schwer drckt.

Stunden hatte ich bereits am Lager meines Mannes gesessen. Er schien zu
schlummern, langsam und stoweise nur ging sein Atem.

Pltzlich bewegte er sich, sah mich einen Augenblick sinnend an und
sagte dann langsam und schwerfllig:

Ksse mich, Lotti, und ksse unsere se Lou von mir. Sie soll nicht
hierherkommen jetzt. Es ist kein Anblick fr ein Kind, wenn ein Mensch
mit dem Tode ringt.

Er machte eine kleine Pause und winkte abwehrend mit der Hand, als ich
ihn unterbrechen wollte. Dann fuhr er fort:

Du hast mich sehr glcklich gemacht, Lotti. Du hast die Sonne in den
grauen Alltag meines Lebens gebracht, ich danke dir dafr.

Mit der Fabrik wirst du gut fertig werden, Thomas steht dir zur Seite.
Es wre mir sehr lieb, wenn du sie behalten wolltest, meine besten Jahre
hat sie mir gekostet.

Mich aber la hier in der Heimat, und willst du lieber bei mir bleiben,
so sei auch dafr gesegnet.

Erschpft schwieg er.

Sanft strich ich ihm den Schwei von der Stirn und drckte einen Ku
auf die Lippen, die nur Worte der Liebe und Gte fr mich gehabt hatten.

Alles soll werden, wie du es wnschest, sagte ich trstend, ich werde
in allem deinem Sinne gem handeln.

Er lag still und ruhig in den Kissen. Die Atembeschwerden schienen etwas
nachzulassen, das Atmen ging leichter.

Um zwlf Uhr wollte der Arzt noch einmal kommen. --

Ich nahm seine Hand in die meine und sa still und bewegungslos neben
ihm.

Die Hand wurde klter und klter. Ruhig und ohne weiteren Kampf schlief
er hinber. Als der Doktor kam, war alles vorbei. --

Ich kann nicht weinen, und doch sitzt es mir in der Kehle, da ich
ersticken mchte.

Zu lange habe ich es kommen sehen, um ungefat dem Entsetzlichen
gegenberzustehen. --

Doch ich habe keine Zeit zum Klagen, ich mu den Platz suchen, wo mein
Gatte ruhen soll im rauschenden Tannenwald.

       *       *       *       *       *

Mein armes Kind, sie ist ganz aufgelst.

Ihr junges Herzchen ist gebrochen von dem ersten, schweren Leid.

Ihr Vater! Ihr einziger, lieber Vater!

Sie kann es nicht fassen. --

Die Natur ist grausam in ihrer ausgleichenden Arbeit. --

       *       *       *       *       *

Ich will heute noch nach Jagdhaus Finsterberg, zu den Groeltern. Dort
in ihrem Walde soll mein Mann ruhen. --

Ich habe keine Zeit zu migem, tatenlosem Jammern. --

       *       *       *       *       *

Ob ich mein Kind mit mir nehme?

Nein! Ich will noch warten! Den ersten Ansturm will ich allein ertragen.

Spter vielleicht -- vielleicht kann ich mein Kind in die Arme der
Groeltern legen. --

       *       *       *       *       *

Unser Chauffeur hat gute Tage gehabt. Seit Wochen ist das Auto nicht aus
der Garage gekommen, heute soll es mich hinbertragen in die Heimat, in
das dunkle, heimliche Grn des Waldes.

Ob ich unvermutet vor sie hintrete?

Nein, ich wrde sie zu sehr erschrecken, den Tod knnten sie davon
haben!

Den Tod! Mich friert trotz der Sonnenglut.

Wenn ich niemand mehr fnde? Wenn fremde Gesichter mir entgegenshen!
----

Ich bin nervs; die lange, aufreibende Pflege hat mich selbst auch krank
gemacht. Und doch darf ich nicht schwach werden. Ich mu meine Krfte
hochhalten, bis ich dich gebettet habe, du guter, du treuer Weggeno.

Wie ein Zwang ist es ber mir, seit er den Wunsch geuert.

Ich mu ihn unter die Tannen der Heimat betten.

Ich bin inkonsequent, ich wei es. Nie wieder wollte ich in der Heimat
weilen als die, die ich wirklich bin.

Und doch fhle ich schon jetzt eine Freudigkeit, eine Zuversicht in mir,
wie seit langem nicht.

Es mu also doch wohl das Rechte sein, trotz der scheinbaren
Inkonsequenz. --

Umstnde ndern die Sache.

       *       *       *       *       *

Nun ist auch das vorber.

Mein Wagen trgt mich rasch wieder zu meinem Kinde, das ich schon morgen
den Groeltern bringen will.

Wenn ich alles berdenke, dann wei ich selbst nicht, wie es gekommen
ist.

Unter dem Vorwande, Gre von einer Dame aus Amerika berbringen zu
wollen, bat ich um eine Unterredung.

Ich vermochte kaum zu sprechen vor Aufregung, als ich endlich den lieben
Alten gegenbersa.

Wiederholt fing ich an, ohne doch ein Wort ber die Lippen zu bringen.
Wohl sah ich den prfenden Blick des Grovaters, die nervs zitternden
Hnde der Gromutter.

Und als mir dann statt aller Worte Trnen aus den Augen strzten, da war
es auch um die Zurckhaltung der Gromutter geschehen.

Mit dem schluchzenden Ruf: Lottchen, du bist es, Lottchen, mein Kind!
hielt sie mich umschlungen, und ich schluchzte den Jammer meiner Seele
an ihrer treuen Brust aus.

Wre ich doch schon frher zu ihnen gegangen!

Keine Frage nach dem, was ich gefrchtet! Ihnen war es genug, da ich da
war. --

Ach, ich bin so froh, so glcklich! Ich habe einen Platz gefunden, wo
ich meinen Schmerz ausweinen kann. -- --

Zeit zu langem Reden hatten wir nicht, dafr wird spter bergenug Mue
sein. Ich mute vor allem meine Bitte anbringen, mir ein Pltzchen zu
geben fr meinen armen, toten Gatten.

Der Grovater wurde ernst.

Das kann ich nicht, Liebling. Ich habe hier keine Rechte zu vergeben.
Hier hat nur der Herzog zu bestimmen.

Der Herzog? Oh, mein Gott! Da ich daran nicht gedacht!

Mein Kopf brannte, meine Augen glhten.

Der Herzog! So gehe ich zum Herzog! rief ich aus.

Du wolltest? rief der Grovater.

Weit du, zu wem du gehst? fragte die Gromutter.

Ich wei es. Und eben deshalb hoffe ich keine Fehlbitte zu tun. Und
warum sollte ich nicht gehen? Nicht ich bin es, die sich hier zu schmen
hat.

Der Grovater neigte das Haupt.

Mach' was du willst, Kind. Ich bin alt, ich habe nicht mehr viel zu
verlieren.

Ach, Grovater! Was sollte dir denn passieren? Und wenn der hohe Herr
wirklich unzufrieden sein sollte, so kommst du mit mir.

Nein, nein, mein Kind! Alte Bume verpflanzt man nicht mehr. Bring' uns
dein Kind, damit wir uns an ihm freuen knnen. Aber bald!

So komm mit und hole sie! sagte ich rasch. Du wrdest auch mir eine
Sttze sein in diesen Tagen. -- -- --

Er ist mitgekommen, und Lou ist ganz glcklich ber den prchtigen,
alten Grovater. --

Morgen gehe ich zum Herzog. Sonderbares Gefhl! Ob sich etwas regt in
seiner Brust bei meinem Anblick?

Ob ich meiner Mutter gleiche?

Ich wei nicht, soll ich ihn hassen oder lieben? --

Keines von beiden! Er ist mir gleichgltig.

Wenn er mir meinen Wunsch erfllt, bin ich zufrieden.

Sonderbar: mein Vater! Es verbinden sich mir gar keine lieben,
herzlichen Gefhle mit diesem Wort.

Eine unharmonische Kindheit, eine schmutzige, traurige Jugend, und doch
-- wie wunderschn ist es, einen Vater zu haben. Einen Vater, wie er
meiner Lou starb. --

       *       *       *       *       *

Auch dieser Schritt ist getan: ich habe mein Ziel erreicht.

Ich habe an gar nichts gerhrt. Ich habe nur gebeten. Als die Enkelin
des alten Frsters Ruhland. --

Um den letzten, innigen Wunsch meines sterbenden Gatten zu erfllen, sei
ich hier, ich wisse keinen schneren und passenderen Platz als den in
der Heimat, die ich nie vergessen knne. --

Frster Ruhland hatte nur ein Kind, eine Tochter? fragte der Frst mit
unterdrckter Stimme.

