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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/32385-8.txt b/32385-8.txt new file mode 100644 index 0000000..9c087e6 --- /dev/null +++ b/32385-8.txt @@ -0,0 +1,1701 @@ +The Project Gutenberg EBook of Die Fürstin, by Kasimir Edschmid + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Die Fürstin + +Author: Kasimir Edschmid + +Release Date: May 15, 2010 [EBook #32385] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE FÜRSTIN *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + +Transcriber's Note: +Double quotation marks have been encoded as » and «. + + + + +KASIMIR EDSCHMID + +DIE FÜRSTIN + + + + + +1920 + +PAUL CASSIRER VERLAG · BERLIN + + + +ALLE RECHTE VORBEHALTEN + +COPYRIGHT 1920 BY PAUL CASSIRER · BERLIN + + + + + + +GESCHRIEBEN NEUNZEHNHUNDERTSECHZEHN + + + + +INHALT + +DAS FRAUENSCHLOSS +JAEL +DIE ABENTEUERLICHE NACHT +BRIEF +TRAUM + + + + + + + + + +DAS FRAUENSCHLOSS + + +DIE Drachenköpfe unserer Boote bogen um das gelbe Segel. Die Parade vollzog +sich in elegantem Rauschen, wir wollten mit Ostwind an das andere Ende, bei +Ostwind anderthalb Stunden dachten wir, es waren dreißig Kilometer. Die +Flottille lag in einer Linie. Die Ruder sangen dumpf verknattert. Dann +schäumte das Wasser los, und die Segel beugten sich alle. + +Wir fuhren in gleicher Lage steil in die graue Wüste hinein. Das +durchpflügte Wasser riß in nie absterbender Welle einen silbernen Bogen +über den Lee. Die Bäuche der Segel neigten sich tiefer und streiften das +farblose Wasser und hoben sich wieder aufgetaucht in rote Sonne. Die +Luvseiten wälzten sich mit heller gestrichenen Leibern weit aus dem See, +und der silberne Sprenkel der mitlaufenden ewigen Welle umstäubte uns von +der anderen mit wildem Geflock. + +Alle Flaggen am Mast lohten schmal gezüngelt in das Blau. + +Als die spitze Wolke zwischen dem verlassenen Schloß und uns hereinschoß, +gerieten die Frauen in Bewegung. Die nackten Beine lösen faul Wade von +Wade, sie trennen sich von Mast und dem sonnigen Verdecke, über den dunklen +Badeanzügen schimmern die bunten Jacken. Ein Tratsch saust hinten auf das +Gebirg. Kühl gebogen steht unser Himmel noch blühend antik. + +Ein Regenbogen rollte eine Natter darüber. Zwei siebenfarbene Brücken +schnellen über die verblaßte. Sie rennen mit uns um die Wette. Große Jagd +beginnt. Das Schloß irr leuchtend in ferner Sonne steht schräg geduckt +unter der gebogenen Wucht des Gewitters. Darüber aber wütet Jehovas eherner +Regenbogen und schnellt mit glühendem Finger neben uns über das Land. Die +Gegend wird klein und grau und entzündet sich unter ihm mit magischem +Glanz. Unter irrem Schein fahren wir. Musik in allen Seilen. + +Jessies Blick wölbt sich aus den Frauen herüber. Die Ruderpinne wird Eis in +meiner Hand. Die Segel laufen auf das Wasser niedergelegt. Das Gewitter +flattert über uns und bleibt. Noch durch alle Löcher schießt eine Säule +Sonne. Gurgelnd schwemmt der silberne Muskel am Lee sein Wasser hinein. +Jessie beginnt -- kniend zu pumpen, sie weiß, daß ich die Nacht nicht +schlief, lächelnd mit abgetriebenem Mund. + +Erlöst aus katzenhaftem Erleben der Sonne sind die Frauen aufgerafft. Sie +stehen fast auf Mast und Segel, ihre Füße stehen im Wasser, sie stehen auf +Lee wie Statuen, und die Backbordseite hebt sich hinter ihren von Lachen +überfüllten Munden wie eine dunkle Muschel, über die ihr Haar noch +leuchtet. + +Wir sehen das Ufer durch Schaum. Wir rechnen, hart am Wind, noch zehn +Minuten. Schäumender, gierig, ein Liebesschwert bohrt sich die Spitze mit +fiebernder Wollust in das Gewoge. Ein dunkler Halbkreis saust vom Ufer +heraus mit einer glashellen Kante. Jessie lauert! Die Bö. Der Großschot +fährt über die Rolle, das Boot dreht herumgeworfen: das Segel, graue +Apotheose, entfaltet sich, rauscht losgelassen, wildflatternd hinein. Wir +stehen. + +Jede Planke zittert im Herzschlag. + +Dann steigt das Boot, die schmale Flagge weht. Das eingereffte Segel glüht +unter Blitzstrahlen, die den See umlaufen. Ein weißer Strich bohren wir +weiter, wettern die Boote in Bö um Bö, stehen starr, umflossen zwischen +rund um uns aufgehäuften Wellen. + +In siebzig Minuten erreichten wir das Ende des Sees. + +Es war gegen Abend. + +Wir blieben drei Tage. + +In der ersten Nacht aber wuchs Jessie wild in der Liebe wie eine Stute, sie +sprang durch das Fenster. Da stand ein Garten mit Güldenlack und Malven und +roch in die dunkle Luft, in der kein Mond hing, aber Sterne die feuchten +Segel überbürdeten. Die Nacht war heiß nach nicht gekühltem Gewitter. Ich +hatte keine Lust zu schlafen und folgte ihr. + +Ich ruderte um die Landzunge, da war die Bucht paradiesisch erhellt, rot +gespiegelt mit vielem Glas schoß ein Karussell einen Kreis, und eine +Promenade mit erleuchteten Bäumen lief üppig von der Küste in den Wald. +Über die Bootshäuser schwangen sich Raketen, eine gedämpfte Musik floh aus +den Pavillons herüber, aber die Bucht war voll Kähnen und alle Sterne und +Hecks trugen rote und gelbe Ballons und manche mit Spagat überspannte +hatten Girlanden, Lampione. So schaukelte unter ihnen die See. + +Im heller gesättigten Licht lag Jessies Kopf wie Perlmutter in dem Dunkel +hinter ihr und ihre aus der Lust herauf gebrochenen Augen baten. Da fuhr +ich ans Land und nahm rote und gelbe Papierkugeln für sie. Ihr Bein glitt +schlangenhaft dankend über mein Knie. »Donna è mobile« lächelten ihre müd +aufgeblätterten Lippen. Die war sie so weiß und mild. + +Wärme und Musik lagen über der Bucht, und die Inseln der Boote hatten kein +Ende des Liegens. Brennend die rote und gelbe Laterne trieben wir noch +glühend in der Dämmerung gegen unseren Strand. Jessies Kopf lag weiß wie +eine Puppe mit überschweren Riegeln des Mundes in meinem Schoß. Wenn die +Ruder sich über ihr schlossen, hob sie das Auge und schlug einen bebenden +Fächer genossenen Lebens hinauf. + +In dem weißen Morgen saßen die anderen Frauen, starr und ohne Laut an der +Küste, warfen die langen Schnüre nach Raubfischen in das brodelnde Wasser, +und die großen gelben zurückkehrenden Stangen ihrer Angeln stellten sich +wie ein Gitter vor den kühlen Wind des Horizonts. + +Aber als wir anlegten, liebte ich Jessie nicht mehr. + +Am vierten Tage, als wir ausfuhren, sprangen die Glocken langsam um den +See, aber wir fuhren mit eigener Musik. Auf weißen Planken, spiegelnd vor +Lack, lag Sonne und beschien die zusammengerollten Katzen. Wir fuhren mit +dem Wind. Das weiße Segel lag ausgelassen weit hinaus, dagegen standen +andere Frauen gelehnt, wie vor dem Himmel hingewachsen, die langen +schlanken Beine auf der Rahe zärtlich schaukelnd. + +Es gab geringen Wind und in die schönen Tiere stieg die große Trägheit. Sie +wurden still und schöner und hatten halbgeschlossene Augen. Trauben flogen +geworfen zueinander. Ellen erkletterte den Mast. Sie trug Sandalen, deren +gekreuzte Schnüren weiß über ihrer braunen Haut gegen das Knie +hinaufliefen. Sie saß auf der Gaffel und blies Flöte, von dem +aufbauschenden Segel gegen das leichte Blau getragen. + +Dann, wie die Brise anlief, kam ein fremder Racker auf uns zugeschossen, +frecher Sperber, kreuzte, feixte, die Rollen liefen knirschend, sein +gestreiftes Segel zuckte gierig. Er legte parallel, ein Mann stand in +weißen fliegenden Hosen breit am Bord und photographierte uns siebenmal. + +Wir kannten das Segel. + +Das war die Fürstin. + +Aber ich hatte sie noch nicht gesehen. + +Das Blut stieg mir langsam in die Augen. + +Wir kreuzten ein wenig, bohrten gegen ihn los. Dann schwenkt die Ruderpinne +einen Riesenkreis: einen Herzschlag lang liegen wir Bug an Bug, unsere +Spitze deckt sein Steuer. Einen Augenblick geigten die Stricke aufeinander +mit gläsernem Ton. Bauschend in dunklem Gewühl sanken die Segel ineinander +-- -- -- ich reiche beide Hände hinüber. + +Mit einem Zug steht eine Frau auf unserer Kufe, schwefelschweres +Gelbjackett über der Schulter. Schon schwenken wir aus der Windstille, +schaufeln Wind und sausen. + +Wir haben eine Frau geraubt. + +Die Verfolgung begann. Kläffend. Mit Geschrei. Wir haben mehr Quadratmeter +am Fock wie der Kleine am großen. Zwei Boote umzingeln ihn, nehmen ihm den +Wind und verstoßen ihn aus der Jagd. Gieriger Sperber rast er am Horizont +hin, während die großen Raubvögel in den blau aufgebrochenen Morgen +hineinstreichen. + +Sie war dunkel wie eine Zigeunerin, aber mit zwei schweren hellen +Sonnenkreisen über den lodernden Augen. Sie kokettierte, indem sie den +Blick erzürnt. + +»Geraubt, Fürstin,« ich lache vom Ruder. + +Sie lacht, wirft die Brauen in die Stirn wie Wellen, und springt ins +Wasser. + +Wir halsen und ziehen sie lachend heraus. + +Wütend duckt sie, schaut im Kreis lauernd und schweigt. Dann schüttelt sie +sich und legt die große volle Figur gegen das weiße Segel und hebt ihren +Körper in die prallende süße Sonne. + +Am Mittag stehen unsere Schiffe auf der Höhe ihres Hafens, venezianische +Schönheit des entgegenlaufenden Landes, glühender Schwung voll Segel, Boot +und Stegen und Gewirr von Menschen. Wir lavieren. + +Ein Kran geigt. Das Segel steht schlapp gegen den Wind. + +Ich grüße tief. + +Die fürstliche Katze duckt und springt. + +Wir sind allein. + +Die Flotte kreuzt zurück. Ellen liegt unter der Fahne eingebauscht wie in +Lotosblätter. Die Flöte springt in süßen Kurven. Katharys Mundharmonika +zigeunert dazwischen. Das Licht war heiß für das Blut. Es war eine tolle +Fahrt. + +Gleichwohl ging wenig Wind, aber unsere Hirne wurden dunkel vor Übermut und +Begierde. So schaukelten wir durch die ruhig aufblauende See, kühle weiche +Ufer überall in Ruhe und eine Stadt in Nebel aufgebaut gegen das Gebirge. +Wir wiegten uns. + +Dann sahen wir eine Mole. Sie kam in einer Spange zärtlich in das Wasser +hinausgelegt, ganz weich und dünn mit Säulen und Vasen und Kapuzinerblumen. +Da fuhren wir hinein, ankerten, bestiegen die Kähne und fuhren an Land. + +Kahn um Kahn rauschte in ein Gewebe von Binden, in warmes Wasser kniehoch +sprangen die Frauen, hoben Muscheln in das Licht, riefen und schwangen mit +den Armen das Schiff auseinander -- -- -- da hing das Ufer vor ihnen, und +alte Bäume standen mit Wipfelnestern riesig in Schatten gebreitet. + +Über die Wiesen springend, ergriffen die Frauen das Heu und warfen sich +hinein. Dann stürmten sie die Bäume und durch die Zweige glitten nackte +Beine, in den Gipfeln blinkte ihr Fleisch. + +Aus einer Konifere tanzte Kathary auf einem Astschweif, der unter ihr +wogte. Sie trat aus der Krone in das brausende Licht, da sah sie das Schloß +gegenüber aus der entfernten Küste von silbernem Sonnenstrich +herausgesprengt und schrie. Ihr wildes Schreien weckte Geschrei in den +bunten Bäumen, die Äste zum See füllten sich mit Frauen, die die Haare in +bunten Mützen trugen. + +Katharys Ast rauschte hinunter, warf sprühende Welle aus dem See und +schnellte zurück in das Licht. So flog sie halb nackt und süß zwischen +Sonne und Sturm. Dabei warf sie mit einer heftigen Bewegung die Hände an +den Mund und blies ihre Harmonika, indem sie flog. + +Dann warfen sich alle Frauen in den See aus den Bäumen. Ostwind trug +Wellenberge herüber und wühlte sie auf und warf die Schwimmenden einander +zu über die glatten Tierrücken der Woge. Immer gaminte Katharys Harmonika +über dem weißen Zischen. Da hielt ich nicht länger unter ihren grünen Augen +und vergaß Ellens Flöte und behielt Katharys Blick in der Gurgel hinter der +Zunge. + +Wie eine Herde Antilopen steigen die Frauen aus dem Wasser und rennen in +breiter Linie in den Park. Das Moos federt ihre Sohlen braunrot in die +Höhe, und die schlanken Schenkel leuchten unter den Bäumen. + +Auf einer Wiese begann Ellen die Schlacht. Heu aufraffend, mit beiden Armen +es an die Brust gepreßt, warf sie die Garbe in die Luft. Da sprangen alle, +die schwarzen Schwimmanzüge glänzend wie Pantherhaut, auf den Rasen, biegen +die Brüste zurück und schleudern das Gras in die Nacken, auf das Gesicht. +Aber schon prallt eine Dogge in die Schlacht. + +Aus getrenntem Holunder tritt plötzlich eine Dame im Reitanzug vor den +glühenden Vollzug. Bleichen Gesichts bleibt sie in Spannung wie eine Herme +stehen, kaum bebend. Der Reitstock klemmt unter ihrem Arm, ein roter Stein +im Griff. Ich trinke im Wenden noch Katharys grausames Lächeln. + +Die Frauen rennen fliehend nach der Küste. Flott gemachte Kähne rauschten +durch Binsenschleier. Die Flottille warf Segel aus und streifte in die See. +Ein Dampfer voll Menschen, Fahnen um das ganze Deck, stürmte uns noch +läutend vorüber. Die Drachenköpfe glitten stolz an seinem goldenen Löwen +vorbei. + +Schon aber rauschten die Segel, sich schaukelnd vor dem Schloß. + +Der Abend goß sich in glashell erleuchteter Kuppel aus. Die gemaserten +Wellendämme ebbten windlos zu bleierner Fläche, auf die in dunkler Brunst +die Sonne herabfiel. Manchmal liefen langsam ausgeatmete Bogen über den See +von einem stundenfernen Dampfer und klirrten sich tot an der Terrasse. Dann +tanzten ungeheure Farbenbüschel auf dem Stahldunkel des Wassers und fielen +wie ein brennender Fächer in Nichts. Aus der Dunkelheit kehrte ein kleiner +Halbkreis in das Auge zurück, ein weißes Brodeln. + +Ich warf mich auf die Erde und hörte aus der fassungslosen Nacht an meinem +Herzschlag den Puls der wild aus Furcht toll erregten Haut des Wassers +schlagen. + +Dann fuhr ich mit Jackl hinaus, die letzten Segel zu reffen. Auf der +Terrasse lag der Anschlag eines gedämpften Klaviers. Als wir zurückfuhren, +löschten die Lichter aus. + +Aber die mondlose Julinacht war schwellend und unerträglich geworden. Auf +und ab gehend die Küste wühlte über der Starre der See mein Herz sich auf. +Über das Schweigen der erregten Dunkelheit kam ihm eine Yacht, und auf der +Gaffel hingen zwei schlanke helle Beine, lange Finger spannten eine Flöte +vor den Mund. Es gab einen Schein, der von dem Segel rasch verschwendet, +erlosch in die Nacht zurück. Aber dagegen erhob sich die wilde Katze aus +dem Park und schrie: Ich wählte: Katharys Zähne und Ellens Tieraugen. + +-- -- -- da schien es mir berauschend, Kathary aufzusparen zu ihrem +Lächeln, das ich eingetrunken und dessen Begehr heiser in meinem Halse saß. + +Ich zog Ellen vor. + +Als mein Kopf über der Brüstung ihres Zimmers aufschwebte, trafen mich ihre +großen warmen Lippen und küßten mich über das ganze Gesicht: ich liebe +dich, ich liebe dich. + +Das Klavier donnerte fern durch die Korridore, eingeschlungen jagte die +Harmonika dazwischen. Die Sterne hatten schwere Last, mondlos zu tragen. + +Durch alle Mauern schwoll Sehnsucht wie Fieber. Die Wände dehnten sich wie +Bogen. Die Luft hatte Blut eingesogen. Musik wühlte eine feurige Wolke um +das Schloß. Alle sahen es, die nachts vorüberfuhren in dem windlosen See, +dunkel die Rahen und ein Licht irgendwo an Bord. + +Im frühen Morgen lag das Land hell mit weiter See. Sie schlief mit +zitterndem Mund, ein Rosa auf den Wangen. Sie flüsterte im Schlaf, als mich +die Sehnsucht auftrieb. Ich stieg aus ihrem Bett in den Garten. + +Da roch der Boden stark wie ein Raubtier. Die Beeren leuchteten. Auf dem +Steg lag Tau in einem blauen Glanz. Unsere Flotte stand eingefroren auf +unbewegtem Spiegel. Zwei Fischerboote strichen lautlos in den weißen Morgen +und spannten ein Netz mit langen Schnüren. + +Der Motor tanzte in das Wasser, legte sich schräg und strich schmeichelnd, +seine Turbine riß die tonlose Ebene morgenlichen Wassers in zwei lange +Linien von kreisenden Dünen, die hinter uns blieben. Der Himmel stand +lautlos und kühlblau. Auch die Luft war gegossen, durch die ich ergriffen +jagte. Und dann kam der Hafen, kam der Hafen mit Flaggen und venezianischen +Gondeln. Da ging die Sonne auf. + +Endlich gegen Mittag traf ich meine Beute. Ihr kleiner Racker fuhr ein aus +der Tiefe des Sees, ich erkannte das Segel. Aussteigend ging die Fürstin +auf der Straße zwischen den Linden. Als wir uns gegenüberstanden, löste +sich die Küste aus dem Dunst, und wie ein gedrehter Quarzblock leuchtete +das Bergschloß dumpf und wirr. Die Lippen eingezogen, zürnte sie mit +aufgereckter Braue. + +Aber schon hielt ich nicht mehr: »Geraubte Frau . . .