The Project Gutenberg EBook of Abessinien, das Alpenland unter den Tropen
und seine Grenzlnder by Richard Andree



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Title: Abessinien, das Alpenland unter den Tropen und seine Grenzlnder

Author: Richard Andree

Release Date: January 7, 2010 [Ebook #30883]

Language: German

Character set encoding: ISO 8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ABESSINIEN, DAS ALPENLAND UNTER DEN TROPEN UND SEINE GRENZLNDER***





                                  Das

                    Buch der Reisen und Entdeckungen.

                                 Afrika.

                              *Abessinien,*

                     das Alpenland unter den Tropen.





                         Malerische Feierstunden.

                  Das Buch der Reisen und Entdeckungen.

                            _Neue illustrirte_

                 *Bibliothek der Lnder- und Vlkerkunde*

                                   zur

                   Erweiterung der Kenntni der Fremde.

                                *Afrika.*

              *Abessinien, das Alpenland unter den Tropen.*

                                Bearbeitet

                                   von

                          *Dr. Richard Andree.*

Mit 80 in den Text gedruckten Abbildungen, sechs Tonbildern, sowie einer
                     Uebersichtskarte von Abessinien

                                *Leipzig.*

                         Verlag von Otto Spamer.

                                  1869.





  [Illustration: Knig Theodoros, Audienz ertheilend.
  _Originalzeichnung von __H. Leutemann__, nach Lejean._]





                             *Abessinien,*

                    _das Alpenland unter den Tropen_

                                  und

                          *seine Grenzlnder.*


           Schilderungen von Land und Volk vornehmlich unter

                     *Knig Theodoros* (1855-1868).

      Nach den Berichten lterer und neuerer Reisender bearbeitet

                                  von

                          *Dr. Richard Andree.*

Mit 80 Text-Abbildungen, 6 Tonbildern nach Originalzeichnungen von E.
Zander, R. Kretschmer, H. Leutemann u. A. nebst einer Uebersichtskarte von
Abessinien.

_Leipzig._

Verlag von Otto Spamer.

1869.





   Verfasser und Verleger behalten sich das Recht der Uebersetzung vor.

                  Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.





                                 VORWORT.


Ein afrikanisches Alpenland, berreich an Schnheiten und Wundern der
Natur, bewohnt von einem begabten Volke, das gleich uns zum kaukasischen
Stamme gehrt und mit den Negern nichts zu schaffen hat, eine an
fesselnden Abenteuern reiche Folge von Reisen in dieses Land, endlich der
Feldzug Englands gegen den eisernen, blutigen _Theodor_, der mchtig ber
Abessinien geherrscht, wie noch kein dunkelfarbiger Knig vor ihm - das
ist es, was wir in diesem Bande des "Buches der Reisen und Entdeckungen"
den Lesern vorfhren wollen.

Abessinien hat von jeher der gebildeten Welt ein groes Interesse
eingeflt und nicht etwa erst die neueste romantische Episode seiner
Geschichte uns diese "unter die Tropen gerckte Schweiz" nher gefhrt.
Dort, in der muthmalichen Heimat des schwarzhutigen der durch die Bibel
eingefhrten heiligen drei Knige, besteht ja noch, abgeschieden und
vergessen von den abendlndischen Glaubensgenossen, inmitten heidnischer
und muhamedanischer Vlker, ein christliches Reich; dorthin verlegte das
Mittelalter auch den Staat des fabelhaften Erzpriesters Johannes, dort
entspannen sich Glaubenskmpfe gegen den Islam, die an Heftigkeit und
blutigen Greueln ihresgleichen suchen, dort mhten sich endlich unsere
Missionre bis in die neueste Zeit erfolglos ab, die Bevlkerung zu einem
reineren Glauben zurckzufhren. Staatsumwlzungen, Brgerkriege folgen im
bunten Wechsel einander.

So erhebt sich vor unserem geistigen Blicke auf dem farbenreichen
Hintergrund, den die Natur bietet, ein interessantes geschichtliches Bild,
beginnend mit der sagenhaften Knigin von Saba, endigend mit dem blutigen
_Theodor_, und fesselt unser Interesse an denselben afrikanischen Boden,
der, wenn man von Aegypten und den durch die Araber begrndeten Reichen
absieht, im Grunde eine eigentliche Geschichte nicht hat.

Nachdem der Verfasser die Erforschung Abessiniens von den ltesten Zeiten
bis auf unsere Tage herab geschildert hat, fhrt er in den ersten vier
Abschnitten Land und Leute in einem gedrngten Bilde vor, alles
Wesentliche zusammenfassend, was ber Geologie und Oberflchengestaltung,
ber die natrlichen Felsenfestungen und periodisch anschwellenden Strme,
jene Grundursache der Nilberschwemmungen, was ber die klimatischen
Verhltnisse und die Vegetationsgrtel, ber die Thierwelt jenes
interessanten Gebietes gesagt werden kann. Dabei wandert das Volk an uns
vorber mit seinen guten Anlagen und seinem tiefen sittlichen Verfall,
seinen verschiedenen Stmmen und Sprachen, Sitten und Gebruchen. Handel
und Industrie finden gleichfalls gebhrende Bercksichtigung, nicht minder
die religisen Verhltnisse, das afrikanisch gefrbte Christenthum des
Landes mit seiner byzantinischen Scheinrechtglubigkeit und lasterhaften
Priesterschaft. Die Missionsgeschichte, reich an Enttuschungen und arm an
Erfolgen, wird unparteiisch berichtet und dann mit einer Abhandlung ber
den Landbau und die sozialen Verhltnisse des Landes der allgemeine Theil
beschlossen.

Nachdem der Leser dergestalt orientirt ist, kann er an der Hand der
neuesten Reisenden das weite Land durchwandern; er lernt den Norden wie
den Sden kennen, die brennendheien Kstenstriche und die
fieberschwangere, feuchte Kollaregion, hinauf bis zu den schneegekrnten,
majesttischen Alpengipfeln.

Geleitet von solchen Forschern, deren Schilderungen zu den
farbenprchtigsten gehren, die wir ber jene fernen Gegenden besitzen,
gewinnt der Leser alsobald die vorgefhrten Persnlichkeiten um so lieber,
je fesselnder deren oft beraus romantische Fahrten sind. Whrend die
lteren Reisenden bereits frher besprochen waren, bieten wir in diesem
Abschnitte einen Einblick in das verdienstvolle Wirken der neueren
Lndererforscher. Wir lernen den geistreichen und khnen Franzosen
_Guillaume Lejean_ kennen, durchstreifen an der Hand _Werner Munzinger's_
und der Gefhrten des _Herzogs Ernst von Sachsen-Koburg_ die nrdlichen
Grenzgebiete, die Lnder der Bogos und Kunama, begleiten den deutschen
Frsten selbst auf seinen Prschgngen und Elefantenjagden und werden
schlielich durch den englischen Major _W. Cornwallis Harris_ in die fast
mrchenhaft erscheinende Welt von Schoa, diesen sdlichen Theil
Abessiniens, eingefhrt, wo in malerischen Einzelschilderungen das Hof-
und Kriegsleben des Negus _Sahela Selassi_ an uns vorbergeht.

Naturgem gipfeln die Mittheilungen in der Darstellung des heutigen
Abessinien. Verfallen und zerrissen durch nimmer ruhende Brgerkriege,
zuckend und verblutend liegt es da. Wst liegen die fruchtbaren Aecker und
das geplagte Volk verkommt: da scheint ein Hoffnungsstrahl aufzudmmern!
Gleich einem glnzenden Meteor steigt der mchtige _Theodor_, der Sohn
einer armen Kussohndlerin, am abessinischen Himmel auf. Noch einmal
scheint es, als ob das altthiopische Reich aus seinen Trmmern, aus
Schutt und Moder wieder erstehen wolle. Doch der Glanz trgt, und nach
Tagen blutiger Schrecken sinkt unter der berlegenen Macht der
"rothhaarigen Barbaren" auch der afrikanische Napoleon dahin, mit ihm sein
Reich. Indessen nicht blos Schatten wirft die Regierungsgeschichte dieses
unzweifelhaft bedeutenden Mannes; es sind Lichtpunkte genug in derselben
zu finden, und der Verfasser hat sich bemht, Licht und Schatten in
gerechter Wrdigung der Schwierigkeiten, die sich einem Reformator in der
Eigenartigkeit von Land und Menschen jener fernen Gegenden
entgegenstellen, billig zu vertheilen.

Was die Quellen, aus denen das vorliegende Buch geschpft, betrifft, so
wurde von _Hiob Ludolf_ an bis auf _Th. von Heuglin_, sowie die Berichte
der englischen Korrespondenten herab keine wichtige Publikation bersehen.
Auer den angefhrten Reisenden, deren Berichte im Auszuge wiedergegeben
sind, wurden hauptschlich _James Bruce_, _Henry Salt_, _Eduard Rppell_,
_Karl Wilhelm Isenberg_, _Ludwig Krapf_ und (fr den zoologischen Theil)
_A. E. Brehm_ benutzt.

Als ganz besonders werthvoll mssen wir die Originalabhandlung ber die
_Agrikultur Abessiniens_ von _Eduard Zander_ hier hervorheben. - Das Leben
dieses deutschen Landsmannes haben wir im Texte geschildert. Fr die
Erlaubni zur Verffentlichung der genannten Arbeit ist der Herausgeber
_Sr. Hoheit dem Herzoge Leopold Friedrich von Anhalt_, in dessen Besitze
sich das Original-Manuskript befindet, zu tiefgefhltem Danke
verpflichtet. Die Kundgebung dieser zu Magdala im Jahre 1859 verfaten
Arbeit erfolgt hier, mit Weglassung einer allgemeinen Einleitung,
vollstndig. Da jedoch unserm wackern Landsmanne nach lngerer Abwesenheit
vom Heimatlande der flssige Gebrauch der deutschen Sprache abhanden
gekommen war, so erschienen stylistische Aenderungen in seiner Darstellung
unerllich, wie denn auch die Schreibart der Eigennamen mit der in
vorliegendem Werke befolgten in Uebereinstimmung gebracht werden mute.

In der Orthographie abessinischer Namen herrscht bekanntlich die grte
Anarchie, ganz entsprechend jener, welche das Land zerrttet; um ihr
womglich zu entgehen, schlo sich der Verfasser in seiner Rechtschreibung
an diejenigen deutschen Reisenden an, welche von allen die meiste
Uebereinstimmung zeigen und diesen Gegenstand am eifrigsten ihrer
Aufmerksamkeit gewrdigt haben, nmlich _K. W. Isenberg_ und _Th. von
Heuglin_.

Zur ganz besonderen Freude gereicht es uns, mittheilen zu knnen, da der
bei Weitem grere Theil der Illustrationen dieses Werkes nach an Ort und
Stelle aufgenommenen Originalen gezeichnet ist. Zwei Knstler, die das
Land bereisten, haben dieselben geliefert: _Robert Kretschmer_, der den
Herzog von Koburg als Maler begleitete, und _Eduard Zander_, dessen
werthvolle Federzeichnungen, weit ber hundert an der Zahl, die
landschaftlichen, architektonischen und ethnographischen Verhltnisse
Abessiniens ungemein gut charakterisiren. Sie befinden sich gleichfalls im
Besitze Sr. Hoheit des Herzogs von Anhalt und werden hier, mit dessen
hoher Erlaubni, als wesentlicher Schmuck unsres Buches, wiedergegeben.
Die brigen Illustrationen, bei denen die Quelle stets angegeben ist,
wurden den Werken von H. Salt, E. Rppell, W. C. Harris, Bernatz, G.
Lejean u. a. entlehnt. Schon in dem uns hier entgegentretenden Reichthum
an gelungenen Holzschnitten ist uns ein vollstndiges Bild des
afrikanischen Alpenlandes geliefert, das in keinem hier in Betracht
kommenden andern Werke reicher illustrirt zur Anschauung kommen drfte.
Das am Schlusse mitgetheilte Krtchen endlich wird zur allgemeinen
Orientirung ber das besprochene Gebiet willkommen geheien werden.

_Leipzig_, im Juli 1868.
                 *Die Redaktion des "Buches der Reisen und Entdeckungen".*





                           INHALTSVERZEICHNISS.


                                                                   Seite
    _Einleitung._* Historischer Ueberblick und Geschichte der          1
    Erforschung Abessiniens.* Mit 11 Illustrationen
    Aethiops (2). - Die Knigin von Saba (3). - Menilek und die
    salomonische Dynastie (3). Berhrungen mit den Vlkern des
    Alterthums (4). - Die Knigsstadt Axum und ihre Ruinen (5).
    - Einfhrung des Christenthums (6). - Wechsel der Dynastie
    (8). - Die Invasion der Muhamedaner unter Granje (10). -
    Portugiesen und Jesuiten in Abessinien (11). - Ihre
    Vertreibung (12). - Zerfall des Reiches und Brgerkriege
    (13). - Die Verfassung (18). - Erforschungsgeschichte (19).
    - Portugiesische Reisende (20). - Hiob Ludolf (21). - Bruce
    (22). - Salt und Pearce (23). - Hemprich und Ehrenberg (23).
    - Rppell (23). - Tamisier und Combes (26). - v. Katte (26).
    - Schimper (26). - Aubert und Dufey (27). - Lefbvre (27). -
    Gebrder d'Abbadie (27). - Rochet d'Hricourt (28). - Beke
    (29). - Zander (30). - Sapeto (32). - Munzinger (32). -
    Lejean (33). - Die deutsche Expedition (33).
    *Das Land, seine Pflanzen- und Thierwelt.* Mit 14                 35
    Illustrationen
    Begrenzung (35). - Das Hochland (36). - Geologie Abessiniens
    (36). - Der versteinerte Wald (39). - Heie Quellen (40). -
    Oberflchengestaltung (40). - Natrliche Felsenfestungen
    (42). - Die Alpen Semins (42). - Charakter der Flsse (46).
    - Ihr Anschwellen (46). - Ursachen der Nilberschwemmungen
    (47). - Der Tanasee und der Abai (47). - Klimatische
    Verhltnisse (50). - Die Vegetationsgrtel (51). - Kola
    (51). - Woina Deka (56). - Deka (61). - Die niederen Thiere
    (62). - Vgel (65). - Sugethiere. Ihre Lebensweise,
    Nutzanwendung, Jagd (71).
    *Das Volk, seine Sitten und Gebruche, Handel und                 85
    Industrie.* Mit 9 Illustrationen
    Physischer Charakter des Volks (85). - Die Juden oder
    Falaschas (86). - Muhamedaner (87). - Gamanten (88). -
    Heidnische Ueberreste (90). - Waito (90). - Die Sprachen
    Abessiniens (90). - Literatur und Malerei (93). - Charakter
    und Sittenlosigkeit der Abessinier (94). - Blutrache (95). -
    Justiz (96). - Aberglauben (97). - Das Verzehren von rohem
    Fleische (100). - Nahrungsweise (102). - Kleidung (103). -
    Krankheiten und Aerzte (103). - Industrie und Handel (106).
    *Religion, Kirche und Geistlichkeit. Das Missionswesen.* Mit     111
    8 Illustrationen
    Das Christenthum Abessiniens, dessen Lehren und
    Verwahrlosung (111). - Der Abuna (114). - Art des
    Gottesdienstes (120). - Die lasterhafte Geistlichkeit (122).
    - Mnche und Klster (122). - Politische Asyle (123). -
    Zeitrechnung (123). - Feste (123). - Taufe, Ehe, Begrbni
    (124). - Die Kirchen, ihre Einrichtung und Ausschmckung
    (126). - Die verschiedenen Missionsversuche in Abessinien,
    deren Milingen und Urtheile darber (128).
    *Der Ackerbau und die Viehzucht Abessiniens.* Mit 5              139
    Illustrationen
    Die Kulturflche Abessiniens (139). - Die Getreidearten,
    ihre Anpflanzung und Verwendung (141). - Gewrze, Gemse,
    Wein, Baumwolle, Gescho (144). - Ernteertrag (146). - Nuk
    (146). - Einfelderwirthschaft (146). - Ackerwerkzeuge (147).
    - Regenzeit (148). - Bewsserung (148). - Soziale Stellung
    der Landleute (149). - Die Viehzucht (150). - Aussicht fr
    europische Ansiedelungen (153). - Die Regierung und der
    Grundbesitz (153). - Das Frohnwesen (153). - Steuern (153).
    - Wiesen und Moorgrund (154). - Bienenzucht (154). - Die
    Wohnungen der Landleute (155). - Die Mhlen Abessiniens
    (157).
    *Massaua und die abessinische Kstenlandschaft.* Mit 5           158
    Illustrationen
    Die Bedeutung des Rothen Meeres (158). - Der Dahlak-Archipel
    und die Perlenfischerei (160). - Die Stadt Massaua und ihre
    Bewohner (162). - Sklavenhandel (164). - Die Cisternen
    (166). - Der Markt (167). - Karawanenhandel mit Abessinien
    (167). - Die Bai von Adulis (168). - Schoho und Danakil
    (170). - Die Samhara (171). - Eine abessinische Karawane
    (172). - Der Tarantapa und Halai (174).
    *G. Lejean's Reise durch Abessinien.* Mit 10 Illustrationen      176
    Metemm (177). - Der Markt Wochni (178). - Grenzwchter
    (178). - Eine abessinische Festung (180). - Eine deutsche
    Familie (182). - Das Land am Tanasee (182). - Schnapphhne
    (184). - Missionsstation Gafat (185). - Gefangennahme
    Lejean's durch Knig Theodor (187). - Theodor's Lwen (187).
    - Gondar und seine Bauten (188). - Wasserfall des Reb (192).
    - In einem Kloster (194). - Besuch in Korata (195). -
    Binsenfle (198). - Besteigung des hohen Guna (200). - Fnf
    Frauengenerationen (200). - Befreiung (202). - Hochebene
    Wogara (202). - Lamalmon-Pa (203). - Reise durch Tigri
    nach Massaua (204).
    *Reisen in den nrdlichen und nordwestlichen Grenzlndern        207
    von Abessinien.* Mit 4 Illustrationen
    Das Land der Mensa und Bogos (207). - Reise des Herzogs
    Ernst (208). - Monkullo (209). - Labathal (209). - Plateau
    von Mensa (210). - Das Volk der Mensa (211). - Ausflug nach
    Keren (212). - Elephantenjagd (214). - Rckkehr (216). -
    Munzinger ber die Bogos (217). - Geschichtliches (217). -
    Ein aristokratisches Volk (218). - Rechtsverhltnisse (218).
    - Aberglauben (219). - Das Christenthum der Bogos (219). -
    Der Marebflu (221). - Die demokratischen Bazen und Barea
    (220).
    *Schoa und die britische Gesandtschaft unter Major Harris.*      224
    Mit 9 Illustrationen
    Begrenzung (224). - Englische Gesandtschaft unter Harris
    (225). - Tadschurra (225). - Zug durch die Adalwste (226).
    - Salzsee (227). - Mord im Thale Gungunt (228). -
    Versammlung der Eingeborenen (230). - Sklavenkarawane (232).
    - Myrrhen (233). - Der Hawasch (234). - Der Grenzdistrikt
    (234). - Alio Amba, ein Marktort (236). - Empfang beim
    Knige Sahela Selassi (240). - Die Hauptstadt Ankober
    (242). - Debra Berhan, die Sommerresidenz (245). -
    Sklavendepot (246). - Truppenrevue (246). - Angollala (249).
    - Schlucht der Tschatscha (250). - Medoko, der Rebell (252).
    - Das Gallavolk (252). - Kriegszug gegen dasselbe (258). -
    Siegesfest (260). - Abschlu des Handelsvertrags (262). -
    Rckkehr (263).
    *Theodoros II., Negus von Aethiopien.* Mit 6 Illustrationen      264
    Bewegte Jugend (264). - Der Emporkmmling (265). - Schlacht
    von Debela und Knigskrnung (266). - Rebellenkriege (267).
    - Reformen (272). - Abessinische Heere und Kriegspraxis
    (275). - Verwickelungen mit den Missionren (280). -
    Gefangennahme Cameron's und Streitigkeiten mit England
    (281). - Magdala (284). - Beginn der englischen Invasion
    (287). - Erstrmung von Magdala und Tod Theodor's (293). -
    Rckzug der Englnder (297).

    Die hierzu gehrigen Tonbilder sind einzuheften:
    Knig Theodoros, Audienz ertheilend                       Titelbild.
    Teiit, Partie von Totscha in Semin                         Seite 43
    Charakter des Hochgebirges Awirr in Semin                   "    49
    Herzog Ernst von Sachsen-Koburg-Gotha auf der Jagd in        "   215
      Mensa
    Im Lager des Negus. Priester und Krieger                     "   276
    Innerer Theil der Bergfeste Magdala. Sdliche Ansicht        "   286






  [Illustration: Obelisken von Axum. Nach Rppell.]





                               EINLEITUNG.


   Historischer Ueberblick und Geschichte der Erforschung Abessiniens.


     Aethiops. - Die Knigin von Saba. - Menilek und die salomonische
      Dynastie. - Berhrungen mit den Vlkern des Alterthums. - Die
    Knigsstadt Axum und ihre Ruinen. - Einfhrung des Christenthums.
       - Wechsel der Dynastie. - Die Invasion der Muhamedaner unter
         Granje. - Portugiesen und Jesuiten in Abessinien. - Ihre
        Vertreibung. - Zerfall des Reiches und Brgerkriege. - Die
    Verfassung. - Erforschungsgeschichte. - Portugiesische Reisende. -
    Hiob Ludolf. - Bruce. - Salt und Pearce. - Hemprich und Ehrenberg.
    - Rppell. - Tamisier und Combes. - v. Katte. - Schimper. - Aubert
    und Dufey. - Lefbvre - Gebrder d'Abbadie. - Rochet d'Hricourt.
    - Beke. - Zander. - Sapeto. - Munzinger. - Lejean. - Die deutsche
                               Expedition.


"In den ersten Jahrhunderten unserer Aera stand Abessinien auf der Hhe
der damaligen Kultur; das Christenthum, das ununterbrochen von Aegypten
den Nil hinauf bis hierher reichte, schuf einen stetigen Verkehr mit dem
rmischen Reiche. In Glauben, Sitte, Recht und Feinheit des Lebens war es
uns hnlich; doch seit es von dem Abendlande durch die Fortschritte des
Islam abgeschnitten ist, blieb seine Entwicklung stehen, und wie, wer
steht, zurckgeht, so ist auch Abessinien zurckgegangen und ist
verwildert, wenn es auch jetzt noch Europa viel nher steht als dem
nachbarlichen Afrika. Es ist umringt von Feinden, wie die Rose von Dornen;
im Norden, wo das Hochland in Stufen abfllt und endlich in unabsehbare
Tiefebenen sich endet, wohnen muhamedanische Vlker, meist rebellische
Kinder des Hochlandes, die hellfarbigen Habab, die Leute von Barka; ihnen
folgen noch nrdlicher die altnomadischen fremdredenden Hadendoa. Im
Westen begrenzt Abessinien das Nilland, trkischer Herrschaft unterworfen,
im Sden das halb muhamedanische, halb teufelanbetende Volk der Galla.
Wohl brauchte es Jahrhunderte, das Hochland vor allen diesen Feinden dem
Christenthume zu wahren. Doch jetzt steht Abessinien gegen auen
unabhngig da; es hat nur die inneren Feinde zu frchten, die Anarchie,
den freiwilligen Verfall seiner Religion und Sitte, den Selbstmord."

So charakterisirt einer der besten Kenner des Landes, Werner Munzinger,
die Lage der "afrikanischen Schweiz", die von alters her das Interesse der
europischen Vlker wach zu halten wute, schon wegen der Gleichartigkeit
der Religion, welche uns mit ihren Bewohnern verbindet. Dorthin verlegte
man den Sitz des schwarzen Erzpriesters Johannes, dorthin zogen
Glaubensboten und wissenschaftliche Forscher in groer Zahl und
bermittelten uns Kunde von den Wundern des so verschiedenartig
gestalteten Landes. Bald sind es die heifeuchten Niederungen mit
tdtlichem Klima, tropischem Pflanzenwuchs und belebt von den Riesen der
Thierwelt, bald kahle, vom Winde gepeitschte Hochebenen, ber denen die
gezackten, kuppel- und domfrmigen Bergriesen bis in die Eisregion
hineinragen, dann wieder die verschiedenen Stmme des Landes,
ausgezeichnet vor ihren Nachbarn durch leibliche und geistige Vorzge,
doch tief gesunken, die uns jene Berichte vorfhren. Endlich aber ist es
die mehr als tausendjhrige, wol anfangs in den Schleier der Sage gehllte
Geschichte des Landes, die mit ihrem Dynastienwechsel, ihren blutigen
Brgerkriegen und Religionskmpfen uns unwillkrlich anzieht. Ja,
_Geschichte auf afrikanischem Boden_! Welche Anomalie! Denn sehen wir ab
von den muhamedanischen Staaten und den alten, vorbergehenden
Kulturreichen im Norden des schwarzen Erdtheils, so bietet uns allein
Abessinien eine Geschichte, ein Reich in Afrika dar. Staatenbildungen,
Historie bei den Negervlkern zu suchen, wre vergebliche Mhe; Abessinien
aber hat beides, und der Grund dafr liegt in der Abstammung, der Begabung
seiner Bewohner, die gleich uns zur kaukasischen Rasse gehren, denn sie
sind thiopische Semiten, Verwandte der Araber, Phnizier, Juden.

Nach der Ueberlieferung der Abessinier kam _Kusch_, ein Sohn Ham's, in ihr
Land, lie sich dort nieder, grndete die Stadt Axum und bevlkerte weit
und breit die Umgebung. Er hinterlie zwlf Shne, unter welchen der
lteste, _Aethiops_, dem ganzen Lande den Namen _Aethiopia_ gab. So hie
es wenigstens bei den Griechen und heit es heute noch offiziell. Der
allgemein bliche Ausdruck Abessinien jedoch ist aus dem arabischen
Habesch abgeleitet. Nach dieser dunklen Sage schweigt die Tradition
wieder, und nur Erinnerungen an heidnische Gebruche und Schlangenkultus
fllen den Zeitraum aus, bis die Geschichte Abessiniens - wenn auch immer
noch sagenhaft - mit derjenigen der schnen _Knigin Maketa von Scheba_
(Saba) zusammenfllt. Zu Axum hatte sie im 11. Jahrhundert vor Christus
ihren Thron aufgeschlagen; dort herrschte sie, ihr Volk beglckend, voller
Milde und Gte. Eines Tags erschienen Fremdlinge aus einem fernen
nrdlichen Lande bei ihr, die viel von dem weisen Knige Salomo zu
Jerusalem berichteten, der alle brigen Menschen an Klugheit weit
bertraf. Ihn zu sehen, reiste die Knigin nach Kanaan, und kaum hatte der
Judenknig sie erblickt, als er sich in sie verliebte und sie zur Frau
nahm. Nachdem die thiopische Frstin dem Knige einen Sohn Namens
_Menilek_ Ebn Hakim, der spter den Knigsnamen David I. empfing, geboren
hatte, riefen sie die Pflichten der Herrschaft wieder nach Abessinien
zurck, whrend der Sohn beim Vater blieb, um dort in allen Tugenden
erzogen zu werden. Er wuchs heran und nahm zu an Weisheit und Gnade, soda
aller Menschen Augen mit Wohlgefallen auf ihm ruhten. Eines Nachts,
berichtet die Tradition, erschien ihm der Herr im Traume, hie ihn wieder
in die Heimat zurckkehren und dort den Gottesdienst nach jdischer Weise
einrichten. Heimlich warb er zwlf Priester, unter denen Asarja obenan
steht, nahm in der Nacht die alte Bundeslade aus dem Tempel zu Jerusalem
und flchtete mit ihr zu seiner Mutter nach Axum, wo das angebliche
Heiligthum noch jetzt gezeigt wird. Von seinem Vater Salomo wurde Menilek
lange Zeit verfolgt, allein Gottes Wundermacht schtzte ihn und sicherte
ihn vor allen Nachstellungen, so da er 29 Jahre ber Aethiopien regierte.
Seit jener Zeit nun regiert nominell eine _salomonische Dynastie_ in
Abessinien, und der Glaube hieran ist unter dem ganzen Volke vom Hchsten
bis zum Niedrigsten so fest gewurzelt und weit verbreitet, da nichts sie
von dieser Vorstellung abzubringen vermag.

  [Illustration: Abessinische Mnzen. Nach Rppell.
  1. Kupfermnze des Kaisers Armah (644 bis 658),
  2. Goldmnze des Kaisers Aphidas (536 bis 542),
  3. Goldmnze des Kaisers Gersemur (603 bis 614).]

Die Bewohner Abessiniens scheinen in der vorchristlichen Zeit auf einer
sehr niedrigen Kulturstufe gestanden zu haben. Mit den durch die Aegypter
civilisirten Stmmen, welche in Aethiopien den Nilstrom entlang wohnten
und das Reich Mero gegrndet hatten, scheinen sie durchaus keinen Verkehr
gehabt zu haben, ja es ist ausgemacht, da den alten Aegyptern das Land
erst durch die Kriegszge Alexander's d. Gr. und durch die von ihm an die
Kste verpflanzte Kolonie von Syrern (wahrscheinlich jdischer Religion)
bekannt wurde. Die Ptolemer, welche ihre Handelsverbindungen mit dem
Rothen Meere ausdehnten, errichteten Emporien und Stationen fr die
Elephantenjagd lngs der "Kste der Troglodyten" und Aethiopier, und der
zweite Nachkomme des groen Soter grndete Adulis am Golf von Zula, nahe
dem heutigen Massaua. Seine Truppen drangen, nach der von Kosmas
Indikopleustes im 6. Jahrhundert aufgefundenen sogenannten adulitischen
Inschrift, siegreich bis ber den Takazziflu in die damals schon
erwhnten Schneegebirge Semin's und verpflanzten griechische Sprache und
Gesittung in das Land. In Tigri entstand das knigliche Axum mit seinen
hohen Obelisken, Inschrifttafeln und Knigsgrbern, und die thiopischen
Frsten schlugen Gold- und Kupfermnzen. - Doch griff diese Art hoher
Kultur, deren Blte in das 4. bis 7. Jahrhundert fllt, erst nach der
Einfhrung des Christenthums um sich.

Laut predigen heute noch von der alten Herrlichkeit die Ruinen der einst
mchtig blhenden Knigsstadt in der Provinz Tigri. Sie sind, wenige
andere zerstreute Reste abgerechnet, das einzige, was an die alte
Glanzzeit Abessiniens erinnert und der Zielpunkt aller Reisenden, welche
das thiopische Hochland aufsuchen. Noch zu Anfang des 16. Jahrhunderts,
als der Portugiese Alvarez sich dort aufhielt, mssen manche merkwrdige
Bauwerke daselbst vorhanden gewesen sein, die seitdem verschwunden sind.
In einer alten deutschen Uebersetzung seines Reiseberichtes heit es:
"Chaxuma hat vieler schner Wohnungen uff der Erde gebavet, da eine jede
seinen springenden Brunnen hat, und das Wasser den Lewen zum Rachen
herausspringet, welche aus gesprenkelten Marmelsteinen zierlich gemacht
sind.... Man findet auch an den Husern viel alter seltzamer Figuren, in
gar reine und harte Steine gehawen, als Lewen, Hunde, Vogel u. s. w." Auch
jetzt enthlt Axum noch sehenswerthe Monumente, Obelisken, Stelen,
Knigsgrber, Opferaltre, ber die wir durch Salt, Rppell und Heuglin
genaue Auskunft erhalten haben.

Der Anblick der in einer Niederung zwischen vulkanischen Hgeln
ausgebreiteten Stadt mit ihren zahlreichen Kirchen, Obelisken, Wachholder-
und Feigenbumen ist berraschend schn. Noch ehe man das Thal betritt,
begegnet man von Osten kommend einem kleinen schlanken Obelisk, um den
mehrere hnliche umgestrzt in Trmmern liegen; etwas weiter sind
Schutthgel mit Opfersteinen und einer 7 Fu hohen Stele (Inschriftstein),
deren eine Seite eine thiopische, die andere eine griechische Inschrift
vom Axumitenknig Aizanas enthlt. Von hier fhrt ein in den Fels
gehauener Weg oder Wasserleitung in die Stadt. Ueber den gerumigen
Marktplatz gehend, erreicht man bald ein niedriges Plateau mit einem
riesigen Feigenbaum, dessen Stamm an 50 Fu Umfang hat. Hier ist das
eigentliche Obeliskenfeld. Einen sonderbaren Kontrast bilden diese
schlanken, oft mit einfachen und zierlichen Ornamenten fast berladenen
Monolithe und Stelen zur bescheidenen Bauart der meist runden, mit Stroh
gedeckten Steinhtten der heutigen Axumiten, die oft dicht gedrngt in
einzelnen ummauerten Gehften zusammenstehen, beschattet von immergrnen
Wanzabumen, deren dichtes Laubwerk Schneeflocken gleich mit Blten
berset ist. Das heutige Axum hat eine Lnge von etwa einer halben
Stunde, aber Huser, Gehfte und Grten stehen nicht dicht beisammen und
sind zuweilen durch Felder und mit Trmmern bedeckte Pltze unterbrochen.
Die Einwohnerzahl veranschlagt Heuglin auf 2-3000. Sie treiben Ackerbau
und Viehzucht und leben in verhltnimig glnzenden Umstnden, da die
vielen kirchlichen Feste und Wallfahrten und namentlich das politische
Asyl - ein von Mauern umgebener Platz beim Markte - zahlreiche Fremde nach
Axum ziehen.

  [Illustration: Der sogenannte Knigssitz zu Axum. Nach Salt.]

Die Obelisken, etwa 60 an der Zahl, bedecken eine niedrige Terrasse fast
vollstndig. Die meisten sind jetzt umgestrzt und alle scheinen aus in
der Nhe gebrochenen vulkanischen Gesteinen zu bestehen. Einzelne sind nur
rohe Steinmassen, die vollendetsten dagegen 60-70 Fu hohe Monolithe, die
schon in der Form von hnlichen gyptischen Monumenten abweichen,
namentlich durch den oblongen Querschnitt, sowie durch Mangel der
Inschriften und ganz abweichende Ornamentik. Das Ganze scheint einen
(natrlich nicht hohlen) Thurm mit 8-10 Stockwerken darzustellen, an dem
Fenster und Thor angedeutet sind. Die vor den Obelisken liegenden Platten
umfassen dieselben theilweise; sie haben zwei Stufen, eine kleine Schwelle
und vier runde Vertiefungen (Opferschalen). An verschiedenen Stellen der
Stadt stt man noch auf alte Baureste, namentlich auf kolossale
Quadersteine. Allerlei Tpfergeschirre, Amphoren, Schalen, Lwenkpfe, die
als Brunnenrhren dienten, sind in Trmmer zerstreut und es knnte hier
sicher noch durch Nachgrabungen manches historisch wichtige Monument zu
Tage gefrdert werden. Der Eindruck, welchen die verschiedenen Monumente
auf einzelne Reisende hervorbrachten, war ein sehr ungleicher. Whrend
z. B. Rppell, wol mit Recht, deren Kunstwerth nicht hoch schtzt, ist
Salt von den Obelisken ganz entzckt. Ja, von dem 60 Fu hohen Obelisk,
der sich prchtig an dem alten Sykomorenbaum erhebt, sagt er sogar: "Nach
Vergleichung mit vielen Spitzsulen von gyptischer, griechischer und
rmischer Arbeit scheint mir dieser Obelisk das bewundernswrdigste und
vollkommenste Werk, wozu man schwerlich ein Gegenstck findet".

Nahe bei dem Haupteingange der berhmten Kirche des Ortes stt man auf
elf in einer Reihe dicht nebeneinander stehende _Altre_ von
eigenthmlicher Bauart, deren einen Salt als "Knigssitz" abbildet. Jeder
derselben besteht aus drei sich auf den vier Seiten verkrzenden Stufen,
von welchen die unterste etwa neun Fu im Quadrat hat. Auf der zweiten
Stufe befinden sich vier Wrfel, die an den Eckkanten der dritten anliegen
und von welchen jeder eine achteckige Sule trgt, aller
Wahrscheinlichkeit nach zur Sttze der verschwundenen Deckplatte.

Eine Stunde nordstlich von der Stadt liegen die sogenannten "Fuchslcher"
oder Knigsgrber auf einem Hgel mit herrlicher Aussicht. Auf dem
schmalen Gebirgsrcken bemerkt man ein aus groen Quadern und Sulen
bestehendes Fundament einer Art Grabkirche, in dessen Mitte ein Weg zum
Eingange eines Felsengrabes fhrt, das wie sein einfaches Portal in den
Fels gearbeitet und nachher mit knstlicher Mauerung aus groen Blcken
ausgekleidet worden ist. Aehnlich den Knigsgrbern von Theben fhrt von
da aus dann ein Gang schrg abwrts; dieser mndet in drei Kammern, deren
mittlere mit einer Thr verschlossen werden konnte.

Erwhnen wir nun noch die aufgefundenen Mnzen (eine kupferne des Knigs
Armah, der von 644 bis 658 regierte, zwei goldene der Knige Aphidas und
Gersemur aus dem 6. und 7. Jahrhundert, theilt Rppell mit), so haben wir
so ziemlich alles erwhnt, was von dem kniglichen Axum brig blieb, das
ums Jahr 1535 von dem muhamedanischen Strmer Granje eingeschert wurde.

Die Bltezeit der Stadt fllt mit der Einfhrung des Christenthums
zusammen, das, lange bevor noch in Deutschland der heilige Bonifacius
(725) dem Evangelium Eingang verschaffte, durch einen Zufall an die
thiopische Kste verpflanzt wurde. Ein christlicher Kaufmann, _Meropius_
mit Namen, machte nmlich mit seinen beiden Gehlfen _Frumentius_ und
_Aedisius_ im Jahre 330 eine Geschftsreise lngs den Ksten des Rothen
Meeres, landete in der Gegend des heutigen Massaua und wurde hier nebst
einem Theile seiner Schiffsmannschaft von den wilden Eingeborenen
erschlagen. Nur den beiden Jnglingen schenkte die wthende Bande das
Leben. Man brachte sie an den kniglichen Hof, wo sie gute Aufnahme fanden
und bald vom Knige Sara-Din mit wichtigen Aemtern betraut wurden. Auf
ihre Veranlassung kamen noch mehrere christliche Kaufleute nach
Abessinien, die nun eine kleine Gemeinde bildeten und auch mehrere
Einheimische bekehrten. Die beiden Jnglinge reisten dann spter in ihr
Vaterland zurck, zur Zeit als Athanasius Erzbischof von Alexandria war.
Aedisius wurde Priester in Tyrus; Frumentius aber wandte sich mit der
dringenden Bitte an den Erzbischof, der kleinen christlichen Gemeinde in
Abessinien einen Hirten zu senden, damit sie nicht verwaise. Athanasius
wute hierzu aber keinen bessern zu finden, als den Bittsteller, gab dem
ehemaligen Handlungsgehlfen die Weihe und sandte ihn nach Abessinien
zurck. Hier angelangt fhrte er den Namen Abba Salama, Vater des
Friedens, bersetzte das Neue Testament in die thiopische Sprache und
breitete das Christenthum weit ber das Land aus, wenn auch noch ein
groer Theil des Volkes bei der altheidnischen Religion verharrte. Die
fernere Geschichte Abessiniens ist sehr dunkel und nur durch lange Reihen
von Knigsnamen ausgefllt, an welche sich nur hier und da einzelne
historische Thatsachen knpfen.

Aus diesen entnehmen wir, da zur Zeit des griechischen Kaisers Justinian
(um 522) eine heftige Christenverfolgung durch die Juden im sdlichen
Arabien stattfand. Justinian wandte sich deshalb an den abessinischen
Knig _Kaleb_; dieser eilte mit einer Armee ber das Rothe Meer, schlug
die Juden und unterwarf sich den greren Theil des sdlichen Arabiens, in
dessen Besitz die Abessinier auch blieben, bis sie kurz vor Muhamed's
Auftreten durch die Blattern, die in ihrem Heere stark wtheten, gezwungen
wurden, sich wieder in ihr Land zurckzuziehen. Im brigen ist aus der
langen Periode des thiopischen Reiches bis ins 8. Jahrhundert nicht viel
Erwhnenswerthes berliefert; das Volk vergeudete seine Krfte in
unfruchtbaren Religionsstreitigkeiten und kam mit seinen Nachbarn nicht
aus dem Kriegszustande heraus.

Unterdessen trat, den ganzen Orient erschtternd, Muhamed mit seiner Lehre
auf. Allein der Islam fand in Abessinien wenig Eingang, jedoch wurde das
damals noch blhende Reich Adal fr diese neue Lehre gewonnen, und dieses
gab den zwischen beiden Lndern bestehenden Streitigkeiten bedeutende
Nahrung, indem zu den politischen nun noch religise Kmpfe sich
gesellten, welche das Land mit Blut berschwemmten. Doch bevor noch diese
muhamedanischen Invasionen erfolgten, hatte Abessinien eine gewaltige
Revolution durchzukmpfen und es war fraglich, ob die Juden oder die
Christen die Oberhand erhalten sollten. Die ersteren erhoben sich nmlich
unter dem Namen der _Falaschas_ zu einer furchtbaren Macht. Durch
Heirathsverbindung zwischen der Familie ihrer Huptlinge und der
abessinischen Knigsfamilie brachten sie den Knigsthron an sich und
suchten nun die salomonische Linie ganz auszurotten. Es sind jetzt etwa
1000 Jahre darber hingegangen, da der letzte salomonische Knig,
_Delnaod_, vom Throne seiner Vter gestoen wurde, und zwar durch eine
Jdin aus Lasta Agau, welche die ganze knigliche Familie, einen Knaben
ausgenommen, der nach Schoa flchtete, ermorden lie. Sie hie _Judith_,
wie zu vermuthen steht, ein selbstbeigelegter Name mit dem beabsichtigten
Hinweis auf die alttestamentliche Heldin. Drei Jahrhunderte spter wurde
die Judendynastie wieder durch einen christlichen Herrscher aus dem Hause
Sagu vertrieben, dessen Nachkommen bis zum Jahre 1268 regierten, also zur
selben Zeit, als in Deutschland die Hohenstaufen kraftvoll das Scepter
fhrten. Elf Knige soll das Haus Sagu (Zagy) den Abessiniern geliefert
haben, die fr das Christenthum eifrig wirkten, unter denen der spter
heilig gesprochene _Lalibela_ durch die vielen kunstvoll in Felsen
ausgehauenen Kirchen, die gyptische Werkmeister auffhrten, berhmt
geworden ist.

Die meisten dieser Felsenkirchen sind zur Zeit der muhamedanischen
Invasion im 16. Jahrhundert zerstrt worden, doch haben sich einzelne
derselben bis auf unsere Tage erhalten. Der englische Reisende Pearce
schildert uns die Felsenkirche Dschumada Mariam nrdlich von den Quellen
des Takazzi, sein Landsmann Salt jene von Abba os Guma bei Schelicut, v.
Heuglin die Felsenkirche von Tenta in Wollo. Die seltsamste drfte aber
wol jene sein, welche der Missionr Isenberg im Jahre 1838 bei dem Dorfe
Hauazin in der Provinz Tembin besuchte, als er gerade im Begriff war,
das Land nach dem Scheitern seines Missionswerkes zu verlassen. "Obgleich
ich aus leicht erklrlichen Grnden nicht aufgelegt war, die Kirche dieses
Ortes zu untersuchen, so konnte ich doch nicht umhin, ihre uere Form
anzustaunen. Sie scheint aus einem einzigen Granitblock zu bestehen, der
zu dem Zwecke ausgehhlt ist, kann aber, nach dem uern Umfange des
Steins zu urtheilen, nur sehr wenig Raum im Innern haben. Auch die uere
Form des Steines ist sehr auffallend. Er ist kaum 20 Fu hoch und in der
mittleren Hhe, wo er am breitesten ist, da er die Form eines stehenden
Kreuzes anstrebt, mag er auch etwa 20 Fu breit sein; seine Tiefe aber von
vorn nach hinten ist geringer. Er hat einen engen Eingang, in jedem
Seitenflgel des Kreuzes und ber der Thre eine Fensterffnung; alles
dieses in den Fels gehauen." Gewi ist zu beklagen, da Isenberg diese
interessante Felsenkirche nicht auch im Innern untersuchte, da, wie es
scheint, er der einzige europische Reisende war, welcher sie zu Gesicht
bekam.

Zu Ende des 13. Jahrhunderts lebte in Schoa der achte Nachkomme jenes zur
Zeit der Judenherrschaft nach Schoa geflchteten letzten Prinzen der
salomonischen Dynastie. Sein Name war Tesfa Jesus oder _Jekuno-Amlak_. In
Abessinien aber herrschte _Nakwetolaab_, der Sagu. Als eigentlicher
Herrscher des Landes mute aber der mchtige Abuna oder Erzbischof _Tekla
Haimanot_ angesehen werden, heute noch der berhmteste Heilige der
abessinischen Kirche und Grnder des groen Klosters Debra Libanos in
Schoa, durch dessen Eifer und Beistand die Wiedereinsetzung der alten
Dynastie ermglicht wurde. Aus freiem Willen, wenn auch auf dringendes
Einreden dieses Erzbischofs, leistete Nakwetolaab Verzicht auf die Krone
und stieg vom Throne herab, um jenem Nachkmmling der salomonischen
Dynastie, nach abessinischer Vorstellung dem legitimen Sprossen Menilek's,
Platz zu machen.

Zum Entgelt fr sich und seine Leibeserben wurde Nakwetolaab zum Herrscher
in der Provinz Waag unter der Lehensoberhoheit des Knigs bestellt und
dazu der Vorbehalt ausbedungen, da fr den Fall des Aussterbens der Linie
Menilek's die Krone an die Linie Nakwetolaab's zurckgelange, ein
Uebereinkommen, welches solche Lebenskraft besitzt, da es bis in die
jngste Zeit zurckwirkt. - Von dieser Zeit an bietet die politische
Geschichte des Landes eine Reihe von kriegerischen Expeditionen dar,
welche ihre Knige, zum Theil ausgezeichnete Helden, gegen auswrtige
Vlker unternahmen, whrend die muhamedanische Macht an der Grenze sich
immer drohender entwickelte.

  [Illustration: Felsenkirche von Hauazin. Nach Isenberg.]

In dieser Noth fand eine nhere Verbindung zwischen Europa und Abessinien
statt, ja es war die Rede von einer Verschmelzung der Landeskirche mit der
rmisch-katholischen, die durch Pilgerfahrten nach Jerusalem angeregt
worden war. Dort hatten die frommen abessinischen Wallfahrer von dem
aufstrebenden Glanze Portugals gehrt, und die Berichte derselben erregten
in Knig _Jakob_, der von 1421 bis 1470 regierte, den Wunsch, mit dem
abendlndischen Reiche in Verbindung zu treten. Eine Gesandtschaft wurde
nach Lissabon geschickt, um dort vom Knige Alphons Hlfe gegen die
Unglubigen zu erbitten. Diesem, der damals mit kriegerischen Plnen gegen
die Mauren Nordafrika's umging, kam der Wunsch Jakob's sehr gelegen,
obgleich damals der Weg ums Kap der guten Hoffnung herum noch nicht
entdeckt war; allein er konnte, ohne den mchtigen Papst gefragt zu haben,
auf die Allianz mit Abessinien nicht eingehen, und dieser forderte als
erste Bedingung eines Bndnisses die unbedingte Unterwerfung der
getrennten thiopischen Kirche unter den Stuhl Petri. Die abessinischen
Gesandten muten deshalb 1441 auf dem Florentiner Konzil erscheinen, wo
eine vorlufige Ausgleichung zwischen beiden Kirchen stattfand. Schon im
folgenden Jahre erschienen neue Bevollmchtigte auf dem lateranischen
Konzil zu Rom, um den Ausgleich zu besttigen und dringend aufs neue um
Hlfe zu bitten. Diese jedoch verzgerte sich und an ihre Stelle trat nach
langem Briefwechsel 1490 eine von Knig Johann II. an Knig Eskander von
Abessinien geschickte Gesandtschaft, welche mit den grten
Ehrenbezeugungen aufgenommen wurde. Dabei blieb es aber vor der Hand und
die Muhamedaner rckten immer mehr gegen die Abessinier an. Im Jahre 1527
wurde der Hafenplatz Massaua von den Trken eingenommen und von diesen mit
dem an der Kste herrschenden Dankali-Knige _Muhamed Granje_, dem
"Linkshndigen", ein Bndni abgeschlossen, welches den Zweck hatte,
Abessinien gnzlich zu unterwerfen und an die Stelle des Evangeliums den
Koran zu setzen. Granje, dessen Vter von den abessinischen Knigen mit
dem Schwerte erschlagen worden waren, hatte blutige Rache geschworen und
fiel gleich einem reienden Strome mit einem zahlreichen Heere in das Land
ein. Durch den gelben Sand der drren Adalebenen und die glhend heien
Gestadelnder ziehend, stieg er hinauf in die khleren, gesegneten
Berglandschaften Schoa's, alles vor sich niederwerfend, sengend und
brennend. Weit und breit dampfte das Land vom Blute der Erschlagenen;
nicht Weib noch Kind wurde geschont, die Kirchen und Stdte, darunter der
Knigssitz Axum, wurden niedergebrannt, die knigliche Familie aus ihrer
Felsenburg Endoto verjagt und flchtig von dannen getrieben. Damals war
es, da die nur mit Schwertern und Lanzen bewaffneten Abessinier zum
ersten male den Feuerwaffen der Muhamedaner begegneten, vor deren
ungewohntem Klange sie davoneilten, wie gescheuchte Rehe des Waldes. Die
Muhamedaner aber ergossen sich ber das wehrlose Land, verbten die
grten Greuel und waren eben im Begriffe, sich dauernd dort
niederzulassen, als die lngst erwartete Hlfe aus Portugal eintraf.

Don _Christoph da Gama_, ein Verwandter des berhmten Vasco da Gama, kam
mit einer kleinen portugiesischen Flotte in Massaua an und landete mit 400
wohlgersteten Kriegern, mit denen er rasch nach Tigri eilte, sie dort
mit den Resten der geschlagenen abessinischen Armee vereinigte und nun
muthig den Streitern des Islams entgegenfhrte. Das erste grere Gefecht
der Portugiesen gegen die Muhamedaner verlief unglcklich. Da Gama wurde
verwundet und flchtete in eine Hhle, wo ihn eine muhamedanische Sklavin
von auerordentlicher Schnheit, welche er als Dienerin mit sich fhrte,
ihren Glaubensgenossen verrieth. Er wurde vor Granje gefhrt, welcher ihm
eigenhndig mit der linken Hand den Kopf abschlug, der nach Konstantinopel
gesandt wurde, whrend die Stcke des geviertheilten Krpers nach
verschiedenen Gegenden Arabiens wanderten. Die Portugiesen, anfangs durch
den Verlust ihres Feldherrn bestrzt gemacht, rafften sich indessen von
neuem auf, schlugen die Muhamedaner, tdteten Muhamed Granje und setzten
den rechtmigen Knig Claudius (Galaudios) wieder in den Besitz seines
Thrones.

Nichts umsonst! So lautete damals schon der Wahlspruch, und die
Portugiesen, die ihr Blut nicht ohne Gewinn verspritzt haben wollten,
traten nun mit zwei Forderungen auf. Zunchst verlangten sie den dritten
Theil des Landes und dann unbedingte Unterwerfung der thiopischen Kirche
unter den rmischen Papst. Die Abessinier sahen ein, da sie einen Feind
losgeworden, dafr aber einen andern, kaum minder schlimmen, aufs neue
sich zugezogen hatten. Claudius, welcher sich in seinem Glauben nicht irre
machen lie, auch der Portugiesen jetzt nicht mehr zu bedrfen glaubte,
verweigerte beide Forderungen kurzweg und holte einen neuen Abuna
(Vorstand der thiopischen Kirche) aus Alexandrien, whrend er den
rmischen Geistlichen, an deren Spitze _Bermudez_ stand, befahl
heimzukehren. Die Portugiesen waren aber weit davon entfernt, so ohne
weiteres die Frchte ihres Sieges aufzugeben. Im Jahre 1555 kam eine
Jesuitenmission in Abessinien an, welcher bald darauf eine zweite unter
dem Bischofe Orviedo folgte, aber alle ihre Anstrengungen waren
vergeblich, indem Knig Claudius selbst ber Glaubenssachen mit Orviedo
disputirte, ihn zu widerlegen suchte und, als dieser darauf die ganze
abessinische Kirche in den Bann that, ihn mit seinen Genossen aus dem
Lande verwies. Nur mit Widerstreben gehorchten die Patres, die nach Japan
versetzt wurden, wo sie, anfangs zu Einflu gelangend, auch spter wieder,
wegen ihrer Einmischung in die Regierung des Landes, vertrieben wurden.
Von Indien aus versuchten es die Jnger Loyola's nun zu wiederholten
Malen, in Abessinien festen Fu zu fassen, bis es ihnen endlich zur Zeit
der Regierung des Knigs _Sosneos_ (Seltan Seggad) gelang, sich
festzusetzen. Unter diesem Knige, der auerordentlich viel auf eine
Verbindung mit Portugal gab, wurde auf Betreiben der Jesuiten die rmische
Kirche fr die alleinseligmachende erklrt, die bisherigen abweichenden
Lehren und Gebruche abgeschafft und die Einfhrung des rmischen
Gottesdienstes und Glaubens im ganzen Reiche eifrig betrieben. Vergeblich
warnten den Knig seine Freunde, flehten seine Geistlichen mit dem
hundertjhrigen Abuna Simeon an der Spitze, den Eingebungen der Jesuiten
nicht zu folgen und treu am Glauben der Vter festzuhalten. Wer nicht
wollte, mute gehorchen oder des kniglichen Mifallens und schwerer
Strafen gewrtig sein. Allein aufgestachelt von den Priestern lie das
Volk die Glaubenstyrannei sich nicht gefallen und griff zu den Waffen, um
die alte Religion zu vertheidigen. Der Knig, durch die fanatischen
Jesuiten immer mehr angefeuert, schickte den Scheftas (Rebellen) ein
mchtiges Heer unter dem Oberbefehl seines Bruders entgegen, dem es auch
bald gelang, die Revolution blutig niederzuwerfen. Dieser Sieg veranlate
das Einstrmen zahlreicher portugiesischer Geistlichen, die, den
Erzbischof _Mendez_ an der Spitze, nun mit dem grten Eifer fr
Ausbreitung des Katholizismus in Abessinien Sorge trugen. In einer
feierlichen Versammlung wurde das alexandrinische Bekenntni fr
abgeschafft erklrt und jeder mit dem Bannfluche belegt, der sich der
neuen Ordnung nicht fgte.

Die Herrschaft der Jesuiten ruhte nun schwer auf dem Lande, und vor ihrem
Fanatismus blieben nicht einmal die Grber verschont. Einer der
vornehmsten Priester, der sich der neuen Ordnung nicht gefgt hatte, starb
und wurde auf dem Kirchhofe begraben; auf Befehl des Erzbischofs Mendez
grub man jedoch die Leiche aus und warf sie den Hynen vor. Diese und
hnliche Handlungen erweckten die Wuth des Volkes aufs neue, und wiederum
brach eine Emprung aus, diesmal mit dem Zwecke, _Melea Christos_, einen
Vetter des Knigs, auf den Thron Abessiniens zu erheben. Die zahlreiche
Armee des Sosneos wurde nun geschlagen und dieser zu einer Vermittelung
zwischen dem alten und neuen Glauben gezwungen. Erzbischof Mendez
gestattete, da die alte Liturgie und die alten Festtage wiedereingefhrt,
sowie die Feier des Sonnabends neben dem Sonntage geduldet wurde. Mit
Ausnahme der Einwohner der Provinz Lasta ergaben sich alle Abessinier
hierein; jene aber, die konservativsten unter allen, zogen 20,000 Mann
stark den Kniglichen entgegen, wurden aber namentlich durch die aus Galla
bestehende Reiterei des Sosneos geschlagen, soda 8000 tapfere Mnner von
Lasta mit ihren blutigen Leichen das weite Schlachtfeld deckten. Gegenber
diesem Anblick, bei den verstmmelten Krpern ihrer dahingeopferten
Brder, die fr den alten Glauben gefallen waren, erweichte das Herz der
Sieger und, den Kronprinzen _Fasilides_ an der Spitze, ging - was wol
einzig in der Kriegsgeschichte dastehen drfte - der Sieger zu dem
Besiegten ber, dessen Sache zur seinigen machend und den Knig Sosneos
zwingend, zur Religion der Vter zurckzukehren. Nach diesem Siege, der
zur Niederlage des Katholizismus wurde, durchzog ein Herold das Land,
welcher laut verkndigte: "Hrt, hrt! Frher haben wir euch den rmischen
Glauben empfohlen, in der Meinung, da er der wahre sei. Da aber groe
Scharen unserer Unterthanen fr den alten Glauben ihrer Vter das Leben
geopfert haben, so soll auch die freie Ausbung desselben wieder gestattet
sein. Eure Priester mgen ihre Kirchen wieder in Besitz nehmen und darin
dem Gott ihrer Vter dienen."

Damit war der Untergang des Katholizismus besiegelt; laut jubelnd strmten
die Abessinier in die alten Gotteshuser, und als im Jahre 1632, nach dem
Tode des Knigs Sosneos, dessen Sohn Fasilides an die Regierung kam, waren
auch die Stunden der Jesuitenvter gezhlt. Sie wurden zunchst in das
Kloster Mai Goga bei Adoa verbannt, flchteten aber von hier vor den
Verfolgungen des Pbels. Mendez selbst gerieth auf der Flucht zu Sauakin
in die Sklaverei und statt seiner nahm wieder ein Abuna aus Alexandrien
den hchsten Kirchensitz zu Gondar ein. Ist auch die Invasion der
Portugiesen, die Herrschaft der Jesuiten ber das Land nicht ohne Einflu
in kulturhistorischer Beziehung geblieben, so wurde doch ein guter Theil
des Volks und Reiches in den inneren Zwisten dem Ruin zugefhrt.

In der folgenden Periode regierten bis 1753 acht Knige, mehr oder minder
krftig, die aber alle nicht hindern konnten, da die Macht der Huptlinge
wuchs, die Herrscherwrde im Ansehen immer mehr sank und das Reich sich
unaufhaltsam in seine Theile auflste, soda allmlig die drei Staaten
_Amhara_ in der Mitte, _Tigri_ im Norden, _Schoa_ im Sden sich unter
eigenen Frsten herausbildeten, die den ohnmchtigen Knig im Palaste zu
Gondar nur dem Scheine nach anerkannten. Unter Knig _Joas_ (1753-1769)
hatte der Statthalter von Tigri, der furchtbare _Ras Michael_, als eine
Art von Major Domus die ganze Macht an sich gerissen, den Kaiser umbringen
lassen und dessen bejahrten Grooheim, Johannes, gleich einer Puppe auf
den Thron erhoben, und als dieser fnf Monate spter starb, dessen jungen
Sohn Tekla Haimanot II. zu seinem Nachfolger ernannt. Jene Zeiten, die uns
Bruce mit groer Anschaulichkeit als Augenzeuge schildert, bilden eines
der blutigsten Bltter in der Geschichte Abessiniens.

  [Illustration: Krieger von Schoa. Nach Harris.]

Sturz und Erhebung, Brgerkrieg und Mord wechseln miteinander ab und die
Menge der auftretenden Namen, der unzufriedenen Huptlinge, der ermordeten
Statthalter ist geradezu verwirrend. Durch stete Treulosigkeit suchten
sich die abessinischen Huptlinge gegenseitig zu berlisten, wobei ihnen
meist eheliche Verbindungen als Deckmantel dienten, um das unglckliche
Land fortwhrenden Verheerungskriegen preiszugeben, welche stets nur zur
Befriedigung des individuellen Ehrgeizes, niemals aber im Interesse des
Reiches gefhrt wurden. Durch so viele Vernderungen und durch die
bestndigen Brgerkriege war die Herrschermacht so in Verfall gerathen,
da das Knigthum nur noch in dem Palaste des jeweiligen Knigs zu Gondar
thatschlich bestand, auerhalb desselben aber so wenig, da die meisten
der nominellen Unterthanen _nicht einmal den Namen des Herrschers
kannten_. Die Existenz des Knigs war nur eine Aegide fr den _Ras_ oder
Protektor des Reiches, der nur durch Erhebung eines Knigs auf seinen
Thron und durch Beschtzung desselben seine eigene Wrde erhielt, sonst
aber ganz nach seinem eigenen und seiner Groen Gutdnken schaltete. Unter
ihm standen die vielen Reichsvasallen, die Provinzial-Gouverneure, deren
Wrde erblich ist, die aber ebenfalls so viel Unabhngigkeit zu erstreben
suchten, als sie nur konnten. Jeder Gouverneur war verpflichtet, bei
militrischen Expeditionen seinem Obern mit so vielen Soldaten zu Hlfe zu
eilen, als er selbst unterhalten konnte, und sein brgerlicher Rang im
abessinischen Staatskrper wurde nach der Stelle bestimmt, die ihm im
Heere, d. h. im kniglichen Lager und auf dem Marsche angewiesen wurde.

Vorzglich aber hatten diese Statthalter das Recht sich angemat,
Gegenkaiser zu ernennen und die ihnen miflligen Thronbesitzer zur
Abdankung zu zwingen. Da sie berdies noch die Tributzahlungen
einstellten, wurde das Ansehen und die Macht der Knige so herabgewrdigt,
da sich das Einkommen derselben zu Anfang unseres Jahrhunderts auf
dreihundert Thaler belief. Welche Civilliste fr einen Herrscher
Aethiopiens! Um sich aber von der Wandelbarkeit der abessinischen
Knigswrde eine rechte Vorstellung machen zu knnen, sei hier bemerkt,
da seit dem Abdanken des Knigs Tekla Haimanot II. (1778) bis zum Jahre
1833 vierzehn verschiedene Frsten zweiundzwanzigmal als Knige in Gondar
auf dem Throne gesessen haben. Ein Nebenstck hierzu finden wir allerdings
in den sogenannten Republiken Sdamerika's, wo der Prsidentenstuhl nicht
minder hufig wechselt.

Nachdem der erwhnte Ras Michael durch den Statthalter der Provinz Lasta,
_Wend Bowosen_, am 4. Juni 1771 besiegt und gefangen worden war,
bemchtigte sich der Befehlshaber von Tembin, _Kefla Jesus_, der Provinz
Tigri. Derselbe bat, um sich in seinem Besitzthum mglichst zu
befestigen, seinen Verbndeten, den Wend Bowosen, ihren gemeinschaftlichen
Gegner, den furchtbaren Ras Michael, der zu Dobuko gefangen sa, aus der
Welt zu schaffen; allein jener that das Gegentheil: er setzte den
Gefangenen in Freiheit und machte ihn mit dem Plane des Kefla Jesus
bekannt. Ergrimmt zog nun der alte tapfere Ras Michael mit wenigem Gefolge
nach Tigri, und fast die ganze Armee seines Gegners Kefla Jesus ging zu
ihm, ihrem alten General, unter dem sie so oft gesiegt hatte, ber. Jener
wurde hierauf gefangen und von Ras Michael 1772 aufs grausamste ums Leben
gebracht, der auch bis zu seinem 1779 erfolgten Tode ber Tigri herrschte
und seinen Sohn _Ras Walda Selassi_ zum Nachfolger erhielt; dieser Frst,
welcher aus den Erzhlungen der englischen Reisenden Salt und Pearce
bekannt geworden ist, regierte, wiewol keineswegs ungestrt, bis zum Mai
1816 ber Tigri; nach seinem Tode war das Land sechs Jahre in einem
hchst anarchischen Zustande, indem nicht weniger als vier Huptlinge
nacheinander um die Obergewalt kmpften. Im Jahre 1822 gelang es
_Sabagadis_, dem Statthalter der Provinz Agami, sich in der Obergewalt zu
befestigen und ber acht Jahre lang in Tigri zu regieren. Er soll damals
den khnen Gedanken gefat haben, sich die Alleinherrschaft in Abessinien
zu erringen, wozu er wahrscheinlich durch verschiedene bei ihm befindliche
Europer veranlat wurde. Allein auch er theilte das Schicksal seiner
Vorgnger und erhielt in _Ubi_, einem talentvollen, khnen und grausamen
Manne, einen noch weit bedeutenderen Nachfolger. Ubi war der
Schwiegersohn des Sabagadis und Detschasmatsch der gebirgigen Provinz
Semin; das hinderte aber den Schwiegervater nicht, gegen ihn, dessen
aufstrebende Macht er frchtete, zu intriguiren. Vereinigt mit Ras Maria,
dem Befehlshaber der Provinzen Begemeder und Dembea, rckte nun Ubi an
den Takazzi, schlug dort am 15. Februar 1831 seinen Schwiegervater
Sabagadis vollstndig und lie ihn am folgenden Tage hinrichten. Whrend
nun Ubi von den Groen zu Axum als Herr Tigri's ausgerufen wurde,
kmpfte der ltere Sohn des Sabagadis, Walda Michael, gegen ihn fort, doch
ohne Erfolg; er wurde gleichfalls getdtet, und auch der zweite Sohn,
Kassai, mute sich Ubi ergeben. Aber Kassai blieb nicht treu, sondern
versuchte abermals zu rebelliren. Um ihn fester an sich zu knpfen,
schenkte ihm Ubi im Sptjahre 1836 seine siebenjhrige Tochter zur Frau,
sowie ein bedeutendes Gebiet in Tembin zur Mitgift und lie sich dabei
alle Hauptanhnger Kassai's nennen, die in Verwahrsam gebracht wurden. Als
darauf Kassai 1838 wieder rebellirte, zog Ubi mit einer bedeutenden Armee
gegen ihn, schlug ihn und setzte ihn in einer Bergveste gefangen, wo seine
Frau nicht von ihm wich. Dann befestigte sich seine Macht immer mehr und
erreichte ihren Gipfel durch den Fall Balgadaraia's, eines mchtigen
Frsten in Ost-Tigri, der zeitweise die Abwesenheit Ubi's zu raschen
Verheerungs- und Raubzgen bis nach Adoa und zum Takazzi benutzte. Im
Jahre 1850 stellte sich Balgadaraia freiwillig dem Ubi und wurde von
demselben mit Lndereien belehnt.

Im centralen Staate Abessiniens, in Amhara, regierte unterdessen nicht
minder gewaltig, doch mit weniger Glck, _Ras Ali_, welcher die ganze
Herrlichkeit an sich gerissen hatte und den Knig oder Kaiser _Saglu
Denghel_ noch mehr zur Unbedeutendheit herabdrckte, als dieses bisher mit
den Herrschern geschehen war. Fr seinen Lebensunterhalt waren diesem
Herrscher ber Abessinien nur 300 Maria-Theresia-Thaler jhrlich
geblieben, welche die in Gondar wohnenden Muhamedaner als eine Art
Kopfsteuer zu entrichten hatten. Mit dieser unbedeutenden Summe und dem
Betrage einiger wenigen zufllig eingehenden Strafgelder mute die ganze
Hofhaltung bestritten werden. Die hierdurch entstehende groe finanzielle
Bedrngni, bei welcher der Titularknig des Reiches kaum die nthigsten
Mittel zur Anschaffung seiner Nahrung hatte, war es wol, welche Saglu
Denghel auf den Gedanken brachte, da, da in Abessinien der Herrscher
zugleich als das hchste Haupt der Landeskirche angesehen wird, er auch
das Recht haben msse, diejenigen Schenkungen, welche seine Vorfahren in
glcklichen Zeiten der Kirche gemacht hatten, jetzt, da der Thron dieselbe
zu seinem eigenen Bestehen nothwendig habe, wenigstens theilweise
zurckzuverlangen. Er erklrte dieses im Anfange des Jahres 1833 den in
Gondar anwesenden Geistlichen, brachte aber dadurch den ganzen Klerus
gegen sich auf - also genau so wie bei uns, wenn z. B. ein Knig von
Italien die Kirchengter zum Besten des Landes einzieht, nur mit anderm
Erfolge. Da Soldaten sich der Einknfte vieler Kirchengter bemeisterten,
hatte man freilich geschehen lassen mssen, weil es nicht verhindert
werden konnte; aber in die Schmlerung der kirchlichen Revenuen als etwas
Gesetzliches von freien Stcken einzuwilligen, dazu war die abessinische
Geistlichkeit ebenso wenig zu bewegen, wie irgend ein Klerus Europa's.
Smmtliche Geistliche von Gondar verfgten sich also zum Kaiser und
protestirten energisch gegen die Neuerung, ja, sie fingen sogar an, die
Kirchen zu schlieen und jegliche geistliche Funktion einzustellen,
worber besonders die alten Frauen in Bestrzung geriethen. Am 19. Januar
1833 begab sich die ganze Geistlichkeit in feierlichem Aufzuge zum
Protektor Ras Ali nach Fangia und bat denselben dringend, dem Saglu
Denghel die Knigswrde zu nehmen, weil er sich derselben durch die
Einfhrung ketzerischer Neuerungen in dem zwischen Staat und Kirche
bestehenden Verhltnisse unwrdig gemacht habe. Solche Versuche, fgten
sie hinzu, wrden ohne allen Zweifel den Ruin des Reiches nach sich ziehen
und von jeher sei ja auch ein Angriff auf die geistlichen Rechte von allen
Synoden als verdammenswerth anerkannt worden. Indem wir diese uns von
Rppell, der als Augenzeuge spricht, mitgetheilten Einzelheiten lesen,
kommt es uns vor, als sei hier etwa von Oesterreich und dem Jahre 1867 die
Rede, wo beim Streite ber die Aufhebung des Konkordates der Klerus der
Regierung gegenber die nmliche Sprache, die nmlichen Argumente
gebrauchte. So sehr gleicht sich die Geistlichkeit in allen Theilen
unserer Erde.

Der Klerus erreichte seinen Zweck vollkommen, denn Ras Ali schickte
sogleich einen seiner Offiziere mit dem Befehle nach Gondar, da der Knig
augenblicklich das Schlo verlasse und die Krone niederlege, fr welche er
bei seiner Rckkehr von einem Kriegszuge einen Wrdigeren ernennen werde,
und diesem Befehle wurde ohne die mindeste Widersetzlichkeit Folge
geleistet. So endete die nominelle Herrschaft Saglu Denghel's nach einer
Dauer von nur vier und einem halben Monate und so gingen damals die
Protektoren mit dem "Knige" um. Ras Ali wies dem abgesetzten Herrscher
ein kleines Dorf in der Nhe des Tanasees als zuknftigen Wohnsitz und die
geringen Einknfte desselben zu seinem ferneren Unterhalte an. Lange Zeit
blieb der Thron unbesetzt, und die folgenden Knige sind auch nur von
chronologischem Interesse, da eine Bedeutung ihnen nicht mehr zukam und
das Land in der That aus drei gnzlich getrennten Staaten, aus Schoa unter
Knig Sahela Selassi, Amhara unter Ras Ali und Tigri unter Ubi bestand.
Im Verfolge unseres Werkes werden wir noch oft Gelegenheit haben, diese
drei Theilfrsten zu erwhnen, von welchen namentlich der erstere und der
letztere unser Interesse um deswillen in Anspruch nehmen, weil sie mit den
Europern in nahe Verbindungen traten und von verschiedenen Reisenden
aufgesucht wurden. Ubi, etwa im Jahre 1800 geboren, war, nach Rppell's
Bericht, ein Mann von hagerer Statur und mittlerer Gre; in der Kopfform
und Krperhaltung sprach sich ein gewisser Adel aus und seine schnen
lebhaften Augen verriethen Geist und Gewandtheit; seine Gesichtsfarbe war
gelbbraun; sein schngelocktes Haar kurz verschnitten. Man rhmte ihm
Tapferkeit, Gromuth, Freigebigkeit und Gerechtigkeitsliebe nach. "Die
Art, wie er den Frieden in Tigri herzustellen und zu befestigen suchte,"
sagt Rppell, "giebt eine offene und loyale Handlungsweise zu erkennen,
wie sie die jetzigen Abessinier leider nicht verdienen." Auch mit Hlfe
der Geistlichkeit suchte er seine Macht zu befestigen. Denn schon seit
vierzehn Jahren war der Sitz des Metropoliten von Abessinien verwaist, als
Ubi im Jahre 1841 mehr aus politischem als kirchlichem Interesse in _Abba
Salama_ einen neuen Abuna (Erzbischof) aus Kairo holen lie. Er hatte
schon lngst darauf gesonnen, Ras Ali zu strzen und durch Einsetzung
eines neuen Knigs auf den Thron von Gondar sich selbst zum Ras oder
Protektor des Reiches, also zum obersten Machthaber des ganzen Landes, zu
erheben. Der Abuna sollte durch seinen Einflu auf die Kirche seine Macht
verstrken und wol auch den neuen Knig salben, zu welchem der Prinz Tekla
Georgis bestimmt war, der jedoch bald starb.

Allein keiner von beiden Rivalen, weder Ubi noch Ras Ali, sollte auf den
alten Thron Abessiniens gelangen, - die Herrschaft fiel einem dritten zu,
der, vom Glcke begnstigt, mit Thatkraft ausgerstet, wenigstens
zeitweilig dem grauenhaften Zustande ein Ende machte, welcher seit langem
das Land zerfleischte und Rppell die Worte abdrngte: "Ich mu gestehen,
da bei dem jetzigen gesetzlosen Zustande des ganzen Landes nicht der
geringste Hoffnungsstrahl einer sittlichen Regenerirung der Nation
leuchtet und da der vollkommene Mangel einer krftigen Regierung das
Haupthinderni dabei ist und um so schwerer zu beseitigen sein wird, da
gegenwrtig auch nicht eine einzige Fraktion des Volkes an die Herstellung
einer solchen denkt. Der letzte Schatten eines gemeinsamen politischen
Oberhauptes ist mit der Absetzung des Kaisers Saglu Denghel geschwunden.
Die Geschichte der letzten sechzig Jahre zeigt eine vollkommene politische
Auflsung des Landes und dreht sich blos um die Huptlinge, welche in den
verschiedenen Provinzen, als gleichsam voneinander unabhngigen Staaten,
sich zu unumschrnkten Herrschern aufwarfen, durch List und Khnheit ihre
Nebenbuhler verdrngten und dann meistens selber wieder durch
Treulosigkeit ihrer Verbndeten gestrzt wurden. So herrschen denn
fortwhrend Brgerkriege, welche in der Regel keinen andern Zweck haben,
als einen durch Versprechungen und Eidschwre eingeschlferten Gegner zu
verdrngen, und die Bewohner einiger Distrikte, die in einem kurzen
Frieden etwas Eigenthum erlangt haben, auszuplndern. Die nothwendige
Folge davon ist eine stets zunehmende Verarmung; das Grundeigenthum hat
beinahe gar keinen Werth mehr; der Ackerbau wird immer mehr
vernachlssigt; die Viehherden sind ungemein zusammengeschmolzen und der
Verkehr ist wegen der groen Unsicherheit oft ganz unterbrochen."

Rppell bezieht diese Worte auf das Jahr 1833; allein sie hatten noch
Geltung in der Mitte dieses Jahrhunderts; der traurige Zustand des armen
Landes und Volkes, das nach Erlsung aus diesen Uebeln jammerte, war bis
dahin und ist auch noch heute derselbe.

Auf eine Hoffnung aber baute seit alten Zeiten jedermann in Abessinien.
Nach der Tradition sollte ein Knig _Theodoros_ erscheinen, um dem Lande
den ewigen Frieden zu bringen. Dieser Theodoros regierte einst schon im
15. Jahrhundert und ward heilig gesprochen; aber wie unser Barbarossa wird
er, so glaubt der Abessinier, wiederkehren zu seiner Zeit, um das Reich
des ewigen Friedens in Aethiopien einzufhren. An der Spitze seiner
Scharen wird er das heilige Grabmal den Hnden der Unglubigen entreien,
die Trken aus Europa in ihre ursprngliche asiatische Wildni
zurcktreiben, Mekka und Medina zerstren und die ganze muhamedanische
Religion von der Erde vertilgen. Wo er hinkommt, weilt der Friede, und
Jerusalem wird der Hauptsitz der abessinischen Kirche, welche sich dann zu
Glanz und unerhrter Blte entfalten wird. - -

Wohl kam der Held, der den Thron bestieg, allein der ersehnte Friede blieb
aus. Theodoros II., der Sohn einer armen Frau, vereinigte das Reich wieder
in seiner starken Hand und hob es zu einer Stellung, wie zuvor nie.

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Ueber die Verfassung Abessiniens knnen wir kurz berichten. Der Herrscher
(Kaiser oder Knig) fhrt den Titel _Negus_ oder _Negus Nagast za
Aitiopija_, d. h. Knig der Knige von Aethiopien. Die Residenz war in der
lteren Zeit zu Axum; gegen Ende des 13. Jahrhunderts, als die alte
salomonische Dynastie wieder zur Regierung kam, eine Zeit lang zu Tegulet
in Schoa, spter zu Gondar, wenn auch das ehrwrdige Axum noch immer
Krnungsort blieb. Allein der dstere Palast, den die Jesuiten zur Zeit
des Knigs Fasilides in Gondar errichtet hatten, behagte den Herrschern
nicht, die lieber in ihrem rothen Zelte im freien Feldlager residirten und
dort ihre Einknfte an Herden, Getreide, Gold, Zeugen in Empfang nahmen,
whrend sie die Zlle und Wegegelder den Verwaltern der Provinzen
berlieen. Im Grunde aber war der Negus Herr des ganzen Landes; er konnte
nach Belieben jedem Verwalter seinen Grund und Boden nehmen, um denselben
einem andern zu schenken, und von dieser Macht haben die Knige auch
fortwhrend reichlich Gebrauch gemacht. Ihre Macht war in der That
unumschrnkt, und nur ber gewisse, durch Jahrhunderte alte Sitten und
geheiligte Fundamentalordnungen wagten auch sie sich nicht wegzusetzen.
Ein Adel existirte dem Namen nach; doch nur die Mitglieder des kniglichen
Geschlechtes erschienen bevorzugt, wenn auch die Brder des Herrschers bis
ins vorige Jahrhundert hinein in Staatsgefngnissen gehalten wurden, um
keine Intriguen anzetteln zu knnen. Ein besonderes Ministerium gab es
nicht, wohl aber zahlreiche Hof- und Staatsmter. Welche Rolle die
Gouverneure und Majordomen (Ras) spielten, zu welchem Ansehen sie
gelangten und wie sie ihre Gewalt an Stelle der Knigsmacht setzten, wurde
bereits gezeigt.

Nchst dem Ras war frher der mchtigste Gouverneur der von Tigri, der
den Titel Lika Kahenat (Hoherpriester) und Nabr Id als Hter der
Bundeslade in Axum fhrte. Der hchste Wrdentrger ist gegenwrtig der
Herzog oder _Detschasmatsch_ (Dadjazmatsch, Djeaz, Djeatsch, Kasmati). Das
Wort bedeutet eigentlich einen, "der an der Thre kmpft", um anzudeuten,
da im kniglichen Heerlager dieser Wrdentrger mit seinen Truppen die
Stelle vor der Thre des kniglichen Zeltes hat und sich an die Leibgarde
des Herrschers anschliet. Auf den Detschasmatsch folgt der _Fit Auri_,
der Fhrer der Avantgarde. Er zieht mit seinen Truppen dem Heere
rekognoscirend voran und lagert sich zwischen diesem und dem Feinde oder,
wenn kein Feind da ist, in der Vorhut des Lagers. Niedere Wrdentrger
sind der Kanjasmatsch, der mit seinen Truppen zur Rechten des kniglichen
Zeltes lagert, und der Gerasmatsch zur Linken desselben. Neben diesen
kriegerischen Wrden gab es auch friedliche. Bei Hofe war eine Anzahl
gelehrter Mnner, Lik geheien, die zusammen eine Art Gerichtshof bildeten
und mit deren Hlfe schwierige Flle entschieden wurden. Die Justiz war
von der Verwaltung nicht geschieden und das Gesetzbuch _Feta Negust_,
d. h. Richtschnur der Knige, umfate das weltliche und kanonische Recht.

  [Illustration: Knig Salomo (abessinische Malerei). Nach Harris.]

Dies ist in kurzen Umrissen die politische Geschichte Abessiniens, die zu
derjenigen der europischen Staaten nicht in der geringsten Beziehung
stehen wrde, wre das Land nicht ein christliches Reich. Gerade aber dem
Christenthum verdankt es das Interesse, welches fr dasselbe stets im
Abendlande wach war und welches eine Reihe ausgezeichneter Forscher und
Missionre nach jenem bergigen Lande in Nordostafrika wallfahrten lie, um
uns Kunde von seinen Wundern, seinen Naturschnheiten, seinen Bewohnern
und deren Religion zu bringen.

Sehen wir ab von der schon erwhnten Fahrt des _Kosmas __Indikopleustes_,
eines christlichen Kaufherrn aus Alexandria, welcher im 6. Jahrhundert die
Bai von Adulis besuchte und dort eine wichtige Inschrift kopirte, die er
in seiner "_Topographia christiana_" verffentlichte, so treffen wir
zunchst wieder im Dogenpalast zu Venedig in dem Weltbilde des _Fra Mauro_
(15. Jahrhundert) auf ein Gemlde Abessiniens von wunderbarer Treue. Nicht
blos kennt der Venetianer den rechten Nebenflu des Nil, den Takazzi,
unter seinem wahren Namen, sondern er zeigt uns auch den spiralfrmig
gekrmmten Lauf des Blauen Nil, den er mit seinem abessinischen Namen Abai
bezeichnet. Mehrere abessinische Landschaften, wie Gozan, Bagamidre
(Begemeder), Hamara (Amhara) und Saba (Schoa), kommen bereits bei ihm vor.
Auch die Kstenstriche des Osthorns von Afrika waren ihm wohlbekannt. In
die Nhe der Bab el Mandeb verlegt er die Sitze der Danakil, die Stadt
Zeyla und den Landstrich Adal. Er zeichnet uns dann den Lauf des Awasi
(Hawasch), in dessen Nhe er die Stadt Hrrr setzt.

Im 13. Jahrhundert unterhielt man von Rom aus einen schriftlichen Verkehr
mit dem christlichen Abessinien und seit 1243 hren wir auch von
Missionen, die dorthin entsendet wurden. _Marino Sanuto_ machte deshalb zu
Beginn des 14. Jahrhunderts die Christen Europa's aufmerksam, wie ntzlich
ein Bndni mit den Glaubensgenossen in Nubien oder Habesch bei einem
Kreuzzuge gegen Aegypten sein mte. Seit der Mitte jenes Jahrhunderts
wurde auch auf die abessinischen Knige der Titel des _Erzpriesters
Johannes_ bertragen und die Kunde von einem angeblich mchtigen
Christenreich im Morgenlande vom chinesischen Himmelsgebirge pltzlich
nach den Alpenlndern am Blauen Nil verlegt. Botschafter dieser
Erzpriester erreichten nicht blos die rmische Kurie, sondern auch andere
europische Hfe, und die von ihnen eingezogene Kunde wurde getreulich auf
den Karten niedergelegt. Als daher die Portugiesen unter _Prinz Heinrich
dem Seefahrer_ im 15. Jahrhundert ihre afrikanischen Entdeckungsreisen
antraten, war das ferne christliche Reich, das die Geographen jener Zeit
das "dritte Indien" nannten, das uerste Ziel, welches sie anfnglich ins
Auge faten und auf dem Wege des fabelhaften "Goldflusses", der ganz
Afrika der Quere nach durchstrmen sollte, zu erreichen hofften.

Spter, als der Seeweg nach Ostindien gefunden war und die Portugiesen
sich dort festgesetzt hatten, beschifften sie auch das Rothe Meer und
gelangten am 16. April 1520 nach Massaua, dem Ausfuhrhafen der Abessinier.
Dort erreichten sie also das ursprngliche Ziel des Infanten Heinrich, des
Seefahrers, das Reich des afrikanischen Erzpriesters Johannes. Statt einer
mchtigen Herrschaft, wie sie erwartet hatten, fanden sie aber nur ein
beschrnktes, in ihren Augen rmliches Gebiet, rohe Bewohner und ein
verwahrlostes Christenthum.

Die bald darauf folgende portugiesische Invasion und die Bemhungen der
Jesuiten, die Abessinier zur katholischen Kirche zu bekehren, wurden
bereits oben erwhnt. Durch die Berichte der Jesuiten-Missionre erhielt
man dann die erste ausfhrliche Kunde von den Glaubensbrdern im Innern
Afrika's und ihrem Lande. Viele wichtige Nachrichten gelangten namentlich
durch die Reise des _Alvarez_ (1520-1526) zu uns, der ganz Aethiopien
durchpilgerte und sdwrts in ferne, noch jetzt beinahe unerforschte
Gegenden vor mehr als 300 Jahren gedrungen ist. _Bermudez_ hat uns einen
kurzen Bericht ber seine Gesandtschaftsreise (1555) hinterlassen;
ausfhrlicher sind die fast gleichzeitigen _Barreto_ und _A. Orviedo_,
ferner _Paez_ (1618), _Ameida_, _Mendez_ (1625) und endlich _P. Lobo_, der
1640 nach Europa zurckkehrte.

Nun sollten auch die Deutschen ihren Theil an der Erforschung oder
vielmehr Bekanntmachung Abessiniens haben. Im Jahre 1681 erschien zu
Frankfurt am Main ein glnzendes literarisches Meisterstck deutscher
Gelehrsamkeit, _Hiob Leutholf's_ (Ludolf's) klassische "_Historia
aethiopica, sive brevis et succincta descriptio regni Habessinorum, quod
vulgo male Presbyteri Joannis vocatur_", welcher noch mehrere Kommentare
und Anhnge folgten. Die Natur des Landes und seine Einwohner, die
Geschichte, die Religion und kirchlichen Verhltnisse, die Literatur
Abessiniens werden darin ausfhrlich behandelt. Groe Hlfe bei der
Ausarbeitung seiner Werke erhielt Leutholf von dem amharischen Patriarchen
_Abba Gregorius_, der kurze Zeit am Hofe des Herzogs Ernst von
Sachsen-Gotha weilte und dessen Portrt in dem Kommentar mitgetheilt ist.
Die Kleidung der Einwohner, Abbildungen der Pflanzen und Thiere, der
Alterthmer des Landes sind in einer fr die damalige Zeit sehr treuen
Wiedergabe in den Werken Leutholf's enthalten, der uns auch die
Korrespondenz der abessinischen Knige mit den Knigen Spaniens, ein
Verzeichni thiopischer Manuskripte, Gebete und Liturgien, den
abessinischen Kalender u. s. w. bermittelt hat und dessen Werk fast ein
Jahrhundert lang die vorzglichste Quelle ber Abessinien blieb. Kurz
darauf, nachdem Leutholf seine thiopische Historie verffentlicht hatte,
durchzog 1698 der franzsische Arzt _Poncet_ das ganze Land, indem er, von
Sennar ausgehend, ber Amhara und Tigri bis Massaua gelangte. Grndlicher
als alle seine Vorgnger frderte aber 70 Jahre spter, durch Leutholf's
Geschichte angeregt, der Schotte James Bruce unsere Kenntni des Landes
durch Sammlung geschichtlicher Urkunden und Quellen, sowie durch genaue
astronomische Ortsbestimmungen.

  [Illustration: Hiob Ludolf. Nach dem Kupferstiche in dessen "_Historia
  aethiopica_".]

