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+The Project Gutenberg EBook of Fledermäuse, by Gustav Meyrink
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Fledermäuse
+ Sieben Geschichten
+
+Author: Gustav Meyrink
+
+Release Date: April 16, 2010 [EBook #32014]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FLEDERMÄUSE ***
+
+
+
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Evelyn Kawrykow, Juliet
+Sutherland and the Online Distributed Proofreading Team
+at https://www.pgdp.net
+
+
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+Anmerkungen zur Transkription:
+
+Offensichtliche Druckfehler im Text wurden korrigiert, die Schreibweise
+ansonsten aber wie im Original belassen.
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gesetzt. Textauszeichnungen
+wurden folgendermaßen ersetzt:
+
+ Sperrung: _gesperrter Text_
+ Antiquaschrift: #Antiqua#
+
+Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Buchende vor das erste Kapitel verschoben.
+
+ * * * * *
+
+
+ Fledermäuse
+
+ Sieben Geschichten
+
+ von
+
+ Gustav Meyrink
+
+ Das 21. bis 30. Tausend
+
+ Kurt Wolff Verlag, Leipzig
+
+ 1916
+
+
+ #Copyright 1916 by# Kurt Wolff Verlag, Leipzig
+
+ Gedruckt in der L. C. Wittich'schen Hofbuchdruckerei
+ in Darmstadt
+
+
+
+ Meinem Freunde
+
+ August Wärndorfer
+
+ gewidmet
+
+
+
+
+ Inhalt
+
+
+ Meister Leonhard 7
+
+ Das Grillenspiel 86
+
+ Wie #Dr.# Hiob Paupersum seiner Tochter
+ rote Rosen brachte 111
+
+ Amadeus Knödlseder. Der unverbesserliche
+ Lämmergeier 135
+
+ J. H. Obereits Besuch bei den Zeit-egeln 156
+
+ Der Kardinal Napellus 175
+
+ Die vier Mondbrüder 200
+
+
+
+
+Meister Leonhard
+
+
+Unbeweglich sitzt Meister Leonhard in seinem gotischen Lehnstuhl und
+starrt mit weit offenen Augen gerade aus.
+
+Der Flammenschein des lodernden Reisigfeuers in dem kleinen Herd flackert
+über sein härenes Gewand, aber der Glanz kann nicht haften bleiben an der
+Regungslosigkeit, die Meister Leonhard umgibt, gleitet ab von dem langen
+weißen Bart, dem gefurchten Gesicht und den Greisenhänden, die in ihrer
+Totenstille mit dem Braun und Gold der geschnitzten Armlehnen wie
+verwachsen sind.
+
+Meister Leonhard hält seinen Blick zum Fenster gekehrt, vor dem mannshohe
+Schneehügel die ruinenhafte halbversunkene Schloßkapelle umgeben, in der
+er sitzt, aber im Geiste sieht er hinter sich die kahlen, engen,
+schmucklosen Wände, die ärmliche Lagerstätte und das Kruzifix über der
+wurmstichigen Tür -- sieht den Wasserkrug, den Laib selbergebackenen
+Bucheckernbrotes und das Messer daneben mit dem gekerbten Beingriff in der
+Ecknische.
+
+Er hört, wie draußen die Baumriesen krachen unter dem Frost und sieht die
+Eiszapfen im grellen schneidenden Mondlicht herabfunkeln von den
+weißbeladenen Ästen. Er sieht seinen eigenen Schatten hinaus durch den
+Spitzbogen des Fensters fallen und mit den Silhouetten der Tannen auf dem
+glitzernden Schnee ein gespenstisches Spiel treiben, wenn das Feuer der
+Kienspäne im Ofen die Hälse reckt oder sich duckt, -- dann wieder sieht er
+ihn plötzlich zusammengeschrumpft wie zu einer Bockgestalt auf
+schwarzblauem Thron und die Knäufe des Lehnstuhls als Teufelshörner über
+spitzigen Ohren.
+
+Ein altes buckliges Weib aus dem Meiler, der stundenweit, jenseits der
+Moorheide tief unten im Tale liegt, humpelt mühsam durch den Wald herauf
+und zieht einen Handschlitten mit dürrem Holz; erschreckt glotzt sie in
+den blendenden Lichtschein und begreift nicht. Ihr Blick fällt auf den
+Teufelsschatten im Schnee -- sie erfaßt nicht, wo sie ist und daß sie vor
+der Kapelle steht, von der die Sage geht, der letzte gegen den Tod
+gefeite Sprosse eines fluchbeladenen Geschlechtes hause darin.
+
+Voll Entsetzen schlägt sie das Kreuz und hastet mit wankenden Knien zurück
+in den Wald.
+
+Meister Leonhard folgt ihr eine Weile im Geiste auf dem Weg, den sie
+nimmt. Er kommt an den brandschwarzen Trümmern des Schlosses vorüber, in
+dem seine Jugend verschüttet liegt, aber es berührt ihn nicht: alles ist
+ihm Gegenwart, leidlos und klar wie ein Gebilde aus farbiger Luft. Er
+sieht sich als Kind unter einer jungen Birke mit bunten Kieseln spielen
+und sieht sich zu gleicher Zeit als Greis vor seinem Schatten sitzen.
+
+Die Gestalt seiner Mutter taucht vor ihm auf mit den ewig zuckenden
+Gesichtszügen; alles an ihr bebt in beständiger Unruhe, nur die Haut ihrer
+Stirn ist unbeweglich, glatt wie Pergament und straff über den runden
+Schädel gespannt, der gleich einer fugenlosen Elfenbeinkugel das Gefängnis
+eines summenden Fliegenschwarms unsteter Gedanken zu sein scheint.
+
+Er hört das ununterbrochene, keine Sekunde pausierende Rascheln ihres
+schwarzen seidenen Kleides, das wie das nervenaufpeitschende Schwirren von
+Millionen Insektenflügeln die Räume des Schlosses erfüllt, durch Boden-
+und Mauerritzen dringt und Mensch und Tier den Frieden raubt. Selbst die
+Dinge stehen unter dem Bann ihrer schmalen, immer befehlsbereiten Lippen,
+sind beständig wie auf dem Sprung und keines wagt sich heimisch zu fühlen.
+Sie kennt das Leben der Welt nur vom Hörensagen, über den Zweck des
+Daseins nachzuforschen, hält sie für überflüssig und für eine Ausrede der
+Faulheit; wenn nur von früh bis spät ein zweckloses ameisenhaftes
+Umherrennen im Hause herrscht, ein sinnwidriges Da- und Dorthinstellen von
+Gegenständen, ein fiebriges Sichmüdemachen bis in den Schlaf hinein und
+ein Zermürben ihrer Umgebung, glaubt sie ihre Pflicht gegen das Leben zu
+erfüllen. Nie kommt ein Gedanke in ihrem Hirn zu Ende, kaum entsteht er,
+wird er schon zu hastiger zweckloser Tat. Sie ist wie der
+vorwärtshaspelnde Sekundenmesser einer Uhr, der in seiner
+Zwergenhaftigkeit sich einbildet, daß die Welt ins Stocken gerät, wenn er
+nicht dreitausendsechshundertmal zwölfmal des Tages im Kreise
+herumzappelt, voll Ungeduld die Zeit in Staub zu zerfeilen, und es nicht
+erwarten kann, daß die gelassenen Stundenzeiger die langen Arme heben zum
+Schlag auf die Glocke.
+
+Oft mitten in der Nacht reißt die Besessenheit sie aus dem Bette und sie
+weckt die Dienerschaft: die Blumentöpfe, die in unabsehbaren Reihen auf
+den Fenstersimsen stehen, müssen sogleich begossen werden; sie ist sich
+nicht klar über das »warum«, es genügt: sie »müssen« begossen werden.
+Niemand wagt ihr zu widersprechen, jeder wird stumm angesichts der
+Erfolglosigkeit, mit dem Schwert des Verstandes gegen ein Irrlicht kämpfen
+zu wollen.
+
+Nie fängt eine Pflanze Wurzel, denn täglich setzt sie sie um, niemals
+lassen sich die Vögel auf dem Dach des Schlosses nieder, in Scharen
+durchkreuzen sie in dunklem Wandertrieb den Himmel, schwenken hierhin und
+dorthin, aufwärts und abwärts, bald zu Punkten werdend, bald breit und
+flach wie schwarze flatternde Hände.
+
+Selbst in den Sonnenstrahlen ist ein ewiges Zittern, denn immer herrscht
+Wind und verweht ihr Licht mit jagenden Wolken; es geht ein Schwanken und
+Zausen von früh bis abend, von abend bis früh durch die Blätter und Zweige
+der Bäume, und nie kommen Früchte zur Reife, -- schon der Mai bläst alle
+Blüten davon. Die Natur ringsum ist krank von der Unrast im Schlosse.
+
+Meister Leonhard sieht sich vor seiner Rechentafel sitzen, er ist zwölf
+Jahre alt, drückt die Hände fest an die Ohren, um das Schlagen der Türen
+und das unablässige Treppauf Treppab der Mägde nicht zu hören und das
+Schrillen der Stimme seiner Mutter, -- es nützt nichts: die Ziffern werden
+eine Herde wimmelnder boshafter winziger Kobolde, laufen ihm durchs Hirn,
+durch Nase, Mund und Augen aus und ein und machen sein Blut rasen und
+seine Haut brennen. Er versucht's mit dem Lesen, -- umsonst, die
+Buchstaben tanzen vor seinen Blicken: ein nicht zu fassender
+Mückenschwarm. -- »Ob er seine Aufgabe denn immer noch nicht kann?«
+schrecken ihn die Lippen der Mutter auf; sie wartet die Antwort nicht ab,
+ihre irren wasserblauen Augen suchen in allen Ecken, ob nicht irgendwo
+Staub liegt; Spinnweben, die nicht da sind, müssen mit Besen abgekehrt,
+Möbel umgestellt, hinaus und wieder hereingerückt, Schränke zerlegt und
+nachgesehen werden, damit sich keine Motten einnisten, man schraubt die
+Tischbeine ab und wieder an, Schubladen fliegen auf und zu, man hängt die
+Bilder um, reißt Nägel aus den Wänden und schlägt sie daneben ein, die
+Dinge geraten in Tobsucht, der Hammer fliegt vom Stiel, Leitersprossen
+brechen, Kalk bröckelt von der Decke, -- der Maurer soll sofort kommen!
+--, Wischtücher klemmen sich ein, Nadeln fallen aus der Hand und
+verstecken sich in Dielenritzen, der Wachhund im Hof reißt sich los, kommt
+mit klirrender Kette herein und rennt die Stehuhr über den Haufen; der
+kleine Leonhard bohrt sich von neuem in sein Buch und beißt die Zähne
+zusammen, um einen Sinn zu erhaschen aus den schwarzen krummen Haken, die
+da drin hintereinander herlaufen, -- er soll sich anderswo hinsetzen, der
+Sessel muß ausgeklopft werden; er lehnt sich, das Buch in der Hand, ans
+Fensterbrett, -- das Fensterbrett muß gewaschen und weiß gestrichen
+werden; warum er denn überall im Weg ist? Und ob er seine Aufgabe jetzt
+endlich kann? Dann fegt sie hinaus; die Mägde müssen alles liegen und
+stehen lassen und rasch ihr nach und Schaufeln, Äxte und Stangen holen für
+den Fall, daß im Keller Ratten sind.
+
+Das Fensterbrett ist halb gestrichen, von den Stühlen fehlen die Sitze und
+das Zimmer gleicht einem Trümmerhaufen; ein dumpfer grenzenloser Haß gegen
+die Mutter frißt sich in das Herz des Kindes. Jede Faser in ihm lechzt
+nach Ruhe; es sehnt die Nacht herbei, aber selbst der Schlaf bringt ihm
+die Stille nicht, wirre Träume halbieren seine Gedanken, so daß aus einem
+zwei werden, die einander jagend verfolgen und nie erreichen; die Muskeln
+können sich nicht entspannen, der ganze Körper ist in beständiger
+Abwehrstellung gegen blitzartig hereinbrechende Befehle, das oder jenes
+Sinnlose vollbringen zu sollen.
+
+Die Spiele während des Tages im Garten entspringen nicht jugendlicher
+Lust, die Mutter ordnet sie an ohne Verständnis, wie alles, was sie tut,
+um sie in der nächsten Minute zu unterbrechen; ein längeres Beharren bei
+einer Sache erscheint ihr als Stillstand, gegen den sie glaubt ankämpfen
+zu müssen wie gegen den Tod. Das Kind traut sich nicht vom Schlosse weg,
+bleibt immer in Hörweite, es fühlt: es gibt kein Entrinnen, ein Schritt zu
+weit und schon fällt ein lautes Wort aus den offenen Fenstern herab und
+hemmt den Fuß.
+
+Die kleine Sabine, ein Bauernmädchen, das unten beim Gesinde wohnt und ein
+Jahr jünger ist als er, sieht Leonhard nur von weitem, und gelingt es
+ihnen, einmal für kurze Minuten zusammenzukommen, reden sie in hastigen
+abgerissenen Sätzen, so wie Leute, die von sich begegnenden Schiffen
+einander eilige Worte zurufen.
+
+Der alte Graf, Leonhards Vater, ist lahm auf beiden Füßen, er sitzt den
+ganzen Tag im Rollstuhl in seinem Bibliothekszimmer, stets im Begriffe zu
+lesen; aber auch hier ist keine Ruhe, stündlich wühlen die nervösen Hände
+der Mutter in den Büchern, stauben sie ab und schlagen sie mit den
+Deckeln aneinander, Merkzeichen flattern auf den Boden, Bände, die heute
+hier stehen, stehen morgen hoch oben auf den Borden oder türmen sich zu
+Bergen, wenn plötzlich die Tapeten hinter den Gestellen mit Brot oder
+Bürsten abgerieben werden sollen. Und ist die Gräfin für eine Zeit in den
+andern Räumen des Schlosses, so steigert sich nur die Qual des geistigen
+Wirrwarrs durch das nagende Gefühl der Erwartung, daß sie jeden Augenblick
+unversehens zurückkommen kann.
+
+Abends, wenn die Kerzen brennen, schleicht sich der kleine Leonhard zu
+seinem Vater, um ihm Gesellschaft zu leisten, aber es kommt zu keinem
+Gespräch; wie eine Glaswand, durch die hindurch eine Verständigung
+unmöglich ist, steht es zwischen ihnen; zuweilen öffnet der Alte, als
+fasse er gewaltsam den Entschluß, seinem Kinde etwas Wichtiges,
+Einschneidendes zu sagen, mit einem erregten Vorneigen des Gesichtes den
+Mund, aber immer bleiben ihm die Worte in der Kehle stecken, er schließt
+die Lippen wieder, fährt nur stumm und zärtlich mit der Hand über die
+glühheiße Stirne des Knaben, aber seine Blicke flackern dabei zur Türe
+hin, die jeden Augenblick eine Störung bringen kann.
+
+Dumpf ahnt das Kind, was in der alten Brust vorgeht: daß es Übervollsein
+des Herzens und nicht Leere ist, die die Zunge seines Vaters stumm macht,
+und wieder steigt ihm der Haß gegen die Mutter bitter zum Halse hinauf,
+die es in Gedanken mit den tiefen Furchen und dem verstörten Ausdruck des
+Greisengesichtes in den Kissen des Rollstuhls in unklare Verbindung
+bringt; ein leiser Wunsch, man möge eines Morgens die Mutter tot im Bette
+finden, wird in ihm wach, und zu der Folter beständiger innerer Unruhe
+treten die Qualen eines höllischen Wartens, -- es belauert im Spiegel ihre
+Züge, ob sich keine Spur von Krankheit in ihnen zeigt, beobachtet ihren
+Gang voll Hoffnung, die Zeichen beginnender Müdigkeit zu entdecken. Aber
+eine unerschütterliche Gesundheit belebt die Frau, sie kennt kein
+Schwachsein, scheint immer neue Kraft zu bekommen, je mehr die Menschen in
+ihrer Nähe siech und schlaff werden.
+
+Von Sabine und der Dienerschaft erfährt Leonhard, daß sein Vater ein
+Philosoph ist, ein Weiser, und daß in den vielen Büchern lauter Weisheit
+steht, und er faßt den kindlichen Entschluß, die Weisheit zu erringen, --
+vielleicht fällt dann die unsichtbare Schranke, die ihn von seinem Vater
+trennt, und die Furchen werden wieder glatt, das gramvolle Greisengesicht
+wieder jung.
+
+Aber niemand kann ihm sagen, was Weisheit ist, und die pathetischen Worte
+des Geistlichen, an den er sich wendet: »die Furcht des Herrn, das ist
+Weisheit«, machen ihn vollends verwirrt.
+
+Daß es die Mutter nicht weiß, steht felsenfest bei ihm, und langsam
+dämmert ihm daraus die Erkenntnis, daß alles, was sie tut und denkt, das
+Gegenteil von Weisheit sein muß.
+
+Er faßt sich ein Herz und fragt seinen Vater, als sie einen Augenblick
+allein sind, was Weisheit ist, -- unvermittelt, abgerissen, wie ein
+Mensch, der einen Hilferuf ausstößt; er sieht, wie die Muskeln in dem
+bartlosen Gesicht seines Vaters arbeiten vor Anstrengung die richtigen
+Worte zu finden, die einem wißbegierigen Kindesverstand angepaßt sind, --
+ihm selbst zerspringt der Kopf fast vor krampfhaftem Bemühen, den Sinn der
+Rede zu begreifen.
+
+Er fühlt genau, warum die Sätze so hastig und abgebrochen aus dem
+zahnlosen Munde kommen, -- daß es wieder die Angst vor Störung durch die
+Mutter ist, die Scheu, daß heilige Samenkörner entweiht werden könnten,
+wenn sie der zersetzende nüchterne Hauch trifft, den seine Mutter
+ausströmt, -- daß sie zum Giftkraut werden können, falls er sie
+mißversteht.
+
+All seine Mühe, zu erfassen, ist umsonst, schon hört er laute eilige
+Schritte draußen auf dem Gang, die schrillen abgehackten Befehle und das
+entsetzliche Rascheln des schwarzen, seidenen Kleides. Die Worte seines
+Vaters werden schneller und schneller, er will sie auffangen, um sie sich
+zu merken und später darüber nachzudenken, hascht nach ihnen, wie nach
+schwirrenden Messern, -- sie entgleiten ihm, lassen blutende Schnittwunden
+zurück.
+
+Die atemlosen Sätze: »schon die Sehnsucht nach Weisheit ist Weisheit«, --
+»ringe nach einem festen Punkt in dir, dem die Außenwelt nichts anhaben
+kann, mein Kind«, -- »sieh alles, was geschieht, wie ein gemaltes lebloses
+Bild an und laß dich davon nicht berühren« -- bohren sich in sein Herz
+ein, aber sie haben eine Maske vor dem Gesicht, die er nicht zu
+durchdringen vermag.
+
+Er will weiter fragen, die Tür springt auf, ein letztes Wort: »laß die
+Zeit an dir ablaufen wie Wasser« weht an seinem Ohr vorüber, die Gräfin
+rast herein, ein Kübel fällt über die Schwelle, schmutzige Flut ergießt
+sich über die Fliesen. »Steh nicht im Weg! Mach' dich nützlich!« gellt
+es ihm nach, wie er voll Verzweiflung die Treppen hinunterläuft in sein
+Zimmer. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+
+Das Bild der Kindheit erlischt, und Meister Leonhard sieht wieder den
+weißen Forst im Mondschein vor seinem Kapellenfenster, -- nicht schärfer
+und nicht schwächer als die Szenen aus seiner Jugend: Vor seinem starren
+kristallenen Geist ist Wirklichkeit und Erinnerung gleich leblos und
+gleich lebendig.
+
+Ein Fuchs trabt vorüber, langgestreckt, ohne Laut; der Schnee staubt
+glitzrig auf, wo sein buschiger Schweif den Boden streift, die Augen
+leuchten grün aus dem Dunkel der Stämme, verschwinden im Dickicht.
+
+Hagere Gestalten in ärmlicher Kleidung, Gesichter, ausdrucksarm und
+nichtssagend, verschieden durch das Alter und doch einander so seltsam
+ähnlich, erstehen vor Meister Leonhard; er hört ihre Namen flüsternd im
+Ohr, gleichgültige alltägliche Namen, die kaum ein Mittel sind, ihre
+Träger zu unterscheiden. Er erkennt sie wieder als seine Hauslehrer, die
+kommen und nach einem Monat gehen, -- nie ist seine Mutter mit ihnen
+zufrieden, entläßt einen nach dem andern, weiß keinen Grund dafür und
+sucht auch keinen; wenn sie nur da sind und gleich wieder fort wie
+Blasen in brodelndem Wasser. Leonhard ist ein Jüngling mit keimendem
+Flaum auf der Lippe und bereits so groß wie seine Mutter. Wenn er ihr
+gegenübersteht, sind seine Augen auf gleicher Höhe wie die ihrigen, aber
+immer muß er wegschauen, wagt den Versuch nicht, zu dem es ihn beständig
+reizt und stachelt: ihren leeren fahrigen Blick zu bannen und den
+tödlichen Haß hineinzusengen, den er gegen sie empfindet; jedesmal
+würgt er es herunter, fühlt, daß der Speichel in seinem Munde bitter wie
+Galle wird und sein Blut vergiftet.
+
+Er sucht und scharrt in seinem Innern und kann doch die Ursache nicht
+finden, die ihn so ohnmächtig macht gegen diese Frau mit ihrem unsteten
+fledermaushaften Zickzackflug.
+
+Ein Chaos von Begriffen dreht sich in seinem Kopf wie ein rasendes Rad,
+jeder Herzschlag schwemmt neues Trümmerwerk halbfertiger Gedanken in sein
+Hirn und schwemmt es wieder weg.
+
+Pläne, die keine sind, Ideen, die sich selbst widerlegen, Wünsche ohne
+Ziel, blinde heißhungrige Begierden, sich drängend und aneinander
+zerschellend, tauchen empor aus den Wirbeln der Tiefe, die sie sofort
+wieder einsaugt; Schreie ersticken in der Brust und können nicht an die
+Oberfläche.
+
+Eine wilde heulende Verzweiflung ergreift Besitz von Leonhard, steigert
+sich von Tag zu Tag; in jedem Winkel erscheint ihm gespenstig das verhaßte
+Gesicht seiner Mutter; aus den Büchern, wenn er sie aufschlägt, springt es
+ihm schreckhaft entgegen; er traut sich nicht umzublättern aus Angst, es
+von neuem zu sehen, wagt nicht sich umzudrehen, daß es nicht leibhaftig
+hinter ihm stehe: jeder Schatten gerinnt in die gefürchteten Züge, der
+eigene Atem rauscht wie das schwarze seidene Kleid.
+
+Seine Sinne sind wund und empfindlich wie bloßliegende Nerven; wenn er im
+Bette liegt, weiß er nicht, ob er träumt oder wacht, und übermannt ihn
+endlich der Schlaf, wächst aus dem Boden ihre Gestalt im Hemde, weckt ihn
+und schrillt ihn an: Leonhard, schläfst du schon?
+
+Ein neues, seltsam heißes Gefühl wirft ihn hin und her, beklemmt ihm die
+Brust, verfolgt ihn und treibt ihn, die Nähe Sabines zu suchen, ohne daß
+er sich klar wird, was er von ihr will; sie ist erwachsen und trägt Röcke
+bis zum Knöchel, das Rascheln ihres Kleides erregt ihn noch mehr als das
+seiner Mutter.
+
+Mit seinem Vater ist keine Verständigung mehr möglich: tiefe Nacht
+umfängt seinen Geist; in regelmäßigen Zwischenräumen dringt das Stöhnen
+des Greises grauenhaft durch die Hetzjagd im Hause, Stunde für Stunde
+waschen sie sein Gesicht mit Essig, schieben seinen Sessel dahin und
+dorthin, quälen den Sterbenden zu Tode. -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Leonhard wühlt sich mit dem Kopf in die Kissen, um nicht zu hören, --
+ein Diener zupft ihn am Ärmel: »Um Gotteswillen schnell, schnell, mit
+dem alten Herrn Grafen geht's zu Ende«. Leonhard springt auf, begreift
+nicht, wo er ist und daß die Sonne scheint, und wieso es nicht finstere
+Nacht wird, wenn sein Vater stirbt; er taumelt, sagt sich mit steifen
+Lippen vor, daß er das alles nur träumt, läuft hinüber ins
+Krankenzimmer; nasse Handtücher hängen in Reihen zum Trocknen an
+Wäscheschnüren quer durch den Raum, Körbe versperren den Weg, der Wind
+bläst durch die offenen Fenster herein und bauscht die weiße Leinwand,
+-- ein Röcheln irgendwoher aus der Ecke.
+
+Leonhard reißt die Stricke herab, daß die Wäsche naß auf den Boden
+klatscht, schleudert alles beiseite, kämpft sich hin zu den brechenden
+Augen, die ihm aus dem Rollstuhl, als der letzte Vorhang fällt, blind
+und gläsern entgegenstarren, stürzt auf die Knie, drückt die
+teilnahmslose, vom Todesschweiß feuchte Hand an seine Stirn; er will
+das Wort »Vater« rufen und kann nicht, es fehlt plötzlich in seinem
+Gedächtnis; es liegt ihm auf der Zunge, aber er vergißt es voll
+Entsetzen in der nächsten Sekunde, eine wahnsinnige Angst drosselt ihn,
+daß der Sterbende nicht mehr zu sich kommt, wenn er ihm das Wort nicht
+zuruft, -- daß nur dieses Wort allein die Macht hat, das erlöschende
+Bewußtsein von der Schwelle des Lebens für einen kurzen Augenblick noch
+zurückzubringen; er rauft sich das Haar und schlägt sich ins Gesicht:
+tausend Worte stürmen zu gleicher Zeit auf ihn ein, nur das eine, das er
+mit brennendem Herzen sucht, will nicht erscheinen, -- und das Röcheln
+wird schwächer und schwächer.
+
+Stockt.
+
+Fängt wieder an.
+
+Bricht ab.
+
+Verstummt.
+
+Der Mund klappt auf.
+
+Bleibt offen stehen.
+
+»Vater!« schreit Leonhard auf; endlich ist das Wort da, aber der, dem es
+gilt, rührt sich nicht mehr.
+
+Tumult entsteht auf den Treppen; schreiende Stimmen, hallende laufende
+Schritte auf den Gängen, der Hund schlägt an, heult dazwischen. Leonhard
+achtet nicht darauf, er sieht und fühlt nur die furchtbare Ruhe auf dem
+starren leblosen Gesicht; sie erfüllt das Zimmer, strahlt auf ihn über,
+hüllt ihn ein. Ein betäubendes Gefühl von Glück, das er nicht kennt, legt
+die Hand über sein Herz, ein Empfinden einer unbeweglichen Gegenwart, die
+jenseits von Vergangenheit und Zukunft steht, -- ein stummes Frohlocken,
+daß eine Kraft ringsum schwingt, in die man sich flüchten kann vor der
+wirbelnden Unruhe im Haus wie in eine Wolke, die unsichtbar macht.
+
+Die Luft ist voll Glanz.
+
+Leonhard stürzen die Tränen aus den Augen. -- --
+
+Ein prasselndes Geräusch, wie die Türe aufspringt, macht ihn
+zusammenfahren, seine Mutter eilt herein, -- »es ist keine Zeit zum
+Weinen jetzt; siehst doch, 's gibt alle Hände voll zu tun«, trifft es
+ihn mit Peitschenhieb; Befehle schwirren, einer hebt den andern auf, die
+Mägde schluchzen, man jagt sie hinaus, in fliegender Hast schleppen die
+Diener die Möbel auf den Gang, Glasscheiben klirren, Arzneiflaschen
+zerbrechen, man soll den Doktor holen, nein: den Geistlichen, halt halt,
+nicht den Geistlichen: den Totengräber, er soll die Schaufel nicht
+vergessen, einen Sarg bringen, Nägel zum Zunageln, die Schloßkapelle
+aufsperren, die Gruft herrichten jetzt gleich, auf der Stelle, wo die
+brennenden Kerzen bleiben und warum niemand die Leiche aufbahrt! -- muß
+man denn alles zehnmal sagen!?
+
+Mit Schaudern sieht Leonhard, wie der tolle Hexentanz des Lebens sogar
+vor der Majestät des Todes nicht haltmacht und Schritt für Schritt einen
+scheußlichen Sieg gewinnt, -- fühlt, daß der Frieden in seiner Brust
+zergeht wie ein Hauch.
+
+Sklavisch gehorsame Hände greifen schon nach dem Rollstuhl mit dem
+Verstorbenen darin, um ihn fortzutragen; er will dazwischen springen, den
+Toten schützen, breitet die Arme aus, -- sie fallen ihm kraftlos herab. Er
+beißt die Zähne zusammen und zwingt sich, die Augen seiner Mutter zu
+suchen, ob denn keine Spur von Leid oder Trauer in ihnen zu lesen ist:
+keine Sekunde ist ihr unsteter, ruheloser Affenblick zu fassen, schweift
+von Winkel zu Winkel, auf und nieder, von der Decke zur Wand, vom Fenster
+zur Tür in wahnwitziger schmeißfliegenhafter Eile und verrät ein Geschöpf
+ohne Seele, -- eine Besessene, an der Schmerz und Empfindung abprallen wie
+Pfeile von einer wirbelnden Scheibe, ein scheußliches Rieseninsekt in
+Weibsgestalt, das den Fluch ziel- und zweckloser Arbeit auf Erden
+verkörpert. Lähmender Schrecken durchzuckt Leonhard, er starrt sie an wie
+ein Wesen, das er zum erstenmal sieht, entsetzt sich vor ihr; sie hat
+nichts Menschliches mehr für ihn, ist ihm plötzlich ein urfremdes Geschöpf
+aus einer teuflischen Welt, halb Kobold, halb boshaftes Tier.
+
+Das Gefühl, daß sie seine Mutter ist, läßt ihm das eigene Blut als etwas
+Feindseliges, das ihm Leib und Seele zerfrißt, empfinden, macht sein Haar
+sträuben, jagt ihm Furcht ein vor sich selbst, hetzt ihn hinaus, -- nur
+fort, fort aus ihrer Nähe; er flieht in den Park, weiß nicht, was er will,
+wohin er soll, rennt gegen einen Baum, fällt rücklings zu Boden, verliert
+das Bewußtsein. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Meister Leonhard starrt hinein in ein neues Bild, das vorüberzieht wie ein
+Fiebertraum: die Kapelle, in der er sitzt, ist hell von Kerzenschein, ein
+Priester murmelt vor dem Altar, Geruch von welkenden Kränzen, ein offener
+Sarg, der Tote im weißen Rittermantel, die wachsgelben Hände auf der Brust
+gefaltet. Goldglanz blinkt um dunkle Heiligenbilder, schwarze Männer
+stehen im Halbkreis; betende Lippen, dumpfe kalte Erdluft dringt aus dem
+Boden, eine eiserne Falltür mit blankem Kreuz steht halb offen, ein
+gähnendes viereckiges Loch darunter führt in die Gruft hinab. Gedämpfter
+Gesang in lateinischer Sprache, Sonnenlicht hinter farbigem Glasfenster
+wirft grüne, blaue, blutrote Flecken auf schwebende Weihrauchschwaden,
+silbernes eindringliches Läuten von der Decke, die Hand des Geistlichen in
+spitzenbesetztem Ärmel schwingt den Weihwedel über dem Gesicht des Toten.
+-- Plötzlich Bewegung ringsum, zwölf weiße Handschuhe werden flink, heben
+die Bahre vom Katafalk, schließen den Deckel, Seile straffen sich, der
+Sarg sinkt in die Tiefe; die Männer steigen die steinernen Stufen hinab,
+dumpfes Hallen aus dem Gewölbe, Sand knirscht, feierliche Stille. Lautlos
+tauchen ernste Gesichter empor aus der Gruft, die Falltür neigt sich,
+klappt ins Schloß, Staub wirbelt aus den Fugen, das blanke Kreuz liegt
+wagrecht. -- Die Kerzen erlöschen, verglimmen; an ihrer Stelle flackern
+wieder die Kienspäne auf dem kleinen Herd, Altar und Heiligenbilder werden
+zur kahlen Wand. Erde bedeckt die Quadern, die Kränze zerfallen zu Moder,
+die Gestalt des Priesters zergeht in der Luft, Meister Leonhard ist wieder
+allein mit sich selbst. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Seit der alte Graf nicht mehr lebt, gärt es unter der Dienerschaft; die
+Leute weigern sich, den sinnlosen Befehlen zu gehorchen, einer nach dem
+andern schnürt sein Bündel und geht. Die wenigen, die übrigbleiben, sind
+trotzig und widerwillig, verrichten nur die nötigste Arbeit, kommen nicht,
+wenn man sie ruft.
+
+Mit zusammengekniffenen Lippen rast Leonhards Mutter nach wie vor durch
+alle Stuben, aber der helfende Troß fehlt; wutfauchend rüttelt sie an den
+schweren Schränken, die sich nicht von der Stelle rühren unter ihren
+ungeschickten Griffen, die Kommoden sind wie angeschraubt, Schubladen
+spreizen sich, gehen nicht auf, nicht zu; was sie anfaßt, fällt ihr aus
+der Hand, niemand hebt es auf; tausend Dinge liegen umher, Gerümpel
+sammelt sich an, wächst zu unübersteiglichen Hindernissen -- keiner, der
+Ordnung schafft. Die Bücherbretter rutschen von den Leisten, eine Lawine
+von Bänden verschüttet das Zimmer, macht es unmöglich zum Fenster zu
+gelangen, der Wind rüttelt daran, bis die Scheiben zerbrechen; der Regen
+ergießt sich in Strömen herein und bald überzieht Schimmel alles mit einer
+grauen Decke. Die Gräfin tobt wie eine Irrsinnige, hämmert mit den Fäusten
+gegen die Wände, schnappt nach Luft, kreischt, reißt in Fetzen, was sich
+zerreißen läßt. Der ohnmächtige Grimm, daß ihr niemand mehr gehorcht, --
+daß sie sogar ihren Sohn, der seit seinem Sturz noch am Stocke geht und
+nur mühselig humpelt, nicht als Diener verwenden kann, raubt ihr vollends
+den letzten Rest von Besinnung: oft redet sie stundenlang halblaut mit
+sich selbst, knirscht mit den Zähnen, schreit zornig auf, läuft wie ein
+wildes Tier durch die Gänge.
+
+Aber allmählich geht eine seltsame Veränderung in ihr vor, ihre Züge
+werden hexenhaft, die Augen bekommen einen grünlichen Schimmer, sie
+scheint Phantome zu sehen, horcht plötzlich mit offenem Mund in die Luft
+wie auf Worte, die ihr jemand zuflüstert, frägt: was, was, was, was soll
+ich?
+
+Der Dämon in ihr wirft nach und nach die Maske ab, ihr planloser
+Tätigkeitsdrang macht einer bewußten berechnenden Bosheit Platz. Sie
+läßt die Gegenstände in Ruhe, rührt nichts an; Schmutz und Staub sammelt
+sich überall an, die Spiegel erblinden, Unkraut wuchert im Garten, kein
+Ding ist mehr am richtigen Ort, die notwendigsten Geräte sind
+unauffindbar; das Gesinde macht sich erbötig, den ärgsten Wirrwarr zu
+beseitigen, sie verbietet es mit barschen Worten, -- es ist ihr recht,
+daß alles drunter und drüber geht, die Ziegel vom Dache fallen, das
+Holzwerk verfault, die Leinwand verstockt, -- mit hämischer
+Schadenfreude sieht sie, daß eine neue Art Qual an Stelle der alten
+lebenvergällenden Ruhelosigkeit tritt, ein Verzweiflung erzeugendes
+Unbehagen ihre Umgebung befällt; sie spricht mit niemand eine Silbe
+mehr, gibt keine Befehle, aber alles, was sie tut, geschieht mit der
+tückischen Absicht, die Dienerschaft beständig in Schrecken und
+Aufregung zu versetzen. Sie spielt die Wahnsinnige, schleicht sich
+nachts in die Schlafkammern der Mägde, wirft Krüge krachend zu Boden,
+lacht schrill auf. Absperren nützt nichts: sie zieht sämtliche Schlüssel
+im Hause ab; -- es gibt keine einzige Tür mehr, die sie nicht mit einem
+Ruck aufreißen kann. Sie nimmt sich nicht die Zeit, sich zu kämmen, die
+Haare hängen ihr wirr um die Schläfen, sie ißt im Gehen, legt sich nicht
+mehr schlafen. Halb angezogen, damit das Rascheln der Kleider ihr Kommen
+nicht verrät, huscht sie auf leisen Filzschuhen, um wie ein Gespenst da
+und dort aufzutauchen, durchs Schloß.
+
+Selbst in der Nähe der Kapelle geistert sie bei Mondschein umher. Niemand
+traut sich mehr hin; das Gerede entsteht, daß der Tote dort spukt.
+
+Nie läßt sie sich irgendwelche Hilfe leisten, was sie braucht, holt sie
+sich selber; sie weiß genau, daß ihr stummes blitzartiges Erscheinen mehr
+Furcht unter dem abergläubischen Gesinde erzeugt, als wenn sie herrisch
+auftritt; die Leute verständigen sich nur noch im Flüsterton, keiner wagt
+ein lautes Wort, alles ist vom bösen Gewissen befallen, trotzdem nicht der
+geringste Grund dazu vorliegt.
+
+Auf ihren Sohn hat sie es besonders abgesehen; heimtückisch benützt sie
+bei jeder Gelegenheit ihr natürliches Übergewicht als Mutter, das Gefühl
+der Abhängigkeit in ihm zu vertiefen, schürt seine nervöse Angst, sich nie
+unbeobachtet zu wissen, zur Wahnvorstellung beständigen Ertapptwerdens,
+bis es wie der Alpdruck ewigen Schuldbewußtseins auf ihm lastet.
+
+Wenn er es hie und da versucht, sie anzureden, schneidet sie nur höhnische
+Grimassen, daß ihm das Wort im Munde quillt und er sich vorkommt wie ein
+Verbrecher, dem die Verworfenheit wie ein Brandmal auf der Stirne
+geschrieben steht; die dumpfe Furcht, daß sie seine geheimsten Gedanken
+lesen könne und wie es mit ihm und Sabine bestellt sei, wird zur
+schreckhaften Gewißheit, wenn ihr stechender Blick auf ihm ruht; beim
+leisesten Geräusch, das er hört, bemüht er sich krampfhaft ein
+unbefangenes Gesicht zu machen, -- immer weniger gelingt es ihm, je mehr
+er sich dazu zwingt.
+
+Heimliche Sehnsucht und Verliebtheit ineinander spinnen sich an zwischen
+Sabine und ihm. Sie stecken sich Briefchen zu, empfinden es als Todsünde;
+bald verdorren unter dem Pesthauch des immerwährenden Sichverfolgtfühlens
+alle zarteren Triebe, und eine unbändige tierische Brunst erfaßt sie. Sie
+stellen sich auf an Ecken, wo zwei Gänge sich kreuzen, so daß sie einander
+zwar nicht sehen, aber eines der beiden das Kommen der Gräfin bemerken muß
+und den anderen Teil warnen kann, -- so sprechen sie mitsammen in der
+Angst, die kostbaren Minuten zu verlieren, ohne jede Umschreibung, nennen
+die Dinge unverblümt beim Namen, erhitzen gegenseitig ihr Blut immer mehr
+und mehr.
+
+Aber der Raum um sie wird enger und enger. Als ob die Alte ahnt, was
+vorgeht, versperrt sie das zweite Stockwerk, dann das erste; nur das
+Erdgeschoß, wo das Gesinde aus- und eingeht, steht noch zur Verfügung;
+sich auf weitere Strecken vom Schloß zu entfernen, ist verboten, der Park
+bietet keine Schlupfwinkel weder bei Tag noch bei Nacht; erhellt ihn das
+Mondlicht; kann man ihre Gestalten von den Fenstern aus sehen, ist es
+dunkel, droht jeden Augenblick die Gefahr beschlichen zu werden.
+
+Ihre Begierden wachsen ins Unbezähmbare, je mehr sie sie unterdrücken
+müssen; offen die Schranken zu durchbrechen, kommt ihnen nicht entfernt in
+den Sinn: die Zwangsvorstellung, wehrlos wie Sklaven unter einer fremden
+dämonischen Macht zu stehen, die über Leben und Tod gebieten kann, ist
+ihnen von Kindheit an zu tief eingeimpft, als daß sie auch nur den Versuch
+wagten, einander in Gegenwart seiner Mutter ins Gesicht zu sehen. -- --
+-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Ein glutheißer Sommer dorrt die Wiesen, der Erdboden klafft vor
+Trockenheit, abends flammt der Himmel im Wetterleuchten. Das Gras ist
+gelb, betäubt die Sinne mit schwülem Heugeruch, heiße Luft zittert um die
+Mauern; die Brunst der beiden erreicht ihren höchsten Grad, ihr ganzes
+Sinnen und Trachten richtet sich auf einen Punkt; wenn sie sich erblicken,
+können sie sich kaum halten, nicht übereinander herzufallen.
+
+Eine schlaflose fiebrige Nacht mit wachen, wilden, begehrlichen Träumen.
+So oft sie die Augen öffnen, sehen sie Leonhards Mutter hereinspähen,
+hören ihr Schleichen an den Schwellen, -- sie nehmen es wahr halb als
+Wirklichkeit, halb als ein Hirngespinst, kümmern sich kaum darum, können
+den kommenden Tag nicht erwarten, um sich endlich, koste es was es wolle,
+in der Kapelle zu treffen.
+
+Den ganzen Morgen bleiben sie in ihren Zimmern und horchen mit stockendem
+Atem und bebenden Knien an den Türspalten auf Anzeichen, daß sich die Alte
+in entlegeneren Teilen des Schlosses befindet.
+
+Stunde um Stunde vergeht in markversengender Qual, es schlägt Mittag: da
+-- ein Geräusch wie von klirrenden Schlüsseln im Innern des Hauses, das
+ihnen Sicherheit vortäuscht; -- sie stürzen hinaus in den Garten; die
+Pforte der Kapelle ist angelehnt, sie stoßen sie auf, schlagen sie hinter
+sich zu, daß sie knallend in den Riegel schnappt. -- -- -- -- -- -- --
+
+Sie sehen nicht, daß die eiserne Falltür, die hinab zur Gruft führt,
+offensteht, nur von einer Holzspreize gestützt, -- sehen das gähnende
+viereckige Loch im Boden nicht, fühlen den eiskalten Hauch nicht, der aus
+dem Totengewölbe dringt; sie verschlingen sich mit den Blicken wie
+Raubtiere; Sabine will reden, -- bringt nur ein lechzendes Lallen hervor;
+Leonhard reißt ihr die Kleider vom Leib, wirft sich über sie; keuchend
+verbeißen sie sich ineinander.
+
+Im Sinnenrausch entschwindet ihnen das Verständnis für ihre Umgebung;
+schlürfende Schritte tasten die steinernen Stufen aus der Gruft herauf,
+sie hören es deutlich, aber es bleibt für ihr Bewußtsein dessen, was
+vorgeht, belanglos wie Rascheln von Laub.
+
+Hände tauchen aus dem Schacht, suchen einen Halt an den Rändern der
+Quadern, ziehen sich empor.
+
+Langsam wächst eine Gestalt aus dem Boden; Sabine sieht es mit
+halbgeschlossenen Lidern, wie hinter roten Schleiern; plötzlich
+durchzuckt sie die jähe Erkenntnis der Lage, sie stößt einen gellenden
+Schrei aus: -- es ist die grauenhafte Alte, dieses furchtbare Überall und
+Nirgends, die da aus der Erde steigt.
+
+Entsetzt springt Leonhard auf, starrt einen Moment wie gelähmt in das
+hämisch verzerrte Gesicht seiner Mutter, dann bricht eine schäumende
+wahnwitzige Wut in ihm los; mit einem Fußtritt schleudert er die
+Holzspreize fort: die Falltür saust hernieder, trifft krachend den Schädel
+der Alten und schmettert sie in die Tiefe, daß man hört, wie ihr Körper
+dumpf unten aufschlägt. --
+
+Unfähig, ein Glied zu rühren, stehen die beiden mit aufgerissenen Augen
+und stieren sich wortlos an. Die Beine schlottern ihnen unter dem Leib.
+
+Langsam kauert sich Sabine nieder, um nicht umzufallen, verbirgt stöhnend
+das Gesicht in den Händen; Leonhard schleppt sich zum Betstuhl. Laut
+schlagen seine Zähne zusammen.
+
+Minuten vergehen. Keines wagt sich zu bewegen, ihre Blicke weichen
+einander aus; dann, von demselben Gedanken gepeitscht, stürzen sie zur
+Tür ins Freie, zurück ins Haus wie von Furien gehetzt. -- -- -- -- --
+-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+
+Das Abendrot verwandelt das Wasser im Brunnen in eine Blutlache, die
+Fenster des Schlosses glühen in lohenden Flammen, die Schatten der Bäume
+wachsen zu langen dünnen schwarzen Armen, die sich mit Zoll um Zoll
+vorwärts schleichenden Fingern über den Rasen tasten, das letzte Zirpen
+der Grillen zu ersticken. Der Glanz der Luft wird stumpf unter dem Atem
+der Dämmerung. Dunkelblaue Nacht zieht auf.
+
+Kopfschüttelnd tauscht die Dienerschaft Vermutungen, wo die Gräfin bleibt;
+man fragt den jungen Herrn, er zuckt die Achseln, wendet das Gesicht ab,
+damit sie seine Leichenblässe nicht sehen.
+
+Brennende Laternen schwanken durch den Park; man sucht die Ufer des
+Teiches ab, leuchtet ins Wasser, es ist schwarz wie Asphalt und wirft den
+Schein zurück; die Mondsichel schwimmt darauf, aufgescheucht flattern die
+Sumpfvögel im Schilf.
+
+Der alte Gärtner bindet den Hund los, durchstreift den Forst ringsum,
+seine rufende Stimme dringt zuweilen herüber aus weiter Ferne; jedesmal
+fährt Leonhard auf, das Haar sträubt sich ihm, sein Blut stockt, denn er
+glaubt, es kann seine Mutter sein, die da aufschreit unter der Erde.
+
+Die Uhr zeigt auf Mitternacht. Noch immer ist der Mann nicht zurück, das
+unbestimmte Gefühl eines drohenden Unheils legt sich dem Gesinde auf die
+Brust; sie sitzen zusammengedrängt in der Küche, erzählen einander
+schauerliche Geschichten von dem rätselhaften Verschwinden von Menschen,
+die dann als Werwölfe die Gräber aufscharren und sich von den Leibern der
+Toten nähren.
+
+Tage und Wochen schwinden dahin: keine Spur von der Gräfin; man fordert
+Leonhard auf, er soll eine Messe lesen lassen für ihr Seelenheil, er
+schlägt es heftig ab. Die Kapelle wird ausgeräumt, nur ein geschnitzter
+goldener Betstuhl bleibt darin, in dem er stundenlang zu sitzen pflegt und
+vor sich hinbrütet; er duldet nicht, daß irgend jemand den Raum betritt.
+Das Gerede entsteht, daß, wenn man durchs Schlüsselloch hineinspäht, man
+ihn oft mit dem Ohr auf dem Boden liegen sieht, als horche er in die
+Gruft hinunter.
+
+Nachts schläft Sabine in seinem Bett, sie machen kein Hehl daraus, daß sie
+zusammenleben wie Mann und Weib.
+
+Das Gerücht von einem geheimnisvollen Mord dringt ins Dorf hinüber, will
+nicht verstummen, frißt sich immer weiter und weiter ins Land; eines Tages
+fährt ein spindeldürrer Ratsschreiber mit Perücke in einer gelben
+Postkutsche vor, Leonhard sperrt sich mit ihm lange ein; der Mann reist
+wieder ab, Monate vergehen und man hört nichts mehr von ihm, dennoch will
+das bösartige Geraune im Schloß kein Ende nehmen.
+
+Niemand zweifelt, daß die Gräfin tot sein muß, aber sie lebt weiter als
+unsichtbares Gespenst, jeder fühlt ihre boshafte Gegenwart.
+
+Man begegnet Sabinen mit finsteren Blicken, mißt ihr irgendwie die Schuld
+bei an dem Geschehnis, bricht plötzlich das Gespräch ab, wenn der junge
+Graf erscheint.
+
+Leonhard sieht alles, was vorgeht, aber er tut als ob er es nicht merke,
+trägt ein abstoßendes herrisches Wesen zur Schau.
+
+Im Hause bleibt alles beim alten; Schlingpflanzen klettern die Mauern
+empor, Mäuse, Ratten und Eulen nisten in den Zimmern, das Dach ist
+brüchig, freiliegendes Gebälk wird morsch und faul.
+
+Nur in der Bibliothek herrscht einigermaßen Ordnung, aber die Bücher sind
+fast vermodert von der Nässe des Regens und kaum mehr leserlich.
+
+Ganze Tage hockt Leonhard über den alten Bänden, sucht mühsam die
+halbverwischten Blätter zu entziffern, die die ruckweise hingeworfenen
+Schriftzüge seines Vaters tragen; und immer muß Sabine in seiner Nähe
+sein.
+
+Wenn sie sich entfernt, erfaßt ihn eine wilde Unruhe, selbst in die
+Kapelle geht er nicht mehr ohne sie; aber sie sprechen nie mitsammen, nur
+in der Nacht, wenn er bei ihr liegt, kommt es wie ein Delirium über ihn
+und seine Erinnerung speit in verworrenen endlosen hastigen Sätzen wieder
+aus, was er tagsüber aus den Büchern in sich schlingt; er fühlt genau,
+warum er es tun muß, -- daß es nur der Verzweiflungskampf seines Hirns
+ist, das sich mit jeder Faser wehrt, um das entsetzliche Bild der
+ermordeten Mutter nicht im Dunkeln deutlich werden zu lassen, das
+gräßliche schmetternde Krachen der Falltür, das sich wieder und wieder ins
+Ohr drängen will, durch den Laut der eigenen Worte zu übertönen; Sabine
+hört ihm in starrer Regungslosigkeit zu, unterbricht ihn mit keiner Silbe,
+aber er fühlt, daß sie nichts erfaßt von dem, was er sagt, liest aus dem
+leeren Blick ihrer Augen, die immerwährend auf ein und denselben Punkt in
+der Ferne schauen, woran sie ohne Unterlaß denken muß.
+
+Dem Druck seiner Hand antworten ihre Finger erst nach langen Minuten, aus
+ihrem Herzen kommt kein Echo; er sucht sich und sie in den Strudel der
+Leidenschaft zu stürzen, um zurückzufinden in die Tage, die vor dem
+Geschehnis liegen, und sie zum Ausgangspunkt eines neuen Daseins zu
+machen. Sabine erwidert seine Umarmung wie in tiefem Schlummer, und ihm
+graut vor ihrem schwangeren Leib, in dem ein Kind als Zeuge einer Mordtat
+dem Leben entgegenreift.
+
+Sein Schlaf ist bleiern und ohne Traum, dennoch bringt er kein Vergessen;
+es ist das Versinken in grenzenloses Alleinsein, in dem selbst die Bilder
+des Schreckens dem Anblick entschwinden und nur das Gefühl einer würgenden
+Qual zurückbleibt, -- ein plötzliches Dunkelwerden der Sinne, wie es ein
+Mensch empfindet, der mit geschlossenen Augen beim nächsten Pulsschlag den
+Hieb des Henkerbeils erwartet.
+
+Jeden Morgen, wenn Leonhard erwacht, will er sich aufraffen, den Kerker
+der marternden Erinnerung zu durchbrechen, ruft sich die Worte seines
+Vaters, nach einem festen Punkt in seinem Innern zu suchen, ins Gedächtnis
+zurück -- da fällt sein Blick auf Sabine, er sieht, wie sie ein Lächeln zu
+erzwingen versucht, ihre Lippen nur zu einem Krampf verzerren kann, und
+wiederum beginnt die wilde Flucht vor sich selbst.
+
+Er beschließt, sich eine andere Umgebung zu schaffen, schickt die
+Dienerschaft fort, behält bloß den alten Gärtner und dessen Weib: die
+Einsamkeit mit ihrem Lauern wird nur um so tiefer, das Gespenst der
+Vergangenheit lebendiger und lebendiger.
+
+Es ist nicht böses Gewissen und das Schuldbewußtsein der Bluttat, das
+Leonhard elend macht, -- keine Sekunde beschleicht ihn Reue: der Haß gegen
+die Mutter ist so riesengroß wie am Sterbetag seines Vaters, aber daß sie
+jetzt als unsichtbare Kraft zugegen ist, zwischen ihm und Sabine steht als
+gestaltloser Schemen, den er nicht bannen kann, daß er die furchtbaren
+Augen beständig auf sich ruhen fühlt, die Szene in der Kapelle
+immerwährend in sich herumschleppen muß wie eine ewig eiternde Wunde, ist
+es, was ihn bis zum Wahnsinn foltert.
+
+Er glaubt nicht, daß die Toten wieder auf Erden erscheinen können, aber
+daß sie weiterleben auf viel schrecklichere Art auch ohne Hülle, nur als
+teuflischer Einfluß, gegen den nicht Tür, noch Riegel, kein Fluch, kein
+Gebet schützen, erfährt er als Gewißheit an sich selbst, sieht es täglich
+an Sabine. Jeder Gegenstand im Haus ruft die Erinnerung an seine Mutter
+wach, kein Ding, das nicht verseucht ist von ihrer Berührung, nicht
+stündlich ihr Bild neu in ihm gebärt; die Falten der Vorhänge, zerknüllte
+Wäsche, die Maser der Täfelung, die Linien und Punkte in den Fliesen, --
+alles, was er anblickt, formt sich zu ihrem Antlitz; die Ähnlichkeit mit
+ihren Zügen springt ihm wie eine Viper aus dem Spiegel entgegen, macht
+seinen Herzschlag kalt in dumpfem Bangen: das Unmögliche könne sich
+begeben, daß sich sein Gesicht plötzlich in das ihre verwandle, -- ihm
+anhafte als grausige Erbschaft bis zum Lebensende.
+
+Die Luft ist voll von ihrer erstickenden geisterhaften Anwesenheit; das
+Knacken der Dielen klingt, als stamme es vom Tritt ihres Fußes, weder
+Kälte noch Hitze vertreiben sie, ob Herbst ist, klarer eisiger Wintertag,
+lauer süchtiger Frühlingswind, sie wehen nur über die Oberfläche, -- keine
+Jahreszeit, keine äußere Veränderung kann ihr etwas anhaben,
+ununterbrochen ringt sie nach Gestaltung, nach immer deutlicherem
+Sichtbarwerden, nach bleibendem Zurformgerinnen.
+
+Leonhard fühlt es wie einen unabwälzbaren Felsblock innerer Überzeugung
+auf sich lasten, daß es ihr eines Tages gelingen muß, wenn er es sich auch
+nicht ausdenken kann, auf welche Weise es geschehen mag.
+
+Nur aus dem eigenen Herzen kann ihm noch Hilfe kommen, denn die Außenwelt
+ist mit ihr im Bündnis, begreift er. Aber die einst von seinem Vater in
+ihn gepflanzte Saat scheint verwelkt, der kurze Augenblick des Erlöstseins
+und des Friedens von damals will nicht wiederkehren; so sehr er sich auch
+abmüht, sie in sich zu erwecken, er kann nur die schalen Eindrücke
+heraufbeschwören, die wie künstliche Blumen sind, ohne Duft, mit Stengeln
+aus häßlichem Draht.
+
+Er sucht ihnen Leben einzuhauchen, indem er die Bücher liest, die das
+geistige Band schlingen zwischen ihm und seinem Vater, doch sie rufen
+keinen Widerhall hervor in ihm, bleiben ein Labyrinth von Begriffen.
+
+Fremdartige Dinge geraten in seine Hände, wie er mit dem steinalten
+Gärtner zusammen unter dem Wust von Folianten gräbt: Pergamente in
+Chifferschrift, Bilder, die einen Bock darstellen mit goldenem bärtigen
+Männergesicht Teufelshörner an den Schläfen, und Ritter in weißen Mänteln,
+die Hände zum Gebet gefaltet, davor, mit Kreuzen auf der Brust, die nicht
+aus Balken gefügt sind, sondern aus vier in den Knien rechtwinkelig
+gebeugten, laufenden Menschenbeinen: -- das Satanskreuz der Templer, wie
+ihm der Gärtner widerstrebend sagt, -- dann ein kleines verblaßtes Porträt
+einer altmodisch gekleideten Matrone, nach dem in bunten Glasperlen
+gestickten Namen, der darunter steht: seine Großmutter -- mit zwei Kindern
+auf dem Schoß, einem Knaben und einem Mädchen, deren Züge ihm seltsam
+bekannt vorkamen, so daß er lange den Blick von ihnen nicht wenden kann
+und die dunkle Ahnung in ihm aufsteigt, es müssen seine Eltern sein,
+trotzdem es offenbar Geschwister sind.
+
+Die plötzliche Unruhe im Gesicht des Alten, die Scheu, mit der er seinen
+Augen ausweicht, hartnäckig alle Fragen, wer die beiden Kinder sein mögen,
+überhört, bestärken in ihm den Verdacht, daß er einem Geheimnis auf der
+Spur ist, das ihn betrifft.
+
+Ein Bündel vergilbter Briefe scheint zu dem Bild zu gehören, denn es liegt
+in derselben Schatulle; Leonhard nimmt es zu sich, beschließt, es noch
+heute zu lesen. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Es ist die erste Nacht seit langem, die er allein und ohne Sabine
+verbringt, -- sie fühlt sich zu schwach bei ihm zu sein, klagt über
+Schmerzen.
+
+Er geht im Sterbezimmer seines Vaters auf und nieder, die Briefe liegen
+auf dem Tisch, er will sie zu lesen beginnen, verschiebt es wie unter
+einem Zwang immer wieder.
+
+Eine neue unbestimmte Furcht, als stehe jemand Unsichtbarer hinter ihm und
+halte einen Dolch gezückt, drosselt ihn; er weiß: diesmal ist es nicht die
+spukhafte Nähe seiner Mutter, die ihm den Angstschweiß aus allen Poren
+treibt, -- es sind die Schatten einer fernen Vergangenheit, die an die
+Briefe gebunden sind und darauf lauern, ihn in ihr Reich hinabzuziehen.
+
+Er tritt ans Fenster, sieht hinaus: ringsum atemlose Totenstille, zwei
+große Sterne stehen dicht beisammen am südlichen Himmel, ihr Anblick ist
+ihm sonderbar fremd, wühlt ihn auf, er weiß nicht warum, -- erweckt das
+Vorgefühl, daß etwas Riesenhaftes hereinbrechen will; wie zwei leuchtende
+Fingerspitzen ist es auf ihn gerichtet.
+
+Er wendet sich zurück ins Zimmer, die Flammen der beiden Kerzen auf dem
+Tisch warten regungslos gleich drohenden Boten aus dem Jenseits; es ist,
+als komme ihr Schein von weither -- von einem Ort, wohin keines
+Sterblichen Hand sie stellen kann; unmerklich schleicht sich die Stunde
+heran, leise, wie Asche fällt, wandern die Zeiger der Uhr.
+
+Leonhard glaubt einen Schrei unten im Schloß zu hören; er horcht: alles
+liegt stumm.
+
+Er liest die Briefe: das Leben seines Vaters entrollt sich vor ihm, der
+Kampf eines unbändigen Geistes, der sich bäumt gegen alles, was Gesetz
+heißt; ein Titan reckt sich vor ihm auf, der keine Ähnlichkeit hat mit dem
+gebrochenen Greis, den er als seinen Vater kennt, die Gestalt eines
+Menschen, der über Leichen geht, wenn es sein muß, und sich laut rühmt
+gleich all seinen Ahnen ein geweihter Ritter der echten Templer zu sein,
+die den Satan zum Schöpfer der Welt erheben und schon das Wort »Gnade« als
+unauslöschlichen Schimpf empfinden. Tagebuchblätter sind dazwischen, die
+die Qual einer verdurstenden Seele schildern und die Ohnmacht eines
+Geistes mit von den Mottenschwärmen des Alltags zerfressenen Schwingen
+andeuten: umzukehren auf einem Pfad, der hinabführt in Dunkelheit von
+Abgrund zu Abgrund, in Wahnsinn enden muß und jegliches »zurück«
+vereitelt.
+
+Wie ein roter Faden zieht sich der stetig wiederkehrende Hinweis durch
+alles, daß es ein ganzes Geschlecht ist, das hier seit Jahrhunderten von
+Verbrechen zu Verbrechen gepeitscht wird, -- vom Vater auf den Sohn das
+finstere Vermächtnis vererbt, nicht zur innern Ruhe gelangen zu können, da
+jedesmal ein Weib, sei es als Gattin, Mutter oder Tochter, bald als Opfer
+einer Blutschuld, bald als Urheberin selbst, den Weg zum geistigen Frieden
+durchkreuzt; -- aber immer wieder leuchtet nach Stellen tiefster
+Verzweiflung wie ein unbesiegbarer Stern die Hoffnung auf: und doch und
+doch kommt einer aus unserem Stamm, der aufrecht stehenbleibt, dem Fluch
+ein Ende bereitet und die »Krone des Meisters« erringt.
+
+Mit jagenden Pulsen überfliegt Leonhard Episoden voll glühender
+Leidenschaft seines Vaters zur -- eigenen Schwester, die ihm enthüllen,
+daß er selbst die Frucht jener Verbindung ist, und nicht nur er: -- auch
+Sabine!
+
+Jetzt wird ihm klar, warum Sabine nicht weiß, wer ihre Eltern sind, -- daß
+kein Zeichen ihre wahre Herkunft verrät. Er sieht die Vergangenheit
+lebendig werden und versteht: sein Vater selber ist es, der schützend vor
+ihn die Arme breitet, indem er Sabine als Bauernmädchen -- als Leibeigene
+niedersten Ranges -- erziehen läßt, damit sie beide, Sohn und Tochter, --
+für immer frei bleiben sollen vom Bewußtsein der Schuld an einer
+Blutschande selbst für den Fall, daß der Fluch der Eltern bei ihnen
+wiederkehre und sie zusammenführt als Mann und Weib.
+
+Wort für Wort geht es aus einem angsterfüllten Brief seines Vaters, der
+fern in einer fremden Stadt daniederliegt, an die Mutter hervor, in dem er
+sie beschwört, nichts zu unterlassen, um künftiger Entdeckung vorzubeugen,
+und auch den Brief sofort zu verbrennen.
+
+Erschüttert wendet Leonhard die Augen ab; wie ein Magnet zieht es ihn
+weiter zu lesen, -- er ahnt, daß da noch Dinge stehen, die dem Geschehnis
+in der Kapelle auf ein Haar ähnlich sehen, ihn an die äußerste Grenze des
+Entsetzens treiben müssen, wenn er sie erfährt, -- mit einem Schlage,
+schreckhaft deutlich, wie wenn der Blitz die Finsternis zerreißt, wird ihm
+die tückische Kampfesweise einer riesenhaften dämonischen Macht offenbar,
+dahinter der Maske blinden unbarmherzigen Schicksals verborgen, sein Leben
+planmäßig zerquetschen will: ein vergifteter Pfeil nach dem andern soll
+aus unsichtbarem Versteck sein Inneres treffen, bis er unrettbar
+dahinsiecht, die letzten Fasern von Selbstvertrauen seiner Seele verdorren
+und er dem gleichen Schicksal wie seine Vorfahren anheimfällt: ohnmächtig
+und wehrlos zusammenzubrechen; -- etwas Tigerhaftes schnellt plötzlich in
+ihm auf, er hält den Brief in die Flammen der Kerze, bis der letzte
+glimmende Zunder seine Finger versengt, -- ein wilder unversöhnlicher
+Grimm gegen das satanische Ungeheuer, in dessen Hände das Wohl und Wehe
+der Wesen gelegt ist, verbrennt ihn bis ins Mark, er hört den
+tausendfachen Racheschrei vergangener, unter den Fängen des Schicksals
+jammervoll verendeter Geschlechter in seinen Ohren gellen, jeder Nerv in
+ihm wird zur geballten Faust -- seine Seele ist ein einziges
+Waffengeklirr.
+
+Er fühlt, daß er etwas Unerhörtes, Himmel und Erde Erschütterndes
+vollbringen muß, daß das unabsehbare Heer der Toten hinter ihm steht, mit
+Myriaden Augen auf ihn starrt, nur eines Winkes seiner Hand gewärtig:
+hinter ihm, dem Lebenden, dem einzigen, der sie in die Schlacht führen
+kann -- drein sich auf den gemeinsamen Feind zu stürzen.
+
+Taumelnd unter dem Anprall eines Meeres von Kraft, das auf ihn einstürmt,
+steht er auf, blickt um sich: was, was, was soll er zuerst tun: Feuer an
+das Haus legen, sich selbst zerfleischen, mit einem Messer in der Hand
+hinunterlaufen und alles niedermachen, was ihm zu Gesicht kommt?
+
+Eines dünkt ihm zwergenhafter als das andere; das Bewußtsein der eigenen
+Winzigkeit rüttelt an ihm, er bäumt sich dagegen in jugendlichem Trotz,
+fühlt ein spöttisches Grinsen ringsum im Raum, das ihn wieder
+aufstachelte.
+
+Er versuchts mit Besonnenheit, lügt sich hinein in die Gebärde des alles
+erwägenden Feldherrn, geht zu der Truhe neben dem Schlafzimmer, füllt
+seine Taschen mit Gold und Juwelen, nimmt Mantel und Hut, schreitet stolz
+ohne Abschied hinaus in den nächtlichen Nebel, die Brust voll verworrener
+kindischer Pläne: ohne Ziel durch die Welt zu wandern und dem Herrn des
+Schicksals ins Antlitz zu schlagen.
+
+Das Schloß verschwindet im weißlich schillernden Dunst hinter ihm. Er will
+der Kapelle ausweichen, muß dennoch an ihr vorbei, der Bannkreis seiner
+Geschlechter läßt ihn nicht entrinnen, -- -- er ahnt es, fühlt es, zwingt
+sich, immerwährend geradeaus zu gehen, stundenlang, aber die Schemen der
+Erinnerung halten gleichen Schritt mit ihm. Schwarzes Gebüsch reckt sich
+hier und dort, gleicht der mörderischen aufklaffenden Falltür; die Unruhe
+um Sabine quält ihn; er weiß, es ist das erdwärtsziehende fluchbringende
+Blut der Mutter in seinen Adern, das ihm die Flugkraft hemmen will, mehr
+und mehr das junge Feuer seiner Begeisterung mit grauer nüchterner Asche
+verschüttet, -- er wehrt sich dagegen mit aller Kraft, tappt sich
+vorwärts von Baum zu Baum, bis er in der Ferne ein Licht erblickt, das in
+Mannshöhe über dem Boden schwebt. Er eilt darauf zu, verliert es aus den
+Augen, sieht es wieder aus dem Nebel blinken, näher und näher, ein
+lockender irrlichternder Schein; ein Weg lenkt seine Füße, windet sich
+nach links und rechts.
+
+Ein leises kaum vernehmbares rätselhaftes Schreien zittert durch die
+Dunkelheit.
+
+Dann wuchten hohe schwarze Mauern mitten drin in der Nacht, ein hohes
+offenes Tor und Leonhard erkennt -- das eigene Haus:
+
+Eine Wanderung durch den Nebel im Kreis umher.
+
+Willenlos und gebrochen tritt er ein, drückt auf die Klinke zu Sabines
+Zimmer, da packt es ihn plötzlich eiskalt wie tödliche unbegreifliche
+Gewißheit, daß da drinnen seine Mutter steht, leibhaftig, von Fleisch und
+Bein, ein lebendig gewordener Leichnam, und auf ihn wartet.
+
+Er will umkehren, zurückfliehen in die Finsternis, er kann nicht: eine
+unwiderstehliche Macht zwingt ihn die Türe aufzustoßen.
+
+Auf dem Bette liegt Sabine, verblutet, mit geschlossenen Lidern, weiß wie
+das Linnen, und vor ihr nackt ein neugeborenes Kind, ein Mädchen, mit
+faltigem Gesicht, leerem, unruhigem Blick, auf der Stirne ein rotes Mal:
+-- Zug um Zug das grauenhafte Ebenbild der Erschlagenen aus der Kapelle.
+-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Meister Leonhard sieht einen Mann hinjagen über die Erde mit von Dornen
+zerfetzten Kleidern: sich selbst, wie ihn grenzenloses Entsetzen, des
+Schicksals ureigene Faust, fortpeitscht von Haus und Hof, -- nicht mehr
+der selbstgefällige Wunsch, Großes zu vollbringen. --
+
+Die Hand der Zeit baut Stadt hinter Stadt hinein in seinen Geist, düstere
+und helle, große, kleine, freche und furchtsame, ohne Wahl, zerbröckelt
+sie wieder, malt Flüsse hin wie gleißende silberne Schlangen, graue
+Einöden, ein Harlekinkleid aus Äckern und Feldern gewürfelt braun, violett
+und grün, Landstraßen voll Staub, spitzige Pappeln, dunstige Wiesen,
+weidendes Vieh und wedelnde Hunde, Heilande an Kreuzwegen, weiße
+Meilensteine, Menschen, junge und alte, Regenschauer, Tropfenglitzern,
+goldene Froschaugen in Grabenpfützen, Hufeisen mit rostigen Nägeln,
+einbeinige Störche, Zäune aus splittriger Rinde, gelbe Blumen, Friedhöfe
+und wattige Wolken, Höhendampf und Essenlohe: sie kommen und gehen wie
+Nacht und Tag, sinken hinab in Vergessenheit und sind wieder da wie
+versteckenspielende Kinder, wenn ein Duft, ein Schall, ein leises Wort sie
+ruft.
+
+Länder, Burgen und Schlösser wandern an Leonhard vorüber, nehmen ihn auf,
+man kennt den Namen seines Geschlechtes, kommt ihm mit Freundschaft und
+Feindschaft entgegen.
+
+Er spricht mit dem Volk in den Dörfern, mit Landstreichern, Gelehrten,
+Krämern, Soldaten und Priestern, das Blut seiner Mutter kämpft in ihm mit
+dem Blut seines Vaters: -- was ihn heute mit staunendem Grübeln erfüllt
+und wie aus tausend Scherben zerbrochenen Glases einen Pfauenschweif von
+bunten Farben spiegelt, scheint ihm morgen blind und grau, je nachdem
+Mutter oder Vater den Sieg erringen, -- dann wieder brüten die langen
+furchtbaren Stunden, wo die beiden Lebensströme sich vermischen und er
+sein altes Ich wieder anhat, die Schrecknisse der Erinnerung aus, und er
+setzt blind, stumm und taub Schritt vor Schritt, umhüllt von den Schwaden
+der Vergangenheit, -- sieht zwischen Augapfel und Lid das Greisengesicht
+des kleinen Kindes, die leblosen lauernden Kerzenflammen, die beiden
+Sterne, die dicht beisammen am Himmel stehen, den Brief, das mürrische
+Schloß mit den zermürbenden Qualen, die tote Sabine und ihre schneeweißen
+Leichenhände, hört das Lallen seines sterbenden Vaters, das Rauschen des
+seidenen Kleides, das Krachen des berstenden Schädels.
+
+Dann faßt es ihn zuweilen an wie Furcht, abermals im Kreis zu gehen, --
+jeder Wald in der Ferne droht sich in den bekannten Park zu formen, jede
+Mauer: das eigene Haus zu werden, die Gesichter, die ihm entgegenkommen,
+wollen den Mägden und Dienern seiner Jugend ähnlicher und ähnlicher sein;
+-- er flüchtet sich in Kirchen, nächtet im Freien, zieht hinter plärrenden
+Prozessionen her, betrinkt sich in Schenken mit Dirnen und Strolchen, um
+sich vor den spähenden Augen des Schicksals zu verbergen, daß es ihn nicht
+wiederum fange. Er will Mönch werden: der Abt des Klosters entsetzt sich,
+als er seine Beichte hört und den Namen seines Stammes erfährt, auf dem
+der Bannfluch der alten Tempelritter lastet; er stürzt sich kopfüber ins
+brausende Leben, es speit ihn wieder aus; er sucht den Teufel: das Böse
+ist allgegenwärtig, dennoch kann er den Urheber nicht finden; er sucht ihn
+im eigenen Selbst, und schon ist dieses Selbst nicht mehr vorhanden, -- er
+weiß: es _muß_ da sein, er fühlt es doch jede Sekunde, trotzdem ist es
+augenblicklich fort, sowie er es sucht, ist jeden Tag ein anderes, ein
+Regenbogen, der auf der Erde steht und beständig zurückweicht, in der Luft
+zerfließt, wenn er danach greifen will.
+
+Wohin er blickt, hinter allem sieht er verborgen das Kreuz des Satans aus
+vier laufenden Menschenbeinen gebildet: überall ein sinnloses Zeugen und
+Gebären, ein sinnloses Wachsen, ein sinnloses Sterben; er fühlt, daß der
+Schoß, aus dem das Leiden entspringt, dieses ewig sich drehende Windrad
+ist, aber die Achse, um die es kreist, bleibt ihm unfaßbar wie ein
+mathematischer Punkt.
+
+Ein Bettelmönch zieht des Weges, er schließt sich ihm an, betet, fastet,
+kasteit sich wie er, die Jahre fallen wie die Perlen eines Rosenkranzes:
+nichts ändert sich, nicht innerlich, nicht äußerlich, nur die Sonne
+scheint trüber.
+
+Wie früher wird den Armen das Letzte genommen und den Reichen wird doppelt
+gegeben; je inbrünstiger er fleht um »Brot«: um so härter die Steine, die
+der Tag ihm reicht, -- die Himmel bleiben hart wie blauer Stahl.
+
+Der alte unbändige Haß gegen den heimlichen Feind der Menschen, der die
+Geschicke verhängt, bricht wieder auf in ihm.
+
+Er hört den Mönch predigen von Gerechtigkeit und den Höllenqualen der ewig
+Verdammten: es klingt ihm wie teuflischer Hahnenschrei, -- er hört ihn
+eifern gegen den verruchten Templerorden, der auf Scheiterhaufen
+tausendmal verbrannt, immer wieder sein Haupt erhebe, nicht sterben könne
+und im geheimen, über die ganze Erde verbreitet, unvertilgbar weiter
+bestehe.
+
+Es ist das erstemal, daß er Genaueres über den Glauben der Templer
+erfährt: -- daß sie zwei Götter haben, einen obern, der fern von den
+Wesen steht, und einen untern: den Satan, der stündlich die Welt neu
+erschafft und sie mit Greueln erfüllt, gräßlicher von Tag zu Tag, bis sie
+endlich völlig im eigenen Blute erstickt, -- daß über diesen beiden
+Göttern ein dritter stehe -- der Baphomet, -- ein Götzenbild mit goldnem
+Kopf und drei Gesichtern.
+
+Die Worte sengen sich in ihn ein, als sei es der Mund des Feuers selbst,
+der sie ausspricht.
+
+Er kann nicht in die Tiefen dringen, über denen sich ihr Sinn ausspannt
+wie ein schwankender Teppich aus Sumpfmoos, aber er fühlt mit
+unabweisbarer Gewißheit, daß _dieser_ Weg für ihn der einzige ist, auf dem
+er sich selbst entrinnen kann: der Orden der Templer reckt den Arm nach
+ihm -- die Erbschaft der Vorfahren, der kein Mensch entgehen kann.
+
+Er verläßt den Mönch.
+
+Wieder sind die Scharen der Toten rings um ihn, rufen ihm einen Namen zu,
+bis seine Lippen ihn wiederholen und er ihn allmählich -- Silbe für Silbe
+-- versteht, wie sein Mund ihn ausspricht, -- es ist, als wachse er gleich
+einem Baum Zweig um Zweig aus seinem Herzen hervor, -- ein Name, ihm
+vollkommen fremd und doch mit seinem ganzen Dasein verwachsen, ein Name
+mit Purpur und Krone, den er beständig vor sich hinflüstern muß, nicht
+mehr loswerden kann, dessen Rhythmus Ja--cob--de--Vi--tri--a--co er im
+Takt empfindet, wie seine Füße beim Gehen den Boden berühren.
+
+Nach und nach wird ihm der Name ein gespenstischer Führer, der vor ihm
+hergeht, heute als sagenhafter Hochmeister der Ritter vom Tempel, morgen
+als gestaltlose innere Stimme.
+
+Wie ein in die Luft geworfener Stein seine Bahn ändert und mit wachsender
+Schnelle zur Erde strebt, bedeutet der Name für Leonhard plötzlich einen
+Wendepunkt in seinen Wünschen und ein übermächtiger unerklärlicher Trieb,
+nichts mehr zu wollen, als den Träger dieses Namens zu finden, verschlingt
+nach und nach sein ganzes Sinnen und Trachten.
+
+Manchmal will er schwören, daß der Name ihm vollkommen neu ist, dann
+wieder erinnert er sich scharf, daß er in einem Buch seines Vaters steht
+an der und der Stelle als Oberhaupt des Ordens verzeichnet; vergeblich
+sagt er sich vor, daß es zwecklos ist, nach diesem Hochmeister Vitriaco
+auf Erden zu forschen, daß er einem vergangenen Jahrhundert angehört und
+seine Gebeine längst im Grabe modern müssen; aber der Verstand hat keine
+Macht mehr über den Durst des Suchens: das Radkreuz mit den vier laufenden
+Beinen rollt vor ihm her, unsichtbar, zieht ihn hinter sich drein.
+
+Er forscht in den Adelsarchiven der Ratstuben, fragt Wappenkundige:
+niemand, der den Namen kennt.
+
+Er stößt endlich in einer Klosterbibliothek auf das gleiche Buch wie das
+seines Vaters, liest das Buch durch Seite für Seite, Zeile für Zeile: der
+Name Vitriaco steht nicht darin.
+
+Er zweifelt an seinem Gedächtnis, seine ganze Vergangenheit scheint zu
+wanken; aber der Name Vitriaco bleibt als einziger fester Punkt,
+unverrückbar wie ein Felsblock.
+
+Er beschließt, sich ihn für alle Zeiten aus dem Hirn zu reißen, setzt sich
+heute eine bestimmte Stadt als nächstes Ziel: schon morgen ist's ein
+ferner undeutlicher Ruf irgendwoher, der wie Vi--tri--a--co klingt, und
+eine andere Straße führt ihn weit ab vom Wege, -- ein Kirchturm am
+Horizont, der Schatten eines Baumes, der deutende Arm eines Meilenzeigers:
+alles wird, so sehr er sich auch zum Zweifel zwingt, zum weisenden Finger,
+daß er dem Orte nahe sei, wo der geheimnisvolle Hochmeister Vitriaco lebt
+und seine Schritte lenkt.
