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+The Project Gutenberg EBook of Deutscher Mondschein, by Wilhelm Raabe
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Deutscher Mondschein
+
+Author: Wilhelm Raabe
+
+Release Date: May 10, 2010 [EBook #32008]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCHER MONDSCHEIN ***
+
+
+
+
+Produced by Michael Wooff, with German from the original
+text, and his own translation
+
+
+
+
+
+Deutscher Mondschein
+
+Eine Erzählung von Wilhelm Raabe (1831-1910)
+
+Erzählen wir ruhig und ohne alle Aufregung. Ich bin ein selbst für
+Deutschland außergewöhnlich nüchterner Mensch und verstehe es, meine
+fünf Sinne zusammenzuhalten. Außerdem bin ich Jurist, der Mann
+meiner Frau und der Vater meiner Söhne. Weder zur Zeit der
+Holunderblüte noch zur Zeit der Stockrosen, Sonnenblumen und Astern
+pflege ich mich sentimentalen oder romantischen Anwandlungen
+ausgesetzt zu fühlen. Ein Tagebuch führe ich nicht; aber sämtliche
+Jahrgänge meines Terminkalenders halten in meiner Bibliothek
+wohlgeordnet ihren Platz fest. Diese alles vorausgeschickt, teile
+ich mit, daß ich mich im Jahre 1867 auf ärztlichen Rat, der Seeluft
+und des Meerwassers wegen, auf der Insel Sylt befand und daß ich
+daselbst eine Bekanntschaft machte--eine ganz außerordentliche
+Bekanntschaft.
+
+Selbstverständlich kann ich mich nicht dabei aufhalten, das oft
+Empfundene und noch häufiger Geschilderte und in Briefen oder durch
+den Druck Verbreitete von neuem durch eine schriftliche Wiedergabe
+meiner eigenen Erfahrungen und Gefühle zu berichtigen oder zu
+bekräftigen. Wogenschlag, Sandhafer und Sandroggen, Möwenflug und
+vor allem der Westwind machten auf jeden, der von einer deutschen
+Beamtenexistenz den Schweiß und den Staub abzuspülen hat, einen
+angenehmen, erfrischenden Eindruck. Sie verfehlten ihre Wirkung auch
+auf mich nicht, zumal da die Anstrengungen, die der erwähnten
+Erfrischung vorangingen, nicht gering waren.
+
+Ich wohnte auf der Grenze der beiden Dörfer Tinnum und Westerland und
+hatte also, um zum Strande und in die heilige Salzflut zu gelangen,
+einen Weg von mindestens einer halben Stunde zurückzulegen. Ein
+nicht kürzerer Weg führte dann zu dem edlen Mann, der uns
+allmittäglich für einen soliden Preis von innen aus wieder
+auferbaute. Auf häuslichen Komfort oder gar Luxus mache ich als an
+Genügsamkeit gewöhnter deutscher Staatsdiener überhaupt keinen
+Anspruch. Da ich von meinen einundzwanzig Pfeifen sieben mit mir
+führte, würde ich mich selbst in einem Hünengrabe behaglich
+eingerichtet haben.
+
+Gut--ich wohnte bei einem Bäcker, der seinen Backofen mit
+Strandholz, das heißt dem in den Strandauktionen von gestrandeten
+Schiffen erstandenen Gebälk und Sparren- und Balkenwerk heizte. Ich
+half ihm dann und wann, dieses Holz zu spalten, und fühlte mich hier
+gemütlich dadurch angeregt--daheim widme ich mich dem Geschäft mehr
+aus sanitätischen Gründen.
+
+Daheim säge und spalte ich in meinen Mußestunden mein Brennholz, hier
+trieb ich Allotria oder studierte einige vorsichtigerweise im Gepäck
+mitgeführte Abhandlungen über die braunschweigische Erbfolge. In den
+Geschäftsstunden ging ich am Strande spazieren.
+
+Bei einem solchen Badeaufenthalt zieht sich alles in die Länge. Zu
+Hause wandle ich jeglichen Tag und in jedem Wetter rund um die zu
+Spaziergängen eingerichteten Wälle meiner Amststadt; auf Sylt speiste
+ich, hielt eine Stunde auf einer Düne Siesta und lief dann geradeaus
+gen Norden den Strand entlang, manchmal bis zum Roten Kliff, jedoch
+gewöhnlich nur bis zu den Badehütten von Wenningstedt.
+
+Da das Meer wie ein Waschweib beiderlei Geschlechts nichts bei sich
+behalten kann, sondern alles wieder auswirft, so waren diese Gänge
+nie ohne ihre Reize; denn wenn ich auch ein Mann der Prosa bin, so
+kann ich doch einen toten Seehund mit einer gewissen Melancholie vom
+Rücken auf den Bauch wenden und meine Gedanken dabei haben.
+
+Gut--oder diesmal vielmehr: besser! Ich befand mich ungefähr drei
+Wochen auf dieser lang von Süden nach Norden oder umgekehrt
+hingestreckten Insel, als ich die zu Anfang meiner Relation erwähnte
+Bekanntschaft machte.
+
+Es war gegen Abend. Die Sonne war untergegangen, und ich kam--heute
+--vom Roten Kliff zurück, und zwar nicht wenig müde, denn die Ebbe
+hatte den Weg am Strande nach besten Kräften für alle auf Sylt
+anwesenden am Unterleib leidenden Patienten gangbar gemacht. Wenn
+man zehn Schritte lang auf ziemlich festgeschlagenem Sande wandelte,
+versank man während der nächsten zweihundert Schritte desto tiefer,
+und die Gattin, Tochter, Cousine oder Geliebte meiner Leser, die über
+diesen der Gesundheit so ungemein ersprießlichen Pfad graziös
+weggeglitten wäre, würde ich in der Tat gern einem Poeten zur
+lyrischen oder epischen Verwendung empfehlen, wenn mir ein solcher
+außer dem Kreisrichter Löhnefinke unter meinen Kollegen und
+sonstigen Freunden und Feinden bekannt wäre.
+
+Ich sagte: die Sonne war untergegangen, und verbessere mich. Sie
+ging eben unter, als ich bei den Dünen, südlich von Wenningstedt, dem
+Riesenloch gegenüber, anlangte. Ein Blankeneser oder Cuxhavener
+Fischerboot verschwand mit ihr in den Nebeln des Meereshorizontes,
+und ein trübes Grau wurde aus dem erfreulichen und dem Auge so
+wohltätigen Grün des Wassers. Auch die gelbrote Färbung der
+Sandhügel zur Linken des gesunden, aber beschwerlichen Weges
+verschwand, und die graue Farbe gewann zur Linken wie zur Rechten die
+Oberhand. Das Dünengras fing an, in einem kühlern Winde zu lispeln;
+es war Abend geworden, und es war gegründete Aussicht vorhanden, daß
+es demnächst Nacht werde.
+
+Stolpernd und trotz der Abendkühle in Schweiß gebadet, beschleunigte
+ich meine Schritte der abendliche Pfeife zu, als mir das Unerwartete
+passierte und ich den Kollegen Löhnefinke kennenlernte.
+
+Jedermann, der den westlichen Strand der Insel Sylt kennt, weiß auch,
+wie schroff oft die Dünen gegen den sandigen Gesundheitspfad an der
+See abfallen, und an einer der schroffsten Stellen fiel mir der
+Kollege auf den Hals und setzte mich für alle Zeit meines
+Erdenwandels in Erstaunen: der geehrte Leser erlaube mir, daß ich
+mein Protokoll mit gewohnter Ruhe und ohne Aufregung weiterführe.
+
+Ich befand mich, wie gesagt, dem Riesenloch gegenüber, und die Sonne
+hatte vor fünf Minuten Abschied genommen, als plötzlich auf der Höhe
+der Düne zur Linken, ungefähr siebenzig Fuß über meinem Kopfe, ein
+Mensch erschien, der unbedingt im eiligsten Laufe an dem Anhange
+anlangte, die Arme gegen den Abendhimmel emporwarf, dann sich
+niederkauerte und mit einem Male zu meinem haarsträubenden Grausen,
+den schroffen, fast senkrechten Hügel herab rutschte, schurrte,
+schoß!
+
+Ehe der Ruf des halben Schreckens und ganzen Erstaunens, den ich
+ausstieß, verhallt war, saß der Mensch schon am Fuße der Düne im
+weichen Sande zwischen einem dorthin angespülten halbzertrümmerten
+Faß und einer zerbrochenen Schiffslaterne und sah mit weitoffenem,
+schreckensbleichem und doch zugleich zu einem offenbaren Grinsen sich
+verziehendem Munde mich, den Herbeieilenden, an und rief, schrie oder
+vielmehr heulte:
+
+„Er--sie--ist hinter mir! Ich bitte um Entschuldigung, mein Herr,
+aber--wer kann gegen seine Nerven...?“
+
+„Wer? was? wer ist hinter Ihnen?“ schrie ich, an der grauen
+Dünenwand emporstarrend, ohne etwas irgend Bedrohliches zu erblicken.
+Nichts zeigte sich, was die gewagte Rutschpartie des noch immer im
+Sande vor mir sitzenden, ziemlich wohlbeleibten und höchst anständig
+gekleideten Individuums und die grenzenlose Bestürzung desselben
+rechtfertigen konnte.
+
+„Wer ist hinter Ihnen? Niemand, wie mir scheint! So reden Sie doch!
+Wer jagt Sie? Was treibt Sie zu solchen Sprüngen? Ich sehe
+wahrhaftig nicht das geringste da oben!“
+
+„Doch, doch! Er--sie--der Mond--Luna--Selene! Nein, nein, nicht
+Luna und Selene, sondern er, der Mond, der verruchte deutsche Mond!
+Eben geht er hinter den Watten auf und wird in einigen Minuten dort
+über die Höhe hinter mir her sein! Und hier kein Dach, kein Schirm –
+nicht einmal ein Regenschirm--und der nächste Badekarren zum
+Unterschlüpfen eine Viertelstunde weit ab! Das ist mein Tod!“
+
+Einen Regenschirm führe ich gewöhnlich mit mir und so auch jetzt; der
+Unbekannte in seiner Verstörung hatte ihn jedoch nicht bemerkt, und
+ehe ich ihn dem Narren anbot, überlegte ich natürlicherweise.
+
+Es war mir klar, juristisch klar, daß ich einen Wahnsinnigen vor mir
+hatte, und schnell gefaßt überdachte ich, wie unter solchen Umständen
+von mir gegen ihn zu handeln sei. Sollte ich den Mann, da ich an
+seinen eigentümlichen Fiktionen nichts ändern konnte, seinem
+Schicksal überlassen und es seinen Wächtern anheimstellen, ihn
+einzufangen; oder sollte ich ein Gespräch mit ihm anknüpfen und auf
+die Gefahr hin, in persönlich unangenehme Auseinandersetzungen mit
+ihm zu geraten, seine Zustände näher zu ergründen suchen?
+
+Als Mensch würde ich das erstere vorgezogen haben, als Jurist, als
+Kriminalist zog mich das letztere an. Ich folgte der Verlockung und
+führte die Unterhaltung weiter.
+
+„Mein lieber Herr,“ sprach ich, „wenn Sie sich unter einem
+Regenschirm gegen Ihren Feind gesichert glauben, so bin ich mit dem
+meinigen gern zu Diensten. Nehmen Sie meinen Arm.“
+
+Ich hatte bereits das seidene Wetterdach ausgespannt, und der
+Irrsinnige war ebenfalls bereits mit einem Freudenruf in die Höhe
+gesprungen.
+
+„O mein Herr, der Himmel hat mich Ihnen entgegengeführt.“
+
+Er nahm meinen Arm und sagte, den Hut abziehend:
+
+„Erlauben Sie aber auch, daß ich mich Ihnen vorstelle. Mein Name ist
+Löhnefinke--Königlich Preußischer Kreisrichter zu Groß-Fauhlenberge,
+Provinz...“
+
+Jetzt tat ich in vollkommener Stupefaktion einen Seitensprung:
+
+„Mein Herr--das ist nicht möglich!“
+
+„Mein Herr?“
+
+„Sie? Sie, der Sie, um dem Mondaufgange zu entrinnen, sich kopfüber,
+auf die Gefahr den Hals zu brechen, eben da--dort hinunterstürzten,
+der Kreisrichter Löhnefinke aus Groß-Fauhlenberge? Unmöglich, ganz
+unmöglich sind Sie der Kreisrichter Löhnefinke!“
+
+„Doch, doch! Wenn Sie es ein Vergnügen nennen wollen, so habe ich es
+und bin der Genannte.“
+
+Mühsam faßte ich mich, indem ich mir sagte: jetzt ist es außer allem
+Zweifel, es ist ein Wahnsinniger mit mehreren fixen Ideen. Der
+Unglückliche hält nicht nur den Mond für seinen Feind, sondern er
+hält sich unbedingt dazu für einen andern.