_James Bruce_, geboren den 14. Dezember 1730 zu Kinnaird in Schottland,
wird fr alle Zeiten als einer der bedeutendsten unter den abessinischen
Reisenden dastehen. In Algier, wo er 1763 als englischer Konsul angestellt
worden war, beschftigte er sich eifrig mit dem Studium der
morgenlndischen Sprachen und machte von dort aus Reisen lngs der Kste
des Mittelmeers, den Nil aufwrts bis Syene und nach Baalbek und Palmyra
in Asien, wo er die berhmten Alterthmer zeichnete. So vorbereitet trat
er im Jahre 1769 seine groe Reise an, auf der er von Massaua unter groen
Mhen und Gefahren bis Gondar gelangte, wo er sich bei der hier
ausgebrochenen Blatternseuche durch Anwendung europischer Heilmittel
sowol bei Hofe als im Volke groes Ansehen erwarb und Gelegenheit fand, in
alle Einzelheiten des Volkslebens einzudringen, sowie mit dem furchtbaren
Ras Michael freundlich zu verkehren. Er blieb ber drei Jahre in
Abessinien, fand die Quelle des Abai oder Blauen Nil im Sdwesten des
Tanasees und brachte ein ganzes Jahr damit zu, seine Reise nrdlich durch
das Land der wilden Schankela oder Schangalla (Heiden) und Nubien nach
Alexandria fortzusetzen, das er im Mai 1773 glcklich erreichte. Seine
Reisebeschreibung (_Travels into Abyssinia_) gab er in fnf Bnden erst
1790 zu Edinburg heraus, worauf er bald (16. April 1794) durch einen Sturz
von der Treppe sein Leben endete. Er, der so vielen Gefahren getrotzt, so
groe Mhen und Beschwerden muthig ertragen, endete auf diese Weise! Die
letzten vier Jahre seines Lebens waren ihm noch auerordentlich verbittert
worden. Als er sein umfangreiches Werk verffentlichte, fand das Publikum
darin eine solche Menge von ungewhnlichen Nachrichten, Uebertreibungen
und Ungeheuerlichkeiten, da man den Reisenden kurzweg fr einen Lgner
erklrte. Er wurde mit Zuschriften bestrmt, die weisen Kritiker
behandelten ihn unbarmherzig, und namentlich konnte man sich ber die
Angabe, da die Abessinier rohes Fleisch von lebenden Thieren genssen,
nicht beruhigen, eine Angabe, auf die wir ausfhrlich zurckkommen. Man
nannte ihn Mr. Mendax, Herr Lgner; aber die Zeit hat ihn gerechtfertigt,
wenn er selbst auch nicht die Genugthuung erlebte, die Zweifler bekehrt zu
sehen.

Drei Jahrzehnte waren seit Verffentlichung von Bruce's so oft
angefochtener Beschreibung verflossen, als die englische Regierung den
ersten Entschlu fate, mit dem merkwrdigen abessinischen Volke in
Verbindung zu treten. _Lord Valentia_ wurde zu Anfang dieses Jahrhunderts
beauftragt, eine Reise ums Kap der guten Hoffnung herum nach dem Rothen
Meere zu machen, die ganze ostafrikanische Kste wissenschaftlich zu
untersuchen, besonders die genauesten Nachrichten ber Abessinien
einzuziehen und die geeigneten Schritte zu thun, eine Verbindung mit
diesem Lande anzuknpfen. Diese Reise war von vielen wichtigen Resultaten
fr die genauere Bekanntschaft mit den hervorragendsten Punkten an der
ostafrikanischen Kste, sowie fr die Belebung des indischen Handels
begleitet; jedoch hatte sie fr Abessinien nicht den Erfolg, den sie htte
haben knnen, wenn die Unterhandlungen krftiger betrieben worden wren.
Valentia selbst blieb in Mocha an der arabischen Kste, whrend er seinen
wissenschaftlich gebildeten, tchtigen Sekretr _Henry Salt_ mit der
Sendung nach Abessinien betraute. Dieser machte die Reise ber Massaua,
Arkiko, Halai, Dixan nach der Provinz Enderta, wo er, da er nicht zum
Knige selbst in Gondar gelangen konnte, mit dem Ras Walda Selassi
unterhandelte. (Vergl. oben S. 14.) Es gelang dem gewandten Salt durch die
glnzenden Geschenke, welche er dem Ras im Namen Georg's III. von England
berreichte, denselben vom Wohlwollen der englischen Regierung zu
berzeugen und ihn zu einer Verbindung mit England zu bewegen. Er kehrte
mit ausfhrlichen Nachrichten ber das Land und seine Bewohner und mit der
Ueberzeugung zurck, da sich hier England fr die Erweiterung seines
Handels als auch der Kultur ein weites und gnstiges Feld erffne. Einer
von Salt's Begleitern, _Pearce_, blieb am Hofe des Ras zurck. Dieser
ersten Reise folgte bald darauf, gegen das Jahr 1814, nachdem Salt's
Gnner, Lord Valentia, in den Pairsstand erhoben worden war, eine zweite
Gesandtschaft unter Salt's eigener Fhrerschaft. Diese hatte den Erfolg,
da das gute Vernehmen zwischen England und dem alten Ras gestrkt und
durch Pearce's lngeren Aufenthalt die Bekanntschaft mit Abessinien
vermehrt wurde. Wieder traten nun politische Wirren in Tigri ein, welche
England die Lust benahmen, weiter in die Angelegenheiten des Landes
einzugreifen, bis im Jahre 1841 Kapitn _Harris_ nach Schoa ging und jene
politische Mission ausfhrte, von welcher wir eine ausfhrliche
Schilderung weiter unten nach dessen 1844 zu London erschienenem
dreibndigen Werke "_The highlands of Aethiopia_" mittheilen.

Es konnte nicht fehlen, da bei den merkwrdigen Sagen, die ber
Abessinien umgingen, und bei der Unbekanntschaft, die ber dessen Volk und
Natur noch herrschten, auch die Deutschen ihren Antheil an der nheren
Erschlieung des Landes nahmen, nachdem Ludolf mit so gutem Beispiele,
wenn auch nur theoretisch, vorangegangen war. Den Reigen erffneten zwei
der besten deutschen Naturforscher: _W. F. Hemprich_ und _C. G.
Ehrenberg_, welche schon frher Nubien durchzogen hatten und nun, von der
preuischen Regierung untersttzt, das Rothe Meer besuchten. Von Massaua
aus durchwanderte Hemprich die Kstengebirge, whrend Ehrenberg nach den
heien Quellen von Eilat zog. Nach Massaua zurckgekehrt, traf ihn der
harte Verlust, am 30. Juni 1825 seinen Begleiter Hemprich dem Fieber
erliegen zu sehen. Trotzdem war die naturgeschichtliche Ausbeute der
Expedition ungemein reich, da nicht nur eine Menge ganz neuer Thierformen
entdeckt, sondern auch in den Oscillatorien, Wesen zwischen Thier und
Pflanzen, die Farbe des Rothen Meeres erkannt worden war.

Die bedeutendste und ergebnireichste Reise in Abessinien fhrte nach
Bruce abermals ein Deutscher, _Eduard Rppell_, geboren 20. November 1794
zu Frankfurt a. M., aus. Reich begtert und vortrefflich in
naturwissenschaftlicher wie astronomischer Beziehung vorbereitet, hatte er
nach einem kleineren Ausflug nach dem Orient, Nubien, Kordofan und das
Petrische Arabien 1823-1825 besucht und sich dann Abessinien als
Hauptziel seiner Forschungsthtigkeit erkoren. Am 17. September 1831
landete er auf Massaua an der abessinischen Kste, wo er den Rest des
Jahres und den nchsten Frhling zu Ausflgen in die Umgebung, nach
Arkiko, dem Thale Modat, den Dahalakinseln und nach den Ruinen von Adulis
benutzte. Am 29. April 1832 trat er dann den Marsch nach dem inneren
Hochlande an, welches vor ihm wissenschaftlich nur von Bruce und Salt
beschrieben worden war. Wurde auch die ganze Reise glcklich zurckgelegt,
so verlief sie doch nicht ohne groe Gefahren, denn in Tigri, wo gerade
Ubi ans Ruder gelangt war, wtheten noch die grausamsten Brgerkriege.
Fr diesen Herrscher hatte Rppell ein sonderbares Geschenk, nmlich eine
schwere Kirchenglocke bestimmt, deren Transport auf dem Rcken von
Maulthieren viel Mhe verursachte, aber mit groer Freude angenommen
wurde, da Glocken in Abessinien sehr selten sind. Um sich einen Schutz auf
der Reise zu verschaffen, lieh Rppell einem abessinischen Grohndler 600
Maria-Theresia-Thaler und zog nun durch den Tarantapa auf Halai, die
abessinische Grenzstation, zu. Schon hatte er sein Gepck in Massaua zur
Ueberfahrt nach dem Festlande zurechtgelegt, als ihm von einem betrunkenen
trkischen Soldaten, der eine Pistole auf ihn abscho, fast das Leben
geraubt und die groe, wohl vorbereitete Reise verhindert worden wre. Von
Halai wandte sich Rppell in sdlicher Richtung nach Atigrat am Fue des
hohen Alequa, kreuzte am 20. Juli das tiefe Thal des reienden Bergstroms
Takazzi und stieg hierauf in die hohen, oft von Schnee bedeckten, khn
geformten Alpen der Provinz Semin, wo er den fast 12,000 Fu hohen Pa am
Selkiberge berschritt und auf den Alpenwiesen in jener Region neben
Ericabschen jene seltsame, in ihrer Form an die Palmen erinnernde
Pflanze, die Dschibarra, entdeckte, welcher Fresenius den Namen
_Rhynchopetalum montanum_ gegeben hat. Am 12. Oktober hielt er seinen
Einzug in die Knigsstadt Gondar, wo er der Absetzung des Knigs Saglu
Denghel beiwohnte und bis zum 18. Mai 1833 verweilte. Die Zwischenzeit
benutzte er zu einem Ausfluge in die heifeuchte Niederung (Kolla) von
Workemeder und Ermetschoho, nrdlich von Gondar, wo seine Elephantenjger
reichliche Beute fanden. Dann zog er dem Ostufer des Tanasees entlang,
dessen Hhe ber dem Meere er zum ersten male zu 5732 Fu bestimmte.
Weiterhin gelangte er dann zu der Stelle, wo unfern der berhmten _Brcke
von Deldei_ der Abai oder Blaue Nil dem Tanasee entstrmt.

Am 18. Mai 1833 brach Rppell von Gondar auf, um ber die alte
Krnungsstadt Axum, wo er eine wichtige altthiopische Inschrift
entdeckte, und ber Adoa, die Hauptstadt Tigri's, wieder nach Massaua
zurckzukehren, das er am 29. Juni glcklich erreichte. Seine Ausbeute,
die er von dieser Reise mit heimbrachte, war eine ungemein reiche, denn
nicht nur hatte er viele Orts- und Hhenbestimmungen vorgenommen, die der
Karte Abessiniens ein wesentlich anderes Geprge geben, sondern auch
archologische, historische und ethnographische Forschungen angestellt,
vor allem aber die zoologische Kenntni des Landes bereichert, wie seine
"Neue Wirbelthiere zur Fauna Abyssiniens gehrig" und seine "Uebersicht
der Vgel Nordostafrika's" beweisen.

  [Illustration: _Rhynchopetalum montanum_. Im Hintergrunde der Bachit,
  im Vordergrunde Klippspringer.
  Originalzeichnung von Robert Kretschmer.]

Seine "Reise in Abyssinien" erschien 1840 zu Frankfurt a. M. Fr alle
seine Arbeiten wurde ihm denn auch die wohlverdiente Auszeichnung zu
Theil, da ihm die Londoner geographische Gesellschaft die groe goldene
Medaille verlieh. Seine reichen Sammlungen vermachte er seiner Vaterstadt
Frankfurt, wofr diese ihm eine lebenslngliche Pension aussetzte.

Auf Rppell folgten 1835 zwei Franzosen, die Stiefbrder _Tamisier_ und
_Combes_, mit dem angeblichen Zwecke des einen, Menschenkenntnisse zu
sammeln, des andern, sich fr die Poesie zu begeistern. Sie kamen unter
vielen Gefahren bis Schoa. Beide Herren waren Mitglieder der Sekte der
Saint-Simonisten und haben nach ihrer Rckkehr 1846 zu Paris vier starke
Bnde ("_Voyage en Egypte, en Nubie etc._") einer sehr romantischen und
wenig glaubhaften Erzhlung ihrer Erlebnisse und Abenteuer verffentlicht.
Mit nicht viel mehr Glck machte im Jahre 1836 Baron _von Katte_ einen
kurzen Ausflug nach Adoa in Tigri, kehrte jedoch bald wieder zurck und
beschenkte Deutschland mit einer Reiseschilderung, an deren Genauigkeit
der gewissenhafte Rppell gar manches auszusetzen hat. ("Reise in
Abyssinien im Jahre 1836". Stuttgart und Tbingen 1838.)

Im Januar 1837 traf dann der deutsche Botaniker Schimper in Adoa, damals
der Hauptstadt Ubi's, ein. _Wilhelm Schimper_ wurde im Jahre 1804 zu
Mannheim geboren. Zuerst als Drechslerlehrling, dann als Unteroffizier,
fand er keine Befriedigung seines Wissensdranges, weshalb er sich nach
Mnchen wandte, um dort Botanik zu studiren. Nachdem er eine tchtige
Ausbildung erlangt, trat er grere Reisen nach dem Orient an; er
besuchte, vom wrttembergischen Reiseverein untersttzt, Algerien,
Aegypten, die Sinaihalbinsel und Arabien, von wo er berall reiche
Sammlungen nach Hause brachte. Im Jahre 1835 ging er, um seine durch
Fieber untergrabene Gesundheit wiederherzustellen, ber Massaua in die
abessinischen Hochlande, wo er bei Ubi in Adoa eine freundliche Aufnahme
fand und seinen wissenschaftlichen Sammlungen nachgehen konnte. Sein
Einflu bei diesem Frsten stieg immer mehr, soda Schimper als
Statthalter zuerst einen Distrikt an der Gallagrenze, dann den Distrikt
Antitscho in Tigri zu verwalten hatte. Mit einem Worte, er wurde die
rechte Hand Ubi's, als dessen Baumeister und Minister er sich
unentbehrlich zu machen wute. Schimper war bereits frher in Rom zum
Katholizismus bergetreten, weshalb er die Lazaristenmissionen unter de
Jacobis in Abessinien untersttzte, was er um so leichter mit Einflu
auszufhren wute, als er mit einer Tochter des Landes sich vermhlt
hatte. Auch begann er fr Frankreich zu wirken, von wo aus er
Untersttzungsgelder bezog, um dafr seine Sammlungen an den _Jardin des
plantes_ in Paris einzusenden. Nach dem Sturze Ubi's hatte Schimper
anfangs viel Ungemach auszustehen, doch kam er spter bei Theodoros wieder
in Gnade. Im Jahre 1861 schrieb Theodor von Heuglin ber ihn: "Mein alter
Freund Schimper wird bald wieder im Stande sein, seine botanischen und
zoologischen Sammlungen fortzusetzen, die in den letzten fnf bis sechs
Jahren ausschlielich nach Frankreich gegangen sind. Dr. Schimper zhlt
jetzt 57 Jahre, ist aber immer noch der alte rstige und bewegliche Mann,
voll unverwstlichen Humors, als den ich ihn vor vielen Jahren hier kennen
zu lernen das Vergngen hatte."

Bald nachdem Schimper in Abessinien sich niedergelassen hatte, beauftragte
die franzsische Regierung die Aerzte _Aubert_ und _Dufey_, wieder ein
gutes Vernehmen mit den Eingeborenen herzustellen, das durch das Auftreten
verschiedener franzsischer Abenteurer gestrt worden war. Leider waren
diese beiden Gesandten keineswegs die einer solchen Aufgabe gewachsenen
Mnner, denn durch eine Kette von Thorheiten und Schlechtigkeiten setzten
sie den europischen Charakter in der Achtung des Volks ganz herunter und
vermehrten die Schwierigkeiten, die dem europischen Verkehr im Lande
schon im Wege standen. Dr. Aubert kehrte im Februar 1838 von Adoa nach
Kairo zurck, whrend Dufey durch Schoa nach der Kste des Rothen Meeres
ging und als der erste Europer die gefhrliche Strae von Ankober nach
Tadschurra zurcklegte. Die Sendung dieser beiden Mnner wurde, da das
franzsische Interesse an Abessinien sich mehrte, die Vorluferin einiger
andern politischen und wissenschaftlichen Expeditionen von Frankreich aus,
die vom Jahre 1839 an erfolgten. Zwei derselben waren 1839 und 1841 unter
_Lefbvre's_, eine 1840 unter _Combes'_ Anfhrung (welcher zum zweiten
male Abessinien besuchte) nach Tigri und auch nach Amhara gegangen. Ubi,
der damals noch in Tigri herrschte, behandelte namentlich Lefbvre sehr
verchtlich, musterte die ihm vom Knige Ludwig Philipp bersandten
Geschenke und sagte zu seinem Schatzmeister: "Nimm diesen Unrath in die
Schatzkammer hinber." Der Gesandte wurde trotzdem aufgefordert, am Essen
mit theilzunehmen, wobei reichlich Honigwein kredenzt wurde, der den
Herrscher bald trunken machte. In diesem Zustande forderte er den Herrn
Gesandten auf, vor ihm zu tanzen, was nur durch das muthige Auftreten des
Dolmetschers verhindert werden konnte. In Verbindung mit den franzsischen
Gesandtschaften stand auch die Reise des belgischen Generalkonsuls in
Kairo _Blodell_, im Jahre 1841, die um deswillen zu erwhnen ist, weil
sie, von Massaua ausgehend, ganz Abessinien von Osten nach Westen
durchkreuzte, indem Blodell ber Sennar und Chartum nach Kairo
zurckkehrte. Reiche wissenschaftliche Arbeiten lieferte um dieselbe Zeit
die Expedition des Franzosen _Galinier_ nach Tigri, Semin und Amhara.

Combes war von Ubi gut aufgenommen worden, aber die freundschaftlichen
Verhandlungen wurden bald abgebrochen durch die Ankunft der Gebrder
_d'Abbadie_, von denen der eine Ubi beleidigt hatte durch seinen Antheil
an einem Streifzuge gegen seine Truppen. Die d'Abbadie's wurden mit der
Drohung verwiesen, da, wenn sie je wieder ihre Fe in Ubi's Gebiet
tragen sollten, dieselben ihnen abgehauen wrden. Ebenso muten infolge
dieses Vorfalles Combes und Lefbvre das Land verlassen. Abgesehen von
ihren politischen Intriguen waren die Gebrder Anton und Michael d'Abbadie
ausgezeichnete, mit tchtigen Kenntnissen versehene und reich begterte
Mnner, die nicht unwesentlich fr die Erweiterung unserer Kunde
Abessiniens thtig waren und sind, wenn sie auch ihr Hauptaugenmerk auf
die Verbreitung des Katholizismus und auf die Frderung der Interessen
Frankreichs gewandt haben mgen. Nach langen Vorbereitungen und einigen
miglckten Versuchen gelang es 1842 Anton d'Abbadie, ber Tigri in das
Binnenland einzudringen, wo er sich mit der Erforschung Enarea's, Kaffa's
und des Quellgebiets des Uma beschftigte. Nach zehnjhriger Abwesenheit
kehrten beide Brder 1848 nach Frankreich zurck, wo sie die Resultate
ihrer Arbeiten in einzelnen Abhandlungen verffentlichten.

Politik und Religions- oder Missionsangelegenheiten begannen berhaupt
allmlig bei den abessinischen Reisenden die Hauptsache, die Wissenschaft
aber die Nebensache zu werden. Englische Reisende und protestantische
Missionre wirkten im Interesse Grobritanniens, katholische Sendboten und
franzsische Reisende im Interesse Frankreichs. Kein Wunder also, da die
abessinischen Frsten, welche die Plane bald durchschauten, mitrauisch
wurden und einzelne Reisende schlecht behandelten. Der abenteuerlichste
unter allen war wohl _Rochet d'Hricourt_, nach Isenberg's Bericht ein
franzsischer Glcksritter, der sich mehrere Jahre hindurch in Kairo als
Chemiker und Mineralog aufhielt und bestndig mit dem Plane umging, nach
Abessinien zu reisen, um sich dort Geld zu machen. Nachdem ihm mehrere
Versuche milungen waren, setzte er endlich 1839 sein Vorhaben ins Werk,
indem er den deutschen Missionren nach Schoa folgte. Als er dort jedoch
nicht gleich zu groen Reichthmern gelangte, wurde er ungehalten und von
dem Knige fr halb verrckt angesehen. Bald sollte sich die Sache jedoch
wenden und Rochet zu groem Ansehen gelangen. Da der Knig, dessen erste
Frage an jeden ankommenden Europer gewhnlich die war, was er verstehe,
Rochet's chemische Fertigkeiten in Pulvermachen, Seifensieden,
Zuckerfabriziren und andern Dingen bemerkte, stieg letzterer hoch in
seiner Achtung. Auerdem versprach der Franzose, ihn von einer gewissen
heimlichen Krankheit zu heilen, und als diese Kur zu gelingen schien,
wurde er dem Knige unentbehrlich. Rochet benutzte nun, wie es die
Franzosen gewhnlich thun, die steigende Gunst beim Knige, sich politisch
mchtig zu machen, indem er Schoa dem franzsischen Einflusse zu erffnen
und den Englndern entgegenzuwirken suchte. Als er nach neunmonatlichem
Aufenthalte wieder in sein Vaterland zurckkehren wollte, bestimmte er den
Negus dahin, ihm einen Brief und Geschenke an den Knig Ludwig Philipp von
Frankreich mitzugeben und auf diese Weise eine politische Verbindung
zwischen Frankreich und Schoa einzuleiten. Dieses einseitige Vorgehen
suchten aber in Englands Interesse die deutschen Missionre, namentlich
Krapf, zu verhindern, indem sie den Knig bewogen, eine Botschaft nach
Bombay zu senden, um einen Freundschafts- und Handelsvertrag mit England
abzuschlieen. Als Erwiederung dieser Botschaft erschien dann die
glnzende Ambassade unter Kapitn Harris.

Inzwischen war Rochet in Paris angekommen und hatte die dortige Regierung
seinem Wunsche, mit Schoa in Verbindung zu treten, geneigt gefunden.
Nachdem er eine Beschreibung seiner Reise herausgegeben hatte ("_M. Rochet
d'Hricourt, Voyage sur la cte occidentale de la Mer Rouge, dans le pays
__d'Adel et le Royaume de Choa._" Paris 1841), kehrte er im Auftrage
seiner Regierung und der Pariser Akademie der Wissenschaften wieder nach
Schoa zurck. Kaum an der Kste angelangt, wute er es durchzusetzen, da
der Knig von Schoa befahl, keinen andern Europer, sei er Franzose oder
Englnder, auer ihm nach Schoa kommen zu lassen, bei Verlust des Lebens.
Infolge dessen muten denn die deutschen Missionre Krapf, Isenberg und
Mhleisen von Zeyla aus, wohin sie sich 1842 zu einer zweiten Reise nach
Schoa begeben hatten, unverrichteter Dinge umkehren. Rochet bereiste nun
weit und breit das Innere des Landes und gab uns in einem zweiten Werke
("_Second voyage_", Paris 1846) neue werthvolle Nachrichten ber Schoa.

Nach Isenberg erhielt Rochet nur durch ein listiges Vorgeben die Erlaubni
des Knigs, in das Innere von Schoa vorzudringen. Er behauptete nmlich,
nur dann den Knig heilen zu knnen, wenn er ein Prparat von einem
ungeborenen Hippopotamus mache, das er aus einem fernen See holen msse.
Das nachtheiligste Licht auf Rochet's Wahrheitsliebe und Glaubwrdigkeit
wirft indessen wol, was der deutsche Missionr Ludwig Krapf ber ihn
berichtet. Beide befanden sich im November 1839 im Kriegslager des Knigs
Sahela Selassi von Schoa, der auf einem Feldzuge gegen die Galla
begriffen war. Man war in der Nhe der Quellen des Hawaschflusses, allein
beide Europer bekamen sie nicht zu Gesicht, whrend Rochet sich in seinem
Reisewerke fr deren Entdecker ausgiebt. Der biedere Krapf giebt uns den
nthigen Kommentar zu dieser wissenschaftlichen Schwindelei. "Rochet" so
schreibt Krapf, "sagte zu mir im Verlaufe des Feldzuges, da wir angeben
mten, die Quellen des Hawasch wirklich gesehen zu haben. Als ich ihm
erwiederte, da dieses ja nicht der Fall gewesen, antwortete er lchelnd:
Oh, wir mssen Philosophen sein." - So erlauben sich gewissenlose Reisende
Geographie zu machen oder vielmehr zu flschen.

Die Anzahl der Reisenden, welche Abessinien besuchten, beginnt sich nun
ungemein zu hufen, soda wir nur die wichtigsten unter ihnen hervorheben
knnen.

Dr. _Beke_, frher englischer Konsul in Leipzig, reiste 1840 von London
nach Aden, untersttzt von den Freunden Afrika's, um in Schoa und den
angrenzenden Lndern Nachrichten ber das Innere und besonders ber den
geistigen Zustand der dasselbe bewohnenden Vlker einzusammeln. Glcklich
kam er ber Tadschurra in Ankober an, wo der Missionr Krapf ihm Hlfe
leistete und sich in den Verhandlungen zwischen Beke und dem Knige manche
Beschwerden und Unannehmlichkeiten zuzog. Spter, nach Ankunft der
englischen Gesandtschaft und von dieser untersttzt, reiste er nach
Godscham, von wo er durch die Provinzen Jedschau, Waag und Enderta nach
Antalo ziehend, Tigri erreichte. Die Frucht seines langen Aufenthalts
waren verschiedene wissenschaftliche Werke; namentlich widmete er sein
Augenmerk der politischen Rivalitt der Franzosen und Englnder im Rothen
Meere, welche die groen Fragen des Suezkanals und des ostindischen
Ueberlandwegs einschliet und ber welche er in seinem Werke "_The French
and the English in the Red Sea_" seine Ansichten niedergelegt hat.

  [Illustration: Eduard Zander. Nach einem Gemlde im Besitze Sr. Hoheit
  des Herzogs von Anhalt.]

Mit Schimper's Schicksal im engsten Zusammenhange steht ein anderer
deutscher Landsmann, dem wir bei Abfassung dieses Werkes zu ganz besonderm
Danke verpflichtet sind. _Christoph Eduard Zander_, von dem ein Theil der
charakteristischen Illustrationen dieses Buches herrhrt, ward am 22.
Oktober 1813 in der kleinen anhaltischen Stadt Radegast geboren. In seiner
Heimat, wo er noch immer den besten Ruf geniet, wird er als ein Mann von
bescheidenem, anspruchslosem Wesen und tief religisem Charakter
geschildert, der eine ganz besondere Fertigkeit in den verschiedensten
technischen Dingen besa. Zander erlernte die Landwirthschaft, wandte sich
dann aber zur Malerei und hielt sich zu seiner Ausbildung lngere Zeit in
Mnchen auf. Neben seiner Kunst interessirte er sich aber auch lebhaft fr
das Artilleriewesen, eine Neigung, die ihm spter sehr zu statten kam. Da
es ihm nicht gelang, als Maler und Zeichner seinen Unterhalt hinreichend
zu erwerben, ging er auf den Rath einiger Freunde zu Dr. Schimper. Nach
einer langen Fahrt durch das Rothe Meer, auf welcher er von Krankheit und
Hunger geplagt wurde, warf seine Barke am 12. September 1847 bei Massaua
Anker. Durch den Tarantapa stieg er in das abessinische Hochland hinauf
und schrieb in Halai einen Brief an Schimper, in welchem er diesen von
seiner Ankunft in Kenntni setzte. Trotz einer niederschlagenden, ihn
zurckweisenden Antwort beschlo er dennoch, nach Antitscho, Schimper's
Distrikt, vorzudringen. Da aber ringsum das Land von Rebellen verwstet
wurde, konnte dies nicht ohne Lebensgefahr geschehen; doch gelangte er
glcklich an sein Ziel, wo er von dem Landsmann gut aufgenommen wurde. Als
Gehlfe Schimper's bei dessen naturwissenschaftlichen Arbeiten
durchstreifte er weit und breit das Land, sammelnd und zeichnend, bis er
endlich zum Oberhofbaumeister des Regenten Ubi vorrckte, von diesem
Lndereien und Vieh erhielt und den Auftrag bekam, die Kirche von Debr
Eski in Semin zu bauen, dieselbe, in welcher am 11. Februar 1855 Theodor
II. vom Abuna zum Herrscher ber Gesammt-Abessinien gekrnt wurde. In
Ubi's Gunst immer mehr steigend, wurde Zander in den Adel erhoben; auch
verheirathete ihn dieser Frst mit einem schnen Gallamdchen. In der
groen Schlacht von Debela am 9. Februar 1855, in welcher der alte Ubi
von dem Emporkmmling Theodor besiegt wurde, kommandirte Zander die
Artillerie des ersteren. Als alles fr Ubi verloren war, trat Zander in
die Dienste Theodor's und wurde Befehlshaber der befestigten Insel Gorgora
im Tanasee, wo er die Schatzkammer und ein Zeughaus des Knigs zu hten
hatte. Dieser, der den tchtigen, in allen technischen Dingen erfahrenen
Mann zu schtzen wute, machte ihn zu seinem Vertrauten und hchsten
militrischen Wrdentrger. Als solcher stand Zander auch noch 1868 an der
Seite Theodor's. Seine werthvollen Arbeiten ber Abessinien, die uns in
vieler Beziehung neue Gesichtspunkte erffnen, sind in dem vorliegenden
Buche benutzt worden und gereichen demselben als Originalbeitrge zur
besondern Zierde.

  [Illustration: Werner Munzinger.]

In jene Zeit, in welcher Abessinien gleichsam von europischen Reisenden
durchschwrmt war und ein Missionsversuch dem andern folgte, fallen auch
die geographisch nicht unwichtigen Zge des italienischen Mnches
_Giuseppe Sapeto_ durch die nrdlichen Grenzlnder der Mensa, Bogos und
Habab. Begleitet von den Brdern d'Abbadie landete er im Jahre 1838 in
Massaua und erreichte am 3. Mrz desselben Jahres Adoa. Er wute sich bei
Ubi in Gunst zu setzen und grndete zu Adoa nach Vertreibung der
protestantischen Geistlichen (siehe darber weiter unten) eine katholische
Mission, besuchte Gondar, sah sich aber nach fnfjhrigem Aufenthalt - wie
Isenberg angiebt, infolge liederlichen Lebens - durch Krankheit genthigt,
nach Aegypten zurckzukehren; aber 1850 begab er sich aufs neue nach
Massaua, indem er lngs der Westkste des Rothen Meeres hinaufreiste und
nun mit dem Missionr Stella in die Lnder der Bogos, Mensa und Habab
vordrang, ber die wir einen ausfhrlichen Bericht mittheilen werden. Es
war dies gleichsam eine neue Entdeckung, denn in der That kannte man kaum
den Namen der Habab, und die andern beiden Vlker existirten bis dahin fr
uns nicht. Sapeto's Werk erschien erst 1857 zu Rom und fhrt den Titel:
"_Viaggio e missione cattolica fra i Mensa, i Bogos e gli Hahab_."

Das in Rede stehende Gebiet ist wegen seiner leichten Zugngigkeit dann
hufig das Ziel europischer Reisenden geworden und uns nun fast so genau
bekannt wie ein Land Europa's. Am 13. Juli 1857 brach ein sterreichischer
Lwenjger, _Graf Ludwig Thrheim_, nach Mensa auf, besuchte Keren, wo die
katholischen Missionre sich niedergelassen hatten, und gelangte glcklich
durch Barka und Taka nach Chartum.

Die vorzglichsten Nachrichten ber jene Lnder, werthvolle, bleibende
Schtze der geographischen Literatur, verdanken wir indessen dem Schweizer
_Werner Munzinger_. Dieser gelehrte, unternehmende Mann wurde 1832 zu
Olten geboren. Er studirte in Bern und Mnchen Geschichte,
Naturwissenschaften und orientalische Sprachen; in den letzteren
vervollkommnete er seine Kenntnisse zu Paris. Schon im Jahre 1852, also im
Alter von zwanzig Jahren, begab er sich nach Kairo, trat dort spter in
ein Handelsgeschft, unternahm dann 1854 eine kaufmnnische Reise nach dem
Rothen Meere und benutzte die gnstige Gelegenheit zu einem Ausfluge nach
den Bogoslndern. Es war schon damals sein Plan, sich dort niederzulassen,
und er fhrte denselben unverweilt aus. Im Jahre 1855 ging er, mit
Smereien und Waffen wohl versehen, nach Keren, wo er dann lngere Zeit
gewohnt hat. Dort verfate er auch sein 1859 zu Winterthur erschienenes
Werk "Ueber die Sitten und das Recht der Bogos", dessen Vorrede aus Keren
vom 31. November 1858 datirt ist. Er lebte wissenschaftlichen Forschungen,
trieb dabei auch Handelsgeschfte und machte sich bei dem Volke so
beliebt, da er oft das Richteramt ausbte und mit Regierungsgeschften
betraut wurde. Er fand aber auch Mue zur Ausarbeitung seiner Studien und
schrieb nicht nur eine Grammatik des Belem, der Sprache der Bogos, sondern
bersetzte in dieselbe einzelne Abschnitte der Bibel. Die inhaltreiche
Arbeit ber die Bogos war jedoch nur die Vorluferin eines greren
Werkes: "Ostafrikanische Studien" (Schaffhausen 1864), in welchem auch das
Land der Marea, der Kunama oder Bazen und deren physikalische Verhltnisse
in mustergiltiger Weise geschildert werden. Auf beide Arbeiten kommen wir
spter zurck; ebenso auf die Reise des _Herzogs Ernst von
Sachsen-Koburg-Gotha_ in jenen solchergestalt erschlossenen Gegenden im
Jahre 1862.

Nicht unerwhnt darf hier bleiben, was die verschiedenen Missionre,
namentlich _Isenberg_ und _Krapf_, fr unsere Kenntni Abessiniens gethan
haben, deren Wirken bei der Schilderung der Missionsversuche die
gebhrende Wrdigung erhlt, whrend die Reise des vortrefflichen
Franzosen _Wilhelm __Lejean_ im Jahre 1863, der in die Gefangenschaft des
Knigs Theodoros II. gerieth, gleich so vielen andern Europern, in einem
besondern Kapitel besprochen wird.

Hier soll nur noch die _deutsche Expedition_, oder wenigstens der Theil
derselben, welche unter v. Heuglin und Steudner bis Etschebed in
Dschama-Gala vordrang, als wrdiger Schlu dieser Aufzhlung der Reisen in
Abessinien, ihre Erwhnung finden. Es handelte sich bekanntlich darum, das
Schicksal des in Afrika verschollenen deutschen Reisenden Eduard Vogel aus
Leipzig aufzuhellen, von dem man glaubte, da ihn der Sultan von Wada zu
Wara in Gefangenschaft halte. Zu dem Ende trat auf Anregung des Dr. August
Petermann in Gotha ein Comit zusammen, welches in ganz Deutschland
Sammlungen veranstaltete, eine Instruktion entwarf und mit der Leitung der
Expedition _Theodor v. Heuglin_ betraute. Ihm wurden als Botaniker
beigegeben Dr. _Hermann Steudner_, geboren 1832 zu Greiffenberg in
Schlesien, der Mechaniker _Kinzelbach_ aus Stuttgart, welcher
Positionsbestimmungen vornehmen sollte, _M. L. Hansal_, ein mit den
Gegenden am oberen Weien Nil schon vertrauter Mann, und endlich _Werner
Munzinger_, der sich in Massaua an die Expedition anschlieen sollte.

  [Illustration: Theodor von Heuglin]

Theodor v. Heuglin, einer der bedeutendsten Reisenden der Gegenwart,
geboren den 20. Mrz 1824 zu Hirschlanden in Wrttemberg, unternahm
bereits im Jahre 1850 eine Reise lngs dem Rothen Meere, durchzog dann
1853 mit dem sterreichischen Konsul Dr. Reitz von Galabat aus einen
bedeutenden Theil Abessiniens, worber er in seinen "Reisen in
Nordostafrika" (Gotha 1857) berichtete. Er wurde sterreichischer Konsul
in Chartum, erforschte die Somalikste, sowie abermals das Rothe Meer, und
trat schlielich an die Spitze der deutschen Expedition, die sich Glck zu
wnschen hatte, einen so umsichtigen, thtigen und mit den Verhltnissen
des Landes vertrauten Fhrer zu erhalten.

Am 17. Juni 1861 landeten die Mitglieder glcklich in Massaua, von wo sie
sich nach Mensa und Keren in Bogos begaben, um sich auf die groe Reise
gehrig vorzubereiten. Mit Anfang Oktober, nachdem die eigentliche
Sommerregenzeit zu Ende war, rstete man sich zum Aufbruch, zog durch die
bergige Provinz Hamasin und trennte sich zu Mai Scheka in Serawi.
Munzinger und Kinzelbach reisten von hier aus am 11. November lngs dem
Mareb weiter nach Westen, um Nachrichten ber Eduard Vogel einzuziehen,
whrend Heuglin und Steudner einen hchst beschwerlichen, an Abenteuern,
aber auch an Ausbeute reichen Zug nach Sden unternahmen, der sie bis ins
Gallaland und das Feldlager des Knigs Theodoros II. fhrte. Die Reisenden
besuchten in Adoa den greisen Botaniker Schimper, machten mit ihm einen
Ausflug nach den Ruinen von Axum, kreuzten den Takazzi, berstiegen die
Alpen von Semin und zogen am 23. Januar 1862 in der Hauptstadt Gondar
ein. Ihre Absicht, in westlicher Richtung weiter nach Westen vordringen zu
drfen, wurde vereitelt, denn aufs strengste hatte der Negus Befehl
ertheilt, die Reisenden vor sich zu fhren. Geleitet von deutschen
Missionren begaben sie sich nun, am Nordufer des Tanasees hin, ber Gafat
und Magdala, das 15,000 Fu hohe Kollogebirge durchziehend, in das
Feldlager des Knigs zu Etschebed im Lande der Dschama-Gala. Der Empfang
war ein auerordentlich gndiger, und reich beschenkt durften die
Reisenden am 25. April den Rckweg antreten, auf welchem sie das 13,000
Fu hohe Gunagebirge passirten, bei Wochni die abessinische Grenze
erreichten und ber Metme und Gedaref nach Chartum gelangten, dessen
Moschee ihnen am 7. Juli 1862 entgegenleuchtete. Die groen Reisen
Heuglin's und Steudner's auf dem Weien Nil und dem Gazellenflu in
Gemeinschaft mit den Damen Tinn, wobei Steudner im Dschurdorfe Wau am 10.
April 1863 dem Klimafieber erlag, gehren nicht hierher. Auer in
geographischer Beziehung war das Ergebni der deutschen Expedition, welche
allerdings das ursprngliche Ziel, die Aufsuchung Eduard Vogel's, aus den
Augen verlor, namentlich fr die Botanik und Zoologie von groem Werthe.
Nachdem die Berichte derselben einzeln in den "Geographischen
Mittheilungen" und der Berliner "Zeitschrift fr Erdkunde" erfolgt, fate
sie Heuglin nochmals in seiner "Reise nach Abessinien" (Jena 1868)
zusammen.





  [Illustration: Debra Damo in Tigri. Nach einer Originalzeichnung von
  Zander.]





                 DAS LAND, SEINE PFLANZEN- UND THIERWELT.


        Begrenzung. - Das Hochland. - Geologie Abessiniens. - Der
      versteinerte Wald. - Heie Quellen. - Oberflchengestaltung. -
     Natrliche Felsenfestungen. - Die Alpen Semins. - Charakter der
     Flsse. - Ihr Anschwellen. - Ursachen der Nilberschwemmungen. -
       Der Tanasee und der Abai. - Klimatische Verhltnisse. - Die
     Vegetationsgrtel. - Kola. - Woina Deka. - Deka. - Die niederen
     Thiere. - Vgel. - Sugethiere. Ihre Lebensweise, Nutzanwendung,
                                  Jagd.


Am sdlichen Ende des Rothen Meeres, schroff gegen dessen Gestade
abstrzend, aber langsam und allmlig gegen Ost-Sudan sich abstufend,
liegt zwischen dem 16. und 8. Grade nrdlicher Breite das afrikanische
Alpenland Abessinien. Ringsum dehnen sich weite, ungesunde und glhende
Sandwsten aus, natrliche Grenzen, die den Verkehr erschweren und die
ungeheure Bergfeste gegen feindliche Angriffe von auen zu schtzen
scheinen. Im Norden sind die Hochlande von Mensa, Bogos und die von den
Beni-Amer am Barka bewohnten Gegenden die Grenze; im Westen das Gebiet der
heidnischen Bazen, die wild- und steppenreichen, vom Setit und Salam
durchflossenen Theile Ost-Sudans, der Neger-Freistaat Galabat und ein
Grtel von grtentheils unbewohnten, feuchten, mit Bambus und Waldregion
bedeckten neutralen Gebiets, das sich gegen Ost-Senaar ausdehnt; im Sden
bildet eine Strecke weit der Blaue Nil die Grenze, dann aber fast
unbekannte, von den Gala bewohnte Distrikte; endlich im Osten, wo die
Gebirgsmauern Abessiniens am steilsten abfallen, sind es die wasserlosen,
von ruberischen muhamedanischen Hirtenvlkern bewohnten
Kstenlandschaften, welche die Grenze ausmachen.

Ganz Abessinien ist im wesentlichen ein Hochland, das von allen Seiten mit
steilen Rndern aus dem Flachlande aufsteigt. Wenn der Reisende diesen
jhen Rand mhsam erklommen hat, whrend seine Fe von den scharfen
Steinen geritzt, seine Kleider von den Stacheln der Mimosen zerrissen
wurden, sieht er ein zweites und bald ein drittes Plateau vor sich, ebenso
jh wie das erste, ebenso rauh und zerklftet. Wie an ein zerstrtes
Titanenwerk erinnernd, drngen sich die Berge in den wunderbarsten Formen
durcheinander. Hier Tafelberge gleich zertrmmerten Mauern, dort runde
Massen in Gestalt von Domen, hier gerade oder geneigte, oder umgestrzte
Kegel, spitz wie Kirchthrme, dort Sulenreihen in Gestalt ungeheurer
Orgeln. In der Ferne verschmelzen sie mit Wolken und Himmel, und in der
Dmmerung meint man ein aufgeregtes Meer vor sich zu sehen. Aber dieses
Felsenmeer ist in seinem Innern keineswegs so starr und de, als es der
uere Anblick erwarten lt. Obgleich sich seine Berge in weiten Flchen
oft zu einer Hhe von 10,000 Fu erheben und ihre hchsten, sich in die
Wolken verlierenden Gipfel ber 15,000 Fu hoch aufragen, birgt sich doch
in seinen Thlern und Klften manche Abwechselung, manche Landschaft voll
tropischer Flle.

Der _geologische Charakter_ Abessiniens ist ziemlich einfrmig und zeigt
keineswegs groe Abwechselung bezglich der vorkommenden Formationen.
Zander, der sich sehr eingehend mit der Bodenbeschaffenheit des Landes
abgab, nimmt an, da nur zwei allgemeine vulkanische Revolutionen und
Hebungen des Landes stattfanden, da dagegen partielle geologische
Oberflchenvernderungen nicht vorhanden sind. Er bemerkt hierber in dem
erwhnten Manuskripte: "Die Uroberflche des Landes war fast berall eben,
und nur hier und da wurde dieselbe von Hgelketten durchzogen, deren
hchste Spitzen bis zu 6000 Fu ber dem Meere anstiegen. Die allgemein
herrschende Gebirgsart in jener Periode war Trachyt, dessen grte
Mchtigkeit zwischen 6000 und 7000 Fu betrgt und der oft von mchtigen
Basalten durchsetzt ist, so in den Lndern Daunt, Woadla und Wollo, wo wir
70-100 Fu mchtige Basalte antreffen.

"Diese "Uroberflche" Abessiniens wurde durch zwei nacheinander folgende
vulkanische Revolutionen zerrissen, zerklftet, zerspalten; es entstanden
jene unzhligen greren und kleineren Risse, von denen manche jetzt noch
eine Tiefe von 4000-5000 Fu haben, andere dagegen im Laufe der Zeit durch
Erdbeben und Zersetzungen aller Art wieder verschttet oder in sanfte
Thler umgewandelt wurden.

"Die _erste_ dieser groen Umwlzungen hob das Land allgemein, nur waren
ihre Wirkungen in den verschiedenen Theilen des Landes bald strker, bald
schwcher. Die hchsten Hebungen fanden statt in Semin, Woggera,
Begemeder, Daunt, Woadla, Lasta, Talanta, Wollo und Schoa, whrend in
Godscham die Hebungen bereits im Abnehmen sind, um sich in der Nhe des
Nil ganz zu verlieren. Alle obengenannten Lnder stehen in einem innigen
Zusammenhange und zeigen durchweg den krftigsten Verlauf der Hebung von
Sdost nach Nordwest. Zwischen der Wasserscheide des Rothen Meeres und des
Nilgebietes im Osten und den Hochlanden von Semin im Westen war ein
groes Becken entstanden, das die heutigen Lnder Hamasin, Tigri und
Enderta umschlo. Hier, eingerahmt von den Hochlanden, breitete sich ein
groer Swassersee aus, als dessen Ablagerungsprodukte und Zeugen seines
einstigen Vorhandenseins der rothe Eisenthon, der Sandstein und die
Grauwacke gelten mssen, welche hier in der ruhigen Periode zwischen der
ersten und zweiten vulkanischen Umwlzung abgesetzt wurden. Neben diesen
Fltzformationen treten als eigentliche Bildner des Landes folgende drei
Gebirgsarten in Abessinien auf: zu oberst _Trachyt_, unter diesem
_Urthonschiefer_ von verschiedener, bis zu 1500 Fu ansteigender
Mchtigkeit, und zu unterst _Granit_, welcher oft mit Porphyr und Syenit
wechselt.

"Die Wirkungen und Bewegungen der _zweiten Umwlzung_ waren jenen der
ersten ziemlich gleich. Die bedeutendsten Hebungen fanden jetzt auf der
heutigen Wasserscheide des Rothen Meeres und Nilgebietes statt; die
niedrigsten in den Lndern Semin, Woggera, Begemeder, Lasta und Wollo.
Der groe Swassersee im heutigen Tigri verschwand, und sein horizontal
gelagerter Absatz, das Eisenthongebirge und der Sandstein, erhielt eine
sanfte Schrgung nach Westen hin, infolge der allgemeinen und berall
gleichmigen Hebung; und in der That gewahren wir, wie heute _das rothe
Eisenthonplateau_ sich ununterbrochen und allmlig in westlicher Richtung
bis Semin und von da noch nrdlich bis Woggera und Wolkait absenkt. Die
Gesammtsenkung betrgt ungefhr 2000 Fu, denn die Eisenthone liegen an
der Wasserscheide zwischen dem Rothen Meere und Nilgebiete 8000, an der
Grenze von Wolkait und Semin dagegen nur 6000 Fu hoch. So weit
ausgebreitet dieses Eisenthonplateau auch ist, so wenig mchtig erscheint
seine Lagerung; denn whrend es an der stlichen Grenze nur einige Zoll
stark auftritt und im Innern Tigri's, seinem Centrum, eine Mchtigkeit
von nahe an 12 Fu erreicht, nimmt es am Fue der Lnder Semin, Woggera
und Wolkait wieder bis zu 1 oder 2 Fu Mchtigkeit ab.

"Unter diesem rothen Eisenthone folgt der _Sandstein_, dessen Oberflche
gleichfalls eben wie jene der Eisenthone verluft, dessen Mchtigkeit aber
von der Gestaltung der Urthonschiefer abhngig ist, welche seine Unterlage
bilden. Risse und Spalten, welche die Eisenthone wie die Sandsteine (oder
Grauwacke) durchziehen, zeigen einen uerst wilden und romantischen
Charakter, der selbst im Laufe der Jahrtausende, welche seit ihrer Bildung
verflossen, nicht zerstrt wurde.

"Auch durch die zweite gewaltsame Umwlzung entstanden viele neue grere
und kleinere Risse, aus denen sich, wie bei der ersten Revolution, groe
_Lavastrme_ auf die Oberflche des Landes ergossen, namentlich auf der
dem Rothen Meere zugekehrten Seite des stlichen Gebirgsabfalles. Wenn der
Reisende von Massaua aus den Weg nach Halai einschlgt, so bieten sich
seinem Auge am Fue des Tarantagebirges und noch bis zur Hlfte an diesem
hinauf in Rissen und Spalten groe Lavastrme dar. So mndet ungefhr zwei
Stunden oberhalb Hamhamo (im Tarantapa) linker Hand ein Spalt in das
groe Thal, aus welchem sich ein etwa 40 Fu hoher, gut erhaltener
Lavastrom herabstrzt, und in vielen Spalten desselben Thales sind die
Felswnde noch hier und da mit Lava berzogen. Die hier stets herrschende
heie trockene Luft, die geringe Regenmenge waren der Erhaltung dieser
Lavamassen besonders gnstig, was vom Innern Abessiniens nicht behauptet
werden kann, wo fortwhrend starke Regen und feuchte Luft die Zersetzung
der Laven begnstigen. Im Innern fanden berhaupt auch weniger
Lavaergieungen statt und sind deren Spuren berhaupt uerst selten.
Einen merkwrdigen Lavaberrest aus der Zeit der ersten Revolution fand
ich am Flusse Mareb unterhalb der Ortschaft Gundet am Wege nach Hamasin.
Er bildete die Spitze eines abgeplatteten Hgels, war fest auf den Trachyt
gelagert, 2-3 Fu mchtig und bestand aus lauter Rhren von -1 Zoll
Durchmesser, die theils hohl, theils mit schmuziggelbem Eisenocker
ausgefllt waren."

So viel berichtet Zander ber die geologischen Verhltnisse des Landes.
Zur weiteren Erluterung fgen wir hier noch Rppell's kurze Bemerkungen
bei: "Jenseit des flachen Meeresufers und in geringer Entfernung von der
Kste erhebt sich ein mit diesem ziemlich paralleler Gebirgszug von
imposanter Hhe, welcher zehn Stunden landeinwrts bereits
durchschnittlich 8-9000 Fu ber die Flche des Arabischen Busens
hervorragt. Er besteht durchgehends aus Schiefer- und Gneisfelsen; an
seiner stlichen Basis aber erblickt man mehrere Trachyt-Lava-Strme;
isolirte vulkanische Kegel tauchen aus der aufgeschwemmten Uferflche des
Annesleygolfs bei Aft und Zula hervor und das von Salt beobachtete
Vorkommen des Obsidians zu Amphila ist ein Beweis fr die Verbreitung
einer frheren vulkanischen Thtigkeit lngs der ganzen Kste hin.
Westlich von dieser Kstengebirgskette bildet durchaus das nmliche
Schiefergebilde den Kern der ganzen Landschaft und wird namentlich in
allen tief eingewhlten Strombetten beobachtet. Diese Schieferformation
ist mit einem weitverbreiteten, horizontal geschichteten Sandsteinplateau
berdeckt, das aber durch sptere vulkanische Thtigkeit auf eine
merkwrdige Weise theils senkrecht gespalten und verschoben, theils
verschiedentlich emporgehoben wurde. An mehreren Orten, z. B. vermittelst
der beiden Berge Alequa in den Provinzen Ategerat (Atigrat) und Schiri,
durchbrach die Lavamasse die bereits sehr zerarbeitete Sandsteindecke und
erhob sich, isolirte zugespitzte Kegelberge bildend, ber dieselbe;
anderwrts, wie in der Umgebung von Axum, entstanden durch diese
Lavaergieungen zusammenhngende vulkanische Hgelzge; stellenweise
endlich senkte sich eine weite Strecke entlang die ganze
Sandsteinformation und bildete die auf ihrer einen Seite durch steile
Felswnde begrenzte Verflachung der Landschaften von Geralta und Tembin,
deren mittlere Erhebung ber die Meeresflche auf sechstausend Fu
anzuschlagen ist. Diese allgemeine Einfrmigkeit in dem geognostischen
Charakter des ganzen stlichen Abessinien sah ich nur durch zwei andere
Gebirgsformationen unterbrochen. Die eine derselben sind die aus Kreide
und Kalkmergel bestehenden Hhen, welche zu Sanaf (in Agami) zu Tage
kommen und die ich auerdem noch auf dem Wege von Adoa nach Halai zu
Agometen und Gantuftufi sah. Die andere Ausnahme bilden die Granitmassen,
welche theils als stark verwitterte kolossale Blcke, theils als plumpe
Massen etwas sdlich von Amba Zion und unfern des Stdtchens Magab
sichtbar sind und die ich in Schiri, unter einem fast gleichen
Breitengrade, als die Seitenwnde der von dem Kamelo durchflossenen
Thalausfltzung wiederfand."

Sptere Reisende, namentlich Heuglin, haben dann noch einzelne andere
geologische Gebilde angetroffen. So tertire Gesteine in Hamazin, und
nach demselben Forscher zeigt sich dolomitischer Kalk berall lose in der
Dammerde; dann, an einzelnen Stellen, wie in Dembea, Gyps und Mergel. Als
Zersetzungsprodukte von Laven und Basalt erscheinen Thone und fette
Dammerde von schwarzer und rother Farbe. Sehr betrchtliche
_Braunkohlenlager_, die jedoch nicht ausgebeutet werden, finden sich im
Goangthal zwischen Dembea und Tschelga; ebensowenig benutzt man andere
mineralische Artikel, mit Ausnahme von Schwefel und Salz. Besonders
hervorzuheben in geologischer Beziehung ist noch die Entdeckung einer
Menge von _versteinerten Baumstmmen_ bei Tenta, zwischen dem Kollogebirge
und dem Beschloflu durch Steudner und v. Heuglin. Sie sind verkieselt und
zeigen deutlich die Jahresringe, Spuren von Rinde und Gnge von
Insektenlarven. Offenbar sind diese Stmme durch den Einflu heier,
kieselerdehaltiger Quellen versteinert worden; sie sollen sich auch auf
den Hochebenen von Woadla, Talanta und im Galaland finden. Nach Professor
Unger, welcher dieses Holz _Nicolia aegyptiaca_ nannte, besteht der
sogenannte "versteinerte Wald" bei Kairo aus derselben Spezies; die ihn
bildenden Stmme wurden durch Hochwasser aus den oberen Nilgebieten nach
ihrer jetzigen Lagersttte gefhrt und unter Verhltnissen begraben, die
ihre Konservirung zur Folge hatten.

Trotz der groen vulkanischen Thtigkeit, welche in Abessinien geherrscht,
zeigt keine der hheren Gebirgskuppen Spuren eines Kraters. Doch ganz
unten im Schoadathale, sowie an einigen Stellen in der Flche von Woggera
und in Telemt, erheben sich einige isolirte Kegel mit deutlicher
kraterfrmiger Vertiefung, welche sicherlich Sptlinge der vulkanischen
Thtigkeit waren. Jedenfalls sind in historischer Zeit nur vereinzelte
Vulkanausbrche bekannt geworden, zuletzt im Jahre 1861, als der Vulkan
von Ed an der Danakilkste des Rothen Meeres zwei heftige Eruptionen
hatte. Auch fhrt Rppell nach den Landeschroniken einen heftigen
Aschenregen an, der fr ganz Abessinien ein unerhrtes Ereigni war.
Erdbeben sind dagegen ziemlich hufig.

Bei der vulkanischen Natur des Landes kann es nicht Wunder nehmen, da
_heie Quellen_ in demselben keineswegs selten vorkommen. Die berhmtesten
Quellen sind in Begemeder, bei Ailat (Eilet) in der Nhe Massaua's im
Kstenlande und zu Filamba im nrdlichen Schoa. Letztere, fnf an der
Zahl, in einer lieblichen Gegend der Provinz Giddem gelegen, umgeben von
prchtigen Bumen, sind der Zufluchtsort aller Kranken und Siechen von
weit und breit, die hier Heilung von den verschiedensten Uebeln suchen.
Die heilkrftigste dieser Quellen fhrt den Namen Aragawi nach einem der
neun griechischen Sendboten, welche das Christenthum in Abessinien
ausbreiten halfen. Nahe dabei liegt der Quell "Heilige Dreieinigkeit",
dessen Temperatur 48 C. betrgt. Die Zulassung zu den Bdern mu mit
einem Stck Salz im Werthe von etwa 2 Groschen erkauft werden. Der
Geschmack des klaren Wassers ist leicht nach Schwefelwasserstoffgas.

_Oberflchengestaltung._ Betrachten wir nun die Oberflchengestaltung des
Landes und seine Gebirgsbildungen. Schroff gegen die Gestade des Rothen
Meeres abstrzend, nur durch wenige Psse durchbrochen, zieht sich an der
ganzen Westgrenze des Landes eine lange Bergkette hin, die sich
durchschnittlich 8000 bis 9000 Fu ber dem Meere erhebt. Westlich von
dieser treffen wir im Herzen Tigri's auf theils isolirte, theils
zusammenhngende Berge, die, namentlich in der Umgebung der Hauptstadt
Adoa, unter dem Namen der _Aukerkette_ zusammengefat werden. Alle die
vielen Gipfel derselben gehen wenig ber 9000 Fu hinauf; die meisten
erheben sich nur zwischen 7000 und 8000 Fu. Der hchste unter ihnen, der
Semajata im Osten Adoa's, steigt bis zu 9518 Fu. Von diesem Systeme
verzweigt sich durch die Provinzen Agami und Haramat eine andere Reihe
von Gebirgen, die in Bezug auf groteske Formen alles hinter sich
zurcklassen, was wir in den Alpen, den Cordilleren Amerika's oder in den
malerischen Gebilden der Schsischen Schweiz zu sehen gewohnt sind, und
die in der That einzig auf unsrer Erde dazustehen scheinen als Ausgeburten
einer seltsamen Laune der Natur. Ihre hchste Erhebung finden sie in dem
Tatsn oder Alequa bei Adigrat mit 10,390, und im Sanaf mit 10,242 Fu.
Die Reisenden, welche diese Gegenden durchwanderten, werden nicht mde,
die seltsamsten Vergleiche heranzuziehen, um dem Leser einen Begriff von
diesen wunderbaren Formen zu machen. Alle brigen Berggestaltungen unsrer
Erde, die verschiedensten Bauformen - Rppell spricht sogar von
gyptischen Tempeln - werden angefhrt, doch ist das geschriebene Wort nur
wenig dazu geeignet, in uns eine lebhafte Vorstellung zu erwecken. Hier
tritt der Griffel des Knstlers in sein volles Recht, und die Abbildungen,
die wir glcklicherweise in dieser Beziehung vorfhren knnen, sind
vollkommen geeignet, eine klare Anschauung der betreffenden
Gebirgsformationen herzustellen. Isenberg, der von Adoa aus einen Theil
Haramats auf seinem Zuge in das Lager Ubi's 1838 berhrte, ist ganz
entzckt ber jene herrlichen Gestalten und schildert eine dieser _Amben_
- so nennt man jene Bergformen - folgendermaen: "Wir gelangten in ein
Thal, ringsum von hohen steilen Felsen eingeschlossen, an dessen stlichem
Ende auf der Spitze eines Granitfelsens - aus welchem berhaupt meistens
diese Berge bestehen - ber einem Engpasse ein Kloster Namens Debra
Berberi (Pfefferberg) liegt. Dieses Thal durchschritten wir und bestiegen
dann ein wellenfrmiges Plateau, welches links von einer majesttischen
von Norden nach Sden ziehenden Felswand begrenzt ist, welche einen
unbeschreiblichen Eindruck auf mich machte. Dieser Amba oder Berg zieht
sich mit meist senkrechten mchtigen Wnden fnf oder sechs Stunden weit
hin und gleicht einem ungeheuren gothischen Naturgebude in kolossalster
Form und Vollendung.

  [Illustration: Amba Zion in Haramat. Originalzeichnung von Eduard
  Zander.]

Die in regelmigen Dimensionen voneinander stehenden zahlreichen Sulen,
womit die ganze ungeheure Wand besetzt ist, vermehren bedeutend den
Anblick eines Kunstwerkes, und nicht minder einige fensterhnliche
Oeffnungen, durch welche man, weil an diesen Stellen der Fels sehr dnn
ist, hindurchschauen kann. Dieser Berg heit _Amba Saneti_. An seinem
sdlichen Ende steht ein groer isolirter konischer Fels, der einer hchst
kolossalen alten Ritterburg hnlich ist.

Diese und hnliche Berge, an welchen besonders Agami so reich ist, dienen
hufig, da sie in der Regel von den meisten Stellen unzugnglich, und sehr
hufig oben, wo sie meist platt sind, Wasser haben, Emprern und berhaupt
kriegfhrenden Haufen als _natrliche Festungen_, wo sie, wenn sie sonst
Vorrthe an Lebensmitteln haben, sich lange gegen den belagernden Feind
vertheidigen und leicht Ausflle auf ihn machen knnen." Prachtvoll ist
auch der Anblick der _Amba Zion_, welche sich sdlich von Atigrat in der
Landschaft Haramat bis zu 9269 Fu erhebt. Rppell zog durch wiesenreiche
Grnde am 1. Juni 1832 an dieser mrchenhaften Felswand hin. "Die
Sandsteinterrasse bildete zur Rechten unsres heutigen Weges ein schroffes
Vorgebirge, das sich bei 1200 Fu ber die Thalebene erhob und einen
ausgezeichneten Punkt zur geographischen Orientirung darbot; sein Name ist
Amba Zion. Der Boden der Landschaft fing nun an, ziemlich eben zu werden
(nach Sden zu) und bestand in einer nackten, unfruchtbaren und
stellenweise mehrere Fu breit auseinandergerissenen Sandsteinmasse, deren
Spalten durchaus von emporgehobener Lava ausgefllt waren."

Von all den eben angefhrten Gebirgen werden die noch hheren und
majesttischeren Berge Semin's durch den Takazzistrom, eine der
Hauptwasseradern Abessiniens, getrennt. Der Reisende, welcher auf dem
hohen Plateau, das sich im Osten des Takazzi in Tigri ausdehnt, dem
Lande _Semin_ zuschreitet, erblickt bald vor sich ein wunderbares
Panorama. Die Thler von Telemt und Semin liegen noch in Frhnebel
eingehllt, auf den dunkle Purpurschatten fallen. Wie ein Meer breiten
sich die obern Flchen der Dnste horizontal und leicht vom Winde bewegt
ber dem tiefen Bette des Takazzi und andern unzhligen Rissen und
Thlern aus, daraus ragen im Morgensonnengolde Zacken und Kegel wie Inseln
und Burgen aus einem blauen Ozean und dahinter als hohe Mauer der hoch zum
Himmel aufstrebende Gebirgsstock von Semin mit weit vorgeschobenen,
Tausende von Fu senkrecht abfallenden Massen. Diese Gebirge sind durchaus
vulkanischer Natur, aber lngs ihrer vom Takazzi besplten Basis findet
sich dieselbe Formation wie auf dem stlichen Ufer dieses Stromes,
Schiefer in der Tiefe mit horizontalem Sandstein berdeckt und vulkanische
Lavakegel, die den letztern durchbrochen haben. Die hchsten Spitzen von
Semin reichen bis in die Eisregion und sind namentlich whrend der
Regenzeit zuweilen auf mehrere tausend Fu herab mit hagel- oder
firnartigem, sehr krnigem _Schnee_ bedeckt, der jedoch schnell schmilzt,
und nur auf der Nordseite sieht man an sehr vor der Sonne geschtzten
Felsbnken und in Schluchten fast das ganze Jahr ber Eis, d. h.
gefrorene, in den Bergen entspringende Wasser, oft in ansehnlichen Massen,
theilweise allerdings auch von etwas derber Textur; von Gletschern und
ewigem Schnee kann aber hier nicht die Rede sein.

In der Tigrisprache heit der Schnee Berit. Bruce, welcher nur ber die
niedrige Kette des Lamalmon in Semin gekommen war, glaubte nicht, da
jemals Schnee auf den Bergen gesehen werde, obgleich die Thatsache in der
frhesten Nachricht vom Lande, in der adulitanischen Inschrift des Kosmas
Indikopleustes, und spter von den am besten unterrichteten Jesuiten,
welche in Abessinien reisten, erwhnt wird. Rppell fand im Juni das obere
Viertheil der ganzen Gebirgskette mit Schnee bedeckt, eine Erscheinung,
die im Kontrast mit dem dunklen Lazur des Himmels und den ppig grnen
Pflanzen des Vordergrundes etwas in Afrika hchst Fremdartiges an sich
hatte. Der durchaus aus vulkanischer Felsmasse bestehende schroffe
Gebirgskamm, welcher die Provinz Semin von Ostsdost nach Westnordwest zu
begrenzt, umzieht in seinem weiteren Verlaufe in gewissermaen
ellipsoidischer Form den ganzen ungeheuren Dembeasee wie ein weiter
Kesselrand, und der _Buahat_ (Bachit), welcher die ganze Gruppe berragt,
krnt gleichsam den Gebirgskreis mit seiner erhabenen Kuppe. Hier ist die
echte "afrikanische Schweiz", die unter die Tropen gerckte Alpenwelt, wie
Munzinger in Erinnerung an seine Heimat Abessinien getauft hat. Und in der
That, der Alpencharakter springt jedem, der es sah, in die Augen. "Unser
Marsch am 26. Juni", schreibt Rppell, "brachte uns in eine Landschaft,
welche ganz den Charakter der schneren europischen Hochgebirgspartien
hatte. Coulissenartig springen auf den Seiten die Hhen mit Nebenthlern
hervor, welche theils beholzt, theils mit einem grnen Teppich der
schnsten Gerstensaat beset sind. Das Ganze aber umgiebt
amphitheatralisch ein Kranz von hohen Bergen, deren schneeige Gipfel ber
fette Alpenweiden emporragen. Bald erweitert sich das Hauptthal etwas nach
Sdwesten zu, und nun zeigt sich in pittoresker Gestalt der weit herab mit
Eis bedeckte Berg _Abba Jaret_, einer der hchsten der ganzen Kette.
Wasserreiche Kaskaden umgeben auf beiden Seiten den Ataba, um ihm den
Tribut der Berge zu bringen, und hier und da schmckt eine ehrwrdige
Baumgruppe die grasreichen Ufer desselben. Ueber der ganzen Landschaft
aber schwebte das herrliche, ganz reine Lasurgewlbe des Himmels
tropischer Hochgebirgsregionen. Kurz, alles vergegenwrtigt hier den
Charakter der Hochalpen Europa's, und es fehlten nur die malerisch
gelegenen Sennhtten."

  [Illustration: Teiit, Partie vom Totscha in Semin. Originalzeichnung
  von E. Zander.]

Der Ataba ist ein sehr wasserreicher, dem Takazzi zustrmender
Gebirgsflu, dessen Bett mit Felsblcken gleichsam durchset ist. An
seinem Ufer erhebt sich der 11,500 Fu hohe _Dschinufra_, dessen
trachytische, mit Mandelsteinen und Basalten durchsetzte Gebirgsmassen
hier 3000 Fu jh abfallen und namentlich in seinem _Woikall_ genannten
Zweige von Sden her einen imposanten Anblick gewhren. Ueberreich ist
Semin an hnlichen grotesken Fels- und Berggestaltungen, soda es schwer
hlt, aus der groen Zahl der herrlichen Partien nur einige der schnsten
auszuwhlen, um sie dem Leser vorzufhren. Da ist der _Awirr_, der sich
nach Norden zu mit dem hohen _Selki_ verbindet und der nach Osten zu ins
Takazzithal abfllt, whrend sich sein Westabhang ins Appenathal senkt;
ferner treffen wir hier auf die malerische Felspartie _Teiit_, ein Theil
des Totscha.

Unsere schwindelerregenden Alpenpsse mit ihren grausigen Schlnden, sie
reichen in ihrer Gefhrlichkeit nicht an die Berge Semins hinan. Der Weg
windet sich oft an einer senkrechten Felswand neben furchtbaren Abgrnden
hin, soda auf ihm kaum ein unbeladenes Maulthier sicher hindurchkommen
kann. An mehreren Stellen wrde es sogar fr Menschen unmglich sein,
vorbeizuklettern, wenn nicht an der ganz lothrechten Felsmasse auf
knstlich angelegten Baumstmmen ein Pfad geschaffen wre; aber auch dies
ist mit so wenig Geschick gemacht, da man oft in groer Lebensgefahr
schwebt. Dazu gesellt sich das dornige Gestruch, welches aus jedem
Felsspalt dieser vulkanischen Massen wildwuchernd hervorstarrt und das
Beschwerliche des Marsches im hohen Grade vermehrt. Diese Gefahren werden
besonders von Heuglin in seiner Ueberschreitung des Amba-Ras in
anschaulicher Weise geschildert. "Der Pfad, den kein Maulthier zu
erklimmen im Stande ist, fhrt ber zwei sehr enge, tiefe Schluchten
hinweg von einem Felsgrat zum andern, brigens hufig durch ppigen
Baumschlag und grnes Gebsch, an Quellen mit moosigem Gestein und
blumigen Rasenpltzen hin, steiler und immer steiler aufwrts. Ueber
schwindelnder Kluft liegt ein halbmorscher Baumstamm als Brcke, links
erhebt sich eine starre Felswand; rechts herabzublicken in den Abgrund
wagt keiner, ehe er die verhngnivolle Passage hinter sich hat. An
steilen Gelnden windet man sich immer hher, zuweilen ber weite
Eisstrecken weg. Da scheint der hchste senkrechte Abfall des Amba-Ras
wirklich jedes weitere Vordringen unmglich zu machen, doch es ffnet sich
eine Felsspalte von nur zwei bis drei Fu Weite, wie in einem Schornstein
klettert man vorsichtig, damit kein Stein lose wird, in alle mglichen
Situationen bergehend, von Vorsprung zu Vorsprung und kommt zuletzt mit
wunden Kpfen, Hnden und Fen auf der Plattform zwischen Bachit und
Amba-Ras wieder zu Tage." So sind die Wege in Semin beschaffen und doch
haben sie Armeen, aber abessinische Armeen, durchzogen und entscheidende
Schlachten auf den Eisfeldern des Landes geliefert. Die meisten der
angefhrten Bergriesen Semins, auer denen wir hier noch den Walia-Kant,
den Jotes-Saret, Barotschuha, Taffalesser und Ras-Tetschen nennen,
erreichen eine Hhe von mehr als 14,000 Fu ber dem Meere und werden nur
noch durch das Kollogebirge in den Galalndern bertroffen.

Sdwestlich von Semin setzen sich die Gebirge in der _Hochflche von
Woggera_ fort, einer Art von gestaffelter Terrasse, die in ihrer hchsten
Ebene bis zu 9500 Fu emporragt, sich allmlig aber nach Sdosten
verflacht, unfern von Gondar aber immer noch ziemlich steil nach dem
kesselfrmig von Hhen umgebenen groen Becken des _Tanasees_ abfllt.
Woggera und alle Bergzge in der Umgebung dieses groen Binnensees
bestehen ganz aus vulkanischen Felsmassen und der durch ihre Zersetzung
hchst fruchtbar gewordene Boden bildet eine herrliche Weidelandschaft.
Von Gondar aus wendet sich, an die Abflle Woggera's anschlieend, ein
schmaler Gebirgszug ohne Unterbrechung nach Sdosten, der die Verbindung
mit dem Hochlande Begemeder herstellt und bei Derita seine grte Hhe
zwischen 9000 und 10,000 Fu erreicht. In Begemeder selbst treffen wir auf
das hohe, von Heuglin erstiegene _Gunagebirge_ (13,000 Fu). Die Gipfel
bestehen aus kahlen Trachytmassen, die ein milchweies, feldspathartiges
Gestein einschlieen; an einzelnen Stellen der Gehnge sieht man Wacken
und Thone und der ganze Gebirgsstock hat einen ansehnlichen Umfang. Nach
Sden und Osten fllt er steiler ab und verluft nach Westen nach und nach
gegen den Blauen Nil und den Tanasee. Nach Osten zu schlieen sich wieder,
zum Theil mit dem Beschlostrome parallel laufend, hohe Gebirge an die Guna
an, deren eines sich unmittelbar mit den Hochebenen der Lnder Woadla,
Talanta, Daunt, Jedschu und Lasta verbindet.

  [Illustration: Sdansicht des Woikall, eines Zweiges des Dschinufra,
  vom Hai aus gesehen.
  Originalzeichnung von Eduard Zander.]

Die Plateaux der zuerst genannten Lnder steigen bis 9000 Fu ber das
Meer an, whrend die hchsten Spitzen von Lasta wieder in die Eisregion
hineinragen. Jenseit des Beschlo aber, im Lande der Wollo-Gala, steigt
Abessiniens hchstes Gebirge, die _Kollo_, bis ber 15,000 Fu an, und
auch in dem benachbarten, nach Westen zu gelegenen Gischem treffen wir auf
10,000 Fu hohe Gipfel.

Jenseit des Nil aber begegnen wir der durchschnittlich 8000 Fu hohen
Berglandschaft Godscham, die im Talbawaha mit 11,000 Fu ihre grte
Erhebung findet. Endlich im Sden steigen khn und malerisch wie die
Gebirge Semins die Felsmassen von Schoa auf, die in der "Mutter der
Gnade", dem _Mamrat_ (13,000 Fu), einen wrdigen Abschlu finden.

_Flsse._ Die nach Westen und Nordwesten geneigten Hochflchen Abessiniens
werden von zahlreichen Bchen und Strmen durchschnitten, die nach kurzem
Laufe auf dem Plateau pltzlich in tiefeingeschnittene Thler fallen, in
welchen sie oft sehr schnell eine Tiefe von 3000 bis 4000 Fu unter der
Flche des Tafellandes erreichen. So behauptet das Hochland von Semin in
seinem ziemlich gleichfrmigen Rande eine Hhe von 10,000 Fu. Aber das
Bett des Bellegas im Schoadathale liegt nur etwa 5400 Fu, das des
Takazzi an der Nordostgrenze gar nur 3000 Fu ber dem Meere. Die
greren Fluthler, z. B. des Takazzi und des Abai im Sden, sind
ziemlich weit; das letztere hat eine Breite von wenigstens fnf deutschen
Meilen. Deshalb stellen die Abessinier ihr Tafelland stets als eine aus
dem umgebenden Tieflande emporragende Insel dar. Die Thler sind
auerordentlich wild und unregelmig, im ganzen aber von ziemlich
bereinstimmendem Charakter. Die obere Hlfte des Abfalls ist immer
ungemein steil, oft aus vielfach zerrissenen horizontalen Bnken von Lava,
Trachyt und Basalttuff gebildet; dann folgen terrassenfrmig bereinander
liegende Plateaux mit sanfteren Abfllen, oft aus fest zusammengebackenen
Brocken vulkanischer Gesteine der Nachbarschaft und Dammerde bestehend.
Auf der Thalsohle dagegen erscheinen wieder die vulkanischen Massen in
ihrer Urgestalt, und die dort hausenden Hochwasser haben sich in denselben
tiefe, rinnenartige Betten mit meist senkrechten Wnden eingerissen. In
der trockenen Jahreszeit sind die Strme in diesen Thlern theilweise ohne
Wasser, kaum schlammigen Bchen hnlich; in der Regenzeit berfluten sie
das ganze Flachland. Da, wo die Flsse das Flachland verlassen, bilden sie
meistens Katarakte von bedeutender Hhe, und in solchen Wasserfllen und
Stromschnellen senkt sich ihr Bett auf eine Strecke von wenigen Meilen um
mehrere tausend Fu.

Prchtig hat vor allen andern Werner Munzinger dieses Anschwellen der
abessinischen Strme geschildert. Er fhrt uns in die tiefe Thalschlucht,
in der es fast den ganzen Tag ber dunkel ist, denn nur wenige
Mittagsstunden dringt die Sonne in die schauerliche Tiefe. "Hier wird
selbst der Vogel scheu und stumm und die am sprlichen Wasser sich labende
Gazelle lauscht ngstlich auf bei jedem Gerusch in der fluchtwehrenden
Enge. Da ist fast ewige Stille, nur unterbrochen von dem Murmeln des sich
ins Freie drngenden Baches, selten gestrt von dem Geheul der an den
jhen Abgrund sich klammernden Affen.

"Weh dem, der hier weilt in der Regenzeit! Von langer Fahrt mde bettet
sich der Wanderer in dem Thal. Er ist von der Hitze so erschpft, selbst
diese finstern Grnde laden ihn zur Ruhe. Im heiesten Mittag wiegt er
sich in se Trume; seiner harret das freundliche Heim - da drhnt es
dumpf im Hochgebirge; ein Schu, ein zweiter, dann der schreckliche, den
ganzen Himmel durchrasende Donner.

"Doch frchtet er noch nichts, das Gewitter ist ja so fern. Er weilt und
trumt, er sei schon bei den Lieben. Da erhebt sich von oben ein Rauschen,
wie wenn der Wind durch die Bltter fhre. Es wird lauter, gewaltiger, es
zischt, es prasselt, es toset, es brllt, als wenn die bsen Geister
anfhren - nun naht es, mauergleich, sich schumend und berstrzend - _es
ist der Waldstrom_. Der Bach, vom Regen angeschwollen, ist ein mchtiger
Strom geworden, doch seines kurzen Lebens gedenk strzt er wild und feurig
in das Thal hinab. Die tiefgewurzelten Sykomoren sinken unter seiner Wucht
und die grasige Ebene wird von Schutt berrollt; das Wasser fllt das
ganze Thal und langt hoch an die Felsen hinauf. Wehe dir, du armer Mann!
Wo solltest du hin entfliehen? Hast du die Flgel des Adlers, hast du die
Krallen des Affen, der ber dir schwebend deiner Noth hhnt? Bist du im
Bunde mit den Geistern, da sie dich forttrgen? Hier ist sie nicht dein
Knecht die Natur, sie ist dein dich vernichtender Feind. Es sind wenige
Jahre her, da ein ganzes Zeltlager, in einem breiten, trockenen
Strombette gelagert, die Beduinen mit ihren Herden und Zelten von dem
ungeahnten Waldstrom berfallen und fortgerissen wurden. Hundert Menschen,
Tausende von Ziegen wurden seine Beute."

Tritt hier der abessinische Strom vernichtend auf, so erfllt er
andererseits eine hohe Aufgabe. Unser Landsmann Eduard Rppell war der
erste, welcher 1832 darauf hinwies, da _diese Strme die Bildner des
fruchtbaren Erdreichs in Aegypten und die Ursache der Nilberschwemmungen_
sind. "Die aufgelsten vulkanischen Massen Abessiniens", sagt er, "sind,
indem sie von den zur Regenzeit anschwellenden Flssen fortgeflt werden,
die Elemente jener befruchtenden Erdablagerungen, welche der Nilstrom
lngs seinem ganzen Laufe seit Jahrtausenden alljhrlich absetzt. Bedenkt
man die ungeheure Erstreckung des von diesem Flusse angeschwemmten Landes
in Nubien und Aegypten, so wird man mit Erstaunen erfllt ber die Masse
der nach und nach durch die Verwitterung zerstrten Vulkane Abessiniens."
(Reise in Abyssinien, II, 319.)

Erst volle dreiig Jahre spter widmete der Englnder Baker dieser
Thtigkeit der abessinischen Strme sein Augenmerk; ein ganzes Jahr lang
zog er im Gebiete derselben umher und hielt sich dann schlielich fr den
Entdecker der schon frher von Rppell aufgestellten Thatsache, die
allerdings von ihm in vielen Stcken erlutert wurde. Der _Atbara_, der
_Takazzi_ oder _Setit_, der _Salam_, _Angrab_, _Rahad_, _Dender_ und der
_Abai_ oder _Blaue Nil_ sind die groen Entwsserungskanle Abessiniens;
sie haben alle einen gleichfrmigen Lauf von Sdost nach Nordwest und
treffen den Hauptnil in zwei Mndungen, durch den Blauen Nil bei Chartum
und durch den Atbara.

Alle die genannten Strme gehren zum Gebiete des Nil. Als Hauptquelland
des Abai (Blauer Flu, Bahr el Asrek) mu das Becken des _Tanasees_ (Zana,
Tsana) betrachtet werden. In einem ungeheuren, vom Hochland umlagerten
Becken sammeln sich ungefhr im Mittelpunkte von Amhara die meisten
Gewsser von Godscham, Begemeder und Dembea und bilden in einer Meereshhe
von 5732 Fu einen herrlichen Alpensee mit zahlreichen Inseln, eingesumt
von grnen Matten und reichen Kulturebenen, durch welche in
Schlangenwindungen zahlreiche Bergwasser rinnen. Der Tanasee, welcher in
elliptischer Form einen Raum von etwa einhundertfnfzig Quadratstunden
einnimmt, war einst wol um die Hlfte grer, aber im Laufe der
Jahrtausende haben die fortwhrenden Schlammniederschlge von zersetzter
Lava, welche die Gewsser whrend der Regenzeit von den vulkanischen Hhen
absplen, eine wagerechte Bodenflche an vielen Stellen seiner Ufer
gebildet und so nach und nach seinen Umkreis verengt. In einer mehr als 60
Fu tiefen Felsschlucht, deren senkrecht abstrzende Seitenwnde an
mehreren Stellen kaum zwei Klaftern weit voneinander entfernt sind,
rauscht der Nil in einer ununterbrochenen Reihe von Kaskaden aus dem See
hervor. Whrend der Regenzeit ist nicht allein dieser ganze Felsenspalt
mit Wasser ausgefllt, sondern der Strom berflutet dann auch eine
betrchtliche Strecke des sdlichen Ufers, welche mit stark abgeschwemmten
vulkanischen Gerllen von kolossaler Gre bedeckt ist. Hier wlbt sich
ber ihn die _Brcke von Deldei_, welche aus acht Bogen besteht, die alle
untereinander von ungleicher Gre sind und von denen der nrdlichste,
ber die Felsenschlucht selbst gesprengte und somit allein immer vom Strom
durchflossene, bei weitem der grte von allen ist. Die Lnge der Brcke
betrgt neunzig Schritt und ihre Breite fnfzehn Fu. Sie bildet in ihrer
Lngenerstreckung keine gerade Linie, indem sie an den drei nrdlichen
Bogen sich etwas nach Westen wendet. Die Wlbung der Bogen ist aus kleinen
behauenen Sandsteinen erbaut, das Uebrige aber aus Lavafels. In der Mitte
der Brcke befindet sich eine Quermauer mit einem Thore und an ihrem
Nordende ist eine Art von Vertheidigungsthurm, der aber jetzt in Trmmern
liegt. Von hier aus umfliet der Blaue Nil in spiralfrmigem Laufe, sich
den Grenzen Schoa's nhernd, Godscham und Damot und nimmt erst in Fasogl
und den Ebenen von Sennar nordwestlichen Lauf an, welchen er beibehlt bis
zu seiner Vereinigung mit dem Weien Nil bei Chartum. Der Abai erhlt noch
reichliche Zuflsse von Osten und Sden her, namentlich den _Beschlo_ und
die _Dschama_, und endlich in Sennar den Dinder und Rahad, welche den
westlichen Rand von Abessinien zum Quellgebiet haben. Der Blaue Nil ist
whrend der trockenen Jahreszeit so klein, da er nicht Wasser genug fr
kleinere Fahrzeuge hat, die mit dem Transporte von Produkten von Sennar
nach Chartum beschftigt sind. In dieser Zeit ist das Wasser schn hell,
und da es den wolkenlosen Himmel reflektirt, hat seine Farbe zu dem
wohlbekannten Namen Bahr el Asrek oder Blauer Flu Anla gegeben. Es giebt
kein kstlicheres Wasser als das des Blauen Nil; es sticht ganz ab gegen
das des Weien Flusses, welches nie hell ist und einen unangenehmen
Vegetationsgeschmack hat. Diese Verschiedenheit in der Beschaffenheit des
Wassers ist ein unterscheidendes Merkmal der beiden Flsse; der eine, der
Blaue Nil, ist ein reiender Gebirgsstrom, der mit groer Schnelligkeit
steigt und fllt; der andere entspringt im Mwutan Nzige und fliet durch
ungeheure Marschen. Der Lauf des Blauen Nil geht durch fruchtbaren Boden;
er erleidet daher nur einen geringen Verlust durch Absorption, und whrend
der starken Regen liefern seine Wasser einen mchtigen Beitrag erdigen
Stoffs von rother Farbe zu dem allgemein befruchtenden Niederschlag des
Nil in Untergypten.

  [Illustration: Charakter des Hochgebirges Awirr in Semin. Nach
  Originalzeichnung von E. Zander.]

Der _Atbara_ entspringt ganz nahe am Nordrande des Tanasees in Dembea und
ist, obgleich in der Regenzeit ein so bedeutender Strom, doch mehrere
Monate des Jahres hindurch vollkommen trocken oder auf wenige Pftzen
beschrnkt, in welche sich Krokodile, Fische, Schildkrten und Flupferde
zusammendrngen, bis sie der Beginn der Regenzeit wieder in Freiheit
setzt, indem eine frische Wassermasse dem Flusse zustrmt. Die Regenzeit
beginnt in Abessinien im Juni; von da an bis zur Mitte des September sind
die Gewitter furchtbar; jede Schlucht wird ein tobender Giebach; Bume
werden von den ber ihre Ufer geschwollenen Bergstrmen entwurzelt, der
Atbara wird ein ungeheurer Flu, der mit einer alles berwltigenden
Strmung den ganzen Ablauf von fnf groen Flssen (des Takazzi, Salam,
Dinder und Angrab nebst seiner eigenen ursprnglichen Wassermasse)
herabbringt. Seine Fluten sind getrbt vom Erdreich, das von den
fruchtbarsten Lndereien weit von seinem Vereinigungspunkte mit dem Nil
abgewaschen wurde. Massen von Treibholz nebst groen Bumen und hufig die
Leichen von Elephanten und Bffeln werden von seinen schlammigen Wassern
in wilder Verwirrung fortgeschleudert und bringen den an seinen Ufern
wohnenden Arabern eine reiche Ernte an Brenn- und Nutzholz.

Der Blaue Nil und der Atbara, die fast den ganzen Wasserabflu Abessiniens
aufnehmen, ergieen ihre Hochwasser in der Mitte des Juni gleichzeitig in
den Hauptnil. In dieser Zeit hat auch der Weie Nil einen betrchtlich
hohen, obwol nicht seinen hchsten Stand, und der pltzliche Wassersturz,
der von Abessinien in den Hauptkanal herabkommt, welcher schon durch den
Weien Nil auf einen bedeutenden Stand gebracht worden ist, verursacht die
jhrliche Ueberschwemmung in Untergypten.