« da riß der +Herzschlag die Worte im Mund, und ich küßte sie. Starr stehend, nahm sie +die Küsse, die über sie stürzten. Dann sank ihre Brust, und mit leichter +Erhebung hob sie das Gesicht. Da lag ein Schein um ihren dunkelen Kopf und +machte ihn süß zum Weinen. Ihr Mund, irr entblättert, nahm Küsse auf, ihre +Lippen bogen sich unter dem suchenden Mund. Sie trug nicht das +Schwefeljackett, sie war blau und dunkel. Wie aber mein atemloser Mund zu +schelten begann vor ihr, und meine Zunge anfing, von Liebe demütig und +niedrig, sie zu preisen, da fiel ein großer unverständlicher Brand aus +ihren Augen, und nun war Glanz um sie, daß ich fast verging. + +Mit geblendeten Augen über die Dörfer hin, wie in einem Regenbogen +strahlend, fahren wir im Wagen hin. Alle Dinge haben Tiefe vor unserem +Auge. Immer liegt die Landschaft vor uns. Gott ließ uns unsere Blicke nie +sehen, vor Wonne stürben wir. + +Dann sahen wir Netze hingehängt vor die Sonne, und die Sonne legt sich auf +jeden Tropfen, der aus den Maschen sich löst und zur Erde fällt. + +Hier mußte das Ende der Welt sein. Hier steigen wir aus. Wilde Kühe +sprangen auf einer zarten Wiese und wo sie fertig war, da war ein See. + +In ein Boot meine Beute. + +Die Luft ist stahlblau. Die Sonne ein Bündel Schwerter, deren Spitzen +zerprasseln wie Flammenschwerter der Cherubim. Wind weht mit stürmender +Gewalt, stet, unaufhörlich, ein endloser Wind, stets flackert das Haar. Das +Wasser formt sich unter ihm zu tausend kleinen Türmen. Durch tausend Türme, +die schmetternd die Wände zerschlagen, erzwingen wir eine Insel. + +Gehen ins Wasser -- und nun küssen wir uns. + +Am Strand liegend, kommt aus unseren Herzen die Verklärung, und die +Landschaft liegt anders geformt: + +Zerrissene Sonne wirft der Wind in Funken durch die Luft, aber es wird ein +Kranz, der aufwächst am Horizont und ihn rund macht und groß. Nun wird die +geweitete Wiese vor uns Ebene mit großen Städten vor ihm, paradiesische +Tiere spielen in sanften Sprüngen, und große feierliche Wolken beginnen +hinter ihr aufzusteigen und weiß den Himmel zu überrunden. + +Kein Wunder scheint fremd, die Erde wird innig und warm. Der See wirft +Muscheln heraus und seltene Fische, mit Bärten und samtdunklen Augen. Ich +sammle ihr alles, ich stehe bis zur Hüfte im Wasser und rufe hinüber, daß +ich sie liebe. Mein Auge faßt die wilde Robinsonade. Die Weite hat +unendliche Neue. + +Aber mein Herz wurde milder, ich habe dies nie gekannt. + +Der Fürstin schwere Brauen zuckten mit Gold über den schwarzen Augen, und +der weiße Sand, auf dem sie lag, wurde glanzlos und dienend vor ihr. Manche +hohe Welle erreichte unsere Brust. + +Da brach plötzlich der Schleier ihres Auges, und eine wilde Zärtlichkeit +entströmte ihr. Und da konnt ich nicht halten, aber ich schrie nicht. Doch +ich konnte es nicht halten, und ich flüsterte. Mein Herz warf sich durch +meine Brust, aber ich bewegte kaum die Lippen. Aber sie schwand auf meinem +Hirn als die bunte Beute und ungekannte Zärtlichkeit hob sie ohne Halt. + +Ich wußte, daß ich sie lieben würde in Schmutz und in Unglück, daß ich sie +lieben würde: Ihren Hals, ihre Zehen, jeden Schmerz und die Wollust und die +Krankheit, es gab kein Ende. Ich war voll und überströmte. Ich hielt es +nicht mehr und flüsterte kaum mit den Lippen, es gab keine Grenzen der +Verzückung. Ich will dir dienen, flüsterte mein Herz, ich will dich töten. +Aber alles war sinnlos, denn mein Herz war närrisch, denn dies hatte es nie +gekannt. + +Und ich strich ihr über die Haare und sagte: »Ich liebe deine Zehen, ich +liebe deinen Schmerz und den Schmutz und die Krankheit.« Aber es war wenig +nur, was ich versprach, denn mein Gefühl war viel größer, und dies war noch +lang nicht die Grenze, und sie lächelte glücklich und fern. Ich hatte +vieles, was ich noch keiner Frau gegeben, ich hatte Zahlloses, was in mir +aufbrach, daß ich vor Glück verging. Ich kannte kein Ende, ich war die +Welle, der See und die Insel und flüsterte mit jedem Geräusch: o daß ich +dich liebe, 0 daß ich dich liebe, und mein Mund wurde stumm vor Übermaß. + +Nun wurde die Landschaft still. Das Wasser milderte sich und gerann zu +dunklem Öl, und, zusammengeschlossen in endlose Ruhe, stieg über einem +Segelboot, das träumte, der Tag ziellos. + +Die Insel glühte mit dunklem Basalt in dem rötlichen Wasser. Sie hatte ein +Glänzen. Es war ein grundloses Glänzen. Ich aber wußte, daß ich alles für +diese Frau tun würde, denn sie war ungeheuer in mir. Seligkeit floß über +die Ränder des Tages. + +Es wurde Abend. + +Wir fuhren zu den Zügen, noch eh das Licht auslosch. Noch stand die Sonne +über der Ebene, die sie schon berührte, und der Kranz ihres Lichtes brach +sich nach oben in einer stillen brünstigen Glut. + +Allein auf der Terrasse des Bahnhofs beschloß sie zu bleiben und nicht zu +fahren, den Blick nie von dem See unter ihr lösend, der immer mächtiger die +Wellen der Landschaft aufschloß und in das Licht der unsäglichen Ruhe +hineintrug. + +»Ich mußte dich haben, Fürstin. Aber daß ich dich so liebte, nie hätte ich +das geglaubt . . .«, stammelte mein Mund. + +Da nahm sie den Blick von der Gegend, und in einem fassungslosen Zueinander +warf uns ein Kuß zusammen, aufgewühlt die Herzen in den Lippen tragend, +ihre zuckenden Worte: ich liebe dich, ich liebe dich. + +Aber erst, als der Zug unter rötlichen Wolken anzog, erkannte ich in ihrem +Kopf, der, eine dunkle Schale, aus der Dämmerung heraus vergehend sich +formte, das Auge in letzter Tiefe. Da erschrak mein Herz, und ich wurde irr +vor Sehnsucht und maßlos getrieben vom Gefühl, rief mein Mund: O daß sie +stürbe, o daß sie stürbe, wie unendlich wüchse mein Gefühl. + +Aber ich war ein Narr und wußte nichts von Tod. + +Und als der Motor unter mir die Nacht durchbrach und mit grünen Lichtern +das Schloß suchte, da zitterte mein Herz noch einmal übermütig von +Genossenem und ich glaubte, nichts überträfe die Gefühle des Besitzes. + +Meine Augen schufen funkelnde Dinge in den Raum. Ich war übermäßig gefüllt +und sprühte. Meine Augen setzten Glut in die Nacht, und das Dasein zog sich +zusammen; es wurden Frauen. + +Katharys nicht genossenes Knie, ihr ungekanntes letztes Lachen reizten +schmerzhaft mein Begehr. Dies war noch nicht beendet. + +Aber dennoch, wie schwand es hin unter dem einen Gefühl. + +Und ihr Kopf strömte wieder aus meinen Augen in die Dunkelheit und wandte +sich gegen mich. So trug ich sie in mir. Und sie tilgte die Gegenstände, +bis nichts mehr blieb als ihre Nähe, da plötzlich stürzte unbegreiflich +Trauer in mein Herz, als ich sie sah. Aber ich hatte nie Traurigkeit +gekannt von Frauen, ich wollte nicht leiden, und ich biß auf den Mund und +hob die Brust. + +Und dann schrie ich gegen ihr Gesicht, daß ich nicht leide. + +Da trat der Schein um ihr verlöschendes Gesicht, und ihr Gesicht war krank +und süß zum Weinen. Da neigte ich den Kopf: + +Auch da will ich bei dir sein. + +Und nun wußte ich, daß ich Grenzenloses um sie leiden werde, daß ich stumm +in Schmerzen vielleicht stürbe, daß diese Liebe mich durch alle Höllen +reiße, daß ich an Straßenecken verginge am Geruch eines Baumes an +Erinnerung, und daß die Welt aus meinem Hirn ganz hinausginge um sie. + +Da wurde mein Herz einmal noch wild und ungeduldig, und beschwor Gott um +Kraft und Zorn gegen diese Liebe, und ich breitete die Arme aus und stand +allein im Licht meiner Laterne auf dem Motor, der das Wasser zerwühlte, +gegen die Dunkelheit gekreuzigt. + +Und ich schrie ihn ungeduldig an: + +»Warum gabst du mir ein wölfisches und wildes Herz?« + +Aber schon schwand der Zorn unter der Inbrunst. Der Horizont schien endlos +vertieft. Ihr Bild lag aufgeschlagen überall in meinem Blut. + +Mein Herz war freudig alles zu tragen. Auch der See trug eine schmerzliche +Reinheit. Der Strand leuchtete weiß. Später warf Gott den Mond in glühendem +Bogen durch die Nacht. + + + + +JAEL + + +MITTEN im glitzernden Geschrei einer Galerie von Papageien fand ich dich an +einem Tage, Fürstin, und wir vereinten uns. Du standest wild und gleitend, +indem die bunten Vögel dich mit langen Rufen umschwebten. Als ich deine +Hand küßte, erhoben sich alle auf ihren Schaukeln und schwenkten höllisch +die Flügel, da brach erst dein gläsernes Gesicht unter der Rührung. Über +dem Garten hing im Blau das Silberzeichen schmalsten Mondes. + +Zebras tanzten glänzend wie Perlmutt in quecksilbernen Bögen auf der Wiese. +Einsam schwamm der Rücken stolzen Dromedares über dem Gebüsch neben deiner +Achsel. + +Du bist träumerisch. Wie die Spiegel der Olympia, der Geruch der Oper und +die Wehmut der benzinduftenden Avenuen ist deine Pupille voll Nebel, und +die stilleren Fahrten des Bois, Glanz und Ruderer leuchten darauf . . . du +richtest den Blick gerade: und es steht ein Dolch darin. Dieser Abend nahm +kein Ende, den wir durchschritten, er schien wie ein pfingstliches Fenster +auf den Garten durch die Dämmerung. + +Pfaue sprangen in die Bäume und schlugen drohend unerhörte Räder gegen den +geröteten Westen und schrien vor Sehnsucht. Gegen die Gatter wuchsen aus +den Zwingern weiße Bären, brüllend, wie Gekreuzte und bissen unter größer +werdendem Mond in die Eisen. Über den Teichen lag Stille und über den Ufern +stelzten schwärmerisch erregte Flamingos. + +Plötzlich schrie der Elefant. Die Stille wuchs wie Herzschlag über den +Garten. Dann aber erhob sich mit einem Ton die Stimme des ganzen Gartens. +Tiere schrien in den Frühling, denen Blut durch die Kehlen sott. Sie +schrien nach dem Mond in der Dämmerung immer lauter vor Wildheit und +Sehnsucht, es war ein toller Abend, Fürstin, der ganze Tierkreis qualmte um +uns vor Schweiß und Begierde, der Dampf schob sich in unsere Nüstern. + +Du hattest die Lider halb geschlossen. Du lachtest, als das Blut des +Raubzeugs auf uns stürzte, und ich begehrte dich wie ein Wolf mit den +Zähnen. + +Du fuhrst mit zwei trabenden Pferden hinweg die Allee hindurch, die Hufe +klopften noch durch den Nebel, als ich dich blitzhaft Entflohene nicht mehr +erblickte. + +Am Morgen brach ich bei dir ein, holte dich funkelnden Fasan aus hellem +Boudoir, auf meinen Armen rolltest du, Copra, ich trug dich hinunter über +die Treppen in das schmale Auto, wir blitzten glühend durch die Stadt, +durchsausten den Wald. Wir hörten die hellen Glocken über die Wasser +bellen, ich hob dich auf das Verdeck. + +Unser Dampfer war weiß und porzellanen, er weidete sich in dem Morgen, +seine Kajüten waren eitel, seine Rahen flammten. Wir fuhren den Rhein +hinunter voll von Licht. + +Nie sah ich von meinen vielen Frauen eine herrlicher als dich: wie du +standest! Braun, meine jüdische Fürstin, groß bis an meinen Scheitel, von +der Loire durchsüßt und den Atem der Steppen in den Nüstern, auf dem +Verdeck mitten in Sonne. Die Hände hattest du groß und frech in schmalen +Taschen vor deinem Geschlecht. Deine Lenden flossen vor Linien seidenweich +durch die Luft. Die Wage der Hüften wiegte über dem Springbrunn der beiden +Schenkel und den tanzenden Feigen deiner Kniee. + +Du zogst die Schultern leicht in gewölbte Bogen und sahst ruhig nach den +Ufern. Aber dein Gesicht war von Bräune so wild, daß die Yachten um uns +heulten vor Sehnsucht. Glitten Dampfer uns grüßend vorüber, schrien die +Sirenen in den Morgen. Die Wellen stoben toll herauf in deine Höhe. Wind +überstürzte dich, tödlich schöne Säule jüdischen Fleisches, Fürstin. + +Als dein Tuch fiel, kniete ein dunkeler Matrose, und eine Flamme stand +zwischen seinen Brauen. + +Dein Blut war mächtig, daß der Strom hinter uns hinblich und die Scharen +der Burgen ausgelöscht hinter die Sonne krochen, daß der Ansturm der Ufer +abriß wie ein Schuß. Du tilgst die Gegend hinweg. + +Stolz zwischen den weißen Frauen der Passagiere bist du nicht mehr die +Fürstin, du wächst über sie hinaus. Ich habe dir einen anderen Namen +gegeben, Durchlaucht, in fließende Seide Gehüllte, aber ich sollte dich +Debora nennen. + +Denn du stehst -- und meine Augen flammen es nach wie Sonnen -- aufgereckte +Richterin auf dem Gebirge Ephraim. Uraltes Blut wandelt sich zurück in +deine Figur. Die eisernen Wagen rollen hinter dir über den Horizont. Heere +fallen nieder vor dir betäubt und preisend, deren Haar eine Flamme aufgeht +über den Palmenstädten, Triumph singend aus tosender Kehle über den +Posaunen, Schluchten füllend mit deiner Stimme wie eine Wolke, braun und +inbrünstig von donnernder Gottheit durchraste im Mond über Juda stehende +nackte Tigerin. + +Vor dir rollen aus dem Gebirge die Ströme der Heere in die Ebene. Nacken +gefällter Könige siehst du lächelnd, irr der Mund zur Seite gezogen. Sie +stellen die Lade vor dich. Sie erschauern in ihren Knochen, und tausend +Streitwagen brausen aus den Tälern in die Ebene hinein. + +Feuriger als die dunkle Sonne Europas steht über dem Steuer gepflanzt auf +dem Fluß der Strahlenschleuder deines visionären leicht gewölbten Leibes +weißflammend in seiner Figur. + +Da bricht in die mystische Geburt Asiens das Lauern deines schrägen +Augenlides. Ich flüstere »Ghetto«, und dein Haß sticht in mich wie eine +Klinge, ich badete in deinem Haß und schwor gegen den Wind, daß er zum +Stürmen steige, aber der Wind war feig und lag an deinem Fuß wie ein Reh. + +Du trugst lehmrote Tücher um dich mit Schwefelsternen am Abend auf unserem +Balkon. Wir tranken dunkelen Wein, der schäumte und dann tanztest du aus +dem Zimmer auf die Veranda, auf der der Mond schon nach dir griff. Da riß +ich die Tücher von dir. Diese furiose Entkleidung! Es war eine Löwin, die +ich umarmte. + +Aber allein, indem das Dunkel des Raumes dich von mir abschloß, tanztest du +die Sprünge deines uralten Blutes. Deine Schultern bogen sich über den +Achseln, der Rhein hing weiß gespannt unter dir mit einem hellen metallenen +Ton, strahlend hob sich der Bogen deines Halses, schön und gezogen wie von +stolzen Kamelen, um deren Kehlen goldene Spangen liegen. Und als du +umtratst, und der Mond deinen Bauch traf und entfachte, da wurde ich +wahnsinnig, Fürstin, und du tanztest, mesopotamische Königin, goldgelb +gefleckt die Weichen wie eine Tigerin, über die Zacken des Gebirges +Ephraim, und ich raubte dich auf meine Arme, wie rochst du nach Narden und +schriest. + +Dein Fuß ist chinesisch, deine Wade aber steht schon voll Wollust. + +Deine Zunge ist voll Unzucht wie eine gierige Posaune. Ich will deinem Mann +das Hirn über seinem Titel einschlagen, denn deine Schenkel sind dunkel +verstrickt und stärker als Nacken der Stiere. Dein wilder Leib schäumt über +und läßt mich irren an Gott. Du lächelst, die der Mond salbte, im +Feuerregen der Küsse, dein Mund zerfleischt meinen Arm, deine gelösten +Lippen wirbeln von feuchten Worten, deine Zähne sind spitz wie von Haien +und die Sonne deines Leibes scheint toll in die Dunkelheit. Deine Brüste +heben sich brausend unter meinem Mund wie heiße Quellen, und dein Hals +erhebt sich und singt wirr wie im Fieber. + +Siehe alles ist Jordan draußen und die Luft starrt von Posaunen, tausend +eiserne Wogen rollen donnernd über dem Halbkreis rötlich umflammten +Gebirges. Alles tönt Ephraim bis in die Ebene. + +Schlanke Tänzerin Gottes, mit den üppigen Lenden im Feuer der Berufung, +Aufgerichtete, Rasende mit den Hüften, Königin langen Blutes, Dein Mund +singt heiser wie ein Wolf und glüht wie ein Stern. + +Nie sah ich Hände, lang, braun und selten wie deine. Blaues Haar deiner +Schläfen liegt um meine Kehle geschlungen und mein Mund saugt aus dem +Eindruck der Kissen den Geruch deines Fleisches zurück, das dampft und +scharf ist wie von den Tieren der Wüste. Die goldenen Siegel deiner +schweren Brauen zucken vor Licht. Über uns rennt das rote Segel des Mondes. +Auf den Spitzen deiner Finger glühen dunkle Flammen. Mein Herz schauert +wild vor dir. + +Hinter deiner heißen Stimme liegt eine, weich und flaumig bis zum Rasen der +Verzückung, und wenn du den großen Nacken zurückwirfst und jauchzend leis +erstöhnest, dann jagen wir im Spiel deiner Hüfte beide auf donnerndem Wagen +über die Ebene vor zuckendem Gebirge Ephraim, Wind des Sieges glüht über +die Stirnen, und die Signale Jahwes, deine Haare, flammen wie eine heilige +Meute hinter uns. + +Deine Haut ist braun mit silbernem Flaum und glatt wie deine Zunge. Dein +Gang ist fürstlicher als dein Name. Alle Augen grüßen dich auf abendlich +festlichen Promenaden: Königin der Avenue Wagram und der großen Revuen, auf +den Dämmen über dem blauen Meer mit den Fahnen, in der hellen Schönheit der +Korsos und Blumenwagen. Ich aber dämpfe dein Blut. + +Lachst du, weil mein Pyjama weiß im Mond schimmert wie eines Pierrot +. . . . Diese Nacht tobt mit roten Lawinen im Rhein. + +Ich sollte dich Debora nennen. + + Aber ich habe dich + JAEL + genannt. + + +Weil es wild klingt wie eine geschmeidige Löwin und inbrünstig wie das +metallene Schreien der Hörner, und weil ich nicht weiß, wenn ich auf den +Kratern deiner Brüste schlafe, ob du mir nicht durch mein Hirn einen Nagel +in