+
+„Ja, mein Name ist Löhnefinke, und ich würde es für eine Ehre halten,
+wenn Sie, mein werter Herr, mich nunmehr auch mit dem Ihrigen bekannt
+machen würden.“
+
+Was war dagegen zu machen? Ich stellte mich vor und nannte meinen
+Namen und Titel. Sofort zog der Irrsinnige von neuem den Hut, griff
+nach meiner Hand, drückte sie herzlich und rief:
+
+„Ach, mein liebe Kollege, sehen Sie, wie das Fatum die Leute
+zusammenführt! Wahrhaftig, das hätte ich mir vor einer Viertelstunde
+nicht träumen lassen. Mein Gott, so sind wir ja schon seit geraumer
+Zeit die besten Bekannten! Erinnern Sie sich doch! Haben wir nicht
+in Sachen Johann Peter Müllers, des nachgemachten Zigeunerhäuptlings
+aus Langensalza, Akten gewechselt und eine geschäftliche
+Korrespondenz geführt? Nicht wahr, es fällt Ihnen ein? O, wie mich
+das freut!“
+
+War das ein Traum, oder war’s Wirklichkeit? War dieser Mensch
+verrückt, oder war ich es?
+
+Die Sache verhielt sich in der Tat so, und meines Schriftenwechsels
+mit dem preußischen Kreisgericht zu Groß-Fauhlenberge erinnerte ich
+mich sofort auf das deutlichste. Und mein sonderbarer Begleiter (wir
+schritten bereits nebeneinander her) hielt sich auch gar nicht allein
+an das bloße Sicher- und Feststellen dieser Tatsache; nein, er
+vertiefte sich augenblicklich in die Einzelheiten des betreffenden
+Falles, legte mir jetzt mündlich alle die Bedenken vor, die er mir
+früher schriftlich mitgeteilt hatte, und--ich erwiderte ihm, als ob
+es wirklich keinem Zweifel mehr für mich unterliege, daß er der
+fragliche königlich preußische Beamte sei und wirklich den Namen
+Löhnefinke führe. Der Vollmond war währenddem in der Tat am
+östlichen Horizonte emporgestiegen und schien uns auf die Köpfe, ohne
+daß mein Begleiter sich um ihn kümmerte. Arm in Arm gegen den
+Badestrand von Westerland anwandelnd, vertieften wir uns immer mehr
+in unsere hohe Wissenschaft und ließen den Mond scheinen, wie es ihm
+beliebte. So hatten wir fast das Herrenbad erreicht und näherten uns
+jetzt der Treppe, welche von dem Strande zu der Höhe der Dünen
+hinaufführt, als der Kollege, der sich seiner ersten Exaltation zum
+Trotz mir nunmehr als ein höchst klarer Kopf und scharfer Jurist
+ausgewiesen hatte, plötzlich, im Sande steckenbleibend, sich umsah,
+aufguckte und, geisterbleich werdend, stöhnte:
+
+„O ihr Götter, da sind wir ja mitten drin!“
+
+Daran war kein Zweifel: wir waren mitten drin; die fixe Idee packte
+von neuem den Unglückseligen, wütend und angstvoll zog er sich meinen
+ausgespannten Schirm dicht auf den Hut herab, und ich--ich konnte
+nichts weiter tun, als ihn--den Kreisrichter Löhnefinke, fester am
+Ellbogen zu halten und dem erbost sich Windenden und Abzappelnden
+eindringlichst zuzureden:
+
+„Aber Verehrtester, ich bitte Sie! Fassung! Fassung! Dieses ist
+doch zu toll, Kollege! Was hat Ihnen denn dieses unschädliche
+Beleuchtungsinstitut eigentlich zuleide getan? Oder was haben Sie
+gegen es verbrochen? Nehmen Sie Vernunft an, Kollege, überzeugen Sie
+sich doch: die harmlose Kugel macht durchaus keine Miene, uns auf den
+Kopf zu fallen.“
+
+„O mein Kopf! mein Kopf!“ stöhnte der Kreisrichter, den fraglichen
+Körperteil mit beiden Händen haltend.
+
+„Kommen Sie, Kollege, niemand jagt Sie, niemand treibt Sie. Welch
+ein ganz verrückter Raptus! Nehmen Sie mir das nicht übel!“
+
+„Niemand? Niemand?“ ächzte Löhnefinke.
+
+„Niemand. Und wissen Sie, jetzt lassen Sie uns dort hinaufsteigen;
+im Pavillon finden wir noch Menschen--Gesellschaft, irgendein
+ermutigendes Getränke und unbedingt eine Petroleumampel, gegen welche
+Ihr Feind oder Ihre Feindin sicherlich den kürzeren zieht.“
+
+„Petroleum!“ murmelte Löhnefinke, das Wort fassend und festhaltend
+wie ein Verbrecher auf dem Hochgericht den Ruf: Gnade!
+
+„Horchen Sie nur, es ist sogar noch Musik im Pavillon. Was meinen
+Sie, wenn wir uns daselbst bei einem Glase Grog noch eine Weile
+niederließen und...“
+
+„ ...den Untergang des Mondes abwarteten?! Jaja, das ist das rechte!“
+
+„ Würde uns aber doch ein wenig lange da fesseln. Der Mond geht erst
+nach dreiviertel auf sieben Uhr morgens unter; aber ein anderer Trost
+steigt uns herauf. Sehen Sie, dort über der See erhebt sich dunkles
+Gewölk; Kollege, warten wir ab, bis eine Wolke vor den Mond gezogen
+ist.“
+
+„Jaja, angenommen! Gern, nur zu gern eingeschlagen! Kollege, ich
+stelle mich ganz und gar unter Ihre Vormundschaft. Treten wir ein in
+die Bude, warten wir, bis eine Wolke vor das grinsende Scheusal
+gezogen ist, und trinken wir Grog derweile!“ rief der aufgeregte
+preußische Staatsbeamte, und so erkletterten wir die steile Treppe,
+langten, ohne den Hals gebrochen zu haben, auf der Höhe an, wandten
+uns rechts durch das Dünengras dem erleuchteten, von Musik
+durchschmetterten und mit Badegästen dicht gefüllten Dünenpavillon
+zu.
+
+In dem Augenblick aber, als wir in die Tür des hölzernen Rundbaus
+traten, schwieg plötzlich die Badeblechmusik. Die Musikanten packten
+ihre Instrumente ein oder nahmen sie einfach unter den Arm. Sie
+nahmen auch noch einen Gratisschnaps am Büffet und zogen ab, und der
+größte Teil des Publikums folgte ihnen seltsamerweise auf dem Fuße,
+ohne sich erst von dem Kunstgenuß erholt zu haben. Nur einige
+Gruppen verständiger Männer hielten sich noch bei ihren Gläsern.
+
+Über die Nordsee strich jetzt ein ziemlich lebendiger Wind. Die
+Wellen rauschten lauter und bedeckten sich mit weißern und krausern
+Schaumkronen. Das belebende und erwärmende Getränke, welches wir
+bestellten, bevor wir uns niederließen, mußte unbedingt von dem
+wohltätigsten Einfluß auf unsere seelische Stimmung und unser
+körperliches Behagen sein.
+
+Nun saßen wir, und während am nächsten Tische eine muntere
+Gesellschaft lustig durcheinanderschwatzte, sah ich mir meinen neuen
+Bekannten, und zwar durchaus nicht verstohlen, genauer bei
+Lampenbeleuchtung an, und meine Verwunderung stieg unter dem
+Scrutinio.
+
+Der Kreisrichter Löhnefinke aus Groß-Fauhlenberge war ein Mann von
+ungefähr fünfzig Jahren, korpulent, wie schon bemerkt, und sonst ohne
+alle äußerlichen Absonderlichkeiten. Ein breites Kinn, ein
+kurzgehaltenes, graugesprenkeltes Haupthaar, ein preußischer
+Beamtenbart und zwei graue, kluge Augen, die jeden Gegenstand, auf
+den sie sich hefteten, scharf festhielten, gaben mir sicherlich
+keinen Anlaß, den Mann für einen Tollhauskandidaten zu erklären, und
+doch--ich hielt es nicht aus! Meine Hand auf den Arm des Kollegen
+legend und dicht an ihn heranrückend, sagte ich:
+
+„Nehmen Sie es mir nicht übel, lieber Löhnefinke, aber in diesem
+Moment glaube ich nicht mehr daran.“
+
+„Woran nicht?“
+
+„An Ihr Auftreten vorhin. An--na ja, an Ihre halsbrecherische
+Flucht über die Düne, an jene Rutschpartie bei Wenningstedt, an:
+kurz an Ihre Mondfeindschaft, Kollege.“
+
+Sofort kam eine außerordentliche Veränderung über den ganzen, dicht
+neben mir sitzenden Menschen. Er duckte sich wieder einmal, und wie
+vorhin nach meinem Regenschirm griff er jetzt nach dem vor ihm
+stehenden Glase, zog die darin befindliche heiße, dampfende Mischung
+auf einen Zug in sich hinein und flüsterte durch die Zähne:
+
+„Es ist aber doch so! Ich hasse den Mond; er ist mein Todfeind, und
+ich ziehe den kürzern gegen ihn, wie er gegen die Lampe da über uns.“
+
+Ich winkte der Kellnerin, welche meinen Wink verstand und dem Kollege
+ein zweites dampfendes Glas vor die Nase setzte.
+
+„Danke!“ sagte der Kreisrichter. Und auch Ihnen Dank; denn wäre ich
+vorhin Ihnen und Ihrem Schirm nicht in die Arme gefallen, so weiß ich
+wahrlich nicht, was auf diesem schattenlosen Strande aus mir geworden
+wäre.“
+
+„Kollege,“ sprach ich, „ich bin ein ruhiger Mann, amtiere seit langen
+Jahren zur Zufriedenheit meiner Amtseingesessenen und meiner
+vorgesetzten Behörden. Ich habe den Landesorden zu Hause im
+Schubkasten und bin noch nie einem mir anvertrauten Geheimnis
+gegenüber feloniter vorgegangen: würden Sie es sehr übelnehmen,
+Kollege, wenn ich Sie aufforderte, mir mitzuteilen, wie Sie mit jenem
+unschuldigen Trabanten unserer sündigen Erde in Konflikt geraten
+sind?“
+
+„Ich werde das durchaus nicht übelnehmen“, sagte der Kollege.
+
+„Im Gegenteil, von Zeit zu Zeit fühle ich das intensivste Bedürfnis,
+meinem Haß und Zorn und leider auch meiner grimmigsten Beklemmung und
+Angst gegen eine fühlende Seele Luft zu machen. Lassen Sie sich
+ebenfalls noch ein Glas Grog geben und hören Sie zu. Nachher mögen
+Sie richten und werde ich mich auf Ihr Urteil verlassen, um so mehr,
+als ich Sie bereits aus unserem amtlichen Schriftenwechsel als einen
+tüchtigen Juristen kennengelernt habe.“
+
+„Ungemein verbunden“, sprach ich, aufs äußerste gespannt, und sah
+jetzt dem Kollegen in die Augen, wie ich vor fünfundzwanzig Jahren
+meiner Braut nicht in die ihrigen gesehen hatte. Er schlürfte von
+neuem vom dampfenden Getränk und begann und legte sein Bekenntnis ab.
+
+„Zuerst,“ sagte er, „muß ich Ihnen bemerken, daß mein Arzt mich
+hierher ins Seebad geschickt hat auf den Antrieb meiner Frau gerade
+dieses meines Zustandes wegen, wie sie sagt,--meiner Nerven wegen,
+wie er sagt. Jahrelang hat der Mann, der mich von Jugend auf kennt,
+der mit mir aufgewachsen ist, über diesen Zustand gelacht; erst
+durch die Insinuationen meiner Gattin ist ihm die Sache bedenklich
+geworden. Auf einmal hat er gefunden, daß es jetzt die höchste Zeit
+sei, etwas gegen die bedauerlichen Zustände zu tun, und hier bin ich
+und gehe pflichtgemäß täglich ins Wasser, wie Sie heute abend
+erfahren haben, bis jetzt ohne den geringsten Erfolg. Zur Sache!
+Mit einem Wort, ich büße für meine Jugendsünden.“
+
+„Aha!“ murmelte ich, doch der Kollege schüttelte, meine Meinung
+sofort erkennend, nachdrucksvoll den Kopf und seufzte:
+
+„O nein, nein! Ach, wie glücklich würde ich mich schätzen, wenn es
+d a s wäre! Das ist ja gerade mein Elend, daß ganz das Gegenteil
+dessen, was Sie im Sinne haben, den Grund meiner Verstörung bildet.
+Ich versichere Sie, weder der Wein noch die Weiber haben es mir in
+meinen Jünglingstagen angetan. Ich bin nur zu solide gewesen und
+bereue es heute in Kummer, Schmerz und im Sylter Badekostüm. O hätte
+ich mich doch ausgetobt in den Tagen meiner Jugend! Hätte ich doch
+meiner Phantasie die Zügel auf den Hals geworfen und die Gefahr,
+abgeworfen zu werden und das Genick zu brechen, zur rechten Zeit auf
+mich genommen! Kollega, Kollega, unterdrückte Poesie ist es, welche
+mich verrückt macht – verrückt weit nach dem vierzigsten Lebensjahre.