Als Haupt- und Charakterstrom Abessiniens kann der _Takazzi_ gelten,
wenngleich er nur ein Nebenflu des Atbara ist. Er entspringt stlich vom
Tanasee zwischen Begemeder und Lasta aus drei kleinen Quellen, die bei den
Eingeborenen An (das Auge des) Takazzi heien. Diese ergieen sich in
einen Behlter, aus welchem das Wasser zuerst in einem vereinigten Bache
herausfliet. Der Strom, die groe Scheide zwischen den Landen Amhara in
seinem Westen und Tigri in seinem Osten, geht erst in nrdlicher Richtung
weiter und rauscht dann in schumenden Kaskaden an den Alpen Semin's am
Awirr hin, durch welche er sich sein mit steilen Wnden eingefates Bett
whlt. Hier, in diesem tiefen, nur 3000 Fu ber dem Meere liegenden
Thale, neben dem sich die Berge bis in die Eisregion erheben, herrscht
eine heie ungesunde Luft und wohnen wenig Menschen. Selbst die Thiere
meiden diesen Aufenthalt, und nur die unfrmigen Kpfe der Nilpferde
erscheinen ber dem Spiegel des in Stromschnellen ber Kiesgrund
dahinschieenden Flusses. Von Semin an nimmt der Takazzi eine westliche
Richtung an und tritt durch das heie Land Wolkait auf gyptisches Gebiet
ber, wo er den Rojan auf- und den Namen _Setit_ annimmt. Durch das Land
der Homranaraber und eine beraus wildreiche Gegend, das Paradies der
Jagdfreunde, wlzt er endlich seine Wasser, die nie ganz austrocknen, dem
Atbara zu. Als ein weiterer Zuflu desselben kann der in Hamasin
entspringende, die Provinz Serawi in einem Bogen umflieende _Mareb_
betrachtet werden, welcher durch das Land der wilden Kunama zieht, in der
gyptischen Provinz Taka den Namen _Chor el Gasch_ erhlt und jenseit
Kassala entweder versandet oder bei Hochwasser den Atbara erreicht.

Die Wasser der nrdlichen Grenzlnder Abessiniens endlich sammelt der
_Barka_, die er bei Tokar sdlich von Sauakin dem Rothen Meere zufhrt.
Aber alle diese Flsse, so groe Gaben sie sonst fr das Land sind,
verlieren dadurch bedeutend an Werth, da sie nicht als
Kommunikationsmittel dienen knnen. Es fehlen die Strme, die sich
schiffbar in das Rothe Meer ergieen; es fehlen auch, um diesen Mangel zu
ersetzen, die allmlig nach Osten sinkenden Ebenen, die, gegen die Kste
auslaufend, den Kameeltransport ermglichen. Mehr noch als das: die Flsse
verhindern sogar in der Regenzeit allen Verkehr, denn Brcken baut der
Abessinier nicht und die alten, von den Portugiesen hergestellten
zerfallen.

Schoa schlielich, der sdliche Theil Abessiniens, sendet seine nach
Westen gehenden Strme dem Abai zu, im Osten zieht sich dagegen der aus
Guragu kommende _Hawasch_ um das Land, allein er erreicht das Rothe Meer
nicht und versandet in den Salzebenen und Lagunen der Danakilkste.

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_Klimatische Verhltnisse._ Unter den Tropen gelegen, von der Meereskste
bis zu 15,000 Fu Hhe an die Grenze der Eisregion hinaufragend, die
sdliche Hitze und nordische Klte vereinigend, bietet Abessinien auf
seinem verhltnimig beschrnkten Raume alle Erscheinungen der
ostafrikanischen Pflanzenwelt von der Flora der Wste bis zu jener der
Hochlande in seltener Flle und unendlichem Reichthum dar. Aus dieser so
verschiedenen Hhenlage ergiebt sich auch ein bedeutender Wechsel des
_Klimas_, und in der That kann man an einigen Orten binnen wenigen Stunden
aus der Region der Palmen bis auf die eisigen Hochebenen gelangen, wo die
Vegetation ein Ende nimmt. Schliet man die heien Kstenstriche, die
tiefgelegenen Niederungen und die nicht minder tief in das Land
eingerissenen Thler, wie jenes des Takazzi, aus, so kann das Hochland
als ein klimatisch sehr begnstigtes bezeichnet werden. Nach Rppell sind
die tglichen Abwechselungen in der Lufttemperatur von wenig Belang;
starke Strme sind eine groe Seltenheit; die Feuchtigkeit der Regenzeit
hat gar keinen nachtheiligen Einflu auf die Gesundheit, ja whrend dieser
Zeit ist sogar am Vormittag fast stets der Himmel heiter und nur zwischen
zwei bis sechs Uhr bricht ein starkes Gewitter aus, welchem gewhnlich
eine bewlkte Nacht folgt. Die Witterung der Sommerzeit, d. h. der Monate
November bis Juni, ist im westlichen Abessinien die angenehmste, die man
sich denken kann, da in der Regel alle acht Tage ein leichter Regenschauer
fllt und die Wrme der sonst heiteren Luft wegen der relativen Hhe des
Landes nichts weniger als drckend ist. Welchen Gegensatz bietet dieses
Klima zu demjenigen des greren Theils von Afrika, das so viele Opfer
fordert!

In dem uns zu Gebote stehenden Manuskripte Zander's finden sich ber den
Wechsel der Temperatur in Abessinien von den hchsten Berggipfeln bis zu
den tiefsten Thlern des Landes herab, also zwischen 14,000 und 3000 Fu,
folgende mittlere Werthe in Graden nach Raumur angefhrt. Zwischen 14,000
und 13,000 Fu: frh und Abends im Sommer + 1 bis 3; in den Wintermonaten
zu derselben Zeit - 3 bis - 6; des Mittags + 3 bis 4.

Zwischen 13,000 und 12,000 Fu: frh und Nachts 0 in den Wintermonaten;
im November, Dezember, Januar, Februar - 1 bis 3; Mittags + 5 bis 7.

Zwischen 12,000 und 10,000 Fu: Morgens und Nachts + 5 bis 7; Mittags 10
bis 12.

Zwischen 10,000 und 8000 Fu: Morgens und Abends + 7 bis 9; Mittags 12
bis 15.

Zwischen 8000 und 6000 Fu: frh und Abends + 14 bis 18; Mittags 20 bis
23.

Zwischen 5000 und 3000 Fu: frh und Abends + 24 bis 28; Mittags 30 bis
32.

Nach v. Heuglin unterscheidet der Abessinier in seinem in klimatischer
Beziehung so viele Abwechselung darbietenden Vaterlande zwei Hauptregionen
oder Vegetationsgrtel, die Kola oder Kwola und die Deka, nebst einem
vermittelnden Gliede fr beide, Woina-Deka genannt. Hiernach lt sich,
wenn auch begreiflicherweise diese Regionen ineinander bergehen, die
_Flora des Landes_ in drei Abtheilungen zerlegen.

_Die Kola._ Kola heit das Tiefland unter 5500 Fu. Seine Vegetation
zeichnet sich nach dem genannten Forscher dadurch aus, da sie im
Allgemeinen zur heien Jahreszeit abfallendes Laub hat. Zu dieser Region
gehren die Provinzen Wochni, Saragao, Ermetschoho, Walkait, Kola-Wogara,
das Takazzi-, Mareb-, Hawasch-, Dschida- und Beschlothal. "Im September
und Oktober herrschen in diesen Fluthlern uerst gefhrliche, meist
todbringende Fieber. Zu dieser Zeit sind die Lfte verpestet, theils durch
die uerst ppige Vegetation, welche dann abstirbt und abfault, theils
durch die stagnirenden Gewsser, die nach der Regenzeit in Lachen und
unzhligen Vertiefungen ohne Abflu verdunsten mssen und in denen sich
oft ungeheure Massen von zusammengeflutetem Laub, Gras und Reisig in hohen
Schichten finden. Viele hundert Abessinier erliegen jhrlich dieser
Krankheit, die auch zugleich ansteckend ist, und oft ereignet es sich, da
der Getreidewchter, welcher dort unten krank wurde, sich in sein hoch und
gesund gelegenes Heimatsdorf zurckbegiebt, wo er das Fieber den Bewohnern
mittheilt, das sich nun von da ber die nchsten Ortschaften weiter
verbreitet. So kommt es denn manchmal vor, da ganze Drfer rein
aussterben. Die beste Zeit in diesen tiefen Lndern fllt in die Monate
Dezember, Januar, Februar; aber auch dann ist es dort nicht immer
geheuer." (Zander's Manuskript.)

Gern meidet der Europer diese fieberschwangern Thler und Niederungen,
oder er eilt, wenn er sie auf seiner Reise unumgnglich berhren mu, wie
z. B. das Takazzithal, schnell hindurch, und nur wenige Forscher sind in
die Kola eingedrungen, um dort lngere Zeit zu weilen; so Munzinger in
jene am Mareb, Rppell in die von Eremetschoho. Letzterer brach von Gondar
aus am 27. Dezember 1832 nach Norden hin auf und gelangte in einer Hhe
von 8200 Fu auf die Wasserscheide, welche die nach dem Tanasee und nach
dem Atbara flieenden Gewsser trennt. Hier breitete sich vor seinen
Blicken nach Nord und Nordost zu ein weites Amphitheater aus, gebildet
durch wild zerrissene Berge, isolirte vulkanische Kegel und schroff
aufgethrmte pyramidalische Felsmassen. Die ganze nach Norden zu gelegene
Gegend erniedrigt sich allmlig und wird von mehreren betrchtlichen
Gewssern durchflossen, welche sich insgesammt in einen Hauptstrom, den
Angrab, vereinigen, welcher die Gefilde der Provinz Walkait
durchschlngelt und sich in den Salam (Nebenflu des Atbara) ergiet. In
der Thalniederung angelangt, marschirte er ber eine wellenfrmige, mit
schnen Baumgruppen bestandene Ebene, oft berragt von zehn Fu hohem,
schilfartigem Rohr. Hier war der Tummelplatz der wilden Thiere. Zahlreiche
Herden furchtbarer Bffel, kleine Familien von Elephanten, einige
menschenscheue Rhinozeros, blutdrstige Lwen und Leoparden, verschiedene
Affen und Antilopen tummeln sich hier auf den groen gemeinschaftlichen
Weidepltzen herum. Fast alle zehn Schritt finden sich die vertrockneten
Spuren von Elephantenfutritten, aber diese weite Thalniederung wird wegen
ihrer verderblichen Luft von den Menschen gnzlich gemieden. Wenn whrend
der Regenzeit bei abwechselnd heiterm Himmel in diesem Bereich einer ppig
vegetirenden Pflanzenwelt die Feuchtigkeit von der Sonne etwas verdunstet
wird, so verhindert das Rohrdickicht und die ganze Form der Gegend den
Luftzug und somit die Zertheilung der Dnste, und schon derjenige, welcher
nur durch die Landschaft flchtigen Fues dahineilt, wird vom bsartigen
Fieber ergriffen. Eine Nacht daselbst zuzubringen, dazu ist in keiner
Jahreszeit Jemand von den Anwohnern zu vermgen. Die in Rede stehende Kola
schtzt Rppell auf 4700 Fu Hhe ber dem Meeresspiegel.

Betrachten wir nun die einzelnen Reprsentanten der Pflanzenwelt in diesen
Niederungen und den sich ihnen anschlieenden bergigen Gegenden bis zur
Hhe von 5500 Fu. Aus dem heien ungesunden Tieflande aufwrts steigend,
gewahren wir groe gewaltige Bume nur in den Tiefen des Thales. Die Wnde
sind zwar ppig begrnt, doch nur von kleinen Bumen bestanden; namentlich
wuchert die _Akazie_ empor und nur an den gnstigsten Stellen treten
andere Bume zwischen sie hinein; im Thalgrunde dagegen erheben sich die
_Tamarinden_ mit ihren blaugrnlich schimmernden Kronen; die _Kigelien_
mit dem herrlichen Laubgewlbe, aus welchem die groen, wurstfrmigen, an
langen, elastischen Stielen hngenden Frchte hervorschauen; der _Baobab_
(_Adansonia digitata_), die Mimosen, welche hier zu hohen schnen Bumen
geworden sind, und viele andere herrliche Gewchse. Blumen aller Art,
Grser, Cacteen und Euphorbien, schmarotzende Loranthusarten und Parasiten
ohne Zahl bemchtigen sich des von den Bumen selbst nicht in Besitz
genommenen Erdreichs und verleihen den Wnden auf groe Strecken hin
schmckende Farben. Je hher man im Thale aufwrts steigt, um so krftiger
und reicher erscheint die Pflanzenwelt. Von etwa 4000 Fu ber dem Meere
an tritt die Sykomore, bald darauf der Oelbaum und mit ihm die prchtige
Kronleuchter-Euphorbie auf. Gleich diesen tragen die _Oelbume_ wesentlich
dazu bei, diesem Grtel einen gewissen Charakter zu verleihen; doch kommen
letztere an und fr sich langweilige Pflanzen nie so zur Herrschaft, da
ihr Anblick unangenehm werden knnte. Ihr ungewisses Graugrn sticht
prchtig ab von den auf groe Strecken hin durch die blhende Alo
rothgelb erscheinenden Felspartien, von den Blttern und Blten mancher
Schlingpflanzen oder dem dunklen Laube anderer Bume. Mit dem Wachholder
und der Eibe bildet der Woira oder Oelbaum zwischen 5000 und 5500 Fu den
vorzglichsten Waldbaum Abessiniens; ein ganz anderer Gesell, als sein
kleiner sdeuropischer Verwandter, erreicht er eine durchschnittliche
Hhe von sechzig bis achtzig Fu und einen Durchmesser von vier Fu. Die
erbsengroen fleischlosen Frchte werden nicht benutzt, dagegen liefert
der Stamm ausgezeichnetes Zimmer- und Brennholz. Die Tamarinde (_T.
indica_) erreicht eine majesttische Gre, wird aber von den Eingeborenen
wenig beachtet; verschiedene Senna-Arten kommen vor. In den wsten,
sandigen und vulkanischen Grenzdistrikten werden die Akazien (_A.
eburnea_, _planifrons_ u. s. w.) und andere Kameeldornbume von groer
Wichtigkeit, da in ihrem Schatten sich Menschen und Vieh sammeln knnen.
Einige liefern Gummi arabicum und die dornigen Zweige dienen den Kameelen
als Futter.

Eine sehr eigenthmliche Erscheinung in der Kolaregion ist die
papierrindige _Boswellia_ (_B. papyrifera_). Sie ist ein stattlicher Baum
mit groen ahornartigen Blttern und kleinen rothen Bltenbscheln.
Unmittelbar nach der Regenzeit zeigt der Stamm eine blagrne glatte
Rinde, die in der Trockenheit bald springt und sich in groen papierdnnen
Blttern ablst. Wo ein Einschnitt gemacht wird, entquillt in reichlicher
Menge ein klebriger Milchsaft, der bald an der Luft erhrtet und klare
Bernsteinfarbe annimmt.

Neben den genannten Pflanzen sind noch die Gattungen Zizyphus, Balanites,
Dahlbergia, Sterculia, Salvadora, das stachelige Pterolobium und die
langfrchtige Baum-Cassia in der Kola vorzugsweise vertreten. Der
graubltterige Uscher (_Calotropis procera_) berrascht durch seine
ballonartigen, mit atlasglnzender Wolle gefllten Frchte.

Mehrere Euphorbia-Arten kommen in auerordentlicher Gre vor. Unter
denselben zeichnet sich als Charakterpflanze die schne,
armleuchterartige, oft bis vierzig Fu hohe _Kronleuchter-Euphorbie_ (_E.
abessinica_), der _Kolqual_, besonders aus. Er gleicht einem Cactus, der
zum Baum geworden ist, aber seine Regelmigkeit, sein eigenthmliches
Wesen, die Flle seiner Bltter, die gleichartige Verzweigung derselben
beibehalten hat.

  [Illustration: Baobab mit Schlingpflanzen, im Vordergrunde
  Agaseen-Antilopen. Zeichnung von Robert Kretschmer.]

  [Illustration: Landschaft mit Kronleuchter-Euphorbien und Mimosen.
  Zeichnung von Robert Kretschmer.]

Licht hebt er sich ab von dem dunklen Gelnde und verleiht der Landschaft
einen wunderbaren Schmuck. An dem Milchsafte dieser Pflanze ist schon
mancher erblindet, whrend er andererseits als Arznei gegen
Hautkrankheiten u. s. w. gebraucht wird. Das Holz des Kolqual wird zum
Hausbau benutzt, um Querbalken zu belegen; aus der Kohle desselben
fabrizirt man Schiepulver. Der Kolqual erreicht seine grte Verbreitung
zwischen 4500 und 5000 Fu Meereshhe, allein er kommt selbst bis 11,000
Fu Hhe vor. In den tiefer liegenden Gegenden ist die _Sykomore_ sein
Begleiter, der ihn aber bald verlt. Diese Feigenart, welche von den
Abessiniern Worka, die Goldene, genannt wird, steht bei den heidnischen
Gallas in groer Verehrung. Oft hainartig gruppirt ragen die Sykomoren mit
mchtigem Laubdach ber ihre Umgebung hervor. Rppell sah ein Exemplar,
dessen Stamm einen Durchmesser von dreizehn Fu hatte. Andere Exemplare
von vielleicht tausendjhrigem Alter und einer Gre, da eine ganze
Reisegesellschaft mit Thieren, Zelten und Gepck in ihrem Schatten bequem
ruhen knnen, sind gerade keine Seltenheit. Neben ihnen sieht man
Sykomoren, die, eine ganze Welt fr sich bildend, so von
Schmarotzerpflanzen berdeckt sind, da man nur Wnde von diesen, selten
aber ein Stckchen Stamm erblicken kann; so wandeln die Schlinger die von
ihnen in Besitz genommenen Bume in Lauben um, welche der Kunst jedes
Grtners zu spotten scheinen.

Die Botaniker haben gezeigt, da _kryptogamische Pflanzen_ in vielen ihrer
Unterabtheilungen ber die ganze Erde mit denselben Arten vertreten sind.
Unter gleichen Umstnden bedeckt dieselbe Flechte die Felsen in Europa wie
in Abessinien, und derselbe Schwamm ist dort wie hier auf den Baumrinden
zu entdecken. Auch in den heieren, tiefer gelegenen Gegenden wundert man
sich, da selbst die desten, rmsten Stellen des Gebirges begrnt und
belebt sind; man begreift kaum, wie in dieser Sonnenglut, ungeachtet der
Regen, eine ziemlich reichhaltige Flechtenwelt sich auf den Gesteinen
festsetzen kann. Jede parasitische Pflanze wird von den Abessiniern mit
einer Art von Mitrauen betrachtet, namentlich die Gef-Kryptogamen,
welche den Zauberern ihre hauptschlichen Wundermittel liefern. Doch Pilze
und Boviste werden fr giftig angesehen und gemieden. Wo das Klima sehr
feucht ist, erscheint der Schimmel, bekanntlich auch eine kryptogamische
Pflanze, als eine wahre Landplage, die groe Zerstrungen unter den
Vorrthen anrichtet. Der Feuerschwamm, die phantastisch gleich Gewinden
von den Bumen herabhngende Bartflechte (_Parmelia_) sind in Abessinien
hufig; selten dagegen die Moose. Unter den _Farrnkrutern_ finden wir
allerdings keine baumartigen, aber viele Gattungen, wie Aspidium,
Polypodium, Asplenium, Adiantum, Scolopendrium, Ophioglossum und Pteris,
die auch in Deutschland ihre Vertreter haben.

Die _Woina-Deka_ oder vermittelnde Region, die von 5500 bis 7500 Fu
hinaufreicht, fhrt ihren Namen nach dem Weinstock. In ihr gedeihen die
hauptschlichsten Kulturpflanzen, die in einem besondern Abschnitte
besprochen werden sollen. Die _Weinrebe_ anlangend, so fand Rppell noch
1832 eine groe Menge Trauben zu uerst billigen Preisen auf dem Markte
bei der Kirche von Bada, sdlich von der Hauptstadt Gondar. Man erhielt
etwa zehn Pfund derselben fr ein Stck Salz oder dritthalb Centner fr
einen Maria-Theresia-Thaler. Die grobeerigen, blauen und sehr sen
Trauben (_Woin saf_) wurden in den Distrikten Wochni und Wascha schon seit
uralten Zeiten gezogen. Vermuthlich kam nmlich der Weinstock schon zur
Zeit der axumitischen Knige aus Arabien nach Abessinien, wo ihm
allerdings keine besondere Kultur zu Theil wurde. Von einer Veredelung und
besondern Pflege der Pflanze beim Anbau wei man nichts. Der grte Theil
der Trauben wird frisch gegessen, und nur wenig verwendet man zur
Gewinnung eines Weins, welcher feurig und krftig ist. Durch Heuglin
wissen wir, da im Beginn der fnfziger Jahre diese Weinstcke durch eine
Traubenkrankheit alle zu Grunde gegangen sind.

Somit kann der Weinstock, obgleich er den Namen fr diese Region hergab,
keineswegs als Charakterpflanze fr die Woina-Deka gelten. Statt seiner
bernimmt diese Rolle eine Menge anderer Gewchse, die an Zahl, Ueppigkeit
und Reichthum der Entfaltung selbst jene der Kola bertreffen. Dahin
gehrt zunchst der _Wanzabaum_ (_Cordia abessinica_), der das beliebteste
Bauholz liefert. Der Wanza wird ein groer, starker Baum, dessen Stamm oft
vier Fu im Durchmesser erreicht. Seine Frchte stehen in Bscheln und
nehmen zur Zeit der Reife eine hochgelbe durchsichtige Farbe an. Der
Geschmack derselben ist sehr s und oft sind sie die einzige Nahrung der
Armen, wenn Hungersnoth eintritt.

Der _Kuaraf_ (_Gunnera spec._), eine Artocarpee, gewinnt whrend der
Fastenzeit an Bedeutung, weil dann die geschlten Blattrippen, die hnlich
unserm Sauerampher schmecken, gegessen werden. Er wchst in Smpfen und an
Bchen, ist eine jhrige Pflanze, die aus einer perennirenden Wurzel
entspringt und einen laublosen Stengel mit einem Bschel kleiner Blten
trgt. Auch die hufig bis zu fnf Fu hoch werdende Nessel wird in der
Fastenzeit als Gemse verspeist. An diese Pflanzen schlieen sich an die
reich vertretenen Polygonum-Arten, ein Ampher (_Rumex arifolius_), dessen
fleischige Wurzel zum Rothfrben der Butter benutzt wird. Als eine
Nutzpflanze dieser Region mu hier ein uns allen bekanntes Gewchs
besonders hervorgehoben werden.

Nach der Tradition sollen die sdabessinischen Landschaften Enarea und
Kaffa die Urheimat des _Kaffees_ sein, wie denn auch der Name desselben
mit dem letztgenannten Distrikte sicher in Zusammenhang steht. In Schoa
war der Anbau und Genu des Kaffees untersagt, weil er das
Lieblingsgetrnk der Muhamedaner ist, und auch in Amhara trinken die
Christen denselben in der Regel nicht, wenn er auch bei Korata (Kiratza)
am Tanasee gebaut wird und dort auf basaltischem Boden und gewissermaen
ohne Pflege gedeiht. Allein dort ist er fast nur Handelswaare. In Kaffa
und Enarea dagegen wchst er wie Unkraut weit und breit im Lande, dessen
Bewohner ihn als Lieblingsgetrnk betrachten und fast nur einen nominellen
Preis fr ihn zahlen; nur dem Mangel an Verbindungswegen ist es
zuzuschreiben, da er von dort aus nicht ganz Europa berschwemmt und alle
brigen Sorten dort durch Gte und Billigkeit vom Markte verdrngt. Der
kurz vor der Regenzeit gepflanzte Samen erscheint bald als Setzling ber
der Erde, wird verpflanzt, bewssert und mit Schafmist gedngt, um nach
sechs Jahren als erwachsenes Bumchen whrend der Monate Mrz und April
dreiig bis vierzig Pfund Kaffee zu liefern. Namentlich auf zersetztem
vulkanischen Gestein, in geschtzten Thallagen gedeiht der acht bis zehn
Fu hohe, mit dunkelglnzendem Laube und fruchtbeladenen Zweigen versehene
Baum vortrefflich. Die dunkelgrnen Beeren werden zur Reifezeit roth und
umschlieen mit milchweiem Fleische die Samen. Nachdem sie geschttelt
und gesammelt sind, werden sie in der Sonne getrocknet, worauf der Wind
das Geschft des Reinigens von den drren Schalen bernimmt, das
gewhnlich im Laufe eines Monats vollendet ist. Diejenigen Samen jedoch,
welche zur Fortpflanzung dienen sollen, behalten ihre Schale. Theuer wird
das Produkt nur durch den weiten Transport, die schlechte Beschaffenheit
und Unsicherheit der Straen, die nach dem Meere fhren, und durch die
Abgaben, welche an alle kleinen Huptlinge im Danakillande gezahlt werden
mssen, ehe die Karawane die Seehfen Zeyla oder Tadschurra erreicht. Was
den Geschmack des sdabessinischen Kaffees anbelangt, so versichern
Kenner, da er dem feinsten arabischen, selbst dem edlen Mocha, noch
vorzuziehen sei. Aber so wie die Lage Abessiniens jetzt ist und namentlich
wegen der Unsicherheit der Karawanenstraen ist so leicht nicht daran zu
denken, da Kaffa-Kaffee die arabischen, ostasiatischen und amerikanischen
Produkte auf unsern Mrkten verdrngen wird.

Die _Lilien_, welche weite Gebirgswiesen mit einem lieblichen
Bltenschmuck berziehen, gelten als vorzgliche Charakterpflanzen
Abessiniens. Aber nur die ebaren Arten werden kultivirt, da Ziergrten
den Eingeborenen ein unbekanntes Ding sind. Whrend die Spargelarten und
die Alo trockene, wste Stellen aufsuchen, erfreuen auf sumpfigen Wiesen
_Commelina africana_ und _Tradescentia_ das Auge, deren "Vogeleier"
genannte Knollen von den Abessiniern gegessen werden. An sie schlieen
sich Ixia-, Haemanthus-, Amaryllis- und Gloriosa-Arten an. Mit saftigen,
hellgrnen Blttern und schngestalteten Bltenhren leuchtet aus den
grnen Wiesen _Obitus abessinica_ hervor, whrend unter den Spargeln der
kletternde _Asparagus retrofractus_ Erwhnung verdient, dessen in das Haar
des Vorderhauptes gesteckte Zweige anzeigen, da der Trger ein wildes
Thier erfolgreich bekmpft hat.

_Orchideen_ giebt es nur wenige in Abessinien; ihr hauptschlichster
Vertreter ist das auf der Rinde des wilden Oelbaums schmarotzende
_Epidendrum capense_. Aus der Gruppe der _Pisange_ sind die gemeine Banane
(_Musa paradisica_) und die kultivirte Ensete, sowie zwei Urania-Arten zu
erwhnen, aus deren Fasern Seile und Matten bereitet werden. Die _Palmen_
haben in Abessinien keinen Boden; sie kommen nur in den Kstenlandschaften
des Danakil und Adal vor und auch dort in keineswegs besonderer
Ausdehnung. Vertreter dieser Familie sind namentlich die Dattel-, Dum- und
Fcherpalme.

  [Illustration: _Obitus abessinica_. Nach Lejean.]

Die Teich- oder Seerosen sind sprlich vertreten; ebenso die
Aristolochien, von denen _A. bracteata_ gegen die Wunden vergifteter
Pfeile angewandt wird. Reichlich auftretend bilden die _Nadelhlzer_ den
Stolz der abessinischen Wlder; in den nrdlichen Hochlanden gedeiht die
Cederfichte, whrend weiter landeinwrts schne _Ded-_ oder
_Wachholderbume_ (_Juniperus excelsa_) die Kirchen und Friedhfe mit
ihren dstern, aber hochaufstrebenden Kronen beschatten. Kaum einem
Gotteshaus im ganzen Lande fehlt der Schmuck dieser bis zu 100 Fu hohen
Bume, deren Stamm am Fuende vier bis fnf Schuh im Durchmesser erreicht.
Fast in der Form einer Pyramide wachsend, wirft dieser Baum stets die
unteren Aeste ab, die im rechten Winkel vom Stamme ausgehen, soda etwa
zwei Drittel desselben des grnen Schmuckes beraubt sind; die Krone ist
immer pyramidenfrmig, wenn auch nie dicht. Das Holz, wenn auch keineswegs
gut und dauerhaft, wird doch zu Balken bei Kirchenbauten und in
Ermangelung anderer Holzarten als Brennholz gebraucht. Das Harz wird nicht
benutzt; mit den Zweigen schmckt man jedoch die Leichen, bevor sie in die
Gruft gesenkt werden.

Die niedrige, in den Hochgebirgslandschaften herrschende Temperatur
verhindert keineswegs die krftige Entwicklung der _Feigenarten_, die in
ihrem ganzen Habitus den strengsten Gegensatz zu den Nadelhlzern bilden.
Der _Schoala_, eine Art von Banyane mit breiten, eifrmigen, zugespitzten
und gesgten Blttern, mit Fruchttrauben, die nur am Stamme und den
Hauptsten sitzen, erreicht oft einen Durchmesser von sieben Fu, bei
einer Hhe von 40 Fu. Seine Wurzeln ragen ber den Boden empor; doch
fehlen ihm alle Zweigwurzeln. Da er bei seiner Ausdehnung keinen geringen
Raum einnimmt, steht er gewhnlich allein oder am Rande der Wlder, in
seinem tiefen Schatten alle andern Gewchse erdrckend. Die braunen,
taubeneigroen Frchte werden vom Volke in Zeiten der Noth gegessen.

Unter den polypetalen Gymnoblasten, in welchen das Pflanzenreich in
Gestalt und Farbe den hchsten Grad seiner Vollkommenheit erreicht hat,
fehlen gerade einige der wichtigsten Familien in der abessinischen Flora.
Aepfel, Birnen, Mandeln - berhaupt die Pomaceen und Amygdaleen sind so
schwach vertreten, da man in der That einen hchst auffallenden Mangel an
Fruchtbumen, wilden und kultivirten, dort empfindet. Die Berberitze
liefert gelben Farbstoff zu Trauerkleidern; das Hirtentschchen (_Thlaspi
bursa pastoris_), dieses kosmopolitische Unkraut, folgt der Agrikultur in
Abessinien so gut wie in Europa; der schwarze Senf wchst wild und dient
als Zusatz zu den ohnehin scharfen Pfeffersaucen; Krbisse, welche
Flaschen liefern, afrikanische Gurken und Koloquinten wachsen an drren
Stellen, letztere namentlich in der Samhara und der heien Kstenzone. Die
Samen der _Phytolacca abessinica_ (Septe oder Endott) dienen statt der
Seife, und die getrockneten Bltter der _Callancho verna_ werden von
Schwindschtigen statt des Tabaks geraucht.

Wir fgen hier die Citronen an, die in den kniglichen Fruchtgrten gebaut
werden oder in den tieferen Lagen wild wachsen; die Brombeeren (_Rubus
pinnatus_), welche die besten aller wildwachsenden Frchte liefern, und
die gleichfalls als Nahrung dienende Hagebutte (_Rosa abessinica_).

Whrend der schwarze Pfeffer, die unentbehrliche Zuthat zu allen
abessinischen Speisen, eingefhrt und theuer bezahlt wird, kultivirt man
den allerdings botanisch ihm fernstehenden rothen Pfeffer (_Capsicum
frutescens_) in den Tieflanden sehr sorgfltig. Von den brigen Solaneen
wird der Tabak eingefhrt; vom Umboistrauch (_Solanum marginatum_) benutzt
man die Samen, um damit die Fische zu betuben, welche nichtsdestoweniger
ebar bleiben; der rothe Saft einer Tollkirsche (_Atropa arborea_) dient
zum Frben der Ngel bei den abessinischen Damen, und die narkotischen
Eigenschaften des Stechapfels (_Datura __Strammonium_) sind den Zauberern
und Diebsentdeckern wohlbekannt, da sie durch Verbrennen des Laubes die
Leute betuben. Gefhrlich fr kleine Thiere ist eine giftige Asclepiadee
(_Kannahia laniflora_), die an den Ufern der meisten abessinischen
Gewsser vorkommt, nur mit dem Unterschiede, da sie, je nach den
verschiedenen Distrikten, in ganz entgegengesetzter Jahreszeit blht. In
den Kstenthlern unfern Massaua findet die Entwicklungsperiode ihrer
vortrefflich duftenden Blume im Mai statt; bei Gondar dagegen blht die
Pflanze im Oktober. Merkwrdig ist die tdtlich-betubende Eigenschaft,
welche ihr verfhrerischer Geruch oder ser Nektarsaft auf verschiedene
Insekten ausbt; denn nur ihm kann man es zuschreiben, da in dem Kelche
der meisten Blten sich todte Wespen, Kfer u. s. w. finden.

Durch zahlreiche Reprsentanten sind die Familien der Kontorten, Rubiaceen
und Ligustrineen vertreten. Am hervorragendsten sind eine Aasblume
(_Stapelia pulvinata_) und _Calotropis gigantea_. Die erstere hat einen
fleischigen, viereckigen und zwei Fu hohen Stengel, dem man, wenn er
seine Blten entfaltet, wegen des blen Geruches jedoch nicht zu nahen
vermag; die letztere liefert gute Kohle zu Schiepulver.

_Die Deka_ nimmt ihrer Ausdehnung nach den grten Theil Abessiniens ein.
Sie reicht von 7500 Fu bis zur Vegetationsgrenze bei 13,000 Fu. Bis zu
12,000 Fu Hhe gedeihen noch mehrere Getreidearten und bis 11,000 Fu
findet man den _Kussobaum_ (_Brayera anthelmintica_), der als Wahrzeichen
des Landes gelten kann. Wegen der Schnheit seines Wuchses und seiner
Brauchbarkeit wird er allgemein geschtzt; denn infolge des rohen
Fleischgenusses sind die Abessinier sehr stark von Eingeweidewrmern
(_Taenia_ und _Strongilus_) geplagt, gegen welche sie sich regelmig und
zwar meist allmonatlich einer Abkochung der Kussoblten bedienen. Drei
Loth der getrockneten Blten mit Wasser gekocht und getrunken, reinigen
den Krper auf eine merkwrdig schnelle und sichere Weise von den
gefrigen Schmarotzern; indessen ist die dadurch bewirkte Befreiung nur
eine vorbergehende und keine Heilung des Uebels. Der Kussobaum erreicht
eine Hhe von fnfzig bis sechzig Fu und verleiht mit seinen
weitausgedehnten und dichtbelaubten Zweigen dem Wanderer khlen Schatten;
jedoch soll es gefhrlich sein, zur Bltezeit unter ihm zu schlafen; so
berichtet wenigstens Isenberg.

In Schoa wird unter Kusso die _Hagenia abessinica_ verstanden, die
gleichfalls wurmtreibend wirkt. Als eine abessinische Charakterpflanze
verdient die _stachelige Kugeldistel_ (_Echinops horridus_), die bis zu
zehn Fu Hhe erreicht, hervorgehoben zu werden. Es ist eine stattliche
Staude mit straff aufstehenden Stengeln, dornig gezhnten Blttern und
runden Bltenkpfen, aus denen Dornen hervorragen. Neben ihr finden wir
eine andere nicht minder auffllige Art, die riesige Kugeldistel
(_Echinops giganteus_), deren kopfgroe Blten auf 15 Fu hohem Stengel
stehen; beide Arten steigen bis zu 13,000 Fu an.

Wir sind nun allmlig hinaufgelangt in die hchsten Regionen der Deka. Die
Hochbume erscheinen immer sprlicher und finden sich vorzglich noch
lngs den Ufern der Wildbche und Schluchten, die dornigen Akazien und
Pterolobien sind verschwunden. Vor uns liegen Alpenmatten mit tausenden
von kleinen, schn blhenden Alpenpflanzen bedeckt, unter denen sich
blaublhende Salbeiarten besonders auszeichnen. Daneben stehen Senecionen
und der fiebervertreibende _Celastrus obscurus_, die _Primula semiensis_.
Ueber diesen erheben sich Strucher, besonders Hypericum und Cytisus. Den
europischen Eindruck, welchen diese Pflanzen etwa hervorbringen knnen,
vertreiben die _baumartigen Eriken_ oder Zachdi (_Erica arborea_), die bis
zu 30 Fu heranwachsen und einen 1 Fu im Durchmesser haltenden Stamm
besitzen, dessen Holz eine vorzgliche Schmiedekohle liefert, whrend die
reiche weie Bltenflle den sesten Honigseim den Bienen darbietet.
Jetzt aber entwickelt sich vor unsern erstaunten Blicken in der Hhe von
12,000 Fu ein neues, berraschendes Bild, eine Pflanze tritt auf, die fr
den Charakter ihres Bereichs bestimmend ist, die _Dschibarra_
(_Rhynchopetalum montanum_). Diese Lobeliacee berrascht den Wanderer in
den kalten Hochgebirgen an der uersten Grenze der Vegetation mit einer
dort gewi von ihm nicht gesuchten Form: nmlich der der Palme. Auf einem
hohlen, etwa acht bis zehn Fu hohen benarbten und armdicken Markstengel
mit einer Krone von groen, berhngenden, lanzettfrmigen Blttern erhebt
sich eine fnf Fu lange Bltenhre, deren einzelne bluliche Knospen der
Blte des Lwenmauls hneln. Fr Feuerung oder sonstigen technischen
Gebrauch untauglich, dient der lange hohle Markstengel der Jugend zur
Anfertigung von Schalmeien. Sobald die Dschibarra abgeblht hat, knickt
der Stengel um und die Pflanze stirbt. Auf ihren Bltenschossen wiegt sich
paarweise die einzige Glanzdrossel (_Oligomydrus tenuirostris_), die in
diesen Gegenden lebt und die feinen Dschibarrasamen allen brigen
vorzuziehen scheint. Drei bis vier Stunden Marsch fhren uns aus dem
tropischen Walde auf diese mit Dschibarra bewachsenen Alpenflchen, ber
denen nur noch wenige kahle Felsgipfel auf etwa 1000 Fu relative Hhe in
die Wolken ragen; drunten haust die flchtige Gazelle, Meerkatzen necken
sich in den Hochbumen; hier aber setzt khn der Springbock (_Oreotragus
saltatrix_) ber die Felsen, grast friedlich der Steinbock (_Ibex Walia_)
und warnt durch einen gellenden Ruf seine Herde vor der herannahenden
Gefahr; Alpenkrhen umschwrmen geschwtzig und in rauschendem Fluge die
hchsten Felsen und drber schwebt in weiten Kreisen der Knig der Alpen,
der Lmmergeier. Auch die gefleckte Hyne steigt bis in diese Hhen,
seltener der Leopard und ein Fuchs (_Canis semiensis_), der ausschlielich
von den uerst zahlreich hier hausenden Ratten und Musen lebt. Auch
Tauben (_Columba albitorques_) schwrmen in groen Flgen in diesen
hchsten abessinischen Alpengegenden umher.

_Die Fauna Abessiniens._ Fast noch reicheren Stoff als die Pflanzenwelt
bietet dem Beobachter die _Thierwelt_ Abessiniens dar. Nicht gengend
erforscht sind die niederen Thierklassen, unter denen auch wenige
Mitglieder ein allgemeines Interesse in Anspruch nehmen. Von der Plage der
Eingeweidewrmer und ihrer Vertreibung durch Kusso war bereits die Rede;
die hher stehenden Insekten treten im Hochlande nur in der wrmeren
Jahreszeit in groen Mengen auf, werden aber durch die kalten Regen wieder
in die tiefer liegenden Gegenden getrieben. Die _Heuschrecken_, amharisch
Anbasa, richten oft groen Schaden an, wie in den andern Nillndern auch.

  [Illustration: Die riesige Kugeldistel. Originalzeichnung von E.
  Zander.]

Ihr pltzliches Verschwinden wird in der Regel der gndigen Frsprache der
Heiligen zugeschrieben und diesen daher ein Dankopfer gebracht. Die
Wanderheuschrecke dehnt ihre Zge bis hoch in die Gebirgsgegenden aus.
Rppell fand das Land am Takazzi von Myriaden dieser Thiere geradezu
abgefressen. Der Boden der ganzen Gegend war buchstblich von ihnen
bedeckt. Er fgt hinzu: "Wenn brigens manche Reisende von einer
Verdunkelung des Sonnenglanzes durch Heuschreckenzge reden, so ist diese
Erscheinung lediglich auf die gleichzeitige dunstige und staubige
Atmosphre zu beziehen und nicht der vermeintlich so ungeheuren Menge von
Heuschrecken zuzuschreiben, deren Wandern allein durch schwlen sdlichen
Luftzug veranlat wird. Der ganze Boden schien mit diesen Thieren
berdeckt zu sein, bei genauem Zhlen aber fanden sich nur etwa 12 bis 30
Heuschrecken in dem Raume eines Quadratfues". Die christlichen Abessinier
essen die Heuschrecken nicht; sie betrachten sie als verbotene Speise und
unter den Muhamedanern bequemen sich nur arme Leute zu dieser Nahrung. Ein
ntzliches, allgemein gepflegtes und in Bienenkrben gezchtetes Insekt
ist die _gyptische Honigbiene_, von der groe Mengen des sen Seims
gewonnen und zu dem landesblichen Meth benutzt werden. Es giebt auch eine
kleinere wilde Biene, die in Erdlchern ihre Baue aufschlgt und einen
Dasma genannten Honig liefert, der als Medikament sehr geschtzt ist.
Diese Dasma wirkt leicht abfhrend, hat eine rthlichere Farbe als
gewhnlicher Honig und einen bittern Nachgeschmack. In Gegenden, wo die
Bienen viel Honig von Kronleuchtereuphorbien und andern giftigen Pflanzen
sammeln, wirkt derselbe selbst im Meth sehr nachtheilig auf die
Gesundheit, er erzeugt Schwindel, Kopfschmerzen, Erbrechen und andere
Symptome einer leichten Vergiftung. Fliegen und Moskitos kommen wol in den
khlern Hochlanden vor, werden jedoch nicht zur Landplage, in der Weise
wie die Flhe. Die schwarze Ameise, welche sich wasserdichte Wohnungen
gegen den Regen baut, wird dem Menschen oft lstig, whrend die Termiten
nur selten in die Huser dringen und meist unter losen Steinen ihre
kleinen Kolonien anlegen. _Kfer_, amharisch Densissa, sind in groer
Menge vorhanden, besonders die Koth- und Pillenkfer, die man auch in
Aegypten antrifft. _Spinnen_ und _Skorpione_ werden als unrein gemieden
und vernichtet.

_Fische_ sind im Hochlande Abessiniens nicht allzu hufig, um gengende
Fastenspeise liefern zu knnen. Der Takazzi allein ist besonders reich an
groschuppigen, olivengrauen Karpfenarten mit lebhaft wachsgelben Flossen
und enthlt einen Heterobranchus von enormer Gre, welcher mit der Angel
gefangen oder mit abessinischem Fischgift betubt wird. In Atbara kommt
ein Wels vor, der schne Hausenblase liefert, welche jedoch nicht
eingesammelt wird.

Die _Amphibien_ sind Gegenstnde des Abscheus und des Aberglaubens. Die
Schlangen der Hochlande sind klein und nicht giftig, doch sehr gefrchtet;
in der Kola, sowie in den Kstengegenden fehlen jedoch groe Pythonarten
und giftige Exemplare keineswegs. In den Niederungen werden auch
Schildkrten gefunden, unter denen die groe _Geochelone senegalensis_
hervorragt; im Anseba-Gebiet und in Schoa kommt eine Cinixys in vielen
Smpfen und Bchen vor, und die _Pentonyx Gehafie_ steigt berall aus dem
Tieflande bis zu 8000 Fu empor. Neben diesen gepanzerten Amphibien sind
die Krokodile (Aso) namentlich in der Kola sehr hufig; im Setit, Atbara
und Mareb werden sie von den Eingeborenen harpunirt und ihr
moschusduftendes Fleisch verzehrt. Flschlich jedoch hat man ihr Vorkommen
im Tanasee behauptet. Sonst sind unter den Sauriern noch zu nennen der
Skink (_Scincus officinalis_), das Chamleon, der Gekko und _Stellio
cyanogaster_ als Gesellschafter der Klippdachse. Die Warneidechse
(_Varanus niloticus_) ist auch in Abessinien hufig und hat hier ihren
einheimischen Namen, Angoba, auf viele Flsse bertragen.

Schwer hlt es, bei dem groen Reichthum der verschiedenen Arten
abessinischer _Vgel_, welche sich dem Auge des Forschers zeigen, einen
Ueberblick nur der wichtigsten zu geben und eine Auswahl aus der Menge
dieser prachtvoll gefrbten, eigenthmlich gestalteten und hinsichtlich
ihrer Lebensweise merkwrdigen Geschpfe zu treffen. Aber gerade auf dem
Gebiete der Ornithologie Abessiniens ist von Rppell, Heuglin, Brehm
Vorzgliches geleistet worden, soda man wohl behaupten darf, besser als
das Pflanzenreich und die brigen Klassen des Thierreichs sei die
Vogelwelt der "afrikanischen Schweiz" durchforscht.

  [Illustration: Wanderheuschrecke.]

Es giebt wol kein zweites Land, das so reich an _Tag-Raubvgeln_ ist wie
Abessinien. Vermge der hhern Lage der Plateaux bieten sich in den
Felspartien gnstige Lebensbedingungen fr Adler, Geier und Falken, die
hier ihre Horst- und Zufluchtssttten finden. Die Vegetation prangt in
auerordentlicher Flle; in allen Thlern und Schluchten sprudeln
Gebirgswasser; im dichten Gestrpp und in den Grsern hausen Reptilien in
Menge, von der Pythonschlange und Naja bis zur kleinsten Baumschlange
herab; Schildkrten weiden gemthlich an Hecken und Teichen; an
Sugethieren von der Gre der Feldmaus aufwrts ist Ueberflu vorhanden,
whrend schattige, fast undurchdringliche Waldpartien, abgelegene
Schluchten, die selten eines Menschen Fu betritt, und fast unersteigliche
Felsen und kolossale Hochbume den Raubvgeln jeden Schutz und Schirm
gewhren. Da horstet denn der mchtige _Gyps Rppellii_, der gemeine
ostabessinische Mnchsgeier (_Neophron pileatus_), der Schmuzgeier (_N.
percnopterus_), der Bartgeier (_Gypatos meridionalis_) und Schlangenadler
(_Gypogeranus serpentarius_), die viele Schlangen verzehren und mig
starke Wstenschildkrten mit einem Schlag ihrer starken Fnge
zerschmettern. Zahlreiche Weihen, Milane, Falken und Sperber machen den
Beschlu der Tagraubvgel. Der unreinliche Mensch giebt den Schmuzgeiern
tagtglich neue Nahrung und damit neue Beschftigung; deshalb vermit man
diese wohlthtigen Vgel an keinem Orte. Sie folgen den Herden wie den
Handelszgen, umschweben die Drfer und Schlachtpltze und rumen schnell
allen Unrath auf. Der groe, von Brehm zuerst genau beschriebene
Rppell'sche Aasgeier erscheint erst dann, wenn irgend ein Aas ihn
heranlockt. In ungemessenen Hhen, wohin ihm des Menschen Auge nicht zu
folgen vermag, zieht er dahin; aber sein Auge beherrscht ein weites Gebiet
und die mchtigen Schwingen tragen ihn schnell nach dem Orte, wo ein Stck
Wild verendet oder einem Schaf die Kehle durchschnitten wird. Kaum fliet
das Blut, so ist auch der Aasgeier da; reiche Beute aber wird ihm zu
Theil, wenn das Land weit und breit mit Menschenleichen berset ist, wenn
die grausamen Brgerkriege wthen und den Zug der Heere gefallene Rinder
und Schafe bezeichnen. Wo er erscheint, da fehlen auch selten seine
kleineren Verwandten, der Schopf- und der Ohrengeier (_Vultur occipitalis_
und _V. auricularis_). Unter den Adlern begleitet der Augur, ein naher
Verwandter unsers Bussards, den Zug der Reisenden, whrend der
"_Himmelsaffe_" oder Gaukler (_Helotarsus ecaudatus_) sowol durch die
Khnheit seines Fluges, als durch die Schnheit seines Gefieders jeden
Beschauer in Entzcken versetzt. Unter allen Raubvgeln ist er der
stolzeste Flieger: er jagt frmlich durch die Luft. Nur whrend des Fluges
zeigt er seine volle Schnheit. Sitzend blht er die Federn auf, strubt
Kopffedern und Halskrause und gestaltet sich in einen Federklumpen um.
Eine der hufigsten Erscheinungen ist der Schmarotzer-Milan (_Milvus
parasiticus_), dessen scharfem Auge nichts entgeht und der durch seine
Allgegenwart an den Schlachtpltzen, wo kein Stckchen Fleisch vor ihm
sicher ist, sich lstig macht oder durch die grte Frechheit, mit welcher
er dem Menschen das Fleisch fast unter den Hnden wegzieht, diese in
Erstaunen versetzt. Auch der Singhabicht (_Melierax polyzonus_) kommt
sdlich vom 17. Grade in allen Steppenwaldungen hufig vor; er verweilt am
liebsten auf einzelnstehenden Bumen, hat jedoch keinen besonders schnen
Flug und giebt ein langgezogenes, eintniges Pfeifen, keineswegs aber
einen melodischen Gesang von sich. Seine Hauptnahrung besteht in Insekten,
vorzugsweise aber in Heuschrecken, an denen Abessinien eben nicht arm ist.
Unsere Weihen vertritt der in Nordostafrika hufige Steppenweih (_Circus
pallidus_); er meidet jedoch das Gebirge und zieht die breiten Niederungen
mit kurzem Gestrpp vor, aus welchem er auf kluge Weise das kleine
Geflgel aufscheucht.

Unter den _Eulen_ finden wir unsere Schleiereule und den Kauz, die
kurzhrige Eule (_Otus brachyotus_) und die Zwergohreule (_Ephialtes
Scops_). Im Gebirge haust ein Uhu (_Bubo cinerascens_), der zu den
gemeinsten Eulen gehrt. Dieser Uhu horstet am liebsten auf Bumen und
wird nicht wie unsere europische Art von kleinern Vgeln verfolgt. In den
Steppen wie im Gebirge trifft man auf die Ziegenmelker (Caprimulgusarten),
jene unheimlichen Vgel mit leisem Fluge und eigenthmlichem Nachtgesange.
Gleich groen Nachtfaltern umschweben sie die Wipfel der Bume und die
Dcher der Huser, um ihrer Kerbthierjagd nachzugehen.

Reich vertreten sind die _schwalbenartigen Vgel_ (_Hirundo_, _Cypselus_).
Die meisten derselben sind auch hier Zugvgel und kommen vor Beginn der
Regenzeit, im Mai und Juni, um zu brten.

  [Illustration: Abessinische Vgel. Originalzeichnung von Robert
  Kretschmer.
  Hornvogel.    Ohrengeier.    Webervgel.
  Schmuzgeier.          Eisvogel.
  Hornrabe.    Schlangenadler.    Schattenvogel.]

Die Hausschwalbe ist _Hirundo_ oder _Cecrops rufifrons_; sie erscheint
kurz vor den Sommerregen und beginnt, sobald diese letzteren die Erde
etwas erweicht haben, aus Lehm ein sehr solides, rundes Nest zu bauen, das
sie mit der Basis auf Dachsparren aufsetzt, nicht seitwrts anklebt wie
unsere Schwalbe. Sie macht zwei bis drei Bruten und verlt die Hhen erst
im Dezember. - Durch schnen Flug zeichnet sich der abessinische Segler
(_Cypselus abessinicus_) aus, der in den Bumen nistet; er ist ein
ausgezeichneter Flieger, wie alle seines Geschlechtes. An manchen Stellen
vertritt ihn die Felsenschwalbe (_Cotyle obsoleta_), die ihr Nest in den
Ritzen und Spalten der Felsen baut, doch nur an solchen Orten, wo die
ruberischen Affen nicht hingelangen knnen.

Prchtig gefrbte Bewohner Abessiniens sind neben der Mandelkrhe
(_Coracias abessinicus_) und dem Eisvogel (_Ispidina cyanotis_) vor allen
andern die _Bienenfresser_ (_Merops Lafrenayi_) und die Narina (_Trogon
Narina_), die lautlos ber den Mimosenbschen dahinschwebt, die
Schmetterlinge oder andere Insekten fngt und durch ihr glnzendes
Gefieder das Auge des Beobachters erfreut. Ihnen schliet sich der
Wiedehopf (_Upupa_) an, der neben den Aasgeiern fleiig allen Unrath
wegrumt und mit Recht in keinem guten Geruche steht. Seine Verwandten
sind die Baumwiedehopfe (_Promerops erythrorhynchus_), die in
Gesellschaften gleich Spechten auf den Bumen umherklettern, die Ameisen
aufsuchen und von dieser Nahrung einen durchdringenden Geruch annehmen.
Den Kolibri vertreten in Abessinien die metallglnzenden _Honigsauger_
(_Nectarinia metallica_, _abessinica_, _affinis_), welche von den Arabern
"Abu Risch", Federtrger, genannt werden und als die ersten Tropenvgel in
Nordostafrika auftreten, auf welche man, aus klteren Gegenden kommend,
stt. Die reizenden Vgelchen leben meist paarweise auf den Mimosen und
ziehen im brennenden Sonnenstrahle von Blte zu Blte, um dort Insekten zu
fangen, zu singen, die Federn zu struben, den Schwanz zu heben und das
glnzende Gefieder im Sonnenlichte glnzen zu lassen.

Keineswegs fehlt es Abessinien an Sang und Klang in der Vogelwelt; neben
dem glnzenden Gefieder findet auch der melodische Schmelz der Tne seine
Vertretung. Im Rohre schmettert frhlich der Buschschlpfer (_Drymoica
rufifrons_) oder die Caricola (_C. cisticola_), an welche sich die
abessinische Baumnachtigall (_Aedon minor_) anschliet, die schon dem
Wanderer entgegenschlgt, wenn er, vom Rothen Meere kommend, bei Massaua
seinen Fu ans Gestade setzt. An Steinschmtzern (Saxicola-Arten),
Vertretern unserer Drosseln (_Thamnolaea_), Bachstelzen (_Motacilla alba_
und _flava_) ist kein Mangel. Zu letztern, uns aus der Heimat bekannten
Arten gesellen sich die verwandten Schafstelzen (_Budytes_), niedliche
Vgel, welche in groer Zahl den Herden folgen, deren treueste Begleiter
sind und diesen das Ungeziefer ablesen. Im Hochgebirge, namentlich in
Semin, lebt eine Drossel (_Turdus simensis_), welche unsrer Singdrossel
sehr hnelt, neben der als regelmige Wintergste die Steindrosseln
(_Petrocincla saxatilis_) erscheinen. Als guter Snger wird der von
Lichtenstein entdeckte Droling (_Picnonotus Arsino_) bald der Liebling
aller Reisenden, vor denen er sich durchaus nicht scheut. Anschlieend
hieran erwhnen wir aus der Familie der Fliegenfnger den Paradiesfnger
(_Tchitrea melanogastra_), den Wrgerschnpper (_Dicrourus_), die
zahlreich vertretenen Wrger (_Lanius_) und unsre Nebelkrhe, die als
Wintergast nach Abessinien kommt. Diese trifft als Verwandte hier den
Wstenraben (_Corax umbrinus_), ein Mittelglied zwischen Rabe und Krhe,
der aber nicht blos in der Wste vorkommt, sondern auch die Flecken und
Drfer besucht, wo er den Hunden und Geiern das Aas streitig macht,
whrend er drauen nach Frchten, am Strande nach Muscheln sucht und eben
Alles verschlingt, was sich ihm darbietet. Ein echter Gebirgsvogel ist der
kurzschwnzige Rabe (_Corvus affinis_), der bis zu 11,000 Fu aufsteigt
und dort in groen Scharen weilt. Durch seinen kurzen Schwanz macht er
sich vor allen Verwandten leicht kenntlich; er vertritt in Abessinien
unsern Kolkraben, lebt nur paarweise und bedeckt Abends, wenn er zur Rast
geht, oft groe Felsblcke. Die Staare sind durch mehrere Geschlechter,
die dohlenartigen Felsenstaare (_Ptilonorhynchus_), Glanzdrosseln
(_Lamprocolius_) und Glanzelstern (_Lamprotornis_) vertreten. Bei Weitem
der interessanteste Vogel aus dieser Familie ist aber der afrikanische
_Madenhacker_ (_Buphaga erythrorhyncha_), der von der Sdspitze Afrika's
an bis nach Abessinien hinein vorkommt und der treueste Begleiter der
Herden ist, soda es scheint, als knnten Rinder, Kameele, Pferde kaum
ohne ihn leben. Da wo diese wunde Stellen haben, in welche die Fliegen
ihre Eier legen, aus denen die Maden entstehen, erscheint auch die
Buphaga, klettert an dem Thiere herum, wie ein Specht am Baume und sucht
ihm die Maden ab. Das Thier kennt seinen Wohlthter recht gut, aber die
Abessinier hassen den Madenhacker, weil sie glauben, da er durch sein
Picken die aufgeriebenen Stellen reize.

Die _finkenartigen Vgel_ kommen gleichfalls in groer Menge vor.
Reichlich treffen wir vorzglich Amadina, Vidua, Estrelda, Serinus, alles
gute Snger, whrend der _Weber_ (_Textor alecto_) nur einen
drosselartigen Ruf und unschnes Gezwitscher ertnen lt. Dafr baut er
aber ein zusammenhngendes Nest, in dem ganze Gesellschaften brten. Es
besteht aus drrem Reisig, von dem eine groe Masse, oft von 5 bis 8 Fu
Lnge und 3 bis 5 Fu Breite und Hhe, zwischen tauglichen Astgabeln der
Baobab-Bume aufgehuft wird. In einem solchen sind 3 bis 8 Nester tief im
Innern angelegt und diese mit feinem Gras und Federn ausgefttert. Die
Farbe der Eier wechselt zwischen rein wei, roth, grn, braun mit allen
mglichen Zeichnungen, soda man glaubt, Eier verschiedener Arten vor sich
zu haben. Der Eingang zu dem unordentlichen Neste ist im Anfange so gro,
da man bequem mit der Faust eindringen kann, verengert sich aber und geht
in einen Kanal ber, gerade fr den Vogel passend. Durch prachtvollen
Federschmuck sind die Witwen (_Viduae_) ausgezeichnet, und leicht
unterscheidet man das Mnnchen durch seine langen, am Fluge hindernden
Schwanzfedern von dem Weibchen. Hat es aber im Winter das prchtige
Gefieder abgelegt, dann fliegt es leicht dahin, hnlich wie unsere Ammern.
Als Haussperling tritt, unserm Spatz das Recht streitig machend, in
Nordostafrika der rothrckige Sperling (_Passer rufidorsalis_) auf, dessen
Sitten und Lebensweise ganz die unseres Haussperlings sind, nur ist er
schner gefrbt. Gemein, wie bei uns, ist auch in Abessinien die
Haubenlerche (_Galerita abessinica_), welcher sich als Verwandte die
seltenere Wstenammerlerche (_Ammomanes deserti_) anschliet.

Haben wir bisher viele, unsern europischen Arten verwandte Vgel
gefunden, so treffen wir in der folgenden Familie, jener der
Pisangfresser, durchaus auf fremdartige Gestalten. Da sind zunchst die
Musevgel (_Colius_), die in dichten Bschen leben, durch die schmalsten
Oeffnungen der Verzweigungen sich zwngen und im Klettern eine groe
Geschicklichkeit entwickeln. Der von Rppell entdeckte Helmvogel
(_Corythaix leucotis_) tritt erst da auf, wo die Kronleuchter-Euphorbie
beginnt; er ist ein prchtiger, rastloser, unsern Hehern im Betragen
hnlicher Geselle, der die Sykomoren, Tamarinden und Alopflanzen gern
besucht und auf diesen sich in groer Anzahl sammelt. Der eigentliche
Pisangfresser (_Schizorhis zonurus_), der sich durch ein affenartiges
Geschrei auszeichnet, hat Vieles mit seinen Verwandten, den Nashornvgeln
berein, von denen mehrere kleine Arten (_Tockus erythrorhynchus_ und
_nasutus_) hufige Bewohner der Steppen und des Urwaldes sind. Je mehr man
in das Gebirge kommt, desto hufiger werden sie, desto fter vernimmt man
ihren charakteristischen Ruf. Weit grer als die nur anderthalb Fu
langen Nashornvgel, aber auch seltener sind die krftigen, fast 4 Fu
langen, sehr scheuen Hornraben (_Bucorax abessinicus_).

Wenig ist aus der Ordnung der Klettervgel zu berichten. Die Papageien
finden im abessinischen Gebirge keineswegs, wie in ganz Afrika, ergiebigen
Boden, obgleich einige Arten von ihnen vorkommen. So liebt der
Zwergpapagei (_Psittacula Tarantae_) die Kolkwal-Euphorbie, auf welcher er
hufig anzutreffen ist, der Halsbandpapagei (_Palaeornis torquatus_) aber
dichte Wlder, in welchen er in groen Familien und Flgen gewhnlich mit
den Affen zusammen erscheint. Die Bartvgel (_Pogonias Saltii_) kommen nur
einzeln im dichtesten Gebsche vor und sind still, bis auf den Perlvogel
(_Trachyphonus margaritatus_), welcher im Verein mit dem Weibchen einen
lustigen Gesang vortrgt und die Grten der Drfer belebt. Die Spechte
treten nur als kleine Baumspechte (_Dendropicus Hemprichii_) auf.

Unter den _Kukuksarten_ spielt der _Honigvogel_ eine groe Rolle in der
Ornithologie der Abessinier; obgleich selten vorkommend, kennt ihn
Jedermann, und schon die ltesten Nachrichten ber das Land (so Ludolf in
seiner "_Historia aethiopica_") erwhnen der Eigenschaft dieses
unscheinbaren Thierchens, den Menschen zu den Bienenstcken zu fhren. Die
Honigvgel (_Indicator_) halten sich vorzglich an baumreichen Bachufern
auf, flattern von einem Baume zum andern und lassen dabei ihre starke,
wohlklingende Stimme hren. Da sie so rufend hufig zu Bienenschwrmen
fhren, wei jeder Eingeborene Afrika's vom Kap bis zum Senegal und von
der Westkste bis nach Abessinien herber, doch fhrt der Indicator den
ihm folgenden Menschen ebenso hufig auf gefallene Thiere, die voller
Insektenlarven sind; er verfolgt mit seinem Geschrei den Lwen und
Leoparden, kurz Alles, was ihm auffllt; auch ist er dem Menschen
gegenber nichts weniger als scheu und trotz der unscheinbaren Gre und
Frbung sind alle Arten an der eigenthmlichen Weise des Flugs leicht zu
erkennen. In Nordostafrika giebt es vier Arten von Honigvgeln, von denen
jedoch nur zwei (_Indicator minor_ und _albirostris_) in Abessinien
vorkommen.

Ueberall wo man in Abessinien Vgel findet, wird man auch _Tauben_
wahrnehmen in den verschiedenartigsten schn gestalteten und gefrbten
Formen. Die abessinische Taube (_Treron abessinica_) bewohnt in kleinen
Familien die tieferen Gebirgsthler, wo sie die Mimosen, Kizelien und
Sykomoren sich zum schattigen Ruhesitz aussuchen, um ihre Liebesspiele zu
treiben und gleich dem Papagei durch das Laub zu klettern. Unsere
Felsentaube vertritt die blaurckige Taube (_Columba glauconotos_), als
eigentliche Waldtaube tritt die Guineataube (_Stictoenas guinea_) auf;
auch die Turteltaube (_Turtur auritus_), die Lachtaube (_T. risorius_)
finden sich; eigenthmlich ist aber die Erscheinung der Erdtaube
(_Chalcopelia afra_), die nicht ber den 16. Grad nrdlicher Breite
hinaufgeht und friedlich das dichtverschlungenste Gebsch an der Erde
bewohnt, auf welcher sie auch, ihren Verwandten unhnlich, ihr Nest baut.

Von Hhnern tritt in zahlloser Menge das lautschreiende Perlhuhn (_Numida
ptilorhyncha_), die Wachtel als Wintergast und an Stelle unserer Rebhhner
die verschiedenen, schn gezeichneten und in Einweibigkeit lebenden
Frankoline (_Francolinus rubricollis_, _Erkelii_ u. s. w.) auf; auch die
Flughhner (_Pterocles_) sind vertreten und die Laufvgel beginnen mit der
in den Steppen hufigen Trappe (_Otis arabs_), die nicht die Gre unserer
groen Trappe erreicht, aber weniger scheu ist und besonders von Insekten
lebt. Kommt der _Strau_ (_Struthio Camelus_) auch nirgends im
abessinischen Hochland vor, so umzieht er dasselbe doch ringsum in den
Steppen und Wsten.

Unter den Regenpfeifern und Kiebitzen fllt nur der Dickfu (_Oedicnemus
affinis_) wegen seiner nchtlichen, eulenartigen Lebensweise auf; an
feuchten, fischreichen Stellen wimmelt es oft von Reihern, Storcharten,
Schattenvgeln und Strchen und an den Ksten des Rothen Meeres sind
Mven, Pelikane, Seeschwalben und Tlpel im Ueberflu vorhanden. Reich an
Wassergeflgel ist auch der Tanasee, dessen breite, mit Inseln durchzogene
Flche demselben einen gnstigen Aufenthaltsort gewhrt. Dort wimmelt es
von Seeschwalben, Enten (_Anas clypeata_, _sparsa_ u. s. w.),
Strandlufern, Kiebitzen, Regenpfeifern; da stehen unbeweglich der
Riesenreiher und der schwarzkehlige Fischreiher (_Ardea Goliath_ und _A.
atricollis_), auf Reptilien lauernd, da pltschern Wasserhhner, Gnse und
Spornschwne in der Flut.

Weil mehr mit dem Menschen im Verkehr und ihn als Raub-, Jagd- oder
Hausthier meist nher angehend, fesselt auch das Reich der Sugethiere
mehr unser Interesse als jenes der Vgel.

Abessinien mit seinen Grenzlndern kennt etwa sechs bis acht _Affenarten_.
Ruhig und gemthlich verfliet das Leben der graugrnen _Meerkatze_
(_Cercopithecus griseo-viridis_), eines echten Baumaffen, der in starken
Banden gesellig zusammenlebt und von der Hhe seines Aufenthaltes selten
auf den Boden herabkommt, gleichviel ob er dort in Dornen der Mimosen oder
im Laub der Sykomore sitzt. Seine Behendigkeit ist unglaublich gro und
mit Hlfe des steuernden Schwanzes fhrt er die khnsten Sprnge aus. Als
unumschrnkter Herr und Gebieter steht der lustigen Herde ein altes,
geprftes Mnnchen vor, das alle jungen Nebenbuhler von den seiner Obhut
unterstehenden Damen fernhlt. Diese zeigen gegen ihre hlichen
Sprlinge eine auerordentliche Mutterliebe, welche sie durch
fortwhrendes Reinigen und Liebkosen des Kindchens bethtigen. Nur
nebenbei verzehrt diese Meerkatze Heuschrecken und andere Insekten;
Frchte, Knospen und Getreide sind ihre Lieblingsgerichte und wehe dem
Durrah- oder Maisfelde, in das die verschmitzte Bande lstern eindringt!
Das Wenigste wird nur verzehrt, das Meiste unbarmherzig verwstet und dann
auf der Sttte des Diebstahls ein Tummelplatz freudiger Spiele fr Alt und
Jung bereitet. Vor Menschen weniger, wohl aber vor Hunden, Schlangen,
Frschen und ihrem besondern Feinde, dem Habichtsadler, frchtet sich die
Meerkatze sehr. Weit wrdevoller als die Meerkatzen treten die Paviane
auf, unter denen der _Silberpavian_ oder _Hamadryas_ (_Cynocephalus
Hamadryas_) der hufigste ist. Dieses merkwrdige Geschpf, dem schon die
alten Aegypter Achtung zollten und das man auf ihren Denkmalen abgebildet
findet, lebt zwischen 1000 und 7000 Fu Meereshhe und findet sich um so
hufiger, je pflanzenreicher das Gebirge ist. Jede Bande behauptet im
Gebirge ein bestimmtes Gebiet und zhlt etwa fnfzehn bis zwanzig
erwachsene und kampftchtige Mnnchen, wahre Ungeheuer mit einem Gebi,
welches fast mit dem eines Lwen wetteifern kann, dasjenige des Leoparden
jedoch bertrifft. Schon von Weitem unterscheidet man die Mnnchen an
ihrem langen graugrnlichen Mantel und der hervorragenden Gestalt von den
brunlicher gefrbten Weibchen, die vollauf mit ihren bermthigen Jungen
zu thun haben. Greift auch der Pavian so leicht einen Mann nicht an, so
ist er doch den Frauen ein Gegenstand des Entsetzens, von welchen eine
grere Anzahl von Pavianen als von Lwen und Leoparden umgebracht wird.
Der rgste Feind des Silberpavians ist der Leopard, der ihm Tag und Nacht
nachschleicht und sich ebenso listig wie khn auf jedes von der Herde
isolirte Thier strzt.

Auch mit ihren Verwandten leben diese Paviane nicht immer auf gutem Fue,
namentlich mit den _Tscheladas_ (_Cercopithecus Gelada_), gegen welche sie
in Semin oft frmliche Schlachten liefern. Letzterer Mantelpavian bewohnt
einen Hhengrtel von 7-11,000 Fu ber dem Meere, whrend der Hamadryas
mehr die Tiefen-Gegenden liebt; jedoch steigen die Tscheladas von ihren
Bergen herab, um die unten liegenden Felder zu plndern, wobei dann die
Schlachten mit den Silberpavianen stattfinden.

Der _schwarze Pavian_ (_Cercopithecus obscurus_) wurde erst 1862 von
Heuglin entdeckt. Dieser stattliche Affe lebt in groen Rudeln auf 6 bis
10,000 Fu Hhe meist an felsigen Schluchten. Man sieht ihn selten auf
Bumen, gewhnlich auf Weidepltzen oder Felsen, von denen herab er nicht
selten gegen seine Verfolger Steine schleudert. Die Nacht verbringt er in
Gesellschaft in Klften und Hhlen, steigt in der Morgensonne auf Hgel,
wo er zusammengekauert sich erwrmt und zieht dann in die Thler nach
Nahrung, die aus Blttern zu bestehen scheint. Gewhnlich fhren zwei bis
sechs alte Mnnchen gravittischen Schrittes eine Herde von 20 bis 30
Weibchen und Jungen an, welche theils spielend um den Trupp sich tummeln,
theils von den Mttern getragen und zuweilen tchtig geohrfeigt werden.
Naht Gefahr, so flchtet auf ein leises Bellen des Warners die ganze
Gesellschaft in Felsenschluchten. Der schnste Affe Abessiniens ist der
von Rppell entdeckte _Colobus Gueraza_, dessen durch den starken Kontrast
von schwarz und wei ausgezeichnetes Fell ein beliebtes Pelzwerk und eine
Zierath fr die Kriegsschilder liefert. Er lebt in der Waldregion der Kola
auf den hchsten Bumen.

Whrend Afrika im Allgemeinen reich an Flatterthieren ist, kommen
dieselben in dem hier in Rede stehenden Gebiete weniger vor. Die Ursache
davon hat Heuglin ergrndet. Namentlich in den nrdlichen Grenzlndern
Abessiniens, in Bogos u. s. w. wird starke Viehzucht getrieben, und die
Herden kommen, wenn in ferneren Gegenden bessere Weide und mehr
Trinkwasser sich finden, oft monatelang nicht zu den Wohnungen der
Besitzer zurck. Die Rinder sind gewhnlich mit Myriaden Fliegen bedeckt,
die ihnen nachfolgen und wiederum die _Fledermuse_, welche von letzteren
leben, veranlassen, gleichfalls eine Wanderung zu unternehmen. Mit der
letzten Rinderherde verschwinden auch die Fledermuse spurlos, um mit dem
Einrcken derselben in ihre alten Standquartiere auch wieder zu
erscheinen. Die gemeinste Art der in Ostabessinien, namentlich um Massaua
vorkommenden Fledermuse ist der kleine von Rppell entdeckte _Nyctinomus
pumilus_. Auch hliche Glattnasen (Phyllorina-Arten) kommen vor, die
nicht nur in der Dmmerzeit, sondern die ganze Nacht hindurch fliegen. Der
groe _Pteropus schoensis_ zeigt sich auch am Tage und lebt von den
Frchten der Feigen und Bananen.

Abessinien beherbergt mehrere Mitglieder der Katzenfamilie: die
kleinpfotige Katze, welche von Einigen fr die Stammutter unsrer Hauskatze
gehalten wird, den _Gepard_ (_Cynailurus guttatus_), den _Leoparden_
(_Felis Leopardus_) und den _Lwen_ (_Felis Leo_), doch verdienen nur die
beiden letzteren hier eingehendere Beachtung. Gehen sie auch in die
Berglandschaften hinauf, so ist doch ihr Lieblingsaufenthalt in den
tieferen Gegenden, in der Kola, den nrdlichen Grenzlndern, der Samhara.
Der Lwe (amharisch Anbasa) ist gerade nicht selten, der Leopard geradezu
gemein und oft genug hrt man des Nachts die Stimme des Knigs der Thiere
erschallen. Doch frchtet man ihn verhltnimig wenig, denn sein
Jagdgebiet ist so reich, da ihn nur selten der Hunger treibt, sich am
Menschen zu vergreifen. Es kommt hufig vor, da junge, noch sugende
Lwen von den Abessiniern gefangen und aufgezogen werden; doch verkaufen
und verschenken diese die allmlig kostspielig werdenden Thiere bald an
reiche Leute, und aus solcher Quelle stammen auch die berhmten Lwen des
Knigs Theodoros. Das Fell eines erlegten Lwen gehrt dem Knige, der
tapfere Krieger wird mit einem breiten Streifen davon beschenkt, der
seinen Schild ziert. Weit hufiger und auch gefhrlicher als der Lwe ist
der _Leopard_ (Nemr auf amharisch), den man nchst der Hyne und dem
Schakal als das gemeinste Raubthier Abessiniens ansehen kann. Von der
Ebene an bis hoch in das Gebirge hinein, bei Tag und bei Nacht, berall
ist dieser freche Raubmrder zu finden. Er scheut den Menschen gar nicht
und kaum das allen Raubthieren so entsetzliche Feuer; frech dringt er in
die Htten der Eingeborenen, raubt ein Kind und zieht sich mit seiner
Beute in das Dickicht zurck. Von der Antilope bis zur Maus bewltigt er
alle Sugethiere. Brehm erzhlt, da im Dorfe Mensa ein einziger Leopard
whrend eines Vierteljahrs nicht weniger als 8 Kinder, ungefhr 20 Ziegen
und 4 Hunde wegschleppte. In ganz Abessinien kann man Hunde und Hhner
kaum vor ihm sichern. Mit dem Feuergewehr jagen die Abessinier das ihnen
so verhate Raubthier ebenso wenig wie den Lwen; bei Weitem die meisten
Leoparden, welche man erlegt, werden erst in Fallen gelockt und in diesen
gewhnlich durch Lanzenstiche getdtet. Diese Fallen sind ganz nach dem
Grundsatze starker Mausefallen gebaut, d. h. sie bestehen aus einem
Pfahlgitterwerk mit Fallthr; ein lebendiges Thier, ein Stck Fleisch sind
der Kder, mit dem der Leopard angelockt wird; hufig bringt man auch eine
lebende, klglich meckernde Ziege in die Falle. Mit groer Vorsicht umgeht
der Ruber oft zwei oder drei Nchte lang den Kfig, bis er endlich sich
hineinwagt und gefangen ist. Von der Meereskste geht dieser khne Ruber
bis zu 12,000 Fu Hhe an die Eisgrenze hinauf. Der _Gepard_ findet sich
ausschlielich in der Samhara und nicht im Gebirge; er ist ein Tagruber
und keine gemeine Katze; denn er ist nicht blutgierig und raubt niemals
mehr als er zu seinem Unterhalte bedarf. Drauen in der freien Steppe
betreibt er seine Jagd auf Antilopen, Hasen, Muse, Perlhhner. Gegen den
Menschen vertheidigt er sich nicht, doch macht dieser meist auf ihn Jagd,
um das bunte Fell zu verwerthen, das nur selten im Handel vorkommt. Aber
zur Jagd wird er in Abessinien nicht abgerichtet, wenn auch einzelne
gezhmte Thiere hier und da gehalten werden.

Bis zu den hchsten Spitzen der Berge Semins in die Region der Dschibarra
streift der _Walgie_ (_Canis simensis_), um den Ratten nachzustellen. Er
ist eine hufige Erscheinung unter den hundeartigen Raubthieren; dagegen
ist der _Wolfshund_ (_Canis Anthus_) ziemlich selten, desto gemeiner aber
wieder der _Schakal_ (_Canis mesomelas_), der nicht mit dem weiter
nrdlich vorkommenden eigentlichen Schakal verwechselt werden darf. Der
abessinische, schwarzrckige Schakal ist etwas grer als sein Verwandter
und in der Samhara wie im Gebirge in jedem greren Dickicht anzutreffen.
Seine eigentliche Jagdzeit auf Hasen, Hhner, Perlhhner, Ziegen, ja
selbst Muse und Heuschrecken ist in der Nacht; dann ist er ein frecher,
regelmiger Gast in den Drfern oder am Lagerplatz der Karawane, welcher
er ohne Scheu, selbst wenn das Feuer hell lodert, sich nhert. Auch wo
gefallene Thiere liegen, stellt er sich heulend ein und an solchen Pltzen
trifft er mit der _gefleckten Hyne_ (_Hyaena crocuta_, amharisch Dschib)
zusammen, einem der gemeinsten Raubthiere Abessiniens. Durch langgezogene
Klagetne kndigt sie ihren Wunsch nach irgendwelcher Nahrung an, um den
ewig verlangenden Magen zu befriedigen. Auch sie wird von den Eingeborenen
arg gehat, obgleich sie ihnen nicht gerade erheblichen Schaden zufgt,
sondern als Landreiniger, Aas- und Auswurfvertilgerin eher ntzlich wird.
Die Eingeborenen fangen die Hyne in Gruben, die in einem von Dorngebsch
umgebenen Gange ausgegraben werden, an dessen Ende ein blckendes Zicklein
angebracht wird. Die heihungerige Bestie bricht, indem sie auf ihre Beute
zueilt, in die mit Reisig und Sand sorgfltig berdeckte Grube ein, in
welcher man sie mglichst bald tdten mu, weil sie sonst sich einen
Ausweg whlt. Es gelingt nicht leicht, in derselben Grube mehr als eine
Hyne zu fangen, da die Thiere durch ihr feines Geruchsorgan die Gefahr
erkennen. Neben ihr kommt noch ein anderes hynenartiges Raubthier, der
"_gemalte Hund_" (_Lycaon pictus_) truppweise vor; er berfllt die Herden
und richtet unter ihnen groe Verheerungen an. Die Steppenlandschaften
sind die eigentliche Heimat dieses geselligen, rauf- und mordlustigen
Geschpfes, das niemals allein jagt. Seinen Namen fhrt es von den groen,
dunkeln, auf dem hellen Felle stehenden Flecken, an denen es schon weithin
leicht zu unterscheiden ist.

  [Illustration: Gemalter Hund (_Lycaon pictus_).]

Von kleineren Raubthieren beherbergt Abessinien die _gestreifte Manguste_,
einen weit verbreiteten, schlanken Mrder, der kleinen Sugethieren und
Vgeln nachstellt, und den _Honigdachs_ oder das _Ratel_ (_Ratelus
capensis_), ein in jeder Hinsicht merkwrdiges Thier, welches die
Bienenstnde plndert, Aas liebt und der kleinen Jagd mit Eifer obliegt,
unangegriffen ruhig seine Strae zieht, angegriffen aber aus seinen
Stinkdrsen einen ekelhaften knoblauchartigen Gestank verbreitet, der weit
und breit die Luft verpestet. Das Thier bewohnt Baue, welche es sich mit
seinen gewaltigen Klauen leicht grbt und in denen es den Tag ber
verborgen liegt, um Abends seiner Beute nachzugehen.

Die nordstlich vom Tanasee gelegene Stadt Emfras, in welcher der Knig
einen sogenannten Palast besitzt, ist nicht nur als Hauptsklavenmarkt,
sondern auch wegen der Zucht von _Zibethkatzen_ (_Viverra Civetta_)
berhmt. Poncet berichtet, da dort von diesen Thieren eine so groe Menge
vorhanden ist, da manche Kaufleute deren mehr als 300 im Hause halten.
Die Thiere werfen einen nicht geringen Nutzen ab. Die Zibethkatze bekommt
als Futter dreimal in der Woche rohes Rindfleisch und viermal einen
Milchbrei; sie wird dann und wann mit Wohlgerchen beruchert und in jeder
Woche kratzt man ihr mit hlzernen Lffeln einmal eine salbenartige
Materie ab, das Zibeth, welches in wohlverwahrte Ochsenhrner gethan wird
und einen eintrglichen Handelsartikel bildet. Ihr heimischer Name ist
Dering. Ein dem Hausgeflgel, den Musen und Ratten sehr gefhrliches
Raubthier ist die _Genettkatze_ (_Viverra abessinica_), ein schlankes,
elegantes Thier mit langem Ringelschwanz. Sowol anatomisch, als durch den
Mangel der Rckenmhne und andere Schwanzzeichnung unterscheidet sie sich
von der vorigen, mit der sie sonst viel Aehnlichkeit hat. Auch ein
_Fischotter_ (_Lutra inunguis_) kommt, wiewol selten, in den abessinischen
Gewssern vor. Derselbe ist so gro wie unsere Art und schn kaffeebraun.

Unter den Nagethieren ist zunchst zu erwhnen das _bunte Eichhorn_
(_Sciurus multicolor_), ein keineswegs munteres Thierchen, vielmehr ein
langweiliges scheues Geschpf, das sich einzeln versteckt in den hohen
Baumwipfeln aufhlt und niemals khne Sprnge wagt, sondern immer an den
Aesten klebt. Viel hlicher, aber anziehender und unterhaltender ist sein
Verwandter, das _rothe Erdhrnchen_ (_Xerus rutilus_), das Schillu der
Abessinier. Leicht und beweglich treibt es sich nur auf der Erde, nie auf
Bumen umher, bald hier, bald da aus seiner Hhle hervorschauend, oder
sich possirlich auf die Spitze eines Hgels setzend. Unter allen
Nagethieren ist keines, selbst der Hamster nicht ausgenommen, welches im
Verhltni zu seiner Gre solchen Muth entwickelte, ja es wehrt sich
sogar knurrend und fauchend gegen Hunde. Gleich ihm lebt auch das _Filfil_
(_Bathyergus splendens_), das zu den Ratten gerechnet wird, in
maulwurfshnlichen Erdhhlen, die es im dichten Gebsch anlegt, whrend
die Baue des _Stachelschweins_ (_Hystrix cristata_), das bis zu 6000 Fu
Hhe hinaufgeht, meist in sandigen Ebenen stehen. Bei Tage verlt das
Stachelschwein seine Hhle nie, Abends jedoch zieht es in die Waldungen
und Felder. Jedenfalls verdient unter den Nagethieren der _abessinische
Hase_ (_Lepus aethiopicus_) die meiste Beachtung, da er sich von unserm
gewhnlichen Hasen vielfach unterscheidet und im Hochgebirge wie in der
Niederung zu den gewhnlichsten Erscheinungen gehrt.

Da der christliche Abessinier so gut wie der Muhamedaner ihn wegen der
gespaltenen Klauen zu den unreinen Thieren rechnet, so wird er nicht
verfolgt, und da er dieses wei, so fllt es ihm gar nicht ein, vor dem
Menschen zu flchten, wie unser Lampe, von dem ihn schon das dunklere,
schwarz, wei, grau und ockerfarbig gefleckte Fell unterscheidet.

  [Illustration: Erdferkel. Nach Wood.]

Aus der Ordnung der zahnlosen Thiere ist das _Erdferkel_ (_Orycteropus
aethiopicus_) zu erwhnen, das vom Tiefland bis in die Woina-Deka
vorkommt. Das scheue Thier, mit seinem Geruch und Gehr, haust in
selbstgegrabenen Hhlen, zeichnet sich durch lebhafte Sprnge und eine
knguruartige Stellung aus, wobei es durch den krftigen Schwanz
untersttzt wird. Es geht hufig nur auf den Hinterfen und beschnuppert
mit der langen, in steter Bewegung befindlichen, einem Schweinerssel
gleichenden Nase die Erde, um nach Ameisen zu suchen. Hat es eine solche
Stelle entdeckt, so beginnt es sehr gewandt und krftig mit den
Vorderfen zu graben und die aufgewhlte Erde mit den Hinterfen
zurckzustoen. Ist der Ameisenbau erbrochen, so geht es hastig an die
Mahlzeit; nach v. Heuglin fngt es die Ameisen mit den Lippen und diese
fallen in Menge ber den Ruhestrer her, dessen dicke Haut keineswegs vor
den Bissen schtzt. Fr Urin und Mist grbt das Erdferkel eine kleine
Grube, die dann wieder sorgfltig verdeckt wird. Im Bau selbst schlft es
zusammengerollt auf der Seite liegend. Verfolgt eilt es in raschen Stzen
davon und grbt sich rasch ein, die Rhre hinter sich schlieend. Das
Fleisch ist fein, wei und saftig.

Ueber Pferde, Maulthiere und Esel Abessiniens berichten wir spter. Das
_Kameel_, in den Kstengegenden reichlich als Lastthier vertreten, spielt
im Hochgebirge eine traurige, unntze Rolle, da sein Wirkungskreis die
Wste ist. Ebenso ist die _Giraffe_ nur Bewohnerin der Tieflandsteppen,
dort aber, in den Niederungen zwischen Setit und Atbara, auch in groer
Menge vertreten und wegen des saftigen Fleisches der jungen Thiere als
edles Wildpret hoch angesehen.

Am meisten Interesse unter den abessinischen Thieren flen uns die
Wiederkuer ein. Antilopen, Ziegen, Schafe, Rinder sind da vertreten und
alle in ihren schnsten Reprsentanten, namentlich sind die Antilopen
herrliche Thiere, bei denen man nicht wei, welcher man den Preis der
Schnheit und Zierlichkeit zuerkennen soll. Die _Tedal-Antilope_
(_Antilope Smmeringii_) lebt namentlich in den breiten Niederungen und in
der Samhara, kommt von da wol noch ins Hgelland, nie aber ins Hochgebirge
hinauf. Nur am Tage zieht sie in kleinen Trupps umher, ruht des Mittags
wiederkuend im Schatten und ist gegen den Menschen sehr mitrauisch. -
Die Art, wie sie in der Samhara eingefangen werden, wird von Rppell
folgendermaen geschildert. In der Mitte der Ebene, in einem Bezirk, wo
diese Thiere regelmig gegen Sonnenuntergang ihren Wechsel haben, legen
die Jger viele an Pfhle befestigte Schlingen. Sobald nun die Antilopen
kommen, laufen von verschiedenen Verstecken her einzelne Leute herbei, von
denen Jeder eine Menge kleiner, mit einem Bschel Strauenfedern
versehener Stcke hat; diese werden mit groer Schnelligkeit so in die
Erde gesteckt, da sie lange nach der Gegend der Schlingen gerichtete
Linien bilden; der Antilopen ganze Aufmerksamkeit wird von den im Winde
wehenden Federn in Anspruch genommen, die sie mit scheuem Blick fixiren.
Nun beginnt das Treibjagen; das Wild sieht zum Entkommen keine freie
Strecke, als die Gegend, wo die Fallstricke liegen, und eilt dahin;
gewhnlich bleiben mehrere darin hngen und hier schlagen ihnen die Jger
mit Knppeln die Beine entzwei, um sie dann zu schlachten. Auf dieselbe
Weise werden auch die Straue gejagt. Noch hufiger als der Tedal ist die
_Gazelle_ (_Antilope Dorcas_), die da, wo Mimosen stehen, von denen sie
st, fast nie in der Samhara fehlt. Sehr oft einzeln, meist aber in Trupps
von drei bis acht Stck beieinander zieht sie nur am Tage in der Ebene,
wie im Gebirge umher. Zur Trnke geht die Gazelle nicht, denn ihr gengt
der Nachtthau auf den Blttern der Bume, die sie alle Morgen eifrig
ableckt, und diese Gengsamkeit macht sie zum echten Wstenthier. Als die
lebhafteste, behendeste und anmuthigste der Antilopen vermag sie Stze von
vier bis sechs Fu Hhe auszufhren und ein flchtiges Rudel gewhrt einen
wahrhaft prachtvollen Anblick.