meinen Schlaf schlägst, bernsteinäugiger Panther von Libanon. + + + + +DIE ABENTEUERLICHE NACHT + + +IN einer Nacht früher entdeckten wir schweigend den befestigten Hof, +zerschlugen ein Fenster, stürmten ihn und standen vor jener endlosen Flucht +von Zimmern. + +Nun, wo Nebel geschichtet liegt zwischen mir und der Fürstin, wo wir +leiden, nun lebe ich tagelang mit wenigen der Kameraden auf dem Hof. Die +Einsamkeit weicht immer tiefer vom Himmel ab und rückt über das Ried gegen +uns an. Nachts kommen weiße große Katzen durch den Mond gegen die sieben +Akazien vor dem Tor. + +Ganz ferne Bauern nur manchmal heben die Hand über die Brauen und sehen +abgeschatteten Gesichts nach den Streifenden. Rasch aber vermählen sich +ihre Bewegungen wieder dampfender Erde und erntendem Gerät. + +Hier ist das Paradies. Wir werden innig mit den Tieren. Auf den Dämmen +laufend, sehe ich vom Hof Kommende, vom Hof Gehende und alle haben mehr als +menschliche Anmut, wenn sie die Gräben überspringen, die die Landschaft +wild zerschneiden, und in Schilf schon eingetaucht wieder auf langen Dämmen +hingehen, näher dem Himmel als je. Abends sitzen wir auf der runden Mauer +und sehen, wie die herbstweißen Leiber der Weiden sich vor den Horizont +ordnen und riesenhaft lohen. + +Morgens zieht Nebel in die Gegend und Rehe nahen der Mauer und weichen +nicht. Um meinen Gang an den Kanälen schwirren Fasane, rostrote Leiber +ängstend zwischen dem Zuckflug der schmalen Flügel und ein Pfeifen im Mund, +das die Stille erst wieder sanft macht. + +Hier sind nur Tiere. Und selbst die Hasen laufen in Bogen um uns herum und +halten die Ohren weich an den Hals gelegt. Wir haben das Ried überschwemmt, +aber wir rühren nicht an diesen Frieden. Wir neigen uns zu dem Tier und das +Tier verwächst unserer Bewegung. Die weiße Blume der Rehin leuchtet uns zu. +Weihe kreisen mit stillen Flügen um unseren Kopf. + +Abends durch den silbernen Nebel kommt verklärt von milden Scheinen ein +Hirsch über die Altrhein-Brücke, und geht auf uns zu über die hölzerne +Planke, die hinter ihm am Ende sich unirdisch schon verengt. + +Einmal nur machten wir eine menschliche Revolte gegen die Paradiesischkeit +und liefen in einem Umzug mit Gekreisch und Musik bis zur Fähre. +Zurückkehrend, steht unser Hof, halb zugewachsen von fern durch Schilf und +Weide und geschwungene Landschaft saftiger Kanäle, überschnitten von +Dämmen, vor einem lodernden Herbsthimmel, erstarrt mit den Fenstern, und +dunkelnd schwingen sich seine weißen Schorne drohend in den Raum wie +Flammen aus Erz. Jedes Tier schweigt um das kubische Gebäude, und die lange +Flucht der Diele, durch die schon Salier schritten, liegt in blauen +Schwefelschatten. Schon stürzt wieder über noch flackernde Stimmen die +Einsamkeit durch den klösterlichen Garten auf den Hof. + +Wir streuten uns über das Land, wir tranken in quellender Landschaft wie +lüsterne Wölfe Kuhmilch aus den Eutern, schwammen zum Gassengefunkel der +Nacht über den Rhein in kleine Bergstädte, wir zechten durch umbuschte +Dörfer und machten Prasserei mit den Verwaltern auf großen Gütern. Nachts +im Innenhof, glänzend vor Tauluft, und Gestirne fremd über dem Haupt, +badeten wir unter donnernder Brunnenflut. + +Irgendeiner nahm einen Kienspan und lief nackt durch die welken Blätter um +die runde Riesenmauer, und andere folgten, stumm vor Jagen. + +Lang vorbereitet erschien die abenteuerliche Nacht, wo alles weiß glühte +mit ungeheuerer Innigkeit. + +Große Schwärme von Raben schwangen in langen Kreisen um die halbe Scheibe +des schon ausgedunkelten Himmels, aber die andere Hälfte war von Lichtern +irr überschüttet, und die geisterhaften Züge wilder Enten schwammen durch +das Geflacker sanft im Strom dahin. + +In dieser Nacht tanzten die rötlichen Mäuse in stillen Wirbeln durch mein +großes helles Zimmer, und durch die zerbrochenen Fenster legte sich die +buschreiche Landschaft in einer Welle vor mich hin, und da wuchs meine +Sehnsucht und ich lag stundenlang im Fieber. + +Und als ich glühte und wirr vor Leidenschaft die Landschaft begehrte und +den Mond, da schrie die Elster in der Hofplatane entsetzlich, und die +schmale hündinhafte Hüfte der Holopainen rührte an mein Blut. + +Aber ich kannte sie kaum mehr und flüsterte »Angelique« und mein zur Seite +fallender Blick traf den ihren. Und die Gegend wurde undurchsichtiger +hinter ihr und ihr rötliches Haar ward blaß in Blondheit und die Augen +schwammen ihr weißer. + +»Was willst du?« rief ich und fluchte auf die Elster. + +»Die Abende von Passy«, sagte sie, und Zucken lief um ihren slavischen +Mund. Aber sofort kam die Lippe in springendes Reden und wölbte sich kühl: +»Einmal beim Erwachen war deine Hand, die mich hielt, so groß, daß ich +umsank vor Liebe. Das war, als du im Pharuskegel der Autolaternen Jainikoff +in den Mund hiebst und mein finnischer Imatra erbrauste. Es füllt meine +Tage. Es füllt meine Nächte.« + +Ihr Mund wurde bitter. + +»Ich muß mein Herz noch härter machen«, sagte ich und hatte kein Mitleid. + +Da losch ein silberner Strahl über ihr Gesicht und ihre Hüften glitten fast +unbewegt aber erregend, und sie wies auf ihre herrlichen Beine: »Auch sie +gelten dir nicht mehr, mit denen ich durch die schreienden Cabarets des +Montmartre vor dir tanzte, die du küßtest vergehend, nachdem sie auf den +Bütten aller Cafés geglüht?« + +Da wurde mein Mund sehr zornig über ihr Quälen und ich schäumte. Aber sie +richtete den Blick lang auf ihn, bis er sich ruhiger legte. + +Doch war es schon nicht mehr die Tänzerin, sondern es war in schlanker +Fülle eine andere, es war Ylona, und hob sich mit fordernder Lippe gegen +mich: + +»Du tust Unrecht.« + +»Ja,« sagte ich, »weil ich bereit bin, es tausendmal zu büßen.« + +»Dies hilft mir nicht.« + +Aber ich sagte ihr, daß sie sich selber helfe und tänzerisch sich bewege +über die dünne gläserne Kuppel des Leides. + +Da wurde ihr Gesicht mild und mondwarm und sie sagte: »Du bist noch nicht +so weit.« + +Ich sah sie an. + +Sie sagte langsam: »Mein neuer Pelz ist schön, doch freut er mich nicht. +Ich sehe viele Umarmungen. Sie stoßen mir ins Herz. Ich sehe fette Aale in +den Ladenscheiben. Ich weiß niemand, dem ich sie sende. Viele Männer +begehren mich. Ich möchte mich keinem geben. Und gebe ich mich einem, ist +es nutzlos für mein Blut. Es gibt nichts, das meiner Sehnsucht nah käme. +Denn du bist wie ein Gesetz darüber und du hast an all den Dingen keinen +Teil.« + +Doch da schrie ich: + +»Glaubst du, es quäle nicht, daß jedes Glück dasteht, schon zusammengehauen +von dem neuen. Weißt du mein Herz, das inbrünstig begehrt zu halten und das +der Taktschlag seines Angriffs weiter reißt. Alles rinnt aus den Händen, +deren Wille es ist, nichts zu tun als zu halten. Aber sie greifen nur. Uns +ist kein Bett, kein Stuhl. Unser Blut schreit Heimat, aber es strömt in +bunte Ergriffenheit. Wir haben keine wartende Brust. Wir haben den Fluch +der Zerrissenen aus der Sehnsucht und müssen verzückt Irrende sein.« + +»Du hast den Glauben nicht«, sagte sie. + +Aber mein Herz wies lachend auf seine Wunden, und es schien vor mir selbst, +gepflanzt über der Landschaft. + +So sah ich es selber wie aus Kristall weiß erstrahlend mit sieben Dolchen, +und blutiges Harz quoll daraus. + +Und Zorn überfiel mich. Und ich wies auf die Sehnsucht, die mein Herz +quälte: »Weißt du nicht, daß ich in Wirrungen lebe, wilder wie die euren, +und in Schmerzen, die eure übersteigen. Daß ich euch alle vergaß, und +zerquetscht vor Sehnsucht streite um die Fürstin.« + +Und meine Augen tränten über, und ich sah den entfernten Leib der Fürstin +wieder vor alle Dinge geschoben: + +»Wem ist bestimmt, glücklich zu sein? Sieh, wie wir alle umeinander in +Zuckungen liegen. Aber es lebe das ungeschlagene Herz.« + +Jedoch der Zorn um die Fürstin überwand mich vor Ylonas Augen und ich starb +fast vor Schmerz, und nichts hatte Wert mehr in dieser Sekunde gegen ihren +Leib. Und zusammensinkend, flüsterte ich, und rief ihr Bild aufs heftigste +vor meine Augen: + +»Ich habe wenig Lust an anderen Frauen, die Fasane und die runde Mauer und +die Rehin sind ohne Belang. Mich stört die inbrünstige Glut der sterbenden +Weiden. Mein Ruhm ist Lächerlichkeit, gemessen an deinem Knie. Alles wilde +Tun ist irrer Weg und du nur bist Ziel, bist die Sehnsucht.« + +Wieder sah ich mich selber gestürzt in die Landschaft, und fern im weißen +Licht kniete Ylona auf der Ebene, und hinter ihr wuchsen wie lichtere +Flammen andere zu einer riesigen Kette über die Ebene, und alle schrien ihr +Leid sich in die Gesichte und wurden langsam ruhig und still. + +Aber als ich mit zurückkehrendem Blick den Ylonas traf, härtete ich mein +zuckendes Herz und ich sagte ihr, daß mir nicht bestimmt sei, an Sehnsucht +zu sterben. Und daß ich über die Leiden springend vieles tun wolle. Daß +zahlreiche Frauen auf mich warteten, daß ich Ehren geil erstrebe, Fahrten +unendlich unternähme und strahlende Großherzoginnen besäße, stürbe auch +darunter weg das Herz vor Trauer wie eine abgebissene Frucht. + +Da sah sie mich an und lächelte. + +Und ihr Lächeln ward so irr und süß, daß ich wild erschrak, und, Höllen +ahnend, die ich nicht kannte, die Sehnsucht aufschoß gegen die Einsamkeit. + +Aber sie tat ihr Lächeln nicht weg, und da hielt ich es nicht mehr aus. + +Ich stand auf. + +Ich ging hinüber in den Saal. + +Mit bronzener Reiterpauke, die Großen Friedrichs Regimenter in die Schlacht +gedröhnt, begann ich den Umzug. Starr und zeremoniell. Feierlich paukte ich +durch den endlosen Gang und jedes Zimmer. + +Und jedes Bewohner schloß sich an. + +Einer nach dem andern in weißen Kleidern gingen wir durch die Flure und +Räume, jedes Gesang war wilder und irrer in dieser Nacht. + +Die Dunkelheit der Fenster lag blind gegen die Mondnacht. Landschaft glühte +vergehend in magischem Weiß. Aus Giebel und Gebälk brach ein schreiender +Eulenschwarm. Fledermäuse warfen sich entsetzt in den Zug. + +Da kamen wir durch die niedere Tür in den Garten. Unser Lärmen schwoll an +und warf sich verschlingend in die starre Helligkeit der Nacht. + +Tiere nahten sanft erschreckt. Die Landschaft bog sich im Mond unter den +Pauken. Große weiße Katzen glitten über den Hof an die Mauer, und unser +langsamer Zug, starr in weißen Pyjamas begann seinen grauenhaften Gang in +die landschaftliche Nacht. + +Alles schwieg feindlich beseelt, und von uns keinem kam aus der Sprache ein +Ton. + +Dies war die weiße abenteuerliche Nacht, die, voller Erscheinung wie +zwischen zauberhaften milden Eisbergen hinschreitend, wir noch +gespenstischer mit Reitertrommeln uns unter die Füße schlugen, bis endlich +süßer Morgen mit Silberrot uns befreiend gegen die gebogenen Stirnen +prallte. + + + + +BRIEF + + +MEIN Mund ist voll von Pfeifen, meine Stirn brennt vor Sonne, mein Zimmer +wälzt sich in Licht. Rasend vor Musik ist der Raum, er ist wie ein großes +Tier, das ich liebe um seiner starken Flanken und seiner schmalen Treue, +die mich nicht tröstet, und der ich mich nie hingab in der übelen Zeit +. . . . O als dein Brief kam, ward Morgen irgendwie in meiner Müdigkeit, +mein Bett hob sich um mich weiß und glänzend, und es ward ein +blitzschneller Spalt in meinem Schlaf, und ich sah deinen Brief, Fürstin, +und lachte. Und schlief ein in mein Lachen hinein. Ja, es ward Morgen, eine +kleine glühende Spanne nach zwei Nächten, die ich nicht schlief. + +Sieh, ganz ist mein Mund voll Pfeifen. Wie war unser erster Tag wieder, wie +war unser Tag neulich voll Lachen. + +Das Futter deines Briefes ist herausgefallen, ich habe es gepackt, als es +in Stufen nach dem Boden schwebte. Ich habe es gepackt und zerrieben vor +Freude und dann habe ich es geglättet und geküßt und verbrannt. + +Du . . . unser Tag . . . als wir über die Brücke gingen. Keines sagte: Ich +habe dich viele Monate nicht gesehen. Nein. Niemand sagte: Ich habe +Unendliches gelitten. + +Röte nur ging rauschend über den Himmel. Türme und Kuppeln schwammen +strahlend und dunkel gebildet über die Glut des Abends. Wind riß die letzte +Sonne durch unser Haar. + +Wir sprachen nicht Fürstin, nur unsere Augen überwanderten den Himmel und +unsere Munde bebten vor Stummheit. Plötzlich aber blieben wir stehen: Du +hast ein grünes Kleid . . . . Du hast einen hellen Hut. -- -- Staunen faßte +uns wie Kinder. Wir waren wie auf Inseln eine Begegnung. Du hast ein grünes +Kleid . . . . O wie war unser Tag voll Gelächter. + +Das waren die alten Häuser am Main, auf die die Sonne noch einmal Strudel +von Licht stürzte, daß sie erbebten. Das waren alte Pappeln und viele +Fischernetze. Das waren viele Dinge, über die wir hätten weinen mögen vor +Sehnsucht, aber wir standen im Wind und lachten. + +Wir saßen im Dom zwischen armen Leuten und den bösen mittleren Bedrückten, +eingekeilt, du Fürstin, mit den schönen Hüften. Wie strahlte uns die dunkle +Ecke von Holz und das Fenster und das rote Licht. + +Auch hast du gekniet, einmal, es war eine Verzückung, meine Fingerspitzen +rauschten vor Seligkeit, ich hätte dich trösten können. + +Du warst königlicher geworden. Es war mit jedem Schritt, als ob du groß +durch eine Wüste kämest. Und die Stille um dich war wie das verknirschende +Geheul einer betäubenden Menagerie. + +Wie waren deine Schenkel stolz und wild. Immer war es: ich müsse ein Wort +sagen, platzend von Kraft und überreif von Süßigkeit . . . . ich habe die +Tigerin wieder . . . . deine Flanken leuchten . . . . dein Auge ist wirr +meine Katze unter der goldenen Welle der Braue . . . . ich bin im Wahnsinn +vor Glück -- -- -- und als müsse ich lächelnd mit meinen Händen über deine +braunen Wangen hinunterfahren über deine Hüften, bis an die Knie, an deren +Rundheit meine Finger vergehen vor Besitz. + +Wie warst du schön, Fürstin, als das Zimmer deines Hotels dich umgab und +die Spiegel und deine Ringe, ich weiß es kaum noch, Sonne flammt in +Strudeln um meinen Tisch. Du hattest viele köstliche Decken, Batik und +Blutrot flossen ineinander. + +Deine Brust aber schwebte leuchtend unter der Bluse wie das Elfenbein der +Psalmen. Wie war dieser Tag dunkeläugig vor Staunen, süß von Gelächter. + +Aber ich habe dich nicht geküßt. + +Doch noch höher riß uns wie dieser Rausch die Stunde in dem großen Saal mit +blitzendem Silber, dem Weiß, den Lichtern und der Musik von tausend +redenden Menschen . . . . alles um dich wie ein Wirbel, der dich schmückte, +geschart. Als wir einen schönen Fisch zwischen uns teilten, und du den +burgundischen Wein zwischen dem inneren Rosa deiner langen Hände hieltest, +der wie Wachs war und Öl und nach Erde schmeckte, herb und herbstlich. + +Wir redeten, und unsere Silben liefen wie Schlittschuhläufer atemlos +aufeinander zu und trafen sich maßlos beseelt in einem endlosen Baum von +Verzückung. Traum und Schmerzen schwellten mich, als wir damals unter +Menschen gingen, um allein zu sein. + +Und vergiß nicht den Fischerjungen, der uns den Weg am Ufer zeigte, die +flötenhafte Nächtlichkeit der Marienkapelle, und daß ich einmal nach deiner +Hand haschte. + +Es war. Es war Ewigkeit. Auch dies. + +Du hast mir, als der Haß zwischen uns ausbrach, du hast mir vor drei +Monaten einmal ins Gesicht geschlagen. + +Kein Mann vergißt das. + +Wie ist dein Gang nun königlich. + +Deine Augen, in denen Gefahr ist, und über denen ein ewiges Losschnellen +hängt, sind mit Güte verdunkelt. Wie groß sind sie. + +Als der Bahnhof mit dir entschwebte, als ich fuhr an diesem Tage und deinen +abgewendeten Rücken sah, der sich von mir bewegte, von Rührung unsagbar +überlaufen, und ich dein Gesicht dahinter ahnte, verzückt vor Seligkeit, +Tränen hineingenietet, da fiel die Finsternis gelöschter Laternen wie +prallender Regen auf die Halle, die zurücksank. + +Aber mein Herz war leuchtend wie ein Säbel. Ihm blieb die Dunkelheit fern. +Einmal schon Fürstin, einmal schon warfen uns Züge auseinander, und +Traurigkeit stürzte über mein Herz an den Seen. Nun aber schaut es stiller +in die Welt. + +Ich werde dich, die ich besaß wie keine, ich werde dich auch noch nicht +küssen, wenn du morgen kommst. + +Blumen will ich an dein Bild heften an der Wand. Freude soll dich +schwellen, wenn du hereintrittst. Vieles will ich dir schenken. + +Du sollst alles haben, meine wilde Katze. Meine Preise will ich dir geben, +die silbernen Pokale, die Bilder und die Spitzen, meine Figuren will ich +dir schenken. Nichts soll mir noch sein. Heute Nacht will ich den Eindruck +deines Bildes mit meinen Blicken in den Baum schleudern, daß es, unsäglich +gehoben, wie ein zuckender Stern den Himmel durchbricht. + +Aber ich werde