+Der deutsche Mondschein rächt sich an mir, und ich bezweifle, daß mir
+irgendein Bad, Sauer oder Bitterwasser helfen werde.“
+
+„Der deutsche Mondenschein?“
+
+„Freilich und sechsmal ja! Der Mond grinst mich aus meinem Verstande
+heraus, mich den königlich preußischen Kreisrichter Friedrich Wilhelm
+Löhnefinke zu Groß-Fauhlenberge, und nicht nur für eigene
+Verschuldung büße ich, nein, ich habe auch noch dazu die Schulden
+ungezählter Generationen meiner Vorfahren an das glänzende Ungeheuer
+abzutragen. O Kollega, ich fühle mich stellenweise sehr
+unglücklich!“
+
+„Kollege, Sie sind jedenfalls ein sehr interessanter Mensch. Mit
+aufgespanntesten Seelenkräften bitte ich um eine genauere Erklärung.“
+
+„Welche ich Ihnen geben werde. Mein Vater war königlicher Beamter,
+mein Großvater gleichfalls, und es wäre lächerlich von mir, wenn ich
+daran zweifeln wollte, daß auch mein Urgroßvater königlicher Beamter
+gewesen sei, selbstverständlich Provinzialbeamter wie wir alle.
+Meine Mutter war ein deutsches Weib, ebenso meine Großmutter und
+natürlich meine Urgroßmutter nicht weniger. Auch sie stammten
+sämtlich aus königlichen Provinzialbeamtenfamilien ab. Von Poesie
+wußten sie nichts, und auf den Mond achteten sie nur insofern, als er
+so gefällig war, sie zu benachrichtigen, wann es Zeit sei, die Haare
+zu verschneiden oder zur Ader zu lassen. O, sie überließen es
+einfach mir, für die Vernachlässigung zu büßen! Meine Mutter las
+Clauren, meine Großmutter Bibel und Gesangbuch, meine Urgroßmutter
+konnte wahrscheinlich gar nicht lesen. Meine Vorväter lasen und
+schrieben ihre Akten, lasen das Amtsblatt und vielleicht auch die
+Zeitung, und ich war bis in die jüngste Zeit ihr würdiger Nachkomme.
+Da kam das Jahr achtundvierzig, und der Mond ging mir auf.“
+
+„Aha!“ rief ich wiederum; aber der Kollege Kreisrichter schüttelte
+abermals das Haupt und sagte:
+
+„O nein, nein und zwölfmal nein! Sie irren sich jetzt nicht weniger
+als vorhin. Sie wissen was wir unter dem Worte ‚altliberal‘
+verstehen?“
+
+Ich nickte mit der Energie einer chinesischen Pagode.
+
+„Sie werden mir also zugestehen, daß man als Altliberaler noch weit
+davon entfernt ist, den Mond zu hassen und vor dem Monde Reißaus zu
+nehmen?“
+
+Es wäre töricht von mir gewesen, dieses Zugeständnis nicht zu machen,
+und ich machte es, tat aber dabei die Gegenfrage:
+
+„Wie alt waren Sie im März von Achtundvierzig?“
+
+„Ich hatte eben das Alter eines preußischen Auskultators erreicht.“
+
+„Bravo! Erzählen Sie ruhig weiter.“
+
+„Im März kam er also über die Dächer und schien in meine Stube zu
+Berlin, und ich rieb mir die Augen, wie gesagt, ohne ihnen zu trauen.
+Noch hatte ich nicht die geringste Ahnung von der Gefährlichkeit des
+Burschen, aber im folgenden Jahre neunundvierzig bekam ich mehr als
+eine Ahnung davon. Mit heißem Kopfe aus einer erregten
+Volksversammlung heimkehrend, schlief ich mit eben diesem Kopfe in
+der Fensterbank liegend ein, und das hämische Gestirn schien mir
+während mehrerer Stunden darauf.“
+
+„Und?“
+
+„Und am folgenden Morgen hatte ich nicht nur Kopfweh, sondern auch
+einen ausgesprochenen Ekel an manchen Dingen und Menschen, die mir
+sonst sehr hoch in Empfindung, Gefühl und Achtung gestanden hatten.
+Die Poesie brach durch--und--Kollege, wissen Sie was das bedeutet,
+wenn die Poesie des Lebens bei einem königlich preußischen
+Auskultator zum Durchbruch gelangt?“
+
+„Gottlob nein; erinnern Sie sich nur, daß wir über unsere respektiven
+Landesgrenzen miteinander korrespondiert haben.“
+
+„Das ist wahr; aber ich wußte es auch nicht, doch heute kann ich
+darüber reden. Sie haben die ganze Nacht ruhig und solide von den
+Pandekten und dem Landrecht geträumt, und Sie erwachen und suchen
+sich den Inhalt Ihrer Träume wieder zu vergegenwärtigen. Es gelingt
+Ihnen nur zu gut, und der Jammer beginnt. Sie sehen von Ihrem
+Kopfkissen aus nach Ihrer Bibliothek hinüber, und plötzlich ergreift
+Sie eine kaum zu bezwingende Lust aufzuspringen, den ganzen Trödel in
+die Arme zu fassen---und--und--und--Dinge--unsagbare Dinge damit
+vorzunehmen. Sie bezähmen sich aber, denn es fällt Ihnen ein wieviel
+Geld Sie in den Wust gesteckt haben, und Sie bezähmen sich auch zum
+Glück für Ihre weitere Karriere und gehen an die Bereitung Ihres
+Kaffees. Dabei ergreift Sie dann die Vorstellung, daß Sie noch immer
+ohne die entsprechende Vergütung dem Staate zur Verfügung stehen, mit
+erschütternder Gewalt; und darüber wieder kocht Ihnen nicht nur die
+Galle, sondern auch Ihr Gebräu über, und Sie fressen die eine in
+sich hinein und schütten das andere nicht in die Dachrinne, sondern
+ebenfalls in sich hinein. Sie haben Illusionen verloren und Sie
+machen sich neue: sehen Sie, da haben Sie eine der ersten Wirkungen
+unseres Feindes, des Mondes! Ja, Sie machen sich sonderbare
+Illusionen, und was das sonderbarste ist, Sie verdenken es sich
+selber gar nicht. Nachher gehen Sie zum Büro, begegnen unterwegs
+Ihrem Vorgesetzten, grüßen ihn höflichst, und jetzt, mit einem Male,
+fällt Ihnen ein anderes Träumen ein! Sie erinnern sich dessen, was
+Sie träumten, als Sie mit dem Kopfe im offenen Fenster lagen und der
+Mond Ihnen auf den Kopf schien. Sie stehen und sehen dem Präsidenten
+nach; und nun, und einzig und allein durch des deutschen Mondes
+Schuld, fällt Ihnen bei, daß Sie für Ihre Person doch mehr gelesen
+haben als Ihre Vorfahren: nicht die Zeitung, sondern Zeitungen,
+außerdem Schiller und Goethe, Voltaire und Rousseau, Börne und Stahl,
+Ranke und Raumer und ein inkommensurables Gemisch neuester Poeten
+höchst liberaler Art. Sie erinnern sich an manches, was Sie auf
+Universitäten beim Kommersch sangen, und der sanfte, liebliche Mond,
+der vielleicht gerade als zarte Sichel über Ihnen im Hellblau des
+Morgenhimmels steht, verzieht den Mund höhnisch und wächst, wächst,
+wächst von neuem zu Vollmond an, während Sie Tag für Tag, Woche für
+Woche Ihren Amstgeschäften nachgehen. Sie fühlen sich grenzenlos
+unbehaglich, Sie kommen sich unsagbar dumm, albern und abgeschmackt
+vor und protokollieren auch dumm, wofür Sie eine ganz gehörige Nase
+besehen. Mit der letztern gehen Sie nach Hause und besehen zufällig
+Ihren abnehmenden Haarwuchs im Spiegel, und wenn Sie dabei in Ihrem
+Bart ein weißes Haar entdecken sollten, so kommt auch das Ihrem guten
+Freunde, dem Monde, ganz gelegen; denn er ist imstande, Sie daran
+fester zu fassen und leichter seine Wege zu führen als an irgend
+etwas anderem. Das nächste Mal, wenn Sie wieder einsam in der Nacht
+am Fenster sitzen, nimmt er Sie bei diesem Haar: Sie sehnen sich
+nach einem Busen, einem zarten, gefühlvollen, weichen Busen, in den
+Sie alle Ihre Wehmut ausschütten können, dem Sie Ihren Gram sagen,
+dem Sie Verdruß und Ärgernis mitteilen können. Sie träumen wachend,
+und der Mond hohnlacht ärger denn zuvor...“
+
+„Halten Sie einmal, Löhnefinke!“ rief ich, beide Hände auf die Stirn
+drückend. „Muß denn immer erst ein anderer kommen und einem seine
+eigensten vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Zustände klar
+und objektiv hinstellen? Kollega, Sie haben vollständig recht;
+nervös, wie Sie selber, folge ich Ihrer Auseinandersetzung! Fahren
+Sie fort,--wahrhaftig, der Mond ist ein Ungeheuer!“
+
+„Er ist es, der Mond, und vor allem dieser deutsche Mond! Da kommt
+er abermals über das Dach, und Sie legen den Kopf auf die Schulter
+und blinzeln ihm blöde und verlegen in die breite Fratze. Und
+plötzlich schwankt hohes Weizenährenfeld vor Ihren Blicken, die
+Nachtigall oder sonst ein Vogel piept im Gebüsch, es blitzt der
+Teich, der Bach murmelt, und Sie, Kollega, fangen gleichfalls an zu
+murmeln. Was murmeln Sie? Natürlich irgendeinen wohlklingenden
+Taufnamen, auf E oder A auslaufend,--Klothilde, Josephine, Maria,
+Amalia--was weiß ich?! Einerlei! Es ist entschieden--er hat Sie;
+er hat Sie mit allem, was an Ihnen ist, dieser heimtückische,
+hinterlistige Schleicher, der Mond, der deutsche Mooond! Sie fühlen
+sich in der Stimmung, ihn Ihren Freund zu nennen, die Arme nach ihm
+auszustrecken, eine Träne ihm hinzuweinen, und Sie sind ohne allen
+weitern Zweifel grenzenlos blamiert.“
+
+„Ja!“ sagte ich und nichts weiter. Der Kollege aber schwieg in
+melancholischem Tiefsinn eine geraume Weile, bis er von neuem auf
+und fortfuhr.
+
+„Ich war Landbote, als während des Militärkonflikts Seine Majestät
+unserem Ministerpräsidenten den berühmten, symbolischen Stock
+schenkte; ich stimmte selbstverständlich mit der Majorität und jetzt
+--jetzt im Jahre siebenundsechzig--habe ich ein Sonett--bedenken
+Sie, ein Sonett!--ein Lobsonett auf den allverehrten Herrn
+Ministerpräsidenten gemacht und dasselbige im Inseratenteil der
+Nationalzeitung abdrucken lassen. Verstehen Sie mich und meine
+Stellung zu dem Monde, dem deutschen Monde?“
+
+„Vollkommen!“ sagte ich nach einigem Nachdenken.
+
+„Dann kann ich mich kurz fassen und werde es tun. Man kennt--und
+der Mond weiß es--einen passabel wohlklingenden, auf E oder A
+auslaufenden Namen und die Trägerin natürlich dazu; oder man sucht
+sofort nach einem solchen Namen und seiner Trägerin, und daß der Mond
+bereitwilligst hilft, ihn und sie zu finden, versteht sich von
+selber. Kein Kuppler bietet in derartigen Fällen eilfertiger und
+geschickter seine Hand. O, er leuchtet uns auf den lyrischen
+Dichter, mit welchem wir uns plötzlich mehr als wahlverwandt fühlen.
+O, er scheint uns auf das Blatt, auf welchem wir selber der Muse die
+Cour machen. O, er greint auf uns herab, wenn wir am Ausgange des
+Ball, Konzert oder Theatersaales auf sie warten. O, o, o, er
+geleitet uns später auch nach Hause, wenn die Alte nichts dagegen
+einzuwenden hatte, daß wir sie dahin bringen. O, o, o, o, wer
+versteht es besser als er, dem Esel, dem Menschen, heimzuleuchten?
+Gleichgültig ist es, aber doch eine wohl aufzuwerfende Frage, ob auch er
+die Schuld davon trage, wenn der Alte eines schönen Morgens ‚Ja!‘
+sagt. Sind Sie auch verheiratet, Kollege?“
+
+Die Frage drang so abrupt auf mich ein, daß sie mich fast vom Stuhle
+warf und ich mich wahrhaftig erst einen Moment durch sammeln mußte,
+ehe ich sie bejahend beantworten konnte.
+
+„Wohl! Dann wollen wir über dieses Thema kein Wort weiter verlieren.
+Ist er auch an der Alliteration schuld? Sehen Sie, da ist er und
+guckt ins Fenster--die Wolken, auf welche Sie mich vorhin
+vertrösteten, haben auch nichts gegen ihn vermocht. Die Wiesen
+liegen im weißesten Lichte--o wie schön, wie wunderbar! Lieber
+Kollege, wie reizend ist doch die Welt--wie großartig in Krieg und
+Frieden! Poesie trieft von oben herab und sprießt von unter herauf!
