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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/32014-8.txt b/32014-8.txt new file mode 100644 index 0000000..8aa07c3 --- /dev/null +++ b/32014-8.txt @@ -0,0 +1,4945 @@ +The Project Gutenberg EBook of Fledermäuse, by Gustav Meyrink + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Fledermäuse + Sieben Geschichten + +Author: Gustav Meyrink + +Release Date: April 16, 2010 [EBook #32014] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FLEDERMÄUSE *** + + + + +Produced by Norbert H. Langkau, Evelyn Kawrykow, Juliet +Sutherland and the Online Distributed Proofreading Team +at https://www.pgdp.net + + + + + +Anmerkungen zur Transkription: + +Offensichtliche Druckfehler im Text wurden korrigiert, die Schreibweise +ansonsten aber wie im Original belassen. + +Das Originalbuch ist in Frakturschrift gesetzt. Textauszeichnungen +wurden folgendermaßen ersetzt: + + Sperrung: _gesperrter Text_ + Antiquaschrift: #Antiqua# + +Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Buchende vor das erste Kapitel verschoben. + + * * * * * + + + Fledermäuse + + Sieben Geschichten + + von + + Gustav Meyrink + + Das 21. bis 30. Tausend + + Kurt Wolff Verlag, Leipzig + + 1916 + + + #Copyright 1916 by# Kurt Wolff Verlag, Leipzig + + Gedruckt in der L. C. Wittich'schen Hofbuchdruckerei + in Darmstadt + + + + Meinem Freunde + + August Wärndorfer + + gewidmet + + + + + Inhalt + + + Meister Leonhard 7 + + Das Grillenspiel 86 + + Wie #Dr.# Hiob Paupersum seiner Tochter + rote Rosen brachte 111 + + Amadeus Knödlseder. Der unverbesserliche + Lämmergeier 135 + + J. H. Obereits Besuch bei den Zeit-egeln 156 + + Der Kardinal Napellus 175 + + Die vier Mondbrüder 200 + + + + +Meister Leonhard + + +Unbeweglich sitzt Meister Leonhard in seinem gotischen Lehnstuhl und +starrt mit weit offenen Augen gerade aus. + +Der Flammenschein des lodernden Reisigfeuers in dem kleinen Herd flackert +über sein härenes Gewand, aber der Glanz kann nicht haften bleiben an der +Regungslosigkeit, die Meister Leonhard umgibt, gleitet ab von dem langen +weißen Bart, dem gefurchten Gesicht und den Greisenhänden, die in ihrer +Totenstille mit dem Braun und Gold der geschnitzten Armlehnen wie +verwachsen sind. + +Meister Leonhard hält seinen Blick zum Fenster gekehrt, vor dem mannshohe +Schneehügel die ruinenhafte halbversunkene Schloßkapelle umgeben, in der +er sitzt, aber im Geiste sieht er hinter sich die kahlen, engen, +schmucklosen Wände, die ärmliche Lagerstätte und das Kruzifix über der +wurmstichigen Tür -- sieht den Wasserkrug, den Laib selbergebackenen +Bucheckernbrotes und das Messer daneben mit dem gekerbten Beingriff in der +Ecknische. + +Er hört, wie draußen die Baumriesen krachen unter dem Frost und sieht die +Eiszapfen im grellen schneidenden Mondlicht herabfunkeln von den +weißbeladenen Ästen. Er sieht seinen eigenen Schatten hinaus durch den +Spitzbogen des Fensters fallen und mit den Silhouetten der Tannen auf dem +glitzernden Schnee ein gespenstisches Spiel treiben, wenn das Feuer der +Kienspäne im Ofen die Hälse reckt oder sich duckt, -- dann wieder sieht er +ihn plötzlich zusammengeschrumpft wie zu einer Bockgestalt auf +schwarzblauem Thron und die Knäufe des Lehnstuhls als Teufelshörner über +spitzigen Ohren. + +Ein altes buckliges Weib aus dem Meiler, der stundenweit, jenseits der +Moorheide tief unten im Tale liegt, humpelt mühsam durch den Wald herauf +und zieht einen Handschlitten mit dürrem Holz; erschreckt glotzt sie in +den blendenden Lichtschein und begreift nicht. Ihr Blick fällt auf den +Teufelsschatten im Schnee -- sie erfaßt nicht, wo sie ist und daß sie vor +der Kapelle steht, von der die Sage geht, der letzte gegen den Tod +gefeite Sprosse eines fluchbeladenen Geschlechtes hause darin. + +Voll Entsetzen schlägt sie das Kreuz und hastet mit wankenden Knien zurück +in den Wald. + +Meister Leonhard folgt ihr eine Weile im Geiste auf dem Weg, den sie +nimmt. Er kommt an den brandschwarzen Trümmern des Schlosses vorüber, in +dem seine Jugend verschüttet liegt, aber es berührt ihn nicht: alles ist +ihm Gegenwart, leidlos und klar wie ein Gebilde aus farbiger Luft. Er +sieht sich als Kind unter einer jungen Birke mit bunten Kieseln spielen +und sieht sich zu gleicher Zeit als Greis vor seinem Schatten sitzen. + +Die Gestalt seiner Mutter taucht vor ihm auf mit den ewig zuckenden +Gesichtszügen; alles an ihr bebt in beständiger Unruhe, nur die Haut ihrer +Stirn ist unbeweglich, glatt wie Pergament und straff über den runden +Schädel gespannt, der gleich einer fugenlosen Elfenbeinkugel das Gefängnis +eines summenden Fliegenschwarms unsteter Gedanken zu sein scheint. + +Er hört das ununterbrochene, keine Sekunde pausierende Rascheln ihres +schwarzen seidenen Kleides, das wie das nervenaufpeitschende Schwirren von +Millionen Insektenflügeln die Räume des Schlosses erfüllt, durch Boden- +und Mauerritzen dringt und Mensch und Tier den Frieden raubt. Selbst die +Dinge stehen unter dem Bann ihrer schmalen, immer befehlsbereiten Lippen, +sind beständig wie auf dem Sprung und keines wagt sich heimisch zu fühlen. +Sie kennt das Leben der Welt nur vom Hörensagen, über den Zweck des +Daseins nachzuforschen, hält sie für überflüssig und für eine Ausrede der +Faulheit; wenn nur von früh bis spät ein zweckloses ameisenhaftes +Umherrennen im Hause herrscht, ein sinnwidriges Da- und Dorthinstellen von +Gegenständen, ein fiebriges Sichmüdemachen bis in den Schlaf hinein und +ein Zermürben ihrer Umgebung, glaubt sie ihre Pflicht gegen das Leben zu +erfüllen. Nie kommt ein Gedanke in ihrem Hirn zu Ende, kaum entsteht er, +wird er schon zu hastiger zweckloser Tat. Sie ist wie der +vorwärtshaspelnde Sekundenmesser einer Uhr, der in seiner +Zwergenhaftigkeit sich einbildet, daß die Welt ins Stocken gerät, wenn er +nicht dreitausendsechshundertmal zwölfmal des Tages im Kreise +herumzappelt, voll Ungeduld die Zeit in Staub zu zerfeilen, und es nicht +erwarten kann, daß die gelassenen Stundenzeiger die langen Arme heben zum +Schlag auf die Glocke. + +Oft mitten in der Nacht reißt die Besessenheit sie aus dem Bette und sie +weckt die Dienerschaft: die Blumentöpfe, die in unabsehbaren Reihen auf +den Fenstersimsen stehen, müssen sogleich begossen werden; sie ist sich +nicht klar über das »warum«, es genügt: sie »müssen« begossen werden. +Niemand wagt ihr zu widersprechen, jeder wird stumm angesichts der +Erfolglosigkeit, mit dem Schwert des Verstandes gegen ein Irrlicht kämpfen +zu wollen. + +Nie fängt eine Pflanze Wurzel, denn täglich setzt sie sie um, niemals +lassen sich die Vögel auf dem Dach des Schlosses nieder, in Scharen +durchkreuzen sie in dunklem Wandertrieb den Himmel, schwenken hierhin und +dorthin, aufwärts und abwärts, bald zu Punkten werdend, bald breit und +flach wie schwarze flatternde Hände. + +Selbst in den Sonnenstrahlen ist ein ewiges Zittern, denn immer herrscht +Wind und verweht ihr Licht mit jagenden Wolken; es geht ein Schwanken und +Zausen von früh bis abend, von abend bis früh durch die Blätter und Zweige +der Bäume, und nie kommen Früchte zur Reife, -- schon der Mai bläst alle +Blüten davon. Die Natur ringsum ist krank von der Unrast im Schlosse. + +Meister Leonhard sieht sich vor seiner Rechentafel sitzen, er ist zwölf +Jahre alt, drückt die Hände fest an die Ohren, um das Schlagen der Türen +und das unablässige Treppauf Treppab der Mägde nicht zu hören und das +Schrillen der Stimme seiner Mutter, -- es nützt nichts: die Ziffern werden +eine Herde wimmelnder boshafter winziger Kobolde, laufen ihm durchs Hirn, +durch Nase, Mund und Augen aus und ein und machen sein Blut rasen und +seine Haut brennen. Er versucht's mit dem Lesen, -- umsonst, die +Buchstaben tanzen vor seinen Blicken: ein nicht zu fassender +Mückenschwarm. -- »Ob er seine Aufgabe denn immer noch nicht kann?« +schrecken ihn die Lippen der Mutter auf; sie wartet die Antwort nicht ab, +ihre irren wasserblauen Augen suchen in allen Ecken, ob nicht irgendwo +Staub liegt; Spinnweben, die nicht da sind, müssen mit Besen abgekehrt, +Möbel umgestellt, hinaus und wieder hereingerückt, Schränke zerlegt und +nachgesehen werden, damit sich keine Motten einnisten, man schraubt die +Tischbeine ab und wieder an, Schubladen fliegen auf und zu, man hängt die +Bilder um, reißt Nägel aus den Wänden und schlägt sie daneben ein, die +Dinge geraten in Tobsucht, der Hammer fliegt vom Stiel, Leitersprossen +brechen, Kalk bröckelt von der Decke, -- der Maurer soll sofort kommen! +--, Wischtücher klemmen sich ein, Nadeln fallen aus der Hand und +verstecken sich in Dielenritzen, der Wachhund im Hof reißt sich los, kommt +mit klirrender Kette herein und rennt die Stehuhr über den Haufen; der +kleine Leonhard bohrt sich von neuem in sein Buch und beißt die Zähne +zusammen, um einen Sinn zu erhaschen aus den schwarzen krummen Haken, die +da drin hintereinander herlaufen, -- er soll sich anderswo hinsetzen, der +Sessel muß ausgeklopft werden; er lehnt sich, das Buch in der Hand, ans +Fensterbrett, -- das Fensterbrett muß gewaschen und weiß gestrichen +werden; warum er denn überall im Weg ist? Und ob er seine Aufgabe jetzt +endlich kann? Dann fegt sie hinaus; die Mägde müssen alles liegen und +stehen lassen und rasch ihr nach und Schaufeln, Äxte und Stangen holen für +den Fall, daß im Keller Ratten sind. + +Das Fensterbrett ist halb gestrichen, von den Stühlen fehlen die Sitze und +das Zimmer gleicht einem Trümmerhaufen; ein dumpfer grenzenloser Haß gegen +die Mutter frißt sich in das Herz des Kindes. Jede Faser in ihm lechzt +nach Ruhe; es sehnt die Nacht herbei, aber selbst der Schlaf bringt ihm +die Stille nicht, wirre Träume halbieren seine Gedanken, so daß aus einem +zwei werden, die einander jagend verfolgen und nie erreichen; die Muskeln +können sich nicht entspannen, der ganze Körper ist in beständiger +Abwehrstellung gegen blitzartig hereinbrechende Befehle, das oder jenes +Sinnlose vollbringen zu sollen. + +Die Spiele während des Tages im Garten entspringen nicht jugendlicher +Lust, die Mutter ordnet sie an ohne Verständnis, wie alles, was sie tut, +um sie in der nächsten Minute zu unterbrechen; ein längeres Beharren bei +einer Sache erscheint ihr als Stillstand, gegen den sie glaubt ankämpfen +zu müssen wie gegen den Tod. Das Kind traut sich nicht vom Schlosse weg, +bleibt immer in Hörweite, es fühlt: es gibt kein Entrinnen, ein Schritt zu +weit und schon fällt ein lautes Wort aus den offenen Fenstern herab und +hemmt den Fuß. + +Die kleine Sabine, ein Bauernmädchen, das unten beim Gesinde wohnt und ein +Jahr jünger ist als er, sieht Leonhard nur von weitem, und gelingt es +ihnen, einmal für kurze Minuten zusammenzukommen, reden sie in hastigen +abgerissenen Sätzen, so wie Leute, die von sich begegnenden Schiffen +einander eilige Worte zurufen. + +Der alte Graf, Leonhards Vater, ist lahm auf beiden Füßen, er sitzt den +ganzen Tag im Rollstuhl in seinem Bibliothekszimmer, stets im Begriffe zu +lesen; aber auch hier ist keine Ruhe, stündlich wühlen die nervösen Hände +der Mutter in den Büchern, stauben sie ab und schlagen sie mit den +Deckeln aneinander, Merkzeichen flattern auf den Boden, Bände, die heute +hier stehen, stehen morgen hoch oben auf den Borden oder türmen sich zu +Bergen, wenn plötzlich die Tapeten hinter den Gestellen mit Brot oder +Bürsten abgerieben werden sollen. Und ist die Gräfin für eine Zeit in den +andern Räumen des Schlosses, so steigert sich nur die Qual des geistigen +Wirrwarrs durch das nagende Gefühl der Erwartung, daß sie jeden Augenblick +unversehens zurückkommen kann. + +Abends, wenn die Kerzen brennen, schleicht sich der kleine Leonhard zu +seinem Vater, um ihm Gesellschaft zu leisten, aber es kommt zu keinem +Gespräch; wie eine Glaswand, durch die hindurch eine Verständigung +unmöglich ist, steht es zwischen ihnen; zuweilen öffnet der Alte, als +fasse er gewaltsam den Entschluß, seinem Kinde etwas Wichtiges, +Einschneidendes zu sagen, mit einem erregten Vorneigen des Gesichtes den +Mund, aber immer bleiben ihm die Worte in der Kehle stecken, er schließt +die Lippen wieder, fährt nur stumm und zärtlich mit der Hand über die +glühheiße Stirne des Knaben, aber seine Blicke flackern dabei zur Türe +hin, die jeden Augenblick eine Störung bringen kann. + +Dumpf ahnt das Kind, was in der alten Brust vorgeht: daß es Übervollsein +des Herzens und nicht Leere ist, die die Zunge seines Vaters stumm macht, +und wieder steigt ihm der Haß gegen die Mutter bitter zum Halse hinauf, +die es in Gedanken mit den tiefen Furchen und dem verstörten Ausdruck des +Greisengesichtes in den Kissen des Rollstuhls in unklare Verbindung +bringt; ein leiser Wunsch, man möge eines Morgens die Mutter tot im Bette +finden, wird in ihm wach, und zu der Folter beständiger innerer Unruhe +treten die Qualen eines höllischen Wartens, -- es belauert im Spiegel ihre +Züge, ob sich keine Spur von Krankheit in ihnen zeigt, beobachtet ihren +Gang voll Hoffnung, die Zeichen beginnender Müdigkeit zu entdecken. Aber +eine unerschütterliche Gesundheit belebt die Frau, sie kennt kein +Schwachsein, scheint immer neue Kraft zu bekommen, je mehr die Menschen in +ihrer Nähe siech und schlaff werden. + +Von Sabine und der Dienerschaft erfährt Leonhard, daß sein Vater ein +Philosoph ist, ein Weiser, und daß in den vielen Büchern lauter Weisheit +steht, und er faßt den kindlichen Entschluß, die Weisheit zu erringen, -- +vielleicht fällt dann die unsichtbare Schranke, die ihn von seinem Vater +trennt, und die Furchen werden wieder glatt, das gramvolle Greisengesicht +wieder jung. + +Aber niemand kann ihm sagen, was Weisheit ist, und die pathetischen Worte +des Geistlichen, an den er sich wendet: »die Furcht des Herrn, das ist +Weisheit«, machen ihn vollends verwirrt. + +Daß es die Mutter nicht weiß, steht felsenfest bei ihm, und langsam +dämmert ihm daraus die Erkenntnis, daß alles, was sie tut und denkt, das +Gegenteil von Weisheit sein muß. + +Er faßt sich ein Herz und fragt seinen Vater, als sie einen Augenblick +allein sind, was Weisheit ist, -- unvermittelt, abgerissen, wie ein +Mensch, der einen Hilferuf ausstößt; er sieht, wie die Muskeln in dem +bartlosen Gesicht seines Vaters arbeiten vor Anstrengung die richtigen +Worte zu finden, die einem wißbegierigen Kindesverstand angepaßt sind, -- +ihm selbst zerspringt der Kopf fast vor krampfhaftem Bemühen, den Sinn der +Rede zu begreifen. + +Er fühlt genau, warum die Sätze so hastig und abgebrochen aus dem +zahnlosen Munde kommen, -- daß es wieder die Angst vor Störung durch die +Mutter ist, die Scheu, daß heilige Samenkörner entweiht werden könnten, +wenn sie der zersetzende nüchterne Hauch trifft, den seine Mutter +ausströmt, -- daß sie zum Giftkraut werden können, falls er sie +mißversteht. + +All seine Mühe, zu erfassen, ist umsonst, schon hört er laute eilige +Schritte draußen auf dem Gang, die schrillen abgehackten Befehle und das +entsetzliche Rascheln des schwarzen, seidenen Kleides. Die Worte seines +Vaters werden schneller und schneller, er will sie auffangen, um sie sich +zu merken und später darüber nachzudenken, hascht nach ihnen, wie nach +schwirrenden Messern, -- sie entgleiten ihm, lassen blutende Schnittwunden +zurück. + +Die atemlosen Sätze: »schon die Sehnsucht nach Weisheit ist Weisheit«, -- +»ringe nach einem festen Punkt in dir, dem die Außenwelt nichts anhaben +kann, mein Kind«, -- »sieh alles, was geschieht, wie ein gemaltes lebloses +Bild an und laß dich davon nicht berühren« -- bohren sich in sein Herz +ein, aber sie haben eine Maske vor dem Gesicht, die er nicht zu +durchdringen vermag. + +Er will weiter fragen, die Tür springt auf, ein letztes Wort: »laß die +Zeit an dir ablaufen wie Wasser« weht an seinem Ohr vorüber, die Gräfin +rast herein, ein Kübel fällt über die Schwelle, schmutzige Flut ergießt +sich über die Fliesen. »Steh nicht im Weg! Mach' dich nützlich!« gellt +es ihm nach, wie er voll Verzweiflung die Treppen hinunterläuft in sein +Zimmer. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + + +Das Bild der Kindheit erlischt, und Meister Leonhard sieht wieder den +weißen Forst im Mondschein vor seinem Kapellenfenster, -- nicht schärfer +und nicht schwächer als die Szenen aus seiner Jugend: Vor seinem starren +kristallenen Geist ist Wirklichkeit und Erinnerung gleich leblos und +gleich lebendig. + +Ein Fuchs trabt vorüber, langgestreckt, ohne Laut; der Schnee staubt +glitzrig auf, wo sein buschiger Schweif den Boden streift, die Augen +leuchten grün aus dem Dunkel der Stämme, verschwinden im Dickicht. + +Hagere Gestalten in ärmlicher Kleidung, Gesichter, ausdrucksarm und +nichtssagend, verschieden durch das Alter und doch einander so seltsam +ähnlich, erstehen vor Meister Leonhard; er hört ihre Namen flüsternd im +Ohr, gleichgültige alltägliche Namen, die kaum ein Mittel sind, ihre +Träger zu unterscheiden. Er erkennt sie wieder als seine Hauslehrer, die +kommen und nach einem Monat gehen, -- nie ist seine Mutter mit ihnen +zufrieden, entläßt einen nach dem andern, weiß keinen Grund dafür und +sucht auch keinen; wenn sie nur da sind und gleich wieder fort wie +Blasen in brodelndem Wasser. Leonhard ist ein Jüngling mit keimendem +Flaum auf der Lippe und bereits so groß wie seine Mutter. Wenn er ihr +gegenübersteht, sind seine Augen auf gleicher Höhe wie die ihrigen, aber +immer muß er wegschauen, wagt den Versuch nicht, zu dem es ihn beständig +reizt und stachelt: ihren leeren fahrigen Blick zu bannen und den +tödlichen Haß hineinzusengen, den er gegen sie empfindet; jedesmal +würgt er es herunter, fühlt, daß der Speichel in seinem Munde bitter wie +Galle wird und sein Blut vergiftet. + +Er sucht und scharrt in seinem Innern und kann doch die Ursache nicht +finden, die ihn so ohnmächtig macht gegen diese Frau mit ihrem unsteten +fledermaushaften Zickzackflug. + +Ein Chaos von Begriffen dreht sich in seinem Kopf wie ein rasendes Rad, +jeder Herzschlag schwemmt neues Trümmerwerk halbfertiger Gedanken in sein +Hirn und schwemmt es wieder weg. + +Pläne, die keine sind, Ideen, die sich selbst widerlegen, Wünsche ohne +Ziel, blinde heißhungrige Begierden, sich drängend und aneinander +zerschellend, tauchen empor aus den Wirbeln der Tiefe, die sie sofort +wieder einsaugt; Schreie ersticken in der Brust und können nicht an die +Oberfläche. + +Eine wilde heulende Verzweiflung ergreift Besitz von Leonhard, steigert +sich von Tag zu Tag; in jedem Winkel erscheint ihm gespenstig das verhaßte +Gesicht seiner Mutter; aus den Büchern, wenn er sie aufschlägt, springt es +ihm schreckhaft entgegen; er traut sich nicht umzublättern aus Angst, es +von neuem zu sehen, wagt nicht sich umzudrehen, daß es nicht leibhaftig +hinter ihm stehe: jeder Schatten gerinnt in die gefürchteten Züge, der +eigene Atem rauscht wie das schwarze seidene Kleid. + +Seine Sinne sind wund und empfindlich wie bloßliegende Nerven; wenn er im +Bette liegt, weiß er nicht, ob er träumt oder wacht, und übermannt ihn +endlich der Schlaf, wächst aus dem Boden ihre Gestalt im Hemde, weckt ihn +und schrillt ihn an: Leonhard, schläfst du schon? + +Ein neues, seltsam heißes Gefühl wirft ihn hin und her, beklemmt ihm die +Brust, verfolgt ihn und treibt ihn, die Nähe Sabines zu suchen, ohne daß +er sich klar wird, was er von ihr will; sie ist erwachsen und trägt Röcke +bis zum Knöchel, das Rascheln ihres Kleides erregt ihn noch mehr als das +seiner Mutter. + +Mit seinem Vater ist keine Verständigung mehr möglich: tiefe Nacht +umfängt seinen Geist; in regelmäßigen Zwischenräumen dringt das Stöhnen +des Greises grauenhaft durch die Hetzjagd im Hause, Stunde für Stunde +waschen sie sein Gesicht mit Essig, schieben seinen Sessel dahin und +dorthin, quälen den Sterbenden zu Tode. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- +-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Leonhard wühlt sich mit dem Kopf in die Kissen, um nicht zu hören, -- +ein Diener zupft ihn am Ärmel: »Um Gotteswillen schnell, schnell, mit +dem alten Herrn Grafen geht's zu Ende«. Leonhard springt auf, begreift +nicht, wo er ist und daß die Sonne scheint, und wieso es nicht finstere +Nacht wird, wenn sein Vater stirbt; er taumelt, sagt sich mit steifen +Lippen vor, daß er das alles nur träumt, läuft hinüber ins +Krankenzimmer; nasse Handtücher hängen in Reihen zum Trocknen an +Wäscheschnüren quer durch den Raum, Körbe versperren den Weg, der Wind +bläst durch die offenen Fenster herein und bauscht die weiße Leinwand, +-- ein Röcheln irgendwoher aus der Ecke. + +Leonhard reißt die Stricke herab, daß die Wäsche naß auf den Boden +klatscht, schleudert alles beiseite, kämpft sich hin zu den brechenden +Augen, die ihm aus dem Rollstuhl, als der letzte Vorhang fällt, blind +und gläsern entgegenstarren, stürzt auf die Knie, drückt die +teilnahmslose, vom Todesschweiß feuchte Hand an seine Stirn; er will +das Wort »Vater« rufen und kann nicht, es fehlt plötzlich in seinem +Gedächtnis; es liegt ihm auf der Zunge, aber er vergißt es voll +Entsetzen in der nächsten Sekunde, eine wahnsinnige Angst drosselt ihn, +daß der Sterbende nicht mehr zu sich kommt, wenn er ihm das Wort nicht +zuruft, -- daß nur dieses Wort allein die Macht hat, das erlöschende +Bewußtsein von der Schwelle des Lebens für einen kurzen Augenblick noch +zurückzubringen; er rauft sich das Haar und schlägt sich ins Gesicht: +tausend Worte stürmen zu gleicher Zeit auf ihn ein, nur das eine, das er +mit brennendem Herzen sucht, will nicht erscheinen, -- und das Röcheln +wird schwächer und schwächer. + +Stockt. + +Fängt wieder an. + +Bricht ab. + +Verstummt. + +Der Mund klappt auf. + +Bleibt offen stehen. + +»Vater!« schreit Leonhard auf; endlich ist das Wort da, aber der, dem es +gilt, rührt sich nicht mehr. + +Tumult entsteht auf den Treppen; schreiende Stimmen, hallende laufende +Schritte auf den Gängen, der Hund schlägt an, heult dazwischen. Leonhard +achtet nicht darauf, er sieht und fühlt nur die furchtbare Ruhe auf dem +starren leblosen Gesicht; sie erfüllt das Zimmer, strahlt auf ihn über, +hüllt ihn ein. Ein betäubendes Gefühl von Glück, das er nicht kennt, legt +die Hand über sein Herz, ein Empfinden einer unbeweglichen Gegenwart, die +jenseits von Vergangenheit und Zukunft steht, -- ein stummes Frohlocken, +daß eine Kraft ringsum schwingt, in die man sich flüchten kann vor der +wirbelnden Unruhe im Haus wie in eine Wolke, die unsichtbar macht. + +Die Luft ist voll Glanz. + +Leonhard stürzen die Tränen aus den Augen. -- -- + +Ein prasselndes Geräusch, wie die Türe aufspringt, macht ihn +zusammenfahren, seine Mutter eilt herein, -- »es ist keine Zeit zum +Weinen jetzt; siehst doch, 's gibt alle Hände voll zu tun«, trifft es +ihn mit Peitschenhieb; Befehle schwirren, einer hebt den andern auf, die +Mägde schluchzen, man jagt sie hinaus, in fliegender Hast schleppen die +Diener die Möbel auf den Gang, Glasscheiben klirren, Arzneiflaschen +zerbrechen, man soll den Doktor holen, nein: den Geistlichen, halt halt, +nicht den Geistlichen: den Totengräber, er soll die Schaufel nicht +vergessen, einen Sarg bringen, Nägel zum Zunageln, die Schloßkapelle +aufsperren, die Gruft herrichten jetzt gleich, auf der Stelle, wo die +brennenden Kerzen bleiben und warum niemand die Leiche aufbahrt! -- muß +man denn alles zehnmal sagen!? + +Mit Schaudern sieht Leonhard, wie der tolle Hexentanz des Lebens sogar +vor der Majestät des Todes nicht haltmacht und Schritt für Schritt einen +scheußlichen Sieg gewinnt, -- fühlt, daß der Frieden in seiner Brust +zergeht wie ein Hauch. + +Sklavisch gehorsame Hände greifen schon nach dem Rollstuhl mit dem +Verstorbenen darin, um ihn fortzutragen; er will dazwischen springen, den +Toten schützen, breitet die Arme aus, -- sie fallen ihm kraftlos herab. Er +beißt die Zähne zusammen und zwingt sich, die Augen seiner Mutter zu +suchen, ob denn keine Spur von Leid oder Trauer in ihnen zu lesen ist: +keine Sekunde ist ihr unsteter, ruheloser Affenblick zu fassen, schweift +von Winkel zu Winkel, auf und nieder, von der Decke zur Wand, vom Fenster +zur Tür in wahnwitziger schmeißfliegenhafter Eile und verrät ein Geschöpf +ohne Seele, -- eine Besessene, an der Schmerz und Empfindung abprallen wie +Pfeile von einer wirbelnden Scheibe, ein scheußliches Rieseninsekt in +Weibsgestalt, das den Fluch ziel- und zweckloser Arbeit auf Erden +verkörpert. Lähmender Schrecken durchzuckt Leonhard, er starrt sie an wie +ein Wesen, das er zum erstenmal sieht, entsetzt sich vor ihr; sie hat +nichts Menschliches mehr für ihn, ist ihm plötzlich ein urfremdes Geschöpf +aus einer teuflischen Welt, halb Kobold, halb boshaftes Tier. + +Das Gefühl, daß sie seine Mutter ist, läßt ihm das eigene Blut als etwas +Feindseliges, das ihm Leib und Seele zerfrißt, empfinden, macht sein Haar +sträuben, jagt ihm Furcht ein vor sich selbst, hetzt ihn hinaus, -- nur +fort, fort aus ihrer Nähe; er flieht in den Park, weiß nicht, was er will, +wohin er soll, rennt gegen einen Baum, fällt rücklings zu Boden, verliert +das Bewußtsein. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- +-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Meister Leonhard starrt hinein in ein neues Bild, das vorüberzieht wie ein +Fiebertraum: die Kapelle, in der er sitzt, ist hell von Kerzenschein, ein +Priester murmelt vor dem Altar, Geruch von welkenden Kränzen, ein offener +Sarg, der Tote im weißen Rittermantel, die wachsgelben Hände auf der Brust +gefaltet. Goldglanz blinkt um dunkle Heiligenbilder, schwarze Männer +stehen im Halbkreis; betende Lippen, dumpfe kalte Erdluft dringt aus dem +Boden, eine eiserne Falltür mit blankem Kreuz steht halb offen, ein +gähnendes viereckiges Loch darunter führt in die Gruft hinab. Gedämpfter +Gesang in lateinischer Sprache, Sonnenlicht hinter farbigem Glasfenster +wirft grüne, blaue, blutrote Flecken auf schwebende Weihrauchschwaden, +silbernes eindringliches Läuten von der Decke, die Hand des Geistlichen in +spitzenbesetztem Ärmel schwingt den Weihwedel über dem Gesicht des Toten. +-- Plötzlich Bewegung ringsum, zwölf weiße Handschuhe werden flink, heben +die Bahre vom Katafalk, schließen den Deckel, Seile straffen sich, der +Sarg sinkt in die Tiefe; die Männer steigen die steinernen Stufen hinab, +dumpfes Hallen aus dem Gewölbe, Sand knirscht, feierliche Stille. Lautlos +tauchen ernste Gesichter empor aus der Gruft, die Falltür neigt sich, +klappt ins Schloß, Staub wirbelt aus den Fugen, das blanke Kreuz liegt +wagrecht. -- Die Kerzen erlöschen, verglimmen; an ihrer Stelle flackern +wieder die Kienspäne auf dem kleinen Herd, Altar und Heiligenbilder werden +zur kahlen Wand. Erde bedeckt die Quadern, die Kränze zerfallen zu Moder, +die Gestalt des Priesters zergeht in der Luft, Meister Leonhard ist wieder +allein mit sich selbst. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- +-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Seit der alte Graf nicht mehr lebt, gärt es unter der Dienerschaft; die +Leute weigern sich, den sinnlosen Befehlen zu gehorchen, einer nach dem +andern schnürt sein Bündel und geht. Die wenigen, die übrigbleiben, sind +trotzig und widerwillig, verrichten nur die nötigste Arbeit, kommen nicht, +wenn man sie ruft. + +Mit zusammengekniffenen Lippen rast Leonhards Mutter nach wie vor durch +alle Stuben, aber der helfende Troß fehlt; wutfauchend rüttelt sie an den +schweren Schränken, die sich nicht von der Stelle rühren unter ihren +ungeschickten Griffen, die Kommoden sind wie angeschraubt, Schubladen +spreizen sich, gehen nicht auf, nicht zu; was sie anfaßt, fällt ihr aus +der Hand, niemand hebt es auf; tausend Dinge liegen umher, Gerümpel +sammelt sich an, wächst zu unübersteiglichen Hindernissen -- keiner, der +Ordnung schafft. Die Bücherbretter rutschen von den Leisten, eine Lawine +von Bänden verschüttet das Zimmer, macht es unmöglich zum Fenster zu +gelangen, der Wind rüttelt daran, bis die Scheiben zerbrechen; der Regen +ergießt sich in Strömen herein und bald überzieht Schimmel alles mit einer +grauen Decke. Die Gräfin tobt wie eine Irrsinnige, hämmert mit den Fäusten +gegen die Wände, schnappt nach Luft, kreischt, reißt in Fetzen, was sich +zerreißen läßt. Der ohnmächtige Grimm, daß ihr niemand mehr gehorcht, -- +daß sie sogar ihren Sohn, der seit seinem Sturz noch am Stocke geht und +nur mühselig humpelt, nicht als Diener verwenden kann, raubt ihr vollends +den letzten Rest von Besinnung: oft redet sie stundenlang halblaut mit +sich selbst, knirscht mit den Zähnen, schreit zornig auf, läuft wie ein +wildes Tier durch die Gänge. + +Aber allmählich geht eine seltsame Veränderung in ihr vor, ihre Züge +werden hexenhaft, die Augen bekommen einen grünlichen Schimmer, sie +scheint Phantome zu sehen, horcht plötzlich mit offenem Mund in die Luft +wie auf Worte, die ihr jemand zuflüstert, frägt: was, was, was, was soll +ich? + +Der Dämon in ihr wirft nach und nach die Maske ab, ihr planloser +Tätigkeitsdrang macht einer bewußten berechnenden Bosheit Platz. Sie +läßt die Gegenstände in Ruhe, rührt nichts an; Schmutz und Staub sammelt +sich überall an, die Spiegel erblinden, Unkraut wuchert im Garten, kein +Ding ist mehr am richtigen Ort, die notwendigsten Geräte sind +unauffindbar; das Gesinde macht sich erbötig, den ärgsten Wirrwarr zu +beseitigen, sie verbietet es mit barschen Worten, -- es ist ihr recht, +daß alles drunter und drüber geht, die Ziegel vom Dache fallen, das +Holzwerk verfault, die Leinwand verstockt, -- mit hämischer +Schadenfreude sieht sie, daß eine neue Art Qual an Stelle der alten +lebenvergällenden Ruhelosigkeit tritt, ein Verzweiflung erzeugendes +Unbehagen ihre Umgebung befällt; sie spricht mit niemand eine Silbe +mehr, gibt keine Befehle, aber alles, was sie tut, geschieht mit der +tückischen Absicht, die Dienerschaft beständig in Schrecken und +Aufregung zu versetzen. Sie spielt die Wahnsinnige, schleicht sich +nachts in die Schlafkammern der Mägde, wirft Krüge krachend zu Boden, +lacht schrill auf. Absperren nützt nichts: sie zieht sämtliche Schlüssel +im Hause ab; -- es gibt keine einzige Tür mehr, die sie nicht mit einem +Ruck aufreißen kann. Sie nimmt sich nicht die Zeit, sich zu kämmen, die +Haare hängen ihr wirr um die Schläfen, sie ißt im Gehen, legt sich nicht +mehr schlafen. Halb angezogen, damit das Rascheln der Kleider ihr Kommen +nicht verrät, huscht sie auf leisen Filzschuhen, um wie ein Gespenst da +und dort aufzutauchen, durchs Schloß. + +Selbst in der Nähe der Kapelle geistert sie bei Mondschein umher. Niemand +traut sich mehr hin; das Gerede entsteht, daß der Tote dort spukt. + +Nie läßt sie sich irgendwelche Hilfe leisten, was sie braucht, holt sie +sich selber; sie weiß genau, daß ihr stummes blitzartiges Erscheinen mehr +Furcht unter dem abergläubischen Gesinde erzeugt, als wenn sie herrisch +auftritt; die Leute verständigen sich nur noch im Flüsterton, keiner wagt +ein lautes Wort, alles ist vom bösen Gewissen befallen, trotzdem nicht der +geringste Grund dazu vorliegt. + +Auf ihren Sohn hat sie es besonders abgesehen; heimtückisch benützt sie +bei jeder Gelegenheit ihr natürliches Übergewicht als Mutter, das Gefühl +der Abhängigkeit in ihm zu vertiefen, schürt seine nervöse Angst, sich nie +unbeobachtet zu wissen, zur Wahnvorstellung beständigen Ertapptwerdens, +bis es wie der Alpdruck ewigen Schuldbewußtseins auf ihm lastet. + +Wenn er es hie und da versucht, sie anzureden, schneidet sie nur höhnische +Grimassen, daß ihm das Wort im Munde quillt und er sich vorkommt wie ein +Verbrecher, dem die Verworfenheit wie ein Brandmal auf der Stirne +geschrieben steht; die dumpfe Furcht, daß sie seine geheimsten Gedanken +lesen könne und wie es mit ihm und Sabine bestellt sei, wird zur +schreckhaften Gewißheit, wenn ihr stechender Blick auf ihm ruht; beim +leisesten Geräusch, das er hört, bemüht er sich krampfhaft ein +unbefangenes Gesicht zu machen, -- immer weniger gelingt es ihm, je mehr +er sich dazu zwingt. + +Heimliche Sehnsucht und Verliebtheit ineinander spinnen sich an zwischen +Sabine und ihm. Sie stecken sich Briefchen zu, empfinden es als Todsünde; +bald verdorren unter dem Pesthauch des immerwährenden Sichverfolgtfühlens +alle zarteren Triebe, und eine unbändige tierische Brunst erfaßt sie. Sie +stellen sich auf an Ecken, wo zwei Gänge sich kreuzen, so daß sie einander +zwar nicht sehen, aber eines der beiden das Kommen der Gräfin bemerken muß +und den anderen Teil warnen kann, -- so sprechen sie mitsammen in der +Angst, die kostbaren Minuten zu verlieren, ohne jede Umschreibung, nennen +die Dinge unverblümt beim Namen, erhitzen gegenseitig ihr Blut immer mehr +und mehr. + +Aber der Raum um sie wird enger und enger. Als ob die Alte ahnt, was +vorgeht, versperrt sie das zweite Stockwerk, dann das erste; nur das +Erdgeschoß, wo das Gesinde aus- und eingeht, steht noch zur Verfügung; +sich auf weitere Strecken vom Schloß zu entfernen, ist verboten, der Park +bietet keine Schlupfwinkel weder bei Tag noch bei Nacht; erhellt ihn das +Mondlicht; kann man ihre Gestalten von den Fenstern aus sehen, ist es +dunkel, droht jeden Augenblick die Gefahr beschlichen zu werden. + +Ihre Begierden wachsen ins Unbezähmbare, je mehr sie sie unterdrücken +müssen; offen die Schranken zu durchbrechen, kommt ihnen nicht entfernt in +den Sinn: die Zwangsvorstellung, wehrlos wie Sklaven unter einer fremden +dämonischen Macht zu stehen, die über Leben und Tod gebieten kann, ist +ihnen von Kindheit an zu tief eingeimpft, als daß sie auch nur den Versuch +wagten, einander in Gegenwart seiner Mutter ins Gesicht zu sehen. -- -- +-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Ein glutheißer Sommer dorrt die Wiesen, der Erdboden klafft vor +Trockenheit, abends flammt der Himmel im Wetterleuchten. Das Gras ist +gelb, betäubt die Sinne mit schwülem Heugeruch, heiße Luft zittert um die +Mauern; die Brunst der beiden erreicht ihren höchsten Grad, ihr ganzes +Sinnen und Trachten richtet sich auf einen Punkt; wenn sie sich erblicken, +können sie sich kaum halten, nicht übereinander herzufallen. + +Eine schlaflose fiebrige Nacht mit wachen, wilden, begehrlichen Träumen. +So oft sie die Augen öffnen, sehen sie Leonhards Mutter hereinspähen, +hören ihr Schleichen an den Schwellen, -- sie nehmen es wahr halb als +Wirklichkeit, halb als ein Hirngespinst, kümmern sich kaum darum, können +den kommenden Tag nicht erwarten, um sich endlich, koste es was es wolle, +in der Kapelle zu treffen. + +Den ganzen Morgen bleiben sie in ihren Zimmern und horchen mit stockendem +Atem und bebenden Knien an den Türspalten auf Anzeichen, daß sich die Alte +in entlegeneren Teilen des Schlosses befindet. + +Stunde um Stunde vergeht in markversengender Qual, es schlägt Mittag: da +-- ein Geräusch wie von klirrenden Schlüsseln im Innern des Hauses, das +ihnen Sicherheit vortäuscht; -- sie stürzen hinaus in den Garten; die +Pforte der Kapelle ist angelehnt, sie stoßen sie auf, schlagen sie hinter +sich zu, daß sie knallend in den Riegel schnappt. -- -- -- -- -- -- -- + +Sie sehen nicht, daß die eiserne Falltür, die hinab zur Gruft führt, +offensteht, nur von einer Holzspreize gestützt, -- sehen das gähnende +viereckige Loch im Boden nicht, fühlen den eiskalten Hauch nicht, der aus +dem Totengewölbe dringt; sie verschlingen sich mit den Blicken wie +Raubtiere; Sabine will reden, -- bringt nur ein lechzendes Lallen hervor; +Leonhard reißt ihr die Kleider vom Leib, wirft sich über sie; keuchend +verbeißen sie sich ineinander. + +Im Sinnenrausch entschwindet ihnen das Verständnis für ihre Umgebung; +schlürfende Schritte tasten die steinernen Stufen aus der Gruft herauf, +sie hören es deutlich, aber es bleibt für ihr Bewußtsein dessen, was +vorgeht, belanglos wie Rascheln von Laub. + +Hände tauchen aus dem Schacht, suchen einen Halt an den Rändern der +Quadern, ziehen sich empor. + +Langsam wächst eine Gestalt aus dem Boden; Sabine sieht es mit +halbgeschlossenen Lidern, wie hinter roten Schleiern; plötzlich +durchzuckt sie die jähe Erkenntnis der Lage, sie stößt einen gellenden +Schrei aus: -- es ist die grauenhafte Alte, dieses furchtbare Überall und +Nirgends, die da aus der Erde steigt. + +Entsetzt springt Leonhard auf, starrt einen Moment wie gelähmt in das +hämisch verzerrte Gesicht seiner Mutter, dann bricht eine schäumende +wahnwitzige Wut in ihm los; mit einem Fußtritt schleudert er die +Holzspreize fort: die Falltür saust hernieder, trifft krachend den Schädel +der Alten und schmettert sie in die Tiefe, daß man hört, wie ihr Körper +dumpf unten aufschlägt. -- + +Unfähig, ein Glied zu rühren, stehen die beiden mit aufgerissenen Augen +und stieren sich wortlos an. Die Beine schlottern ihnen unter dem Leib. + +Langsam kauert sich Sabine nieder, um nicht umzufallen, verbirgt stöhnend +das Gesicht in den Händen; Leonhard schleppt sich zum Betstuhl. Laut +schlagen seine Zähne zusammen. + +Minuten vergehen. Keines wagt sich zu bewegen, ihre Blicke weichen +einander aus; dann, von demselben Gedanken gepeitscht, stürzen sie zur +Tür ins Freie, zurück ins Haus wie von Furien gehetzt. -- -- -- -- -- +-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + + +Das Abendrot verwandelt das Wasser im Brunnen in eine Blutlache, die +Fenster des Schlosses glühen in lohenden Flammen, die Schatten der Bäume +wachsen zu langen dünnen schwarzen Armen, die sich mit Zoll um Zoll +vorwärts schleichenden Fingern über den Rasen tasten, das letzte Zirpen +der Grillen zu ersticken. Der Glanz der Luft wird stumpf unter dem Atem +der Dämmerung. Dunkelblaue Nacht zieht auf. + +Kopfschüttelnd tauscht die Dienerschaft Vermutungen, wo die Gräfin bleibt; +man fragt den jungen Herrn, er zuckt die Achseln, wendet das Gesicht ab, +damit sie seine Leichenblässe nicht sehen. + +Brennende Laternen schwanken durch den Park; man sucht die Ufer des +Teiches ab, leuchtet ins Wasser, es ist schwarz wie Asphalt und wirft den +Schein zurück; die Mondsichel schwimmt darauf, aufgescheucht flattern die +Sumpfvögel im Schilf. + +Der alte Gärtner bindet den Hund los, durchstreift den Forst ringsum, +seine rufende Stimme dringt zuweilen herüber aus weiter Ferne; jedesmal +fährt Leonhard auf, das Haar sträubt sich ihm, sein Blut stockt, denn er +glaubt, es kann seine Mutter sein, die da aufschreit unter der Erde. + +Die Uhr zeigt auf Mitternacht. Noch immer ist der Mann nicht zurück, das +unbestimmte Gefühl eines drohenden Unheils legt sich dem Gesinde auf die +Brust; sie sitzen zusammengedrängt in der Küche, erzählen einander +schauerliche Geschichten von dem rätselhaften Verschwinden von Menschen, +die dann als Werwölfe die Gräber aufscharren und sich von den Leibern der +Toten nähren. + +Tage und Wochen schwinden dahin: keine Spur von der Gräfin; man fordert +Leonhard auf, er soll eine Messe lesen lassen für ihr Seelenheil, er +schlägt es heftig ab. Die Kapelle wird ausgeräumt, nur ein geschnitzter +goldener Betstuhl bleibt darin, in dem er stundenlang zu sitzen pflegt und +vor sich hinbrütet; er duldet nicht, daß irgend jemand den Raum betritt. +Das Gerede entsteht, daß, wenn man durchs Schlüsselloch hineinspäht, man +ihn oft mit dem Ohr auf dem Boden liegen sieht, als horche er in die +Gruft hinunter. + +Nachts schläft Sabine in seinem Bett, sie machen kein Hehl daraus, daß sie +zusammenleben wie Mann und Weib. + +Das Gerücht von einem geheimnisvollen Mord dringt ins Dorf hinüber, will +nicht verstummen, frißt sich immer weiter und weiter ins Land; eines Tages +fährt ein spindeldürrer Ratsschreiber mit Perücke in einer gelben +Postkutsche vor, Leonhard sperrt sich mit ihm lange ein; der Mann reist +wieder ab, Monate vergehen und man hört nichts mehr von ihm, dennoch will +das bösartige Geraune im Schloß kein Ende nehmen. + +Niemand zweifelt, daß die Gräfin tot sein muß, aber sie lebt weiter als +unsichtbares Gespenst, jeder fühlt ihre boshafte Gegenwart. + +Man begegnet Sabinen mit finsteren Blicken, mißt ihr irgendwie die Schuld +bei an dem Geschehnis, bricht plötzlich das Gespräch ab, wenn der junge +Graf erscheint. + +Leonhard sieht alles, was vorgeht, aber er tut als ob er es nicht merke, +trägt ein abstoßendes herrisches Wesen zur Schau. + +Im Hause bleibt alles beim alten; Schlingpflanzen klettern die Mauern +empor, Mäuse, Ratten und Eulen nisten in den Zimmern, das Dach ist +brüchig, freiliegendes Gebälk wird morsch und faul. + +Nur in der Bibliothek herrscht einigermaßen Ordnung, aber die Bücher sind +fast vermodert von der Nässe des Regens und kaum mehr leserlich. + +Ganze Tage hockt Leonhard über den alten Bänden, sucht mühsam die +halbverwischten Blätter zu entziffern, die die ruckweise hingeworfenen +Schriftzüge seines Vaters tragen; und immer muß Sabine in seiner Nähe +sein. + +Wenn sie sich entfernt, erfaßt ihn eine wilde Unruhe, selbst in die +Kapelle geht er nicht mehr ohne sie; aber sie sprechen nie mitsammen, nur +in der Nacht, wenn er bei ihr liegt, kommt es wie ein Delirium über ihn +und seine Erinnerung speit in verworrenen endlosen hastigen Sätzen wieder +aus, was er tagsüber aus den Büchern in sich schlingt; er fühlt genau, +warum er es tun muß, -- daß es nur der Verzweiflungskampf seines Hirns +ist, das sich mit jeder Faser wehrt, um das entsetzliche Bild der +ermordeten Mutter nicht im Dunkeln deutlich werden zu lassen, das +gräßliche schmetternde Krachen der Falltür, das sich wieder und wieder ins +Ohr drängen will, durch den Laut der eigenen Worte zu übertönen; Sabine +hört ihm in starrer Regungslosigkeit zu, unterbricht ihn mit keiner Silbe, +aber er fühlt, daß sie nichts erfaßt von dem, was er sagt, liest aus dem +leeren Blick ihrer Augen, die immerwährend auf ein und denselben Punkt in +der Ferne schauen, woran sie ohne Unterlaß denken muß. + +Dem Druck seiner Hand antworten ihre Finger erst nach langen Minuten, aus +ihrem Herzen kommt kein Echo; er sucht sich und sie in den Strudel der +Leidenschaft zu stürzen, um zurückzufinden in die Tage, die vor dem +Geschehnis liegen, und sie zum Ausgangspunkt eines neuen Daseins zu +machen. Sabine erwidert seine Umarmung wie in tiefem Schlummer, und ihm +graut vor ihrem schwangeren Leib, in dem ein Kind als Zeuge einer Mordtat +dem Leben entgegenreift. + +Sein Schlaf ist bleiern und ohne Traum, dennoch bringt er kein Vergessen; +es ist das Versinken in grenzenloses Alleinsein, in dem selbst die Bilder +des Schreckens dem Anblick entschwinden und nur das Gefühl einer würgenden +Qual zurückbleibt, -- ein plötzliches Dunkelwerden der Sinne, wie es ein +Mensch empfindet, der mit geschlossenen Augen beim nächsten Pulsschlag den +Hieb des Henkerbeils erwartet. + +Jeden Morgen, wenn Leonhard erwacht, will er sich aufraffen, den Kerker +der marternden Erinnerung zu durchbrechen, ruft sich die Worte seines +Vaters, nach einem festen Punkt in seinem Innern zu suchen, ins Gedächtnis +zurück -- da fällt sein Blick auf Sabine, er sieht, wie sie ein Lächeln zu +erzwingen versucht, ihre Lippen nur zu einem Krampf verzerren kann, und +wiederum beginnt die wilde Flucht vor sich selbst. + +Er beschließt, sich eine andere Umgebung zu schaffen, schickt die +Dienerschaft fort, behält bloß den alten Gärtner und dessen Weib: die +Einsamkeit mit ihrem Lauern wird nur um so tiefer, das Gespenst der +Vergangenheit lebendiger und lebendiger. + +Es ist nicht böses Gewissen und das Schuldbewußtsein der Bluttat, das +Leonhard elend macht, -- keine Sekunde beschleicht ihn Reue: der Haß gegen +die Mutter ist so riesengroß wie am Sterbetag seines Vaters, aber daß sie +jetzt als unsichtbare Kraft zugegen ist, zwischen ihm und Sabine steht als +gestaltloser Schemen, den er nicht bannen kann, daß er die furchtbaren +Augen beständig auf sich ruhen fühlt, die Szene in der Kapelle +immerwährend in sich herumschleppen muß wie eine ewig eiternde Wunde, ist +es, was ihn bis zum Wahnsinn foltert. + +Er glaubt nicht, daß die Toten wieder auf Erden erscheinen können, aber +daß sie weiterleben auf viel schrecklichere Art auch ohne Hülle, nur als +teuflischer Einfluß, gegen den nicht Tür, noch Riegel, kein Fluch, kein +Gebet schützen, erfährt er als Gewißheit an sich selbst, sieht es täglich +an Sabine. Jeder Gegenstand im Haus ruft die Erinnerung an seine Mutter +wach, kein Ding, das nicht verseucht ist von ihrer Berührung, nicht +stündlich ihr Bild neu in ihm gebärt; die Falten der Vorhänge, zerknüllte +Wäsche, die Maser der Täfelung, die Linien und Punkte in den Fliesen, -- +alles, was er anblickt, formt sich zu ihrem Antlitz; die Ähnlichkeit mit +ihren Zügen springt ihm wie eine Viper aus dem Spiegel entgegen, macht +seinen Herzschlag kalt in dumpfem Bangen: das Unmögliche könne sich +begeben, daß sich sein Gesicht plötzlich in das ihre verwandle, -- ihm +anhafte als grausige Erbschaft bis zum Lebensende. + +Die Luft ist voll von ihrer erstickenden geisterhaften Anwesenheit; das +Knacken der Dielen klingt, als stamme es vom Tritt ihres Fußes, weder +Kälte noch Hitze vertreiben sie, ob Herbst ist, klarer eisiger Wintertag, +lauer süchtiger Frühlingswind, sie wehen nur über die Oberfläche, -- keine +Jahreszeit, keine äußere Veränderung kann ihr etwas anhaben, +ununterbrochen ringt sie nach Gestaltung, nach immer deutlicherem +Sichtbarwerden, nach bleibendem Zurformgerinnen. + +Leonhard fühlt es wie einen unabwälzbaren Felsblock innerer Überzeugung +auf sich lasten, daß es ihr eines Tages gelingen muß, wenn er es sich auch +nicht ausdenken kann, auf welche Weise es geschehen mag. + +Nur aus dem eigenen Herzen kann ihm noch Hilfe kommen, denn die Außenwelt +ist mit ihr im Bündnis, begreift er. Aber die einst von seinem Vater in +ihn gepflanzte Saat scheint verwelkt, der kurze Augenblick des Erlöstseins +und des Friedens von damals will nicht wiederkehren; so sehr er sich auch +abmüht, sie in sich zu erwecken, er kann nur die schalen Eindrücke +heraufbeschwören, die wie künstliche Blumen sind, ohne Duft, mit Stengeln +aus häßlichem Draht. + +Er sucht ihnen Leben einzuhauchen, indem er die Bücher liest, die das +geistige Band schlingen zwischen ihm und seinem Vater, doch sie rufen +keinen Widerhall hervor in ihm, bleiben ein Labyrinth von Begriffen. + +Fremdartige Dinge geraten in seine Hände, wie er mit dem steinalten +Gärtner zusammen unter dem Wust von Folianten gräbt: Pergamente in +Chifferschrift, Bilder, die einen Bock darstellen mit goldenem bärtigen +Männergesicht Teufelshörner an den Schläfen, und Ritter in weißen Mänteln, +die Hände zum Gebet gefaltet, davor, mit Kreuzen auf der Brust, die nicht +aus Balken gefügt sind, sondern aus vier in den Knien rechtwinkelig +gebeugten, laufenden Menschenbeinen: -- das Satanskreuz der Templer, wie +ihm der Gärtner widerstrebend sagt, -- dann ein kleines verblaßtes Porträt +einer altmodisch gekleideten Matrone, nach dem in bunten Glasperlen +gestickten Namen, der darunter steht: seine Großmutter -- mit zwei Kindern +auf dem Schoß, einem Knaben und einem Mädchen, deren Züge ihm seltsam +bekannt vorkamen, so daß er lange den Blick von ihnen nicht wenden kann +und die dunkle Ahnung in ihm aufsteigt, es müssen seine Eltern sein, +trotzdem es offenbar Geschwister sind. + +Die plötzliche Unruhe im Gesicht des Alten, die Scheu, mit der er seinen +Augen ausweicht, hartnäckig alle Fragen, wer die beiden Kinder sein mögen, +überhört, bestärken in ihm den Verdacht, daß er einem Geheimnis auf der +Spur ist, das ihn betrifft. + +Ein Bündel vergilbter Briefe scheint zu dem Bild zu gehören, denn es liegt +in derselben Schatulle; Leonhard nimmt es zu sich, beschließt, es noch +heute zu lesen. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- +-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Es ist die erste Nacht seit langem, die er allein und ohne Sabine +verbringt, -- sie fühlt sich zu schwach bei ihm zu sein, klagt über +Schmerzen. + +Er geht im Sterbezimmer seines Vaters auf und nieder, die Briefe liegen +auf dem Tisch, er will sie zu lesen beginnen, verschiebt es wie unter +einem Zwang immer wieder. + +Eine neue unbestimmte Furcht, als stehe jemand Unsichtbarer hinter ihm und +halte einen Dolch gezückt, drosselt ihn; er weiß: diesmal ist es nicht die +spukhafte Nähe seiner Mutter, die ihm den Angstschweiß aus allen Poren +treibt, -- es sind die Schatten einer fernen Vergangenheit, die an die +Briefe gebunden sind und darauf lauern, ihn in ihr Reich hinabzuziehen. + +Er tritt ans Fenster, sieht hinaus: ringsum atemlose Totenstille, zwei +große Sterne stehen dicht beisammen am südlichen Himmel, ihr Anblick ist +ihm sonderbar fremd, wühlt ihn auf, er weiß nicht warum, -- erweckt das +Vorgefühl, daß etwas Riesenhaftes hereinbrechen will; wie zwei leuchtende +Fingerspitzen ist es auf ihn gerichtet. + +Er wendet sich zurück ins Zimmer, die Flammen der beiden Kerzen auf dem +Tisch warten regungslos gleich drohenden Boten aus dem Jenseits; es ist, +als komme ihr Schein von weither -- von einem Ort, wohin keines +Sterblichen Hand sie stellen kann; unmerklich schleicht sich die Stunde +heran, leise, wie Asche fällt, wandern die Zeiger der Uhr. + +Leonhard glaubt einen Schrei unten im Schloß zu hören; er horcht: alles +liegt stumm. + +Er liest die Briefe: das Leben seines Vaters entrollt sich vor ihm, der +Kampf eines unbändigen Geistes, der sich bäumt gegen alles, was Gesetz +heißt; ein Titan reckt sich vor ihm auf, der keine Ähnlichkeit hat mit dem +gebrochenen Greis, den er als seinen Vater kennt, die Gestalt eines +Menschen, der über Leichen geht, wenn es sein muß, und sich laut rühmt +gleich all seinen Ahnen ein geweihter Ritter der echten Templer zu sein, +die den Satan zum Schöpfer der Welt erheben und schon das Wort »Gnade« als +unauslöschlichen Schimpf empfinden. Tagebuchblätter sind dazwischen, die +die Qual einer verdurstenden Seele schildern und die Ohnmacht eines +Geistes mit von den Mottenschwärmen des Alltags zerfressenen Schwingen +andeuten: umzukehren auf einem Pfad, der hinabführt in Dunkelheit von +Abgrund zu Abgrund, in Wahnsinn enden muß und jegliches »zurück« +vereitelt. + +Wie ein roter Faden zieht sich der stetig wiederkehrende Hinweis durch +alles, daß es ein ganzes Geschlecht ist, das hier seit Jahrhunderten von +Verbrechen zu Verbrechen gepeitscht wird, -- vom Vater auf den Sohn das +finstere Vermächtnis vererbt, nicht zur innern Ruhe gelangen zu können, da +jedesmal ein Weib, sei es als Gattin, Mutter oder Tochter, bald als Opfer +einer Blutschuld, bald als Urheberin selbst, den Weg zum geistigen Frieden +durchkreuzt; -- aber immer wieder leuchtet nach Stellen tiefster +Verzweiflung wie ein unbesiegbarer Stern die Hoffnung auf: und doch und +doch kommt einer aus unserem Stamm, der aufrecht stehenbleibt, dem Fluch +ein Ende bereitet und die »Krone des Meisters« erringt. + +Mit jagenden Pulsen überfliegt Leonhard Episoden voll glühender +Leidenschaft seines Vaters zur -- eigenen Schwester, die ihm enthüllen, +daß er selbst die Frucht jener Verbindung ist, und nicht nur er: -- auch +Sabine! + +Jetzt wird ihm klar, warum Sabine nicht weiß, wer ihre Eltern sind, -- daß +kein Zeichen ihre wahre Herkunft verrät. Er sieht die Vergangenheit +lebendig werden und versteht: sein Vater selber ist es, der schützend vor +ihn die Arme breitet, indem er Sabine als Bauernmädchen -- als Leibeigene +niedersten Ranges -- erziehen läßt, damit sie beide, Sohn und Tochter, -- +für immer frei bleiben sollen vom Bewußtsein der Schuld an einer +Blutschande selbst für den Fall, daß der Fluch der Eltern bei ihnen +wiederkehre und sie zusammenführt als Mann und Weib. + +Wort für Wort geht es aus einem angsterfüllten Brief seines Vaters, der +fern in einer fremden Stadt daniederliegt, an die Mutter hervor, in dem er +sie beschwört, nichts zu unterlassen, um künftiger Entdeckung vorzubeugen, +und auch den Brief sofort zu verbrennen. + +Erschüttert wendet Leonhard die Augen ab; wie ein Magnet zieht es ihn +weiter zu lesen, -- er ahnt, daß da noch Dinge stehen, die dem Geschehnis +in der Kapelle auf ein Haar ähnlich sehen, ihn an die äußerste Grenze des +Entsetzens treiben müssen, wenn er sie erfährt, -- mit einem Schlage, +schreckhaft deutlich, wie wenn der Blitz die Finsternis zerreißt, wird ihm +die tückische Kampfesweise einer riesenhaften dämonischen Macht offenbar, +dahinter der Maske blinden unbarmherzigen Schicksals verborgen, sein Leben +planmäßig zerquetschen will: ein vergifteter Pfeil nach dem andern soll +aus unsichtbarem Versteck sein Inneres treffen, bis er unrettbar +dahinsiecht, die letzten Fasern von Selbstvertrauen seiner Seele verdorren +und er dem gleichen Schicksal wie seine Vorfahren anheimfällt: ohnmächtig +und wehrlos zusammenzubrechen; -- etwas Tigerhaftes schnellt plötzlich in +ihm auf, er hält den Brief in die Flammen der Kerze, bis der letzte +glimmende Zunder seine Finger versengt, -- ein wilder unversöhnlicher +Grimm gegen das satanische Ungeheuer, in dessen Hände das Wohl und Wehe +der Wesen gelegt ist, verbrennt ihn bis ins Mark, er hört den +tausendfachen Racheschrei vergangener, unter den Fängen des Schicksals +jammervoll verendeter Geschlechter in seinen Ohren gellen, jeder Nerv in +ihm wird zur geballten Faust -- seine Seele ist ein einziges +Waffengeklirr. + +Er fühlt, daß er etwas Unerhörtes, Himmel und Erde Erschütterndes +vollbringen muß, daß das unabsehbare Heer der Toten hinter ihm steht, mit +Myriaden Augen auf ihn starrt, nur eines Winkes seiner Hand gewärtig: +hinter ihm, dem Lebenden, dem einzigen, der sie in die Schlacht führen +kann -- drein sich auf den gemeinsamen Feind zu stürzen. + +Taumelnd unter dem Anprall eines Meeres von Kraft, das auf ihn einstürmt, +steht er auf, blickt um sich: was, was, was soll er zuerst tun: Feuer an +das Haus legen, sich selbst zerfleischen, mit einem Messer in der Hand +hinunterlaufen und alles niedermachen, was ihm zu Gesicht kommt? + +Eines dünkt ihm zwergenhafter als das andere; das Bewußtsein der eigenen +Winzigkeit rüttelt an ihm, er bäumt sich dagegen in jugendlichem Trotz, +fühlt ein spöttisches Grinsen ringsum im Raum, das ihn wieder +aufstachelte. + +Er versuchts mit Besonnenheit, lügt sich hinein in die Gebärde des alles +erwägenden Feldherrn, geht zu der Truhe neben dem Schlafzimmer, füllt +seine Taschen mit Gold und Juwelen, nimmt Mantel und Hut, schreitet stolz +ohne Abschied hinaus in den nächtlichen Nebel, die Brust voll verworrener +kindischer Pläne: ohne Ziel durch die Welt zu wandern und dem Herrn des +Schicksals ins Antlitz zu schlagen. + +Das Schloß verschwindet im weißlich schillernden Dunst hinter ihm. Er will +der Kapelle ausweichen, muß dennoch an ihr vorbei, der Bannkreis seiner +Geschlechter läßt ihn nicht entrinnen, -- -- er ahnt es, fühlt es, zwingt +sich, immerwährend geradeaus zu gehen, stundenlang, aber die Schemen der +Erinnerung halten gleichen Schritt mit ihm. Schwarzes Gebüsch reckt sich +hier und dort, gleicht der mörderischen aufklaffenden Falltür; die Unruhe +um Sabine quält ihn; er weiß, es ist das erdwärtsziehende fluchbringende +Blut der Mutter in seinen Adern, das ihm die Flugkraft hemmen will, mehr +und mehr das junge Feuer seiner Begeisterung mit grauer nüchterner Asche +verschüttet, -- er wehrt sich dagegen mit aller Kraft, tappt sich +vorwärts von Baum zu Baum, bis er in der Ferne ein Licht erblickt, das in +Mannshöhe über dem Boden schwebt. Er eilt darauf zu, verliert es aus den +Augen, sieht es wieder aus dem Nebel blinken, näher und näher, ein +lockender irrlichternder Schein; ein Weg lenkt seine Füße, windet sich +nach links und rechts. + +Ein leises kaum vernehmbares rätselhaftes Schreien zittert durch die +Dunkelheit. + +Dann wuchten hohe schwarze Mauern mitten drin in der Nacht, ein hohes +offenes Tor und Leonhard erkennt -- das eigene Haus: + +Eine Wanderung durch den Nebel im Kreis umher. + +Willenlos und gebrochen tritt er ein, drückt auf die Klinke zu Sabines +Zimmer, da packt es ihn plötzlich eiskalt wie tödliche unbegreifliche +Gewißheit, daß da drinnen seine Mutter steht, leibhaftig, von Fleisch und +Bein, ein lebendig gewordener Leichnam, und auf ihn wartet. + +Er will umkehren, zurückfliehen in die Finsternis, er kann nicht: eine +unwiderstehliche Macht zwingt ihn die Türe aufzustoßen. + +Auf dem Bette liegt Sabine, verblutet, mit geschlossenen Lidern, weiß wie +das Linnen, und vor ihr nackt ein neugeborenes Kind, ein Mädchen, mit +faltigem Gesicht, leerem, unruhigem Blick, auf der Stirne ein rotes Mal: +-- Zug um Zug das grauenhafte Ebenbild der Erschlagenen aus der Kapelle. +-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- +-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Meister Leonhard sieht einen Mann hinjagen über die Erde mit von Dornen +zerfetzten Kleidern: sich selbst, wie ihn grenzenloses Entsetzen, des +Schicksals ureigene Faust, fortpeitscht von Haus und Hof, -- nicht mehr +der selbstgefällige Wunsch, Großes zu vollbringen. -- + +Die Hand der Zeit baut Stadt hinter Stadt hinein in seinen Geist, düstere +und helle, große, kleine, freche und furchtsame, ohne Wahl, zerbröckelt +sie wieder, malt Flüsse hin wie gleißende silberne Schlangen, graue +Einöden, ein Harlekinkleid aus Äckern und Feldern gewürfelt braun, violett +und grün, Landstraßen voll Staub, spitzige Pappeln, dunstige Wiesen, +weidendes Vieh und wedelnde Hunde, Heilande an Kreuzwegen, weiße +Meilensteine, Menschen, junge und alte, Regenschauer, Tropfenglitzern, +goldene Froschaugen in Grabenpfützen, Hufeisen mit rostigen Nägeln, +einbeinige Störche, Zäune aus splittriger Rinde, gelbe Blumen, Friedhöfe +und wattige Wolken, Höhendampf und Essenlohe: sie kommen und gehen wie +Nacht und Tag, sinken hinab in Vergessenheit und sind wieder da wie +versteckenspielende Kinder, wenn ein Duft, ein Schall, ein leises Wort sie +ruft. + +Länder, Burgen und Schlösser wandern an Leonhard vorüber, nehmen ihn auf, +man kennt den Namen seines Geschlechtes, kommt ihm mit Freundschaft und +Feindschaft entgegen. + +Er spricht mit dem Volk in den Dörfern, mit Landstreichern, Gelehrten, +Krämern, Soldaten und Priestern, das Blut seiner Mutter kämpft in ihm mit +dem Blut seines Vaters: -- was ihn heute mit staunendem Grübeln erfüllt +und wie aus tausend Scherben zerbrochenen Glases einen Pfauenschweif von +bunten Farben spiegelt, scheint ihm morgen blind und grau, je nachdem +Mutter oder Vater den Sieg erringen, -- dann wieder brüten die langen +furchtbaren Stunden, wo die beiden Lebensströme sich vermischen und er +sein altes Ich wieder anhat, die Schrecknisse der Erinnerung aus, und er +setzt blind, stumm und taub Schritt vor Schritt, umhüllt von den Schwaden +der Vergangenheit, -- sieht zwischen Augapfel und Lid das Greisengesicht +des kleinen Kindes, die leblosen lauernden Kerzenflammen, die beiden +Sterne, die dicht beisammen am Himmel stehen, den Brief, das mürrische +Schloß mit den zermürbenden Qualen, die tote Sabine und ihre schneeweißen +Leichenhände, hört das Lallen seines sterbenden Vaters, das Rauschen des +seidenen Kleides, das Krachen des berstenden Schädels. + +Dann faßt es ihn zuweilen an wie Furcht, abermals im Kreis zu gehen, -- +jeder Wald in der Ferne droht sich in den bekannten Park zu formen, jede +Mauer: das eigene Haus zu werden, die Gesichter, die ihm entgegenkommen, +wollen den Mägden und Dienern seiner Jugend ähnlicher und ähnlicher sein; +-- er flüchtet sich in Kirchen, nächtet im Freien, zieht hinter plärrenden +Prozessionen her, betrinkt sich in Schenken mit Dirnen und Strolchen, um +sich vor den spähenden Augen des Schicksals zu verbergen, daß es ihn nicht +wiederum fange. Er will Mönch werden: der Abt des Klosters entsetzt sich, +als er seine Beichte hört und den Namen seines Stammes erfährt, auf dem +der Bannfluch der alten Tempelritter lastet; er stürzt sich kopfüber ins +brausende Leben, es speit ihn wieder aus; er sucht den Teufel: das Böse +ist allgegenwärtig, dennoch kann er den Urheber nicht finden; er sucht ihn +im eigenen Selbst, und schon ist dieses Selbst nicht mehr vorhanden, -- er +weiß: es _muß_ da sein, er fühlt es doch jede Sekunde, trotzdem ist es +augenblicklich fort, sowie er es sucht, ist jeden Tag ein anderes, ein +Regenbogen, der auf der Erde steht und beständig zurückweicht, in der Luft +zerfließt, wenn er danach greifen will. + +Wohin er blickt, hinter allem sieht er verborgen das Kreuz des Satans aus +vier laufenden Menschenbeinen gebildet: überall ein sinnloses Zeugen und +Gebären, ein sinnloses Wachsen, ein sinnloses Sterben; er fühlt, daß der +Schoß, aus dem das Leiden entspringt, dieses ewig sich drehende Windrad +ist, aber die Achse, um die es kreist, bleibt ihm unfaßbar wie ein +mathematischer Punkt. + +Ein Bettelmönch zieht des Weges, er schließt sich ihm an, betet, fastet, +kasteit sich wie er, die Jahre fallen wie die Perlen eines Rosenkranzes: +nichts ändert sich, nicht innerlich, nicht äußerlich, nur die Sonne +scheint trüber. + +Wie früher wird den Armen das Letzte genommen und den Reichen wird doppelt +gegeben; je inbrünstiger er fleht um »Brot«: um so härter die Steine, die +der Tag ihm reicht, -- die Himmel bleiben hart wie blauer Stahl. + +Der alte unbändige Haß gegen den heimlichen Feind der Menschen, der die +Geschicke verhängt, bricht wieder auf in ihm. + +Er hört den Mönch predigen von Gerechtigkeit und den Höllenqualen der ewig +Verdammten: es klingt ihm wie teuflischer Hahnenschrei, -- er hört ihn +eifern gegen den verruchten Templerorden, der auf Scheiterhaufen +tausendmal verbrannt, immer wieder sein Haupt erhebe, nicht sterben könne +und im geheimen, über die ganze Erde verbreitet, unvertilgbar weiter +bestehe. + +Es ist das erstemal, daß er Genaueres über den Glauben der Templer +erfährt: -- daß sie zwei Götter haben, einen obern, der fern von den +Wesen steht, und einen untern: den Satan, der stündlich die Welt neu +erschafft und sie mit Greueln erfüllt, gräßlicher von Tag zu Tag, bis sie +endlich völlig im eigenen Blute erstickt, -- daß über diesen beiden +Göttern ein dritter stehe -- der Baphomet, -- ein Götzenbild mit goldnem +Kopf und drei Gesichtern. + +Die Worte sengen sich in ihn ein, als sei es der Mund des Feuers selbst, +der sie ausspricht. + +Er kann nicht in die Tiefen dringen, über denen sich ihr Sinn ausspannt +wie ein schwankender Teppich aus Sumpfmoos, aber er fühlt mit +unabweisbarer Gewißheit, daß _dieser_ Weg für ihn der einzige ist, auf dem +er sich selbst entrinnen kann: der Orden der Templer reckt den Arm nach +ihm -- die Erbschaft der Vorfahren, der kein Mensch entgehen kann. + +Er verläßt den Mönch. + +Wieder sind die Scharen der Toten rings um ihn, rufen ihm einen Namen zu, +bis seine Lippen ihn wiederholen und er ihn allmählich -- Silbe für Silbe +-- versteht, wie sein Mund ihn ausspricht, -- es ist, als wachse er gleich +einem Baum Zweig um Zweig aus seinem Herzen hervor, -- ein Name, ihm +vollkommen fremd und doch mit seinem ganzen Dasein verwachsen, ein Name +mit Purpur und Krone, den er beständig vor sich hinflüstern muß, nicht +mehr loswerden kann, dessen Rhythmus Ja--cob--de--Vi--tri--a--co er im +Takt empfindet, wie seine Füße beim Gehen den Boden berühren. + +Nach und nach wird ihm der Name ein gespenstischer Führer, der vor ihm +hergeht, heute als sagenhafter Hochmeister der Ritter vom Tempel, morgen +als gestaltlose innere Stimme. + +Wie ein in die Luft geworfener Stein seine Bahn ändert und mit wachsender +Schnelle zur Erde strebt, bedeutet der Name für Leonhard plötzlich einen +Wendepunkt in seinen Wünschen und ein übermächtiger unerklärlicher Trieb, +nichts mehr zu wollen, als den Träger dieses Namens zu finden, verschlingt +nach und nach sein ganzes Sinnen und Trachten. + +Manchmal will er schwören, daß der Name ihm vollkommen neu ist, dann +wieder erinnert er sich scharf, daß er in einem Buch seines Vaters steht +an der und der Stelle als Oberhaupt des Ordens verzeichnet; vergeblich +sagt er sich vor, daß es zwecklos ist, nach diesem Hochmeister Vitriaco +auf Erden zu forschen, daß er einem vergangenen Jahrhundert angehört und +seine Gebeine längst im Grabe modern müssen; aber der Verstand hat keine +Macht mehr über den Durst des Suchens: das Radkreuz mit den vier laufenden +Beinen rollt vor ihm her, unsichtbar, zieht ihn hinter sich drein. + +Er forscht in den Adelsarchiven der Ratstuben, fragt Wappenkundige: +niemand, der den Namen kennt. + +Er stößt endlich in einer Klosterbibliothek auf das gleiche Buch wie das +seines Vaters, liest das Buch durch Seite für Seite, Zeile für Zeile: der +Name Vitriaco steht nicht darin. + +Er zweifelt an seinem Gedächtnis, seine ganze Vergangenheit scheint zu +wanken; aber der Name Vitriaco bleibt als einziger fester Punkt, +unverrückbar wie ein Felsblock. + +Er beschließt, sich ihn für alle Zeiten aus dem Hirn zu reißen, setzt sich +heute eine bestimmte Stadt als nächstes Ziel: schon morgen ist's ein +ferner undeutlicher Ruf irgendwoher, der wie Vi--tri--a--co klingt, und +eine andere Straße führt ihn weit ab vom Wege, -- ein Kirchturm am +Horizont, der Schatten eines Baumes, der deutende Arm eines Meilenzeigers: +alles wird, so sehr er sich auch zum Zweifel zwingt, zum weisenden Finger, +daß er dem Orte nahe sei, wo der geheimnisvolle Hochmeister Vitriaco lebt +und seine Schritte lenkt. + +In einer Herberge trifft er einen fahrenden Quacksalber und eine vage +Hoffnung narrt ihn, es könne vielleicht der sein, den er sucht, aber der +Quacksalber nennt sich -- Doktor Schrepfer. Er ist ein Mann mit kleinen +blanken Marderzähnen, dunkler Gesichtsfarbe und listigen Augen, und es +gibt nichts auf Erden, das er nicht weiß, keinen Ort, den er nicht kennt, +keinen Gedanken, den er nicht errät, kein Herz, in dessen Abgründe er +nicht schaut, keine Krankheit, die er nicht heilt, keine Zunge, die nicht +schwätzt, wenn er will, keinen Pfennig, der vor ihm sicher ist; -- die +Mädchen drängen sich, daß er ihnen wahrsage aus Hand und Karten; die Leute +verstummen, als er ihnen ihre Vergangenheit zuraunt, schleichen scheu +davon. + +Leonhard bleibt die ganze Nacht mit ihm beisammen und zecht; im Rausch +übermannt ihn bisweilen ein Grausen, daß es kein Mensch ist, der da vor +ihm sitzt. Oft verschwinden seine Züge -- er sieht nur die weißen Zähne +blitzen, hinter denen Worte hervorkommen, halb Echo dessen, was er selber +spricht, halb Antworten auf kaum gedachte Fragen. + +Als lese der Mann in seinem Gehirn die innersten Wünsche: stets bringt er +auch das gleichgültigste Gespräch zum Schluß auf die Templer. Leonhard +will ihn aushorchen, ob ihm ein gewisser Vitriaco bekannt ist -- aber +jedesmal, im letzten Moment, wenn es fast schon zu spät ist, warnt ihn ein +tiefes Mißtrauen und er beißt den Namen entzwei. + +Sie reisen zusammen weiter, wohin der Zufall sie führt, von einem +Jahrmarkt zum andern. + +Der Doktor Schrepfer frißt Feuer, schluckt Schwerter, verwandelt Wasser in +Wein, sticht sich Dolche durch Wange und Zunge, ohne daß es blutet, heilt +Besessene, bespricht Wunden, zitiert Gespenster, verhext Mensch und Vieh. + +Täglich hat Leonhard vor Augen, daß der Mann ein Betrüger ist, weder +lesen noch schreiben kann und dennoch Wunder vollbringt: Lahme werfen die +Krücken fort und tanzen, kreißende Weiber gebären, sobald er die Hände auf +sie legt, die Krämpfe der Epileptischen hören auf, Ratten laufen in Rudeln +aus den Häusern und stürzen sich ins Wasser -- er kann sich nicht von ihm +losmachen, steht unter seinem Bann und dünkt sich frei. + +Kaum will die Hoffnung sterben, daß er durch ihn den Hochmeister Vitriaco +jemals finden wird, lodert sie in der nächsten Minute hell wieder auf, +durch irgendein doppelsinniges Wort geschürt, und schlägt ihn von neuem in +Fesseln. + +Alles, was der Gaukler spricht und tut, hat ein zwiefältiges Gesicht: er +prellt die Menschen und hilft ihnen damit; er lügt, und seine Reden bergen +die höchste Wahrheit; er spricht die Wahrheit, und die Lüge grinst hervor; +er phantasiert drauf los: seine Worte werden Prophezeiung; er weissagt aus +den Sternbildern: es trifft ein, trotzdem er keine Ahnung hat von +Astrologie; er braut Arzneien aus harmlosen Kräutern: sie wirken wie +Zauber; er lacht über die Leichtgläubigen und ist selber abergläubisch +wie ein altes Weib; er verhöhnt das Kruzifix und schlägt das Kreuz, wenn +eine Katze über den Weg läuft; stellt man ihm Fragen, erwidert er frech +mit den gleichen Worten, die die Wißbegierigen noch im selben Atem +gebrauchen, und sie formen sich in seinem Munde zu Antworten, die den +Nagel auf den Kopf treffen. + +Mit Staunen sieht Leonhard eine wundersame Kraft sich in diesem +wertlosesten irdischen Werkzeuge offenbaren; allmählich ahnt er den +Schlüssel zu dem Rätsel: erblickt er in ihm nur den Schwindler, so kraust +sich alles, was er von ihm erfährt, zu Unsinn und Hirngespinst, wendet er +sich aber an die unsichtbare Macht, die sich in dem Doktor Schrepfer +spiegelt wie die Sonne in einer Pfütze, sofort wird der Quacksalber zu +ihrem Sprachrohr und die Quellen lebendiger Wahrheit brechen auf. + +Er wagt den Versuch, überwindet sein Mißtrauen, frägt den Mann ohne ihn +anzusehen -- wie in die violetten und purpurnen Wolken des Abendhimmels +hinein, ob er den Namen kennt: Jacob de -- --. + +»-- Vitriaco«, ergänzt der andere schnell, bleibt stehen wie in +Verzückung, verneigt sich tief gegen Westen, setzt eine feierliche Miene +auf und erzählt im bebenden Flüsterton, daß endlich die Stunde der +Erweckung gekommen ist, daß er selber ein Templer des dienenden Grades +sei, berufen, Suchende auf den geheimnisvoll verschlungenen Pfaden des +Lebens zum Meister zu führen. Schildert in einem Schwall von Worten die +Herrlichkeit, die des Erwählten wartet, den Glanz, der das Angesicht der +Brüder umgibt und sie freimacht von Reue jeglicher Art, von Blutschuld, +Sünde und Qual und zu Janusköpfen, die in zwei Welten hineinblicken von +Ewigkeit zu Ewigkeit, unsterbliche Zeugen des Diesseits und Jenseits, -- +dem Netze der Zeitlichkeit für immer entronnene riesige Menschenfische im +Ozean des Daseins, unsterblich hier und dort. + +Dann deutet er ekstatisch auf den dunkelblauen Saum einer Hügelkette am +Horizont: daß dort drinnen tief in der Erde inmitten ragender Säulen das +Heiligtum des Ordens errichtet stehe aus Druidensteinen getürmt, wo +alljährlich ein einziges Mal im Dunkel der Nacht sich die Jünger des +Baphometkreuzes versammeln -- die Auserkorenen des unteren Gottes, der die +Wesen regiert, die Schwachen zertritt und die Starken zur Sohnschaft +erhebt. Nur wer ein wahrhaftiger Ritter sei, ein Frevler vom Haupt bis zur +Ferse, getauft in den Flammen des geistigen Aufruhrs, und keiner der +Winsler, die stündlich zurückbeben vor dem Popanz der Todsünde und sich +ohne Unterlaß kastrieren am heiligen Geist, der doch auch ihr eigenstes +Ich sei, könne der Aussöhnung mit dem Satan, dem einzigen Gegürteten unter +den Göttern, teilhaftig werden, ohne die es nimmermehr eine Heilung des +Zwiespaltes gebe zwischen Wunsch und Geschick. + +Leonhard hört der schwülstigen Rede zu mit fadem Geschmack auf der Zunge; +Ekelhaftes geht von der verlogenen Phantastik aus: daß da mitten in einem +Walde deutschen Landes ein verborgener Tempel stehen soll, -- aber der +fanatische Ton, der in den Worten schwingt, dröhnt wie Orgelbrausen sein +Denken nieder, er läßt mit sich geschehen, was der Doktor Schrepfer +befiehlt, zieht die Schuhe aus, sie zünden ein Feuer an, Funken spritzen +hinein in die Finsternis der Sommernacht, er trinkt aus einem Napf den +scheußlichen Trank, den ihm jener aus Kräutern braut, damit er -- rein +werde. + +»Lucifer, der du Unrecht leidest, ich grüße dich!