+
+In einer Herberge trifft er einen fahrenden Quacksalber und eine vage
+Hoffnung narrt ihn, es könne vielleicht der sein, den er sucht, aber der
+Quacksalber nennt sich -- Doktor Schrepfer. Er ist ein Mann mit kleinen
+blanken Marderzähnen, dunkler Gesichtsfarbe und listigen Augen, und es
+gibt nichts auf Erden, das er nicht weiß, keinen Ort, den er nicht kennt,
+keinen Gedanken, den er nicht errät, kein Herz, in dessen Abgründe er
+nicht schaut, keine Krankheit, die er nicht heilt, keine Zunge, die nicht
+schwätzt, wenn er will, keinen Pfennig, der vor ihm sicher ist; -- die
+Mädchen drängen sich, daß er ihnen wahrsage aus Hand und Karten; die Leute
+verstummen, als er ihnen ihre Vergangenheit zuraunt, schleichen scheu
+davon.
+
+Leonhard bleibt die ganze Nacht mit ihm beisammen und zecht; im Rausch
+übermannt ihn bisweilen ein Grausen, daß es kein Mensch ist, der da vor
+ihm sitzt. Oft verschwinden seine Züge -- er sieht nur die weißen Zähne
+blitzen, hinter denen Worte hervorkommen, halb Echo dessen, was er selber
+spricht, halb Antworten auf kaum gedachte Fragen.
+
+Als lese der Mann in seinem Gehirn die innersten Wünsche: stets bringt er
+auch das gleichgültigste Gespräch zum Schluß auf die Templer. Leonhard
+will ihn aushorchen, ob ihm ein gewisser Vitriaco bekannt ist -- aber
+jedesmal, im letzten Moment, wenn es fast schon zu spät ist, warnt ihn ein
+tiefes Mißtrauen und er beißt den Namen entzwei.
+
+Sie reisen zusammen weiter, wohin der Zufall sie führt, von einem
+Jahrmarkt zum andern.
+
+Der Doktor Schrepfer frißt Feuer, schluckt Schwerter, verwandelt Wasser in
+Wein, sticht sich Dolche durch Wange und Zunge, ohne daß es blutet, heilt
+Besessene, bespricht Wunden, zitiert Gespenster, verhext Mensch und Vieh.
+
+Täglich hat Leonhard vor Augen, daß der Mann ein Betrüger ist, weder
+lesen noch schreiben kann und dennoch Wunder vollbringt: Lahme werfen die
+Krücken fort und tanzen, kreißende Weiber gebären, sobald er die Hände auf
+sie legt, die Krämpfe der Epileptischen hören auf, Ratten laufen in Rudeln
+aus den Häusern und stürzen sich ins Wasser -- er kann sich nicht von ihm
+losmachen, steht unter seinem Bann und dünkt sich frei.
+
+Kaum will die Hoffnung sterben, daß er durch ihn den Hochmeister Vitriaco
+jemals finden wird, lodert sie in der nächsten Minute hell wieder auf,
+durch irgendein doppelsinniges Wort geschürt, und schlägt ihn von neuem in
+Fesseln.
+
+Alles, was der Gaukler spricht und tut, hat ein zwiefältiges Gesicht: er
+prellt die Menschen und hilft ihnen damit; er lügt, und seine Reden bergen
+die höchste Wahrheit; er spricht die Wahrheit, und die Lüge grinst hervor;
+er phantasiert drauf los: seine Worte werden Prophezeiung; er weissagt aus
+den Sternbildern: es trifft ein, trotzdem er keine Ahnung hat von
+Astrologie; er braut Arzneien aus harmlosen Kräutern: sie wirken wie
+Zauber; er lacht über die Leichtgläubigen und ist selber abergläubisch
+wie ein altes Weib; er verhöhnt das Kruzifix und schlägt das Kreuz, wenn
+eine Katze über den Weg läuft; stellt man ihm Fragen, erwidert er frech
+mit den gleichen Worten, die die Wißbegierigen noch im selben Atem
+gebrauchen, und sie formen sich in seinem Munde zu Antworten, die den
+Nagel auf den Kopf treffen.
+
+Mit Staunen sieht Leonhard eine wundersame Kraft sich in diesem
+wertlosesten irdischen Werkzeuge offenbaren; allmählich ahnt er den
+Schlüssel zu dem Rätsel: erblickt er in ihm nur den Schwindler, so kraust
+sich alles, was er von ihm erfährt, zu Unsinn und Hirngespinst, wendet er
+sich aber an die unsichtbare Macht, die sich in dem Doktor Schrepfer
+spiegelt wie die Sonne in einer Pfütze, sofort wird der Quacksalber zu
+ihrem Sprachrohr und die Quellen lebendiger Wahrheit brechen auf.
+
+Er wagt den Versuch, überwindet sein Mißtrauen, frägt den Mann ohne ihn
+anzusehen -- wie in die violetten und purpurnen Wolken des Abendhimmels
+hinein, ob er den Namen kennt: Jacob de -- --.
+
+»-- Vitriaco«, ergänzt der andere schnell, bleibt stehen wie in
+Verzückung, verneigt sich tief gegen Westen, setzt eine feierliche Miene
+auf und erzählt im bebenden Flüsterton, daß endlich die Stunde der
+Erweckung gekommen ist, daß er selber ein Templer des dienenden Grades
+sei, berufen, Suchende auf den geheimnisvoll verschlungenen Pfaden des
+Lebens zum Meister zu führen. Schildert in einem Schwall von Worten die
+Herrlichkeit, die des Erwählten wartet, den Glanz, der das Angesicht der
+Brüder umgibt und sie freimacht von Reue jeglicher Art, von Blutschuld,
+Sünde und Qual und zu Janusköpfen, die in zwei Welten hineinblicken von
+Ewigkeit zu Ewigkeit, unsterbliche Zeugen des Diesseits und Jenseits, --
+dem Netze der Zeitlichkeit für immer entronnene riesige Menschenfische im
+Ozean des Daseins, unsterblich hier und dort.
+
+Dann deutet er ekstatisch auf den dunkelblauen Saum einer Hügelkette am
+Horizont: daß dort drinnen tief in der Erde inmitten ragender Säulen das
+Heiligtum des Ordens errichtet stehe aus Druidensteinen getürmt, wo
+alljährlich ein einziges Mal im Dunkel der Nacht sich die Jünger des
+Baphometkreuzes versammeln -- die Auserkorenen des unteren Gottes, der die
+Wesen regiert, die Schwachen zertritt und die Starken zur Sohnschaft
+erhebt. Nur wer ein wahrhaftiger Ritter sei, ein Frevler vom Haupt bis zur
+Ferse, getauft in den Flammen des geistigen Aufruhrs, und keiner der
+Winsler, die stündlich zurückbeben vor dem Popanz der Todsünde und sich
+ohne Unterlaß kastrieren am heiligen Geist, der doch auch ihr eigenstes
+Ich sei, könne der Aussöhnung mit dem Satan, dem einzigen Gegürteten unter
+den Göttern, teilhaftig werden, ohne die es nimmermehr eine Heilung des
+Zwiespaltes gebe zwischen Wunsch und Geschick.
+
+Leonhard hört der schwülstigen Rede zu mit fadem Geschmack auf der Zunge;
+Ekelhaftes geht von der verlogenen Phantastik aus: daß da mitten in einem
+Walde deutschen Landes ein verborgener Tempel stehen soll, -- aber der
+fanatische Ton, der in den Worten schwingt, dröhnt wie Orgelbrausen sein
+Denken nieder, er läßt mit sich geschehen, was der Doktor Schrepfer
+befiehlt, zieht die Schuhe aus, sie zünden ein Feuer an, Funken spritzen
+hinein in die Finsternis der Sommernacht, er trinkt aus einem Napf den
+scheußlichen Trank, den ihm jener aus Kräutern braut, damit er -- rein
+werde.
+
+»Lucifer, der du Unrecht leidest, ich grüße dich!« soll er sich einprägen
+als Erkennungszeichen. Er hört den Satz; die Silben stehen seltsam
+getrennt wie steinerne Pfeiler umher, manche weit weg, wieder welche dicht
+vor seinem Ohr, sind für ihn nicht mehr Laute, schießen zu Säulen auf,
+bilden Gänge, -- so selbstverständlich, wie sich in Halbträumen Dinge
+ineinander verwandeln können und Großes in Kleines schlüpft.
+
+Der Quacksalber faßt ihn an der Hand, sie wandern, lang lang, wie es
+scheint; Leonhard brennen die nackten Sohlen. Er fühlt Ackerschollen unter
+den Füßen.
+
+Bodenerhebungen quellen in der Dunkelheit zu lockern Gebilden.
+
+Augenblicke nüchternen Zweifels wechseln mit unerschütterlicher
+Zuversicht, -- das feste Vertrauen, daß irgend etwas Wahres, wie stets
+bisher, hinter den Versprechungen seines Führers wartet, gewinnt die
+Oberhand.
+
+Dann kommen seltsam erregende Momente, wo er durch Stolpern über Steine
+ruckweise erwacht und erkennt, daß sein Körper in tiefem Schlaf
+dahinwandert; gleich darauf vergißt er sein Aufschrecken wieder, leere
+Zeiträume von unendlicher Dauer schieben sich dazwischen, drängen seinen
+Argwohn aus der Gegenwart ab in scheinbar längst vergangenen Epochen.
+
+Der Weg senkt sich.
+
+Breite, hallende Stufen eilen in die Tiefe.
+
+Dann tastet sich Leonhard kalte glatte Marmorwände entlang; -- er ist
+allein, will sich umsehen nach seinem Begleiter -- -- da rauben ihm
+Posaunenstöße dröhnend wie der Ruf zur Auferstehung fast die Besinnung,
+die Knochen vibrieren in seinem Leib, vor den Augen reißt die Nacht
+entzwei: der Sturm der Fanfaren wird grelles Licht -- er steht in einem
+weißen Kuppelbau.
+
+Mitten im Raum dicht vor ihm schwebt frei -- ein goldner Kopf mit drei
+Gesichtern; das eine gegenüber, in das er flüchtig blickt, deucht ihm sein
+eigenes, nur jung, der Ausdruck des Todes ist darin und dennoch strahlt
+aus dem Schein des Metalls, der die Züge halb verblendet, der Einfluß
+unzerstörbaren Lebens; es ist nicht die Larve seiner Jugend, die Leonhard
+sucht, er will die beiden andern Gesichter sehen, die in die Dunkelheit
+schauen und das Geheimnis ihrer Miene erkennen, aber immer wenden sie sich
+von ihm ab: der goldene Kopf dreht sich, wenn er ihn zu umschreiten
+versucht, hält ihm stets dasselbe Antlitz entgegen.
+
+Leonhard späht umher nach dem Zauber, der das Kopfwesen in Bewegung setzt,
+da sieht er plötzlich die Wand im Hintergrund durchscheinend wie öliges
+Glas, und jenseits steht, die Arme ausgebreitet, in zerlumptem Gewand,
+bucklig, einen Schlapphut tief über die Augen, regungslos wie der Tod, auf
+einem Hügel aus Leichengebein, daraus spärliche grüne Halme sprießen, --
+-- -- der Herr der Welt.
+
+Die Posaunen verstummen.
+
+Das Licht erstirbt.
+
+Der goldene Kopf verschwindet.
+
+Nur der fahle Schein der Verwesung, der die Gestalt umgibt, bleibt
+bestehen.
+
+Leonhard fühlt, wie Starrheit über seinen Körper kriecht, ihm Glied für
+Glied lähmt, sein Blut stocken macht, wie sein Herz langsamer und
+langsamer schlägt und endlich erlischt.
+
+Das einzige, mit dem er noch »ich« sagen kann, ist ein winziger Funke
+irgendwo in der Brust.
+
+Stunden sickern wie zögernd sich lösende Tropfen -- dehnen sich zu
+endlosen Jahren.
+
+Kaum merkbar gewinnt der Umriß der Gestalt Wirklichkeit: unter dem Anhauch
+dämmernden Morgengrau's schrumpfen langsam ihre Hände an den
+ausgebreiteten Armen zu Stümpfen aus morschem Holz, die Totenschädel
+räumen zaudernd runden staubigen Steinen den Platz.
+
+Mühsam richtet Leonhard sich auf; vor ihm reckt sich in drohender Haltung,
+mit Fetzen umhüllt, das Gesicht zerbrochene Scherben, eine -- bucklige --
+Vogelscheuche empor.
+
+Die Lippen brennen ihm im Fieber, seine Zunge ist wie verdorrt; neben ihm
+glimmt noch die Asche des Reisigfeuers unter dem Napf mit dem Rest des
+giftigen Trankes. Der Quacksalber ist fort, -- mit ihm die letzte
+Barschaft; Leonhard erfaßt es nur mit halbem Sinn: die Eindrücke des
+nächtlichen Erlebnisses wühlen zu tief durch ihre nagende Innerlichkeit;
+wohl ist die Vogelscheuche da nicht länger der Herr der Welt: aber der
+Herr der Welt ist selber nur mehr eine jämmerliche Vogelscheuche,
+schreckhaft bloß für die Furchtsamen, unerbittlich gegen die Flehenden,
+mit Tyrannenmacht bekleidet für die, die Sklaven sein wollen und sie mit
+dem Nimbus der Macht behängen, -- ein erbärmliches Zerrbild allen, die
+frei und stolz sind.
+
+Das Geheimnis des Doktor Schrepfer liegt plötzlich offenbar: die
+rätselhafte Kraft, die durch ihn wirkt, ist nicht sein eigen, steht auch
+nicht hinter ihm mit der Tarnkappe. Sie ist die magische Gewalt der
+Gläubigen, die an sich selbst nicht zu glauben vermögen, sie selber nicht
+zu gebrauchen wissen, sie auf einen Fetisch übertragen müssen, sei er
+Mensch, ein Gott, Pflanze, Tier oder Teufel, damit sie wie aus einem
+Brennspiegel wundertätig zurückstrahle, -- ist der Zauberstab des _wahren_
+Herrn der Welt, des innersten allgegenwärtigen, alles in sich
+verschlingenden Ichs, der Quelle, die nur geben und niemals nehmen kann
+ohne ein machtloses »Du« zu werden, das Ich, auf dessen Geheiß der Raum
+zerbrechen muß und die Zeit zum goldenen Gesicht ewiger Gegenwart
+erstarren, -- das königliche Zepter des Geistes, gegen das zu sündigen der
+einzige Frevel ist, der nicht vergeben werden kann -- ist die Macht, die
+kund wird durch den Lichtkreis magischer unzerstörbarer Gegenwart, alles
+in ihren Urgrund saugt.
+
+Götter und Wesen, Vergangenheit und Zukunft, Schatten und Dämonen
+verhauchen ihr scheinbares Leben darin. Sie ist die Macht, die keine
+Grenzen kennt und in dem am stärksten wirkt, der selbst der Größte ist,
+die immer innen ist und niemals außen -- alles, was außen bleibt, sofort
+zur Vogelscheuche macht.
+
+Die Verheißung des Quacksalbers von der Vergebung der Sünden erfüllt sich
+an Leonhard: kein Wort, das nicht Wahrheit wird; der Meister ist gefunden:
+Leonhard ist es selbst.
+
+Wie ein großer Fisch ein Loch in das Netz reißt und entrinnt, so ist er
+erlöst durch sich selbst von dem Vermächtnis des Fluches -- ein Erlöser
+denen, die ihm folgen wollen.
+
+Alles ist Sünde oder nichts ist Sünde, alle Ichs sind ein gemeinsames Ich,
+-- klar ist er sich dessen bewußt.
+
+Wo lebt die Frau, die nicht zugleich seine Schwester ist, welche irdische
+Liebe ist nicht zugleich Blutschande, welches weibliche Tier, und sei es
+das kleinste, darf er töten, ohne nicht Muttermord und Selbstmord zugleich
+zu begehen? Ist sein eigener Leib etwas anderes als eine Erbschaft von
+Myriaden von Tieren?
+
+Niemand ist da, der das Schicksal verhängt, als das eine große Ich, das
+sich als zahllose Ichbilder spiegelt; als große und kleine, klare und
+trübe, böse und gute, fröhliche, traurige und doch von Leid und Freude
+nicht berührt wird, in Vergangenheit und Zukunft als immerwährende
+Gegenwart bestehen bleibt -- gleich wie die Sonne nicht schmutzig und
+nicht runzlig wird, wenn auch ihr Spiegelbild in Pfützen oder sich
+kräuselnden Wellen schwimmt, und nicht in Vergangenheit hinabsteigt, nicht
+aus der Zukunft emportaucht, ob nun die Wasser versiegen oder neue aus
+Regen sich bilden: niemand ist da, der das Schicksal verhängt, als das
+große gemeinsame Ich -- die Ursache: die Sache, die der Urgrund ist.
+
+Wo bleibt da Raum für die Sünde? Der tückische unsichtbare Feind, der
+vergiftete Pfeile aus der Finsternis schießt, ist dahin; Dämonen und
+Götzen sind tot, -- verreckt wie Fledermäuse am Glanze des Lichts.
+
+Leonhard sieht seine tote Mutter auferstehen mit den ruhelosen Zügen,
+seinen Vater, seine Schwester und Gattin Sabine: sie sind nur mehr Bilder
+wie seine eigenen vielen Körper in Kindesgestalt, als Jüngling und Mann;
+ihr wahres Leben ist unvergänglich und ohne Form, so wie sein eigenes Ich.
+
+Er schleppt sich zu dem Weiher, den er in der Nähe erblickt, um seine
+brennende Haut zu kühlen; er empfindet die Schmerzen, die seine Eingeweide
+zerreißen, nicht mehr als die seinen, -- so, als seien sie die eines
+andern.
+
+Vor dem Morgenrot ewiger Gegenwart, die jedem Sterblichen so
+selbstverständlich dünkt wie das eigene Gesicht und doch so urfremd ist
+wie das eigene -- Gesicht, verbleichen alle Schemen, auch die der
+leiblichen Qual.
+
+Und wie er die weiche Krümmung der Ufer sinnend betrachtet und die kleinen
+mit Schilf bestandenen Inseln, überkommt ihn Erinnerung.
+
+Er sieht, daß er wieder daheim im Park seiner Jugend ist.
+
+Eine Wanderung durch die Nebel des Lebens im großen Kreise umher!
+
+Tiefe Zufriedenheit beruhigt sein Herz, Furcht und Grauen sind ausgetilgt,
+er ist versöhnt mit den Toten und den Lebenden und mit sich selbst.
+
+Das Geschick birgt fortan keine Schrecken für ihn, nicht in der
+Vergangenheit und nicht in der Zukunft.
+
+Der goldne Kopf der Zeit hat nur mehr ein einziges Gesicht: die Gegenwart
+als Gefühl nie endender seliger Ruhe kehrt ihm ihr ewig junges Antlitz zu;
+die beiden andern sind für immer abgewandt wie die dunkle Hälfte des
+Mondes von der Erde.
+
+Der Gedanke, daß alles, was sich bewegt, sich zum Kreise schließen muß,
+daß auch er ein Teil des großen Gesetzes ist, das die Weltenkörper rund
+macht und rund erhält, bekommt etwas unendlich Tröstliches für ihn; klar
+erfaßt er den Unterschied zwischen dem Satanszeichen mit den ruhelos
+laufenden vier Menschenbeinen und dem stillstehenden aufrechten Kreuz. --
+
+Ob seine Tochter wohl noch lebt? Sie muß eine alte Frau sein, kaum zwanzig
+Jahre jünger als er.
+
+Gelassen schreitet er dem Schlosse zu; der Kiesweg trägt ein buntes Fell
+aus Fallobst und wilden Blumen, die jungen Birken sind knorrige Riesen in
+hellen Mänteln, ein schwarzer Trümmerhaufen bedeckt, mit silbernen
+Unkrautdolden durchwachsen, die Kuppe des Hügels.
+
+Seltsam berührt wandert er in den sonnenheißen Schutthalden umher: eine
+alte wohlbekannte Welt hebt sich neu in Glanz verklärt aus der
+Vergangenheit, Bruchstücke, die er findet, da und dort unter verkohltem
+Gebälk, fügen sich zu einem Ganzen; ein verbogener bronzener Pendel
+zaubert die braune Uhr der Kinderjahre hinein in wiedergeborene Gegenwart,
+tausend Blutstropfen alter Qual werden leuchtende rote Sprenkel im
+Phönixgefieder des Lebens.
+
+Eine Schafherde, von lautlosen Hunden zu breitem grauen Viereck
+gescheucht, zieht die Wiesen hinunter; er frägt den Hirten nach den
+Bewohnern des Schlosses, der Mann murmelt etwas von verwunschener Gegend
+und einem alten Weib, der letzten Bewohnerin der Brandstätte, -- einer
+bösartigen Hexe mit einem Blutmal auf der Stirn wie Kain, die unten im
+Meiler wohnt, -- zieht eilig und mürrisch seines Weges.
+
+Leonhard betritt die Kapelle, die in einem Urwald versteckt liegt: die Tür
+hängt in den Angeln, nur noch der vergoldete Betstuhl steht
+schimmelumzogen darin, die Fenster trüb, Altar und Bilder vermodert, das
+Kreuz auf der erzenen Falltür von Grünspan zerfressen, braunes Moos quillt
+durch die Fugen.
+
+Er fährt mit dem Fuß darüber hin, da kommt aus einem Glanzstreifen des
+Metalls eine halberloschene Inschrift hervor: eine Jahreszahl und daneben
+die Worte:
+
+ »Erbaut von
+ Jakob de Vitriaco«.
+
+Die feinen Spinnenfäden, die die Dinge der Erde mitsammen verbinden,
+entwirren sich vor Leonhards Erkenntnis: der belanglose Name eines fremden
+Baumeisters, kaum eingeritzt in sein Gedächtnis, so und so oftmal in der
+Zeit der Jugend gelesen und so und so oftmal wieder vergessen -- sein
+alter unsichtbarer im Kreis der Wanderung als rufender Meister
+verkleideter Begleiter: er liegt vor seinen Füßen, zum gleichgültigen Wort
+geworden in derselben Stunde, wo seine Sendung zu Ende und die geheime
+Sehnsucht der Seele, heimzukehren zum Ausgangspunkt, erfüllt ist.
+-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Meister Leonhard sieht den Rest seines Lebens als Einsiedler inmitten der
+Wildnis des Daseins, er trägt ein härenes Kleid aus rauhen Decken, die er
+unter den Trümmern der Brandstätte findet, baut einen Herd aus rohen
+Ziegeln.
+
+Die Gestalten der Menschen, die sich bisweilen in die Nähe der Kapelle
+verirren, scheinen ihm wesenlos wie Schemen, werden erst lebendig, wenn er
+ihr Bild hineinzieht in den Zauberkreis seines Ichs und sie darin
+unsterblich macht.
+
+Die Formen des Daseins sind ihm dasselbe wie die wechselnden Gesichter der
+Wolken: mannigfaltig und doch im Grunde nichts als Wasserdampf. -- -- --
+-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Er hebt seinen Blick über die beschneiten Baumgipfel.
+
+Wieder wie damals in der Nacht der Geburt seiner Tochter stehen zwei große
+Sterne dicht beisammen am südlichen Himmel, starren auf ihn herab.
+
+Fackeln wimmeln durch den Wald.
+
+Sensen klirren.
+
+Wutverzerrte Gesichter schweben zwischen den Stämmen, halblaute Stimmen
+murren, das alte bucklige Weib aus dem Meiler steht wieder vor der
+Kapelle, fuchtelt mit hageren Armen, deutet auf die Teufelssilhouette im
+Schnee, winkt den abergläubischen Bauern, glotzt mit irren Augen wie mit
+zwei grünlichen Sternen unverwandt durch die Scheiben.
+
+Auf ihrer Stirne glüht ein rotes Muttermal.
+
+Meister Leonhard rührt sich nicht, er weiß, daß die da draußen ihn
+erschlagen kommen, weiß, daß der Teufelsschatten, der aus ihm herausfällt
+auf den Schnee und ein Nichts bedeutet und jeder Bewegung seiner Hand
+folgen muß, die Ursache der Wut der abergläubischen Menge ist, aber er
+weiß auch, daß der, den sie erschlagen wollen: sein Leib, nur ein
+Schatten ist, so wie sie nur Schatten sind -- wesenloser Schein im
+Scheinreich der rollenden Zeit, und daß auch die Schatten dem Gesetze des
+Kreises gehorchen.
+
+Er weiß, daß die Alte mit dem Blutmal seine Tochter ist, die die Züge
+seiner Mutter trägt, und von ihr das Ende kommt, damit sich der große
+Bogen schließe:
+
+Die Wanderung der Seele im Kreis durch die Nebel der Geburten zurück zum
+Tod.
+
+
+
+
+Das Grillenspiel
+
+
+»Nun?«, fragten die Herren wie aus einem Munde, als Professor Goclenius
+rascher als es sonst seine Gewohnheit war und mit auffallend verstörtem
+Gesicht eintrat, »nun, hat man Ihnen die Briefe ausgefolgt? -- Ist
+Johannes Skoper schon unterwegs nach Europa? -- Wie geht es ihm? Sind
+Sammlungen mit angekommen?« -- riefen alle durcheinander.
+
+»Nur das hier,« sagte der Professor ernst und legte ein Bündel Schriften
+und ein Fläschchen, in dem sich ein totes, weißliches Insekt in der Größe
+eines Hirschkäfers befand, auf den Tisch, »der chinesische Gesandte hat es
+mir selbst mit dem Bemerken übergeben, es sei heute auf dem Umweg über
+Dänemark angekommen.«
+
+»Ich fürchte, er hat schlimme Nachrichten über unsern Kollegen Skoper
+erfahren«, flüsterte ein bartloser Herr hinter der Hand seinem
+Tischnachbar zu, einem greisenhaften Gelehrten mit wallender Löwenmähne,
+der, -- wie er selbst, Präparator am naturwissenschaftlichen Museum, --
+die Brille auf die Stirn geschoben hatte und mit tiefstem Interesse das
+Insekt in der Flasche betrachtete.
+
+Es war ein seltsames Zimmer, in dem die Herren -- sechs an der Zahl und
+sämtlich Forscher auf dem Gebiet der Schmetterlings- und Käferkunde --
+saßen.
+
+Ein stumpfer Geruch nach Kampfer und Sandelholz verstärkte aufdringlich
+den Eindruck des fremdartig Totenhaften, das von den Igelfischen, die an
+Schnüren von der Decke herabhingen, -- glotzäugig, wie abgeschnittene
+Köpfe gespenstischer Zuschauer, -- von den weiß und rot grellbemalten
+Teufelsmasken wilder Insulanerstämme, von den Straußeneiern, den
+Hairachen, Narwalzähnen, verrenkten Affenkörpern und all den tausenderlei
+grotesken Formen einer fernen Zone, ausging.
+
+An den Wänden über braunen, wurmstichigen Schränken, die etwas
+klösterliches hatten, wie das morsche Licht des Abendrots aus dem
+verwilderten Museumsgarten herein durch das bauchige Gitterfenster
+spielte, hingen, liebevoll in Gold gerahmt, gleich ehrwürdigen
+Ahnenbildern verblaßte Porträts ins Riesenhafte vergrößerter Baumwanzen
+und Maulwurfsgrillen.
+
+Verbindlich den Arm gekrümmt, verlegenes Lächeln um die Knopfnase und die
+gelben, kreisrunden Glasaugen, den Zylinderhut des Herrn Präparators auf
+dem Haupte, beugte sich in der Haltung eines vorsintflutlichen
+Dorfschulzen, der sich zum erstenmal im Leben photographieren läßt, ein
+Faultier aus der Ecke, umwimpelt von baumelnden Schlangenhäuten.
+
+Den Schwanz in den dämmerigen Fernen des Ganges geborgen und die edleren
+Teile laut Wunsch des Unterrichtsministers im Frischlackiertwerden
+begriffen, starrte der Stolz des Institutes, ein zwölf Meter langes
+Krokodil, mit treulosem Katzenblick durch die Verbindungstür herein ins
+Gemach. --
+
+Professor Goclenius hatte Platz genommen, die Schnur von dem Briefbündel
+gelöst und die einleitenden Zeilen unter Gemurmel durchgeflogen.
+
+»Datiert ist es aus Bhutan -- Südosttibet, -- und zwar vom 1. Juli 1914,
+-- also vier Wochen vor Kriegsausbruch; der Brief war demnach länger als
+ein Jahr unterwegs«, setzte er dann laut hinzu. »Kollege Johannes Skoper
+schreibt hier unter anderem: Ȇber die reiche Ausbeute, die ich auf meiner
+langen Reise aus den chinesischen Grenzgebieten durch Assam in das bisher
+unerforschte Land Bhutan machte, werde ich Ihnen nächstens ausführlich
+berichten; heute nur kurz über die seltsamen Umstände, denen ich die
+Entdeckung einer neuen weißen Grille« -- Professor Goclenius deutete auf
+das Insekt in der Flasche -- »verdanke, die von den Schamanen zu
+abergläubischen Zwecken gebraucht und 'Phak' genannt wird, ein Wort, das
+zugleich ein Schimpfname ist für alles, was einem Europäer oder
+weißrassigen Menschen ähnlich sieht.
+
+Also: Eines Morgens erfuhr ich von lamaistischen Pilgern, die nach Lhasa
+zogen, es befinde sich unweit meines Lagerplatzes ein sehr hoher,
+sogenannter Dugpa, -- einer jener in ganz Tibet gefürchteten
+Teufelspriester, die, an ihren scharlachroten Kappen kenntlich,
+behaupten, direkte Abkömmlinge des Dämons der Fliegenschwämme zu sein.
+Jedenfalls sollen die Dugpas der uralten tibetischen Religion der Bhons
+angehören, von der wir so gut wie nichts wissen, und Nachkommen einer
+fremdartigen Rasse sein, deren Ursprung sich im Dunkel der Zeit verliert.
+Jener Dugpa, erzählten mir die Pilger und drehten dabei voll
+abergläubischer Scheu ihre kleinen Gebetmühlen, sei ein Samtscheh
+Mitschebat, das ist ein Wesen, das man nicht mehr mit dem Namen Mensch
+bezeichnen dürfe, das 'binden und lösen' könne, dem, kurz und gut, infolge
+seiner Fähigkeit, Raum und Zeit als Wahnvorstellungen zu durchschauen,
+nichts unmöglich sei auf Erden zu vollbringen. Es gäbe, sagte man mir,
+zwei Wege, um jene Stufen zu erklimmen, die über das Menschentum
+hinausführen: den einen, den des 'Lichtes' -- der Einswerdung mit Buddha
+-- und einen zweiten, entgegengesetzten: den 'Pfad der linken Hand', zu
+dem nur ein geborener Dugpa die Eingangspforte wüßte -- ein geistiger Weg
+voll Grauen und Entsetzlichkeit. Solche 'geborene' Dugpas kämen -- wenn
+auch sehr vereinzelt -- unter allen Himmelsstrichen vor und wären
+merkwürdigerweise fast immer die Kinder besonders frommer Leute. 'Es ist,'
+sagte der Pilger, der es mir erzählte, 'wie wenn die Hand des Herrn der
+Finsternis ein giftiges Reis aufpfropft auf den Baum der Heiligkeit', und
+man wisse nur ein Mittel, an einem Kinde zu erkennen, ob es geistig zum
+Bunde der Dugpas gehört oder nicht, das ist -- wenn der Haarwirbel auf dem
+Scheitel von links nach rechts, statt umgekehrt, läuft.
+
+Ich sprach sofort -- rein aus Neugierde -- den Wunsch aus, den erwähnten
+hohen Dugpa zu Gesicht zu bekommen, aber mein Karawanenführer, selber ein
+Osttibeter, widersetzte sich mit Hartnäckigkeit. Das alles sei dummes
+Zeug, Dugpas gäbe es im Bhutangebiet überhaupt nicht, schrie er in einem
+fort, auch würde ein Dugpa -- schon gar ein Samtscheh Mitschebat -- nie
+und nimmer einem Weißen seine Künste zeigen.
+
+Der allzu eifrige Widerstand des Mannes wurde mir immer verdächtiger, und
+nach stundenlangem Kreuz- und Querfragen brachte ich denn auch aus ihm
+heraus, daß er selbst Anhänger der Bhonreligion sei und ganz genau wisse,
+-- aus der rötlichen Färbung der Erddünste, wollte er mir vorlügen, -- daß
+ein 'eingeweihter' Dugpa in der Nähe weile.
+
+'Aber er wird dir niemals seine Künste zeigen', schloß er jedesmal seine
+Rede.
+
+'Warum denn nicht?', fragte ich schließlich.
+
+'Weil er die -- Verantwortung nicht übernimmt.'
+
+'Was für eine Verantwortung?', forschte ich weiter.
+
+'Er würde infolge der Störung, die er damit im Reiche der Ursachen
+anrichtet, von neuem in den Strudel der Wiederverkörperung verstrickt
+werden, wenn nicht etwas noch viel viel Schlimmeres.'
+
+Es interessierte mich, Näheres über die geheimnisvolle Bhonreligion zu
+erfahren, und ich fragte daher: 'Hat ein Mensch nach deinem Glauben eine
+Seele?'
+
+'Ja und Nein.'
+
+'Wieso?'
+
+Als Antwort nahm der Tibeter einen Grashalm und machte einen Knoten
+hinein: 'Hat das Gras jetzt einen Knoten?'
+
+'Ja.'
+
+Er löste den Knoten wieder auf: 'Und jetzt?'
+
+'Jetzt hat es keinen mehr.'
+
+'Genau so hat der Mensch eine Seele und hat keine', sagte er einfach.
+
+Ich versuchte es auf andere Weise, mir ein Bild über seine Ansicht zu
+machen: 'Gut, nimm an, du wärest auf dem schrecklichen, kaum handbreiten
+Gebirgspaß, den wir neulich überschritten, in die Tiefe gestürzt, -- hätte
+deine Seele weitergelebt oder nicht?'
+
+'Ich wäre nicht abgestürzt!'
+
+Ich wollte ihm anders beikommen, deutete auf meinen Revolver: 'Wenn ich
+dich jetzt totschieße, lebst du dann weiter oder nicht?'
+
+'Du kannst mich nicht erschießen.'
+
+'Doch!'
+
+'Also versuch's.'
+
+Ich werde mich hüten, dachte ich bei mir, das wäre eine schöne Geschichte,
+ohne Karawanenführer in diesem grenzenlosen Hochland umherirren. Er schien
+meine Gedanken erraten zu haben und lächelte höhnisch. Es war zum
+Verzweifeln. Ich schwieg eine Weile.
+
+'Du kannst eben nicht 'wollen'', fing er plötzlich wieder an. 'Hinter
+deinem Willen stehen Wünsche, solche, die du kennst, und solche, die du
+nicht kennst, und beide sind stärker als du.'
+
+'Was ist also die Seele nach deinem Glauben?', fragte ich ärgerlich;
+'habe zum Beispiel ich eine Seele?'
+
+'Ja.'
+
+'Und wenn ich sterbe, lebt meine Seele dann weiter?'
+
+'Nein.'
+
+'Aber deine, meinst du, lebt weiter, wenn du stirbst?'
+
+'Ja. Weil ich einen -- Namen habe.'
+
+'Wieso einen Namen? Ich habe doch auch einen Namen!'
+
+'Ja, aber du kennst deinen wirklichen Namen nicht, besitzest ihn also
+nicht. Das, was du für deinen Namen hältst, ist nur ein leeres Wort, das
+deine Eltern erfunden haben. Wenn du schläfst, vergißt du ihn, ich
+vergesse meinen Namen nicht, wenn ich schlafe.'
+
+'Aber, wenn du tot bist, weißt du ihn auch nicht mehr!' wendete ich ein.
+
+'Nein. Aber der Meister kennt ihn und vergißt ihn nicht, und wenn er ihn
+ruft, so stehe ich wieder auf; aber nur ich und kein anderer, denn nur ich
+habe meinen Namen. Kein anderer hat ihn. Das, was du deinen Namen nennst,
+das haben viele andere mit dir gemeinsam -- so wie die Hunde', murmelte er
+verächtlich vor sich hin. Ich verstand die Worte zwar, ließ es mir aber
+nicht anmerken.
+
+'Was verstehst du unter dem 'Meister'?' warf ich scheinbar unbefangen hin.
+
+'Den Samtscheh Mitschebat.'
+
+'Den, der hier in der Nähe ist?'
+
+'Ja, aber nur sein Spiegelbild ist in der Nähe; der, der er in
+Wirklichkeit ist, ist überall. Er kann auch nirgends sein, wenn er will.'
+
+'Er kann sich demnach unsichtbar machen?' -- wider Willen mußte ich
+lächeln, -- 'du meinst: einmal ist er innerhalb des Weltenraumes und dann
+außerhalb; einmal ist er da -- und dann ist er wieder nicht da?'
+
+'Ein Name ist doch auch nur da, wenn man ihn ausspricht, und nicht mehr
+da, wenn man ihn nicht ausspricht', hielt mir der Tibeter vor.
+
+'Und kannst zum Beispiel du auch einmal ein 'Meister' werden?'
+
+'Ja.'
+
+'Dann wird es also zwei Meister geben, was?'
+
+Ich triumphierte innerlich, denn offen gestanden verdroß mich der geistige
+Hochmut des Kerls; jetzt hatte ich ihn in der Falle, glaubte ich (meine
+nächste Frage hätte gelautet: wenn der eine Meister die Sonne scheinen
+lassen will und der andere regnen, welcher behält recht?); um so mehr
+verblüffte mich die sonderbare Antwort, die er mir gab: 'Wenn ich ein
+Meister sein werde, dann bin ich doch der Samtscheh Mitschebat. Oder
+glaubst du, es könnte zwei Dinge geben, die einander vollkommen gleich
+sind, ohne daß sie ein und dasselbe wären?'
+
+'Immerhin seid ihr dann zwei und nicht einer; wenn ich euch begegnete,
+wäret ihr zwei Menschen und nicht einer', widersprach ich.
+
+Der Tibeter bückte sich, suchte unter den in Menge umherliegenden
+Kalkspatkristallen einen besonders durchsichtigen aus und sagte
+spöttisch: 'Halte das ans Auge und schau den Baum dort an; du siehst ihn
+nunmehr doppelt, nicht wahr? Aber sind es deshalb -- zwei Bäume?'
+
+Ich wußte ihm nicht gleich etwas zu entgegnen, auch wäre es mir schwer
+gefallen in mongolischer Sprache, deren wir uns zur gegenseitigen
+Verständigung bedienen mußten, ein so verwickeltes Thema logisch zu
+erörtern: ich ließ ihm daher seinen Triumph. Innerlich konnte ich aber
+nicht genug staunen über die geistige Gelenkigkeit dieses Halbwilden mit
+seinen schiefen Kalmückenaugen und dem schmutzstarrenden Schafspelz. Es
+ist etwas Seltsames um diese Hochlandsasiaten, äußerlich sehen sie aus wie
+Tiere, aber rührt man an ihre Seele, kommt der Philosoph zum Vorschein.
+
+Ich griff wieder auf den Ausgangspunkt unseres Gespräches zurück: 'Du
+glaubst also, der Dugpa würde mir seine Künste nicht zeigen, weil er die
+-- Verantwortung ablehnt?'
+
+'Nein, gewiß nicht.'
+
+'Wenn aber ich die Verantwortung übernähme?!'
+
+Das erstemal, seit ich den Tibeter kannte, geriet er außer Fassung. Eine
+Unruhe, die er kaum bemeistern konnte, lief über sein Gesicht. Der
+Ausdruck wilder, mir unerklärlicher Grausamkeit wechselte mit dem eines
+tückischen Frohlockens. Wir haben in den vielen Monaten unseres
+Beisammenseins oft wochenlang Todesgefahren aller Art ins Auge geblickt,
+haben schauerliche Abgründe überschritten auf schwankenden, nur fußbreiten
+Bambusbrücken, daß mir vor Entsetzen das Herz stillstand, haben Wüsten
+durchquert und sind fast verdurstet, aber niemals verlor er auch nur eine
+Minute sein inneres Gleichgewicht. Und jetzt? Was konnte die Ursache sein,
+daß er mit einemmal so außer sich geriet? Ich sah ihm an, wie in seinem
+Hirn die Gedanken sich jagten.
+
+'Führe mich zu dem Dugpa, ich werde dich reichlich belohnen', redete ich
+ihm eifrig zu.
+
+'Ich will es mir überlegen', antwortete er endlich.
+-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Es war noch tiefe Nacht, da weckte er mich in meinem Zelt. Er sei bereit,
+sagte er.
+
+Er hatte zwei unserer zottigen Mongolenpferde, die nicht viel höher sind
+als große Hunde, gesattelt, und wir ritten hinein in die Finsternis.
+
+Die Leute meiner Karawane lagen um die verglimmenden Reisigfeuer herum in
+festem Schlaf. Stunden vergingen und wir wechselten kein Wort; der
+eigentümliche Moschusgeruch, den die tibetischen Steppen in Julinächten
+auszuströmen pflegen, und das eintönige Zischen des Ginsters, wie die
+Beine unserer Pferde hindurchfegten, betäubte mich fast, so daß ich, um
+wach zu bleiben, unverwandt emporblicken mußte zu den Sternen, die hier in
+diesem wilden Hochland etwas Loderndes, Flackerndes haben wie brennende
+Papierfetzen. Ein erregender Einfluß geht von ihnen aus, der das Herz mit
+Unruhe erfüllt.
+
+Als die Morgendämmerung über die Berggipfel kroch, bemerkte ich, daß die
+Augen des Tibeters weit offen standen und ohne zu zwinkern immerwährend
+auf einen Punkt am Himmel starrten. -- Ich sah, daß er geistesabwesend
+war.
+
+Ob er denn den Aufenthalt des Dugpas so genau kenne, daß er nicht auf den
+Weg zu achten brauche, fragte ich ihn ein paarmal, ohne eine Antwort zu
+bekommen.
+
+'Er zieht mich, wie der Magnetstein das Eisen anzieht', lallte er
+schließlich mit schwerer Zunge wie aus dem Schlaf.
+
+Nicht einmal mittags machten wir Rast, immer wieder trieb er stumm sein
+Pferd zu neuer Eile an. Ich mußte im Sattel meine paar Stücke gedörrtes
+Ziegenfleisch verzehren.
+
+Gegen Abend hielten wir, um den Fuß eines kahlen Hügels biegend, in der
+Nähe eines jener fantastischen Zelte, wie man sie im Bhutan zuweilen zu
+Gesicht bekommt. Sie sind schwarz, oben spitz, unten sechseckig mit
+aufwärts gebauchten Rändern und stehen auf hohen Stelzen, sodaß sie einer
+riesigen Spinne gleichen, die mit dem Bauch die Erde berührt.
+
+Ich hatte erwartet, einen schmutzigen Schamanen mit verfilztem Haar und
+Bart zu treffen, eines der wahnsinnigen oder epileptischen Geschöpfe, die
+unter den Mongolen und Tungusen häufig sind, die sich mit dem Absud von
+Fliegenschwämmen betäuben und dann Geister zu sehen glauben oder
+unverständliche Prophezeiungen ausstoßen; statt dessen stand da --
+unbeweglich -- ein Mann vor mir, gut sechs Fuß hoch, auffallend schmal im
+Wuchs, bartlos, das Gesicht olivgrünlich schimmernd, von einer Farbe, wie
+ich sie noch nie bei einem Lebenden gesehen, die Augen schräg und
+unnatürlich weit auseinander. Der Typus einer mir vollkommen fremden
+Menschenrasse.
+
+Seine Lippen, gleich der Gesichtshaut faltenlos wie aus Porzellan, waren
+scharfrot, messerdünn und so stark geschwungen -- besonders an den weit
+empor gezogenen Mundwinkeln -- wie unter einem erbarmungslosen erstarrten
+Lächeln, daß sie aussahen, als seien sie aufgemalt.
+
+Ich konnte den Blick nicht von dem Dugpa wenden -- lange nicht -- und wenn
+ich jetzt daran zurückdenke, möchte ich fast sagen: ich kam mir vor wie
+ein Kind, dem der Atem stehenbleibt vor Entsetzen beim Anblick einer
+plötzlich aus dem Dunkel auftauchenden grauenhaften Maske.
+
+Auf dem Kopf trug der Dugpa eine glattanliegende scharlachrote Kappe ohne
+Rand; im übrigen bis zu den Knöcheln einen kostbaren Pelz aus orangegelb
+gefärbtem Zobel.
+
+Er und mein Führer sprachen kein Wort mitsammen, ich nehme jedoch an, daß
+sie sich durch heimliche Gesten verständigt haben, denn ohne zu fragen,
+was ich von ihm wolle, sagte der Dugpa plötzlich und unvermittelt, er sei
+willens mir zu zeigen, was immer ich wünsche, doch müsse ich ausdrücklich
+alle Verantwortung, auch wenn ich sie nicht kennte, übernehmen.
+
+Ich erklärte mich -- natürlich -- sofort bereit.
+
+Ich solle zum Zeichen dafür mit der linken Hand die Erde berühren,
+verlangte er.
+
+Ich tat es.
+
+Schweigend ging er sodann eine Strecke voraus und wir folgten ihm, bis er
+uns niedersitzen hieß.
+
+Es war eine tischähnliche Bodenerhebung, an deren Rand wir uns lagerten.
+
+Ob ich ein weißes Tuch bei mir trüge?
+
+Ich suchte vergeblich in meinen Taschen, fand aber nur im Rockfutter eine
+alte, verblaßte, zusammenlegbare Karte von Europa (ich hatte sie offenbar
+die ganze lange Zeit meiner Asienreise bei mir getragen), breitete sie
+zwischen uns aus und erklärte dem Dugpa, die Zeichnung sei ein Bild meinem
+Heimat.
+
+Er wechselte einen raschen Blick mit meinem Führer, und wieder sah ich auf
+dem Gesicht des Tibeters jenen Ausdruck haßerfüllter Bosheit aufleuchten,
+der mir schon am Abend vorher aufgefallen war.
+
+Ob ich den Grillenzauber zu sehen wünschte?
+
+Ich nickte und war mir im Augenblick klar, was kommen würde: ein bekannter
+Trick -- das Hervorlocken von Insekten aus der Erde durch Pfeifen oder
+dergleichen.
+
+Richtig, ich hatte mich nicht getäuscht; der Dugpa ließ ein leises,
+metallenes Zirpen hören (mit einem kleinen, silbernen Glöckchen, das sie
+versteckt bei sich tragen, machen sie das), und sofort kamen aus ihren
+Schlupfwinkeln im Boden eine Menge Grillen und krochen auf die helle
+Landkarte.
+
+Immer mehr und mehr.
+
+Unzählige.
+
+Ich hatte mich schon geärgert, wegen eines läppischen Kunststückes, das
+ich bereits in China oft genug gesehen hatte, einen so mühvollen Ritt
+unternommen zu haben, aber was sich mir jetzt darbot, entschädigte mich
+reichlich: Die Grillen waren nicht nur eine wissenschaftlich ganz neue
+Spezies -- daher an und für sich schon interessant genug -- sie benahmen
+sich auch höchst absonderlich. Kaum hatten sie nämlich die Landkarte
+betreten, liefen sie zuerst planlos im Kreise herum, dann bildeten sie
+Gruppen, die einander mißtrauisch musterten. Plötzlich fiel auf die Mitte
+der Karte ein regenbogenfarbener Lichtfleck (er stammte von einem
+Glasprisma, das der Dugpa gegen die Sonne hielt, wie ich mich rasch
+überzeugte), und ein paar Sekunden später war aus den bisher friedlichen
+Grillen ein Klumpen sich auf die schauderhafteste Weise gegenseitig
+zerfleischender Insektenleiber geworden. Der Anblick war zu ekelhaft, als
+daß ich ihn schildern möchte. Das Schwirren der tausend und aber tausend
+Flügel gab einen hohen, singenden Ton, der mir durch Mark und Bein ging,
+ein Schrillen, gemischt aus so höllischem Haß und grauenvoller Todesqual,
+daß ich es nie werde vergessen können.
+
+Ein dicker, grünlicher Saft quoll unter dem Haufen hervor.
+
+Ich befahl dem Dugpa augenblicklich innezuhalten -- er hatte das Prisma
+bereits eingesteckt und zuckte nur die Achseln.
+
+Vergebens bemühte ich mich, die Grillen mit einem Stock auseinander zu
+treiben: ihre wahnwitzige Mordlust kannte keine Grenzen mehr.
+
+Immer neue Scharen liefen herbei und türmten den zappelnden, scheußlichen
+Klumpen höher und höher -- mannshoch.
+
+Auf weite Strecken war der Erdboden lebendig von wimmelnden,
+tollgewordenen Insekten. Eine weißliche, aneinandergequetschte Masse, die
+sich der Mitte zudrängte, nur von dem einen Gedanken beseelt: morden,
+morden, morden.
+
+Einige der Grillen, die halbverstümmelt von dem Haufen herabfielen und
+nicht mehr hinaufkriechen konnten, zerfetzten sich selbst mit ihren
+Zangen.
+
+Der schwirrende Ton wurde bisweilen so laut und grausig schrill, daß ich
+mir die Ohren zuhielt, weil ich es nicht mehr länger glaubte ertragen zu
+können.
+
+Gott sei Dank, endlich wurden der Tiere weniger und weniger, die
+hervorkriechenden Scharen schienen dünner zu werden und hörten schließlich
+ganz auf.
+
+'Was macht er denn noch immer?' fragte ich den Tibeter, als ich sah, daß
+der Dugpa keine Miene machte, aufzubrechen, vielmehr angestrengt seine
+Gedanken auf irgend etwas zu konzentrieren schien. Er hatte die Oberlippe
+hochgezogen, so daß ich seine spitzgefeilten Zähne deutlich sehen konnte.
+Sie waren pechschwarz, vermutlich von dem landesüblichen Betelkauen.
+
+'Er löst und bindet', hörte ich den Tibeter antworten.
+
+Trotzdem ich mir beständig vorsagte, daß es ja nur Insekten gewesen waren,
+die hier den Tod gefunden hatten, fühlte ich mich doch aufs äußerste
+angegriffen und einer Ohnmacht nahe, und die Stimme klang, als käme sie
+aus weiter Ferne her: 'Er löst und bindet.'
+
+Ich begriff nicht, was das bedeuten sollte, und begreife es auch heute
+nicht; es geschah auch nichts weiter, was auffällig gewesen wäre. Warum
+ich trotzdem noch -- vielleicht stundenlang, ich weiß es nicht mehr --
+sitzen blieb? Der Wille, aufzustehen, war mir abhanden gekommen, ich kann
+es nicht anders nennen.
+
+Allmählich sank die Sonne, und Landschaft und Wolken nahmen jene schreiend
+rote und orangegelbe unwahrscheinliche Färbung an, die jeder kennt, der
+einmal in Tibet war. Man kann den Eindruck des Bildes nur mit den
+barbarisch bemalten Zeltwänden europäischer Menageriebuden, wie man sie
+auf Jahrmärkten sieht, vergleichen. --
+
+Ich konnte die Worte nicht loswerden: 'Er löst und bindet'; nach
+und nach bekamen sie etwas Schreckhaftes in meinem Hirn; -- in der
+Phantasie verwandelte sich der zuckende Grillenhaufen in Millionen
+sterbender Soldaten. Der Alp eines rätselhaften, ungeheuerlichen
+Verantwortungsgefühls, das für mich um so folternder war, als ich in
+mir vergeblich nach seiner Wurzel suchte, würgte mich.
+
+Dann wieder schien es mir, als sei der Dugpa plötzlich verschwunden, und
+statt seiner stünde da -- scharlachrot und olivgrün die widerwärtige
+Statue des tibetischen Kriegsgottes.
+
+Und ich kämpfte gegen den Anblick, bis ich die nackte Wirklichkeit wieder
+vor Augen hatte, aber es war mir nicht genug Wirklichkeit: die Erddünste,
+die aus dem Boden stiegen, die zackigen Gletschergipfel der Bergriesen am
+fernen Horizont, der Dugpa mit der roten Kappe, ich selbst in meinen halb
+europäischen, halb mongolischen Kleidern, dann das schwarze Zelt mit den
+Spinnenbeinen, -- alles konnte doch gar nicht wirklich sein! Wirklichkeit,
+Phantasie, Vision, was war echt, was Schein? Und mein Denken dazwischen
+immer von neuem auseinanderklaffend, wenn die drosselnde Angst vor dem
+unfaßbaren, fürchterlichen Verantwortungsgefühl wieder in mir aufstieg.
+
+Später, viel später -- auf der Heimreise -- wuchs die Begebenheit in
+meiner Erinnerung wie eine wuchernde Giftpflanze, die ich vergebens
+ausreißen will.
+
+Nachts, wenn ich nicht schlafen kann, dämmert leise in mir eine
+grauenhafte Ahnung auf, was der Satz bedeuten mag: 'Er löst und bindet',
+und ich suche sie zu ersticken, daß sie nicht zu Wort kommen kann, so wie
+man ein ausbrechendes Feuer im Keim ersticken möchte. -- Aber es hilft
+nichts, daß ich mich wehre, -- im Geiste sehe ich, wie aus dem toten
+Grillenhaufen ein rötlicher Dunst aufsteigt und zu Wolkengebilden wird,
+die sich, den Himmel verfinsternd wie die Schreckgespenster des Monsuns,
+nach Westen wälzen. --
+
+Und auch jetzt wieder, wo ich dies schreibe, überfällt's mich, -- ich --
+ich -- -- --«
+
+Hier scheint der Brief plötzlich abgebrochen worden zu sein,« schloß
+Professor Goclenius; »leider muß ich Ihnen jetzt mitteilen, was ich auf
+der chinesischen Gesandtschaft über das unerwartete Ableben unseres lieben
+Kollegen Johannes Skoper im fernen Asien« -- -- -- der Professor kam nicht
+weiter; ein lauter Schrei der Herren unterbrach ihn: »Unglaublich, die
+Grille lebt ja noch, jetzt nach einem Jahr! Unglaublich! Einfangen! Sie
+fliegt davon!« rief alles wild durcheinander. Der Forscher mit der
+Löwenmähne hatte das Fläschchen geöffnet und das anscheinend tote Insekt
+herausgeschüttelt.
+
+Einen Augenblick später war die Grille zum Fenster hinausgeflogen in den
+Garten und die Herren rannten in ihrem Eifer, sie einzufangen, an der Tür
+den greisen Museumsdiener Demetrius, der ahnungslos hereinkam, um die
+Lampe anzuzünden, beinahe über den Haufen.
+
+Kopfschüttelnd sah ihnen der Alte durch das Gitterfenster zu, wie sie
+draußen mit Schmetterlingsnetzen umherjagten. Dann blickte er zum
+dämmernden Abendhimmel empor und brummte: »Was in der schrecklichen
+Kriegszeit doch die Wolken für merkwürdige Formen annehmen! Da sieht jetzt
+eine wieder mal ganz so aus wie ein Mann mit einem dunkeln Gesicht und
+roter Kappe; wenn er die Augen nicht so weit auseinanderstehen hätte, wäre
+es fast wie ein Mensch. Wahrhaftig, man könnte noch abergläubisch werden
+auf seine alten Tage.«
+
+
+
+
+Wie #Dr.# Hiob Paupersum seiner Tochter rote Rosen brachte
+
+
+In vorgerückter Nachtstunde saß in dem bekannten Münchener Prunkcafé
+»Stefanie«, regungslos vor sich hinstarrend, ein Greis von höchst
+bemerkenswertem Aussehen. Die zerschlissene, selbständig gewordene
+Krawatte, sowie die mächtige bis auf den Nacken herabwallende hohe Stirn
+verrieten den bedeutenden Gelehrten.
+
+Außer einem silbernen schütteren Knebelbarte, der, einem Siebengestirn von
+Kinnwarzen entspringend, mit seinem unteren Ende gerade noch jene Stelle
+inmitten der Weste verdeckte, wo bei weltabgewandten Denkern regelmäßig
+ein Knopf zu fehlen pflegt, besaß der alte Herr nur wenig Nennenswertes an
+irdischen Gütern.
+
+Genau genommen eigentlich gar nichts mehr.
+
+Um so belebender wirkte es daher auf ihn, als plötzlich der bezwickerte
+weltmännisch gekleidete Gast mit dem gewichsten schwarzen Schnurrbart, der
+bislang an dem Tisch in der Ecke schräg gegenüber ein Stück kalten Lachs
+bissenweise mit dem Messer zum Munde geführt (wobei ein kirschgroßer
+Brillant an dem elegant weggestreckten kleinen Finger jedesmal prächtig
+aufblitzte) und zwischendurch forschend gestielte Blicke herübergeworfen
+hatte, sich mundwischend erhob, das fast menschenleere Zimmer durchmaß,
+sich vor ihm verbeugte und fragte:
+
+»Ist dem Herrn eine Partie Schach gefällig? -- Vielleicht um eine Mark die
+Partie?«
+
+Farbenglühende Phantasmagorien von Schwelgerei und Üppigkeit aller Art
+taten sich vor dem geistigen Auge des Gelehrten auf, und noch während sein
+Herz entzückt raunte: »Dieses Rindvieh hat mir Gott geschickt«, herrschten
+bereits seine Lippen dem Kellner zu, der soeben angebraust kam, um
+gewohnheitsmäßig an den elektrischen Glühbirnen eine Reihe umfassender
+Beleuchtungsstörungen einzuleiten: »Julius, ein Schachbrett«. »Wenn ich
+nicht irre, habe ich die Ehre mit Herrn #Dr.# Paupersum?« -- begann der
+Weltmann mit dem gewichsten Schnurrbart das Gespräch.
+
+»Hiob,-- -- ja, hm, ja, -- Hiob Paupersum«, bestätigte der Gelehrte
+zerstreut, denn er war wie gebannt von der Pracht des Mordssmaragden, der,
+ein Automobillaternchen darstellend, als Schlipsnadel die Gurgel seines
+Gegenübers verzierte.
+
+Erst das Erscheinen des Schachbrettes löste seine Verzauberung; dann aber
+waren im Nu die Figuren aufgestellt, die lockern Köpfe der Rössel mit
+Spucke befestigt und der fehlende Turm durch ein geknicktes Streichholz
+ersetzt.
+
+Nach dem dritten Zuge entzwickerte sich der Weltmann, nahm eine
+verkrampfte Stellung an und versank in dumpfes Brüten.
+
+»Er scheint den dümmsten Zug auf dem Brett herausfinden zu wollen, -- ich
+wüßte nicht, weshalb er sonst so lange nachdächte!« murmelte der Gelehrte
+und stierte dabei geistesabwesend die schweinfurtergrünseidene Dame -- das
+einzige Lebewesen im Zimmer außer ihm und dem Weltmann -- an, die ruhevoll
+wie die Göttin auf dem Titelkopf von »Über Land und Meer« auf dem
+Wandsofa thronte, vor sich einen Teller Schaumrollen, und das kühle
+Frauenherz mit hundertpfündigem Speck umpanzert.
+
+»Ich geb's auf«, meldete sich endlich der Herr mit der edelsteinernen
+Automobillaterne, schob die Schachfiguren zusammen, entnahm seiner
+Rippengegend ein güldenes Futteral, fischte eine Visitenkarte heraus und
+reichte sie dem Gelehrten. #Dr.# Paupersum las:
+
+ Zenon Sawaniewski
+ Impresario für Monstrositäten.
+
+»Hm. Tja. Hm -- für Monstrositäten, hm, -- für Monstrositäten«,
+wiederholte er eine Weile verständnislos. »Aber gedenken Sie nicht noch
+ein paar Partien zu spielen?«, fragte er dann laut, den Sinn auf
+Kapitalsvermehrung gerichtet.
+
+»Gewiß. Natürlich. Soviel Sie wünschen,« sagte der Weltmann höflich, »aber
+wollen wir nicht vorerst von etwas Einträglicherem sprechen?«
+
+»Von etwas noch -- noch Einträglicherem?«, fuhr es dem Gelehrten heraus,
+und leise Falten des Mißtrauens legten sich um seine Augenwinkel.
+
+»Ich habe zufällig gehört,« begann der Impresario und bestellte bei dem
+Kellner durch plastische Handbewegungen eine Flasche Wein und ein Glas,
+»ganz zufällig, daß Sie trotz Ihres großen Rufes als Leuchte der
+Wissenschaft zur Zeit keine feste Anstellung haben?«
+
+»Doch. Ich wickle tagsüber Liebesgaben ein und versehe sie mit
+Postwertzeichen.«
+
+»Und das ernährt Sie?«
+
+»Nur insofern, als durch das damit verbundene Ablecken der Briefmarken
+meinem Organismus eine gewisse Menge von Kohlehydraten zugeführt wird.«
+
+»Ja, warum verwerten Sie denn nicht lieber Ihre Sprachkenntnisse? Zum
+Beispiel als Dolmetscher in einem Gefangenenlager?«
+
+»Weil ich nur Altkoreanisch, dann die spanischen Mundarten, ferner Urdu,
+drei Eskimosprachen und ein paar Dutzend Suahelinegerdialekte gelernt habe
+und wir mit diesen Völkerschaften vorläufig leider noch nicht verfeindet
+sind.«
+
+»Sie hätten eben statt dessen Französisch, Russisch, Englisch und Serbisch
+lernen sollen«, brummte der Impresario.
+
+»Dann wäre natürlich mit den Eskimos und nicht mit den Franzosen der Krieg
+ausgebrochen«, wendete der Gelehrte ein.
+
+»So? Hm.«
+
+»Ja, ja, lieber Herr, da gibt's nichts zu hmen; es ist leider so.«
+
+»Ich an Ihrer Stelle, Herr Doktor, hätte es mit Abhandlungen über den
+Krieg bei irgendeiner Zeitung versucht. So ganz vom Schreibtisch aus.
+Erfundenes Zeug selbstredend, nichts sonst.«
+
+»Hab ich doch,« klagte der Greis, »Frontberichte, knapp sachlich,
+erschütternd einfach gehalten in der Schilderung, aber -- --«
+
+»Mensch, Sie sind toll«, fuhr der Impresario auf. »Frontberichte knapp
+gehalten? Frontberichte schreibt man im Gemsjägerstil! Sie hätten --«
+
+Der Gelehrte wehrte müde ab: »Ich habe alles Menschenmögliche im Leben
+versucht. Als ich für mein Buch, eine vierbändige populäre Erschöpfung des
+Stoffes: 'Über den vermutlichen Gebrauch des Streusandes im
+vorgeschichtlichen China' keinen Verleger finden konnte, warf ich mich
+auf Chemie«, -- der Gelehrte wurde beim bloßen Zusehen, wie der andere
+Wein trank, redseliger, -- »machte alsbald eine Erfindung, 'Stahl auf neue
+Art zu härten' -- --«
+
+»Na, aber das hätte doch Geld tragen müssen!« rief der Impresario.
+
+»Nein. Ein Fabrikant, dem ich die Erfindung zeigte, riet mir ab, sie
+patentieren zu lassen (er patentierte sie später für sich selbst) und
+meinte, Geld könne man nur mit kleinen unscheinbaren Erfindungen
+verdienen, die den Neid der Konkurrenz nicht erwecken. Ich befolgte den
+Rat und erfand den berühmten zusammenlegbaren Konfirmationsbecher mit
+selbsttätig aufwärtssteigendem Boden, um den Methodistenmissionären das
+Bekehren wilder Völkerschaften zu erleichtern.«
+
+»Nun und?«
+
+»Ich bekam zwei Jahre Kerker wegen Gotteslästerung.«
+
+»Fahren Sie fort, Herr Doktor,« munterte der Weltmann den Gelehrten auf,
+»das ist alles ungemein amüsant.«
+
+»Ach, ich könnte Ihnen tagelang von fehlgeschlagenen Hoffnungen erzählen.
+-- So machte ich zum Beispiel, um ein gewisses Stipendium, das ein
+bekannter Förderer der Wissenschaft ausgesetzt hatte, zu erlangen,
+mehrjährige Studien im Völkermuseum und schrieb ein aufsehenerregendes
+Buch: 'Wie, nach der Gaumenbildung bei peruanischen Mumien zu schließen,
+die alten Inkas mutmaßlich den Namen Huitzitopochtli ausgesprochen haben
+würden, wenn dieses Wort nicht in Mexiko, sondern in Peru bekannt gewesen
+wäre.'«
+
+»Und haben Sie das Stipendium bekommen?«
+
+»Nein. Der bekannte Förderer der Wissenschaft sagte mir, -- es war damals
+vor dem Kriege, -- er habe zurzeit kein Geld, er sei nebenbei
+Friedensfreund und müsse sparen, da es vor allem gelte, die guten
+Beziehungen Deutschlands zu Frankreich zum Zwecke der Erhaltung der
+allgemeinen mühsam geschaffenen Menschheitswerte und -werke zu
+befestigen.«
+
+»Aber, als dann der Krieg ausbrach, hatten Sie doch Aussichten?!«
+
+»Nein. Der Förderer sagte, jetzt müsse er vor allem sparen, um auch
+seinerseits ein Scherflein beizutragen, auf daß der Erbfeind für alle
+Zeiten niedergeworfen werde.«
+
+»Nun, nach dem Kriege blüht sicher Ihr Weizen, Herr Doktor!«
+
+»Nein. Dann wird der Förderer sagen, erst recht müsse er sparen, damit die
+zahllosen zerstörten Menschheitswerte und -werke wiederum aufgebaut und
+die abgebrochenen guten Beziehungen der Völker aufs neue hergestellt
+werden können.« --
+
+Der Impresario dachte lange und ernst nach; dann fragte er mitleidig:
+»Wieso haben Sie sich eigentlich nie erschossen?«
+
+»Erschossen? Um Geld zu verdienen?«
+
+»No nein; ich meine -- nun, hm -- ich meine halt, es ist bewundernswert,
+daß Sie nicht den Mut verloren haben, immer wieder von vorn den Kampf mit
+dem Leben zu beginnen?«
+
+Der Gelehrte wurde plötzlich unruhig; sein Gesicht, das bis dahin starr
+gewesen wie aus Holz geschnitzt, bekam ein ängstliches, flackerndes Leben.
+
+Über die Augen furchtsamer Tiere zieht, wenn sie zu Tode gehetzt vor dem
+Abgrund stehen hinter sich den Verfolger -- bevor sie sich in die Tiefe
+stürzen, um ihrem Peiniger nicht in die Hände zu fallen, ein ähnlich irrer
+Glanz von Qual und tiefster stummer Hoffnungslosigkeit, wie er jetzt in
+den Blick des Alten trat. Seine mageren Finger tasteten wie unter dem
+Zucken verhaltenen Weinens auf der Tischplatte umher, als wollten sie dort
+einen Halt suchen. Die Falte, die vom Nasenflügel zum Munde läuft, war mit
+einem Male lang und straff bei ihm geworden und verzog seine Lippen, als
+kämpfe er mit einer Lähmung. Er schluckte ein paarmal.
+
+»Ich weiß jetzt alles,« kam es dann mühsam heraus, wie bei einem, der sich
+gegen das Lallen seiner Zunge wehrt, »ich weiß schon, Sie sind ein
+Versicherungsagent. Ein halbes Leben lang habe ich mich gefürchtet, mit so
+einem zusammenzutreffen.« (Der Weltmann bemühte sich vergebens, zu Worte
+zu kommen, und protestierte mit Händen und Mienen.) »Ich weiß schon: Sie
+wollen mir heimlich zu verstehen geben, ich solle mich versichern lassen
+und dann irgendwie umbringen, damit -- nun ja, damit mein Kind wenigstens
+leben kann und nicht mit mir verhungert! Reden Sie nicht! Glauben Sie
+denn, ich wüßte nicht, daß einem von Ihrer Sorte nichts, aber auch gar
+nichts unbekannt ist?! Ihr kennt doch unser ganzes Leben und habt
+unsichtbare Gänge gegraben von Haus zu Haus und schielt hinein mit euern
+Wolfsaugen in die Stuben, wo etwas zu holen ist, -- ob ein Kind geboren
+wird, wieviel Pfennige jeder in der Tasche hat, ob er heiraten wird oder
+eine gefahrvolle Reise plant. Ihr führt Buch über uns und verschachert
+einander unsere Adressen. Und Sie, Sie schauen mir ins Herz hinein und
+lesen da drinnen den Gedanken, der mich zerfrißt jetzt schon ein Jahrzehnt
+lang. -- Ja, glauben Sie denn, ich sei ein so niederträchtiger Egoist, daß
+ich mich nicht schon längst versichert und erschossen hätte meiner Tochter
+zuliebe, -- aus eigenem Antrieb und ohne es erst von euch, die ihr uns
+betrügen wollt und eure eigene Anstalt betrügt, nach rechts betrügt und
+nach links, untern Fuß zu bekommen, wie man's machen soll, damit nichts
+herauskommt?! Glauben Sie, ich wüßte nicht, daß ihr dann, wenn's -- vorbei
+ist, hinlauft und verratet -- wiederum gegen 'Provision': Hier liegt
+Selbstmord vor, die Versicherungssumme braucht nicht ausgezahlt zu werden!
+-- -- Glauben Sie, ich sähe nicht -- so, wie's jeder sieht --, wie die
+Hände meiner lieben Tochter immer weißer und durchsichtiger werden von Tag
+zu Tag, und verstünde nicht, was es bedeutet: trockene fieberige Lippen
+und Hüsteln in der Nacht!? Selbst wenn ich ein Halunke wäre wie
+euresgleichen, hätte ich, um Arznei und kräftige Nahrung zu schaffen,
+schon längst -- --, aber ich weiß doch, wie's dann käme: das Geld würde
+nie ausbezahlt, und -- und dann -- --, nein, nein, es ist nicht
+auszudenken!«
+
+Wieder wollte der Impresario unterbrechen, um den Verdacht, er sei
+Versicherungsagent, zu entkräften, getraute sich aber nicht, denn der
+Gelehrte ballte drohend die Faust.
+
+»Ich muß immerhin noch einen andern Weg zur Hilfe in Erwägung ziehen,«
+beendete halblaut nach längerem unverständlichem Gebärdenspiel
+#Dr.# Paupersum irgendeinen offenbar nur gedachten Satz, »das -- das mit
+den -- Ambraser Riesen.«
+
+»Ambraser Riesen! Donnerkeil, da sind Sie ja plötzlich bei meinem Thema.
+Das ist's doch, was ich von Ihnen wissen möchte!« Der Impresario ließ sich
+nicht mehr halten: »Wie verhält sich das mit den Ambraser Riesen? Ich
+weiß, Sie haben einmal einen Aufsatz darüber geschrieben. Aber warum
+trinken Sie denn nicht, Herr Doktor?! Julius, rasch noch ein Weinglas!«
+
+Sofort war #Dr.# Paupersum wieder ganz Gelehrter.
+
+»Die Ambraser Riesen,« erzählte er trocken, »waren mißgestaltete Menschen
+mit ungeheuern Händen und Füßen, und ihr Vorkommen beschränkte sich
+ausschließlich auf das Tiroler Dorf Ambras, was zu der Vermutung Anlaß
+gab, es müsse sich dabei um eine seltene Krankheitsform handeln, deren
+Erreger an Ort und Stelle zu suchen sei, da er anderwärts offenbar keinen
+Nährboden finden könne. Ich aber war der allererste, der nachgewiesen hat,
+daß der gewisse Krankheitserreger im Wasser einer dortigen, inzwischen
+nahezu versiegten Quelle zu suchen ist, und gewisse Versuche, die ich in
+dieser Richtung machte, berechtigten mich, den Beweis an mir selbst in
+der Weise anzubieten, daß ich mich anheischig machen kann, nötigenfalls
+bereits in wenigen Monaten -- trotz meines vorgeschrittenen Alters -- an
+meinem eigenen Körper derartige und noch weit darüber hinausgehende
+Mißwachserscheinungen herbeizuführen.«
+
+»Welcher Art zum Beispiel?« fragte der Impresario gespannt.
+
+»Meine Nase würde sich fraglos um eine Spanne ins Rüsselartige verlängern
+-- etwa in der Form, die dem amerikanischen Wasserschwein eigentümlich
+ist, die Ohren würden sich zu Tellergröße auswachsen, meine Hände hätten
+sicherlich schon nach einem Vierteljahr das Ausmaß eines mittleren
+Palmenblattes (#Lodoicea Sechellarum#) erreicht, wohingegen meine Füße
+leider die Dimensionen eines 100-Liter-Faßdeckels schwerlich übertreffen
+würden. Was ferner die immerhin zu erhoffende knollenartige Wucherung der
+Knie nach Art des mitteleuropäischen Baumschwammes anbelangt, sind meine
+theoretischen Berechnungen noch nicht abgeschlossen, so daß ich eine
+wissenschaftliche Garantie nur mit Vorbehalt übernehmen -- --«
+
+»Das genügt! Sie sind mein Mann!« fiel der Impresario atemlos ein. »Bitte,
+unterbrechen Sie mich nicht. -- Kurz und gut: Sind Sie willens, das
+Experiment an sich zu machen, wenn ich Ihnen ein jährliches Einkommen von
+einer halben Million garantiere und einen Vorschuß von ein paar tausend
+Mark -- sagen wir -- na, sagen wir: fünfhundert Mark erlege?«
+
+#Dr.# Paupersum war wie betäubt. Er schloß die Augen. Fünfhundert Mark! --
+Ja, gab's denn überhaupt so viel Geld auf der Welt!
+
+Ein paar Minuten lang sah er sich bereits in ein vorsintflutliches Ungetüm
+mit langem Rüssel verwandelt, hörte im Geiste einen Neger, grell als
+Jahrmarktsbudenausrufer gekleidet, in eine bierschwitzende Menge
+hinabkreischen: »Nurr herreinspaziert, meine Herrschaften, -- das größte
+Scheusal des Jahrhunderts für lump'je zehn Fenn'je!« -- -- Dann aber sah
+er seine liebe, liebe Tochter voll blühender Gesundheit, in weiße Seide
+reich gekleidet, mit dem Myrtenkranz als Braut vor dem Altare selig knien
+-- und die ganze Kirche war strahlend erhellt -- und von dem
+Muttergottesbild ging ein Glanz aus -- und -- und -- einen Augenblick
+krampfte sich ihm wohl das Herz zusammen: er selbst mußte sich hinter
+einem Pfeiler verborgen halten, er durfte seine Tochter ja nie mehr
+küssen, sich nicht einmal von weitem sehen lassen, um ihr seinen Segen
+zuzuwinken, -- er, er, das grauenhafteste Monstrum der Erde! Denn er hätte
+doch sonst den Bräutigam verscheucht! Und er würde fortan in der Dämmerung
+leben müssen, wie ein lichtscheues Tier, sich bei Tag sorgfältig verborgen
+halten, -- aber was lag an all dem! Plunder! Kleinigkeiten! Wenn nur seine
+Tochter wieder gesund werden kann! Und glücklich! Und reich! -- Eine
+stumme Verzückung kam über ihn. -- Fünfhundert Mark! Fünf -- hundert --
+Mark! -- --
+
+Der Impresario, der das lange Schweigen des Gelehrten als
+Unentschlossenheit deutete, fing an, seine ganze Überredungskunst
+aufzubieten: »Herr Doktor! So hören Sie doch! Sie treten ja Ihr Glück mit
+Füßen, wenn Sie 'nein' sagen! Ihr ganzes Leben war bisher verfehlt. Und
+warum? Sie haben Ihren Verstand vollgepfropft mit lauter Lernen. Lernen
+ist doch Blödsinn. Schauen Sie mich an: hab' ich vielleicht was gelernt?
+Das Lernen können sich Leute leisten, die wo von Haus aus schon reich sind
+-- und die haben's dann eigentlich erst recht net nötig. -- Der Mensch muß
+demütig sein und -- dumm, sozusagen, dann hat ihn die Natur gern. Die
+Natur ist doch auch dumm. Haben Sie schon einmal g'sehn, daß ein dummer
+Mensch zugrund' 'gangen is? -- Sie hätten von Anfang an die Talente
+dankbar entwickeln sollen, die Ihnen das Schicksal als Geschenk in die
+Wiege gelegt hat. Oder haben Sie sich 'leicht noch nie in den Spiegel
+geschaut? Wer so aussieht wie Sie, selbst jetzt, wo Sie noch kein Ambraser
+Trinkwasser eing'nommen haben, hätt' sich schon längst als Clown eine
+solide Existenz gründen können, -- Gott, die Fingerzeige der gütigen
+Mutter Natur sind doch so blitzeinfach zu verstehen. Oder fürchten Sie
+sich 'leicht, als Monstrosität keine Ansprache zu haben? Ich kann Ihnen
+nur sagen, ich hab' schon ein stattliches Angsambel beisammen. Und lauter
+Leute aus den besten Kreisen. -- Da hab' ich zum Beispiel einen alten
+Herrn, der wo ohne Arme und Beine geboren worden ist. Den führ' ich
+demnächst Ihrer Majestät der Königin von Italien als belgischen Säugling
+vor, den die deutschen Generäle verstümmelt haben.«
+
+#Dr.# Paupersum hatte nur die letzten Worte klar erfaßt. »Was reden Sie
+da für Zeug zusammen?« fuhr er unwirsch auf. »Erst sagen Sie, der Krüppel
+sei ein alter Herr, und dann wollen Sie ihn als belgischen Säugling
+vorstellen!«
+
+»Das erhöht doch gerade den Reiz!« widersprach der Impresario; »ich
+behaupte ganz einfach, er sei so rapid gealtert -- aus Gram, weil er hat
+zuschauen müssen, wie ein preußischer Ulan seine Mutter bei lebendigem
+Leib aufgefressen hat.«
+
+Der Gelehrte wurde unsicher; die Schlagfertigkeit des andern war zu
+verblüffend. »Na gut, meinetwegen. Aber sagen Sie mir vor allem: Wie
+gedenken Sie mich zur Schau zu stellen, bis ich erst einen Rüssel habe,
+Füße wie ein Faßdeckel und so weiter?«
+
+»Blitzeinfach! -- Ich schmuggle Sie mit falschem Paß über die Schweiz nach
+Paris. Dort kommen Sie in einen Käfig, haben alle fünf Minuten zu brüllen
+wie ein Stier und dreimal täglich ein paar lebende Ringelnattern zu essen
+(die Sache kriegen wir schon, es hört sich nur ein bissel grausig an).
+Abends ist dann Galavorstellung: ein Turko zeigt, wie er Sie in den
+Urwäldern Berlins mit dem Lasso eingefangen hat. Und draußen auf einem
+Plakat steht: Dieses ist ein garantiert echter deutscher Professor (und
+das ist doch die Wahrheit; zu einem Schwindel gebe ich meine Hand nicht
+her), das erstemal lebend nach Frankreich gebracht! -- und so weiter.