dich nicht besitzen. + +Du . . . . mein Blut . . . . Mein Blut ist wie ein Büffel auf der Steppe im +Frühling nach dir, Ich will es dumpf machen. Ich will die Herzklappe +schließen, daß sie anschwillt. Ich will es ertragen. + +Ich will lächeln, und die Zunge in den Hals zurückstoßen, daß ich ersticke +am eigenen Atem, der nach deinem Munde rauscht. Fieber wird mich ausbrennen +-- ich aber will deine Hand halten ruhig und selig wie ein Kind die Schnur +seines Drachen, der groß und schön in einem flockigen Abend steht. + +Ich will mein Blut züchtigen, daß es nicht weiter fließt wie bis an die +Handgelenke. Mögen Katarakte in meine Knie stürmen, du wirst nicht sehen, +wenn sie aufgewühlt stehn. + +Denn es gibt einen Tag, der bleiben muß: aufgerissen und kühn über jeder +Umarmung . . . . gibt einen Tag der bleiben muß. Freude stirbt in jeder +Umarmung: Unendliche Freude unseres staunenden Lachens am ersten Tage wird +darin sterben. Aber wir hatten zu viel Traurigkeit, wir hatten zu viel +einsame Nächte voll Wahnsinn, du hast mich gefürchtet, und ich haßte dich, +wir brauchen diese Zeit. + +Seligkeit soll einwachsen, Fürstin, in unsere Seele zuerst und sicher +wieder, bis sie klar darin schwebt wie eine Kuppel in Kathedralen, wie ein +Dolch in deinem gerundeten Wappen. Darum Fürstin will ich mein Blut +niederwerfen, wie Moses die Amalekiter hinschlug, indem er die Hand +hochstieß, senkrecht in den Himmel. + +Dies ist mehr -- und ich weiß es brennend und stärker aus vielen Umarmungen +-- als morgen schon die brünstige Nacht mit dir: daß ich später über allen +Rausch hinweg, der komme, nur die reine unendlich große Luft der Ewigkeit +dieser zwei Tage spüre, wenn ich an dich denke, wie ich es tat, als ich +nach Hause ging und deinen Brief fand, der dich ansagte wieder . . . . und +als die Schatten noch unbeknospter Birken in Mond und Dämmerung auf den +Asphalten froren . . . . wie es steht in mir tänzerisch und steil auf der +hochgerissensten Welle: Wie du auf der Alten Mainbrücke standest. +Wasserruch dich umspannte, letzte Sonne, als der Fluß, ruhiger verströmend, +dich plötzlich liebte, Horizont aufbrach um dich, gelb und ungeheuer, und +dich mit wilden Schreien die Mildheit hundert weißer Möven umflatterte +. . . . und dann wie du durch den Laternenabend Würzburgs neben mir gingst +in der fließenden Schönheit deines fürstlich grünen Kleides, und, die ich +dir in einem Wagen am Ufer gekauft habe, die glasgoldenen Kugeln von zwei +Apfelsinen in den Händen, strahlend wie deine eigenen Brüste über die +Kaiserstraße trugst. + + + + +TRAUM + + +DIES erste ging rasch vorüber, wir waren durch Wald gefahren, der Wagen +hielt. Wir steigen aus. Die Pferde rennen weiter. Nun ist es Sommer. + +Die silbrige Allee dreht um. In gelber Sonne leuchtet mit Spiegelscheiben +das französische Landhaus. Syringen und Springbrunnen sind darum gezogen. +Die Fürstin lächelt aus braunem Gesicht, und ihr Lächeln wirft alles +zurück, die Zeit und die Schmerzen. Wir sind da. Ich reiße sie hinein. + +In ihren Gelenken schaukelt Liebe, sie berauscht die Luft. Sie gleitet +durch die Räume. Ihre Finger weisen, zeigen, deuten, Wände, Bilder, die +Vasen, sie lächelt vor Sehnsucht, das braune Gesicht strahlt in wildem +Schein auf, ihr federndes Bewegen zündet bunte Abenteuerlichkeit in die +Landschaft. Da stürzen die Munde zusammen. + +Hier ist ein Sommer, den wir durchleben wollen. Ganz über dem Horizont +steht blauer duftender Himmel gespannt über den Mähnen der blonden +Weizenfelder, und er wird noch zärtlicher um ihre Fremdheit, die mit +Goldregen die Bläue verblaßt, und sich versträhnt dem dunklen Duft des +Flieders. Die Fenster stehen weit gegen die Landschaft. + +Dann kam der Traum: + +In dieser ersten Nacht, wo Tau durch die Monddämmerung spann im Park, +träumte ich, daß ich die Fürstin suche, und im Schlaf war die Gegend +verändert im Grund. Ich war in einer Stadt mit alten Giebeln, durch die +eine Straße lief mit schräger enger Front. Die Häuser erhielten Höhe mit +großen Baracktoren, mit Erker und vermooster Skulptur und gestaffeltem +Dachzug. Dennoch schien eins dem andern gleich. Eine Luft lag dick und +dumpf in der Straße. Die Fenster schienen blind und reglos. Kein Geräusch, +kein Ton durchdrang die Luft. Selbst meinen Schritt hörte ich nicht. + +Ich trat in eine Torfahrt, die Fürstin zu suchen, da schien sie mich +vertraut und freundlich aufzunehmen. Ich sah mich um. Da kam es mir, daß +ich sie oft mit ihr durchschritten hatte, und Rührung durchlief mich tief. +Durch einen schmalen Hof an Seitenflügeln hinunterschreitend, hörte ich +Wasser, es war, als laufe ein Fluß hinter dem Gebäude. Ich trat ein. Sieben +Kinder mit hellen Haaren umringten mich, aber sie kannten die Fürstin +nicht, als ich danach fragte. Dennoch durchsuchte ich alle Zimmer, ich +verschonte nichts, aber ich fand sie nicht und stand mit einemmal neu auf +der Straße. + +In der Schwüle war eine leichte Bewegung, ich begriff sie nicht und horchte +erstaunt. Dann aber merkte ich, daß die großen Scheiben der Läden Falten +hatten und sich im Kreise drehend in die Straße hineinschlugen und +zurückebbten. Ich blieb stehen und besah die Häuser alle nachdenklich. + +Dann nahm ich ein anderes Haus und trat hinein, und stieg ohne Pause auf +einer immer gedrehten Treppe. Es liefen viele Gänge strahlenförmig davon +aus. Aber ich ließ sie hochmütig und schlug eine kleine Seitenloge ein und +wußte nun sofort an der Tönung der Wände, am Geruch der Geländer, ich wußte +es wie im Irrsinn, hier sei die Fürstin, und Freude brach mir aus dem +Gesicht. + +Ich sah eine Tür und drückte die Klinke auf und trat ein. Das Zimmer stand +voll mit Gerät. Doch ich lächelte. Ich hatte geirrt in der Handlung. Ich +war zu sehr voll Sehnsucht. Meine Hände kannten eine bessere Tür. + +Es war eine schwarze Eichentür im Seitenkorridor. Vor ihr blieb ich lange +stehen, den Kopf in die Handmulden gesenkt. Dann trat ich ein. Ein gelblich +brauner Vorhang schloß das Zimmer ab von der Welt. Die Luft war alt und +bang, aber ich war nicht zu täuschen, ich roch einen Duft, der ihrem glich. +Ihre kupfrige Tunika hing über einem Bügel. Ich näherte mein Gesicht, ich +ließ es hineinfallen und wühlte die Hände hinein und schluchzte vor +Sehnsucht. Ich roch sie wieder. Wie entflammte mein Herz daran! + +Die Wände waren durchbrochen mit Kassetten aus hellem Stein. Darüber waren +grelle fremde Seiden gespannt. Auf einem Sockel stand ein Faun in obszöner +Haltung. Das einzige Fenster hing über meinem Kopf und siebte die Sonne. In +meinem Rücken hingen alle ihre Bilder, die Vasen, die geliebten Wände, ich +drehte mich nicht um, denn ich wußte nicht, ob mein Herz nicht brach. + +Dann stand ich auf und ging hinaus. Ich sah mich nicht um: »nicht den Faun, +nicht die Wand, nicht die Tunika« flüsterte mein Blut. »Sie« stammelte es. +So kam ich auf die Straße. Der Himmel war schwerrot, glatt mit Email +übergossen und schleuderte Abglanz in die Fenster, die Läden, die Gehsteige +und die kleinen Pfützen, die wie Ballone funkelten. Nun ging ich in Haus um +Haus. + +Aber jedes glich dem andern, und bald war ich so verwirrt, daß ich mich +selbst im Bilde sah, verrückt vor Suchen und geschlagen von der Sehnsucht. +Da erscholl der Ton einer Laute. + +Nun lächelte ich und trat in ein rötliches Haus ohne Zögerung. Voll +Sicherheit stieg ich zum Giebel. Dann ging ich langsam wieder herunter und +horchte angespannt. In der zweiten Etage streifte ich eine Tür, und als ich +vorüber war, drehte ich um, und unnennbar voll Gewißheit ging ich auf ein +Papier zu, das daran klebte. Meine Augen waren aufgesogen von dem Weiß, das +ihren Namen tragen würde. Ich war so voll von Sicherheit, daß ich die Augen +schloß im Übermut, und durch die Lider sah ich ihren Namen blau und schräg +auf den Karton gemalt, ihren wilden berauschenden Namen, den ersten großen +herrschenden Buchstaben und die steifen in Leidenschaft erstarrten der +anderen . . . . und vortretend, die Lider gesperrt, las ich einen fremden +russischen Namen, gleichgültig wie Eis. Allein ich lächelte. Sicherheit +verließ mich nicht. + +Die Tür stand im Spalt, und ich sah hinein. In der Ecke hockte ein +häßlicher brauner Kerl, ich kannte ihn nicht. Mitten aber, mitten stand die +Fürstin und schlug die Balalaika. Das hatte ich immer schon gehört. + +Aber als mein Blick sie begehrte, und mein Bein schon federte im Sprung, +traf mich durch die Luft ein Schlag, ich stand gelähmt. Es kam von ihr, ich +fühlte es, denn nur sie hatte diese fremde Macht über mein Hirn. Ich wandte +mich um, und zu einem blauäugigen Kind, das hinter mir stand, gewendet, +fragte ich: »Man tritt nicht ein . . . .«. Aber das Kind schaute vor sich +hin ohne Antwort. + +Da ging ich grad und langsam bis ans Ende des Ganges. An einem Fenster mit +grünen Glaskacheln sicherte ich den Revolver ruhig und besinnungslos und +wartete, an die Wand gelehnt. + +Bald brach die Musik ab. Die Fürstin trat aus dem Zimmer, bog und ging das +entgegengesetzte Stück des Gangs. Ihre Röcke, aufgebauscht mit Lilien auf +weißem Grund, wölbten sich über den Hüften schwach bewegt. Immer war ein +Raum zwischen ihrem Leib und ihren Kleidern, durch jedes Gewand sah ich +ihre eigentliche Form. Aber wie sie ging so, schoß ich nicht nach ihr, ich +konnte nichts tun wie sie ansehen und vergehen vor Wünschen. Ist dies die +Frau, gegen die ich schwach bin, fragte ich staunend verwirrt, doch schon +verging meine Wut, denn ich sah glänzend im Schatten der Stiegen beim +Wenden ihr Profil. + +Hinter ihr ging der Braune und seine Gestalt, noch häßlich wie ein Affe +aber stark wie ein Tier im Zimmer, zog gebeugt mit paralytischen Beinen +hinter ihr her, und ein süßlicher Geruch wie von Leichen strömte langsam +von ihm den Gang herauf. + +Es schien dunkel im Gang, als ich mich umsah. Schmerz saß in allen Ecken. +Das Kind hockte nun spielend auf dem schrägen Dach eines Nachbarhauses und +warf glitzernde Kugeln in die Luft. + +Langsam ging ich die Treppe hinunter, die Lippen redend: »Es war nicht die +Fürstin . . . . Es war nicht die Fürstin . . . .« Aber es war doch die +Fürstin, und ich belog mich nur. + +Auf der Straße aber begann mein Herz zu tanzen vor Furcht, daß ich sie +nicht fände und zwänge, ich sprang, die Fäuste in den Schläfen, in einen +Laden, durcheilte ihn und erblickte eine Tür. Das Licht hing lang und +glänzend in ihrem Spalt. Das Zimmer war halb weiß und wieder blau und von +einem magischen Leuchten erfüllt. Drei Menschen bewegten sich darin +gegeneinander mit weit über Sichtbares hinausgehender Bewegung. + +Einer war der Russe Aphroditi, ihn erkannte ich sofort, der Tänzer mit der +anarchischen Seele. Er trug ein blaues Kleid, ungegürtet, das bis zu den +Knien reichte und den Hals frei ließ. Es war, als folge er einer grausamen +unsichtbaren Musik. In den Händen schwang er weiße Callas immer nach +demselben Satz. Die beiden anderen waren Frauen, eine kannte ich nicht. + +Aber die andere war die Fürstin. Diesmal sah ich sie deutlich. + +Ich sah den roten Stern unter ihrer linken Achsel. Sie hatte ein +Pantherfell um die Taille geschlungen, sonst war sie nackt. Ihre Brüste +hoben sich breit und rund und an den Spitzen ein wenig gereckt nach oben. +Eine hohe Mütze aus weißem ungeborenen Lämmerfell krönte als Helm ihr Haar. +Sie sprang tanzend vor und zurück, die Lippen berauscht geöffnet, wild und +schäumend, die braunen Muskeln unter ihrem Knie ballten sich und entwirrten +sich wieder, ihr Auge flammte, die goldenen Brauen glühten. Das war die +Fürstin. Ich kannte jede Spur ihres Körpers. + +Da sprang unter meiner Begierde die Lähmung, ich schrie. Aber Aphroditi, +gegen die Wand gestellt, ließ die Callas fallen unter dem Schrei, und +neigte seinen Kopf auf die seitliche Schulter. Dann legte er seine linke +Hand mit dem Rücken wider die Wand und schlug einen Dolch hinein bis ans +Heft. Aber es kam kein Blut. + +Da riß ich die Tür auf, nun war sie mein, aber die Tür schien aus Erz. Die +Luft dahinter im Zimmer wurde unerträglich blau. Da schlug ich dröhnend +meine Hand durch die Planken. Ich schlug hindurch. Ich hatte sie zerhauen. + +Aber wie ich auf der Schwelle stand, war alles umsonst. Das Gesicht der +Fürstin verwandelte sich auf der Oberfläche, der tolle große Zug der Nase +und des Mundes vertauschte sich. Ich sah mit meinen Augen wie ihr Kopf sich +formte in ein unbekanntes freches Gesicht, und indem das Herz in Wut und +Schmerz zersplitterte, wie die Fremde, kokottenhaft in Aphroditis Arm sich +schaukelnd, im Pas de l'ours die Hüften schwenkend, einen schlechten +Schieber begann. + +Ich hatte sie beinahe gehabt. Ich wollte sie ganz haben und ruhte nicht. + +Zornig und verächtlich ging ich hinunter auf die Straße. »Ich will sie +haben, ich will sie haben,« so trommelte mein Herz und alles war mir +gleich, ich war im Fieber, ich nähme sie als Hure, ich will sie haben, +nichts anderes wußte mein Herz. Das Rot über den Dächern war drückend und +dunkel geworden. Es glühte zwischen den schwarzen langen Linien der Häuser +heraus. Ich spürte keine Hitze, aber Druck. Plötzlich mußte ich wenden +. . . . da sah ich unten auf der Straße sehr fern, das Fell über die Achsel +nachlässig gelegt, im Autodreß die Fürstin, über das Pflaster gehend, +leicht ein wenig sich wiegend, königlich und süß in den Hüften. + +Ich wollte rufen, ich hob die Arme. Aber sie waren Blei. Die Stickluft +drang in die Kehle, dies ist der Tod, blitzte mein Hirn, der Himmel stand +im Bersten . . . . und in dem Augenblick, als die Fürstin, mit dem Fell +spielend, leichthin auf den blauroten Horizont zugehend, fast den Rand des +Gewölks erreichte und abbog, riß eine brüllende Explosion alles auseinander +. . . . + +Da erwachte ich. Entsetzt. + +Die Augen aufgerissen spähte ich in Dunkelheit. Aber die Sommerlandschaft +stand mit mildem Silber in dem Raum, und Duft von Flieder zog durch das +Zimmer. Aber noch war ich irr. Ich riß sie herüber, und sie erwachte in +meinen Arm hinein, »du,« rief ich stammelnd: »ich habe dich . . . . ich +habe dich.« Und noch halb im Schlaf erwachte ihr gelöster Mund in meinem, +und mit der warmen Nähe ihres Leibes hielt ich wieder unendliches Dasein +mit sanftem Herzschlag erdonnernd an meiner Brust. Ich wurde ruhig wie ein +Tier, und, die Glieder an ihren gelöst, mit schwindendem Grauen darüber, +daß feindlich irgendwo ein Schicksal Ungeheures außerhalb der Macht meiner +Arme zu halten vermöchte, mit schon entfernt sich flüchtendem Gefühl des +Traums, dem Augenblick unsterblich hingegeben, schlief ich hinein in ihren +besitzenden Kuß. + + + + + + + + + +GEDRUCKT BEI POESCHEL & TREPTE IN LEIPZIG + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Die Fürstin, by Kasimir Edschmid + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE FÜRSTIN *** + +***** This file should be named 32385-8.txt or 32385-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/2/3/8/32385/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Die Fürstin + +Author: Kasimir Edschmid + +Release Date: May 15, 2010 [EBook #32385] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE FÜRSTIN *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + + +</pre> + + +<h1 style="letter-spacing: .2em"> +<span style="font-size: medium"><i>KASIMIR EDSCHMID</i></span><br /> +<br /> +DIE FÜRSTIN +</h1> + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<p style="text-align:center;text-indent:0%;font-weight:bold;letter-spacing: 2em"> +1920 +</p> +<hr class="hr50d" /> +<p style="text-align:center;text-indent:0%;font-weight:bold;letter-spacing: .1em"> +PAUL CASSIRER VERLAG · BERLIN +</p> + + +<p class="center" style="page-break-before: always; letter-spacing: .1em"> +<br /><br /><br /><br /> +ALLE RECHTE VORBEHALTEN<br/> +COPYRIGHT 1920 BY PAUL CASSIRER · BERLIN +<br /><br /><br /><br /> +GESCHRIEBEN NEUNZEHNHUNDERTSECHZEHN +<br/><br/><br/> +</p> + +<h3 class="chapter">INHALT</h3> +<hr class="hr40" /> + +<p class="contents"><a href='#chapter_1'>DAS FRAUENSCHLOSS</a></p> +<p class="contents"><a href='#chapter_2'>JAEL</a></p> +<p class="contents"><a href='#chapter_3'>DIE ABENTEUERLICHE NACHT</a></p> +<p class="contents"><a href='#chapter_4'>BRIEF</a></p> +<p class="contents"><a href='#chapter_5'>TRAUM</a></p> + +<p><br/><br/><br/><br/></p> + +<p> + + +</p> +<h2 class="chapter"><a id="chapter_1" name="chapter_1">DAS FRAUENSCHLOSS</a></h2><p> + + +</p><p class="first">DIE Drachenköpfe unserer Boote bogen um +das gelbe Segel. Die Parade vollzog sich in +elegantem Rauschen, wir wollten mit Ostwind +an das