The Project Gutenberg EBook of Der Trotzkopf by Emmy von Rhoden



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Title: Der Trotzkopf

Author: Emmy von Rhoden

Release Date: February 17, 2010 [Ebook #31309]

Language: German

Character set encoding: ISO 8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TROTZKOPF***





                              Der Trotzkopf.





                             Der Trotzkopf.

                         Eine Pensionsgeschichte

                                   fr

                           erwachsene Mdchen

                                   von

                             Emmy von Rhoden.

39. Auflage.

Illustriert von _August Mandlick_.


Stuttgart
_Verlag von Gustav Weise._





                   Druck von Munz & Geiger, Stuttgart.





                                 VORWORT


                           zur zweiten Auflage.


Die zweite Auflage dieses Buches ist der ersten in krzerer Frist als der
eines Jahres gefolgt. Sie ist mit dem Bilde der Verfasserin geschmckt,
damit die jugendlichen Leserinnen auch die Zge derjenigen kennen und
lieben lernen, die ihnen dies schne Vermchtnis hinterlassen hat. Sie hat
diese Liebe reich verdient; sie hat dieselbe im Leben bei all denen, die
ihr edles Herz kannten, im vollsten Mae genossen und sich weit ber das
Grab hinaus gesichert.

Emmy von Rhoden war das Pseudonym der zu frh dahingegangenen Gattin eines
unsrer beliebtesten Schriftsteller, meines Freundes Friedrich Friedrich.
Mir selbst und den Meinen war die Verfasserin eine teure Freundin, deren
schriftstellerisches Debt ich mit wrmstem Interesse begleitete. Als sie
ihre ersten, fr ein jngeres Alter berechneten Jugendschriften (_Das
Musikantenkind_, eine Erzhlung fr Kinder von 11-14 Jahren, und
_Lenchen Braun_, eine Weihnachtsgeschichte fr Kinder von 10-12 Jahren)
verffentlichte und damit schnell litterarisches Aufsehen und nachhaltige
Freude in den empfnglichen Gemtern der Kinderwelt erregte, hatte Emmy
Friedrich Friedrich aus Bescheidenheit das Pseudonym Emmy von Rhoden
gewhlt. Jetzt hat der Tod den Schleier der Pseudonymitt gelftet.

Es ist mir ein Herzensbedrfnis, den Wunsch meines tiefgebeugten Freundes
zu erfllen, der aus leichtbegreiflichen Grnden es nicht ber sich
vermochte, der zweiten Auflage des Trotzkopf ein Vorwort zu geben. Er
war der Meinung, da ich, der ich die Unvergeliche in ihrer
liebenswrdigen menschlichen und schriftstellerischen Eigenart genau
kannte, ein charakterisierendes Einfhrungswort der neuen Auflage finden
wrde. Nun aber, da ich das innerliche Wesen dieser seltenen Frau in Worte
kleiden soll, fhle ich die ganze Schwere dieser Aufgabe. Soll ich von der
Gemtstiefe reden, mit welcher die Verewigte das Wesen der Jugend erfate;
von dem innigen Verstndnis, welches sie den Eigentmlichkeiten einer
jungen Mdchenseele entgegenbrachte; von der feinen Beobachtung des
jugendlichen Gebarens; von der farbenfrischen Erzhlerkunst, mit welcher
sie vor dem seelischen Ohr des Lesers auch die zartesten Saiten der
jugendlichen Empfindung erklingen lie?

Wer einen Ueberblick ber die neueste Unterhaltungslitteratur fr die
Jugend gewann, in welcher sich allerlei Unnatur und Tendenz aufdringlich
breit macht, wird die groen Vorzge erkennen, welche den Trotzkopf zu
einer echten und wahren Jugendschrift machen. Diese Erzhlung ist
natrlich frisch, unterhaltend und spannend, und was schwerer als dies
alles wiegt: sie ist psychologisch wahr! Mit glcklichem Takt hat die
Verfasserin alles rein Belehrende, alles Pedantische und unnatrlich Prde
vermieden. Sie erzhlt mit ungeknstelter Natrlichkeit, wie ein junges,
ungebndigtes Menschenkind durch das Leben selbst erzogen wird. Deshalb
wirkt dies Buch auch im besten Sinne erziehend. Eine Erzhlung, welche die
jugendlichen Gemter nicht fesselt und packt, bleibt wirkungslos und wenn
tausend weise Lehren in dieselbe hineingestreut sind, denn diese sind nur
graue Theorien, whrend das Grn des goldenen Lebensbaumes nur aus dem
Leben selbst emporwchst.

Und so mge dies anziehende, von der Sonne der Phantasie beglnzte Werk,
das auf innerlichster Lebenserfahrung aufgebaut ist, seinen Weg weiter
gehen zur Freude der gern angeregten Jugend! Es ist der Segen aller guten
und edlen Naturen, da ihre Schpfungen auf viele Generationen hinaus
wirken. Des alten Sebastian Frank Wort mag sich auch an dieser
Jugendschrift als wahr erweisen: Das aber ist der Bcher rechter einiger
Gebrauch, da wir darinnen ein Zeugnis unsres Herzens sehen.

_Berlin_, Oktober 1885.
                                                           *Franz Hirsch.*






  [Illustration]

Papa, Diana hat Junge!

Mit diesen Worten trat ungestm ein junges, schlankes Mdchen von fnfzehn
Jahren in das Zimmer, in welchem sich auer dem Angeredeten, dessen Frau
und dem Prediger des Ortes, noch Besuch aus der Nachbarschaft, ein Herr
von Schffer mit Frau und seinem erwachsenen Sohne, befand.

Alles lachte und wandte sich dem kleinen Backfische zu, der ohne jede
Verlegenheit auf den Papa zueilte und ausfhrlich ber das wichtige
Ereignis berichtete.

Es sind vier Stck, Papa, erzhlte sie lebhaft, und braun sehen sie
aus, wie Diana. Komm sieh dir sie an, es sind zu reizende Tierchen! Vorn
an den Pftchen haben sie weie Spitzen. Ich habe gleich einen Korb geholt
und mein Kopfkissen hineingelegt, sie mssen doch warm liegen, die kleinen
Dinger.

Herr Oberamtmann Macket hatte den Arm um die Schulter seines Lieblings
gelegt und strich ihm das wirre Lockenhaar aus dem erhitzten Gesicht,
dabei sah er sein Kind mit wohlgeflligen Blicken an, was eigentlich zu
verwundern war, da Ilse in einem Aufzuge hereingekommen, der durchaus
nicht geeignet war, Wohlgefallen zu erregen, besonders in diesem
Augenblicke, wo fremde Augen denselben musterten. Das verwaschene,
dunkelblaue Kattunkleid, blusenartig gemacht und mit einem Ledergrtel
gehalten, mochte wohl recht bequem sein, aber kleidsam war es nicht, und
einige Flecken und Risse darin dienten ebenfalls nicht dazu, die Eleganz
desselben zu heben. Die hohen, plumpen Lederstiefel, die unter dem kurzen
Kleide hervorblickten, waren tchtig bestaubt und sahen eher grau als
schwarz aus. Aber wie gesagt, Herrn Macket genierte dieser Aufzug gar
nicht, er sah in die frhlichen, braunen Augen seines Lieblings, um dessen
Kleider kmmerte er sich nicht.

Er war im Begriffe, sich zu erheben, um seines Kindes Wunsch zu erfllen,
als seine Gattin, eine vornehme Erscheinung mit sanften und doch
bestimmten Zgen, ihm zuvorkam. Sie hatte sich erhoben und trat auf Ilse
zu.

Liebe Ilse, sagte sie in freundlichem Tone und nahm dieselbe bei der
Hand, ich mchte dir etwas sagen, Kind. Willst du mir auf einen
Augenblick in mein Zimmer folgen?

Sehr ruhig, aber sehr bestimmt waren die Worte gesprochen und Ilse fhlte,
da ein Widerstand dagegen vergeblich sein wrde. Ungern und gezwungen
folgte sie der Mutter in das anstoende Gemach.

Was willst du mir sagen, Mama? fragte sie und sah Frau Macket trotzig
an.

Nichts weiter, mein Kind, als da du sogleich auf dein Zimmer gehst und
dich umkleidest. Du wutest wohl nicht, da Gste bei uns waren?

Doch, ich wute es, aber ich mache mir nichts daraus, gab Ilse kurz zur
Antwort.

Aber ich, Ilse. Ich kann nicht gleichgltig dabei sein, wenn du in einem
so unordentlichen Kostme dich blicken lt. Du bist kein Kind mehr mit
deinen fnfzehn Jahren; bedenke, da du seit Ostern konfirmiert bist, eine
angehende junge Dame aber mu den Anstand wahren. Was soll der junge
Schffer von dir denken, er wird dich auslachen und dich verspotten.

Der dumme Mensch! fuhr Ilse auf. Ob der ber mich lacht oder spottet,
ist mir ganz gleichgltig. Ich lache auch ber ihn! Thut, als ob er ein
Herr wre mit seinem Klemmer und geht doch noch in die Schule.

Er ist in Prima auf dem Gymnasium und zhlt neunzehn Jahre. Nun sei
vernnftig und kleide dich um, Kind, hrst du?

Nein, - ich ziehe kein andres Kleid an, ich will mich nicht putzen!

Wie du willst, aber dann bitte ich dich, ja ich wnsche es entschieden,
da du in deinem Zimmer bleibst und dein Abendbrot dort verzehrst, gab
Frau Macket mit groer Ruhe zur Antwort.

Ilse bi auf die Unterlippe und trat mit dem Fue heftig auf die Erde,
aber sie sagte nichts. Mit einer schnellen Wendung ging sie zur Thr
hinaus und warf dieselbe unsanft hinter sich zu. Oben in ihrem Zimmer lie
sie sich auf einen Stuhl fallen, sttzte die Ellbogen auf das Fensterbrett
und weinte Thrnen des bittersten Unmutes.

O wie schrecklich ist es jetzt! stie sie schluchzend heraus. Warum hat
auch der Papa wieder eine Frau genommen, - es war so viel, viel hbscher,
als wir beide allein waren! Alle Tage mu ich lange Reden hren ber Sitte
und Anstand und ich will doch keine Dame sein, ich will es nicht - und
wenn sie es zehnmal sagt! - -

Als sie mit ihrem Vater noch allein war, fhrte sie freilich ein
ungebundeneres und lustigeres Leben. Niemand hatte ihr Vorschriften zu
machen oder durfte ihre dummen Streiche hindern; was sie auch ausfhrte,
es galt alles als unbertrefflich. Das Lernen wurde nur als langweilige
Nebensache betrachtet und die Gouvernanten fgten sich entweder dem Willen
ihrer Schlerin oder sie gingen davon. Beklagte sich ja einmal diese oder
jene bei dem Vater und hatte derselbe auch wirklich den festen Entschlu
gefat, ein Machtwort zu sprechen gegen sein unbndiges Kind, er kam nicht
dazu, es auszufhren. Sobald er mit ernster Miene ihr gegenber trat, fiel
Ilse ihm um den Hals, nannte ihn ihren einzigen, kleinen Papa, trotzdem
er ein sehr groer, krftiger Mann war, und kte ihm Mund und Wangen.
Versuchte er, ihr ernste Vorstellungen zu machen, hielt sie ihm den Mund
zu.

Ich wei ja alles, was du mir sagen willst, und ich will mich ganz gewi
bessern! mit solchen und hnlichen Worten und Versprechungen trstete sie
den Papa - ach und wie gern lie er sich also trsten! Er konnte dem Kinde
nie ernstlich zrnen, es war sein alles.

Als Ilses Mutter starb, legte sie ihm das kleine hilflose Ding in den Arm.
Es hatte die schnen, frohen Augen der frh Geschiedenen geerbt, und
blickte sie ihn an, war es ihm, als ob die Gattin, die er so sehr geliebt
hatte, ihn anlchle.

Lange Jahre war er einsam geblieben und hatte nur fr sein Kind gelebt. Da
lernte er seine zweite Frau kennen. Ihr kluges, sanftes Wesen fesselte ihn
so, da er sie heimfhrte.

Frau Anne betrat das Haus ihres Mannes mit dem festen Vorsatze, seinem
Kinde die treueste, liebevollste Mutter zu sein und alles aufzubieten, um
ihr die frh Verlorene zu ersetzen; indes jede herzliche Annherung von
ihrer Seite scheiterte an Ilses trotzigem Widerstande. Bald ein Jahr
waltete sie nun schon als Frau und Stiefmutter und noch immer hatte sie es
nicht vermocht, Ilses Liebe zu gewinnen. - - -

Die Gste blieben zum Abendessen auf Moosdorf, so hie das groe Gut des
Oberamtmann Macket. Als der Tisch gedeckt war und alle sich an demselben
niedergesetzt hatten, fragte Herr Macket, warum Ilse noch nicht anwesend
sei.

Frau Anne erhob sich und zog an der Klingelschnur. Der eintretenden
Dienstmagd befahl sie, das Frulein zu Tisch zu rufen. - - - -

Ilse sa noch in derselben Stellung am Fenster. Sie hatte sich
eingeschlossen und die Magd mute erst tchtig pochen und rufen, bevor sie
sich bequemte, die Thr zu ffnen.

Sie sollen herunterkommen, Frulein, die gndige Mama hat es befohlen,
sagte Kathrine und betonte das sollen und befohlen so recht
auffallend.

Ich soll! rief Ilse und wandte den Kopf hastig herum, aber ich will
nicht! Sag' das der gndigen Frau Mama!

Ja, sagte Kathrine, so recht befriedigt von dieser Antwort, denn auch
sie war durchaus nicht damit einverstanden gewesen, da wieder eine Frau
in das Haus gekommen war, welche der schnen Freiheit ein Ende gemacht
hatte, ja, ich werd's bestellen. Gndiges Frulein haben ganz recht, das
ewige Befehlen, wenn man selbst alt genug ist, ist hchst unpassend, noch
dazu, wenn fremde Leute dabei sind.

Und sie ging hinunter in das Speisezimmer und fhrte wrtlich Ilses
Bestellung aus.

Herr Macket blickte seine Frau verlegen an, er wute gar nicht, was diese
Antwort bedeuten sollte. Sie verstand seine stumme Frage und ohne im
geringsten den Unmut merken zu lassen, den sie in ihrem Innern empfand,
sagte sie gelassen: Ilse ist nicht ganz wohl, lieber Mann, sie klagte
etwas ber Kopfschmerzen. Kathrine hat ihre Bestellung ungeschickt
ausgerichtet.

Alle Anwesenden errieten sofort, da Frau Anne eine Ausrede machte, nur
Herr Macket glaubte, da es sich in Wahrheit so verhielt.

Wollen wir nicht lieber einen Boten zum Arzt schicken? fragte er
besorgt.

Die Antwort hierauf gab ihm sein Kind selbst, das heit, sie bewies ihm,
da ihr kein Finger weh that. Laut jubelnd und lachend trieb sie einen
Reif mit einem Stock ber den groen Rasenplatz, und der Jagdhund, Tyras,
sprang demselben nach, und wenn er mit seinen Pfoten den Reif beinahe
erhascht hatte und ihn doch nicht halten konnte, stie er ein rgerliches
Geheul aus, worber Ilse sich totlachen wollte.

Herrn Mackets Gesicht verklrte sich ordentlich bei diesem Anblicke. Er
stand auf, trat in die offenstehende Flgelthr des Zimmers und eben im
Begriffe, Ilse zu rufen, hielt ihn Frau Anne davon zurck.

La sie - ich bitte dich, - lieber Mann, bat sie, vor Unwillen leicht
errtend, und zu den Gsten gewendet setzte sie hinzu: Es thut mir leid,
nun doch die Wahrheit sagen zu mssen, indes Ilses Benehmen zwingt mich
dazu.

Und sie erzhlte so mildernd als mglich den kleinen Vorfall. Es wurde
darber gelacht, ja Herr von Schffer behauptete, die kleine habe
Temperament und es sei schade, da sie kein Knabe sei. Seine hochgebildete
Frau konnte ihm nicht beistimmen, sie fand das wilde Mdchen geradezu
entsetzlich und nannte es auf dem Heimwege ein _enfant terrible_.

Als die Gste fortgefahren waren, blieb der Prediger noch zurck. Derselbe
war ein wohlwollender, nachsichtiger Mann, der Ilsen vterlich zugethan
war. Er hatte sie getauft und eingesegnet, unter seinen Augen war sie
herangewachsen. Seit kurzer Zeit, seitdem die letzte Gouvernante ihren
Abschied genommen hatte, leitete er auch ihren Unterricht.

Es trat ein augenblickliches, beinahe peinliches Stillschweigen ein. Ein
jeder der drei Anwesenden hatte etwas auf dem Herzen und scheute sich
doch, das erste Wort zu sprechen. Herr und Frau Macket saen am Tische, er
rauchend, sie eifrig mit einer Handarbeit beschftigt. Prediger Wollert
ging im Zimmer auf und ab und sah recht ernst und nachdenklich aus.
Endlich blieb er vor dem Oberamtmann stehen.

Es kann nichts helfen, lieber Freund, redete er denselben an, das Wort
mu heraus. Es geht nicht mehr so weiter, wir knnen das unbndige Kind
nicht zgeln, es ist uns ber den Kopf gewachsen.

Der Oberamtmann sah den Prediger verwundert an. Wie meinen Sie das?
fragte er, ich verstehe Sie nicht.

Meine Meinung ist, geradeheraus gesagt, die, fuhr der erstere fort, das
Kind mu fort von hier, in eine Pension.

Ilse? In eine Pension? Aber warum, sie hat doch nichts verbrochen! rief
Herr Macket ganz erschreckt.

Verbrochen! wiederholte lchelnd der Prediger. Nein, nein, das hat sie
nicht! Aber mu denn ein Kind erst etwas Bses gethan haben, um in ein
Institut zu kommen? Es ist doch keine Strafanstalt. Hren Sie mich ruhig
an, lieber Freund, fuhr er besnftigend fort und legte die Hand auf
Mackets Schulter, als er sah, da dieser heftig auffahren wollte. Sie
wissen, wie ich Ilse liebe, und wissen auch, da ich nur das Beste fr sie
im Auge habe; nun wohl, ich habe reiflich berlegt und bin zu dem
Resultate gekommen, da Sie, Ihre Frau und ich nicht Macht genug besitzen,
sie zu erziehen. Sie trotzt uns allen dreien, was soll daraus werden? Sie
hat soeben ein glnzendes Beispiel ihrer widerspenstigen Natur gegeben.

Der Oberamtmann trommelte auf dem Tische. Das war eine Ungezogenheit, die
ich bestrafen werde, sagte er. Etwas Schlimmes kann ich nicht darin
finden. Mein Gott, Ilse ist jung, halb noch ein Kind, und Jugend mu
austoben. Weshalb soll man einem bermtigen Mdchen so strenge Fesseln
anlegen und es Knall und Fall in eine Pension bringen? Was ist dabei, wenn
es einmal ber den Strang schlgt? Verstand kommt nicht vor den Jahren!
Was sagst du dazu, Anne, wandte er sich an seine Frau, du denkst wie
ich, nicht wahr?

Ich dachte wie du, entgegnete Frau Anne, vor einem Jahre, als ich
dieses Haus betrat. Heute urteile ich anders, heute mu ich dem Herrn
Prediger recht geben. Ilse ist schwer zu erziehen, trotz aller
Herzensgte, die sie besitzt. Ich wei nichts mit ihr anzufangen, soviel
Mhe ich mir auch gebe. Gewhnlich thut sie das Gegenteil von dem, was ich
ihr sage. Bitte ich sie, ihre Aufgaben zu machen, so thut sie entweder,
als ob sie mich nicht verstanden hat, oder sie nimmt hchst unwillig ihre
Bcher, wirft sie auf den Tisch, setzt sich davor und treibt allerhand
Nebendinge. Nach kurzer Zeit erhebt sie sich wieder und fort ist sie! Da
hilft kein gtiges Zureden, keine Strenge, sie will nicht! Frage den Herrn
Prediger, wie ungleichmig Ilses wissenschaftliche Bildung ist, wie sie
zuweilen sogar noch orthographische Fehler macht.

Was kommt bei einem Mdchen darauf an, entgegnete Herr Macket und erhob
sich. Eine Gelehrte soll sie nicht werden; wenn sie einen Brief schreiben
kann und das Einmaleins gelernt hat, wei sie genug.

Der Prediger lchelte. Das ist Ihr Ernst nicht, lieber Freund. Oder wrde
es Ihnen Freude machen, wenn man von Ihrer Tochter sagte, da sie dumm sei
und nichts gelernt habe! Ilse hat gute Anlagen, es fehlt ihr nur der
Trieb, die Lust zum Lernen. Beides wird sich einstellen, sobald sie unter
junge Mdchen ihres Alters kommt. Das Streben derselben wird ihren Ehrgeiz
wecken und ihr bester Lehrmeister sein.

Die Wahrheit dieser Worte leuchtete Herrn Macket ein, aber die Liebe zu
seinem Kinde lie es ihn nicht laut eingestehen. Der Gedanke, dasselbe von
sich zu geben, war ihm furchtbar. Nicht tglich es sehen und hren zu
knnen, - ihm war als ob die Sonne pltzlich aufhren msse zu scheinen,
als solle ihm Licht und Leben genommen werden.

Frau Anne empfand, was in ihres Mannes Herzen vorging, liebevoll trat sie
zu ihm und ergriff seine Hand.

Denke nicht, da ich hart bin, Richard, wenn ich fr den Vorschlag unsres
Freundes stimme, sagte sie. Ilse steht jetzt auf der Grenze zwischen
Kind und Jungfrau, noch hat sie Zeit, das Versumte nachzuholen und ihre
unbndige Natur zu zgeln. Geschieht das nicht, so knnte man eines Tages
unser Kind als unweiblich bezeichnen, wre das nicht furchtbar?

Er hrte kaum, was sie sprach. Ihr wollt sie einsperren, sagte er
erregt, aber das hlt sie nicht aus. Lat sie erst lter werden, es ist
dann immer noch Zeit genug, sie fortzugeben.

Dagegen protestierten Frau Anne und der Prediger auf das entschiedenste;
sie bewiesen, da jetzt die hchste Zeit sei, wenn die Pension noch etwas
ntzen solle.

Ich wte ein Institut in W., das ich fr Ilse ausgezeichnet empfehlen
knnte, erklrte der Prediger. Die Vorsteherin desselben ist mir genau
bekannt, sie ist eine vorzgliche Dame. Neben der Pension, die unter ihrer
Leitung herrlich gediehen ist, hat sie eine Tagesschule in das Leben
gerufen, die sich von Jahr zu Jahr vergrert hat. Ilse wrde den besten
Unterricht und die liebevollste Pflege vereint finden. Und welch ein
Vorzug ist nicht die wunderbare Lage dieses Ortes. Die Berge ringsum, die
kostbare Luft - - -

Ja ja, unterbrach ihn Herr Macket unruhig und abwehrend, ich glaube das
alles gern! Aber lat mir Zeit, bestrmt mich nicht weiter. Ein so
wichtiger Entschlu, selbst wenn er notwendig ist, bedarf der Reife. -

Er kam schneller als er geglaubt hatte. -

Am andern Morgen, es war noch sehr frh, traf der Oberamtmann sein
Tchterchen, wie es eben im Begriffe war, hinaus auf die Wiese zu reiten,
um das Heu mit einzuholen. Ungeniert hatte Frulein Ilse sich auf eines
der Pferde, das vor dem Leiterwagen gespannt war, von dem Kutscher
hinaufheben lassen, derselbe stand auf dem Wagen und hielt die Zgel in
der Hand.

Guten Morgen, Papachen! rief sie ihm laut schon von weitem entgegen,
wir wollen auf die Wiese fahren, das Heu mu herein; der Hofmeister sagt,
wir bekommen gegen Mittag ein Gewitter. Ich will gleich mit aufladen
helfen!

Der Vater hatte heute nicht die unbefangene Freude an dem Wesen seines
Kindes, ihm fielen die Worte seiner Frau vom gestrigen Abend ein. Ilse sah
wenig weiblich in diesem Augenblicke aus, eher glich sie einem wilden
Buben. Wie ein solcher sa sie auf dem Pferde und hatte die Fe an beiden
Seiten herunterhngen. Das kurze blaue Kleid deckte dieselben nicht, man
sah den plumpen, hohen Lederstiefel und noch ein Stck des bunten
Strumpfes. Es war wahrlich kein schner Anblick.

Steig' herab, Ilse, sagte Herr Macket, dicht zu ihr tretend, um ihr beim
Heruntersteigen behilflich zu sein, du wirst jetzt nicht auf die Wiese
reiten, hrst du, sondern deine Aufgaben machen.

Es war das erste Mal in ihrem Leben, da der Vater in so bestimmter Weise
zu ihr sprach. Im hchsten Grade verwundert blickte sie ihn an, aber sie
machte keine Miene, seiner Aufforderung Folge zu leisten. Sie schlug die
Arme ineinander und fing an, herzlich zu lachen.

Hahahaha! Arbeiten soll ich! Du kleiner reizender Papa, wie kommst du
denn auf diesen komischen Einfall? Mach' nur nicht ein so bses Gesicht!
Weit du, wie du jetzt aussiehst? Gerade wie Mademoiselle, die letzte,
Papa, von den vielen, - wenn sie bse war! {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Frulein Ilse, gehen Sie auf
Ihr Zimmer _mais tout-de-suite_. Aben Sie mir _compris_!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Dabei zog sie
die Stirn in Falten und ri die Augen auf - so, und sie versuchte es
nachzuahmen. Oh, es war zu himmlisch! Adieu Papachen, zum Frhstck komm'
ich zurck!

Sie warf ihm noch eine Kuhand zu, lachte ihn schelmisch an und fort
ging's im lustigen Trabe hinaus auf die Wiese in den taufrischen
Sommermorgen hinein.

Herr Macket schttelte den Kopf, mit einem Male stiegen ernstliche
Bedenken wegen Ilses Zukunft in ihm auf. Er fand den Gedanken, sie in eine
Pension zu geben, heute weniger schrecklich, als gestern. Sie hatte ihm
soeben den Beweis gegeben, da sie auch ihm Widerstand entgegensetzte.
Freilich mute er sich gestehen, da er durch seine Nachgiebigkeit
denselben in ihr gro gezogen hatte.

Er ging in das Speisezimmer und trat von dort auf die Veranda, die
weinumrankt sich an der Vorderseite des Hauses entlang zog. Seine Frau
erwartete ihn dort am gedeckten Frhstckstische.

Ganz gegen seine Gewohnheit war er still und einsilbig. Hattest du
Unannehmlichkeiten? fragte Frau Anne und reichte ihm den Kaffee.

Nein, entgegnete er, das nicht. Er hielt einen Augenblick inne, als ob
es ihm schwer wrde, weiter zu sprechen, dann fuhr er fort: Ich mchte
dir eine Mitteilung machen, oder richtiger gesagt, dir meinen Entschlu
wegen unsres gestrigen Gesprches verknden. Zum 1. Juli soll Ilse in die
Pension.

Du scherzest, sagte Anne und sah ihn fragend an.

Es ist mein Ernst, erwiderte er. Wirst du im stande sein, bis zu dem
Termine alles zu Ilses Abreise einrichten zu knnen? Wir haben heute den
12. Juni.

Ja, das wrde ich knnen, lieber Richard; aber verzeihe, mir kommt dein
Entschlu etwas bereilt vor. Wird er dich nicht gereuen? La Ilse die
schnen Sommermonate noch ihre Freiheit genieen und gieb sie erst zum
Herbste fort. Der Abschied von der Heimat wird ihr dann weniger schwer
werden.

Nein, keine Aenderung, sagte er, bei einem lngeren Hinausschieben
seinen Wankelmut frchtend, es bleibt dabei - zum 1. Juli wird sie
angemeldet.

Nach einigen Stunden kehrte Ilse wohlgemut mit erhitzten Wangen und ber
und ber mit Heu bestreut zum zweiten Frhstcke zurck. Wie sie war, ohne
den Anzug zu wechseln, trat sie hchst vergngt auf die Veranda.

Da bin ich, rief sie. Bin ich lange geblieben? Ich sage dir, Papa, das
Heu ist kostbar! Nicht einen Tropfen Regen hat es bekommen. Du wirst deine
Freude daran haben. Der Hofmeister meint, so gut htten wir es seit Jahren
nicht gehabt.

La das Heu jetzt, Ilse, entgegnete Herr Macket, und hre zu, was ich
dir sagen werde.

Er sagte es ziemlich ernst, es wurde ihm nicht leicht, von seinem Plane zu
sprechen - sie war so ahnungslos, ja sie nahm gar keine Notiz von seiner
Stimmung. Ihr Augenmerk war auf den wohlbesetzten Frhstckstisch
gerichtet, sie war sehr hungrig von der Fahrt.

Soll ich dir Frhstck schneiden? fragte Frau Anne freundlich, aber Ilse
lehnte es ab.

Ich will es schon selbst thun, sagte sie, nahm das Messer und schnitt
sich ein tchtiges Stck Schwarzbrot ab. Die Butter strich sie fast
fingerdick darauf. Nachdem sie ein dickes Stck Wurst zugelangt hatte,
fing sie an, wohlgemut zu essen. Bald von dem Brote, bald von der Wurst,
die sie in der Hand hielt, einen Bissen nehmend. Hchst ungeniert lehnte
sie dabei hintenber in einem Sessel und schlug die Fe bereinander. Es
schmeckte ihr kstlich.

Ich denke, du wolltest mir etwas sagen, Papachen! rief sie mit vollem
Munde, nun schie los, ich bin ordentlich neugierig darauf.

Er zgerte etwas mit der Antwort, noch war es Zeit, noch konnte er seinen
Entschlu zurcknehmen - einen Augenblick berlegte er und es fehlte nicht
viel, so htte er es wirklich gethan, aber die Schwche ging vorber und
so ruhig wie es ihm mglich war, teilte er Ilse seinen Beschlu mit.

Wenn er erwartet hatte, da sie sich strmisch widersetzen wrde, so hatte
er geirrt. Zwar blieb ihr buchstblich der Bissen im Munde stecken vor
Ueberraschung und Schreck, aber ihr Auge flog zur Mutter hinber und sie
unterdrckte den Sturm, der in ihr tobte. Um keinen Preis sollte diese
erfahren, wie furchtbar es ihr war, die Heimat, den Vater vor allem, zu
verlassen, sie, die doch sicherlich nur allein die Anstifterin dieses
Planes war, denn der Papa - nein! Nimmermehr wrde er sie von sich gegeben
haben!

Nun, du schweigst? fragte Herr Macket, du hast vielleicht selbst schon
die Notwendigkeit eingesehen, da du noch tchtig lernen mut, mein Kind,
denn mit deinen Kenntnissen hapert es noch berall, nicht wahr?

Gar nichts habe ich eingesehen! platzte Ilse heraus, du selbst hast mir
ja oft genug gesagt, ein Mdchen brauche nicht so viel zu lernen, das
allzu viele Studieren mache es erst recht dumm! Ja, das hast du gesagt,
Papa, und nun sprichst du mit einemmal anders. Nun soll ich fort, soll auf
den Schulbnken sitzen zwischen andern Mdchen und lernen, bis mir der
Kopf weh thut. Aber es ist gut, ich will auch fort, ja ich freue mich auf
die Abreise. Wenn nur erst der 1. Juli da wre!

Und sie erhob sich hastig, warf den Rest ihres Frhstcks auf den Tisch
und eilte fort, hinauf in ihr Zimmer, und jetzt brachen die Thrnen
hervor, die sie bis dahin nur mhsam zurckgehalten hatte.

Frau Anne wre dem Kinde gar zu gern gefolgt, sie fhlte, was in dem
jungen Herzen vorging, aber sie wute genau, da Ilse ihre gtigen Worte
trotzig zurckweisen wrde; so blieb sie zurck und hoffte auf die Zeit,
wo Ilses gutes Herz den Weg zu ihrer mtterlichen Liebe finden werde. - -

                              --------------

Die wenigen Wochen bis zum festgesetzten Termine vergingen schnell. Frau
Anne hatte alle Hnde voll zu thun, um Ilses Garderobe in Ordnung zu
bringen. Die Vorsteherin der Pension hatte auf Herrn Mackets Anfrage
sofort geantwortet und sich gern zu seiner Tochter Aufnahme bereit
erklrt. Zugleich hatte sie ein Verzeichnis der Sachen mitgeschickt, die
jede Pensionrin bei ihrem Eintritt in das Institut mitzubringen habe.

Ilse lachte spttisch ber die, nach ihrer Meinung vielen unntzen Dinge,
besonders die Hausschrzen fand sie geradezu lcherlich. Sie hatte bis
dahin niemals eine solche getragen.

Die dummen Dinger trage ich doch nicht, Mama! sagte sie, als Frau Anne
dabei war, den Koffer zu packen, die brauchst du gar nicht einzulegen.

Du wirst dich doch der allgemeinen Sitte fgen mssen, mein Kind,
entgegnete die Mutter. Warum wolltest du auch nicht? Sieh' einmal her,
diese blau und wei gestreifte Schrze mit den gestickten Zacken ringsum,
ist sie nicht ein reizender Schmuck fr ein kleines Frulein, das sich im
Haushalte ntzlich machen wird?

Ich werde mich aber im Haushalte nicht ntzlich machen! rief Ilse in
ungezogenem Tone, das fehlte noch! Ihr denkt wohl, ich soll dort in der
Kche arbeiten oder die Stuben aufrumen? Die Schrzen trage ich nicht,
ich will es nicht!

Uebertreibe nicht, Ilse, entgegnete Frau Anne, du weit recht gut, da
man dergleichen nie von dir verlangen wird. Wenn du durchaus die Schrzen
nicht tragen magst, so kannst du ja deinen Wunsch der Vorsteherin
mitteilen, vielleicht erfllt sie dir denselben.

Ich werde sie nicht erst darum fragen! Solche Dinge gehen sie gar nichts
an! war Ilses unartige Antwort.

Sie verlie die Mutter, auf welche sie einen wahren Groll hatte. All die
schnen Wsche- und Kleidungsstcke, die Frau Anne mit Liebe und Sorgfalt
fr sie ausgewhlt hatte, fanden keine Gnade vor ihren Augen, nicht einen
Funken Interesse zeigte sie dafr.

Dem Papa erklrte sie, da sie ein kleines Kfferchen fr sich selbst
packen werde. Niemand solle ihr dabei helfen, niemand wissen, welche
Schtze sie mit in das neue Heim hinberfhren werde.

Das ist eine prchtige Idee, Ilschen, stimmte Herr Macket bei, nimm nur
mit, was dir Freude macht.

Und er lie sofort einen allerliebsten, kleinen Koffer kommen und
berraschte seinen Liebling damit. Als Ilse ihm erfreut und dankend um den
Hals fiel, als sie ihn seit lngerer Zeit zum erstenmal wieder mein
kleines Pa'chen nannte, da wurde es ihm so weich ums Herz, da er sich
abwenden mute, um seine Rhrung zu verbergen.

  [Illustration]

Am Tage vor ihrer Abreise schlo sich Ilse in ihr Zimmer ein und begann zu
packen. Aber wie! Bunt durcheinander, wie ihr die Sachen in die Hand
kamen. Zuerst das geliebte Blusenkleid nebst Ledergrtel, es wurde nur so
in den Koffer hineingeworfen und mit den Hnden etwas festgedrckt, dann
die hohen Lederstiefel mit Staub und Schmutz, wie sie waren, dann eine
alte Ziehharmonika, auf der sie nur ein paar Tne hervorbringen konnte,
ein neues Hundehalsband mit einer langen Leine daran, ein ausgestopfter
Kanarienvogel, und zuletzt, nachdem die wunderbarsten Dinge in den Koffer
gewandert waren, griff sie nach einem Glase, in welchem ein Laubfrosch
sa. Es ist kaum zu glauben, indessen auch dieses sollte mitverpackt
werden, - sie hatte sich so an das Tierchen gewhnt. Sie nahm ein gutes,
gesticktes Taschentuch aus dem Kommodenkasten, band dasselbe ber das
Glas, legte auch noch eine Papierhlle darber, schnitt ganz kleine Lcher
in beides und steckte einige Fliegen hindurch.

So, sagte sie hchst befriedigt von ihrer Packerei, nun bist du gut
versorgt, mein liebes Tierchen, und wirst nicht verhungern auf der weiten
Reise.

Wie sie das Glas hineinbrachte in den Koffer, war wirklich ein Kunststck,
das ihr erst nach vieler Mhe gelang. Aber endlich war sie doch so weit,
da sie den Deckel schlieen konnte. Er klemmte etwas und Ilse mute sich
erst darauf knieen, bevor derselbe ins Schlo fiel. Den kleinen Schlssel
zog sie ab, befestigte ihn an einer schwarzen Schnur und band diese sich
um den Hals.

Als das Abendbrot verzehrt war und die Eltern noch am Tische saen, ging
Ilse in den Hof und machte eine Runde durch alle Stlle. Von den Hhnern,
Tauben, Khen, Pferden - sie hatte so viele Lieblinge darunter - nahm sie
Abschied; morgen sollte sie ja alle auf lange Zeit verlassen. Das Lebewohl
von den Hunden wurde ihr am schwersten, sie waren alle ihre guten Freunde.
Dianas Sprlinge, die schon allerliebst herangewachsen waren und sie
zrtlich begrten, lockten ihr Thrnen des tiefsten Leides hervor.

Neben ihr stand Johann. Er hatte das kleine Frulein vom ersten Tage ihres
Lebens an gekannt und liebte sie abgttisch. Als er ihre Thrnen sah,
liefen auch ihm einige Tropfen ber die Wangen.

Wenn das kleine Frulein wiederkommt, sagte er mit klglicher Stimme und
fuhr mit der verkehrten Hand ber die Wange, dann wird es wohl eine groe
Dame sein. Ja ja, Frulein Ilschen, unsre schne Zeit ist dahin! Ach und
die Hunde, wie werden sie das Frulein vermissen! Die sind gescheit!
Menschlichen Verstand hat das dumme Vieh! Wie sie schmeicheln, die kleinen
Krobaten, als ob sie wten, da unser kleines Frulein morgen abreist -
- hier wurde seine Stimme so unsicher, da er nicht weiter sprechen
konnte.

Johann, entgegnete Ilse unter Schluchzen, sorge fr die Hunde. Und wenn
du mir einen groen - den letzten Gefallen thun willst, so, hier sah sie
sich erst vorsichtig nach allen Seiten um, ob auch niemand in der Nhe
war, so nimm Bob, diesen Namen hatte sie Dianas kleinem Shnchen
gegeben, mit auf den Kutscherbock morgen, wenn du mich zur Bahn fhrst,
aber heimlich. Niemand darf es wissen, ich will ihn mitnehmen. Ein
Halsband und eine Leine habe ich schon eingepackt. Aber Johann, heimlich,
hrst du?

Der Kutscher war glcklich ber diesen Auftrag und da er dem lieben,
kleinen Frulein noch einen Liebesdienst erweisen konnte. Er lchelte
verschmitzt und versprach, Bob so geschickt unterzubringen, da keine
menschliche Seele von dem Hunde etwas merken solle.

Frh am andern Morgen stand der Wagen vor der Thr, der Ilse fortbringen
sollte. Herr Macket begleitete sie bis W., um sie der Vorsteherin,
Frulein Raimar, selbst zu berbringen. Er mute sich doch persnlich
berzeugen, wo und wie sein Liebling aufgehoben sein werde. Frau Anne
nahete sich Ilse im letzten Augenblick, um zrtlich und gerhrt von ihrem
Kinde Abschied zu nehmen, aber diese machte ein finsteres, trotziges
Gesicht und entwand sich der Mutter Armen.

Lebe wohl, sagte sie kurz und sprang in den Wagen; nicht um die Welt
htte sie der Mutter verraten mgen, wie weh und schmerzlich ihr das
Scheiden wurde.

Als der Wagen sich in Bewegung setzte und Diana denselben laut bellend
noch eine kurze Strecke begleitete, bog sie sich weit zum Wagen hinaus mit
thrnenden Augen und nickte ihr zu. Gut war es, da der Vater nichts von
den Thrnen merkte, er wrde vielleicht augenblicklich Kehrt gemacht
haben.

Auf dem Bahnhofe, als alles besorgt und Ilse mit dem Papa in das Koupee
gestiegen war, trat Johann hinzu mit Bob unter dem Arme und der Mtze in
der Hand.

Leben Sie recht wohl, Frulein Ilschen, und kommen Sie gut hin, sagte er
etwas verlegen. Die Hunde werde ich schon besorgen, dafr haben Sie nur
keine Angst nicht. Den hier nehmen Sie wohl mit, es ist doch gut, wenn Sie
nicht so allein in der Pension sind.

Ilse jauchzte vor Freude. Sie nahm den Hund in Empfang, liebkoste und
streichelte ihn, dann reichte sie Johann die Hand.

Leb wohl, sagte sie, und habe Dank. Ich freue mich zu sehr, da ich ein
Hndchen mit mir nehmen kann.

Ja, aber Ilse, das geht doch nicht, wandte der erstaunte Oberamtmann
ein, du darfst doch keine Hunde mit in das Institut bringen. Sei
vernnftig und gieb Bob Johann wieder zurck.

Doch daran war nicht zu denken. Ilse lie sich durch keine Vorstellung
dazu bewegen.

Die einzige Freude la mir, Pa'chen! Willst du mich denn ganz allein
unter den fremden Menschen lassen? Wenn Bob bei mir ist, dann habe ich
doch einen guten Freund. Nicht wahr, Bobchen, du willst nicht wieder fort
von mir, wandte sie sich an den Hund, der es sich bereits hchst bequem
auf ihrem Schoe gemacht hatte, du bleibst nun immer bei mir!

Es war dem Oberamtmann unmglich, ein Machtwort dagegen zu sprechen, zumal
ja Ilse so triftige Grnde fr ihren Wunsch anfhrte. Am meisten
berzeugte ihn der Gedanke, da die Kleine doch einen heimatlichen Trost
mit in die Fremde brchte.

Es war eine lange und ziemlich langweilige Fahrt, meist durch flaches
Land, erst zuletzt kamen die Berge. Fr Ilse that sich eine neue Welt auf,
sie hatte noch nie eine so groe Reise gemacht. Auf jeder Station schaute
sie mit neugierigen Augen hinaus, jedes Bahnwrterhuschen amsierte sie.
Ueber all den neuen Eindrcken, die sich ihr aufdrngten, trat der
Trennungsschmerz in den Hintergrund.

Spt am Abend, es war zehn Uhr vorbei, langten sie in W. an. Natrlich
bernachtete Ilse mit ihrem Vater im Hotel, erst am andern Morgen sollte
sie in ihre neue Heimat eingefhrt werden.

Als es am nchsten Tage neun Uhr schlug, stand Ilse fertig angezogen vor
ihrem Papa. Sie sah in ihrem grauen Reisekleide und den zierlichen
Lederstiefeln ganz allerliebst aus. Unter dem runden, weien Strohhute,
der mit einem Feldstruchen und schwarzen Samtband aufgeputzt war, fielen
die braunen Locken herab. Die schnen, groen Augen blickten heute nicht
so frhlich wie sonst, sie hatten einen ngstlich erwartungsvollen
Ausdruck, und um den Mund zuckte es in nervser Aufregung.

Dir fehlt doch nichts, Ilschen? fragte Herr Macket und sah sein Kind
besorgt an. Du bist so bla, hast du schlecht geschlafen?

Die herzliche Frage des Vaters lste mit einemmal die unnatrliche
Spannung in Ilses Wesen. Sie fiel ihm um den Hals, und die bis dahin
trotzig zurckgehaltenen Thrnen brachen mit aller Macht hervor.

Aber Kind, Kind, sagte Herr Macket sehr gengstigt durch ihre
Leidenschaftlichkeit, du wirst ja nicht lange von uns getrennt bleiben.
Ein Jahr vergeht schnell, und zu Weihnachten besuchst du uns. Komm,
Kleines, trockne die Thrnen. Du mut dir das Herz nicht schwer machen. Du
wirst uns fleiig Briefe schreiben und die Mama oder ich werden dir
tglich Nachricht geben von uns, von allem, was dich in Moosdorf
interessiert. Und er nahm sein Taschentuch und trocknete damit die immer
von neuem hervorbrechenden Thrnen seines Kindes.

Der Oberamtmann befand sich in einer gleich aufgeregten Stimmung wie sein
Kind, es wurde ihm nicht leicht zu trsten, wo er selbst des Trostes
bedrftig war. So schwer hatte er sich die Trennung nicht gedacht, er
wrde sonst nicht darein gewilligt haben; aber da er das einmal gethan
hatte, wollte er sich in die Notwendigkeit fgen.

Er strich Ilse das Haar aus der Stirn und setzte ihr den herabgesunkenen
Hut wieder auf. Komm, sagte er, jetzt wollen wir gehen. Nun sei ein
verstndiges Kind.

Die Mama soll mir nicht schreiben! stie Ilse schluchzend heraus, nur
deine Briefe will ich haben! Meine Briefe an dich soll sie auch nicht
lesen!

Ilse! verwies Herr Macket, so darfst du nicht sprechen. Die Mama hat
dich lieb und meint es sehr gut mit dir.

Sehr gut! wiederholte sie in kindischem Zorne, wenn sie mich lieb
htte, wrde sie mich nicht verstoen haben!

Verstoen! Du weit nicht, was du sprichst, Ilse! Werde erst lter, dann
wirst du das groe Unrecht einsehen, das du heute deiner Mutter anthust,
und deine bsen Worte bereuen.

Sie ist nicht meine Mutter, - sie ist meine Stiefmutter!

Du bist kindisch! sagte der Oberamtmann, aber merke dir, niemals wieder
will ich dergleichen Aeuerungen von dir hren. Du krnkst mich damit!

Ilse sah schmollend zur Erde nieder und konnte nicht begreifen, wie es
kam, da der Papa sie nicht verstand, er mute doch einsehen, wie unrecht
ihr geschah.

Komm jetzt, fuhr er in mildem Tone fort, wir wollen gehen, mein Kind.
Sie ergriff den Hund, nahm ihn auf den Arm und wollte so ausgerstet dem
Vater folgen.

La ihn zurck, gebot derselbe, wir wollen die Vorsteherin erst fragen,
ob du ihn mitbringen darfst.

Aber Ilse setzte ihren Kopf auf, dann gehe ich auch nicht, erklrte sie
mit aller Bestimmtheit. Ohne Bob bleibe ich auf keinen Fall in der
Pension!

Macket that dem Eigensinne den Willen aus Furcht, von neuem Thrnen
hervorzulocken. Aber Ilses Widerstand war ihm im hchsten Grade peinlich.
Was sollte Frulein Raimar denken!

Eine Viertelstunde darauf standen Vater und Tochter vor einem stattlichen,
zweistckigen Hause, das vor dem Thore der kleinen Stadt mitten im Grnen
lag; es war das Institut des Frulein Raimar.

Der Oberamtmann blieb berrascht davor stehen. Sieh Ilse, welch ein
schnes Gebude! rief er hchst befriedigt. Der Blick von hier aus in
die nahen Berge ist geradezu bezaubernd.

Was kmmerten sie die Berge! Sie fhlte sich so gedrckt von Kummer, da
ihr die ganze Welt ein Jammerthal dnkte.

Wie kannst du dies Haus schn finden, Papa, entgegnete sie. Wie ein
Gefngnis sieht es aus.

Herr Macket lachte. Betrachte doch die hohen, breiten Fenster, Kind,
sagte er. Glaubst du, da in einem Gefngnisse hnliche zu finden sind?
Die armen Gefangenen sitzen hinter kleinen, blinden Scheiben, die auerdem
noch mit einem Eisengitter versehen sind.

Ich werde jetzt auch eine Gefangene sein, Papa, und du selbst lieferst
mich in dem Gefngnisse ab.

Du bist eine kleine Nrrin! lachte er und brach das Gesprch, das ihm
bedenklich zu werden schien, ab.

Er stieg die breiten, steinernen Stufen, die zu dem Eingange fhrten,
hinauf und zog an der Klingel. Ilse, die ihm langsam gefolgt war, schrak
unwillkrlich zusammen, als sie den hellen Schall im Hause vernahm.

Gleich darauf wurde die Thr von einer Magd geffnet. Nachdem dieselbe die
Angekommenen gemeldet hatte, wurden sie in das Empfangszimmer der
Vorsteherin gefhrt.

Bevor sie dasselbe erreichten, muten sie den Hausflur und einen langen
Korridor, von welchem zwei Ausgnge in einen schnen, groen Hof fhrten,
durchschreiten. Es war gerade die Frhstckspause in der Schule und so war
es natrlich, da berall lachend und plaudernd groe und kleine Mdchen
umherstanden. Sie verstummten, als sie die neue Pensionrin, von der sie
wuten, da sie heute ankommen werde, erblickten, und aller Augen
richteten sich auf Ilse, der es pltzlich hchst beklommen zu Mute wurde.
Es schien ihr, als hre sie verstecktes Kichern hinter sich und sie war
herzlich froh, als die Thr in dem Empfangszimmer sich hinter ihr schlo.
Noch war dasselbe leer.

Ilse blickte sich um, und in diesem groen, vornehmen Raume, der
knstlerisch und elegant zugleich eingerichtet war, stieg mit einem Male
ein etwas banges Gefhl in ihr auf wegen Bob, sie wnschte fast, des
Vaters Willen gefolgt zu sein. Htte sie den Hund in ihrem Arme pltzlich
unsichtbar machen knnen, sie htte es gethan. Nun wollte der Unartige
auch noch herunter auf den Boden, und diesen Wunsch konnte sie ihm doch
unmglich erfllen, wie htte sie wagen drfen, ihn auf den kostbaren
Teppich, der durch das Zimmer gebreitet lag, herab zu lassen!

Die Thr ffnete sich und Frulein Raimar trat ein. Sie begrte Herrn
Macket mit steifer Freundlichkeit, dann blickte sie mit ihren stahlgrauen
Augen, die einen zwar strengen, ernsten, trotzdem aber gewinnenden
Ausdruck hatten, auf Ilse. Diese war dicht an den Vater getreten und hatte
seine Hand ergriffen.

Sei willkommen, mein Kind! Mit diesen Worten begrte die Vorsteherin
Ilse und reichte ihr die Hand. Ich denke, du wirst dich bald bei uns
heimisch fhlen. Als sie den Hund sah, fragte sie: Hat dich dein Hund
bis hierher begleitet?

Ilse blickte etwas hilflos den Papa an, der dann auch fr sie das Wort
nahm. Sie mochte sich nicht von ihm trennen, Frulein Raimar, sagte er
etwas verlegen, sie glaubte, da Sie die Gte haben wrden, ihren kleinen
Kameraden mit ihr aufzunehmen.

Das Frulein lchelte. Es war das erste Mal, da man ihr eine solche
Zumutung machte. Es thut mir leid, Herr Oberamtmann, sagte sie, da ich
den ersten Wunsch Ilses rcksichtslos abschlagen mu. Sie wird verstndig
sein und einsehen, da ich nicht anders handeln kann. Stelle dir einmal
vor, liebes Kind, wenn alle meine Pensionrinnen den gleichen Wunsch
htten, dann wrden zweiundzwanzig Hunde im Institute sein. Welch ein
Spektakel wrde das geben! Mchtest du das Tier gern in deiner Nhe
behalten, so wte ich einen Ausweg. Mein Bruder, der Brgermeister hier,
wird deinen Hund gewi aufnehmen, wenn ich ihn darum bitte; dann kannst du
tglich deinen Liebling sehen.

Ilse war rot geworden und dicke Thrnen perlten in ihren Augen. Dann
bleibe ich auch nicht hier! - sie wollte es eben aussprechen, aber sie
wagte es nicht. Die Dame vor ihr hatte so etwas Unnahbares, Vornehmes in
ihrem Wesen. Wie eine Frstin erschien sie ihr trotz des schlichten,
grauen Kleides, dessen kleiner Stehkragen am Halse mit einer einfachen
goldenen Nadel zusammengehalten wurde. Ilse senkte den Blick und schwieg.

Der Oberamtmann lachte. Sie haben recht, Frulein, sagte er, und wir
htten das selbst vorher bedenken knnen. Ihre groe Gte, den Hund bei
Ihrem Herrn Bruder unterzubringen, wird Ilse mit vielem Danke annehmen,
nicht wahr?

Sie schttelte den Kopf. Fremde Leute sollen Bob nicht haben, Papa, du
nimmst ihn wieder mit nach Moosdorf.

Herr Macket schmte sich der Antwort seines Kindes, aber Frulein Raimar
berhob ihn geschickt seiner Verlegenheit. Mit ihrem erfahrenen Sinne
hatte sie sofort das Trotzkpfchen vor sich erkannt. Sie that, als merkte
sie Ilses Unart nicht.

Du hast ganz recht, sagte sie freundlich, es ist das beste, der Papa
nimmt das Tier wieder mit in die Heimat. Du wrdest durch dasselbe
vielleicht doch mehr zerstreut, als mir lieb wre. Soll die Magd den Hund
in das Hotel zurcktragen, wo Sie abgestiegen sind, Herr Oberamtmann?

Ich will ihn selbst dorthin tragen, nicht wahr, Papachen? fragte Ilse
und hielt Bob ngstlich fest.

Ich wnsche nicht, da du es thust, liebe Ilse, wandte Frulein Raimar
ein. Ich mchte dich gleich zu Mittag hier behalten, um dich den brigen
Pensionrinnen vorzustellen. Ich halte es so fr das beste. Es thut nicht
gut, Herr Oberamtmann, wenn ein Kind, sobald der Vater oder die Mutter es
mir bergeben haben, noch einmal mit ihnen zurckkehrt in das Hotel. Der
Abschied wird ihm weit schwerer gemacht.

Nein, nein! rief Ilse zitternd vor Aufregung, ich bleibe nicht gleich
hier! Ich will mit meinem Papa so lange zusammen sein, bis er abreist. Du
nimmst mich mit dir, nicht, Papa?

Es wurde Herrn Macket hei und kalt bei ihrem Ungestm, indes auch diesmal
half ihm Frulein Raimar ber die peinliche Lage hinweg.

Gewi, mein Kind, entgegnete sie mit Ruhe, dein Wunsch soll dir erfllt
werden. Darf ich Sie bitten, Herr Oberamtmann, heute mittag mein Gast zu
sein? Sie wrden mich sehr erfreuen.

Ilse warf ihrem Papa einen flehenden Blick zu, der ungefhr ausdrcken
sollte: Bleib' nicht hier, nimm mich mit fort! Ich mag nicht hier bleiben
bei dem bsen Frulein, das mich schlecht behandeln wird! Leider verstand
er den Blick anders, er hielt ihn fr eine stumme Bitte, die Einladung
anzunehmen und sagte zu.

Die Vorsteherin erhob sich und zog an einer Klingelschnur. Der
eintretenden Magd trug sie auf, Frulein Gssow zu rufen. Wenige
Augenblicke darauf trat dieselbe in das Zimmer.

Die Gerufene war die erste Lehrerin im Institute und wohnte daselbst. Weit
jnger als die Vorsteherin, war sie eine hchst anmutige, liebenswrdige
Erscheinung von sechsundzwanzig Jahren. Smtliche Tagesschlerinnen und
besonders die Pensionrinnen schwrmten fr sie, sie verstand es, durch
gleichmige Gte sich die jungen Herzen zu gewinnen.

Wollen Sie die Gte haben, Ilse auf ihr Zimmer zu geleiten, sagte die
Vorsteherin, nachdem sie die junge Lehrerin vorgestellt hatte, damit sie
dort ihren Hut ablegen kann.

Gern, erwiderte die Angeredete und trat auf Ilse zu. Komm, liebes
Kind, sagte sie freundlich und ergriff sie bei der Hand, jetzt werde ich
dir zeigen, wo du schlfst. O, du hast ein schnes, groes Zimmer; aber du
wohnst nicht allein dort. Ellinor Grey wird deine Stubengenossin sein. Sie
ist ein liebes Mdchen. Du mchtest gern gleich mit ihr bekannt werden,
nicht wahr?

Ilse berhrte die Frage. Mit scheuen, ngstlichen Augen sah sie den Vater
an und fragte: Du gehst doch nicht fort, Papa? Als er sie darber
beruhigte, folgte sie Frulein Gssow.

Aber den Hund mut du wohl hier lassen, du kannst ihn doch nicht mit
hinauf in dein Zimmer nehmen, sagte Frulein Raimar. Du kannst ihn
drauen der Magd bergeben, damit sie ihn so lange in Verwahrung nimmt.

Frulein Gssow dachte weniger streng als die Vorsteherin. Sie fand es
nicht so schlimm, wenn Ilse ihren Hund im Arme behielt.

Hast du ihn so sehr gern? fragte sie, als sie mit dem jungen Mdchen den
Korridor entlangging.

Ja, entgegnete Ilse, sehr, sehr lieb habe ich Bob. Und ich darf ihn
nicht hier behalten.

Sie legte ihre Wange auf des Hundes Kopf und kmpfte mit dem Weinen.

Grme dich nicht darum, Kind, trstete Frulein Gssow, das ist nicht
so schlimm. Du findest hier viel etwas Besseres. Du sollst einmal sehen,
wie bald du den Bob vergessen haben wirst. Wir haben zweiundzwanzig
Pensionrinnen jetzt im Institute, du wirst manche liebe Freundin unter
ihnen finden. Hast du Geschwister?

Nein, sagte Ilse, die ganz zutraulich gegen Frulein Gssow wurde, ich
bin allein.

Nun, siehst du! Da kann ich mir deine Liebe zu dem unvernnftigen Tiere
erklren, dir fehlten die Gespielinnen. Gieb deinen Hund getrost dem Papa
wieder mit zurck, du wirst ihn nicht vermissen.

Sie stiegen eine Treppe hinauf und kamen auf einen groen, hellen Vorsaal,
auf welchem eine Anzahl Thren mndeten. Eine derselben ffnete die
Lehrerin, und sie traten in ein gerumiges Zimmer ein, das nach dem Garten
fhrte. Die Fenster waren geffnet und ein mchtiger Apfelbaum streckte
seine Zweige fast zum Fenster hinein.

Die Einrichtung war nicht elegant, nur das Notwendigste befand sich in dem
Zimmer. Zwei Betten, zwei Kommoden und zwei Kleiderschrnke, dann noch ein
groer Waschtisch und einige Sthle.

Als Frulein Gssow mit Ilse eintrat, erhob sich schnell ein junges
Mdchen von ungefhr siebzehn Jahren, das mit einem Buche in der Hand am
Fenster gesessen hatte. Es war ein schlankes, zartgebautes Wesen, mit
goldblondem Haar, das sie in einem Knoten aufgesteckt trug, mit blauen
Augen und mit schelmischen Grbchen in den Wangen, sobald sie lachte. Es
war Ellinor Grey, eine Englnderin.

Hier bringe ich dir Ilse Macket, Nellie, so wurde der Englnderin Namen
allgemein abgekrzt. Ich denke, du wirst dich ihrer liebreich annehmen.

O ja, ich werde ihr sehr lieben, antwortete Nellie und reichte der
Neuangekommenen die Hand. Bleibt die Hund auch hier? fragte sie.

Nein, sagte Frulein Gssow.

O wie schade! Es ist ein so ses Tier! Und sie streichelte Bob.

Es klang so drollig und sie sah so schelmisch aus, da Ilse sofort sich
von ihr angezogen fhlte. Gern htte sie noch ein Weilchen dem komischen
Geplauder Nellies zugehrt, aber sie mute dem Frulein folgen, die sich
vorgenommen hatte, ihr einige Schulrume zu zeigen. Zuerst ffnete sie die
Thr zu dem Musikzimmer, dann gingen sie in den Zeichensaal und zuletzt
wurde Ilse in den sogenannten groen Saal gefhrt. Die junge Lehrerin
erzhlte ihr, da in demselben alle Examen und zuweilen auch
Festlichkeiten stattfnden. Ilse hrte mit halbem Ohre, sie hatte nmlich
durch eine offenstehende Thr einen Blick in eine leerstehende Klasse
gethan und Schulbnke darin entdeckt. Dort eingeklemmt sollte sie von
jetzt an sitzen, nicht aufstehen drfen, wenn es ihr beliebte - o, es war
entsetzlich! Ein Grauen berkam sie pltzlich, ihr war, als wrde ihr die
Brust zusammengeschnrt.

In welche Klasse meinst du, da du kommen wirst? fragte das Frulein,
deinem Alter nach mtest du wohl in die erste versetzt werden. Hast du
deine Arbeitsbcher mitgebracht? Wie steht es mit den Sprachen?
Franzsisch und Englisch sind dir wohl gelufig, da du stets, wie dein
Papa schrieb, eine englische oder franzsische Gouvernante hattest.

Von unten herauf tnte eine Glocke. Dies war eine sehr gelegene
Unterbrechung fr Ilse, der es unheimlich bei dem Examen wurde. Sie sagte,
da sie nicht wisse, wie weit sie sei, franzsisch glaube sie sprechen zu
knnen.

Nun la nur, mein Kind, meinte das Frulein, heute wollen wir noch
nicht an das Lernen denken, bei deiner Prfung morgen werden wir ja sehen,
welch kleine Gelehrte du bist. - Wir wollen jetzt hinunter in den
Speisesaal gehen, die Glocke hat uns zu Tisch gerufen.

Als sie in denselben eintraten, fanden sie die Vorsteherin mit dem
Oberamtmann bereits dort. Erstere machte ihn mit der herkmmlichen
Einrichtung whrend des Essens bekannt. Zum Beispiel, da die zuletzt
angekommene Pensionrin stets ihren Platz neben der Vorsteherin angewiesen
erhalte. Dann, da zwei junge Mdchen wchentlich den Tisch zu besorgen
hatten. Dieselben muten denselben decken und genau acht geben, da nichts
fehlte und smtliche Gegenstnde sauber und blank waren. Die Jngste der
Pensionrinnen sprach stets das Tischgebet.

Dem Oberamtmann gefielen die Anordnungen vortrefflich und als er seinen
Blick ber die junge Mdchenschar hingleiten lie, mute er seine Freude
aussprechen, wie gesund und frhlich fast alle aussahen.

Ilse sah auch umher, aber es waren nicht die frhlichen und gesunden
Gesichter, die sie interessierten, sondern die Schrzen. Jede Einzelne
trug ein solches von ihr verachtetes Ding, und Frulein Raimar sah nicht
aus, als ob sie eine Ausnahme bei ihr gelten lassen wrde.

Nach dem Gebete wurden die Speisen aufgetragen. Dieselben waren krftig
und gut gekocht, und Herr Macket konnte sich berzeugen, da sein Kind
auch in dieser Hinsicht gut versorgt sein werde.

Nach dem Essen verabschiedete er sich bald, und Ilse durfte ihn begleiten.
Nellie hatte kaum davon gehrt, als sie wie der Wind die Treppe
hinaufflog, um gleich darauf mit Ilses Hut und Handschuhen zurckzukommen.

Diese dankte ihr dafr, und Herr Macket reichte ihr die Hand.

Leben Sie wohl, mein Frulein, sagte er herzlich, denn Nellie hatte
durch diese kleine Aufmerksamkeit ihn sofort fr sich eingenommen, und
haben Sie Geduld mit meinem kleinen Wildfang.

O ja, entgegnete Nellie, ich werde mir schon gern von sie annehmen.

Nun, Ilse, wie gefllt dir das Institut? fragte der Oberamtmann, als sie
auf der Strae gingen, ich gestehe, da ich sehr befriedigt von hier
abreise, ich wei, ich lasse dich in guten Hnden.

Mir gefllt es gar nicht hier! erklrte Ilse hchst verstimmt. Es ist
mir alles so fremd, und vor dem grauen Frulein mit dem blonden, glatten
Scheitel frchte ich mich. Sie ist so hart, so ungefllig! Du sollst
sehen, Papa, sie ist nicht gut gegen mich. Warum soll ich Bob nicht
behalten?

Du hast gehrt, weshalb nicht, nun mut du auch nicht mehr so hartnckig
auf deinen Wunsch zurckkommen, verwies er sie leicht.

Nun fngst auch du an, mit mir zu zanken! Niemals hast du so bse mit mir
gesprochen, rief Ilse schmerzlich beleidigt. Und sie fhlte sich in dem
Gedanken, da kein Mensch, selbst der Papa nicht, sie leiden mge, so
unglcklich, da das groe Mdchen auf offner Strae zu weinen anfing.

Der Oberamtmann nahm ihren Arm und legte ihn in den seinigen. Des Kindes
Thrnen machten ihn so weich.

Aber Kleines, sagte er zrtlich und versuchte zu scherzen, was machst
du denn? Sollen dich die Leute auslachen, wenn das groe, kleine Mdchen
weint?

Er fhrte sie zurck in das Hotel und dort fanden sie bereits Bob. Freudig
bellend begrte er Ilse, und diese nahm ihn hoch und liebkoste ihn unter
lautem Schluchzen.

Um fnf Uhr reiste der Oberamtmann wieder zurck in die Heimat. Die
wenigen Stunden bis dahin vergingen schnell und strmisch. Je nher der
Abschied rckte, desto aufgeregter wurde Ilse, und es bedurfte seiner
ganzen Festigkeit, um ihrem Wunsche, sie wieder mit nach Moosdorf zu
nehmen, entgegenzutreten.

Sei doch verstndig! Wie oft bat er sie in dringendem Tone darum, wenn
sie in leidenschaftlicher Erregung allerhand Drohungen ausstie, wie:

Ich laufe heimlich davon, oder ich werde so ungezogen sein, da mich
das bse Frulein wieder fortschickt! Er wute, sie werde beides nicht
thun, aber es machte ihm doch Kummer, seinen Liebling so trostlos zu
sehen.