« soll er sich einprägen +als Erkennungszeichen. Er hört den Satz; die Silben stehen seltsam +getrennt wie steinerne Pfeiler umher, manche weit weg, wieder welche dicht +vor seinem Ohr, sind für ihn nicht mehr Laute, schießen zu Säulen auf, +bilden Gänge, -- so selbstverständlich, wie sich in Halbträumen Dinge +ineinander verwandeln können und Großes in Kleines schlüpft. + +Der Quacksalber faßt ihn an der Hand, sie wandern, lang lang, wie es +scheint; Leonhard brennen die nackten Sohlen. Er fühlt Ackerschollen unter +den Füßen. + +Bodenerhebungen quellen in der Dunkelheit zu lockern Gebilden. + +Augenblicke nüchternen Zweifels wechseln mit unerschütterlicher +Zuversicht, -- das feste Vertrauen, daß irgend etwas Wahres, wie stets +bisher, hinter den Versprechungen seines Führers wartet, gewinnt die +Oberhand. + +Dann kommen seltsam erregende Momente, wo er durch Stolpern über Steine +ruckweise erwacht und erkennt, daß sein Körper in tiefem Schlaf +dahinwandert; gleich darauf vergißt er sein Aufschrecken wieder, leere +Zeiträume von unendlicher Dauer schieben sich dazwischen, drängen seinen +Argwohn aus der Gegenwart ab in scheinbar längst vergangenen Epochen. + +Der Weg senkt sich. + +Breite, hallende Stufen eilen in die Tiefe. + +Dann tastet sich Leonhard kalte glatte Marmorwände entlang; -- er ist +allein, will sich umsehen nach seinem Begleiter -- -- da rauben ihm +Posaunenstöße dröhnend wie der Ruf zur Auferstehung fast die Besinnung, +die Knochen vibrieren in seinem Leib, vor den Augen reißt die Nacht +entzwei: der Sturm der Fanfaren wird grelles Licht -- er steht in einem +weißen Kuppelbau. + +Mitten im Raum dicht vor ihm schwebt frei -- ein goldner Kopf mit drei +Gesichtern; das eine gegenüber, in das er flüchtig blickt, deucht ihm sein +eigenes, nur jung, der Ausdruck des Todes ist darin und dennoch strahlt +aus dem Schein des Metalls, der die Züge halb verblendet, der Einfluß +unzerstörbaren Lebens; es ist nicht die Larve seiner Jugend, die Leonhard +sucht, er will die beiden andern Gesichter sehen, die in die Dunkelheit +schauen und das Geheimnis ihrer Miene erkennen, aber immer wenden sie sich +von ihm ab: der goldene Kopf dreht sich, wenn er ihn zu umschreiten +versucht, hält ihm stets dasselbe Antlitz entgegen. + +Leonhard späht umher nach dem Zauber, der das Kopfwesen in Bewegung setzt, +da sieht er plötzlich die Wand im Hintergrund durchscheinend wie öliges +Glas, und jenseits steht, die Arme ausgebreitet, in zerlumptem Gewand, +bucklig, einen Schlapphut tief über die Augen, regungslos wie der Tod, auf +einem Hügel aus Leichengebein, daraus spärliche grüne Halme sprießen, -- +-- -- der Herr der Welt. + +Die Posaunen verstummen. + +Das Licht erstirbt. + +Der goldene Kopf verschwindet. + +Nur der fahle Schein der Verwesung, der die Gestalt umgibt, bleibt +bestehen. + +Leonhard fühlt, wie Starrheit über seinen Körper kriecht, ihm Glied für +Glied lähmt, sein Blut stocken macht, wie sein Herz langsamer und +langsamer schlägt und endlich erlischt. + +Das einzige, mit dem er noch »ich« sagen kann, ist ein winziger Funke +irgendwo in der Brust. + +Stunden sickern wie zögernd sich lösende Tropfen -- dehnen sich zu +endlosen Jahren. + +Kaum merkbar gewinnt der Umriß der Gestalt Wirklichkeit: unter dem Anhauch +dämmernden Morgengrau's schrumpfen langsam ihre Hände an den +ausgebreiteten Armen zu Stümpfen aus morschem Holz, die Totenschädel +räumen zaudernd runden staubigen Steinen den Platz. + +Mühsam richtet Leonhard sich auf; vor ihm reckt sich in drohender Haltung, +mit Fetzen umhüllt, das Gesicht zerbrochene Scherben, eine -- bucklige -- +Vogelscheuche empor. + +Die Lippen brennen ihm im Fieber, seine Zunge ist wie verdorrt; neben ihm +glimmt noch die Asche des Reisigfeuers unter dem Napf mit dem Rest des +giftigen Trankes. Der Quacksalber ist fort, -- mit ihm die letzte +Barschaft; Leonhard erfaßt es nur mit halbem Sinn: die Eindrücke des +nächtlichen Erlebnisses wühlen zu tief durch ihre nagende Innerlichkeit; +wohl ist die Vogelscheuche da nicht länger der Herr der Welt: aber der +Herr der Welt ist selber nur mehr eine jämmerliche Vogelscheuche, +schreckhaft bloß für die Furchtsamen, unerbittlich gegen die Flehenden, +mit Tyrannenmacht bekleidet für die, die Sklaven sein wollen und sie mit +dem Nimbus der Macht behängen, -- ein erbärmliches Zerrbild allen, die +frei und stolz sind. + +Das Geheimnis des Doktor Schrepfer liegt plötzlich offenbar: die +rätselhafte Kraft, die durch ihn wirkt, ist nicht sein eigen, steht auch +nicht hinter ihm mit der Tarnkappe. Sie ist die magische Gewalt der +Gläubigen, die an sich selbst nicht zu glauben vermögen, sie selber nicht +zu gebrauchen wissen, sie auf einen Fetisch übertragen müssen, sei er +Mensch, ein Gott, Pflanze, Tier oder Teufel, damit sie wie aus einem +Brennspiegel wundertätig zurückstrahle, -- ist der Zauberstab des _wahren_ +Herrn der Welt, des innersten allgegenwärtigen, alles in sich +verschlingenden Ichs, der Quelle, die nur geben und niemals nehmen kann +ohne ein machtloses »Du« zu werden, das Ich, auf dessen Geheiß der Raum +zerbrechen muß und die Zeit zum goldenen Gesicht ewiger Gegenwart +erstarren, -- das königliche Zepter des Geistes, gegen das zu sündigen der +einzige Frevel ist, der nicht vergeben werden kann -- ist die Macht, die +kund wird durch den Lichtkreis magischer unzerstörbarer Gegenwart, alles +in ihren Urgrund saugt. + +Götter und Wesen, Vergangenheit und Zukunft, Schatten und Dämonen +verhauchen ihr scheinbares Leben darin. Sie ist die Macht, die keine +Grenzen kennt und in dem am stärksten wirkt, der selbst der Größte ist, +die immer innen ist und niemals außen -- alles, was außen bleibt, sofort +zur Vogelscheuche macht. + +Die Verheißung des Quacksalbers von der Vergebung der Sünden erfüllt sich +an Leonhard: kein Wort, das nicht Wahrheit wird; der Meister ist gefunden: +Leonhard ist es selbst. + +Wie ein großer Fisch ein Loch in das Netz reißt und entrinnt, so ist er +erlöst durch sich selbst von dem Vermächtnis des Fluches -- ein Erlöser +denen, die ihm folgen wollen. + +Alles ist Sünde oder nichts ist Sünde, alle Ichs sind ein gemeinsames Ich, +-- klar ist er sich dessen bewußt. + +Wo lebt die Frau, die nicht zugleich seine Schwester ist, welche irdische +Liebe ist nicht zugleich Blutschande, welches weibliche Tier, und sei es +das kleinste, darf er töten, ohne nicht Muttermord und Selbstmord zugleich +zu begehen? Ist sein eigener Leib etwas anderes als eine Erbschaft von +Myriaden von Tieren? + +Niemand ist da, der das Schicksal verhängt, als das eine große Ich, das +sich als zahllose Ichbilder spiegelt; als große und kleine, klare und +trübe, böse und gute, fröhliche, traurige und doch von Leid und Freude +nicht berührt wird, in Vergangenheit und Zukunft als immerwährende +Gegenwart bestehen bleibt -- gleich wie die Sonne nicht schmutzig und +nicht runzlig wird, wenn auch ihr Spiegelbild in Pfützen oder sich +kräuselnden Wellen schwimmt, und nicht in Vergangenheit hinabsteigt, nicht +aus der Zukunft emportaucht, ob nun die Wasser versiegen oder neue aus +Regen sich bilden: niemand ist da, der das Schicksal verhängt, als das +große gemeinsame Ich -- die Ursache: die Sache, die der Urgrund ist. + +Wo bleibt da Raum für die Sünde? Der tückische unsichtbare Feind, der +vergiftete Pfeile aus der Finsternis schießt, ist dahin; Dämonen und +Götzen sind tot, -- verreckt wie Fledermäuse am Glanze des Lichts. + +Leonhard sieht seine tote Mutter auferstehen mit den ruhelosen Zügen, +seinen Vater, seine Schwester und Gattin Sabine: sie sind nur mehr Bilder +wie seine eigenen vielen Körper in Kindesgestalt, als Jüngling und Mann; +ihr wahres Leben ist unvergänglich und ohne Form, so wie sein eigenes Ich. + +Er schleppt sich zu dem Weiher, den er in der Nähe erblickt, um seine +brennende Haut zu kühlen; er empfindet die Schmerzen, die seine Eingeweide +zerreißen, nicht mehr als die seinen, -- so, als seien sie die eines +andern. + +Vor dem Morgenrot ewiger Gegenwart, die jedem Sterblichen so +selbstverständlich dünkt wie das eigene Gesicht und doch so urfremd ist +wie das eigene -- Gesicht, verbleichen alle Schemen, auch die der +leiblichen Qual. + +Und wie er die weiche Krümmung der Ufer sinnend betrachtet und die kleinen +mit Schilf bestandenen Inseln, überkommt ihn Erinnerung. + +Er sieht, daß er wieder daheim im Park seiner Jugend ist. + +Eine Wanderung durch die Nebel des Lebens im großen Kreise umher! + +Tiefe Zufriedenheit beruhigt sein Herz, Furcht und Grauen sind ausgetilgt, +er ist versöhnt mit den Toten und den Lebenden und mit sich selbst. + +Das Geschick birgt fortan keine Schrecken für ihn, nicht in der +Vergangenheit und nicht in der Zukunft. + +Der goldne Kopf der Zeit hat nur mehr ein einziges Gesicht: die Gegenwart +als Gefühl nie endender seliger Ruhe kehrt ihm ihr ewig junges Antlitz zu; +die beiden andern sind für immer abgewandt wie die dunkle Hälfte des +Mondes von der Erde. + +Der Gedanke, daß alles, was sich bewegt, sich zum Kreise schließen muß, +daß auch er ein Teil des großen Gesetzes ist, das die Weltenkörper rund +macht und rund erhält, bekommt etwas unendlich Tröstliches für ihn; klar +erfaßt er den Unterschied zwischen dem Satanszeichen mit den ruhelos +laufenden vier Menschenbeinen und dem stillstehenden aufrechten Kreuz. -- + +Ob seine Tochter wohl noch lebt? Sie muß eine alte Frau sein, kaum zwanzig +Jahre jünger als er. + +Gelassen schreitet er dem Schlosse zu; der Kiesweg trägt ein buntes Fell +aus Fallobst und wilden Blumen, die jungen Birken sind knorrige Riesen in +hellen Mänteln, ein schwarzer Trümmerhaufen bedeckt, mit silbernen +Unkrautdolden durchwachsen, die Kuppe des Hügels. + +Seltsam berührt wandert er in den sonnenheißen Schutthalden umher: eine +alte wohlbekannte Welt hebt sich neu in Glanz verklärt aus der +Vergangenheit, Bruchstücke, die er findet, da und dort unter verkohltem +Gebälk, fügen sich zu einem Ganzen; ein verbogener bronzener Pendel +zaubert die braune Uhr der Kinderjahre hinein in wiedergeborene Gegenwart, +tausend Blutstropfen alter Qual werden leuchtende rote Sprenkel im +Phönixgefieder des Lebens. + +Eine Schafherde, von lautlosen Hunden zu breitem grauen Viereck +gescheucht, zieht die Wiesen hinunter; er frägt den Hirten nach den +Bewohnern des Schlosses, der Mann murmelt etwas von verwunschener Gegend +und einem alten Weib, der letzten Bewohnerin der Brandstätte, -- einer +bösartigen Hexe mit einem Blutmal auf der Stirn wie Kain, die unten im +Meiler wohnt, -- zieht eilig und mürrisch seines Weges. + +Leonhard betritt die Kapelle, die in einem Urwald versteckt liegt: die Tür +hängt in den Angeln, nur noch der vergoldete Betstuhl steht +schimmelumzogen darin, die Fenster trüb, Altar und Bilder vermodert, das +Kreuz auf der erzenen Falltür von Grünspan zerfressen, braunes Moos quillt +durch die Fugen. + +Er fährt mit dem Fuß darüber hin, da kommt aus einem Glanzstreifen des +Metalls eine halberloschene Inschrift hervor: eine Jahreszahl und daneben +die Worte: + + »Erbaut von + Jakob de Vitriaco«. + +Die feinen Spinnenfäden, die die Dinge der Erde mitsammen verbinden, +entwirren sich vor Leonhards Erkenntnis: der belanglose Name eines fremden +Baumeisters, kaum eingeritzt in sein Gedächtnis, so und so oftmal in der +Zeit der Jugend gelesen und so und so oftmal wieder vergessen -- sein +alter unsichtbarer im Kreis der Wanderung als rufender Meister +verkleideter Begleiter: er liegt vor seinen Füßen, zum gleichgültigen Wort +geworden in derselben Stunde, wo seine Sendung zu Ende und die geheime +Sehnsucht der Seele, heimzukehren zum Ausgangspunkt, erfüllt ist. +-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- +-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Meister Leonhard sieht den Rest seines Lebens als Einsiedler inmitten der +Wildnis des Daseins, er trägt ein härenes Kleid aus rauhen Decken, die er +unter den Trümmern der Brandstätte findet, baut einen Herd aus rohen +Ziegeln. + +Die Gestalten der Menschen, die sich bisweilen in die Nähe der Kapelle +verirren, scheinen ihm wesenlos wie Schemen, werden erst lebendig, wenn er +ihr Bild hineinzieht in den Zauberkreis seines Ichs und sie darin +unsterblich macht. + +Die Formen des Daseins sind ihm dasselbe wie die wechselnden Gesichter der +Wolken: mannigfaltig und doch im Grunde nichts als Wasserdampf. -- -- -- +-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Er hebt seinen Blick über die beschneiten Baumgipfel. + +Wieder wie damals in der Nacht der Geburt seiner Tochter stehen zwei große +Sterne dicht beisammen am südlichen Himmel, starren auf ihn herab. + +Fackeln wimmeln durch den Wald. + +Sensen klirren. + +Wutverzerrte Gesichter schweben zwischen den Stämmen, halblaute Stimmen +murren, das alte bucklige Weib aus dem Meiler steht wieder vor der +Kapelle, fuchtelt mit hageren Armen, deutet auf die Teufelssilhouette im +Schnee, winkt den abergläubischen Bauern, glotzt mit irren Augen wie mit +zwei grünlichen Sternen unverwandt durch die Scheiben. + +Auf ihrer Stirne glüht ein rotes Muttermal. + +Meister Leonhard rührt sich nicht, er weiß, daß die da draußen ihn +erschlagen kommen, weiß, daß der Teufelsschatten, der aus ihm herausfällt +auf den Schnee und ein Nichts bedeutet und jeder Bewegung seiner Hand +folgen muß, die Ursache der Wut der abergläubischen Menge ist, aber er +weiß auch, daß der, den sie erschlagen wollen: sein Leib, nur ein +Schatten ist, so wie sie nur Schatten sind -- wesenloser Schein im +Scheinreich der rollenden Zeit, und daß auch die Schatten dem Gesetze des +Kreises gehorchen. + +Er weiß, daß die Alte mit dem Blutmal seine Tochter ist, die die Züge +seiner Mutter trägt, und von ihr das Ende kommt, damit sich der große +Bogen schließe: + +Die Wanderung der Seele im Kreis durch die Nebel der Geburten zurück zum +Tod. + + + + +Das Grillenspiel + + +»Nun?«, fragten die Herren wie aus einem Munde, als Professor Goclenius +rascher als es sonst seine Gewohnheit war und mit auffallend verstörtem +Gesicht eintrat, »nun, hat man Ihnen die Briefe ausgefolgt? -- Ist +Johannes Skoper schon unterwegs nach Europa? -- Wie geht es ihm? Sind +Sammlungen mit angekommen?« -- riefen alle durcheinander. + +»Nur das hier,« sagte der Professor ernst und legte ein Bündel Schriften +und ein Fläschchen, in dem sich ein totes, weißliches Insekt in der Größe +eines Hirschkäfers befand, auf den Tisch, »der chinesische Gesandte hat es +mir selbst mit dem Bemerken übergeben, es sei heute auf dem Umweg über +Dänemark angekommen.« + +»Ich fürchte, er hat schlimme Nachrichten über unsern Kollegen Skoper +erfahren«, flüsterte ein bartloser Herr hinter der Hand seinem +Tischnachbar zu, einem greisenhaften Gelehrten mit wallender Löwenmähne, +der, -- wie er selbst, Präparator am naturwissenschaftlichen Museum, -- +die Brille auf die Stirn geschoben hatte und mit tiefstem Interesse das +Insekt in der Flasche betrachtete. + +Es war ein seltsames Zimmer, in dem die Herren -- sechs an der Zahl und +sämtlich Forscher auf dem Gebiet der Schmetterlings- und Käferkunde -- +saßen. + +Ein stumpfer Geruch nach Kampfer und Sandelholz verstärkte aufdringlich +den Eindruck des fremdartig Totenhaften, das von den Igelfischen, die an +Schnüren von der Decke herabhingen, -- glotzäugig, wie abgeschnittene +Köpfe gespenstischer Zuschauer, -- von den weiß und rot grellbemalten +Teufelsmasken wilder Insulanerstämme, von den Straußeneiern, den +Hairachen, Narwalzähnen, verrenkten Affenkörpern und all den tausenderlei +grotesken Formen einer fernen Zone, ausging. + +An den Wänden über braunen, wurmstichigen Schränken, die etwas +klösterliches hatten, wie das morsche Licht des Abendrots aus dem +verwilderten Museumsgarten herein durch das bauchige Gitterfenster +spielte, hingen, liebevoll in Gold gerahmt, gleich ehrwürdigen +Ahnenbildern verblaßte Porträts ins Riesenhafte vergrößerter Baumwanzen +und Maulwurfsgrillen. + +Verbindlich den Arm gekrümmt, verlegenes Lächeln um die Knopfnase und die +gelben, kreisrunden Glasaugen, den Zylinderhut des Herrn Präparators auf +dem Haupte, beugte sich in der Haltung eines vorsintflutlichen +Dorfschulzen, der sich zum erstenmal im Leben photographieren läßt, ein +Faultier aus der Ecke, umwimpelt von baumelnden Schlangenhäuten. + +Den Schwanz in den dämmerigen Fernen des Ganges geborgen und die edleren +Teile laut Wunsch des Unterrichtsministers im Frischlackiertwerden +begriffen, starrte der Stolz des Institutes, ein zwölf Meter langes +Krokodil, mit treulosem Katzenblick durch die Verbindungstür herein ins +Gemach. -- + +Professor Goclenius hatte Platz genommen, die Schnur von dem Briefbündel +gelöst und die einleitenden Zeilen unter Gemurmel durchgeflogen. + +»Datiert ist es aus Bhutan -- Südosttibet, -- und zwar vom 1. Juli 1914, +-- also vier Wochen vor Kriegsausbruch; der Brief war demnach länger als +ein Jahr unterwegs«, setzte er dann laut hinzu. »Kollege Johannes Skoper +schreibt hier unter anderem: »Über die reiche Ausbeute, die ich auf meiner +langen Reise aus den chinesischen Grenzgebieten durch Assam in das bisher +unerforschte Land Bhutan machte, werde ich Ihnen nächstens ausführlich +berichten; heute nur kurz über die seltsamen Umstände, denen ich die +Entdeckung einer neuen weißen Grille« -- Professor Goclenius deutete auf +das Insekt in der Flasche -- »verdanke, die von den Schamanen zu +abergläubischen Zwecken gebraucht und 'Phak' genannt wird, ein Wort, das +zugleich ein Schimpfname ist für alles, was einem Europäer oder +weißrassigen Menschen ähnlich sieht. + +Also: Eines Morgens erfuhr ich von lamaistischen Pilgern, die nach Lhasa +zogen, es befinde sich unweit meines Lagerplatzes ein sehr hoher, +sogenannter Dugpa, -- einer jener in ganz Tibet gefürchteten +Teufelspriester, die, an ihren scharlachroten Kappen kenntlich, +behaupten, direkte Abkömmlinge des Dämons der Fliegenschwämme zu sein. +Jedenfalls sollen die Dugpas der uralten tibetischen Religion der Bhons +angehören, von der wir so gut wie nichts wissen, und Nachkommen einer +fremdartigen Rasse sein, deren Ursprung sich im Dunkel der Zeit verliert. +Jener Dugpa, erzählten mir die Pilger und drehten dabei voll +abergläubischer Scheu ihre kleinen Gebetmühlen, sei ein Samtscheh +Mitschebat, das ist ein Wesen, das man nicht mehr mit dem Namen Mensch +bezeichnen dürfe, das 'binden und lösen' könne, dem, kurz und gut, infolge +seiner Fähigkeit, Raum und Zeit als Wahnvorstellungen zu durchschauen, +nichts unmöglich sei auf Erden zu vollbringen. Es gäbe, sagte man mir, +zwei Wege, um jene Stufen zu erklimmen, die über das Menschentum +hinausführen: den einen, den des 'Lichtes' -- der Einswerdung mit Buddha +-- und einen zweiten, entgegengesetzten: den 'Pfad der linken Hand', zu +dem nur ein geborener Dugpa die Eingangspforte wüßte -- ein geistiger Weg +voll Grauen und Entsetzlichkeit. Solche 'geborene' Dugpas kämen -- wenn +auch sehr vereinzelt -- unter allen Himmelsstrichen vor und wären +merkwürdigerweise fast immer die Kinder besonders frommer Leute. 'Es ist,' +sagte der Pilger, der es mir erzählte, 'wie wenn die Hand des Herrn der +Finsternis ein giftiges Reis aufpfropft auf den Baum der Heiligkeit', und +man wisse nur ein Mittel, an einem Kinde zu erkennen, ob es geistig zum +Bunde der Dugpas gehört oder nicht, das ist -- wenn der Haarwirbel auf dem +Scheitel von links nach rechts, statt umgekehrt, läuft. + +Ich sprach sofort -- rein aus Neugierde -- den Wunsch aus, den erwähnten +hohen Dugpa zu Gesicht zu bekommen, aber mein Karawanenführer, selber ein +Osttibeter, widersetzte sich mit Hartnäckigkeit. Das alles sei dummes +Zeug, Dugpas gäbe es im Bhutangebiet überhaupt nicht, schrie er in einem +fort, auch würde ein Dugpa -- schon gar ein Samtscheh Mitschebat -- nie +und nimmer einem Weißen seine Künste zeigen. + +Der allzu eifrige Widerstand des Mannes wurde mir immer verdächtiger, und +nach stundenlangem Kreuz- und Querfragen brachte ich denn auch aus ihm +heraus, daß er selbst Anhänger der Bhonreligion sei und ganz genau wisse, +-- aus der rötlichen Färbung der Erddünste, wollte er mir vorlügen, -- daß +ein 'eingeweihter' Dugpa in der Nähe weile. + +'Aber er wird dir niemals seine Künste zeigen', schloß er jedesmal seine +Rede. + +'Warum denn nicht?', fragte ich schließlich. + +'Weil er die -- Verantwortung nicht übernimmt.' + +'Was für eine Verantwortung?', forschte ich weiter. + +'Er würde infolge der Störung, die er damit im Reiche der Ursachen +anrichtet, von neuem in den Strudel der Wiederverkörperung verstrickt +werden, wenn nicht etwas noch viel viel Schlimmeres.' + +Es interessierte mich, Näheres über die geheimnisvolle Bhonreligion zu +erfahren, und ich fragte daher: 'Hat ein Mensch nach deinem Glauben eine +Seele?' + +'Ja und Nein.' + +'Wieso?' + +Als Antwort nahm der Tibeter einen Grashalm und machte einen Knoten +hinein: 'Hat das Gras jetzt einen Knoten?' + +'Ja.' + +Er löste den Knoten wieder auf: 'Und jetzt?' + +'Jetzt hat es keinen mehr.' + +'Genau so hat der Mensch eine Seele und hat keine', sagte er einfach. + +Ich versuchte es auf andere Weise, mir ein Bild über seine Ansicht zu +machen: 'Gut, nimm an, du wärest auf dem schrecklichen, kaum handbreiten +Gebirgspaß, den wir neulich überschritten, in die Tiefe gestürzt, -- hätte +deine Seele weitergelebt oder nicht?' + +'Ich wäre nicht abgestürzt!' + +Ich wollte ihm anders beikommen, deutete auf meinen Revolver: 'Wenn ich +dich jetzt totschieße, lebst du dann weiter oder nicht?' + +'Du kannst mich nicht erschießen.' + +'Doch!' + +'Also versuch's.' + +Ich werde mich hüten, dachte ich bei mir, das wäre eine schöne Geschichte, +ohne Karawanenführer in diesem grenzenlosen Hochland umherirren. Er schien +meine Gedanken erraten zu haben und lächelte höhnisch. Es war zum +Verzweifeln. Ich schwieg eine Weile. + +'Du kannst eben nicht 'wollen'', fing er plötzlich wieder an. 'Hinter +deinem Willen stehen Wünsche, solche, die du kennst, und solche, die du +nicht kennst, und beide sind stärker als du.' + +'Was ist also die Seele nach deinem Glauben?', fragte ich ärgerlich; +'habe zum Beispiel ich eine Seele?' + +'Ja.' + +'Und wenn ich sterbe, lebt meine Seele dann weiter?' + +'Nein.' + +'Aber deine, meinst du, lebt weiter, wenn du stirbst?' + +'Ja. Weil ich einen -- Namen habe.' + +'Wieso einen Namen? Ich habe doch auch einen Namen!' + +'Ja, aber du kennst deinen wirklichen Namen nicht, besitzest ihn also +nicht. Das, was du für deinen Namen hältst, ist nur ein leeres Wort, das +deine Eltern erfunden haben. Wenn du schläfst, vergißt du ihn, ich +vergesse meinen Namen nicht, wenn ich schlafe.' + +'Aber, wenn du tot bist, weißt du ihn auch nicht mehr!' wendete ich ein. + +'Nein. Aber der Meister kennt ihn und vergißt ihn nicht, und wenn er ihn +ruft, so stehe ich wieder auf; aber nur ich und kein anderer, denn nur ich +habe meinen Namen. Kein anderer hat ihn. Das, was du deinen Namen nennst, +das haben viele andere mit dir gemeinsam -- so wie die Hunde', murmelte er +verächtlich vor sich hin. Ich verstand die Worte zwar, ließ es mir aber +nicht anmerken. + +'Was verstehst du unter dem 'Meister'?' warf ich scheinbar unbefangen hin. + +'Den Samtscheh Mitschebat.' + +'Den, der hier in der Nähe ist?' + +'Ja, aber nur sein Spiegelbild ist in der Nähe; der, der er in +Wirklichkeit ist, ist überall. Er kann auch nirgends sein, wenn er will.' + +'Er kann sich demnach unsichtbar machen?' -- wider Willen mußte ich +lächeln, -- 'du meinst: einmal ist er innerhalb des Weltenraumes und dann +außerhalb; einmal ist er da -- und dann ist er wieder nicht da?' + +'Ein Name ist doch auch nur da, wenn man ihn ausspricht, und nicht mehr +da, wenn man ihn nicht ausspricht', hielt mir der Tibeter vor. + +'Und kannst zum Beispiel du auch einmal ein 'Meister' werden?' + +'Ja.' + +'Dann wird es also zwei Meister geben, was?' + +Ich triumphierte innerlich, denn offen gestanden verdroß mich der geistige +Hochmut des Kerls; jetzt hatte ich ihn in der Falle, glaubte ich (meine +nächste Frage hätte gelautet: wenn der eine Meister die Sonne scheinen +lassen will und der andere regnen, welcher behält recht?); um so mehr +verblüffte mich die sonderbare Antwort, die er mir gab: 'Wenn ich ein +Meister sein werde, dann bin ich doch der Samtscheh Mitschebat. Oder +glaubst du, es könnte zwei Dinge geben, die einander vollkommen gleich +sind, ohne daß sie ein und dasselbe wären?' + +'Immerhin seid ihr dann zwei und nicht einer; wenn ich euch begegnete, +wäret ihr zwei Menschen und nicht einer', widersprach ich. + +Der Tibeter bückte sich, suchte unter den in Menge umherliegenden +Kalkspatkristallen einen besonders durchsichtigen aus und sagte +spöttisch: 'Halte das ans Auge und schau den Baum dort an; du siehst ihn +nunmehr doppelt, nicht wahr? Aber sind es deshalb -- zwei Bäume?' + +Ich wußte ihm nicht gleich etwas zu entgegnen, auch wäre es mir schwer +gefallen in mongolischer Sprache, deren wir uns zur gegenseitigen +Verständigung bedienen mußten, ein so verwickeltes Thema logisch zu +erörtern: ich ließ ihm daher seinen Triumph. Innerlich konnte ich aber +nicht genug staunen über die geistige Gelenkigkeit dieses Halbwilden mit +seinen schiefen Kalmückenaugen und dem schmutzstarrenden Schafspelz. Es +ist etwas Seltsames um diese Hochlandsasiaten, äußerlich sehen sie aus wie +Tiere, aber rührt man an ihre Seele, kommt der Philosoph zum Vorschein. + +Ich griff wieder auf den Ausgangspunkt unseres Gespräches zurück: 'Du +glaubst also, der Dugpa würde mir seine Künste nicht zeigen, weil er die +-- Verantwortung ablehnt?' + +'Nein, gewiß nicht.' + +'Wenn aber ich die Verantwortung übernähme?!' + +Das erstemal, seit ich den Tibeter kannte, geriet er außer Fassung. Eine +Unruhe, die er kaum bemeistern konnte, lief über sein Gesicht. Der +Ausdruck wilder, mir unerklärlicher Grausamkeit wechselte mit dem eines +tückischen Frohlockens. Wir haben in den vielen Monaten unseres +Beisammenseins oft wochenlang Todesgefahren aller Art ins Auge geblickt, +haben schauerliche Abgründe überschritten auf schwankenden, nur fußbreiten +Bambusbrücken, daß mir vor Entsetzen das Herz stillstand, haben Wüsten +durchquert und sind fast verdurstet, aber niemals verlor er auch nur eine +Minute sein inneres Gleichgewicht. Und jetzt? Was konnte die Ursache sein, +daß er mit einemmal so außer sich geriet? Ich sah ihm an, wie in seinem +Hirn die Gedanken sich jagten. + +'Führe mich zu dem Dugpa, ich werde dich reichlich belohnen', redete ich +ihm eifrig zu. + +'Ich will es mir überlegen', antwortete er endlich. +-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Es war noch tiefe Nacht, da weckte er mich in meinem Zelt. Er sei bereit, +sagte er. + +Er hatte zwei unserer zottigen Mongolenpferde, die nicht viel höher sind +als große Hunde, gesattelt, und wir ritten hinein in die Finsternis. + +Die Leute meiner Karawane lagen um die verglimmenden Reisigfeuer herum in +festem Schlaf. Stunden vergingen und wir wechselten kein Wort; der +eigentümliche Moschusgeruch, den die tibetischen Steppen in Julinächten +auszuströmen pflegen, und das eintönige Zischen des Ginsters, wie die +Beine unserer Pferde hindurchfegten, betäubte mich fast, so daß ich, um +wach zu bleiben, unverwandt emporblicken mußte zu den Sternen, die hier in +diesem wilden Hochland etwas Loderndes, Flackerndes haben wie brennende +Papierfetzen. Ein erregender Einfluß geht von ihnen aus, der das Herz mit +Unruhe erfüllt. + +Als die Morgendämmerung über die Berggipfel kroch, bemerkte ich, daß die +Augen des Tibeters weit offen standen und ohne zu zwinkern immerwährend +auf einen Punkt am Himmel starrten. -- Ich sah, daß er geistesabwesend +war. + +Ob er denn den Aufenthalt des Dugpas so genau kenne, daß er nicht auf den +Weg zu achten brauche, fragte ich ihn ein paarmal, ohne eine Antwort zu +bekommen. + +'Er zieht mich, wie der Magnetstein das Eisen anzieht', lallte er +schließlich mit schwerer Zunge wie aus dem Schlaf. + +Nicht einmal mittags machten wir Rast, immer wieder trieb er stumm sein +Pferd zu neuer Eile an. Ich mußte im Sattel meine paar Stücke gedörrtes +Ziegenfleisch verzehren. + +Gegen Abend hielten wir, um den Fuß eines kahlen Hügels biegend, in der +Nähe eines jener fantastischen Zelte, wie man sie im Bhutan zuweilen zu +Gesicht bekommt. Sie sind schwarz, oben spitz, unten sechseckig mit +aufwärts gebauchten Rändern und stehen auf hohen Stelzen, sodaß sie einer +riesigen Spinne gleichen, die mit dem Bauch die Erde berührt. + +Ich hatte erwartet, einen schmutzigen Schamanen mit verfilztem Haar und +Bart zu treffen, eines der wahnsinnigen oder epileptischen Geschöpfe, die +unter den Mongolen und Tungusen häufig sind, die sich mit dem Absud von +Fliegenschwämmen betäuben und dann Geister zu sehen glauben oder +unverständliche Prophezeiungen ausstoßen; statt dessen stand da -- +unbeweglich -- ein Mann vor mir, gut sechs Fuß hoch, auffallend schmal im +Wuchs, bartlos, das Gesicht olivgrünlich schimmernd, von einer Farbe, wie +ich sie noch nie bei einem Lebenden gesehen, die Augen schräg und +unnatürlich weit auseinander. Der Typus einer mir vollkommen fremden +Menschenrasse. + +Seine Lippen, gleich der Gesichtshaut faltenlos wie aus Porzellan, waren +scharfrot, messerdünn und so stark geschwungen -- besonders an den weit +empor gezogenen Mundwinkeln -- wie unter einem erbarmungslosen erstarrten +Lächeln, daß sie aussahen, als seien sie aufgemalt. + +Ich konnte den Blick nicht von dem Dugpa wenden -- lange nicht -- und wenn +ich jetzt daran zurückdenke, möchte ich fast sagen: ich kam mir vor wie +ein Kind, dem der Atem stehenbleibt vor Entsetzen beim Anblick einer +plötzlich aus dem Dunkel auftauchenden grauenhaften Maske. + +Auf dem Kopf trug der Dugpa eine glattanliegende scharlachrote Kappe ohne +Rand; im übrigen bis zu den Knöcheln einen kostbaren Pelz aus orangegelb +gefärbtem Zobel. + +Er und mein Führer sprachen kein Wort mitsammen, ich nehme jedoch an, daß +sie sich durch heimliche Gesten verständigt haben, denn ohne zu fragen, +was ich von ihm wolle, sagte der Dugpa plötzlich und unvermittelt, er sei +willens mir zu zeigen, was immer ich wünsche, doch müsse ich ausdrücklich +alle Verantwortung, auch wenn ich sie nicht kennte, übernehmen. + +Ich erklärte mich -- natürlich -- sofort bereit. + +Ich solle zum Zeichen dafür mit der linken Hand die Erde berühren, +verlangte er. + +Ich tat es. + +Schweigend ging er sodann eine Strecke voraus und wir folgten ihm, bis er +uns niedersitzen hieß. + +Es war eine tischähnliche Bodenerhebung, an deren Rand wir uns lagerten. + +Ob ich ein weißes Tuch bei mir trüge? + +Ich suchte vergeblich in meinen Taschen, fand aber nur im Rockfutter eine +alte, verblaßte, zusammenlegbare Karte von Europa (ich hatte sie offenbar +die ganze lange Zeit meiner Asienreise bei mir getragen), breitete sie +zwischen uns aus und erklärte dem Dugpa, die Zeichnung sei ein Bild meinem +Heimat. + +Er wechselte einen raschen Blick mit meinem Führer, und wieder sah ich auf +dem Gesicht des Tibeters jenen Ausdruck haßerfüllter Bosheit aufleuchten, +der mir schon am Abend vorher aufgefallen war. + +Ob ich den Grillenzauber zu sehen wünschte? + +Ich nickte und war mir im Augenblick klar, was kommen würde: ein bekannter +Trick -- das Hervorlocken von Insekten aus der Erde durch Pfeifen oder +dergleichen. + +Richtig, ich hatte mich nicht getäuscht; der Dugpa ließ ein leises, +metallenes Zirpen hören (mit einem kleinen, silbernen Glöckchen, das sie +versteckt bei sich tragen, machen sie das), und sofort kamen aus ihren +Schlupfwinkeln im Boden eine Menge Grillen und krochen auf die helle +Landkarte. + +Immer mehr und mehr. + +Unzählige. + +Ich hatte mich schon geärgert, wegen eines läppischen Kunststückes, das +ich bereits in China oft genug gesehen hatte, einen so mühvollen Ritt +unternommen zu haben, aber was sich mir jetzt darbot, entschädigte mich +reichlich: Die Grillen waren nicht nur eine wissenschaftlich ganz neue +Spezies -- daher an und für sich schon interessant genug -- sie benahmen +sich auch höchst absonderlich. Kaum hatten sie nämlich die Landkarte +betreten, liefen sie zuerst planlos im Kreise herum, dann bildeten sie +Gruppen, die einander mißtrauisch musterten. Plötzlich fiel auf die Mitte +der Karte ein regenbogenfarbener Lichtfleck (er stammte von einem +Glasprisma, das der Dugpa gegen die Sonne hielt, wie ich mich rasch +überzeugte), und ein paar Sekunden später war aus den bisher friedlichen +Grillen ein Klumpen sich auf die schauderhafteste Weise gegenseitig +zerfleischender Insektenleiber geworden. Der Anblick war zu ekelhaft, als +daß ich ihn schildern möchte. Das Schwirren der tausend und aber tausend +Flügel gab einen hohen, singenden Ton, der mir durch Mark und Bein ging, +ein Schrillen, gemischt aus so höllischem Haß und grauenvoller Todesqual, +daß ich es nie werde vergessen können. + +Ein dicker, grünlicher Saft quoll unter dem Haufen hervor. + +Ich befahl dem Dugpa augenblicklich innezuhalten -- er hatte das Prisma +bereits eingesteckt und zuckte nur die Achseln. + +Vergebens bemühte ich mich, die Grillen mit einem Stock auseinander zu +treiben: ihre wahnwitzige Mordlust kannte keine Grenzen mehr. + +Immer neue Scharen liefen herbei und türmten den zappelnden, scheußlichen +Klumpen höher und höher -- mannshoch. + +Auf weite Strecken war der Erdboden lebendig von wimmelnden, +tollgewordenen Insekten. Eine weißliche, aneinandergequetschte Masse, die +sich der Mitte zudrängte, nur von dem einen Gedanken beseelt: morden, +morden, morden. + +Einige der Grillen, die halbverstümmelt von dem Haufen herabfielen und +nicht mehr hinaufkriechen konnten, zerfetzten sich selbst mit ihren +Zangen. + +Der schwirrende Ton wurde bisweilen so laut und grausig schrill, daß ich +mir die Ohren zuhielt, weil ich es nicht mehr länger glaubte ertragen zu +können. + +Gott sei Dank, endlich wurden der Tiere weniger und weniger, die +hervorkriechenden Scharen schienen dünner zu werden und hörten schließlich +ganz auf. + +'Was macht er denn noch immer?' fragte ich den Tibeter, als ich sah, daß +der Dugpa keine Miene machte, aufzubrechen, vielmehr angestrengt seine +Gedanken auf irgend etwas zu konzentrieren schien. Er hatte die Oberlippe +hochgezogen, so daß ich seine spitzgefeilten Zähne deutlich sehen konnte. +Sie waren pechschwarz, vermutlich von dem landesüblichen Betelkauen. + +'Er löst und bindet', hörte ich den Tibeter antworten. + +Trotzdem ich mir beständig vorsagte, daß es ja nur Insekten gewesen waren, +die hier den Tod gefunden hatten, fühlte ich mich doch aufs äußerste +angegriffen und einer Ohnmacht nahe, und die Stimme klang, als käme sie +aus weiter Ferne her: 'Er löst und bindet.' + +Ich begriff nicht, was das bedeuten sollte, und begreife es auch heute +nicht; es geschah auch nichts weiter, was auffällig gewesen wäre. Warum +ich trotzdem noch -- vielleicht stundenlang, ich weiß es nicht mehr -- +sitzen blieb? Der Wille, aufzustehen, war mir abhanden gekommen, ich kann +es nicht anders nennen. + +Allmählich sank die Sonne, und Landschaft und Wolken nahmen jene schreiend +rote und orangegelbe unwahrscheinliche Färbung an, die jeder kennt, der +einmal in Tibet war. Man kann den Eindruck des Bildes nur mit den +barbarisch bemalten Zeltwänden europäischer Menageriebuden, wie man sie +auf Jahrmärkten sieht, vergleichen. -- + +Ich konnte die Worte nicht loswerden: 'Er löst und bindet'; nach +und nach bekamen sie etwas Schreckhaftes in meinem Hirn; -- in der +Phantasie verwandelte sich der zuckende Grillenhaufen in Millionen +sterbender Soldaten. Der Alp eines rätselhaften, ungeheuerlichen +Verantwortungsgefühls, das für mich um so folternder war, als ich in +mir vergeblich nach seiner Wurzel suchte, würgte mich. + +Dann wieder schien es mir, als sei der Dugpa plötzlich verschwunden, und +statt seiner stünde da -- scharlachrot und olivgrün die widerwärtige +Statue des tibetischen Kriegsgottes. + +Und ich kämpfte gegen den Anblick, bis ich die nackte Wirklichkeit wieder +vor Augen hatte, aber es war mir nicht genug Wirklichkeit: die Erddünste, +die aus dem Boden stiegen, die zackigen Gletschergipfel der Bergriesen am +fernen Horizont, der Dugpa mit der roten Kappe, ich selbst in meinen halb +europäischen, halb mongolischen Kleidern, dann das schwarze Zelt mit den +Spinnenbeinen, -- alles konnte doch gar nicht wirklich sein! Wirklichkeit, +Phantasie, Vision, was war echt, was Schein? Und mein Denken dazwischen +immer von neuem auseinanderklaffend, wenn die drosselnde Angst vor dem +unfaßbaren, fürchterlichen Verantwortungsgefühl wieder in mir aufstieg. + +Später, viel später -- auf der Heimreise -- wuchs die Begebenheit in +meiner Erinnerung wie eine wuchernde Giftpflanze, die ich vergebens +ausreißen will. + +Nachts, wenn ich nicht schlafen kann, dämmert leise in mir eine +grauenhafte Ahnung auf, was der Satz bedeuten mag: 'Er löst und bindet', +und ich suche sie zu ersticken, daß sie nicht zu Wort kommen kann, so wie +man ein ausbrechendes Feuer im Keim ersticken möchte. -- Aber es hilft +nichts, daß ich mich wehre, -- im Geiste sehe ich, wie aus dem toten +Grillenhaufen ein rötlicher Dunst aufsteigt und zu Wolkengebilden wird, +die sich, den Himmel verfinsternd wie die Schreckgespenster des Monsuns, +nach Westen wälzen. -- + +Und auch jetzt wieder, wo ich dies schreibe, überfällt's mich, -- ich -- +ich -- -- --« + +Hier scheint der Brief plötzlich abgebrochen worden zu sein,« schloß +Professor Goclenius; »leider muß ich Ihnen jetzt mitteilen, was ich auf +der chinesischen Gesandtschaft über das unerwartete Ableben unseres lieben +Kollegen Johannes Skoper im fernen Asien« -- -- -- der Professor kam nicht +weiter; ein lauter Schrei der Herren unterbrach ihn: »Unglaublich, die +Grille lebt ja noch, jetzt nach einem Jahr! Unglaublich! Einfangen! Sie +fliegt davon!« rief alles wild durcheinander. Der Forscher mit der +Löwenmähne hatte das Fläschchen geöffnet und das anscheinend tote Insekt +herausgeschüttelt. + +Einen Augenblick später war die Grille zum Fenster hinausgeflogen in den +Garten und die Herren rannten in ihrem Eifer, sie einzufangen, an der Tür +den greisen Museumsdiener Demetrius, der ahnungslos hereinkam, um die +Lampe anzuzünden, beinahe über den Haufen. + +Kopfschüttelnd sah ihnen der Alte durch das Gitterfenster zu, wie sie +draußen mit Schmetterlingsnetzen umherjagten. Dann blickte er zum +dämmernden Abendhimmel empor und brummte: »Was in der schrecklichen +Kriegszeit doch die Wolken für merkwürdige Formen annehmen! Da sieht jetzt +eine wieder mal ganz so aus wie ein Mann mit einem dunkeln Gesicht und +roter Kappe; wenn er die Augen nicht so weit auseinanderstehen hätte, wäre +es fast wie ein Mensch. Wahrhaftig, man könnte noch abergläubisch werden +auf seine alten Tage.« + + + + +Wie #Dr.# Hiob Paupersum seiner Tochter rote Rosen brachte + + +In vorgerückter Nachtstunde saß in dem bekannten Münchener Prunkcafé +»Stefanie«, regungslos vor sich hinstarrend, ein Greis von höchst +bemerkenswertem Aussehen. Die zerschlissene, selbständig gewordene +Krawatte, sowie die mächtige bis auf den Nacken herabwallende hohe Stirn +verrieten den bedeutenden Gelehrten. + +Außer einem silbernen schütteren Knebelbarte, der, einem Siebengestirn von +Kinnwarzen entspringend, mit seinem unteren Ende gerade noch jene Stelle +inmitten der Weste verdeckte, wo bei weltabgewandten Denkern regelmäßig +ein Knopf zu fehlen pflegt, besaß der alte Herr nur wenig Nennenswertes an +irdischen Gütern. + +Genau genommen eigentlich gar nichts mehr. + +Um so belebender wirkte es daher auf ihn, als plötzlich der bezwickerte +weltmännisch gekleidete Gast mit dem gewichsten schwarzen Schnurrbart, der +bislang an dem Tisch in der Ecke schräg gegenüber ein Stück kalten Lachs +bissenweise mit dem Messer zum Munde geführt (wobei ein kirschgroßer +Brillant an dem elegant weggestreckten kleinen Finger jedesmal prächtig +aufblitzte) und zwischendurch forschend gestielte Blicke herübergeworfen +hatte, sich mundwischend erhob, das fast menschenleere Zimmer durchmaß, +sich vor ihm verbeugte und fragte: + +»Ist dem Herrn eine Partie Schach gefällig? -- Vielleicht um eine Mark die +Partie?« + +Farbenglühende Phantasmagorien von Schwelgerei und Üppigkeit aller Art +taten sich vor dem geistigen Auge des Gelehrten auf, und noch während sein +Herz entzückt raunte: »Dieses Rindvieh hat mir Gott geschickt«, herrschten +bereits seine Lippen dem Kellner zu, der soeben angebraust kam, um +gewohnheitsmäßig an den elektrischen Glühbirnen eine Reihe umfassender +Beleuchtungsstörungen einzuleiten: »Julius, ein Schachbrett«. »Wenn ich +nicht irre, habe ich die Ehre mit Herrn #Dr.# Paupersum?« -- begann der +Weltmann mit dem gewichsten Schnurrbart das Gespräch. + +»Hiob,-- -- ja, hm, ja, -- Hiob Paupersum«, bestätigte der Gelehrte +zerstreut, denn er war wie gebannt von der Pracht des Mordssmaragden, der, +ein Automobillaternchen darstellend, als Schlipsnadel die Gurgel seines +Gegenübers verzierte. + +Erst das Erscheinen des Schachbrettes löste seine Verzauberung; dann aber +waren im Nu die Figuren aufgestellt, die lockern Köpfe der Rössel mit +Spucke befestigt und der fehlende Turm durch ein geknicktes Streichholz +ersetzt. + +Nach dem dritten Zuge entzwickerte sich der Weltmann, nahm eine +verkrampfte Stellung an und versank in dumpfes Brüten. + +»Er scheint den dümmsten Zug auf dem Brett herausfinden zu wollen, -- ich +wüßte nicht, weshalb er sonst so lange nachdächte!« murmelte der Gelehrte +und stierte dabei geistesabwesend die schweinfurtergrünseidene Dame -- das +einzige Lebewesen im Zimmer außer ihm und dem Weltmann -- an, die ruhevoll +wie die Göttin auf dem Titelkopf von »Über Land und Meer« auf dem +Wandsofa thronte, vor sich einen Teller Schaumrollen, und das kühle +Frauenherz mit hundertpfündigem Speck umpanzert. + +»Ich geb's auf«, meldete sich endlich der Herr mit der edelsteinernen +Automobillaterne, schob die Schachfiguren zusammen, entnahm seiner +Rippengegend ein güldenes Futteral, fischte eine Visitenkarte heraus und +reichte sie dem Gelehrten. #Dr.# Paupersum las: + + Zenon Sawaniewski + Impresario für Monstrositäten. + +»Hm. Tja. Hm -- für Monstrositäten, hm, -- für Monstrositäten«, +wiederholte er eine Weile verständnislos. »Aber gedenken Sie nicht noch +ein paar Partien zu spielen?«, fragte er dann laut, den Sinn auf +Kapitalsvermehrung gerichtet. + +»Gewiß. Natürlich. Soviel Sie wünschen,« sagte der Weltmann höflich, »aber +wollen wir nicht vorerst von etwas Einträglicherem sprechen?« + +»Von etwas noch -- noch Einträglicherem?«, fuhr es dem Gelehrten heraus, +und leise Falten des Mißtrauens legten sich um seine Augenwinkel. + +»Ich habe zufällig gehört,« begann der Impresario und bestellte bei dem +Kellner durch plastische Handbewegungen eine Flasche Wein und ein Glas, +»ganz zufällig, daß Sie trotz Ihres großen Rufes als Leuchte der +Wissenschaft zur Zeit keine feste Anstellung haben?« + +»Doch. Ich wickle tagsüber Liebesgaben ein und versehe sie mit +Postwertzeichen.« + +»Und das ernährt Sie?« + +»Nur insofern, als durch das damit verbundene Ablecken der Briefmarken +meinem Organismus eine gewisse Menge von Kohlehydraten zugeführt wird.« + +»Ja, warum verwerten Sie denn nicht lieber Ihre Sprachkenntnisse? Zum +Beispiel als Dolmetscher in einem Gefangenenlager?« + +»Weil ich nur Altkoreanisch, dann die spanischen Mundarten, ferner Urdu, +drei Eskimosprachen und ein paar Dutzend Suahelinegerdialekte gelernt habe +und wir mit diesen Völkerschaften vorläufig leider noch nicht verfeindet +sind.« + +»Sie hätten eben statt dessen Französisch, Russisch, Englisch und Serbisch +lernen sollen«, brummte der Impresario. + +»Dann wäre natürlich mit den Eskimos und nicht mit den Franzosen der Krieg +ausgebrochen«, wendete der Gelehrte ein. + +»So? Hm.« + +»Ja, ja, lieber Herr, da gibt's nichts zu hmen; es ist leider so.« + +»Ich an Ihrer Stelle, Herr Doktor, hätte es mit Abhandlungen über den +Krieg bei irgendeiner Zeitung versucht. So ganz vom Schreibtisch aus. +Erfundenes Zeug selbstredend, nichts sonst.« + +»Hab ich doch,« klagte der Greis, »Frontberichte, knapp sachlich, +erschütternd einfach gehalten in der Schilderung, aber -- --« + +»Mensch, Sie sind toll«, fuhr der Impresario auf. »Frontberichte knapp +gehalten? Frontberichte schreibt man im Gemsjägerstil! Sie hätten --« + +Der Gelehrte wehrte müde ab: »Ich habe alles Menschenmögliche im Leben +versucht. Als ich für mein Buch, eine vierbändige populäre Erschöpfung des +Stoffes: 'Über den vermutlichen Gebrauch des Streusandes im +vorgeschichtlichen China' keinen Verleger finden konnte, warf ich mich +auf Chemie«, -- der Gelehrte wurde beim bloßen Zusehen, wie der andere +Wein trank, redseliger, -- »machte alsbald eine Erfindung, 'Stahl auf neue +Art zu härten' -- --« + +»Na, aber das hätte doch Geld tragen müssen!« rief der Impresario. + +»Nein. Ein Fabrikant, dem ich die Erfindung zeigte, riet mir ab, sie +patentieren zu lassen (er patentierte sie später für sich selbst) und +meinte, Geld könne man nur mit kleinen unscheinbaren Erfindungen +verdienen, die den Neid der Konkurrenz nicht erwecken. Ich befolgte den +Rat und erfand den berühmten zusammenlegbaren Konfirmationsbecher mit +selbsttätig aufwärtssteigendem Boden, um den Methodistenmissionären das +Bekehren wilder Völkerschaften zu erleichtern.« + +»Nun und?« + +»Ich bekam zwei Jahre Kerker wegen Gotteslästerung.« + +»Fahren Sie fort, Herr Doktor,« munterte der Weltmann den Gelehrten auf, +»das ist alles ungemein amüsant.« + +»Ach, ich könnte Ihnen tagelang von fehlgeschlagenen Hoffnungen erzählen. +-- So machte ich zum Beispiel, um ein gewisses Stipendium, das ein +bekannter Förderer der Wissenschaft ausgesetzt hatte, zu erlangen, +mehrjährige Studien im Völkermuseum und schrieb ein aufsehenerregendes +Buch: 'Wie, nach der Gaumenbildung bei peruanischen Mumien zu schließen, +die alten Inkas mutmaßlich den Namen Huitzitopochtli ausgesprochen haben +würden, wenn dieses Wort nicht in Mexiko, sondern in Peru bekannt gewesen +wäre.'« + +»Und haben Sie das Stipendium bekommen?« + +»Nein. Der bekannte Förderer der Wissenschaft sagte mir, -- es war damals +vor dem Kriege, -- er habe zurzeit kein Geld, er sei nebenbei +Friedensfreund und müsse sparen, da es vor allem gelte, die guten +Beziehungen Deutschlands zu Frankreich zum Zwecke der Erhaltung der +allgemeinen mühsam geschaffenen Menschheitswerte und -werke zu +befestigen.« + +»Aber, als dann der Krieg ausbrach, hatten Sie doch Aussichten?!« + +»Nein. Der Förderer sagte, jetzt müsse er vor allem sparen, um auch +seinerseits ein Scherflein beizutragen, auf daß der Erbfeind für alle +Zeiten niedergeworfen werde.« + +»Nun, nach dem Kriege blüht sicher Ihr Weizen, Herr Doktor!« + +»Nein. Dann wird der Förderer sagen, erst recht müsse er sparen, damit die +zahllosen zerstörten Menschheitswerte und -werke wiederum aufgebaut und +die abgebrochenen guten Beziehungen der Völker aufs neue hergestellt +werden können.« -- + +Der Impresario dachte lange und ernst nach; dann fragte er mitleidig: +»Wieso haben Sie sich eigentlich nie erschossen?« + +»Erschossen? Um Geld zu verdienen?« + +»No nein; ich meine -- nun, hm -- ich meine halt, es ist bewundernswert, +daß Sie nicht den Mut verloren haben, immer wieder von vorn den Kampf mit +dem Leben zu beginnen?« + +Der Gelehrte wurde plötzlich unruhig; sein Gesicht, das bis dahin starr +gewesen wie aus Holz geschnitzt, bekam ein ängstliches, flackerndes Leben. + +Über die Augen furchtsamer Tiere zieht, wenn sie zu Tode gehetzt vor dem +Abgrund stehen hinter sich den Verfolger -- bevor sie sich in die Tiefe +stürzen, um ihrem Peiniger nicht in die Hände zu fallen, ein ähnlich irrer +Glanz von Qual und tiefster stummer Hoffnungslosigkeit, wie er jetzt in +den Blick des Alten trat. Seine mageren Finger tasteten wie unter dem +Zucken verhaltenen Weinens auf der Tischplatte umher, als wollten sie dort +einen Halt suchen. Die Falte, die vom Nasenflügel zum Munde läuft, war mit +einem Male lang und straff bei ihm geworden und verzog seine Lippen, als +kämpfe er mit einer Lähmung. Er schluckte ein paarmal. + +»Ich weiß jetzt alles,« kam es dann mühsam heraus, wie bei einem, der sich +gegen das Lallen seiner Zunge wehrt, »ich weiß schon, Sie sind ein +Versicherungsagent. Ein halbes Leben lang habe ich mich gefürchtet, mit so +einem zusammenzutreffen.« (Der Weltmann bemühte sich vergebens, zu Worte +zu kommen, und protestierte mit Händen und Mienen.) »Ich weiß schon: Sie +wollen mir heimlich zu verstehen geben, ich solle mich versichern lassen +und dann irgendwie umbringen, damit -- nun ja, damit mein Kind wenigstens +leben kann und nicht mit mir verhungert! Reden Sie nicht! Glauben Sie +denn, ich wüßte nicht, daß einem von Ihrer Sorte nichts, aber auch gar +nichts unbekannt ist?! Ihr kennt doch unser ganzes Leben und habt +unsichtbare Gänge gegraben von Haus zu Haus und schielt hinein mit euern +Wolfsaugen in die Stuben, wo etwas zu holen ist, -- ob ein Kind geboren +wird, wieviel Pfennige jeder in der Tasche hat, ob er heiraten wird oder +eine gefahrvolle Reise plant. Ihr führt Buch über uns und verschachert +einander unsere Adressen. Und Sie, Sie schauen mir ins Herz hinein und +lesen da drinnen den Gedanken, der mich zerfrißt jetzt schon ein Jahrzehnt +lang. -- Ja, glauben Sie denn, ich sei ein so niederträchtiger Egoist, daß +ich mich nicht schon längst versichert und erschossen hätte meiner Tochter +zuliebe, -- aus eigenem Antrieb und ohne es erst von euch, die ihr uns +betrügen wollt und eure eigene Anstalt betrügt, nach rechts betrügt und +nach links, untern Fuß zu bekommen, wie man's machen soll, damit nichts +herauskommt?! Glauben Sie, ich wüßte nicht, daß ihr dann, wenn's -- vorbei +ist, hinlauft und verratet -- wiederum gegen 'Provision': Hier liegt +Selbstmord vor, die Versicherungssumme braucht nicht ausgezahlt zu werden! +-- -- Glauben Sie, ich sähe nicht -- so, wie's jeder sieht --, wie die +Hände meiner lieben Tochter immer weißer und durchsichtiger werden von Tag +zu Tag, und verstünde nicht, was es bedeutet: trockene fieberige Lippen +und Hüsteln in der Nacht!? Selbst wenn ich ein Halunke wäre wie +euresgleichen, hätte ich, um Arznei und kräftige Nahrung zu schaffen, +schon längst -- --, aber ich weiß doch, wie's dann käme: das Geld würde +nie ausbezahlt, und -- und dann -- --, nein, nein, es ist nicht +auszudenken!« + +Wieder wollte der Impresario unterbrechen, um den Verdacht, er sei +Versicherungsagent, zu entkräften, getraute sich aber nicht, denn der +Gelehrte ballte drohend die Faust. + +»Ich muß immerhin noch einen andern Weg zur Hilfe in Erwägung ziehen,« +beendete halblaut nach längerem unverständlichem Gebärdenspiel +#Dr.# Paupersum irgendeinen offenbar nur gedachten Satz, »das -- das mit +den -- Ambraser Riesen.« + +»Ambraser Riesen! Donnerkeil, da sind Sie ja plötzlich bei meinem Thema. +Das ist's doch, was ich von Ihnen wissen möchte!« Der Impresario ließ sich +nicht mehr halten: »Wie verhält sich das mit den Ambraser Riesen? Ich +weiß, Sie haben einmal einen Aufsatz darüber geschrieben. Aber warum +trinken Sie denn nicht, Herr Doktor?! Julius, rasch noch ein Weinglas!« + +Sofort war #Dr.# Paupersum wieder ganz Gelehrter. + +»Die Ambraser Riesen,« erzählte er trocken, »waren mißgestaltete Menschen +mit ungeheuern Händen und Füßen, und ihr Vorkommen beschränkte sich +ausschließlich auf das Tiroler Dorf Ambras, was zu der Vermutung Anlaß +gab, es müsse sich dabei um eine seltene Krankheitsform handeln, deren +Erreger an Ort und Stelle zu suchen sei, da er anderwärts offenbar keinen +Nährboden finden könne. Ich aber war der allererste, der nachgewiesen hat, +daß der gewisse Krankheitserreger im Wasser einer dortigen, inzwischen +nahezu versiegten Quelle zu suchen ist, und gewisse Versuche, die ich in +dieser Richtung machte, berechtigten mich, den Beweis an mir selbst in +der Weise anzubieten, daß ich mich anheischig machen kann, nötigenfalls +bereits in wenigen Monaten -- trotz meines vorgeschrittenen Alters -- an +meinem eigenen Körper derartige und noch weit darüber hinausgehende +Mißwachserscheinungen herbeizuführen.« + +»Welcher Art zum Beispiel?« fragte der Impresario gespannt. + +»Meine Nase würde sich fraglos um eine Spanne ins Rüsselartige verlängern +-- etwa in der Form, die dem amerikanischen Wasserschwein eigentümlich +ist, die Ohren würden sich zu Tellergröße auswachsen, meine Hände hätten +sicherlich schon nach einem Vierteljahr das Ausmaß eines mittleren +Palmenblattes (#Lodoicea Sechellarum#) erreicht, wohingegen meine Füße +leider die Dimensionen eines 100-Liter-Faßdeckels schwerlich übertreffen +würden. Was ferner die immerhin zu erhoffende knollenartige Wucherung der +Knie nach Art des mitteleuropäischen Baumschwammes anbelangt, sind meine +theoretischen Berechnungen noch nicht abgeschlossen, so daß ich eine +wissenschaftliche Garantie nur mit Vorbehalt übernehmen -- --« + +»Das genügt! Sie sind mein Mann!« fiel der Impresario atemlos ein. »Bitte, +unterbrechen Sie mich nicht. -- Kurz und gut: Sind Sie willens, das +Experiment an sich zu machen, wenn ich Ihnen ein jährliches Einkommen von +einer halben Million garantiere und einen Vorschuß von ein paar tausend +Mark -- sagen wir -- na, sagen wir: fünfhundert Mark erlege?« + +#Dr.# Paupersum war wie betäubt. Er schloß die Augen. Fünfhundert Mark! -- +Ja, gab's denn überhaupt so viel Geld auf der Welt! + +Ein paar Minuten lang sah er sich bereits in ein vorsintflutliches Ungetüm +mit langem Rüssel verwandelt, hörte im Geiste einen Neger, grell als +Jahrmarktsbudenausrufer gekleidet, in eine bierschwitzende Menge +hinabkreischen: »Nurr herreinspaziert, meine Herrschaften, -- das größte +Scheusal des Jahrhunderts für lump'je zehn Fenn'je!« -- -- Dann aber sah +er seine liebe, liebe Tochter voll blühender Gesundheit, in weiße Seide +reich gekleidet, mit dem Myrtenkranz als Braut vor dem Altare selig knien +-- und die ganze Kirche war strahlend erhellt -- und von dem +Muttergottesbild ging ein Glanz aus -- und -- und -- einen Augenblick +krampfte sich ihm wohl das Herz zusammen: er selbst mußte sich hinter +einem Pfeiler verborgen halten, er durfte seine Tochter ja nie mehr +küssen, sich nicht einmal von weitem sehen lassen, um ihr seinen Segen +zuzuwinken, -- er, er, das grauenhafteste Monstrum der Erde! Denn er hätte +doch sonst den Bräutigam verscheucht! Und er würde fortan in der Dämmerung +leben müssen, wie ein lichtscheues Tier, sich bei Tag sorgfältig verborgen +halten, -- aber was lag an all dem! Plunder! Kleinigkeiten! Wenn nur seine +Tochter wieder gesund werden kann! Und glücklich! Und reich! -- Eine +stumme Verzückung kam über ihn. -- Fünfhundert Mark! Fünf -- hundert -- +Mark! -- -- + +Der Impresario, der das lange Schweigen des Gelehrten als +Unentschlossenheit deutete, fing an, seine ganze Überredungskunst +aufzubieten: »Herr Doktor! So hören Sie doch! Sie treten ja Ihr Glück mit +Füßen, wenn Sie 'nein' sagen! Ihr ganzes Leben war bisher verfehlt. Und +warum? Sie haben Ihren Verstand vollgepfropft mit lauter Lernen. Lernen +ist doch Blödsinn. Schauen Sie mich an: hab' ich vielleicht was gelernt? +Das Lernen können sich Leute leisten, die wo von Haus aus schon reich sind +-- und die haben's dann eigentlich erst recht net nötig. -- Der Mensch muß +demütig sein und -- dumm, sozusagen, dann hat ihn die Natur gern. Die +Natur ist doch auch dumm. Haben Sie schon einmal g'sehn, daß ein dummer +Mensch zugrund' 'gangen is? -- Sie hätten von Anfang an die Talente +dankbar entwickeln sollen, die Ihnen das Schicksal als Geschenk in die +Wiege gelegt hat. Oder haben Sie sich 'leicht noch nie in den Spiegel +geschaut? Wer so aussieht wie Sie, selbst jetzt, wo Sie noch kein Ambraser +Trinkwasser eing'nommen haben, hätt' sich schon längst als Clown eine +solide Existenz gründen können, -- Gott, die Fingerzeige der gütigen +Mutter Natur sind doch so blitzeinfach zu verstehen. Oder fürchten Sie +sich 'leicht, als Monstrosität keine Ansprache zu haben? Ich kann Ihnen +nur sagen, ich hab' schon ein stattliches Angsambel beisammen. Und lauter +Leute aus den besten Kreisen. -- Da hab' ich zum Beispiel einen alten +Herrn, der wo ohne Arme und Beine geboren worden ist. Den führ' ich +demnächst Ihrer Majestät der Königin von Italien als belgischen Säugling +vor, den die deutschen Generäle verstümmelt haben.