Whrend die Gazelle alle dicht bewaldeten Stellen ngstlich meidet, sucht
das "Judenkind" oder die _Zwerg-Antilope_ (_A. Hemprichiana_) gerade die
verschlungensten und undurchdringlichsten Gebsche zu ihrem Wohnsitze auf.
Nur paarweise in zrtlicher Ehe und nicht wie die brigen Antilopen es den
Trken oder Mormonen gleich thuend, findet man die Zwerg-Antilope von der
Kste bis zu 2000 Fu Hhe im Gebirge sehr hufig.

  [Illustration: Agaseen- oder Kudu-Antilopen.]

Die Frbung des weichen schnen Haars stimmt mit dem Bltterdunkel des
niedern Gebsches so vollkommen berein, da es schwer hlt, die zarte,
kleine Gestalt inmitten des Gebsches wahrzunehmen. Beim geringsten
verdchtigen Gerusch erhebt sich der Bock vom Boden, stellt sich, nach
der verdchtigen Gegend hin gerichtet, starr wie eine Bildsule auf,
wendet die Ohren vorwrts und lauscht nun regungslos. Der Lauf, welcher
erhoben wurde, bleibt erhoben, Auge und Ohr haften an derselben Stelle und
nur der Haarschopf zwischen den Hrnern deutet durch sein Senken oder
Heben an, da in dem Geschpf Leben wohnt. Das Wildpret der Zwerg-Antilope
ist nicht besonders zu empfehlen; es hat immer einen moschusartigen
Geschmack und ist auerdem sehr zhe.

Sind Smmerings-Antilope und Gazelle echte Wstenthiere, so sucht der
_Klippspringer_ oder _Sassa_ (_Oreotragus saltatrix_) nur felsige Gegenden
auf. (Abbildung siehe S. 25.) Rppell war der erste, der nachwies, da
diese vom Kap schon lange bekannte Antilope auch in Abessinien in den
buschigen, felsigen Bergen lebe. Wie eine Gemse steht das schne Thier mit
zusammengehaltenen Hufen auf einem steilen Felsgrat, oft stundenlang in
das Land hineinschauend. Auch der Klippspringer lebt paarweise, am
gewhnlichsten in einer Meereshhe von 2000 bis zu 12,000 Fu. Bei
heiterem Wetter zieht er mehr in die Berge; bei Regen, Nebel, Klte steigt
er in die Thler hinab. Die Bezeichnung "afrikanische Gemse" ist fr ihn
gut gewhlt, denn an den steilsten Felswnden entlang, neben Abgrnden
vorber, welche jeden Fehltritt mit dem Tode bezahlen wrden, eilt er mit
Leichtigkeit und Zierlichkeit dahin, als ginge er auf ebenem Boden. Die
geringste Unebenheit gengt ihm, um festen Fu zu fassen; jeder Sprung
schnellt ihn hoch in die Luft; bald zeigt er sich ganz frei den Blicken,
bald ist er im Gebsch verschwunden, und wenige Minuten gengen, ihn allen
Verfolgungen zu entziehen. Die stolzeste und grte Antilope Abessiniens
ist der _Agaseen_ (_Antilope strepsiceros_), welcher die Gebirge in einer
Hhe von 2000 bis 7000 Fu bewohnt. Dieses stattliche, an unsern
Edelhirsch erinnernde Thier, welches durch ein Paar 3 Fu lange, prchtig
gewundene Hrner ausgezeichnet ist, gehrt einem groen Theil Mittel- und
Sdafrika's an und ist am Kap unter dem Namen Kudu bekannt. Es lebt
einzeln oder in kleinen Trupps, die, ungestrt, majesttisch und langsam
an den Bergwnden hinschreiten, aufgescheucht aber, unter Schnauben und
Blken davoneilen. Die Araber in den Steppen nrdlich von Abessinien
hetzen den Agaseen mit Pferden und tdten ihn mit Lanzenstichen, whrend
er im Hochlande nur von denen verfolgt wird, die Flinten besitzen. Sein
Fleisch ist vorzglich, dem des Hirsches im Geschmack hnlich und aus den
groen gewundenen Hrnern verfertigen die Eingeborenen Fllhrner zum
Aufbewahren des Salzes und Honigs. Auch die in Sdafrika hufigere
_Oryx-Antilope_ (_Antilope Beisa_) findet sich in den das Land umgebenden
Steppen und Niederungen. Stets trgt sie ihre schnurgeraden Hrner
aufrecht, die von der Seite gesehen wegen ihres nahen Beieinanderstehens
wie ein einziges aussehen und zu der Sage vom Einhorn Veranlassung gegeben
haben knnen. Es wrde uns zu weit fhren, wollten wir alle Antilopen hier
aufzhlen, die in den Hochlanden oder den diese umgebenden Steppen leben.
Nur noch zu erwhnen sind die groe Marif-Antilope (_Hippotragus Bakeri_),
die Defassa (_Antilope defassa_), der Bohor (_A. redunca_), _Bubalis
mauritanica_, _Antilope montana_, _madoqua_, _decula_, _leptoceros_
u. s. w. Die meisten dieser Thiere gehen bis zu 9000 Fu Hhe in die
Gebirge.

Das ist der Reichthum Abessiniens an Antilopen; weniger zahlreich sind die
Ziegen vertreten, aber unter ihnen finden wir im Hochgebirge zunchst den
stolzen _Steinbock_ (_Ibex Walia_). Rppell entdeckte dieses Thier auf den
hchsten Bergen Semins, nachdem ihm die Eingeborenen eine wunderbare
Geschichte ber dasselbe aufgetischt hatten. Dieser Wali, so erzhlten
sie, ist im hchsten Grade scheu, hat sehr lange und krumme Hrner und
einen Bart am Kinn, stellt sich oft auf zwei Beine und ist wegen der
Erziehungsweise seiner Jungen sehr merkwrdig. Die Mutter hat nmlich, so
fabeln die Abessinier, unter dem Bauch einen nach hinten zu geffneten
Sack, in welchem das Junge eine Zeit lang lebt und sich dadurch nhrt, da
es von Zeit zu Zeit den Kopf aus dem Beutel heraussteckt und auf der Erde
grast; doch ist es sehr scheu und zieht sich bei dem geringsten Gerusch
in seinen Behlter zurck. So lebt es wochenlang, bis es zu gro geworden
und in seinem lebendigen Kerker keinen Platz mehr findet; es springt
heraus, luft davon und sieht seine Mutter nie wieder. Europische
Reisende haben gefunden, da der abessinische Steinbock in Lebensweise und
Krperbildung nicht im mindesten von dem allgemeinen Charakter der Gattung
abweicht. Von der Ziege (_Hircus aethiopicus_) wird in dem Abschnitte ber
die Viehzucht die Rede sein. Sie ist kleiner als unsere Ziege und
kennzeichnet sich durch kurze Beine, lange, rckwrts niedergedrckte
Hrner und sehr langen Bart. Ziegenherden sind durch das ganze Land in
groer Zahl verbreitet und namentlich in der Steppe begegnet man ihnen an
allen Brunnen. In Bezug auf Behendigkeit und Schnelligkeit steht die
abessinische Ziege kaum der Gazelle nach. Von _Schafen_ werden
verschiedene Arten gezchtet. An den Ksten und in den heien Steppen
findet man das arabische _Fettschwanzschaf_, mit schwarzem Kopf,
ausgezeichnet durch den Mangel der Hrner und Wolle und einen dicken
Fettklumpen statt des Schwanzes; das gemeine Schaf der Hochlande (Beg) hat
brunliche oder schwarze Wolle; die Galla zchten eine mit langen weien
Haaren versehene Art, deren schwarzgefrbte Felle eine Lieblingskleidung
ihrer Huptlinge ausmachen. Das Rind Abessiniens ist der _afrikanische
Buckelochse_ (_Bos africanus_), ausgezeichnet durch schlanken Bau und den
kleinen Hcker. Der Beri, wie er in Amhara heit, ist ein uerst
geschicktes, gewandtes und bewegliches, dabei gutmthiges und lenksames
Thier; er bildet den Reichthum des Hirten, dient als Pack- oder Reitthier,
zieht den einfachen Pflug, drischt durch Austreten das Getreide und wird
zum Danke fr alle Liebesdienste schlielich oft bei lebendigem Leibe
verzehrt, worber weiter unten mehr gesagt wird. In einigen sdlichen
Provinzen lebt der _Sanga_, eine besondere Art, die sich durch gewaltige,
weit geschwungene Hrner auszeichnet, aber von nur wenigen Reisenden
beobachtet wurde. Die Hrner kommen in den Handel und gelten auch als
schtzbares Geschenk. Salt erhielt drei dieser Thiere geschenkt, allein
sie waren so wild, da er sie erschieen lassen mute. Das lngste Horn
hatte beinahe 4 Fu und sein Umfang an der Basis betrug 21 Zoll. Stier und
Kuh, beide tragen diesen Schmuck, sind aber trotz des kolossalen Gehrns
nicht grer als anderes Rindvieh. In der Kolla haust der _wilde Bffel_
(_Bos Pegasus_ und _Caffer_), der Gosch der Abessinier, ein unzhmbarer,
gefrchteter Geselle, dessen Jagd zu den gefhrlichsten Beschftigungen
der Eingeborenen zhlt. Seine Haut wird blos zur Bereitung von Schildern
benutzt; ist das Thier bereits ausgewachsen und seine Haut durch Speere
nicht sehr zerfetzt, so knnen aus einer Haut vier Schilde gemacht werden,
welche einen Preis von je zwei bis drei Thalern haben. Aus den enormen
Hrnern dieses Bffels verfertigt man Trinkbecher.

Aus der Ordnung der Dickhuter oder Vielhufer haben wir ein _Rhinozeros_
(_Rh. africanus_), das Worsisa, anzufhren, welches die Eigenschaften der
asiatischen und afrikanischen Art, die Platten und Falten des ersteren mit
den zwei Hrnern des letzteren vereinigt und aus den Smpfen der Kolla bis
in die Berge 8000 Fu hoch aufsteigt. Der _Hippopotamus_ fehlt weder in
den Seen, noch in den greren Flssen des Landes. Im Allgemeinen meiden
die Abessinier dieses fr unrein gehaltene Thier, nur die am Tanasee
angesiedelten heidnischen Waito beschftigen sich mit der Jagd dieses
"Gomari", indem sie die Thiere mit hlzernen Lanzen zu verwunden suchen,
deren Spitzen mit einem Pflanzengift bestrichen sind, durch welches jene
gewhnlich nach zwlf Stunden sterben. Das Fleisch trocknen sie
groentheils, um es aufzubewahren, und aus der Haut verfertigen sie kleine
Reitpeitschen. Eine wahre Landplage ist in Abessinien das hliche, mit
groen Hauern versehene _Warzenschwein_ (_Phacochoerus africanus_), das
die mit Gebsch und Gras bewachsenen Ebenen bewohnt, kommt aber auch bis
zu 9000 Fu im Gebirge vor. Es lebt hnlich wie unser europisches
Schwarzwild und geht seiner Nahrung erst nach Sonnenuntergang nach. Die
Eingeborenen halten es natrlich fr unrein und geben sich nicht mit der
Jagd des Thieres ab, dessen Fleisch einen vortrefflichen Geschmack hat.

Abessinien beherbergt auch ein eigenthmliches _Nachtschwein_
(_Nyctochoerus Hassama_), das nach Aussage der Eingeborenen sich
vorzglich gern von Aas nhrt. Es hat die Gre unsrer Wildschweine, ist
aber gedrungener von Figur, lebt in dichtem Gebsch und Felsen in einem
groen Theile des Landes von 4000 bis 9000 Fu Meereshhe, ist scheu, soll
sich angegriffen wthend zur Wehre setzen, ruht den Tag ber in
undurchdringlichen Verstecken und fllt Nachts verheerend in die Felder
ein.

Jedenfalls ist unter den Vielhufern der kleinste der interessanteste,
nmlich der _Klippschliefer_ oder Klippdachs (_Hyrax abessinicus_). Schon
Bruce erwhnt, da dieser Aschkoko unmittelbar in der Nhe der Stdte
geeignete Felswnde bewohnt und vor den Augen der Menschen sein
possirliches, an Kaninchen und Murmelthiere erinnerndes Wesen treibt.
Seine Bewegungen sind ungemein mannichfaltig und grazis; er versteht
ausgezeichnet zu klettern, mit dem Kopfe nach oben und unten. Groe
Sanftmuth und Aengstlichkeit zeichnen ihn aus, und seine Feinde sind nur
im Thierreich zu suchen, da er vom Menschen, der ihn gleichfalls fr
unrein hlt, nicht verfolgt wird. Sie selbst sind sehr gefrig und nhren
sich von Grsern, Krutern und Tamarindenzweigen. Wahrscheinlich kommen
zwei verschiedene Arten vor, die vom Tiefland bis zu 12,000 Fu Meereshhe
aufsteigen.

Heuglin war der erste, welcher die Bemerkung machte, da der
Klippschliefer in bestem Einvernehmen mit einer Ichneumon-Art (_Herpestes
Zebra_) und einer Eidechse (_Stellio cyanogaster_) auf seinen Felsen
zusammen lebt. Nhert man sich einem solchen Felsen, so erblickt man
zuerst einzeln oder gruppenweise vertheilt die munteren und possirlichen
Klippschliefer auf Spitzen und Abstzen sich gemthlich sonnend oder mit
den zierlichen Pftchen den Bart kratzend; dazwischen sitzt oder luft ein
behender Ichneumon und am steilen Gestein klettern oft fulange
Stellionen. Wird ein Feind der Gesellschaft von dem auf dem erhabensten
Punkte des Felsbaues als Schildwache aufgestellten Klippdachs bemerkt, so
richtet sich dieser auf und verwendet keinen Blick mehr von dem fremden
Gegenstand, aller Augen richten sich nach und nach dahin, dann erfolgt
pltzlich ein gellender Pfiff der Wache, und im Nu ist die ganze
Gesellschaft in den Spalten des Gesteins verschwunden. Untersucht man
letzteres genauer, so findet man Klippschliefer und Eidechsen vollstndig
in die tiefsten Ritzen zurckgezogen, der Ichneumon dagegen setzt sich in
Vertheidigungszustand und klfft zornig den Feind an. Hat dieser sich
entfernt, so rekognoszirt zunchst die Eidechse das Terrain, ob Alles
sicher sei, dann erscheint der Ichneumon und zuletzt, vorsichtig den Kopf
hervorstreckend, der Klippschliefer. Der Ichneumon, obgleich ein arger
Ruber, verkehrt mit ihm in der grten Eintracht; dagegen ist der Leopard
sein Hauptfeind, der trotz aller Vorsicht dann und wann einen
Klippschliefer fngt und mit Ausnahme von Wolle und Magen verspeist.
Uebrigens werden diese Thiere durch Raben gewarnt, die unablssig
schreiend auf den Leoparden stoen, sobald sie seiner ansichtig werden.

  [Illustration: Klippschliefer (_Hyrax abessinicus_).]

Den Beschlu unter den Sugethieren macht der Riese unter denselben, der
_Elephant_ (amharisch Sochen). Aus den heifeuchten Niederungen steigt er
auf seinen Wanderungen regelmig bis hoch ins Gebirge hinauf; Steilungen,
welche einem Pferde unersteiglich sind, werden von ihm ohne Mhe
berwunden; denn wie ein berechnender Straenbaumeister geht er zu Werke,
bedchtig und verstndig whlt er den Weg. Vor allem in den nrdlichen
Grenzlndern, in Kunama, Bogos, Mensa ist er hufig; dort jagt ihn der
wilde Schankalla, indem er ihm die Flechsen der Hinterbeine durchsbelt;
aber Bogos und Mensa, welche das Feuergewehr noch nicht besitzen, lassen
ihn ungestrt seine Wanderungen machen. Die reiche Natur bietet ihm Alles,
was er bedarf, in Flle, und wenn oben in der Hhe die Nahrung knapp wird,
wenn die Wasser sich unter der Thalsohle bergen und der zweimal im Jahre
eintretende Frhling, d. h. die Regenzeit, noch fern ist, zieht sich das
gewaltige Thier nach den wasserreichen Niederungen zurck. Wie der
Elephant in Nordabessinien hufig den Feldern schdlich wird, so verwstet
er im Sden die Zuckerrohrpflanzungen; da er selten gejagt wird, so steht
seiner Vermehrung nichts im Wege und der Handel Abessiniens mit Elfenbein
ist gering.

Nach von Heuglin lebt im Tanasee auch ein manatiartiges Thier, ber das
wir jedoch noch keine nhere Kunde haben.

  [Illustration: Afrikanische Bffel.]





  [Illustration: Landschaft in der Provinz Wochni (Westabessinien). Nach
  v. Heuglin.]





       DAS VOLK, SEINE SITTEN UND GEBRUCHE, HANDEL UND INDUSTRIE.


      Physischer Charakter des Volks. - Die Juden oder Falaschas. -
     Muhamedaner. - Gamanten. - Heidnische Ueberreste. - Waito. - Die
      Sprachen Abessiniens. - Literatur und Malerei. - Charakter und
         Sittenlosigkeit der Abessinier. - Blutrache. - Justiz. -
    Aberglauben. - Das Verzehren von rohem Fleische. - Nahrungsweise.
      - Krankheiten und Aerzte. - Kleidung. - Industrie und Handel.


Abessinien, von der Natur zur Bhne eines einheitlichen Lebens geschaffen,
durch seine Felsenwlle streng abgeschieden von den Nachbarlndern, ist
dennoch der Sitz verschiedener Vlkerstmme und Nationalitten, die
keineswegs immer miteinander harmoniren und auch sprachlich voneinander
geschieden sind. Einzelne versprengte, angesessene oder spter
eingedrungene Stmme abgerechnet, gehren die Abessinier dem thiopischen
Zweig der semitischen Rasse an. Die Mehrzahl der Bevlkerung ist ein
schngeformter, mittelgroer Menschenschlag von hellbrunlicher bis
dunkelschwarzbrauner Farbe. Das Charakteristische seines Aeuern besteht
hauptschlich in einem ovalen Gesicht, einer fein zugeschrften Nase,
einem wohlproportionirten Munde mit regelmigen, nicht im geringsten
aufgeworfenen Lippen, lebhaften schwarzen Augen, schn gestellten Zhnen,
etwas gelocktem oder auch glattem Haupthaar und einem schwachen krausen
Barte. Das weibliche Geschlecht zeichnet sich nicht selten durch reizende
Gesichtszge, schlanken Bau und uerst zierliche und elegante Hnde sowie
Fe aus. Negerphysiognomien gewahrt man nur an den eingefhrten Sklaven
und deren Nachkommen.

Ehe wir uns jedoch zu dem eigentlichen, sich zum Christenthum bekennenden
Hauptvolke wenden, mssen wir die verschiedenen, theils durch die
Religion, theils auch durch ihre Nationalitt von ihm abweichenden
Vlkersplitter des Landes betrachten.

Eine gewi auffllige Erscheinung in Abessinien sind die dortigen Juden
oder _Falaschas_, d. h. Wanderer oder Verbannte, die frher eine
bedeutende Rolle spielten, aber von ihrer einstigen Hhe sehr
herabgesunken sind. Fast alle Reisenden beschftigten sich mit ihnen, und
namentlich waren es die protestantischen Missionre, die ihnen ihre
Aufmerksamkeit zuwandten. Gobat gab zunchst einige Nachrichten von diesem
Volke, doch bemerkt er, da die Falaschas so von den Christen abgesondert
lebten, da letztere weder von ihrem Glauben noch von ihren Gebruchen
etwas wten. Sie haben sich hauptschlich in der Gegend von Gondar,
Tschelga und auf der nordwestlichen Seite des Tanasees niedergelassen. Die
Falaschas behaupten, ihre Stammvter seien schon zur Zeit Salomo's mit
Knig Menilek, dem Sohne der Knigin von Saba, ins Land eingewandert;
andere unter ihnen meinen, sie seien erst nach dem Sturze Jerusalems von
den Rmern in die abessinischen Gebirge verjagt worden. Doch unterscheiden
sie sich von den brigen Juden durch ihre Unbekanntschaft mit der
hebrischen Sprache und dadurch, da die endliche Erscheinung des Messias
fr sie keinerlei Reiz hat; denn fragt man sie hierber, so erwidern sie
kalt, da sie ihn in der Person eines Eroberers, Theodor genannt, dem auch
die abessinischen Christen entgegenblicken, in kurzer Zeit erwarteten.
Dieser Theodor war nun freilich gekommen, aber mit ihm kein Messias fr
die Juden. Alle reden die amharische Sprache, unter sich jedoch gebrauchen
sie eine eigene Mundart (den Koara-Dialekt), welche vom Hebrischen und
Abessinischen gleich weit entfernt ist. Gobat bemerkt: "In ihre Wohnungen
kann kein Christ, ausgenommen mit Gewalt, hineintreten; auch haben die
Christen nicht groe Lust dazu, weil sie alle als Zauberer gefrchtet
sind. Sie selbst tragen keine Waffen und bedienen sich derselben nicht
einmal zur Vertheidigung. Fr ihre Armen wird von ihnen gesorgt und diese
drfen nie betteln gehen."

Der Missionr Stern, ein Hesse von Geburt und zum Christenthum
bergetretener Israelit, versuchte mit seinem Collegen Rosenthal, die
Falaschas zu bekehren, machte jedoch wenig Proselyten, verffentlichte
aber ein Buch ("_Wanderings among the Falashas_"), in welchem wir die
besten Nachrichten ber das seltsame Volk finden. Nach ihm rhmen sich die
Falaschas, unmittelbar von Abraham, Isaak und Jakob abzustammen und ihr
altjdisches Blut rein erhalten zu haben. Mischheirathen mit andern
Stmmen sind durchaus verboten; ja es gilt schon fr Snde, das Haus eines
Andersglubigen zu betreten. Wer eine solche Snde begeht, mu sich einer
Reinigung unterwerfen und ganz frische Kleider anziehen; dann erst darf er
wieder in seine Wohnung gehen. Diese Ausschlielichkeit hat brigens gute
Folgen gehabt, denn sie bewahrte die Falaschas vor der Ausschweifung und
Sittenlosigkeit, welche sonst in Abessinien allgemein sind. Jedermann
gesteht ein, da die Falaschas, Frauen wie Mnner, die zehn Gebote streng
befolgen. Heirathen in frher Jugend sind bei ihnen nicht gestattet, da
Mnner erst zwischen dem zwanzigsten und dreiigsten, Mdchen zwischen dem
fnfzehnten und zwanzigsten Jahre sich vermhlen. Ehescheidungen kommen
nicht vor; Vielweiberei, wie bei den abessinischen Christen, ist nicht
erlaubt; Frauen und Mdchen gehen unverschleiert frei umher. Die Tempel
haben wie die christlichen Kirchen drei Abtheilungen; der Eingang liegt
nach Osten, und auf der Spitze des kegelfrmigen Daches ist allemal ein
rother Topf angebracht.

Barbarisch ist eine Sitte, welche mit den berstrengen Begriffen von
Reinigung zusammenhngt. Neben jedem Falaschadorfe befindet sich eine
"unreine Htte". Dorthin schafft man die Kranken, deren Tod fr
unabwendbar gilt und lt sie verlassen liegen; kein Verwandter darf bei
ihnen sein und nur Menschen, welche fr unrein gelten, drfen sich um sie
kmmern. Merkwrdig erscheint die Thatsache, da diese abessinischen Juden
_dem Handel uerst abgeneigt sind_ und ihn geradezu verachten. Stern
schreibt: "Diese Falaschas sind von exemplarischer Sittlichkeit, ungemein
sauber, sehr andchtig und glaubensstreng und dabei sehr fleiig und
thtig. Sie treiben Ackerbau und Viehzucht und auch einige Handwerke: man
findet z. B. unter ihnen Weber, Tpfer und Schmiede. Der Handel gilt ihnen
fr unvertrglich mit dem mosaischen Glauben, und man findet unter dieser
Viertelmillion Menschen nicht einen einzigen Kaufmann." Es kann bei
Leuten, welche so abgeschlossen leben, nicht befremden, da sie alle
andern Religionen verabscheuen; ohnehin sind sie zumeist von Gtzendienern
umgeben, und auch die christlich-abessinische Kirche hat in ihrem Verfall
nichts Anlockendes. Im Aeuern und seinem Typus nach unterscheidet sich
der Falaschas brigens von den andern Abessiniern keineswegs.

Was die oft verfolgten _Muhamedaner_ Abessiniens betrifft, so stehen sie
in den meisten Beziehungen ber den einheimischen Christen. Bei dem
niedrigen Charakter der christlichen Abessinier ist die Regierung oft
genthigt gewesen, die verschiedenen Aemter, deren Verwaltung, Treue und
Redlichkeit erfordert, namentlich Zollmter, durch Muhamedaner zu
besetzen. Dieselben wohnen theils zerstreut, theils in ganzen Ortschaften
angesessen. So besteht der Flecken Takeragiro in der Landschaft Tembin
nur aus Muhamedanern, deren Frauen sich mit Landwirthschaft und
Baumwollenspinnen beschftigen. Die Mnner sind meist Kaufleute, die im
Lande umherziehen und eine gewisse praktische Gewandtheit erlangen.
Arbeitsamkeit zeichnet alle aus und einen weiteren Vorzug vor den Christen
haben sie dadurch, da jeder Muhamedaner seine Shne lesen und schreiben
lernen lt, whrend jene dieses nur dann lernen, wenn sie sich dem
geistlichen Stande widmen wollen. Der Muhamedanismus nimmt fortwhrend zu,
was bei dem versunkenen Zustande des abessinischen Christenthums
keineswegs zu verwundern ist. Muhamedaner und Christen leben auf gutem
Fue miteinander, wenn auch keine der beiden Parteien animalische Speise
von der andern nimmt, weil die Muhamedaner beim Schlachten des Viehs sich
der Formel bedienen: "Im Namen Gottes, des Allbarmherzigen", die Christen
aber: "Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes". Frher
wohl, zu Muhamed Granje's Zeiten, strmten die Bekenner des Korans mit
Waffengewalt gegen das christliche Abessinien und wurden zurckgeschlagen;
jetzt aber breitet sich der Islam stillschweigend aus, da er den
christlichen Abessiniern berlegen ist. "Er benutzt", sagt Munzinger, "die
Schwchen seines uneinigen Gegners, er erringt nur vereinzelte Erfolge und
dennoch darf man nicht verschweigen, da er einer steten Zunahme sich
erfreut. Whrend er schon halb Afrika beherrscht und immer sdlicher
dringt, hat er sich wol den dritten Theil der Bevlkerung des eigentlichen
Abessinien schon unterworfen und die Grenzen gegen alle Weltgegenden sind
dem Christenthum jedenfalls fr immer verloren. Die Galla werden in kurzer
Zeit alle muhamedanisch sein, die Grenzvlker im Norden, die Habab und die
Marea, sind erst in unserer Zeit dem Kreuz abtrnnig geworden und die
Bogos selbst sind kaum zu retten."

Auer den Muhamedanern und Juden giebt es in Abessinien noch besondere
religise Sekten. Zu diesen gehren die _Gamanten_, die sich ber mehrere
Provinzen des sdlichen und westlichen Abessinien und selbst ber Schoa
ausgebreitet haben und als Heiden verachtet werden. Sie glauben nur an
einen Gott und die Unsterblichkeit; Moses ist ihr von Gott inspirirter
Prophet, doch erkennen sie kein Religionsbuch an, haben keine Festtage,
ruhen aber am Sonnabend vom Ackerbau aus. Nach Krapf und Isenberg
verrichten sie ihre Religionsbungen im dichtesten Gebsche, welches kein
Sonnenstrahl durchdringt. Eine besondere Verehrung zollen sie
verschiedenen Pflanzen, die zu beschdigen sie ngstlich vermeiden. Unter
diesen nimmt die Alo die erste Stelle ein und zwar deshalb, weil sie
dieselbe als von einer menschlichen Seele belebt denken und fr den
Stammvater des menschlichen Geschlechtes halten. Da die Gamanten keine
Fasten halten und das auf jede Art geschlachtete Fleisch essen, werden sie
schon um deswillen von den Juden verachtet. Trotz der Verfolgungen, denen
sie ausgesetzt sind, leben sie als ruhige, fleiige und bescheidene
Ackerbauer, von ihren andersglubigen Nachbarn durch mancherlei Sitten
geschieden. So durchbohren z. B. die Frauen nach ihrer ersten Niederkunft
das Ohr und zwngen in die Oeffnung nach und nach immer grere
Holzpfropfen, die schlielich einen Durchmesser von drei Zoll und mehr
erlangen, soda das Ohrlppchen oder jetzt der Ohrlappen bis auf die
Schulter herabhngt, wie dies hnlich bei sdamerikanischen Vlkern
gefunden wird. Die Sprache der Gamanten, das Koara, ist mit jener der
einheimischen Juden bereinstimmend, aus denen sie hervorgegangen sein
sollen. Aeuerlich zeichnen sie sich durch hohen Wuchs, schlanken ovalen
Kopf, eine etwas aufwrts gekrmmte Nase und einen kleinen Mund aus. Sie
haben schngelockte, etwas gekruselte Haare und groe lebhafte Augen. Die
Hauptsitze der Gamanten sind in der Umgebung Gondars, dann in Tschelga,
Koara und bei Wochni, wo sie speziell die Pflicht haben, die Bergpsse zu
hten. Ackerbau und Viehzucht sind ihre liebste Beschftigung,
gelegentlich auch Straenruberei.

  [Illustration: Schangalla vom Mareb, Zither spielend, und Raucher aus
  Tigri. Originalzeichnung von Eduard Zander.]

Spuren vom ehemaligen _Heidenthum_ lassen sich bei den abessinischen
Christen immer noch erkennen. Rppell sah z. B., wie im Thale Saheta, in
der Provinz Haramat, die Frauen der Umgegend sich in groer Anzahl an eine
wasserreiche Quelle, welche unter einer schnen Baumgruppe hervorsprudelt,
begaben, dort Hnde und Fe wuschen und sich dann vor einem
grobbehauenen, mit zwei eifrmigen Vertiefungen versehenen Sandsteinwrfel
einige Mal auf die Erde niederwarfen. Rppell hielt den Stein fr einen
Opferaltar, konnte jedoch ber den Kultus nichts Nheres erfahren,
obgleich seine Begleiter erklrten, es handle sich hier um einen Rest
heidnischer Abgtterei.

Eine besondere Sekte, welche den allgemeinen Namen _Waito_ fhrt und als
heidnisch verschrieen ist, wohnt rings um den Tanasee. Von den Gamanten
unterscheiden sie sich dadurch, da sie keinerlei religise Ceremonie
haben. Auch essen sie Wasservgel, Nilpferdfleisch, wilde Schweine
u. s. w., was alles ihren Nachbarn als Gruel erscheint. Sie haben keine
eigene Sprache, sondern reden das Amharische, wie sie sich denn auch weder
durch Gesichtszge, noch durch andere krperliche Eigenschaften von den
brigen Abessiniern unterscheiden.

Als heidnisch ist noch die _Schlangenverehrung_ zu nennen, die Pearce in
der Provinz Enderta zu beobachten Gelegenheit hatte, und auch Bruce
berichtet, da die _Agows_ (im westlichen Abessinien) in ihren Htten
zahme Schlangen aufziehen, denen sie gttliche Verehrung zollen. Ein
Fremder bemerkt zwischen diesen eigenthmlichen Menschen und den echten
Abessiniern keinen groen Unterschied, auer da die Agows im ganzen
vielleicht ein strkerer, aber nicht so ruhiger Menschenschlag sind als
jene. Ihre Sprache jedoch, wie bei den Falaschas und Gamanten das Koara,
ist durchaus verschieden und klingt sanfter und weniger krftig als die
von Tigri. Die Agows in der Provinz Avergale werden unter der Benennung
der Tschertz unterschieden, und das Land, welches sie bewohnen, erstreckt
sich von Lasta bis an die Grenzen von Schiri. Nach der Sage waren die
Agows einst Verehrer des Nil, aber im 17. Jahrhundert wurden sie zur
christlichen Religion bekehrt. Die Agows hegen eine sehr hohe Meinung von
ihrer ehemaligen Wichtigkeit und behaupten, nur von den Bewohnern
Tigri's, sonst niemals, unterjocht worden zu sein. Es ist leicht mglich,
da dieses Volk einen Theil der Urbevlkerung Abessiniens ausmacht.

Hier mu der Ausdruck _Schangalla_ oder _Schankela_ erwhnt werden, unter
dem man sich flschlicherweise einen besondern Volksstamm im Nordwesten
Abessiniens vorstellte und worunter man namentlich die Bazen oder Kunama
verstand. Allein es ist nur ein generischer Name, welcher auf die
heidnischen, auerhalb Abessinien wohnenden Vlker, namentlich die Neger
und Negersklaven, angewandt wird.

Abessinien besitzt gegenwrtig _zwei Hauptsprachen_, die sich wieder in
mehrere zum semitischen Stamme gehrige Dialekte trennen. Als
ausgestorbene (seit wann ist unbekannt) Ursprache gilt die _thiopische_
oder das Gez, das zur Zeit der Einfhrung des Christenthums geredet und
in welchem alle Bcher abgefat wurden. Ueber dieselbe hat Hiob Ludolf,
der sich um die ltere Kunde Aethiopiens die grten Verdienste erwarb, im
Jahre 1691 eine noch heute vielfach mustergiltige Grammatik verfat.
Denkmler der alten thiopischen Sprache, in Stein eingegraben, sind an
verschiedenen Orten des Landes aufgefunden und entziffert worden;
besonders aber in der alten Knigsstadt Axum in Tigri. Auf einem
Schutthaufen daselbst entdeckte Rppell drei gleichgroe Kalksteinplatten,
jede ber vier Fu lang und mit ziemlich wohl erhaltenen thiopischen
Lettern bedeckt. Ein abessinischer Geistlicher entzifferte spter diese
Inschriften, und die von ihm veranstaltete Uebersetzung stimmt ziemlich
mit jener des Professors Rdiger in Halle berein. Wir geben, um die
altthiopischen Schriftzeichen zu zeigen, hier den Anfang der einen Tafel
wieder, welche von dem Kriegszuge des Knigs La San nach Magasa handelt,
von wo er mit groer Beute heimkehrte:

  [Illustration: Inschrift des Knigs La San]

Die Uebersetzung lautet:

   1. La San, Sohn des Siegreichen, des Gottbefreundeten
   2. Halen Knig von Axum und von Hamara
   3. und von Raidan, und von Saba, und von Sala-
   4. hen, und von Tiamo, und von Bega und von Kas.
   5. Der Sohn des Unglubigen bisher unbesiegt
   6. bekmpfte als Feind; ihr Oberhaupt ward
   7. verjagt, das uns ungnstig war, und ihre Tapfern erschlagen;
   8. Darauf ergriffen sie die Flucht. Vorher
   9. schickten sie aber das Heer; ihr Anfhrer, der Tapfere
  10. zog aus mit Gezelt und dem Anfhrer der Vornehmsten.

Das Gez hat 26 einfache Buchstaben, denen 6 Vokalzeichen angehngt
werden, wozu noch vier Doppellaute kommen. Man liest von links nach rechts
und jedes Wort wurde vom nchstfolgenden frher durch einen vertikalen
Strich, jetzt durch zwei bereinanderstehende Punkte getrennt. Wie
bemerkt, ist die Sprache jetzt ausgestorben, doch gilt sie noch als
Kirchensprache und wird von der Geistlichkeit aufrecht erhalten, welche
die von Isenberg eingefhrten, in die modernen Sprachen bersetzten Bibeln
als Ketzerwerke erklrten. An die Stelle des ausgestorbenen Gez traten
zwei lebende Sprachen, das _Amharische_ und _Tigrische_, von denen das
erstere in den vom Takazzi sdlich und westlich, das letztere in den von
diesem Flusse stlich gelegenen Landschaften geredet wird. Das Amharische,
das am meisten gesprochen wird, obgleich ein Dialekt des Aethiopischen und
also semitischen Charakters, hat doch mehr Fremdartiges als seine Mutter-
oder seine Schwestersprache, das Tigrische, angenommen, welches die grte
Aehnlichkeit mit dem alten Gez behalten hat. Das Tigrische ist reich an
krftigen Gutturalen und hat eine Abart in dem Dialekte von Guragu, einer
sdabessinischen Landschaft; das Amharische dagegen, zur Regierungssprache
erhoben, hat in der Sprache von Hrrr, stlich vom Hawaschflusse, eine
Tochter.

Whrend die tigrische Sprache nicht geschrieben wird, hat die amharische
sogar noch 6 Zeichen mehr als das Gez mit sechserlei denselben
angehngten Vokalzeichen, wozu noch 4 Diphthongformen kommen. Die
Charaktere sind wie das ganze Alphabet syllabarisch, nmlich _Schaat_
lautet in der Form [thiopisch: sha] _scha_. [thiopisch: shu] ist =
_schu_ u. s. w. Ebenso wird aus _Tjawi_ in der Form [thiopisch: ca]
(_tja_) durch Hinzufgung eines kleinen Zeichens in der Mitte rechts
[thiopisch: cu] _tju_, [thiopisch: ci] ist _tji_, [thiopisch: caa]
_tj_, [thiopisch: cee] _tje_ u. s. w. Die andern fnf dem Amharischen
eigenthmlichen Charaktere sind: _Gnahas_ [thiopisch: nya] (_gna_; es ist
also [thiopisch: nyu] _gnu_ und [thiopisch: nyee] _gne_ auszusprechen);
_Chaf_ [thiopisch: xwa], _cha_; _Jai_ [thiopisch: zha], _ja_
(franzsisch auszusprechen); _Djent_ [thiopisch: ja], _dja_ und _Tschait_
[thiopisch: cha], _tscha_. Das Aethiopische und Amharische wird von der
Linken zur Rechten gelesen. Wenn _sakaja_, anklagen, geschrieben wird
[thiopisch: sa][thiopisch: xwa][thiopisch: ya], so bezeichnet also das
dem groen _P_ im Lateinischen gleichende Zeichen die Silbe _ja_ und man
wird sofort einsehen, da [thiopisch: yu] wieder _ju_, [thiopisch: yaa]
_j_ ist.

Als untergeordnete Dialekte mssen noch erwhnt werden, das Baze-Tigr
(nicht zu verwechseln mit dem Tigrischen oder Tigrenja), die in der
Samhara und weiter nrdlich herrschende Sprache, das erwhnte Idiom der
Falascha oder Juden, der Gamanten und Agows, die den Koara-Dialekt
(Hauaraza) sprechen, und die Sprache der Gallastmme im Sden von Habesch,
ber die weiter unten mehr gesagt wird.

Soviel ber die Sprachen des Landes. Von einer _Literatur_, welche das
ganze Volk durchdringt, kann keine Rede sein, zumal Lesen und Schreiben
ein Privilegium der hher gestellten Klassen, namentlich der Geistlichkeit
ist. In frheren Zeiten war die geistige Regsamkeit in Abessinien eine
ungleich rhrigere als heutzutage, und aus jenen Perioden stammen auch die
meisten Bcher, Chroniken und Bibelabschriften, von denen aber viel im
Laufe der Kriege verloren gegangen ist. Alle abessinischen Manuskripte
sind auf Pergament geschrieben und zwar meistentheils recht sauber und
elegant. Die Linien laufen ganz symmetrisch miteinander parallel und auf
der ersten Seite, sowie am Anfange jedes Kapitels sind immer die Zeilen
abwechselnd mit rother und schwarzer Tinte geschrieben. Zum Schreiben
bedient man sich eines zugespitzten Rohrhalmes. Hufig sind kolorirte
Vignetten in den Text angebracht, die in lterer Zeit weit schner als
jetzt gemalt wurden. Viel Sorgfalt verwendet man auf die Ledereinbnde, in
welche man mit heien Eisen zierliche Arabesken einbrennt. Die Art und
Weise, wie die Geistlichkeit mit den seltensten alten Werken umgeht, ist
geradezu barbarisch; sie verschleudert sie oft um einen Spottpreis oder
lt sie verschimmeln. Durch die Bemhungen der deutschen Missionre,
namentlich des wackeren Isenberg, sind in London auch mehrere Bcher in
amharischer Sprache gedruckt worden, darunter eine vollstndige
Bibelbersetzung, eine kleine Geographie und ein Abri der Weltgeschichte.
Obgleich man diese zu Tausenden verbreitet hat, so haben sie dennoch
keinen Nutzen gestiftet, da die den Missionren feindlich gesinnte
abessinische Geistlichkeit den Gebrauch hinderte und die Werke
vernichtete. So liegen sie da als ein Werk deutschen Fleies, ohne
lebendige Anwendung zu finden.

  [Illustration: St. Georg (aus einem abessinischen Manuskripte). Nach
  Harris.]

Nach Krapf umfat die ganze abessinische Literatur 130 bis 150 Werke, von
denen viele nur Uebersetzungen der griechischen Kirchenvter sind. Die
smmtlichen Bcher werden in vier Sektionen oder Gabaioch getheilt, deren
erste das Alte, deren zweite das Neue Testament allein ausmacht. Die
dritte enthlt juristische Schriften, wie das Gesetzbuch, den Chrysostomus
u. s. w., die vierte endlich besteht aus Mnchsschriften und dem Leben der
Heiligen. Die groen Sammlungen von thiopischen und amharischen
Schriften, welche die Gebrder d'Abbadie nach Frankreich, Rppell nach
Frankfurt, Krapf nach Tbingen brachten, lassen uns jetzt einen tiefen
Einblick in das Schriftthum jenes abgelegenen christlichen Volks thun. Da
finden wir "den Glauben der Vter" (_Haimanot Abau_), eine Dogmensammlung
der abessinischen Kirche, das Leben des Knigs Lalibela (_Gadela
Lalibela_), der im 13. Jahrhundert nach dem Untergange der Judendynastie
lebte, die Biographie Tekla Haimanot's, eine Menge wichtiger Chroniken
u. s. w.

Die Art und Weise, wie die Abessinier ihre Gemlde entwerfen, die oft auch
die Pergamentmanuskripte schmcken, beschreibt Salt. Der Maler machte
zunchst einen genauen Entwurf seiner Zeichnung mit Kohle und berzog
denselben dann mit Tusche. Der Gegenstand stellte zwei abessinische Reiter
im Kampfe mit den Galla dar; die Kleider der Krieger, das Geschirr der
Pferde, der Gesichtscharakter waren getreu nachgeahmt. Die Abessinier
vergrern in ihren Gemlden auf eine besondere Art das Auge und zeichnen
die Figuren _en face_; nur Juden, Teufel u. s. w. werden im Profil gemalt.
Die Farben sind uerst grell: Grn, Roth, Blau und Gelb herrschen vor.

                              --------------

Wenden wir uns nun zur Betrachtung des _Charakters der Abessinier_, so
treffen wir hier auf sehr widersprechende Urtheile, doch kann im
allgemeinen behauptet werden, da derselbe nach unsern europischen
Begriffen ein keineswegs vorzglicher ist. Whrend z. B. Munzinger und
Heuglin dem Volke mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen, sind die Urtheile
von Bruce, Rppell, Krapf, Isenberg sehr herbe, und auch im eigenen Lande
giebt es Leute genug, welche in die Verdammung einstimmen. Dahin gehrten
vor allem der Knig Theodoros II. selbst und der im Jahre 1867 gestorbene
Abuna (Erzbischof). Einzelne vorzgliche, durch Liebenswrdigkeit, edlen
Charakter und Gelehrsamkeit ausgezeichnete Persnlichkeiten hat es jedoch
immer gegeben und sie beweisen, da in dem befhigten Volke noch nicht
alle besseren Eigenschaften eingeschlummert sind. Der hchste Kirchenfrst
des Landes, allerdings ein Auslnder, von dem selbst kein sehr
erfreuliches Bild entworfen wird, schrieb 1843 an Isenberg: "Die
Abessinier sind ein Volk, das weder nach Erkenntni verlangt, noch Liebe
zum Lernen zeigt, noch auch begreifen kann, da Sie sein Bestes suchen.
Was es will, ist, da Sie ihm von Ihrer Habe mittheilen, nichts anderes.
Wie kurz oder wie lange Sie sich auch in Abessinien aufgehalten haben
mgen - knnen Sie immer noch glauben, da die Abessinier seien wie andere
Menschen, welche lernbegierig sind und nach Erkenntni verlangen?"
Isenberg selbst ist von dem Volke keineswegs erbaut und hatte bei der ihm
widerfahrenen Behandlung auch wenig Ursache hierzu. Rppell, ein sehr
nchterner Beobachter, fat sein Urtheil folgendermaen zusammen: "Die
Hauptzge des moralischen Charakters der Abessinier sind: Indolenz,
Trunkenheit, Leichtsinn, ein hoher Grad von Ausschweifung, Treulosigkeit,
Hang zum Diebstahl, Aberglaube, dummstolze Selbstsucht, groe Gewandtheit
im Verstellen, Undankbarkeit, Unverschmtheit im Fordern von Geschenken
und eine des sprchwrtlichen Gebrauches wrdige Lgenhaftigkeit."
Mildernd setzt er hinzu: "In der Regel ist ihnen brigens ein leutseliges,
ungezwungenes Betragen eigen, weshalb eine oberflchliche Beurtheilung zu
ihren Gunsten ausfllt." Dann weiter: "Zur Erregung eines bessern
moralischen Gefhls trgt gar nichts in ihrem Leben bei, und ich mu
durchaus dem beistimmen, was der Missionr S. Gobat als das Resultat eines
beinahe einjhrigen Aufenthalts in Gondar ber den sittlichen Zustand
dieser Stadt ausspricht, nmlich: "Alle Abessinier, wenn sie keine
Regierungsgewalt zu frchten haben, treiben das Ruberhandwerk. Ich kenne
die Abessinier zu gut, als da ich einen groen Werth auf ihre sen Worte
legen sollte. Ich bin traurig und niedergeschlagen, weil es mir vorkommt,
als sei jeder Rettungsversuch vergeblich."" Rppell fhrt eine Menge diese
Aussprche charakterisirende Einzelheiten an, welche allerdings schlagende
Illustrationen bilden; allen Stnden schreibt er gleich groe Rohheit zu.
Auch die Trgheit der Abessinier ist unglaublich. Jeder Ackerbautreibende
bestellt nicht mehr Feld, als fr den Bedarf seiner Familie nthig ist,
und an ein Aufspeichern von Vorrthen ist nicht zu denken. Jede Art von
Handarbeit halten sie fr etwas Entehrendes, und daher kommt es denn, da
fast die ganze Industrie des Landes in den Hnden der Muhamedaner und
Juden ist. Betrug im Handel, Verflschung der Waaren sind gang und gbe.

Alledem gegenber klingt als Lobrede, was Werner Munzinger, allerdings
einer der ersten Kenner des Landes und Volkes, sagt: "Ueber dieses Land
darf ich wohl reden, denn auch sein Mensch steht uns kaum so fern. Er
denkt, er trumt, er liebt und hat ja auch; er fhlt wie wir, nur roher
und oft viel natrlicher und freimthiger. Soll denn das schwarze Gesicht
immer ein schwarzes Herz bergen? Auch dort findest du mitleidige Herzen!
Wenn der schneidende Abendwind dichte Nebel auf die Hochebene hinabregnet,
da kann der Wegfahrer getrost anklopfen und auch des erfrorenen Bettlers
harrt ein freundlicher Gru, ein frhlich loderndes Feuer und ein warmes,
in Milch eingebrocktes Brot. Auch dort giebt es Ritter, Beschtzer der
Frauen und Schwachen. Der Mihandelte findet seinen Advokaten. Auch
Freunde kannst du erwerben, wenn auch nicht schnell, die am Tage der
Gefahr dich beschirmen. Treue Liebe, glckliche Gatten sind nicht selten,
und wie oft folgt die trauernde Gattin ihrem Herrn freiwillig in den
frhen Tod! Du siehst in Hungersnthen die Mutter mit hohlen Wangen, die
Kinder frisch und munter, denn das letzte Brot spart sie fr ihre Lieben
auf. Unermdet wacht die Gattin bei ihrem kranken Manne. Brave Shne
opfern jahrelange Arbeit, um ihrem alten Vater sorgenfreie Tage zu
bereiten, Gefhl fehlt nicht und auch nicht Muth und Frohsinn; sie singen
und tanzen die sternenhelle Nacht durch; Rhapsodien loben den Helden, den
Lwentdter, den Menschenbezwinger. Freude und Leid wird ausgesungen; das
Lied dient auch der Klage, es begleitet die Arbeit, es bejubelt die
Hochzeit." Im grellen Gegensatz steht - gegenber fast allen andern
Berichten - was Munzinger hier ber die ehelichen Verhltnisse bemerkt,
und es scheint uns fast, als sei wenigstens hier ein rosiger Schimmer ber
seine Darstellungen ausgebreitet.

Hier mu erwhnt werden, da die _Blutrache_ in ganz Abessinien allgemein
herrscht und da eine ausgebreitete und mchtige Verwandtschaft daher als
ein sehr bedeutendes Schutzmittel gilt. Zu Isenberg kam einst eine Frau in
der grten Angst gelaufen mit der Bitte, er mge fr ihren Mann beten,
der am Morgen ohne Begleitung und ohne Waffen ausgegangen sei; dies habe
sein ihm feindlicher Vetter benutzt, um ihm bewaffnet zu folgen. "Wir
erfuhren, da diese Feindschaft zwischen den beiden Vettern von ihren
Vtern herrhrt, die einander in tdtlicher Feindschaft umgebracht haben
sollen. Auch die Vettern haben in ihren Streitigkeiten schon zehn ihrer
Leute verloren." Salt lernte einen jungen Huptling (Schum) Namens
Schelika Negusta kennen, der einen Feind im Zweikampfe erschlagen hatte.
Mehrere mchtige Verwandte des Gebliebenen bemchtigten sich seiner Person
und fhrten ihn vor den Ras, welcher ihn nach dem Gesetze zum Tode
verdammte und zwar wurde er nach mosaischem Gebrauch den Verwandten des
Ermordeten bergeben, damit diese nach Gefallen mit ihm umgehen mchten.
Gewhnlich wird bei solchen Gelegenheiten der Thter nach dem Markte
gefhrt und dort zu Tode gespeert, und so sollte es auch dem Schelika
Negusta ergehen, als die Osoro's (Prinzessinnen), von seiner Schnheit
gerhrt, sich hinter die Geistlichkeit steckten und durch deren
Banndrohungen es vermochten, da der der Blutrache Geweihte gegen eine
hohe Geldsumme freigegeben wurde.

Die _Justiz_ wird in Abessinien ungemein willkrlich gehandhabt. Ein
oberster Gerichtshof hatte in der Residenz seinen Sitz und entschied in
weltlichen Angelegenheiten als letzte Instanz. Bezglich der Todesurtheile
steht dem Knige die Entscheidung zu. Dieser hlt wchentlich mehrere Mal
ffentliche Audienz in seinem Palaste, wobei Jedermann Zutritt hat. Hier
lt er sich Klagen und Vertheidigung vortragen, verhrt die vorgeladenen
Zeugen und giebt nach Berathung mit den Gerichtsbeisitzern seinen Spruch
ab, dem jedoch die ausbende Kraft fehlt und der daher mehr als Gutachten
angesehen werden mu. Ist der Knig verreist, so whlen sich die Parteien
selbst ihren Schiedsrichter. In den Provinzen entscheidet der Gouverneur
und zwar gleichfalls ffentlich, in der Regel auf einem Hgel in der Nhe
der Stadt. Rppell wohnte einer solchen Gerichtssitzung zu Angetkat in
Semin bei. Der Gouverneur sa auf einem Flechtstuhle und ringsumher lagen
die Zuhrer im feuchten Grase. Es handelte sich um eine Ehescheidung, bei
der sowol Mann wie Frau ihre Sache persnlich vortrugen und zwar beide mit
vieler natrlicher Beredsamkeit. Die Umstehenden sprachen fortwhrend laut
dazwischen und machten ihre Bemerkungen ber den Gang der Unterhandlungen.
Endlich ward Ruhe geboten und der Gouverneur verkndigte das Urtheil,
worauf er beide Parteien mit einem "Marsch!" entlie.

Bei diesen Verhandlungen wird das geschriebene Gesetzbuch Abessiniens, das
_Feta Negust_ (die Richtschnur des Knigs) nur selten angewandt, da man es
meist nur bei verwickelten Rechtsfllen zu Rathe zieht. Es soll angeblich
unter Konstantin dem Groen durch die auf dem Konzil zu Nica versammelten
Kirchenvter zusammengestellt worden sein. Das Feta Negust besteht aus
zwei Abtheilungen, von welchen die eine das kanonische, die andere das
brgerliche Recht behandelt; beide zusammen haben 51 Unterabtheilungen.
Die 22 Paragraphen des kanonischen Rechts handeln von der
Rechtglubigkeit, der Geistlichkeit, der Kirche, der Verwaltung von deren
Eigenthum, vom Gottesdienst, den Feiertagen, der Ketzerei u. s. w.; die 29
Paragraphen des brgerlichen Rechtes von der Dienstbarkeit, der Ehe, dem
Wucher, Erbschaft, Kauf, Zeugnissen, gefundenen Sachen, Grundeigenthum,
Todtschlag, Diebstahl, Strafen u. s. w. Interessant ist die von Rppell
nicht ohne Grund ausgesprochene Ansicht, da als Verfasser dieses
Gesetzbuches vielleicht der protestantische deutsche Missionr _Pater
Heyling von Lbeck_ anzusehen sei, der im Jahre 1634 nach Abessinien kam.

Alle Gesetze jedoch, so gut sie sein mgen, hindern das Volk nicht in
seinem faulen, zgellosen und namentlich in geschlechtlicher Beziehung
auerordentlich liederlichen Lebenswandel fortzufahren, und die zahlreiche
Geistlichkeit thut nicht das Geringste, um dem wsten Treiben Einhalt zu
thun, ja sie geht mit schlechtem Beispiel voran. Da kann es denn, wo fr
Aufklrung und Schulen so gut wie gar nicht gesorgt wird, nicht Wunder
nehmen, da unter diesen Christen die abenteuerlichsten Vorstellungen und
der seltsamste Aberglaube im Schwunge ist.

Nach den aberglubigen Ansichten der Abessinier hat jeder Mnch, jeder
Einsiedler, jeder Zwerg die Fhigkeit, in die Zukunft schauen und
weissagen zu knnen. Geschriebene _Talismane_ werden unter die Saat
gemischt, damit sie gut keime, und kein Abessinier besteigt sein
Maulthier, ohne sich vorher mit einer solchen Papierrstung versehen zu
haben, die ihn angeblich stich- und kugelfest machen soll. Amulete spielen
derart eine groe Rolle und schtzen den Inhaber gegen jede vorhergesehene
oder unvorhergesehene Gefahr. Der _Tulsim_, ein Grtel, an dem kleine
Ledertschchen hngen, enthlt diese schtzenden Papierschnitzel, welche
Mnner, Weiber, Kinder tragen und die selbst der Knig fr unentbehrlich
hlt. Auch bt der Einflu des bsen Auges eine groe Macht auf alle
Abessinier aus; bse Geister durchschwrmen nach ihrer Vorstellung die
Erde und das Wasser. Hufig wendet man das _Besa_ oder Krankenopfer an,
indem man unter Singen und Schreien um das Lager des Patienten einen
Ochsen treibt und denselben dann vor dem Hause schlachtet. Kein Abessinier
wird an einem Sonnabend oder Sonntag eine Schlange zu tdten wagen, weil
an diesen Tagen jene Thiere als ein glckverheiendes Omen erscheinen.
Uebereinstimmend mit den heidnischen Galla bringen die Christen im Juni
dem _Sar_ (bsen Geiste) Dankopfer dar, obgleich dieser Gtzendienst durch
Verordnungen aufs strengste untersagt ist. Drei Mnner und eine Frau, die
mit dem Bsen in Verbindung stehen, versammeln sich dann, um in einem
frisch ausgekehrten Hause die Ceremonie vorzunehmen; eine ingwerfarbige
Henne, eine rthliche Gais oder ein Ziegenbock mit weiem Halsringe werden
geopfert und das Blut der Thiere, mit Fett und Butter gemischt, whrend
der Nacht auf einen engen Pfad gesprengt, damit alle Darbergehenden das
Uebel des Kranken an sich nehmen, zu dessen Gunsten das Opfer dem Sar
dargebracht wurde.

Das Aechzen der Wassernixen hrt der aberglubige Abessinier in jedem
Wasserfall, und der Unglckliche, welcher im pltzlich angeschwollenen
Wildbache ertrinkt, wird als Speise der bsen Wassergeister angesehen.
Verschiedene Pflanzen und Kruter besitzen zauberische Eigenschaften, so
ein Gras (Fegain), das, heimlich auf den Gegner geworfen, diesem Krankheit
und schleunigen Tod bringt. Zauberer und Sterndeuter, durchaus keine
seltenen Erscheinungen in Abessinien, erreichen nach der Volksmeinung das
anstndige Alter von vier- oder fnfhundert Jahren; sie fliegen mit der
Windsbraut durch das ganze Land, erscheinen pltzlich und ungesehen in der
schmausenden Gesellschaft und nehmen ihr die leckersten Fleischbissen vor
der Nase weg.

Vor dem sterblichen Auge verborgen liegt irgendwo im Lande das zauberhafte
Dorf _Duka Stephanos_, ein Paradies auf Erden, das, alle irdischen und
himmlischen Freuden in sich vereinigend, die Sehnsucht des wunderliebenden
Volkes im hohen Grade erregt. Seine grasigen Auen und prchtigen Wlder
laden zum sen Schlummer ein, und am heitern Ufer des Nil, der seine
blauen Fluten durch die prchtige Landschaft rollt, wandern die schnsten
Weiber. Dort flieen die kstlichsten Getrnke in nimmer versiechendem
Strome, und die Erde bringt saftige Frchte in unendlicher Flle ohne
Arbeit hervor. Doch in zauberische Nebel verhllt, ffnet dieses Elysium
seine Pforten nur Menschen von untadelhaft schnem Aeuern, die das
Wohlgefallen der Bewohner von Duka Stephanos erregten.

  [Illustration: Eine Lima-Galla, Baumwolle schnellend. Zeichnung von E.
  Zander.]

_Zwerge_ werden mit einem gewissen Respekt behandelt und sind Gegenstnde
der Furcht; viele unter ihnen sind gerade die gelehrtesten Leute des
Landes. So war der Beichtvater Sahela Selassi's, des Knigs von Schoa,
ein wahrer Asmodeus in seiner Erscheinung, doch dabei ein liebenswrdiger
und ungemein weiser Mann, der sich vor seinen Landsleuten in geistiger
Beziehung bedeutend auszeichnete. Auch die Groen des Landes whlen sich
gern migestaltete und zwerghafte Leute zu Sekretren.

Ganz besonders mit bernatrlichen Krften ausgestattet erscheint aber der
_Grobschmied oder Budak_, da er sich nach Belieben in einen Wolf oder eine
Hyne zu verwandeln und Menschenfleisch zu fressen vermag. Dem bsen
Blicke eines Schmiedes wird gewhnlich Krankheit und Unglck
zugeschrieben. Hailo, der Vater Ubi's, des frheren Herrschers von
Tigri, gab einst Befehl, alle Schmiede, die in seinem Reiche wohnten,
niederzumachen, um weiteres Unglck zu verhten. Ueberall bluteten die
unschuldigen Opfer, dem Manne aber, der dieses aberglubige Werk
vollbracht, jubelten dankbar die Herzen des Volkes zu, das sich von einem
Alp befreit glaubte. Nicht weniger als 1300 der ntzlichen Eisenarbeiter
sollen damals (zu Anfang dieses Jahrhunderts) ihr Leben auf diese grausame
Art verloren haben. So berichtet wenigstens Harris, dem wir hier gefolgt
sind. Indessen gengt die Gegenwart irgend eines christlichen Emblems oder
der Heiligen Schrift, um die blen Wirkungen der Schmiede zu
neutralisiren. Kein Metall kann in Gegenwart des Kreuzes geschweit
werden. Als die britische Gesandtschaft in Schoa war, mhten sich ein paar
eingeborene Schmiede mit ihren kleinen Blaseblgen vergeblich ab, einen
Reifen um das Rad einer Kanonenlaffete zu schmieden. Sie erklrten nun,
da die Gegenwart irgend eines Theils der Heiligen Schrift ihrem Geschfte
hinderlich sei. Schnell warfen alle Anwesenden ihre Amulete weg; die
Blaseblge arbeiteten von Neuem, aber das Metall war nicht in Flu zu
bringen. Nun wurden englische Blaseblge gebracht, und als die Funken vor
der Windrhre davon sprhten, war das Eisen in fnf Minuten weiglhend
und der Reif aufgeschweit. Die einheimischen Magier baten aber,
dergleichen Proben in Zukunft zu unterlassen, da sonst ihr Ansehen
verloren ginge!

  [Illustration: Abessinierin, Baumwolle spinnend. Zeichnung von E.
  Zander.]

Da der Handel groentheils in den Hnden der Muhamedaner, die
Gewerbthtigkeit meistens bei den Juden ist, so bleiben fr den
christlichen Abessinier das Kriegshandwerk, die Geistlichkeit, Jagd,
Ackerbau und Viehzucht als Erwerbszweige brig.

In der wildreichen Kola, die mit ihren grasreichen Niederungen den
Elephanten, Bffeln und Antilopen ein willkommener Aufenthalt ist, tritt
uns der Eingeborene oft als khner _Jger_ entgegen. In den meisten Htten
der Kola von Eremetschoho fand Rppell getrocknete Elephantenrssel oder
die Schweife von Bffeln, welche als Zeichen des persnlichen Muthes
aufbewahrt wurden. Als einzige Waffe dient den Riesen der Wildni
gegenber der Speer. Doch ist im Allgemeinen die Jagd nur ein
nebenschlicher Erwerbszweig.

Der Abessinier der Hochlande dagegen ist vorzugsweise _Ackerbauer_ und
_Viehzchter_, und nach den Produkten dieser Thtigkeit richtet sich auch
seine Nahrungsweise. Die Nachricht, da die Abessinier groe Freunde rohen
Fleisches (_Brundo_) seien, drang zuerst durch Bruce nach Europa. Man
glaubte ihm jedoch nicht, bis dann sptere Reisende Alles besttigten, was
er erzhlt hatte. Bruce berichtete, da, wenn die Gesellschaft zum Essen
versammelt gewesen sei, man eine Kuh oder einen Ochsen vor die Htte
gefhrt habe. Man bindet dem Thiere die Fe, macht unten am Halse in die
Haut einen Einschnitt bis an das Fett und lt fnf bis sechs Tropfen Blut
auf die Erde fallen. Dieses geschieht, um das Gesetz zu beobachten. Dann
fallen einige Leute ber das Thier her, ziehen ihm die Haut vom Krper bis
in die Mitte der Rippen ab und schneiden aus den Hintervierteln dicke
viereckige Stcke Fleisch heraus. Das schreckliche Gebrll des
unglcklichen Thieres ist ein Zeichen fr die Gesellschaft, sich zu Tische
zu setzen. Statt der Teller legt man jedem Gaste runde Tifkuchen vor, die
als Zuspeise und Serviette zugleich dienen. Herein treten zwei oder drei
Diener mit viereckigen Stcken Rindfleisch, welches sie in den bloen
Hnden tragen; sie legen dasselbe auf Tifkuchen; der Tisch ist ohne
Tafeltuch. Die Gste halten schon ihre Messer bereit. Jeder Mann schneidet
mit seinem krummen Sbelmesser kleine Stcken Fleisch herunter, in welchen
man noch die Bewegung der Fasern, das Leben, wahrnimmt. In Abessinien
speist sich kein Mann selbst und rhrt seine Kost nicht an. Die
Frauenzimmer nehmen diese Stcken und schneiden sie erst in Streifen von
der Dicke eines kleinen Fingers und dann in Wrfel. Diese legt man auf ein
Stck Tifbrot, das stark mit Pfeffer und Salz bestreut ist und wie eine
Rolle zusammengewickelt wird. Dann steckt der Mann sein Messer ein, setzt
beide Hnde auf die Kniee seiner Nachbarinnen und wendet sich mit
vorgebeugtem Leibe, gesenktem Kopfe und aufgesperrtem Maule zu derjenigen
Nachbarin, welche die Rolle zuerst fertig hat. Diese stopft ihm das ganze
Stck in den Mund, der davon so voll wird, da der Mann in Gefahr gerth
zu ersticken. Je vornehmer der Mann, um so grer ist das Stck, und es
wird fr sehr fein gehalten, wenn er beim Essen recht stark schmatzt.

Wie gesagt, dieses Verzehren von rohem Beefsteak erregte in England
allgemeines Aufsehen und Bruce stand als Lgner gebrandmarkt da. Hren wir
nun, was sptere Reisende ber diesen Gegenstand berichten. _Salt_, der
mehr als dreiig Jahre spter in Abessinien war, bezchtigte Bruce der
Unwahrheit, indem er erzhle, es sei _Gewohnheit_ bei den Abessiniern,
sich am Fleische noch lebender Thiere nach Art des Polyphem zu ergtzen;
doch stellt er keineswegs in Abrede, da rohes Fleisch, je frischer, je
lieber, ihr grter Leckerbissen sei. Rppell (1832) berichtet an mehr als
einer Stelle seines Reisewerkes, wie er gesehen habe, da die Leute _noch
zuckendes_ Fleisch genossen htten. Er sagt: "Dasjenige Fleisch, welches
noch seine natrliche Wrme hat und bei dem die Muskelfasern noch unter
dem Messerschnitte zucken, gilt fr einen besondern Leckerbissen. Das
Fleisch wird von den Abessiniern meistens roh verzehrt, wiewol in den von
mir bereisten Provinzen jetzt nie anders, als nachdem das geschlachtete
Thier ausgeblutet hat. Der barbarische Gebrauch, Stcke Fleisch von einem
noch lebenden Thiere herauszuschneiden, welchen Bruce beschrieben hat, mag
zur Zeit seines Aufenthaltes in Gondar stattgefunden haben, ist aber
sicherlich dort in neuerer Zeit nicht mehr etwas Gewhnliches. Da
derselbe indessen in andern Gegenden Abessiniens auch jetzt noch zuweilen
vorkommt, behaupte ich trotz des Widerspruchs Salt's und der ganz
grundlosen Kritiken, welche die Franzosen Combes und Tamisier ber Bruce
verffentlichten." Der Missionr Isenberg (1843) bezweifelt dagegen wieder
die allgemeine Richtigkeit der Angabe von Bruce und stellt jene Thatsache
als Aushlfe in Nothfllen hin, "wo z. B. auf einem Marsche befindliche
Soldaten in gewisser Entfernung von ihrem Lagerplatz, wenn sie der Hunger
ereile, dem Vieh, welches sie vor sich hertreiben, ein Stck Fleisch aus
dem Hinterviertel herausschneiden und verzehren, die leere Stelle mit Heu
oder anderm Material ausfllen, die abgelste Haut wieder darberziehen
und dann das Thier bis zu ihrem Lagerplatz treiben, wo seinem Leben ein
Ende gemacht werde." Entscheidend mchte jedoch Folgendes sein.

Als der Reisende _Apel_ im Januar 1865 zu Wochni gefangen genommen und
nach Gondar geschleppt wurde, setzte man ihn auf ein Pferd, das vermittels
eines Seiles von etwa 3 Ellen Lnge an dasjenige eines ungeheuren
Abessiniers befestigt war. "Auf diesem Ritt von Wochni nach Gondar habe
ich mit eigenen Augen das gesehen, was von Bruce so standhaft behauptet
und von der unglubigen Civilisation bestritten wurde, - nmlich das
_Herausschneiden des Fleisches von noch lebenden Thieren_ und das Genieen
desselben, whrend das Thier noch im Todeskampfe liegt. Es wurden ihm von
den Christen die Fe gebunden, es fiel auf die Seite, und alsbald schnitt
man ihm Stcke Fleisches aus dem Rumpfe, welche, noch zuckend von der
Muskelbewegung, gierig von den Christen verschlungen wurden. Das Thier
verblutete und blieb dann eine Beute der Schakale. Mir wurde ein blutiges
zuckendes Stck Fleisch zugeworfen und ich habe, so widerwrtig mir das
Ganze auch war, doch den grten Theil desselben verzehrt, so arg hatte
mich der Hunger mitgenommen, denn seit zwei Tagen hatte ich nichts
genossen. Dieselbe Kost wurde mir whrend der ganzen Reise angeboten."
Krapf endlich sah in Schoa, wie Soldaten einem lebendigen Schafe ein Bein
abschnitten, das Thier nicht tdteten und das rohe Fleisch vom Knochen
sogleich abnagten!

Nicht viel weniger widerwrtig ist die Art und Weise, wie die Abessinier
ihr briges Fleisch zubereiten und berhaupt ihre Nahrung zu sich nehmen,
soda man bei ihnen wol vom "Fressen" sprechen kann.

Schafe und Ziegen werden in Gegenwart der Gste geschlachtet und
abgehutet, dann die noch zuckenden Glieder etwa fnf Minuten ber ein
Flammenfeuer gehalten und die uerste Lage Fleisch, die kaum durchrstet
ist, mit Brotkuchen und reichlicher Pfeffersauce genossen. Salz wird in
langen, gewundenen Antilopenhrnern umhergereicht. Whrend des Essens
selbst wird nicht getrunken, unmittelbar nach demselben gehen jedoch
Glasflaschen, sogenannte Berille, mit gegohrenem Honigwasser herum. Der
Ueberbringer desselben giet dabei, indem er eine Flasche darreicht, eine
Kleinigkeit davon in die hohle Hand und trinkt sie vor dem Gaste aus, um
demselben damit zu zeigen, da der Trank nicht vergiftet sei. Auch die
zubereiteten Speisen erscheinen fr einen Europer sehr widerlich, denn
bei vielen wird ein Oel aus den Samenkrnern der Nukpflanze von sehr
unangenehmem Geschmack zugesetzt.

Die Abessinier knnen ganz unglaubliche Portionen verschlingen und die
Gefahr, dabei zu ersticken, welche Bruce scheinbar bertreibend anfhrt,
wird auch von Rppell hervorgehoben. Eine Hauptsache beim Essen ist
jedoch, da sie die Kauwerkzeuge unter lautem Geschmatze und Geschnalze
bewegen mssen. Lndlich, sittlich! und diese "Sitte" gilt nicht nur in
den niederen Klassen, sondern auch bei Hofe, selbst in unsern Tagen bei
Theodoros II. Dieser hatte den Missionr Stern zur Tafel geladen; die
Mahlzeit bestand, da gerade Fasttag war, einfach aus Tifkuchen und
Honigwasser. "Da machte ich", erzhlt Stern, "einen Versto gegen die
Sitten des vornehmen Lebens. Nach abessinischen Begriffen mu jeder Mann
aus der Aristokratie beim Essen schmatzen wie ein Schwein. Davon wute ich
leider nichts; ich a so, wie wir in Europa es fr schicklich halten, aber
das trug mir den Tadel der Gesellschaft ein; die Leute raunten sich
allerlei ins Ohr. Endlich fiel mir die Sache auf, und ich fragte den
Englnder Bell, ob ich etwas Unangemessenes gethan habe. Bell entgegnete:
Gewi haben Sie das. Ihr Betragen ist so _ungentlemanly_, da alle Gste
glauben mssen, Sie seien ein Mensch ohne alle Erziehung und Bildung und
gar nicht gewohnt, sich in anstndiger Gesellschaft zu bewegen. - Nun,
wodurch habe ich denn eine so schmeichelhafte Meinung verdient? - Einfach
durch die Art und Weise wie Sie essen. Wenn Sie ein Gentleman wren, so
wrden Sie das bei Tafel beweisen; Sie mssen recht laut und derb
schmatzen und Keiner wird bezweifeln, da Sie ein Mann von Stande seien.
Da Sie aber nicht schmatzen und die Speisen lautlos kauen, so glaubt hier
Jeder, da Sie ein armer Tropf sind. - Ich erklrte dann den abessinischen
Aristokraten, da bei mir zu Lande, in Europa, eine andere Sitte herrsche,
und damit brachte ich die Dinge wieder in richtigen Zug." -

                              --------------

  [Illustration: Ein schneidernder Abessinier in Gondar. Nach Lejean.]

In der _Kleidung_ der Abessinier walten selbstgesponnene und gewebte
Baumwollenstoffe vor. Wie im Orient noch immer, so spinnen auch die Frauen
die gereinigte Baumwolle mit der Spindel aus freier Hand; mit dem Weben
beschftigen sich jedoch vorzugsweise die Muhamedaner. Die Kleidung der
_Mnner_ besteht aus weiten Unterhosen, einem langen, um die Brust und den
Leib geschlungenen Grtel, der eine Ausdehnung von zuweilen 100 Ellen hat,
und einem weiten faltigen Mantelberwurf, welcher aus einem groen Stcke
Zeug besteht, das bei Vornehmen mit einem faltigen Rande versehen ist.
Mehr ist von der _weiblichen Kleidung_ zu berichten. Sie besteht aus einem
groen Hemde mit weiten, jedoch an der Handwurzel eng zulaufenden Aermeln.
Darber tragen sie den Umschlagmantel gleich den Mnnern. Auer einigen
Seidenstickereien am Hemde zeichnet noch der Putz die abessinischen
Schnen aus. Ohrringe oder Rosetten, welche eine Goldblume vorstellen,
sind ein sehr beliebtes Schmuckmittel, desgleichen silberne Halsketten und
dicke Ringe an den Fukncheln, beide fter mit kleinen Silberglckchen
behngt. Das Haupthaar der Frauen ist gewhnlich kurz abgeschnitten oder
es wird, wenn es in seinem natrlichen Zustande bleibt, mit Anwendung von
vieler Butter in dnne anliegende Zpfchen geflochten. Auch hier ruft, wie
bei unseren Damen, die Mode sehr hufig Aenderungen der Haartracht hervor,
die genau befolgt werden. Stirnbnder oder Schuhe von rothem Leder kommen
nur ausnahmsweise vor. Luxusartikel der mnnlichen Kleidung sind Arm- und
Stirnbnder als Ehrendekorationen. Die blaue Schnur von Seide oder
Baumwolle, welche als Zeichen des Christenthums gilt, wird allgemein
getragen.

Diese allgemeine Tracht erleidet natrlich vielerlei Ausnahmen. In den
Grenzlndern findet man fast ganz nackte Leute, die nur den Leibschurz
tragen; in Schoa hatte allein der Knig das Recht, sich mit goldenen
Dingen zu schmcken. In Foggera, stlich vom Tanasee, tragen Frauen und
Mdchen groe gegerbte Lederhute, welche zugleich Nachts als
Schlafmatratze dienen. Beim Gehen verursacht dieser lederne Leibrock ein
sonderbares Gerusch. In den hohen Alpengegenden der Provinz Semin
schtzen sich die Bewohner gegen das harte Klima durch eine Art von
ambulantem, aus Rohrdecken zusammengeflochtenem Schutzdache (Gassa),
welches sie bestndig mit sich herumtragen, um ihre durch drftige Lumpen
nur zum Theil bedeckten Krper gegen pltzliche Regengsse und
Schneegestber zu verwahren; ein anderes Schutzmittel gegen die
schneidende Luft in den Hochlanden sind Kappen von Ziegenhaar, die bis
ber die Ohren gehen. Als Zeichen der Ehrerbietung zieht der Abessinier
bei Begegnungen den die Schultern bedeckenden Theil seines Kleides
(Schama) herab und vor dem Landesherrn erscheint er nur gegrtet, d. h. er
schlgt die den Oberkrper bedeckenden Theile des Kleides ber dem Grtel
um den Leib, whrend ein Hochgestellter in Gegenwart untergeordneter
Personen sich das Gesicht vom Kinn bis ber den Mund verhllt.

_Sauberkeit_ ist keine Tugend der Abessinier, und ihre Wohnungen wie ihre
Krper zeigen oft den hchsten Grad von Schmuz. Merkwrdig ist, da in
ganz Abessinien das Waschen der Kleidungsstcke Sache der Mnner und nicht
der Frauen ist. Statt der Seife bedienen sie sich der getrockneten
Samenkapseln des Septestrauches (_Phytolacca abessinica_), welche zwischen
Steinen zu Mehl gerieben und dann auf einem Leder mit Wasser gemischt
werden; das zu waschende Tuch wird hierauf in dieser Mischung mit den
Fen gestampft, worauf es, nachdem die Operation einige Male wiederholt
wurde, von jedem Schmuze befreit ist. Die Bewohner der Kstengegend bei
Massaua, wo es keine Septe giebt, bedienen sich statt der Seife beim
Waschen getrockneten Kameelmistes.

                              --------------

Das sehr ungeregelte Leben der Abessinier ist auch die Ursache vieler
_Krankheiten_, die groe Verheerungen unter ihnen anrichten.
Geschlechtliche Vergehen und Krankheiten sind allgemein verbreitet, ebenso
Krtze und die arabische Gliederkrankheit; bei letzterer schnurrt die Haut
an den Finger- oder Zehengelenken zusammen, das Glied stirbt nach und nach
ab und lst sich endlich ganz vom Krper. So verliert der Kranke ein Glied
der Finger und der Zehen nach dem andern, bis der nackte Stumpf der vier
Gliedmaen allein brig geblieben ist und der sonst scheinbar gesunde
Mensch zum hlflosen Geschpf wird. Der Verlauf und die Unheilbarkeit
dieser erblichen Krankheit ist in Abessinien sehr wohl bekannt, und den
Kranken berfllt, wenn er die ersten Anzeichen sprt, natrlicherweise
Schwermuth. Die _Filaria_ oder der Medinawurm kommt ziemlich hufig vor,
ist aber meistens nur eingeschleppt. Der Keim dieses Schmarotzers dringt
in das Wadenfleisch der Menschen ein, bildet sich dort aus und verursacht
die grten Schmerzen, gegen welche man mit Glck Zibethmoschus anwendet;
Krpfe und Kretinismus finden sich in einigen Gegenden; die Blattern
richten periodisch groe Verwstungen an; Schwindsucht und
Augenentzndungen sind hufig. Die einheimischen _Aerzte_ (Tabib) knnen
nur als Charlatans angesehen werden. Es existiren auch medizinische Werke,
darunter eins mit dem Titel "El Falasfa", dessen mitunter hchst
lcherliche Vorschriften sympathetischer und mystischer Art sind. Auch die
Geistlichkeit verlegt sich auf das Kuriren, und Rppell sah, wie ein
Knabe, der ber und ber mit Brandwunden bedeckt war, mit Honig und dem
Blute eines schwarzen Huhns von einem Priester bestrichen wurde. Nach vier
Stunden gab derselbe seinen Geist auf. Die "bsen Geister" werden von den
Priestern gleichfalls vertrieben, wie Isenberg selbst zu beobachten
Gelegenheit hatte. Der Geistliche lie sich einen Topf mit Wasser geben,
las darauf schnell einige Gebete aus dem Buche Haimanot (Glaube) und
spuckte dann mehrere Male in das Wasser. Isenberg machte ihm Vorwrfe
hierber, allein der Priester lie sich nicht aus der Fassung bringen und
besprengte mit der Flssigkeit das Haus, welches solchergestalt von allen
Unholden befreit wurde. Freilich ist dieses Verfahren von dem bei uns
immer noch gebten Exorzismus nicht weit entfernt, und es steht uns daher
wenig an, darber viele Worte zu verlieren, so lange wir selbst nicht frei
von hnlichen Thorheiten sind.

Auch das Heilverfahren der abessinischen Wundrzte erinnert an die "gute
alte Zeit". Ein Zahn wird mittels Zange und Hammer von einem Schmiede
ausgezogen, d. h. mit denselben Instrumenten, mit denen er sein Metall zu
bearbeiten pflegt. Aderla wird mit einem Rasirmesser, Schrpfen mit einem
Ziegenhorn vollzogen, dessen Luftinhalt durch Erhitzen verdnnt wurde.
Schlecht geheilte Knochenbrche, die verkrzte Glieder hinterlieen,
werden einfach nochmals gebrochen und so zu kuriren versucht. Indessen
Amulete stehen in weit hherem Ansehen, als der _Bala medanit_ oder
Meister der Arzneien. Wahnsinn, Epilepsie, Delirium, Veitstanz und
hnliche oft unheilbare Uebel, fr welche man keine Heilmittel kennt,
werden einfach dem Einflusse von Dmonen zugeschrieben und der Patient
hiernach behandelt. Blaue Papierstreifen sollen gegen Kopfweh helfen;
gewisse Pflanzensamen, in Sckchen bei sich getragen, schtzen gegen den
Bi toller Hunde und gegen Unglck auf Reisen. Doch mssen diese Smereien
mit der linken Hand gepflckt werden zu einer gnstigen Zeit, wenn die
Sterne dem Pflckenden hold sind - sonst hilft das Mittel zu nichts. Wie
wir schon aus Bruce wissen, verwsten die Pocken oft das Land und fordern
ihre Opfer. Eine Art Impfung, wobei die Lymphe mit Honig vermischt wird,
findet dann von den _menschlichen_ Pusteln statt, in deren Folge oft viele
Leute sterben. In allen Fllen wendet man sich indessen, dem Aberglauben
huldigend, lieber an den Priester als an den Quacksalber, was im Grunde
genommen einerlei ist, da beide von der Medizin nach unsern Begriffen
nichts verstehen.

                              --------------

Wenngleich es den Abessiniern nicht an der nthigen Fhigkeit und
Geschicklichkeit fehlt, so ist doch bei der allgemein herrschenden
Indolenz die _Industrie_ und Gewerbthtigkeit sehr gering entwickelt, ja,
sie erhebt sich kaum ber den allgemein afrikanischen Standpunkt, und
manche Gewerbzweige werden in derselben primitiven Weise wie bei den
benachbarten Negervlkern betrieben. Ein groer Theil der industriellen
Thtigkeit liegt in den Hnden der fleiigeren Juden und Muhamedaner.

Von den Schmieden war schon die Rede; das Verfahren, wie das Metall aus
dem rothen Eisenthon in Tigri bereitet wird, ist genau dasselbe wie es in
Madagascar, am Zambesi oder in Westafrika stattfindet. Feinere
Metallarbeiten liefern eingewanderte Armenier und Indier. Die
Holzschnitzereien sind zum Theil prachtvoller Art. In der Kirche Lalibela
in Gondar z. B. sind Flachreliefs an Thren und Fenstern angebracht und
theilweise bemalt. Auer den Arabesken, deren freie Erfindung und schne
Harmonie einen vorzglichen Eindruck hervorbringt, sieht man Darstellungen
aus dem Leben der Heiligen oder fabelhafte Ungeheuer, wie den _Sebetat_,
der halb Mensch, halb Lwe ist. Sein Schwanz bestand aus zwei Schlangen;
seine Waffen waren Pfeil und Bogen. Doch diese schtzten ihn nicht gegen
den Stier Meskitt, welcher ein silbernes und ein goldenes Horn trug und
den Sebetat tdtete. Eine andere Holzschnitzerei zeigt uns den Kaiser
Konstantin; dann - figrlich ausgedrckt - dessen Gewalt und schlielich
die Frstin Menene, die Mutter des Ras Ali und Erbauerin der Kirche.

Bei der oft herrschenden groen Klte werden die sonst wenig industrisen
Abessinier wenigstens mit Gewalt zur Weberei gezwungen. Die rohe
Baumwolle, welche ungemein billig und ausgezeichnet im Lande ist, wird
gegen einige Salzstcke eingehandelt und auf der einfachen, urthmlichen
Spindel gesponnen. Zeit ist in Abessinien kein Geld, und so kommt es denn
gar nicht darauf an, da die Frauen recht lange mit dem Spinnen einer
kleinen Partie Baumwolle zubringen. Das Garn kommt dann auf einen ganz
gewhnlichen, einfachen Webstuhl und wird mit Hlfe des Schiffchens in
einen warmen, dauerhaften Mantel (Schama) umgewandelt. (Siehe die
Abbildungen S. 98 und 99.)

Auch Schaf- und Ziegenwolle wird verwebt. Lederfabrikation zu Sattelzeug,
Schilden, Riemen, Schuhen fr die Priester ist ein weitverbreitetes
Gewerbe. Tpferei und Pfeifenfabrikation treiben die Falaschas. Drechsler
liefern aus den Hrnern des Sanga-Ochsen oder des Rhinozeros geschnitzte
Becher (Wantscha). Zierliche Krbchen und Sonnenschirme aus Rohr, Binsen
oder Stroh flechten die Frauen; Schneider giebt es dagegen nicht, da jeder
Abessinier selbst fr seinen Kleiderbedarf sorgt; ebenso mangeln Bcker
und Mller, und von greren Industriezweigen, die an einem Export ihrer
Erzeugnisse arbeiteten, ist gar nicht die Rede, da nur Rohprodukte zur
Ausfuhr gelangen.

Der _Handel_ Abessiniens kann nach keiner Richtung hin ein bedeutender
genannt werden, wenn er auch durch Massaua mit dem Rothen Meere in
Verbindung steht. Die hohen, steil abfallenden Gebirgsketten mit den
schwer zugngigen Pssen erschweren die Kommunikation ganz bedeutend, und
die smmtlichen Flsse des Landes sind fr die Schiffahrt nicht im
geringsten geeignet. Dazu kommt vor Allem die geringe eigene Produktion
von Handelswaaren, soda schlielich fr den abessinischen Handel - von
den Sklaven abgesehen - nur die aus den sdwestlichen Lndern kommenden
Erzeugnisse, wie Gold, Elfenbein u. s. w. als Durchgangswaaren in Betracht
kommen. Hierdurch erklrt sich auch das geringe Interesse, welches man -
Missionsfragen ausgenommen - in Europa an Abessinien vom praktischen
Gesichtspunkte hatte und das erst durch Knig Theodoros und die
Gefangenhaltung der Englnder wieder aufgefrischt wurde.

  [Illustration: Sebetat, ein fabelhaftes Ungeheuer. Holzschnitzerei in
  der Kirche Lalibela. Originalzeichnung von E. Zander.]

Fr den Grohandel haben die Abessinier wenig Sinn, dem kleinen Schacher
ist aber jeder zugethan und sucht auf alle mgliche Weise sein
Geschftchen zu machen. Auf den Messen und Mrkten, die sich meist an die
Kirchen knpfen, geht es lebhaft zu, und groe Menschenmengen sind dann
versammelt. So traf Rppell zu Ende Februar 1832 bei der Kirche von Bada,
stlich vom Tanasee, gegen 10,000 Marktbesucher beisammen, von denen
allerdings viele nur des Zuschauens wegen gekommen waren.

Der europische Handel hat sich in Abessinien noch verhltnimig wenig
Einflu verschaffen knnen. Die bestndigen Kriege, die schlechten
Kommunikationsmittel und Wege, endlich die Zollplackereien lassen ihn
nicht recht aufkommen. Die Produktion des Landes selbst, Getreide,
Hlsenfrchte, Tabak, Kaffee, ist verhltnimig viel zu gering, whrend
doch alle Nutzpflanzen der Tropen und der gemigten Zone prchtig
gedeihen wrden. Dagegen werden Hute, Maulthiere und gute Gebirgspferde
in groer Menge exportirt.