Sie wollte ihn wenigstens zur Bahn begleiten, auch das litt Herr Macket
nicht.

Ich fahre dich zurck in das Institut und dann allein zur Bahn. So ist es
am besten. Nun komm, Ilschen, fuhr er fort, als der Wagen unten vorfuhr,
und nahm sie zrtlich in den Arm, und versprich mir ein gutes, folgsames
Kind zu sein. Du sollst einmal sehen, wie bald du dich eingewhnt haben
wirst.

Sie hing sich an seinen Hals und mochte sich nicht von ihm trennen. Es
fiel ihr mit einemmal schwer auf das Herz, wie sehr sie den Papa geqult
hatte in den letzten Stunden.

Sei mir gut, mein lieber, lieber Papa! bat sie, sei mir gut! Du bist ja
der einzige Mensch auf der Welt, der mich lieb hat!

Als der Wagen vor der Anstalt hielt, trennte sich Ilse lautschluchzend von
ihrem Vater, und als sie denselben davonfahren sah, war es ihr zu Mute,
als ob sie auf einer wsten Insel allein zurckgelassen, elendiglich
untergehen msse.

                                  * * *

Noch eine Weile stand sie vor der verschlossenen Pforte, sie konnte sich
nicht entschlieen, an der Klingel zu ziehen. Da wurde die Thr von selbst
geffnet und Frulein Gssow stand in derselben. Sie hatte von einem
Fenster in der oberen Etage den Wagen kommen sehen und war hinuntergeeilt,
um Ilse zu empfangen.

Jetzt gehrst du zu uns, liebes Kind, sagte sie mit warmer Herzlichkeit
und nahm sie in den Arm. Weine nicht mehr, wir werden dich alle lieb
haben.

Ilse gab keine Antwort, sie fhlte sich so unglcklich, da selbst der
liebevolle Empfang der jungen Lehrerin kein Echo in ihrem Herzen fand.

Mchtest du auf dein Zimmer gehen? fragte diese.

  [Illustration]

Ilse nickte stumm, sie hielt noch immer das Tuch gegen die Augen gedrckt.

Nellie! rief Frulein Gssow, gehe mit Ilse hinauf und sei ihr beim
Auspacken ihrer Sachen behilflich. Du mchtest doch sicher gern deine
Sachen in Ordnung haben, liebe Ilse.

Sie wute sehr wohl, da Ilse durchaus nicht diesen Wunsch hatte, aber sie
wute auch, da die Thtigkeit das beste Heilmittel gegen Kummer und
Herzeleid ist.

Die beiden Mdchen begaben sich auf ihr Zimmer. Ilse setzte sich auf einen
Stuhl, behielt den Hut auf dem Kopfe und starrte zum Fenster hinaus. Es
fiel ihr nicht ein, ihre Sachen auszupacken, und sie war geradezu emprt,
da man Dinge von ihr verlangte, die den Dienstboten zukmen. Nellie hatte
schweigend den Schrank geffnet und die Schubladen der Kommode aufgezogen,
dann sah sie Ilse an, ob diese sich nicht erheben werde.

Gieb mich deiner Schlssel, ich werde aufschlieen die Koffers, sagte
sie, wir mssen auspacken.

Unlustig verlie Ilse ihren Platz und da sie an irgend etwas ihren
augenblicklichen Unmut auslassen mute, nahm sie ihren Hut vom Kopfe und
warf ihn mitten in das Zimmer.

Warum soll ich alles auspacken? Ich wei gar nicht, ob ich hier bleiben
werde, sagte sie. Mir gefllt es hier nicht!

Nellie hatte den Hut aufgenommen und ihn auf ein Bett gelegt. O, sagte
sie sanft, du gewhnst dir schon. Es geht uns alle wie dich, wenn wir
kommen. Du mut nur deiner Kopf nicht hngen lassen. Nun gieb die
Schlssels, da ich ffnen kann.

Ilses Trotz konnte durch keine Waffe besser geschlagen werden, als durch
Nellies Sanftmut. Sie gab den Schlssel und jene schlo auf und begann
auszurumen. Ilse stand dabei und sah zu.

O, du mut dich dein Sachen selbst aufrumen in dein Kommode, sagte
Nellie. Ich werde dich alles zureichen.

Ilse hatte wenig Lust dazu, Ordnung kannte sie nur dem Namen nach. Sie
nahm die sauber, mit roten Bndern gebundene Wsche und warf sie achtlos
in die Schubkasten, es war ihr gleich, wie alles zu liegen kam. Nellie sah
diesem Treiben einige Augenblicke zu, dann fing sie an zu lachen.

Was machst du? fragte sie. Weit du nicht, wie Ordnung ist?
Taschentcher, Kragen, Schrzen - alles wirfst du durcheinander. Das sieht
sehr bunt aus. Hbsch nebeneinander mut du es machen, so -, und sie zog
einen Kasten nach dem andern in ihrer Kommode auf und zeigte Ilse, wie
sauber dort alles geordnet lag.

Das kann ich nicht! entgegnete Ilse. Uebrigens fllt es mir auch gar
nicht ein, so viel Umstnde um die dummen Sachen zu machen!

Dumme Sachen! wiederholte Nellie. O Ilse, wie kannst du so sagen! Sieh
diesen feinen Taschentcher, wie sie schn gestickt, - o und diese se
Schrzen! Und du hast die schwere Bcher daraufgethan - wie hast du sie
zerdrckt! - La nur sein, fuhr sie fort, als Ilse im Begriffe war,
Schuhe und Stiefel auf die Wsche zu werfen, ich werde ohne dir machen -
du verstehst nix!

Ilse lie sich das nicht zweimal sagen. Ruhig sah sie zu, wie Nellie das
Schuhzeug nahm und es unten in den Kleiderschrank stellte, wie sie
berhaupt jedem Dinge den rechten Platz gab.

O, ein schnes Buch! rief diese pltzlich und nahm ein Buch aus dem
Koffer, das hchst elegant in braunen Samt gebunden und mit silbernen
Beschlgen verziert war. In der Mitte des Deckels befand sich ein kleines
Schild, auf welchem eingraviert war: Ilses Tagebuch.

Ilse nahm dasselbe Nellie aus der Hand und sah es verwundert an. Was war
das fr ein Buch? Sie wute nichts davon. Ein kleiner Schlssel steckte in
dem Schlosse desselben und als sie es aufgeschlossen hatte, fiel ein
beschriebenes Blatt ihr gerade vor die Fe. Sie hob es auf und las:






                            Mein liebes Kind!

Mge dieses Buch Dein treuer Freund in der Fremde sein. Wenn Dein Herz
schwer ist, flchte zu ihm und teile ihm mit, was Dich bedrckt. Es wird
verschwiegen sein und Dein Vertrauen nie mibrauchen.

Gedenke in Liebe
                                  Deiner
                                                                     Mama.






Ohne ein Wort zu sagen, legte Ilse das Buch beiseite. Sie empfand keinen
Funken Freude ber die reizende Ueberraschung, auch blieben die
liebevollen Worte der Mutter ohne Eindruck auf sie.

Freut dir das Buch nicht? fragte Nellie, die sich ber diese
Gleichgltigkeit wunderte.

Ilse schttelte den Kopf. Was soll ich damit? fragte sie und ihr
hbscher, frischer Mund zog sich trotzig in die Hhe, ich schreibe
niemals etwas hinein. Ich werde froh sein, wenn ich meine Aufgaben gemacht
habe. Zu langen, unntzen Geschichten habe ich keine Zeit und keine Lust.

Ich wrde viel Freude haben, wenn ich ein Mutter htte, die mir so
beschenkte, sagte Nellie traurig.

Ist deine Mutter tot? fragte Ilse teilnehmend.

O sie ist lange, lange tot, entgegnete Nellie. Sie starb, als ich noch
eines klein Baby war. Meine Vater ist auch tot - ich bin ganz allein.
Niemand hat mir recht von Herzen lieb.

Arme Nellie, sagte Ilse und ergriff ihre Hand. Aber du hast
Geschwister?

O nein! keine Schwester - ganz allein! Ein alte Onkel lat mir in
Deutschland ausbilden, und wenn ich gutes Deutsch gelernt habe, mu ich
ein Gouvernante sein.

Gouvernante! rief Ilse erstaunt. Du bist doch viel zu jung dazu! Alte
Mdchen knnen doch erst Gouvernanten werden!

Ueber diese naive Anschauung mute Nellie herzlich lachen, und nun war
ihre traurige Stimmung wieder verschwunden und ihre angeborene Heiterkeit
brach hervor, wie der Sonnenstrahl durch graue Wolken. Auf Ilse aber hatte
Nellies Verlassensein einen tiefen Eindruck gemacht.

La mich deine Freundin sein, bat sie in ihrer kindlich offnen Weise,
ich will dich auch sehr lieb haben.

Gern sollst du meine Freundin sein, entgegnete Nellie und reichte Ilse
die Hand. Du hast mich von der erste Augenblick so nett gefallen.

Der groe Koffer war nun leer, und Nellie ergriff den kleinen und war eben
im Begriffe die Riemen desselben loszuschnallen, als Ilse ihr ihn unsanft
aus der Hand nahm.

Der bleibt geschlossen! sagte sie, du darfst nicht sehen, was darin
ist!

O je! Was du machst so bse Augen! rief Nellie und stellte sich hchst
erschrocken. Hast du Heimlichkeiten in der kleine Koffer? Ist wohl Kuchen
und Wurst darin?

Nellie begleitete ihre Worte mit so komischen Gebrden, da Ilse lachen
mute. Sie bereute auch schon ihre Heftigkeit.

Ich war recht heftig, Nellie, sei mir nicht bse, bat sie. Wenn du mich
nicht verraten willst, dann werde ich dir zeigen, was darin ist; aber gieb
mir die Hand darauf, da du schweigen wirst.

Nellie legte den Zeigefinger auf den Mund und besiegelte mit einem
Hndedrucke ihre Verschwiegenheit.

Jetzt nahm Ilse den Schlssel, den sie am schwarzen Bande um den Hals
trug, und als sie eben im Begriffe war aufzuschlieen, wurde zum
Abendessen gelutet.

O wie schade! rief Nellie, die vor Neugierde brannte, die
geheimnisvollen Schtze zu sehen. Nun mssen wir hinunter und erst nach
die Schlafgehen knnen wir auspacken!

Nach dem Schlafengehen? fragte Ilse erstaunt. Da liegen wir ja doch in
unsren Betten.

Schweig! entgegnete Nellie und legte abermals den Finger auf den Mund.
Das ist meines Geheimnis. - -

Ilse erhielt ihren Platz neben der Vorsteherin. An ihrer andern Seite sa
eine junge Russin, Orla Sassuwitsch. Dieselbe war eine pikante, elegante
Erscheinung mit kurzgeschnittenem, schwarzen Haar, sehr lebhaften, dunklen
Augen und einem Stumpfnschen. Sie zhlte siebzehn Jahre, sah aber lter
aus. Uebrigens sprach sie flieend deutsch.

Ilse htte gern neben Nellie gesessen, mit der sie in den wenigen Stunden
so vertraut geworden war, die aber sa weit entfernt von ihr.
Augenblicklich hatte sie ihren Platz noch gar nicht eingenommen, sondern
sie stand mit noch einem Mdchen an einem Nebentische und war der
Wirtschafterin behilflich, den Thee zu servieren.

Es war ein allerliebster Anblick, die jungen Mdchen mit ihren sauberen
Latzschrzen so huslich geschftig zu sehen. Geschickt gingen sie an den
Tafeln entlang und reichten die Tassen herum.

Verschiedene Schsseln mit Butterbrtchen, die reichlich mit Wurst und
Braten belegt waren, standen verteilt auf den Tischen.

Frulein Raimar ergriff die vor ihr stehende und reichte sie Ilse.

Nimm dir, sagte sie, und gieb dann weiter an deine Nachbarin.

Ilse war hungrig. Am Mittag hatte sie fast keinen Bissen genieen knnen,
jetzt aber machte die Natur ihre Rechte geltend. Sie nahm sich vier
Schnitten auf einmal, legte zwei und zwei aufeinander und verschlang den
ganzen Vorrat in drei bis vier Bissen. Freilich hatte sie den Mund recht
voll, die Backen traten wie geschwollen heraus, das kmmerte sie indes
wenig, sie war gewohnt, von einem lndlichen Butterbrote tchtig
abzubeien, so zarte Theebrtchen hatte sie daheim stets verschmht. Als
sie trank, hielt sie ihre Tasse mit beiden Hnden und sttzte die Ellbogen
dabei auf den Tisch.

Frulein Raimar hatte nicht acht auf Ilse gegeben und wurde erst
aufmerksam, als sie in ihrer Nhe unterdrcktes Kichern hrte. Melanie und
Grete Schwarz, zwei Schwestern aus Frankfurt am Main, die Ilse gerade
gegenber saen, amsierten sich kstlich ber deren Ungeniertheit,
stieen heimlich ihre Nachbarinnen an und zeigten verstohlen auf die
nichts ahnende.

Ein strenger Blick der Vorsteherin brachte die Mdchen zur Ruhe. Sie
liebte es nicht, da ber andrer Schwchen und Fehler gespottet wurde.
Ueber Ilses unmanierliche Art zu essen sagte sie vorlufig nichts, um sie
nicht vor den vielen Mdchen zu beschmen, erst unter vier Augen pflegte
sie dergleichen Fehler zu rgen.

Bist du noch hungrig, Ilse? fragte sie. Statt einer Antwort nickte diese
mit dem Kopfe, sie hatte ja erst angefangen zu essen.

Abermals wurde ihr die Brotschssel gereicht und abermals nahm sie die
gleiche Portion und verzehrte dieselbe genau in der frheren Weise.

Die ist gefrig! flsterte die fnfzehnjhrige Grete ihrer um zwei
Jahre lteren Schwester zu. Sieh nur, wie sie wieder stopft.

Melanie mute die Hand vor den Mund halten, sonst htte sie laut
herausgelacht.

Um halb acht Uhr war das Abendessen vorbei und zugleich den Pensionrinnen
die Erlaubnis gegeben, frei zu thun, was sie wollten, bis neun Uhr. Dann
war Schlafenszeit.

Komm, sagte Nellie und trat auf Ilse zu, ich werde mit dich in die
Garten spazieren. Aber du hast ja dein Serviette noch nicht schn gelegt
und die Ring drauf gezogen! Das mut du erst machen.

Nein, entgegnete Ilse, das werde ich nicht! Wozu sind denn die
Dienstmdchen da? Zu Hause hatte ich niemals ntig, solche Dinge zu thun.

Ist egal, meine liebe Kind. Hier mut du solche Dinge thun, wir machen es
alle.

Richtig, da lagen smtliche Servietten sauber zusammengewickelt, sie war
die einzige, die es nicht gethan hatte. Ungeduldig nahm sie die ihrige,
schlug sie flchtig zusammen und zog den Ring darber.

So nicht, meinte Nellie, das ist ungeschickt.

Und sie faltete die Serviette noch einmal schnell und geschickt mit ihren
kleinen Hnden. Die junge Englnderin hatte bei allem, was sie that,
Grazie und Anmut, es war eine Lust, ihr zuzusehen.

Nun schnell in der Garten! sagte sie, nahm Ilses Arm und fhrte sie
dorthin.

Es war ein hbscher Garten, den Ilse jetzt kennen lernte. Nicht so gro
und parkartig wie der heimatliche, aber wohl gepflegt. Schne, hohe Bume
standen darin, auch fehlte es nicht an lauschigen Pltzen. Von allen
Seiten sah man auf die grnbewaldeten Berge.

Ist es nicht nett hier? fragte Nellie, habt ihr bei dich auch so schne
Berge?

Nein, Berge haben wir nicht, entgegnete Ilse, aber es gefllt mir doch
besser bei uns. Es ist alles so frei, ich kann das ganze Feld bersehen.
Eine Mauer haben wir auch nicht um unsren Park, nur eine grne Hecke, das
ist viel hbscher.

Nellie zeigte ihr smtliche Lieblingspltze. Sie fhrte sie zur Schaukel,
zum Turnplatz und zuletzt zu einer alten Linde, die mit ihren breiten
Zweigen und Aesten einen groen, runden Raum beschattete.

O, es ist s hier! Nicht wahr? fragte sie entzckt und sah mit
leuchtenden Augen hinauf in das grne Bltterdach. Hier machen wir unsre
Ruhe zu Mittag. Dieser alter Baum kann viel erzhlen, wenn er sprechen
will! Er wei so viel Geheimnisse, die hier verraten sind!

Bei dem Geplauder Nellies verging die Zeit schnell. Ilse, die am Morgen
sich so unglcklich gefhlt hatte, die am Nachmittage geglaubt hatte, da
sie nie die Trennung vom Papa berleben knne, hatte schon verschiedenemal
herzlich ber Nellie lachen mssen, denn diese hatte eine so drollige Art,
sie auf diese oder jene Pensionrin aufmerksam zu machen.

Wie heit das junge Mdchen, das bei Tische neben mir sitzt? fragte
Ilse.

Die mit die kurze Haar und der Klemmer auf die Nase? Das ist Orla
Sassuwitsch. Oh sie ist klug! Wir haben alle eine kleine wenig Furcht fr
sie, weil sie immer die Wahrheit gerade in die Gesicht sagt.

Das ist doch hbsch, meinte Ilse.

O ja, wenn sie angenehm ist, aber zuweilen thut die Wahrheit weh, das
hrt keiner Mensch gern. Wenn ich zu sie sagen wrde: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Orla, du hast
geraucht!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} das wrde sie gar nicht gefallen, und es ist doch die Wahrheit.
Ich habe durch ihr Schlsselloch geluxt und habe groe, rauchige Wolken
gesehen. -

Sie waren jetzt bei einer Trauerweide angelangt, die ihre grnen Zweige
bis auf den Boden gesenkt hatte. Nellie blieb stehen und bog einige Zweige
auseinander.

Hier, Ilse, stell ich dich unsre Dichterin vor, sagte sie lachend.

Die Angeredete blickte hinein und sah ein junges Mdchen auf einer kleinen
Bank sitzen, die hochaufgeschossen, blond und bla, und deren Gesicht mit
zahllosen Sommersprossen bedeckt war. Dieselbe hatte auf dem Schoe ein
dickes, blaues Heft, in welchem sie eifrig schrieb.

Mit einer gewissen neugierigen Scheu blickte Ilse sie an, es war ihr so
neu, da junge, siebzehnjhrige Mdchen schon dichten knnen.

Sie schreibt Romane, fuhr Nellie fort, aber wie! Es kommen immer
zerbrochene Herzen drin vor. - Du wirst dir die Auge schaden, du hast ja
keine Licht genug zu deine Romane!

Bis dahin hatte Flora Hopfstange sich nicht stren lassen in ihrer Arbeit,
jetzt aber wurde sie rgerlich.

Ich bitte dich, la mich in Ruhe, Nellie! rief sie und schlug ihr
hellblaues Auge schwrmerisch auf. Ich hatte eben einen so wundervollen
Gedanken, nun habe ich ihn verloren!

O, ich will ihn suchen! neckte Nellie und bckte sich auf die Erde
nieder, als ob sie ihn dort finden knne.

  [Illustration]

Du bist unausstehlich! entgegnete Flora aufgebracht. Du freilich hast
keine Ahnung von meiner Poesie, verstehst du doch nicht einmal deutsch zu
sprechen!

Das ist wahr, meinte Nellie lachend und verlie mit Ilse die
schwerbeleidigte Dichterin.

Melanie und Grete kamen ihnen jetzt entgegen. In ihrer Mitte fhrten sie
ein junges Mdchen, sie mochte in Melanies Alter sein, mit lieben, sanften
Gesichtszgen. Das braune Haar trug sie einfach und glatt gescheitelt,
kein Hrchen sprang widerspenstig hervor. Freundlich lchelte sie Ilse und
Nellie an, die beiden Schwestern dagegen musterten im Vorbergehen die
Neuangekommene mit spttischen Blicken.

Die Schwestern kennst du, bemerkte Nellie, sie sitzen dich gradeber
bei Tisch, aber unsre {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Artige{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} ist dich noch unbekannt. O, ich sage dich,
Ilse, sie ist so artig wie eines ganz wohlgezogenes Kind. Sie ist immer
der erste in alle Stunden und macht nie eine dummer Streich, kurz, Rosi
Mller ist eines Musterkind.

Was sagst du von unsrem Musterkinde? rief pltzlich eine frhliche
Mdchenstimme. Nellie, Nellie, dein bses Znglein geht sicher mit dir
durch!

Du irrst dir, liebes Lachtaube, entgegnete Nellie, Ilse ist noch so
fremd, ich mache ihr bekannt.

Wer war das? fragte Ilse, als die kleine, runde Mdchengestalt, die an
Orlas Arme hing, vorber war.

Das ist Annemie von Bosse, genannt Lachtaube. Sie lacht sehr viel,
eigentlich immer, und sie kann keine Ende davon finden. Man mu mitlachen,
sie steckt an. - Nun habe ich dich aber alle Mdchen gezeigt, die in unsre
Alter sind, die anderen sind zu jung oder es sind Englnderinnen. Von die
ist nicht viel zu sage, sie sind alle langweilig und sie sprechen noch
viel weniger gut deutsch als ich. -

Mit dem Schlage neun begaben sich smtliche Pensionrinnen zurck in das
Haus. Bevor sie zur Ruhe gingen, war es Sitte, da sich alle erst in das
Zimmer der Vorsteherin begaben, um ihr gute Nacht zu wnschen. Dieselbe
reichte jeder einzelnen einen Ku auf die Stirn. Zuweilen ermahnte, lobte
oder tadelte sie diese oder jene dabei, wenn sie den Tag ber etwas gut
oder schlecht gemacht hatten, alles geschah aber in liebevollem Tone,
nicht anders als wie eine Mutter zu ihrem Kinde spricht.

Ich mchte noch mit dir sprechen, liebe Ilse, sagte Frulein Raimar, als
Ilse ihr gute Nacht bot. Verweile noch einen Augenblick hier.

Und als smtliche Mdchen das Zimmer verlassen hatten, ermahnte sie Ilse,
etwas manierlicher zu essen.

Du darfst die Tasse nicht mit beiden Hnden fassen und die Ellbogen dabei
aufsttzen, Kind, du glaubst nicht, wie unschn das aussieht. Achte auf
deine Mitschlerinnen, du wirst sehen, da keine einzige es wie du macht.
Und dann, weit du, stecke nicht wieder so groe Bissen in den Mund. Die
kleinen Kinder machen es zuweilen so, aber dann nennt die Mama sie:
Nimmersatt!

Ilse war dunkelrot geworden vor Aerger ber die erhaltene Ermahnung.
Trotzig bi sie die Lippen aufeinander und unterdrckte eine ungezogene
Antwort.

Geh nun zu Bett, mein Kind, und schlafe gut.

Sie war im Begriffe, Ilse einen Ku auf die Stirn zu reichen, als diese
mit einer heftigen Bewegung den Kopf zurckbog. Es war ihr unmglich, sich
von der Vorsteherin kssen zu lassen, die sie in diesem Augenblicke
geradezu hate.

Frulein Raimar wandte sich unwillig von dem Trotzkopfe ab, ohne noch
etwas zu sagen, und Ilse verlie das Zimmer.

Sie lief die Treppe hinauf und trat atemlos zu Nellie in das Zimmer. Die
Thre warf sie heftig in das Schlo und schob auch noch den Riegel vor,
was in der Pension streng untersagt war.

Mach nicht der Riegel zu, sagte Nellie, wir drfen das nicht thun. Wenn
wir in die Bett liegen, kommt Frulein Gssow bei uns nachsehen.

Ilse rhrte sich natrlich nicht, und Nellie mute das selbst besorgen.
Ungestm warf sie sich auf ihr Bett und brach in Thrnen aus.

O, was ist dich? fragte Nellie erschrocken.

Hier bleibe ich nicht! - Ich reise morgen fort! Wenn das mein Papa wte,
wie sie mich behandelt hat! rief Ilse aufgeregt.

Durch viele Fragen bekam Nellie in einzelnen abgerissenen Stzen von Ilse
heraus, was Frulein Raimar gesagt hatte.

Ich esse ungeschickt, - ich nehme zu groe Bissen - und ich bin ein
Nimmersatt! Zu Hause darf ich essen, wie und was ich will! - Ich will
wieder fort! Morgen reise ich! -

Du mut dir nicht so viel grmen um so kleine Sach', sagte Nellie sanft
und strich liebkosend Ilses lockiges Haar. Frulein Raimar ist sehr
gerecht, sie meint es gut und will dir nicht beleidigen. Mit uns alle
macht sie es so. Wir sind doch jung und dumm und mssen noch lernen. - Nun
komm, wir legen uns jetzt in die Bett und spter, wenn Frulein Gssow bei
uns eingesehen hat, stehen wir ganz leise wie die Muschen wieder auf und
packen deiner kleine Koffer leer.

Aber so leicht war Ilse nicht zu beruhigen. Nein! rief sie und sprang
auf, der kleine Koffer bleibt verschlossen! Ich reise wieder fort!

Hastig zog sie sich aus, warf ihre Kleidungsstcke drunter und drber und
legte sich schluchzend in ihr Bett. Schweigend ordnete Nellie die
zerstreuten Sachen, sie hing das schne Kleid an einen Nagel, Ilse hatte
dasselbe auf einen Stuhl geworfen, und legte alles brige glatt und
ordentlich zusammen. Dann ging auch sie zur Ruhe.

Bevor sie indes ihr Lager bestieg, kniete sie vor demselben nieder,
faltete die Hnde und betete leise ein kurzes Gebet.

Gut' Nacht, Ilse, sagte sie dann und gab ihr einen Ku. Du mut nun
nicht mehr weinen, - alle Anfang ist schwer.

Aber Ilse weinte noch lange. Ihre Gedanken kehrten zum Vater zurck und
begleiteten ihn auf seiner Rckreise. In wenigen Stunden mute er die
Heimat erreicht haben. Ach, wenn er wte, wie sein einziges Kind
behandelt wurde! Sie fhlte sich zu unglcklich in der Gefangenschaft! -
Wie ein Kind weinte sie sich in den Schlaf, aber bse Trume schreckten
sie mehrmals auf. Bald hielt sie eine mchtige Theetasse in der Hand und
lie sie zur Erde fallen, bald hielt ihr die Vorsteherin im grauen Kleide
ein heimatliches Butterbrot dicht vor den Mund, wollte sie aber zubeien,
war es verschwunden.

                                  * * *

Um sechs Uhr am andern Morgen hie es: Aufgestanden! Da galt kein langes
Besinnen, und wenn die jungen Glieder noch so sehr vom Schlafe befangen
waren, es wurde keine Gnade gebt. Ilse pflegte daheim bald frh, bald
spt aufzustehen, wie sie gerade Lust hatte. Einer bestimmten Ordnung, wie
sie die Mama so sehr gewnscht, hatte sie sich nicht fgen wollen. Es
wurde ihr denn auch nicht wenig schwer, so auf Kommandowort sich erheben
zu mssen, gerade heute hatte sie den Wunsch, noch einigemal sich im Bette
herumzudrehen, sie war so spt erst eingeschlafen. Aber daran war nicht zu
denken, Nellie stand schon da und wusch sich. Mit einem Sprunge war sie
Schlag sechs Uhr aus dem Bette gewesen.

Wach auf, Ilse, sagte sie, um halb sieben trinken wir Kaffee.

Schon aufstehen, antwortete die Verschlafene, aber ich bin noch so
mde.

Thut nix, du darfst nicht mehr schlafrig sein.

Aber Ilse zgerte noch. Nellie stand schon fertig da, ja hatte schon
alles, was sie zur Nacht- und Morgentoilette ntig hatte, beiseite
gerumt, als sie sich langsam erhob.

O Ilse, eile dir, du hast nur zehn Minuten Zeit! Schnell, schnell, ich
will dich helfen! Wo sind dein Kamm?

Ilse zeigte auf ein Papier, das im Fenster lag. Dort liegen sie
eingewickelt, gab sie zur Antwort.

Das ist nicht nett, das gefllt mir nicht, meinte Nellie und rmpfte das
Nschen. Du mut dich ein Taschen nhen, von grauer Stoff und rote Band,
sieh, wie dies da, und sie zeigte ihre Kammtasche, siehst du, so ist's
fein.

Ilse machte nicht viel Umstnde mit ihrem Haar. Sie kmmte und brstete
es, damit war alles abgemacht, die natrlichen Locken ringelten sich von
selbst ohne weitere Bemhung. Ein hellblaues Band schlang ihr Nellie durch
dieselben und band es mit einer Schleife seitwrts zu.

Nun noch die Schrze, sagte sie, als Ilse soweit fertig war, sie darf
nicht fehlen. Sie lachte, als Ilse sich dagegen strubte.

Du bist ein klein, albern Ding, schalt sie und band ihr die Schrze vor,
trotz Ilses heftigem Widerstande. Gleich hltst du still! Ohn' ein
Schrzen giebt es kein Kaffee.

Die lustige Nellie setzte es wirklich durch, da Ilse sich ihrem Willen
fgte.

So, sagte sie, nun bist du schn! Die blau gestickter Schrze ist sehr
nett und du bekommst einer ser Ku.

An langen Tafeln saen die Mdchen bereits, Nellie und Ilse waren die
letzten. Frulein Raimar war des Morgens niemals zugegen, nur Frulein
Gssow fhrte die Aufsicht. Ilse mute sich zu ihr setzen. Als ihr der
Kaffee gereicht wurde, nahm sie die Tasse ganz manierlich beim Henkel in
die Hand, a auch wie es sich gehrt nicht mit groen Bissen, wie am Abend
zuvor; aber sie hatte eine andre Unart, die ebenfalls zu tadeln war, sie
schlrfte den Kaffee so laut, da sie allgemeine Heiterkeit erregte.

Ilse hatte keine Ahnung, da ihr das Gelchter galt, Orla machte sie damit
bekannt.

Du fhrst ja ein wahres Konzert auf, sagte sie. Machst du das immer so?
Schn hrt sich diese Tafelmusik nicht an, das kann ich dich versichern.

Ilse fhlte sich schwer beleidigt ber diese Zurechtweisung. Hastig setzte
sie die Tasse nieder, erhob sich und eilte hinaus.

Du durftest sie nicht vor all' den brigen so beschmen, Orla, tadelte
Frulein Gssow, indem sie ebenfalls aufstand, um Ilse zu folgen, das
krnkt sehr.

Ilse war gerade im Begriff in den Garten zu gehen, als die junge Lehrerin
sie zurckrief.

Wo willst du hin, Ilse? fragte sie. Was fllt dir ein, mein Kind, da
du nach deinem Gefallen davonlufst? Es ist nicht Sitte bei uns, da
jemand eine Mahlzeit verlt, bevor dieselbe beendet ist. Komm gleich
zurck und verzehre dein Frhstck.

Ich mag nicht mehr frhstcken, entgegnete Ilse, und ich gehe nicht
wieder hinein! Sie haben mich alle ausgelacht und Orla war ungezogen gegen
mich. Es geht niemand etwas an, wie ich esse und trinke, ich mache es, wie
ich will! Vorschriften lasse ich mir nicht machen, nein!

Ehe ich weiter mit dir spreche, bitte ich dich erst ruhig und vernnftig
zu sein, liebe Ilse. Ich kann nicht dulden, da du in einem so unartigen
Tone zu mir sprichst.

Sehr ernst und nachdrcklich hatte Frulein Gssow gesprochen, aber es
klang doch ein Ton der Liebe hindurch. Ihr schnes, weiches Organ
verfehlte selten den Weg zum Herzen, das lernte auch Ilse in diesem
Augenblicke kennen. Sie blickte zu Boden, und etwas wie Beschmung stieg
in ihr auf.

Die Lehrerin las in Ilses beweglichen Zgen und wute, was in ihr vorging.

Gieb mir deine Hand, du kleiner Brausekopf! sagte sie freundlich, und
versprich mir, nicht wieder so strmisch zu sein und deiner
augenblicklichen Laune zu folgen, selbst wenn du glaubst, im Rechte zu
sein. Heute warst du es nicht einmal, du trankest wirklich etwas
unappetitlich. Orla hat es gut gemeint, da sie dich darauf aufmerksam
machte, du darfst ihr darum nicht bse sein. So eine kleine wohlverdiente
Lehre mu sich jede von euch gelegentlich gefallen lassen. Es ist doch
besser, jetzt als Kind zurechtgewiesen zu werden, als wenn deine Fehler
und Angewohnheiten spterhin zum Spott der Gesellschaft wrden.

Daheim hatte Ilse niemals hren wollen, da sie eine junge Dame sei, und
jetzt berhrte es sie gar nicht angenehm, da man sie gewissermaen noch
zu den Kindern rechnete.

Nun siehst du das ein, Ilse? fragte die Lehrerin.

Vielleicht that sie es, aber sie wrde ein Ja nicht ber die Lippen
gebracht haben. Frulein Gssow begngte sich mit ihrem Stillschweigen und
nahm dasselbe fr eine Zustimmung. Sie meinte, da eine Natur wie Ilses
nicht mit Gewalt zum Nachgeben gezwungen werden drfe.

Nun wollen wir zurck in den Speisesaal gehen, sagte sie, und Ilse wagte
keine Widerrede. Sie folgte dem Frulein mit niedergeschlagenen Augen, sie
hatte Furcht vor den vielen peinlichen Blicken, die sich alle auf sie
richten wrden.

Als sie eintraten, war das Zimmer leer und die Frhstckszeit vorber.
Niemand war froher als Ilse, die sich wie erlst vorkam.

Ich habe noch einen Auftrag fr dich, Ilse, sagte die Lehrerin.
Frulein Raimar wnscht deine Arbeitshefte zu sehen, auch sollst du
zugleich mndlich geprft werden. In einer Stunde finde dich in dem
Konferenzzimmer ein, du wirst dort zugleich deine zuknftigen Lehrer und
Lehrerinnen zum Teil kennen lernen.

Wollen sie mich alle prfen? fragte Ilse etwas besorgt.

Nein, entgegnete das Frulein, aber sie werden zuhren, wenn Frulein
Raimar dich examiniert. Spter wirst du dann erfahren, in welche Klasse du
gesetzt bist, und morgen nimmst du zum erstenmal an dem Unterricht teil.

Ilse ging in ihr Zimmer und suchte ihre Hefte zusammen. Sie waren nicht in
der besten Verfassung. Das deutsche Aufsatzheft machte besonders keinen
Staat. Verschiedene Tintenflecke zierten es, und sogar einige naseweise
Fettflecke machten sich darauf breit. Das franzsische Heft wurde ganz
beiseite gelegt. Sie hatte versucht, einige Seiten, die gar zu verschmiert
aussahen, herauszureien und durch diesen Gewaltstreich waren alle andern
Bltter gelockert - unmglich konnte sie das Buch in dieser Verfassung
vorzeigen.

Nellie, die gerade eine freie Stunde hatte, sah erstaunt Ilses Treiben zu.
Was thust du? fragte sie. Willst du dein Bcher so an Frulein Raimar
vorzeigen? das darfst du nicht. Hat deiner Herr Pastor dir dies erlaubt?
Gieb schnell, ich will dich blaues Umschlge drum wickeln, das ist nett
und man sieht die alte Flecken nicht.

Gieb her! rief Ilse gereizt. Sie sind gut so! Es ist mir ganz egal, ob
Frulein Raimar die Flecken sieht oder nicht!

Nicht so zornig, Frulein Ilse! Sie sind eine kleine, unordentliche junge
Dame! Wrde es dir vielleicht spaig sein, wenn Frulein Raimar deine Buch
mit spitze Finger hoch hielt und sie alle Lehrer zeigte? O nein, das wr
dich nicht egal und nicht spaig. Besonders wenn Herr Doktor Althoff,
unser deutscher Lehrer, mit seine bekannte, hhnische Lachen dir so von
die Seiten ansieht und fragt: Wie alt sind Sie, mein Frulein?

Trotzdem Ilse ungeduldig wurde, trotzdem sie entschieden erklrte, es wre
hchst unntz, da so viele Umstnde wegen der dummen Bcher gemacht
wrden, setzte Nellie ihren Willen durch.

So, nun kannst du gehen, sagte sie, als sie auch dem letzten Hefte ein
blaues Kleid gegeben hatte, nun bedanke dir fr mein Mhe.

Du bist doch sehr gut, Nellie, meinte Ilse. Wie ist es dir nur mglich,
stets so sanft und geduldig zu sein? Ich kann das nicht!

O, du lernst schon, Kind. Wirst noch eine ganz zahme, kleine Vogel sein!
entgegnete Nellie.

Um elf Uhr ging Ilse hinunter in das Konferenzzimmer. Als sie eintrat,
fand sie mehrere Lehrer und einige Lehrerinnen anwesend. Sie saen um
einen Tisch, Frulein Raimar nahm den Platz obenan ein.

Tritt nher, Ilse, sagte sie und machte mit einigen freundlichen Worten
die neue Schlerin mit ihren zuknftigen Lehrern bekannt. Darauf lie sie
sich die Schreibhefte reichen. Das Aufsatzbuch fiel ihr zuerst in die
Hand. Sie bltterte und las darin, und einigemal schttelte sie den Kopf.

Oft recht gute und klare Gedanken, bemerkte sie zu dem neben ihr
sitzenden Lehrer der deutschen Sprache, Doktor Althoff, und dabei diese
oberflchliche, flchtige Schrift. Sehen Sie einmal, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}uns{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} mit einem {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}z{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
geschrieben - {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Land{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} mit einem {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}t{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}. Da werden wir viel Versumtes
nachzuholen haben. Wie schreibst du {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Land{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, Ilse, buchstabiere einmal.

Ilse konnte unmglich diese Frage fr ernst halten. War sie denn ein
kleines Mdchen aus der A-B-C-Klasse? Sie zgerte mit der Antwort.

Die Vorsteherin indes war nicht gewhnt zu scherzen, sie sah erstaunt die
schweigende Ilse an.

Wie du Land schreibst, mchte ich von dir wissen, wiederholte sie noch
einmal in bestimmtem Tone, der jeden Zweifel, ob er ernst gemeint sei oder
nicht, benahm.

Ilse kruselte etwas unwillig die Stirn, zog die Lippe in die Hhe und
buchstabierte so schnell, da man ihr kaum folgen konnte: L-a-n-d. Den
Blick hatte sie zum Fenster hinausgewandt, um Frulein Raimar nicht
anzusehen.

Also nur flchtig, ich dachte es mir, sagte diese. Wenn du in Zukunft
deine Aufstze machst, wirst du sehr aufmerksam sein. Fehler, wie ich sie
in deinen Aufgaben finde, kommen bei uns nicht mehr in der dritten Klasse
vor.

Es wurden nun Ilse Fragen in den verschiedensten Fchern vorgelegt.
Manchmal fielen die Antworten berraschend aus, zuweilen dagegen geradezu
einfltig. Doktor Althoff lchelte einigemal, was Ilse das Blut bis hinauf
in die braunen Locken trieb. Sie rgerte sich darber und drehte ihr
Taschentuch wie eine Wurst fest zusammen.

Im Franzsischen bestand sie gut. Monsieur Michael, der franzsische
Lehrer, ein lterer Herr mit weiem Haar, redete sie gleich in dieser
Sprache an, sie antwortete ihm korrekt und flieend.

Mi Lead, die englische Lehrerin, die ebenfalls im Institute wohnte, hatte
weniger Glck bei ihrer Anrede. Ilse holperte sehr, als sie die Antwort
gab.

Nun kannst du uns verlassen, Kind, sagte Frulein Raimar. Dein Examen
ist zu Ende. Spter werde ich dir mitteilen, welche Klasse du besuchen
wirst.

Nachdem Ilse das Zimmer verlassen, wurde nach einigem Hin- und Herberaten
der Beschlu gefat, sie in die zweite Klasse zu geben, im Franzsischen
solle sie indes die erste besuchen.

Ich glaube, Ilse wird uns viel Not machen, uerte die Vorsteherin
besorgt. Sie ist widerspenstig und trotzig, auch kann sie nicht den
geringsten Tadel vertragen.

Aber sie hat ein gutes Herz, fiel Frulein Gssow lebhaft ein. Ich habe
noch keine Beweise dafr, aber ich lese es in ihrem schnen, offnen Auge.
Ich bin berzeugt, da ich mich nicht tusche. Eins ist mir indes klar,
mit Strenge werden wir wenig ausrichten, dagegen hoffe ich, mit Liebe und
Energie wird es uns gelingen, ihren Trotz zu zhmen.

Das ist ganz meine Ansicht! stimmte Monsieur Michael bei, Sie werden
sehen, meine Damen und Herren, Mademoiselle Ilse wird eine Zierde der
Pension sein! Mit welcher Eleganz spricht sie franzsisch, wie gewhlt
setzt sie die Worte! Ah, sie ist ein Genie! - Der kleine Herr hatte sich
ordentlich in Begeisterung gesprochen und seine Worte mit lebhaften
Gestikulationen begleitet.

Ich wnsche von Herzen, da Sie recht haben mgen, entgegnete Frulein
Raimar und erhob sich von ihrem Platze. An Liebe und Nachsicht wollen wir
es nicht fehlen lassen, vielleicht gelingt es uns, Ilse verstndig und
gefgig zu machen. -

Frs erste schien noch wenig Aussicht dazu. Beim Mittagessen legte Ilse
wieder den Beweis ab, wie recht Frulein Raimar hatte, wenn sie
behauptete, da Ilse keinen Tadel vertragen knne.

Sie hielt die Gabel schlecht. Die Fingerspitzen berhrten fast die
Speisen. Das Gemse verzehrte sie mit dem Messer und so hei, da sie
manchmal, um sich nicht zu verbrennen, den Bissen wieder aus dem Munde
fallen lie. Auch hielt sie den Kopf sehr tief ber den Teller gebeugt,
was ihr das Aussehen eines hungrigen Kindes gab.

Sitze gerade, liebe Ilse, ermahnte die Vorsteherin, es ist dir nicht
gesund, so krumm zu sitzen.

Ich esse immer so, erwiderte sie ziemlich kurz.

Ich a immer so, meinst du wohl, mein Kind, denn hier wirst du dich daran
gewhnen, zu thun, was Sitte ist ... Hast du zu Hause auch stets die Gabel
so kurz gefat und mit dem Messer gegessen?

Ja, sagte Ilse und warf den Kopf leicht in den Nacken. Papa hatte nie
etwas an mir auszusetzen, er war zufrieden, wenn es mir nur schmeckte.

Aber die Mama, hat auch sie deine Art zu essen gutgeheien?

Ilse schwieg. Eine Unwahrheit konnte und mochte sie nicht sagen, denn wie
oft hatte die Mutter sie ermahnt, und wie oft hatte sie derselben zur
Antwort gegeben: Dann will ich gar nichts essen, wenn du mich immer
tadelst.

Das Frulein hatte leise, nur fr Ilse verstndlich gesprochen. Niemand
ahnte, was sie sagte, denn ihre Zge sahen mild und freundlich aus. Eine
Antwort auf ihre Frage wartete sie nicht ab, aber es gefiel ihr, da Ilse
lieber schwieg, als gegen ihre Ueberzeugung sprach.

Nun i nur, Kind, fuhr sie fort, mit der Zeit wirst du dich schon
gewhnen. In wenigen Wochen hast du alle deine kleinen Unebenheiten
abgestreift und wir werden niemals ntig haben, etwas an dir zu rgen.
Nicht wahr?

Ich wei es nicht, erwiderte Ilse und sah mit einem ziemlich
verdrielichen Gesicht auf ihren Teller nieder.

Du mut dir Mhe geben, dann wird es schon gehen.

Dazu schwieg Ilse. Natrlich war sie fest davon berzeugt, da ihr das
grte Unrecht geschah. Warum sollte sie nicht natrlich essen? Der Papa
hatte stets gesagt, sie solle keine Zierpuppe werden, nun hatte man bei
allem, was sie that und wie sie es that, etwas auszusetzen. Sie wagte kaum
noch etwas zu genieen und wenn das so weiter ging, wollte sie lieber
verhungern. -

                                  * * *

Am Abend, als Nellie und Ilse sich schlafen gelegt hatten, als Frulein
Gssow bereits ihre Runde gemacht, als das Licht gelscht und alles still
im Hause war, rief Nellie, wachst du, Ilse?

Ja, antwortete diese, was soll ich?

Zieh dir leise an, wir wollen dein kleiner Koffer auspacken.

Es ist ja aber dunkel, meinte Ilse.

O la nur, ich habe schon eine Licht.

Leicht und unhrbar stieg Nellie aus ihrem Bette und ging auf Strmpfen an
ihre Kommode. Sie zog den oberen Kasten vorsichtig heraus und nahm einen
kleinen Wachsstock aus demselben. Nachdem sie ihn angezndet hatte,
stellte sie ein Buch davor, damit kein Lichtschimmer durch das Fenster
drang.

Ist doch fein, nicht? fragte sie. Nun eile dich aber, trieb sie Ilse,
die sich flchtig ankleidete.

Wo hast du der Schlssel?

Hier habe ich ihn, entgegnete Ilse und zog ihn unter dem Kopfkissen
hervor, ich werde selbst aufschlieen.

Nellie leuchtete mit dem Wachsstocke und hielt die Hand davor.
Vornbergebeugt stand sie in neugieriger Erwartung, der Schtze harrend,
die sich vor ihren Augen aufthun wrden. Recht enttuscht wurde sie, als
Ilse anfing auszupacken. Die erwarteten Delikatessen - Nellie war eine
Freundin davon - kamen nicht zum Vorschein.

O, hast du keine Kuchen? fragte sie, warf den Plunder heraus und
durchsuchte mit der Hand bis auf den Grund.

Au, au! rief sie pltzlich und fuhr mit der Hand zurck. Was ist dies?
Ich habe mir gestochen! Und richtig, ein roter Blutstropfen hing an dem
kleinen Finger.

Ilse begriff nicht, woher die Verwundung kam, bis sie selbst in den Koffer
griff und die Ursache entdeckte, - - o Schrecken! das Glas mit dem
Laubfrosche war zerbrochen, und Nellie hatte sich an einem Glassplitter
geritzt.

Wo nur der Frosch ist, sagte Ilse ngstlich und rumte die Scherben
fort.

Was? - eine Frosch? Eine lebendige Frosch? O je - hast du ihn verpackt?
Wie kannst du so eine arme Tier in die Koffer thun? Ohne Luft mu er tot
gehen!

Ilse hatte soeben den kleinen Laubfrosch gefunden, - natrlich war er tot.
Sie legte ihn auf die flache Hand und hauchte ihn an, vielleicht brachte
sie ihn wieder zum Leben. Nellie lachte sie aus.

Du hast die arm, klein Frosch gemordet, sagte sie und nahm ihn in die
Hand. O, er ist kaput! Er kriegt keine Leben wieder, niemals! Morgen frh
wollen wir ihn in ein Schachtel legen und unter die Linde vergraben.

Ilse sah traurig auf den Frosch und die Thrnen traten ihr in die Augen.
Sie hatte das Tierchen selbst gefangen, es stets gefttert und eine groe
Freude daran gehabt, nun hatte sie es gettet durch eigne Schuld.

  [Illustration]

Wie schlecht von mir, da ich so dumm sein konnte! klagte sie sich an.
Ich dachte gar nicht daran, als ich meine Sachen packte, da er ersticken
msse. Es ging so schnell -

Einigermaen trstete sie die Aussicht auf das Begrbnis unter der Linde.

Wir machen eine kleiner Hgel, sagte Nellie, und pflanzen Blumen
darauf. Und ein klein Holzkreuz stecken wir in die Erden und schreiben
daran: Hier ruht Ilses Frosch. Er mute sein junge Leben lassen, weil ihm
der Luft ausging.

Dieser komische Einfall trocknete Ilses Thrnen, sie mute darber lachen.

Als sie den ausgestopften Kanarienvogel ansah, fand sie, da er sehr
gelitten hatte. Das Kpfchen war ganz breit gedrckt und der eine Flgel
hing herunter. Nellie gab ihm wieder einige Faon. Sie drckte den Kopf
rund und versprach auch, den Flgel wieder gut zu machen. Sie wollte ihn
am andern Tage anleimen.

La mir nur machen, sagte sie, ich werde ihm schon wieder in die
Ordnung bringen.

Was ist denn das? fragte sie pltzlich und hielt Ilses Blusenkleid in
die Hhe, warum hast du diese schmacklose Robe eingepackt, - und die alte
schmutzige Stiefel, - was soll damit?

Warum? Darber hatte Ilse selbst noch nicht nachgedacht, aber sie war
rgerlich, ihr Lieblingskostm so verachtet zu sehen.

Du verstehst nichts davon, sagte sie und nahm es Nellie fort. Es ist
mein liebster und schnster Anzug! Ich mag die andern Kleider gar nicht
leiden, sie sitzen so fest und sehen so geziert aus.

O la mir ihn probieren, bat Nellie, ich will ihn anziehen.

Dagegen hatte Ilse nichts einzuwenden. Sie half Nellie ankleiden und in
wenigen Augenblicken stand diese in einem ganz wunderbaren Aufzuge da.

Der Rock war ihr zu kurz, da sie etwas grer als Ilse war, unter
demselben sah das lange, weie Nachtgewand hervor, die Bluse war
stellenweise zerrissen und Nellie hatte den Aermel verfehlt und war durch
ein groes Loch dicht daneben herausgefahren, so da der Aermel auf dem
Rcken hing. Nachdem sie auch noch den schbigen Ledergrtel um ihre
zierliche Taille geschnallt hatte, stand sie fertig da, bis auf die
Stiefel, die sie nicht anziehen mochte, weil sie zu schmutzig waren.

Bequem ist diese Kostm, das ist wahr, sagte sie und fing an, allerhand
lustige Sprnge auszufhren und sich im Kreise zu drehen. Man ist so
luftig - so leicht!

Ilse brach pltzlich in ein so herzhaftes Gelchter aus, da Nellie auf
sie zueilte und ihr den Mund mit der Hand verschlo.

Du darfst nicht so toll lachen, sagte sie, du wirst uns verraten!

Ich kann nicht anders, du siehst ja zum totlachen aus.

Nellie trat mit dem Wachsstocke vor den kleinen Spiegel und betrachtete
sich.

O wie abscheulich! sagte sie und ri die Sachen herunter, wie kannst du
so ein hlicher Anzug schn finden!

Ilse verschlo ihre Herrlichkeiten wieder in den Koffer, dann wurde das
Licht gelscht und in wenigen Augenblicken schliefen die beiden Mdchen
fest und tief.

                                  * * *

Vierzehn Tage waren seit Ilses Aufnahme in der Pension vergangen. Manche
bittre Thrne hatte sie in der kurzen Zeit, die ihr wie eine Ewigkeit
erschien, geweint, und oft, recht oft hatte sie die Feder angesetzt, um
dem Vater zu schreiben, da er sie zurckholen mge. Nur weil sie sich vor
der Mutter scheute, that sie es nicht. Erst zweimal hatte sie die vielen
und langen Briefe, die sie aus der Heimat erhalten, beantwortet, nur ganz
kurz und mit der Entschuldigung, da ihr die Zeit zu lngeren Briefen
fehle.

Endlich, eines Sonntag Nachmittags, den fast alle Pensionrinnen zum
Briefschreiben benutzten, setzte auch sie sich dazu nieder. Groe Lust
hatte sie indessen nicht. Sie wute gar nicht recht, was sie schreiben
sollte; wie es ihr eigentlich um das Herz war, mochte sie ja doch nicht
sagen.

Sie schlug die neue Schreibmappe auf, whlte nach langem Suchen einen rosa
Bogen mit einer Schwalbe darauf, tauchte eine Feder in das Tintenfa und -
malte allerhand Schnrkeleien auf ein Stckchen Papier. Nachdem sie diese
Unterhaltung ein Weilchen getrieben, begann sie endlich den Brief. Nach
wenigen Zeilen hrte sie auf und legte das Geschriebene beiseite. Der
Anfang gefiel ihr nicht. Es wurde ein neuer Schwalbenbogen geopfert und
noch einer. Der vierte endlich hatte mehr Glck. Sie beschrieb denselben
von Anfang bis zu Ende, ja, sie nahm noch einen fnften Bogen dazu. Sie
war nun einmal in das Plaudern gekommen, immer wieder fiel ihr etwas ein,
das sie dem Papa mitteilen mute.

Als sie zu Ende war, durchlas sie noch einmal ihre lange Epistel und wir
blicken ihr ber die Schulter und lesen mit.






                       Mein liebes Engelspapachen!

Es ist heute Sonntag. Das Wetter ist so schn und im Garten blhen die
Rosen (da fllt mir eben ein, hat meine gelbe Rose, _marchal Niel_, die
der Grtner im Frhjahre verpflanzte, schon Knospen angesetzt? bitte,
vergi nicht, mir Antwort zu geben) - und die Vgel singen so lustig -
ach! und deine arme Ilse sitzt im Zimmer und kann sich nicht im Freien
umhertummeln. Mein liebes Pa'chen, das ist recht traurig, nicht wahr? Ich
komme mir oft vor wie unser Mopsel, wenn er genascht hatte und zur Strafe
dafr eingesperrt wurde. Ich mchte auch manchmal, wie er es that, an der
Thre kratzen und rufen: macht auf! Ich will hinaus!

Es ist gar nicht hbsch, immer eingesperrt zu sein. Zu Haus konnte ich
doch immer thun und treiben, was ich wollte, im Garten, auf dem Felde, in
den Stllen, berall durfte ich sein und meine reizenden Hunde waren bei
mir und liefen mir nach, wohin ich ging. Ach, das war zu himmlisch nett!
Was macht Bob, Papachen, und Diana und Mopsel und die andern? O, wenn ich
sie gleich hier htte!

Es ist in der Pension alles so furchtbar streng, man mu jede Sache nach
Vorschrift thun. Aufstehen, Frhstcken, Lernen, Essen, - immer zu
bestimmten Stunden. Und das ist grlich! Ich bin oft noch so mde des
Morgens, aber ich mu heraus, wenn es sechs geschlagen hat. Ach, und wie
manchmal mchte ich in den Garten laufen und mu auf den abscheulichen
Schulbnken sitzen! Die furchtbare Schule!

Ich lerne doch nichts, Herzenspa'chen, ich bin zu dumm. Nellie und die
andern Mdchen wissen viel mehr, sie sind auch alle klger als ich. Nellie
zeichnet zu schn! Einen groen Hundekopf in Kreide hat sie jetzt fertig,
als wenn er lebte, sieht er aus. Und Klavier spielt sie, da sie Konzerte
geben knnte - und ich kann gar nichts!

Wenn ich doch lieber zu Hause geblieben wre, dann wte ich doch gar
nicht, wie einfltig ich bin. Nellie trstet mich oft und sagt: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Es ist
keiner Meister von der Himmel gefallen, fang' nur an, du wirst schon
lernen!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Aber ich habe angefangen und doch nichts gelernt. Ich wei nur,
da ich sehr, sehr dumm bin.

Am frchterlichsten sind die Mittwoch Nachmittage. Da sitzen wir alle von
drei bis fnf in dem Speisesaale. Die Fenster nach dem Garten sind weit
offen und ich blicke sehnschtig hinaus. Es zuckt mir frmlich in Hnden
und Fen, da ich aufspringen mchte, um in den Garten zu eilen - ich
darf es nicht, ganz still mu ich dasitzen und mu meine Sachen
ausbessern, - Strmpfe stopfen und was ich sonst noch zerrissen habe,
wieder flicken. Denke Dir das einmal, mein kleines Papachen! Deine arme
Ilse mu solche frchterliche Arbeiten thun! - Und Frulein Gssow sagt,
das wr' notwendig, Mdchen mssen alles lernen. Sie war ganz erstaunt,
da ich nicht stricken konnte. Man kauft doch jetzt die Strmpfe, das ist
ja viel netter, warum mu ich mich unntz qulen? Es wird mir so schwer,
die Maschen abzustricken, und ich mache es auch sehr schlecht.

Melanie Schwarz, sie ist sehr hbsch, ziert sich aber und stt mit der
Zunge an, und dann sagt sie immer zu allem: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Furchtbar nett, furchtbar
reizend, oder furchtbar scheulich{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} - sie meinte neulich: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Du strickst
aber furchtbar scheulich, Ilse.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Du siehst, Pa'chen, ich kann nichts!

In den Arbeitsstunden wird einmal franzsisch, einmal englisch die
Unterhaltung gefhrt. Franzsisch kann ich mich allenfalls verstndlich
machen, aber englisch geht es sehr schlecht, so schlecht, da ich mich
schme, den Mund aufzuthun. Nellie ist gut, sie hilft mir nach und will
oft mit mir sprechen, wenn wir allein sind.

Du fragst mich, lieber Papa, ob ich schon Freundinnen habe, - ja - Nellie
und noch sechs andre Mdchen sind meine Freundinnen, Nellie aber habe ich
am liebsten. Wie sie alle heien, will ich Dir das nchstemal schreiben,
auch Dir erzhlen, wie sie aussehen, heute kann ich mich nicht dabei
aufhalten, sonst nimmt mein Brief kein Ende. Eine Schriftstellerin ist
auch dabei, das mu ich Dir noch mitteilen.

Wenn wir spazieren gehen, nmlich jeden Mittag von zwlf bis eins und
jeden Nachmittag von fnf bis sieben, gehe ich fast immer mit Nellie in
einer Reihe. Wir mssen nmlich wie die Soldaten zwei und zwei
nebeneinander marschieren. Eine Lehrerin geht voran, eine hinterher mit
einer kleinen Pensionrin an der Hand. Nicht rechts, nicht links drfen
wir gehen, immer in Reih' und Glied bleiben. Ach! und ich habe so oft
Lust, einmal recht toll davonzulaufen, auf die Berge hinauf - immer
weiter! - aber dann wrde ich nicht wieder in mein Gefngnis zurckkehren
- -

In die Kirche gehen wir einen Sonntag um den andern, dort gefllt es mir
aber gar nicht. Ich sitze zwischen so viel fremden Leuten, und der
Prediger, ein ganz alter Mann, spricht so undeutlich, da ich Mhe habe,
ihn zu verstehen. In Moosdorf ist es viel, viel hbscher! Da sitzen wir
eben in unsrem Kirchstuhle und wenn ich hinunter sehe, kenne ich alle
Menschen. Und wenn unser Herr Kantor die Orgel spielt und die Bauernjungen
so laut und krftig anfangen zu singen - und mein lieber Herr Prediger
besteigt die Kanzel und predigt so schn zu Herzen, dann ist es mir so
feierlich, so ganz anders als hier! - ach, und manchmal, wenn die
Sonnenstrahlen durch das bunte Kirchenfenster fallen und so schne Farben
auf den Fuboden malen, dann ist es so herrlich, so herrlich, wie
nirgendwo auf der ganzen Welt!






  [Illustration]

Hier mute Ilse mitten im Lesen innehalten und eine Pause machen. Der
Gedanke an die Heimat und die Sehnsucht dahin berwltigten sie dermaen,
da sie weinen mute. Erst als ihre Thrnen wieder getrocknet waren, las
sie zu Ende.






Gre nur alle, du einziger Herzenspapa, auch die Mama; das Tagebuch, das
sie mir mit eingepackt hat, kann ich nicht gebrauchen, ich habe keine
Zeit, etwas hineinzuschreiben. Aber ich bedanke mich dafr. Nun leb' wohl,
mein lieber, ser, furchtbar netter Papa. Ich ksse Dich
hunderttausendmal. Bitte, gieb auch Bob einen Ku und gre Johann von

                                                                   Deiner
                                    Dich unbeschreiblich liebenden Tochter
                                                                   _Ilse_.





_N. S._ Ich will gern Zeichenunterricht nehmen bei dem Herrn Professor
Schneider, ich darf doch? Morgen fange ich an.

_N. S._ Beinah htte ich vergessen, Dir zu schreiben, da Du mir doch eine
Kiste mit Kuchen und Wurst schickst. Nellie ist immer so hungrig, wenn wir
des Abends im Bette liegen und ich auch.

_N. S._ Lieber Papa, ich kriege immer so viel Schelte, da ich so
ungeschickt esse, schreibe mir doch, ob das nicht sehr unrecht ist. Der
Mama sage nichts hiervon. Deine Hand drauf! - Frulein Gssow habe ich
sehr lieb. -






Gerade saen Ilses Eltern mit dem Prediger zusammen auf der Veranda am
Kaffeetische, als ihr langer Brief eintraf. Der Oberamtmann las ihn vor
und wurde bei einigen Stellen so gerhrt, da er kaum weiter zu lesen
vermochte.

Ich mchte das arme Kind zurckhaben, sagte er, nachdem er zu Ende
gelesen, es fhlt sich unglcklich, und ich sehe nicht ein, warum wir
unsrer einzigen Tochter das Leben so verbittern sollen. Was meinst du,
Annchen, und Sie, lieber Vollert, wr' es nicht besser?

Der Prediger durchlas noch einmal den Brief, faltete ihn wieder zusammen
und machte ein hchst zufriedenes Gesicht.

Ich bin nicht Ihrer Meinung, entgegnete er, ja ich wrde das fr eine
Snde halten. Ilse ist bereits auf dem Wege einzusehen, da sie noch
vieles lernen mu, sie vergleicht sich mit den Genossinnen und erkennt
ihre Fehler, die Lcken in ihrem Wissen. Wir haben schon mehr erreicht in
dieser kurzen Zeit, als ich mir gedacht habe.

Das Heimweh ist ja natrlich, fiel Frau Anne ein, bedenke nur, wie
schwer es einem an die Freiheit gewhnten Wesen werden mu, sich pltzlich
in den Schulzwang zu fgen! Die Regelmigkeit des Instituts ist ihrer
ungebndigten Natur zuwider; zu Ilses Glck, sie wird sich fgen lernen,
ihre Wildheit abstreifen und ein liebes, herziges Mdchen sein.

Der Oberamtmann war verstimmt, da man ihn nicht verstand. Weder der
Prediger noch Frau Anne berzeugten ihn mit ihren Vernunftgrnden. Er
urteilte eben nur mit seinem weichen Herzen, und das litt sehr bei dem
Gedanken an sein heimwehkrankes Kind.

Ilses Wnsche wurden natrlich alle erfllt und zwar umgehend: Es mute
Kuchen gebacken und die schnste Wurst, nebst einem Stck Schinken aus der
Rauchkammer geholt werden. Der Oberamtmann packte selbst die kleine Kiste
und legte noch allerhand Leckereien mit hinein.

Not soll sie wenigstens nicht leiden, sagte er zu seiner Frau, die ihm
lchelnd zusah. Junge Menschen, die noch wachsen, haben immer Hunger.
Wenn der Magen knurrt, mu er sein Teil haben; der beruhigt sich nicht,
wenn man zu ihm sagt: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Warte nur bis es zwlf schlgt oder Morgen oder
Abend ist, dann bekommst du etwas.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}

Frau Anne htte gern erwidert, da es viel besser sei, den Magen an
regelmige Mahlzeiten zu gewhnen, als zu jeder Tageszeit zu essen, aber
sie schwieg. Sie dachte mit Recht, da mit der Zeit Ilse von selbst von
dieser Untugend zurckkommen werde.

                                  * * *

Es war an einem Mittwoch Nachmittag im Monat August. Die erwachsenen
Mdchen der Pension saen im Speisezimmer beisammen, stopfend, flickend
oder mit anderen Arbeiten dieser Art beschftigt. Es war sehr hei und
gewitterschwl, und durch die geffneten Fenster drang kein erfrischender
Luftzug.

Ilse hielt ihren Strickstrumpf in der Hand und qulte sich, Masche auf
Masche abzuheben. Es machte ihr Mhe mit den heien, feuchten Fingern. Die
Nadeln saen so fest in den Maschen, da sie kaum zu schieben waren. Sie
glhte wie eine Rose bei ihrer sauren Arbeit, und der graue Strumpf, der
eigentlich wei sein sollte, wurde fters aus der Hand gelegt. Nun fielen
auch noch einige Maschen herunter, und Frulein Gssow, die anwesend war,
forderte Ilse auf, einmal zu versuchen, ob sie dieselben nicht allein
wieder aufnehmen knne.

Ich kann das nicht, sagte Ilse, die Nadeln kleben so, ich mag sie nicht
mehr anfassen.

Wasche dir die Hnde, riet Frulein Gssow, dann wird es besser gehen.

Das hilft nicht, erwiderte Ilse unmutig und legte das Strickzeug vor
sich hin.

Die Mdchen lachten, und Grete, die ihr gegenbersa, nahm es vorwitzig in
die Hand, um den Fehler zu verbessern.

Ilse nahm es ihr fort. La liegen, sagte sie, es ist mein Strumpf!

Ehe noch Frulein Gssow sie wegen ihres unpassenden Wesens zurechtweisen
konnte, trat Frulein Raimar in das Zimmer. Sie ging von einer Schlerin
zur andern und prfte deren Arbeiten, sie that dies zuweilen, um sich an
den Fortschritten zu erfreuen, oder auch zu tadeln, wenn es ntig war.

Nun, wie steht es mit dir, Ilse? fragte sie. Hast du deinen Strumpf
bald fertig? Zeige ihn einmal her.

Ilse that, als habe sie die Aufforderung nicht verstanden, sie schmte
sich ihrer schmutzigen Arbeit.

Ich will dein Strickzeug sehen, Ilse, hast du mich nicht verstanden?

Etwas streng und hart klangen die Worte der Vorsteherin, und nun war es
Trotz, weshalb sie den Gehorsam versagte.