« + +#Dr.# Paupersum hatte nur die letzten Worte klar erfaßt. »Was reden Sie +da für Zeug zusammen?« fuhr er unwirsch auf. »Erst sagen Sie, der Krüppel +sei ein alter Herr, und dann wollen Sie ihn als belgischen Säugling +vorstellen!« + +»Das erhöht doch gerade den Reiz!« widersprach der Impresario; »ich +behaupte ganz einfach, er sei so rapid gealtert -- aus Gram, weil er hat +zuschauen müssen, wie ein preußischer Ulan seine Mutter bei lebendigem +Leib aufgefressen hat.« + +Der Gelehrte wurde unsicher; die Schlagfertigkeit des andern war zu +verblüffend. »Na gut, meinetwegen. Aber sagen Sie mir vor allem: Wie +gedenken Sie mich zur Schau zu stellen, bis ich erst einen Rüssel habe, +Füße wie ein Faßdeckel und so weiter?« + +»Blitzeinfach! -- Ich schmuggle Sie mit falschem Paß über die Schweiz nach +Paris. Dort kommen Sie in einen Käfig, haben alle fünf Minuten zu brüllen +wie ein Stier und dreimal täglich ein paar lebende Ringelnattern zu essen +(die Sache kriegen wir schon, es hört sich nur ein bissel grausig an). +Abends ist dann Galavorstellung: ein Turko zeigt, wie er Sie in den +Urwäldern Berlins mit dem Lasso eingefangen hat. Und draußen auf einem +Plakat steht: Dieses ist ein garantiert echter deutscher Professor (und +das ist doch die Wahrheit; zu einem Schwindel gebe ich meine Hand nicht +her), das erstemal lebend nach Frankreich gebracht! -- und so weiter. +Übrigens wird mein Freund d'Annunzio den Text gern verfassen, der findet +den richtigen poetischen Schwung schon.« + +»Was aber, wenn inzwischen der Krieg beendet ist?« gab der Gelegte zu +bedenken, »wissen Sie, bei meinem Pech -- -- --« + +Der Impresario lächelte: »Seien Sie unbesorgt, Herr Doktor; die Zeit, wo +ein Franzose nicht alles glaubt, was gegen die Deutschen spricht, kommt +nie. Auch in tausend Jahren nicht.« -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- +-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- +-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +War das ein Erdbeben gewesen? Nein, -- nur der Pikkolo hatte seinen +Nachtdienst im Café angetreten und als musikalisches Vorspiel ein +Kredenzblech mit Wassergläsern heruntergeschmissen. + +#Dr.# Paupersum blickte verstört umher. Die Göttin von »Über Land und Meer« +war verschwunden und statt ihrer hockte ein alter unverbesserter +Gewohnheits-Theaterkritiker auf dem Sofa, »verriß« im Geiste eine +Premiere, die nächste Woche stattfinden sollte, tupfte mit nassem +Zeigefinger ein paar Semmelbrösel vom Tisch, zernagte sie mit den +Vorderzähnen und schnitt Iltisgesichter dazu. + +Allmählich wurde sich #Dr.# Paupersum darüber klar, daß er selbst +sonderbarerweise mit dem Rücken gegen das Lokal saß -- vermutlich die +ganze Zeit über so gesessen hatte -- und alles, was er mit dem Auge +erlebt, in dem großen Wandspiegel vor sich gesehen haben mußte, denn sein +eigenes Gesicht starrte ihn jetzt nachdenklich an. -- Der Weltmann war +auch noch da, fraß auch wirklich kalten Lachs -- mit dem Messer natürlich +--, aber er saß ganz drüben im Winkel und nicht hier am Tisch. + +»Wie bin ich eigentlich ins Café Stefanie gekommen?« fragte sich der +Gelehrte. + +Er konnte sich nicht entsinnen. + +Dann legte er sich langsam zurecht: Es kommt von dem ewigen Hungern, und +wenn man andere Lachs essen sieht und Wein dazu trinken. Mein Ich hat sich +eine Weile gespalten. Alte Sache das und ganz natürlich; in solchen Fällen +sind wir mit einem Male wie Zuschauer im Theater und doch auch +gleichzeitig die Darsteller unten auf der Bühne. Und die Rollen, die wir +spielen, setzen sich zusammen aus dem, was wir einst gelesen und gehört +und heimlich -- gehofft haben. Ja, ja, die Hoffnung ist ein grausamer +Dichter! Wir malen uns da Gespräche aus, die wir zu erleben glauben, sehen +uns Gebärden machen, bis die Außenwelt fadenscheinig wird und unsere +Umgebung zu anderen trügerischen Formen gerinnt. Selbst die Sätze, die in +unserem Hirn geboren werden, denken wir nicht mehr wie sonst; sie sind mit +Phrasen und Begleitbemerkungen umhüllt wie in einer Novelle. -- Ein +seltsames Ding, dieses »Ich«! Es fällt zuweilen auseinander wie ein Bündel +Ruten, von dem man die Schnur löst ... -- und wieder ertappte sich #Dr#. +Paupersum dabei, daß seine Lippen murmelten: »Wie bin ich eigentlich ins +Café Stefanie gekommen?« + +Plötzlich zerriß ein Jubelschrei in seinem Innern alles Grübeln: »Ich habe +doch eine Mark gewonnen im Schachspiel. Eine ganze Mark! Jetzt ist ja +alles gut; mein Kind kann wieder gesund werden. Rasch eine Flasche roten +Wein, und Milch, und -- -- --.« + +In wilder Aufregung durchwühlte er seine Taschen, da fiel sein Blick auf +den Trauerflor, den er am Ärmel trug, und mit einem Schlage stand die +nackte entsetzliche Wirklichkeit vor ihm: seine Tochter war doch gestern +nacht gestorben! + +Er griff mit beiden Händen nach seinen Schläfen -- -- ja, ge--stor--ben. +Jetzt wußte er auch, wieso er ins Café gekommen war -- vom Friedhof, vom +Begräbnis. Am Nachmittag hatten sie sie doch bestattet. Eilig, +teilnahmslos, verdrossen. Weil es so geregnet hatte. + +Und dann war er durch die Straßen geirrt, stundenlang, hatte die Zähne +zusammengebissen und krampfhaft auf das Klappen seiner Absätze gehorcht +und dabei gezählt, immer gezählt und gezählt von eins bis hundert und +wieder von vorn, um nicht wahnsinnig zu werden vor Furcht, seine Schritte +könnten ihn gegen seinen Willen nach Hause führen in sein kahles Zimmer +mit dem ärmlichen Bett, in dem sie gestorben, und das jetzt -- leer war. +Irgendwie mußte er dann hier gelandet sein. Irgendwie. + +Er hielt sich am Tischrand, um nicht zusammenzubrechen. Abgerissen und +unvermittelt zog es durch sein Gelehrtenhirn: »Hm, ja, ich hätte -- ich +hätte ihr durch Transfusion Blut aus meinen Adern überleiten sollen; -- +Blut überleiten sollen -- --« wiederholte er ein paarmal mechanisch; da +schreckte ihn ein Gedanke auf: »Ich kann mein Kind doch nicht allein +lassen -- draußen in der nassen Nacht,« wollte er aufschreien, aber es kam +nur ein leises Winseln aus seiner Brust. -- -- -- -- -- -- -- + +»Rosen, ein Strauß Rosen war ihr letzter Wunsch gewesen,« scheuchte es ihn +nochmals auf -- -- -- »so kann ich ihr doch wenigstens einen Strauß Rosen +kaufen, ich habe ja eine Mark im Schachspiel gewonnen,« -- er wühlte +wieder in seinen Taschen und eilte hinaus, ohne Hut in die Dunkelheit, +einem letzten winzigen Irrlicht nach. +-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Am nächsten Morgen fanden sie ihn auf dem Grab seiner Tochter. Tot. Die +Hände tief in die Erde gewühlt. Er hatte sich die Pulsadern +durchschnitten, und sein Blut war hinabgesickert zu der, die da unten +schlief. + +Auf seinem weißen Gesicht aber lag ein Glanz jenes stolzen Friedens, den +keine Hoffnung mehr stören kann. + + + + +Amadeus Knödlseder + +Der unverbesserliche Lämmergeier + + +»Knödlseder, schleich dich!« hatte der bayerische Steinadler Andreas +Humplmeier gesagt und das Fleischstück, das des Wärters spendende Hand +durchs Gitter gesteckt, brüsk an sich gerissen. + +»Sauviech, verfluachts«, schimpfte, vor Wut außer sich, der hochbetagte, +in der langen Gefangenschaft bereits kurzsichtig gewordene Lämmergeier -- +denn dies war der solchergestalt auf geringschätzige Weise Angeredete, +flog auf eine Stange und spuckte dünn nach seinem Widersacher. + +Doch Humplmeier ließ sich nicht beirren; den Kopf in die schützende Ecke +gesteckt, verzehrte er das Fleisch, hob nur verächtlich die Schwanzfedern +und höhnte: »Geh her! Kriagst a Watschn.« + +Es war nun schon das drittemal, daß Amadeus Knödlseder um sein Abendessen +kam! + +»Das geht nicht länger so weiter«, brummte er und schloß die Augen, um +das unverschämte Grinsen des Marabus nebenan im Käfig nicht zu sehen, der +regungslos im Winkel saß und angeblich »Gott dankte«, -- eine +Beschäftigung, der er als heiliger Vogel rastlos obliegen zu müssen +glaubte, »das geht nicht länger so weiter«. + +Knödlseder ließ die Ereignisse der verflossenen Wochen im Geiste an sich +vorüberziehen: anfangs, nun ja, da hatte er selbst oft über des +Steinadlers urwüchsige Art lächeln müssen; besonders bei einer +Gelegenheit: in den anstoßenden Raum waren damals zwei engbrüstige, +hochmütige Gesellen -- stelzbeinig wie Störche -- gebracht worden, und der +Steinadler hatte ausgerufen: »Ja, was wär denn jetzt dös? Was seid's denn +ös für welche?« + +»Wir sind Jungfernkraniche«, war die Antwort gewesen. + +»Wer's glaubt«, hatte der Steinadler zur allgemeinen Heiterkeit gesagt, +aber gar bald kehrte sich die Spottlust des rüden Burschen auch gegen ihn: +So zum Beispiel besprach er sich heimlich einmal mit einem Raben, der bis +dahin ein sehr umgänglicher Kollege gewesen, und sie entwendeten einer +unvorsichtigerweise zu nahe am Gitter vorbeifahrenden Kindsfrau aus deren +Säuglingswagen einen roten Gummischlauch. Dann legten sie den Schlauch in +die Freßmulde, und der Steinadler hatte mit dem Daumen hingedeutet und +gesagt: »Amatöus, da hast du eine Wurscht.« Und er -- er, der bislang +einstimmig als die Zierde des Zoologischen Gartens gegolten, der +hochgeehrte königliche Lämmergeier Knödlseder! -- hatte es geglaubt, war +mit dem Schlauch auf die Stange geflogen, hatte ihn zwischen die Fänge +genommen und mit dem Schnabel daran gezogen und gezogen, bis er selbst +schon ganz lang und dünn geworden und dann war das elastische Zeug +plötzlich gerissen und er nach hinten heruntergefallen, wobei er sich den +Hals scheußlich verrenkte. Unwillkürlich befühlte Knödlseder die noch +immer schmerzende Stelle. Wieder schüttelte ihn ein Wutausbruch, aber er +bezwang sich rasch, um dem Marabu keinen Anlaß zur Schadenfreude zu geben. +Er warf einen raschen Blick hinunter: nein, zum Glück hatte der ekelhafte +Kerl nichts bemerkt -- er saß im Winkel und »dankte Gott«. -- + +»Heute nacht wird entflohen,« beschloß der Lämmergeier nach längerem Hin- +und Hergrübeln endlich bei sich; »besser die Freiheit mit ihren Sorgen ums +Dasein, als mit diesen Unwürdigen auch nur einen Tag noch beisammen sein!« +-- Ein kurzer Versuch zeigte ihm, daß die Klappe -- oben im Käfig am +Scharnier durchgerostet -- noch immer leicht zu öffnen war, ein Geheimnis, +um das er seit geraumer Zeit schon wußte. + +Er zog seine Taschenuhr zu Rate: Neun Uhr! Also mußte es bald finster +werden! + +Er wartete noch eine Stunde und packte dann geräuschlos seinen Handkoffer. +Ein Nachthemd, drei Taschentücher (er hielt sie ans Auge: mit A. K. +gemerkt?, ja, es waren die seinigen), sein abgegriffenes Gesangbuch mit +dem vierblättrigen Kleeblatt drin und dann -- eine Träne der Wehmut +feuchtete seine Lider -- das alte liebe Bruchband, das, bunt als +Brillenschlange bemalt, ihm einst Mütterlein zum Osterfeste kurz bevor er +von Menschenhand aus dem Neste genommen worden, zum Spielen geschenkt +hatte. So, das war alles. Zugesperrt und den Kofferschlüssel im Kropfe +geborgen. + +»Eigentlich sollte ich mir«, überlegte Knödlseder, »noch vom Herrn +Vorstand ein Leuschnabelzeugnis ausstellen lassen! Man kann nie wissen -- +--«; aber er verwarf den Gedanken; nicht mit Unrecht sagte er sich, die +Direktion des Zoologischen Gartens könnte trotz ihrer sprichwörtlichen +Harmlosigkeit seiner Abreise mißbilligend gegenüberstehen. »Nein, lieber +noch ein Stündchen schlafen.« + +Schon wollte er den Kopf unter den Flügel stecken, da schreckte ihn ein +Klappern auf. Er horchte. Es war nichts weiter von Bedeutung: der Marabu, +der insgeheim dem Hazard fröhnte, spielte bei Mondenschein unter dem +Schutze der Nacht, »grad ungrad auf Ehrenwort« mit sich selber. Und das +machte er so: er schluckte einen Haufen Kieselsteine und spuckte sie zum +Teil wieder aus; war die Zahl ungrad, hatte er »gewonnen«. Eine Weile sah +der Lämmergeier zu und freute sich mordsmäßig, da der Marabu unausgesetzt +verlor, bis wiederum ein Geräusch, -- diesmal aus dem künstlichen +Zementbaum, der das Innere des Käfigs verschönte, kommend -- seine +Aufmerksamkeit anderweitig in Anspruch nahm. Es war eine Flüsterstimme, +die ihm zuraunte: »Pst, pst, Herr Knödlseder!« + +»Ja, was gibts?« antwortete der Lämmergeier ebenso leise und flog lautlos +von seiner Stange herab. + +Es war ein Igel, der ihn angeredet hatte, zwar auch ein gebürtiger Bayer, +aber im Gegensatz zu dem widerwärtigen Steinadler ein schlichter biederer +Charakter und rohen Späßen von Grund aus abhold. + +»Sie wollen entfliehen«, begann der Igel und wies mit dem Kopf nach dem +gepackten Handkoffer. Einen Augenblick überlegte der Lämmergeier, ob er +dem Sprecher sicherheitshalber nicht den Kragen umdrehen sollte, aber der +offene ehrliche Blick des Wackern entwaffnete ihn. »Kennen S' Ihna denn +aber auch in der Gegend bei München aus, Herr Knödlseder?« + +»Nein«, gab der Lämmergeier betroffen zu. + +»No, so seg'n S'. Da kann i Ihna rat'n. Also zerscht, bal S' außa kemman: +links ums Eck umi; nacher halten S' Eahna rechterhand. Na seg'n S' scho +selber. Und nacher« -- der Igel machte eine Pause, schüttelte sich aus +seinem Schmalzlerglas eine Prise Tabak auf die Daumengrube und schnupfte +sie zischend auf -- »und nacher pfeilgrad füri, bis S' zu aner Oasn kemman +-- Daglfing hoaßt mer's, na' müass'n S' weiterfrag'n. Und viel Glück auf +d' Reis', Herr Nachbar«, schloß der Igel und verschwand. + + * * * + +Alles war gut gegangen. Noch vor Tagesgrauen hatte Amadeus Knödlseder +vorsichtig die Gitterklappe geöffnet, schnell das Edelweißhütlein und die +gestickten Hosenträger Humplmeiers, des Steinadlers, der auf seiner Stange +wie eine Brettsäge schnarchte, mit seinen eignen abgetragenen vertauscht +und sich, das Köfferchen in der Linken, in die Lüfte geschwungen. Wohl war +bei dem Geräusch der Marabu aus dem Schlummer erwacht, aber ohne etwas zu +bemerken, denn er hatte sich sofort, noch schlaftrunken, in den Winkel +gestellt und dankte Gott. + +»Eine Flachheit ist das!« brummte der Lämmergeier beim Anblick der +träumenden Stadt, wie er durchs rosige Dämmerlicht nach Süden flog, »und +so was nennt sich Kunstmetropole!« + +Bald war das liebliche Daglfing erreicht, und Amadeus Knödlseder ließ sich +herab, um, von der ungewohnten Anstrengung erhitzt, eine Maß Bier käuflich +an sich zu bringen. + +Gemächlich schlenderte er durch die ausgestorbenen Gassen. Doch weit und +breit kein Ausschank, der so früh schon offen gewesen wäre. Ein einziger +Laden nur, der eine Ausnahme machte: die »Handlung« von Barbara +Mutschelknaus. + +Eine Weile musterte der Lämmergeier die bunte Auslage, dann schoß ihm ein +Gedanke durch den Kopf. Entschlossen drückte er auf die Klinke. + + * * * + +Schon in der Nacht hatte ihn die Sorge gequält, womit er wohl in der +Freiheit sein Dasein fristen sollte. Beute erjagen? Bei _meiner_ +Kurzsichtigkeit? hatte er sich gefragt. + +Hm. Oder eine kleine Guanofabrik errichten? Dazu gehört in erster Linie +Essen, und zwar viel, sehr viel Essen; #ex nihilo nihil fit#; -- doch jetzt +mit einem Male eröffnete sich ihm ein neuer Plan. Er betrat den Laden. + +»Teifi, was is denn jetzt dös für a scheißlichs Viech!« kreischte die alte +Frau Mutschelknaus beim Anblick des sonderbaren frühen Kunden auf; doch +gar bald besänftigte sie sich, als Amadeus Knödlseder ihr freundlich die +Wangen tätschelte und in wohlgesetzter Rede zu verstehen gab, er gedenke +behufs Vervollständigung seiner Reisetoilette umfangreiche Einkäufe zu +machen, wofür hauptsächlich farbige Krawatten aller Arten und Formen in +Betracht kämen. + +Durch das joviale Benehmen des Lämmergeiers bestrickt, türmte die Alte +denn auch in Windeseile ganze Berge der prächtigsten Halsbinden auf den +Ladentisch. + +Und alles nahm der »gnä Herr« ohne zu feilschen und ließ es in eine große +Pappschachtel packen. Nur einen feuerroten Schlips wählte er selbst aus +mit dem Ersuchen, ihn an seinem langen kahlen Hals zu befestigen, dabei +mit sengendem Blick verführerisch das Liedchen trällernd: + + »Ein heißer Kuß von deinem Rosenmundö + erinnert mich + an jenes Morgenrot, hurra; + hurra, hurra!« + +»No, die steht Eahna«, rief die Alte selig, als die Krawatte endlich +richtig saß, »und ausschaugn tuan S' (wie ein Schnallentreiber, hätte sie +beinahe gesagt) -- wie ein leibhaftiger Baron.« + +»So, nun noch ein Glas Wasser, liebe Frau, wenn ich bitten darf«, flötete +der Lämmergeier. + +Dienstbeflissen eilte die Betörte in die rückwärtigen Gefilde des Hauses; +doch kaum war sie dem Blick entschwunden, ergriff Amadeus Knödlseder die +Pappschachtel, stürmte ohne zu zahlen aus dem Laden und schwebte in der +nächsten Minute dem klaren Himmelszelt zu. Wohl gellte alsbald eine Flut +von Verwünschungen seitens der geschädigten Handelsfrau in die Luft, doch +ohne jeglichen Gewissensbiß -- im linken Fang den Handkoffer, rechts die +gefüllte Pappschachtel -- gaukelte der Ruchlose fürbaß durch den blauen +Äther. + +Erst spät am Nachmittage -- die scheidenden Strahlen des zur Rüste +gehenden Sonnenballes schickten sich bereits an, die roterglühenden +Alpengipfel zu küssen -- lenkte er seinen Flug erdwärts. Der balsamische +Duft der heimatlichen Bergwelt umfächelte kosend sein Antlitz und trunken +schwelgte das Auge in köstlichem Fernblick. + +Melodisch klang aus grünenden Triften der schwermütige Gesang der +Hirtenknaben empor zum schwindelnden Firn, gar lieblich durchflochten von +dem Silberschall der heimziehenden Herden. Von dem richtigen Instinkt des +Sohnes der Lüfte geleitet, erkannte Amadeus Knödlseder gar bald zu seiner +Freude, daß ein günstiges Schicksal wohlwollend seine Schwingen gelenkt +und ihn in die Nähe eines wohlhabenden Murmeltierstädtchens geführt hatte. + +Wohl suchten die Bewohner sofort bei seinem Erscheinen den schützenden +Herd auf und schlossen die Türen, aber rasch legte sich ihre Furcht, als +sie sahen, daß Knödlseder einem greisen Hamster, der in der Ortschaft ein +Getreidegeschäft leitete und nimmer schnell genug hatte fliehen können, +nicht nur kein Haar krümmte, vielmehr ehrerbietig vor ihm den Hut zog, um +Feuer bat und sich nach einer Herberge erkundigte. + +»Sie sind gewiß kein Hiesiger, nach dem Dialekt zu schließen?«, fragte er, +leutselig ein längeres Gespräch anknüpfend, als ihm der Hamster, vor +Zittern kaum der Rede fähig, die gewünschte Auskunft erteilt hatte. + +»Nein, nein«, stotterte der alte Herr. + +»Wohl aus dem Süden?« + +»Nein. Aus -- aus Prag.« + +»Demnach mosaischen Glaubensbekenntnisses, wie?« forschte Amadeus +Knödlseder und drückte lächelnd ein Auge zu. + +»Ich? I -- ich? Was denken Sie von mir, Herr Lämmergeier!« leugnete der +Hamster in seiner Angst, möglicherweise einen Russen vor sich zu haben, +drauflos. »Ich mosaisch? Im Gegenteil, ich war doch zehn Jahr lang +Schabbesgoj bei einer zwar jüdischen, aber armen Familie!« + +Nachdem der Lämmergeier sich noch eingehend über alles Mögliche erkundigt +und insbesondere seiner hohen Freude Ausdruck verliehen, daß es im +Städtchen keinerlei wie immer geartete Nachtlokale gab, entließ er den +Ärmsten, der von beständiger Furcht inzwischen beinahe den Veitstanz +bekommen hätte, und begab sich auf die Suche nach einer Wohnung. + +Das Glück lächelte ihm, und noch ehe die Nacht hereinbrach, war es ihm +gelungen, auf dem Marktplatz einen schmucken Laden mit anstoßender Kammer +sowie Nebenräumen, die alle ihre eigenen Ausgänge hatten, zu mieten. + + * * * + +Friedlich flossen Tage und Wochen dahin, die Bürgerschaft hatte ihre +Besorgnisse längst fahren lassen, und fröhliches Gemurmel belebte wiederum +von früh bis spät die Straßen. + +Fein säuberlich mit Rundschrift auf ein Brett geschrieben stand über dem +neuen Laden zu lesen: + + Krawattengeschäft in allen Farben, + ausgeübt + von + Amadeus Knödlseder. + (Braune Rabattmarken.) + +und gaffend staute sich die Menge vor den ausgestellten Herrlichkeiten. + +Früher, wenn die Wildenten -- protzig, daß ihnen die Natur so schöne +grünschillernde Halsbinden geschenkt -- in Schwärmen vorübergezogen kamen, +hatte jedesmal Verstimmung und Bitterkeit im Orte geherrscht -- wie anders +war das jetzt geworden! Wer halbwegs auf Rang und Ansehen hielt, besaß +einen Schlips von primissima Qualität, aber noch viel, viel greller. Da +gab's rote und blaue, dieser trug einen gelben, jener einen gewürfelten, +und gar der Herr Bürgermeister, der hatte einen so langen, daß er sich +beim Gehen beständig mit den Vorderpfoten dreinverwickelte. + +Die Firma Amadeus Knödlseder war in aller Munde, und der Inhaber galt als +Vorbild für sämtliche Untertanentugenden. Sparsam, fleißig, erwerbsfreudig +und mäßig (er trank bloß Limonade). + +Tagsüber bediente er vorn im Laden die Kundschaft: nur zuweilen führte er +besonders wählerische Käufer in das rückwärtige Zimmer, wo er dann +auffallend lang zu verweilen pflegte, wahrscheinlich um Eintragungen im +Hauptbuch vorzunehmen; wenigstens hörte man ihn in solchen Fällen oft und +laut rülpsen -- bei Kaufleuten seiner Branche stets ein Zeichen +angestrengter, geistiger Tätigkeit. + +Daß der betreffende Käufer das Geschäft niemals wieder durch das vordere +Lokal verließ, war nicht weiter befremdlich. Gab es doch so viele +rückwärtige Ausgänge! + +In den Stunden nach Feierabend liebte es Amadeus Knödlseder, auf einem +steilen Schroffen zu sitzen und schwärmerische Weisen auf der Schalmei zu +blasen, bis er die heimlich Angebetete seines Herzens -- ein ältliches +Gemsenfräulein mit Hornbrille und schottischem Plaid -- auf dem schmalen +Felsenbande gegenüber einhertrippeln sah. Dann grüßte er stumm und +ehrerbietig. Und sie dankte mit züchtigem Neigen des Köpfchens. Man +munkelte bereits, die beiden würden ein Paar werden, und alle, die um die +zarten Beziehungen wußten, konnten sich nicht genugtun in Ausrufen der +Bewunderung, wie erfreulich es doch sei, die segensreiche Wirkung +gesitteten Lebenswandels selbst bei einem erblich so schwer belasteten +Individuum, wie es ein Lämmergeier naturgemäß sein mußte, mit eigenen +Augen ansehen zu dürfen. + +Daß trotzdem keine rechte Freude unter den Bewohnern des +Murmeltierstädtchens einziehen wollte, war lediglich dem ebenso +befremdenden wie betrüblichen Umstande zuzuschreiben, daß die Zahl der +Bürgerschaft auf erschreckende Weise und ohne ersichtlichen Grund abnahm, +sozusagen von Woche zu Woche abnahm. Fast keine Stunde verging, ohne daß +nicht irgendein Familienmitglied als »vermißt« gemeldet wurde. Man riet +auf dies, man riet auf jenes, man wartete -- aber niemals kehrte eines der +Verschollenen jemals wieder. + +Eines Tages fehlte sogar -- das Gemsenfräulein! Man fand ihr +Riechfläschchen auf dem Felsenbande; sie selbst mußte infolge eines +Schwindelanfalles verunglückt sein. + +Amadeus Knödlseders Schmerz kannte keine Grenzen. + +Immer wieder und wieder stürzte er sich mit ausgebreiteten Schwingen hinab +in den Abgrund -- wie er sagte, um die Leiche der Teuern zu suchen. Oder +er saß in der Zwischenzeit, einen Zahnstocher im Schnabel, unverwandt in +die Tiefe starrend am Rande der Schlucht. + +Sein Krawattengeschäft vernachlässigte er ganz und gar. -- -- -- + +Da, eines Nachts, enthüllte sich Schreckliches! Der Besitzer des Hauses, +in dem der Lämmergeier wohnte, -- ein alter mürrischer Murmler, -- +erschien auf der Polizei und verlangte die sofortige zwangsweise Öffnung +des Ladens, sowie die Beschlagnahme der darin befindlichen Waren seines +Mieters, da er nicht länger gesonnen sei, auf Zahlung des schuldigen +Zinses zu warten. + +»Hm! Seltsam. Herr Knödlseder sollte die Miete nicht gezahlt haben?« -- +der Beamte mochte es gar nicht glauben -- und ob Herr Knödlseder denn +nicht zu Hause sei? Man brauche ihn doch nur zu wecken! + +»Der, und zu Hause?« -- der alte Murmler lachte schrill auf -- »der? Der +kommt doch nie vor fünf Uhr früh heim und dann jedesmal schwer besoffen!« + +»So?! Besoffen?!« -- der Beamte gab seine Befehle. + +Der erste Morgenschein zog bereits herauf, und noch immer arbeiteten die +Schergen schweißtriefend an dem schweren Vorhängschloß, das den +rückwärtigen Teil des Krawattenladens versperrte. + +Eine aufgeregte Menge flutete auf dem Marktplatz hin und her. + +»Schuldbare Krida!« -- »Nein: Wechselreiterei«, lief es von Schnauze zu +Schnauze. + +»Tj, schuldbare Krida! -- Ihnen gesaaagt! Tj. Ich versteh immer: +schuldbare Krida?« höhnte gestikulierend der greise Hamster, der sich +ebenfalls eingefunden hatte, dazwischen; -- es war das erstemal seit jenem +schreckhaften Zusammentreffen mit Knödlsedern, daß er sich wieder in der +Öffentlichkeit zeigte. + +Die allgemeine Unruhe wuchs und wuchs. + +Selbst die feinen Murmeltierdämchen, die, in kostbare Pelze gehüllt, nach +Hause fuhren von Lustbarkeit und Mummenschanz, ließen halten, reckten die +Hälschen und fragten, was es gäbe. + +Plötzlich ein Krachen: die Türe war dem Drucke gewichen. Grauenvoll, was +sich da den Blicken bot! + +Ein bestialischer Gestank entströmte der geöffneten Kammer, und wohin sich +das Auge wandte: ausgespienes Gewöll, fast bis zur Decke hinauf abgenagte +Knochen, Gebein auf den Tischen, Gebein auf den Regalen, selbst in den +Schubladen und im Geldschrank: Gebein und Gebein. + +Entsetzen lähmte die Menge; jetzt war mit einem Schlage klar, wohin alle +die Vermißten gekommen waren. Knödlseder hatte sie gefressen und ihnen die +verkaufte Ware wieder abgenommen -- ein zweiter »Juwelier Cardillac« im +Roman des Fräuleins von Scuderi! + +»Nu, was i i -- is mit der schuldbaren Krida? Waas?« höhnte schon wieder +der Hamster. Man umringte ihn und staunte ihn an, daß er so klug gewesen +und sich und seine Familie ferngehalten hatte von dem Verkehr mit dem +tückischen Mordbuben. + +»Wie konnte es nur sein, Herr Kommerzienrat,« riefen alle durcheinander, +»daß Sie allein ihm mißtrauten? Man _mußte_ doch annehmen, er habe sich +gebessert und -- -- --« + +»Ä Lämmergeier und sich bessern?!« rief höhnisch der Hamster, drückte die +Fingerspitzen zusammen, als hielte er eine Prise Salz darin und bewegte +sie vor den Augen seiner Zuhörer ausdrucksvoll hin und her: »was ämol ä +Lämmergeier is, is ä Lämmergeier und bleibt ä Lämmergeier und wird ä +Lämmergeier bleiben, bis -- --« er kam nicht weiter: laute menschliche +Stimmen näherten sich. Touristen! + +Im Nu waren sämtliche Murmeltiere verschwunden. + +Er auch. + +»Herrlich! Zückend! So'n Sonnenaufgang! Achch!« schrillte die eine +Menschenstimme. Sie gehörte einer spitznasigen, idealgesinnten Jungfrau +an, die gleich darauf, an ihren Bergstock geschmiegt, das Hochplateau +betrat, den Busen wogend, so gut es gehen wollte, und die treuherzigen +Augen rund und offen wie Spiegeleier. Nur nicht so gelb! (Sondern +veilchenblau): »achch! Nu, im Angesicht der 'zückenden Natua -- wo allens +so schön ist -- dürfen Se auch nich mehr sagen, Herr Klempke, was Se unten +im Tale üwah das italien'sche Volk gesacht haben. Sie werden sehen, wenn +der Kriech ma' vorüwer ist, werden die Italienah die ersten sein, die +komm' und uns die Hand hinstrecken und sagen: + +'Liewes Deutschland, verzeih uns, awa wir haben uns -- gebessert.'« + + + + +J. H. Obereits Besuch bei den Zeit-egeln + + +Mein Großvater liegt auf dem Friedhof des weltvergessenen Städtchens +Runkel zur ewigen Ruhe bestattet. Auf einem dicht mit grünem Moos +bewachsenen Grabstein stehen unter der verwitterten Jahreszahl, in ein +Kreuz gefaßt und so frisch im Golde glänzend, als seien sie erst gestern +gemeißelt worden, die Buchstaben: + + V | I + --+-- + V | O + +»#Vivo#« das heißt: »ich lebe«, bedeute das Wort, sagte man mir, als ich +noch ein Knabe war und das erstemal die Inschrift las, und es hat sich mir +so tief in die Seele geprägt, als hätte es der Tote selbst aus der Erde zu +mir empor gerufen. + +#Vivo# -- ich lebe, -- ein seltsamer Wahlspruch für ein Grabmal! + +Er klingt heute noch in mir wider, und wenn ich daran denke, wird mir wie +einst, als ich davor stand: ich sehe im Geist meinen Großvater, den ich +doch niemals im Leben gekannt, da unten liegen, unversehrt, die Hände +gefaltet und die Augen, klar und durchsichtig wie Glas, weit offen und +unbeweglich. Wie einer, der mitten im Reiche des Moders unverweslich +zurückgeblieben ist und still und geduldig wartet auf die Auferstehung. + +Ich habe die Friedhöfe so mancher Stadt besucht: immer war es ein leiser, +mir unerklärlicher Wunsch, auf einem Grabstein wieder dasselbe Wort zu +lesen, der meine Schritte lenkte, aber nur zweimal fand ich dieses »#vivo#« +wieder, -- einmal in Danzig, und einmal in Nürnberg. In beiden Fällen +waren die Namen ausgetilgt vom Finger der Zeit; in beiden Fällen leuchtete +das »#vivo#« hell und frisch, als sei es selber voll des Lebens. + +Von jeher nahm ich als erwiesen hin, daß, wie man mir schon als Kind +gesagt, mein Großvater keine Zeile von seiner Hand hinterlassen habe, um +so mehr erregte es mich, als ich vor nicht langer Zeit in einem +versteckten Fache meines Schreibtisches, unseres alten Erbstückes, auf +ein ganzes Bündel Aufzeichnungen stieß, die offenkundig von ihm +geschrieben waren. + +Sie lagen in einer Mappe, auf der der sonderbare Satz zu lesen stand: »Wie +will der Mensch dem Tod entrinnen, es sei denn, daß er nicht warte noch +hoffe.« Sofort flammte das Wort »#Vivo#« in mir auf, das mich mein ganzes +Leben hindurch wie ein lichter Schein begleitet hatte und nur weilenweis +schlafen gegangen war, um, bald in Träumen, bald in Wachen, ohne äußeren +Anlaß, wieder und wieder neu in mir zu werden. Wenn ich zuzeiten geglaubt, +es könne Zufall gewesen sein, daß jenes vivo auf den Grabstein kam, -- +eine Inschrift, der Wahl des Pfarrers überlassen, -- so wurde mir, als ich +den Sinnspruch auf dem Buchdeckel gelesen, zu voller Gewißheit, es müsse +sich dabei um eine tiefere Bedeutung handeln, um etwas, was vielleicht das +ganze Dasein meines Großvaters erfüllt hatte. + +Und was ich weiter las -- in seinem Nachlaß -- bestärkte mich in meiner +Ansicht von Seite zu Seite. + +Es stand zu viel von privaten Beziehungen darin, als daß ich es fremden +Ohren enthüllen dürfte, und so mag es genügen, daß ich flüchtig nur das +berühre, was zu meiner Bekanntschaft mit Johann Hermann Obereit führte und +mit dessen Besuch bei den Zeit-egeln im Zusammenhang steht. + +Wie aus den Aufzeichnungen hervorging, gehörte mein Großvater der +Gesellschaft der »Philadelphischen Brüder« an, ein Orden, der mit seinen +Wurzeln zurückreicht bis ins alte Ägypten und den sagenhaften Hermes +Trismegistos seinen Begründer nennt. Auch die »Griffe« und Gesten, an +denen die Mitglieder einander erkannten, waren ausführlich erklärt. -- +Sehr oft kam der Name Johann Hermann Obereit, eines Chemikers, der mit +meinem Großvater eng befreundet gewesen schien und in Runkel gelebt haben +mußte, vor, und da es mich interessierte, Näheres über das Leben meines +Vorfahren und die dunkle weltabgewandte Philosophie, die aus jeder Zeile +seiner Briefe sprach, zu erfahren, beschloß ich nach Runkel zu reisen, um +dort zu erkunden, ob nicht vielleicht Nachkommen des erwähnten Obereit +existierten und eine Familienchronik vorhanden sei. -- -- -- -- -- -- -- + +Man kann sich nichts Traumhafteres denken als jenes winzige Städtchen, das +wie ein vergessenes Stück Mittelalter mit seinen krummen, totenstillen +Gassen und dem grasdurchwachsenen buckligen Pflaster zu Füßen des +Bergschlosses Runkelstein, dem Stammsitz der Fürsten von Wied, unbekümmert +den gellenden Schrei der Zeit verschläft. + +Schon am frühen Morgen zog es mich hinaus zu dem kleinen Friedhof, und +meine ganze Jugend wachte wieder auf, wie ich in dem strahlenden +Sonnenschein von einem Blumenhügel zum andern schritt und mechanisch die +Namen derer von den Kreuzen ablas, die dort unten schlummerten in ihren +Särgen. + +Von weitem erkannte ich an der funkelnden Inschrift den Grabstein meines +Großvaters. + +Ein alter Mann mit weißem Haar, bartlos, die Züge scharf geschnitten, saß +davor, den Elfenbeingriff seines Spazierstocks ans Kinn gedrückt, und +blickte mich mit merkwürdig lebhaften Augen an, wie jemand, bei dem die +Ähnlichkeit eines Gesichtes allerlei Erinnerungen weckt. + +Altmodisch gekleidet, fast in Biedermeiertracht, mit Vatermördern und +schwarzseidner breiter Halsbinde, sah er aus wie ein Ahnenbild aus längst +vergangener Zeit. + +Ich war über seinen Anblick, der ganz und gar nicht in die Gegenwart +paßte, dermaßen erstaunt und hatte mich überdies so vergrübelt in all das, +was ich dem Nachlaß meines Großvaters entnommen, daß ich, mir kaum bewußt, +was ich tat, halblaut den Namen »Obereit« aussprach. + +»Ja, mein Name ist Johann Hermann Obereit,« sagte der alte Herr, ohne sich +im geringsten zu wundern. + +Mir verschlug es fast den Atem, und was ich im Verlauf des sich +entwickelnden Gespräches noch weiter erfuhr, war ebenfalls nicht danach +angetan, meine Überraschung zu vermindern. + +Es ist an sich kein alltäglicher Eindruck, einen Menschen vor sich zu +haben, der nicht viel älter scheint, als man selbst ist, und doch +anderthalb Jahrhunderte gesehen hat: -- ich kam mir vor wie ein Jüngling +trotz meiner schon weißen Haare, als wir nebeneinander hergingen und er +mir von Napoleon und andern geschichtlichen Persönlichkeiten, die er +gekannt, erzählte, wie man von Leuten spricht, die erst vor kurzem +gestorben sind. + +»In der Stadt gelte ich als mein eigener Enkel,« sagte er lächelnd und +deutete auf einen Grabstein, an dem wir vorüberkamen und der die +Jahreszahl 1798 trug, »von Rechts wegen sollte ich hier begraben liegen; +ich habe das Todesdatum draufschreiben lassen, denn ich wünsche nicht, von +der Menge als moderner Methusalem angestaunt zu werden. Das Wort '#Vivo#'« +fügte er bei, als habe er meine Gedanken erraten, »kommt erst hinzu, wenn +ich wirklich tot bin.« -- + +Wir schlossen bald enge Freundschaft, und er bestand darauf, daß ich bei +ihm wohnte. + +Wohl ein Monat war verflossen und oft saßen wir bis tief in die Nacht in +angeregter Unterhaltung beisammen, aber immer lenkte er ab, wenn ich die +Frage stellte, was wohl der Satz auf der Mappe meines Großvaters: »Wie +will einer dem Tod entrinnen, es sei denn, daß er nicht warte noch +hoffe,« bedeuten möge: eines Abends jedoch, -- der letzte, den wir +zusammen verbrachten (das Gespräch kam auf die alten Hexenprozesse, und +ich vertrat die Ansicht, es müsse sich in solchen Fällen wohl nur um +hysterische Frauenzimmer gehandelt haben), -- unterbrach er mich +plötzlich: »Sie glauben also nicht, daß der Mensch seinen Körper verlassen +kann und, sagen wir mal, nach dem Blocksberg reisen?« + +Ich schüttelte den Kopf. + +»Soll ich es Ihnen vormachen?«, fragte er kurz und sah mich scharf an. + +»Ich gebe gerne zu,« erklärte ich, »daß die sogenannten Hexen durch den +Gebrauch gewisser narkotischer Mittel in einen Zustand der Entrückung +gerieten und felsenfest glaubten, auf einem Besen durch die Luft zu +fliegen.« + +Er dachte eine Weile nach. »Freilich, Sie werden immer sagen, auch ich +bilde es mir nur ein« -- erwog er halblaut und versank wieder in +Nachsinnen. Dann stand er auf und holte vom Bücherbord ein Heft. »Aber +vielleicht interessiert es Sie, was ich hier niedergeschrieben habe, als +ich vor Jahren das Experiment machte? Ich muß vorausschicken, ich war +damals noch jung und voller Hoffnungen« -- ich sah an seinem versinkenden +Blick, daß sein Geist zurückwanderte in ferne Zeiten -- »und glaubte an +das, was die Menschen das Leben nennen, bis es dann Schlag auf Schlag kam: +ich verlor, was einem auf Erden lieb sein kann, mein Weib, meine Kinder, +-- alles. Da führte mich das Schicksal mit Ihrem Großvater zusammen und er +lehrte mich verstehen, was Wünsche sind, was Warten ist, was Hoffen ist, +wie sie miteinander verflochten sind, und wie man diesen Gespenstern die +Maske vom Gesicht reißt. Wir haben sie die 'Zeit-egel' genannt, weil sie, +wie die Blutegel das Blut, uns die Zeit, den wahren Saft des Lebens, aus +dem Herzen saugen. Hier in diesem Zimmer war's, da lehrte er mich den +ersten Schritt auf den Weg tun, auf dem man den Tod besiegt und die Vipern +der Hoffnung zertritt. -- -- -- Und dann« -- er stockte einen Augenblick +-- »ja -- und dann bin ich geworden wie Holz, das nicht fühlt, ob man es +streichelt oder zersägt, ins Feuer oder ins Wasser wirft. Mein Inneres ist +leer seitdem; ich habe keinen Trost mehr gesucht. Habe keinen mehr +gebraucht. Wofür hätte ich ihn suchen sollen? Ich weiß: ich bin, und jetzt +erst lebe ich. Es liegt ein feiner Unterschied zwischen: 'ich lebe' und +'ich lebe'.« + +»Sie sagen das alles so einfach, und es ist doch furchtbar!« fiel ich +erschüttert ein. + +»Es scheint nur so,« beruhigte er mich lächelnd; »es strömt ein +Glücksgefühl aus der Unbeweglichkeit des Herzens, das Sie sich nicht +träumen lassen. Es ist wie eine ewige süße Melodie, dieses 'ich bin', die +nie mehr erlöschen kann, wenn sie einmal geboren ist, -- weder im Schlaf, +noch, wenn die Außenwelt wieder aufwacht in unsern Sinnen, noch auch im +Tod. -- -- -- -- -- -- -- Soll ich Ihnen sagen, warum die Menschen so früh +sterben und nicht 1000 Jahre leben, wie's in der Bibel steht über die +Patriarchen? Sie sind gleich den grünen Wassertrieben eines Baumes, -- sie +haben vergessen, daß sie zum Stamme gehören, darum verwelken sie im ersten +Herbst. Doch ich wollte Ihnen erzählen, wie ich das erstemal meinen Körper +verließ. + +Es gibt eine uralte verborgene Lehre, so alt wie das Menschengeschlecht; +sie hat sich vererbt von Mund zu Ohr bis heutigentags, aber nur wenige +kennen sie. Sie zeigt uns die Mittel, die Schwelle des Todes zu +überschreiten, ohne das Bewußtsein zu verlieren, und wem es gelingt, der +ist von da an Herr über sich selbst: -- er hat ein neues Ich erworben und +was ihm bis dahin als 'Ich' erschienen, ist nur mehr ein Werkzeug, so wie +jetzt Hand oder Fuß unsere Werkzeuge sind. + +Herz und Atem stehen still wie bei einer Leiche, wenn der neuentdeckte +Geist auszieht, -- wenn wir 'wegwandern, wie die Israeliten von den +Fleischtöpfen Ägyptens, und zu beiden Seiten die Wasser des Roten Meeres +stehen wie Mauern.' Lange und vielemal mußte ich es üben unter namenlosen, +zermürbenden Qualen, bis es mir endlich gelang, mich vom Leibe loszulösen. +Anfangs fühlte ich mich schweben, so wie wir wohl im Traume zuweilen +glauben fliegen zu können, -- mit angezogenen Knien und ganz leicht, -- +aber plötzlich trieb ich in einem schwarzen Strom dahin, der von Süden +nach Norden floß, -- wir nennen es in unserer Sprache das Aufwärtsfließen +des Jordan, -- und sein Brausen klang wie das Rauschen des Blutes im Ohr. +Viele aufgeregte Stimmen, deren Urheber ich nicht sehen konnte, schrien +mich an, ich solle umkehren, bis mich ein Zittern befiel und ich in +dumpfer Angst einer Klippe zuschwamm, die vor mir auftauchte. Im Mondlicht +sah ich ein Geschöpf dortstehen, so groß wie ein halbwüchsiges Kind, nackt +und ohne die Merkmale männlichen oder weiblichen Geschlechtes; es hatte +ein drittes Auge auf der Stirn wie der Polyphem und deutete regungslos in +das Innere des Landes. + +Dann schritt ich durch ein Dickicht dahin auf einem glatten, weißen Wege, +doch ich spürte den Boden mit meinen Füßen nicht, und auch, wenn ich die +Bäume und Sträucher ringsum berühren wollte, konnte ich ihre Oberfläche +nicht greifen: immer lag eine dünne Schicht Luft dazwischen, die sich +nicht durchdringen ließ. Ein fahler Glanz wie von faulem Holz bedeckte +alles und machte das Sehen deutlich. Die Umrisse der Dinge, die ich +wahrnahm, schienen locker, molluskenartig aufgeweicht und wunderlich +vergrößert. Junge federlose Vögel mit runden frechen Augen hockten feist +und gedunsen gleich Mastgänsen in einem riesigen Nest und kreischten auf +mich herab; eine Rehkitz, kaum noch fähig zu laufen und doch schon so groß +wie ein völlig entwickeltes Tier, saß träge im Moos und drehte, fett wie +ein Mops, schwerfällig den Kopf nach mir. + +Eine krötenhafte Faulheit in jedem Geschöpf, das mir zu Gesichte kam. + +Allmählich ging mir die Erkenntnis auf, wo ich mich befand: In einem Land, +so wirklich und wahrhaftig wie unsere Welt und dennoch nur ein Widerschein +von ihr: in dem Reich der gespenstischen Doppelgänger, die sich von dem +Mark ihrer irdischen Urformen nähren, sie ausplündern und selber ins +Ungeheuere wachsen, je mehr sich jene verzehren in vergeblichem Hoffen und +Harren auf Glück und Freude. Wenn auf der Erde jungen Tieren die Mutter +weggeschossen wird, und sie voll Vertrauen und Glauben auf Nahrung warten +und warten, bis sie in Qualen verschmachten, entsteht ihr gespenstisches +Ebenbild auf dieser verfluchten Geisterinsel und saugt wie eine Spinne das +versickernde Leben der Geschöpfe unserer Erde in sich: die im Hoffen +entschwindenden Kräfte des Daseins der Wesen werden hier Form und +wucherndes Unkraut, und der Boden ist geschwängert von dem düngenden Hauch +einer verwarteten Zeit. + +Und wie ich weiterwanderte, kam ich in eine Stadt, die voller Menschen +war. Viele von ihnen kannte ich auf Erden, und ich erinnerte mich ihrer +zahllosen fehlgeschlagenen Hoffnungen und wie sie von Jahr zu Jahr +gebeugter gingen und doch die Vampire, -- ihre eigenen dämonischen Iche, +-- die ihnen das Leben und die Zeit fraßen, sich nicht aus dem Herzen +reißen wollten. Hier sah ich sie zu schwammigen Scheusalen aufgebläht, mit +dickem Wanst, die Augen stier und gläsern über den speckverquollenen +Wangen, umherschwabbern. + +Aus einem Bankladen mit dem Aushängeschild + + Wechselstube _Fortuna_ + Jedes Los gewinnt den Haupttreffer + +drängte Kopf an Kopf eine grinsende Menge, Säcke von Gold hinter sich +herschleifend, die wulstigen Lippen in sattem Schmatzen verzogen: die zu +Fett und Gallert gewordenen Phantome aller derer, die auf Erden +dahinsiechen in unstillbarem Durst nach Spielergewinn. + +Ich trat in eine tempelartige Halle, deren Säulen bis zum Himmel ragten; +darin saß auf einem Thron aus geronnenem Blut ein Ungeheuer mit +Menschenleib und vier Armen, die gräßliche Hyänenschnauze triefend vor +Geifer: der Kriegsgott wilder afrikanischer Stämme, die in ihrem +Aberglauben Opfer darbringen, um den Sieg über die Feinde zu erflehen. + +Voll Entsetzen floh ich aus dem Dunstkreis der Verwesung, der die Stätte +erfüllte, zurück in die Straßen und blieb voll Staunen vor einem Palast +stehen, der an Pracht alles übertraf, was ich jemals gesehen. Und doch kam +mir jeder Stein, jeder First, jede Treppe so seltsam bekannt vor, als +hätte ich in Phantasien einst selber all das erbaut. + +Als sei ich unumschränkter Herr und Besitzer des Hauses, stieg ich die +breiten Marmorstufen empor, da las ich auf einem Türschild -- meinen +eigenen Namen: + + Johann Hermann Obereit. + +Ich trat ein und sah mich selbst im Purpur an einer prunkvollen Tafel +sitzen, von tausend Sklavinnen bedient, und ich erkannte in ihnen alle +die Frauen wieder, die im Leben meine Sinne erfüllt hatten, wenn auch +manche nur für einen flüchtigen Augenblick. + +Ein Gefühl unbeschreiblichen Hasses befiel mich bei dem Bewußtsein, daß +jener -- mein eigener Doppelgänger -- hier schwelgte und praßte, seit ich +lebte, und daß ich selber es gewesen war, der ihn ins Dasein gerufen und +mit Reichtum beschenkt hatte, indem ich mir die magische Kraft meines Ichs +in Hoffen, Ersehnen und Warten aus der Seele entströmen ließ. + +Mit Schrecken wurde ich mir klar, daß mein ganzes Leben nur aus Warten in +jeglicher Form bestanden hatte und _nur_ aus Warten -- aus einer Art +unaufhörlichen Verblutens, -- und daß die gesamte Zeit, die mir +übriggeblieben war zum Empfinden von Gegenwart, kaum nach Stunden zählte. +Wie eine Seifenblase zerplatzte vor mir, was ich bis dahin für den Inhalt +meines Lebens gehalten. Ich sage Ihnen, was wir auch auf Erden +vollbringen, immer gebiert es ein neues Warten und ein neues Hoffen; das +ganze Weltall ist getränkt von dem Pesthauch des Absterbens einer kaum +geborenen Gegenwart. Wer hätte nie die entnervende Schwäche gefühlt, die +uns befällt, wenn wir im Wartezimmer eines Arztes, eines Advokaten, einer +Amtsstube sitzen? Was wir Leben nennen: es ist der Wartesaal des Todes. +Plötzlich begriff ich -- damals -- was die Zeit ist: Wir selbst sind +Gebilde, aus Zeit gemacht, Leiber, die Stoff zu sein scheinen und nichts +anderes sind als geronnene Zeit. + +Und unser tägliches Hinwelken dem Grabe entgegen, was ist es denn sonst +als Wiederum-zu-Zeit-Werden unter der Begleiterscheinung des Wartens und +Hoffens, -- so, wie Eis auf dem Ofen unter Zischen wiederum zu Wasser +wird! + +Ich sah, daß ein Beben die Gestalt meines Doppelgängers durchlief, als +diese Erkenntnis in mir wach wurde, und daß Angst sein Gesicht verzerrte. +Da wußte ich, was ich zu tun hatte: kämpfen bis aufs Messer mit jenen +Phantomen, die uns aussaugen wie Vampire. + +Oh, sie wissen genau, warum sie den Menschen unsichtbar bleiben und sich +vor ihren Blicken verbergen, diese Schmarotzer an unserem Leben; auch des +Teufels größte Gemeinheit ist, daß er so tut, als ob er nicht existiere. +Und seitdem habe ich die Begriffe 'Warten und Hoffen' für immer +ausgerottet aus meinem Dasein.« + +»Ich glaube, Herr Obereit, ich würde zusammenbrechen schon beim ersten +Schritt, wenn ich den schrecklichen Weg gehen wollte, den Sie gegangen +sind,« sagte ich, als der Alte schwieg; »ich kann mir wohl denken, daß man +durch unausgesetzte Arbeit das Gefühl des Wartens und Hoffens in sich +betäuben kann; dennoch -- -- -- -- -- -- -- -- -- --« + +»Ja, aber nur betäuben! _Innerlich_ bleibt das 'Warten' lebendig. Sie +müssen das Beil an die Wurzel legen!« unterbrach mich Obereit. »Werden +Sie wie ein Automat hier auf der Erde! Wie ein Scheintoter! Greifen Sie +nie nach einer Frucht, die Ihnen winkt, wenn auch nur das geringste +Warten damit verbunden ist, rühren Sie keine Hand, und alles wird Ihnen +reif in den Schoß fallen. Anfangs ist's wohl wie ein Wandern durch +trostlose Wüsten, oft lange Zeit, aber plötzlich wird rings um Sie her +eine Helle sein, und Sie werden alle Dinge, die schönen und die +häßlichen, in einem neuen, ungeahnten Glanze sehen. Dann gibt's kein +'Wichtig' mehr für Sie und kein 'Unwichtig', jedes Geschehnis wird gleich +'wichtig' sein und gleich 'unwichtig', und dann werden Sie im Drachenblut +gehörnt sein wie Siegfried und von sich sagen können: ich fahre hinaus +ins uferlose Meer eines ewigen Lebens mit schneeweißem Segel.« + +-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Es waren die letzten Worte, die Johann Hermann Obereit zu mir gesprochen; +-- ich habe ihn nicht mehr wiedergesehen. + +Viele Jahre sind inzwischen verflossen; ich habe mich bemüht, so gut ich +konnte, der Lehre zu folgen, die Obereit mir gab, aber das Warten und +Hoffen will nicht aus meinem Herzen weichen. + +Ich bin zu schwach, das Unkraut auszureißen, und wundere mich auch nicht +mehr, daß unter den zahllosen Grabsteinen auf den Friedhöfen so selten +einer die Inschrift trägt: + + + V | I + --+-- + V | O + + + + +Der Kardinal Napellus + + +Wir wußten nicht viel mehr von ihm außer seinen Namen: Hieronymus +Radspieller, als daß er jahraus, jahrein in dem zerfallenen Schlosse lebte +und von dem Besitzer, einem weißhaarigen, mürrischen Basken -- dem +hinterbliebenen Diener und Erben eines in Trübsinn und Einsamkeit +verwelkten Adelsgeschlechtes -- ein Stockwerk für sich allein gemietet und +mit kostbarem, altertümlichem Hausrat wohnbar gemacht hatte. + +Ein greller phantastischer Gegensatz, wenn man eintrat in diese Räume aus +der wegverwachsenen Wildnis draußen, in der nie ein Vogel sang und alles +vom Leben verlassen schien, wenn nicht hin und wieder die morschen, +wirrbärtigen Eiben schreckerfüllt aufächzten unter der Wucht des Föhns, +oder der grünschwarze See wie ein in den Himmel starrendes Auge die +weißen, ziehenden Wolken spiegelte. + +Fast den ganzen Tag war Hieronymus Radspieller in seinem Boot und ließ ein +funkelndes Metall-Ei an langen, feinen Seidenfäden hinab in die stillen +Wasser -- ein Lot, um die Tiefen des Sees zu ergründen. + +Er wird wohl in Diensten einer geographischen Gesellschaft stehen, +mutmaßten wir, wenn wir von unseren Angelfahrten heimgekehrt des Abends +noch ein paar Stunden in dem Bibliothekzimmer Radspiellers beisammen +saßen, das er uns gastfreundlich zur Verfügung gestellt hatte. + +»Ich habe heute von der alten Botenfrau, die die Briefe über den Bergpaß +trägt, zufällig erfahren, daß die Rede geht, er solle in seiner Jugend ein +Mönch gewesen sein und habe sich Nacht für Nacht blutig gegeißelt -- sein +Rücken und seine Arme seien über und über mit Narben bedeckt«, mischte +sich Mr. Finch ins Gespräch, als sich wieder einmal der Austausch der +Gedanken um Hieronymus Radspieller drehte, -- »übrigens, wo er heute nur +so lange bleibt? Es muß längst 11 Uhr vorbei sein«. + +»Es ist Vollmond,« sagte Giovanni Braccesco und deutete mit seiner welken +Hand durch das offene Fenster hinaus auf den flimmernden Lichtweg, der +quer über dem See lag; »wir werden sein Boot leicht sehen können, wenn wir +Ausschau halten.« + +Dann, nach einer Weile, hörten wir Schritte die Treppe heraufkommen; aber +es war nur der Botaniker Eshcuid, der da, so spät von seinen Streifzügen +heimgekommen, zu uns ins Zimmer trat. + +Er trug eine mannshohe Pflanze in der Hand mit stahlblau glänzenden +Blüten. + +»Es ist weitaus das größte Exemplar dieser Gattung, das jemals gefunden +wurde; ich hätte nie geglaubt, daß der giftige 'Sturmhut' noch in solchen +Höhen wächst«, sagte er klanglos, nachdem er uns einen Gruß zugenickt, und +legte die Pflanze mit umständlicher Sorgfalt, damit ihr kein Blatt +geknickt werde, auf das Fensterbrett. + +»Es geht ihm wie uns,« kroch es mir durch den Sinn, und ich hatte die +Empfindung, daß Mr. Finch und Giovanni Braccesco in diesem Momente +dasselbe dachten, »er wandert ruhelos als alter Mann über die Erde, wie +einer, der sein Grab suchen muß und nicht finden kann, sammelt Pflanzen, +die morgen verdorrt sind; wozu? warum? Er denkt nicht nach darüber. Er +weiß, daß sein Tun zwecklos ist, wie wir es von dem unsrigen wissen, aber +ihn wird wohl auch die traurige Erkenntnis zermürbt haben, das _alles_ +zwecklos ist, was man beginnt, ob es groß scheint oder klein, -- so wie +sie uns andern zermürbt hat ein Menschenleben lang. Wir sind von Jugend an +wie die Sterbenden,« fühlte ich, »deren Finger unruhig über die Bettdecke +tasten; die nicht wissen, wonach sie greifen sollen, wie Sterbende, die +einsehen: der Tod steht im Zimmer, was kümmert es ihn, ob wir die Hände +falten oder die Fäuste ballen.« + +»Wohin reisen Sie, wenn die Zeit zum Fischen hier vorüber ist?«, fragte +der Botaniker, nachdem er abermals nach seiner Pflanze gesehen und sich +dann langsam zu uns an den Tisch gesetzt hatte. + +Mr. Finch fuhr sich durch sein weißes Haar, spielte, ohne aufzublicken, +mit einem Angelhaken und zuckte müde die Achseln. + +»Ich weiß es nicht«, antwortete nach einer Pause Giovanni Braccesco +zerstreut, als sei die Frage an ihn gerichtet gewesen. + +Wohl eine Stunde verrann in bleierner, wortloser Stille, daß ich das +Rauschen des Blutes in meinem Kopfe hören konnte. + +Endlich tauchte das fahle, bartlose Gesicht Radspiellers im Türrahmen auf. + +Seine Miene schien gelassen und greisenhaft wie immer und seine Hand +ruhig, als er sich ein Glas Wein einschenkte und uns zutrank, aber es war +eine ungewohnte Stimmung voll verhaltener Erregtheit mit ihm +hereingekommen, die sich bald auf uns übertrug. + +Seine sonst müden und teilnahmslosen Augen, die die Eigentümlichkeit +hatten, daß sich wie bei Rückenmarkskranken ihre Pupillen niemals +zusammenzogen oder ausdehnten und scheinbar auf Licht nicht reagierten, -- +sie glichen grauen, mattseidenen Westenknöpfen mit einem schwarzen Punkt +darin, wie Mr. Finch zu behaupten pflegte, -- suchten heute fiebrig +flackernd im Zimmer umher, glitten die Wände entlang und über die +Bücherreihen hin, unschlüssig, woran sie haften bleiben sollten. + +Giovanni Braccesco brach ein Gesprächsthema vom Zaun und erzählte von +unsern seltsamen Methoden, die uralten, moosbewachsenen Riesenwelse zu +fangen, die in ewiger Nacht da unten leben in den unergründlichen Tiefen +des Sees, nie mehr heraufkommen ans Tageslicht und jede Lockspeise, die +die Natur bietet, verschmähen, -- nur nach den bizarrsten Formen +schnappen, die der Angler ersinnen kann: nach gleißendem Silberblech, +geformt wie Menschenhände, die an der Schnur taumelnde Bewegungen im +Wasser machen, oder nach Fledermäusen aus rotem Glas mit tückisch +verborgenen Haken an den Flügeln. + +Hieronymus Radspieller hörte nicht hin. + +Ich sah ihm an, daß sein Geist wanderte. + +Plötzlich brach er los, wie jemand, der ein gefährliches Geheimnis hinter +verbissenen Zähnen jahrelang gehütet hat und es dann in einer Sekunde +unvermittelt, mit einem Aufschrei, von sich wirft: »Heute endlich -- ist +mein Senkblei auf Grund gestoßen.« + +Wir starrten ihn verständnislos an. + +Ich war so gefangen genommen von dem fremdartig zitternden Ton, der aus +seinen Worten geklungen hatte, daß ich eine Weile lang nur halb erfaßte, +wie er den Vorgang der Tiefseemessung erklärte: es gäbe da unten in den +Abgründen -- viele tausend Faden tief -- kreisende Wasserwirbel, die jedes +Lot verbliesen, es schwebend erhielten und den Boden nicht erreichen +ließen, wenn nicht ein günstiger Zufall zu Hilfe käme. + +Dann wieder stieg aus seiner Rede gleich einer Rakete triumphierend ein +Satz empor: »Es ist die tiefste Stelle auf Erden, zu der je ein +menschliches Instrument gedrungen ist«, und die Worte brannten sich +schreckhaft in mein Bewußtsein ein, ohne daß ich die Ursache dafür finden +konnte. Ein gespenstischer Doppelsinn lag in ihnen, so, als hätte ein +Unsichtbarer hinter ihm gestanden und in verhüllten Symbolen aus seinem +Munde zu mir gesprochen. + +Ich konnte den Blick nicht wenden von Radspiellers Gesicht; wie war es mit +einemmal so schemenhaft und unwirklich geworden! Wenn ich eine Sekunde die +Augen schloß, sah ich es von blauen Flämmchen umzuckt; -- »die Sankt +Elmsfeuer des Todes«, drängte es sich mir auf die Zunge, und ich mußte +gewaltsam die Lippen geschlossen halten, um es nicht laut +herauszuschreien. + +Traumhaft zogen durch mein Hirn Stellen aus Büchern, die Radspieller +geschrieben und die ich gelesen in müßigen Stunden, voll Staunen über +seine Gelehrsamkeit, Stellen sengenden Hasses gegen Religion, Glaube und +Hoffnung und alles, was in der Bibel von Verheißung spricht. + +Es ist der Rückschlag, der seine Seele nach der heißen Askese einer +inbrunstgequälten Jugend aus dem Reich der Sehnsucht herab auf die Erde +geschleudert hat -- begriff ich dumpf: der Pendelschwung des Schicksals, +der den Menschen vom Licht in den Schatten trägt. + +Mit Gewalt riß ich mich aus dem lähmenden Halbschlaf, der meine Sinne +überfallen hatte, und zwang mich, der Erzählung Radspiellers zuzuhören, +deren Beginn wie ein fernes, unverständliches Murmeln noch in mir +nachhallte. + +Er hielt das kupferne Senklot in der Hand, drehte es hin und her, daß es +aufblitzte gleich einem Geschmeide im Lichtschein der Lampe, und sprach +dabei: + +»Sie als leidenschaftliche Angler nennen es schon ein erregendes Gefühl, +wenn Sie an dem plötzlichen Zucken Ihrer doch nur 200 Ellen langen Schnur +spüren, daß sich ein großer Fisch gefangen hat, daß gleich darauf ein +grünes Ungetüm emporsteigen wird an die Oberfläche und das Wasser zu +Gischt zerpeitschen. Denken Sie sich dieses Gefühl vertausendfacht und Sie +werden vielleicht verstehen, was in mir vorging, als dieses Stück Metall +hier mir endlich meldete: ich bin auf Grund gestoßen. Mir war, als hätte +meine Hand an eine Pforte geklopft. -- Es ist das Ende einer Arbeit von +Jahrzehnten«, setzte er leise für sich hinzu, und es klang eine Bangigkeit +aus seiner Stimme: »was -- was werde ich morgen tun?!« + +»Es bedeutet nichts Geringes für die Wissenschaft, den tiefsten Punkt +unserer Erdschichte ausgelotet zu haben«, warf der Botaniker Eshcuid hin. + +»Wissenschaft -- für die Wissenschaft!« wiederholte Radspieller +geistesabwesend und blickte uns der Reihe nach fragend an. »Was kümmert +mich die Wissenschaft!« fuhr es ihm endlich heraus. + +Dann stand er hastig auf. + +Ging ein paarmal im Zimmer hin und her. + +»Ihnen ist die Wissenschaft ebenso Nebensache wie mir, Professor«, wandte +er sich mit einem Ruck, fast schroff an Eshcuid. »Nennen Sie es doch beim +Namen: die Wissenschaft ist uns nur ein Vorwand, um etwas zu tun, irgend +etwas, gleichgültig was; das Leben, das furchtbare, entsetzliche Leben hat +uns die Seele verdorrt, unser eigenstes innerstes Ich gestohlen, und, um +nicht immerwährend aufschreien zu müssen in unserm Jammer, jagen wir +kindischen Marotten nach -- um zu vergessen, was wir verloren haben. Nur, +um zu vergessen. Belügen wir uns doch nicht selbst!« + +Wir schwiegen. + +»Aber es liegt noch ein anderer Sinn darin«, -- eine wilde Unruhe kam +plötzlich über ihn, -- »in unseren Marotten, meine ich. Ich bin so ganz, +ganz allmählich dahintergekommen: ein feiner geistiger Instinkt sagt +mir, jede Tat, die wir vollbringen, hat einen magischen doppelten Sinn. +Wir _können_ gar nichts tun, was _nicht_ magisch wäre. -- Ich weiß ganz +genau _weshalb_ ich gelotet habe fast ein halbes Leben lang. Ich weiß +auch, was es zu bedeuten hat, daß ich doch -- und doch -- und doch auf +Grund stieß und mich durch eine lange, feine Schnur mitten durch alle +Wirbel hindurch mit einem Reich verbunden habe, wohin kein Strahl dieser +verhaßten Sonne mehr dringen kann, deren Wonne darin besteht, ihre +Kinder verdursten zu lassen. Es ist nur ein _äußeres_ belangloses +Geschehnis, das sich heute vollzog, aber jemand, der sehen und deuten +kann, der erkennt schon im formlosen Schatten an der Wand, wer vor die +Lampe getreten ist«; -- er lächelte mich grimmig an, »ich will's Ihnen +kurz sagen, was mir dieses äußere Geschehnis _innerlich_ bedeutet: ich +habe erreicht, was ich gesucht habe, -- ich bin hinfort gefeit gegen die +Giftschlangen des Glaubens und der Hoffnung, die nur im Licht leben +können; ich hab's an dem Ruck gespürt, den es mir im Herzen gab, als ich +heute meinen Willen durchgesetzt und mit dem Senkblei den Grund des +Sees berührt habe. Ein belangloses äußeres Geschehen hat sein inneres +Gesicht gezeigt.« + +»Ist Ihnen denn so Schweres zugestoßen im Leben -- in der Zeit -- ich +meine, als Sie Geistlicher waren?«, fragte Mr. Finch, »daß Ihre Seele so +wund ist?« setzte er leise für sich hinzu. + +Radspieller gab keine Antwort und schien ein Bild zu sehen, das vor ihm +auftauchen mochte; dann setzte er sich wieder an den Tisch, blickte +unbeweglich in das Mondlicht zum Fenster hin und erzählte wie ein +Somnambuler, fast ohne Atem zu holen: + +»Ich war niemals Geistlicher, aber schon in meiner Jugend hat mich ein +finsterer, übermächtiger Trieb von den Dingen dieser Erde weggezogen. Ich +habe Stunden erlebt, wo sich das Gesicht der Natur vor meinen Augen in +eine grinsende Teufelsfratze verwandelt hat und mir Berge, Landschaft, +Wasser und Himmel, sogar mein eigener Leib, als unerbittliche Kerkermauern +erschienen sind. Wohl kein Kind empfindet etwas dabei, wenn sich der +Schatten einer über die Sonne ziehenden Wolke auf eine Wiese senkt, mich +hat schon damals ein lähmendes Entsetzen befallen und ich blickte, als +hätte mir eine Hand mit einem Ruck eine Binde von den Augen gerissen, tief +hinein in die heimliche Welt voll Todesqual der Millionen winziger +Lebewesen, die sich, verborgen unter den Halmen und Wurzeln der Gräser, im +stummen Haß zerfleischten. + +Vielleicht war's erbliche Belastung -- mein Vater starb im +Religionswahnsinn --, daß ich die Erde bald nur mehr wie eine einzige +bluterfüllte Mördergrube sah. + +Allmählich wurde mein ganzes Leben zur immerwährenden Folter seelischen +Verdurstens. Ich konnte nicht mehr schlafen, nicht mehr denken, und Tag +und Nacht, ohne stillzustehen, zuckten und bebten meine Lippen und formten +mechanisch den Satz des Gebetes: 'Erlöse uns von dem Übel', bis ich vor +Schwäche das Bewußtsein verlor. + +In den Tälern, wo ich zu Hause bin, gibt es eine religiöse Sekte, die man +die 'Blauen Brüder' nennt, deren Anhänger, wenn sie ihr Ende nahen fühlen, +sich lebendig begraben lassen. Heute noch steht ihr Kloster dort, über +dem Eingangstor das steinerne Wappenschild: eine Giftpflanze mit fünf +blauen Blütenblättern, deren oberstes einer Mönchskapuze gleicht: -- das +#Aconitum napellus#, der 'blaue Sturmhut'. + +Ich war ein junger Mann, als ich mich in diesen Orden flüchtete, und fast +ein Greis, als ich ihn verließ. + +Hinter den Klostermauern liegt ein Garten, darin blüht im Sommer ein Beet +voll von jenem blauen Todeskraut, und die Mönche begießen es mit dem Blut, +das aus ihren Geißelwunden fließt. Jeder hat, wenn er Bruder der +Gemeinschaft wird, eine solche Blume zu pflanzen, die dann, wie in der +Taufe, seinen eigenen christlichen Namen erhält. + +Die meinige hieß Hieronymus und hat mein _Blut_ getrunken, indes ich selbst +verschmachtete in jahrelangem vergeblichem Flehen um das Wunder, daß der +'Unsichtbare Gärtner' die Wurzeln meines Lebens auch nur mit einem Tropfen +_Wasser_ begösse. + +Der symbolische Sinn dieser seltsamen Zeremonie der Bluttaufe ist, daß der +Mensch seine Seele magisch einpflanzen soll in den Garten des Paradieses +und ihr Wachstum düngen mit dem Blut seiner Wünsche. + +Auf dem Totenhügel des Gründers dieser asketischen Sekte, des sagenhaften +Kardinals Napellus, sagt die Legende, schoß in einer einzigen +Vollmondnacht in Mannshöhe ein solcher 'blauer Sturmhut' auf, -- über und +über mit Blüten bedeckt, -- und als man das Grab öffnete, war die Leiche +darin verschwunden. Es heißt, daß sich der Heilige in die Pflanze +verwandelt hat, und von ihr, als der ersten, die damals auf Erden +erschien, sollen alle übrigen stammen. + +Wenn die Blumen im Herbst verdorrten, sammelten wir ihre giftigen +Samenkeime, die kleinen menschlichen Herzen gleichen und nach der geheimen +Überlieferung der Blauen Brüder das 'Senfkorn' des Glaubens vorstellen, +von dem geschrieben steht, daß Berge versetzen könne, wer es hat, -- -- +und aßen davon. + +So, wie ihr furchtbares Gift das Herz verändert und den Menschen in den +Zustand zwischen Leben und Sterben bringt, so sollte die Essenz des +Glaubens unser Blut verwandeln, -- zur wunderwirkenden Kraft werden in den +Stunden zwischen nagender Todespein und ekstatischer Verzückung. + +Aber ich tastete mit dem Senkblei meiner Erkenntnis noch tiefer hinab in +diese wunderlichen Gleichnisse, ich tat noch einen Schritt weiter und sah +der Frage ins Gesicht: Was wird mit meinem Blut geschehen, wenn es endlich +geschwängert ist von dem Gift der blauen Blume? Und da wurden die Dinge +rings um mich lebendig, selbst die Steine am Wege schrien mir zu mit +tausend Stimmen: Wieder und wieder, wenn der Frühling kommt, wird es +ausgegossen werden, auf daß ein neues Giftkraut sprossen kann, das deinen +eignen Namen trägt. + +Und in jener Stunde hatte ich dem Vampir, den ich bis dahin gefüttert, die +Maske abgerissen, und ein unauslöschlicher Haß ergriff von mir Besitz. Ich +ging hinaus in den Garten und stampfte die Pflanze, die mir meinen Namen +Hieronymus gestohlen und sich an meinem Leben gemästet hatte, in die Erde, +bis keine Faser mehr sichtbar war. + +Von da an schien mein Weg plötzlich wie besät mit wunderbaren Ereignissen. + +Noch in derselben Nacht trat eine Vision vor mich: der Kardinal Napellus, +in der Hand -- mit der Fingerstellung eines Menschen, der eine brennende +Kerze trägt -- das blaue Akonit mit den fünfblättrigen Blüten. Seine Züge +waren die einer Leiche, nur aus seinen Augen strahlte ein unzerstörbares +Leben. + +Ich glaubte mein eigenes Antlitz vor mir zu sehen, so glich er mir, und +ich fuhr in unwillkürlichem Schrecken nach meinem Gesicht, wie jemand, dem +eine Explosion den Arm abgerissen hat, mit der andern Hand nach der Wunde +fahren mag. + +Dann schlich ich mich ins Refektorium und erbrach in wildem Haß den +Schrein, der die Reliquien des Heiligen enthalten sollte, um sie zu +zerstören. + +Ich fand nur diesen Globus, den Sie dort in der Nische stehen sehen.