+Horchen Sie--hören Sie die Musik des ewigen Meeres! Die Wogen
+tanzen den unsterblichen Tanz im deutschen Mondschein, weshalb
+sollten wir nicht mittanzen? Meine Seele ist im harmonischen Fließen
+der Welt ein Tropfen. Kollege, lassen Sie uns hinaustreten in die
+holde Natur; es ist ein Sünde, in diesem dumpfen Gemache zu sitzen,
+während Erde und Wasser da draußen vor dem Pavillon im deutschen
+Mondschein so außerordentlich schön daliegen; kommen Sie, trinken
+Sie aus, lassen Sie...“
+
+„Sie fürchten nicht mehr...?“
+
+„Was sollte ich fürchten? Liebster, guter Freund, das ist es ja
+eben! Er siegt uns allen ob, und in seinem Lichte gewinnen wir alle
+unsere Siege.“
+
+„Auch die Schlacht bei Königgrätz?“
+
+„Auch diese, was man auch dagegen einzuwenden haben mag. Und
+künftige große und merkwürdige Siegesschlachten ebenfalls! Ach,
+welche Luft, welches Licht! Bitte, lassen Sie uns noch einmal die
+Düne besteigen, noch einen Blick auf das heilige Meer zu werfen.“
+
+„Und nachher, mitten im Mondschein stehend, werden Sie mir weiter von
+Ihrer Lebensentwicklung sprechen?“
+
+„Gern, mit Vergnügen, sofort, obgleich es meiner Meinung nach doch
+eigentlich gar nicht mehr nötig ist. Sehen Sie, Bester, das Faktum
+steht ebenso fürchterlich wie behaglich fest--der Mond übermannt
+dann und wann den königlich preußischen Justizbeamten Löhnefinke, und
+letzterer hat zu guter Letzt selber nicht die geringsten Einwendungen
+gegen den ihm aufgedrängten Rausch und Taumel zu erheben. Ja, ich
+habe im deutschen Mondschein auch ein deutsches Mädchen gefunden,
+mich mit Einwilligung der Eltern desselben demselben verlobt und es
+später geheiratet. Heute noch befinde ich mich mit Zugabe einer
+achtzehnjährigen Tochter im unangefochtenen Besitz, und vielleicht
+kann ich nachher beide Damen Ihnen vorstellen.“
+
+„Also--also Sie laufen wirklich nicht allein--nicht sich selber
+überlassen hier auf Sylt herum?“
+
+„Keineswegs. Ich wohne mit Weib und Kind dort in Westerland und bin
+unter ihrer Aufsicht hierher ins Bad gekommen. Was denken Sie auch?“
+
+„Entschuldigen Sie meine törichte Frage, Kollege. Dieses ist ein so
+wunderbarer Abend, ein so erfreuliches Zusammentreffen, und eine so
+überinteressante Unterhaltung, daß da alles zu entschuldigen ist.“
+
+„Beruhigen Sie sich nur; wir verstehen uns vollkommen. Auch habe ich
+Sie schon tagelang, unbemerkt von Ihnen, ins Auge gefaßt; als Mensch
+fielen Sie mir auf, und den Juristen erkannte ich sofort in Ihnen,
+und das Schicksal ließ mich vorhin nicht ohne Absicht und vollgütige
+Berechtigung Ihnen in die Arme rutschen. Wir mußten uns heute abend
+gegeneinander aussprechen; es gehört mit zur Kur und ist auch zum
+großen Teil eine Wirkung des Salzwassers. Aber der Mond – ich muß
+Sie immer von neuem auf diesen herrlichen Mond aufmerksam machen!
+Ja, ich bin in seinen Banden und werde darin bleiben müssen, bis der
+Tod mich erlöst. Kollege, durch ihn und mit Beihilfe der
+gegenwärtigen Zeit und der Weltlage bin ich--der Poet in meiner
+Familie geworden. Fassen Sie das ganz und begreifen Sie mich ganz,
+sowohl in meiner Stimmung bei unserem Begegnen am Strande wie in
+meinem augenblicklichen Geisteszustand.“
+
+Löhnefinke der Poet in seiner Familie! Ich trat mehrere Schritte
+zurück. Obgleich der tolle Mensch klar wie die Insel Sylt im
+deutschen Mondenschein vor mir lag, frappierte mich das Wort doch.
+Es war wie der Kanonenknall, der einen auch frappiert, trotzdem daß
+man mit dem Lorgnette vor den Augen beobachtete, wie der Kanonier die
+Lunte anblies.
+
+„Ich, der Erbe so unendlicher Prosa“, fuhr der Kollege fort, „ich bin
+besiegt von meinem Feinde und ihm jedesmal, wenn er über den Horizont
+guckt, verfallen trotz allem Gesperr und Gezappel. Ich bin Idealist
+in der Politik, Dichter in der Führung meines Haushalts. Ich sehe
+die Zeit kommen, wo ich mein Abrechnungsbuch in Hexametern und Ottave
+Rime führen werde. Ich schwärme für Gemüt und Gemütlichkeit in den
+Vorgängen der Stunde, und--Kollege, Kollege!--ich werde von meinen
+Weibern--meinen Damen nicht verstanden, nicht begriffen. Das ist
+es, was meine Nerven zerrüttet und mich unter ihrer, meiner Damen,
+Führung hieher nach Westerland gebracht hat, und jetzt lassen Sie uns
+gefälligst nach Hause gehen, es wird allmählich sehr kühl.“
+
+Er hatte mich untergefaßt--zärtlichst; und wir wandelten Arm in Arm
+über die mondbeglänzte Heide von Sylt. Nimmer war ich in meinem
+Leben mit einem so poetischen preußischen Kreisrichter Hüfte an Hüfte
+geschritten. Er, dieser exaltierte Kollege, deklamierte laut, immer
+lauter. Er zeigte eine wahrhaft staunenerregende Belesenheit in
+deutscher und fremder Lyrik. Gedichte an den Mond wechselten mit
+Hymnen auf die Freiheit und Schlachtliedern gegen alle möglichen und
+unmöglichen Feinde. Tropische Landschafts-- und Stimmungsbilder
+wechselten mit abgerissenen Strophen aus bekannten und unbekannten
+Romanzen und Balladen jeglichen historischen und unhistorischen
+Inhalts. Löhnefinke war göttlich, und sein Feind, der Mond, konnte
+wirklich seine Freude an ihm haben; aber mehr als einem seiner und
+meiner Vorgesetzten würde er in diesem Zustande nicht nur moralische,
+sondern auch physische Übelkeit erregt haben. In der Ferne nordwärts
+blinzelte das wechselnde Licht des Leuchtturms von Kampen wie das
+Auge eines Spötters, der seine Umgebung auf irgend etwas
+außergewöhnlich Drolliges aufmerksam macht. Die Schafe auf der
+Heide, über deren Tüder, das heißt Haltestricke, wir stolperten,
+standen auf, sahen uns verwundert an und staunend nach.
+
+So kamen wir dem Dorfe Westerland immer näher, jedoch bevor wir es
+erreichten, wurden wir angerufen und, der äußern Erscheinung und dem
+Tone nach, auf die allerlieblichste Weise aus dem Traum, Nacht und
+Mondscheinwandeln in die Wirklichkeit zurückgerissen. Vom Dache
+konnten wir glücklicherweise beide nicht fallen.
+
+Wie aus den Strahlen des Mondes gebildet, stand auf einer
+Bodenanschwellung der Heide eine ungemein zierliche, graziöse
+Mädchengestalt vor uns, und ein ganz reizendes Mädchengesichtchen
+neigte sich im Mondenscheine wahrhaftig märchenhaft hübsch uns
+entgegen. Daß der Kreisrichter Löhnefinke aus Groß-Fauhlenberge ein
+reizendes Gesichtchen aufzuweisen gehabt habe, kann ich nicht sagen,
+aber er besaß eine biedere, gewissermaßen auch joviale Visage, und
+der Enthusiasmus der letzten Stunden hatte dieselbige sogar noch sehr
+verschönert: um so heftiger mußte ich mich jetzo über den Ausdruck
+verwundern, mit welchem er sein süßes Töchterchen ansah. Statt noch
+heiterer und noch glücklicher zu werden, fielen plötzlich seine
+sämtlichen Züge schlaff auseinander, um sich sofort zu einem Gewirr
+verdrießlicher Falten zusammenzuziehen.
+
+„Da bist du endlich, Papa? Na, das muß ich sagen!“ rief die
+elfenhafte Huldin uns entgegentretend.
+
+„Ja, da bin ich endlich“, brummte der Kollege, „und hier...“
+
+Er vollendete nicht; denn die junge Dame schnitt ihm kurz das Wort
+ab:
+
+„Wir haben lange auf dich gewartet, Papa, und die Mama ist sehr
+böse auf dich!“
+
+„So? hm!“ brummte der Kollege, und „hm!“ sagte auch ich in der Tiefe
+meiner Seele.
+
+„Komm her, Helene, wir wollen zusammen heimgehen“, sprach der Vater
+des schönen Kindes begütigend; allein die Elfe im Mondschein
+entgegnete noch kürzer:
+
+„Ich danke, Papa; ich werde mit der Mama gehen. Da kommt sie schon
+und wird dir sagen, wie sie auf dich gewartet hat. Mama, hier ist
+der Papa endlich!“
+
+Ei freilich, er war in der Tat hier, der Vater Löhnefinke, und er
+zitierte in diesem Augenblick keine deutschen Dichter und keine
+auswärtigen mehr. Aber ebenfalls durch den deutschen Mondschein kam
+die Mama heran, und zwar ziemlich rasch und energisch. Ich hätte mit
+Vergnügen Abschied genommen und mich empfohlen, ehe sie uns
+erreichte; doch der Kollege hielt meinen Arm mit einem wahren
+Landdragonergriff fest und flüsterte:
+
+„O, ich muß Sie vorstellen, Freund. Wo wollen Sie hin? O
+Kollege,erlauben Sie, daß ich Sie meiner Gattin vorstelle!“
+Was konnte ich anders ausdrücken als die größte Sehnsucht, auch die
+Kollegin kennenzulernen?
+
+Zwischen den ersten Häusern der Ortschaft Westerland vorschreitend,
+hatte die Würdige uns jetzt erreicht und den Arm ihrer Tochter
+genommen. Mich übersah sie zu Anfang natürlich vollständig und
+widmete sich einzig und allein den Angelegenheiten der Familie:
+
+„Also endlich, Löhnefinke?! Deine alte, gewohnte
+Rücksichtslosigkeit! Aber ich sage dir, Löhnefinke...“
+
+„Aber liebe Johanna, so sieh doch! Erlaube mir, dir hier meinen
+Freund und Korrespondenten...“
+
+So wird man nicht selten als spanische Wand zwischen den Zugwind und
+den Lehnstuhl des Rheumatismuskranken geschoben! Die Vorstellung
+fand statt, und ich fügte mich mit der mir angebornen Bonhomie in die
+mir zugeteilte Rolle. Nach etlichem höflichen Wortaustausch
+schritten wir vier nun doch miteinander den biedern, niedern,
+friedlichen, friesischen Hütten zu, und wenn mir bis jetzt in den
+Seelenzuständen meines Kollegen ein letzter Punkt dunkel geblieben
+war, so wurde derselbe mir nun auf diesem kurzen Wege vollkommen
+klar.
+
+O, wie der Mond, der deutsche Mond auf die beiden Frauen und den
+königlich preußischen Kreisrichter herunterlachte! O, er weiß sich
+zu rächen, der deutsche Mond! Er hat seine Mittel, er kennt seine
+Mittel, und er weiß seine Mittel zu gebrauchen! Mein Freund
+Löhnefinke hat vollständig recht: es ist ein Elend, die Erbschaft von
+Generationen, von Jahrhunderten antreten zu müssen, ohne vorher von
+der Rechtswohltat des beneficii inventarii Gebrauch machen zu dürfen.
+Es ist ein Jammer, jenen bleichen, ab- und zunehmenden Gesellen erst
+nicht zu beachten, dann zu verachten und endlich seinem Einflusse ohne
+erklecklichen Widerstand hingegeben zu werden und sich hinzugeben!
+
+Man muß eben ein Mann--ein deutscher Mann und Beamter sein, um das
+Entsetzliche im ganzen und vollen an sich zu erleben. Frau Johanne
+und Fräulein Helene Löhnefinke, ohne je die Ansprüche des Mondes an
+den Menschen berücksichtigt zu haben, hatten sich ganz auf die Seite
+des Mondes gestellt und rächten ebenfalls ihn an seinem Verächter.
+Es war nicht abzusehen, wieweit sie den Gatten und Vater noch
+hinunterbringen konnten,--tief genug hinunter hatten sie ihn bereits
+gebracht.
+
+Als ich spät am Abend wieder bei meinem Bäcker saß, rauchte ich ein
+halb Dutzend Pfeifen über den Erlebnissen und Erfahrungen des Tages
+und kam gegen Mitternacht zu dem Entschluß, meinem augenblicklich in
+Göttingen Mathematik studierenden Jungen ein Exemplar von Jean Paul
+Friedrich Richters sämtlichen Werken zu seinem nächsten Geburststage
+zu schenken.