Nur eine Tochter, Hoheit. Sie war meine Mutter.

Ihre Mutter! flsterte er. Wie alt sind Sie, gndige Frau?

Wie alt? Ich bin schon sehr alt! Geboren bin ich im Juni 1872.

Achtzehnhundertzweiundsiebzig, murmelte er und sttzte sich schwer auf
die Lehne seines Sessels.

Dann ruhten seine Augen einige Minuten forschend auf meinem Gesicht.

Ihr Wunsch ist Ihnen erfllt. Suchen Sie sich den schnsten Platz aus,
gndige Frau -- oder darf ich liebes Kind sagen? Sie sind doch die
Enkelin meines alten, treuen Ruhland....... Ich werde mich bei der
Beerdigung Ihres Gatten vertreten lassen.

Er reichte mir die Hand, und ich drckte dankbar meine Lippen darauf.
Ein sonderbares Gefhl arbeitete in mir. Ich hatte ihn hassen wollen.
Und nun? Dieser Mann war nicht schlecht, er hatte im jugendlichen
Leichtsinn gesndigt. -- --

Und jetzt war er nicht glcklich.

Kronen drcken schwer. -- -- --

       *       *       *       *       *

Die Schrulle eines Millionrs nennen sie hier den Wunsch meines
Gatten.

Mein lieber, einfacher Mann. Kann ein Mensch anspruchsloser sein? Er
beanspruchte so wenig fr sich von seinem Reichtum.

Ist er nicht ganz natrlich dieser Wunsch nach einem stillen, einsamen
Ruhepltzchen, wenn man ein so arbeitsreiches, unruhiges Leben hinter
sich hat? --

Nun haben wir ihn gebettet. Nichts wird ihn stren als der Schrei eines
Nachtvogels oder das Brllen der Hirsche in ihrer Kampfzeit.

Die Vgel in den Zweigen singen ihm das Schlummerlied. Ihm ist wohl, fr
uns ist es hart. Wer sich zu der Religion flchten kann mit seinem
Schmerz, der ist wohl daran.

Ach, ich beneide mein Kind, das voller Inbrunst und Hingebung am Grabe
des geliebten Vaters betet.

       *       *       *       *       *

Nun ist wieder Ruhe um mich her.

Wir bleiben noch einige Tage hier bei den Groeltern.

Lou wrde am liebsten immer hier bleiben, hier, bei dem toten Vater und
bei den lieben alten Leuten.

Nur mir whlt die Unruhe im Blut.

Eine Aussprache ist unvermeidlich, und ich -- ich frchte sie.

       *       *       *       *       *

Die Groeltern haben mir das Gestndnis leicht gemacht.

Sie schienen zu ahnen, was hinter mir lag.

Ich hatte den Brief vergessen, den ich am Vorabend jenes unseligen
Ankunftstages an sie geschrieben hatte. Dieser Brief war das letzte
Lebenszeichen von mir. --

War es verwunderlich, da sie ahnten, in welche Hnde ich gefallen?

Sie haben Erkundigungen angestellt, der Onkel in Amerika hat mit Hilfe
des deutschen Konsuls alles mgliche versucht -- ohne Erfolg.

Mich hatten sie fest und sicher hinter den Mauern jenes verfluchten
Hauses. -- -- -- --

Und whrend meine Lou, mein Liebling, drauen im Walde umherstreift,
rollt sich noch einmal die Vergangenheit mit all ihren Schrecknissen vor
mir auf. -- -- --

Wir haben uns ausgesprochen und alles ist -- oder vielmehr soll begraben
sein.

Zu vergeben hatten sie mir im Grunde nichts -- der alte Fluch hatte sich
auch an mir erfllt. --

Die Snden der Vter. -- --

Mir liegt auch alles so weit ab jetzt, der erneute schwere Verlust lt
mir alles klein erscheinen.

Ich habe kein rechtes Glck in der Welt. Alles wird mir genommen.

Ich mu daran denken, wie hoffnungsfreudig ich war, als mein Mann damals
um mich warb. Noch einmal lag das Leben schn und begehrenswert vor mir.
Nun liegt auch das wieder eingesargt drben unterm Rasen. -- --

Habe ich mein Gelbnis gehalten?

War ich ihm ein gutes, treues Weib?

Ein guter Kamerad?

Ich war es! Ich habe meine Pflicht erfllt. Nicht einmal den Mangel an
Liebe hat er empfunden.

Ich habe ihn sehr hoch geschtzt, er war der Besten einer. --

Da ich ihm keinen Sohn schenken konnte, einen Erben fr sein
Lebenswerk!

Trotzdem ich zuerst erfreut darber war, keinem Jungen das Leben
geschenkt zu haben, hat es mich die letzten Jahre doch oft betrbt. So
sehr er auch sein Mdchen geliebt, ein Sohn hat ihm doch gefehlt.

Dort kommt der Mond langsam ber die Wipfel der Tannen und wirft sein
blasses, kaltes Licht auf das schmale Bett da drben.

Wo stand ein Bett wie dieses, so schmal, so kalt und schmucklos!

Und ich lag darin -- vor langen, langen Jahren -- oder war ich es nicht?
War es mein Schatten?

Morgen werde ich vor die Gromutter hintreten und Rechenschaft ber jene
Tage fordern. --

Was man dem Kinde damals vorenthielt, der reifen, geprften Frau wird
man es nicht mehr weigern.

Ich will Aufschlu ber Leben und Tod meines Kindes. --

In all den langen Jahren bin ich das qulende Bewutsein nicht
losgeworden, da ich damals nicht die Wahrheit erfahren habe.

Ich bin jetzt auf einem Punkt angelangt, da ich auf nichts und niemand
mehr Rcksicht nehme.

Noch kurze Zeit, und das groe Wasser liegt wieder zwischen mir und der
Heimat.

       *       *       *       *       *

Ich kann nicht schlafen. Die Geister der Vergangenheit umschweben mich
und lassen mich nicht zur Ruhe kommen. --

Bist auch du mir nahe, teure Mutter? Und du, Werner, mein Geliebter,
mein Retter?

Seid ihr zufrieden mit mir, so gebt mir ein Zeichen!

Fern, ganz fern und schwach tnt feines Klingen im Dunkel des Waldes,
wie eine Stimme aus dem Jenseits.

Oder fiel ein Stern klingend vom Himmel?

Ich will schlafen und trumen, vielleicht kommen im Traum die Lieben zu
mir, die mir das Wachen versagt. -- --




VII.

Eine Abrechnung.


Meine Ahnung hat mich nicht betrogen, ich habe einen Sohn!

Er lebt, ist gesund, und ich -- ich wute es nicht!

Warum hat man es mir verheimlicht? --

Sie haben es gut mit mir gemeint, sagen die Groeltern. Ich sollte,
selbst noch ein Kind, nicht diese Brde tragen. --

Spter, wenn ich lter geworden, wenn die Umstnde danach waren, htten
sie mir die Wahrheit sagen wollen.

Und dann sei ich verschollen gewesen. --

Sie haben es gut gemeint! Gewi, ich mu wohl noch dankbar sein. --

Aber nun? Wo ist mein Kind? Jetzt hlt mich nichts mehr zurck, fhrt
mich hin! --

Sie schweigen -- sind verlegen -- was soll das bedeuten? --

Und so erfahre ich denn das Unglaubliche, das Unfabare!

Mein Sohn, mein Kind, ist auf Gut Koppenbruch, bei Rudolph Schnewald,
seinem Vater!

Es ist kaum auszudenken, und doch ist es wahr!

Es klingt gleich einem Mrchen, und doch ist es Wahrheit. Der Mann, der
vor allen anderen daran schuld ist, da ich in dieses Labyrinth geriet,
der es ablehnte, der Mutter seines Kindes einen ehrlichen Namen zu
geben, dieser Mann nimmt den Sohn eben dieser Frau an Kindes Statt an,
weil seine Gattin ihm keinen Erben geschenkt.

Meinen Sohn! -- --

Meine Gedanken wandern hinweg, weit fort, zu den Tagen, wo mein Mann
hoffte -- vergebens hoffte, da ihm ein Erbe fr sein Lebenswerk geboren
wrde.

_Er_ hoffte vergebens!

Und Rudolph Schnewald sollte sich in meinem Sohne den Erben
heranziehen?

Das Kind der Frau, die er verschmht, weil sie nicht Geld genug hatte,
um die Gattin eines Gutsbesitzers zu werden!