+Übrigens wird mein Freund d'Annunzio den Text gern verfassen, der findet
+den richtigen poetischen Schwung schon.«
+
+»Was aber, wenn inzwischen der Krieg beendet ist?« gab der Gelegte zu
+bedenken, »wissen Sie, bei meinem Pech -- -- --«
+
+Der Impresario lächelte: »Seien Sie unbesorgt, Herr Doktor; die Zeit, wo
+ein Franzose nicht alles glaubt, was gegen die Deutschen spricht, kommt
+nie. Auch in tausend Jahren nicht.« -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+War das ein Erdbeben gewesen? Nein, -- nur der Pikkolo hatte seinen
+Nachtdienst im Café angetreten und als musikalisches Vorspiel ein
+Kredenzblech mit Wassergläsern heruntergeschmissen.
+
+#Dr.# Paupersum blickte verstört umher. Die Göttin von »Über Land und Meer«
+war verschwunden und statt ihrer hockte ein alter unverbesserter
+Gewohnheits-Theaterkritiker auf dem Sofa, »verriß« im Geiste eine
+Premiere, die nächste Woche stattfinden sollte, tupfte mit nassem
+Zeigefinger ein paar Semmelbrösel vom Tisch, zernagte sie mit den
+Vorderzähnen und schnitt Iltisgesichter dazu.
+
+Allmählich wurde sich #Dr.# Paupersum darüber klar, daß er selbst
+sonderbarerweise mit dem Rücken gegen das Lokal saß -- vermutlich die
+ganze Zeit über so gesessen hatte -- und alles, was er mit dem Auge
+erlebt, in dem großen Wandspiegel vor sich gesehen haben mußte, denn sein
+eigenes Gesicht starrte ihn jetzt nachdenklich an. -- Der Weltmann war
+auch noch da, fraß auch wirklich kalten Lachs -- mit dem Messer natürlich
+--, aber er saß ganz drüben im Winkel und nicht hier am Tisch.
+
+»Wie bin ich eigentlich ins Café Stefanie gekommen?« fragte sich der
+Gelehrte.
+
+Er konnte sich nicht entsinnen.
+
+Dann legte er sich langsam zurecht: Es kommt von dem ewigen Hungern, und
+wenn man andere Lachs essen sieht und Wein dazu trinken. Mein Ich hat sich
+eine Weile gespalten. Alte Sache das und ganz natürlich; in solchen Fällen
+sind wir mit einem Male wie Zuschauer im Theater und doch auch
+gleichzeitig die Darsteller unten auf der Bühne. Und die Rollen, die wir
+spielen, setzen sich zusammen aus dem, was wir einst gelesen und gehört
+und heimlich -- gehofft haben. Ja, ja, die Hoffnung ist ein grausamer
+Dichter! Wir malen uns da Gespräche aus, die wir zu erleben glauben, sehen
+uns Gebärden machen, bis die Außenwelt fadenscheinig wird und unsere
+Umgebung zu anderen trügerischen Formen gerinnt. Selbst die Sätze, die in
+unserem Hirn geboren werden, denken wir nicht mehr wie sonst; sie sind mit
+Phrasen und Begleitbemerkungen umhüllt wie in einer Novelle. -- Ein
+seltsames Ding, dieses »Ich«! Es fällt zuweilen auseinander wie ein Bündel
+Ruten, von dem man die Schnur löst ... -- und wieder ertappte sich #Dr#.
+Paupersum dabei, daß seine Lippen murmelten: »Wie bin ich eigentlich ins
+Café Stefanie gekommen?«
+
+Plötzlich zerriß ein Jubelschrei in seinem Innern alles Grübeln: »Ich habe
+doch eine Mark gewonnen im Schachspiel. Eine ganze Mark! Jetzt ist ja
+alles gut; mein Kind kann wieder gesund werden. Rasch eine Flasche roten
+Wein, und Milch, und -- -- --.«
+
+In wilder Aufregung durchwühlte er seine Taschen, da fiel sein Blick auf
+den Trauerflor, den er am Ärmel trug, und mit einem Schlage stand die
+nackte entsetzliche Wirklichkeit vor ihm: seine Tochter war doch gestern
+nacht gestorben!
+
+Er griff mit beiden Händen nach seinen Schläfen -- -- ja, ge--stor--ben.
+Jetzt wußte er auch, wieso er ins Café gekommen war -- vom Friedhof, vom
+Begräbnis. Am Nachmittag hatten sie sie doch bestattet. Eilig,
+teilnahmslos, verdrossen. Weil es so geregnet hatte.
+
+Und dann war er durch die Straßen geirrt, stundenlang, hatte die Zähne
+zusammengebissen und krampfhaft auf das Klappen seiner Absätze gehorcht
+und dabei gezählt, immer gezählt und gezählt von eins bis hundert und
+wieder von vorn, um nicht wahnsinnig zu werden vor Furcht, seine Schritte
+könnten ihn gegen seinen Willen nach Hause führen in sein kahles Zimmer
+mit dem ärmlichen Bett, in dem sie gestorben, und das jetzt -- leer war.
+Irgendwie mußte er dann hier gelandet sein. Irgendwie.
+
+Er hielt sich am Tischrand, um nicht zusammenzubrechen. Abgerissen und
+unvermittelt zog es durch sein Gelehrtenhirn: »Hm, ja, ich hätte -- ich
+hätte ihr durch Transfusion Blut aus meinen Adern überleiten sollen; --
+Blut überleiten sollen -- --« wiederholte er ein paarmal mechanisch; da
+schreckte ihn ein Gedanke auf: »Ich kann mein Kind doch nicht allein
+lassen -- draußen in der nassen Nacht,« wollte er aufschreien, aber es kam
+nur ein leises Winseln aus seiner Brust. -- -- -- -- -- -- --
+
+»Rosen, ein Strauß Rosen war ihr letzter Wunsch gewesen,« scheuchte es ihn
+nochmals auf -- -- -- »so kann ich ihr doch wenigstens einen Strauß Rosen
+kaufen, ich habe ja eine Mark im Schachspiel gewonnen,« -- er wühlte
+wieder in seinen Taschen und eilte hinaus, ohne Hut in die Dunkelheit,
+einem letzten winzigen Irrlicht nach.
+-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Am nächsten Morgen fanden sie ihn auf dem Grab seiner Tochter. Tot. Die
+Hände tief in die Erde gewühlt. Er hatte sich die Pulsadern
+durchschnitten, und sein Blut war hinabgesickert zu der, die da unten
+schlief.
+
+Auf seinem weißen Gesicht aber lag ein Glanz jenes stolzen Friedens, den
+keine Hoffnung mehr stören kann.
+
+
+
+
+Amadeus Knödlseder
+
+Der unverbesserliche Lämmergeier
+
+
+»Knödlseder, schleich dich!« hatte der bayerische Steinadler Andreas
+Humplmeier gesagt und das Fleischstück, das des Wärters spendende Hand
+durchs Gitter gesteckt, brüsk an sich gerissen.
+
+»Sauviech, verfluachts«, schimpfte, vor Wut außer sich, der hochbetagte,
+in der langen Gefangenschaft bereits kurzsichtig gewordene Lämmergeier --
+denn dies war der solchergestalt auf geringschätzige Weise Angeredete,
+flog auf eine Stange und spuckte dünn nach seinem Widersacher.
+
+Doch Humplmeier ließ sich nicht beirren; den Kopf in die schützende Ecke
+gesteckt, verzehrte er das Fleisch, hob nur verächtlich die Schwanzfedern
+und höhnte: »Geh her! Kriagst a Watschn.«
+
+Es war nun schon das drittemal, daß Amadeus Knödlseder um sein Abendessen
+kam!
+
+»Das geht nicht länger so weiter«, brummte er und schloß die Augen, um
+das unverschämte Grinsen des Marabus nebenan im Käfig nicht zu sehen, der
+regungslos im Winkel saß und angeblich »Gott dankte«, -- eine
+Beschäftigung, der er als heiliger Vogel rastlos obliegen zu müssen
+glaubte, »das geht nicht länger so weiter«.
+
+Knödlseder ließ die Ereignisse der verflossenen Wochen im Geiste an sich
+vorüberziehen: anfangs, nun ja, da hatte er selbst oft über des
+Steinadlers urwüchsige Art lächeln müssen; besonders bei einer
+Gelegenheit: in den anstoßenden Raum waren damals zwei engbrüstige,
+hochmütige Gesellen -- stelzbeinig wie Störche -- gebracht worden, und der
+Steinadler hatte ausgerufen: »Ja, was wär denn jetzt dös? Was seid's denn
+ös für welche?«
+
+»Wir sind Jungfernkraniche«, war die Antwort gewesen.
+
+»Wer's glaubt«, hatte der Steinadler zur allgemeinen Heiterkeit gesagt,
+aber gar bald kehrte sich die Spottlust des rüden Burschen auch gegen ihn:
+So zum Beispiel besprach er sich heimlich einmal mit einem Raben, der bis
+dahin ein sehr umgänglicher Kollege gewesen, und sie entwendeten einer
+unvorsichtigerweise zu nahe am Gitter vorbeifahrenden Kindsfrau aus deren
+Säuglingswagen einen roten Gummischlauch. Dann legten sie den Schlauch in
+die Freßmulde, und der Steinadler hatte mit dem Daumen hingedeutet und
+gesagt: »Amatöus, da hast du eine Wurscht.« Und er -- er, der bislang
+einstimmig als die Zierde des Zoologischen Gartens gegolten, der
+hochgeehrte königliche Lämmergeier Knödlseder! -- hatte es geglaubt, war
+mit dem Schlauch auf die Stange geflogen, hatte ihn zwischen die Fänge
+genommen und mit dem Schnabel daran gezogen und gezogen, bis er selbst
+schon ganz lang und dünn geworden und dann war das elastische Zeug
+plötzlich gerissen und er nach hinten heruntergefallen, wobei er sich den
+Hals scheußlich verrenkte. Unwillkürlich befühlte Knödlseder die noch
+immer schmerzende Stelle. Wieder schüttelte ihn ein Wutausbruch, aber er
+bezwang sich rasch, um dem Marabu keinen Anlaß zur Schadenfreude zu geben.
+Er warf einen raschen Blick hinunter: nein, zum Glück hatte der ekelhafte
+Kerl nichts bemerkt -- er saß im Winkel und »dankte Gott«. --
+
+»Heute nacht wird entflohen,« beschloß der Lämmergeier nach längerem Hin-
+und Hergrübeln endlich bei sich; »besser die Freiheit mit ihren Sorgen ums
+Dasein, als mit diesen Unwürdigen auch nur einen Tag noch beisammen sein!«
+-- Ein kurzer Versuch zeigte ihm, daß die Klappe -- oben im Käfig am
+Scharnier durchgerostet -- noch immer leicht zu öffnen war, ein Geheimnis,
+um das er seit geraumer Zeit schon wußte.
+
+Er zog seine Taschenuhr zu Rate: Neun Uhr! Also mußte es bald finster
+werden!
+
+Er wartete noch eine Stunde und packte dann geräuschlos seinen Handkoffer.
+Ein Nachthemd, drei Taschentücher (er hielt sie ans Auge: mit A. K.
+gemerkt?, ja, es waren die seinigen), sein abgegriffenes Gesangbuch mit
+dem vierblättrigen Kleeblatt drin und dann -- eine Träne der Wehmut
+feuchtete seine Lider -- das alte liebe Bruchband, das, bunt als
+Brillenschlange bemalt, ihm einst Mütterlein zum Osterfeste kurz bevor er
+von Menschenhand aus dem Neste genommen worden, zum Spielen geschenkt
+hatte. So, das war alles. Zugesperrt und den Kofferschlüssel im Kropfe
+geborgen.
+
+»Eigentlich sollte ich mir«, überlegte Knödlseder, »noch vom Herrn
+Vorstand ein Leuschnabelzeugnis ausstellen lassen! Man kann nie wissen --
+--«; aber er verwarf den Gedanken; nicht mit Unrecht sagte er sich, die
+Direktion des Zoologischen Gartens könnte trotz ihrer sprichwörtlichen
+Harmlosigkeit seiner Abreise mißbilligend gegenüberstehen. »Nein, lieber
+noch ein Stündchen schlafen.«
+
+Schon wollte er den Kopf unter den Flügel stecken, da schreckte ihn ein
+Klappern auf. Er horchte. Es war nichts weiter von Bedeutung: der Marabu,
+der insgeheim dem Hazard fröhnte, spielte bei Mondenschein unter dem
+Schutze der Nacht, »grad ungrad auf Ehrenwort« mit sich selber. Und das
+machte er so: er schluckte einen Haufen Kieselsteine und spuckte sie zum
+Teil wieder aus; war die Zahl ungrad, hatte er »gewonnen«. Eine Weile sah
+der Lämmergeier zu und freute sich mordsmäßig, da der Marabu unausgesetzt
+verlor, bis wiederum ein Geräusch, -- diesmal aus dem künstlichen
+Zementbaum, der das Innere des Käfigs verschönte, kommend -- seine
+Aufmerksamkeit anderweitig in Anspruch nahm. Es war eine Flüsterstimme,
+die ihm zuraunte: »Pst, pst, Herr Knödlseder!«
+
+»Ja, was gibts?« antwortete der Lämmergeier ebenso leise und flog lautlos
+von seiner Stange herab.
+
+Es war ein Igel, der ihn angeredet hatte, zwar auch ein gebürtiger Bayer,
+aber im Gegensatz zu dem widerwärtigen Steinadler ein schlichter biederer
+Charakter und rohen Späßen von Grund aus abhold.
+
+»Sie wollen entfliehen«, begann der Igel und wies mit dem Kopf nach dem
+gepackten Handkoffer. Einen Augenblick überlegte der Lämmergeier, ob er
+dem Sprecher sicherheitshalber nicht den Kragen umdrehen sollte, aber der
+offene ehrliche Blick des Wackern entwaffnete ihn. »Kennen S' Ihna denn
+aber auch in der Gegend bei München aus, Herr Knödlseder?«
+
+»Nein«, gab der Lämmergeier betroffen zu.
+
+»No, so seg'n S'. Da kann i Ihna rat'n. Also zerscht, bal S' außa kemman:
+links ums Eck umi; nacher halten S' Eahna rechterhand. Na seg'n S' scho
+selber. Und nacher« -- der Igel machte eine Pause, schüttelte sich aus
+seinem Schmalzlerglas eine Prise Tabak auf die Daumengrube und schnupfte
+sie zischend auf -- »und nacher pfeilgrad füri, bis S' zu aner Oasn kemman
+-- Daglfing hoaßt mer's, na' müass'n S' weiterfrag'n. Und viel Glück auf
+d' Reis', Herr Nachbar«, schloß der Igel und verschwand.
+
+ * * *
+
+Alles war gut gegangen. Noch vor Tagesgrauen hatte Amadeus Knödlseder
+vorsichtig die Gitterklappe geöffnet, schnell das Edelweißhütlein und die
+gestickten Hosenträger Humplmeiers, des Steinadlers, der auf seiner Stange
+wie eine Brettsäge schnarchte, mit seinen eignen abgetragenen vertauscht
+und sich, das Köfferchen in der Linken, in die Lüfte geschwungen. Wohl war
+bei dem Geräusch der Marabu aus dem Schlummer erwacht, aber ohne etwas zu
+bemerken, denn er hatte sich sofort, noch schlaftrunken, in den Winkel
+gestellt und dankte Gott.
+
+»Eine Flachheit ist das!« brummte der Lämmergeier beim Anblick der
+träumenden Stadt, wie er durchs rosige Dämmerlicht nach Süden flog, »und
+so was nennt sich Kunstmetropole!«
+
+Bald war das liebliche Daglfing erreicht, und Amadeus Knödlseder ließ sich
+herab, um, von der ungewohnten Anstrengung erhitzt, eine Maß Bier käuflich
+an sich zu bringen.
+
+Gemächlich schlenderte er durch die ausgestorbenen Gassen. Doch weit und
+breit kein Ausschank, der so früh schon offen gewesen wäre. Ein einziger
+Laden nur, der eine Ausnahme machte: die »Handlung« von Barbara
+Mutschelknaus.
+
+Eine Weile musterte der Lämmergeier die bunte Auslage, dann schoß ihm ein
+Gedanke durch den Kopf. Entschlossen drückte er auf die Klinke.
+
+ * * *
+
+Schon in der Nacht hatte ihn die Sorge gequält, womit er wohl in der
+Freiheit sein Dasein fristen sollte. Beute erjagen? Bei _meiner_
+Kurzsichtigkeit? hatte er sich gefragt.
+
+Hm. Oder eine kleine Guanofabrik errichten? Dazu gehört in erster Linie
+Essen, und zwar viel, sehr viel Essen; #ex nihilo nihil fit#; -- doch jetzt
+mit einem Male eröffnete sich ihm ein neuer Plan. Er betrat den Laden.
+
+»Teifi, was is denn jetzt dös für a scheißlichs Viech!« kreischte die alte
+Frau Mutschelknaus beim Anblick des sonderbaren frühen Kunden auf; doch
+gar bald besänftigte sie sich, als Amadeus Knödlseder ihr freundlich die
+Wangen tätschelte und in wohlgesetzter Rede zu verstehen gab, er gedenke
+behufs Vervollständigung seiner Reisetoilette umfangreiche Einkäufe zu
+machen, wofür hauptsächlich farbige Krawatten aller Arten und Formen in
+Betracht kämen.
+
+Durch das joviale Benehmen des Lämmergeiers bestrickt, türmte die Alte
+denn auch in Windeseile ganze Berge der prächtigsten Halsbinden auf den
+Ladentisch.
+
+Und alles nahm der »gnä Herr« ohne zu feilschen und ließ es in eine große
+Pappschachtel packen. Nur einen feuerroten Schlips wählte er selbst aus
+mit dem Ersuchen, ihn an seinem langen kahlen Hals zu befestigen, dabei
+mit sengendem Blick verführerisch das Liedchen trällernd:
+
+ »Ein heißer Kuß von deinem Rosenmundö
+ erinnert mich
+ an jenes Morgenrot, hurra;
+ hurra, hurra!«
+
+»No, die steht Eahna«, rief die Alte selig, als die Krawatte endlich
+richtig saß, »und ausschaugn tuan S' (wie ein Schnallentreiber, hätte sie
+beinahe gesagt) -- wie ein leibhaftiger Baron.«
+
+»So, nun noch ein Glas Wasser, liebe Frau, wenn ich bitten darf«, flötete
+der Lämmergeier.
+
+Dienstbeflissen eilte die Betörte in die rückwärtigen Gefilde des Hauses;
+doch kaum war sie dem Blick entschwunden, ergriff Amadeus Knödlseder die
+Pappschachtel, stürmte ohne zu zahlen aus dem Laden und schwebte in der
+nächsten Minute dem klaren Himmelszelt zu. Wohl gellte alsbald eine Flut
+von Verwünschungen seitens der geschädigten Handelsfrau in die Luft, doch
+ohne jeglichen Gewissensbiß -- im linken Fang den Handkoffer, rechts die
+gefüllte Pappschachtel -- gaukelte der Ruchlose fürbaß durch den blauen
+Äther.
+
+Erst spät am Nachmittage -- die scheidenden Strahlen des zur Rüste
+gehenden Sonnenballes schickten sich bereits an, die roterglühenden
+Alpengipfel zu küssen -- lenkte er seinen Flug erdwärts. Der balsamische
+Duft der heimatlichen Bergwelt umfächelte kosend sein Antlitz und trunken
+schwelgte das Auge in köstlichem Fernblick.
+
+Melodisch klang aus grünenden Triften der schwermütige Gesang der
+Hirtenknaben empor zum schwindelnden Firn, gar lieblich durchflochten von
+dem Silberschall der heimziehenden Herden. Von dem richtigen Instinkt des
+Sohnes der Lüfte geleitet, erkannte Amadeus Knödlseder gar bald zu seiner
+Freude, daß ein günstiges Schicksal wohlwollend seine Schwingen gelenkt
+und ihn in die Nähe eines wohlhabenden Murmeltierstädtchens geführt hatte.
+
+Wohl suchten die Bewohner sofort bei seinem Erscheinen den schützenden
+Herd auf und schlossen die Türen, aber rasch legte sich ihre Furcht, als
+sie sahen, daß Knödlseder einem greisen Hamster, der in der Ortschaft ein
+Getreidegeschäft leitete und nimmer schnell genug hatte fliehen können,
+nicht nur kein Haar krümmte, vielmehr ehrerbietig vor ihm den Hut zog, um
+Feuer bat und sich nach einer Herberge erkundigte.
+
+»Sie sind gewiß kein Hiesiger, nach dem Dialekt zu schließen?«, fragte er,
+leutselig ein längeres Gespräch anknüpfend, als ihm der Hamster, vor
+Zittern kaum der Rede fähig, die gewünschte Auskunft erteilt hatte.
+
+»Nein, nein«, stotterte der alte Herr.
+
+»Wohl aus dem Süden?«
+
+»Nein. Aus -- aus Prag.«
+
+»Demnach mosaischen Glaubensbekenntnisses, wie?« forschte Amadeus
+Knödlseder und drückte lächelnd ein Auge zu.
+
+»Ich? I -- ich? Was denken Sie von mir, Herr Lämmergeier!« leugnete der
+Hamster in seiner Angst, möglicherweise einen Russen vor sich zu haben,
+drauflos. »Ich mosaisch? Im Gegenteil, ich war doch zehn Jahr lang
+Schabbesgoj bei einer zwar jüdischen, aber armen Familie!«
+
+Nachdem der Lämmergeier sich noch eingehend über alles Mögliche erkundigt
+und insbesondere seiner hohen Freude Ausdruck verliehen, daß es im
+Städtchen keinerlei wie immer geartete Nachtlokale gab, entließ er den
+Ärmsten, der von beständiger Furcht inzwischen beinahe den Veitstanz
+bekommen hätte, und begab sich auf die Suche nach einer Wohnung.
+
+Das Glück lächelte ihm, und noch ehe die Nacht hereinbrach, war es ihm
+gelungen, auf dem Marktplatz einen schmucken Laden mit anstoßender Kammer
+sowie Nebenräumen, die alle ihre eigenen Ausgänge hatten, zu mieten.
+
+ * * *
+
+Friedlich flossen Tage und Wochen dahin, die Bürgerschaft hatte ihre
+Besorgnisse längst fahren lassen, und fröhliches Gemurmel belebte wiederum
+von früh bis spät die Straßen.
+
+Fein säuberlich mit Rundschrift auf ein Brett geschrieben stand über dem
+neuen Laden zu lesen:
+
+ Krawattengeschäft in allen Farben,
+ ausgeübt
+ von
+ Amadeus Knödlseder.
+ (Braune Rabattmarken.)
+
+und gaffend staute sich die Menge vor den ausgestellten Herrlichkeiten.
+
+Früher, wenn die Wildenten -- protzig, daß ihnen die Natur so schöne
+grünschillernde Halsbinden geschenkt -- in Schwärmen vorübergezogen kamen,
+hatte jedesmal Verstimmung und Bitterkeit im Orte geherrscht -- wie anders
+war das jetzt geworden! Wer halbwegs auf Rang und Ansehen hielt, besaß
+einen Schlips von primissima Qualität, aber noch viel, viel greller. Da
+gab's rote und blaue, dieser trug einen gelben, jener einen gewürfelten,
+und gar der Herr Bürgermeister, der hatte einen so langen, daß er sich
+beim Gehen beständig mit den Vorderpfoten dreinverwickelte.
+
+Die Firma Amadeus Knödlseder war in aller Munde, und der Inhaber galt als
+Vorbild für sämtliche Untertanentugenden. Sparsam, fleißig, erwerbsfreudig
+und mäßig (er trank bloß Limonade).
+
+Tagsüber bediente er vorn im Laden die Kundschaft: nur zuweilen führte er
+besonders wählerische Käufer in das rückwärtige Zimmer, wo er dann
+auffallend lang zu verweilen pflegte, wahrscheinlich um Eintragungen im
+Hauptbuch vorzunehmen; wenigstens hörte man ihn in solchen Fällen oft und
+laut rülpsen -- bei Kaufleuten seiner Branche stets ein Zeichen
+angestrengter, geistiger Tätigkeit.
+
+Daß der betreffende Käufer das Geschäft niemals wieder durch das vordere
+Lokal verließ, war nicht weiter befremdlich. Gab es doch so viele
+rückwärtige Ausgänge!
+
+In den Stunden nach Feierabend liebte es Amadeus Knödlseder, auf einem
+steilen Schroffen zu sitzen und schwärmerische Weisen auf der Schalmei zu
+blasen, bis er die heimlich Angebetete seines Herzens -- ein ältliches
+Gemsenfräulein mit Hornbrille und schottischem Plaid -- auf dem schmalen
+Felsenbande gegenüber einhertrippeln sah. Dann grüßte er stumm und
+ehrerbietig. Und sie dankte mit züchtigem Neigen des Köpfchens. Man
+munkelte bereits, die beiden würden ein Paar werden, und alle, die um die
+zarten Beziehungen wußten, konnten sich nicht genugtun in Ausrufen der
+Bewunderung, wie erfreulich es doch sei, die segensreiche Wirkung
+gesitteten Lebenswandels selbst bei einem erblich so schwer belasteten
+Individuum, wie es ein Lämmergeier naturgemäß sein mußte, mit eigenen
+Augen ansehen zu dürfen.
+
+Daß trotzdem keine rechte Freude unter den Bewohnern des
+Murmeltierstädtchens einziehen wollte, war lediglich dem ebenso
+befremdenden wie betrüblichen Umstande zuzuschreiben, daß die Zahl der
+Bürgerschaft auf erschreckende Weise und ohne ersichtlichen Grund abnahm,
+sozusagen von Woche zu Woche abnahm. Fast keine Stunde verging, ohne daß
+nicht irgendein Familienmitglied als »vermißt« gemeldet wurde. Man riet
+auf dies, man riet auf jenes, man wartete -- aber niemals kehrte eines der
+Verschollenen jemals wieder.
+
+Eines Tages fehlte sogar -- das Gemsenfräulein! Man fand ihr
+Riechfläschchen auf dem Felsenbande; sie selbst mußte infolge eines
+Schwindelanfalles verunglückt sein.
+
+Amadeus Knödlseders Schmerz kannte keine Grenzen.
+
+Immer wieder und wieder stürzte er sich mit ausgebreiteten Schwingen hinab
+in den Abgrund -- wie er sagte, um die Leiche der Teuern zu suchen. Oder
+er saß in der Zwischenzeit, einen Zahnstocher im Schnabel, unverwandt in
+die Tiefe starrend am Rande der Schlucht.
+
+Sein Krawattengeschäft vernachlässigte er ganz und gar. -- -- --
+
+Da, eines Nachts, enthüllte sich Schreckliches! Der Besitzer des Hauses,
+in dem der Lämmergeier wohnte, -- ein alter mürrischer Murmler, --
+erschien auf der Polizei und verlangte die sofortige zwangsweise Öffnung
+des Ladens, sowie die Beschlagnahme der darin befindlichen Waren seines
+Mieters, da er nicht länger gesonnen sei, auf Zahlung des schuldigen
+Zinses zu warten.
+
+»Hm! Seltsam. Herr Knödlseder sollte die Miete nicht gezahlt haben?« --
+der Beamte mochte es gar nicht glauben -- und ob Herr Knödlseder denn
+nicht zu Hause sei? Man brauche ihn doch nur zu wecken!
+
+»Der, und zu Hause?« -- der alte Murmler lachte schrill auf -- »der? Der
+kommt doch nie vor fünf Uhr früh heim und dann jedesmal schwer besoffen!«
+
+»So?! Besoffen?!« -- der Beamte gab seine Befehle.
+
+Der erste Morgenschein zog bereits herauf, und noch immer arbeiteten die
+Schergen schweißtriefend an dem schweren Vorhängschloß, das den
+rückwärtigen Teil des Krawattenladens versperrte.
+
+Eine aufgeregte Menge flutete auf dem Marktplatz hin und her.
+
+»Schuldbare Krida!« -- »Nein: Wechselreiterei«, lief es von Schnauze zu
+Schnauze.
+
+»Tj, schuldbare Krida! -- Ihnen gesaaagt! Tj. Ich versteh immer:
+schuldbare Krida?« höhnte gestikulierend der greise Hamster, der sich
+ebenfalls eingefunden hatte, dazwischen; -- es war das erstemal seit jenem
+schreckhaften Zusammentreffen mit Knödlsedern, daß er sich wieder in der
+Öffentlichkeit zeigte.
+
+Die allgemeine Unruhe wuchs und wuchs.
+
+Selbst die feinen Murmeltierdämchen, die, in kostbare Pelze gehüllt, nach
+Hause fuhren von Lustbarkeit und Mummenschanz, ließen halten, reckten die
+Hälschen und fragten, was es gäbe.
+
+Plötzlich ein Krachen: die Türe war dem Drucke gewichen. Grauenvoll, was
+sich da den Blicken bot!
+
+Ein bestialischer Gestank entströmte der geöffneten Kammer, und wohin sich
+das Auge wandte: ausgespienes Gewöll, fast bis zur Decke hinauf abgenagte
+Knochen, Gebein auf den Tischen, Gebein auf den Regalen, selbst in den
+Schubladen und im Geldschrank: Gebein und Gebein.
+
+Entsetzen lähmte die Menge; jetzt war mit einem Schlage klar, wohin alle
+die Vermißten gekommen waren. Knödlseder hatte sie gefressen und ihnen die
+verkaufte Ware wieder abgenommen -- ein zweiter »Juwelier Cardillac« im
+Roman des Fräuleins von Scuderi!
+
+»Nu, was i i -- is mit der schuldbaren Krida? Waas?« höhnte schon wieder
+der Hamster. Man umringte ihn und staunte ihn an, daß er so klug gewesen
+und sich und seine Familie ferngehalten hatte von dem Verkehr mit dem
+tückischen Mordbuben.
+
+»Wie konnte es nur sein, Herr Kommerzienrat,« riefen alle durcheinander,
+»daß Sie allein ihm mißtrauten? Man _mußte_ doch annehmen, er habe sich
+gebessert und -- -- --«
+
+»Ä Lämmergeier und sich bessern?!« rief höhnisch der Hamster, drückte die
+Fingerspitzen zusammen, als hielte er eine Prise Salz darin und bewegte
+sie vor den Augen seiner Zuhörer ausdrucksvoll hin und her: »was ämol ä
+Lämmergeier is, is ä Lämmergeier und bleibt ä Lämmergeier und wird ä
+Lämmergeier bleiben, bis -- --« er kam nicht weiter: laute menschliche
+Stimmen näherten sich. Touristen!
+
+Im Nu waren sämtliche Murmeltiere verschwunden.
+
+Er auch.
+
+»Herrlich! Zückend! So'n Sonnenaufgang! Achch!« schrillte die eine
+Menschenstimme. Sie gehörte einer spitznasigen, idealgesinnten Jungfrau
+an, die gleich darauf, an ihren Bergstock geschmiegt, das Hochplateau
+betrat, den Busen wogend, so gut es gehen wollte, und die treuherzigen
+Augen rund und offen wie Spiegeleier. Nur nicht so gelb! (Sondern
+veilchenblau): »achch! Nu, im Angesicht der 'zückenden Natua -- wo allens
+so schön ist -- dürfen Se auch nich mehr sagen, Herr Klempke, was Se unten
+im Tale üwah das italien'sche Volk gesacht haben. Sie werden sehen, wenn
+der Kriech ma' vorüwer ist, werden die Italienah die ersten sein, die
+komm' und uns die Hand hinstrecken und sagen:
+
+'Liewes Deutschland, verzeih uns, awa wir haben uns -- gebessert.'«
+
+
+
+
+J. H. Obereits Besuch bei den Zeit-egeln
+
+
+Mein Großvater liegt auf dem Friedhof des weltvergessenen Städtchens
+Runkel zur ewigen Ruhe bestattet. Auf einem dicht mit grünem Moos
+bewachsenen Grabstein stehen unter der verwitterten Jahreszahl, in ein
+Kreuz gefaßt und so frisch im Golde glänzend, als seien sie erst gestern
+gemeißelt worden, die Buchstaben:
+
+ V | I
+ --+--
+ V | O
+
+»#Vivo#« das heißt: »ich lebe«, bedeute das Wort, sagte man mir, als ich
+noch ein Knabe war und das erstemal die Inschrift las, und es hat sich mir
+so tief in die Seele geprägt, als hätte es der Tote selbst aus der Erde zu
+mir empor gerufen.
+
+#Vivo# -- ich lebe, -- ein seltsamer Wahlspruch für ein Grabmal!
+
+Er klingt heute noch in mir wider, und wenn ich daran denke, wird mir wie
+einst, als ich davor stand: ich sehe im Geist meinen Großvater, den ich
+doch niemals im Leben gekannt, da unten liegen, unversehrt, die Hände
+gefaltet und die Augen, klar und durchsichtig wie Glas, weit offen und
+unbeweglich. Wie einer, der mitten im Reiche des Moders unverweslich
+zurückgeblieben ist und still und geduldig wartet auf die Auferstehung.
+
+Ich habe die Friedhöfe so mancher Stadt besucht: immer war es ein leiser,
+mir unerklärlicher Wunsch, auf einem Grabstein wieder dasselbe Wort zu
+lesen, der meine Schritte lenkte, aber nur zweimal fand ich dieses »#vivo#«
+wieder, -- einmal in Danzig, und einmal in Nürnberg. In beiden Fällen
+waren die Namen ausgetilgt vom Finger der Zeit; in beiden Fällen leuchtete
+das »#vivo#« hell und frisch, als sei es selber voll des Lebens.
+
+Von jeher nahm ich als erwiesen hin, daß, wie man mir schon als Kind
+gesagt, mein Großvater keine Zeile von seiner Hand hinterlassen habe, um
+so mehr erregte es mich, als ich vor nicht langer Zeit in einem
+versteckten Fache meines Schreibtisches, unseres alten Erbstückes, auf
+ein ganzes Bündel Aufzeichnungen stieß, die offenkundig von ihm
+geschrieben waren.
+
+Sie lagen in einer Mappe, auf der der sonderbare Satz zu lesen stand: »Wie
+will der Mensch dem Tod entrinnen, es sei denn, daß er nicht warte noch
+hoffe.« Sofort flammte das Wort »#Vivo#« in mir auf, das mich mein ganzes
+Leben hindurch wie ein lichter Schein begleitet hatte und nur weilenweis
+schlafen gegangen war, um, bald in Träumen, bald in Wachen, ohne äußeren
+Anlaß, wieder und wieder neu in mir zu werden. Wenn ich zuzeiten geglaubt,
+es könne Zufall gewesen sein, daß jenes vivo auf den Grabstein kam, --
+eine Inschrift, der Wahl des Pfarrers überlassen, -- so wurde mir, als ich
+den Sinnspruch auf dem Buchdeckel gelesen, zu voller Gewißheit, es müsse
+sich dabei um eine tiefere Bedeutung handeln, um etwas, was vielleicht das
+ganze Dasein meines Großvaters erfüllt hatte.
+
+Und was ich weiter las -- in seinem Nachlaß -- bestärkte mich in meiner
+Ansicht von Seite zu Seite.
+
+Es stand zu viel von privaten Beziehungen darin, als daß ich es fremden
+Ohren enthüllen dürfte, und so mag es genügen, daß ich flüchtig nur das
+berühre, was zu meiner Bekanntschaft mit Johann Hermann Obereit führte und
+mit dessen Besuch bei den Zeit-egeln im Zusammenhang steht.
+
+Wie aus den Aufzeichnungen hervorging, gehörte mein Großvater der
+Gesellschaft der »Philadelphischen Brüder« an, ein Orden, der mit seinen
+Wurzeln zurückreicht bis ins alte Ägypten und den sagenhaften Hermes
+Trismegistos seinen Begründer nennt. Auch die »Griffe« und Gesten, an
+denen die Mitglieder einander erkannten, waren ausführlich erklärt. --
+Sehr oft kam der Name Johann Hermann Obereit, eines Chemikers, der mit
+meinem Großvater eng befreundet gewesen schien und in Runkel gelebt haben
+mußte, vor, und da es mich interessierte, Näheres über das Leben meines
+Vorfahren und die dunkle weltabgewandte Philosophie, die aus jeder Zeile
+seiner Briefe sprach, zu erfahren, beschloß ich nach Runkel zu reisen, um
+dort zu erkunden, ob nicht vielleicht Nachkommen des erwähnten Obereit
+existierten und eine Familienchronik vorhanden sei. -- -- -- -- -- -- --
+
+Man kann sich nichts Traumhafteres denken als jenes winzige Städtchen, das
+wie ein vergessenes Stück Mittelalter mit seinen krummen, totenstillen
+Gassen und dem grasdurchwachsenen buckligen Pflaster zu Füßen des
+Bergschlosses Runkelstein, dem Stammsitz der Fürsten von Wied, unbekümmert
+den gellenden Schrei der Zeit verschläft.
+
+Schon am frühen Morgen zog es mich hinaus zu dem kleinen Friedhof, und
+meine ganze Jugend wachte wieder auf, wie ich in dem strahlenden
+Sonnenschein von einem Blumenhügel zum andern schritt und mechanisch die
+Namen derer von den Kreuzen ablas, die dort unten schlummerten in ihren
+Särgen.
+
+Von weitem erkannte ich an der funkelnden Inschrift den Grabstein meines
+Großvaters.
+
+Ein alter Mann mit weißem Haar, bartlos, die Züge scharf geschnitten, saß
+davor, den Elfenbeingriff seines Spazierstocks ans Kinn gedrückt, und
+blickte mich mit merkwürdig lebhaften Augen an, wie jemand, bei dem die
+Ähnlichkeit eines Gesichtes allerlei Erinnerungen weckt.
+
+Altmodisch gekleidet, fast in Biedermeiertracht, mit Vatermördern und
+schwarzseidner breiter Halsbinde, sah er aus wie ein Ahnenbild aus längst
+vergangener Zeit.
+
+Ich war über seinen Anblick, der ganz und gar nicht in die Gegenwart
+paßte, dermaßen erstaunt und hatte mich überdies so vergrübelt in all das,
+was ich dem Nachlaß meines Großvaters entnommen, daß ich, mir kaum bewußt,
+was ich tat, halblaut den Namen »Obereit« aussprach.
+
+»Ja, mein Name ist Johann Hermann Obereit,« sagte der alte Herr, ohne sich
+im geringsten zu wundern.
+
+Mir verschlug es fast den Atem, und was ich im Verlauf des sich
+entwickelnden Gespräches noch weiter erfuhr, war ebenfalls nicht danach
+angetan, meine Überraschung zu vermindern.
+
+Es ist an sich kein alltäglicher Eindruck, einen Menschen vor sich zu
+haben, der nicht viel älter scheint, als man selbst ist, und doch
+anderthalb Jahrhunderte gesehen hat: -- ich kam mir vor wie ein Jüngling
+trotz meiner schon weißen Haare, als wir nebeneinander hergingen und er
+mir von Napoleon und andern geschichtlichen Persönlichkeiten, die er
+gekannt, erzählte, wie man von Leuten spricht, die erst vor kurzem
+gestorben sind.
+
+»In der Stadt gelte ich als mein eigener Enkel,« sagte er lächelnd und
+deutete auf einen Grabstein, an dem wir vorüberkamen und der die
+Jahreszahl 1798 trug, »von Rechts wegen sollte ich hier begraben liegen;
+ich habe das Todesdatum draufschreiben lassen, denn ich wünsche nicht, von
+der Menge als moderner Methusalem angestaunt zu werden. Das Wort '#Vivo#'«
+fügte er bei, als habe er meine Gedanken erraten, »kommt erst hinzu, wenn
+ich wirklich tot bin.« --
+
+Wir schlossen bald enge Freundschaft, und er bestand darauf, daß ich bei
+ihm wohnte.
+
+Wohl ein Monat war verflossen und oft saßen wir bis tief in die Nacht in
+angeregter Unterhaltung beisammen, aber immer lenkte er ab, wenn ich die
+Frage stellte, was wohl der Satz auf der Mappe meines Großvaters: »Wie
+will einer dem Tod entrinnen, es sei denn, daß er nicht warte noch
+hoffe,« bedeuten möge: eines Abends jedoch, -- der letzte, den wir
+zusammen verbrachten (das Gespräch kam auf die alten Hexenprozesse, und
+ich vertrat die Ansicht, es müsse sich in solchen Fällen wohl nur um
+hysterische Frauenzimmer gehandelt haben), -- unterbrach er mich
+plötzlich: »Sie glauben also nicht, daß der Mensch seinen Körper verlassen
+kann und, sagen wir mal, nach dem Blocksberg reisen?«
+
+Ich schüttelte den Kopf.
+
+»Soll ich es Ihnen vormachen?«, fragte er kurz und sah mich scharf an.
+
+»Ich gebe gerne zu,« erklärte ich, »daß die sogenannten Hexen durch den
+Gebrauch gewisser narkotischer Mittel in einen Zustand der Entrückung
+gerieten und felsenfest glaubten, auf einem Besen durch die Luft zu
+fliegen.«
+
+Er dachte eine Weile nach. »Freilich, Sie werden immer sagen, auch ich
+bilde es mir nur ein« -- erwog er halblaut und versank wieder in
+Nachsinnen. Dann stand er auf und holte vom Bücherbord ein Heft. »Aber
+vielleicht interessiert es Sie, was ich hier niedergeschrieben habe, als
+ich vor Jahren das Experiment machte? Ich muß vorausschicken, ich war
+damals noch jung und voller Hoffnungen« -- ich sah an seinem versinkenden
+Blick, daß sein Geist zurückwanderte in ferne Zeiten -- »und glaubte an
+das, was die Menschen das Leben nennen, bis es dann Schlag auf Schlag kam:
+ich verlor, was einem auf Erden lieb sein kann, mein Weib, meine Kinder,
+-- alles. Da führte mich das Schicksal mit Ihrem Großvater zusammen und er
+lehrte mich verstehen, was Wünsche sind, was Warten ist, was Hoffen ist,
+wie sie miteinander verflochten sind, und wie man diesen Gespenstern die
+Maske vom Gesicht reißt. Wir haben sie die 'Zeit-egel' genannt, weil sie,
+wie die Blutegel das Blut, uns die Zeit, den wahren Saft des Lebens, aus
+dem Herzen saugen. Hier in diesem Zimmer war's, da lehrte er mich den
+ersten Schritt auf den Weg tun, auf dem man den Tod besiegt und die Vipern
+der Hoffnung zertritt. -- -- -- Und dann« -- er stockte einen Augenblick
+-- »ja -- und dann bin ich geworden wie Holz, das nicht fühlt, ob man es
+streichelt oder zersägt, ins Feuer oder ins Wasser wirft. Mein Inneres ist
+leer seitdem; ich habe keinen Trost mehr gesucht. Habe keinen mehr
+gebraucht. Wofür hätte ich ihn suchen sollen? Ich weiß: ich bin, und jetzt
+erst lebe ich. Es liegt ein feiner Unterschied zwischen: 'ich lebe' und
+'ich lebe'.«
+
+»Sie sagen das alles so einfach, und es ist doch furchtbar!« fiel ich
+erschüttert ein.
+
+»Es scheint nur so,« beruhigte er mich lächelnd; »es strömt ein
+Glücksgefühl aus der Unbeweglichkeit des Herzens, das Sie sich nicht
+träumen lassen. Es ist wie eine ewige süße Melodie, dieses 'ich bin', die
+nie mehr erlöschen kann, wenn sie einmal geboren ist, -- weder im Schlaf,
+noch, wenn die Außenwelt wieder aufwacht in unsern Sinnen, noch auch im
+Tod. -- -- -- -- -- -- -- Soll ich Ihnen sagen, warum die Menschen so früh
+sterben und nicht 1000 Jahre leben, wie's in der Bibel steht über die
+Patriarchen? Sie sind gleich den grünen Wassertrieben eines Baumes, -- sie
+haben vergessen, daß sie zum Stamme gehören, darum verwelken sie im ersten
+Herbst. Doch ich wollte Ihnen erzählen, wie ich das erstemal meinen Körper
+verließ.
+
+Es gibt eine uralte verborgene Lehre, so alt wie das Menschengeschlecht;
+sie hat sich vererbt von Mund zu Ohr bis heutigentags, aber nur wenige
+kennen sie. Sie zeigt uns die Mittel, die Schwelle des Todes zu
+überschreiten, ohne das Bewußtsein zu verlieren, und wem es gelingt, der
+ist von da an Herr über sich selbst: -- er hat ein neues Ich erworben und
+was ihm bis dahin als 'Ich' erschienen, ist nur mehr ein Werkzeug, so wie
+jetzt Hand oder Fuß unsere Werkzeuge sind.
+
+Herz und Atem stehen still wie bei einer Leiche, wenn der neuentdeckte
+Geist auszieht, -- wenn wir 'wegwandern, wie die Israeliten von den
+Fleischtöpfen Ägyptens, und zu beiden Seiten die Wasser des Roten Meeres
+stehen wie Mauern.' Lange und vielemal mußte ich es üben unter namenlosen,
+zermürbenden Qualen, bis es mir endlich gelang, mich vom Leibe loszulösen.
+Anfangs fühlte ich mich schweben, so wie wir wohl im Traume zuweilen
+glauben fliegen zu können, -- mit angezogenen Knien und ganz leicht, --
+aber plötzlich trieb ich in einem schwarzen Strom dahin, der von Süden
+nach Norden floß, -- wir nennen es in unserer Sprache das Aufwärtsfließen
+des Jordan, -- und sein Brausen klang wie das Rauschen des Blutes im Ohr.
+Viele aufgeregte Stimmen, deren Urheber ich nicht sehen konnte, schrien
+mich an, ich solle umkehren, bis mich ein Zittern befiel und ich in
+dumpfer Angst einer Klippe zuschwamm, die vor mir auftauchte. Im Mondlicht
+sah ich ein Geschöpf dortstehen, so groß wie ein halbwüchsiges Kind, nackt
+und ohne die Merkmale männlichen oder weiblichen Geschlechtes; es hatte
+ein drittes Auge auf der Stirn wie der Polyphem und deutete regungslos in
+das Innere des Landes.
+
+Dann schritt ich durch ein Dickicht dahin auf einem glatten, weißen Wege,
+doch ich spürte den Boden mit meinen Füßen nicht, und auch, wenn ich die
+Bäume und Sträucher ringsum berühren wollte, konnte ich ihre Oberfläche
+nicht greifen: immer lag eine dünne Schicht Luft dazwischen, die sich
+nicht durchdringen ließ. Ein fahler Glanz wie von faulem Holz bedeckte
+alles und machte das Sehen deutlich. Die Umrisse der Dinge, die ich
+wahrnahm, schienen locker, molluskenartig aufgeweicht und wunderlich
+vergrößert. Junge federlose Vögel mit runden frechen Augen hockten feist
+und gedunsen gleich Mastgänsen in einem riesigen Nest und kreischten auf
+mich herab; eine Rehkitz, kaum noch fähig zu laufen und doch schon so groß
+wie ein völlig entwickeltes Tier, saß träge im Moos und drehte, fett wie
+ein Mops, schwerfällig den Kopf nach mir.
+
+Eine krötenhafte Faulheit in jedem Geschöpf, das mir zu Gesichte kam.
+
+Allmählich ging mir die Erkenntnis auf, wo ich mich befand: In einem Land,
+so wirklich und wahrhaftig wie unsere Welt und dennoch nur ein Widerschein
+von ihr: in dem Reich der gespenstischen Doppelgänger, die sich von dem
+Mark ihrer irdischen Urformen nähren, sie ausplündern und selber ins
+Ungeheuere wachsen, je mehr sich jene verzehren in vergeblichem Hoffen und
+Harren auf Glück und Freude. Wenn auf der Erde jungen Tieren die Mutter
+weggeschossen wird, und sie voll Vertrauen und Glauben auf Nahrung warten
+und warten, bis sie in Qualen verschmachten, entsteht ihr gespenstisches
+Ebenbild auf dieser verfluchten Geisterinsel und saugt wie eine Spinne das
+versickernde Leben der Geschöpfe unserer Erde in sich: die im Hoffen
+entschwindenden Kräfte des Daseins der Wesen werden hier Form und
+wucherndes Unkraut, und der Boden ist geschwängert von dem düngenden Hauch
+einer verwarteten Zeit.
+
+Und wie ich weiterwanderte, kam ich in eine Stadt, die voller Menschen
+war. Viele von ihnen kannte ich auf Erden, und ich erinnerte mich ihrer
+zahllosen fehlgeschlagenen Hoffnungen und wie sie von Jahr zu Jahr
+gebeugter gingen und doch die Vampire, -- ihre eigenen dämonischen Iche,
+-- die ihnen das Leben und die Zeit fraßen, sich nicht aus dem Herzen
+reißen wollten. Hier sah ich sie zu schwammigen Scheusalen aufgebläht, mit
+dickem Wanst, die Augen stier und gläsern über den speckverquollenen
+Wangen, umherschwabbern.
+
+Aus einem Bankladen mit dem Aushängeschild
+
+ Wechselstube _Fortuna_
+ Jedes Los gewinnt den Haupttreffer
+
+drängte Kopf an Kopf eine grinsende Menge, Säcke von Gold hinter sich
+herschleifend, die wulstigen Lippen in sattem Schmatzen verzogen: die zu
+Fett und Gallert gewordenen Phantome aller derer, die auf Erden
+dahinsiechen in unstillbarem Durst nach Spielergewinn.
+
+Ich trat in eine tempelartige Halle, deren Säulen bis zum Himmel ragten;
+darin saß auf einem Thron aus geronnenem Blut ein Ungeheuer mit
+Menschenleib und vier Armen, die gräßliche Hyänenschnauze triefend vor
+Geifer: der Kriegsgott wilder afrikanischer Stämme, die in ihrem
+Aberglauben Opfer darbringen, um den Sieg über die Feinde zu erflehen.
+
+Voll Entsetzen floh ich aus dem Dunstkreis der Verwesung, der die Stätte
+erfüllte, zurück in die Straßen und blieb voll Staunen vor einem Palast
+stehen, der an Pracht alles übertraf, was ich jemals gesehen. Und doch kam
+mir jeder Stein, jeder First, jede Treppe so seltsam bekannt vor, als
+hätte ich in Phantasien einst selber all das erbaut.
+
+Als sei ich unumschränkter Herr und Besitzer des Hauses, stieg ich die
+breiten Marmorstufen empor, da las ich auf einem Türschild -- meinen
+eigenen Namen:
+
+ Johann Hermann Obereit.
+
+Ich trat ein und sah mich selbst im Purpur an einer prunkvollen Tafel
+sitzen, von tausend Sklavinnen bedient, und ich erkannte in ihnen alle
+die Frauen wieder, die im Leben meine Sinne erfüllt hatten, wenn auch
+manche nur für einen flüchtigen Augenblick.
+
+Ein Gefühl unbeschreiblichen Hasses befiel mich bei dem Bewußtsein, daß
+jener -- mein eigener Doppelgänger -- hier schwelgte und praßte, seit ich
+lebte, und daß ich selber es gewesen war, der ihn ins Dasein gerufen und
+mit Reichtum beschenkt hatte, indem ich mir die magische Kraft meines Ichs
+in Hoffen, Ersehnen und Warten aus der Seele entströmen ließ.
+
+Mit Schrecken wurde ich mir klar, daß mein ganzes Leben nur aus Warten in
+jeglicher Form bestanden hatte und _nur_ aus Warten -- aus einer Art
+unaufhörlichen Verblutens, -- und daß die gesamte Zeit, die mir
+übriggeblieben war zum Empfinden von Gegenwart, kaum nach Stunden zählte.
+Wie eine Seifenblase zerplatzte vor mir, was ich bis dahin für den Inhalt
+meines Lebens gehalten. Ich sage Ihnen, was wir auch auf Erden
+vollbringen, immer gebiert es ein neues Warten und ein neues Hoffen; das
+ganze Weltall ist getränkt von dem Pesthauch des Absterbens einer kaum
+geborenen Gegenwart. Wer hätte nie die entnervende Schwäche gefühlt, die
+uns befällt, wenn wir im Wartezimmer eines Arztes, eines Advokaten, einer
+Amtsstube sitzen? Was wir Leben nennen: es ist der Wartesaal des Todes.
+Plötzlich begriff ich -- damals -- was die Zeit ist: Wir selbst sind
+Gebilde, aus Zeit gemacht, Leiber, die Stoff zu sein scheinen und nichts
+anderes sind als geronnene Zeit.
+
+Und unser tägliches Hinwelken dem Grabe entgegen, was ist es denn sonst
+als Wiederum-zu-Zeit-Werden unter der Begleiterscheinung des Wartens und
+Hoffens, -- so, wie Eis auf dem Ofen unter Zischen wiederum zu Wasser
+wird!
+
+Ich sah, daß ein Beben die Gestalt meines Doppelgängers durchlief, als
+diese Erkenntnis in mir wach wurde, und daß Angst sein Gesicht verzerrte.
+Da wußte ich, was ich zu tun hatte: kämpfen bis aufs Messer mit jenen
+Phantomen, die uns aussaugen wie Vampire.
+
+Oh, sie wissen genau, warum sie den Menschen unsichtbar bleiben und sich
+vor ihren Blicken verbergen, diese Schmarotzer an unserem Leben; auch des
+Teufels größte Gemeinheit ist, daß er so tut, als ob er nicht existiere.
+Und seitdem habe ich die Begriffe 'Warten und Hoffen' für immer
+ausgerottet aus meinem Dasein.«
+
+»Ich glaube, Herr Obereit, ich würde zusammenbrechen schon beim ersten
+Schritt, wenn ich den schrecklichen Weg gehen wollte, den Sie gegangen
+sind,« sagte ich, als der Alte schwieg; »ich kann mir wohl denken, daß man
+durch unausgesetzte Arbeit das Gefühl des Wartens und Hoffens in sich
+betäuben kann; dennoch -- -- -- -- -- -- -- -- -- --«
+
+»Ja, aber nur betäuben! _Innerlich_ bleibt das 'Warten' lebendig. Sie
+müssen das Beil an die Wurzel legen!« unterbrach mich Obereit. »Werden
+Sie wie ein Automat hier auf der Erde! Wie ein Scheintoter! Greifen Sie
+nie nach einer Frucht, die Ihnen winkt, wenn auch nur das geringste
+Warten damit verbunden ist, rühren Sie keine Hand, und alles wird Ihnen
+reif in den Schoß fallen. Anfangs ist's wohl wie ein Wandern durch
+trostlose Wüsten, oft lange Zeit, aber plötzlich wird rings um Sie her
+eine Helle sein, und Sie werden alle Dinge, die schönen und die
+häßlichen, in einem neuen, ungeahnten Glanze sehen. Dann gibt's kein
+'Wichtig' mehr für Sie und kein 'Unwichtig', jedes Geschehnis wird gleich
+'wichtig' sein und gleich 'unwichtig', und dann werden Sie im Drachenblut
+gehörnt sein wie Siegfried und von sich sagen können: ich fahre hinaus
+ins uferlose Meer eines ewigen Lebens mit schneeweißem Segel.«
+
+-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Es waren die letzten Worte, die Johann Hermann Obereit zu mir gesprochen;
+-- ich habe ihn nicht mehr wiedergesehen.
+
+Viele Jahre sind inzwischen verflossen; ich habe mich bemüht, so gut ich
+konnte, der Lehre zu folgen, die Obereit mir gab, aber das Warten und
+Hoffen will nicht aus meinem Herzen weichen.
+
+Ich bin zu schwach, das Unkraut auszureißen, und wundere mich auch nicht
+mehr, daß unter den zahllosen Grabsteinen auf den Friedhöfen so selten
+einer die Inschrift trägt:
+
+
+ V | I
+ --+--
+ V | O
+
+
+
+
+Der Kardinal Napellus
+
+
+Wir wußten nicht viel mehr von ihm außer seinen Namen: Hieronymus
+Radspieller, als daß er jahraus, jahrein in dem zerfallenen Schlosse lebte
+und von dem Besitzer, einem weißhaarigen, mürrischen Basken -- dem
+hinterbliebenen Diener und Erben eines in Trübsinn und Einsamkeit
+verwelkten Adelsgeschlechtes -- ein Stockwerk für sich allein gemietet und
+mit kostbarem, altertümlichem Hausrat wohnbar gemacht hatte.
+
+Ein greller phantastischer Gegensatz, wenn man eintrat in diese Räume aus
+der wegverwachsenen Wildnis draußen, in der nie ein Vogel sang und alles
+vom Leben verlassen schien, wenn nicht hin und wieder die morschen,
+wirrbärtigen Eiben schreckerfüllt aufächzten unter der Wucht des Föhns,
+oder der grünschwarze See wie ein in den Himmel starrendes Auge die
+weißen, ziehenden Wolken spiegelte.
+
+Fast den ganzen Tag war Hieronymus Radspieller in seinem Boot und ließ ein
+funkelndes Metall-Ei an langen, feinen Seidenfäden hinab in die stillen
+Wasser -- ein Lot, um die Tiefen des Sees zu ergründen.
+
+Er wird wohl in Diensten einer geographischen Gesellschaft stehen,
+mutmaßten wir, wenn wir von unseren Angelfahrten heimgekehrt des Abends
+noch ein paar Stunden in dem Bibliothekzimmer Radspiellers beisammen
+saßen, das er uns gastfreundlich zur Verfügung gestellt hatte.
+
+»Ich habe heute von der alten Botenfrau, die die Briefe über den Bergpaß
+trägt, zufällig erfahren, daß die Rede geht, er solle in seiner Jugend ein
+Mönch gewesen sein und habe sich Nacht für Nacht blutig gegeißelt -- sein
+Rücken und seine Arme seien über und über mit Narben bedeckt«, mischte
+sich Mr. Finch ins Gespräch, als sich wieder einmal der Austausch der
+Gedanken um Hieronymus Radspieller drehte, -- ȟbrigens, wo er heute nur
+so lange bleibt? Es muß längst 11 Uhr vorbei sein«.
+
+»Es ist Vollmond,« sagte Giovanni Braccesco und deutete mit seiner welken
+Hand durch das offene Fenster hinaus auf den flimmernden Lichtweg, der
+quer über dem See lag; »wir werden sein Boot leicht sehen können, wenn wir
+Ausschau halten.«
+
+Dann, nach einer Weile, hörten wir Schritte die Treppe heraufkommen; aber
+es war nur der Botaniker Eshcuid, der da, so spät von seinen Streifzügen
+heimgekommen, zu uns ins Zimmer trat.
+
+Er trug eine mannshohe Pflanze in der Hand mit stahlblau glänzenden
+Blüten.
+
+»Es ist weitaus das größte Exemplar dieser Gattung, das jemals gefunden
+wurde; ich hätte nie geglaubt, daß der giftige 'Sturmhut' noch in solchen
+Höhen wächst«, sagte er klanglos, nachdem er uns einen Gruß zugenickt, und
+legte die Pflanze mit umständlicher Sorgfalt, damit ihr kein Blatt
+geknickt werde, auf das Fensterbrett.
+
+»Es geht ihm wie uns,« kroch es mir durch den Sinn, und ich hatte die
+Empfindung, daß Mr. Finch und Giovanni Braccesco in diesem Momente
+dasselbe dachten, »er wandert ruhelos als alter Mann über die Erde, wie
+einer, der sein Grab suchen muß und nicht finden kann, sammelt Pflanzen,
+die morgen verdorrt sind; wozu? warum? Er denkt nicht nach darüber. Er
+weiß, daß sein Tun zwecklos ist, wie wir es von dem unsrigen wissen, aber
+ihn wird wohl auch die traurige Erkenntnis zermürbt haben, das _alles_
+zwecklos ist, was man beginnt, ob es groß scheint oder klein, -- so wie
+sie uns andern zermürbt hat ein Menschenleben lang. Wir sind von Jugend an
+wie die Sterbenden,« fühlte ich, »deren Finger unruhig über die Bettdecke
+tasten; die nicht wissen, wonach sie greifen sollen, wie Sterbende, die
+einsehen: der Tod steht im Zimmer, was kümmert es ihn, ob wir die Hände
+falten oder die Fäuste ballen.«
+
+»Wohin reisen Sie, wenn die Zeit zum Fischen hier vorüber ist?«, fragte
+der Botaniker, nachdem er abermals nach seiner Pflanze gesehen und sich
+dann langsam zu uns an den Tisch gesetzt hatte.
+
+Mr. Finch fuhr sich durch sein weißes Haar, spielte, ohne aufzublicken,
+mit einem Angelhaken und zuckte müde die Achseln.
+
+»Ich weiß es nicht«, antwortete nach einer Pause Giovanni Braccesco
+zerstreut, als sei die Frage an ihn gerichtet gewesen.
+
+Wohl eine Stunde verrann in bleierner, wortloser Stille, daß ich das
+Rauschen des Blutes in meinem Kopfe hören konnte.
+
+Endlich tauchte das fahle, bartlose Gesicht Radspiellers im Türrahmen auf.
+
+Seine Miene schien gelassen und greisenhaft wie immer und seine Hand
+ruhig, als er sich ein Glas Wein einschenkte und uns zutrank, aber es war
+eine ungewohnte Stimmung voll verhaltener Erregtheit mit ihm
+hereingekommen, die sich bald auf uns übertrug.
+
+Seine sonst müden und teilnahmslosen Augen, die die Eigentümlichkeit
+hatten, daß sich wie bei Rückenmarkskranken ihre Pupillen niemals
+zusammenzogen oder ausdehnten und scheinbar auf Licht nicht reagierten, --
+sie glichen grauen, mattseidenen Westenknöpfen mit einem schwarzen Punkt
+darin, wie Mr. Finch zu behaupten pflegte, -- suchten heute fiebrig
+flackernd im Zimmer umher, glitten die Wände entlang und über die
+Bücherreihen hin, unschlüssig, woran sie haften bleiben sollten.
+
+Giovanni Braccesco brach ein Gesprächsthema vom Zaun und erzählte von
+unsern seltsamen Methoden, die uralten, moosbewachsenen Riesenwelse zu
+fangen, die in ewiger Nacht da unten leben in den unergründlichen Tiefen
+des Sees, nie mehr heraufkommen ans Tageslicht und jede Lockspeise, die
+die Natur bietet, verschmähen, -- nur nach den bizarrsten Formen
+schnappen, die der Angler ersinnen kann: nach gleißendem Silberblech,
+geformt wie Menschenhände, die an der Schnur taumelnde Bewegungen im
+Wasser machen, oder nach Fledermäusen aus rotem Glas mit tückisch
+verborgenen Haken an den Flügeln.
+
+Hieronymus Radspieller hörte nicht hin.
+
+Ich sah ihm an, daß sein Geist wanderte.
+
+Plötzlich brach er los, wie jemand, der ein gefährliches Geheimnis hinter
+verbissenen Zähnen jahrelang gehütet hat und es dann in einer Sekunde
+unvermittelt, mit einem Aufschrei, von sich wirft: »Heute endlich -- ist
+mein Senkblei auf Grund gestoßen.«
+
+Wir starrten ihn verständnislos an.
+
+Ich war so gefangen genommen von dem fremdartig zitternden Ton, der aus
+seinen Worten geklungen hatte, daß ich eine Weile lang nur halb erfaßte,
+wie er den Vorgang der Tiefseemessung erklärte: es gäbe da unten in den
+Abgründen -- viele tausend Faden tief -- kreisende Wasserwirbel, die jedes
+Lot verbliesen, es schwebend erhielten und den Boden nicht erreichen
+ließen, wenn nicht ein günstiger Zufall zu Hilfe käme.
+
+Dann wieder stieg aus seiner Rede gleich einer Rakete triumphierend ein
+Satz empor: »Es ist die tiefste Stelle auf Erden, zu der je ein
+menschliches Instrument gedrungen ist«, und die Worte brannten sich
+schreckhaft in mein Bewußtsein ein, ohne daß ich die Ursache dafür finden
+konnte. Ein gespenstischer Doppelsinn lag in ihnen, so, als hätte ein
+Unsichtbarer hinter ihm gestanden und in verhüllten Symbolen aus seinem
+Munde zu mir gesprochen.
+
+Ich konnte den Blick nicht wenden von Radspiellers Gesicht; wie war es mit
+einemmal so schemenhaft und unwirklich geworden! Wenn ich eine Sekunde die
+Augen schloß, sah ich es von blauen Flämmchen umzuckt; -- »die Sankt
+Elmsfeuer des Todes«, drängte es sich mir auf die Zunge, und ich mußte
+gewaltsam die Lippen geschlossen halten, um es nicht laut
+herauszuschreien.
+
+Traumhaft zogen durch mein Hirn Stellen aus Büchern, die Radspieller
+geschrieben und die ich gelesen in müßigen Stunden, voll Staunen über
+seine Gelehrsamkeit, Stellen sengenden Hasses gegen Religion, Glaube und
+Hoffnung und alles, was in der Bibel von Verheißung spricht.
+
+Es ist der Rückschlag, der seine Seele nach der heißen Askese einer
+inbrunstgequälten Jugend aus dem Reich der Sehnsucht herab auf die Erde
+geschleudert hat -- begriff ich dumpf: der Pendelschwung des Schicksals,
+der den Menschen vom Licht in den Schatten trägt.
+
+Mit Gewalt riß ich mich aus dem lähmenden Halbschlaf, der meine Sinne
+überfallen hatte, und zwang mich, der Erzählung Radspiellers zuzuhören,
+deren Beginn wie ein fernes, unverständliches Murmeln noch in mir
+nachhallte.
+
+Er hielt das kupferne Senklot in der Hand, drehte es hin und her, daß es
+aufblitzte gleich einem Geschmeide im Lichtschein der Lampe, und sprach
+dabei:
+
+»Sie als leidenschaftliche Angler nennen es schon ein erregendes Gefühl,
+wenn Sie an dem plötzlichen Zucken Ihrer doch nur 200 Ellen langen Schnur
+spüren, daß sich ein großer Fisch gefangen hat, daß gleich darauf ein
+grünes Ungetüm emporsteigen wird an die Oberfläche und das Wasser zu
+Gischt zerpeitschen. Denken Sie sich dieses Gefühl vertausendfacht und Sie
+werden vielleicht verstehen, was in mir vorging, als dieses Stück Metall
+hier mir endlich meldete: ich bin auf Grund gestoßen. Mir war, als hätte
+meine Hand an eine Pforte geklopft. -- Es ist das Ende einer Arbeit von
+Jahrzehnten«, setzte er leise für sich hinzu, und es klang eine Bangigkeit
+aus seiner Stimme: »was -- was werde ich morgen tun?!«
+
+»Es bedeutet nichts Geringes für die Wissenschaft, den tiefsten Punkt
+unserer Erdschichte ausgelotet zu haben«, warf der Botaniker Eshcuid hin.
+
+»Wissenschaft -- für die Wissenschaft!« wiederholte Radspieller
+geistesabwesend und blickte uns der Reihe nach fragend an. »Was kümmert
+mich die Wissenschaft!« fuhr es ihm endlich heraus.
+
+Dann stand er hastig auf.
+
+Ging ein paarmal im Zimmer hin und her.
+
+»Ihnen ist die Wissenschaft ebenso Nebensache wie mir, Professor«, wandte
+er sich mit einem Ruck, fast schroff an Eshcuid. »Nennen Sie es doch beim
+Namen: die Wissenschaft ist uns nur ein Vorwand, um etwas zu tun, irgend
+etwas, gleichgültig was; das Leben, das furchtbare, entsetzliche Leben hat
+uns die Seele verdorrt, unser eigenstes innerstes Ich gestohlen, und, um
+nicht immerwährend aufschreien zu müssen in unserm Jammer, jagen wir
+kindischen Marotten nach -- um zu vergessen, was wir verloren haben. Nur,
+um zu vergessen. Belügen wir uns doch nicht selbst!«
+
+Wir schwiegen.
+
+»Aber es liegt noch ein anderer Sinn darin«, -- eine wilde Unruhe kam
+plötzlich über ihn, -- »in unseren Marotten, meine ich. Ich bin so ganz,
+ganz allmählich dahintergekommen: ein feiner geistiger Instinkt sagt
+mir, jede Tat, die wir vollbringen, hat einen magischen doppelten Sinn.
+Wir _können_ gar nichts tun, was _nicht_ magisch wäre. -- Ich weiß ganz
+genau _weshalb_ ich gelotet habe fast ein halbes Leben lang. Ich weiß
+auch, was es zu bedeuten hat, daß ich doch -- und doch -- und doch auf
+Grund stieß und mich durch eine lange, feine Schnur mitten durch alle
+Wirbel hindurch mit einem Reich verbunden habe, wohin kein Strahl dieser
+verhaßten Sonne mehr dringen kann, deren Wonne darin besteht, ihre
+Kinder verdursten zu lassen. Es ist nur ein _äußeres_ belangloses
+Geschehnis, das sich heute vollzog, aber jemand, der sehen und deuten
+kann, der erkennt schon im formlosen Schatten an der Wand, wer vor die
+Lampe getreten ist«; -- er lächelte mich grimmig an, »ich will's Ihnen
+kurz sagen, was mir dieses äußere Geschehnis _innerlich_ bedeutet: ich
+habe erreicht, was ich gesucht habe, -- ich bin hinfort gefeit gegen die
+Giftschlangen des Glaubens und der Hoffnung, die nur im Licht leben
+können; ich hab's an dem Ruck gespürt, den es mir im Herzen gab, als ich
+heute meinen Willen durchgesetzt und mit dem Senkblei den Grund des
+Sees berührt habe. Ein belangloses äußeres Geschehen hat sein inneres
+Gesicht gezeigt.«
+
+»Ist Ihnen denn so Schweres zugestoßen im Leben -- in der Zeit -- ich
+meine, als Sie Geistlicher waren?«, fragte Mr. Finch, »daß Ihre Seele so
+wund ist?« setzte er leise für sich hinzu.
+
+Radspieller gab keine Antwort und schien ein Bild zu sehen, das vor ihm
+auftauchen mochte; dann setzte er sich wieder an den Tisch, blickte
+unbeweglich in das Mondlicht zum Fenster hin und erzählte wie ein
+Somnambuler, fast ohne Atem zu holen:
+
+»Ich war niemals Geistlicher, aber schon in meiner Jugend hat mich ein
+finsterer, übermächtiger Trieb von den Dingen dieser Erde weggezogen. Ich
+habe Stunden erlebt, wo sich das Gesicht der Natur vor meinen Augen in
+eine grinsende Teufelsfratze verwandelt hat und mir Berge, Landschaft,
+Wasser und Himmel, sogar mein eigener Leib, als unerbittliche Kerkermauern
+erschienen sind. Wohl kein Kind empfindet etwas dabei, wenn sich der
+Schatten einer über die Sonne ziehenden Wolke auf eine Wiese senkt, mich
+hat schon damals ein lähmendes Entsetzen befallen und ich blickte, als
+hätte mir eine Hand mit einem Ruck eine Binde von den Augen gerissen, tief
+hinein in die heimliche Welt voll Todesqual der Millionen winziger
+Lebewesen, die sich, verborgen unter den Halmen und Wurzeln der Gräser, im
+stummen Haß zerfleischten.
+
+Vielleicht war's erbliche Belastung -- mein Vater starb im
+Religionswahnsinn --, daß ich die Erde bald nur mehr wie eine einzige
+bluterfüllte Mördergrube sah.
+
+Allmählich wurde mein ganzes Leben zur immerwährenden Folter seelischen
+Verdurstens. Ich konnte nicht mehr schlafen, nicht mehr denken, und Tag
+und Nacht, ohne stillzustehen, zuckten und bebten meine Lippen und formten
+mechanisch den Satz des Gebetes: 'Erlöse uns von dem Übel', bis ich vor
+Schwäche das Bewußtsein verlor.
+
+In den Tälern, wo ich zu Hause bin, gibt es eine religiöse Sekte, die man
+die 'Blauen Brüder' nennt, deren Anhänger, wenn sie ihr Ende nahen fühlen,
+sich lebendig begraben lassen. Heute noch steht ihr Kloster dort, über
+dem Eingangstor das steinerne Wappenschild: eine Giftpflanze mit fünf
+blauen Blütenblättern, deren oberstes einer Mönchskapuze gleicht: -- das
+#Aconitum napellus#, der 'blaue Sturmhut'.
+
+Ich war ein junger Mann, als ich mich in diesen Orden flüchtete, und fast
+ein Greis, als ich ihn verließ.
+
+Hinter den Klostermauern liegt ein Garten, darin blüht im Sommer ein Beet
+voll von jenem blauen Todeskraut, und die Mönche begießen es mit dem Blut,
+das aus ihren Geißelwunden fließt. Jeder hat, wenn er Bruder der
+Gemeinschaft wird, eine solche Blume zu pflanzen, die dann, wie in der
+Taufe, seinen eigenen christlichen Namen erhält.
+
+Die meinige hieß Hieronymus und hat mein _Blut_ getrunken, indes ich selbst
+verschmachtete in jahrelangem vergeblichem Flehen um das Wunder, daß der
+'Unsichtbare Gärtner' die Wurzeln meines Lebens auch nur mit einem Tropfen
+_Wasser_ begösse.
+
+Der symbolische Sinn dieser seltsamen Zeremonie der Bluttaufe ist, daß der
+Mensch seine Seele magisch einpflanzen soll in den Garten des Paradieses
+und ihr Wachstum düngen mit dem Blut seiner Wünsche.
+
+Auf dem Totenhügel des Gründers dieser asketischen Sekte, des sagenhaften
+Kardinals Napellus, sagt die Legende, schoß in einer einzigen
+Vollmondnacht in Mannshöhe ein solcher 'blauer Sturmhut' auf, -- über und
+über mit Blüten bedeckt, -- und als man das Grab öffnete, war die Leiche
+darin verschwunden. Es heißt, daß sich der Heilige in die Pflanze
+verwandelt hat, und von ihr, als der ersten, die damals auf Erden
+erschien, sollen alle übrigen stammen.
+
+Wenn die Blumen im Herbst verdorrten, sammelten wir ihre giftigen
+Samenkeime, die kleinen menschlichen Herzen gleichen und nach der geheimen
+Überlieferung der Blauen Brüder das 'Senfkorn' des Glaubens vorstellen,
+von dem geschrieben steht, daß Berge versetzen könne, wer es hat, -- --
+und aßen davon.
+
+So, wie ihr furchtbares Gift das Herz verändert und den Menschen in den
+Zustand zwischen Leben und Sterben bringt, so sollte die Essenz des
+Glaubens unser Blut verwandeln, -- zur wunderwirkenden Kraft werden in den
+Stunden zwischen nagender Todespein und ekstatischer Verzückung.
+
+Aber ich tastete mit dem Senkblei meiner Erkenntnis noch tiefer hinab in
+diese wunderlichen Gleichnisse, ich tat noch einen Schritt weiter und sah
+der Frage ins Gesicht: Was wird mit meinem Blut geschehen, wenn es endlich
+geschwängert ist von dem Gift der blauen Blume? Und da wurden die Dinge
+rings um mich lebendig, selbst die Steine am Wege schrien mir zu mit
+tausend Stimmen: Wieder und wieder, wenn der Frühling kommt, wird es
+ausgegossen werden, auf daß ein neues Giftkraut sprossen kann, das deinen
+eignen Namen trägt.
+
+Und in jener Stunde hatte ich dem Vampir, den ich bis dahin gefüttert, die
+Maske abgerissen, und ein unauslöschlicher Haß ergriff von mir Besitz. Ich
+ging hinaus in den Garten und stampfte die Pflanze, die mir meinen Namen
+Hieronymus gestohlen und sich an meinem Leben gemästet hatte, in die Erde,
+bis keine Faser mehr sichtbar war.
+
+Von da an schien mein Weg plötzlich wie besät mit wunderbaren Ereignissen.
+
+Noch in derselben Nacht trat eine Vision vor mich: der Kardinal Napellus,
+in der Hand -- mit der Fingerstellung eines Menschen, der eine brennende
+Kerze trägt -- das blaue Akonit mit den fünfblättrigen Blüten. Seine Züge
+waren die einer Leiche, nur aus seinen Augen strahlte ein unzerstörbares
+Leben.
+
+Ich glaubte mein eigenes Antlitz vor mir zu sehen, so glich er mir, und
+ich fuhr in unwillkürlichem Schrecken nach meinem Gesicht, wie jemand, dem
+eine Explosion den Arm abgerissen hat, mit der andern Hand nach der Wunde
+fahren mag.
+
+Dann schlich ich mich ins Refektorium und erbrach in wildem Haß den
+Schrein, der die Reliquien des Heiligen enthalten sollte, um sie zu
+zerstören.
+
+Ich fand nur diesen Globus, den Sie dort in der Nische stehen sehen.«
+
+Radspieller erhob sich, holte ihn herab, stellte ihn vor uns auf den Tisch
+und fuhr in seiner Erzählung fort: »Ich habe ihn mit mir genommen auf
+meiner Flucht aus dem Kloster, um ihn zu zerschlagen und damit das
+einzige, was greifbar zurückgeblieben ist von dem Gründer jener Sekte, zu
+vernichten.
+
+Später überlegte ich mir, daß ich der Reliquie mehr Verachtung antäte,
+wenn ich sie verkaufte und das Geld einer Dirne schenkte. Ich führte es
+aus, als sich mir die erste Gelegenheit dazu bot.
+
+Seitdem sind viele Jahre vorübergegangen, aber ich habe keine Minute
+verstreichen lassen, den unsichtbaren Wurzeln jenes Krautes nachzuspüren,
+an denen die Menschheit krankt, und sie aus meinem Herzen zu tilgen. Ich
+habe vorhin gesagt, daß von der Stunde an, da ich zur Klarheit erwachte,
+ein 'Wunder' nach dem andern meinen Pfad kreuzte, doch ich bin fest
+geblieben: kein Irrlicht mehr hat mich in den Sumpf gelockt.
+
+Als ich anfing, Altertümer zu sammeln, -- alles, was Sie hier im Zimmer
+sehen, stammt aus jener Zeit, -- war so manches darunter, das mich an die
+dunkeln Riten gnostischen Ursprungs gemahnte und an das Jahrhundert der
+Kamisarden; selbst der Saphirring hier an meinem Finger -- er trägt
+seltsamerweise als Wappen einen Sturmhut, das Emblem der blauen Mönche, --
+kam zufällig, als ich den Vorrat eines Tabulettkrämers durchstöberte, in
+meine Hände: es hat mich nicht einen Augenblick erschüttern können. Und
+als mir eines Tages ein Freund den Globus hier -- denselben Globus, den
+ich aus dem Kloster geraubt und verkauft hatte, die Reliquie des Kardinals
+Napellus --, als Geschenk ins Haus schickte, mußte ich hell auflachen, als
+ich ihn wiedererkannte, über diese kindische Drohung eines albernen
+Schicksals.