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Deutscher Mondschein, by Wilhelm Raabe
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCHER MONDSCHEIN ***
+
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+Produced by Michael Wooff, with German from the original
+text, and his own translation
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+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
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+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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@@ -0,0 +1,1197 @@
+The Project Gutenberg EBook of Deutscher Mondschein, by Wilhelm Raabe
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Deutscher Mondschein
+
+Author: Wilhelm Raabe
+
+Release Date: May 10, 2010 [EBook #32008]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCHER MONDSCHEIN ***
+
+
+
+
+Produced by Michael Wooff, with German from the original
+text, and his own translation
+
+
+
+
+
+Deutscher Mondschein
+
+Eine Erzählung von Wilhelm Raabe (1831-1910)
+
+Erzählen wir ruhig und ohne alle Aufregung. Ich bin ein selbst für
+Deutschland außergewöhnlich nüchterner Mensch und verstehe es, meine
+fünf Sinne zusammenzuhalten. Außerdem bin ich Jurist, der Mann
+meiner Frau und der Vater meiner Söhne. Weder zur Zeit der
+Holunderblüte noch zur Zeit der Stockrosen, Sonnenblumen und Astern
+pflege ich mich sentimentalen oder romantischen Anwandlungen
+ausgesetzt zu fühlen. Ein Tagebuch führe ich nicht; aber sämtliche
+Jahrgänge meines Terminkalenders halten in meiner Bibliothek
+wohlgeordnet ihren Platz fest. Diese alles vorausgeschickt, teile
+ich mit, daß ich mich im Jahre 1867 auf ärztlichen Rat, der Seeluft
+und des Meerwassers wegen, auf der Insel Sylt befand und daß ich
+daselbst eine Bekanntschaft machte--eine ganz außerordentliche
+Bekanntschaft.
+
+Selbstverständlich kann ich mich nicht dabei aufhalten, das oft
+Empfundene und noch häufiger Geschilderte und in Briefen oder durch
+den Druck Verbreitete von neuem durch eine schriftliche Wiedergabe
+meiner eigenen Erfahrungen und Gefühle zu berichtigen oder zu
+bekräftigen. Wogenschlag, Sandhafer und Sandroggen, Möwenflug und
+vor allem der Westwind machten auf jeden, der von einer deutschen
+Beamtenexistenz den Schweiß und den Staub abzuspülen hat, einen
+angenehmen, erfrischenden Eindruck. Sie verfehlten ihre Wirkung auch
+auf mich nicht, zumal da die Anstrengungen, die der erwähnten
+Erfrischung vorangingen, nicht gering waren.
+
+Ich wohnte auf der Grenze der beiden Dörfer Tinnum und Westerland und
+hatte also, um zum Strande und in die heilige Salzflut zu gelangen,
+einen Weg von mindestens einer halben Stunde zurückzulegen. Ein
+nicht kürzerer Weg führte dann zu dem edlen Mann, der uns
+allmittäglich für einen soliden Preis von innen aus wieder
+auferbaute. Auf häuslichen Komfort oder gar Luxus mache ich als an
+Genügsamkeit gewöhnter deutscher Staatsdiener überhaupt keinen
+Anspruch. Da ich von meinen einundzwanzig Pfeifen sieben mit mir
+führte, würde ich mich selbst in einem Hünengrabe behaglich
+eingerichtet haben.
+
+Gut--ich wohnte bei einem Bäcker, der seinen Backofen mit
+Strandholz, das heißt dem in den Strandauktionen von gestrandeten
+Schiffen erstandenen Gebälk und Sparren- und Balkenwerk heizte. Ich
+half ihm dann und wann, dieses Holz zu spalten, und fühlte mich hier
+gemütlich dadurch angeregt--daheim widme ich mich dem Geschäft mehr
+aus sanitätischen Gründen.
+
+Daheim säge und spalte ich in meinen Mußestunden mein Brennholz, hier
+trieb ich Allotria oder studierte einige vorsichtigerweise im Gepäck
+mitgeführte Abhandlungen über die braunschweigische Erbfolge. In den
+Geschäftsstunden ging ich am Strande spazieren.
+
+Bei einem solchen Badeaufenthalt zieht sich alles in die Länge. Zu
+Hause wandle ich jeglichen Tag und in jedem Wetter rund um die zu
+Spaziergängen eingerichteten Wälle meiner Amststadt; auf Sylt speiste
+ich, hielt eine Stunde auf einer Düne Siesta und lief dann geradeaus
+gen Norden den Strand entlang, manchmal bis zum Roten Kliff, jedoch
+gewöhnlich nur bis zu den Badehütten von Wenningstedt.
+
+Da das Meer wie ein Waschweib beiderlei Geschlechts nichts bei sich
+behalten kann, sondern alles wieder auswirft, so waren diese Gänge
+nie ohne ihre Reize; denn wenn ich auch ein Mann der Prosa bin, so
+kann ich doch einen toten Seehund mit einer gewissen Melancholie vom
+Rücken auf den Bauch wenden und meine Gedanken dabei haben.
+
+Gut--oder diesmal vielmehr: besser! Ich befand mich ungefähr drei
+Wochen auf dieser lang von Süden nach Norden oder umgekehrt
+hingestreckten Insel, als ich die zu Anfang meiner Relation erwähnte
+Bekanntschaft machte.
+
+Es war gegen Abend. Die Sonne war untergegangen, und ich kam--heute
+--vom Roten Kliff zurück, und zwar nicht wenig müde, denn die Ebbe
+hatte den Weg am Strande nach besten Kräften für alle auf Sylt
+anwesenden am Unterleib leidenden Patienten gangbar gemacht. Wenn
+man zehn Schritte lang auf ziemlich festgeschlagenem Sande wandelte,
+versank man während der nächsten zweihundert Schritte desto tiefer,
+und die Gattin, Tochter, Cousine oder Geliebte meiner Leser, die über
+diesen der Gesundheit so ungemein ersprießlichen Pfad graziös
+weggeglitten wäre, würde ich in der Tat gern einem Poeten zur
+lyrischen oder epischen Verwendung empfehlen, wenn mir ein solcher
+außer dem Kreisrichter Löhnefinke unter meinen Kollegen und
+sonstigen Freunden und Feinden bekannt wäre.
+
+Ich sagte: die Sonne war untergegangen, und verbessere mich. Sie
+ging eben unter, als ich bei den Dünen, südlich von Wenningstedt, dem
+Riesenloch gegenüber, anlangte. Ein Blankeneser oder Cuxhavener
+Fischerboot verschwand mit ihr in den Nebeln des Meereshorizontes,
+und ein trübes Grau wurde aus dem erfreulichen und dem Auge so
+wohltätigen Grün des Wassers. Auch die gelbrote Färbung der
+Sandhügel zur Linken des gesunden, aber beschwerlichen Weges
+verschwand, und die graue Farbe gewann zur Linken wie zur Rechten die
+Oberhand. Das Dünengras fing an, in einem kühlern Winde zu lispeln;
+es war Abend geworden, und es war gegründete Aussicht vorhanden, daß
+es demnächst Nacht werde.
+
+Stolpernd und trotz der Abendkühle in Schweiß gebadet, beschleunigte
+ich meine Schritte der abendliche Pfeife zu, als mir das Unerwartete
+passierte und ich den Kollegen Löhnefinke kennenlernte.
+
+Jedermann, der den westlichen Strand der Insel Sylt kennt, weiß auch,
+wie schroff oft die Dünen gegen den sandigen Gesundheitspfad an der
+See abfallen, und an einer der schroffsten Stellen fiel mir der
+Kollege auf den Hals und setzte mich für alle Zeit meines
+Erdenwandels in Erstaunen: der geehrte Leser erlaube mir, daß ich
+mein Protokoll mit gewohnter Ruhe und ohne Aufregung weiterführe.
+
+Ich befand mich, wie gesagt, dem Riesenloch gegenüber, und die Sonne
+hatte vor fünf Minuten Abschied genommen, als plötzlich auf der Höhe
+der Düne zur Linken, ungefähr siebenzig Fuß über meinem Kopfe, ein
+Mensch erschien, der unbedingt im eiligsten Laufe an dem Anhange
+anlangte, die Arme gegen den Abendhimmel emporwarf, dann sich
+niederkauerte und mit einem Male zu meinem haarsträubenden Grausen,
+den schroffen, fast senkrechten Hügel herab rutschte, schurrte,
+schoß!
+
+Ehe der Ruf des halben Schreckens und ganzen Erstaunens, den ich
+ausstieß, verhallt war, saß der Mensch schon am Fuße der Düne im
+weichen Sande zwischen einem dorthin angespülten halbzertrümmerten
+Faß und einer zerbrochenen Schiffslaterne und sah mit weitoffenem,
+schreckensbleichem und doch zugleich zu einem offenbaren Grinsen sich
+verziehendem Munde mich, den Herbeieilenden, an und rief, schrie oder
+vielmehr heulte:
+
+"Er--sie--ist hinter mir! Ich bitte um Entschuldigung, mein Herr,
+aber--wer kann gegen seine Nerven...?"
+
+"Wer? was? wer ist hinter Ihnen?" schrie ich, an der grauen
+Dünenwand emporstarrend, ohne etwas irgend Bedrohliches zu erblicken.
+Nichts zeigte sich, was die gewagte Rutschpartie des noch immer im
+Sande vor mir sitzenden, ziemlich wohlbeleibten und höchst anständig
+gekleideten Individuums und die grenzenlose Bestürzung desselben
+rechtfertigen konnte.
+
+"Wer ist hinter Ihnen? Niemand, wie mir scheint! So reden Sie doch!
+Wer jagt Sie? Was treibt Sie zu solchen Sprüngen? Ich sehe
+wahrhaftig nicht das geringste da oben!"
+
+"Doch, doch! Er--sie--der Mond--Luna--Selene! Nein, nein, nicht
+Luna und Selene, sondern er, der Mond, der verruchte deutsche Mond!
+Eben geht er hinter den Watten auf und wird in einigen Minuten dort
+über die Höhe hinter mir her sein! Und hier kein Dach, kein Schirm -
+nicht einmal ein Regenschirm--und der nächste Badekarren zum
+Unterschlüpfen eine Viertelstunde weit ab! Das ist mein Tod!"
+
+Einen Regenschirm führe ich gewöhnlich mit mir und so auch jetzt; der
+Unbekannte in seiner Verstörung hatte ihn jedoch nicht bemerkt, und
+ehe ich ihn dem Narren anbot, überlegte ich natürlicherweise.
+
+Es war mir klar, juristisch klar, daß ich einen Wahnsinnigen vor mir
+hatte, und schnell gefaßt überdachte ich, wie unter solchen Umständen
+von mir gegen ihn zu handeln sei. Sollte ich den Mann, da ich an
+seinen eigentümlichen Fiktionen nichts ändern konnte, seinem
+Schicksal überlassen und es seinen Wächtern anheimstellen, ihn
+einzufangen; oder sollte ich ein Gespräch mit ihm anknüpfen und auf
+die Gefahr hin, in persönlich unangenehme Auseinandersetzungen mit
+ihm zu geraten, seine Zustände näher zu ergründen suchen?
+
+Als Mensch würde ich das erstere vorgezogen haben, als Jurist, als
+Kriminalist zog mich das letztere an. Ich folgte der Verlockung und
+führte die Unterhaltung weiter.
+
+"Mein lieber Herr," sprach ich, "wenn Sie sich unter einem
+Regenschirm gegen Ihren Feind gesichert glauben, so bin ich mit dem
+meinigen gern zu Diensten. Nehmen Sie meinen Arm."
+
+Ich hatte bereits das seidene Wetterdach ausgespannt, und der
+Irrsinnige war ebenfalls bereits mit einem Freudenruf in die Höhe
+gesprungen.
+
+"O mein Herr, der Himmel hat mich Ihnen entgegengeführt."
+
+Er nahm meinen Arm und sagte, den Hut abziehend:
+
+"Erlauben Sie aber auch, daß ich mich Ihnen vorstelle. Mein Name ist
+Löhnefinke--Königlich Preußischer Kreisrichter zu Groß-Fauhlenberge,
+Provinz..."
+
+Jetzt tat ich in vollkommener Stupefaktion einen Seitensprung:
+
+"Mein Herr--das ist nicht möglich!"
+
+"Mein Herr?"
+
+"Sie? Sie, der Sie, um dem Mondaufgange zu entrinnen, sich kopfüber,
+auf die Gefahr den Hals zu brechen, eben da--dort hinunterstürzten,
+der Kreisrichter Löhnefinke aus Groß-Fauhlenberge? Unmöglich, ganz
+unmöglich sind Sie der Kreisrichter Löhnefinke!"
+
+"Doch, doch! Wenn Sie es ein Vergnügen nennen wollen, so habe ich es
+und bin der Genannte."
+
+Mühsam faßte ich mich, indem ich mir sagte: jetzt ist es außer allem
+Zweifel, es ist ein Wahnsinniger mit mehreren fixen Ideen. Der
+Unglückliche hält nicht nur den Mond für seinen Feind, sondern er
+hält sich unbedingt dazu für einen andern.
+
+"Ja, mein Name ist Löhnefinke, und ich würde es für eine Ehre halten,
+wenn Sie, mein werter Herr, mich nunmehr auch mit dem Ihrigen bekannt
+machen würden."