Aufgebracht ber diesen Widerstand nahm Frulein Raimar ihr den Strumpf
unsanft aus der Hand.

Ich bin gewhnt, da meine Schlerinnen mir gehorchen und du wagst es,
dich zu widersetzen? - Seht einmal Kinder, fuhr sie fort und hielt mit
spitzen Fingern das Strickzeug in die Hhe, was sagt ihr zu dieser
Arbeit? Sieht sie wohl aus, als ob sie einem erwachsenen Mdchen angehre?
Schme dich! Niemals wieder will ich ein so unsauberes Strickzeug sehen.

Aller Augen waren auf dasselbe gerichtet, und einige Pensionrinnen
glaubten sich durch die Frage der Vorsteherin berechtigt, ein Wort
mitzureden. Die vorlaute Grete meinte, da ihre kleine fnfjhrige
Schwester daheim weit besser und sauberer stricke, ihr Strumpf she wie
Schnee gegen Ilses aus, sie drfe aber auch niemals mit schmutzigen Hnden
stricken.

Die sthetische Flora verglich das faonlose Ding mit einem Kaffeebeutel,
ein Vergleich, der Annemie so in das Lachen brachte, da sie sich gar
nicht wieder beruhigen konnte.

Was in diesem Augenblicke in Ilses Innerem vorging, ist schwer zu
beschreiben. Sie sah sich verlacht und verspottet von allen Seiten und
durfte sich nicht dagegen verteidigen. Ihr heies Blut, ihre unbndige
Natur bumten sich mit aller Macht auf gegen die, wie sie glaubte, ihr
ffentlich angethane Schmach. Sie geriet in eine so blinde Wut, wie sie
bis jetzt noch niemals empfunden hatte, sie ballte die Hnde und bi
hinein, ihre Augen fllten sich mit heien, trotzigen Thrnen.

Frulein Raimar hatte bereits das Zimmer verlassen, doch die Thr
desselben hinter sich offen gelassen, sie hielt sich noch auf dem Korridor
auf. Welchen Aufruhr sie in Ilse heraufbeschworen, ahnte sie nicht, sie
wrde ihn auch schwerlich begriffen haben, glaubte sie doch fest, durch
eine ffentliche Beschmung Ilses Widerstand ein fr allemal geheilt zu
haben. Wie wenig verstand sie ein leidenschaftliches Gemt! Gerade das
Gegenteil hatte sie hervorgerufen. Ilses wilder Trotz stand in
lichterlohen Flammen.

Neckt sie nicht! gebot Frulein Gssow, die Ilse besser verstand. Ich
will nicht, da ihr sie auslacht!

Und Nellie, die einzige, welche mitleidig dem ganzen Auftritt zugesehen,
nahm gutmtig den verachteten Strumpf in die Hand, um ihn wieder in
Ordnung zu bringen.

La! rief Ilse und ihr ganzer Grimm entlud sich auf Nellies unschuldiges
Haupt, la! Was kmmern dich meine Sachen?

Gieb doch her, bat diese sanft, ich mach' dich alles wieder gut.

Aber Ilse hrte nicht darauf und ri es Nellie aus der Hand, und ehe noch
diese sie zurckhalten konnte, warf sie im hchsten Zorne das
unglckselige Strickzeug gegen die Wand. Die Nadeln schlugen klirrend
aneinander und das Knuel kollerte weit fort, zur offnen Thr hinaus, bis
zu den Fen der Vorsteherin.

Vielleicht htte dieselbe kein Arg an diesem kleinen Zufall gefunden, wenn
nicht zu gleicher Zeit laute Ausrufe wie Ah! und o! ihr Ohr getroffen
und ihr verkndet htten, da etwas Unerhrtes passiert sein msse.

Was giebt es? fragte sie hastig eintretend. Sie erhielt keine Antwort;
aber ihr Blick fiel auf das Strickzeug am Fuboden und sie erriet das
Ganze.

Warfst du es absichtlich hierher? richtete sie an Ilse die Frage, und
ihre Stimme bebte vor Aufregung, in ihren stets so ruhig blickenden Augen
blitzte es unheimlich auf. - Antworte - ich will es wissen!

Ja, sagte Ilse.

Komm hierher und nimm es wieder auf!

Die Heftigkeit der Vorsteherin machte Ilse nur verstockter, sie rhrte
sich nicht.

Hast du verstanden, was ich dir befahl? Glaubst du mir trotzen zu knnen?
Ich verlange, da du mir gehorchst!

Nein, entgegnete Ilse zum Entsetzen der anwesenden Pensionrinnen, ich
thue es nicht!

Frulein Gssow sah die Widerspenstige traurig und bekmmert an. Nicht
Zorn, nur Mitleid empfand sie mit derselben. Wenn ich dich ndern knnte!
Wenn es mir gelnge, dich auf einen andern Weg zu bringen, armes,
verblendetes Kind! dachte sie und beschlo, nichts unversucht zu lassen,
um Ilse von ihrem bsen Fehler zu heilen.

Solange sie Vorsteherin des Pensionats war, hatte Frulein Raimar niemals
Aehnliches erlebt. Trotz ihrer stets so mavollen Ruhe war sie fr den
Augenblick fassungslos und ungewi, was mit Ilse geschehen solle.

Geh auf dein Zimmer, befahl sie kurz, und bleibe dort! Das andre wird
sich finden.

Ilse erhob sich und ging hinauf. Nachdem sie in ihrem Zimmer angelangt,
brach der furchtbare Sturm, den sie mhsam zurckgehalten hatte, los. Sie
warf sich auf einen Stuhl und weinte laut. Strmisch rief sie nach ihrem
Papa, da er komme und sie holen mge - klagte die Mama an, die sie in
diese frchterliche Anstalt gebracht - kurz fhlte sich verzweifelt und
verlassen, wie nie im Leben.

Allerhand Gedanken jagten durch ihren Kopf, der zum Zerspringen brannte,
kindisch und unausfhrbar. Zuerst wollte sie davonlaufen, - wohin war ihr
gleich, nur fort, damit sie die bse Vorsteherin, die stets einen Aerger
auf sie gehabt, und die abscheulichen Mdchen, die sie verhhnt hatten,
von denen keine sie lieb hatte, nicht wieder sehe - niemals! Kein Mensch
mochte sie leiden, nur der Papa. O, wenn sie gleich bei ihm wre!

Der Gedanke, da sie zurck msse nach Moosdorf, behielt die Oberhand. Sie
fing an, ihre Sachen aus der Kommode zu rumen und war eben im Begriff,
das Mdchen zu beauftragen, ihr den Koffer vom Boden herabzuholen, als
Nellie und gleich darauf Frulein Gssow in das Zimmer traten.

Erstaunt blickte letztere auf die umherliegenden Sachen.

Nun, Ilse, was soll denn das bedeuten? fragte sie.

Anstatt zu antworten vergrub Ilse das Gesicht in beiden Hnden und
schluchzte laut.

Frulein Gssow lie sie einige Augenblicke gewhren, dann zog sie ihr
leise die Hnde vom Gesicht.

Beruhige dich, Kind, sprach sie in sanftem Tone, dann will ich mit dir
reden.

Ich kann nicht! Ich will fort! stie Ilse leidenschaftlich heraus.

Du mut dich beherrschen, Herz. Ich glaube gern, da es dir schwer wird,
dein trotziges Ich zu zhmen, aber du mut es thun, es ist notwendig.
Siehst du nicht ein, Ilse, wie unrecht, wie ungezogen du gehandelt hast?

Diese schttelte den Kopf. Sie haben mich alle gereizt, entgegnete sie
abgebrochen schluchzend - Frulein Raimar hat mich so furchtbar blamiert
- alle haben mich ausgelacht!

Frulein Gssow hatte das Gefhl, als sei es besser gewesen, wenn die
Vorsteherin ihren berechtigten Tadel in einer andern Weise ausgesprochen
htte, - doch das war nun einmal geschehen und nicht zu ndern.

Du irrst, entgegnete sie, nicht Frulein Raimar, sondern du selbst hast
dich lcherlich gemacht. Denke einmal zurck, wie du dich benommen hast. -
Uebrigens, fuhr sie fort, du darfst nicht so trostlos sein und dir nicht
allzuschwere Gedanken darber machen. Wenn du morgen verstndig bist, ist
alles vergessen. Die Mdchen haben dich alle lieb.

Nein, nein, rief Ilse, mich hat niemand lieb! Ich wei es wohl! - Ich
bin dumm und ungeschickt und ich will fort - zu meinem Papa!

Wenn du so sprechen willst, Ilse, dann verlasse ich dich. Du weit, wie
sehr ich dich lieb habe, dergleichen kindische Reden aber will ich nicht
von dir anhren. Soll ich gehen? - willst du vernnftig sein? -

Ilse schwieg und die junge Lehrerin wandte sich der Thr zu. Als sie im
Begriffe war dieselbe zu ffnen, eilte Ilse auf sie zu.

Bitte, bleiben Sie, bat sie und hielt sie an der Hand fest.

Von Herzen gern, wenn du mich ruhig anhren willst.

Sie setzte sich auf einen Stuhl am Fenster und nahm Ilse in den Arm.

Wie hei du bist, du bser Trotzkopf, sagte sie und streichelte ihr
liebevoll die erhitzten Wangen. Nellie, gieb Ilse ein Glas Wasser.

Die Angeredete hatte stumm und still am andern Fenster gelehnt und der
Freundin lautes Schluchzen mit heimlichen Thrnen begleitet, jetzt sprang
sie hinzu und reichte das Gewnschte.

Trink einer khle Schluck, er wird dir ruhig machen, redete sie herzlich
zu. Du mut nie wieder sagen, da wir dir nicht liebten, du bse, bse
Ilse! - Nicht mehr weinen darfst du, komm, ich mache deine Gesicht kalt.

Und sie tauchte einen Schwamm in das Wasser und khlte damit Ilses
brennende Augen und Wangen.

Nun, mein Kind, fragte Frulein Gssow, als Ilse sich etwas beruhigt
hatte, was gedenkst du zu thun?

Ich mu heute noch abreisen, entgegnete sie, hier bleiben kann ich
nicht.

Also noch immer mchtest du mit deinem Kopfe die Wand einstoen. Der
Gedanke, da du nachgeben mut, da es an dir ist, um Verzeihung zu
bitten, kommt dir gar nicht in den Sinn! Du hast Frulein Raimar bitter
gekrnkt, denkst du nicht daran, sie wieder zu vershnen? Sprich!

Nein, rief Ilse und warf den Kopf zurck, Frulein Raimar hat mich
beleidigt und furchtbar gekrnkt! Ich bitte sie nicht um Verzeihung! Noch
niemals habe ich jemand um Verzeihung gebeten - und ich thue es auch jetzt
nicht! Nein!

Das war wieder ein trotziger, bser Ausfall von ihr, dennoch verlor
Frulein Gssow nicht die Geduld, sie blieb ruhig und sanft.

Du batest niemals um Verzeihung, Ilse? Das wundert mich; aber du hast
deinem Papa ein gutes Wort gegeben, wenn du unartig warst und er dir
zrnte.

Meinem Papa! wiederholte Ilse und sah hchst erstaunt die junge Lehrerin
an. Niemals hat er mir gezrnt, er war immer, immer gut, ich konnte
machen, was ich wollte.

So, sprach Frulein Gssow und meinte jetzt den Schlssel zu Ilses
Eigensinn in des Vaters zu groer Nachgiebigkeit gefunden zu haben. Und
die Mama, war auch sie stets damit zufrieden, was du thatest, - krnktest
du sie niemals? Sage einmal aufrichtig.

Ilse blickte nachdenklich vor sich hin. Sie konnte nicht leugnen, sie
hatte dieselbe oftmals durch ihren Widerstand gekrnkt.

Ich glaube, da ich es that, sagte sie zgernd.

Und dann sagtest du: vergieb mir, liebe Mama, nicht wahr?

Ilse schttelte den Kopf. Nein, sagte sie, niemals habe ich das gethan.
Mama hat es auch gar nicht von mir verlangt, sie wei, da ich einmal
nicht bitten kann.

Ein Kind mu bitten knnen! Und ein Mdchen vor allem. O Ilse! Auch du
mut es lernen, noch ist es nicht zu spt! sprach Frulein Gssow sehr
erregt. O Ilse, wenn doch meine Worte es vermchten, dich so recht aus
deiner Verblendung aufzurtteln! Lerne nachgeben, mein Kind, lerne vor
allem dich beherrschen! Thust du es nicht, so nimmt das Leben dich in
seine harte Schule und bereitet dir viel Herzeleid und Kummer. Glaube mir,
Trotz und Widerstand sind bses Unkraut in einem Mdchenherzen, und
oftmals berwuchern sie die besten, heiligsten Gefhle! Geh' hinunter,
Kind, bitte Frulein Raimar um Vergebung. Ueberwindest du heute deinen
harten Sinn, so hast du gewonnen fr alle Zeit!

Sie hatte warm und eindringlich gesprochen, und in ihren braunen Augen
standen Thrnen. Ilse war auch seltsam ergriffen von ihren Worten, aber
Abbitte thun, - das konnte sie trotzdem nicht.

Ich kann es nicht, sagte sie zgernd, aber bestimmt.

Du willst nicht, aber du mut, entgegnete Frulein Gssow im hchsten
Grade erregt. Gott! giebt es denn kein Mittel, da ich dich von deinem
Starrsinn heilen kann! -

Komm, setze dich zu mir, fuhr sie ruhiger fort, ich will dir eine wahre
Geschichte von einem trotzigen, widerspenstigen Mdchenherzen erzhlen,
das sein Lebensglck einer kindischen Laune opferte, und wenn du dann noch
sagen wirst: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ich kann nicht,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} dann gehe hin und folge deinem harten
Kopfe, - ich werde nie wieder den Versuch machen, ihn zu beugen ...

Noch niemals hatte jemand in einem so berzeugenden Tone zu Ilse
gesprochen, derselbe verfehlte seine Wirkung nicht. Willig und gehorsam
setzte sie sich der jungen Lehrerin gegenber und sah erwartungsvoll und
gespannt auf sie. Der hliche, trotzige Ausdruck schwand aus ihrem
Gesichte und wer sie jetzt sah, wrde nicht geglaubt haben, da diese Ilse
und die andre, die sich vor kaum einer Stunde so wild und unbndig
betragen, ein und dieselbe sei.

Frulein Gssow hatte den Kopf auf das Fensterbrett gesttzt und blickte
gedankenvoll hinaus in den Garten. Ihr blasses Gesicht hatte sich leicht
gertet und um den Mund lag ein schmerzlicher Zug. Es schien fast, als ob
ein heftiger Kampf in ihr arbeite, als ob es ihr schwer werde, mit dem
ersten Worte zu beginnen. Pltzlich erhob sie sich.

Es ist hier so drckend und schwl, sagte sie und ffnete die
Fensterflgel.

Ein erquickender Luftzug strmte ihr entgegen, ein Gewitter war im Anzuge.
Sausend fuhr der Wind durch die Wipfel der Bume, in der Ferne grollte der
Donner.

Wie das wohl thut, fuhr sie mit einem tiefen Atemzuge fort, die Hitze
lag mir schwer wie Blei auf der Brust. - Wie alt bist du, Ilse?
unterbrach sie sich pltzlich wie in halber Zerstreuung.

Im nchsten Monat werde ich sechzehn Jahre.

Sechzehn Jahre! wiederholte die Lehrerin, dann bist du alt und auch
verstndig genug, denke ich, die traurige Geschichte meiner Jugendfreundin
zu begreifen. Hr' zu.

Es war einmal ein junges, frhliches Menschenkind, das mit seinen
sechzehn Jahren die Welt zu erstrmen meinte. Vater und Mutter waren ihm
frh gestorben und so kam es, da die kleine Waise zu der Gromutter
gegeben wurde, die sie erzog und von Grund auf verzog. Lucie, so wollen
wir das Mdchen nennen, hatte nie gelernt zu gehorchen oder sich zu fgen,
sie erkannte nur einen Willen an, und das war der eigene. Das war sehr
schlimm fr sie, denn bei manchen guten Eigenschaften des Herzens besa
Lucie einen hlichen Fehler, den Trotz.

Anstatt denselben durch unerbittliche Strenge schon in der Kindheit zu
zgeln, pflegte ihn die Gromama durch allzugroe Nachsicht.

{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Warum soll ich dem Kinde nicht seinen Willen thun?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} fragte sie, wenn man
sie zuweilen auf ihre Schwche aufmerksam machte, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}ist es nicht schlimm
genug, da es keine Eltern hat? Ich kann es nun einmal nicht traurig
sehen.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}

War Lucie hbsch? fragte Nellie, die sich hinter Ilses Stuhl gestellt
und den Arm um deren Schulter gelegt hatte.

Ich glaube wohl, entgegnete die Angeredete und errtete leicht,
wenigstens hat man es dem erwachsenen Mdchen oftmals gesagt. Doch das
ist Nebensache - hrt mich weiter an.

Die Gromutter besa ein herrliches Landhaus, dessen Park sich an einen
bewaldeten Bergesabhang lehnte. Man durfte nur eine kleine Pforte, die
sich am Ausgange des Grundstckes befand, durchschreiten und befand sich
im schnsten Walde, den ihr euch denken knnt.

Selten kamen Spaziergnger aus dem nahen Stdtchen dorthin, desto fter
benutzte Lucie die kleine Ausgangspforte, durchstreifte den Wald bis an
die Spitze des Berges, oder was sie noch hufiger that, sie lagerte sich
an irgend einem versteckten Platze. So im weichen, schwellenden Moose zu
liegen, ein gutes Buch zu lesen und darber die Welt zu vergessen, - das
war die hchste Wonne ihres Lebens.

Eines Tages hatte sie wieder ihren Lieblingsplatz am Fue einer Eiche
aufgesucht. Die Luft war hei und schwl und doppelt wohlthuend empfand
sie die Waldeskhle. Sie streckte die schlaffen Glieder im Moose aus und
blickte hinauf in das grne Bltterdach. Nicht lange, dann ffnete sie das
mitgebrachte Buch und las. So vertieft war sie bald in den Inhalt
desselben, da sie der Gegenwart ganz entrckt war. -

Eine mnnliche Stimme schreckte sie pltzlich auf. Aergerlich ber die
Strung blickte sie auf und sah in das lchelnde Antlitz eines jungen
Mannes, der mit Pinsel und Palette in der Hand vor ihr stand.

{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ein wunderbares Bild!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} rief er aus. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Wahrlich, ich htte Lust, dasselbe
zu malen! Bleiben Sie in der Stellung,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} bat er, als Lucie sich schnell
erheben wollte, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}nur wenige Augenblicke! Aber so bse drfen Sie nicht
aussehen, - nein, ich bitte, wieder derselbe Zug von Spannung um den Mund,
- dasselbe erwartungsvolle Lcheln - bitte!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}

{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Was fllt Ihnen ein?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} rief Lucie aufgebracht und erhob sich mit einem
Sprunge. Dabei fiel ihr das Buch aus der Hand.

Er kam ihr zuvor, als sie sich schnell darnach bcken wollte; doch ehe er
es ihr berreichte, las er das Titelblatt.

{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Werthers Leiden{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, bemerkte er und lachte lustig. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Dacht' ich es doch!
Natrlich verbotene Lektre, die in der Waldeinsamkeit verschlungen wird!
Oder hat der Herr Papa vielleicht Ihnen diese gefhrliche Geschichte
erlaubt?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}

Lucie entri ihm das Buch, aber sie wurde ber und ber rot.

{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ich verbitte mir Ihre Bemerkungen!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} entgegnete sie zornig. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Wer hat
Ihnen erlaubt, mich zu beobachten?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}

{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ich nahm mir selbst die Freiheit,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} sagte er sich verbeugend, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}und bitte
dafr um Verzeihung. Ein Zufall brachte mich in Ihre Nhe, dort jene
Buchengruppe war ich im Begriffe zu malen, - da erblickte ich Sie, und
knnen Sie mir verdenken, da ich dem Zauber nicht widerstehen konnte, Sie
zu betrachten?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}

Sie gab keine Antwort, ja sie grte nicht einmal, als sie eilig davon
ging. Sie empfand Unwillen und Aerger ber den Aufdringlichen und doch -
gefiel er ihr. -

War er ein schn Mann? fragte Nellie.

Ja, er war schn und klug und gut. Von den letzteren Eigenschaften konnte
Lucie sich bald berzeugen, denn der Maler machte unter irgend einem
Vorwande einen Besuch in der Gromutter Hause.

Wie bald er der Liebling derselben, wie er nach und nach tglicher Gast
bei ihr wurde und wie er endlich der trotzigen Lucie Herz gewann, das kann
ich euch nicht erzhlen, nur so viel, da sie eines Tages seine Braut war.

Es war ihm nicht leicht geworden, ihr Jawort zu erringen, denn wenn er
heute glaubte, da sie ihn gern mge, war er morgen vom Gegenteil
berzeugt. Wenn er im Begriffe war, sie zu fragen: hast du mich lieb?
reizte sie ihn gerade durch Trotz und Widerstand, und das Wort erstarb ihm
auf den Lippen.

Endlich trug er den Sieg davon. An ihrem achtzehnten Geburtstage war es,
als sie mit ihm vor die Gromama trat und jubelnd ausrief:

{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ich bin Braut!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}

Nun, glaubt ihr, Lucie ist eine andre geworden? Das Glck und die Liebe
haben sie nachsichtiger gestimmt, nicht wahr, ihr glaubt, das knne nicht
anders sein? - Wie seid ihr im Irrtum! Das Gegenteil war der Fall. Ihr
Widerstand trat gegen den Mann, den sie von ganzem Herzen liebte, oftmals
heftiger hervor, als je vorher.

Welche Mhe gab er sich, sie von diesem Fehler zu heilen, wie
eindringlich und liebevoll stellte er ihr die Folgen desselben vor; sie
hrte ihn an und versprach sich zu bessern, - aber ihr Wort hielt sie
nicht, - - leider! - Htte sie es gethan, wie viel Kummer und Herzeleid
htte sie sich erspart!

Einen Augenblick hielt die junge Lehrerin inne, ein scharfer Beobachter
htte ihr ansehen knnen, wie schwer es ihr wurde, die Geschichte weiter
zu erzhlen, - die jungen Mdchen indessen merkten nichts davon. Sie
glaubten, die Heftigkeit des Gewitters habe die Pause hervorgerufen.

O bitte, fahren Sie fort, bat Nellie, deren Augen vor Entzcken
glnzten; niemals bis jetzt hatte das Frulein hnliches erzhlt, bitte,
weiter! O, ich bin zu gierig, weiter zu wissen!

Ilse sa still und sinnend da. Was sie da hrte, berhrte eine verwandte
Saite in ihr, oftmals hatte sie das Gefhl, als ob das junge Mdchen nicht
Lucie, sondern Ilse geheien habe. -

Lucies Brautzeit neigte sich zu Ende, fuhr Frulein Gssow fort, in
vier Wochen sollte die Hochzeit sein. An dem Morgen eines herrlichen
Maitages sa das Brautpaar auf der Veranda vor dem Hause und trumte sich
in die Zukunft hinein. Es wurde eine Reise nach der Schweiz und Italien
geplant, - den ganzen Sommer wollten sie umherschweifen, und wo es ihnen
am schnsten gefiel, dort wollten sie fr den Winter ihr Nest bauen.

Der Himmel wlbte sich hoch und blau ber ihnen, die Frhlingssonne
lachte sie freundlich an, - ringsum blhte, duftete und zwitscherte es,
kein Miton strte das wunderbare Lenzesleben.

Lucie machte Plne und malte sich aus, wie sie leben und wie sie sich
einrichten wollten. Sie hing am Aeueren und hatte eine lebhafte
Phantasie, da war es denn am Ende ganz natrlich, da ihre Wnsche und
Hoffnungen bis an den Himmel reichten.

Er hatte ihrem Geplauder lchelnd gelauscht, ohne sie zu unterbrechen. Da
gab ihm ein unglcklicher Zufall die Frage ein: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Wie wrdest du es
ertragen, Lucie, wenn wir uns ganz einfach einrichten mten, wenn wir
nicht reisen knnten - wenn wir wenig Mittel htten, - mit einem Worte,
wenn die Not an uns herantreten wrde?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}

{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Die Not?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} fragte sie erstaunt und sah ihn beinahe entsetzt an. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Das wre
furchtbar!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}

{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Du giebst mir keine Antwort auf meine Frage, liebes Herz. Ich meine, ob
deine Liebe zu mir so stark sein wrde, da du ohne Klage auch ein
armseliges Los mit mir teilen wrdest?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} -

Es verdro sie, da Curt, so hie der Maler, durch unntze Fragen einen
Miklang in ihre frohe Stimmung brachte.

{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}La doch den Unsinn!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} wehrte sie ab, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}wir werden nie in solche Lage
kommen. Ich bin reich und deine Bilder werden hoch bezahlt.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}

{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Man kann nicht wissen, was in den Sternen fr uns geschrieben steht,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
entgegnete er ernst. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Du knntest zum Beispiel dein Vermgen verlieren, -
und ich - nun wenn ich krank wrde und nicht malen knnte?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}

{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Warum qulst du mich mit allerhand dummen Mglichkeiten, Curt,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} sagte
sie ungeduldig. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ich antworte dir nicht auf solche Fragen.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Und sie wandte
sich halb von ihm ab.

{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Du sprichst jetzt gegen deine bessere Ueberzeugung, du kleine
Widerspenstige,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} sagte er halb ernst, halb scherzhaft. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ich wei, du wirst
mir ganz bestimmt meine Gewissensfrage beantworten, ich wei auch, meine
Lucie wrde den Mut haben, ein sorgenvolles Leben mit mir zu teilen, wie
sie meine Gefhrtin in Glck und Wohlstand werden wollte. Nicht wahr? Du
siehst ein, Liebling, da ich von meiner zuknftigen Frau das verlangen
kann?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}

{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Das sehe ich nicht ein!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} rief Lucie sehr entrstet und entzog ihm ihre
Hand, die er liebevoll ergriffen hatte. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Armselige Verhltnisse wrden
mich unglcklich machen - ja, unglcklich machen!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} wiederholte sie, als er
sie zweifelnd ansah, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}lieber wrde ich gar nicht heiraten!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}

Er wurde bla bei ihren Worten, aber noch wollte er nicht an den Ernst
derselben glauben. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Hast du mich lieb, Lucie?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} fragte er sie.

{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ja, aber in einer Htte bei Salz und Brot mag ich nicht mit dir wohnen!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}

{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Kein {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Aber{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, Lucie. Hast du mich lieb? Sage ja und nimm zurck, was du
gesagt hast.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}

{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Nein!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} rief sie entschieden und sprang von ihrem Platze auf. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Nichts
nehme ich zurck! Was ich gesagt habe, ist meine wahre Meinung!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}

{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Lucie!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} rief er erregt, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}besinne dich! Es ist nicht wahr, du denkst
nicht wie du sprichst! Dein Widerspruch gab dir die Worte ein ....! Nimm
sie zurck, Herz!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} und flehend blickte er ihr in das Auge.

{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Du irrst,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} entgegnete sie mit scheinbarer Klte, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}nicht aus Widerspruch,
sondern mit voller Ueberzeugung sagte ich dir meine Ansicht.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}

{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Nein, nein! Ich kann's, ich will's nicht glauben! - Komm her, sieh' mich
an. Deine Augen sollen mir die Antwort geben, ich wei, da sie nicht
lgen knnen. - Du liebst mich? Ja? Nicht wahr, du hast mich lieb?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
wiederholte er noch einmal dringend - {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}und du nimmst zurck, was du
gesagt?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}

Unglcklicherweise hatte die Gromama auf der entgegengesetzten Seite der
Veranda gesessen und war so eine stumme Zeugin dieser Scene geworden.
Aengstlich erhob sie sich und trat dem jungen Paare nher.

{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Sie drfen Lucie nicht so bel nehmen, was sie sagt, lieber Curt,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
sprach sie beruhigend, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}es kommt ihr nicht vom Herzen, glauben Sie mir.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}

Die alte Frau hatte es gut gemeint, aber sie stiftete Unheil an. Htte
sie sich nicht in den Streit gemischt, vielleicht war es besser. Ihre
gtigen Worte stachelten Lucies Trotz noch mehr an.

{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Es kommt mir wohl aus dem Herzen!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} rief dieselbe aufgebracht, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}und ich
wiederhole noch einmal: Lieber heirate ich gar nicht, als da ich Not und
Mangel leide!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} -

O, wie hart ist sie! warf Nellie ein, als Frulein Gssow wie erschpft
einen Augenblick innehielt.

Sie war nicht hart, nur verblendet, fuhr diese fort. Niemals hatte sie
gelernt, sich einem andern Willen zu beugen, niemals war sie im stande
gewesen nachzugeben. Jetzt, wo das ernste Verlangen ihres Verlobten in
aller Entschiedenheit an sie herantrat, ihren Widerstand zu zhmen, da
bumte derselbe sich dagegen auf und sie unterlag seiner Macht.

{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ist das dein letztes Wort, - Lucie!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} - Wie ein Schrecken kam es ber
seine Lippen. Sie blieb ungerhrt, wandte sich von ihm und eilte aus dem
Zimmer.

Besorgt folgte ihr die Gromama, aber sie klopfte vergeblich an der
verschlossenen Thre, dieselbe wurde nicht geffnet. -

Lucie befand sich in keiner beneidenswerten Stimmung. Es kochte und tobte
in ihr und verworrene Gedanken durchzuckten ihr Hirn. War es recht, wie
sie gehandelt hatte? {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ja,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} antwortete sie sich darauf, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}ich bin im Rechte.
Warum schreckt er mich mit den Gespenstern Sorge und Not, warum peinigt er
mich damit? Ich will in eine glckliche Zukunft sehen und er will mir das
Herz schwer machen mit Unmglichkeiten. Und welch eine wichtige Sache er
daraus macht? - Ich soll zurcknehmen, was ich gesagt habe! Solch ein
Verlangen! Abbitte soll ich thun - Abbitte! Und er hat mich doch erst
herausgefordert. Er ist an allem schuld.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}

Aus einem Winkel ihres Herzens meldete sich auch eine Stimme, die ihr
zurief: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Gieb nach! Reich' ihm die Hand, oder du hast ihn verloren!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Sie
wurde nicht beachtet, und als eine Stunde vergangen war, hatte sie sich so
vllig in den Gedanken an ihre Schuldlosigkeit eingelebt, da sie
erwartete, Curt msse kommen und sie um Verzeihung bitten.

Er kam auch und begehrte Einla. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Oeffne mir, Lucie,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} rief er strmisch,
{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}es hngt unser Glck davon ab! Ich mu dich sprechen! - Ich will dich
sprechen!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}

Das klang wie ein Befehl, sie schwieg und gab keine Antwort. Wohl klopfte
ein guter Engel an ihr Herz und rief ihr warnend zu: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Erhre ihn und es
wird alles gut{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} - sie war taub gegen seine Stimme. Ein bser Geist hielt
sie fr den Augenblick gefangen und trauernd floh ihr guter Engel von
dannen.

{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ich will nicht mit dir reden!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} rief sie zurck, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}ich wte auch nicht,
was du mir noch sagen knntest!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}

{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}So treibst du mich fort von dir, Lucie!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} - rief er auer sich. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Bedenke
was du thust! Ich gehe und nicht eher kehre ich zu dir zurck, bis du mich
zurckrufst: Lebe wohl!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} - -

Es waren die letzten Worte, die sie von ihm gehrt hat.

Nach einer in Aufregung durchwachten Nacht brach der nchste Tag an. Der
trotzige Aufruhr in Lucies Innern hatte sich gelegt und einer
unzufriedenen Stimmung Raum gemacht. Nachzugeben fhlte sie sich auch
heute nicht geneigt, aber sie wollte ihn heute anhren, wenn er kam, - und
da er kommen werde, darauf hoffte sie fest.

Aber sie hoffte vergebens. Die Gromama berhufte ihre Enkelin mit
bitteren Vorwrfen und forderte sie unter Thrnen auf, sie mge nachgeben.

{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Wird es dir denn so schwer,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} sagte sie, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}dem Manne, dem du in vier
Wochen die Hand fr das Leben geben willst, ein bittendes Wort zu sagen?
Ueberwinde dich, Lucie, nimm deine bsen Worte zurck, oder es giebt ein
Unglck.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}

{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ich kann nicht, Gromama. Ich mte ja abbitten, so verlangt er, und du
weit, ich that es nie! Er kehrt auch ohne meinen Ruf zurck, du wirst es
sehen.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}

Aber auch der nchste Tag verging und er blieb aus. Lucie befand sich in
einer fieberhaften Aufregung und schrak zusammen, sobald sich die Thr
ffnete. - Am dritten Tage, - es war gegen Abend, sie hatte wieder
vergeblich ihn erwartet, da brachte Curts Diener ihr einen Brief. Sie
eilte auf ihr Zimmer, um ihn allein und ungestrt zu lesen - es war doch
endlich - endlich ein Zeichen von ihm!

Hastig ffnet sie und in zwei Teile gebrochen fiel ihr Curts
Verlobungsring entgegen. Wenige Zeilen nur schrieb er dazu. - Ich will
versuchen euch dieselben zu wiederholen, unterbrach sich Frulein Gssow,
Lucie hat sie mir oftmals zu lesen gegeben.






Du hast mich nicht zurckgerufen, - - so sehnschtig ich auch darauf
gehofft habe. Liebtest Du mich, wie ich Dich, wre es Dir nicht schwer
geworden, ein vershnendes Wort zu sagen. Lebe wohl denn, ich mu von Dir
scheiden, Lucie, weil ich Dir nicht versprechen kann, Dir stets Wohlstand
und Glck zu bieten. - - Mit welchem Rechte knnte ich vom Schicksal
verlangen, da mein Leben nur von der Sonne beschienen werde? Leb' wohl, -
ich habe Dich sehr geliebt. -






Wie gebrochen sank sie zur Erde nieder und htte vor Schmerz vergehen
mgen. Das hatte sie nicht gedacht, - so weit hatte sie es nicht treiben
wollen. - Nun war es zu spt, alle Reue, alle Selbstanklage, brachten ihr
den Geliebten nicht zurck.

Die Gromama fand Lucie in einem verzweiflungsvollen Zustande, und
heimlich, ohne ihr Wissen, schickte sie einen Boten in Curts Wohnung. Er
kehrte zurck mit der Meldung: der Herr sei seit zwei Stunden abgereist. -
Sie hatte ihn auf ewig verloren! -

O, die arm' Lucie! Der schlechter Mensch, warum konnt' er ihr verlassen!
rief Nellie unter Weinen. Er hat ihr gar nix lieb gehabt.

Er hat sie sehr geliebt, entgegnete die Lehrerin und sah hinaus auf den
strmenden Regen; aber er war ein ganzer Mann, der Lucies trotzigen
Widerstand nicht lnger ertragen konnte.

Und wo ist Lucie geblieben?

Lucie? wiederholte Frulein Gssow zgernd, - ein trauriges Geschick
hat sie getroffen. Ein Jahr nach dem Geschehenen verlor die Gromutter
fast ihr ganzes Vermgen. Die Villa mute verkauft werden und Lucie, das
verwhnte und verzogene Mdchen, war gezwungen, fr die Zukunft ihr eignes
Brot zu verdienen.

Ilse sah entsetzt die Lehrerin an. Ja, ihr Brot zu verdienen, betonte
dieselbe. Das erschreckt dich, nicht wahr? Aber es wurde ihr nicht so
schwer, als sie einstmals geglaubt. Seit jenem Tage, da sie das Schwerste
erfahren, war eine Aenderung in ihrem Wesen vorgegangen. Still und ernst
ging sie einher und ihr bermtiges Lachen war verschwunden. - Sie
bereitete sich vor, Gouvernante zu werden, und als sie ihr Examen
bestanden hatte, ging sie, nachdem sie die Gromama durch den Tod
verloren, nach London. Sie wirkt dort als Lehrerin in einem Institute.

Und der Maler? Hat die arm' Lucie nie gehrt davon?

Seine Werke hat sie oft in den Galerien bewundert - er selbst blieb
verschollen.

Oh wie ein furchtbar trauriges Geschicht' ist das! rief Nellie. Es thut
mich sehr weh.

Und Ilse? Sie sa da, die Hnde gefaltet, mit gesenktem Blick. Sie war bis
in das Innerste getroffen. Wie Lucie htte auch sie gehandelt, auch sie
wrde es bis zum Aeuersten getrieben, auch sie wrde ihr Lebensglck im
trotzigen Uebermute geopfert haben. - Noch schwankte sie einen Augenblick,
wie im Kampf mit sich selber, dann aber erhob sie sich schnell und ergriff
Frulein Gssows Hand.

Ich will um Verzeihung bitten, sagte sie in leisem Tone, es war, als ob
sie sich scheue, ihre eigenen Worte zu hren.

Ueber der Lehrerin Gesicht glitt ein Freudenschimmer. Sie nahm die Reuige
in den Arm und kte sie zrtlich.

Geh' - geh', sagte sie gerhrt, und wenn je ein bser Geist wieder ber
dich kommen will, denk' an Lucies traurige Geschichte.

Zgernd und beklommen stieg Ilse die Treppe hinunter. Vor der Vorsteherin
Zimmer blieb sie stehen. Sie konnte sich nicht entschlieen, die Thr zu
ffnen. Zweimal hatte sie schon die Hand nach dem Drcker ausgestreckt und
wieder zurckgezogen. Es war so furchtbar schwer, die erste Abbitte zu
thun. Ob sie umkehre?

Einen Augenblick war sie es willens, ja, schon machte sie eine leichte
Wendung zurck, da hrte sie Frulein Gssow die Treppe herabkommen.

Sollte dieselbe sie unverrichteter Sache hier finden? Sie htte sich vor
ihr schmen mssen. Mit einem tiefen Atemzuge ffnete sie die Thr.

  [Illustration]

Die Vorsteherin sa an ihrem Schreibtische; als sie Ilse eintreten sah,
erhob sie sich.

Ilses Herz klopfte zum Zerspringen. Als sie das strenge, zrnende Auge
Frulein Raimars auf sich gerichtet sah, entsank ihr der Mut. Sie
versuchte zu sprechen, aber es war ihr unmglich, ein Wort
hervorzubringen, die Kehle erschien ihr wie zugeschnrt. Es war eine
Folterqual, die sie ausstand, und wenn jetzt der Boden unter ihren Fen
sich pltzlich geffnet und sie htte verschwinden lassen, sie wrde es
fr eine Wohlthat des Himmels angesehen haben. Aber diese Wohlthat blieb
aus, und Ilse stand noch immer wortlos vor der Vorsteherin.

Schon regte sich wieder der alte Trotz, der ihr eingab, es ruhig darauf
ankommen zu lassen und sich nicht zu beugen - da war es, als ob Lucie sie
traurig anblicke, als ob sie ihr mahnend zurief: Nicht zurck! Geh' mutig
vorwrts!

Nun Ilse? unterbrach Frulein Raimar das minutenlange Schweigen. Was
ist dein Begehr?

Ilse machte eine vergebliche Anstrengung zu sprechen und brach in ein
krampfhaftes Schluchzen aus. Abgebrochen und unverstndlich kam es von
ihren Lippen: Ver-zeih-ung!

Frulein Raimar war sehr aufgebracht ber Ilses Betragen gewesen und sie
hatte die Absicht gehabt, ihr eine derbe Lektion dafr zu geben, als sie
indes dieselbe so zerknirscht und reuevoll vor sich stehen sah, wurde sie
milder gestimmt.

Fr diesmal, sagte sie, will ich dir vergeben, ich sehe, da du dich
selbst mit Vorwrfen strafst, und da du zur vollen Erkenntnis deines
Ungehorsams gekommen bist. Bessre dich! Betrgst du dich ein zweites Mal
in hnlicher Weise, wrde ich die strengsten Maregeln ergreifen, das
heit: ich wrde dich zu deinen Eltern zurckschicken! - Ich hoffe, du
vergit dich niemals wieder, versprich mir das!

Beinah htte sie sich sofort gegen dieses Versprechen aufgelehnt und
geantwortet: Schicken lasse ich mich nicht! Dann gehe ich lieber gleich
zu meinen Eltern, - da war es wieder Lucies warnendes Beispiel, das diese
bse Antwort von ihren Lippen scheuchte.

Zgernd und noch immer schluchzend ergriff sie des Fruleins Hand. Nie -
wieder! stammelte sie.

Und Frulein Raimar war von der Wahrheit ihres Versprechens berzeugt und
hatte beinah Mitleid mit der Reumtigen. Nun geh' und beruhige dich,
sagte sie in mildem Tone, und sehe ich, da du dich besserst, wird der
heutige Tag von mir vergessen sein. -

Als Ilse die Treppe zu ihrem Zimmer wieder hinaufstieg, fhlte sie sich
leicht wie nie im Leben, es war ihr so frei und froh in der Brust, niemals
hatte sie eine hnliche Empfindung gekannt. Es war das Bewutsein, sich
selbst berwunden zu haben. -

Der Juli und August waren vorber und man befand sich in den ersten Tagen
des September. Ilse hatte sich mehr und mehr in das Pensionsleben
eingelebt und fhlte sich lngst keine Fremde mehr. An vieles, das ihr
anfangs unmglich erschien, hatte sie sich gewhnt, ja gewhnen mssen.
Wie htte sie auch vermocht, sich gegen das einmal Bestehende aufzulehnen!
Das frhe Aufstehen, das regelmige Arbeiten, die Ordnung und
Pnktlichkeit, die streng innegehalten wurden, - schwer genug hatte sie
sich in all diese Dinge gefunden, und wer wei, ob sie es berhaupt je
gethan htte, wenn Nellie nicht wie ein guter Geist ihr stets zur Seite
gestanden htte. Mit ihrer frhlichen Laune half sie der Freundin ber
manche Schwierigkeit hinweg und oft verstand sie es, durch ein Wort, ja
durch einen Blick dieselbe zu zgeln, wenn sich die alte Heftigkeit melden
wollte.

Eine heftige Szene hatte sie brigens nicht wieder herbeigefhrt. Frulein
Gssows Erzhlung war auf fruchtbaren Boden gefallen und hatte ihren
trotzigen Sinn etwas nachgiebiger gemacht.

Ueber ihre Fortschritte und Fhigkeiten herrschte unter ihren Lehrern und
Lehrerinnen eine sehr verschiedene Ansicht, wie dieses in der letzten
Konferenz recht deutlich zu Tage trat. Der Rechenlehrer und der Lehrer der
Naturgeschichte behaupteten, da Ilse ohne jede Begabung sei, da sie
weder Gedchtnis, noch Lust am Lernen besitze. Andre waren vom Gegenteile
berzeugt. Frulein Gssow, die in der Litteratur und Doktor Althoff, der
Deutsch, Geschichte und in der franzsischen Litteratur unterrichtete,
waren in jeder Beziehung mit Ilses Kenntnissen und ihren Fortschritten
zufrieden. Professor Schneider lobte ganz besonders ihren Flei und ihre
Ausdauer, die sie bei ihm entwickle, und erklrte mit aller
Entschiedenheit, wenn Ilse so fortfahre, wrde sie es mit ihrem Talente
weit bringen, sie habe in den acht Wochen, in denen sie seine Schlerin
sei, so groe Fortschritte im Zeichnen gemacht, wie nie eine andre zuvor.

Ueber dieses Lob geriet Monsieur Michael in Entzcken. Ja er verga sich
in seiner lebhaften Freude so weit, da er ausrief; Bravo, Monsieur
Schneider! So spreche auch ich, sie ist eine hochbegabte, eine
entzckende, junge Mademoiselle.

Frulein Raimar lchelte ber diese Ekstase und erkundigte sich nach Ilses
Betragen.

Da kam denn leider manches bedenkliche Kopfschtteln an den Tag. Besonders
wurde von einigen sehr gergt, da sie bei dem geringsten Tadel eine
trotzige Miene mache, da sie sogar mehrmals gewagt habe, zu
widersprechen.

Leider, leider ist dem so, besttigte die Vorsteherin, und ich habe
nicht den Mut, zu glauben, da wir sie ndern knnen. Ich frchte sogar,
da ihr zgelloser Sinn uns eines Tages eine hnliche Szene, wie die
bereits erlebte, machen wird, und was geschieht dann?

Dann geben wir sie den Eltern zurck, fiel Mi Lead lebhaft ein. Ich
glaube, da es dahin kommen wird. Ilse ist nicht nur verzogen, sie ist -
wie soll ich sagen - sehr burisch, sehr brutal, sie pat nicht in unsre
Pension.

Doktor Althoff warf der Englnderin einen etwas ironisch lchelnden Blick
zu, als wollte er sagen: Du freilich mit deinen bertriebenen, strengen
Formen hast kein Verstndnis fr das junge, frische Wesen mit seinem
natrlichen Sinn - Ich glaube, Sie irren, meine Damen, wandte er ein,
in unsrer kleinen Ilse steckt ein tchtiger Kern. Lassen Sie nur erst die
etwas rauhe Schale sich von demselben abgestoen haben und Sie werden
sehen, in welch ein liebenswrdiges, natrliches, echt weibliches Wesen
sich die burische, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}brutale Ilse{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, er betonte die letzten Worte etwas
stark, verwandeln wird. Von der Natur ist sie dazu beanlagt, glauben Sie
mir. Man mu nur nicht von der kurzen Zeit, die sie bei uns verweilt, gar
zu viel verlangen.

Mi Lead zuckte die Achseln und machte eine abweisende Miene. Frulein
Gssow dagegen sah Doktor Althoff dankbar an.

Das sage ich mit Ihnen, Herr Doktor! stimmte sie bei. Wir mssen Geduld
haben mit unsrem wilden Vogel, der bis jetzt nur die Freiheit kannte.
Fehler, die durch jahrelange, allzunachsichtige Erziehung in dem Kinde
gro gezogen wurden, knnen unmglich in wenigen Wochen vollstndig
abgestreift sein. Mir scheint, da wir schon viel erreicht haben, wenn wir
daran denken, wie wenig Arbeitstrieb Ilse mit in die Pension brachte und
wie sie jetzt gewissenhaft und sogar in manchen Fchern ihre Aufgaben sehr
trefflich anfertigt.

Frulein Gssows Behauptung war vollstndig berechtigt. Ilse war weit
strebsamer geworden, das gute Beispiel der brigen Mdchen spornte sie
mchtig an.

Anfangs war es ihr gleichgltig gewesen, ob man sie in die erste oder
zweite Klasse brachte, als sie indes die Bemerkung machte, da alle ihre
Mitschlerinnen jnger waren, als sie, da erwachte der Ehrgeiz und
zugleich ein Eifer in ihr, der sie antrieb, das Versumte nachzuholen, zu
lernen und zu arbeiten, damit sie bald in die erste Klasse komme.

Ihre Aufstze besserten sich mit jedem Mal, auch nahm sie sich sehr
zusammen, keine orthographischen Schnitzer mehr zu machen. Sie hatte allen
Respekt vor Doktor Althoff, der stets mit einem leichten Spott dergleichen
Fehler zu rgen wute.

Ihr letzter Aufsatz war der beste in der Klasse gewesen. Ein Spaziergang
durch den Wald hie das gegebene Thema und sie hatte ihre Aufgabe in
anmutiger und lebendiger Weise gelst. Sie wurde dafr gelobt, und Doktor
Althoff las ihren Aufsatz der Klasse vor, was stets als eine besondere
Auszeichnung galt. Mitten im Lesen unterbrach er sich lachend.

Da ist Ihnen ein ganz abscheulicher Irrtum passiert, Ilse, sagte er,
denn ich kann mir kaum denken, da Sie wirklich dachten, was Sie hier
niederschreiben.

Und er trat zu ihr und zeigte ihr die verhngnisvolle Stelle, die also
lautete:

Ich war eine gans, tchtige Strecke allein gegangen. - Sie errtete,
nahm schnell eine Feder und machte aus dem s ein z.

Ein andres Mal sehen Sie sich besser vor, solche Verwechselungen knnen
hchst komisch wirken. Auch mit den Kommas, Punkten u. s. w., rate ich
Ihnen weniger verschwenderisch umzugehen, oder haben Sie die Absicht, es
wie jene junge Dame zu machen, die, sobald sie eine Seite zu Ende
geschrieben hatte, ganz willkrlich die Zeichen hineinsetzte. Etwa zehn
Kommas, sieben Ausrufungszeichen, fnf Fragezeichen und neun Punkte, wie
sie gerade Lust hatte, manchmal mehr, manchmal weniger. Das gab dann
zuweilen einen tollen Sinn, Sie knnen es sich denken.

Die Mdchen lachten und Ilse mit. Ohne jede Empfindlichkeit nahm sie eine
Rge von diesem Lehrer auf, der es verstand, stets die richtige Art und
Weise zu treffen. Mit liebenswrdigem Humor, in welchen er einen ernsten
Tadel oftmals kleidete, richtete er weit mehr aus, wie mancher andre, der
in der Aufregung sich zu zornigen Worten hinreien lie.

Aber wie schwrmten auch seine Schlerinnen fr ihn! In jeder
Mdchenschule giebt es gewi einen Lehrer, der zum allgemeinen Liebling
erkoren wird, in dem Institute des Frulein Raimar hatte Doktor Althoff
das Los getroffen.

Er ist furchtbar reizend! beteuerte Melanie und schlug den Blick
schwrmerisch gen Himmel. Das bezaubernde Lcheln um seinen Mund, das
blitzende, geistvolle Auge, das schmale, vornehme Gesicht, das dunkle,
lockige Haar! Wirklich furchtbar nett! Die neugierige Grete hatte sogar
entdeckt, da Schwester Melanie in einem Medaillon, welches sie an der Uhr
befestigt trug, ein Stckchen Papier mit seinem Namen geborgen hatte. Es
war eine Unterschrift von seiner Hand, die sie unter einem frheren
Aufsatze fortgeschnitten hatte.

Flora Hopfstange besang den Gegenstand ihrer Verehrung in den
berschwenglichsten Gedichten, auch war er der Held ihrer smtlichen
Novellen und Romane. Wie zufllig verlor sie zuweilen eines ihrer
schwrmerischen Gedichte, natrlich nur in der Litteraturstunde, indessen
vergeblich. Doktor Althoff hatte noch niemals eine ihrer kostbaren
Dichterblten gefunden.

  [Illustration]

Selbst Orla teilte diese allgemeine Schwche, trotzdem sie dieselbe stets
verspottete. Lngst aber hatte sie sich verraten und das ging so zu.
Doktor Althoff trug eine Nelke in der Hand, als er die Klasse betrat und
lie dieselbe auf dem Katheder liegen. Kaum hatte er das Zimmer verlassen,
als fast smtliche Schlerinnen, wie die Stovgel auf die rote Blume
zustrzten, um sie fr sich zu gewinnen. Orla eroberte sie glcklich. Hoch
hielt sie ihre Siegestrophe in die Luft und eilte damit auf ihr Zimmer.
Vom Juwelier lie sie sich dann ein goldenes Medaillon anfertigen mit
einer russischen Inschrift darauf. Grete hatte das bald genug
herausgewittert, aber leider stand sie vor einem unlsbaren Rtsel, denn
Orla wrde ihr nimmermehr vertraut haben, da die beiden Worte ins
Deutsche bertragen hieen: Vom Angebeteten. - In diese kostbare,
goldene Hlle legte sie die Nelke und trug sie immer.

Nellie machte es am rgsten. Eines Abends, als sie mit Ilse allein auf
ihrem Zimmer war, nahm sie ein Federmesser und ritzte damit den
Anfangsbuchstaben seines Vornamens in ihren Oberarm. Mit spartanischem
Mute ertrug sie lchelnd diese schmerzhafte Operation.

Aber Nellie, wie albern bist du! rief Ilse. Warum machst du denn den
Unsinn? Wenn Herr Doktor Althoff all' eure Dummheiten erfhrt, mt ihr
euch doch schmen.

Schweig! gebot Nellie scherzhaft, du bist noch ein klein' grner
Schnabel. Du verstehst nix von heimliche Anbetung. Komm erst in der Jahre
und lerne ihr begreifen. Dein Herz lauft noch in der Kinderschuhe.

Ilse wollte sich totlachen. Ihr gesunder, urwchsiger Sinn verstand und
begriff dergleichen krankhafte Dinge nicht. Ach Nellie! rief sie
frhlich, du sprichst so weise, wie eine alte Gromama, und bist doch nur
zwei Jahr lter als ich.

Nellie war aber keineswegs wie eine Gromama, oft sogar konnte sie recht
kindlich denken und handeln, wenn es darauf ankam, irgend etwas fr ihren
Schnabel zu gewinnen.

Eines Sonntags, es war gegen Abend, stand sie am offnen Fenster in ihrem
Zimmer und blickte sehnschtig auf den Apfelbaum, dessen Frchte goldgelb
und rotwangig, hchst verlockend zwischen dem dunklen Laube hindurch
lachten.

Die schne Aepfel! rief sie aus, o, hatte ich doch gleich einer davon!
Er ist reif, Ilse, ich wei, ich kenne dieser Baum genau. Ich habe jetzt
so gro' Lust, Apfel zu speisen, und darf ihn doch nur ansehen! Sehen -
und nicht essen - es ist hart!

Ilse, die nach Nellies Muster und Angabe einen grauen Wschbeutel mit
roten Arabesken benhte, legte die Arbeit beiseite und trat zu der
Freundin.

Ja, die sind reif, sagte sie und betrachtete mit Kennermiene die Aepfel,
wir haben dieselbe Sorte daheim, das sind Augustpfel. Wenn ich doch
gleich in Moosdorf wre, dann stieg' ich in den Baum und holte welche
herunter, aber hier - - ach!

Nellie horchte auf und blickte Ilse an, die mit wehmtigem Verlangen
hinauf in den Baum sah. Pltzlich kam ihr ein guter Gedanke.

Du bist in der Baum gestiegen? fragte sie. O, Ilse, ich habe ein'
furchtbar nette Idee! - Du steigst in der Baum und holst uns von der
Apfel!

Die letzten Worte sprach sie flsternd, damit ja kein unberechtigtes Ohr
etwas erlauschte.

Ilses braune Augen leuchteten auf. Wie gern wrde ich das thun! Aber ich
darf ja nicht! Denk' nur, Nellie, wenn Frulein Raimar oder irgend jemand
anderes mich sehen wrde!

La mir nur machen, meinte Nellie und machte ein hchst listiges
Gesicht. Heut' abend, wenn Frulein Raimar und alles andre auf seines Ohr
liegt, dann erheben wir uns wieder von unsrem Lager und die mutige Ilse
wird wie eine Katz' leise aus die Fenster steigen und in der Baum
klettern. Der lieber Mond steckt sein' Latern' dazu an und leuchtet sie,
da sie die besten und groesten Apfel finden kann. Und ich geb' acht, da
nix kommt, - ich werde eine gute Spion sein.

Ilse strahlte vor Wonne. Der Gedanke war auch zu verlockend, als da sie
noch lnger Bedenken tragen sollte.

Das ist zu himmlisch! rief sie so laut, da Nellie ihr die Finger auf
den Mund legte. Ich ziehe meine Blouse und den blauen Rock dazu an und
steige hinauf in das grne Bltterdach. Es ist himmlisch, Nellie!

Und sie ergriff die Freundin am Arme und tanzte mit ihr durch das Zimmer.

O, du bist einer Engel! du kluge Ilse! Wenn wir nur erst Nacht htten!

Ilse stand schon wieder am Fenster und warf prfende Blicke in den Baum.
Siehst du, auf diesen Zweig steige ich zuerst, sagte sie ganz erregt,
und dann auf den dort, - es hngen drei herrliche Aepfel daran, - die
pflcke ich zuerst und werfe sie dir zu, - dann geht es hher hinauf bis
an Melanies und Orlas Stubenfenster, - sie lassen es immer offen stehen
des Nachts - dann stecke ich den Kopf hinein und rufe: Gute Nacht!

Ilse! rief Nellie entsetzt, du darfst der Unsinn nicht thun! Gieb dein'
Hand darauf!

Es war nur Scherz, entgegnete Ilse. Sei ohne Sorge, Nellie, ich werde
ganz artig und still sein, niemand soll von unsrem entzckenden Abenteuer
erfahren! -

Die Zeit verging den beiden Mdchen wie mit Schneckenpost. Ilse, die sich
wenig verstellen konnte, war whrend des Abendessens ganz besonders lustig
und aufgeregt.

Du siehst so unternehmend und frhlich aus, bemerkte Frulein Gssow,
hast du eine gute Nachricht aus der Heimat erhalten?

Ilse wurde rot und fhlte sich wie ertappt. Ein Glck fr sie, da die
Lehrerin ganz arglos die Bemerkung machte und gar nicht weiter auf sie
achtete, vielleicht wre ihr doch die verrterische Rte aufgefallen.

Endlich, endlich, war alles still im Hause. Die Runde durch smtliche
Schlafgemcher war gemacht, und Frulein Gssow war bereits in ihr Zimmer
zurckgekehrt.

Nellie sa in ihrem Bett und lauschte. Sie hatte unten die Thr sich
schlieen hren, wartete noch eine kleine Weile, dann erhob sie sich und
glitt wie ein Geist durch das Zimmer und lehnte sich weit zum Fenster
hinaus.

Was machst du? fragte Ilse.

Ich will sehen, ob Frulein Gssow noch Licht in sein' Schlafstube hat -
flsterte sie. Noch ist hell unten, - immer noch - -

Soll ich aufstehen? fragte Ilse.

Nein, du sollst dir ganz ruhig halten und nicht so laut sprechen. Sie hat
noch immer hell. Wie langweilig! Was sie nur anfangt! Warum geht sie nicht
in ihr Bett und macht die Auge zu.

Sie beugte sich weit zum Fenster hinaus und sah unverwandt auf die
seitwrts liegenden, noch immer erleuchteten Fenster. Im Flstertone rief
sie Ilse ihre Bemerkungen zu. Pltzlich fuhr sie schnell mit dem Kopfe
zurck und legte den Finger auf den Mund.

Sei ganz still, Ilse, rhr' dir nicht, sagte sie dann, sich auf den
Zehen zu derselben heranschleichend, sie hat eben der Kopf zum Fenster
ausgesteckt und sieht in der Mond. Beinah' hat sie mir erblickt.

Nach einem kleinen Weilchen hrte sie das Fenster schlieen und als Nellie
vorsichtig hinunter blickte, war das Licht gelscht.

Jetzt ist die groe Augenblick gekommen, wandte sie sich in pathetischem
Tone an Ilse und streckte die Hand aus, erheben Sie sich, mein Frulein,
und gehen Sie an das groes Werk!

Ilse war so aufgeregt durch den Gedanken an das nchtliche Abenteuer, da
sie gar nicht bemerkte, wie urkomisch Nellie aussah, als sie in ihrem
langen Nachtgewande, den Arm weit ausgestreckt, so vor ihr stand.

Eilig erhob sie sich und begann sich anzukleiden. Das war bald geschehen,
da das Blousenkleid, und was sie sonst noch ntig hatte, schon bereit lag.

Gegen die Stiefel erhob Nellie Einsprache. Sie sind zu unschicklich, zu
plump, du machst eine so laute Schritt, da alles aufwacht.

Ilse hrte nicht darauf. Sie hatte dieselben bereits angezogen und schlich
auf den Zehen zum Fenster hin.

Gieb mir das Krbchen, bat sie. Nellie hing ihr ein solches um den Hals,
damit sie den Arm frei behalte.

So, nun bist du reisefertig, mach' deine Sach' brav, mein Kind, sagte
sie und kte Ilse auf die Wange.

Die hrte nichts. Mit leichtem Sprunge schwang sie sich auf das
Fensterbrett und von dort stieg sie in den Baum.

Aengstlich blickte ihr Nellie nach. Aber sie hatte nicht Ursache, besorgt
zu sein. Ilse kletterte leicht und gewandt wie ein Eichktzchen trotz
ihrer schweren Stiefel. Als sie die drei bewuten Aepfel erreichen konnte,
brach sie dieselben und warf sie Nellie zu.

Da hast du eine Probe! rief sie bermtig in halblautem Tone, damit dir
die Zeit nicht lang werde, bis ich wiederkomme!

Die Frchte kollerten bis an das Ende des Zimmers zu Nellies Entsetzen.

O, was thust du! flsterte sie und erhob drohend die Finger. Die Kchin
schlft unter dieser Zimmer, soll sie von der Spektakel aufwachen?

Brbchen schlft fest, ich hre sie drauen schnarchen, gab Ilse zurck.
- Wir knnen ganz ohne Sorge sein - alles schlft - alles ist still und
dunkel. - Nun lebe wohl, Nellie, jetzt trete ich meine Reise an. Ach, es
ist kstlich hier!

Pltzlich bekam es Nellie mit der Angst. Ich zittre fr dir, sprach sie
mit bebenden Lippen, - komm wieder her, - es knnte ein Unglck sein.

Ilse lachte in sich hinein und stieg keck hher und hher. Sie war so
recht in ihrem Elemente und frei wie der Vogel in der Luft regte sie ihre
Schwingen.

Bald hatte sie die Spitze erreicht. Der Mond schien voll und klar und
zeigte ihr jeden Schritt, den sie zu machen hatte. Als sie in gleicher
Hhe mit dem Schlafgemache Orlas und der Schwestern war, konnte sie der
Versuchung nicht widerstehen, einen Blick in das Fenster zu thun.
Vorsichtig und behende balancierte sie auf dem Ast, der sie trug und
dessen grne Spitzen beinahe das eine Fenster berhrten, und sah hinein.

Ruhig, nichts ahnend lagen die Schlferinnen da, hell vom Mondlicht
beschienen.

Einen Augenblick regte sich der Uebermut in ihr. Ob sie den Mdchen einen
Schabernak spielte? Nur einmal gegen die Fensterscheibe klopfen, dachte
sie, und schon streckte sie den Finger aus dazu, - da bewegte sich Orla im
Schlafe. Unwillkrlich fuhr Ilse zurck und ihre tolle Idee blieb
unausgefhrt.

Es hingen so viel schne Aepfel rechts und links und berall, mit kleiner
Mhe htte sie in wenigen Augenblicken ihr Krbchen damit fllen knnen,
aber dazu hatte sie keine Lust, immer hher hinauf strebte ihr Verlangen,
sie hatte nun einmal die Freiheit gekostet, so schnell wollte sie dieselbe
nicht wieder aufgeben. Die Krone des Baumes war ihr Ziel, wohl eine
beschwerliche Fahrt, aber sie schreckte nicht davor zurck.

Wie ein Bube erklomm sie die manchmal schwer zu erreichenden Zweige, - ein
einziger Fehltritt und sie lag unten mit zerbrochenen Gliedern, - dieser
Gedanke kam ihr nicht in den Sinn, sie hatte daheim ganz andre tollkhne
Kletterpartien ausgefhrt und jede Furcht vor Gefahr verlernt.

Mutig ging es vorwrts. Die lauschende Nellie vernahm dann und wann ein
Knacken der Aeste, oder das Herabfallen eines Apfels. Einmal schrak sie
heftig zusammen, ein Vogel flog auf. Ilse mochte ihn in seiner Nachtruhe
gestrt haben. - Es wurde ihr recht ngstlich auf ihrem Lauscherposten,
eine Ewigkeit dnkte es ihr, da Ilse sie verlassen hatte.

Ilse! rief sie leise. Keine Antwort erfolgte. Wie war es auch mglich,
da ihr Ruf zu derselben emporgetragen wurde, die oben in der Krone stand
und die erfrischende Nachtluft mit vollen Zgen einsog.

Wie fhlte sie sich glckselig, wie frei, wie heimatlich wurde es ihr zu
Mute! Keine Fesseln drckten sie mehr, Schulzwang, Pension, Vorsteherin -
alles entschwand ihr wie in nebelweite Ferne - der Garten da unten gehrte
dem Papa, der Baum, auf dem sie war, stand vor seinem Fenster, es war der
alte Nubaum, in dessen grnem Laubwerk sie so manchmal neckend Versteck
gespielt hatte mit dem Papa, wenn er sie berall suchte, von dessen
oberster Spitze sie dann pltzlich mit einem schlichen Juchhe! ihm
antwortete.

Juchhe! Ganz in Erinnerung versunken, brach es pltzlich laut und
krftig aus ihrer Kehle hervor, da es weithin durch den Garten schallte.

Im selben Augenblicke erwachte sie aus ihrem Traume und ganz erschrocken
fuhr sie mit der Hand nach dem Mund. Was hatte sie gethan! Aber die Reue
kam jetzt zu spt, vor allem mute sie an den schnellsten Rckzug denken,
denn wie sie vermutete, so war es, ihr unvorsichtiger Ruf war im Hause
vernommen worden.

Melanie war davon erwacht und richtete sich entsetzt in ihrem Bette auf.

Grete! rief sie mit bebenden Lippen, hast du gehrt?

Ja, tnte es gedmpft zurck. Melanie, ich frchte mich tot! Sie hatte
sich die Decke ber den Kopf gezogen und erwartete mit zitternder Angst
ihr Schicksal.

Auch Orla war erwacht. Was war das? fragte sie, wo kam der laute Schrei
her? Mir war es, als ob er dicht vor meinem Bette ausgestoen wurde.

Allmchtiger Gott! schrie Melanie auf, siehst du nichts? O, ich habe
etwas furchtbar Schreckliches gesehen! Eben dort! - dicht am Fenster flog
es vorber! Ein Gespenst war es, mit fliegenden Haaren und groen,
glhenden Augen! Hu, wie es mich ansah, als ob es mich verschlingen
wollte! O, Orla - ein Gespenst - ein Gespenst!