+
+Nein, hier herauf zu mir in die klare, dünne Luft der Firnenwelt soll das
+Gift des Glaubens und der Hoffnung nicht mehr dringen, in diesen Höhen
+kann der blaue Sturmhut nicht gedeihen. An mir ist der Spruch in einem
+neuen Sinn zur Wahrheit geworden: Wer in die Tiefe forschen will, muß auf
+die Berge steigen.
+
+Darum gehe ich nie wieder hinunter in die Niederungen. Ich bin genesen;
+und wenn die Wunder aller Engelswelten mir in den Schoß fielen, ich würfe
+sie von mir wie verächtlichen Tand. Soll das Akonit eine giftige Arznei
+bleiben für die Siechen am Herzen und die Schwachen in den Tälern, -- ich
+will hier oben leben und sterben im Angesicht des starren diamantnen
+Gesetzes unwandelbarer Naturnotwendigkeiten, das kein dämonischer Spuk
+durchbrechen kann. Ich werde weiter loten und loten, ohne Ziel, ohne
+Sehnsucht, froh wie ein Kind, das sich genügen läßt am Spiel und noch
+nicht verpestet ist an der Lüge: das Leben hätte einen tieferen Zweck, --
+-- werde loten und loten, -- aber, so oft ich auf Grund stoße, wird's mir
+wie ein Jubelruf klingen: es ist immer wieder nur die Erde, die ich
+berühre, und nichts als die Erde, -- dieselbe stolze Erde, die das
+heuchlerische Licht der Sonne kalt zurückwirft in den Weltraum, die Erde,
+die sich außen und innen getreu bleibt, so wie dieser Globus, das letzte
+jämmerliche Erbstück des großen Herrn Kardinals Napellus, dummes Holz ist
+und bleibt, außen und innen.
+
+Und jedesmal wird's mir der Rachen des Sees von neuem verkünden: wohl
+wachsen auf der Kruste der Erde, von der Sonne gezeugt, entsetzliche
+Gifte, doch ihr Inneres, ihre Schluchten und Abgründe, sind frei davon und
+die Tiefe ist rein.« -- Radspiellers Gesicht bekam hektische Flecken vor
+Erregung und durch seine emphatische Rede ging ein Riß; sein verbissener
+Haß brach los. »Wenn ich einen Wunsch frei hätte«, -- er ballte die Fäuste
+--, »ich möchte mit meinem Senkblei bis in den Mittelpunkt der Erde loten
+dürfen, um es hinausschreien zu können: Siehe hier, siehe da: Erde, nichts
+als Erde!«
+
+Wir blickten erstaunt auf, da er plötzlich schwieg.
+
+Er war ans Fenster getreten.
+
+Der Botaniker Eshcuid zog seine Lupe hervor, beugte sich über den Globus
+und sagte laut, um den peinlichen Eindruck zu verwischen, den Radspiellers
+letzte Worte in uns erweckt hatten:
+
+»Die Reliquie muß eine Fälschung sein und noch aus unserm Jahrhundert
+stammen; die fünf Erdteile« -- er deutete auf Amerika -- »sind auf dem
+Globus vollzählig verzeichnet.«
+
+So nüchtern und alltäglich auch der Satz klang, er konnte die gepreßte
+Stimmung nicht durchbrechen, die sich unser zu bemächtigen begann ohne
+faßbaren Grund und von Sekunde zu Sekunde anwuchs bis zu drohendem
+Angstgefühl.
+
+Plötzlich schien ein süßer, betäubender Geruch wie von Faulbaum oder
+Seidelbast das Zimmer zu erfüllen.
+
+»Er weht aus dem Park herüber«, wollte ich sagen, aber Eshcuid kam meinem
+krampfhaften Versuch, den Alp abzuschütteln, zuvor. Er stach mit einer
+Nadel in den Globus und murmelte etwas, wie: es sei seltsam, daß sogar
+unser See, ein so winziger Punkt, auf der Karte stünde, -- da wachte
+Radspiellers Stimme am Fenster wieder auf und fuhr mit schrillem Hohn
+dazwischen:
+
+»Warum verfolgt's mich denn jetzt nicht mehr, -- wie früher im Träumen und
+im Wachen, -- das Bild Seiner Eminenz des großen Herrn Kardinals Napellus?
+Im Codex Nazaräus -- dem Buch der gnostischen blauen Mönche, geschrieben
+um 200 vor Christus -- steht doch prophezeit für den Neophyten: 'Wer die
+mystische Pflanze begießet bis zum Ende mit seinem Blute, den wird sie
+geleiten treulich an die Pforte des ewigen Lebens; wer sie aber ausreißt,
+dem Frevler wird sie ins Angesicht schauen als der Tod, und sein Geist
+wird hinaus in die Finsternis wandern, bis der neue Frühling kommt!' Wo
+sind sie hin, die Worte? Sind sie gestorben? Ich sage: eine Verheißung von
+Jahrtausenden ist an mir zerschellt. Warum kommt er denn nicht, daß ich
+ihm ins Antlitz speien kann, dem Kardinal Nap -- --« ein gapsendes Röcheln
+riß Radspieller die letzte Silbe vom Munde, ich sah, daß er die blaue
+Pflanze erblickt hatte, die der Botaniker abends bei seinem Eintritt aufs
+Fensterbrett gelegt, und sie anstarrte. Ich wollte aufspringen. Zu ihm
+eilen.
+
+Ein Ausruf Giovanni Braccescos hielt mich zurück:
+
+Unter der Nadel Eshcuids hatte sich die vergilbte pergamentene Rinde des
+Globus abgelöst, so wie von einer überreifen Frucht die Schale springt,
+und nackt vor uns lag eine große gleißende Kugel aus Glas.
+
+Und darinnen -- ein wundersames Kunstwerk, eingeschmolzen auf
+unbegreifliche Weise, aufrechtstehend: die Gestalt eines Kardinals in
+Mantel und Hut, und in der Hand, mit der Fingerstellung eines Menschen,
+der eine brennende Kerze trägt: eine Staude mit stahlblauen fünfblättrigen
+Blüten. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Kaum vermochte ich, gelähmt von Entsetzen, meinen Kopf nach Radspieller zu
+wenden.
+
+Mit weißen Lippen, die Züge leichenhaft, stand er dort an der Wand --
+aufrecht, unbeweglich wie die Statuette in der gläsernen Kugel, -- so wie
+sie: in der Hand die blaue giftige Blume, und starrte auf den Tisch
+herüber in das Gesicht des Kardinals.
+
+Nur der Glanz seiner Augen verriet, daß er noch lebte; wir andern aber
+begriffen, daß sein Geist auf Nimmerwiederkehr versunken war in der Nacht
+des Irrsinns.
+-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Eshcuid, Mr. Finch, Giovanni Braccesco und ich schieden am nächsten Morgen
+voneinander; wortlos, fast ohne Gruß: die letzten bangen Stunden der Nacht
+waren zu beredt für jeden von uns gewesen, als daß es unsere Zungen nicht
+hätte in Bann legen sollen.
+
+Lange bin ich noch planlos und einsam über die Erde gewandert, doch keinem
+von ihnen bin ich je wieder begegnet.
+
+Ein einziges Mal nach vielen Jahren hat mich mein Weg in jene Gegend
+geführt: von dem Schlosse ragten nur mehr die Mauern, aber zwischen dem
+verfallenen Gestein sproßte mannshoch auf im sengenden, grellen
+Sonnenbrand, Staude an Staude, ein unabsehbares stahlblaues Beet:
+ das #Aconitum napellus#.
+
+
+
+
+Die vier Mondbrüder
+
+Eine Urkunde
+
+
+Wer ich bin, ist bald gesagt. Vom 25. bis zum 60. Jahr war ich
+Kammerdiener beim Herrn Grafen du Chazal. Bis dahin hatte ich als
+Gärtnergehilfe die Blumenzucht im Kloster zu Apanua besorgt, woselbst ich
+auch einst meine einförmigen düsteren Jugendtage verlebte und dank der
+Güte des Abtes Unterricht im Lesen und Schreiben genoß.
+
+Da ich ein Findling war, nahm mich bei meiner Firmung mein Pate, der alte
+Klostergärtner, an Kindes Statt an, und seitdem führe ich rechtmäßig den
+Namen Meyrink.
+
+Soweit ich zurückdenken kann, immer ist mir, als trüge ich um den Kopf
+einen eisernen Reifen, der mein Gehirn einschnürt und dasjenige zu
+entfalten verhindert, was man gemeinhin Phantasey nennen mag. Fast möchte
+ich sagen, es fehlt mir ein innerer Sinn, doch dafür sind meine Augen und
+Ohren scharf wie die eines Wilden. Wenn ich die Lider schließe, sehe ich
+heute noch mit beklemmender Deutlichkeit die schwarzen starren Umrisse der
+Zypressen vor mir, wie sie sich damals von den zerbröckelnden
+Klostermauern abhoben, sehe die ausgetretenen Ziegelsteine auf dem Boden
+der Kreuzgänge, Stück für Stück, daß ich sie zählen könnte, und doch ist
+das alles kalt und stumm -- spricht nicht zu mir, wo doch sonst die Dinge
+zum Menschen reden sollen, wie ich schon oft gelesen habe.
+
+Es geschieht aus Offenheit, daß ich unumwunden sage, wie es mit mir steht,
+denn ich will Anspruch haben auf Glaubwürdigkeit; bewegt mich doch die
+Hoffnung, daß, was ich hier niederschreibe, Menschen vor Augen kommen
+möge, die mehr wissen als ich und mir Licht und Erkenntnis schenken
+können, wenn sie dürfen und wollen, über all das, was einer Kette
+unlösbarer Rätsel gleich meinen Lebenspfad begleitet hat.
+
+Sollte nun gar wider jenes vernünftige Ermessen diese Druckschrift den
+beiden Freunden meines verewigten zweiten Herrn: Magister Peter Wirtzigh
+(gestorben und begraben zu Wernstein am Inn im Jahre des großen Krieges
+1914), nämlich den beiden wohlgeborenen Herren Doktores Chrysophron
+Zagräus und Sacrobosco Haselmayer, genannt »der rote Tandschur«, zu
+Gesicht kommen, so mögen die Herren gerechterweise bedenken, daß es nicht
+Schwatzhaftigkeit oder eitel Neugier sein können, die mich bewogen haben,
+etwas an den Tag zu geben, was die Herren selbst vielleicht ein
+Menschenalter lang geheimhielten, zumal ein Greis von 70 Jahren, wie ich,
+über derlei kindischen Firlefanz wohl schon hinausgereift ist, -- daß es
+vielmehr Gründe geistiger Art sein dürften, die mich hierzu zwangen,
+worunter die Befürchtung meines Herzens: dereinst nach dem Ableben des
+Leibes eine -- _Maschine_ zu werden (die Herren werden schon verstehen, was
+ich meine), gewißlich kein geringes ist.
+
+Doch nun zu meiner Geschichte:
+
+Die ersten Worte, die der Herr Graf du Chazal zu mir sprach, als er mich
+in seine Dienste nahm, waren die Frage:
+
+»Hat je eine Frau in deinem Leben eine Rolle gespielt?«
+
+Als ich mit gutem Gewissen verneinte, schien er sichtlich zufrieden.
+
+Die Worte brennen mich heute wie Feuer, ich weiß nicht warum. Silbe für
+Silbe denselben Satz fragte mich 35 Jahre später mein zweiter Brotgeber,
+Herr Magister Peter Wirtzigh, als ich bei ihm als Diener eintrat:
+
+»Hat je eine Frau in deinem Leben eine Rolle gespielt?«
+
+Auch damals konnte ich ruhig verneinen -- hätte es bis heutigen Tag können
+--, aber ich kam mir voll Schrecken einen Augenblick lang vor wie eine
+leblose Maschine, als ich es sagte, und nicht wie ein menschliches Wesen.
+
+So oft ich jetzt darüber grüble, schleicht mir ein grausiger Verdacht ins
+Hirn; ich kann es nicht in Worte fassen, was ich mir dann denke, aber --
+-- gibt's denn nicht auch Pflanzen, die sich nie recht entwickeln können,
+die trostlos verkümmern und wachsgelb bleiben (so als schiene die Sonne
+nie auf sie), bloß, weil der Giftsumach in ihrer Nähe wächst und heimlich
+an ihren Wurzeln zehrt?
+
+In den ersten Monaten fühlte ich mich in dem einsamen Schloß, das nur von
+dem Herrn Grafen du Chazal, der alten Haushälterin Petronella und mir
+bewohnt wurde und buchstäblich angefüllt war mit seltsamen altertümlichen
+Geräten, Uhrwerken und Fernrohren, recht unbehaglich, zumal der gnädige
+Herr Graf allerlei Absonderlichkeiten an sich hatte. So durfte ich ihm zum
+Beispiel wohl beim Anziehen helfen, nie aber beim Auskleiden, und wenn ich
+mich dazu erbötig machte, gebrauchte er immer die Ausrede, er wolle noch
+lesen; in Wirklichkeit aber -- muß ich annehmen -- streifte er in der
+Dunkelheit umher, denn oft waren frühmorgens seine Stiefel dick mit
+Schlamm und Moorerde bedeckt, auch wenn er tags vorher den Fuß nicht aus
+dem Hause gesetzt hatte.
+
+Auch sein Aussehen war nicht sehr anheimelnd: klein und schmächtig, wollte
+sein Körper nicht recht zum Kopf passen, und obschon wohlgewachsen, machte
+der Herr Graf auf mich lange Zeit den Eindruck eines Buckligen, wiewohl
+ich mir darüber keine genaue Rechenschaft zu geben vermochte.
+
+Sein Profil war scharf geschnitten und hatte durch das schmale,
+hervorstehende Kinn und den spitzigen, grauen, nach vorn gebogenen Bart
+darunter etwas merkwürdig Sichelartiges. Er mußte übrigens eine
+unverwüstliche Lebenskraft besitzen, denn er alterte während der langen
+Jahre, die ich ihm diente, kaum merklich, höchstens, daß die seinen
+Gesichtszügen eigentümliche Halbmondform schärfer und schmäler zu werden
+schien.
+
+Im Dorfe gingen allerlei kuriose Gerüchte über ihn: er würde nicht naß,
+wenn es regne, und dergleichen, und so oft er nachtschlafender Zeit an den
+Bauernhäusern vorüberginge, blieben jedesmal in den Stuben die Uhren
+stehen.
+
+Ich achtete nie auf solches Geschwätz, denn daß ähnlicherweise zuzeiten
+die metallenen Gegenstände im Schlosse, wie Messer, Scheren, Rechen und
+dergleichen für ein paar Tage magnetisch wurden, so daß Stahlfedern, Nägel
+und anderes daran haften blieb, ist wohl eine nicht weiter wunderbare
+Naturerscheinung, denke ich; wenigstens klärte mich der Herr Graf, als ich
+ihn einmal fragte, darüber auf. Der Ort stünde auf vulkanischem Boden,
+sagte er, auch hingen solche Vorgänge mit dem Vollmond zusammen.
+
+Überhaupt hatte der Herr Graf eine ungewöhnlich hohe Meinung vom Mond, wie
+ich aus folgenden Begebenheiten schließe:
+
+Ich muß vorausschicken, daß jeden Sommer, genau am 21. Juli, aber immer
+nur für vierundzwanzig Stunden, ein über die Maßen wunderlicher Gast zu
+Besuch kam: derselbe Herr Doktor Haselmayer, von dem später noch die Rede
+sein wird.
+
+Der Herr Graf sprach von ihm stets als vom »roten Tandschur«, warum, habe
+ich nie begriffen, denn der Herr Doktor war nicht nur nicht rothaarig,
+sondern hatte überhaupt kein einziges Haar auf dem Kopf und weder
+Augenbrauen noch Wimpern. Schon damals machte er auf mich den Eindruck
+eines Greises; -- mag sein, daß es von der seltsamen uraltmodischen Tracht
+kam, die er jahraus, jahrein trug: einem glanzlosen moosgrünen
+Tuchzylinderhut, der nach oben zu ganz eng, fast spitzig wurde, einem
+holländischen Sammetwams, Schnallenschuhen und schwarzen Seidenkniehosen
+an den beängstigend kurzen und dünnen Beinchen, -- wie gesagt: mag sein,
+daß er nur deshalb so, so -- »verstorben« aussah, denn seine hohe,
+liebliche Kinderstimme und die wundersam feingeschwungenen Mädchenlippen
+sprachen gegen ein hohes Alter.
+
+Andererseits hat es wohl auf dem ganzen Erdenrund noch nie so erloschene
+Augen gegeben, wie er sie besaß.
+
+Ohne den schuldigen Respekt verletzen zu wollen, möchte ich hinzufügen,
+daß er einen Wasserkopf hatte, der überdies zum Erschrecken weich zu sein
+schien, -- so weich, wie ein gesottenes abgeschältes Ei, -- nicht nur, was
+das kugelrunde, fahle Gesicht anbelangte, sondern auch in Hinblick auf den
+Schädel selbst. Wenigstens quoll ihm immer, so oft er den Hut aufsetzte,
+alsbald eine Art blutleerer Schlauch unter der Krempe ringsherum auf und,
+wenn er den Hut abnahm, brauchte es stets eine bedenklich geraume Zeit,
+bis sein Kopf glücklich die ursprüngliche Form zurückgewonnen hatte.
+
+Von der Minute der Ankunft des Herrn Doktor Haselmayer bis zu seiner
+Abreise pflegten er und der gnädige Herr Graf ununterbrochen, ohne auch
+nur einen Bissen zu essen, ohne zu schlafen oder zu trinken, vom Monde zu
+sprechen und dies mit einem rätselhaften Eifer, den ich nicht verstand.
+
+Ihre Liebhaberei ging soweit, daß sie, wenn gerade die Zeit des Vollmondes
+mit dem 21. Juli zusammentraf, nachts hinaus an den kleinen, sumpfigen
+Schloßteich gingen und stundenlang das Spiegelbild der silbrigen
+Himmelsscheibe im Wasser anstarrten.
+
+Einmal, als ich zufällig vorbeiging, bemerkte ich sogar, daß beide Herren
+weißliche Brocken -- es werden wohl Semmelkrumen gewesen sein -- in den
+Weiher warfen, und als Herr Doktor Haselmayer wahrnahm, daß ich es gesehen
+hatte, sagte er rasch: »Wir füttern nur den Mond -- äh, Pardon, soll
+heißen: den -- den Schwan.« Nun gab es aber weit und breit keinen Schwan.
+Auch Fische nicht.
+
+Was ich noch in derselben Nacht mit anhören mußte, schien mir in
+geheimnisvollem Zusammenhang damit zu stehen, weshalb ich es denn auch
+Wort für Wort meinem Gedächtnis eingeprägt und alsbald umständlich zu
+Papier gebracht habe:
+
+Ich lag in meiner Schlafkammer noch eine Weile wach, da hörte ich
+plötzlich im Bibliothekzimmer nebenan, das sonst nie betreten wurde, die
+Stimme des Herrn Grafen in wohlgesetzter Rede sagen:
+
+»Nachdem, was wir soeben im Wasser gesehen, mein liebwerter und
+hochgeschätzter Doktor, müßte ich sehr irren, wenn nicht unsere Sache
+vortrefflich stünde und der alte Rosenkreuzerische Satz: '#post centum
+viginti annos patebo#', das ist 'nach 120 Jahren werde ich offenbar'
+ganz in unserem Sinne zu deuten wäre. Wahrlich, das nenne ich mir eine
+erfreuliche Jahrhundertsonnenwendfeier! Schon im letzten Viertel des
+kürzlich verflossenen 19. Jahrhunderts gewann das Mechanische schnell
+und sicher die Oberhand, dürfen wir getrost feststellen, aber wenn es so
+weiter geht, wie wir hoffen wollen, wird im 20sten die Menschheit bald
+kaum mehr Zeit finden, das Tageslicht zu sehen, vor lauter Arbeit, die
+vielen und immer zahlreicher werdenden Maschinen zu putzen, zu polieren,
+in Tätigkeit zu erhalten und sie auszubessern, wenn sie schadhaft
+werden.
+
+Schon heute kann man füglich sagen, ist die Maschine ein würdiger Zwilling
+des weiland goldenen Kalbes geworden, denn wer sein Kind zu Tode quält,
+bekommt höchstens 14 Tage Arrest, wer aber irgendeine alte Straßenwalze
+beschädigt, muß drei Jahre ins Loch.«
+
+»Die Herstellung von derlei Triebwerken ist aber auch wesentlich
+kostspieliger,« warf Herr Doktor Haselmayer ein.
+
+»Im allgemeinen, gewiß,« gab Herr Graf du Chazal höflich zu. »Doch das ist
+sicherlich nicht der einzige Grund. Das wesentliche dabei scheint mir zu
+sein, daß auch der Mensch genau genommen nichts anderes darstellt als ein
+halbfertiges Ding, das dazu bestimmt ist, dereinst selbst ein Uhrwerk zu
+werden, wofür deutlich spricht, daß gewisse keineswegs nebensächliche
+Instinkte, wie zum Beispiel: sich behufs Veredelung der Rasse die richtige
+Gattin zu wählen, bei ihm bereits ins Automatenhafte versunken sind. Was
+Wunder, daß er in der Maschine seinen wahren Sprößling und Erben sieht und
+im leiblichen Nachkommen den Wechselbalg.
+
+Wenn die Weiber Fahrräder oder Repetierpistolen gebären würden statt
+Kindern, sollten Sie mal sehen, wie flott da plötzlich drauflosgeheiratet
+würde. Ja, im güldenen Zeitalter, als die Menschen noch weniger entwickelt
+waren, da glaubten sie nur das, was sie 'denken' konnten, dann kam
+allmählich die Epoche, wo sie nur das glaubten, was sie fressen konnten,
+-- aber jetzt erklimmen sie den Gipfel der Vollkommenheit, das heißt: sie
+halten bloß das für wirklich, was sie -- verkaufen können.
+
+Sie nehmen dabei, weil es im vierten Gebot heißt: 'Du sollst Vater und
+Mutter ehren' usw. als selbstverständlich an, daß die Maschinen, die sie
+in die Welt setzen und mit dem feinsten Spindelöl schmieren, derweilen sie
+selbst sich mit Margarine begnügen, ihnen die Mühen der Erzeugung
+tausendfach vergelten und Glück in jeder Form bringen werden; nur
+vergessen sie ganz: auch aus Maschinen können undankbare Kinder werden.
+
+In ihrem Vertrauensdusel finden sie sich mit dem Gedanken ab, die
+Maschinen seien nur tote Dinge, die auf sie nicht rückwirken und die man
+wegwerfen könne, wenn man sie satt hat; -- ja Schnecken!
+
+Haben Sie schon mal eine Kanone beobachtet, Schätzbarster? Soll die
+vielleicht auch 'tot' sein? Ich sage Ihnen, nicht einmal ein General wird
+so liebevoll behandelt! Ein General kann einen Schnupfen bekommen und kein
+Hahn kräht danach, aber die Kanonen kriegen Schürzen um, damit sie sich
+nicht erkälten -- oder 'rosten', was dasselbe ist -- und Hüte auf, daß es
+ihnen nicht hineinregne.
+
+Gut, es ließe sich einwenden: die Kanone brüllt nur, wenn sie mit Pulver
+vollgepfropft ist und das Zeichen zum Abfeuern gegeben wird, aber brüllt
+denn ein Tenorist nicht auch erst, wenn das Stichwort fällt, und selbst
+dann nur, wenn er genügend mit Musiknoten angefüllt ist? Ich sage Ihnen:
+im ganzen Weltraum gibt es nicht ein einziges Ding, das wirklich tot
+wäre.«
+
+»Aber unsere traute Heimat, der Mond, ist doch ein abgestorbener
+Himmelskörper und ist doch tot?« flötete Herr Doktor Haselmayer
+schüchtern.
+
+»Er ist nicht tot,« belehrte ihn der Herr Graf, »er ist nur das Gesicht
+des Todes. Er ist -- wie soll ich es nennen -- die Sammellinse, die
+gleich einer Zauberlaterne die lebenerzeugenden Strahlen dieser
+vermaledeiten protzenhaften Sonne zur verkehrten Wirkung bringt,
+allerlei magisches Bildwerk aus dem Hirn der Lebenden in die scheinbare
+Wirklichkeit hineinhext und das giftige Fluidum des Sterbens und der
+Verwesung in mannigfaltigster Form und Äußerung zum Keimen und Hauchen
+bringt. -- Über die Maßen kurios -- finden Sie nicht auch? --, daß die
+Menschen trotzdem gerade den Mond unter allen Gestirnen am meisten
+lieben, -- besingen ihn sogar ihre Dichter, die doch im Geruch stehen,
+Seher zu sein, mit schwärmerischem Geseufz und Augenverdrehen, und
+keinem werden die Lippen blaß vor Grauen bei dem Gedanken, daß seit
+Millionen Jahren Monat für Monat eine blutlose kosmische Leiche die Erde
+umkreist! Da sind wahrlich die Hunde gescheiter -- insonderheit die
+schwarzen --, die ziehen den Schweif ein und heulen den Mond an.«
+
+»Schrieben Sie mir nicht unlängst, werter Herr Graf, die Maschinen seien
+direkt Geschöpfe des Mondes? Wie soll ich das verstehen?«, fragte Herr
+Doktor Haselmayer.
+
+»Dann haben Sie mich falsch verstanden,« unterbrach ihn der Herr Graf.
+»Der Mond hat nur das Hirn der Menschen mit Ideen _geschwängert_ durch
+seinen giftigen Odem, und die Maschinen sind die sichtbarliche Geburt
+daraus.
+
+Die Sonne hat den Sterblichen den Wunsch in die Seele gepflanzt, reicher
+an Freuden zu werden und schließlich den Fluch: im Schweiße des
+Angesichtes vergängliche Werke zu schaffen, zu zerbrechen, aber der Mond
+-- die geheime Quelle der irdischen Formen -- hat es ihnen in einen
+trügerischen Glast getrübet, also daß sie sich in eine falsche
+Imagination verliefen und nach außen -- ins Greifbare -- versetzten, was
+sie innerlich hätten anschauen sollen.
+
+Folgedessen die Maschinen sichtbare Titanenleiber worden sind, aus den
+Gehirnen entarteter Heroen geboren.
+
+Und wie denn etwas 'begreifen' und 'schaffen' nichts anderes heißt, als
+die Seele die Form dessen annehmen lassen, was man 'siehet' oder
+'schaffet' und sich damit eins zu machen, so treiben von nun an die
+Menschen hilflos auf dem Wege dahin, sich allmählich selbst in
+Maschinen zu verzaubern, bis daß sie dereinst nackend dastehen als
+nimmerruhendes stampfendes ächzendes Uhrwerk, -- als das, was sie immer
+erfinden wollten: als freudloses Perpetuum mobile.
+
+Wir aber, wir Brüder vom Monde, werden dann zu Erben des 'ewigen Seins' --
+des einigen unwandelbaren Bewußtseins, das da nicht saget: 'Ich lebe',
+sondern 'Ich bin', das da weiß: 'wenn auch das Universum zerbricht
+-- ich bleibe.'
+
+Wie könnte es denn auch sein, -- wenn nicht Formen nur Träume wären, --
+daß _wir_ nach freiem Willen jederzeit unseren Leib gegen einen anderen
+zu tauschen, unter den Menschen in menschlicher Gestalt, unter den
+Schemen als Schatten, unter den Gedanken als Idee zu erscheinen vermögen
+und dies kraft des Geheimnisses, uns unserer Formen gleich eines im
+Traum erwählten Spielzeuges zu entäußern? Sowie ein im Halbschlaf
+Befangener sich plötzlich seines Träumens bewußt werden kann, den Trug
+des Zeitbegriffes in eine neue Gegenwart rücket und dem Verlauf des
+Traumes hierdurch eine andere wünschenswertere Richtung gibt: quasi mit
+beiden Füßen in einen neuen Körper hineinspringet, sintemalen der
+Körper im Grunde nichts ist, als ein mit der Täuschung der Dichtigkeit
+behafteter Krampfzustand des alles durchdringenden Äthers.«
+
+»Vortrefflich gesagt,« jubelte Doktor Haselmayer mit seiner süßen
+Mädchenstimme auf, »warum aber wollen wir eigentlich die Irdischen
+dieses Glückes der Transfiguration nicht teilhaftig werden lassen? Wäre
+das so schlimm?«
+
+»Schlimm? Unabsehbar! Entsetzlich!« schrillte ihm der Herr Graf in die
+Rede. »Man denke: der Mensch mit der Kraft begabt, im Kosmos 'Kultur' zu
+verzapfen!
+
+Wie glauben Sie, Verehrtester, würde da wohl nach 14 Tagen der Mond
+aussehen? In sämtlichen Kraterringen Velodrome und ringsherum ein
+Rieselfeld für Kloakenwässer.
+
+Vorausgesetzt, daß man nicht schon früher die dramatische »Kunst«
+eingeschleppt und dadurch jeder Vegetationsmöglichkeit ein für allemal
+den Boden versauert hätte.
+
+Oder sehnen Sie sich vielleicht danach, daß die Planeten zur
+Börsenstunde telephonisch miteinander verbunden würden und die
+Doppelsterne in der Milchstraße amtliche Verehelichungszeugnisse
+beibringen müßten?
+
+Nein, nein, mein Lieber, vorläufig kommt das Universum noch eine
+Zeitlang mit dem alten Schlendrian aus.
+
+Doch, um auf ein erquicklicheres Thema zu kommen, lieber Doktor, --
+überdies ist es höchste Zeit, daß Sie abnehmen, wollte sagen: abreisen,
+-- also auf Wiedersehen bei Magister Wirtzigh im August 1914; da ist der
+Anfang vom großen Ende und wir wollen doch diese Katastrophe der
+Menschheit würdig begehen. Nicht?«
+
+-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Schon vor den letzten Worten des Herrn Grafen hatte ich mich in meine
+Kammerdienerlivree geworfen, um Herrn Doktor Haselmayer beim Einpacken
+behilflich zu sein und ihn zum Wagenschlag zu begleiten.
+
+Einen Augenblick später stand ich auf dem Korridor.
+
+Doch was mußte ich sehen: der Herr Graf verließ _allein_ das
+Bibliothekzimmer, auf den Armen das holländische Wams, die Schnallenschuhe
+und Seidenkniehosen sowie den grünen Zylinderhut des Herrn Doktor
+Haselmayer -- während dieser selbst spurlos verschwunden war, und so
+schritt der gnädige Herr Graf, ohne mich eines Blickes zu würdigen, in
+sein Schlafgemach und schloß die Türe hinter sich ab.
+
+Ich hielt es als wohlerzogener Diener für meine Pflicht, mich über nichts
+zu wundern, was meine Herrschaft zu tun für gut fand, konnte aber doch
+nicht umhin, den Kopf zu schütteln, und es dauerte längere Zeit, bis ich
+zuwege brachte, einzuschlafen. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Ich muß jetzt viele Jahre überspringen.
+
+Sie sind eintönig dahingeflossen und stehen in meiner Erinnerung
+aufgezeichnet so vergilbt und verstaubt wie Bruchstücke aus einem alten
+Buch mit krausen verschnörkelten Begebenheiten darin, die man einst
+irgendwann in dumpfem Fieber mit halbem, versiegendem Gedächtnis gelesen
+und kaum begriffen hat.
+
+Nur das eine weiß ich klar: Im Frühjahr 1914 sagte der Herr Graf plötzlich
+zu mir: »Ich werde demnächst verreisen. Nach -- -- Mauritius (dabei sah er
+mich lauernd an), und ich wünsche, daß du bei meinem Freunde, einem
+gewissen Magister Peter Wirtzigh in Wernstein am Inn, in Dienste trittst.
+Hast du mich verstanden, Gustav? Übrigens dulde ich keine Widerrede.«
+
+Ich verbeugte mich stumm.
+
+Eines schönen Morgens, ohne irgendwelche Vorbereitungen getroffen zu
+haben, hatte der Herr Graf das Schloß verlassen, was ich daraus entnahm,
+daß ich ihn nicht mehr zu Gesicht bekam und statt seiner ein fremder
+Mensch in dem Himmelbett lag, das der Herr Graf zum Schlafen zu benützen
+gepflegt.
+
+Es war, wie man mir später in Wernstein eröffnete, der Herr Magister Peter
+Wirtzigh. --
+
+Auf des Herrn Magisters Besitztum, von dem man tief hinabsehen konnte auf
+den schäumenden Inn, angelangt, ließ ich es mir sogleich angelegen sein,
+den mitgebrachten Kisten und Koffern ihren Inhalt zu entnehmen, um ihn in
+die Spinde und Truhen zu räumen.
+
+Eben wollte ich eine höchst sonderbare alte Lampe, geformt wie ein
+durchsichtiger japanischer Götze mit unterschlagenen Beinen (den Kopf
+bildete eine Kugel aus Milchglas), in deren Innern eine durch Uhrwerk
+bewegliche Schlange den Docht mit dem Rachen emporhielt, in einen hohen
+gotischen Schrank stellen und öffnete ihn zu diesem Behufe, da erblickte
+ich darinnen zu meinem nicht gelinden Entsetzen, aufgehenkt, die baumelnde
+Leiche des Herrn Doktor Haselmayer.
+
+Fast hätte ich vor Schrecken die Lampe fallen lassen, doch zum Glück
+erkannte ich noch rechtzeitig, daß es nur die Kleider und der Zylinderhut
+des Herrn Doktors waren, die mir das Bild seiner Gestalt vorgetäuscht
+hatten.
+
+Immerhin machte das Erlebnis tiefen Eindruck auf mich und hinterließ ein
+Gefühl der Vorahnung wie von etwas Drohendem, Unheilvollem, das ich nicht
+abschütteln konnte, trotzdem die folgenden Monate nichts Aufregendes
+brachten.
+
+Herr Magister Wirtzigh war wohl gleichmäßig gütig und freundlich zu mir,
+aber er glich Herrn Doktor Haselmayer in vieler Beziehung zu sehr, als daß
+mir nicht immer die Begebenheit mit dem Schrank hätte einfallen müssen, so
+oft ich ihn ansah. Sein Gesicht war kreisrund, gleich dem des Herrn
+Doktors, nur überaus dunkel, fast wie das eines Mohren, denn er litt seit
+Jahren an dem unheilbaren Überbleibsel eines langwierigen Gallenleidens:
+an Schwarzsucht. Wenn man einige Schritte von ihm entfernt stand und es
+war nicht sehr hell im Zimmer, konnte man oft seine Züge gar nicht
+unterscheiden, und der schmale, kaum fingerbreite silberweiße Bart, der
+sich ihm unterm Kinn bis zu den Ohren hinzog, hob sich in solchen Fällen
+von seinem Antlitz ab wie eine mattschimmernde unheimliche Ausstrahlung.
+
+Der beklemmende Druck, der mich gefangen hielt, wich erst, als im August
+die Nachricht von dem Ausbruch eines fürchterlichen Weltkrieges überall
+wie der Blitz einschlug.
+
+Ich erinnerte mich sofort, was ich vor Jahren Herrn Grafen du Chazal über
+eine Katastrophe, die der Menschheit bevorstünde, hatte sagen hören, und
+es wollte mir vielleicht deshalb nicht gelingen, mit voller Überzeugung in
+die Verwünschungen einzustimmen, die die Dorfbevölkerung gegen die
+feindlichen Staaten ausstieß; schien es mir doch, als stünde hinter all
+dem als Urheber der dunkle Einfluß gewisser haßerfüllter Naturkräfte, die
+sich der Menschheit bedienen wie einer Marionette.
+
+Völlig unbewegt verhielt sich Herr Magister Wirtzigh. So, wie jemand, der
+längst alles vorausgesehen hat.
+
+Erst am 4. September kam eine leichte Unruhe über ihn. Er öffnete eine
+Türe, die mir bis dahin verschlossen gewesen, und führte mich in einen
+blauen, gewölbten Saal, der nur ein einziges, rundes Fenster in der Decke
+hatte. Genau darunter, so daß das Licht unmittelbar darauf fiel, stand ein
+runder Tisch aus schwarzem Quarz mit einer muldenförmigen Vertiefung in
+der Mitte. Ringsherum goldene, geschnitzte Stühle.
+
+»Hier diese Mulde,« sagte der Herr Magister, »füllst du heute abend, noch
+ehe der Mond aufgeht, mit klarem, kaltem Brunnenwasser. Ich erwarte Besuch
+aus Mauritius, und wenn du mich rufen hörst, nimmst du die japanische
+Schlangenlampe, zündest sie an -- der Docht wird hoffentlich nur glimmen,«
+setzte er halb für sich hinzu, -- »und stellst dich mit ihr so, wie man
+eine Fackel hält, dort in die Nische.« -- -- -- --
+
+Es war längst Nacht geworden, schlug 11 Uhr, 12 Uhr, und ich wartete und
+wartete noch immer.
+
+Niemand konnte das Haus betreten haben -- ich weiß es gewiß, hätte es
+bemerken müssen, denn das Tor war verschlossen und kreischte stets laut,
+wenn man es öffnete, aber kein Laut war vernehmbar bis jetzt.
+
+Eine Totenstille ringsum, daß sich mir das Brausen des Blutes im Ohr
+allmählich zur tosenden Brandung steigerte.
+
+Endlich hörte ich die Stimme des Herrn Magisters meinen Namen rufen -- wie
+aus weiter Ferne. So, als käme sie mir aus dem eigenen Herzen.
+
+Mit der glimmenden Lampe in der Hand, fast betäubt von einer
+unerklärlichen Schlaftrunkenheit, die ich noch nie an mir wahrgenommen,
+tappte ich mich durch die finsteren Räume in den Saal und stellte mich in
+die Nische.
+
+In der Lampe surrte leise das Uhrwerk, und ich sah durch den rötlichen
+Bauch des Götzen den glühenden Docht im Maul der Schlange funkeln, wie sie
+langsam kreiste und kaum merklich in Ringen in die Höhe zu kriechen
+schien.
+
+Der Vollmond mußte wohl senkrecht über dem Loch in der Saaldecke stehen,
+denn in der Wassermulde des steinernen Tisches schwamm sein Spiegelbild
+als regungslose Scheibe aus fahlgrünglühendem Silber.
+
+Eine lange Zeit glaubte ich, die goldenen Stühle seien leer, doch
+allmählich unterschied ich, daß in dreien von ihnen Männer saßen, und
+erkannte, als sich ihre Gesichter zögernd bewegten: im Norden den Herrn
+Magister Wirtzigh, im Osten einen Fremden (Doktor Chrysophron Zagräus mit
+Namen, wie ich aus einem Gespräch, das sie später führten, entnahm), und
+im Süden, einen Kranz Mohnblumen auf dem kahlen Schädel -- Doktor
+Sacrobosco Haselmayer.
+
+Nur der Stuhl im Westen war leer.
+
+Nach und nach mußte wohl auch mein Gehör wach geworden sein, denn Worte
+wehten zu mir herüber, zum Teil lateinische, die ich nicht verstand, teils
+solche in deutscher Sprache. --
+
+Ich sah den Fremden sich vorbeugen, Herrn Doktor Haselmayer auf die Stirn
+küssen und hörte ihn sagen »geliebte Braut«. Es folgte noch ein langer
+Satz, aber er war zu leise, als daß er mir hätte zu Bewußtsein kommen
+können.
+
+Dann, plötzlich, war Herr Magister Wirtzigh mitten drin in einer
+apokalyptischen Rede:
+
+»Und vor dem Stuhl war ein gläsern Meer gleich dem Kristall, und mitten am
+Stuhl und um den Stuhl vier Tiere, voll Augen vorne und hinten. -- -- --
+Und es ging heraus ein ander Pferd, das war fahl, und der darauf saß, des
+Name hieß Tod und die Hölle folgte ihm nach. Ihm war gegeben, den Frieden
+zu nehmen von der Erde, und daß sie sich untereinander erwürgten; und ihm
+ward ein groß Schwert gegeben.«
+
+»Schwert gegeben«, echoete der Herr Doktor Zagräus, da fiel sein Blick auf
+mich, und er hielt inne und fragte flüsternd die übrigen, ob Verlaß auf
+mich sei.
+
+»Er ist längst ein lebloses Uhrwerk geworden in meiner Hand«, beruhigte
+ihn der Herr Magister. »Unser Ritual fordert, daß ein für die Erde
+Abgestorbener die Fackel hält, wenn wir zusammen sind; er ist wie eine
+Leiche, trägt -- seine Seele in der Hand und glaubt, es sei eine
+schwelende Lampe.«
+
+Wilder Hohn klang aus den Worten, und plötzlicher Schreck lähmte mein
+Blut, als ich fühlte, daß ich in Wahrheit kein Glied rühren konnte und
+starrgeworden war wie ein Toter.
+
+Wieder nahm Herr Doktor Zagräus das Wort und fuhr fort: »Ja, ja, das Hohe
+Lied des Hasses braust durch die Welt. Ich hab ihn mit eigenen Augen
+gesehen, der auf dem fahlen Pferde sitzt, und hinter ihm das
+tausendgestaltige Heer der Maschinen -- unserer Freunde und
+Bundesgenossen. Längst haben sie Selbstmacht gewonnen, aber immer noch
+bleiben die Menschen blind und dünken sich Herren über sie.
+
+Führerlose Lokomotiven, mit Felsblöcken beladen, rasen einher in
+wahnwitziger Wut, stürzen sich auf sie und begraben Hunderte und aber
+Hunderte unter der Last ihrer eisernen Leiber.
+
+Der Stickstoff der Luft ballt sich zu neuen furchtbaren Sprengmitteln: die
+Natur selbst drängt sich in atemloser Hast, freiwillig ihre besten Schätze
+zu geben, um das weiße Scheusal, das seit Jahrmilliarden Narben in ihr
+Gesicht gegraben, auszurotten mit Haut und Haar.
+
+Metallene Ranken mit spitzigen, gräßlichen Dornen wachsen aus dem Boden,
+fangen die Beine und zerreißen die Leiber, und mit stummem Jubel zwinkern
+die Telegraphen einander zu: Wieder sind Hunderttausend der verhaßten Brut
+dahin.
+
+Hinter Bäumen und Hügeln verborgen lauern die Mörserriesen, die Hälse gen
+Himmel gereckt, Erzklumpen zwischen den Zähnen, bis ihnen verräterische
+Windmühlen mit den Armen tückische Zeichen winken, Tod und Vernichtung zu
+speien.
+
+Elektrische Vipern zucken unter dem Boden hin -- da!: ein winziger
+grünlicher Funken und aufbrüllt ein Erdbeben und verwandelt die Landschaft
+in ein Massengrab!
+
+Mit glühenden Raubtieraugen spähen die Scheinwerfer durch die Finsternis!
+Mehr! Mehr! Mehr! Wo sind noch mehr! Und schon kommt's wankend gezogen in
+grauen Sterbemänteln -- unabsehbare Scharen, -- die Füße blutig, die Augen
+erloschen, taumelnd vor Müdigkeit, halb im Schlaf, mit keuchenden Lungen
+und brechenden Knien, -- doch schnell kläffen die Trommeln dazwischen mit
+rhythmisch-fanatischem Fakirgebell und peitschen die Furien der
+Berserkerwut hinein ins betäubte Gehirn, daß der Wahnwitz des Amoklaufs
+heulend losbricht unaufhaltsam, bis der Schauer des Bleiregens nur mehr
+auf Leichen trifft.
+
+Aus Westen und Osten, aus Amerika und Asien strömen sie herbei zum
+Kriegstanz, die erzenen Ungeheuer, voll Mordlust die runden Mäuler.
+
+Haie aus Stahl umschleichen die Küsten, in ihrem Bauch erstickend, die
+ihnen einst das Leben gegeben.
+
+Aber selbst die daheim geblieben sind, die scheinbar »Lauen«, die so lange
+weder kalt waren noch warm, -- die früher nur friedliches Werkzeug
+gebaren, -- sind aufgewacht und tragen ihr Teil bei zum großen Sterben:
+ruhelos fauchen sie ihren glühenden Atem zum Himmel empor Tag und Nacht,
+und aus ihren Leibern quillt es, Schwertklingen und Pulverhülsen, Lanzen,
+Geschosse. Keines mag da mehr hocken und schlafen.
+
+Immer neue Riesengeier wollen flügge werden, um über den letzten
+Schlupfwinkeln der Menschen zu kreisen, und schon laufen unermüdlich
+Tausende Eisenspinnen hin und her, ihnen die silberglänzenden Schwingen zu
+weben.«
+
+Die Rede stockte einen Augenblick, und ich sah, daß Herr Graf du Chazal
+plötzlich zugegen war; er stand hinter dem Stuhl im Westen, die Arme über
+der Lehne gekreuzt, sein Gesicht war blaß und verfallen.
+
+Dann fuhr Doktor Zagräus mit eindringlicher Gebärde fort: »Und ist es
+nicht eine gespenstische Auferstehung? Was längst zu Petroleum verwest in
+Erdenhöhlen geruht hat: -- das Blut und Fett der vorsintflutlichen Drachen
+-- regt sich und will wieder lebendig sein. In dickbäuchigen Kesseln
+gebrodelt und destilliert, fließt es jetzt als 'Benzin' in die Herzkammern
+neuer phantastischer Luftungeheuer und bringt sie zum Stampfen. Benzin und
+Drachenblut! -- wer sieht da noch einen Unterschied? Es ist wie das
+dämonische Präludium zum Jüngsten Tag.«
+
+»Sprechen Sie nicht vom Jüngsten Tag, Doktor,« fiel der Herr Graf hastig
+ein (ich fühlte, daß eine unbestimmte Furcht in seiner Stimme lag) -- »es
+klingt wie ein Vorzeichen.«
+
+Die Herren standen erstaunt auf:
+
+»Ein Vorzeichen?«
+
+»Wir wollten heute zusammenkommen als zu einem Feste,« begann der Herr
+Graf, nachdem er lang nach Worten gesucht, »aber es hat meinen Fuß bis zur
+jetzigen Stunde festgehalten in -- Mauritius (ich begriff dumpf, daß dem
+Worte eine verborgene Bedeutung zugrunde lag und der Herr Graf nicht ein
+Land damit meinen konnte); und ich habe lang gezweifelt, ob es richtig
+ist, was ich an dem Widerschein sah, der von der Erde zum Monde
+emporhaucht. Ich fürchte, ich fürchte, -- und mir wird die Haut kalt vor
+Grauen, wenn ich daran denke, -- daß über kurz ein Unerwartetes geschehen
+könnte und entrisse uns den Sieg. -- Was will's besagen, daß ich errate:
+noch ein geheimer Sinn mag in dem heutigen Krieg liegen: der Weltgeist
+will die Völker absondern voneinander, damit sie einzeln stehen wie die
+Glieder eines zukünftigen Leibes; was nützt es mir, da ich die letzte
+Absicht nicht kenne?! Die Einflüsse, die man nicht sehen kann, sind die
+mächtigsten. -- Ich sage euch:
+
+Ein Unsichtbares wächst und wächst; und ich kann seine Wurzel nicht
+finden.
+
+Ich habe die Zeichen am Himmel gedeutet, die nicht täuschen: ja, auch die
+Dämonen der Tiefe rüsten zum Kampf, und bald wird die Haut der Erde sich
+schütteln wie das Fell eines Rosses, das von Bremsen geplagt wird; schon
+haben die Großen der Finsternis, deren Namen eingeschrieben stehen im
+Buche des Hasses, abermalen aus dem Abgrund des Weltraums einen
+Kometenstein geschleudert, und dies nach der Erden, wie sie oft einen
+solchen Wurf nach der Sonne gerichtet, er aber das Ziel verfehlt hat und
+zurückgeflogen ist, wie der Bumerang der australischen Neger rückkehrt in
+die Hand des Jägers, wenn er das Opfer nicht getroffen. -- Aber zu wes
+Zweck, fragte ich mich, dies große Aufgebot, wo doch der Untergang des
+Menschengeschlechts durch das Heer der Maschinen besiegelt scheint?
+
+Und da lösten sich mir Schuppen von den Augen; doch ich bin noch blind
+und kann nur tasten.
+
+Fühlt ihr nicht auch, wie das Unwägbare, das der Tod nicht greifen kann,
+anschwillt zu einem Strom, dagegen die Meere sind wie ein Eimer
+Spülicht?
+
+Was ist es für eine rätselhafte Kraft, die über Nacht alles wegschwemmt,
+was klein ist, und das Herz des Bettlers weit macht gleich eines
+Apostels! Ich habe gesehen, daß eine arme Lehrerin eine Waise annahm an
+Kindesstatt und hat nicht viel Redens davon gemacht -- -- und da kam die
+Furcht zu mir.
+
+Wo ist die Macht des Maschinenhaften in der Welt geblieben, wo Mütter
+jubeln, wenn ihre Söhne fallen, statt sich das Haar zu raufen? Und soll's
+eine prophetische Rune sein, die zurzeit noch keiner lesen kann: in den
+Kaufladen der Städte hängt ein Bild, ein Kreuz in den Vogesen, daran das
+Holz weggeschossen ist, und der Menschensohn -- _blieb stehen_?
+
+Wir hören die Flügel des Todesengels über die Länder brausen, seid ihr
+gewiß, daß es nicht die Schwingen eines -- Anderen sind und nicht die des
+Todes? Eines von denen, die »Ich« sagen können in jedem Stein, jeder Blume
+und jedem Tier, inner- und außerhalb des Raums und der Zeit?
+
+Nichts kann verloren gehen, heißt es. Wessen Hand sammelt dann diese
+Begeisterung, die gleich einer neuen Naturkraft überall frei wird, und was
+für Geburt will daraus entstehen und wer wird der Erbe sein!
+
+Soll wieder Einer kommen, des Schritte keiner hemmen kann -- wie es immer
+wieder im Laufe der Jahrtausende geschah von Zeit zu Zeit? Der Gedanke
+läßt mich nicht mehr los.«
+
+»Mag er doch kommen! -- Wenn er nur auch diesmal wiederkommt in Kleidern
+von Fleisch und Blut,« fuhr Herr Magister Wirtzigh höhnisch drein. »Sie
+werden ihn schon festnageln mit -- Witzen; über grinsendes Lachen hat noch
+keiner gesiegt.«
+
+»Aber er kann kommen _ohne Gestalt_,« murmelte Doktor Chrysophron Zagräus
+vor sich hin, »sowie vor kurzem ein Spuk über Nacht die Tiere befiel, daß
+Pferde plötzlich rechnen konnten und Hunde -- lesen und schreiben. Was,
+wenn er aus den Menschen selbst hervorbricht wie eine Flamme?«
+
+»Dann müssen wir in den Menschen das Licht durch das Licht betrügen,«
+kreischte der Herr Graf du Chazal gellend dazwischen, »wir müssen in ihren
+Gehirnen von da an wohnen als neuer falscher Glanz eines trügerischen,
+nüchternen Verstandes, bis sie Sonne und Mond verwechseln, und müssen sie
+mißtrauen lehren allem, was Licht ist.« -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Was der Herr Graf noch weiter sagte, ich erinnere mich nicht. Ich konnte
+mich mit einemmal wieder bewegen und der glasartige erstarrte Zustand, der
+mich bislang umfangen gehalten, wich langsam von mir. Eine Stimme in mir
+schien zu flüstern, ich solle mich fürchten, aber ich brachte es nicht
+zuwege.
+
+Dennoch streckte ich wie zum Schutz den Arm mit der Lampe vor.
+
+Mochte sie dabei ein Luftzug getroffen haben oder hatte die Schlange
+darin den Raum im Kopfe des Götzen erreicht, sodaß der glimmende Docht
+zur Flamme auflodern konnte, -- ich weiß es nicht. Ich weiß nur, ein
+blendendes Licht zersprengte mir plötzlich die Sinne, wiederum hörte ich
+meinen Namen rufen und dann fiel ein schwerer Gegenstand dumpf krachend
+hin. -- --
+
+Es muß wohl mein eigener Körper gewesen sein, denn, als ich einen Moment
+meine Augen aufschlug, bevor ich das Bewußtsein verlor, sah ich: ich lag
+auf dem Boden, und der Vollmond stand leuchtend über mir; -- das Zimmer
+aber schien leer und der Tisch und die Herren waren verschwunden. -- --
+-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Viele Wochen lag ich in tiefer Betäubung danieder und, als ich langsam
+genas, erfuhr ich, -- ich habe vergessen, von wem, -- daß Herr Magister
+Wirtzigh inzwischen gestorben war und mich zum Erben seines gesamten
+Besitzes eingesetzt hatte.
+
+Aber ich muß wohl noch lange das Bett hüten, und so habe ich denn Zeit,
+über das Geschehene nachzudenken und alles niederzuschreiben.
+
+Nur zuweilen des Nachts kommt es gar seltsam über mich und mir ist, als
+gähne in meiner Brust ein leerer Raum, unendlich nach Osten, Süden,
+Westen und Norden, und mitten darin schwebt der Mond, wächst zur
+glänzenden Scheibe, nimmt ab, wird schwarz, taucht wieder auf als
+schmale Sichel, und jedesmal sind seine Phasen die Gesichter der vier
+Herren, wie sie zuletzt um den runden steinernen Tisch saßen. Dann
+lausche ich gespannt, um mich zu zerstreuen, auf das unbändige Johlen,
+das durch die Stille ringsum zu mir herüber dringt aus dem in der
+Nachbarschaft gelegenen Raubschloß des wilden Malers Kubin, der dort im
+Kreise seiner sieben Söhne wüste Orgien feiert bis zum Morgengrauen.
+
+Kommt der Tag, so tritt wohl zuweilen die alte Haushälterin Petronella
+an mein Bett und sagt: »Nun wie geht's denn, Herr -- _Herr Magister
+Wirtzigh_?« Sie will mir nämlich weismachen, einen Grafen du Chazal habe
+es seit dem Jahre 1430, wo das Geschlecht erlosch, wie der Herr Pfarrer
+genau wisse, nicht mehr gegeben, ich sei ein Schlafwandler gewesen, in
+einem Anfall von Mondsucht vom Dach heruntergefallen und hätte mir
+jahrelang eingebildet, mein eigener Kammerdiener zu sein.
+Selbstverständlich gebe es auch weder einen Doktor Zagräus noch einen
+gewissen Sacrobosco Haselmayer.
+
+»Den roten Tandschur, na ja, den gibt's,« sagt sie zum Schluß jedesmal
+drohend. »Er liegt drüben auf dem Ofen und is a chinesisch's Zauberbuch,
+hör ich. Aber mer siecht ja, was dabei 'rauskommt, wenn a Christenmensch
+so was liest.«
+
+Ich schweige dazu, denn ich weiß, was ich weiß, aber, wenn die Alte
+hinausgegangen ist, stehe ich doch jedesmal heimlich auf, um mir
+Gewißheit zu verschaffen, öffne den gotischen Schrank und überzeuge
+mich:
+
+Aber natürlich ja, da steht sie doch, die Schlangenlampe, und darunter
+hängen -- der grüne Zylinderhut, das Wams und die Seidenkniehosen des
+Herrn Doktor Haselmayer.
+
+
+
+
+ Kurt Wolff Verlag, Leipzig
+
+ Der Golem
+
+ Ein Roman
+
+ von
+
+ Gustav Meyrink
+
+ Im Verlag von Albert Langen in München
+ erschien von demselben Verfasser:
+
+ Des Deutschen Spießers
+ Wunderhorn
+
+ Gesammelte Novellen
+
+ in 3 Bänden. 5. Auflage
+
+
+
+
+Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen:
+
+ Inhaltsverzeichnis: Zeitegeln --> Zeit-egeln
+
+ Seite 24: finstre --> finstere
+
+ Seite 40: man fragt den den jungen Herrn, --> 'den' entfernt
+
+ Seite 74: Die Posaunen versummen. --> Die Posaunen
+ verstummen. (Druckfehler)
+
+ Seite 94: 'Du kannst eben nicht 'wollen'', fing er
+ --> einfaches schließendes Anführungszeichen ergänzt
+
+ Seite 116: Eskismos --> Eskimos (Druckfehler)
+
+ Seite 128: ein fach --> einfach (Druckfehler)
+
+ Seite 170: prunktvollen --> prunkvollen (Druckfehler)
+
+ Seite 171: Ich sage Ihnen, 'was wir auch auf Erden vollbringen,
+ --> Einfaches (überflüssiges) Anführungszeichen vor 'was' entfernt.
+
+ Seite 218: Punkt nach 'einzuschlafen' ergänzt
+
+ Seite 231: deren Namen eingeschrieben 'steht'
+ --> 'stehen' im Buche des Hasses
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Fledermäuse, by Gustav Meyrink
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FLEDERMÄUSE ***
+
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
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+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
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+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
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+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
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+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
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+
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+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
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+electronic work, or any part of this electronic work, without
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+
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+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
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+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
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+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
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+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
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+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
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+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
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+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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Binary files differ
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@@ -0,0 +1,5542 @@
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+<body>
+
+
+<pre>
+
+The Project Gutenberg EBook of Fledermäuse, by Gustav Meyrink
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Fledermäuse
+ Sieben Geschichten
+
+Author: Gustav Meyrink
+
+Release Date: April 16, 2010 [EBook #32014]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FLEDERMÄUSE ***
+
+
+
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Evelyn Kawrykow, Juliet
+Sutherland and the Online Distributed Proofreading Team
+at https://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+</pre>
+
+
+<div class="note">
+<p class="center"><strong>Anmerkungen zur Transkription:</strong></p>
+
+<p>Offensichtliche Druckfehler im Text wurden korrigiert, die Schreibweise
+ansonsten aber wie im Original belassen.</p>
+
+<p><strong>Formatierung:</strong> Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Text in Antiqua (nicht in
+Fraktur) wurde durch eine andere Schriftart gekennzeichnet: <em class="antiqua">Text</em></p>
+</div>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_4" id="Page_4">[4]</a></span></p>
+
+
+<div class="titlepage">
+
+<h1>Fledermäuse</h1>
+
+<h2>Sieben Geschichten<br />
+von<br />
+Gustav Meyrink</h2>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>Das 21. bis 30. Tausend</h3>
+<hr class="hr50" />
+<h2>Kurt Wolff Verlag, Leipzig</h2>
+
+<!-- <p><span class='pagenum'><a name="Page_5" id="Page_5">[5]</a> -->
+<h2>1916</h2>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<h4><em class="antiqua">Copyright 1916 by</em> Kurt Wolff Verlag, Leipzig<br />
+Gedruckt in der L. C. Wittich&#8217;schen Hofbuchdruckerei<br />
+in Darmstadt<br /></h4>
+
+<!-- <span class='pagenum'><a name="Page_6" id="Page_6">[6]</a></span> -->
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<h2>Meinem Freunde<br />
+August Wärndorfer<br />
+gewidmet</h2>
+</div>
+<hr class="hr50" />
+
+
+
+<div class="textbody">
+
+<h2><a name="Inhalt_1" id="Inhalt_1"></a><a href="#Inhalt_2">Inhalt</a></h2>
+
+<hr class="hr50" />
+
+<p class="chapter"><span class='pagenum'><a name="Page_7" id="Page_7">[7]</a></span>
+<a name="Meister_Leonhard" id="Meister_Leonhard"></a>Meister Leonhard</p>
+
+
+<p>Unbeweglich sitzt Meister Leonhard in seinem gotischen Lehnstuhl und
+starrt mit weit offenen Augen gerade aus.</p>
+
+<p>Der Flammenschein des lodernden Reisigfeuers in dem kleinen Herd flackert
+über sein härenes Gewand, aber der Glanz kann nicht haften bleiben an der
+Regungslosigkeit, die Meister Leonhard umgibt, gleitet ab von dem langen
+weißen Bart, dem gefurchten Gesicht und den Greisenhänden, die in ihrer
+Totenstille mit dem Braun und Gold der geschnitzten Armlehnen wie
+verwachsen sind.</p>
+
+<p>Meister Leonhard hält seinen Blick zum Fenster gekehrt, vor dem mannshohe
+Schneehügel die ruinenhafte halbversunkene Schloßkapelle umgeben, in der
+er sitzt, aber im Geiste sieht er hinter sich die kahlen, engen,
+schmucklosen Wände, die ärmliche Lagerstätte und das Kruzifix über der
+<span class='pagenum'><a name="Page_8" id="Page_8">[8]</a></span>
+wurmstichigen Tür &#8211; sieht den Wasserkrug, den Laib selbergebackenen
+Bucheckernbrotes und das Messer daneben mit dem gekerbten Beingriff in der
+Ecknische.</p>
+
+<p>Er hört, wie draußen die Baumriesen krachen unter dem Frost und sieht die
+Eiszapfen im grellen schneidenden Mondlicht herabfunkeln von den
+weißbeladenen Ästen. Er sieht seinen eigenen Schatten hinaus durch den
+Spitzbogen des Fensters fallen und mit den Silhouetten der Tannen auf dem
+glitzernden Schnee ein gespenstisches Spiel treiben, wenn das Feuer der
+Kienspäne im Ofen die Hälse reckt oder sich duckt, &#8211; dann wieder sieht er
+ihn plötzlich zusammengeschrumpft wie zu einer Bockgestalt auf
+schwarzblauem Thron und die Knäufe des Lehnstuhls als Teufelshörner über
+spitzigen Ohren.</p>
+
+<p>Ein altes buckliges Weib aus dem Meiler, der stundenweit, jenseits der
+Moorheide tief unten im Tale liegt, humpelt mühsam durch den Wald herauf
+und zieht einen Handschlitten mit dürrem Holz; erschreckt glotzt sie in
+den blendenden Lichtschein und begreift nicht. Ihr Blick fällt auf den
+Teufelsschatten im Schnee &#8211; sie erfaßt nicht, wo sie ist und daß sie vor
+der Kapelle<span class='pagenum'><a name="Page_9" id="Page_9">[9]</a></span>
+steht, von der die Sage geht, der letzte gegen den Tod
+gefeite Sprosse eines fluchbeladenen Geschlechtes hause darin.</p>
+
+<p>Voll Entsetzen schlägt sie das Kreuz und hastet mit wankenden Knien zurück
+in den Wald.</p>
+
+<p>Meister Leonhard folgt ihr eine Weile im Geiste auf dem Weg, den sie
+nimmt. Er kommt an den brandschwarzen Trümmern des Schlosses vorüber, in
+dem seine Jugend verschüttet liegt, aber es berührt ihn nicht: alles ist
+ihm Gegenwart, leidlos und klar wie ein Gebilde aus farbiger Luft. Er
+sieht sich als Kind unter einer jungen Birke mit bunten Kieseln spielen
+und sieht sich zu gleicher Zeit als Greis vor seinem Schatten sitzen.</p>
+
+<p>Die Gestalt seiner Mutter taucht vor ihm auf mit den ewig zuckenden
+Gesichtszügen; alles an ihr bebt in beständiger Unruhe, nur die Haut ihrer
+Stirn ist unbeweglich, glatt wie Pergament und straff über den runden
+Schädel gespannt, der gleich einer fugenlosen Elfenbeinkugel das Gefängnis
+eines summenden Fliegenschwarms unsteter Gedanken zu sein scheint.</p>
+
+<p>Er hört das ununterbrochene, keine Sekunde pausierende
+<span class='pagenum'><a name="Page_10" id="Page_10">[10]</a></span>
+Rascheln ihres schwarzen seidenen Kleides, das wie das nervenaufpeitschende
+Schwirren von Millionen Insektenflügeln die Räume des Schlosses erfüllt, durch
+Boden- und Mauerritzen dringt und Mensch und Tier den Frieden raubt. Selbst die
+Dinge stehen unter dem Bann ihrer schmalen, immer befehlsbereiten Lippen,
+sind beständig wie auf dem Sprung und keines wagt sich heimisch zu fühlen.
+Sie kennt das Leben der Welt nur vom Hörensagen, über den Zweck des
+Daseins nachzuforschen, hält sie für überflüssig und für eine Ausrede der
+Faulheit; wenn nur von früh bis spät ein zweckloses ameisenhaftes
+Umherrennen im Hause herrscht, ein sinnwidriges Da- und Dorthinstellen von
+Gegenständen, ein fiebriges Sichmüdemachen bis in den Schlaf hinein und
+ein Zermürben ihrer Umgebung, glaubt sie ihre Pflicht gegen das Leben zu
+erfüllen. Nie kommt ein Gedanke in ihrem Hirn zu Ende, kaum entsteht er,
+wird er schon zu hastiger zweckloser Tat. Sie ist wie der
+vorwärtshaspelnde Sekundenmesser einer Uhr, der in seiner
+Zwergenhaftigkeit sich einbildet, daß die Welt ins Stocken gerät,
+wenn<span class='pagenum'><a name="Page_11" id="Page_11">[11]</a></span> er
+nicht dreitausendsechshundertmal zwölfmal des Tages im Kreise
+herumzappelt, voll Ungeduld die Zeit in Staub zu zerfeilen, und es nicht
+erwarten kann, daß die gelassenen Stundenzeiger die langen Arme heben zum
+Schlag auf die Glocke.</p>
+
+<p>Oft mitten in der Nacht reißt die Besessenheit sie aus dem Bette und sie
+weckt die Dienerschaft: die Blumentöpfe, die in unabsehbaren Reihen auf
+den Fenstersimsen stehen, müssen sogleich begossen werden; sie ist sich
+nicht klar über das &raquo;warum&laquo;, es genügt: sie
+&raquo;müssen&laquo; begossen werden. Niemand wagt ihr zu widersprechen,
+jeder wird stumm angesichts der Erfolglosigkeit, mit dem Schwert des
+Verstandes gegen ein Irrlicht kämpfen zu wollen.</p>
+
+<p>Nie fängt eine Pflanze Wurzel, denn täglich setzt sie sie um, niemals
+lassen sich die Vögel auf dem Dach des Schlosses nieder, in Scharen
+durchkreuzen sie in dunklem Wandertrieb den Himmel, schwenken hierhin und
+dorthin, aufwärts und abwärts, bald zu Punkten werdend, bald breit und
+flach wie schwarze flatternde Hände.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_12" id="Page_12">[12]</a></span>
+Selbst in den Sonnenstrahlen ist ein ewiges Zittern, denn immer herrscht
+Wind und verweht ihr Licht mit jagenden Wolken; es geht ein Schwanken und
+Zausen von früh bis abend, von abend bis früh durch die Blätter und Zweige
+der Bäume, und nie kommen Früchte zur Reife, &#8211; schon der Mai bläst alle
+Blüten davon. Die Natur ringsum ist krank von der Unrast im Schlosse.</p>
+
+<p>Meister Leonhard sieht sich vor seiner Rechentafel sitzen, er ist zwölf
+Jahre alt, drückt die Hände fest an die Ohren, um das Schlagen der Türen
+und das unablässige Treppauf Treppab der Mägde nicht zu hören und das
+Schrillen der Stimme seiner Mutter, &#8211; es nützt nichts: die Ziffern werden
+eine Herde wimmelnder boshafter winziger Kobolde, laufen ihm durchs Hirn,
+durch Nase, Mund und Augen aus und ein und machen sein Blut rasen und
+seine Haut brennen. Er versucht&#8217;s mit dem Lesen, &#8211; umsonst, die
+Buchstaben tanzen vor seinen Blicken: ein nicht zu fassender
+Mückenschwarm. &#8211; &raquo;Ob er seine Aufgabe denn immer noch nicht kann?&laquo;
+schrecken ihn die Lippen der Mutter auf; sie
+<span class='pagenum'><a name="Page_13" id="Page_13">[13]</a></span>
+wartet die Antwort nicht ab, ihre irren wasserblauen Augen suchen in allen
+Ecken, ob nicht irgendwo Staub liegt; Spinnweben, die nicht da sind,
+müssen mit Besen abgekehrt, Möbel umgestellt, hinaus und wieder
+hereingerückt, Schränke zerlegt und nachgesehen werden, damit sich keine
+Motten einnisten, man schraubt die Tischbeine ab und wieder an, Schubladen
+fliegen auf und zu, man hängt die Bilder um, reißt Nägel aus den Wänden
+und schlägt sie daneben ein, die Dinge geraten in Tobsucht, der Hammer
+fliegt vom Stiel, Leitersprossen brechen, Kalk bröckelt von der Decke,
+&#8211; der Maurer soll sofort kommen! &#8211;, Wischtücher klemmen sich
+ein, Nadeln fallen aus der Hand und verstecken sich in Dielenritzen, der
+Wachhund im Hof reißt sich los, kommt
+
+mit klirrender Kette herein und rennt die Stehuhr über den Haufen; der
+kleine Leonhard bohrt sich von neuem in sein Buch und beißt die Zähne
+zusammen, um einen Sinn zu erhaschen aus den schwarzen krummen Haken, die
+da drin hintereinander herlaufen, &#8211; er soll sich anderswo hinsetzen, der
+Sessel muß ausgeklopft werden; er
+<span class='pagenum'><a name="Page_14" id="Page_14">[14]</a></span>
+lehnt sich, das Buch in der Hand, ans Fensterbrett, &#8211; das
+Fensterbrett muß gewaschen und weiß gestrichen werden; warum er denn
+überall im Weg ist? Und ob er seine Aufgabe jetzt endlich kann? Dann fegt
+sie hinaus; die Mägde müssen alles liegen und stehen lassen und rasch ihr
+nach und Schaufeln, Äxte und Stangen holen für den Fall, daß im Keller
+Ratten sind.</p>
+
+<p>Das Fensterbrett ist halb gestrichen, von den Stühlen fehlen die Sitze und
+das Zimmer gleicht einem Trümmerhaufen; ein dumpfer grenzenloser Haß gegen
+die Mutter frißt sich in das Herz des Kindes. Jede Faser in ihm lechzt
+nach Ruhe; es sehnt die Nacht herbei, aber selbst der Schlaf bringt ihm
+die Stille nicht, wirre Träume halbieren seine Gedanken, so daß aus einem
+zwei werden, die einander jagend verfolgen und nie erreichen; die Muskeln
+können sich nicht entspannen, der ganze Körper ist in beständiger
+Abwehrstellung gegen blitzartig hereinbrechende Befehle, das oder jenes
+Sinnlose vollbringen zu sollen.</p>
+
+<p>Die Spiele während des Tages im Garten entspringen nicht jugendlicher
+Lust, die Mutter
+<span class='pagenum'><a name="Page_15" id="Page_15">[15]</a></span>
+ordnet sie an ohne Verständnis, wie alles, was sie tut,
+um sie in der nächsten Minute zu unterbrechen; ein längeres Beharren bei
+einer Sache erscheint ihr als Stillstand, gegen den sie glaubt ankämpfen
+zu müssen wie gegen den Tod. Das Kind traut sich nicht vom Schlosse weg,
+bleibt immer in Hörweite, es fühlt: es gibt kein Entrinnen, ein Schritt zu
+weit und schon fällt ein lautes Wort aus den offenen Fenstern herab und
+hemmt den Fuß.</p>
+
+<p>Die kleine Sabine, ein Bauernmädchen, das unten beim Gesinde wohnt und ein
+Jahr jünger ist als er, sieht Leonhard nur von weitem, und gelingt es
+ihnen, einmal für kurze Minuten zusammenzukommen, reden sie in hastigen
+abgerissenen Sätzen, so wie Leute, die von sich begegnenden Schiffen
+einander eilige Worte zurufen.</p>
+
+<p>Der alte Graf, Leonhards Vater, ist lahm auf beiden Füßen, er sitzt den
+ganzen Tag im Rollstuhl in seinem Bibliothekszimmer, stets im Begriffe zu
+lesen; aber auch hier ist keine Ruhe, stündlich wühlen die nervösen Hände
+der Mutter in den Büchern, stauben sie ab und schlagen sie
+<span class='pagenum'><a name="Page_16" id="Page_16">[16]</a></span> mit den
+Deckeln aneinander, Merkzeichen flattern auf den Boden, Bände, die heute
+hier stehen, stehen morgen hoch oben auf den Borden oder türmen sich zu
+Bergen, wenn plötzlich die Tapeten hinter den Gestellen mit Brot oder
+Bürsten abgerieben werden sollen. Und ist die Gräfin für eine Zeit in den
+andern Räumen des Schlosses, so steigert sich nur die Qual des geistigen
+Wirrwarrs durch das nagende Gefühl der Erwartung, daß sie jeden Augenblick
+unversehens zurückkommen kann.</p>
+
+<p>Abends, wenn die Kerzen brennen, schleicht sich der kleine Leonhard zu
+seinem Vater, um ihm Gesellschaft zu leisten, aber es kommt zu keinem
+Gespräch; wie eine Glaswand, durch die hindurch eine Verständigung
+unmöglich ist, steht es zwischen ihnen; zuweilen öffnet der Alte, als
+fasse er gewaltsam den Entschluß, seinem Kinde etwas Wichtiges,
+Einschneidendes zu sagen, mit einem erregten Vorneigen des Gesichtes den
+Mund, aber immer bleiben ihm die Worte in der Kehle stecken, er schließt
+die Lippen wieder, fährt nur stumm und zärtlich mit der Hand über die
+glühheiße Stirne des Knaben, aber
+<span class='pagenum'><a name="Page_17" id="Page_17">[17]</a></span>
+seine Blicke flackern dabei zur Türe
+hin, die jeden Augenblick eine Störung bringen kann.</p>
+
+<p>Dumpf ahnt das Kind, was in der alten Brust vorgeht: daß es Übervollsein
+des Herzens und nicht Leere ist, die die Zunge seines Vaters stumm macht,
+und wieder steigt ihm der Haß gegen die Mutter bitter zum Halse hinauf,
+die es in Gedanken mit den tiefen Furchen und dem verstörten Ausdruck des
+Greisengesichtes in den Kissen des Rollstuhls in unklare Verbindung
+bringt; ein leiser Wunsch, man möge eines Morgens die Mutter tot im Bette
+finden, wird in ihm wach, und zu der Folter beständiger innerer Unruhe
+treten die Qualen eines höllischen Wartens, &#8211; es belauert im Spiegel ihre
+Züge, ob sich keine Spur von Krankheit in ihnen zeigt, beobachtet ihren
+Gang voll Hoffnung, die Zeichen beginnender Müdigkeit zu entdecken. Aber
+eine unerschütterliche Gesundheit belebt die Frau, sie kennt kein
+Schwachsein, scheint immer neue Kraft zu bekommen, je mehr die Menschen in
+ihrer Nähe siech und schlaff werden.</p>
+
+<p>Von Sabine und der Dienerschaft erfährt
+<span class='pagenum'><a name="Page_18" id="Page_18">[18]</a></span>
+Leonhard, daß sein Vater ein Philosoph ist, ein Weiser, und daß in den
+vielen Büchern lauter Weisheit steht, und er faßt den kindlichen
+Entschluß, die Weisheit zu erringen, &#8211; vielleicht fällt dann die
+unsichtbare Schranke, die ihn von seinem Vater trennt, und die Furchen
+werden wieder glatt, das gramvolle Greisengesicht wieder jung.</p>
+
+<p>Aber niemand kann ihm sagen, was Weisheit ist, und die pathetischen Worte
+des Geistlichen, an den er sich wendet: &raquo;die Furcht des Herrn, das ist
+Weisheit&laquo;, machen ihn vollends verwirrt.</p>
+
+<p>Daß es die Mutter nicht weiß, steht felsenfest bei ihm, und langsam
+dämmert ihm daraus die Erkenntnis, daß alles, was sie tut und denkt, das
+Gegenteil von Weisheit sein muß.</p>
+
+<p>Er faßt sich ein Herz und fragt seinen Vater, als sie einen Augenblick
+allein sind, was Weisheit ist, &#8211; unvermittelt, abgerissen, wie ein
+Mensch, der einen Hilferuf ausstößt; er sieht, wie die Muskeln in dem
+bartlosen Gesicht seines Vaters arbeiten vor Anstrengung die richtigen
+Worte zu finden, die einem wißbegierigen Kindesverstand
+<span class='pagenum'><a name="Page_19" id="Page_19">[19]</a></span>
+angepaßt sind, &#8211; ihm selbst zerspringt der Kopf fast vor
+krampfhaftem Bemühen, den Sinn der Rede zu begreifen.</p>
+
+<p>Er fühlt genau, warum die Sätze so hastig und abgebrochen aus dem
+zahnlosen Munde kommen, &#8211; daß es wieder die Angst vor Störung durch die
+Mutter ist, die Scheu, daß heilige Samenkörner entweiht werden könnten,
+wenn sie der zersetzende nüchterne Hauch trifft, den seine Mutter
+ausströmt, &#8211; daß sie zum Giftkraut werden können, falls er sie
+mißversteht.</p>
+
+<p>All seine Mühe, zu erfassen, ist umsonst, schon hört er laute eilige
+Schritte draußen auf dem Gang, die schrillen abgehackten Befehle und das
+entsetzliche Rascheln des schwarzen, seidenen Kleides. Die Worte seines
+Vaters werden schneller und schneller, er will sie auffangen, um sie sich
+zu merken und später darüber nachzudenken, hascht nach ihnen, wie nach
+schwirrenden Messern, &#8211; sie entgleiten ihm, lassen blutende Schnittwunden
+zurück.</p>
+
+<p>Die atemlosen Sätze: &raquo;schon die Sehnsucht nach Weisheit ist Weisheit&laquo;, &#8211;
+&raquo;ringe nach einem festen Punkt in dir, dem die Außenwelt
+<span class='pagenum'><a name="Page_20" id="Page_20">[20]</a></span> nichts anhaben
+kann, mein Kind&laquo;, &#8211; &raquo;sieh alles, was geschieht, wie ein gemaltes lebloses
+Bild an und laß dich davon nicht berühren&laquo; &#8211; bohren sich in sein Herz
+ein, aber sie haben eine Maske vor dem Gesicht, die er nicht zu
+durchdringen vermag.</p>
+
+<p>Er will weiter fragen, die Tür springt auf, ein letztes Wort: &raquo;laß die
+Zeit an dir ablaufen wie Wasser&laquo; weht an seinem Ohr vorüber, die Gräfin
+rast herein, ein Kübel fällt über die Schwelle, schmutzige Flut ergießt
+sich über die Fliesen. &raquo;Steh nicht im Weg! Mach&#8217; dich nützlich!&laquo; gellt es
+ihm nach, wie er voll Verzweiflung die Treppen hinunterläuft in sein
+Zimmer.&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;</p>
+
+
+<p>Das Bild der Kindheit erlischt, und Meister Leonhard sieht wieder den
+weißen Forst im Mondschein vor seinem Kapellenfenster, &#8211; nicht schärfer
+und nicht schwächer als die Szenen aus seiner Jugend: Vor seinem starren
+kristallenen Geist ist Wirklichkeit und Erinnerung gleich leblos und
+gleich lebendig.</p>
+
+<p>Ein Fuchs trabt vorüber, langgestreckt, ohne Laut; der Schnee staubt
+glitzrig auf, wo sein
+<span class='pagenum'><a name="Page_21" id="Page_21">[21]</a></span>
+buschiger Schweif den Boden streift, die Augen
+leuchten grün aus dem Dunkel der Stämme, verschwinden im Dickicht.</p>
+
+<p>Hagere Gestalten in ärmlicher Kleidung, Gesichter, ausdrucksarm und
+nichtssagend, verschieden durch das Alter und doch einander so seltsam
+ähnlich, erstehen vor Meister Leonhard; er hört ihre Namen flüsternd im
+Ohr, gleichgültige alltägliche Namen, die kaum ein Mittel sind, ihre
+Träger zu unterscheiden. Er erkennt sie wieder als seine Hauslehrer, die
+kommen und nach einem Monat gehen, &#8211; nie ist seine Mutter mit ihnen
+zufrieden, entläßt einen nach dem andern, weiß keinen Grund dafür und
+sucht auch keinen; wenn sie nur da sind und gleich wieder fort wie Blasen
+in brodelndem Wasser. Leonhard ist ein Jüngling mit keimendem Flaum auf
+der Lippe und bereits so groß wie seine Mutter. Wenn er ihr
+gegenübersteht, sind seine Augen auf gleicher Höhe wie die ihrigen, aber
+immer muß er wegschauen, wagt den Versuch nicht, zu dem es ihn beständig
+reizt und stachelt: ihren leeren fahrigen Blick zu bannen und den
+tödlichen Haß hineinzusengen, den er gegen sie
+<span class='pagenum'><a name="Page_22" id="Page_22">[22]</a></span>
+empfindet; jedesmal würgt er es herunter, fühlt, daß der Speichel in
+seinem Munde bitter wie Galle wird und sein Blut vergiftet.</p>
+
+<p>Er sucht und scharrt in seinem Innern und kann doch die Ursache nicht
+finden, die ihn so ohnmächtig macht gegen diese Frau mit ihrem unsteten
+fledermaushaften Zickzackflug.</p>
+
+<p>Ein Chaos von Begriffen dreht sich in seinem Kopf wie ein rasendes Rad,
+jeder Herzschlag schwemmt neues Trümmerwerk halbfertiger Gedanken in sein
+Hirn und schwemmt es wieder weg.</p>
+
+<p>Pläne, die keine sind, Ideen, die sich selbst widerlegen, Wünsche ohne
+Ziel, blinde heißhungrige Begierden, sich drängend und aneinander
+zerschellend, tauchen empor aus den Wirbeln der Tiefe, die sie sofort
+wieder einsaugt; Schreie ersticken in der Brust und können nicht an die
+Oberfläche.</p>
+
+<p>Eine wilde heulende Verzweiflung ergreift Besitz von Leonhard, steigert
+sich von Tag zu Tag; in jedem Winkel erscheint ihm gespenstig das verhaßte
+Gesicht seiner Mutter; aus den Büchern, wenn er sie aufschlägt, springt es
+ihm schreckhaft entgegen; er traut sich nicht umzublättern
+<span class='pagenum'><a name="Page_23" id="Page_23">[23]</a></span>
+aus Angst, es von neuem zu sehen, wagt nicht sich umzudrehen, daß es nicht
+leibhaftig hinter ihm stehe: jeder Schatten gerinnt in die gefürchteten
+Züge, der eigene Atem rauscht wie das schwarze seidene Kleid.</p>
+
+<p>Seine Sinne sind wund und empfindlich wie bloßliegende Nerven; wenn er im
+Bette liegt, weiß er nicht, ob er träumt oder wacht, und übermannt ihn
+endlich der Schlaf, wächst aus dem Boden ihre Gestalt im Hemde, weckt ihn
+und schrillt ihn an: Leonhard, schläfst du schon?</p>
+
+<p>Ein neues, seltsam heißes Gefühl wirft ihn hin und her, beklemmt ihm die
+Brust, verfolgt ihn und treibt ihn, die Nähe Sabines zu suchen, ohne daß
+er sich klar wird, was er von ihr will; sie ist erwachsen und trägt Röcke
+bis zum Knöchel, das Rascheln ihres Kleides erregt ihn noch mehr als das
+seiner Mutter.</p>
+
+<p>Mit seinem Vater ist keine Verständigung mehr möglich: tiefe Nacht umfängt
+seinen Geist; in regelmäßigen Zwischenräumen dringt das Stöhnen des
+Greises grauenhaft durch die Hetzjagd im Hause, Stunde für Stunde waschen
+sie sein Gesicht mit Essig, schieben seinen Sessel
+<span class='pagenum'><a name="Page_24" id="Page_24">[24]</a></span>
+dahin und dorthin, quälen den Sterbenden zu Tode.</p>
+
+<hr class="dash" />
+
+<p>Leonhard wühlt sich mit dem Kopf in die Kissen, um nicht zu hören, &#8211; ein
+Diener zupft ihn am Ärmel: &raquo;Um Gotteswillen schnell, schnell, mit dem
+alten Herrn Grafen geht&#8217;s zu Ende&laquo;. Leonhard springt auf, begreift nicht,
+wo er ist und daß die Sonne scheint, und wieso es nicht
+<ins class="correction" title="Original: finstre">finstere</ins> Nacht
+wird, wenn sein Vater stirbt; er taumelt, sagt sich mit steifen Lippen
+vor, daß er das alles nur träumt, läuft hinüber ins Krankenzimmer; nasse
+Handtücher hängen in Reihen zum Trocknen an Wäscheschnüren quer durch den
+Raum, Körbe versperren den Weg, der Wind bläst durch die offenen Fenster
+herein und bauscht die weiße Leinwand, &#8211; ein Röcheln irgendwoher aus der
+Ecke.</p>
+
+<p>Leonhard reißt die Stricke herab, daß die Wäsche naß auf den Boden
+klatscht, schleudert alles beiseite, kämpft sich hin zu den brechenden
+Augen, die ihm aus dem Rollstuhl, als der letzte Vorhang fällt, blind und
+gläsern entgegenstarren, stürzt auf die Knie, drückt die teilnahmslose,
+<span class='pagenum'><a name="Page_25" id="Page_25">[25]</a></span>
+vom Todesschweiß feuchte Hand an seine Stirn; er will das Wort &raquo;Vater&laquo;
+rufen und kann nicht, es fehlt plötzlich in seinem Gedächtnis; es liegt
+ihm auf der Zunge, aber er vergißt es voll Entsetzen in der nächsten
+Sekunde, eine wahnsinnige Angst drosselt ihn, daß der Sterbende nicht mehr
+zu sich kommt, wenn er ihm das Wort nicht zuruft, &#8211; daß nur dieses Wort
+allein die Macht hat, das erlöschende Bewußtsein von der Schwelle des
+Lebens für einen kurzen Augenblick noch zurückzubringen; er rauft sich das
+Haar und schlägt sich ins Gesicht: tausend Worte stürmen zu gleicher Zeit
+auf ihn ein, nur das eine, das er mit brennendem Herzen sucht, will nicht
+erscheinen, &#8211; und das Röcheln wird schwächer und schwächer.</p>
+
+<p>Stockt.</p>
+
+<p>Fängt wieder an.</p>
+
+<p>Bricht ab.</p>
+
+<p>Verstummt.</p>
+
+<p>Der Mund klappt auf.</p>
+
+<p>Bleibt offen stehen.</p>
+
+<p>&raquo;Vater!&laquo; schreit Leonhard auf; endlich ist das Wort da, aber der, dem es
+gilt, rührt sich nicht mehr.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_26" id="Page_26">[26]</a></span>
+Tumult entsteht auf den Treppen; schreiende Stimmen, hallende laufende
+Schritte auf den Gängen, der Hund schlägt an, heult dazwischen. Leonhard
+achtet nicht darauf, er sieht und fühlt nur die furchtbare Ruhe auf dem
+starren leblosen Gesicht; sie erfüllt das Zimmer, strahlt auf ihn über,
+hüllt ihn ein. Ein betäubendes Gefühl von Glück, das er nicht kennt, legt
+die Hand über sein Herz, ein Empfinden einer unbeweglichen Gegenwart, die
+jenseits von Vergangenheit und Zukunft steht, &#8211; ein stummes Frohlocken,
+daß eine Kraft ringsum schwingt, in die man sich flüchten kann vor der
+wirbelnden Unruhe im Haus wie in eine Wolke, die unsichtbar macht.</p>
+
+<p>Die Luft ist voll Glanz.</p>
+
+<p>Leonhard stürzen die Tränen aus den Augen.&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Ein prasselndes Geräusch, wie die Türe aufspringt, macht ihn
+zusammenfahren, seine Mutter eilt herein, &#8211; &raquo;es ist keine Zeit zum Weinen
+jetzt; siehst doch, &#8217;s gibt alle Hände voll zu tun&laquo;, trifft es ihn mit
+Peitschenhieb; Befehle schwirren, einer hebt den andern auf, die Mägde
+schluchzen,
+<span class='pagenum'><a name="Page_27" id="Page_27">[27]</a></span>
+man jagt sie hinaus, in fliegender Hast schleppen die Diener
+die Möbel auf den Gang, Glasscheiben klirren, Arzneiflaschen zerbrechen,
+man soll den Doktor holen, nein: den Geistlichen, halt halt, nicht den
+Geistlichen: den Totengräber, er soll die Schaufel nicht vergessen, einen
+Sarg bringen, Nägel zum Zunageln, die Schloßkapelle aufsperren, die Gruft
+herrichten jetzt gleich, auf der Stelle, wo die brennenden Kerzen bleiben
+und warum niemand die Leiche aufbahrt! &#8211; muß man denn alles zehnmal
+sagen!?</p>
+
+<p>Mit Schaudern sieht Leonhard, wie der tolle Hexentanz des Lebens sogar vor
+der Majestät des Todes nicht haltmacht und Schritt für Schritt einen
+scheußlichen Sieg gewinnt, &#8211; fühlt, daß der Frieden in seiner Brust
+zergeht wie ein Hauch.</p>
+
+<p>Sklavisch gehorsame Hände greifen schon nach dem Rollstuhl mit dem
+Verstorbenen darin, um ihn fortzutragen; er will dazwischen springen, den
+Toten schützen, breitet die Arme aus, &#8211; sie fallen ihm kraftlos herab. Er
+beißt die Zähne zusammen und zwingt sich, die Augen seiner Mutter zu
+suchen, ob denn keine Spur von
+<span class='pagenum'><a name="Page_28" id="Page_28">[28]</a></span>
+Leid oder Trauer in ihnen zu lesen ist:
+keine Sekunde ist ihr unsteter, ruheloser Affenblick zu fassen, schweift
+von Winkel zu Winkel, auf und nieder, von der Decke zur Wand, vom Fenster
+zur Tür in wahnwitziger schmeißfliegenhafter Eile und verrät ein Geschöpf
+ohne Seele, &#8211; eine Besessene, an der Schmerz und Empfindung abprallen wie
+Pfeile von einer wirbelnden Scheibe, ein scheußliches Rieseninsekt in
+Weibsgestalt, das den Fluch ziel- und zweckloser Arbeit auf Erden
+verkörpert. Lähmender Schrecken durchzuckt Leonhard, er starrt sie an wie
+ein Wesen, das er zum erstenmal sieht, entsetzt sich vor ihr; sie hat
+nichts Menschliches mehr für ihn, ist ihm plötzlich ein urfremdes Geschöpf
+aus einer teuflischen Welt, halb Kobold, halb boshaftes Tier.</p>
+
+<p>Das Gefühl, daß sie seine Mutter ist, läßt ihm das eigene Blut als etwas
+Feindseliges, das ihm Leib und Seele zerfrißt, empfinden, macht sein Haar
+sträuben, jagt ihm Furcht ein vor sich selbst, hetzt ihn hinaus, &#8211; nur
+fort, fort aus ihrer Nähe; er flieht in den Park, weiß nicht, was er will,
+wohin er soll, rennt
+<span class='pagenum'><a name="Page_29" id="Page_29">[29]</a></span>
+gegen einen Baum, fällt rücklings zu Boden, verliert das Bewußtsein.</p>
+
+<hr class="dash" />
+
+<p>Meister Leonhard starrt hinein in ein neues Bild, das vorüberzieht wie ein
+Fiebertraum: die Kapelle, in der er sitzt, ist hell von Kerzenschein, ein
+Priester murmelt vor dem Altar, Geruch von welkenden Kränzen, ein offener
+Sarg, der Tote im weißen Rittermantel, die wachsgelben Hände auf der Brust
+gefaltet. Goldglanz blinkt um dunkle Heiligenbilder, schwarze Männer
+stehen im Halbkreis; betende Lippen, dumpfe kalte Erdluft dringt aus dem
+Boden, eine eiserne Falltür mit blankem Kreuz steht halb offen, ein
+gähnendes viereckiges Loch darunter führt in die Gruft hinab. Gedämpfter
+Gesang in lateinischer Sprache, Sonnenlicht hinter farbigem Glasfenster
+wirft grüne, blaue, blutrote Flecken auf schwebende Weihrauchschwaden,
+silbernes eindringliches Läuten von der Decke, die Hand des Geistlichen in
+spitzenbesetztem Ärmel schwingt den Weihwedel über dem Gesicht des Toten.
