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+The Project Gutenberg EBook of Der Vater, by Heinrich Mann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Der Vater
+
+Author: Heinrich Mann
+
+Release Date: August 2, 2010 [EBook #33329]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER VATER ***
+
+
+
+
+Produced by Jens Sadowski
+
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+
+Transcriber's Note:
+This text was published in _Der neue Roman_, Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1917. An almost
+identical version was published under the title _Der Sohn_ in _Die Silbergäule_ Nr. 3, Paul
+Steegemann Verlag, Hannover, 1919.
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+Heinrich Mann
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+Der Vater
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+Als Färber heiraten konnte, hatte er hinter sich schon achtzehn Jahre der
+Arbeit, des Suchens, des wechselvollen Kampfes mit der Menschenmasse, durch
+die man hindurch muß, den Zufällen, die man entwaffnen muß, mit dem Leben.
+Luise hatte kein Geld, aber mit vierzig Jahren wirst du doch endlich dir
+und ihr genügen, oder du bist kein Mann. Er genügte, wie jeder, auch noch
+der kleinen, die kamen. Wie jeder, stand er nach seiner Arbeit über eine
+Wiege gebeugt, suchte in dem Gesichtchen des Säuglings nach sich selbst,
+nach seinen Ursprüngen und der von ihm mitgeschaffenen Zukunft, die er
+nicht mehr sehen sollte; entsann sich bei einem Aufseufzen des kleinen
+Schlafenden der schweren Stunden, die hinter ihm und vor diesem lagen; sah
+es den Blick öffnen, der den Vater noch nicht kannte und einsam schien, als
+wisse er schon alles. Nun aber lächelte es, und alles war gut.
+
+Es wuchs, und der Vater mit ihm. Die Freude, das Brot und einen Anteil am
+Genuß der Welt beschaffen zu können für zwei Wesen, die nur ihn hatten,
+machte ihn stärker, als er sich kannte. Er gelangte in der Gesellschaft,
+die er vertrat, zu einer leitenden Stellung.
+
+Schöne Zeit! Draußen scharf wachen, den Gegnern auf die Schliche kommen,
+seine Haut ihnen nicht lassen und lieber Riemen schneiden aus der ihren. Zu
+Hause dann gesicherter Friede, anständiges Menschentum, lauteres Wohlwollen
+von allen zu allen. Man wechselte den Rock, wusch sich und sah, ein
+heiteres Zimmer betretend, in Gesichter voll Güte und Zutrauen, voll
+Erwartung, Wunsch und Dank. Sein eigenes Gesicht -- diese beiden sahen es
+nie anders. Er hielt darauf, es ihnen niemals so zu zeigen, wie es draußen
+»im Leben« wohl aussehen konnte. Sein Luxus und seine Art von innerer
+Erhebung war es, das Gesicht des Lebens vor diesen beruhigt und verklärt zu
+bewahren.
+
+Beide waren so schön in ihrer Unwissenheit, so liebenswert in ihrem
+Glauben, alles verlaufe rein und klar, erhalten nur wir so unsere Seele.
+Und hatten sie nicht recht? Die Mutter, als gerade ihre letzte Verwandte
+gestorben war, blutjung und arm geheiratet vom Fleck weg, gehegt und
+gepflegt, mit allem beschenkt, was ein Frauenherz reich macht, -- und von
+ihr wie von Rosa, die seit ihrem ersten Atemzug nur Liebe kannte, ward zum
+Entgelt für alles Glück nicht mehr verlangt, als eben, daß sie glücklich
+seien. Färber, dessen Werk sie doch waren, näherte sich ihnen oftmals nur
+mit Ehrfurcht.
+
+Welche tiefe Gefahr ein so lieblicher Betrug barg, hatte er nicht
+vergessen. Dies alles stand einzig auf seinen Nerven, seinem Kampfwert.
+Zuweilen quälte es ihn, er habe mehr Verantwortung übernommen, als einem
+mittleren Manne zukomme. Der Kluge und Mächtige, der die Güte war, dies
+hieß es bleiben, oder ihr Vertrauen täuschen. Je fester ihr Vertrauen, um
+so schärfer sah er um sich die Drohungen, überreizt und nur darum nicht
+mehr sicher. Er beging geschäftliche Fehler, von denen gesagt ward, sie
+entsprängen einer Überschätzung seiner Kraft und Geltung. Dem Aufsichtsrat,
+der bereit gewesen wäre, ihm seine früheren Verdienste anzurechnen,
+begegnete er unverhältnismäßig schroff. Er ward entlassen.
+
+Und eben jetzt nahte die Geburt eines zweiten Kindes. Konnte er der Frau
+sich offenbaren? Trotz vorhandenen Mitteln zum Weiterleben schien es höchst
+geboten, stillschweigend und ohne alle Beunruhigung eine andere Stellung
+anzunehmen, eine der Stellungen, die ihm gelegentlich angeboten waren und
+zweifellos zur Verfügung standen. Indessen zeigte es sich, daß sie dem, der
+die seine verloren hatte, keineswegs mehr zur Verfügung standen: nicht die,
+die größer waren als seine bisherige, höchstens die kleineren. Er lehnte
+kurzweg ab. Früher oder später fand sich doch alles, die richtige Sache,
+und die Menschen, die seiner gedachten. Erworbene Kraft ging nie verloren
+. . . Aber sie lag brach.
+
+Jeden Morgen verließ er wie sonst das Haus, und während Frau und Kind ihn
+geborgen im Amt glaubten, ging er, wie mit zwanzig Jahren, auf der Fährte
+des Zufalls. Nur daß er sehr litt. Nicht allein die Enttäuschungen setzten
+ihm zu; er spürte, auch die Unregelmäßigkeit und das Umherirren entsprachen
+seinem Alter nicht. Der Augenblick kam, da sein Wille plötzlich nachließ.
+Es war in der Stadtbahn; um ihn her schien jeder gespannt und zielbewußt;
+nur er, eine sich mit hinstehlende Existenz, fuhr zu den Seinen heim, um
+sie nochmals zu belügen. Warum eigentlich? Man konnte gestehen, konnte
+nachgeben und es zulassen, daß auch die Frau ihren Teil der Last trug. War
+man denn allein? . . . Aus seinen Augen drangen langsame, schwere Tränen,
+er sah kein Getriebe mehr, er dachte: ja, man sei allein. Man habe die
+Pflicht übernommen, diesen zwei Wesen zu beweisen, das Leben sei gerecht
+und man selbst unangreifbar. Zu ihnen kam bald nun ein drittes. Auf dem
+Spiel stand, gab er es auf, sie zu schonen, nicht weniger als ihr Leben.
+
+Darauf begann er zu zweifeln an dem Wert seines eigenen. Das noch übrige
+Geld konnte ihnen irgendein Dasein begründen, wenn er fort war. Blieb er,
+ward es von dem uneingeschränkten Haushalt nutzlos verbraucht. Er konnte
+eine weite Reise vorgeben. Aber auf den Ausflügen, mit denen er jetzt die
+Tage verbrachte, sah er doch einst in ein Gewässer hinab, durchdrungen, er
+sei bestimmt, noch gründlicher zu verschwinden.
+
+Ein Dampfer legte an. Er stieg ein und war unter Menschen, die des schönen
+Tages wegen über den See fuhren. Hatten sie etwa keine Sorgen? Wohl auch
+sie. Aber selbst die schlimmsten waren bedingt und fielen weg, entzogst du
+ihnen den Boden. Dort sieht eine Frau her, ganz so, als bemerkte sie, daß
+du noch stattlich bist, scharfe elegante Züge und den besten Schneider
+hast. Sie selbst war hübsch, sehr gepflegt, und schien erfahren: eine
+Anziehung, unter diesen Umständen. Er folgte der unbefangenen Aufforderung
+ihres Blickes. Alles ging taktvoll und schnell vonstatten. Sie kehrten in
+einem verschwiegenen Landhotel ein. Färber machte die Entdeckung, daß es
+andere Ansichten vom Leben gab als die ihm gewohnten. Es war eine
+Wiederentdeckung; er fühlte sich auf einmal befreit von einem ungeahnten
+Gewicht und befähigt, alles hinter sich zu lassen. Er telegraphierte, daß
+er verreist sei, unbestimmt, wie lange.
+
+Erst nach mehreren Tagen veranlaßte seine neue Gefährtin ihn zu größeren
+Ausgaben -- stand aber sofort davon ab, als sie bemerkte, seine Mittel
+stockten. Eben an dieser Feststellung schien es ihr gelegen zu haben. Sie
+bewog ihn, sich auszusprechen, und sie selbst ward deutlicher. Er hatte sie
+halb geahnt, wie sie ihn; jetzt fanden sie einen gedämpfteren Ton, ließen
+von dem korrekten Idealbild, das sie einander vorgehalten hatten, einiges
+nach; -- und Färber erfuhr, in dem Maß wie er selbst seine Lage preisgab,
+das Wesen der ihren. Sie lebte von Gelegenheiten auf Reisen, als anerkannte
+Begleiterin reicher Leute, wenn es sein konnte, sonst aber dennoch auf ihre
+Kosten. Als sie bis zu dem Geständnis eines Diebstahles ging, vollzog er
+ungewollt eine jähe innere Rückkehr in sein voriges Leben. So war alles
+verknüpft, hatte so werden sollen, und hierher führte es. Er sah in sich
+den natürlichen Gefährten der Hochstaplerin. Sie sah ihn dafür an, nie war
+es ihr eingefallen, ihn zu schädigen, sie wollte ihn haben und mit sich
+führen, sie liebte ihn. In einer Wolke von Leidenschaft, war es ihre oder
+seine, besprachen sie die Flucht.
+
+Was er noch besaß, sollte zurückbleiben für seine ehemalige Familie. Er
+hatte sich nur das Notwendigste beschafft und ging auf den Bahnhof, sie
+wartete schon: Da sprach einer ihn an, den er zuletzt vor seiner Entlassung
+gesehen hatte. »Denken Sie noch an unsere Sache?« Nein, eben an diese hatte
+Färber nie wieder gedacht. Auch gab sich der andere so unschlüssig noch wie
+damals, das Geschäft war wieder von der Wurzel ab zu erwägen. Als aber
+Färber, gehoben und angespannt wie der Augenblick ihn traf, nur eben
+angriff, war auch schon die Wirkung da. Er sah es vor Augen: Dies war zu
+machen. Nur festhalten, und alle Kraft unerbittlich in diese Viertelstunde!