Nein! Ich werde es nicht zugeben! Ich selbst will mein Kind zu mir
nehmen, und keine Macht der Welt wird mich daran hindern. --

Vor acht Jahren erst hat er den Knaben zu sich genommen, als ihm selbst
keine Hoffnung geblieben, da ihm ein Erbe geboren wrde.

Die Groeltern haben es als die glcklichste Lsung der ganzen
Angelegenheit betrachtet.

Kann ich sie tadeln?

Nein, gewi nicht!

Die Mutter verschollen, sie selbst alt und gebrechlich, ist es da nicht
zu begreifen, wenn sie es als ein Glck ansahen, da der Knabe auf diese
Weise gewissermaen zu seinem Rechte kam? --

Seine Gattin wei natrlich nichts von der Herkunft ihres Adoptivsohnes.
Fr sie ist es ein entfernter Verwandter. --

Nun aber bin ich da, und sofort werde ich Schritte tun, um mir mein Kind
zurckzuholen. --

Wem bin ich Rechenschaft schuldig? Niemand.

Meiner Lou?

Frchte ich die fragenden Augen meines Tchterchens?

Es wird sich ein Ausweg finden; spter, wenn sie es besser versteht,
soll sie alles erfahren, die ganze Wahrheit.

Nur jetzt noch nicht, noch ist sie nicht reif genug dafr. --

       *       *       *       *       *

Ich habe an Rudolph Schnewald geschrieben und ihn ersucht, mir Zeit und
Ort anzugeben, wo ich mein Kind in Empfang nehmen kann, um es mit nach
Amerika zu nehmen. --

Wer mir gesagt htte, da ich noch einmal an diesen Mann schreiben
wrde! Ich versuche vergebens, mir sein Bild ins Gedchtnis
zurckzurufen.

Weit, weit ab, in fernem, undurchdringlichem Nebel liegen jene heien,
schwlen Tage, in denen zuerst meine Sinne erwacht. --

Nichts regt sich mehr in mir, was fr diesen Mann spricht. Nur ein
Gefhl der Genugtuung beschleicht mich bei dem Gedanken, ihm wehe zu
tun. --

Er wird den Knaben liebgewonnen haben. Er wird ihn mir nicht geben
wollen. Aber er mu! Das Recht ist auf meiner Seite.

Und wre es nicht so, dann wrde ich mich nicht scheuen, noch einmal die
Hilfe des Herzogs in Anspruch zu nehmen. -- --

       *       *       *       *       *

Was ist es, das mich so rastlos macht, seit ich den Brief geschrieben?

Ist es die Sehnsucht nach dem Kinde, das ich nicht kenne?

Nein! Vor mir selbst will ich wahr sein!

Gewi, ich sehne mich nach dem Knaben. Wie wird er sein? Werde ich ihn
lieb haben -- und er mich?

Er wird mich lieben lernen.

Ob man ihm je von seiner Mutter sprach?

Ich wage gar nicht zu fragen, wem er hnlich sieht.

Nur nicht jenem Menschen, dem ich jetzt mit Freuden die grte
Enttuschung seines Lebens bereite.

Vielleicht nicht nur eine Enttuschung, vielleicht einen Schmerz, einen
wirklichen, groen Schmerz. --

Ja, das ist es! Ich freue mich darber! Ich will ihm wehe tun! --

Ist das schlecht?

Es ist nur menschlich! Wer hat nach _meinen_ Gefhlen gefragt? --

       *       *       *       *       *

Heute frh war er da!

So rasch hatte ich die Wirkung meines Briefes nicht erwartet. --

Ich war sehr erschrocken, als mir Rudolph Schnewald gemeldet wurde. Ich
warf einen Blick in den Spiegel und erschrak noch mehr ber das blasse
Gesicht, das mir aus der schwarzen Umrahmung doppelt bla
entgegenschien.

Es klopfte an die Tr. Ich trat einen Schritt vor -- es war mir nicht
mglich, Herein zu rufen -- da stand er auch schon vor mir. --

Was hatte ich mir alles vorgenommen! Was wollte ich diesem Manne ins
Gesicht schleudern, jahrelang angehuften Groll, Verachtung, alles,
alles -- und nun sagte ich gar nichts.

Er stand vor mir, den Hut in der Hand, das blonde Haar an den Schlfen
stark gelichtet, mit unsicheren, ngstlichen Augen, und sagte ebenfalls
nichts.

So mute ich anfangen.

Sie wnschten mich zu sprechen, Herr Schnewald?

Ja -- Sie schrieben mir, gndige Frau, und -- da -- ich -- dachte --

Er stotterte und schwieg.

Da wollten Sie mir meinen Jungen selbst bringen, nicht wahr? sagte ich
khl. Ich hatte mich gefat und mich darauf besonnen, wer vor mir
stand.--

Er zog sein Taschentuch heraus und wischte sich den Schwei von der
Stirn, dann sagte er:

Warum wollen Sie mir das antun, gndige Frau? Sie kennen den Jungen gar
nicht, und ich, ich habe ihn lieb.

Sie htten ihn seinerzeit fr immer haben knnen, nun ist es zu spt.
Uneheliche Kinder gehren, soviel ich wei, der Mutter. Und ich gedenke
mein Recht geltend zu machen.

Aber ich habe ihn adoptiert!

Ohne meine Einwilligung!

Er wird nicht von mir wollen, haben Sie Erbarmen!

Haben _Sie_ Erbarmen gehabt? Ich tue nur, was die Bibel lehrt: Auge um
Auge, Zahn um Zahn.

So kann Sie nichts von Ihrem Vorhaben abbringen?

Nichts! Es ist nutzlos, weiter darber zu reden. Adieu!

Er ging. Merkwrdig gebckt, trotz seiner noch jungen Jahre. --

Mir ist so wohl! Es ist ein schnes Gefhl, wenn man so abrechnen kann.
-- -- --

Nur drfte der Grund zu dieser Abrechnung nicht das Schicksal meines
Kindes sein.

Das ist der bittere Nachgeschmack.

Aber das wei nur ich allein. -- --

       *       *       *       *       *

Ich will heute nachmittag nach Nauheim fahren und alles zur Abreise
vorbereiten. Wenn ich meinen Sohn bei mir habe, will ich so bald als
mglich nach drben.

Es ist auf alle Flle besser, diese Entfernung zwischen ihn und seinen
Vater zu legen. --

Mir ist ganz sonderbar zumute, wenn ich mir vergegenwrtige, wie es
werden wird.

Wenn er nicht zu mir will? Mglich wre auch das.

Wie soll er diese so pltzlich aufgetauchte Mutter lieben?

Aber er ist noch jung, ist aufnahmefhig fr alles Neue und
Absonderliche.

Lou ist fnfzehn Jahre und er achtzehn. --

Achtzehn Jahre! Was hatte ich mit achtzehn Jahren schon alles hinter
mir! -- --

       *       *       *       *       *

Die Groeltern gehen mit sonderbar vorwurfsvollen Blicken einher. Sie
scheinen nicht mit meinem Tun zufrieden. --

Bis zu seinem zehnten Jahre ist der Knabe hier bei ihnen gewesen.

Ich glaub' es wohl, da sie ihn ungern hergegeben haben, da sie nur das
Wohl des Knaben im Auge hatten.

Sie knnen mich nicht begreifen, da ich ihn nicht dort lasse, wo nach
ihrer Meinung sein rechter Platz ist.

Sind es nur Rachegefhle, die mich leiten?

Gilt mir das Wohl meines Kindes nicht in erster Linie?

Wenn ich ganz wahr gegen mich sein will, so wei ich es selbst nicht
einmal.

Ich will mein Kind haben, will es umarmen, herzen, kssen, und frchte
mich doch vor diesem Augenblick.

Das aber wei ich gewi, da mich ein wohliges Gefhl beschleicht, wenn
ich an den Schmerz denke, den ich dem Vater dieses Kindes zufge.

       *       *       *       *       *

Lou will im Walde bleiben, bis alles fertig zur Abreise ist.

Mich trgt mein Wagen schnell zur Stadt; es ist schn, so schnell zum
Ziele zu kommen.

Ich lehne mich im Wagen zurck und lasse meine Augen ber die alten,
vielhundertjhrigen Bume gleiten. Es trumt sich gut unter euch. Und du
wirst still und friedlich ruhen, mein treuer Freund.

Ich aber will dir noch jetzt den Mann erziehen, den du dir fr deine
Werke so oft gewnscht hast. --

       *       *       *       *       *

Die Dmmerung zieht herauf. Die Stimmen der spielenden Kinder tnen von
der Strae zu mir ins Zimmer.

Selige Tage der Kindheit.