« + +Radspieller erhob sich, holte ihn herab, stellte ihn vor uns auf den Tisch +und fuhr in seiner Erzählung fort: »Ich habe ihn mit mir genommen auf +meiner Flucht aus dem Kloster, um ihn zu zerschlagen und damit das +einzige, was greifbar zurückgeblieben ist von dem Gründer jener Sekte, zu +vernichten. + +Später überlegte ich mir, daß ich der Reliquie mehr Verachtung antäte, +wenn ich sie verkaufte und das Geld einer Dirne schenkte. Ich führte es +aus, als sich mir die erste Gelegenheit dazu bot. + +Seitdem sind viele Jahre vorübergegangen, aber ich habe keine Minute +verstreichen lassen, den unsichtbaren Wurzeln jenes Krautes nachzuspüren, +an denen die Menschheit krankt, und sie aus meinem Herzen zu tilgen. Ich +habe vorhin gesagt, daß von der Stunde an, da ich zur Klarheit erwachte, +ein 'Wunder' nach dem andern meinen Pfad kreuzte, doch ich bin fest +geblieben: kein Irrlicht mehr hat mich in den Sumpf gelockt. + +Als ich anfing, Altertümer zu sammeln, -- alles, was Sie hier im Zimmer +sehen, stammt aus jener Zeit, -- war so manches darunter, das mich an die +dunkeln Riten gnostischen Ursprungs gemahnte und an das Jahrhundert der +Kamisarden; selbst der Saphirring hier an meinem Finger -- er trägt +seltsamerweise als Wappen einen Sturmhut, das Emblem der blauen Mönche, -- +kam zufällig, als ich den Vorrat eines Tabulettkrämers durchstöberte, in +meine Hände: es hat mich nicht einen Augenblick erschüttern können. Und +als mir eines Tages ein Freund den Globus hier -- denselben Globus, den +ich aus dem Kloster geraubt und verkauft hatte, die Reliquie des Kardinals +Napellus --, als Geschenk ins Haus schickte, mußte ich hell auflachen, als +ich ihn wiedererkannte, über diese kindische Drohung eines albernen +Schicksals. + +Nein, hier herauf zu mir in die klare, dünne Luft der Firnenwelt soll das +Gift des Glaubens und der Hoffnung nicht mehr dringen, in diesen Höhen +kann der blaue Sturmhut nicht gedeihen. An mir ist der Spruch in einem +neuen Sinn zur Wahrheit geworden: Wer in die Tiefe forschen will, muß auf +die Berge steigen. + +Darum gehe ich nie wieder hinunter in die Niederungen. Ich bin genesen; +und wenn die Wunder aller Engelswelten mir in den Schoß fielen, ich würfe +sie von mir wie verächtlichen Tand. Soll das Akonit eine giftige Arznei +bleiben für die Siechen am Herzen und die Schwachen in den Tälern, -- ich +will hier oben leben und sterben im Angesicht des starren diamantnen +Gesetzes unwandelbarer Naturnotwendigkeiten, das kein dämonischer Spuk +durchbrechen kann. Ich werde weiter loten und loten, ohne Ziel, ohne +Sehnsucht, froh wie ein Kind, das sich genügen läßt am Spiel und noch +nicht verpestet ist an der Lüge: das Leben hätte einen tieferen Zweck, -- +-- werde loten und loten, -- aber, so oft ich auf Grund stoße, wird's mir +wie ein Jubelruf klingen: es ist immer wieder nur die Erde, die ich +berühre, und nichts als die Erde, -- dieselbe stolze Erde, die das +heuchlerische Licht der Sonne kalt zurückwirft in den Weltraum, die Erde, +die sich außen und innen getreu bleibt, so wie dieser Globus, das letzte +jämmerliche Erbstück des großen Herrn Kardinals Napellus, dummes Holz ist +und bleibt, außen und innen. + +Und jedesmal wird's mir der Rachen des Sees von neuem verkünden: wohl +wachsen auf der Kruste der Erde, von der Sonne gezeugt, entsetzliche +Gifte, doch ihr Inneres, ihre Schluchten und Abgründe, sind frei davon und +die Tiefe ist rein.« -- Radspiellers Gesicht bekam hektische Flecken vor +Erregung und durch seine emphatische Rede ging ein Riß; sein verbissener +Haß brach los. »Wenn ich einen Wunsch frei hätte«, -- er ballte die Fäuste +--, »ich möchte mit meinem Senkblei bis in den Mittelpunkt der Erde loten +dürfen, um es hinausschreien zu können: Siehe hier, siehe da: Erde, nichts +als Erde!« + +Wir blickten erstaunt auf, da er plötzlich schwieg. + +Er war ans Fenster getreten. + +Der Botaniker Eshcuid zog seine Lupe hervor, beugte sich über den Globus +und sagte laut, um den peinlichen Eindruck zu verwischen, den Radspiellers +letzte Worte in uns erweckt hatten: + +»Die Reliquie muß eine Fälschung sein und noch aus unserm Jahrhundert +stammen; die fünf Erdteile« -- er deutete auf Amerika -- »sind auf dem +Globus vollzählig verzeichnet.« + +So nüchtern und alltäglich auch der Satz klang, er konnte die gepreßte +Stimmung nicht durchbrechen, die sich unser zu bemächtigen begann ohne +faßbaren Grund und von Sekunde zu Sekunde anwuchs bis zu drohendem +Angstgefühl. + +Plötzlich schien ein süßer, betäubender Geruch wie von Faulbaum oder +Seidelbast das Zimmer zu erfüllen. + +»Er weht aus dem Park herüber«, wollte ich sagen, aber Eshcuid kam meinem +krampfhaften Versuch, den Alp abzuschütteln, zuvor. Er stach mit einer +Nadel in den Globus und murmelte etwas, wie: es sei seltsam, daß sogar +unser See, ein so winziger Punkt, auf der Karte stünde, -- da wachte +Radspiellers Stimme am Fenster wieder auf und fuhr mit schrillem Hohn +dazwischen: + +»Warum verfolgt's mich denn jetzt nicht mehr, -- wie früher im Träumen und +im Wachen, -- das Bild Seiner Eminenz des großen Herrn Kardinals Napellus? +Im Codex Nazaräus -- dem Buch der gnostischen blauen Mönche, geschrieben +um 200 vor Christus -- steht doch prophezeit für den Neophyten: 'Wer die +mystische Pflanze begießet bis zum Ende mit seinem Blute, den wird sie +geleiten treulich an die Pforte des ewigen Lebens; wer sie aber ausreißt, +dem Frevler wird sie ins Angesicht schauen als der Tod, und sein Geist +wird hinaus in die Finsternis wandern, bis der neue Frühling kommt!' Wo +sind sie hin, die Worte? Sind sie gestorben? Ich sage: eine Verheißung von +Jahrtausenden ist an mir zerschellt. Warum kommt er denn nicht, daß ich +ihm ins Antlitz speien kann, dem Kardinal Nap -- --« ein gapsendes Röcheln +riß Radspieller die letzte Silbe vom Munde, ich sah, daß er die blaue +Pflanze erblickt hatte, die der Botaniker abends bei seinem Eintritt aufs +Fensterbrett gelegt, und sie anstarrte. Ich wollte aufspringen. Zu ihm +eilen. + +Ein Ausruf Giovanni Braccescos hielt mich zurück: + +Unter der Nadel Eshcuids hatte sich die vergilbte pergamentene Rinde des +Globus abgelöst, so wie von einer überreifen Frucht die Schale springt, +und nackt vor uns lag eine große gleißende Kugel aus Glas. + +Und darinnen -- ein wundersames Kunstwerk, eingeschmolzen auf +unbegreifliche Weise, aufrechtstehend: die Gestalt eines Kardinals in +Mantel und Hut, und in der Hand, mit der Fingerstellung eines Menschen, +der eine brennende Kerze trägt: eine Staude mit stahlblauen fünfblättrigen +Blüten. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- +-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Kaum vermochte ich, gelähmt von Entsetzen, meinen Kopf nach Radspieller zu +wenden. + +Mit weißen Lippen, die Züge leichenhaft, stand er dort an der Wand -- +aufrecht, unbeweglich wie die Statuette in der gläsernen Kugel, -- so wie +sie: in der Hand die blaue giftige Blume, und starrte auf den Tisch +herüber in das Gesicht des Kardinals. + +Nur der Glanz seiner Augen verriet, daß er noch lebte; wir andern aber +begriffen, daß sein Geist auf Nimmerwiederkehr versunken war in der Nacht +des Irrsinns. +-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Eshcuid, Mr. Finch, Giovanni Braccesco und ich schieden am nächsten Morgen +voneinander; wortlos, fast ohne Gruß: die letzten bangen Stunden der Nacht +waren zu beredt für jeden von uns gewesen, als daß es unsere Zungen nicht +hätte in Bann legen sollen. + +Lange bin ich noch planlos und einsam über die Erde gewandert, doch keinem +von ihnen bin ich je wieder begegnet. + +Ein einziges Mal nach vielen Jahren hat mich mein Weg in jene Gegend +geführt: von dem Schlosse ragten nur mehr die Mauern, aber zwischen dem +verfallenen Gestein sproßte mannshoch auf im sengenden, grellen +Sonnenbrand, Staude an Staude, ein unabsehbares stahlblaues Beet: + das #Aconitum napellus#. + + + + +Die vier Mondbrüder + +Eine Urkunde + + +Wer ich bin, ist bald gesagt. Vom 25. bis zum 60. Jahr war ich +Kammerdiener beim Herrn Grafen du Chazal. Bis dahin hatte ich als +Gärtnergehilfe die Blumenzucht im Kloster zu Apanua besorgt, woselbst ich +auch einst meine einförmigen düsteren Jugendtage verlebte und dank der +Güte des Abtes Unterricht im Lesen und Schreiben genoß. + +Da ich ein Findling war, nahm mich bei meiner Firmung mein Pate, der alte +Klostergärtner, an Kindes Statt an, und seitdem führe ich rechtmäßig den +Namen Meyrink. + +Soweit ich zurückdenken kann, immer ist mir, als trüge ich um den Kopf +einen eisernen Reifen, der mein Gehirn einschnürt und dasjenige zu +entfalten verhindert, was man gemeinhin Phantasey nennen mag. Fast möchte +ich sagen, es fehlt mir ein innerer Sinn, doch dafür sind meine Augen und +Ohren scharf wie die eines Wilden. Wenn ich die Lider schließe, sehe ich +heute noch mit beklemmender Deutlichkeit die schwarzen starren Umrisse der +Zypressen vor mir, wie sie sich damals von den zerbröckelnden +Klostermauern abhoben, sehe die ausgetretenen Ziegelsteine auf dem Boden +der Kreuzgänge, Stück für Stück, daß ich sie zählen könnte, und doch ist +das alles kalt und stumm -- spricht nicht zu mir, wo doch sonst die Dinge +zum Menschen reden sollen, wie ich schon oft gelesen habe. + +Es geschieht aus Offenheit, daß ich unumwunden sage, wie es mit mir steht, +denn ich will Anspruch haben auf Glaubwürdigkeit; bewegt mich doch die +Hoffnung, daß, was ich hier niederschreibe, Menschen vor Augen kommen +möge, die mehr wissen als ich und mir Licht und Erkenntnis schenken +können, wenn sie dürfen und wollen, über all das, was einer Kette +unlösbarer Rätsel gleich meinen Lebenspfad begleitet hat. + +Sollte nun gar wider jenes vernünftige Ermessen diese Druckschrift den +beiden Freunden meines verewigten zweiten Herrn: Magister Peter Wirtzigh +(gestorben und begraben zu Wernstein am Inn im Jahre des großen Krieges +1914), nämlich den beiden wohlgeborenen Herren Doktores Chrysophron +Zagräus und Sacrobosco Haselmayer, genannt »der rote Tandschur«, zu +Gesicht kommen, so mögen die Herren gerechterweise bedenken, daß es nicht +Schwatzhaftigkeit oder eitel Neugier sein können, die mich bewogen haben, +etwas an den Tag zu geben, was die Herren selbst vielleicht ein +Menschenalter lang geheimhielten, zumal ein Greis von 70 Jahren, wie ich, +über derlei kindischen Firlefanz wohl schon hinausgereift ist, -- daß es +vielmehr Gründe geistiger Art sein dürften, die mich hierzu zwangen, +worunter die Befürchtung meines Herzens: dereinst nach dem Ableben des +Leibes eine -- _Maschine_ zu werden (die Herren werden schon verstehen, was +ich meine), gewißlich kein geringes ist. + +Doch nun zu meiner Geschichte: + +Die ersten Worte, die der Herr Graf du Chazal zu mir sprach, als er mich +in seine Dienste nahm, waren die Frage: + +»Hat je eine Frau in deinem Leben eine Rolle gespielt?« + +Als ich mit gutem Gewissen verneinte, schien er sichtlich zufrieden. + +Die Worte brennen mich heute wie Feuer, ich weiß nicht warum. Silbe für +Silbe denselben Satz fragte mich 35 Jahre später mein zweiter Brotgeber, +Herr Magister Peter Wirtzigh, als ich bei ihm als Diener eintrat: + +»Hat je eine Frau in deinem Leben eine Rolle gespielt?« + +Auch damals konnte ich ruhig verneinen -- hätte es bis heutigen Tag können +--, aber ich kam mir voll Schrecken einen Augenblick lang vor wie eine +leblose Maschine, als ich es sagte, und nicht wie ein menschliches Wesen. + +So oft ich jetzt darüber grüble, schleicht mir ein grausiger Verdacht ins +Hirn; ich kann es nicht in Worte fassen, was ich mir dann denke, aber -- +-- gibt's denn nicht auch Pflanzen, die sich nie recht entwickeln können, +die trostlos verkümmern und wachsgelb bleiben (so als schiene die Sonne +nie auf sie), bloß, weil der Giftsumach in ihrer Nähe wächst und heimlich +an ihren Wurzeln zehrt? + +In den ersten Monaten fühlte ich mich in dem einsamen Schloß, das nur von +dem Herrn Grafen du Chazal, der alten Haushälterin Petronella und mir +bewohnt wurde und buchstäblich angefüllt war mit seltsamen altertümlichen +Geräten, Uhrwerken und Fernrohren, recht unbehaglich, zumal der gnädige +Herr Graf allerlei Absonderlichkeiten an sich hatte. So durfte ich ihm zum +Beispiel wohl beim Anziehen helfen, nie aber beim Auskleiden, und wenn ich +mich dazu erbötig machte, gebrauchte er immer die Ausrede, er wolle noch +lesen; in Wirklichkeit aber -- muß ich annehmen -- streifte er in der +Dunkelheit umher, denn oft waren frühmorgens seine Stiefel dick mit +Schlamm und Moorerde bedeckt, auch wenn er tags vorher den Fuß nicht aus +dem Hause gesetzt hatte. + +Auch sein Aussehen war nicht sehr anheimelnd: klein und schmächtig, wollte +sein Körper nicht recht zum Kopf passen, und obschon wohlgewachsen, machte +der Herr Graf auf mich lange Zeit den Eindruck eines Buckligen, wiewohl +ich mir darüber keine genaue Rechenschaft zu geben vermochte. + +Sein Profil war scharf geschnitten und hatte durch das schmale, +hervorstehende Kinn und den spitzigen, grauen, nach vorn gebogenen Bart +darunter etwas merkwürdig Sichelartiges. Er mußte übrigens eine +unverwüstliche Lebenskraft besitzen, denn er alterte während der langen +Jahre, die ich ihm diente, kaum merklich, höchstens, daß die seinen +Gesichtszügen eigentümliche Halbmondform schärfer und schmäler zu werden +schien. + +Im Dorfe gingen allerlei kuriose Gerüchte über ihn: er würde nicht naß, +wenn es regne, und dergleichen, und so oft er nachtschlafender Zeit an den +Bauernhäusern vorüberginge, blieben jedesmal in den Stuben die Uhren +stehen. + +Ich achtete nie auf solches Geschwätz, denn daß ähnlicherweise zuzeiten +die metallenen Gegenstände im Schlosse, wie Messer, Scheren, Rechen und +dergleichen für ein paar Tage magnetisch wurden, so daß Stahlfedern, Nägel +und anderes daran haften blieb, ist wohl eine nicht weiter wunderbare +Naturerscheinung, denke ich; wenigstens klärte mich der Herr Graf, als ich +ihn einmal fragte, darüber auf. Der Ort stünde auf vulkanischem Boden, +sagte er, auch hingen solche Vorgänge mit dem Vollmond zusammen. + +Überhaupt hatte der Herr Graf eine ungewöhnlich hohe Meinung vom Mond, wie +ich aus folgenden Begebenheiten schließe: + +Ich muß vorausschicken, daß jeden Sommer, genau am 21. Juli, aber immer +nur für vierundzwanzig Stunden, ein über die Maßen wunderlicher Gast zu +Besuch kam: derselbe Herr Doktor Haselmayer, von dem später noch die Rede +sein wird. + +Der Herr Graf sprach von ihm stets als vom »roten Tandschur«, warum, habe +ich nie begriffen, denn der Herr Doktor war nicht nur nicht rothaarig, +sondern hatte überhaupt kein einziges Haar auf dem Kopf und weder +Augenbrauen noch Wimpern. Schon damals machte er auf mich den Eindruck +eines Greises; -- mag sein, daß es von der seltsamen uraltmodischen Tracht +kam, die er jahraus, jahrein trug: einem glanzlosen moosgrünen +Tuchzylinderhut, der nach oben zu ganz eng, fast spitzig wurde, einem +holländischen Sammetwams, Schnallenschuhen und schwarzen Seidenkniehosen +an den beängstigend kurzen und dünnen Beinchen, -- wie gesagt: mag sein, +daß er nur deshalb so, so -- »verstorben« aussah, denn seine hohe, +liebliche Kinderstimme und die wundersam feingeschwungenen Mädchenlippen +sprachen gegen ein hohes Alter. + +Andererseits hat es wohl auf dem ganzen Erdenrund noch nie so erloschene +Augen gegeben, wie er sie besaß. + +Ohne den schuldigen Respekt verletzen zu wollen, möchte ich hinzufügen, +daß er einen Wasserkopf hatte, der überdies zum Erschrecken weich zu sein +schien, -- so weich, wie ein gesottenes abgeschältes Ei, -- nicht nur, was +das kugelrunde, fahle Gesicht anbelangte, sondern auch in Hinblick auf den +Schädel selbst. Wenigstens quoll ihm immer, so oft er den Hut aufsetzte, +alsbald eine Art blutleerer Schlauch unter der Krempe ringsherum auf und, +wenn er den Hut abnahm, brauchte es stets eine bedenklich geraume Zeit, +bis sein Kopf glücklich die ursprüngliche Form zurückgewonnen hatte. + +Von der Minute der Ankunft des Herrn Doktor Haselmayer bis zu seiner +Abreise pflegten er und der gnädige Herr Graf ununterbrochen, ohne auch +nur einen Bissen zu essen, ohne zu schlafen oder zu trinken, vom Monde zu +sprechen und dies mit einem rätselhaften Eifer, den ich nicht verstand. + +Ihre Liebhaberei ging soweit, daß sie, wenn gerade die Zeit des Vollmondes +mit dem 21. Juli zusammentraf, nachts hinaus an den kleinen, sumpfigen +Schloßteich gingen und stundenlang das Spiegelbild der silbrigen +Himmelsscheibe im Wasser anstarrten. + +Einmal, als ich zufällig vorbeiging, bemerkte ich sogar, daß beide Herren +weißliche Brocken -- es werden wohl Semmelkrumen gewesen sein -- in den +Weiher warfen, und als Herr Doktor Haselmayer wahrnahm, daß ich es gesehen +hatte, sagte er rasch: »Wir füttern nur den Mond -- äh, Pardon, soll +heißen: den -- den Schwan.« Nun gab es aber weit und breit keinen Schwan. +Auch Fische nicht. + +Was ich noch in derselben Nacht mit anhören mußte, schien mir in +geheimnisvollem Zusammenhang damit zu stehen, weshalb ich es denn auch +Wort für Wort meinem Gedächtnis eingeprägt und alsbald umständlich zu +Papier gebracht habe: + +Ich lag in meiner Schlafkammer noch eine Weile wach, da hörte ich +plötzlich im Bibliothekzimmer nebenan, das sonst nie betreten wurde, die +Stimme des Herrn Grafen in wohlgesetzter Rede sagen: + +»Nachdem, was wir soeben im Wasser gesehen, mein liebwerter und +hochgeschätzter Doktor, müßte ich sehr irren, wenn nicht unsere Sache +vortrefflich stünde und der alte Rosenkreuzerische Satz: '#post centum +viginti annos patebo#', das ist 'nach 120 Jahren werde ich offenbar' +ganz in unserem Sinne zu deuten wäre. Wahrlich, das nenne ich mir eine +erfreuliche Jahrhundertsonnenwendfeier! Schon im letzten Viertel des +kürzlich verflossenen 19. Jahrhunderts gewann das Mechanische schnell +und sicher die Oberhand, dürfen wir getrost feststellen, aber wenn es so +weiter geht, wie wir hoffen wollen, wird im 20sten die Menschheit bald +kaum mehr Zeit finden, das Tageslicht zu sehen, vor lauter Arbeit, die +vielen und immer zahlreicher werdenden Maschinen zu putzen, zu polieren, +in Tätigkeit zu erhalten und sie auszubessern, wenn sie schadhaft +werden. + +Schon heute kann man füglich sagen, ist die Maschine ein würdiger Zwilling +des weiland goldenen Kalbes geworden, denn wer sein Kind zu Tode quält, +bekommt höchstens 14 Tage Arrest, wer aber irgendeine alte Straßenwalze +beschädigt, muß drei Jahre ins Loch.« + +»Die Herstellung von derlei Triebwerken ist aber auch wesentlich +kostspieliger,« warf Herr Doktor Haselmayer ein. + +»Im allgemeinen, gewiß,« gab Herr Graf du Chazal höflich zu. »Doch das ist +sicherlich nicht der einzige Grund. Das wesentliche dabei scheint mir zu +sein, daß auch der Mensch genau genommen nichts anderes darstellt als ein +halbfertiges Ding, das dazu bestimmt ist, dereinst selbst ein Uhrwerk zu +werden, wofür deutlich spricht, daß gewisse keineswegs nebensächliche +Instinkte, wie zum Beispiel: sich behufs Veredelung der Rasse die richtige +Gattin zu wählen, bei ihm bereits ins Automatenhafte versunken sind. Was +Wunder, daß er in der Maschine seinen wahren Sprößling und Erben sieht und +im leiblichen Nachkommen den Wechselbalg. + +Wenn die Weiber Fahrräder oder Repetierpistolen gebären würden statt +Kindern, sollten Sie mal sehen, wie flott da plötzlich drauflosgeheiratet +würde. Ja, im güldenen Zeitalter, als die Menschen noch weniger entwickelt +waren, da glaubten sie nur das, was sie 'denken' konnten, dann kam +allmählich die Epoche, wo sie nur das glaubten, was sie fressen konnten, +-- aber jetzt erklimmen sie den Gipfel der Vollkommenheit, das heißt: sie +halten bloß das für wirklich, was sie -- verkaufen können. + +Sie nehmen dabei, weil es im vierten Gebot heißt: 'Du sollst Vater und +Mutter ehren' usw. als selbstverständlich an, daß die Maschinen, die sie +in die Welt setzen und mit dem feinsten Spindelöl schmieren, derweilen sie +selbst sich mit Margarine begnügen, ihnen die Mühen der Erzeugung +tausendfach vergelten und Glück in jeder Form bringen werden; nur +vergessen sie ganz: auch aus Maschinen können undankbare Kinder werden. + +In ihrem Vertrauensdusel finden sie sich mit dem Gedanken ab, die +Maschinen seien nur tote Dinge, die auf sie nicht rückwirken und die man +wegwerfen könne, wenn man sie satt hat; -- ja Schnecken! + +Haben Sie schon mal eine Kanone beobachtet, Schätzbarster? Soll die +vielleicht auch 'tot' sein? Ich sage Ihnen, nicht einmal ein General wird +so liebevoll behandelt! Ein General kann einen Schnupfen bekommen und kein +Hahn kräht danach, aber die Kanonen kriegen Schürzen um, damit sie sich +nicht erkälten -- oder 'rosten', was dasselbe ist -- und Hüte auf, daß es +ihnen nicht hineinregne. + +Gut, es ließe sich einwenden: die Kanone brüllt nur, wenn sie mit Pulver +vollgepfropft ist und das Zeichen zum Abfeuern gegeben wird, aber brüllt +denn ein Tenorist nicht auch erst, wenn das Stichwort fällt, und selbst +dann nur, wenn er genügend mit Musiknoten angefüllt ist? Ich sage Ihnen: +im ganzen Weltraum gibt es nicht ein einziges Ding, das wirklich tot +wäre.« + +»Aber unsere traute Heimat, der Mond, ist doch ein abgestorbener +Himmelskörper und ist doch tot?« flötete Herr Doktor Haselmayer +schüchtern. + +»Er ist nicht tot,« belehrte ihn der Herr Graf, »er ist nur das Gesicht +des Todes. Er ist -- wie soll ich es nennen -- die Sammellinse, die +gleich einer Zauberlaterne die lebenerzeugenden Strahlen dieser +vermaledeiten protzenhaften Sonne zur verkehrten Wirkung bringt, +allerlei magisches Bildwerk aus dem Hirn der Lebenden in die scheinbare +Wirklichkeit hineinhext und das giftige Fluidum des Sterbens und der +Verwesung in mannigfaltigster Form und Äußerung zum Keimen und Hauchen +bringt. -- Über die Maßen kurios -- finden Sie nicht auch? --, daß die +Menschen trotzdem gerade den Mond unter allen Gestirnen am meisten +lieben, -- besingen ihn sogar ihre Dichter, die doch im Geruch stehen, +Seher zu sein, mit schwärmerischem Geseufz und Augenverdrehen, und +keinem werden die Lippen blaß vor Grauen bei dem Gedanken, daß seit +Millionen Jahren Monat für Monat eine blutlose kosmische Leiche die Erde +umkreist! Da sind wahrlich die Hunde gescheiter -- insonderheit die +schwarzen --, die ziehen den Schweif ein und heulen den Mond an.« + +»Schrieben Sie mir nicht unlängst, werter Herr Graf, die Maschinen seien +direkt Geschöpfe des Mondes? Wie soll ich das verstehen?«, fragte Herr +Doktor Haselmayer. + +»Dann haben Sie mich falsch verstanden,« unterbrach ihn der Herr Graf. +»Der Mond hat nur das Hirn der Menschen mit Ideen _geschwängert_ durch +seinen giftigen Odem, und die Maschinen sind die sichtbarliche Geburt +daraus. + +Die Sonne hat den Sterblichen den Wunsch in die Seele gepflanzt, reicher +an Freuden zu werden und schließlich den Fluch: im Schweiße des +Angesichtes vergängliche Werke zu schaffen, zu zerbrechen, aber der Mond +-- die geheime Quelle der irdischen Formen -- hat es ihnen in einen +trügerischen Glast getrübet, also daß sie sich in eine falsche +Imagination verliefen und nach außen -- ins Greifbare -- versetzten, was +sie innerlich hätten anschauen sollen. + +Folgedessen die Maschinen sichtbare Titanenleiber worden sind, aus den +Gehirnen entarteter Heroen geboren. + +Und wie denn etwas 'begreifen' und 'schaffen' nichts anderes heißt, als +die Seele die Form dessen annehmen lassen, was man 'siehet' oder +'schaffet' und sich damit eins zu machen, so treiben von nun an die +Menschen hilflos auf dem Wege dahin, sich allmählich selbst in +Maschinen zu verzaubern, bis daß sie dereinst nackend dastehen als +nimmerruhendes stampfendes ächzendes Uhrwerk, -- als das, was sie immer +erfinden wollten: als freudloses Perpetuum mobile. + +Wir aber, wir Brüder vom Monde, werden dann zu Erben des 'ewigen Seins' -- +des einigen unwandelbaren Bewußtseins, das da nicht saget: 'Ich lebe', +sondern 'Ich bin', das da weiß: 'wenn auch das Universum zerbricht +-- ich bleibe.' + +Wie könnte es denn auch sein, -- wenn nicht Formen nur Träume wären, -- +daß _wir_ nach freiem Willen jederzeit unseren Leib gegen einen anderen +zu tauschen, unter den Menschen in menschlicher Gestalt, unter den +Schemen als Schatten, unter den Gedanken als Idee zu erscheinen vermögen +und dies kraft des Geheimnisses, uns unserer Formen gleich eines im +Traum erwählten Spielzeuges zu entäußern? Sowie ein im Halbschlaf +Befangener sich plötzlich seines Träumens bewußt werden kann, den Trug +des Zeitbegriffes in eine neue Gegenwart rücket und dem Verlauf des +Traumes hierdurch eine andere wünschenswertere Richtung gibt: quasi mit +beiden Füßen in einen neuen Körper hineinspringet, sintemalen der +Körper im Grunde nichts ist, als ein mit der Täuschung der Dichtigkeit +behafteter Krampfzustand des alles durchdringenden Äthers.« + +»Vortrefflich gesagt,« jubelte Doktor Haselmayer mit seiner süßen +Mädchenstimme auf, »warum aber wollen wir eigentlich die Irdischen +dieses Glückes der Transfiguration nicht teilhaftig werden lassen? Wäre +das so schlimm?« + +»Schlimm? Unabsehbar! Entsetzlich!« schrillte ihm der Herr Graf in die +Rede. »Man denke: der Mensch mit der Kraft begabt, im Kosmos 'Kultur' zu +verzapfen! + +Wie glauben Sie, Verehrtester, würde da wohl nach 14 Tagen der Mond +aussehen? In sämtlichen Kraterringen Velodrome und ringsherum ein +Rieselfeld für Kloakenwässer. + +Vorausgesetzt, daß man nicht schon früher die dramatische »Kunst« +eingeschleppt und dadurch jeder Vegetationsmöglichkeit ein für allemal +den Boden versauert hätte. + +Oder sehnen Sie sich vielleicht danach, daß die Planeten zur +Börsenstunde telephonisch miteinander verbunden würden und die +Doppelsterne in der Milchstraße amtliche Verehelichungszeugnisse +beibringen müßten? + +Nein, nein, mein Lieber, vorläufig kommt das Universum noch eine +Zeitlang mit dem alten Schlendrian aus. + +Doch, um auf ein erquicklicheres Thema zu kommen, lieber Doktor, -- +überdies ist es höchste Zeit, daß Sie abnehmen, wollte sagen: abreisen, +-- also auf Wiedersehen bei Magister Wirtzigh im August 1914; da ist der +Anfang vom großen Ende und wir wollen doch diese Katastrophe der +Menschheit würdig begehen. Nicht?« + +-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Schon vor den letzten Worten des Herrn Grafen hatte ich mich in meine +Kammerdienerlivree geworfen, um Herrn Doktor Haselmayer beim Einpacken +behilflich zu sein und ihn zum Wagenschlag zu begleiten. + +Einen Augenblick später stand ich auf dem Korridor. + +Doch was mußte ich sehen: der Herr Graf verließ _allein_ das +Bibliothekzimmer, auf den Armen das holländische Wams, die Schnallenschuhe +und Seidenkniehosen sowie den grünen Zylinderhut des Herrn Doktor +Haselmayer -- während dieser selbst spurlos verschwunden war, und so +schritt der gnädige Herr Graf, ohne mich eines Blickes zu würdigen, in +sein Schlafgemach und schloß die Türe hinter sich ab. + +Ich hielt es als wohlerzogener Diener für meine Pflicht, mich über nichts +zu wundern, was meine Herrschaft zu tun für gut fand, konnte aber doch +nicht umhin, den Kopf zu schütteln, und es dauerte längere Zeit, bis ich +zuwege brachte, einzuschlafen. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- +-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Ich muß jetzt viele Jahre überspringen. + +Sie sind eintönig dahingeflossen und stehen in meiner Erinnerung +aufgezeichnet so vergilbt und verstaubt wie Bruchstücke aus einem alten +Buch mit krausen verschnörkelten Begebenheiten darin, die man einst +irgendwann in dumpfem Fieber mit halbem, versiegendem Gedächtnis gelesen +und kaum begriffen hat. + +Nur das eine weiß ich klar: Im Frühjahr 1914 sagte der Herr Graf plötzlich +zu mir: »Ich werde demnächst verreisen. Nach -- -- Mauritius (dabei sah er +mich lauernd an), und ich wünsche, daß du bei meinem Freunde, einem +gewissen Magister Peter Wirtzigh in Wernstein am Inn, in Dienste trittst. +Hast du mich verstanden, Gustav? Übrigens dulde ich keine Widerrede.« + +Ich verbeugte mich stumm. + +Eines schönen Morgens, ohne irgendwelche Vorbereitungen getroffen zu +haben, hatte der Herr Graf das Schloß verlassen, was ich daraus entnahm, +daß ich ihn nicht mehr zu Gesicht bekam und statt seiner ein fremder +Mensch in dem Himmelbett lag, das der Herr Graf zum Schlafen zu benützen +gepflegt. + +Es war, wie man mir später in Wernstein eröffnete, der Herr Magister Peter +Wirtzigh. -- + +Auf des Herrn Magisters Besitztum, von dem man tief hinabsehen konnte auf +den schäumenden Inn, angelangt, ließ ich es mir sogleich angelegen sein, +den mitgebrachten Kisten und Koffern ihren Inhalt zu entnehmen, um ihn in +die Spinde und Truhen zu räumen. + +Eben wollte ich eine höchst sonderbare alte Lampe, geformt wie ein +durchsichtiger japanischer Götze mit unterschlagenen Beinen (den Kopf +bildete eine Kugel aus Milchglas), in deren Innern eine durch Uhrwerk +bewegliche Schlange den Docht mit dem Rachen emporhielt, in einen hohen +gotischen Schrank stellen und öffnete ihn zu diesem Behufe, da erblickte +ich darinnen zu meinem nicht gelinden Entsetzen, aufgehenkt, die baumelnde +Leiche des Herrn Doktor Haselmayer. + +Fast hätte ich vor Schrecken die Lampe fallen lassen, doch zum Glück +erkannte ich noch rechtzeitig, daß es nur die Kleider und der Zylinderhut +des Herrn Doktors waren, die mir das Bild seiner Gestalt vorgetäuscht +hatten. + +Immerhin machte das Erlebnis tiefen Eindruck auf mich und hinterließ ein +Gefühl der Vorahnung wie von etwas Drohendem, Unheilvollem, das ich nicht +abschütteln konnte, trotzdem die folgenden Monate nichts Aufregendes +brachten. + +Herr Magister Wirtzigh war wohl gleichmäßig gütig und freundlich zu mir, +aber er glich Herrn Doktor Haselmayer in vieler Beziehung zu sehr, als daß +mir nicht immer die Begebenheit mit dem Schrank hätte einfallen müssen, so +oft ich ihn ansah. Sein Gesicht war kreisrund, gleich dem des Herrn +Doktors, nur überaus dunkel, fast wie das eines Mohren, denn er litt seit +Jahren an dem unheilbaren Überbleibsel eines langwierigen Gallenleidens: +an Schwarzsucht. Wenn man einige Schritte von ihm entfernt stand und es +war nicht sehr hell im Zimmer, konnte man oft seine Züge gar nicht +unterscheiden, und der schmale, kaum fingerbreite silberweiße Bart, der +sich ihm unterm Kinn bis zu den Ohren hinzog, hob sich in solchen Fällen +von seinem Antlitz ab wie eine mattschimmernde unheimliche Ausstrahlung. + +Der beklemmende Druck, der mich gefangen hielt, wich erst, als im August +die Nachricht von dem Ausbruch eines fürchterlichen Weltkrieges überall +wie der Blitz einschlug. + +Ich erinnerte mich sofort, was ich vor Jahren Herrn Grafen du Chazal über +eine Katastrophe, die der Menschheit bevorstünde, hatte sagen hören, und +es wollte mir vielleicht deshalb nicht gelingen, mit voller Überzeugung in +die Verwünschungen einzustimmen, die die Dorfbevölkerung gegen die +feindlichen Staaten ausstieß; schien es mir doch, als stünde hinter all +dem als Urheber der dunkle Einfluß gewisser haßerfüllter Naturkräfte, die +sich der Menschheit bedienen wie einer Marionette. + +Völlig unbewegt verhielt sich Herr Magister Wirtzigh. So, wie jemand, der +längst alles vorausgesehen hat. + +Erst am 4. September kam eine leichte Unruhe über ihn. Er öffnete eine +Türe, die mir bis dahin verschlossen gewesen, und führte mich in einen +blauen, gewölbten Saal, der nur ein einziges, rundes Fenster in der Decke +hatte. Genau darunter, so daß das Licht unmittelbar darauf fiel, stand ein +runder Tisch aus schwarzem Quarz mit einer muldenförmigen Vertiefung in +der Mitte. Ringsherum goldene, geschnitzte Stühle. + +»Hier diese Mulde,« sagte der Herr Magister, »füllst du heute abend, noch +ehe der Mond aufgeht, mit klarem, kaltem Brunnenwasser. Ich erwarte Besuch +aus Mauritius, und wenn du mich rufen hörst, nimmst du die japanische +Schlangenlampe, zündest sie an -- der Docht wird hoffentlich nur glimmen,« +setzte er halb für sich hinzu, -- »und stellst dich mit ihr so, wie man +eine Fackel hält, dort in die Nische.« -- -- -- -- + +Es war längst Nacht geworden, schlug 11 Uhr, 12 Uhr, und ich wartete und +wartete noch immer. + +Niemand konnte das Haus betreten haben -- ich weiß es gewiß, hätte es +bemerken müssen, denn das Tor war verschlossen und kreischte stets laut, +wenn man es öffnete, aber kein Laut war vernehmbar bis jetzt. + +Eine Totenstille ringsum, daß sich mir das Brausen des Blutes im Ohr +allmählich zur tosenden Brandung steigerte. + +Endlich hörte ich die Stimme des Herrn Magisters meinen Namen rufen -- wie +aus weiter Ferne. So, als käme sie mir aus dem eigenen Herzen. + +Mit der glimmenden Lampe in der Hand, fast betäubt von einer +unerklärlichen Schlaftrunkenheit, die ich noch nie an mir wahrgenommen, +tappte ich mich durch die finsteren Räume in den Saal und stellte mich in +die Nische. + +In der Lampe surrte leise das Uhrwerk, und ich sah durch den rötlichen +Bauch des Götzen den glühenden Docht im Maul der Schlange funkeln, wie sie +langsam kreiste und kaum merklich in Ringen in die Höhe zu kriechen +schien. + +Der Vollmond mußte wohl senkrecht über dem Loch in der Saaldecke stehen, +denn in der Wassermulde des steinernen Tisches schwamm sein Spiegelbild +als regungslose Scheibe aus fahlgrünglühendem Silber. + +Eine lange Zeit glaubte ich, die goldenen Stühle seien leer, doch +allmählich unterschied ich, daß in dreien von ihnen Männer saßen, und +erkannte, als sich ihre Gesichter zögernd bewegten: im Norden den Herrn +Magister Wirtzigh, im Osten einen Fremden (Doktor Chrysophron Zagräus mit +Namen, wie ich aus einem Gespräch, das sie später führten, entnahm), und +im Süden, einen Kranz Mohnblumen auf dem kahlen Schädel -- Doktor +Sacrobosco Haselmayer. + +Nur der Stuhl im Westen war leer. + +Nach und nach mußte wohl auch mein Gehör wach geworden sein, denn Worte +wehten zu mir herüber, zum Teil lateinische, die ich nicht verstand, teils +solche in deutscher Sprache. -- + +Ich sah den Fremden sich vorbeugen, Herrn Doktor Haselmayer auf die Stirn +küssen und hörte ihn sagen »geliebte Braut«. Es folgte noch ein langer +Satz, aber er war zu leise, als daß er mir hätte zu Bewußtsein kommen +können. + +Dann, plötzlich, war Herr Magister Wirtzigh mitten drin in einer +apokalyptischen Rede: + +»Und vor dem Stuhl war ein gläsern Meer gleich dem Kristall, und mitten am +Stuhl und um den Stuhl vier Tiere, voll Augen vorne und hinten. -- -- -- +Und es ging heraus ein ander Pferd, das war fahl, und der darauf saß, des +Name hieß Tod und die Hölle folgte ihm nach. Ihm war gegeben, den Frieden +zu nehmen von der Erde, und daß sie sich untereinander erwürgten; und ihm +ward ein groß Schwert gegeben.« + +»Schwert gegeben«, echoete der Herr Doktor Zagräus, da fiel sein Blick auf +mich, und er hielt inne und fragte flüsternd die übrigen, ob Verlaß auf +mich sei. + +»Er ist längst ein lebloses Uhrwerk geworden in meiner Hand«, beruhigte +ihn der Herr Magister. »Unser Ritual fordert, daß ein für die Erde +Abgestorbener die Fackel hält, wenn wir zusammen sind; er ist wie eine +Leiche, trägt -- seine Seele in der Hand und glaubt, es sei eine +schwelende Lampe.« + +Wilder Hohn klang aus den Worten, und plötzlicher Schreck lähmte mein +Blut, als ich fühlte, daß ich in Wahrheit kein Glied rühren konnte und +starrgeworden war wie ein Toter. + +Wieder nahm Herr Doktor Zagräus das Wort und fuhr fort: »Ja, ja, das Hohe +Lied des Hasses braust durch die Welt. Ich hab ihn mit eigenen Augen +gesehen, der auf dem fahlen Pferde sitzt, und hinter ihm das +tausendgestaltige Heer der Maschinen -- unserer Freunde und +Bundesgenossen. Längst haben sie Selbstmacht gewonnen, aber immer noch +bleiben die Menschen blind und dünken sich Herren über sie. + +Führerlose Lokomotiven, mit Felsblöcken beladen, rasen einher in +wahnwitziger Wut, stürzen sich auf sie und begraben Hunderte und aber +Hunderte unter der Last ihrer eisernen Leiber. + +Der Stickstoff der Luft ballt sich zu neuen furchtbaren Sprengmitteln: die +Natur selbst drängt sich in atemloser Hast, freiwillig ihre besten Schätze +zu geben, um das weiße Scheusal, das seit Jahrmilliarden Narben in ihr +Gesicht gegraben, auszurotten mit Haut und Haar. + +Metallene Ranken mit spitzigen, gräßlichen Dornen wachsen aus dem Boden, +fangen die Beine und zerreißen die Leiber, und mit stummem Jubel zwinkern +die Telegraphen einander zu: Wieder sind Hunderttausend der verhaßten Brut +dahin. + +Hinter Bäumen und Hügeln verborgen lauern die Mörserriesen, die Hälse gen +Himmel gereckt, Erzklumpen zwischen den Zähnen, bis ihnen verräterische +Windmühlen mit den Armen tückische Zeichen winken, Tod und Vernichtung zu +speien. + +Elektrische Vipern zucken unter dem Boden hin -- da!: ein winziger +grünlicher Funken und aufbrüllt ein Erdbeben und verwandelt die Landschaft +in ein Massengrab! + +Mit glühenden Raubtieraugen spähen die Scheinwerfer durch die Finsternis! +Mehr! Mehr! Mehr! Wo sind noch mehr! Und schon kommt's wankend gezogen in +grauen Sterbemänteln -- unabsehbare Scharen, -- die Füße blutig, die Augen +erloschen, taumelnd vor Müdigkeit, halb im Schlaf, mit keuchenden Lungen +und brechenden Knien, -- doch schnell kläffen die Trommeln dazwischen mit +rhythmisch-fanatischem Fakirgebell und peitschen die Furien der +Berserkerwut hinein ins betäubte Gehirn, daß der Wahnwitz des Amoklaufs +heulend losbricht unaufhaltsam, bis der Schauer des Bleiregens nur mehr +auf Leichen trifft. + +Aus Westen und Osten, aus Amerika und Asien strömen sie herbei zum +Kriegstanz, die erzenen Ungeheuer, voll Mordlust die runden Mäuler. + +Haie aus Stahl umschleichen die Küsten, in ihrem Bauch erstickend, die +ihnen einst das Leben gegeben. + +Aber selbst die daheim geblieben sind, die scheinbar »Lauen«, die so lange +weder kalt waren noch warm, -- die früher nur friedliches Werkzeug +gebaren, -- sind aufgewacht und tragen ihr Teil bei zum großen Sterben: +ruhelos fauchen sie ihren glühenden Atem zum Himmel empor Tag und Nacht, +und aus ihren Leibern quillt es, Schwertklingen und Pulverhülsen, Lanzen, +Geschosse. Keines mag da mehr hocken und schlafen. + +Immer neue Riesengeier wollen flügge werden, um über den letzten +Schlupfwinkeln der Menschen zu kreisen, und schon laufen unermüdlich +Tausende Eisenspinnen hin und her, ihnen die silberglänzenden Schwingen zu +weben.« + +Die Rede stockte einen Augenblick, und ich sah, daß Herr Graf du Chazal +plötzlich zugegen war; er stand hinter dem Stuhl im Westen, die Arme über +der Lehne gekreuzt, sein Gesicht war blaß und verfallen. + +Dann fuhr Doktor Zagräus mit eindringlicher Gebärde fort: »Und ist es +nicht eine gespenstische Auferstehung? Was längst zu Petroleum verwest in +Erdenhöhlen geruht hat: -- das Blut und Fett der vorsintflutlichen Drachen +-- regt sich und will wieder lebendig sein. In dickbäuchigen Kesseln +gebrodelt und destilliert, fließt es jetzt als 'Benzin' in die Herzkammern +neuer phantastischer Luftungeheuer und bringt sie zum Stampfen. Benzin und +Drachenblut! -- wer sieht da noch einen Unterschied? Es ist wie das +dämonische Präludium zum Jüngsten Tag.« + +»Sprechen Sie nicht vom Jüngsten Tag, Doktor,« fiel der Herr Graf hastig +ein (ich fühlte, daß eine unbestimmte Furcht in seiner Stimme lag) -- »es +klingt wie ein Vorzeichen.« + +Die Herren standen erstaunt auf: + +»Ein Vorzeichen?« + +»Wir wollten heute zusammenkommen als zu einem Feste,« begann der Herr +Graf, nachdem er lang nach Worten gesucht, »aber es hat meinen Fuß bis zur +jetzigen Stunde festgehalten in -- Mauritius (ich begriff dumpf, daß dem +Worte eine verborgene Bedeutung zugrunde lag und der Herr Graf nicht ein +Land damit meinen konnte); und ich habe lang gezweifelt, ob es richtig +ist, was ich an dem Widerschein sah, der von der Erde zum Monde +emporhaucht. Ich fürchte, ich fürchte, -- und mir wird die Haut kalt vor +Grauen, wenn ich daran denke, -- daß über kurz ein Unerwartetes geschehen +könnte und entrisse uns den Sieg. -- Was will's besagen, daß ich errate: +noch ein geheimer Sinn mag in dem heutigen Krieg liegen: der Weltgeist +will die Völker absondern voneinander, damit sie einzeln stehen wie die +Glieder eines zukünftigen Leibes; was nützt es mir, da ich die letzte +Absicht nicht kenne?! Die Einflüsse, die man nicht sehen kann, sind die +mächtigsten. -- Ich sage euch: + +Ein Unsichtbares wächst und wächst; und ich kann seine Wurzel nicht +finden. + +Ich habe die Zeichen am Himmel gedeutet, die nicht täuschen: ja, auch die +Dämonen der Tiefe rüsten zum Kampf, und bald wird die Haut der Erde sich +schütteln wie das Fell eines Rosses, das von Bremsen geplagt wird; schon +haben die Großen der Finsternis, deren Namen eingeschrieben stehen im +Buche des Hasses, abermalen aus dem Abgrund des Weltraums einen +Kometenstein geschleudert, und dies nach der Erden, wie sie oft einen +solchen Wurf nach der Sonne gerichtet, er aber das Ziel verfehlt hat und +zurückgeflogen ist, wie der Bumerang der australischen Neger rückkehrt in +die Hand des Jägers, wenn er das Opfer nicht getroffen. -- Aber zu wes +Zweck, fragte ich mich, dies große Aufgebot, wo doch der Untergang des +Menschengeschlechts durch das Heer der Maschinen besiegelt scheint? + +Und da lösten sich mir Schuppen von den Augen; doch ich bin noch blind +und kann nur tasten. + +Fühlt ihr nicht auch, wie das Unwägbare, das der Tod nicht greifen kann, +anschwillt zu einem Strom, dagegen die Meere sind wie ein Eimer +Spülicht? + +Was ist es für eine rätselhafte Kraft, die über Nacht alles wegschwemmt, +was klein ist, und das Herz des Bettlers weit macht gleich eines +Apostels! Ich habe gesehen, daß eine arme Lehrerin eine Waise annahm an +Kindesstatt und hat nicht viel Redens davon gemacht -- -- und da kam die +Furcht zu mir. + +Wo ist die Macht des Maschinenhaften in der Welt geblieben, wo Mütter +jubeln, wenn ihre Söhne fallen, statt sich das Haar zu raufen? Und soll's +eine prophetische Rune sein, die zurzeit noch keiner lesen kann: in den +Kaufladen der Städte hängt ein Bild, ein Kreuz in den Vogesen, daran das +Holz weggeschossen ist, und der Menschensohn -- _blieb stehen_? + +Wir hören die Flügel des Todesengels über die Länder brausen, seid ihr +gewiß, daß es nicht die Schwingen eines -- Anderen sind und nicht die des +Todes? Eines von denen, die »Ich« sagen können in jedem Stein, jeder Blume +und jedem Tier, inner- und außerhalb des Raums und der Zeit? + +Nichts kann verloren gehen, heißt es. Wessen Hand sammelt dann diese +Begeisterung, die gleich einer neuen Naturkraft überall frei wird, und was +für Geburt will daraus entstehen und wer wird der Erbe sein! + +Soll wieder Einer kommen, des Schritte keiner hemmen kann -- wie es immer +wieder im Laufe der Jahrtausende geschah von Zeit zu Zeit? Der Gedanke +läßt mich nicht mehr los.« + +»Mag er doch kommen! -- Wenn er nur auch diesmal wiederkommt in Kleidern +von Fleisch und Blut,« fuhr Herr Magister Wirtzigh höhnisch drein. »Sie +werden ihn schon festnageln mit -- Witzen; über grinsendes Lachen hat noch +keiner gesiegt.« + +»Aber er kann kommen _ohne Gestalt_,« murmelte Doktor Chrysophron Zagräus +vor sich hin, »sowie vor kurzem ein Spuk über Nacht die Tiere befiel, daß +Pferde plötzlich rechnen konnten und Hunde -- lesen und schreiben. Was, +wenn er aus den Menschen selbst hervorbricht wie eine Flamme?« + +»Dann müssen wir in den Menschen das Licht durch das Licht betrügen,« +kreischte der Herr Graf du Chazal gellend dazwischen, »wir müssen in ihren +Gehirnen von da an wohnen als neuer falscher Glanz eines trügerischen, +nüchternen Verstandes, bis sie Sonne und Mond verwechseln, und müssen sie +mißtrauen lehren allem, was Licht ist.« -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- +-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Was der Herr Graf noch weiter sagte, ich erinnere mich nicht. Ich konnte +mich mit einemmal wieder bewegen und der glasartige erstarrte Zustand, der +mich bislang umfangen gehalten, wich langsam von mir. Eine Stimme in mir +schien zu flüstern, ich solle mich fürchten, aber ich brachte es nicht +zuwege. + +Dennoch streckte ich wie zum Schutz den Arm mit der Lampe vor. + +Mochte sie dabei ein Luftzug getroffen haben oder hatte die Schlange +darin den Raum im Kopfe des Götzen erreicht, sodaß der glimmende Docht +zur Flamme auflodern konnte, -- ich weiß es nicht. Ich weiß nur, ein +blendendes Licht zersprengte mir plötzlich die Sinne, wiederum hörte ich +meinen Namen rufen und dann fiel ein schwerer Gegenstand dumpf krachend +hin. -- -- + +Es muß wohl mein eigener Körper gewesen sein, denn, als ich einen Moment +meine Augen aufschlug, bevor ich das Bewußtsein verlor, sah ich: ich lag +auf dem Boden, und der Vollmond stand leuchtend über mir; -- das Zimmer +aber schien leer und der Tisch und die Herren waren verschwunden. -- -- +-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Viele Wochen lag ich in tiefer Betäubung danieder und, als ich langsam +genas, erfuhr ich, -- ich habe vergessen, von wem, -- daß Herr Magister +Wirtzigh inzwischen gestorben war und mich zum Erben seines gesamten +Besitzes eingesetzt hatte. + +Aber ich muß wohl noch lange das Bett hüten, und so habe ich denn Zeit, +über das Geschehene nachzudenken und alles niederzuschreiben. + +Nur zuweilen des Nachts kommt es gar seltsam über mich und mir ist, als +gähne in meiner Brust ein leerer Raum, unendlich nach Osten, Süden, +Westen und Norden, und mitten darin schwebt der Mond, wächst zur +glänzenden Scheibe, nimmt ab, wird schwarz, taucht wieder auf als +schmale Sichel, und jedesmal sind seine Phasen die Gesichter der vier +Herren, wie sie zuletzt um den runden steinernen Tisch saßen. Dann +lausche ich gespannt, um mich zu zerstreuen, auf das unbändige Johlen, +das durch die Stille ringsum zu mir herüber dringt aus dem in der +Nachbarschaft gelegenen Raubschloß des wilden Malers Kubin, der dort im +Kreise seiner sieben Söhne wüste Orgien feiert bis zum Morgengrauen. + +Kommt der Tag, so tritt wohl zuweilen die alte Haushälterin Petronella +an mein Bett und sagt: »Nun wie geht's denn, Herr -- _Herr Magister +Wirtzigh_?« Sie will mir nämlich weismachen, einen Grafen du Chazal habe +es seit dem Jahre 1430, wo das Geschlecht erlosch, wie der Herr Pfarrer +genau wisse, nicht mehr gegeben, ich sei ein Schlafwandler gewesen, in +einem Anfall von Mondsucht vom Dach heruntergefallen und hätte mir +jahrelang eingebildet, mein eigener Kammerdiener zu sein. +Selbstverständlich gebe es auch weder einen Doktor Zagräus noch einen +gewissen Sacrobosco Haselmayer. + +»Den roten Tandschur, na ja, den gibt's,« sagt sie zum Schluß jedesmal +drohend. »Er liegt drüben auf dem Ofen und is a chinesisch's Zauberbuch, +hör ich. Aber mer siecht ja, was dabei 'rauskommt, wenn a Christenmensch +so was liest.« + +Ich schweige dazu, denn ich weiß, was ich weiß, aber, wenn die Alte +hinausgegangen ist, stehe ich doch jedesmal heimlich auf, um mir +Gewißheit zu verschaffen, öffne den gotischen Schrank und überzeuge +mich: + +Aber natürlich ja, da steht sie doch, die Schlangenlampe, und darunter +hängen -- der grüne Zylinderhut, das Wams und die Seidenkniehosen des +Herrn Doktor Haselmayer. + + + + + Kurt Wolff Verlag, Leipzig + + Der Golem + + Ein Roman + + von + + Gustav Meyrink + + Im Verlag von Albert Langen in München + erschien von demselben Verfasser: + + Des Deutschen Spießers + Wunderhorn + + Gesammelte Novellen + + in 3 Bänden. 5. Auflage + + + + +Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen: + + Inhaltsverzeichnis: Zeitegeln --> Zeit-egeln + + Seite 24: finstre --> finstere + + Seite 40: man fragt den den jungen Herrn, --> 'den' entfernt + + Seite 74: Die Posaunen versummen. --> Die Posaunen + verstummen. (Druckfehler) + + Seite 94: 'Du kannst eben nicht 'wollen'', fing er + --> einfaches schließendes Anführungszeichen ergänzt + + Seite 116: Eskismos --> Eskimos (Druckfehler) + + Seite 128: ein fach --> einfach (Druckfehler) + + Seite 170: prunktvollen --> prunkvollen (Druckfehler) + + Seite 171: Ich sage Ihnen, 'was wir auch auf Erden vollbringen, + --> Einfaches (überflüssiges) Anführungszeichen vor 'was' entfernt. + + Seite 218: Punkt nach 'einzuschlafen' ergänzt + + Seite 231: deren Namen eingeschrieben 'steht' + --> 'stehen' im Buche des Hasses + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Fledermäuse, by Gustav Meyrink + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FLEDERMÄUSE *** + +***** This file should be named 32014-8.txt or 32014-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/2/0/1/32014/ + +Produced by Norbert H. Langkau, Evelyn Kawrykow, Juliet +Sutherland and the Online Distributed Proofreading Team +at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Fledermäuse + Sieben Geschichten + +Author: Gustav Meyrink + +Release Date: April 16, 2010 [EBook #32014] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FLEDERMÄUSE *** + + + + +Produced by Norbert H. Langkau, Evelyn Kawrykow, Juliet +Sutherland and the Online Distributed Proofreading Team +at https://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + +<div class="note"> +<p class="center"><strong>Anmerkungen zur Transkription:</strong></p> + +<p>Offensichtliche Druckfehler im Text wurden korrigiert, die Schreibweise +ansonsten aber wie im Original belassen.</p> + +<p><strong>Formatierung:</strong> Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Text in Antiqua (nicht in +Fraktur) wurde durch eine andere Schriftart gekennzeichnet: <em class="antiqua">Text</em></p> +</div> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_4" id="Page_4">[4]</a></span></p> + + +<div class="titlepage"> + +<h1>Fledermäuse</h1> + +<h2>Sieben Geschichten<br /> +von<br /> +Gustav Meyrink</h2> + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<h3>Das 21. bis 30. Tausend</h3> +<hr class="hr50" /> +<h2>Kurt Wolff Verlag, Leipzig</h2> + +<!-- <p><span class='pagenum'><a name="Page_5" id="Page_5">[5]</a> --> +<h2>1916</h2> + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<h4><em class="antiqua">Copyright 1916 by</em> Kurt Wolff Verlag, Leipzig<br /> +Gedruckt in der L. C. Wittich’schen Hofbuchdruckerei<br /> +in Darmstadt<br /></h4> + +<!-- <span class='pagenum'><a name="Page_6" id="Page_6">[6]</a></span> --> + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<h2>Meinem Freunde<br /> +August Wärndorfer<br /> +gewidmet</h2> +</div> +<hr class="hr50" /> + + + +<div class="textbody"> + +<h2><a name="Inhalt_1" id="Inhalt_1"></a><a href="#Inhalt_2">Inhalt</a></h2> + +<hr class="hr50" /> + +<p class="chapter"><span class='pagenum'><a name="Page_7" id="Page_7">[7]</a></span> +<a name="Meister_Leonhard" id="Meister_Leonhard"></a>Meister Leonhard</p> + + +<p>Unbeweglich sitzt Meister Leonhard in seinem gotischen Lehnstuhl und +starrt mit weit offenen Augen gerade aus.</p> + +<p>Der Flammenschein des lodernden Reisigfeuers in dem kleinen Herd flackert +über sein härenes Gewand, aber der Glanz kann nicht haften bleiben an der +Regungslosigkeit, die Meister Leonhard umgibt, gleitet ab von dem langen +weißen Bart, dem gefurchten Gesicht und den Greisenhänden, die in ihrer +Totenstille mit dem Braun und Gold der geschnitzten Armlehnen wie +verwachsen sind.</p> + +<p>Meister Leonhard hält seinen Blick zum Fenster gekehrt, vor dem mannshohe +Schneehügel die ruinenhafte halbversunkene Schloßkapelle umgeben, in der +er sitzt, aber im Geiste sieht er hinter sich die kahlen, engen, +schmucklosen Wände, die ärmliche Lagerstätte und das Kruzifix über der +<span class='pagenum'><a name="Page_8" id="Page_8">[8]</a></span> +wurmstichigen Tür – sieht den Wasserkrug, den Laib selbergebackenen +Bucheckernbrotes und das Messer daneben mit dem gekerbten Beingriff in der +Ecknische.</p> + +<p>Er hört, wie draußen die Baumriesen krachen unter dem Frost und sieht die +Eiszapfen im grellen schneidenden Mondlicht herabfunkeln von den +weißbeladenen Ästen. Er sieht seinen eigenen Schatten hinaus durch den +Spitzbogen des Fensters fallen und mit den Silhouetten der Tannen auf dem +glitzernden Schnee ein gespenstisches Spiel treiben, wenn das Feuer der +Kienspäne im Ofen die Hälse reckt oder sich duckt, – dann wieder sieht er +ihn plötzlich zusammengeschrumpft wie zu einer Bockgestalt auf +schwarzblauem Thron und die Knäufe des Lehnstuhls als Teufelshörner über +spitzigen Ohren.</p> + +<p>Ein altes buckliges Weib aus dem Meiler, der stundenweit, jenseits der +Moorheide tief unten im Tale liegt, humpelt mühsam durch den Wald herauf +und zieht einen Handschlitten mit dürrem Holz; erschreckt glotzt sie in +den blendenden Lichtschein und begreift nicht. Ihr Blick fällt auf den +Teufelsschatten im Schnee – sie erfaßt nicht, wo sie ist und daß sie vor +der Kapelle<span class='pagenum'><a name="Page_9" id="Page_9">[9]</a></span> +steht, von der die Sage geht, der letzte gegen den Tod +gefeite Sprosse eines fluchbeladenen Geschlechtes hause darin.</p> + +<p>Voll Entsetzen schlägt sie das Kreuz und hastet mit wankenden Knien zurück +in den Wald.</p> + +<p>Meister Leonhard folgt ihr eine Weile im Geiste auf dem Weg, den sie +nimmt. Er kommt an den brandschwarzen Trümmern des Schlosses vorüber, in +dem seine Jugend verschüttet liegt, aber es berührt ihn nicht: alles ist +ihm Gegenwart, leidlos und klar wie ein Gebilde aus farbiger Luft. Er +sieht sich als Kind unter einer jungen Birke mit bunten Kieseln spielen +und sieht sich zu gleicher Zeit als Greis vor seinem Schatten sitzen.</p> + +<p>Die Gestalt seiner Mutter taucht vor ihm auf mit den ewig zuckenden +Gesichtszügen; alles an ihr bebt in beständiger Unruhe, nur die Haut ihrer +Stirn ist unbeweglich, glatt wie Pergament und straff über den runden +Schädel gespannt, der gleich einer fugenlosen Elfenbeinkugel das Gefängnis +eines summenden Fliegenschwarms unsteter Gedanken zu sein scheint.</p> + +<p>Er hört das ununterbrochene, keine Sekunde pausierende +<span class='pagenum'><a name="Page_10" id="Page_10">[10]</a></span> +Rascheln ihres schwarzen seidenen Kleides, das wie das nervenaufpeitschende +Schwirren von Millionen Insektenflügeln die Räume des Schlosses erfüllt, durch +Boden- und Mauerritzen dringt und Mensch und Tier den Frieden raubt. Selbst die +Dinge stehen unter dem Bann ihrer schmalen, immer befehlsbereiten Lippen, +sind beständig wie auf dem Sprung und keines wagt sich heimisch zu fühlen. +Sie kennt das Leben der Welt nur vom Hörensagen, über den Zweck des +Daseins nachzuforschen, hält sie für überflüssig und für eine Ausrede der +Faulheit; wenn nur von früh bis spät ein zweckloses ameisenhaftes +Umherrennen im Hause herrscht, ein sinnwidriges Da- und Dorthinstellen von +Gegenständen, ein fiebriges Sichmüdemachen bis in den Schlaf hinein und +ein Zermürben ihrer Umgebung, glaubt sie ihre Pflicht gegen das Leben zu +erfüllen. Nie kommt ein Gedanke in ihrem Hirn zu Ende, kaum entsteht er, +wird er schon zu hastiger zweckloser Tat. Sie ist wie der +vorwärtshaspelnde Sekundenmesser einer Uhr, der in seiner +Zwergenhaftigkeit sich einbildet, daß die Welt ins Stocken gerät, +wenn<span class='pagenum'><a name="Page_11" id="Page_11">[11]</a></span> er +nicht dreitausendsechshundertmal zwölfmal des Tages im Kreise +herumzappelt, voll Ungeduld die Zeit in Staub zu zerfeilen, und es nicht +erwarten kann, daß die gelassenen Stundenzeiger die langen Arme heben zum +Schlag auf die Glocke.</p> + +<p>Oft mitten in der Nacht reißt die Besessenheit sie aus dem Bette und sie +weckt die Dienerschaft: die Blumentöpfe, die in unabsehbaren Reihen auf +den Fenstersimsen stehen, müssen sogleich begossen werden; sie ist sich +nicht klar über das »warum«, es genügt: sie +»müssen« begossen werden. Niemand wagt ihr zu widersprechen, +jeder wird stumm angesichts der Erfolglosigkeit, mit dem Schwert des +Verstandes gegen ein Irrlicht kämpfen zu wollen.</p> + +<p>Nie fängt eine Pflanze Wurzel, denn täglich setzt sie sie um, niemals +lassen sich die Vögel auf dem Dach des Schlosses nieder, in Scharen +durchkreuzen sie in dunklem Wandertrieb den Himmel, schwenken hierhin und +dorthin, aufwärts und abwärts, bald zu Punkten werdend, bald breit und +flach wie schwarze flatternde Hände.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_12" id="Page_12">[12]</a></span> +Selbst in den Sonnenstrahlen ist ein ewiges Zittern, denn immer herrscht +Wind und verweht ihr Licht mit jagenden Wolken; es geht ein Schwanken und +Zausen von früh bis abend, von abend bis früh durch die Blätter und Zweige +der Bäume, und nie kommen Früchte zur Reife, – schon der Mai bläst alle +Blüten davon. Die Natur ringsum ist krank von der Unrast im Schlosse.</p> + +<p>Meister Leonhard sieht sich vor seiner Rechentafel sitzen, er ist zwölf +Jahre alt, drückt die Hände fest an die Ohren, um das Schlagen der Türen +und das unablässige Treppauf Treppab der Mägde nicht zu hören und das +Schrillen der Stimme seiner Mutter, – es nützt nichts: die Ziffern werden +eine Herde wimmelnder boshafter winziger Kobolde, laufen ihm durchs Hirn, +durch Nase, Mund und Augen aus und ein und machen sein Blut rasen und +seine Haut brennen. Er versucht’s mit dem Lesen, – umsonst, die +Buchstaben tanzen vor seinen Blicken: ein nicht zu fassender +Mückenschwarm. – »Ob er seine Aufgabe denn immer noch nicht kann?« +schrecken ihn die Lippen der Mutter auf; sie +<span class='pagenum'><a name="Page_13" id="Page_13">[13]</a></span> +wartet die Antwort nicht ab, ihre irren wasserblauen Augen suchen in allen +Ecken, ob nicht irgendwo Staub liegt; Spinnweben, die nicht da sind, +müssen mit Besen abgekehrt, Möbel umgestellt, hinaus und wieder +hereingerückt, Schränke zerlegt und nachgesehen werden, damit sich keine +Motten einnisten, man schraubt die Tischbeine ab und wieder an, Schubladen +fliegen auf und zu, man hängt die Bilder um, reißt Nägel aus den Wänden +und schlägt sie daneben ein, die Dinge geraten in Tobsucht, der Hammer +fliegt vom Stiel, Leitersprossen brechen, Kalk bröckelt von der Decke, +– der Maurer soll sofort kommen! –, Wischtücher klemmen sich +ein, Nadeln fallen aus der Hand und verstecken sich in Dielenritzen, der +Wachhund im Hof reißt sich los, kommt + +mit klirrender Kette herein und rennt die Stehuhr über den Haufen; der +kleine Leonhard bohrt sich von neuem in sein Buch und beißt die Zähne +zusammen, um einen Sinn zu erhaschen aus den schwarzen krummen Haken, die +da drin hintereinander herlaufen, – er soll sich anderswo hinsetzen, der +Sessel muß ausgeklopft werden; er +<span class='pagenum'><a name="Page_14" id="Page_14">[14]</a></span> +lehnt sich, das Buch in der Hand, ans Fensterbrett, – das +Fensterbrett muß gewaschen und weiß gestrichen werden; warum er denn +überall im Weg ist? Und ob er seine Aufgabe jetzt endlich kann? Dann fegt +sie hinaus; die Mägde müssen alles liegen und stehen lassen und rasch ihr +nach und Schaufeln, Äxte und Stangen holen für den Fall, daß im Keller +Ratten sind.</p> + +<p>Das Fensterbrett ist halb gestrichen, von den Stühlen fehlen die Sitze und +das Zimmer gleicht einem Trümmerhaufen; ein dumpfer grenzenloser Haß gegen +die Mutter frißt sich in das Herz des Kindes. Jede Faser in ihm lechzt +nach Ruhe; es sehnt die Nacht herbei, aber selbst der Schlaf bringt ihm +die Stille nicht, wirre Träume halbieren seine Gedanken, so daß aus einem +zwei werden, die einander jagend verfolgen und nie erreichen; die Muskeln +können sich nicht entspannen, der ganze Körper ist in beständiger +Abwehrstellung gegen blitzartig hereinbrechende Befehle, das oder jenes +Sinnlose vollbringen zu sollen.</p> + +<p>Die Spiele während des Tages im Garten entspringen nicht jugendlicher +Lust, die Mutter +<span class='pagenum'><a name="Page_15" id="Page_15">[15]</a></span> +ordnet sie an ohne Verständnis, wie alles, was sie tut, +um sie in der nächsten Minute zu unterbrechen; ein längeres Beharren bei +einer Sache erscheint ihr als Stillstand, gegen den sie glaubt ankämpfen +zu müssen wie gegen den Tod. Das Kind traut sich nicht vom Schlosse weg, +bleibt immer in Hörweite, es fühlt: es gibt kein Entrinnen, ein Schritt zu +weit und schon fällt ein lautes Wort aus den offenen Fenstern herab und +hemmt den Fuß.</p> + +<p>Die kleine Sabine, ein Bauernmädchen, das unten beim Gesinde wohnt und ein +Jahr jünger ist als er, sieht Leonhard nur von weitem, und gelingt es +ihnen, einmal für kurze Minuten zusammenzukommen, reden sie in hastigen +abgerissenen Sätzen, so wie Leute, die von sich begegnenden Schiffen +einander eilige Worte zurufen.</p> + +<p>Der alte Graf, Leonhards Vater, ist lahm auf beiden Füßen, er sitzt den +ganzen Tag im Rollstuhl in seinem Bibliothekszimmer, stets im Begriffe zu +lesen; aber auch hier ist keine Ruhe, stündlich wühlen die nervösen Hände +der Mutter in den Büchern, stauben sie ab und schlagen sie +<span class='pagenum'><a name="Page_16" id="Page_16">[16]</a></span> mit den +Deckeln aneinander, Merkzeichen flattern auf den Boden, Bände, die heute +hier stehen, stehen morgen hoch oben auf den Borden oder türmen sich zu +Bergen, wenn plötzlich die Tapeten hinter den Gestellen mit Brot oder +Bürsten abgerieben werden sollen. Und ist die Gräfin für eine Zeit in den +andern Räumen des Schlosses, so steigert sich nur die Qual des geistigen +Wirrwarrs durch das nagende Gefühl der Erwartung, daß sie jeden Augenblick +unversehens zurückkommen kann.