_Honig_ und Wachs werden in sehr groer Menge ausgefhrt. Der erstere, Mar
genannt, wird in Tpfen zugleich mit dem Wachs feilgeboten, weil er nur so
zur Bereitung des Honigwassers dienlich ist, wozu er beinahe
ausschlielich verbraucht wird. Die betrgerischen Abessinier wenden ihre
ganze Verschlagenheit beim Verkauf des Honigs an, indem sie die untern
Schichten der Tpfe mit Mehl, Wachs oder andern Stoffen ausfllen. Neben
dem Honig kommt auch Butter (Tesmi) in pfundschweren Kugeln auf den Markt.
Unter den _Manufakturen_ spielen die Baumwollenwaaren (Schama) eine groe
Rolle; sie werden zu Leibbinden, Umschlagtchern, Beinkleidern u. s. w.
verarbeitet und sind entweder rein wei oder mit blauen und rothen
Seitenstreifen versehen; ganz blaue und ganz rothe Kattune kommen aus
Indien ber Massaua; die blaue Farbe hat in den meisten Fllen den Vorzug,
und namentlich sind es blaue Seidenschnre (Mareb), die sich stets eines
groen Absatzes erfreuen. Jede Schnur mu ziemlich dick und fnf Fu lang
sein, soda sie bequem um den Hals getragen werden kann. Da kein
abessinischer Christ ohne eine solche geht, so sind sie eine stets
begehrte Handelswaare, die auch immer hoch im Preise steht. Andere
gangbare, meist eingefhrte Handelsartikel sind: Spieglanz, zum Frben
der Augenlider, Weihrauch, zum Ruchern beim Gottesdienst, Zibethmoschus,
um die als Pomade benutzte Butter damit zu parfumiren, "Tombak" (indischer
Tabak), entweder um Schnupftabak daraus zu machen, oder um ihn in
Wasserpfeifen zu rauchen, schwarzer Pfeffer (Berberi), der auch zu
Zollzahlungen dient; Nhnadeln mit groem Oehr; Glasperlen, Kaurimuscheln,
Sandelholz zum Ruchern. Ein Handelsartikel, nach dem namentlich die
abessinischen Frauen greifen, sind dnne silberne Ringe, die am kleinen,
und Hornringe, die am Mittelfinger getragen werden. _Gummi_, das in groer
Menge gewonnen werden knnte, kommt nicht auf die abessinischen Mrkte,
obwol es in Massaua gut bezahlt werden wrde.

Bei der Schilderung des genannten Hafenortes werden wir sehen, wie
bedeutend selbst heute noch dort die Ausfuhr von abessinischen _Sklaven_
ist, die in der That noch immer, trotz aller zeitweiligen Verbote gegen
den Sklavenhandel, einen wichtigen Artikel ausmachen. Adoa, Gondar und
Massaua sind die groen abessinischen Sklavenmrkte, zu denen die lebende
Waare von den verschiedensten Gegenden hergeschleppt wird. Die
eingeborenen freien Abessinier knnen nur durch Kriegsgefangenschaft oder
Raub in die Sklaverei gerathen; diese bilden den kleineren Theil, die
meisten Sklaven stammen aus den Grenzlanden, sowol im Norden als im Sden;
entweder sind es Schangalla vom Setit, Galla aus den Lndern sdlich vom
Blauen Nil, oder eigentliche Neger, die von den Aegyptern aus Fazogl oder
Sennaar eingefhrt werden. Da die _Christen_ sich eigentlich mit dem
Sklavenhandel nicht befassen sollen, so umgehen sie dieses dadurch, da
sie den Kauf oder Verkauf scheinbar durch Muhamedaner abschlieen lassen.
Die Behandlung der Sklaven ist in der Regel eine milde und ihr Verhltni
zu dem Herrn dem des freigeborenen Dieners gleich; die Zchtigungen sind
selten hart und bestehen nur in vorbergehender Fesselung. "Wenn sich
Vlker auch bekmpfen", schreibt Munzinger, "so sind die Opfer doch nur
die Soldaten und die Gter; Weib und Kind sind respektirt. Kein freier
Abessinier wird von seinem Mitbrger in die Sklaverei verkauft. Die
Leibeigenschaft erstreckt sich nur auf die von auen eingefhrten
Schwarzen, die nur den kleinsten Theil der Bevlkerung ausmachen. Der
Sklavenhandel ist den Christen (durch Theodor) bei Todesstrafe verboten.
Die Frau ist unverletzlich und hat ihre bestimmten groen Rechte."

_Werthmesser_ in Abessinien sind das Salz und der sterreichische
Maria-Theresia-Thaler. Das _Salz_ kommt aus den am Meeresufer liegenden
natrlichen Seewasserlagunen und wird durch Austrocknung durch die
Sonnenhitze gewonnen; man bringt es dann ins Gebirge, um es dort an
bestimmten Pltzen gegen Getreide umzutauschen. Alles Salz, welches im
nordstlichen Abessinien verbraucht wird, ist solches Seesalz, whrend in
den brigen Theilen des Landes eine Art Steinsalz aus der stlich von der
Provinz Agami gelegenen Ebene Taltal benutzt wird. Viele Gesellschaften
rmerer Leute, von denen jeder nur ber ein Kapital von einigen Thalern zu
verfgen hat, ziehen regelmig mit ein paar Eseln aus dem Innern nach den
stlichen Provinzen, um dort Salz einzukaufen, und machen dabei einen
Gewinn, der zu ihrer und ihrer Familie Unterhaltung ausreicht. Verliert
ein solcher Hndler sein Kapital durch Plnderung, so mu er fr
wohlhabendere Leute die Reise machen und sich mit geringerem Gewinn
begngen. Das Salz wird in Taltal in regelmige Stcken von der Gestalt
eines Wetzsteins ausgehauen, die dann als _Scheidemnze_ in ganz
Abessinien cirkuliren. Sie sind etwa 8-1/8 Zoll lang, 1 Zoll dick, an
beiden Enden abgestutzt und wiegen durchschnittlich vierzig Loth. Ihr
Verhltni zu den Speziesthalern ist sehr verschieden und hngt theils von
der Entfernung eines Ortes von der Salzebene, theils von den ruhigen oder
unruhigen Zustnden der Gegenden ab, durch welche diese Stcken
transportirt werden mssen. Sie schwanken also genau so wie unsere
europischen Werthpapiere je nach den politischen Verhltnissen, haben
jedoch vor diesen den Vorzug, stets einen reellen Werth zu reprsentiren.
In der Amharasprache heit das Salz berhaupt Schau; als Scheidemnze in
der beschriebenen Form benennt man es jedoch Amole oder Galep. Rppell
fand den Werth eines _Maria-Theresia-Thalers_ in Gondar je nach den
politischen Zustnden zwischen 20 und 32 Salzstcken schwankend, oder, dem
Gewichte nach ausgedrckt, man erhielt etwa 27 bis 41 Pfund Salz fr den
Thaler. Dieser letztere selbst schwankt nicht etwa nach dem Silbergehalt,
sondern nach dem Geprge bedeutend im Werthe und ist der Agiotage
unterworfen. Nach dem in ganz Ostsudan und Abessinien herrschenden
Vorurtheile sind die mit dem Bilde der Kaiserin Maria Theresia versehenen
Thaler die besten und allen brigen Mnzen vorzuziehen, und zwar mu bei
ihnen das Diadem im Haare sieben wohlausgedrckte Perlen zeigen, der
Schleier am Haupte sich deutlich abheben, der Stern auf der Schulter gro
und der Avers mit den Mnzbuchstaben _S. F._ deutlich versehen sein. Ohne
diese Zeichen und die Jahreszahl 1780 sinkt der Thaler gleich bedeutend im
Werthe, und selbst wenn der Kopf der Kaiserin unglcklicherweise Locken
statt des Schleiers zeigt, ist es schwer, ein solches Mnzstck
anzubringen. Dieselben Vorurtheile herrschen in ganz Nordostafrika, wo ein
der obigen Mnzprgung entsprechender Maria-Theresia-Thaler dafr jedoch
zum "Abu gnuchte", zum "Vater der Zufriedenheit" wird. Durchlcherte
Thaler oder solche, die mit dem Bilde des Kaisers Franz versehen sind,
haben geringeren Werth und sind nur mit Verlust anzubringen; desgleichen
spanische Sulenpiaster (Colonnaten) oder andere harte Silbermnzen. Noch
fr lange Zeit hinaus wird der Maria-Theresia-Thaler Werthmesser in
Nordostafrika bleiben und das sonst an Silbergeld arme Oesterreich prgt
fr diesen afrikanischen Handel noch Jahr aus Jahr ein Thaler mit dem
alten Stempel, ja es hat sich sogar in der Mnzbereinkunft mit Frankreich
(1867) vorbehalten, fortwhrend Maria-Theresia-Thaler prgen zu drfen.

Noch ist zu erwhnen, da in der Umgebung von Adoa das dort gefertigte
Baumwollenzeug an Zahlungsstatt gegeben wird. Es besteht aus Grans oder
Stcken von 8 Ellen Lnge und 1 Elle Breite, deren Werth sehr schwankend
ist. Dieser Stoff dient blos zur Verfertigung von Beinkleidern, welche in
Tigri von Jedermann getragen werden. Einkufe von geringem Betrag
berichtigt man mit Getreide.

  [Illustration: Maria-Theresia-Thaler.]





  [Illustration: Die Kirche zu Axum in Tigri. Nach H. Salt.]





    RELIGION, KIRCHE UND GEISTLICHKEIT ABESSINIENS. DAS MISSIONSWESEN.


     Das Christenthum Abessiniens, dessen Lehren und Verwahrlosung. -
          Der Abuna. - Art des Gottesdienstes. - Die lasterhafte
        Geistlichkeit. - Mnche und Klster. - Politische Asyle. -
      Zeitrechnung. - Feste. - Taufe, Ehe, Begrbni. - Die Kirchen,
         ihre Einrichtung und Ausschmckung. - Die verschiedenen
       Missionsversuche in Abessinien, deren Milingen und Urtheile
                                 darber.


Unter den Sonderkirchen des Morgenlandes, die durch das Dogma der
Dreieinigkeit mit der allgemein christlichen zusammenhngen, aber nach
zwei verschiedenen Richtungen hin von ihr infolge der Bestimmungen sich
lsten, denen im fnften Jahrhundert die Vorstellung von der Gottheit und
Menschheit Christi unterworfen wurde, giebt es zwei Volkskirchen, die
beide fast monophysitisch sind, beide von selbstndigen Sprachen,
Stiftungen und Ueberlieferungen getragen werden, die beide tief verfallen
und entartet sind: die armenische und abessinische Kirche. Die letztere,
die entlegenste, abgesperrteste, ist auch die entartetste, die am meisten
von Heidenthum, Judenthum und Muhamedanismus durchsetzte und berhaupt dem
Christenthum am fernsten stehende. Byzantinische Scheinrechtglubigkeit
hat diese Kirche in den Fanatismus der Formel versetzt, und die Waffen des
Geistes werden vor dem priesterlichen Bann gestreckt; das Leben dieser
Kirche basirt auf dem Anblasen und Handauflegen des Abuna, des obersten
Bischofs, und leere Ceremonien gelten fr Gottesverehrung. Dazu gesellt
sich, da die Trger dieser Kirche, vom hchsten Kirchenfrsten an bis zum
niedrigsten Mnche herab, durch eine grenzenlose Sittenlosigkeit dem
ganzen Volke mit blem Beispiel vorangehen und da sie die bedeutende
Macht, welche sie ausben, meistentheils zum eigenen Nutzen verwenden.
Selbst die groe Versunkenheit, in welche die europische Geistlichkeit im
Mittelalter zum Theil verfallen war, reicht noch lange nicht an jene der
abessinischen Priester heran.

Von der Einfhrung des Christenthums war bereits die Rede, sehen wir nun,
wie dasselbe heute beschaffen ist. Die Abessinier sind koptische Christen.
Sie glauben an eine gttliche Offenbarung in der Heiligen Schrift, doch
hat die kirchliche Tradition genau dieselbe Geltung wie die Bibel. Nach
dem Missionr Isenberg haben sich bei ihnen die Hauptlehren des
Christenthums von dem Dreieinigen Gott, dessen Wesen, Eigenschaften und
Werken, von der Schpfung der Welt, von den Engeln, von der Schpfung, dem
Fall, der Erlsungsbedrftigkeit des Menschen, von der Erlsung durch
Christum, von dem Heiligen Geiste, der christlichen Kirche, den
Sakramenten, von der Auferstehung und dem letzten Gericht erhalten; aber
zum Theil durch allerlei Zuthaten so verndert, da nur noch mit Mhe ein
biblisches Moment darin zu erkennen ist. Den Heiligen Geist lassen sie nur
vom Vater ausgehen, leugnen jedoch nicht, da er nur durch Christus
vermittelt ist. In Christus nehmen sie mit den brigen _Monophysiten_ nur
eine Natur an, sind jedoch ber die Art der Vereinigung des Gttlichen und
Menschlichen in ihm verschiedener Meinung. Ihre Lehre von der Schpfung
und Regierung der Welt, sowie ihre Engellehre ist voll von heidnischen,
jdischen und muhamedanischen Vorstellungen. Sie glauben an das durch
Christus vollbrachte Heilswerk, beschrnken dasselbe jedoch durch
Pelagianismus, d. h. sie leugnen die Verderbni der menschlichen Natur
durch die Folgen der Snde Adam's und erklren die natrlichen Anlagen und
Krfte des Menschen fr hinreichend zur Erlangung der Seligkeit. Die
Jungfrau Maria geniet unter den Abessiniern eine ganz besondere
Verehrung; allgemein ist der Glaube unter ihnen verbreitet, da sie fr
die Snden der Welt starb und 144,000 Seelen dadurch errettete. Aus diesem
Grunde sagte dem Volke auch die Lehre der katholischen Missionre weit
mehr zu als diejenige der Protestanten.

Viel zu schaffen machte den Abessiniern vor etwa 70 Jahren die Lehre von
den _drei Geburten Christi_, ein Dogma, das von einem Mnche in Gondar
aufgebracht wurde. Hiernach war Christus vor allem Weltanfang schon aus
dem Vater hervorgegangen (erste Geburt), dann Mensch aus der Jungfrau
Maria geworden (zweite Geburt) und durch die Taufe im Jordan durch den
Heiligen Geist zum dritten Male geboren. Nach einem langen Kampfe mit der
Gegenpartei, die nur zwei Geburten annahm, wurde 1840 durch Befehl Sahela
Selassi's, des Knigs von Schoa, der Glaube an die drei Geburten als
allein rechtglubig durchgesetzt und die Anhnger der zwei Geburten muten
das Feld rumen. Sie flohen zum Abuna in Gondar, der sie in seinen Schutz
nahm und vom Knige verlangte, da er die Vertriebenen wieder aufnehme, da
ihr Glaube, als mit demjenigen des heiligen Markus bereinstimmend, der
einzig rechte sei. Als Sahela Selassi sich nicht fgen wollte, bedrohte
ihn der Abuna mit Krieg, der jedoch erst 1856 unter Knig Theodoros gegen
Sahela's Sohn zur Ausfhrung kam. Dieser unterwarf Schoa und fhrte die
Lehre von den zwei Geburten wieder ein, die nun allein herrschend ist,
nichtsdestoweniger aber als "Karra-Haimanot", d. h. Messer-Glauben
bezeichnet wird, da sie die dritte Geburt Christi gleichsam "abschnitt".

Sndentilgungsmittel der Abessinier sind strenge Fasten, Almosengeben,
Kasteiungen, Mnchthum und Einsiedlerleben, nebst Lesen und Abbeten
grerer oder kleinerer Abschnitte aus der Heiligen Schrift und andern
Bchern. Der Priesterstand bernimmt fr Geld ebenso wie in der
katholischen Kirche diese Verrichtungen, daher _Abla_ und eine Art von
Seelenmessen auch hier stattfinden. Die Abessinier fasten in jeder Woche
des Jahres, mit Ausnahme der Zeit zwischen Ostern und Pfingsten, zwei
Tage, und zwar, gleichwie es in alten Zeiten bei den Juden Gebrauch war,
am Mittwoch und Freitag. Auerdem enthalten sie sich noch an folgenden
Tagen des Essens: an den drei letzten Tagen des Monats Ter, zum Andenken
der Bue von Ninive's Bewohnern; whrend der 55 Tage, die unmittelbar dem
Osterfeste vorangehen, wovon 41 Tage dem Andenken an die Fasten Christi in
der Wste, 7 der Passionswoche und 7 andern Erinnerungen geweiht sind; die
Fasten der Apostel sind von verschiedener Lnge, je nachdem Pfingsten
frher oder spter fllt; die Fasten zu Ehren der Jungfrau Maria, wozu 15
Tage des August bestimmt sind, von ihrem Sterbetage bis zu ihrer
Himmelfahrt; vierzigtgiges Fasten zur Vorbereitung auf das Fest der
Geburt Christi vor Weihnachten. Man sieht aus diesem Verzeichni der
Fastenzeiten, von welchen die letzten beiden nicht von allen christlichen
Abessiniern gehalten werden, da ein diesen Enthaltungsvorschriften
nachlebender Christ im Laufe des Jahres beilufig 192 Tage, d. h. weit
ber die Hlfte des Jahres zu fasten hat. Rechnet man hierzu noch einzelne
Straffasten, so kommt _dreivierteljhriges Fasten_ heraus! Da dieses
nicht streng gehalten werden kann, liegt auf der Hand, aber vor Ostern,
sowie den Mittwoch und Freitag, beobachtet man die Regeln unweigerlich.
Aehnlich wie die Juden verachten die Abessinier das Nilpferd, den Hasen,
die Gnse und Enten und meistens auch das Schwein als unreine Thiere.

Was den Heiligen Geist angeht, so kennt der Abessinier nur die
Wunderkrfte, mit denen er Propheten und andere Heilige ausrstete; auch
glauben sie an eine Mittheilung des Heiligen Geistes durch die Taufe. Was
die Kirche betrifft, so gelten hier die alten Ueberlieferungen von einer
_Verlosung der bewohnten Welt unter die Apostel_, sie knnen aber nicht
nachweisen, welchen Theil gerade jeder Apostel bekommen habe. Da Petrus
und Paulus Rom und Europa, Johannes Antiochien, Kleinasien und Syrien,
Marcus Aegypten bekommen habe, steht ihnen fest; daher halten sie diese
drei Kirchen fr einander gleichstehend. Sie erkennen dem Papste als
Nachfolger Petri einen gewissen Vorzug als dem Ersten unter
Gleichgestellten zu. Ihre Kirchenverfassung ist episkopal. Der zu Kairo
residirende koptische Patriarch von Alexandrien ist das Oberhaupt der
abessinischen Kirche und von ihm erhalten sie ihren Bischof, den sie
vorzugsweise _Abuna_, unser Vater, nennen. Als einziger Bischof des
Landes, und zugleich in der Hauptstadt residirend, ist er zugleich
Metropolitan. Seit Abuna Tekla Haimanot, der im 13. Jahrhundert die
sogenannte salomonische Dynastie wieder herstellte, besteht die
Verordnung, da _kein Abessinier_ mehr zu dieser Wrde gelangen darf,
sondern immer nur ein Kopte dieselbe bekleiden kann, um der Hoffnung Raum
zu geben, immer einen neuen Zuflu theologischer Anregung von auen zu
bekommen, da jener Heilige selbst, der letzte Abuna aus abessinischem
Stamm, daran verzweifelte, tchtiges theologisches Leben in der
Geistlichkeit seines Landes zu erhalten. Dieser Tekla Haimanot (ums Jahr
1284) setzte ein Drittel des Bodens des ganzen Landes fr kirchliches
Einkommen fest, von welchem er den bedeutendsten Theil fr seine Person
erhielt. Der Abuna allein hat das Recht, Knige zu salben und Priester und
Diakonen zu ordiniren; in andern theologischen und kirchlichen
Angelegenheiten entscheidet er gemeinschaftlich mit dem _Etscheg_, dem
Oberhaupte der Mnche.

Beim Amtsantritt des Abuna mu die abessinische Regierung dem Patriarchen
ein Geschenk von 7000 Thalern einhndigen. Lejean erzhlt, da die stolze
Frstin Menene ber den letzten im Herbste 1867 gestorbenen _Abuna Abba
Salama_ geuert habe: "Dieser Sklav, den wir aus unserm Beutel bezahlt
haben, benimmt sich sehr hochmthig." Das kam dem Oberpriester zu Ohren
und er antwortete: "Allerdings bin ich ein Sklave, aber einer, der viel
werth ist. Hat man doch 7000 Thaler fr mich gezahlt! Mit der Frstin
Menene verhlt es sich freilich anders. Man knnte sie auf dem Markte zu
Wochni ausstellen und bekme nicht zehn Thaler fr sie." Auf jenem Markte
werden nmlich sehr schlechte Maulthiere feilgeboten. - Andraos (Abba
Salama oder Frumentius ist sein Bischofname) war etwa 1815 geboren und kam
1841 unter Ubi zu seiner Stellung. Dem Kaiser Theodor gegenber hatte er
eine eigenthmliche wandelbare Stellung. Beide beobachteten einander,
legten sich gegenseitig Hindernisse in den Weg, haten und frchteten sich
und stellten sich doch, als ob sie gute Freunde seien. Sehr oft machte
Theodoros gar keine Umstnde mit dem Seelenhirten; er sperrte ihn in eine
Feste und legte ihn in Ketten, worauf ihm Leute vom Hofgesinde auf den
Knieen Speise reichen und die Fe kssen muten. Salama, ein geborener
Aegypter, galt fr einen Freund der Englnder. Als er sich frher in Kairo
der Studien halber aufhielt, besuchte er die protestantisch-englische
Schule des deutschen Missionrs Lieder, der im Auftrage der anglikanischen
Missionsgesellschaft arbeitete. Diese glaubte an ihm einen Proselyten
gemacht zu haben, sah sich aber arg getuscht, denn der Abuna erklrte
spter die Protestanten fr Ketzer. Als er einmal auf das Aeuerste
gebracht war, drohte er Theodor in den Bann zu thun, dieser aber lie eine
Htte aus drren Zweigen errichten, worin der Abuna verbrannt werden
sollte. Dies that er, um sich nicht in "blutiger" Weise an dem Gesalbten
vergreifen zu mssen. Schleunig hob jedoch nach solchem Vorgange der Abuna
den Bann auf.

  [Illustration: Debteras vor dem Abuna singend und tanzend. Nach
  Lefbvre.]

Bald nachdem Theodoros zur Macht gelangt war, fand sich David (Daud), der
Patriarch von Alexandria, im Auftrage des gyptischen Vizeknigs in
Abessinien ein und benahm sich dort sehr hochfahrend, gleichsam als Herr
und Gebieter. Theodoros seinerseits begegnete ihm mit Spott und Hohn und
jener schleuderte ihm dafr mndlich den Bann ins Gesicht. Theodor blieb
ruhig, spannte eine geladene Pistole, schlug auf den Patriarchen an und
bat ganz sanft: "Bester Vater, gieb mir deinen Segen!" David fiel auf die
Kniee, stand wieder auf und ertheilte mit zitternden Hnden den Segen.

Der Reisende _Apel_ schildert den Abuna Salama folgendermaen: "Er ist ein
trauriges Bild des lasterhaften, ignoranten Zustandes der ganzen
abessinischen Kirche. Stolz, unwissend, grausam, intrigant, sucht er auf
jede Weise sich Gewalt und Reichthum zu erwerben. Er treibt sogar
Sklavenhandel und nimmt nicht einmal Anstand, sich die Kirchengefe
anzueignen, sie nach Aegypten zu senden und dort zu verkaufen. Er ist der
geschworene Feind aller Europer." Der Empfang, welchen der Reisende bei
diesem "Kirchenfrsten" fand, war nichts weniger als erbaulich. Als er
gefangen in Gondar eingebracht wurde, empfing ihn dort mit finsterer Miene
ein Mann, der ihn italienisch anredete. Es war der Abuna. "Bist du
wieder", so begann er seine Schimpfrede, "einer von diesen vermaledeiten
Ketzern, welche unsere Religion, die wir von den Heiligen Frumentius und
Aedilius selbst empfangen haben, umstrzen wollen?" Apel antwortete, da
er sich keineswegs hiermit befasse, und wurde nun weiter gefragt: "Hast du
keine Bibel mitgebracht, das Volk irre zu fhren und unsere heilige Kirche
zu untergraben?" Als nun der Fremdling sagte, er sei Arzt und kein
Geistlicher, bemerkte der Abuna: "Ihr seid aber alle Ruber und Lgner,
ihr Englnder! Ihr kommt zu uns als Werkleute verkleidet, gebt vor, euch
mit der Arbeit zu beschftigen, unterrichtet aber das ganze Volk und fhrt
es zum Verderben." Schimpfreden gegen die Missionre beschlossen den
Sermon des Kirchenfrsten.

Gnstiger urtheilt Heuglin von dem Manne, den er 1862 besuchte: "Er mag 45
Jahre alt sein, ist ein schner Mann von krftiger Statur, jedoch viel
leidend und in Folge eines Katarakts auf dem linken Auge erblindet. Sein
Schicksal, fr Lebzeiten an dieses Land gebannt zu sein, trgt der Abuna
mit mehr Humor als christlicher Ergebung. Auf die abessinische
Geistlichkeit ist der Bischof sehr schlecht zu sprechen, er hlt dieselbe
fr vollkommen unverbesserlich, auch spricht er sich unumwunden ber die
vielen Mngel und angestammten Krebsschden der hiesigen Kirche aus;
trotzdem ist er aber den europischen Missionren hchst abhold und
erklrt, er halte sich unter den obwaltenden Umstnden fr verpflichtet,
jede Art von Propaganda zu unterdrcken." Abba Salama, der 27 Jahre ber
Abessinien als Kirchenfrst regierte, starb am 25. Oktober 1867.

So traurig steht es heute um den hchsten Kirchenfrsten Abessiniens, und
ihn bertreffen die brigen niedrigeren Geistlichen an Schlechtigkeit und
Unwissenheit noch bedeutend. Diese sind an Rang und Wrde zwar
untereinander verschieden, allein auer dem Abuna hat keiner das Recht, zu
ordiniren. Auer den Priestern und Diakonen besteht noch das Amt des
kirchlichen Thrhters und Brotbckers. Jede Kirche hat noch ihren Aleka,
dessen Geschft darin besteht, die Geistlichen anzustellen, zu
beaufsichtigen und zu besolden und die Verbindung zwischen Kirche und
Staat zu vermitteln.

  [Illustration: Erzbischfliche Wrdezeichen des Abuna. Nach Lefbvre.]

Die Kirche hat ferner diejenigen, welche sich ihrem Dienste widmen wollen,
zu unterrichten. Zum Diakonenamte wird jeder ordinirt, der sich dazu
meldet, wenn er nur lesen kann. Will sich darauf einer dem Priesterstande
ganz widmen, so heirathet er in der Regel vorher, weil es ihm spter nicht
mehr erlaubt ist. Die Ordination ist sehr einfach: der Diakon sagt das
Nicische Glaubensbekenntni her, bezahlt zwei Salzstcke an den Abuna,
der ihm das Kruzifix entgegenhlt und den Segen ber ihn spricht. Unter
dem Abuna Kyrillos, der vor etwa dreiig bis vierzig Jahren lebte, sollen
Priester aus Kaffa nach Gondar gekommen sein und einen Ledersack
mitgebracht haben, in welchen der Abuna Luft hauchen sollte, um mittels
derselben diejenigen ihrer fernen Landsleute zu ordiniren, die sich dem
Dienste der Kirche weihen wollten!

Die Thtigkeit der Priester besteht in tglichem drei- bis viermaligen
Gottesdienst bei Tag und Nacht, wobei des Morgens frh die Priesterschaft
mit Mnchen und Schlern zum Genusse des Abendmahls zusammenkommt.
Auerdem fallen Taufen, Trauungen, Messelesen, Beichtehren in ihr
Bereich. Der _Kirchengesang_ ist, obgleich hchst unerbaulich, doch sehr
knstlich und mit Mimik verbunden; das Studium desselben, sowie das
Einlernen der langen Liturgie kostet den angehenden Priestern viele Jahre
Zeit. Lcherlich erscheint uns auch die Art und Weise, wie die Priester
aus ihren heiligen Bchern lesen, denn das Lesen an und fr sich gilt
schon als verdienstlich. Das Wort, mit dem sie dasselbe benennen,
entspricht unserm "plappern" und pat daher gut, um das gedankenlose,
beraus schnelle Lesen zu bezeichnen. Ein Priester, der seine oft ungemein
lange Liturgie schnell zu Ende bringen will, liest oft mit solcher
Behendigkeit, da das Ohr in seinem Lesen die Artikulation der Stimme kaum
besser unterscheiden kann, als das Auge die einzelnen Speichen eines
schnell kreisenden Rades. - Was die Zahl der _Sakramente_ betrifft, so
scheinen sie nur zwei, Taufe und Abendmahl, anzunehmen. Zum letzteren
bedienen sie sich gesuerten Weizenbrotes, das von bestimmten Personen
gebacken sein mu, und des Saftes ausgepreter Weintrauben. Dieses wird im
Abendmahlskelch zusammengemischt, etwas Wasser zugegossen, das Ganze
geweiht und mit einem Lffel den Abendmahlsgenossen gegeben. Ihre Beichte
bertrifft alles, was in dieser Art anderweitig noch vorkommt. Nach einem
vorgeschriebenen Formulare (Nusasi) fragt der Priester den Beichtenden,
ob er gewisse Snden, die in einer ungeheuren Schandliste alle
auseinandergesetzt sind, nicht begangen habe. Auf jeder Snde steht nun
eine vorgeschriebene kirchliche Strafe, die durch Fasten oder Bezahlung
abgebt wird.

Diese Bezahlungen und andere zusammengebettelte Summen dienen dem Priester
dazu, ber Massaua und Kairo eine Wallfahrt nach Jerusalem zu machen, die
berhaupt das hchste Ziel der Wnsche eines Abessiniers zu sein scheint,
weil er dadurch nach seiner Rckkehr gleichsam das Recht erhlt, seine
wohlhabenderen Landsleute auf die unverschmteste Art um Geschenke zu
bestrmen. Der Einflu, welchen sich die Priester auf die Bevlkerung zu
verschaffen wissen, ist trotz ihres offenbaren unsittlichen Lebenswandels
ein auerordentlich groer. Wenn in der Hauptstadt Gondar eine Frau einem
Priester ihrer Bekanntschaft auf der Strae begegnet, so kt sie
demselben ehrfurchtsvoll die innere Seite der Hand; Mnner thun dies wohl
auch, aber doch nicht in der Regel. Zwei sich begegnende Priester kssen
zur Begrung einander gegenseitig die rechte Schulter. Schon durch die
_Tracht_ unterscheidet sich der Priester vor seinen Mitmenschen. Sie,
sowie diejenigen, welche sich zur gebildeten Klasse zhlen, tragen am Kinn
einen kurzen Bart, rasiren sich das Haupt und umwinden es turbanartig mit
einem weien Tuche. Den Oberkrper deckt eine weie Weste mit weiten
Aermeln; auerdem haben sie weie, weite Beinkleider, eine schmale
Leibbinde und ein groes weies Umschlagetuch mit farbigem Randstreifen.
Groe Schnabelschuhe vollenden den Anzug. Selten fehlt dem Priester ein
Kruzifix, das die ihm begegnenden frommen Personen kssen, und ein bunter,
aus Haaren verfertigter Fliegenwedel. Um den Hals tragen sie auer einer
blauen Seidenschnur, ohne welche man nie einen abessinischen Christen
sieht, meistens einen Rosenkranz, der aus Jerusalem stammt. Die Priester
jeder Kirche (die normale Zahl derselben an einer Hauptkirche betrgt
nicht weniger als _einundzwanzig_!) wohnen immer in kleinen Husern, die
sich innerhalb der Mauer befinden, welche die Kirche sammt den sie
umschattenden Baumgruppen gewhnlich umfat. Dieser abgeschlossene Raum
wird oder wurde als ein heiliger Ort betrachtet, der gegen Plnderungen
gesichert ist.

  [Illustration: Abessinischer Klostergeistlicher und Student der
  Theologie aus Schoa.
  Originalzeichnung von Eduard Zander.]

Auch den _Bannfluch_ kennt die abessinische Kirche. Als Isenberg mit
seinem Mitarbeiter 1843 nach Adoa kam, mute er vor der versammelten
Geistlichkeit der Stadt ein frmliches Examen ber seinen Glauben ablegen.
Man fragte ihn: ob er das Kreuz und die Kirche ksse? ob er an eine
Verwandlung von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi beim
Abendmahl glaube? und ob er glaube, da die Jungfrau Maria und die
Heiligen uns mit ihrer Frbitte bei Christo vertreten? Vom
protestantischen Standpunkt setzte er nun seine Ansichten lang und
weitlufig auseinander, allein dieses gengte, um ihn als Ketzer
erscheinen zu lassen. Kaum hatte er daher mit seinem Genossen der
Versammlung den Rcken gewandt, als ein Priester feierlich ber beide den
Bannfluch aussprach, indem er ihre Seelen dem Satan, ihre Leiber den
Hynen, ihr Eigenthum den Dieben bergab und jeden, der ihnen nahe kommen
oder sie bedienen wrde, gleichfalls exkommunizirte.

Eine besondere Stellung in der abessinischen Kirche nehmen noch die
_Debteras_ ein. Debtera ist allgemeiner Gelehrtentitel, den Alle erhalten,
die sich hauptschlich mit Bchern beschftigen, sobald sie eine gewisse
Bekanntschaft mit denselben erhalten haben. Die eigentliche Bedeutung des
Wortes ist nach Isenberg Zelt; es wird gebraucht von der Stiftshtte, und
der zu Grunde liegende Gedanke dieses Titels ist wahrscheinlich der, da
die Gelehrten ebenso das Heilige in ihrem Lande einschlieen sollen, wie
es die Stiftshtte that. Ein Debtera wird nicht ordinirt; seine
Beschftigung besteht im Unterrichtertheilen, im Kopiren der heiligen
Bcher auf Pergament und - wenn es nothwendig ist - im Assistiren in der
Kirche. Unordinirt sind auch die _Alekas_, die Kirchensuperintendenten,
die das Eigenthum der Kirche verwalten und die Vermittelung zwischen
Geistlichkeit und Staat herstellen. Schon sehr frhzeitig widmen sich die
Abessinier dem geistlichen Stande; die Kenntnisse, welche diese Studenten
der Theologie zu erlangen haben, sind gering. Sie lernen die
Kirchensprache, einige Gez-Wrter, die Geheimnisse des abessinischen
Gesanges und Tanzes. Das Anhauchen des Abuna und die Zahlung von zwei
Salzstcken an denselben macht sie dann zu fertigen Priestern. Unsre
Abbildung (S. 119) zeigt einen Studenten der Theologie aus Schoa, der in
Schafpelz gekleidet ist und den Bettelstab und Bettelkorb - seine einzigen
Lebenssttzen - bei sich fhrt. Neben ihm sitzt ein Bursche aus Gondar mit
einem Sonnenschirm aus Grasgeflecht (Eipras).

Die Art und Weise, wie der Gottesdienst, zumal bei groen Festen,
abgehalten wird, erinnert in vieler Beziehung mehr an das heidnische
Schamanenthum, als an christliche Ceremonien. Als Rppell die Kirche von
_Koskam_, etwa anderthalb Stunden nordwestlich von der Hauptstadt Gondar,
besuchte, um dort dem Feste zum Andenken der Rckkehr Christi aus Aegypten
beizuwohnen, fand er dieselbe auerordentlich mit Menschen angefllt,
soda er nur sehr schwierig einen Platz in derselben erhalten konnte. Vor
dem Gebude hatte man groe Tcher von fubreiten blauen, weien und
rothen Streifen aufgespannt, um der Menschenmenge Schutz gegen die Sonne
zu gewhren. Die Aufmerksamkeit der Anwesenden war auf eine im
Vordergrunde befindliche Gruppe von Priestern gerichtet, welche unter
schrecklichem Geheul konvulsivische Bewegungen mit dem ganzen Krper
machten und mitunter auch abwechselnd wild in die Hhe sprangen. Jeder
Priester hatte in der einen Hand eine Rassel (Sanasel), in der andern
einen langen krckenartigen Stab. Die Rassel hat die Form einer
zweizinkigen Gabel, welche durch Querstbchen oben geschlossen ist, und in
ihr befinden sich mehrere Metallringe, welche hin und her bewegt durch
ihren rasselnden Ton den singenden und tanzenden Priestern zum
Taktschlagen dienen. Dieser Gebrauch mu ein sehr alter sein, denn schon
unser Landsmann Christoph Fuhrer berichtet in seiner 1646 zu Nrnberg
gedruckten "Reisbeschreibung in Egypten": "Gegenber unter den Armeniern
haben die Abyssinier ihren Ort, welche gar seltsame Ceremonien halten.
Wann sie Me singen, brauchen sie wunderbarliche Instrumenta, als zwei
Trummel, wie die Heerpauke, darauf sie unter dem Singen schlagen; einer
hat ein Schltterlein, welches voll Schellen hngt, daran er mit der
andern Hand schlgt, da es klingelt: ein andrer hat ein Instrument, wie
es die Moren gebrauchen, einer halben Trummel gleich, auch mit Schellen
behngt, die stehen beieinander, hpfen und tanzen zugleich miteinander,
singen viel Alleluja, welches lcherlich zuzusehen und zu hren ist, seynd
aber dabei fromme und gottesfrchtige Leute." - Inmitten der Gruppe sich
verzerrender Priester sa einer auf dem Boden und schlug eine groe, von
Silberblech gearbeitete trkische Trommel. Nachdem diese religise
Belustigung einige Zeit gedauert hatte, hielten smmtliche Priester
innerhalb der Kirche singend einen Umzug um das die Bundeslade enthaltende
Heiligthum. Zwei von ihnen trugen auf dem Kopfe sehr groe Helme von
Goldblech, mit getriebener Arbeit reich verziert. Dies waren die beiden
Kronen, welche einst der Kaiser Joas und sein Vater, der Kaiser Jasu, bei
groen Feierlichkeiten zu tragen pflegten und die spter der Kirche
geschenkt worden waren. Diese Kronen, welche von einem Griechen aus Smyrna
gefertigt wurden, sind von Gold- und Silberblechen in getriebener Arbeit
gemacht und mit farbigen Steinen oder Stcken Glasflu verziert. Einige
der Priester hatten eine Art Megewand von Brokat an, das jedoch sehr
verschabt war; andere trugen Stbe mit Bronzekreuzen und ber dem
vornehmsten wurde ein blauer, mit Goldfranzen besetzter Sammetschirm
getragen. Die ganze Feierlichkeit entbehrte aller Ordnung und erregte in
Rppell mehr Neigung zum Lachen als religise Empfindung.

  [Illustration: Krone des Kaisers Jasu.
  Nach Rppell.]

Neben dieser Weltgeistlichkeit, die sich mit sehr geringen Ausnahmen durch
Hochmuth, Unwissenheit und lasterhaftes Leben wenig vortheilhaft
auszeichnet, steht noch eine groe Schar von Mnchen und Nonnen in
Abessinien, die nach den uralten Regeln des Pachomius zusammen leben.
Dieser, ein Schler des heiligen Antonius, war der erste, der die
Einsiedler ums Jahr 340 auf der Nilinsel Tabenna im Kloster zusammenfhrte
und auch spter das erste Nonnenkloster grndete. Seine keineswegs
strengen Regeln eignen sich fr die immer noch lebenslustigen
abessinischen Mnche und Nonnen am besten, die aber oft genug dieselben
berschreiten.

Abessinien ist berfllt mit Mnchen und Einsiedlern, die sich in gelbe
Gewnder, das Zeichen der Armuth, oder in gegerbte Antilopenfelle hllen.
Gewhnlich fhren diese Leute einen unsittlichen Lebenswandel, schwrmen
durch das ganze Land und sind die Pest und Plage der Gegend, welche sie
heimsuchen. Die Mnner knnen in jeder Periode Mnche werden; die, welche
mit schweren Krankheiten behaftet sind, thun das Gelbde, nach ihrer
Heilung ins Kloster zu gehen, und vermachen diesem ihre ganze Habe. Reiche
bergeben ihr Vermgen den Kindern, werden Mnch und lassen sich dann von
ihren Erben bis ans Lebensende unterhalten; arme Mnche dagegen leben von
der Gnade des Knigs und der Gemeinde. Viele dieser Klostergeistlichen
sehen aber niemals ihre Zellen, sondern leben gemthlich mit Weib und Kind
zu Hause und betteln auf Grund ihres gelben Gewandes oder der Agaseenhaut,
die mit dem ungewaschenen Aeuern zusammen an die Legende von ihrem groen
Ordensstifter Eustathius erinnert, welcher sich rhmte, niemals seinen
Krper gewaschen zu haben, und wunderbarlich auf dem fettigen Mantel ber
die Fluten des Jordan schwamm, ohne da ihn ein Tropfen Wasser feindlich,
d. h. reinigend, berhrte.

Eins der berhmtesten Klster befindet sich auf dem _Debra Damo_ in
Tigri, vier Stunden nordstlich von Ade Pascha. (Siehe S. 35.) Dort oben
leben gegen 300 Mnche in kleinen Httchen zusammen. Nach Zander's Bericht
fhrt kein Weg hinauf und Menschen wie Nahrung werden an der Nordseite des
Felsens mit Seilen hinaufgezogen. Das Kloster ist stets auf viele Jahre
hinaus mit Lebensmitteln versehen und gilt in unruhigen Zeiten als ein
besonders sicherer Zufluchtsort. Oben findet man eine Quelle, die das
ganze Jahr hindurch vorzgliches Trinkwasser liefert und niemals
versiecht. An Handschriften und Bchern, die noch keinem europischen
Reisenden zugngig waren, ist es sehr reich. Der senkrechte Fels besteht
aus Grauwacke und Sandstein, die Grundlage desselben ist Urthonschiefer,
die Hhe ber dem Meere 6800 Fu. In frheren Zeiten galt Debra Damo als
Gefngni der jngeren Zweige des herrschenden Geschlechts. Diese Sitte
soll im Jahre 1260 durch den Knig Jakuno Amlak eingefhrt und bis ins
vorige Jahrhundert beobachtet worden sein. In Schoa vertrat die Festung
Godscho dieselbe Stelle bis auf unsere Tage herab.

Zahlreiche Klosteranstalten finden sich auch in Walduba; berhmt sind noch
die Klster von Axum und Debra Libanos, wo der erwhnte Abuna Tekla
Haimanot geboren wurde. Nie darf ein Frauenzimmer ein Mnchskloster
betreten, allein das hlt die Insassen keineswegs ab, einen liederlichen
Lebenswandel zu fhren. Die Nonnen zeichnen sich durch ein schwefelgelbes
baumwollenes Hemd und ein Kppchen von derselben Farbe aus; sie haben alle
das Keuschheitsgelbde abgelegt, befinden sich jedoch meist in
vorgerckten Jahren. Wichtig werden die Klster namentlich dadurch, da
viele derselben als _politisches Asyl_ gelten, nach dem zur Zeit der
Brgerkriege viele Flchtlinge sich retten. Dieser Umstand fhrte zu
groen Mibruchen und gestaltete die Aufenthaltsorte der Mnche zu ewigen
Sitzen der Unruhe um, zumal die Unantastbarkeit der Freisttte meistens
streng eingehalten wurde, bis Knig Theodoros auch hier einen gewaltigen
Schritt that und mit khner Hand seine Feinde selbst aus den Asylen
hervorholte.

Neben der Unsittlichkeit der Geistlichen, der frechen Simonie, der
bermigen Bilderverehrung, dem Glauben an Weissagereien und
Vorbedeutungen, der Auslegung von Trumen, Furcht vor Hexerei und bsen
Knsten mu andererseits hervorgehoben werden, da jedenfalls im Lande
kein Unglauben und keine Gottesverachtung herrscht. Der Formengeist, der
allen Semiten eigen ist, klebt auch den Abessiniern an, jene
Wichtigmachung von Gebruchen und uern Werken, die Unterscheidung
zwischen Rein und Unrein, die Beschneidung, das Hngen am Buchstaben. Fr
das Hauptbel Abessiniens aber erklrt Munzinger den Stolz, der, von dem
kleinsten Erfolg aufgeblasen, sich berheilig und berweise whnt und nur
ungern von Fremden sich Raths erholt. Der Stolz, von dem kein Abessinier
frei ist und eigentlich kein Semite, hat eine andere gefhrliche Seite;
der Messias ist ihm immer ebenso gut wie den Aposteln ein weltlicher Herr;
die Herrschsucht der Eingeborenen wird dem fremden Missionr sehr
gefhrlich, da sie ihn, ohne da er es ahnt, in die Landespolitik
hineinzieht.

                              --------------

Die _abessinische Zeitrechnung_ ist eine keineswegs christliche, da sie
von der Erschaffung der Welt und nicht von der Geburt Christi an rechnen.
Nach ihnen ist das Jahr 1868 das siebentausenddreihunderteinundsechzigste.
Der Jahresanfang fllt auf den 10. September. Sie theilen das Jahr in
zwlf Monate von je dreiig Tagen und zur Ausgleichung fgen sie denselben
am Jahresschlu noch einen verkrppelten dreizehnten Monat bei, der in
drei Jahren fnf, in dem vierten aber sechs Tage hat. Im gewhnlichen
Leben und auch in ihren historischen Annalen werden die vier Jahre nach
den Namen der Evangelisten bezeichnet und zwar in folgender Reihe:
Johannes, Matthus, Marcus und Lucas, letzteres hat am Schlu den
eingeschalteten sechsten Tag des dreizehnten Monats. Es heit oft in den
Landeschroniken schlechtweg: Dieses ereignete sich in dem Jahre des
Evangelisten Matthus oder Lucas u. s. w. Die Namen der dreizehn Monate
sind: Maskarem, Tekemt, Hedar, Tachsas, Ter, Jacatit, Magabit, Mijazia,
Ginbot, Sene, Hamle, Nahasse, Paguemen. Kein einziger fllt natrlich ganz
mit einem unserer Monate zusammen; so reicht der Maskarem vom 10.
September bis 9. Oktober und so fort, bis endlich der verkrppelte
dreizehnte Monat, der Paguemen, vom 5. bis 10. September reicht. Die
Abessinier setzen die Geburt Christi in das Jahr der Welt 5500; aber von
dieser Periode bis zu unserer Zeit rechnen sie 7 Jahre und 122 Tage
weniger als wir Europer; die Ursache dieses Unterschieds ist die von den
alexandrinischen Bischfen befolgte Chronologie des Julius Africanus und
spter durch den Bischof Anatolius von Laodicea daran gemachte zehnjhrige
Abnderung.

Am 10. September, dem Neujahrstage, machen sich die Bewohner der
Hauptstadt wie bei uns Gratulationsbesuche und die Frauen berreichen
ihren Bekannten Blumenstrue, wobei sie ausrufen: "Glck bringe dir das
neue Jahr". Auch finden Tnze mit Gesang und Schmausereien statt. Das
grte Fest in Abessinien feiert man jedoch am 16. Maskarem (26.
September) zum Andenken an die infolge eines Traumgesichts der heiligen
Helena stattgefundene Entdeckung des Kreuzes Christi. Um die Kunde dieses
Ereignisses mglichst schnell nach Konstantinopel zu bringen, bediente man
sich der Feuersignale, und die Versinnlichung dieses Ereignisses ist der
Hauptzweck der Ceremonien des _Maskalfestes_. Am Vorabend lodern
Freudenfeuer auf den Hgeln, Mnner mit Rohrfackeln ziehen in Prozessionen
auf und kriegerische Tnze werden abgehalten. Der Anblick der
bronzefarbigen, halbnackten Gestalten, die in dunkler Nacht, vom Scheine
der Brandfackeln beleuchtet, sich taktmig hin und her bewegen, ist
ungemein malerisch. Die Hauptprozession findet jedoch erst am folgenden
Tage statt. Dann ziehen alle waffenfhigen Mnner zu Fu oder zu Pferde
nach einem nahen Hgel, auf welchem bei Sonnenaufgang ein Feuer angezndet
wird. Dem Zuge voran gehen Musikanten mit Hrnern und Pauken; nachdem die
Menge an dem Scheiterhaufen sich gewrmt, kehrt sie zurck, um mit
Reiterspielen und kriegerischen Tnzen die Feierlichkeit zu beschlieen.
Der Gouverneur hlt offene Tafel und ungeheuere Portionen rohen Fleisches
werden verschlungen. Andere Feste sind Ledat (Weihnachten), Domkat (Taufe
Christi), Fasaga (Ostern) und die verschiedenen Heiligenfeste.

Die _Taufen_ finden in der Kirche statt und zwar bei den Knaben 40 Tage,
bei den Mdchen 80 Tage nach der Geburt, weil nach der Tradition der
Abessinier Adam erst 40 Tage nach der Schpfung in das irdische Paradies
eingefhrt wurde und Eva ihm dahin 40 Tage spter nachfolgte. Die
Ceremonie selbst ist von der bei uns blichen in vieler Hinsicht
abweichend. Jedes Kind hat seinen Pathen; als Taufstein gilt eine thnerne
Schssel, deren Wasser erst beruchert und dann mit dem Fue des
Geistlichen berhrt wird, worauf dieses fr geweiht gilt; Loblieder zu
Ehren der Jungfrau Maria und das schnelle Ablesen eines Kapitels aus dem
Evangelium Johannes vollenden die Vorbereitungen; dann werden die
Tuflinge nach allen vier Himmelsgegenden geneigt und bis ber den Kopf
ins Wasser getaucht; schlielich wird dem Tuflinge eine in geweihtes Oel
getauchte Schnur um den Hals gebunden und die Ceremonie ist vorber.
Vorher aber sind die Kinder beiderlei Geschlechts beschnitten worden.

Die _Ehe_ ist in Abessinien, wo allgemeine Sittenlosigkeit und die
allergrte Freiheit im Umgang der Geschlechter herrscht, eine rein
uerliche und sehr lose. Die Trauungen werden nur selten kirchlich
geschlossen, was einfach dadurch geschieht, da die Brautleute das
Abendmahl zusammen nehmen. Werden die Gatten einander untreu, so trennen
sie sich einfach und haben dann das Recht, noch zweimal sich kirchlich
trauen zu lassen. Da jedoch die meisten Ehen wild sind, so betrachtet man
die kirchliche Trauung als Nebensache. Wie entsetzlich die Zustnde in
dieser Beziehung sind, geht aus der Bemerkung Isenberg's hervor, da er
whrend der ganzen Zeit seines Aufenthaltes in Abessinien unter einer sehr
groen Zahl kirchlich getrauter Leute _kein einziges_ Paar kennen lernte,
da einander treu blieb. Das Gesetz, da man sich nur dreimal trauen
lassen darf, gilt jedoch nur in der Theorie. Rppell traf zu Ategerat ein
hbsches, erst _siebzehnjhriges_ Frauenzimmer, welche bereits von
_sieben_ mit ihr ehelich vermhlten Mnnern geschieden war und im Begriffe
war, sich zum _achten Male zu vermhlen_! Ehescheidungen sind bloe
Privatangelegenheiten, welche nur dann vor die Behrden gebracht werden,
wenn man in Betreff der Vermgenstheilung sich nicht miteinander
verstndigen kann. Sonst hat die Obrigkeit damit gar nichts zu thun, und
die Ehe besteht nur so lange, als beide Theile damit zufrieden sind.
Eifersucht ist in Abessinien ein unbekanntes Ding und eheliche Untreue das
Gewhnliche, besonders noch dadurch begnstigt, da die Zahl der Frauen
berwiegt. Dies mag auch ein Grund dafr sein, da unter jenen Christen
die _Vielweiberei_ geduldet ist; aber nur die Reichen pflegen an dem
nmlichen Orte mehrere Frauen zu haben, von denen jede einzelne in einem
besonderen Hause wohnt. Diejenigen Abessinier, welche sich ihrer Geschfte
halber an verschiedenen Orten aufhalten, haben gewhnlich an jedem
derselben eine Frau. Im Allgemeinen benimmt sich die Frau sehr aufmerksam,
dienstwillig und selbst demthig unterwrfig gegen ihren Mann. Sie darf
ihn nur als ihren Herrn und im Plural anreden, whrend der Gatte gegen sie
das "Du" gebraucht; sie mu ihm, wenn er es verlangt, die Fe waschen und
ihm bei Tische hufig die Speisen in den Mund stopfen! Jenes Betragen der
abessinischen Frauen geht jedoch nicht aus Liebe hervor, sondern ist
berechnete Schmeichelei. Liebe in reinerem Sinne kennt man in jenem durch
die grte Sittenverderbni ausgezeichneten Lande gar nicht. Zum Heirathen
gengt schon ein Vermgen von wenigen Thalern, ein baumwollenes Hemd fr
die Braut, etwas Geld fr die Eltern sind die Geschenke bei Armen. Bei
reichen Leuten werden groe Gelage gehalten, welche mehrere Tage dauern.
Gegen Ende derselben fhrt der Brutigam, auf einem Maulthier reitend, die
Braut scheinbar aus dem lterlichen Hause in das seinige. Die Mdchen
werden in der Regel noch ungemein jung, zuweilen schon in ihrem neunten
Jahre verheirathet; so erzhlt Pearce, da ein mehr als siebenzigjhriger
Landesfrst die noch nicht zehnjhrige Tochter des Kaisers heirathete!

Sieht ein Abessinier seine Todesstunde herannahen, so lt er den
Geistlichen rufen, dem er eine Beichte ablegt, um die Absolution zu
empfangen. Der wrdige Priester benutzt dann gewhnlich diese Gelegenheit,
um mglichst viel von dem weltlichen Gute des Sterbenden fr sich und die
Kirche zu erlangen, whrend er fr das _Begrbni_ selbst keinen Heller
nimmt. Dieses findet meistens noch am Todestage statt. Der Krper wird mit
gekreuzten Armen in ein baumwollenes Tuch geschlagen, dann mit einer
Lederhaut umwickelt, in der Kirche eingesegnet und in einer kleinen Grube
bestattet. Nach der Beerdigung versammeln sich Freunde und Verwandte im
Sterbehause, wo das Klagegeheul angestimmt und dann ein groes Mahl
gehalten wird. Um tiefe Trauer wegen des Todes eines Verwandten
auszudrcken, pflegt man sich das Haupthaar abzuscheren, den Kopf mit
Asche zu bestreuen und die Schlfen zu zerkratzen, bis Blut fliet. Alles
dieses ist jedoch blos uerliche Heuchelei und fern von tiefgefhlter
Betrbni, denn grenzenloser Leichtsinn ist ein Hauptcharakterzug der
Abessinier.

Abessinien ist reich an _Kirchen_, doch sind dieselben meistentheils nur
klein. Viele stehen als Wallfahrtsorte in hohem Ansehen und werden von
groen Scharen frommer Pilger besucht, die, oft aus weiter Ferne
herziehend, hufig zugleich den bei der Kirche aufgeschlagenen Markt zu
Einkufen benutzen. So knpfen sich auch hier die Messen an die Kirchen,
wie in den meisten anderen Lndern der Erde gleichfalls. Gewhnlich sind
die Kirchen im Grundrisse rund und 20-24 Fu hoch; viereckige gehren zu
den seltenen Ausnahmen. Beinahe jede abessinische Kirche oder Kapelle hat
an ihrer Faade zwei gleich groe, dicht nebeneinander stehende Thren und
im Innern eine Art von groem hlzernen Sessel oder Thron, der die
Bundeslade der Israeliten vorstellt. Dieser Sessel, auf welchem Brot und
Wein fr das Abendmahl eingesegnet werden, fhrt den Namen Manwer oder
Tabot und ist berall in Abessinien der Gegenstand der grten Verehrung.
Glocken befinden sich nur in wenigen Kirchen der greren Stdte; statt
ihrer behelfen sich die Priester mit dnnen Steinplatten, die schwebend
aufgehngt sind und durch deren Anschlagen die Glubigen zusammenberufen
werden. Die gewhnlichen Kirchen auf dem Lande bestehen aus zwei
Gemchern, deren Inneres beinahe ganz dunkel ist und welche durch eine
Flgelthre miteinander in Verbindung stehen. Sie sind mit einem
gemeinschaftlichen kegelfrmigen Strohdache berdeckt und fast immer von
schnen Bumen umgeben, welche den um die Kirche herumliegenden Friedhof
beschatten, der jedoch keinerlei Grabsteine aufweist. Einige dabei
befindliche kleine Htten beherbergen die den Kirchendienst versehenden
Priester. Das Ganze ist durch eine niedrige Mauer umschlossen. Wer Schuhe
oder Sandalen trgt - brigens eine Seltenheit in Abessinien - zieht
dieselben beim Eingange des Kirchhofes aus. In der vorderen Abtheilung,
der eigentlichen Kirche, versammeln sich die Leute, nachdem sie beim
Eingange die mit schreckhaften kolossalen Engelsfiguren bemalten Thren
ehrfurchtsvoll gekt haben. _Gemalte_ Bilder werden in Abessinien
verehrt, keineswegs jedoch _geformte_, und deshalb zeigt das abessinische
Kreuz auch keinen Christusleib, weil dies nach Auffassung jener Kirche
gegen das zweite Gebot verstoen wrde. Das Kssen der Kirche ist als
Zeichen der Gottesverehrung blich, soda der Ausdruck "die Kirche kssen"
gleichbedeutend mit unserem "in die Kirche gehen" ist. Ueberhaupt werden
alle fr heilig gehaltenen Gegenstnde, Kirchen, Kreuz, Bilder und Bcher
gekt. Die Eingetretenen setzen sich oder knieen auf den Boden hin. Durch
die offene Flgelthr erblickt man im zweiten Gemache den Tabot, um den
Priester in zerlumpten seidenen Kitteln umherstehen, jeder von ihnen hlt
eine brennende Wachskerze in der Hand, auerdem Schelle und Rauchfa, die
sie beim Heulen der Psalmen schwingen. Zuweilen liest einer eine kurze
Phrase aus einem auf der Bundeslade liegenden Buche oder reicht den
Anwesenden das Kreuz zum Kssen dar - von einer christlichen Erbauung
gewahrt man jedoch bei diesen keine Spur; sie plappern zwar fortwhrend
mit den Lippen Gebete her, aber ihren Blicken nach zu urtheilen sind ihre
Gedanken bei ganz anderen Gegenstnden.

  [Illustration: Grundri der Kirche Lalibela.
  Nach E. Zander.]

Besser sind die Kirchen in den groen Stdten beschaffen, namentlich zu
Gondar, wo es allein gegen fnfzig giebt. Die grte ist die
_Bada-Kirche_, welche Kaiser Tekla Haimanot um das Jahr 1775 erbauen lie.
Mit ihrem hohen konischen Dache berragt sie alle anderen Gebude der
Stadt und zeichnet sich auerdem durch ein groes griechisches Kreuz von
Messing auf dem Giebel aus. In ihr, sowie in anderen Kirchen Gondars zeigt
man mehrere etwa fnf Fu lange Kisten aus Sykomorenholz, welche ringsum
mit Heiligenbildern und auf dem Deckel mit der Figur eines in ein
Leichentuch gehllten Menschen bemalt sind. Sie enthalten die Gebeine von
Personen, welche in ganz besonderem Ansehen standen. Diese mssen jedoch
erst herkmmlicher Weise fnfzig Jahre lang in der Erde geruht haben, ehe
sie zu der Ehre gelangen, auf diese Art aufbewahrt zu werden. Die brigen
Kirchen sind gewhnlich von Bogengngen umgeben, von denen aus mehrere
groe Thren in das Innere fhren. Wnde, Thren und Querbalken des
Gebudes sind mit Malereien bedeckt und die innere Seite der Thrgesimse
mit kleinen Porzellanplatten ausgekleidet; Teppiche decken den Boden; doch
Lampen sind eine seltene Erscheinung.

Vorzglich schne und geschmackvolle Holzschnitzereien, die, was die
Arabesken betrifft, auch einem europischen Knstler Ehre machen wrden,
enthlt die _Kirche Lalibela_ zu Gondar, ein Bauwerk der Frstin Menene.
Ihr Grundri ist rund, das Dach, wie allgemein blich, konisch und an der
Spitze mit dem Kreuz geziert. Ihr Inneres besteht aus drei konzentrischen
Abtheilungen. Der uere, von Sulen getragene Kreis, ist der allgemeine
Raum fr die Kirchgnger; der zweite, mittlere Raum ist fr die
Abendmahlempfnger bestimmt; der innerste, viereckige, enthlt die
Bundeslade. Die erwhnten reichen Holzschnitzereien sind flachrelief an
Thren und Fenstern angebracht.

Wohl die berhmteste Kirche in ganz Abessinien ist jene zu _Axum_ in
Tigri, in der ehemaligen Hauptstadt des den Griechen und Rmern bekannten
axumitischen Reiches. Sie liegt inmitten des politischen Asyls und wurde,
wie schon ihre Bauart zeigt, unter portugiesischem Einflu 1657 an der
Stelle der 1535 von Muhamed Granj zerstrten alten Kirche erbaut. Durch
Gre, Reichthum und Heiligkeit bertrifft sie alle anderen Kirchen
Tigri's. Auf einer mit Stufen versehenen, aus gut behauenen Quadern
erbauten Terrasse schreitet man zu ihr hinauf. Vier dicke Pfeiler bilden
eine Art Porticus, von welchem man durch drei Thren in den inneren Raum
gelangt. Dieser ist durch zwei Reihen plumper Pfeiler in drei Schiffe von
gleicher Hhe abgetheilt, welche durch einige kleine und sehr schmale
Fenster ein sehr sprliches Licht erhalten; die Decken bilden horizontal
liegende Balken; die Wnde sind mit geschmacklosen, stark beschdigten
Malereien beklext, der Boden mit Teppichen belegt. (Rppell fand ihn
voller Schmuz.) Ein kleiner Thurm enthlt eine Treppe, die zu dem flachen,
mit Zinnen gekrnten Dache fhrt. Salt, welcher die Kirche gemessen hat,
giebt ihre Lnge zu 111, ihre Breite zu 51 Fu an. In der Nhe steht ein
kleines niedriges Haus, in welchem zwei sehr roh in Abessinien selbst
gegossene Glocken hngen, und in einem anderen Gebude werden die
Pretiosen der Kirche, die Metallkronen, Kreuze und Manuskripte aufbewahrt.
Nach der Ansicht der Abessinier ist die hier aufbewahrte Bundeslade die
echte jdische aus der Zeit des Knigs Salomo, welche Menilek, der Sohn
der Knigin von Saba, in Jerusalem stahl und hierher brachte (vergl.
S. 3). Der Name der Kirche ist Hedar Sion und ihr Hter, der Gouverneur
von Tigri, fhrt den Titel Nabr Id (Hter der Bundeslade). Die Abbildung
zeigt unsere Anfangsvignette.

                      *Die Missionen in Abessinien.*

Schon bald nach Entstehung der englischen "Missionsgesellschaft fr Afrika
und den Osten" wandte diese ihre Aufmerksamkeit auf Abessinien, in der
Absicht, dem dortigen Christenthume frische Anregungen zuzufhren und
dasselbe aus seiner Versunkenheit herauszuziehen, sowie vor dem Untergange
im Muhamedanismus zu bewahren. Zu diesem Zwecke wurden nun
Missionsstationen in Malta, Kairo, Smyrna u. s. w. angelegt, von denen aus
man allmlig bis Abessinien vordringen wollte, und durch einen
abessinischen, nach Jerusalem gepilgerten Mnch die ganze Bibel in die
amharische Sprache bersetzt, welche die verbreitetste unter den
abessinischen Mundarten ist. Die ersten Missionre, welche nach Ategerat
(Adigrat) in Tigri im Jahre 1830 vordrangen, waren die beiden Deutschen
_Gobat_ und _Kugler_. Der Detschasmatsch Sabagadis empfing sie freundlich,
indessen die politischen Verhltnisse, die immerwhrenden Kriege zwischen
Sabagadis und Ubi um die Herrschaft Tigri (vergl. S. 107) waren ihrem
Werke nicht gnstig. Trotzdem drang Gobat bis nach der Hauptstadt Gondar
vor, whrend Kugler in Tigri zurckblieb, um bald an den Folgen einer
Verwundung, welche er sich auf der Jagd zugezogen, zu sterben. Als nun zu
derselben Zeit Sabagadis von Ubi geschlagen und getdtet wurde, brach
auch fr den wackern Gobat eine Zeit der Verfolgungen herein. Lngere Zeit
hielt er sich in den politischen Asylen, namentlich im Kloster Debra Damo,
verborgen, mute schlielich aber nach Aegypten fliehen. Die Erfahrungen,
die er bezglich seines Missionswerkes gemacht hatte, waren jedoch nur
trauriger Art; er fand, "da der Leichtsinn dieses Volkes nicht leicht die
Wahrheit des Evangeliums auf Herz und Leben wirken lt". _Der erste
milungene Versuch._

  [Illustration: Gefangennahme des Missionrs Krapf durch Adara Bille.
  Nach Krapf's Reisewerk.]

In Karl Wilhelm _Isenberg_ aus Barmen erhielt 1834 der zurckgekehrte
Gobat einen treuen Freund und Untersttzer, der mit neuem Eifer das
schwierige Geschft anzugreifen begann. Nach langer Fahrt durch das Rothe
Meer und dreimonatlichem Aufenthalte in Massaua kamen beide im April,
begleitet von ihren Frauen, in Tigri an, wo die Brgerkriege immer noch
fortwtheten. Ubi sicherte indessen den Missionren seinen Schutz zu, die
nun mit der Verbreitung von Bibeln begannen. Gobat jedoch war infolge von
Krankheit genthigt, schon 1836 zurckzukehren und gegen den bleibenden
Isenberg richtete sich nun der Ha der abessinischen Geistlichkeit, die
ihren Einflu durch seine Anwesenheit bedroht sah. Indessen Isenberg hielt
wacker aus und fand in dem Deutschen _C. H. Blumhardt_ einen Untersttzer
in seiner aufreibenden Arbeit. Um auf die Jugend, die man zunchst im Auge
hatte, besser wirken zu knnen, begann man mit dem Schulunterricht und
baute ein groes Missionshaus in Adoa, das jedoch bald die Eifersucht und
den Verdacht des Kirchenvorstehers wie des Herrschers Ubi erregte, da es
fr eine Festung angesehen wurde, von welcher unterirdische Gnge zum
Waffen- und Truppentransport bis Massaua fhren sollten! Als mit Ende des
Jahres 1837 auch Ludwig _Krapf_ aus Wrttemberg zu der kleinen Mission
stie, fand er schon groe Schwierigkeiten, um zugelassen zu werden, und
bereits im Sommer 1838 erhielten die Missionre den Befehl, das Land
wieder zu verlassen. Wie Isenberg bemerkt, geschah dieses nicht ohne
Zuthun der mittlerweile gleichfalls nach Abessinien gekommenen
katholischen Missionre, namentlich Sapeto's, dessen wir bereits oben
S. 31 gedachten. _Der zweite milungene Versuch._

Nachdem so im Norden Abessiniens keine Aussichten mehr fr eine
gedeihliche Wirksamkeit vorhanden schienen, beschlo man mit zher
Ausdauer im Sden, in Schoa, das Werk fortzusetzen.

Schon im Jahre 1837 kam zu den deutschen Missionren in Adoa ein Bote des
Knigs von Schoa, welcher einen in deutscher Sprache geschriebenen Brief
berbrachte, der von Martin Bretzka, dem ehemaligen Jger Rppell's,
herrhrte. Durch diesen lie Sahela Selassi die Missionre um Arznei und
einen tchtigen Mechaniker bitten, ja er verlangte, da die Missionre
womglich selbst zu ihm kommen mchten. Arznei wurde sofort nebst einem
langen Briefe von Isenberg berschickt, ein Mechaniker aber war nicht
vorhanden. In dem Schreiben fragte der Missionr, ob der Knig ihm sein
Missionswerk in Schoa gestatten wolle. Wenn er diese Frage bejahe, wrde
er sammt seinem Kollegen Blumhardt kommen, sei dieses aber nicht der Fall,
so msse er von der Reise nach Schoa absehen. Da Blumhardt jedoch auf eine
indische Station gesandt wurde, machten sich 1839 Krapf und Isenberg auf
den Weg nach Schoa und kamen nach einer hchst beschwerlichen Reise auf
einem bis dahin unbekannten Wege ber Tadschurra und das Adal-Land am 6.
Juni in Ankober beim Knige Sahela Selassi an, der sie mit der grten
Freundschaft aufnahm und behandelte. "Hier nun gelang es unter sehr
gnstigen Umstnden einen guten Anfang mit der Verkndigung des
Evangeliums und dem Schulunterrichte zu machen." Da es jedoch an Bchern
und Lehrmitteln fehlte, kehrte Isenberg nach freundlichem Abschiede im
November 1839 nach Europa zurck, um das zur Fortfhrung der bernommenen
Aufgabe Nthige zu holen.

Krapf blieb nun lngere Zeit allein in Schoa, fhlte sich aber wohl sehr
einsam und beschlo, ehe er sein Werk weiter fortfhrte, seine Braut
heimzufhren. Am 11. Mrz 1842 unternahm er die uerst gefahrvolle Reise
von Ankober nach Massaua. Er hatte seine Richtung durch das nrdliche
Schoa und das Land der muhamedanischen Wollo-Galla genommen. Er wollte
ber Gondar gehen und dort die Bekanntschaft des neuen, erst ein Jahr
vorher berufenen Abuna machen.

  [Illustration: Ludwig Krapf. Nach dem Stahlstich in dessen Reisewerk.]

Vom Knige Sahela Selassi mit einem silbernen Schwerte beschenkt, welches
ihm den Rang eines Gouverneurs ertheilte, und wohl versehen mit
amharischen Bibeln, machte sich der muthige Glaubensbote, nachdem er vom
Knige und der damals in Schoa weilenden britischen Gesandtschaft Abschied
genommen, auf den gefahrvollen Weg. In Sella Dengai stattete er noch der
einflureichen Mutter des Knigs, welche beinahe halb Schoa unabhngig
beherrschte, einen Besuch ab. Sie empfing ihn, auf ihrem Lager sitzend und
umgeben von Dienerinnen, sehr friedlich, lie sich einen bunten Schal,
einige Scheren, sowie ein Neues Testament in thiopischer Sprache
schenken, und entlie darauf unseren Landsmann, der in die hohen kalten
Berge hinaufstieg, die sich an der Grenze der Provinzen Mans und Tegulet
hinziehen. Mans ist die grte Provinz Schoa's und wird als Gut der
Knigin-Witwe betrachtet; doch leben die Eingeborenen unabhngig und mit
allen Nachbarn im ewigen Kampfe. Auch gegen Krapf waren sie hchst
unfreundlich, der sich freute, ihr kaltes Land bald verlassen zu knnen.
Er passirte verschiedene nach Westen flieende kleine Zuflsse des Nil und
stieg dann von den Hhen beim Dorfe Amad-Wascha in das Thal des Flusses
Katscheni hinab, der die Grenze gegen die von den Wollo-Galla bewohnte
Provinz Gesche ausmacht. Der Huptling der Galla, Adara Bille, residirte
damals im Distrikte Lagga Gora und stand mit Schoa in friedlichen
Beziehungen; er empfing den Gast freundschaftlich und entlie ihn am
nchsten Tage mit einem Fhrer versehen.

Am 23. Mrz gelangte der Reisende an das Ufer des Flusses Beschlo und
erstieg die Hochebene von Talanta. Hier kamen ihm zahlreiche Flchtlinge
entgegen, die mit Weib und Kind vor der Invasion eines Galla-Stammes davon
flohen und auch Krapf veranlaten, zu dem anscheinend freundlichen Adara
Bille umzukehren, der auch noch immer die alten Sympathien fr den
Reisenden zu hegen schien. Als jedoch nach Verlauf von zwei Tagen das Land
sich einigermaen beruhigt hatte und Krapf seine Reise fortsetzen wollte,
erklrte ihm Adara Bille, da er ihn nach Schoa zurcksenden msse, da er
nur fr _einmal_ die Erlaubni erhalten htte, das Land zu verlassen.
Vergebens war alles Protestiren. Man suchte Gold bei ihm, nahm ihm seine
Maulthiere und Pferde und lie ihn durch Soldaten bewachen. Als er nun
trotzdem seine brig gebliebene Habe zusammenpackte und aufzubrechen
versuchte, wurde er ergriffen und in ein kleines Gemach abgefhrt, wo man
ihm, unter Androhung der Todesstrafe, sein ganzes Gut, sogar seinen Mantel
wegnahm. Selbst die Taschen kehrte man ihm um und raubte ihm die letzten
Kleinigkeiten. In diesem Zustande hielt man ihn mehrere Tage gefangen, und
auf vieles Bitten gelang es ihm endlich sein Tagebuch, 3 Thaler und das
schlechteste Maulthier wieder zu bekommen. Dagegen waren fnf Maulthiere,
140 Thaler, die Pistolen und Flinten, der Kompa, die Uhr und viele andere
werthvolle Dinge unwiderbringlich verloren. Gott war der einzige Trost des
frommen Mannes in diesen Leiden, der nun, von sechs Soldaten begleitet,
ber die Grenze transportirt wurde.(1)

Bettelnd gelangte er in das schne, vom Dscherado durchstrmte Thal
Totola, in dem ein lebhafter, aus allen Theilen Abessiniens besuchter
Markt abgehalten wird. Zu beiden Seiten desselben erheben sich hohe mit
Drfern, Weilern und Wachholderbumen bestandene Bergketten, die den
gebeugten Krapf durch ihre wunderbare Schnheit entzckten. Allein die
rohen Soldaten trieben ihn mit den Worten fort: "Du bist unser Vieh, wir
knnen mit dir anfangen, was uns beliebt." Am Ufer des Flusses Berkona,
der dem Hawasch zufliet, traf man auf einen Kaufmann, der nicht wenig
erstaunt war, einen weien Mann auf diese Art durch das Land gefhrt zu
sehen. Dieser, in dessen Brust wol Mitleid rege wurde, ertheilte Krapf den
Rath, er solle laut schreien, wenn er viele Leute in den Feldern bemerke;
diese wrden alsbald herbeieilen und ihn zum Gouverneur Amadi fhren, der
auf einem hohen Berge zu Mofa, in der Nhe des Sees Haik, residire. Krapf
befolgte diese Weisung und sah sich bald von Landleuten umringt, die ihn
trotz des Strubens der Soldaten befreiten und zu Amadi fhrten, dem
Huptlinge der Tehulladari-Galla. Dieser schickte die Soldaten Adara
Bille's augenblicklich zurck und lie den geprften Mann ruhig seine
Strae ziehen. Auf mhevollem Wege wanderte Krapf nun von Station zu
Station durch wilde ungastliche Vlker von dem See Haik an der
nordstlichen Grenze von Schoa ber Jedschau, Angot, Wafila, Lasta,
Enderta und das stliche und nordstliche Tigri bettelnd bis Massaua, wo
der franzsische Konsul de Goutin ihm die Heimreise mglich machte, die er
am 4. Mai antrat. In Schoa aber befand sich keine Mission mehr. _Der
dritte milungene Versuch._

Wer jedoch glauben wrde, die eifrigen Missionre htten sich durch
solchen betrbenden Ausgang abhalten lassen, weiter zu wirken, wrde arg
irren. Mit einer Menge Lehrmittel, Bibelbersetzungen und Wrterbchern
versehen, preiswrdigen Zeugnissen echt deutschen Fleies, gingen 1842
Isenberg, Krapf und Mhleisen abermals nach der Somalikste, um ber Zeyla
nach Schoa vorzudringen, wo immer noch die britische Gesandtschaft unter
Kapitn Harris weilte. Schon an der Kste stellten sich die grten
Schwierigkeiten einem weiteren Vordringen nach Schoa entgegen und man traf
auf Intriguen aller Art. Auch soll der franzsische Reisende Rochet seinen
ganzen Einflu bei Sahela Selassi angewandt haben, um den deutschen
Mnnern den Eingang nach Schoa zu verschlieen. (Vergl. S. 29.)

Krapf hatte einen Brief an Sahela Selassi geschrieben und angezeigt, da
er nach Ankober gehen wrde. Nach der Ankunft des Schreibens wurden
Versammlungen in allen Kirchen der Hauptstadt gehalten, und Deputationen
der Geistlichkeit, Priester und Mnche verfgten sich geraden Weges zum
Palaste, um den Knig anzuflehen, da weder Krapf noch Isenberg zugelassen
werden mchten. "Ihre Werke sind nicht die unserigen und ihr heiliges Buch
ist verschieden von dem, was in unserem Lande als das wahre betrachtet
worden ist. Erlaubt man ihnen zurckzukehren, so wird das Volk vom Glauben
seiner Vter abfallen." Dergestalt gedrngt, entschied Sahela Selassi
gegen Kapitn Harris, welcher sich fr die Missionre verwandte: "Isenberg
und Krapf knnen nicht wieder in mein Land kommen, mein Volk will es ihnen
nicht erlauben. Ich habe lange darber nachgedacht und es ist besser, wenn
sie wegbleiben; ich will keinem wieder erlauben, je wieder ber den
Hawasch zu kommen." Und dabei blieb es, die Missionre zogen betrbt ab.
Man kann sich vorstellen, wie dieses abermalige Scheitern aller Hoffnungen
auf die glaubenseifrigen Priester zurckwirken mute, welche durch ein
Schreiben des Kapitn Harris von diesen Vorgngen in Schoa in Kenntni
gesetzt wurden. "Gern htten wir unseren Augen und Ohren und ebenso dem
Zeugnisse dieses Briefes nicht getraut, gern uns die Sache anders gedeutet
und dargestellt; dazu fehlte uns aber alles Material, und wir muten bei
der ersten Thatsache stehen bleiben: die Mission in Schoa ist aufgehoben,
sie ist nicht mehr." _Der vierte milungene Versuch._

Waren dergestalt alle Aussichten im Sden benommen, so wollte man abermals
das alte Feld im Norden, in Tigri, aufsuchen und sehen, ob sich hier die
Verhltnisse seit 1838 nicht etwa gnstiger gestaltet htten. Im April
1843 brachen Isenberg und Mhleisen, fortwhrend groe Massen von Bibeln
verbreitend, von Massaua aus, die Provinz Hamasin durchziehend, nach
Adoa, der Hauptstadt Tigri's, auf, wo sie ihr altes Haus zum Theil
verwstet fanden. Gleich nach ihrer Ankunft wurde die Priesterschaft und
das Volk gegen sie aufgehetzt und ihre Lage gestaltete sich von allem
Anfange an noch schwieriger als zuvor. Die Missionre hatten ein
frmliches theologisches Examen vor den abessinischen Geistlichen zu
bestehen und wurden, als dieses nicht nach dem Wunsche der letzteren
ausfiel, in Bann gethan. Auch soll der katholische Bischof de Jacobis,
welcher damals in Adoa eine Mission leitete, gegen sie intriguirt haben.
Isenberg reiste nun selbst in das Feldlager des Herrschers Ubi, wurde
aber von diesem nicht vorgelassen, sondern mit dem Bescheid abgewiesen:
"er habe die Abessinier lange genug durch Abendmahlhalten, Taufen, Trauen,
Begraben in seinem Hause beleidigt, deshalb sei er frher aus dem Lande
gewiesen; jetzt sei er wiedergekommen und verharre in seiner
Hartnckigkeit; er habe die Jungfrau Maria gelstert, ja, er sei soweit
gegangen, da er in den Schriften der Apostel unterrichten wolle. Er solle
also in sein Land zurckkehren, denn in Tigri drfe er nicht bleiben." So
muten die Missionre also auch jetzt wieder umkehren, und nun schien der
letzte Hoffnungsstrahl vernichtet. Isenberg trstete sich dann ber das
Scheitern seines Missionswerkes folgendermaen: "Durch das ganze Land
hindurch hat sich ein bestimmter Eindruck von dem Zwecke unserer Mission
verbreitet, und was noch weit mehr ist, sie haben mehr als 8000 Exemplare
verschiedener Theile der Heiligen Schrift in amharischer und thiopischer
Sprache, unter welchen sich eine Anzahl amharischer ganzer Bibeln
befindet, erhalten, welche nun auch nicht mig liegen, sondern gewi eine
stille Wirksamkeit auf manche ihrer Besitzer und Leser ausben werden. Die
Abessinier haben sich durch gleichgiltige Vernachlssigung und unglubige
Verachtung des Evangeliums, durch ihr starres Anhangen an ihren
eingewurzelten Thorheiten und Snden, durch ihre allgemeine Trgheit und
Habsucht einer lngeren Fortdauer der evangelischen Mission in ihrem Lande
fr unwerth erklrt, und dem Herrn hat es in seinem Wunderrathe gefallen,
sie fr die nchste Zukunft aufzuheben." _Der fnfte milungene Versuch._

Ehe wir die ferneren Anstrengungen der protestantischen Missionre hier
schildern, die trotz Allem keineswegs gewillt waren, das unfruchtbare Feld
aufzugeben, mssen wir hier die Thtigkeit der kaum minder eifrigen
katholischen Glaubensboten anfhren, die aber fast ebenso wenig Erfolge
aufzuweisen haben, wie jene. Es ist eine betrbende Thatsache, da berall
katholische und protestantische Missionre einander befeinden. Kaum ist
ein Katholik auf irgendeinem neuen Gebiete erschienen, um fr seinen
Glauben Propaganda zu machen, so folgt ihm ein Protestant, macht ihm das
Feld streitig und beginnt unter den braunen, schwarzen, gelben oder rothen
Menschen fr seine Sache zu wirken. Oder umgekehrt. Leicht wre es,
hierfr viele Beispiele anzufhren, denn in Afrika, Nordamerika, auf
Madagascar, in der Sdsee, berall wiederholt sich dasselbe Schauspiel,
und die Eingeborenen sollen schlielich Richter sein zwischen den Lehren
des Protestantismus und Katholizismus. Da auf diese Weise die Sache nicht
gefrdert wird, ist nur zu natrlich. Jeder Theil schiebt indessen die
Schuld auf den andern, und dem Unparteiischen fllt es schwer, anders zu
entscheiden, als da _beide_ gefehlt. So auch in Abessinien.

Die katholische Kirche betrachtete das Land seit der Verjagung der
Jesuiten im 17. Jahrhundert immer nur wie eine abgefallene, aber wieder zu
erobernde Provinz und beschlo, auch diese Eroberung zu beginnen, kurz
nachdem die Protestanten sich in Tigri niedergelassen hatten. Der Anfang
damit wurde im Mrz 1838 gemacht, als der italienische Priester _Giuseppe
Sapeto_ zugleich mit dem Reisenden _M. Abbadie_ in Adoa ankam. Bei Ubi
stellte er sich als Eins mit den Abessiniern in der Religion dar und
gewann bald Einflu, den er, eingestandenermaen, gegen die Ketzer
Isenberg und Krapf verwandte, soda diese mit Recht seinem Einflusse ihre
Verjagung aus Adoa zuschreiben. Sapeto besuchte nun die abessinischen
Kirchen, schlo sich dem Gottesdienst an und geberdete sich in Allem als
abessinischer Christ und arbeitete nicht ohne Erfolg. Er machte 22
Proselyten, die jedoch spter wieder zu ihrer Landeskirche zurcktraten.
Ehe er Abessinien verlie, bewog er den Etscheg, das Oberhaupt der
abessinischen Mnche, einen Brief an den Papst zu schreiben, dessen Primat
als Nachfolger Petri die Abessinier im Allgemeinen anerkennen, ohne ihm
jedoch eine Macht ber ihre Kirche einzurumen. Die verschiedenen
Sendungen der franzsischen Regierung trugen ohnehin dazu bei, das Werk
der rmischen Mission in Adoa zu frdern, und so entschlo sich denn der
Papst, mit noch grerem Nachdrucke aufzutreten. Der Pater de Jacobis, ein
Piemontese von Geburt und frher Beichtvater der Knigin von Neapel, ein
durch groe Kenntnisse und geistige Gaben ausgezeichneter Mann, ging mit
sechs Gefhrten nach Adoa, wo er bei Ubi zu bedeutendem Einflusse
gelangte und von diesem mit der Gesandtschaft betraut wurde, welche 1841
den neuen Abuna Abba Salama abholen sollte. Whrend de Jacobis weiter nach
Rom ging, wo er einige junge Abessinier als "Gesandte des Knigs von
Aethiopien an den Papst" vorstellte, agitirte der junge Abuna hinter
seinem Rcken und griff zu allen mglichen Mitteln, um die katholischen
Proselyten wieder zur Landeskirche zurckzubringen, was ihm auch gelang,
soda Jacobis nach seiner Rckkehr in Adoa sich darauf beschrnken mute,
seiner zahlreichen Dienerschaft im Missionshause Gottesdienst zu halten.
Wie der Abuna ber den katholischen Missionr dachte, sieht man aus einem
Schreiben, welches er 1843 an Isenberg kurz vor dessen Abgang richtete und
in welchem es heit: "Wenn Sie selbst den "Jakob" vertreiben knnen _und
dann in Ruhe hier bleiben_, so wird Alles gut gehen; wenn Sie das aber
nicht knnen, so werde ich auch ihm nicht erlauben, in unserm Lande zu
bleiben. Wenn ich ihn aber vertreibe, so werden wir verhat werden, und
man wird sagen, ich sei ein Freund der Englnder. Wenn Sie mir aber sagen,
ich solle ihn vertreiben, so will ich ihn vertreiben." Die Katholiken
hatten eine lange Zeit in Abessinien wirken knnen, denn erst im Frhjahr
1855, als Theodor ber seinen Gegner Ubi siegte, wurden sie von ersterem,
dem es an der Einheit der Staatskirche lag, verjagt. Justin de Jacobis
sollte Anfangs getdtet werden, allein Theodoros lie sich durch den Abuna
bestimmen, ihn einfach ber die Grenze zu weisen und mit 100
Stockstreichen zu bedrohen, wenn er wieder nach Habesch kommen sollte.
Theodoros hielt sich zu diesem Schritte berechtigt, so lange der Papst in
Rom anders lehrende Priester in seinem Gebiete und seiner Kirche nicht
dulde und weil er neben seinem eigenen Papste (dem Abuna) einen fremden
nicht zulassen knne. Die Anhnger der rmisch-katholischen Kirche muten
zum abessinischen Glauben zurckkehren, und so war die siebzehnjhrige
Thtigkeit derselben mit einem Schlage vernichtet. Jacobis zog sich nach
dem Grenzorte Halai zurck, wo er am 31. Juli 1860 starb. Indessen sollen
noch mehrere Gemeinden in Okulekusai und das Hirtenvolk der Irop zu den
eifrigen Anhngern der katholischen Mission zhlen. Auch in der Provinz
Agami und Bogos (zu Keren) waren Jesuiten angesessen, und mehr als 30
eingeborene Priester, die fr das Land sehr gebildet sind, breiteten den
Glauben um so eifriger aus, da sie als Landeskinder nicht das Mitrauen,
das jeden Fremden empfngt, zu bekmpfen hatten. Die Kirchen wurden
fleiiger besucht, die Ehen regelmiger geschlossen und das Volk darum
schon eher fr den Katholizismus gewonnen, weil die Jesuiten namentlich
den Mariendienst stark kultivirten, der den Abessiniern zusagt. Allein
gegen die Feindschaft Theodor's und des Abuna konnten auch die Katholiken
nicht aufkommen, und ihre Mission hatte ein Ende. _Der sechste milungene
Versuch._

Zu derselben Zeit nun, als die Katholiken aus Abessinien vertrieben wurden
und dort die groen politischen Umwlzungen stattfanden, welche Theodor
ans Ruder brachten, beschlo Bischof Gobat die protestantische Mission,
die in Tigri seit 1838 unterbrochen war, abermals zu erneuern und sandte
zu diesem Zwecke Ludwig Krapf, den unermdlichen Kmpfer, und _Martin
Flad_, gleich jenem ein Wrttemberger, im Dezember 1854 nach Abessinien.
Die Sendboten landeten am 20. Februar 1855 zu Massaua. Hier traf nun bald
der flchtige de Jacobis ein, dessen Stelle zu besetzen die
protestantischen Missionre sich schleunig anschickten. Alles stand fr
sie gnstig; sie brachen ins Innere auf und fanden den Knig im Lager in
der Nhe von Debra Tabor, der sich ungemein freundlich gegen die
Missionre benahm. Da er die Protestanten schtzen, die Katholiken aber
keineswegs dulden wolle, war eine angenehme Nachricht fr Krapf, der
sofort seine Geschenke auspackte. Diese bestanden in einem gyptischen
Teppich, einem Revolver, einem silbernen Becher, einem Taschentuch, auf
dem eine Flaggenkarte abgedruckt war, und aus einer Bibel in amharischer
Sprache. Das Taschentuch freute den Knig sehr, und als er bemerkte, da
die Flagge von Jerusalem nicht in der Mitte stehe, fragte er nach der
Ursache. Krapf theilte nun dem Knige mit, da Bischof Gobat ihm eine
Anzahl christlicher Handwerker, Bchsenmacher, Schmiede u. s. w. schicken
wolle. Dieser Plan fand gnstige Aufnahme, um so mehr als der Knig
bereits die Absicht hatte, nach Deutschland, England und Frankreich zu
schreiben, um sich von dort Arbeiter kommen zu lassen. Die Freiheit der
Religion wurde diesen Leuten ausdrcklich gewhrleistet, eine
Missionsthtigkeit unter den christlichen Abessiniern ihnen jedoch nicht
gestattet. Krapf und Flad zogen hierauf ber Wochni, Metemm und Sennar,
den Nil abwrts nach Europa, wo sie Bericht ber ihre Reise erstatteten.
Schon im April 1856 gingen denn unter Flad's Leitung mehrere Laienbrder
aus dem Chrischona-Institute bei Basel nach Abessinien. Sie wurden Anfangs
gut aufgenommen und zu Dschenda bei Gondar und Gafat bei Debra Tabor
angesiedelt. Ihre sptere Wirksamkeit fllt indessen mit der politischen
Geschichte des Knigs Theodoros zusammen, weshalb wir hier darauf
verzichten, sie zu schildern. Wohl waren sie als Handwerker thtig,
indessen konnten sie fr die Ausbreitung des Protestantismus so gut wie
gar nichts thun, und ihre Anwesenheit in Abessinien bezeichnet den
_siebenten milungenen Missionsversuch_. Gleich ihnen waren auch die etwas
spter eintreffenden Judenmissionre _Stern_ und _Rosenthal_ unglcklich,
deren Beginnen als der _achte miglckte Versuch_ hier angefhrt werden
mu.