Sie klapperte mit den Zhnen vor Furcht und Schrecken, und Orla, die
nichts gesehen hatte, sondern nur ein lautes Brechen und Knacken im Baume
vernommen, sprang mutig aus ihrem Bette, schlug ihre Steppdecke ber die
Schultern und sah zum Fenster hinaus.

Grade hatte Ilse ihre tolle Fahrt beendet. In rasender Hast und Angst
hatte sie dieselbe von der Hhe des Baumes bis zu ihrem Zimmerfenster
gemacht, und Nellie, sie erwartend, streckte ihr beide Arme, soweit sie
konnte, hilfreich entgegen. Sie war leichenbla und auer sich ber Ilses
Tollkhnheit.

Was hast du gemacht? flsterte sie, du hast uns verraten! - hast du
gehrt? Ueber uns sind sie aufgeweckt! - Orla spricht ... Wir sind
verloren!

Eilig nahm sie der am ganzen Krper zitternden Ilse, deren Hnde blutig
geritzt waren, das Krbchen ab, warf die wenigen Aepfel, die nicht
herausgefallen waren, in ihr Bett, das Krbchen hinter den Schrank, und
legte sich nieder, alles in der grten Hast.

Ilse hatte ein gleiches gethan. Ohne sich zu entkleiden, mit Stiefel und
Blousenkleid, sprang sie in ihr Bett und deckte sich bis an das Kinn zu.
Sie schlo die Augen und erwartete in Todesangst das furchtbare
Strafgericht, das ihrer wartete. -

Bei dem trgerischen Lichte des Mondes konnte Orla nicht erkennen, was
eigentlich vorging. Sie sah wohl eine Gestalt - sah ein Paar weie Arme,
die ihr fabelhaft lang erschienen, aber nur einen flchtigen Moment, dann
war die ganze Erscheinung lautlos und still wie im Nebel verschwunden.

Sie lauschte noch einige Augenblicke atemlos, aber der Spuk war vorbei -
nichts rhrte sich. Trotz ihres Mutes wurde es ihr unheimlich zu Mute. Sie
zog den Kopf zurck.

Nun? fragte Melanie, sahst du etwas?

Ja, entgegnete Orla, deutlich habe ich eine Gestalt gesehen, und ich
knnte darauf schwren, da sie von zwei langen, weien Armen in Nellies
Zimmer gezogen wurde.

Liebe, liebe Orla! bat Melanie klglich und mit gerungenen Hnden,
wecke die Leute! Wenn das Gespenst noch einmal erscheint, sterbe ich vor
Angst!

  [Illustration]

Orla ergriff die Klingelschnur, die sich dicht neben ihrem Bette befand,
und lutete. In jedem Zimmer war eine solche angebracht, fr den Fall, da
ein pltzliches Unwohlsein eine Pensionrin des Nachts befiel. Smtliche
Schnre fhrten zu einer Hauptglocke, die unten, dicht neben Frulein
Raimars Schlafzimmer angebracht war.

Laut und schrill, wie eine Sturmglocke, tnte ihr Klang, der noch niemals
die Ruhe gestrt, durch die Stille der Nacht. Nellie und Ilse erzitterten,
als ob sie ihr Sterbeglcklein hrten.

Wie mit einem Zauberschlage wurde es lebendig im Hause. Die Fenster, die
eben noch dunkel und wie trumend in den Garten geblickt hatten, erhellten
sich. Thren wurden geffnet, Stimmen laut.

Die Vorsteherin, im tiefen Negligee, ein Licht in der Hand, trat zuerst
aus ihrem Zimmer. Fast gleichzeitig erschien Frulein Gssow. Als beide
den Korridor passierten, scho Mi Lead aus ihrer Zimmerthr, ngstlich
fragend blickte sie die Damen an.

Sie war nicht gerade eine Heldin, die gute Mi, der Glockenschall war ihr
in alle Glieder gefahren. Zitternd war sie aus dem Bette gesprungen und
hatte nach ihren Kleidungsstcken gesucht. Im Dunkeln tappte sie
vergeblich darnach. Sie hatte Licht anznden wollen, aber die Schachtel
mit Streichhlzern war ihr in der Aufregung entfallen. In nervser Hast
ergriff sie einen schottischen Plaid und drapierte sich denselben wie
einen Mantel um ihre Gestalt. Ihr sprliches Haar, das sie jeden Abend
eine gute Viertelstunde kmmte und brstete, hing gelst auf ihre Schulter
herab.

Sie machte einen hchst komischen Eindruck in diesem abenteuerlichen
Kostme und die Vorsteherin gab ihr den ernstlichen Rat, sie mge sich
wieder niederlegen, aber Mi Lead wehrte dieses Ansinnen lebhaft ab.

Nein, nein! Und sie hing sich an Frulein Gssows Arm so fest, als ob
sie bei ihr Schutz und Beistand suche.

Auch mehrere Pensionrinnen waren von dem ungewohnten Lrm erwacht und
aufgestanden. Angstvoll strzten sie aus ihren Zimmern und folgten den
Lehrerinnen dicht auf dem Fue, Flora hatte sogar einen Rockzipfel der
Vorsteherin erfat.

Orla hrte Stimmen auf der Treppe und ffnete die Thr.

Ist dir oder den Schwestern etwas passiert? fragte Frulein Raimar
schnell in das Zimmer tretend.

Statt Orla antwortete Melanie: Etwas furchtbar Schreckliches haben wir
erlebt! rief sie. Ein Gespenst, ein furchtbares Gespenst haben wir
gesehen!

Du hast getrumt, sagte die Vorsteherin, es giebt keine Gespenster!

Ich sah es mit offenen Augen, Frulein! entgegnete Melanie mit voller
Ueberzeugung. Erst erwachten wir alle drei von einem furchtbar lauten
Schrei, nicht wahr, Orla! gleich darauf sauste das Gespenst hier ganz
dicht am Fenster vorbei.

Es war vielleicht ein Spitzbube, der sich Aepfel holen wollte, beruhigte
die Vorsteherin. Hast du auch etwas gesehen, Orla?

Ja, sagte sie. Ich sah zum Fenster hinaus und da schien es mir, als ob
etwas in Nellies Zimmer verschwand -

Die Pensionrinnen, sogar Mi Lead, drngten sich im dichten Knuel
ngstlich um Frulein Raimar. Gespenster - Spitzbuben! das war ja um sich
tot zu frchten. So schauerliche Dinge hatte man noch niemals in der
Pension erlebt. Flora zitterte zwar vor Furcht und Erregung, trotzdem fand
sie dieses Erlebnis hchst romantisch. Sie nahm sich vor, in ihrem
nchsten Romane dasselbe zu verwerten.

Frulein Gssow hatte kaum vernommen, da der Spuk in Nellies Zimmer
verschwunden sein solle, als sie still die Treppe hinunterstieg und sich
zu den beiden Mdchen begab. Sie ffnete die Thr und leuchtete in das
Zimmer. Ihr Blick glitt prfend durch dasselbe, es war nichts Verdchtiges
zu sehen. Die Fenster waren geschlossen und Ilse schien fest zu schlafen.

Nellie hatte sich im Bett erhoben und that ganz erstaunt beim Anblick der
Lehrerin.

O, was giebt es? fragte sie. Warum ist der Glocke gezogen? Ich habe mir
so erschreckt.

Es soll hier jemand in das Fenster bei euch gestiegen sein, antwortete
Frulein Raimar, die mit den brigen Frulein Gssow gefolgt war.

Nellie stockte der Atem vor Angst. Was sollte sie beginnen? Die Wahrheit
gestehen? Unmglich! Es wre zugleich Ilses und ihre Entlassung aus der
Pension gewesen. Und lgen? Sie wre nicht dazu im stande gewesen.
Entsetzt blickte sie die Vorsteherin an und gab keine Antwort.

Dieselbe deutete Nellies stummes Entsetzen anders und sah es fr eine
Folge des pltzlichen Schreckens an.

Nun, nun, beruhigte sie, du darfst dicht nicht weiter ngstigen. Orla
und die Schwestern wollen durchaus einen lauten Schrei gehrt haben und
Orla behauptet fest, es sei ein Gespenst vor ihrem Fenster vorbeigeflogen
und hier in eurem Zimmer verschwunden.

O, eine Gespenst! Wie furchtbar! wiederholten Nellies zitternde Lippen
und ihr blasses Gesicht - die Angst, die sich in ihren Zgen malte,
erweckten Mitleid in Frulein Raimars Herzen.

Beruhige dich nur, sagte sie, die Mdchen werden getrumt haben. Das
ganze Haus haben sie in Aufruhr gebracht. - Ich denke, wir legen uns
wieder nieder, wandte sie sich zu Frulein Gssow, es ist das beste
Mittel, die aufgeregten Gemter zur Ruhe zu bringen.

Schon im Herausgehen begriffen, fiel ihr die schlafende Ilse ein. Sie trat
an das Bett derselben und beugte sich leicht darber. Ist denn Ilse gar
nicht erwacht von dem Spektakel? fragte sie erstaunt.

Mit Todesangst verfolgte Nellie jede Bewegung der Vorsteherin. Wenn sie
sich ein wenig zur Seite wandte, wenn ihr Blick das Fuende des Bettes
streifte - dann waren sie verloren. Unter dem Deckbette - o Entsetzen! sah
eine Spitze von Ilses frchterlichem Stiefel vor.

Sie hat immer ein so fester Schlaf, brachte Nellie mhsam hervor und
pltzlich - im Augenblicke der hchsten Not kehrte ihre Geistesgegenwart
zurck.

Bitte, bitte, Frulein Gssow, sagte sie und erhob flehend die Hnde,
sehen Sie unter meines Bett, ob keine Gespenst daliegt.

Sofort lenkte sich die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf Nellie und die
Angeredete nahm wirklich das Licht und leuchtete unter das Bett. Frulein
Raimar schttelte unwillig den Kopf.

Sei nicht kindisch, Nellie, verwies sie dieselbe, du wirst in deinem
Alter doch wahrlich nicht mehr an Spukgeschichten glauben!

Und Mi Lead, die bis dahin mit den Pensionrinnen vor der ueren Thr
gestanden, trat zu ihrer Landsmnnin und schalt sie wegen ihrer
Furchtsamkeit.

Kaum hatte Nellie die sonderbar Gekleidete erblickt, als sie in ein lautes
Gelchter ausbrach. O, Mi Lead! rief sie aus. Sie haben die Aussicht
wie eine Ruberhauptmann! Seien Sie nicht bse, aber ich mu lachen! Und
die brigen Mdchen stimmten frhlich ein in das Gelchter, sie hatten bis
jetzt nicht auf die englische Lehrerin geachtet.

Mi Lead wurde hochrot vor Aerger, und die Vorsteherin gab Nellie einen
ernsten Verweis ber ihr unartiges Benehmen. Es wurde darber die
Gespenstergeschichte vergessen und Ilse nicht weiter beachtet. Oder doch?

Frulein Gssow entfernte sich, mit dem Lichte in der Hand, sehr schnell
aus der Thr - hatte sie vielleicht die unselige Stiefelspitze entdeckt?

Wir wollen Ilses Ruhe nicht stren, sagte sie, warum soll die Aermste
auch noch ermuntert werden?

Sie haben recht, wir wollen sie nicht stren. Aber sie hat einen
wunderbar festen Schlaf. Nun geht zur Ruhe, Kinder. Melanies Gespenst war
sicherlich nichts weiter, als eine Katze, die sich im Baume einen Vogel
gefangen hat. Ihr knnt ganz ohne Sorge sein, zum zweitenmal wird es nicht
wiederkehren.

Damit hatte der nchtliche Spuk sein Ende erreicht. In kurzer Zeit lag
alles wieder im tiefen Schlafe. Melanie hatte die Lampe brennen lassen, um
keinen Preis wrde sie im Dunklen geblieben sein.

Als Nellie sich vollkommen berzeugt hatte, da alles wieder still im
Hause war, da kehrte mit dem Gefhle der Sicherheit auch ihre frohe Laune
wieder. Sie suchte die Aepfel unter der Bettdecke hervor und fing an,
gemtlich zu essen, als ob nichts vorgefallen wre.

Was machst du denn? fragte Ilse, als sie das knirschende Gerusch hrte.
Sie hatte bis jetzt noch nicht gewagt, sich zu rhren, und lag wie im
Schweie gebadet da.

Ich speise Aepfel, entgegnete Nellie sorglos.

Aber, Nellie, wie kannst du das nur! rief Ilse ganz entrstet. Ich
zittre noch an allen Gliedern, mein Herz schlgt wie ein Hammer - und du
kannst essen! Wirf die Aepfel fort - sie gehren ja gar nicht uns. Ach,
Nellie, ich rgere mich ber meinen dummen Streich!

O was! sagte Nellie ruhig weiter essend, man mu thun, als ob man zu
Haus ist! Grm' dir nicht mit unntze Gedanke, zieh' dir lieber aus und
pack' deine Sache fort in deine Koffer. Du kannst ruhig schlafen, mein
Darling, morgen wei kein' Seel' von unser lustiges Abenteuer und du wirst
sehr klug sein, liebe Ilschen, und schweigen.

Ilse ging heute nicht auf Nellies scherzenden Ton ein; der Gedanke, die
Vorsteherin hintergangen zu haben, drckte sie schwer. Schweigend
entkleidete sie sich und verschlo ihre Sachen sorgfltig in den Koffer.
Dann legte sie sich nieder.

Der Schlaf aber wollte nicht kommen. Nellies regelmige Atemzge
verrieten lngst, da dieselbe sanft und s eingeschlummert war, als sie
noch immer wachend im Bette lag. Der Gedanke, wie nahe sie daran gewesen
war, entdeckt zu werden, schreckte sie immer von neuem auf. Sobald sie im
Begriffe war, einzuschlafen, fuhr sie angstvoll in die Hhe. Endlich
schlief sie ein, aber selbst im Traum qulten sie die schrecklichsten
Bilder. Bald wurde sie verfolgt, bald fiel sie vom Baume und zuletzt hatte
sie sich in einen Vogel verwandelt und eine groe Eule wollte sie
fressen. -

Frh am andern Morgen, als Frulein Raimar ihren Spaziergang durch den
Garten machte, blieb sie vor dem Apfelbaume stehen. Sie schttelte den
Kopf und rief den Grtner.

Es mssen Diebe in diesem Baume gewesen sein, Lange, sagte sie, sehen
Sie nur das viele Laub und sogar einige abgebrochene Zweige darunter. Da
liegen auch mehrere Aepfel, die sie verloren haben mgen. Machen Sie doch,
solange das Obst noch nicht abgenommen ist, fters des Nachts eine Runde
durch den Garten.

Es ist mir ein Rtsel, wie sie hereingekommen sind, bemerkte der Grtner
kopfschttelnd, die Gartenpforte war fest verschlossen. Sie mssen
geradezu ber die Mauer geklettert sein.

Wohl mglich, stimmte Frulein Raimar ihm bei, und im Weitergehen dachte
sie, da Melanie doch im Rechte gewesen sei. Freilich ein Gespenst hatte
sie nicht gesehen, wohl aber einen Spitzbuben.

Oben, am offnen Fenster, standen die beiden Mdchen und hatten jedes Wort
vernommen. Ilse war es hei und kalt dabei geworden und sie hatte sich wie
eine arme Snderin ertappt und beschmt gefhlt. Nellie dagegen lachte so
recht vergngt in sich hinein und nahm alles wie einen kstlichen Scherz
hin.

Das ist eine spaige Sach', sagte sie bermtig, ich kann mir
totlachen! Wenn sie wte, da die bse Spitzbuben mit sie unter eine Dach
wohnen. - Wie wrde sie sich staunen!

Ilse hielt ihr den Mund zu. Du darfst nicht darber lachen, Nellie,
gebot sie entschieden, ich schme mich so sehr! Spitzbuben hat uns
Frulein Raimar genannt, und das sind wir auch. Ich hatte gar nicht daran
gedacht, und das war recht dumm von mir.

Wer wird so strenge richten, kleine Weisheit, trstete Nellie. Was man
in der Mund steckt, ist kein Diebstahl, merken Sie sich das! Frulein
Raimar bekommt auch so groe Kostgeld, da bezahlen wir die paar lumpige
Apfel alle mit. - Komm, gieb mir ein Ku und sieh nicht so trbe aus, du
klein Spitzbube!

Mit Nellie war schwer streiten. Sie widerlegte so harmlos und sah so
schelmisch dabei aus, da Ilse, wenn sie auch nicht berzeugt wurde, sich
wenigstens nicht mehr so hart anklagte. Aber auf einem bestand sie. Nellie
mute ihr die Hand darauf geben, da niemals wieder ein hnlicher Streich
von ihnen ausgefhrt werden solle. - -

                                  * * *

Die Tage wurden krzer und krzer. Der Oktoberwind fuhr sausend durch die
Bume und trieb sein lustiges Spiel mit den trocknen, gelben Blttern.
Oede und verlassen lag der Garten des Instituts, denn der schne
Aufenthalt im Freien hatte so ziemlich ein Ende, die Mdchen waren mehr
und mehr auf die Zimmer angewiesen.

In den Wochentagen empfanden sie das kaum, aber an den
Sonntagnachmittagen, die sie gewohnt waren, im Garten zu verleben, da
fhlten sie sich doppelt eingeengt. In den Zimmern war es so dumpf, so
langweilig; so war Ilses Ansicht. Man konnte doch nicht immer Briefe
schreiben, oder nhen. Sich die Zeit verkrzen mit Romanschreiben, das
konnte nur Flora, die denn auch den innigen Wunsch hatte, die
Sonntagnachmittage mchten ewig dauern.

  [Illustration]

Ich komme heute auf euer Zimmer, sagte sie eines Sonntagmorgens zu den
Freundinnen. Ich werde euch meine neueste Novelle vorlesen, natrlich nur
den Anfang und den Schlu, das andre habe ich noch nicht geschrieben, ich
mache es immer so. Ich sage euch, ihr werdet entzckt sein, Kinder! Ich
selbst fhle, wie entzckend mein neuestes Werk mir gelungen ist!

Nellie lchelte. Wie ich mir auf dieser neue Werk freue! sprach sie
neckend. Immer nur die Anfangs und die Endes macht Flora. Die langweilige
Mitte lat sie aus! O, sie ist ein groer Dichter!

Flora war heute gar nicht empfindlich, sie that, als hre sie Nellies
Neckereien nicht.

Also auf heute nachmittag! sagte sie und drckte Ilse die Hand.

Nach der Kaffeestunde begleitete sie denn auch die beiden Mdchen auf ihr
Zimmer, und nachdem alle drei am Fenster Platz genommen hatten, zog sie
mit wichtiger Miene mehrere lose Bltter aus ihrer Kleidertasche hervor.

Fang doch an dein' Novelle, warum besinnst du dir? fragte Nellie, als
Flora ein Blatt nach dem andern ansah und wieder beiseite legte.

Entschuldigt einen Augenblick, entgegnete Flora, das ist mir alles so
durcheinandergekommen. - Seite 5-10-11-3- zhlte sie. Halt! hier ist
Blatt I. So, nun will ich beginnen! - Und Nellie, thue mir den einzigen
Gefallen, unterbrich mich nicht fortwhrend mit deinen witzigen Einfllen,
du schwchst wirklich den ganzen Eindruck damit. - Nun hrt zu. Meine
Novelle heit:

                          _Ein Schmerzensopfer._

Das Meer brauste und der Sturm tobte. - Weie Mwen flogen krchzend
darber hinweg. - Der Mond lugte dann und wann zwischen zerrissenen Wolken
hervor - traurig - einsam. - -

Da schaukelt ein kleines Schiff auf den hohen Wogen und nhert sich dem
Strande. Ein junges Mdchen sitzt allein darin. Leichtfig schwingt sie
sich aus dem Schiff und setzt sich auf ein Felsstck, das von den Wellen
des Meeres umsplt wird und hart am Strande liegt.

Tief seufzt sie auf und ihre groen Vergimeinnichtaugen fllen sich mit
Thrnen.

  [Illustration]

{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Was soll ich beginnen?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} flten ihre Lippen und in ihrem sen
Blumenangesichte drckt sich ein schmerzliches Entsagen aus. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Er liebt
mich - und ich ihn! Aber Aurora liebt ihn auch und sie ist meine geliebte
Schwester! Kann ich sie leiden sehen? - Nein - nimmermehr! Und sollte ich
darber an gebrochenem Herzen sterben!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}

Sie seufzte tief. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}O sterben! Aber ich fhl's, ich werde nicht sterben -
mein Herz wird nicht brechen, - es wird weiter schlagen, - - wenn es auch
besser wre, das zhe Ding stnde zur rechten Zeit fr ewig still!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} - -

Hier machte Flora eine kleine Pause und Nellie konnte es nicht
unterlassen, sie zu unterbrechen.

O wie furchtbar traurig! rief sie aus, das arme Blumenangesicht mit die
Vergimeinnichtsauge und das zhe Herz! Wo ist sie denn hergekommen auf
ihres kleines Schiff, - so allein auf die brausende Meer?

Und sie lachte mit ihren Schelmengrbchen so herzlich ber Floras Unsinn,
da ihr die Thrnen in die Augen traten.

Wie abscheulich von dir, Nellie, fuhr Flora sehr erzrnt auf, da du
mich so unterbrichst! Wenn nur ein Funken Poesie in deinem Busen
schlummerte, wrdest du meine Werke verstehen. Aber du bist nchtern vom
Scheitel bis zur Sohle!

O, o! lachte Nellie ausgelassen, o, wie komisch bist du, Flora! Lies
nur weiter dein {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Schmerzensopfer{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, ich will nun artig hren und kein Laut
mehr lachen.

Aber Flora nahm schmollend ihre Bltter zusammen. Das heit, es war ihr
nicht so recht Ernst damit, denn als auch Ilse sich aufs Bitten legte, sie
mge doch nun auch den Schlu ihrer Novelle vorlesen, da lie sie sich
erweichen. Schon hatte sie die Lippen geffnet, um fortzufahren, da wurde
sie unterbrochen durch Melanies hastigen Eintritt.

Kinder! rief diese aufgeregt, es ist etwas furchtbar Interessantes
passiert! Denkt euch, eben ist eine hchst elegante Dame vorgefahren mit
einem reizend netten, kleinen Mdchen. Frulein Raimar empfing sie schon
an der Thr und Orla hat deutlich gehrt wie sie sagte: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Sie bringen das
Kind selbst, gndige Frau!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} - Es bleibt also hier in der Pension, und wir
haben nichts davon gewut! Warum wird nun die ganze Geschichte so
furchtbar geheimnisvoll gemacht? Wir haben doch stets gewut, wenn eine
neue Pensionrin ankam! Ich finde das, aufrichtig gesagt, klassisch! -

Die Mdchen horchten erstaunt auf und selbst Flora verga das Weiterlesen.
Welch eine Bewandtnis hatte es mit dem kleinen Mdchen, das so pltzlich
hereingeschneit kam?

O, welch eine klassische Geschichte! rief Nellie. Kommt, wir wollen
gleich die fremde Dame mit ihres Kind uns ansehen!

Und sie eilten die Treppe hinunter mit einer Hast und Neugierde, als ob
ein neues Wunder aufgegangen sei, Nellie den andern immer voran, sie mute
die erste sein, die dasselbe in Augenschein nahm.

Es war aber gar nichts zu sehen, denn vorlufig verweilten die Fremden in
Frulein Raimars Zimmer. Indessen der Wagen hielt noch auf der Strae und
Nellie schlo daraus, da die Dame sich nicht allzulange aufhalten werde.

Sehen mssen wir ihr, sagte Nellie, kommt, wir stellen uns an der
groen Glasthr im Speisesalon und warten, bis sie kommt.

Als sie dort eintraten, fanden sie bereits die Thr belagert. Es gab noch
andre Neugierige in der Pension.

Ihr kommt zu spt! rief Grete, die natrlich den besten Platz hatte.
Dahinten knnt ihr nichts sehen!

Nellie aber wute sich zu helfen. Sie zog einen Stuhl heran und stellte
sich darauf. Ilse natrlich kletterte ihr nach.

Die Geduld der Mdchen wurde auf eine harte Probe gestellt, wohl eine gute
halbe Stunde muten sie noch warten, bevor die Erwartete erschien. -
Langsam und lebhaft sprechend ging sie mit der Vorsteherin an den
Lauschenden vorber. Zum Glck war es bereits dmmerig und die Damen waren
so in der Unterhaltung begriffen, da sie nicht auf die vielen
Mdchenkpfe hinter der Glasthr achteten, Frulein Raimar wrde die
kindische Neugierde ernstlich gergt haben.

O, wie sie hbsch ist! bemerkte Nellie halblaut.

Sei doch still, Nellie, gebot Orla, die das Ohr dicht an der Thr hielt,
um einige Worte zu erlauschen.

Was sagt sie? fragte Flora, ich glaube, sie spricht franzsisch.

Nein, italienisch, behauptete Melanie, die nmlich seit einigen Tagen
angefangen hatte, diese Sprache zu treiben.

Sie spricht deutsch, erklrte Grete. Eben hat sie gesagt: Meine kleine
Lilli.

Gott bewahre, was du gehrt hast! widerstritt Orla, sie spricht
englisch.

O, eine Landsmann von mir! rief Nellie laut und erfreut.

Ueber diese drollige Bemerkung kam Annemie in das Lachen. Orla wurde ganz
bse darber und hielt ihr den Mund zu.

Frulein Raimar ist ja noch im Korridor mit der Dame, flsterte sie,
wenn sie sich umsieht, sind wir blamiert.

In diesem Augenblicke kam von der andern Seite des Korridors Rosi Mller.
Erstaunt sah sie auf die Belagerung der Glasthr. Die Mdchen muten
zurcktreten, um sie einzulassen.

Wie knnt ihr euch nur so kindisch benehmen, sagte sie sanft und
vorwurfsvoll. Ich begreife eure Neugierde nicht.

Du bist auch unsre {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Artige{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, meinte Grete.

Rosi berhrte diese vorlaute Bemerkung. Kommt, setzen wir uns an die
Tafel mit unsren Handarbeiten, fuhr sie fort, als das Gas angezndet war,
wir haben die Erzhlung von Ottilie Wildermuth noch nicht zu Ende gehrt.
Willst du heute vorlesen, Orla?

Aber es kam nicht dazu. Gerade als Orla beginnen wollte, trat Frulein
Gssow mit der kleinen Lilli an der Hand ein.

Sofort sprangen die Mdchen von ihren Pltzen auf und umringten dieselbe.

Sieh', Lilli, sagte die junge Lehrerin, nun kannst du gleich deine
zuknftigen Freundinnen kennen lernen.

Die Kleine schttelte den Kopf. Die Madel sind schon so gro, antwortete
sie im sddeutschen Dialekt und ohne Befangenheit, die knnen doch nit
meine Freundinnen sein!

Nellie fand gleich einen Ausweg, sie kniete sich zu dem Kinde nieder und
sagte: Jetzt bin ich ein klein Madel wie du und du kannst mit mich
spielen.

Lilli lachte. Nein, du bist gro, sagte sie, aber du gefallst mir. Und
du auch, wandte sie sich zu Ilse, die neben Nellie stand. Du hast halt
so schne Lockerl wie ich. Weit, du sollst meine Freundin sein, mit dir
will ich spielen.

Sie ergriff Ilses Hand und sah dieselbe mit ihren groen Augen treuherzig
an. Das junge Mdchen war ganz entzckt von der Zutraulichkeit der Kleinen
und kte und liebkoste sie.

Natrlich waren smtliche Pensionrinnen ganz hingerissen von dem Kinde,
das wie eine zarte Elfe in ihrer Mitte stand. Lange blonde Locken fielen
ihm ber die Schulter herab und die schwarzen Augen mit den
feingeschnittenen, dunklen Augenbrauen darber bildeten einen wunderbaren
Kontrast zu denselben. Das gestickte, sehr kurze weie Kleidchen lie Hals
und Arme frei. Eine hochrote, seidene Schrpe vervollstndigte den hchst
eleganten Anzug.

O du ses, entzckendes Geschpfchen! Du Engelsbild! Kleine Fee! und
mit hnlichen berschwenglichen Ausdrcken berschtteten die
Pensionrinnen das Kind. Frulein Raimar war unbemerkt eingetreten und
hrte diese Ausrufe kopfschttelnd an.

Sie trat in den Kreis und nahm Lilli bei der Hand. Komm, sagte sie zu
ihr, du sollst erst umgekleidet werden. Du mchtest dich erklten in dem
leichten Anzuge.

Bitt' schn, la mich hier, Frulein, bat das Kind. Ich hab' gar nit
kalt. Schau, ich geh' halt immer so. Die Madel sind so gut, es gefallt mir
hier!

Frulein Raimar lie sich nicht erbitten. Komm nur, Kind, sagte sie
gtig, du wirst die Mdchen alle wiedersehen zum Abendessen.

Die abgeschlagene Bitte verstimmte Lilli nicht. La Ilse mit mir gehen,
Frulein, bat sie.

Dieser Wunsch wurde ihr erfllt. Als Ilse mit dem Kinde das Zimmer
verlassen hatte, wandte sich die Vorsteherin mit ernsten, ermahnenden
Worten an ihre Zglinge.

Ich bitte euch, in Zukunft Lilli nicht wieder so groe Schmeicheleien in
das Gesicht zu sagen. Wollt ihr sie eitel und oberflchlich machen? Sie
ist ein sehr schnes Kind und wird bereits manche Aeuerung hierber
gehrt haben, es giebt ja unvernnftige Leute genug. Wir wollen nicht in
diesen Fehler verfallen, und ich denke, ihr werdet mir beistehen und in
Zukunft vorsichtiger sein. - Lilli bleibt bei uns. Ich hatte noch nichts
davon zu euch gesprochen, weil ihr Eintritt in die Pension noch nicht fest
beschlossen war.

Wo wohnen Lillis Eltern? fragte Flora.

In Wien, entgegnete das Frulein. Der Vater ist tot und die Mutter ist
eine bedeutende Schauspielerin. Weil sie sich in ihrem Berufe wenig um die
Erziehung ihres Kindes kmmern kann, hat sie es in eine Pension gegeben.

Lillis Mutter ist ein schnes Frau, bemerkte Nellie.

Wo hast du sie gesehen? fragte die Vorsteherin etwas erstaunt.

O, ich habe ihr vorbeigehen sehen, entgegnete Nellie leicht errtend.

Sie konnte leider nicht lnger verweilen, wandte sich Frulein Raimar an
die junge Lehrerin, mit dem Schnellzuge fhrt sie heute abend wieder
fort.

Die jungen Mdchen hatten die Damen dicht umringt und horchten auf jedes
Wort. Sie htten so furchtbar gern recht Ausfhrliches ber Lillis
Mutter erfahren, die als bedeutende Schauspielerin ihre Gemter lebhaft
erregte und interessierte. Aber sie erfuhren nichts. Das Gesprch wurde
abgebrochen und Frulein Raimar fhrte die Wibegierigen recht unsanft in
die Wirklichkeit zurck.

Wer hat den Tisch zu besorgen? fragte sie. Es ist Zeit, da wir den
Thee einnehmen.

Ilse und Flora hatten heute dieses Amt. Letztere verlie sofort das
Zimmer, um kurze Zeit darauf mit Ilse zurckzukehren. Jede trug einen Sto
Teller, welchen sie auf einen Seitentisch stellten. Sie legten die
Tischtcher auf und fingen an, die Tafel zu decken.

Vor wenigen Monaten hatte Ilse es fr eine Unmglichkeit gehalten, da sie
je eine solche Beschftigung thun wrde, - heute stand sie da in ihrer
rosa Latzschrze und besorgte alles so geschickt und manierlich wie irgend
eine andre Pensionrin.

Manierlich und geschickt war sie freilich nicht immer gewesen und es hatte
manche Mhe gekostet, ehe sie es so weit gebracht, bis sie berhaupt sich
berwunden hatte, Dienstbotenarbeiten zu verrichten. Die gutmtige
Wirtschafterin konnte manches Lied ber Ilses Widerspenstigkeit singen,
manche unartige Antwort hatte sie derselben zu verzeihen.

Einmal, als sie einen Teller mit Butterschnitten fallen lie und auch noch
den Milchtopf umgestoen hatte, ermahnte sie die Wirtschafterin,
vorsichtiger zu sein.

Nein, hatte sie trotzig geantwortet, ich will nicht vorsichtiger sein,
solche Arbeit brauche ich nicht zu thun.

Aber sie nahm sich das nchste Mal doch mehr in acht, es war am Ende kein
sehr angenehmes Gefhl, von allen ausgelacht zu werden. Auch bemerkte sie,
da keine der Pensionrinnen, selbst die ungrazise Grete nicht, sich so
einfltig benahm wie sie, die meisten verrichteten die kleinen huslichen
Geschfte mit Anmut und besonders mit einem freundlichen Gesichte, -
sollte sie die einzig Dumme unter allen sein?

Lilli erhielt ihren Tischplatz zwischen der Vorsteherin und Ilse. Whrend
der Mahlzeit belustigte sie die ganze Gesellschaft. Sie plauderte ganz
unbefangen, gar nicht schchtern und blde. Das macht, bemerkte Flora,
weil sie unter Knstlern gro geworden ist.

Du, Frulein, gieb mir noch a Gipferl, bitt' schn. Ich hab' halt so
groen Hunger, rief sie ungeniert. Und als Frulein Gssow fragte,
welches ihre Lieblingsgerichte seien, meinte sie: Wianer Wrstl und
Sauerkraut.

Aber eine Mehlspeise wirst du doch lieber essen, meinte Frulein Raimar.

O nein! Mehlspeis' e i gar nit gern - aber a gro Stckerl Rindfleisch
mit Gems - das mag i!

Alles lachte. Selbst die Vorsteherin stimmte ein. Wer htte auch nicht mit
Vergngen dem Geplauder der Kleinen zuhren sollen!

Mit Lilli war ein andres Leben in die Pension gekommen. Alles drehte sich
um sie, jeder wollte ihr Freude machen. Und wenn die Mdchen auch
vermieden, ihr Schmeicheleien in das Gesicht zu sagen, so waren doch alle
bemht, ihr den Hof zu machen. Am glcklichsten waren sie, wenn Lilli sich
herablie, ein kleines Volkslied zu singen. Ich sage herablie, denn wenn
sie nicht aufgelegt war, lie sie sich durch keine Bitten dazu bewegen. -
Flora geriet jedesmal in Verzckung, prophezeite Lilli eine groe Zukunft
und schwur darauf, da sie einst mit ihrer vollen, weichen Stimme ein
Stern erster Gre am Theaterhimmel sein werde.

Voll und weich war die Stimme nicht, Flora blickte einmal wieder durch
ihre romantische Brille, aber es klang weh und traurig, wenn das Kind mit
so ernsthafter Miene dastand und sang.

Sie ist furchtbar s! lispelte Melanie, als Lilli zum erstenmal {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Kommt
a Vogerl geflogen{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} vortrug. Sieh nur, Flora, wie melancholisch sie die
Augen in die Ferne richtet.

Ja, melancholisch, wiederholte Flora langsam und pathetisch, du hast
recht. Weit du, Melanie, es liegt so etwas Geheimnisvolles -
Traumverlorenes in ihren samtnen, dunklen Mignonaugen, so etwas, das sagen
mchte: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Du fade Welt, ich passe nicht fr dich.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}

Denn es kmmert sich ka Katzerl - ka Hunderl um mi, schlo Lilli ihr
Liedchen.

O wie reizend! rief Nellie und klatschte in die Hnde.

Wie kann man diese Worte reizend finden! rief Flora entrstet. Traurig
- dster - das ist der rechte Ausdruck dafr. Ein einsames, verlassenes
Herz hat sie empfunden und welche Folterqualen mag es dabei erlitten
haben.

O, das Herz ist eine sehr zhe Ding, und doch wr' es manchmal besser,
deklamierte Nellie mit komischem Pathos, aber sie kam nicht weiter. Flora
hielt ihr den Mund zu.

Du bist schndlich - ganz abscheulich! rief sie, nie, nie wieder weihe
ich dich in meine geheimsten Gedanken ein! Wie kannst du mein Vertrauen so
mibrauchen?

                                  * * *

Weihnachten rckte heran und fleiig rhrten sich aller Hnde. Da wurde
genht, gestickt, gezeichnet, Klavierstcke wurden eingebt, um die Eltern
oder die Angehrigen liebevoll zu berraschen.

Ilse hatte noch niemals den Vater oder die Mutter mit einer Arbeit
erfreut. Zuweilen hatte sie eine kleine Arbeit angefangen, auf dringendes
Zureden ihrer Gouvernanten, aber sie war nicht weit damit gekommen. Sie
habe einmal kein Geschick dazu, behauptete sie, und dachte nicht daran,
da es ihr nur einfach an Geduld und Ausdauer mangele.

Was willst du deine Eltern geben? fragte Nellie, die eifrig dabei war,
einen sterbenden Hirsch in Kreide zu zeichnen, er sollte ein Geschenk fr
den Onkel in London werden, der sie im Institute ausbilden lie.

Ich habe noch nicht daran gedacht, entgegnete Ilse. Meinst du, Nellie,
fgte sie nach einigem Besinnen hinzu, da die Rose, die ich jetzt
zeichne, dem Papa Freude machen wrde?

O sicher! Aber du mut sehr fleiig sein, mein klein' Ilschen, sonst wird
die liebe Christfest kommen und du bist noch lang nicht fertig. Und was
willst du deine Mutter geben? fragte Nellie.

Meiner Mama? Sie dehnte ihre Frage etwas in die Lnge. Ich werde ihr
etwas kaufen, sagte sie dann so obenhin.

Nellie war nicht damit zufrieden. Kaufen, das macht keine Freude!
tadelte sie. Warum wollen deine Finger faul sein?

Nellie hat recht, mischte sich Rosi in das Gesprch, die neben Ilse sa
und an einer altdeutschen Decke arbeitete. Deine Mama wird wenig Freude
an einem gekauften Gegenstand haben.

Ich bin zu ungeschickt, gestand Ilse offen.

Wir werden dir helfen und dir alles gern zeigen, versprach Rosi. Und
Frulein Gssow, die grade hinzutrat, benahm Ilse den letzten Zweifel.

Du kannst ein gleiches Nhkrbchen, wie Annemie anfertigt, arbeiten, ich
wei bestimmt, es wird dir gelingen.

Und es gelang wirklich, ja weit besser, als Ilse sich selbst zugetraut.
Sie hatte eine kindliche Freude, als das Krbchen so wohlgelungen in acht
Tagen fix und fertig vor ihr stand.

Es sind noch vierzehn Tage bis Weihnachten, sagte sie zu Rosi, und ich
mchte noch etwas arbeiten, fr Frulein Gssow und Frulein Raimar.

Und fr meine Lori, bitt' schn, meine gute Ilse! bettelte Lilli, die
gewhnlich an den Mittwochnachmittagen im Arbeitssaale zugegen war und
dann ihren Platz dicht bei Ilse whlte, die sie, wie sie sich ausdrckte,
zum aufessen liebte. Mein' Lori mu halt a neues Kleiderl haben, fuhr
sie fort und hielt ihre Puppe in die Hhe, bescher' ihr eins zum heil'gen
Christ. Schau, das alte da ist ja schlecht!

Natrlich versprach Ilse, ihr diesen Herzenswunsch zu erfllen, und zur
Besiegelung drckte sie dem kleinen Liebling einen Ku auf die roten
Lippen.

Ich habe eine famose Idee! (famos war seit kurzer Zeit Modewort im
Institute) rief Ilse am Abend desselben Tages aus, als sie mit Nellie
allein war. Ich kaufe fr Lilli eine neue Puppe und kleide sie selbst an.
Was meinst du dazu?

O, das ist wirklich ein famos Gedanke, entgegnete Nellie, aber lieb
Kind, hast du auch an der viele Geld gedacht, die so ein' Puppe mit ihrer
Siebensachen kostet? Wie steht's mit dein' Kasse?

O, das hat keine Not, ich habe sehr viel Geld! versicherte Ilse sehr
bestimmt. Und sie nahm ihr Portemonnaie aus der Kommode und zhlte ihre
Schtze.

Zwlf Mark, sagte sie, das ist mehr, als ich brauche, nicht?

Sie sind ein sehr schlecht' Rechenmeister, mein Frulein, ri Nellie sie
unbarmherzig aus ihrer Illusion, ich mein', Sie reichen lang' nicht aus.

Ilse sah die Freundin zweifelnd an. Du scherzest, meinte sie, zwlf
Mark ist doch furchtbar viel Geld?

Reicht lang nicht! wiederholte Nellie unerbittlich, hr zu, ich will
dir vorrechnen:

      1) Ein Nhtischdecken fr Frulein Raimar macht vier Mark,
      2) ein Arbeitstaschen fr Frulein Gssow macht drei Mark,
      3) eine schne Geschenk fr die liebe Nellie und all die andren
      junge Frulein - macht - sehr viele Mark.

Wo willst du Geld zu der Puppen nehmen?

Ach, fiel Ilse ihr ins Wort, und unser Kutscher daheim und seine drei
Kinder! - daran habe ich noch gar nicht gedacht!

Sie machte ein recht betrbtes Gesicht, denn sie hatte es sich gar zu
reizend ausgedacht, wie sie Lilli berraschen wollte. Nun konnte es nichts
werden.

Nachdenklich sa sie einige Augenblicke, dann leuchteten pltzlich ihre
Augen freudig auf.

Halt! rief sie aus, ich wei etwas! Heute abend schreibe ich an Papa
und bitte ihn, mir Geld zu schicken. Er thut es, ich wei es ganz
bestimmt. Mein Papa ist ja ein zu reizender Papa!

Und dein' Mutter? fragte Nellie, ist sie nicht auch ein' sehr gtiger
Frau? Wie macht sie dich immer Freude mit die viel' schne Sachen, die sie
an dir schickt. Freust du dir sehr auf Weihnachten? Ja? Es ist doch schn,
die lieben Eltern wieder sehen.

Ilse zgerte mit der Antwort. Es fiel ihr ein, wie sie im Sommer ihrem
Vater entschieden erklrt hatte, zum Christfest nicht in die Heimat zu
reisen. Ihr Sinn hatte sich nicht gendert. Noch hatte sie den Groll gegen
die Mutter nicht berwunden. Trotzdem sie sich sagen mute und zuweilen
auch ganz heimlich eingestand, wie ntig fr ihr Wissen und ihre
Ausbildung der Aufenthalt in einer tchtigen Pension war, so hielt sie
immer noch an dem Gedanken fest: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Sie hat mich fortgeschickt.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}

Ich werde hier bleiben, sagte sie, ich will das Weihnachtsfest mit euch
verleben.

Das ist famos! rief Nellie entzckt, ich freue mir furchtbar, da du
nicht fortreisen willst! All unsre Freunde reisen auch nicht, und es ist
so schn hier, die heilige Christ. - Alles bekommt eine groe Kiste von
Haus, mit allen Bescherung und Schokolad' und Marzipan! - und die
Christabend wird jede Kiste aufgenagelt, und ich helfe auspacken bald der
eine, bald der andre.

Erhltst du keine Kiste? fragte Ilse.

Du weit ja - ich hab' kein' Eltern - wer sollte mir beschenken?

Gar, gar nichts bekommst du?

Ilse konnte es nicht fassen.

Zu Neujahr schenkt mein Onkel fr mir Geld, da kaufe ich mir, was ich
notwendig habe.

Ilse sah die Freundin schweigend an. Am Abend aber schrieb sie einen
langen Brief in die Heimat, worin sie zuerst ihren Entschlu mitteilte,
da sie die Weihnachtstage mit den Freundinnen feiern mchte. Dann ging
sie zu dem Geldmangel ber und schilderte dem Papa mit vielen zrtlichen
Schmeichelnamen ihre Not, und zuletzt gedachte sie mit warmen Worten
Nellies. - Noch eine dringende Bitte habe ich zum Schlusse, fuhr sie in
ihrem Briefe fort, an Dich, Mama, wollte sie schreiben, aber sie besann
sich und schrieb: an Euch, liebe Eltern. Meine Freundin Nellie ist
nmlich die einzige in der Pension, die keine Weihnachtskiste erhalten
wird. Sie ist eine Waise und steht ganz allein in der Welt. Ihr Onkel in
London lt sie zu einer Gouvernante ausbilden. Ist das nicht furchtbar
traurig? Ach! und die arme Nellie ist noch so jung und immer so frhlich,
ich kann mir gar nicht denken, da sie eine Gouvernante wird! Es ist doch
schrecklich, wenn man kein liebes Vaterhaus hat! - Nun wollt' ich Euch
recht von Herzen bitten, Ihr mchtet die Geschenke, die Ihr mir zugedacht
habt, zwischen mir und meiner Nellie teilen und zwei Kisten daraus machen.
Bitte, bitte! Ihr schenkt mir stets so viel, da ich doch immer noch genug
habe, wenn es auch nur die Hlfte ist. Ich wrde gewi keine rechte Freude
am heiligen Abend haben, wenn Nellie gar nichts auszupacken htte.

Ihr hattet mir Erlaubnis gegeben, an den Tanzstunden nach Weihnachten
teilnehmen zu drfen, und du, liebe Mama, versprachst mir ein neues Kleid
dazu, kaufe mir keins, mein blaues ist noch sehr gut und ich komme damit
aus. Schenkt Nellie dafr etwas - bitte, bitte!

  [Illustration]

Mit diesem _heien_ Wunsche umarmt Euch

                                                                     Eure
                                                            dankbare Ilse.

_N. S._ Das Geld schicke nur recht bald, einziges Papachen, ich habe es
furchtbar ntig.

Umgehend erhielt denn auch Ilse das Gewnschte. Der zrtliche Papa hatte
in seiner Freude ber die Herzensgte seines Kindes eine groe Summe
schicken wollen, Frau Anne hielt ihn davon zurck. Sie stellte ihm vor,
da es fr Ilse weit besser sei, wenn sie mit geringen Mitteln sich
einrichten lerne und stets gengsam bleibe.

Ihr Wunsch, Weihnachten nicht in die Heimat zu kommen, wurde gern erfllt,
der Papa schrieb sogar, er lobe ihren verstndigen Entschlu. Die weite
Reise war im Winter nicht ratsam. Freilich werde er seinen Wildfang
schmerzlich vermissen und es werde der Mama und ihm recht einsam sein,
aber er wolle sich mit dem Gedanken trsten, da das nchste Christfest
desto schner ausfallen werde. -

Beinah krnkte sie diese bereitwillige Zustimmung, indes sie kam zu keinem
Nachdenken darber, der Brieftrger kam und brachte ihr dreiig Mark.

Dreiig Mark! jubelte Ilse. Nellie, nun sind wir reich! - Komm, la uns
gleich gehen und unsre Einkufe machen, ich kann die Zeit nicht erwarten.

O nein, Kind, entgegnete Nellie bedchtig, erst mssen wir ein langer
Zettel aufschreiben mit alle Sachen, die wir kaufen werden. Wir mssen
doch rechnen, was sie kosten.

Daran hatte die lebhafte Ilse gar nicht gedacht. Ohne zu berlegen, wrde
sie blind drauf los gekauft und am Ende wieder nicht gereicht haben.

Die beiden Mdchen machten sich nun daran, eine Liste aufzusetzen. Die
ntigen Geschenke wurden aufgeschrieben und von der praktischen Nellie der
ungefhre Preis dahinter gesetzt. Als Ilse fr die Kinder des Kutscher
Johann ebenfalls Sachen zu kaufen aufschrieb, rief Nellie:

Halt! Du kannst von deine alte Sachen die Kutschermdchen schenken, dann
sparen wir Geld.

Ich habe nichts, meinte Ilse, kaufen geht schneller.

Nellie hatte sich bereits daran gemacht, in Ilses Kommode und auch im
Schranke nachzusehen, um sich zu berzeugen, ob sie nichts fnde.

Man mu sparen und nicht seine Geld aus die Fenster schmeien.

Und siehe da, es fand sich allerhand unter Ilses alten Sachen. Schrzen,
die sie nicht mehr trug, ein Kleid, das ihr zu eng und zu kurz geworden
war, und zuletzt noch das vorjhrige Pelzzeug, welches die gtigen Eltern
durch neues, weit kostbareres ersetzt hatten.

Siehst du, Verschwender! triumphierte Nellie. Du weit nicht deine
groe Schatze. Nun kaufen wir fr dein' Kutscher ein Paar warme Handschuh
und fertig ist die ganze Kutschergesellschaft.

Die wenigen Wochen bis zum heiligen Abend vergingen in rasender Schnelle.
Nellie und Ilse hatten neben so mancherlei andern Arbeiten auch noch die
neue Puppe anzukleiden. Das war fr Ilse eine schwere Aufgabe, und ohne
ihre geschickte Freundin wre sie niemals damit zu stande gekommen.

Wie geschickt du bist, Nellie, sagte Ilse, als diese der Puppe das
schottische Kleid anprobierte, das hast du doch geradezu klassisch
gemacht. Ich htte es wirklich nicht fertig gebracht.

Aber hast du niemals ein Kleid fr dein' Puppen genht - oder eine Hut -
oder ein Mantel?

Nein, antwortete Ilse aufrichtig, niemals! Ich habe an den toten
Dingern mein Lebtag keine Freude gehabt. Viel lieber habe ich mit den
Hunden gespielt.

Da ist kein Wunder, wenn du ein klein', dumm' Ding geblieben bist! Deine
Hunde brauchen kein Kleid, lachte Nellie. Nun mut du auf dein' alt'
Tage nhen lernen, siehst du.

Ilse lachte frhlich mit und bemhte sich, das weie Batistschrzchen fr
die Puppe, an welchem sie rings herum Spitzen setzte, recht sauber und
nett fertig zu bringen. - Einen Tag vor der Bescherung erhielten die
erwachsenen Mdchen, denen es Vergngen machte, die Erlaubnis, die schne,
groe Tanne auszuputzen. Das war ein Fest und fr Ilse ganz und gar neu.
Niemals hatte sie sich bis dahin selbst damit befat, und sie kannte es
nicht anders, als da am Weihnachtsabend ein mit vielem kostbaren
Zuckerwerk behangener Baum ihr hell entgegengestrahlt hatte, - hier lernte
sie kennen, da auch ohne Zuckerwerk derselbe herrlich zu schmcken war.

Nach dem Abendbrot, als die jngeren Mdchen und auch die Englnderinnen,
die kein Verstndnis fr das harmlose Vergngen hatten, zu Bett gegangen
waren, begann das Werk.

Orla brachte einen groen Korb mit Tannenzapfen, selbst gesucht auf den
Spaziergngen im Walde, und setzte denselben auf die Tafel. Annemie
stellte zwei Schlchen mit Gummiarabikum daneben, in das eine schttete
sie Silber-, in das andre Goldpuder und rhrte es mit einem Stbchen um.

Wer will mir helfen, rief Orla.

Ich! ich! antwortete es von allen Seiten; nur Ilse schwieg, sie hatte
keine Ahnung, was eigentlich mit den vielen groen und kleinen
Tannenzpfchen geschehen solle. - Daheim verkamen dieselben unbeachtet im
Walde. - Es sollte ihr bald kein Geheimnis mehr sein.

Melanie und Rosi hatten die Pinsel ergriffen und fingen an, den
unansehnlichen braunen Dingern ein goldenes oder silbernes Gewand zu
geben. Und wie schnell das ging. Kaum hatten sie ein paarmal darber
gepinselt, so waren sie fertig.

Sieh nur, Rosi, rief Melanie aus und hielt einen vergoldeten Zapfen
unter die Gaslampe, ist der nicht furchtbar reizend? Wundervoll, nicht?
Gleichmig, wirklich knstlerisch ist er vergoldet, kein dunkles
Pnktchen ist an ihm zu sehen! Und sie betrachtete das Prachtexemplar
hchst wohlgefllig nach allen Seiten.

Orla und Rosi hatten fleiig weitergepinselt und stillschweigend einen
Tannenzapfen nach dem andern beiseite gelegt.

Du bist im hchsten Grade langweilig mit deinem ewigen Selbstlobe,
tadelte Orla, ich habe noch nie jemand kennen gelernt, der sich so
vergttert wie du. Pinsle lieber weiter und halte dich nicht bei unntzen
Lobhudeleien auf.

Melanie fhlte sich sehr getroffen und errtete. Wie grob du bist, Orla!
sagte sie gereizt, du hast freilich keinen Sinn fr harmlose Vergngen.

Kinder! unterbrach Frulein Gssow, die am andern Ende der Tafel sa und
Aepfel und Nsse vergoldete, keinen Streit! Melanie, komm zu mir, du
kannst mir helfen, und du Ilse, versuche einmal, ob du Melanies Stelle
ersetzen kannst.

Ilse lie sich das nicht zweimal sagen. Eilig griff sie zum Pinsel und
flink und gesandt that sie ihre Arbeit. Orla war sehr zufrieden damit.

Nur nicht ganz so dick aufstreichen, mahnte sie, sonst reichen wir
nicht mit unsrem Gold- und Silbervorrat.

Flora und Annemie fertigten Netze aus Goldpapier an. Eine geistttende
Arbeit, flsterte Flora Annemie zu, und auerdem ohne jede Poesie. Warum
die Tanne mit allerhand Tand aufputzen? Ist sie nicht am herrlichsten in
ihrem duftigen, grnen Waldkleide? - Lichter vom gelben Wachsstocke in ihr
dunkles Nadelhaar gesteckt, - ein goldener Stern hoch oben auf ihrer
schlanken Spitze, - schwebend - strahlend! - das nenn' ich Poesie! -

Hier hielt sich Annemie nicht mehr, sie bekam einen solchen Lachreiz, da
sie aufsprang und hinauslief, um sich drauen erst auszulachen.

Dicht unter dem Baume standen Grete und Nellie. Letztere hoch auf einer
Trittleiter, eine groe Dte Salz in der Hand haltend. Die andre mit einem
Leimtiegel in der Hand war ihr Handlanger. Das heit, sie reichte Nellie
den Pinsel zu, damit diese die Zweige mit dem Leim bestrich, bevor sie
Salz darauf warf.

Jetzt bin ich eine groe Sturmwind und mache der Baum voller Schnee,
scherzte Nellie.

Wirklich! - die Zweige werden wei! rief Ilse und verlie einen
Augenblick ihre Arbeit, um sich das Schneetreiben genau anzusehen. Das
ist aber klassisch! Das gefllt mir! Nein, das sieht zu reizend aus!

Freilich fiel ein groer Teil Salz unter den Baum, indes Nellie lie sich
die Mhe nicht verdrieen, immer wieder kehrte sie dasselbe zusammen und
strich es mit der Hand dick auf den Leim.

Du alt' Baum wirfst sonst alles Schnee auf die Erde, meinte sie. Aber
das ist schlechte Arbeit, alle meiner Finger kleben.

Rosi trat jetzt auch an den Baum heran, um ihn mit den glnzenden
Tannenzapfen zu schmcken. Sie sah heute ganz anders aus als sonst. Ihre
sonst so gleichmigen Zge trugen den Ausdruck froher Erwartung, ihre
milden Augen strahlten und rosig waren ihre Wangen angehaucht.

O du selige, o du frhliche Weihnachtszeit, summte sie mit ihrer
frischen Stimme leise vor sich hin, und Frulein Gssow rief ihr zu:

Singe nur laut heraus, Rosi, das bringt uns bei unsrer Arbeit so recht in
die echte Weihnachtsstimmung.

Wir wollen alle singen! riefen Grete und Annemie, bitte, Frulein
Gssow!

Meinetwegen, aber hbsch gedmpft, Kinder, damit die Kleinen nicht davon
erwachen.

Und nun erklang aus den jugendlichen Kehlen das schne Lied vierstimmig. -
- Die junge Lehrerin senkte den Kopf herab, - der Gesang stimmte sie
traurig. Ihre Kindheit - ihre erste Jugendzeit stand mit einemmal lebendig
vor ihrer Seele. - - Was hatte sie gehofft - - und wie hatten sich ihre
Trume erfllt! - - Durch ihre eigne Schuld! -

Mitten im Gesange wurde pltzlich die Thr geffnet und Frulein Raimar,
begleitet von Herrn Doktor Althoff, trat herein. Sie hatten soeben eine
notwendige Besprechung in der Vorsteherin Zimmer beendet.

Das war eine Ueberraschung, die niemand vermutet hatte. Der Gesang
verstummte und die Mdchen wurden mehr oder weniger verlegen, als der
Gegenstand ihrer stillen Verehrung so unerwartet vor ihnen stand. Flora
errtete bis an die Haarwurzeln.

Nun, warum singt ihr nicht weiter, Kinder? fragte die Vorsteherin. Lat
euch nicht stren durch unsre Gegenwart.

Aber es wollte nicht wieder so recht in Zug kommen. Orla setzte zwar ein,
aber falsch, sie war sehr wenig musikalisch. - Annemie mute ber den
Miton lachen, und da Lachen ansteckt, - stimmten die brigen ein.

  [Illustration]

Was machen Sie denn, Mi Nellie? fragte Doktor Althoff und trat auf sie
zu. Warum verstecken Sie Ihre Hnde so ngstlich?

Er lchelte sie an. Flora warf einen verstohlenen Blick auf ihn, und bevor
sie sich zur Ruhe legte, schrieb sie in ihr Tagebuch:

Er hat sie angelchelt! Beneidenswerte Nellie! - Bezaubernd - hinreiend
- sah er in diesem Augenblicke aus! Die geistvollen, dunklen Augen
sprhten Feuer - um die schmalen Lippen zuckte es sarkastisch - wunderbare
Perlenzhne schimmerten durch den dunkelblonden Bart. - Aber Nellie ist
kokett! Leider! - Dieser Augenaufschlag! -

O, entgegnete Nellie hchst verlegen, ich habe die Finger verklebt mit
der hliche Leim! und schnell lief sie hinaus, um sich grndlich zu
reinigen. Doktor Althoff sah ihr wohlgefllig nach.

Nellie spricht doch sehr schlecht deutsch, bemerkte Flora etwas
spttisch, ich begreife das eigentlich nicht. Ein Jahr ist sie bereits in
der Pension und wie falsch drckt sie sich noch immer aus.

Sie hatte ihre Bemerkung so laut gemacht, da der junge Lehrer sie hren
mute.

Die deutsche Sprache ist schwer zu erlernen, Flora, entgegnete er, und
ich mu gestehen, Nellie hat in dem einen Jahre schon sehr gute
Fortschritte gemacht. Uebrigens klingen die kleinen Schnitzer, die sie
zuweilen macht, ganz allerliebst und naiv, - wir wollen sie nicht deshalb
verdammen.

Frulein Raimar blickte etwas erstaunt auf den Sprechenden, der sich so
warm Nellies annahm. Vielleicht fand sie seine Entschuldigung in Gegenwart
der brigen Mdchen nicht ganz passend.

Es ist sehr spt, Kinder, unterbrach sie das Thema, wollt ihr nicht fr
heute aufhren und morgen in eurer Arbeit fortfahren?

Aber die Mdchen baten so sehr, heute schon ihr Werk vollenden zu drfen,
da sie die Erlaubnis erhielten. Zu Floras Aerger, welche die Zeit nicht
abwarten konnte, bis sie die vielen groartigen Gedanken, die in ihrem
Kopfe spukten, erst schwarz auf wei vor sich hatte.

Frulein Raimar und Doktor Althoff entfernten sich und Nellie trat gleich
darauf wieder in das Zimmer. Flora konnte nicht umhin, ihr einen kleinen
Seitenhieb zu versetzen.

Warum verstecktest du deine Hnde auf dem Rcken? fragte sie. Ich fand
das furchtbar komisch von dir. Du dachtest wohl, Doktor Althoff wolle dir
die Hand geben?

Die arme Nellie war ber diesen Angriff so erschrocken, da sie nicht
darauf antworten konnte. Aber Ilse half ihrer Freundin aus der
Verlegenheit.

Ich finde nichts Komisches darin, Flora, sagte sie lustig, wenn Nellie
nicht gern beschmutzte Finger sehen lassen will; aber da du ihr deine
eignen Gedanken zutraust, das finde ich komisch! - Ja, ja, Florchen, du
bist erkannt!

Flora errtete, aber sie war klug und antwortete nur mit einem
wegwerfenden Achselzucken. -

Alle Vorbereitungen waren zu Ende. Die Mdchen trugen Ketten, Netze, kurz
allen Schmuck herbei, um den Baum zu behngen.

Wie er sich fllte! Wie festlich geschmckt er bald dastand! Ilse
bewunderte hauptschlich die glnzenden Tannenzapfen, die sich zwischen
den dunklen Nadeln ganz herrlich ausnahmen.

Wie ein Mrchenbaum! rief sie frhlich, und Bumchen rttle dich und
schttle dich! setzte sie bermtig hinzu.

O, nein! rief Nellie in komischem Ernste, nicht schttle und rttle
dir, Baumchen, es fallt sonst all der Salz von deiner Nadel und ich mu
mir noch einmal die Finger zerkleben.

Nie in meinem Leben sah ich einen so schnen Christbaum! erklrte Ilse.

Wir sind noch nicht fertig, Ilse, entgegnete Frulein Gssow, bald
htte ich das Gold- und Silberhaar vergessen. - Und nun begann sie feine
Fden rings um den Baum zu spinnen.

Wie schn! wie schn! jubelte Ilse und schlug wie ein Kind vor Freude in
die Hnde. Dann nahm sie Nellie in den Arm und tanzte mit ihr um den Baum.

Du wirst mit deiner lauten Freude die Schlafenden aufwecken, ermahnte
Frulein Gssow; aber sie sah Ilse mit inniger Teilnahme an. - Es gab eine
Zeit, wo auch sie so frhlich hinausgejubelt hatte in die Welt, - bis der
Sturm kam und ihr die Blte des Frohsinns abstreifte und verwehte. -

Geht nun zu Bett, Kinder, bat sie, aber leise, hrt ihr? Gute Nacht!

Gute Nacht, gute Nacht! rief es zurck und Ilse setzte hinzu: Ach,
Frulein! Wenn es doch erst morgen wre! -

Das war ein Leben am andern Tage! Die Mdchen waren ganz auer Rand und
Band. Ilse war ausgelassen frhlich und Nellie stand ihr darin bei.
Annemie lachte ber jede Kleinigkeit, ja selbst Rosi, die stets
Vernnftige, machte heute eine Ausnahme und schlo sich der allgemeinen
Stimmung an. Als Flora ein selbstgedichtetes Weihnachtslied zum besten
gab, und die ganze bermtige Schar sie dabei auslachte, lachte Rosi mit,
- nur als Nellie an zu necken fing, bat sie sanft:

Bitte, Nellie, nicht spotten! Wir haben die arme Flora schon genug
gekrnkt, als wir sie auslachten.

Melanie und Grete waren die einzigen, die eine leise Verstimmung nicht
unterdrcken konnten. Sie hatten gehofft, Weihnachten zu Hause verleben zu
knnen, und waren enttuscht, als die Eltern ihnen nicht die Erlaubnis
gaben, weil sie es nicht passend fanden, da junge Mdchen allein eine so
weite Reise machten.

Melanie fand diesen Grund geradezu furchtbar krnkend. Als ob ich noch
ein Kind wre! sprach sie rgerlich zu Orla. Ich bin siebzehn Jahre alt!
Und doch wahrhaftig alt und verstndig genug, uns beide zu schtzen!

Aber du bist hbsch, entgegnete die Angeredete mit leichter Ironie, und
das ist gefhrlich. Denk' einmal, wenn dir unterwegs ein Abenteuer
begegnete! Das wre doch furchtbar schrecklich!

Ich bitte dich, Orla, verschone mich mit deinen albernen Spttereien!
wehrte Melanie entrstet ab. Aber sie fhlte sich doch in ihrem Inneren
geschmeichelt, die kleine Eitelkeit.

Du hrst es ja doch gern, Herzchen, lachte Orla. Warum auch nicht?
Hbsch zu sein ist ja keine Schande, - besonders wenn man so wenig eitel
ist wie du! Uebrigens trste dich mit uns, wir sind ja fast alle
zurckgeblieben, bis auf die wenigen Pensionrinnen, die in der
Nachbarschaft wohnen, und die vier Englnderinnen, die Mi Lead wieder
zurck in ihre Heimat bringt. - Stre nicht unsre frhliche Laune durch
ein verstimmtes Gesicht. Sieh doch nur Lilli an, - kannst du bei dem
Anblicke so seliger Freude noch mimutig sein?

Das Kind lief nmlich von einer zur andern, treppauf, treppab und fragte
jede Viertelstunde, ob es noch nicht dunkel wrde, und ob das liebe
Christkindl noch nit bald km. -

Endlich, endlich brach der Abend herein. Die Vorsteherin und Frulein
Gssow verweilten schon seit zwei Uhr in dem groen Saale, und in einer
Klasse, die dicht daneben lag, saen erwartungsvoll die Pensionrinnen.
Natrlich im Dunkeln, denn Licht durfte vor der Bescherung nicht
angesteckt werden.

Lilli fhlte sich etwas unheimlich in der Finsternis. Sie kletterte auf
Ilses Scho und schlang den Arm um ihren Hals.

Kommt denn das Christkindl noch nit bald? fragte sie wieder. Schau, es
ist halt schon stockfinster.

Nun bald, trstete Ilse und drckte Lilli zrtlich an sich. Das
Anschmiegen des Kindes that ihr so wohl und seine Liebe machte sie so
glcklich. Bald kommt das Christkind, ach, und wie schn wird das sein! -
Soll ich dir ein Mrchen erzhlen, damit dir die Zeit schneller vergeht?

Bitt schn! Vom Hansel und Gretel!