+Nach ihrem Verlauf hatte er den andern vor einem Tisch mit Berechnungen,
+und nach zwei Stunden beim Notar. Indes jener den Vertrag unterschrieb,
+entsann Färber sich, den Blick entspannt, des abgegangenen Zuges, der Frau,
+die ihn suchte, und einer schon aufgegebenen Vergangenheit, in die er nun
+wieder Zutritt hatte, ehrbar und erfolgreich. Er erkannte, daß die letzte
+Zeit, mit der Hochstaplerin, seine Nervenkraft erneuert und ihn zu diesem
+hier ausgerüstet hatte. Er mußte ihr dankbar sein. Etwas fehlte ihm, hätte
+er sie versäumt. Aber gut war es, daß er, in einem letzten Gefühl von
+Zweifel, seinen richtigen Namen für sich behalten hatte. Fahr hin, dachte
+er, und ging heim.
+
+Dort schlug ihm eine schwere Stille entgegen -- und dann ein Aufschrei.
+Seine Frau lag in den Wehen. Der Arzt, neben dem Bett, ließ ihn
+herankommen, schien es ihm, wie einen Eindringling. Er wich sogar noch ein
+Stück zurück vor ihm und sagte erst dann, was hier zu sagen war. Färber
+neigte sich und nahm die Hand seiner Frau. Ihre Lippen zitterten, aber es
+sprach nur ihr Blick. »Du allein, wenn es noch möglich wäre, würdest mich
+retten«, sagte der Blick. »Du warst meine Kraft, mein Leben und mein
+Glück.« Stumm antwortete er ihr, sie dürfe vertrauen; und durch Hand und
+Auge schickte er, ohne nachzulassen, seinen Willen in sie hinüber, indes
+sie verging oder sich bäumte, indes sie irr redete und wie sie Abschied
+nahm, während sie das Kind hervorbrachte, und noch als sie starb.
+
+Da er nun sah, sein Wille hatte umsonst gekämpft, griff er plötzlich um
+sich, als wiche der Boden. In Kopf und Herz ein wildes Drunter und Drüber:
+»Das ist mein Werk, sie büßt für mich. Verraten von mir, ihrem einzigen
+Glauben, so sterben! Fast war ich schon Verbrecher -- mein Gott!«
+Entsetzen, zusammenschlagend über ihm. Gerade sah er noch, daß der Arzt
+einen Schritt tat, um ihn aufzufangen, -- da riß er sich zusammen. »Nein.
+Genug an dem. Mann bleiben, was immer geschehen ist.« Wohl wahr, er hatte
+gedacht, es führte dahin, daß er auf und davon gehen solle mit einer
+Abenteurerin. Jetzt aber war es so gekommen, daß er hier helfen, retten und
+seine Pflicht tun sollte. Dies hatte nun die volle Macht des Schicksals, --
+und an wie wenig war es doch gehangen. Der Zufall regiert uns. Willst du
+leben, bereue ihn nicht, verantworte ihn! An dir, ihn zu wenden, bis er gut
+ist. Aus deinem rechtschaffenen Dasein, du weißt nicht wie, wird das
+Schlimmste. Und gerade dein äußerster Fehltritt macht dich fähig zum neuen
+Aufschwung.
+
+Hiernach nahm er einen sanfteren Abschied von der Toten. Er versprach ihr
+zu handeln, als sei sie noch da. Jetzt konnte er weinen, linde Schmerzen
+des Selbstbedauerns. Sie war dahin, die letzte, die ihn noch jung gesehen
+hatte, die einzige, die ihn bei seinem Vornamen nannte. Das kam nicht
+wieder. Sie allein war ihm wahrhaft ergeben gewesen, war sein Geschöpf,
+weit mehr als die Kinder. Für die Kinder, wuchsen sie heran, war er ein
+alter Mann, ein Mensch mit Schwächen, die auszunützen, und einem Willen,
+der vielleicht zu bekämpfen war. Der Kritik seiner Kinder gewachsen
+bleiben, dies war künftig die Aufgabe. Sich halten. Seine Versprechungen
+halten.
+
+Damit er nie wieder in die Gefahr komme, die Seinen im Stich zu lassen,
+schränkte er zuerst seine Lebenshaltung ein. Klein und umsichtig, mit einer
+inneren Bescheidenheit, die ihm längst nicht mehr bekannt war, ging er in
+eine Unternehmung hinein, verlor, und ward doch nur entschlossener und in
+seinem Gewissen fester. Er zwang den Erfolg dorthin, wo es kein Ausweichen
+mehr gab; -- und vergingen auch die Jahre, eines Tages war er bezwungen.
+Gleichwohl durfte man ihm niemals ganz trauen. Des Erfolges war niemand
+sicher; sicher, so sagte er seinen Töchtern, müssen wir unser selbst und
+einander sein.
+
+Er lag vor dem Einschlafen, ein Mann von fünfzig, und dachte an die beiden
+Kinder, an ihre Namen etwa, Rosa, den der Älteren, und den letzten armen
+Schönheitstraum der verstorbenen Mutter, den Namen der kleinen Liliane. Er
+dachte, Laut für Laut, ihre Namen durch und fand darin vorherbestimmt, was
+sie sein sollten, das besonnte, schön sich entfaltende Dasein der einen,
+und dann dies schwache, weiße Kind einer Sterbenden, süß und schmerzlich,
+wie Blumenduft von einem Grabhügel. Er besann ihre Haltung heute, als er
+eintrat, ihre klugen oder zärtlichen Worte, -- und die letzte, angstvolle
+Vorstellung seines Wachens war es oft, er wäre damals am Scheideweg falsch
+gegangen, und sie hätten ihn nicht, die beiden, die nur ihn hatten. Waren
+sie denn jetzt gesichert? Noch immer nicht, falls er an einem Morgen nicht
+aufwachte. Doch schien es nicht vorgesehen, daß er ihnen verloren gehe. Er
+hatte nie gefühlt, daß ein Gott ihn ansehe; -- vielleicht aber sah er auf
+einen Vater?
+
+Man rechnet, sorgt, und schließt mit Genugtuung ein Jahr ab, das doch dahin
+ist; aber es hat die Aussteuer der Älteren abgerundet. Das dir entgleitet,
+ihr gibt dein Jahr noch Kraft. So fort, wir sind gewöhnt des sicheren
+Weges. Jedes Vertrauen, das unschuldigste der Kinder, diesmal haben wir es
+gerechtfertigt. Auf Zwischenfälle war man lange Zeit wohl gefaßt;
+nachgerade aber hat man so gut wie vergessen, wie sie aussehen könnten.
+
+Färber war in seinem Geschäftszweig führend geworden und seine Tätigkeit
+ausgebreitet; er bemerkte erst allmählich, wie dies und jenes ihm aus der
+Hand fiel. Oder ward es genommen? Ein Mitbewerber, von einiger
+Großzügigkeit gleich anfangs, trat vollends hervor. Ja, immer dieser, und
+nie anders als gegen mich. War das noch Zufall? Färber kam dahinter, daß
+seine Kundenlisten durch Verrat an jenen Lanz gelangt waren, -- und der
+nutzte sie aus, als seien sie das, worauf er sein Dasein gründe. Es kam
+dahin, daß Färber sich fragte, bin ich verfolgungswahnsinnig, oder --. Das
+Oder, vom Schrecken starr, flüsterte in ihm: Werde ich alt? Und eines
+Tages, er hatte ein eigenes Unterlassen erkannt, das vor ihm der Gegner
+erkannt hatte, sank er an seinem Tisch hin, und den Kopf tief auf der Brust
+erblickte er es zum erstenmal, daß er in Wahrheit alt sei und darum
+ausersehen von einem jungen Feind, nur Feind weil jung, -- aufgespürt von
+ihm, angeschossen wohl schon, und gehetzt, von nun an immer gehetzt, bis in
+den Ruin, bis in den Tod.
+
+Eine kurze Spanne hielt sein Atem an, ihm war es, auch sein Herz; und kalt
+in der Stirn, nahm er ganz still hin, was kam. Er sah in diesen Sekunden
+das Bild des Feindes, schwarz und bleich, gewandt, gut angezogen, wie es
+lächelnd vorüberging, -- und von drüben nahte Rosa, achtzehnjährig, sanft,
+gütig und unwissend. Eine Jugend so im Recht wie die andere; aber die eine
+schlechter beschützt. Waltendes Erdengesetz.
+
+Dann ermannte er sich wohl und gedachte des Kämpfenmüssens. Aber zum
+erstenmal war er, wo es einen Schlag galt, seiner nicht sicher. Was ihn
+unsicher machte, war dies. In jener Erscheinung, vorhin am stillen Tisch,
+hatte nicht nur der Feind gelächelt, auch Rosa. Sie kannten sich, er wußte
+nicht, ob im Leben, aber ihrer beider Jugend kannte sich -- über ihn
+hinweg, trotz aller Unschuld seiner Tochter. Er sah fort, als dieser Lanz
+auf der Straße grüßen wollte, und er sagte zu Rosa: »Das ist ein
+unvornehmer Kaufmann.« -- Sie erwiderte: »Ach! Wir hatten Tanzstunden
+zusammen.« Das war es, was ihn zum Besiegten machte von vornherein! Der,
+der ihn zur Strecke bringen wollte, mit seinem Kind war er in die
+Tanzstunde gegangen. Im Gesicht Jugendreinheit, und war doch ein
+bedenkenloser Mächler. Lebte lustig, ließ Geld springen, genoß sozusagen
+schon Geltung in einem Alter, wo unsereiner nichts hatte als einen
+Arbeitskittel -- und machte nebenbei süße Augen für die Tochter seines
+Feindes. Denn Feindschaft wog ihm so leicht wie das übrige. Er war
+hassenswert, vom Vorteil zu schweigen, durch sein Wesen selbst. Er war aus
+dem neuen leichten Geschlecht der Erben: Erben auch ohne Geld. Rasch und
+unsolid kamen die daher, schufen nichts, nutzten nur aus; -- aber ihr
+Kampf, der ein leichtfertiges Spiel war, brachte sie dennoch an die Stelle
+derer, die gearbeitet hatten, ohne rechts oder links zu sehen . . . Denn
+der bald Sechzigjährige vergaß vieles beim Anblick des
+Fünfundzwanzigjährigen.