So gut es meine Lou hat, etwas hat sie nicht kennen gelernt.

Diese wundervollen Spiele an lauen Sommerabenden, wenn jeder Augenblick
vorm Zubettgehen noch im Spiel mit den Nachbarskindern ausgenutzt
wird.--

Auch Millionre knnen ihren Kindern nicht alles geben. -- --

       *       *       *       *       *

Nun ist alles erledigt. Ich bin wieder im Walde und erwarte nur noch
meinen Jungen.

Grovater ist gestern hingefahren, ihn zu holen.

Schnewald hat an ihn geschrieben, es ginge ber seine Kraft, selbst den
Jungen aus seinem Hause zu bringen.

Ich will es glauben, es ist vielleicht auch besser so.

Grovater kann ihn wenigstens etwas vorbereiten unterwegs.

Und Lou? Ich mu es ihr endlich sagen, da sie einen Kameraden bekommt,
einen Bruder!

Wird es mir doch zu schwer, das rechte Wort zu finden -- --

       *       *       *       *       *

Nun ist es gesagt! Sie ist doch noch ein rechter Kindskopf.

Sie freut sich! Freut sich unbndig ber den Bruder, und fragt nicht
nach dem Wie und Wo.

Schon immer hat sie sich einen Bruder gewnscht, mit dem sie
Spaziergnge und Streifzge unternehmen knne.

Es ist gut so. Spter, wenn sie vernnftiger ist, werde ich es ihr
besser erklren knnen.

       *       *       *       *       *

Nun ist er da!

Mein Junge! Mein groer, schner Junge! Ach, ich bin doch glcklich. So
hatte ich ihn mir nicht vorgestellt, so gro und hbsch. Ein rechter
Herr schon!

Ach, und gottlob nichts, aber auch gar nichts von dem, was ich
gefrchtet. Sein Aussehen ruft mir keine unangenehmen Erinnerungen wach.
Dunkelbraunes Haar, schne Nase, etwas gebogen, und prchtige, dunkle
Augen.

Aber so scheu, so ungelenk ist der groe Bursche, immer und immer wieder
guckt er sich die neue Mutter an. --

Ich war ganz aufgeregt. Ich habe gelacht und geweint, und all meine Ruhe
war verflogen. Htte ich ihn doch schon frher gehabt, meinen Jungen!
Wird er sich jetzt noch an mich gewhnen?

Frher? Aber ich vergesse ja ganz, da mein Mann von der Existenz dieses
Kindes gar nichts htte wissen drfen.

So war es also gerade die rechte Zeit. --

Ja, ja, ich finde mich durch mein eigenes Leben bald nicht mehr
hindurch.

       *       *       *       *       *

Morgen reisen wir ab. Ich freue mich diesmal sehr auf die Reise.

Die letzten Tage waren unertrglich.

Der Knabe ist mir fremd, und alle meine Annherungsversuche waren
erfolglos. Noch ist kein gemeinsames Band zwischen uns. Nur mit Lou ist
er bereits gut Freund.

Doch ist wenigstens sein Name mir vertraut. Sie haben ihm Grovaters
Namen gegeben.

Konrad, ein schner Name, und so echt deutsch.

Und ich will seinen Trger zum Amerikaner machen!

Ob es mir gelingen wird?

Ich hoffe es, ist er doch noch jung. --

Ich glaube berhaupt, es ist in erster Linie die Freude an der Reise, an
dem Unbekannten, die ihn bewogen hat, so rasch und widerstandslos
einzuwilligen.

Steckt doch in jedem jungen Menschen der Hang zum Abenteuerlichen.

Mag es sein, ich mu es hinnehmen. Spter, im steten Umgang, und drben,
wo er ganz auf mich angewiesen ist, werden wir schon das heimliche Band
finden, das uns verbindet.

Es mu gelingen! Es war mir ein unertrglicher Gedanke, die Fabrik und
die groen Viehzchtereien in fremde Hnde zu legen, wenn ich einmal
gehe. --

Lou? Sie wird heiraten, und ich mchte ihr keinen Mann aufzwingen aus
Rcksicht aufs Geschft.

Ergibt es sich von selbst, da sie eine passende Heirat macht, dann um
so besser; es ist Platz fr zwei Herren. --

Auch die groen Weideflchen brauchen Aufsicht, und wir knnten etwas
mehr Ruhe walten lassen.

Aber Ruhe in Amerika, und noch dazu in einem Geschft -- das ist beinahe
ein Ding der Unmglichkeit.

Es wre deshalb doppelt gut, wenn die Arbeit geteilt wrde. --

       *       *       *       *       *

Auf See.

Wieder einmal die goldene Klarheit eines schnen Herbsttages auf See.
Die Luft ist mild und wunderbar rein.

Erquickende Tage, erquickende Nchte, noch einmal ist es eine Zeit fr
mich, von der ich sagen kann, das Leben ist doch lebenswert. --

Der Kinder wegen nehmen wir die Mahlzeiten im groen Salon, was wir in
den letzten Jahren wegen meines Mannes Krankheit nie getan haben. Die
schn geschmckten Tische, der Luxus der Ausstattung, die harmonisch
abgestimmten Farben, das ist stets wie ein Fest.

Wir sitzen am Kapitnstisch, sind also bevorzugt, gewissermaen. --

Mein Junge kommt aus der Verwunderung gar nicht heraus. Er staunt noch
immer die Annehmlichkeiten des Reichtums als etwas Unwirkliches an. Lou
ist das gewhnt, sie nimmt es als selbstverstndlich hin.

Was wohl der Kapitn und all die hohen Herrschaften sagen wrden,
speziell der deutsche Gesandte Graf B., der mir gegenber sitzt, wenn
ich ihnen verriete, da ich vor nun sechzehn Jahren auf genau solchem
Schiff als Stewarde ttig war?

Das Geld ist doch eine groe Macht. -- --

       *       *       *       *       *

Ich kann mich nicht berwinden, ich mu auch diesmal wieder nach alter
Gewohnheit des Abends ein Stndchen auf Deck.

Heute abend traf ich Konrad, allein und auf meinem alten Pltzchen. Es
berhrt mich sonderbar; begegnen wir uns hier in einem Empfinden?

Ich legte den Arm um ihn und sah ihm in die Augen.

Heimweh? Armer Junge! Ich htte es mir denken knnen......

Nchstes Jahr gehen wir wieder nach drauen, mein Junge! Wenn du brav
lernst, dann sollst du als Belohnung eine Europareise haben. Auch Lou
wird gern wieder mitgehen, meinst du nicht auch?

Es leuchtete freudig auf in seinem von Trnen verdunkelten Blick.

Ich selbst habe auch den Wunsch, schon nchstes Jahr wieder an mein
geliebtes Grab zu eilen. Bin ich doch jetzt, durch die Umstnde
gezwungen, viel zu frh fortgegangen.

       *       *       *       *       *

Ich habe mich entschlossen, erst noch einige Wochen in New York zu
bleiben. Es ist besser fr Konrad, er mu erst einigermaen die Sprache
beherrschen.

Wir haben schon unterwegs nur noch Englisch mit ihm gesprochen. Ich
glaube, es wird ihm leicht werden. Nur mu er einen tchtigen Lehrer
haben. Wir beide, Lou und ich, wir sind nicht energisch genug. Wenn er
es gar nicht verstehen kann, dann sprechen wir doch immer wieder
Deutsch. Am besten ist es aber, wenn er berhaupt kein Wort Deutsch mehr
hrt.

Ich werde den Doktor aufsuchen, er wird mir raten. --

       *       *       *       *       *

Nun bin ich doch schon zu Hause. Aus den Wochen in New York sind nur
einige Tage geworden. Aber ich bin allein mit Lou, denn Konrad ist in
New York geblieben.

Doktor Curtis hielt es fr das beste, und ich mu ihm recht geben. Htte
ich doch auch nicht gedacht, da es sich so wunderschn einrichten
liee. --

Doktor Curtis ist verheiratet, schon seit vierzehn Jahren.

Er hat eine liebe, kleine Frau und ein Tchterchen, das an
Ausgelassenheit meiner Lou nichts nachgibt.

Ich habe ihn in alles eingeweiht, was Konrad betrifft. Und er meint, da
es auf alle Flle besser ist, wenn der Junge erst noch einige Zeit fr
sich hat. Eine Zeit des Besinnens, der Einkehr.