+
+Was war dagegen zu machen? Ich stellte mich vor und nannte meinen
+Namen und Titel. Sofort zog der Irrsinnige von neuem den Hut, griff
+nach meiner Hand, drückte sie herzlich und rief:
+
+"Ach, mein liebe Kollege, sehen Sie, wie das Fatum die Leute
+zusammenführt! Wahrhaftig, das hätte ich mir vor einer Viertelstunde
+nicht träumen lassen. Mein Gott, so sind wir ja schon seit geraumer
+Zeit die besten Bekannten! Erinnern Sie sich doch! Haben wir nicht
+in Sachen Johann Peter Müllers, des nachgemachten Zigeunerhäuptlings
+aus Langensalza, Akten gewechselt und eine geschäftliche
+Korrespondenz geführt? Nicht wahr, es fällt Ihnen ein? O, wie mich
+das freut!"
+
+War das ein Traum, oder war's Wirklichkeit? War dieser Mensch
+verrückt, oder war ich es?
+
+Die Sache verhielt sich in der Tat so, und meines Schriftenwechsels
+mit dem preußischen Kreisgericht zu Groß-Fauhlenberge erinnerte ich
+mich sofort auf das deutlichste. Und mein sonderbarer Begleiter (wir
+schritten bereits nebeneinander her) hielt sich auch gar nicht allein
+an das bloße Sicher- und Feststellen dieser Tatsache; nein, er
+vertiefte sich augenblicklich in die Einzelheiten des betreffenden
+Falles, legte mir jetzt mündlich alle die Bedenken vor, die er mir
+früher schriftlich mitgeteilt hatte, und--ich erwiderte ihm, als ob
+es wirklich keinem Zweifel mehr für mich unterliege, daß er der
+fragliche königlich preußische Beamte sei und wirklich den Namen
+Löhnefinke führe. Der Vollmond war währenddem in der Tat am
+östlichen Horizonte emporgestiegen und schien uns auf die Köpfe, ohne
+daß mein Begleiter sich um ihn kümmerte. Arm in Arm gegen den
+Badestrand von Westerland anwandelnd, vertieften wir uns immer mehr
+in unsere hohe Wissenschaft und ließen den Mond scheinen, wie es ihm
+beliebte. So hatten wir fast das Herrenbad erreicht und näherten uns
+jetzt der Treppe, welche von dem Strande zu der Höhe der Dünen
+hinaufführt, als der Kollege, der sich seiner ersten Exaltation zum
+Trotz mir nunmehr als ein höchst klarer Kopf und scharfer Jurist
+ausgewiesen hatte, plötzlich, im Sande steckenbleibend, sich umsah,
+aufguckte und, geisterbleich werdend, stöhnte:
+
+"O ihr Götter, da sind wir ja mitten drin!"
+
+Daran war kein Zweifel: wir waren mitten drin; die fixe Idee packte
+von neuem den Unglückseligen, wütend und angstvoll zog er sich meinen
+ausgespannten Schirm dicht auf den Hut herab, und ich--ich konnte
+nichts weiter tun, als ihn--den Kreisrichter Löhnefinke, fester am
+Ellbogen zu halten und dem erbost sich Windenden und Abzappelnden
+eindringlichst zuzureden:
+
+"Aber Verehrtester, ich bitte Sie! Fassung! Fassung! Dieses ist
+doch zu toll, Kollege! Was hat Ihnen denn dieses unschädliche
+Beleuchtungsinstitut eigentlich zuleide getan? Oder was haben Sie
+gegen es verbrochen? Nehmen Sie Vernunft an, Kollege, überzeugen Sie
+sich doch: die harmlose Kugel macht durchaus keine Miene, uns auf den
+Kopf zu fallen."
+
+"O mein Kopf! mein Kopf!" stöhnte der Kreisrichter, den fraglichen
+Körperteil mit beiden Händen haltend.
+
+"Kommen Sie, Kollege, niemand jagt Sie, niemand treibt Sie. Welch
+ein ganz verrückter Raptus! Nehmen Sie mir das nicht übel!"
+
+"Niemand? Niemand?" ächzte Löhnefinke.
+
+"Niemand. Und wissen Sie, jetzt lassen Sie uns dort hinaufsteigen;
+im Pavillon finden wir noch Menschen--Gesellschaft, irgendein
+ermutigendes Getränke und unbedingt eine Petroleumampel, gegen welche
+Ihr Feind oder Ihre Feindin sicherlich den kürzeren zieht."
+
+"Petroleum!" murmelte Löhnefinke, das Wort fassend und festhaltend
+wie ein Verbrecher auf dem Hochgericht den Ruf: Gnade!
+
+"Horchen Sie nur, es ist sogar noch Musik im Pavillon. Was meinen
+Sie, wenn wir uns daselbst bei einem Glase Grog noch eine Weile
+niederließen und..."
+
+" ...den Untergang des Mondes abwarteten?! Jaja, das ist das rechte!"
+
+" Würde uns aber doch ein wenig lange da fesseln. Der Mond geht erst
+nach dreiviertel auf sieben Uhr morgens unter; aber ein anderer Trost
+steigt uns herauf. Sehen Sie, dort über der See erhebt sich dunkles
+Gewölk; Kollege, warten wir ab, bis eine Wolke vor den Mond gezogen
+ist."
+
+"Jaja, angenommen! Gern, nur zu gern eingeschlagen! Kollege, ich
+stelle mich ganz und gar unter Ihre Vormundschaft. Treten wir ein in
+die Bude, warten wir, bis eine Wolke vor das grinsende Scheusal
+gezogen ist, und trinken wir Grog derweile!" rief der aufgeregte
+preußische Staatsbeamte, und so erkletterten wir die steile Treppe,
+langten, ohne den Hals gebrochen zu haben, auf der Höhe an, wandten
+uns rechts durch das Dünengras dem erleuchteten, von Musik
+durchschmetterten und mit Badegästen dicht gefüllten Dünenpavillon
+zu.
+
+In dem Augenblick aber, als wir in die Tür des hölzernen Rundbaus
+traten, schwieg plötzlich die Badeblechmusik. Die Musikanten packten
+ihre Instrumente ein oder nahmen sie einfach unter den Arm. Sie
+nahmen auch noch einen Gratisschnaps am Büffet und zogen ab, und der
+größte Teil des Publikums folgte ihnen seltsamerweise auf dem Fuße,
+ohne sich erst von dem Kunstgenuß erholt zu haben. Nur einige
+Gruppen verständiger Männer hielten sich noch bei ihren Gläsern.
+
+Über die Nordsee strich jetzt ein ziemlich lebendiger Wind. Die
+Wellen rauschten lauter und bedeckten sich mit weißern und krausern
+Schaumkronen. Das belebende und erwärmende Getränke, welches wir
+bestellten, bevor wir uns niederließen, mußte unbedingt von dem
+wohltätigsten Einfluß auf unsere seelische Stimmung und unser
+körperliches Behagen sein.
+
+Nun saßen wir, und während am nächsten Tische eine muntere
+Gesellschaft lustig durcheinanderschwatzte, sah ich mir meinen neuen
+Bekannten, und zwar durchaus nicht verstohlen, genauer bei
+Lampenbeleuchtung an, und meine Verwunderung stieg unter dem
+Scrutinio.
+
+Der Kreisrichter Löhnefinke aus Groß-Fauhlenberge war ein Mann von
+ungefähr fünfzig Jahren, korpulent, wie schon bemerkt, und sonst ohne
+alle äußerlichen Absonderlichkeiten. Ein breites Kinn, ein
+kurzgehaltenes, graugesprenkeltes Haupthaar, ein preußischer
+Beamtenbart und zwei graue, kluge Augen, die jeden Gegenstand, auf
+den sie sich hefteten, scharf festhielten, gaben mir sicherlich
+keinen Anlaß, den Mann für einen Tollhauskandidaten zu erklären, und
+doch--ich hielt es nicht aus! Meine Hand auf den Arm des Kollegen
+legend und dicht an ihn heranrückend, sagte ich:
+
+"Nehmen Sie es mir nicht übel, lieber Löhnefinke, aber in diesem
+Moment glaube ich nicht mehr daran."
+
+"Woran nicht?"
+
+"An Ihr Auftreten vorhin. An--na ja, an Ihre halsbrecherische
+Flucht über die Düne, an jene Rutschpartie bei Wenningstedt, an:
+kurz an Ihre Mondfeindschaft, Kollege."
+
+Sofort kam eine außerordentliche Veränderung über den ganzen, dicht
+neben mir sitzenden Menschen. Er duckte sich wieder einmal, und wie
+vorhin nach meinem Regenschirm griff er jetzt nach dem vor ihm
+stehenden Glase, zog die darin befindliche heiße, dampfende Mischung
+auf einen Zug in sich hinein und flüsterte durch die Zähne:
+
+"Es ist aber doch so! Ich hasse den Mond; er ist mein Todfeind, und
+ich ziehe den kürzern gegen ihn, wie er gegen die Lampe da über uns."
+
+Ich winkte der Kellnerin, welche meinen Wink verstand und dem Kollege
+ein zweites dampfendes Glas vor die Nase setzte.
+
+"Danke!" sagte der Kreisrichter. Und auch Ihnen Dank; denn wäre ich
+vorhin Ihnen und Ihrem Schirm nicht in die Arme gefallen, so weiß ich
+wahrlich nicht, was auf diesem schattenlosen Strande aus mir geworden
+wäre."
+
+"Kollege," sprach ich, "ich bin ein ruhiger Mann, amtiere seit langen
+Jahren zur Zufriedenheit meiner Amtseingesessenen und meiner
+vorgesetzten Behörden. Ich habe den Landesorden zu Hause im
+Schubkasten und bin noch nie einem mir anvertrauten Geheimnis
+gegenüber feloniter vorgegangen: würden Sie es sehr übelnehmen,
+Kollege, wenn ich Sie aufforderte, mir mitzuteilen, wie Sie mit jenem
+unschuldigen Trabanten unserer sündigen Erde in Konflikt geraten
+sind?"
+
+"Ich werde das durchaus nicht übelnehmen", sagte der Kollege.
+
+"Im Gegenteil, von Zeit zu Zeit fühle ich das intensivste Bedürfnis,
+meinem Haß und Zorn und leider auch meiner grimmigsten Beklemmung und
+Angst gegen eine fühlende Seele Luft zu machen. Lassen Sie sich
+ebenfalls noch ein Glas Grog geben und hören Sie zu. Nachher mögen
+Sie richten und werde ich mich auf Ihr Urteil verlassen, um so mehr,
+als ich Sie bereits aus unserem amtlichen Schriftenwechsel als einen
+tüchtigen Juristen kennengelernt habe."
+
+"Ungemein verbunden", sprach ich, aufs äußerste gespannt, und sah
+jetzt dem Kollegen in die Augen, wie ich vor fünfundzwanzig Jahren
+meiner Braut nicht in die ihrigen gesehen hatte. Er schlürfte von
+neuem vom dampfenden Getränk und begann und legte sein Bekenntnis ab.
+
+"Zuerst," sagte er, "muß ich Ihnen bemerken, daß mein Arzt mich
+hierher ins Seebad geschickt hat auf den Antrieb meiner Frau gerade
+dieses meines Zustandes wegen, wie sie sagt,--meiner Nerven wegen,
+wie er sagt. Jahrelang hat der Mann, der mich von Jugend auf kennt,
+der mit mir aufgewachsen ist, über diesen Zustand gelacht; erst
+durch die Insinuationen meiner Gattin ist ihm die Sache bedenklich
+geworden. Auf einmal hat er gefunden, daß es jetzt die höchste Zeit
+sei, etwas gegen die bedauerlichen Zustände zu tun, und hier bin ich
+und gehe pflichtgemäß täglich ins Wasser, wie Sie heute abend
+erfahren haben, bis jetzt ohne den geringsten Erfolg. Zur Sache!
+Mit einem Wort, ich büße für meine Jugendsünden."
+
+"Aha!" murmelte ich, doch der Kollege schüttelte, meine Meinung
+sofort erkennend, nachdrucksvoll den Kopf und seufzte:
+
+"O nein, nein! Ach, wie glücklich würde ich mich schätzen, wenn es
+d a s wäre! Das ist ja gerade mein Elend, daß ganz das Gegenteil
+dessen, was Sie im Sinne haben, den Grund meiner Verstörung bildet.
+Ich versichere Sie, weder der Wein noch die Weiber haben es mir in
+meinen Jünglingstagen angetan. Ich bin nur zu solide gewesen und
+bereue es heute in Kummer, Schmerz und im Sylter Badekostüm. O hätte
+ich mich doch ausgetobt in den Tagen meiner Jugend! Hätte ich doch
+meiner Phantasie die Zügel auf den Hals geworfen und die Gefahr,
+abgeworfen zu werden und das Genick zu brechen, zur rechten Zeit auf
+mich genommen! Kollega, Kollega, unterdrückte Poesie ist es, welche
+mich verrückt macht - verrückt weit nach dem vierzigsten Lebensjahre.
+Der deutsche Mondschein rächt sich an mir, und ich bezweifle, daß mir
+irgendein Bad, Sauer oder Bitterwasser helfen werde."
+
+"Der deutsche Mondenschein?"