andere Ende, bei Ostwind anderthalb +Stunden dachten wir, es waren dreißig Kilometer. +Die Flottille lag in einer Linie. Die Ruder sangen +dumpf verknattert. Dann schäumte das Wasser los, +und die Segel beugten sich alle. + +</p><p>Wir fuhren in gleicher Lage steil in die graue +Wüste hinein. Das durchpflügte Wasser riß in nie +absterbender Welle einen silbernen Bogen über den +Lee. Die Bäuche der Segel neigten sich tiefer und +streiften das farblose Wasser und hoben sich wieder +aufgetaucht in rote Sonne. Die Luvseiten wälzten +sich mit heller gestrichenen Leibern weit aus dem +See, und der silberne Sprenkel der mitlaufenden +ewigen Welle umstäubte uns von der anderen mit +wildem Geflock. + +</p><p>Alle Flaggen am Mast lohten schmal gezüngelt +in das Blau. + +</p><p>Als die spitze Wolke zwischen dem verlassenen +Schloß und uns hereinschoß, gerieten die Frauen in +Bewegung. Die nackten Beine lösen faul Wade von +Wade, sie trennen sich von Mast und dem sonnigen +Verdecke, über den dunklen Badeanzügen schimmern +die bunten Jacken. Ein Tratsch saust hinten +auf das Gebirg. Kühl gebogen steht unser Himmel +noch blühend antik. + +</p><p>Ein Regenbogen rollte eine Natter darüber. Zwei +siebenfarbene Brücken schnellen über die verblaßte. +Sie rennen mit uns um die Wette. Große Jagd beginnt. +Das Schloß irr leuchtend in ferner Sonne steht +schräg geduckt unter der gebogenen Wucht des +Gewitters. Darüber aber wütet Jehovas eherner +Regenbogen und schnellt mit glühendem Finger +neben uns über das Land. Die Gegend wird klein und +grau und entzündet sich unter ihm mit magischem +Glanz. Unter irrem Schein fahren wir. Musik in +allen Seilen. + +</p><p>Jessies Blick wölbt sich aus den Frauen herüber. +Die Ruderpinne wird Eis in meiner Hand. Die Segel +laufen auf das Wasser niedergelegt. Das Gewitter +flattert über uns und bleibt. Noch durch alle Löcher +schießt eine Säule Sonne. Gurgelnd schwemmt der +silberne Muskel am Lee sein Wasser hinein. Jessie +beginnt — kniend zu pumpen, sie weiß, daß ich die +Nacht nicht schlief, lächelnd mit abgetriebenem +Mund. + +</p><p>Erlöst aus katzenhaftem Erleben der Sonne sind +die Frauen aufgerafft. Sie stehen fast auf Mast und +Segel, ihre Füße stehen im Wasser, sie stehen auf +Lee wie Statuen, und die Backbordseite hebt sich +hinter ihren von Lachen überfüllten Munden wie +eine dunkle Muschel, über die ihr Haar noch leuchtet. + +</p><p>Wir sehen das Ufer durch Schaum. Wir rechnen, +hart am Wind, noch zehn Minuten. Schäumender, +gierig, ein Liebesschwert bohrt sich die Spitze mit +fiebernder Wollust in das Gewoge. Ein dunkler +Halbkreis saust vom Ufer heraus mit einer glashellen +Kante. Jessie lauert! Die Bö. Der Großschot +fährt über die Rolle, das Boot dreht herumgeworfen: +das Segel, graue Apotheose, entfaltet sich, rauscht +losgelassen, wildflatternd hinein. Wir stehen. + +</p><p>Jede Planke zittert im Herzschlag. + +</p><p>Dann steigt das Boot, die schmale Flagge weht. +Das eingereffte Segel glüht unter Blitzstrahlen, die +den See umlaufen. Ein weißer Strich bohren wir +weiter, wettern die Boote in Bö um Bö, stehen starr, +umflossen zwischen rund um uns aufgehäuften +Wellen. + +</p><p>In siebzig Minuten erreichten wir das Ende des +Sees. + +</p><p>Es war gegen Abend. + +</p><p>Wir blieben drei Tage. + +</p><p>In der ersten Nacht aber wuchs Jessie wild in der +Liebe wie eine Stute, sie sprang durch das Fenster. +Da stand ein Garten mit Güldenlack und Malven +und roch in die dunkle Luft, in der kein Mond hing, +aber Sterne die feuchten Segel überbürdeten. Die +Nacht war heiß nach nicht gekühltem Gewitter. +Ich hatte keine Lust zu schlafen und folgte ihr. + +</p><p>Ich ruderte um die Landzunge, da war die Bucht +paradiesisch erhellt, rot gespiegelt mit vielem Glas +schoß ein Karussell einen Kreis, und eine Promenade +mit erleuchteten Bäumen lief üppig von der Küste +in den Wald. Über die Bootshäuser schwangen sich +Raketen, eine gedämpfte Musik floh aus den Pavillons +herüber, aber die Bucht war voll Kähnen und +alle Sterne und Hecks trugen rote und gelbe Ballons +und manche mit Spagat überspannte hatten Girlanden, Lampione. +So schaukelte unter ihnen die See. + +</p><p>Im heller gesättigten Licht lag Jessies Kopf wie +Perlmutter in dem Dunkel hinter ihr und ihre aus +der Lust herauf gebrochenen Augen baten. Da fuhr +ich ans Land und nahm rote und gelbe Papierkugeln +für sie. Ihr Bein glitt schlangenhaft dankend +über mein Knie. „Donna è mobile“ lächelten ihre +müd aufgeblätterten Lippen. Die war sie so weiß +und mild. + +</p><p>Wärme und Musik lagen über der Bucht, und +die Inseln der Boote hatten kein Ende des Liegens. +Brennend die rote und gelbe Laterne trieben wir +noch glühend in der Dämmerung gegen unseren +Strand. Jessies Kopf lag weiß wie eine Puppe mit +überschweren Riegeln des Mundes in meinem Schoß. +Wenn die Ruder sich über ihr schlossen, hob sie +das Auge und schlug einen bebenden Fächer genossenen +Lebens hinauf. + +</p><p>In dem weißen Morgen saßen die anderen Frauen, +starr und ohne Laut an der Küste, warfen die langen +Schnüre nach Raubfischen in das brodelnde Wasser, +und die großen gelben zurückkehrenden Stangen +ihrer Angeln stellten sich wie ein Gitter vor den +kühlen Wind des Horizonts. + +</p><p>Aber als wir anlegten, liebte ich Jessie nicht mehr. + +</p><p>Am vierten Tage, als wir ausfuhren, sprangen +die Glocken langsam um den See, aber wir fuhren +mit eigener Musik. Auf weißen Planken, spiegelnd +vor Lack, lag Sonne und beschien die zusammengerollten +Katzen. Wir fuhren mit dem Wind. Das +weiße Segel lag ausgelassen weit hinaus, dagegen +standen andere Frauen gelehnt, wie vor dem Himmel +hingewachsen, die langen schlanken Beine auf der +Rahe zärtlich schaukelnd. + +</p><p>Es gab geringen Wind und in die schönen Tiere +stieg die große Trägheit. Sie wurden still und schöner +und hatten halbgeschlossene Augen. Trauben flogen +geworfen zueinander. Ellen erkletterte den Mast. +Sie trug Sandalen, deren gekreuzte Schnüren weiß +über ihrer braunen Haut gegen das Knie hinaufliefen. +Sie saß auf der Gaffel und blies Flöte, von +dem aufbauschenden Segel gegen das leichte Blau +getragen. + +</p><p>Dann, wie die Brise anlief, kam ein fremder +Racker auf uns zugeschossen, frecher Sperber, +kreuzte, feixte, die Rollen liefen knirschend, sein +gestreiftes Segel zuckte gierig. Er legte parallel, +ein Mann stand in weißen fliegenden Hosen breit +am Bord und photographierte uns siebenmal. + +</p><p>Wir kannten das Segel. + +</p><p>Das war die Fürstin. + +</p><p>Aber ich hatte sie noch nicht gesehen. + +</p><p>Das Blut stieg mir langsam in die Augen. + +</p><p>Wir kreuzten ein wenig, bohrten gegen ihn los. +Dann schwenkt die Ruderpinne einen Riesenkreis: +einen Herzschlag lang liegen wir Bug an Bug, unsere +Spitze deckt sein Steuer. Einen Augenblick geigten +die Stricke aufeinander mit gläsernem Ton. Bauschend +in dunklem Gewühl sanken die Segel ineinander +— — — ich reiche beide Hände hinüber. + +</p><p>Mit einem Zug steht eine Frau auf unserer Kufe, +schwefelschweres Gelbjackett über der Schulter. +Schon schwenken wir aus der Windstille, schaufeln +Wind und sausen. + +</p><p>Wir haben eine Frau geraubt. + +</p><p>Die Verfolgung begann. Kläffend. Mit Geschrei. +Wir haben mehr Quadratmeter am Fock wie der +Kleine am großen. Zwei Boote umzingeln ihn, +nehmen ihm den Wind und verstoßen ihn aus der +Jagd. Gieriger Sperber rast er am Horizont hin, +während die großen Raubvögel in den blau aufgebrochenen +Morgen hineinstreichen. + +</p><p>Sie war dunkel wie eine Zigeunerin, aber mit zwei +schweren hellen Sonnenkreisen über den lodernden +Augen. Sie kokettierte, indem sie den Blick erzürnt. + +</p><p>„Geraubt, Fürstin,“ ich lache vom Ruder. + +</p><p>Sie lacht, wirft die Brauen in die Stirn wie Wellen, +und springt ins Wasser. + +</p><p>Wir halsen und ziehen sie lachend heraus. + +</p><p>Wütend duckt sie, schaut im Kreis lauernd und +schweigt. Dann schüttelt sie sich und legt die große +volle Figur gegen das weiße Segel und hebt ihren +Körper in die prallende süße Sonne. + +</p><p>Am Mittag stehen unsere Schiffe auf der Höhe +ihres Hafens, venezianische Schönheit des entgegenlaufenden +Landes, glühender Schwung voll Segel, +Boot und Stegen und Gewirr von Menschen. Wir +lavieren. + +</p><p>Ein Kran geigt. Das Segel steht schlapp gegen +den Wind. + +</p><p>Ich grüße tief. + +</p><p>Die fürstliche Katze duckt und springt. + +</p><p>Wir sind allein. + +</p><p>Die Flotte kreuzt zurück. Ellen liegt unter der +Fahne eingebauscht wie in Lotosblätter. Die Flöte +springt in süßen Kurven. Katharys Mundharmonika +zigeunert dazwischen. Das Licht war heiß für das +Blut. Es war eine tolle Fahrt. + +</p><p>Gleichwohl ging wenig Wind, aber unsere Hirne +wurden dunkel vor Übermut und Begierde. So schaukelten +wir durch die ruhig aufblauende See, kühle +weiche Ufer überall in Ruhe und eine Stadt in Nebel +aufgebaut gegen das Gebirge. Wir wiegten uns. + +</p><p>Dann sahen wir eine Mole. Sie kam in einer Spange +zärtlich in das Wasser hinausgelegt, ganz weich und +dünn mit Säulen und Vasen und Kapuzinerblumen. +Da fuhren wir hinein, ankerten, bestiegen die Kähne +und fuhren an Land. + +</p><p>Kahn um Kahn rauschte in ein Gewebe von Binden, +in warmes Wasser kniehoch sprangen die Frauen, +hoben Muscheln in das Licht, riefen und schwangen +mit den Armen das Schiff auseinander — — — da +hing das Ufer vor ihnen, und alte Bäume standen +mit Wipfelnestern riesig in Schatten gebreitet. + +</p><p>Über die Wiesen springend, ergriffen die Frauen +das Heu und warfen sich hinein. Dann stürmten sie +die Bäume und durch die Zweige glitten nackte +Beine, in den Gipfeln blinkte ihr Fleisch. + +</p><p>Aus einer Konifere tanzte Kathary auf einem +Astschweif, der unter ihr wogte. Sie trat aus der +Krone in das brausende Licht, da sah sie das Schloß +gegenüber aus der entfernten Küste von silbernem +Sonnenstrich herausgesprengt und schrie. Ihr wildes +Schreien weckte Geschrei in den bunten Bäumen, +die Äste zum See füllten sich mit Frauen, die die +Haare in bunten Mützen trugen. + +</p><p>Katharys Ast rauschte hinunter, warf sprühende +Welle aus dem See und schnellte zurück in das Licht. +So flog sie halb nackt und süß zwischen Sonne und +Sturm. Dabei warf sie mit einer heftigen Bewegung +die Hände an den Mund und blies ihre Harmonika, +indem sie flog. + +</p><p>Dann warfen sich alle Frauen in den See aus den +Bäumen. Ostwind trug Wellenberge herüber und +wühlte sie auf und warf die Schwimmenden einander +zu über die glatten Tierrücken der Woge. Immer +gaminte Katharys Harmonika über dem weißen +Zischen. Da hielt ich nicht länger unter ihren grünen +Augen und vergaß Ellens Flöte und behielt Katharys +Blick in der Gurgel hinter der Zunge. + +</p><p>Wie eine Herde Antilopen steigen die Frauen +aus dem Wasser und rennen in breiter Linie in den +Park. Das Moos federt ihre Sohlen braunrot in die +Höhe, und die schlanken Schenkel leuchten unter +den Bäumen. + +</p><p>Auf einer Wiese begann Ellen die Schlacht. Heu +aufraffend, mit beiden Armen es an die Brust gepreßt, +warf sie die Garbe in die Luft. Da sprangen +alle, die schwarzen Schwimmanzüge glänzend wie +Pantherhaut, auf den Rasen, biegen die Brüste zurück +und schleudern das Gras in die Nacken, auf +das Gesicht. Aber schon prallt eine Dogge in die +Schlacht. + +</p><p>Aus getrenntem Holunder tritt plötzlich eine +Dame im Reitanzug vor den glühenden Vollzug. +Bleichen Gesichts bleibt sie in Spannung wie eine +Herme stehen, kaum bebend. Der Reitstock klemmt +unter ihrem Arm, ein roter Stein im Griff. Ich trinke +im Wenden noch Katharys grausames Lächeln. + +</p><p>Die Frauen rennen fliehend nach der Küste. Flott +gemachte Kähne rauschten durch Binsenschleier. Die +Flottille warf Segel aus und streifte in die See. Ein +Dampfer voll Menschen, Fahnen um das ganze Deck, +stürmte uns noch läutend vorüber. Die Drachenköpfe +glitten stolz an seinem goldenen Löwen vorbei. + +</p><p>Schon aber rauschten die Segel, sich schaukelnd +vor dem Schloß. + +</p><p>Der Abend goß sich in glashell erleuchteter Kuppel +aus. Die gemaserten Wellendämme ebbten windlos +zu bleierner Fläche, auf die in dunkler Brunst die +Sonne herabfiel. Manchmal liefen langsam ausgeatmete +Bogen über den See von einem stundenfernen +Dampfer und klirrten sich tot an der Terrasse. Dann +tanzten ungeheure Farbenbüschel auf dem Stahldunkel +des Wassers und fielen wie ein brennender +Fächer in Nichts. Aus der Dunkelheit kehrte ein +kleiner Halbkreis in das Auge zurück, ein weißes +Brodeln. + +</p><p>Ich warf mich auf die Erde und hörte aus der +fassungslosen Nacht an meinem Herzschlag den Puls +der wild aus Furcht toll erregten Haut des Wassers +schlagen. + +</p><p>Dann fuhr ich mit Jackl hinaus, die letzten Segel +zu reffen. Auf der Terrasse lag der Anschlag eines +gedämpften Klaviers. Als wir zurückfuhren, löschten +die Lichter aus. + +</p><p>Aber die mondlose Julinacht war schwellend und +unerträglich geworden. Auf und ab gehend die Küste +wühlte über der Starre der See mein Herz sich auf. +Über das Schweigen der erregten Dunkelheit kam +ihm eine Yacht, und auf der Gaffel hingen zwei +schlanke helle Beine, lange Finger spannten eine +Flöte vor den Mund. Es gab einen Schein, der von +dem Segel rasch verschwendet, erlosch in die Nacht +zurück. Aber dagegen erhob sich die wilde Katze +aus dem Park und schrie: Ich wählte: Katharys Zähne +und Ellens Tieraugen. + +</p><p>— — — da schien es mir berauschend, Kathary +aufzusparen zu ihrem Lächeln, das ich eingetrunken +und dessen Begehr heiser in meinem Halse saß. + +</p><p>Ich zog Ellen vor. + +</p><p>Als mein Kopf über der Brüstung ihres Zimmers +aufschwebte, trafen mich ihre großen warmen +Lippen und küßten mich über das ganze Gesicht: +ich liebe dich, ich liebe dich. + +</p><p>Das Klavier donnerte fern durch die Korridore, +eingeschlungen jagte die Harmonika dazwischen. +Die Sterne hatten schwere Last, mondlos zu tragen. + +</p><p>Durch alle Mauern schwoll Sehnsucht wie Fieber. +Die Wände dehnten sich wie Bogen. Die Luft hatte +Blut eingesogen. Musik wühlte eine feurige Wolke +um das Schloß. Alle sahen es, die nachts vorüberfuhren +in dem windlosen See, dunkel die Rahen und +ein Licht irgendwo an Bord. + +</p><p>Im frühen Morgen lag das Land hell mit weiter +See. Sie schlief mit zitterndem Mund, ein Rosa auf +den Wangen. Sie flüsterte im Schlaf, als mich die +Sehnsucht auftrieb. Ich stieg aus ihrem Bett in den +Garten. + +</p><p>Da roch der Boden stark wie ein Raubtier. Die +Beeren leuchteten. Auf dem Steg lag Tau in einem +blauen Glanz. Unsere Flotte stand eingefroren auf +unbewegtem Spiegel. Zwei Fischerboote strichen +lautlos in den weißen Morgen und spannten ein Netz +mit langen Schnüren. + +</p><p>Der Motor tanzte in das Wasser, legte sich schräg +und strich schmeichelnd, seine Turbine riß die tonlose +Ebene morgenlichen Wassers in zwei lange +Linien von kreisenden Dünen, die hinter uns blieben. +Der Himmel stand lautlos und kühlblau. Auch die +Luft war gegossen, durch die ich ergriffen jagte. +Und dann kam der Hafen, kam der Hafen mit Flaggen +und venezianischen Gondeln. Da ging die Sonne auf. + +</p><p>Endlich gegen Mittag traf ich meine Beute. Ihr +kleiner Racker fuhr ein aus der Tiefe des Sees, ich +erkannte das Segel. Aussteigend ging die Fürstin auf +der Straße zwischen den Linden. Als wir uns gegenüberstanden, +löste sich die Küste aus dem Dunst, +und wie ein gedrehter Quarzblock leuchtete das +Bergschloß dumpf und wirr. Die Lippen eingezogen, +zürnte sie mit aufgereckter Braue. + +</p><p>Aber schon hielt ich nicht mehr: „Geraubte +Frau . . .