Er wchst auch leichter in das Fremde hinein, das ihn dort erwartet,
wenn er die Sprache schon einigermaen beherrscht. --

Ich bin zuweilen voller Hoffnung fr die Zukunft, zuweilen bin ich
wieder ganz mutlos. --

Und doch -- war der Abschied von meinem groen Jungen nicht ganz
vielversprechend? Kann ich mehr verlangen? -- --

Ich will arbeiten, dann vergehen die Grillen. Zu lange hat der Herr
gefehlt, ich mu viel nachholen. --

Nach dem Westen will ich erst, wenn Konrad hier ist, es soll mein erstes
Alleinsein mit ihm werden.

Lou mu diesmal in Chikago bleiben, obgleich sie fr ihr Leben gern in
den Ranchos herumwirtschaftet; sie mu diesmal verzichten.

Ich mu die Gelegenheit wahrnehmen, um endlich das Vertrauen meines
Jungen zu gewinnen. --

Auch im Betrieb habe ich bereits vorgearbeitet. Den alten Thomas habe
ich ins Vertrauen gezogen. Es schien mir, als ob er im Anfang etwas
verstimmt sei, doch es wird sich geben, er ist ein treuer Diener.

Auch ihm ist am letzten Ende _ein_ Herr lieber als mehrere.

Und was wre uns schlielich weiter brig geblieben als eine
Aktiengesellschaft? Denn ganz will ich meine Krfte nicht aufreiben und
ich mchte auch gern endlich an die Verwirklichung meiner lange gehegten
Plne gehen. --

       *       *       *       *       *

Nun ich allein bin, komme ich erst wieder so recht zu mir selbst und
denke die letzten Monate noch einmal in Ruhe durch.

Der Tod meines Mannes -- es ist, als ob schon eine Ewigkeit seitdem
verflossen wre.

Zuweilen bin ich ber mich selbst verwundert, da mich das alles nicht
tiefer getroffen hat.

Gewi, es war mir sehr schmerzlich, es hat sehr wehgetan, ein Stck
meines besseren Ich ist von mir gegangen. Und doch -- ich meine, andere
Frauen empfinden viel tiefer, sind viel untrstlicher. Ich glaube, in
mir ist eine Saite zerbrochen, die nie mehr klingen kann. --

Es ist schade, man wird so hart und liebt die Menschen so wenig. Die
Menschheit im allgemeinen will ich damit sagen -- denn im besonderen
habe ich einige recht innig in mein Herz geschlossen.

Und doch mu ich noch zufrieden sein. Denn besser hart und kalt als
untergehen im Sumpf. --

       *       *       *       *       *

Ich habe eine lange Pause in meinen Aufzeichnungen gemacht. Monate sind
seitdem vergangen, nun bin ich mit Konrad im Westen.

Ich freue mich ber meinen Entschlu, hier geht das Herz des Jungen so
recht auf. --

Heimweh und Fremdheit sind verschwunden, das Kind hat sich zur Mutter
gefunden.

Wenn wir abends nach stundenlangem Umherstreifen mde und hungrig in
unser Blockhaus kommen, wo uns ein einfaches, aber leckeres Mahl
erwartet, dann sind wir so glcklich, da wir mit keinem Knige tauschen
mchten.

Am meisten freut sich Konrad ber die schne Bchse, die ich ihm
geschenkt. Er ist schon so gebt und ein so passionierter Jger, da ich
manchmal glaube, er wrde am liebsten immer hier bleiben. Aber das geht
nicht. Chikago bleibt vorlufig die Hauptsache.

Nur manchmal einige Wochen der Erholung hier im Westen, das will ich ihm
versprechen. --

       *       *       *       *       *

Ein Jahr ist Konrad nun schon bei uns, und, Gott sei Dank, er scheint
nicht mehr nach Hause zu denken, wenigstens sagt er nie etwas davon.

Wir kommen sehr gut miteinander aus. Natrlich ist das Verhltnis nicht
so, wie zwischen mir und Lou, das kann ich auch nicht verlangen, aber
ich darf zufrieden sein. -- --

       *       *       *       *       *

Heute kam ein Brief vom Grovater mit einer Einlage, einem amtlichen
Schriftstck. Konrad mu Soldat werden. Wer htte daran gedacht? --

Was nun?

Ich will zum Konsul gehen, er wird mir helfen. -- --

       *       *       *       *       *

Es ist alles nicht so schlimm. Der Junge hat zum Glck sein
Einjhrigenzeugnis, braucht also nur ein Jahr zu dienen.

Er lt sich nun noch vorlufig zwei Jahre zurckstellen und fhrt dann
im August oder September hinber, damit er im Oktober eintreten kann. Er
ist jetzt neunzehn Jahre, also auch noch jung genug, wenn er mit
zweiundzwanzig Jahren wieder zurckkommt.

Es ist gut, da er als Einjhriger dienen kann; im anderen Falle htten
wir doch wohl vorgezogen, nicht auf die Zuschrift zu antworten. Besser
ist es natrlich so, dann ist ihm wenigstens spter der Aufenthalt in
Deutschland zu jeder Zeit gestattet.

Lou macht die Sache am meisten Spa.

Es ist ihr ganz was Neues, da ihr Bruder Soldat sein soll, und sie will
ihn durchaus besuchen whrend seiner Dienstzeit.

Dieser Wunsch soll ihr erfllt werden. Nach Ablauf seines Dienstjahres
werden wir uns unseren Jungen wieder holen.

Schon lange habe ich Sehnsucht nach dem stillen Pltzchen unter den
dunkeln Tannen. Nur die Arbeit hlt mich zurck. --

       *       *       *       *       *

Zwei Jahre spter.

Nun ist Konrad schon seit Wochen fort, und wir merken beide so recht,
wie sehr wir ihn lieben, wie sehr er uns fehlt.

Sogar der alte Thomas sthnt zuweilen und sagt: Wenn doch der junge
Herr erst wieder hier wre! He is the smartest young chap, I ever saw.

-- Das will gewi viel sagen. --

       *       *       *       *       *

Den 10. Juli.

Wir sind schon auf der Reise, wir knnen es gar nicht mehr erwarten, wir
mssen unsern Jungen besuchen.

Lou zumal lie keine Ruhe mehr.

I should like to see the boy in this funny uniform ist ihr stndiger
Ausspruch.

Er dient in Hannover, und ich freue mich, die Stadt bei dieser
Gelegenheit kennen zu lernen. --

       *       *       *       *       *

Meine Lou ist eine erwachsene junge Dame geworden, und ich habe es
beinahe nicht bemerkt.

Es wird mir schwer, mich darein zu finden, fr mich ist sie noch immer
das Kind, mein kleiner Liebling, mein Wildfang. --

Aber was hilft es mir? Sie ist neunzehn Jahre, und ich denke mit
Schrecken daran, da eines Tages ein Mann kommt und sie mir fortnimmt.

Elternlos! Man zieht die Kinder fr andere gro, um im Alter einsamer zu
sein als je zuvor. --

Ich werde in Cherbourg den Dampfer verlassen und mich einige Wochen in
Paris aufhalten. Wir mssen neue Kleider haben, damit mein Junge mit
seiner Schwester Staat machen kann. Und fr Lou will ich eine gewandte
Zofe engagieren, die auch mir etwas behilflich sein kann. Meine alte
Hannah wird zu steif, ich konnte sie diesmal gar nicht mitnehmen. Ich
mu die alte, treue Seele sowieso etwas entlasten. Wenn wir nach
Hannover kommen, mu Lou als vollendete Dame auftreten, und diese
Franzsinnen verstehen ihr Geschft. -- --

       *       *       *       *       *

Das Wiedersehen zwischen Konrad und uns beiden war sehr herzlich.

Gott sei Dank, der Junge hat mich doch lieb!

Kein Gedanke daran, da er wieder in Deutschland bleiben mchte, wie ich
oft im stillen befrchtet.

Nun kann ich ruhig sein, dies war der Prfstein. --

Wir haben es gut getroffen. Das Regiment, bei dem Konrad dient, hat
irgendeine Gedenkfeier. Es gibt allerlei Festlichkeiten und
Auffhrungen, und Konrad freut sich, seine schne Schwester berall
zeigen zu knnen. --

Lou ist natrlich ganz Feuer und Flamme.

Ich selbst bin davon weniger erbaut, doch ich mu dem Kinde auch etwas
gnnen; habe ich doch drben viel zu zurckgezogen gelebt.

Ich wollte Lou recht lange ihre Kindheit erhalten.

Wenn ich daran denke, was ich in dem Alter hinter mir hatte, dann
berluft's mich hei und kalt.

War ich denn das wirklich?