Ilse hatte indes kaum begonnen es war einmal, als Lilli ihr den Mund
zuhielt.

Nit weiter! unterbrach sie, ich mag das heut nit hren! Ich mu immer
an das Christkindl denken. Kennst du das liebe Christkindl, Ilse? Hast
du's schon g'schaut?

Nein, sagte Ilse, gesehen habe ich es noch niemals. Niemand kann es
sehen, es wohnt nicht auf der Erde.

Wohnt es im Himmel? fragte Lilli. Schau, da mcht' ich halt auch
wohnen, da ist's schn, nit? Da singen die lieben Englein, und die lieben
Englein, die wohnten frher auf der Erde, das waren die artigen Kinder,
nit? - Der liebe Gott hat sie in sein Himmelreich geholt, nit wahr, Ilse?

Die Worte des Kindes riefen sentimentale Ahnungen in Flora hervor, sie war
auch im Begriff, dieselben auszusprechen, als Nellie ihr das Wort
abschnitt.

Was schwatzt der kleine Kind fr Zeug? sagte sie und streichelte
liebkosend Lillis Hand. Wo hast du dies gehrt? Keiner Mensch hat noch in
der Himmel geschaut.

Aber die Mama hat's gesagt, - sie wei es, nit wahr, Ilse? rief Lilli
heftig.

Die gab ihr keine Antwort darauf, sie versuchte, das Kind auf andre
Gedanken zu bringen.

Mchtest du wieder zu deiner Mama? fragte sie.

Nein, entgegnete Lilli, ich bleib' lieber bei euch. Die Mama kmmert
sich halt so wenig um mich, sie hat kein' Zeit. Sie mu immer studieren,
setzte sie altklug hinzu. Alle Abend geht sie ins Theater.

Denn es kmmert sich ka Katzerl - ka Hunderl um mi! recitierte Flora
schwrmerisch.

Komm zu mir, Lilli, bat Melanie, ich will dir eine herrliche
Weihnachtsgeschichte erzhlen.

Bitt', bitt', la mich bei Ilse bleiben, Melanie, ich will ganz gewi
recht genau zuhren auf dein G'schicht.

Und whrend Melanie ihre Erzhlung zum besten giebt, wollen wir einen
Blick in den Weihnachtssaal werfen.

Die beiden Damen waren so ziemlich fertig mit ihrer groen Arbeit.
Frulein Gssow war dabei, noch einige versiegelte Pakete auf verschiedene
Pltze zu verteilen. Es waren in denselben die Geschenke enthalten, welche
die junge Welt sich untereinander bescherte. Der Name der Empfngerin war
darauf geschrieben, die Geberin mute erraten werden.

Frulein Raimar stand neben dem Grtner, der eifrig beschftigt war, die
angekommenen Kisten zu ffnen, die Deckel wurden lose wieder darauf
gelegt, denn das Auspacken besorgten die Empfngerinnen selbst.

Nur mit Lilli wurde eine Ausnahme gemacht, Frulein Raimar packte deren
Kiste aus und schttelte den Kopf, als sie damit beschftigt war.

Sehen Sie nur den Tand, liebe Freundin, sagte sie. Nicht ein
vernnftiges Stck finde ich dabei. Zwei weie Kleider, so kurz, da sie
dem Kinde kaum bis an die Knie reichen, aber schn gestickt, hier eine
breite rosa Atlasschrpe, ein kleiner Hermelinmuff, ein Paar feine
Saffianstiefel und eine Puppe im Ballstaat. Und vieles Zuckerwerk - das
ist alles! Warme Strmpfe und eine warme Decke, um die ich so sehr
gebeten, und die dem Kinde so ntig sind, - sie fehlen ganz.

Hier scheint ein Brief fr Sie zu sein, sagte Frulein Gssow und nahm
ein duftiges rosa Billet von der Erde auf. Wahrscheinlich war dasselbe aus
dem Muff gefallen, den die Vorsteherin noch in der Hand hielt. Sie erbrach
das an sie gerichtete Schreiben und las wie folgt:






Ich ersuche Sie freundlich, meiner Lilli die Kleinigkeiten unter den Baum
zu legen. Hoffentlich ist das liebe Herzl recht gesund. Nun ich hab halt
nit ntig, mich zu sorgen, wei ich doch das goldene Fischel in so gute
Hnd! - Wollne Strmpf und a Jackerl hab i halt nit mitgeschickt, i wnsch
das Kind nit zu verwhnen. Es soll immer a wei Kleiderl anziehn, - Hals
frei und Arme frei, - so ist sie's gewohnt, und dabei mcht ich's halt
lassen.

Geben Sie mein Herzblatterl tausend Schmazerl, und da es die Mama nit
vergit!

Mit dankbaren Gren verbleib ich

                                                                     Ihre
                                                 ergebene _Toni Lubauer_.






Weie Kleider und dnne Strmpfe! wiederholte Frulein Raimar
kopfschttelnd. Es ist gut, da wir fr einiges gesorgt haben, ich knnte
es nicht vor mir selbst verantworten, das kleine Ding so durchsichtig und
wenig bekleidet zu sehen.

Die junge Lehrerin stimmte bei und warf einen recht befriedigten Blick auf
all die schnen und ntzlichen Sachen, die auf Lillis Tischchen aufgebaut
lagen.

Der Grtner war mit seiner Arbeit fertig und hatte das Zimmer verlassen -
die Damen zndeten die Lichter des Baumes an, und als auch das geschehen
war, ergriff die Vorsteherin eine silberne Klingel und lutete.

Wie mit einem Zauberschlage flogen die Flgelthren auf und die junge
Schar strmte herein.

Einen Augenblick standen sie wie geblendet da. So pltzlich aus der
Dunkelheit in das helle Licht, - der Kontrast war fast zu grell.

Lilli besonders stand wie gebannt da und hielt Ilses Hand krampfhaft fest.

Komm, redete Frulein Raimar sie an, ich will dich an deinen Tisch
fhren, du bist ja ganz stumm geworden.

Als das Kind vor seiner Bescherung stand, kehrte seine Lebhaftigkeit
zurck.

Die schne Puppe! rief es entzckt und schlug die Hndchen zusammen.

Die ist aber halt zu schn! Meine alte Lori ist lang nit so s! - Und
ein Strohhterl hat sie auf - ach Gotterl! und die langen Zopferl! Und ein
Schultascherl tragt sie am Arm! Bitt schn, Frulein, darf ich sie in die
Hand nehmen? Ich mcht sie ganz nah anschaun! Bitt schn, erlaube mir's!

Frulein Raimar erfllte gern die Bitte des Kindes, das behutsam sein
Pppchen in den Arm nahm.

Sie kann die Augerl schlieen! fuhr dasselbe fort. Schau, Frulein, sie
will schlafen! Das Kind war ganz auer sich vor Entzcken bei dieser
Entdeckung und hielt sein Plappermulchen nicht einen Augenblick still.
Meine Lori hat die Aeugerl immer auf, sie kann nit schlafen, nit wahr,
Frulein? Die ist dumm, lang nit so gescheit wie diese. - Hast du mir die
Puppe geschenkt, Frulein?

Nein, entgegnete diese, die sich an Lillis jubelnder Freude erquickte.
Ilse und Nellie haben sie dir angezogen. Aber sieh einmal, hier hast du
noch eine Puppe, die hat dir deine Mama geschenkt.

Kaum einen Blick hatte sie fr die kostbare Balldame. Die ist mir zu
geputzt, sagte sie, die kann ich doch nit in das Bett legen! Die kann
mein Kind nit sein! - Und mit der Puppe im Arme lief sie zu Ilse, um sich
zu bedanken.

Diese aber war sehr beschftigt. Sie packte ihre Kiste aus und hatte nicht
Zeit, an etwas anderes zu denken. Spter, Liebling, sagte sie, und
fertigte die Kleine mit einem flchtigen Ku ab. - Soeben hielt sie einen
prchtigen rosa Wollstoff in der Hand und Nellie stand neben ihr und
bewunderte denselben lebhaft.

O wie s! rief sie. Wie von Spinnweb so fein! Und wie er dir kleidet,
fuhr sie fort und hielt den Stoff der Freundin an, das wird ein schn'
Tanzstundenkleid! Du wirst dir wie eine Fee darin machen!

Ilse aber war gar nicht recht vergngt ber das kostbare Geschenk, es
malte sich sogar etwas wie Enttuschung in ihren Zgen. Warum mochten die
Eltern ihre Bitte nicht bercksichtigt, ja nicht einmal eine Antwort
darauf gegeben haben?

Und Nellie war so gut - so neidlos teilte sie ihre Freude.

So mochte auch Frulein Gssow denken, die nher getreten war. Sie legte
den Arm um Nellies Schulter und fragte: Warum packst du nicht deine
eigene Kiste aus?

Meine Kiste? wiederholte Nellie. O Frulein, Sie spaen! Fr mir giebt
es das nicht!

Ilse horchte auf. Einen schnellen, fragenden Blick warf sie der jungen
Lehrerin zu und diese antwortete mit einem geheimnisvollen Lcheln.

Wer wei! fuhr sie fort, sieh einmal nach, vielleicht hat eine gtige
Fee dir etwas beschert.

Ilse erhob sich schnell aus ihrer knieenden Stellung und nahm die Freundin
unter den Arm. Komm, sagte sie, wir wollen suchen.

Kiste an Kiste stand da in der Reihe, jede indes war bereits in Besitz
genommen, Ilses Auge aber flog voraus. Sie hatte am Ende des Saales eine
herrenlose Kiste entdeckt, dorthin zog sie Nellie.

Und richtig, da stand mit groen Buchstaben auf dem Deckel: An Mi Nellie
Grey. - Es war kein Zweifel, die Adresse lautete an sie.

O, was ist dies! rief Nellie berrascht und ihre Wangen rteten sich,
wer hat an mir gedacht? Ist es gewi fr mir?

Ja, sie ist wirklich fr dich, versicherte Ilse strahlend, denn nun
hatte sie erst die echte Weihnachtsfreude, nimm nur den Deckel hoch.

Immer noch etwas zgernd folgte Nellie dieser Aufforderung. Welche
Ueberraschung! Da lag obenauf ein gleicher Stoff in blablau, wie sie
soeben denselben in rosa bei Ilse bewundert.

Und wie sie nun weiter auspackten, jetzt eine jede ihre eigene Kiste, da
hielten sie sich jubelnd stets die gleichen Herrlichkeiten entgegen. Bald
war es eine gestickte Schrze, dann kamen farbige Strmpfe an die Reihe,
Handschuhe, sogar die Korallenkette, die schon lange ein sehnlicher Wunsch
Ilses war, fehlte bei Nellies Bescherung nicht. Auch die vielen Leckereien
waren gleichmig verteilt.

Ilse hatte in einem Karton mit Briefpapier einen langen zrtlichen Brief
der Eltern gefunden und als Nellie den ihrigen ffnete, lag auch fr sie
ein kleines Briefchen darin.






Meine liebe Nellie, schrieb Ilses Mama, ich darf Sie doch so nennen als
meiner Ilse liebste Freundin? Mein Mann und ich mchten Ihnen so gern
einen kleinen Beweis geben, wie dankbar wir Ihnen sind fr die Liebe und
Freundschaft, die Sie stets unsrem Kinde zu teil werden lieen. Zwei
Freundinnen aber mssen auch gleiche Freuden haben - und mit diesem
Gedanken bitten wir Sie herzlich, den Inhalt der Kiste freundlich
anzunehmen.

Mit dem aufrichtigen Wunsche, da Sie auch fernerhin unsrer Ilse eine
treue Freundin bleiben mgen, grt Sie herzlich

                                                           _Anne Macket_.






Nellie fiel Ilse um den Hals und vermochte kein Wort hervorzubringen. Die
Rhrung schnrte ihr die Kehle zu - Thrnen waren seltene Gste bei unsrer
Nellie. Das frhverwaiste Mdchen, das sich von klein auf stets bei
Verwandten herumdrcken mute, dem das Sonnenlicht der elterlichen Liebe
fehlte, hatte das Weinen beinah verlernt. Wer htte auch auf seine Thrnen
achten sollen?

Dein Mutter ist ein Engel! brachte sie endlich, so halb unterdrckt,
heraus. Wie soll ich sie fr alles danken?

Ja, meine Mama ist sehr gut! besttigte Ilse, und zum erstenmal stieg
ein warmes, zrtliches Gefhl fr dieselbe in ihrem Herzen auf.

Fr sentimentale Stimmungen waren Ilse und Nellie indes nicht angethan,
und als erstere ein Stck Marzipan der Freundin in den Mund steckte, war
die Rhrung zu Ende. Thrnenden Auges verzehrte es Nellie, und dieser
Anblick kam Ilse so possierlich vor, da sie lachen mute, - natrlich
stimmte Nellie ein.

Seid ihr fertig, Kinder? Habt ihr alle eure Kisten ausgepackt! rief
Frulein Raimar und unterbrach das Gewirr von Stimmen, das laut und
lebhaft durcheinander klang.

Ja, ja! rief es zurck und nun beeiferte sich eine jede, die heimatliche
Bescherung vorzuzeigen, und die Vorsteherin blickte in lauter freudig
erregte und zufriedene Gesichter. Nur Flora sah etwas enttuscht aus. Sie
hatte anstatt Jean Pauls Werke, die sie sich so glhend gewnscht,
Schlossers Weltgeschichte erhalten mit dem Versprechen vom Papa, da,
wenn sie erst reifer fr solche Lektre sei, sie dieses Werk erhalten
werde.

Reifer! Es klang ihr wie bittrer Hohn. Sie fhlte sich mit ihren sechzehn
Jahren schon so berreif, da sie selbst poetische Werke in das Leben rief
- und sie - sie sollte nicht Jean Paul lesen!

Nachdem die Geschenke der Eltern auf eine leer gelassene Tafel aufgebaut
waren, und nachdem die Mdchen auch diejenigen der Lehrerinnen in Empfang
genommen hatten, kamen endlich die versiegelten und verpackten
Ueberraschungen an die Reihe.

Da kamen denn allerhand drollige Dinge zum Vorschein und der Jubel und das
Lachen wollten kein Ende nehmen.

Flora hatte soeben einen langen, blauen Strumpf aus zahllosen Papieren
herausgewickelt und hielt ihn hoch in der Hand. Etwas verwundert drehte
sie diese wunderbare Gabe nach allen Seiten, die ironische Anspielung fiel
ihr nicht sogleich ein.

Ein Strumpf? fragte sie, was soll ich damit?

Er ist dein Wappen, lieber Blaustrumpf, belehrte sie Orla. Die Idee ist
wirklich famos!

Er ist von dir! beschuldigte sie Flora.

Leider nein, entgegnete Orla.

Annemie lachte so laut und herzhaft, da sie sich als die Geberin verriet.

Bist du mir bse, Flora? fragte sie gutmtig.

  [Illustration]

Sonderbare Frage! Ganz im Gegenteil, Flora fhlte sich hchst
geschmeichelt, da man sie zu den Blaustrmpfen zhlte. Der gestickte
Schlips, den Annemie in den Strumpf versteckt hatte, erfreute sie nicht
halb so wie die dichterische Anerkennung. - In bester Stimmung lste sie
jetzt den Bindfaden von einem Pappkasten. Derselbe war eng damit
umschnrt. Auf dem Deckel war ein Weinglas gemalt und mit groen
Buchstaben stand Vorsicht daneben geschrieben.

Ganz behutsam nahm sie denn auch den Deckel ab, warf die Papierschnitzel
heraus und fand in feines Seidenpapier eingeschlagen ein zerbrochenes Herz
von Bisquit!

Wie abscheulich von dir, Nellie! rief sie gekrnkt und wandte sich
sofort an die richtige Adresse. Das Herz warf sie achtlos beiseite.

Nicht so hitzig, Flora, riet Grete, sieh doch das zerbrochene Herz erst
nher an.

Zgernd entschlo sie sich dazu, und als sie ein reizendes, kleines
Toilettekissen hchst knstlich verborgen entdeckte, shnte sie sich
einigermaen mit der bsen Nellie aus.

Aber nicht Flora allein, auch all die brigen muten manche kleine
Neckerei in den Kauf nehmen, so manche schwache Seite wurde an das
Tageslicht gefrdert und schonungslos gegeielt. Die Vorsteherin wachte
darber, da diese Reibereien stets in den Grenzen des Scherzes blieben;
im allgemeinen hielt sie dieselben fr ein gutes Mittel, sich gegenseitig
auf die Fehler aufmerksam zu machen, es half oft mehr als alle ernsten
Ermahnungen.

Nellie stand vor einem groen Berg Ewaren, die sie aus ihren Paketen, in
welchen sie auer einem kleinen Geschenke immer noch nebenbei allerhand
Sigkeiten fand, herausgewickelt hatte.

Schokolade, Marzipan, Apfelsinen, Rosinen und Mandeln, Lebkuchen, und in
einem reizenden Kasten von Porzellan zwei saure Gurken. Diese waren eine
besondere Lieblingsspeise von ihr.

Sie lachte und fragte, ob sie ein so hungrig Mdchen sei. O, da ist ja
noch ein Paket, fuhr sie fort, was fr ein leckerer Bissen wird wohl
darin sein?

Aber sie irrte sich, diesmal kam ein Buch zum Vorschein und wie sie es
aufschlug, las sie auf dem Titelblatte: Deutsche Grammatik. Ein Blatt
Papier mit einem kleinen Gedichte lag dabei. Nellie las es vor.

  Lerne fleiig die deutsche Sprache -
    Willst du begreifen holde Poesie.
  Dies Buch ist einer Verkannten Rache,
    Die du verstanden hast noch nie!

Flora! rief Nellie. Du hast mir mit deine edle Rache sehr beschmt! Ich
werde lernen aus dieser Buch und dir verstehen! - Komm, gieb dein' Hand,
ich verspreche dich, da ich nie wieder dein' holde Poesie auslachen will,
und wenn sie voll lauter zerbrochene Herzen ist. -

Orla hatte unter anderm einen Klemmer erhalten und - o Schrecken! auch ein
Etui mit Cigaretten. Frulein Raimar stand neben ihr und sah das
verrterische Ding.

Was ist denn das? fragte sie. Ich will nicht hoffen, Orla, da du wie
eine Emanzipierte rauchst! Du wrdest mich sehr erzrnen, wenn das der
Fall wre. Doch, unterbrach sie sich, wie komme ich dazu, einen Scherz
fr Ernst zu nehmen, am Weihnachtsabend sind dergleichen Witze erlaubt.
Leiser und nur fr die Russin vernehmbar setzte sie hinzu: Ich habe das
feste Vertrauen zu dir, da du niemals rauchen wirst!

Die Angeredete schwieg und senkte die Augen. Der Tadel traf die Wahrheit,
sie hatte wirklich manchmal im Verborgenen eine Cigarette geraucht. War es
doch in ihrer Heimat nichts Auffallendes, wenn eine Dame sich ein kleines
Rauchvergngen machte.

Innerlich schalt sie die Pedanterie der Deutschen, der sie eine so
harmlose Freude zum Opfer bringen mute, denn niemals wrde es ihre
Wahrheitsliebe gestattet haben, gegen das Verbot der Vorsteherin zu
sndigen, - mit einiger Ueberwindung reichte sie derselben die Cigaretten.

Bitte, bewahren Sie mir dieselben, bat sie und lchelnd fgte sie hinzu:
Damit ich nicht in Versuchung komme ...

Melanie liebugelte mit einem zierlichen Handspiegel. Sie freute sich sehr
ber denselben, noch mehr aber ber ihr eignes Bild, das ihr
entgegenlachte.

Grete blickte ihr ber die Schulter. Das ist eine Anspielung auf deine
Eitelkeit, Melanie! Ich habe nichts bekommen, was mich rgern oder wodurch
ich mich getroffen fhlen knnte!

Nun glaubst du dich wohl fehlerfrei, liebe Grete! spottete Melanie.
Bilde dir das ja nicht ein, liebes Kind, du bist noch lngst kein
vollkommnes Wesen. Es giebt sehr vieles an dir auszusetzen!

Und als ob ihre Worte sofort in Erfllung gehen sollten, rief Frulein
Gssow: Grete, da steht noch eine vergessene Schachtel auf deinem Platze!
Du hattest Papier darauf geworfen und wirst sie deshalb bersehen haben!

Vergngt und erwartungsvoll ffnete Gretchen die Schachtel. O weh! als sie
den Deckel abhob, lachte ein glnzendes, zierlich gearbeitetes
Vorlegeschlo sie boshaft an.

Das ist eine Anspielung fr dich, teures Plappermulchen! rief Melanie
mit schwesterlicher Schadenfreude, und hielt das Schlo an Gretes Lippen.

So, damit du in Zukunft hbsch schweigst und nicht so vorlaut bist.

Unwillig wandte Grete sich ab, sie war gar wenig erbaut von der
Ueberraschung. Sie warf das Schlo wieder in die Schachtel, schlo den
Deckel und verriet durch ihre Empfindlichkeit, wie sehr sie sich getroffen
fhlte ....

Ilse hatte aus einer mchtigen Kiste, die bis obenhin mit Heu gefllt war,
einen Hund herausgeholt. Keinen lebendigen, o nein! es war nur einer aus
Pappe. Braun sah er aus und hatte weie Pftchen. Um den Hals trug er
einen Zettel am roten Bande, auf welchem mit groen Buchstaben Bob
geschrieben stand.

Orla! erriet Ilse sofort. Dieselbe hatte sie oft genug mit ihrem Hunde
aufgezogen. Es kam ihr jetzt selbst recht lcherlich vor, wenn sie sich
ihren Einzug in der Pension mit Bob auf dem Arme ausmalte. Wie einfltig
war sie gewesen - wie unntz hatte sie den armen Papa geqult! - Ilse
hatte noch eine Ueberraschung, bei der sie fast erschrak. In einem
reizenden Arbeitskorbe fand sie mehrere Aepfel von Marzipan.

Nellie stand neben Ilse und flsterte ihr zu: Diese sind Aepfel von der
Baum - weit du noch?

Als die Angeredete ngstlich zur Seite blickte, fuhr sie beruhigend fort:
Du darfst nicht Angst haben, niemand hrt uns.

Sie hatte recht. Die Aufmerksamkeit aller war auf einen Vogelbauer
gerichtet, in welchem eine lebendige Lachtaube sa. Annemie hielt
denselben hchst angenehm berrascht in der Hand.

Nun knnt ihr um die Wette lachen, scherzte die Vorsteherin, denn das
Tubchen darfst du behalten und in deinem Zimmer aufhngen. Aber vergi
niemals, Annemie, da du das Tierchen regelmig fttern mut, hrst du?

So erhielt eine jede ihre scherzhafte Rge, nur Rosi nicht. Sie zerbrachen
sich den Kopf, um einen Tadel an ihr zu entdecken, aber zu ihrem Bedauern
fanden sie keinen. Ganz ohne Scherz darf sie nicht sein, erklrte
Nellie, ging hin und kaufte ein Bilderbuch, auf dessen Titelblatt in
goldenen Buchstaben drei Worte glnzten: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Fr artige Kinder{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}. - Dies pat
sehr fr ihr, sagte sie, und die brigen Mdchen stimmten ein.

Rosi nahm das Buch, lchelte und legte es beiseite. Sie konnte nicht so
recht begreifen, was es bedeuten sollte ....

Nachdem die Bescherung zu Ende und nachdem auch fr die beiden Damen ein
Tisch mit allerhand selbstgearbeiteten Sachen ausgebaut war, wurde der
Thee eingenommen und kurze Zeit darauf zur Ruhe gegangen. Lilli wurde es
schwer, sich von ihren schnen Sachen zu trennen, sie wollte nicht zu Bett
gehen, aber der Sandmann kam und streute ihr den Schlaf in die Augen.
Schlafend wurde sie entkleidet und in ihr Bett, das in Frulein Gssows
Zimmer stand, getragen.

Und nun wurde es still und dunkel im Hause. Der schne Christabend war zu
Ende mit seiner frohen Erwartung, seinem Lichterglanze ....

Ob wohl der Baum im nchsten Jahre fr alle wieder angezndet wird, die
heute unter ihm versammelt waren? -

                                  * * *

Nun war alles wieder im alten Geleise! Der Unterricht hatte begonnen und
Mi Lead war wenige Tage nach Neujahr von ihrer berseeischen Reise
zurckgekehrt. Sie hatte sechs junge Englnderinnen mitgebracht, die kein
Wort Deutsch verstanden und sehr viel Heimweh hatten.

Nellie versuchte es, sie zu trsten, aber sie verschlossen sich starr
gegen jedes Trosteswort, sie fhlten sich unglcklich im fremden Lande.
Sie wollten nicht Deutsch lernen, sie haten diese Sprache und die
Menschen, erklrten sie. Lange Jammerbriefe sandten sie in die Heimat, in
denen sie die Angehrigen himmelhoch baten, sie wieder zurckkehren zu
lassen.

Es war diese Art und Weise nichts Auffallendes und nichts Neues. Frulein
Raimar legte keinen Wert darauf, hnliche Erfahrungen machte sie stets mit
den Englnderinnen. Es war schon vorgekommen, da diese oder jene sich
vornahm, zu verhungern, und Speise und Trank hartnckig verweigerte. Vor
Hunger gestorben war indes noch keine, wenn der Magen zu energisch sein
Recht verlangte, entsagten sie dem Hungertode.

Ich mag meine Landsmnner gar nicht sehr! bemerkte Nellie eines Tages zu
Ilse. Die Deutsche liebe ich mehr. Ich will nicht zurck in meine
Heimat.

Landsmnner! wiederholte Ilse. Gleich sage einmal, wie es richtig
heit. Neulich habe ich es dir erst gesagt.

O ja, ich wei, Landsfrauen heit es, verbesserte sich Nellie.

Du bist klassisch! lachte Ilse laut. Lands-mnn-innen heit es. Sag
einmal nach - so - und nun vergi dieses Wort nicht wieder, du liebe,
englische Deutsche! Du bist auch ganz anders wie deine Landsmnninnen,
lange nicht so steif, so zurckhaltend und so hochmtig wie die! Sie sehen
immer auf uns herab, als ob sie sagen wollten: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Gott sei Dank, da ich
keine Deutsche bin!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}

O nein! wehrte sich Nellie, in der pltzlich der Nationalstolz wach
wurde, so schlimm darfst du nicht sagen! Es hat den Schein, da sie
hochmtig sind, weil sie dir nicht verstehen, sie macht ein fremdes
Gesicht, weiter nix!

Sie sind hochmtig, Nellie! neckte Ilse. Entschuldige deine
langweiligen Englnderinnen nicht. Eben sagtest du selbst, da du sie
nicht leiden mchtest.

Das gestand Nellie zu. Sie meinte aber, sie selbst knne so sprechen, ein
gleiches Urteil aus einem andern Munde knne und drfe sie nicht anhren.
Sie wolle es auch nicht.

Du bist doch aber ganz wunderlich, Nellie, lachte Ilse, Doktor Althoff
wrde sagen: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Sie haben verdrehte Ansichten, Mi Nellie.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}

O nein, entgegnete Nellie eifrig und leicht errtend, Doktor Althoff
wrde mir verstehn. Er wei, wie es in mein Herz aussieht!

Das kam Ilse uerst komisch vor und sie neckte die Freundin damit sehr.
Er htte viel zu thun, wenn er in alle eure Herzen blicken wollte! rief
sie lachend, und wenn er sich wirklich einmal die Mhe gbe, so wrde er
euch schn verhhnen, dich und alle die andern, die ihr fr ihn
schwrmt. -

Ilse lernte jetzt mit rechtem Eifer und schon lngst war ihr das Arbeiten
keine Last mehr. Das Zeichnen machte ihr besondre Freude, und seitdem der
Papa so glckselig ber die ihm geschenkte Rose geschrieben, strebte sie
darnach, auch das zu erreichen, was derselbe in seiner blinden Liebe zu
ihr schon erreicht sah. Er hielt sie bereits fr eine Knstlerin und mit
Stolz hatte er ihr geschrieben, da er die Rose habe einrahmen lassen und
da sie nun ber seinem Schreibtisch hnge. Ilse war gar nicht damit
einverstanden, sie wute ja genau, wie der zrtliche Papa jeden Besuch,
der zu ihm kam, zu ihrem schwachen Erstlingswerk fhren werde.

Auch die Mama war hocherfreut ber Ilses Weihnachtsgeschenke gewesen. Sie
gaben ihr ein glnzendes Zeugnis von deren Fortschritten und der Ausdauer,
die der Wildfang bis dahin nicht gekannt hatte. Die grte Freude indes
hatte sie an Ilses Dankesbrief gehabt. Es war das erste Mal, da sie in so
herzlich warmer Weise das Wort an sie richtete und Frau Annes Augen
fllten sich mit Thrnen freudiger Rhrung. Sie fhlte jetzt bestimmt, da
die Zukunft ihr Ilses volle Liebe bringen werde. -

Die lngst ersehnten Tanzstunden hatten bereits seit vierzehn Tagen
begonnen und brachten etwas Abwechselung in das gleichmige
Pensionsleben. Zweimal in der Woche kam von sechs bis acht Uhr abends der
Tanzlehrer mit einer Geige und unterrichtete im groen Saale.

Nicht alle Zglinge nahmen teil daran. Die kleineren Mdchen nicht und
auch die Englnderinnen schlossen sich aus, sie verstanden noch zu wenig
Deutsch, auch konnten sie vorlufig keinen Geschmack an den einfrmigen
Pas finden. Melanie konnte das freilich auch nicht und fand bis jetzt die
Tanzstunde {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}furchtbar de{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}.

Es ist ein furchtbar langweiliges Vergngen, diese Hpferei, uerte sie
auf einem Spaziergange zu Flora, wozu diese Pas - diese Verbeugungen? Wir
knnen doch alle schon tanzen, und wie wir uns zu verbeugen haben - und
gren mssen, das wissen wir doch erst recht. Wir sind doch erwachsene
Mdchen!

Ach! seufzte Flora und ein schwrmerischer Blick glitt seitwrts ber
den spiegelglatten Teich - zu den schlittschuhlaufenden Gymnasiasten
hinber - ach! das mchte noch alles gehen. Das Frchterlichste ist doch,
da wir zwei volle Monate ohne Herren tanzen mssen!

Wie furchtbar de! Melanie rief es ordentlich entrstet. Man behandelt
uns wahrhaftig mit puritanischer Strenge! Ohne - Herren! Es ist kaum zu
glauben!

Ja, mit puritanischer Strenge! wiederholte Flora, der dies Wort
auerordentlich gefiel. Ich begreife nicht, warum uns der Verkehr mit den
Herren so lange entzogen wird. Man behandelt uns eben wie Kinder!

Die {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}furchtbar den{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Monate gingen indessen auch zu Ende und Frulein
Raimar schickte Einladungen aus an junge, wohlerzogene Herren, die das
Gymnasium besuchten, und ersuchte sie, die letzten vier Wochen an dem
Tanzunterrichte teilzunehmen.

Mit welcher Freude diese Einladungen begrt wurden, brauche ich nicht zu
sagen. Die jungen Leute schtzten es sich zur besonderen Ehre, zu den
Tanzabenden in der Pension zugezogen zu werden. Diesmal brannten sie
besonders darauf, weil sie behaupteten, da noch niemals so hbsche
Mdchen in dem Institute gewesen seien. Sie kannten dieselben von Ansehen
sehr genau, denn, wenn irgend mglich, suchten sie ihnen auf den
Spaziergngen zu begegnen. Nun sollten sie mit ihnen tanzen, sich mit
ihnen unterhalten drfen, es war zu famos!

Ihr werdet heute abend zum ersten Male mit Herren tanzen, Kinder,
kndigte Frulein Raimar eines Mittwochs bei der Mittagstafel an. Und als
sie bemerkte, wie vergngt die meisten diese frohe Botschaft
entgegennahmen, fgte sie hinzu: Ich hoffe, da ihr euch nicht zu lebhaft
mit den jungen Leuten unterhalten werdet! Verget nicht, da dieselben nur
des Tanzes, nicht der Unterhaltung wegen da sind!

Annemie kamen diese Ermahnungen so komisch vor, da sie zu kichern anfing.
Ein strafender Blick traf sie dafr.

Fr dich sind meine Worte besonders gesprochen, Annemie, nahm die
Vorsteherin wieder das Wort, ich frchte, du wirst dich durch dein
albernes Lachen auffallend machen, hte dich davor. Und dich, Grete,
ermahne ich ernstlich, nicht so viel zu schwatzen. Ueberlege erst, was du
sagen willst, damit kein Unsinn herauskommt.

So und in hnlicher Weise warnte und ermahnte sie ihre jungen Zglinge,
die in ihrer erwartungsvollen Aufregung heute nur mit halbem Ohre hrten,
was ihnen so eindringlich vorgestellt wurde. Viel wichtiger erschien ihnen
die Frage: Was werdet ihr heute abend anziehen? Womit werdet ihr euch
schmcken?

Sie hatten auch kaum das Speisezimmer verlassen, als sie die Treppen
hinaufstrmten, um in Orlas und der Schwestern Zimmer eine groe Beratung
zu halten.

Melanie holte einen groen Pappkasten hervor und fing an, Blumen und
Bnder herauszukramen. Sie hatte sich vor den Spiegel gestellt und hielt
eine Rose in ihr schnes aschblondes Haar.

Wie findet ihr diese Rose? fragte sie. Bitte, seht doch einmal! Kmmert
sich denn kein Mensch um mich? rief sie laut und ungeduldig den
Durcheinanderschwatzenden zu und stampfte sogar etwas mit dem Fue auf.

Sie steht dir gut, Melanie, antwortete Rosi, die eben erst eingetreten
war und die letzten Worte hrte, an ihre eigene Toilette dachte sie nicht.
Das dunkle Rot in deinem blonden Haar sieht prchtig aus!

Du hast nicht viel Geschmack, liebste Rosi. Nimm mir nicht bel, da ich
es dir frei heraussage, fertigte Melanie die Aermste ab. Orla, bitte,
gieb du dein Urteil ab.

Die Russin galt als die eleganteste, deren Toilette stets am
geschmackvollsten war. Mit Kennermiene musterte sie denn auch Melanie.

Die dunkle Rose ist zu grell, entschied sie, fr dein Haar pat eine
blarote besser. Uebrigens, was willst du denn anziehen? Das ist doch am
Ende die Hauptsache und darnach mut du die Blumen whlen.

Mein blaues Batistkleid, denke ich.

Dein bestes Kleid! rief die vorlaute Grete erstaunt. Gut, dann ziehe
ich mein geblmtes an!

Gerade wie die Verhandlungen am lautesten waren, ffnete sich die Thr und
Frulein Gssow trat ein.

Frulein Raimar lt euch sagen, ihr mchtet heute abend eure
Sonntagskleider tragen, verkndete sie.

O! ... Langgedehnt und unzufrieden kam es ber Melanies Lippen. O,
Frulein Gssow, die alten, dunklen Kleider! Die hellen sind so viel
besser!

Aber es blieb bei den Wollkleidern. Gegen das Machtgebot der Vorsteherin
galt kein Widerstreben.

Bevor sie in den Tanzsaal hinuntergingen, fanden sich die Mdchen noch
einmal bei Orla ein. Diese hielt erst eine allgemeine Musterung ber die
Toiletten, besserte hier und dort und verstand es, durch eine Kleinigkeit
dem einfachsten Anzuge einen netten Anstrich zu geben.

Melanie hatte sich nach besten Krften elegant herausgeputzt. Ein weies
Spitzenfichu schmiegte sich in weichen Falten um ihren Hals, und eine
blarote Rose, seitwrts an demselben befestigt, kleidete sie ganz
allerliebst. Sie war tadellos und sah trotz des einfachen braunen Kleides
sehr geputzt aus.

An Gretes ungeschickter Figur war nicht viel zu ndern. Lange Arme, groe
Fe, schlechte Haltung und dicke Taille, das waren Dinge, die leider
nicht zu verbergen waren, auch trugen die ungrazisen Bewegungen durchaus
nicht zur Verschnerung bei.

Fr dich ist die dunkle Tracht ganz vorteilhaft, meinte Orla, indem sie
eine dicke Korallenkette aus ihrem Schmuckkasten nahm und sie dem darber
hocherfreuten Gretchen um den Hals schlang. So, die will ich dir leihen,
damit du nicht zu einfach aussiehst.

Flora unterwarf sich keiner Musterung, sie fand es unntz, da ihr
Geschmack weit eigenartiger sei als Orlas. Sie hatte mit endloser Mhe
eine griechische Haartour zurechtgebracht. Im Nacken trug sie ihr Haar im
Knoten, mit einigen herausfallenden Locken, vorn hatte sie dasselbe mit
einem schwarzen Sammetbande, das mit weien Perlen benht war, dreimal
abgebunden. In die Stirn fielen gekruselte Fransen.

Sie fand sich entzckend, diese Haartour shnte sie sogar mit dem grnen
Wollkleide aus, in dem sie lang und schlank wie eine wirkliche
Hopfenstange aussah.

Rosi hatte sich nicht besonders geschmckt. Ihr schwarzes Kaschmirkleid
war unverndert geblieben. Eine weie Spitze am Halsausschnitt,
zusammengehalten von einer Spitzenschleife, die einen silbernen Pfeil
trug. So ging sie Sonntags gekleidet und Frulein Raimars Vorschrift
lautete, da sie sich heute sonntglich kleiden sollten.

O Gott, wie hausbacken siehst du aus, Rosi! Als ob du in die Kirche gehen
wolltest, so ernst und feierlich! rief Orla. Hast du denn nicht ein
farbiges Band anstatt der weien Schleife?

Sie hatte keins und jetzt half Melanie aus. Bereitwillig lieh sie Rosi
eine ganz neue rosa Atlasschleife und freute sich herzlich, wie furchtbar
nett sie derselben stand.

Betrachte dich nur einmal, sagte sie und hielt ihr den Handspiegel vor
die Augen. Nun, was meinst du dazu? Nicht wahr, jetzt siehst du nicht
mehr aus wie {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Gottesfurcht vom Lande{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}!

Die Schleife gefllt mir wohl gut, meinte Rosi, aber es ist mir ein
peinliches Gefhl, geliehene Sachen zu tragen.

_O sancta simplicitas!_ rief die geniale Flora. Kind, du gehst in
deiner Pedanterie wirklich zu weit! Unter Freundinnen herrscht Gleichheit,
da kann von geliehenen Sachen keine Rede sein!

Und um dies Wort gleichsam zur That zu machen, griff sie in Melanies
offenstehenden Blumenkasten, nahm eine feuerfarbene Nelke heraus und
befestigte dieselbe an ihrem Grtel.

Du erlaubst doch, Melanie? fragte sie so nebenhin, die rote Farbe steht
mir wirklich brillant! und mit einem wohlgeflligen Blick betrachtete sie
sich in dem Spiegel.

Nellie und Ilse, wo bleiben sie nur? fragte Orla.

Eben traten sie ein. Beide waren geschmackvoll gekleidet. Nellie im
schottischen Kleide, am Hals und den Aermeln mit echten Spitzen garniert,
sah grazis und vorteilhaft aus, ebenfalls Ilse, die ber ihr blaues Kleid
einen breiten Spitzenkragen gelegt hatte. Darber trug sie die
Korallenkette, mit welcher auch Nellie sich geschmckt hatte.

Schnell noch diese Margueriten in dein Haar! rief Melanie und machte
Miene, dieselbe Ilse in ihren Locken zu befestigen. Aber die wehrte es ab.

Geh mit deinen Blumen! entgegnete sie abwehrend, ich mag die toten,
nachgemachten Dinger nicht leiden!

Wie du willst, sagte Melanie etwas schnippisch und warf die verschmhten
Gnseblmchen wieder in den Kasten.

Die Mdchen verlieen das Zimmer und stiegen die Treppe hinunter.

Orla ist doch die eleganteste von uns, bemerkte Melanie nicht ohne einen
Anflug von Neid zu Nellie, und musterte die vor ihr Gehende, die
allerdings in der blauen Samttaille und einem gleichfarbig seidenen Rocke
hchst vornehm erschien. Freilich in Samt und Seide kleiden mich meine
Eltern nicht, so reich sind wir nicht.

Thut nix! erwiderte Nellie, man mu mit weniges auch zufrieden sein!

Bitte, bitte - wartet einen Augenblick! rief es pltzlich hinter ihnen.

Annemie war es, die in voller Eile allen nachgelaufen kam. Ich bin noch
nicht ganz fertig, fuhr sie atemlos fort, ich kann aber nichts dafr!
Als ich mein Kleid berzog, ri ein Band irgendwo, - nun hngt der eine
Zipfel vom Ueberwurfe bis auf die Erde. Bitte, seht einmal nach!

Alle waren stehen geblieben und betrachteten Annemie. Nellie, praktisch
wie immer, untersuchte gleich, wo der Schaden sa.

Komm her, sagte sie, ich werde dir ausbessern. Aber ein Nadel und Faden
mu ich haben, dann nhe ich dir gleich mit weniger Stich in Ordnung.

Sei nicht umstndlich, meinte Flora. Hier hast du eine Stecknadel,
damit wirst du es ebenso gut machen knnen. Wie manchmal habe ich mir
schon ein Band oder einen kleinen Ri schnell mit der Nadel gesteckt.

Aber davon wollte die Englnderin nichts wissen. Sie nahm Annemie mit in
ihr Zimmer und nhte die wenigen Stiche.

Bitte, liebe, gute Nellie, mir ist hier am Aermel ein Endchen Spitze
abgerissen, willst du mir nicht die gleich annhen? Du bist auch ein
Engel!

Nellie brachte auch diesen Schaden in Ordnung, und als sie fertig war,
zupfte sie an Annemie hier und dort zurecht, nichts sa an der kleinen,
runden Lachtaube, wie es sitzen mute. Die Handschuhe waren nicht
zugeknpft, die Halskrause sa schief und an dem halbhohen Lackschuh
fehlte ein Knpfchen.

Du bist aber ein sehr unordentlich' Mdchen, liebes Lachtaube, schalt
Nellie, aber ich kann dich nicht helfen, du mut mit deiner abgerissener
Knopf gehen. Es schlgt sechs, wir mssen pnktlich erscheinen.

Die brigen Mdchen hatten an der Treppe gewartet, jetzt gingen alle
zusammen hinunter und an der Thr des Saales blieben sie stehen, sie
hatten mit einem Male keinen Mut, hineinzugehen.

Ich hre sprechen, sagte Orla gedmpft, ich glaube, die Herren sind
schon da.

Sie legte das Ohr an die Thr und horchte.

Wirklich, sie sind da! besttigte sie.

Lass' mich durchs Schlsselloch sehen, Orla, bat die neugierige Flora
und schob die erstere leicht beiseite.

Sie beugte den Kopf, als sie das Auge an die Thr legen wollte, packte
Grete der Uebermut, so da sie Flora einen Sto gab und diese mit dem
Haupte gegen die Thr flog. Das war ein Schreck! Wie der Wind flogen alle
bis an das andre Ende des Vorsaals, - wenn Frulein Raimar das Gerusch
gehrt htte! Dann sind wir einfach furchtbar blamiert, erklrte Melanie
und schalt Grete albern und ungezogen.

Du bist ein Tollpatsch, Grete, im hchsten Grade ungebildet! sagte Flora
entrstet, und Annemie lachte, da ihr die hellen Thrnen ber die Wangen
liefen.

Sei mir nicht bse, da ich dich auslache, Flora, sagte diese, aber ich
kann nicht anders. Du sahest zu komisch aus und machtest ein so entsetztes
Gesicht, als du mit deinem griechisch frisierten Kopf gegen die Thr
flogst.

Frulein Raimar hatte wirklich ein Klopfen an der Thr vernommen, sie
ffnete dieselbe, und als sie die Mdchen stehen sah, rief sie ihnen zu,
sich zu beeilen.

Das war ein kritischer Moment. Unbemerkt stieen sie sich untereinander an
und stritten sich leise, wer die erste sein solle.

Du mut vorangehen, Orla, du bist die lteste, flsterte Ilse.

Ich bin die jngste, ich komme zuletzt! rief Grete, die sonst immer mit
ihrem Munde die erste war.

La mich die letzte sein, Grete, bat Annemie, ich habe mich noch nicht
ausgelacht.

Rosi war die verstndige, wie immer. Komm, Orla, sagte sie, wir drfen
Frulein Raimar nicht warten lassen. Wir benehmen uns berhaupt hchst
kindisch, finde ich. An allem ist Gretes Albernheit schuld.

Das gute Beispiel der beiden Aeltesten wirkte wohlthuend auf die brigen.
Sie nahmen sich zusammen und gingen ruhig und ernst in den Saal.

Meine Damen, erlauben Sie, da ich Ihnen die Herren vorstelle, mit
diesen Worten empfing sie der Tanzlehrer. Es folgten Verbeugungen von
beiden Seiten.

Flora schwamm in Seligkeit, sie hatte unter den Herren einen Primaner
erkannt, fr den sie bereits lngst im Geheimen schwrmte. Erst krzlich
hatte sie ihn als Apoll in Jamben besungen.

Frulein Gssow stand neben der Vorsteherin und hatte ihre Freude an den
jungen Mdchenblten. An Ilse hing ihr Auge am zrtlichsten. Wie reizend
hatte sich ihr Liebling entfaltet! Krperlich und seelisch. Wie viel
gleichmiger war das strmische Kind geworden. Wo war der bse Trotz
geblieben?

Sie verglich Ilse mit den brigen und fand, da sie nicht allein die
hbscheste, sondern auch weit natrlicher und unbefangener war, als die
meisten andern. Keine Spur von Koketterie uerte sich in ihrem Wesen,
frei und frhlich blickte sie mit den groen Kinderaugen in die Welt und
schien die glckliche Frage auszusprechen: Liebe Welt, bist du immer so
schn?

Melanies Zge waren regelmiger, aber lngst nicht so unbewut lieblich,
man merkte dem hbschen Mdchen an, da sie schon gar zu oft den Spiegel
um seine Meinung befragte.

Flora und Melanie standen beisammen und machten ihre Bemerkungen ber die
Herren, zu denen sie verstohlen hinber schielten. Natrlich gaben sie
sich den Schein, als ob sie sich gar nicht um dieselben kmmerten.

Orla war aufrichtiger. Sie hatte den Klemmer auf die Nase gesetzt und
betrachtete die Jnglinge ganz ungeniert. Spter erhielt sie einen Tadel
deswegen von der Vorsteherin.

Grete und Annemie hatten sich in eine Fensternische gesetzt und kicherten
und schwatzten das dummste Zeug. Sogar Nellie war nicht ganz frei von
einer harmlosen Gefallsucht. Sie hatte sich so zu setzen gewut, da ihr
kleiner, schmaler Fu im Goldkferstiefel wie absichtslos unter ihrem
Kleide hervorsah. Rosi war natrlich weder kokett, noch empfand sie die
geringste Erregung. Ruhig und freundlich, wie immer, sa sie da, und so
tadellos gerade hielt sie sich, da sie auch in der Tanzstunde das
Musterkind fr die andern war.

Anfangen! rief der Tanzlehrer und klatschte in die Hnde.

Und das Orchester, das aus einem Klavier und einer Geige bestand, begann.

Wie herrlich klang die Musik den jungen, unverwhnten Ohren, wie
furchtbar entzckend fanden sie die Walzerklnge. -

Bitte die Herren, sich zu engagieren! kommandierte der Tanzlehrer, und
wie von einem Zauberstabe berhrt strzten die tanzlustigen Jnglinge auf
die Dame zu, die sich ein jeder bereits still und verschwiegen als Ziel
seiner Wnsche ausgesucht hatte.

Vor der blendenden Melanie verbeugten sich zugleich drei Herren. Welch ein
Triumph fr ihr eitles Herz! - Leider konnte sie nicht mit allen dreien
auf einmal tanzen und mute sich mit der Genugthuung begngen, da alle
Anwesende doch sicher diese Auszeichnung bemerkt hatten. - Alle wohl
nicht, aber Flora und Grete hatten sie bemerkt und muten die schmerzliche
Erfahrung machen, da die Verschmhten zu ihnen kamen, um sie zu erlsen.
Sie waren von all den jungen Damen die allein Uebriggebliebenen. Flora
fhlte sich besonders tief gekrnkt und mit neidischen Blicken folgte sie
Ilse, die eben mit Apoll an ihr vorberwalzte.

Recht lebhaft war die Unterhaltung am ersten Herrenabend nicht. Die
Gegenwart der Vorsteherin, ihre beobachtenden Blicke legten einigen Zwang
auf. Nellie, die sich sehr zusammennahm, um ja keinen Sprachfehler zu
machen, war ganz besonders schweigsam, und einige Male, als sie angeredet
wurde und sich recht gewhlt ausdrcken wollte, brachte sie die
drolligsten Dinge zum Vorschein.

Ein junger Mann erzhlte ihr, da er in einigen Jahren, wenn er
ausstudiert habe, nach England gehen werde. Werden Sie dort verstndig
(bestndig, meinte sie) sein? fragte sie. - Ein andrer fragte, ob sie
gern in Deutschland weile. O ja, ich bin ganz verliebt in der Deutsche!
gab sie freudig zur Antwort.

Aber Nellie konnte nie miverstanden werden. Ihre kindliche Naivett nahm
sofort alle Herzen fr sie ein. Die jungen Herren waren denn auch smtlich
entzckt von der jungen Englnderin, und da sie obenein sehr gut tanzte,
wurde sie bald zum allgemeinen Liebling erkoren.

Grete wurde ihre schweigsame Zurckhaltung uerst sauer, verschiedene
Male fiel sie aus der Rolle. Einmal ertappte sie Orla, die gerade hinter
ihr stand, auf einer argen Indiskretion.

Wie heit die junge Dame mit den Locken? wurde sie von ihrem Tanzherrn
gefragt.

Das ist Ilse Macket, gab Grete schnell zur Antwort. Und nun fing sie an,
ausfhrlich ber dieselbe zu berichten. Sie ist erst seit Juli hier,
fuhr sie fort und der Mund ging ihr wie eine Plappermhle, ihr Vater
brachte sie hierher. Sie ist nmlich weit her, aus Pommern, und, denken
Sie sich, sie hatte ihren Hund mitgebracht und wollte ihn durchaus mit in
die Pension nehmen! Natrlich Frulein Raimar erlaubte es ihr nicht. Ach,
und ungeschickt war sie! Kein Mensch kann sich davon einen Begriff machen.
Einmal hat sie einen ganzen Sto Teller -

Grete, unterbrach Orla ihren Redeflu, du verlierst eine Nadel. Tritt
einen Augenblick mit mir zur Seite, damit ich sie wieder befestige.

Wie ungezogen, wie abscheulich von dir! schalt Orla, indem sie sich
scheinbar an Gretes Kragen zu schassen machte. Warum blamierst du Ilse
so? - Du siehst den Herrn heute zum ersten Male und machst ihn sofort zum
Mitwisser unsrer Pensionsgeheimnisse! Mchtest du denn, da die arme Ilse
verspottet wrde?

Grete erschrak. Daran hatte sie gar nicht gedacht! Die Schwatzhaftigkeit
war wieder einmal mit ihr durchgegangen und hatte ihr einen bsen Streich
gespielt.

Hchst betrbt und niedergeschlagen trat sie wieder in die Reihe der
Tanzenden. Sie fate auch den festen Entschlu, in Zukunft vorsichtiger zu
sein, aber wie lange! Es ist so schwer, eine lebhafte Zunge zu zgeln!

Doch es liegt nicht in meiner Absicht, die Tanzstundenereignisse genau und
ausfhrlich zu schildern. Ich nehme an, meine Backfischchen, denen ich
meine Erzhlung widme, haben die Leiden und Freuden derselben aus eigener
Erfahrung bereits kennen gelernt. Es ist immer dasselbe. Harmlose
Koketterien, kleine Eiferschteleien, ein wenig Neid, schwrmerische
Verehrung, etwas Courschneiderei, zuweilen auch Klatscherei - u. s. w.
Dazu noch die kleinen Aufmerksamkeiten, die hinter den Kulissen spielen,
z. B. Fensterparaden, duftige Blumenspenden, manchmal sogar eine
gemeinsame Schlittschuhpartie auf dem Eise.

Die letztgenannten Aufmerksamkeiten waren natrlich vollstndig
ausgeschlossen in der Pension. Frulein Raimar wrde dieselben nicht
geduldet haben. Streng hielt sie darauf, da auer den Tanzstunden nicht
die geringste Annherung mit den Herren stattfand. In diesem Punkte kannte
sie keine Nachsicht.

Schon in hchstem Grade unangenehm war es ihr, da die jungen Leute sich
herausnahmen, ihre tglichen Spaziergnge mit den Zglingen zu
durchkreuzen und grend an ihnen vorberzuschreiten. Es war ihr geradezu
unbegreiflich, wie sie es herausbrachten, welchen Weg sie whlte. Denn
wenn sie ihre junge Schar heute durch den Park - morgen in dieses Thal -
bermorgen ber jenen Berg fhrte, immer konnte sie berzeugt sein, die
roten Primanermtzen auftauchen zu sehen - sie konnte ihnen nicht
entgehen. Die Lsung dieses Rtsels war einfach genug, der Verrat wurde
durch die Tagesschlerinnen ausgefhrt. Sie waren die Vermittlerinnen
zwischen ihren Brdern, Vettern oder Bekannten und den Pensionrinnen. Sie
schmuggelten Gre, Gedichte, sogar Photographien ein und Flora benutzte
diesen Weg, ihr Album den Herren zuzusenden mit der Bitte, ein
selbstverfates Gedicht hineinzuschreiben.

Eines Tages, es war so ziemlich gegen den Schlu der Tanzstunden, erhielt
Nellie nach dem Schulunterricht ein kleines Billet zugesteckt. Sie ging
auf ihr Zimmer, wo Ilse anwesend war, und ffnete dasselbe.

Wie albern! rief sie hocherrtend aus, als sie die wenigen Zeilen
gelesen hatte. Wie kann der einfltige Mensch sich so dreist gegen mir
benehmen! Ich habe ihm nie Ursach' zu so groe Dreistigkeit gegeben! Und
sie zerri die Zeilen.

Ehe noch Ilse ihre Meinung aussprechen konnte, kam Melanie hereingestrzt,
strahlend vor Eitelkeit und Freude.

Kinder! rief sie mit ihrer lispelnden Stimme, ich mu euch etwas
mitteilen! Aber verratet mich nicht! Schwrt, da ihr niemand etwas sagen
werdet! Du auch, Grete, wandte sie sich an die eintretende Schwester.

Natrlich wartete sie in ihrer Erregung den Schwur gar nicht ab, sondern
geheimnisvoll die Thr verriegelnd zog sie ein kleines Briefchen aus ihrer
Kleidertasche und begann vorzulesen.






Mein gndiges Frulein!

Sie wrden mich zu dem glcklichsten aller Sterblichen machen, wenn Sie
mir Ihre Photographie verehrten! - Meine Bitte ist khn, ich wei es, aber
Sie werden mir diese Khnheit gromtig verzeihen, wenn ich Ihnen gestehe,
da es mein glhendster Wunsch ist, Ihre wunderbar klassischen Zge
tglich, stndlich sehen und anbeten zu knnen.

Darf ich auf Ihre Gnade hoffen?

                                                        _Georg Breitner_.






Nellie hatte die Papierstckchen von der Erde aufgenommen und dieselben so
ziemlich wieder zusammengesetzt auf ihrer Kommode. Nun las sie die Zeilen
vor. Sie waren von demselben Verfasser und enthielten die gleiche Bitte,
nur waren die Worte ein wenig anders gesetzt, auch nannte er Nellies Zge
{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}liebreizend{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} anstatt {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}klassisch{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}.

Sie wurde doch etwas herabgestimmt bei dieser Entdeckung, die
siegesstrahlende Melanie! Einen Augenblick schwieg sie und sah Nellie an.

Was thun wir, Nellie? fragte sie dann, wir knnen doch Herrn Breitner
die Bitte nicht abschlagen!

Du darfst dein Bild nicht geben! platzte Grete, die nebenbei etwas Neid
gegen die weit hbschere Schwester empfand, heraus. Auf keinen Fall, oder
ich schreibe es dem Papa!

Dich habe ich nicht um deine Meinung gefragt! gab Melanie kurz zur
Antwort. Nellie, was sagst du?

Aber, Melanie! rief Ilse ganz erregt, wie kannst du nur einen
Augenblick im Zweifel sein! Du wirst doch wahrhaftig dein Bild nicht an
einen Herrn verschenken, der dir eigentlich ganz fremd und noch kein
ordentlicher Herr ist! Er will dich zum Narren halten, weiter nichts!

Du schwatzest geradezu Unsinn, liebe Einfalt vom Lande! entgegnete
Melanie gereizt. Was verstehst du denn unter {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}ordentliche Herren{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}?

Solche, die nicht mehr in die Schule gehen und auf Schulbnken sitzen!
erklrte Ilse. Herr Georg Breitner wird dein Bild mit in die Klasse
nehmen und die {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Herren{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Schler werden es bewundern. Dann bist du
furchtbar blamiert!

Nellie, du bist ja so still! wandte sich Melanie etwas kleinlauter als
vorhin an diese, sage doch, was wir thun sollen!

O gar nix! entgegnete dieselbe trocken, wir werden thun, als ob wir der
dumm' Brief nicht bekommen haben.

Und wenn er fragt? Was sagen wir dann, Nellie?

O, auch nix. Wir zucken mit die Schulter und schweigen. Das nennt man in
Deutsch: Mit Nichtachtung verstrafen!

Einverstanden war Melanie durchaus nicht mit dieser Entscheidung, sie
htte so gern ihr klassisches Konterfei vergeben, trotzdem mute sie
sich der Notwendigkeit fgen. Warum mute er auch noch um Nellies
{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}liebreizendes Bild{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} bitten?

Ihr habt furchtbar de Ansichten! sagte sie spottend und verlie das
Zimmer.

                                  * * *

Die Tanzstunde nahte ihrem Ende. Leider! seufzten die jungen Leute.
Frulein Raimar indes atmete auf, denn wenn sie auch der Jugend gern
frhliche Stunden bereitete, so sehnte sie doch wieder Ruhe und
Gleichmigkeit zurck, weil sie die Erfahrung gemacht hatte, da durch
die Zerstreuung stets der rechte Ernst zum Lernen etwas abhanden kam.

Den Schlu und Glanzpunkt bildete alljhrlich ein kleiner Ball, und
morgen, am Sonnabend, sollte derselbe stattfinden.

Die Benennung Ball klingt eigentlich zu hoch fr das kleine Fest. Es
wurden noch einige Gste geladen, das Orchester schwang sich zu einer
zweiten Geige auf, dem Thee nebst belegten Butterbroten folgte eine
leichte Bowle mit Pfannkuchen, und die jungen Mdchen zogen ihre besten
Kleider an. Das war alles!

Aber der groe Saal erhielt ein festliches Ansehen, dafr trug stets
Frulein Raimar Sorge. Sie liebte es, den Schnheitssinn ihrer jungen
Zglinge zu wecken, damit dieselben spterhin imstande seien, mit wenigen
Mitteln auch dem einfachsten Feste ein knstlerisches Ansehen zu geben.

Soeben stand sie neben dem Grtner und ordnete an, wie er die Tannen, die
er am Morgen aus dem Walde geholt, mit blhenden Topfgewchsen zu
lauschigen Ecken und Pltzen gruppieren solle. Als das geschehen war,
mute er Konsolen von rotem Thone zwischen verschiedenen Wandleuchtern
befestigen, - ppige Schlingpflanzen wurden darauf gestellt und fielen
anmutig herab. Auch der altmodische Kronleuchter, geformt wie eine
bronzene Schale mit Lichterarmen, erhielt seinen grnen Schmuck. Es wurde
eine Schlingpflanze in die Schale gestellt, so da die grnen Ranken
zwischen den Armen herabfielen. Am Abend, wenn die Kerzen brannten, machte
dieser einfache Schmuck einen reizend malerischen Eindruck.

Als alles fertig war, bersah die Vorsteherin noch einmal den Saal, und
recht befriedigt verlie sie denselben.

Die jungen Mdchen waren natrlich in groer Aufregung. Es war der erste
Ball, der ihnen bevorstand, und dieses wichtige Ereignis nahm all ihre
Gedanken in Anspruch. Einige betrachteten wieder und wieder die duftigen
Kleider, andre versuchten besondere Haartrachten, so Flora, die eine
Passion dafr hatte, wieder andre probierten die Kleider an, der
Sicherheit wegen, wie Nellie meinte, die soeben mit Ilse die
Weihnachtskleider von der Schneiderin erhalten hatte. Gerade als beide
angekleidet dastanden, kam Lilli hereingejubelt.

Ich geh mit auf euren Ball! rief sie, das Frulein hat es mir erlaubt.
Und mein neues, weies Kleiderl zieh ich an und die rote Atlasschrpe
bind' ich um, - und ich darf halt mittanzen! Ich freu mich halt zu sehr
auf morgen!

Und sie fate mit beiden Hndchen an ihre Schrze und tanzte zierlich und
grazis durch das Zimmer.

Es war schon ziemlich dunkel, und die Kleine hatte nicht bemerkt, wie
geputzt Nellie und Ilse waren. Als die erstere Licht anzndete, blieb sie
pltzlich berrascht stehen und sah erstaunt von einer zur andern.

Wie schn schaut ihr aus! rief sie bewundernd und mit gefaltenen Hnden,
und fast andchtig sah sie die beiden Mdchen an.

Weit, Ilse, fuhr sie lebhaft fort, du schaust aus gerad wie des
Kaisers Tochter! Ich fhr' dich morgen in den Saal - bitt' schn!

Ilse nahm ihren Liebling zrtlich in den Arm und kte ihn herzhaft auf
den Mund. Du bist ja so hei, Lilli, sagte sie und befhlte Stirn und
Wange des Kindes. Fehlt dir etwas?

Der Kopf thut mir halt a bissel weh, entgegnete Lilli, aber gar nit
viel, - gewi nit, beteuerte sie, als Ilse sie besorgt ansah. Morgen
thut er nit mehr weh, - morgen geh ich ganz gewi auf den Ball! Du gehst
auch mit, sagte sie zu ihrer Puppe, die nach ihrer Geberin, Ilse, getauft
war. Aber artig mut halt sein, sonst wirst in dein Bett gesteckt! -

  Doch mit des Geschickes Mchten
    Ist kein ew'ger Bund zu flechten
  Und das Unglck schreitet schnell.

Acht Tage spter schrieb Flora diese inhaltschweren Worte in ihr
Tagebuch. -

Am andern Morgen lag Lilli heftig fiebernd in ihrem Bette. Der
herbeigerufene Arzt machte ein ernstes Gesicht. Sie hat starkes Fieber,
sagte er und verordnete Eisumschlge auf den Kopf, die jede halbe Stunde
gewechselt werden muten. Das lebhafte Kind lag still und teilnahmlos da.

Frulein Gssow sa recht sorgenvoll an Lillis Bett, die eben etwas
eingeschlummert war. Die Vorsteherin beruhigte sie und meinte, da Lillis
ganze Krankheit ein heftiges Schnupfenfieber sein werde, sie habe bei
Kindern oftmals hnliche Flle erlebt.

Die junge Lehrerin schttelte unglubig den Kopf. Wenn nur der Ball heute
abend nicht wre! sprach sie seufzend. Der Lrm im Hause und das kranke
Kind - es will mir nicht in den Kopf! - Wenn wir ihn hinausschben,
Frulein?

Sie sehen zu schwarz, liebe Freundin, entgegnete die Vorsteherin. Der
Lrm wird Lilli nicht stren, wie sollte er aus dem Vorderhause bis
hierher in Ihr stilles Zimmer dringen? Bedenken Sie, wie sehr sich die
Kinder auf den heutigen Abend gefreut haben; wie grausam wre es, wollten
wir ihre Freude zerstren! Noch sehe ich keine Gefahr und wir knnen
unbesorgt den Ball stattfinden lassen.

Ball! wiederholte Lilli, die erwacht war und das Wort gehrt hatte; ich
will tanzen! Zieh mich an, Frulein! Bitt schn, la mich tanzen!

Frulein Gssow warf der Vorsteherin einen verstndnisvollen Blick zu,
jetzt mute dieselbe sich doch berzeugen, wie krank die Kleine war, - sie
phantasierte.

Aber Frulein Raimar war nicht berzeugt und auch nicht erschrocken. Sie
trat zu Lilli an das Bett und ergriff deren Hand.

Es ist ja noch heller Tag, Lilli, sagte sie freundlich; siehst du
nicht, wie die Sonne scheint? Heute abend sollst du tanzen, jetzt ist es
noch viel zu frh. Lege dich nieder und schlafe noch etwas; wenn du
aufwachst, bist du gesund und ziehst dein gesticktes Kleid an.

Die liebe Sonn scheint, wiederholte das Kind, wie aus einem Traume
erwachend, und sah mit mden Augen zum Fenster hinaus. Dann legte sie die
Hand gegen die Stirn und sagte leise: Ach Gotterl, Frulein, mir thut der
Kopf halt so weh!

Das wird sich geben, mein Herz. Nimm nur recht artig deine Medizin ein.

Sie kte Lilli und versicherte der sehr gengstigten Lehrerin, das
Phantasieren der kleinen Kranken habe nichts zu bedeuten, bei lebhaften
Kindern stelle sich dasselbe bei einem harmlosen Schnupfenfieber ein. Und
mit diesem aufrichtig gemeinten Troste verlie sie das Zimmer.