“ da riß der Herzschlag die Worte im Mund, +und ich küßte sie. Starr stehend, nahm sie die Küsse, +die über sie stürzten. Dann sank ihre Brust, und mit +leichter Erhebung hob sie das Gesicht. Da lag ein +Schein um ihren dunkelen Kopf und machte ihn süß +zum Weinen. Ihr Mund, irr entblättert, nahm Küsse +auf, ihre Lippen bogen sich unter dem suchenden +Mund. Sie trug nicht das Schwefeljackett, sie war +blau und dunkel. Wie aber mein atemloser Mund +zu schelten begann vor ihr, und meine Zunge anfing, +von Liebe demütig und niedrig, sie zu preisen, da +fiel ein großer unverständlicher Brand aus ihren +Augen, und nun war Glanz um sie, daß ich fast verging. + +</p><p>Mit geblendeten Augen über die Dörfer hin, wie +in einem Regenbogen strahlend, fahren wir im Wagen +hin. Alle Dinge haben Tiefe vor unserem Auge. +Immer liegt die Landschaft vor uns. Gott ließ uns +unsere Blicke nie sehen, vor Wonne stürben wir. + +</p><p>Dann sahen wir Netze hingehängt vor die Sonne, +und die Sonne legt sich auf jeden Tropfen, der aus +den Maschen sich löst und zur Erde fällt. + +</p><p>Hier mußte das Ende der Welt sein. Hier steigen +wir aus. Wilde Kühe sprangen auf einer zarten Wiese +und wo sie fertig war, da war ein See. + +</p><p>In ein Boot meine Beute. + +</p><p>Die Luft ist stahlblau. Die Sonne ein Bündel +Schwerter, deren Spitzen zerprasseln wie Flammenschwerter +der Cherubim. Wind weht mit stürmender +Gewalt, stet, unaufhörlich, ein endloser Wind, stets +flackert das Haar. Das Wasser formt sich unter ihm +zu tausend kleinen Türmen. Durch tausend Türme, +die schmetternd die Wände zerschlagen, erzwingen +wir eine Insel. + +</p><p>Gehen ins Wasser — und nun küssen wir uns. + +</p><p>Am Strand liegend, kommt aus unseren Herzen +die Verklärung, und die Landschaft liegt anders +geformt: + +</p><p>Zerrissene Sonne wirft der Wind in Funken durch +die Luft, aber es wird ein Kranz, der aufwächst am +Horizont und ihn rund macht und groß. Nun wird +die geweitete Wiese vor uns Ebene mit großen +Städten vor ihm, paradiesische Tiere spielen in +sanften Sprüngen, und große feierliche Wolken beginnen +hinter ihr aufzusteigen und weiß den Himmel +zu überrunden. + +</p><p>Kein Wunder scheint fremd, die Erde wird innig +und warm. Der See wirft Muscheln heraus und +seltene Fische, mit Bärten und samtdunklen Augen. +Ich sammle ihr alles, ich stehe bis zur Hüfte im +Wasser und rufe hinüber, daß ich sie liebe. Mein +Auge faßt die wilde Robinsonade. Die Weite hat +unendliche Neue. + +</p><p>Aber mein Herz wurde milder, ich habe dies nie +gekannt. + +</p><p>Der Fürstin schwere Brauen zuckten mit Gold +über den schwarzen Augen, und der weiße Sand, +auf dem sie lag, wurde glanzlos und dienend vor ihr. +Manche hohe Welle erreichte unsere Brust. + +</p><p>Da brach plötzlich der Schleier ihres Auges, und +eine wilde Zärtlichkeit entströmte ihr. Und da konnt +ich nicht halten, aber ich schrie nicht. Doch ich +konnte es nicht halten, und ich flüsterte. Mein Herz +warf sich durch meine Brust, aber ich bewegte kaum +die Lippen. Aber sie schwand auf meinem Hirn als +die bunte Beute und ungekannte Zärtlichkeit hob +sie ohne Halt. + +</p><p>Ich wußte, daß ich sie lieben würde in Schmutz +und in Unglück, daß ich sie lieben würde: Ihren Hals, +ihre Zehen, jeden Schmerz und die Wollust und die +Krankheit, es gab kein Ende. Ich war voll und überströmte. +Ich hielt es nicht mehr und flüsterte kaum +mit den Lippen, es gab keine Grenzen der Verzückung. +Ich will dir dienen, flüsterte mein Herz, ich +will dich töten. Aber alles war sinnlos, denn mein +Herz war närrisch, denn dies hatte es nie gekannt. + +</p><p>Und ich strich ihr über die Haare und sagte: „Ich +liebe deine Zehen, ich liebe deinen Schmerz und den +Schmutz und die Krankheit.“ Aber es war wenig nur, +was ich versprach, denn mein Gefühl war viel größer, +und dies war noch lang nicht die Grenze, und sie +lächelte glücklich und fern. Ich hatte vieles, was ich +noch keiner Frau gegeben, ich hatte Zahlloses, was in +mir aufbrach, daß ich vor Glück verging. Ich kannte +kein Ende, ich war die Welle, der See und die Insel +und flüsterte mit jedem Geräusch: o daß ich dich +liebe, 0 daß ich dich liebe, und mein Mund wurde +stumm vor Übermaß. + +</p><p>Nun wurde die Landschaft still. Das Wasser +milderte sich und gerann zu dunklem Öl, und, zusammengeschlossen +in endlose Ruhe, stieg über +einem Segelboot, das träumte, der Tag ziellos. + +</p><p>Die Insel glühte mit dunklem Basalt in dem rötlichen +Wasser. Sie hatte ein Glänzen. Es war ein +grundloses Glänzen. Ich aber wußte, daß ich alles +für diese Frau tun würde, denn sie war ungeheuer +in mir. Seligkeit floß über die Ränder des Tages. + +</p><p>Es wurde Abend. + +</p><p>Wir fuhren zu den Zügen, noch eh das Licht auslosch. +Noch stand die Sonne über der Ebene, die sie +schon berührte, und der Kranz ihres Lichtes brach +sich nach oben in einer stillen brünstigen Glut. + +</p><p>Allein auf der Terrasse des Bahnhofs beschloß sie +zu bleiben und nicht zu fahren, den Blick nie von +dem See unter ihr lösend, der immer mächtiger die +Wellen der Landschaft aufschloß und in das Licht +der unsäglichen Ruhe hineintrug. + +</p><p>„Ich mußte dich haben, Fürstin. Aber daß ich dich +so liebte, nie hätte ich das geglaubt . . .“, stammelte +mein Mund. + +</p><p>Da nahm sie den Blick von der Gegend, und in +einem fassungslosen Zueinander warf uns ein Kuß +zusammen, aufgewühlt die Herzen in den Lippen +tragend, ihre zuckenden Worte: ich liebe dich, ich +liebe dich. + +</p><p>Aber erst, als der Zug unter rötlichen Wolken +anzog, erkannte ich in ihrem Kopf, der, eine dunkle +Schale, aus der Dämmerung heraus vergehend sich +formte, das Auge in letzter Tiefe. Da erschrak mein +Herz, und ich wurde irr vor Sehnsucht und maßlos +getrieben vom Gefühl, rief mein Mund: O daß sie +stürbe, o daß sie stürbe, wie unendlich wüchse mein +Gefühl. + +</p><p>Aber ich war ein Narr und wußte nichts von Tod. + +</p><p>Und als der Motor unter mir die Nacht durchbrach +und mit grünen Lichtern das Schloß suchte, da zitterte +mein Herz noch einmal übermütig von Genossenem +und ich glaubte, nichts überträfe die Gefühle des +Besitzes. + +</p><p>Meine Augen schufen funkelnde Dinge in den +Raum. Ich war übermäßig gefüllt und sprühte. Meine +Augen setzten Glut in die Nacht, und das Dasein +zog sich zusammen; es wurden Frauen. + +</p><p>Katharys nicht genossenes Knie, ihr ungekanntes +letztes Lachen reizten schmerzhaft mein Begehr. +Dies war noch nicht beendet. + +</p><p>Aber dennoch, wie schwand es hin unter dem einen +Gefühl. + +</p><p>Und ihr Kopf strömte wieder aus meinen Augen +in die Dunkelheit und wandte sich gegen mich. So +trug ich sie in mir. Und sie tilgte die Gegenstände, +bis nichts mehr blieb als ihre Nähe, da plötzlich stürzte +unbegreiflich Trauer in mein Herz, als ich sie sah. +Aber ich hatte nie Traurigkeit gekannt von Frauen, +ich wollte nicht leiden, und ich biß auf den Mund +und hob die Brust. + +</p><p>Und dann schrie ich gegen ihr Gesicht, daß ich +nicht leide. + +</p><p>Da trat der Schein um ihr verlöschendes Gesicht, +und ihr Gesicht war krank und süß zum Weinen. +Da neigte ich den Kopf: + +</p><p>Auch da will ich bei dir sein. + +</p><p>Und nun wußte ich, daß ich Grenzenloses um sie +leiden werde, daß ich stumm in Schmerzen vielleicht +stürbe, daß diese Liebe mich durch alle Höllen reiße, +daß ich an Straßenecken verginge am Geruch eines +Baumes an Erinnerung, und daß die Welt aus meinem +Hirn ganz hinausginge um sie. + +</p><p>Da wurde mein Herz einmal noch wild und ungeduldig, +und beschwor Gott um Kraft und Zorn +gegen diese Liebe, und ich breitete die Arme aus +und stand allein im Licht meiner Laterne auf dem +Motor, der das Wasser zerwühlte, gegen die Dunkelheit +gekreuzigt. + +</p><p>Und ich schrie ihn ungeduldig an: + +</p><p>„Warum gabst du mir ein wölfisches und wildes +Herz?“ + +</p><p>Aber schon schwand der Zorn unter der Inbrunst. +Der Horizont schien endlos vertieft. Ihr Bild lag +aufgeschlagen überall in meinem Blut. + +</p><p>Mein Herz war freudig alles zu tragen. Auch der +See trug eine schmerzliche Reinheit. Der Strand +leuchtete weiß. Später warf Gott den Mond in +glühendem Bogen durch die Nacht. + +</p> +<h2 class="chapter"><a id="chapter_2" name="chapter_2">JAEL</a></h2><p> + + +</p><p class="first">MITTEN im glitzernden Geschrei einer +Galerie von Papageien fand ich dich an +einem Tage, Fürstin, und wir vereinten +uns. Du standest wild und gleitend, indem die bunten +Vögel dich mit langen Rufen umschwebten. Als +ich deine Hand küßte, erhoben sich alle auf ihren +Schaukeln und schwenkten höllisch die Flügel, da +brach erst dein gläsernes Gesicht unter der Rührung. +Über dem Garten hing im Blau das Silberzeichen +schmalsten Mondes. + +</p><p>Zebras tanzten glänzend wie Perlmutt in quecksilbernen +Bögen auf der Wiese. Einsam schwamm +der Rücken stolzen Dromedares über dem Gebüsch +neben deiner Achsel. + +</p><p>Du bist träumerisch. Wie die Spiegel der Olympia, +der Geruch der Oper und die Wehmut der benzinduftenden +Avenuen ist deine Pupille voll Nebel, und +die stilleren Fahrten des Bois, Glanz und Ruderer +leuchten darauf . . . du richtest den Blick gerade: +und es steht ein Dolch darin. Dieser Abend nahm +kein Ende, den wir durchschritten, er schien wie ein +pfingstliches Fenster auf den Garten durch die +Dämmerung. + +</p><p>Pfaue sprangen in die Bäume und schlugen drohend +unerhörte Räder gegen den geröteten Westen und +schrien vor Sehnsucht. Gegen die Gatter wuchsen +aus den Zwingern weiße Bären, brüllend, wie Gekreuzte +und bissen unter größer werdendem Mond +in die Eisen. Über den Teichen lag Stille und über +den Ufern stelzten schwärmerisch erregte Flamingos. + +</p><p>Plötzlich schrie der Elefant. Die Stille wuchs +wie Herzschlag über den Garten. Dann aber erhob +sich mit einem Ton die Stimme des ganzen Gartens. +Tiere schrien in den Frühling, denen Blut durch die +Kehlen sott. Sie schrien nach dem Mond in der +Dämmerung immer lauter vor Wildheit und Sehnsucht, +es war ein toller Abend, Fürstin, der ganze +Tierkreis qualmte um uns vor Schweiß und Begierde, +der Dampf schob sich in unsere Nüstern. + +</p><p>Du hattest die Lider halb geschlossen. Du lachtest, +als das Blut des Raubzeugs auf uns stürzte, und ich +begehrte dich wie ein Wolf mit den Zähnen. + +</p><p>Du fuhrst mit zwei trabenden Pferden hinweg +die Allee hindurch, die Hufe klopften noch durch +den Nebel, als ich dich blitzhaft Entflohene nicht +mehr erblickte. + +</p><p>Am Morgen brach ich bei dir ein, holte dich +funkelnden Fasan aus hellem Boudoir, auf meinen +Armen rolltest du, Copra, ich trug dich hinunter +über die Treppen in das schmale Auto, wir blitzten +glühend durch die Stadt, durchsausten den Wald. +Wir hörten die hellen Glocken über die Wasser +bellen, ich hob dich auf das Verdeck. + +</p><p>Unser Dampfer war weiß und porzellanen, er +weidete sich in dem Morgen, seine Kajüten waren +eitel, seine Rahen flammten. Wir fuhren den Rhein +hinunter voll von Licht. + +</p><p>Nie sah ich von meinen vielen Frauen eine herrlicher +als dich: wie du standest! Braun, meine jüdische +Fürstin, groß bis an meinen Scheitel, von der Loire +durchsüßt und den Atem der Steppen in den Nüstern, +auf dem Verdeck mitten in Sonne. Die Hände hattest +du groß und frech in schmalen Taschen vor deinem +Geschlecht. Deine Lenden flossen vor Linien seidenweich +durch die Luft. Die Wage der Hüften wiegte +über dem Springbrunn der beiden Schenkel und den +tanzenden Feigen deiner Kniee. + +</p><p>Du zogst die Schultern leicht in gewölbte Bogen +und sahst ruhig nach den Ufern. Aber dein Gesicht +war von Bräune so wild, daß die Yachten um uns +heulten vor Sehnsucht. Glitten Dampfer uns grüßend +vorüber, schrien die Sirenen in den Morgen. Die +Wellen stoben toll herauf in deine Höhe. Wind +überstürzte dich, tödlich schöne Säule jüdischen +Fleisches, Fürstin. + +</p><p>Als dein Tuch fiel, kniete ein dunkeler Matrose, +und eine Flamme stand zwischen seinen Brauen. + +</p><p>Dein Blut war mächtig, daß der Strom hinter uns +hinblich und die Scharen der Burgen ausgelöscht +hinter die Sonne krochen, daß der Ansturm der Ufer +abriß wie ein Schuß. Du tilgst die Gegend hinweg. + +</p><p>Stolz zwischen den weißen Frauen der Passagiere +bist du nicht mehr die Fürstin, du wächst über sie +hinaus. Ich habe dir einen anderen Namen gegeben, +Durchlaucht, in fließende Seide Gehüllte, aber ich +sollte dich Debora nennen. + +</p><p>Denn du stehst — und meine Augen flammen es +nach wie Sonnen — aufgereckte Richterin auf dem +Gebirge Ephraim. Uraltes Blut wandelt sich zurück +in deine Figur. Die eisernen Wagen rollen hinter +dir über den Horizont. Heere fallen nieder vor dir +betäubt und preisend, deren Haar eine Flamme aufgeht +über den Palmenstädten, Triumph singend aus +tosender Kehle über den Posaunen, Schluchten +füllend mit deiner Stimme wie eine Wolke, braun +und inbrünstig von donnernder Gottheit durchraste +im Mond über Juda stehende nackte Tigerin. + +</p><p>Vor dir rollen aus dem Gebirge die Ströme der +Heere in die Ebene. Nacken gefällter Könige siehst +du lächelnd, irr der Mund zur Seite gezogen. Sie +stellen die Lade vor dich. Sie erschauern in ihren +Knochen, und tausend Streitwagen brausen aus den +Tälern in die Ebene hinein. + +</p><p>Feuriger als die dunkle Sonne Europas steht über +dem Steuer gepflanzt auf dem Fluß der Strahlenschleuder +deines visionären leicht gewölbten Leibes +weißflammend in seiner Figur. + +</p><p>Da bricht in die mystische Geburt Asiens das +Lauern deines schrägen Augenlides. Ich flüstere +„Ghetto“, und dein Haß sticht in mich wie eine Klinge, +ich badete in deinem Haß und schwor gegen den +Wind, daß er zum Stürmen steige, aber der Wind +war feig und lag an deinem Fuß wie ein Reh. + +</p><p>Du trugst lehmrote Tücher um dich mit Schwefelsternen +am Abend auf unserem Balkon. Wir tranken +dunkelen Wein, der schäumte und dann tanztest +du aus dem Zimmer auf die Veranda, auf der der +Mond schon nach dir griff. Da riß ich die Tücher +von dir. Diese furiose Entkleidung! Es war eine +Löwin, die ich umarmte. + +</p><p>Aber allein, indem das Dunkel des Raumes dich +von mir abschloß, tanztest du die Sprünge deines +uralten Blutes. Deine Schultern bogen sich über +den Achseln, der Rhein hing weiß gespannt unter +dir mit einem hellen metallenen Ton, strahlend +hob sich der Bogen deines Halses, schön und gezogen +wie von stolzen Kamelen, um deren Kehlen goldene +Spangen liegen. Und als du umtratst, und der Mond +deinen Bauch traf und entfachte, da wurde ich wahnsinnig, +Fürstin, und du tanztest, mesopotamische +Königin, goldgelb gefleckt die Weichen wie eine +Tigerin, über die Zacken des Gebirges Ephraim, +und ich raubte dich auf meine Arme, wie rochst du +nach Narden und schriest. + +</p><p>Dein Fuß ist chinesisch, deine Wade aber steht +schon voll Wollust. + +</p><p>Deine Zunge ist voll Unzucht wie eine gierige +Posaune. Ich will deinem Mann das Hirn über seinem +Titel einschlagen, denn deine Schenkel sind dunkel +verstrickt und stärker als Nacken der Stiere. Dein +wilder Leib schäumt über und läßt mich irren an +Gott. Du lächelst, die der Mond salbte, im Feuerregen +der Küsse, dein Mund zerfleischt meinen Arm, +deine gelösten Lippen wirbeln von feuchten Worten, +deine Zähne sind spitz wie von Haien und die Sonne +deines Leibes scheint toll in die Dunkelheit. Deine +Brüste heben sich brausend unter meinem Mund +wie heiße Quellen, und dein Hals erhebt sich und +singt wirr wie im Fieber. + +</p><p>Siehe alles ist Jordan draußen und die Luft starrt +von Posaunen, tausend eiserne Wogen rollen +donnernd über dem Halbkreis rötlich umflammten +Gebirges. Alles tönt Ephraim bis in die Ebene. + +</p><p>Schlanke Tänzerin Gottes, mit den üppigen +Lenden im Feuer der Berufung, Aufgerichtete, +Rasende mit den Hüften, Königin langen Blutes, +Dein Mund singt heiser wie ein Wolf und glüht wie +ein Stern. + +</p><p>Nie sah ich Hände, lang, braun und selten wie +deine. Blaues Haar deiner Schläfen liegt um meine +Kehle geschlungen und mein Mund saugt aus dem +Eindruck der Kissen den Geruch deines Fleisches zurück, +das dampft und scharf ist wie von den Tieren der +Wüste. Die goldenen Siegel deiner schweren Brauen +zucken vor Licht. Über uns rennt das rote Segel des +Mondes. Auf den Spitzen deiner Finger glühen +dunkle Flammen. Mein Herz schauert wild vor dir. + +</p><p>Hinter deiner heißen Stimme liegt eine, weich und +flaumig bis zum Rasen der Verzückung, und wenn +du den großen Nacken zurückwirfst und jauchzend +leis erstöhnest, dann jagen wir im Spiel deiner Hüfte +beide auf donnerndem Wagen über die Ebene vor +zuckendem Gebirge Ephraim, Wind des Sieges glüht +über die Stirnen, und die Signale Jahwes, deine Haare, +flammen wie eine heilige Meute hinter uns. + +</p><p>Deine Haut ist braun mit silbernem Flaum und +glatt wie deine Zunge. Dein Gang ist fürstlicher als +dein Name. Alle Augen grüßen dich auf abendlich +festlichen Promenaden: Königin der Avenue +Wagram und der großen Revuen, auf den Dämmen +über dem blauen Meer mit den Fahnen, in der hellen +Schönheit der Korsos und Blumenwagen. Ich aber +dämpfe dein Blut. + +</p><p>Lachst du, weil mein Pyjama weiß im Mond +schimmert wie eines Pierrot . . . . Diese Nacht tobt +mit roten Lawinen im Rhein. + +</p><p>Ich sollte dich Debora nennen. + +</p><p class="center"> +Aber ich habe dich<br /> +JAEL<br /> +genannt. + + +</p><p>Weil es wild klingt wie eine geschmeidige Löwin +und inbrünstig wie das metallene Schreien