                              --------------

Wohl ist das Missionswerk ein preiswrdiges, wohl verdienen jene Mnner
wegen ihres Eifers, ihrer unermdlichen Ausdauer unser Lob. Allein von
Migriffen waren die wenigsten frei und das stete Einmischen in die
politischen Verhltnisse des Landes ein arger Fehler. Auch ist ihr Blick
selten vorurtheilsfrei den gegebenen Verhltnissen gegenber gewesen und
leere Hoffnungen traten stets an die Stelle wirklicher Erfolge. Reisende,
die ungetrbten Blickes Land und Leute kennen lernten, waren deshalb auch
ferne von den gleichen argen Tuschungen und stellten mit seltener
Einmthigkeit das Erfolglose der Missionsbestrebungen in Abessinien dar.
Allein ihre klaren, fr uns unumstlichen Anschauungen und Beweise haben
fr die Missionre nicht die geringste Geltung, die beim Buchstaben der
Schrift stehen bleiben. Doch halten wir mit dem eigenen Urtheile zurck
und lassen wir die Aussprche einiger der bewhrtesten Reisenden ber die
Missionen in Abessinien folgen.

_Werner Munzinger_ ist mit der Handwerkermission, insofern dieselbe
einfach Bildung verbreiten hilft, einverstanden. "Abessinien aber
protestantisch machen zu wollen, fhrt er fort, das wre ein Beginnen, so
radikal allem Hergebrachten ins Gesicht schlagend, da die Leute, denen
man pltzlich ihren frommen Glauben und besonders die Verehrung der Mutter
Gottes rauben wollte, von allem Christenthum abwendig wrden. Das
rcksichtslose Abreien wrde sie so stutzig und verwirrt machen, da sie
das Kind mit dem Bade ausschtten und den Glauben allen zusammen, sogar an
Gott, wegwerfen wrden, und mit der Verkndigung einer Religion, die keine
Verwandtschaft mit dem hat, was bis jetzt fr schnes goldenes
Christenthum galt, wird allein ein krasser, gedankenloser Unglaube
gepflanzt, der dem Volke den moralischen Halt nimmt, den ihm sein alter
Glaube verliehen hatte. Wo aber ein Volk einmal den Glauben der Apostel
rein bewahrt zu haben glaubt, da darf man des Systemes halber nicht in ein
Extrem fallen; man mu nur das Mgliche versuchen, nur das Mgliche ist
gut."

Weit unumwundener spricht sich _Alfred Brehm_ aus. Er schreibt: "Die
Bemhungen der Missionre sind zeitweilig von groen Erfolgen gekrnt
gewesen. Zeitweilig, sage ich, das heit, so lange die Mission Geschenke
der verschiedensten Art, namentlich Schnaps und Wein, zu verabreichen
hatte. Je mehr aber der Vorrath an diesen beliebten Getrnken abnahm, um
so lauer wurden auch die Christen, und in den Zeiten der Drre benahmen
sie sich regelmig so, als wren sie niemals Christen gewesen. Es geht
hier eben wie fast berall, wo christliche Missionre wirken: sie gewinnen
in kurzer Zeit eine Menge Leute, welche sich dazu verstehen, einige
Gebruche des Christenthums nachzuffen! Da man sich in der Lehre, wie in
der Ausbung auf Aeuerlichkeiten beschrnkt, versteht sich ganz von
selbst. - - Es verdient endlich einmal gesagt zu werden, da die
christlichen Missionen in Afrika in Glaubenssachen eben nichts anderes
bewirken, als berspannten oder glaubenskranken Europern eine gewisse
Genugthuung zu geben."

Der klar blickende _Baker_, welcher in Galabat mit ein paar von den
Chrischona-Missionren zusammentraf, unter denen sich ein Grobschmied
befand, machte ihnen bemerklich, da daheim in Europa ein sehr groes Feld
fr die Missionsthtigkeit offen liege und da es sicherer und besser sei,
dieses zu bebauen. "Ich konnte aber den Grobschmied, dessen Kopf so hart
wie sein Ambo war, nicht berzeugen. Er hatte sich vollstndig
eingeredet, da das Wort Gottes der Hammer sei, mit dem er, seinem
Handwerk entsprechend, seine Ansichten von der Wahrheit den Leuten in die
dicken Schdel treiben msse. Ich rieth ihm wieder zu seinem Handwerk zu
greifen, das ihm mehr Respekt verschaffen werde als sein Predigen. Er
antwortete, das Wort Gottes msse in allen Lndern gepredigt werden; der
Apostel Paulus sei auch Gefahren und Schwierigkeiten begegnet, aber er
habe nichtsdestoweniger gepredigt und die Heiden bekehrt. So oft ich einem
bermig unwissenden Missionr begegnet bin, hat er sich immer mit dem
Apostel Paulus verglichen."

Endlich urtheilt der fromme und religise _Zander_, hart aber wahr,
folgendermaen: "Alle abessinischen Missionen, die bisher hier waren,
haben ihre Aufgabe durchaus falsch angegriffen, indem sie sich an die
Erwachsenen wandten. Das Volk knnte nur einzig und allein dadurch gehoben
werden, da man sich der Kinder von frh auf sorgfltig annhme und sie
gut erzge. Eine Mission, die sich ungehindert dieser Aufgabe hingeben
wrde, knnte unendlichen Segen und Nutzen stiften, allerdings nicht fr
die Gegenwart, wohl aber fr die Zukunft. Doch die bisherigen Leiter aller
Missionen sammt ihren Gehlfen waren rein unfhig, eine solche Aufgabe zu
vollfhren, und die Missionshupter wurden stets von Eitelkeit, Hochmuth
und grenzenloser Selbstsucht regiert. Sie schtteten stets das Kind mit
dem Bade aus."

Diese vorurtheilsfreien Stimmen, neben welchen leicht noch viele hnlich
lautende Aussprche angefhrt werden knnten, mgen zur Bildung eines
Urtheils ber das abessinische Missionswesen gengen.





  [Illustration: Abessinierin, Getreide reinigend. Originalzeichnung von
  Eduard Zander.]





               DER ACKERBAU UND DIE VIEHZUCHT ABESSINIENS.


                            Von Eduard Zander.


         Die Kulturflche Abessiniens. - Die Getreidearten, ihre
     Anpflanzung und Verwendung. - Gewrze, Gemse, Wein, Baumwolle,
         Gescho. - Ernteertrag. - Nuk. - Einfelderwirthschaft. -
    Ackerwerkzeuge. - Regenzeit. - Bewsserung. - Soziale Stellung der
    Landleute. - Die Viehzucht. - Die Regierung und der Grundbesitz. -
    Das Frohnwesen. - Steuern. - Wiesen und Moorgrund. - Bienenzucht.
      - Aussicht fr europische Ansiedelungen. - Die Wohnungen der
                   Landleute. - Die Mhlen Abessiniens.


Abessinien besitzt sehr viel Land, welches sich vortrefflich zum Anbau
eignet; jedoch kann man mit Sicherheit annehmen, da von allem
kultivirbaren Boden kaum die Hlfte benutzt wird, soda ungefhr von der
gesammten Bodenoberflche kaum ein Drittel bebaut erscheint.

Die zwischen 8000 und 10,000 Fu ber dem Meere gelegenen Hochlnder, wie
Semin, die Wasserscheide des Rothen Meeres und Nilgebietes, Begemeder,
das Innere von Godscham, namentlich die Gebirge um die Quellen des Blauen
Nil, Sebit, Woadla, Daunt, Talanta, Lasta, Jedschu Wollo und Schoa sind
meist eben und abwechselnd mit sanften Hgeln und Hhen bedeckt, die eine
zwei bis acht Fu mchtige, sich nie erschpfende Humusdecke tragen. In
allen diesen Lndern wird, manchmal bis zu 11,000 Fu hinaufreichend, die
vierreihige Gerste kultivirt, whrend die zweireihige nur zwischen 7000
und 8000 Fu Meereshhe angebaut wird. Die verschiedenen Arten des
Weizens, unter denen die Eidscha genannte die vorzglichste ist, gedeihen
nur zwischen 8000 und 9000 Fu; in derselben Hhe kommt der Flachs am
besten fort, obwol er bis zu 6000 Fu hinabgeht. Die Flachsbereitung zu
Webereien kennt der Abessinier nicht; er baut das ntzliche Gewchs nur,
um aus den Samen zur Fastenzeit ein Lieblingsgericht herzustellen. Die
Bereitung desselben ist sehr einfach. Man rstet zunchst die Samen in
einem flachen Tiegel ber Feuer, doch nicht zu stark, und zerstt sie
hierauf in einem hlzernen Mrser sehr fein. So zubereitet lt sich die
gestoene Masse in Kugeln formen und fr lange Zeit aufbewahren. Um aus
diesen ein Leingericht herzustellen, werden einige Kugeln in Wasser zu
einer dicken Suppe zerrhrt, und in diese taucht der Abessinier seine
gesuerten, dnn gebackenen Brote. Fr weitere Reisen ist diese Speise
auerordentlich praktisch, ja fast unschtzbar; ich selbst habe mich
derselben hufig bedient und kann nur sagen, da sie eine wohlschmeckende
ist. Linsen und Saubohnen gehen bis zu einer Hhe von mehr als 9000 Fu.
Als Gemse werden in dieser Hhe angebaut: Kohl, Senf und Knoblauch.

Zwischen 6000 und 8000 Fu Meereshhe finden wir auch ganz vortreffliche
zum Ackerbau geeignete Landschaften: Hamasin und Serawi mit durchgngig
urbarem Boden, liegen 7000-7500 Fu ber dem Meere; die Distrikte Dixan,
Adigrat, Schumnesani, Hausin, Faresmai, Adoa, Okulekusai, Adiarwate,
Schiri, Tembin, Axum, Auker, Enderta u. s. w., die zu Tigri gerechnet
werden, und von Amhara: Bellesa, das niedere Woggera, ganz Dembea, das
niedere Begemeder, Dakussa, Halefa, das niedere Lasta u. s. w. In den
genannten Lndern auf einer Hhe von 7000 bis herab zu 5500 Fu gedeihen
vorzglich folgende Getreidearten: Tif, das werthvollste und
wohlschmeckendste Korn, von dem viele Abarten gebaut werden; Mais oder
Maschilla, der gleichfalls in verschiedenen Varietten vorkommt; Dakuscha,
die besonders zur Bierbereitung dient; Nuk, dessen Samen ein
vortreffliches Speisel liefert und der in groer Menge angebaut wird.
Schimbera, eine Wickenart; Erbsenarten; Saubohnen; als Gemse gelten:
viele Melonensorten, spanischer Pfeffer, Zwiebeln, Kohl u. s. w.

Von 5000 Fu bis zu 3000 Fu ber dem Meere werden noch besonders Mais und
Dakuscha gebaut, die dort vorzglich gedeihen. Dann Schimbera, spanischer
Pfeffer und besonders Melonen. Auch kommt die Baumwolle gut fort.

Nach diesem flchtigen Umri, der nur dazu dient, die Kulturpflanzen nach
der Hhe ihres Standpunktes und Vorkommens ber dem Meere anzufhren, gehe
ich ausfhrlicher auf deren Nutzbarkeit und Anwendung, deren Ertrag und
Preis, sowie auf Saatzeit und Ernte einer jeden ein.

_Gerste_ kommt zwei- und vierzeilig vor; letztere wird zwischen 8000 und
11,000 Fu angebaut; da sie gegen Klte und rauhe Witterung nicht so
empfindlich ist wie die erstere, lt sich ihre Kultur mit mehr Gewinn
betreiben. Allein sie hat sehr dicke Hlsen und deshalb geben die Krner
nicht viel Mehl, nmlich 16 Metzen Gerste nur 10 Metzen Mehl. Wenn, wie
gewhnlich, im Mrz und April einiger Regen gefallen ist, findet die
Aussaat statt. Ende Juni folgt dann eine - meist mirathende - Nachsaat.
Jedoch ist die Aussaat nicht berall gleichzeitig. So set man im
Hochlande von Wollo die Gerste fast zu jeder Zeit. Gewhnlich fllt die
Ernte Mitte Oktober bis Ende November; auf den Hhen ber 11,000 Fu aber
in den Dezember. Unregelmige Aussaaten und Ernten sind von der Lage und
Hhe des Feldes abhngig. Die gewonnene Gerste wird zur Bierbereitung und
zum Brotbacken benutzt. Die _Gerstenbrote_ sind 2-3 Linien dicke,
anderthalb Fu im Durchmesser haltende runde Kuchen. Der Teig zu denselben
wird sehr dnnflssig angestellt, einer zwlfstndigen Ghrung berlassen
und ist dann sofort zum Backen geeignet. Die flssige Masse wird in eine
flache, thnerne Schssel gegossen, mit der Hand gleichmig vertheilt,
mit einem gewlbten Deckel berdeckt und in einer Minute ber freiem Feuer
gar gebacken. Diese Art der Bereitung von gesuertem Brote wird bei allen
Getreidearten ohne Ausnahme angewandt.

Zur _Bierbrauerei_ wird die Gerste ohne vorheriges Malzen schwach braun
gerstet, dann grob gemahlen, das erhaltene Mehl in einen groen thnernen
Krug geschttet und unter stetem Umarbeiten so viel Wasser zugegossen, bis
das Ganze in einen nicht zu dicken Brei verwandelt worden ist. Nun wird
auf folgende Art die eigentliche Wrze bereitet. Man quellt Gerste in
einem Thonkruge 24 Stunden lang, schttet das Wasser davon ab und
schichtet das gequollene Getreide in einem spitzen Haufen auf, den man mit
Gras oder Laub dicht zudeckt und mit Steinen beschwert. Dieser bleibt so
lange in Ruhe, bis die Gerste 2-3 Zoll lange Keime getrieben hat; dann
trocknet man diese schnell und bewahrt sie auf. Dieses Malz wird zur
Bierbereitung nun auf folgende Art verwendet. Man nimmt auf 32 Metzen
gerstetes Gerstenmehl  Metze Malz, das vorher zu Mehl zerrieben und, mit
3 Metzen gerstetem Gerstenmehl vermischt, zu Teig angerhrt ist. Diese
Masse lt man kurze Zeit ghren und bckt aus dem so erhaltenen Teige
dnne brotartige Kuchen, die am Feuer hart getrocknet und in kleine
Stckchen zerbrckelt werden. Die Quantitt derselben und das gerstete
Gerstenmehl stehen in einem genauen Verhltnisse. Die gemischte Masse wird
in ein trichterfrmiges Pferdehaarsieb, das auf einem Thonkruge steht,
gestellt, dann Wasser darber gegossen und nun unter fortwhrendem
Wasserzugieen so lange durchgerhrt, bis aller Mehlstoff, mit
Zurcklassung der Hlsen, in den Krug geflossen ist. Nach vier bis sechs
Stunden tritt in dem mit Wasser noch verdnnten Inhalte des Kruges Ghrung
ein und das Bier ist zum Trinken fertig. Biere von anderen Getreidearten,
wie Dakuscha oder Mais, werden auf dieselbe Weise bereitet. In Thonkrgen,
deren Deckel mit Lehm und frischem Kuhmist verstrichen sind, hlt sich das
Gebru oft geraume Zeit.

Der _Weizen_ wird zwischen 7000 und 9000 Fu ber dem Meere angebaut. Die
Saatzeit fllt mit jener der Gerste zusammen; die Ernte ist etwas spter.
Wie schon bemerkt wurde, kultivirt man verschiedene Sorten. Die
gewhnliche Benutzung des Weizens ist zur Bereitung von Hampascha-Brot,
dessen Teig mit Bierhefe angestellt, dick und steif ausgewirkt und zu
Broten von 1 Zoll Dicke, aber beliebiger Gre, verbacken wird.

_Dakuscha_ (_Eleusine_) wird zwischen 3500 und 6500 Fu gebaut, ist aber
besonders in den Hhen zwischen 4000 und 5000 Fu sehr ergiebig. Dieses
Getreide dient vorzglich zur Bier-, weniger zur Brotbereitung; verbckt
man es jedoch, so sind die warmen Kuchen sehr wohlschmeckend und nhrend.
Die Saatzeit fllt Anfang Mrz; die Ernte in den November und Dezember. Es
giebt schwarze und weie Dakuscha.

_Tif_ oder Tef (_Eragrostis_), zwischen 5500 und 7500 Fu gebaut, ist das
beliebteste, in einer Menge Arten vorkommende Getreide Abessiniens und das
aus diesem bereitete Brot das allerwohlschmeckendste im Lande, besonders
das rein weie. Die Saatzeit richtet sich nach den verschiedenen Sorten.
Sie fllt von April bis Mitte Juni und danach die Ernte von Ende September
bis Anfang November.

_Mais_ oder Maschilla, in verschiedenen Sorten gebaut zwischen 3000 und
7000 Fu, gedeiht am besten zwischen 3000 und 5000 Fu, wo er oft zwei-
und dreihundertfltigen Ertrag liefert. Man verwendet ihn zum Brotbacken
und zur Bierbereitung. Die Aussaat beginnt im April, die Ernte fllt - je
nach Sorte und Standort - in den November und Dezember; in Woro Haimano
gar schon zu Anfang Oktober.

_Schimbera_ (_Lathyrus_), eine Wickenart, zwischen 4000 und 7000 Fu
angebaut, wird vorzglich zu Schiro, einem Lieblingsgerichte der
Abessinier, verwendet. Man rstet hierzu die Samen, enthlst sie auf der
Mhle, setzt spanischen Pfeffer, gerstete Zwiebeln und Salz zu und mahlt
die ganze Masse zu Pulver. In siedendes Wasser nach und nach eingerhrt,
mit Schmalzbutter oder Oel gefettet, bildet es ein gutes Gericht. Auch
backt man aus dem Mehle ungesuerte Kuchen, die als Reiseprovision
geschtzt sind. Die Saat beginnt gleich nach der Regenzeit - da die
Pflanze trockene Luft und Sonne liebt - also Anfang September. Wo die
Felder na und sumpfig sind, beginnt die Aussaat erst im Oktober oder gar
im November. Die Ernte erfolgt drei Monate spter. Man unterscheidet eine
weie und eine gelbe Schimbera.

Zwei Arten _Saubohnen_ und eine _Erbse_ werden wie die vorige verwendet.
Man baut sie zwischen 6000 und 9000 Fu, st zu Anfang Juli und erntet im
Oktober.

  [Illustration: Henset-Bananenpflanzung (_Musa Ensete_). Nach v.
  Heuglin (Natur 1861).]

Die _Linse_ kultivirt man zwischen 6000 und 9500 Fu. Die Saat derselben
erfolgt Anfang Juli, die Ernte Anfang Oktober. Gewhnlich enthlst man die
Linsen auf der Mhle, kocht sie, wrzt sie mit Pfeffer, Salz und Butter
und geniet sie auf diese Weise. Wo sie aber, wie in Woadla und Daunt,
viel gebaut wird, bckt man auch gesuertes Brot daraus, das allerdings
nicht sonderlich gut ist. _Eiwisch_, eine Bohnen- oder Kleeart, zwischen
6000 und 7000 Fu, wird im August gest und im Dezember geerntet. Die
abgekochten und fein zerriebenen, dann so lange umgerhrten Samen, bis sie
einen kleisterartigen Brei liefern, der mit Knoblauch und Pfeffer gewrzt
wird, sind die beliebteste Fastendelikatesse der Abessinier. _Atunkere_,
eine Schlingbohne, zwischen 5000 und 6500 Fu gebaut, im April gest,
Anfang November geerntet, wird wie die Linsen gegessen.

Der rothe oder _spanische Pfeffer_ ist das hauptschlichste und
beliebteste Gewrz der Abessinier, das diesen so unentbehrlich geworden
ist, da sie es handvollweise den Speisen beimischen. Die abgekochten,
aber fortwhrend feuchtgehaltenen Frchte werden auf der Mhle zu feinem
Pulver zerrieben, dann eine gleiche Quantitt gersteter, feingemahlener
Zwiebeln zugesetzt, einige wohlriechende, pulverisirte Pflanzen und Salz
beigemischt und die so bereitete Wrze aufbewahrt. Manchmal reibt man den
Pfeffer auch nur mit Salz und Wasser ab. Man baut den Pfeffer zwischen
4000 und 6500 Fu und bewssert ihn wohl; in Dembea wird er ohne
Bewsserung gezogen und Ende Oktober geerntet. Andere Gewrze sind
Sinjewil, eine beliebte, dem Pfeffer beigemischte Kalmuswurzel; gleich
dieser benutzt man noch Adees, eine Rubiacee, die Samen der Awoseda, einer
Umbellifere, und Schenadam, eine Labiate. Die Samen des Fto, welches
unserer Gartenkresse gleicht, werden gleichfalls gegessen; jene des Schuf,
einer Compositee, wie Schiro zubereitet. Dinnitsch ist ein Convolvulus,
dessen den Kartoffeln hnliche Wurzelknollen eine wohlschmeckende Speise
liefern.

Zu den _Gemsen_ bergehend, erwhne ich zunchst zwei sehr beliebte, wie
unser Raps aussehende Kohlarten, deren Bltter wie Spinat gekocht werden.
Im Tiefland gedeiht der Kohl nur in der Regenzeit bis zu Anfang Oktober;
im Hochland aber bis zu 10,000 Fu grnt er das ganze Jahr hindurch. Der
reichliche, lige Samen wird nur zur Aussaat und zum Einreiben der
Backschsseln benutzt, damit sich das Brot gut lse. Das einzige Gemse,
auf dessen Anbau die Abessinier neben dem rothen Pfeffer noch Flei
verwenden, sind verschiedene Melonenarten, die nicht roh, wohl aber
gekocht genossen werden. Die Samen legt man Anfang April; fehlen dann die
Regen, so mssen die jungen Pflnzchen bis zum Eintritt der Regenzeit
bewssert werden. Die Frchte beginnen Anfang September zu reifen. In
einigen Gegenden baut man auch vortreffliche Gurken (Wuschisch). Das
Gewrz Bello, eine Solanumart, dessen Samen hnlich wie der rothe Pfeffer
benutzt werden, kultivirt man besonders in Walduba bis zu 6000 Fu Hhe.
Man bedient sich seiner namentlich in den 60tgigen Osterfasten.

In der gleichen Zeit bildet auch der Knoblauch, der zwischen 7000 und 8500
Fu hufig gebaut wird, einen betrchtlichen Handelsartikel. Er wird dann
stark gegessen, und man sieht sehr oft, wie der Abessinier ganze Hnde
voll der rohen Zwiebeln hinabwrgt. Es kann nichts Unangenehmeres geben
als die Berhrung mit einem Knoblauchsfresser, dessen stinkender Athem
unertrglich ist. Die Reife des Knoblauchs beginnt im Januar und Februar.
Mit dem Ausgange der Regenzeit pflanzt man eine kleine, rothe, lngliche
Zwiebel; sie wird bewssert und reift zugleich mit dem Knoblauch. Ihre
Verbreitungsregion ist zwischen 5500 und 8000 Fu; der Handel damit sehr
bedeutend.

Die _Banane_ oder Mus (_Musa paradisiaca_) wird zwischen 5000 und 6500 Fu
kultivirt. Hher hinauf bis zu 7500 Fu kommt eine zweite ihr ganz
hnliche Art, die _Henset_, vor. Ihre kleinen Frchte sind aber nicht
ebar, dagegen liefern der fleischige Stamm und die starken Blattrippen im
gekochten Zustande eine nahrhafte, wohlschmeckende, den Kartoffeln
hnliche Speise. Diese Riesenpflanze liefert in manchen Gegenden die
Hauptnahrung der Bewohner. Sie wird angebaut von 5500 bis zu 8000 Fu ber
dem Meere.

Der _Wein_ kommt zwischen 5000 und 7500 Fu ber dem Meere vor, ist aber
nur sehr wenig in Abessinien verbreitet, doch von ganz vortrefflichem
Geschmack; ja, ich kann behaupten, da, wenn man denselben mit
europischer Umsicht, Geschicklichkeit und Pflege behandelte, er seines
Gleichen nicht finden wrde. Doch der Abessinier kennt weder Pflege noch
Wartung des edlen Gewchses, dessen Verschneiden ihm ein unbekanntes Ding
ist; er berlt die Rebe ganz sich selbst. Aber es giebt ungemein viel
Strecken im Lande, die unter verstndigen Hnden sich ganz vorzglich zur
Weinkultur eignen wrden. Man baut nur eine Sorte mit groen, blaubeerigen
Trauben, die je nach Stand und Ort von Anfang Mrz bis Mitte April reifen.
(Vergl. S. 57.)

Citronen, Pomeranzen, Pfirsiche gedeihen im verwilderten Zustande sehr
gut, sind aber wenig verbreitet. Eine Citronensorte, Trunki genannt,
erreicht die Gre eines Menschenkopfes; ihr angenehm schmeckendes Fleisch
ist sehr beliebt. Hier und da finden sich auch saure Granatpfel.

Die _Baumwolle_ wird nicht in dem Mae gebaut, um die Bedrfnisse des
Volkes decken zu knnen. Abermals ein trauriger Beweis von der
Unbetriebsamkeit und dem Unfleie der Abessinier! Und doch fehlt es nicht
an geeigneten Lndereien. Man knnte sehr leicht den achten Theil
Abessiniens mit der ntzlichen Pflanze bestellen - leider berlt man
denselben lieber den wilden Bestien als Tummelplatz. Zwischen 3000 und
5000 Fu gedeiht eine vorzgliche Qualitt, und dabei bezieht man
Baumwolle aus fremden Lndern!

Rauchtabak wird im Lande selbst gebaut und fabrizirt; Schnupftabak
dagegen, den man nicht zu bereiten versteht, von Massaua bezogen. Die
Summe, welche jhrlich aus Abessinien nach Massaua wandert, ist sehr gro,
und welchen Ersatz hat das Land fr das viele ihm entgehende Geld?
Antwort: keinen.

Die Bltter des _Geschobaumes_, die einen nicht unbetrchtlichen
Handelsartikel bilden, vertreten in Abessinien die Stelle des Hopfens und
werden beim Bierbrauen und bei der Herstellung des _Honigweines_ benutzt.
Letzteren bereitet man auf folgende Art. Auf ein Ma Honig giebt man fnf
Ma Wasser, splt das Wachs aus und giet die dnne Honigflssigkeit in
einen wohlgereinigten, sechs Ma fassenden Krug. Man fgt eine Hand voll
Geschobltter hinzu und lt das Ganze bei miger Wrme vier bis fnf
Tage ghren. Nun ist der Wein fertig - allein trinken darf ihn nicht
Jedermann, da er knigliches Monopol ist und der Herrscher den Genu
desselben nur seinen vorzglichsten Dienern und den Fremden gestattet.

Da der Abessinier weder Lust noch Liebe zur Arbeit und Thtigkeit hat, so
lt er all den genannten Kulturpflanzen nur wenig Pflege und Wartung
angedeihen; seine Felder, seine Anpflanzungen gleichen fast immer einer
Wildni. Liebe, Sinn fr die Natur und ihre Schnheiten sind ihm
unbekannt; wie sein Feld, so ist auch sein Sinn und Herz stets eine
Wildni.

Folgendes sind die _durchschnittlichen_ Ernteergebnisse, jedoch ist dabei
zu bemerken, da der Ertrag der Mais- und Dakuscha-Arten in den tiefer
gelegenen Lndern am Mareb, Takazzi und Nil nicht als Norm anzunehmen
ist, da hier der Ertrag, je nach der Bodengte, oft drei- und
vierhundertfltig ausfllt. Je _ein_ Scheffel Tif giebt 30, Mais 150,
Weizen 10, Dakuscha 20, Lein 24, Gerste 12, Linsen 6, Saubohnen 10,
Schimbera 8 und Nuk 40 Scheffel Ernteertrgni im Durchschnitt.

Nur eine einzige Oelfrucht, _Nuk_ (_Guizotia olifera_) wird zwischen 5000
und 7000 Fu angebaut. Die Aussaat beginnt mit dem Eintritte der Regenzeit
zu Anfang Juli und 1 Scheffel liefert 30-40 Scheffel Ertrag. Das Nukl ist
sehr wohlschmeckend und dient in der Fastenzeit statt der dann verbotenen
Butter. Um das Oel zu gewinnen, werden die Samen zuerst schwach gerstet,
fein gestampft und unter Wasserzusatz bei stetem Umrhren unter
Beibehaltung einer Wrme von etwa 50 R. ber dem Feuer erhalten. Alsdann
scheidet sich das Oel aus, von dem die Samen etwa 35 Prozent enthalten.

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Der Abessinier hat durchschnittlich eine _Einfelderwirthschaft_ und nur
hier und da Zweifelderwirthschaft. Er dngt nicht, obgleich er den Nutzen
der Felderdngung sehr gut kennt. Allein seine Unlust zur Arbeit und
sonstigen Thtigkeit, seine Stellung zur Regierung sind fr ihn
Hindernisse, die er niemals zu berwinden vermag. Diese Indolenz wird
vorzglich durch die Gre und durch den Reichthum seines Landbesitzes
genhrt, denn schon wenn der vierte Theil der Felder bestellt ist, sind
die Lebensbedrfnisse des Besitzers gesichert. Gewhnlich liegt der dritte
Theil brach; wo der Boden sehr humusreich ist, bestellt man jedoch nur die
Hlfte. Man mu die traurigen Zustnde mit eigenen Augen gesehen haben, um
einen Begriff von Brachfeldern zu erhalten, die drei Jahre, ohne vom
Pfluge berhrt zu werden, wst liegen!

Ein solches "Ackerfeld" gleicht gewissermaen einer gut aufkeimenden
Waldung, denn die wilde Vegetation wuchert in Abessinien ungemein schnell;
man scheut auch das Ausroden der Strnke und Wurzeln und begngt sich
damit, die Baumstmme 1-2 Fu ber dem Boden abzuhauen. So sieht man die
Felder mit groen und kleinen, oft Jahrhunderte alten Stmmen und Wurzeln
bedeckt. Und nun erst die Steine, die gro und klein, oft so dicht, da
man kaum den Boden erkennt, ber den Acker zerstreut liegen! Nicht einmal
den kleinsten Stein entschliet sich der Abessinier auf die Seite zu
schaffen. Wie viel gutes Ackerfeld geht also auch hierdurch verloren!

Naht die Zeit heran, da diese Ackerwste bestellt werden soll, so sendet
der Eigenthmer oder Bauer seinen Knecht dorthin; hat er Lust dazu, so
geht er auch wol selbst auf das Feld. Dort angelangt, besteht die einzige
Arbeit darin, das aufgewucherte Gestrpp, Strauchwerk und Holz
niederzuhauen. Dies geschieht gewhnlich gleich nach der Ernte im
November, Dezember, Januar, und von dieser Periode bis zur Bestellzeit hat
das abgehauene Reisig Zeit auszutrocknen; alsdann wird es in Brand
gesetzt. Leicht und oft ereignet es sich nun hierbei, da auch die
benachbarten Wildnisse Feuer fangen und ein groer Brand ber viele Meilen
Landes sich verwstend erstreckt. Die von dem verbrannten Holzwerk
zurckgebliebene Asche macht die einzige Dngung des Landes aus. Stellen
sich dann die ersten Regengsse ein, so wird der Pflug angesetzt und der
Boden hintereinander zweimal umgepflgt, einmal der Lnge und einmal der
Breite nach. Die Saat wird schon vorher ausgestreut und mit untergepflgt;
eine nachherige Aussaat kennt der Abessinier nur bei Tif und Dakuscha,
bei welchen die Hnde der Weiber und Kinder dann das Geschft des Eggens
besorgen. Da, wo bei herrschender Zweifelderwirthschaft die Felder von
Holz und Gestrpp frei sind, werden dieselben zweimal gepflgt; einmal
gleich nach der Regenzeit und das zweite Mal bei der Aussaat. In den
Hochlndern, wo Holzwuchs und Gestrpp seltener, ja in vielen Gegenden gar
nicht anzutreffen ist, hat der Bauer leichteres Spiel, namentlich beim
Gerstenbau.

Das einzige Ackerwerkzeug ist der _Pflug_, aber was fr ein Pflug! Ist die
Umackerung und Einsaat vollendet, so gleicht die ehemalige Wste einem
Felde, das von einer Herde Schweine durchwhlt wurde. Lange Furchen zieht
der Abessinier nicht; schon nach 20-30 Schritten lenkt er wieder um,
vollendet so ein gewisses Stck und beginnt da, wo er abgesetzt, von
Neuem. Man stelle sich vor, wie viel von dem bereits fertig gepflgten
Lande von den Zugthieren wieder zertreten wird. Letztere sind Ochsen, die
in einem gemeinschaftlichen Joche gehen und nur durch die Stimme oder
Peitsche des Pflgers gelenkt werden. Da sie zgellos sind, so wenden sie
sich bald rechts, bald links und ziehen demgem krumme Furchen.(2) Egge
und Walze sind in Abessinien unbekannte Dinge. Tritt nun die eigentliche
Regenzeit ein, dann grnt das Feld lustig von Unkrutern und
Schmarotzerungethmen, die von den Frauen und Kindern ausgejtet werden
mssen.

Im Hochlande, namentlich auf den Plateaux, trifft man dagegen, weil auf
diesen Punkten das Gestrpp mangelt, ungeachtet des unbehlflichen Pfluges
trefflich kultivirte und gereinigte Felder an.

Tritt die Erntezeit ein, so wird alles Getreide mit gezhnten Sicheln
geschnitten und zwar nur eine Spanne lang unter der Aehre. Sensen sind in
Abessinien unbekannt. Der Strohverlust kmmert den Abessinier nicht; er
bindet das Getreide auch nicht in Garben, sondern wirft es auf Haufen, die
an Ort und Stelle mit langen Stcken ausgedroschen oder von Ochsen
ausgetreten werden. Nachdem das meiste Stroh entfernt, reinigt man das
Getreide durch Emporwerfen mittels hlzerner Gabeln; der Wind vertritt
Wurfschippe und Sieb, doch bedient man sich in einzelnen Gegenden auch
hlzerner Schaufeln. Um die mhsame Reinigung von 6-8 Scheffeln Getreide
zu vollenden, braucht ein Mann einen ganzen Tag. Scheunen giebt es nicht
und selbige sind auch weniger nothwendig, da nach Schlu der Regenzeit
kein Regen mehr eintritt.

Die eigentliche _Regenzeit_ beginnt nach europischer Zeitrechnung am 24.
Juni, nach abessinischer am 1. Juli und endigt mit dem 8. September.
Whrend dieser Periode regnet es alltglich im Tieflande. Vormittags
herrscht meistens Sonnenschein, Nachmittags treten starke Regengsse,
begleitet von heftigen Gewittern unter Donner und Blitz ein; die Nchte
sind heiter. Im Hochlande dagegen sind die Regen feiner, wie unsere
Landregen, und ihr Eintreten ist sehr unregelmig. Bald regnet es frh,
bald Mittags, bald Abends, oft die ganze Nacht oder den ganzen Tag ohne
Aufhren hindurch. Gewitter sind im Juli selten, im August hufiger,
besonders zu Ausgang der Regenzeit. Auf den Hhen zwischen 12,000 und
14,000 Fu fllt gewhnlich ein feiner Hagel; allein, wenn die Sonne
einige Vormittage geschienen, so verschwindet derselbe bald wieder. Stellt
sich, was gewhnlich der Fall ist, in den Monaten Dezember, Januar,
Februar einiger Regen ein, so schneit es im Hochlande. Auch das Tiefland
kennt in der Regenzeit starken Hagel und ich sah daselbst Schloen von der
Gre eines Taubeneies.

                              --------------

Ist eine Ackerwste nur einigermaen fruchtbar, so erzielt man von Tif in
zwei Jahren zwei Ernten, da dieses Getreide mit geringem Boden vorlieb
nimmt. Auer der Regenzeit wendet man beim Getreidebau auch die
_Felderbewsserung_ an, doch sind nur wenige und mangelhafte
Wasserleitungen vorhanden. Wrden durch vaterlndischen Flei,
Geschicklichkeit und Verstand diese Wasserleitungen vermehrt und
verbessert, was ohne bedeutende Kosten leicht geschehen knnte, welch
unberechenbarer Nutzen liee sich alsdann erzielen! Die Hhen zwischen
8000 und 11,000 Fu eignen sich indessen fr die Bewsserung nicht, da die
Nchte in den Monaten Dezember bis Mrz so kalt sind, da das Wasser
gefriert.

  [Illustration: Ackerpflug. Zeichnung von Robert Kretschmer.]

Die Hauptursache der Unlust und Unthtigkeit der Abessinier zu jeder
ackerbautreibenden Beschftigung liegt in ihrer Stellung zur Regierung.
Diese lt es sich auch nicht im Geringsten angelegen sein, den Bauer zur
Arbeit aufzumuntern, anzutreiben oder zu untersttzen. Der Regierung ist
es vollkommen gleichgiltig, ob die Leute Ackerbau treiben und wie sie
denselben treiben. Das Regiment war stets ein despotisches; erzielt der
Bauer viel, so nimmt die Regierung viel, erntet er wenig, so nimmt sie
trotzdem auch viel. Hierzu gesellen sich andere Lasten: stete
Einquartierung und _Frohndienste_ aller Art. In einer unbestimmten,
willkrlichen Anzahl von Frohntagen mu der Landmann die Aecker der
Regierung und der hohen Beamten bestellen; er mu Baufrohnen leisten, wenn
ein hoher Herr bauen will, und dazu das nthige Holz oft viele Tagereisen
weit auf dem Rcken herbeischleppen. Es kommt vor, da hundert Menschen an
einem einzigen groen Balken tragen mssen. Man bedenke dabei aber, welche
Wege zu berschreiten, welche Abgrnde zu passiren, welche Hhen zu
erklimmen sind! Gestrpp, Dornen, Steine, Alles hindert den Transport.
Gebahnte Wege und Straen besitzt das Land nicht. Auer dem Holze mu der
Bauer noch Steine, Stroh, Mrtel, Wasser und was sonst von Nthen zum Bau
herbeischaffen.

Eine Hauptlast, die schwer auf dem Volke drckt, ist der _Adel_. Es giebt
einen niederen, Mosseso, und einen hheren, Mokunnen, genannt. An sie
schlieen sich drckend an die Dienerschaft des Regenten, die Heerfhrer,
alle aus der Adelsklasse, endlich die Rthe und Minister. Alle diese
Menschen sind nicht von der Regierung besoldet. Der Herrscher giebt ihnen,
je nach Rang und Stellung, Lndereien, von denen sie gesetzliche _Steuern_
zu beziehen haben; allein sie alle, gro und klein, erlauben sich
Ausschreitungen und Bedrckungen, gegen die der Bauer wol klagt, doch die
Klagen gelangen nicht an den Thron. Oft wird der Landmann von diesen
liebenswrdigen Leuten bis auf die Haut ausgeplndert. Derjenige, welcher
vom Herrscher mit einem Lande belehnt wird, ist unbeschrnkter Herr ber
alle Bewohner desselben und die Gerichtsbarkeit liegt ganz in seinen
Hnden; diese wei er vortrefflich in seinem Nutzen auszubeuten, und nur
in halsnothpeinlichen Sachen ist der Regent Richter. Willkrlich darf der
Lehnsherr keine Steuern erheben, von denen der Regent brigens ein
Drittheil zu beziehen hat. Erhebt nun der Regent seine Steuerquote, so
kann jener in demselben Mae die seinigen einziehen. Sie bestehen in Geld,
Getreide, Baumwollenzeug, Vieh, Butter, Honig, Pfeffer, Salz und Zwiebeln.
Auch auerordentliche Steuern kennt Abessinien.

Werfen wir noch einen Blick auf die innere Wirthschaft des Abessiniers,
die der ueren vollkommen gleicht und Sorglosigkeit sowie Faulheit
erkennen lt. Betrachten wir zunchst den _Viehstand_. Man zchtet
Pferde, Maulthiere, Esel, Rindvieh, Ziegen, Schafe, Hhner. Die _Pferde_
und Maulthiere sind die einzigen Thiere, welche sich einiger Pflege zu
erfreuen haben. Erstere sind kurz und gedrungen, doch meist von gut
proportionirter Gestalt, krftig und feurig. Der Preis eines guten Pferdes
betrgt 40-50 Maria-Theresia-Thaler. Die _Maulthiere_ sind stark,
gedrungen, ausdauernd und in dem wildzerklfteten, weg- und steglosen
Lande fr den Reisenden von sehr groem Nutzen; auch wei der Abessinier
die Vorzge des Maulthieres vor dem Pferde wohl zu schtzen. Der Preis
eines sehr guten Exemplares steigt oft bis zu 100 Maria-Theresia-Thalern,
whrend man geringere mit 10-25 Thalern bezahlt. Die Pferde werden
eigentlich nur fr die Kavallerie verwendet.

  [Illustration: Rinderhirt. Zeichnung von Robert Kretschmer.]

Der _Esel_ gilt dem Abessinier als unreines Thier. Er erfreut sich weder
der Pflege noch der Zucht und doch ist sein Nutzen als Lasttrger ein
ausgedehnter und bedeutender. Das Los des armen Geschpfes ist ein recht
beklagenswerthes, namentlich jenes der Kaufmanns-Esel, die oft 20
Tagereisen weit ohne Unterbrechung von frh bis Abends schwere Lasten
schleppen mssen. Abends hat das Thier dann noch selbst fr seine Nahrung
zu sorgen. Der Preis ist gering, nmlich nur 2-3 Thaler.

_Rindvieh_ kommt in groer Menge vor. Die Ochsen werden im gemeinsamen
Joche vor dem Pfluge in den steinigen Feldern abgeqult und erhalten fr
die mhsame Arbeit keinerlei Dank. Futterkruter baut der Abessinier
nicht, die Thiere sind gleich dem Esel gezwungen, selbst ihre Nahrung zu
suchen, oder in der langen, trockenen Jahreszeit allein auf Stroh
angewiesen. Im Allgemeinen geben die Khe durch ihre Milch wenig Nutzen.
Nur whrend der Regenzeit, wo Nahrung in Hlle und Flle emporkeimt,
fliet diese Quelle reichlicher; aber vom Mrz bis oft in den Juni ist der
Milchertrag uerst gering, zumal die abessinische Kuh berhaupt keine
gute Milchkuh ist. Und doch eignet sich das Land ganz vortrefflich zum
Anbau der Futterkruter, die dort nicht den schdlichen
Witterungseinflssen ausgesetzt sind wie in meinem Vaterlande. Der
Abessinier besitzt weder die nthigen Kenntnisse noch die nthigen Gefe,
um sein unvollkommenes _Molkenwesen_ verbessern zu knnen; die
Ksebereitung ist ihm ganz fremd. Indem man die Klber ein ganzes Jahr und
darber sugen lt, wird auch viele Milch nutzlos vergeudet; um aber das
Kalb nach vier- oder sechswchentlichem Sugen absetzen zu knnen, fehlt
es wieder an Nahrung fr dasselbe. Zur Sonnenzeit, in den Monaten November
bis Juni, ist das Vieh von frh bis Abend den glhenden Strahlen
ausgesetzt und leidet darunter sehr; auch das trgt dazu bei, die
Rindviehzucht auf einer niedrigen Stufe zu erhalten. Trotzdem sind die
Preise der Thiere nach unseren Begriffen niedrig. Ein guter Zugochse gilt
3 Maria-Theresia-Thaler; eine neumilchende Kuh nebst Kalb 3-4
Maria-Theresia-Thaler; eine Kuh zum Schlachten, je nachdem sie fett oder
mager, 2-3 Maria-Theresia-Thaler. Das Rindvieh wird jeden Tag von frh bis
Abend auf die Weide getrieben und dort meist von kleinen Knaben gehtet,
die durchaus nicht darauf Acht geben, ob eine Kuh besprungen wird; so
ereignet es sich hufig, da trchtige Khe geschlachtet werden; ja, ich
habe gesehen, da man Khe geschlachtet hat, die nach zwei oder drei Tagen
geworfen haben wrden.

Von _Ziegen_ und _Schafen_ haben die Abessinier nur den Nutzen, welchen
deren Fleisch und Felle liefern. Nur in den Hochlndern kommt das Schaf
gut fort, es gedeiht in den tiefen und heien Gegenden nicht. Auf den
Plateaux dagegen finden sich Tagereisen lange Hutungen, die einzig zur
Schafzucht benutzt werden knnen. Die Wolle des abessinischen Schafes ist
noch grber als jene der lneburger Heidschnucken; sie ist meistens
schwarz, wird in einigen Gegenden gesponnen, gewebt und zu
Kleidungsstcken verwendet. Nicht im Geringsten kmmert sich der
Abessinier um die Veredelung der Schafzucht, er whlt keine Bcke und
Mtter aus und lt diese, nebst den Lmmern stets beisammen. Das Hmmeln
der Bcke ist unbekannt; Pferde, auer den Gestthengsten, Bullen und
Ziegenbcke werden dagegen verschnitten. Wie die Schafe wild beisammen
leben, so auch die Esel, das Rindvieh, die Ziegen. Der Preis der Schafe,
je nach Gre und Qualitt, betrgt fr 6-8 Stck 1 Maria-Theresia-Thaler.
Ihr Fleisch ist wohlschmeckend. Ziegen erhlt man fr denselben Preis nur
4-6 Stck, und zwei groe und fette, verschnittene Ziegenbcke kosten auch
1 Maria-Theresia-Thaler. Aus ihren Huten bereitet man Getreidescke ohne
Naht, auch Pergament, das jedoch meist aus Schafleder gemacht wird. Rauh
gegerbt dienen letztere auch als Kleidungsstcke.

Die Zucht der _gyptischen Hhner_ ist sehr im Schwange. Ein Huhn brtet
jhrlich fnf- bis sechsmal 15-17, also im gnstigsten Falle 100 Eier aus.
Anderes Geflgel, wie Gnse, Enten, Tauben u. s. w. ist unbekannt. Brchte
man sie jedoch hierher, so wrden sie besser gedeihen als in meinem
Vaterlande. Der Preis fr drei bis vier Hhner ist 1 Stck Salz oder fr
90-100 Stck 1 Maria-Theresia-Thaler. Das Kapaunen der Hhne, wiewol von
einigen Abessiniern verstanden, wird selten ausgebt.

                              --------------

Der Abessinier ist _fester Grundbesitzer_, und die Regierung kann ber den
Grundbesitz ihrer Unterthanen nicht willkrlich verfgen oder denselben
nach Gutdnken an sich ziehen, es sei denn durch rechtskrftigen Spruch.
Dieser letztere kann nur dann eintreten, wenn der Eigenthmer kinderlos
oder ohne Verwandte, nhere oder fernere, stirbt. Dann zieht die Regierung
die Lndereien des Verstorbenen fr ewige Zeiten an sich. Zeitweilig wird
die Regierung Besitzerin eines Grundstckes, wenn dessen Eigenthmer die
darauf lastenden Abgaben und Steuern nicht zu entrichten vermag. Sie
behlt dieselben so lange, bis diese bezahlt sind, oder bergiebt sie
unterdessen einem anderen Wirthschafter, der die schuldige Summe
vorstreckt, doch nur so lange, bis der rechtmige Eigenthmer wieder
zahlungsfhig ist und die vollstndigen Steuern entrichtet. Oft bernimmt
die Gemeinde dieses Geschft; Verkauf der Lndereien findet selten statt.

Hier wre wohl der Ort, einige Worte ber _Ansiedelungen_ vom Vaterlande
aus nach Abessinien einzuschalten. Unter der gegenwrtigen Regierung
knnen dieselben niemals stattfinden. Der Auswanderer, er komme woher er
wolle, kann wol hier in Abessinien Grundstcke kuflich erwerben, doch
vermag er niemals sichere Garantie fr deren dauernden Besitz zu erhalten,
denn alle Regierungen des Landes waren bis zum heutigen Tage
Willkrherrschaften. Beim Regierungswechsel ist der Ansiedler sicher zu
Grunde gerichtet, am gewissesten dann, wenn er das Land von einem
Einwohner kaufte, dessen Verwandte ihm seinen Erwerb bei der neuen
Regierung streitig machen knnen. Dann stellt sich gewhnlich heraus, da
der Verkufer nur zeitweiliger Besitzer der Lndereien war, und das
abessinische Recht giebt unter solchen Umstnden den Verwandten das Land
zurck. Etwas besser ist der Ansiedler daran, wenn er von der Regierung
ein Grundstck erwirbt und den Kaufabschlu unter Zuziehung von Zeugen in
das Kirchenbuch eintragen lt. Aber wie lange ihm das Land gesichert
bleibt, wei Gott allein!

Gesetz und Gerechtigkeit waren in Abessinien nur dem Namen nach vorhanden.
_Doch die gegenwrtige Regierung des vortrefflichen Kaisers Theodoros lt
schne Hoffnungen in meinem Herzen wach werden. Der liebe Gott wolle stets
ber meinem Kaiser, welchen ich von ganzer Seele lieb habe, seinen reichen
Segen und Frieden walten lassen. Amen!_

Zum Schlu noch einige Worte ber _Wiesen und Moorgrund_ Abessiniens.
Besonders die Hochlnder Semin und Woggera zeichnen sich durch schnen
und reichen Wiesengrund aus. Dembea, ein Tiefland, hat am Tana-See
unbersehbare Wiesenflchen, Begemeder im Hoch- und Tieflande; Sebit
besteht ganz aus Wiesen; hnlich verhlt es sich mit Woadla, Daunt und
Talanta. Am Fue des Kollogebirges in Wollo ziehen sich gleichfalls groe
Wiesenflchen hin. Schoa, Lasta und Godscham sind stellenweise reich
daran. Vergleichsweise mit diesen Hochlndern sind die Tieflnder arm an
Wiesenwuchs; doch ist ihr Gras nahrhafter und saftiger. Das Heumachen ist
ein den Abessiniern unbekanntes Ding, auch besitzen sie keinerlei
Werkzeuge zum Mhen der Wiesen. Steht im September das Gras hoch, so wird
alles Hausvieh auf die Weide getrieben, die meistens zertreten wird und
hchstens zwei Monate ausreicht. Sind so die reichen Weiden zerstrt, so
tritt bittere Noth und Hunger fr den Viehstand ein, ohne da die Menschen
dadurch zum Nachdenken veranlat wrden.

Auf fast allen Wiesen findet sich viel Moorgrund und Sumpf, die durch
vaterlndischen Flei und Geschicklichkeit leicht in Reisgefilde
umgeschaffen werden knnten. Jetzt liegen sie alle wst und nutzlos da.
Vor allem wren die Moorgrnde am Tanasee hierzu passend; sie knnten eine
Quelle des Reichthums fr das Land sein. Auch eine gute und verstndige
_Bienenzucht_ wrde bedeutenden Nutzen abwerfen, denn kein Land eignet
sich so vortrefflich zu derselben als Abessinien. Die Art und Weise, wie
sie bisher von den Eingeborenen betrieben wird, gleicht genau dem
liederlichen Verfahren im Ackerbau; trotzdem wird viel Honig und Wachs
gewonnen; letzteres wird meist ausgefhrt, ersterer zu Honigwein benutzt.
Die abessinische Biene ist kleiner als unsere europische Art. Schwrmt
ein Stock, oder wird der junge Schwarm ausgetrieben, so fliegt dieser oft
drei bis vier Tage weit, bis die Knigin in einem hohlen Baume oder einer
Felsenhhle einen passenden Ort zur Niederlassung ausfindig gemacht hat.

Hat der Zug seine Auswanderungsreise angetreten, so geht derselbe viele
Stunden weit rasch vorwrts, bis Mdigkeit der Knigin eintritt, die sich
an irgendeiner Stelle niederlt, welche dann als Rastepunkt der Schar bis
zum nchsten Tage gilt, wo die Reise fortgesetzt wird, bis eine Behausung
gefunden ist. Will der Abessinier einen solchen Schwarm in einen Stock
oder Korb einschlagen, so mu er zunchst der Knigin die Flgel
verschneiden; unterlt er dieses, so geht der Schwarm gewhnlich wieder
fort. Ich habe selbst den Versuch gemacht und einen solchen Schwarm
dreimal eingesetzt; allein nach ein- bis dreitgigem Aufenthalte ging er
stets wieder fort, weil ich der Knigin die Flgel nicht verschnitten
hatte. Die Form der Bienenstcke ist walzenfrmig; sie werden aus
Rohrstben zusammengesetzt, die man uerlich mit frischem Kuhmist, dem
etwas Lehm zugesetzt ist, einen halben Zoll dick berzieht. Hufig hngt
man diese Krbe in groe Bume, doch halten die meisten Abessinier
dieselben bei ihren Husern. Die Bienenzucht wird in einer Meereshhe von
5000-9000 Fu betrieben. Der Preis fr 50 Pfund Honig ist 1
Maria-Theresia-Thaler.

Vermge der Verschiedenartigkeit seines Klimas drfte sich Abessinien zum
Anbau aller europischen Kulturpflanzen eignen, die unter vaterlndischer
Geschicklichkeit herrlich gedeihen wrden. Reis ist unbekannt, Kaffee wird
so gut wie gar nicht und noch dazu recht ungeschickt angebaut; stark
kultivirt wird er in den Gallalndern Limu, Enarea und Kaffa, und die von
dort stammenden Sorten sind besser als der arabische Kaffee aus Mocha. 40
Pfund Kaffee gelten in Abessinien 1 Maria-Theresia-Thaler. Schwarzer
Pfeffer, Baumwolle, Indigo knnten vorzglich gebaut werden; einige Arten
Indigo wachsen wild. Fr Zuckerrohr und Runkelrben findet sich geeigneter
Boden. Ich selbst habe in Tigri Runkelrben kultivirt, die eine
bedeutende Gre erreichten und viel zuckerhaltiger als die
vaterlndischen waren. Alle Gewrze der Gewrzinseln und die
verschiedensten Oelpflanzen wrden gedeihen; Oelgewinnung und die dazu
nothwendigen Gerthe sind hier unbekannt. Desgleichen fehlt guter Hanf und
Flachs zum Spinnen und Weben. Beeren, Frchte, Wein - sie alle finden hier
zusagenden Boden.

Doch mit Schmerz mu ich bekennen, da alles dieses, so lange der
gegenwrtige Zustand des Landes dauert, so lange nicht eine radikal
vernderte Regierungsweise eintritt, eitler Wunsch bleiben wird. Denn
erst, wenn die Regierung eine unbeschrnkte Kultivirung des Landes durch
Deutsche, Englnder, Franzosen u. s. w. zult und untersttzt, kann aus
diesem etwas werden. Durch die Abessinier selbst kann eine nutzbringende
Kultur niemals geschaffen werden, denn sie sind bitter arm; es fehlen
ihnen alle Instrumente, welche den Anbau frdern knnten, oder die
Arbeiter, die sie zu verfertigen verstnden. Auch ist ihr geistiges
Besitzthum arm, drftig, auf niederer Stufe stehend; sie sind entblt von
allen guten Eigenschaften, Liebe und Lust zur Arbeit, Sinn fr die Natur.

Liee sich das Vaterland den gegenwrtigen Zustand Abessiniens angelegen
sein, setzte dasselbe krftige, wirksame und heilsame Hebel an den
gegenwrtig verwahrlosten Agrikulturzustand Abessiniens, so wrde reicher
Segen seine Mhen und Opfer lohnen. Doch wie Hebel anlegen, da sie nicht
brechen? Oder will das Vaterland feste Gerechtsame in Abessinien erwerben,
so knnen diese nur durch Waffengewalt aufrecht erhalten werden.

Wie der Zustand der Felder und des Viehstandes, so ist auch die _Behausung
des Abessiniers_ und deren Umgebung beschaffen. In und auer seinem Hause
oder vielmehr seiner Strohhtte, ist alles voller Schmuz und Unrath. In
der Regenzeit gleichen die Wohnungen einer Kloake, der man sich nicht
nhern kann, ohne Gefahr zu laufen, in diesen Mistsmpfen zu versinken. Um
eine Wohnung zu errichten, haut der Eingeborene krumme und gerade, dnne
und dicke Holzstangen ab, die er in einem Kreise in den Boden pflanzt und
wobei er einen schmalen Raum fr die Eingangsthr freilt. Die Stangen
werden nun mit Bast und dnnen Ruthen gleichwie mit Fareifen umwunden und
die Zwischenrume mit Reisig ausgefllt. Im Innern wird diese Ringwand
dann mit etwas Erdmrtel berzogen. Hierauf wird das Ganze mit einem
pyramidenfrmigen Dache, das gleichfalls aus Stangen, Reisig und Bast
zusammengesetzt ist, gekrnt und mit einer 3 Fu langen holzigen Grasart
belegt. Nun ist die Wohnung vollendet und der Einzug kann stattfinden.
Alle Familienmitglieder, nebst Knechten und Mgden, wohnen und schlafen
hier beisammen; die Khe, die Mhle, das Maulthier, falls ein solches
vorhanden, die Hhner - sie alle finden hier ihren Platz. Auch das
Getreide hat hier in groen aufrecht stehenden Erdtonnen oder wohl
verdeckten Gruben seine Stelle. Der Hausherr ruht auf seiner Alga (oder
Arat), einem hlzernen Bettgestell mit vier 2 Fu hohen Beinen, ber das
schmale Riemen von ungegerbter Rindshaut gezogen sind. Die brigen
Bewohner legen Rindshute auf den Boden, die ihnen zur gemeinschaftlichen
Schlafsttte dienen. Selten wird eine solche Behausung ausgekehrt und
unzhlige Flhe, Luse und Wanzen sind die regelmigen Insassen, um
welche der Bewohner sich wenig oder gar nicht kmmert. Der Kchenrauch,
Asche, Staub und Unrath aller Art hufen sich im Verlaufe eines Jahres
dermaen an, da man das Innere mit einem Schornstein vergleichen kann.

Uebrigens wendet man in Abessinien verschiedene Bauarten an. Oft bestehen
die Wnde aus Steinen, die mit Mrtel verbunden oder ohne diesen
aneinander gefgt sind. Steinhuser finden sich fast durchgngig im
Hochlande, und da es hier in der Nacht sehr kalt ist, so findet auch Vieh
aller Art in denselben seine Schlafsttte. Da, wo gute passende Erde
vorkommt, baut man auch quadratische Huser mit plattem Dache. Dieses ist
namentlich in Tigri hufig der Fall. Diese Decke wird dann durch starke
Baumstmme und Balken getragen, die mit einer 1 Fu dicken Lage Erde
berdeckt sind, welche zur Regenzeit kein Wasser durchlt. Hier sieht man
auch oft groe, auf diese Weise berdachte Sulenhallen aus rohen
Baumstmmen, unter denen das Vieh zur Regenzeit Schutz und Obdach findet.
Ueberhaupt herrscht im Lande Tigri mehr Flei und Ordnung als in anderen
Gegenden Abessiniens.

Das hier von den Wohnungen Gesagte gilt nur von den Behausungen des
ackerbautreibenden Theiles der Bevlkerung. Die _Huser der Reichen_ und
Groen des Landes sind besser gestaltet. Sie sind gewhnlich gut mit
Erdmrtel aufgefhrt und auch die innere Wand mit Mrtel berzogen. Das
Innere besteht oft aus Abtheilungen, von denen eine fr Pferde und
Maulthiere, eine als Speicher, eine dritte als Empfangszimmer, eine vierte
fr den Hausherrn und seine Familie bestimmt ist. Ist das Haus klein, so
wird das Empfangszimmer besonders angebaut. Das Dach ist im Innern hufig
schn mit zusammengesetzten Rohrstben verziert, ja manchmal mit farbigen
Baumwollstoffen knstlich dekorirt, die Eingnge mit Breterthren, der Hof
mit einer Mauer versehen. Doch herrscht im Innern derselbe Schmuz und das
Ungeziefer wie bei den Landleuten.

Die _Mhlen_ der Abessinier bestehen aus einem einzigen Stein, der 1 Fu
breit und 1 Fu lang ist. Das Material besteht aus grobem Sandstein oder
Trachyt; enthlt der letztere viele kleine Blasenrume, so wird er sehr
geschtzt. Die Mhle wird durch Klopfen mit einem harten kleinen Steine
geschrft. Der Lufer, mit dem das Getreide zerrieben wird, ist ein  Fu
langer, 4 Zoll breiter Stein. Das Mahlgeschft wird nur von den Frauen
besorgt. Eine Person zerreibt tglich etwa 6 Metzen (Berliner Ma). Das
Mahlsieb besteht aus Grasgeflecht. Weizen und Gerste werden, bevor sie auf
die Mhle kommen, enthlst; dieses geschieht in ausgehhlten Baumstmmen,
welche die Mrser vertreten; der Stel ist ein 3 Fu langer, 2-3 Zoll im
Durchmesser haltender Knittel aus wildem Olivenholz. Die einzigen
Instrumente, welche sonst noch bei der Agrikultur in Abessinien Dienste
leisten, sind eine Axt, eine Erdhaue, eine gezhnte Sichel und ein Messer.
In Schoa wurde unter der Regierung des Knigs Sahela Selassi von einem
Europer eine Wassermhle errichtet, doch als diese anfing zu mahlen,
emprte sich die Geistlichkeit gegen das Teufelswerk und bedrohte den
Knig mit dem Bannfluche, wenn das Mahlen nicht eingestellt wrde. Die
Mhle ist heute gnzlich zerfallen.

  [Illustration: 1. Mhle (a. Lufer, b. Bodenstein). 2. Erdhacke. 3.
  Sichel. 4. Messer. 5. Axt der Abessinier. Originalzeichnung von E.
  Zander.]





  [Illustration: Ansicht von Suez.]





              MASSAUA UND DIE ABESSINISCHE KSTENLANDSCHAFT.


      Die Bedeutung des Rothen Meeres. - Der Dahlak-Archipel und die
        Perlenfischerei. - Die Stadt Massaua und ihre Bewohner. -
    Sklavenhandel. - Die Cisternen. - Der Markt. - Karawanenhandel mit
      Abessinien. - Die Bai von Adulis. - Schohos und Danakil. - Die
    Samhara. - Eine abessinische Karawane. - Der Tarantapa und Halai.


Das Rothe Meer, lange Zeit fr den groen Verkehr fast ohne Bedeutung, ist
in unsern Tagen aus seiner Abgeschiedenheit hervorgetreten und nimmt
lebhaften Antheil am Welthandel. In einer Lnge von fast vierhundert
Meilen erstreckt es sich gleich einem Arm von Suez bis zur Bab-el-Mandeb
zwischen dem nordstlichen Afrika und der westlichen Kste Arabiens.
Regelmig wie bei uns die Eisenbahnen wird es fast tagtglich von
Riesendampfern seiner ganzen Lnge nach durchkreuzt; Telegraphendrhte
sind an seinen korallenreichen Gestaden hingelegt, und der Post- wie
Handelsverkehr von Europa nach Indien nimmt jetzt seinen Weg zumeist ber
diese Strae. Noch grere Bedeutung wird das Rothe Meer jedoch erlangen,
wenn einst der Suezkanal vollendet sein sollte, obgleich schon auf der von
Alexandrien ber Kairo nach Suez fhrenden Eisenbahn alljhrlich viele
Tausende von Vergngungsreisenden zu ihm hingezogen kommen. Nach allen
Seiten fhren von seinen Ksten wichtige Handelsbahnen in die umliegenden
Lnder, die zum Theil, wie das Innere Ostafrika's, ungemein produktenreich
sind: Gummi und Strauenfedern, Droguen und Elfenbein, Wachs und Honig,
nicht minder aber Sklaven werden in allen Hafenpltzen feil gehalten und
finden regelmigen Absatz gegen europische Produkte.

Sowie aber die kommerzielle Bedeutung des Rothen Meeres sich gehoben hat,
ist auch nicht minder jetzt die politische in den Vordergrund gelangt, und
wie in so vielen andern Weltgegenden sind auch hier England und Frankreich
als eiferschtige Rivalen aufgetreten, die einander den Rang streitig zu
machen suchen. Beide wissen, da im Rothen Meere der Schlssel zu Indien
liegt, und wenn auch Frankreich ein geringeres Interesse als England daran
zeigt, denselben mit in Hnden zu haben, so ist es doch schon des
Wettbewerbes wegen bestrebt gewesen, es in Besitzergreifungen den
Englndern gleichzuthun. Der Suezkanal, ein franzsisches Unternehmen, hat
mindestens in demselben Grade politische Bedeutung, wie kommerzielle; denn
wie die Englnder Aden und die Insel Perim am sdstlichen Ende des Rothen
Meeres besetzten und so die Bab-el-Mandeb beherrschen, trachten die
Franzosen danach, ihre Herrschaft am nordwestlichen Ausgang der
Handelsstrae zu errichten. Und auch noch andere Kstenpltze sind nach
und nach in die Hnde der beiden Rivalen gefallen: die Briten haben sich
auf der Insel Kamaran an der arabischen Seite, die Franzosen auf Dessi vor
der wichtigen Bai von Adulis und zu Oboc niedergelassen. Von hier aus
berwachen sie den Handel und spinnen Intriguen mit den unzufriedenen
Elementen der Bevlkerung, um bei guter Gelegenheit sich berall in die
Landesangelegenheiten mischen zu knnen. Europische Konsularagenten haben
in den meisten Hafenpltzen schon ihren Sitz, und mit dem arabischen oder
banianischen (indischen) Handelsmann theilen sich jetzt europische
Kaufherren in den Gewinn des Handels am Rothen Meere. Eine Abschlieung
desselben ist jetzt nicht mehr denkbar, es wird mit allen seinen
Gestadelndern - mag es wollen oder nicht - immer mehr in unsere
Beziehungen hineingezwungen.

Freilich ein Hinderni hat die Natur selbst geschaffen, welches die
Bedeutung dieses Meerarmes fr den Verkehr bedeutend abschwcht. Das Rothe
Meer ist fr Segelschiffe bei den jetzigen Anforderungen an die
Schnelligkeit des Verkehrs fast so gut wie unbefahrbar, da ziemlich das
halbe Jahr hindurch Windstille herrscht und Mangel an guten Hfen ist.
Zudem machen die Korallenklippen die Fahrt uerst gefhrlich, und auch
die Versorgung der Schiffe mit Wasser, Kohlen oder Lebensmitteln ist eine
uerst mangelhafte. Nur der Dampfer, der seine Kohlen in Suez oder Aden
liegen hat, beherrscht diesen Meeresarm vollstndig und in vier bis fnf
Tagen durchfahren sie denselben von einem Ende bis zum andern, um dann
weiter die Fahrt nach Indien anzutreten.

Whrend die groen Dampfer der indischen Linie direkt das Rothe Meer
durchkreuzen und nur selten den einen oder andern Hafenplatz an demselben
besuchen, sind fr letztere besondere Seitenlinien eingerichtet, die meist
von einer trkischen Gesellschaft schlecht versehen werden. Von _Suez_, wo
die Eisenbahn mndet, steuern wir zunchst nach _Kosser_, von wo eine
Karawanenstrae nach Keneh am Nil fhrt, der in dieser Gegend einen weiten
Bogen nach Osten macht und sich dem Rothen Meere nhert. Von Kosser
fahren wir in sdstlicher Richtung nach der arabischen Kste hinber und
landen in _Jembo_, dem Eingangsthor der heiligen Stadt, nmlich Medina,
fr welches dieser Platz den Hafen bildet. Weiter an demselben Gestade
fortsteuernd erreicht der Dampfer _Dschidda_, "die Ebene ohne Wasser".
Aber dieser Hafenplatz, das Seethor fr Mekka, ist in vieler Beziehung
wichtig und namentlich zur Zeit der Pilgerwanderungen sehr belebt. Wir
verlassen auch diesen Ort, der schon Millionen Wallfahrer landen sah, und
durchkreuzen abermals nach Sdwesten hin das Rothe Meer, um _Sauakin_ an
der afrikanischen Kste zu erreichen, von wo aus die groe Karawanenstrae
nach dem stlichen Sudan und Chartum an der Vereinigung des Weien und
Blauen Nil fhrt.

Und nun geht nochmals der Anker in die Hhe, nach Sden ist der Bug des
Dampfers gerichtet, die afrikanische Kste, das Land der nomadisirenden
Beni-Amer und Habab bleibt zur Rechten liegen und die _Dahlak-Inseln_
kommen in Sicht. Auf diesem Archipel erhalten wir durch die Sprache der
Bewohner schon einen Vorgeschmack Abessiniens, vor dessen Kste, gegenber
dem Hafenplatze Massaua, die Gruppe liegt. Die drei Hauptinseln sind
Gro-Dahlak, Nureh und Nakala. Die Grohandelsfahrzeuge legen dort nicht
an, obwol das erste der genannten Eilande einen sehr guten Hafen hat.
Viele Spuren, namentlich Ruinen, deuten darauf hin, da einst die
Abessinier und im 16. Jahrhundert die Portugiesen eine Niederlassung auf
demselben hatten. Dahlak hat nur etwa 1600 Einwohner, auf die andern
beiden bewohnten Inseln kommen zusammen nur 200 Kpfe. Alle sind
Muhamedaner, friedliche Menschen, die unter einem Scheich stehen; dieser
erhlt seine Belehnung von dem gyptischen Gouverneur in Massaua, welchem
er jhrlich 1000 Maria-Theresia-Thaler zahlt. Wasserlufe giebt es auf den
Inseln nicht, aber das Brunnenwasser ist gesund.

Ueberaus reich ist hier das Meer an Fischen und Fischfang daher eine
Hauptbeschftigung der Bewohner. Doch noch andere Schtze bietet die
salzige Flut, welchen die Dahlak-Inseln vorzglich ihre Berhmtheit
verdanken. Namentlich kommt die _Perlenauster_ (_Pintatina_) in groer
Menge, frmliche Bnke bildend, hier vor, und sie ist es, die vom Mai bis
in den August eine groe Anzahl der Bewohner mit Tauchen beschftigt.
Jeder kann sich an der Perlenfischerei nach Belieben betheiligen; Abgaben
werden nicht erhoben und nicht selten kommen auch Taucher und Fischer von
der gegenberliegenden arabischen Kste. Man bedient sich zum Fange der
gewhnlichen Barken, der sogenannten Sambuks, welche gerudert werden und
auch Mattensegel haben. Von den zwlf bis vierzehn Kpfen der Mannschaft
sind sechs bis sieben Taucher. Mit einem Bismillah! (Im Namen Gottes!)
strzt der Mann in die Tiefe, wo er nicht viel lnger als eine Minute
bleibt, so viel Austern, als er kann, in einen Korb zusammenrafft und
diesen durch die Gefhrten an einem Seil in die Barke ziehen lt. Mehr
als dreiig, hchstens vierzig Mal kann er an einem und demselben Tage
nicht untertauchen. Eine mit guten, recht erfahrenen Tauchern bemannte
Barke wird im Laufe eines Tages bis 3500 Perlenaustern und etwa 500
Perlmutteraustern erbeuten. Die Muschel, welche man bei den Dahlak-Inseln
fischt, ist im allgemeinen nur klein und beinahe rund; der Durchmesser
betrgt 5 bis 6 Centimeter. Unter 20 bis 30 Austern hat immer nur eine
einzige eine kleine Perle, die man als Samen bezeichnet. Es scheint als ob
eigentliche, vllig ausgebildete Perlen nur in ganz ausgewachsenen
Muscheln gefunden werden. Die Insulaner bezeichnen die Perlenauster als
Bebela oder Bereber. Ihr Fleisch ist wei und geniebar; man trocknet es
an der Sonne und zieht es auf Fden, worauf es dann einen Theil des Jahres
hindurch die Hauptnahrung der Leute bildet.

Alljhrlich bringen die Fischer ihre Ausbeute an Perlen und Perlmutter
nach dem Dorfe Debeolo, wo vierzehn Tage lang Markt gehalten wird. Dort
legen sie die Erzeugnisse des Meeres zum Verkauf aus. Regelmig finden
sich fremde Kaufleute, besonders indische Banianen ein, die gegen Silber
oder Tauschwaaren, Lebensmittel, Holz, Baumwollenstoffe die Perlen zu
ziemlich niedrigem Preise einhandeln. Man schtzt diese nach ihrer Gre,
Gestalt und Reinheit ab. Erstere wird durch ein Haarsieb ermittelt, das
Oeffnungen von verschiedener Gre hat. Je nach den verschiedenen
Gattungen wird der Preis bestimmt. Der Umsatz auf dem Markte von Debeolo
betrgt im Durchschnitt an Geldwerth 50,000 bis 60,000 Thaler, ist also
immerhin bedeutend. Zu den Ausfuhrgegenstnden der Dahlak-Inseln gehrt
ferner das feine Schildpatt (Baga); das der Schildkrtenweibchen ist
durchgehends schwerer und dicker als das der Mnnchen, und ein zwei Fu
langes Rckenschild des ersteren giebt zwei Pfund Schildpatt. Auch die
Kauris oder Geldmuscheln, die in Afrika als Scheidemnze gelten, werden
auf den Dahlak-Inseln in groer Menge gefischt. Seltener aber ist ein
hchst interessantes Meersugethier, der _Dugong_ (_Halicore Dugong_), das
wegen seiner starken Haut und perlmutterglnzenden Zhne sehr geschtzt
war und ist. Es kommt auch an den arabischen und afrikanischen Ksten vor,
an welcher letzteren es von den Danakil gefangen wird. Die Thiere leben
paarweise und weiden auf den untermeerischen Tangwiesen, die ihre einzige
Nahrung bilden. Das Land besuchen sie selten, meist schwimmen sie wie
Meerjungfern mit erhobenem Oberkrper in der See. Sie sind ber 12 Fu
lang und schwer mit Harpunen zu erreichen. Die dem Walro hnlichen
Stozhne wurden frher als Handelsartikel gesucht und zu Rosenkrnzen
verarbeitet, whrend die marklosen Knochen Dolch- und Messergriffe von
groer Dauerhaftigkeit liefern. Aus der Haut bereitet man Sandalen.
Merkwrdig erscheint uns der Dugong noch dadurch, da er dasjenige Thier
ist, aus welchem die alten Juden den Ueberzug ihrer Bundeslade gemacht
haben sollen.

Unsere Fahrt durch das Rothe Meer ist nun beendigt; von Dahlak wendet sich
der Dampfer nach Westen, der abessinischen Kste zu, von der aus die
khnen und gewaltigen Bergmassen von Hamasin uns entgegenstarren. Wir
nhern uns der Insel _Massaua_, deren Bucht, von Vorgebirgen
eingeschlossen, nun in Sicht kommt.

  [Illustration: Ansicht von Massaua. Im Vordergrund Fischerknabe.
  Originalzeichnung von Robert Kretschmer.]

Gleich darauf werden das kleine Vorwerk, die weigetnchten Doppelthrme
der Moschee, die trkischen Wachtschiffe und fremden hier ankernden
Fahrzeuge sichtbar. Schon ehe man landet, erblickt man weit drauen auf
der See eigenthmlich gestaltete _Fischerfle_, die aus fnf
zusammengebundenen Baumstmmen bestehen. In der Mitte sitzt ein Knabe, der
mit einer beiderseits schaufelfrmigen Ruderstange geschickt und schnell
seine Fhre regiert. Auf diesem gebrechlichen Dinge angelt er an Klippen
und Bnken, fngt eine groe Anzahl Fische und tdtet sie jedesmal
sogleich durch einen Nagelstich in den Kopf. Die Stadt _Massaua_ oder
Mesaueh ist der Hauptort fr das Aegypten untergeordnete abessinische
Kstenland nebst den Inseln des perlenreichen Dahlak-Archipels, Sitz eines
Kaimakan, der einige Soldaten zur Verfgung hat. Auerdem residiren hier
gyptische Zollbeamte und verschiedene europische Konsuln, denn Massaua
ist die Pforte des Handels fr fast ganz Abessinien und von grter
politischer Wichtigkeit durch seine Lage gegenber dem letztgenannten
Reiche, wie durch seinen in jeder Beziehung vorzglichen Hafen, der sich
auch dadurch vor andern Hfen am Rothen Meere auszeichnet, da man sich
hier leicht mit Schiffsprovisionen, Wasser, Holz, Schlachtvieh u. s. w.
versehen kann.

  [Illustration: Wassertrgerin an den Cisternen. Derwisch von Massaua.
  Originalzeichnung von Robert Kretschmer.]

Der Golf von Arkiko, in welchem die Inselstadt Massaua liegt, ist mit
verschiedenen kleinen Koralleneilanden bedeckt. Auf einem derselben
befindet sich der christliche Friedhof und hier ist es, wo auch die Leiche
unseres Landsmannes, des Reisenden Hemprich, ruht, den am 30. Juni 1825
der Tod ereilte. Auf einem andern Koralleneilande liegt ein Heiliger, Seid
Scheik, begraben, der seinerzeit Massaua verlassen und diese kleine Insel
bezogen haben soll, weil er glaubte, da der Lebenswandel seiner Mitbrger
allzu irreligis sei. Vom Festlande sowol als von Massaua machen
zahlreiche Gesellschaften nchtliche Ausflge nach dem Grabe dieses
Heiligen, wobei weniger religise Absichten die Pilger leiten sollen, als
der Schmuggel mit Sklaven. Die Insel Massaua selbst hat eine halbe Meile
Lnge und beinahe eine Viertelmeile Breite. Die westliche Hlfte trgt die
Stadt, die stliche halb verfallene, alte Cisternen aus besserer Zeit und
ein kleines, schlecht armirtes Fort. Die Anlage der Stadt ist eine ganz
unregelmige, wenig ltere Gebude bestehen aus Stein, die meisten sind
Strohhtten, die auf Pfhlen im seichten Meerwasser ruhen. Unter ersteren
zeichnen sich das Gouvernementsgebude, eine zweikuppelige Moschee (Diamet
Scheik Hamal) und das Zollhaus aus.

Im Ganzen hat Massaua etwa ein Dutzend religiser Gebude; darunter jene
bemerkenswerthe Moschee, die frher eine christliche Kirche gewesen war
und in welcher die Portugiesen 1520 Messe lasen, nachdem sie "Matzua", so
nannten sie die Stadt, den Muhamedanern abgenommen hatten. Was den Namen
des heutigen Ortes betrifft, der auch Masua, Massawa geschrieben wird, so
leitet ihn Munzinger aus der Tigrisprache ab, in welcher Mesaua den Raum
bedeutet, ber welchen hin man den Ruf einer Menschenstimme hren knne,
und das trifft hier allerdings fr die Meeresbreite zwischen Insel und
Festland zu. Aber in der Landessprache der Eingeborenen heit Stadt und
Insel gar nicht Massaua, sondern Bas.

Die Bevlkerung ist fast ganz muhamedanisch; die Ureinwohner gehren der
thiopischen Rasse an und sprechen eine semitische Sprache. Die brigen
Bewohner, mit Ausnahme der trkischen Beamten und der Besatzung, sind
Kaufleute aus Arabien, dann Somali, Danakil, Galla, Abessinier und
Banianen (Indier). Die Massauaner selbst sind Fischer, Schiffsleute und
Lasttrger, welche das Trinkwasser herbeischleppen. Auer etwas Weberei,
Gerberei und Schiffsbau werden wenig Gewerbe getrieben. Die Strke der
Bevlkerung schtzte Rppell 1832 auf 1500, Heuglin 1857 auf 5000 Seelen,
einschlielich des Militrs. Die Einknfte der Provinz, meist aus den
Zollabgaben des abessinischen Handels bezogen, betrugen nach beiden
Reisenden 40,000-50,000 Thaler.

Die Massauaner sind ein in der Jugend durchweg sehr schner Menschenschlag
und haben eine kupferfarbige Haut, die mehr oder weniger dunkel ist. Die
Mdchen zeichnen sich durch schlanken Wuchs, regelmige Zge des ovalen
Gesichts, groe, lebhafte Augen und feinen Mund mit schnen Zhnen aus.
Wenn sich zwei Bewohner nach lngerer Zeit wieder begegnen, kssen sie
sich gegenseitig die Hnde und erkundigen sich mit vielen Schmeichelworten
nach dem Befinden. Was den Charakter der Massauaner anbetrifft, so lauten
die Urtheile darber sehr ungnstig. Dem bloen Schacher ergeben, ben sie
alle mglichen Verstellungsknste und erfllen selbst die heiligsten
Versprechungen nicht. Dazu kommt, da der fortwhrende Sklavenhandel ihre
moralischen Sitten untergraben und ihr Herz gegen jede edlere Empfindung
verstockt machen mute. Diebereien und Einbruch sind gewhnliche
Verbrechen und gelten nicht als Schimpf. Die Anzahl der Bettler ist gro
und die meisten derselben kommen durch Hunger und Elend ums Leben.
Dankbarkeit ist den Massauanern nur dem Namen nach bekannt, und als
Rppell einst einen Mann von einer gefhrlichen Schuwunde geheilt hatte,
drckte dieser seine Freude darber folgendermaen aus: "Gott ist gro und
wunderbar! Hat er doch diesen _Hund von Unglubigen_ hierhergeschickt, um
mich zu heilen!"

Eine Eigenthmlichkeit der Massauaner besteht darin, da sie Familiennamen
haben, was bekanntlich sonst bei Muhamedanern nicht der Fall ist. So
heien einige Adulai, und diese stammen aus Adulis; andere Dankeli, Farsi
(aus Persien), Yemeni (aus Yemen in Arabien). Unter den Kaufleuten spielen
die _Banianen_ eine wichtige Rolle. Diese Indier haben einen groen Theil
des Verkehrs auf dem Rothen Meere in ihren Hnden und bewohnen in Massaua
ein eigenes Quartier. Dort sitzen die wohlbeleibten Mnner nur halb
bekleidet, mit geschorenem Kopfe, kleinem Schnauzbart und prchtigen
schwarzen Augen in dem gelben, etwas weibischen Gesichte. Wer sie so
sieht, glaubt sich in einen Bazar nach Delhi oder Bombay versetzt. Der
Baniane trgt auf der Strae einen rothen, mit Gold oder gelber Seide
verbrmten Turban und eine silberne Kette um den Leib. Diese Inder essen
kein Fleisch und mgen solches nicht einmal anrhren. Beklagten sie sich
doch einmal, wie Lejean berichtet, ernstlich darber, da die Hunde der
katholischen Mission einmal in der Nhe ihrer, der Banianen, Cisterne
Knochen abgenagt htten! Dadurch knne das Wasser verunreinigt werden. Die
Zahl der Europer ist in Massaua nie betrchtlich gewesen und besteht nur
aus ein paar Konsularagenten, einigen Kaufleuten und Missionren. Unter
den Konsularagenten war der englische, vor wenigen Jahren erst verstorbene
_Raffaele Barroni_ den Trken besonders verhat, weil er den Muth hatte,
eine unablssige Fehde gegen die Sklavenhndler zu fhren. Um recht mit
Nachdruck auftreten zu knnen, hatte er sich sogar eine eigene Polizei
eingerichtet. Er wute allemal, wieviel Sklaven eine im Kstenland aus
Abessinien ankommende Kafl (Karawane) mit sich fhre, zog ihr an der
Spitze seiner wohlbewaffneten Dienerschaft entgegen, nahm, wenn nthig,
mit offener Gewalt ihr alle Sklaven ab und verschaffte denselben die
Freiheit. Die Kaufleute haten ihn, sein Leben war oftmals bedroht, aber
er hatte seine Vorkehrungen getroffen und sich eine Art von fester Burg
gebaut, von welcher aus er mit seinen Kanonen und Bchsen die Umgegend
bestreichen konnte. Im Nachlasse dieses muthigen Mannes fand der Reisende
Lejean folgende Aufzeichnung: "Ich habe Sklaven befreit, nachdem der
Konsul Plowden von hier abgereist war, im Jahre 1855: 2 Galla von
Tehuladare, 1 aus Mensa, 158 aus Magatul, 1 von Atti Letta; 160, die man
nach Dschidda schicken wollte, habe ich zurckgehalten. Im Jahre 1856:
240. Ich hielt eine ganze Karawane auf ottomanischem Gebiete an und
schickte sie nach Abessinien zurck. Im Jahre 1857 befreit: 2 von Schoa, 2
von Mensa, 4 von mir unbekannter Herkunft" u. s. w. Eine andere Notiz
lautet: "Die Bewohner dieser Stadt und namentlich die Sklavenhndler sind
hocherfreut, da Abdul-Aziz den Thron bestiegen hat; sie hoffen unter ihm
eine Wiederbelebung des Sklavenhandels im Rothen Meere." Wie die Englnder
es brigens mit der Unterdrckung des Sklavenhandels nicht immer ernst
nehmen, dafr bringt Lejean ein Beispiel bei. Barroni stand unter dem
Oberbefehl des englischen Residenten in Aden. Dieser wandte allerdings
gegen das, was Barroni that, nichts ein, gab ihm aber zu bedenken, da man
es mit dem Einschreiten gegen den Sklavenhandel unter trkischer Flagge
nicht zu ernsthaft nehmen drfe "damit diese befreundete Flagge im Rothen
Meere in ihrem Ansehen nicht geschwcht werde".