Es schien, als habe sie wahr gesprochen. Gegen Mittag schlief Lilli ein.
Das Fieber hatte etwas nachgelassen und Frulein Gssow atmete erleichtert
auf. Als Ilse kam und teilnehmend mit trauriger Miene nach Lillis Befinden
fragte, winkte sie derselben freudig zu und flsterte: Sie schlft, - es
scheint eine Besserung eingetreten zu sein.

Ilse teilte sofort diese gute Nachricht den Freundinnen, die schon in
ngstlicher Sorge um den kleinen Liebling waren, mit, und brachte sie alle
wieder in frhliche Stimmung. Nur Flora blieb bei ihren dsteren
Prophezeiungen.

Meine ahnungsvolle Stimme tuscht mich nicht, ich fhle es, der Tod wird
diese zarte Knospe brechen, sagte sie in tragischem Tone und probierte
dabei ihre neuen Ballschuhe an, streckte den Fu weit von sich und
bewunderte mit sehr befriedigter Miene die zierliche, elegante Form des
Schuhes. Es war ihr wenig ernst mit ihren dstern Ahnungen!

Lillis Besserung war leider nur trgerisch gewesen. Whrend die jungen
Mdchen heiter und glcklich Toilette zum frhlichen Feste machten, lag
sie im heftigsten Fieber.

Frulein Gssow wich nicht von ihrem Bette und erklrte mit aller
Bestimmtheit, da sie diesen Platz nicht verlassen werde. Auf Frulein
Raimars Wunsch wurde die Verschlimmerung der Krankheit vorlufig geheim
gehalten; sie mochte keinen Miklang in die unbefangene Freude ihrer
Zglinge bringen, mute sie sich doch bei ruhiger Ueberzeugung sagen, da
nichts damit gebessert werde. - So blieb denn die junge Lehrerin allein im
Krankenzimmer. Sie hrte das unruhige Getappel im Vorderhause; dann und
wann schlug wohl ein frhliches Lachen an ihr Ohr - und endlich vernahm
sie die gedmpften Tne der Polonaise.

Ilse, komm! rief Lilli pltzlich und Frulein Gssow fuhr erschreckt
zusammen. Ilse, bitt, bitt schn, komm! Ich fhr dich in den Saal, komm!
- Hoch hatte sie sich im Bett aufgestellt und machte alle Anstrengungen,
aus demselben zu springen.

Frulein Gssow legte den Arm um das fiebernde Kind und versuchte es
niederzulegen, aber Lilli stie sie von sich.

Geh fort! rief sie; du bist nit des Kaisers Tochter, du hast kein
schnes Kleiderl an! - Ilse! Ilse komm!

Angstvoll und gellend stie sie ihre Worte heraus und mit starren Augen
blickte sie ihre Pflegerin an.

Wenn du ruhig bist, wird Ilse kommen, sagte dieselbe mit zitternder
Stimme, die Angst schnrte ihr fast die Kehle zu. Sei ruhig, mein
Liebling, willst du? Lege dich nieder - ganz still - so. Und sie bettete
mit sanfter Gewalt die immer noch aufrechtstehende Lilli in die Kissen.

Ganz still, wiederholte das Kind mechanisch; Ilse komm, - ganz still!

Frulein Gssow zog an der Klingelschnur, und nach einiger Zeit
ngstlichen Harrens erschien die Kchin. Sie war die einzige, welche die
Glocke vernommen hatte, die beiden andern Dienstboten waren im Vorderhause
beschftigt.

Rufe sofort Frulein Ilse, gebot sie mit halblauter Stimme, und dann
hole den Arzt. Das Kind ist sehr krank. Aber still und ohne Aufsehen,
Brbchen, niemand darf es wissen.

Aber wenn mich Frulein Raimar fragen sollte, wandte die etwas
schwerfllige Kchin ein, dann mu ich es ihr sagen, nicht?

Sie wird dich nicht fragen, wenn du deine Sache klug machst. Eile dich
nur, ich bitte dich!

Der Zufall kam Brbchen zu Hilfe. Gerade als sie sich dem Saale nherte,
traten Ilse und Nellie lachend und plaudernd, mit ganz erhitzten Wangen,
Arm in Arm, aus der Thr desselben.

Geheimnisvoll winkte ihnen die Kchin zu. Frulein Ilschen, sagte sie,
Sie mchten gleich zu Frulein Gssow kommen!

Es ist doch nichts passiert, Brbchen? fragten beide Mdchen fast
zugleich.

O nein, passiert gerade nichts, aber das Kind ist krnker geworden, ich
soll gleich den Doktor holen. Es soll aber niemand etwas wissen. Sie
brauchen keine Angst zu haben, Fruleinchens, beruhigte sie, als sie die
erschrockenen Gesichter vor sich sah, so schnell geht das nicht mit so
kleinen Kindern. Krank - tot - gesund - man wei nicht, woher es kommt!
Aber nun will ich laufen! Und wie der Wind war sie die Treppe hinunter
und zum Hause hinaus.

Ich gehe mit dich, sagte Nellie, aber Ilse wehrte ihr ab.

Du mut in den Saal zurckkehren, Nellie, erklrte Ilse entschieden, es
wrde Aufsehen erregen, wenn wir beide fehlten. Ich gehe allein und bringe
dir bald Bescheid.

Traurig sah Nellie der Freundin nach, dann kehrte sie zurck in den
hellerleuchteten Saal. Schwer legte es sich auf ihr Herz, als sie ringsum
nur glckliche, frhliche Menschen sah - unwillkrlich fllte sich ihr
Auge mit Thrnen.

Aber ihr betrbtes Gesicht durfte niemand sehen, sie trat deshalb
unbeachtet hinter eine Tannengruppe.

Einer indes hatte sie doch beachtet und das war Doktor Althoff. Als er sie
mit so ernstem Gesicht eintreten und gleich darauf verschwinden sah,
nherte er sich ihr langsam.

Weshalb suchen Sie die Einsamkeit, Mi Nellie? fragte er herzlich.
Haben Sie Kummer?

O Herr Doktor, ich ngstige mir so um das Kind! Brbchen hat Ilse gerufen
und holt jetzt der Arzt! Und Nellies sonst so frhliche Augen blickten in
Angst und Trauer den jungen Mann an.

Doktor Althoff hatte sie nie so lieblich gesehen als in diesem
Augenblicke.

Die schelmische, lustige Nellie in dem duftigen, hellblauen Kleide, den
Kranz von Tausendschn im goldblonden Haar, hatte ihn schon den ganzen
Abend erfreut, die trauernde Nellie, die ein so warmes Mitgefhl verriet,
entzckte ihn geradezu.

Beruhigen Sie sich, trstete er, ich werde sofort in das Krankenzimmer
gehen und verspreche Ihnen, Sie zu benachrichtigen, wie es dort steht.

Als er die Thr desselben nach leisem Anklopfen ffnete, bot sich ihm ein
rhrender Anblick dar. Ilse kniete an dem Bett und hatte ihr Haupt dicht
neben Lillis Kpfchen gelegt, so da ihre braunen Locken sich mit den
lichtblonden des Kindes mischten. Eine frische, rote Rose, der einzige
Schmuck, den sie heute abend getragen, hatte sich aus ihrem Haar gelst
und lag halb entblttert auf dem Boden. Frulein Gssow legte soeben einen
neuen Eisumschlag auf der Kranken glhende Stirn.

Doktor Althoff fragte nicht, - ein Blick auf die kleine Kranke sagte ihm
alles. Gro und fremd sah sie ihn an, ihre Hndchen zuckten und griffen
unruhig in die leere Luft. Als Ilse sich erheben wollte, klammerte sie
sich fest an sie.

Du sollst nit fortgehn, du bist des Kaisers Tochter! stie sie in
abgerissenen Stzen heraus, du bist die Schnste! - Tanz mit mir - komm!

Pltzlich sprangen ihre Phantasien davon ab, und sie sah Ilse fr das
Christkind an.

Du liebes Christkindl hast ein goldenes Kleiderl an, - und ein Kronerl
tragst auf dem Kopf - ah, wie das strahlt! Du willst mit mir spielen,
fuhr sie geheimnisvoll lchelnd fort, wart nur, ich komm zu dir, zu den
lieben Engelein! - Ich komm - nimm mich mit!

Ermattet sank sie nach diesem Anfall in die Kissen zurck.

Ilse war wie gelhmt vor Schreck. Niemals zuvor hatte sie an dem Lager
eines Schwererkrankten gestanden, es war daher natrlich, da sie ganz
fassungslos war. Sie umklammerte Frulein Gssow und wurde totenbla, ohne
ein Wort ber die bebenden Lippen zu bringen.

Kehren Sie in den Saal zurck, Ilse, riet Doktor Althoff und ergriff
ihre Hand. Kommen Sie, ich werde Sie fhren.

Aber sie schttelte den Kopf. Ich bleibe hier, sagte sie leise aber
fest, ich verlasse Lilli nicht.

Und wie auch die Strau'schen Klnge der blauen Donau schmeichelnd und
verlockend durch die Nacht in das stille Krankenzimmer drangen, Ilse
dachte nicht daran, zur Lust und Freude zurckzukehren. Ihre ganze Seele
war von den Leiden ihres Lieblings erfllt.

Nur wenige Augenblicke lag Lilli still und mit geschlossenen Augen da,
dann fing sie von neuem weit heftiger an zu phantasieren. Bald rief sie
nach Ilse, um mit ihr zu tanzen, bald wollte sie mit dem Christkindl
spielen, zuletzt fing sie an, mit leiser, matter Stimme zu singen: Kommt
a Vogerl geflogen -

Wie klang heute des Kindes Lied so weh und traurig! Ilse mute sich
abwenden, heie Thrnen rannen ber ihre Wangen, es war, als msse ihr das
Herz zerspringen.

Ich befrchte das Schlimmste! sprach Frulein Gssow tief ergriffen.
Wenn nur der Arzt kme!

Nach kurzer Zeit, die den Wartenden eine Ewigkeit dnkte, trat derselbe
ein. Sein Blick fiel auf das Kind, und er erschrak. Wie hatte es sich
verndert, seitdem er es verlassen, was war seit gestern aus dem
blhenden, lebensfrohen Wesen geworden! Die runden Wangen waren
eingefallen und die groen, schwarzen Augen starrten wie abwesend in die
leere Luft. Er nahm ihre Hand und fhlte nach ihrem Puls, - sie merkte
nichts davon, leise fing sie wieder an zu singen: Und es kmmert sich ka
Hunderl -

Au, au! schrie sie pltzlich auf und griff nach ihrem Kopfe. Das
Katzerl beit mich! Nimm es weg, Frulein! Au weh!

Der Arzt rhrte ein Pulver in ein Glas Wasser und reichte es ihr. Nur
mhsam war ihr dasselbe beizubringen und erst auf Ilses sanftes Zureden
ffnete sie die Lippen. Nachdem sie getrunken, wurde sie ruhiger und
verfiel in einen Halbschlummer.

Wo wohnen die Eltern der Kleinen? wandte der Arzt sich an Frulein
Gssow. Ich rate, dieselben unverzglich von der Krankheit zu
benachrichtigen. Ich kann fr den Ausgang nicht stehen. - Wir haben es mit
einer bsartigen Gehirnentzndung zu thun.

Nur die Mutter lebt, nahm Doktor Althoff das Wort und erbot sich, sofort
ein Telegramm an dieselbe abgehen zu lassen. Nach seiner Berechnung konnte
sie schon am Abend des nchsten Tages eintreffen.

Bevor er das Haus verlie, kehrte er noch einmal in den Saal zurck, um
die Vorsteherin mit dem Ausspruch des Arztes bekannt zu machen. Nellie,
die gerade mit Georg Brenner Franaise tanzte und nicht aus der Reihe
treten konnte, warf einen ngstlich fragenden Blick auf ihn, flchtig nur
streifte sie sein Auge, und doch erriet sie, da er nichts Gutes zu melden
habe. O, wre nur der Tanz erst zu Ende, da sie ihn fragen knnte! Aber
er wartete nicht darauf, nach wenigen Minuten verlie er schon wieder den
Saal und lie Nellie in den peinlichsten Zweifeln zurck. War es schlimmer
geworden? Der Vorsteherin ruhiges Gesicht gab ihr keine Antwort auf ihre
Frage. Es lag dasselbe wohlwollende Lcheln auf demselben wie zuvor. Sie
unterhielt sich mit einigen Gsten ohne jede sichtbare Erregung.

Und doch war sie bis in das Innerste erregt. Aber sie verstand die seltene
Kunst, sich meisterhaft zu beherrschen. Warum sollte sie pltzlich Schreck
und Aufregung in die Freude bringen? In einer Viertelstunde war der Tanz
vorber, dann sollten die jungen Mdchen sich niederlegen, ohne zu
erfahren, wie es mit der Kranken stand. Die Jugend bedarf des Schlafes,
sagte sie sich, besonders nach einer halb durchtanzten Nacht.
Verschlimmerte sich Lillis Zustand, so erfuhren sie diese traurige
Botschaft am Morgen noch frh genug.

Ilses Verschwinden, das allgemein bemerkt wurde, hatte Nellie auf ihre Art
entschuldigt, sie hatte jedem Fragenden geantwortet: O ja, sie wird
gleich wieder da sein, sie hat nur auf ein Augenblick Kopfschmerzen. Der
Vorsteherin hatte sie so halb und halb die Wahrheit gesagt. Aber der Ball
ging zu Ende und Ilse war nicht wiedergekehrt. -

Mi Lead hatte von der Vorsteherin den Auftrag erhalten, dafr Sorge zu
tragen, da die Mdchen still und geruschlos ihre Gemcher aufsuchten,
das wurde befolgt, aber als sie sich sicher glaubten, als die englische
Lehrerin sich in ihr Zimmer zurckgezogen hatte, da huschten sie alle noch
auf eine kurze Zeit zu Rosi hinber, deren Stbchen ganz am Ende des
Korridors lag. Sie muten noch einen kurzen Austausch haben, ihre jungen
Herzen waren zu voll von dem herrlichen Feste.

Melanie brachte ihre duftigen Strue, die sie im Cotillon erhalten hatte,
mit und breitete sie auf dem Tische aus. Mit wehmtiger Freude betrachtete
sie den reichen Segen. Ach! rief sie aus, wie schade, da alles vorbei
ist!

Alles Schne ist vergnglich, nur die Erinnerung bleibt! entgegnete
Flora weise. Und sie betrachtete bei ihren Worten die Photographie eines
jungen Mannes, die sie vorsichtig und geschickt in ihrem Taschentuche
verborgen hielt. - Es war Georg Breitners Bild. Er hatte dafr das ihrige
eingetauscht.

Ach, Kinder, es war doch zu schn! brach Annemie in pltzlicher
Begeisterung aus. O, was ich euch alles erzhlen knnte!

Und ich! Und ich! klang es durcheinander.

Ihr wrdet staunen, wenn ich sprechen wollte! rief Melanie stolz und
schlug ihr Auge kokett gen Himmel, ich habe viel erlebt! - In ihrem
Eifer verga sie ganz, ihre Stimme zu dmpfen.

Nicht so laut, Melanie, ermahnte Rosi und Orla stimmte ihr bei. Wir
wollen zu Bett gehen, riet sie ernstlich, denn wenn ihr erst anfangt,
eure Erlebnisse zu erzhlen, dann knnen wir bis zum hellen Morgen hier
sitzen.

Morgen ist Sonntag, da knnen wir ausschlafen! meinte Grete, die darauf
brannte, die geheimnisvoll angedeuteten Geschichten zu hren. Wo sind
denn aber Ilse und Nellie? unterbrach sie sich pltzlich und sah sich um;
ich habe Ilse den ganzen Abend nicht gesehen. Hatte sie wirklich
Kopfschmerzen? Kommt, wir wollen uns zu ihnen schleichen und nachsehen!

Doch dieser allgemein Beifall findende Vorschlag kam nicht zur Ausfhrung.
Eben als sie auf den Zehen einige Schritte gethan, stand Mi Lead wie ein
Nachtgespenst vor ihnen.

Wo wollt ihr hin? fragte sie erzrnt. Habe ich euch nicht Ruhe geboten?
Sofort legt euch nieder, - und morgen werde ich euren Ungehorsam der
Vorsteherin melden!

So wurde es denn still in den oberen Rumen. Die plaudernden Lippen
verstummten nach und nach - die Augen schlossen sich zu sem Schlummer
und ein gtiger Traumgott fhrte die Schlafenden zurck in den festlichen
Saal. Noch einmal lie er die Musik erklingen und die junge Schar im
lustigen Tanze dahinfliegen. -

O wie de ist die Wirklichkeit! war Melanies erstes Wort, als sie
erwachte.

                                  * * *

In dem Krankenzimmer dachte man nicht an Schlaf, noch weniger an
glckliche Trume. Traurig sah es dort aus. Lilli tobte zwar nicht mehr,
aber sie lag ohne Teilnahme da. Das Fieber war noch immer im Zunehmen
begriffen. Als die Vorsteherin eintrat, erhob sich der Arzt und teilte ihr
seine Befrchtung mit. Ilse schluchzte leise in sich hinein; es wurde ihr
so schwer, sich zu beherrschen.

Geh zu Bett, Ilse, sprach Frulein Raimar sanft zu ihr, du darfst nicht
lnger hier verweilen.

Der Arzt stimmte energisch bei, und so schmerzlich bittend das junge
Mdchen auch die Vorsteherin ansah, dieselbe beharrte bei ihrem Willen.

Du bist ein gutes Kind, sagte sie weich und ihre Stimme klang wie
verhaltene Thrnen, aber ich darf deinen Wunsch nicht erfllen. Ein
lngerer Aufenthalt hier knnte deiner Gesundheit schaden. Du kannst dem
Kinde auch nicht helfen, - sieh hin - es kennt dich - uns alle nicht
mehr!

  [Illustration]

Bevor sie das Zimmer verlie, trat Ilse noch einmal zgernd und leise an
Lillis Bett. Zitternd ergriff sie die kleine, fieberheie Hand, beugte
sich nieder und drckte einen Ku darauf. Gute Nacht, Liebling, hauchte
sie leise, gute Nacht!

Und mit einem langen, thrnenschweren Blick auf das blasse Gesichtchen
nahm sie Abschied, ach, sie fhlte es, es war ein Lebewohl fr immer. Dann
eilte sie hinaus, das Taschentuch fest vor den Mund gepret, damit sie vor
Herzeleid nicht laut aufschreie.

Drauen, dicht vor der Thr, stand Nellie. Unbemerkt war sie der
Vorsteherin gefolgt und hatte die Freundin erwartet. Ilse fiel ihr um den
Hals und Nellie fhrte die Trostlose hinauf in ihr Zimmer. Dort angelangt
warf Ilse sich verzweifelnd auf ihr Bett und begrub ihr Gesicht laut
weinend in die Kissen.

Ist sie so sehr krank? fragte Nellie.

Sie stirbt, Nellie! schluchzte Ilse auer sich, unser ser, kleiner
Liebling stirbt!

Nellie wurde bla und ein heftiges Zittern berfiel ihren Krper, aber
sagen konnte sie nichts. Sie vermochte niemals ihren Schmerz laut
herauszujammern, die ungestme Art Ilses war ihr fremd. War das zu
verwundern? Ilse hatte Kummer und Leid noch niemals Aug in Auge gesehen,
ihre frohe Jugendzeit war bis dahin einem sonnigen Maientag zu
vergleichen, der wolkenlos mit blauem Himmel auf die Erde niederlacht, -
wie anders Nellie! So mancher trbe Schatten hatte bereits ihr junges
Dasein verdunkelt! Sie mute an den Tod des geliebten Vaters denken, der
sie so jung als Waise zurcklie!

Still setzte sie sich neben die Freundin auf den Bettrand und ergriff
deren Hand.

Komm, sagte sie mit unsichrer Stimme, setze dir hoch. Du machst dir
auch krank, wenn du so hitzig bist! Und wenn wir uns tot weinen, wir
machen doch der arm' klein' Herz nicht gesund. Wenn der liebe Gott sagt:
{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ich will der klein' Engel zu mich nehmen,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} was knnen wir da machen? - O
Ilse! es ist gar nicht so schrecklich, als ein jung Kind zu sterben! Wer
wei, welch' traurig Schicksal unsre Lilli aufwartete: Ist es nicht
besser, da tot zu sein? - Ich wr' sehr glcklich, wenn mich der liebe
Gott als klein' Kind zu sich genommen htte!

Wie traurig das klang! Sofort wendete sich Ilses ganzes Mitleid ihrer
einzigen Nellie zu. Sie antwortete nichts, aber sie erhob sich und
umschlang dieselbe fest und innig. Und die beiden jungen Mdchengestalten
in ihren duftigen Ballgewndern, die sie nur zur Freude zu tragen gehofft
hatten, schlossen in diesem ernsten Augenblick einen innigen
Freundschaftsbund fr das ganze Leben. Der Mond trat pltzlich hinter dem
dunklen Gewlk hervor und verklrte mit seinem blassen Schimmer die
lieblichen, thrnenvollen Gesichter der Freundinnen wie zwei betaute
Rosen, die an einem Stengel erblht sind. -

                                  * * *

Es war ein trbseliger Sonntag, der dem Ballfeste folgte. Als die junge
Schar, noch ganz erfllt von der Erinnerung an dasselbe, beim Morgenkaffee
sa, trat Frulein Gssow ein. Bei ihrem Anblick verstummte das frhliche
Geplauder, ihr blasses und verweintes Gesicht verkndete nichts Gutes.
Ilse und Nellie waren sofort an ihrer Seite, sie hatten bis dahin
seitwrts gestanden; es war ihnen unmglich, an der Frhlichkeit der
andern teilzunehmen.

Ist es besser? fragte Ilse hoffend und bangend zugleich.

Traurig schttelte die Angeredete den Kopf und ihre Augen fllten sich mit
Thrnen. Nein, sagte sie, es ist nicht besser. Die Krankheit hat sich
gesteigert und ihr mt euch auf das Schlimmste gefat machen. Ich teile
euch dies mit, Kinder, damit ihr nicht allzusehr erschreckt, wenn - Sie
konnte den Satz nicht vollenden, Thrnen erstickten ihre Stimme.

Eine augenblickliche Todesstille trat bei dieser Erffnung ein. Als aber
Ilse laut zu schluchzen anfing, da erhob sich ein allgemeines Jammern und
Wehklagen. Kein Auge blieb trocken bei dem Gedanken, den herzigen Liebling
fr immer hergeben zu mssen.

Die junge Lehrerin entfernte sich und Ilse eilte ihr nach.

Lassen Sie mich zu ihr, bat sie dringend und erhob die Hnde. Bitte!

Sie konnte ihr diesen Wunsch nicht erfllen. Du darfst sie nicht
wiedersehn, Ilse, sagte sie fest und entschieden. Sie hat sich so
verndert, da deine lebhafte Phantasie ihr trauriges Bild fr lange Zeit
nicht vergessen wrde. Sie ist nur noch ein Schatten des schnen,
frhlichen Kindes.

Und sie kte die trostlose Ilse und kehrte in das Krankenzimmer zurck,
das Frulein Raimar seit Mitternacht nicht wieder verlassen hatte.

Als Ilse wieder in den Speisesaal eintrat, stand Mi Lead fertig zum
Kirchgang angekleidet mit dem Gesangbuch in der Hand da. Sie trieb zur
Eile an, da es hohe Zeit sei, zur Kirche zu gehen.

Ich kann Sie heute nicht begleiten, Mi Lead, entgegnete Orla, die ganz
gegen ihre Gewohnheit sich vom Gefhle bermannen lie und heftig weinte;
ich kann es nicht!

Ich auch nicht! - Ich auch nicht! erklrten die brigen. Selbst Rosi,
die stets Sanfte und Gefgige, bat um Verzeihung, wenn sie ebenfalls
zurckbleibe. Ich bin so aufgeregt und knnte nicht andchtig auf die
Predigt hren, fgte sie hinzu.

Ich begreife euch nicht, sprach die Englnderin hchst erstaunt von
einer zur andern sehend. Ist das Gotteshaus nicht der beste Ort fr ein
gequltes Herz? Sagt nicht der Herr: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Kommt her zu mir alle, die ihr
mhselig und beladen seid, ich will euch erquicken!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Ich gehe und will fr
die Kranke beten, vielleicht erhrt mich der Herr.

Und sie ging, und die englischen Pensionrinnen schlossen sich ihr an. Sie
teilten in ihrem strengglubigen Herzen die Ansicht der Lehrerin. Nur
Nellie blieb zurck. Nicht weil sie weniger glubig war - o nein! Sie
hatte ein kindlich frommes Gemt, aber sie hatte auch ein
tiefempfindendes, warmes Herz; es wre ihr unmglich gewesen, das Haus,
das ihr eine liebe Heimat geworden war, in einem Augenblicke zu verlassen,
wo der Todesengel seinen Einzug halten konnte.

Ich will auch beten, sagte sie leise wie fr sich. Und sie trat in den
Hintergrund des Zimmers, kniete nieder, legte die gefalteten Hnde auf
einen Stuhl und beugte den Kopf darber. In dieser andchtigen Stellung
verbrachte sie lange Zeit und betete hei und innig zu Gott, da er Lilli
am Leben erhalten mge. -

Aber es stand anders in den Sternen geschrieben. Gegen Abend ffnete die
Vorsteherin pltzlich weit die Fensterflgel im Krankenzimmer - Lilli war
tot.

Sanft hatte der Todesengel sie auf die Stirn gekt und sie hinweggetragen
in sein dunkles Schattenreich. Wie ein sorglos schlummerndes Kind lag sie
da, der krampfhaft entstellende Zug war geschwunden und ein friedliches
Lcheln lag ber den leise geffneten Lippen.

Die beiden Lehrerinnen standen stumm und mit gefalteten Hnden am Bette
der kleinen Verstorbenen und konnten den Blick nicht von ihr trennen. Die
Abendsonne verklrte mit rosigem Schimmer das zarte Gesicht und in dem
knospenden Apfelbaume vor dem Fenster sang ein Star sein melodisches
Abendlied - drauen erwachendes Frhlingsleben - hier die junge
Menschenknospe - gebrochen, ehe sie sich zur Blte entfalten konnte.

So frh und in der Fremde mutest du sterben, armes Kind! unterbrach
Frulein Gssow die feierliche Stille.

Sie fhlte sich glcklich und heimisch bei uns, entgegnete Frulein
Raimar tief ergriffen. Die eigentliche Heimat war ihr fremd geworden. -
Sie hat nicht einmal nach der Mutter verlangt.

Wie sanft sie schlummert, als ob sie leben und atmen mte. O, sie ist
glcklich! Und in einem pltzlich berwallenden Gefhle beugte sich die
junge Lehrerin laut weinend ber Lilli und kte ihr die kalte Stirn.
Schlaf wohl, schlaf wohl, teures Kind! Gott hatte dich lieb, darum nahm
er dich zu sich!

Fassen Sie sich, liebe Freundin, ermahnte Frulein Raimar, indem sie die
Hand auf der Erregten Schulter legte, uns bleibt jetzt die schwere
Aufgabe, die Kinder mit dem traurigen Ausgang bekannt zu machen. So ruhig
als mglich mssen wir ihnen diese Mitteilung machen, damit die ohnehin
erregten Gemter nicht ganz auer Fassung kommen.

Aber sie kamen doch auer Fassung, besonders Ilse, deren lebhafte Natur
sich dem Schmerze zgellos hingab. Sie glaubte vergehen zu mssen. Noch
nie hatte sie sich so unglcklich gefhlt, als in der ersten Nacht nach
Lillis Tode, selbst damals nicht, als sie den Wagen fortfahren sah, der
den geliebten Vater entfhrte, und sie fremd und verlassen an der Pforte
dieses Hauses stand.

                                  * * *

Lilli war in die Erde gebettet. Unter Schneeglckchen und Veilchen
schlummerte sie. Der kleine Sarg war mit den holden Frhlingskindern ber
und ber bedeckt gewesen. Tief betrauert wurde das kleine Wesen von allen,
die mit ihm in nhere Berhrung gekommen, und es hatte allgemein
schmerzliche Verwunderung erregt, da die Mutter fern geblieben war.

Am Todestage Lillis war ein Telegramm angekommen, worin sie meldete, da
sie erst am Dienstag abend eintreffen knne. Es sei ihr unmglich, frher
zu kommen, da sie am Montag in einem neuen Stcke die Hauptrolle zu
spielen habe. Als ihr an diesem Tage der Tod ihres Kindes gemeldet wurde,
kam umgehend ein Brief voll berschwenglicher Klagen, aber sie blieb fern.
Kostbare Blumen hatte sie gesandt, auch der Vorsteherin den Auftrag
gegeben, ein Marmormonument, einen knieenden Engel darstellend, fr des
Kindes Grab anfertigen zu lassen, mit goldenen Buchstaben solle auf dem
Sockel eingegraben werden: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Teures Kind, bete fr mich.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}

Aeuerlich war somit alles geschehen, aber das Herz blieb kalt bei diesen
pomphaften Kundgebungen.

Meine Mama wre gekommen, wenn sie mich sterbenskrank gewut htte,
bemerkte Ilse, als sie Nellie den Brief vorlas, den ihr die Mutter so
herzlich und trstend geschrieben hatte.

O sicher, sie wr von der Welten Ende zu dich gereist, beteuerte Nellie
lebhaft.

Und sie ist nicht einmal meine rechte Mutter, fuhr Ilse nachdenklich
fort. Ach Nellie, ich habe sie oft recht sehr gekrnkt! Glaubst du wohl,
da sie mir vergeben wird?

Ilses Herz war so weich und empfnglich durch den Schmerz geworden und
eine ernste, weihevolle Stimmung durchdrang ihr ganzes Wesen. Nie waren
ihr bis dahin hnliche Gedanken gekommen, und wre es der Fall gewesen,
htten sie frher einmal bei ihr angeklopft, sie wrden keinen Einla
gefunden haben. Heute war es anders, sie hatte das Bedrfnis, sich gegen
ihre Herzensfreundin auszusprechen und sich anzuklagen.

O mach dich kein Kummer darum, Kind. Deine Mutter hat ein so liebesreiche
Herz, kein Titelchen Bosheit fr dir ist darin. Sie vergebt dir alles. Du
warst ja auch noch ein ungezogen, dumm' Baby, als du bei sie warst, jetzt
aber bist du eine sehr anstndige (sie meinte verstndige) junge Dame.

Ist das dein Ernst, Nellie? fragte Ilse und sah mit ihren Kinderaugen
Nellie zweifelnd an.

Es ist mein Ernst, und ich gebe dir den guter Rat, schreibe an deiner
Mutter ein lang' Brief und bitte ihr um Verzeihung.

Ilse berlegte einen Augenblick. Du hast recht, Nellie, sagte sie dann
entschlossen, ich werde ihr schreiben, ich bin es ihr schuldig. Heute
noch will ich es thun! Wenn sie mir nur bald darauf antwortet, ich werde
nicht eher ruhig sein!

Als sie sich eben niedergesetzt hatte, ihr Vorhaben auszufhren, trat
Flora mit strahlenden Augen ein.

Ich mu euch meine neuesten Gedichte vorlesen, sagte sie erregt, sie
sind das beste, was ich bis jetzt geschrieben habe! Ihr mt mich
anhren!

Und sie entfaltete ein starkes Heft, in welchem sie Lillis Tod in den
verschiedensten Dichtungsarten besungen hatte.

       _Elegie auf den Tod einer vom Sturm geknickten Rosenknospe!_

begann sie zu lesen.

Nellie hielt sich die Ohren zu. Schweig still! Ich mag dir nicht anhren
mit dein dumm Zeug! Aergere mir nicht damit!

Ilse stimmte ihr bei. La uns zufrieden, Flora, sagte sie, wir sind
noch zu traurig, als da wir lachen mchten! Und du weit doch, da alle
deine Gedichte uns lustig machen.

Tief verletzt schlo Flora ihr Heft, auf dessen Umschlag mit groen
Buchstaben zu lesen stand: Floras Klagelieder! - Ihr habt keinen Sinn
fr erhabene Dichtkunst, und ich will Gott danken, wenn es Ostern ist und
ich diesen prosaischen Aufenthalt verlassen kann!

Sie verlie die Undankbaren und suchte Rosi auf. Wenn niemand ihre
Dichtkunst bewundern wollte, fand sie an ihr stets eine geduldige
Zuhrerin. Das rechte Verstndnis freilich fehle ihr, meinte Flora mit
einem ergebungsvollen Seufzer.

Der Brief an die Mutter war abgeschickt. Acht Tage waren seitdem vergangen
und noch war keine Antwort eingetroffen. Ilse war unruhig und aufgeregt
darber. Nellie, ihre einzige Vertraute, trstete sie.

Es ist ja noch kein' Ewigkeit vorbei, seit du schriebst, sagte sie. Es
scheint dich nur so, weil du immer daran denkst. Ich wette, heute wirst du
ein schn, lang Brief haben. Mich ahnt das!

Und richtig, Nellies Ahnung, die eigentlich gar nicht so ernst gemeint
war, ging in Erfllung. Es kam ein Brief an Ilse.

Komm sogleich in mein Zimmer, Ilse, ich habe dir etwas mitzuteilen! Mit
diesen Worten empfing Frulein Raimar dieselbe, als sie eben aus der
Kirche kam.

Klopfenden Herzens folgte ihr das junge Mdchen, sich den Kopf
zerbrechend, welch eine geheimnisvolle Mitteilung ihrer wartete. -

Ich habe soeben einen Brief von deinem Papa erhalten, liebes Kind, worin
er mich bittet, dir etwas recht Erfreuliches zu verknden. Ahnst du nicht,
was es sein knnte?

Nein, entgegnete Ilse und blickte die Vorsteherin erwartungsvoll fragend
an.

Dir ist ein Brderchen beschert worden! Da, hier lies selbst, der Papa
hat fr dich einen Brief eingelegt.

Aber Ilse vermochte nicht zu lesen in diesem Augenblick. Die Nachricht
hatte sie bis in das Innerste erfreut und durchzittert. Das Blut scho ihr
hei in die Wangen, und ehe sie noch ein Wort ber die Lippen bringen
konnte, flog sie dem Frulein an den Hals und kte dieselbe. Sie mute an
jemand ihre jubelnde Freude auslassen.

Als sie zur Besinnung kam, schmte sie sich ihrer Uebereilung. Wie konnte
sie allen Respekt auer acht lassen und so ungeniert die Vorsteherin
umarmen!

Verzeihen Sie, sagte sie befangen und trat bescheiden zurck. Aber
Frulein Raimar schnitt ihr das Wort ab und nahm sie noch einmal herzlich
in den Arm.

Komm her, mein Kind, sagte sie warm, und la mich die erste sein, die
dir von ganzem Herzen Glck wnscht. - Spter uerte sie gegen Frulein
Gssow, da Ilses strahlende Freude ihr so recht den Beweis fr deren
kindlich unbefangenes Herz gegeben habe. Anfangs habe sie nicht geglaubt,
da Ilses trotzige Natur sich jemals zgeln lassen werde.

Der Brief an Ilse war nur kurz und von der Mutter schon vor mehreren Tagen
an sie geschrieben. Der Papa trug an der Verzgerung schuld, er hatte noch
einige Zeilen hinzufgen wollen und war nicht gleich dazu gekommen.

Lies erst, was sie schreibt! bat Nellie, zu der Ilse jubelnd in das
Zimmer gestrzt war, lies erst, nachher sprechen wir von die Baby.

Und Ilse las:






Mein teures Kind!

Dein letzter Brief hat mich sehr glcklich gemacht! Ich kann den
Augenblick kaum erwarten, wo ich Dich an mein Herz nehmen darf, um Dir mit
einem herzlichen Ku zu sagen, da ich Dir niemals bse war. Ich wute
immer, da mein Trotzkpfchen schon den Weg zu mir finden werde. Mache Dir
nur keine Sorgen um vergangene kleine Snden, sie sind lngst in alle
Winde verweht, denke lieber an die zuknftige Zeit, in der wir wieder
beisammen sind, und male sie Dir so rosig aus, wie Deine junge Phantasie
es nur zu thun vermag. Ich habe Dich sehr, sehr lieb! Mit zrtlichen
Kssen

                                                            _Deine Mama_.






Und der Papa hatte gestern flchtig dazu geschrieben:






Hurra! Wir haben einen prchtigen Jungen! Ich habe nur den einen Wunsch,
ihn Dir, mein Kleines, gleich zeigen zu knnen. Er sieht Dir hnlich, hat
gerade so lustige, braune Augen wie Du! Morgen schreibe ich Dir mehr.






  [Illustration]

O! jammerte Ilse unter Lachen und Weinen, wenn ich doch gleich dort
sein knnte! Ich habe so groe Sehnsucht, die Mama, den Papa und das
kleine Brderchen zu sehen! Dabei umarmte und herzte sie Nellie, und als
Frulein Gssow hinzutrat, fiel sie auch dieser um den Hals. Sie htte in
ihrer Seligkeit am liebsten die ganze Welt umarmt! -

Am Nachmittag, als der erste Freudenrausch sich gelegt hatte, kehrten
Ilses Gedanken zu der verstorbenen Lilli zurck. Sie machte sich Vorwrfe,
da sie deren Andenken heute so ganz vergessen konnte!

Komm, Nellie, sagte sie, la uns im Garten Veilchen pflcken zu einem
Kranz auf Lillis Grab.

Frulein Gssow stimmte diesem Vorschlage bei und begleitete gegen Abend
die Freundinnen hinaus auf den stillen Friedhof. Ilse beugte sich nieder
und legte den Kranz auf den frischen Grabhgel. Noch lagen die vielen
andern Krnze von dem Begrbnisse darauf, aber sie waren verwelkt und
trocken, und in den langen, weien Atlasbndern spielte der Abendwind. -

Die Tage kamen und gingen, und das Osterfest war vor der Thr. Die
Prfungen waren bereits vorber, und die ausgeteilten Zeugnisse hatten
Freude oder Kummer hervorgerufen, je nachdem sie fr die Betreffenden
ausgefallen waren. Ilse konnte zufrieden sein. Mit Ausnahme einzelner
Fcher, bei denen obenan das Rechnen stand, hatte sie sehr gute
Fortschritte gemacht. Ihr ernstes Streben, ihr Betragen, das besonders
seit dem Tode Lillis tadellos geworden war, wurde von ihren Lehrern und
Lehrerinnen rhmend hervorgehoben, nur die englische Lehrerin schlo sich
dieser Ansicht nicht an. Sie blieb bei ihrem Vorurteile und fand, da Ilse
nach wie vor ohne jede Manier und Grazie sei, auch tadelte sie sehr ihre
englische Aussprache.

La dir nix vormachen, Ilse, sagte Nellie, als sie allein waren. Du
sprichst schon ganz nett englisch und drckst dir stets sehr fein aus.
Uebrigens trste dir mit mir, sieh, was sie hier geschrieben haben, - und
sie reichte betrbt der Freundin ihr Zeugnis, und Ilse las: Besondere
Bemerkung: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Nellie macht sehr langsame Fortschritte in der deutschen
Sprache.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} - Ist das nicht unrecht? fragte sie. Ich gebe mich so
furchtbar groe Mhe mit eure schwere Sprache.

Nun war die Reihe zu trsten an Ilse. Dieselbe versprach ihr von jetzt an,
keinen Schnitzer mehr durchgehen zu lassen, Nellie dagegen wollte tglich
eine volle Stunde nur englisch mit der Freundin plaudern.

Flora war in hchster Aufregung. Sie fand es geradezu groartig, da
Doktor Althoff ihr eine II in der Litteratur geben konnte. Mir das! rief
sie aus, sobald er sich entfernt hatte, mir das! die ich selbst schon so
lange litterarisch thtig bin! Aber Sie werden sich wundern, Herr Doktor,
Sie werden sich wundern!

Diese geheimnisvolle Anspielung bezog sich auf ihr jngstes Werk. Sie
hatte gestern den letzten Federstrich daran gethan und es dann sogleich
mit einem Briefe auf rosa Papier dem Lehrer zur Durchsicht gegeben. Mit
bescheidenem Selbstbewutsein hatte sie hinzugefgt, sie rechne darauf,
da ihr Zauberspiel am Geburtstage der Vorsteherin aufgefhrt werde.
Sollte Herr Doktor einige kleine Aenderungen fr notwendig finden, so
wrde sie sich gern seinem Rate fgen. -

Es waren einige Tage darber vergangen und noch hatte sie keine Antwort
erhalten. Warum mochte er zgern? Gefallen mute ihm Thea, die
Blumenfee, darber war sie nicht im Zweifel. Sie hatte sich so
hineingelebt in ihre Zauberposse, und ihre Phantasie flsterte ihr einen
groartigen Erfolg in das Ohr. Sie hrte den strmischen Beifall der
Anwesenden, - die Dichterin wurde gerufen! - Sie trumte wachend, langsam
- gesenkten Auges trete sie aus den Kulissen hervor. - Flora! ruft es
von allen Seiten, und voller Staunen richten sich aller Augen auf sie. -
Ja, staunt nur, ihr Unglubigen, die ihr die arme Flora so oft verkannt
habt! Jetzt hat sie euch berzeugt, da ihre Dichtkunst kein leerer Wahn
ist! - Bescheiden und demtig verneigt sie sich nach rechts und links -
ohne den Blick zu erheben - sie war vor den Spiegel getreten, um Blick und
Verbeugung einzustudieren. - Die Blumenfee werde ich vorstellen, trumte
sie weiter, natrlich! Wer anders knnte sich so in den Geist der Rolle
versetzen, als ich! Wie herrlich wird mir das Kostm stehen! Ein Kleid von
Silbergaze mit Rosen durchwebt, eine goldene Krone auf dem Haupte, ein
langer, duftiger Schleier und offnes, wallendes Haar!

Ganz in Gedanken versunken lste sie die aufgesteckten Flechten und
drapierte das Haar malerisch um ihre Schultern. Unwillkrlich kamen ihr
dabei die ersten Verse ihres groen Werkes auf die Lippen und laut, mit
pathetischer Stimme, fing sie an zu deklamieren:

  Heraus, ihr Blumen, aus euren Kelchen,
    Ich will mit euch spielen!
  Eilt euch, ihr lieben Tulpen und Nelken,
    Lat mich nicht warten, ihr vielen, vielen,
  Heraus, heraus!

Ein lautes Pochen an der Thr und ungestmes Auf- und Niederdrcken des
Griffes unterbrach sie hchst unangenehm. Zugleich wurde Gretes Stimme
laut.

Warum schliet du dich denn ein? Mach' schnell auf, ich bringe dir
etwas!

In aller Eile befestigte Flora ihr Haar, schob dann den Riegel zurck und
fragte rgerlich: Was willst du denn?

Grete war in das Zimmer getreten und sah sich verwundert um. Du sprachst
doch eben laut, sagte sie, mit wem hast du dich denn unterhalten?

Flora blieb ihr die Antwort schuldig; sie sah ihr Manuskript in Gretes
Hand, ungestm nahm sie es an sich.

Gieb her! Wie kommst du zu meinem Hefte?

Nur nicht so heftig, entgegnete Grete, was fllt dir denn ein? Es ist
die reine Geflligkeit, da ich es dir bringe. Doktor Althoff hat es mir
fr dich bergeben.

Warum lie er mich nicht selbst rufen? Du wirst dich wohl wieder
vorwitzig aufgedrngt haben, es ist so deine gewhnliche Art. Uebrigens
jetzt kannst du wieder gehen, ich mchte allein sein!

Aber Grete versprte keine Lust, sie zu verlassen, sie witterte ein
Geheimnis, das mute sie erst heraus haben!

Ich habe aber keine Lust, dich zu verlassen, sagte sie und setzte sich
mit aller Gemtlichkeit nieder.

Du bist wirklich unausstehlich! stie Flora rgerlich heraus und drehte
Grete den Rcken. Pltzlich kam ihr ein Gedanke. Wenn du durchaus hier
bleiben willst, so thue es meinetwegen, fuhr sie fort und nherte sich
der Thr, mich geniert es nicht.

Und sie hatte die Thr geffnet und war hinaus, noch ehe Grete sich
erhoben hatte. Schnell drehte sie den Schlssel im Schlo um und - das
neugierige Gretchen war eine Gefangene.

Geflgelten Schrittes eilte sie in den Garten, der Traueresche zu. Sie
huschte zwischen den bis auf den Boden herabhngenden Zweigen hindurch und
sank auf einem Bnkchen von Birkenstmmen nieder. Hier war sie vor jedem
Lauscherblicke sicher.

Sie prete die Hand auf das hochklopfende Herz und ein Zittern berlief
sie vor der Entscheidung! Wie wird sein Urteil ausgefallen sein? Nicht
lange hielt die zagende Schwche an und ihre Zuversicht kehrte zurck.
Mutig und siegesbewut schlug sie das Heft auf. Natrlich suchte sie
zuerst nach einigen Zeilen von seiner Hand. Aber sie bltterte und fand
nichts. Sie breitete das Heft auseinander, hielt es hoch, schttelte es
tchtig, der erwartete Brief fiel nicht heraus. Sie war hchst betroffen,
da sie bei einer flchtigen Durchsicht des Manuskripts auch nicht die
kleinste Notiz entdecken konnte. Schon wollte sie es unwillig beiseite
legen, als ihre Augen zwei Worte entdeckten, die Doktor Althoff mit seiner
zierlichen und doch festen Handschrift mit roter Tinte gerade in den
Schnrkel hineingeschrieben, den sie dem Schluworte Ende malerisch
angehngt hatte. Sie las und fiel wie gebrochen hintenber.

Abscheulich! riefen ihre bebenden Lippen, emprend!

Floras Entrstung war wohl natrlich, zertrmmerten doch die beiden
kleinen Wrtchen den ganzen Prachtbau ihres Luftschlosses. Konfuses
Zeug! stand da deutlich geschrieben und erbarmungslos war hiemit das
Todesurteil ihrer Dichtung besiegelt.

Sie ballte die Hnde in ohnmchtiger Wut und hate den Mann, den sie bis
dahin so schwrmerisch angebetet hatte. Warum verkannte er ihr Genie, oder
vielmehr, warum wollte er dasselbe nicht anerkennen? Sie wollte zu ihm
eilen ... sogleich ... er sollte ihr Rechenschaft ber sein vernichtendes
Urteil geben!

Aber sie verwarf diesen Entschlu, weil sie befrchtete, vor Aufregung
ohnmchtig zu werden. Und schwach sollte er sie nicht sehen ...
nimmermehr! Sie wollte ihm schreiben und zwar sofort!

Sie zog ein Notizbuch aus ihrer Tasche und begann einen strmischen Brief
aufzusetzen. Kaum hatte sie indes einige Stze niedergeschrieben, als sie
durch den grnen Blttervorhang Grete gerade auf die Esche losstrmen sah,
es blieb ihr eben noch Zeit genug, das Notizbuch zu verbergen, als
dieselbe bereits vor ihr stand.

Floras Gedanken waren nur mit dem Briefe beschftigt gewesen, sie hatte
darber ihr Manuskript, das sie neben sich auf die Bank gelegt hatte,
vergessen. Grete hatte es indes mit ihren Spraugen sofort entdeckt. Wie
ein Vogel scho sie darauf los, ergriff es und eilte mit ihrer Beute
davon.

Etsch, Frulein Flora! rief sie noch triumphierend, nun werde ich doch
hinter deine Geheimnisse kommen! Jetzt bist du meine Gefangene!

Grete, gieb her! rief Flora angstvoll und eilte derselben nach, bitte,
bitte! Ich will dir auch schenken, was du haben willst!

Grete aber blieb taub bei ihren Bitten. Lachend eilte sie weiter.

Du mut mir mein Eigentum zurckgeben, ich will es! drohte Flora, als
sie einsah, da Gte nicht half, ich befehle es dir!

Darber brach Grete in ein lautes Gelchter aus. Du befiehlst es mir? Das
ist reizend! rief sie, du bist wirklich furchtbar naiv! Und sie hatte
das Haus erreicht, whrend Flora weit hinter ihr zurckblieb. Trotz ihrer
schwerflligen, plumpen Figur war sie doch weit schneller als letztere,
die etwas steif und ungelenk war.

Als Flora einsah, da ihre Verfolgung nutzlos war, blieb sie weinend
stehen. Einen wahrhaft verzweiflungsvollen Blick warf sie der Ruberin
ihres Schatzes nach, denn nun war sie verloren, das heit preisgegeben dem
Hohn und Spott der Mitschlerinnen, an die sie Grete verraten wrde.

Aber es kam anders. Gerade als Grete die paar Stufen zum Korridor hinaus
sprang, lief sie beinahe Doktor Althoff in die Arme. Sie hatte ihn nicht
gesehen, weil sie den Kopf nach rckwrts gewandt hielt. Das Heft hoch in
der Luft schwenkend, hatte sie der armen Flora zugerufen: Jetzt lese ich
deine Geheimnisse!

Mit einem Blick hatte der Lehrer erkannt, um was es sich handelte; er wre
darber nicht im Zweifel gewesen, selbst wenn ihn Grete weniger
erschrocken angesehen htte.

Sie sollten ja dies Heft an Flora abgeben, sagte er vorwurfsvoll, wie
kommt es, da Sie es noch mit sich herumtragen?

Sie antwortete nicht und sah ziemlich betreten und beschmt aus, auch war
sie rot bis ber die Ohren geworden.

Ich werde Ihnen nie wieder einen Auftrag geben, fuhr er fort, da ich
sehe, wie wenig ich mich auf Sie verlassen kann. Geben Sie mir das Heft,
ich werde es selbst an Flora abliefern.

Grete reichte ihm das Verlangte. Sie ist selbst schuld daran, stie sie
zu ihrer Entschuldigung hervor und warf den ohnehin groen Mund noch mehr
auf; sie hat ... sie hat mich eingeschlossen! Zur Strafe habe ich ihr das
Buch fortgenommen!

Zur Strafe! wiederholte Doktor Althoff mit einem zweifelnden Lcheln,
und was wollten Sie jetzt damit machen?

Ach, verriet sie sich, hineingesehen htte ich ganz gewi nicht! Floras
Dichtungen sind viel zu berspannt und langweilig! Ich wollte sie nur
necken.

Grete, Grete! drohte der junge Lehrer lchelnd mit dem Finger, wenn
dies Wort eine Brcke wre, ich ginge nicht hinber. Seien Sie in Zukunft
nicht wieder so indiskret und neugierig, Neugierde ist kein schner
Schmuck fr ein junges Mdchen.

Er wandte sich von der Beschmten ab und ging auf Flora zu, die langsam
heran kam. Noch zitterten Thrnen in ihren Augen, die sie wie in
Verklrung auf ihren Erretter richtete. Wo war der Ha geblieben, der
soeben noch in ihrem Innern getobt hatte? Verschwunden und verweht! Die
alte Liebe und Begeisterung fr Doktor Althoff hatten ihn zurckgedrngt
und waren wieder eingezogen in ihr gromtiges Herz. So mchtig wallte die
Begeisterung in ihr ber, da sie pltzlich, hingerissen von Dankbarkeit,
sich niederbeugte, seine Hand ergriff und einen heien Ku darauf drckte.

Ich danke Ihnen, hauchte sie leise, dann eilte sie fort, zurck zu ihrer
Friedenssttte, ihrem Musentempel, und anstatt den angefangenen Brief zu
vollenden, dichtete sie ein Sonett, das die Aufschrift trug: An ihn.

Doktor Althoff blickte der Davoneilenden kopfschttelnd nach. Ein
berspanntes, verdrehtes Wesen! mute er unwillkrlich sagen, und das
schlimmste ist, sie wird niemals zu heilen sein. -

Der Geburtstag des Frulein Raimar, der in den Mai fiel, war stets ein
groartiges Fest. Tagesschlerinnen und Pensionrinnen wetteiferten mit
einander, dasselbe durch musikalische und theatralische Auffhrungen,
durch lebende Bilder u. s. w. so bunt und unterhaltend zu gestalten als
mglich. Auch in diesem Jahre wurde keine Ausnahme gemacht, trotzdem Lilli
kaum vier Wochen in der Erde ruhte.

Ich wrde gern auf eine grere Feier verzichten, sprach eines Tages die
Vorsteherin zu der englischen Lehrerin und Frulein Gssow, aber ich darf
es unsrer Zglinge wegen nicht thun. Mehr oder weniger hat sie Lillis Tod
sehr ergriffen und sie hngen die Kpfe; da ist das beste Mittel, sie
wieder aufzumuntern, da wir ihnen eine Zerstreuung schaffen. Mit aller
Trauer knnen wir ja den Tod des lieben Kindes nicht ungeschehen machen.

Die beiden Damen stimmten ein und beschlossen untereinander, mit den
Vorbereitungen zu dem Feste zu beginnen. Mi Lead bernahm es, ein
englisches Stck, Frulein Gssow, ein franzsisches Lustspiel
einzustudieren. Erstere whlte nur Tagesschlerinnen zu ihren
Mitwirkenden, whrend letztere ihre Rollen nur mit Pensionrinnen
besetzte. Sie hatte aber erst einen kleinen Kampf mit den Mdchen, bevor
dieselben die ihnen zugedachten Rollen annahmen. Flora, die eine alte Dame
vorstellen sollte, war durchaus nicht damit einverstanden, sie behauptete,
Rosi passe weit besser zu dieser Rolle, diese aber hatte nicht einen
Funken schauspielerischen Talentes und wrde sich niemals dazu verstanden
haben, Theater zu spielen. Sie sprach auch weniger flieend franzsisch
als Flora.

Frulein Gssow machte nicht viel Umstnde. Wie du willst, Flora, sagte
sie, macht es dir kein Vergngen, diese allerliebste Rolle zu bernehmen,
so whle ich eine Tagesschlerin dafr und du kannst diesmal nur
Zuschauerin sein.

Das behagte Flora noch weniger. Nach einigem Zgern entschlo sie sich,
freilich wie sie sagte, mit groer Selbstberwindung, die Alte zu spielen.
Ilse und Melanie stellten deren Tchter dar und paten in ihren
Charaktereigentmlichkeiten prchtig dazu. Melanie putzschtig, elegant
und eitel, Ilse das Gegenteil. Wild und unbndig, trotzig und
widerspenstig, natrlich nichts weniger als elegant fhrt sie die
bermtigsten Streiche aus und die schwache Mutter ist nicht im stande,
sie zu zgeln. Da erscheint ein junger, entfernter Verwandter,
interessiert sich fr den Wildfang und versteht es, durch Gte und
Festigkeit die Tugenden in demselben zu wecken und die Widerspenstige zu
zhmen. Zum Schlusse wird sie seine Braut.

Orla, du kannst die Rolle des Vetters bernehmen, bestimmte die
Lehrerin.

Orla? fragte Ilse verwundert, sie kann doch keinen Mann darstellen?

Es erhob sich ein wahrer Sturm unter den jungen Mdchen bei Ilses
unschuldiger Frage. Die Stimmen schwirrten durcheinander, denn jede war
bemht, Ilse ber ihre Unwissenheit aufzuklren.

Weit du denn nicht, wie es bei uns Sitte ist? fragte Orla.

Mit Herren drfen wir nicht Theater spielen, bemerkte Flora spottend,
sie sind verpnt in der Pension!

Du bist naiv, Ilse! rief Melanie. Das ist ja eben so ledern und
furchtbar de, da wir Mdchen auch Mnnerrollen geben mssen!

Herren, Herren! wiederholte Annemie unter lautem Lachen, es ist zum
totlachen!

Ja, wenn Herren mitspielten, dann mchte ich Ilses Rolle spielen,
berschrie Grete mit ihrer krftigen Stimme alle brigen, so aber -

So aber wirst du den Bauernjungen bernehmen, Grete, fuhr Frulein
Gssow dazwischen. Die Aufgeregten hatten ganz deren Gegenwart vergessen.
Und jetzt bitte ich mir Ruhe aus, ihr unbndigen Kinder! Frulein Raimar
hat ihre triftigen Grnde zu ihren Bestimmungen, wie knnt ihr euch
dagegen auflehnen? Da ihr noch zu kindisch seid, dieselben zu verstehen,
habe ich in diesem Augenblicke klar und deutlich gesehen! Schmt euch! ...
Jetzt macht euch daran, eure Rollen auszuschreiben, morgen werden wir eine
Leseprobe halten. Mit diesen Worten verlie sie die aufrhrerische
Gesellschaft.

Alle schwiegen bis auf Grete, sie konnte nicht unterlassen, noch einmal zu
sagen: Langweilig ist es doch ohne Herren! Und den dummen Bauernjungen
spiel' ich nicht!

Aber sie spielte ihn doch und es zeigte sich bald, da sie ganz
vortrefflich dazu pate.

Die tglichen Proben brachten die gewnschte Zerstreuung. Ilse besonders
fand viel Freude an einem Vergngen, das ihr bis dahin unbekannt gewesen
war. Die anfngliche Befangenheit berwand sie bald und sie spielte ihre
Rolle zur vollen Zufriedenheit Frulein Gssows, die zuweilen ein Lcheln
ber die hchst natrliche Darstellung nicht unterdrcken konnte.

Zur Hauptprobe muten alle in ihren Kostmen erscheinen, damit sie sich
gegenseitig an den vernderten Anblick gewhnten. Diese Bestimmung war
sehr gut, denn als sie sich in ihren komischen Anzgen betrachteten,
konnten sie das Lachen nicht zurckhalten.

Flora mit langen Scheitellocken und einer Spitzenhaube, mit einem Lorgnon,
das sie vor die Augen hielt, war kaum zu erkennen. Das elegante, schwarze
Schleppkleid lie sie weit grer erscheinen, als sie war. Sie war
brigens ganz ausgeshnt mit ihrer {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}alten{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Partie und das Lob, welches
Frulein Gssow ihr einige Male erteilte, hatte sie zu der Idee gebracht,
da ihr eigentlicher Beruf der einer Schauspielerin sei, und sie trumte
Tag und Nacht {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}von der Welt, welche die Bretter bedeuten{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Dichterin -
Schauspielerin{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}. Eine groe Zukunft stand ihr bevor!

Orla sah in ihrem Jgeranzuge, den grnen Hut keck auf das eine Ohr
gesetzt, wirklich gut aus, und der kleine Stutzbart, mit dem sie die
Oberlippe geziert hatte, gab ihr ein keckes Ansehen und stand ihr
allerliebst.

Famos siehst du aus, Orla! meinte Melanie und betrachtete mit besonderem
Entzcken deren Stulpenstiefel.

Du solltest immer so gehen, setzte Flora ganz ernsthaft hinzu. Natrlich
wurde sie ausgelacht.

  [Illustration]

Grete war ein Bauernjunge, wie er sein mu. Plump und ungeschickt, dreist
und laut. Melanie fhlte sich himmlisch wohl in dem koketten und eleganten
Kostm, das sie sich gewhlt hatte. Sie stand vor dem Spiegel und putzte
noch hie und da an sich herum. Und Ilse?

Sie trat als letzte herein und bei ihrem Anblick erhob sich ein so
strmisches Gelchter, da Frulein Gssow Mhe hatte, es zu dmmen.

Wie siehst du aus, Mdchen? sprach sie lachend, komm nher, ich mu
dich genau betrachten. Willst du wirklich in diesem Aufzuge spielen? Nein,
Ilse, so geht es wirklich nicht. Wir mssen an deinem Kleide durchaus
Verschnerungen anbringen! Du bist auch gar zu wenig eitel, sonst wrdest
du wohl selbst darauf gekommen sein.

Lassen Sie mich so! bat Ilse instndigst, sie war ja so glcklich, ihr
geliebtes Blusenkleid bei dieser Gelegenheit tragen zu drfen. Sie war aus
demselben herausgewachsen, zu eng und zu kurz war es geworden, natrlich
erhhte dieser Mangel noch den komischen Eindruck.

Nein, Kind, unmglich! Du siehst wie eine Bettlerin aus. Der Aermel darf
nicht ausgerissen sein, der schlechte Grtel mu durch einen neuen ersetzt
werden, um den Hals wirst du einen Matrosenkragen legen und die
frchterlichen Stiefel la vor allen Dingen blank putzen. Dann wird es
gehen. Man darf nicht bertreiben, fgte sie hinzu, als Ilse ein etwas
betrbtes Gesicht machte, stets mu das richtige Ma inne gehalten
werden. Auch die Locken drfen dir nicht so wirr ber die Augen fallen, du
kannst ja kaum sehen. Vergi nicht, da du die Tochter einer Baronin bist,
dein Anzug darf verwildert, aber nicht zerrissen sein.

Wollen wir nicht anfangen? trieb Mi Lead, die sich mit ihren
Knstlerinnen ebenfalls zur Hauptprobe eingestellt hatte. Sie war schon
etwas ungeduldig bei der genauen Musterung der Kostme geworden und fand
es hchst berflssig, da Frulein Gssow berhaupt Wert darauf legte.
Die Hauptsache war nach ihrer Meinung die vollstndige Beherrschung der
fremden Sprache, und da die Mdchen ihre Rollen gut gelernt hatten, alles
andre war Nebensache. Viel Gesten litt sie um keinen Preis, wollte ja eine
Mitspielende es wagen, sich frei und natrlich zu bewegen, geriet sie
frmlich auer sich und rief: Ruhe! Ruhe! Wo bleibt die Plastik?

Wie es fast immer der Fall ist, so war es auch hier; die Hauptprobe fiel
herzlich schlecht aus. Die Mdchen waren schon aufgeregt in Erwartung des
nchsten Tages und wurden es noch mehr durch die Ungeduld von Mi Lead,
die heftig erklrte, da sie es fr das beste halte, wenn die ganze
Theateridee aufgegeben werde. Das franzsische Stck fand sie entsetzlich
und sie gab Frulein Gssow den guten Rat, es nicht auffhren zu lassen.
Ich bitte Sie, rief sie aus, es handelt sich um eine Liebesgeschichte!
Das wird den grten Ansto erregen!

Frulein Gssow setzte der Englnderin lchelnd auseinander, da nicht
Kinder, sondern erwachsene Mdchen das Stck auffhrten. Die
Liebesgeschichte, wandte sie ein, ist nur eine harmlose Nebensache, es
handelt sich hauptschlich um die Heilung eines widerspenstigen Mdchens.

Mi Lead schttelte mibilligend den Kopf, sie wollte sich nicht davon
berzeugen. Ilse wird Ihnen, wenn Sie wirklich auf Ihrem Vorsatz
bestehen, alles verderben. Wie sieht sie aus, und wie spielt sie? Plump,
ohne jeden Anstand! Das Podium der kleinen Bhne erdrhnt frmlich bei
ihren furchtbaren Schritten, ihre Bewegungen sind frei und keck.

Frulein Gssow schwieg zu diesem harten, ungerechten Urteil. Sie hatte es
lngst aufgegeben, die Englnderin von ihrem Vorurteile zu heilen. Starr
hielt dieselbe daran fest. Ilse war und blieb ihr ein Dorn im Auge.

Mi Lead hatte sich geirrt. Am nchsten Abend ging alles ber Erwarten
gut. Der glnzend erhellte Saal, die festlich versammelte Gesellschaft
brachten eine belebende Stimmung unter das junge Volk. Die ganze
Festlichkeit leitete ein Prolog ein, den eine Schlerin der ersten Klasse
gedichtet hatte. Sie trug ihn selbst recht hbsch vor und erntete
wohlverdienten Beifall. Nur Flora, die hinter den Kulissen stand, zuckte
die Achseln. Kein Schwung, keine Poesie und kein Talent! lautete ihr
kritischer Ausspruch.

Die Auffhrung des englischen Stckes ging vorber, glatt, reizlos und
langweilig. Und wenn die Anwesenden sich dies in ihrem Innern auch
einstimmig eingestanden, so waren sie doch am Ende des Stckes mit
Beifallsspenden nicht sparsam. Die Mitspielenden wurden herausgerufen, und
als der rote Vorhang in die Hhe ging und die Mdchen sich dankend
verneigten, strahlte Mi Lead vor Stolz und Seligkeit. _Very well_, rief
sie laut, ihr habt eure Sache gut gemacht!

Nachdem verschiedene lebende Bilder und musikalische Auffhrungen vorber
waren, bildete das franzsische Lustspiel den Schlu.

Wollen Sie es wirklich wagen? wandte sich die englische Lehrerin in
wohlwollendem, etwas herablassendem Tone zu Frulein Gssow. Schreckt Sie
der groe Erfolg, den wir erzielten, nicht ab? Folgen Sie meinem Rate,
treten Sie zurck! Wir werden eine Entschuldigung finden. Der franzsische
Flattersinn mu abfallen gegen die englische Gediegenheit.

Trotz Mi Lead's Bedenken begann das franzsische Stck, und sie mute die
niederschlagende Erfahrung machen, da es weit beiflliger aufgenommen
wurde, als das englische. Die Gesellschaft amsierte sich kstlich und kam
aus dem Lachen nicht heraus. Zweimal wurde Ilse bei offener Szene gerufen,
so drollig und natrlich spielte sie.

Sie ist _charmante, charmante_! rief Monsieur Michael feurig, ich habe
Ursache, stolz auf sie zu sein. Leicht und elegant wie eine Pariserin
spricht und spielt sie!

Sie spielt sich selbst! entgegnete Doktor Althoff lachend, aber ich
htte dem Wildfang kaum so viel Anmut zugetraut.

Einen kleinen Triumph sollte Mi Lead doch noch feiern, - Ilse verdarb die
Liebesszene am Schlu. In dem Augenblick, als Orla sie umarmen wollte, kam
ihr das so komisch vor, da sie in ein lautes Gelchter ausbrach.

Wie schade! rief Nellie halblaut. Warum mu sie lachen? Sie war zu
nett, nun verderbt sie die Schlu.