der +Hörner, und weil ich nicht weiß, wenn ich auf den +Kratern deiner Brüste schlafe, ob du mir nicht durch +mein Hirn einen Nagel in meinen Schlaf schlägst, +bernsteinäugiger Panther von Libanon. + +</p> +<h2 class="chapter"><a id="chapter_3" name="chapter_3">DIE ABENTEUERLICHE NACHT</a></h2><p> + + +</p><p class="first">IN einer Nacht früher entdeckten wir schweigend +den befestigten Hof, zerschlugen ein +Fenster, stürmten ihn und standen vor jener endlosen +Flucht von Zimmern. + +</p><p>Nun, wo Nebel geschichtet liegt zwischen mir +und der Fürstin, wo wir leiden, nun lebe ich tagelang +mit wenigen der Kameraden auf dem Hof. Die Einsamkeit +weicht immer tiefer vom Himmel ab und +rückt über das Ried gegen uns an. Nachts kommen +weiße große Katzen durch den Mond gegen die +sieben Akazien vor dem Tor. + +</p><p>Ganz ferne Bauern nur manchmal heben die Hand +über die Brauen und sehen abgeschatteten Gesichts +nach den Streifenden. Rasch aber vermählen sich +ihre Bewegungen wieder dampfender Erde und +erntendem Gerät. + +</p><p>Hier ist das Paradies. Wir werden innig mit den +Tieren. Auf den Dämmen laufend, sehe ich vom Hof +Kommende, vom Hof Gehende und alle haben mehr +als menschliche Anmut, wenn sie die Gräben überspringen, +die die Landschaft wild zerschneiden, und +in Schilf schon eingetaucht wieder auf langen +Dämmen hingehen, näher dem Himmel als je. Abends +sitzen wir auf der runden Mauer und sehen, wie die +herbstweißen Leiber der Weiden sich vor den Horizont +ordnen und riesenhaft lohen. + +</p><p>Morgens zieht Nebel in die Gegend und Rehe +nahen der Mauer und weichen nicht. Um meinen +Gang an den Kanälen schwirren Fasane, rostrote +Leiber ängstend zwischen dem Zuckflug der schmalen +Flügel und ein Pfeifen im Mund, das die Stille +erst wieder sanft macht. + +</p><p>Hier sind nur Tiere. Und selbst die Hasen laufen +in Bogen um uns herum und halten die Ohren weich +an den Hals gelegt. Wir haben das Ried überschwemmt, +aber wir rühren nicht an diesen Frieden. +Wir neigen uns zu dem Tier und das Tier verwächst +unserer Bewegung. Die weiße Blume der Rehin +leuchtet uns zu. Weihe kreisen mit stillen Flügen +um unseren Kopf. + +</p><p>Abends durch den silbernen Nebel kommt verklärt +von milden Scheinen ein Hirsch über die Altrhein-Brücke, +und geht auf uns zu über die hölzerne +Planke, die hinter ihm am Ende sich unirdisch +schon verengt. + +</p><p>Einmal nur machten wir eine menschliche Revolte +gegen die Paradiesischkeit und liefen in einem Umzug +mit Gekreisch und Musik bis zur Fähre. Zurückkehrend, +steht unser Hof, halb zugewachsen von fern +durch Schilf und Weide und geschwungene Landschaft +saftiger Kanäle, überschnitten von Dämmen, +vor einem lodernden Herbsthimmel, erstarrt mit den +Fenstern, und dunkelnd schwingen sich seine weißen +Schorne drohend in den Raum wie Flammen aus Erz. +Jedes Tier schweigt um das kubische Gebäude, und +die lange Flucht der Diele, durch die schon Salier +schritten, liegt in blauen Schwefelschatten. Schon +stürzt wieder über noch flackernde Stimmen die Einsamkeit +durch den klösterlichen Garten auf den Hof. + +</p><p>Wir streuten uns über das Land, wir tranken in +quellender Landschaft wie lüsterne Wölfe Kuhmilch +aus den Eutern, schwammen zum Gassengefunkel +der Nacht über den Rhein in kleine Bergstädte, wir +zechten durch umbuschte Dörfer und machten +Prasserei mit den Verwaltern auf großen Gütern. +Nachts im Innenhof, glänzend vor Tauluft, und Gestirne +fremd über dem Haupt, badeten wir unter +donnernder Brunnenflut. + +</p><p>Irgendeiner nahm einen Kienspan und lief nackt +durch die welken Blätter um die runde Riesenmauer, +und andere folgten, stumm vor Jagen. + +</p><p>Lang vorbereitet erschien die abenteuerliche +Nacht, wo alles weiß glühte mit ungeheuerer +Innigkeit. + +</p><p>Große Schwärme von Raben schwangen in langen +Kreisen um die halbe Scheibe des schon ausgedunkelten +Himmels, aber die andere Hälfte war von +Lichtern irr überschüttet, und die geisterhaften +Züge wilder Enten schwammen durch das Geflacker +sanft im Strom dahin. + +</p><p>In dieser Nacht tanzten die rötlichen Mäuse in +stillen Wirbeln durch mein großes helles Zimmer, +und durch die zerbrochenen Fenster legte sich die +buschreiche Landschaft in einer Welle vor mich hin, +und da wuchs meine Sehnsucht und ich lag stundenlang +im Fieber. + +</p><p>Und als ich glühte und wirr vor Leidenschaft die +Landschaft begehrte und den Mond, da schrie die +Elster in der Hofplatane entsetzlich, und die schmale +hündinhafte Hüfte der Holopainen rührte an mein +Blut. + +</p><p>Aber ich kannte sie kaum mehr und flüsterte +„Angelique“ und mein zur Seite fallender Blick traf +den ihren. Und die Gegend wurde undurchsichtiger +hinter ihr und ihr rötliches Haar ward blaß in Blondheit +und die Augen schwammen ihr weißer. + +</p><p>„Was willst du?“ rief ich und fluchte auf die +Elster. + +</p><p>„Die Abende von Passy“, sagte sie, und Zucken +lief um ihren slavischen Mund. Aber sofort kam die +Lippe in springendes Reden und wölbte sich kühl: +„Einmal beim Erwachen war deine Hand, die mich +hielt, so groß, daß ich umsank vor Liebe. Das war, +als du im Pharuskegel der Autolaternen Jainikoff +in den Mund hiebst und mein finnischer Imatra +erbrauste. Es füllt meine Tage. Es füllt meine +Nächte.“ + +</p><p>Ihr Mund wurde bitter. + +</p><p>„Ich muß mein Herz noch härter machen“, sagte +ich und hatte kein Mitleid. + +</p><p>Da losch ein silberner Strahl über ihr Gesicht +und ihre Hüften glitten fast unbewegt aber erregend, +und sie wies auf ihre herrlichen Beine: „Auch sie +gelten dir nicht mehr, mit denen ich durch die +schreienden Cabarets des Montmartre vor dir tanzte, +die du küßtest vergehend, nachdem sie auf den Bütten +aller Cafés geglüht?“ + +</p><p>Da wurde mein Mund sehr zornig über ihr Quälen +und ich schäumte. Aber sie richtete den Blick lang +auf ihn, bis er sich ruhiger legte. + +</p><p>Doch war es schon nicht mehr die Tänzerin, +sondern es war in schlanker Fülle eine andere, es +war Ylona, und hob sich mit fordernder Lippe gegen +mich: + +</p><p>„Du tust Unrecht.“ + +</p><p>„Ja,“ sagte ich, „weil ich bereit bin, es tausendmal +zu büßen.“ + +</p><p>„Dies hilft mir nicht.“ + +</p><p>Aber ich sagte ihr, daß sie sich selber helfe und +tänzerisch sich bewege über die dünne gläserne +Kuppel des Leides. + +</p><p>Da wurde ihr Gesicht mild und mondwarm und +sie sagte: „Du bist noch nicht so weit.“ + +</p><p>Ich sah sie an. + +</p><p>Sie sagte langsam: „Mein neuer Pelz ist schön, +doch freut er mich nicht. Ich sehe viele Umarmungen. +Sie stoßen mir ins Herz. Ich sehe fette Aale in den +Ladenscheiben. Ich weiß niemand, dem ich sie sende. +Viele Männer begehren mich. Ich möchte mich +keinem geben. Und gebe ich mich einem, ist es nutzlos +für mein Blut. Es gibt nichts, das meiner Sehnsucht +nah käme. Denn du bist wie ein Gesetz darüber +und du hast an all den Dingen keinen Teil.“ + +</p><p>Doch da schrie ich: + +</p><p>„Glaubst du, es quäle nicht, daß jedes Glück dasteht, +schon zusammengehauen von dem neuen. +Weißt du mein Herz, das inbrünstig begehrt zu +halten und das der Taktschlag seines Angriffs weiter +reißt. Alles rinnt aus den Händen, deren Wille es +ist, nichts zu tun als zu halten. Aber sie greifen nur. +Uns ist kein Bett, kein Stuhl. Unser Blut schreit +Heimat, aber es strömt in bunte Ergriffenheit. Wir +haben keine wartende Brust. Wir haben den Fluch +der Zerrissenen aus der Sehnsucht und müssen verzückt +Irrende sein.“ + +</p><p>„Du hast den Glauben nicht“, sagte sie. + +</p><p>Aber mein Herz wies lachend auf seine Wunden, +und es schien vor mir selbst, gepflanzt über der +Landschaft. + +</p><p>So sah ich es selber wie aus Kristall weiß erstrahlend +mit sieben Dolchen, und blutiges Harz +quoll daraus. + +</p><p>Und Zorn überfiel mich. Und ich wies auf die +Sehnsucht, die mein Herz quälte: „Weißt du nicht, +daß ich in Wirrungen lebe, wilder wie die euren, +und in Schmerzen, die eure übersteigen. Daß ich +euch alle vergaß, und zerquetscht vor Sehnsucht +streite um die Fürstin.“ + +</p><p>Und meine Augen tränten über, und ich sah den +entfernten Leib der Fürstin wieder vor alle Dinge +geschoben: + +</p><p>„Wem ist bestimmt, glücklich zu sein? Sieh, wie +wir alle umeinander in Zuckungen liegen. Aber es +lebe das ungeschlagene Herz.“ + +</p><p>Jedoch der Zorn um die Fürstin überwand mich +vor Ylonas Augen und ich starb fast vor Schmerz, +und nichts hatte Wert mehr in dieser Sekunde gegen +ihren Leib. Und zusammensinkend, flüsterte ich, +und rief ihr Bild aufs heftigste vor meine Augen: + +</p><p>„Ich habe wenig Lust an anderen Frauen, die +Fasane und die runde Mauer und die Rehin sind +ohne Belang. Mich stört die inbrünstige Glut der +sterbenden Weiden. Mein Ruhm ist Lächerlichkeit, +gemessen an deinem Knie. Alles wilde Tun ist irrer +Weg und du nur bist Ziel, bist die Sehnsucht.“ + +</p><p>Wieder sah ich mich selber gestürzt in die Landschaft, +und fern im weißen Licht kniete Ylona auf +der Ebene, und hinter ihr wuchsen wie lichtere +Flammen andere zu einer riesigen Kette über die +Ebene, und alle schrien ihr Leid sich in die Gesichte +und wurden langsam ruhig und still. + +</p><p>Aber als ich mit zurückkehrendem Blick den +Ylonas traf, härtete ich mein zuckendes Herz und +ich sagte ihr, daß mir nicht bestimmt sei, an Sehnsucht +zu sterben. Und daß ich über die Leiden +springend vieles tun wolle. Daß zahlreiche Frauen +auf mich warteten, daß ich Ehren geil erstrebe, +Fahrten unendlich unternähme und strahlende +Großherzoginnen besäße, stürbe auch darunter weg +das Herz vor Trauer wie eine abgebissene Frucht. + +</p><p>Da sah sie mich an und lächelte. + +</p><p>Und ihr Lächeln ward so irr und süß, daß ich wild +erschrak, und, Höllen ahnend, die ich nicht kannte, +die Sehnsucht aufschoß gegen die Einsamkeit. + +</p><p>Aber sie tat ihr Lächeln nicht weg, und da hielt +ich es nicht mehr aus. + +</p><p>Ich stand auf. + +</p><p>Ich ging hinüber in den Saal. + +</p><p>Mit bronzener Reiterpauke, die Großen Friedrichs +Regimenter in die Schlacht gedröhnt, begann +ich den Umzug. Starr und zeremoniell. Feierlich +paukte ich durch den endlosen Gang und jedes +Zimmer. + +</p><p>Und jedes Bewohner schloß sich an. + +</p><p>Einer nach dem andern in weißen Kleidern gingen +wir durch die Flure und Räume, jedes Gesang war +wilder und irrer in dieser Nacht. + +</p><p>Die Dunkelheit der Fenster lag blind gegen die +Mondnacht. Landschaft glühte vergehend in magischem +Weiß. Aus Giebel und Gebälk brach ein +schreiender Eulenschwarm. Fledermäuse warfen +sich entsetzt in den Zug. + +</p><p>Da kamen wir durch die niedere Tür in den +Garten. Unser Lärmen schwoll an und warf sich +verschlingend in die starre Helligkeit der Nacht. + +</p><p>Tiere nahten sanft erschreckt. Die Landschaft +bog sich im Mond unter den Pauken. Große weiße +Katzen glitten über den Hof an die Mauer, und +unser langsamer Zug, starr in weißen Pyjamas begann +seinen grauenhaften Gang in die landschaftliche +Nacht. + +</p><p>Alles schwieg feindlich beseelt, und von uns +keinem kam aus der Sprache ein Ton. + +</p><p>Dies war die weiße abenteuerliche Nacht, die, +voller Erscheinung wie zwischen zauberhaften +milden Eisbergen hinschreitend, wir noch gespenstischer +mit Reitertrommeln uns unter die Füße +schlugen, bis endlich süßer Morgen mit Silberrot +uns befreiend gegen die gebogenen Stirnen prallte. + +</p> +<h2 class="chapter"><a id="chapter_4" name="chapter_4">BRIEF</a></h2><p> + + +</p><p class="first">MEIN Mund ist voll von Pfeifen, meine +Stirn brennt vor Sonne, mein Zimmer +wälzt sich in Licht. Rasend vor Musik ist +der Raum, er ist wie ein großes Tier, das ich liebe +um seiner starken Flanken und seiner schmalen +Treue, die mich nicht tröstet, und der ich mich nie +hingab in der übelen Zeit . . . . O als dein Brief kam, +ward Morgen irgendwie in meiner Müdigkeit, mein +Bett hob sich um mich weiß und glänzend, und es +ward ein blitzschneller Spalt in meinem Schlaf, und +ich sah deinen Brief, Fürstin, und lachte. Und schlief +ein in mein Lachen hinein. Ja, es ward Morgen, eine +kleine glühende Spanne nach zwei Nächten, die ich +nicht schlief. + +</p><p>Sieh, ganz ist mein Mund voll Pfeifen. Wie war +unser erster Tag wieder, wie war unser Tag neulich +voll Lachen. + +</p><p>Das Futter deines Briefes ist herausgefallen, ich +habe es gepackt, als es in Stufen nach dem Boden +schwebte. Ich habe es gepackt und zerrieben vor +Freude und dann habe ich es geglättet und geküßt +und verbrannt. + +</p><p>Du . . . unser Tag . . . als wir über die Brücke +gingen. Keines sagte: Ich habe dich viele Monate +nicht gesehen. Nein. Niemand sagte: Ich habe Unendliches +gelitten. + +</p><p>Röte nur ging rauschend über den Himmel. +Türme und Kuppeln schwammen strahlend und +dunkel gebildet über die Glut des Abends. Wind riß +die letzte Sonne durch unser Haar. + +</p><p>Wir sprachen nicht Fürstin, nur unsere Augen +überwanderten den Himmel und unsere Munde +bebten vor Stummheit. Plötzlich aber blieben wir +stehen: Du hast ein grünes Kleid . . . . Du hast einen +hellen Hut. — — Staunen faßte uns wie Kinder. Wir +waren wie auf Inseln eine Begegnung. Du hast ein +grünes Kleid . . . . O wie war unser Tag voll Gelächter. + +</p><p>Das waren die alten Häuser am Main, auf die die +Sonne noch einmal Strudel von Licht stürzte, daß +sie erbebten. Das waren alte Pappeln und viele +Fischernetze. Das waren viele Dinge, über die wir +hätten weinen mögen vor Sehnsucht, aber wir standen +im Wind und lachten. + +</p><p>Wir saßen im Dom zwischen armen Leuten und +den bösen mittleren Bedrückten, eingekeilt, du +Fürstin, mit den schönen Hüften. Wie strahlte uns +die dunkle Ecke von Holz und das Fenster und das +rote Licht. + +</p><p>Auch hast du gekniet, einmal, es war eine Verzückung, +meine Fingerspitzen rauschten vor Seligkeit, +ich hätte dich trösten können. + +</p><p>Du warst königlicher geworden. Es war mit jedem +Schritt, als ob du groß durch eine Wüste kämest. +Und die Stille um dich war wie das verknirschende +Geheul einer betäubenden Menagerie. + +</p><p>Wie waren deine Schenkel stolz und wild. Immer +war es: ich müsse ein Wort sagen, platzend von +Kraft und überreif von Süßigkeit . . . . ich habe die +Tigerin wieder . . . . deine Flanken leuchten . . . . +dein Auge ist wirr meine Katze unter der goldenen +Welle der Braue . . . . ich bin im Wahnsinn vor +Glück — — — und als müsse ich lächelnd mit meinen +Händen über deine braunen Wangen hinunterfahren +über deine Hüften, bis an die Knie, an deren +Rundheit meine Finger vergehen vor Besitz. + +</p><p>Wie warst du schön, Fürstin, als das Zimmer +deines Hotels dich umgab und die Spiegel und deine +Ringe, ich weiß es kaum noch, Sonne flammt in +Strudeln um meinen Tisch. Du hattest viele köstliche +Decken, Batik und Blutrot flossen ineinander. + +</p><p>Deine Brust aber schwebte leuchtend unter der +Bluse wie das Elfenbein der Psalmen. Wie war dieser +Tag dunkeläugig vor Staunen, süß von Gelächter. + +</p><p>Aber ich habe dich nicht geküßt. + +</p><p>Doch noch höher riß uns wie dieser Rausch die +Stunde in dem großen Saal mit blitzendem Silber, +dem Weiß, den Lichtern und der Musik von tausend +redenden Menschen . . . . alles um dich wie ein Wirbel, +der dich schmückte, geschart. Als wir einen schönen +Fisch zwischen uns teilten, und du den burgundischen +Wein zwischen dem inneren Rosa deiner +langen Hände hieltest, der wie Wachs war und Öl +und nach Erde schmeckte, herb und herbstlich. + +</p><p>Wir redeten, und unsere Silben liefen wie Schlittschuhläufer +atemlos aufeinander zu und trafen sich +maßlos beseelt in einem endlosen Baum von Verzückung. +Traum und Schmerzen schwellten mich, +als wir damals unter Menschen gingen, um allein +zu sein. + +</p><p>Und vergiß nicht den Fischerjungen, der uns den +Weg am Ufer zeigte, die flötenhafte Nächtlichkeit +der Marienkapelle, und daß ich einmal nach deiner +Hand haschte. + +</p><p>Es war. Es war Ewigkeit. Auch dies. + +</p><p>Du hast mir, als der Haß zwischen uns ausbrach, +du hast mir vor drei Monaten einmal ins Gesicht +geschlagen. + +</p><p>Kein Mann vergißt das. + +</p><p>Wie ist dein Gang nun königlich. + +</p><p>Deine Augen, in denen Gefahr ist, und über denen +ein ewiges Losschnellen hängt, sind mit Güte verdunkelt. +Wie groß sind sie. + +</p><p>Als der Bahnhof mit dir entschwebte, als ich fuhr +an diesem Tage und deinen abgewendeten Rücken +sah, der sich von mir bewegte, von Rührung unsagbar +überlaufen, und ich dein Gesicht dahinter ahnte, +verzückt vor Seligkeit, Tränen hineingenietet, da +fiel die