+
+Was tun? Wenn Rosa den Gruß dennoch erwiderte -- heimlich, und wohl mit
+etwas Selbstüberwindung, aber sie erwiderte ihn, was tun? Sollte der Vater
+ihr dann eingestehen, wie es stand und daß das Seine und Ihre täglich
+dahinschwand zu dem da? Ihr eingestehen, daß er schwach war? O doppelte
+Ohnmacht, nicht aufhalten können das Verderben, und auch nicht sprechen
+dürfen! Vielleicht war sein Kind schon nicht mehr würdig, daß er sprach;
+wußte alles und hielt es mit dem Feind. Umsonst würde er es bei ihr
+aufgenommen haben mit dem Jungen. Er fing an, mißtrauisch Rosa nachzusehen,
+wenn sie ging, und ihrem Gesicht nicht zu glauben. Ward es davon etwa
+traurig? Mochte denn auch sie fühlen, wie es tat, verlassen zu werden! Kaum
+verbarg er ihr noch, wie viel näher ihm seine Jüngste war, Liliane, das
+leise Kind der Sterbenden. Als sie starb, war sie seine, des Alten, wahre
+Gefährtin gewesen, und sein wahres Kind war Liliane. Die eine behüten, die
+ihm noch blieb!
+
+Er sorgte sich um ihr Leben, -- und ihre Zukunft sicher zu stellen, war
+alles was er noch verlangte und unternahm, bevor es denn mit ihm zum
+Äußersten kam. Kein Zweifel mehr, daß es dahin kam. Noch einmal und in
+einem Alter, wo es kein Wiederaufstehen gab, sollte er zu Fall kommen. Die
+Schläge, die ihn trafen, wurden heftiger, wurden unentrinnbar. Keine
+Gewandtheit und Spannkraft mehr, auf die er pochen durfte. Nur noch
+stillhalten und vor dem Entsetzen die Augen schließen.
+
+So stand er eines Tages in dem halb dunkeln Vorraum seines Eßzimmers, hatte
+die Augen geschlossen und nach einem Tisch gegriffen. Das Geschirr darauf
+klapperte, sie hörten es wohl drinnen. Dennoch verging eine Weile, bis
+jemand die Tür öffnete. Rosa war es. Er hatte sie nicht erwartet, sein Arm
+zuckte, als sie ihn nahm. »Du weißt wohl nicht, daß wir schon essen?« sagte
+sie, und führte ihn hinein. Obwohl sie munter sein wollte, verbarg sie
+ihren Blick. Schämte sie sich für ihn? Für sich? Für dies Leben, das nun
+das ihre war? Plötzlich erinnerte er sich, als sei es gestern gewesen,
+seines Eintretens in das Eßzimmer, als Rosa klein war und ihre Mutter noch
+mit am Tisch saß. Er kam durch die große Tür, schnell und freudig, mit
+einer Miene voll guter Gaben, und sie streckten vertrauend die Hände hin,
+baten lächelnd und lachten dankbar. »Wohin habe ich es kommen lassen!«
+dachte er, tief erschrocken. »In so kurzer Zeit!« Er strich der kleinen
+Liliane über die Haare, und zu Rosa sagte er vertraulich und leichthin: »Du
+darfst dich nicht wundern. Im Leben eines Mannes, der viel arbeitet, kommen
+matte Zeiten vor. Ihr werdet mich wieder anders sehen.«
+
+Er fühlte: Ah! Nein! -- und als er nachher allein war, immer wieder: Ah!
+Nein! So sollte dies nicht verlaufen. Die neue Jugend dachte sich die Dinge
+denn doch zu glatt, ihre Opfer zu widerstandslos. »Ihr kennt mich nicht,
+ihr sollt mich kennenlernen!« Auf einmal sah er alles unerwartet leicht und
+klar: denn die Hoffnung war aufgewacht, er könnte sein Kind wieder für sich
+gewinnen.
+
+Er fand: So war es zu machen. Ein Plan wie dieser rechnete mit allen
+Eigenschaften des Gegners. Keine Falle, in die er, wie er war, nicht tappen
+mußte. Färber, am stillen Tisch, lächelte in sich hinein. Er empfand sich
+als den klugen alten Kriegselephanten, der den Rüssel aufstellt, bevor er
+die Dschungel betritt. Der junge Tiger pürscht sich heran. Aussehen, als
+merke man nichts. Springt er? Er springt; -- und der Rüssel fällt und
+zerbricht ihm den Schädel. »Auch wir Alten haben unsere Stärke. Es ist
+nicht der Ansturm mehr und nicht mehr der leichte Griff. Aber es ist die
+erfahrene Einsicht und die List.«
+
+Das Geschäft, das ein Schicksal sein sollte, ward langsam angelegt, mit
+Geduld und Weitblick -- scheinbar in großer Furcht vor Mitwissern, aber für
+Spalten war gesorgt, an denen der Feind horchen und sich aufregen konnte.
+Was war er denn? Ein Nachtreter, immer auf der Suche nach einträglichen
+Plagiaten, immer bereit, mit Methoden, die ohne Selbstachtung waren, der
+ehrlichen Leistung eines andern seinen schnellfertigen Pofel
+unterzuschieben. Darum nur zögern, zurückschrecken, schwerfällig tun: den
+Horcher reizen, bis er dich überrennt und als Halsbrecher in eine Sache
+hineingeht, die deiner größten Vorsicht wert war. Jetzt noch Ertapptsein
+heucheln, greisenhafte Wut und kopfloses Nachdrängen, -- bis er im Radwerk
+hängt und nie mehr entrinnt.
+
+Wie verhält sich hier so einer? Er denkt sich ablösen zu lassen von dem
+andern, er hält ihn für dumm, ihn, der ihn restlos ausgerechnet und Schritt
+für Schritt gelenkt hat. Diese Art hält alle für dumm; daher ihr früher
+Sieg wie ihr vorzeitiges Ende . . . Er ist fällig nun, sogleich muß er da
+sein. Färber sah aus dem Fenster: Da kam er. Munter und seiner Sache
+getrost führte er sich ein und legte los. Reden lassen! Die Stichworte
+geben, vermittelst kleiner harmloser Fragen, die in dem andern ein Loch
+aufrissen, eine Lücke in seiner törichten Selbstsicherheit; -- und jetzt,
+seine Samtaugen verrieten es, tat er den ersten Blick in die ganze Tiefe
+seiner Trostlosigkeit.
+
+Dies war der Zeitpunkt. Färber stand auf. Der erwartete Zeitpunkt der
+Abrechnung. Zurücktretend sah er zu, wie der dort vollends begriff und
+erstarrte. Erst als er ihn hilflos bat, doch zu sprechen, sprach er, um ihm
+zu sagen, daß er verloren sei, und er selbst habe es gewußt und gewollt.
+
+»Sie täuschen sich über das Leben«, sagte er mit einer Stimme, hart vom
+Richten. »Wie Sie es sich denken, wäre es zu leicht für Menschenverächter
+ohne Gewissen und für geistlose Gewaltverüber. Ich habe vieles gesehen,
+vieles erkannt. Die Schamlosigkeit Ihrer Verfolgung hat mich zuletzt noch
+das Beste erkennen lassen. Eine Sache, die, wie Ihre, auf Enteignung und
+Vernichtung gestellt ist, bricht endlich zusammen, das ist vorgesehen.«
+
+Aber anstatt jener dort fühlte Färber selbst sich niedergebeugt, wie von
+großer Vergeblichkeit, und stützte sich auf den Tisch. Nur weil er sie sich
+vorgenommen hatte, sagte er noch einige Sätze, aber seine Stimme, schien es
+ihm, verlor die Tragkraft.
+
+»Um die Jugend wird man sonst beneidet, Sie aber sind, Gott sei Dank, nicht
+zu beneiden. Sie lernen mit fünfundzwanzig Jahren schon eine Lage kennen,
+daß Sie mit sechzig sich nicht einmal mehr wundern können, wenn Sie
+dastehen wie jetzt und flehen. Und um dann, mit sechzig, noch wieder
+loszukommen,« sagte er und verhielt mühsam ein Aufschluchzen, »muß Einer
+stärker sein als Sie.«
+
+Der bleiche junge Mensch dort lächelte, betreten und spöttisch, -- was
+Färber plötzlich außer sich brachte. Er wisse noch einen Grund, sagte Lanz,
+noch einen Grund für Färber zur Nachsicht. Es sei ein außergeschäftlicher
+. . . Da wies Färber ihm die Tür.
+
+Der prüfte ihn leichthin von unten, ob wirklich nichts zu machen sei, und
+dann wand er sich wohl, einigermaßen auf den Mund geschlagen, durch die
+Möbel nach der Tür; aber kaum darunter, klapste er sich auf den Cylinder,
+und seine Hüften schaukelten schon wieder, wie er abging, -- indes Färber
+mit arbeitender Brust es fühlte, daß nichts in der Welt ihn rächen könne an
+dem da. Denn der war kein Vater, und war kein wirklicher Mann, weil er von
+Recht und Unrecht nichts wußte. Er ging nur ab, wenn die letzte Frechheit
+gesagt war -- und was für eine! Und auf irgend einer anderen Seite fand er
+wohl wieder Zutritt in das rohe Vergnügungslokal, das für seinesgleichen
+das Leben war.
+
+Färber gewann dort, wo jener gescheitert war, eroberte alle Stellungen
+zurück, die der Geschlagene, Verschwundene hinterließ, und zu Rosa sagte
+er: »Dein Vater hat gehalten, was er Dir versprochen hatte.« Dabei aber
+suchte er angstvoll in ihrer Miene. War sie nicht im Einverständnis mit dem
+Verschwundenen und mit seinem letzten, nicht beendeten Versuch, sich
+anzuklammern? Er sah nichts. Was ließ sich auch sehen, das er nicht
+hineinspiegelte, erfüllt wie er war mit der Erinnerung an etwas
+Unheilvolles, an furchtbare Zusammenhänge und einen ganz vergeblichen Sieg.