</p> + +<p>Abends, wenn die Kerzen brennen, schleicht sich der kleine Leonhard zu +seinem Vater, um ihm Gesellschaft zu leisten, aber es kommt zu keinem +Gespräch; wie eine Glaswand, durch die hindurch eine Verständigung +unmöglich ist, steht es zwischen ihnen; zuweilen öffnet der Alte, als +fasse er gewaltsam den Entschluß, seinem Kinde etwas Wichtiges, +Einschneidendes zu sagen, mit einem erregten Vorneigen des Gesichtes den +Mund, aber immer bleiben ihm die Worte in der Kehle stecken, er schließt +die Lippen wieder, fährt nur stumm und zärtlich mit der Hand über die +glühheiße Stirne des Knaben, aber +<span class='pagenum'><a name="Page_17" id="Page_17">[17]</a></span> +seine Blicke flackern dabei zur Türe +hin, die jeden Augenblick eine Störung bringen kann.</p> + +<p>Dumpf ahnt das Kind, was in der alten Brust vorgeht: daß es Übervollsein +des Herzens und nicht Leere ist, die die Zunge seines Vaters stumm macht, +und wieder steigt ihm der Haß gegen die Mutter bitter zum Halse hinauf, +die es in Gedanken mit den tiefen Furchen und dem verstörten Ausdruck des +Greisengesichtes in den Kissen des Rollstuhls in unklare Verbindung +bringt; ein leiser Wunsch, man möge eines Morgens die Mutter tot im Bette +finden, wird in ihm wach, und zu der Folter beständiger innerer Unruhe +treten die Qualen eines höllischen Wartens, – es belauert im Spiegel ihre +Züge, ob sich keine Spur von Krankheit in ihnen zeigt, beobachtet ihren +Gang voll Hoffnung, die Zeichen beginnender Müdigkeit zu entdecken. Aber +eine unerschütterliche Gesundheit belebt die Frau, sie kennt kein +Schwachsein, scheint immer neue Kraft zu bekommen, je mehr die Menschen in +ihrer Nähe siech und schlaff werden.</p> + +<p>Von Sabine und der Dienerschaft erfährt +<span class='pagenum'><a name="Page_18" id="Page_18">[18]</a></span> +Leonhard, daß sein Vater ein Philosoph ist, ein Weiser, und daß in den +vielen Büchern lauter Weisheit steht, und er faßt den kindlichen +Entschluß, die Weisheit zu erringen, – vielleicht fällt dann die +unsichtbare Schranke, die ihn von seinem Vater trennt, und die Furchen +werden wieder glatt, das gramvolle Greisengesicht wieder jung.</p> + +<p>Aber niemand kann ihm sagen, was Weisheit ist, und die pathetischen Worte +des Geistlichen, an den er sich wendet: »die Furcht des Herrn, das ist +Weisheit«, machen ihn vollends verwirrt.</p> + +<p>Daß es die Mutter nicht weiß, steht felsenfest bei ihm, und langsam +dämmert ihm daraus die Erkenntnis, daß alles, was sie tut und denkt, das +Gegenteil von Weisheit sein muß.</p> + +<p>Er faßt sich ein Herz und fragt seinen Vater, als sie einen Augenblick +allein sind, was Weisheit ist, – unvermittelt, abgerissen, wie ein +Mensch, der einen Hilferuf ausstößt; er sieht, wie die Muskeln in dem +bartlosen Gesicht seines Vaters arbeiten vor Anstrengung die richtigen +Worte zu finden, die einem wißbegierigen Kindesverstand +<span class='pagenum'><a name="Page_19" id="Page_19">[19]</a></span> +angepaßt sind, – ihm selbst zerspringt der Kopf fast vor +krampfhaftem Bemühen, den Sinn der Rede zu begreifen.</p> + +<p>Er fühlt genau, warum die Sätze so hastig und abgebrochen aus dem +zahnlosen Munde kommen, – daß es wieder die Angst vor Störung durch die +Mutter ist, die Scheu, daß heilige Samenkörner entweiht werden könnten, +wenn sie der zersetzende nüchterne Hauch trifft, den seine Mutter +ausströmt, – daß sie zum Giftkraut werden können, falls er sie +mißversteht.</p> + +<p>All seine Mühe, zu erfassen, ist umsonst, schon hört er laute eilige +Schritte draußen auf dem Gang, die schrillen abgehackten Befehle und das +entsetzliche Rascheln des schwarzen, seidenen Kleides. Die Worte seines +Vaters werden schneller und schneller, er will sie auffangen, um sie sich +zu merken und später darüber nachzudenken, hascht nach ihnen, wie nach +schwirrenden Messern, – sie entgleiten ihm, lassen blutende Schnittwunden +zurück.</p> + +<p>Die atemlosen Sätze: »schon die Sehnsucht nach Weisheit ist Weisheit«, – +»ringe nach einem festen Punkt in dir, dem die Außenwelt +<span class='pagenum'><a name="Page_20" id="Page_20">[20]</a></span> nichts anhaben +kann, mein Kind«, – »sieh alles, was geschieht, wie ein gemaltes lebloses +Bild an und laß dich davon nicht berühren« – bohren sich in sein Herz +ein, aber sie haben eine Maske vor dem Gesicht, die er nicht zu +durchdringen vermag.</p> + +<p>Er will weiter fragen, die Tür springt auf, ein letztes Wort: »laß die +Zeit an dir ablaufen wie Wasser« weht an seinem Ohr vorüber, die Gräfin +rast herein, ein Kübel fällt über die Schwelle, schmutzige Flut ergießt +sich über die Fliesen. »Steh nicht im Weg! Mach’ dich nützlich!« gellt es +ihm nach, wie er voll Verzweiflung die Treppen hinunterläuft in sein +Zimmer. – – – – – – – – – – –</p> + + +<p>Das Bild der Kindheit erlischt, und Meister Leonhard sieht wieder den +weißen Forst im Mondschein vor seinem Kapellenfenster, – nicht schärfer +und nicht schwächer als die Szenen aus seiner Jugend: Vor seinem starren +kristallenen Geist ist Wirklichkeit und Erinnerung gleich leblos und +gleich lebendig.</p> + +<p>Ein Fuchs trabt vorüber, langgestreckt, ohne Laut; der Schnee staubt +glitzrig auf, wo sein +<span class='pagenum'><a name="Page_21" id="Page_21">[21]</a></span> +buschiger Schweif den Boden streift, die Augen +leuchten grün aus dem Dunkel der Stämme, verschwinden im Dickicht.</p> + +<p>Hagere Gestalten in ärmlicher Kleidung, Gesichter, ausdrucksarm und +nichtssagend, verschieden durch das Alter und doch einander so seltsam +ähnlich, erstehen vor Meister Leonhard; er hört ihre Namen flüsternd im +Ohr, gleichgültige alltägliche Namen, die kaum ein Mittel sind, ihre +Träger zu unterscheiden. Er erkennt sie wieder als seine Hauslehrer, die +kommen und nach einem Monat gehen, – nie ist seine Mutter mit ihnen +zufrieden, entläßt einen nach dem andern, weiß keinen Grund dafür und +sucht auch keinen; wenn sie nur da sind und gleich wieder fort wie Blasen +in brodelndem Wasser. Leonhard ist ein Jüngling mit keimendem Flaum auf +der Lippe und bereits so groß wie seine Mutter. Wenn er ihr +gegenübersteht, sind seine Augen auf gleicher Höhe wie die ihrigen, aber +immer muß er wegschauen, wagt den Versuch nicht, zu dem es ihn beständig +reizt und stachelt: ihren leeren fahrigen Blick zu bannen und den +tödlichen Haß hineinzusengen, den er gegen sie +<span class='pagenum'><a name="Page_22" id="Page_22">[22]</a></span> +empfindet; jedesmal würgt er es herunter, fühlt, daß der Speichel in +seinem Munde bitter wie Galle wird und sein Blut vergiftet.</p> + +<p>Er sucht und scharrt in seinem Innern und kann doch die Ursache nicht +finden, die ihn so ohnmächtig macht gegen diese Frau mit ihrem unsteten +fledermaushaften Zickzackflug.</p> + +<p>Ein Chaos von Begriffen dreht sich in seinem Kopf wie ein rasendes Rad, +jeder Herzschlag schwemmt neues Trümmerwerk halbfertiger Gedanken in sein +Hirn und schwemmt es wieder weg.</p> + +<p>Pläne, die keine sind, Ideen, die sich selbst widerlegen, Wünsche ohne +Ziel, blinde heißhungrige Begierden, sich drängend und aneinander +zerschellend, tauchen empor aus den Wirbeln der Tiefe, die sie sofort +wieder einsaugt; Schreie ersticken in der Brust und können nicht an die +Oberfläche.</p> + +<p>Eine wilde heulende Verzweiflung ergreift Besitz von Leonhard, steigert +sich von Tag zu Tag; in jedem Winkel erscheint ihm gespenstig das verhaßte +Gesicht seiner Mutter; aus den Büchern, wenn er sie aufschlägt, springt es +ihm schreckhaft entgegen; er traut sich nicht umzublättern +<span class='pagenum'><a name="Page_23" id="Page_23">[23]</a></span> +aus Angst, es von neuem zu sehen, wagt nicht sich umzudrehen, daß es nicht +leibhaftig hinter ihm stehe: jeder Schatten gerinnt in die gefürchteten +Züge, der eigene Atem rauscht wie das schwarze seidene Kleid.</p> + +<p>Seine Sinne sind wund und empfindlich wie bloßliegende Nerven; wenn er im +Bette liegt, weiß er nicht, ob er träumt oder wacht, und übermannt ihn +endlich der Schlaf, wächst aus dem Boden ihre Gestalt im Hemde, weckt ihn +und schrillt ihn an: Leonhard, schläfst du schon?</p> + +<p>Ein neues, seltsam heißes Gefühl wirft ihn hin und her, beklemmt ihm die +Brust, verfolgt ihn und treibt ihn, die Nähe Sabines zu suchen, ohne daß +er sich klar wird, was er von ihr will; sie ist erwachsen und trägt Röcke +bis zum Knöchel, das Rascheln ihres Kleides erregt ihn noch mehr als das +seiner Mutter.</p> + +<p>Mit seinem Vater ist keine Verständigung mehr möglich: tiefe Nacht umfängt +seinen Geist; in regelmäßigen Zwischenräumen dringt das Stöhnen des +Greises grauenhaft durch die Hetzjagd im Hause, Stunde für Stunde waschen +sie sein Gesicht mit Essig, schieben seinen Sessel +<span class='pagenum'><a name="Page_24" id="Page_24">[24]</a></span> +dahin und dorthin, quälen den Sterbenden zu Tode.</p> + +<hr class="dash" /> + +<p>Leonhard wühlt sich mit dem Kopf in die Kissen, um nicht zu hören, – ein +Diener zupft ihn am Ärmel: »Um Gotteswillen schnell, schnell, mit dem +alten Herrn Grafen geht’s zu Ende«. Leonhard springt auf, begreift nicht, +wo er ist und daß die Sonne scheint, und wieso es nicht +<ins class="correction" title="Original: finstre">finstere</ins> Nacht +wird, wenn sein Vater stirbt; er taumelt, sagt sich mit steifen Lippen +vor, daß er das alles nur träumt, läuft hinüber ins Krankenzimmer; nasse +Handtücher hängen in Reihen zum Trocknen an Wäscheschnüren quer durch den +Raum, Körbe versperren den Weg, der Wind bläst durch die offenen Fenster +herein und bauscht die weiße Leinwand, – ein Röcheln irgendwoher aus der +Ecke.</p> + +<p>Leonhard reißt die Stricke herab, daß die Wäsche naß auf den Boden +klatscht, schleudert alles beiseite, kämpft sich hin zu den brechenden +Augen, die ihm aus dem Rollstuhl, als der letzte Vorhang fällt, blind und +gläsern entgegenstarren, stürzt auf die Knie, drückt die teilnahmslose, +<span class='pagenum'><a name="Page_25" id="Page_25">[25]</a></span> +vom Todesschweiß feuchte Hand an seine Stirn; er will das Wort »Vater« +rufen und kann nicht, es fehlt plötzlich in seinem Gedächtnis; es liegt +ihm auf der Zunge, aber er vergißt es voll Entsetzen in der nächsten +Sekunde, eine wahnsinnige Angst drosselt ihn, daß der Sterbende nicht mehr +zu sich kommt, wenn er ihm das Wort nicht zuruft, – daß nur dieses Wort +allein die Macht hat, das erlöschende Bewußtsein von der Schwelle des +Lebens für einen kurzen Augenblick noch zurückzubringen; er rauft sich das +Haar und schlägt sich ins Gesicht: tausend Worte stürmen zu gleicher Zeit +auf ihn ein, nur das eine, das er mit brennendem Herzen sucht, will nicht +erscheinen, – und das Röcheln wird schwächer und schwächer.</p> + +<p>Stockt.</p> + +<p>Fängt wieder an.</p> + +<p>Bricht ab.</p> + +<p>Verstummt.</p> + +<p>Der Mund klappt auf.</p> + +<p>Bleibt offen stehen.</p> + +<p>»Vater!« schreit Leonhard auf; endlich ist das Wort da, aber der, dem es +gilt, rührt sich nicht mehr.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_26" id="Page_26">[26]</a></span> +Tumult entsteht auf den Treppen; schreiende Stimmen, hallende laufende +Schritte auf den Gängen, der Hund schlägt an, heult dazwischen. Leonhard +achtet nicht darauf, er sieht und fühlt nur die furchtbare Ruhe auf dem +starren leblosen Gesicht; sie erfüllt das Zimmer, strahlt auf ihn über, +hüllt ihn ein. Ein betäubendes Gefühl von Glück, das er nicht kennt, legt +die Hand über sein Herz, ein Empfinden einer unbeweglichen Gegenwart, die +jenseits von Vergangenheit und Zukunft steht, – ein stummes Frohlocken, +daß eine Kraft ringsum schwingt, in die man sich flüchten kann vor der +wirbelnden Unruhe im Haus wie in eine Wolke, die unsichtbar macht.</p> + +<p>Die Luft ist voll Glanz.</p> + +<p>Leonhard stürzen die Tränen aus den Augen. – –</p> + +<p>Ein prasselndes Geräusch, wie die Türe aufspringt, macht ihn +zusammenfahren, seine Mutter eilt herein, – »es ist keine Zeit zum Weinen +jetzt; siehst doch, ’s gibt alle Hände voll zu tun«, trifft es ihn mit +Peitschenhieb; Befehle schwirren, einer hebt den andern auf, die Mägde +schluchzen, +<span class='pagenum'><a name="Page_27" id="Page_27">[27]</a></span> +man jagt sie hinaus, in fliegender Hast schleppen die Diener +die Möbel auf den Gang, Glasscheiben klirren, Arzneiflaschen zerbrechen, +man soll den Doktor holen, nein: den Geistlichen, halt halt, nicht den +Geistlichen: den Totengräber, er soll die Schaufel nicht vergessen, einen +Sarg bringen, Nägel zum Zunageln, die Schloßkapelle aufsperren, die Gruft +herrichten jetzt gleich, auf der Stelle, wo die brennenden Kerzen bleiben +und warum niemand die Leiche aufbahrt! – muß man denn alles zehnmal +sagen!?</p> + +<p>Mit Schaudern sieht Leonhard, wie der tolle Hexentanz des Lebens sogar vor +der Majestät des Todes nicht haltmacht und Schritt für Schritt einen +scheußlichen Sieg gewinnt, – fühlt, daß der Frieden in seiner Brust +zergeht wie ein Hauch.</p> + +<p>Sklavisch gehorsame Hände greifen schon nach dem Rollstuhl mit dem +Verstorbenen darin, um ihn fortzutragen; er will dazwischen springen, den +Toten schützen, breitet die Arme aus, – sie fallen ihm kraftlos herab. Er +beißt die Zähne zusammen und zwingt sich, die Augen seiner Mutter zu +suchen, ob denn keine Spur von +<span class='pagenum'><a name="Page_28" id="Page_28">[28]</a></span> +Leid oder Trauer in ihnen zu lesen ist: +keine Sekunde ist ihr unsteter, ruheloser Affenblick zu fassen, schweift +von Winkel zu Winkel, auf und nieder, von der Decke zur Wand, vom Fenster +zur Tür in wahnwitziger schmeißfliegenhafter Eile und verrät ein Geschöpf +ohne Seele, – eine Besessene, an der Schmerz und Empfindung abprallen wie +Pfeile von einer wirbelnden Scheibe, ein scheußliches Rieseninsekt in +Weibsgestalt, das den Fluch ziel- und zweckloser Arbeit auf Erden +verkörpert. Lähmender Schrecken durchzuckt Leonhard, er starrt sie an wie +ein Wesen, das er zum erstenmal sieht, entsetzt sich vor ihr; sie hat +nichts Menschliches mehr für ihn, ist ihm plötzlich ein urfremdes Geschöpf +aus einer teuflischen Welt, halb Kobold, halb boshaftes Tier.</p> + +<p>Das Gefühl, daß sie seine Mutter ist, läßt ihm das eigene Blut als etwas +Feindseliges, das ihm Leib und Seele zerfrißt, empfinden, macht sein Haar +sträuben, jagt ihm Furcht ein vor sich selbst, hetzt ihn hinaus, – nur +fort, fort aus ihrer Nähe; er flieht in den Park, weiß nicht, was er will, +wohin er soll, rennt +<span class='pagenum'><a name="Page_29" id="Page_29">[29]</a></span> +gegen einen Baum, fällt rücklings zu Boden, verliert das Bewußtsein.</p> + +<hr class="dash" /> + +<p>Meister Leonhard starrt hinein in ein neues Bild, das vorüberzieht wie ein +Fiebertraum: die Kapelle, in der er sitzt, ist hell von Kerzenschein, ein +Priester murmelt vor dem Altar, Geruch von welkenden Kränzen, ein offener +Sarg, der Tote im weißen Rittermantel, die wachsgelben Hände auf der Brust +gefaltet. Goldglanz blinkt um dunkle Heiligenbilder, schwarze Männer +stehen im Halbkreis; betende Lippen, dumpfe kalte Erdluft dringt aus dem +Boden, eine eiserne Falltür mit blankem Kreuz steht halb offen, ein +gähnendes viereckiges Loch darunter führt in die Gruft hinab. Gedämpfter +Gesang in lateinischer Sprache, Sonnenlicht hinter farbigem Glasfenster +wirft grüne, blaue, blutrote Flecken auf schwebende Weihrauchschwaden, +silbernes eindringliches Läuten von der Decke, die Hand des Geistlichen in +spitzenbesetztem Ärmel schwingt den Weihwedel über dem Gesicht des Toten. +– Plötzlich Bewegung ringsum, zwölf weiße Handschuhe werden flink, heben +die Bahre vom Katafalk, schließen +<span class='pagenum'><a name="Page_30" id="Page_30">[30]</a></span> +den Deckel, Seile straffen sich, der Sarg sinkt in die Tiefe; die Männer +steigen die steinernen Stufen hinab, dumpfes Hallen aus dem Gewölbe, Sand +knirscht, feierliche Stille. Lautlos tauchen ernste Gesichter empor aus +der Gruft, die Falltür neigt sich, klappt ins Schloß, Staub wirbelt aus +den Fugen, das blanke Kreuz liegt wagrecht. – Die Kerzen erlöschen, +verglimmen; an ihrer Stelle flackern wieder die Kienspäne auf dem kleinen +Herd, Altar und Heiligenbilder werden zur kahlen Wand. Erde bedeckt die +Quadern, die Kränze zerfallen zu Moder, die Gestalt des Priesters zergeht +in der Luft, Meister Leonhard ist wieder allein mit sich selbst.</p> + +<hr class="dash" /> + +<p>Seit der alte Graf nicht mehr lebt, gärt es unter der Dienerschaft; die +Leute weigern sich, den sinnlosen Befehlen zu gehorchen, einer nach dem +andern schnürt sein Bündel und geht. Die wenigen, die übrigbleiben, sind +trotzig und widerwillig, verrichten nur die nötigste Arbeit, kommen nicht, +wenn man sie ruft.</p> + +<p>Mit zusammengekniffenen Lippen rast Leonhards Mutter nach wie vor durch +alle Stuben, +<span class='pagenum'><a name="Page_31" id="Page_31">[31]</a></span> +aber der helfende Troß fehlt; wutfauchend rüttelt sie an den +schweren Schränken, die sich nicht von der Stelle rühren unter ihren +ungeschickten Griffen, die Kommoden sind wie angeschraubt, Schubladen +spreizen sich, gehen nicht auf, nicht zu; was sie anfaßt, fällt ihr aus +der Hand, niemand hebt es auf; tausend Dinge liegen umher, Gerümpel +sammelt sich an, wächst zu unübersteiglichen Hindernissen – keiner, der +Ordnung schafft. Die Bücherbretter rutschen von den Leisten, eine Lawine +von Bänden verschüttet das Zimmer, macht es unmöglich zum Fenster zu +gelangen, der Wind rüttelt daran, bis die Scheiben zerbrechen; der Regen +ergießt sich in Strömen herein und bald überzieht Schimmel alles mit einer +grauen Decke. Die Gräfin tobt wie eine Irrsinnige, hämmert mit den Fäusten +gegen die Wände, schnappt nach Luft, kreischt, reißt in Fetzen, was sich +zerreißen läßt. Der ohnmächtige Grimm, daß ihr niemand mehr gehorcht, – +daß sie sogar ihren Sohn, der seit seinem Sturz noch am Stocke geht und +nur mühselig humpelt, nicht als Diener verwenden kann, raubt ihr vollends +den letzten Rest von Besinnung: +<span class='pagenum'><a name="Page_32" id="Page_32">[32]</a></span> +oft redet sie stundenlang halblaut mit +sich selbst, knirscht mit den Zähnen, schreit zornig auf, läuft wie ein +wildes Tier durch die Gänge.</p> + +<p>Aber allmählich geht eine seltsame Veränderung in ihr vor, ihre Züge +werden hexenhaft, die Augen bekommen einen grünlichen Schimmer, sie +scheint Phantome zu sehen, horcht plötzlich mit offenem Mund in die Luft +wie auf Worte, die ihr jemand zuflüstert, frägt: was, was, was, was soll +ich?</p> + +<p>Der Dämon in ihr wirft nach und nach die Maske ab, ihr planloser +Tätigkeitsdrang macht einer bewußten berechnenden Bosheit Platz. Sie läßt +die Gegenstände in Ruhe, rührt nichts an; Schmutz und Staub sammelt sich +überall an, die Spiegel erblinden, Unkraut wuchert im Garten, kein Ding +ist mehr am richtigen Ort, die notwendigsten Geräte sind unauffindbar; das +Gesinde macht sich erbötig, den ärgsten Wirrwarr zu beseitigen, sie +verbietet es mit barschen Worten, – es ist ihr recht, daß alles drunter +und drüber geht, die Ziegel vom Dache fallen, das Holzwerk verfault, die +Leinwand verstockt, – mit hämischer Schadenfreude sieht sie, +<span class='pagenum'><a name="Page_33" id="Page_33">[33]</a></span> daß eine +neue Art Qual an Stelle der alten lebenvergällenden Ruhelosigkeit tritt, +ein Verzweiflung erzeugendes Unbehagen ihre Umgebung befällt; sie spricht +mit niemand eine Silbe mehr, gibt keine Befehle, aber alles, was sie tut, +geschieht mit der tückischen Absicht, die Dienerschaft beständig in +Schrecken und Aufregung zu versetzen. Sie spielt die Wahnsinnige, +schleicht sich nachts in die Schlafkammern der Mägde, wirft Krüge krachend +zu Boden, lacht schrill auf. Absperren nützt nichts: sie zieht sämtliche +Schlüssel im Hause ab; – es gibt keine einzige Tür mehr, die sie nicht +mit einem Ruck aufreißen kann. Sie nimmt sich nicht die Zeit, sich zu +kämmen, die Haare hängen ihr wirr um die Schläfen, sie ißt im Gehen, legt +sich nicht mehr schlafen. Halb angezogen, damit das Rascheln der Kleider +ihr Kommen nicht verrät, huscht sie auf leisen Filzschuhen, um wie ein +Gespenst da und dort aufzutauchen, durchs Schloß.</p> + +<p>Selbst in der Nähe der Kapelle geistert sie bei Mondschein umher. Niemand +traut sich mehr hin; das Gerede entsteht, daß der Tote dort spukt.</p> + +<p>Nie läßt sie sich irgendwelche Hilfe leisten, +<span class='pagenum'><a name="Page_34" id="Page_34">[34]</a></span> +was sie braucht, holt sie sich selber; sie weiß genau, daß ihr stummes +blitzartiges Erscheinen mehr Furcht unter dem abergläubischen Gesinde +erzeugt, als wenn sie herrisch auftritt; die Leute verständigen sich nur +noch im Flüsterton, keiner wagt ein lautes Wort, alles ist vom bösen +Gewissen befallen, trotzdem nicht der geringste Grund dazu vorliegt.</p> + +<p>Auf ihren Sohn hat sie es besonders abgesehen; heimtückisch benützt sie +bei jeder Gelegenheit ihr natürliches Übergewicht als Mutter, das Gefühl +der Abhängigkeit in ihm zu vertiefen, schürt seine nervöse Angst, sich nie +unbeobachtet zu wissen, zur Wahnvorstellung beständigen Ertapptwerdens, +bis es wie der Alpdruck ewigen Schuldbewußtseins auf ihm lastet.</p> + +<p>Wenn er es hie und da versucht, sie anzureden, schneidet sie nur höhnische +Grimassen, daß ihm das Wort im Munde quillt und er sich vorkommt wie ein +Verbrecher, dem die Verworfenheit wie ein Brandmal auf der Stirne +geschrieben steht; die dumpfe Furcht, daß sie seine geheimsten Gedanken +lesen könne und wie es mit ihm und Sabine bestellt sei, wird zur +schreckhaften +<span class='pagenum'><a name="Page_35" id="Page_35">[35]</a></span> +Gewißheit, wenn ihr stechender Blick auf ihm ruht; beim +leisesten Geräusch, das er hört, bemüht er sich krampfhaft ein +unbefangenes Gesicht zu machen, – immer weniger gelingt es ihm, je mehr +er sich dazu zwingt.</p> + +<p>Heimliche Sehnsucht und Verliebtheit ineinander spinnen sich an zwischen +Sabine und ihm. Sie stecken sich Briefchen zu, empfinden es als Todsünde; +bald verdorren unter dem Pesthauch des immerwährenden Sichverfolgtfühlens +alle zarteren Triebe, und eine unbändige tierische Brunst erfaßt sie. Sie +stellen sich auf an Ecken, wo zwei Gänge sich kreuzen, so daß sie einander +zwar nicht sehen, aber eines der beiden das Kommen der Gräfin bemerken muß +und den anderen Teil warnen kann, – so sprechen sie mitsammen in der +Angst, die kostbaren Minuten zu verlieren, ohne jede Umschreibung, nennen +die Dinge unverblümt beim Namen, erhitzen gegenseitig ihr Blut immer mehr +und mehr.</p> + +<p>Aber der Raum um sie wird enger und enger. Als ob die Alte ahnt, was +vorgeht, versperrt sie das zweite Stockwerk, dann das erste; nur das +Erdgeschoß, wo das Gesinde aus- und eingeht, +<span class='pagenum'><a name="Page_36" id="Page_36">[36]</a></span> +steht noch zur Verfügung; sich auf weitere Strecken vom Schloß zu +entfernen, ist verboten, der Park bietet keine Schlupfwinkel weder bei Tag +noch bei Nacht; erhellt ihn das Mondlicht; kann man ihre Gestalten von den +Fenstern aus sehen, ist es dunkel, droht jeden Augenblick die Gefahr +beschlichen zu werden.</p> + +<p>Ihre Begierden wachsen ins Unbezähmbare, je mehr sie sie unterdrücken +müssen; offen die Schranken zu durchbrechen, kommt ihnen nicht entfernt in +den Sinn: die Zwangsvorstellung, wehrlos wie Sklaven unter einer fremden +dämonischen Macht zu stehen, die über Leben und Tod gebieten kann, ist +ihnen von Kindheit an zu tief eingeimpft, als daß sie auch nur den Versuch +wagten, einander in Gegenwart seiner Mutter ins Gesicht zu sehen.</p> + +<hr class="dash" /> + +<p>Ein glutheißer Sommer dorrt die Wiesen, der Erdboden klafft vor +Trockenheit, abends flammt der Himmel im Wetterleuchten. Das Gras ist +gelb, betäubt die Sinne mit schwülem Heugeruch, heiße Luft zittert um die +Mauern; die Brunst der beiden erreicht ihren höchsten +<span class='pagenum'><a name="Page_37" id="Page_37">[37]</a></span> Grad, ihr ganzes +Sinnen und Trachten richtet sich auf einen Punkt; wenn sie sich erblicken, +können sie sich kaum halten, nicht übereinander herzufallen.</p> + +<p>Eine schlaflose fiebrige Nacht mit wachen, wilden, begehrlichen Träumen. +So oft sie die Augen öffnen, sehen sie Leonhards Mutter hereinspähen, +hören ihr Schleichen an den Schwellen, – sie nehmen es wahr halb als +Wirklichkeit, halb als ein Hirngespinst, kümmern sich kaum darum, können +den kommenden Tag nicht erwarten, um sich endlich, koste es was es wolle, +in der Kapelle zu treffen.</p> + +<p>Den ganzen Morgen bleiben sie in ihren Zimmern und horchen mit stockendem +Atem und bebenden Knien an den Türspalten auf Anzeichen, daß sich die Alte +in entlegeneren Teilen des Schlosses befindet.</p> + +<p>Stunde um Stunde vergeht in markversengender Qual, es schlägt Mittag: da +– ein Geräusch wie von klirrenden Schlüsseln im Innern des Hauses, das +ihnen Sicherheit vortäuscht; – sie stürzen hinaus in den Garten; die +Pforte der Kapelle ist angelehnt, sie stoßen sie auf, schlagen +<span class='pagenum'><a name="Page_38" id="Page_38">[38]</a></span> sie hinter +sich zu, daß sie knallend in den Riegel schnappt.</p> + +<hr class="dash" /> + +<p>Sie sehen nicht, daß die eiserne Falltür, die hinab zur Gruft führt, +offensteht, nur von einer Holzspreize gestützt, – sehen das gähnende +viereckige Loch im Boden nicht, fühlen den eiskalten Hauch nicht, der aus +dem Totengewölbe dringt; sie verschlingen sich mit den Blicken wie +Raubtiere; Sabine will reden, – bringt nur ein lechzendes Lallen hervor; +Leonhard reißt ihr die Kleider vom Leib, wirft sich über sie; keuchend +verbeißen sie sich ineinander.</p> + +<p>Im Sinnenrausch entschwindet ihnen das Verständnis für ihre Umgebung; +schlürfende Schritte tasten die steinernen Stufen aus der Gruft herauf, +sie hören es deutlich, aber es bleibt für ihr Bewußtsein dessen, was +vorgeht, belanglos wie Rascheln von Laub.</p> + +<p>Hände tauchen aus dem Schacht, suchen einen Halt an den Rändern der +Quadern, ziehen sich empor.</p> + +<p>Langsam wächst eine Gestalt aus dem Boden; Sabine sieht es mit +halbgeschlossenen Lidern, wie hinter roten Schleiern; plötzlich +durchzuckt +<span class='pagenum'><a name="Page_39" id="Page_39">[39]</a></span> +sie die jähe Erkenntnis der Lage, sie stößt einen gellenden +Schrei aus: – es ist die grauenhafte Alte, dieses furchtbare Überall und +Nirgends, die da aus der Erde steigt.</p> + +<p>Entsetzt springt Leonhard auf, starrt einen Moment wie gelähmt in das +hämisch verzerrte Gesicht seiner Mutter, dann bricht eine schäumende +wahnwitzige Wut in ihm los; mit einem Fußtritt schleudert er die +Holzspreize fort: die Falltür saust hernieder, trifft krachend den Schädel +der Alten und schmettert sie in die Tiefe, daß man hört, wie ihr Körper +dumpf unten aufschlägt. –</p> + +<p>Unfähig, ein Glied zu rühren, stehen die beiden mit aufgerissenen Augen +und stieren sich wortlos an. Die Beine schlottern ihnen unter dem Leib.</p> + +<p>Langsam kauert sich Sabine nieder, um nicht umzufallen, verbirgt stöhnend +das Gesicht in den Händen; Leonhard schleppt sich zum Betstuhl. Laut +schlagen seine Zähne zusammen.</p> + +<p>Minuten vergehen. Keines wagt sich zu bewegen, ihre Blicke weichen +einander aus; dann, von demselben Gedanken gepeitscht, stürzen sie zur Tür +ins Freie, zurück ins Haus wie von +<span class='pagenum'><a name="Page_40" id="Page_40">[40]</a></span> Furien gehetzt.</p> + +<hr class="dash" /> + +<p>Das Abendrot verwandelt das Wasser im Brunnen in eine Blutlache, die +Fenster des Schlosses glühen in lohenden Flammen, die Schatten der Bäume +wachsen zu langen dünnen schwarzen Armen, die sich mit Zoll um Zoll +vorwärts schleichenden Fingern über den Rasen tasten, das letzte Zirpen +der Grillen zu ersticken. Der Glanz der Luft wird stumpf unter dem Atem +der Dämmerung. Dunkelblaue Nacht zieht auf.</p> + +<p>Kopfschüttelnd tauscht die Dienerschaft Vermutungen, wo die Gräfin bleibt; +man fragt <ins class="correction" title="überflüssiges 'den' entfernt">den</ins> +jungen Herrn, er zuckt die Achseln, wendet das Gesicht ab, +damit sie seine Leichenblässe nicht sehen.</p> + +<p>Brennende Laternen schwanken durch den Park; man sucht die Ufer des +Teiches ab, leuchtet ins Wasser, es ist schwarz wie Asphalt und wirft den +Schein zurück; die Mondsichel schwimmt darauf, aufgescheucht flattern die +Sumpfvögel im Schilf.</p> + +<p>Der alte Gärtner bindet den Hund los, durchstreift den Forst ringsum, +seine rufende Stimme +<span class='pagenum'><a name="Page_41" id="Page_41">[41]</a></span> +dringt zuweilen herüber aus weiter Ferne; jedesmal +fährt Leonhard auf, das Haar sträubt sich ihm, sein Blut stockt, denn er +glaubt, es kann seine Mutter sein, die da aufschreit unter der Erde.</p> + +<p>Die Uhr zeigt auf Mitternacht. Noch immer ist der Mann nicht zurück, das +unbestimmte Gefühl eines drohenden Unheils legt sich dem Gesinde auf die +Brust; sie sitzen zusammengedrängt in der Küche, erzählen einander +schauerliche Geschichten von dem rätselhaften Verschwinden von Menschen, +die dann als Werwölfe die Gräber aufscharren und sich von den Leibern der +Toten nähren.</p> + +<p>Tage und Wochen schwinden dahin: keine Spur von der Gräfin; man fordert +Leonhard auf, er soll eine Messe lesen lassen für ihr Seelenheil, er +schlägt es heftig ab. Die Kapelle wird ausgeräumt, nur ein geschnitzter +goldener Betstuhl bleibt darin, in dem er stundenlang zu sitzen pflegt und +vor sich hinbrütet; er duldet nicht, daß irgend jemand den Raum betritt. +Das Gerede entsteht, daß, wenn man durchs Schlüsselloch hineinspäht, man +ihn oft mit dem +<span class='pagenum'><a name="Page_42" id="Page_42">[42]</a></span> +Ohr auf dem Boden liegen sieht, als horche er in die Gruft hinunter.</p> + +<p>Nachts schläft Sabine in seinem Bett, sie machen kein Hehl daraus, daß sie +zusammenleben wie Mann und Weib.</p> + +<p>Das Gerücht von einem geheimnisvollen Mord dringt ins Dorf hinüber, will +nicht verstummen, frißt sich immer weiter und weiter ins Land; eines Tages +fährt ein spindeldürrer Ratsschreiber mit Perücke in einer gelben +Postkutsche vor, Leonhard sperrt sich mit ihm lange ein; der Mann reist +wieder ab, Monate vergehen und man hört nichts mehr von ihm, dennoch will +das bösartige Geraune im Schloß kein Ende nehmen.</p> + +<p>Niemand zweifelt, daß die Gräfin tot sein muß, aber sie lebt weiter als +unsichtbares Gespenst, jeder fühlt ihre boshafte Gegenwart.</p> + +<p>Man begegnet Sabinen mit finsteren Blicken, mißt ihr irgendwie die Schuld +bei an dem Geschehnis, bricht plötzlich das Gespräch ab, wenn der junge +Graf erscheint.</p> + +<p>Leonhard sieht alles, was vorgeht, aber er tut als ob er es nicht merke, +trägt ein abstoßendes herrisches Wesen zur Schau.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_43" id="Page_43">[43]</a></span> +Im Hause bleibt alles beim alten; Schlingpflanzen klettern die Mauern +empor, Mäuse, Ratten und Eulen nisten in den Zimmern, das Dach ist +brüchig, freiliegendes Gebälk wird morsch und faul.</p> + +<p>Nur in der Bibliothek herrscht einigermaßen Ordnung, aber die Bücher sind +fast vermodert von der Nässe des Regens und kaum mehr leserlich.</p> + +<p>Ganze Tage hockt Leonhard über den alten Bänden, sucht mühsam die +halbverwischten Blätter zu entziffern, die die ruckweise hingeworfenen +Schriftzüge seines Vaters tragen; und immer muß Sabine in seiner Nähe +sein.</p> + +<p>Wenn sie sich entfernt, erfaßt ihn eine wilde Unruhe, selbst in die +Kapelle geht er nicht mehr ohne sie; aber sie sprechen nie mitsammen, nur +in der Nacht, wenn er bei ihr liegt, kommt es wie ein Delirium über ihn +und seine Erinnerung speit in verworrenen endlosen hastigen Sätzen wieder +aus, was er tagsüber aus den Büchern in sich schlingt; er fühlt genau, +warum er es tun muß, – daß es nur der Verzweiflungskampf seines Hirns +ist, das sich mit jeder Faser +<span class='pagenum'><a name="Page_44" id="Page_44">[44]</a></span> +wehrt, um das entsetzliche Bild der ermordeten Mutter nicht im Dunkeln +deutlich werden zu lassen, das gräßliche schmetternde Krachen der Falltür, +das sich wieder und wieder ins Ohr drängen will, durch den Laut der +eigenen Worte zu übertönen; Sabine hört ihm in starrer Regungslosigkeit +zu, unterbricht ihn mit keiner Silbe, aber er fühlt, daß sie nichts erfaßt +von dem, was er sagt, liest aus dem leeren Blick ihrer Augen, die +immerwährend auf ein und denselben Punkt in der Ferne schauen, woran sie +ohne Unterlaß denken muß.</p> + +<p>Dem Druck seiner Hand antworten ihre Finger erst nach langen Minuten, aus +ihrem Herzen kommt kein Echo; er sucht sich und sie in den Strudel der +Leidenschaft zu stürzen, um zurückzufinden in die Tage, die vor dem +Geschehnis liegen, und sie zum Ausgangspunkt eines neuen Daseins zu +machen. Sabine erwidert seine Umarmung wie in tiefem Schlummer, und ihm +graut vor ihrem schwangeren Leib, in dem ein Kind als Zeuge einer Mordtat +dem Leben entgegenreift.</p> + +<p>Sein Schlaf ist bleiern und ohne Traum, dennoch +<span class='pagenum'><a name="Page_45" id="Page_45">[45]</a></span> +bringt er kein Vergessen; es ist das Versinken in grenzenloses Alleinsein, +in dem selbst die Bilder des Schreckens dem Anblick entschwinden und nur +das Gefühl einer würgenden Qual zurückbleibt, – ein plötzliches +Dunkelwerden der Sinne, wie es ein Mensch empfindet, der mit geschlossenen +Augen beim nächsten Pulsschlag den Hieb des Henkerbeils erwartet.</p> + +<p>Jeden Morgen, wenn Leonhard erwacht, will er sich aufraffen, den Kerker +der marternden Erinnerung zu durchbrechen, ruft sich die Worte seines +Vaters, nach einem festen Punkt in seinem Innern zu suchen, ins Gedächtnis +zurück – da fällt sein Blick auf Sabine, er sieht, wie sie ein Lächeln zu +erzwingen versucht, ihre Lippen nur zu einem Krampf verzerren kann, und +wiederum beginnt die wilde Flucht vor sich selbst.</p> + +<p>Er beschließt, sich eine andere Umgebung zu schaffen, schickt die +Dienerschaft fort, behält bloß den alten Gärtner und dessen Weib: die +Einsamkeit mit ihrem Lauern wird nur um so tiefer, das Gespenst der +Vergangenheit lebendiger und lebendiger.</p> + +<p>Es ist nicht böses Gewissen und das Schuldbewußtsein +<span class='pagenum'><a name="Page_46" id="Page_46">[46]</a></span> der Bluttat, das +Leonhard elend macht, – keine Sekunde beschleicht ihn Reue: der Haß gegen +die Mutter ist so riesengroß wie am Sterbetag seines Vaters, aber daß sie +jetzt als unsichtbare Kraft zugegen ist, zwischen ihm und Sabine steht als +gestaltloser Schemen, den er nicht bannen kann, daß er die furchtbaren +Augen beständig auf sich ruhen fühlt, die Szene in der Kapelle +immerwährend in sich herumschleppen muß wie eine ewig eiternde Wunde, ist +es, was ihn bis zum Wahnsinn foltert.</p> + +<p>Er glaubt nicht, daß die Toten wieder auf Erden erscheinen können, aber +daß sie weiterleben auf viel schrecklichere Art auch ohne Hülle, nur als +teuflischer Einfluß, gegen den nicht Tür, noch Riegel, kein Fluch, kein +Gebet schützen, erfährt er als Gewißheit an sich selbst, sieht es täglich +an Sabine. Jeder Gegenstand im Haus ruft die Erinnerung an seine Mutter +wach, kein Ding, das nicht verseucht ist von ihrer Berührung, nicht +stündlich ihr Bild neu in ihm gebärt; die Falten der Vorhänge, zerknüllte +Wäsche, die Maser der Täfelung, die Linien +<span class='pagenum'><a name="Page_47" id="Page_47">[47]</a></span> +und Punkte in den Fliesen, – alles, was er anblickt, formt sich zu +ihrem Antlitz; die Ähnlichkeit mit ihren Zügen springt ihm wie eine Viper +aus dem Spiegel entgegen, macht seinen Herzschlag kalt in dumpfem Bangen: +das Unmögliche könne sich begeben, daß sich sein Gesicht plötzlich in das +ihre verwandle, – ihm anhafte als grausige Erbschaft bis zum +Lebensende.</p> + +<p>Die Luft ist voll von ihrer erstickenden geisterhaften Anwesenheit; das +Knacken der Dielen klingt, als stamme es vom Tritt ihres Fußes, weder +Kälte noch Hitze vertreiben sie, ob Herbst ist, klarer eisiger Wintertag, +lauer süchtiger Frühlingswind, sie wehen nur über die Oberfläche, – keine +Jahreszeit, keine äußere Veränderung kann ihr etwas anhaben, +ununterbrochen ringt sie nach Gestaltung, nach immer deutlicherem +Sichtbarwerden, nach bleibendem Zurformgerinnen.</p> + +<p>Leonhard fühlt es wie einen unabwälzbaren Felsblock innerer Überzeugung +auf sich lasten, daß es ihr eines Tages gelingen muß, wenn er es sich auch +nicht ausdenken kann, auf welche Weise es geschehen mag.</p> + +<p>Nur aus dem eigenen Herzen kann ihm noch +<span class='pagenum'><a name="Page_48" id="Page_48">[48]</a></span> +Hilfe kommen, denn die Außenwelt ist mit ihr im Bündnis, begreift er. Aber +die einst von seinem Vater in ihn gepflanzte Saat scheint verwelkt, der +kurze Augenblick des Erlöstseins und des Friedens von damals will nicht +wiederkehren; so sehr er sich auch abmüht, sie in sich zu erwecken, er +kann nur die schalen Eindrücke heraufbeschwören, die wie künstliche Blumen +sind, ohne Duft, mit Stengeln aus häßlichem Draht.</p> + +<p>Er sucht ihnen Leben einzuhauchen, indem er die Bücher liest, die das +geistige Band schlingen zwischen ihm und seinem Vater, doch sie rufen +keinen Widerhall hervor in ihm, bleiben ein Labyrinth von Begriffen.</p> + +<p>Fremdartige Dinge geraten in seine Hände, wie er mit dem steinalten +Gärtner zusammen unter dem Wust von Folianten gräbt: Pergamente in +Chifferschrift, Bilder, die einen Bock darstellen mit goldenem bärtigen +Männergesicht Teufelshörner an den Schläfen, und Ritter in weißen Mänteln, +die Hände zum Gebet gefaltet, davor, mit Kreuzen auf der Brust, die nicht +aus Balken gefügt sind, sondern aus vier +<span class='pagenum'><a name="Page_49" id="Page_49">[49]</a></span> +in den Knien rechtwinkelig gebeugten, laufenden Menschenbeinen: – +das Satanskreuz der Templer, wie ihm der Gärtner widerstrebend sagt, +– dann ein kleines verblaßtes Porträt einer altmodisch gekleideten +Matrone, nach dem in bunten Glasperlen gestickten Namen, der darunter +steht: seine Großmutter – mit zwei Kindern auf dem Schoß, einem +Knaben und einem Mädchen, deren Züge ihm seltsam bekannt vorkamen, so daß +er lange den Blick von ihnen nicht wenden kann und die dunkle Ahnung in +ihm aufsteigt, es müssen seine Eltern sein, trotzdem es offenbar +Geschwister sind.</p> + +<p>Die plötzliche Unruhe im Gesicht des Alten, die Scheu, mit der er seinen +Augen ausweicht, hartnäckig alle Fragen, wer die beiden Kinder sein mögen, +überhört, bestärken in ihm den Verdacht, daß er einem Geheimnis auf der +Spur ist, das ihn betrifft.</p> + +<p>Ein Bündel vergilbter Briefe scheint zu dem Bild zu gehören, denn es liegt +in derselben Schatulle; Leonhard nimmt es zu sich, beschließt, es noch +heute zu lesen.</p> + +<hr class="dash" /> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_50" id="Page_50">[50]</a></span> +Es ist die erste Nacht seit langem, die er allein und ohne Sabine +verbringt, – sie fühlt sich zu schwach bei ihm zu sein, klagt über +Schmerzen.</p> + +<p>Er geht im Sterbezimmer seines Vaters auf und nieder, die Briefe liegen +auf dem Tisch, er will sie zu lesen beginnen, verschiebt es wie unter +einem Zwang immer wieder.</p> + +<p>Eine neue unbestimmte Furcht, als stehe jemand Unsichtbarer hinter ihm und +halte einen Dolch gezückt, drosselt ihn; er weiß: diesmal ist es nicht die +spukhafte Nähe seiner Mutter, die ihm den Angstschweiß aus allen Poren +treibt, – es sind die Schatten einer fernen Vergangenheit, die an die +Briefe gebunden sind und darauf lauern, ihn in ihr Reich hinabzuziehen.</p> + +<p>Er tritt ans Fenster, sieht hinaus: ringsum atemlose Totenstille, zwei +große Sterne stehen dicht beisammen am südlichen Himmel, ihr Anblick ist +ihm sonderbar fremd, wühlt ihn auf, er weiß nicht warum, – erweckt das +Vorgefühl, daß etwas Riesenhaftes hereinbrechen will; wie zwei leuchtende +Fingerspitzen ist es auf ihn gerichtet.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_51" id="Page_51">[51]</a></span> +Er wendet sich zurück ins Zimmer, die Flammen der beiden Kerzen auf dem +Tisch warten regungslos gleich drohenden Boten aus dem Jenseits; es ist, +als komme ihr Schein von weither – von einem Ort, wohin keines +Sterblichen Hand sie stellen kann; unmerklich schleicht sich die Stunde +heran, leise, wie Asche fällt, wandern die Zeiger der Uhr.</p> + +<p>Leonhard glaubt einen Schrei unten im Schloß zu hören; er horcht: alles +liegt stumm.</p> + +<p>Er liest die Briefe: das Leben seines Vaters entrollt sich vor ihm, der +Kampf eines unbändigen Geistes, der sich bäumt gegen alles, was Gesetz +heißt; ein Titan reckt sich vor ihm auf, der keine Ähnlichkeit hat mit dem +gebrochenen Greis, den er als seinen Vater kennt, die Gestalt eines +Menschen, der über Leichen geht, wenn es sein muß, und sich laut rühmt +gleich all seinen Ahnen ein geweihter Ritter der echten Templer zu sein, +die den Satan zum Schöpfer der Welt erheben und schon das Wort »Gnade« als +unauslöschlichen Schimpf empfinden. Tagebuchblätter sind dazwischen, die +die Qual einer verdurstenden Seele schildern und die +<span class='pagenum'><a name="Page_52" id="Page_52">[52]</a></span> Ohnmacht eines +Geistes mit von den Mottenschwärmen des Alltags zerfressenen Schwingen +andeuten: umzukehren auf einem Pfad, der hinabführt in Dunkelheit von +Abgrund zu Abgrund, in Wahnsinn enden muß und jegliches »zurück« +vereitelt.</p> + +<p>Wie ein roter Faden zieht sich der stetig wiederkehrende Hinweis durch +alles, daß es ein ganzes Geschlecht ist, das hier seit Jahrhunderten von +Verbrechen zu Verbrechen gepeitscht wird, – vom Vater auf den Sohn das +finstere Vermächtnis vererbt, nicht zur innern Ruhe gelangen zu können, da +jedesmal ein Weib, sei es als Gattin, Mutter oder Tochter, bald als Opfer +einer Blutschuld, bald als Urheberin selbst, den Weg zum geistigen Frieden +durchkreuzt; – aber immer wieder leuchtet nach Stellen tiefster +Verzweiflung wie ein unbesiegbarer Stern die Hoffnung auf: und doch und +doch kommt einer aus unserem Stamm, der aufrecht stehenbleibt, dem Fluch +ein Ende bereitet und die »Krone des Meisters« erringt.</p> + +<p>Mit jagenden Pulsen überfliegt Leonhard Episoden voll glühender +Leidenschaft seines<span class='pagenum'><a name="Page_53" id="Page_53">[53]</a></span> +Vaters zur – eigenen Schwester, die ihm enthüllen, daß er selbst die +Frucht jener Verbindung ist, und nicht nur er: – auch Sabine!</p> + +<p>Jetzt wird ihm klar, warum Sabine nicht weiß, wer ihre Eltern sind, – daß +kein Zeichen ihre wahre Herkunft verrät. Er sieht die Vergangenheit +lebendig werden und versteht: sein Vater selber ist es, der schützend vor +ihn die Arme breitet, indem er Sabine als Bauernmädchen – als Leibeigene +niedersten Ranges – erziehen läßt, damit sie beide, Sohn und Tochter, – +für immer frei bleiben sollen vom Bewußtsein der Schuld an einer +Blutschande selbst für den Fall, daß der Fluch der Eltern bei ihnen +wiederkehre und sie zusammenführt als Mann und Weib.</p> + +<p>Wort für Wort geht es aus einem angsterfüllten Brief seines Vaters, der +fern in einer fremden Stadt daniederliegt, an die Mutter hervor, in dem er +sie beschwört, nichts zu unterlassen, um künftiger Entdeckung vorzubeugen, +und auch den Brief sofort zu verbrennen.</p> + +<p>Erschüttert wendet Leonhard die Augen ab; wie ein Magnet zieht es ihn +weiter zu lesen, – er ahnt, daß da noch Dinge stehen, die dem +<span class='pagenum'><a name="Page_54" id="Page_54">[54]</a></span> Geschehnis +in der Kapelle auf ein Haar ähnlich sehen, ihn an die äußerste Grenze des +Entsetzens treiben müssen, wenn er sie erfährt, – mit einem Schlage, +schreckhaft deutlich, wie wenn der Blitz die Finsternis zerreißt, wird ihm +die tückische Kampfesweise einer riesenhaften dämonischen Macht offenbar, +dahinter der Maske blinden unbarmherzigen Schicksals verborgen, sein Leben +planmäßig zerquetschen will: ein vergifteter Pfeil nach dem andern soll +aus unsichtbarem Versteck sein Inneres treffen, bis er unrettbar +dahinsiecht, die letzten Fasern von Selbstvertrauen seiner Seele verdorren +und er dem gleichen Schicksal wie seine Vorfahren anheimfällt: ohnmächtig +und wehrlos zusammenzubrechen; – etwas Tigerhaftes schnellt plötzlich in +ihm auf, er hält den Brief in die Flammen der Kerze, bis der letzte +glimmende Zunder seine Finger versengt, – ein wilder unversöhnlicher +Grimm gegen das satanische Ungeheuer, in dessen Hände das Wohl und Wehe +der Wesen gelegt ist, verbrennt ihn bis ins Mark, er hört den +tausendfachen Racheschrei vergangener, unter den Fängen des Schicksals +jammervoll verendeter Geschlechter +<span class='pagenum'><a name="Page_55" id="Page_55">[55]</a></span> +in seinen Ohren gellen, jeder Nerv in ihm wird zur geballten Faust – +seine Seele ist ein einziges Waffengeklirr.</p> + +<p>Er fühlt, daß er etwas Unerhörtes, Himmel und Erde Erschütterndes +vollbringen muß, daß das unabsehbare Heer der Toten hinter ihm steht, mit +Myriaden Augen auf ihn starrt, nur eines Winkes seiner Hand gewärtig: +hinter ihm, dem Lebenden, dem einzigen, der sie in die Schlacht führen +kann – drein sich auf den gemeinsamen Feind zu stürzen.</p> + +<p>Taumelnd unter dem Anprall eines Meeres von Kraft, das auf ihn einstürmt, +steht er auf, blickt um sich: was, was, was soll er zuerst tun: Feuer an +das Haus legen, sich selbst zerfleischen, mit einem Messer in der Hand +hinunterlaufen und alles niedermachen, was ihm zu Gesicht kommt?</p> + +<p>Eines dünkt ihm zwergenhafter als das andere; das Bewußtsein der eigenen +Winzigkeit rüttelt an ihm, er bäumt sich dagegen in jugendlichem Trotz, +fühlt ein spöttisches Grinsen ringsum im Raum, das ihn wieder +aufstachelte.</p> + +<p>Er versuchts mit Besonnenheit, lügt sich hinein +<span class='pagenum'><a name="Page_56" id="Page_56">[56]</a></span> +in die Gebärde des alles erwägenden Feldherrn, geht zu der Truhe neben dem +Schlafzimmer, füllt seine Taschen mit Gold und Juwelen, nimmt Mantel und +Hut, schreitet stolz ohne Abschied hinaus in den nächtlichen Nebel, die +Brust voll verworrener kindischer Pläne: ohne Ziel durch die Welt zu +wandern und dem Herrn des Schicksals ins Antlitz zu schlagen.</p> + +<p>Das Schloß verschwindet im weißlich schillernden Dunst hinter ihm. Er will +der Kapelle ausweichen, muß dennoch an ihr vorbei, der Bannkreis seiner +Geschlechter läßt ihn nicht entrinnen, – – er ahnt es, fühlt es, zwingt +sich, immerwährend geradeaus zu gehen, stundenlang, aber die Schemen der +Erinnerung halten gleichen Schritt mit ihm. Schwarzes Gebüsch reckt sich +hier und dort, gleicht der mörderischen aufklaffenden Falltür; die Unruhe +um Sabine quält ihn; er weiß, es ist das erdwärtsziehende fluchbringende +Blut der Mutter in seinen Adern, das ihm die Flugkraft hemmen will, mehr +und mehr das junge Feuer seiner Begeisterung mit grauer nüchterner Asche +verschüttet, – er wehrt sich dagegen mit aller Kraft, tappt sich +vorwärts<span class='pagenum'><a name="Page_57" id="Page_57">[57]</a></span> +von Baum zu Baum, bis er in der Ferne ein Licht erblickt, das in +Mannshöhe über dem Boden schwebt. Er eilt darauf zu, verliert es aus den +Augen, sieht es wieder aus dem Nebel blinken, näher und näher, ein +lockender irrlichternder Schein; ein Weg lenkt seine Füße, windet sich +nach links und rechts.</p> + +<p>Ein leises kaum vernehmbares rätselhaftes Schreien zittert durch die +Dunkelheit.</p> + +<p>Dann wuchten hohe schwarze Mauern mitten drin in der Nacht, ein hohes +offenes Tor und Leonhard erkennt – das eigene Haus:</p> + +<p>Eine Wanderung durch den Nebel im Kreis umher.</p> + +<p>Willenlos und gebrochen tritt er ein, drückt auf die Klinke zu Sabines +Zimmer, da packt es ihn plötzlich eiskalt wie tödliche unbegreifliche +Gewißheit, daß da drinnen seine Mutter steht, leibhaftig, von Fleisch und +Bein, ein lebendig gewordener Leichnam, und auf ihn wartet.</p> + +<p>Er will umkehren, zurückfliehen in die Finsternis, er kann nicht: eine +unwiderstehliche Macht zwingt ihn die Türe aufzustoßen.</p> + +<p>Auf dem Bette liegt Sabine, verblutet, mit +<span class='pagenum'><a name="Page_58" id="Page_58">[58]</a></span> +geschlossenen Lidern, weiß wie das Linnen, und vor ihr nackt ein +neugeborenes Kind, ein Mädchen, mit faltigem Gesicht, leerem, unruhigem +Blick, auf der Stirne ein rotes Mal: – Zug um Zug das grauenhafte +Ebenbild der Erschlagenen aus der Kapelle.</p> + +<hr class="dash" /> + +<p>Meister Leonhard sieht einen Mann hinjagen über die Erde mit von Dornen +zerfetzten Kleidern: sich selbst, wie ihn grenzenloses Entsetzen, des +Schicksals ureigene Faust, fortpeitscht von Haus und Hof, – nicht mehr +der selbstgefällige Wunsch, Großes zu vollbringen. –</p> + +<p>Die Hand der Zeit baut Stadt hinter Stadt hinein in seinen Geist, düstere +und helle, große, kleine, freche und furchtsame, ohne Wahl, zerbröckelt +sie wieder, malt Flüsse hin wie gleißende silberne Schlangen, graue +Einöden, ein Harlekinkleid aus Äckern und Feldern gewürfelt braun, violett +und grün, Landstraßen voll Staub, spitzige Pappeln, dunstige Wiesen, +weidendes Vieh und wedelnde Hunde, Heilande an Kreuzwegen, weiße +Meilensteine, Menschen, junge und alte, Regenschauer, Tropfenglitzern, +goldene Froschaugen in +<span class='pagenum'><a name="Page_59" id="Page_59">[59]</a></span> +Grabenpfützen, Hufeisen mit rostigen Nägeln, +einbeinige Störche, Zäune aus splittriger Rinde, gelbe Blumen, Friedhöfe +und wattige Wolken, Höhendampf und Essenlohe: sie kommen und gehen wie +Nacht und Tag, sinken hinab in Vergessenheit und sind wieder da wie +versteckenspielende Kinder, wenn ein Duft, ein Schall, ein leises Wort sie +ruft.</p> + +<p>Länder, Burgen und Schlösser wandern an Leonhard vorüber, nehmen ihn auf, +man kennt den Namen seines Geschlechtes, kommt ihm mit Freundschaft und +Feindschaft entgegen.</p> + +<p>Er spricht mit dem Volk in den Dörfern, mit Landstreichern, Gelehrten, +Krämern, Soldaten und Priestern, das Blut seiner Mutter kämpft in ihm mit +dem Blut seines Vaters: – was ihn heute mit staunendem Grübeln erfüllt +und wie aus tausend Scherben zerbrochenen Glases einen Pfauenschweif von +bunten Farben spiegelt, scheint ihm morgen blind und grau, je nachdem +Mutter oder Vater den Sieg erringen, – dann wieder brüten die langen +furchtbaren Stunden, wo die beiden Lebensströme sich vermischen und er +sein altes Ich wieder anhat, die Schrecknisse +<span class='pagenum'><a name="Page_60" id="Page_60">[60]</a></span> +der Erinnerung aus, und er setzt blind, stumm und taub Schritt vor +Schritt, umhüllt von den Schwaden der Vergangenheit, – sieht +zwischen Augapfel und Lid das Greisengesicht des kleinen Kindes, die +leblosen lauernden Kerzenflammen, die beiden Sterne, die dicht beisammen +am Himmel stehen, den Brief, das mürrische Schloß mit den zermürbenden +Qualen, die tote Sabine und ihre schneeweißen Leichenhände, hört das +Lallen seines sterbenden Vaters, das Rauschen des seidenen Kleides, das +Krachen des berstenden Schädels.</p> + +<p>Dann faßt es ihn zuweilen an wie Furcht, abermals im Kreis zu gehen, – +jeder Wald in der Ferne droht sich in den bekannten Park zu formen, jede +Mauer: das eigene Haus zu werden, die Gesichter, die ihm entgegenkommen, +wollen den Mägden und Dienern seiner Jugend ähnlicher und ähnlicher sein; +– er flüchtet sich in Kirchen, nächtet im Freien, zieht hinter plärrenden +Prozessionen her, betrinkt sich in Schenken mit Dirnen und Strolchen, um +sich vor den spähenden Augen des Schicksals zu verbergen, daß es ihn nicht +wiederum fange. Er will +<span class='pagenum'><a name="Page_61" id="Page_61">[61]</a></span> +Mönch werden: der Abt des Klosters entsetzt sich, +als er seine Beichte hört und den Namen seines Stammes erfährt, auf dem +der Bannfluch der alten Tempelritter lastet; er stürzt sich kopfüber ins +brausende Leben, es speit ihn wieder aus; er sucht den Teufel: das Böse +ist allgegenwärtig, dennoch kann er den Urheber nicht finden; er sucht ihn +im eigenen Selbst, und schon ist dieses Selbst nicht mehr vorhanden, – er +weiß: es <em class="gesperrt">muß</em> da sein, er fühlt es doch jede Sekunde, trotzdem ist es +augenblicklich fort, sowie er es sucht, ist jeden Tag ein anderes, ein +Regenbogen, der auf der Erde steht und beständig zurückweicht, in der Luft +zerfließt, wenn er danach greifen will.</p> + +<p>Wohin er blickt, hinter allem sieht er verborgen das Kreuz des Satans aus +vier laufenden Menschenbeinen gebildet: überall ein sinnloses Zeugen und +Gebären, ein sinnloses Wachsen, ein sinnloses Sterben; er fühlt, daß der +Schoß, aus dem das Leiden entspringt, dieses ewig sich drehende Windrad +ist, aber die Achse, um die es kreist, bleibt ihm unfaßbar wie ein +mathematischer Punkt.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_62" id="Page_62">[62]</a></span> +Ein Bettelmönch zieht des Weges, er schließt sich ihm an, betet, fastet, +kasteit sich wie er, die Jahre fallen wie die Perlen eines Rosenkranzes: +nichts ändert sich, nicht innerlich, nicht äußerlich, nur die Sonne +scheint trüber.</p> + +<p>Wie früher wird den Armen das Letzte genommen und den Reichen wird doppelt +gegeben; je inbrünstiger er fleht um »Brot«: um so härter die Steine, die +der Tag ihm reicht, – die Himmel bleiben hart wie blauer Stahl.</p> + +<p>Der alte unbändige Haß gegen den heimlichen Feind der Menschen, der die +Geschicke verhängt, bricht wieder auf in ihm.</p> + +<p>Er hört den Mönch predigen von Gerechtigkeit und den Höllenqualen der ewig +Verdammten: es klingt ihm wie teuflischer Hahnenschrei, – er hört ihn +eifern gegen den verruchten Templerorden, der auf Scheiterhaufen +tausendmal verbrannt, immer wieder sein Haupt erhebe, nicht sterben könne +und im geheimen, über die ganze Erde verbreitet, unvertilgbar weiter +bestehe.</p> + +<p>Es ist das erstemal, daß er Genaueres über den Glauben der Templer +erfährt: – daß sie +<span class='pagenum'><a name="Page_63" id="Page_63">[63]</a></span> +zwei Götter haben, einen obern, der fern von den +Wesen steht, und einen untern: den Satan, der stündlich die Welt neu +erschafft und sie mit Greueln erfüllt, gräßlicher von Tag zu Tag, bis sie +endlich völlig im eigenen Blute erstickt, – daß über diesen beiden +Göttern ein dritter stehe – der Baphomet, – ein Götzenbild mit goldnem +Kopf und drei Gesichtern.</p> + +<p>Die Worte sengen sich in ihn ein, als sei es der Mund des Feuers selbst, +der sie ausspricht.</p> + +<p>Er kann nicht in die Tiefen dringen, über denen sich ihr Sinn ausspannt +wie ein schwankender Teppich aus Sumpfmoos, aber er fühlt mit +unabweisbarer Gewißheit, daß <em class="gesperrt">dieser</em> Weg für ihn der einzige ist, auf dem +er sich selbst entrinnen kann: der Orden der Templer reckt den Arm nach +ihm – die Erbschaft der Vorfahren, der kein Mensch entgehen kann.</p> + +<p>Er verläßt den Mönch.</p> + +<p>Wieder sind die Scharen der Toten rings um ihn, rufen ihm einen Namen zu, +bis seine Lippen ihn wiederholen und er ihn allmählich – Silbe für +Silbe – versteht, wie sein Mund ihn ausspricht, – es ist, als +wachse er gleich einem +<span class='pagenum'><a name="Page_64" id="Page_64">[64]</a></span> +Baum Zweig um Zweig aus seinem Herzen hervor, – ein Name, ihm +vollkommen fremd und doch mit seinem ganzen Dasein verwachsen, ein Name +mit Purpur und Krone, den er beständig vor sich hinflüstern muß, nicht +mehr loswerden kann, dessen Rhythmus Ja–cob–de–Vi–tri–a–co +er im +Takt empfindet, wie seine Füße beim Gehen den Boden berühren.</p> + +<p>Nach und nach wird ihm der Name ein gespenstischer Führer, der vor ihm +hergeht, heute als sagenhafter Hochmeister der Ritter vom Tempel, morgen +als gestaltlose innere Stimme.</p> + +<p>Wie ein in die Luft geworfener Stein seine Bahn ändert und mit wachsender +Schnelle zur Erde strebt, bedeutet der Name für Leonhard plötzlich einen +Wendepunkt in seinen Wünschen und ein übermächtiger unerklärlicher Trieb, +nichts mehr zu wollen, als den Träger dieses Namens zu finden, verschlingt +nach und nach sein ganzes Sinnen und Trachten.</p> + +<p>Manchmal will er schwören, daß der Name ihm vollkommen neu ist, dann +wieder erinnert er sich scharf, daß er in einem Buch seines Vaters steht +an der und der Stelle als Oberhaupt +<span class='pagenum'><a name="Page_65" id="Page_65">[65]</a></span> +des Ordens verzeichnet; vergeblich sagt er sich vor, daß es zwecklos ist, +nach diesem Hochmeister Vitriaco auf Erden zu forschen, daß er einem +vergangenen Jahrhundert angehört und seine Gebeine längst im Grabe modern +müssen; aber der Verstand hat keine Macht mehr über den Durst des Suchens: +das Radkreuz mit den vier laufenden Beinen rollt vor ihm her, unsichtbar, +zieht ihn hinter sich drein.</p> + +<p>Er forscht in den Adelsarchiven der Ratstuben, fragt Wappenkundige: +niemand, der den Namen kennt.</p> + +<p>Er stößt endlich in einer Klosterbibliothek auf das gleiche Buch wie das +seines Vaters, liest das Buch durch Seite für Seite, Zeile für Zeile: der +Name Vitriaco steht nicht darin.</p> + +<p>Er zweifelt an seinem Gedächtnis, seine ganze Vergangenheit scheint zu +wanken; aber der Name Vitriaco bleibt als einziger fester Punkt, +unverrückbar wie ein Felsblock.</p> + +<p>Er beschließt, sich ihn für alle Zeiten aus dem Hirn zu reißen, setzt sich +heute eine bestimmte Stadt als nächstes Ziel: schon morgen ist’s ein +ferner undeutlicher Ruf irgendwoher, der wie +<span class='pagenum'><a name="Page_66" id="Page_66">[66]</a></span> +Vi–tri–a–co klingt, und +eine andere Straße führt ihn weit ab vom Wege, – ein Kirchturm am +Horizont, der Schatten eines Baumes, der deutende Arm eines Meilenzeigers: +alles wird, so sehr er sich auch zum Zweifel zwingt, zum weisenden Finger, +daß er dem Orte nahe sei, wo der geheimnisvolle Hochmeister Vitriaco lebt +und seine Schritte lenkt.</p> + +<p>In einer Herberge trifft er einen fahrenden Quacksalber und eine vage +Hoffnung narrt ihn, es könne vielleicht der sein, den er sucht, aber der +Quacksalber nennt sich – Doktor Schrepfer. Er ist ein Mann mit kleinen +blanken Marderzähnen, dunkler Gesichtsfarbe und listigen Augen, und es +gibt nichts auf Erden, das er nicht weiß, keinen Ort, den er nicht kennt, +keinen Gedanken, den er nicht errät, kein Herz, in dessen Abgründe er +nicht schaut, keine Krankheit, die er nicht heilt, keine Zunge, die nicht +schwätzt, wenn er will, keinen Pfennig, der vor ihm sicher ist; – die +Mädchen drängen sich, daß er ihnen wahrsage aus Hand und Karten; die Leute +verstummen, als er ihnen ihre Vergangenheit zuraunt, schleichen scheu +davon.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_67" id="Page_67">[67]</a></span> +Leonhard bleibt die ganze Nacht mit ihm beisammen und zecht; im Rausch +übermannt ihn bisweilen ein Grausen, daß es kein Mensch ist, der da vor +ihm sitzt. Oft verschwinden seine Züge – er sieht nur die weißen Zähne +blitzen, hinter denen Worte hervorkommen, halb Echo dessen, was er selber +spricht, halb Antworten auf kaum gedachte Fragen.</p> + +<p>Als lese der Mann in seinem Gehirn die innersten Wünsche: stets bringt er +auch das gleichgültigste Gespräch zum Schluß auf die Templer. Leonhard +will ihn aushorchen, ob ihm ein gewisser Vitriaco bekannt ist – aber +jedesmal, im letzten Moment, wenn es fast schon zu spät ist, warnt ihn ein +tiefes Mißtrauen und er beißt den Namen entzwei.</p> + +<p>Sie reisen zusammen weiter, wohin der Zufall sie führt, von einem +Jahrmarkt zum andern.</p> + +<p>Der Doktor Schrepfer frißt Feuer, schluckt Schwerter, verwandelt Wasser in +Wein, sticht sich Dolche durch Wange und Zunge, ohne daß es blutet, heilt +Besessene, bespricht Wunden, zitiert Gespenster, verhext Mensch und Vieh.</p> + +<p>Täglich hat Leonhard vor Augen, daß der +<span class='pagenum'><a name="Page_68" id="Page_68">[68]</a></span> +Mann ein Betrüger ist, weder lesen noch schreiben kann und dennoch Wunder +vollbringt: Lahme werfen die Krücken fort und tanzen, kreißende Weiber +gebären, sobald er die Hände auf sie legt, die Krämpfe der Epileptischen +hören auf, Ratten laufen in Rudeln aus den Häusern und stürzen sich ins +Wasser – er kann sich nicht von ihm losmachen, steht unter seinem +Bann und dünkt sich frei.</p> + +<p>Kaum will die Hoffnung sterben, daß er durch ihn den Hochmeister Vitriaco +jemals finden wird, lodert sie in der nächsten Minute hell wieder auf, +durch irgendein doppelsinniges Wort geschürt, und schlägt ihn von neuem in +Fesseln.</p> + +<p>Alles, was der Gaukler spricht und tut, hat ein zwiefältiges Gesicht: er +prellt die Menschen und hilft ihnen damit; er lügt, und seine Reden bergen +die höchste Wahrheit; er spricht die Wahrheit, und die Lüge grinst hervor; +er phantasiert drauf los: seine Worte werden Prophezeiung; er weissagt aus +den Sternbildern: es trifft ein, trotzdem er keine Ahnung hat von +Astrologie; er braut Arzneien aus harmlosen Kräutern: sie wirken wie +Zauber; er lacht über die Leichtgläubigen +<span class='pagenum'><a name="Page_69" id="Page_69">[69]</a></span> +und ist selber abergläubisch wie ein altes Weib; er verhöhnt das Kruzifix +und schlägt das Kreuz, wenn eine Katze über den Weg läuft; stellt man ihm +Fragen, erwidert er frech mit den gleichen Worten, die die Wißbegierigen +noch im selben Atem gebrauchen, und sie formen sich in seinem Munde zu +Antworten, die den Nagel auf den Kopf treffen.</p> + +<p>Mit Staunen sieht Leonhard eine wundersame Kraft sich in diesem +wertlosesten irdischen Werkzeuge offenbaren; allmählich ahnt er den +Schlüssel zu dem Rätsel: erblickt er in ihm nur den Schwindler, so kraust +sich alles, was er von ihm erfährt, zu Unsinn und Hirngespinst, wendet er +sich aber an die unsichtbare Macht, die sich in dem Doktor Schrepfer +spiegelt wie die Sonne in einer Pfütze, sofort wird der Quacksalber zu +ihrem Sprachrohr und die Quellen lebendiger Wahrheit brechen auf.</p> + +<p>Er wagt den Versuch, überwindet sein Mißtrauen, frägt den Mann ohne ihn +anzusehen – wie in die violetten und purpurnen Wolken des Abendhimmels +hinein, ob er den Namen kennt: Jacob de – –.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_70" id="Page_70">[70]</a></span> +»– Vitriaco«, ergänzt der andere schnell, bleibt stehen wie in +Verzückung, verneigt sich tief gegen Westen, setzt eine feierliche Miene +auf und erzählt im bebenden Flüsterton, daß endlich die Stunde der +Erweckung gekommen ist, daß er selber ein Templer des dienenden Grades +sei, berufen, Suchende auf den geheimnisvoll verschlungenen Pfaden des +Lebens zum Meister zu führen. Schildert in einem Schwall von Worten die +Herrlichkeit, die des Erwählten wartet, den Glanz, der das Angesicht der +Brüder umgibt und sie freimacht von Reue jeglicher Art, von Blutschuld, +Sünde und Qual und zu Janusköpfen, die in zwei Welten hineinblicken von +Ewigkeit zu Ewigkeit, unsterbliche Zeugen des Diesseits und Jenseits, – +dem Netze der Zeitlichkeit für immer entronnene riesige Menschenfische im +Ozean des Daseins, unsterblich hier und dort.</p> + +<p>Dann deutet er ekstatisch auf den dunkelblauen Saum einer Hügelkette am +Horizont: daß dort drinnen tief in der Erde inmitten ragender Säulen das +Heiligtum des Ordens errichtet stehe aus Druidensteinen getürmt, wo +alljährlich ein +<span class='pagenum'><a name="Page_71" id="Page_71">[71]</a></span> +einziges Mal im Dunkel der Nacht sich die Jünger des +Baphometkreuzes versammeln – die Auserkorenen des unteren Gottes, der die +Wesen regiert, die Schwachen zertritt und die Starken zur Sohnschaft +erhebt. Nur wer ein wahrhaftiger Ritter sei, ein Frevler vom Haupt bis zur +Ferse, getauft in den Flammen des geistigen Aufruhrs, und keiner der +Winsler, die stündlich zurückbeben vor dem Popanz der Todsünde und sich +ohne Unterlaß kastrieren am heiligen Geist, der doch auch ihr eigenstes +Ich sei, könne der Aussöhnung mit dem Satan, dem einzigen Gegürteten unter +den Göttern, teilhaftig werden, ohne die es nimmermehr eine Heilung des +Zwiespaltes gebe zwischen Wunsch und Geschick.