+&#8211; Plötzlich Bewegung ringsum, zwölf weiße Handschuhe werden flink, heben
+die Bahre vom Katafalk, schließen
+<span class='pagenum'><a name="Page_30" id="Page_30">[30]</a></span>
+den Deckel, Seile straffen sich, der Sarg sinkt in die Tiefe; die Männer
+steigen die steinernen Stufen hinab, dumpfes Hallen aus dem Gewölbe, Sand
+knirscht, feierliche Stille. Lautlos tauchen ernste Gesichter empor aus
+der Gruft, die Falltür neigt sich, klappt ins Schloß, Staub wirbelt aus
+den Fugen, das blanke Kreuz liegt wagrecht. &#8211; Die Kerzen erlöschen,
+verglimmen; an ihrer Stelle flackern wieder die Kienspäne auf dem kleinen
+Herd, Altar und Heiligenbilder werden zur kahlen Wand. Erde bedeckt die
+Quadern, die Kränze zerfallen zu Moder, die Gestalt des Priesters zergeht
+in der Luft, Meister Leonhard ist wieder allein mit sich selbst.</p>
+
+<hr class="dash" />
+
+<p>Seit der alte Graf nicht mehr lebt, gärt es unter der Dienerschaft; die
+Leute weigern sich, den sinnlosen Befehlen zu gehorchen, einer nach dem
+andern schnürt sein Bündel und geht. Die wenigen, die übrigbleiben, sind
+trotzig und widerwillig, verrichten nur die nötigste Arbeit, kommen nicht,
+wenn man sie ruft.</p>
+
+<p>Mit zusammengekniffenen Lippen rast Leonhards Mutter nach wie vor durch
+alle Stuben,
+<span class='pagenum'><a name="Page_31" id="Page_31">[31]</a></span>
+aber der helfende Troß fehlt; wutfauchend rüttelt sie an den
+schweren Schränken, die sich nicht von der Stelle rühren unter ihren
+ungeschickten Griffen, die Kommoden sind wie angeschraubt, Schubladen
+spreizen sich, gehen nicht auf, nicht zu; was sie anfaßt, fällt ihr aus
+der Hand, niemand hebt es auf; tausend Dinge liegen umher, Gerümpel
+sammelt sich an, wächst zu unübersteiglichen Hindernissen &#8211; keiner, der
+Ordnung schafft. Die Bücherbretter rutschen von den Leisten, eine Lawine
+von Bänden verschüttet das Zimmer, macht es unmöglich zum Fenster zu
+gelangen, der Wind rüttelt daran, bis die Scheiben zerbrechen; der Regen
+ergießt sich in Strömen herein und bald überzieht Schimmel alles mit einer
+grauen Decke. Die Gräfin tobt wie eine Irrsinnige, hämmert mit den Fäusten
+gegen die Wände, schnappt nach Luft, kreischt, reißt in Fetzen, was sich
+zerreißen läßt. Der ohnmächtige Grimm, daß ihr niemand mehr gehorcht, &#8211;
+daß sie sogar ihren Sohn, der seit seinem Sturz noch am Stocke geht und
+nur mühselig humpelt, nicht als Diener verwenden kann, raubt ihr vollends
+den letzten Rest von Besinnung:
+<span class='pagenum'><a name="Page_32" id="Page_32">[32]</a></span>
+oft redet sie stundenlang halblaut mit
+sich selbst, knirscht mit den Zähnen, schreit zornig auf, läuft wie ein
+wildes Tier durch die Gänge.</p>
+
+<p>Aber allmählich geht eine seltsame Veränderung in ihr vor, ihre Züge
+werden hexenhaft, die Augen bekommen einen grünlichen Schimmer, sie
+scheint Phantome zu sehen, horcht plötzlich mit offenem Mund in die Luft
+wie auf Worte, die ihr jemand zuflüstert, frägt: was, was, was, was soll
+ich?</p>
+
+<p>Der Dämon in ihr wirft nach und nach die Maske ab, ihr planloser
+Tätigkeitsdrang macht einer bewußten berechnenden Bosheit Platz. Sie läßt
+die Gegenstände in Ruhe, rührt nichts an; Schmutz und Staub sammelt sich
+überall an, die Spiegel erblinden, Unkraut wuchert im Garten, kein Ding
+ist mehr am richtigen Ort, die notwendigsten Geräte sind unauffindbar; das
+Gesinde macht sich erbötig, den ärgsten Wirrwarr zu beseitigen, sie
+verbietet es mit barschen Worten, &#8211; es ist ihr recht, daß alles drunter
+und drüber geht, die Ziegel vom Dache fallen, das Holzwerk verfault, die
+Leinwand verstockt, &#8211; mit hämischer Schadenfreude sieht sie,
+<span class='pagenum'><a name="Page_33" id="Page_33">[33]</a></span> daß eine
+neue Art Qual an Stelle der alten lebenvergällenden Ruhelosigkeit tritt,
+ein Verzweiflung erzeugendes Unbehagen ihre Umgebung befällt; sie spricht
+mit niemand eine Silbe mehr, gibt keine Befehle, aber alles, was sie tut,
+geschieht mit der tückischen Absicht, die Dienerschaft beständig in
+Schrecken und Aufregung zu versetzen. Sie spielt die Wahnsinnige,
+schleicht sich nachts in die Schlafkammern der Mägde, wirft Krüge krachend
+zu Boden, lacht schrill auf. Absperren nützt nichts: sie zieht sämtliche
+Schlüssel im Hause ab; &#8211; es gibt keine einzige Tür mehr, die sie nicht
+mit einem Ruck aufreißen kann. Sie nimmt sich nicht die Zeit, sich zu
+kämmen, die Haare hängen ihr wirr um die Schläfen, sie ißt im Gehen, legt
+sich nicht mehr schlafen. Halb angezogen, damit das Rascheln der Kleider
+ihr Kommen nicht verrät, huscht sie auf leisen Filzschuhen, um wie ein
+Gespenst da und dort aufzutauchen, durchs Schloß.</p>
+
+<p>Selbst in der Nähe der Kapelle geistert sie bei Mondschein umher. Niemand
+traut sich mehr hin; das Gerede entsteht, daß der Tote dort spukt.</p>
+
+<p>Nie läßt sie sich irgendwelche Hilfe leisten,
+<span class='pagenum'><a name="Page_34" id="Page_34">[34]</a></span>
+was sie braucht, holt sie sich selber; sie weiß genau, daß ihr stummes
+blitzartiges Erscheinen mehr Furcht unter dem abergläubischen Gesinde
+erzeugt, als wenn sie herrisch auftritt; die Leute verständigen sich nur
+noch im Flüsterton, keiner wagt ein lautes Wort, alles ist vom bösen
+Gewissen befallen, trotzdem nicht der geringste Grund dazu vorliegt.</p>
+
+<p>Auf ihren Sohn hat sie es besonders abgesehen; heimtückisch benützt sie
+bei jeder Gelegenheit ihr natürliches Übergewicht als Mutter, das Gefühl
+der Abhängigkeit in ihm zu vertiefen, schürt seine nervöse Angst, sich nie
+unbeobachtet zu wissen, zur Wahnvorstellung beständigen Ertapptwerdens,
+bis es wie der Alpdruck ewigen Schuldbewußtseins auf ihm lastet.</p>
+
+<p>Wenn er es hie und da versucht, sie anzureden, schneidet sie nur höhnische
+Grimassen, daß ihm das Wort im Munde quillt und er sich vorkommt wie ein
+Verbrecher, dem die Verworfenheit wie ein Brandmal auf der Stirne
+geschrieben steht; die dumpfe Furcht, daß sie seine geheimsten Gedanken
+lesen könne und wie es mit ihm und Sabine bestellt sei, wird zur
+schreckhaften
+<span class='pagenum'><a name="Page_35" id="Page_35">[35]</a></span>
+Gewißheit, wenn ihr stechender Blick auf ihm ruht; beim
+leisesten Geräusch, das er hört, bemüht er sich krampfhaft ein
+unbefangenes Gesicht zu machen, &#8211; immer weniger gelingt es ihm, je mehr
+er sich dazu zwingt.</p>
+
+<p>Heimliche Sehnsucht und Verliebtheit ineinander spinnen sich an zwischen
+Sabine und ihm. Sie stecken sich Briefchen zu, empfinden es als Todsünde;
+bald verdorren unter dem Pesthauch des immerwährenden Sichverfolgtfühlens
+alle zarteren Triebe, und eine unbändige tierische Brunst erfaßt sie. Sie
+stellen sich auf an Ecken, wo zwei Gänge sich kreuzen, so daß sie einander
+zwar nicht sehen, aber eines der beiden das Kommen der Gräfin bemerken muß
+und den anderen Teil warnen kann, &#8211; so sprechen sie mitsammen in der
+Angst, die kostbaren Minuten zu verlieren, ohne jede Umschreibung, nennen
+die Dinge unverblümt beim Namen, erhitzen gegenseitig ihr Blut immer mehr
+und mehr.</p>
+
+<p>Aber der Raum um sie wird enger und enger. Als ob die Alte ahnt, was
+vorgeht, versperrt sie das zweite Stockwerk, dann das erste; nur das
+Erdgeschoß, wo das Gesinde aus- und eingeht,
+<span class='pagenum'><a name="Page_36" id="Page_36">[36]</a></span>
+steht noch zur Verfügung; sich auf weitere Strecken vom Schloß zu
+entfernen, ist verboten, der Park bietet keine Schlupfwinkel weder bei Tag
+noch bei Nacht; erhellt ihn das Mondlicht; kann man ihre Gestalten von den
+Fenstern aus sehen, ist es dunkel, droht jeden Augenblick die Gefahr
+beschlichen zu werden.</p>
+
+<p>Ihre Begierden wachsen ins Unbezähmbare, je mehr sie sie unterdrücken
+müssen; offen die Schranken zu durchbrechen, kommt ihnen nicht entfernt in
+den Sinn: die Zwangsvorstellung, wehrlos wie Sklaven unter einer fremden
+dämonischen Macht zu stehen, die über Leben und Tod gebieten kann, ist
+ihnen von Kindheit an zu tief eingeimpft, als daß sie auch nur den Versuch
+wagten, einander in Gegenwart seiner Mutter ins Gesicht zu sehen.</p>
+
+<hr class="dash" />
+
+<p>Ein glutheißer Sommer dorrt die Wiesen, der Erdboden klafft vor
+Trockenheit, abends flammt der Himmel im Wetterleuchten. Das Gras ist
+gelb, betäubt die Sinne mit schwülem Heugeruch, heiße Luft zittert um die
+Mauern; die Brunst der beiden erreicht ihren höchsten
+<span class='pagenum'><a name="Page_37" id="Page_37">[37]</a></span> Grad, ihr ganzes
+Sinnen und Trachten richtet sich auf einen Punkt; wenn sie sich erblicken,
+können sie sich kaum halten, nicht übereinander herzufallen.</p>
+
+<p>Eine schlaflose fiebrige Nacht mit wachen, wilden, begehrlichen Träumen.
+So oft sie die Augen öffnen, sehen sie Leonhards Mutter hereinspähen,
+hören ihr Schleichen an den Schwellen, &#8211; sie nehmen es wahr halb als
+Wirklichkeit, halb als ein Hirngespinst, kümmern sich kaum darum, können
+den kommenden Tag nicht erwarten, um sich endlich, koste es was es wolle,
+in der Kapelle zu treffen.</p>
+
+<p>Den ganzen Morgen bleiben sie in ihren Zimmern und horchen mit stockendem
+Atem und bebenden Knien an den Türspalten auf Anzeichen, daß sich die Alte
+in entlegeneren Teilen des Schlosses befindet.</p>
+
+<p>Stunde um Stunde vergeht in markversengender Qual, es schlägt Mittag: da
+&#8211; ein Geräusch wie von klirrenden Schlüsseln im Innern des Hauses, das
+ihnen Sicherheit vortäuscht; &#8211; sie stürzen hinaus in den Garten; die
+Pforte der Kapelle ist angelehnt, sie stoßen sie auf, schlagen
+<span class='pagenum'><a name="Page_38" id="Page_38">[38]</a></span> sie hinter
+sich zu, daß sie knallend in den Riegel schnappt.</p>
+
+<hr class="dash" />
+
+<p>Sie sehen nicht, daß die eiserne Falltür, die hinab zur Gruft führt,
+offensteht, nur von einer Holzspreize gestützt, &#8211; sehen das gähnende
+viereckige Loch im Boden nicht, fühlen den eiskalten Hauch nicht, der aus
+dem Totengewölbe dringt; sie verschlingen sich mit den Blicken wie
+Raubtiere; Sabine will reden, &#8211; bringt nur ein lechzendes Lallen hervor;
+Leonhard reißt ihr die Kleider vom Leib, wirft sich über sie; keuchend
+verbeißen sie sich ineinander.</p>
+
+<p>Im Sinnenrausch entschwindet ihnen das Verständnis für ihre Umgebung;
+schlürfende Schritte tasten die steinernen Stufen aus der Gruft herauf,
+sie hören es deutlich, aber es bleibt für ihr Bewußtsein dessen, was
+vorgeht, belanglos wie Rascheln von Laub.</p>
+
+<p>Hände tauchen aus dem Schacht, suchen einen Halt an den Rändern der
+Quadern, ziehen sich empor.</p>
+
+<p>Langsam wächst eine Gestalt aus dem Boden; Sabine sieht es mit
+halbgeschlossenen Lidern, wie hinter roten Schleiern; plötzlich
+durchzuckt
+<span class='pagenum'><a name="Page_39" id="Page_39">[39]</a></span>
+sie die jähe Erkenntnis der Lage, sie stößt einen gellenden
+Schrei aus: &#8211; es ist die grauenhafte Alte, dieses furchtbare Überall und
+Nirgends, die da aus der Erde steigt.</p>
+
+<p>Entsetzt springt Leonhard auf, starrt einen Moment wie gelähmt in das
+hämisch verzerrte Gesicht seiner Mutter, dann bricht eine schäumende
+wahnwitzige Wut in ihm los; mit einem Fußtritt schleudert er die
+Holzspreize fort: die Falltür saust hernieder, trifft krachend den Schädel
+der Alten und schmettert sie in die Tiefe, daß man hört, wie ihr Körper
+dumpf unten aufschlägt.&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Unfähig, ein Glied zu rühren, stehen die beiden mit aufgerissenen Augen
+und stieren sich wortlos an. Die Beine schlottern ihnen unter dem Leib.</p>
+
+<p>Langsam kauert sich Sabine nieder, um nicht umzufallen, verbirgt stöhnend
+das Gesicht in den Händen; Leonhard schleppt sich zum Betstuhl. Laut
+schlagen seine Zähne zusammen.</p>
+
+<p>Minuten vergehen. Keines wagt sich zu bewegen, ihre Blicke weichen
+einander aus; dann, von demselben Gedanken gepeitscht, stürzen sie zur Tür
+ins Freie, zurück ins Haus wie von
+<span class='pagenum'><a name="Page_40" id="Page_40">[40]</a></span> Furien gehetzt.</p>
+
+<hr class="dash" />
+
+<p>Das Abendrot verwandelt das Wasser im Brunnen in eine Blutlache, die
+Fenster des Schlosses glühen in lohenden Flammen, die Schatten der Bäume
+wachsen zu langen dünnen schwarzen Armen, die sich mit Zoll um Zoll
+vorwärts schleichenden Fingern über den Rasen tasten, das letzte Zirpen
+der Grillen zu ersticken. Der Glanz der Luft wird stumpf unter dem Atem
+der Dämmerung. Dunkelblaue Nacht zieht auf.</p>
+
+<p>Kopfschüttelnd tauscht die Dienerschaft Vermutungen, wo die Gräfin bleibt;
+man fragt <ins class="correction" title="überflüssiges 'den' entfernt">den</ins>
+jungen Herrn, er zuckt die Achseln, wendet das Gesicht ab,
+damit sie seine Leichenblässe nicht sehen.</p>
+
+<p>Brennende Laternen schwanken durch den Park; man sucht die Ufer des
+Teiches ab, leuchtet ins Wasser, es ist schwarz wie Asphalt und wirft den
+Schein zurück; die Mondsichel schwimmt darauf, aufgescheucht flattern die
+Sumpfvögel im Schilf.</p>
+
+<p>Der alte Gärtner bindet den Hund los, durchstreift den Forst ringsum,
+seine rufende Stimme
+<span class='pagenum'><a name="Page_41" id="Page_41">[41]</a></span>
+dringt zuweilen herüber aus weiter Ferne; jedesmal
+fährt Leonhard auf, das Haar sträubt sich ihm, sein Blut stockt, denn er
+glaubt, es kann seine Mutter sein, die da aufschreit unter der Erde.</p>
+
+<p>Die Uhr zeigt auf Mitternacht. Noch immer ist der Mann nicht zurück, das
+unbestimmte Gefühl eines drohenden Unheils legt sich dem Gesinde auf die
+Brust; sie sitzen zusammengedrängt in der Küche, erzählen einander
+schauerliche Geschichten von dem rätselhaften Verschwinden von Menschen,
+die dann als Werwölfe die Gräber aufscharren und sich von den Leibern der
+Toten nähren.</p>
+
+<p>Tage und Wochen schwinden dahin: keine Spur von der Gräfin; man fordert
+Leonhard auf, er soll eine Messe lesen lassen für ihr Seelenheil, er
+schlägt es heftig ab. Die Kapelle wird ausgeräumt, nur ein geschnitzter
+goldener Betstuhl bleibt darin, in dem er stundenlang zu sitzen pflegt und
+vor sich hinbrütet; er duldet nicht, daß irgend jemand den Raum betritt.
+Das Gerede entsteht, daß, wenn man durchs Schlüsselloch hineinspäht, man
+ihn oft mit dem
+<span class='pagenum'><a name="Page_42" id="Page_42">[42]</a></span>
+Ohr auf dem Boden liegen sieht, als horche er in die Gruft hinunter.</p>
+
+<p>Nachts schläft Sabine in seinem Bett, sie machen kein Hehl daraus, daß sie
+zusammenleben wie Mann und Weib.</p>
+
+<p>Das Gerücht von einem geheimnisvollen Mord dringt ins Dorf hinüber, will
+nicht verstummen, frißt sich immer weiter und weiter ins Land; eines Tages
+fährt ein spindeldürrer Ratsschreiber mit Perücke in einer gelben
+Postkutsche vor, Leonhard sperrt sich mit ihm lange ein; der Mann reist
+wieder ab, Monate vergehen und man hört nichts mehr von ihm, dennoch will
+das bösartige Geraune im Schloß kein Ende nehmen.</p>
+
+<p>Niemand zweifelt, daß die Gräfin tot sein muß, aber sie lebt weiter als
+unsichtbares Gespenst, jeder fühlt ihre boshafte Gegenwart.</p>
+
+<p>Man begegnet Sabinen mit finsteren Blicken, mißt ihr irgendwie die Schuld
+bei an dem Geschehnis, bricht plötzlich das Gespräch ab, wenn der junge
+Graf erscheint.</p>
+
+<p>Leonhard sieht alles, was vorgeht, aber er tut als ob er es nicht merke,
+trägt ein abstoßendes herrisches Wesen zur Schau.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_43" id="Page_43">[43]</a></span>
+Im Hause bleibt alles beim alten; Schlingpflanzen klettern die Mauern
+empor, Mäuse, Ratten und Eulen nisten in den Zimmern, das Dach ist
+brüchig, freiliegendes Gebälk wird morsch und faul.</p>
+
+<p>Nur in der Bibliothek herrscht einigermaßen Ordnung, aber die Bücher sind
+fast vermodert von der Nässe des Regens und kaum mehr leserlich.</p>
+
+<p>Ganze Tage hockt Leonhard über den alten Bänden, sucht mühsam die
+halbverwischten Blätter zu entziffern, die die ruckweise hingeworfenen
+Schriftzüge seines Vaters tragen; und immer muß Sabine in seiner Nähe
+sein.</p>
+
+<p>Wenn sie sich entfernt, erfaßt ihn eine wilde Unruhe, selbst in die
+Kapelle geht er nicht mehr ohne sie; aber sie sprechen nie mitsammen, nur
+in der Nacht, wenn er bei ihr liegt, kommt es wie ein Delirium über ihn
+und seine Erinnerung speit in verworrenen endlosen hastigen Sätzen wieder
+aus, was er tagsüber aus den Büchern in sich schlingt; er fühlt genau,
+warum er es tun muß, &#8211; daß es nur der Verzweiflungskampf seines Hirns
+ist, das sich mit jeder Faser
+<span class='pagenum'><a name="Page_44" id="Page_44">[44]</a></span>
+wehrt, um das entsetzliche Bild der ermordeten Mutter nicht im Dunkeln
+deutlich werden zu lassen, das gräßliche schmetternde Krachen der Falltür,
+das sich wieder und wieder ins Ohr drängen will, durch den Laut der
+eigenen Worte zu übertönen; Sabine hört ihm in starrer Regungslosigkeit
+zu, unterbricht ihn mit keiner Silbe, aber er fühlt, daß sie nichts erfaßt
+von dem, was er sagt, liest aus dem leeren Blick ihrer Augen, die
+immerwährend auf ein und denselben Punkt in der Ferne schauen, woran sie
+ohne Unterlaß denken muß.</p>
+
+<p>Dem Druck seiner Hand antworten ihre Finger erst nach langen Minuten, aus
+ihrem Herzen kommt kein Echo; er sucht sich und sie in den Strudel der
+Leidenschaft zu stürzen, um zurückzufinden in die Tage, die vor dem
+Geschehnis liegen, und sie zum Ausgangspunkt eines neuen Daseins zu
+machen. Sabine erwidert seine Umarmung wie in tiefem Schlummer, und ihm
+graut vor ihrem schwangeren Leib, in dem ein Kind als Zeuge einer Mordtat
+dem Leben entgegenreift.</p>
+
+<p>Sein Schlaf ist bleiern und ohne Traum, dennoch
+<span class='pagenum'><a name="Page_45" id="Page_45">[45]</a></span>
+bringt er kein Vergessen; es ist das Versinken in grenzenloses Alleinsein,
+in dem selbst die Bilder des Schreckens dem Anblick entschwinden und nur
+das Gefühl einer würgenden Qual zurückbleibt, &#8211; ein plötzliches
+Dunkelwerden der Sinne, wie es ein Mensch empfindet, der mit geschlossenen
+Augen beim nächsten Pulsschlag den Hieb des Henkerbeils erwartet.</p>
+
+<p>Jeden Morgen, wenn Leonhard erwacht, will er sich aufraffen, den Kerker
+der marternden Erinnerung zu durchbrechen, ruft sich die Worte seines
+Vaters, nach einem festen Punkt in seinem Innern zu suchen, ins Gedächtnis
+zurück &#8211; da fällt sein Blick auf Sabine, er sieht, wie sie ein Lächeln zu
+erzwingen versucht, ihre Lippen nur zu einem Krampf verzerren kann, und
+wiederum beginnt die wilde Flucht vor sich selbst.</p>
+
+<p>Er beschließt, sich eine andere Umgebung zu schaffen, schickt die
+Dienerschaft fort, behält bloß den alten Gärtner und dessen Weib: die
+Einsamkeit mit ihrem Lauern wird nur um so tiefer, das Gespenst der
+Vergangenheit lebendiger und lebendiger.</p>
+
+<p>Es ist nicht böses Gewissen und das Schuldbewußtsein
+<span class='pagenum'><a name="Page_46" id="Page_46">[46]</a></span> der Bluttat, das
+Leonhard elend macht, &#8211; keine Sekunde beschleicht ihn Reue: der Haß gegen
+die Mutter ist so riesengroß wie am Sterbetag seines Vaters, aber daß sie
+jetzt als unsichtbare Kraft zugegen ist, zwischen ihm und Sabine steht als
+gestaltloser Schemen, den er nicht bannen kann, daß er die furchtbaren
+Augen beständig auf sich ruhen fühlt, die Szene in der Kapelle
+immerwährend in sich herumschleppen muß wie eine ewig eiternde Wunde, ist
+es, was ihn bis zum Wahnsinn foltert.</p>
+
+<p>Er glaubt nicht, daß die Toten wieder auf Erden erscheinen können, aber
+daß sie weiterleben auf viel schrecklichere Art auch ohne Hülle, nur als
+teuflischer Einfluß, gegen den nicht Tür, noch Riegel, kein Fluch, kein
+Gebet schützen, erfährt er als Gewißheit an sich selbst, sieht es täglich
+an Sabine. Jeder Gegenstand im Haus ruft die Erinnerung an seine Mutter
+wach, kein Ding, das nicht verseucht ist von ihrer Berührung, nicht
+stündlich ihr Bild neu in ihm gebärt; die Falten der Vorhänge, zerknüllte
+Wäsche, die Maser der Täfelung, die Linien
+<span class='pagenum'><a name="Page_47" id="Page_47">[47]</a></span>
+und Punkte in den Fliesen, &#8211; alles, was er anblickt, formt sich zu
+ihrem Antlitz; die Ähnlichkeit mit ihren Zügen springt ihm wie eine Viper
+aus dem Spiegel entgegen, macht seinen Herzschlag kalt in dumpfem Bangen:
+das Unmögliche könne sich begeben, daß sich sein Gesicht plötzlich in das
+ihre verwandle, &#8211; ihm anhafte als grausige Erbschaft bis zum
+Lebensende.</p>
+
+<p>Die Luft ist voll von ihrer erstickenden geisterhaften Anwesenheit; das
+Knacken der Dielen klingt, als stamme es vom Tritt ihres Fußes, weder
+Kälte noch Hitze vertreiben sie, ob Herbst ist, klarer eisiger Wintertag,
+lauer süchtiger Frühlingswind, sie wehen nur über die Oberfläche, &#8211; keine
+Jahreszeit, keine äußere Veränderung kann ihr etwas anhaben,
+ununterbrochen ringt sie nach Gestaltung, nach immer deutlicherem
+Sichtbarwerden, nach bleibendem Zurformgerinnen.</p>
+
+<p>Leonhard fühlt es wie einen unabwälzbaren Felsblock innerer Überzeugung
+auf sich lasten, daß es ihr eines Tages gelingen muß, wenn er es sich auch
+nicht ausdenken kann, auf welche Weise es geschehen mag.</p>
+
+<p>Nur aus dem eigenen Herzen kann ihm noch
+<span class='pagenum'><a name="Page_48" id="Page_48">[48]</a></span>
+Hilfe kommen, denn die Außenwelt ist mit ihr im Bündnis, begreift er. Aber
+die einst von seinem Vater in ihn gepflanzte Saat scheint verwelkt, der
+kurze Augenblick des Erlöstseins und des Friedens von damals will nicht
+wiederkehren; so sehr er sich auch abmüht, sie in sich zu erwecken, er
+kann nur die schalen Eindrücke heraufbeschwören, die wie künstliche Blumen
+sind, ohne Duft, mit Stengeln aus häßlichem Draht.</p>
+
+<p>Er sucht ihnen Leben einzuhauchen, indem er die Bücher liest, die das
+geistige Band schlingen zwischen ihm und seinem Vater, doch sie rufen
+keinen Widerhall hervor in ihm, bleiben ein Labyrinth von Begriffen.</p>
+
+<p>Fremdartige Dinge geraten in seine Hände, wie er mit dem steinalten
+Gärtner zusammen unter dem Wust von Folianten gräbt: Pergamente in
+Chifferschrift, Bilder, die einen Bock darstellen mit goldenem bärtigen
+Männergesicht Teufelshörner an den Schläfen, und Ritter in weißen Mänteln,
+die Hände zum Gebet gefaltet, davor, mit Kreuzen auf der Brust, die nicht
+aus Balken gefügt sind, sondern aus vier
+<span class='pagenum'><a name="Page_49" id="Page_49">[49]</a></span>
+in den Knien rechtwinkelig gebeugten, laufenden Menschenbeinen: &#8211;
+das Satanskreuz der Templer, wie ihm der Gärtner widerstrebend sagt,
+&#8211; dann ein kleines verblaßtes Porträt einer altmodisch gekleideten
+Matrone, nach dem in bunten Glasperlen gestickten Namen, der darunter
+steht: seine Großmutter &#8211; mit zwei Kindern auf dem Schoß, einem
+Knaben und einem Mädchen, deren Züge ihm seltsam bekannt vorkamen, so daß
+er lange den Blick von ihnen nicht wenden kann und die dunkle Ahnung in
+ihm aufsteigt, es müssen seine Eltern sein, trotzdem es offenbar
+Geschwister sind.</p>
+
+<p>Die plötzliche Unruhe im Gesicht des Alten, die Scheu, mit der er seinen
+Augen ausweicht, hartnäckig alle Fragen, wer die beiden Kinder sein mögen,
+überhört, bestärken in ihm den Verdacht, daß er einem Geheimnis auf der
+Spur ist, das ihn betrifft.</p>
+
+<p>Ein Bündel vergilbter Briefe scheint zu dem Bild zu gehören, denn es liegt
+in derselben Schatulle; Leonhard nimmt es zu sich, beschließt, es noch
+heute zu lesen.</p>
+
+<hr class="dash" />
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_50" id="Page_50">[50]</a></span>
+Es ist die erste Nacht seit langem, die er allein und ohne Sabine
+verbringt, &#8211; sie fühlt sich zu schwach bei ihm zu sein, klagt über
+Schmerzen.</p>
+
+<p>Er geht im Sterbezimmer seines Vaters auf und nieder, die Briefe liegen
+auf dem Tisch, er will sie zu lesen beginnen, verschiebt es wie unter
+einem Zwang immer wieder.</p>
+
+<p>Eine neue unbestimmte Furcht, als stehe jemand Unsichtbarer hinter ihm und
+halte einen Dolch gezückt, drosselt ihn; er weiß: diesmal ist es nicht die
+spukhafte Nähe seiner Mutter, die ihm den Angstschweiß aus allen Poren
+treibt, &#8211; es sind die Schatten einer fernen Vergangenheit, die an die
+Briefe gebunden sind und darauf lauern, ihn in ihr Reich hinabzuziehen.</p>
+
+<p>Er tritt ans Fenster, sieht hinaus: ringsum atemlose Totenstille, zwei
+große Sterne stehen dicht beisammen am südlichen Himmel, ihr Anblick ist
+ihm sonderbar fremd, wühlt ihn auf, er weiß nicht warum, &#8211; erweckt das
+Vorgefühl, daß etwas Riesenhaftes hereinbrechen will; wie zwei leuchtende
+Fingerspitzen ist es auf ihn gerichtet.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_51" id="Page_51">[51]</a></span>
+Er wendet sich zurück ins Zimmer, die Flammen der beiden Kerzen auf dem
+Tisch warten regungslos gleich drohenden Boten aus dem Jenseits; es ist,
+als komme ihr Schein von weither &#8211; von einem Ort, wohin keines
+Sterblichen Hand sie stellen kann; unmerklich schleicht sich die Stunde
+heran, leise, wie Asche fällt, wandern die Zeiger der Uhr.</p>
+
+<p>Leonhard glaubt einen Schrei unten im Schloß zu hören; er horcht: alles
+liegt stumm.</p>
+
+<p>Er liest die Briefe: das Leben seines Vaters entrollt sich vor ihm, der
+Kampf eines unbändigen Geistes, der sich bäumt gegen alles, was Gesetz
+heißt; ein Titan reckt sich vor ihm auf, der keine Ähnlichkeit hat mit dem
+gebrochenen Greis, den er als seinen Vater kennt, die Gestalt eines
+Menschen, der über Leichen geht, wenn es sein muß, und sich laut rühmt
+gleich all seinen Ahnen ein geweihter Ritter der echten Templer zu sein,
+die den Satan zum Schöpfer der Welt erheben und schon das Wort &raquo;Gnade&laquo; als
+unauslöschlichen Schimpf empfinden. Tagebuchblätter sind dazwischen, die
+die Qual einer verdurstenden Seele schildern und die
+<span class='pagenum'><a name="Page_52" id="Page_52">[52]</a></span> Ohnmacht eines
+Geistes mit von den Mottenschwärmen des Alltags zerfressenen Schwingen
+andeuten: umzukehren auf einem Pfad, der hinabführt in Dunkelheit von
+Abgrund zu Abgrund, in Wahnsinn enden muß und jegliches &raquo;zurück&laquo;
+vereitelt.</p>
+
+<p>Wie ein roter Faden zieht sich der stetig wiederkehrende Hinweis durch
+alles, daß es ein ganzes Geschlecht ist, das hier seit Jahrhunderten von
+Verbrechen zu Verbrechen gepeitscht wird, &#8211; vom Vater auf den Sohn das
+finstere Vermächtnis vererbt, nicht zur innern Ruhe gelangen zu können, da
+jedesmal ein Weib, sei es als Gattin, Mutter oder Tochter, bald als Opfer
+einer Blutschuld, bald als Urheberin selbst, den Weg zum geistigen Frieden
+durchkreuzt; &#8211; aber immer wieder leuchtet nach Stellen tiefster
+Verzweiflung wie ein unbesiegbarer Stern die Hoffnung auf: und doch und
+doch kommt einer aus unserem Stamm, der aufrecht stehenbleibt, dem Fluch
+ein Ende bereitet und die &raquo;Krone des Meisters&laquo; erringt.</p>
+
+<p>Mit jagenden Pulsen überfliegt Leonhard Episoden voll glühender
+Leidenschaft seines<span class='pagenum'><a name="Page_53" id="Page_53">[53]</a></span>
+Vaters zur &#8211; eigenen Schwester, die ihm enthüllen, daß er selbst die
+Frucht jener Verbindung ist, und nicht nur er: &#8211; auch Sabine!</p>
+
+<p>Jetzt wird ihm klar, warum Sabine nicht weiß, wer ihre Eltern sind, &#8211; daß
+kein Zeichen ihre wahre Herkunft verrät. Er sieht die Vergangenheit
+lebendig werden und versteht: sein Vater selber ist es, der schützend vor
+ihn die Arme breitet, indem er Sabine als Bauernmädchen &#8211; als Leibeigene
+niedersten Ranges &#8211; erziehen läßt, damit sie beide, Sohn und Tochter, &#8211;
+für immer frei bleiben sollen vom Bewußtsein der Schuld an einer
+Blutschande selbst für den Fall, daß der Fluch der Eltern bei ihnen
+wiederkehre und sie zusammenführt als Mann und Weib.</p>
+
+<p>Wort für Wort geht es aus einem angsterfüllten Brief seines Vaters, der
+fern in einer fremden Stadt daniederliegt, an die Mutter hervor, in dem er
+sie beschwört, nichts zu unterlassen, um künftiger Entdeckung vorzubeugen,
+und auch den Brief sofort zu verbrennen.</p>
+
+<p>Erschüttert wendet Leonhard die Augen ab; wie ein Magnet zieht es ihn
+weiter zu lesen, &#8211; er ahnt, daß da noch Dinge stehen, die dem
+<span class='pagenum'><a name="Page_54" id="Page_54">[54]</a></span> Geschehnis
+in der Kapelle auf ein Haar ähnlich sehen, ihn an die äußerste Grenze des
+Entsetzens treiben müssen, wenn er sie erfährt, &#8211; mit einem Schlage,
+schreckhaft deutlich, wie wenn der Blitz die Finsternis zerreißt, wird ihm
+die tückische Kampfesweise einer riesenhaften dämonischen Macht offenbar,
+dahinter der Maske blinden unbarmherzigen Schicksals verborgen, sein Leben
+planmäßig zerquetschen will: ein vergifteter Pfeil nach dem andern soll
+aus unsichtbarem Versteck sein Inneres treffen, bis er unrettbar
+dahinsiecht, die letzten Fasern von Selbstvertrauen seiner Seele verdorren
+und er dem gleichen Schicksal wie seine Vorfahren anheimfällt: ohnmächtig
+und wehrlos zusammenzubrechen; &#8211; etwas Tigerhaftes schnellt plötzlich in
+ihm auf, er hält den Brief in die Flammen der Kerze, bis der letzte
+glimmende Zunder seine Finger versengt, &#8211; ein wilder unversöhnlicher
+Grimm gegen das satanische Ungeheuer, in dessen Hände das Wohl und Wehe
+der Wesen gelegt ist, verbrennt ihn bis ins Mark, er hört den
+tausendfachen Racheschrei vergangener, unter den Fängen des Schicksals
+jammervoll verendeter Geschlechter
+<span class='pagenum'><a name="Page_55" id="Page_55">[55]</a></span>
+in seinen Ohren gellen, jeder Nerv in ihm wird zur geballten Faust &#8211;
+seine Seele ist ein einziges Waffengeklirr.</p>
+
+<p>Er fühlt, daß er etwas Unerhörtes, Himmel und Erde Erschütterndes
+vollbringen muß, daß das unabsehbare Heer der Toten hinter ihm steht, mit
+Myriaden Augen auf ihn starrt, nur eines Winkes seiner Hand gewärtig:
+hinter ihm, dem Lebenden, dem einzigen, der sie in die Schlacht führen
+kann &#8211; drein sich auf den gemeinsamen Feind zu stürzen.</p>
+
+<p>Taumelnd unter dem Anprall eines Meeres von Kraft, das auf ihn einstürmt,
+steht er auf, blickt um sich: was, was, was soll er zuerst tun: Feuer an
+das Haus legen, sich selbst zerfleischen, mit einem Messer in der Hand
+hinunterlaufen und alles niedermachen, was ihm zu Gesicht kommt?</p>
+
+<p>Eines dünkt ihm zwergenhafter als das andere; das Bewußtsein der eigenen
+Winzigkeit rüttelt an ihm, er bäumt sich dagegen in jugendlichem Trotz,
+fühlt ein spöttisches Grinsen ringsum im Raum, das ihn wieder
+aufstachelte.</p>
+
+<p>Er versuchts mit Besonnenheit, lügt sich hinein
+<span class='pagenum'><a name="Page_56" id="Page_56">[56]</a></span>
+in die Gebärde des alles erwägenden Feldherrn, geht zu der Truhe neben dem
+Schlafzimmer, füllt seine Taschen mit Gold und Juwelen, nimmt Mantel und
+Hut, schreitet stolz ohne Abschied hinaus in den nächtlichen Nebel, die
+Brust voll verworrener kindischer Pläne: ohne Ziel durch die Welt zu
+wandern und dem Herrn des Schicksals ins Antlitz zu schlagen.</p>
+
+<p>Das Schloß verschwindet im weißlich schillernden Dunst hinter ihm. Er will
+der Kapelle ausweichen, muß dennoch an ihr vorbei, der Bannkreis seiner
+Geschlechter läßt ihn nicht entrinnen, &#8211; &#8211; er ahnt es, fühlt es, zwingt
+sich, immerwährend geradeaus zu gehen, stundenlang, aber die Schemen der
+Erinnerung halten gleichen Schritt mit ihm. Schwarzes Gebüsch reckt sich
+hier und dort, gleicht der mörderischen aufklaffenden Falltür; die Unruhe
+um Sabine quält ihn; er weiß, es ist das erdwärtsziehende fluchbringende
+Blut der Mutter in seinen Adern, das ihm die Flugkraft hemmen will, mehr
+und mehr das junge Feuer seiner Begeisterung mit grauer nüchterner Asche
+verschüttet, &#8211; er wehrt sich dagegen mit aller Kraft, tappt sich
+vorwärts<span class='pagenum'><a name="Page_57" id="Page_57">[57]</a></span>
+von Baum zu Baum, bis er in der Ferne ein Licht erblickt, das in
+Mannshöhe über dem Boden schwebt. Er eilt darauf zu, verliert es aus den
+Augen, sieht es wieder aus dem Nebel blinken, näher und näher, ein
+lockender irrlichternder Schein; ein Weg lenkt seine Füße, windet sich
+nach links und rechts.</p>
+
+<p>Ein leises kaum vernehmbares rätselhaftes Schreien zittert durch die
+Dunkelheit.</p>
+
+<p>Dann wuchten hohe schwarze Mauern mitten drin in der Nacht, ein hohes
+offenes Tor und Leonhard erkennt &#8211; das eigene Haus:</p>
+
+<p>Eine Wanderung durch den Nebel im Kreis umher.</p>
+
+<p>Willenlos und gebrochen tritt er ein, drückt auf die Klinke zu Sabines
+Zimmer, da packt es ihn plötzlich eiskalt wie tödliche unbegreifliche
+Gewißheit, daß da drinnen seine Mutter steht, leibhaftig, von Fleisch und
+Bein, ein lebendig gewordener Leichnam, und auf ihn wartet.</p>
+
+<p>Er will umkehren, zurückfliehen in die Finsternis, er kann nicht: eine
+unwiderstehliche Macht zwingt ihn die Türe aufzustoßen.</p>
+
+<p>Auf dem Bette liegt Sabine, verblutet, mit
+<span class='pagenum'><a name="Page_58" id="Page_58">[58]</a></span>
+geschlossenen Lidern, weiß wie das Linnen, und vor ihr nackt ein
+neugeborenes Kind, ein Mädchen, mit faltigem Gesicht, leerem, unruhigem
+Blick, auf der Stirne ein rotes Mal: &#8211; Zug um Zug das grauenhafte
+Ebenbild der Erschlagenen aus der Kapelle.</p>
+
+<hr class="dash" />
+
+<p>Meister Leonhard sieht einen Mann hinjagen über die Erde mit von Dornen
+zerfetzten Kleidern: sich selbst, wie ihn grenzenloses Entsetzen, des
+Schicksals ureigene Faust, fortpeitscht von Haus und Hof, &#8211; nicht mehr
+der selbstgefällige Wunsch, Großes zu vollbringen.&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Die Hand der Zeit baut Stadt hinter Stadt hinein in seinen Geist, düstere
+und helle, große, kleine, freche und furchtsame, ohne Wahl, zerbröckelt
+sie wieder, malt Flüsse hin wie gleißende silberne Schlangen, graue
+Einöden, ein Harlekinkleid aus Äckern und Feldern gewürfelt braun, violett
+und grün, Landstraßen voll Staub, spitzige Pappeln, dunstige Wiesen,
+weidendes Vieh und wedelnde Hunde, Heilande an Kreuzwegen, weiße
+Meilensteine, Menschen, junge und alte, Regenschauer, Tropfenglitzern,
+goldene Froschaugen in
+<span class='pagenum'><a name="Page_59" id="Page_59">[59]</a></span>
+Grabenpfützen, Hufeisen mit rostigen Nägeln,
+einbeinige Störche, Zäune aus splittriger Rinde, gelbe Blumen, Friedhöfe
+und wattige Wolken, Höhendampf und Essenlohe: sie kommen und gehen wie
+Nacht und Tag, sinken hinab in Vergessenheit und sind wieder da wie
+versteckenspielende Kinder, wenn ein Duft, ein Schall, ein leises Wort sie
+ruft.</p>
+
+<p>Länder, Burgen und Schlösser wandern an Leonhard vorüber, nehmen ihn auf,
+man kennt den Namen seines Geschlechtes, kommt ihm mit Freundschaft und
+Feindschaft entgegen.</p>
+
+<p>Er spricht mit dem Volk in den Dörfern, mit Landstreichern, Gelehrten,
+Krämern, Soldaten und Priestern, das Blut seiner Mutter kämpft in ihm mit
+dem Blut seines Vaters: &#8211; was ihn heute mit staunendem Grübeln erfüllt
+und wie aus tausend Scherben zerbrochenen Glases einen Pfauenschweif von
+bunten Farben spiegelt, scheint ihm morgen blind und grau, je nachdem
+Mutter oder Vater den Sieg erringen, &#8211; dann wieder brüten die langen
+furchtbaren Stunden, wo die beiden Lebensströme sich vermischen und er
+sein altes Ich wieder anhat, die Schrecknisse
+<span class='pagenum'><a name="Page_60" id="Page_60">[60]</a></span>
+der Erinnerung aus, und er setzt blind, stumm und taub Schritt vor
+Schritt, umhüllt von den Schwaden der Vergangenheit, &#8211; sieht
+zwischen Augapfel und Lid das Greisengesicht des kleinen Kindes, die
+leblosen lauernden Kerzenflammen, die beiden Sterne, die dicht beisammen
+am Himmel stehen, den Brief, das mürrische Schloß mit den zermürbenden
+Qualen, die tote Sabine und ihre schneeweißen Leichenhände, hört das
+Lallen seines sterbenden Vaters, das Rauschen des seidenen Kleides, das
+Krachen des berstenden Schädels.</p>
+
+<p>Dann faßt es ihn zuweilen an wie Furcht, abermals im Kreis zu gehen, &#8211;
+jeder Wald in der Ferne droht sich in den bekannten Park zu formen, jede
+Mauer: das eigene Haus zu werden, die Gesichter, die ihm entgegenkommen,
+wollen den Mägden und Dienern seiner Jugend ähnlicher und ähnlicher sein;
+&#8211; er flüchtet sich in Kirchen, nächtet im Freien, zieht hinter plärrenden
+Prozessionen her, betrinkt sich in Schenken mit Dirnen und Strolchen, um
+sich vor den spähenden Augen des Schicksals zu verbergen, daß es ihn nicht
+wiederum fange. Er will
+<span class='pagenum'><a name="Page_61" id="Page_61">[61]</a></span>
+Mönch werden: der Abt des Klosters entsetzt sich,
+als er seine Beichte hört und den Namen seines Stammes erfährt, auf dem
+der Bannfluch der alten Tempelritter lastet; er stürzt sich kopfüber ins
+brausende Leben, es speit ihn wieder aus; er sucht den Teufel: das Böse
+ist allgegenwärtig, dennoch kann er den Urheber nicht finden; er sucht ihn
+im eigenen Selbst, und schon ist dieses Selbst nicht mehr vorhanden, &#8211; er
+weiß: es <em class="gesperrt">muß</em> da sein, er fühlt es doch jede Sekunde, trotzdem ist es
+augenblicklich fort, sowie er es sucht, ist jeden Tag ein anderes, ein
+Regenbogen, der auf der Erde steht und beständig zurückweicht, in der Luft
+zerfließt, wenn er danach greifen will.</p>
+
+<p>Wohin er blickt, hinter allem sieht er verborgen das Kreuz des Satans aus
+vier laufenden Menschenbeinen gebildet: überall ein sinnloses Zeugen und
+Gebären, ein sinnloses Wachsen, ein sinnloses Sterben; er fühlt, daß der
+Schoß, aus dem das Leiden entspringt, dieses ewig sich drehende Windrad
+ist, aber die Achse, um die es kreist, bleibt ihm unfaßbar wie ein
+mathematischer Punkt.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_62" id="Page_62">[62]</a></span>
+Ein Bettelmönch zieht des Weges, er schließt sich ihm an, betet, fastet,
+kasteit sich wie er, die Jahre fallen wie die Perlen eines Rosenkranzes:
+nichts ändert sich, nicht innerlich, nicht äußerlich, nur die Sonne
+scheint trüber.</p>
+
+<p>Wie früher wird den Armen das Letzte genommen und den Reichen wird doppelt
+gegeben; je inbrünstiger er fleht um &raquo;Brot&laquo;: um so härter die Steine, die
+der Tag ihm reicht, &#8211; die Himmel bleiben hart wie blauer Stahl.</p>
+
+<p>Der alte unbändige Haß gegen den heimlichen Feind der Menschen, der die
+Geschicke verhängt, bricht wieder auf in ihm.</p>
+
+<p>Er hört den Mönch predigen von Gerechtigkeit und den Höllenqualen der ewig
+Verdammten: es klingt ihm wie teuflischer Hahnenschrei, &#8211; er hört ihn
+eifern gegen den verruchten Templerorden, der auf Scheiterhaufen
+tausendmal verbrannt, immer wieder sein Haupt erhebe, nicht sterben könne
+und im geheimen, über die ganze Erde verbreitet, unvertilgbar weiter
+bestehe.</p>
+
+<p>Es ist das erstemal, daß er Genaueres über den Glauben der Templer
+erfährt: &#8211; daß sie
+<span class='pagenum'><a name="Page_63" id="Page_63">[63]</a></span>
+zwei Götter haben, einen obern, der fern von den
+Wesen steht, und einen untern: den Satan, der stündlich die Welt neu
+erschafft und sie mit Greueln erfüllt, gräßlicher von Tag zu Tag, bis sie
+endlich völlig im eigenen Blute erstickt, &#8211; daß über diesen beiden
+Göttern ein dritter stehe &#8211; der Baphomet, &#8211; ein Götzenbild mit goldnem
+Kopf und drei Gesichtern.</p>
+
+<p>Die Worte sengen sich in ihn ein, als sei es der Mund des Feuers selbst,
+der sie ausspricht.</p>
+
+<p>Er kann nicht in die Tiefen dringen, über denen sich ihr Sinn ausspannt
+wie ein schwankender Teppich aus Sumpfmoos, aber er fühlt mit
+unabweisbarer Gewißheit, daß <em class="gesperrt">dieser</em> Weg für ihn der einzige ist, auf dem
+er sich selbst entrinnen kann: der Orden der Templer reckt den Arm nach
+ihm &#8211; die Erbschaft der Vorfahren, der kein Mensch entgehen kann.</p>
+
+<p>Er verläßt den Mönch.</p>
+
+<p>Wieder sind die Scharen der Toten rings um ihn, rufen ihm einen Namen zu,
+bis seine Lippen ihn wiederholen und er ihn allmählich &#8211; Silbe für
+Silbe &#8211; versteht, wie sein Mund ihn ausspricht, &#8211; es ist, als
+wachse er gleich einem
+<span class='pagenum'><a name="Page_64" id="Page_64">[64]</a></span>
+Baum Zweig um Zweig aus seinem Herzen hervor, &#8211; ein Name, ihm
+vollkommen fremd und doch mit seinem ganzen Dasein verwachsen, ein Name
+mit Purpur und Krone, den er beständig vor sich hinflüstern muß, nicht
+mehr loswerden kann, dessen Rhythmus Ja&#8211;cob&#8211;de&#8211;Vi&#8211;tri&#8211;a&#8211;co
+er im
+Takt empfindet, wie seine Füße beim Gehen den Boden berühren.</p>
+
+<p>Nach und nach wird ihm der Name ein gespenstischer Führer, der vor ihm
+hergeht, heute als sagenhafter Hochmeister der Ritter vom Tempel, morgen
+als gestaltlose innere Stimme.</p>
+
+<p>Wie ein in die Luft geworfener Stein seine Bahn ändert und mit wachsender
+Schnelle zur Erde strebt, bedeutet der Name für Leonhard plötzlich einen
+Wendepunkt in seinen Wünschen und ein übermächtiger unerklärlicher Trieb,
+nichts mehr zu wollen, als den Träger dieses Namens zu finden, verschlingt
+nach und nach sein ganzes Sinnen und Trachten.</p>
+
+<p>Manchmal will er schwören, daß der Name ihm vollkommen neu ist, dann
+wieder erinnert er sich scharf, daß er in einem Buch seines Vaters steht
+an der und der Stelle als Oberhaupt
+<span class='pagenum'><a name="Page_65" id="Page_65">[65]</a></span>
+des Ordens verzeichnet; vergeblich sagt er sich vor, daß es zwecklos ist,
+nach diesem Hochmeister Vitriaco auf Erden zu forschen, daß er einem
+vergangenen Jahrhundert angehört und seine Gebeine längst im Grabe modern
+müssen; aber der Verstand hat keine Macht mehr über den Durst des Suchens:
+das Radkreuz mit den vier laufenden Beinen rollt vor ihm her, unsichtbar,
+zieht ihn hinter sich drein.</p>
+
+<p>Er forscht in den Adelsarchiven der Ratstuben, fragt Wappenkundige:
+niemand, der den Namen kennt.</p>
+
+<p>Er stößt endlich in einer Klosterbibliothek auf das gleiche Buch wie das
+seines Vaters, liest das Buch durch Seite für Seite, Zeile für Zeile: der
+Name Vitriaco steht nicht darin.</p>
+
+<p>Er zweifelt an seinem Gedächtnis, seine ganze Vergangenheit scheint zu
+wanken; aber der Name Vitriaco bleibt als einziger fester Punkt,
+unverrückbar wie ein Felsblock.</p>
+
+<p>Er beschließt, sich ihn für alle Zeiten aus dem Hirn zu reißen, setzt sich
+heute eine bestimmte Stadt als nächstes Ziel: schon morgen ist&#8217;s ein
+ferner undeutlicher Ruf irgendwoher, der wie
+<span class='pagenum'><a name="Page_66" id="Page_66">[66]</a></span>
+Vi&#8211;tri&#8211;a&#8211;co klingt, und
+eine andere Straße führt ihn weit ab vom Wege, &#8211; ein Kirchturm am
+Horizont, der Schatten eines Baumes, der deutende Arm eines Meilenzeigers:
+alles wird, so sehr er sich auch zum Zweifel zwingt, zum weisenden Finger,
+daß er dem Orte nahe sei, wo der geheimnisvolle Hochmeister Vitriaco lebt
+und seine Schritte lenkt.</p>
+
+<p>In einer Herberge trifft er einen fahrenden Quacksalber und eine vage
+Hoffnung narrt ihn, es könne vielleicht der sein, den er sucht, aber der
+Quacksalber nennt sich &#8211; Doktor Schrepfer. Er ist ein Mann mit kleinen
+blanken Marderzähnen, dunkler Gesichtsfarbe und listigen Augen, und es
+gibt nichts auf Erden, das er nicht weiß, keinen Ort, den er nicht kennt,
+keinen Gedanken, den er nicht errät, kein Herz, in dessen Abgründe er
+nicht schaut, keine Krankheit, die er nicht heilt, keine Zunge, die nicht
+schwätzt, wenn er will, keinen Pfennig, der vor ihm sicher ist; &#8211; die
+Mädchen drängen sich, daß er ihnen wahrsage aus Hand und Karten; die Leute
+verstummen, als er ihnen ihre Vergangenheit zuraunt, schleichen scheu
+davon.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_67" id="Page_67">[67]</a></span>
+Leonhard bleibt die ganze Nacht mit ihm beisammen und zecht; im Rausch
+übermannt ihn bisweilen ein Grausen, daß es kein Mensch ist, der da vor
+ihm sitzt. Oft verschwinden seine Züge &#8211; er sieht nur die weißen Zähne
+blitzen, hinter denen Worte hervorkommen, halb Echo dessen, was er selber
+spricht, halb Antworten auf kaum gedachte Fragen.</p>
+
+<p>Als lese der Mann in seinem Gehirn die innersten Wünsche: stets bringt er
+auch das gleichgültigste Gespräch zum Schluß auf die Templer. Leonhard
+will ihn aushorchen, ob ihm ein gewisser Vitriaco bekannt ist &#8211; aber
+jedesmal, im letzten Moment, wenn es fast schon zu spät ist, warnt ihn ein
+tiefes Mißtrauen und er beißt den Namen entzwei.</p>
+
+<p>Sie reisen zusammen weiter, wohin der Zufall sie führt, von einem
+Jahrmarkt zum andern.</p>
+
+<p>Der Doktor Schrepfer frißt Feuer, schluckt Schwerter, verwandelt Wasser in
+Wein, sticht sich Dolche durch Wange und Zunge, ohne daß es blutet, heilt
+Besessene, bespricht Wunden, zitiert Gespenster, verhext Mensch und Vieh.</p>
+
+<p>Täglich hat Leonhard vor Augen, daß der
+<span class='pagenum'><a name="Page_68" id="Page_68">[68]</a></span>
+Mann ein Betrüger ist, weder lesen noch schreiben kann und dennoch Wunder
+vollbringt: Lahme werfen die Krücken fort und tanzen, kreißende Weiber
+gebären, sobald er die Hände auf sie legt, die Krämpfe der Epileptischen
+hören auf, Ratten laufen in Rudeln aus den Häusern und stürzen sich ins
+Wasser &#8211; er kann sich nicht von ihm losmachen, steht unter seinem
+Bann und dünkt sich frei.</p>
+
+<p>Kaum will die Hoffnung sterben, daß er durch ihn den Hochmeister Vitriaco
+jemals finden wird, lodert sie in der nächsten Minute hell wieder auf,
+durch irgendein doppelsinniges Wort geschürt, und schlägt ihn von neuem in
+Fesseln.</p>
+
+<p>Alles, was der Gaukler spricht und tut, hat ein zwiefältiges Gesicht: er
+prellt die Menschen und hilft ihnen damit; er lügt, und seine Reden bergen
+die höchste Wahrheit; er spricht die Wahrheit, und die Lüge grinst hervor;
+er phantasiert drauf los: seine Worte werden Prophezeiung; er weissagt aus
+den Sternbildern: es trifft ein, trotzdem er keine Ahnung hat von
+Astrologie; er braut Arzneien aus harmlosen Kräutern: sie wirken wie
+Zauber; er lacht über die Leichtgläubigen
+<span class='pagenum'><a name="Page_69" id="Page_69">[69]</a></span>
+und ist selber abergläubisch wie ein altes Weib; er verhöhnt das Kruzifix
+und schlägt das Kreuz, wenn eine Katze über den Weg läuft; stellt man ihm
+Fragen, erwidert er frech mit den gleichen Worten, die die Wißbegierigen
+noch im selben Atem gebrauchen, und sie formen sich in seinem Munde zu
+Antworten, die den Nagel auf den Kopf treffen.</p>
+
+<p>Mit Staunen sieht Leonhard eine wundersame Kraft sich in diesem
+wertlosesten irdischen Werkzeuge offenbaren; allmählich ahnt er den
+Schlüssel zu dem Rätsel: erblickt er in ihm nur den Schwindler, so kraust
+sich alles, was er von ihm erfährt, zu Unsinn und Hirngespinst, wendet er
+sich aber an die unsichtbare Macht, die sich in dem Doktor Schrepfer
+spiegelt wie die Sonne in einer Pfütze, sofort wird der Quacksalber zu
+ihrem Sprachrohr und die Quellen lebendiger Wahrheit brechen auf.</p>
+
+<p>Er wagt den Versuch, überwindet sein Mißtrauen, frägt den Mann ohne ihn
+anzusehen &#8211; wie in die violetten und purpurnen Wolken des Abendhimmels
+hinein, ob er den Namen kennt: Jacob de&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_70" id="Page_70">[70]</a></span>
+&raquo;&#8211; Vitriaco&laquo;, ergänzt der andere schnell, bleibt stehen wie in
+Verzückung, verneigt sich tief gegen Westen, setzt eine feierliche Miene
+auf und erzählt im bebenden Flüsterton, daß endlich die Stunde der
+Erweckung gekommen ist, daß er selber ein Templer des dienenden Grades
+sei, berufen, Suchende auf den geheimnisvoll verschlungenen Pfaden des
+Lebens zum Meister zu führen. Schildert in einem Schwall von Worten die
+Herrlichkeit, die des Erwählten wartet, den Glanz, der das Angesicht der
+Brüder umgibt und sie freimacht von Reue jeglicher Art, von Blutschuld,
+Sünde und Qual und zu Janusköpfen, die in zwei Welten hineinblicken von
+Ewigkeit zu Ewigkeit, unsterbliche Zeugen des Diesseits und Jenseits, &#8211;
+dem Netze der Zeitlichkeit für immer entronnene riesige Menschenfische im
+Ozean des Daseins, unsterblich hier und dort.</p>
+
+<p>Dann deutet er ekstatisch auf den dunkelblauen Saum einer Hügelkette am
+Horizont: daß dort drinnen tief in der Erde inmitten ragender Säulen das
+Heiligtum des Ordens errichtet stehe aus Druidensteinen getürmt, wo
+alljährlich ein
+<span class='pagenum'><a name="Page_71" id="Page_71">[71]</a></span>
+einziges Mal im Dunkel der Nacht sich die Jünger des
+Baphometkreuzes versammeln &#8211; die Auserkorenen des unteren Gottes, der die
+Wesen regiert, die Schwachen zertritt und die Starken zur Sohnschaft
+erhebt. Nur wer ein wahrhaftiger Ritter sei, ein Frevler vom Haupt bis zur
+Ferse, getauft in den Flammen des geistigen Aufruhrs, und keiner der
+Winsler, die stündlich zurückbeben vor dem Popanz der Todsünde und sich
+ohne Unterlaß kastrieren am heiligen Geist, der doch auch ihr eigenstes
+Ich sei, könne der Aussöhnung mit dem Satan, dem einzigen Gegürteten unter
+den Göttern, teilhaftig werden, ohne die es nimmermehr eine Heilung des
+Zwiespaltes gebe zwischen Wunsch und Geschick.</p>
+
+<p>Leonhard hört der schwülstigen Rede zu mit fadem Geschmack auf der Zunge;
+Ekelhaftes geht von der verlogenen Phantastik aus: daß da mitten in einem
+Walde deutschen Landes ein verborgener Tempel stehen soll, &#8211; aber der
+fanatische Ton, der in den Worten schwingt, dröhnt wie Orgelbrausen sein
+Denken nieder, er läßt mit sich geschehen, was der Doktor Schrepfer
+befiehlt,
+<span class='pagenum'><a name="Page_72" id="Page_72">[72]</a></span>
+zieht die Schuhe aus, sie zünden ein Feuer an, Funken spritzen
+hinein in die Finsternis der Sommernacht, er trinkt aus einem Napf den
+scheußlichen Trank, den ihm jener aus Kräutern braut, damit er &#8211; rein
+werde.</p>
+
+<p>&raquo;Lucifer, der du Unrecht leidest, ich grüße dich!&laquo; soll er sich einprägen
+als Erkennungszeichen. Er hört den Satz; die Silben stehen seltsam
+getrennt wie steinerne Pfeiler umher, manche weit weg, wieder welche dicht
+vor seinem Ohr, sind für ihn nicht mehr Laute, schießen zu Säulen auf,
+bilden Gänge, &#8211; so selbstverständlich, wie sich in Halbträumen Dinge
+ineinander verwandeln können und Großes in Kleines schlüpft.</p>
+
+<p>Der Quacksalber faßt ihn an der Hand, sie wandern, lang lang, wie es
+scheint; Leonhard brennen die nackten Sohlen. Er fühlt Ackerschollen unter
+den Füßen.</p>
+
+<p>Bodenerhebungen quellen in der Dunkelheit zu lockern Gebilden.</p>
+
+<p>Augenblicke nüchternen Zweifels wechseln mit unerschütterlicher
+Zuversicht, &#8211; das feste Vertrauen, daß irgend etwas Wahres, wie stets
+<span class='pagenum'><a name="Page_73" id="Page_73">[73]</a></span>
+bisher, hinter den Versprechungen seines Führers wartet, gewinnt die
+Oberhand.</p>
+
+<p>Dann kommen seltsam erregende Momente, wo er durch Stolpern über Steine
+ruckweise erwacht und erkennt, daß sein Körper in tiefem Schlaf
+dahinwandert; gleich darauf vergißt er sein Aufschrecken wieder, leere
+Zeiträume von unendlicher Dauer schieben sich dazwischen, drängen seinen
+Argwohn aus der Gegenwart ab in scheinbar längst vergangenen Epochen.</p>
+
+<p>Der Weg senkt sich.</p>
+
+<p>Breite, hallende Stufen eilen in die Tiefe.</p>
+
+<p>Dann tastet sich Leonhard kalte glatte Marmorwände entlang; &#8211; er ist
+allein, will sich umsehen nach seinem Begleiter &#8211; &#8211; da rauben ihm
+Posaunenstöße dröhnend wie der Ruf zur Auferstehung fast die Besinnung,
+die Knochen vibrieren in seinem Leib, vor den Augen reißt die Nacht
+entzwei: der Sturm der Fanfaren wird grelles Licht &#8211; er steht in einem
+weißen Kuppelbau.</p>
+
+<p>Mitten im Raum dicht vor ihm schwebt frei &#8211; ein goldner Kopf mit drei
+Gesichtern; das eine gegenüber, in das er flüchtig blickt, deucht ihm sein
+eigenes, nur jung, der Ausdruck des
+<span class='pagenum'><a name="Page_74" id="Page_74">[74]</a></span>
+Todes ist darin und dennoch strahlt
+aus dem Schein des Metalls, der die Züge halb verblendet, der Einfluß
+unzerstörbaren Lebens; es ist nicht die Larve seiner Jugend, die Leonhard
+sucht, er will die beiden andern Gesichter sehen, die in die Dunkelheit
+schauen und das Geheimnis ihrer Miene erkennen, aber immer wenden sie sich
+von ihm ab: der goldene Kopf dreht sich, wenn er ihn zu umschreiten
+versucht, hält ihm stets dasselbe Antlitz entgegen.</p>
+
+<p>Leonhard späht umher nach dem Zauber, der das Kopfwesen in Bewegung setzt,
+da sieht er plötzlich die Wand im Hintergrund durchscheinend wie öliges
+Glas, und jenseits steht, die Arme ausgebreitet, in zerlumptem Gewand,
+bucklig, einen Schlapphut tief über die Augen, regungslos wie der Tod, auf
+einem Hügel aus Leichengebein, daraus spärliche grüne Halme sprießen, &#8211;
+&#8211; &#8211; der Herr der Welt.</p>
+
+<p>Die Posaunen <ins class="correction" title="Original: versummen">verstummen.</ins></p>
+
+<p>Das Licht erstirbt.</p>
+
+<p>Der goldene Kopf verschwindet.</p>
+
+<p>Nur der fahle Schein der Verwesung, der die Gestalt umgibt, bleibt
+bestehen.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_75" id="Page_75">[75]</a></span>
+Leonhard fühlt, wie Starrheit über seinen Körper kriecht, ihm Glied für
+Glied lähmt, sein Blut stocken macht, wie sein Herz langsamer und
+langsamer schlägt und endlich erlischt.</p>
+
+<p>Das einzige, mit dem er noch &raquo;ich&laquo; sagen kann, ist ein winziger Funke
+irgendwo in der Brust.</p>
+
+<p>Stunden sickern wie zögernd sich lösende Tropfen &#8211; dehnen sich zu
+endlosen Jahren.</p>
+
+<p>Kaum merkbar gewinnt der Umriß der Gestalt Wirklichkeit: unter dem Anhauch
+dämmernden Morgengrau&#8217;s schrumpfen langsam ihre Hände an den
+ausgebreiteten Armen zu Stümpfen aus morschem Holz, die Totenschädel
+räumen zaudernd runden staubigen Steinen den Platz.</p>
+
+<p>Mühsam richtet Leonhard sich auf; vor ihm reckt sich in drohender Haltung,
+mit Fetzen umhüllt, das Gesicht zerbrochene Scherben, eine &#8211; bucklige &#8211;
+Vogelscheuche empor.</p>
+
+<p>Die Lippen brennen ihm im Fieber, seine Zunge ist wie verdorrt; neben ihm
+glimmt noch die Asche des Reisigfeuers unter dem Napf mit dem Rest des
+giftigen Trankes. Der Quacksalber ist fort, &#8211; mit ihm die letzte
+Barschaft; Leonhard
+<span class='pagenum'><a name="Page_76" id="Page_76">[76]</a></span>
+erfaßt es nur mit halbem Sinn: die Eindrücke des
+nächtlichen Erlebnisses wühlen zu tief durch ihre nagende Innerlichkeit;
+wohl ist die Vogelscheuche da nicht länger der Herr der Welt: aber der
+Herr der Welt ist selber nur mehr eine jämmerliche Vogelscheuche,
+schreckhaft bloß für die Furchtsamen, unerbittlich gegen die Flehenden,
+mit Tyrannenmacht bekleidet für die, die Sklaven sein wollen und sie mit
+dem Nimbus der Macht behängen, &#8211; ein erbärmliches Zerrbild allen, die
+frei und stolz sind.</p>
+
+<p>Das Geheimnis des Doktor Schrepfer liegt plötzlich offenbar: die
+rätselhafte Kraft, die durch ihn wirkt, ist nicht sein eigen, steht auch
+nicht hinter ihm mit der Tarnkappe. Sie ist die magische Gewalt der
+Gläubigen, die an sich selbst nicht zu glauben vermögen, sie selber nicht
+zu gebrauchen wissen, sie auf einen Fetisch übertragen müssen, sei er
+Mensch, ein Gott, Pflanze, Tier oder Teufel, damit sie wie aus einem
+Brennspiegel wundertätig zurückstrahle, &#8211; ist der Zauberstab des
+<em class="gesperrt">wahren</em>
+Herrn der Welt, des innersten allgegenwärtigen, alles in sich
+verschlingenden Ichs, der Quelle, die nur geben
+<span class='pagenum'><a name="Page_77" id="Page_77">[77]</a></span>
+und niemals nehmen kann ohne ein machtloses &raquo;Du&laquo; zu werden,
+das Ich, auf dessen Geheiß der Raum zerbrechen muß und die Zeit zum
+goldenen Gesicht ewiger Gegenwart erstarren, &#8211; das königliche Zepter
+des Geistes, gegen das zu sündigen der einzige Frevel ist, der nicht
+vergeben werden kann &#8211; ist die Macht, die kund wird durch den
+Lichtkreis magischer unzerstörbarer Gegenwart, alles in ihren Urgrund
+saugt.</p>
+
+<p>Götter und Wesen, Vergangenheit und Zukunft, Schatten und Dämonen
+verhauchen ihr scheinbares Leben darin. Sie ist die Macht, die keine
+Grenzen kennt und in dem am stärksten wirkt, der selbst der Größte ist,
+die immer innen ist und niemals außen &#8211; alles, was außen bleibt, sofort
+zur Vogelscheuche macht.</p>
+
+<p>Die Verheißung des Quacksalbers von der Vergebung der Sünden erfüllt sich
+an Leonhard: kein Wort, das nicht Wahrheit wird; der Meister ist gefunden:
+Leonhard ist es selbst.</p>
+
+<p>Wie ein großer Fisch ein Loch in das Netz reißt und entrinnt, so ist er
+erlöst durch sich selbst von dem Vermächtnis des Fluches &#8211; ein Erlöser
+denen, die ihm folgen wollen.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_78" id="Page_78">[78]</a></span>
+Alles ist Sünde oder nichts ist Sünde, alle Ichs sind ein gemeinsames Ich,
+&#8211; klar ist er sich dessen bewußt.</p>
+
+<p>Wo lebt die Frau, die nicht zugleich seine Schwester ist, welche irdische
+Liebe ist nicht zugleich Blutschande, welches weibliche Tier, und sei es
+das kleinste, darf er töten, ohne nicht Muttermord und Selbstmord zugleich
+zu begehen? Ist sein eigener Leib etwas anderes als eine Erbschaft von
+Myriaden von Tieren?</p>
+
+<p>Niemand ist da, der das Schicksal verhängt, als das eine große Ich, das
+sich als zahllose Ichbilder spiegelt; als große und kleine, klare und
+trübe, böse und gute, fröhliche, traurige und doch von Leid und Freude
+nicht berührt wird, in Vergangenheit und Zukunft als immerwährende
+Gegenwart bestehen bleibt &#8211; gleich wie die Sonne nicht schmutzig und
+nicht runzlig wird, wenn auch ihr Spiegelbild in Pfützen oder sich
+kräuselnden Wellen schwimmt, und nicht in Vergangenheit hinabsteigt, nicht
+aus der Zukunft emportaucht, ob nun die Wasser versiegen oder neue aus
+Regen sich bilden: niemand ist da, der das Schicksal verhängt, als das
+große gemeinsame
+<span class='pagenum'><a name="Page_79" id="Page_79">[79]</a></span>
+Ich &#8211; die Ursache: die Sache, die der Urgrund ist.</p>
+
+<p>Wo bleibt da Raum für die Sünde? Der tückische unsichtbare Feind, der
+vergiftete Pfeile aus der Finsternis schießt, ist dahin; Dämonen und
+Götzen sind tot, &#8211; verreckt wie Fledermäuse am Glanze des Lichts.</p>
+
+<p>Leonhard sieht seine tote Mutter auferstehen mit den ruhelosen Zügen,
+seinen Vater, seine Schwester und Gattin Sabine: sie sind nur mehr Bilder
+wie seine eigenen vielen Körper in Kindesgestalt, als Jüngling und Mann;
+ihr wahres Leben ist unvergänglich und ohne Form, so wie sein eigenes Ich.</p>
+
+<p>Er schleppt sich zu dem Weiher, den er in der Nähe erblickt, um seine
+brennende Haut zu kühlen; er empfindet die Schmerzen, die seine Eingeweide
+zerreißen, nicht mehr als die seinen, &#8211; so, als seien sie die eines
+andern.</p>
+
+<p>Vor dem Morgenrot ewiger Gegenwart, die jedem Sterblichen so
+selbstverständlich dünkt wie das eigene Gesicht und doch so urfremd ist
+wie das eigene &#8211; Gesicht, verbleichen alle Schemen, auch die der
+leiblichen Qual.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_80" id="Page_80">[80]</a></span>
+Und wie er die weiche Krümmung der Ufer sinnend betrachtet und die kleinen
+mit Schilf bestandenen Inseln, überkommt ihn Erinnerung.</p>
+
+<p>Er sieht, daß er wieder daheim im Park seiner Jugend ist.</p>
+
+<p>Eine Wanderung durch die Nebel des Lebens im großen Kreise umher!</p>
+
+<p>Tiefe Zufriedenheit beruhigt sein Herz, Furcht und Grauen sind ausgetilgt,
+er ist versöhnt mit den Toten und den Lebenden und mit sich selbst.</p>
+
+<p>Das Geschick birgt fortan keine Schrecken für ihn, nicht in der
+Vergangenheit und nicht in der Zukunft.</p>
+
+<p>Der goldne Kopf der Zeit hat nur mehr ein einziges Gesicht: die Gegenwart
+als Gefühl nie endender seliger Ruhe kehrt ihm ihr ewig junges Antlitz zu;
+die beiden andern sind für immer abgewandt wie die dunkle Hälfte des
+Mondes von der Erde.</p>
+
+<p>Der Gedanke, daß alles, was sich bewegt, sich zum Kreise schließen muß,
+daß auch er ein Teil des großen Gesetzes ist, das die Weltenkörper rund
+macht und rund erhält, bekommt etwas unendlich Tröstliches für ihn; klar
+erfaßt
+<span class='pagenum'><a name="Page_81" id="Page_81">[81]</a></span>
+er den Unterschied zwischen dem Satanszeichen mit den ruhelos
+laufenden vier Menschenbeinen und dem stillstehenden aufrechten Kreuz.&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Ob seine Tochter wohl noch lebt? Sie muß eine alte Frau sein, kaum zwanzig
+Jahre jünger als er.</p>
+
+<p>Gelassen schreitet er dem Schlosse zu; der Kiesweg trägt ein buntes Fell
+aus Fallobst und wilden Blumen, die jungen Birken sind knorrige Riesen in
+hellen Mänteln, ein schwarzer Trümmerhaufen bedeckt, mit silbernen
+Unkrautdolden durchwachsen, die Kuppe des Hügels.</p>
+
+<p>Seltsam berührt wandert er in den sonnenheißen Schutthalden umher: eine
+alte wohlbekannte Welt hebt sich neu in Glanz verklärt aus der
+Vergangenheit, Bruchstücke, die er findet, da und dort unter verkohltem
+Gebälk, fügen sich zu einem Ganzen; ein verbogener bronzener Pendel
+zaubert die braune Uhr der Kinderjahre hinein in wiedergeborene Gegenwart,
+tausend Blutstropfen alter Qual werden leuchtende rote Sprenkel im
+Phönixgefieder des Lebens.</p>
+
+<p>Eine Schafherde, von lautlosen Hunden zu breitem grauen Viereck
+gescheucht, zieht die
+<span class='pagenum'><a name="Page_82" id="Page_82">[82]</a></span>
+Wiesen hinunter; er frägt den Hirten nach den
+Bewohnern des Schlosses, der Mann murmelt etwas von verwunschener Gegend
+und einem alten Weib, der letzten Bewohnerin der Brandstätte, &#8211; einer
+bösartigen Hexe mit einem Blutmal auf der Stirn wie Kain, die unten im
+Meiler wohnt, &#8211; zieht eilig und mürrisch seines Weges.</p>
+
+<p>Leonhard betritt die Kapelle, die in einem Urwald versteckt liegt: die Tür
+hängt in den Angeln, nur noch der vergoldete Betstuhl steht
+schimmelumzogen darin, die Fenster trüb, Altar und Bilder vermodert, das
+Kreuz auf der erzenen Falltür von Grünspan zerfressen, braunes Moos quillt
+durch die Fugen.</p>
+
+<p>Er fährt mit dem Fuß darüber hin, da kommt aus einem Glanzstreifen des
+Metalls eine halberloschene Inschrift hervor: eine Jahreszahl und daneben
+die Worte:</p>
+
+<p class="center">
+&raquo;Erbaut von<br />
+Jakob de Vitriaco&laquo;.