Ich wollte, es wre ein Traum gewesen. --

       *       *       *       *       *

Konrad ist befrdert worden. Ich verstehe nicht viel davon, aber hier
scheinen sie ja groes Gewicht auf diese Auszeichnung zu legen. -- Es
hat wenig Zweck, aber mag es sein, den Jungen freut's. --

       *       *       *       *       *

Alle die Einladungen und Festlichkeiten habe ich gestern mit einem Diner
im Bristol erwidert.

Einige Kameraden, die Konrad besonders nahegetreten waren, einige
Offiziere des Regiments mit ihren Damen und sogar der Herr Oberst waren
erschienen. --

Wir sind ja Amerikaner, und anscheinend schweben unsere paar Millionen
tausendfach vergrert um uns.

Ich knnte mir sonst die bergroe Liebenswrdigkeit von allen Seiten
nicht erklren.

Alles ist sehr gut gelungen. Der Wirt hatte alles aufgeboten, da ich ihm
in pekunirer Beziehung keinerlei Beschrnkung auferlegt hatte. --

Und doch bin ich verstimmt heute.

Lou ist wie ausgewechselt in den letzten Wochen. Ich frchte, ich
frchte, es hngt mit dem Oberleutnant von Foltmer zusammen. -- --

In aller Frhe schon kam ein Strau dunkelroter Rosen. --

Ich wei, was diese Rosen fr eine Sprache reden.

Mir rufen sie die Jahre der Vergangenheit mit Allgewalt zurck.

Lou selbst wurde wie ein Rschen so rot. Es ist Zeit, da wir abreisen,
ehe es zu spt ist. --

Htte ich nur nicht versprochen, noch zu dem Feste zu gehen, das der
Oberst nchste Woche auf seinem Gut in Wolfshagen geben will. --

Es ist nur dreiig Minuten von Hannover, und es werden sehr viele aus
der Stadt dasein. Gewi auch dieser Foltmer.

Er scheint ja ein ganz netter Mensch zu sein, aber er sollte sich nicht
um meine Lou kmmern, dann wre er mir noch viel angenehmer. Auf alle
Flle werden wir nach dem Fest gleich abreisen.

Ich will das Glck meines Kindes; doch es wre mir lieber, wenn sie es
jenseits des groen Wassers finden wrde. -- --

       *       *       *       *       *

Meine Befrchtungen waren nicht unbegrndet.

Und der Herr Oberst oder vielmehr seine Gattin scheinen mit den
Wnschen des jungen Offiziers vertraut zu sein.

Schon als er Lou den Arm bot, um sie zu Tisch zu fhren, sah ich, wie es
in ihren Augen aufleuchtete. Bei Tisch konnte ich wenig von ihr sehen;
da mich der Oberst zu Tisch gefhrt, war ich ziemlich weit von ihr
entfernt. Als aber die Tafel aufgehoben war, und ich sie zuerst
wiedersah, da strahlten ihre groen Augen wie zwei Sonnen.

Glckliches Kind! -- --

Ich kam einen Augenblick in Versuchung, den Leuten da zuzurufen, _wen_
sie als hochgeehrten Gast hier in ihrer Mitte hatten. --

Schrecklich! Da mir in den schnsten Augenblicken meines Lebens immer
wieder diese Gedanken kommen.

Es ist wie ein unertrglicher Zwang. -- --

       *       *       *       *       *

Lou schlft noch, doch ich sitze schon seit Stunden hier am Fenster. Wir
wollen mit Schlu dieser Woche abreisen. Einen Platz auf dem Dampfer
habe ich bestellt, wir werden uns aber erst in Cherbourg einschiffen, um
vorher noch ein oder zwei Tage fr Paris zu haben. --

       *       *       *       *       *

Doch schon zu spt!

Als Lou erwachte, flsterte sie mir verschmt ins Ohr, da Oberleutnant
Foltmer mir heut' frh einen Besuch machen wolle. --

Also doch! Und so rasch!

Das lag nicht in meiner Berechnung.

Soll ich alles widerstandslos gehen lassen, wie es will, oder soll ich
ihn gar nicht empfangen?

Doch nein, das darf ich nicht tun. Will ich denn nicht das Glck meines
Lieblings? Darf ich es ihr wehren, wenn sie es an der Seite dieses
Mannes zu finden hofft?

Ich werde mich eines Tages damit abfinden mssen, da sie von mir geht.
Nicht fr uns erziehen wir unsere Kinder. --

Aber es ist trotzdem so schwer, auch wenn ich es mir tglich vorsage.

Ich will mich nicht unntz qulen, ich will abwarten, was mir der
Oberleutnant zu sagen hat.

Es wre ja immerhin mglich, da ich mich irre.

Und doch -- Lou war sonst so ganz anders.

Das Kindliche, das harmlos Frhliche ist verschwunden, das Weib in ihr
ist erwacht.

Ich werde trotz alledem sehr vorsichtig sein. Ich werde mich nicht
berrumpeln lassen. Ich mu wissen, ob der Charakter dieses Mannes
Garantien bietet.

Ist es nicht auch mglich, da die berseeischen Reichtmer ihn locken?
Man sagt, da Offiziere viel Geld gebrauchen knnen. -- --

       *       *       *       *       *

Meine Lou ist so glcklich, anscheinend ist der Oberleutnant ein
tchtiger Mann; er ist selbst sehr wohlhabend, da fllt wohl von selbst
der Gedanke fort, ihn fr einen Mitgiftjger zu halten.

Er ist der Sohn eines Groindustriellen, der erst neuerdings geadelt
worden ist.

Ich freue mich, da er aus denselben Kreisen stammt wie Lou; es pat
besser als wenn er der Abkmmling irgendeines verarmten, feudalen
Geschlechts wre, um nun mit den Millionen seiner Frau sein Wappen neu
zu vergolden.

Nur da ich mein Kind in Deutschland lassen soll, das wird mir schwer.

Ob Foltmer gern Soldat ist? Ob er sich vielleicht entschlieen knnte,
die glnzende Uniform auszuziehen?

This funny uniform, jetzt sagt's der Schlingel nicht mehr. --

       *       *       *       *       *

Mit der Abreise ist es nun doch nicht so schnell gegangen. Wir haben
erst noch einen Besuch bei Foltmers Eltern gemacht. Ich bin mit einigem
Widerstreben hierhergegangen, konnte aber auch keinen triftigen Grund
fr eine Ablehnung finden. --

Mit offenen Armen, uerst liebenswrdig hat man uns aufgenommen.

Sonderbar, lebten wir hier in Deutschland, so wre gewi des Fragens
kein Ende gewesen nach der Familie, der Herkunft und so weiter.

Nun wir aber Fremde sind, fragt man uns nicht.

Ich bin, trotzdem ich nie wieder fr immer in Deutschland leben mchte,
im Herzen gut deutsch geblieben, und da verdriet es mich doch manchmal,
da der Deutsche alles, was aus dem Ausland kommt, als etwas Besonderes
ansieht. --

Im brigen freue ich mich doch, hierher gekommen zu sein. Wenn der
Betrieb auch nicht an die amerikanischen Verhltnisse heranreicht, so
mu ich doch gestehen, da ich gestaunt habe ber die Einrichtungen,
deren endgltige Entwicklung noch lange nicht abgeschlossen ist. Aber
die Automobilfabrikation ist hier ja auch noch lange nicht so weit wie
drben bei uns. -- --

Der Abschied des Brautpaares war recht schwer. Ich habe mich tglich
mehr davon berzeugt, da mein Kind wirklich von Herzen um seiner selbst
willen geliebt wird. Was bei diesem lieben, sonnigen Geschpf ja auch
kein Wunder ist.

Am liebsten htte Foltmer schon jetzt geheiratet.

Aber da war ich unerbittlich. Ein Jahr mssen sie noch warten.

Es wre berhaupt mein grter Wunsch, da Foltmer erst einmal zu uns
nach Chikago kme, vielleicht liee er sich dann dazu bewegen, seinen
Abschied zu nehmen.

Wir werden sehen. -- -- -- Nach einem kleinen Abstecher in die Heimat zu
den Groeltern wollen wir am 28. Oktober mit dem Kaiser Wilhelm wieder
nach New York. -- --

       *       *       *       *       *

Es ist wie ein Verhngnis auf dieser Reise. Nicht allein, da mein
Liebling, meine Lou, mich verlassen will, hat sich jetzt auch Konrad
noch verlobt. Und gerade jetzt, wo ich mich so gefreut habe ber seine
Heimkehr.

Eigentlich habe ich mir schon in Deutschland Gedanken gemacht ber
Konrads Sehnsucht nach Amerika, die mir, offen gestanden, etwas
unnatrlich war -- nun habe ich die Erklrung dafr. --

Helen Curtis war der Magnet. Helen, das Tchterchen meines alten
Freundes. --

So leid es mir einerseits tut, da ich den Jungen, den ich so spt erst
gefunden, nun schon wieder an eine andere verlieren soll, so sage ich
mir doch auch, da es sich gar nicht glcklicher htte gestalten
knnen.