</p> + +<p>Leonhard hört der schwülstigen Rede zu mit fadem Geschmack auf der Zunge; +Ekelhaftes geht von der verlogenen Phantastik aus: daß da mitten in einem +Walde deutschen Landes ein verborgener Tempel stehen soll, – aber der +fanatische Ton, der in den Worten schwingt, dröhnt wie Orgelbrausen sein +Denken nieder, er läßt mit sich geschehen, was der Doktor Schrepfer +befiehlt, +<span class='pagenum'><a name="Page_72" id="Page_72">[72]</a></span> +zieht die Schuhe aus, sie zünden ein Feuer an, Funken spritzen +hinein in die Finsternis der Sommernacht, er trinkt aus einem Napf den +scheußlichen Trank, den ihm jener aus Kräutern braut, damit er – rein +werde.</p> + +<p>»Lucifer, der du Unrecht leidest, ich grüße dich!« soll er sich einprägen +als Erkennungszeichen. Er hört den Satz; die Silben stehen seltsam +getrennt wie steinerne Pfeiler umher, manche weit weg, wieder welche dicht +vor seinem Ohr, sind für ihn nicht mehr Laute, schießen zu Säulen auf, +bilden Gänge, – so selbstverständlich, wie sich in Halbträumen Dinge +ineinander verwandeln können und Großes in Kleines schlüpft.</p> + +<p>Der Quacksalber faßt ihn an der Hand, sie wandern, lang lang, wie es +scheint; Leonhard brennen die nackten Sohlen. Er fühlt Ackerschollen unter +den Füßen.</p> + +<p>Bodenerhebungen quellen in der Dunkelheit zu lockern Gebilden.</p> + +<p>Augenblicke nüchternen Zweifels wechseln mit unerschütterlicher +Zuversicht, – das feste Vertrauen, daß irgend etwas Wahres, wie stets +<span class='pagenum'><a name="Page_73" id="Page_73">[73]</a></span> +bisher, hinter den Versprechungen seines Führers wartet, gewinnt die +Oberhand.</p> + +<p>Dann kommen seltsam erregende Momente, wo er durch Stolpern über Steine +ruckweise erwacht und erkennt, daß sein Körper in tiefem Schlaf +dahinwandert; gleich darauf vergißt er sein Aufschrecken wieder, leere +Zeiträume von unendlicher Dauer schieben sich dazwischen, drängen seinen +Argwohn aus der Gegenwart ab in scheinbar längst vergangenen Epochen.</p> + +<p>Der Weg senkt sich.</p> + +<p>Breite, hallende Stufen eilen in die Tiefe.</p> + +<p>Dann tastet sich Leonhard kalte glatte Marmorwände entlang; – er ist +allein, will sich umsehen nach seinem Begleiter – – da rauben ihm +Posaunenstöße dröhnend wie der Ruf zur Auferstehung fast die Besinnung, +die Knochen vibrieren in seinem Leib, vor den Augen reißt die Nacht +entzwei: der Sturm der Fanfaren wird grelles Licht – er steht in einem +weißen Kuppelbau.</p> + +<p>Mitten im Raum dicht vor ihm schwebt frei – ein goldner Kopf mit drei +Gesichtern; das eine gegenüber, in das er flüchtig blickt, deucht ihm sein +eigenes, nur jung, der Ausdruck des +<span class='pagenum'><a name="Page_74" id="Page_74">[74]</a></span> +Todes ist darin und dennoch strahlt +aus dem Schein des Metalls, der die Züge halb verblendet, der Einfluß +unzerstörbaren Lebens; es ist nicht die Larve seiner Jugend, die Leonhard +sucht, er will die beiden andern Gesichter sehen, die in die Dunkelheit +schauen und das Geheimnis ihrer Miene erkennen, aber immer wenden sie sich +von ihm ab: der goldene Kopf dreht sich, wenn er ihn zu umschreiten +versucht, hält ihm stets dasselbe Antlitz entgegen.</p> + +<p>Leonhard späht umher nach dem Zauber, der das Kopfwesen in Bewegung setzt, +da sieht er plötzlich die Wand im Hintergrund durchscheinend wie öliges +Glas, und jenseits steht, die Arme ausgebreitet, in zerlumptem Gewand, +bucklig, einen Schlapphut tief über die Augen, regungslos wie der Tod, auf +einem Hügel aus Leichengebein, daraus spärliche grüne Halme sprießen, – +– – der Herr der Welt.</p> + +<p>Die Posaunen <ins class="correction" title="Original: versummen">verstummen.</ins></p> + +<p>Das Licht erstirbt.</p> + +<p>Der goldene Kopf verschwindet.</p> + +<p>Nur der fahle Schein der Verwesung, der die Gestalt umgibt, bleibt +bestehen.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_75" id="Page_75">[75]</a></span> +Leonhard fühlt, wie Starrheit über seinen Körper kriecht, ihm Glied für +Glied lähmt, sein Blut stocken macht, wie sein Herz langsamer und +langsamer schlägt und endlich erlischt.</p> + +<p>Das einzige, mit dem er noch »ich« sagen kann, ist ein winziger Funke +irgendwo in der Brust.</p> + +<p>Stunden sickern wie zögernd sich lösende Tropfen – dehnen sich zu +endlosen Jahren.</p> + +<p>Kaum merkbar gewinnt der Umriß der Gestalt Wirklichkeit: unter dem Anhauch +dämmernden Morgengrau’s schrumpfen langsam ihre Hände an den +ausgebreiteten Armen zu Stümpfen aus morschem Holz, die Totenschädel +räumen zaudernd runden staubigen Steinen den Platz.</p> + +<p>Mühsam richtet Leonhard sich auf; vor ihm reckt sich in drohender Haltung, +mit Fetzen umhüllt, das Gesicht zerbrochene Scherben, eine – bucklige – +Vogelscheuche empor.</p> + +<p>Die Lippen brennen ihm im Fieber, seine Zunge ist wie verdorrt; neben ihm +glimmt noch die Asche des Reisigfeuers unter dem Napf mit dem Rest des +giftigen Trankes. Der Quacksalber ist fort, – mit ihm die letzte +Barschaft; Leonhard +<span class='pagenum'><a name="Page_76" id="Page_76">[76]</a></span> +erfaßt es nur mit halbem Sinn: die Eindrücke des +nächtlichen Erlebnisses wühlen zu tief durch ihre nagende Innerlichkeit; +wohl ist die Vogelscheuche da nicht länger der Herr der Welt: aber der +Herr der Welt ist selber nur mehr eine jämmerliche Vogelscheuche, +schreckhaft bloß für die Furchtsamen, unerbittlich gegen die Flehenden, +mit Tyrannenmacht bekleidet für die, die Sklaven sein wollen und sie mit +dem Nimbus der Macht behängen, – ein erbärmliches Zerrbild allen, die +frei und stolz sind.</p> + +<p>Das Geheimnis des Doktor Schrepfer liegt plötzlich offenbar: die +rätselhafte Kraft, die durch ihn wirkt, ist nicht sein eigen, steht auch +nicht hinter ihm mit der Tarnkappe. Sie ist die magische Gewalt der +Gläubigen, die an sich selbst nicht zu glauben vermögen, sie selber nicht +zu gebrauchen wissen, sie auf einen Fetisch übertragen müssen, sei er +Mensch, ein Gott, Pflanze, Tier oder Teufel, damit sie wie aus einem +Brennspiegel wundertätig zurückstrahle, – ist der Zauberstab des +<em class="gesperrt">wahren</em> +Herrn der Welt, des innersten allgegenwärtigen, alles in sich +verschlingenden Ichs, der Quelle, die nur geben +<span class='pagenum'><a name="Page_77" id="Page_77">[77]</a></span> +und niemals nehmen kann ohne ein machtloses »Du« zu werden, +das Ich, auf dessen Geheiß der Raum zerbrechen muß und die Zeit zum +goldenen Gesicht ewiger Gegenwart erstarren, – das königliche Zepter +des Geistes, gegen das zu sündigen der einzige Frevel ist, der nicht +vergeben werden kann – ist die Macht, die kund wird durch den +Lichtkreis magischer unzerstörbarer Gegenwart, alles in ihren Urgrund +saugt.</p> + +<p>Götter und Wesen, Vergangenheit und Zukunft, Schatten und Dämonen +verhauchen ihr scheinbares Leben darin. Sie ist die Macht, die keine +Grenzen kennt und in dem am stärksten wirkt, der selbst der Größte ist, +die immer innen ist und niemals außen – alles, was außen bleibt, sofort +zur Vogelscheuche macht.</p> + +<p>Die Verheißung des Quacksalbers von der Vergebung der Sünden erfüllt sich +an Leonhard: kein Wort, das nicht Wahrheit wird; der Meister ist gefunden: +Leonhard ist es selbst.</p> + +<p>Wie ein großer Fisch ein Loch in das Netz reißt und entrinnt, so ist er +erlöst durch sich selbst von dem Vermächtnis des Fluches – ein Erlöser +denen, die ihm folgen wollen.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_78" id="Page_78">[78]</a></span> +Alles ist Sünde oder nichts ist Sünde, alle Ichs sind ein gemeinsames Ich, +– klar ist er sich dessen bewußt.</p> + +<p>Wo lebt die Frau, die nicht zugleich seine Schwester ist, welche irdische +Liebe ist nicht zugleich Blutschande, welches weibliche Tier, und sei es +das kleinste, darf er töten, ohne nicht Muttermord und Selbstmord zugleich +zu begehen? Ist sein eigener Leib etwas anderes als eine Erbschaft von +Myriaden von Tieren?</p> + +<p>Niemand ist da, der das Schicksal verhängt, als das eine große Ich, das +sich als zahllose Ichbilder spiegelt; als große und kleine, klare und +trübe, böse und gute, fröhliche, traurige und doch von Leid und Freude +nicht berührt wird, in Vergangenheit und Zukunft als immerwährende +Gegenwart bestehen bleibt – gleich wie die Sonne nicht schmutzig und +nicht runzlig wird, wenn auch ihr Spiegelbild in Pfützen oder sich +kräuselnden Wellen schwimmt, und nicht in Vergangenheit hinabsteigt, nicht +aus der Zukunft emportaucht, ob nun die Wasser versiegen oder neue aus +Regen sich bilden: niemand ist da, der das Schicksal verhängt, als das +große gemeinsame +<span class='pagenum'><a name="Page_79" id="Page_79">[79]</a></span> +Ich – die Ursache: die Sache, die der Urgrund ist.</p> + +<p>Wo bleibt da Raum für die Sünde? Der tückische unsichtbare Feind, der +vergiftete Pfeile aus der Finsternis schießt, ist dahin; Dämonen und +Götzen sind tot, – verreckt wie Fledermäuse am Glanze des Lichts.</p> + +<p>Leonhard sieht seine tote Mutter auferstehen mit den ruhelosen Zügen, +seinen Vater, seine Schwester und Gattin Sabine: sie sind nur mehr Bilder +wie seine eigenen vielen Körper in Kindesgestalt, als Jüngling und Mann; +ihr wahres Leben ist unvergänglich und ohne Form, so wie sein eigenes Ich.</p> + +<p>Er schleppt sich zu dem Weiher, den er in der Nähe erblickt, um seine +brennende Haut zu kühlen; er empfindet die Schmerzen, die seine Eingeweide +zerreißen, nicht mehr als die seinen, – so, als seien sie die eines +andern.</p> + +<p>Vor dem Morgenrot ewiger Gegenwart, die jedem Sterblichen so +selbstverständlich dünkt wie das eigene Gesicht und doch so urfremd ist +wie das eigene – Gesicht, verbleichen alle Schemen, auch die der +leiblichen Qual.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_80" id="Page_80">[80]</a></span> +Und wie er die weiche Krümmung der Ufer sinnend betrachtet und die kleinen +mit Schilf bestandenen Inseln, überkommt ihn Erinnerung.</p> + +<p>Er sieht, daß er wieder daheim im Park seiner Jugend ist.</p> + +<p>Eine Wanderung durch die Nebel des Lebens im großen Kreise umher!</p> + +<p>Tiefe Zufriedenheit beruhigt sein Herz, Furcht und Grauen sind ausgetilgt, +er ist versöhnt mit den Toten und den Lebenden und mit sich selbst.</p> + +<p>Das Geschick birgt fortan keine Schrecken für ihn, nicht in der +Vergangenheit und nicht in der Zukunft.</p> + +<p>Der goldne Kopf der Zeit hat nur mehr ein einziges Gesicht: die Gegenwart +als Gefühl nie endender seliger Ruhe kehrt ihm ihr ewig junges Antlitz zu; +die beiden andern sind für immer abgewandt wie die dunkle Hälfte des +Mondes von der Erde.</p> + +<p>Der Gedanke, daß alles, was sich bewegt, sich zum Kreise schließen muß, +daß auch er ein Teil des großen Gesetzes ist, das die Weltenkörper rund +macht und rund erhält, bekommt etwas unendlich Tröstliches für ihn; klar +erfaßt +<span class='pagenum'><a name="Page_81" id="Page_81">[81]</a></span> +er den Unterschied zwischen dem Satanszeichen mit den ruhelos +laufenden vier Menschenbeinen und dem stillstehenden aufrechten Kreuz. –</p> + +<p>Ob seine Tochter wohl noch lebt? Sie muß eine alte Frau sein, kaum zwanzig +Jahre jünger als er.</p> + +<p>Gelassen schreitet er dem Schlosse zu; der Kiesweg trägt ein buntes Fell +aus Fallobst und wilden Blumen, die jungen Birken sind knorrige Riesen in +hellen Mänteln, ein schwarzer Trümmerhaufen bedeckt, mit silbernen +Unkrautdolden durchwachsen, die Kuppe des Hügels.</p> + +<p>Seltsam berührt wandert er in den sonnenheißen Schutthalden umher: eine +alte wohlbekannte Welt hebt sich neu in Glanz verklärt aus der +Vergangenheit, Bruchstücke, die er findet, da und dort unter verkohltem +Gebälk, fügen sich zu einem Ganzen; ein verbogener bronzener Pendel +zaubert die braune Uhr der Kinderjahre hinein in wiedergeborene Gegenwart, +tausend Blutstropfen alter Qual werden leuchtende rote Sprenkel im +Phönixgefieder des Lebens.</p> + +<p>Eine Schafherde, von lautlosen Hunden zu breitem grauen Viereck +gescheucht, zieht die +<span class='pagenum'><a name="Page_82" id="Page_82">[82]</a></span> +Wiesen hinunter; er frägt den Hirten nach den +Bewohnern des Schlosses, der Mann murmelt etwas von verwunschener Gegend +und einem alten Weib, der letzten Bewohnerin der Brandstätte, – einer +bösartigen Hexe mit einem Blutmal auf der Stirn wie Kain, die unten im +Meiler wohnt, – zieht eilig und mürrisch seines Weges.</p> + +<p>Leonhard betritt die Kapelle, die in einem Urwald versteckt liegt: die Tür +hängt in den Angeln, nur noch der vergoldete Betstuhl steht +schimmelumzogen darin, die Fenster trüb, Altar und Bilder vermodert, das +Kreuz auf der erzenen Falltür von Grünspan zerfressen, braunes Moos quillt +durch die Fugen.</p> + +<p>Er fährt mit dem Fuß darüber hin, da kommt aus einem Glanzstreifen des +Metalls eine halberloschene Inschrift hervor: eine Jahreszahl und daneben +die Worte:</p> + +<p class="center"> +»Erbaut von<br /> +Jakob de Vitriaco«. +</p> + +<p>Die feinen Spinnenfäden, die die Dinge der Erde mitsammen verbinden, +entwirren sich vor Leonhards Erkenntnis: der belanglose Name eines fremden +Baumeisters, kaum eingeritzt in sein Gedächtnis, so und so oftmal in der +Zeit der Jugend +<span class='pagenum'><a name="Page_83" id="Page_83">[83]</a></span> +gelesen und so und so oftmal wieder vergessen – sein +alter unsichtbarer im Kreis der Wanderung als rufender Meister +verkleideter Begleiter: er liegt vor seinen Füßen, zum gleichgültigen Wort +geworden in derselben Stunde, wo seine Sendung zu Ende und die geheime +Sehnsucht der Seele, heimzukehren zum Ausgangspunkt, erfüllt ist.</p> + +<hr class="dash" /> +<hr class="dash" /> + +<p>Meister Leonhard sieht den Rest seines Lebens als Einsiedler inmitten der +Wildnis des Daseins, er trägt ein härenes Kleid aus rauhen Decken, die er +unter den Trümmern der Brandstätte findet, baut einen Herd aus rohen +Ziegeln.</p> + +<p>Die Gestalten der Menschen, die sich bisweilen in die Nähe der Kapelle +verirren, scheinen ihm wesenlos wie Schemen, werden erst lebendig, wenn er +ihr Bild hineinzieht in den Zauberkreis seines Ichs und sie darin +unsterblich macht.</p> + +<p>Die Formen des Daseins sind ihm dasselbe wie die wechselnden Gesichter der +Wolken: mannigfaltig und doch im Grunde nichts als Wasserdampf.</p> + +<hr class="dash" /> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_84" id="Page_84">[84]</a></span> +Er hebt seinen Blick über die beschneiten Baumgipfel.</p> + +<p>Wieder wie damals in der Nacht der Geburt seiner Tochter stehen zwei große +Sterne dicht beisammen am südlichen Himmel, starren auf ihn herab.</p> + +<p>Fackeln wimmeln durch den Wald.</p> + +<p>Sensen klirren.</p> + +<p>Wutverzerrte Gesichter schweben zwischen den Stämmen, halblaute Stimmen +murren, das alte bucklige Weib aus dem Meiler steht wieder vor der +Kapelle, fuchtelt mit hageren Armen, deutet auf die Teufelssilhouette im +Schnee, winkt den abergläubischen Bauern, glotzt mit irren Augen wie mit +zwei grünlichen Sternen unverwandt durch die Scheiben.</p> + +<p>Auf ihrer Stirne glüht ein rotes Muttermal.</p> + +<p>Meister Leonhard rührt sich nicht, er weiß, daß die da draußen ihn +erschlagen kommen, weiß, daß der Teufelsschatten, der aus ihm herausfällt +auf den Schnee und ein Nichts bedeutet und jeder Bewegung seiner Hand +folgen muß, die Ursache der Wut der abergläubischen Menge ist, aber er +weiß auch, daß der, den sie +<span class='pagenum'><a name="Page_85" id="Page_85">[85]</a></span> +erschlagen wollen: sein Leib, nur ein +Schatten ist, so wie sie nur Schatten sind – wesenloser Schein im +Scheinreich der rollenden Zeit, und daß auch die Schatten dem Gesetze des +Kreises gehorchen.</p> + +<p>Er weiß, daß die Alte mit dem Blutmal seine Tochter ist, die die Züge +seiner Mutter trägt, und von ihr das Ende kommt, damit sich der große +Bogen schließe:</p> + +<p>Die Wanderung der Seele im Kreis durch die Nebel der Geburten zurück zum +Tod.</p> + + +<p class="chapter"><span class='pagenum'><a name="Page_86" id="Page_86">[86]</a></span> +<a name="Das_Grillenspiel" id="Das_Grillenspiel"></a>Das Grillenspiel</p> + + +<p>»Nun?«, fragten die Herren wie aus einem Munde, als Professor Goclenius +rascher als es sonst seine Gewohnheit war und mit auffallend verstörtem +Gesicht eintrat, »nun, hat man Ihnen die Briefe ausgefolgt? – Ist +Johannes Skoper schon unterwegs nach Europa? – Wie geht es ihm? Sind +Sammlungen mit angekommen?« – riefen alle durcheinander.</p> + +<p>»Nur das hier,« sagte der Professor ernst und legte ein Bündel Schriften +und ein Fläschchen, in dem sich ein totes, weißliches Insekt in der Größe +eines Hirschkäfers befand, auf den Tisch, »der chinesische Gesandte hat es +mir selbst mit dem Bemerken übergeben, es sei heute auf dem Umweg über +Dänemark angekommen.«</p> + +<p>»Ich fürchte, er hat schlimme Nachrichten über unsern Kollegen Skoper +erfahren«, flüsterte ein bartloser Herr hinter der Hand seinem +Tischnachbar zu, einem greisenhaften Gelehrten mit +<span class='pagenum'><a name="Page_87" id="Page_87">[87]</a></span> wallender Löwenmähne, +der, – wie er selbst, Präparator am naturwissenschaftlichen Museum, – +die Brille auf die Stirn geschoben hatte und mit tiefstem Interesse das +Insekt in der Flasche betrachtete.</p> + +<p>Es war ein seltsames Zimmer, in dem die Herren – sechs an der Zahl und +sämtlich Forscher auf dem Gebiet der Schmetterlings- und Käferkunde – +saßen.</p> + +<p>Ein stumpfer Geruch nach Kampfer und Sandelholz verstärkte aufdringlich +den Eindruck des fremdartig Totenhaften, das von den Igelfischen, die an +Schnüren von der Decke herabhingen, – glotzäugig, wie abgeschnittene +Köpfe gespenstischer Zuschauer, – von den weiß und rot grellbemalten +Teufelsmasken wilder Insulanerstämme, von den Straußeneiern, den +Hairachen, Narwalzähnen, verrenkten Affenkörpern und all den tausenderlei +grotesken Formen einer fernen Zone, ausging.</p> + +<p>An den Wänden über braunen, wurmstichigen Schränken, die etwas +klösterliches hatten, wie das morsche Licht des Abendrots aus dem +verwilderten Museumsgarten herein durch das +<span class='pagenum'><a name="Page_88" id="Page_88">[88]</a></span> +bauchige Gitterfenster spielte, hingen, liebevoll in Gold gerahmt, gleich +ehrwürdigen Ahnenbildern verblaßte Porträts ins Riesenhafte vergrößerter +Baumwanzen und Maulwurfsgrillen.</p> + +<p>Verbindlich den Arm gekrümmt, verlegenes Lächeln um die Knopfnase und die +gelben, kreisrunden Glasaugen, den Zylinderhut des Herrn Präparators auf +dem Haupte, beugte sich in der Haltung eines vorsintflutlichen +Dorfschulzen, der sich zum erstenmal im Leben photographieren läßt, ein +Faultier aus der Ecke, umwimpelt von baumelnden Schlangenhäuten.</p> + +<p>Den Schwanz in den dämmerigen Fernen des Ganges geborgen und die edleren +Teile laut Wunsch des Unterrichtsministers im Frischlackiertwerden +begriffen, starrte der Stolz des Institutes, ein zwölf Meter langes +Krokodil, mit treulosem Katzenblick durch die Verbindungstür herein ins +Gemach. –</p> + +<p>Professor Goclenius hatte Platz genommen, die Schnur von dem Briefbündel +gelöst und die einleitenden Zeilen unter Gemurmel durchgeflogen.</p> + +<p>»Datiert ist es aus Bhutan – Südosttibet, +<span class='pagenum'><a name="Page_89" id="Page_89">[89]</a></span> +– und zwar vom 1. Juli 1914, – also vier Wochen vor +Kriegsausbruch; der Brief war demnach länger als ein Jahr +unterwegs«, setzte er dann laut hinzu. »Kollege Johannes +Skoper schreibt hier unter anderem: »Über die reiche Ausbeute, die +ich auf meiner langen Reise aus den chinesischen Grenzgebieten durch Assam +in das bisher unerforschte Land Bhutan machte, werde ich Ihnen nächstens +ausführlich berichten; heute nur kurz über die seltsamen Umstände, denen +ich die Entdeckung einer neuen weißen Grille« – Professor +Goclenius deutete auf das Insekt in der Flasche – »verdanke, +die von den Schamanen zu abergläubischen Zwecken gebraucht und +‘Phak’ genannt wird, ein Wort, das zugleich ein Schimpfname +ist für alles, was einem Europäer oder weißrassigen Menschen ähnlich +sieht.</p> + +<p>Also: Eines Morgens erfuhr ich von lamaistischen Pilgern, die nach Lhasa +zogen, es befinde sich unweit meines Lagerplatzes ein sehr hoher, +sogenannter Dugpa, – einer jener in ganz Tibet gefürchteten +Teufelspriester, die, an ihren scharlachroten Kappen kenntlich, +behaupten, +<span class='pagenum'><a name="Page_90" id="Page_90">[90]</a></span> +direkte Abkömmlinge des Dämons der Fliegenschwämme zu sein. +Jedenfalls sollen die Dugpas der uralten tibetischen Religion der Bhons +angehören, von der wir so gut wie nichts wissen, und Nachkommen einer +fremdartigen Rasse sein, deren Ursprung sich im Dunkel der Zeit verliert. +Jener Dugpa, erzählten mir die Pilger und drehten dabei voll +abergläubischer Scheu ihre kleinen Gebetmühlen, sei ein Samtscheh +Mitschebat, das ist ein Wesen, das man nicht mehr mit dem Namen Mensch +bezeichnen dürfe, das ‘binden und lösen’ könne, dem, kurz und gut, infolge +seiner Fähigkeit, Raum und Zeit als Wahnvorstellungen zu durchschauen, +nichts unmöglich sei auf Erden zu vollbringen. Es gäbe, sagte man mir, +zwei Wege, um jene Stufen zu erklimmen, die über das Menschentum +hinausführen: den einen, den des ‘Lichtes’ – der Einswerdung mit Buddha +– und einen zweiten, entgegengesetzten: den ‘Pfad der linken Hand’, zu +dem nur ein geborener Dugpa die Eingangspforte wüßte – ein geistiger Weg +voll Grauen und Entsetzlichkeit. Solche ‘geborene’ Dugpas kämen – wenn +auch sehr vereinzelt +<span class='pagenum'><a name="Page_91" id="Page_91">[91]</a></span> +– unter allen Himmelsstrichen vor und wären +merkwürdigerweise fast immer die Kinder besonders frommer Leute. ‘Es ist,’ +sagte der Pilger, der es mir erzählte, ‘wie wenn die Hand des Herrn der +Finsternis ein giftiges Reis aufpfropft auf den Baum der Heiligkeit’, und +man wisse nur ein Mittel, an einem Kinde zu erkennen, ob es geistig zum +Bunde der Dugpas gehört oder nicht, das ist – wenn der Haarwirbel auf dem +Scheitel von links nach rechts, statt umgekehrt, läuft.</p> + +<p>Ich sprach sofort – rein aus Neugierde – den Wunsch aus, den erwähnten +hohen Dugpa zu Gesicht zu bekommen, aber mein Karawanenführer, selber ein +Osttibeter, widersetzte sich mit Hartnäckigkeit. Das alles sei dummes +Zeug, Dugpas gäbe es im Bhutangebiet überhaupt nicht, schrie er in einem +fort, auch würde ein Dugpa – schon gar ein Samtscheh Mitschebat – nie +und nimmer einem Weißen seine Künste zeigen.</p> + +<p>Der allzu eifrige Widerstand des Mannes wurde mir immer verdächtiger, und +nach stundenlangem Kreuz- und Querfragen brachte ich +<span class='pagenum'><a name="Page_92" id="Page_92">[92]</a></span> denn auch aus ihm +heraus, daß er selbst Anhänger der Bhonreligion sei und ganz genau wisse, +– aus der rötlichen Färbung der Erddünste, wollte er mir vorlügen, – daß +ein ‘eingeweihter’ Dugpa in der Nähe weile.</p> + +<p>‘Aber er wird dir niemals seine Künste zeigen’, schloß er jedesmal seine +Rede.</p> + +<p>‘Warum denn nicht?’, fragte ich schließlich.</p> + +<p>‘Weil er die – Verantwortung nicht übernimmt.’</p> + +<p>‘Was für eine Verantwortung?’, forschte ich weiter.</p> + +<p>‘Er würde infolge der Störung, die er damit im Reiche der Ursachen +anrichtet, von neuem in den Strudel der Wiederverkörperung verstrickt +werden, wenn nicht etwas noch viel viel Schlimmeres.’</p> + +<p>Es interessierte mich, Näheres über die geheimnisvolle Bhonreligion zu +erfahren, und ich fragte daher: ‘Hat ein Mensch nach deinem Glauben eine +Seele?’</p> + +<p>‘Ja und Nein.’</p> + +<p>‘Wieso?’</p> + +<p>Als Antwort nahm der Tibeter einen Grashalm +<span class='pagenum'><a name="Page_93" id="Page_93">[93]</a></span> +und machte einen Knoten hinein: ‘Hat das Gras jetzt einen +Knoten?’</p> + +<p>‘Ja.’</p> + +<p>Er löste den Knoten wieder auf: ‘Und jetzt?’</p> + +<p>‘Jetzt hat es keinen mehr.’</p> + +<p>‘Genau so hat der Mensch eine Seele und hat keine’, sagte er einfach.</p> + +<p>Ich versuchte es auf andere Weise, mir ein Bild über seine Ansicht zu +machen: ‘Gut, nimm an, du wärest auf dem schrecklichen, kaum handbreiten +Gebirgspaß, den wir neulich überschritten, in die Tiefe gestürzt, – hätte +deine Seele weitergelebt oder nicht?’</p> + +<p>‘Ich wäre nicht abgestürzt!’</p> + +<p>Ich wollte ihm anders beikommen, deutete auf meinen Revolver: ‘Wenn ich +dich jetzt totschieße, lebst du dann weiter oder nicht?’</p> + +<p>‘Du kannst mich nicht erschießen.’</p> + +<p>‘Doch!’</p> + +<p>‘Also versuch’s.’</p> + +<p>Ich werde mich hüten, dachte ich bei mir, das wäre eine schöne Geschichte, +ohne Karawanenführer in diesem grenzenlosen Hochland umherirren. Er schien +meine Gedanken erraten +<span class='pagenum'><a name="Page_94" id="Page_94">[94]</a></span> +zu haben und lächelte höhnisch. Es war zum +Verzweifeln. Ich schwieg eine Weile.</p> + +<p>‘Du kannst eben nicht +<ins class="correction" title="einfaches schließendes Anführungszeichen ergänzt">‘wollen’’</ins>, +fing er plötzlich wieder an. ‘Hinter +deinem Willen stehen Wünsche, solche, die du kennst, und solche, die du +nicht kennst, und beide sind stärker als du.’</p> + +<p>‘Was ist also die Seele nach deinem Glauben?’, fragte ich ärgerlich; ‘habe +zum Beispiel ich eine Seele?’</p> + +<p>‘Ja.’</p> + +<p>‘Und wenn ich sterbe, lebt meine Seele dann weiter?’</p> + +<p>‘Nein.’</p> + +<p>‘Aber deine, meinst du, lebt weiter, wenn du stirbst?’</p> + +<p>‘Ja. Weil ich einen – Namen habe.’</p> + +<p>‘Wieso einen Namen? Ich habe doch auch einen Namen!’</p> + +<p>‘Ja, aber du kennst deinen wirklichen Namen nicht, besitzest ihn also +nicht. Das, was du für deinen Namen hältst, ist nur ein leeres Wort, das +deine Eltern erfunden haben. Wenn du schläfst, vergißt du ihn, ich +vergesse meinen Namen nicht, wenn ich schlafe.’</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_95" id="Page_95">[95]</a></span> +‘Aber, wenn du tot bist, weißt du ihn auch nicht mehr!’ wendete ich ein.</p> + +<p>‘Nein. Aber der Meister kennt ihn und vergißt ihn nicht, und wenn er ihn +ruft, so stehe ich wieder auf; aber nur ich und kein anderer, denn nur ich +habe meinen Namen. Kein anderer hat ihn. Das, was du deinen Namen nennst, +das haben viele andere mit dir gemeinsam – so wie die Hunde’, murmelte er +verächtlich vor sich hin. Ich verstand die Worte zwar, ließ es mir aber +nicht anmerken.</p> + +<p>‘Was verstehst du unter dem ‘Meister’?’ +warf ich scheinbar unbefangen hin.</p> + +<p>‘Den Samtscheh Mitschebat.’</p> + +<p>‘Den, der hier in der Nähe ist?’</p> + +<p>‘Ja, aber nur sein Spiegelbild ist in der Nähe; der, der er in +Wirklichkeit ist, ist überall. Er kann auch nirgends sein, wenn er will.’</p> + +<p>‘Er kann sich demnach unsichtbar machen?’ – wider Willen mußte ich +lächeln, – ‘du meinst: einmal ist er innerhalb des Weltenraumes und dann +außerhalb; einmal ist er da – und dann ist er wieder nicht da?’</p> + +<p>‘Ein Name ist doch auch nur da, wenn man +<span class='pagenum'><a name="Page_96" id="Page_96">[96]</a></span> +ihn ausspricht, und nicht mehr da, wenn man ihn nicht ausspricht’, +hielt mir der Tibeter vor.</p> + +<p>‘Und kannst zum Beispiel du auch einmal ein ‘Meister’ werden?’</p> + +<p>‘Ja.’</p> + +<p>‘Dann wird es also zwei Meister geben, was?’</p> + +<p>Ich triumphierte innerlich, denn offen gestanden verdroß mich der geistige +Hochmut des Kerls; jetzt hatte ich ihn in der Falle, glaubte ich (meine +nächste Frage hätte gelautet: wenn der eine Meister die Sonne scheinen +lassen will und der andere regnen, welcher behält recht?); um so mehr +verblüffte mich die sonderbare Antwort, die er mir gab: ‘Wenn ich ein +Meister sein werde, dann bin ich doch der Samtscheh Mitschebat. Oder +glaubst du, es könnte zwei Dinge geben, die einander vollkommen gleich +sind, ohne daß sie ein und dasselbe wären?’</p> + +<p>‘Immerhin seid ihr dann zwei und nicht einer; wenn ich euch begegnete, +wäret ihr zwei Menschen und nicht einer’, widersprach ich.</p> + +<p>Der Tibeter bückte sich, suchte unter den in Menge umherliegenden +Kalkspatkristallen einen +<span class='pagenum'><a name="Page_97" id="Page_97">[97]</a></span> +besonders durchsichtigen aus und sagte spöttisch: ‘Halte das ans +Auge und schau den Baum dort an; du siehst ihn nunmehr doppelt, nicht +wahr? Aber sind es deshalb – zwei Bäume?’</p> + +<p>Ich wußte ihm nicht gleich etwas zu entgegnen, auch wäre es mir schwer +gefallen in mongolischer Sprache, deren wir uns zur gegenseitigen +Verständigung bedienen mußten, ein so verwickeltes Thema logisch zu +erörtern: ich ließ ihm daher seinen Triumph. Innerlich konnte ich aber +nicht genug staunen über die geistige Gelenkigkeit dieses Halbwilden mit +seinen schiefen Kalmückenaugen und dem schmutzstarrenden Schafspelz. Es +ist etwas Seltsames um diese Hochlandsasiaten, äußerlich sehen sie aus wie +Tiere, aber rührt man an ihre Seele, kommt der Philosoph zum Vorschein.</p> + +<p>Ich griff wieder auf den Ausgangspunkt unseres Gespräches zurück: ‘Du +glaubst also, der Dugpa würde mir seine Künste nicht zeigen, weil er die +– Verantwortung ablehnt?’</p> + +<p>‘Nein, gewiß nicht.’</p> + +<p>‘Wenn aber ich die Verantwortung übernähme?!’</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_98" id="Page_98">[98]</a></span> +Das erstemal, seit ich den Tibeter kannte, geriet er außer Fassung. Eine +Unruhe, die er kaum bemeistern konnte, lief über sein Gesicht. Der +Ausdruck wilder, mir unerklärlicher Grausamkeit wechselte mit dem eines +tückischen Frohlockens. Wir haben in den vielen Monaten unseres +Beisammenseins oft wochenlang Todesgefahren aller Art ins Auge geblickt, +haben schauerliche Abgründe überschritten auf schwankenden, nur fußbreiten +Bambusbrücken, daß mir vor Entsetzen das Herz stillstand, haben Wüsten +durchquert und sind fast verdurstet, aber niemals verlor er auch nur eine +Minute sein inneres Gleichgewicht. Und jetzt? Was konnte die Ursache sein, +daß er mit einemmal so außer sich geriet? Ich sah ihm an, wie in seinem +Hirn die Gedanken sich jagten.</p> + +<p>‘Führe mich zu dem Dugpa, ich werde dich reichlich belohnen’, redete ich +ihm eifrig zu.</p> + +<p>‘Ich will es mir überlegen’, antwortete er endlich.</p> + +<hr class="dash" /> + +<p>Es war noch tiefe Nacht, da weckte er mich in meinem Zelt. Er sei bereit, +sagte er.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_99" id="Page_99">[99]</a></span> +Er hatte zwei unserer zottigen Mongolenpferde, die nicht viel höher sind +als große Hunde, gesattelt, und wir ritten hinein in die Finsternis.</p> + +<p>Die Leute meiner Karawane lagen um die verglimmenden Reisigfeuer herum in +festem Schlaf. Stunden vergingen und wir wechselten kein Wort; der +eigentümliche Moschusgeruch, den die tibetischen Steppen in Julinächten +auszuströmen pflegen, und das eintönige Zischen des Ginsters, wie die +Beine unserer Pferde hindurchfegten, betäubte mich fast, so daß ich, um +wach zu bleiben, unverwandt emporblicken mußte zu den Sternen, die hier in +diesem wilden Hochland etwas Loderndes, Flackerndes haben wie brennende +Papierfetzen. Ein erregender Einfluß geht von ihnen aus, der das Herz mit +Unruhe erfüllt.</p> + +<p>Als die Morgendämmerung über die Berggipfel kroch, bemerkte ich, daß die +Augen des Tibeters weit offen standen und ohne zu zwinkern immerwährend +auf einen Punkt am Himmel starrten. – Ich sah, daß er geistesabwesend +war.</p> + +<p>Ob er denn den Aufenthalt des Dugpas so +<span class='pagenum'><a name="Page_100" id="Page_100">[100]</a></span> +genau kenne, daß er nicht auf den Weg zu achten brauche, fragte ich ihn +ein paarmal, ohne eine Antwort zu bekommen.</p> + +<p>‘Er zieht mich, wie der Magnetstein das Eisen anzieht’, lallte er +schließlich mit schwerer Zunge wie aus dem Schlaf.</p> + +<p>Nicht einmal mittags machten wir Rast, immer wieder trieb er stumm sein +Pferd zu neuer Eile an. Ich mußte im Sattel meine paar Stücke gedörrtes +Ziegenfleisch verzehren.</p> + +<p>Gegen Abend hielten wir, um den Fuß eines kahlen Hügels biegend, in der +Nähe eines jener fantastischen Zelte, wie man sie im Bhutan zuweilen zu +Gesicht bekommt. Sie sind schwarz, oben spitz, unten sechseckig mit +aufwärts gebauchten Rändern und stehen auf hohen Stelzen, sodaß sie einer +riesigen Spinne gleichen, die mit dem Bauch die Erde berührt.</p> + +<p>Ich hatte erwartet, einen schmutzigen Schamanen mit verfilztem Haar und +Bart zu treffen, eines der wahnsinnigen oder epileptischen Geschöpfe, die +unter den Mongolen und Tungusen häufig sind, die sich mit dem Absud von +Fliegenschwämmen betäuben und dann Geister +<span class='pagenum'><a name="Page_101" id="Page_101">[101]</a></span> +zu sehen glauben oder unverständliche Prophezeiungen ausstoßen; statt +dessen stand da – unbeweglich – ein Mann vor mir, gut sechs +Fuß hoch, auffallend schmal im Wuchs, bartlos, das Gesicht olivgrünlich +schimmernd, von einer Farbe, wie ich sie noch nie bei einem Lebenden +gesehen, die Augen schräg und unnatürlich weit auseinander. Der Typus +einer mir vollkommen fremden Menschenrasse.</p> + +<p>Seine Lippen, gleich der Gesichtshaut faltenlos wie aus Porzellan, waren +scharfrot, messerdünn und so stark geschwungen – besonders an den weit +empor gezogenen Mundwinkeln – wie unter einem erbarmungslosen erstarrten +Lächeln, daß sie aussahen, als seien sie aufgemalt.</p> + +<p>Ich konnte den Blick nicht von dem Dugpa wenden – lange nicht – und wenn +ich jetzt daran zurückdenke, möchte ich fast sagen: ich kam mir vor wie +ein Kind, dem der Atem stehenbleibt vor Entsetzen beim Anblick einer +plötzlich aus dem Dunkel auftauchenden grauenhaften Maske.</p> + +<p>Auf dem Kopf trug der Dugpa eine glattanliegende scharlachrote Kappe ohne +Rand; im +<span class='pagenum'><a name="Page_102" id="Page_102">[102]</a></span> +übrigen bis zu den Knöcheln einen kostbaren Pelz aus orangegelb +gefärbtem Zobel.</p> + +<p>Er und mein Führer sprachen kein Wort mitsammen, ich nehme jedoch an, daß +sie sich durch heimliche Gesten verständigt haben, denn ohne zu fragen, +was ich von ihm wolle, sagte der Dugpa plötzlich und unvermittelt, er sei +willens mir zu zeigen, was immer ich wünsche, doch müsse ich ausdrücklich +alle Verantwortung, auch wenn ich sie nicht kennte, übernehmen.</p> + +<p>Ich erklärte mich – natürlich – sofort bereit.</p> + +<p>Ich solle zum Zeichen dafür mit der linken Hand die Erde berühren, +verlangte er.</p> + +<p>Ich tat es.</p> + +<p>Schweigend ging er sodann eine Strecke voraus und wir folgten ihm, bis er +uns niedersitzen hieß.</p> + +<p>Es war eine tischähnliche Bodenerhebung, an deren Rand wir uns lagerten.</p> + +<p>Ob ich ein weißes Tuch bei mir trüge?</p> + +<p>Ich suchte vergeblich in meinen Taschen, fand aber nur im Rockfutter eine +alte, verblaßte, zusammenlegbare Karte von Europa (ich hatte sie offenbar +die ganze lange Zeit meiner Asienreise +<span class='pagenum'><a name="Page_103" id="Page_103">[103]</a></span> +bei mir getragen), breitete sie zwischen uns aus und erklärte dem Dugpa, +die Zeichnung sei ein Bild meinem Heimat.</p> + +<p>Er wechselte einen raschen Blick mit meinem Führer, und wieder sah ich auf +dem Gesicht des Tibeters jenen Ausdruck haßerfüllter Bosheit aufleuchten, +der mir schon am Abend vorher aufgefallen war.</p> + +<p>Ob ich den Grillenzauber zu sehen wünschte?</p> + +<p>Ich nickte und war mir im Augenblick klar, was kommen würde: ein bekannter +Trick – das Hervorlocken von Insekten aus der Erde durch Pfeifen oder +dergleichen.</p> + +<p>Richtig, ich hatte mich nicht getäuscht; der Dugpa ließ ein leises, +metallenes Zirpen hören (mit einem kleinen, silbernen Glöckchen, das sie +versteckt bei sich tragen, machen sie das), und sofort kamen aus ihren +Schlupfwinkeln im Boden eine Menge Grillen und krochen auf die helle +Landkarte.</p> + +<p>Immer mehr und mehr.</p> + +<p>Unzählige.</p> + +<p>Ich hatte mich schon geärgert, wegen eines läppischen Kunststückes, das +ich bereits in China +<span class='pagenum'><a name="Page_104" id="Page_104">[104]</a></span> +oft genug gesehen hatte, einen so mühvollen Ritt +unternommen zu haben, aber was sich mir jetzt darbot, entschädigte mich +reichlich: Die Grillen waren nicht nur eine wissenschaftlich ganz neue +Spezies – daher an und für sich schon interessant genug – sie benahmen +sich auch höchst absonderlich. Kaum hatten sie nämlich die Landkarte +betreten, liefen sie zuerst planlos im Kreise herum, dann bildeten sie +Gruppen, die einander mißtrauisch musterten. Plötzlich fiel auf die Mitte +der Karte ein regenbogenfarbener Lichtfleck (er stammte von einem +Glasprisma, das der Dugpa gegen die Sonne hielt, wie ich mich rasch +überzeugte), und ein paar Sekunden später war aus den bisher friedlichen +Grillen ein Klumpen sich auf die schauderhafteste Weise gegenseitig +zerfleischender Insektenleiber geworden. Der Anblick war zu ekelhaft, als +daß ich ihn schildern möchte. Das Schwirren der tausend und aber tausend +Flügel gab einen hohen, singenden Ton, der mir durch Mark und Bein ging, +ein Schrillen, gemischt aus so höllischem Haß und grauenvoller Todesqual, +daß ich es nie werde vergessen können.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_105" id="Page_105">[105]</a></span> +Ein dicker, grünlicher Saft quoll unter dem Haufen hervor.</p> + +<p>Ich befahl dem Dugpa augenblicklich innezuhalten – er hatte das Prisma +bereits eingesteckt und zuckte nur die Achseln.</p> + +<p>Vergebens bemühte ich mich, die Grillen mit einem Stock auseinander zu +treiben: ihre wahnwitzige Mordlust kannte keine Grenzen mehr.</p> + +<p>Immer neue Scharen liefen herbei und türmten den zappelnden, scheußlichen +Klumpen höher und höher – mannshoch.</p> + +<p>Auf weite Strecken war der Erdboden lebendig von wimmelnden, +tollgewordenen Insekten. Eine weißliche, aneinandergequetschte Masse, die +sich der Mitte zudrängte, nur von dem einen Gedanken beseelt: morden, +morden, morden.</p> + +<p>Einige der Grillen, die halbverstümmelt von dem Haufen herabfielen und +nicht mehr hinaufkriechen konnten, zerfetzten sich selbst mit ihren +Zangen.</p> + +<p>Der schwirrende Ton wurde bisweilen so laut und grausig schrill, daß ich +mir die Ohren zuhielt, weil ich es nicht mehr länger glaubte ertragen zu +können.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_106" id="Page_106">[106]</a></span> +Gott sei Dank, endlich wurden der Tiere weniger und weniger, die +hervorkriechenden Scharen schienen dünner zu werden und hörten schließlich +ganz auf.</p> + +<p>‘Was macht er denn noch immer?’ fragte ich den Tibeter, als ich sah, daß +der Dugpa keine Miene machte, aufzubrechen, vielmehr angestrengt seine +Gedanken auf irgend etwas zu konzentrieren schien. Er hatte die Oberlippe +hochgezogen, so daß ich seine spitzgefeilten Zähne deutlich sehen konnte. +Sie waren pechschwarz, vermutlich von dem landesüblichen Betelkauen.</p> + +<p>‘Er löst und bindet’, hörte ich den Tibeter antworten.</p> + +<p>Trotzdem ich mir beständig vorsagte, daß es ja nur Insekten gewesen waren, +die hier den Tod gefunden hatten, fühlte ich mich doch aufs äußerste +angegriffen und einer Ohnmacht nahe, und die Stimme klang, als käme sie +aus weiter Ferne her: ‘Er löst und bindet.’</p> + +<p>Ich begriff nicht, was das bedeuten sollte, und begreife es auch heute +nicht; es geschah auch nichts weiter, was auffällig gewesen wäre. +<span class='pagenum'><a name="Page_107" id="Page_107">[107]</a></span> Warum +ich trotzdem noch – vielleicht stundenlang, ich weiß es nicht mehr – +sitzen blieb? Der Wille, aufzustehen, war mir abhanden gekommen, ich kann +es nicht anders nennen.</p> + +<p>Allmählich sank die Sonne, und Landschaft und Wolken nahmen jene schreiend +rote und orangegelbe unwahrscheinliche Färbung an, die jeder kennt, der +einmal in Tibet war. Man kann den Eindruck des Bildes nur mit den +barbarisch bemalten Zeltwänden europäischer Menageriebuden, wie man sie +auf Jahrmärkten sieht, vergleichen. –</p> + +<p>Ich konnte die Worte nicht loswerden: ‘Er löst und bindet’; nach und nach +bekamen sie etwas Schreckhaftes in meinem Hirn; – in der Phantasie +verwandelte sich der zuckende Grillenhaufen in Millionen sterbender +Soldaten. Der Alp eines rätselhaften, ungeheuerlichen +Verantwortungsgefühls, das für mich um so folternder war, als ich in mir +vergeblich nach seiner Wurzel suchte, würgte mich.</p> + +<p>Dann wieder schien es mir, als sei der Dugpa plötzlich verschwunden, und +statt seiner stünde da – scharlachrot und olivgrün +<span class='pagenum'><a name="Page_108" id="Page_108">[108]</a></span>die widerwärtige +Statue des tibetischen Kriegsgottes.</p> + +<p>Und ich kämpfte gegen den Anblick, bis ich die nackte Wirklichkeit wieder +vor Augen hatte, aber es war mir nicht genug Wirklichkeit: die Erddünste, +die aus dem Boden stiegen, die zackigen Gletschergipfel der Bergriesen am +fernen Horizont, der Dugpa mit der roten Kappe, ich selbst in meinen halb +europäischen, halb mongolischen Kleidern, dann das schwarze Zelt mit den +Spinnenbeinen, – alles konnte doch gar nicht wirklich sein! Wirklichkeit, +Phantasie, Vision, was war echt, was Schein? Und mein Denken dazwischen +immer von neuem auseinanderklaffend, wenn die drosselnde Angst vor dem +unfaßbaren, fürchterlichen Verantwortungsgefühl wieder in mir aufstieg.</p> + +<p>Später, viel später – auf der Heimreise – wuchs die Begebenheit in +meiner Erinnerung wie eine wuchernde Giftpflanze, die ich vergebens +ausreißen will.</p> + +<p>Nachts, wenn ich nicht schlafen kann, dämmert leise in mir eine +grauenhafte Ahnung auf, was der Satz bedeuten mag: ‘Er löst und bindet’, +und ich suche sie zu ersticken, daß sie nicht zu Wort +<span class='pagenum'><a name="Page_109" id="Page_109">[109]</a></span> +kommen kann, so wie man ein ausbrechendes Feuer im Keim ersticken möchte. +– Aber es hilft nichts, daß ich mich wehre, – im Geiste sehe +ich, wie aus dem toten Grillenhaufen ein rötlicher Dunst aufsteigt und zu +Wolkengebilden wird, die sich, den Himmel verfinsternd wie die +Schreckgespenster des Monsuns, nach Westen wälzen. –</p> + +<p>Und auch jetzt wieder, wo ich dies schreibe, überfällt’s mich, – ich – +ich – – –«</p> + +<p>Hier scheint der Brief plötzlich abgebrochen worden zu sein,« schloß +Professor Goclenius; »leider muß ich Ihnen jetzt mitteilen, was ich +auf der chinesischen Gesandtschaft über das unerwartete Ableben unseres +lieben Kollegen Johannes Skoper im fernen Asien« – – +– der Professor kam nicht weiter; ein lauter Schrei der Herren +unterbrach ihn: »Unglaublich, die Grille lebt ja noch, jetzt nach +einem Jahr! Unglaublich! Einfangen! Sie fliegt davon!« rief alles +wild durcheinander. Der Forscher mit der Löwenmähne hatte das Fläschchen +geöffnet und das anscheinend tote Insekt herausgeschüttelt.</p> + +<p>Einen Augenblick später war die Grille zum Fenster hinausgeflogen in den +Garten und die +<span class='pagenum'><a name="Page_110" id="Page_110">[110]</a></span> +Herren rannten in ihrem Eifer, sie einzufangen, an der Tür +den greisen Museumsdiener Demetrius, der ahnungslos hereinkam, um die +Lampe anzuzünden, beinahe über den Haufen.</p> + +<p>Kopfschüttelnd sah ihnen der Alte durch das Gitterfenster zu, wie sie +draußen mit Schmetterlingsnetzen umherjagten. Dann blickte er zum +dämmernden Abendhimmel empor und brummte: »Was in der schrecklichen +Kriegszeit doch die Wolken für merkwürdige Formen annehmen! Da sieht jetzt +eine wieder mal ganz so aus wie ein Mann mit einem dunkeln Gesicht und +roter Kappe; wenn er die Augen nicht so weit auseinanderstehen hätte, wäre +es fast wie ein Mensch. Wahrhaftig, man könnte noch abergläubisch werden +auf seine alten Tage.«</p> +</div> + + +<p class="chapter"><span class='pagenum'><a name="Page_111" id="Page_111">[111]</a></span> +<a name="Wie_Dr_Hiob_Paupersum_seiner_Tochter_rote_Rosen_brachte" +id="Wie_Dr_Hiob_Paupersum_seiner_Tochter_rote_Rosen_brachte"></a> +Wie <em class="antiqua">Dr.</em> Hiob Paupersum seiner<br /> Tochter rote Rosen brachte</p> + +<div class="textbody"> +<p>In vorgerückter Nachtstunde saß in dem bekannten Münchener Prunkcafé +»Stefanie«, regungslos vor sich hinstarrend, ein Greis von höchst +bemerkenswertem Aussehen. Die zerschlissene, selbständig gewordene +Krawatte, sowie die mächtige bis auf den Nacken herabwallende hohe Stirn +verrieten den bedeutenden Gelehrten.</p> + +<p>Außer einem silbernen schütteren Knebelbarte, der, einem Siebengestirn von +Kinnwarzen entspringend, mit seinem unteren Ende gerade noch jene Stelle +inmitten der Weste verdeckte, wo bei weltabgewandten Denkern regelmäßig +ein Knopf zu fehlen pflegt, besaß der alte Herr nur wenig Nennenswertes an +irdischen Gütern.</p> + +<p>Genau genommen eigentlich gar nichts mehr.</p> + +<p>Um so belebender wirkte es daher auf ihn, als +<span class='pagenum'><a name="Page_112" id="Page_112">[112]</a></span> +plötzlich der bezwickerte weltmännisch gekleidete Gast mit dem gewichsten +schwarzen Schnurrbart, der bislang an dem Tisch in der Ecke schräg +gegenüber ein Stück kalten Lachs bissenweise mit dem Messer zum Munde +geführt (wobei ein kirschgroßer Brillant an dem elegant weggestreckten +kleinen Finger jedesmal prächtig aufblitzte) und zwischendurch forschend +gestielte Blicke herübergeworfen hatte, sich mundwischend erhob, das fast +menschenleere Zimmer durchmaß, sich vor ihm verbeugte und fragte:</p> + +<p>»Ist dem Herrn eine Partie Schach gefällig? – Vielleicht um eine Mark die +Partie?«</p> + +<p>Farbenglühende Phantasmagorien von Schwelgerei und Üppigkeit aller Art +taten sich vor dem geistigen Auge des Gelehrten auf, und noch während sein +Herz entzückt raunte: »Dieses Rindvieh hat mir Gott geschickt«, herrschten +bereits seine Lippen dem Kellner zu, der soeben angebraust kam, um +gewohnheitsmäßig an den elektrischen Glühbirnen eine Reihe umfassender +Beleuchtungsstörungen einzuleiten: »Julius, ein Schachbrett«. »Wenn ich +nicht irre, habe ich die Ehre mit Herrn <em class="antiqua">Dr.</em> Paupersum?« +– begann +<span class='pagenum'><a name="Page_113" id="Page_113">[113]</a></span> der +Weltmann mit dem gewichsten Schnurrbart das Gespräch.</p> + +<p>»Hiob,– – ja, hm, ja, – Hiob Paupersum«, +bestätigte der Gelehrte zerstreut, denn er war wie gebannt von der Pracht +des Mordssmaragden, der, ein Automobillaternchen darstellend, als +Schlipsnadel die Gurgel seines Gegenübers verzierte.</p> + +<p>Erst das Erscheinen des Schachbrettes löste seine Verzauberung; dann aber +waren im Nu die Figuren aufgestellt, die lockern Köpfe der Rössel mit +Spucke befestigt und der fehlende Turm durch ein geknicktes Streichholz +ersetzt.</p> + +<p>Nach dem dritten Zuge entzwickerte sich der Weltmann, nahm eine +verkrampfte Stellung an und versank in dumpfes Brüten.</p> + +<p>»Er scheint den dümmsten Zug auf dem Brett herausfinden zu wollen, – ich +wüßte nicht, weshalb er sonst so lange nachdächte!« murmelte der Gelehrte +und stierte dabei geistesabwesend die schweinfurtergrünseidene Dame – das +einzige Lebewesen im Zimmer außer ihm und dem Weltmann – an, die ruhevoll +wie die Göttin auf dem Titelkopf von »Über Land und Meer« +<span class='pagenum'><a name="Page_114" id="Page_114">[114]</a></span> auf dem +Wandsofa thronte, vor sich einen Teller Schaumrollen, und das kühle +Frauenherz mit hundertpfündigem Speck umpanzert.</p> + +<p>»Ich geb’s auf«, meldete sich endlich der Herr mit der edelsteinernen +Automobillaterne, schob die Schachfiguren zusammen, entnahm seiner +Rippengegend ein güldenes Futteral, fischte eine Visitenkarte heraus und +reichte sie dem Gelehrten. <em class="antiqua">Dr.</em> Paupersum las:</p> +</div> + +<p class="center"> +Zenon Sawaniewski<br /> +Impresario für Monstrositäten.</p> + +<div class="textbody"> +<p>»Hm. Tja. Hm – für Monstrositäten, hm, – für Monstrositäten«, +wiederholte er eine Weile verständnislos. »Aber gedenken Sie nicht noch +ein paar Partien zu spielen?«, fragte er dann laut, den Sinn auf +Kapitalsvermehrung gerichtet.</p> + +<p>»Gewiß. Natürlich. Soviel Sie wünschen,« sagte der Weltmann höflich, »aber +wollen wir nicht vorerst von etwas Einträglicherem sprechen?«</p> + +<p>»Von etwas noch – noch Einträglicherem?«, fuhr es dem Gelehrten heraus, +und leise Falten des Mißtrauens legten sich um seine Augenwinkel. +</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_115" id="Page_115">[115]</a></span> +»Ich habe zufällig gehört,« begann der Impresario und bestellte bei dem +Kellner durch plastische Handbewegungen eine Flasche Wein und ein Glas, +»ganz zufällig, daß Sie trotz Ihres großen Rufes als Leuchte der +Wissenschaft zur Zeit keine feste Anstellung haben?«</p> + +<p>»Doch. Ich wickle tagsüber Liebesgaben ein und versehe sie mit +Postwertzeichen.«</p> + +<p>»Und das ernährt Sie?«</p> + +<p>»Nur insofern, als durch das damit verbundene Ablecken der Briefmarken +meinem Organismus eine gewisse Menge von Kohlehydraten zugeführt wird.«</p> + +<p>»Ja, warum verwerten Sie denn nicht lieber Ihre Sprachkenntnisse? Zum +Beispiel als Dolmetscher in einem Gefangenenlager?«</p> + +<p>»Weil ich nur Altkoreanisch, dann die spanischen Mundarten, ferner Urdu, +drei Eskimosprachen und ein paar Dutzend Suahelinegerdialekte gelernt habe +und wir mit diesen Völkerschaften vorläufig leider noch nicht verfeindet +sind.«</p> + +<p>»Sie hätten eben statt dessen Französisch, Russisch, Englisch und Serbisch +lernen sollen«, brummte der Impresario.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_116" id="Page_116">[116]</a></span> +»Dann wäre natürlich mit den <ins class="correction" title="Original: Eskismos">Eskimos</ins> +und nicht mit den Franzosen der Krieg +ausgebrochen«, wendete der Gelehrte ein.</p> + +<p>»So? Hm.«</p> + +<p>»Ja, ja, lieber Herr, da gibt’s nichts zu hmen; es ist leider so.«</p> + +<p>»Ich an Ihrer Stelle, Herr Doktor, hätte es mit Abhandlungen über den +Krieg bei irgendeiner Zeitung versucht. So ganz vom Schreibtisch aus. +Erfundenes Zeug selbstredend, nichts sonst.«</p> + +<p>»Hab ich doch,« klagte der Greis, »Frontberichte, knapp sachlich, +erschütternd einfach gehalten in der Schilderung, aber – –«</p> + +<p>»Mensch, Sie sind toll«, fuhr der Impresario auf. »Frontberichte knapp +gehalten? Frontberichte schreibt man im Gemsjägerstil! Sie hätten –«</p> + +<p>Der Gelehrte wehrte müde ab: »Ich habe alles Menschenmögliche im Leben +versucht. Als ich für mein Buch, eine vierbändige populäre Erschöpfung des +Stoffes: ‘Über den vermutlichen Gebrauch des Streusandes im +vorgeschichtlichen China’ keinen Verleger finden konnte, warf ich +<span class='pagenum'><a name="Page_117" id="Page_117">[117]</a></span> mich +auf Chemie«, – der Gelehrte wurde beim bloßen Zusehen, wie der andere +Wein trank, redseliger, – »machte alsbald eine Erfindung, ‘Stahl auf neue +Art zu härten’ – –«</p> + +<p>»Na, aber das hätte doch Geld tragen müssen!« rief der Impresario.</p> + +<p>»Nein. Ein Fabrikant, dem ich die Erfindung zeigte, riet mir ab, sie +patentieren zu lassen (er patentierte sie später für sich selbst) und +meinte, Geld könne man nur mit kleinen unscheinbaren Erfindungen +verdienen, die den Neid der Konkurrenz nicht erwecken. Ich befolgte den +Rat und erfand den berühmten zusammenlegbaren Konfirmationsbecher mit +selbsttätig aufwärtssteigendem Boden, um den Methodistenmissionären das +Bekehren wilder Völkerschaften zu erleichtern.«</p> + +<p>»Nun und?«</p> + +<p>»Ich bekam zwei Jahre Kerker wegen Gotteslästerung.«</p> + +<p>»Fahren Sie fort, Herr Doktor,« munterte der Weltmann den Gelehrten auf, +»das ist alles ungemein amüsant.«</p> + +<p>»Ach, ich könnte Ihnen tagelang von fehlgeschlagenen +<span class='pagenum'><a name="Page_118" id="Page_118">[118]</a></span> +Hoffnungen erzählen. – So machte ich zum Beispiel, um ein gewisses +Stipendium, das ein bekannter Förderer der Wissenschaft ausgesetzt hatte, +zu erlangen, mehrjährige Studien im Völkermuseum und schrieb ein +aufsehenerregendes Buch: ‘Wie, nach der Gaumenbildung bei +peruanischen Mumien zu schließen, die alten Inkas mutmaßlich den Namen +Huitzitopochtli ausgesprochen haben würden, wenn dieses Wort nicht in +Mexiko, sondern in Peru bekannt gewesen wäre.’«</p> + +<p>»Und haben Sie das Stipendium bekommen?«</p> + +<p>»Nein. Der bekannte Förderer der Wissenschaft sagte mir, – es war damals +vor dem Kriege, – er habe zurzeit kein Geld, er sei nebenbei +Friedensfreund und müsse sparen, da es vor allem gelte, die guten +Beziehungen Deutschlands zu Frankreich zum Zwecke der Erhaltung der +allgemeinen mühsam geschaffenen Menschheitswerte und -werke zu +befestigen.«</p> + +<p>»Aber, als dann der Krieg ausbrach, hatten Sie doch Aussichten?!«</p> + +<p>»Nein. Der Förderer sagte, jetzt müsse er vor allem sparen, um auch +seinerseits ein Scherflein +<span class='pagenum'><a name="Page_119" id="Page_119">[119]</a></span> +beizutragen, auf daß der Erbfeind für alle Zeiten niedergeworfen +werde.«</p> + +<p>»Nun, nach dem Kriege blüht sicher Ihr Weizen, Herr Doktor!«</p> + +<p>»Nein. Dann wird der Förderer sagen, erst recht müsse er sparen, damit die +zahllosen zerstörten Menschheitswerte und -werke wiederum aufgebaut und +die abgebrochenen guten Beziehungen der Völker aufs neue hergestellt +werden können.« –</p> + +<p>Der Impresario dachte lange und ernst nach; dann fragte er mitleidig: +»Wieso haben Sie sich eigentlich nie erschossen?«</p> + +<p>»Erschossen? Um Geld zu verdienen?«</p> + +<p>»No nein; ich meine – nun, hm – ich meine halt, es ist +bewundernswert, daß Sie nicht den Mut verloren haben, immer wieder von +vorn den Kampf mit dem Leben zu beginnen?«</p> + +<p>Der Gelehrte wurde plötzlich unruhig; sein Gesicht, das bis dahin starr +gewesen wie aus Holz geschnitzt, bekam ein ängstliches, flackerndes Leben.</p> + +<p>Über die Augen furchtsamer Tiere zieht, wenn sie zu Tode gehetzt vor dem +Abgrund stehen +<span class='pagenum'><a name="Page_120" id="Page_120">[120]</a></span> +hinter sich den Verfolger – bevor sie sich in die Tiefe +stürzen, um ihrem Peiniger nicht in die Hände zu fallen, ein ähnlich irrer +Glanz von Qual und tiefster stummer Hoffnungslosigkeit, wie er jetzt in +den Blick des Alten trat. Seine mageren Finger tasteten wie unter dem +Zucken verhaltenen Weinens auf der Tischplatte umher, als wollten sie dort +einen Halt suchen. Die Falte, die vom Nasenflügel zum Munde läuft, war mit +einem Male lang und straff bei ihm geworden und verzog seine Lippen, als +kämpfe er mit einer Lähmung. Er schluckte ein paarmal.</p> + +<p>»Ich weiß jetzt alles,« kam es dann mühsam heraus, wie bei einem, der sich +gegen das Lallen seiner Zunge wehrt, »ich weiß schon, Sie sind ein +Versicherungsagent. Ein halbes Leben lang habe ich mich gefürchtet, mit so +einem zusammenzutreffen.« (Der Weltmann bemühte sich vergebens, zu Worte +zu kommen, und protestierte mit Händen und Mienen.) »Ich weiß schon: Sie +wollen mir heimlich zu verstehen geben, ich solle mich versichern lassen +und dann irgendwie umbringen, damit – nun ja, damit mein Kind wenigstens +leben kann und nicht mit mir +<span class='pagenum'><a name="Page_121" id="Page_121">[121]</a></span> +verhungert! Reden Sie nicht! Glauben Sie +denn, ich wüßte nicht, daß einem von Ihrer Sorte nichts, aber auch gar +nichts unbekannt ist?! Ihr kennt doch unser ganzes Leben und habt +unsichtbare Gänge gegraben von Haus zu Haus und schielt hinein mit euern +Wolfsaugen in die Stuben, wo etwas zu holen ist, – ob ein Kind geboren +wird, wieviel Pfennige jeder in der Tasche hat, ob er heiraten wird oder +eine gefahrvolle Reise plant. Ihr führt Buch über uns und verschachert +einander unsere Adressen. Und Sie, Sie schauen mir ins Herz hinein und +lesen da drinnen den Gedanken, der mich zerfrißt jetzt schon ein Jahrzehnt +lang. – Ja, glauben Sie denn, ich sei ein so niederträchtiger Egoist, daß +ich mich nicht schon längst versichert und erschossen hätte meiner Tochter +zuliebe, – aus eigenem Antrieb und ohne es erst von euch, die ihr uns +betrügen wollt und eure eigene Anstalt betrügt, nach rechts betrügt und +nach links, untern Fuß zu bekommen, wie man’s machen soll, damit nichts +herauskommt?! Glauben Sie, ich wüßte nicht, daß ihr dann, wenn’s – vorbei +ist, hinlauft und verratet +<span class='pagenum'><a name="Page_122" id="Page_122">[122]</a></span> +– wiederum gegen ‘Provision’: Hier liegt Selbstmord vor, +die Versicherungssumme braucht nicht ausgezahlt zu werden! – – +Glauben Sie, ich sähe nicht – so, wie’s jeder sieht –, +wie die Hände meiner lieben Tochter immer weißer und durchsichtiger werden +von Tag zu Tag, und verstünde nicht, was es bedeutet: trockene fieberige +Lippen und Hüsteln in der Nacht!? Selbst wenn ich ein Halunke wäre wie +euresgleichen, hätte ich, um Arznei und kräftige Nahrung zu schaffen, +schon längst – –, aber ich weiß doch, wie’s dann käme: +das Geld würde nie ausbezahlt, und – und dann – –, nein, +nein, es ist nicht auszudenken!«</p> + +<p>Wieder wollte der Impresario unterbrechen, um den Verdacht, er sei +Versicherungsagent, zu entkräften, getraute sich aber nicht, denn der +Gelehrte ballte drohend die Faust.</p> + +<p>»Ich muß immerhin noch einen andern Weg zur Hilfe in Erwägung ziehen,« +beendete halblaut nach längerem unverständlichem Gebärdenspiel +<em class="antiqua">Dr.</em> Paupersum irgendeinen offenbar nur gedachten Satz, +»das – das mit den – Ambraser Riesen.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_123" id="Page_123">[123]</a></span> +»Ambraser Riesen! Donnerkeil, da sind Sie ja plötzlich bei meinem Thema. +Das ist’s doch, was ich von Ihnen wissen möchte!« Der Impresario ließ sich +nicht mehr halten: »Wie verhält sich das mit den Ambraser Riesen? Ich +weiß, Sie haben einmal einen Aufsatz darüber geschrieben. Aber warum +trinken Sie denn nicht, Herr Doktor?! Julius, rasch noch ein Weinglas!«</p> + +<p>Sofort war <em class="antiqua">Dr.</em> Paupersum wieder ganz Gelehrter.</p> + +<p>»Die Ambraser Riesen,« erzählte er trocken, »waren +mißgestaltete Menschen mit ungeheuern Händen und Füßen, und ihr Vorkommen +beschränkte sich ausschließlich auf das Tiroler Dorf Ambras, was zu der +Vermutung Anlaß gab, es müsse sich dabei um eine seltene Krankheitsform +handeln, deren Erreger an Ort und Stelle zu suchen sei, da er anderwärts +offenbar keinen Nährboden finden könne. Ich aber war der allererste, der +nachgewiesen hat, daß der gewisse Krankheitserreger im Wasser einer +dortigen, inzwischen nahezu versiegten Quelle zu suchen ist, und gewisse +Versuche, die ich in dieser Richtung machte, berechtigten mich, den Beweis +an mir +<span class='pagenum'><a name="Page_124" id="Page_124">[124]</a></span> +selbst in der Weise anzubieten, daß ich mich anheischig +machen kann, nötigenfalls bereits in wenigen Monaten – trotz meines +vorgeschrittenen Alters – an meinem eigenen Körper derartige und +noch weit darüber hinausgehende Mißwachserscheinungen +herbeizuführen.«</p> + +<p>»Welcher Art zum Beispiel?« fragte der Impresario gespannt.</p> + +<p>»Meine Nase würde sich fraglos um eine Spanne ins Rüsselartige verlängern +– etwa in der Form, die dem amerikanischen Wasserschwein eigentümlich +ist, die Ohren würden sich zu Tellergröße auswachsen, meine Hände hätten +sicherlich schon nach einem Vierteljahr das Ausmaß eines mittleren +Palmenblattes (<em class="antiqua">Lodoicea Sechellarum</em>) erreicht, wohingegen meine Füße +leider die Dimensionen eines 100-Liter-Faßdeckels schwerlich übertreffen +würden. Was ferner die immerhin zu erhoffende knollenartige Wucherung der +Knie nach Art des mitteleuropäischen Baumschwammes anbelangt, sind meine +theoretischen Berechnungen noch nicht abgeschlossen, so daß ich eine +wissenschaftliche Garantie nur mit Vorbehalt übernehmen – –«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_125" id="Page_125">[125]</a></span> +»Das genügt! Sie sind mein Mann!« fiel der Impresario atemlos ein. »Bitte, +unterbrechen Sie mich nicht. – Kurz und gut: Sind Sie willens, das +Experiment an sich zu machen, wenn ich Ihnen ein jährliches Einkommen von +einer halben Million garantiere und einen Vorschuß von ein paar tausend +Mark – sagen wir – na, sagen wir: fünfhundert Mark erlege?«</p> + +<p><em class="antiqua">Dr.</em> Paupersum war wie betäubt. Er schloß die Augen. +Fünfhundert Mark! – Ja, gab’s denn überhaupt so viel Geld auf der Welt!</p> + +<p>Ein paar Minuten lang sah er sich bereits in ein vorsintflutliches Ungetüm +mit langem Rüssel verwandelt, hörte im Geiste einen Neger, grell als +Jahrmarktsbudenausrufer gekleidet, in eine bierschwitzende Menge +hinabkreischen: »Nurr herreinspaziert, meine Herrschaften, – +das größte Scheusal des Jahrhunderts für lump’je zehn +Fenn’je!« – – Dann aber sah er seine liebe, liebe +Tochter voll blühender Gesundheit, in weiße Seide reich gekleidet, mit dem +Myrtenkranz als Braut vor dem Altare selig knien – und die ganze +Kirche war strahlend erhellt – und von dem Muttergottesbild ging ein +Glanz<span class='pagenum'><a name="Page_126" id="Page_126">[126]</a></span> +aus – und – und – einen Augenblick +krampfte sich ihm wohl das Herz zusammen: er selbst mußte sich hinter +einem Pfeiler verborgen halten, er durfte seine Tochter ja nie mehr +küssen, sich nicht einmal von weitem sehen lassen, um ihr seinen Segen +zuzuwinken, – er, er, das grauenhafteste Monstrum der Erde! Denn er hätte +doch sonst den Bräutigam verscheucht! Und er würde fortan in der Dämmerung +leben müssen, wie ein lichtscheues Tier, sich bei Tag sorgfältig verborgen +halten, – aber was lag an all dem! Plunder! Kleinigkeiten! Wenn nur seine +Tochter wieder gesund werden kann! Und glücklich! Und reich! – Eine +stumme Verzückung kam über ihn. – Fünfhundert Mark! Fünf – hundert – +Mark! – –</p> + +<p>Der Impresario, der das lange Schweigen des Gelehrten als +Unentschlossenheit deutete, fing an, seine ganze Überredungskunst +aufzubieten: »Herr Doktor! So hören Sie doch! Sie treten ja Ihr Glück mit +Füßen, wenn Sie ‘nein’ sagen! Ihr ganzes Leben war bisher verfehlt. Und +warum? Sie haben Ihren Verstand vollgepfropft mit lauter Lernen. Lernen +ist doch +<span class='pagenum'><a name="Page_127" id="Page_127">[127]</a></span> +Blödsinn. Schauen Sie mich an: hab’ ich vielleicht was gelernt? +Das Lernen können sich Leute leisten, die wo von Haus aus schon reich sind +– und die haben’s dann eigentlich erst recht net nötig. – Der Mensch muß +demütig sein und – dumm, sozusagen, dann hat ihn die Natur gern. Die +Natur ist doch auch dumm. Haben Sie schon einmal g’sehn, daß ein dummer +Mensch zugrund’ ’gangen is? – Sie hätten von Anfang an die Talente +dankbar entwickeln sollen, die Ihnen das Schicksal als Geschenk in die +Wiege gelegt hat. Oder haben Sie sich ’leicht noch nie in den Spiegel +geschaut? Wer so aussieht wie Sie, selbst jetzt, wo Sie noch kein Ambraser +Trinkwasser eing’nommen haben, hätt’ sich schon längst als Clown eine +solide Existenz gründen können, – Gott, die Fingerzeige der gütigen +Mutter Natur sind doch so blitzeinfach zu verstehen. Oder fürchten Sie +sich ’leicht, als Monstrosität keine Ansprache zu haben? Ich kann Ihnen +nur sagen, ich hab’ schon ein stattliches Angsambel beisammen. Und lauter +Leute aus den besten Kreisen. – Da hab’ ich zum Beispiel einen alten +Herrn, der wo +<span class='pagenum'><a name="Page_128" id="Page_128">[128]</a></span> +ohne Arme und Beine geboren worden ist. Den führ’ ich +demnächst Ihrer Majestät der Königin von Italien als belgischen Säugling +vor, den die deutschen Generäle verstümmelt haben.«</p> + +<p><em class="antiqua">Dr.</em> Paupersum hatte nur die letzten Worte klar erfaßt. »Was reden +Sie da für Zeug zusammen?