Finsternis gelöschter Laternen wie prallender +Regen auf die Halle, die zurücksank. + +</p><p>Aber mein Herz war leuchtend wie ein Säbel. +Ihm blieb die Dunkelheit fern. Einmal schon Fürstin, +einmal schon warfen uns Züge auseinander, und +Traurigkeit stürzte über mein Herz an den Seen. +Nun aber schaut es stiller in die Welt. + +</p><p>Ich werde dich, die ich besaß wie keine, ich +werde dich auch noch nicht küssen, wenn du morgen +kommst. + +</p><p>Blumen will ich an dein Bild heften an der Wand. +Freude soll dich schwellen, wenn du hereintrittst. +Vieles will ich dir schenken. + +</p><p>Du sollst alles haben, meine wilde Katze. Meine +Preise will ich dir geben, die silbernen Pokale, die +Bilder und die Spitzen, meine Figuren will ich dir +schenken. Nichts soll mir noch sein. Heute Nacht +will ich den Eindruck deines Bildes mit meinen +Blicken in den Baum schleudern, daß es, unsäglich +gehoben, wie ein zuckender Stern den Himmel +durchbricht. + +</p><p>Aber ich werde dich nicht besitzen. + +</p><p>Du . . . . mein Blut . . . . Mein Blut ist wie ein Büffel +auf der Steppe im Frühling nach dir, Ich will es +dumpf machen. Ich will die Herzklappe schließen, +daß sie anschwillt. Ich will es ertragen. + +</p><p>Ich will lächeln, und die Zunge in den Hals zurückstoßen, +daß ich ersticke am eigenen Atem, der nach +deinem Munde rauscht. Fieber wird mich ausbrennen +— ich aber will deine Hand halten ruhig und selig +wie ein Kind die Schnur seines Drachen, der groß +und schön in einem flockigen Abend steht. + +</p><p>Ich will mein Blut züchtigen, daß es nicht weiter +fließt wie bis an die Handgelenke. Mögen Katarakte +in meine Knie stürmen, du wirst nicht sehen, wenn +sie aufgewühlt stehn. + +</p><p>Denn es gibt einen Tag, der bleiben muß: aufgerissen +und kühn über jeder Umarmung . . . . gibt +einen Tag der bleiben muß. Freude stirbt in jeder +Umarmung: Unendliche Freude unseres staunenden +Lachens am ersten Tage wird darin sterben. +Aber wir hatten zu viel Traurigkeit, wir hatten zu +viel einsame Nächte voll Wahnsinn, du hast mich +gefürchtet, und ich haßte dich, wir brauchen diese +Zeit. + +</p><p>Seligkeit soll einwachsen, Fürstin, in unsere +Seele zuerst und sicher wieder, bis sie klar darin +schwebt wie eine Kuppel in Kathedralen, wie ein +Dolch in deinem gerundeten Wappen. Darum +Fürstin will ich mein Blut niederwerfen, wie Moses +die Amalekiter hinschlug, indem er die Hand hochstieß, +senkrecht in den Himmel. + +</p><p>Dies ist mehr — und ich weiß es brennend und +stärker aus vielen Umarmungen — als morgen schon +die brünstige Nacht mit dir: daß ich später über +allen Rausch hinweg, der komme, nur die reine +unendlich große Luft der Ewigkeit dieser zwei Tage +spüre, wenn ich an dich denke, wie ich es tat, als +ich nach Hause ging und deinen Brief fand, der dich +ansagte wieder . . . . und als die Schatten noch unbeknospter +Birken in Mond und Dämmerung auf +den Asphalten froren . . . . wie es steht in mir tänzerisch +und steil auf der hochgerissensten Welle: Wie +du auf der Alten Mainbrücke standest. Wasserruch +dich umspannte, letzte Sonne, als der Fluß, +ruhiger verströmend, dich plötzlich liebte, Horizont +aufbrach um dich, gelb und ungeheuer, und dich +mit wilden Schreien die Mildheit hundert weißer +Möven umflatterte . . . . und dann wie du durch den +Laternenabend Würzburgs neben mir gingst in der +fließenden Schönheit deines fürstlich grünen Kleides, +und, die ich dir in einem Wagen am Ufer gekauft +habe, die glasgoldenen Kugeln von zwei Apfelsinen +in den Händen, strahlend wie deine eigenen Brüste +über die Kaiserstraße trugst. + +</p> +<h2 class="chapter"><a id="chapter_5" name="chapter_5">TRAUM</a></h2><p> + + +</p><p class="first">DIES erste ging rasch vorüber, wir waren +durch Wald gefahren, der Wagen hielt. +Wir steigen aus. Die Pferde rennen weiter. +Nun ist es Sommer. + +</p><p>Die silbrige Allee dreht um. In gelber Sonne +leuchtet mit Spiegelscheiben das französische Landhaus. +Syringen und Springbrunnen sind darum gezogen. +Die Fürstin lächelt aus braunem Gesicht, +und ihr Lächeln wirft alles zurück, die Zeit und die +Schmerzen. Wir sind da. Ich reiße sie hinein. + +</p><p>In ihren Gelenken schaukelt Liebe, sie berauscht +die Luft. Sie gleitet durch die Räume. Ihre Finger +weisen, zeigen, deuten, Wände, Bilder, die Vasen, +sie lächelt vor Sehnsucht, das braune Gesicht strahlt +in wildem Schein auf, ihr federndes Bewegen zündet +bunte Abenteuerlichkeit in die Landschaft. Da +stürzen die Munde zusammen. + +</p><p>Hier ist ein Sommer, den wir durchleben wollen. +Ganz über dem Horizont steht blauer duftender +Himmel gespannt über den Mähnen der blonden +Weizenfelder, und er wird noch zärtlicher um ihre +Fremdheit, die mit Goldregen die Bläue verblaßt, +und sich versträhnt dem dunklen Duft des Flieders. +Die Fenster stehen weit gegen die Landschaft. + +</p><p>Dann kam der Traum: + +</p><p>In dieser ersten Nacht, wo Tau durch die Monddämmerung +spann im Park, träumte ich, daß ich +die Fürstin suche, und im Schlaf war die Gegend +verändert im Grund. Ich war in einer Stadt mit alten +Giebeln, durch die eine Straße lief mit schräger +enger Front. Die Häuser erhielten Höhe mit großen +Baracktoren, mit Erker und vermooster Skulptur +und gestaffeltem Dachzug. Dennoch schien eins +dem andern gleich. Eine Luft lag dick und dumpf +in der Straße. Die Fenster schienen blind und reglos. +Kein Geräusch, kein Ton durchdrang die Luft. +Selbst meinen Schritt hörte ich nicht. + +</p><p>Ich trat in eine Torfahrt, die Fürstin zu suchen, +da schien sie mich vertraut und freundlich aufzunehmen. +Ich sah mich um. Da kam es mir, daß ich +sie oft mit ihr durchschritten hatte, und Rührung +durchlief mich tief. Durch einen schmalen Hof an +Seitenflügeln hinunterschreitend, hörte ich Wasser, +es war, als laufe ein Fluß hinter dem Gebäude. Ich +trat ein. Sieben Kinder mit hellen Haaren umringten +mich, aber sie kannten die Fürstin nicht, als ich danach +fragte. Dennoch durchsuchte ich alle Zimmer, +ich verschonte nichts, aber ich fand sie nicht und +stand mit einemmal neu auf der Straße. + +</p><p>In der Schwüle war eine leichte Bewegung, ich +begriff sie nicht und horchte erstaunt. Dann aber +merkte ich, daß die großen Scheiben der Läden +Falten hatten und sich im Kreise drehend in die +Straße hineinschlugen und zurückebbten. Ich blieb +stehen und besah die Häuser alle nachdenklich. + +</p><p>Dann nahm ich ein anderes Haus und trat hinein, +und stieg ohne Pause auf einer immer gedrehten +Treppe. Es liefen viele Gänge strahlenförmig davon +aus. Aber ich ließ sie hochmütig und schlug eine +kleine Seitenloge ein und wußte nun sofort an der +Tönung der Wände, am Geruch der Geländer, ich +wußte es wie im Irrsinn, hier sei die Fürstin, und +Freude brach mir aus dem Gesicht. + +</p><p>Ich sah eine Tür und drückte die Klinke auf und +trat ein. Das Zimmer stand voll mit Gerät. Doch +ich lächelte. Ich hatte geirrt in der Handlung. Ich +war zu sehr voll Sehnsucht. Meine Hände kannten +eine bessere Tür. + +</p><p>Es war eine schwarze Eichentür im Seitenkorridor. +Vor ihr blieb ich lange stehen, den Kopf in die Handmulden +gesenkt. Dann trat ich ein. Ein gelblich +brauner Vorhang schloß das Zimmer ab von der +Welt. Die Luft war alt und bang, aber ich war nicht +zu täuschen, ich roch einen Duft, der ihrem glich. +Ihre kupfrige Tunika hing über einem Bügel. Ich +näherte mein Gesicht, ich ließ es hineinfallen und +wühlte die Hände hinein und schluchzte vor Sehnsucht. +Ich roch sie wieder. Wie entflammte mein +Herz daran! + +</p><p>Die Wände waren durchbrochen mit Kassetten +aus hellem Stein. Darüber waren grelle fremde +Seiden gespannt. Auf einem Sockel stand ein Faun +in obszöner Haltung. Das einzige Fenster hing über +meinem Kopf und siebte die Sonne. In meinem +Rücken hingen alle ihre Bilder, die Vasen, die geliebten +Wände, ich drehte mich nicht um, denn ich +wußte nicht, ob mein Herz nicht brach. + +</p><p>Dann stand ich auf und ging hinaus. Ich sah mich +nicht um: „nicht den Faun, nicht die Wand, nicht +die Tunika“ flüsterte mein Blut. „Sie“ stammelte +es. So kam ich auf die Straße. Der Himmel war +schwerrot, glatt mit Email übergossen und schleuderte +Abglanz in die Fenster, die Läden, die Gehsteige +und die kleinen Pfützen, die wie Ballone +funkelten. Nun ging ich in Haus um Haus. + +</p><p>Aber jedes glich dem andern, und bald war ich +so verwirrt, daß ich mich selbst im Bilde sah, verrückt +vor Suchen und geschlagen von der Sehnsucht. +Da erscholl der Ton einer Laute. + +</p><p>Nun lächelte ich und trat in ein rötliches Haus +ohne Zögerung. Voll Sicherheit stieg ich zum Giebel. +Dann ging ich langsam wieder herunter und horchte +angespannt. In der zweiten Etage streifte ich eine +Tür, und als ich vorüber war, drehte ich um, und +unnennbar voll Gewißheit ging ich auf ein Papier +zu, das daran klebte. Meine Augen waren aufgesogen +von dem Weiß, das ihren Namen tragen würde. +Ich war so voll von Sicherheit, daß ich die Augen +schloß im Übermut, und durch die Lider sah ich +ihren Namen blau und schräg auf den Karton gemalt, +ihren wilden berauschenden Namen, den ersten +großen herrschenden Buchstaben und die steifen +in Leidenschaft erstarrten der anderen . . . . und +vortretend, die Lider gesperrt, las ich einen fremden +russischen Namen, gleichgültig wie Eis. Allein ich +lächelte. Sicherheit verließ mich nicht. + +</p><p>Die Tür stand im Spalt, und ich sah hinein. In +der Ecke hockte ein häßlicher brauner Kerl, ich +kannte ihn nicht. Mitten aber, mitten stand die +Fürstin und schlug die Balalaika. Das hatte ich +immer schon gehört. + +</p><p>Aber als mein Blick sie begehrte, und mein Bein +schon federte im Sprung, traf mich durch die Luft +ein Schlag, ich stand gelähmt. Es kam von ihr, ich +fühlte es, denn nur sie hatte diese fremde Macht +über mein Hirn. Ich wandte mich um, und zu einem +blauäugigen Kind, das hinter mir stand, gewendet, +fragte ich: „Man tritt nicht ein . . . .“. Aber das +Kind schaute vor sich hin ohne Antwort. + +</p><p>Da ging ich grad und langsam bis ans Ende des +Ganges. An einem Fenster mit grünen Glaskacheln +sicherte ich den Revolver ruhig und besinnungslos +und wartete, an die Wand gelehnt. + +</p><p>Bald brach die Musik ab. Die Fürstin trat aus +dem Zimmer, bog und ging das entgegengesetzte +Stück des Gangs. Ihre Röcke, aufgebauscht mit +Lilien auf weißem Grund, wölbten sich über den +Hüften schwach bewegt. Immer war ein Raum +zwischen ihrem Leib und ihren Kleidern, durch jedes +Gewand sah ich ihre eigentliche Form. Aber wie sie +ging so, schoß ich nicht nach ihr, ich konnte nichts +tun wie sie ansehen und vergehen vor Wünschen. +Ist dies die Frau, gegen die ich schwach bin, fragte +ich staunend verwirrt, doch schon verging meine +Wut, denn ich sah glänzend im Schatten der Stiegen +beim Wenden ihr Profil. + +</p><p>Hinter ihr ging der Braune und seine Gestalt, +noch häßlich wie ein Affe aber stark wie ein Tier +im Zimmer, zog gebeugt mit paralytischen Beinen +hinter ihr her, und ein süßlicher Geruch wie von +Leichen strömte langsam von ihm den Gang herauf. + +</p><p>Es schien dunkel im Gang, als ich mich umsah. +Schmerz saß in allen Ecken. Das Kind hockte nun +spielend auf dem schrägen Dach eines Nachbarhauses +und warf glitzernde Kugeln in die Luft. + +</p><p>Langsam ging ich die Treppe hinunter, die Lippen +redend: „Es war nicht die Fürstin . . . . Es war nicht +die Fürstin . . . .“ Aber es war doch die Fürstin, und +ich belog mich nur. + +</p><p>Auf der Straße aber begann mein Herz zu tanzen +vor Furcht, daß ich sie nicht fände und zwänge, ich +sprang, die Fäuste in den Schläfen, in einen Laden, +durcheilte ihn und erblickte eine Tür. Das Licht +hing lang und glänzend in ihrem Spalt. Das Zimmer +war halb weiß und wieder blau und von einem magischen +Leuchten erfüllt. Drei Menschen bewegten +sich darin gegeneinander mit weit über Sichtbares +hinausgehender Bewegung. + +</p><p>Einer war der Russe Aphroditi, ihn erkannte ich +sofort, der Tänzer mit der anarchischen Seele. Er +trug ein blaues Kleid, ungegürtet, das bis zu den +Knien reichte und den Hals frei ließ. Es war, als +folge er einer grausamen unsichtbaren Musik. In +den Händen schwang er weiße Callas immer nach +demselben Satz. Die beiden anderen waren Frauen, +eine kannte ich nicht. + +</p><p>Aber die andere war die Fürstin. Diesmal sah +ich sie deutlich. + +</p><p>Ich sah den roten Stern unter ihrer linken Achsel. +Sie hatte ein Pantherfell um die Taille geschlungen, +sonst war sie nackt. Ihre Brüste hoben sich breit +und rund und an den Spitzen ein wenig gereckt nach +oben. Eine hohe Mütze aus weißem ungeborenen +Lämmerfell krönte als Helm ihr Haar. Sie sprang +tanzend vor und zurück, die Lippen berauscht geöffnet, +wild und schäumend, die braunen Muskeln +unter ihrem Knie ballten sich und entwirrten sich +wieder, ihr Auge flammte, die goldenen Brauen +glühten. Das war die Fürstin. Ich kannte jede Spur +ihres Körpers. + +</p><p>Da sprang unter meiner Begierde die Lähmung, +ich schrie. Aber Aphroditi, gegen die Wand gestellt, +ließ die Callas fallen unter dem Schrei, und neigte +seinen Kopf auf die seitliche Schulter. Dann legte +er seine linke Hand mit dem Rücken wider die Wand +und schlug einen Dolch hinein bis ans Heft. Aber +es kam kein Blut. + +</p><p>Da riß ich die Tür auf, nun war sie mein, aber +die Tür schien aus Erz. Die Luft dahinter im Zimmer +wurde unerträglich blau. Da schlug ich dröhnend +meine Hand durch die Planken. Ich schlug hindurch. +Ich hatte sie zerhauen. + +</p><p>Aber wie ich auf der Schwelle stand, war alles +umsonst. Das Gesicht der Fürstin verwandelte sich +auf der Oberfläche, der tolle große Zug der Nase +und des Mundes vertauschte sich. Ich sah mit meinen +Augen wie ihr Kopf sich formte in ein unbekanntes +freches Gesicht, und indem das Herz in Wut und +Schmerz zersplitterte, wie die Fremde, kokottenhaft +in Aphroditis Arm sich schaukelnd, im Pas de +l’ours die Hüften schwenkend, einen schlechten +Schieber begann. + +</p><p>Ich hatte sie beinahe gehabt. Ich wollte sie ganz +haben und ruhte nicht. + +</p><p>Zornig und verächtlich ging ich hinunter auf die +Straße. „Ich will sie haben, ich will sie haben,“ so +trommelte mein Herz und alles war mir gleich, ich +war im Fieber, ich nähme sie als Hure, ich will sie +haben, nichts anderes wußte mein Herz. Das Rot +über den Dächern war drückend und dunkel geworden. +Es glühte zwischen den schwarzen langen +Linien der Häuser heraus. Ich spürte keine Hitze, +aber Druck. Plötzlich mußte ich wenden . . . . da +sah ich unten auf der Straße sehr fern, das Fell über +die Achsel nachlässig gelegt, im Autodreß die Fürstin, +über das Pflaster gehend, leicht ein wenig sich +wiegend, königlich und süß in den Hüften. + +</p><p>Ich wollte rufen, ich hob die Arme. Aber sie waren +Blei. Die Stickluft drang in die Kehle, dies ist der +Tod, blitzte mein Hirn, der Himmel stand im +Bersten . . . . und in dem Augenblick, als die Fürstin, +mit dem Fell spielend, leichthin auf den blauroten +Horizont zugehend, fast den Rand des Gewölks +erreichte und abbog, riß eine brüllende Explosion +alles auseinander . . . . + +</p><p>Da erwachte ich. Entsetzt. + +</p><p>Die Augen aufgerissen spähte ich in Dunkelheit. +Aber die Sommerlandschaft stand mit mildem Silber +in dem Raum, und Duft von Flieder zog durch das +Zimmer. Aber noch war ich irr. Ich riß sie herüber, +und sie erwachte in meinen Arm hinein, „du,“ rief +ich stammelnd: „ich habe dich . . . . ich habe dich.“ +Und noch halb im Schlaf erwachte ihr gelöster +Mund in meinem, und mit der warmen Nähe ihres +Leibes hielt ich wieder unendliches Dasein mit +sanftem Herzschlag erdonnernd an meiner Brust. +Ich wurde ruhig wie ein Tier, und, die Glieder an +ihren gelöst, mit schwindendem Grauen darüber, +daß feindlich irgendwo ein Schicksal Ungeheures +außerhalb der Macht meiner Arme zu halten vermöchte, +mit schon entfernt sich flüchtendem Gefühl +des Traums, dem Augenblick unsterblich hingegeben, +schlief ich hinein in ihren besitzenden Kuß. + + + + + + + + + +</p><p class='center' style="font-size: small"> +<br/><br/><br/><br/><br/><br/> +GEDRUCKT BEI POESCHEL & TREPTE IN LEIPZIG + + +</p> + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Die Fürstin, by Kasimir Edschmid + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE FÜRSTIN *** + +***** This file should be named 32385-h.htm or 32385-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/2/3/8/32385/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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