+
+"Freilich und sechsmal ja! Der Mond grinst mich aus meinem Verstande
+heraus, mich den königlich preußischen Kreisrichter Friedrich Wilhelm
+Löhnefinke zu Groß-Fauhlenberge, und nicht nur für eigene
+Verschuldung büße ich, nein, ich habe auch noch dazu die Schulden
+ungezählter Generationen meiner Vorfahren an das glänzende Ungeheuer
+abzutragen. O Kollega, ich fühle mich stellenweise sehr
+unglücklich!"
+
+"Kollege, Sie sind jedenfalls ein sehr interessanter Mensch. Mit
+aufgespanntesten Seelenkräften bitte ich um eine genauere Erklärung."
+
+"Welche ich Ihnen geben werde. Mein Vater war königlicher Beamter,
+mein Großvater gleichfalls, und es wäre lächerlich von mir, wenn ich
+daran zweifeln wollte, daß auch mein Urgroßvater königlicher Beamter
+gewesen sei, selbstverständlich Provinzialbeamter wie wir alle.
+Meine Mutter war ein deutsches Weib, ebenso meine Großmutter und
+natürlich meine Urgroßmutter nicht weniger. Auch sie stammten
+sämtlich aus königlichen Provinzialbeamtenfamilien ab. Von Poesie
+wußten sie nichts, und auf den Mond achteten sie nur insofern, als er
+so gefällig war, sie zu benachrichtigen, wann es Zeit sei, die Haare
+zu verschneiden oder zur Ader zu lassen. O, sie überließen es
+einfach mir, für die Vernachlässigung zu büßen! Meine Mutter las
+Clauren, meine Großmutter Bibel und Gesangbuch, meine Urgroßmutter
+konnte wahrscheinlich gar nicht lesen. Meine Vorväter lasen und
+schrieben ihre Akten, lasen das Amtsblatt und vielleicht auch die
+Zeitung, und ich war bis in die jüngste Zeit ihr würdiger Nachkomme.
+Da kam das Jahr achtundvierzig, und der Mond ging mir auf."
+
+"Aha!" rief ich wiederum; aber der Kollege Kreisrichter schüttelte
+abermals das Haupt und sagte:
+
+"O nein, nein und zwölfmal nein! Sie irren sich jetzt nicht weniger
+als vorhin. Sie wissen was wir unter dem Worte 'altliberal'
+verstehen?"
+
+Ich nickte mit der Energie einer chinesischen Pagode.
+
+"Sie werden mir also zugestehen, daß man als Altliberaler noch weit
+davon entfernt ist, den Mond zu hassen und vor dem Monde Reißaus zu
+nehmen?"
+
+Es wäre töricht von mir gewesen, dieses Zugeständnis nicht zu machen,
+und ich machte es, tat aber dabei die Gegenfrage:
+
+"Wie alt waren Sie im März von Achtundvierzig?"
+
+"Ich hatte eben das Alter eines preußischen Auskultators erreicht."
+
+"Bravo! Erzählen Sie ruhig weiter."
+
+"Im März kam er also über die Dächer und schien in meine Stube zu
+Berlin, und ich rieb mir die Augen, wie gesagt, ohne ihnen zu trauen.
+Noch hatte ich nicht die geringste Ahnung von der Gefährlichkeit des
+Burschen, aber im folgenden Jahre neunundvierzig bekam ich mehr als
+eine Ahnung davon. Mit heißem Kopfe aus einer erregten
+Volksversammlung heimkehrend, schlief ich mit eben diesem Kopfe in
+der Fensterbank liegend ein, und das hämische Gestirn schien mir
+während mehrerer Stunden darauf."
+
+"Und?"
+
+"Und am folgenden Morgen hatte ich nicht nur Kopfweh, sondern auch
+einen ausgesprochenen Ekel an manchen Dingen und Menschen, die mir
+sonst sehr hoch in Empfindung, Gefühl und Achtung gestanden hatten.
+Die Poesie brach durch--und--Kollege, wissen Sie was das bedeutet,
+wenn die Poesie des Lebens bei einem königlich preußischen
+Auskultator zum Durchbruch gelangt?"
+
+"Gottlob nein; erinnern Sie sich nur, daß wir über unsere respektiven
+Landesgrenzen miteinander korrespondiert haben."
+
+"Das ist wahr; aber ich wußte es auch nicht, doch heute kann ich
+darüber reden. Sie haben die ganze Nacht ruhig und solide von den
+Pandekten und dem Landrecht geträumt, und Sie erwachen und suchen
+sich den Inhalt Ihrer Träume wieder zu vergegenwärtigen. Es gelingt
+Ihnen nur zu gut, und der Jammer beginnt. Sie sehen von Ihrem
+Kopfkissen aus nach Ihrer Bibliothek hinüber, und plötzlich ergreift
+Sie eine kaum zu bezwingende Lust aufzuspringen, den ganzen Trödel in
+die Arme zu fassen---und--und--und--Dinge--unsagbare Dinge damit
+vorzunehmen. Sie bezähmen sich aber, denn es fällt Ihnen ein wieviel
+Geld Sie in den Wust gesteckt haben, und Sie bezähmen sich auch zum
+Glück für Ihre weitere Karriere und gehen an die Bereitung Ihres
+Kaffees. Dabei ergreift Sie dann die Vorstellung, daß Sie noch immer
+ohne die entsprechende Vergütung dem Staate zur Verfügung stehen, mit
+erschütternder Gewalt; und darüber wieder kocht Ihnen nicht nur die
+Galle, sondern auch Ihr Gebräu über, und Sie fressen die eine in
+sich hinein und schütten das andere nicht in die Dachrinne, sondern
+ebenfalls in sich hinein. Sie haben Illusionen verloren und Sie
+machen sich neue: sehen Sie, da haben Sie eine der ersten Wirkungen
+unseres Feindes, des Mondes! Ja, Sie machen sich sonderbare
+Illusionen, und was das sonderbarste ist, Sie verdenken es sich
+selber gar nicht. Nachher gehen Sie zum Büro, begegnen unterwegs
+Ihrem Vorgesetzten, grüßen ihn höflichst, und jetzt, mit einem Male,
+fällt Ihnen ein anderes Träumen ein! Sie erinnern sich dessen, was
+Sie träumten, als Sie mit dem Kopfe im offenen Fenster lagen und der
+Mond Ihnen auf den Kopf schien. Sie stehen und sehen dem Präsidenten
+nach; und nun, und einzig und allein durch des deutschen Mondes
+Schuld, fällt Ihnen bei, daß Sie für Ihre Person doch mehr gelesen
+haben als Ihre Vorfahren: nicht die Zeitung, sondern Zeitungen,
+außerdem Schiller und Goethe, Voltaire und Rousseau, Börne und Stahl,
+Ranke und Raumer und ein inkommensurables Gemisch neuester Poeten
+höchst liberaler Art. Sie erinnern sich an manches, was Sie auf
+Universitäten beim Kommersch sangen, und der sanfte, liebliche Mond,
+der vielleicht gerade als zarte Sichel über Ihnen im Hellblau des
+Morgenhimmels steht, verzieht den Mund höhnisch und wächst, wächst,
+wächst von neuem zu Vollmond an, während Sie Tag für Tag, Woche für
+Woche Ihren Amstgeschäften nachgehen. Sie fühlen sich grenzenlos
+unbehaglich, Sie kommen sich unsagbar dumm, albern und abgeschmackt
+vor und protokollieren auch dumm, wofür Sie eine ganz gehörige Nase
+besehen. Mit der letztern gehen Sie nach Hause und besehen zufällig
+Ihren abnehmenden Haarwuchs im Spiegel, und wenn Sie dabei in Ihrem
+Bart ein weißes Haar entdecken sollten, so kommt auch das Ihrem guten
+Freunde, dem Monde, ganz gelegen; denn er ist imstande, Sie daran
+fester zu fassen und leichter seine Wege zu führen als an irgend
+etwas anderem. Das nächste Mal, wenn Sie wieder einsam in der Nacht
+am Fenster sitzen, nimmt er Sie bei diesem Haar: Sie sehnen sich
+nach einem Busen, einem zarten, gefühlvollen, weichen Busen, in den
+Sie alle Ihre Wehmut ausschütten können, dem Sie Ihren Gram sagen,
+dem Sie Verdruß und Ärgernis mitteilen können. Sie träumen wachend,
+und der Mond hohnlacht ärger denn zuvor..."
+
+"Halten Sie einmal, Löhnefinke!" rief ich, beide Hände auf die Stirn
+drückend. "Muß denn immer erst ein anderer kommen und einem seine
+eigensten vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Zustände klar
+und objektiv hinstellen? Kollega, Sie haben vollständig recht;
+nervös, wie Sie selber, folge ich Ihrer Auseinandersetzung! Fahren
+Sie fort,--wahrhaftig, der Mond ist ein Ungeheuer!"
+
+"Er ist es, der Mond, und vor allem dieser deutsche Mond! Da kommt
+er abermals über das Dach, und Sie legen den Kopf auf die Schulter
+und blinzeln ihm blöde und verlegen in die breite Fratze. Und
+plötzlich schwankt hohes Weizenährenfeld vor Ihren Blicken, die
+Nachtigall oder sonst ein Vogel piept im Gebüsch, es blitzt der
+Teich, der Bach murmelt, und Sie, Kollega, fangen gleichfalls an zu
+murmeln. Was murmeln Sie? Natürlich irgendeinen wohlklingenden
+Taufnamen, auf E oder A auslaufend,--Klothilde, Josephine, Maria,
+Amalia--was weiß ich?! Einerlei! Es ist entschieden--er hat Sie;
+er hat Sie mit allem, was an Ihnen ist, dieser heimtückische,
+hinterlistige Schleicher, der Mond, der deutsche Mooond! Sie fühlen
+sich in der Stimmung, ihn Ihren Freund zu nennen, die Arme nach ihm
+auszustrecken, eine Träne ihm hinzuweinen, und Sie sind ohne allen
+weitern Zweifel grenzenlos blamiert."
+
+"Ja!" sagte ich und nichts weiter. Der Kollege aber schwieg in
+melancholischem Tiefsinn eine geraume Weile, bis er von neuem auf
+und fortfuhr.
+
+"Ich war Landbote, als während des Militärkonflikts Seine Majestät
+unserem Ministerpräsidenten den berühmten, symbolischen Stock
+schenkte; ich stimmte selbstverständlich mit der Majorität und jetzt
+--jetzt im Jahre siebenundsechzig--habe ich ein Sonett--bedenken
+Sie, ein Sonett!--ein Lobsonett auf den allverehrten Herrn
+Ministerpräsidenten gemacht und dasselbige im Inseratenteil der
+Nationalzeitung abdrucken lassen. Verstehen Sie mich und meine
+Stellung zu dem Monde, dem deutschen Monde?"
+
+"Vollkommen!" sagte ich nach einigem Nachdenken.
+
+"Dann kann ich mich kurz fassen und werde es tun. Man kennt--und
+der Mond weiß es--einen passabel wohlklingenden, auf E oder A
+auslaufenden Namen und die Trägerin natürlich dazu; oder man sucht
+sofort nach einem solchen Namen und seiner Trägerin, und daß der Mond
+bereitwilligst hilft, ihn und sie zu finden, versteht sich von
+selber. Kein Kuppler bietet in derartigen Fällen eilfertiger und
+geschickter seine Hand. O, er leuchtet uns auf den lyrischen
+Dichter, mit welchem wir uns plötzlich mehr als wahlverwandt fühlen.
+O, er scheint uns auf das Blatt, auf welchem wir selber der Muse die
+Cour machen. O, er greint auf uns herab, wenn wir am Ausgange des
+Ball, Konzert oder Theatersaales auf sie warten. O, o, o, er
+geleitet uns später auch nach Hause, wenn die Alte nichts dagegen
+einzuwenden hatte, daß wir sie dahin bringen. O, o, o, o, wer
+versteht es besser als er, dem Esel, dem Menschen, heimzuleuchten?
+Gleichgültig ist es, aber doch eine wohl aufzuwerfende Frage, ob auch er
+die Schuld davon trage, wenn der Alte eines schönen Morgens 'Ja!'
+sagt. Sind Sie auch verheiratet, Kollege?"
+
+Die Frage drang so abrupt auf mich ein, daß sie mich fast vom Stuhle
+warf und ich mich wahrhaftig erst einen Moment durch sammeln mußte,
+ehe ich sie bejahend beantworten konnte.
+
+"Wohl! Dann wollen wir über dieses Thema kein Wort weiter verlieren.
+Ist er auch an der Alliteration schuld? Sehen Sie, da ist er und
+guckt ins Fenster--die Wolken, auf welche Sie mich vorhin
+vertrösteten, haben auch nichts gegen ihn vermocht. Die Wiesen
+liegen im weißesten Lichte--o wie schön, wie wunderbar! Lieber
+Kollege, wie reizend ist doch die Welt--wie großartig in Krieg und
+Frieden! Poesie trieft von oben herab und sprießt von unter herauf!