« fuhr er unwirsch auf. »Erst sagen +Sie, der Krüppel sei ein alter Herr, und dann wollen Sie ihn als +belgischen Säugling vorstellen!«</p> + +<p>»Das erhöht doch gerade den Reiz!« widersprach der Impresario; »ich +behaupte ganz <ins class="correction" title="Original: ein fach">einfach</ins>, +er sei so rapid gealtert – aus Gram, weil er hat +zuschauen müssen, wie ein preußischer Ulan seine Mutter bei lebendigem +Leib aufgefressen hat.«</p> + +<p>Der Gelehrte wurde unsicher; die Schlagfertigkeit des andern war zu +verblüffend. »Na gut, meinetwegen. Aber sagen Sie mir vor allem: Wie +gedenken Sie mich zur Schau zu stellen, bis ich erst einen Rüssel habe, +Füße wie ein Faßdeckel und so weiter?«</p> + +<p>»Blitzeinfach! – Ich schmuggle Sie mit falschem Paß über die Schweiz nach +Paris. Dort +<span class='pagenum'><a name="Page_129" id="Page_129">[129]</a></span> +kommen Sie in einen Käfig, haben alle fünf Minuten zu brüllen +wie ein Stier und dreimal täglich ein paar lebende Ringelnattern zu essen +(die Sache kriegen wir schon, es hört sich nur ein bissel grausig an). +Abends ist dann Galavorstellung: ein Turko zeigt, wie er Sie in den +Urwäldern Berlins mit dem Lasso eingefangen hat. Und draußen auf einem +Plakat steht: Dieses ist ein garantiert echter deutscher Professor (und +das ist doch die Wahrheit; zu einem Schwindel gebe ich meine Hand nicht +her), das erstemal lebend nach Frankreich gebracht! – und so weiter. +Übrigens wird mein Freund d’Annunzio den Text gern verfassen, der findet +den richtigen poetischen Schwung schon.«</p> + +<p>»Was aber, wenn inzwischen der Krieg beendet ist?« gab der Gelegte zu +bedenken, »wissen Sie, bei meinem Pech – – –«</p> + +<p>Der Impresario lächelte: »Seien Sie unbesorgt, Herr Doktor; die Zeit, wo +ein Franzose nicht alles glaubt, was gegen die Deutschen spricht, kommt +nie. Auch in tausend Jahren nicht.« – –</p> + +<hr class="dash" /><hr class="dash" /> + + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_130" id="Page_130">[130]</a></span> +War das ein Erdbeben gewesen? Nein, – nur der Pikkolo hatte seinen +Nachtdienst im Café angetreten und als musikalisches Vorspiel ein +Kredenzblech mit Wassergläsern heruntergeschmissen.</p> + +<p><em class="antiqua">Dr.</em> Paupersum blickte verstört umher. Die Göttin von +»Über Land und Meer« war verschwunden und statt ihrer hockte ein alter +unverbesserter Gewohnheits-Theaterkritiker auf dem Sofa, +»verriß« im Geiste eine Premiere, die nächste Woche +stattfinden sollte, tupfte mit nassem Zeigefinger ein paar Semmelbrösel +vom Tisch, zernagte sie mit den Vorderzähnen und schnitt Iltisgesichter +dazu.</p> + +<p>Allmählich wurde sich <em class="antiqua">Dr.</em> Paupersum darüber klar, daß er selbst +sonderbarerweise mit dem Rücken gegen das Lokal saß – vermutlich die +ganze Zeit über so gesessen hatte – und alles, was er mit dem Auge +erlebt, in dem großen Wandspiegel vor sich gesehen haben mußte, denn sein +eigenes Gesicht starrte ihn jetzt nachdenklich an. – Der Weltmann war +auch noch da, fraß auch wirklich kalten Lachs – mit dem Messer natürlich +–, aber er saß ganz drüben im Winkel und nicht hier am Tisch.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_131" id="Page_131">[131]</a></span> +»Wie bin ich eigentlich ins Café Stefanie gekommen?« fragte sich der +Gelehrte.</p> + +<p>Er konnte sich nicht entsinnen.</p> + +<p>Dann legte er sich langsam zurecht: Es kommt von dem ewigen Hungern, und +wenn man andere Lachs essen sieht und Wein dazu trinken. Mein Ich hat sich +eine Weile gespalten. Alte Sache das und ganz natürlich; in solchen Fällen +sind wir mit einem Male wie Zuschauer im Theater und doch auch +gleichzeitig die Darsteller unten auf der Bühne. Und die Rollen, die wir +spielen, setzen sich zusammen aus dem, was wir einst gelesen und gehört +und heimlich – gehofft haben. Ja, ja, die Hoffnung ist ein grausamer +Dichter! Wir malen uns da Gespräche aus, die wir zu erleben glauben, sehen +uns Gebärden machen, bis die Außenwelt fadenscheinig wird und unsere +Umgebung zu anderen trügerischen Formen gerinnt. Selbst die Sätze, die in +unserem Hirn geboren werden, denken wir nicht mehr wie sonst; sie sind mit +Phrasen und Begleitbemerkungen umhüllt wie in einer Novelle. – Ein +seltsames Ding, dieses »Ich«! Es fällt zuweilen auseinander wie ein Bündel +Ruten, +<span class='pagenum'><a name="Page_132" id="Page_132">[132]</a></span> +von dem man die Schnur löst ... – und wieder ertappte sich <em class="antiqua">Dr.</em> +Paupersum dabei, daß seine Lippen murmelten: »Wie bin ich eigentlich ins +Café Stefanie gekommen?«</p> + +<p>Plötzlich zerriß ein Jubelschrei in seinem Innern alles Grübeln: »Ich habe +doch eine Mark gewonnen im Schachspiel. Eine ganze Mark! Jetzt ist ja +alles gut; mein Kind kann wieder gesund werden. Rasch eine Flasche roten +Wein, und Milch, und – – –.«</p> + +<p>In wilder Aufregung durchwühlte er seine Taschen, da fiel sein Blick auf +den Trauerflor, den er am Ärmel trug, und mit einem Schlage stand die +nackte entsetzliche Wirklichkeit vor ihm: seine Tochter war doch gestern +nacht gestorben!</p> + +<p>Er griff mit beiden Händen nach seinen Schläfen – – ja, ge–stor–ben. +Jetzt wußte er auch, wieso er ins Café gekommen war – vom Friedhof, vom +Begräbnis. Am Nachmittag hatten sie sie doch bestattet. Eilig, +teilnahmslos, verdrossen. Weil es so geregnet hatte.</p> + +<p>Und dann war er durch die Straßen geirrt, stundenlang, hatte die Zähne +zusammengebissen und krampfhaft auf das Klappen seiner Absätze +<span class='pagenum'><a name="Page_133" id="Page_133">[133]</a></span> gehorcht +und dabei gezählt, immer gezählt und gezählt von eins bis hundert und +wieder von vorn, um nicht wahnsinnig zu werden vor Furcht, seine Schritte +könnten ihn gegen seinen Willen nach Hause führen in sein kahles Zimmer +mit dem ärmlichen Bett, in dem sie gestorben, und das jetzt – leer war. +Irgendwie mußte er dann hier gelandet sein. Irgendwie.</p> + +<p>Er hielt sich am Tischrand, um nicht zusammenzubrechen. Abgerissen und +unvermittelt zog es durch sein Gelehrtenhirn: »Hm, ja, ich hätte – ich +hätte ihr durch Transfusion Blut aus meinen Adern überleiten sollen; – +Blut überleiten sollen – –« wiederholte er ein paarmal mechanisch; da +schreckte ihn ein Gedanke auf: »Ich kann mein Kind doch nicht allein +lassen – draußen in der nassen Nacht,« wollte er aufschreien, aber es kam +nur ein leises Winseln aus seiner Brust. – – – – – – –</p> + +<p>»Rosen, ein Strauß Rosen war ihr letzter Wunsch gewesen,« scheuchte es ihn +nochmals auf – – – »so kann ich ihr doch wenigstens einen Strauß Rosen +kaufen, ich habe ja eine Mark im Schachspiel gewonnen,« – er wühlte +<span class='pagenum'><a name="Page_134" id="Page_134">[134]</a></span> +wieder in seinen Taschen und eilte hinaus, ohne Hut in die Dunkelheit, +einem letzten winzigen Irrlicht nach.</p> + +<hr class="dash" /> + +<p>Am nächsten Morgen fanden sie ihn auf dem Grab seiner Tochter. Tot. Die +Hände tief in die Erde gewühlt. Er hatte sich die Pulsadern +durchschnitten, und sein Blut war hinabgesickert zu der, die da unten +schlief.</p> + +<p>Auf seinem weißen Gesicht aber lag ein Glanz jenes stolzen Friedens, den +keine Hoffnung mehr stören kann.</p> +</div> + + +<p class="chapter"><span class='pagenum'><a name="Page_135" id="Page_135">[135]</a></span> +<a name="Amadeus_Knodlseder" id="Amadeus_Knodlseder"></a>Amadeus Knödlseder <br /> +Der unverbesserliche Lämmergeier</p> + +<div class="textbody"> +<p>»Knödlseder, schleich dich!« hatte der bayerische Steinadler Andreas +Humplmeier gesagt und das Fleischstück, das des Wärters spendende Hand +durchs Gitter gesteckt, brüsk an sich gerissen.</p> + +<p>»Sauviech, verfluachts«, schimpfte, vor Wut außer sich, der hochbetagte, +in der langen Gefangenschaft bereits kurzsichtig gewordene Lämmergeier – +denn dies war der solchergestalt auf geringschätzige Weise Angeredete, +flog auf eine Stange und spuckte dünn nach seinem Widersacher.</p> + +<p>Doch Humplmeier ließ sich nicht beirren; den Kopf in die schützende Ecke +gesteckt, verzehrte er das Fleisch, hob nur verächtlich die Schwanzfedern +und höhnte: »Geh her! Kriagst a Watschn.«</p> + +<p>Es war nun schon das drittemal, daß Amadeus Knödlseder um sein Abendessen +kam!</p> + +<p>»Das geht nicht länger so weiter«, brummte +<span class='pagenum'><a name="Page_136" id="Page_136">[136]</a></span> +er und schloß die Augen, um das unverschämte Grinsen des Marabus nebenan +im Käfig nicht zu sehen, der regungslos im Winkel saß und angeblich +»Gott dankte«, – eine Beschäftigung, der er als heiliger +Vogel rastlos obliegen zu müssen glaubte, »das geht nicht länger so +weiter«.</p> + +<p>Knödlseder ließ die Ereignisse der verflossenen Wochen im Geiste an sich +vorüberziehen: anfangs, nun ja, da hatte er selbst oft über des +Steinadlers urwüchsige Art lächeln müssen; besonders bei einer +Gelegenheit: in den anstoßenden Raum waren damals zwei engbrüstige, +hochmütige Gesellen – stelzbeinig wie Störche – gebracht worden, und der +Steinadler hatte ausgerufen: »Ja, was wär denn jetzt dös? Was seid’s denn +ös für welche?«</p> + +<p>»Wir sind Jungfernkraniche«, war die Antwort gewesen.</p> + +<p>»Wer’s glaubt«, hatte der Steinadler zur allgemeinen Heiterkeit gesagt, +aber gar bald kehrte sich die Spottlust des rüden Burschen auch gegen ihn: +So zum Beispiel besprach er sich heimlich einmal mit einem Raben, der bis +<span class='pagenum'><a name="Page_137" id="Page_137">[137]</a></span> +dahin ein sehr umgänglicher Kollege gewesen, und sie entwendeten einer +unvorsichtigerweise zu nahe am Gitter vorbeifahrenden Kindsfrau aus deren +Säuglingswagen einen roten Gummischlauch. Dann legten sie den Schlauch in +die Freßmulde, und der Steinadler hatte mit dem Daumen hingedeutet und +gesagt: »Amatöus, da hast du eine Wurscht.« Und er – er, der bislang +einstimmig als die Zierde des Zoologischen Gartens gegolten, der +hochgeehrte königliche Lämmergeier Knödlseder! – hatte es geglaubt, war +mit dem Schlauch auf die Stange geflogen, hatte ihn zwischen die Fänge +genommen und mit dem Schnabel daran gezogen und gezogen, bis er selbst +schon ganz lang und dünn geworden und dann war das elastische Zeug +plötzlich gerissen und er nach hinten heruntergefallen, wobei er sich den +Hals scheußlich verrenkte. Unwillkürlich befühlte Knödlseder die noch +immer schmerzende Stelle. Wieder schüttelte ihn ein Wutausbruch, aber er +bezwang sich rasch, um dem Marabu keinen Anlaß zur Schadenfreude zu geben. +Er warf einen raschen Blick hinunter: nein, zum Glück hatte der ekelhafte +Kerl<span class='pagenum'><a name="Page_138" id="Page_138">[138]</a></span> +nichts bemerkt – er saß im Winkel und »dankte Gott«. –</p> + +<p>»Heute nacht wird entflohen,« beschloß der Lämmergeier nach längerem Hin- +und Hergrübeln endlich bei sich; »besser die Freiheit mit ihren Sorgen ums +Dasein, als mit diesen Unwürdigen auch nur einen Tag noch beisammen sein!« +– Ein kurzer Versuch zeigte ihm, daß die Klappe – oben im Käfig am +Scharnier durchgerostet – noch immer leicht zu öffnen war, ein Geheimnis, +um das er seit geraumer Zeit schon wußte.</p> + +<p>Er zog seine Taschenuhr zu Rate: Neun Uhr! Also mußte es bald finster +werden!</p> + +<p>Er wartete noch eine Stunde und packte dann geräuschlos seinen Handkoffer. +Ein Nachthemd, drei Taschentücher (er hielt sie ans Auge: mit A. K. +gemerkt?, ja, es waren die seinigen), sein abgegriffenes Gesangbuch mit +dem vierblättrigen Kleeblatt drin und dann – eine Träne der Wehmut +feuchtete seine Lider – das alte liebe Bruchband, das, bunt als +Brillenschlange bemalt, ihm einst Mütterlein zum Osterfeste kurz bevor er +von Menschenhand aus dem Neste genommen worden, zum Spielen geschenkt +hatte.<span class='pagenum'><a name="Page_139" id="Page_139">[139]</a></span> +So, das war alles. Zugesperrt und den Kofferschlüssel im Kropfe geborgen.</p> + +<p>»Eigentlich sollte ich mir«, überlegte Knödlseder, »noch vom Herrn +Vorstand ein Leuschnabelzeugnis ausstellen lassen! Man kann nie +wissen – –«; aber er verwarf den Gedanken; nicht mit Unrecht sagte er +sich, die Direktion des Zoologischen Gartens könnte trotz ihrer +sprichwörtlichen Harmlosigkeit seiner Abreise mißbilligend +gegenüberstehen. »Nein, lieber noch ein Stündchen schlafen.«</p> + +<p>Schon wollte er den Kopf unter den Flügel stecken, da schreckte ihn ein +Klappern auf. Er horchte. Es war nichts weiter von Bedeutung: der Marabu, +der insgeheim dem Hazard fröhnte, spielte bei Mondenschein unter dem +Schutze der Nacht, »grad ungrad auf Ehrenwort« mit sich selber. Und das +machte er so: er schluckte einen Haufen Kieselsteine und spuckte sie zum +Teil wieder aus; war die Zahl ungrad, hatte er »gewonnen«. Eine Weile sah +der Lämmergeier zu und freute sich mordsmäßig, da der Marabu unausgesetzt +verlor, bis wiederum ein Geräusch, – diesmal aus dem künstlichen +Zementbaum, der das Innere +<span class='pagenum'><a name="Page_140" id="Page_140">[140]</a></span> +des Käfigs verschönte, kommend – seine +Aufmerksamkeit anderweitig in Anspruch nahm. Es war eine Flüsterstimme, +die ihm zuraunte: »Pst, pst, Herr Knödlseder!«</p> + +<p>»Ja, was gibts?« antwortete der Lämmergeier ebenso leise und flog lautlos +von seiner Stange herab.</p> + +<p>Es war ein Igel, der ihn angeredet hatte, zwar auch ein gebürtiger Bayer, +aber im Gegensatz zu dem widerwärtigen Steinadler ein schlichter biederer +Charakter und rohen Späßen von Grund aus abhold.</p> + +<p>»Sie wollen entfliehen«, begann der Igel und wies mit dem Kopf nach dem +gepackten Handkoffer. Einen Augenblick überlegte der Lämmergeier, ob er +dem Sprecher sicherheitshalber nicht den Kragen umdrehen sollte, aber der +offene ehrliche Blick des Wackern entwaffnete ihn. »Kennen S’ Ihna denn +aber auch in der Gegend bei München aus, Herr Knödlseder?«</p> + +<p>»Nein«, gab der Lämmergeier betroffen zu.</p> + +<p>»No, so seg’n S’. Da kann i Ihna rat’n. Also zerscht, +bal S’ außa kemman: +links ums Eck umi; nacher halten S’ Eahna rechterhand. +<span class='pagenum'><a name="Page_141" id="Page_141">[141]</a></span> +Na seg’n S’ scho selber. Und nacher« – der Igel +machte eine Pause, schüttelte sich aus seinem Schmalzlerglas eine Prise +Tabak auf die Daumengrube und schnupfte sie zischend auf – +»und nacher pfeilgrad füri, bis S’ zu aner Oasn kemman – +Daglfing hoaßt mer’s, na’ müass’n S’ +weiterfrag’n. Und viel Glück auf d’ Reis’, Herr +Nachbar«, schloß der Igel und verschwand.</p> + +<p class="star">* * *</p> + +<p>Alles war gut gegangen. Noch vor Tagesgrauen hatte Amadeus Knödlseder +vorsichtig die Gitterklappe geöffnet, schnell das Edelweißhütlein und die +gestickten Hosenträger Humplmeiers, des Steinadlers, der auf seiner Stange +wie eine Brettsäge schnarchte, mit seinen eignen abgetragenen vertauscht +und sich, das Köfferchen in der Linken, in die Lüfte geschwungen. Wohl war +bei dem Geräusch der Marabu aus dem Schlummer erwacht, aber ohne etwas zu +bemerken, denn er hatte sich sofort, noch schlaftrunken, in den Winkel +gestellt und dankte Gott.</p> + +<p>»Eine Flachheit ist das!« brummte der Lämmergeier +<span class='pagenum'><a name="Page_142" id="Page_142">[142]</a></span> +beim Anblick der träumenden Stadt, wie er durchs rosige Dämmerlicht nach +Süden flog, »und so was nennt sich Kunstmetropole!«</p> + +<p>Bald war das liebliche Daglfing erreicht, und Amadeus Knödlseder ließ sich +herab, um, von der ungewohnten Anstrengung erhitzt, eine Maß Bier käuflich +an sich zu bringen.</p> + +<p>Gemächlich schlenderte er durch die ausgestorbenen Gassen. Doch weit und +breit kein Ausschank, der so früh schon offen gewesen wäre. Ein einziger +Laden nur, der eine Ausnahme machte: die »Handlung« von Barbara +Mutschelknaus.</p> + +<p>Eine Weile musterte der Lämmergeier die bunte Auslage, dann schoß ihm ein +Gedanke durch den Kopf. Entschlossen drückte er auf die Klinke.</p> + +<p class="star">* * *</p> + +<p>Schon in der Nacht hatte ihn die Sorge gequält, womit er wohl in der +Freiheit sein Dasein fristen sollte. Beute erjagen? Bei <em class="gesperrt">meiner</em> +Kurzsichtigkeit? hatte er sich gefragt.</p> + +<p>Hm. Oder eine kleine Guanofabrik errichten? Dazu gehört in erster Linie +Essen, und zwar +<span class='pagenum'><a name="Page_143" id="Page_143">[143]</a></span> +viel, sehr viel Essen; <em class="antiqua">ex nihilo nihil fit</em>; – +doch jetzt mit einem Male eröffnete sich ihm ein neuer Plan. Er betrat +den Laden.</p> + +<p>»Teifi, was is denn jetzt dös für a scheißlichs Viech!« kreischte die alte +Frau Mutschelknaus beim Anblick des sonderbaren frühen Kunden auf; doch +gar bald besänftigte sie sich, als Amadeus Knödlseder ihr freundlich die +Wangen tätschelte und in wohlgesetzter Rede zu verstehen gab, er gedenke +behufs Vervollständigung seiner Reisetoilette umfangreiche Einkäufe zu +machen, wofür hauptsächlich farbige Krawatten aller Arten und Formen in +Betracht kämen.</p> + +<p>Durch das joviale Benehmen des Lämmergeiers bestrickt, türmte die Alte +denn auch in Windeseile ganze Berge der prächtigsten Halsbinden auf den +Ladentisch.</p> + +<p>Und alles nahm der »gnä Herr« ohne zu feilschen und ließ es in eine große +Pappschachtel packen. Nur einen feuerroten Schlips wählte er selbst aus +mit dem Ersuchen, ihn an seinem langen kahlen Hals zu befestigen, dabei +mit sengendem Blick verführerisch das Liedchen trällernd:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class='pagenum'><a name="Page_144" id="Page_144">[144]</a></span> +<span class="i0">»Ein heißer Kuß von deinem Rosenmundö</span> +<span class="i0">erinnert mich</span> +<span class="i0">an jenes Morgenrot, hurra;</span> +<span class="i0">hurra, hurra!«</span> +</div></div> + +<p>»No, die steht Eahna«, rief die Alte selig, als die Krawatte endlich +richtig saß, »und ausschaugn tuan S’ (wie ein Schnallentreiber, hätte sie +beinahe gesagt) – wie ein leibhaftiger Baron.«</p> + +<p>»So, nun noch ein Glas Wasser, liebe Frau, wenn ich bitten darf«, flötete +der Lämmergeier.</p> + +<p>Dienstbeflissen eilte die Betörte in die rückwärtigen Gefilde des Hauses; +doch kaum war sie dem Blick entschwunden, ergriff Amadeus Knödlseder die +Pappschachtel, stürmte ohne zu zahlen aus dem Laden und schwebte in der +nächsten Minute dem klaren Himmelszelt zu. Wohl gellte alsbald eine Flut +von Verwünschungen seitens der geschädigten Handelsfrau in die Luft, doch +ohne jeglichen Gewissensbiß – im linken Fang den Handkoffer, rechts die +gefüllte Pappschachtel – gaukelte der Ruchlose fürbaß durch den blauen +Äther.</p> + +<p>Erst spät am Nachmittage – die scheidenden Strahlen des zur Rüste +gehenden Sonnenballes +<span class='pagenum'><a name="Page_145" id="Page_145">[145]</a></span> +schickten sich bereits an, die roterglühenden Alpengipfel zu küssen +– lenkte er seinen Flug erdwärts. Der balsamische Duft der +heimatlichen Bergwelt umfächelte kosend sein Antlitz und trunken schwelgte +das Auge in köstlichem Fernblick.</p> + +<p>Melodisch klang aus grünenden Triften der schwermütige Gesang der +Hirtenknaben empor zum schwindelnden Firn, gar lieblich durchflochten von +dem Silberschall der heimziehenden Herden. Von dem richtigen Instinkt des +Sohnes der Lüfte geleitet, erkannte Amadeus Knödlseder gar bald zu seiner +Freude, daß ein günstiges Schicksal wohlwollend seine Schwingen gelenkt +und ihn in die Nähe eines wohlhabenden Murmeltierstädtchens geführt hatte.</p> + +<p>Wohl suchten die Bewohner sofort bei seinem Erscheinen den schützenden +Herd auf und schlossen die Türen, aber rasch legte sich ihre Furcht, als +sie sahen, daß Knödlseder einem greisen Hamster, der in der Ortschaft ein +Getreidegeschäft leitete und nimmer schnell genug hatte fliehen können, +nicht nur kein Haar krümmte, vielmehr ehrerbietig vor ihm den Hut zog, um +Feuer bat und sich nach einer Herberge erkundigte.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_146" id="Page_146">[146]</a></span> +»Sie sind gewiß kein Hiesiger, nach dem Dialekt zu schließen?«, fragte er, +leutselig ein längeres Gespräch anknüpfend, als ihm der Hamster, vor +Zittern kaum der Rede fähig, die gewünschte Auskunft erteilt hatte.</p> + +<p>»Nein, nein«, stotterte der alte Herr.</p> + +<p>»Wohl aus dem Süden?«</p> + +<p>»Nein. Aus – aus Prag.«</p> + +<p>»Demnach mosaischen Glaubensbekenntnisses, wie?« forschte Amadeus +Knödlseder und drückte lächelnd ein Auge zu.</p> + +<p>»Ich? I – ich? Was denken Sie von mir, Herr Lämmergeier!« leugnete der +Hamster in seiner Angst, möglicherweise einen Russen vor sich zu haben, +drauflos. »Ich mosaisch? Im Gegenteil, ich war doch zehn Jahr lang +Schabbesgoj bei einer zwar jüdischen, aber armen Familie!«</p> + +<p>Nachdem der Lämmergeier sich noch eingehend über alles Mögliche erkundigt +und insbesondere seiner hohen Freude Ausdruck verliehen, daß es im +Städtchen keinerlei wie immer geartete Nachtlokale gab, entließ er den +Ärmsten, der von beständiger Furcht inzwischen beinahe den Veitstanz +<span class='pagenum'><a name="Page_147" id="Page_147">[147]</a></span> +bekommen hätte, und begab sich auf die Suche nach einer Wohnung.</p> + +<p>Das Glück lächelte ihm, und noch ehe die Nacht hereinbrach, war es ihm +gelungen, auf dem Marktplatz einen schmucken Laden mit anstoßender Kammer +sowie Nebenräumen, die alle ihre eigenen Ausgänge hatten, zu mieten.</p> + +<p class="star">* * *</p> + +<p>Friedlich flossen Tage und Wochen dahin, die Bürgerschaft hatte ihre +Besorgnisse längst fahren lassen, und fröhliches Gemurmel belebte wiederum +von früh bis spät die Straßen.</p> + +<p>Fein säuberlich mit Rundschrift auf ein Brett geschrieben stand über dem +neuen Laden zu lesen:</p> + +<p class="textbox"> +Krawattengeschäft in allen Farben,<br /> +ausgeübt<br /> +von<br /> +Amadeus Knödlseder.<br /> +(Braune Rabattmarken.) +</p> +</div> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_148" id="Page_148">[148]</a></span> +und gaffend staute sich die Menge vor den ausgestellten Herrlichkeiten.</p> + +<div class="textbody"> +<p>Früher, wenn die Wildenten – protzig, daß ihnen die Natur so schöne +grünschillernde Halsbinden geschenkt – in Schwärmen vorübergezogen kamen, +hatte jedesmal Verstimmung und Bitterkeit im Orte geherrscht – wie anders +war das jetzt geworden! Wer halbwegs auf Rang und Ansehen hielt, besaß +einen Schlips von primissima Qualität, aber noch viel, viel greller. Da +gab’s rote und blaue, dieser trug einen gelben, jener einen gewürfelten, +und gar der Herr Bürgermeister, der hatte einen so langen, daß er sich +beim Gehen beständig mit den Vorderpfoten dreinverwickelte.</p> + +<p>Die Firma Amadeus Knödlseder war in aller Munde, und der Inhaber galt als +Vorbild für sämtliche Untertanentugenden. Sparsam, fleißig, erwerbsfreudig +und mäßig (er trank bloß Limonade).</p> + +<p>Tagsüber bediente er vorn im Laden die Kundschaft: nur zuweilen führte er +besonders wählerische Käufer in das rückwärtige Zimmer, wo er dann +auffallend lang zu verweilen pflegte, +<span class='pagenum'><a name="Page_149" id="Page_149">[149]</a></span> +wahrscheinlich um Eintragungen im Hauptbuch vorzunehmen; wenigstens hörte +man ihn in solchen Fällen oft und laut rülpsen – bei Kaufleuten +seiner Branche stets ein Zeichen angestrengter, geistiger Tätigkeit.</p> + +<p>Daß der betreffende Käufer das Geschäft niemals wieder durch das vordere +Lokal verließ, war nicht weiter befremdlich. Gab es doch so viele +rückwärtige Ausgänge!</p> + +<p>In den Stunden nach Feierabend liebte es Amadeus Knödlseder, auf einem +steilen Schroffen zu sitzen und schwärmerische Weisen auf der Schalmei zu +blasen, bis er die heimlich Angebetete seines Herzens – ein ältliches +Gemsenfräulein mit Hornbrille und schottischem Plaid – auf dem schmalen +Felsenbande gegenüber einhertrippeln sah. Dann grüßte er stumm und +ehrerbietig. Und sie dankte mit züchtigem Neigen des Köpfchens. Man +munkelte bereits, die beiden würden ein Paar werden, und alle, die um die +zarten Beziehungen wußten, konnten sich nicht genugtun in Ausrufen der +Bewunderung, wie erfreulich es doch sei, die segensreiche Wirkung +gesitteten Lebenswandels selbst bei einem +<span class='pagenum'><a name="Page_150" id="Page_150">[150]</a></span> +erblich so schwer belasteten Individuum, wie es ein Lämmergeier naturgemäß +sein mußte, mit eigenen Augen ansehen zu dürfen.</p> + +<p>Daß trotzdem keine rechte Freude unter den Bewohnern des +Murmeltierstädtchens einziehen wollte, war lediglich dem ebenso +befremdenden wie betrüblichen Umstande zuzuschreiben, daß die Zahl der +Bürgerschaft auf erschreckende Weise und ohne ersichtlichen Grund abnahm, +sozusagen von Woche zu Woche abnahm. Fast keine Stunde verging, ohne daß +nicht irgendein Familienmitglied als »vermißt« gemeldet wurde. Man riet +auf dies, man riet auf jenes, man wartete – aber niemals kehrte eines der +Verschollenen jemals wieder.</p> + +<p>Eines Tages fehlte sogar – das Gemsenfräulein! Man fand ihr +Riechfläschchen auf dem Felsenbande; sie selbst mußte infolge eines +Schwindelanfalles verunglückt sein.</p> + +<p>Amadeus Knödlseders Schmerz kannte keine Grenzen.</p> + +<p>Immer wieder und wieder stürzte er sich mit ausgebreiteten Schwingen hinab +in den Abgrund – wie er sagte, um die Leiche der Teuern zu suchen. Oder +er saß in der Zwischenzeit, einen +<span class='pagenum'><a name="Page_151" id="Page_151">[151]</a></span> +Zahnstocher im Schnabel, unverwandt in +die Tiefe starrend am Rande der Schlucht.</p> + +<p>Sein Krawattengeschäft vernachlässigte er ganz und gar. – – –</p> + +<p>Da, eines Nachts, enthüllte sich Schreckliches! Der Besitzer des Hauses, +in dem der Lämmergeier wohnte, – ein alter mürrischer Murmler, – +erschien auf der Polizei und verlangte die sofortige zwangsweise Öffnung +des Ladens, sowie die Beschlagnahme der darin befindlichen Waren seines +Mieters, da er nicht länger gesonnen sei, auf Zahlung des schuldigen +Zinses zu warten.</p> + +<p>»Hm! Seltsam. Herr Knödlseder sollte die Miete nicht gezahlt haben?« – +der Beamte mochte es gar nicht glauben – und ob Herr Knödlseder denn +nicht zu Hause sei? Man brauche ihn doch nur zu wecken!</p> + +<p>»Der, und zu Hause?« – der alte Murmler lachte schrill auf – »der? Der +kommt doch nie vor fünf Uhr früh heim und dann jedesmal schwer besoffen!«</p> + +<p>»So?! Besoffen?!« – der Beamte gab seine Befehle. +</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_152" id="Page_152">[152]</a></span> +Der erste Morgenschein zog bereits herauf, und noch immer arbeiteten die +Schergen schweißtriefend an dem schweren Vorhängschloß, das den +rückwärtigen Teil des Krawattenladens versperrte.</p> + +<p>Eine aufgeregte Menge flutete auf dem Marktplatz hin und her.</p> + +<p>»Schuldbare Krida!« – »Nein: Wechselreiterei«, lief es von Schnauze zu +Schnauze.</p> + +<p>»Tj, schuldbare Krida! – Ihnen gesaaagt! Tj. Ich versteh immer: +schuldbare Krida?« höhnte gestikulierend der greise Hamster, der sich +ebenfalls eingefunden hatte, dazwischen; – es war das erstemal seit jenem +schreckhaften Zusammentreffen mit Knödlsedern, daß er sich wieder in der +Öffentlichkeit zeigte.</p> + +<p>Die allgemeine Unruhe wuchs und wuchs.</p> + +<p>Selbst die feinen Murmeltierdämchen, die, in kostbare Pelze gehüllt, nach +Hause fuhren von Lustbarkeit und Mummenschanz, ließen halten, reckten die +Hälschen und fragten, was es gäbe.</p> + +<p>Plötzlich ein Krachen: die Türe war dem Drucke gewichen. Grauenvoll, was +sich da den Blicken bot!</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_153" id="Page_153">[153]</a></span> +Ein bestialischer Gestank entströmte der geöffneten Kammer, und wohin sich +das Auge wandte: ausgespienes Gewöll, fast bis zur Decke hinauf abgenagte +Knochen, Gebein auf den Tischen, Gebein auf den Regalen, selbst in den +Schubladen und im Geldschrank: Gebein und Gebein.</p> + +<p>Entsetzen lähmte die Menge; jetzt war mit einem Schlage klar, wohin alle +die Vermißten gekommen waren. Knödlseder hatte sie gefressen und ihnen die +verkaufte Ware wieder abgenommen – ein zweiter »Juwelier Cardillac« im +Roman des Fräuleins von Scuderi!</p> + +<p>»Nu, was i i – is mit der schuldbaren Krida? Waas?« höhnte schon wieder +der Hamster. Man umringte ihn und staunte ihn an, daß er so klug gewesen +und sich und seine Familie ferngehalten hatte von dem Verkehr mit dem +tückischen Mordbuben.</p> + +<p>»Wie konnte es nur sein, Herr Kommerzienrat,« riefen alle durcheinander, +»daß Sie allein ihm mißtrauten? Man <em class="gesperrt">mußte</em> doch annehmen, er habe +sich gebessert und – – –«</p> + +<p>»Ä Lämmergeier und sich bessern?!« rief höhnisch +<span class='pagenum'><a name="Page_154" id="Page_154">[154]</a></span> +der Hamster, drückte die Fingerspitzen zusammen, als hielte er eine Prise +Salz darin und bewegte sie vor den Augen seiner Zuhörer ausdrucksvoll hin +und her: »was ämol ä Lämmergeier is, is ä Lämmergeier und bleibt ä +Lämmergeier und wird ä Lämmergeier bleiben, bis – –« er +kam nicht weiter: laute menschliche Stimmen näherten sich. Touristen!</p> + +<p>Im Nu waren sämtliche Murmeltiere verschwunden.</p> + +<p>Er auch.</p> + +<p>»Herrlich! Zückend! So’n Sonnenaufgang! Achch!« schrillte die eine +Menschenstimme. Sie gehörte einer spitznasigen, idealgesinnten Jungfrau +an, die gleich darauf, an ihren Bergstock geschmiegt, das Hochplateau +betrat, den Busen wogend, so gut es gehen wollte, und die treuherzigen +Augen rund und offen wie Spiegeleier. Nur nicht so gelb! (Sondern +veilchenblau): »achch! Nu, im Angesicht der ’zückenden Natua – wo allens +so schön ist – dürfen Se auch nich mehr sagen, Herr Klempke, was Se unten +im Tale üwah das italien’sche Volk gesacht haben. Sie werden sehen, wenn +der<span class='pagenum'><a name="Page_155" id="Page_155">[155]</a></span> +Kriech ma’ vorüwer ist, werden die Italienah die ersten sein, die +komm’ und uns die Hand hinstrecken und sagen:</p> + +<p>‘Liewes Deutschland, verzeih uns, awa wir haben uns – gebessert.’« +</p> + + +<p class="chapter"><span class='pagenum'><a name="Page_156" id="Page_156">[156]</a></span> +<a name="J_H_Obereits_Besuch_bei_den_Zeit-egeln" id="J_H_Obereits_Besuch_bei_den_Zeit-egeln"></a> +J. H. Obereits Besuch bei den Zeit-egeln</p> + + +<p>Mein Großvater liegt auf dem Friedhof des weltvergessenen Städtchens +Runkel zur ewigen Ruhe bestattet. Auf einem dicht mit grünem Moos +bewachsenen Grabstein stehen unter der verwitterten Jahreszahl, in ein +Kreuz gefaßt und so frisch im Golde glänzend, als seien sie erst gestern +gemeißelt worden, die Buchstaben:</p> + + +<div class="vivo"> +V | I <br /> +––––<br /> +V | O +</div> + + + + +<p>»<em class="antiqua">Vivo</em>« das heißt: »ich lebe«, +bedeute das Wort, sagte man mir, als ich noch ein Knabe war und das erstemal die +Inschrift las, und es hat sich mir so tief in die Seele geprägt, als hätte es +der Tote selbst aus der Erde zu mir empor gerufen.</p> + +<p><em class="antiqua">Vivo</em> – ich lebe, – ein seltsamer Wahlspruch für ein Grabmal!</p> + +<p>Er klingt heute noch in mir wider, und wenn +<span class='pagenum'><a name="Page_157" id="Page_157">[157]</a></span> +ich daran denke, wird mir wie einst, als ich davor stand: ich sehe im +Geist meinen Großvater, den ich doch niemals im Leben gekannt, da unten +liegen, unversehrt, die Hände gefaltet und die Augen, klar und +durchsichtig wie Glas, weit offen und unbeweglich. Wie einer, der mitten +im Reiche des Moders unverweslich zurückgeblieben ist und still und +geduldig wartet auf die Auferstehung.</p> + +<p>Ich habe die Friedhöfe so mancher Stadt besucht: immer war es ein leiser, +mir unerklärlicher Wunsch, auf einem Grabstein wieder dasselbe Wort zu +lesen, der meine Schritte lenkte, aber nur zweimal fand ich dieses »<em class="antiqua">vivo</em>« +wieder, – einmal in Danzig, und einmal in Nürnberg. In beiden Fällen +waren die Namen ausgetilgt vom Finger der Zeit; in beiden Fällen leuchtete +das »<em class="antiqua">vivo</em>« hell und frisch, als sei es selber voll des Lebens.</p> + +<p>Von jeher nahm ich als erwiesen hin, daß, wie man mir schon als Kind +gesagt, mein Großvater keine Zeile von seiner Hand hinterlassen habe, um +so mehr erregte es mich, als ich vor nicht langer Zeit in einem +versteckten Fache +<span class='pagenum'><a name="Page_158" id="Page_158">[158]</a></span> +meines Schreibtisches, unseres alten Erbstückes, auf +ein ganzes Bündel Aufzeichnungen stieß, die offenkundig von ihm +geschrieben waren.</p> + +<p>Sie lagen in einer Mappe, auf der der sonderbare Satz zu lesen stand: +»Wie will der Mensch dem Tod entrinnen, es sei denn, daß er nicht +warte noch hoffe.« Sofort flammte das Wort »<em class="antiqua">Vivo</em>« in mir +auf, das mich mein ganzes Leben hindurch wie ein lichter Schein begleitet +hatte und nur weilenweis schlafen gegangen war, um, bald in Träumen, bald +in Wachen, ohne äußeren Anlaß, wieder und wieder neu in mir zu werden. +Wenn ich zuzeiten geglaubt, es könne Zufall gewesen sein, daß jenes vivo +auf den Grabstein kam, – eine Inschrift, der Wahl des Pfarrers +überlassen, – so wurde mir, als ich den Sinnspruch auf dem +Buchdeckel gelesen, zu voller Gewißheit, es müsse sich dabei um eine +tiefere Bedeutung handeln, um etwas, was vielleicht das ganze Dasein +meines Großvaters erfüllt hatte.</p> + +<p>Und was ich weiter las – in seinem Nachlaß – bestärkte mich in meiner +Ansicht von Seite zu Seite.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_159" id="Page_159">[159]</a></span> +Es stand zu viel von privaten Beziehungen darin, als daß ich es fremden +Ohren enthüllen dürfte, und so mag es genügen, daß ich flüchtig nur das +berühre, was zu meiner Bekanntschaft mit Johann Hermann Obereit führte und +mit dessen Besuch bei den Zeit-egeln im Zusammenhang steht.</p> + +<p>Wie aus den Aufzeichnungen hervorging, gehörte mein Großvater der +Gesellschaft der »Philadelphischen Brüder« an, ein Orden, der mit seinen +Wurzeln zurückreicht bis ins alte Ägypten und den sagenhaften Hermes +Trismegistos seinen Begründer nennt. Auch die »Griffe« und Gesten, an +denen die Mitglieder einander erkannten, waren ausführlich erklärt. – +Sehr oft kam der Name Johann Hermann Obereit, eines Chemikers, der mit +meinem Großvater eng befreundet gewesen schien und in Runkel gelebt haben +mußte, vor, und da es mich interessierte, Näheres über das Leben meines +Vorfahren und die dunkle weltabgewandte Philosophie, die aus jeder Zeile +seiner Briefe sprach, zu erfahren, beschloß ich nach Runkel zu reisen, um +dort zu erkunden, ob nicht vielleicht Nachkommen des erwähnten +<span class='pagenum'><a name="Page_160" id="Page_160">[160]</a></span> Obereit +existierten und eine Familienchronik vorhanden +sei. – – – – – – – – – –</p> + +<p>Man kann sich nichts Traumhafteres denken als jenes winzige Städtchen, das +wie ein vergessenes Stück Mittelalter mit seinen krummen, totenstillen +Gassen und dem grasdurchwachsenen buckligen Pflaster zu Füßen des +Bergschlosses Runkelstein, dem Stammsitz der Fürsten von Wied, unbekümmert +den gellenden Schrei der Zeit verschläft.</p> + +<p>Schon am frühen Morgen zog es mich hinaus zu dem kleinen Friedhof, und +meine ganze Jugend wachte wieder auf, wie ich in dem strahlenden +Sonnenschein von einem Blumenhügel zum andern schritt und mechanisch die +Namen derer von den Kreuzen ablas, die dort unten schlummerten in ihren +Särgen.</p> + +<p>Von weitem erkannte ich an der funkelnden Inschrift den Grabstein meines +Großvaters.</p> + +<p>Ein alter Mann mit weißem Haar, bartlos, die Züge scharf geschnitten, saß +davor, den Elfenbeingriff seines Spazierstocks ans Kinn gedrückt, und +blickte mich mit merkwürdig lebhaften Augen an, wie jemand, bei dem die +<span class='pagenum'><a name="Page_161" id="Page_161">[161]</a></span> +Ähnlichkeit eines Gesichtes allerlei Erinnerungen weckt.</p> + +<p>Altmodisch gekleidet, fast in Biedermeiertracht, mit Vatermördern und +schwarzseidner breiter Halsbinde, sah er aus wie ein Ahnenbild aus längst +vergangener Zeit.</p> + +<p>Ich war über seinen Anblick, der ganz und gar nicht in die Gegenwart +paßte, dermaßen erstaunt und hatte mich überdies so vergrübelt in all das, +was ich dem Nachlaß meines Großvaters entnommen, daß ich, mir kaum bewußt, +was ich tat, halblaut den Namen »Obereit« aussprach.</p> + +<p>»Ja, mein Name ist Johann Hermann Obereit,« sagte der alte Herr, ohne sich +im geringsten zu wundern.</p> + +<p>Mir verschlug es fast den Atem, und was ich im Verlauf des sich +entwickelnden Gespräches noch weiter erfuhr, war ebenfalls nicht danach +angetan, meine Überraschung zu vermindern.</p> + +<p>Es ist an sich kein alltäglicher Eindruck, einen Menschen vor sich zu +haben, der nicht viel älter scheint, als man selbst ist, und doch +anderthalb Jahrhunderte gesehen hat: – ich kam mir vor wie ein Jüngling +trotz meiner schon weißen +<span class='pagenum'><a name="Page_162" id="Page_162">[162]</a></span> +Haare, als wir nebeneinander hergingen und er mir von Napoleon und andern +geschichtlichen Persönlichkeiten, die er gekannt, erzählte, wie man von +Leuten spricht, die erst vor kurzem gestorben sind.</p> + +<p>»In der Stadt gelte ich als mein eigener Enkel,« sagte er lächelnd und +deutete auf einen Grabstein, an dem wir vorüberkamen und der die +Jahreszahl 1798 trug, »von Rechts wegen sollte ich hier begraben liegen; +ich habe das Todesdatum draufschreiben lassen, denn ich wünsche nicht, von +der Menge als moderner Methusalem angestaunt zu werden. +Das Wort ‘<em class="antiqua">Vivo</em>’« +fügte er bei, als habe er meine Gedanken erraten, »kommt erst hinzu, wenn +ich wirklich tot bin.« –</p> + +<p>Wir schlossen bald enge Freundschaft, und er bestand darauf, daß ich bei +ihm wohnte.</p> + +<p>Wohl ein Monat war verflossen und oft saßen wir bis tief in die Nacht in +angeregter Unterhaltung beisammen, aber immer lenkte er ab, wenn ich die +Frage stellte, was wohl der Satz auf der Mappe meines Großvaters: »Wie +will einer dem Tod entrinnen, es sei denn, daß er +<span class='pagenum'><a name="Page_163" id="Page_163">[163]</a></span> +nicht warte noch hoffe,« bedeuten möge: eines Abends jedoch, – +der letzte, den wir zusammen verbrachten (das Gespräch kam auf die alten +Hexenprozesse, und ich vertrat die Ansicht, es müsse sich in solchen +Fällen wohl nur um hysterische Frauenzimmer gehandelt haben), – +unterbrach er mich plötzlich: »Sie glauben also nicht, daß der +Mensch seinen Körper verlassen kann und, sagen wir mal, nach dem +Blocksberg reisen?«</p> + +<p>Ich schüttelte den Kopf.</p> + +<p>»Soll ich es Ihnen vormachen?«, fragte er kurz und sah mich scharf an.</p> + +<p>»Ich gebe gerne zu,« erklärte ich, »daß die sogenannten Hexen durch den +Gebrauch gewisser narkotischer Mittel in einen Zustand der Entrückung +gerieten und felsenfest glaubten, auf einem Besen durch die Luft zu +fliegen.«</p> + +<p>Er dachte eine Weile nach. »Freilich, Sie werden immer sagen, auch ich +bilde es mir nur ein« – erwog er halblaut und versank wieder in +Nachsinnen. Dann stand er auf und holte vom Bücherbord ein Heft. »Aber +vielleicht interessiert es Sie, was ich hier niedergeschrieben habe, als +ich vor Jahren das Experiment machte? +<span class='pagenum'><a name="Page_164" id="Page_164">[164]</a></span> +Ich muß vorausschicken, ich war damals noch jung und voller +Hoffnungen« – ich sah an seinem versinkenden Blick, daß sein +Geist zurückwanderte in ferne Zeiten – »und glaubte an das, +was die Menschen das Leben nennen, bis es dann Schlag auf Schlag kam: ich +verlor, was einem auf Erden lieb sein kann, mein Weib, meine Kinder, +– alles. Da führte mich das Schicksal mit Ihrem Großvater zusammen +und er lehrte mich verstehen, was Wünsche sind, was Warten ist, was Hoffen +ist, wie sie miteinander verflochten sind, und wie man diesen Gespenstern +die Maske vom Gesicht reißt. Wir haben sie die ‘Zeit-egel’ +genannt, weil sie, wie die Blutegel das Blut, uns die Zeit, den wahren +Saft des Lebens, aus dem Herzen saugen. Hier in diesem Zimmer war’s, +da lehrte er mich den ersten Schritt auf den Weg tun, auf dem man den Tod +besiegt und die Vipern der Hoffnung zertritt. – – – Und +dann« – er stockte einen Augenblick – »ja – +und dann bin ich geworden wie Holz, das nicht fühlt, ob man es streichelt +oder zersägt, ins Feuer oder ins Wasser wirft. Mein Inneres ist leer +seitdem; ich habe +<span class='pagenum'><a name="Page_165" id="Page_165">[165]</a></span> +keinen Trost mehr gesucht. Habe keinen mehr gebraucht. Wofür hätte ich ihn +suchen sollen? Ich weiß: ich bin, und jetzt erst lebe ich. Es liegt ein +feiner Unterschied zwischen: ‘ich lebe’ und ‘ich +lebe’.«</p> + +<p>»Sie sagen das alles so einfach, und es ist doch furchtbar!« fiel ich +erschüttert ein.</p> + +<p>»Es scheint nur so,« beruhigte er mich lächelnd; »es strömt ein +Glücksgefühl aus der Unbeweglichkeit des Herzens, das Sie sich nicht +träumen lassen. Es ist wie eine ewige süße Melodie, dieses ‘ich bin’, die +nie mehr erlöschen kann, wenn sie einmal geboren ist, – weder im Schlaf, +noch, wenn die Außenwelt wieder aufwacht in unsern Sinnen, noch auch im +Tod. – – – – – – – +Soll ich Ihnen sagen, warum die Menschen so früh +sterben und nicht 1000 Jahre leben, wie’s in der Bibel steht über die +Patriarchen? Sie sind gleich den grünen Wassertrieben eines Baumes, – sie +haben vergessen, daß sie zum Stamme gehören, darum verwelken sie im ersten +Herbst. Doch ich wollte Ihnen erzählen, wie ich das erstemal meinen Körper +verließ.</p> + +<p>Es gibt eine uralte verborgene Lehre, so alt +<span class='pagenum'><a name="Page_166" id="Page_166">[166]</a></span> +wie das Menschengeschlecht; sie hat sich vererbt von Mund zu Ohr bis +heutigentags, aber nur wenige kennen sie. Sie zeigt uns die Mittel, die +Schwelle des Todes zu überschreiten, ohne das Bewußtsein zu verlieren, und +wem es gelingt, der ist von da an Herr über sich selbst: – er hat +ein neues Ich erworben und was ihm bis dahin als ‘Ich’ +erschienen, ist nur mehr ein Werkzeug, so wie jetzt Hand oder Fuß unsere +Werkzeuge sind.</p> + +<p>Herz und Atem stehen still wie bei einer Leiche, wenn der neuentdeckte +Geist auszieht, – wenn wir ‘wegwandern, wie die Israeliten von den +Fleischtöpfen Ägyptens, und zu beiden Seiten die Wasser des Roten Meeres +stehen wie Mauern.’ Lange und vielemal mußte ich es üben unter namenlosen, +zermürbenden Qualen, bis es mir endlich gelang, mich vom Leibe loszulösen. +Anfangs fühlte ich mich schweben, so wie wir wohl im Traume zuweilen +glauben fliegen zu können, – mit angezogenen Knien und ganz leicht, – +aber plötzlich trieb ich in einem schwarzen Strom dahin, der von Süden +nach Norden floß, – wir nennen es in unserer Sprache das Aufwärtsfließen +des Jordan, – und sein +<span class='pagenum'><a name="Page_167" id="Page_167">[167]</a></span> +Brausen klang wie das Rauschen des Blutes im Ohr. +Viele aufgeregte Stimmen, deren Urheber ich nicht sehen konnte, schrien +mich an, ich solle umkehren, bis mich ein Zittern befiel und ich in +dumpfer Angst einer Klippe zuschwamm, die vor mir auftauchte. Im Mondlicht +sah ich ein Geschöpf dortstehen, so groß wie ein halbwüchsiges Kind, nackt +und ohne die Merkmale männlichen oder weiblichen Geschlechtes; es hatte +ein drittes Auge auf der Stirn wie der Polyphem und deutete regungslos in +das Innere des Landes.</p> + +<p>Dann schritt ich durch ein Dickicht dahin auf einem glatten, weißen Wege, +doch ich spürte den Boden mit meinen Füßen nicht, und auch, wenn ich die +Bäume und Sträucher ringsum berühren wollte, konnte ich ihre Oberfläche +nicht greifen: immer lag eine dünne Schicht Luft dazwischen, die sich +nicht durchdringen ließ. Ein fahler Glanz wie von faulem Holz bedeckte +alles und machte das Sehen deutlich. Die Umrisse der Dinge, die ich +wahrnahm, schienen locker, molluskenartig aufgeweicht und wunderlich +vergrößert. Junge federlose Vögel mit runden frechen Augen hockten feist +und gedunsen gleich Mastgänsen in einem +<span class='pagenum'><a name="Page_168" id="Page_168">[168]</a></span> +riesigen Nest und kreischten auf mich herab; eine Rehkitz, kaum noch fähig +zu laufen und doch schon so groß wie ein völlig entwickeltes Tier, saß +träge im Moos und drehte, fett wie ein Mops, schwerfällig den Kopf nach +mir.</p> + +<p>Eine krötenhafte Faulheit in jedem Geschöpf, das mir zu Gesichte kam.</p> + +<p>Allmählich ging mir die Erkenntnis auf, wo ich mich befand: In einem Land, +so wirklich und wahrhaftig wie unsere Welt und dennoch nur ein Widerschein +von ihr: in dem Reich der gespenstischen Doppelgänger, die sich von dem +Mark ihrer irdischen Urformen nähren, sie ausplündern und selber ins +Ungeheuere wachsen, je mehr sich jene verzehren in vergeblichem Hoffen und +Harren auf Glück und Freude. Wenn auf der Erde jungen Tieren die Mutter +weggeschossen wird, und sie voll Vertrauen und Glauben auf Nahrung warten +und warten, bis sie in Qualen verschmachten, entsteht ihr gespenstisches +Ebenbild auf dieser verfluchten Geisterinsel und saugt wie eine Spinne das +versickernde Leben der Geschöpfe unserer Erde in sich: die im Hoffen +entschwindenden Kräfte des Daseins der +<span class='pagenum'><a name="Page_169" id="Page_169">[169]</a></span> +Wesen werden hier Form und wucherndes Unkraut, und der Boden ist +geschwängert von dem düngenden Hauch einer verwarteten Zeit.</p> + +<p>Und wie ich weiterwanderte, kam ich in eine Stadt, die voller Menschen +war. Viele von ihnen kannte ich auf Erden, und ich erinnerte mich ihrer +zahllosen fehlgeschlagenen Hoffnungen und wie sie von Jahr zu Jahr +gebeugter gingen und doch die Vampire, – ihre eigenen dämonischen Iche, +– die ihnen das Leben und die Zeit fraßen, sich nicht aus dem Herzen +reißen wollten. Hier sah ich sie zu schwammigen Scheusalen aufgebläht, mit +dickem Wanst, die Augen stier und gläsern über den speckverquollenen +Wangen, umherschwabbern.</p> + +<p>Aus einem Bankladen mit dem Aushängeschild</p> +</div> +<p class="textbox"> +Wechselstube <em class="gesperrt">Fortuna</em><br /> +Jedes Los gewinnt den Haupttreffer +</p> + +<p>drängte Kopf an Kopf eine grinsende Menge, Säcke von Gold hinter sich +herschleifend, die wulstigen Lippen in sattem Schmatzen verzogen: die zu +Fett und Gallert gewordenen Phantome aller derer, die auf Erden +dahinsiechen in unstillbarem Durst nach Spielergewinn.</p> + +<div class="textbody"> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_170" id="Page_170">[170]</a></span> +Ich trat in eine tempelartige Halle, deren Säulen bis zum Himmel ragten; +darin saß auf einem Thron aus geronnenem Blut ein Ungeheuer mit +Menschenleib und vier Armen, die gräßliche Hyänenschnauze triefend vor +Geifer: der Kriegsgott wilder afrikanischer Stämme, die in ihrem +Aberglauben Opfer darbringen, um den Sieg über die Feinde zu erflehen.</p> + +<p>Voll Entsetzen floh ich aus dem Dunstkreis der Verwesung, der die Stätte +erfüllte, zurück in die Straßen und blieb voll Staunen vor einem Palast +stehen, der an Pracht alles übertraf, was ich jemals gesehen. Und doch kam +mir jeder Stein, jeder First, jede Treppe so seltsam bekannt vor, als +hätte ich in Phantasien einst selber all das erbaut.</p> + +<p>Als sei ich unumschränkter Herr und Besitzer des Hauses, stieg ich die +breiten Marmorstufen empor, da las ich auf einem Türschild – meinen +eigenen Namen:</p> + +<p class="center"> +Johann Hermann Obereit. +</p> + +<p>Ich trat ein und sah mich selbst im Purpur an einer +<ins class="correction" title="Original: prunktvollen">prunkvollen</ins> Tafel +sitzen, von tausend Sklavinnen bedient, und ich erkannte in ihnen +<span class='pagenum'><a name="Page_171" id="Page_171">[171]</a></span> +alle die Frauen wieder, die im Leben meine Sinne erfüllt hatten, wenn auch +manche nur für einen flüchtigen Augenblick.</p> + +<p>Ein Gefühl unbeschreiblichen Hasses befiel mich bei dem Bewußtsein, daß +jener – mein eigener Doppelgänger – hier schwelgte und praßte, seit ich +lebte, und daß ich selber es gewesen war, der ihn ins Dasein gerufen und +mit Reichtum beschenkt hatte, indem ich mir die magische Kraft meines Ichs +in Hoffen, Ersehnen und Warten aus der Seele entströmen ließ.</p> + +<p>Mit Schrecken wurde ich mir klar, daß mein ganzes Leben nur aus Warten in +jeglicher Form bestanden hatte und <em class="gesperrt">nur</em> aus Warten – aus einer Art +unaufhörlichen Verblutens, – und daß die gesamte Zeit, die mir +übriggeblieben war zum Empfinden von Gegenwart, kaum nach Stunden zählte. +Wie eine Seifenblase zerplatzte vor mir, was ich bis dahin für den Inhalt +meines Lebens gehalten. Ich sage Ihnen, +<ins class="correction" title="einfaches (überflüssiges) Anführungszeichen vor 'was' entfernt">was</ins> +wir auch auf Erden vollbringen, immer gebiert es ein neues Warten und ein neues Hoffen; das +ganze Weltall ist getränkt von dem Pesthauch des Absterbens einer kaum +geborenen + +<span class='pagenum'><a name="Page_172" id="Page_172">[172]</a></span> +Gegenwart. Wer hätte nie die entnervende Schwäche gefühlt, die +uns befällt, wenn wir im Wartezimmer eines Arztes, eines Advokaten, einer +Amtsstube sitzen? Was wir Leben nennen: es ist der Wartesaal des Todes. +Plötzlich begriff ich – damals – was die Zeit ist: Wir selbst sind +Gebilde, aus Zeit gemacht, Leiber, die Stoff zu sein scheinen und nichts +anderes sind als geronnene Zeit.</p> + +<p>Und unser tägliches Hinwelken dem Grabe entgegen, was ist es denn sonst +als Wiederum-zu-Zeit-Werden unter der Begleiterscheinung des Wartens und +Hoffens, – so, wie Eis auf dem Ofen unter Zischen wiederum zu Wasser +wird!</p> + +<p>Ich sah, daß ein Beben die Gestalt meines Doppelgängers durchlief, als +diese Erkenntnis in mir wach wurde, und daß Angst sein Gesicht verzerrte. +Da wußte ich, was ich zu tun hatte: kämpfen bis aufs Messer mit jenen +Phantomen, die uns aussaugen wie Vampire.</p> + +<p>Oh, sie wissen genau, warum sie den Menschen unsichtbar bleiben und sich +vor ihren Blicken verbergen, diese Schmarotzer an unserem Leben; auch des +Teufels größte Gemeinheit ist, daß er +<span class='pagenum'><a name="Page_173" id="Page_173">[173]</a></span> +so tut, als ob er nicht existiere. Und seitdem habe ich die Begriffe +‘Warten und Hoffen’ für immer ausgerottet aus meinem +Dasein.«</p> + +<p>»Ich glaube, Herr Obereit, ich würde zusammenbrechen schon beim ersten +Schritt, wenn ich den schrecklichen Weg gehen wollte, den Sie gegangen +sind,« sagte ich, als der Alte schwieg; »ich kann mir wohl denken, daß man +durch unausgesetzte Arbeit das Gefühl des Wartens und Hoffens in sich +betäuben kann; dennoch – – – – – – – – – –«</p> + +<p>»Ja, aber nur betäuben! <em class="gesperrt">Innerlich</em> bleibt das ‘Warten’ lebendig. Sie +müssen das Beil an die Wurzel legen!« unterbrach mich Obereit. »Werden Sie +wie ein Automat hier auf der Erde! Wie ein Scheintoter! Greifen Sie nie +nach einer Frucht, die Ihnen winkt, wenn auch nur das geringste Warten damit +verbunden ist, rühren Sie keine Hand, und alles wird Ihnen reif in den +Schoß fallen. Anfangs ist’s wohl wie ein Wandern durch trostlose Wüsten, +oft lange Zeit, aber plötzlich wird rings um Sie her eine Helle sein, und +Sie werden alle Dinge, die schönen und die häßlichen, in einem neuen, +ungeahnten +<span class='pagenum'><a name="Page_174" id="Page_174">[174]</a></span> +Glanze sehen. Dann gibt’s kein ‘Wichtig’ mehr für Sie und kein +‘Unwichtig’, jedes Geschehnis wird gleich ‘wichtig’ sein und gleich +‘unwichtig’, und dann werden Sie im Drachenblut gehörnt sein wie Siegfried +und von sich sagen können: ich fahre hinaus ins uferlose Meer eines ewigen +Lebens mit schneeweißem Segel.«</p> + +<hr class="dash" /> + +<p>Es waren die letzten Worte, die Johann Hermann Obereit zu mir gesprochen; +– ich habe ihn nicht mehr wiedergesehen.</p> + +<p>Viele Jahre sind inzwischen verflossen; ich habe mich bemüht, so gut ich +konnte, der Lehre zu folgen, die Obereit mir gab, aber das Warten und +Hoffen will nicht aus meinem Herzen weichen.</p> + +<p>Ich bin zu schwach, das Unkraut auszureißen, und wundere mich auch nicht +mehr, daß unter den zahllosen Grabsteinen auf den Friedhöfen so selten +einer die Inschrift trägt:</p> + + +<div class="vivo"> +V | I <br /> +––––<br /> +V | O +</div> + + +<p class="chapter"><span class='pagenum'><a name="Page_175" id="Page_175">[175]</a></span> +<a name="Der_Kardinal_Napellus" id="Der_Kardinal_Napellus"></a>Der Kardinal Napellus</p> + + +<p>Wir wußten nicht viel mehr von ihm außer seinen Namen: Hieronymus +Radspieller, als daß er jahraus, jahrein in dem zerfallenen Schlosse lebte +und von dem Besitzer, einem weißhaarigen, mürrischen Basken – dem +hinterbliebenen Diener und Erben eines in Trübsinn und Einsamkeit +verwelkten Adelsgeschlechtes – ein Stockwerk für sich allein gemietet und +mit kostbarem, altertümlichem Hausrat wohnbar gemacht hatte.</p> + +<p>Ein greller phantastischer Gegensatz, wenn man eintrat in diese Räume aus +der wegverwachsenen Wildnis draußen, in der nie ein Vogel sang und alles +vom Leben verlassen schien, wenn nicht hin und wieder die morschen, +wirrbärtigen Eiben schreckerfüllt aufächzten unter der Wucht des Föhns, +oder der grünschwarze See wie ein in den Himmel starrendes Auge die +weißen, ziehenden Wolken spiegelte.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_176" id="Page_176">[176]</a></span> +Fast den ganzen Tag war Hieronymus Radspieller in seinem Boot und ließ ein +funkelndes Metall-Ei an langen, feinen Seidenfäden hinab in die stillen +Wasser – ein Lot, um die Tiefen des Sees zu ergründen.</p> + +<p>Er wird wohl in Diensten einer geographischen Gesellschaft stehen, +mutmaßten wir, wenn wir von unseren Angelfahrten heimgekehrt des Abends +noch ein paar Stunden in dem Bibliothekzimmer Radspiellers beisammen +saßen, das er uns gastfreundlich zur Verfügung gestellt hatte.</p> + +<p>»Ich habe heute von der alten Botenfrau, die die Briefe über den Bergpaß +trägt, zufällig erfahren, daß die Rede geht, er solle in seiner Jugend ein +Mönch gewesen sein und habe sich Nacht für Nacht blutig gegeißelt – sein +Rücken und seine Arme seien über und über mit Narben bedeckt«, mischte +sich Mr. Finch ins Gespräch, als sich wieder einmal der Austausch der +Gedanken um Hieronymus Radspieller drehte, – »übrigens, wo er heute nur +so lange bleibt? Es muß längst 11 Uhr vorbei sein«.</p> + +<p>»Es ist Vollmond,« sagte Giovanni Braccesco und deutete mit seiner welken +Hand durch das +<span class='pagenum'><a name="Page_177" id="Page_177">[177]</a></span> +offene Fenster hinaus auf den flimmernden Lichtweg, der quer über dem See +lag; »wir werden sein Boot leicht sehen können, wenn wir Ausschau +halten.«</p> + +<p>Dann, nach einer Weile, hörten wir Schritte die Treppe heraufkommen; aber +es war nur der Botaniker Eshcuid, der da, so spät von seinen Streifzügen +heimgekommen, zu uns ins Zimmer trat.</p> + +<p>Er trug eine mannshohe Pflanze in der Hand mit stahlblau glänzenden +Blüten.</p> + +<p>»Es ist weitaus das größte Exemplar dieser Gattung, das jemals gefunden +wurde; ich hätte nie geglaubt, daß der giftige ‘Sturmhut’ noch in solchen +Höhen wächst«, sagte er klanglos, nachdem er uns einen Gruß zugenickt, und +legte die Pflanze mit umständlicher Sorgfalt, damit ihr kein Blatt +geknickt werde, auf das Fensterbrett.</p> + +<p>»Es geht ihm wie uns,« kroch es mir durch den Sinn, und ich hatte die +Empfindung, daß Mr. Finch und Giovanni Braccesco in diesem Momente +dasselbe dachten, »er wandert ruhelos als alter Mann über die Erde, wie +einer, der +<span class='pagenum'><a name="Page_178" id="Page_178">[178]</a></span> +sein Grab suchen muß und nicht finden kann, sammelt Pflanzen, +die morgen verdorrt sind; wozu? warum? Er denkt nicht nach darüber. Er +weiß, daß sein Tun zwecklos ist, wie wir es von dem unsrigen wissen, aber +ihn wird wohl auch die traurige Erkenntnis zermürbt haben, das <em class="gesperrt">alles</em> +zwecklos ist, was man beginnt, ob es groß scheint oder klein, – so wie +sie uns andern zermürbt hat ein Menschenleben lang. Wir sind von Jugend an +wie die Sterbenden,« fühlte ich, »deren Finger unruhig über die Bettdecke +tasten; die nicht wissen, wonach sie greifen sollen, wie Sterbende, die +einsehen: der Tod steht im Zimmer, was kümmert es ihn, ob wir die Hände +falten oder die Fäuste ballen.«</p> + +<p>»Wohin reisen Sie, wenn die Zeit zum Fischen hier vorüber ist?«, fragte +der Botaniker, nachdem er abermals nach seiner Pflanze gesehen und sich +dann langsam zu uns an den Tisch gesetzt hatte.</p> + +<p>Mr. Finch fuhr sich durch sein weißes Haar, spielte, ohne aufzublicken, +mit einem Angelhaken und zuckte müde die Achseln.</p> + +<p>»Ich weiß es nicht«, antwortete nach einer +<span class='pagenum'><a name="Page_179" id="Page_179">[179]</a></span> +Pause Giovanni Braccesco zerstreut, als sei die Frage an ihn gerichtet +gewesen.</p> + +<p>Wohl eine Stunde verrann in bleierner, wortloser Stille, daß ich das +Rauschen des Blutes in meinem Kopfe hören konnte.</p> + +<p>Endlich tauchte das fahle, bartlose Gesicht Radspiellers im Türrahmen auf.</p> + +<p>Seine Miene schien gelassen und greisenhaft wie immer und seine Hand +ruhig, als er sich ein Glas Wein einschenkte und uns zutrank, aber es war +eine ungewohnte Stimmung voll verhaltener Erregtheit mit ihm +hereingekommen, die sich bald auf uns übertrug.</p> + +<p>Seine sonst müden und teilnahmslosen Augen, die die Eigentümlichkeit +hatten, daß sich wie bei Rückenmarkskranken ihre Pupillen niemals +zusammenzogen oder ausdehnten und scheinbar auf Licht nicht reagierten, – +sie glichen grauen, mattseidenen Westenknöpfen mit einem schwarzen Punkt +darin, wie Mr. Finch zu behaupten pflegte, – suchten heute fiebrig +flackernd im Zimmer umher, glitten die Wände entlang und über die +Bücherreihen hin, unschlüssig, woran sie haften bleiben sollten.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_180" id="Page_180">[180]</a></span> +Giovanni Braccesco brach ein Gesprächsthema vom Zaun und erzählte von +unsern seltsamen Methoden, die uralten, moosbewachsenen Riesenwelse zu +fangen, die in ewiger Nacht da unten leben in den unergründlichen Tiefen +des Sees, nie mehr heraufkommen ans Tageslicht und jede Lockspeise, die +die Natur bietet, verschmähen, – nur nach den bizarrsten Formen +schnappen, die der Angler ersinnen kann: nach gleißendem Silberblech, +geformt wie Menschenhände, die an der Schnur taumelnde Bewegungen im +Wasser machen, oder nach Fledermäusen aus rotem Glas mit tückisch +verborgenen Haken an den Flügeln.</p> + +<p>Hieronymus Radspieller hörte nicht hin.</p> + +<p>Ich sah ihm an, daß sein Geist wanderte.</p> + +<p>Plötzlich brach er los, wie jemand, der ein gefährliches Geheimnis hinter +verbissenen Zähnen jahrelang gehütet hat und es dann in einer Sekunde +unvermittelt, mit einem Aufschrei, von sich wirft: »Heute endlich – ist +mein Senkblei auf Grund gestoßen.«</p> + +<p>Wir starrten ihn verständnislos an.</p> + +<p>Ich war so gefangen genommen von dem fremdartig zitternden Ton, der aus +seinen Worten +<span class='pagenum'><a name="Page_181" id="Page_181">[181]</a></span> +geklungen hatte, daß ich eine Weile lang nur halb erfaßte, +wie er den Vorgang der Tiefseemessung erklärte: es gäbe da unten in den +Abgründen – viele tausend Faden tief – kreisende Wasserwirbel, die jedes +Lot verbliesen, es schwebend erhielten und den Boden nicht erreichen +ließen, wenn nicht ein günstiger Zufall zu Hilfe käme.</p> + +<p>Dann wieder stieg aus seiner Rede gleich einer Rakete triumphierend ein +Satz empor: »Es ist die tiefste Stelle auf Erden, zu der je ein +menschliches Instrument gedrungen ist«, und die Worte brannten sich +schreckhaft in mein Bewußtsein ein, ohne daß ich die Ursache dafür finden +konnte. Ein gespenstischer Doppelsinn lag in ihnen, so, als hätte ein +Unsichtbarer hinter ihm gestanden und in verhüllten Symbolen aus seinem +Munde zu mir gesprochen.</p> + +<p>Ich konnte den Blick nicht wenden von Radspiellers Gesicht; wie war es mit +einemmal so schemenhaft und unwirklich geworden! Wenn ich eine Sekunde die +Augen schloß, sah ich es von blauen Flämmchen umzuckt; – »die Sankt +Elmsfeuer des Todes«, drängte es sich +<span class='pagenum'><a name="Page_182" id="Page_182">[182]</a></span> +mir auf die Zunge, und ich mußte gewaltsam die Lippen geschlossen halten, +um es nicht laut herauszuschreien.</p> + +<p>Traumhaft zogen durch mein Hirn Stellen aus Büchern, die Radspieller +geschrieben und die ich gelesen in müßigen Stunden, voll Staunen über +seine Gelehrsamkeit, Stellen sengenden Hasses gegen Religion, Glaube und +Hoffnung und alles, was in der Bibel von Verheißung spricht.</p> + +<p>Es ist der Rückschlag, der seine Seele nach der heißen Askese einer +inbrunstgequälten Jugend aus dem Reich der Sehnsucht herab auf die Erde +geschleudert hat – begriff ich dumpf: der Pendelschwung des Schicksals, +der den Menschen vom Licht in den Schatten trägt.</p> + +<p>Mit Gewalt riß ich mich aus dem lähmenden Halbschlaf, der meine Sinne +überfallen hatte, und zwang mich, der Erzählung Radspiellers zuzuhören, +deren Beginn wie ein fernes, unverständliches Murmeln noch in mir +nachhallte.</p> + +<p>Er hielt das kupferne Senklot in der Hand, drehte es hin und her, daß es +aufblitzte gleich +<span class='pagenum'><a name="Page_183" id="Page_183">[183]</a></span> +einem Geschmeide im Lichtschein der Lampe, und sprach dabei:</p> + +<p>»Sie als leidenschaftliche Angler nennen es schon ein erregendes Gefühl, +wenn Sie an dem plötzlichen Zucken Ihrer doch nur 200 Ellen langen Schnur +spüren, daß sich ein großer Fisch gefangen hat, daß gleich darauf ein +grünes Ungetüm emporsteigen wird an die Oberfläche und das Wasser zu +Gischt zerpeitschen. Denken Sie sich dieses Gefühl vertausendfacht und Sie +werden vielleicht verstehen, was in mir vorging, als dieses Stück Metall +hier mir endlich meldete: ich bin auf Grund gestoßen. Mir war, als hätte +meine Hand an eine Pforte geklopft. – Es ist das Ende einer Arbeit von +Jahrzehnten«, setzte er leise für sich hinzu, und es klang eine Bangigkeit +aus seiner Stimme: »was – was werde ich morgen tun?!«</p> + +<p>»Es bedeutet nichts Geringes für die Wissenschaft, den tiefsten Punkt +unserer Erdschichte ausgelotet zu haben«, warf der Botaniker Eshcuid hin.</p> + +<p>»Wissenschaft – für die Wissenschaft!« wiederholte Radspieller +geistesabwesend und blickte +<span class='pagenum'><a name="Page_184" id="Page_184">[184]</a></span> +uns der Reihe nach fragend an. »Was kümmert mich die +Wissenschaft!« fuhr es ihm endlich heraus.</p> + +<p>Dann stand er hastig auf.</p> + +<p>Ging ein paarmal im Zimmer hin und her.</p> + +<p>»Ihnen ist die Wissenschaft ebenso Nebensache wie mir, Professor«, wandte +er sich mit einem Ruck, fast schroff an Eshcuid. »Nennen Sie es doch beim +Namen: die Wissenschaft ist uns nur ein Vorwand, um etwas zu tun, irgend +etwas, gleichgültig was; das Leben, das furchtbare, entsetzliche Leben hat +uns die Seele verdorrt, unser eigenstes innerstes Ich gestohlen, und, um +nicht immerwährend aufschreien zu müssen in unserm Jammer, jagen wir +kindischen Marotten nach – um zu vergessen, was wir verloren haben. Nur, +um zu vergessen. Belügen wir uns doch nicht selbst!«</p> + +<p>Wir schwiegen.