Schon damals, als Konrad im Hause des Doktors gewesen ist, haben sich
die ersten Anzeichen der jungen, knospenden Liebe bemerkbar gemacht.

Im vergangenen Jahre, ehe er nach Deutschland fuhr, um seiner
Militrpflicht zu gengen, war er noch einige Tage als Gast am Madison
Square, und schon damals haben die beiden sich ausgesprochen.

Doktor Curtis ist sehr zufrieden. Er setzt groe Hoffnungen in Konrads
Knnen und ist berzeugt, da er noch einmal einer der ersten Mnner
unserer Industrie sein wird. --

Schon im Frhjahr mchte Konrad heiraten. Mir ist es etwas zu rasch,
aber der Doktor meint, allzu langes Warten sei nicht nach seinem
Geschmack. Wenn ich aber triftige Grnde habe, so wolle er sie
selbstverstndlich respektieren.

Die habe ich nicht, und ich knnte mir auch keine Liebere als Ersatz fr
meine Lou wnschen als die zierliche, blonde Helen. --

       *       *       *       *       *

Es gibt Arbeit daheim, und das ist gut.

Wenn Konrad heiraten will, so mu ich zuvor genau wissen, was ich Lou
als der Tochter ihres Vaters schuldig bin.

Mein Gerechtigkeitsgefhl lt es nicht zu, da ich meinen Sohn, der
doch meinem Gatten vllig fremd war, als seinen Erben hier hinsetze.

Ich habe mit Thomas darber gesprochen, und er billigt meine Ansicht
vollstndig.

Ist mir doch sogar, als ob er seit der Zeit merklich wrmer gegen Konrad
sei.

Ich habe immer das Gefhl gehabt, als empfnde er es als ein Unrecht
gegen Lou, da ich Konrad als zuknftigen Herrn hierhergebracht habe. --

Der gute Alte!

Ich habe selbst zu viel Unrecht erlitten, um leichtsinnig mit den
Rechten anderer zu spielen.

Lous Anteil soll ihr ungeschmlert werden, und nur das, was mein
Rechtsanteil an dem Vermgen meines Mannes ist, soll die Basis bilden,
auf der Konrad weiterbauen kann. Habe ich mich nicht in ihm getuscht,
so wird er ganz im Sinne meines Mannes weiterarbeiten und wird in nicht
zu ferner Zeit auf eigenen Fen stehen knnen.

Vier bis fnf Jahre werde ich noch allein Herrin der Werke bleiben, bis
dahin wird es sich gezeigt haben, ob ich mich ohne Sorgen zur Ruhe
setzen kann. --




VIII.

Ans Werk.


New York, Dezember 1906.

Ich sitze in meinem Arbeitszimmer. Das Haus ist still, wie ausgestorben.

Nach Jahren halte ich mein altes Tagebuch wieder einmal in den Hnden.

Erinnerungen! Die lieben Gste der Einsamkeit.

Sind es auch mir liebe Gste?

Sie sind es! Aus vollem, aufrichtigem Herzen kann ich es sagen. Die
Einsamkeit, die viele Menschen lastend empfinden, mir ist sie eine
Erholung; ein kstliches Insichselbstversenken. --

Auch die bsen Erinnerungen meiner frhesten Jugend schrecken mich nicht
mehr, obgleich es ein kstlich Ding sein mu, beim Rckblick auf die
durchwanderte Strecke nur Gutes und Schnes zu sehen.

Doch ich will nicht ungerecht sein; es ist wohl wenigen beschieden, nur
Rosen im Garten des Lebens zu pflcken. --

Als ich vor sechs Jahren am Sterbebette der Gromutter stand -- und sie
mir sagte: Du hast alles wieder gut gemacht, mein Kind, da habe ich
mich sehr gefreut. Die Anerkennung aus diesem Munde tat mir wohl.

       *       *       *       *       *

Auch ich selbst habe das Bewutsein, da ich vor dem strengsten Richter
bestehen knnte, wenn die Abrechnung kommt. --

Ich wohne nun in New York und widme mich ganz meinen schon lange
gehegten Lieblingsplnen, der Bekmpfung des Mdchenhandels. --

Wo fnde sich ein dankbareres Feld als gerade hier?

Und doch, es ist schwer zu arbeiten: bei so wenig Entgegenkommen von
Seiten der Behrden, besonders der Polizei. --

Ich wei nicht, wie schlimm es in anderen Grostdten ist, ich wei nur,
da es hier sehr schlimm ist.

Ich habe jetzt gelernt, da da, wo ich einst war, noch der Himmel unter
diesen Hllen ist.

Ein Gang durch die Bowery, Hell's Kitchen, the Stovepipe und wie diese
entsetzlichen Orte alle heien, hat mir gezeigt, wie schlimm ich es
htte treffen knnen.

Frchterliche Zustnde herrschen auch in den sogenannten Teehusern des
Chinesenviertels. Das sind die Orte, wo mit Vorliebe halbwchsige Kinder
hinverschleppt werden.

Ein Wesen, das dahinein kommt, findet wohl nie wieder den Weg
zurck.--

Mit einem zuverlssigen Detektiv als Fhrer, in einen Herrenmantel
gehllt, habe ich selbst es gewagt, in ein solches Haus zu gehen, in dem
kein Mensch ohne das bestimmte Pawort Einla findet.

Durch einen engen Torweg gelangten wir in einen engen, schmutzigen Hof.
Am Ende des Hofes stiegen wir eine steile Treppe hinan und kamen in
einen schmalen, niedrigen Gang, der fast ganz dunkel war; nur am Ende
brannte eine gedmpfte rote Ampel.

Am Ende des Ganges, da wo die rote Ampel brannte, muten wir um eine
Ecke biegen und anscheinend denselben Weg zurckgehen. Dann, nach einer
kleinen Biegung nach rechts, standen wir vor einer schweren eichenen
Tr.

In ungefhr Kopfhhe war eine kleine Klappe in der Tr, nicht grer als
zwanzig Zentimeter im Geviert. --

Ich klopfte und wartete.

Da ffnete sich geruschlos die Klappe, ein verwittertes Gesicht mit
scharfen, stechenden Augen wurde einen Augenblick sichtbar, dann, ehe
ich noch ein Wort sagen konnte, hatte sich die ffnung schon wieder
geschlossen.

Lassen Sie mich einmal klopfen, flsterte mein Begleiter, dieser
Tsung Lee ist vorsichtig. Er hat sofort gemerkt, da Sie ein Fremder
sind.

Ich trat zurck und lie ihn vortreten.

Ein kurzes, dreimal wiederholtes Klopfen wurde hrbar, die Klappe flog
auf, einige leise geflsterte Worte trafen mein Ohr, dann bewegte sich
die schwere Tr lautlos in ihren Angeln und wir traten ein. Wir standen
in einem Raum, in dem ich im ersten Augenblick gar nichts unterscheiden
konnte. Ein ungewisses Dmmer herrschte, und ich hrte nirgends einen
Laut. --

Sie scheinen uns noch nicht recht zu trauen, flsterte mein Begleiter.
Man ist hier sehr vorsichtig. Dafr bieten diese Huser aber auch, was
man an keinem Platze der Welt schner haben kann. Hier findet jeder
seine Rechnung. Sogar der -- --

Ein Gerusch lie ihn verstummen. Wir drehten uns nach der Seite, ein
blagrner Vorhang ging auseinander, und dahinter, auf schwellendem
Diwan, wie aus der Erde gestiegen, lag, von rosigem Licht umflossen ein
Weib, vielmehr ein Kind noch, und streckte die Arme nach uns aus. Ich
wollte darauf zutreten um mit dem Kinde zu sprechen, mein Begleiter
hielt mich zurck.

Warten, flsterte er, es kommt noch besser.

Und es kam besser. --

Die armen Wesen! Ich bin gewi, nicht ein einziges von all den armen
Kindern hat gewut, was man mit ihm vorhatte, wohin man es bringen
wrde. Das alte Lied, das alte Leid. --

Wir verlieen das Haus auf einem anderen Wege, nicht ohne vorher
fnfzig Dollars fr den Besuch bezahlt zu haben.

Die ganze Einrichtung dieser Huser lt unschwer erkennen, da es
vollstndig ausgeschlossen ist fr jemand, der wider seinen Willen darin
festgehalten wird, zu entkommen.