+Sogar die kleine Liliane blieb unfroh, als er ihnen ankündigte, es sei
+Zeit, die Koffer zu packen für die Sommerreise.
+
+An der Bahn, gereizt und unbeherrscht, wie man leider nun war, hatte man
+sogleich einen Streit um die belegten Plätze. Hier lag das Gepäck
+widerrechtlich entfernt von der Bank, und dort standen die Töchter und
+warteten, daß man ihnen gegen die Mitreisenden ihr Recht verschaffe.
+Behaupte dich, du darfst nicht müde sein! Und lachen, wo die Welt nicht
+mitlacht? Das will viel Kraft. Als sie aber saßen und die Räder sich schon
+drehten, sagte Liliane: »Herr Lanz kommt;« -- und in der Stimme des Kindes
+dieser Schrecken und dies Geheimnis! Rosa sah aus dem Fenster.
+
+Dann wirklich drang er ein, fuhr, den Hut im Nacken, mit den Augen über den
+Raum und die vier Bänke hin, mußte doch bemerken, daß auch dahinten ein
+Platz freistand, -- aber gerade neben Rosa setzte er sich. Sie sah weiter
+aus dem Fenster. Der junge Mann seinerseits hatte keinen Gruß für Färber.
+Nach einer Weile stand sie auf und trat in den Seitengang. Lanz rückte
+sofort auf ihren Platz und riß das Fenster herab. Gegenüber der kleinen
+Liliane warf der Wind den Hut vom Kopf. Färber zog schweigend das Fenster
+wieder hinauf. Nach einer Minute wiederholte der andere seine Bewegung, und
+dann Färber die seine, beide schweigend. Als Lanz zum drittenmal den Arm
+ausstreckte, sagte Färber stark, aber mit Beben: »Ich ersuche Sie, das Kind
+nicht länger dem Zug auszusetzen. Es ist nicht zu warm hier.«
+
+Das sei Ansichtssache, sagte Lanz hell, -- und da die Hand Färbers ihm in
+den Arm fiel, schlug er nach der Hand. Färber stand auf, umklammerte den
+Zugriemen des Fensters und zeigte den Mitreisenden sein vergrämtes Gesicht,
+das verbissenen Zorn preisgab, sein altes Gesicht. Sie murrten. Lanz
+wendete ihnen sein junges zu und rief hell:
+
+»Der Herr glaubt, alles geht nach ihm.«
+
+»Das hat er schon vorhin geglaubt«, riefen die, die mit ihrem Gepäck hatten
+abziehen müssen. Ein Unbeteiligter sagte kräftig:
+
+»Nervöse Bureaukraten sollen allein reisen!
+
+Die kleine Liliane zog sich zusammen auf ihrem Sitz und weinte still. Rosa
+im Seitengang wandte sich nicht her. Und der Vater stand da, ganz Spannung
+und Beben: Dein Kind verteidigen und nicht sinken in seiner Achtung! Stand,
+als gehe, weil er endlich schwach genug sei, das Letzte dahin, stand am
+Pranger mit seinem Herzen.
+
+Der junge Lanz zuckte die Achseln und setzte sich wieder. Ringsumher
+besprach man den Zwischenfall, ohne Rücksicht darauf, daß Färber und die
+Seinen zuhörten. Er sah sich wehrlos und empfand, wie noch nie, unter
+dieser albernen Niederlage die letzte Nutzlosigkeit der Dinge. Der Mund
+füllte sich mit Bitterkeit, die Hand am Fensterriemen ward schlaff. Kaum
+daß sie herabglitt, griff Lanz schon zu und öffnete. Färber nahm Liliane
+bei der Hand, rief sanft nach Rosa und führte beide in den Speisewagen.
+Hinter ihnen ward gelacht. Das Lachen des Lanz drang durch, es klang nach
+einem Automaten, trotz allem Haß.
+
+Die Mittagsstunde kam, im Speisewagen war schon alles besetzt, nur am Tisch
+Färbers wartete der vierte Platz -- auf wen? Lanz fehlte. Färber sah es im
+Spiegel, wie er eintrat. Er sah auch die gequälten Gesichter seiner Töchter
+und dachte auffahrend: »Wenn er sich hersetzt --!« Aber dem Menschen stand
+es zu deutlich in der Miene, was er sich wünschte. Färber bezwang sich.
+»Ich habe kein Recht, die Kinder auch dies noch sehen zu lassen. Es gab
+eine Zeit, da stand ich zwischen ihnen und allen Feinden.« Und aufstöhnend
+im Lärmen der Räder: »Nimmt die Verfolgung denn nie ein Ende?«
+
+Lanz inzwischen hatte Champagner bestellt, trank hastig und schnitt
+Gesichter, als unterhielte er sich lebhaft mit sich selbst. Einmal, Färber
+sah es im Spiegel, ließ er einen Blick zu Rosa gleiten und bewegte merklich
+das Glas gegen sie. Sie sah aus dem Fenster, und Lanz gleich wieder sorglos
+in die Luft. Nach dem Essen ging er hinüber zu den Rauchern. Färber blieb
+sitzen und sagte den Mädchen, welche schönen Wochen sie haben würden im
+Wald und an den Hügeln. Und öfter dann, sagte er. Denn jetzt, jetzt sehe er
+freien Weg vor sich und die Aussicht sich zurückzuziehen und ganz mit ihnen
+zu sein. Er sagte ihnen mehr, als er je gesagt hatte.
+
+Erst als der Zug ihr Ziel erreichte, standen sie auf. Färber ließ sich Zeit
+mit Trägern und Koffern, schon gefaßt darauf, auch der Verfolger werde
+aussteigen. Dort sprang er grade hinab, ganz ohne Gepäck,
+verwunderlicherweise. »Wir gehen durch den Wald, das wird uns erfrischen«,
+sagte Färber, besorgt wegen eines neuen Zusammentreffens im Omnibus. So
+betraten sie, indes vom Himmel Tropfen fielen, das niedrige Gewölbe der
+Buchen.
+
+Moderig roch es in der feuchten Luft, denn der Grund weithin war überhäuft
+mit altem Laub. Sie gingen auf ihrem Weg, oben zwischen den Hängen, in
+einer drückenden Stille. Die kleine Liliane, voran, versuchte ein Lied zu
+singen, brach aber gleich ab und tat eine flüchtende Bewegung zur
+Schwester. Färber ging hinter ihnen und sann darauf, sie heiter zu machen.
+Da fiel ein Schuß. Es war dahinten, dort unten! Auf jener Seite! Nein hier,
+du siehst doch den Rauch . . . Und noch immer standen sie. »Ein Jäger,«
+sagte Färber und reckte jäh den Arm aus. »Dort läuft ein Reh!« Rosa stieg,
+ohne zu antworten, vom Weg hinab. Darauf stieg auch Färber und überholte
+sie. Watend durch Vertiefungen voll fauliger Laubmassen, heraushastend und
+endlich doch nur als Schleichende kamen sie hin. Färber räumte Laub fort
+von der Brust des Gefallenen, von seinem Gesicht, so tief war er versunken.
+»Mußte dies sein!« dachte er. »Wie ein Tier im Dickicht!« Hinter ihm Rosa
+weinte auf:
+
+»Hätte ich das gewußt!«
+
+Da beugte Färber sein Gesicht bis in seine Hände.
+
+»Ich selbst könnte so daliegen«, murmelte er flehend.
+
+Die kleine Liliane war nachgekommen. Sobald sie sah, blieb sie stehen und
+schrie, schrie. Rosa nahm sie beim Arm, dann holte sie Färber. »Noch
+nicht«, bat er und sank auf einen Baumstumpf. Da war er, jenseits eines
+letzten Schleiers, der gnädig noch beschönigt hatte was ist, allein mit
+seiner Wirklichkeit: daß wir vergeblich Unrecht üben, zur eigenen Qual
+einander Feinde sein und unbekannt jeder jedem, uns töten müssen.
+
+»Was hätte ich tun sollen«, fragte er hilflos. Rosa umarmte seinen Kopf.
+
+»Armer Vater!«
+
+Und seine Hand, die sich trostlos öffnete, ward unversehens liebkost von
+der ahnungsvollen der kleinen Liliane.
+
+Er stand auf. Er sah noch einmal zu dem jungen Gesicht des Toten hin, --
+und ihm ins Gesicht, als wären nicht zwischen ihnen das Leben und der Tod,
+beide mit ihren Verboten, ins Gesicht ihm sagte er:
+
+»Mein Sohn!«
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der Vater, by Heinrich Mann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER VATER ***
+
+***** This file should be named 33329-8.txt or 33329-8.zip *****
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+
+Produced by Jens Sadowski
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+will be renamed.
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+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
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+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
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+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
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+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+Title: Der Vater
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+Author: Heinrich Mann
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+Release Date: August 2, 2010 [EBook #33329]
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER VATER ***
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+Produced by Jens Sadowski
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+This text was published in <i>Der neue Roman</i>, Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1917. An almost
+identical version was published under the title <i>Der Sohn</i> in <i>Die Silbergäule</i> Nr. 3, Paul
+Steegemann Verlag, Hannover, 1919.
+</p>
+
+<h1>Heinrich Mann</h1>
+
+<h1>Der Vater</h1>
+
+<p>Als Färber heiraten konnte, hatte er hinter sich schon
+achtzehn Jahre der Arbeit, des Suchens, des wechselvollen
+Kampfes mit der Menschenmasse, durch die man
+hindurch muß, den Zufällen, die man entwaffnen muß,
+mit dem Leben. Luise hatte kein Geld, aber mit vierzig
+Jahren wirst du doch endlich dir und ihr genügen, oder
+du bist kein Mann. Er genügte, wie jeder, auch noch der
+kleinen, die kamen. Wie jeder, stand er nach seiner Arbeit
+über eine Wiege gebeugt, suchte in dem Gesichtchen des
+Säuglings nach sich selbst, nach seinen Ursprüngen und
+der von ihm mitgeschaffenen Zukunft, die er nicht mehr
+sehen sollte; entsann sich bei einem Aufseufzen des kleinen
+Schlafenden der schweren Stunden, die hinter ihm und
+vor diesem lagen; sah es den Blick öffnen, der den Vater
+noch nicht kannte und einsam schien, als wisse er schon
+alles. Nun aber lächelte es, und alles war gut.