</p> + +<p>»Aber es liegt noch ein anderer Sinn darin«, – eine wilde Unruhe kam +plötzlich über ihn, – »in unseren Marotten, meine ich. Ich bin so ganz, +ganz allmählich dahintergekommen: ein feiner geistiger Instinkt sagt mir, +jede Tat, +<span class='pagenum'><a name="Page_185" id="Page_185">[185]</a></span> +die wir vollbringen, hat einen magischen doppelten Sinn. Wir +<em class="gesperrt">können</em> gar nichts tun, was <em class="gesperrt">nicht</em> magisch wäre. – Ich weiß +ganz genau <em class="gesperrt">weshalb</em> ich gelotet habe fast ein halbes Leben lang. +Ich weiß auch, was es zu bedeuten hat, daß ich doch – und doch – und doch +auf Grund stieß und mich durch eine lange, feine Schnur mitten durch alle +Wirbel hindurch mit einem Reich verbunden habe, wohin kein Strahl dieser +verhaßten Sonne mehr dringen kann, deren Wonne darin besteht, ihre Kinder +verdursten zu lassen. Es ist nur ein <em class="gesperrt">äußeres</em> belangloses Geschehnis, +das sich heute vollzog, aber jemand, der sehen und deuten kann, der erkennt +schon im formlosen Schatten an der Wand, wer vor die Lampe getreten ist«; – +er lächelte mich grimmig an, »ich will’s Ihnen kurz sagen, was mir dieses +äußere Geschehnis <em class="gesperrt">innerlich</em> bedeutet: ich habe erreicht, was ich +gesucht habe, – ich bin hinfort gefeit gegen die Giftschlangen des Glaubens +und der Hoffnung, die nur im Licht leben können; ich hab’s an dem Ruck +gespürt, den es mir im Herzen gab, als ich heute meinen Willen durchgesetzt +und mit dem Senkblei den +<span class='pagenum'><a name="Page_186" id="Page_186">[186]</a></span> +Grund des Sees berührt habe. Ein belangloses äußeres Geschehen hat sein +inneres Gesicht gezeigt.«</p> + +<p>»Ist Ihnen denn so Schweres zugestoßen im Leben – in der Zeit – ich +meine, als Sie Geistlicher waren?«, fragte Mr. Finch, »daß Ihre Seele so +wund ist?« setzte er leise für sich hinzu.</p> + +<p>Radspieller gab keine Antwort und schien ein Bild zu sehen, das vor ihm +auftauchen mochte; dann setzte er sich wieder an den Tisch, blickte +unbeweglich in das Mondlicht zum Fenster hin und erzählte wie ein +Somnambuler, fast ohne Atem zu holen:</p> + +<p>»Ich war niemals Geistlicher, aber schon in meiner Jugend hat mich ein +finsterer, übermächtiger Trieb von den Dingen dieser Erde weggezogen. Ich +habe Stunden erlebt, wo sich das Gesicht der Natur vor meinen Augen in +eine grinsende Teufelsfratze verwandelt hat und mir Berge, Landschaft, +Wasser und Himmel, sogar mein eigener Leib, als unerbittliche Kerkermauern +erschienen sind. Wohl kein Kind empfindet etwas dabei, wenn sich der +Schatten einer über die +<span class='pagenum'><a name="Page_187" id="Page_187">[187]</a></span> +Sonne ziehenden Wolke auf eine Wiese senkt, mich hat schon damals ein +lähmendes Entsetzen befallen und ich blickte, als hätte mir eine Hand mit +einem Ruck eine Binde von den Augen gerissen, tief hinein in die heimliche +Welt voll Todesqual der Millionen winziger Lebewesen, die sich, verborgen +unter den Halmen und Wurzeln der Gräser, im stummen Haß zerfleischten.</p> + +<p>Vielleicht war’s erbliche Belastung – mein Vater starb im +Religionswahnsinn –, daß ich die Erde bald nur mehr wie eine einzige +bluterfüllte Mördergrube sah.</p> + +<p>Allmählich wurde mein ganzes Leben zur immerwährenden Folter seelischen +Verdurstens. Ich konnte nicht mehr schlafen, nicht mehr denken, und Tag +und Nacht, ohne stillzustehen, zuckten und bebten meine Lippen und formten +mechanisch den Satz des Gebetes: ‘Erlöse uns von dem Übel’, bis ich vor +Schwäche das Bewußtsein verlor.</p> + +<p>In den Tälern, wo ich zu Hause bin, gibt es eine religiöse Sekte, die man +die ‘Blauen Brüder’ nennt, deren Anhänger, wenn sie ihr Ende nahen fühlen, +sich lebendig begraben lassen. +<span class='pagenum'><a name="Page_188" id="Page_188">[188]</a></span> +Heute noch steht ihr Kloster dort, über dem Eingangstor das steinerne +Wappenschild: eine Giftpflanze mit fünf blauen Blütenblättern, deren +oberstes einer Mönchskapuze gleicht: – das <em class="antiqua">Aconitum napellus</em>, der +‘blaue Sturmhut’.</p> + +<p>Ich war ein junger Mann, als ich mich in diesen Orden flüchtete, und fast +ein Greis, als ich ihn verließ.</p> + +<p>Hinter den Klostermauern liegt ein Garten, darin blüht im Sommer ein Beet +voll von jenem blauen Todeskraut, und die Mönche begießen es mit dem Blut, +das aus ihren Geißelwunden fließt. Jeder hat, wenn er Bruder der +Gemeinschaft wird, eine solche Blume zu pflanzen, die dann, wie in der +Taufe, seinen eigenen christlichen Namen erhält.</p> + +<p>Die meinige hieß Hieronymus und hat mein <em class="gesperrt">Blut</em> getrunken, indes ich +selbst verschmachtete in jahrelangem vergeblichem Flehen um das Wunder, +daß der ‘Unsichtbare Gärtner’ die Wurzeln meines Lebens auch nur mit einem +Tropfen <em class="gesperrt">Wasser</em> begösse.</p> + +<p>Der symbolische Sinn dieser seltsamen Zeremonie der Bluttaufe ist, daß der +Mensch seine +<span class='pagenum'><a name="Page_189" id="Page_189">[189]</a></span> +Seele magisch einpflanzen soll in den Garten des Paradieses +und ihr Wachstum düngen mit dem Blut seiner Wünsche.</p> + +<p>Auf dem Totenhügel des Gründers dieser asketischen Sekte, des sagenhaften +Kardinals Napellus, sagt die Legende, schoß in einer einzigen +Vollmondnacht in Mannshöhe ein solcher ‘blauer Sturmhut’ auf, +– über und über mit Blüten bedeckt, – und als man das Grab +öffnete, war die Leiche darin verschwunden. Es heißt, daß sich der Heilige +in die Pflanze verwandelt hat, und von ihr, als der ersten, die damals auf +Erden erschien, sollen alle übrigen stammen.</p> + +<p>Wenn die Blumen im Herbst verdorrten, sammelten wir ihre giftigen +Samenkeime, die kleinen menschlichen Herzen gleichen und nach der geheimen +Überlieferung der Blauen Brüder das ‘Senfkorn’ des Glaubens vorstellen, +von dem geschrieben steht, daß Berge versetzen könne, wer es hat, – – +und aßen davon.</p> + +<p>So, wie ihr furchtbares Gift das Herz verändert und den Menschen in den +Zustand zwischen Leben und Sterben bringt, so sollte die +<span class='pagenum'><a name="Page_190" id="Page_190">[190]</a></span> Essenz des +Glaubens unser Blut verwandeln, – zur wunderwirkenden Kraft werden in den +Stunden zwischen nagender Todespein und ekstatischer Verzückung.</p> + +<p>Aber ich tastete mit dem Senkblei meiner Erkenntnis noch tiefer hinab in +diese wunderlichen Gleichnisse, ich tat noch einen Schritt weiter und sah +der Frage ins Gesicht: Was wird mit meinem Blut geschehen, wenn es endlich +geschwängert ist von dem Gift der blauen Blume? Und da wurden die Dinge +rings um mich lebendig, selbst die Steine am Wege schrien mir zu mit +tausend Stimmen: Wieder und wieder, wenn der Frühling kommt, wird es +ausgegossen werden, auf daß ein neues Giftkraut sprossen kann, das deinen +eignen Namen trägt.</p> + +<p>Und in jener Stunde hatte ich dem Vampir, den ich bis dahin gefüttert, die +Maske abgerissen, und ein unauslöschlicher Haß ergriff von mir Besitz. Ich +ging hinaus in den Garten und stampfte die Pflanze, die mir meinen Namen +Hieronymus gestohlen und sich an meinem Leben gemästet hatte, in die Erde, +bis keine Faser mehr sichtbar war.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_191" id="Page_191">[191]</a></span> +Von da an schien mein Weg plötzlich wie besät mit wunderbaren Ereignissen.</p> + +<p>Noch in derselben Nacht trat eine Vision vor mich: der Kardinal Napellus, +in der Hand – mit der Fingerstellung eines Menschen, der eine brennende +Kerze trägt – das blaue Akonit mit den fünfblättrigen Blüten. Seine Züge +waren die einer Leiche, nur aus seinen Augen strahlte ein unzerstörbares +Leben.</p> + +<p>Ich glaubte mein eigenes Antlitz vor mir zu sehen, so glich er mir, und +ich fuhr in unwillkürlichem Schrecken nach meinem Gesicht, wie jemand, dem +eine Explosion den Arm abgerissen hat, mit der andern Hand nach der Wunde +fahren mag.</p> + +<p>Dann schlich ich mich ins Refektorium und erbrach in wildem Haß den +Schrein, der die Reliquien des Heiligen enthalten sollte, um sie zu +zerstören.</p> + +<p>Ich fand nur diesen Globus, den Sie dort in der Nische stehen sehen.«</p> + +<p>Radspieller erhob sich, holte ihn herab, stellte ihn vor uns auf den Tisch +und fuhr in seiner Erzählung fort: »Ich habe ihn mit mir genommen +<span class='pagenum'><a name="Page_192" id="Page_192">[192]</a></span> +auf meiner Flucht aus dem Kloster, um ihn zu zerschlagen und damit das +einzige, was greifbar zurückgeblieben ist von dem Gründer jener Sekte, zu +vernichten.</p> + +<p>Später überlegte ich mir, daß ich der Reliquie mehr Verachtung antäte, +wenn ich sie verkaufte und das Geld einer Dirne schenkte. Ich führte es +aus, als sich mir die erste Gelegenheit dazu bot.</p> + +<p>Seitdem sind viele Jahre vorübergegangen, aber ich habe keine Minute +verstreichen lassen, den unsichtbaren Wurzeln jenes Krautes nachzuspüren, +an denen die Menschheit krankt, und sie aus meinem Herzen zu tilgen. Ich +habe vorhin gesagt, daß von der Stunde an, da ich zur Klarheit erwachte, +ein ‘Wunder’ nach dem andern meinen Pfad kreuzte, doch ich bin fest +geblieben: kein Irrlicht mehr hat mich in den Sumpf gelockt.</p> + +<p>Als ich anfing, Altertümer zu sammeln, – alles, was Sie hier im Zimmer +sehen, stammt aus jener Zeit, – war so manches darunter, das mich an die +dunkeln Riten gnostischen Ursprungs gemahnte und an das Jahrhundert der +<span class='pagenum'><a name="Page_193" id="Page_193">[193]</a></span> +Kamisarden; selbst der Saphirring hier an meinem Finger – er trägt +seltsamerweise als Wappen einen Sturmhut, das Emblem der blauen Mönche, – +kam zufällig, als ich den Vorrat eines Tabulettkrämers durchstöberte, in +meine Hände: es hat mich nicht einen Augenblick erschüttern können. Und +als mir eines Tages ein Freund den Globus hier – denselben Globus, den +ich aus dem Kloster geraubt und verkauft hatte, die Reliquie des Kardinals +Napellus –, als Geschenk ins Haus schickte, mußte ich hell auflachen, als +ich ihn wiedererkannte, über diese kindische Drohung eines albernen +Schicksals.</p> + +<p>Nein, hier herauf zu mir in die klare, dünne Luft der Firnenwelt soll das +Gift des Glaubens und der Hoffnung nicht mehr dringen, in diesen Höhen +kann der blaue Sturmhut nicht gedeihen. An mir ist der Spruch in einem +neuen Sinn zur Wahrheit geworden: Wer in die Tiefe forschen will, muß auf +die Berge steigen.</p> + +<p>Darum gehe ich nie wieder hinunter in die Niederungen. Ich bin genesen; +und wenn die Wunder aller Engelswelten mir in den +<span class='pagenum'><a name="Page_194" id="Page_194">[194]</a></span> +Schoß fielen, ich würfe sie von mir wie verächtlichen Tand. Soll das +Akonit eine giftige Arznei bleiben für die Siechen am Herzen und die +Schwachen in den Tälern, – ich will hier oben leben und sterben im +Angesicht des starren diamantnen Gesetzes unwandelbarer +Naturnotwendigkeiten, das kein dämonischer Spuk durchbrechen kann. Ich +werde weiter loten und loten, ohne Ziel, ohne Sehnsucht, froh wie ein +Kind, das sich genügen läßt am Spiel und noch nicht verpestet ist an der +Lüge: das Leben hätte einen tieferen Zweck, – – werde loten +und loten, – aber, so oft ich auf Grund stoße, wird’s mir wie +ein Jubelruf klingen: es ist immer wieder nur die Erde, die ich berühre, +und nichts als die Erde, – dieselbe stolze Erde, die das +heuchlerische Licht der Sonne kalt zurückwirft in den Weltraum, die Erde, +die sich außen und innen getreu bleibt, so wie dieser Globus, das letzte +jämmerliche Erbstück des großen Herrn Kardinals Napellus, dummes Holz ist +und bleibt, außen und innen.</p> + +<p>Und jedesmal wird’s mir der Rachen des Sees von neuem verkünden: wohl +wachsen auf +<span class='pagenum'><a name="Page_195" id="Page_195">[195]</a></span> +der Kruste der Erde, von der Sonne gezeugt, entsetzliche Gifte, doch ihr +Inneres, ihre Schluchten und Abgründe, sind frei davon und die Tiefe ist +rein.« – Radspiellers Gesicht bekam hektische Flecken vor +Erregung und durch seine emphatische Rede ging ein Riß; sein verbissener +Haß brach los. »Wenn ich einen Wunsch frei hätte«, – er +ballte die Fäuste –, »ich möchte mit meinem Senkblei bis in +den Mittelpunkt der Erde loten dürfen, um es hinausschreien zu können: +Siehe hier, siehe da: Erde, nichts als Erde!«</p> + +<p>Wir blickten erstaunt auf, da er plötzlich schwieg.</p> + +<p>Er war ans Fenster getreten.</p> + +<p>Der Botaniker Eshcuid zog seine Lupe hervor, beugte sich über den Globus +und sagte laut, um den peinlichen Eindruck zu verwischen, den Radspiellers +letzte Worte in uns erweckt hatten:</p> + +<p>»Die Reliquie muß eine Fälschung sein und noch aus unserm +Jahrhundert stammen; die fünf Erdteile« – er deutete auf +Amerika – »sind auf dem Globus vollzählig verzeichnet.«</p> + +<p>So nüchtern und alltäglich auch der Satz +<span class='pagenum'><a name="Page_196" id="Page_196">[196]</a></span> +klang, er konnte die gepreßte Stimmung nicht durchbrechen, die sich unser +zu bemächtigen begann ohne faßbaren Grund und von Sekunde zu Sekunde +anwuchs bis zu drohendem Angstgefühl.</p> + +<p>Plötzlich schien ein süßer, betäubender Geruch wie von Faulbaum oder +Seidelbast das Zimmer zu erfüllen.</p> + +<p>»Er weht aus dem Park herüber«, wollte ich sagen, aber Eshcuid +kam meinem krampfhaften Versuch, den Alp abzuschütteln, zuvor. Er stach +mit einer Nadel in den Globus und murmelte etwas, wie: es sei seltsam, daß +sogar unser See, ein so winziger Punkt, auf der Karte stünde, – da +wachte Radspiellers Stimme am Fenster wieder auf und fuhr mit schrillem +Hohn dazwischen:</p> + +<p>»Warum verfolgt’s mich denn jetzt nicht mehr, – wie +früher im Träumen und im Wachen, – das Bild Seiner Eminenz des +großen Herrn Kardinals Napellus? Im Codex Nazaräus – dem Buch der +gnostischen blauen Mönche, geschrieben um 200 vor Christus – steht +doch prophezeit für den Neophyten: ‘Wer die mystische +<span class='pagenum'><a name="Page_197" id="Page_197">[197]</a></span> +Pflanze begießet bis zum Ende mit seinem Blute, den wird sie geleiten +treulich an die Pforte des ewigen Lebens; wer sie aber ausreißt, dem +Frevler wird sie ins Angesicht schauen als der Tod, und sein Geist wird +hinaus in die Finsternis wandern, bis der neue Frühling kommt!’ Wo +sind sie hin, die Worte? Sind sie gestorben? Ich sage: eine Verheißung von +Jahrtausenden ist an mir zerschellt. Warum kommt er denn nicht, daß ich +ihm ins Antlitz speien kann, dem Kardinal Nap – –« ein +gapsendes Röcheln riß Radspieller die letzte Silbe vom Munde, ich sah, daß +er die blaue Pflanze erblickt hatte, die der Botaniker abends bei seinem +Eintritt aufs Fensterbrett gelegt, und sie anstarrte. Ich wollte +aufspringen. Zu ihm eilen.</p> + +<p>Ein Ausruf Giovanni Braccescos hielt mich zurück:</p> + +<p>Unter der Nadel Eshcuids hatte sich die vergilbte pergamentene Rinde des +Globus abgelöst, so wie von einer überreifen Frucht die Schale springt, +und nackt vor uns lag eine große gleißende Kugel aus Glas.</p> + +<p>Und darinnen – ein wundersames Kunstwerk, +<span class='pagenum'><a name="Page_198" id="Page_198">[198]</a></span> +eingeschmolzen auf unbegreifliche Weise, aufrechtstehend: die Gestalt +eines Kardinals in Mantel und Hut, und in der Hand, mit der Fingerstellung +eines Menschen, der eine brennende Kerze trägt: eine Staude mit +stahlblauen fünfblättrigen Blüten.</p> + +<hr class="dash" /> + +<p>Kaum vermochte ich, gelähmt von Entsetzen, meinen Kopf nach Radspieller zu +wenden.</p> + +<p>Mit weißen Lippen, die Züge leichenhaft, stand er dort an der Wand – +aufrecht, unbeweglich wie die Statuette in der gläsernen Kugel, – so wie +sie: in der Hand die blaue giftige Blume, und starrte auf den Tisch +herüber in das Gesicht des Kardinals.</p> + +<p>Nur der Glanz seiner Augen verriet, daß er noch lebte; wir andern aber +begriffen, daß sein Geist auf Nimmerwiederkehr versunken war in der Nacht +des Irrsinns.</p> + +<hr class="dash" /> + +<p>Eshcuid, Mr. Finch, Giovanni Braccesco und ich schieden am nächsten Morgen +voneinander; wortlos, fast ohne Gruß: die letzten bangen Stunden der Nacht +waren zu beredt für jeden +<span class='pagenum'><a name="Page_199" id="Page_199">[199]</a></span> +von uns gewesen, als daß es unsere Zungen nicht hätte in Bann legen +sollen.</p> + +<p>Lange bin ich noch planlos und einsam über die Erde gewandert, doch keinem +von ihnen bin ich je wieder begegnet.</p> + +<p>Ein einziges Mal nach vielen Jahren hat mich mein Weg in jene Gegend +geführt: von dem Schlosse ragten nur mehr die Mauern, aber zwischen dem +verfallenen Gestein sproßte mannshoch auf im sengenden, grellen +Sonnenbrand, Staude an Staude, ein unabsehbares stahlblaues Beet:</p> +<p class="center">das <em class="antiqua">Aconitum napellus</em>.</p> + + +<p class="chapter1"><span class='pagenum'><a name="Page_200" id="Page_200">[200]</a></span> +<a name="Die_vier_Mondbruder" id="Die_vier_Mondbruder"></a>Die vier Mondbrüder</p> +<p class="subchapter">Eine Urkunde</p> + + + +<p>Wer ich bin, ist bald gesagt. Vom 25. bis zum 60. Jahr war ich +Kammerdiener beim Herrn Grafen du Chazal. Bis dahin hatte ich als +Gärtnergehilfe die Blumenzucht im Kloster zu Apanua besorgt, woselbst ich +auch einst meine einförmigen düsteren Jugendtage verlebte und dank der +Güte des Abtes Unterricht im Lesen und Schreiben genoß.</p> + +<p>Da ich ein Findling war, nahm mich bei meiner Firmung mein Pate, der alte +Klostergärtner, an Kindes Statt an, und seitdem führe ich rechtmäßig den +Namen Meyrink.</p> + +<p>Soweit ich zurückdenken kann, immer ist mir, als trüge ich um den Kopf +einen eisernen Reifen, der mein Gehirn einschnürt und dasjenige zu +entfalten verhindert, was man gemeinhin Phantasey nennen mag. Fast möchte +ich sagen, es fehlt mir ein innerer Sinn, doch dafür sind +<span class='pagenum'><a name="Page_201" id="Page_201">[201]</a></span> +meine Augen und Ohren scharf wie die eines Wilden. Wenn ich die Lider +schließe, sehe ich heute noch mit beklemmender Deutlichkeit die schwarzen +starren Umrisse der Zypressen vor mir, wie sie sich damals von den +zerbröckelnden Klostermauern abhoben, sehe die ausgetretenen Ziegelsteine +auf dem Boden der Kreuzgänge, Stück für Stück, daß ich sie zählen könnte, +und doch ist das alles kalt und stumm – spricht nicht zu mir, wo +doch sonst die Dinge zum Menschen reden sollen, wie ich schon oft gelesen +habe.</p> + +<p>Es geschieht aus Offenheit, daß ich unumwunden sage, wie es mit mir steht, +denn ich will Anspruch haben auf Glaubwürdigkeit; bewegt mich doch die +Hoffnung, daß, was ich hier niederschreibe, Menschen vor Augen kommen +möge, die mehr wissen als ich und mir Licht und Erkenntnis schenken +können, wenn sie dürfen und wollen, über all das, was einer Kette +unlösbarer Rätsel gleich meinen Lebenspfad begleitet hat.</p> + +<p>Sollte nun gar wider jenes vernünftige Ermessen diese Druckschrift den +beiden Freunden meines verewigten zweiten Herrn: Magister Peter Wirtzigh +(gestorben und begraben zu Wernstein +<span class='pagenum'><a name="Page_202" id="Page_202">[202]</a></span> +am Inn im Jahre des großen Krieges 1914), nämlich den beiden wohlgeborenen +Herren Doktores Chrysophron Zagräus und Sacrobosco Haselmayer, genannt +»der rote Tandschur«, zu Gesicht kommen, so mögen die Herren +gerechterweise bedenken, daß es nicht Schwatzhaftigkeit oder eitel Neugier +sein können, die mich bewogen haben, etwas an den Tag zu geben, was die +Herren selbst vielleicht ein Menschenalter lang geheimhielten, zumal ein +Greis von 70 Jahren, wie ich, über derlei kindischen Firlefanz wohl schon +hinausgereift ist, – daß es vielmehr Gründe geistiger Art sein +dürften, die mich hierzu zwangen, worunter die Befürchtung meines Herzens: +dereinst nach dem Ableben des Leibes eine – <em class="gesperrt">Maschine</em> zu werden (die +Herren werden schon verstehen, was ich meine), gewißlich kein geringes +ist.</p> + +<p>Doch nun zu meiner Geschichte:</p> + +<p>Die ersten Worte, die der Herr Graf du Chazal zu mir sprach, als er mich +in seine Dienste nahm, waren die Frage:</p> + +<p>»Hat je eine Frau in deinem Leben eine Rolle gespielt?« +</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_203" id="Page_203">[203]</a></span> +Als ich mit gutem Gewissen verneinte, schien er sichtlich zufrieden.</p> + +<p>Die Worte brennen mich heute wie Feuer, ich weiß nicht warum. Silbe für +Silbe denselben Satz fragte mich 35 Jahre später mein zweiter Brotgeber, +Herr Magister Peter Wirtzigh, als ich bei ihm als Diener eintrat:</p> + +<p>»Hat je eine Frau in deinem Leben eine Rolle gespielt?«</p> + +<p>Auch damals konnte ich ruhig verneinen – hätte es bis heutigen Tag können +–, aber ich kam mir voll Schrecken einen Augenblick lang vor wie eine +leblose Maschine, als ich es sagte, und nicht wie ein menschliches Wesen.</p> + +<p>So oft ich jetzt darüber grüble, schleicht mir ein grausiger Verdacht ins +Hirn; ich kann es nicht in Worte fassen, was ich mir dann denke, aber – +– gibt’s denn nicht auch Pflanzen, die sich nie recht entwickeln können, +die trostlos verkümmern und wachsgelb bleiben (so als schiene die Sonne +nie auf sie), bloß, weil der Giftsumach in ihrer Nähe wächst und heimlich +an ihren Wurzeln zehrt?</p> + +<p>In den ersten Monaten fühlte ich mich in +<span class='pagenum'><a name="Page_204" id="Page_204">[204]</a></span> +dem einsamen Schloß, das nur von dem Herrn Grafen du Chazal, der alten +Haushälterin Petronella und mir bewohnt wurde und buchstäblich angefüllt +war mit seltsamen altertümlichen Geräten, Uhrwerken und Fernrohren, recht +unbehaglich, zumal der gnädige Herr Graf allerlei Absonderlichkeiten an +sich hatte. So durfte ich ihm zum Beispiel wohl beim Anziehen helfen, nie +aber beim Auskleiden, und wenn ich mich dazu erbötig machte, gebrauchte er +immer die Ausrede, er wolle noch lesen; in Wirklichkeit aber – muß +ich annehmen – streifte er in der Dunkelheit umher, denn oft waren +frühmorgens seine Stiefel dick mit Schlamm und Moorerde bedeckt, auch wenn +er tags vorher den Fuß nicht aus dem Hause gesetzt hatte.</p> + +<p>Auch sein Aussehen war nicht sehr anheimelnd: klein und schmächtig, wollte +sein Körper nicht recht zum Kopf passen, und obschon wohlgewachsen, machte +der Herr Graf auf mich lange Zeit den Eindruck eines Buckligen, wiewohl +ich mir darüber keine genaue Rechenschaft zu geben vermochte.</p> + +<p>Sein Profil war scharf geschnitten und hatte +<span class='pagenum'><a name="Page_205" id="Page_205">[205]</a></span> +durch das schmale, hervorstehende Kinn und den spitzigen, grauen, nach +vorn gebogenen Bart darunter etwas merkwürdig Sichelartiges. Er mußte +übrigens eine unverwüstliche Lebenskraft besitzen, denn er alterte während +der langen Jahre, die ich ihm diente, kaum merklich, höchstens, daß die +seinen Gesichtszügen eigentümliche Halbmondform schärfer und schmäler zu +werden schien.</p> + +<p>Im Dorfe gingen allerlei kuriose Gerüchte über ihn: er würde nicht naß, +wenn es regne, und dergleichen, und so oft er nachtschlafender Zeit an den +Bauernhäusern vorüberginge, blieben jedesmal in den Stuben die Uhren +stehen.</p> + +<p>Ich achtete nie auf solches Geschwätz, denn daß ähnlicherweise zuzeiten +die metallenen Gegenstände im Schlosse, wie Messer, Scheren, Rechen und +dergleichen für ein paar Tage magnetisch wurden, so daß Stahlfedern, Nägel +und anderes daran haften blieb, ist wohl eine nicht weiter wunderbare +Naturerscheinung, denke ich; wenigstens klärte mich der Herr Graf, als ich +ihn einmal fragte, darüber auf. Der Ort stünde auf vulkanischem Boden, +sagte er, auch +<span class='pagenum'><a name="Page_206" id="Page_206">[206]</a></span> +hingen solche Vorgänge mit dem Vollmond zusammen.</p> + +<p>Überhaupt hatte der Herr Graf eine ungewöhnlich hohe Meinung vom Mond, wie +ich aus folgenden Begebenheiten schließe:</p> + +<p>Ich muß vorausschicken, daß jeden Sommer, genau am 21. Juli, aber immer +nur für vierundzwanzig Stunden, ein über die Maßen wunderlicher Gast zu +Besuch kam: derselbe Herr Doktor Haselmayer, von dem später noch die Rede +sein wird.</p> + +<p>Der Herr Graf sprach von ihm stets als vom »roten Tandschur«, +warum, habe ich nie begriffen, denn der Herr Doktor war nicht nur nicht +rothaarig, sondern hatte überhaupt kein einziges Haar auf dem Kopf und +weder Augenbrauen noch Wimpern. Schon damals machte er auf mich den +Eindruck eines Greises; – mag sein, daß es von der seltsamen +uraltmodischen Tracht kam, die er jahraus, jahrein trug: einem glanzlosen +moosgrünen Tuchzylinderhut, der nach oben zu ganz eng, fast spitzig wurde, +einem holländischen Sammetwams, Schnallenschuhen und schwarzen +Seidenkniehosen an den beängstigend + +<span class='pagenum'><a name="Page_207" id="Page_207">[207]</a></span> +kurzen und dünnen Beinchen, – wie gesagt: mag sein, +daß er nur deshalb so, so – »verstorben« aussah, denn seine hohe, +liebliche Kinderstimme und die wundersam feingeschwungenen Mädchenlippen +sprachen gegen ein hohes Alter.</p> + +<p>Andererseits hat es wohl auf dem ganzen Erdenrund noch nie so erloschene +Augen gegeben, wie er sie besaß.</p> + +<p>Ohne den schuldigen Respekt verletzen zu wollen, möchte ich hinzufügen, +daß er einen Wasserkopf hatte, der überdies zum Erschrecken weich zu sein +schien, – so weich, wie ein gesottenes abgeschältes Ei, – +nicht nur, was das kugelrunde, fahle Gesicht anbelangte, sondern auch in +Hinblick auf den Schädel selbst. Wenigstens quoll ihm immer, so oft er den +Hut aufsetzte, alsbald eine Art blutleerer Schlauch unter der Krempe +ringsherum auf und, wenn er den Hut abnahm, brauchte es stets eine +bedenklich geraume Zeit, bis sein Kopf glücklich die ursprüngliche Form +zurückgewonnen hatte.</p> + +<p>Von der Minute der Ankunft des Herrn Doktor Haselmayer bis zu seiner +Abreise pflegten er und der gnädige Herr Graf ununterbrochen, +<span class='pagenum'><a name="Page_208" id="Page_208">[208]</a></span> +ohne auch nur einen Bissen zu essen, ohne zu schlafen oder zu trinken, vom +Monde zu sprechen und dies mit einem rätselhaften Eifer, den ich nicht +verstand.</p> + +<p>Ihre Liebhaberei ging soweit, daß sie, wenn gerade die Zeit des Vollmondes +mit dem 21. Juli zusammentraf, nachts hinaus an den kleinen, sumpfigen +Schloßteich gingen und stundenlang das Spiegelbild der silbrigen +Himmelsscheibe im Wasser anstarrten.</p> + +<p>Einmal, als ich zufällig vorbeiging, bemerkte ich sogar, daß beide Herren +weißliche Brocken – es werden wohl Semmelkrumen gewesen sein – in den +Weiher warfen, und als Herr Doktor Haselmayer wahrnahm, daß ich es gesehen +hatte, sagte er rasch: »Wir füttern nur den Mond – äh, Pardon, soll +heißen: den – den Schwan.« Nun gab es aber weit und breit keinen Schwan. +Auch Fische nicht.</p> + +<p>Was ich noch in derselben Nacht mit anhören mußte, schien mir in +geheimnisvollem Zusammenhang damit zu stehen, weshalb ich es denn auch +Wort für Wort meinem Gedächtnis eingeprägt und alsbald umständlich zu +Papier gebracht habe:</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_209" id="Page_209">[209]</a></span> +Ich lag in meiner Schlafkammer noch eine Weile wach, da hörte ich +plötzlich im Bibliothekzimmer nebenan, das sonst nie betreten wurde, die +Stimme des Herrn Grafen in wohlgesetzter Rede sagen:</p> + +<p>»Nachdem, was wir soeben im Wasser gesehen, mein liebwerter und +hochgeschätzter Doktor, müßte ich sehr irren, wenn nicht unsere Sache +vortrefflich stünde und der alte Rosenkreuzerische Satz: ‘<em class="antiqua">post +centum viginti annos patebo</em>’, das ist ‘nach 120 Jahren werde +ich offenbar’ ganz in unserem Sinne zu deuten wäre. Wahrlich, das +nenne ich mir eine erfreuliche Jahrhundertsonnenwendfeier! Schon im +letzten Viertel des kürzlich verflossenen 19. Jahrhunderts gewann das +Mechanische schnell und sicher die Oberhand, dürfen wir getrost +feststellen, aber wenn es so weiter geht, wie wir hoffen wollen, wird im +20sten die Menschheit bald kaum mehr Zeit finden, das Tageslicht zu sehen, +vor lauter Arbeit, die vielen und immer zahlreicher werdenden Maschinen zu +putzen, zu polieren, in Tätigkeit zu erhalten und sie auszubessern, wenn +sie schadhaft werden.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_210" id="Page_210">[210]</a></span> +Schon heute kann man füglich sagen, ist die Maschine ein würdiger Zwilling +des weiland goldenen Kalbes geworden, denn wer sein Kind zu Tode quält, +bekommt höchstens 14 Tage Arrest, wer aber irgendeine alte Straßenwalze +beschädigt, muß drei Jahre ins Loch.«</p> + +<p>»Die Herstellung von derlei Triebwerken ist aber auch wesentlich +kostspieliger,« warf Herr Doktor Haselmayer ein.</p> + +<p>»Im allgemeinen, gewiß,« gab Herr Graf du Chazal höflich zu. +»Doch das ist sicherlich nicht der einzige Grund. Das wesentliche +dabei scheint mir zu sein, daß auch der Mensch genau genommen nichts +anderes darstellt als ein halbfertiges Ding, das dazu bestimmt ist, +dereinst selbst ein Uhrwerk zu werden, wofür deutlich spricht, daß gewisse +keineswegs nebensächliche Instinkte, wie zum Beispiel: sich behufs +Veredelung der Rasse die richtige Gattin zu wählen, bei ihm bereits ins +Automatenhafte versunken sind. Was Wunder, daß er in der Maschine seinen +wahren Sprößling und Erben sieht und im leiblichen Nachkommen den +Wechselbalg.</p> + +<p>Wenn die Weiber Fahrräder oder Repetierpistolen +<span class='pagenum'><a name="Page_211" id="Page_211">[211]</a></span> +gebären würden statt Kindern, sollten Sie mal sehen, wie flott da +plötzlich drauflosgeheiratet würde. Ja, im güldenen Zeitalter, als die +Menschen noch weniger entwickelt waren, da glaubten sie nur das, was sie +‘denken’ konnten, dann kam allmählich die Epoche, wo sie nur +das glaubten, was sie fressen konnten, – aber jetzt erklimmen sie +den Gipfel der Vollkommenheit, das heißt: sie halten bloß das für +wirklich, was sie – verkaufen können.</p> + +<p>Sie nehmen dabei, weil es im vierten Gebot heißt: ‘Du sollst Vater und +Mutter ehren’ usw. als selbstverständlich an, daß die Maschinen, die sie +in die Welt setzen und mit dem feinsten Spindelöl schmieren, derweilen sie +selbst sich mit Margarine begnügen, ihnen die Mühen der Erzeugung +tausendfach vergelten und Glück in jeder Form bringen werden; nur +vergessen sie ganz: auch aus Maschinen können undankbare Kinder werden.</p> + +<p>In ihrem Vertrauensdusel finden sie sich mit dem Gedanken ab, die +Maschinen seien nur tote Dinge, die auf sie nicht rückwirken und die man +wegwerfen könne, wenn man sie satt hat; – ja Schnecken!</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_212" id="Page_212">[212]</a></span> +Haben Sie schon mal eine Kanone beobachtet, Schätzbarster? Soll die +vielleicht auch ‘tot’ sein? Ich sage Ihnen, nicht einmal ein General wird +so liebevoll behandelt! Ein General kann einen Schnupfen bekommen und kein +Hahn kräht danach, aber die Kanonen kriegen Schürzen um, damit sie sich +nicht erkälten – oder ‘rosten’, was dasselbe ist – und Hüte auf, daß es +ihnen nicht hineinregne.</p> + +<p>Gut, es ließe sich einwenden: die Kanone brüllt nur, wenn sie mit Pulver +vollgepfropft ist und das Zeichen zum Abfeuern gegeben wird, aber brüllt +denn ein Tenorist nicht auch erst, wenn das Stichwort fällt, und selbst +dann nur, wenn er genügend mit Musiknoten angefüllt ist? Ich sage Ihnen: +im ganzen Weltraum gibt es nicht ein einziges Ding, das wirklich tot +wäre.«</p> + +<p>»Aber unsere traute Heimat, der Mond, ist doch ein abgestorbener +Himmelskörper und ist doch tot?« flötete Herr Doktor Haselmayer +schüchtern.</p> + +<p>»Er ist nicht tot,« belehrte ihn der Herr Graf, »er ist nur das Gesicht +des Todes. Er ist – wie soll ich es nennen – die Sammellinse, die +<span class='pagenum'><a name="Page_213" id="Page_213">[213]</a></span> +gleich einer Zauberlaterne die lebenerzeugenden Strahlen dieser +vermaledeiten protzenhaften Sonne zur verkehrten Wirkung bringt, allerlei +magisches Bildwerk aus dem Hirn der Lebenden in die scheinbare +Wirklichkeit hineinhext und das giftige Fluidum des Sterbens und der +Verwesung in mannigfaltigster Form und Äußerung zum Keimen und Hauchen +bringt. – Über die Maßen kurios – finden Sie nicht auch? –, daß die +Menschen trotzdem gerade den Mond unter allen Gestirnen am meisten lieben, +– besingen ihn sogar ihre Dichter, die doch im Geruch stehen, Seher zu +sein, mit schwärmerischem Geseufz und Augenverdrehen, und keinem werden +die Lippen blaß vor Grauen bei dem Gedanken, daß seit Millionen Jahren +Monat für Monat eine blutlose kosmische Leiche die Erde umkreist! Da sind +wahrlich die Hunde gescheiter – insonderheit die schwarzen –, die ziehen +den Schweif ein und heulen den Mond an.«</p> + +<p>»Schrieben Sie mir nicht unlängst, werter Herr Graf, die Maschinen seien +direkt Geschöpfe des Mondes? Wie soll ich das verstehen?«, fragte Herr +Doktor Haselmayer.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_214" id="Page_214">[214]</a></span> +»Dann haben Sie mich falsch verstanden,« unterbrach ihn der Herr Graf. +»Der Mond hat nur das Hirn der Menschen mit Ideen <em class="gesperrt">geschwängert</em> durch +seinen giftigen Odem, und die Maschinen sind die sichtbarliche Geburt +daraus.</p> + +<p>Die Sonne hat den Sterblichen den Wunsch in die Seele gepflanzt, reicher +an Freuden zu werden und schließlich den Fluch: im Schweiße des +Angesichtes vergängliche Werke zu schaffen, zu zerbrechen, aber der Mond +– die geheime Quelle der irdischen Formen – hat es ihnen in einen +trügerischen Glast getrübet, also daß sie sich in eine falsche Imagination +verliefen und nach außen – ins Greifbare – versetzten, was sie innerlich +hätten anschauen sollen.</p> + +<p>Folgedessen die Maschinen sichtbare Titanenleiber worden sind, aus den +Gehirnen entarteter Heroen geboren.</p> + +<p>Und wie denn etwas ‘begreifen’ und ‘schaffen’ nichts anderes heißt, als +die Seele die Form dessen annehmen lassen, was man ‘siehet’ oder +‘schaffet’ und sich damit eins zu machen, so treiben von nun an die +Menschen hilflos auf dem Wege dahin, sich allmählich selbst in Maschinen +<span class='pagenum'><a name="Page_215" id="Page_215">[215]</a></span> +zu verzaubern, bis daß sie dereinst nackend dastehen als nimmerruhendes +stampfendes ächzendes Uhrwerk, – als das, was sie immer erfinden wollten: +als freudloses Perpetuum mobile.</p> + +<p>Wir aber, wir Brüder vom Monde, werden dann zu Erben des ‘ewigen Seins’ – +des einigen unwandelbaren Bewußtseins, das da nicht saget: ‘Ich lebe’, +sondern ‘Ich bin’, das da weiß: ‘wenn auch das Universum zerbricht – ich +bleibe.’</p> + +<p>Wie könnte es denn auch sein, – wenn nicht Formen nur Träume wären, – daß +<em class="gesperrt">wir</em> nach freiem Willen jederzeit unseren Leib gegen einen anderen zu +tauschen, unter den Menschen in menschlicher Gestalt, unter den Schemen +als Schatten, unter den Gedanken als Idee zu erscheinen vermögen und dies +kraft des Geheimnisses, uns unserer Formen gleich eines im Traum erwählten +Spielzeuges zu entäußern? Sowie ein im Halbschlaf Befangener sich +plötzlich seines Träumens bewußt werden kann, den Trug des Zeitbegriffes +in eine neue Gegenwart rücket und dem Verlauf des Traumes hierdurch eine +andere wünschenswertere Richtung gibt: quasi mit beiden Füßen in einen +neuen Körper +<span class='pagenum'><a name="Page_216" id="Page_216">[216]</a></span> +hineinspringet, sintemalen der Körper im Grunde nichts ist, +als ein mit der Täuschung der Dichtigkeit behafteter Krampfzustand des +alles durchdringenden Äthers.«</p> + +<p>»Vortrefflich gesagt,« jubelte Doktor Haselmayer mit seiner süßen +Mädchenstimme auf, »warum aber wollen wir eigentlich die Irdischen dieses +Glückes der Transfiguration nicht teilhaftig werden lassen? Wäre das so +schlimm?«</p> + +<p>»Schlimm? Unabsehbar! Entsetzlich!« schrillte ihm der Herr Graf in die +Rede. »Man denke: der Mensch mit der Kraft begabt, im Kosmos ‘Kultur’ zu +verzapfen!</p> + +<p>Wie glauben Sie, Verehrtester, würde da wohl nach 14 Tagen der Mond +aussehen? In sämtlichen Kraterringen Velodrome und ringsherum ein +Rieselfeld für Kloakenwässer.</p> + +<p>Vorausgesetzt, daß man nicht schon früher die dramatische »Kunst« +eingeschleppt und dadurch jeder Vegetationsmöglichkeit ein für allemal den +Boden versauert hätte.</p> + +<p>Oder sehnen Sie sich vielleicht danach, daß die Planeten zur Börsenstunde +telephonisch miteinander verbunden würden und die Doppelsterne +<span class='pagenum'><a name="Page_217" id="Page_217">[217]</a></span> in der +Milchstraße amtliche Verehelichungszeugnisse beibringen müßten?</p> + +<p>Nein, nein, mein Lieber, vorläufig kommt das Universum noch eine Zeitlang +mit dem alten Schlendrian aus.</p> + +<p>Doch, um auf ein erquicklicheres Thema zu kommen, lieber Doktor, – +überdies ist es höchste Zeit, daß Sie abnehmen, wollte sagen: abreisen, – +also auf Wiedersehen bei Magister Wirtzigh im August 1914; da ist der +Anfang vom großen Ende und wir wollen doch diese Katastrophe der +Menschheit würdig begehen. Nicht?«</p> + +<hr class="dash" /> + +<p>Schon vor den letzten Worten des Herrn Grafen hatte ich mich in meine +Kammerdienerlivree geworfen, um Herrn Doktor Haselmayer beim Einpacken +behilflich zu sein und ihn zum Wagenschlag zu begleiten.</p> + +<p>Einen Augenblick später stand ich auf dem Korridor.</p> + +<p>Doch was mußte ich sehen: der Herr Graf verließ <em class="gesperrt">allein</em> das +Bibliothekzimmer, auf den Armen das holländische Wams, die Schnallenschuhe +und Seidenkniehosen sowie den grünen +<span class='pagenum'><a name="Page_218" id="Page_218">[218]</a></span> +Zylinderhut des Herrn Doktor Haselmayer – während dieser selbst +spurlos verschwunden war, und so schritt der gnädige Herr Graf, ohne mich +eines Blickes zu würdigen, in sein Schlafgemach und schloß die Türe hinter +sich ab.</p> + +<p>Ich hielt es als wohlerzogener Diener für meine Pflicht, mich über nichts +zu wundern, was meine Herrschaft zu tun für gut fand, konnte aber doch +nicht umhin, den Kopf zu schütteln, und es dauerte längere Zeit, bis ich +zuwege brachte, <ins class="correction" title="Punkt nach 'einzuschlafen' ergänzt">einzuschlafen.</ins></p> + +<hr class="dash" /> + +<p>Ich muß jetzt viele Jahre überspringen.</p> + +<p>Sie sind eintönig dahingeflossen und stehen in meiner Erinnerung +aufgezeichnet so vergilbt und verstaubt wie Bruchstücke aus einem alten +Buch mit krausen verschnörkelten Begebenheiten darin, die man einst +irgendwann in dumpfem Fieber mit halbem, versiegendem Gedächtnis gelesen +und kaum begriffen hat.</p> + +<p>Nur das eine weiß ich klar: Im Frühjahr 1914 sagte der Herr Graf plötzlich +zu mir: »Ich werde demnächst verreisen. Nach – – Mauritius (dabei sah er +mich lauernd an), und ich wünsche, +<span class='pagenum'><a name="Page_219" id="Page_219">[219]</a></span> +daß du bei meinem Freunde, einem gewissen Magister Peter Wirtzigh in +Wernstein am Inn, in Dienste trittst. Hast du mich verstanden, Gustav? +Übrigens dulde ich keine Widerrede.«</p> + +<p>Ich verbeugte mich stumm.</p> + +<p>Eines schönen Morgens, ohne irgendwelche Vorbereitungen getroffen zu +haben, hatte der Herr Graf das Schloß verlassen, was ich daraus entnahm, +daß ich ihn nicht mehr zu Gesicht bekam und statt seiner ein fremder +Mensch in dem Himmelbett lag, das der Herr Graf zum Schlafen zu benützen +gepflegt.</p> + +<p>Es war, wie man mir später in Wernstein eröffnete, der Herr Magister Peter +Wirtzigh. –</p> + +<p>Auf des Herrn Magisters Besitztum, von dem man tief hinabsehen konnte auf +den schäumenden Inn, angelangt, ließ ich es mir sogleich angelegen sein, +den mitgebrachten Kisten und Koffern ihren Inhalt zu entnehmen, um ihn in +die Spinde und Truhen zu räumen.</p> + +<p>Eben wollte ich eine höchst sonderbare alte Lampe, geformt wie ein +durchsichtiger japanischer Götze mit unterschlagenen Beinen (den Kopf +bildete eine Kugel aus Milchglas), in +<span class='pagenum'><a name="Page_220" id="Page_220">[220]</a></span> +deren Innern eine durch Uhrwerk bewegliche Schlange den Docht mit dem +Rachen emporhielt, in einen hohen gotischen Schrank stellen und öffnete +ihn zu diesem Behufe, da erblickte ich darinnen zu meinem nicht gelinden +Entsetzen, aufgehenkt, die baumelnde Leiche des Herrn Doktor Haselmayer.</p> + +<p>Fast hätte ich vor Schrecken die Lampe fallen lassen, doch zum Glück +erkannte ich noch rechtzeitig, daß es nur die Kleider und der Zylinderhut +des Herrn Doktors waren, die mir das Bild seiner Gestalt vorgetäuscht +hatten.</p> + +<p>Immerhin machte das Erlebnis tiefen Eindruck auf mich und hinterließ ein +Gefühl der Vorahnung wie von etwas Drohendem, Unheilvollem, das ich nicht +abschütteln konnte, trotzdem die folgenden Monate nichts Aufregendes +brachten.</p> + +<p>Herr Magister Wirtzigh war wohl gleichmäßig gütig und freundlich zu mir, +aber er glich Herrn Doktor Haselmayer in vieler Beziehung zu sehr, als daß +mir nicht immer die Begebenheit mit dem Schrank hätte einfallen müssen, so +oft ich ihn ansah. Sein Gesicht war kreisrund, gleich +<span class='pagenum'><a name="Page_221" id="Page_221">[221]</a></span> +dem des Herrn Doktors, nur überaus dunkel, fast wie das eines Mohren, denn +er litt seit Jahren an dem unheilbaren Überbleibsel eines langwierigen +Gallenleidens: an Schwarzsucht. Wenn man einige Schritte von ihm entfernt +stand und es war nicht sehr hell im Zimmer, konnte man oft seine Züge gar +nicht unterscheiden, und der schmale, kaum fingerbreite silberweiße Bart, +der sich ihm unterm Kinn bis zu den Ohren hinzog, hob sich in solchen +Fällen von seinem Antlitz ab wie eine mattschimmernde unheimliche +Ausstrahlung.</p> + +<p>Der beklemmende Druck, der mich gefangen hielt, wich erst, als im August +die Nachricht von dem Ausbruch eines fürchterlichen Weltkrieges überall +wie der Blitz einschlug.</p> + +<p>Ich erinnerte mich sofort, was ich vor Jahren Herrn Grafen du Chazal über +eine Katastrophe, die der Menschheit bevorstünde, hatte sagen hören, und +es wollte mir vielleicht deshalb nicht gelingen, mit voller Überzeugung in +die Verwünschungen einzustimmen, die die Dorfbevölkerung gegen die +feindlichen Staaten ausstieß; schien es mir doch, als stünde hinter all +dem +<span class='pagenum'><a name="Page_222" id="Page_222">[222]</a></span> +als Urheber der dunkle Einfluß gewisser haßerfüllter Naturkräfte, die +sich der Menschheit bedienen wie einer Marionette.</p> + +<p>Völlig unbewegt verhielt sich Herr Magister Wirtzigh. So, wie jemand, der +längst alles vorausgesehen hat.</p> + +<p>Erst am 4. September kam eine leichte Unruhe über ihn. Er öffnete eine +Türe, die mir bis dahin verschlossen gewesen, und führte mich in einen +blauen, gewölbten Saal, der nur ein einziges, rundes Fenster in der Decke +hatte. Genau darunter, so daß das Licht unmittelbar darauf fiel, stand ein +runder Tisch aus schwarzem Quarz mit einer muldenförmigen Vertiefung in +der Mitte. Ringsherum goldene, geschnitzte Stühle.</p> + +<p>»Hier diese Mulde,« sagte der Herr Magister, »füllst du heute abend, noch +ehe der Mond aufgeht, mit klarem, kaltem Brunnenwasser. Ich erwarte Besuch +aus Mauritius, und wenn du mich rufen hörst, nimmst du die japanische +Schlangenlampe, zündest sie an – der Docht wird hoffentlich nur glimmen,« +setzte er halb für sich hinzu, – »und stellst dich mit ihr so, wie man +eine Fackel hält, dort in die Nische.« – – – –</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_223" id="Page_223">[223]</a></span> +Es war längst Nacht geworden, schlug 11 Uhr, 12 Uhr, und ich wartete und +wartete noch immer.</p> + +<p>Niemand konnte das Haus betreten haben – ich weiß es gewiß, hätte es +bemerken müssen, denn das Tor war verschlossen und kreischte stets laut, +wenn man es öffnete, aber kein Laut war vernehmbar bis jetzt.</p> + +<p>Eine Totenstille ringsum, daß sich mir das Brausen des Blutes im Ohr +allmählich zur tosenden Brandung steigerte.</p> + +<p>Endlich hörte ich die Stimme des Herrn Magisters meinen Namen rufen – wie +aus weiter Ferne. So, als käme sie mir aus dem eigenen Herzen.</p> + +<p>Mit der glimmenden Lampe in der Hand, fast betäubt von einer +unerklärlichen Schlaftrunkenheit, die ich noch nie an mir wahrgenommen, +tappte ich mich durch die finsteren Räume in den Saal und stellte mich in +die Nische.</p> + +<p>In der Lampe surrte leise das Uhrwerk, und ich sah durch den rötlichen +Bauch des Götzen den glühenden Docht im Maul der Schlange funkeln, wie sie +langsam kreiste und kaum +<span class='pagenum'><a name="Page_224" id="Page_224">[224]</a></span> +merklich in Ringen in die Höhe zu kriechen schien.</p> + +<p>Der Vollmond mußte wohl senkrecht über dem Loch in der Saaldecke stehen, +denn in der Wassermulde des steinernen Tisches schwamm sein Spiegelbild +als regungslose Scheibe aus fahlgrünglühendem Silber.</p> + +<p>Eine lange Zeit glaubte ich, die goldenen Stühle seien leer, doch +allmählich unterschied ich, daß in dreien von ihnen Männer saßen, und +erkannte, als sich ihre Gesichter zögernd bewegten: im Norden den Herrn +Magister Wirtzigh, im Osten einen Fremden (Doktor Chrysophron Zagräus mit +Namen, wie ich aus einem Gespräch, das sie später führten, entnahm), und +im Süden, einen Kranz Mohnblumen auf dem kahlen Schädel – Doktor +Sacrobosco Haselmayer.</p> + +<p>Nur der Stuhl im Westen war leer.</p> + +<p>Nach und nach mußte wohl auch mein Gehör wach geworden sein, denn Worte +wehten zu mir herüber, zum Teil lateinische, die ich nicht verstand, teils +solche in deutscher Sprache. –</p> + +<p>Ich sah den Fremden sich vorbeugen, Herrn +<span class='pagenum'><a name="Page_225" id="Page_225">[225]</a></span> +Doktor Haselmayer auf die Stirn küssen und hörte ihn sagen »geliebte +Braut«. Es folgte noch ein langer Satz, aber er war zu leise, als +daß er mir hätte zu Bewußtsein kommen können.</p> + +<p>Dann, plötzlich, war Herr Magister Wirtzigh mitten drin in einer +apokalyptischen Rede:</p> + +<p>»Und vor dem Stuhl war ein gläsern Meer gleich dem Kristall, und mitten am +Stuhl und um den Stuhl vier Tiere, voll Augen vorne und hinten. – – – +Und es ging heraus ein ander Pferd, das war fahl, und der darauf saß, des +Name hieß Tod und die Hölle folgte ihm nach. Ihm war gegeben, den Frieden +zu nehmen von der Erde, und daß sie sich untereinander erwürgten; und ihm +ward ein groß Schwert gegeben.«</p> + +<p>»Schwert gegeben«, echoete der Herr Doktor Zagräus, da fiel sein Blick auf +mich, und er hielt inne und fragte flüsternd die übrigen, ob Verlaß auf +mich sei.</p> + +<p>»Er ist längst ein lebloses Uhrwerk geworden in meiner Hand«, beruhigte +ihn der Herr Magister. »Unser Ritual fordert, daß ein für die Erde +Abgestorbener die Fackel hält, wenn wir +<span class='pagenum'><a name="Page_226" id="Page_226">[226]</a></span> +zusammen sind; er ist wie eine Leiche, trägt – seine Seele in der +Hand und glaubt, es sei eine schwelende Lampe.«</p> + +<p>Wilder Hohn klang aus den Worten, und plötzlicher Schreck lähmte mein +Blut, als ich fühlte, daß ich in Wahrheit kein Glied rühren konnte und +starrgeworden war wie ein Toter.</p> + +<p>Wieder nahm Herr Doktor Zagräus das Wort und fuhr fort: »Ja, ja, das Hohe +Lied des Hasses braust durch die Welt. Ich hab ihn mit eigenen Augen +gesehen, der auf dem fahlen Pferde sitzt, und hinter ihm das +tausendgestaltige Heer der Maschinen – unserer Freunde und +Bundesgenossen. Längst haben sie Selbstmacht gewonnen, aber immer noch +bleiben die Menschen blind und dünken sich Herren über sie.</p> + +<p>Führerlose Lokomotiven, mit Felsblöcken beladen, rasen einher in +wahnwitziger Wut, stürzen sich auf sie und begraben Hunderte und aber +Hunderte unter der Last ihrer eisernen Leiber.</p> + +<p>Der Stickstoff der Luft ballt sich zu neuen furchtbaren Sprengmitteln: die +Natur selbst drängt sich in atemloser Hast, freiwillig ihre besten Schätze +zu geben, um das weiße Scheusal, +<span class='pagenum'><a name="Page_227" id="Page_227">[227]</a></span> +das seit Jahrmilliarden Narben in ihr Gesicht gegraben, auszurotten mit +Haut und Haar.</p> + +<p>Metallene Ranken mit spitzigen, gräßlichen Dornen wachsen aus dem Boden, +fangen die Beine und zerreißen die Leiber, und mit stummem Jubel zwinkern +die Telegraphen einander zu: Wieder sind Hunderttausend der verhaßten Brut +dahin.</p> + +<p>Hinter Bäumen und Hügeln verborgen lauern die Mörserriesen, die Hälse gen +Himmel gereckt, Erzklumpen zwischen den Zähnen, bis ihnen verräterische +Windmühlen mit den Armen tückische Zeichen winken, Tod und Vernichtung zu +speien.</p> + +<p>Elektrische Vipern zucken unter dem Boden hin – da!: ein winziger +grünlicher Funken und aufbrüllt ein Erdbeben und verwandelt die Landschaft +in ein Massengrab!</p> + +<p>Mit glühenden Raubtieraugen spähen die Scheinwerfer durch die Finsternis! +Mehr! Mehr! Mehr! Wo sind noch mehr! Und schon kommt’s wankend gezogen in +grauen Sterbemänteln – unabsehbare Scharen, – die Füße blutig, die Augen +erloschen, taumelnd vor Müdigkeit, halb +<span class='pagenum'><a name="Page_228" id="Page_228">[228]</a></span> +im Schlaf, mit keuchenden Lungen und brechenden Knien, – doch +schnell kläffen die Trommeln dazwischen mit rhythmisch-fanatischem +Fakirgebell und peitschen die Furien der Berserkerwut hinein ins betäubte +Gehirn, daß der Wahnwitz des Amoklaufs heulend losbricht unaufhaltsam, bis +der Schauer des Bleiregens nur mehr auf Leichen trifft.</p> + +<p>Aus Westen und Osten, aus Amerika und Asien strömen sie herbei zum +Kriegstanz, die erzenen Ungeheuer, voll Mordlust die runden Mäuler.</p> + +<p>Haie aus Stahl umschleichen die Küsten, in ihrem Bauch erstickend, die +ihnen einst das Leben gegeben.</p> + +<p>Aber selbst die daheim geblieben sind, die scheinbar »Lauen«, +die so lange weder kalt waren noch warm, – die früher nur +friedliches Werkzeug gebaren, – sind aufgewacht und tragen ihr Teil +bei zum großen Sterben: ruhelos fauchen sie ihren glühenden Atem zum +Himmel empor Tag und Nacht, und aus ihren Leibern quillt es, +Schwertklingen und Pulverhülsen, Lanzen, Geschosse. Keines mag da mehr +hocken und schlafen.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_229" id="Page_229">[229]</a></span> +Immer neue Riesengeier wollen flügge werden, um über den letzten +Schlupfwinkeln der Menschen zu kreisen, und schon laufen unermüdlich +Tausende Eisenspinnen hin und her, ihnen die silberglänzenden Schwingen zu +weben.«</p> + +<p>Die Rede stockte einen Augenblick, und ich sah, daß Herr Graf du Chazal +plötzlich zugegen war; er stand hinter dem Stuhl im Westen, die Arme über +der Lehne gekreuzt, sein Gesicht war blaß und verfallen.</p> + +<p>Dann fuhr Doktor Zagräus mit eindringlicher Gebärde fort: »Und ist +es nicht eine gespenstische Auferstehung? Was längst zu Petroleum verwest +in Erdenhöhlen geruht hat: – das Blut und Fett der vorsintflutlichen +Drachen – regt sich und will wieder lebendig sein. In dickbäuchigen +Kesseln gebrodelt und destilliert, fließt es jetzt als +‘Benzin’ in die Herzkammern neuer phantastischer Luftungeheuer +und bringt sie zum Stampfen. Benzin und Drachenblut! – wer sieht da +noch einen Unterschied? Es ist wie das dämonische Präludium zum Jüngsten +Tag.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_230" id="Page_230">[230]</a></span> +»Sprechen Sie nicht vom Jüngsten Tag, Doktor,« fiel der Herr Graf hastig +ein (ich fühlte, daß eine unbestimmte Furcht in seiner Stimme lag) – »es +klingt wie ein Vorzeichen.«</p> + +<p>Die Herren standen erstaunt auf:</p> + +<p>»Ein Vorzeichen?«</p> + +<p>»Wir wollten heute zusammenkommen als zu einem Feste,« begann der Herr +Graf, nachdem er lang nach Worten gesucht, »aber es hat meinen Fuß bis zur +jetzigen Stunde festgehalten in – Mauritius (ich begriff dumpf, daß dem +Worte eine verborgene Bedeutung zugrunde lag und der Herr Graf nicht ein +Land damit meinen konnte); und ich habe lang gezweifelt, ob es richtig +ist, was ich an dem Widerschein sah, der von der Erde zum Monde +emporhaucht. Ich fürchte, ich fürchte, – und mir wird die Haut kalt vor +Grauen, wenn ich daran denke, – daß über kurz ein Unerwartetes geschehen +könnte und entrisse uns den Sieg. – Was will’s besagen, daß ich errate: +noch ein geheimer Sinn mag in dem heutigen Krieg liegen: der Weltgeist +will die Völker absondern voneinander, damit sie einzeln stehen wie die +<span class='pagenum'><a name="Page_231" id="Page_231">[231]</a></span> +Glieder eines zukünftigen Leibes; was nützt es mir, da ich die letzte +Absicht nicht kenne?! Die Einflüsse, die man nicht sehen kann, sind die +mächtigsten. – Ich sage euch:</p> + +<p>Ein Unsichtbares wächst und wächst; und ich kann seine Wurzel nicht +finden.</p> + +<p>Ich habe die Zeichen am Himmel gedeutet, die nicht täuschen: ja, auch die +Dämonen der Tiefe rüsten zum Kampf, und bald wird die Haut der Erde sich +schütteln wie das Fell eines Rosses, das von Bremsen geplagt wird; schon +haben die Großen der Finsternis, deren Namen eingeschrieben <ins class="correction" +title="Original: steht">stehen</ins> im +Buche des Hasses, abermalen aus dem Abgrund des Weltraums einen +Kometenstein geschleudert, und dies nach der Erden, wie sie oft einen +solchen Wurf nach der Sonne gerichtet, er aber das Ziel verfehlt hat und +zurückgeflogen ist, wie der Bumerang der australischen Neger rückkehrt in +die Hand des Jägers, wenn er das Opfer nicht getroffen. – Aber zu wes +Zweck, fragte ich mich, dies große Aufgebot, wo doch der Untergang des +Menschengeschlechts durch das Heer der Maschinen besiegelt scheint?</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_232" id="Page_232">[232]</a></span> +Und da lösten sich mir Schuppen von den Augen; doch ich bin noch blind und +kann nur tasten.</p> + +<p>Fühlt ihr nicht auch, wie das Unwägbare, das der Tod nicht greifen kann, +anschwillt zu einem Strom, dagegen die Meere sind wie ein Eimer Spülicht?</p> + +<p>Was ist es für eine rätselhafte Kraft, die über Nacht alles wegschwemmt, +was klein ist, und das Herz des Bettlers weit macht gleich eines Apostels! +Ich habe gesehen, daß eine arme Lehrerin eine Waise annahm an Kindesstatt +und hat nicht viel Redens davon gemacht – – und da kam die Furcht zu +mir.</p> + +<p>Wo ist die Macht des Maschinenhaften in der Welt geblieben, wo Mütter +jubeln, wenn ihre Söhne fallen, statt sich das Haar zu raufen? Und soll’s +eine prophetische Rune sein, die zurzeit noch keiner lesen kann: in den +Kaufladen der Städte hängt ein Bild, ein Kreuz in den Vogesen, daran das +Holz weggeschossen ist, und der Menschensohn – <em class="gesperrt">blieb stehen</em>?</p> + +<p>Wir hören die Flügel des Todesengels über die Länder brausen, seid ihr +gewiß, daß es nicht +<span class='pagenum'><a name="Page_233" id="Page_233">[233]</a></span> +die Schwingen eines – Anderen sind und nicht die des Todes? Eines +von denen, die »Ich« sagen können in jedem Stein, jeder Blume +und jedem Tier, inner- und außerhalb des Raums und der Zeit?</p> + +<p>Nichts kann verloren gehen, heißt es. Wessen Hand sammelt dann diese +Begeisterung, die gleich einer neuen Naturkraft überall frei wird, und was +für Geburt will daraus entstehen und wer wird der Erbe sein!</p> + +<p>Soll wieder Einer kommen, des Schritte keiner hemmen kann – wie es immer +wieder im Laufe der Jahrtausende geschah von Zeit zu Zeit? Der Gedanke +läßt mich nicht mehr los.«</p> + +<p>»Mag er doch kommen! – Wenn er nur auch diesmal wiederkommt in Kleidern +von Fleisch und Blut,« fuhr Herr Magister Wirtzigh höhnisch drein. »Sie +werden ihn schon festnageln mit – Witzen; über grinsendes Lachen hat noch +keiner gesiegt.«</p> + +<p>»Aber er kann kommen <em class="gesperrt">ohne Gestalt</em>,« murmelte Doktor +Chrysophron Zagräus vor sich hin, »sowie vor kurzem ein Spuk über +Nacht die Tiere befiel, daß Pferde plötzlich rechnen +<span class='pagenum'><a name="Page_234" id="Page_234">[234]</a></span> +konnten und Hunde – lesen und schreiben. Was, wenn er aus den +Menschen selbst hervorbricht wie eine Flamme?«</p> + +<p>»Dann müssen wir in den Menschen das Licht durch das Licht betrügen,« +kreischte der Herr Graf du Chazal gellend dazwischen, »wir müssen in ihren +Gehirnen von da an wohnen als neuer falscher Glanz eines trügerischen, +nüchternen Verstandes, bis sie Sonne und Mond verwechseln, und müssen sie +mißtrauen lehren allem, was Licht ist.«</p> + +<hr class="dash" /> + +<p>Was der Herr Graf noch weiter sagte, ich erinnere mich nicht. Ich konnte +mich mit einemmal wieder bewegen und der glasartige erstarrte Zustand, der +mich bislang umfangen gehalten, wich langsam von mir. Eine Stimme in mir +schien zu flüstern, ich solle mich fürchten, aber ich brachte es nicht +zuwege.</p> + +<p>Dennoch streckte ich wie zum Schutz den Arm mit der Lampe vor.</p> + +<p>Mochte sie dabei ein Luftzug getroffen haben oder hatte die Schlange darin +den Raum im Kopfe des Götzen erreicht, sodaß der glimmende +<span class='pagenum'><a name="Page_235" id="Page_235">[235]</a></span> +Docht zur Flamme auflodern konnte, – ich weiß es nicht. Ich weiß +nur, ein blendendes Licht zersprengte mir plötzlich die Sinne, wiederum +hörte ich meinen Namen rufen und dann fiel ein schwerer Gegenstand dumpf +krachend hin. – –</p> + +<p>Es muß wohl mein eigener Körper gewesen sein, denn, als ich einen Moment +meine Augen aufschlug, bevor ich das Bewußtsein verlor, sah ich: ich lag +auf dem Boden, und der Vollmond stand leuchtend über mir; – das Zimmer +aber schien leer und der Tisch und die Herren waren +verschwunden.</p> + +<hr class="dash" /> + +<p>Viele Wochen lag ich in tiefer Betäubung danieder und, als ich langsam +genas, erfuhr ich, – ich habe vergessen, von wem, – daß Herr Magister +Wirtzigh inzwischen gestorben war und mich zum Erben seines gesamten +Besitzes eingesetzt hatte.</p> + +<p>Aber ich muß wohl noch lange das Bett hüten, und so habe ich denn Zeit, +über das Geschehene nachzudenken und alles niederzuschreiben.</p> + +<p>Nur zuweilen des Nachts kommt es gar seltsam +<span class='pagenum'><a name="Page_236" id="Page_236">[236]</a></span> +über mich und mir ist, als gähne in meiner Brust ein leerer Raum, +unendlich nach Osten, Süden, Westen und Norden, und mitten darin schwebt +der Mond, wächst zur glänzenden Scheibe, nimmt ab, wird schwarz, taucht +wieder auf als schmale Sichel, und jedesmal sind seine Phasen die +Gesichter der vier Herren, wie sie zuletzt um den runden steinernen Tisch +saßen. Dann lausche ich gespannt, um mich zu zerstreuen, auf das unbändige +Johlen, das durch die Stille ringsum zu mir herüber dringt aus dem in der +Nachbarschaft gelegenen Raubschloß des wilden Malers Kubin, der dort im +Kreise seiner sieben Söhne wüste Orgien feiert bis zum Morgengrauen.</p> + +<p>Kommt der Tag, so tritt wohl zuweilen die alte Haushälterin Petronella an +mein Bett und sagt: »Nun wie geht’s denn, Herr – +<em class="gesperrt">Herr Magister Wirtzigh</em>?« +Sie will mir nämlich weismachen, einen Grafen du Chazal habe es seit dem +Jahre 1430, wo das Geschlecht erlosch, wie der Herr Pfarrer genau wisse, +nicht mehr gegeben, ich sei ein Schlafwandler gewesen, in einem Anfall von +Mondsucht vom Dach heruntergefallen +<span class='pagenum'><a name="Page_237" id="Page_237">[237]</a></span> +und hätte mir jahrelang eingebildet, mein eigener Kammerdiener zu sein. +Selbstverständlich gebe es auch weder einen Doktor Zagräus noch einen +gewissen Sacrobosco Haselmayer.</p> + +<p>»Den roten Tandschur, na ja, den gibt’s,« sagt sie zum +Schluß jedesmal drohend. »Er liegt drüben auf dem Ofen und is a +chinesisch’s Zauberbuch, hör ich. Aber mer siecht ja, was dabei +’rauskommt, wenn a Christenmensch so was liest.«</p> + +<p>Ich schweige dazu, denn ich weiß, was ich weiß, aber, wenn die Alte +hinausgegangen ist, stehe ich doch jedesmal heimlich auf, um mir Gewißheit +zu verschaffen, öffne den gotischen Schrank und überzeuge mich:</p> + +<p>Aber natürlich ja, da steht sie doch, die Schlangenlampe, und darunter +hängen – der grüne Zylinderhut, das Wams und die Seidenkniehosen des +Herrn Doktor Haselmayer.</p> +</div> + +<hr class="hr60" /> + + +<!-- <p><span class='pagenum'><a name="Page_238" id="Page_238">[238]</a></span></p> --> +<h2><span class='pagenum'><a href="#Inhalt_1">[nach oben]</a></span> +<a name="Inhalt_2" id="Inhalt_2"></a><em class="gesperrt">Inhalt</em></h2> +<table class="toc" summary="Inhalt"> +<tr><td><a href="#Meister_Leonhard">Meister Leonhard</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_7">7</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Das_Grillenspiel">Das Grillenspiel</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_86">86</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Wie_Dr_Hiob_Paupersum_seiner_Tochter_rote_Rosen_brachte"> +Wie <em class="antiqua">Dr.</em> Hiob Paupersum seiner <br /> Tochter rote Rosen brachte</a> +</td><td class="onpage"><a href="#Page_111">111</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Amadeus_Knodlseder">Amadeus Knödlseder. Der unverbesserliche<br /> Lämmergeier</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_135">135</a></td></tr> +<tr><td><a href="#J_H_Obereits_Besuch_bei_den_Zeit-egeln">J. H. Obereits Besuch bei den +<ins class="correction" title="Original: Zeitegeln">Zeit-egeln</ins></a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_156">156</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Der_Kardinal_Napellus">Der Kardinal Napellus</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_175">175</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Die_vier_Mondbruder">Die vier Mondbrüder</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_200">200</a></td></tr> + +</table> + + +<p> </p><p> </p> + + +<div class="doublebox"> +<h3>Kurt Wolff Verlag, Leipzig</h3> +<hr class="hr60" /> +<h2>Der Golem</h2> + +<h3>Ein Roman<br /> +von</h3> +<h2>Gustav Meyrink</h2> +<hr class="hr50" /> +<h3>Im Verlag von Albert Langen in München<br /> +erschien von demselben Verfasser:</h3> + +<h2>Des Deutschen Spießers<br /> +Wunderhorn</h2> + +<h3>Gesammelte Novellen<br /> +in 3 Bänden. 5. Auflage</h3> +</div> + +<div class="note"> +<p><strong>Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen:</strong></p> + +<ul> + +<li><a href="#Page_24">Seite 24</a>: 'finstre' --> 'finstere'</li> + +<li><a href="#Page_40">Seite 40</a>: man fragt den 'den' jungen Herrn, --> 'den' entfernt</li> + +<li><a href="#Page_74">Seite 74</a>: Die Posaunen 'versummen'. --> Die Posaunen 'verstummen'. +(Druckfehler)</li> + +<li><a href="#Page_94">Seite 94</a>: >Du kannst eben nicht ‘wollen’’, fing er +--> einfaches schließendes Anführungszeichen ergänzt</li> + +<li><a href="#Page_116">Seite 116</a>: Eskismos --> Eskimos (Druckfehler)</li> + +<li><a href="#Page_128">Seite 128</a>: ein fach --> einfach (Druckfehler)</li> + +<li><a href="#Page_170">Seite 170</a>: prunktvollen --> prunkvollen (Druckfehler)</li> + +<li><a href="#Page_171">Seite 171</a>: Ich sage Ihnen, ‘was wir auch auf Erden vollbringen, +--> Einfaches (überflüssiges) Anführungszeichen vor 'was' entfernt.</li> + +<li><a href="#Page_218">Seite 218</a>: Punkt nach 'einzuschlafen' ergänzt</li> + +<li><a href="#Page_231">Seite 231</a>: deren Namen eingeschrieben 'steht' +--> 'stehen' im Buche des Hasses</li> + +<li><a href="#Inhalt_2">Inhaltsverzeichnis</a>: 'Zeitegeln' --> 'Zeit-egeln'</li> + +</ul> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Fledermäuse, by Gustav Meyrink + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FLEDERMÄUSE *** + +***** This file should be named 32014-h.htm or 32014-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/2/0/1/32014/ + +Produced by Norbert H. Langkau, Evelyn Kawrykow, Juliet +Sutherland and the Online Distributed Proofreading Team +at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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