+</p>
+
+<p>Die feinen Spinnenfäden, die die Dinge der Erde mitsammen verbinden,
+entwirren sich vor Leonhards Erkenntnis: der belanglose Name eines fremden
+Baumeisters, kaum eingeritzt in sein Gedächtnis, so und so oftmal in der
+Zeit der Jugend
+<span class='pagenum'><a name="Page_83" id="Page_83">[83]</a></span>
+gelesen und so und so oftmal wieder vergessen &#8211; sein
+alter unsichtbarer im Kreis der Wanderung als rufender Meister
+verkleideter Begleiter: er liegt vor seinen Füßen, zum gleichgültigen Wort
+geworden in derselben Stunde, wo seine Sendung zu Ende und die geheime
+Sehnsucht der Seele, heimzukehren zum Ausgangspunkt, erfüllt ist.</p>
+
+<hr class="dash" />
+<hr class="dash" />
+
+<p>Meister Leonhard sieht den Rest seines Lebens als Einsiedler inmitten der
+Wildnis des Daseins, er trägt ein härenes Kleid aus rauhen Decken, die er
+unter den Trümmern der Brandstätte findet, baut einen Herd aus rohen
+Ziegeln.</p>
+
+<p>Die Gestalten der Menschen, die sich bisweilen in die Nähe der Kapelle
+verirren, scheinen ihm wesenlos wie Schemen, werden erst lebendig, wenn er
+ihr Bild hineinzieht in den Zauberkreis seines Ichs und sie darin
+unsterblich macht.</p>
+
+<p>Die Formen des Daseins sind ihm dasselbe wie die wechselnden Gesichter der
+Wolken: mannigfaltig und doch im Grunde nichts als Wasserdampf.</p>
+
+<hr class="dash" />
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_84" id="Page_84">[84]</a></span>
+Er hebt seinen Blick über die beschneiten Baumgipfel.</p>
+
+<p>Wieder wie damals in der Nacht der Geburt seiner Tochter stehen zwei große
+Sterne dicht beisammen am südlichen Himmel, starren auf ihn herab.</p>
+
+<p>Fackeln wimmeln durch den Wald.</p>
+
+<p>Sensen klirren.</p>
+
+<p>Wutverzerrte Gesichter schweben zwischen den Stämmen, halblaute Stimmen
+murren, das alte bucklige Weib aus dem Meiler steht wieder vor der
+Kapelle, fuchtelt mit hageren Armen, deutet auf die Teufelssilhouette im
+Schnee, winkt den abergläubischen Bauern, glotzt mit irren Augen wie mit
+zwei grünlichen Sternen unverwandt durch die Scheiben.</p>
+
+<p>Auf ihrer Stirne glüht ein rotes Muttermal.</p>
+
+<p>Meister Leonhard rührt sich nicht, er weiß, daß die da draußen ihn
+erschlagen kommen, weiß, daß der Teufelsschatten, der aus ihm herausfällt
+auf den Schnee und ein Nichts bedeutet und jeder Bewegung seiner Hand
+folgen muß, die Ursache der Wut der abergläubischen Menge ist, aber er
+weiß auch, daß der, den sie
+<span class='pagenum'><a name="Page_85" id="Page_85">[85]</a></span>
+erschlagen wollen: sein Leib, nur ein
+Schatten ist, so wie sie nur Schatten sind &#8211; wesenloser Schein im
+Scheinreich der rollenden Zeit, und daß auch die Schatten dem Gesetze des
+Kreises gehorchen.</p>
+
+<p>Er weiß, daß die Alte mit dem Blutmal seine Tochter ist, die die Züge
+seiner Mutter trägt, und von ihr das Ende kommt, damit sich der große
+Bogen schließe:</p>
+
+<p>Die Wanderung der Seele im Kreis durch die Nebel der Geburten zurück zum
+Tod.</p>
+
+
+<p class="chapter"><span class='pagenum'><a name="Page_86" id="Page_86">[86]</a></span>
+<a name="Das_Grillenspiel" id="Das_Grillenspiel"></a>Das Grillenspiel</p>
+
+
+<p>&raquo;Nun?&laquo;, fragten die Herren wie aus einem Munde, als Professor Goclenius
+rascher als es sonst seine Gewohnheit war und mit auffallend verstörtem
+Gesicht eintrat, &raquo;nun, hat man Ihnen die Briefe ausgefolgt? &#8211; Ist
+Johannes Skoper schon unterwegs nach Europa? &#8211; Wie geht es ihm? Sind
+Sammlungen mit angekommen?&laquo; &#8211; riefen alle durcheinander.</p>
+
+<p>&raquo;Nur das hier,&laquo; sagte der Professor ernst und legte ein Bündel Schriften
+und ein Fläschchen, in dem sich ein totes, weißliches Insekt in der Größe
+eines Hirschkäfers befand, auf den Tisch, &raquo;der chinesische Gesandte hat es
+mir selbst mit dem Bemerken übergeben, es sei heute auf dem Umweg über
+Dänemark angekommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich fürchte, er hat schlimme Nachrichten über unsern Kollegen Skoper
+erfahren&laquo;, flüsterte ein bartloser Herr hinter der Hand seinem
+Tischnachbar zu, einem greisenhaften Gelehrten mit
+<span class='pagenum'><a name="Page_87" id="Page_87">[87]</a></span> wallender Löwenmähne,
+der, &#8211; wie er selbst, Präparator am naturwissenschaftlichen Museum, &#8211;
+die Brille auf die Stirn geschoben hatte und mit tiefstem Interesse das
+Insekt in der Flasche betrachtete.</p>
+
+<p>Es war ein seltsames Zimmer, in dem die Herren &#8211; sechs an der Zahl und
+sämtlich Forscher auf dem Gebiet der Schmetterlings- und Käferkunde &#8211;
+saßen.</p>
+
+<p>Ein stumpfer Geruch nach Kampfer und Sandelholz verstärkte aufdringlich
+den Eindruck des fremdartig Totenhaften, das von den Igelfischen, die an
+Schnüren von der Decke herabhingen, &#8211; glotzäugig, wie abgeschnittene
+Köpfe gespenstischer Zuschauer, &#8211; von den weiß und rot grellbemalten
+Teufelsmasken wilder Insulanerstämme, von den Straußeneiern, den
+Hairachen, Narwalzähnen, verrenkten Affenkörpern und all den tausenderlei
+grotesken Formen einer fernen Zone, ausging.</p>
+
+<p>An den Wänden über braunen, wurmstichigen Schränken, die etwas
+klösterliches hatten, wie das morsche Licht des Abendrots aus dem
+verwilderten Museumsgarten herein durch das
+<span class='pagenum'><a name="Page_88" id="Page_88">[88]</a></span>
+bauchige Gitterfenster spielte, hingen, liebevoll in Gold gerahmt, gleich
+ehrwürdigen Ahnenbildern verblaßte Porträts ins Riesenhafte vergrößerter
+Baumwanzen und Maulwurfsgrillen.</p>
+
+<p>Verbindlich den Arm gekrümmt, verlegenes Lächeln um die Knopfnase und die
+gelben, kreisrunden Glasaugen, den Zylinderhut des Herrn Präparators auf
+dem Haupte, beugte sich in der Haltung eines vorsintflutlichen
+Dorfschulzen, der sich zum erstenmal im Leben photographieren läßt, ein
+Faultier aus der Ecke, umwimpelt von baumelnden Schlangenhäuten.</p>
+
+<p>Den Schwanz in den dämmerigen Fernen des Ganges geborgen und die edleren
+Teile laut Wunsch des Unterrichtsministers im Frischlackiertwerden
+begriffen, starrte der Stolz des Institutes, ein zwölf Meter langes
+Krokodil, mit treulosem Katzenblick durch die Verbindungstür herein ins
+Gemach. &#8211;</p>
+
+<p>Professor Goclenius hatte Platz genommen, die Schnur von dem Briefbündel
+gelöst und die einleitenden Zeilen unter Gemurmel durchgeflogen.</p>
+
+<p>&raquo;Datiert ist es aus Bhutan &#8211; Südosttibet,
+<span class='pagenum'><a name="Page_89" id="Page_89">[89]</a></span>
+&#8211; und zwar vom 1.&nbsp;Juli 1914, &#8211; also vier Wochen vor
+Kriegsausbruch; der Brief war demnach länger als ein Jahr
+unterwegs&laquo;, setzte er dann laut hinzu. &raquo;Kollege Johannes
+Skoper schreibt hier unter anderem: &raquo;Über die reiche Ausbeute, die
+ich auf meiner langen Reise aus den chinesischen Grenzgebieten durch Assam
+in das bisher unerforschte Land Bhutan machte, werde ich Ihnen nächstens
+ausführlich berichten; heute nur kurz über die seltsamen Umstände, denen
+ich die Entdeckung einer neuen weißen Grille&laquo; &#8211; Professor
+Goclenius deutete auf das Insekt in der Flasche &#8211; &raquo;verdanke,
+die von den Schamanen zu abergläubischen Zwecken gebraucht und
+&#8216;Phak&#8217; genannt wird, ein Wort, das zugleich ein Schimpfname
+ist für alles, was einem Europäer oder weißrassigen Menschen ähnlich
+sieht.</p>
+
+<p>Also: Eines Morgens erfuhr ich von lamaistischen Pilgern, die nach Lhasa
+zogen, es befinde sich unweit meines Lagerplatzes ein sehr hoher,
+sogenannter Dugpa, &#8211; einer jener in ganz Tibet gefürchteten
+Teufelspriester, die, an ihren scharlachroten Kappen kenntlich,
+behaupten,
+<span class='pagenum'><a name="Page_90" id="Page_90">[90]</a></span>
+direkte Abkömmlinge des Dämons der Fliegenschwämme zu sein.
+Jedenfalls sollen die Dugpas der uralten tibetischen Religion der Bhons
+angehören, von der wir so gut wie nichts wissen, und Nachkommen einer
+fremdartigen Rasse sein, deren Ursprung sich im Dunkel der Zeit verliert.
+Jener Dugpa, erzählten mir die Pilger und drehten dabei voll
+abergläubischer Scheu ihre kleinen Gebetmühlen, sei ein Samtscheh
+Mitschebat, das ist ein Wesen, das man nicht mehr mit dem Namen Mensch
+bezeichnen dürfe, das &#8216;binden und lösen&#8217; könne, dem, kurz und gut, infolge
+seiner Fähigkeit, Raum und Zeit als Wahnvorstellungen zu durchschauen,
+nichts unmöglich sei auf Erden zu vollbringen. Es gäbe, sagte man mir,
+zwei Wege, um jene Stufen zu erklimmen, die über das Menschentum
+hinausführen: den einen, den des &#8216;Lichtes&#8217; &#8211; der Einswerdung mit Buddha
+&#8211; und einen zweiten, entgegengesetzten: den &#8216;Pfad der linken Hand&#8217;, zu
+dem nur ein geborener Dugpa die Eingangspforte wüßte &#8211; ein geistiger Weg
+voll Grauen und Entsetzlichkeit. Solche &#8216;geborene&#8217; Dugpas kämen &#8211; wenn
+auch sehr vereinzelt
+<span class='pagenum'><a name="Page_91" id="Page_91">[91]</a></span>
+&#8211; unter allen Himmelsstrichen vor und wären
+merkwürdigerweise fast immer die Kinder besonders frommer Leute. &#8216;Es ist,&#8217;
+sagte der Pilger, der es mir erzählte, &#8216;wie wenn die Hand des Herrn der
+Finsternis ein giftiges Reis aufpfropft auf den Baum der Heiligkeit&#8217;, und
+man wisse nur ein Mittel, an einem Kinde zu erkennen, ob es geistig zum
+Bunde der Dugpas gehört oder nicht, das ist &#8211; wenn der Haarwirbel auf dem
+Scheitel von links nach rechts, statt umgekehrt, läuft.</p>
+
+<p>Ich sprach sofort &#8211; rein aus Neugierde &#8211; den Wunsch aus, den erwähnten
+hohen Dugpa zu Gesicht zu bekommen, aber mein Karawanenführer, selber ein
+Osttibeter, widersetzte sich mit Hartnäckigkeit. Das alles sei dummes
+Zeug, Dugpas gäbe es im Bhutangebiet überhaupt nicht, schrie er in einem
+fort, auch würde ein Dugpa &#8211; schon gar ein Samtscheh Mitschebat &#8211; nie
+und nimmer einem Weißen seine Künste zeigen.</p>
+
+<p>Der allzu eifrige Widerstand des Mannes wurde mir immer verdächtiger, und
+nach stundenlangem Kreuz- und Querfragen brachte ich
+<span class='pagenum'><a name="Page_92" id="Page_92">[92]</a></span> denn auch aus ihm
+heraus, daß er selbst Anhänger der Bhonreligion sei und ganz genau wisse,
+&#8211; aus der rötlichen Färbung der Erddünste, wollte er mir vorlügen, &#8211; daß
+ein &#8216;eingeweihter&#8217; Dugpa in der Nähe weile.</p>
+
+<p>&#8216;Aber er wird dir niemals seine Künste zeigen&#8217;, schloß er jedesmal seine
+Rede.</p>
+
+<p>&#8216;Warum denn nicht?&#8217;, fragte ich schließlich.</p>
+
+<p>&#8216;Weil er die &#8211; Verantwortung nicht übernimmt.&#8217;</p>
+
+<p>&#8216;Was für eine Verantwortung?&#8217;, forschte ich weiter.</p>
+
+<p>&#8216;Er würde infolge der Störung, die er damit im Reiche der Ursachen
+anrichtet, von neuem in den Strudel der Wiederverkörperung verstrickt
+werden, wenn nicht etwas noch viel viel Schlimmeres.&#8217;</p>
+
+<p>Es interessierte mich, Näheres über die geheimnisvolle Bhonreligion zu
+erfahren, und ich fragte daher: &#8216;Hat ein Mensch nach deinem Glauben eine
+Seele?&#8217;</p>
+
+<p>&#8216;Ja und Nein.&#8217;</p>
+
+<p>&#8216;Wieso?&#8217;</p>
+
+<p>Als Antwort nahm der Tibeter einen Grashalm
+<span class='pagenum'><a name="Page_93" id="Page_93">[93]</a></span>
+und machte einen Knoten hinein: &#8216;Hat das Gras jetzt einen
+Knoten?&#8217;</p>
+
+<p>&#8216;Ja.&#8217;</p>
+
+<p>Er löste den Knoten wieder auf: &#8216;Und jetzt?&#8217;</p>
+
+<p>&#8216;Jetzt hat es keinen mehr.&#8217;</p>
+
+<p>&#8216;Genau so hat der Mensch eine Seele und hat keine&#8217;, sagte er einfach.</p>
+
+<p>Ich versuchte es auf andere Weise, mir ein Bild über seine Ansicht zu
+machen: &#8216;Gut, nimm an, du wärest auf dem schrecklichen, kaum handbreiten
+Gebirgspaß, den wir neulich überschritten, in die Tiefe gestürzt, &#8211; hätte
+deine Seele weitergelebt oder nicht?&#8217;</p>
+
+<p>&#8216;Ich wäre nicht abgestürzt!&#8217;</p>
+
+<p>Ich wollte ihm anders beikommen, deutete auf meinen Revolver: &#8216;Wenn ich
+dich jetzt totschieße, lebst du dann weiter oder nicht?&#8217;</p>
+
+<p>&#8216;Du kannst mich nicht erschießen.&#8217;</p>
+
+<p>&#8216;Doch!&#8217;</p>
+
+<p>&#8216;Also versuch&#8217;s.&#8217;</p>
+
+<p>Ich werde mich hüten, dachte ich bei mir, das wäre eine schöne Geschichte,
+ohne Karawanenführer in diesem grenzenlosen Hochland umherirren. Er schien
+meine Gedanken erraten
+<span class='pagenum'><a name="Page_94" id="Page_94">[94]</a></span>
+zu haben und lächelte höhnisch. Es war zum
+Verzweifeln. Ich schwieg eine Weile.</p>
+
+<p>&#8216;Du kannst eben nicht
+<ins class="correction" title="einfaches schließendes Anführungszeichen ergänzt">&#8216;wollen&#8217;&#8217;</ins>,
+fing er plötzlich wieder an. &#8216;Hinter
+deinem Willen stehen Wünsche, solche, die du kennst, und solche, die du
+nicht kennst, und beide sind stärker als du.&#8217;</p>
+
+<p>&#8216;Was ist also die Seele nach deinem Glauben?&#8217;, fragte ich ärgerlich; &#8216;habe
+zum Beispiel ich eine Seele?&#8217;</p>
+
+<p>&#8216;Ja.&#8217;</p>
+
+<p>&#8216;Und wenn ich sterbe, lebt meine Seele dann weiter?&#8217;</p>
+
+<p>&#8216;Nein.&#8217;</p>
+
+<p>&#8216;Aber deine, meinst du, lebt weiter, wenn du stirbst?&#8217;</p>
+
+<p>&#8216;Ja. Weil ich einen &#8211; Namen habe.&#8217;</p>
+
+<p>&#8216;Wieso einen Namen? Ich habe doch auch einen Namen!&#8217;</p>
+
+<p>&#8216;Ja, aber du kennst deinen wirklichen Namen nicht, besitzest ihn also
+nicht. Das, was du für deinen Namen hältst, ist nur ein leeres Wort, das
+deine Eltern erfunden haben. Wenn du schläfst, vergißt du ihn, ich
+vergesse meinen Namen nicht, wenn ich schlafe.&#8217;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_95" id="Page_95">[95]</a></span>
+&#8216;Aber, wenn du tot bist, weißt du ihn auch nicht mehr!&#8217; wendete ich ein.</p>
+
+<p>&#8216;Nein. Aber der Meister kennt ihn und vergißt ihn nicht, und wenn er ihn
+ruft, so stehe ich wieder auf; aber nur ich und kein anderer, denn nur ich
+habe meinen Namen. Kein anderer hat ihn. Das, was du deinen Namen nennst,
+das haben viele andere mit dir gemeinsam &#8211; so wie die Hunde&#8217;, murmelte er
+verächtlich vor sich hin. Ich verstand die Worte zwar, ließ es mir aber
+nicht anmerken.</p>
+
+<p>&#8216;Was verstehst du unter dem &#8216;Meister&#8217;?&#8217;
+warf ich scheinbar unbefangen hin.</p>
+
+<p>&#8216;Den Samtscheh Mitschebat.&#8217;</p>
+
+<p>&#8216;Den, der hier in der Nähe ist?&#8217;</p>
+
+<p>&#8216;Ja, aber nur sein Spiegelbild ist in der Nähe; der, der er in
+Wirklichkeit ist, ist überall. Er kann auch nirgends sein, wenn er will.&#8217;</p>
+
+<p>&#8216;Er kann sich demnach unsichtbar machen?&#8217; &#8211; wider Willen mußte ich
+lächeln, &#8211; &#8216;du meinst: einmal ist er innerhalb des Weltenraumes und dann
+außerhalb; einmal ist er da &#8211; und dann ist er wieder nicht da?&#8217;</p>
+
+<p>&#8216;Ein Name ist doch auch nur da, wenn man
+<span class='pagenum'><a name="Page_96" id="Page_96">[96]</a></span>
+ihn ausspricht, und nicht mehr da, wenn man ihn nicht ausspricht&#8217;,
+hielt mir der Tibeter vor.</p>
+
+<p>&#8216;Und kannst zum Beispiel du auch einmal ein &#8216;Meister&#8217; werden?&#8217;</p>
+
+<p>&#8216;Ja.&#8217;</p>
+
+<p>&#8216;Dann wird es also zwei Meister geben, was?&#8217;</p>
+
+<p>Ich triumphierte innerlich, denn offen gestanden verdroß mich der geistige
+Hochmut des Kerls; jetzt hatte ich ihn in der Falle, glaubte ich (meine
+nächste Frage hätte gelautet: wenn der eine Meister die Sonne scheinen
+lassen will und der andere regnen, welcher behält recht?); um so mehr
+verblüffte mich die sonderbare Antwort, die er mir gab: &#8216;Wenn ich ein
+Meister sein werde, dann bin ich doch der Samtscheh Mitschebat. Oder
+glaubst du, es könnte zwei Dinge geben, die einander vollkommen gleich
+sind, ohne daß sie ein und dasselbe wären?&#8217;</p>
+
+<p>&#8216;Immerhin seid ihr dann zwei und nicht einer; wenn ich euch begegnete,
+wäret ihr zwei Menschen und nicht einer&#8217;, widersprach ich.</p>
+
+<p>Der Tibeter bückte sich, suchte unter den in Menge umherliegenden
+Kalkspatkristallen einen
+<span class='pagenum'><a name="Page_97" id="Page_97">[97]</a></span>
+besonders durchsichtigen aus und sagte spöttisch: &#8216;Halte das ans
+Auge und schau den Baum dort an; du siehst ihn nunmehr doppelt, nicht
+wahr? Aber sind es deshalb &#8211; zwei Bäume?&#8217;</p>
+
+<p>Ich wußte ihm nicht gleich etwas zu entgegnen, auch wäre es mir schwer
+gefallen in mongolischer Sprache, deren wir uns zur gegenseitigen
+Verständigung bedienen mußten, ein so verwickeltes Thema logisch zu
+erörtern: ich ließ ihm daher seinen Triumph. Innerlich konnte ich aber
+nicht genug staunen über die geistige Gelenkigkeit dieses Halbwilden mit
+seinen schiefen Kalmückenaugen und dem schmutzstarrenden Schafspelz. Es
+ist etwas Seltsames um diese Hochlandsasiaten, äußerlich sehen sie aus wie
+Tiere, aber rührt man an ihre Seele, kommt der Philosoph zum Vorschein.</p>
+
+<p>Ich griff wieder auf den Ausgangspunkt unseres Gespräches zurück: &#8216;Du
+glaubst also, der Dugpa würde mir seine Künste nicht zeigen, weil er die
+&#8211; Verantwortung ablehnt?&#8217;</p>
+
+<p>&#8216;Nein, gewiß nicht.&#8217;</p>
+
+<p>&#8216;Wenn aber ich die Verantwortung übernähme?!&#8217;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_98" id="Page_98">[98]</a></span>
+Das erstemal, seit ich den Tibeter kannte, geriet er außer Fassung. Eine
+Unruhe, die er kaum bemeistern konnte, lief über sein Gesicht. Der
+Ausdruck wilder, mir unerklärlicher Grausamkeit wechselte mit dem eines
+tückischen Frohlockens. Wir haben in den vielen Monaten unseres
+Beisammenseins oft wochenlang Todesgefahren aller Art ins Auge geblickt,
+haben schauerliche Abgründe überschritten auf schwankenden, nur fußbreiten
+Bambusbrücken, daß mir vor Entsetzen das Herz stillstand, haben Wüsten
+durchquert und sind fast verdurstet, aber niemals verlor er auch nur eine
+Minute sein inneres Gleichgewicht. Und jetzt? Was konnte die Ursache sein,
+daß er mit einemmal so außer sich geriet? Ich sah ihm an, wie in seinem
+Hirn die Gedanken sich jagten.</p>
+
+<p>&#8216;Führe mich zu dem Dugpa, ich werde dich reichlich belohnen&#8217;, redete ich
+ihm eifrig zu.</p>
+
+<p>&#8216;Ich will es mir überlegen&#8217;, antwortete er endlich.</p>
+
+<hr class="dash" />
+
+<p>Es war noch tiefe Nacht, da weckte er mich in meinem Zelt. Er sei bereit,
+sagte er.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_99" id="Page_99">[99]</a></span>
+Er hatte zwei unserer zottigen Mongolenpferde, die nicht viel höher sind
+als große Hunde, gesattelt, und wir ritten hinein in die Finsternis.</p>
+
+<p>Die Leute meiner Karawane lagen um die verglimmenden Reisigfeuer herum in
+festem Schlaf. Stunden vergingen und wir wechselten kein Wort; der
+eigentümliche Moschusgeruch, den die tibetischen Steppen in Julinächten
+auszuströmen pflegen, und das eintönige Zischen des Ginsters, wie die
+Beine unserer Pferde hindurchfegten, betäubte mich fast, so daß ich, um
+wach zu bleiben, unverwandt emporblicken mußte zu den Sternen, die hier in
+diesem wilden Hochland etwas Loderndes, Flackerndes haben wie brennende
+Papierfetzen. Ein erregender Einfluß geht von ihnen aus, der das Herz mit
+Unruhe erfüllt.</p>
+
+<p>Als die Morgendämmerung über die Berggipfel kroch, bemerkte ich, daß die
+Augen des Tibeters weit offen standen und ohne zu zwinkern immerwährend
+auf einen Punkt am Himmel starrten. &#8211; Ich sah, daß er geistesabwesend
+war.</p>
+
+<p>Ob er denn den Aufenthalt des Dugpas so
+<span class='pagenum'><a name="Page_100" id="Page_100">[100]</a></span>
+genau kenne, daß er nicht auf den Weg zu achten brauche, fragte ich ihn
+ein paarmal, ohne eine Antwort zu bekommen.</p>
+
+<p>&#8216;Er zieht mich, wie der Magnetstein das Eisen anzieht&#8217;, lallte er
+schließlich mit schwerer Zunge wie aus dem Schlaf.</p>
+
+<p>Nicht einmal mittags machten wir Rast, immer wieder trieb er stumm sein
+Pferd zu neuer Eile an. Ich mußte im Sattel meine paar Stücke gedörrtes
+Ziegenfleisch verzehren.</p>
+
+<p>Gegen Abend hielten wir, um den Fuß eines kahlen Hügels biegend, in der
+Nähe eines jener fantastischen Zelte, wie man sie im Bhutan zuweilen zu
+Gesicht bekommt. Sie sind schwarz, oben spitz, unten sechseckig mit
+aufwärts gebauchten Rändern und stehen auf hohen Stelzen, sodaß sie einer
+riesigen Spinne gleichen, die mit dem Bauch die Erde berührt.</p>
+
+<p>Ich hatte erwartet, einen schmutzigen Schamanen mit verfilztem Haar und
+Bart zu treffen, eines der wahnsinnigen oder epileptischen Geschöpfe, die
+unter den Mongolen und Tungusen häufig sind, die sich mit dem Absud von
+Fliegenschwämmen betäuben und dann Geister
+<span class='pagenum'><a name="Page_101" id="Page_101">[101]</a></span>
+zu sehen glauben oder unverständliche Prophezeiungen ausstoßen; statt
+dessen stand da &#8211; unbeweglich &#8211; ein Mann vor mir, gut sechs
+Fuß hoch, auffallend schmal im Wuchs, bartlos, das Gesicht olivgrünlich
+schimmernd, von einer Farbe, wie ich sie noch nie bei einem Lebenden
+gesehen, die Augen schräg und unnatürlich weit auseinander. Der Typus
+einer mir vollkommen fremden Menschenrasse.</p>
+
+<p>Seine Lippen, gleich der Gesichtshaut faltenlos wie aus Porzellan, waren
+scharfrot, messerdünn und so stark geschwungen &#8211; besonders an den weit
+empor gezogenen Mundwinkeln &#8211; wie unter einem erbarmungslosen erstarrten
+Lächeln, daß sie aussahen, als seien sie aufgemalt.</p>
+
+<p>Ich konnte den Blick nicht von dem Dugpa wenden &#8211; lange nicht &#8211; und wenn
+ich jetzt daran zurückdenke, möchte ich fast sagen: ich kam mir vor wie
+ein Kind, dem der Atem stehenbleibt vor Entsetzen beim Anblick einer
+plötzlich aus dem Dunkel auftauchenden grauenhaften Maske.</p>
+
+<p>Auf dem Kopf trug der Dugpa eine glattanliegende scharlachrote Kappe ohne
+Rand; im
+<span class='pagenum'><a name="Page_102" id="Page_102">[102]</a></span>
+übrigen bis zu den Knöcheln einen kostbaren Pelz aus orangegelb
+gefärbtem Zobel.</p>
+
+<p>Er und mein Führer sprachen kein Wort mitsammen, ich nehme jedoch an, daß
+sie sich durch heimliche Gesten verständigt haben, denn ohne zu fragen,
+was ich von ihm wolle, sagte der Dugpa plötzlich und unvermittelt, er sei
+willens mir zu zeigen, was immer ich wünsche, doch müsse ich ausdrücklich
+alle Verantwortung, auch wenn ich sie nicht kennte, übernehmen.</p>
+
+<p>Ich erklärte mich &#8211; natürlich &#8211; sofort bereit.</p>
+
+<p>Ich solle zum Zeichen dafür mit der linken Hand die Erde berühren,
+verlangte er.</p>
+
+<p>Ich tat es.</p>
+
+<p>Schweigend ging er sodann eine Strecke voraus und wir folgten ihm, bis er
+uns niedersitzen hieß.</p>
+
+<p>Es war eine tischähnliche Bodenerhebung, an deren Rand wir uns lagerten.</p>
+
+<p>Ob ich ein weißes Tuch bei mir trüge?</p>
+
+<p>Ich suchte vergeblich in meinen Taschen, fand aber nur im Rockfutter eine
+alte, verblaßte, zusammenlegbare Karte von Europa (ich hatte sie offenbar
+die ganze lange Zeit meiner Asienreise
+<span class='pagenum'><a name="Page_103" id="Page_103">[103]</a></span>
+bei mir getragen), breitete sie zwischen uns aus und erklärte dem Dugpa,
+die Zeichnung sei ein Bild meinem Heimat.</p>
+
+<p>Er wechselte einen raschen Blick mit meinem Führer, und wieder sah ich auf
+dem Gesicht des Tibeters jenen Ausdruck haßerfüllter Bosheit aufleuchten,
+der mir schon am Abend vorher aufgefallen war.</p>
+
+<p>Ob ich den Grillenzauber zu sehen wünschte?</p>
+
+<p>Ich nickte und war mir im Augenblick klar, was kommen würde: ein bekannter
+Trick &#8211; das Hervorlocken von Insekten aus der Erde durch Pfeifen oder
+dergleichen.</p>
+
+<p>Richtig, ich hatte mich nicht getäuscht; der Dugpa ließ ein leises,
+metallenes Zirpen hören (mit einem kleinen, silbernen Glöckchen, das sie
+versteckt bei sich tragen, machen sie das), und sofort kamen aus ihren
+Schlupfwinkeln im Boden eine Menge Grillen und krochen auf die helle
+Landkarte.</p>
+
+<p>Immer mehr und mehr.</p>
+
+<p>Unzählige.</p>
+
+<p>Ich hatte mich schon geärgert, wegen eines läppischen Kunststückes, das
+ich bereits in China
+<span class='pagenum'><a name="Page_104" id="Page_104">[104]</a></span>
+oft genug gesehen hatte, einen so mühvollen Ritt
+unternommen zu haben, aber was sich mir jetzt darbot, entschädigte mich
+reichlich: Die Grillen waren nicht nur eine wissenschaftlich ganz neue
+Spezies &#8211; daher an und für sich schon interessant genug &#8211; sie benahmen
+sich auch höchst absonderlich. Kaum hatten sie nämlich die Landkarte
+betreten, liefen sie zuerst planlos im Kreise herum, dann bildeten sie
+Gruppen, die einander mißtrauisch musterten. Plötzlich fiel auf die Mitte
+der Karte ein regenbogenfarbener Lichtfleck (er stammte von einem
+Glasprisma, das der Dugpa gegen die Sonne hielt, wie ich mich rasch
+überzeugte), und ein paar Sekunden später war aus den bisher friedlichen
+Grillen ein Klumpen sich auf die schauderhafteste Weise gegenseitig
+zerfleischender Insektenleiber geworden. Der Anblick war zu ekelhaft, als
+daß ich ihn schildern möchte. Das Schwirren der tausend und aber tausend
+Flügel gab einen hohen, singenden Ton, der mir durch Mark und Bein ging,
+ein Schrillen, gemischt aus so höllischem Haß und grauenvoller Todesqual,
+daß ich es nie werde vergessen können.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_105" id="Page_105">[105]</a></span>
+Ein dicker, grünlicher Saft quoll unter dem Haufen hervor.</p>
+
+<p>Ich befahl dem Dugpa augenblicklich innezuhalten &#8211; er hatte das Prisma
+bereits eingesteckt und zuckte nur die Achseln.</p>
+
+<p>Vergebens bemühte ich mich, die Grillen mit einem Stock auseinander zu
+treiben: ihre wahnwitzige Mordlust kannte keine Grenzen mehr.</p>
+
+<p>Immer neue Scharen liefen herbei und türmten den zappelnden, scheußlichen
+Klumpen höher und höher &#8211; mannshoch.</p>
+
+<p>Auf weite Strecken war der Erdboden lebendig von wimmelnden,
+tollgewordenen Insekten. Eine weißliche, aneinandergequetschte Masse, die
+sich der Mitte zudrängte, nur von dem einen Gedanken beseelt: morden,
+morden, morden.</p>
+
+<p>Einige der Grillen, die halbverstümmelt von dem Haufen herabfielen und
+nicht mehr hinaufkriechen konnten, zerfetzten sich selbst mit ihren
+Zangen.</p>
+
+<p>Der schwirrende Ton wurde bisweilen so laut und grausig schrill, daß ich
+mir die Ohren zuhielt, weil ich es nicht mehr länger glaubte ertragen zu
+können.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_106" id="Page_106">[106]</a></span>
+Gott sei Dank, endlich wurden der Tiere weniger und weniger, die
+hervorkriechenden Scharen schienen dünner zu werden und hörten schließlich
+ganz auf.</p>
+
+<p>&#8216;Was macht er denn noch immer?&#8217; fragte ich den Tibeter, als ich sah, daß
+der Dugpa keine Miene machte, aufzubrechen, vielmehr angestrengt seine
+Gedanken auf irgend etwas zu konzentrieren schien. Er hatte die Oberlippe
+hochgezogen, so daß ich seine spitzgefeilten Zähne deutlich sehen konnte.
+Sie waren pechschwarz, vermutlich von dem landesüblichen Betelkauen.</p>
+
+<p>&#8216;Er löst und bindet&#8217;, hörte ich den Tibeter antworten.</p>
+
+<p>Trotzdem ich mir beständig vorsagte, daß es ja nur Insekten gewesen waren,
+die hier den Tod gefunden hatten, fühlte ich mich doch aufs äußerste
+angegriffen und einer Ohnmacht nahe, und die Stimme klang, als käme sie
+aus weiter Ferne her: &#8216;Er löst und bindet.&#8217;</p>
+
+<p>Ich begriff nicht, was das bedeuten sollte, und begreife es auch heute
+nicht; es geschah auch nichts weiter, was auffällig gewesen wäre.
+<span class='pagenum'><a name="Page_107" id="Page_107">[107]</a></span> Warum
+ich trotzdem noch &#8211; vielleicht stundenlang, ich weiß es nicht mehr &#8211;
+sitzen blieb? Der Wille, aufzustehen, war mir abhanden gekommen, ich kann
+es nicht anders nennen.</p>
+
+<p>Allmählich sank die Sonne, und Landschaft und Wolken nahmen jene schreiend
+rote und orangegelbe unwahrscheinliche Färbung an, die jeder kennt, der
+einmal in Tibet war. Man kann den Eindruck des Bildes nur mit den
+barbarisch bemalten Zeltwänden europäischer Menageriebuden, wie man sie
+auf Jahrmärkten sieht, vergleichen.&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Ich konnte die Worte nicht loswerden: &#8216;Er löst und bindet&#8217;; nach und nach
+bekamen sie etwas Schreckhaftes in meinem Hirn; &#8211; in der Phantasie
+verwandelte sich der zuckende Grillenhaufen in Millionen sterbender
+Soldaten. Der Alp eines rätselhaften, ungeheuerlichen
+Verantwortungsgefühls, das für mich um so folternder war, als ich in mir
+vergeblich nach seiner Wurzel suchte, würgte mich.</p>
+
+<p>Dann wieder schien es mir, als sei der Dugpa plötzlich verschwunden, und
+statt seiner stünde da &#8211; scharlachrot und olivgrün
+<span class='pagenum'><a name="Page_108" id="Page_108">[108]</a></span>die widerwärtige
+Statue des tibetischen Kriegsgottes.</p>
+
+<p>Und ich kämpfte gegen den Anblick, bis ich die nackte Wirklichkeit wieder
+vor Augen hatte, aber es war mir nicht genug Wirklichkeit: die Erddünste,
+die aus dem Boden stiegen, die zackigen Gletschergipfel der Bergriesen am
+fernen Horizont, der Dugpa mit der roten Kappe, ich selbst in meinen halb
+europäischen, halb mongolischen Kleidern, dann das schwarze Zelt mit den
+Spinnenbeinen, &#8211; alles konnte doch gar nicht wirklich sein! Wirklichkeit,
+Phantasie, Vision, was war echt, was Schein? Und mein Denken dazwischen
+immer von neuem auseinanderklaffend, wenn die drosselnde Angst vor dem
+unfaßbaren, fürchterlichen Verantwortungsgefühl wieder in mir aufstieg.</p>
+
+<p>Später, viel später &#8211; auf der Heimreise &#8211; wuchs die Begebenheit in
+meiner Erinnerung wie eine wuchernde Giftpflanze, die ich vergebens
+ausreißen will.</p>
+
+<p>Nachts, wenn ich nicht schlafen kann, dämmert leise in mir eine
+grauenhafte Ahnung auf, was der Satz bedeuten mag: &#8216;Er löst und bindet&#8217;,
+und ich suche sie zu ersticken, daß sie nicht zu Wort
+<span class='pagenum'><a name="Page_109" id="Page_109">[109]</a></span>
+kommen kann, so wie man ein ausbrechendes Feuer im Keim ersticken möchte.
+&#8211; Aber es hilft nichts, daß ich mich wehre, &#8211; im Geiste sehe
+ich, wie aus dem toten Grillenhaufen ein rötlicher Dunst aufsteigt und zu
+Wolkengebilden wird, die sich, den Himmel verfinsternd wie die
+Schreckgespenster des Monsuns, nach Westen wälzen. &#8211;</p>
+
+<p>Und auch jetzt wieder, wo ich dies schreibe, überfällt&#8217;s mich, &#8211; ich &#8211;
+ich&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>Hier scheint der Brief plötzlich abgebrochen worden zu sein,&laquo; schloß
+Professor Goclenius; &raquo;leider muß ich Ihnen jetzt mitteilen, was ich
+auf der chinesischen Gesandtschaft über das unerwartete Ableben unseres
+lieben Kollegen Johannes Skoper im fernen Asien&laquo; &#8211; &#8211;
+&#8211; der Professor kam nicht weiter; ein lauter Schrei der Herren
+unterbrach ihn: &raquo;Unglaublich, die Grille lebt ja noch, jetzt nach
+einem Jahr! Unglaublich! Einfangen! Sie fliegt davon!&laquo; rief alles
+wild durcheinander. Der Forscher mit der Löwenmähne hatte das Fläschchen
+geöffnet und das anscheinend tote Insekt herausgeschüttelt.</p>
+
+<p>Einen Augenblick später war die Grille zum Fenster hinausgeflogen in den
+Garten und die
+<span class='pagenum'><a name="Page_110" id="Page_110">[110]</a></span>
+Herren rannten in ihrem Eifer, sie einzufangen, an der Tür
+den greisen Museumsdiener Demetrius, der ahnungslos hereinkam, um die
+Lampe anzuzünden, beinahe über den Haufen.</p>
+
+<p>Kopfschüttelnd sah ihnen der Alte durch das Gitterfenster zu, wie sie
+draußen mit Schmetterlingsnetzen umherjagten. Dann blickte er zum
+dämmernden Abendhimmel empor und brummte: &raquo;Was in der schrecklichen
+Kriegszeit doch die Wolken für merkwürdige Formen annehmen! Da sieht jetzt
+eine wieder mal ganz so aus wie ein Mann mit einem dunkeln Gesicht und
+roter Kappe; wenn er die Augen nicht so weit auseinanderstehen hätte, wäre
+es fast wie ein Mensch. Wahrhaftig, man könnte noch abergläubisch werden
+auf seine alten Tage.&laquo;</p>
+</div>
+
+
+<p class="chapter"><span class='pagenum'><a name="Page_111" id="Page_111">[111]</a></span>
+<a name="Wie_Dr_Hiob_Paupersum_seiner_Tochter_rote_Rosen_brachte"
+id="Wie_Dr_Hiob_Paupersum_seiner_Tochter_rote_Rosen_brachte"></a>
+Wie <em class="antiqua">Dr.</em> Hiob Paupersum seiner<br /> Tochter rote Rosen brachte</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>In vorgerückter Nachtstunde saß in dem bekannten Münchener Prunkcaf&eacute;
+&raquo;Stefanie&laquo;, regungslos vor sich hinstarrend, ein Greis von höchst
+bemerkenswertem Aussehen. Die zerschlissene, selbständig gewordene
+Krawatte, sowie die mächtige bis auf den Nacken herabwallende hohe Stirn
+verrieten den bedeutenden Gelehrten.</p>
+
+<p>Außer einem silbernen schütteren Knebelbarte, der, einem Siebengestirn von
+Kinnwarzen entspringend, mit seinem unteren Ende gerade noch jene Stelle
+inmitten der Weste verdeckte, wo bei weltabgewandten Denkern regelmäßig
+ein Knopf zu fehlen pflegt, besaß der alte Herr nur wenig Nennenswertes an
+irdischen Gütern.</p>
+
+<p>Genau genommen eigentlich gar nichts mehr.</p>
+
+<p>Um so belebender wirkte es daher auf ihn, als
+<span class='pagenum'><a name="Page_112" id="Page_112">[112]</a></span>
+plötzlich der bezwickerte weltmännisch gekleidete Gast mit dem gewichsten
+schwarzen Schnurrbart, der bislang an dem Tisch in der Ecke schräg
+gegenüber ein Stück kalten Lachs bissenweise mit dem Messer zum Munde
+geführt (wobei ein kirschgroßer Brillant an dem elegant weggestreckten
+kleinen Finger jedesmal prächtig aufblitzte) und zwischendurch forschend
+gestielte Blicke herübergeworfen hatte, sich mundwischend erhob, das fast
+menschenleere Zimmer durchmaß, sich vor ihm verbeugte und fragte:</p>
+
+<p>&raquo;Ist dem Herrn eine Partie Schach gefällig? &#8211; Vielleicht um eine Mark die
+Partie?&laquo;</p>
+
+<p>Farbenglühende Phantasmagorien von Schwelgerei und Üppigkeit aller Art
+taten sich vor dem geistigen Auge des Gelehrten auf, und noch während sein
+Herz entzückt raunte: &raquo;Dieses Rindvieh hat mir Gott geschickt&laquo;, herrschten
+bereits seine Lippen dem Kellner zu, der soeben angebraust kam, um
+gewohnheitsmäßig an den elektrischen Glühbirnen eine Reihe umfassender
+Beleuchtungsstörungen einzuleiten: &raquo;Julius, ein Schachbrett&laquo;. &raquo;Wenn ich
+nicht irre, habe ich die Ehre mit Herrn <em class="antiqua">Dr.</em>&nbsp;Paupersum?&laquo;
+&#8211; begann
+<span class='pagenum'><a name="Page_113" id="Page_113">[113]</a></span> der
+Weltmann mit dem gewichsten Schnurrbart das Gespräch.</p>
+
+<p>&raquo;Hiob,&#8211; &#8211; ja, hm, ja, &#8211; Hiob Paupersum&laquo;,
+bestätigte der Gelehrte zerstreut, denn er war wie gebannt von der Pracht
+des Mordssmaragden, der, ein Automobillaternchen darstellend, als
+Schlipsnadel die Gurgel seines Gegenübers verzierte.</p>
+
+<p>Erst das Erscheinen des Schachbrettes löste seine Verzauberung; dann aber
+waren im Nu die Figuren aufgestellt, die lockern Köpfe der Rössel mit
+Spucke befestigt und der fehlende Turm durch ein geknicktes Streichholz
+ersetzt.</p>
+
+<p>Nach dem dritten Zuge entzwickerte sich der Weltmann, nahm eine
+verkrampfte Stellung an und versank in dumpfes Brüten.</p>
+
+<p>&raquo;Er scheint den dümmsten Zug auf dem Brett herausfinden zu wollen, &#8211; ich
+wüßte nicht, weshalb er sonst so lange nachdächte!&laquo; murmelte der Gelehrte
+und stierte dabei geistesabwesend die schweinfurtergrünseidene Dame &#8211; das
+einzige Lebewesen im Zimmer außer ihm und dem Weltmann &#8211; an, die ruhevoll
+wie die Göttin auf dem Titelkopf von &raquo;Über Land und Meer&laquo;
+<span class='pagenum'><a name="Page_114" id="Page_114">[114]</a></span> auf dem
+Wandsofa thronte, vor sich einen Teller Schaumrollen, und das kühle
+Frauenherz mit hundertpfündigem Speck umpanzert.</p>
+
+<p>&raquo;Ich geb&#8217;s auf&laquo;, meldete sich endlich der Herr mit der edelsteinernen
+Automobillaterne, schob die Schachfiguren zusammen, entnahm seiner
+Rippengegend ein güldenes Futteral, fischte eine Visitenkarte heraus und
+reichte sie dem Gelehrten. <em class="antiqua">Dr.</em>&nbsp;Paupersum las:</p>
+</div>
+
+<p class="center">
+Zenon Sawaniewski<br />
+Impresario für Monstrositäten.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Hm. Tja. Hm &#8211; für Monstrositäten, hm, &#8211; für Monstrositäten&laquo;,
+wiederholte er eine Weile verständnislos. &raquo;Aber gedenken Sie nicht noch
+ein paar Partien zu spielen?&laquo;, fragte er dann laut, den Sinn auf
+Kapitalsvermehrung gerichtet.</p>
+
+<p>&raquo;Gewiß. Natürlich. Soviel Sie wünschen,&laquo; sagte der Weltmann höflich, &raquo;aber
+wollen wir nicht vorerst von etwas Einträglicherem sprechen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Von etwas noch &#8211; noch Einträglicherem?&laquo;, fuhr es dem Gelehrten heraus,
+und leise Falten des Mißtrauens legten sich um seine Augenwinkel.
+</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_115" id="Page_115">[115]</a></span>
+&raquo;Ich habe zufällig gehört,&laquo; begann der Impresario und bestellte bei dem
+Kellner durch plastische Handbewegungen eine Flasche Wein und ein Glas,
+&raquo;ganz zufällig, daß Sie trotz Ihres großen Rufes als Leuchte der
+Wissenschaft zur Zeit keine feste Anstellung haben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Doch. Ich wickle tagsüber Liebesgaben ein und versehe sie mit
+Postwertzeichen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und das ernährt Sie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nur insofern, als durch das damit verbundene Ablecken der Briefmarken
+meinem Organismus eine gewisse Menge von Kohlehydraten zugeführt wird.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, warum verwerten Sie denn nicht lieber Ihre Sprachkenntnisse? Zum
+Beispiel als Dolmetscher in einem Gefangenenlager?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil ich nur Altkoreanisch, dann die spanischen Mundarten, ferner Urdu,
+drei Eskimosprachen und ein paar Dutzend Suahelinegerdialekte gelernt habe
+und wir mit diesen Völkerschaften vorläufig leider noch nicht verfeindet
+sind.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie hätten eben statt dessen Französisch, Russisch, Englisch und Serbisch
+lernen sollen&laquo;, brummte der Impresario.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_116" id="Page_116">[116]</a></span>
+&raquo;Dann wäre natürlich mit den <ins class="correction" title="Original: Eskismos">Eskimos</ins>
+und nicht mit den Franzosen der Krieg
+ausgebrochen&laquo;, wendete der Gelehrte ein.</p>
+
+<p>&raquo;So? Hm.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ja, lieber Herr, da gibt&#8217;s nichts zu hmen; es ist leider so.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich an Ihrer Stelle, Herr Doktor, hätte es mit Abhandlungen über den
+Krieg bei irgendeiner Zeitung versucht. So ganz vom Schreibtisch aus.
+Erfundenes Zeug selbstredend, nichts sonst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hab ich doch,&laquo; klagte der Greis, &raquo;Frontberichte, knapp sachlich,
+erschütternd einfach gehalten in der Schilderung, aber&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mensch, Sie sind toll&laquo;, fuhr der Impresario auf. &raquo;Frontberichte knapp
+gehalten? Frontberichte schreibt man im Gemsjägerstil! Sie hätten&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>Der Gelehrte wehrte müde ab: &raquo;Ich habe alles Menschenmögliche im Leben
+versucht. Als ich für mein Buch, eine vierbändige populäre Erschöpfung des
+Stoffes: &#8216;Über den vermutlichen Gebrauch des Streusandes im
+vorgeschichtlichen China&#8217; keinen Verleger finden konnte, warf ich
+<span class='pagenum'><a name="Page_117" id="Page_117">[117]</a></span> mich
+auf Chemie&laquo;, &#8211; der Gelehrte wurde beim bloßen Zusehen, wie der andere
+Wein trank, redseliger, &#8211; &raquo;machte alsbald eine Erfindung, &#8216;Stahl auf neue
+Art zu härten&#8217;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na, aber das hätte doch Geld tragen müssen!&laquo; rief der Impresario.</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Ein Fabrikant, dem ich die Erfindung zeigte, riet mir ab, sie
+patentieren zu lassen (er patentierte sie später für sich selbst) und
+meinte, Geld könne man nur mit kleinen unscheinbaren Erfindungen
+verdienen, die den Neid der Konkurrenz nicht erwecken. Ich befolgte den
+Rat und erfand den berühmten zusammenlegbaren Konfirmationsbecher mit
+selbsttätig aufwärtssteigendem Boden, um den Methodistenmissionären das
+Bekehren wilder Völkerschaften zu erleichtern.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun und?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bekam zwei Jahre Kerker wegen Gotteslästerung.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Fahren Sie fort, Herr Doktor,&laquo; munterte der Weltmann den Gelehrten auf,
+&raquo;das ist alles ungemein amüsant.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach, ich könnte Ihnen tagelang von fehlgeschlagenen
+<span class='pagenum'><a name="Page_118" id="Page_118">[118]</a></span>
+Hoffnungen erzählen. &#8211; So machte ich zum Beispiel, um ein gewisses
+Stipendium, das ein bekannter Förderer der Wissenschaft ausgesetzt hatte,
+zu erlangen, mehrjährige Studien im Völkermuseum und schrieb ein
+aufsehenerregendes Buch: &#8216;Wie, nach der Gaumenbildung bei
+peruanischen Mumien zu schließen, die alten Inkas mutmaßlich den Namen
+Huitzitopochtli ausgesprochen haben würden, wenn dieses Wort nicht in
+Mexiko, sondern in Peru bekannt gewesen wäre.&#8217;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und haben Sie das Stipendium bekommen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Der bekannte Förderer der Wissenschaft sagte mir, &#8211; es war damals
+vor dem Kriege, &#8211; er habe zurzeit kein Geld, er sei nebenbei
+Friedensfreund und müsse sparen, da es vor allem gelte, die guten
+Beziehungen Deutschlands zu Frankreich zum Zwecke der Erhaltung der
+allgemeinen mühsam geschaffenen Menschheitswerte und -werke zu
+befestigen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber, als dann der Krieg ausbrach, hatten Sie doch Aussichten?!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Der Förderer sagte, jetzt müsse er vor allem sparen, um auch
+seinerseits ein Scherflein
+<span class='pagenum'><a name="Page_119" id="Page_119">[119]</a></span>
+beizutragen, auf daß der Erbfeind für alle Zeiten niedergeworfen
+werde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun, nach dem Kriege blüht sicher Ihr Weizen, Herr Doktor!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Dann wird der Förderer sagen, erst recht müsse er sparen, damit die
+zahllosen zerstörten Menschheitswerte und -werke wiederum aufgebaut und
+die abgebrochenen guten Beziehungen der Völker aufs neue hergestellt
+werden können.&laquo;&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Der Impresario dachte lange und ernst nach; dann fragte er mitleidig:
+&raquo;Wieso haben Sie sich eigentlich nie erschossen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Erschossen? Um Geld zu verdienen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;No nein; ich meine &#8211; nun, hm &#8211; ich meine halt, es ist
+bewundernswert, daß Sie nicht den Mut verloren haben, immer wieder von
+vorn den Kampf mit dem Leben zu beginnen?&laquo;</p>
+
+<p>Der Gelehrte wurde plötzlich unruhig; sein Gesicht, das bis dahin starr
+gewesen wie aus Holz geschnitzt, bekam ein ängstliches, flackerndes Leben.</p>
+
+<p>Über die Augen furchtsamer Tiere zieht, wenn sie zu Tode gehetzt vor dem
+Abgrund stehen
+<span class='pagenum'><a name="Page_120" id="Page_120">[120]</a></span>
+hinter sich den Verfolger &#8211; bevor sie sich in die Tiefe
+stürzen, um ihrem Peiniger nicht in die Hände zu fallen, ein ähnlich irrer
+Glanz von Qual und tiefster stummer Hoffnungslosigkeit, wie er jetzt in
+den Blick des Alten trat. Seine mageren Finger tasteten wie unter dem
+Zucken verhaltenen Weinens auf der Tischplatte umher, als wollten sie dort
+einen Halt suchen. Die Falte, die vom Nasenflügel zum Munde läuft, war mit
+einem Male lang und straff bei ihm geworden und verzog seine Lippen, als
+kämpfe er mit einer Lähmung. Er schluckte ein paarmal.</p>
+
+<p>&raquo;Ich weiß jetzt alles,&laquo; kam es dann mühsam heraus, wie bei einem, der sich
+gegen das Lallen seiner Zunge wehrt, &raquo;ich weiß schon, Sie sind ein
+Versicherungsagent. Ein halbes Leben lang habe ich mich gefürchtet, mit so
+einem zusammenzutreffen.&laquo; (Der Weltmann bemühte sich vergebens, zu Worte
+zu kommen, und protestierte mit Händen und Mienen.) &raquo;Ich weiß schon: Sie
+wollen mir heimlich zu verstehen geben, ich solle mich versichern lassen
+und dann irgendwie umbringen, damit &#8211; nun ja, damit mein Kind wenigstens
+leben kann und nicht mit mir
+<span class='pagenum'><a name="Page_121" id="Page_121">[121]</a></span>
+verhungert! Reden Sie nicht! Glauben Sie
+denn, ich wüßte nicht, daß einem von Ihrer Sorte nichts, aber auch gar
+nichts unbekannt ist?! Ihr kennt doch unser ganzes Leben und habt
+unsichtbare Gänge gegraben von Haus zu Haus und schielt hinein mit euern
+Wolfsaugen in die Stuben, wo etwas zu holen ist, &#8211; ob ein Kind geboren
+wird, wieviel Pfennige jeder in der Tasche hat, ob er heiraten wird oder
+eine gefahrvolle Reise plant. Ihr führt Buch über uns und verschachert
+einander unsere Adressen. Und Sie, Sie schauen mir ins Herz hinein und
+lesen da drinnen den Gedanken, der mich zerfrißt jetzt schon ein Jahrzehnt
+lang. &#8211; Ja, glauben Sie denn, ich sei ein so niederträchtiger Egoist, daß
+ich mich nicht schon längst versichert und erschossen hätte meiner Tochter
+zuliebe, &#8211; aus eigenem Antrieb und ohne es erst von euch, die ihr uns
+betrügen wollt und eure eigene Anstalt betrügt, nach rechts betrügt und
+nach links, untern Fuß zu bekommen, wie man&#8217;s machen soll, damit nichts
+herauskommt?! Glauben Sie, ich wüßte nicht, daß ihr dann, wenn&#8217;s &#8211; vorbei
+ist, hinlauft und verratet
+<span class='pagenum'><a name="Page_122" id="Page_122">[122]</a></span>
+&#8211; wiederum gegen &#8216;Provision&#8217;: Hier liegt Selbstmord vor,
+die Versicherungssumme braucht nicht ausgezahlt zu werden! &#8211; &#8211;
+Glauben Sie, ich sähe nicht &#8211; so, wie&#8217;s jeder sieht &#8211;,
+wie die Hände meiner lieben Tochter immer weißer und durchsichtiger werden
+von Tag zu Tag, und verstünde nicht, was es bedeutet: trockene fieberige
+Lippen und Hüsteln in der Nacht!? Selbst wenn ich ein Halunke wäre wie
+euresgleichen, hätte ich, um Arznei und kräftige Nahrung zu schaffen,
+schon längst &#8211; &#8211;, aber ich weiß doch, wie&#8217;s dann käme:
+das Geld würde nie ausbezahlt, und &#8211; und dann &#8211; &#8211;, nein,
+nein, es ist nicht auszudenken!&laquo;</p>
+
+<p>Wieder wollte der Impresario unterbrechen, um den Verdacht, er sei
+Versicherungsagent, zu entkräften, getraute sich aber nicht, denn der
+Gelehrte ballte drohend die Faust.</p>
+
+<p>&raquo;Ich muß immerhin noch einen andern Weg zur Hilfe in Erwägung ziehen,&laquo;
+beendete halblaut nach längerem unverständlichem Gebärdenspiel
+<em class="antiqua">Dr.</em>&nbsp;Paupersum irgendeinen offenbar nur gedachten Satz,
+&raquo;das &#8211; das mit den &#8211; Ambraser Riesen.&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_123" id="Page_123">[123]</a></span>
+&raquo;Ambraser Riesen! Donnerkeil, da sind Sie ja plötzlich bei meinem Thema.
+Das ist&#8217;s doch, was ich von Ihnen wissen möchte!&laquo; Der Impresario ließ sich
+nicht mehr halten: &raquo;Wie verhält sich das mit den Ambraser Riesen? Ich
+weiß, Sie haben einmal einen Aufsatz darüber geschrieben. Aber warum
+trinken Sie denn nicht, Herr Doktor?! Julius, rasch noch ein Weinglas!&laquo;</p>
+
+<p>Sofort war <em class="antiqua">Dr.</em> Paupersum wieder ganz Gelehrter.</p>
+
+<p>&raquo;Die Ambraser Riesen,&laquo; erzählte er trocken, &raquo;waren
+mißgestaltete Menschen mit ungeheuern Händen und Füßen, und ihr Vorkommen
+beschränkte sich ausschließlich auf das Tiroler Dorf Ambras, was zu der
+Vermutung Anlaß gab, es müsse sich dabei um eine seltene Krankheitsform
+handeln, deren Erreger an Ort und Stelle zu suchen sei, da er anderwärts
+offenbar keinen Nährboden finden könne. Ich aber war der allererste, der
+nachgewiesen hat, daß der gewisse Krankheitserreger im Wasser einer
+dortigen, inzwischen nahezu versiegten Quelle zu suchen ist, und gewisse
+Versuche, die ich in dieser Richtung machte, berechtigten mich, den Beweis
+an mir
+<span class='pagenum'><a name="Page_124" id="Page_124">[124]</a></span>
+selbst in der Weise anzubieten, daß ich mich anheischig
+machen kann, nötigenfalls bereits in wenigen Monaten &#8211; trotz meines
+vorgeschrittenen Alters &#8211; an meinem eigenen Körper derartige und
+noch weit darüber hinausgehende Mißwachserscheinungen
+herbeizuführen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Welcher Art zum Beispiel?&laquo; fragte der Impresario gespannt.</p>
+
+<p>&raquo;Meine Nase würde sich fraglos um eine Spanne ins Rüsselartige verlängern
+&#8211; etwa in der Form, die dem amerikanischen Wasserschwein eigentümlich
+ist, die Ohren würden sich zu Tellergröße auswachsen, meine Hände hätten
+sicherlich schon nach einem Vierteljahr das Ausmaß eines mittleren
+Palmenblattes (<em class="antiqua">Lodoicea Sechellarum</em>) erreicht, wohingegen meine Füße
+leider die Dimensionen eines 100-Liter-Faßdeckels schwerlich übertreffen
+würden. Was ferner die immerhin zu erhoffende knollenartige Wucherung der
+Knie nach Art des mitteleuropäischen Baumschwammes anbelangt, sind meine
+theoretischen Berechnungen noch nicht abgeschlossen, so daß ich eine
+wissenschaftliche Garantie nur mit Vorbehalt übernehmen&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_125" id="Page_125">[125]</a></span>
+&raquo;Das genügt! Sie sind mein Mann!&laquo; fiel der Impresario atemlos ein. &raquo;Bitte,
+unterbrechen Sie mich nicht. &#8211; Kurz und gut: Sind Sie willens, das
+Experiment an sich zu machen, wenn ich Ihnen ein jährliches Einkommen von
+einer halben Million garantiere und einen Vorschuß von ein paar tausend
+Mark &#8211; sagen wir &#8211; na, sagen wir: fünfhundert Mark erlege?&laquo;</p>
+
+<p><em class="antiqua">Dr.</em> Paupersum war wie betäubt. Er schloß die Augen.
+Fünfhundert Mark! &#8211; Ja, gab&#8217;s denn überhaupt so viel Geld auf der Welt!</p>
+
+<p>Ein paar Minuten lang sah er sich bereits in ein vorsintflutliches Ungetüm
+mit langem Rüssel verwandelt, hörte im Geiste einen Neger, grell als
+Jahrmarktsbudenausrufer gekleidet, in eine bierschwitzende Menge
+hinabkreischen: &raquo;Nurr herreinspaziert, meine Herrschaften, &#8211;
+das größte Scheusal des Jahrhunderts für lump&#8217;je zehn
+Fenn&#8217;je!&laquo; &#8211; &#8211; Dann aber sah er seine liebe, liebe
+Tochter voll blühender Gesundheit, in weiße Seide reich gekleidet, mit dem
+Myrtenkranz als Braut vor dem Altare selig knien &#8211; und die ganze
+Kirche war strahlend erhellt &#8211; und von dem Muttergottesbild ging ein
+Glanz<span class='pagenum'><a name="Page_126" id="Page_126">[126]</a></span>
+aus &#8211; und &#8211; und &#8211; einen Augenblick
+krampfte sich ihm wohl das Herz zusammen: er selbst mußte sich hinter
+einem Pfeiler verborgen halten, er durfte seine Tochter ja nie mehr
+küssen, sich nicht einmal von weitem sehen lassen, um ihr seinen Segen
+zuzuwinken, &#8211; er, er, das grauenhafteste Monstrum der Erde! Denn er hätte
+doch sonst den Bräutigam verscheucht! Und er würde fortan in der Dämmerung
+leben müssen, wie ein lichtscheues Tier, sich bei Tag sorgfältig verborgen
+halten, &#8211; aber was lag an all dem! Plunder! Kleinigkeiten! Wenn nur seine
+Tochter wieder gesund werden kann! Und glücklich! Und reich! &#8211; Eine
+stumme Verzückung kam über ihn. &#8211; Fünfhundert Mark! Fünf &#8211; hundert &#8211;
+Mark!&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Der Impresario, der das lange Schweigen des Gelehrten als
+Unentschlossenheit deutete, fing an, seine ganze Überredungskunst
+aufzubieten: &raquo;Herr Doktor! So hören Sie doch! Sie treten ja Ihr Glück mit
+Füßen, wenn Sie &#8216;nein&#8217; sagen! Ihr ganzes Leben war bisher verfehlt. Und
+warum? Sie haben Ihren Verstand vollgepfropft mit lauter Lernen. Lernen
+ist doch
+<span class='pagenum'><a name="Page_127" id="Page_127">[127]</a></span>
+Blödsinn. Schauen Sie mich an: hab&#8217; ich vielleicht was gelernt?
+Das Lernen können sich Leute leisten, die wo von Haus aus schon reich sind
+&#8211; und die haben&#8217;s dann eigentlich erst recht net nötig. &#8211; Der Mensch muß
+demütig sein und &#8211; dumm, sozusagen, dann hat ihn die Natur gern. Die
+Natur ist doch auch dumm. Haben Sie schon einmal g&#8217;sehn, daß ein dummer
+Mensch zugrund&#8217; &#8217;gangen is? &#8211; Sie hätten von Anfang an die Talente
+dankbar entwickeln sollen, die Ihnen das Schicksal als Geschenk in die
+Wiege gelegt hat. Oder haben Sie sich &#8217;leicht noch nie in den Spiegel
+geschaut? Wer so aussieht wie Sie, selbst jetzt, wo Sie noch kein Ambraser
+Trinkwasser eing&#8217;nommen haben, hätt&#8217; sich schon längst als Clown eine
+solide Existenz gründen können, &#8211; Gott, die Fingerzeige der gütigen
+Mutter Natur sind doch so blitzeinfach zu verstehen. Oder fürchten Sie
+sich &#8217;leicht, als Monstrosität keine Ansprache zu haben? Ich kann Ihnen
+nur sagen, ich hab&#8217; schon ein stattliches Angsambel beisammen. Und lauter
+Leute aus den besten Kreisen. &#8211; Da hab&#8217; ich zum Beispiel einen alten
+Herrn, der wo
+<span class='pagenum'><a name="Page_128" id="Page_128">[128]</a></span>
+ohne Arme und Beine geboren worden ist. Den führ&#8217; ich
+demnächst Ihrer Majestät der Königin von Italien als belgischen Säugling
+vor, den die deutschen Generäle verstümmelt haben.&laquo;</p>
+
+<p><em class="antiqua">Dr.</em> Paupersum hatte nur die letzten Worte klar erfaßt. &raquo;Was reden
+Sie da für Zeug zusammen?&laquo; fuhr er unwirsch auf. &raquo;Erst sagen
+Sie, der Krüppel sei ein alter Herr, und dann wollen Sie ihn als
+belgischen Säugling vorstellen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das erhöht doch gerade den Reiz!&laquo; widersprach der Impresario; &raquo;ich
+behaupte ganz <ins class="correction" title="Original: ein fach">einfach</ins>,
+er sei so rapid gealtert &#8211; aus Gram, weil er hat
+zuschauen müssen, wie ein preußischer Ulan seine Mutter bei lebendigem
+Leib aufgefressen hat.&laquo;</p>
+
+<p>Der Gelehrte wurde unsicher; die Schlagfertigkeit des andern war zu
+verblüffend. &raquo;Na gut, meinetwegen. Aber sagen Sie mir vor allem: Wie
+gedenken Sie mich zur Schau zu stellen, bis ich erst einen Rüssel habe,
+Füße wie ein Faßdeckel und so weiter?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Blitzeinfach! &#8211; Ich schmuggle Sie mit falschem Paß über die Schweiz nach
+Paris. Dort
+<span class='pagenum'><a name="Page_129" id="Page_129">[129]</a></span>
+kommen Sie in einen Käfig, haben alle fünf Minuten zu brüllen
+wie ein Stier und dreimal täglich ein paar lebende Ringelnattern zu essen
+(die Sache kriegen wir schon, es hört sich nur ein bissel grausig an).
+Abends ist dann Galavorstellung: ein Turko zeigt, wie er Sie in den
+Urwäldern Berlins mit dem Lasso eingefangen hat. Und draußen auf einem
+Plakat steht: Dieses ist ein garantiert echter deutscher Professor (und
+das ist doch die Wahrheit; zu einem Schwindel gebe ich meine Hand nicht
+her), das erstemal lebend nach Frankreich gebracht! &#8211; und so weiter.