+
+</p><p>Es wuchs, und der Vater mit ihm. Die Freude, das
+Brot und einen Anteil am Genuß der Welt beschaffen
+zu können für zwei Wesen, die nur ihn hatten, machte
+ihn stärker, als er sich kannte. Er gelangte in der Gesellschaft,
+die er vertrat, zu einer leitenden Stellung.
+
+</p><p>Schöne Zeit! Draußen scharf wachen, den Gegnern
+auf die Schliche kommen, seine Haut ihnen nicht lassen
+und lieber Riemen schneiden aus der ihren. Zu Hause
+dann gesicherter Friede, anständiges Menschentum, lauteres
+Wohlwollen von allen zu allen. Man wechselte den
+Rock, wusch sich und sah, ein heiteres Zimmer betretend,
+in Gesichter voll Güte und Zutrauen, voll Erwartung,
+Wunsch und Dank. Sein eigenes Gesicht &mdash; diese beiden
+sahen es nie anders. Er hielt darauf, es ihnen niemals
+so zu zeigen, wie es draußen &bdquo;im Leben&ldquo; wohl aussehen
+konnte. Sein Luxus und seine Art von innerer Erhebung
+war es, das Gesicht des Lebens vor diesen beruhigt und
+verklärt zu bewahren.
+
+</p><p>Beide waren so schön in ihrer Unwissenheit, so liebenswert
+in ihrem Glauben, alles verlaufe rein und klar, erhalten
+nur wir so unsere Seele. Und hatten sie nicht
+recht? Die Mutter, als gerade ihre letzte Verwandte gestorben
+war, blutjung und arm geheiratet vom Fleck weg,
+gehegt und gepflegt, mit allem beschenkt, was ein Frauenherz
+reich macht, &mdash; und von ihr wie von Rosa, die seit
+ihrem ersten Atemzug nur Liebe kannte, ward zum Entgelt
+für alles Glück nicht mehr verlangt, als eben, daß
+sie glücklich seien. Färber, dessen Werk sie doch waren,
+näherte sich ihnen oftmals nur mit Ehrfurcht.
+
+</p><p>Welche tiefe Gefahr ein so lieblicher Betrug barg, hatte
+er nicht vergessen. Dies alles stand einzig auf seinen
+Nerven, seinem Kampfwert. Zuweilen quälte es ihn, er
+habe mehr Verantwortung übernommen, als einem mittleren
+Manne zukomme. Der Kluge und Mächtige, der
+die Güte war, dies hieß es bleiben, oder ihr Vertrauen
+täuschen. Je fester ihr Vertrauen, um so schärfer sah er
+um sich die Drohungen, überreizt und nur darum nicht
+mehr sicher. Er beging geschäftliche Fehler, von denen
+gesagt ward, sie entsprängen einer Überschätzung seiner
+Kraft und Geltung. Dem Aufsichtsrat, der bereit gewesen
+wäre, ihm seine früheren Verdienste anzurechnen, begegnete
+er unverhältnismäßig schroff. Er ward entlassen.
+
+</p><p>Und eben jetzt nahte die Geburt eines zweiten Kindes.
+Konnte er der Frau sich offenbaren? Trotz vorhandenen
+Mitteln zum Weiterleben schien es höchst geboten, stillschweigend
+und ohne alle Beunruhigung eine andere
+Stellung anzunehmen, eine der Stellungen, die ihm gelegentlich
+angeboten waren und zweifellos zur Verfügung
+standen. Indessen zeigte es sich, daß sie dem, der die seine
+verloren hatte, keineswegs mehr zur Verfügung standen:
+nicht die, die größer waren als seine bisherige, höchstens
+die kleineren. Er lehnte kurzweg ab. Früher oder später
+fand sich doch alles, die richtige Sache, und die Menschen,
+die seiner gedachten. Erworbene Kraft ging nie verloren .&nbsp;.&nbsp;.
+Aber sie lag brach.
+
+</p><p>Jeden Morgen verließ er wie sonst das Haus, und
+während Frau und Kind ihn geborgen im Amt glaubten,
+ging er, wie mit zwanzig Jahren, auf der Fährte des
+Zufalls. Nur daß er sehr litt. Nicht allein die Enttäuschungen
+setzten ihm zu; er spürte, auch die Unregelmäßigkeit
+und das Umherirren entsprachen seinem Alter nicht.
+Der Augenblick kam, da sein Wille plötzlich nachließ. Es
+war in der Stadtbahn; um ihn her schien jeder gespannt
+und zielbewußt; nur er, eine sich mit hinstehlende Existenz,
+fuhr zu den Seinen heim, um sie nochmals zu belügen.
+Warum eigentlich? Man konnte gestehen, konnte nachgeben
+und es zulassen, daß auch die Frau ihren Teil der
+Last trug. War man denn allein? .&nbsp;.&nbsp;. Aus seinen Augen
+drangen langsame, schwere Tränen, er sah kein Getriebe
+mehr, er dachte: ja, man sei allein. Man habe die Pflicht
+übernommen, diesen zwei Wesen zu beweisen, das Leben
+sei gerecht und man selbst unangreifbar. Zu ihnen kam
+bald nun ein drittes. Auf dem Spiel stand, gab er es
+auf, sie zu schonen, nicht weniger als ihr Leben.
+
+</p><p>Darauf begann er zu zweifeln an dem Wert seines
+eigenen. Das noch übrige Geld konnte ihnen irgendein
+Dasein begründen, wenn er fort war. Blieb er, ward
+es von dem uneingeschränkten Haushalt nutzlos verbraucht.
+Er konnte eine weite Reise vorgeben. Aber auf
+den Ausflügen, mit denen er jetzt die Tage verbrachte,
+sah er doch einst in ein Gewässer hinab, durchdrungen,
+er sei bestimmt, noch gründlicher zu verschwinden.
+
+</p><p>Ein Dampfer legte an. Er stieg ein und war unter
+Menschen, die des schönen Tages wegen über den See
+fuhren. Hatten sie etwa keine Sorgen? Wohl auch sie.
+Aber selbst die schlimmsten waren bedingt und fielen weg,
+entzogst du ihnen den Boden. Dort sieht eine Frau her,
+ganz so, als bemerkte sie, daß du noch stattlich bist, scharfe
+elegante Züge und den besten Schneider hast. Sie selbst
+war hübsch, sehr gepflegt, und schien erfahren: eine Anziehung,
+unter diesen Umständen. Er folgte der unbefangenen
+Aufforderung ihres Blickes. Alles ging taktvoll
+und schnell vonstatten. Sie kehrten in einem verschwiegenen
+Landhotel ein. Färber machte die Entdeckung, daß
+es andere Ansichten vom Leben gab als die ihm gewohnten.
+Es war eine Wiederentdeckung; er fühlte sich auf
+einmal befreit von einem ungeahnten Gewicht und befähigt,
+alles hinter sich zu lassen. Er telegraphierte, daß er
+verreist sei, unbestimmt, wie lange.
+
+</p><p>Erst nach mehreren Tagen veranlaßte seine neue Gefährtin
+ihn zu größeren Ausgaben &mdash; stand aber sofort
+davon ab, als sie bemerkte, seine Mittel stockten. Eben
+an dieser Feststellung schien es ihr gelegen zu haben. Sie
+bewog ihn, sich auszusprechen, und sie selbst ward deutlicher.
+Er hatte sie halb geahnt, wie sie ihn; jetzt fanden
+sie einen gedämpfteren Ton, ließen von dem korrekten
+Idealbild, das sie einander vorgehalten hatten, einiges
+nach; &mdash; und Färber erfuhr, in dem Maß wie er selbst
+seine Lage preisgab, das Wesen der ihren. Sie lebte von
+Gelegenheiten auf Reisen, als anerkannte Begleiterin
+reicher Leute, wenn es sein konnte, sonst aber dennoch auf
+ihre Kosten. Als sie bis zu dem Geständnis eines Diebstahles
+ging, vollzog er ungewollt eine jähe innere Rückkehr
+in sein voriges Leben. So war alles verknüpft, hatte
+so werden sollen, und hierher führte es. Er sah in sich
+den natürlichen Gefährten der Hochstaplerin. Sie sah
+ihn dafür an, nie war es ihr eingefallen, ihn zu schädigen,
+sie wollte ihn haben und mit sich führen, sie liebte ihn. In
+einer Wolke von Leidenschaft, war es ihre oder seine, besprachen
+sie die Flucht.
+
+</p><p>Was er noch besaß, sollte zurückbleiben für seine ehemalige
+Familie. Er hatte sich nur das Notwendigste beschafft
+und ging auf den Bahnhof, sie wartete schon: Da
+sprach einer ihn an, den er zuletzt vor seiner Entlassung
+gesehen hatte. &bdquo;Denken Sie noch an unsere Sache?&ldquo;
+Nein, eben an diese hatte Färber nie wieder gedacht.
+Auch gab sich der andere so unschlüssig noch wie damals,
+das Geschäft war wieder von der Wurzel ab zu erwägen.
+Als aber Färber, gehoben und angespannt wie der Augenblick
+ihn traf, nur eben angriff, war auch schon die Wirkung
+da. Er sah es vor Augen: Dies war zu machen.
+Nur festhalten, und alle Kraft unerbittlich in diese Viertelstunde!
+Nach ihrem Verlauf hatte er den andern vor
+einem Tisch mit Berechnungen, und nach zwei Stunden
+beim Notar. Indes jener den Vertrag unterschrieb, entsann
+Färber sich, den Blick entspannt, des abgegangenen
+Zuges, der Frau, die ihn suchte, und einer schon aufgegebenen
+Vergangenheit, in die er nun wieder Zutritt
+hatte, ehrbar und erfolgreich. Er erkannte, daß die letzte
+Zeit, mit der Hochstaplerin, seine Nervenkraft erneuert
+und ihn zu diesem hier ausgerüstet hatte. Er mußte ihr
+dankbar sein. Etwas fehlte ihm, hätte er sie versäumt.