Was Lejean sonst noch ber einzelne Einwohner Massaua's berichtet, ist zu
charakteristisch fr die dortigen Zustnde, als da wir es nicht hierher
setzen sollten. Die trkische Regierung benahm sich gegen die Kapuziner,
welche sich in Monkullo niederlassen wollten, sehr barsch. Ein Mnch
machte aber dem Gouverneur zu schaffen und forderte ihn sogar zum
Zweikampf auf Sbel; dann erklrte er, er werde den Gouverneur aus dem
Fenster werfen und selbst regieren. Zuletzt wurde er Kaufmann und dann in
Florenz Zeitungsredakteur.

Im Jahre 1854 war ein gewisser Ibrahim Pascha Kaimakan von Massaua. Dieser
Wrdentrger war stets durch Hanfrauchen benebelt und schwelgte in den
wildesten Phantasien. Nach Konstantinopel berichtete er, da er alles Land
bis zu den Mondgebirgen erobert habe, whrend doch wenige Stunden
landeinwrts seine Macht ein Ende hatte. Er wollte die Einwohner am
Festlande besteuern, worauf diese aber keine Lebensmittel mehr nach der
Insel brachten, soda in Massaua sich Hungersnoth einstellte. Gegen die
Europer erlaubte er sich allerlei Grobheiten; dieselben fhrten Klage,
infolge deren er 1855 von der Pforte kassirt wurde. Er nahm seine
Absetzung gleichmthig auf, schlo sich in seinen Harem ein und erhing
sich an einer Sbelschnur.

Was das Klima Massaua's anbetrifft, so ist es nicht ungesunder als das der
andern Hafenpltze am Rothen Meere. Das Sprchwort sagt, es sei eine
Hlle, wie Pondichery ein heies Bad und Aden ein Backofen. Am
empfindlichsten macht sich der Mangel an Trinkwasser auf der Insel selbst
bemerkbar. Die _Cisternen_ auf der Ostseite der Insel nehmen etwa ein
Drittel dieser letzteren ein. Der Ueberlieferung zufolge sind sie von den
Farsi (Persern) gebaut worden und das kann richtig sein, denn es ist
wahrscheinlich, da einige Zeit, bevor Muhamed seine Lehre verkndigte,
der persische Knig Chosroes diese Kstengegend des Rothen Meeres
beherrschte. Uebrigens bezeichnet man in Massaua alles, was nicht
muselmnnisch oder abessinisch ist, als "Farsi", und so auch die
Cisternen. Sie sind vortrefflich gearbeitet und haben eine Art gewlbten
Deckel, der aus wunderbar fest gekitteten Korallenstcken besteht. Die
inneren Wnde der Cisternen sind meistens vollkommen glatt und von
rosenrother Farbe.

Die gyptische Regierung thut nichts, um diese so hchst nothwendigen und
ntzlichen Cisternen in gutem Zustande zu erhalten; was einfllt wird
nicht ausgebessert. Die Trken bekommen ihr Wasser von Monkullo oder
Arkiko, und ob die armen Leute Trinkwasser haben, ist ihnen ganz einerlei.
Massaua selbst hat gar kein eigenes Trinkwasser, wenn nicht etwa einige
dieser Cisternen Regenwasser enthalten. Alltglich geht dagegen ein
Regierungsschiff nach Arkiko, das viele Brunnen besitzt, deren Wasser
indessen nicht besonders gut ist. Dasselbe wird dort in lederne, stark
gethrante Schluche gefllt, dann mittels Lastthieren oder Trgern zum
Gestade gebracht und nach der Stadt verschifft. Im August und September
fallen nicht selten Regen, welche die Brunnen speisen. Das schon erwhnte
Arkiko, das frher Dogen hie, scheint wenigstens so alt wie Massaua zu
sein, obgleich es keinen Hafen besitzt. Es ist von freundlichen Grten
umgeben und dient als Militrstation.

Seine Wichtigkeit verdankt Massaua dem abessinischen Zwischenhandel. Alle
dort wohnenden Nationalitten sind an demselben betheiligt. Es kommen bei
gnstigen politischen Verhltnissen im Innern gewhnlich zweimal im Jahre
groe Karawanen (Kafl) aus den Gallalndern und ganz Abessinien nach der
Kste; der Gesammtwerth der durch sie abgesetzten Waaren wird von Heuglin
auf eine Million Thaler, von Andern jedoch weit hher angegeben. Eine
solche Karawane sammelt sich bei gnstiger Jahreszeit und bewegt sich, von
bewaffneter Macht eskortirt und immer wachsend an Mitgliedern, ber Adoa
dem Meere zu. Sie steht unter dem Befehle eines Schech el Kafl und
transportirt die Waaren auf Maulthieren und Eseln bis an den Abfall der
Hochgebirge, wo dann die benachbarten Hirtenvlker, die viele Kameele zu
diesem Zwecke halten, die Weiterbefrderung bernehmen und die Waaren bis
zum Meere bringen. Der grte Theil der Verkaufsgeschfte ist schon vor
Ankunft der Karawane in Massaua durch Unterhndler abgeschlossen; die
Hauptartikel sind Kaffee aus der Umgebung des Tanasees, Godscham und den
Gallalndern, Elfenbein von den Galla- und Kolalndern, Nashorn, Moschus,
Gold von Damot, Fazogl, Galla u. s. w., Wachs, Honig, Butter,
Schlachtvieh, Hute, Maulthiere, Tabak, Strauenfedern und Sklaven. Der
Schiffahrtsverkehr mit den Hfen am Rothen Meere, sowie mit Aden und
Bombay, ist sehr lebhaft. Noch 1860 schrieb Moritz v. Beurmann: "Unter den
von Massaua ausgefhrten Handelsartikeln nehmen die Sklaven noch immer
einen bedeutenden Posten ein, obgleich in der letzten Zeit auch dieser
Handel bedeutend nachgelassen hat und die jhrliche Ausfuhr in den letzten
Jahren wol kaum auf 1000 Kpfe kommen mchte. Es war deshalb auch zu der
Zeit, als ich in Massaua war, die Stimmung gegen die Europer eingenommen,
da man wohl wei, einen wie schdlichen Einflu dieselben auf diesen
ergiebigen Handel haben." Nach Rppell fhrte man 1838 etwa 2000 Sklaven
beiderlei Geschlechts aus, zu einem Durchschnittspreis von je 60
Speziesthalern. _Markt_ wird tglich in der Stadt abgehalten. Auer den
gewhnlichen Handelswaaren werden auch Lebensbedrfnisse, Fleisch, Brot,
Holz und Trinkwasser, feilgeboten. Die beiden zuletzt genannten
Bedrfnisse machen die Erwerbsquelle fr die armen Landleute aus. Mit dem
thnernen Topfe auf dem Haupte kommen die Wassertrgerinnen heran; schon
am frhen Morgen stellen sich Hirten ein, welche kleine, mit Milch
gefllte Krbchen zum Verkauf bringen; diese Milch schmeckt sehr
unangenehm, indem sie gleich nach dem Melken stark geruchert wird, was,
um das Gerinnen zu verhten, unumgnglich nthig sein soll. Andere
Landleute bringen in der Winterjahreszeit Nabakfrchte (_Rhamnus Nabac_)
und kleine Citronen, die aus den verwilderten Klostergrten stammen, sowie
frische Hennabltter (_Lawsonia inermis_), welche den Schnen der Stadt
zum Rothfrben der Ngel und Handflche unentbehrlich sind. Fischerknaben
bringen die reiche Ausbeute des Meeres, und im Frhling verkauft man die
Bltenstengel einer spargelhnlich schmeckenden Aloart. Fast die ganze
mnnliche Bevlkerung Massaua's treibt sich den Tag ber faullenzend unter
den Marktbuden umher, wo neben dem feinen Stutzer der zerlumpte Derwisch
und der halbnackte Hirt einherzieht.

Massaua, sowie Sauakin, gehrten einst zum abessinischen Reiche. Die Stadt
wurde 1557 durch eine trkische Flotte erobert und mit einer bosnischen
Besatzung versehen. Unter Mehemed Ali gehrte sie zu Aegypten, kam jedoch
1850 wieder unter trkische Oberhoheit und wurde 1865 abermals, nebst der
ganzen Westkste des Rothen Meeres an Aegypten abgetreten.

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Wendet man sich von Massaua gerade nach Sden, nach dem bis zu 5000 Fu
ansteigenden Gedemgebirge, so bersieht man von diesem den ganzen
_Meerbusen von Annesley_ oder die _Bai von Adulis_ (jetzt bei den
Eingeborenen Gubet Kafr genannt). Whrend im Westen das Vorgebirge Gedem
die Bai abschliet, wird diese im Osten von der meist kahlen Halbinsel
Buri begrenzt. Das Westufer, flach und durch Anschwemmungen entstanden,
trgt eine ppige Vegetation von Schorabumen, zwischen deren Wurzelgewirr
Heuglin hier einen seltsamen Fisch (_Periophthalmus Koehlreuteri_)
entdeckte, der, froschlarvenartig aussehend, im Schlamme, zwischen Steinen
und sogar im Grase lebte und verfolgt in groen Sprngen sich ins Wasser
rettete. Die Bucht hat eine Lnge von 20, bei einer Breite von 8 Meilen,
ist tief genug, um selbst die grten Seeschiffe aufzunehmen, und besitzt
den Vorzug, Trinkwasser wie auch Brennholz liefern zu knnen. Den Schlu
der Bai bildet die den Franzosen gehrige _Insel Dessi_, welche ohne groe
Kosten leicht befestigt werden knnte, doch haben die Franzosen es bei der
einfachen Besitzergreifung bewenden lassen. Sie hat gleichfalls gutes
Wasser und Weide fr etwa 600 Stck Rindvieh, die drei Rheden gewhren
guten Schutz und knnen in vortreffliche Hfen umgeschaffen werden. Im
Jahre 1859, als Agau Negussi Gebieter Tigri's und von den Franzosen als
"_Empereur_" anerkannt war, gab er die Insel dem franzsischen Agenten
Russel und bot ihm auerdem noch die ganze Bai von Adulis an. Dagegen that
die ottomanische Pforte Einsprache, da sie das ganze Kstenland fr sich
in Anspruch nimmt; indessen wurde darauf keine Rcksicht genommen, und der
franzsische Konsul schlo auf der Halbinsel Buri mit den Huptlingen der
Hasorta, welchen Dessi gehrte, einen Vertrag. Die Schums (Huptlinge)
erklrten, da sie nie der Pforte, sondern nur der abessinischen Krone
unterthan gewesen seien. So ward Dessi franzsisch und bestimmt, der von
den Englndern besetzten Insel Perim in der Bab-el-Mandeb Konkurrenz zu
machen.

Am westlichen Ufer, doch eine Stunde vom Meere entfernt, liegen an einem
breiten, trockenen Strombette die Ruinen der berhmten Stadt _Adulis_,
Adule, _Zula_ oder Asule. Sie wurde unter Ptolemus Euergetes gegrndet
und war zur Zeit der Ptolemer ein blhendes Emporium, dessen Bewohner
lebhaften Handel, besonders mit Elfenbein, Rhinozeros, Schildpatt, mit
Affen und Sklaven trieben. Eine zweite Bltezeit erlebte Adulis unter den
Knigen von Axum, fr deren Staat es Hafenplatz bildete.

  [Illustration: Hirt mit Fettschwanzschafen. Zeichnung von Robert
  Kretschmer.]

Als im 6. Jahrhundert hier der Indienfahrer Kosmas landete, fand er das
_Monumentum adulitanum_, dessen Inschriften ber die alte Geographie jener
Gegenden wichtige Auskunft geben. Jetzt sind von der Stadt nur elende
Ruinen noch brig, die zwei Meilen im Umfang haben. Schutthaufen von
Wohnungen, die alle von kleinen unbehauenen Lavasteinen erbaut waren, in
der Mitte die Trmmer einer ganz zerfallenen Kirche, dabei Sulenreste und
Kapitle, alles ziemlich plump aus Lava gearbeitet und mit Buschwerk
berwachsen - das ist, was von Adulis brig blieb. Keine Inschrift, kein
Relief ist mehr zu sehen, aber die Begrbnipltze der Muhamedaner haben
sich zwischen diesen alten christlichen Resten angesiedelt, bei denen der
Mangel grerer Gebude nicht auffallen kann, wenn man bedenkt, da Adulis
einst dieselbe Rolle spielte, wie heute Massaua, in dem auch alle groen
Gebude fehlen.

Hier ist der Ort, einen kurzen Blick auf die Bewohner des Kstenlandes zu
werfen. Diejenigen der Samhara, des schnen Thales von Modat, in welchem
die heien Mineralquellen von Ailet liegen, nennt man zusammenfassend
_Beduan_. Sie sind gleich den Abessiniern Semiten und reden die
Tigrsprache. Alle bekennen sich zum Islam, doch vor einem Menschenalter
waren sie noch Christen, wie es ihre nchsten Nachbarn im Nordwesten, die
Mensa und Bogos, noch heute - wenigstens dem Namen nach - sind. Sie sind
alle Nomaden, die besonders Viehzucht treiben und Kameele, Rindvieh,
Ziegen und Schafe halten. Letztere sind verschieden von den eigentlichen
abessinischen Schafen; sie kommen vielmehr berein mit dem arabischen oder
persischen _Fettschwanzschafe_ und zeichnen sich durch einen schwarzen
Kopf aus.

In der Umgebung des Golfs von Adulis bis zur eigentlichen Grenze
Abessiniens wohnen Hirtenvlker, die Heuglin unter dem Namen _Schoho_
zusammenfat und zu denen er auch die _Hasorta_ oder Saorto rechnet. Sie
reden eine eigene Sprache, haben eine eigenthmliche Gesichtsbildung, sind
blos wilde Hirten, haben keine festen Wohnsitze und treiben keinen
Ackerbau. Sie bekennen sich der Form nach allerdings zur muhamedanischen
Religion, kmmern sich im Grunde genommen jedoch wenig darum. Ihre
Lebensweise ist einfach, ja drftig, ihr Charakter leidenschaftlich.
Rppell sah in Arkiko Schoho, die sich durch einige Eigenthmlichkeiten
auszeichneten. Ihr Kopfhaar stand rund um den Kopf nach allen Seiten hin
sechs Zoll weit steif ab und hatte durch die Menge des eingekneteten
Hammelfettes eine graugelbe Farbe erhalten; mehrere bejahrte Mnner hatten
ihre grauen Brte ziegelroth gefrbt; andere rochen bis in weite Ferne
nach Zibethmoschus; dabei gingen sie in ganz zerlumpten Kleidern. Von den
ihr Gebiet durchziehenden Fremden versuchen die Schohos auf alle mgliche
Art Geld zu erpressen. So suchten sie Rppell mehrere Schafe und Milch
aufzudrngen; glcklicherweise hatten ihn aber seine Reisegefhrten
gewarnt, von ihnen anders als gegen bestimmte Zahlung etwas zu nehmen, da
solche Schenkungen nur ein Kunstgriff seien, um den zehnfachen Werth dafr
zu erzwingen. Uneingedenk dieser Warnung kostete er von einer freundlich
dargebotenen Schale Milch, wofr er einen halben Maria-Theresia-Thaler
zahlen mute!

Die Begrungsart der Schoho ist das Darreichen der Hand; wenn sie
ausruhen, nehmen sie eine Stellung an, die man unter den ostafrikanischen
Negern (z. B. bei den Bari am Weien Nil, bei den Leuten im Mondlande
u. s. w.) wiederfindet. Sie setzen nmlich die linke Fusohle an das
rechte Knie, biegen dann, indem sie sich mit der Achselhhle der rechten
Schulter auf einen Stab sttzen, den Krper auf die rechte Seite und
stehen so oft Viertelstunden lang unbeweglich still, apathisch denselben
Gegenstand anstarrend.

Folgt man in sdstlicher Richtung der Kste des Rothen Meeres, so trifft
man abermals auf ein anderes Volk, auf die ohne ein gesetzliches Band, in
kleinen Familien, ohne politisches Oberhaupt lebenden _Danakil_ (in der
Einzahl Dankali), welche bei den Arabern Tehmi oder Hetem heien. Sie sind
in den Kstenpltzen am Rothen Meere ansssige Fischer und Schiffer, die
auch mit der gegenberliegenden arabischen Kste Handel treiben. Obgleich
sie nur kleine offene Schiffe haben, die hinten und vorn in einen Schnabel
auslaufen und gewhnlich nur durch ein viereckiges, aus Matten
verfertigtes Segel in Bewegung gesetzt werden, so wagten sie sich doch von
je muthig weit in die See hinaus und waren frher auch zuweilen khne
Seeruber. In vieler Beziehung gleichen sie den Ostabessiniern, doch sind
sie noch krftiger und heller als diese, tragen aber deren rothgerndertes
Umhngetuch und verhllen sich beim Sprechen damit den Mund; andere
bekleiden sich mit der dicken abessinischen Leibbinde, die so breit ist,
da sie bis fast unter die Arme reicht. Sie tragen lange, krause, von Fett
triefende Haare, gehen stets bewaffnet mit Lanzen, runden Schilden aus
Antilopenfell und einem zweischneidigen Sbelmesser, das aus indischem
Eisen geschmiedet und in einer ledernen Scheide an der rechten Seite
getragen wird. Die Danakil bekennen sich zum Muhamedanismus; sie werden
brigens von Heuglin, der sie in der Umgebung Ed's kennen lernte, als
feiges, diebisches Gesindel voll des schamlosesten Eigennutzes, dabei faul
und mitrauisch im hchsten Grade, beschrieben. In ihrer Sprache heien
sie Afer. Seit alten Zeiten bewohnen sie Ostafrika und beherrschten sogar
einige Jahrzehnte hindurch unter dem Eroberer Muhamed Granj ganz
Abessinien. Jetzt sind die Danakil auf ein verhltnimig kleines Terrain
zurckgedrngt, von der Halbinsel Buri im Osten der Bai von Adulis bis
Gubbet-Harab im Sden (11 30' nrdl. Br.). Ihre Westgrenze bildet der
Abfall der abessinischen Hochlande und ein Salzwstenland, das sich lngs
deren Fu von Norden nach Sden erstreckt und mit der Samhara oder Samher
theilweise zusammenfllt.

Diese _Samhara_, wie der Araber den schmalen Streifen nennt, welcher
stlich von den abessinischen Gebirgen zwischen diesen und dem Meere
verluft, ist ein hchst interessantes Wstenland. Dem Gesetze zufolge,
da die Wste berall da, wo es regnet, Wste zu sein aufhrt und Steppe
zu werden anfngt, sollte auch die Ebene zwischen dem Gebirgswall
Abessiniens und dem Rothen Meere Steppe sein, weil es dort regnet - allein
dies ist nicht der Fall. Gerade da, wo man glauben knnte, da das Wasser
seinen ewigen Kreislauf ununterbrochen ausfhren knne, an diesen Ksten
nmlich, zeigt sich diese Samhara als Ausnahme, die hchstens als
Mittelglied zwischen Steppe und Wste angesehen werden kann. Auf groe
Strecken erinnert sie noch durchaus an die Wste, nur in wenigen Thlern
hnelt sie der Steppe und blos da, wo das Wasser so recht eigentlich
waltet, beweist sie, da sie innerhalb des Regengrtels liegt. Aber nicht
die Lage macht die Samhara zu dem, was sie ist, sondern die
Beschaffenheit. Sie ist blos eine Fortsetzung des Gebirgsstockes selbst,
obgleich sie, die Ebene, nur von wenigen und niederen Hgeln unterbrochen
wird.

Sie gleicht gewissermaen, wie Brehm treffend bemerkt, dem Schlackenfeld
am Fue eines gewaltigen Vulkans. Eine Menge konischer Hgel, zum guten
Theil aus Lava bestehend, wechselt hier mit schmleren oder breiteren
Thlern ab und bildet ein Wirrsal von Niederungen, welche, dem Faden eines
Netzes vergleichbar, zwischen den Hgeln und Bergen verlaufen. So niedrig
diese Hgel auch sind, so schroff erheben sie sich, und deshalb verliert
auf ihnen das Wasser seine Bedeutung; denn so schnell es gekommen, rauscht
es wieder zur Tiefe hernieder und nur in der Mitte des Thales gewinnt es
Zeit, das Erdreich zu trnken und ihm die Feuchtigkeit zu gewhren, welche
zum Gedeihen der unter einer scheitelrecht strahlenden Sonne so
wasserbedrftigen Pflanzen unerllich ist. Hier nun macht sich auch
gleich ein reiches Leben bemerkbar. An den schwarzen Bergen klettern die
Mimosen, so zu sagen, mhsam empor; an den schroffen Wnden finden sie
kaum Nahrung genug zu ihrem Bestehen und knnen sich deshalb nur zu
drftigen Gestruchen entwickeln. Nur in wenigen Niederungen, die
zeitweilig von Regenbchen durchstrmt sind, findet man dunkelgrne
Euphorbienbsche, zu denen sich in noch besseren Lagen Tamarisken,
Christusdorn, Balsamstruche, Asklepiasbsche, Capparis, Stapelien,
Ricinus gesellen, whrend der Cissus berall an den Struchern
umherklettert und reiche Guirlanden bildet. Hier erhlt man einen
Vorgeschmack jener reichen Natur, die im Gebirge herrscht, wo die Pracht
der Tropen mit den Schnheiten der Bergwelt sich vereinigt, wo immer neue
Zauberbilder vor dem Auge auftauchen und sich das Schatzkstlein ganz
Afrika's erffnet. Dort im Westen winkt uns der hohe Gebirgswall des
afrikanischen Alpenlandes, nach dem wir nun unsere Schritte lenken.

Massaua ist fr die weien Europer die natrliche Eingangspforte nach
Abessinien. Gewhnlich schlieen sie sich einer heimkehrenden _Kafl_ an,
die immer mehr Sicherheit darbietet, als wenn der Reisende allein oder nur
mit geringer Begleitung in das Innere einzudringen versucht. Bei den
gesetzlosen Zustnden des Landes, den fast stets stattfindenden
Brgerkriegen, der Plnderung und Verheerung, ist ein Reisen in Abessinien
auerordentlich gefhrlich, und nur die Karawanen gewhren einige
Sicherheit, wenn sie auch starken Erpressungen, Zollabgaben und den
verschiedensten Plackereien ausgesetzt sind.

Als Lastthiere werden auf den steilen und schwer zugnglichen Wegen
vorzglich Maulthiere verwendet. Das Verpacken der Effekten nimmt viel
Zeit in Anspruch, da selbige in gleich groe und wo mglich gleich schwere
Ballen zusammengeschnrt werden mssen. Eine groe Anzahl Diener und
Treiber ist deshalb nthig, um das Gras fr die Thiere, Holz und Wasser
fr die Reisenden herbeizuschaffen, ferner um das Gepck jedesmal durch
gehriges Zusammenlegen gegen den Regen zu schtzen und des Nachts gegen
die Ruber und Raubthiere Wache zu halten. Die Karawane z. B., mit welcher
Rppell reiste, bestand aus 40 Kameelen, ebenso viel Maulthieren und ber
200 Menschen. Man stelle sich vor, was diese allein an Wasser und
Lebensmitteln in den unwegsamen Gebirgen brauchten, und man wird die
Schwierigkeit, nach Abessinien einzudringen, schon hiernach beurtheilen
knnen.

  [Illustration: Landschaftscharakter am Abfall der ostabessinischen
  Gebirge. Zeichnung von Robert Kretschmer.]

Nur die angesehensten Reisemitglieder reiten; alle anderen gehen zu Fu.
Jedes Mitglied der Gesellschaft ist bewaffnet; entweder mit einem langen
krummen Sbelmesser, das stets an der rechten Seite getragen wird, oder
mit einem Speer und runden Schilde. In neuerer Zeit sind die Gewehre mehr
in Aufnahme gekommen. Viele tragen auerdem noch kleine, aus Rohr
geflochtene Sonnenschirme, die uerst ntzlich sind, wenn man nach
abessinischer Sitte keine Kopfbedeckung trgt. Am Abend macht die Karawane
gewhnlich unter einigen Bumen in der Nhe von Brunnen Halt. Es ist kein
leichtes Stck Arbeit, nach Abessinien einzudringen, wer es aber erreicht,
der findet in der Natur auch Belohnung fr seine Mhe, wenn auch die
Menschen, welche jenes Paradies bewohnen, ihm desselben nicht werth
erscheinen. Steigen auch wir nun hinauf in die Hochlande.

Hinter uns liegt der ungesunde Kstensaum und die Samhara, die wir in
wenigen Tagemrschen durchschritten, vor uns aber, am westlichen Rande
derselben, steigt jh in einer Hhe von durchschnittlich 8000 Fu das
_Taranta-Gebirge_, der natrliche stliche Grenzwall Abessiniens an, ber
dem zackige Gipfel in die Hhe starren. Im Lichte der sdlichen Sonne
spielt es in den prchtigsten Farben, die uns in Entzcken versetzen; ein
ewiger Wechsel von Licht und Schatten, Helle und Dunkel ist bemerkbar. Es
wird Einem wohler in der Seele, wenn man dem Gebirge nher und nher
kommt; man treibt das Maulthier zu schnellerem Laufe an, um bald die Luft
der Gebirgsthler genieen zu knnen. Die Psse und Saumwege sind hufig
so eng, da nur ein Lastthier hinter dem andern zu gehen vermag; strzt
eines, so versperrt es den Weg und die Karawane mu Halt machen. Der am
meisten begangene Pa ist jener von Halai, durch den zur Regenzeit ein
wild angeschwollenes Gebirgswasser dem Rothen Meere zustrzt. Schroffe
Bergmassen, welche aus senkrechten Schichten von Schiefer bestehen,
begrenzen den Weg. Das Ganze macht den Eindruck einer wilden Einde:
Bergwnde mit fast ganz nacktem Gestein ohne frischen Graswuchs erheben
sich zu beiden Seiten, whrend die Thalniederung nur hier und da
Baumgruppen zeigt. In Zickzacklinien fhrt der Weg weiter; es treten nun
verschiedene Pflanzen auf: man bemerkt die ersten Tamarisken, dann die
Kronleuchter-Euphorbien (Kolqual), die mit der Hhe des Gebirges an
Hufigkeit zunehmen und uerst charakteristisch sind; vorherrschend ist
jedoch die Mimose. Jetzt sind wir oben in der erfrischenden Bergeshhe; in
der Nacht ist kalter Tau gefallen und der khle Wind streicht ber die
Gipfel, von denen wir noch einen Blick rckwrts auf das Rothe Meer -
gleichsam zum Abschied - werfen. Der nchste Flu senkt sich schon
westlich ab - er gehrt zum Gebiete des Nil. Abessiniens Grenze, die
allerdings nicht so scharf gezogen erscheint, wie die Grenze eines
europischen Staates, ist berschritten und das Dorf _Halai_, das erste
des Landes, ist erreicht. Es schmiegt sich terrassenfrmig erbaut an die
Kuppe eines Hgels an; die Wohnungen sind kaum mannshoch und mit flachen
Dchern versehen. Diese haben einen bodenlosen Topf in der Mitte, durch
welchen das Tageslicht in die Htte dringt und der Rauch hinauszieht.

Diese Tpfe - Schornsteine kann man sie nicht nennen - werden mit einem
Steine bedeckt, wodurch dann, da die Htte auer einer kleinen Thr keine
andere Oeffnung hat, das Innere derselben ganz finster wird. Wir treten
ein, um einen Vorgeschmack abessinischer Behausungen zu erhalten. Um ein
nie verlschendes Feuer gekauert, dessen Rauch nur mhsam Abzug findet und
die Wnde mit dickem Ru berzieht, lagern die halbnackten Insassen, zu
denen sich Ziegen, Schafe und Esel gesellt haben, welche in einer Ecke des
Gemachs Unterkunft fanden. Ermdet werfen wir uns auf eine der mit
Ledergeflecht berzogenen Ruhebnke, reiben die thrnenden Augen, welche
von dem beienden Qualm zu leiden haben, und gedenken uns durch einen
Schlaf von der anstrengenden Gebirgswanderung zu erholen - aber auch
dieser wird uns verleidet, denn aus den Rohrmatten, die auf der Ruhebank
liegen, strzen blutgierig Hunderte von Flhen ber uns her, denen
europisches Blut ein ganz besonderer Genu zu sein scheint. Wir mchten
hinaus ins Freie - aber auch das ist uns benommen, denn strmender Regen
giet auf die Erde herab, und wir sind gezwungen, in dem ekelhaften
Quartier auszuhalten.

So gestaltet sich das Vordringen nach Abessinien von der Seite des Rothen
Meeres her. Anders und mit noch greren Schwierigkeiten gelangt man lngs
dem Nil oder lngs dessen Zuflssen in die Hochlande. Hier ist der
Reisende genthigt, bis nach der Metropole des stlichen Sudan, Chartum am
Zusammenflusse des Weien und Blauen Nil, vorzudringen. Von hier aus kann
er entweder am Blauen Flu stromaufwrts bis nach der zerfallenen Stadt
Sennar reisen und dann nach dem stlich liegenden Sklaven- und Gummimarkte
_El Gedaref_ ziehen, oder er verlt den Blauen Nil schon frher bei
Abu-Haras und gelangt durch das Gebiet der Schukeri-Araber nach dem
genannten Marktplatze. Von hier aus geht nun in sdstlicher Richtung die
vielbesuchte Karawanenstrae am Elephantengebirge oder Ras el Fil vorbei
in die Negerrepublik _Galabat_. Dieser merkwrdige Grenzstaat, der von
sehr fleiigen Schwarzen - Takruri - bewohnt wird, die aus Darfur und
Wada stammen und auf den Mekka-Wallfahrten hier sitzen blieben, hat sich
unter einem Oberhaupte - Schum - eine Art von Selbstndigkeit zu bewahren
gewut, die er allerdings durch gleichzeitige Abgaben an Aegypten und
Abessinien theuer erkauft. Die Hauptstadt Metemm ist ein bedeutender
Marktort, unfern vom Atbara. Auch haben die Baseler Missionre hier eine
Station errichtet, die indessen ganz erfolglos blieb.

Metemm, nur wenige Meilen von der abessinischen Grenze gelegen, ist in
der letzten Zeit ungemein hufig von europischen Reisenden besucht
worden, so von Baker, Schweinfurth, Graf Krockow, v. Heuglin. Das
Hinaufsteigen in die Hochlande ist hier nicht sehr schwierig, keinenfalls
so mhevoll wie von Massaua aus. Auch wir wollen hier in das Land
eindringen und zwar unter der Fhrung _G. Lejean's_, eines franzsischen
Reisenden, der sich um die Wissenschaft schon bedeutende Verdienste
erworben hat.





  [Illustration: G. Lejean.]





                   G. LEJEAN'S REISE DURCH ABESSINIEN.


     Metemm. - Der Markt Wochni. - Grenzwchter. - Eine abessinische
        Festung. - Eine deutsche Familie. - Das Land am Tanasee. -
     Schnapphhne. - Missionsstation Gafat. - Gefangennahme Lejean's
    durch Knig Theodor. - Theodors Lwen. - Gondar und seine Bauten.
     - Wasserfall des Reb. - In einem Kloster. - Besuch in Korata. -
     Binsenfle. - Der Tanasee. - Besteigung des hohen Guna. - Fnf
         Frauengenerationen. - Befreiung. - Hochebene Woggara. -
             Lamalmonpa. - Reise durch Tigri nach Massaua.


Guillaume Lejean ist ein vortrefflicher Mann. Er verbindet mit der
Leichtigkeit und Liebenswrdigkeit echt franzsischen Wesens eine deutsche
Grndlichkeit. Dabei ist er khn, praktisch und vor keiner Gefahr
zurckschreckend. Diese hervorragenden Eigenschaften machten ihn zum
Forschungsreisenden besonders geeignet, wozu noch sein offizieller
Charakter als franzsischer Konsul ihm mancherlei Erleichterungen
verschaffte. Bekannter wurde er zuerst durch eine Abhandlung ber die
verwickelte Ethnographie der europischen Trkei, die er nach allen Seiten
hin bereist hatte. Als die groe Zeit der Nilquellenentdeckungen war und
Speke, Grant, Baker ihre Erfolge errangen, beschlo auch Lejean sein Theil
zur Lsung des Problems beizutragen; er ging den Weien Nil hinauf,
untersuchte dessen Nebenflu, den Gazellenstrom, und kam bis Gondokoro.
Hier warf ihn jedoch das klimatische Fieber dergestalt nieder, da er
umkehren mute. Nun wandte er sich nach Nubien, besuchte Kassala, eine der
bedeutendsten Stdte im stlichen Sudan, und durchstreifte die
Bogoslnder. Von der franzsischen Regierung zum Konsul in Massaua ernannt
und mit einer Mission an den Knig Theodor von Abessinien betraut, ging er
abermals nach dem Sudan. Im Dezember 1862 finden wir ihn dann zu Metemm
in Galabat, um weiter nach Abessinien vorzudringen. Von hier ab lassen wir
ihn seine an persnlichen Abenteuern reiche Reise auszugsweise selbst
erzhlen.

Von dem deutschen Missionr _Eperlein_, einem Badenser, wurde ich sehr
freundlich aufgenommen. Bei ihm befand sich ein junger Englnder, Namens
_Dufton_, der, gleichfalls vom Missionseifer getrieben, aus freien Stcken
sich hierher begeben hatte, um ein Noviziat durchzumachen und dann als
Glaubensbote weiter zu ziehen. Er war ein gutes Exemplar jenes frostigen
Enthusiasmus, welcher seine Landsleute in religisen Dingen auszeichnet
und zu so originellen Thaten treibt. Obgleich er als der Sohn eines
reichen Fabrikanten in Leeds gemthlich zu Hause htte leben knnen,
beschlo er dennoch, gleich Krapf oder Livingstone Missionsreisen
anzutreten. Nur mit acht Guineen in der Tasche wanderte er nach Schwaben,
wo ihm Krapf anrieth, die Galla zum Christenthum zu bekehren. Er ging dann
nach Aegypten, den Nil aufwrts nach Chartum, lud dort sein winziges
Gepck auf einen Esel, den er vor sich hertrieb, erlitt in Gedaref einen
heftigen Fieberanfall und langte mit drei Thalern in der Tasche in Metemm
an. Ich schlug ihm vor, sich meiner kleinen Karawane anzuschlieen; er
wrde so als mein Sekretr angesehen werden und ohne Schwierigkeit die
abessinische Grenze passiren knnen. Gern ging er auf meinen Vorschlag
ein, und ich gewann einen tchtigen, sehr gebildeten Reisegefhrten,
welcher sich in schwierigen Lagen voller Muthes erzeigte.

Auf dem wohlversorgten Markte von Metemm kaufte ich zwei abessinische
Maulesel, zu 9 Thaler das Stck, und miethete auerdem ein Kameel, welches
mein Gepck bis Wochni bringen sollte, wo die steilen Bergabflle beginnen
und Lastesel an die Stelle des Schiffs der Wste treten. Nach viertgigem
Aufenthalt in Metemm sagten wir endlich dem braven Eperlein Lebewohl,
traten die Reise nach Abessinien an und gelangten zunchst in einen
dichten Wald, der sich drei Tagereisen weit bis an den Flu _Gandova_
(Nebenflu des Atbara) hin erstreckt. Dies ist der Grenzstreifen oder
Border, wie man in Schottland sagen wrde, der von den Aegyptern und
Abessiniern als neutrales Land betrachtet wird, den aber beide Theile
schon hufig mit ihrem Blute getrnkt haben. Am dritten Tage passirte ich
die noch stark angeschwollene Gandova, an der Stelle, wo die kleine Insel
_Kaokib_ den Karawanen den Durchgang erleichtert; mitten auf derselben
erhebt sich ein prachtvoller Tamarindenbaum, welcher die Reisenden zur
Rast in seinem khlen Schatten auffordert.

Gegen Abend gelangten wir an die erste jener stufenfrmigen Terrassen,
welche ringsum fast ganz Abessinien begrenzen. Wir erklommen sie mit
einiger Schwierigkeit und fanden auf dem Gipfel ein schnes Plateau, auf
welchem man gerade das drre Gras und Kraut behufs der Bestellung der
Felder abbrannte. Hier wurde das Nachtlager aufgeschlagen, das Gepck
abgeladen, schnell zu Abend gegessen und der mde Krper auf dem Boden zum
Schlafe ausgestreckt. Wir hatten nur kurze Zeit geruht, als sich ein
wster Lrm erhob; die Maulthiere begannen auszuschlagen und eins
derselben ri sich los. Unser Diener scho aufs Gerathewohl in die
Finsterni hinein. Wahrscheinlich hatte eine freche Hyne einen Ueberfall
versucht, war dabei aber gestrt worden. Das freigewordene Maulthier lief
nach Metemm zurck, wo es mit einem tiefen Bi in der Weiche bei Eperlein
ankam.

Schnell erhoben wir uns beim Morgengrauen von diesem unangenehmen Orte und
gelangten nach vierstndigem Marsche in _Wochni_, dem ersten abessinischen
Orte an, der wegen seines Wochenmarktes, wo die Baumwolle von Gallabat und
Sennar verkauft wird, berhmt ist. (Abbildung siehe S. 85.) Ein fr
allemal mu ich hier bemerken, da wir wegen unserer europischen Kleidung
oder wegen unseres fremdartigen Aussehens von den Eingeborenen keineswegs
belstigt wurden.

Wochni liegt tief in einem dunklen feuchten Walde. Hierher kommen die
sdlichen Gallastmme und Leute aus Tigri, um Goldstaub und Elfenbein
gegen Pulver, Tuch und Leinen einzutauschen; die Beduinen aus Ostsudan
bringen ihre Pferde und aus Chartum langt Salz an, das in dem Reiche des
Negus als Geld unentbehrlich ist. Die Wohnungen bestehen aus runden Htten
mit kegelfrmigem Dache; auer Teppichen und Decken, welche als Divan
dienen, sind darin keine Mbeln vorhanden.

Wir lagerten uns unter einem Baum, und unser Fhrer ging, um den
_Nagadras_ oder Zollwchter aufzusuchen. Unterdessen bltterte ich in
einem illustrirten Buche, whrend Dufton die hohe steile Basaltterrasse
des Maschelagebirges zeichnete, die sich nrdlich von Wochni mit
senkrechten Rndern 1800 Fu hoch erhebt. Neugierig, doch ohne uns gerade
zu belstigen, kamen die Leute des Ortes heran. Ein junges Mdchen fragte
mich, ob ich ein Christ sei, und als ich ihre Frage bejahte, zeigte sie
mir ihre blaue seidene Halsschnur und forschte dann weiter, ob ich auch
die Denghel Mariam verehre? "Ja wohl, die _Jungfrau Maria_, die Mutter
Christi!" lautete meine Antwort. Nichts kommt der Verehrung gleich, mit
welcher die Abessinier der Mutter Maria ergeben sind; hierin liegt einer
der zahlreichen Punkte, in welchen die Religion der Abessinier mit jener
der romanischen Vlker bereinstimmt. Die deutschen und englischen
Missionre mit ihrer kalten und schwerflligen Logik haben
ungeschickterweise gegen dieses Nationalgefhl, eine der schnsten Formen
des Frauenkultus, geeifert und aus diesem Grunde, glaube ich, sind auch
alle ihre Missionsbestrebungen erfolglos geblieben.

Der Nagadras kam an. Nach einigem Wortwechsel bedeutete er uns, da er
ber unsere Zulassung in das Reich erst mit dem _Bel-Amba-Ras Gilmo_, dem
Markgrafen oder Grenzwchter der vier Grenzprovinzen Tschelga, Sarago,
Dagossa und Ermetschoho unterhandeln msse. Bel-Amba-Ras Gilmo bestellte
uns nach seinem Aufenthaltsort, dem Dorfe Kamauchela, welches auf dem
Gipfel eines steilen, fast unzugnglichen Berges liegt, einer Amba, wie
derselbe in Abessinien genannt wird. Vier Tage brachten wir noch in Wochni
zu, worauf wir dann auf Gilmo's Befehl, gefhrt von einem Diener des
Zollwchters, nach Tschelga aufbrachen.

  [Illustration: _Oenanthus multiflorus_. Nach Lejean.]

Der Weg fhrt durch das Bel-Wocha-Thal, das der Kolla Abessiniens
angehrt. An einzelnen Stellen zeigt dasselbe einen breiten Bambusgrtel,
der ber die Hgel sich hinzieht und fast alle brige Baum- und
Strauchvegetation erdrckt hat. Andere Stellen zeigen prchtigen
Blumenflor. Weie Schwertwurz (_Gladiolus_) und Asphodelusarten, Muscari,
Arum und dster erscheinende Takka; im Grase steht hufig die Kmpferia,
deren breite gelbe Blte sich mitten zwischen vier groen, platt auf der
Erde liegenden, hellgrnen, rothgesumten Blttern, die in einigen
Gegenden als Salat genossen werden, erhebt. Dazu gesellen sich Orchideen,
grobltige Amaryllis und Haemanthus mit scharlachrothen Bltenknpfen.
Prchtig leuchtet vor allen andern Pflanzen der _Oenanthus multiflorus_
uns entgegen. Ueber Gestrpp und Gestein fhrt in Zickzacklinien an
steilem Gehnge fort durch enge Tiefthler der Weg aufwrts; dann folgt
eine Ebene, von der man zum ersten Male einen weiten Blick in das
gesegnete Land Abessinien hat. Von hier aus geniet man eine herrliche
Aussicht auf die Ebene von Tschelga und Dembea, auf den weiten Spiegel des
Tanasees mit seinen Inseln und die hohen Berge jenseit desselben, die Guna
und sdstlich auf die Alpen Godschams.

Unter strmendem Regen langten wir in _Tschelga_ an, und dort wollten die
ungastlichen Eingeborenen, da wir keinen _Mursal_ oder Pa besaen, uns
zwingen, unter einem Baume zu kampiren, bis unsere Angelegenheit geordnet
sei. Ich miethete jedoch zu dem migen Preise von einem Stck Salz
tglich ein Haus, das zu beziehen unser Fhrer, der Diener des Nagadras,
uns jedoch verhindern wollte. Dufton, hierber aufgebracht, stellte sich
in nationale Boxerposition und schrie den Diener an: "Also du willst uns
auch ein trockenes Obdach verwehren? Piff, paff, da hast du eins!" Nun
drehte sich der Diener im Kreise, aber ein baumstarker Abessinier hielt
Dufton fest, und die Lokalpolizei intervenirte. Nach langem Streiten
erreichten wir dennoch unsern Zweck frs erste: ein schtzendes Gemach.

Ich will die Leser nicht damit langweilen, wie der Bel-Amba-Ras uns volle
19 Tage in Tschelga aufhielt, unter dem Vorwande, erst Befehle vom Negus
Theodor einholen zu mssen. Ich argwhne nur, da er mich fr einen
Missionr hielt und auspressen wollte. Zuletzt ungeduldig geworden,
beschlo ich, ihn in seiner luftigen Felsenfestung aufzusuchen. Gefolgt
von Dufton, einem Takruri-Dolmetscher und einem Soldaten, der uns als
Wache beigegeben war, machte ich mich nach der Amba auf den Weg, die
nordnordstlich von Tschelga liegt. Am ersten Abend schliefen wir, vier
Stunden von der Stadt entfernt, in einem muhamedanischen Dorfe, dessen
Einwohner in dem christlichen Abessinien dieselbe gedrckte Stellung
einnehmen, wie die Christen in der muhamedanischen Trkei. Mit dem
Morgengrauen brachen wir wieder auf und erklommen eine Terrasse, von der
aus wir den ersten Blick auf die Amba werfen konnten. Vor Verwunderung
ber das herrliche Naturgebilde standen wir beide ganz berrascht still.
Man stelle sich am Ende einer mit grnenden Hgeln berzogenen Terrasse
einen jh und steil abfallenden Felsenberg von 700 bis 800 Fu Hhe vor,
also doppelt so hoch als unsere hchsten Thrme und fast ebenso gerade
aufschieend wie diese, begrenzt von den bewaldeten Thlern, die sich nach
dem Goang, wie man hier den Atbara nennt, hinziehen. Ein Felsen, der in
eine Plattform endigt, etwa von der Gre der Place de la Concorde in
Paris, und der weit und breit die umliegende Ebene beherrscht, verbindet
sich wie eine Art von Vorwerk mit der Festung. Ein Felsgrat, so eng, da
zwei Personen nebeneinander ihn nicht passiren knnen, fhrt zu dieser,
und der Fugnger, welcher auf ihm hingeht, hat keinerlei Schutz zur
Seite, welcher seinen Fall in den ghnenden Schlund rechts oder links
verhinderte. In diesem wilden Gibraltar wohnte der abessinische
Feudalherr, dessen kleiner pomphafter Hof lebhaft an die merovingischen
Herzge zur Zeit Gregor's von Tours erinnert. Doch war es hier nicht das
erste Mal, da ich jene Sitten noch in voller Ausbung fand, welche in
meinem Vaterlande vor acht oder zehn Jahrhunderten herrschten, und manche
dunklen Verhltnisse unsrer Geschichte wurden mir erst durch den
Augenschein im heutigen Abessinien klar vor Augen gefhrt.

Wir schritten ohne Zgern die schwindlige Brcke entlang, die jener
gleicht, welche in den muhamedanischen Legenden aus dem Paradiese in die
Hlle fhrt, und nachdem wir ein Thor erreicht hatten, das von halb
entblten Lanzentrgern bewacht war, kletterten wir langsam einen
abschssigen Abhang hinan, passirten ein zweites Thor und standen nun auf
einer Plattform, wo uns Gilmo's Leute in eine Art Wartesaal fhrten, indem
sie uns bedeuteten, da der Bel-Amba-Ras gerade mit einem Botschafter des
Negus verhandle, da wir aber nach dessen Abfertigung sofort eingelassen
werden sollten.

Nach Verlauf von zwei Stunden fhrte man uns in einen weiten, mit Dienern,
Vasallen und Leibwchtern angefllten Raum, in welchem der
Festungskommandant auf einer Alga ruhte. Seine dunkeln Gesichtszge
zeigten zur Genge an, da er von Ursprung ein Gamante (vergl. S. 88) sei,
welches Volk in diesen Grenzprovinzen sehr zahlreich wohnt und die groen
Sykomoren verehrt. Er hielt eine "Berille", weitbauchige Flasche von
antiker Form mit langem Halse in der Hand und war schon angetrunken. Uns
zutrinkend wnschte er nichts sehnlicher, als uns in den gleichen Zustand
versetzt zu sehen. Ich trug ihm meine Bitte vor, das Weihnachtsfest bei
meinen "europischen Brdern" in Dschenda zubringen zu drfen. So nannte
ich nmlich die dort wohnenden Missionre, von denen ich in der Folge
manche Untersttzung zu erhalten hoffte, und mit groer Genugthuung
vernahm ich alsdann seinen Ausspruch: "Etsche! Ich willige ein". Durch
diesen guten Anfang khner gemacht, bat ich ihn um die Erlaubni, seine
Festung abzeichnen zu drfen, die ich fr ein Weltwunder erklrte. Er
wurde ernst und sagte: "Hast du in unserm Lande etwas verloren? Hat man
dich bestohlen? Sprich, und ich will dir Gerechtigkeit widerfahren
lassen!" Nichts dergleichen, antwortete ich. "Dann", nahm er das Wort,
"hast du auch nichts zu verlangen, und aus welchem Grunde willst du diesen
Ort "abschreiben", um dich spter seiner zu erinnern?" Sein Mitrauen lag
klar auf der Hand, ich schwieg weislich still und nahm dankend Abschied.
Kaum in mein Quartier zurckgekehrt, erhielt ich vom Bel-Amba-Ras einen
Hammel, einen Krug mit Honigwein, sowie Brot zugeschickt und hielt mit
Dufton eine kstliche Mahlzeit. So war die Audienz gut abgelaufen und wir
kehrten nach Tschelga zurck, um uns zur Abreise vorzubereiten.

Vor uns leuchtete der herrliche _Tanasee_, wie ein von Smaragden
eingefater Saphir. Er ist ein groes vulkanisches Becken von
auerordentlicher Tiefe, auf dem die Strme heftig hausen. Zwanzig Strme
und Bche speisen ihn, fhren aber auch zur Zeit der Sommerregengsse ihm
groe Mengen von Schlamm zu und ndern dadurch stets seine Grenzen.
Reizende Inseln, auf welchen Kirchen und Klster sich im Grn der Bume
verstecken, unterbrechen anmuthig seine Flche und verleihen dem
lieblichen Bilde Abwechselung.

Die Reise von Tschelga nach Dschenda wurde in drei Stunden ohne
bemerkenswerthen Vorfall zurckgelegt. Eine halbe Stunde hinter Tschelga
passirten wir den _Goang_, welcher an seiner nahen Quelle, dem Gesetze
aller abessinischen Strme folgend, eine Spirale um den Berg Anker
herumzieht. Die Braunkohlen, auf welche 1855 bereits Krapf aufmerksam
machte, wurden auch von mir in dieser Gegend gesehen. Spter lie Knig
Theodor diese Lager durchforschen, um seine Werksttten in Gafat damit
versehen zu knnen. In _Dschenda_ wurde ich von einem groen jungen Manne
empfangen, der mit der abessinischen Schama, trkischen Pantoffeln und
einer europischen Mtze bekleidet erschien. Es war der deutsche Missionr
_Martin Flad_, welcher sich mit der Bekehrung der in dieser Gegend sehr
zahlreichen Juden befassen darf. Er stellte uns seine Frau vor, welche
Diakonissin im Institute des Bischofs Gobat zu Jerusalem gewesen war.
Diese deutsche Familie erschien mir in jeder Beziehung musterhaft und
auerordentlich gastfrei, ein Lob, das ihr alle jene Reisenden ertheilen
mssen, welche auf dem Wege ber Dschenda nach Abessinien eindrangen. Ich
blieb vier Tage in Dschenda und unterhielt mich mit Flad viel ber den
Knig Theodor II., der ihm groe Gunst bezeugte und ihn ganz anders
behandelte als seine Kollegen Stern und Rosenthal (Flad gehrte jedoch
sammt seiner Frau auch zu den Gefangenen in Magdala). Er erzhlte mir, da
vor der Thronbesteigung Theodor's in Dschenda kein Markttag verging, ohne
da einige Mordthaten vorkamen, da aber unter der neuen krftigen
Regierung dieselben fast ganz aufgehrt htten.

Am 1. Januar 1863, nachdem ich meinem liebenswrdigen Wirthe ein
glckliches neues Jahr gewnscht, verlie ich ihn und seine drei Kollegen
Steiger, Brandeis und Cornelius, um nach Debra Tabor zum Negus Theodorus
II. zu reisen. Wir durchzogen eine weite, fruchtbare, von vielen Bchen
durchschnittene Ebene, in der zahlreiche Dorfschaften zwischen
Getreidefeldern und Grten mit rothem Pfeffer zerstreut lagen. Hier ist
das Eden Abessiniens, die Provinz Dembea mit der Hauptstadt Gondar, der
reichste und am besten bebaute Boden des ganzen Kaiserstaates. Ich
passirte die Nordostecke des Tana-Sees und gelangte in die schne Ebene
_Arno-Garno_, wie sie nach dem vorzglichsten, sie durchschneidenden
Flusse heit. Mir zur Rechten lag der glnzende Spiegel des Sees, zur
Linken eine hohe Reihe Berge, die in der Amba Mariam, dem Marienberge, bei
Emfras ihren malerischesten Gipfel zeigten. Anderthalb Meilen von Emfras
erhebt sich auf einem Hgel am Ufer des Arno ein unter der Regierung des
Negus Fasilides von den Portugiesen erbautes Schlo _Qusara Giorgis_,
dessen malerische Ruinen in diesem Lande der Strohhtten pltzlich eine
ganz europische Staffage hervorzaubern, soda man eine alte Burg am Rhein
vor sich zu sehen glaubt.

  [Illustration: Der Tanasee bei Sturm. Zeichnung von Lejean.]

Zwei tchtige Stunden jenseit des Arno fhrt der Weg durch das wilde und
meist unfruchtbare Hgelland von _Tisba_, das nichtsdestoweniger stark
bevlkert ist; jetzt sind die Einwohner friedliche Leute, vor nicht zu
langer Zeit waren sie jedoch ruberisches Gesindel; aber Knig Theodor II.
hat ihnen die Lust zum Straenraube benommen. Als er 1855 den Thron
bestieg, erlie er eine Proklamation, in welcher er sagte, da Jedermann
wieder zu der Beschftigung seiner Vter zurckkehren mge; der Soldat zum
Pflug, der Kaufmann zu seinen Waarenballen. Die Leute von Tisba, welchen
dieser Befehl mifiel, kamen remonstrirend und bis an die Zhne bewaffnet
in das Lager des Knigs. "Lang lebe Se. Majestt! riefen sie aus. Wir
erscheinen hier nur, um besondere Erlaubni zu erhalten, zum Geschfte
unserer Vter zurckkehren zu drfen!"

"Und was war dies fr ein Geschft?"

"Schnapphhne und Straenruber waren alle, Vter und Kinder."

"Wollt ihr nicht lieber", antwortete ihnen der Negus, "friedliche Brger
werden? Ich will euch die Mittel dazu an die Hand geben. Das Vergangene
ist euch verziehen; ihr erhaltet Grund und Boden, das nthige Vieh und
Ackerpflge. Nehmt ihr dieses an?"

"Niemals! Wir berufen uns auf das Edikt..."

"Das ist euer letztes Wort?"

"Ja wohl!"

"Gut; kehrt heim."

Vergngt reisten die Schnapphhne nach Tisba zurck, indem sie den Negus
eingeschchtert zu haben glaubten. Doch sie kannten diesen Mann noch
nicht. Kaum waren sie zurckgekehrt, als ein berittenes Corps in Tisba
anlangte, dessen Kommandant folgendermaen zu ihnen sprach: "Meine Lieben!
Es ist mglich, da euch der Kaiser Lalibela die Erlaubni gab,
Straenraub zu treiben, aber Kaiser Claudius, der gleichfalls heilig
gesprochen wurde, hat die Gensdarmerie (Neftenja) autorisirt, alle
Strauchdiebe niederzumachen. Neftenjas, gebt Feuer!"

Die Ueberlebenden nahmen sich die ihnen ertheilte Lektion aufrichtig zu
Herzen, und die Leute von Tisba, die heutzutage die Felder bebauen, sind
ganz brave Menschen geworden.

Von Tisba an steigt der Pfad lngs den stlichen Vorbergen an und wird
dann eben bis zu dem Marktflecken _Eifag_ an der Kirche _Bada_ oder Bata
(d. h. Empfngni). Jene ganze Gegend war einst berhmt wegen der vor
Alters eingefhrten Weinkultur, die allerdings jetzt gnzlich
darniederliegt. Eifag ist keine eigentliche Stadt, sondern besteht aus
vielen zerstreuten Drfern und Kirchen. Um die Kirche Bada zieht sich ein
prchtiger Juniperus-Hain. Der Marktplatz ist sehr ausgedehnt; der
Nagadras (Zollbeamte) erhebt von jeder Waare hier eine gewisse Abgabe. An
jedem Mittwoch versammeln sich an diesem wichtigen Stapelplatze, von dem
aus der Handel zwischen dem Sden und Norden Abessiniens von Godscham bis
Massaua vermittelt wird, die Hndler von weit und breit mit Vieh, Tabak,
Kaffee, Baumwolle, Baumwollenstoffen, Glasperlen, Wachs, Salz, Honig,
Huten, Hlsenfrchten, Getreide, Butter, Schwefel, Salpeter, Honigwein
und Bier.

In Eifag hatte ich eine herrliche Aussicht auf die schne Ebene von
Fogara, welche sich bis an den Berg Dungurs erstreckt. Der stliche Theil
derselben ist durchaus flach und wird vom Hirtenvolke der Sellan
durchschweift. Im Westen dagegen steigt das Terrain an, dort erheben sich,
bewaldet, mit Drfern und Kirchen beset, die Berge von Begemeder. Nach
dreistndigem Marsche langen wir am _Flusse Reb_ an, den wir auf einer
immer mehr zerfallenden Brcke von sieben Bogen passiren, deren Bau noch
unter dem Kaiser Fasilides vor mehr als 200 Jahren stattfand. Die Pfeiler
haben dem Zahne der Zeit gut widerstanden, allein die Bogen werden bald
von der wthenden Flut hinweggerissen werden, da der Reb in der Regenzeit
groe Massen von Schlamm mit sich fhrt, immer mehr sein Bett erhht und
so der Wassermenge nur ein geringer Ausweg bleibt. Der Reb, welchen ich im
April vollkommen ausgetrocknet sah, ist zwei Monate spter ein prchtiger
Strom, grer als die Seine bei Paris. Die Abessinier, obwol sie
vortreffliche Schwimmer sind, hten sich dann, ihn zu passiren, da sie
frchten, da gewisse Wassergeister sie in den Abgrund ziehen knnten.
Unter den Pflanzen, die ich in dieser Ebene bemerkte, nenne ich die schne
_Methonica superba_, welche von den Abessiniern Marienkelch genannt wird.
Sie gehrt zu den Lilien und gleicht in ihrer Farbenpracht einer Flamme im
dunklen Laubgrn.

Die Nacht brachten wir in einem Dorfe in der Nhe der Brcke zu; am Morgen
brachen wir dann nach Debra Tabor auf. Rechts von uns blieb ein einzelner,
steiler und kahler Felsen, Amora Gedel, d. h. Geierfelsen, liegen, dessen
Spitze ganz mit Raubvgeln bedeckt ist. Durch einen malerischen Schlund
und sumpfige Wiesen fhrt ein Fupfad zu dem Plateau von Debra Tabor
hinauf. Als wir oben angelangt waren, blieben wir vor Verwunderung stehen.
Vor uns lag ein leicht wellenfrmiges Land, dicht beset mit Drfern,
zwischen lachenden Kulturflchen und Weiden, auf denen zahlloses Vieh sich
befand. Als Franzose wurde ich an die Bourgogne erinnert, whrend Dufton
eine Landschaft Yorkshire's vor sich zu sehen glaubte, und unwillkrlich
rief ich aus: "Hier ist gut Htten bauen!" Rechts von uns blieb der Hgel
von _Debra Tabor_ mit seinen 500 oder 600 Husern und dem kniglichen
Lager liegen. Denn Theodor II. hat hier groe Getreidemagazine errichtet,
die seine Armee in Kriegszeiten, d. h. so ziemlich immer, zu versorgen
haben. Gondar, "die Stadt der Pfaffen und Schauspieler", wie der Knig
sich ausdrckt, ist ihm zuwider. Endlich erreichte ich den Hgel von
_Gafat_, nordstlich von Debra Tabor, das provisorische Ziel meiner Reise.
Der deutsche Missionr Waldmeier, an den ich empfohlen war, nahm mich sehr
freundlich auf; auch seine Kollegen, fast lauter Badenser und
Wrttemberger kamen herbei. Der einzige Franzose der kleinen Kolonie,
Franz Bourgaud aus Saint-Etienne, ist der Waffenschmied des Negus und bei
diesem sehr beliebt. Er giebt vor, sich recht unglcklich zu befinden, und
verlangte schon mehrere Male in seine Heimat zurckkehren zu drfen, aber
Theodor antwortete ihm auf sein Gesuch: "Mein Sohn Bourgaud, deine Kinder
sind noch zu jung, um die weite Reise berstehen zu knnen; bleib noch ein
paar Jahre hier." Und Bourgaud blieb. Seine Kinder sprechen vorzglich die
Amharasprache, er selbst und seine Frau haben sich ein Mischmasch aus
dieser und der franzsischen zurecht gemacht, das nur ihnen verstndlich
ist. Eigenthmer Gafats ist ein alter General auer Dienst von noblem
Aussehen. Um sein Haus herum haben sich die Deutschen Waldmeier, Kinzle,
Bender, Mayer, Salmller und Hall angesiedelt. Alle haben Abessinierinnen
heirathen mssen; Bender eine Tochter Schimper's. Am zurckhaltendsten war
der junge, hbsche Salmller, welcher schlielich eine Tochter des
Irlnders Bell nahm. (Von letzterem wird weiter unten ausfhrlich die Rede
sein).

Noch hatte ich den Negus nicht gesehen, als am 25. Januar pltzlich
Waldmeier auf mich zukam und ausrief: "Dort kommt Se. Majestt!" Ich ging
mit ihm vorwrts und traf bald auf ein groes Gefolge hoher Offiziere,
welche alle den Margef, die bordirte weie Tunica, trugen. Mitten unter
ihnen stand ein Mann, barhaupt und barfu, in eine gemeine Soldatenschama
gekleidet, welche keineswegs noch ganz wei war; in der Hand hielt er eine
Lanze, an der Seite hatte er einen gekrmmten Sbel. Wer mit den
abessinischen Gebruchen vertraut war, mute sofort den Rang dieser
Persnlichkeit erkennen; es war der einzige, welcher beide Schultern
bedeckt hatte, und Niemand anders als _Knig Theodor II._

Gut gelaunt redete er mich mit "Na deratscho (Wie geht es dir?)" an. Die
Etikette erfordert, da man hierauf nicht antwortet und sich nur tief
verneigt. So that auch ich. Theodor zog sich darauf zurck, setzte sich
auf einen Teppich und fing an, mit dem kleinen Bourgaud zu spielen. Dieser
sonderbare Mensch, dessen Leben so blutig verlief, beschftigte sich gern
mit Kindern, fr die er eine groe Zuneigung besa. Nachdem er dann einige
Hflichkeitsworte gewechselt, fragte er mich sehr verbindlich, wann ich
offiziell empfangen sein wollte? Ich erwiederte, da ich ganz zu seinen
Befehlen stehe, worauf er den nchsten Tag zur Audienz in Debra Tabor
bestimmte. Ich ward abermals gut von ihm aufgenommen, machte den ganzen
Feldzug in Godscham mit, der nicht besonders glcklich ausfiel, und kehrte
dann mit ihm in das Lager von Debra Mai in Mietscha zurck. Unterdessen
waren verschiedene Umstnde vorgekommen, welche meine Anwesenheit auf dem
Konsulatsposten dringend erforderten; ich begab mich deshalb in voller
Uniform zum Negus, um ihn um eine Abschiedsaudienz zu bitten. Er lie drei
Europer herbeirufen, welche die Amharasprache redeten, und fragte dann,
was ich wolle. Ich antwortete: "Ich wnsche, dringender Angelegenheiten
wegen, nach Massaua abzureisen, und dann will ich von dort zwei Kisten mit
Geschenken fr Ew. Majestt von meinem Souvern abholen, welche bereits
angelangt sein drften. Ich mchte auch gern gleich abreisen, damit ich
vor Eintritt der Regenzeit wieder zurck sein kann."

Um zu verstehen, was nun folgt, mu man wissen, da Theodor durch den
unglcklichen Feldzug in Godscham gedemthigt war, da die Aegypter damals
gerade die Grenzprovinz Galabat besetzt hielten und da er infolge des
Genusses von schlechtem Cognac betrunken war. Kaum hatten die Dolmetscher
ausgeredet, als der Negus in hchster Wuth rief: "Ich behalte ihn auf
jeden Fall zurck. Nehmt ihn, legt ihn in Ketten, und wenn er entweichen
will, so tdtet ihn!"

Der Oberst, welcher zunchst stand, winkte ein halbes Bataillon herbei.

"Wozu das, fragte Theodor, 500 Mann, um einen Menschen zu fesseln?"

"Ew. Majestt sehen, erwiderte der Oberst, da er ein merkwrdig
funkelndes Ding unter dem Arme trgt - es war mein goldbesetzter
Konsulatshut -, das vielleicht eine Hllenmaschine ist, die uns alle
tdten kann."

"Donkoro, Dummkopf! Glaubst du nicht auch, da er dich mit seinen
Augenbrauen tdten kann. Sechs Mann her und nicht mehr."

Nun wurde ich, wie mein treuer Diener Achmed, an Hnden und Fen
gefesselt, obgleich ich in groer Uniform war, und in mein Zelt
zurckgefhrt, wo ich streng bewacht wurde. Indessen schrieb ich, auf
einen Umschlag der Gemthsverfassung des Knigs bauend, an ihn einen
englischen kurzen Brief, in welchem ich um Erklrungen bat. Am 3. Mrz
schon erschienen die Europer wieder, welche mir anzeigten, da ich frei
sei, unter der Bedingung, da ich in Gafat internirt bliebe. Ich zgerte
anfangs, doch ging ich auf Kinzle's Zureden, der meinte, es sei besser in
Gafat als in Eisen weilen, auf diesen Vorschlag ein. Ueber den Negus
selbst will ich hier nur wenige Worte sagen.

In den Audienzen, welche er gab, entfaltete er allen mglichen
barbarischen Pomp. So liebte er es, dabei von vier zahmen Lwen umgeben zu
sein, die sehr wild und grimmig drein schauten. Ich hatte Gelegenheit, mit
denselben nhere Bekanntschaft zu machen. An einem hohen Festtage wurden
sie von ihren Wrtern in mein Zimmer gefhrt, um ihre Aufwartung zu
machen. Ein paar blanke Thaler verfehlten die Wirkung nicht, und ich
konnte meine Gste ruhig abzeichnen, wobei ich nur durch deren
aufdringliche Zutraulichkeit gestrt wurde. Der eine Lwe war von dem
genannten Salmller abgerichtet und dann an den Kaiser verkauft worden.
Alle vier Lwen hatten ihre Namen; der Liebling des Kaisers hie Kuara
(der Strmische). Dieses Halten und Zchten von Lwen steht brigens bei
den abessinischen Herrschern keineswegs als eine Ausnahme da und kam auch
frher vor, wol deshalb, weil der Lwe als Sinnbild Aethiopiens angesehen
wird. Als Salt 1810 beim Ras Wolda Selassi in Antalo eine Abschiedsvisite
machte, bot dieser ihm zwei Lwen als Geschenk fr den Knig von England
an; "allein der weite Weg machte es unmglich, sie fortzubringen. Eins
dieser Thiere ward von seinem Wrter bisweilen in das Zimmer gebracht, wo
wir saen: aber whrend meines Aufenthaltes wurde es so wild und
unlenkbar, da man es einsperren mute."

Da mir der Negus Gafat zum Aufenthaltsorte angewiesen hatte, mit der
Erlaubni, im Innern des Reiches Ausflge nach Belieben machen zu knnen,
so zgerte ich nicht, dieses auszufhren, und stattete zunchst der
_Hauptstadt __Gondar_ meinen Besuch ab. Von Gafat bis Ferka reiste ich
zunchst den Weg, welchen ich auf meiner ersten Tour bereits beschrieb. Im
genannten Orte trennt sich die Strae; links fhrt sie nach Tschelga,
rechts nach Gondar. Ungeachtet des kniglichen Befehls, da ich in den
Drfern, wo ich bernachtete, gut beherbergt werden sollte, hatte ich
mancherlei Verdrielichkeiten zu bestehen, ja man bedrohte mich einmal
sogar, und meine Leute flchteten in Angst davon. Auf einer von den
Portugiesen erbauten Brcke passirte ich den Flu Magetsch, ohne welche
zur Regenzeit die Verbindung zwischen Nord- und Sdabessinien auf mehrere
Monate im Jahre vollkommen gestrt sein wrde.

An Juniperusbumen vorbei gelangte ich auf einen Hgel, der verschiedene
Husergruppen trug, zwischen denen sich wste Pltze hinzogen. Ich war
jetzt schon mitten in Gondar, ohne da ich eigentlich die Stadt bemerkt
htte, und war nicht wenig verwundert ber diese Kapitale der Kaiser
Sosneos und Fasilides, von der ich mir eine durchaus andere Vorstellung
gemacht hatte. Von welcher Seite aus man sich auch der Stadt nhert,
fallen die vielen hohen Warten und Thrme, Zinnen und Mauern des in
mittelalterlich-portugiesischem Styl erbauten Knigspalastes und einzelne
Kirchen mit groen kegelfrmigen Dchern unter malerischen Baumgruppen
zuerst in die Augen: ein heimisches Bild fr den Wanderer, der sich
pltzlich dem Innern des tropischen Afrika entrckt und in eine
mitteleuropische Landschaft versetzt glaubt. Ueber ppigen Wiesengrund an
schmalbltterigen Weidenbumen mit berhngender Krone hin rauschen klare
Gebirgsbche zu Thal und schlngeln sich, Silberfaden gleich, in der Ferne
durch das grne, flache Dembra, dem Tanasee zu. Das nrdlichste Quartier
der Stadt ist das Abun-Bed mit der Wohnung des Bischofs. Ein nach Westen
flieendes Bchlein, kahle Flchen und Ruinenfelder trennen es von der
politischen Freistelle, dem Etschege-Bed, mit dem Sitze des Vorstandes der
Mnche, Etschege genannt. Auf einem freien, erhabenen Punkt, stlich von
beiden, steht von einer runden Mauer umgeben, unter herrlichen Baumgruppen
eine Kirche mit zwei von den Hollndern dem Kaiser Jasu geschenkten
Glocken. Sdlich und stlich davon ist der Stadtbezirk Debra Berhan,
Kirche des Lichts, mit gleichnamiger Kirche; westlich daran schliet sich
der Gempscha-Bed oder Schlobezirk. Von einer weitlufigen, unregelmigen
Mauer, mit Zinnen und Wartthrmen und mit verwilderten Grten und Kiosken
umgeben, erhebt sich der groe, leider mehr und mehr zerfallende _Gemp_
oder das Schlo selbst, das neben den armseligen, mit Stroh gedeckten
Husern einen wahrhaft groartigen Eindruck macht durch seine massive
Bauart, seine vielen Thrme, hohen Bogenfenster und weiten Hfe. Die
Faade des Hauptgebudes ist gegen Westen gekehrt und drei Thrme mit
groen Thorbogen bilden die Eingnge zu dem einst gepflasterten, jetzt
halb in Schutt und Gestrpp begrabenen Vorhof. Der Hauptbau ist viereckig,
zweistockig, mit flachem Dach und steinerner Brustwehr; auf jeder Ecke
erhebt sich ein Thurm mit Cement-Kuppel, ein hherer viereckiger steht in
der Mitte. Das Material ist ziemlich roher Basalt, die Einfassungen der
Thore und Fenster bestehen aus rothem Sandstein. An das Hauptgebude
lehnen sich noch verschiedene Hallen, Galerien, Sle, Kapellen, Brcken
und Thorwege an, Alles jetzt mehr oder weniger zerfallen und mit
Schlingpflanzen berwuchert.

  [Illustration: Nordfront des Gemp in Gondar. Originalzeichnung von
  Eduard Zander.]

Sdwestlich vom Gempscha-Bed breitet sich, von verschiedenen Quartieren
umgeben, der groe Marktplatz aus. Am Abhange und Fue des Hgels liegt
das Quartier der Muhamedaner, Islam-Bed, und sdwestlich, jenseit des
Kacha-Flusses, die Judenvorstadt, Falascha-Bed. Die Straen Gondars sind
eng und krumm, theils mit natrlichen Basaltplatten gedeckt, theils durch
Schmuz und Schutt unwegsam gemacht. Die Einwohnerzahl drfte 6000-7000
nicht bersteigen; doch war die Stadt einst volkreicher. Knig Theodor
vernachlssigt sie "als Pfaffenstadt" gnzlich, ja er hat einmal zur
Strafe sein Heer gegen sie losgelassen, ihr enorme Geldbuen auferlegt und
das Quartier der Muhamedaner zerstren lassen. Nicht weniger als 44
Kirchen, darunter sehr prchtige, bestehen in Gondar, und die Zahl der
darin angestellten Geistlichen betrgt 1200, mithin ist jeder sechste
Mensch ein Priester.

Nach auen hin ist Gondar offen, nur die Freisttte und verschiedene
Kirchen sind mit greren, halb verfallenen Mauern umgeben. An Trinkwasser
ist groer Mangel, soda man in der trockenen Jahreszeit sich oft
genthigt sieht, aus dem Angrab- oder _Kachaflusse_ das nthige Wasser zu
holen und das Vieh zur Trnke dahin zu fhren. Ueber den letzteren Flu
fhrt nicht weit vor der Stadt eine alte, sehr malerische Brcke, die noch
aus der Zeit der Portugiesen stammt, jetzt aber sehr im Verfalle begriffen
ist. Am stlichen Ufer des genannten Flusses liegt nordwestlich von der
Stadt auf einer grnen Wiesenflche die _Kirche Fasilides_ inmitten eines
herrlichen Juniperuswaldes und umgeben von niedrigen Mauern mit runden
Wartthrmen und Zinnen. Die viereckige steinerne Kirche ruht auf
Schwebebogen in einem tiefen Bassin, ber welches eine mit Eckthrmen
befestigte Brcke fhrt. Eine groartige steinerne Wasserleitung auf
hochgesprengten Rundbogen an der Westseite des Haines versorgte den Platz
mit Wasser, das wahrscheinlich in ein Reservoir im sdwestlichen Eckthurme
geleitet wurde und dort Wasserwerke speisen mute. Seines Zweckes wegen
ist ein dicht bei dieser Kirche gelegener Tempel mit runder Kuppel
merkwrdig. Es ist das Grabmal eines kniglichen Streitrosses, man sagt
von Negus Kaleb. Auch an Bdern mit Wasserleitungen und Nischen, sowie an
anderen Zeugen einer ehemals regeren Baukunst und Baulust ist in der
Nachbarschaft kein Mangel; doch die geringe Sorgfalt, die jetzt auf die
verschiedenen Werke gewandt wird, droht sie dem gnzlichen Ruin
zuzufhren.

Geht man von der Kacha weiter westwrts, so gelangt man in ein Seitenthal,
in welchem an einem Bergabhange die malerischen _Ruinen von Koskam_
liegen. Ziemlich gut erhalten ist noch das dortige Lustschlo mit zwei
Thrmen, deren einer ein Kuppeldach trgt, whrend das des anderen einem
niedrigen, umgelegten halben Cylinder gleicht. Zwischen beiden fhrt ein
hohes Bogenthor in eine lange steinerne Halle mit groen Bogenfenstern und
Thren; das Dach fehlt; Balken zeigen noch die Spuren von Altanen oder
Galerien. Das ganze Gebude besteht wie der Gemp aus ziemlich rohen
Basaltsteinen, die Thr- und Fensterpfeiler aber aus gut gearbeitetem
rothen Sandstein. Zwischen reizenden Baumgruppen ragen die Reste eines
anderen Prachtgebudes, in dem, wie es scheint, eine Halle mit schn
gearbeiteten Sulen hinfhrte, Alles ist aber verfallen und mit Gestrpp
und Schlingpflanzen berwachsen.

  [Illustration: Brcke ber die Kacha. Originalzeichnung von Eduard
  Zander.]

Noch weiter westlich, von hohen Mauern mit Zinnen und Thrmen umschlossen,
ist die Kirche, eine Rotunde mit Strohdach und vielen Wandgemlden, die
namentlich Reiterfiguren darstellen.

So ist das heutige Gondar und seine Umgebung beschaffen; berall auf
Schritt und Tritt begegnet dem Reisenden Verfall, und doch knnte diese
Stadt bei ihrer prchtigen Lage in der gesunden, fruchtbaren Gegend im
Mittelpunkte Amhara's zu einer groen Blte gelangen - wenn nur ihre
Bewohner anders beschaffen wren.

Man hatte mir viel von der kleinen Kirche _Towari_ erzhlt, die eine
Stunde von meinem Aufenthaltsorte entfernt liegt, in welcher man die
abessinische Malerei am besten studiren knne. Ich begab mich dorthin und
fand auch dieses Gotteshaus, wie alle Landeskirchen, in einem dichten Hain
von Juniperusbumen versteckt. Die Gemlde, so berhmt in Abessinien,
machten auf mich, der ich sie mit europischen Augen ansah, im allgemeinen
einen schauderhaften Eindruck. Indessen fesselte ein Bild des Abendmahls
doch sehr meine Aufmerksamkeit, da auf demselben der Knstler hieratische
Traditionen, byzantinische Malerei und Details des abessinischen Lebens
merkwrdig miteinander verschmolzen hatte. Christus, die Jungfrau und die
Abendmahlsgenossen sind nach der Tradition gekleidet und mit groem
Kunstverstndni rings um einen Tisch gruppirt, der nach der feinsten
abessinischen Art gedeckt ist. Vor jeder Person liegen Tifbrote, die
zugleich die Schsseln vertreten, zur Seite derselben die Messer zum
Zerschneiden des Brundo (rohes Fleisch). Ein Major Domus, offenbar aus
guter Familie, bietet zu trinken an; auerdem gehen Jnglinge mit
Honigweinkrgen umher. Ein Theil der Jnger wendet die Gesichter gegen
Christus, ein anderer gegen Maria. Die Zge dieser Hauptpersonen aber sind
verfehlt; namentlich die der Maria. Abgesehen hiervon verdient das Bild
jedoch alles Lob.

Als Begleiter auf meinen Ausflgen in die Umgebung Gafats diente mir ein
junger Priester, der einige Zeit in der Propaganda zu Rom gewesen, dort
aber nicht allzuviel gelernt hatte. Heimgekehrt, wollte er sich die Stelle
eines Aleka bei einer reichen Kirche unrechtmig anmaen; allein Knig
Theodor nahm die Sache krumm und verurtheilte Michael, so hie der
civilisirte Geistliche, zu drei Jahren Kettenstrafe. Mir gegenber wollte
er sich nun als Glaubensmrtyrer darstellen, was mir ziemlich einerlei
war; dagegen war er mir unschtzbar wegen seiner vortrefflichen
Landeskenntni.

Als er jedoch einige Monate spter einen Salzdiebstahl beging, mute ich
ihn vor die Thre setzen; anfnglich ging es ihm nun schlecht - dann
begegnete er mir wohlgenhrt und gut gekleidet wieder. Gott wei, wie er
zu Gelde gekommen sein mag; indessen dieser Art von Leuten geht es in
Abessinien wie in Europa: sie fallen wie die Katzen stets wieder auf die
Fe.

Eine meiner Exkursionen fhrte mich zur Fafati oder dem _Wasserfall des
Rebflusses_, der seine Quelle am Abhange des hohen Gunagebirges hat. Ich
bestieg mein Maulthier, wandte mich nach Sdosten und lie zur Linken die
groe und fruchtbare Ebene von Gafat mit ihrem ausgetrockneten Strome
liegen. Mit einiger Schwierigkeit wand ich mich durch das bewaldete Thal
des Davezout und kam dann, einem schattigen Fusteige folgend, zum Reb,
der leise ber ein mit dunkelblauen Steinen besetes Bett dahinflo. Der
Wasserfall war nur fnf Schritt von mir entfernt: ich sah ihn nicht, aber
ein schauderhafter Schlund und ein betubendes Brllen zeigten mir seine
Gegenwart zur Genge an. Um ihn von vorne zu erblicken, mute ich auf
einem Zickzackstege den Felsen hinabsteigen, der mit Buschwerk berzogen
und von Affen belebt war. Unten angelangt, stand ich vor einem hbschen
grnen See, in den von steiler Felswand eine senkrechte Wassersule von 24
Fu Hhe herabfiel. Ringsum zeigen sich die entzckendsten
Landschaftsbilder, welche jeden Maler begeistern knnen.

  [Illustration: Wasserfall des Reb. Nach Lejean.]

Vier Monate spter gewahrte ich dann den Wasserfall wieder zur Zeit seines
hchsten Glanzes, als die Fluten hoch geschwollen waren. Er bertraf so
die herrlichsten Kaskaden der Schweiz bedeutend. Die _dreitausend oder
viertausend Wasserflle Abessiniens_ sind die schnsten, die man sich
denken kann, und ihnen fehlt weiter nichts als der Ruf, den andere
Kaskaden durch Knstler und Touristen sich erringen. Ich habe den zehnten
Theil davon, etwa 300 oder 400 selbst gesehen und etwa zwanzig
abgezeichnet - alle prchtige Naturerscheinungen, von denen eine einzige
hinreichte, eine Gegend in Europa berhmt und zum Ziele der
Touristenschwrme zu machen.

Ich ri mich von den Wundern dieser Fafati los, um meinen Fu in
stlicher Richtung weiter zu setzen ber eine Ebene, die ganz mit Mimosen
bestanden war. Diese an und fr sich langweiligen Bume erhielten durch
die reichlich von ihnen herabhngenden Schlingpflanzen ein ungemein
malerisches Ansehen; namentlich zeichnete sich ein Loranthus mit schnen
orangefarbenen und rothen Kelchblten aus. Bald gelangte ich in das
malerische Thal des Makar, eines Nebenflusses des Reb, in dem ich bis zu
den _Atkanafelsen_ vordrang, deren trapezoidale Form man von allen
hochliegenden Punkten des Distrikts Debra Tabor aus zu bersehen vermag.
Dieser Felsen ist eine wirkliche Amba, welche in Kriegszeiten oft genug
als Zufluchtsort gedient hat. Am Fue derselben fand ich zum ersten Male
die Henset-Banane (vergl. S. 45) mit ihren kolossalen Blttern und rothen
Rippen. Samen der ntzlichen Pflanze habe ich der
Akklimatisations-Gesellschaft in Paris berbracht; die Schlinge, welche
ich gleichfalls eingepackt hatte, wurden mir jedoch in Massaua kurz vor
meiner Rckkehr von den Hhnern vernichtet. Hinter dem Atkana traf ich in
wundervoller Gegend auf das _Kloster Guref_, das mir durch seine
romantische Lage deutlich sagte, wie die Mnche es in Abessinien gleichwie
in Europa verstanden, die schnsten Orte zur Anlage ihrer Klster
auszuwhlen. Nach der Regel des heiligen Tekla Haimanot leben in
prchtiger Einsamkeit diese Mnche inmitten eines schnen Haines, den der
klare Waldbach durchfliet. Freilich der Anblick einer europischen Abtei
und derjenigen des abessinischen Klosters sind grundverschieden. Man
stelle sich einen weiten Raum, von einer lebendigen Hecke umschlossen,
vor, der wiederum durch Hecken in 12-15 kleinere Abtheilungen geschieden
ist, deren jede eine Mnchshtte enthlt und die durch ein Labyrinth von
Straen verbunden sind, welche schlielich im Mittelpunkte nach der
spitzdachigen runden Kirche fhren - und das abessinische Kloster ist
fertig. Dazwischen liegen grne freundliche Grtchen, ringsum ein
lachender Hain. Ich fand sogleich den Abt - wenn ich so sagen darf -,
einen ernsten, mageren Mann von 45 Jahren, der die weie Tunica und
darber eine Art von gelbem Pallium, das Zeichen seiner Wrde, trug.
Gastfreundschaft wurde mir im vollsten Mae zu Theil, allein mein
Maulthier mute ich auerhalb des Klosters lassen - _weil es eine Stute
war_, wobei ich mich der lcherlichen Sitte erinnerte, da auch in die
griechischen Klster auf dem Berge Athos kein weibliches Thier hinein
darf. Ich wohnte dann bei den guten Mnchen und a mit ihnen die einfache,
aus Hlsenfrchten bestehende Mahlzeit. In der Nacht erweckte mich
Psalmengesang, jene Melodie, welche der alte Portugiese Alvarez "eine
erbrmliche Harmonie" nennt; indessen mu ich gestehen, da dieser
abessinische Gesang mindestens so gut klang, wie das Singen in unseren
Landkirchen. Im Gedem oder geheiligten Asyle stand auerhalb des Klosters
die Gemeindekirche, welche fr beide Geschlechter zugnglich war; ihr
Grnder war Ras Ali, der sie jedoch nicht vollenden konnte, da er von
Theodor II. gestrzt wurde. Dieser that nichts weniger als Kirchen bauen;
im Gegentheil er zerstrte und beraubte noch ein- oder zweihundert und
zeigte sich als der echte abessinische "Pfaffenfeind". Nach dem Besuche
dieser Kirche kehrte ich nach Gafat zurck.

Um gute Samen der Henset-Banane zu erhalten, wollte ich einen Ausflug nach
der Stadt _Korata_ machen, welche Rppell flschlich Kiratza nennt. Es ist
eine kleine Stadt am sdstlichen Ufer des Tanasees, die wegen ihres
starken Handels und der zahlreichen Geistlichkeit berhmt geworden ist. Da
die Regen erst im Beginnen waren, so konnte ich darauf rechnen, da der
Flu Gomara noch durch irgendeine Furt zu passiren sei, und ich beschlo
deshalb in gerader Linie, an den heien Quellen von Wanzagi vorbei, nach
Korata vorzudringen. Debra Tabor blieb zur Linken liegen. Das niedrige
Hgelland, durch das mein Weg ging, war im Jahre 1841 der Schauplatz einer
Schlacht zwischen dem Detschas Ubi von Tigri und dem Ras Ali. Letzterer
wurde glnzend geschlagen und einige seiner Offiziere begaben sich, um
sich zu unterwerfen, zu dem Sieger Ubi, der, in seinem Zelte sitzend,
ruhig sich in Honigwein betrank. Als Ubi die Feinde erblickte, wurde er
ngstlich, da er keine seiner eigenen Soldaten bei sich hatte; erstere
aber benutzten diesen Umstand, banden Ubi und machten ihn zum Gefangenen.
Auf diese Nachricht kehrte der geschlagene Ras Ali zurck; doch mute er
Ubi, um der Volksstimme zu gengen, wieder freigeben. Die Vegetation auf
dem einst blutigen Schlachtfelde war eine prchtige; namentlich fielen mir
weie Lilien (_Amaryllis vittata_) von lieblicher Form auf, welche die
daran gewhnten Abessinier gar nicht beachteten, whrend ich jede dieser
Blumen bedauerte, welche mein Maulthier niedertrat.

Am Ufer eines frischen Baches wurde Mittagsrast gemacht. Was mich hier am
meisten berraschte, war eine lange, in Ruinen liegende Mauer von
europischer Konstruktion. Ich folgte derselben und fand, da sie einst
als Einschlieung eines Parkes gedient hatte, welcher der
Lieblingsaufenthalt verschiedener Kaiser gewesen sein soll. Man nannte den
Ort _Arengo_. Seine Lage ist reizend - aber da, wo einst die Erben der
Knigin von Saba thronten, findet man nun Ruinen, zwischen denen lrmende
Affen hausen. Theodor II., welcher seine Vorgnger im Kaiseramte grndlich
verachtet und sie "Schauspieler" nennt, behauptet, da die jetzigen Gste
in Arengo, eben jene Affen, mehr werth sind als die alten, die Kaiser! Vor
170 Jahren, zur Zeit des Reisenden Poncet, war das Schlo noch nicht
zerstrt, ja nach dem Hrensagen sollte es grer als der Gemp in Gondar
sein! Sicher hatten die Abessinier dem Franzosen gegenber aufgeschnitten,
denn sie verstehen dieses Geschft so gut wie die Yankees. Ein
abessinischer Gesandter, welcher 1860 in Paris war und dort sich berall
umgesehen hatte, antwortete seinen Landsleuten, die ihn nach jener Stadt
fragten: "_Paris ist etwa so gro wie Gondar; vielleicht ein klein wenig
grer._"

Im Dorfe Schumagina wurde meiner Reise pltzlich ein Ziel gesetzt.