Doktor Althoff, der zufllig in Nellies Nhe stand, hrte ihren Ausruf.
Trotzdem, Mi Nellie, entgegnete er, auf einem leeren Stuhl neben ihr
Platz nehmend, ist ihre Freundin die Siegerin des Abends; aber warum
wirkten Sie nicht mit, warum sind Sie nur Zuschauerin? Sie wrden gewi
eine gute Schauspielerin sein.

Nellie senkte die Augenlider. O, Sie sind sehr gtig, sagte sie
befangen, aber ich wei nicht zu spielen, Herr Doktor, ich hab' nicht
Talent.

Das kme auf einen Versuch an! Sehen Sie Ilse an, wer htte geglaubt, da
sie eine so allerliebste Schauspielerin sein knne!

Nicht wahr? stimmte Nellie lebhaft und mit aufrichtiger Freude bei, sie
ist reizend und ich bin entzckend ber ihr!

Der junge Lehrer schwieg und sah sie teilnahmvoll an. Wie neidlos kamen
ihr die Worte aus dem Herzen, wie leuchteten ihre Augen freudig auf, als
sie die Freundin lobte! Und im Vergleich zu Ilse, wie wenig hatte sie doch
von der Zukunft zu hoffen! Jene ein Kind des Glckes - und diese? Ein
armes Wesen, das den mhevollen Pfad einer Lehrerin pilgern sollte!

Nicht wahr, ist sie nicht reizend? wiederholte Nellie und blickte
fragend auf.

Gewi, gewi! gab der Lehrer zerstreut zur Antwort, und von dem
Gegenstand pltzlich abspringend, fragte er: Woher haben Sie die
herrlichen Veilchen? und deutete dabei auf einen Strau, den sie in der
Hand hielt. Sie duften wundervoll! Ich liebe die Veilchen sehr.

Sie hrte nur, da er die Veilchen liebe, bedurfte es da einer groen
Ueberlegung? O nehmen Sie, sagte sie naiv und errtete dabei, bitte, es
macht mich groer Freude!

Nicht alle, entgegnete er lchelnd und zog einige Blumen aus dem Strau,
den sie ihm gereicht, so, nun habe ich genug. Haben Sie Dank dafr.

Er erhob sich und verlie sie. Mit glnzenden Augen sah sie ihm nach, sie
hatte bemerkt, wie er ihre Veilchen im Knopfloch befestigte.

Wie taktlos von dir! redete Mi Lead, die ihren Platz dicht hinter
Nellie hatte, dieselbe an und ri sie mit ihrer scharfen Stimme aus allen
Himmeln. Welch ein Betragen! Ich habe jedes Wort mit angehrt. Schmst du
dich nicht, einem Herrn Blumen anzubieten?

Als ob ein eisiger Wind pltzlich in eine kaum erschlossene Bltenknospe
gefahren wre, so wurde Nellies kurze Freude zerstrt.

Habe ich ein Unrecht gemacht? fragte sie gengstigt. O bitte, Mi,
sagen Sie, war ich ungeschickt? Wird Herr Doktor mich fr unbescheiden
halten?

Dieser Gedanke peinigte sie sehr und bergo sie mit heier Glut. Mit
wahrer Angst wartete sie auf ein beruhigendes Wort und sah in der Lehrerin
Gesicht, das indes nicht aussah, als ob sie zur Milde geneigt sei.

Jedenfalls wird er dich fr sehr einfltig halten, erwiderte sie
unbarmherzig, wenn er nicht vielleicht deine Handlungsweise zudringlich
nennt.

O nein, nein! rief Nellie beinahe entsetzt, er wird nicht so hart von
sein Schler denken!

So, weit du das so bestimmt? qulte Mi Lead sie weiter, du bist kein
Kind mehr, dem man allenfalls dergleichen Taktlosigkeiten vergiebt, ein
erwachsenes Mdchen darf niemals blindlings seinem Gefhle folgen!

Ich will bitten, da er mir die Blumen wiedergiebt, sagte Nellie tief
beschmt.

Das darfst du nicht, wenn du dich nicht noch mehr blostellen willst. Du
wirst schweigen und dich niemals wieder vergessen! Eine zuknftige
Gouvernante mu jedes Wort, jeden Blick, und vor allem jede Handlung
reiflich berlegen. Das merke dir!

Traurig sah Nellie nach diesem harten Verweise zu Boden. Dahin war ihre
frhliche Laune, sie hatte keine Lust mehr an dem Feste. Eine heie Thrne
tropfte ihr aus dem Auge und fiel auf die Veilchen, die Urheber ihres
Kummers. Sie brannten ihr frmlich in der Hand und am liebsten htte sie
dieselben weit von sich geschleudert. Still und einsilbig blieb sie den
ganzen Abend, und sobald Doktor Althoff in ihre Nhe kam, wich sie ihm
ngstlich aus. Es war ihr unmglich, ihm in das Auge zu blicken. Mi Lead
hatte ihre frohe Unbefangenheit zerstrt.

Als die Freundinnen sich nach dem Feste zur Ruhe begaben, sa Nellie ganz
gegen ihre Gewohnheit noch einige Zeit sinnend da. Du bist so still,
fragte Ilse, was hast du?

O nichts, nichts! erwiderte Nellie schnell und erhob sich aus ihrer
trumenden Stellung, es ist gar nix!

Zum ersten Male verschwieg sie der geliebten Freundin die Wahrheit, sie
vermochte es nicht, ber ihren Kummer zu reden, und doch - was war es, das
trotz allen Kummers ihr Herz schneller klopfen lie und wie ein
Frhlingswehen durch ihre Seele zog?

                                  * * *

Holunder und Maiblumen hatten ausgeblht und die Rosen ffneten ihre
duftigen Kelche. Nellie und Ilse wandelten nach dem Abendessen durch den
Garten, und als sie im Gebsch die Nachtigall schlagen hrten, blieben sie
stehen und lauschten.

Wie s! rief Nellie, komm, la uns auf der Bank setzen und lauschen.

Sie hielten sich beide umschlungen und sprachen kein Wort. Der herrliche,
duftende Abend, der Mond, der silbern am Abendhimmel aufstieg, der
schmelzende Gesang der Nachtigall weckten eine ahnungsvolle, nie gekannte
Stimmung in ihren jungen Herzen.

O Ilse, unterbrach Nellie mit einem Seufzer die feierliche Stille, wie
bald gehst du fort und lt mir allein zurck! Ich bin sehr traurig, wenn
ich daran denke!

Auch Ilse war wehmtig und der Gedanke, von Nellie scheiden zu mssen,
machte ihr das Auge feucht. Aber sie unterdrckte mutig die weiche
Stimmung und versuchte, die Freundin zu trsten. Es ist noch lange hin,
bis ich die Pension verlasse, sagte sie, du weit ja, da meine Eltern
meinen Aufenthalt bis zum ersten September verlngerten. Noch acht Wochen
sind wir beisammen, Nellie, das ist noch eine sehr lange Zeit, denk'
einmal, acht volle Wochen!

Nellie schttelte traurig den Kopf. O nein, es ist nur sehr kurze Zeit,
erwiderte sie, es sind auch nicht acht Wochen voll, du mut ordentlich
rechnen. Heute haben wir schon der siebente Juli, - macht bis zu der erste
September vierundfnfzig Tage - fehlt also zwei volle Tag an der achte
Woch -

Trotz ihres Kummers mute Ilse lachen. Du liebe, se Nellie, rief sie
und kte diese herzlich auf den Mund, du bist doch immer komisch, selbst
wenn du traurig bist! Weit du, wir wollen uns das Herz nicht heute schon
schwer machen mit dem Gedanken an unsre Trennung, wir gehen ja nicht fr
immer auseinander! Du besuchst mich bald, - ja?

Aber Nellie war einmal weich gestimmt heute abend und der Freundin Trost
fand keinen Eingang in ihrem Herzen. Sie versuchte zwar die Thrnen zu
unterdrcken, aber sie brachen immer neu hervor. Ilse lehnte den Kopf an
ihre Schulter und schwieg. In ihrem Innern kmpften der Schmerz und die
Freude. Sie htte so gern sich auf das Wiedersehen ihrer Lieben, besonders
des kleinen Brderchens, gefreut, sie vermochte es nicht ungetrbt, weil
der Abschied von Nellie dazwischen stand. -

Hier sind sie! Kommt, hierher! Sie sitzen beide unter dem Holunderbusch!

Keine andre als Grete war es, die durch ihren lauten Ruf die Trumenden
aufschreckte. Unbemerkt war sie aus einem Seitenweg hervorgetreten und
stand nun wie aus der Erde gewachsen vor ihnen.

Ilse sprang auf und trat den andern Mdchen, die herbeigeeilt kamen,
entgegen. Nellie trocknete verstohlen ihre Thrnen und machte wieder ein
heitres Gesicht.

Wir haben euch berall gesucht, sagte Orla, was macht ihr denn hier?

Ich glaube wahrhaftig, ihr schwrmt im Mondenschein, Kinder, lispelte
Melanie, ihr macht so furchtbar schmachtende Augen alle beide, habt ihr
geweint?

Grete mute sich hiervon genau berzeugen, sie trat zu Nellie und sah sie
neugierig prfend an. Du hast geweint, Nellie - und du auch Ilse -
behauptete sie entschieden. Was habt ihr denn? Warum weint ihr?

Um nix! entgegnete Nellie rgerlich ber die unzarte Grete.

Um nichts weint man doch nicht, fuhr dieselbe unbeirrt fort, bitte,
sagt es doch, warum ihr geweint habt.

La deine zudringlichen Fragen, verwies sie Flora, und wenn sie dir
sagen wrden: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Der silberne Mond, die duftenden Rosen, der entzckende
Sommerabend, so recht zur Liebe und Traurigkeit geschaffen, haben unsern
Herzen Wehmut und Thrnen entlockt,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} - wrdest du das verstehen? Niemals!
Denn du hast keinen Sinn fr die hhere Sphre - du bist zu prosaisch!
Sie begleitete ihre Worte mit einem schwrmerischen Aufschlag ihrer
wasserblauen Augen.

Floras hochtrabende Aeuerung stellte sofort die frhlichste Stimmung her.
Nellie verga ihr Herzeleid darber und sagte lachend: O Flora, was fr
ein zarter Seel' du hast! Sei bedankt du hoher Dichterin, du hast uns
verstanden!

Kinder! unterbrach Orla die Sprechenden, nun hrt auf mit euren
Albernheiten, ich habe euch eine hchst wichtige Mitteilung zu machen!

Wichtige Mitteilung! Grete sperrte Mund und Nase auf und sah gespannt auf
Orla, zu der sie sich ganz dicht herangedrngt hatte.

Nicht hier! fuhr diese fort, folgt mir unter die Linde!

Unter die Linde? fragte Annemie ngstlich. La uns doch hier, es ist ja
schon dunkel unter dem alten, groen Baum!

Ja, und es ist schon spt, wir mssen uns eilen, fiel die ebenfalls
furchtsame Flora ein.

Mache dir keine Sorge darum, liebste Flora, gab Orla zurck, denn hre
und staune: Weil heute mein Geburtstag ist, hat Frulein Raimar auf
dringendes Bitten die hohe Gnade gehabt, unsern Aufenthalt im Garten heute
abend bis um zehn Uhr zu verlngern!

Himmlisch! Furchtbar reizend! Zu nett! u. s. w. rief es durcheinander
und Grete machte sogar einen kleinen, ungeschickten Sprung in die Luft.

Also auf zur Linde! kommandierte Orla und schlug den Weg dorthin ein.

Ohne Gegenrede folgten ihr alle, in wenigen Augenblicken waren sie dort.
Orla stieg auf eine Bank, die dicht am Stamme lehnte, schlug die Arme
untereinander und sah schweigend auf die Mdchen herab, die einen dichten
Halbkreis um sie bildeten und mit hchster Spannung auf sie blickten.

Meine lieben Freundinnen, hub sie an, da raschelte es ber ihnen in den
Zweigen. Die Mdchen schraken zusammen.

Was war das? fragte Annemie, Gott, wenn sich im Baume jemand versteckt
htte!

Oder wenn ein Gespenst wieder seinen Spuk triebe! sprach Melanie mit
bebenden Lippen.

Wie unheimlich ist es hier! fiel Grete ein, ich frchte mich!

So ein Gespenst mit groer Feuerauge und fliegender Haar, meinte Nellie
und stie Ilse an, o, es wre furchtbar!

Orla stand ruhig und unerschrocken da, sie kannte keine Furcht. Schmt
euch! rief sie den Zagenden zu, seid ihr erwachsene Mdchen? Kann euch
eine harmlose Fledermaus in die Flucht treiben? Geht zurck, wenn ihr euch
frchtet, fr Kinder passen meine Worte nicht! Wollt ihr vernnftig sein?

Ja, ja! tnte es zurck, zwar etwas zaghaft, aber die Neugierde trug
doch den Sieg ber die Furcht davon.

So hrt mich an! Hier an dieser Sttte, unter dem Schutze unsrer
geliebten Linde lat uns einen Bund schlieen, der uns in Freundschaft fr
das ganze Leben vereinen soll. Wie lange wird es dauern und wir verlassen
die Pension, und das Schicksal zerstreut uns in alle Winde!

In alle Winde! wiederholte Flora halblaut.

Nun frage ich euch, soll uns dasselbe fr immer trennen? Ich sage: nein!
wir werden uns wiedersehen! Wir haben stets treu zusammengehalten, unsre
Freundschaft darf nicht wie ein leerer Wahn verrauschen -

Wie ein leerer Wahn verrauschen - gab Flora als Echo zurck.

Ruhig! geboten die andern, la Orla sprechen!

So frage ich euch denn: wollt ihr mit mir in diesem feierlichen
Augenblicke geloben, da ihr heute in drei Jahren zurckkehren wollt? Hier
unter der Linde, am siebenten Juli, morgens elf Uhr, soll uns ein frohes
Wiedersehen vereinen. Seid ihr mit meinem Vorschlage einverstanden?

Ja! rief es einstimmig und begeistert, wir kommen!

Schwrt einen Eid darauf!

Sie erhob drei Finger der rechten Hand und alle brigen folgten ihrem
Beispiele. Nur Rosi zgerte.

Es knnten doch Hindernisse eintreten, die eine Reise hierher unmglich
machten, warf sie mit ihrer sanften Stimme ein.

Hindernisse, das heit, nur wichtige Hindernisse heben den Eid auf!
erklrte Orla. In diesem Falle ist die Ausbleibende verpflichtet, durch
einen ausfhrlichen Brief den Grund ihres Eidbruches anzugeben. Beschwrt
auch das!

Wieder erhoben sich die Hnde und diesmal zgerte Rosi nicht, sich dem
Schwure anzuschlieen.

Nun haben wir uns fr ewig verbunden! nahm Orla wieder das Wort, und
jede von uns wird ihren Eid halten, damit wir indes stets desselben
gedenken, mache ich euch einen Vorschlag. Wir wollen zur Erinnerung an
diese heilige Stunde einfache, silberne Ringe anfertigen lassen, die wir
an dem kleinen Finger der linken Hand tragen. Jede von uns erhlt einen
solchen und trgt ihn bis zu ihrer Sterbestunde.

Bis zu ihrer Sterbestunde! sprach Flora langsam und elegisch nach.

Die Ringidee wurde von allen reizend, famos und entzckend gefunden und
mit Begeisterung angenommen. Orla, die von ihrem erhabenen Platze
heruntergesprungen war, wurde umringt und mit schmeichelhafter Anerkennung
berhuft. Melanie prophezeite ihr geradezu eine groe Zukunft als
Rednerin, sie habe {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}furchtbar reizend{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} gesprochen.

Alle befanden sich brigens in einer gehobenen Stimmung, sie fielen sich
in die Arme, kten sich und versicherten sich gegenseitig der
zrtlichsten Freundschaft, die nur mit dem Tode enden knne.

Sie glaubten ganz ernst an ihre Versprechungen, kein Zweifel vergiftete
ihre unschuldsvolle Zuversicht. Der Mond lugte wischen den Zweigen
hindurch und blickte wie spottend mit einem Auge auf das rhrende
Schauspiel. Vielleicht verstand ihn der alte Baum, vielleicht bedeutete
das leise Rauschen in seinem Wipfel die Antwort: Du Zweifler da oben,
spotte nicht ber die glubigen Kinder. Weit du nicht, da es immer so
war und immer so sein wird? Die Trume der Jugend gehren zur jungen
Brust, wie der Tau zur Rose. Enttuschung und Nchternheit tten frh
genug diese Blten der kurzen Maienzeit.

Orla, sagte Flora, als sie langsam in das Haus zurckkehrten, auch ich
mchte einen Vorschlag machen. Wenn eine von uns Freundinnen, die wir uns
bis in den Tod verbunden haben, in den Bund der heiligen Ehe tritt, so
soll es ihre Pflicht sein, ihre Genossinnen zu diesem hohen Feste
einzuladen.

Ja, stimmte Orla bei, das ist ein guter Gedanke, wir wollen denselben
mit einem Handschlag besiegeln.

Sie schlossen einen Kreis und reichten sich die Hnde, verzogen auch keine
Miene dabei. Nur Ilse konnte das Lachen nicht lassen, die
Hochzeitsgedanken kamen ihr gar zu komisch vor.

Ich trete zwar niemals in den Bund der heiligen Ehe, aber ich gebe doch
mein Handschlag zu die Einladung, neckte Nellie.

Spotte nicht ber so ernste Dinge, sprach Flora zrnend. Wir sind nicht
aufgelegt zu deinen Scherzen.

O, ich scherz' gar nix, aber wie soll ein arm' hlich Englnderin mit
sehr viel Sommerspross' auf der Nas' ein Mann bekommen?

Diese komische Bemerkung verscheuchte den Ernst von den jugendlichen
Stirnen und Scherz und Frohsinn kehrten zurck.

Ehe sich Flora zur Ruhe begab, schrieb sie in ihr Tagebuch:

Welch ein groer, ereignisvoller Tag! O, ich zittere noch, wenn ich daran
denke! Mondschein! Rosenduft! Linde! Sang der Philomele! Orla hinreiend
gesprochen (Meine nchste Heldin Orla heien!) Freundschaftsbndnis!
Schwur! Hochzeitsversprechen! (Meine entzckende Idee!) Handschlag darauf!
Wie heit die Hochbeglckte, die zuerst denselben lst? Schicksal, du
dunkles, la mich den Schleier heben! Giebt es Ahnungen, sollt' ich? -

Sie legte die Feder nieder, schlo das Buch und verbarg es tief in ihrem
Kommodenkasten. Ihre Hand zitterte und ihre Gedanken verwirrten sich. Sie
legte sich nieder und schlief ein. Trumend sah sie sich im Brautkranz und
weien Atlaskleide.

                                  * * *

Die acht Wochen, oder wie Nellie sagte: vierundfnfzig Tage, waren
vorbergegangen. Der erste September brach an. Nellie hatte die ganze
Nacht nicht schlafen knnen vor Herzeleid, der Abschied von der geliebten
Freundin raubte ihr die Ruhe. Auch Ilse war es gleich ergangen und es war
rhrend, wie beide Mdchen bemht waren, ihre Schlaflosigkeit und ihre
Thrnen sich gegenseitig zu verbergen.

Als der Morgen anbrach, hielt Nellie es nicht mehr aus. Sie stand auf,
warf ihr Morgenkleid ber und schlich an Ilses Bett.

Wachst du? fragte sie, als dieselbe sie mit offenen Augen ansah, das
ist schn, nun knnen wir noch eine ganze Stunde plaudern, es hat eben
Fnf geschlagen.

Sie setzte sich auf Ilses Bettrand und ergriff deren beide Hnde, und als
sie aufblickte und Thrnen in Ilses Augen schimmern sah, da war es aus mit
ihrer knstlichen Fassung. Sie beugte sich zu der Freundin nieder und
indem sich beide fest umschlungen hielten, vermischten sich ihre heien
Thrnen.

O, Ilse! Wie einsam wird es sein, wenn dein Bett leer ist! Oder wenn ein
anderer Gesicht mir daraus ansieht, o, ich bin sehr, sehr traurig!

Ilse hatte sich aufgerichtet und drckte die Weinende innig an sich. Zu
sprechen vermochte sie nicht, es war ihr zu weh.

Wir sehen uns bald wieder, sprach sie endlich mit zitternder Stimme und
versuchte Nellie zu trsten. Du besuchst uns in Moosdorf; den ganzen
Winter ber wirst du bei uns bleiben.

Nellie schttelte unglubig den Kopf. Das wird nix, ich werde nicht
Erlaubnis bekommen zu ein so lang' Besuch. Meine Zeit ist Ostern vorbei,
dann heit es: fort aus der Pension! Ich mu ein' Stell' annehmen und
Kinder Unterricht geben. Aber ich wei noch nicht viel und mu sehr
fleiig lernen, Frulein Raimar sagt es alle Tage.

Aber die Michaelisferien darfst du gewi bei uns zubringen. Meine Eltern
werden selbst an Frulein Raimar schreiben und sie dringend darum bitten,
sie wird es ihnen nicht abschlagen, entgegnete Ilse.

Es geht nicht, ich mu lernen!

Ilse sah die Freundin traurig und bedauernd an. Wenn du wirklich eine
Gouvernante werden mut, Nellie, so versprich mir fest, da du all' deine
Ferien bei uns in Moosdorf zubringen willst. Meine Heimat soll auch die
deinige sein.

Mit einem Handschlage wurde dies Versprechen besiegelt. Du bist sehr gut,
Ilse, ich werde nie wieder ein Mdchen lieben wie dir. Vergi mir nie!
Sieh dieser klein' silbern' Ring recht oft an und denk' dabei immer an
dein' Nellie, die in Einsamkeit zurckgeblieben ist.

Nicht einsam, trstete Ilse, sie haben dich alle so lieb im Institute.

Und wenn ich fort bin, aus der Auge, aus der Sinn, dann bin ich fremd fr
sie.

Nein, Nellie, du wirst Frulein Raimar und Frulein Gssow nie eine
Fremde sein! entgegnete Ilse mit vollster Ueberzeugung. Sie haben dich
furchtbar lieb!

O ja, ich wei; aber sie sind nicht mehr in Jugend und werden mir nie
verstehn, wie du. Sie haben vergessen, wie man ein dumm' Streich macht!
Denkst du noch an der Apfelbaum?

Die Erinnerung an diese lustige Fahrt trocknete ihre Thrnen und rief ein
frhliches Lcheln auf ihre Lippen. Jede geringe Kleinigkeit durchlebten
sie in Gedanken noch einmal. Die Spukgeschichte. Mi Lead in ihrem
wunderbaren Aufzuge. Die Stiefelspitze, die sie beinahe verriet, ach, und
die Angst, die sie ausgestanden! - Und es war doch schn! rief Nellie
aus, ich wnsche, da wir noch einmal alles machen knnten!

Wenn du nach Moosdorf kommst, sagte Ilse, dann wollen wir in die Bume
klettern nach Herzenslust! Du wirst es bald lernen! O, es wird dir bei uns
gefallen! Wir haben ein groes, schnes Wohnhaus mit Trmchen und Sllern,
fast wie ein Schlo. Du wirst dein Zimmer dicht neben mir haben, das ist
doch reizend, nicht wahr? Ich fahre dich alle Tage mit meinen Ponies
spazieren, und Hunde haben wir zum Entzcken!

So plauderte Ilse von der Heimat und schilderte der Freundin lebhaft und
feurig die dortigen Herrlichkeiten. Auf diese Weise kamen sie fr den
Augenblick ber das Weh des Abschieds hinweg, die Aussicht auf ein nicht
allzufernes Wiedersehen verste ihren herben Trennungsschmerz. -

Wenige Stunden spter stand Ilse reisefertig vor Frulein Raimar und sagte
ihr Lebewohl. Die Vorsteherin hielt sie im Arme und redete liebevoll auf
sie ein.

Es thut mir leid, da dein Vater verhindert ist, dich abzuholen, sagte
sie, nun mut du die weite Reise allein machen! Gern htte ich ihn auch
noch einmal gesprochen und mancherlei mitgeteilt, was ich nun schriftlich
thun mute. Wie erstaunt wird er sein, wenn er dich wiedersieht, er wird
die frhere Ilse gar nicht wieder erkennen! Weit du wohl noch, wie ungern
du damals zu uns kamst?

Verzeihen Sie mir, bat Ilse unter Thrnen, und vergessen Sie, wenn ich
Sie krnkte!

O, rede nicht davon! Du bist uns allen eine liebe Schlerin geworden und
ungern sehen wir dich scheiden. Ich hoffe, du schreibst mir zuweilen,
liebe Ilse, und giebst mir Nachricht, ob du gute Fortschritte in der Musik
und besonders im Zeichnen machst. Ich habe den Papa gebeten in diesem
Briefe, sie bergab Ilse denselben, da er dir noch in einigen Fchern
Nachhilfe geben lassen mge, besonders mge er fr einen tchtigen Lehrer
im Zeichnen sorgen, da du viel Talent dazu habest.

Frulein Gssow trat ein und meldete, da der Wagen vor der Thre stehe,
sie und Nellie begleiteten Ilse zur Bahn.

Leb wohl denn, mein Kind, sagte die Vorsteherin, und wenn du einmal
Sehnsucht nach der Pension bekommen solltest, so kehre zu uns zurck,
jederzeit wirst du uns von Herzen willkommen sein.

Im Hausflur standen die Freundinnen versammelt. Sie umringten die
Scheidende und reichten ihr Blumenstrue. Natrlich kten und herzten
sie sich unter Thrnen.

Vergi uns nicht! Schreib bald! Ich habe dich furchtbar lieb gehabt!
so und hnlich klang es durcheinander, und ehe Ilse in den Wagen stieg,
flsterte Flora ihr zu: Gedenke deines Schwurs!

Die Blumen werden dir lstig sein unterwegs, Ilse, meinte Frulein
Gssow, die bereits mit Nellie im Wagen Platz genommen hatte, la sie
zurck und nimm aus jedem Straue nur einige Blmchen mit.

Aber welches junge Mdchen wrde auf diesen vernnftigen Vorschlag
eingegangen sein! Eine Abreise ohne Strau ist gar keine richtige Abreise
nach heutigem Begriffe. Natrlich schttelte Ilse den Kopf und sah das
Frulein bittend an. Ich mchte sie so gern alle mitnehmen, sagte sie.

Aber wie? Darauf gab Rosi die Antwort. Sie hatte ein offenes Krbchen
herbeigeholt und legte den ganzen Blumenvorrat vorsichtig hinein.

Und nun zogen die Pferde an; noch ein Lebewohl, ein letzter
Abschiedsblick, ein Gren mit dem Tuche und hinter ihr lag die Sttte, an
der sie eine glckliche und lehrreiche Zeit verlebt. Ilse lehnte sich im
Wagen zurck und weinte laut.

Als die Damen am Bahnhofgebude anlangten, war der Zug soeben eingefahren.
Er hatte fnfzehn Minuten Aufenthalt und Frulein Gssow hatte Zeit, ein
passendes Koupee fr Ilse auszusuchen.

Wo ist ein Damenkoupee? fragte sie den Schaffner, diese junge Dame fhrt
nach W.

Hier! hier! rief es aus dem Fenster eines Koupees hinter ihr, hier
knnen junge, hbsche Damen Platz nehmen!

Das Frulein wandte den Kopf und blickte in ein frhliches
Studentenangesicht. Das Cereviskppchen sa ihm keck auf einem Ohre und
kaum geheilte Schmisse schmckten Kinn und Wange. Hinter ihm standen
noch einige andre Studenten und lachten zu dem Scherze ihres Freundes.
Laut und ungeniert bewunderten sie die jungen Mdchen.

Entzckend! Wunderbar! Fortuna mit dem Fllhorne! riefen sie den Damen
nach, die sich eilig entfernten. - Frulein Gssow ergriff unwillkrlich
Ilses Hand, die hocherrtet war.

  [Illustration]

Wie unverschmt! sagte sie entrstet, wie konnten sie das wagen! Ach
Ilse, ich bin in Sorge um dich! - Und sie lie einen recht besorgten
Blick ber das junge Mdchen hingleiten, das in seinem schottischen
Reisekleide, dem passenden Barett mit blau schillerndem Flgel an der
Seite, beraus lieblich aussah. - Du reistest noch niemals allein, und
jetzt mut du ohne Schutz die lange Fahrt machen. Wenn doch dein Papa dich
abgeholt htte!

Das war nicht mglich! entgegnete Ilse. Er mute daheim bleiben, um
Mamas einzigen Bruder, der zehn Jahr in der Welt umhergereist ist, heute
zu begren. Ich habe ihn selbst darum gebeten, als er mir schrieb, da er
trotzdem kommen wolle. Ich bin auch gar nicht ngstlich, es ist ja heller
Tag. Papa hat mir auch die ganze Reiseroute so genau aufgeschrieben, da
ich mich nicht irren kann.

Lies mir das noch einmal vor, sagte Frulein Gssow. Ich mchte dich
gern mit meinen Gedanken begleiten. Du, Nellie, knntest indessen Ilses
Handgepck in das Koupee legen.

Ilse nahm aus einem roten Ledertschchen, das sie an ihrem Grtel
befestigt an der Seite trug, einen Brief und las:

Um elf Uhr Abfahrt von dort, um zwei Uhr Ankunft in M. Bis drei Uhr
Aufenthalt daselbst. Dann Weiterfahrt _ohne umzusteigen_ bis Lindenhof. Um
fnf Uhr langst du dort an, steigst aus und wirst von meinem alten
Freunde, Landrat Gontrau mit seiner Frau, empfangen. Sie nehmen dich mit
hinaus nach Lindenhof, wo du, auf ihre dringenden Bitten, bernachtest.

Am andern Mittag fhrst du weiter und Gontrau hat mir versprochen, dich
sicher zur Bahn zu befrdern und alles Ntige fr deine Weiterreise zu
besorgen.

Vergi nicht, eine Photographie von mir in die Hand zu nehmen; Gontraus,
denen du ja unbekannt bist, werden dich daran erkennen.

Hast du das Bild? fragte das Frulein, und als Ilse bejahte, gab sie
derselben noch mancherlei gute Lehren mit auf den Weg. Ich wei, du bist
verstndig und wirst auch vorsichtig sein, aber du bist noch unerfahren
und kennst die Welt und die Menschen nicht; - es giebt Leute, die gar zu
gern unsre ganzen Lebensverhltnisse herauslocken mchten und hchst
geschickt zu fragen verstehen; weiche ihnen soviel wie mglich aus und sei
hchst vorsichtig in deinen Aeuerungen. Fr alle Flle warne ich dich
aber, in keiner Weise eine Aufmerksamkeit oder eine Geflligkeit, wenn sie
dir berflssig erscheint, von einem Herrn, sei er jung oder alt,
anzunehmen. Folge nur stets deiner zurckhaltenden Natur, liebes Herz,
dann wirst du auch das Rechte thun.

Einsteigen! rief der Schaffner und unterbrach die liebevollen
Ermahnungen der jungen Lehrerin. Weinend umarmte Ilse dieselbe, und alles,
was sie an Liebe und Dankbarkeit fr dieselbe empfand, stammelte sie in
zwei Worten mhsam hervor: Dank - Dank -

Leb' wohl denn, mein geliebtes Kind! entgegnete diese und schlo ihr den
Mund mit einem innigen Kusse.

Und Nellie? Der Abschied von ihr war der schwerste Augenblick fr Ilse.
Behalt' mir lieb, bat sie kaum hrbar und sah dabei so unglcklich aus,
als ob das Glck fr immer von ihr scheide. Und Ilse hielt sie fest
umschlungen und vermochte kein Wort hervorzubringen, - dann ri sie sich
los und stieg ein.

Im letzten Augenblicke stieg noch eine alte Dame mit weien Locken ein.
Sie war ganz auer Atem von dem eiligen Gehen und schien etwas ngstlich
und unbeholfen zu sein. Frulein Gssow war ihr beim Einsteigen behilflich
und als der Schaffner ihr Billett koupierte, erfuhr sie zu ihrer groen
Freude, da die Dame und Ilse die gleiche Reisetour hatten. Sie richtete
die herzliche Bitte an dieselbe, da sie das junge Mdchen unter ihren
Schutz nehmen mge. Mit grter Liebenswrdigkeit versprach dies die Dame.

Langsam setzte sich der Zug in Bewegung. Ilse lehnte zum Fenster hinaus
und grte mit dem Tuch die Zurckbleibenden. - Schmerzlich bewegt blickte
Frulein Gssow dem Zuge nach, es war ihr, als ob er ein Stck von ihrem
Herzen mit sich nhme! Noch nie hatte sie mit so vieler Liebe und
Hingebung sich der Erziehung einer Schlerin gewidmet, noch nie hatte sie
sich durch den glcklichen Erfolg so belohnt gefhlt. - Nun ging sie fort
und wer konnte sagen, ob sie das Kind je wiedersehen werde?

Komm, wandte sie sich der laut schluchzenden Nellie zu, wir wollen
gehen! Und sie zog Nellies Arm durch den ihrigen und sprach trstende
Worte zu ihr - und hatte doch selbst ein so tiefbetrbtes Herz.

                                  * * *

Im Flug entfhrte der Dampfwagen Ilse dem Orte, den sie unter so
verschiedenartigen Gefhlen betreten und wieder verlassen hatte. Reichlich
flossen ihre Thrnen. Sie hielt das Tuch gegen die Augen gedrckt und die
liebliche Gegend, an der sie vorberfuhr, die Berge, die ihr vertraute
Bekannte geworden, erhielten keinen Abschiedsgru von ihr. Ein
Sonnenstrahl stahl sich zum Fenster hinein, fiel auf ihr lockiges Haar und
frbte es golden, aber Trost in ihrem Kummer vermochte er ihr nicht zu
bringen.

Die Dame sah teilnehmend auf die Weinende, aber sie strte sie nicht in
ihrem Schmerze. Erst als sie bemerkte, da Ilse ruhiger wurde, knpfte sie
ein Gesprch mit ihr an.

Ich verstehe Ihren Kummer wohl, liebes Kind, sagte sie herzlich, und
kann Ihnen nachempfinden, wie Ihnen um das Herz ist. So ein Abschied von
der Pension ist ein wichtiger Abschnitt, es thut weh, von den Freundinnen
scheiden zu mssen, die man lieb gewonnen hat, - aber Kind, so gar
trostlos mssen Sie das alles nicht ansehen. Die Trennung ist ja nicht fr
das ganze Leben, die Freundinnen werden Sie in Ihrer Heimat besuchen. Es
ist wohl schn in Ihrer Heimat?

Das war eine Frage zur rechten Zeit. Ilses Kinderaugen lachten noch unter
Thrnen die Fragerin an. Sie fing an, lebhaft zu erzhlen, ihre Gedanken
kehrten in das Elternhaus zurck, und zum erstenmale dachte sie seit
lngerer Zeit mit ungetrbter Sehnsucht an dasselbe.

Wie werden Sie sich freuen, die Eltern wiederzusehen! fuhr die Dame
fort, die groes Wohlgefallen an dem jungen Mdchen fand.

O sehr, sehr! entgegnete Ilse, und besonders freue ich mich auf den
kleinen Bruder, den ich noch gar nicht kenne! Ich habe sein Bild bei mir,
darf ich es Ihnen zeigen?

  [Illustration]

Sie nahm eine Ledertasche von oben herab, ffnete dieselbe und nahm ein
Album daraus hervor.

Das ist er! sagte sie und zeigte mit Stolz auf einen kleinen, dicken
Buben, der im Hemdchen photographiert war.

Ein schnes Kind! bewunderte die Dame, und ist das Ihre Mama, die den
Kleinen auf dem Schoe hlt?

Ilse bejahte. Hier ist mein Papa, fuhr sie fort und holte sein Bild aus
dem Saffiantschchen. Was war natrlicher, als da sie bei dieser
Gelegenheit erzhlte, da ihr das Bild zum Erkennungszeichen dienen solle,
wenn Gontraus sie empfangen wrden.

Gontrau? fragte die alte Dame, Landrat Gontrau? Das sind ja liebe
Bekannte von mir. Mein Mann, Sanittsrat Lange, ist seit langen Jahren
Arzt in ihrem Hause! Wir wohnen in L., das ist die nchste Station von
Lindenhof. Wie sich das wunderbar trifft! Nun stecken Sie das Bild Ihres
Papas nur getrost ein, wir haben es nicht mehr ntig; jetzt werde ich Sie
meinen Freunden zufhren! So viel Zeit habe ich bei meinem kurzen
Aufenthalte!

Ilse war sehr erfreut ber diesen wunderbaren Zufall, und im Geplauder mit
der liebenswrdigen, feingebildeten Frau Rat verging ihr die Zeit mit
Windesschnelle. Sie war ganz erstaunt, als der Schaffner das Koupee
ffnete und hineinrief: Station M.! Sie mssen aussteigen, meine Damen!

Schon! rief Ilse und griff nach ihren Sachen.

Frau Rat hatte sich auch erhoben und suchte ihr Handgepck zusammen. Es
geschah alles mit ngstlicher Hast, ihre Hnde zitterten etwas in nervser
Aufregung. Eine Ledertasche, die sie von oben herabnahm, entfiel ihrer
Hand. Das Schlo an derselben sprang auf und verschiedene kleine
Gegenstnde kollerten auf den Boden.

O Gott! rief sie erschrocken, was habe ich da gemacht! - Sie wollte
sich bcken und lie eine Schachtel dabei fallen.

Bitte, lassen Sie mich alles besorgen! beruhigte sie Ilse. Schnell hatte
sie alles aufgesucht und wieder in die Tasche gethan. Das Portemonnaie der
Frau Rat, das sich ebenfalls unter den herausgefallenen Dingen befand,
steckte sie tief hinein in die Tasche, verschlo dieselbe vorsichtig und
gab sie der gengsteten Dame in die Hand.

So, sagte sie, nehmen Sie das an sich, fr Ihre brigen Sachen werde
ich Sorge tragen.

Sie legte smtliches Handgepck zusammen auf den Sitz, stieg dann hinaus,
lie sich dasselbe von der Dame zureichen, bergab es einem
bereitstehenden Packtrger und half endlich der Frau Rat vorsichtig die
hohen Stufen hinabsteigen.

Danke, danke, liebes Kind, sagte diese. Wie umsichtig und verstndig
Sie alles besorgen! Ich htte das bei Ihrer Jugend kaum erwartet.

Ilse wunderte sich selbst darber, wer wei aber, ob ihre Selbstndigkeit
sich so pltzlich entwickelt htte, wenn die hilflose Art und Weise ihrer
Begleiterin dieselbe nicht herausgefordert htte. - Ganz stolz hob sie den
Kopf bei diesem Lobe und wnschte: wenn Frulein Gssow doch gleich
dasselbe hren knnte! Sie hatte so groe Besorgnisse gehabt, und jetzt
war sie Beschtzerin, anstatt da sie beschtzt wurde! - Es war wirklich
ein recht erhebendes Gefhl fr sie, leider nicht von langer Dauer!

Als sie mit Frau Rat langsam dem Stationsgebude zuschritt, hrte sie
laute Zurufe aus einem Koupee des noch haltenden Zuges. Ein flchtiger
Blick und sie hatte sofort die Studenten erkannt. Ganz ngstlich ergriff
sie den Arm der Dame, denn in diesem Augenblick war all ihre frohe
Sicherheit geschwunden und sie fhlte sich recht eines Schutzes bedrftig.

Leb wohl - leb wohl - du se Maid! - Nur einen Abschiedsblick, reizendes
Lockenkpfchen! riefen die Uebermtigen, und als der Zug schon im
Weiterfahren war, warf einer von ihnen ihr eine herrliche Rose zu, sie
fiel gerade zu ihren Fen.

Ilse wandte sich ab, sie wute vor Scham und Verlegenheit nicht, wohin sie
den Blick wenden sollte.

Kannten Sie die jungen Herren? fragte Frau Rat. -

Ilse verneinte und erzhlte, da sie dieselben zum ersten Male bei ihrer
Abreise gesehen.

Ja, das ist lustiges Blut! meinte Frau Rat. Die ganze Welt gehrt ihnen
und man darf es ihnen nicht bel nehmen, wenn sie sich mehr herausnehmen
als andre. - Wollen Sie die Rose nicht aufnehmen, Kind?

Ilse hatte wohl den Wunsch, aber sie schttelte doch den Kopf. Ich darf
nicht, sagte sie, und Frulein Gssows Worte: keine Aufmerksamkeit von
einem Herrn anzunehmen, standen mahnend vor ihrer Seele. - Der Werfer
fuhr freilich auf und davon und niemals htte er erfahren, ob sie die Rose
nahm oder nicht, - trotzdem schwankte sie nicht, ihre Gewissenhaftigkeit
und das eigne Bewutsein waren die Wchter, die sie zurckhielten.

Frau Rat verstand sofort Ilses Benehmen und freute sich ber ihr
Taktgefhl. Sie haben recht, Kind, sagte sie, und eigentlich beschmen
Sie mich etwas. Aber ich dachte nicht gleich daran, wer die Blume geworfen
hat. Ich sah das herrliche Prachtexemplar im Staube liegen und es that mir
leid um die unschuldige Rose.

Nach einer Stunde Aufenthalt fuhren die Damen weiter. Ilse hatte die Zeit
bentzt, eine Korrespondenzkarte an Frulein Gssow zu schreiben. Als sie
schrieb, meldete sich der Abschiedsschmerz aufs neue. Es verwischten sogar
einige Thrnen die frische Schrift; aber sie meldete, da ihr die Reise
bis jetzt furchtbar schnell vergangen sei, und Frau Rat wre eine zu
entzckende Frau.

Die Erwhnte dachte ungefhr ebenso von ihrer jungen Reisegefhrtin. Sie
hatte in der kurzen Zeit eine warme Zuneigung zu derselben gefat. Ilse
war so ganz anders als all die jungen Mdchen ihrer Bekanntschaft. Sie
verglich sie mit einem sprudelnden Waldquell, dessen Wasserspiegel bis auf
den klaren Grund sehen lt. Wahr und offen und doch nicht geschwtzig,
natrlich und ohne jede Ziererei. Und doch, wie hbsch war die Kleine! -
Frau Rat blickte mit innerer Freude in Ilses rosiges Gesicht, in ihre
braunen Augen, die ein so getreuer Spiegel ihrer Seele waren; die sie
traurig und thrnengefllt, frhlich und schelmisch aufleuchten sah, und
deren dunkle Wimpern sich sittsam senkten, als bermtige Studenten ihr
huldigen wollten.

Nun sind wir in wenigen Minuten in Lindenhof und mssen uns trennen,
sagte Frau Rat. Es thut mir von Herzen leid, ich habe Sie sehr lieb
gewonnen. Versprechen Sie mir fest, mich zu besuchen, wenn der Zufall Sie
in die Nhe von L. fhren sollte.

Ilse versprach das gern und gestand, da auch ihr das Scheiden schwer
werde. Frau Rat htte so {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}himmlisch{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} verstanden, sie zu trsten.

Da sind wir schon! rief Frau Rat und steckte den Kopf zum Fenster
hinaus, um sich nach Gontraus umzusehn. Sie waren nicht zu erblicken.
Einige Bauernfrauen standen wartend mit ihren Tragkrben da, sie wollten
mit dem Zuge weiterfahren, das war alles. - Ilse hatte auch hinausgeschaut
und als sie niemand anwesend sah, der sie erwartete, wurde es ihr recht
bange.

Ach! seufzte sie, was fange ich nun an! Ich bin ganz verlassen hier!
Lassen Sie mich mit Ihnen weiterfahren, liebe Frau Rat, und nehmen Sie
mich fr die eine Nacht auf. Bitte, bitte!

Wie gern thte ich das, mein Kind; aber das wre gegen die Bestimmung
Ihrer Eltern. Gontraus werden noch kommen, auf jeden Fall! Sie haben sich
etwas versptet, Sie knnen es glauben. Was wrden sie sagen, wenn
Frulein Ilse davongeflogen wre?

Ilse seufzte schwer und stieg aus. Ihr Gepck, auch die Blumen, die trotz
des hufigen Besprengens mit frischem Wasser die Kpfchen traurig hngen
lieen, hatte sie aus dem Koupee gehoben, - nun stand sie da und sah sich
hilflos nach beiden Seiten um.

Machen Sie nicht ein so trostloses Gesicht, liebes Kind, beruhigte die
alte Dame, es wre ja noch immer kein Unglck, wenn Gontraus durch irgend
ein Miverstndnis Sie heute nicht erwarteten! In diesem Falle bestellen
Sie einen Wagen im Stationsgebude und fahren nach Lindenhof hinaus. In
einer guten Stunde sind Sie dort, und da Sie bei den lieben Menschen mit
offnen Armen empfangen werden, dafr stehe ich ein.

Nein, nein! das thue ich nicht! Das wrde ich nicht wagen! rief Ilse
ganz erschrocken. Ich wei ja gar nicht, ob man mich haben will! Ich kann
doch nicht unbekannten Leuten in das Haus fallen!

Es leuchtete so etwas vom alten Trotze dabei aus ihren Augen und die
Oberlippe kruselte sich in verdchtiger Weise. Frau Rat lchelte ber den
jugendlichen Ungestm.

Man will Sie haben, und fremde Leute sind es auch nicht, zu denen Sie
kommen, kleine Ungeduldige, sprach sie scherzhaft. Der Landrat ist ein
sehr guter Freund Ihres Vaters.

Ilse konnte sich nicht dabei beruhigen, sie wurde sogar noch
niedergeschlagener.

Als Frau Rat bemerkte, da sie nur noch fnf Minuten beisammen sein
wrden, fllten sich ihre Augen mit Thrnen.

Gehen Sie einmal schnell um das Gebude, dort knnen Sie die ganze
Chaussee berblicken, die nach dem Rittergute fhrt. Vielleicht sehen Sie
den Wagen kommen.

Sie that, wie ihr geraten wurde. Im vollen Laufen ffnete sie das
Saffiantschchen und nahm Papas Bild heraus. Es ist zwar doch
vergeblich, dachte sie, aber ich will es fr alle Flle in die Hand
nehmen.

  [Illustration]

Kaum hatte sie sich entfernt, kaum war sie links um das Haus gegangen, als
von der andern Seite desselben ein junger, schlanker Mann mit leichtem,
elastischen Schritt eilig hervortrat. Sein Auge glitt suchend ber den
Perron, dann ging er dicht an dem Zuge entlang und sphte forschend in
jedes Koupee. Frau Rat hatte ihn sofort entdeckt und ihre Zge verklrten
sich, - der Suchende war niemand anders als der Sohn des Landrats. Leo!
Leo! rief sie ihn an, komm, schnell! Wo sind deine Eltern? Du suchst
sie, nicht wahr? Ich bin mit ihr gefahren - sie ist ein reizendes, junges
Mdchen! Frisch wie eine Waldblume, sage ich dir. Dort ist sie um das Haus
gegangen!

Was fr eine Waldblume meinst du, Tante Rat? fragte der junge Mann etwas
erstaunt und sah mit seinen offenen, klugen Augen die Angeredete, die sehr
schnell und mit lebhaften Gesten gesprochen hatte, an. Von wem sprichst
du?

Von ihr - von ihr! rief sie zurck. Von Ilse, die ihr erwartet, wollte
sie eigentlich sagen, aber der Name fiel ihr im Augenblick nicht ein; das
betubende Luten der Glocke, die das Zeichen zur Abfahrt gab, machte sie
nervs und verwirrte sie, es kam noch hinzu, da der junge Mann ihren
Worten wenig Aufmerksamkeit schenkte und immer auf dem Sprunge stand, sie
zu verlassen.

Ich mu dich verlassen, Tante! sagte er denn auch, ich mu mich nach
einem Kinde umsehen, das ich mit diesem Zuge erwarte -

Sie ist es! Sie ist es! rief sie lebhaft, aber er hrte ihre Worte nicht
mehr, sondern von neuem ging er suchend den Zug entlang.

Haben Sie ein allein reisendes Kind bemerkt - und ist dasselbe vielleicht
hier ausgestiegen? fragte er einen Schaffner.

Nein! antwortete dieser und schwang sich auf seinen hohen Sitz hinauf,
denn der Zug setzte sich langsam in Bewegung.

Als Frau Rat an ihm vorberfuhr, rief sie ihm einige Worte zu, leider
vergeblich, er verstand sie nicht.

Assessor Gontrau blieb stehen, etwas ratlos und nachdenklich. Der
Oberamtmann Macket hatte seinen Vater gebeten, da er sofort bei Ilses
Ankunft telegraphieren mge, ob sie glcklich angekommen sei. Was sollte
er jetzt thun? Es blieb ihm nichts andres brig, als eine Depesche
abzusenden mit den Worten: Nicht angekommen!

Eben im Begriffe, sich zu diesem Zwecke in das Bureau zu begeben, fiel
sein Blick auf einen Brief, der auf der Erde dicht vor ihm lag. Er hob ihn
auf und las die Aufschrift auf dem geffneten Kouvert. Nicht wenig
erstaunte er, als er die Adresse las: Frulein Ilse Macket, - sonderbar!
Der Schaffner und die Leute hier haben kein Kind aussteigen sehen und doch
mu es angekommen sein!

Wissen Sie nicht, wer den Brief verloren hat? wandte er sich an eine
Frau, die einen kleinen Obststand in der Nhe hatte.

Gesehen habe ich es gerade nicht, meinte die, aber ein junges Frulein
mit Locken hat ihn gewi mit aus der Tasche gezogen. Ich sah, da sie
etwas herausnahm. Die dort war es, unterbrach sie sich pltzlich und
zeigte auf Ilse, die um das ganze Haus gegangen war und von der
entgegengesetzten Seite gerade hervortrat, als der Zug abfuhr.

Ihre alte Freundin grte noch einmal zrtlich zum Fenster hinaus, machte
auch allerhand bedeutungsvolle Zeichen, winkte nach der andern Seite zu
Leo hinber, - Ilse verstand nichts von allem.

Hchst unglcklich stand sie da und blickte dem Zuge nach, der ihre
einzige Bekannte hier in die Ferne fhrte. Nun bin ich verlassen! sprach
sie fr sich, was soll ich nun anfangen! Es war merkwrdig, wie ihre
mutige Sicherheit ein so schnelles Ende genommen hatte. - Wie recht hatte
Frulein Gssow mit ihrer Besorgnis! Auf diesen Fall war sie gar nicht
vorbereitet! Was sollte sie nun beginnen? Am liebsten htte sie wie ein
kleines Kind angefangen zu weinen, sie schmte sich nur vor dem jungen,
blonden Postbeamten, der zu einem Parterrefenster hinauslehnte und sie
neugierig beobachtete.

Aus ihrer peinlichen Ratlosigkeit schreckten sie pltzlich eilige Schritte
auf und gleich darauf erfolgte die Anrede: Gndiges Frulein, ich bitte
um einen Augenblick!

Ilse wandte den Kopf, und als ihr Auge flchtig die Gestalt eines jungen
Mannes streifte, erfate sie eine unnennbare Angst. Was wollte er von ihr
- warum redete er sie an? Sie verlor alle ruhige Fassung und nur der eine
Gedanke beherrschte sie: Du darfst ihn nicht anhren! - Als ob sie nichts
gehrt habe, ging sie weiter, und als sie bemerkte, da sie verfolgt
wurde, beschleunigte sie ihre Schritte. Wie ihr das Herz klopfte vor Angst
und Aufregung!

Sie haben etwas verloren, gndiges Frulein, wollen Sie nicht die Gte
haben, mir einen Augenblick Gehr zu schenken! rief er dringend.

Nun stand sie still, aber sie wagte nicht, sich nach ihm umzusehen. Er
bentzte schnell diesen Moment und trat vor sie hin. Mit einem leichten,
spttischen Lcheln betrachtete er den kleinen Backfisch, der so ngstlich
und blde vor ihm davonlief. Schon schwebte ihm eine etwas ironische
Bemerkung auf den Lippen, die er indes unterdrckte, als er in das
liebliche, rosige Antlitz sah. Mit niedergeschlagenen Augen und in
ngstlicher Verlegenheit stand sie vor ihm. - {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Wie eine Waldblume{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} hatte
Tante Rat zu ihm gesagt, jetzt wute er, wen sie damit gemeint.

Ich fand diesen Brief dort, sprach er, gehrt er vielleicht Ihnen?

Ein flchtiger Blick belehrte Ilse, da er den Brief ihres Papas in der
Hand hielt. Ja, sagte sie, ziemlich beschmt ber ihr albernes
Davonlaufen, er gehrt mir. - Sie nahm ihn in Empfang, ohne den jungen
Mann anzusehen.

Ich danke Ihnen, fgte sie noch hinzu und wollte mit einer schchternen
Verbeugung weitergehen.

Und war die Adresse an Sie gerichtet? fragte er weiter, so da sie
zgernd still stand.

Doch bevor er noch ihre Antwort abwartete, rief er pltzlich erfreut und
lachend zugleich: Sie - Sie sind Frulein Ilse Macket! ich sehe die
Photographie in Ihrer Hand! Das ist ein wundervoller Spa!

Erstaunt blickte Ilse ihn an, und nun sah sie zum ersten Male in das
hbsche, von der Sonne etwas gebrunte Gesicht des jungen Gontrau.

Verzeihen Sie mein unschickliches Lachen, entschuldigte er sich, aber
Sie werden dasselbe verstehen, wenn ich Ihnen Aufklrung gegeben habe. -
Zuvor erlauben Sie, da ich mich Ihnen vorstelle, mein Name ist Gontrau.
- Er hob den weichen Filzhut ab und begrte sie in liebenswrdiger,
ehrerbietiger Weise.

Gontrau! rief Ilse strahlend vor Freude, ist's wahr, Gontrau? Aber Sie
sind doch nicht - doch nicht -

Der Landrat? ergnzte er ihre Frage. Nein, der bin ich nicht, nur sein
Sohn.

Ich war recht einfltig, da ich Ihnen davonlief, sprach sie errtend,
aber ich wute nicht, wer Sie waren; ich hielt Sie fr einen fremden
Herrn, der mich ausfragen wollte. Ach, Sie glauben nicht, wie ich mich
gengstigt habe, als ich so ganz allein hier stand! Wie ein verirrtes Kind
kam ich mir vor, das nicht wei woher und wohin. Nun bin ich froh,
furchtbar froh! Aber wo sind Ihre Eltern? pltzlich fiel es ihr ein, da
dieselben nicht anwesend waren. Bitte, fhren Sie mich zu ihnen.

Leider konnten sie nicht die Freude haben, Sie hier zu begren,
entgegnete Leo, den ihr kindliches Geplauder geradezu entzckte. Meinem
Vater ist ein kleiner Unfall zugestoen. In dem Augenblick, als er den
Wagen besteigen wollte, um hierher zu fahren, vertrat er sich den Fu und
zwar so bse, da er zurckbleiben mute. Die Mutter konnte zu ihrem
Kummer nun auch nicht fort, sie mute dem Vater behilflich sein. Dieser
Unfall ist denn auch an meiner Versptung schuld, die ich von ganzem
Herzen bedaure, doppelt bedaure, da sie Ihnen Sorge und Kummer bereitet
hat. Mama hatte sich so darauf gefreut, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}die Kleine{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} in Empfang nehmen zu
knnen! Ja, ja, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}die Kleine{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, wiederholte er und amsierte sich ber ihr
verwundertes Gesicht. Ihr Herr Papa trgt die Schuld an dem Irrtum, in
dem wir befangen waren. Er sprach in seinen Briefen nur von seiner
{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Kleinen{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, oder von {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}seinem Kinde{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, das er allein und schutzlos die weite
Reise machen lassen msse, er frchtete, da dem {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}kleinen Mdchen{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, das
die Pension verlie, etwas zustoen knne. Natrlich erwarteten wir nun
auch ein Kind, so ein halberwachsenes Mdchen von zwlf, hchstens
dreizehn Jahren.

Nein, aber der Papa! rief Ilse und lachte, aber nicht so frisch und frei
wie gewhnlich, es klang etwas gezwungen. Es war ihr nicht ganz angenehm,
da der Papa noch eine so kindliche Meinung von ihr hatte. Papa ist zu
komisch! Er hlt mich noch immer fr die halberwachsene Ilse! Wie wird er
sich wundern, wenn er mich wiedersieht! Mit siebzehn Jahren ist man kein
Kind mehr, nicht einmal ein Backfisch!

Bewahre! stimmte der Assessor ihr bei, mit siebzehn Jahren ist ein
junges Mdchen eine vollendete Dame.

Es kam halb wie leichter Spott heraus, aber er machte ein ganz ernstes
Gesicht und verzog keine Miene. So glaubte sie denn mit Stolz an die
vollendete Dame.

Nur ihr Handgepck nahm Ilse mit hinaus nach Lindenhof, dasselbe war schon
in dem Wagen untergebracht, den Korb mit den Blumen stellte der Kutscher
eben hinein.

Die vielen Strue! bemerkte Leo Gontrau und diesmal lchelte er
wirklich etwas. Der Korb mu Ihnen doch eine Last gewesen sein?

O nein, nein! sprach sie eifrig dagegen, es sind ja lauter
Abschiedsgre von meinen Freundinnen!

So viele Freundinnen! meinte er und sah in den Korb.

Es sind sieben Strue, belehrte ihn Ilse, die nmlich glaubte, er wolle
dieselben zhlen.

Sie waren schn, meinte er, jetzt sind sie schon etwas welk. Nur dieser
Rosenstrau mit der Vergimeinnichteinfassung ist noch frisch.

Ilse ergriff denselben und beugte ihr Antlitz darauf. Eine augenblickliche
Rhrung berkam sie, als sie der Geberin gedachte.

Ich habe ihn von meiner liebsten Freundin, sagte sie innig - von Nellie
Grey.

Nellie Grey? fragte er. Wohl eine Englnderin? Ist sie hbsch und
liebenswrdig? setzte er scherzend hinzu.

Sie ist reizend! rief Ilse und geriet frmlich in Feuer, als sie von der
Freundin erzhlte.

Er hrte ihr stillschweigend zu und amsierte sich ber die Begeisterung,
mit der sie lobte, und besonders ber die berschwenglichen Ausdrcke, die
dabei ihren Lippen entschlpften. Sie wute es gar nicht, wie sehr sie
sich Melanies Angewohnheit zu eigen gemacht hatte und wie Ausrufe, als:
furchtbar reizend! himmlisch! entzckend! s! u. s. w. u. s. w. ihr
ebenso gelufig waren als Melanie und den brigen Backfischen.

Wollen Sie nicht erst im Bahnhofsgebude eine kleine Erfrischung
einnehmen? fragte Leo und bot ihr den Arm, um sie dorthin zu fhren.

Dankend lehnte sie sein Anerbieten ab, trotzdem sie es eigentlich gern
angenommen htte. Sie war nmlich hungrig und ihr Magen trug rechtes
Verlangen nach einem krftigen Imbi. Eine vollendete Dame aber durfte den
Hunger nicht merken lassen, es wre doch geradezu kindisch gewesen.

Es ist khl, bemerkte er, als er ihr in den Wagen geholfen, und mein
Auftrag lautet: Hlle {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}das Kind{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} gut ein, damit es sich nicht erkltet in
der halboffenen Chaise. Und er nahm ein warmes Tuch, das schon bereit
lag, und wickelte sie fest darin ein, auch eine Decke schlug er um ihre
Fe.

Sie lie es gern geschehen, denn der Herbstwind pfiff kalt ber die leeren
Felder; sie lachte sogar ber seine Frsorge; aber hinterher kamen die
Bedenken. War es recht, da sie sich von ihm einhllen lie? War es nicht
eine Vertraulichkeit, die sie gestattet hatte? Wrde Frulein Gssow ihr
Benehmen schicklich finden? Ob Nellie wohl so gehandelt haben wrde, wie
sie, oder ob sie nicht lieber ihren Regenmantel angezogen htte! Sie
konnte es auch thun, er lag im Riemen geschnallt dicht bei ihr.

Mitten in ihren peinlichen Zweifeln und Sorgen vernahm sie ein herzliches
Lachen ihres Nachbars. Natrlich brachte sie es sofort mit ihren Gedanken
in Verbindung.

Lachen Sie ber mich? fragte sie beinahe ngstlich.

Nein, nein! entgegnete er, wie kommen Sie zu dieser Frage? Wie wrde
ich mir je erlauben, eine junge Dame auszulachen! Diese Birne ist an
meiner Heiterkeit schuld. Sie fiel mir soeben aus der Wagentasche auf die
Hand und erinnerte mich an Mamas letztes Wort, das sie mir nachrief, als
ich fortfuhr.

Was sagte sie? fragte Ilse und sah ihn neugierig an.

Vergi ja nicht, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}dem Kinde{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} die Birnen zu geben, Leo, sprach sie. Die
Kleine wird wohl hungrig sein. Ich glaube, unterbrach er sich und griff
in die Seitentasche, sie sprach auch von einem Stck Kuchen. Richtig!
rief er lachend und zog ein kleines Paketchen hervor, da ist er! Darf ich
es wagen, gndiges Frulein, Ihnen Kuchen und Birnen anzubieten?

Dieser Verlockung konnte sie nicht widerstehen. Warum nicht? entgegnete
sie unbefangen und griff zu. Obst ist meine ganze Leidenschaft und Kuchen
esse ich furchtbar gern! In der Pension haben wir nicht viel davon zu
sehen bekommen, Frulein Raimar behauptete, der Magen werde schlecht vom
vielen Kuchenessen. Ist das nicht eine furchtbar de Ansicht?

Ja, eine furchtbar de Ansicht! wiederholte er mit ganz ernsthaftem
Gesicht, ich begreife nicht, wie Sie es aushalten konnten, ohne Kuchen zu
leben!

Manchmal, erzhlte sie, lieen wir uns heimlich ein Stckchen holen,
ber Mittag, wenn das Frulein schlief.

So, so! lachte er, das sind ja schne Geschichten, das mu ich sagen!

Wir thaten es nicht oft, entschuldigte sich Ilse, nur dann und wann,
wenn wir gar zu groen Appetit darauf hatten. Finden Sie das unrecht?

Da Sie den Kuchen aen, finde ich durchaus nicht unrecht, neckte er
sie, aber da Sie ihn heimlich holen lieen, gefllt mir nicht. Warum
fragten Sie nicht die Vorsteherin um Erlaubnis?

Sie sind aber klassisch! rief Ilse, dann htten wir es doch nicht
gedurft! Es war doch nichts Bses, was wir thaten, nur ein ganz harmloses
Vergngen, Frulein Raimar hatte nicht den geringsten Schaden davon, ob
wir Kuchen aen oder nicht.

Sie sind eine kleine Rechtsverdreherin! tadelte er sie lachend, ob
Schaden oder nicht, darauf kommt es gar nicht an. Die Dame hatte ihre
Grnde, weshalb sie Ihnen den Genu des Kuchens verbot. Nummer I: Sie
handelten gegen ihren Willen - folglich sind Sie strafbar! Nummer II: Sie
thaten es heimlich - das erschwert das Vergehen!

Sie lachte hchst vergngt. Herrgott, sind Sie aber pedantisch!

Ich bin Jurist, gndiges Frulein, und gehe jeder Sache auf den Grund.

Jurist! wiederholte Ilse und sah ihren Nachbar etwas mitrauisch an.
Das glaube ich nicht! Sie sehen nicht so aus.

Warum nicht? Haben die Juristen ein besonderes Aussehen?

Diese Frage brachte sie etwas in Verlegenheit. Sie htte ihm keine andre
Antwort daraus geben knnen, als da die Juristen, die fters auf Moosdorf
zu Gaste kamen, ganz anders ausschauten. Es waren lustige Herren, die
gerne ein Glas Wein liebten, aber jung und schn waren sie nicht. Sie sah
ihn an und schttelte unglubig den Kopf. Sie sind nicht Jurist,
widerstritt sie.

Nun, ich bin doch neugierig, wofr Sie mich halten, fragte er hchst
amsiert, jetzt legen Sie eine Probe von Ihrer Menschenkenntnis ab!

Sie sind Knstler - vielleicht Musiker - oder Maler?

Er lachte laut. Musiker! rief er, ich ein Musiker! Wenn Sie wten,
gndiges Frulein, welch ein groes Wort Sie gelassen aussprachen! Ich
verstehe keine Note und bin so unmusikalisch wie ein Stock! Es thut mir
leid, da ich Ihre fr mich so schmeichelhafte Illusion zerstren mu,
indes was kann es helfen! Ich mu mich Ihnen leider als ein ganz
gewhnliches Menschenkind vorstellen, das weder Maler noch Musiker ist.
Trotz Ihres Zweifels bin ich Jurist und seit vier Wochen Assessor. Sind
Sie nun berzeugt?

Also kein Knstler, ach, wie schade! sprach Ilse bedauernd. Es mssen
doch reizende Menschen sein!

Nicht immer, wollte er sagen, doch that er es nicht. Warum ihre naiven
Anschauungen zerstren? Sie war noch so jung und sah so glubig aus.

Sehen Sie dort die Kirchturmspitze? brach er das Gesprch ab, die
Wetterfahne darauf glnzt hell im Mondenscheine, das ist die Kirche von
Lindenhof! In zehn Minuten sind wir dort.

Als der Wagen vor dem Portale des Hauses hielt, trat Frau Gontrau schnell
auf denselben zu, um ihren kleinen Gast in Empfang zu nehmen. Als das
erwachsene Mdchen dafr ausstieg und Leo den Irrtum erklrte, nahm sie
dasselbe lachend in den Arm.

Ob gro, ob klein, sagte sie mit Wrme, Sie sind mir von Herzen
willkommen!

Und sie fhrte Ilse in das Speisezimmer, in welchem sich der Landrat
befand. Er sa in halbliegender Stellung auf dem Sofa und streckte dem
jungen Mdchen beide Hnde entgegen.