+Übrigens wird mein Freund d&#8217;Annunzio den Text gern verfassen, der findet
+den richtigen poetischen Schwung schon.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was aber, wenn inzwischen der Krieg beendet ist?&laquo; gab der Gelegte zu
+bedenken, &raquo;wissen Sie, bei meinem Pech&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>Der Impresario lächelte: &raquo;Seien Sie unbesorgt, Herr Doktor; die Zeit, wo
+ein Franzose nicht alles glaubt, was gegen die Deutschen spricht, kommt
+nie. Auch in tausend Jahren nicht.&laquo;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;</p>
+
+<hr class="dash" /><hr class="dash" />
+
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_130" id="Page_130">[130]</a></span>
+War das ein Erdbeben gewesen? Nein, &#8211; nur der Pikkolo hatte seinen
+Nachtdienst im Caf&eacute; angetreten und als musikalisches Vorspiel ein
+Kredenzblech mit Wassergläsern heruntergeschmissen.</p>
+
+<p><em class="antiqua">Dr.</em> Paupersum blickte verstört umher. Die Göttin von
+&raquo;Über Land und Meer&laquo; war verschwunden und statt ihrer hockte ein alter
+unverbesserter Gewohnheits-Theaterkritiker auf dem Sofa,
+&raquo;verriß&laquo; im Geiste eine Premiere, die nächste Woche
+stattfinden sollte, tupfte mit nassem Zeigefinger ein paar Semmelbrösel
+vom Tisch, zernagte sie mit den Vorderzähnen und schnitt Iltisgesichter
+dazu.</p>
+
+<p>Allmählich wurde sich <em class="antiqua">Dr.</em> Paupersum darüber klar, daß er selbst
+sonderbarerweise mit dem Rücken gegen das Lokal saß &#8211; vermutlich die
+ganze Zeit über so gesessen hatte &#8211; und alles, was er mit dem Auge
+erlebt, in dem großen Wandspiegel vor sich gesehen haben mußte, denn sein
+eigenes Gesicht starrte ihn jetzt nachdenklich an. &#8211; Der Weltmann war
+auch noch da, fraß auch wirklich kalten Lachs &#8211; mit dem Messer natürlich
+&#8211;, aber er saß ganz drüben im Winkel und nicht hier am Tisch.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_131" id="Page_131">[131]</a></span>
+&raquo;Wie bin ich eigentlich ins Caf&eacute; Stefanie gekommen?&laquo; fragte sich der
+Gelehrte.</p>
+
+<p>Er konnte sich nicht entsinnen.</p>
+
+<p>Dann legte er sich langsam zurecht: Es kommt von dem ewigen Hungern, und
+wenn man andere Lachs essen sieht und Wein dazu trinken. Mein Ich hat sich
+eine Weile gespalten. Alte Sache das und ganz natürlich; in solchen Fällen
+sind wir mit einem Male wie Zuschauer im Theater und doch auch
+gleichzeitig die Darsteller unten auf der Bühne. Und die Rollen, die wir
+spielen, setzen sich zusammen aus dem, was wir einst gelesen und gehört
+und heimlich &#8211; gehofft haben. Ja, ja, die Hoffnung ist ein grausamer
+Dichter! Wir malen uns da Gespräche aus, die wir zu erleben glauben, sehen
+uns Gebärden machen, bis die Außenwelt fadenscheinig wird und unsere
+Umgebung zu anderen trügerischen Formen gerinnt. Selbst die Sätze, die in
+unserem Hirn geboren werden, denken wir nicht mehr wie sonst; sie sind mit
+Phrasen und Begleitbemerkungen umhüllt wie in einer Novelle. &#8211; Ein
+seltsames Ding, dieses &raquo;Ich&laquo;! Es fällt zuweilen auseinander wie ein Bündel
+Ruten,
+<span class='pagenum'><a name="Page_132" id="Page_132">[132]</a></span>
+von dem man die Schnur löst ... &#8211; und wieder ertappte sich <em class="antiqua">Dr.</em>
+Paupersum dabei, daß seine Lippen murmelten: &raquo;Wie bin ich eigentlich ins
+Caf&eacute; Stefanie gekommen?&laquo;</p>
+
+<p>Plötzlich zerriß ein Jubelschrei in seinem Innern alles Grübeln: &raquo;Ich habe
+doch eine Mark gewonnen im Schachspiel. Eine ganze Mark! Jetzt ist ja
+alles gut; mein Kind kann wieder gesund werden. Rasch eine Flasche roten
+Wein, und Milch, und&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;.&laquo;</p>
+
+<p>In wilder Aufregung durchwühlte er seine Taschen, da fiel sein Blick auf
+den Trauerflor, den er am Ärmel trug, und mit einem Schlage stand die
+nackte entsetzliche Wirklichkeit vor ihm: seine Tochter war doch gestern
+nacht gestorben!</p>
+
+<p>Er griff mit beiden Händen nach seinen Schläfen &#8211; &#8211; ja, ge&#8211;stor&#8211;ben.
+Jetzt wußte er auch, wieso er ins Caf&eacute; gekommen war &#8211; vom Friedhof, vom
+Begräbnis. Am Nachmittag hatten sie sie doch bestattet. Eilig,
+teilnahmslos, verdrossen. Weil es so geregnet hatte.</p>
+
+<p>Und dann war er durch die Straßen geirrt, stundenlang, hatte die Zähne
+zusammengebissen und krampfhaft auf das Klappen seiner Absätze
+<span class='pagenum'><a name="Page_133" id="Page_133">[133]</a></span> gehorcht
+und dabei gezählt, immer gezählt und gezählt von eins bis hundert und
+wieder von vorn, um nicht wahnsinnig zu werden vor Furcht, seine Schritte
+könnten ihn gegen seinen Willen nach Hause führen in sein kahles Zimmer
+mit dem ärmlichen Bett, in dem sie gestorben, und das jetzt &#8211; leer war.
+Irgendwie mußte er dann hier gelandet sein. Irgendwie.</p>
+
+<p>Er hielt sich am Tischrand, um nicht zusammenzubrechen. Abgerissen und
+unvermittelt zog es durch sein Gelehrtenhirn: &raquo;Hm, ja, ich hätte &#8211; ich
+hätte ihr durch Transfusion Blut aus meinen Adern überleiten sollen; &#8211;
+Blut überleiten sollen &#8211; &#8211;&laquo; wiederholte er ein paarmal mechanisch; da
+schreckte ihn ein Gedanke auf: &raquo;Ich kann mein Kind doch nicht allein
+lassen &#8211; draußen in der nassen Nacht,&laquo; wollte er aufschreien, aber es kam
+nur ein leises Winseln aus seiner Brust.&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>&raquo;Rosen, ein Strauß Rosen war ihr letzter Wunsch gewesen,&laquo; scheuchte es ihn
+nochmals auf &#8211; &#8211; &#8211; &raquo;so kann ich ihr doch wenigstens einen Strauß Rosen
+kaufen, ich habe ja eine Mark im Schachspiel gewonnen,&laquo; &#8211; er wühlte
+<span class='pagenum'><a name="Page_134" id="Page_134">[134]</a></span>
+wieder in seinen Taschen und eilte hinaus, ohne Hut in die Dunkelheit,
+einem letzten winzigen Irrlicht nach.</p>
+
+<hr class="dash" />
+
+<p>Am nächsten Morgen fanden sie ihn auf dem Grab seiner Tochter. Tot. Die
+Hände tief in die Erde gewühlt. Er hatte sich die Pulsadern
+durchschnitten, und sein Blut war hinabgesickert zu der, die da unten
+schlief.</p>
+
+<p>Auf seinem weißen Gesicht aber lag ein Glanz jenes stolzen Friedens, den
+keine Hoffnung mehr stören kann.</p>
+</div>
+
+
+<p class="chapter"><span class='pagenum'><a name="Page_135" id="Page_135">[135]</a></span>
+<a name="Amadeus_Knodlseder" id="Amadeus_Knodlseder"></a>Amadeus Knödlseder <br />
+Der unverbesserliche Lämmergeier</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Knödlseder, schleich dich!&laquo; hatte der bayerische Steinadler Andreas
+Humplmeier gesagt und das Fleischstück, das des Wärters spendende Hand
+durchs Gitter gesteckt, brüsk an sich gerissen.</p>
+
+<p>&raquo;Sauviech, verfluachts&laquo;, schimpfte, vor Wut außer sich, der hochbetagte,
+in der langen Gefangenschaft bereits kurzsichtig gewordene Lämmergeier &#8211;
+denn dies war der solchergestalt auf geringschätzige Weise Angeredete,
+flog auf eine Stange und spuckte dünn nach seinem Widersacher.</p>
+
+<p>Doch Humplmeier ließ sich nicht beirren; den Kopf in die schützende Ecke
+gesteckt, verzehrte er das Fleisch, hob nur verächtlich die Schwanzfedern
+und höhnte: &raquo;Geh her! Kriagst a Watschn.&laquo;</p>
+
+<p>Es war nun schon das drittemal, daß Amadeus Knödlseder um sein Abendessen
+kam!</p>
+
+<p>&raquo;Das geht nicht länger so weiter&laquo;, brummte
+<span class='pagenum'><a name="Page_136" id="Page_136">[136]</a></span>
+er und schloß die Augen, um das unverschämte Grinsen des Marabus nebenan
+im Käfig nicht zu sehen, der regungslos im Winkel saß und angeblich
+&raquo;Gott dankte&laquo;, &#8211; eine Beschäftigung, der er als heiliger
+Vogel rastlos obliegen zu müssen glaubte, &raquo;das geht nicht länger so
+weiter&laquo;.</p>
+
+<p>Knödlseder ließ die Ereignisse der verflossenen Wochen im Geiste an sich
+vorüberziehen: anfangs, nun ja, da hatte er selbst oft über des
+Steinadlers urwüchsige Art lächeln müssen; besonders bei einer
+Gelegenheit: in den anstoßenden Raum waren damals zwei engbrüstige,
+hochmütige Gesellen &#8211; stelzbeinig wie Störche &#8211; gebracht worden, und der
+Steinadler hatte ausgerufen: &raquo;Ja, was wär denn jetzt dös? Was seid&#8217;s denn
+ös für welche?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir sind Jungfernkraniche&laquo;, war die Antwort gewesen.</p>
+
+<p>&raquo;Wer&#8217;s glaubt&laquo;, hatte der Steinadler zur allgemeinen Heiterkeit gesagt,
+aber gar bald kehrte sich die Spottlust des rüden Burschen auch gegen ihn:
+So zum Beispiel besprach er sich heimlich einmal mit einem Raben, der bis
+<span class='pagenum'><a name="Page_137" id="Page_137">[137]</a></span>
+dahin ein sehr umgänglicher Kollege gewesen, und sie entwendeten einer
+unvorsichtigerweise zu nahe am Gitter vorbeifahrenden Kindsfrau aus deren
+Säuglingswagen einen roten Gummischlauch. Dann legten sie den Schlauch in
+die Freßmulde, und der Steinadler hatte mit dem Daumen hingedeutet und
+gesagt: &raquo;Amatöus, da hast du eine Wurscht.&laquo; Und er &#8211; er, der bislang
+einstimmig als die Zierde des Zoologischen Gartens gegolten, der
+hochgeehrte königliche Lämmergeier Knödlseder! &#8211; hatte es geglaubt, war
+mit dem Schlauch auf die Stange geflogen, hatte ihn zwischen die Fänge
+genommen und mit dem Schnabel daran gezogen und gezogen, bis er selbst
+schon ganz lang und dünn geworden und dann war das elastische Zeug
+plötzlich gerissen und er nach hinten heruntergefallen, wobei er sich den
+Hals scheußlich verrenkte. Unwillkürlich befühlte Knödlseder die noch
+immer schmerzende Stelle. Wieder schüttelte ihn ein Wutausbruch, aber er
+bezwang sich rasch, um dem Marabu keinen Anlaß zur Schadenfreude zu geben.
+Er warf einen raschen Blick hinunter: nein, zum Glück hatte der ekelhafte
+Kerl<span class='pagenum'><a name="Page_138" id="Page_138">[138]</a></span>
+nichts bemerkt &#8211; er saß im Winkel und &raquo;dankte Gott&laquo;.&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>&raquo;Heute nacht wird entflohen,&laquo; beschloß der Lämmergeier nach längerem Hin-
+und Hergrübeln endlich bei sich; &raquo;besser die Freiheit mit ihren Sorgen ums
+Dasein, als mit diesen Unwürdigen auch nur einen Tag noch beisammen sein!&laquo;
+&#8211; Ein kurzer Versuch zeigte ihm, daß die Klappe &#8211; oben im Käfig am
+Scharnier durchgerostet &#8211; noch immer leicht zu öffnen war, ein Geheimnis,
+um das er seit geraumer Zeit schon wußte.</p>
+
+<p>Er zog seine Taschenuhr zu Rate: Neun Uhr! Also mußte es bald finster
+werden!</p>
+
+<p>Er wartete noch eine Stunde und packte dann geräuschlos seinen Handkoffer.
+Ein Nachthemd, drei Taschentücher (er hielt sie ans Auge: mit A. K.
+gemerkt?, ja, es waren die seinigen), sein abgegriffenes Gesangbuch mit
+dem vierblättrigen Kleeblatt drin und dann &#8211; eine Träne der Wehmut
+feuchtete seine Lider &#8211; das alte liebe Bruchband, das, bunt als
+Brillenschlange bemalt, ihm einst Mütterlein zum Osterfeste kurz bevor er
+von Menschenhand aus dem Neste genommen worden, zum Spielen geschenkt
+hatte.<span class='pagenum'><a name="Page_139" id="Page_139">[139]</a></span>
+So, das war alles. Zugesperrt und den Kofferschlüssel im Kropfe geborgen.</p>
+
+<p>&raquo;Eigentlich sollte ich mir&laquo;, überlegte Knödlseder, &raquo;noch vom Herrn
+Vorstand ein Leuschnabelzeugnis ausstellen lassen! Man kann nie
+wissen&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&laquo;; aber er verwarf den Gedanken; nicht mit Unrecht sagte er
+sich, die Direktion des Zoologischen Gartens könnte trotz ihrer
+sprichwörtlichen Harmlosigkeit seiner Abreise mißbilligend
+gegenüberstehen. &raquo;Nein, lieber noch ein Stündchen schlafen.&laquo;</p>
+
+<p>Schon wollte er den Kopf unter den Flügel stecken, da schreckte ihn ein
+Klappern auf. Er horchte. Es war nichts weiter von Bedeutung: der Marabu,
+der insgeheim dem Hazard fröhnte, spielte bei Mondenschein unter dem
+Schutze der Nacht, &raquo;grad ungrad auf Ehrenwort&laquo; mit sich selber. Und das
+machte er so: er schluckte einen Haufen Kieselsteine und spuckte sie zum
+Teil wieder aus; war die Zahl ungrad, hatte er &raquo;gewonnen&laquo;. Eine Weile sah
+der Lämmergeier zu und freute sich mordsmäßig, da der Marabu unausgesetzt
+verlor, bis wiederum ein Geräusch, &#8211; diesmal aus dem künstlichen
+Zementbaum, der das Innere
+<span class='pagenum'><a name="Page_140" id="Page_140">[140]</a></span>
+des Käfigs verschönte, kommend &#8211; seine
+Aufmerksamkeit anderweitig in Anspruch nahm. Es war eine Flüsterstimme,
+die ihm zuraunte: &raquo;Pst, pst, Herr Knödlseder!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, was gibts?&laquo; antwortete der Lämmergeier ebenso leise und flog lautlos
+von seiner Stange herab.</p>
+
+<p>Es war ein Igel, der ihn angeredet hatte, zwar auch ein gebürtiger Bayer,
+aber im Gegensatz zu dem widerwärtigen Steinadler ein schlichter biederer
+Charakter und rohen Späßen von Grund aus abhold.</p>
+
+<p>&raquo;Sie wollen entfliehen&laquo;, begann der Igel und wies mit dem Kopf nach dem
+gepackten Handkoffer. Einen Augenblick überlegte der Lämmergeier, ob er
+dem Sprecher sicherheitshalber nicht den Kragen umdrehen sollte, aber der
+offene ehrliche Blick des Wackern entwaffnete ihn. &raquo;Kennen S&#8217; Ihna denn
+aber auch in der Gegend bei München aus, Herr Knödlseder?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein&laquo;, gab der Lämmergeier betroffen zu.</p>
+
+<p>&raquo;No, so seg&#8217;n S&#8217;. Da kann i Ihna rat&#8217;n. Also zerscht,
+bal S&#8217; außa kemman:
+links ums Eck umi; nacher halten S&#8217; Eahna rechterhand.
+<span class='pagenum'><a name="Page_141" id="Page_141">[141]</a></span>
+Na seg&#8217;n S&#8217; scho selber. Und nacher&laquo; &#8211; der Igel
+machte eine Pause, schüttelte sich aus seinem Schmalzlerglas eine Prise
+Tabak auf die Daumengrube und schnupfte sie zischend auf &#8211;
+&raquo;und nacher pfeilgrad füri, bis S&#8217; zu aner Oasn kemman &#8211;
+Daglfing hoaßt mer&#8217;s, na&#8217; müass&#8217;n S&#8217;
+weiterfrag&#8217;n. Und viel Glück auf d&#8217; Reis&#8217;, Herr
+Nachbar&laquo;, schloß der Igel und verschwand.</p>
+
+<p class="star">* * *</p>
+
+<p>Alles war gut gegangen. Noch vor Tagesgrauen hatte Amadeus Knödlseder
+vorsichtig die Gitterklappe geöffnet, schnell das Edelweißhütlein und die
+gestickten Hosenträger Humplmeiers, des Steinadlers, der auf seiner Stange
+wie eine Brettsäge schnarchte, mit seinen eignen abgetragenen vertauscht
+und sich, das Köfferchen in der Linken, in die Lüfte geschwungen. Wohl war
+bei dem Geräusch der Marabu aus dem Schlummer erwacht, aber ohne etwas zu
+bemerken, denn er hatte sich sofort, noch schlaftrunken, in den Winkel
+gestellt und dankte Gott.</p>
+
+<p>&raquo;Eine Flachheit ist das!&laquo; brummte der Lämmergeier
+<span class='pagenum'><a name="Page_142" id="Page_142">[142]</a></span>
+beim Anblick der träumenden Stadt, wie er durchs rosige Dämmerlicht nach
+Süden flog, &raquo;und so was nennt sich Kunstmetropole!&laquo;</p>
+
+<p>Bald war das liebliche Daglfing erreicht, und Amadeus Knödlseder ließ sich
+herab, um, von der ungewohnten Anstrengung erhitzt, eine Maß Bier käuflich
+an sich zu bringen.</p>
+
+<p>Gemächlich schlenderte er durch die ausgestorbenen Gassen. Doch weit und
+breit kein Ausschank, der so früh schon offen gewesen wäre. Ein einziger
+Laden nur, der eine Ausnahme machte: die &raquo;Handlung&laquo; von Barbara
+Mutschelknaus.</p>
+
+<p>Eine Weile musterte der Lämmergeier die bunte Auslage, dann schoß ihm ein
+Gedanke durch den Kopf. Entschlossen drückte er auf die Klinke.</p>
+
+<p class="star">* * *</p>
+
+<p>Schon in der Nacht hatte ihn die Sorge gequält, womit er wohl in der
+Freiheit sein Dasein fristen sollte. Beute erjagen? Bei <em class="gesperrt">meiner</em>
+Kurzsichtigkeit? hatte er sich gefragt.</p>
+
+<p>Hm. Oder eine kleine Guanofabrik errichten? Dazu gehört in erster Linie
+Essen, und zwar
+<span class='pagenum'><a name="Page_143" id="Page_143">[143]</a></span>
+viel, sehr viel Essen; <em class="antiqua">ex nihilo nihil fit</em>; &#8211;
+doch jetzt mit einem Male eröffnete sich ihm ein neuer Plan. Er betrat
+den Laden.</p>
+
+<p>&raquo;Teifi, was is denn jetzt dös für a scheißlichs Viech!&laquo; kreischte die alte
+Frau Mutschelknaus beim Anblick des sonderbaren frühen Kunden auf; doch
+gar bald besänftigte sie sich, als Amadeus Knödlseder ihr freundlich die
+Wangen tätschelte und in wohlgesetzter Rede zu verstehen gab, er gedenke
+behufs Vervollständigung seiner Reisetoilette umfangreiche Einkäufe zu
+machen, wofür hauptsächlich farbige Krawatten aller Arten und Formen in
+Betracht kämen.</p>
+
+<p>Durch das joviale Benehmen des Lämmergeiers bestrickt, türmte die Alte
+denn auch in Windeseile ganze Berge der prächtigsten Halsbinden auf den
+Ladentisch.</p>
+
+<p>Und alles nahm der &raquo;gnä Herr&laquo; ohne zu feilschen und ließ es in eine große
+Pappschachtel packen. Nur einen feuerroten Schlips wählte er selbst aus
+mit dem Ersuchen, ihn an seinem langen kahlen Hals zu befestigen, dabei
+mit sengendem Blick verführerisch das Liedchen trällernd:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_144" id="Page_144">[144]</a></span>
+<span class="i0">&raquo;Ein heißer Kuß von deinem Rosenmundö</span>
+<span class="i0">erinnert mich</span>
+<span class="i0">an jenes Morgenrot, hurra;</span>
+<span class="i0">hurra, hurra!&laquo;</span>
+</div></div>
+
+<p>&raquo;No, die steht Eahna&laquo;, rief die Alte selig, als die Krawatte endlich
+richtig saß, &raquo;und ausschaugn tuan S&#8217; (wie ein Schnallentreiber, hätte sie
+beinahe gesagt) &#8211; wie ein leibhaftiger Baron.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So, nun noch ein Glas Wasser, liebe Frau, wenn ich bitten darf&laquo;, flötete
+der Lämmergeier.</p>
+
+<p>Dienstbeflissen eilte die Betörte in die rückwärtigen Gefilde des Hauses;
+doch kaum war sie dem Blick entschwunden, ergriff Amadeus Knödlseder die
+Pappschachtel, stürmte ohne zu zahlen aus dem Laden und schwebte in der
+nächsten Minute dem klaren Himmelszelt zu. Wohl gellte alsbald eine Flut
+von Verwünschungen seitens der geschädigten Handelsfrau in die Luft, doch
+ohne jeglichen Gewissensbiß &#8211; im linken Fang den Handkoffer, rechts die
+gefüllte Pappschachtel &#8211; gaukelte der Ruchlose fürbaß durch den blauen
+Äther.</p>
+
+<p>Erst spät am Nachmittage &#8211; die scheidenden Strahlen des zur Rüste
+gehenden Sonnenballes
+<span class='pagenum'><a name="Page_145" id="Page_145">[145]</a></span>
+schickten sich bereits an, die roterglühenden Alpengipfel zu küssen
+&#8211; lenkte er seinen Flug erdwärts. Der balsamische Duft der
+heimatlichen Bergwelt umfächelte kosend sein Antlitz und trunken schwelgte
+das Auge in köstlichem Fernblick.</p>
+
+<p>Melodisch klang aus grünenden Triften der schwermütige Gesang der
+Hirtenknaben empor zum schwindelnden Firn, gar lieblich durchflochten von
+dem Silberschall der heimziehenden Herden. Von dem richtigen Instinkt des
+Sohnes der Lüfte geleitet, erkannte Amadeus Knödlseder gar bald zu seiner
+Freude, daß ein günstiges Schicksal wohlwollend seine Schwingen gelenkt
+und ihn in die Nähe eines wohlhabenden Murmeltierstädtchens geführt hatte.</p>
+
+<p>Wohl suchten die Bewohner sofort bei seinem Erscheinen den schützenden
+Herd auf und schlossen die Türen, aber rasch legte sich ihre Furcht, als
+sie sahen, daß Knödlseder einem greisen Hamster, der in der Ortschaft ein
+Getreidegeschäft leitete und nimmer schnell genug hatte fliehen können,
+nicht nur kein Haar krümmte, vielmehr ehrerbietig vor ihm den Hut zog, um
+Feuer bat und sich nach einer Herberge erkundigte.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_146" id="Page_146">[146]</a></span>
+&raquo;Sie sind gewiß kein Hiesiger, nach dem Dialekt zu schließen?&laquo;, fragte er,
+leutselig ein längeres Gespräch anknüpfend, als ihm der Hamster, vor
+Zittern kaum der Rede fähig, die gewünschte Auskunft erteilt hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, nein&laquo;, stotterte der alte Herr.</p>
+
+<p>&raquo;Wohl aus dem Süden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Aus &#8211; aus Prag.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Demnach mosaischen Glaubensbekenntnisses, wie?&laquo; forschte Amadeus
+Knödlseder und drückte lächelnd ein Auge zu.</p>
+
+<p>&raquo;Ich? I &#8211; ich? Was denken Sie von mir, Herr Lämmergeier!&laquo; leugnete der
+Hamster in seiner Angst, möglicherweise einen Russen vor sich zu haben,
+drauflos. &raquo;Ich mosaisch? Im Gegenteil, ich war doch zehn Jahr lang
+Schabbesgoj bei einer zwar jüdischen, aber armen Familie!&laquo;</p>
+
+<p>Nachdem der Lämmergeier sich noch eingehend über alles Mögliche erkundigt
+und insbesondere seiner hohen Freude Ausdruck verliehen, daß es im
+Städtchen keinerlei wie immer geartete Nachtlokale gab, entließ er den
+Ärmsten, der von beständiger Furcht inzwischen beinahe den Veitstanz
+<span class='pagenum'><a name="Page_147" id="Page_147">[147]</a></span>
+bekommen hätte, und begab sich auf die Suche nach einer Wohnung.</p>
+
+<p>Das Glück lächelte ihm, und noch ehe die Nacht hereinbrach, war es ihm
+gelungen, auf dem Marktplatz einen schmucken Laden mit anstoßender Kammer
+sowie Nebenräumen, die alle ihre eigenen Ausgänge hatten, zu mieten.</p>
+
+<p class="star">* * *</p>
+
+<p>Friedlich flossen Tage und Wochen dahin, die Bürgerschaft hatte ihre
+Besorgnisse längst fahren lassen, und fröhliches Gemurmel belebte wiederum
+von früh bis spät die Straßen.</p>
+
+<p>Fein säuberlich mit Rundschrift auf ein Brett geschrieben stand über dem
+neuen Laden zu lesen:</p>
+
+<p class="textbox">
+Krawattengeschäft in allen Farben,<br />
+ausgeübt<br />
+von<br />
+Amadeus Knödlseder.<br />
+(Braune Rabattmarken.)
+</p>
+</div>
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_148" id="Page_148">[148]</a></span>
+und gaffend staute sich die Menge vor den ausgestellten Herrlichkeiten.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Früher, wenn die Wildenten &#8211; protzig, daß ihnen die Natur so schöne
+grünschillernde Halsbinden geschenkt &#8211; in Schwärmen vorübergezogen kamen,
+hatte jedesmal Verstimmung und Bitterkeit im Orte geherrscht &#8211; wie anders
+war das jetzt geworden! Wer halbwegs auf Rang und Ansehen hielt, besaß
+einen Schlips von primissima Qualität, aber noch viel, viel greller. Da
+gab&#8217;s rote und blaue, dieser trug einen gelben, jener einen gewürfelten,
+und gar der Herr Bürgermeister, der hatte einen so langen, daß er sich
+beim Gehen beständig mit den Vorderpfoten dreinverwickelte.</p>
+
+<p>Die Firma Amadeus Knödlseder war in aller Munde, und der Inhaber galt als
+Vorbild für sämtliche Untertanentugenden. Sparsam, fleißig, erwerbsfreudig
+und mäßig (er trank bloß Limonade).</p>
+
+<p>Tagsüber bediente er vorn im Laden die Kundschaft: nur zuweilen führte er
+besonders wählerische Käufer in das rückwärtige Zimmer, wo er dann
+auffallend lang zu verweilen pflegte,
+<span class='pagenum'><a name="Page_149" id="Page_149">[149]</a></span>
+wahrscheinlich um Eintragungen im Hauptbuch vorzunehmen; wenigstens hörte
+man ihn in solchen Fällen oft und laut rülpsen &#8211; bei Kaufleuten
+seiner Branche stets ein Zeichen angestrengter, geistiger Tätigkeit.</p>
+
+<p>Daß der betreffende Käufer das Geschäft niemals wieder durch das vordere
+Lokal verließ, war nicht weiter befremdlich. Gab es doch so viele
+rückwärtige Ausgänge!</p>
+
+<p>In den Stunden nach Feierabend liebte es Amadeus Knödlseder, auf einem
+steilen Schroffen zu sitzen und schwärmerische Weisen auf der Schalmei zu
+blasen, bis er die heimlich Angebetete seines Herzens &#8211; ein ältliches
+Gemsenfräulein mit Hornbrille und schottischem Plaid &#8211; auf dem schmalen
+Felsenbande gegenüber einhertrippeln sah. Dann grüßte er stumm und
+ehrerbietig. Und sie dankte mit züchtigem Neigen des Köpfchens. Man
+munkelte bereits, die beiden würden ein Paar werden, und alle, die um die
+zarten Beziehungen wußten, konnten sich nicht genugtun in Ausrufen der
+Bewunderung, wie erfreulich es doch sei, die segensreiche Wirkung
+gesitteten Lebenswandels selbst bei einem
+<span class='pagenum'><a name="Page_150" id="Page_150">[150]</a></span>
+erblich so schwer belasteten Individuum, wie es ein Lämmergeier naturgemäß
+sein mußte, mit eigenen Augen ansehen zu dürfen.</p>
+
+<p>Daß trotzdem keine rechte Freude unter den Bewohnern des
+Murmeltierstädtchens einziehen wollte, war lediglich dem ebenso
+befremdenden wie betrüblichen Umstande zuzuschreiben, daß die Zahl der
+Bürgerschaft auf erschreckende Weise und ohne ersichtlichen Grund abnahm,
+sozusagen von Woche zu Woche abnahm. Fast keine Stunde verging, ohne daß
+nicht irgendein Familienmitglied als &raquo;vermißt&laquo; gemeldet wurde. Man riet
+auf dies, man riet auf jenes, man wartete &#8211; aber niemals kehrte eines der
+Verschollenen jemals wieder.</p>
+
+<p>Eines Tages fehlte sogar &#8211; das Gemsenfräulein! Man fand ihr
+Riechfläschchen auf dem Felsenbande; sie selbst mußte infolge eines
+Schwindelanfalles verunglückt sein.</p>
+
+<p>Amadeus Knödlseders Schmerz kannte keine Grenzen.</p>
+
+<p>Immer wieder und wieder stürzte er sich mit ausgebreiteten Schwingen hinab
+in den Abgrund &#8211; wie er sagte, um die Leiche der Teuern zu suchen. Oder
+er saß in der Zwischenzeit, einen
+<span class='pagenum'><a name="Page_151" id="Page_151">[151]</a></span>
+Zahnstocher im Schnabel, unverwandt in
+die Tiefe starrend am Rande der Schlucht.</p>
+
+<p>Sein Krawattengeschäft vernachlässigte er ganz und gar.&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Da, eines Nachts, enthüllte sich Schreckliches! Der Besitzer des Hauses,
+in dem der Lämmergeier wohnte, &#8211; ein alter mürrischer Murmler, &#8211;
+erschien auf der Polizei und verlangte die sofortige zwangsweise Öffnung
+des Ladens, sowie die Beschlagnahme der darin befindlichen Waren seines
+Mieters, da er nicht länger gesonnen sei, auf Zahlung des schuldigen
+Zinses zu warten.</p>
+
+<p>&raquo;Hm! Seltsam. Herr Knödlseder sollte die Miete nicht gezahlt haben?&laquo; &#8211;
+der Beamte mochte es gar nicht glauben &#8211; und ob Herr Knödlseder denn
+nicht zu Hause sei? Man brauche ihn doch nur zu wecken!</p>
+
+<p>&raquo;Der, und zu Hause?&laquo; &#8211; der alte Murmler lachte schrill auf &#8211; &raquo;der? Der
+kommt doch nie vor fünf Uhr früh heim und dann jedesmal schwer besoffen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So?! Besoffen?!&laquo; &#8211; der Beamte gab seine Befehle.
+</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_152" id="Page_152">[152]</a></span>
+Der erste Morgenschein zog bereits herauf, und noch immer arbeiteten die
+Schergen schweißtriefend an dem schweren Vorhängschloß, das den
+rückwärtigen Teil des Krawattenladens versperrte.</p>
+
+<p>Eine aufgeregte Menge flutete auf dem Marktplatz hin und her.</p>
+
+<p>&raquo;Schuldbare Krida!&laquo; &#8211; &raquo;Nein: Wechselreiterei&laquo;, lief es von Schnauze zu
+Schnauze.</p>
+
+<p>&raquo;Tj, schuldbare Krida! &#8211; Ihnen gesaaagt! Tj. Ich versteh immer:
+schuldbare Krida?&laquo; höhnte gestikulierend der greise Hamster, der sich
+ebenfalls eingefunden hatte, dazwischen; &#8211; es war das erstemal seit jenem
+schreckhaften Zusammentreffen mit Knödlsedern, daß er sich wieder in der
+Öffentlichkeit zeigte.</p>
+
+<p>Die allgemeine Unruhe wuchs und wuchs.</p>
+
+<p>Selbst die feinen Murmeltierdämchen, die, in kostbare Pelze gehüllt, nach
+Hause fuhren von Lustbarkeit und Mummenschanz, ließen halten, reckten die
+Hälschen und fragten, was es gäbe.</p>
+
+<p>Plötzlich ein Krachen: die Türe war dem Drucke gewichen. Grauenvoll, was
+sich da den Blicken bot!</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_153" id="Page_153">[153]</a></span>
+Ein bestialischer Gestank entströmte der geöffneten Kammer, und wohin sich
+das Auge wandte: ausgespienes Gewöll, fast bis zur Decke hinauf abgenagte
+Knochen, Gebein auf den Tischen, Gebein auf den Regalen, selbst in den
+Schubladen und im Geldschrank: Gebein und Gebein.</p>
+
+<p>Entsetzen lähmte die Menge; jetzt war mit einem Schlage klar, wohin alle
+die Vermißten gekommen waren. Knödlseder hatte sie gefressen und ihnen die
+verkaufte Ware wieder abgenommen &#8211; ein zweiter &raquo;Juwelier Cardillac&laquo; im
+Roman des Fräuleins von Scuderi!</p>
+
+<p>&raquo;Nu, was i i &#8211; is mit der schuldbaren Krida? Waas?&laquo; höhnte schon wieder
+der Hamster. Man umringte ihn und staunte ihn an, daß er so klug gewesen
+und sich und seine Familie ferngehalten hatte von dem Verkehr mit dem
+tückischen Mordbuben.</p>
+
+<p>&raquo;Wie konnte es nur sein, Herr Kommerzienrat,&laquo; riefen alle durcheinander,
+&raquo;daß Sie allein ihm mißtrauten? Man <em class="gesperrt">mußte</em> doch annehmen, er habe
+sich gebessert und&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ä Lämmergeier und sich bessern?!&laquo; rief höhnisch
+<span class='pagenum'><a name="Page_154" id="Page_154">[154]</a></span>
+der Hamster, drückte die Fingerspitzen zusammen, als hielte er eine Prise
+Salz darin und bewegte sie vor den Augen seiner Zuhörer ausdrucksvoll hin
+und her: &raquo;was ämol ä Lämmergeier is, is ä Lämmergeier und bleibt ä
+Lämmergeier und wird ä Lämmergeier bleiben, bis &#8211; &#8211;&laquo; er
+kam nicht weiter: laute menschliche Stimmen näherten sich. Touristen!</p>
+
+<p>Im Nu waren sämtliche Murmeltiere verschwunden.</p>
+
+<p>Er auch.</p>
+
+<p>&raquo;Herrlich! Zückend! So&#8217;n Sonnenaufgang! Achch!&laquo; schrillte die eine
+Menschenstimme. Sie gehörte einer spitznasigen, idealgesinnten Jungfrau
+an, die gleich darauf, an ihren Bergstock geschmiegt, das Hochplateau
+betrat, den Busen wogend, so gut es gehen wollte, und die treuherzigen
+Augen rund und offen wie Spiegeleier. Nur nicht so gelb! (Sondern
+veilchenblau): &raquo;achch! Nu, im Angesicht der &#8217;zückenden Natua &#8211; wo allens
+so schön ist &#8211; dürfen Se auch nich mehr sagen, Herr Klempke, was Se unten
+im Tale üwah das italien&#8217;sche Volk gesacht haben. Sie werden sehen, wenn
+der<span class='pagenum'><a name="Page_155" id="Page_155">[155]</a></span>
+Kriech ma&#8217; vorüwer ist, werden die Italienah die ersten sein, die
+komm&#8217; und uns die Hand hinstrecken und sagen:</p>
+
+<p>&#8216;Liewes Deutschland, verzeih uns, awa wir haben uns &#8211; gebessert.&#8217;&laquo;
+</p>
+
+
+<p class="chapter"><span class='pagenum'><a name="Page_156" id="Page_156">[156]</a></span>
+<a name="J_H_Obereits_Besuch_bei_den_Zeit-egeln" id="J_H_Obereits_Besuch_bei_den_Zeit-egeln"></a>
+J. H. Obereits Besuch bei den Zeit-egeln</p>
+
+
+<p>Mein Großvater liegt auf dem Friedhof des weltvergessenen Städtchens
+Runkel zur ewigen Ruhe bestattet. Auf einem dicht mit grünem Moos
+bewachsenen Grabstein stehen unter der verwitterten Jahreszahl, in ein
+Kreuz gefaßt und so frisch im Golde glänzend, als seien sie erst gestern
+gemeißelt worden, die Buchstaben:</p>
+
+
+<div class="vivo">
+V&nbsp;|&nbsp;&nbsp;I <br />
+&#8211;&#8211;&#8211;&#8211;<br />
+V&nbsp;|&nbsp;O
+</div>
+
+
+
+
+<p>&raquo;<em class="antiqua">Vivo</em>&laquo; das heißt: &raquo;ich lebe&laquo;,
+bedeute das Wort, sagte man mir, als ich noch ein Knabe war und das erstemal die
+Inschrift las, und es hat sich mir so tief in die Seele geprägt, als hätte es
+der Tote selbst aus der Erde zu mir empor gerufen.</p>
+
+<p><em class="antiqua">Vivo</em> &#8211; ich lebe, &#8211; ein seltsamer Wahlspruch für ein Grabmal!</p>
+
+<p>Er klingt heute noch in mir wider, und wenn
+<span class='pagenum'><a name="Page_157" id="Page_157">[157]</a></span>
+ich daran denke, wird mir wie einst, als ich davor stand: ich sehe im
+Geist meinen Großvater, den ich doch niemals im Leben gekannt, da unten
+liegen, unversehrt, die Hände gefaltet und die Augen, klar und
+durchsichtig wie Glas, weit offen und unbeweglich. Wie einer, der mitten
+im Reiche des Moders unverweslich zurückgeblieben ist und still und
+geduldig wartet auf die Auferstehung.</p>
+
+<p>Ich habe die Friedhöfe so mancher Stadt besucht: immer war es ein leiser,
+mir unerklärlicher Wunsch, auf einem Grabstein wieder dasselbe Wort zu
+lesen, der meine Schritte lenkte, aber nur zweimal fand ich dieses &raquo;<em class="antiqua">vivo</em>&laquo;
+wieder, &#8211; einmal in Danzig, und einmal in Nürnberg. In beiden Fällen
+waren die Namen ausgetilgt vom Finger der Zeit; in beiden Fällen leuchtete
+das &raquo;<em class="antiqua">vivo</em>&laquo; hell und frisch, als sei es selber voll des Lebens.</p>
+
+<p>Von jeher nahm ich als erwiesen hin, daß, wie man mir schon als Kind
+gesagt, mein Großvater keine Zeile von seiner Hand hinterlassen habe, um
+so mehr erregte es mich, als ich vor nicht langer Zeit in einem
+versteckten Fache
+<span class='pagenum'><a name="Page_158" id="Page_158">[158]</a></span>
+meines Schreibtisches, unseres alten Erbstückes, auf
+ein ganzes Bündel Aufzeichnungen stieß, die offenkundig von ihm
+geschrieben waren.</p>
+
+<p>Sie lagen in einer Mappe, auf der der sonderbare Satz zu lesen stand:
+&raquo;Wie will der Mensch dem Tod entrinnen, es sei denn, daß er nicht
+warte noch hoffe.&laquo; Sofort flammte das Wort &raquo;<em class="antiqua">Vivo</em>&laquo; in mir
+auf, das mich mein ganzes Leben hindurch wie ein lichter Schein begleitet
+hatte und nur weilenweis schlafen gegangen war, um, bald in Träumen, bald
+in Wachen, ohne äußeren Anlaß, wieder und wieder neu in mir zu werden.
+Wenn ich zuzeiten geglaubt, es könne Zufall gewesen sein, daß jenes vivo
+auf den Grabstein kam, &#8211; eine Inschrift, der Wahl des Pfarrers
+überlassen, &#8211; so wurde mir, als ich den Sinnspruch auf dem
+Buchdeckel gelesen, zu voller Gewißheit, es müsse sich dabei um eine
+tiefere Bedeutung handeln, um etwas, was vielleicht das ganze Dasein
+meines Großvaters erfüllt hatte.</p>
+
+<p>Und was ich weiter las &#8211; in seinem Nachlaß &#8211; bestärkte mich in meiner
+Ansicht von Seite zu Seite.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_159" id="Page_159">[159]</a></span>
+Es stand zu viel von privaten Beziehungen darin, als daß ich es fremden
+Ohren enthüllen dürfte, und so mag es genügen, daß ich flüchtig nur das
+berühre, was zu meiner Bekanntschaft mit Johann Hermann Obereit führte und
+mit dessen Besuch bei den Zeit-egeln im Zusammenhang steht.</p>
+
+<p>Wie aus den Aufzeichnungen hervorging, gehörte mein Großvater der
+Gesellschaft der &raquo;Philadelphischen Brüder&laquo; an, ein Orden, der mit seinen
+Wurzeln zurückreicht bis ins alte Ägypten und den sagenhaften Hermes
+Trismegistos seinen Begründer nennt. Auch die &raquo;Griffe&laquo; und Gesten, an
+denen die Mitglieder einander erkannten, waren ausführlich erklärt. &#8211;
+Sehr oft kam der Name Johann Hermann Obereit, eines Chemikers, der mit
+meinem Großvater eng befreundet gewesen schien und in Runkel gelebt haben
+mußte, vor, und da es mich interessierte, Näheres über das Leben meines
+Vorfahren und die dunkle weltabgewandte Philosophie, die aus jeder Zeile
+seiner Briefe sprach, zu erfahren, beschloß ich nach Runkel zu reisen, um
+dort zu erkunden, ob nicht vielleicht Nachkommen des erwähnten
+<span class='pagenum'><a name="Page_160" id="Page_160">[160]</a></span> Obereit
+existierten und eine Familienchronik vorhanden
+sei.&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211; &#8211;</p>
+
+<p>Man kann sich nichts Traumhafteres denken als jenes winzige Städtchen, das
+wie ein vergessenes Stück Mittelalter mit seinen krummen, totenstillen
+Gassen und dem grasdurchwachsenen buckligen Pflaster zu Füßen des
+Bergschlosses Runkelstein, dem Stammsitz der Fürsten von Wied, unbekümmert
+den gellenden Schrei der Zeit verschläft.</p>
+
+<p>Schon am frühen Morgen zog es mich hinaus zu dem kleinen Friedhof, und
+meine ganze Jugend wachte wieder auf, wie ich in dem strahlenden
+Sonnenschein von einem Blumenhügel zum andern schritt und mechanisch die
+Namen derer von den Kreuzen ablas, die dort unten schlummerten in ihren
+Särgen.</p>
+
+<p>Von weitem erkannte ich an der funkelnden Inschrift den Grabstein meines
+Großvaters.</p>
+
+<p>Ein alter Mann mit weißem Haar, bartlos, die Züge scharf geschnitten, saß
+davor, den Elfenbeingriff seines Spazierstocks ans Kinn gedrückt, und
+blickte mich mit merkwürdig lebhaften Augen an, wie jemand, bei dem die
+<span class='pagenum'><a name="Page_161" id="Page_161">[161]</a></span>
+Ähnlichkeit eines Gesichtes allerlei Erinnerungen weckt.</p>
+
+<p>Altmodisch gekleidet, fast in Biedermeiertracht, mit Vatermördern und
+schwarzseidner breiter Halsbinde, sah er aus wie ein Ahnenbild aus längst
+vergangener Zeit.</p>
+
+<p>Ich war über seinen Anblick, der ganz und gar nicht in die Gegenwart
+paßte, dermaßen erstaunt und hatte mich überdies so vergrübelt in all das,
+was ich dem Nachlaß meines Großvaters entnommen, daß ich, mir kaum bewußt,
+was ich tat, halblaut den Namen &raquo;Obereit&laquo; aussprach.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, mein Name ist Johann Hermann Obereit,&laquo; sagte der alte Herr, ohne sich
+im geringsten zu wundern.</p>
+
+<p>Mir verschlug es fast den Atem, und was ich im Verlauf des sich
+entwickelnden Gespräches noch weiter erfuhr, war ebenfalls nicht danach
+angetan, meine Überraschung zu vermindern.</p>
+
+<p>Es ist an sich kein alltäglicher Eindruck, einen Menschen vor sich zu
+haben, der nicht viel älter scheint, als man selbst ist, und doch
+anderthalb Jahrhunderte gesehen hat: &#8211; ich kam mir vor wie ein Jüngling
+trotz meiner schon weißen
+<span class='pagenum'><a name="Page_162" id="Page_162">[162]</a></span>
+Haare, als wir nebeneinander hergingen und er mir von Napoleon und andern
+geschichtlichen Persönlichkeiten, die er gekannt, erzählte, wie man von
+Leuten spricht, die erst vor kurzem gestorben sind.</p>
+
+<p>&raquo;In der Stadt gelte ich als mein eigener Enkel,&laquo; sagte er lächelnd und
+deutete auf einen Grabstein, an dem wir vorüberkamen und der die
+Jahreszahl 1798 trug, &raquo;von Rechts wegen sollte ich hier begraben liegen;
+ich habe das Todesdatum draufschreiben lassen, denn ich wünsche nicht, von
+der Menge als moderner Methusalem angestaunt zu werden.
+Das Wort &#8216;<em class="antiqua">Vivo</em>&#8217;&laquo;
+fügte er bei, als habe er meine Gedanken erraten, &raquo;kommt erst hinzu, wenn
+ich wirklich tot bin.&laquo;&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Wir schlossen bald enge Freundschaft, und er bestand darauf, daß ich bei
+ihm wohnte.</p>
+
+<p>Wohl ein Monat war verflossen und oft saßen wir bis tief in die Nacht in
+angeregter Unterhaltung beisammen, aber immer lenkte er ab, wenn ich die
+Frage stellte, was wohl der Satz auf der Mappe meines Großvaters: &raquo;Wie
+will einer dem Tod entrinnen, es sei denn, daß er
+<span class='pagenum'><a name="Page_163" id="Page_163">[163]</a></span>
+nicht warte noch hoffe,&laquo; bedeuten möge: eines Abends jedoch, &#8211;
+der letzte, den wir zusammen verbrachten (das Gespräch kam auf die alten
+Hexenprozesse, und ich vertrat die Ansicht, es müsse sich in solchen
+Fällen wohl nur um hysterische Frauenzimmer gehandelt haben), &#8211;
+unterbrach er mich plötzlich: &raquo;Sie glauben also nicht, daß der
+Mensch seinen Körper verlassen kann und, sagen wir mal, nach dem
+Blocksberg reisen?&laquo;</p>
+
+<p>Ich schüttelte den Kopf.</p>
+
+<p>&raquo;Soll ich es Ihnen vormachen?&laquo;, fragte er kurz und sah mich scharf an.</p>
+
+<p>&raquo;Ich gebe gerne zu,&laquo; erklärte ich, &raquo;daß die sogenannten Hexen durch den
+Gebrauch gewisser narkotischer Mittel in einen Zustand der Entrückung
+gerieten und felsenfest glaubten, auf einem Besen durch die Luft zu
+fliegen.&laquo;</p>
+
+<p>Er dachte eine Weile nach. &raquo;Freilich, Sie werden immer sagen, auch ich
+bilde es mir nur ein&laquo; &#8211; erwog er halblaut und versank wieder in
+Nachsinnen. Dann stand er auf und holte vom Bücherbord ein Heft. &raquo;Aber
+vielleicht interessiert es Sie, was ich hier niedergeschrieben habe, als
+ich vor Jahren das Experiment machte?
+<span class='pagenum'><a name="Page_164" id="Page_164">[164]</a></span>
+Ich muß vorausschicken, ich war damals noch jung und voller
+Hoffnungen&laquo; &#8211; ich sah an seinem versinkenden Blick, daß sein
+Geist zurückwanderte in ferne Zeiten &#8211; &raquo;und glaubte an das,
+was die Menschen das Leben nennen, bis es dann Schlag auf Schlag kam: ich
+verlor, was einem auf Erden lieb sein kann, mein Weib, meine Kinder,
+&#8211; alles. Da führte mich das Schicksal mit Ihrem Großvater zusammen
+und er lehrte mich verstehen, was Wünsche sind, was Warten ist, was Hoffen
+ist, wie sie miteinander verflochten sind, und wie man diesen Gespenstern
+die Maske vom Gesicht reißt. Wir haben sie die &#8216;Zeit-egel&#8217;
+genannt, weil sie, wie die Blutegel das Blut, uns die Zeit, den wahren
+Saft des Lebens, aus dem Herzen saugen. Hier in diesem Zimmer war&#8217;s,
+da lehrte er mich den ersten Schritt auf den Weg tun, auf dem man den Tod
+besiegt und die Vipern der Hoffnung zertritt. &#8211; &#8211; &#8211; Und
+dann&laquo; &#8211; er stockte einen Augenblick &#8211; &raquo;ja &#8211;
+und dann bin ich geworden wie Holz, das nicht fühlt, ob man es streichelt
+oder zersägt, ins Feuer oder ins Wasser wirft. Mein Inneres ist leer
+seitdem; ich habe
+<span class='pagenum'><a name="Page_165" id="Page_165">[165]</a></span>
+keinen Trost mehr gesucht. Habe keinen mehr gebraucht. Wofür hätte ich ihn
+suchen sollen? Ich weiß: ich bin, und jetzt erst lebe ich. Es liegt ein
+feiner Unterschied zwischen: &#8216;ich lebe&#8217; und &#8216;ich
+lebe&#8217;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sagen das alles so einfach, und es ist doch furchtbar!&laquo; fiel ich
+erschüttert ein.</p>
+
+<p>&raquo;Es scheint nur so,&laquo; beruhigte er mich lächelnd; &raquo;es strömt ein
+Glücksgefühl aus der Unbeweglichkeit des Herzens, das Sie sich nicht
+träumen lassen. Es ist wie eine ewige süße Melodie, dieses &#8216;ich bin&#8217;, die
+nie mehr erlöschen kann, wenn sie einmal geboren ist, &#8211; weder im Schlaf,
+noch, wenn die Außenwelt wieder aufwacht in unsern Sinnen, noch auch im
+Tod.&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211; &#8211; &#8211; &#8211; &#8211;
+Soll ich Ihnen sagen, warum die Menschen so früh
+sterben und nicht 1000 Jahre leben, wie&#8217;s in der Bibel steht über die
+Patriarchen? Sie sind gleich den grünen Wassertrieben eines Baumes, &#8211; sie
+haben vergessen, daß sie zum Stamme gehören, darum verwelken sie im ersten
+Herbst. Doch ich wollte Ihnen erzählen, wie ich das erstemal meinen Körper
+verließ.</p>
+
+<p>Es gibt eine uralte verborgene Lehre, so alt
+<span class='pagenum'><a name="Page_166" id="Page_166">[166]</a></span>
+wie das Menschengeschlecht; sie hat sich vererbt von Mund zu Ohr bis
+heutigentags, aber nur wenige kennen sie. Sie zeigt uns die Mittel, die
+Schwelle des Todes zu überschreiten, ohne das Bewußtsein zu verlieren, und
+wem es gelingt, der ist von da an Herr über sich selbst: &#8211; er hat
+ein neues Ich erworben und was ihm bis dahin als &#8216;Ich&#8217;
+erschienen, ist nur mehr ein Werkzeug, so wie jetzt Hand oder Fuß unsere
+Werkzeuge sind.</p>
+
+<p>Herz und Atem stehen still wie bei einer Leiche, wenn der neuentdeckte
+Geist auszieht, &#8211; wenn wir &#8216;wegwandern, wie die Israeliten von den
+Fleischtöpfen Ägyptens, und zu beiden Seiten die Wasser des Roten Meeres
+stehen wie Mauern.&#8217; Lange und vielemal mußte ich es üben unter namenlosen,
+zermürbenden Qualen, bis es mir endlich gelang, mich vom Leibe loszulösen.
+Anfangs fühlte ich mich schweben, so wie wir wohl im Traume zuweilen
+glauben fliegen zu können, &#8211; mit angezogenen Knien und ganz leicht, &#8211;
+aber plötzlich trieb ich in einem schwarzen Strom dahin, der von Süden
+nach Norden floß, &#8211; wir nennen es in unserer Sprache das Aufwärtsfließen
+des Jordan, &#8211; und sein
+<span class='pagenum'><a name="Page_167" id="Page_167">[167]</a></span>
+Brausen klang wie das Rauschen des Blutes im Ohr.
+Viele aufgeregte Stimmen, deren Urheber ich nicht sehen konnte, schrien
+mich an, ich solle umkehren, bis mich ein Zittern befiel und ich in
+dumpfer Angst einer Klippe zuschwamm, die vor mir auftauchte. Im Mondlicht
+sah ich ein Geschöpf dortstehen, so groß wie ein halbwüchsiges Kind, nackt
+und ohne die Merkmale männlichen oder weiblichen Geschlechtes; es hatte
+ein drittes Auge auf der Stirn wie der Polyphem und deutete regungslos in
+das Innere des Landes.</p>
+
+<p>Dann schritt ich durch ein Dickicht dahin auf einem glatten, weißen Wege,
+doch ich spürte den Boden mit meinen Füßen nicht, und auch, wenn ich die
+Bäume und Sträucher ringsum berühren wollte, konnte ich ihre Oberfläche
+nicht greifen: immer lag eine dünne Schicht Luft dazwischen, die sich
+nicht durchdringen ließ. Ein fahler Glanz wie von faulem Holz bedeckte
+alles und machte das Sehen deutlich. Die Umrisse der Dinge, die ich
+wahrnahm, schienen locker, molluskenartig aufgeweicht und wunderlich
+vergrößert. Junge federlose Vögel mit runden frechen Augen hockten feist
+und gedunsen gleich Mastgänsen in einem
+<span class='pagenum'><a name="Page_168" id="Page_168">[168]</a></span>
+riesigen Nest und kreischten auf mich herab; eine Rehkitz, kaum noch fähig
+zu laufen und doch schon so groß wie ein völlig entwickeltes Tier, saß
+träge im Moos und drehte, fett wie ein Mops, schwerfällig den Kopf nach
+mir.</p>
+
+<p>Eine krötenhafte Faulheit in jedem Geschöpf, das mir zu Gesichte kam.</p>
+
+<p>Allmählich ging mir die Erkenntnis auf, wo ich mich befand: In einem Land,
+so wirklich und wahrhaftig wie unsere Welt und dennoch nur ein Widerschein
+von ihr: in dem Reich der gespenstischen Doppelgänger, die sich von dem
+Mark ihrer irdischen Urformen nähren, sie ausplündern und selber ins
+Ungeheuere wachsen, je mehr sich jene verzehren in vergeblichem Hoffen und
+Harren auf Glück und Freude. Wenn auf der Erde jungen Tieren die Mutter
+weggeschossen wird, und sie voll Vertrauen und Glauben auf Nahrung warten
+und warten, bis sie in Qualen verschmachten, entsteht ihr gespenstisches
+Ebenbild auf dieser verfluchten Geisterinsel und saugt wie eine Spinne das
+versickernde Leben der Geschöpfe unserer Erde in sich: die im Hoffen
+entschwindenden Kräfte des Daseins der
+<span class='pagenum'><a name="Page_169" id="Page_169">[169]</a></span>
+Wesen werden hier Form und wucherndes Unkraut, und der Boden ist
+geschwängert von dem düngenden Hauch einer verwarteten Zeit.</p>
+
+<p>Und wie ich weiterwanderte, kam ich in eine Stadt, die voller Menschen
+war. Viele von ihnen kannte ich auf Erden, und ich erinnerte mich ihrer
+zahllosen fehlgeschlagenen Hoffnungen und wie sie von Jahr zu Jahr
+gebeugter gingen und doch die Vampire, &#8211; ihre eigenen dämonischen Iche,
+&#8211; die ihnen das Leben und die Zeit fraßen, sich nicht aus dem Herzen
+reißen wollten. Hier sah ich sie zu schwammigen Scheusalen aufgebläht, mit
+dickem Wanst, die Augen stier und gläsern über den speckverquollenen
+Wangen, umherschwabbern.</p>
+
+<p>Aus einem Bankladen mit dem Aushängeschild</p>
+</div>
+<p class="textbox">
+Wechselstube <em class="gesperrt">Fortuna</em><br />
+Jedes Los gewinnt den Haupttreffer
+</p>
+
+<p>drängte Kopf an Kopf eine grinsende Menge, Säcke von Gold hinter sich
+herschleifend, die wulstigen Lippen in sattem Schmatzen verzogen: die zu
+Fett und Gallert gewordenen Phantome aller derer, die auf Erden
+dahinsiechen in unstillbarem Durst nach Spielergewinn.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_170" id="Page_170">[170]</a></span>
+Ich trat in eine tempelartige Halle, deren Säulen bis zum Himmel ragten;
+darin saß auf einem Thron aus geronnenem Blut ein Ungeheuer mit
+Menschenleib und vier Armen, die gräßliche Hyänenschnauze triefend vor
+Geifer: der Kriegsgott wilder afrikanischer Stämme, die in ihrem
+Aberglauben Opfer darbringen, um den Sieg über die Feinde zu erflehen.</p>
+
+<p>Voll Entsetzen floh ich aus dem Dunstkreis der Verwesung, der die Stätte
+erfüllte, zurück in die Straßen und blieb voll Staunen vor einem Palast
+stehen, der an Pracht alles übertraf, was ich jemals gesehen. Und doch kam
+mir jeder Stein, jeder First, jede Treppe so seltsam bekannt vor, als
+hätte ich in Phantasien einst selber all das erbaut.</p>
+
+<p>Als sei ich unumschränkter Herr und Besitzer des Hauses, stieg ich die
+breiten Marmorstufen empor, da las ich auf einem Türschild &#8211; meinen
+eigenen Namen:</p>
+
+<p class="center">
+Johann Hermann Obereit.
+</p>
+
+<p>Ich trat ein und sah mich selbst im Purpur an einer
+<ins class="correction" title="Original: prunktvollen">prunkvollen</ins> Tafel
+sitzen, von tausend Sklavinnen bedient, und ich erkannte in ihnen
+<span class='pagenum'><a name="Page_171" id="Page_171">[171]</a></span>
+alle die Frauen wieder, die im Leben meine Sinne erfüllt hatten, wenn auch
+manche nur für einen flüchtigen Augenblick.</p>
+
+<p>Ein Gefühl unbeschreiblichen Hasses befiel mich bei dem Bewußtsein, daß
+jener &#8211; mein eigener Doppelgänger &#8211; hier schwelgte und praßte, seit ich
+lebte, und daß ich selber es gewesen war, der ihn ins Dasein gerufen und
+mit Reichtum beschenkt hatte, indem ich mir die magische Kraft meines Ichs
+in Hoffen, Ersehnen und Warten aus der Seele entströmen ließ.</p>
+
+<p>Mit Schrecken wurde ich mir klar, daß mein ganzes Leben nur aus Warten in
+jeglicher Form bestanden hatte und <em class="gesperrt">nur</em> aus Warten &#8211; aus einer Art
+unaufhörlichen Verblutens, &#8211; und daß die gesamte Zeit, die mir
+übriggeblieben war zum Empfinden von Gegenwart, kaum nach Stunden zählte.
+Wie eine Seifenblase zerplatzte vor mir, was ich bis dahin für den Inhalt
+meines Lebens gehalten. Ich sage Ihnen,
+<ins class="correction" title="einfaches (überflüssiges) Anführungszeichen vor 'was' entfernt">was</ins>
+wir auch auf Erden vollbringen, immer gebiert es ein neues Warten und ein neues Hoffen; das
+ganze Weltall ist getränkt von dem Pesthauch des Absterbens einer kaum
+geborenen
+
+<span class='pagenum'><a name="Page_172" id="Page_172">[172]</a></span>
+Gegenwart. Wer hätte nie die entnervende Schwäche gefühlt, die
+uns befällt, wenn wir im Wartezimmer eines Arztes, eines Advokaten, einer
+Amtsstube sitzen? Was wir Leben nennen: es ist der Wartesaal des Todes.
+Plötzlich begriff ich &#8211; damals &#8211; was die Zeit ist: Wir selbst sind
+Gebilde, aus Zeit gemacht, Leiber, die Stoff zu sein scheinen und nichts
+anderes sind als geronnene Zeit.</p>
+
+<p>Und unser tägliches Hinwelken dem Grabe entgegen, was ist es denn sonst
+als Wiederum-zu-Zeit-Werden unter der Begleiterscheinung des Wartens und
+Hoffens, &#8211; so, wie Eis auf dem Ofen unter Zischen wiederum zu Wasser
+wird!</p>
+
+<p>Ich sah, daß ein Beben die Gestalt meines Doppelgängers durchlief, als
+diese Erkenntnis in mir wach wurde, und daß Angst sein Gesicht verzerrte.
+Da wußte ich, was ich zu tun hatte: kämpfen bis aufs Messer mit jenen
+Phantomen, die uns aussaugen wie Vampire.</p>
+
+<p>Oh, sie wissen genau, warum sie den Menschen unsichtbar bleiben und sich
+vor ihren Blicken verbergen, diese Schmarotzer an unserem Leben; auch des
+Teufels größte Gemeinheit ist, daß er
+<span class='pagenum'><a name="Page_173" id="Page_173">[173]</a></span>
+so tut, als ob er nicht existiere. Und seitdem habe ich die Begriffe
+&#8216;Warten und Hoffen&#8217; für immer ausgerottet aus meinem
+Dasein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube, Herr Obereit, ich würde zusammenbrechen schon beim ersten
+Schritt, wenn ich den schrecklichen Weg gehen wollte, den Sie gegangen
+sind,&laquo; sagte ich, als der Alte schwieg; &raquo;ich kann mir wohl denken, daß man
+durch unausgesetzte Arbeit das Gefühl des Wartens und Hoffens in sich
+betäuben kann; dennoch&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, aber nur betäuben! <em class="gesperrt">Innerlich</em> bleibt das &#8216;Warten&#8217; lebendig. Sie
+müssen das Beil an die Wurzel legen!&laquo; unterbrach mich Obereit. &raquo;Werden Sie
+wie ein Automat hier auf der Erde! Wie ein Scheintoter! Greifen Sie nie
+nach einer Frucht, die Ihnen winkt, wenn auch nur das geringste Warten damit
+verbunden ist, rühren Sie keine Hand, und alles wird Ihnen reif in den
+Schoß fallen. Anfangs ist&#8217;s wohl wie ein Wandern durch trostlose Wüsten,
+oft lange Zeit, aber plötzlich wird rings um Sie her eine Helle sein, und
+Sie werden alle Dinge, die schönen und die häßlichen, in einem neuen,
+ungeahnten
+<span class='pagenum'><a name="Page_174" id="Page_174">[174]</a></span>
+Glanze sehen. Dann gibt&#8217;s kein &#8216;Wichtig&#8217; mehr für Sie und kein
+&#8216;Unwichtig&#8217;, jedes Geschehnis wird gleich &#8216;wichtig&#8217; sein und gleich
+&#8216;unwichtig&#8217;, und dann werden Sie im Drachenblut gehörnt sein wie Siegfried
+und von sich sagen können: ich fahre hinaus ins uferlose Meer eines ewigen
+Lebens mit schneeweißem Segel.&laquo;</p>
+
+<hr class="dash" />
+
+<p>Es waren die letzten Worte, die Johann Hermann Obereit zu mir gesprochen;
+&#8211; ich habe ihn nicht mehr wiedergesehen.</p>
+
+<p>Viele Jahre sind inzwischen verflossen; ich habe mich bemüht, so gut ich
+konnte, der Lehre zu folgen, die Obereit mir gab, aber das Warten und
+Hoffen will nicht aus meinem Herzen weichen.</p>
+
+<p>Ich bin zu schwach, das Unkraut auszureißen, und wundere mich auch nicht
+mehr, daß unter den zahllosen Grabsteinen auf den Friedhöfen so selten
+einer die Inschrift trägt:</p>
+
+
+<div class="vivo">
+V&nbsp;|&nbsp;&nbsp;I <br />
+&#8211;&#8211;&#8211;&#8211;<br />
+V&nbsp;|&nbsp;O
+</div>
+
+
+<p class="chapter"><span class='pagenum'><a name="Page_175" id="Page_175">[175]</a></span>
+<a name="Der_Kardinal_Napellus" id="Der_Kardinal_Napellus"></a>Der Kardinal Napellus</p>
+
+
+<p>Wir wußten nicht viel mehr von ihm außer seinen Namen: Hieronymus
+Radspieller, als daß er jahraus, jahrein in dem zerfallenen Schlosse lebte
+und von dem Besitzer, einem weißhaarigen, mürrischen Basken &#8211; dem
+hinterbliebenen Diener und Erben eines in Trübsinn und Einsamkeit
+verwelkten Adelsgeschlechtes &#8211; ein Stockwerk für sich allein gemietet und
+mit kostbarem, altertümlichem Hausrat wohnbar gemacht hatte.</p>
+
+<p>Ein greller phantastischer Gegensatz, wenn man eintrat in diese Räume aus
+der wegverwachsenen Wildnis draußen, in der nie ein Vogel sang und alles
+vom Leben verlassen schien, wenn nicht hin und wieder die morschen,
+wirrbärtigen Eiben schreckerfüllt aufächzten unter der Wucht des Föhns,
+oder der grünschwarze See wie ein in den Himmel starrendes Auge die
+weißen, ziehenden Wolken spiegelte.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_176" id="Page_176">[176]</a></span>
+Fast den ganzen Tag war Hieronymus Radspieller in seinem Boot und ließ ein
+funkelndes Metall-Ei an langen, feinen Seidenfäden hinab in die stillen
+Wasser &#8211; ein Lot, um die Tiefen des Sees zu ergründen.</p>
+
+<p>Er wird wohl in Diensten einer geographischen Gesellschaft stehen,
+mutmaßten wir, wenn wir von unseren Angelfahrten heimgekehrt des Abends
+noch ein paar Stunden in dem Bibliothekzimmer Radspiellers beisammen
+saßen, das er uns gastfreundlich zur Verfügung gestellt hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe heute von der alten Botenfrau, die die Briefe über den Bergpaß
+trägt, zufällig erfahren, daß die Rede geht, er solle in seiner Jugend ein
+Mönch gewesen sein und habe sich Nacht für Nacht blutig gegeißelt &#8211; sein
+Rücken und seine Arme seien über und über mit Narben bedeckt&laquo;, mischte
+sich Mr. Finch ins Gespräch, als sich wieder einmal der Austausch der
+Gedanken um Hieronymus Radspieller drehte, &#8211; &raquo;übrigens, wo er heute nur
+so lange bleibt? Es muß längst 11&nbsp;Uhr vorbei sein&laquo;.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist Vollmond,&laquo; sagte Giovanni Braccesco und deutete mit seiner welken
+Hand durch das
+<span class='pagenum'><a name="Page_177" id="Page_177">[177]</a></span>
+offene Fenster hinaus auf den flimmernden Lichtweg, der quer über dem See
+lag; &raquo;wir werden sein Boot leicht sehen können, wenn wir Ausschau
+halten.&laquo;</p>
+
+<p>Dann, nach einer Weile, hörten wir Schritte die Treppe heraufkommen; aber
+es war nur der Botaniker Eshcuid, der da, so spät von seinen Streifzügen
+heimgekommen, zu uns ins Zimmer trat.</p>
+
+<p>Er trug eine mannshohe Pflanze in der Hand mit stahlblau glänzenden
+Blüten.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist weitaus das größte Exemplar dieser Gattung, das jemals gefunden
+wurde; ich hätte nie geglaubt, daß der giftige &#8216;Sturmhut&#8217; noch in solchen
+Höhen wächst&laquo;, sagte er klanglos, nachdem er uns einen Gruß zugenickt, und
+legte die Pflanze mit umständlicher Sorgfalt, damit ihr kein Blatt
+geknickt werde, auf das Fensterbrett.</p>
+
+<p>&raquo;Es geht ihm wie uns,&laquo; kroch es mir durch den Sinn, und ich hatte die
+Empfindung, daß Mr. Finch und Giovanni Braccesco in diesem Momente
+dasselbe dachten, &raquo;er wandert ruhelos als alter Mann über die Erde, wie
+einer, der
+<span class='pagenum'><a name="Page_178" id="Page_178">[178]</a></span>
+sein Grab suchen muß und nicht finden kann, sammelt Pflanzen,
+die morgen verdorrt sind; wozu? warum? Er denkt nicht nach darüber. Er
+weiß, daß sein Tun zwecklos ist, wie wir es von dem unsrigen wissen, aber
+ihn wird wohl auch die traurige Erkenntnis zermürbt haben, das <em class="gesperrt">alles</em>
+zwecklos ist, was man beginnt, ob es groß scheint oder klein, &#8211; so wie
+sie uns andern zermürbt hat ein Menschenleben lang. Wir sind von Jugend an
+wie die Sterbenden,&laquo; fühlte ich, &raquo;deren Finger unruhig über die Bettdecke
+tasten; die nicht wissen, wonach sie greifen sollen, wie Sterbende, die
+einsehen: der Tod steht im Zimmer, was kümmert es ihn, ob wir die Hände
+falten oder die Fäuste ballen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohin reisen Sie, wenn die Zeit zum Fischen hier vorüber ist?&laquo;, fragte
+der Botaniker, nachdem er abermals nach seiner Pflanze gesehen und sich
+dann langsam zu uns an den Tisch gesetzt hatte.</p>
+
+<p>Mr. Finch fuhr sich durch sein weißes Haar, spielte, ohne aufzublicken,
+mit einem Angelhaken und zuckte müde die Achseln.</p>
+
+<p>&raquo;Ich weiß es nicht&laquo;, antwortete nach einer
+<span class='pagenum'><a name="Page_179" id="Page_179">[179]</a></span>
+Pause Giovanni Braccesco zerstreut, als sei die Frage an ihn gerichtet
+gewesen.</p>
+
+<p>Wohl eine Stunde verrann in bleierner, wortloser Stille, daß ich das
+Rauschen des Blutes in meinem Kopfe hören konnte.</p>
+
+<p>Endlich tauchte das fahle, bartlose Gesicht Radspiellers im Türrahmen auf.</p>
+
+<p>Seine Miene schien gelassen und greisenhaft wie immer und seine Hand
+ruhig, als er sich ein Glas Wein einschenkte und uns zutrank, aber es war
+eine ungewohnte Stimmung voll verhaltener Erregtheit mit ihm
+hereingekommen, die sich bald auf uns übertrug.</p>
+
+<p>Seine sonst müden und teilnahmslosen Augen, die die Eigentümlichkeit
+hatten, daß sich wie bei Rückenmarkskranken ihre Pupillen niemals
+zusammenzogen oder ausdehnten und scheinbar auf Licht nicht reagierten, &#8211;
+sie glichen grauen, mattseidenen Westenknöpfen mit einem schwarzen Punkt
+darin, wie Mr. Finch zu behaupten pflegte, &#8211; suchten heute fiebrig
+flackernd im Zimmer umher, glitten die Wände entlang und über die
+Bücherreihen hin, unschlüssig, woran sie haften bleiben sollten.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_180" id="Page_180">[180]</a></span>
+Giovanni Braccesco brach ein Gesprächsthema vom Zaun und erzählte von
+unsern seltsamen Methoden, die uralten, moosbewachsenen Riesenwelse zu
+fangen, die in ewiger Nacht da unten leben in den unergründlichen Tiefen
+des Sees, nie mehr heraufkommen ans Tageslicht und jede Lockspeise, die
+die Natur bietet, verschmähen, &#8211; nur nach den bizarrsten Formen
+schnappen, die der Angler ersinnen kann: nach gleißendem Silberblech,
+geformt wie Menschenhände, die an der Schnur taumelnde Bewegungen im
+Wasser machen, oder nach Fledermäusen aus rotem Glas mit tückisch
+verborgenen Haken an den Flügeln.</p>
+
+<p>Hieronymus Radspieller hörte nicht hin.</p>
+
+<p>Ich sah ihm an, daß sein Geist wanderte.</p>
+
+<p>Plötzlich brach er los, wie jemand, der ein gefährliches Geheimnis hinter
+verbissenen Zähnen jahrelang gehütet hat und es dann in einer Sekunde
+unvermittelt, mit einem Aufschrei, von sich wirft: &raquo;Heute endlich &#8211; ist
+mein Senkblei auf Grund gestoßen.&laquo;</p>
+
+<p>Wir starrten ihn verständnislos an.</p>
+
+<p>Ich war so gefangen genommen von dem fremdartig zitternden Ton, der aus
+seinen Worten
+<span class='pagenum'><a name="Page_181" id="Page_181">[181]</a></span>
+geklungen hatte, daß ich eine Weile lang nur halb erfaßte,
+wie er den Vorgang der Tiefseemessung erklärte: es gäbe da unten in den
+Abgründen &#8211; viele tausend Faden tief &#8211; kreisende Wasserwirbel, die jedes
+Lot verbliesen, es schwebend erhielten und den Boden nicht erreichen
+ließen, wenn nicht ein günstiger Zufall zu Hilfe käme.</p>
+
+<p>Dann wieder stieg aus seiner Rede gleich einer Rakete triumphierend ein
+Satz empor: &raquo;Es ist die tiefste Stelle auf Erden, zu der je ein
+menschliches Instrument gedrungen ist&laquo;, und die Worte brannten sich
+schreckhaft in mein Bewußtsein ein, ohne daß ich die Ursache dafür finden
+konnte. Ein gespenstischer Doppelsinn lag in ihnen, so, als hätte ein
+Unsichtbarer hinter ihm gestanden und in verhüllten Symbolen aus seinem
+Munde zu mir gesprochen.</p>
+
+<p>Ich konnte den Blick nicht wenden von Radspiellers Gesicht; wie war es mit
+einemmal so schemenhaft und unwirklich geworden! Wenn ich eine Sekunde die
+Augen schloß, sah ich es von blauen Flämmchen umzuckt; &#8211; &raquo;die Sankt
+Elmsfeuer des Todes&laquo;, drängte es sich
+<span class='pagenum'><a name="Page_182" id="Page_182">[182]</a></span>
+mir auf die Zunge, und ich mußte gewaltsam die Lippen geschlossen halten,
+um es nicht laut herauszuschreien.</p>
+
+<p>Traumhaft zogen durch mein Hirn Stellen aus Büchern, die Radspieller
+geschrieben und die ich gelesen in müßigen Stunden, voll Staunen über
+seine Gelehrsamkeit, Stellen sengenden Hasses gegen Religion, Glaube und
+Hoffnung und alles, was in der Bibel von Verheißung spricht.</p>
+
+<p>Es ist der Rückschlag, der seine Seele nach der heißen Askese einer
+inbrunstgequälten Jugend aus dem Reich der Sehnsucht herab auf die Erde
+geschleudert hat &#8211; begriff ich dumpf: der Pendelschwung des Schicksals,
+der den Menschen vom Licht in den Schatten trägt.</p>
+
+<p>Mit Gewalt riß ich mich aus dem lähmenden Halbschlaf, der meine Sinne
+überfallen hatte, und zwang mich, der Erzählung Radspiellers zuzuhören,
+deren Beginn wie ein fernes, unverständliches Murmeln noch in mir
+nachhallte.</p>
+
+<p>Er hielt das kupferne Senklot in der Hand, drehte es hin und her, daß es
+aufblitzte gleich
+<span class='pagenum'><a name="Page_183" id="Page_183">[183]</a></span>
+einem Geschmeide im Lichtschein der Lampe, und sprach dabei:</p>
+
+<p>&raquo;Sie als leidenschaftliche Angler nennen es schon ein erregendes Gefühl,
+wenn Sie an dem plötzlichen Zucken Ihrer doch nur 200 Ellen langen Schnur
+spüren, daß sich ein großer Fisch gefangen hat, daß gleich darauf ein
+grünes Ungetüm emporsteigen wird an die Oberfläche und das Wasser zu
+Gischt zerpeitschen. Denken Sie sich dieses Gefühl vertausendfacht und Sie
+werden vielleicht verstehen, was in mir vorging, als dieses Stück Metall
+hier mir endlich meldete: ich bin auf Grund gestoßen. Mir war, als hätte
+meine Hand an eine Pforte geklopft. &#8211; Es ist das Ende einer Arbeit von
+Jahrzehnten&laquo;, setzte er leise für sich hinzu, und es klang eine Bangigkeit
+aus seiner Stimme: &raquo;was &#8211; was werde ich morgen tun?!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es bedeutet nichts Geringes für die Wissenschaft, den tiefsten Punkt
+unserer Erdschichte ausgelotet zu haben&laquo;, warf der Botaniker Eshcuid hin.</p>
+
+<p>&raquo;Wissenschaft &#8211; für die Wissenschaft!&laquo; wiederholte Radspieller
+geistesabwesend und blickte
+<span class='pagenum'><a name="Page_184" id="Page_184">[184]</a></span>
+uns der Reihe nach fragend an. &raquo;Was kümmert mich die
+Wissenschaft!&laquo; fuhr es ihm endlich heraus.</p>
+
+<p>Dann stand er hastig auf.</p>
+
+<p>Ging ein paarmal im Zimmer hin und her.</p>
+
+<p>&raquo;Ihnen ist die Wissenschaft ebenso Nebensache wie mir, Professor&laquo;, wandte
+er sich mit einem Ruck, fast schroff an Eshcuid. &raquo;Nennen Sie es doch beim
+Namen: die Wissenschaft ist uns nur ein Vorwand, um etwas zu tun, irgend
+etwas, gleichgültig was; das Leben, das furchtbare, entsetzliche Leben hat
+uns die Seele verdorrt, unser eigenstes innerstes Ich gestohlen, und, um
+nicht immerwährend aufschreien zu müssen in unserm Jammer, jagen wir
+kindischen Marotten nach &#8211; um zu vergessen, was wir verloren haben. Nur,
+um zu vergessen. Belügen wir uns doch nicht selbst!&laquo;</p>
+
+<p>Wir schwiegen.</p>
+
+<p>&raquo;Aber es liegt noch ein anderer Sinn darin&laquo;, &#8211; eine wilde Unruhe kam
+plötzlich über ihn, &#8211; &raquo;in unseren Marotten, meine ich. Ich bin so ganz,
+ganz allmählich dahintergekommen: ein feiner geistiger Instinkt sagt mir,
+jede Tat,
+<span class='pagenum'><a name="Page_185" id="Page_185">[185]</a></span>
+die wir vollbringen, hat einen magischen doppelten Sinn. Wir
+<em class="gesperrt">können</em> gar nichts tun, was <em class="gesperrt">nicht</em> magisch wäre. &#8211; Ich weiß
+ganz genau <em class="gesperrt">weshalb</em> ich gelotet habe fast ein halbes Leben lang.