+Horchen Sie--hören Sie die Musik des ewigen Meeres! Die Wogen
+tanzen den unsterblichen Tanz im deutschen Mondschein, weshalb
+sollten wir nicht mittanzen? Meine Seele ist im harmonischen Fließen
+der Welt ein Tropfen. Kollege, lassen Sie uns hinaustreten in die
+holde Natur; es ist ein Sünde, in diesem dumpfen Gemache zu sitzen,
+während Erde und Wasser da draußen vor dem Pavillon im deutschen
+Mondschein so außerordentlich schön daliegen; kommen Sie, trinken
+Sie aus, lassen Sie..."
+
+"Sie fürchten nicht mehr...?"
+
+"Was sollte ich fürchten? Liebster, guter Freund, das ist es ja
+eben! Er siegt uns allen ob, und in seinem Lichte gewinnen wir alle
+unsere Siege."
+
+"Auch die Schlacht bei Königgrätz?"
+
+"Auch diese, was man auch dagegen einzuwenden haben mag. Und
+künftige große und merkwürdige Siegesschlachten ebenfalls! Ach,
+welche Luft, welches Licht! Bitte, lassen Sie uns noch einmal die
+Düne besteigen, noch einen Blick auf das heilige Meer zu werfen."
+
+"Und nachher, mitten im Mondschein stehend, werden Sie mir weiter von
+Ihrer Lebensentwicklung sprechen?"
+
+"Gern, mit Vergnügen, sofort, obgleich es meiner Meinung nach doch
+eigentlich gar nicht mehr nötig ist. Sehen Sie, Bester, das Faktum
+steht ebenso fürchterlich wie behaglich fest--der Mond übermannt
+dann und wann den königlich preußischen Justizbeamten Löhnefinke, und
+letzterer hat zu guter Letzt selber nicht die geringsten Einwendungen
+gegen den ihm aufgedrängten Rausch und Taumel zu erheben. Ja, ich
+habe im deutschen Mondschein auch ein deutsches Mädchen gefunden,
+mich mit Einwilligung der Eltern desselben demselben verlobt und es
+später geheiratet. Heute noch befinde ich mich mit Zugabe einer
+achtzehnjährigen Tochter im unangefochtenen Besitz, und vielleicht
+kann ich nachher beide Damen Ihnen vorstellen."
+
+"Also--also Sie laufen wirklich nicht allein--nicht sich selber
+überlassen hier auf Sylt herum?"
+
+"Keineswegs. Ich wohne mit Weib und Kind dort in Westerland und bin
+unter ihrer Aufsicht hierher ins Bad gekommen. Was denken Sie auch?"
+
+"Entschuldigen Sie meine törichte Frage, Kollege. Dieses ist ein so
+wunderbarer Abend, ein so erfreuliches Zusammentreffen, und eine so
+überinteressante Unterhaltung, daß da alles zu entschuldigen ist."
+
+"Beruhigen Sie sich nur; wir verstehen uns vollkommen. Auch habe ich
+Sie schon tagelang, unbemerkt von Ihnen, ins Auge gefaßt; als Mensch
+fielen Sie mir auf, und den Juristen erkannte ich sofort in Ihnen,
+und das Schicksal ließ mich vorhin nicht ohne Absicht und vollgütige
+Berechtigung Ihnen in die Arme rutschen. Wir mußten uns heute abend
+gegeneinander aussprechen; es gehört mit zur Kur und ist auch zum
+großen Teil eine Wirkung des Salzwassers. Aber der Mond - ich muß
+Sie immer von neuem auf diesen herrlichen Mond aufmerksam machen!
+Ja, ich bin in seinen Banden und werde darin bleiben müssen, bis der
+Tod mich erlöst. Kollege, durch ihn und mit Beihilfe der
+gegenwärtigen Zeit und der Weltlage bin ich--der Poet in meiner
+Familie geworden. Fassen Sie das ganz und begreifen Sie mich ganz,
+sowohl in meiner Stimmung bei unserem Begegnen am Strande wie in
+meinem augenblicklichen Geisteszustand."
+
+Löhnefinke der Poet in seiner Familie! Ich trat mehrere Schritte
+zurück. Obgleich der tolle Mensch klar wie die Insel Sylt im
+deutschen Mondenschein vor mir lag, frappierte mich das Wort doch.
+Es war wie der Kanonenknall, der einen auch frappiert, trotzdem daß
+man mit dem Lorgnette vor den Augen beobachtete, wie der Kanonier die
+Lunte anblies.
+
+"Ich, der Erbe so unendlicher Prosa", fuhr der Kollege fort, "ich bin
+besiegt von meinem Feinde und ihm jedesmal, wenn er über den Horizont
+guckt, verfallen trotz allem Gesperr und Gezappel. Ich bin Idealist
+in der Politik, Dichter in der Führung meines Haushalts. Ich sehe
+die Zeit kommen, wo ich mein Abrechnungsbuch in Hexametern und Ottave
+Rime führen werde. Ich schwärme für Gemüt und Gemütlichkeit in den
+Vorgängen der Stunde, und--Kollege, Kollege!--ich werde von meinen
+Weibern--meinen Damen nicht verstanden, nicht begriffen. Das ist
+es, was meine Nerven zerrüttet und mich unter ihrer, meiner Damen,
+Führung hieher nach Westerland gebracht hat, und jetzt lassen Sie uns
+gefälligst nach Hause gehen, es wird allmählich sehr kühl."
+
+Er hatte mich untergefaßt--zärtlichst; und wir wandelten Arm in Arm
+über die mondbeglänzte Heide von Sylt. Nimmer war ich in meinem
+Leben mit einem so poetischen preußischen Kreisrichter Hüfte an Hüfte
+geschritten. Er, dieser exaltierte Kollege, deklamierte laut, immer
+lauter. Er zeigte eine wahrhaft staunenerregende Belesenheit in
+deutscher und fremder Lyrik. Gedichte an den Mond wechselten mit
+Hymnen auf die Freiheit und Schlachtliedern gegen alle möglichen und
+unmöglichen Feinde. Tropische Landschafts-- und Stimmungsbilder
+wechselten mit abgerissenen Strophen aus bekannten und unbekannten
+Romanzen und Balladen jeglichen historischen und unhistorischen
+Inhalts. Löhnefinke war göttlich, und sein Feind, der Mond, konnte
+wirklich seine Freude an ihm haben; aber mehr als einem seiner und
+meiner Vorgesetzten würde er in diesem Zustande nicht nur moralische,
+sondern auch physische Übelkeit erregt haben. In der Ferne nordwärts
+blinzelte das wechselnde Licht des Leuchtturms von Kampen wie das
+Auge eines Spötters, der seine Umgebung auf irgend etwas
+außergewöhnlich Drolliges aufmerksam macht. Die Schafe auf der
+Heide, über deren Tüder, das heißt Haltestricke, wir stolperten,
+standen auf, sahen uns verwundert an und staunend nach.
+
+So kamen wir dem Dorfe Westerland immer näher, jedoch bevor wir es
+erreichten, wurden wir angerufen und, der äußern Erscheinung und dem
+Tone nach, auf die allerlieblichste Weise aus dem Traum, Nacht und
+Mondscheinwandeln in die Wirklichkeit zurückgerissen. Vom Dache
+konnten wir glücklicherweise beide nicht fallen.
+
+Wie aus den Strahlen des Mondes gebildet, stand auf einer
+Bodenanschwellung der Heide eine ungemein zierliche, graziöse
+Mädchengestalt vor uns, und ein ganz reizendes Mädchengesichtchen
+neigte sich im Mondenscheine wahrhaftig märchenhaft hübsch uns
+entgegen. Daß der Kreisrichter Löhnefinke aus Groß-Fauhlenberge ein
+reizendes Gesichtchen aufzuweisen gehabt habe, kann ich nicht sagen,
+aber er besaß eine biedere, gewissermaßen auch joviale Visage, und
+der Enthusiasmus der letzten Stunden hatte dieselbige sogar noch sehr
+verschönert: um so heftiger mußte ich mich jetzo über den Ausdruck
+verwundern, mit welchem er sein süßes Töchterchen ansah. Statt noch
+heiterer und noch glücklicher zu werden, fielen plötzlich seine
+sämtlichen Züge schlaff auseinander, um sich sofort zu einem Gewirr
+verdrießlicher Falten zusammenzuziehen.
+
+"Da bist du endlich, Papa? Na, das muß ich sagen!" rief die
+elfenhafte Huldin uns entgegentretend.
+
+"Ja, da bin ich endlich", brummte der Kollege, "und hier..."
+
+Er vollendete nicht; denn die junge Dame schnitt ihm kurz das Wort
+ab:
+
+"Wir haben lange auf dich gewartet, Papa, und die Mama ist sehr
+böse auf dich!"
+
+"So? hm!" brummte der Kollege, und "hm!" sagte auch ich in der Tiefe
+meiner Seele.
+
+"Komm her, Helene, wir wollen zusammen heimgehen", sprach der Vater
+des schönen Kindes begütigend; allein die Elfe im Mondschein
+entgegnete noch kürzer:
+
+"Ich danke, Papa; ich werde mit der Mama gehen. Da kommt sie schon
+und wird dir sagen, wie sie auf dich gewartet hat. Mama, hier ist
+der Papa endlich!"
+
+Ei freilich, er war in der Tat hier, der Vater Löhnefinke, und er
+zitierte in diesem Augenblick keine deutschen Dichter und keine
+auswärtigen mehr. Aber ebenfalls durch den deutschen Mondschein kam
+die Mama heran, und zwar ziemlich rasch und energisch. Ich hätte mit
+Vergnügen Abschied genommen und mich empfohlen, ehe sie uns
+erreichte; doch der Kollege hielt meinen Arm mit einem wahren
+Landdragonergriff fest und flüsterte:
+
+"O, ich muß Sie vorstellen, Freund. Wo wollen Sie hin? O
+Kollege,erlauben Sie, daß ich Sie meiner Gattin vorstelle!"
+Was konnte ich anders ausdrücken als die größte Sehnsucht, auch die
+Kollegin kennenzulernen?
+
+Zwischen den ersten Häusern der Ortschaft Westerland vorschreitend,
+hatte die Würdige uns jetzt erreicht und den Arm ihrer Tochter
+genommen. Mich übersah sie zu Anfang natürlich vollständig und
+widmete sich einzig und allein den Angelegenheiten der Familie:
+
+"Also endlich, Löhnefinke?! Deine alte, gewohnte
+Rücksichtslosigkeit! Aber ich sage dir, Löhnefinke..."
+
+"Aber liebe Johanna, so sieh doch! Erlaube mir, dir hier meinen
+Freund und Korrespondenten..."
+
+So wird man nicht selten als spanische Wand zwischen den Zugwind und
+den Lehnstuhl des Rheumatismuskranken geschoben! Die Vorstellung
+fand statt, und ich fügte mich mit der mir angebornen Bonhomie in die
+mir zugeteilte Rolle. Nach etlichem höflichen Wortaustausch
+schritten wir vier nun doch miteinander den biedern, niedern,
+friedlichen, friesischen Hütten zu, und wenn mir bis jetzt in den
+Seelenzuständen meines Kollegen ein letzter Punkt dunkel geblieben
+war, so wurde derselbe mir nun auf diesem kurzen Wege vollkommen
+klar.
+
+O, wie der Mond, der deutsche Mond auf die beiden Frauen und den
+königlich preußischen Kreisrichter herunterlachte! O, er weiß sich
+zu rächen, der deutsche Mond! Er hat seine Mittel, er kennt seine
+Mittel, und er weiß seine Mittel zu gebrauchen! Mein Freund
+Löhnefinke hat vollständig recht: es ist ein Elend, die Erbschaft von
+Generationen, von Jahrhunderten antreten zu müssen, ohne vorher von
+der Rechtswohltat des beneficii inventarii Gebrauch machen zu dürfen.
+Es ist ein Jammer, jenen bleichen, ab- und zunehmenden Gesellen erst
+nicht zu beachten, dann zu verachten und endlich seinem Einflusse ohne
+erklecklichen Widerstand hingegeben zu werden und sich hinzugeben!
+
+Man muß eben ein Mann--ein deutscher Mann und Beamter sein, um das
+Entsetzliche im ganzen und vollen an sich zu erleben. Frau Johanne
+und Fräulein Helene Löhnefinke, ohne je die Ansprüche des Mondes an
+den Menschen berücksichtigt zu haben, hatten sich ganz auf die Seite
+des Mondes gestellt und rächten ebenfalls ihn an seinem Verächter.
+Es war nicht abzusehen, wieweit sie den Gatten und Vater noch
+hinunterbringen konnten,--tief genug hinunter hatten sie ihn bereits
+gebracht.
+
+Als ich spät am Abend wieder bei meinem Bäcker saß, rauchte ich ein
+halb Dutzend Pfeifen über den Erlebnissen und Erfahrungen des Tages
+und kam gegen Mitternacht zu dem Entschluß, meinem augenblicklich in
+Göttingen Mathematik studierenden Jungen ein Exemplar von Jean Paul
+Friedrich Richters sämtlichen Werken zu seinem nächsten Geburststage
+zu schenken.
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Deutscher Mondschein, by Wilhelm Raabe
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCHER MONDSCHEIN ***
+
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+Produced by Michael Wooff, with German from the original
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+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
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+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
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+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
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+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
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+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
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+
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+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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