Das ist eine kostbare Ueberraschung! rief er aus, eine kostbare
Ueberraschung! Anstatt des Kindes kommt eine junge Dame an! Hat uns Freund
Macket mit Absicht getuscht?

Ilse lachte und zeigte die weien Zhne.

Wie Sie dem Papa hnlich sehen! fuhr er lebhaft fort, derselbe Mund,
die Zhne, das Kinn, es ist auffallend! Er schob die Lampe nher zu ihr,
damit er sie noch besser betrachten knne. Das Haar haben Sie von der
Mutter geerbt, auch die braunen Augen, das heit nur in Farbe und Schnitt.
Der Ausdruck der Ihrigen ist lebhafter, er verrt nicht das sanfte
Taubengemt der seligen Mama. Knnen Sie zornig blicken? fragte er
scherzend.

Aber lieber Mann, unterbrach ihn Frau Gontrau lachend, erst stellst du
ein peinliches Examen mit dem Aeueren unsres lieben Gastes an, nun gehst
du auch noch auf die Charaktereigenschaften ber! - Kommen Sie, liebes
Kind, ich will Sie erlsen. Ich werde Sie auf Ihr Zimmer fhren, damit Sie
sich von der langen Reise etwas erfrischen knnen. Ich habe Sie dicht
neben mein Schlafzimmer einquartiert, die Fremdenzimmer liegen eine Treppe
hher, und ich dachte, die Kleine frchte sich, allein dort zu schlafen.

O wie reizend! rief Ilse kindlich erfreut und verriet, da sie im Punkte
der Furcht noch ganz wie ein richtiges Kind empfand.

Leo, redete der Amtsrat den Sohn an, als die Damen das Zimmer verlassen
hatten, ist sie nicht ein reizendes Kind?

Der Angeredete schien sehr vertieft in seiner Zeitungslektre, wenigstens
mute der Vater noch einmal die Frage wiederholen, bevor er eine Antwort
erhielt.

Ja, ja, gab er gleichgltig zur Antwort, sie ist ein ganz netter,
kleiner Backfisch!

Netter Backfisch! Ist das ein Ausdruck fr ein so liebliches Wesen! Hast
du denn gar keine Augen im Kopfe? Ich sage dir, Temperament steckt in dem
{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}kleinen Backfisch{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, mehr als du dir trumen lt! Ein Blick und ich wei
Bescheid! Du hast kein Urteil, mein Junge, darin ist dein Vater dir ber!

Leo gab keine Antwort darauf und las andchtig weiter.

Die Abendstunden entschwanden in Frohsinn und Heiterkeit. Ilse plauderte
und erzhlte ganz ohne Scheu. Sie fhlte sich heimisch bei den lieben
Menschen. Der Landrat liebte es, sie zu necken, und sie verstand seinen
Scherz.

Bleiben Sie einige Tage hier, redete er ihr zu, die Zeit ist so kurz
bis morgen mittag. Wir telegraphieren den Eltern, da wir Sie hier
behielten, sie werden nicht bse darber sein.

Leo warf einen schnellen Blick zu Ilse hinber, der fast wie eine Bitte
aussah, auch erbot er sich, ganz frh am andern Morgen nach dem
Stationsgebude zu reiten, um ein Telegramm aufzugeben. Frau Gontrau
untersttzte die Bitte ihres Mannes mit groer Wrme.

Es wre eine groe Freude fr uns, wenn Sie blieben, sagte sie, es
fehlt uns ein frisches Element in unsrem Hause. Sie haben die glckliche
Gabe, Leben und Frohsinn um sich zu verbreiten!

Bitte, bitte, qulen Sie mich nicht, bat Ilse, ich kann nicht bleiben!
Ich kann es nicht, so reizend es mir auch hier gefllt! Meine Eltern
erwarten mich morgen und ich habe auch groe Sehnsucht nach ihnen und auf
den kleinen Bruder freue ich mich furchtbar! Er wei noch gar nicht, da
er eine groe Schwester hat!

Dagegen war nichts einzuwenden. Ilses Antwort war so echt kindlich und
natrlich.

Frau Gontrau strich ihr die krausen Locken zurck und klopfte ihr leicht
die Wange.

Sie haben recht, liebe Kleine, Ihren Entschlu nicht zu ndern. Wir
wollen auch gar nicht weiter in Sie dringen mit unsren Bitten. Besuchen
Sie uns bald auf lngere Zeit, Leo verlt uns in einigen Wochen und dann
ist es einsam in unsrem groen Hause.

Daraus wird doch nichts! erklrte der Landrat. Ich kenne meinen Freund
Macket und wei, da er so bald sein Tchterchen nicht wieder fortgiebt.
Halt, da fllt mir ein guter Gedanke ein! In seinem letzten Briefe ladet
der Papa uns zum Erntefeste ein, das in vier Wochen etwa stattfinden soll.
Ich nehme die Einladung an fr uns, Punktum! Aber ich knpfe die Bedingung
daran, da er Sie mit uns zurckreisen lt.

Ilse jubelte vor Vergngen, das wr' zu - zu himmlisch! rief sie aus.
Aber Sie mssen auch Wort halten, geben Sie mir die Hand darauf.

Mit einem krftigen Handschlag besiegelte er sein Versprechen.

Ein Handschlag galt bei uns in der Pension fr den hchsten Eid, sagte
sie mit einem ernsten Kindergesicht, dagegen handeln heit meineidig
sein. - Sie werden doch mitkommen? wandte sie sich an Leo.

Natrlich, entgegnete er freudig, der feierliche Eid gilt auch fr
mich. Wollen wir ihn auch mit einem Handschlag besiegeln?

O nein, entgegnete sie leicht errtend, ich glaube Ihnen schon auf Ihr
Wort.

Als es elf schlug, mahnte Frau Gontrau zur Ruhe. Sie werden mde und
abgespannt sein von der Reise und den vielen fremden Eindrcken, liebe
Ilse.

Ich empfinde gar keine Mdigkeit, entgegnete diese, und knnte noch
lange aufbleiben!

Sie htte es auch gethan, wenn sie nur Papier und Feder in ihrem Zimmer
gefunden htte! Wie gerne htte sie ihrer Nellie so ganz frisch ihre
Reiseerlebnisse erzhlt!

Am andern Morgen gleich nach dem zweiten Frhstck rstete sich Ilse zur
Weiterreise. Eben trat sie mit dem Korbe mit den Blumen vor die Thre, sie
hatte sie noch einmal mit Wasser besprengt.

Wollen Sie denn die welken Strue wirklich wieder mit sich nehmen?
fragte Assessor Gontrau.

Ilse blickte auf den Korb und stand unschlssig da. Freilich, sagte sie
betrbt, sie sehen traurig aus, meine lieben, schnen Blumen, nun sind
sie alle welk!

Wissen Sie was, Frulein Ilse, riet der Assessor heiter, wir wollen ein
Autodafee anstellen und sie verbrennen! Dann sammeln wir die Asche und Sie
bewahren dieselbe in einer kostbaren Urne auf, welche die Inschrift trgt:
Diese Urne birgt die Asche der Blumenstrue meiner geliebten sieben
Freundinnen in der Pension. - Wie gefllt Ihnen diese Idee?

O, Sie sind abscheulich! rief sie. Sie wollen sich ber mich lustig
machen? Trotzdem, fgte sie echt logisch hinzu, gefllt mir das
Verbrennen ganz gut. Errichten Sie schnell einen Scheiterhaufen, so viel
Zeit bis zu meiner Abfahrt bleibt mir noch, ich will die Blumen in Flammen
aufgehen sehen! Die Asche aber sammeln wir nicht!

Leo trug eilig etwas trockenes Reisig auf dem Kiesplatze vor dem Hause
zusammen und in wenigen Sekunden flackerte ein lustiges Feuer auf.

Ein Strau nach dem andern verfiel dem Feuertode, nur als Nellies Rosen an
die Reihe kamen, hielt Ilse ihm den Arm fest. Halten Sie ein! rief sie,
der darf nicht geopfert werden, die Blumen meiner lieben Nellie bewahre
ich bis zu meinem Tode auf!

Mit in das Grab, fgte er neckend hinzu.

Frau Gontrau, die mit ihrem Sohne Ilse bis zur Bahn begleiten wollte,
erschien jetzt fertig angekleidet in der Thre und mahnte zum Aufbruch.

Ilse ging in das Haus und nahm Abschied von dem Landrate. So gerne wre er
mitgefahren und mute nun des bsen Fues wegen zurckbleiben. Es war eine
rechte Geduldsprobe fr ihn. Noch einmal erinnerte sie ihn dringend an
seinen Schwur. Sie mssen kommen! war ihr letztes Wort.

Es bleibt dabei! rief er ihr nach, der Schwur gilt!

Als sie im Begriffe war, in den Wagen zu steigen, berreichte ihr Leo ein
kostbares Rosenboukett.

Die Blumen sind aus der Asche erstiegen, sprach er, Sie werden
dieselben nicht verschmhen, fgte er hinzu, als sie vor Ueberraschung
verga, dieselben in Empfang zu nehmen.

O, wie reizend! Wie furchtbar liebenswrdig! Sie glauben nicht, wie ich
mich freue! Mit holdem Errten reichte sie ihm die Hand. Ich danke Ihnen
tausendmal! Ich liebe die Rosen so sehr und so schn wie diese sah ich
noch keine. Wie sehr, wie furchtbar haben Sie mich erfreut! Und sie
konnte den Blick nicht von den herrlichen Blumen wenden und wiederholte
noch einige Male: ich freue mich zu sehr!

Leo lchelte seine Mutter an und sie verstand ihn wohl. War doch auch sie
entzckt ber die kindliche Freude und die Anmut, mit der Ilse zu danken
verstand.

Die Stunden vergehen schnell, besonders die glcklichen. Die Fahrt bis zum
Bahnhof war geschwunden, Ilse wute nicht wie. Jetzt sa sie im Dampfwagen
und fuhr der Heimat zu. Ihre Gedanken schwirrten bunt durcheinander, sie
flogen voraus und trumten vom Wiedersehen - und sie kehrten zurck und
fhrten sie wieder nach Lindenhof. Es hatte ihr himmlisch dort gefallen!
Der Abschied war ihr beinahe schwer geworden. Leo hatte ihr die Hand
gekt und sie hatte es sich gefallen lassen. Ob das wohl recht war? Am
Ende htte sie ihm die Hand entziehen mssen? - Ach, seufzte sie laut,
zum Glck war sie allein im Koupee, ach! Es ist doch zu de, wenn man gar
nicht wei, wie man sich zu benehmen hat! Am Ende spottet er jetzt ber
mich! Sie errtete bei diesem furchtbaren Gedanken. Da fiel ihr Blick auf
den Rosenstrau, und wie sie den sen Duft desselben einatmete, stand
pltzlich sein Bild lebhaft vor ihr. Ein wunderbares Gefhl berkam sie,
aber es war ihr fremd und sie schreckte davor zurck. Sie legte den Strau
aus der Hand und erhob sich. Sie wollte nicht weiter an ihn denken, sie
wollte es nicht!

Um sich zu zerstreuen, blickte sie zum Fenster hinaus. Erst auf der einen,
dann auf der andern Seite. Aber sie sah nicht viel, nichts als leere
Stoppelfelder, das war langweilig.

Sie setzte sich wieder und nahm ihre Handtasche vor. Nachdem sie ein
Weilchen darin gekramt, fiel ihr ein Buch in die Hnde, das Nellie ihr
hineingesteckt hatte, damit sie Unterhaltung habe. Sie hatte gar nicht
daran gedacht, jetzt griff sie freudig nach Chamissos Gedichten. Im
Begriffe, das Buch zu ffnen, fiel ihr etwas ein. Halt, sagte sie fr
sich, jetzt werde ich das Orakel befragen, wie Flora uns gelehrt hat.
Sie schlug drei Kreuze ber das Buch und sah gen Himmel dabei, dann
ffnete sie es schnell und die erste Zeile, auf die ihr Blick fiel, hie:

  Helft mir, ihr Schwestern, Krnze zu winden -

Unsinn! Ich will es nicht gelten lassen! rief sie, also noch einmal!
Das Buch wurde wieder geschlossen und recht, recht fest zusammengedrckt,
dann wieder die drei blichen Kreuze, wieder langsam und feierlich
geffnet - und siehe da, dieselben Worte gaben ihr Antwort auf ihre Frage.

Sonderbar! furchtbar sonderbar! dachte sie sinnend und einen Augenblick
war sie in Versuchung, der prophetischen Stimme zu glauben, dann aber
siegte ihre gesunde Vernunft.

Es ist doch nur ein Zufall und die ganze Geschichte dummes Zeug! Mit
diesem vernnftigen Gedanken gab sie alle Schicksalsfragen auf und
vertiefte sich in Chamissos herrliche Gedichte. Einige Male freilich
ertappte sie sich auf dem Wege nach Lindenhof und Leos Bild neckte sie aus
den Zeilen, aber sie wehrte sich tapfer gegen diese Traumbilder. Sie
schwanden von selbst, je nher sie der Heimat kam. Sie legte das Buch
beiseite und blickte zum Fenster hinaus. Schon erkannte sie verschiedene
Ortschaften, die in der Nhe von Moosdorf lagen, schon konnte sie den
Bahnhof erkennen! Ihr Herz schlug vor Erwartung und Freude, ihre Augen
flogen voraus und jetzt erkannte sie die Eltern, die auf dem Perron
standen, um sie in Empfang zu nehmen.

Welche Seligkeit ein Kind empfindet, wenn es nach langer Trennung zu den
geliebten Eltern zurckkehrt, das, meine jungen Leserinnen, kann nicht
geschildert, sondern mu empfunden werden. Ilse lag in den Armen ihres
Vaters und dachte an nichts weiter, als an das Glck, wieder daheim zu
sein.

  [Illustration]

Bist du gro geworden! rief der Oberamtmann und betrachtete sie mit
stolzer Freude; ich htte dich kaum wiedererkannt! Als halbes Kind gingst
du von uns und jetzt kehrst du heim als junge Dame!

Er hielt sie noch immer in seinen Armen und konnte sich nicht satt sehen
an ihr. Sanft entwand sie sich ihm, noch hatte sie die Mutter nicht
begrt, die mit Thrnen im Auge daneben stand und ihr die Arme
entgegenstreckte. Ilse flog an ihr Herz und umschlang sie innig.

Meine liebe Mama! das war alles, was sie sagen konnte. Und Frau Macket
verstand sie, innig drckte sie ihr Kind an sich, sie wute, da sie jetzt
sein Herz fr immer gewonnen hatte.

Hier ist noch jemand, der dich begren will, Kleines, unterbrach der
Oberamtmann die kleine rhrende Szene, die ihn selbst schon ganz
weichmtig machte, sieh, Onkel Curt, berhmter Maler und Afrikareisender,
mchte gern deine Bekanntschaft machen!

Ilse reichte ihm die Hand und stand nun einem wirklichen Knstler
gegenber. Ob sie ihn reizend fand? - Als sie ihn ansah, den
mittelgroen, etwas breitschultrigen Mann, in der Samtjoppe, die mehr
bequem als elegant sa, mit dem breitkrempigen Hute, der ein braun
gebranntes, etwas verwittertes Gesicht tief beschattete, da drngte sich
unwillkrlich ein andrer in ihre Gedanken und sie verglich. Die Juristen
gefallen mir doch besser als die Knstler, - so meinte sie still in ihrem
Herzen.

Ehe Ilse in den Wagen stieg, wurde sie von Johann feierlich begrt. Zur
besonderen Ueberraschung hatte er Bob mitgebracht, der nun in toller,
ausgelassener Freude seine Herrin begrte. Johann verga dabei seine
Empfangsrede, die er sich mhsam zurechtgedacht hatte. Verlegen drehte er
seine Mtze und sein breiter Mund zog sich von einem Ohre zum andern.

Da ist der Hund, Frulein Ilschen, sagte er. Das unvernnftige Vieh hat
das Frulein gewissermaen gleich erkannt. Ich auch, wenn auch das
Frulein gewissermaen schn und stattlich geworden sind, wie ein
Krassier. - Diesen wunderlichen Vergleich gebrauchte Johann nur bei ganz
auergewhnlichen Gelegenheiten, er galt fr ihn als hchster Ausdruck des
Vollkommnen.

Alle lachten und Ilse reichte dem Freunde ihrer Kindheit die Hand.

Es ist gut, Johann, sagte der Oberamtmann, du hast eine schne Rede
gehalten. Nun aber steige auf und lasse die Pferde tchtig zugreifen, in
einer halben Stunde mssen wir in Moosdorf sein.

Im Vaterhause war alles festlich bereitet. Fahnen, Krnze, Blumen, sogar
eine Ehrenpforte mit einem mchtigen Willkommen! begrten die
heimkehrende Tochter. - Aber sie hatte nur einen flchtigen Blick fr alle
Herrlichkeiten, ihre Ungeduld trieb sie hinein in das Haus, sie mute
zuerst das Brderchen sehen.

Frau Anne, die vor ihr hineingegangen war, trat ihr schon mit demselben
entgegen.

Du ser, ser Junge! rief Ilse im hchsten Entzcken und der prchtige
Knabe streckte ihr jauchzend seine Aermchen entgegen.

Er will zu mir, Mama, darf ich ihn nehmen? Glcklich lchelnd reichte
die Frau ihr den Kleinen. Und Ilse tanzte mit ihm im Zimmer herum und
kte und herzte ihn, bis er zu weinen anfing.

Die Mutter nahm ihr den kleinen Schreihals ab. War ich zu wild, Mama?
fragte Ilse bedauernd, sei mir nicht bse darum! Ich freue mich ja zu
furchtbar ber ihn! - Was er fr dicke Aermchen hat, fuhr sie zrtlich
fort und kte dieselben. Ach, und die lieben, schnen Guckuglein
schwimmen in Thrnen! Daran ist nur die bse, bse Schwester schuld, mein
kleines Herz!

So plauderte Ilse bunt durcheinander und war so glcklich wie ein Kind am
Weihnachtsabend, wenn es seine neue Puppe begrt. Sie mochte sich gar
nicht von dem Kinde entfernen, bis endlich die Mama dasselbe der Wrterin
bergab.

Nun ist es genug, Kind, scherzte Frau Anne, du verwhnst mir sonst den
Jungen, auch vergit du uns andre darber. Sieh! Papa und der Onkel stehen
schon wartend da, sie wnschen, da du sie in das Speisezimmer hinber
begleitest. Oder mchtest du erst einmal hinauf in dein Zimmer gehn?

Sie ergriff Ilses Arm und fhrte sie in die obere Etage, die beiden Herren
folgten ihnen, und Ilse mute darber lachen, sie ahnte ja nicht, weshalb
sie es thaten.

Es war eine groartige Ueberraschung, die ihrer wartete. Als sie ihr
Zimmer betrat, blieb sie sprachlos an der Thre stehen. Sie erkannte die
frheren Rume nicht wieder. Wohn- und Schlafgemach hatten die Eltern im
altdeutschen Stil eingerichtet. Nichts war vergessen. Vom Schreibtisch bis
auf die kleine Schmucktruhe, die vor dem Spiegel auf einem Schrnkchen
stand. Sogar eine Staffelei war am Fenster aufgestellt.

Ilses Freude war unbeschreiblich, die Eltern hatten ja ihre khnsten
Wnsche erfllt. - Etwas befangen betrachtete sie Staffelei und Maltisch.
O, Papa, sagte sie schchtern, das ist zu schn fr mich, ich kann ja
noch gar nicht malen.

Bedanke dich bei dem Onkel dafr, er ist der Anstifter davon! entgegnete
der Oberamtmann. Er hat versprochen, dein Lehrmeister zu sein, das heit:
solange der Wandervogel bei uns aushalten wird.

Nach dem Essen schlich sich Ilse hinaus in den Hof, sie mute es fast
heimlich thun, denn der Papa konnte sich heute nicht von ihr trennen.
Johann hatte auf diesen Augenblick lngst gewartet und stand schon bereit,
das Frulein zu fhren.

Zuerst mute sie ihm in den Pferdestall folgen, und als sie die Runde
durch smtliche andre Stlle gemacht, alle Khe, Hunde u. s. w. begrt
hatte, da wollte er ihr auch noch den neuen Schweinestall zeigen, diesen
Besuch aber schob Ilse bis auf eine andre Zeit auf.

Schade, schade, meinte Johann und machte ein niedergeschlagenes Gesicht,
ich htte dem Frulein so gern das neue Schweinehaus gezeigt. Es ist
gewissermaen schn drin, man knnte selbst drin wohnen.

Morgen, Johann, entgegnete Ilse, heute habe ich keine Zeit mehr dazu,
ich mu zu den Eltern.

Kopfschttelnd blickte der Kutscher ihr nach. Frher htte sie das nicht
gesagt, sprach er fr sich und bedenklich setzte er hinzu: Sollte sie
vornehm geworden sein?

Als der Tag zu Ende war, als Ilse allein in ihrem Zimmer sa, um zur Ruhe
zu gehen, hielt sie zuvor noch eine Einkehr in ihr Herz. Der heutige Tag
war so reich an wechselvollen und freudigen Eindrcken gewesen, was lag
nicht alles zwischen Abend und Morgen! Trennung und Wiedersehn! War sie
wirklich erst heute frh von Lindenhof abgefahren, und hatte sie erst
gestern morgen die Pension verlassen? Der Abschied von dort schien schon
so weit hinter ihr zu liegen. -

Es war so s, mit wachen Augen noch etwas zu trumen, und sie mochte noch
nicht an den Schlaf denken. Ihr Blick fiel auf den geffneten Reisekoffer
und sie bekam Lust, denselben auszupacken. Sie fing auch an, einige Sachen
herauszunehmen und in die herrlich geschnitzte Kommode zu rumen, dabei
mute sie sich an Nellie erinnern; es fiel ihr ein, wie treu und lustig
sie ihr geholfen hatte, damals, am ersten Tage in der Pension. Die gute,
geduldige Nellie! Wre sie doch gleich bei ihr!

Als sie ihr Tagebuch aus dem Koffer nahm, behielt sie es sinnend in der
Hand. Was es enthielt, waren nur weie Bltter, denn nie hatte sie das
Bedrfnis gefhlt, ihm etwas anzuvertrauen. Wie in halber Zerstreuung
schlo sie es auf und legte es geffnet auf den Schreibtisch. Sie griff
nach der Feder, tauchte sie ein und pltzlich - wie von einer inneren
Macht getrieben, schrieb sie die Worte nieder: Seit ich ihn gesehen -

Weiter kam sie nicht. Sie warf die Feder weit von sich und hielt beide
Hnde vor ihr heierglhtes Gesicht. Eine tiefe Beschmung prete ihr die
Brust zusammen. Was hatte sie geschrieben, wessen Bild hatte ihr die Worte
diktiert?

Als ob sie sich auf einem schweren Unrecht ertappt, so schnell schlo sie
das Buch und barg es in einem versteckten Fach ihres neuen Schreibtisches.
Fort mit den thrichten Gedanken, die ihr Unruhe machten und an denen nur
Chamissos Lieder die Schuld trugen! Sie wollte sie niemals wieder lesen -
niemals! -

Drei Wochen waren Ilse im elterlichen Hause vergangen und sie fhlte sich
so glcklich und wohl darin, wie nie zuvor. Gleich in den ersten Tagen
hatte sie ihre Zeit ntzlich eingeteilt. Auf ihren Wunsch gab ihr der
Prediger noch einige Nachhilfestunden in verschiedenen wissenschaftlichen
Fchern. Er war berrascht ber die Fortschritte seiner frheren
Schlerin, besonders aber freute er sich ber ihren Ernst, ihre
Bestndigkeit beim Lernen. Er hatte sich nicht geirrt, als er die Pension
einen Segen fr Ilse genannt.

Auch Frau Anne segnete das Institut, das aus dem wilden Kinde eine
liebliche, sinnende Jungfrau geschaffen hatte. Eine solche Umwandlung
hatte sie vor Jahr und Tag kaum fr mglich gehalten. An Ilses gutem
Herzen hatte sie niemals gezweifelt, aber sie war berrascht von der
geduldigen Liebe, die sie dem kleinen Bruder entgegenbrachte. Nur der
Amtsrat konnte sich noch nicht in sein verndertes Kind finden. Manchmal
sah er es prfend von der Seite an, als ob er fragen wollte: Ist sie es,
oder ist sie es nicht?

Ich wei nicht, sagte er eines Tages zu seiner Gattin, Ilse ist mir zu
zahm geworden. Ich kann mir nicht helfen, aber mein unbndiges Kind mit
dem Loch im Kleide gefiel mir besser, als die junge Dame im modischen
Anzuge.

Aber Ilse ist jetzt wirklich eine junge Dame, lieber Richard, lachte
Frau Anne, sie ist kein Kind mehr und du mut dich daran gewhnen, sie
nicht mehr als solches anzusehn. Uebrigens ist sie so heiter und
ausgelassen wie frher, nur hat sie gelernt, ihren Uebermut zu zgeln. Ich
bin sehr zufrieden, wie sie ist, und bin ganz stolz auf mein Tchterchen.

Du magst ja recht haben, entgegnete Herr Macket, ohne indes von der
Wahrheit ihrer Worte berzeugt zu sein, und mit der Zeit werde ich mich
auch an das erwachsene Mdchen gewhnen, aber ich glaube, es wird noch
mancher Tag darber hingehn.

Wer wei! Wer wei! Ilse reit dich vielleicht, ehe du es denkst, aus
deiner Tuschung und giebt dir den Beweis, da sie kein Kind mehr ist.

Ich verstehe dich nicht, liebe Anne, sagte der Oberamtmann und sah seine
Frau fragend an, du sprichst so geheimnisvoll und machst mich neugierig.

Ich habe eine Beobachtung gemacht und glaube nicht, da ich mich tusche.
Der junge Gontrau ist Ilse nicht gleichgltig geblieben.

Sprachlos blickte Herr Macket seine Frau an. Eine solche Mglichkeit zu
fassen, war er nicht im stande, sie war ihm noch niemals in den Sinn
gekommen.

Du irrst, Anne, sprach er endlich, das ist geradezu unmglich. Oder,
fgte er besorgt hinzu, hat sie dir etwa ein Gestndnis abgelegt?

Behte Gott, wehrte Frau Anne ab, wo denkst du hin? Ilses Herz ist wie
eine Sinnpflanze, die ihre Bltter schliet bei der leisesten Berhrung.
Noch wei und ahnt sie selbst nichts von ihren Gefhlen, in ihrer
kindlichen Unbefangenheit hat sie mir ihr Geheimnis verraten. Sie spricht
gern und oft von Gontraus und weilt am liebsten in ihrer Erinnerung bei
dem Sohne, von dem sie ausfhrlich jede Kleinigkeit erzhlt. Du mtest
sie hren, wenn sie die Erkennungsszene am Bahnhof in Lindenhof erzhlt,
und sehen, wie ihre Augen dabei strahlen.

Nun ja, fiel er ihr ins Wort, das war romantisch! Du bist eine so kluge
Frau, mein Annchen, weit du denn nicht, da alle Backfischchen gern
schwrmen?

Hre nur weiter zu, Richard. Neulich fragte sie mich ganz aus dem
Stegreife, ob ich den Namen {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Leo{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} schn fnde, und ob Juristen kluge
Menschen wren? Den Rosenstrau, den sie bei ihrem Abschied erhielt, hat
sie aufbewahrt. Als neulich die Hausmagd denselben wegwerfen wollte, ward
sie fast rgerlich. Sie nahm ihr denselben aus der Hand und steckte die
vertrockneten Blumen in eine Vase, die heute noch auf ihrem Schreibtische
steht.

Ist das alles, was du weit? lachte der Oberamtmann vergngt und auch
sehr erleichtert, dann mu ich dir sagen, liebes Kind, da deine
Beobachtungen auf sehr wacklichen Fen stehen. Ich kenne meinen Wildfang
besser und wei, da er noch fern von solchen Allotrias ist. Ilschen
verliebt! Ha, ha, ha! Vergieb, Frauchen, da ich dich auslache, aber ich
kann nicht anders!

Sie mochte nicht weiter seine sichere Unbefangenheit stren und brach das
Gesprch ab. Was kommen soll, kommt doch, dachte sie, und wer kann
sagen, wie bald! - Wenige Tage nach diesem Gesprche fand das Erntefest
statt. Frau Macket und Ilse befanden sich am Morgen dieses Tages in dem
groen Gartensaale. Sie ordneten noch hier und da einiges an der gedeckten
Tafel, die festlich geschmckt und zum Empfange vieler Gste bereit stand.
Ilse beschftigte sich damit, die Vasen mit Blumen zu fllen. Es war ihr
so vergngt und froh um das Herz und singend und trllernd verrichtete sie
ihre Arbeit.

Mama, unterbrach sie sich pltzlich, weit du, da ich eigentlich recht
betrbt heute bin?

Nein, entgegnete die Angeredete lchelnd, davon habe ich noch nichts
gemerkt. Weshalb wolltest du auch betrbt sein?

Weil Nellie mir nicht geschrieben hat. Ich habe sie so herzlich zu unsrem
Erntefeste eingeladen und sie hat mir keine Antwort darauf gegeben. Heute
sind es sechs Tage, da ich ihr schrieb.

Sie wird keine Erlaubnis erhalten haben, Kind. Du zweifeltest selbst
daran, hast du das vergessen? Es wird ihr sehr schwer werden, dir der
Vorsteherin abschlgige Antwort mitzuteilen. Oder sollte sie dich heute
unangemeldet berraschen?

Das wre famos, himmlisch! Gontraus und Nellie hier - dann wren alle
meine Wnsche erfllt! Aber daran ist nicht zu denken, Frulein Raimar
erlaubt das auf keinen Fall. Nellie mu immer lernen und immer lernen. Ach
Mama! Es mu furchtbar schrecklich sein, eine Gouvernante zu werden!
Findest du nicht auch?

Frau Anne versuchte, Ilse von ihrem Vorurteile zu heilen, aber vergeblich.
Sie blieb dabei, Gouvernanten knnten nur alte Mdchen werden und ihre
Nellie passe gar nicht dazu.

Plaudernd und singend hatte Ilse endlich smtliche Vasen gefllt und auf
der Tafel verteilt. Sie stand noch bewundernd vor ihrem Werke, als die
Mutter sie antrieb, sich anzukleiden.

Es ist hohe Zeit, Ilse, wir mssen uns eilen, in einer Stunde wird Papa
mit Gontraus zurck sein.

Wie ein Vogel flog Ilse die Treppe hinauf in ihr Zimmer. Kaum hatte sie
indessen mit ihrer Toilette begonnen, als ihr die Magd einen Brief
berbrachte, den der Brieftrger soeben fr sie abgegeben hatte. Er war
von Nellie. Sie erbrach ihn sofort und las.

Die ersten Worte schon brachten sie in eine lebhafte Aufregung, kaum
vermochte sie weiter zu lesen. Mit stockendem Atem berflog sie die
Zeilen, und als sie zu Ende war, eilte sie mit dem Briefe hinunter in der
Mutter Gemach. Sie htte es nicht ausgehalten, die wichtige Neuigkeit, die
sie eben erhalten, lnger fr sich zu behalten.

Mama! rief sie ganz atemlos, ein Brief von Nellie! Ich mu ihn dir
vorlesen! - Und sie begann:






Mein s Ilschen!

Ich bin eine Braut! O! und ein sehr glckliches Braut! Errtst Du, mit
wem? Ja? O Ilse, Doktor Althoff ist meiner liebe, liebe Schatz! Ich mchte
gleich Deine liebes Gesicht schauen, wenn Du diese gro Ereignis liest,
ich sehe, wie Du Dein braun Lockenkopf schttelst und hre Dir rufen:
{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Nellie will mir pfoppen!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Aber nein, sie pfoppt Dir nicht, alles, was sie
heute schreibt, ist wahr. Du sollst alles wissen, meine liebe Freundin,
ich will erzhlen, wie es kam. O, es ist ein schwer' Aufgabe fr mich, -
ich bin so zerwirrt vom Glck und ich finde mir so schlecht zurecht mit
der deutsch Sprache. Du mut Geduld mit Dein Nellie haben, die eigentlich
sehr dumm ist! Ich schm' mir, Ilse, wenn ich denke an mein furchtbaren
Dummheit. Es ist mir ein Rtsel, wie Alfred mir lieb haben kann. - Doch
still darber. - Hre weiter.

Mit Dein lieber Brief, den Du mir schriebst, wo Du mir zu Dein Erntefest
einladest, kam ein andern Brief an Frulein Raimar. Als ich nun begriffen
war, in ihr Zimmer zu steigen, um sie recht fr die Erlaubnis zu bitten,
tritt sie ganz pltzlich - ohne Anmeldung bei mir ein. Das war ein Wunder,
denn sie macht uns niemals ein Visite, immer lt sie uns rufen, wenn sie
einiges von uns will. Ich errtete vor Schreck, Du kannst denken.
{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Nellie,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} spricht sie und hlt ein offner Brief in ihr Hand, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}dieses
Schreiben hier enthlt die Anfrage an mir, ob ich nicht ein junge
Englnderin zu sofortiger Antritt empfehlen kann. Vollkommen deutsch
braucht diese nicht zu sprechen, sie soll nur die drei Kinder englisch
beibringen. Ich denke Dir vorzuschlagen, Nellie, bist Du einverstanden?
Die Dame bietet hohe Gehalt.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}

Ich glaube, da ich ein sehr traurig Gesicht machte zu ihr Vorschlag und
ich konnte auch gar nix sagen. Dein Brief hielt ich noch in die Hand, aber
ich habe nicht gewagt, Frulein Raimar zu sprechen, sie htte doch mein
Bitten abgeschlagen.

{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Du hast wohl keine Lust,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} fragte sie, weil ich schweigend war.

{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}O, gar keine Lust,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} dacht' ich, aber ich durft' nicht sagen, wie
furchtbar schrecklich mich der Gedanke war, ein Vierteldutzend Kinder zu
unterrichten. Immer so weise und artig sein, - immer so mit der guten
Beispiel vorangehn - nein, das macht mir gar nicht Spa.

{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Bestimmen Sie fr mir, Frulein,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} sagte ich, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}ich werde thun, wie Sie
denken. Werde ich aber klug genug sein, zu ein' so groer Aufgabe?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}

{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}La das meine Sorgen sein,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} sagte Frulein Raimar sehr bestimmend, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}ich
wrde Dich nicht empfehlen, wenn ich nicht wte, da Du diese Stellung
vollkommen erfllen kannst.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}

Damit verlie sie mir und ich blieb tief betrbt zurck.

Die Zubereitung fr mein Abreise wurde gemacht und ich hatte viel zu
thun, o - und viel zu hren!

Mi Lead hielt langen, strengen Predigten und vorbereitete mich zu eine
wrdige Gouvernante. Frulein Raimar mahnte mir tglich zu Ernst und
Gediegenheit, nur Frulein Gssow sah mir oft mit ein lang traurigen Blick
an, der zu mich sprach: Thust mich leid, Darling, da Du unter fremde
Leute dienen mut.

Der ernste Abschiedstag war da. Es war der achtundzwanzigste September,
morgens 11 Uhr, ein Stunde vor meine Abreise. Ich sa in mein Zimmer auf
mein Reisekoffer und weinte. Ich war so gefllt von Kummer, das Herz
drckte mir so schwer wie ein Mhlstein in der Brust. Kannst Du Dich das
vorstellen? Nein, s Ilschen, Du kannst nicht. Als Du von uns gingst,
weintest Du auch und warst sehr betrbt, aber Du kehrtest in ein liebe
Vaterhaus heim und Deine Eltern trocknete Deine Thrne, - wer trocknet
meine? Niemand. Ich ging fort in die Fremde und {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}ka Katzerl, ka Hunderl{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
kmmert sich um mir. Ich wnschte mir tot zu liegen, wie unsre se Lilli.

Wie ich mir so ganz verlassen fhle und laut schluchze, steht pltzlich
Doktor Althoff, mein Doktor Althoff vor mir. Ich hatte ihn nicht gehrt,
als er anklopfte und die Thr ffnete. Du kannst mein Schreck denken! Ich
spring' von mein Reisekoffer und halt' das Tuch vor mein weinend Gesicht,
ich schmte mir so.

Leise zog er es fort und fragte mich mit seiner schner, tiefer Organ:
{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Warum weinen Sie, Mi Nellie? Thut Sie es weh, aus dem Institut zu
scheiden, mchten Sie hier bleiben!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}

Ich sagte gar nix, weil ich nicht konnte vor lautes Schluchzen.

{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Sehen Sie mich an, Mi Nellie,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} bat er, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}ich mchte gern in Ihr Auge
sehen bei das, was ich Sie fragen will.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}

Ich versuchte ihn anzublicken, aber ich mut' mein Auge niederschlagen,
er hatte ein so sonderlicher Blick, niemals hat er mir so angesehen. O,
ich ward so angst und es lief mich ganz hei ber mein Gesicht. Er griff
mein' Hand und hielt sie fest und dann - ich wei nicht, wie es kam - mit
einem Male hatte er mir in seinen Arm genommen und fragte: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Haben Sie mich
lieb, Nellie?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}

Ilse, kannst Du Dich denken, was ich empfand bei diese Frage? Es war, als
ob der Himmel pltzlich offen war und alle Seligkeit auf mein Haupt
schttelte. Im Wachen und im Trumen immer hr' ich dieser Wort in mein
Ohr und zuweilen denk' ich, es ist alles nicht wahr! Doch hre weiter. Du
bist mein best' Freundin und nichts soll dir verborgen sein.

{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Hast Du mich lieb?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} fragte er noch einmal, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}willst Du mein kleines Frau
sein?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}

{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}O ja - herzlich gern,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} sagte ich und ich wei nicht, ob es sehr
geschickt (schicklich) vor mich war, da ich so schnell und ohne Besinnen
mein Jawort gab, aber ich konnte nicht anders, ich hatte ja mein Alfred
schon lange still in mein tiefster Herz geliebt.

Und nun kte er mir auf die Stirn und nannte mir seine Braut. Mein
Seligkeit war ohne Grenzen, ich war nicht mehr verlassen, hatte mit ein
Mal ein wonnige Heimat gefunden.

Als wir uns verlobt hatten, gingen wir sogleich zu Frulein Raimar und
Alfred stellte mir als seine Braut vor. O, Ilse! Du httest die erstaunte
Gesichter sehen mssen! Es war zu spassig! Frulein Raimar weniger, sie
wei immer so gut ihr Gesicht in die gleiche Falte zu legen, man wei
nicht, ob sie Freude oder Trauer hat. Aber ich glaube, diesmal hatte sie
Freude, denn sie nahm mich in ihr Arm und kte mir. Zu Alfred sagte sie:
{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Wie ist das so schnell gekommen, Herr Doktor? Ich habe niemals von Ihr
Neigung gemerkt.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}

{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ich bin selbst erst klar geworden, als ich Nellie verlieren sollte,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
sagte Alfred und bat Frulein Raimar, die Gouvernante abzubestellen und
mir unter ihr mtterlicher Schutz zu behalten, bis wir heiraten. Sie hat
es versprochen. So blieb ich hier und packte meine ganze Siebensachen
wieder aus.

Mi Lead glckwnschte mir auch, aber wenn sie auch meiner Landsmann ist,
war sie doch kalt wie ein Frosch. Ich glaube, sie hat viel Neid. Aber ich
mache mir nix davon und strahle voll Wonne. Frulein Gssow freut sich
furchtbar ber mein Glck, ich habe sie so lieb als eine Schwester und
bitte jetzt alle Tag der liebe Gott, da er sie von ihr schwer' Beruf
ablse, sie ist zu gut fr ein streng' Lehrerin.

Unsre Freundinnen waren reizend nett! das heit nicht alle, denn Melanie
und Grete sind schnell abgereist, weil ihr Mutter krank war, sie wissen
noch nichts. Orla beschenkte mir gleich mit ein kostbar Armband zum
Andenken und zur Freude ber unsre Verlobung. Das klein' Lachtaube konnte
vor Lachen kein Wort sagen. Rosi sprach {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}artige{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Worte wie immer, und
Flora? Sie machte ein lang Gesicht und sah Alfred mit ein schwrmerischer
Blick an, dann drckte sie uns stumm die Hnde. Gestern hat sie mir mit
ein lang {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Elegie an ein Braut{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} beglckt, sie ist sehr schn wie alle
Gedichte von Flora.

Heute frh ist mein Alfred abgereist zu sein Mutter, das war ein sehr
schwer' Abschied! Wir fhlten uns gegenseitig ein wenig schwanken, doch
liee wir die Kopfe nicht fallen. Ich schluckte die Thrnen tapfer hinter,
Frulein Raimar sollte mir nicht schwchlich sehen. Alfred kommt ja auch
bald zurck, nur acht Tage ist er fort.

Nun leb' wohl, _dear_ Ilschen. Ich habe Dir ein langer, langer Brief
geschrieben, nun antworte mich gleich, bitte, bitte! Ich freu' mir
furchtbar auf Dein Brief, Du kommst doch zu mein Hochzeit? Neujahr werden
wir getraut. Tausend Ksse, mein Herzkind, und gre Deine lieber Eltern
und das klein Babi von

                                                                     Dein
                                                         seligste Nellie.






Nellie Doktor Althoffs Braut! rief Ilse jubelnd. Nun wird sie keine
Gouvernante, Mama!

Nein, nun hat sie die beste Heimat gefunden! entgegnete Frau Macket, die
zuweilen ber Nellies komische Ausdrcke gelacht, zuweilen aber auch eine
Thrne der Rhrung nicht zu unterdrcken vermocht hatte, sie ist dem
alleinstehenden Kinde von Herzen zu gnnen. Es mu ein liebes, drolliges
Geschpfchen sein, ihr Brief giebt ein sprechendes Zeugnis davon.

Wenn Ilse auf dieses Kapitel kam, war sie unerschpflich. Frau Anne mute
sie ernstlich mahnen, sich anzukleiden.

  [Illustration]

Gleich, Mama, gleich! Ich werde mich furchtbar eilen! Aber zwischen Thr
und Angel wandte sie sich noch einmal, um zu fragen, warum Doktor Althoff
sich wohl gerade in Nellie verliebt haben mge. Die Antwort auf diese
sonderbare Frage wartete sie indes nicht ab, sondern sprang die Treppe
hinauf, immer zwei Stufen auf einmal nehmend.

Nellie Braut! Ihre Gedanken konnten sich nicht davon trennen. Sie
durchlebte mit der Freundin das wichtige Ereignis von Anfang bis Ende und
war so der Gegenwart entrckt, da sie lauter Verkehrtheiten machte.

Anstatt des weien Battistkleides hatte sie ihr Morgenkleid bergezogen,
sie merkte es erst, als sie die blaroten Schleifen daran befestigen
wollte. Eilig machte sie ihren Fehler gut. Aber ihre Toilette war noch
nicht vollstndig vollendet, als sie dem Verlangen nicht widerstehen
konnte, erst noch einmal Nellies Brief zu durchfliegen. Haben Sie mich
lieb? Willst Du mein kleine Frau sein? Diese Stelle war zu schn, sie
mute sie nochmals lesen, dann lie sie den Brief in den Scho sinken und
sann und trumte, ohne da sie es wute, wiederholten ihre Lippen die
Worte: Hast Du mich lieb?

Der Ruf der Mutter, die an die verschlossene Thr klopfte, schreckte sie
auf und brachte sie in die Wirklichkeit zurck. Da lagen die Schleifen,
dort die Blumen, an nichts hatte sie gedacht.

Geh nur hinunter, Mama, ich folge dir gleich! rief sie und sprang in die
Hhe.

Aber Frau Anne lie sich nicht abweisen, sie msse erst Ilses Anzug
prfen, rief sie zurck.

Noch nicht fertig! schalt sie eintretend. O, du bse Ilse, was hast du
gemacht? Warum lieest du dir nicht von Sofie helfen, wenn du allein nicht
fertig werden konntest! Nur schnell, schnell! Jeder Augenblick ist
kostbar!

Unter ihren geschickten Hnden stand Ilse bald fertig geschmckt da. Frau
Anne betrachtete sie mit freudigen Blicken, so reizend hatte sie ihr Kind
noch niemals gesehen. War der duftige Anzug daran schuld? Oder hatten die
Augen einen besonderen Glanz?

                                  * * *

Kaum zehn Minuten spter kam der Wagen vom Bahnhof zurck und brachte die
Gste. Der Landrat stieg zuerst aus demselben. Ungeniert nahm er Ilse, die
mit ihrer Mama zum Empfange bereit stand, in die Arme und kte sie auf
die Wange. Leo begrte die Damen mit einem Handku. Ilse wute jetzt, wie
sie sich bei einem so kritischen Falle zu benehmen hatte, sie zog die Hand
nicht fort, die Mama hatte es auch nicht gethan.

Die Eltern fhrten Gontraus hinauf in die bereitstehenden Gastzimmer, Leo
blieb noch zgernd auf der Veranda stehen. Er trat zu Ilse, die etwas
entfernt von ihm stand. Sie lehnte gegen einen Pfeiler und zupfte sehr
eifrig an einer Weinranke. Sein Blick ruhte auf dem reizenden Mdchen, das
ihm in den wenigen Wochen, seit er sie nicht gesehen hatte, grer und
schner geworden schien.

Sie sind so still und so ernst, redete er sie an, gar nicht wie im
Lindenhof. Wo ist Ihr frhlicher Uebermut geblieben? Drckt Sie ein
Kummer?

Kummer? o nein! Und ihre Augen lachten ihn mit der alten Frhlichkeit
an. Im Gegenteil, eine groe, groe Freude habe ich gehabt! Und sie
verkndete ihm Nellies Verlobung.

Eigentlich wunderte es sie, da er so wenig darauf zu erwidern hatte. Fast
keine Miene hatte er bei dieser hochwichtigen Nachricht verzogen. Sein
Blick hing unverwandt an ihren Lippen, und doch schien es, als wren seine
Gedanken in weiter Ferne.

Ist sie sehr glcklich? fragte er in halber Zerstreuung.

Glcklich? wiederholte Ilse verwundert ber seine Frage. Selig ist sie!
Sie mssen nur ihren Brief lesen!

Lesen Sie ihn mir vor, bat er. Lassen Sie uns die schne Einsamkeit
benutzen, jetzt sind wir ungestrt.

Das geht nicht! Nein, gewi nicht! rief sie beinahe ngstlich. Es
schreckte sie pltzlich der Gedanke: Wie kannst du ihm Nellies geheimste
Empfindungen offenbaren? - Doch war es dieser Gedanke allein, der sie so
seltsam beklommen machte? Entsprang die Furcht, mit ihm allein zu sein,
aus derselben Quelle?

Wenn ich Sie sehr darum bitte, auch dann nicht?

Sie war schon halb auf der Flucht, als seine dringende Bitte ihr Ohr
berhrte.

Ich kann nicht! Ich habe im Hause zu thun! Spter! rief sie ihm verwirrt
zu, flog ber die Veranda hinweg durch den Speisesaal bis in die
offenstehende Thr des kleinen Boudoirs der Mama.

Er sah ihr nach, bis der Zipfel ihres weien Kleides entschwunden war. Auf
seinem Antlitz spiegelten sich die verschiedensten Gefhle, sie drckten
Zweifel, Hoffnung und Entzcken aus.

Als Ilse so hastig in das kleine Zimmer trat, atemlos und mit heien
Wangen, erschrak sie fast, als sie den Onkel antraf.

Nun, Backfischchen, was ist dir denn begegnet? fragte er und legte das
Buch, in welchem er gelesen, aus der Hand.

O nichts, nichts, gar nichts! rief sie schnell. Ich bin nur so hei und
mein Herz klopft so furchtbar.

Ehe er noch nach der Ursache ihrer Erregung fragen konnte, schnitt sie ihm
das Wort ab. Eine furchtbar interessante Neuigkeit, Onkel Curt! Nellie
ist Braut!

Wer Nellie war, wute er lngst, oft genug hatte Ilse ihm in den
Malstunden, die sie mit vielem Eifer nahm, von ihr erzhlt, aber wie sie
aussah, wute er noch nicht, heute konnte sie ihm das Bild derselben
zeigen. Es war ihr jetzt das Album nachgesandt, welches Frulein Raimar
ihr bereits bei der Abreise versprochen hatte. Es enthielt die Bilder der
Lehrerinnen und Freundinnen.

Also Nellies Verlobung macht dir Herzklopfen? meinte er etwas
zweifelhaft lchelnd. So, so! Sag' mal, Fischchen, sind Gontraus schon
da?

Diese Frage hatte Ilse berhrt. Hier ist Nellie! fiel sie dem Onkel in
die Rede und reichte ihm das Album. Sag', ist sie nicht reizend?

Reizend? Das kann ich nicht finden, entgegnete er etwas gedehnt und nach
einigen prfenden Kennerblicken. Anmutig, grazis, ja, der Mund ist
lieblich, Augen und Nase aber -

Ach, Onkel, unterbrach ihn Ilse, du darfst sie nicht mit so kritischen
Blicken ansehen, du kannst mir glauben, Nellie ist reizend! Das Bild ist
auch schlecht, in Wirklichkeit ist sie viel hbscher!

Er hatte in dem Album weiter geblttert und nach dieser oder jener sich
erkundigt. Pltzlich fragte er erregt: Wie heit diese Dame hier?

Das ist meine liebste Lehrerin, Frulein Gssow. Wir hatten sie alle
furchtbar lieb und schwrmten fr sie. Du kennst sie wohl? wandte sie
sich fragend an ihn. Es fiel ihr auf, da er das Bild so starr
betrachtete.

Ich kenne sie nicht, nein. Aber es mu mir im Leben ein Mdchen begegnet
sein, das diesem Bilde glich. Doch, das ist lange her. Wie alt ist deine
Lehrerin?

Sie ist nicht mehr jung, schon siebenundzwanzig Jahre alt, entgegnete
Ilse nach echter Backfischart.

Ja, da ist sie schon ein altes Mdchen, besttigte der Onkel. Aber nur
seine Lippen scherzten, sein Auge hing mit Ernst und Wehmut an dem
getreuen Bilde der Lehrerin.

Wre Ilse nicht so jung und allzu sehr mit ihrer eigenen kleinen Person
beschftigt gewesen, es htte ihr auffallen mssen, wie andchtig und wie
lange er das Bild betrachtete. Du findest sie wohl hbsch? fragte sie
unbefangen.

Wie heit sie? Gssow? fragte er, und jetzt hatte er ihre Frage
berhrt. Wie ist ihr Vorname?

Charlotte.

Lotte, nickte er zustimmend, ein schner Name!

Er schlo das Album und nahm sein Buch wieder zur Hand. Ilses Anwesenheit
schien er vergessen zu haben.

Sie kannte ihn schon als einen Sonderling, darum fiel ihr sein Wesen nicht
auf.

Komm mit hinaus auf die Veranda, Onkel, bat sie, Gontraus sind
gekommen. Diese letzten Worte setzte sie mit abgewandtem Gesicht hinzu.

Ja, ja, bald! entgegnete er zerstreut und lie sich nicht stren. Ich
folge dir gleich.

Zgernd und auf den Fuspitzen durchschritt sie den Speisesaal. Mehrmals
blieb sie stehen und lauschte. Alles war still. Als sie die geffnete
Thre erreicht hatte, bog sie den Kopf etwas vor und sphte nach beiden
Seiten; als sie die Veranda vllig vereinsamt sah, wagte sie sich hinaus.
Der Frhstckstisch stand bereit, sie machte sich daran zu schaffen,
horchte dann wieder, ob die Eltern noch nicht kmen. Sie blieben recht
lange. Wo sie nur verweilten? Wenn sie gewut htte, da sie mit dem
Landrat und seiner Frau oben im Wohnzimmer waren, wo sie durchaus erst dem
kleinen Bruder eine Visite abstatten wollten, wie wrde sie zu ihnen
geeilt sein.

Endlich vernahm sie Schritte. War das der Onkel? Es war nicht sein
Schritt, auch wrde er nicht durch die Hausflur und von auen herum auf
die Veranda gekommen sein. Vorsichtig lugte sie durch das Bltterwerk und
erkannte zu ihrem Schrecken - Leo.

Das Blut scho ihr in die Wangen und der Atem stockte ihr in der Brust.
Unmglich konnte sie ihm jetzt gegenberstehen! Sie wrde nicht im stande
gewesen sein, ein Wort hervorzubringen, und wenn sie so stumm und dumm vor
ihm stand, was sollte er von ihr denken?

Flucht! das war das einzige, was sie aus dieser peinlichen Lage befreien
konnte, aber es war zu spt, er hatte sie gesehen, und gerade, als sie
ihren eiligen Rckzug nahm, als sie den Salon bereits halb durchschritten
hatte, holte er sie ein.

Jetzt mssen Sie bleiben, gndiges Frulein, sprach er scherzend, ich
lasse Sie nicht fort! Sie haben mich auf {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}spter{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} vertrstet und jetzt ist
es {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}spter{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, und Sie werden sich allergndigst herablassen, mir Mi
Nellies Brief vorzulesen! eine Frau - ein Wort!

Nun war sie gefangen! Entfliehen konnte sie ihm nicht mehr, es wre zu
einfltig gewesen. Sie drckte die Hand fest auf das strmisch klopfende
Herz und wandte sich um. Scheu, wie eine wilde Taube, die sich im Netze
gefangen hat, erhob sie das braune Auge und sah ihn an.

Ihre Befangenheit entging ihm nicht, aber mit feinem Gefhle brachte er
sie mit leichtem Scherze darber hinweg. Er bot ihr den Arm und fhrte sie
zu einer Ecke der Veranda, in welcher ein kleiner eiserner Tisch und zwei
Sthle standen. Die Oktobersonne stahl sich durch das blutrote Weinlaub
und neckte das junge Mdchen. Gerade in die Augen blitzte sie ihm ihre
Strahlen hinein, so da sie dieselben schlieen mute.

Die Sonne blendet, bemerkte Ilse und war froh, ein gleichgltiges Wort
gefunden zu haben. Es ist auch so warm hier, fuhr sie fort und erhob
sich.

Die bse Sonne! Wir wollen ihr aus dem Weg gehen! Und er fhrte sie auf
die entgegengesetzte Seite.

Hier war es schattig und khl und Ilse hatte keinen Grund mehr, sich zu
erheben. Sie war auch nach und nach mehr Herrin ihrer Beklommenheit
geworden, und als er noch einmal an den Brief erinnerte, fand sie sogar
den frheren scherzhaften Ton.

Sie sind ein Qulgeist, sagte sie. Was kann es Sie interessieren, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}wie{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
- und {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}was{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Nellie mir schreibt! Sie wollen nur darber spotten und das
drfen Sie nicht!

Wie knnen Sie mich in so bsem Verdacht haben! wehrte er ab. Sie haben
mir Ihre Freundin so liebenswrdig geschildert, da mein Wunsch, von ihr
zu hren, wie sie mit eigenen Worte von ihrem Glcke schreibt, ganz
natrlich ist.

Ilse sah ihn noch etwas unglubig an, doch, da sie den spottenden Zug um
seinen Mund nicht entdeckte, glaubte sie ihm und zog den Brief aus der
Tasche. Sie schlug ihn auf und las ihn fr sich.

Nun? fragte er.

Immer Geduld, Herr Assessor! Erst mu ich die Stellen aussuchen, die Sie
hren drfen! Der ganze Inhalt ist nicht fr Ihre Ohren bestimmt!

Das wre grausam! protestierte er dagegen, das ist gerade so, als ob
Sie einem Kinde ein Stckchen Zucker hinhalten und sagen zu ihm: du, lecke
mal dran! Den Zucker aber steckten Sie selbst in den Mund.

Sie lachte lustig ber seinen Vergleich, er brachte sie ganz in die alte,
frhliche Laune zurck. Nun hren Sie zu, aber nicht spotten! drohte sie
ihm mit dem Finger.

Es war ein anmutiges Bild, das die jungen, schnen Menschenkinder boten.
Dicht nebeneinander saen sie beide, sie lesend und er aufmerksam ihren
Worten lauschend. Er hatte den Arm auf den Tisch gesttzt und sah auf Ilse
herab, die den Kopf etwas vornbergebeugt hielt. Pltzlich hielt sie inne.

Lesen Sie weiter, bitte! Warum hren Sie auf? Denken Sie an das Stck
Zucker? Sie schwieg, wie mit sich selbst berlegend.

Warum eigentlich wollte sie ihm das Schnste im ganzen Briefe
verschweigen? Nellie hatte ihre Verlobung so drollig, so gemtvoll
geschildert, ihre ganze Eigenart sprach sich darin aus.

Als er sie noch einmal so dringend bat, fortzufahren, that sie es. Erst
etwas zgernd, dann aber las sie flieend, ohne nur einmal zu stocken, zu
Ende.

Warum sa er so stumm? Sein Schweigen mute sie verletzen. Sie hatte so
fest erwartet, da er sein Entzcken laut uern wrde! Nun sagte er gar
nichts. Fast vorwurfsvoll sah sie ihn an, aber wie schnell senkte sie ihr
Auge. Es traf sie sein Blick so sonderbar. Sie mute an Doktor Althoffs
{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}sonderlicher{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Blick denken.

Ihre Freundin hat ein warmes, tiefes Empfinden, bemerkte er endlich,
aber es kam gezwungen heraus. Er fhlte das selbst und brach ab.

Frulein Ilse, fuhr er nach einer kleinen Pause ganz ohne Zusammenhang
fort, was wrden Sie antworten, wenn - wenn jemand Sie fragen wrde:
Haben Sie mich lieb?

Sie war so verwirrt, so erschrocken bei seiner Frage, die sie wie ein
Blitz aus blauem Himmel traf. Ihr heies Blut wallte auf bei dem Gedanken,
da er sie verspotten knne.

Fast hastig erhob sie sich. Nein, wrde ich sagen! fuhr sie heraus, ich
habe niemand lieb! Niemand! wiederholte sie, als ob sie erst noch einen
Trumpf darauf setzen wollte.

Wenn der Brausekopf nur einen Blick auf ihn geworfen htte, wie bald wrde
sie ihn verstanden haben! Sein Auge hing mit Entzcken an ihr, der
Widerstand verlieh ihren Zgen einen neuen Reiz fr ihn.

Ilse, sagte er zrtlich und ergriff ihre Hand. Wenn ich es wre, der
Sie fragte: Haben Sie mich lieb, wollen Sie meine kleine Frau sein? Wrden
Sie auch dann so sprechen?

Hastig entzog sie ihm ihre Hand und verhllte das Gesicht.

Hast du mich lieb, Ilse? - Seine Stimme klang weich und innig und traf
ihr Herz - ein Ja aber brachte sie nicht ber die Lippen. Ihr sprder
Sinn lie es nicht zu, oder regte sich noch einmal der alte Widerspruch in
ihr?

Nein! Niemals! sagte sie schnell und wandte sich heftig ab.

Nein! - niemals? wiederholte er und sah sie in schmerzlicher Erregung
an, o Ilse! nehmen Sie das Wort zurck, es hngt das Glck meines Lebens
davon ab! - Ich war zu schnell mit meiner Frage - nicht wahr? Ich habe Sie
erschreckt! - Nicht jetzt geben Sie mir die Antwort, erst wenn Sie ruhiger
sein werden, dann -

Er sank auf einen Stuhl und bedeckte die Augen mit der Hand.

Ilse stand noch immer von ihm abgewandt, in ihr kmpften die
widerstreitendsten Gefhle. Ihr Herz zog sie zu ihm hin, aber sie konnte
die Brcke nicht finden, die ber den breiten Strom fhrte, der sie noch
von ihm trennte. Da war es pltzlich, als stiege Lucies Bild vor ihr auf,
als vernhme sie eine Stimme, die ihr warnend zurief: Willst du ihn
verlieren? - Denke an mein Geschick!

Leo, sagte sie schchtern und trat ihm einen Schritt nher, aber
erschreckt ber ihre Khnheit blieb sie hocherrtend und mit
niedergeschlagenen Augen stehen.

  [Illustration]

Wie ein Hauch fast war sein Name ber ihre Lippen gekommen, aber er hatte
ihn doch vernommen. Jubelnd sprang er auf und sein Auge, das eben noch so
verzagt und traurig geblickt hatte, leuchtete in freudigem Glanze.

Nun bist du meine Ilse! rief er aus und zog sie an sein Herz, doch als
er den ersten Ku auf ihre Lippen drcken wollte, da wendete sie den Kopf
zur Seite und die sprde, widerspenstige Ilse meldete sich noch einmal.

Kssen ist nicht erlaubt, erklrte sie mit aller Entschiedenheit, wie
knnte ich mich von einem fremden Manne kssen lassen?

Aber die Hand, bat er lachend, die Hand darf ich kssen!

Das wurde ihm gndig bewilligt.

Er hielt sie noch in dem Arm, als die beiden Elternpaare auf der Veranda
erschienen. Alle hatten sofort begriffen, was hier geschehen war, nur der
Oberamtmann stand wie versteinert da. Der Landrat und seine Gattin waren
die ersten, die das Brautpaar begrten, beglckt nahmen sie Ilse als ihr
Tchterchen an ihr Herz. Herr Macket hatte sich noch nicht vom Flecke
gerhrt.

Frau Anne trat zu ihm und legte die Hand auf seinen Arm. Siehst du,
Richard, aus dem Kinde ist eine Jungfrau geworden, glaubst du es nun?
fragte sie zrtlich.

Ilse! Meine kleine Ilse! brachte er endlich mhsam hervor und seine
Brust hob und senkte sich im heftigen Kampfe. Ist es wahr? Willst du mich
verlassen?

Da flog sie an seinen Hals und kte ihn strmisch, dabei rief sie unter
Weinen und Lachen: Mein kleiner, einziger Herzenspapa, ich habe ihn ja so
lieb!

                                  * * *

Nun ist eigentlich meine Erzhlung zu Ende, denn die berraschten
Gesichter der Gste zu schildern ist langweilig, selbst wenn die
Ueberraschung ihnen so unerwartet kam, wie Ilses Verlobung am Erntefeste.
Eins aber mu ich meinen lieben Leserinnen noch mitteilen, wie nmlich
Onkel Curt an demselben Tage pltzlich verschwunden war. Whrend alle
frhlich bei der Tafel saen, hatte er sich von Johann still und ohne
Aufsehen nach dem Bahnhof fahren lassen.

Frau Macket fiel seine Flucht nicht weiter auf, sie kannte ihren Bruder
als einen unstten Geist, der, wie es ihm einfiel, kam und verschwand. -
Drei Wochen vergingen ohne das geringste Lebenszeichen, da endlich langte
ein Brief aus Mnchen von ihm an. Sein Inhalt versetzte alle auf Moosdorf
in sprachloses Erstaunen. Ilse aber kam darber ganz auer Rand und Band.
Sie klatschte in die Hnde, tanzte im Zimmer umher und rief jubelnd: Ich
bin die Ursache ihres Glckes, durch mich haben sie sich gefunden! Was
wird Leo dazu sagen? Wie freue ich mich! - Doch ich will nicht
vorgreifen, sondern lieber den kurzen Inhalt des Briefes mitteilen.

Wir sind auf der Hochzeitsreise. Lotte und ich wollen den Winter in
Italien zubringen. Ihr wundert Euch, nicht wahr? Ist aber gar nichts dabei
zu verwundern. Lotte und ich waren schon uralte Brautleute, haben nur
niemals davon gesprochen. - Im Frhjahr kehren wir zurck, ich werde Euch
dann meine junge Frau vorstellen. - Dem Fischchen besonderen Gru - sie
wei schon warum. Soll brigens fleiig weitermalen, wenn der Brautstand
ihr die Zeit dazu lt. -

Nun bin ich Deine Tante, mein Liebling! Wer htte das gedacht! schrieb
seine Frau, ehemals Frulein Gssow, unter den Brief. Wie gern htte ich
Dir lngst die ganze wunderbare Geschichte, - und wie alles gekommen ist,
mitgeteilt, aber ich durfte es nicht. Onkel Curt wollte erst nach unsrer
Verheiratung die Erlaubnis dazu geben. Auch heute kann ich nur wenige
Zeilen Dir schreiben, mein Mann steht hinter mir und treibt, da ich
aufhre.

Denkst Du noch an Lucies Geschichte? - Jene Lucie hie Lotte und war ich
selbst - und der Maler? - Nun, Du errtst schon, wer es war, ohne da ich
ihn nenne.

Wenn wir zurckkehren, bist Du am Ende auch eine junge Frau? Wie habe ich
mich gefreut ber dein sonniges Glck, Herz! Der Himmel erhalte es Dir!






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      will. und Nellie?
      Seite 252: ffnendes in schlieendes Anfhrungszeichen gendert
      hinter gefunden!
      Seite 262: Auge gendert in Augen
      Seite 265: Kurt gendert in Curt (zweimal)





***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TROTZKOPF***



                                 CREDITS


February 17, 2010

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work or group of works on different terms than are set forth in this
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Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael Hart, the owner of the
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                                  1.F.1.


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                                  1.F.4.


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paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS,' WITH NO OTHER
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                                  1.F.5.


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                               Section  2.


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Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} is synonymous with the free distribution of electronic
works in formats readable by the widest variety of computers including
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of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring
that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for
generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation was created to provide a secure and permanent future for
Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. To learn more about the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
http://www.pglaf.org.


                                Section 3.


   Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation


The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
Its 501(c)(3) letter is posted at
http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr.
S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
can be found at the Foundation's web site and official page at
http://www.pglaf.org

For additional contact information:


    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org


                                Section 4.


  Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
                                Foundation


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including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
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                                Section 5.


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