Auch die Polizei wrde nie etwas anderes finden, wenn sie wirklich
suchen wrde, als eine harmlose Teestube im unteren Stock.

Alles, was nicht gesehen werden soll, wird ber die Leiter entfernt.

Aber der Polizei ist all dies bekannt!

Es ist ihr bekannt, da gerade diese Pesthhlen in Chinatown das
Schlimmste sind, was es in diesem Genre geben kann. Und doch werden sie
geduldet.

       *       *       *       *       *

Ich habe die Aufzeichnungen in meinem Tagebuch noch einmal durchgelesen
und, obgleich mein Blut jetzt ruhiger und schwerer durch die Adern
fliet, stimme ich auch jetzt noch meinen damaligen Ausfhrungen zu: Da
ein Hauptteil der Schuld an den unseligen Verhltnissen auf dem Gebiete
der Prostitution auf Seiten des Mannes liegt. -- Die Konjunktur richtet
sich hier, wie berall, nach Angebot und Nachfrage.

Hier allein liegt der Kern des bels. Wrden die Mnner jene Huser
nicht so frequentieren, so wre ihre Existenzmglichkeit stark
beschrnkt. Der Mdchenhandel, diese Pestbeule unserer Kultur, mte
naturgem von selbst aufhren. --

Nun habe ich so oft die Entgegnung hren mssen: der Mann kann nicht
anders, er mu in diese Huser gehen, will er nicht seine Gesundheit arg
gefhrden.

Zugegeben, dem wre so, warum heiratet er nicht, wenn er nicht ohne
geschlechtlichen Verkehr leben kann?

Und ist es anderseits nicht wieder eine sehr einseitige Auffassung der
Herren, da auf Kosten ihres Wohlbefindens, auf Kosten ihrer Genusucht,
die andere Hlfte der Menschheit Opfer bringen mu? Wer fragt die
unverheiratete Frau danach, ob sie geschlechtlichen Verkehr ntig hat?

Im Gegenteil, sie ist verfemt, ausgestoen aus der Gesellschaft, wenn
sie ihren Sinnen gehorcht.

Und hat doch nur dasselbe getan, wozu der Mann volle Berechtigung
hat.--

Aber angenommen, man knnte wirklich nicht ohne ffentliche Huser
auskommen -- was ich, wie gesagt, bestreite -- so wre es immerhin das
Beste und meiner Meinung nach einzig Richtige, wenn sie verstaatlicht
wrden.

Man komme nicht mit Einwnden, da es nicht geht. Es geht alles! Wo ein
Wille ist, da ist auch ein Weg. --

Natrlich mten internationale Abkommen getroffen werden, deren wir ja
auf allen anderen Gebieten bergenug haben.

Nur auf diesem Gebiet, wo es sich um die Frau handelt, um die
eigentliche Trgerin der Zukunft, da ist man lssig.

Wrden alle, aber auch alle derartigen Pesthhlen pltzlich aufgehoben,
und diejenigen, die freiwillig ihren Krper den Lsten des Mannes zur
Verfgung stellen wollen, in staatlich verwaltete Huser gesteckt, wo es
keinen Sekt, sondern nur alkoholfreie Getrnke geben drfte, man wrde
staunen, wie sehr die Unsittlichkeit abnehmen wrde.

Hier allein wre der Weg fr die Regierungen, um Abhilfe zu schaffen.
Dem Mdchenhandel wre damit ein fr allemal der Nhrboden entzogen.

Warum wird dieser Weg nicht beschritten?

       *       *       *       *       *

Doktor Curtis, mein alter Freund, ist mir ein treuer Helfer in meinen
Bestrebungen. Er findet da, wo die Frau nur verschlossene Tren finden
wrde, immer noch einen Weg.

Der grte Erfolg unserer Bestrebungen, die Aufhebung eines der
schlimmsten Nester -- des sogenannten Katzenkellers in der unteren
Bowery -- ist sein Werk.

Wenn die Mchtigen dieser Erde lssig sind, so mssen die Frauen sich
selbst helfen, sie mssen kmpfen fr diese rmsten der Frauen.

       *       *       *       *       *

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Der sehnlichste Wunsch meiner Jugend hat sich erfllt. Ich habe die
Mittel und auch die Zeit, mich jenen Unglcklichen zu widmen.

Meine Kinder sind glcklich. Bei Konrad durfte ich im vergangenen
Frhjahr das erste Enkelchen bei der Taufe halten, und auch mein
Liebling, meine Lou, die eine prchtige deutsche Offiziersfrau ist, hat
bereits einen Jungen und ein Mdchen. --

Aber sie alle brauchen mich nicht. Ich kann meine Kraft und meine Zeit
ungehindert den Unglcklichen widmen, die mich ntig haben.

Wir leben in einer Zeit, in der man von berkultur redet. Die
Nordstaaten haben Millionen geopfert, um die Neger zu befreien. In den
Augen der humanen Amerikaner war die geduldete Sklaverei eine Schande.

Was aber sind die allein hier in New York lebenden 35000 unglcklichen
Geschpfe anderes?

Der farbige Sklave hatte es tausendmal besser als sie.

Ich darf mich nicht allzu tief in diese Abgrnde menschlicher Schwchen
versenken. Mein ganzes Blut emprt sich gegen das unheilvolle System.
Nur das Weib kann dem Weibe helfen. Gemeinsam mssen sie vorgehen gegen
diese Schurken, die sich in so unerhrter Weise gegen die heiligsten
Gter der Menschheit versndigen. Die da Wucher treiben mit Krper und
Seele ahnungsloser Geschpfe. --

Denn sie gehren ja doch zu uns, diese Armen -- trotz alledem und
alledem. -- --

_Ende._


Druck: Berliner Buch- und Kunstdruckerei, G. m. b. H., Berlin SW 48 --
Zossen (Mark)




  F. FONTANE & Co., BERLIN/DAHLEM (Post Grunewald)

  ------------------------------------------------

  AMERIKA-LITERATUR

  ------------------------------------------------

  =Kurt Aram:=

  =Mit 100 Mark nach Amerika=

  Ratschlge und Erlebnisse

  Ausg. A. (mit einem Katechismus fr Auswand.) cart. M. 1.--

  Ausg. B. Brosch. M. 3.--, gebund. M. 4.--

  ------------------------------------------------

  =Ludwig Max Goldberger:=

  =Das Land der unbegrenzten Mglichkeiten=

  VIII. Aufl. Brosch. M. 5.--, geb. M. 6.50

  ------------------------------------------------

  =Geh. Reg.-Rat Dr. Hintrager:=

  =Wie lebt und arbeitet man
  in den Vereinigten Staaten?=

  Nordamerikanische Reiseskizzen

  II. Aufl. Brosch. M. 5.--, geb. M. 6.50

  ------------------------------------------------

  =Orla Holm:=

  =Aus Mexiko=

  Reisebriefe

  Brosch. M. 3.50, geb. M. 5.--

  ------------------------------------------------

  =Wilhelm von Polenz:=

  =Das Land der Zukunft=

  (Was knnen Amerika und Deutschland von einander lernen?)

  VIII. Aufl. Brosch. M. 4.--, geb. M. 5.--

  =Dasselbe Werk auch in englischer bersetzung=

  ------------------------------------------------

  =Ernst von Wolzogen:=

  =Der Dichter in Dollarica=

  IV. Aufl. Brosch. M. 5.--, geb. M. 6.50


  =Was Onkel Oskar mit seiner
  Schwiegermutter in Amerika passierte=

  VII. Aufl. Brosch. M. 1.--, cart. M. 2.--

  ------------------------------------------------




Anmerkungen zur Transkription:

Mit _ umschlossene Texte sind im Original "gesperrt" gedruckt,
Umschlieungen mit = zeigen fett gedruckten Text an.

Offensichtliche Interpunktionsfehler wurden berichtigt.

Im Satz "Das ist mir einerlei, und wenn ich im Rauchzimmer auf dem Sopha
schlafen soll" "Sopha" gendert zu "Sofa" (wie andernorts im gleichen Buch)

Im Satz "Ich soll, wenn ich jetzt nach Deutschland komme, meine
berflssigen Sachen verkaufen und als Passagier mit der Nirvana
zurckkommen." "Nirvana" gendert zu "Nirwana" (wie andernorts im gleichen
Buch)

Im Satz "weint und jammert er, kratzt an meinem Kleid und geberdet..." ist
"geberdet" als frher verwendete Schreibweise erhalten geblieben.





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electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
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1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
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fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH F3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

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written explanation to the person you received the work from.  If you
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your written explanation.  The person or entity that provided you with
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1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
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WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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