+Ich weiß auch, was es zu bedeuten hat, daß ich doch &#8211; und doch &#8211; und doch
+auf Grund stieß und mich durch eine lange, feine Schnur mitten durch alle
+Wirbel hindurch mit einem Reich verbunden habe, wohin kein Strahl dieser
+verhaßten Sonne mehr dringen kann, deren Wonne darin besteht, ihre Kinder
+verdursten zu lassen. Es ist nur ein <em class="gesperrt">äußeres</em> belangloses Geschehnis,
+das sich heute vollzog, aber jemand, der sehen und deuten kann, der erkennt
+schon im formlosen Schatten an der Wand, wer vor die Lampe getreten ist&laquo;; &#8211;
+er lächelte mich grimmig an, &raquo;ich will&#8217;s Ihnen kurz sagen, was mir dieses
+äußere Geschehnis <em class="gesperrt">innerlich</em> bedeutet: ich habe erreicht, was ich
+gesucht habe, &#8211; ich bin hinfort gefeit gegen die Giftschlangen des Glaubens
+und der Hoffnung, die nur im Licht leben können; ich hab&#8217;s an dem Ruck
+gespürt, den es mir im Herzen gab, als ich heute meinen Willen durchgesetzt
+und mit dem Senkblei den
+<span class='pagenum'><a name="Page_186" id="Page_186">[186]</a></span>
+Grund des Sees berührt habe. Ein belangloses äußeres Geschehen hat sein
+inneres Gesicht gezeigt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist Ihnen denn so Schweres zugestoßen im Leben &#8211; in der Zeit &#8211; ich
+meine, als Sie Geistlicher waren?&laquo;, fragte Mr. Finch, &raquo;daß Ihre Seele so
+wund ist?&laquo; setzte er leise für sich hinzu.</p>
+
+<p>Radspieller gab keine Antwort und schien ein Bild zu sehen, das vor ihm
+auftauchen mochte; dann setzte er sich wieder an den Tisch, blickte
+unbeweglich in das Mondlicht zum Fenster hin und erzählte wie ein
+Somnambuler, fast ohne Atem zu holen:</p>
+
+<p>&raquo;Ich war niemals Geistlicher, aber schon in meiner Jugend hat mich ein
+finsterer, übermächtiger Trieb von den Dingen dieser Erde weggezogen. Ich
+habe Stunden erlebt, wo sich das Gesicht der Natur vor meinen Augen in
+eine grinsende Teufelsfratze verwandelt hat und mir Berge, Landschaft,
+Wasser und Himmel, sogar mein eigener Leib, als unerbittliche Kerkermauern
+erschienen sind. Wohl kein Kind empfindet etwas dabei, wenn sich der
+Schatten einer über die
+<span class='pagenum'><a name="Page_187" id="Page_187">[187]</a></span>
+Sonne ziehenden Wolke auf eine Wiese senkt, mich hat schon damals ein
+lähmendes Entsetzen befallen und ich blickte, als hätte mir eine Hand mit
+einem Ruck eine Binde von den Augen gerissen, tief hinein in die heimliche
+Welt voll Todesqual der Millionen winziger Lebewesen, die sich, verborgen
+unter den Halmen und Wurzeln der Gräser, im stummen Haß zerfleischten.</p>
+
+<p>Vielleicht war&#8217;s erbliche Belastung &#8211; mein Vater starb im
+Religionswahnsinn &#8211;, daß ich die Erde bald nur mehr wie eine einzige
+bluterfüllte Mördergrube sah.</p>
+
+<p>Allmählich wurde mein ganzes Leben zur immerwährenden Folter seelischen
+Verdurstens. Ich konnte nicht mehr schlafen, nicht mehr denken, und Tag
+und Nacht, ohne stillzustehen, zuckten und bebten meine Lippen und formten
+mechanisch den Satz des Gebetes: &#8216;Erlöse uns von dem Übel&#8217;, bis ich vor
+Schwäche das Bewußtsein verlor.</p>
+
+<p>In den Tälern, wo ich zu Hause bin, gibt es eine religiöse Sekte, die man
+die &#8216;Blauen Brüder&#8217; nennt, deren Anhänger, wenn sie ihr Ende nahen fühlen,
+sich lebendig begraben lassen.
+<span class='pagenum'><a name="Page_188" id="Page_188">[188]</a></span>
+Heute noch steht ihr Kloster dort, über dem Eingangstor das steinerne
+Wappenschild: eine Giftpflanze mit fünf blauen Blütenblättern, deren
+oberstes einer Mönchskapuze gleicht: &#8211; das <em class="antiqua">Aconitum napellus</em>, der
+&#8216;blaue Sturmhut&#8217;.</p>
+
+<p>Ich war ein junger Mann, als ich mich in diesen Orden flüchtete, und fast
+ein Greis, als ich ihn verließ.</p>
+
+<p>Hinter den Klostermauern liegt ein Garten, darin blüht im Sommer ein Beet
+voll von jenem blauen Todeskraut, und die Mönche begießen es mit dem Blut,
+das aus ihren Geißelwunden fließt. Jeder hat, wenn er Bruder der
+Gemeinschaft wird, eine solche Blume zu pflanzen, die dann, wie in der
+Taufe, seinen eigenen christlichen Namen erhält.</p>
+
+<p>Die meinige hieß Hieronymus und hat mein <em class="gesperrt">Blut</em> getrunken, indes ich
+selbst verschmachtete in jahrelangem vergeblichem Flehen um das Wunder,
+daß der &#8216;Unsichtbare Gärtner&#8217; die Wurzeln meines Lebens auch nur mit einem
+Tropfen <em class="gesperrt">Wasser</em> begösse.</p>
+
+<p>Der symbolische Sinn dieser seltsamen Zeremonie der Bluttaufe ist, daß der
+Mensch seine
+<span class='pagenum'><a name="Page_189" id="Page_189">[189]</a></span>
+Seele magisch einpflanzen soll in den Garten des Paradieses
+und ihr Wachstum düngen mit dem Blut seiner Wünsche.</p>
+
+<p>Auf dem Totenhügel des Gründers dieser asketischen Sekte, des sagenhaften
+Kardinals Napellus, sagt die Legende, schoß in einer einzigen
+Vollmondnacht in Mannshöhe ein solcher &#8216;blauer Sturmhut&#8217; auf,
+&#8211; über und über mit Blüten bedeckt, &#8211; und als man das Grab
+öffnete, war die Leiche darin verschwunden. Es heißt, daß sich der Heilige
+in die Pflanze verwandelt hat, und von ihr, als der ersten, die damals auf
+Erden erschien, sollen alle übrigen stammen.</p>
+
+<p>Wenn die Blumen im Herbst verdorrten, sammelten wir ihre giftigen
+Samenkeime, die kleinen menschlichen Herzen gleichen und nach der geheimen
+Überlieferung der Blauen Brüder das &#8216;Senfkorn&#8217; des Glaubens vorstellen,
+von dem geschrieben steht, daß Berge versetzen könne, wer es hat, &#8211; &#8211;
+und aßen davon.</p>
+
+<p>So, wie ihr furchtbares Gift das Herz verändert und den Menschen in den
+Zustand zwischen Leben und Sterben bringt, so sollte die
+<span class='pagenum'><a name="Page_190" id="Page_190">[190]</a></span> Essenz des
+Glaubens unser Blut verwandeln, &#8211; zur wunderwirkenden Kraft werden in den
+Stunden zwischen nagender Todespein und ekstatischer Verzückung.</p>
+
+<p>Aber ich tastete mit dem Senkblei meiner Erkenntnis noch tiefer hinab in
+diese wunderlichen Gleichnisse, ich tat noch einen Schritt weiter und sah
+der Frage ins Gesicht: Was wird mit meinem Blut geschehen, wenn es endlich
+geschwängert ist von dem Gift der blauen Blume? Und da wurden die Dinge
+rings um mich lebendig, selbst die Steine am Wege schrien mir zu mit
+tausend Stimmen: Wieder und wieder, wenn der Frühling kommt, wird es
+ausgegossen werden, auf daß ein neues Giftkraut sprossen kann, das deinen
+eignen Namen trägt.</p>
+
+<p>Und in jener Stunde hatte ich dem Vampir, den ich bis dahin gefüttert, die
+Maske abgerissen, und ein unauslöschlicher Haß ergriff von mir Besitz. Ich
+ging hinaus in den Garten und stampfte die Pflanze, die mir meinen Namen
+Hieronymus gestohlen und sich an meinem Leben gemästet hatte, in die Erde,
+bis keine Faser mehr sichtbar war.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_191" id="Page_191">[191]</a></span>
+Von da an schien mein Weg plötzlich wie besät mit wunderbaren Ereignissen.</p>
+
+<p>Noch in derselben Nacht trat eine Vision vor mich: der Kardinal Napellus,
+in der Hand &#8211; mit der Fingerstellung eines Menschen, der eine brennende
+Kerze trägt &#8211; das blaue Akonit mit den fünfblättrigen Blüten. Seine Züge
+waren die einer Leiche, nur aus seinen Augen strahlte ein unzerstörbares
+Leben.</p>
+
+<p>Ich glaubte mein eigenes Antlitz vor mir zu sehen, so glich er mir, und
+ich fuhr in unwillkürlichem Schrecken nach meinem Gesicht, wie jemand, dem
+eine Explosion den Arm abgerissen hat, mit der andern Hand nach der Wunde
+fahren mag.</p>
+
+<p>Dann schlich ich mich ins Refektorium und erbrach in wildem Haß den
+Schrein, der die Reliquien des Heiligen enthalten sollte, um sie zu
+zerstören.</p>
+
+<p>Ich fand nur diesen Globus, den Sie dort in der Nische stehen sehen.&laquo;</p>
+
+<p>Radspieller erhob sich, holte ihn herab, stellte ihn vor uns auf den Tisch
+und fuhr in seiner Erzählung fort: &raquo;Ich habe ihn mit mir genommen
+<span class='pagenum'><a name="Page_192" id="Page_192">[192]</a></span>
+auf meiner Flucht aus dem Kloster, um ihn zu zerschlagen und damit das
+einzige, was greifbar zurückgeblieben ist von dem Gründer jener Sekte, zu
+vernichten.</p>
+
+<p>Später überlegte ich mir, daß ich der Reliquie mehr Verachtung antäte,
+wenn ich sie verkaufte und das Geld einer Dirne schenkte. Ich führte es
+aus, als sich mir die erste Gelegenheit dazu bot.</p>
+
+<p>Seitdem sind viele Jahre vorübergegangen, aber ich habe keine Minute
+verstreichen lassen, den unsichtbaren Wurzeln jenes Krautes nachzuspüren,
+an denen die Menschheit krankt, und sie aus meinem Herzen zu tilgen. Ich
+habe vorhin gesagt, daß von der Stunde an, da ich zur Klarheit erwachte,
+ein &#8216;Wunder&#8217; nach dem andern meinen Pfad kreuzte, doch ich bin fest
+geblieben: kein Irrlicht mehr hat mich in den Sumpf gelockt.</p>
+
+<p>Als ich anfing, Altertümer zu sammeln, &#8211; alles, was Sie hier im Zimmer
+sehen, stammt aus jener Zeit, &#8211; war so manches darunter, das mich an die
+dunkeln Riten gnostischen Ursprungs gemahnte und an das Jahrhundert der
+<span class='pagenum'><a name="Page_193" id="Page_193">[193]</a></span>
+Kamisarden; selbst der Saphirring hier an meinem Finger &#8211; er trägt
+seltsamerweise als Wappen einen Sturmhut, das Emblem der blauen Mönche, &#8211;
+kam zufällig, als ich den Vorrat eines Tabulettkrämers durchstöberte, in
+meine Hände: es hat mich nicht einen Augenblick erschüttern können. Und
+als mir eines Tages ein Freund den Globus hier &#8211; denselben Globus, den
+ich aus dem Kloster geraubt und verkauft hatte, die Reliquie des Kardinals
+Napellus &#8211;, als Geschenk ins Haus schickte, mußte ich hell auflachen, als
+ich ihn wiedererkannte, über diese kindische Drohung eines albernen
+Schicksals.</p>
+
+<p>Nein, hier herauf zu mir in die klare, dünne Luft der Firnenwelt soll das
+Gift des Glaubens und der Hoffnung nicht mehr dringen, in diesen Höhen
+kann der blaue Sturmhut nicht gedeihen. An mir ist der Spruch in einem
+neuen Sinn zur Wahrheit geworden: Wer in die Tiefe forschen will, muß auf
+die Berge steigen.</p>
+
+<p>Darum gehe ich nie wieder hinunter in die Niederungen. Ich bin genesen;
+und wenn die Wunder aller Engelswelten mir in den
+<span class='pagenum'><a name="Page_194" id="Page_194">[194]</a></span>
+Schoß fielen, ich würfe sie von mir wie verächtlichen Tand. Soll das
+Akonit eine giftige Arznei bleiben für die Siechen am Herzen und die
+Schwachen in den Tälern, &#8211; ich will hier oben leben und sterben im
+Angesicht des starren diamantnen Gesetzes unwandelbarer
+Naturnotwendigkeiten, das kein dämonischer Spuk durchbrechen kann. Ich
+werde weiter loten und loten, ohne Ziel, ohne Sehnsucht, froh wie ein
+Kind, das sich genügen läßt am Spiel und noch nicht verpestet ist an der
+Lüge: das Leben hätte einen tieferen Zweck, &#8211; &#8211; werde loten
+und loten, &#8211; aber, so oft ich auf Grund stoße, wird&#8217;s mir wie
+ein Jubelruf klingen: es ist immer wieder nur die Erde, die ich berühre,
+und nichts als die Erde, &#8211; dieselbe stolze Erde, die das
+heuchlerische Licht der Sonne kalt zurückwirft in den Weltraum, die Erde,
+die sich außen und innen getreu bleibt, so wie dieser Globus, das letzte
+jämmerliche Erbstück des großen Herrn Kardinals Napellus, dummes Holz ist
+und bleibt, außen und innen.</p>
+
+<p>Und jedesmal wird&#8217;s mir der Rachen des Sees von neuem verkünden: wohl
+wachsen auf
+<span class='pagenum'><a name="Page_195" id="Page_195">[195]</a></span>
+der Kruste der Erde, von der Sonne gezeugt, entsetzliche Gifte, doch ihr
+Inneres, ihre Schluchten und Abgründe, sind frei davon und die Tiefe ist
+rein.&laquo; &#8211; Radspiellers Gesicht bekam hektische Flecken vor
+Erregung und durch seine emphatische Rede ging ein Riß; sein verbissener
+Haß brach los. &raquo;Wenn ich einen Wunsch frei hätte&laquo;, &#8211; er
+ballte die Fäuste &#8211;, &raquo;ich möchte mit meinem Senkblei bis in
+den Mittelpunkt der Erde loten dürfen, um es hinausschreien zu können:
+Siehe hier, siehe da: Erde, nichts als Erde!&laquo;</p>
+
+<p>Wir blickten erstaunt auf, da er plötzlich schwieg.</p>
+
+<p>Er war ans Fenster getreten.</p>
+
+<p>Der Botaniker Eshcuid zog seine Lupe hervor, beugte sich über den Globus
+und sagte laut, um den peinlichen Eindruck zu verwischen, den Radspiellers
+letzte Worte in uns erweckt hatten:</p>
+
+<p>&raquo;Die Reliquie muß eine Fälschung sein und noch aus unserm
+Jahrhundert stammen; die fünf Erdteile&laquo; &#8211; er deutete auf
+Amerika &#8211; &raquo;sind auf dem Globus vollzählig verzeichnet.&laquo;</p>
+
+<p>So nüchtern und alltäglich auch der Satz
+<span class='pagenum'><a name="Page_196" id="Page_196">[196]</a></span>
+klang, er konnte die gepreßte Stimmung nicht durchbrechen, die sich unser
+zu bemächtigen begann ohne faßbaren Grund und von Sekunde zu Sekunde
+anwuchs bis zu drohendem Angstgefühl.</p>
+
+<p>Plötzlich schien ein süßer, betäubender Geruch wie von Faulbaum oder
+Seidelbast das Zimmer zu erfüllen.</p>
+
+<p>&raquo;Er weht aus dem Park herüber&laquo;, wollte ich sagen, aber Eshcuid
+kam meinem krampfhaften Versuch, den Alp abzuschütteln, zuvor. Er stach
+mit einer Nadel in den Globus und murmelte etwas, wie: es sei seltsam, daß
+sogar unser See, ein so winziger Punkt, auf der Karte stünde, &#8211; da
+wachte Radspiellers Stimme am Fenster wieder auf und fuhr mit schrillem
+Hohn dazwischen:</p>
+
+<p>&raquo;Warum verfolgt&#8217;s mich denn jetzt nicht mehr, &#8211; wie
+früher im Träumen und im Wachen, &#8211; das Bild Seiner Eminenz des
+großen Herrn Kardinals Napellus? Im Codex Nazaräus &#8211; dem Buch der
+gnostischen blauen Mönche, geschrieben um 200 vor Christus &#8211; steht
+doch prophezeit für den Neophyten: &#8216;Wer die mystische
+<span class='pagenum'><a name="Page_197" id="Page_197">[197]</a></span>
+Pflanze begießet bis zum Ende mit seinem Blute, den wird sie geleiten
+treulich an die Pforte des ewigen Lebens; wer sie aber ausreißt, dem
+Frevler wird sie ins Angesicht schauen als der Tod, und sein Geist wird
+hinaus in die Finsternis wandern, bis der neue Frühling kommt!&#8217; Wo
+sind sie hin, die Worte? Sind sie gestorben? Ich sage: eine Verheißung von
+Jahrtausenden ist an mir zerschellt. Warum kommt er denn nicht, daß ich
+ihm ins Antlitz speien kann, dem Kardinal Nap &#8211; &#8211;&laquo; ein
+gapsendes Röcheln riß Radspieller die letzte Silbe vom Munde, ich sah, daß
+er die blaue Pflanze erblickt hatte, die der Botaniker abends bei seinem
+Eintritt aufs Fensterbrett gelegt, und sie anstarrte. Ich wollte
+aufspringen. Zu ihm eilen.</p>
+
+<p>Ein Ausruf Giovanni Braccescos hielt mich zurück:</p>
+
+<p>Unter der Nadel Eshcuids hatte sich die vergilbte pergamentene Rinde des
+Globus abgelöst, so wie von einer überreifen Frucht die Schale springt,
+und nackt vor uns lag eine große gleißende Kugel aus Glas.</p>
+
+<p>Und darinnen &#8211; ein wundersames Kunstwerk,
+<span class='pagenum'><a name="Page_198" id="Page_198">[198]</a></span>
+eingeschmolzen auf unbegreifliche Weise, aufrechtstehend: die Gestalt
+eines Kardinals in Mantel und Hut, und in der Hand, mit der Fingerstellung
+eines Menschen, der eine brennende Kerze trägt: eine Staude mit
+stahlblauen fünfblättrigen Blüten.</p>
+
+<hr class="dash" />
+
+<p>Kaum vermochte ich, gelähmt von Entsetzen, meinen Kopf nach Radspieller zu
+wenden.</p>
+
+<p>Mit weißen Lippen, die Züge leichenhaft, stand er dort an der Wand &#8211;
+aufrecht, unbeweglich wie die Statuette in der gläsernen Kugel, &#8211; so wie
+sie: in der Hand die blaue giftige Blume, und starrte auf den Tisch
+herüber in das Gesicht des Kardinals.</p>
+
+<p>Nur der Glanz seiner Augen verriet, daß er noch lebte; wir andern aber
+begriffen, daß sein Geist auf Nimmerwiederkehr versunken war in der Nacht
+des Irrsinns.</p>
+
+<hr class="dash" />
+
+<p>Eshcuid, Mr. Finch, Giovanni Braccesco und ich schieden am nächsten Morgen
+voneinander; wortlos, fast ohne Gruß: die letzten bangen Stunden der Nacht
+waren zu beredt für jeden
+<span class='pagenum'><a name="Page_199" id="Page_199">[199]</a></span>
+von uns gewesen, als daß es unsere Zungen nicht hätte in Bann legen
+sollen.</p>
+
+<p>Lange bin ich noch planlos und einsam über die Erde gewandert, doch keinem
+von ihnen bin ich je wieder begegnet.</p>
+
+<p>Ein einziges Mal nach vielen Jahren hat mich mein Weg in jene Gegend
+geführt: von dem Schlosse ragten nur mehr die Mauern, aber zwischen dem
+verfallenen Gestein sproßte mannshoch auf im sengenden, grellen
+Sonnenbrand, Staude an Staude, ein unabsehbares stahlblaues Beet:</p>
+<p class="center">das <em class="antiqua">Aconitum napellus</em>.</p>
+
+
+<p class="chapter1"><span class='pagenum'><a name="Page_200" id="Page_200">[200]</a></span>
+<a name="Die_vier_Mondbruder" id="Die_vier_Mondbruder"></a>Die vier Mondbrüder</p>
+<p class="subchapter">Eine Urkunde</p>
+
+
+
+<p>Wer ich bin, ist bald gesagt. Vom 25. bis zum 60.&nbsp;Jahr war ich
+Kammerdiener beim Herrn Grafen du Chazal. Bis dahin hatte ich als
+Gärtnergehilfe die Blumenzucht im Kloster zu Apanua besorgt, woselbst ich
+auch einst meine einförmigen düsteren Jugendtage verlebte und dank der
+Güte des Abtes Unterricht im Lesen und Schreiben genoß.</p>
+
+<p>Da ich ein Findling war, nahm mich bei meiner Firmung mein Pate, der alte
+Klostergärtner, an Kindes Statt an, und seitdem führe ich rechtmäßig den
+Namen Meyrink.</p>
+
+<p>Soweit ich zurückdenken kann, immer ist mir, als trüge ich um den Kopf
+einen eisernen Reifen, der mein Gehirn einschnürt und dasjenige zu
+entfalten verhindert, was man gemeinhin Phantasey nennen mag. Fast möchte
+ich sagen, es fehlt mir ein innerer Sinn, doch dafür sind
+<span class='pagenum'><a name="Page_201" id="Page_201">[201]</a></span>
+meine Augen und Ohren scharf wie die eines Wilden. Wenn ich die Lider
+schließe, sehe ich heute noch mit beklemmender Deutlichkeit die schwarzen
+starren Umrisse der Zypressen vor mir, wie sie sich damals von den
+zerbröckelnden Klostermauern abhoben, sehe die ausgetretenen Ziegelsteine
+auf dem Boden der Kreuzgänge, Stück für Stück, daß ich sie zählen könnte,
+und doch ist das alles kalt und stumm &#8211; spricht nicht zu mir, wo
+doch sonst die Dinge zum Menschen reden sollen, wie ich schon oft gelesen
+habe.</p>
+
+<p>Es geschieht aus Offenheit, daß ich unumwunden sage, wie es mit mir steht,
+denn ich will Anspruch haben auf Glaubwürdigkeit; bewegt mich doch die
+Hoffnung, daß, was ich hier niederschreibe, Menschen vor Augen kommen
+möge, die mehr wissen als ich und mir Licht und Erkenntnis schenken
+können, wenn sie dürfen und wollen, über all das, was einer Kette
+unlösbarer Rätsel gleich meinen Lebenspfad begleitet hat.</p>
+
+<p>Sollte nun gar wider jenes vernünftige Ermessen diese Druckschrift den
+beiden Freunden meines verewigten zweiten Herrn: Magister Peter Wirtzigh
+(gestorben und begraben zu Wernstein
+<span class='pagenum'><a name="Page_202" id="Page_202">[202]</a></span>
+am Inn im Jahre des großen Krieges 1914), nämlich den beiden wohlgeborenen
+Herren Doktores Chrysophron Zagräus und Sacrobosco Haselmayer, genannt
+&raquo;der rote Tandschur&laquo;, zu Gesicht kommen, so mögen die Herren
+gerechterweise bedenken, daß es nicht Schwatzhaftigkeit oder eitel Neugier
+sein können, die mich bewogen haben, etwas an den Tag zu geben, was die
+Herren selbst vielleicht ein Menschenalter lang geheimhielten, zumal ein
+Greis von 70 Jahren, wie ich, über derlei kindischen Firlefanz wohl schon
+hinausgereift ist, &#8211; daß es vielmehr Gründe geistiger Art sein
+dürften, die mich hierzu zwangen, worunter die Befürchtung meines Herzens:
+dereinst nach dem Ableben des Leibes eine &#8211; <em class="gesperrt">Maschine</em> zu werden (die
+Herren werden schon verstehen, was ich meine), gewißlich kein geringes
+ist.</p>
+
+<p>Doch nun zu meiner Geschichte:</p>
+
+<p>Die ersten Worte, die der Herr Graf du Chazal zu mir sprach, als er mich
+in seine Dienste nahm, waren die Frage:</p>
+
+<p>&raquo;Hat je eine Frau in deinem Leben eine Rolle gespielt?&laquo;
+</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_203" id="Page_203">[203]</a></span>
+Als ich mit gutem Gewissen verneinte, schien er sichtlich zufrieden.</p>
+
+<p>Die Worte brennen mich heute wie Feuer, ich weiß nicht warum. Silbe für
+Silbe denselben Satz fragte mich 35 Jahre später mein zweiter Brotgeber,
+Herr Magister Peter Wirtzigh, als ich bei ihm als Diener eintrat:</p>
+
+<p>&raquo;Hat je eine Frau in deinem Leben eine Rolle gespielt?&laquo;</p>
+
+<p>Auch damals konnte ich ruhig verneinen &#8211; hätte es bis heutigen Tag können
+&#8211;, aber ich kam mir voll Schrecken einen Augenblick lang vor wie eine
+leblose Maschine, als ich es sagte, und nicht wie ein menschliches Wesen.</p>
+
+<p>So oft ich jetzt darüber grüble, schleicht mir ein grausiger Verdacht ins
+Hirn; ich kann es nicht in Worte fassen, was ich mir dann denke, aber &#8211;
+&#8211; gibt&#8217;s denn nicht auch Pflanzen, die sich nie recht entwickeln können,
+die trostlos verkümmern und wachsgelb bleiben (so als schiene die Sonne
+nie auf sie), bloß, weil der Giftsumach in ihrer Nähe wächst und heimlich
+an ihren Wurzeln zehrt?</p>
+
+<p>In den ersten Monaten fühlte ich mich in
+<span class='pagenum'><a name="Page_204" id="Page_204">[204]</a></span>
+dem einsamen Schloß, das nur von dem Herrn Grafen du Chazal, der alten
+Haushälterin Petronella und mir bewohnt wurde und buchstäblich angefüllt
+war mit seltsamen altertümlichen Geräten, Uhrwerken und Fernrohren, recht
+unbehaglich, zumal der gnädige Herr Graf allerlei Absonderlichkeiten an
+sich hatte. So durfte ich ihm zum Beispiel wohl beim Anziehen helfen, nie
+aber beim Auskleiden, und wenn ich mich dazu erbötig machte, gebrauchte er
+immer die Ausrede, er wolle noch lesen; in Wirklichkeit aber &#8211; muß
+ich annehmen &#8211; streifte er in der Dunkelheit umher, denn oft waren
+frühmorgens seine Stiefel dick mit Schlamm und Moorerde bedeckt, auch wenn
+er tags vorher den Fuß nicht aus dem Hause gesetzt hatte.</p>
+
+<p>Auch sein Aussehen war nicht sehr anheimelnd: klein und schmächtig, wollte
+sein Körper nicht recht zum Kopf passen, und obschon wohlgewachsen, machte
+der Herr Graf auf mich lange Zeit den Eindruck eines Buckligen, wiewohl
+ich mir darüber keine genaue Rechenschaft zu geben vermochte.</p>
+
+<p>Sein Profil war scharf geschnitten und hatte
+<span class='pagenum'><a name="Page_205" id="Page_205">[205]</a></span>
+durch das schmale, hervorstehende Kinn und den spitzigen, grauen, nach
+vorn gebogenen Bart darunter etwas merkwürdig Sichelartiges. Er mußte
+übrigens eine unverwüstliche Lebenskraft besitzen, denn er alterte während
+der langen Jahre, die ich ihm diente, kaum merklich, höchstens, daß die
+seinen Gesichtszügen eigentümliche Halbmondform schärfer und schmäler zu
+werden schien.</p>
+
+<p>Im Dorfe gingen allerlei kuriose Gerüchte über ihn: er würde nicht naß,
+wenn es regne, und dergleichen, und so oft er nachtschlafender Zeit an den
+Bauernhäusern vorüberginge, blieben jedesmal in den Stuben die Uhren
+stehen.</p>
+
+<p>Ich achtete nie auf solches Geschwätz, denn daß ähnlicherweise zuzeiten
+die metallenen Gegenstände im Schlosse, wie Messer, Scheren, Rechen und
+dergleichen für ein paar Tage magnetisch wurden, so daß Stahlfedern, Nägel
+und anderes daran haften blieb, ist wohl eine nicht weiter wunderbare
+Naturerscheinung, denke ich; wenigstens klärte mich der Herr Graf, als ich
+ihn einmal fragte, darüber auf. Der Ort stünde auf vulkanischem Boden,
+sagte er, auch
+<span class='pagenum'><a name="Page_206" id="Page_206">[206]</a></span>
+hingen solche Vorgänge mit dem Vollmond zusammen.</p>
+
+<p>Überhaupt hatte der Herr Graf eine ungewöhnlich hohe Meinung vom Mond, wie
+ich aus folgenden Begebenheiten schließe:</p>
+
+<p>Ich muß vorausschicken, daß jeden Sommer, genau am 21.&nbsp;Juli, aber immer
+nur für vierundzwanzig Stunden, ein über die Maßen wunderlicher Gast zu
+Besuch kam: derselbe Herr Doktor Haselmayer, von dem später noch die Rede
+sein wird.</p>
+
+<p>Der Herr Graf sprach von ihm stets als vom &raquo;roten Tandschur&laquo;,
+warum, habe ich nie begriffen, denn der Herr Doktor war nicht nur nicht
+rothaarig, sondern hatte überhaupt kein einziges Haar auf dem Kopf und
+weder Augenbrauen noch Wimpern. Schon damals machte er auf mich den
+Eindruck eines Greises; &#8211; mag sein, daß es von der seltsamen
+uraltmodischen Tracht kam, die er jahraus, jahrein trug: einem glanzlosen
+moosgrünen Tuchzylinderhut, der nach oben zu ganz eng, fast spitzig wurde,
+einem holländischen Sammetwams, Schnallenschuhen und schwarzen
+Seidenkniehosen an den beängstigend
+
+<span class='pagenum'><a name="Page_207" id="Page_207">[207]</a></span>
+kurzen und dünnen Beinchen, &#8211; wie gesagt: mag sein,
+daß er nur deshalb so, so &#8211; &raquo;verstorben&laquo; aussah, denn seine hohe,
+liebliche Kinderstimme und die wundersam feingeschwungenen Mädchenlippen
+sprachen gegen ein hohes Alter.</p>
+
+<p>Andererseits hat es wohl auf dem ganzen Erdenrund noch nie so erloschene
+Augen gegeben, wie er sie besaß.</p>
+
+<p>Ohne den schuldigen Respekt verletzen zu wollen, möchte ich hinzufügen,
+daß er einen Wasserkopf hatte, der überdies zum Erschrecken weich zu sein
+schien, &#8211; so weich, wie ein gesottenes abgeschältes Ei, &#8211;
+nicht nur, was das kugelrunde, fahle Gesicht anbelangte, sondern auch in
+Hinblick auf den Schädel selbst. Wenigstens quoll ihm immer, so oft er den
+Hut aufsetzte, alsbald eine Art blutleerer Schlauch unter der Krempe
+ringsherum auf und, wenn er den Hut abnahm, brauchte es stets eine
+bedenklich geraume Zeit, bis sein Kopf glücklich die ursprüngliche Form
+zurückgewonnen hatte.</p>
+
+<p>Von der Minute der Ankunft des Herrn Doktor Haselmayer bis zu seiner
+Abreise pflegten er und der gnädige Herr Graf ununterbrochen,
+<span class='pagenum'><a name="Page_208" id="Page_208">[208]</a></span>
+ohne auch nur einen Bissen zu essen, ohne zu schlafen oder zu trinken, vom
+Monde zu sprechen und dies mit einem rätselhaften Eifer, den ich nicht
+verstand.</p>
+
+<p>Ihre Liebhaberei ging soweit, daß sie, wenn gerade die Zeit des Vollmondes
+mit dem 21.&nbsp;Juli zusammentraf, nachts hinaus an den kleinen, sumpfigen
+Schloßteich gingen und stundenlang das Spiegelbild der silbrigen
+Himmelsscheibe im Wasser anstarrten.</p>
+
+<p>Einmal, als ich zufällig vorbeiging, bemerkte ich sogar, daß beide Herren
+weißliche Brocken &#8211; es werden wohl Semmelkrumen gewesen sein &#8211; in den
+Weiher warfen, und als Herr Doktor Haselmayer wahrnahm, daß ich es gesehen
+hatte, sagte er rasch: &raquo;Wir füttern nur den Mond &#8211; äh, Pardon, soll
+heißen: den &#8211; den Schwan.&laquo; Nun gab es aber weit und breit keinen Schwan.
+Auch Fische nicht.</p>
+
+<p>Was ich noch in derselben Nacht mit anhören mußte, schien mir in
+geheimnisvollem Zusammenhang damit zu stehen, weshalb ich es denn auch
+Wort für Wort meinem Gedächtnis eingeprägt und alsbald umständlich zu
+Papier gebracht habe:</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_209" id="Page_209">[209]</a></span>
+Ich lag in meiner Schlafkammer noch eine Weile wach, da hörte ich
+plötzlich im Bibliothekzimmer nebenan, das sonst nie betreten wurde, die
+Stimme des Herrn Grafen in wohlgesetzter Rede sagen:</p>
+
+<p>&raquo;Nachdem, was wir soeben im Wasser gesehen, mein liebwerter und
+hochgeschätzter Doktor, müßte ich sehr irren, wenn nicht unsere Sache
+vortrefflich stünde und der alte Rosenkreuzerische Satz: &#8216;<em class="antiqua">post
+centum viginti annos patebo</em>&#8217;, das ist &#8216;nach 120 Jahren werde
+ich offenbar&#8217; ganz in unserem Sinne zu deuten wäre. Wahrlich, das
+nenne ich mir eine erfreuliche Jahrhundertsonnenwendfeier! Schon im
+letzten Viertel des kürzlich verflossenen 19.&nbsp;Jahrhunderts gewann das
+Mechanische schnell und sicher die Oberhand, dürfen wir getrost
+feststellen, aber wenn es so weiter geht, wie wir hoffen wollen, wird im
+20sten die Menschheit bald kaum mehr Zeit finden, das Tageslicht zu sehen,
+vor lauter Arbeit, die vielen und immer zahlreicher werdenden Maschinen zu
+putzen, zu polieren, in Tätigkeit zu erhalten und sie auszubessern, wenn
+sie schadhaft werden.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_210" id="Page_210">[210]</a></span>
+Schon heute kann man füglich sagen, ist die Maschine ein würdiger Zwilling
+des weiland goldenen Kalbes geworden, denn wer sein Kind zu Tode quält,
+bekommt höchstens 14 Tage Arrest, wer aber irgendeine alte Straßenwalze
+beschädigt, muß drei Jahre ins Loch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Herstellung von derlei Triebwerken ist aber auch wesentlich
+kostspieliger,&laquo; warf Herr Doktor Haselmayer ein.</p>
+
+<p>&raquo;Im allgemeinen, gewiß,&laquo; gab Herr Graf du Chazal höflich zu.
+&raquo;Doch das ist sicherlich nicht der einzige Grund. Das wesentliche
+dabei scheint mir zu sein, daß auch der Mensch genau genommen nichts
+anderes darstellt als ein halbfertiges Ding, das dazu bestimmt ist,
+dereinst selbst ein Uhrwerk zu werden, wofür deutlich spricht, daß gewisse
+keineswegs nebensächliche Instinkte, wie zum Beispiel: sich behufs
+Veredelung der Rasse die richtige Gattin zu wählen, bei ihm bereits ins
+Automatenhafte versunken sind. Was Wunder, daß er in der Maschine seinen
+wahren Sprößling und Erben sieht und im leiblichen Nachkommen den
+Wechselbalg.</p>
+
+<p>Wenn die Weiber Fahrräder oder Repetierpistolen
+<span class='pagenum'><a name="Page_211" id="Page_211">[211]</a></span>
+gebären würden statt Kindern, sollten Sie mal sehen, wie flott da
+plötzlich drauflosgeheiratet würde. Ja, im güldenen Zeitalter, als die
+Menschen noch weniger entwickelt waren, da glaubten sie nur das, was sie
+&#8216;denken&#8217; konnten, dann kam allmählich die Epoche, wo sie nur
+das glaubten, was sie fressen konnten, &#8211; aber jetzt erklimmen sie
+den Gipfel der Vollkommenheit, das heißt: sie halten bloß das für
+wirklich, was sie &#8211; verkaufen können.</p>
+
+<p>Sie nehmen dabei, weil es im vierten Gebot heißt: &#8216;Du sollst Vater und
+Mutter ehren&#8217; usw. als selbstverständlich an, daß die Maschinen, die sie
+in die Welt setzen und mit dem feinsten Spindelöl schmieren, derweilen sie
+selbst sich mit Margarine begnügen, ihnen die Mühen der Erzeugung
+tausendfach vergelten und Glück in jeder Form bringen werden; nur
+vergessen sie ganz: auch aus Maschinen können undankbare Kinder werden.</p>
+
+<p>In ihrem Vertrauensdusel finden sie sich mit dem Gedanken ab, die
+Maschinen seien nur tote Dinge, die auf sie nicht rückwirken und die man
+wegwerfen könne, wenn man sie satt hat; &#8211; ja Schnecken!</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_212" id="Page_212">[212]</a></span>
+Haben Sie schon mal eine Kanone beobachtet, Schätzbarster? Soll die
+vielleicht auch &#8216;tot&#8217; sein? Ich sage Ihnen, nicht einmal ein General wird
+so liebevoll behandelt! Ein General kann einen Schnupfen bekommen und kein
+Hahn kräht danach, aber die Kanonen kriegen Schürzen um, damit sie sich
+nicht erkälten &#8211; oder &#8216;rosten&#8217;, was dasselbe ist &#8211; und Hüte auf, daß es
+ihnen nicht hineinregne.</p>
+
+<p>Gut, es ließe sich einwenden: die Kanone brüllt nur, wenn sie mit Pulver
+vollgepfropft ist und das Zeichen zum Abfeuern gegeben wird, aber brüllt
+denn ein Tenorist nicht auch erst, wenn das Stichwort fällt, und selbst
+dann nur, wenn er genügend mit Musiknoten angefüllt ist? Ich sage Ihnen:
+im ganzen Weltraum gibt es nicht ein einziges Ding, das wirklich tot
+wäre.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber unsere traute Heimat, der Mond, ist doch ein abgestorbener
+Himmelskörper und ist doch tot?&laquo; flötete Herr Doktor Haselmayer
+schüchtern.</p>
+
+<p>&raquo;Er ist nicht tot,&laquo; belehrte ihn der Herr Graf, &raquo;er ist nur das Gesicht
+des Todes. Er ist &#8211; wie soll ich es nennen &#8211; die Sammellinse, die
+<span class='pagenum'><a name="Page_213" id="Page_213">[213]</a></span>
+gleich einer Zauberlaterne die lebenerzeugenden Strahlen dieser
+vermaledeiten protzenhaften Sonne zur verkehrten Wirkung bringt, allerlei
+magisches Bildwerk aus dem Hirn der Lebenden in die scheinbare
+Wirklichkeit hineinhext und das giftige Fluidum des Sterbens und der
+Verwesung in mannigfaltigster Form und Äußerung zum Keimen und Hauchen
+bringt. &#8211; Über die Maßen kurios &#8211; finden Sie nicht auch? &#8211;, daß die
+Menschen trotzdem gerade den Mond unter allen Gestirnen am meisten lieben,
+&#8211; besingen ihn sogar ihre Dichter, die doch im Geruch stehen, Seher zu
+sein, mit schwärmerischem Geseufz und Augenverdrehen, und keinem werden
+die Lippen blaß vor Grauen bei dem Gedanken, daß seit Millionen Jahren
+Monat für Monat eine blutlose kosmische Leiche die Erde umkreist! Da sind
+wahrlich die Hunde gescheiter &#8211; insonderheit die schwarzen &#8211;, die ziehen
+den Schweif ein und heulen den Mond an.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schrieben Sie mir nicht unlängst, werter Herr Graf, die Maschinen seien
+direkt Geschöpfe des Mondes? Wie soll ich das verstehen?&laquo;, fragte Herr
+Doktor Haselmayer.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_214" id="Page_214">[214]</a></span>
+&raquo;Dann haben Sie mich falsch verstanden,&laquo; unterbrach ihn der Herr Graf.
+&raquo;Der Mond hat nur das Hirn der Menschen mit Ideen <em class="gesperrt">geschwängert</em> durch
+seinen giftigen Odem, und die Maschinen sind die sichtbarliche Geburt
+daraus.</p>
+
+<p>Die Sonne hat den Sterblichen den Wunsch in die Seele gepflanzt, reicher
+an Freuden zu werden und schließlich den Fluch: im Schweiße des
+Angesichtes vergängliche Werke zu schaffen, zu zerbrechen, aber der Mond
+&#8211; die geheime Quelle der irdischen Formen &#8211; hat es ihnen in einen
+trügerischen Glast getrübet, also daß sie sich in eine falsche Imagination
+verliefen und nach außen &#8211; ins Greifbare &#8211; versetzten, was sie innerlich
+hätten anschauen sollen.</p>
+
+<p>Folgedessen die Maschinen sichtbare Titanenleiber worden sind, aus den
+Gehirnen entarteter Heroen geboren.</p>
+
+<p>Und wie denn etwas &#8216;begreifen&#8217; und &#8216;schaffen&#8217; nichts anderes heißt, als
+die Seele die Form dessen annehmen lassen, was man &#8216;siehet&#8217; oder
+&#8216;schaffet&#8217; und sich damit eins zu machen, so treiben von nun an die
+Menschen hilflos auf dem Wege dahin, sich allmählich selbst in Maschinen
+<span class='pagenum'><a name="Page_215" id="Page_215">[215]</a></span>
+zu verzaubern, bis daß sie dereinst nackend dastehen als nimmerruhendes
+stampfendes ächzendes Uhrwerk, &#8211; als das, was sie immer erfinden wollten:
+als freudloses Perpetuum mobile.</p>
+
+<p>Wir aber, wir Brüder vom Monde, werden dann zu Erben des &#8216;ewigen Seins&#8217; &#8211;
+des einigen unwandelbaren Bewußtseins, das da nicht saget: &#8216;Ich lebe&#8217;,
+sondern &#8216;Ich bin&#8217;, das da weiß: &#8216;wenn auch das Universum zerbricht &#8211; ich
+bleibe.&#8217;</p>
+
+<p>Wie könnte es denn auch sein, &#8211; wenn nicht Formen nur Träume wären, &#8211; daß
+<em class="gesperrt">wir</em> nach freiem Willen jederzeit unseren Leib gegen einen anderen zu
+tauschen, unter den Menschen in menschlicher Gestalt, unter den Schemen
+als Schatten, unter den Gedanken als Idee zu erscheinen vermögen und dies
+kraft des Geheimnisses, uns unserer Formen gleich eines im Traum erwählten
+Spielzeuges zu entäußern? Sowie ein im Halbschlaf Befangener sich
+plötzlich seines Träumens bewußt werden kann, den Trug des Zeitbegriffes
+in eine neue Gegenwart rücket und dem Verlauf des Traumes hierdurch eine
+andere wünschenswertere Richtung gibt: quasi mit beiden Füßen in einen
+neuen Körper
+<span class='pagenum'><a name="Page_216" id="Page_216">[216]</a></span>
+hineinspringet, sintemalen der Körper im Grunde nichts ist,
+als ein mit der Täuschung der Dichtigkeit behafteter Krampfzustand des
+alles durchdringenden Äthers.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vortrefflich gesagt,&laquo; jubelte Doktor Haselmayer mit seiner süßen
+Mädchenstimme auf, &raquo;warum aber wollen wir eigentlich die Irdischen dieses
+Glückes der Transfiguration nicht teilhaftig werden lassen? Wäre das so
+schlimm?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schlimm? Unabsehbar! Entsetzlich!&laquo; schrillte ihm der Herr Graf in die
+Rede. &raquo;Man denke: der Mensch mit der Kraft begabt, im Kosmos &#8216;Kultur&#8217; zu
+verzapfen!</p>
+
+<p>Wie glauben Sie, Verehrtester, würde da wohl nach 14 Tagen der Mond
+aussehen? In sämtlichen Kraterringen Velodrome und ringsherum ein
+Rieselfeld für Kloakenwässer.</p>
+
+<p>Vorausgesetzt, daß man nicht schon früher die dramatische &raquo;Kunst&laquo;
+eingeschleppt und dadurch jeder Vegetationsmöglichkeit ein für allemal den
+Boden versauert hätte.</p>
+
+<p>Oder sehnen Sie sich vielleicht danach, daß die Planeten zur Börsenstunde
+telephonisch miteinander verbunden würden und die Doppelsterne
+<span class='pagenum'><a name="Page_217" id="Page_217">[217]</a></span> in der
+Milchstraße amtliche Verehelichungszeugnisse beibringen müßten?</p>
+
+<p>Nein, nein, mein Lieber, vorläufig kommt das Universum noch eine Zeitlang
+mit dem alten Schlendrian aus.</p>
+
+<p>Doch, um auf ein erquicklicheres Thema zu kommen, lieber Doktor, &#8211;
+überdies ist es höchste Zeit, daß Sie abnehmen, wollte sagen: abreisen, &#8211;
+also auf Wiedersehen bei Magister Wirtzigh im August 1914; da ist der
+Anfang vom großen Ende und wir wollen doch diese Katastrophe der
+Menschheit würdig begehen. Nicht?&laquo;</p>
+
+<hr class="dash" />
+
+<p>Schon vor den letzten Worten des Herrn Grafen hatte ich mich in meine
+Kammerdienerlivree geworfen, um Herrn Doktor Haselmayer beim Einpacken
+behilflich zu sein und ihn zum Wagenschlag zu begleiten.</p>
+
+<p>Einen Augenblick später stand ich auf dem Korridor.</p>
+
+<p>Doch was mußte ich sehen: der Herr Graf verließ <em class="gesperrt">allein</em> das
+Bibliothekzimmer, auf den Armen das holländische Wams, die Schnallenschuhe
+und Seidenkniehosen sowie den grünen
+<span class='pagenum'><a name="Page_218" id="Page_218">[218]</a></span>
+Zylinderhut des Herrn Doktor Haselmayer &#8211; während dieser selbst
+spurlos verschwunden war, und so schritt der gnädige Herr Graf, ohne mich
+eines Blickes zu würdigen, in sein Schlafgemach und schloß die Türe hinter
+sich ab.</p>
+
+<p>Ich hielt es als wohlerzogener Diener für meine Pflicht, mich über nichts
+zu wundern, was meine Herrschaft zu tun für gut fand, konnte aber doch
+nicht umhin, den Kopf zu schütteln, und es dauerte längere Zeit, bis ich
+zuwege brachte, <ins class="correction" title="Punkt nach 'einzuschlafen' ergänzt">einzuschlafen.</ins></p>
+
+<hr class="dash" />
+
+<p>Ich muß jetzt viele Jahre überspringen.</p>
+
+<p>Sie sind eintönig dahingeflossen und stehen in meiner Erinnerung
+aufgezeichnet so vergilbt und verstaubt wie Bruchstücke aus einem alten
+Buch mit krausen verschnörkelten Begebenheiten darin, die man einst
+irgendwann in dumpfem Fieber mit halbem, versiegendem Gedächtnis gelesen
+und kaum begriffen hat.</p>
+
+<p>Nur das eine weiß ich klar: Im Frühjahr 1914 sagte der Herr Graf plötzlich
+zu mir: &raquo;Ich werde demnächst verreisen. Nach &#8211; &#8211; Mauritius (dabei sah er
+mich lauernd an), und ich wünsche,
+<span class='pagenum'><a name="Page_219" id="Page_219">[219]</a></span>
+daß du bei meinem Freunde, einem gewissen Magister Peter Wirtzigh in
+Wernstein am Inn, in Dienste trittst. Hast du mich verstanden, Gustav?
+Übrigens dulde ich keine Widerrede.&laquo;</p>
+
+<p>Ich verbeugte mich stumm.</p>
+
+<p>Eines schönen Morgens, ohne irgendwelche Vorbereitungen getroffen zu
+haben, hatte der Herr Graf das Schloß verlassen, was ich daraus entnahm,
+daß ich ihn nicht mehr zu Gesicht bekam und statt seiner ein fremder
+Mensch in dem Himmelbett lag, das der Herr Graf zum Schlafen zu benützen
+gepflegt.</p>
+
+<p>Es war, wie man mir später in Wernstein eröffnete, der Herr Magister Peter
+Wirtzigh.&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Auf des Herrn Magisters Besitztum, von dem man tief hinabsehen konnte auf
+den schäumenden Inn, angelangt, ließ ich es mir sogleich angelegen sein,
+den mitgebrachten Kisten und Koffern ihren Inhalt zu entnehmen, um ihn in
+die Spinde und Truhen zu räumen.</p>
+
+<p>Eben wollte ich eine höchst sonderbare alte Lampe, geformt wie ein
+durchsichtiger japanischer Götze mit unterschlagenen Beinen (den Kopf
+bildete eine Kugel aus Milchglas), in
+<span class='pagenum'><a name="Page_220" id="Page_220">[220]</a></span>
+deren Innern eine durch Uhrwerk bewegliche Schlange den Docht mit dem
+Rachen emporhielt, in einen hohen gotischen Schrank stellen und öffnete
+ihn zu diesem Behufe, da erblickte ich darinnen zu meinem nicht gelinden
+Entsetzen, aufgehenkt, die baumelnde Leiche des Herrn Doktor Haselmayer.</p>
+
+<p>Fast hätte ich vor Schrecken die Lampe fallen lassen, doch zum Glück
+erkannte ich noch rechtzeitig, daß es nur die Kleider und der Zylinderhut
+des Herrn Doktors waren, die mir das Bild seiner Gestalt vorgetäuscht
+hatten.</p>
+
+<p>Immerhin machte das Erlebnis tiefen Eindruck auf mich und hinterließ ein
+Gefühl der Vorahnung wie von etwas Drohendem, Unheilvollem, das ich nicht
+abschütteln konnte, trotzdem die folgenden Monate nichts Aufregendes
+brachten.</p>
+
+<p>Herr Magister Wirtzigh war wohl gleichmäßig gütig und freundlich zu mir,
+aber er glich Herrn Doktor Haselmayer in vieler Beziehung zu sehr, als daß
+mir nicht immer die Begebenheit mit dem Schrank hätte einfallen müssen, so
+oft ich ihn ansah. Sein Gesicht war kreisrund, gleich
+<span class='pagenum'><a name="Page_221" id="Page_221">[221]</a></span>
+dem des Herrn Doktors, nur überaus dunkel, fast wie das eines Mohren, denn
+er litt seit Jahren an dem unheilbaren Überbleibsel eines langwierigen
+Gallenleidens: an Schwarzsucht. Wenn man einige Schritte von ihm entfernt
+stand und es war nicht sehr hell im Zimmer, konnte man oft seine Züge gar
+nicht unterscheiden, und der schmale, kaum fingerbreite silberweiße Bart,
+der sich ihm unterm Kinn bis zu den Ohren hinzog, hob sich in solchen
+Fällen von seinem Antlitz ab wie eine mattschimmernde unheimliche
+Ausstrahlung.</p>
+
+<p>Der beklemmende Druck, der mich gefangen hielt, wich erst, als im August
+die Nachricht von dem Ausbruch eines fürchterlichen Weltkrieges überall
+wie der Blitz einschlug.</p>
+
+<p>Ich erinnerte mich sofort, was ich vor Jahren Herrn Grafen du Chazal über
+eine Katastrophe, die der Menschheit bevorstünde, hatte sagen hören, und
+es wollte mir vielleicht deshalb nicht gelingen, mit voller Überzeugung in
+die Verwünschungen einzustimmen, die die Dorfbevölkerung gegen die
+feindlichen Staaten ausstieß; schien es mir doch, als stünde hinter all
+dem
+<span class='pagenum'><a name="Page_222" id="Page_222">[222]</a></span>
+als Urheber der dunkle Einfluß gewisser haßerfüllter Naturkräfte, die
+sich der Menschheit bedienen wie einer Marionette.</p>
+
+<p>Völlig unbewegt verhielt sich Herr Magister Wirtzigh. So, wie jemand, der
+längst alles vorausgesehen hat.</p>
+
+<p>Erst am 4.&nbsp;September kam eine leichte Unruhe über ihn. Er öffnete eine
+Türe, die mir bis dahin verschlossen gewesen, und führte mich in einen
+blauen, gewölbten Saal, der nur ein einziges, rundes Fenster in der Decke
+hatte. Genau darunter, so daß das Licht unmittelbar darauf fiel, stand ein
+runder Tisch aus schwarzem Quarz mit einer muldenförmigen Vertiefung in
+der Mitte. Ringsherum goldene, geschnitzte Stühle.</p>
+
+<p>&raquo;Hier diese Mulde,&laquo; sagte der Herr Magister, &raquo;füllst du heute abend, noch
+ehe der Mond aufgeht, mit klarem, kaltem Brunnenwasser. Ich erwarte Besuch
+aus Mauritius, und wenn du mich rufen hörst, nimmst du die japanische
+Schlangenlampe, zündest sie an &#8211; der Docht wird hoffentlich nur glimmen,&laquo;
+setzte er halb für sich hinzu, &#8211; &raquo;und stellst dich mit ihr so, wie man
+eine Fackel hält, dort in die Nische.&laquo;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_223" id="Page_223">[223]</a></span>
+Es war längst Nacht geworden, schlug 11&nbsp;Uhr, 12&nbsp;Uhr, und ich wartete und
+wartete noch immer.</p>
+
+<p>Niemand konnte das Haus betreten haben &#8211; ich weiß es gewiß, hätte es
+bemerken müssen, denn das Tor war verschlossen und kreischte stets laut,
+wenn man es öffnete, aber kein Laut war vernehmbar bis jetzt.</p>
+
+<p>Eine Totenstille ringsum, daß sich mir das Brausen des Blutes im Ohr
+allmählich zur tosenden Brandung steigerte.</p>
+
+<p>Endlich hörte ich die Stimme des Herrn Magisters meinen Namen rufen &#8211; wie
+aus weiter Ferne. So, als käme sie mir aus dem eigenen Herzen.</p>
+
+<p>Mit der glimmenden Lampe in der Hand, fast betäubt von einer
+unerklärlichen Schlaftrunkenheit, die ich noch nie an mir wahrgenommen,
+tappte ich mich durch die finsteren Räume in den Saal und stellte mich in
+die Nische.</p>
+
+<p>In der Lampe surrte leise das Uhrwerk, und ich sah durch den rötlichen
+Bauch des Götzen den glühenden Docht im Maul der Schlange funkeln, wie sie
+langsam kreiste und kaum
+<span class='pagenum'><a name="Page_224" id="Page_224">[224]</a></span>
+merklich in Ringen in die Höhe zu kriechen schien.</p>
+
+<p>Der Vollmond mußte wohl senkrecht über dem Loch in der Saaldecke stehen,
+denn in der Wassermulde des steinernen Tisches schwamm sein Spiegelbild
+als regungslose Scheibe aus fahlgrünglühendem Silber.</p>
+
+<p>Eine lange Zeit glaubte ich, die goldenen Stühle seien leer, doch
+allmählich unterschied ich, daß in dreien von ihnen Männer saßen, und
+erkannte, als sich ihre Gesichter zögernd bewegten: im Norden den Herrn
+Magister Wirtzigh, im Osten einen Fremden (Doktor Chrysophron Zagräus mit
+Namen, wie ich aus einem Gespräch, das sie später führten, entnahm), und
+im Süden, einen Kranz Mohnblumen auf dem kahlen Schädel &#8211; Doktor
+Sacrobosco Haselmayer.</p>
+
+<p>Nur der Stuhl im Westen war leer.</p>
+
+<p>Nach und nach mußte wohl auch mein Gehör wach geworden sein, denn Worte
+wehten zu mir herüber, zum Teil lateinische, die ich nicht verstand, teils
+solche in deutscher Sprache.&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Ich sah den Fremden sich vorbeugen, Herrn
+<span class='pagenum'><a name="Page_225" id="Page_225">[225]</a></span>
+Doktor Haselmayer auf die Stirn küssen und hörte ihn sagen &raquo;geliebte
+Braut&laquo;. Es folgte noch ein langer Satz, aber er war zu leise, als
+daß er mir hätte zu Bewußtsein kommen können.</p>
+
+<p>Dann, plötzlich, war Herr Magister Wirtzigh mitten drin in einer
+apokalyptischen Rede:</p>
+
+<p>&raquo;Und vor dem Stuhl war ein gläsern Meer gleich dem Kristall, und mitten am
+Stuhl und um den Stuhl vier Tiere, voll Augen vorne und hinten. &#8211; &#8211; &#8211;
+Und es ging heraus ein ander Pferd, das war fahl, und der darauf saß, des
+Name hieß Tod und die Hölle folgte ihm nach. Ihm war gegeben, den Frieden
+zu nehmen von der Erde, und daß sie sich untereinander erwürgten; und ihm
+ward ein groß Schwert gegeben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schwert gegeben&laquo;, echoete der Herr Doktor Zagräus, da fiel sein Blick auf
+mich, und er hielt inne und fragte flüsternd die übrigen, ob Verlaß auf
+mich sei.</p>
+
+<p>&raquo;Er ist längst ein lebloses Uhrwerk geworden in meiner Hand&laquo;, beruhigte
+ihn der Herr Magister. &raquo;Unser Ritual fordert, daß ein für die Erde
+Abgestorbener die Fackel hält, wenn wir
+<span class='pagenum'><a name="Page_226" id="Page_226">[226]</a></span>
+zusammen sind; er ist wie eine Leiche, trägt &#8211; seine Seele in der
+Hand und glaubt, es sei eine schwelende Lampe.&laquo;</p>
+
+<p>Wilder Hohn klang aus den Worten, und plötzlicher Schreck lähmte mein
+Blut, als ich fühlte, daß ich in Wahrheit kein Glied rühren konnte und
+starrgeworden war wie ein Toter.</p>
+
+<p>Wieder nahm Herr Doktor Zagräus das Wort und fuhr fort: &raquo;Ja, ja, das Hohe
+Lied des Hasses braust durch die Welt. Ich hab ihn mit eigenen Augen
+gesehen, der auf dem fahlen Pferde sitzt, und hinter ihm das
+tausendgestaltige Heer der Maschinen &#8211; unserer Freunde und
+Bundesgenossen. Längst haben sie Selbstmacht gewonnen, aber immer noch
+bleiben die Menschen blind und dünken sich Herren über sie.</p>
+
+<p>Führerlose Lokomotiven, mit Felsblöcken beladen, rasen einher in
+wahnwitziger Wut, stürzen sich auf sie und begraben Hunderte und aber
+Hunderte unter der Last ihrer eisernen Leiber.</p>
+
+<p>Der Stickstoff der Luft ballt sich zu neuen furchtbaren Sprengmitteln: die
+Natur selbst drängt sich in atemloser Hast, freiwillig ihre besten Schätze
+zu geben, um das weiße Scheusal,
+<span class='pagenum'><a name="Page_227" id="Page_227">[227]</a></span>
+das seit Jahrmilliarden Narben in ihr Gesicht gegraben, auszurotten mit
+Haut und Haar.</p>
+
+<p>Metallene Ranken mit spitzigen, gräßlichen Dornen wachsen aus dem Boden,
+fangen die Beine und zerreißen die Leiber, und mit stummem Jubel zwinkern
+die Telegraphen einander zu: Wieder sind Hunderttausend der verhaßten Brut
+dahin.</p>
+
+<p>Hinter Bäumen und Hügeln verborgen lauern die Mörserriesen, die Hälse gen
+Himmel gereckt, Erzklumpen zwischen den Zähnen, bis ihnen verräterische
+Windmühlen mit den Armen tückische Zeichen winken, Tod und Vernichtung zu
+speien.</p>
+
+<p>Elektrische Vipern zucken unter dem Boden hin &#8211; da!: ein winziger
+grünlicher Funken und aufbrüllt ein Erdbeben und verwandelt die Landschaft
+in ein Massengrab!</p>
+
+<p>Mit glühenden Raubtieraugen spähen die Scheinwerfer durch die Finsternis!
+Mehr! Mehr! Mehr! Wo sind noch mehr! Und schon kommt&#8217;s wankend gezogen in
+grauen Sterbemänteln &#8211; unabsehbare Scharen, &#8211; die Füße blutig, die Augen
+erloschen, taumelnd vor Müdigkeit, halb
+<span class='pagenum'><a name="Page_228" id="Page_228">[228]</a></span>
+im Schlaf, mit keuchenden Lungen und brechenden Knien, &#8211; doch
+schnell kläffen die Trommeln dazwischen mit rhythmisch-fanatischem
+Fakirgebell und peitschen die Furien der Berserkerwut hinein ins betäubte
+Gehirn, daß der Wahnwitz des Amoklaufs heulend losbricht unaufhaltsam, bis
+der Schauer des Bleiregens nur mehr auf Leichen trifft.</p>
+
+<p>Aus Westen und Osten, aus Amerika und Asien strömen sie herbei zum
+Kriegstanz, die erzenen Ungeheuer, voll Mordlust die runden Mäuler.</p>
+
+<p>Haie aus Stahl umschleichen die Küsten, in ihrem Bauch erstickend, die
+ihnen einst das Leben gegeben.</p>
+
+<p>Aber selbst die daheim geblieben sind, die scheinbar &raquo;Lauen&laquo;,
+die so lange weder kalt waren noch warm, &#8211; die früher nur
+friedliches Werkzeug gebaren, &#8211; sind aufgewacht und tragen ihr Teil
+bei zum großen Sterben: ruhelos fauchen sie ihren glühenden Atem zum
+Himmel empor Tag und Nacht, und aus ihren Leibern quillt es,
+Schwertklingen und Pulverhülsen, Lanzen, Geschosse. Keines mag da mehr
+hocken und schlafen.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_229" id="Page_229">[229]</a></span>
+Immer neue Riesengeier wollen flügge werden, um über den letzten
+Schlupfwinkeln der Menschen zu kreisen, und schon laufen unermüdlich
+Tausende Eisenspinnen hin und her, ihnen die silberglänzenden Schwingen zu
+weben.&laquo;</p>
+
+<p>Die Rede stockte einen Augenblick, und ich sah, daß Herr Graf du Chazal
+plötzlich zugegen war; er stand hinter dem Stuhl im Westen, die Arme über
+der Lehne gekreuzt, sein Gesicht war blaß und verfallen.</p>
+
+<p>Dann fuhr Doktor Zagräus mit eindringlicher Gebärde fort: &raquo;Und ist
+es nicht eine gespenstische Auferstehung? Was längst zu Petroleum verwest
+in Erdenhöhlen geruht hat: &#8211; das Blut und Fett der vorsintflutlichen
+Drachen &#8211; regt sich und will wieder lebendig sein. In dickbäuchigen
+Kesseln gebrodelt und destilliert, fließt es jetzt als
+&#8216;Benzin&#8217; in die Herzkammern neuer phantastischer Luftungeheuer
+und bringt sie zum Stampfen. Benzin und Drachenblut! &#8211; wer sieht da
+noch einen Unterschied? Es ist wie das dämonische Präludium zum Jüngsten
+Tag.&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_230" id="Page_230">[230]</a></span>
+&raquo;Sprechen Sie nicht vom Jüngsten Tag, Doktor,&laquo; fiel der Herr Graf hastig
+ein (ich fühlte, daß eine unbestimmte Furcht in seiner Stimme lag) &#8211; &raquo;es
+klingt wie ein Vorzeichen.&laquo;</p>
+
+<p>Die Herren standen erstaunt auf:</p>
+
+<p>&raquo;Ein Vorzeichen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir wollten heute zusammenkommen als zu einem Feste,&laquo; begann der Herr
+Graf, nachdem er lang nach Worten gesucht, &raquo;aber es hat meinen Fuß bis zur
+jetzigen Stunde festgehalten in &#8211; Mauritius (ich begriff dumpf, daß dem
+Worte eine verborgene Bedeutung zugrunde lag und der Herr Graf nicht ein
+Land damit meinen konnte); und ich habe lang gezweifelt, ob es richtig
+ist, was ich an dem Widerschein sah, der von der Erde zum Monde
+emporhaucht. Ich fürchte, ich fürchte, &#8211; und mir wird die Haut kalt vor
+Grauen, wenn ich daran denke, &#8211; daß über kurz ein Unerwartetes geschehen
+könnte und entrisse uns den Sieg. &#8211; Was will&#8217;s besagen, daß ich errate:
+noch ein geheimer Sinn mag in dem heutigen Krieg liegen: der Weltgeist
+will die Völker absondern voneinander, damit sie einzeln stehen wie die
+<span class='pagenum'><a name="Page_231" id="Page_231">[231]</a></span>
+Glieder eines zukünftigen Leibes; was nützt es mir, da ich die letzte
+Absicht nicht kenne?! Die Einflüsse, die man nicht sehen kann, sind die
+mächtigsten. &#8211; Ich sage euch:</p>
+
+<p>Ein Unsichtbares wächst und wächst; und ich kann seine Wurzel nicht
+finden.</p>
+
+<p>Ich habe die Zeichen am Himmel gedeutet, die nicht täuschen: ja, auch die
+Dämonen der Tiefe rüsten zum Kampf, und bald wird die Haut der Erde sich
+schütteln wie das Fell eines Rosses, das von Bremsen geplagt wird; schon
+haben die Großen der Finsternis, deren Namen eingeschrieben <ins class="correction"
+title="Original: steht">stehen</ins> im
+Buche des Hasses, abermalen aus dem Abgrund des Weltraums einen
+Kometenstein geschleudert, und dies nach der Erden, wie sie oft einen
+solchen Wurf nach der Sonne gerichtet, er aber das Ziel verfehlt hat und
+zurückgeflogen ist, wie der Bumerang der australischen Neger rückkehrt in
+die Hand des Jägers, wenn er das Opfer nicht getroffen. &#8211; Aber zu wes
+Zweck, fragte ich mich, dies große Aufgebot, wo doch der Untergang des
+Menschengeschlechts durch das Heer der Maschinen besiegelt scheint?</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_232" id="Page_232">[232]</a></span>
+Und da lösten sich mir Schuppen von den Augen; doch ich bin noch blind und
+kann nur tasten.</p>
+
+<p>Fühlt ihr nicht auch, wie das Unwägbare, das der Tod nicht greifen kann,
+anschwillt zu einem Strom, dagegen die Meere sind wie ein Eimer Spülicht?</p>
+
+<p>Was ist es für eine rätselhafte Kraft, die über Nacht alles wegschwemmt,
+was klein ist, und das Herz des Bettlers weit macht gleich eines Apostels!
+Ich habe gesehen, daß eine arme Lehrerin eine Waise annahm an Kindesstatt
+und hat nicht viel Redens davon gemacht &#8211; &#8211; und da kam die Furcht zu
+mir.</p>
+
+<p>Wo ist die Macht des Maschinenhaften in der Welt geblieben, wo Mütter
+jubeln, wenn ihre Söhne fallen, statt sich das Haar zu raufen? Und soll&#8217;s
+eine prophetische Rune sein, die zurzeit noch keiner lesen kann: in den
+Kaufladen der Städte hängt ein Bild, ein Kreuz in den Vogesen, daran das
+Holz weggeschossen ist, und der Menschensohn &#8211; <em class="gesperrt">blieb stehen</em>?</p>
+
+<p>Wir hören die Flügel des Todesengels über die Länder brausen, seid ihr
+gewiß, daß es nicht
+<span class='pagenum'><a name="Page_233" id="Page_233">[233]</a></span>
+die Schwingen eines &#8211; Anderen sind und nicht die des Todes? Eines
+von denen, die &raquo;Ich&laquo; sagen können in jedem Stein, jeder Blume
+und jedem Tier, inner- und außerhalb des Raums und der Zeit?</p>
+
+<p>Nichts kann verloren gehen, heißt es. Wessen Hand sammelt dann diese
+Begeisterung, die gleich einer neuen Naturkraft überall frei wird, und was
+für Geburt will daraus entstehen und wer wird der Erbe sein!</p>
+
+<p>Soll wieder Einer kommen, des Schritte keiner hemmen kann &#8211; wie es immer
+wieder im Laufe der Jahrtausende geschah von Zeit zu Zeit? Der Gedanke
+läßt mich nicht mehr los.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mag er doch kommen! &#8211; Wenn er nur auch diesmal wiederkommt in Kleidern
+von Fleisch und Blut,&laquo; fuhr Herr Magister Wirtzigh höhnisch drein. &raquo;Sie
+werden ihn schon festnageln mit &#8211; Witzen; über grinsendes Lachen hat noch
+keiner gesiegt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber er kann kommen <em class="gesperrt">ohne Gestalt</em>,&laquo; murmelte Doktor
+Chrysophron Zagräus vor sich hin, &raquo;sowie vor kurzem ein Spuk über
+Nacht die Tiere befiel, daß Pferde plötzlich rechnen
+<span class='pagenum'><a name="Page_234" id="Page_234">[234]</a></span>
+konnten und Hunde &#8211; lesen und schreiben. Was, wenn er aus den
+Menschen selbst hervorbricht wie eine Flamme?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann müssen wir in den Menschen das Licht durch das Licht betrügen,&laquo;
+kreischte der Herr Graf du Chazal gellend dazwischen, &raquo;wir müssen in ihren
+Gehirnen von da an wohnen als neuer falscher Glanz eines trügerischen,
+nüchternen Verstandes, bis sie Sonne und Mond verwechseln, und müssen sie
+mißtrauen lehren allem, was Licht ist.&laquo;</p>
+
+<hr class="dash" />
+
+<p>Was der Herr Graf noch weiter sagte, ich erinnere mich nicht. Ich konnte
+mich mit einemmal wieder bewegen und der glasartige erstarrte Zustand, der
+mich bislang umfangen gehalten, wich langsam von mir. Eine Stimme in mir
+schien zu flüstern, ich solle mich fürchten, aber ich brachte es nicht
+zuwege.</p>
+
+<p>Dennoch streckte ich wie zum Schutz den Arm mit der Lampe vor.</p>
+
+<p>Mochte sie dabei ein Luftzug getroffen haben oder hatte die Schlange darin
+den Raum im Kopfe des Götzen erreicht, sodaß der glimmende
+<span class='pagenum'><a name="Page_235" id="Page_235">[235]</a></span>
+Docht zur Flamme auflodern konnte, &#8211; ich weiß es nicht. Ich weiß
+nur, ein blendendes Licht zersprengte mir plötzlich die Sinne, wiederum
+hörte ich meinen Namen rufen und dann fiel ein schwerer Gegenstand dumpf
+krachend hin.&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Es muß wohl mein eigener Körper gewesen sein, denn, als ich einen Moment
+meine Augen aufschlug, bevor ich das Bewußtsein verlor, sah ich: ich lag
+auf dem Boden, und der Vollmond stand leuchtend über mir; &#8211; das Zimmer
+aber schien leer und der Tisch und die Herren waren
+verschwunden.</p>
+
+<hr class="dash" />
+
+<p>Viele Wochen lag ich in tiefer Betäubung danieder und, als ich langsam
+genas, erfuhr ich, &#8211; ich habe vergessen, von wem, &#8211; daß Herr Magister
+Wirtzigh inzwischen gestorben war und mich zum Erben seines gesamten
+Besitzes eingesetzt hatte.</p>
+
+<p>Aber ich muß wohl noch lange das Bett hüten, und so habe ich denn Zeit,
+über das Geschehene nachzudenken und alles niederzuschreiben.</p>
+
+<p>Nur zuweilen des Nachts kommt es gar seltsam
+<span class='pagenum'><a name="Page_236" id="Page_236">[236]</a></span>
+über mich und mir ist, als gähne in meiner Brust ein leerer Raum,
+unendlich nach Osten, Süden, Westen und Norden, und mitten darin schwebt
+der Mond, wächst zur glänzenden Scheibe, nimmt ab, wird schwarz, taucht
+wieder auf als schmale Sichel, und jedesmal sind seine Phasen die
+Gesichter der vier Herren, wie sie zuletzt um den runden steinernen Tisch
+saßen. Dann lausche ich gespannt, um mich zu zerstreuen, auf das unbändige
+Johlen, das durch die Stille ringsum zu mir herüber dringt aus dem in der
+Nachbarschaft gelegenen Raubschloß des wilden Malers Kubin, der dort im
+Kreise seiner sieben Söhne wüste Orgien feiert bis zum Morgengrauen.</p>
+
+<p>Kommt der Tag, so tritt wohl zuweilen die alte Haushälterin Petronella an
+mein Bett und sagt: &raquo;Nun wie geht&#8217;s denn, Herr &#8211;
+<em class="gesperrt">Herr Magister Wirtzigh</em>?&laquo;
+Sie will mir nämlich weismachen, einen Grafen du Chazal habe es seit dem
+Jahre 1430, wo das Geschlecht erlosch, wie der Herr Pfarrer genau wisse,
+nicht mehr gegeben, ich sei ein Schlafwandler gewesen, in einem Anfall von
+Mondsucht vom Dach heruntergefallen
+<span class='pagenum'><a name="Page_237" id="Page_237">[237]</a></span>
+und hätte mir jahrelang eingebildet, mein eigener Kammerdiener zu sein.
+Selbstverständlich gebe es auch weder einen Doktor Zagräus noch einen
+gewissen Sacrobosco Haselmayer.</p>
+
+<p>&raquo;Den roten Tandschur, na ja, den gibt&#8217;s,&laquo; sagt sie zum
+Schluß jedesmal drohend. &raquo;Er liegt drüben auf dem Ofen und is a
+chinesisch&#8217;s Zauberbuch, hör ich. Aber mer siecht ja, was dabei
+&#8217;rauskommt, wenn a Christenmensch so was liest.&laquo;</p>
+
+<p>Ich schweige dazu, denn ich weiß, was ich weiß, aber, wenn die Alte
+hinausgegangen ist, stehe ich doch jedesmal heimlich auf, um mir Gewißheit
+zu verschaffen, öffne den gotischen Schrank und überzeuge mich:</p>
+
+<p>Aber natürlich ja, da steht sie doch, die Schlangenlampe, und darunter
+hängen &#8211; der grüne Zylinderhut, das Wams und die Seidenkniehosen des
+Herrn Doktor Haselmayer.</p>
+</div>
+
+<hr class="hr60" />
+
+
+<!-- <p><span class='pagenum'><a name="Page_238" id="Page_238">[238]</a></span></p> -->
+<h2><span class='pagenum'><a href="#Inhalt_1">[nach oben]</a></span>
+<a name="Inhalt_2" id="Inhalt_2"></a><em class="gesperrt">Inhalt</em></h2>
+<table class="toc" summary="Inhalt">
+<tr><td><a href="#Meister_Leonhard">Meister Leonhard</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_7">7</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Das_Grillenspiel">Das Grillenspiel</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_86">86</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Wie_Dr_Hiob_Paupersum_seiner_Tochter_rote_Rosen_brachte">
+Wie <em class="antiqua">Dr.</em> Hiob Paupersum seiner <br /> Tochter rote Rosen brachte</a>
+</td><td class="onpage"><a href="#Page_111">111</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Amadeus_Knodlseder">Amadeus Knödlseder.&nbsp;&nbsp; Der unverbesserliche<br /> Lämmergeier</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_135">135</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#J_H_Obereits_Besuch_bei_den_Zeit-egeln">J. H. Obereits Besuch bei den
+<ins class="correction" title="Original: Zeitegeln">Zeit-egeln</ins></a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_156">156</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Der_Kardinal_Napellus">Der Kardinal Napellus</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_175">175</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Die_vier_Mondbruder">Die vier Mondbrüder</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_200">200</a></td></tr>
+
+</table>
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+
+
+<div class="doublebox">
+<h3>Kurt Wolff Verlag, Leipzig</h3>
+<hr class="hr60" />
+<h2>Der Golem</h2>
+
+<h3>Ein Roman<br />
+von</h3>
+<h2>Gustav Meyrink</h2>
+<hr class="hr50" />
+<h3>Im Verlag von Albert Langen in München<br />
+erschien von demselben Verfasser:</h3>
+
+<h2>Des Deutschen Spießers<br />
+Wunderhorn</h2>
+
+<h3>Gesammelte Novellen<br />
+in 3 Bänden. 5. Auflage</h3>
+</div>
+
+<div class="note">
+<p><strong>Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen:</strong></p>
+
+<ul>
+
+<li><a href="#Page_24">Seite 24</a>: 'finstre' --> 'finstere'</li>
+
+<li><a href="#Page_40">Seite 40</a>: man fragt den 'den' jungen Herrn, --> 'den' entfernt</li>
+
+<li><a href="#Page_74">Seite 74</a>: Die Posaunen 'versummen'. --> Die Posaunen 'verstummen'.
+(Druckfehler)</li>
+
+<li><a href="#Page_94">Seite 94</a>: >Du kannst eben nicht &#8216;wollen&#8217;&#8217;, fing er
+--> einfaches schließendes Anführungszeichen ergänzt</li>
+
+<li><a href="#Page_116">Seite 116</a>: Eskismos --> Eskimos (Druckfehler)</li>
+
+<li><a href="#Page_128">Seite 128</a>: ein fach --> einfach (Druckfehler)</li>
+
+<li><a href="#Page_170">Seite 170</a>: prunktvollen --> prunkvollen (Druckfehler)</li>
+
+<li><a href="#Page_171">Seite 171</a>: Ich sage Ihnen, &#8216;was wir auch auf Erden vollbringen,
+--> Einfaches (überflüssiges) Anführungszeichen vor 'was' entfernt.</li>
+
+<li><a href="#Page_218">Seite 218</a>: Punkt nach 'einzuschlafen' ergänzt</li>
+
+<li><a href="#Page_231">Seite 231</a>: deren Namen eingeschrieben 'steht'
+--> 'stehen' im Buche des Hasses</li>
+
+<li><a href="#Inhalt_2">Inhaltsverzeichnis</a>: 'Zeitegeln' --> 'Zeit-egeln'</li>
+
+</ul>
+</div>
+
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+
+<pre>
+
+
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+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Fledermäuse, by Gustav Meyrink
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FLEDERMÄUSE ***
+
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+
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+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
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+
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+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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