+Aber gut war es, daß er, in einem letzten Gefühl von
+Zweifel, seinen richtigen Namen für sich behalten hatte.
+Fahr hin, dachte er, und ging heim.
+
+</p><p>Dort schlug ihm eine schwere Stille entgegen &mdash; und
+dann ein Aufschrei. Seine Frau lag in den Wehen. Der
+Arzt, neben dem Bett, ließ ihn herankommen, schien es
+ihm, wie einen Eindringling. Er wich sogar noch ein
+Stück zurück vor ihm und sagte erst dann, was hier zu
+sagen war. Färber neigte sich und nahm die Hand seiner
+Frau. Ihre Lippen zitterten, aber es sprach nur ihr Blick.
+&bdquo;Du allein, wenn es noch möglich wäre, würdest mich
+retten&ldquo;, sagte der Blick. &bdquo;Du warst meine Kraft, mein
+Leben und mein Glück.&ldquo; Stumm antwortete er ihr, sie
+dürfe vertrauen; und durch Hand und Auge schickte er,
+ohne nachzulassen, seinen Willen in sie hinüber, indes sie
+verging oder sich bäumte, indes sie irr redete und wie
+sie Abschied nahm, während sie das Kind hervorbrachte,
+und noch als sie starb.
+
+</p><p>Da er nun sah, sein Wille hatte umsonst gekämpft,
+griff er plötzlich um sich, als wiche der Boden. In Kopf
+und Herz ein wildes Drunter und Drüber: &bdquo;Das ist
+mein Werk, sie büßt für mich. Verraten von mir, ihrem
+einzigen Glauben, so sterben! Fast war ich schon Verbrecher
+&mdash; mein Gott!&ldquo; Entsetzen, zusammenschlagend
+über ihm. Gerade sah er noch, daß der Arzt einen Schritt
+tat, um ihn aufzufangen, &mdash; da riß er sich zusammen.
+&bdquo;Nein. Genug an dem. Mann bleiben, was immer geschehen
+ist.&ldquo; Wohl wahr, er hatte gedacht, es führte dahin,
+daß er auf und davon gehen solle mit einer Abenteurerin.
+Jetzt aber war es so gekommen, daß er hier helfen, retten
+und seine Pflicht tun sollte. Dies hatte nun die volle
+Macht des Schicksals, &mdash; und an wie wenig war es doch
+gehangen. Der Zufall regiert uns. Willst du leben, bereue
+ihn nicht, verantworte ihn! An dir, ihn zu wenden, bis
+er gut ist. Aus deinem rechtschaffenen Dasein, du weißt
+nicht wie, wird das Schlimmste. Und gerade dein äußerster
+Fehltritt macht dich fähig zum neuen Aufschwung.
+
+</p><p>Hiernach nahm er einen sanfteren Abschied von der
+Toten. Er versprach ihr zu handeln, als sei sie noch da.
+Jetzt konnte er weinen, linde Schmerzen des Selbstbedauerns.
+Sie war dahin, die letzte, die ihn noch jung
+gesehen hatte, die einzige, die ihn bei seinem Vornamen
+nannte. Das kam nicht wieder. Sie allein war ihm
+wahrhaft ergeben gewesen, war sein Geschöpf, weit mehr
+als die Kinder. Für die Kinder, wuchsen sie heran, war
+er ein alter Mann, ein Mensch mit Schwächen, die auszunützen,
+und einem Willen, der vielleicht zu bekämpfen
+war. Der Kritik seiner Kinder gewachsen bleiben, dies
+war künftig die Aufgabe. Sich halten. Seine Versprechungen
+halten.
+
+</p><p>Damit er nie wieder in die Gefahr komme, die Seinen
+im Stich zu lassen, schränkte er zuerst seine Lebenshaltung
+ein. Klein und umsichtig, mit einer inneren Bescheidenheit,
+die ihm längst nicht mehr bekannt war, ging
+er in eine Unternehmung hinein, verlor, und ward doch
+nur entschlossener und in seinem Gewissen fester. Er zwang
+den Erfolg dorthin, wo es kein Ausweichen mehr gab;
+&mdash; und vergingen auch die Jahre, eines Tages war er
+bezwungen. Gleichwohl durfte man ihm niemals ganz
+trauen. Des Erfolges war niemand sicher; sicher, so
+sagte er seinen Töchtern, müssen wir unser selbst und einander
+sein.
+
+</p><p>Er lag vor dem Einschlafen, ein Mann von fünfzig,
+und dachte an die beiden Kinder, an ihre Namen etwa,
+Rosa, den der Älteren, und den letzten armen Schönheitstraum
+der verstorbenen Mutter, den Namen der
+kleinen Liliane. Er dachte, Laut für Laut, ihre Namen
+durch und fand darin vorherbestimmt, was sie sein sollten,
+das besonnte, schön sich entfaltende Dasein der einen,
+und dann dies schwache, weiße Kind einer Sterbenden,
+süß und schmerzlich, wie Blumenduft von einem Grabhügel.
+Er besann ihre Haltung heute, als er eintrat, ihre
+klugen oder zärtlichen Worte, &mdash; und die letzte, angstvolle
+Vorstellung seines Wachens war es oft, er wäre damals
+am Scheideweg falsch gegangen, und sie hätten ihn nicht,
+die beiden, die nur ihn hatten. Waren sie denn jetzt gesichert?
+Noch immer nicht, falls er an einem Morgen
+nicht aufwachte. Doch schien es nicht vorgesehen, daß er
+ihnen verloren gehe. Er hatte nie gefühlt, daß ein Gott
+ihn ansehe; &mdash; vielleicht aber sah er auf einen Vater?
+
+</p><p>Man rechnet, sorgt, und schließt mit Genugtuung ein
+Jahr ab, das doch dahin ist; aber es hat die Aussteuer
+der Älteren abgerundet. Das dir entgleitet, ihr gibt dein
+Jahr noch Kraft. So fort, wir sind gewöhnt des sicheren
+Weges. Jedes Vertrauen, das unschuldigste der Kinder,
+diesmal haben wir es gerechtfertigt. Auf Zwischenfälle
+war man lange Zeit wohl gefaßt; nachgerade aber hat
+man so gut wie vergessen, wie sie aussehen könnten.
+
+</p><p>Färber war in seinem Geschäftszweig führend geworden
+und seine Tätigkeit ausgebreitet; er bemerkte erst allmählich,
+wie dies und jenes ihm aus der Hand fiel. Oder
+ward es genommen? Ein Mitbewerber, von einiger
+Großzügigkeit gleich anfangs, trat vollends hervor. Ja,
+immer dieser, und nie anders als gegen mich. War das
+noch Zufall? Färber kam dahinter, daß seine Kundenlisten
+durch Verrat an jenen Lanz gelangt waren, &mdash; und
+der nutzte sie aus, als seien sie das, worauf er sein Dasein
+gründe. Es kam dahin, daß Färber sich fragte, bin
+ich verfolgungswahnsinnig, oder &mdash;. Das Oder, vom
+Schrecken starr, flüsterte in ihm: Werde ich alt? Und
+eines Tages, er hatte ein eigenes Unterlassen erkannt,
+das vor ihm der Gegner erkannt hatte, sank er an seinem
+Tisch hin, und den Kopf tief auf der Brust erblickte er es
+zum erstenmal, daß er in Wahrheit alt sei und darum
+ausersehen von einem jungen Feind, nur Feind weil
+jung, &mdash; aufgespürt von ihm, angeschossen wohl schon,
+und gehetzt, von nun an immer gehetzt, bis in den Ruin,
+bis in den Tod.
+
+</p><p>Eine kurze Spanne hielt sein Atem an, ihm war es,
+auch sein Herz; und kalt in der Stirn, nahm er ganz still
+hin, was kam. Er sah in diesen Sekunden das Bild des
+Feindes, schwarz und bleich, gewandt, gut angezogen,
+wie es lächelnd vorüberging, &mdash; und von drüben nahte
+Rosa, achtzehnjährig, sanft, gütig und unwissend. Eine
+Jugend so im Recht wie die andere; aber die eine schlechter
+beschützt. Waltendes Erdengesetz.
+
+</p><p>Dann ermannte er sich wohl und gedachte des Kämpfenmüssens.
+Aber zum erstenmal war er, wo es einen
+Schlag galt, seiner nicht sicher. Was ihn unsicher machte,
+war dies. In jener Erscheinung, vorhin am stillen Tisch,
+hatte nicht nur der Feind gelächelt, auch Rosa. Sie kannten
+sich, er wußte nicht, ob im Leben, aber ihrer beider
+Jugend kannte sich &mdash; über ihn hinweg, trotz aller Unschuld
+seiner Tochter. Er sah fort, als dieser Lanz auf
+der Straße grüßen wollte, und er sagte zu Rosa: &bdquo;Das
+ist ein unvornehmer Kaufmann.&ldquo; &mdash; Sie erwiderte:
+&bdquo;Ach! Wir hatten Tanzstunden zusammen.&ldquo; Das war
+es, was ihn zum Besiegten machte von vornherein! Der,
+der ihn zur Strecke bringen wollte, mit seinem Kind war
+er in die Tanzstunde gegangen. Im Gesicht Jugendreinheit,
+und war doch ein bedenkenloser Mächler. Lebte
+lustig, ließ Geld springen, genoß sozusagen schon Geltung
+in einem Alter, wo unsereiner nichts hatte als einen Arbeitskittel
+&mdash; und machte nebenbei süße Augen für die
+Tochter seines Feindes. Denn Feindschaft wog ihm so
+leicht wie das übrige. Er war hassenswert, vom Vorteil
+zu schweigen, durch sein Wesen selbst. Er war aus
+dem neuen leichten Geschlecht der Erben: Erben auch
+ohne Geld. Rasch und unsolid kamen die daher, schufen
+nichts, nutzten nur aus; &mdash; aber ihr Kampf, der ein
+leichtfertiges Spiel war, brachte sie dennoch an die Stelle
+derer, die gearbeitet hatten, ohne rechts oder links zu
+sehen .&nbsp;.&nbsp;. Denn der bald Sechzigjährige vergaß vieles
+beim Anblick des Fünfundzwanzigjährigen.
+
+</p><p>Was tun? Wenn Rosa den Gruß dennoch erwiderte
+&mdash; heimlich, und wohl mit etwas Selbstüberwindung,
+aber sie erwiderte ihn, was tun? Sollte der Vater ihr
+dann eingestehen, wie es stand und daß das Seine und
+Ihre täglich dahinschwand zu dem da? Ihr eingestehen,
+daß er schwach war? O doppelte Ohnmacht, nicht aufhalten
+können das Verderben, und auch nicht sprechen
+dürfen! Vielleicht war sein Kind schon nicht mehr würdig,
+daß er sprach; wußte alles und hielt es mit dem
+Feind. Umsonst würde er es bei ihr aufgenommen haben
+mit dem Jungen. Er fing an, mißtrauisch Rosa nachzusehen,
+wenn sie ging, und ihrem Gesicht nicht zu glauben.
+Ward es davon etwa traurig? Mochte denn auch sie
+fühlen, wie es tat, verlassen zu werden! Kaum verbarg
+er ihr noch, wie viel näher ihm seine Jüngste war, Liliane,
+das leise Kind der Sterbenden. Als sie starb, war sie
+seine, des Alten, wahre Gefährtin gewesen, und sein
+wahres Kind war Liliane. Die eine behüten, die ihm
+noch blieb!
+
+</p><p>Er sorgte sich um ihr Leben, &mdash; und ihre Zukunft sicher
+zu stellen, war alles was er noch verlangte und unternahm,
+bevor es denn mit ihm zum Äußersten kam. Kein
+Zweifel mehr, daß es dahin kam. Noch einmal und in
+einem Alter, wo es kein Wiederaufstehen gab, sollte er
+zu Fall kommen. Die Schläge, die ihn trafen, wurden
+heftiger, wurden unentrinnbar. Keine Gewandtheit und
+Spannkraft mehr, auf die er pochen durfte. Nur noch
+stillhalten und vor dem Entsetzen die Augen schließen.
+
+</p><p>So stand er eines Tages in dem halb dunkeln Vorraum
+seines Eßzimmers, hatte die Augen geschlossen und
+nach einem Tisch gegriffen. Das Geschirr darauf klapperte,
+sie hörten es wohl drinnen. Dennoch verging eine
+Weile, bis jemand die Tür öffnete. Rosa war es. Er
+hatte sie nicht erwartet, sein Arm zuckte, als sie ihn nahm.
+&bdquo;Du weißt wohl nicht, daß wir schon essen?&ldquo; sagte sie,
+und führte ihn hinein. Obwohl sie munter sein wollte,
+verbarg sie ihren Blick. Schämte sie sich für ihn? Für
+sich? Für dies Leben, das nun das ihre war? Plötzlich
+erinnerte er sich, als sei es gestern gewesen, seines Eintretens
+in das Eßzimmer, als Rosa klein war und ihre
+Mutter noch mit am Tisch saß. Er kam durch die große
+Tür, schnell und freudig, mit einer Miene voll guter
+Gaben, und sie streckten vertrauend die Hände hin, baten
+lächelnd und lachten dankbar. &bdquo;Wohin habe ich es kommen
+lassen!&ldquo; dachte er, tief erschrocken. &bdquo;In so kurzer
+Zeit!&ldquo; Er strich der kleinen Liliane über die Haare, und
+zu Rosa sagte er vertraulich und leichthin: &bdquo;Du darfst
+dich nicht wundern. Im Leben eines Mannes, der viel
+arbeitet, kommen matte Zeiten vor. Ihr werdet mich
+wieder anders sehen.&ldquo;
+
+</p><p>Er fühlte: Ah! Nein! &mdash; und als er nachher allein
+war, immer wieder: Ah! Nein! So sollte dies nicht verlaufen.
+Die neue Jugend dachte sich die Dinge denn
+doch zu glatt, ihre Opfer zu widerstandslos. &bdquo;Ihr kennt
+mich nicht, ihr sollt mich kennenlernen!&ldquo; Auf einmal sah
+er alles unerwartet leicht und klar: denn die Hoffnung
+war aufgewacht, er könnte sein Kind wieder für sich gewinnen.
+
+</p><p>Er fand: So war es zu machen. Ein Plan wie dieser
+rechnete mit allen Eigenschaften des Gegners. Keine
+Falle, in die er, wie er war, nicht tappen mußte. Färber,
+am stillen Tisch, lächelte in sich hinein. Er empfand sich
+als den klugen alten Kriegselephanten, der den Rüssel
+aufstellt, bevor er die Dschungel betritt. Der junge Tiger
+pürscht sich heran. Aussehen, als merke man nichts.
+Springt er? Er springt; &mdash; und der Rüssel fällt und
+zerbricht ihm den Schädel. &bdquo;Auch wir Alten haben unsere
+Stärke. Es ist nicht der Ansturm mehr und nicht
+mehr der leichte Griff. Aber es ist die erfahrene Einsicht
+und die List.&ldquo;
+
+</p><p>Das Geschäft, das ein Schicksal sein sollte, ward langsam
+angelegt, mit Geduld und Weitblick &mdash; scheinbar in
+großer Furcht vor Mitwissern, aber für Spalten war gesorgt,
+an denen der Feind horchen und sich aufregen
+konnte. Was war er denn? Ein Nachtreter, immer auf
+der Suche nach einträglichen Plagiaten, immer bereit,
+mit Methoden, die ohne Selbstachtung waren, der ehrlichen
+Leistung eines andern seinen schnellfertigen Pofel
+unterzuschieben. Darum nur zögern, zurückschrecken,
+schwerfällig tun: den Horcher reizen, bis er dich überrennt
+und als Halsbrecher in eine Sache hineingeht, die
+deiner größten Vorsicht wert war. Jetzt noch Ertapptsein
+heucheln, greisenhafte Wut und kopfloses Nachdrängen,
+&mdash; bis er im Radwerk hängt und nie mehr entrinnt.
+
+</p><p>Wie verhält sich hier so einer? Er denkt sich ablösen
+zu lassen von dem andern, er hält ihn für dumm, ihn,
+der ihn restlos ausgerechnet und Schritt für Schritt gelenkt
+hat. Diese Art hält alle für dumm; daher ihr
+früher Sieg wie ihr vorzeitiges Ende .&nbsp;.&nbsp;. Er ist fällig
+nun, sogleich muß er da sein. Färber sah aus dem Fenster:
+Da kam er. Munter und seiner Sache getrost führte er
+sich ein und legte los. Reden lassen! Die Stichworte
+geben, vermittelst kleiner harmloser Fragen, die in dem
+andern ein Loch aufrissen, eine Lücke in seiner törichten
+Selbstsicherheit; &mdash; und jetzt, seine Samtaugen verrieten
+es, tat er den ersten Blick in die ganze Tiefe seiner Trostlosigkeit.
+
+</p><p>Dies war der Zeitpunkt. Färber stand auf. Der erwartete
+Zeitpunkt der Abrechnung. Zurücktretend sah er
+zu, wie der dort vollends begriff und erstarrte. Erst als
+er ihn hilflos bat, doch zu sprechen, sprach er, um ihm zu
+sagen, daß er verloren sei, und er selbst habe es gewußt
+und gewollt.
+
+</p><p>&bdquo;Sie täuschen sich über das Leben&ldquo;, sagte er mit einer
+Stimme, hart vom Richten. &bdquo;Wie Sie es sich denken,
+wäre es zu leicht für Menschenverächter ohne Gewissen
+und für geistlose Gewaltverüber. Ich habe vieles gesehen,
+vieles erkannt. Die Schamlosigkeit Ihrer Verfolgung
+hat mich zuletzt noch das Beste erkennen lassen.
+Eine Sache, die, wie Ihre, auf Enteignung und Vernichtung
+gestellt ist, bricht endlich zusammen, das ist vorgesehen.&ldquo;
+
+</p><p>Aber anstatt jener dort fühlte Färber selbst sich niedergebeugt,
+wie von großer Vergeblichkeit, und stützte sich
+auf den Tisch. Nur weil er sie sich vorgenommen hatte,
+sagte er noch einige Sätze, aber seine Stimme, schien es
+ihm, verlor die Tragkraft.
+
+</p><p>&bdquo;Um die Jugend wird man sonst beneidet, Sie aber
+sind, Gott sei Dank, nicht zu beneiden. Sie lernen mit
+fünfundzwanzig Jahren schon eine Lage kennen, daß Sie
+mit sechzig sich nicht einmal mehr wundern können, wenn
+Sie dastehen wie jetzt und flehen. Und um dann, mit
+sechzig, noch wieder loszukommen,&ldquo; sagte er und verhielt
+mühsam ein Aufschluchzen, &bdquo;muß Einer stärker sein als
+Sie.&ldquo;
+
+</p><p>Der bleiche junge Mensch dort lächelte, betreten und
+spöttisch, &mdash; was Färber plötzlich außer sich brachte. Er
+wisse noch einen Grund, sagte Lanz, noch einen Grund
+für Färber zur Nachsicht. Es sei ein außergeschäftlicher .&nbsp;.&nbsp;.
+Da wies Färber ihm die Tür.
+
+</p><p>Der prüfte ihn leichthin von unten, ob wirklich nichts
+zu machen sei, und dann wand er sich wohl, einigermaßen
+auf den Mund geschlagen, durch die Möbel nach der Tür;
+aber kaum darunter, klapste er sich auf den Cylinder, und
+seine Hüften schaukelten schon wieder, wie er abging, &mdash;
+indes Färber mit arbeitender Brust es fühlte, daß nichts
+in der Welt ihn rächen könne an dem da. Denn der war
+kein Vater, und war kein wirklicher Mann, weil er von
+Recht und Unrecht nichts wußte. Er ging nur ab, wenn
+die letzte Frechheit gesagt war &mdash; und was für eine! Und
+auf irgend einer anderen Seite fand er wohl wieder Zutritt
+in das rohe Vergnügungslokal, das für seinesgleichen
+das Leben war.
+
+</p><p>Färber gewann dort, wo jener gescheitert war, eroberte
+alle Stellungen zurück, die der Geschlagene, Verschwundene
+hinterließ, und zu Rosa sagte er: &bdquo;Dein Vater
+hat gehalten, was er Dir versprochen hatte.&ldquo; Dabei
+aber suchte er angstvoll in ihrer Miene. War sie nicht im
+Einverständnis mit dem Verschwundenen und mit seinem
+letzten, nicht beendeten Versuch, sich anzuklammern? Er
+sah nichts. Was ließ sich auch sehen, das er nicht hineinspiegelte,
+erfüllt wie er war mit der Erinnerung an etwas
+Unheilvolles, an furchtbare Zusammenhänge und einen
+ganz vergeblichen Sieg. Sogar die kleine Liliane blieb
+unfroh, als er ihnen ankündigte, es sei Zeit, die Koffer zu
+packen für die Sommerreise.
+
+</p><p>An der Bahn, gereizt und unbeherrscht, wie man leider
+nun war, hatte man sogleich einen Streit um die belegten
+Plätze. Hier lag das Gepäck widerrechtlich entfernt von
+der Bank, und dort standen die Töchter und warteten,
+daß man ihnen gegen die Mitreisenden ihr Recht verschaffe.
+Behaupte dich, du darfst nicht müde sein! Und
+lachen, wo die Welt nicht mitlacht? Das will viel Kraft.
+Als sie aber saßen und die Räder sich schon drehten, sagte
+Liliane: &bdquo;Herr Lanz kommt;&ldquo; &mdash; und in der Stimme des
+Kindes dieser Schrecken und dies Geheimnis! Rosa sah
+aus dem Fenster.
+
+</p><p>Dann wirklich drang er ein, fuhr, den Hut im Nacken,
+mit den Augen über den Raum und die vier Bänke hin,
+mußte doch bemerken, daß auch dahinten ein Platz freistand,
+&mdash; aber gerade neben Rosa setzte er sich. Sie sah
+weiter aus dem Fenster. Der junge Mann seinerseits
+hatte keinen Gruß für Färber. Nach einer Weile stand
+sie auf und trat in den Seitengang. Lanz rückte sofort
+auf ihren Platz und riß das Fenster herab. Gegenüber
+der kleinen Liliane warf der Wind den Hut vom Kopf.
+Färber zog schweigend das Fenster wieder hinauf. Nach
+einer Minute wiederholte der andere seine Bewegung,
+und dann Färber die seine, beide schweigend. Als Lanz
+zum drittenmal den Arm ausstreckte, sagte Färber stark,
+aber mit Beben: &bdquo;Ich ersuche Sie, das Kind nicht länger
+dem Zug auszusetzen. Es ist nicht zu warm hier.&ldquo;
+
+</p><p>Das sei Ansichtssache, sagte Lanz hell, &mdash; und da die
+Hand Färbers ihm in den Arm fiel, schlug er nach der
+Hand. Färber stand auf, umklammerte den Zugriemen
+des Fensters und zeigte den Mitreisenden sein vergrämtes
+Gesicht, das verbissenen Zorn preisgab, sein altes Gesicht.
+Sie murrten. Lanz wendete ihnen sein junges zu
+und rief hell:
+
+</p><p>&bdquo;Der Herr glaubt, alles geht nach ihm.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Das hat er schon vorhin geglaubt&ldquo;, riefen die, die mit
+ihrem Gepäck hatten abziehen müssen. Ein Unbeteiligter
+sagte kräftig:
+
+</p><p>&bdquo;Nervöse Bureaukraten sollen allein reisen!
+
+</p><p>Die kleine Liliane zog sich zusammen auf ihrem Sitz
+und weinte still. Rosa im Seitengang wandte sich nicht
+her. Und der Vater stand da, ganz Spannung und
+Beben: Dein Kind verteidigen und nicht sinken in seiner
+Achtung! Stand, als gehe, weil er endlich schwach genug
+sei, das Letzte dahin, stand am Pranger mit seinem Herzen.
+
+</p><p>Der junge Lanz zuckte die Achseln und setzte sich wieder.
+Ringsumher besprach man den Zwischenfall, ohne
+Rücksicht darauf, daß Färber und die Seinen zuhörten.
+Er sah sich wehrlos und empfand, wie noch nie, unter
+dieser albernen Niederlage die letzte Nutzlosigkeit der
+Dinge. Der Mund füllte sich mit Bitterkeit, die Hand
+am Fensterriemen ward schlaff. Kaum daß sie herabglitt,
+griff Lanz schon zu und öffnete. Färber nahm Liliane
+bei der Hand, rief sanft nach Rosa und führte beide in
+den Speisewagen. Hinter ihnen ward gelacht. Das
+Lachen des Lanz drang durch, es klang nach einem Automaten,
+trotz allem Haß.
+
+</p><p>Die Mittagsstunde kam, im Speisewagen war schon
+alles besetzt, nur am Tisch Färbers wartete der vierte
+Platz &mdash; auf wen? Lanz fehlte. Färber sah es im Spiegel,
+wie er eintrat. Er sah auch die gequälten Gesichter seiner
+Töchter und dachte auffahrend: &bdquo;Wenn er sich hersetzt &mdash;!&ldquo;
+Aber dem Menschen stand es zu deutlich in der Miene,
+was er sich wünschte. Färber bezwang sich. &bdquo;Ich habe
+kein Recht, die Kinder auch dies noch sehen zu lassen.
+Es gab eine Zeit, da stand ich zwischen ihnen und allen
+Feinden.&ldquo; Und aufstöhnend im Lärmen der Räder:
+&bdquo;Nimmt die Verfolgung denn nie ein Ende?&ldquo;
+
+</p><p>Lanz inzwischen hatte Champagner bestellt, trank hastig
+und schnitt Gesichter, als unterhielte er sich lebhaft mit
+sich selbst. Einmal, Färber sah es im Spiegel, ließ er
+einen Blick zu Rosa gleiten und bewegte merklich das
+Glas gegen sie. Sie sah aus dem Fenster, und Lanz
+gleich wieder sorglos in die Luft. Nach dem Essen ging
+er hinüber zu den Rauchern. Färber blieb sitzen und
+sagte den Mädchen, welche schönen Wochen sie haben
+würden im Wald und an den Hügeln. Und öfter dann,
+sagte er. Denn jetzt, jetzt sehe er freien Weg vor sich und
+die Aussicht sich zurückzuziehen und ganz mit ihnen zu
+sein. Er sagte ihnen mehr, als er je gesagt hatte.
+
+</p><p>Erst als der Zug ihr Ziel erreichte, standen sie auf.
+Färber ließ sich Zeit mit Trägern und Koffern, schon gefaßt
+darauf, auch der Verfolger werde aussteigen. Dort
+sprang er grade hinab, ganz ohne Gepäck, verwunderlicherweise.
+&bdquo;Wir gehen durch den Wald, das wird
+uns erfrischen&ldquo;, sagte Färber, besorgt wegen eines neuen
+Zusammentreffens im Omnibus. So betraten sie, indes
+vom Himmel Tropfen fielen, das niedrige Gewölbe der
+Buchen.
+
+</p><p>Moderig roch es in der feuchten Luft, denn der Grund
+weithin war überhäuft mit altem Laub. Sie gingen auf
+ihrem Weg, oben zwischen den Hängen, in einer drückenden
+Stille. Die kleine Liliane, voran, versuchte ein
+Lied zu singen, brach aber gleich ab und tat eine flüchtende
+Bewegung zur Schwester. Färber ging hinter ihnen und
+sann darauf, sie heiter zu machen. Da fiel ein Schuß.
+Es war dahinten, dort unten! Auf jener Seite! Nein
+hier, du siehst doch den Rauch .&nbsp;.&nbsp;. Und noch immer standen
+sie. &bdquo;Ein Jäger,&ldquo; sagte Färber und reckte jäh den
+Arm aus. &bdquo;Dort läuft ein Reh!&ldquo; Rosa stieg, ohne zu
+antworten, vom Weg hinab. Darauf stieg auch Färber
+und überholte sie. Watend durch Vertiefungen voll fauliger
+Laubmassen, heraushastend und endlich doch nur
+als Schleichende kamen sie hin. Färber räumte Laub
+fort von der Brust des Gefallenen, von seinem Gesicht,
+so tief war er versunken. &bdquo;Mußte dies sein!&ldquo; dachte er.
+&bdquo;Wie ein Tier im Dickicht!&ldquo; Hinter ihm Rosa weinte
+auf:
+
+</p><p>&bdquo;Hätte ich das gewußt!&ldquo;
+
+</p><p>Da beugte Färber sein Gesicht bis in seine Hände.
+
+</p><p>&bdquo;Ich selbst könnte so daliegen&ldquo;, murmelte er flehend.
+
+</p><p>Die kleine Liliane war nachgekommen. Sobald sie
+sah, blieb sie stehen und schrie, schrie. Rosa nahm sie
+beim Arm, dann holte sie Färber. &bdquo;Noch nicht&ldquo;, bat er
+und sank auf einen Baumstumpf. Da war er, jenseits
+eines letzten Schleiers, der gnädig noch beschönigt hatte
+was ist, allein mit seiner Wirklichkeit: daß wir vergeblich
+Unrecht üben, zur eigenen Qual einander Feinde sein
+und unbekannt jeder jedem, uns töten müssen.
+
+</p><p>&bdquo;Was hätte ich tun sollen&ldquo;, fragte er hilflos. Rosa
+umarmte seinen Kopf.
+
+</p><p>&bdquo;Armer Vater!&ldquo;
+
+</p><p>Und seine Hand, die sich trostlos öffnete, ward unversehens
+liebkost von der ahnungsvollen der kleinen Liliane.
+
+</p><p>Er stand auf. Er sah noch einmal zu dem jungen Gesicht
+des Toten hin, &mdash; und ihm ins Gesicht, als wären
+nicht zwischen ihnen das Leben und der Tod, beide mit
+ihren Verboten, ins Gesicht ihm sagte er:
+
+</p><p>&bdquo;Mein Sohn!&ldquo;
+
+</p>
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der Vater, by Heinrich Mann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER VATER ***
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+Produced by Jens Sadowski
+
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+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
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+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
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