Die reichen und stark bevlkerten Distrikte Wanzagi, Fogara Dera, Korata
bildeten das Land, welches ich zu durchreisen hatte. In einem dieser
Distrikte hatten sich Rebellen aus Godscham zu verbergen gewut, indem sie
die Wachsamkeit der am Aba aufgestellten Leute Theodor's zu tuschen
wuten. Fr dieses Vergehen, an dem doch die ganze Einwohnerschaft der
vier Distrikte keineswegs schuld war, wurden dieselben von Theodor der
Armee zur Plnderung berwiesen, worauf die ruinirten Bauern mit ihrer
Habe in die Berge und Wlder flchteten. Als der Negus dies sah,
verordnete er, da nur die Schuldigen bestraft werden, die brigen aber
frei ausgehen sollten. Kaum hatten die letzteren, den Worten vertrauend,
sich wieder in ihre Quartiere begeben, als ein General hinterlistig ber
sie herfiel und ihnen Alles raubte. Die Nachricht von dieser That gelangte
nach Schumagina, gerade als ich von dort aufbrechen wollte, um in die
beraubten Gegenden vorzudringen. Unter so bewandten Umstnden weigerten
sich meine Leute ganz entschieden weiter vorzugehen, da auch sie
frchteten, jenem braven General in die Hnde zu fallen. So blieb mir
nichts brig als umzukehren; doch hielt ich mich keineswegs fr besiegt,
und als nach einiger Zeit der Lrm verstummt war, brach ich in den ersten
Tagen des Juli 1863 abermals nach Korata auf. Die Gomara, welche jetzt
hoch angeschwollen war, mute hier an einer Stelle berschritten werden,
wo sie sich in drei Arme trennt. An demselben Abend erreichte ich noch
Madera Mariam, d. h. Ruheplatz der Maria, eine hbsche kleine Stadt, die
hnlich wie Emfras an einem Hgel liegt. Derselbe fllt nach drei Seiten
hin senkrecht ab, ist aber von der vierten leicht zugnglich. Das nchste
Nachtquartier war das Dorf Wanzagi, welches seinen Namen von den hier
stehenden schnen Wanzabumen fhrt; dann wurde die _Goanta_ erreicht.
Diesen Flu in einer Furt zu durchwaten, war ganz unmglich, und ich mute
deshalb in einem abessinischen Mittel - ich sage nicht Fahrzeug - der
_Hokumada_ bersetzen. Dies ist eine an den Rndern in Nachenform aufwrts
gekrmmte steife Ochsenhaut; ein Mann durchschwimmt den Flu mit einem
Seile, dessen eines Ende an der Hokumada, dessen anderes am jenseitigen
Ufer befestigt ist. Der Passagier setzt sich in den Lederschlauch, kauert
sich zusammen und htet sich wohl, nach der einen oder andern Seite sich
berzubeugen. So wird er, whrend noch ein Schwimmer die Hokumada schiebt,
am Seile an das jenseitige Ufer hinbergezogen. So kam auch ich ber die
Goanta, um bald an der geschwollenen _Gomara_ auf ein neues Hinderni zu
stoen, das dieses Mal mittels einer Tankoa berwunden wurde.

  [Illustration: Lejean passirt in der Hokumada die Goanta. Zeichnung
  nach Lejean.]

Die _Tankoa_ ist ein rechteckiges Flo, welches sechs bis acht Personen
tragen kann und aus einer Reihenfolge von dicht aufeinander gelegten
Stroh- oder Binsenschichten besteht, die fest miteinander verbunden sind.
Das Binsen- oder Rohrflo taucht ziemlich tief unter und kann niemals
untergehen, desto leichter jedoch umschlagen. Da aber die Abessinier fast
alle sehr gute Schwimmer sind, so entstehen selten Unglcksflle. Das
Gepck, Kleider, Waffen, ein Ledersack, welcher Mehl enthlt, liegen
hinten; vorn sitzt der Lenker des Ganzen, welcher mit einem Ruderstock
versehen ist, denn die Tiefe des Wassers gestattet nicht, das Flo mit
einer Stange durch Stoen auf den Grund fortzubringen. Die Tankoa ist das
sprechendste Zeichen, wie starr die Abessinier an ihren Gebruchen hangen.
Dieses Volk mit offenem und hellem Verstande hat nach Verlauf von
Jahrhunderten noch nicht einmal zu schlieen gelernt, da, wenn ein
simpler Stock, durch den Widerstand, welchen seine Oberflche dem Wasser
darbietet, ein Flo fortzubewegen vermag, eine an das Stockende
angebrachte Schaufel eine vermehrte, zehnfache Oberflche darbieten und
also auch die Fortbewegungs-Geschwindigkeit verzehnfachen mu, denn der
Abessinier besitzt nicht einmal die Ruderschaufel, welche den Wilden am
Weien Flusse wohlbekannt ist.

Uebrigens ist nichts ermdender als eine Reise per Tankoa. Die Maulthiere
wurden ins Wasser gestoen und von einem Schwimmer durch die reienden
Fluten gelenkt. So kamen wir wohlbehalten zu einem kleinen, von
Wanderhirten bewohnten Weiler, wo wir bernachteten, um am nchsten
Morgen, quer ber die Hgel und das Flchen Izuri hinweg, unsere Reise
nach Korata anzutreten, dessen herrlichen Anblick wir bald genieen
sollten. Es ist die hbscheste Stadt Abessiniens und war das uerste Ziel
meiner Reise.

_Korata_ liegt auf einem basaltischen Landrcken, welcher sich in den
Tanasee vorschiebt. Die spitzdachigen Huser liegen zerstreut um die
Kirche gruppirt, und bei jedem befindet sich ein baumreicher Garten, der
von der Wohlhabenheit der Bewohner Zeugni ablegt. Es war gerade Markt,
welcher dicht bei der Stadt abgehalten wird. Besonders wird hier viel rohe
oder zu Zeugen verarbeitete Baumwolle verkauft; letztere kommen smmtlich
aus der westabessinischen Provinz Koara, woher sie theils auf Eseln,
theils auf dem See gebracht werden. Die rohe Baumwolle wird mit den
Samenkrnern verkauft, meistens gegen das gleiche Gewicht Salz. Das
Ausscheiden der Samenkrner mittels eines eisernen Stbchens, welches auf
einem flachen Steine mit den Hnden hin- und hergerollt wird, ist eine
langsame und ermdende Arbeit; zum Aufschlagen derselben bedient man sich
eines elastischen Bogens und zum Spinnen der Handspindel. Eine fleiige
Frau kann so viel Gespinnst fertigen, als fr zwlf vollstndige
Umhngetcher erforderlich ist. Auf dem Marktplatze selbst erregte meine
Erscheinung keinerlei Aufmerksamkeit; etwas Anderes war es jedoch an einer
nur 50 Schritte weiter entfernten Stelle. Ein groer Baum breitete dort
seine gigantischen Aeste ber den Weg, unter dem in weien Gewndern, mit
riesigen Turbanen auf dem Haupte, den heiligen Fliegenwedel in der Hand,
die Geistlichkeit von Korata sa. Als ich mich ihnen nherte, stieen sie
ein unwilliges Geschrei aus und verlangten, da ich vom Maulthiere
absteigen solle. Ich weigerte mich, und nun entstand auf dem Markte eine
allgemeine, gegen meine Person gerichtete Bewegung, der ich durch
Absteigen auszuweichen mich gemigt fand. Hierauf konnte ich ungehindert
zu Fu in die Stadt gehen. Spter erfuhr ich, da die Pfaffenstadt Korata
das Privilegium besitzt, Niemand zu Pferd oder zu Maulthier durch ihre
Straen reiten zu lassen.

Nachdem ich mich in der unteren Stadt einquartiert und dem Ortsvorstand
den blichen Besuch abgestattet, fing ich an, die Straen oder vielmehr
die Alleen zu durchwandern. Diese Straen sind in der That nur von Hecken
eingefate Fupfade, hinter denen sich hbsche Grten hinziehen. Blumen
sieht man in diesen selten, dagegen prchtige Granatbume, Pfirsiche,
Kaffeestrucher, Bananen, Citronen, aus denen die Strohdcher der Htten
hervorlugen. Von dem funkelnden Spiegel des Tanasees herber wehte ein
khlendes Lftchen, das mir den Spaziergang in den Straen zu einer wahren
Erquickung machte. Wie schon der Markt zeigt, ist Korata ein bedeutendes
Handelscentrum. Seine Kaufleute, lauter Christen, stehen mit Basso in
Godscham, mit Gondar und Massaua in Verbindung. Ich habe Korata nur den
Vorwurf zu machen, da die Kche dort schlecht bestellt ist, denn whrend
meines viertgigen Aufenthaltes bekam ich nicht 1 Loth Fleisch zu Gesicht,
obgleich in der Umgebung zahlreiche Herden weiden. Die Einwohner leben von
Brot und rother Pfeffersauce, der sie zuweilen einen welsartigen Fisch aus
dem Tanasee beigesellen.

Die Aussicht auf dieses Binnengewsser ist von Korata aus eine prchtige.
Weit in der Ferne, im Norden sieht man die blauen Vorgebirge von Gorgora,
die sdlich von Tschelga und Gondar liegen; rechts zieht sich der
Bergabfall von Begemeder hin, whrend mitten im Seespiegel die dunkle
Masse der Inseln Dek und Daka auftaucht. Eine Eigenthmlichkeit des Sees
aber sind ein Dutzend winziger Eilande, wie Bet-Manso, Kibran, Metraha
u. s. w., die, vom Festland aus betrachtet, gleich schwimmenden
Blumenkrbchen auf der Flut erscheinen. In der Nhe betrachtet, sind diese
Blumenkrbchen jedoch bewaldete Inseln, die in ihrem Innern eine Kirche
oder ein Kloster bergen.

Auch eine Flotte besitzt die Seestadt Korata, die aus einer groen Anzahl
von Tankoa besteht, welche am Ufer trocknen und die Verbindung zwischen
der Stadt und den sdlichen und westlichen Ufern, namentlich mit Zegri,
unterhalten. Sie sind schmler als die oben beschriebene Tankoa, bis 15
Fu lang und fhren Mattensegel. Ich wollte ein solches Fahrzeug miethen,
um nach Zegri berzufahren, allein da dieses in der Gewalt der Rebellen
von Godscham war, wurde mir die Erlaubni verweigert. - Bei Korata wohnen
viele Waito, jene eigenthmlichen Menschen, die sich mit der Flupferdjagd
beschftigen (vergl. S. 90). Whrend dieser Dickhuter sehr hufig im See
ist, fehlen darin Krokodile gnzlich; dagegen verhlt es sich mit dem
Abai, dem Abflu des Sees, umgekehrt.

Das Flupferd heit im Amharaschen Gomari, und hiervon stammen wol auch
die vielen hnlich klingenden Flunamen Gomara u. s. w. Nach viertgigem
Aufenthalte verlie ich Korata wieder und kehrte in mein altes
Standquartier Gafat zurck.

Die letzte grere Exkursion, welche ich in der Umgebung meines
Aufenthaltsortes unternahm, war eine Besteigung der 13,000 Fu hohen
_Guna_. Ich folgte erst dem Reb, kam dann in das schne Makarthal und
stieg bis zu einem kleinen Dorfe empor, dessen Name lieblich in mein
franzsisches Ohr tnte. Es heit Maginta. Hier verbrachte ich die Nacht;
als ich am nchsten Morgen weiter aufbrechen wollte, kamen zwei Reiter im
vollsten Galopp zu mir, mit der Botschaft, da der Negus mich in Gafat
erwarte. Schon am Nachmittage langte ich wieder in meiner Wohnung an, wo
ich Waldmeier fragte, was vorgefallen sei. Er antwortete ausweichend. Kurz
darauf langte ein Brief in amharischer Sprache vom Knige bei mir an,
welchen mir Kinzle bersetzte. Der Negus befand sich in seinem Lager zu
Isti, drei Tagereisen von Gafat. Da ich bemerkt hatte, da er guter Laune
war, so wollte ich diese benutzen und bat um seine Erlaubni zur Heimkehr
nach Massaua. Bei Empfang meines Briefes gerieth er indessen in solche
Wuth, da zwei Tage lang Niemand mit ihm zu reden wagte. Sofort lie er
mir einen heftigen Brief schreiben, aus dem ich Folgendes hervorhebe: "Als
du hierher kamst, hast du dich mir als Freund vorgestellt; oder bist du
etwa gekommen, um mit den Scheftas (Rebellen) gegen mich zu konspiriren?
Sind deine Gefhle aber loyal, so schreibe mir; bist du mein Feind, so
schreibe mir auch, damit ich wei woran ich bin." Sogleich antwortete ich
in einem kurzen, aber respektvollen Schreiben, welches die gefhrliche
Korrespondenz zu einem guten Ende fhrte, denn die schleunig darauf
erfolgende Antwort lautete: "Habe nur einige Geduld und durch die Gnade
der Dreieinigkeit wird Alles gut ablaufen. Ich habe dich aus wichtigen
Grnden zurckbehalten mssen; allein wenn mein Agent wieder heimkehrt,
will ich dich mit allen gebhrenden Ehren entlassen." Ich folgte dem mir
ertheilten weisen Rath, verhielt mich geduldig und nahm zunchst meinen
unterbrochenen Ausflug nach der Guna wieder auf.

In Maginta war ich an die Familie des Irlnders Bell empfohlen, der einst
eine groe Rolle bei Theodor II. gespielt und fr diesen sein Leben
gelassen hatte. Hier traf ich auf ein Beispiel der abessinischen
Langlebigkeit, nmlich auf _fnf Frauengenerationen_ beieinander: die
abessinische Witwe Bell's, deren Mutter, Gromutter, Tochter (die Frau
Waldmeier's) und Enkelin! Die Urgromutter war die einzige, welche man als
Greisin bezeichnen konnte; denn die Gromutter, eine feine Frau von 55
Jahren war noch sehr lebhaft und thtig in der Hauswirthschaft; die
Mutter, Bell's Witwe, war 35 Jahre alt, zierlich und hbsch; deren Tochter
war an den Missionr Waldmeier verheirathet, welchen sie wieder mit einem
Tchterchen beschenkt hatte.

Maginta liegt bereits im Gebirge. Von da aus hatte ich, von Plateau zu
Plateau ansteigend, nur vier Stunden bis zum Gipfel zurckzulegen.

  [Illustration: Ein Binsenflo oder Tankoa. Zeichnung von R. Kretschmer
  nach Lejean.]

Der Weg fhrte vorbei an Kosso- und Ericabumen, Hypericumstmmen,
prchtigen aloeartigen Lilien bis zur Region der seltsamen Dschibarra
(_Rhynchopetalum_).

Letztere gedeiht hier bis zu einer Hhe von fnfzehn Fu. Der Gipfel der
Guna, Ras-Guna genannt, besteht aus Trachyt. Von da aus umfate mein Auge
eine prachtvolle Rundsicht. Zur Rechten brach der Reb aus einem tiefen
Thale hervor; vor mir lag das pittoreske Massiv des Zoramba und weiter hin
die Kollo, das mchtigste abessinische Gebirge. Zur Linken endlich Plateau
an Plateau, durchrieselt von Bchen, die sich zum Tanasee hinzogen, auf
dem die Inseln gleich dunklen Punkten zu schwimmen schienen.

Als ich wieder in Gafat angelangt war, fand ich eine Einladung des Negus
vor, ihn in Gondar, wohin er sich begeben hatte, zu besuchen. Sofort brach
ich auf. Dort angekommen, hatte ich noch einige Schwierigkeiten, empfing
aber am 30. September 1863 den Befehl, Abessinien auf dem krzesten Wege
zu verlassen. Mit mir ging Dr. Lagarde, der den Aufenthalt in Abessinien
satt bekommen hatte. Nach der feierlichen Abschiedsaudienz bei Theodor
nahmen wir ein Frhstck bei dem englischen Konsul _Cameron_ ein, das von
dessen Koch, einem Elssser Kind, sehr gut zubereitet war. Dieser, frher
ein franzsischer Krassier, hatte sich die Gunst des Knigs zu erwerben
gewut. Als die Missionre einst einen Wagen fr Theodor hergestellt,
fragte dieser den Elssser, wie ihm die Maschine gefiele. "Pfui! sagte der
Rheinlnder, bei uns in Mhlhausen fhrt man in solchen Dingen den Mist
aufs Feld!" (Den berhmten blau angestrichenen Wagen erwhnen auch Heuglin
und Steudner.) Beim Frhstck war auch der Judenmissionr Dr. _Stern_
zugegen, welcher zuerst Photographien in Abessinien aufnahm und in seinem
Werke "Wanderungen unter den Falaschas" verffentlichte. Einst schenkte
dieser dem Negus einen Stereoskopenkasten mit einer Ansicht Jerusalems.

"Was ist das fr ein Gebude?" fragte Theodor.

"Die Moschee Omar's", antwortete Stern. - Sogleich warf der Knig den
Apparat auf die Erde, indem er wthend ausrief: "Und dieses Europa, das
vorgiebt christlich zu sein, duldet eine Moschee beim heiligen Grabe!"

                              --------------

Als endlich die Stunde schlug, um Gondar den Rcken zu kehren, kam Achmed,
mein Diener, mit der Nachricht zu mir, da alle meine Leute sich heimlich
entfernt htten, aus Furcht, von mir in Massaua als Sklaven verkauft zu
werden!

Mir blieb nichts anderes brig, als neue Diener und Lastthiere zu miethen,
wobei sich Salmller besonders gefllig erwies. Ich berschritt den
Angerab, wandte mich dem Magetsch zu, erstieg die Hochebene von Wogara,
auf der Strae, die vor mir Bruce, Lefbvre, Ferret und Galinier, Rppell,
Krapf, v. Heuglin u. a. gewandert waren, und gelangte in vier Tagemrschen
bis Dobarek.

Am ersten Tage bivouakirten wir in _Kossogi_, einem Dorfe, welches von
den hier hufigen Kossobumen seinen Namen fhrt; durch gut bebaute Ebenen
gelangte ich am zweiten Tage nach Isak-Dews, dem Isakberge, welcher Ort
1420 vom Kaiser Isak zur Erinnerung an einen hier ber die Juden
(Falaschas) erfochtenen Sieg gegrndet wurde. Die dritte Station Dokoa war
ein reizender Flecken auf einer Anhhe mit einer dem Heiligen Kitane
Machrit geweihten groen steinernen Kirche, die vom Kaiser von Jasu im
portugiesischen Stile erbaut ist. Hier theilt sich die Strae; rechts,
nach Osten zu, fhrt sie ins Alpenland von Semin. Links, in nrdlicher
Richtung ber den Lamalmon-Pa, und die Kolla von Wogara nach Adoa. Am
nchsten Morgen, als ich nach Dobarek aufbrach, zeigte man mir zur
Rechten, schon in Semin gelegen, das Dorf _Debr-Eski_, in dessen Nhe am
9. Februar 1855 das Schicksal Abessiniens entschieden und Theodor Sieger
ber Ubi wurde. Als ich den Abhang erstieg, an welchem _Dobarek_ erbaut
ist, wurde meine Aufmerksamkeit durch eine traurige Erscheinung gefesselt;
der Boden war ringsum mit gebleichten Menschenschdeln best, die unter
den Fen meines Maulthiers dahin rollten. Ein Schlachtfeld konnte hier
nicht gewesen sein, denn andere Knochen als eben nur Schdel waren nicht
vorhanden. Aber was war hier geschehen? Eine entsetzliche Katastrophe. Vor
gerade drei Jahren (1860) hatte Theodor ber seinen rebellischen Neffen
Garet bei Tschober einen Sieg erfochten und etwa 1700 Gefangene hierher
abgefhrt. Man enthauptete sie und warf ihre Schdel aufs Feld.

Am nchsten Tage begann ich den _Lamalmon_ hinabzusteigen. Sein sdlicher
Abfall ist eine schne, kaum wellenfrmige Ebene; sein nrdlicher dagegen
eine steile, einige tausend Fu hohe Lehne, von welcher ein steiler
Zickzackfupfad hinabfhrt, den wir nicht ohne Lebensgefahr passirten. Auf
einer kleinen Terrasse, die alle Karawanen als Ruhepunkt benutzen, machte
auch ich Halt. Vor mir lag, wie auf einer Reliefkarte ausgebreitet, die
Kolla bis zum Takazzi - eine Aussicht, die sich ber dreiig Meilen
erstreckte. Von allen Seiten sah ich die Flsse durch die grnen Wlder
und gesgten Berge brechen, um sich dem Takazzi zuzuwlzen, hinter dem,
eingehllt in Nebeldmpfe, das Hochland von Schiri emporstieg. Ich nahm
meinen Weg nach der _Zarima_, einem Nebenflusse des Takazzi, zu, nicht
ohne von meinen Leuten vor dem Rebellen Terso Gobazye gewarnt zu sein, der
diese Gegend unsicher machte. Wie ich spter erfuhr, war die Rebellion
dieses Mannes mein Glck, denn Theodor hatte pltzlich drei Tage nach
meiner Abreise aus Gondar eine Kavallerieabtheilung hinter mir
hergeschickt, welche mich zurckbringen sollte. Kurz nach meinem Aufbruche
von Dobarek kam sie dort an, wagte sich aber aus Furcht vor dem Rebellen
nicht weiter und kehrte, ohne ihren Auftrag erfllt zu haben, zurck. Der
Negus wurde wthend und rief aus: "_Welches Unglck! Der erste Mensch, der
von hier abreiste, ohne genau zu wissen, ob ich sein Freund oder Feind
bin!_"

Sire! Sie tuschen sich. Ich bin unterrichtet! Aber, ohne Sie zu
beleidigen, fge ich hinzu, da ich mich lieber Ihrer Gunst in Paris als
in Gondar erfreue!

Meine erste Station jenseit der Zarima war _Tschober_, wo Theodor gegen
die Gebrder Garet focht und sein Liebling, der Irlnder Bell, getdtet
wurde, worauf die Katastrophe folgte, die ich bei Dobarek schilderte. Ich
befand mich nun so recht mitten im abessinischen Kirchenlande, in
_Waldubba_, das frmlich von Mnchen strotzt. Auch die Menschen waren hier
schon andere; die jungen Mdchen sangen in einer Sprache, welche ich noch
nicht gehrt hatte und die weit gutturaler als das Amhara klang. Auch
vernahm ich, da ich mich schon im Gebiete des Volks von _Tigri_ befand.
Wie die Amharas ernst, schweigsam und wrdig auftreten, so erscheinen im
Gegensatz die Leute von Tigri frhlich, lustig, mit einem Worte als "gute
Kinder". Frankreich stand in den Brgerkriegen 1856-1860 auf Seiten der
letzteren; England begnstigte die Amharas, und ohne gesuchten Vergleich
kann man sagen, da diese Sympathien dem beiderseitigen Nationalcharakter
entsprachen.

Drei Tage spter gelangte ich an das Ufer des Takazzi, den ich bei
niedrigem Wasserstande traf. Sein dunkles, vom abgefallenen Laube
getrbtes Wasser rollte zwischen dicken Wldern dahin, die an die Urwlder
Sdamerika's erinnerten. Hier war echte, tiefe Kollaregion. Am jenseitigen
Ufer, wo das Land wieder bergig wurde, gelangte ich in die Deka der
reichen und wohlbevlkerten Provinz Schiri, die sich nach dem Mareb hin
erstreckt. Ich verlie nun die nrdliche Richtung und wandte mich mehr
nach Nordosten, einer schnen sumpfigen Prrie zu, welche links von
bizarren Bergen begrenzt wurde. Da, wo sie endigt, liegt _Axum_, die alte
heilige Stadt Abessiniens, die jedoch bereits so oft von den
verschiedensten Reisenden geschildert worden ist, da ich die Leser mit
Aufzhlung ihrer Alterthmer hier nicht ermden will. (Vergl. oben S. 4.)

In vier und einer halben Stunde gelangte ich weiter nach der gegenwrtigen
Hauptstadt Tigri's, _Adoa_. Die Stadt liegt zwischen dem sdlichen Fue
des Scholada am linken Ufer eines kleinen Baches, der sich mit dem Asam
vereinigt. Die sdlichen, weniger zusammenhngenden Quartiere sind ber
mehrere Anhhen zerstreut und theilweise sehr im Verfall begriffen. Viele
Kirchen, wie gewhnlich in kleinen Hainen, erheben sich in und um Adoa,
unter denen sich die von Metchimialem auszeichnet. Sie ist von Detschas
Sabagadis erbaut, der eine groe Glocke hierher stiftete. Die Straen sind
eng, krumm und schmuzig, die Huser meist aus Stein gebaut; viele haben
Dcher von Thonschieferplatten, andere von Stroh; auch solche von zwei
Stockwerken sind keine Seltenheit. Der Hofraum ist immer mit einer hohen
Feldsteinmauer umgeben, in welcher sich Grtchen hinziehen und Cordiabume
stehen. An der nordstlichen Ecke auf einer steinigen Ebene am Bach ist
der Marktplatz, wo an mehreren Tagen der Woche Markt gehalten und
geschlachtet wird. Seit Jahrhunderten und namentlich seit dem Verfall von
Axum ist Adoa die Haupt- und erste Handelsstadt Tigri's, deren
Einwohnerzahl, fast lauter Christen, etwa 6000 Seelen betrgt. Die
industriellen Produkte sind von geringer Bedeutung.

Da meine in Gondar gemietheten Leute nicht weiter gehen wollten, mute ich
hier frische Diener miethen. Dies hielt mich 14 Tage in Adoa auf, und
diese Zeit benutzte ich zu Exkursionen in die Umgegend. Leider versumte
ich, die Ruinen der _Jesuitenresidenz Fremona_ bei Mai Goga in der Nhe zu
besuchen. Bruce, der sie gesehen hat, giebt an, da zu seiner Zeit die
Mauern noch 27 Fu hoch gewesen seien, ein von Thrmen flankirtes Viereck,
das als Festung gedient hatte. Doch das verhinderte die Vertreibung der
Patres nicht, die vor zwei Jahrhunderten eine frchterliche Qual
Abessiniens waren. Man erzhlte mir, da die Ruinen heute ein Gegenstand
der Furcht bei den Landleuten seien, welche das alte Gemuer von bsen
Geistern bevlkert glauben.

Am 29. Oktober 1863 verlie ich mit fnf Lasttrgern, die ich bis Massaua
zu dem billigen Preise von anderthalb Thaler pro Mann gemiethet hatte,
Adoa. Am Abend kampirte ich schon in dem uerst ungesunden
Hamedo-Tieflande am Mareb. Diese granitische Ebene bildet fr den
Botaniker und Zoologen ein wahres Paradies, sie ist aber, wenige Monate im
Jahre ausgenommen, furchtbar ungesund, ja geradezu tdtlich. Hier mute
auch mein Landsmann Dr. _Dillon_, der Freund Lefbvre's, nach der
Regenzeit sein Leben lassen, als er, ungeachtet der Warnungen seiner Leute
in die Kolla hinabstieg. "Vorwrts, ihr Feiglinge", rief er ihnen
unklugerweise zu. Die Abessinier zauderten, sagten aber dann: "Dieser
Fremdling geht in den gewissen Tod und wir auch, wenn wir ihm folgen. Ist
es aber recht, denjenigen zu verlassen, dessen Brot wir so lange gegessen?
Vorwrts denn mit Gott!"

  [Illustration: Bauer aus Antitscho. Nach Lejean.]

Fnf Tage darauf war Dillon todt und fnf seiner Diener gleichfalls. Ich
knnte noch viele hnliche Thatsachen anfhren. Habe ich nun recht, wenn
ich die Abessinier ein edles Volk nenne? (Man sieht, wie sehr sich die
Urtheile gegenber stehen, allein dieser eine edelmthige Zug mchte doch
das lasterhafte Volk nicht rein waschen). Was man jedoch noch weniger
verneinen kann, ist die uere Schnheit der Abessinier, Beweis dessen ich
hier auf gut Glck das Portrt eines Landmanns aus dem Distrikt Antitscho
in Tigri hersetze.

Die ungesunde Ebene von Hamedo lag nun hinter mir und ich passirte den
_Mareb_ in einer Furth. Zu meinem Erstaunen fand ich ein sehr klares
breites Wasser, das jedoch nur einen Fu Tiefe hatte und zwischen
belaubten Abhngen, wie zwischen zwei Hecken hinflo. Jenseit desselben
stiegen wieder Berge an, auf denen der Marktflecken Gundet liegt und die
gesunde Deka beginnt.

Meine nchste Station war Asmara, die gegenwrtige Residenz des
Baharnegasch oder Beherrscher der Meereskste. Diesen stolzen Titel fhrte
ein einfacher Schum (Ortsvorstand), der vom Statthalter der Provinz
Hamasin eingesetzt wird. Der Mann empfing mich mit vieler Freundlichkeit
und schenkte meinen ausgehungerten Leuten einen Hammel, ohne etwas dagegen
zu verlangen. Er war ein vollendeter Gentleman, welcher bei meiner Abreise
mich merken lie, da es ihm an Zndhtchen fehle. Da ich leider keine bei
mir hatte, schickte ich ihm nach meiner Ankunft in Massaua eine grere
Partie. Asmara ist keineswegs die Hauptstadt von Hamasin; als solche galt
in alter Zeit Debaroa und heute _Tzazega_, wo der Detschas Hailu, ein
Liebling Theodor's II., residirte. Der Ort liegt malerisch zerstreut auf
einem Hgel und zhlt etwa 2000 Einwohner, die etwas Handel und namentlich
Maulthierzucht treiben.

Das Gebiet des Nils lag schon hinter mir und ich befand mich hier in
demjenigen des _Anseba_, der durch den Barka seine Wasser dem Rothen Meere
zusendet. Bald war auch die Grenze Abessiniens erreicht und die Terrassen
lagen vor mir, die sich nach der kahlen, brennend heien Samhara
hinabsenken. Erst jetzt fhlte mein Herz eine Erleichterung; das
Damoklesschwert hing nicht mehr ber meinem Haupte, ich war der Gewalt
Theodor's gnzlich entrckt.

Schnell war auch das Kstenland durchzogen, und in Massaua begrten mich
nach langer Irrfahrt zuerst wieder die Spuren europischer Civilisation.

  [Illustration: Ansicht des Gemp in Gondar. Nach Rppell.]





  [Illustration: Inneres einer Mensahtte. Originalzeichnung von Robert
  Kretschmer.]





  REISEN IN DEN NRDLICHEN UND NORDWESTLICHEN GRENZLNDERN ABESSINIENS.


        Das Land der Mensa und Bogos. - Reise des Herzogs Ernst. -
    Monkullo. - Labathal. - Plateau von Mensa. - Das Volk der Mensa. -
    Ausflug nach Keren. - Elephantenjagd. - Rckkehr. - Munzinger ber
       die Bogos. - Geschichtliches. - Ein aristokratisches Volk. -
    Rechtsverhltnisse. - Aberglauben. - Das Christenthum der Bogos. -
           Der Marebflu. - Die demokratischen Bazen und Barea.




          1. Reise des Herzogs von Koburg nach Mensa und Bogos.


Da, wo die Terrassen des nrdlichsten Distrikts von Abessinien, der
Provinz Hamasin, die natrliche geographische und politische Grenze des
Landes ausmachen, hren die vulkanischen Wackengebilde, die rothen
Eisenthone und ebenen Basaltplateaux auf und die Urgebirge, die Granite,
Gneise, Glimmerschiefer erhalten die Herrschaft. Sie bilden ein Gebirge,
das, nach Osten hin zum Rothen Meere, nach Westen gegen das Tiefland des
Barka abfallend, von zahllosen Wasserrinnen durchflossen ist, welche
whrend der heien Jahreszeit vertrocknen. Der namhafteste dieser
Gebirgsbche ist der Anseba, welcher sich mit dem Barka vereinigt. Noch
vor zwanzig Jahren war dieses Gebiet den Geographen fast gnzlich
unbekannt - jetzt gehrt es zu einem derjenigen Theile Afrika's, dessen
Kenntni am meisten gefrdert ist. Die Vlkerschaften, die dort wohnen,
die Bogos mit den Mensa, die Bedschuk, Takul und Marea sind theilweise
Christen, werden aber in nicht allzuferner Zeit dem Islam anheimfallen.
Auch in ihrer Sprache unterscheiden sich die Bogos und Bedschuk von ihren
Nachbarn; erstere ist ein Agau-(Agow)Dialekt, welcher aber mehr und mehr
dem Tigr Platz macht. (Vergl. S. 92.)

Vor Allem aber hat die Natur dies "Alpenland unter den Tropen" mit dem
herrlichsten landschaftlichen Charakter gesegnet, mit vielfach
gegliederten Hochebenen und khnen Felsgestalten. Zur Regenzeit entwickelt
sich dort eine hchst mannichfaltige und reiche Vegetation, und das
Thierreich ist so beraus wohl vertreten, da Bogos sammt Mensa dem
Waidmann als ein Paradies erscheinen mssen.

Die Berichte, welche die deutsche Expedition unter von Heuglin ber diese
gesegneten Landstriche in die Heimat sandte, das Interesse welches sie an
und fr sich erwecken muten, endlich die vergleichsweise leichte
Zugnglichkeit, die nahe Lage an der Kste - man kann von Triest aus, wenn
Alles ineinander greift, jetzt in ungefhr vierzehn Tagen nach Mensa
gelangen - machten auch in einem deutschen Souvern den Wunsch rege, jene
Gegenden zu besuchen, um dort der edlen Jagd obzuliegen. In Schottlands
Hochbergen hatte _Herzog Ernst II. von Sachsen-Koburg-Gotha_ schon den
Edelhirsch gejagt, er hatte Gemsen am Fue der Alpengletscher erlegt und
nun entschied er sich auch dahin, auf Elephanten, Lwen, Leoparden,
Gazellen und Antilopen in ihrer tropischen Heimat zu prschen. Doch die
Wissenschaft sollte bei diesem Unternehmen keineswegs leer ausgehen, und
so versah sich der Herzog mit einem Stabe tchtiger Mnner, die vollkommen
geeignet waren, das Erlebte und Gesehene in Wort und Zeichnung
aufzubewahren.

Die Reisegesellschaft bestand aus dem Herzoge und seiner Gemahlin, dem
Frsten Hermann Hohenlohe und dem Prinzen Eduard Leiningen, dem Major von
Reuter nebst Frau, dem Arzte Dr. Hassenstein, dem Maler Robert Kretschmer
- dem wir einen Theil der prchtigen, naturwahren Illustrationen zu diesem
Werke verdanken - dem Naturforscher Dr. Brehm, Friedrich Gerstcker und
einigen Anderen. Dr. Brehm, der Afrika aus eigener Anschauung bereits
kannte, wurde als Pionier vorausgesandt, um die besten Wege ins
Mensagebirge zu erforschen, und am 28. Februar 1862 verlie die Expedition
selbst Triest. Nach sechstgiger Fahrt wurde Alexandrien erreicht, Kairo
besucht und den Nil stromaufwrts bis zu den Ruinen von Luxor gedampft,
endlich mit einem Extrazug durch die Wste nach Suez gefahren, wo die
hohen Herrschaften nebst ihrem Gefolge sich am 24. Mrz einschifften. Fnf
Tage dauerte die Fahrt durch das Rothe Meer, und am 29. warf der Dampfer
bei _Massaua_ Anker, wo eine englische Fregatte bereit lag, um der
herzoglichen Expedition whrend ihres Aufenthalts an der entlegenen Kste
Schutz angedeihen zu lassen.

Jener wichtige Hafenplatz wurde der Ausgangspunkt zur Reise in das
Hochland, welche die Frau Herzogin jedoch nicht mitzumachen gedachte. Sie
blieb vielmehr in dem westlich von Massaua gelegenen Dorfe _Monkullo_
(Umkullu, M'Kullu) zurck, das man als eine Art Vorstadt von Massaua
bezeichnen kann, weil viele Massauer Familien hier ihre Htten und die
meisten Geschftsleute eine Frau mit Kindern und Sklavinnen wohnen haben,
von denen sie tglich Milch und Holz sich bringen lassen. Ein besonderer
Vorzug des Ortes sind seine Brunnen mit klarem sen Wasser, das bis
Massaua gefhrt wird. Monkullo wird von mehreren Hgeln berragt, von
deren Hochflche man einen Blick auf das Rothe Meer hat. Man sieht zwei
lange Streifen, welche sich von dem blauen Gewsser abheben; der lngere,
zur Hlfte gelb, zur anderen grn, ist die Insel Tan-el-hut, wo Hemprich
begraben liegt; der andere Streifen ist Massaua. Die gelbe Farbe rhrt von
Korallen, die grne von einem dichten Gebsch her, dessen immergrne,
fettglnzende Bltter denen des Kirschlorbers hnlich sind; diese Pflanze,
der _Schorawurzeltrger_ (_Avicennia tomentosa_), heit zu Massaua
Sackerib und wchst nur an solchen Stellen, welche tglich bei der Flut
vom Meereswasser besplt werden. Aus der Ferne gesehen, gewhren die
Wurzeltrger einen anmuthigen Eindruck; ihr sanftes Grn thut dem Auge
wohl; sie strecken ihre ziemlich dnnen Aeste in das Meer, und das Ganze
lockt fast unwiderstehlich an, weil es zu dem nackten gelben Strande einen
angenehmen Gegensatz bildet. Aber die Atmosphre ist hier feucht, man kann
wohl sagen giftig, und die Hitze oft so arg, da es gewissermaen als eine
Erquickung erscheint, wenn man aus solch einem Avicenniengewirr
heraustritt und wieder von den glhenden Strahlen der thiopischen Sonne
beschienen wird.

Schnell eilten die Mitglieder der Gesellschaft aus der ungesunden
Kstenlandschaft dem Innern zu. Im Anfang war die Gegend der Samhara,
welche sie durchritten, sehr de und arm; die sandigen, aus grobkrnigem
Kies bestehenden Berge glichen ganz jenen der Wste. Das thierische Leben
der Samhara wird zuerst bei den Regenstrmen bemerklich, die nach kurzem
Lauf hier dem Rothen Meere zueilen. Groartig wird die Natur erst da, wo
das _Labathal_ mit frisch sprudelndem Flchen aus dem Gebirge
hervortritt. Im hellsten Grn prangten die Gehnge des Thals bis hoch zu
den Bergen hinauf; alle Bume standen im Bltterschmuck, viele von ihnen
waren gerade mit den kstlichsten Blten bedeckt und leuchteten von den
Felswnden herunter. Gesicht, Gehr, Geruch schwelgten zu gleicher Zeit.
Der Farbenreichthum blendete das Auge, Wohlgeruch erfllte das Thal und
wie ein Gru tnte der Fltenruf des thiopischen Wrgers den Fremdlingen
ins Ohr. Auf den Zweigen wiegten sich Vgel aller Art von den kleinsten
Honigsaugern (_Nectarinia_) bis zum riesigen Ohrengeier. Auch sah man
Leoparden, Gazellen, Antilopen, Rudel von Affen, namentlich
Hamadryaspaviane eilten mit lautem Geschrei die Abhnge hinauf und muntere
Klippschliefer belebten die Felsen, die sogar Spuren des riesigen
Elephanten trugen, der bis in die hohen Berge hinaufsteigt.

Ganz oben verwandelte sich das Thal in eine enge Felsschlucht, und unter
unsagbaren Mhen wurde am 7. April die Hochebene erklommen, welche
wiederum von riesigen Alpen umgeben die Httengruppen des Hirtenvolkes der
_Mensa_ trgt. Das Gebirge selbst besteht aus einem sehr grobkrnigen
Granit, welcher jedoch nur an den hchsten Spitzen durchbricht, und aus
Thon- und Glimmerschiefer, der sich wie ein Mantel um den innern
Granitkern gelegt hat. In den tiefern Thlern finden sich steile Wnde,
welche jedoch fast berall zugnglich sind und es noch viel leichter sein
wrden, wenn nicht die Pflanzenwelt dies verhinderte. Alle Felsen sind
grn bis oben hinauf, und wo nur ein geeignetes Pltzchen sich findet, da
hat die Pflanzenwelt sicher Fu gefat. Doch bestimmt die Armuth an
Dammerde das Geprge der Vegetation. Groe gewaltige Bume giebt es nur im
Thale, und hier zeigen sich am Bache die charakteristischen Gewchse der
Kollaregion: schirmfrmige Mimosen, prchtige Tamarinden, Kigelien mit
ihren groen Frchten, Adansonien, Akazien, Oelbume, die
Kronleuchter-Euphorbie und eine niedrige Palme.

Der stattliche Gebirgszug, in dessen Gipfel das Plateau von Mensa
gleichsam eingekeilt liegt, mag sich in den Theilen, welche von der
herzoglichen Expedition berhrt wurden, zu einer Hhe von 8000 bis 9000
Fu erheben. Die Hochebene selbst soll gegen 6000 Fu ber der
Meeresflche liegen und wird durch einen niedrigen Hgelrcken in zwei
Theile geschieden. Der eine bildet eine wilde, mit Bschen bewachsene,
sandige Flche, die oft von Schluchten durchzogen ist. Der andere zeigt
besseren Boden und wird bebaut.

Das Dorf _Mensa_ bildet zwei Gruppen von Niederlassungen mit zusammen etwa
100 Htten, die sich an die beiden Rnder der Hochebene anlehnen. Dicht
hinter denselben steigen die bewaldeten Felsgehnge noch khn empor und
tritt zwischen riesigen Granitblcken ein klarer Quell hervor, und ringsum
entfaltet das Gebirge seine ganze Pracht. Die Stelle war zu Ausflgen gut
gewhlt, aber leider wurde die Freude theuer bezahlt, denn ein groer
Theil der Gesellschaft wurde vom Fieber gepackt. Die Gesunden lieen sich
jedoch dadurch nicht abhalten, tchtig der ergiebigen Jagd nachzuspren
und die Sitten der Eingeborenen zu studiren.

Nirgends wol in Afrika trifft man auf so elende Behausungen als in Mensa.
Die _Htten_ bestehen aus Stangen oder Zweigen, ber die man einfach
Reisig wirft, das nicht einmal gegen den strmenden Regen gedichtet wird.
Eine kleine niedrige Thr fhrt in das Innere des hohlen Reiserhaufens.
Dort gewahrt man dieselbe Unfertigkeit: einige aneinander gereihte Stbe,
welche auf Querhlzern ruhen und von gegabelten Pfhlen getragen werden,
bilden den Schlafplatz. Diese Bettsttte ist auerdem mit einem
laubenhnlichen Bau berdacht, der immer noch den Regen durchlt. Auer
einigen irdenen Tpfen, dem unentbehrlichen Reibstein, auf dem das
Getreide zerkleinert wird, einem Topfe, in dem man das Korn aufbewahrt,
und einigen Schluchen sieht man keine Gerthschaften im Innern. Eine
Dornumzunung schliet die Wohnung ein, und innerhalb derselben liegt der
kleine Tabakgarten, denn das starke Kraut wird von den Mnnern
leidenschaftlich aus groen Wasserpfeifen geraucht, deren Wasserbehlter
durch einen Krbi gebildet wird.

Die Mensa sind schne, wohlgebaute Menschen von gelblicher bis
dunkelbrauner Hautfarbe. Ihre Sprache ist das Tigr. Das Haar ist
eigenthmlich frisirt, wie es die Abbildungen zeigen, und mit einer Nadel
versehen, welche die Ruhe unter den lstigen Insassen herzustellen hat.
Kurze baumwollene Hosen und weite Umschlagmntel machen die Kleidung der
Mnner aus; eine lederne, in viele Streifen zerspaltene Schrze bildet die
einzige Bekleidung der unverheiratheten Mdchen, welche am Tage der
Verheirathung mit einem Umschlagetuche vertauscht wird. Das Leben des
Volkes hngt von den Herden ab; Getreidebau wird wenig betrieben. Die
Erhaltung und Vermehrung der Herden macht die ganze Wissenschaft ihres
Lebens aus. Der Mensa hlt sich um so verstndiger, je besser er mit dem
Vieh umzugehen versteht, und er achtet sich um so glcklicher, je
zahlreicher seine Herde von Buckelrindern ist. Manche von den Leuten,
welche in einer der beschriebenen erbrmlichen Htten leben, nennen 5000
bis 6000 Rinder ihr Eigenthum. Um berall die Weide gut ausnutzen zu
knnen, wandern die Mensa zweimal im Jahre von der Hhe ihres Gebirges zur
Tiefe der Samhara hinab, wenn dort die Regengsse ein frisches Grn
hervorgezaubert haben. Die Milch der Khe ist ihr vornehmstes
Nahrungsmittel, und bei festlichen Gelegenheiten wird ein Ochse
geschlachtet, dessen halbgerstetes Fleisch gierig verschlungen wird. Als
geistiges Getrnk dient der Honigwein. Ganz so schlimm wie die Abessinier
sind die Mensa beim Einnehmen ihrer Nahrung nicht, allein auch nicht sehr
verschieden von diesen.

Das _Christenthum_ der Mensa ist genau so, wie wir es bei ihren Vettern,
den Bogos, weiter unten schildern. Das husliche und eheliche Leben
unterscheidet sich kaum von dem der Abessinier. Mit Sonnenuntergang
sammeln sich die Mdchen auf den ffentlichen Pltzen und beginnen zu
tanzen, wobei die Zuschauer laut brllen. Dieses Vergngen whrt bis tief
in die Nacht, jedoch nur wenn der Mond scheint und die Raubthiere nicht zu
frchten sind. An Festtagen hrt man noch eine andere Musik, dann geben
die Fltenblser ihre Knste zum besten. Die abessinischen Flten sind
hohle Rhren mit verschiedenen kleinen Schallchern, welche nach Art der
Mundharmonika geblasen werden. Einzelne Knstler verstehen auch eine Art
Geige zu spielen, d. h. eine Fiedel im Urzustande mit einer Saite von
Pferdehaaren, die mit einem einfachen Bogen gestrichen wird. Eine
Handtrommel mit Schellen untersttzt gewhnlich dieses Konzert aufs
wirksamste.

Eigenthmlich sind die _Grabhgel_ der Mensa. In weitem Kreise um das Grab
herum baut man eine senkrechte Ringmauer auf; den von ihr umschlossenen
Raum fllt man alsdann mit groen und kleinen Steinen aus. Die Steine
schichtet man in einem Haufen hoch auf und berlegt sie endlich mit
blendenden Quarzstcken, welche weit und breit zusammengetragen werden.
Die tropische Erzeugungsfhigkeit sorgt bald fr grne Umrankung und
Umlaubung, und dann heben sich diese Grber um so heller von dem dunklen
Hintergrunde ab.

Hier nun, unter diesem Volke, schlug man die Zelte auf und verweilte
einige Zeit. Als die Gewitterregen nachgelassen, trat der Herzog, von
seinen beiden Neffen begleitet, einen Ausflug nach _Keren_ im Bogoslande
an. Am 12. April setzte sich der Zug in Bewegung, durcheilte in
nordwestlicher Richtung die Mensa-Hochebenen und gelangte am nchsten Tage
bereits in eine sehr vernderte Gegend. Die reiche Vegetation des
Mensathales war fast ganz verschwunden, die Bergrcken waren kahl und nur
an den Abhngen zeigten sich Mimosen und verkrppelte Oelbume. In den
tiefern Thaleinschnitten wuchsen riesige Adansonien und Euphorbien. Nach
einem Ritt von mehreren Stunden wurde das Dorf Gabei Alabu auf einem
felsigen Plateau erreicht, wo die Einwohner nach einigem Parlamentiren
Milch und eine Kuh zum Geschenke brachten. "In keiner Weise konnten wir,"
erzhlt Herzog Ernst, "auf der ganzen Reise zwischen diesen Vlkerschaften
auch nur ber die geringste Unbill klagen, und ich mu lobend erwhnen,
da uns berall mit aufrichtiger Freundlichkeit und Gastfreundschaft
begegnet wurde." Nachdem man zwei Stunden weiter geritten, gelangte man an
das malerische Ufer des _Anseba_ (Ainsaba). Der Strom hielt noch dritthalb
Fu Wasser und flo silberhell und reiend dahin. In unendlichen Windungen
sendet er seine klaren Fluten, die unfern von Tzazega in Hamasin
entspringen, durch das Gebirgsland und erquickt mit seinen zweimal im
Jahre austretenden Gewssern die durstige Ebene. Soweit dies der Fall ist,
zeigt auch der Boden die ganze Flle der Tropenvegetation; wunderbar
geformte Bume, dicht mit Lianen berzogen, wechseln malerisch mit
haushohem Schilf. Tausende von Vgeln aller Art bevlkern diesen schmalen
Streifen Erde, der gleich einer Oase meilenweit den Strom begrenzt,
welcher spter seine Wasser mit denen des Barka vereinigt, also nicht dem
Gebiete des Nil, wol aber jenem des Rothen Meeres angehrt.

Die gehoffte Jagd fand leider hier nicht statt, dafr stattete man dem
jenseit des Flusses liegenden Dorfe _Keren_, dem Hauptorte von Bogos,
einen Besuch ab. Der Herzog schildert Keren als ein elendes, auf einer
Hochebene gelegenes Dorf, das auer den Htten der Eingeborenen nur zwei
grere Gebude, die Wohnung des weit und breit bekannten Missionrs
_Stella_, aufweist. "Stella ist ein kleiner untersetzter Mann mit
stechenden klugen Augen, aber sonst wohlwollenden Zgen. Er gehrt zum
Orden der Lazaristen. Unstreitig ist er, nach Allem, was ich ber ihn
gehrt und gelesen, zu den wenigen intelligenten Europern zu rechnen,
welche seit einer Reihe von Jahren das Innere Afrika's bewohnten. Durch
seinen Charakter, seinen Muth und sein kluges Benehmen ist er zu einer
bedeutenden Person geworden. Er ist nicht nur bei den Bogos hchst
angesehen, sondern steht auch in einer gewissen Verbindung mit dem Kaiser
Theodor und den ganzen politischen Verhltnissen Abessiniens. Die
Ausbreitung der katholischen Religion scheint ihm hier nicht allein am
Herzen zu liegen. Er schien vorzugsweise Rathgeber und Vermittler zwischen
obwaltenden Streitigkeiten der Stmme zu sein. Ein Gehalt, der ihm
regelmig ausgezahlt wird, und eine ausgesuchte Herde machen ihm bei
geringen Bedrfnissen ein angenehmes Leben mglich."

  [Illustration: Eingeborene von Mensa vor ihren Htten.
  Originalzeichnung von Robert Kretschmer.]

Der Boden bei Keren, das 4469 Fu ber dem Meere liegt, ist fruchtbar,
aber nur ab und zu mit Durrah, etwas Tabak und dem gewhnlichen
Seifenkraut bepflanzt. Nach Osten und Sden steigen rauhe Gebirge in die
Hhe, whrend sich die im Norden liegenden Ketten mehr und mehr abflachen.
Nach Westen zu sieht man den Bergen deutlich an, da sie aus einer Ebene
emporsteigen, denn unmittelbar hinter ihnen beginnt die unabsehbare
Barka-Steppe. Wasser enthlt die Hochebene so gut wie gar nicht.

Keren war der fernste Punkt, bis zu welchem der hohe Reisende gelangte. Er
zog nach kurzem Aufenthalte von da nach Mensa zurck, wo er am 16. April
wieder anlangte. Schon am zweiten Tage darauf fand eine glckliche
Elephantenjagd statt, und mit nicht geringer Anstrengung gelang es, auf
den 8000 Fu hohen Felsenhhen des Beit-Schakhan einen alten und einen
jungen Elephanten zu erlegen.

Mit folgenden Worten schildert der Herzog das Abenteuer selbst: "Es mochte
wol zwischen 2 und 3 Uhr sein, als ein fr uns kaum hrbarer Ton das Ohr
des uns begleitenden jungen Eingeborenen traf. Wie eine Schlange schnellte
die schwarze nackte Gestalt aus dem Grase empor, und die heftigste sich in
den wunderlichsten Gesten kundgebende Aufregung bewies uns, da ein
Zeichen von unten gegeben sei. Wie durch einen Zauberschlag berhrt,
sprangen wir jetzt auf die Fe und griffen zu unseren Bchsen. Die
reizende Aussicht war, wie Mdigkeit fr uns verschwunden, die
Sonnenstrahlen erschienen nicht mehr hei, und ohne weiter zu berlegen,
was eigentlich das Zeichen bedeute, trabte die ganze Gesellschaft ber
Steinblcke durch Dick und Dnn der Tiefe zu, aus der in abwechselnden
Zwischenrumen das schon vorher erwhnte Zeichen wiederholt wurde.

"Der junge Mensaner mit Schild und Speer an der Spitze, fhrte den Zug,
und da ihn weder Kleidung noch Korpulenz am Laufen hinderten, so fiel er
in ein wahrhaft gefhrliches Tempo, fr das nur die jngsten Beine
geschaffen schienen. Erst nach anderthalb Stunden trafen wir die beiden
Elephantenjger. Nur einige hundert Schritt folgten wir ihnen und sahen
schon zum allgemeinen Entzcken, auf der gegenberliegenden Bergwand,
zwischen dem Gestrpp und alten Euphorbienbumen, Elephanten ruhig ihr
Diner verspeisen.

  [Illustration: Herzog Ernst von Sachsen-Koburg-Gotha auf der Jagd in
  Mensa.
  _(Originalzeichnung von R. Kretschmer.)_]

"Hier htte nun ein Kriegsrath gehalten werden mssen, um, wie vorher
verabredet, die Jagd zu besprechen. Hierzu lieen uns die aufgeregten
Eingeborenen aber keine Zeit. Sagudo ergriff mich beim Arm, schttelte
mich, als ob es glte, Aepfel von einem Baume zu schtteln, wies mit
grimmigen Geberden auf die unten senden Elephanten und ri mich mit sich
fort. Vorwrts ging es nun wieder in vollem Laufe durch Alo, Cactus und
Mimosen. Bald waren die ohnehin defekten Hemden und Beinkleider zerrissen,
und die glhende Sonnenhitze badete uns im Schwei. Mit einem Male hielt
der Jger an, schnitt mir ein wthendes Gesicht und klopfte mit dem Laufe
seiner riesigen Muskete auf meine Schuhe. Sein Wunsch war augenscheinlich
der, da ich von jetzt ab die Prsche barfu - wie er ging - fortsetzen
solle. Aus meinen ebenso grimmigen Mienen und bezeichnenden
Gestikulationen mochte er jedoch wol entnehmen, da die Sohlen unserer
Fe nicht, wie die seinen, fr Dornen und scharfe Steine geschaffen
seien, und weiter ging es, eine Lehne hinab, durch einen ausgetrockneten
Sturzbach hindurch und drben einen steilen Graben hinauf. Wir folgten
genau in dem sonst undurchdringlichen Dickicht den Windungen der kleinen
Pfade, welche die Ungethme, sich vor uns send, erst im Augenblicke
getreten hatten. Noch eine Weile und wiederum ging es einen Strand hinab,
und in langen Stzen wollten wir eben die Felsen eines zweiten Sturzbaches
berschreiten, als wir auf 50 Schritt vier Elephanten unter uns denselben
Bach kreuzen sahen.

"Athemlos hielt Alles still. Ich ri meine Bchse an den Backen und wollte
eben den grten Elephanten aufs Korn nehmen. Da fiel mir der Jger in den
Arm und machte solche furchtbare Grimassen, da ich nicht anders glauben
konnte, als er halte es noch fr zu weit. Die Elephanten, welche schlecht
ugen, gingen unter uns vorber. Kaum waren sie aber auf der
entgegengesetzten Wand verschwunden, als das Rennen unmittelbar auf ihrer
Fhrte wieder begann. Hiernach schien es die Absicht des Jgers zu sein,
die Thiere einzuholen und mit den letztern auf wenige Schritte zusammen zu
kommen.

"Die Leidenschaft hatte uns alle erfat und jeglicher Ueberlegung der
drohenden Gefahr, in der wir uns befanden, beraubt. Kaum mgen acht
Minuten vergangen gewesen sein, als wir, der vermeintlichen abwrts
fhrenden Spur in langen Sprngen von Fels zu Fels folgend, mit dem
vordersten der Elephanten auf drei Schritte zusammentrafen. Die Thiere
hatten einen auf uns zurckfhrenden Pfad eingeschlagen. Noch einen
Schritt weiter und wir wren smmtlich verloren und zu Brei getreten
gewesen.

"Mit khner Geistesgegenwart erfate der Jger den Augenblick, und indem
er einen gellenden Schrei ausstie, strzte er sich - gleichwie der
Schwimmer von einem Springbret in das Wasser - von dem erhhten
Standpunkte etwa zehn Fu tief in ein wildes Cactusdickicht hinein. Zum
Besinnen hatten wir auch keine Zeit und ahmten, fast instinktmig, den
sicheren Tod vor Augen, das Manver nach. Auf das furchtbarste
zugerichtet, drckten wir uns, wie ein Kitt Hhner unter eine Krautstaude,
hinter einen Granitblock. Die Elephanten hatten, durch die wunderbare
Erscheinung erschreckt, selber eine Bewegung halb rechts gemacht,
dergestalt, da sie uns schrg abwrts in einer Entfernung von vielleicht
10 bis 15 Schritt, jedoch ohne im geringsten flchtig zu sein, die Flanken
zeigten.

"Der Augenblick zum Handeln war gekommen. Der Jger, Hermann (Frst
Hohenlohe) und ich waren mit einem Sprunge beinahe zu gleicher Zeit auf
dem Felsen, der uns gerettet, die Bchsen flogen in die Hhe und vier
Spitzkugeln bohrten sich hinter das riesige Gehr des Ungethms. Der
Elephant war tdtlich getroffen. Er hielt an und stie jenen durch Gordon
Cumming so wohl beschriebenen Schmerzenston aus, und wre unsere Lage
nicht so milich gewesen, so htten wir ruhig sein Verenden abwarten
knnen. Hier galt es aber augenblickliche Vernichtung und mit Bchsen _
la_ Lefaucheux bewaffnet, ward es uns eine Leichtigkeit, in wenigen
Minuten gegen vierzehn Kugeln dem schon wankenden Kolo hinter Blatt und
Gehr zu senden. Ein zweiter Elephant, durch das Schieen beunruhigt,
kreuzte den Verwundeten. Auch er erhielt von Hermann eine Kugel auf das
Blatt, welche ihm jedenfalls jenen Schmerzensschrei entlockte, aber nur
dazu zu dienen schien, seine Flucht zu beschleunigen. Unser erstes Opfer
schwankte noch einige Male, indem es sich langsam umdrehte, hin und her.
Da erhielt er aus der Muskete unsers Jgers den letzten Gnadenschu durchs
Herz. Das Thier strzte mit einem furchtbaren Getse und rollte, wie ein
Hase auf einem gefrorenen Abhang, die Bergwand wol 500 Schritt hinunter,
Bume und Felsen vor sich her wlzend. Die Strae, die sein Krper
beschrieben hatte, glich einem jener Lawinenstreifen, die man so oft im
Hochgebirge auf der Gemsjagd antrifft. Mit einem Freudengeschrei jagten
wir dem verendeten riesigen Thiere in den Abgrund nach, wo wir es tief
unten, zwischen zwei Granitblcken eingeklemmt, noch gewaltig mit seinen
Fen arbeitend, liegen sahen."

Noch ein zweiter junger Elephant, der gleichsam um die Mutter zu rchen,
wthend herbeigeschnaubt kam, wurde erlegt, die Jagd war vollendet, und
beleuchtet von den Strahlen der glhend untergehenden Sonne standen die
Sieger auf den kolossalen Leichen ihrer Jagdbeute. Die Landschaft, in
welcher die gefahrvolle Jagd stattfand, schildert der Herzog
folgendermaen: "Ein Panorama lag vor uns, wie ich es nur an wenigen Orten
Tyrols und der Schweiz getroffen habe. Ein unabsehbares Meer grner und
brauner Berge, hier in den schnsten und reichsten Formen gelagert, dort
wieder scharfgezeichnete Felsspitzen in pittoresken Gestalten
vorstreckend, bot sich unsern Blicken. In weiter Ferne bezeichnete ein
goldener Streif die Fluten des Rothen Meeres, nach allen brigen
Himmelsgegenden reihten sich Gebirge an Gebirge. Das schwierige Besteigen
jener Alpen wre schon hinreichend durch die unbeschreibliche Aussicht
belohnt gewesen, deren wir uns hier zu erfreuen hatten. Die Sonne war
glhend, dennoch erfrischte uns ein khler Luftzug und ausgestreckt im
hohen Grase schwelgten wir in den Genssen der Natur."

Bald darauf brach, nach verschiedenen neuen Jagdabenteuern, die
Gesellschaft auf und langte am 23. April in Monkullu, bei der Frau
Herzogin wieder an. Ueber ihren Aufenthalt daselbst schrieb die hohe Dame
folgende Worte in ihr Tagebuch: "Die Tage, welche wir hier verlebten,
waren keine Idylle in der Weise der lieben Heimat, es war fr uns
verwhnte Kulturkinder Manches recht schwer zu berwinden; aber es war
doch ein Stilleben voll von groen Eindrcken, und die Erinnerung daran
mchte wohl keiner von uns missen. Wer einmal im Schein der tropischen
Sonne auf Himmel, Land und Meer geblickt hat, der wird die Farbenpracht
der Natur und die gehobene Stimmung, welche sie dem Menschen verleiht, nie
mehr vergessen. Was Licht heit und glhende Farbenschnheit, das erfhrt
man erst im Sden. Und die Einwirkung dieser Flle von Licht und Farbe,
die groen Gegenstze, welche ohne Dmmerung, ohne das Nebelgrau der
Heimat, wie unvermittelt nebeneinander stehen und doch Bilder von der
wundervollen Schnheit geben, werden immer mchtiger, je lnger man weilt,
und umgeben das Leben des Tages mit einer Poesie, die mrchenhaft und fast
bewltigend ist. Und in diesem Zauberlichte glnzt eine fremde Erdenwelt,
denn Menschen, Thiere, Pflanzenformen, jeder Gegenstand, der an den
Reisenden herantritt, trgt dazu bei, die Stimmung, welche die Landschaft
hervorruft, zu erhhen. Ungeachtet der Unsicherheit, welche der Europer
in dieser Wildni empfindet, ist die Grundstimmung, welche dieses
tropische Leben verleiht, doch eine erhebende Ruhe. Alles sieht
groartiger und einfacher aus, und ohne Mhe kann man sich hier um
Jahrtausende zurckdenken, in denen dasselbe Hirten- und Wanderleben war,
dasselbe Geschrei der Thiere, dieselben Pflanzen an derselben Stelle,
dasselbe Leuchten der Farben, ebenso der Sand mit den Steintrmmern und
dem weien Gebein der gefallenen Thiere. Der Mensch vermag in der
groartigen Bestndigkeit dieser Welt nur wenig."

Am 26. April sagte endlich die Reisegesellschaft dem abessinischen Gestade
Lebewohl und trat die Fahrt durch das Rothe Meer nach Suez an. Leider
hielten gefhrliche Fieber die Reisenden einige Zeit in Kairo zurck, und
erst am 30. Mai wurde in Triest wieder der europische Boden betreten. Die
frstliche Reise war auch fr die Wissenschaft nicht ohne Ergebnisse, denn
abgesehen von dem Werke des Dr. Brehm, der die zoologischen Resultate
verarbeitete, verffentlichte der Herzog selbst einen Reisebericht, der
mit den herrlichsten Abbildungen in Farbendruck von Robert Kretschmer's
Meisterhand geschmckt wurde.

                              --------------

Der Aufenthalt des Herzogs im Bogoslande war jedoch viel zu flchtig
gewesen, als da derselbe unsere Kenntnisse von den Bewohnern desselben
htte eingehend frdern knnen. Diese aber, durch Sitten, Abkunft und
Rechtsverhltnisse ein hchst interessantes Volk, lernen wir am besten
durch _Werner Munzinger_ kennen, der sich viele Jahre unter ihnen aufhielt
und gleich Stella eine bedeutende Stellung einnahm.

Ueber das Bogosland sind viele Strme hinweggebraust. Die ganze Nordgrenze
Abessiniens von Massaua bis zum Mareb war, der Sage zufolge, in alten
Tagen von den _Rom_ bewohnt, einem riesenhaften, bermenschlichen
Geschlechte. Der letzte desselben verfeindete sich mit Gott, schleuderte
eine Lanze gen Himmel und zur Strafe zerfra ihm ein von Gott gesandter
Adler den Kopf. Die Rom werden noch in Liedern besungen und spitzige
Steinhaufen fr ihre Grber ausgegeben. Nach den Rom kamen die Kelau, ein
thiopischer Stamm aus Abessinien, von dem nur wenig Reste blieben; dann
wanderten die Barea von Hamasin her ein und schlielich die Bogos.

Ihr Stammvater _Gebre Terke_ ist vom Volke der Lasta-Agows (vgl. S. 90).
Aus Furcht vor der Blutrache verlie er seine Heimat, stieg hinab in die
Kolla und baute zu Mogarech im Bogoslande die Giorgiskirche; das mag 1530
gewesen sein, zur Zeit der muhamedanischen Kmpfe gegen das christliche
Abessinien. Vor dem zu Aschra befindlichen Grabsteine des Stammvaters geht
auch heute noch kein Bogos vorber, ohne ihn zu kssen.

Bei den Bogos ist das Stammverhltni stark ausgeprgt und die einzelnen
Abtheilungen sind derart durch Heirathen verschwgert, da innere Fehden
zur Unmglichkeit werden. Frher standen sie direkt unter Abessinien und
sandten alljhrlich 60 Ochsen als Tribut an den Knig in Gondar. Sie
bildeten eine _Aristokratie_, die sich selbst nach eigenem Rechte
regierte, eine gewisse Kultur besa, jedoch durch Kriege und Berhrungen
mit den Nachbarn allmlig in Barbarei versank. Abessinier sowol als die
Aegypter von Ostsudan aus machten Verheerungszge in das Bogosland und es
kam 1854 so weit, da die Bogos endlich um Frieden flehten und den
Aegyptern versprachen, den Islam anzunehmen. Da erschien bei ihnen der
erwhnte Missionr Johannes _Stella_ und sammelte die Leute wieder, und
der englische Konsul _Plowden_ erwirkte im Namen Grobritanniens, da das
christliche Gebiet fr unverletzlich erklrt wurde. Doch noch immer nicht
hatten die Bogos Ruhe. Neue Raubzge fanden gegen sie statt, man fhrte
viele in die Sklaverei. Wie wir aus Graf Krockow's Reise wissen, erschien
im November 1864 Pater Stella, begleitet von Werner Munzinger, in Kassala,
um beim gyptischen Gouverneur darber Klage zu fhren, da die Barea
auer vielem Vieh 104 Weiber und Kinder aus dem Bogoslande entfhrt
htten.

Noch immer zahlen die Bogos an Abessinien Tribut. Ihre Gesammtzahl betrgt
etwa 8000 Kpfe, von welchen zwei Drittel Unterthanen, sogenannte _Tigrs_
sind, und ein Drittel aus _Schmagillis_ oder wirklichen Bogos besteht. Das
Gesammtvolk hat nach Munzinger 2100 Huser und etwa 10,000 Stck Rindvieh.
Von hchstem Interesse sind die durch den genannten Forscher uns bekannt
gewordenen _Rechtsverhltnisse_ des Vlkchens. Das Recht ist ein
patriarchalisch-aristokratisches. Die Familie ist Staat, Souvern und
Gesetzgeber, hat Recht ber Leben und Tod der einzelnen Glieder. Wer nicht
Schmagilli, echter Bogos ist, whlt sich einen Schutzherrn und wird nun
dessen Dienstmann, Tigr. Eigentlich gilt jeder Fremde als Feind. Der
Patriarch (_Sim_) ist geheiligt; er ist gleichsam Knig ohne Knigsgewalt.
Stirbt der Sim, so folgt ihm der Erstgeborene, nachdem er sich den ganzen
Leib mit dem Wasser gewaschen, in welchem die Leiche des Vaters gewaschen
wurde. Mit verhlltem Kopfe fastet er nun drei Tage; dann wird er, immer
noch mit verbundenen Augen, vor die Htte gefhrt und ihm Kuhdnger,
Dornen und Sand vorgelegt. Greift er nach den Dornen, so bedeutet dies
Krieg; Sand lt auf gesegnete Ernten hoffen, Kuhdnger auf Gedeihen der
Heerden.

Fr die kleinere Familie ist der Vater Richter; zweite Instanz bildet der
ffentlich versammelte Dorfrath (Mohber). Trotz des Christenthums
herrscht unter den Bogos noch viel Barbarei. Niemand kann lesen und
schreiben; ein uneheliches Kind wird erstickt, und die eigenen Kinder
verkaufte man frher oft fr weniger als einen Thaler. Unter den vielen
eigenthmlichen Sitten und Bruchen heben wir folgende hervor. Kein Weib
wird melken oder Getreide schneiden. Kein Schwiegersohn sieht das Antlitz
seiner Schwiegermutter an. Die Frau steht im Allgemeinen niedrig; sie kann
jeden Tag fortgejagt werden und besitzt kein Klagerecht. Es kommt nicht
gerade selten vor, da ein Mann nach dem Ableben des Vaters die
Stiefmutter heirathet, und Munzinger kennt ein Beispiel, da ein Mann die
Frau seines gestorbenen Sohnes zum Weibe nahm. Scheidungen sind hufig,
die Vielweiberei ist jedoch ziemlich selten, wenn auch erlaubt.

  [Illustration: Hirtenfrau auf der Wanderung. Zeichnung von R.
  Kretschmer.]

Frher bauten die Bogos Huser aus Stein - jetzt Zweightten wie die
Mensa. Das Innere trennt man durch eine Matte in zwei Hlften. Auch in den
huslichen Einrichtungen herrscht allerlei Aberglauben. So wird z. B.
Feuer und Wasser nach Sonnenuntergang niemals aus dem Hause gegeben und um
diese Zeit kein verliehenes Beil zurckgenommen. So lange eine Leiche sich
im Hause befindet, wird kein Feuer angezndet, und frische Butter zu
essen, gilt fr eine Schande.

Die Bogos haben schne, regelmige Gesichtszge und nicht das leiseste
Negergeprge. Die Hautfarbe wechselt zwischen Gelb und Schwarz. Die Augen
sind lebendig, schwarz und braun, der Haarwuchs weich und vollstndig,
doch grob.

Die Bogos sind mehr Hirten als Ackerbauer. Die Herden ziehen fast das
ganze Jahr hindurch im Freien umher, und wol ein Drittel der Bewohner
wandelt nomadisch mit denselben. Weib und Kind, das nthige Gepck wird
aufgeladen und der Weideplatz ausgesucht. Dann wohnt Alles unter
Palmenmatten, die bei einer Platzvernderung leicht abgebrochen und auf
Ochsen geladen werden. Milch ist die beliebteste Nahrung, und jede Kuh hat
ihren Namen. Der Hirt lenkt seine Herde mit guten Worten, ohne Hunde.

Unter diesem Volke gilt, wie im eigentlichen Abessinien, das _Blutrecht_.
Die Nachkommen eines Vaters bis auf sieben Grade bilden die
Blutsverwandtschaft. Dieselbe wird des Bluts theilhaftig, wenn ein
Familienmitglied einen Mord begangen hat, und ist solch ein Glied getdtet
worden, so hat jene gesammte Verwandtschaft das Recht und die Pflicht der
Blutrache (_Merbat_). So lange die im Blut stehenden Familien sich
eigenmchtig untereinander der Rache hingeben, hat das Recht nichts zu
sagen; der Zwist wird den Blutfeinden berlassen. Sobald dieselben aber
zur Vershnung bereit sind, wenden sie sich an einen Mittelsmann, welcher
jeder ihr Recht giebt; die Parteien zhlen ihre Todten, und der Ueberschu
wird mit dem Blutpreis geshnt.

Munzinger schildert, wie es mit dem Christenthum stand, als er und der
Lazarist Stella 1855 in das Land kamen. Die Bogos nannten sich _Kostan_,
Christen; zum Beweise, da sie es seien, berhrten sie niemals Fleisch,
das ein Muhamedaner geschlachtet hatte, und aen weder Elephanten, noch
Hasen oder Straue. Der Sonntag hie groer Sabbath, allein die
Sabbathruhe wurde am Sonnabend beobachtet. Die Bogos haben zwei Kirchen;
bei denselben sind eingeborene erbliche Priester angestellt. Ihr Amt
besteht darin, an den Hauptfesten die Schiefersteine, welche die Glocken
vorstellen, anzuschlagen. Von Priesterweihe oder irgend einer religisen
Kenntni ist bei ihnen keine Rede. Munzinger kann nicht einmal dafr
einstehen, ob die 1858 lebenden Priester getauft waren. "Der alte
Stammpriester von Keren ist ein vermgender Mann, der sich nie
niedersetzt, ohne die heilige Dreieinigkeit anzurufen, aber er kennt nicht
einmal das Vaterunser." Von der Bedeutung der Festtage hat man keine
Vorstellung. Gott, Petrus, Dreieinigkeit sind gleichbedeutende Ausdrcke
fr die Gottheit, aber ber den besondern Sinn der Wrter ist man sich
nicht klar. Die heilige Jungfrau geniet die grte Verehrung, aber da
sie Mutter des Heilandes sei, wei Niemand. "Im Ganzen ist das
Christenthum ein Name, erhalten durch die Anhnglichkeit dieser Vlker an
das Althergebrachte. Ueberhaupt ist den Landeskindern Religion die letzte
Sorge, und der Aberglauben berwuchert." Da Munzinger die Befrchtung
ausspricht, der Islam werde auch dieses Vlkchen erobern, wurde frher
schon hervorgehoben. Allein was ist an einem solchen Christenthum, das
noch unter jenem Abessiniens steht, gelegen?




              2. Werner Munzinger bei den Barea und Kunama.


Es wurde frher bei Erwhnung der deutschen Expedition gesagt, da W.
Munzinger sich in Mai Scheka von Heuglin trennte und eine mehr westliche
Route einschlug, whrend Heuglin nach Sden in das eigentliche Abessinien
eindrang. Die Reise des ersteren, welche in die Tage vom 16. November bis
22. Dezember 1861 fllt, fhrte ihn lngs des Marebflusses in Regionen und
zu Vlkern, die bisher noch kein Europer kennen zu lernen Gelegenheit
hatte. Das in Rede stehende Gebiet liegt jenseit des Barkaflusses im
Sdwesten des Bogoslandes an der abessinischen Grenze und wird vom Mareb
durchstrmt.

Dieser Strom ist vermge seines Charakters einer der eigenthmlichsten der
ganzen Erde. Seine Quelle liegt oberhalb des Dorfes Ad Gebrai in Hamasin,
dann bildet er, sdlich flieend, eine Spirale, die von Gundet ab nach
Westen sich wendet und in die Kolla von Serawi eintritt. Bis hierher
gehrte er zu Abessinien, jetzt aber, wo er sich dem Lande der Kunama
nhert, verndert er seinen Gebirgscharakter; er sucht das Niederland und
heit nun _Sona_. Hier ist er kein Waldstrom mehr und auch kein _Torrent_.
Wo nmlich der Boden das Wasser nicht an der Oberflche halten kann, wo es
durchsickernd erst spter auf einer festen Schicht Widerstand findet, da
zeigt sich der Strom als Torrent, d. h. es erscheint ein Sandbett, welches
nur zur Regenzeit berflutet wird und das ganze brige Jahr scheinbar
trocken daliegt, weil der Wasserstrom _unterirdisch_ sich fortzieht. Der
Mareb nun erscheint als Mittelding zwischen Flu und Torrent und verliert
diesen Charakter erst im Unterlauf. In der Regenzeit, Juli bis September,
wird er regelmiger Flu; in den brigen Monaten zeigt er sich als
Torrent, aber so, da sein Sandbett hier und da von Teichen unterbrochen
wird, wo das Wasser fr kurze Zeit an die Oberflche hervortritt. In der
Ebene von Takka, bei der Stadt Kassala, heit der Flu _Gasch_ oder Chor
el Gasch. Hier, im Gebiete der Hadendoa-Araber, wird er zur Bewsserung
des Landes benutzt und hat eine Menge knstlicher Stromwehren, vermittelst
deren man ihn aufstaut und die Felder berschwemmt. So verliert er sich
meistens, aber in Jahren, wo sehr viel Regen fllt, wird es ihm mglich,
sich bis zum Atbara Bahn zu brechen, den er dann bei Gasch-Da, d. h. Mund
des Gasch, erreicht.

Die Vlker nun, am unmittelbaren Lauf des Stromes, unterscheiden sich von
den Bogos, einem aristokratischen Volke, durch ihr ganz _demokratisches_
Wesen. "Die Natur," sagt Munzinger, "ist hier einfrmig, kein Berg ragt
empor, keine scharfe Form zeichnet sich aus, kein entschiedener Gebirgszug
und keine groartige Ebene giebt dem Ganzen Charakter und Einheit; selbst
der Baumwuchs ist nur mittelmig; Gestruch ist vorherrschend - und so
der Mensch und seine Verfassung; nichts strebt, nichts beherrscht; lose
zusammengeworfene Gemeinden entbehren der staatlichen Einheit und der
brgerlichen Verschiedenheiten."

Die _Kunama_ oder _Bazen_ und die _Barea_, welche hier wohnen, sind sich
ihrer Sprache und Tradition nach durchaus nicht verwandt und dennoch
stimmen ihre Rechtsbegriffe miteinander berein. Die Bazen bewohnten
frher Tigri, bis sie von den Gezvlkern hinausgedrngt wurden. Die
Barea entsinnen sich nicht ihres Ursprungs, doch ist das Land der Bogos
voller Zeugnisse ihrer frheren Anwesenheit. Die _Religion_ beider Vlker
ist ein gleichgiltiger Deismus, eine Idee von Gott, aber ohne Kultus oder
christliche Reminiscenz. Wochen und Tage verlaufen ohne Festtage; religis
ist die Sorgfalt, die man auf die Grber wendet, die aus Hhlen bestehen,
in welche der Leichnam beigesetzt wird; religis die unbegrenzte Ehrfurcht
vor dem Alter, das allein regiert. Aberglauben hat das erbliche Amt des
Regenmachers gestiftet, des Alfai, der allein wohnt, Regen bringt und,
fehlt dieser, hingerichtet wird. Beschneidung war von jeher blich, und
der Islam hat unter ihnen groe Fortschritte gemacht.

Beide Vlker charakterisirt die radikale _Gleichheit der Individuen_, die
Abwesenheit des Staates; so leben die Drfer zusammen friedlich und ruhig,
Verbrechen sind selten. Dem Auslande gegenber aber fehlt der staatliche
Zusammenhang, die gegenseitige Hlfe. Beiden eigenthmlich ist die
Bevorzugung des Schwestersohnes, der Blut und Habe von seinem Onkel erbt
mit Ausschlu der Kinder; _eine Familie in unserem Sinne existirt also
nicht_, der Begriff von Vater und Sohn fehlt, dagegen hngen Neffe und
mtterlicher Onkel eng zusammen. Recht sprechen die Aeltesten des Dorfes,
und keine Aristokratie lehnt sich gegen die Beschlsse der Gemeinde auf.
Selbst der Fremde wird nach kurzem Aufenthalt den alten Insassen gleich.

Die Leute leben von heute auf morgen und dafr gengt der Ackerbau, den
sie fleiig treiben. Grund und Boden kann bei der Ausdehnung des Landes
nur wenig Werth haben, eine konsequente Viehzucht verbietet das Klima.
_Blutrache_ ist natrlich berall nothwendig, wo der Staat sie nicht
besorgt, doch hat sie bei den Barea und Bazen nicht den ausgebildeten
Charakter, wie bei den Abessiniern. Der Mrder mu sich dem Tode durch ein
mehrjhriges freiwilliges Exil entziehen, wonach er um ein geringes
Blutgeld ausgeshnt wird.

Das Land der Bazen ist reich an wildem Honig, den sie stark genieen,
whrend die Barea sich vorzugsweise von Bier nhren. Dieser Lebensweise
schreibt Munzinger es zu, da die Bazen volle muskulse Gestalten haben,
whrend die Barea klein und hager sind. Die Wohnungen beider Vlker sind
runde, glockenfrmige, bis zum Boden mit Stroh sehr zierlich bedeckte
Htten; ihre Kleidung ist der Lederschurz, der erst allmlig den
eingefhrten Baumwollenzeugen Platz macht. Das Haupthaar tragen sie wie
alle uns schon bekannten Vlker von Nordabessinien; der Bart ist meist
sehr dnn. Die Nase haben sie selten sehr stumpf, oft aber, besonders bei
den Barea, adlerartig gebogen. Der Mund ist gro, jedoch nicht
aufgeworfen. Was die Farbe anbelangt, so findet man alle Abstufungen von
Gelb bis Schwarz, doch herrscht die dunkle Farbe vor.

Die Bazen und die Barea unterscheiden sich im Temperament; die ersteren
sind ruhig, gesetzt und reden leise; die letzteren sind lebhaft lrmend,
schnell aufbrausend. Die Eheverhltnisse bei den Bazen scheinen sehr lose
zu sein, whrend die Bareafrauen wegen ihrer Treue auch im Auslande
berhmt sind. Beide Vlker sind zu Hause sehr friedfertig, whrend mit dem
Auslande ein ewiger Krieg gefhrt wird. Barea und Bazen stehen nicht in
vlkerrechtlicher Verbindung und heirathen selten untereinander.

Die Bazen mssen ein sehr zahlreiches Volk sein. Ihre Hauptsitze ziehen
sich den groen Strmen Mareb und Takazzi nach; ersterer heit bei ihnen
Sona, letzterer Dika. Alle treiben Ackerbau mit dem Pflug und nur
theilweise Viehzucht. Ihre Waffe ist die Lanze. Als Typus kann der Zither
spielende "Schangalla" vom Mareb nach Zander's Zeichnung angesehen werden
(S. 89).

Die Wohnsitze der Barea liegen im Norden der Bazen. Die Thler, welche sie
bewohnen, gehren schon dem Hochlande des Barka an, wie ihre Wasser und
ihre Vegetation; die sie begleitenden Berge sind die letzten Auslufer des
Hochlandes der Bazen und werden zur Weide benutzt, Fieber sind hufig und
die Regen fallen dort meist in der Nacht.

So sind die Vlker beschaffen, welche die nrdlichen Vorlande Abessiniens
bewohnen. Aber auch im Sden, zwischen Amhara und Schoa und wieder ber
Schoa hinaus, treffen wir auf ein eigenes hchst interessantes Volk, das
der _Galla_. Mit ihm werden wir uns im folgenden Abschnitte beschftigen,
der uns das Knigreich Schoa vorfhrt, welches von Amhara sich seit langem
unabhngig zu machen wnscht und nur zeitweilig mit ihm zusammenfiel;
schon da der Herrscher daselbst den Titel "Negus" fhrt, deutet darauf
hin, da wir es hier mit einem besonderen Staate zu thun haben.

  [Illustration: Fettschwanzschaf]





  [Illustration: Dullul an der Bucht von Tadschurra. Nach M. Bernatz.]





        SCHOA UND DIE BRITISCHE GESANDTSCHAFT UNTER MAJOR HARRIS.


    Begrenzung. - Englische Gesandtschaft unter Harris. - Tadschurra.
    - Zug durch die Adalwste. - Salzsee. - Mord im Thale Gungunt. -
    Versammlung der Eingeborenen. - Sklavenkarawane. - Myrrhen. - Der
    Hawasch. - Der Grenzdistrikt. - Alio Amba, ein Marktort. - Empfang
      beim Knige Sahela Selassi. - Die Hauptstadt Ankober. - Debra
      Berhan, die Sommerresidenz. - Sklavendepot. - Truppenrevue. -
    Angollala. - Schlucht der Tschatscha. - Medoko, der Rebell. - Das
     Gallavolk. - Kriegszug gegen dasselbe. - Siegesfest. - Abschlu
                     des Handelsvertrags. - Rckkehr.




Schoa im weiteren Sinne umfat den Theil der abessinischen Hochlande,
welcher im Osten von der Adalwste, im Sden vom Hawaschflusse und im
Westen vom Abai oder Blauen Nil begrenzt wird. Die unbestimmte Nordgrenze
machen muhamedanische Gallastmme aus. Im engeren Sinne versteht man
darunter jedoch nur den westlichen Theil dieser Hochlande, nmlich die
Distrikte Tegulet, Schoa Meda, Morabiti, Mans und Gesche. Die stliche,
im allgemeinen als Ifat bezeichnete Abtheilung des Berglandes umfat
dagegen die Provinzen Bulga, Fatigar, Mentschar im Sden, Argobba im Osten
und Efra im Norden. Beide Theile sind infolge des fruchtbaren Bodens
ziemlich stark bevlkert, wozu noch das gesunde Klima und eine
vergleichsweise politische Ruhe beigetragen haben. Krapf schtzt die
Bevlkerung mit Einschlu der im Sden unterjochten Galla auf eine Million
Seelen. Quellen, Bche, Flsse und Seen sind zahlreich im Lande vorhanden,
das in Bezug auf seine Bodenbeschaffenheit mit dem bereinstimmt, was wir
im allgemeinen ber Abessinien bemerkten.

In der Zeit, die wir in diesem Abschnitte schildern wollen, herrschte
_Sahela Selassi_ als Negus ber Schoa. Er hatte den protestantischen
Missionr Krapf wie dessen Mitarbeiter Isenberg freundlich aufgenommen und
von Beiden viel ber Englands Macht und Gre gehrt, wodurch sich in ihm
der Wunsch regte, zunchst mit der Ostindischen Compagnie in ein
Freundschaftsverhltni zu treten, so da er schon am 6. Juli 1840 einen
Brief an den englischen Gouverneur in Aden sandte, in welchem er um die
Absendung einer Gesandtschaft an seinen Hof bat. Infolge dessen entschlo
sich die ostindische Regierung, seinem Wunsche zu willfahren und eine
stndige Gesandtschaft an ihn zu schicken, an deren Spitze Kapitn _W.
Cornwallis Harris_ stand, ein vorzglicher Offizier, der sich bereits
durch seine Reisen in Sdafrika, wo er bis in das Reich des Mosilikatse
vorgedrungen war, einen Namen gemacht hatte. Als erster Stellvertreter
wurde ihm Kapitn Graham, als Arzt Dr. Kirk, als Naturforscher Dr. Roth,
als Maler der Deutsche Martin Bernatz, auerdem fnf andere Europer, zwei
Apotheker, ein Zimmermann, ein Schmied, zwei Sergeanten und fnfzehn
freiwillige Soldaten beigegeben. Mit reichen Geschenken fr Knig Sahela
Selassi versehen, worunter sich auch eine Kanone und 300 Flinten
befanden, verlie die zahlreiche Gesandtschaft am 27. April 1841 Bombay,
besuchte zunchst Aden, das Gibraltar des Ostens, in Arabien, und schiffte
dann nach der afrikanischen Kste hinber, um in der Bucht von
_Tadschurra_ Anker zu werfen. Die Bucht, in welcher die Schiffe lagen,
wurde ihrer Ruhe und Sicherheit wegen Bar el Banatin, der See der zwei
Nymphen, genannt. Sie reicht tief ins Land hinein, ist ziemlich eng und
von hohen Bergen umgeben, die ihr vulkanisches Geprge deutlich zur Schau
tragen. Zugleich hat diese Bucht ethnographische Bedeutung als Scheide der
Danakil und Somalvlkerschaften. Am 18. Mai landete die Gesandtschaft und
empfing sofort den Besuch des Sultans der Stadt, des alten Muhamed Ibn
Muhamed. Eine hlichere Erscheinung als diesen alten, magern, schmuzigen
Frsten kann man sich kaum vorstellen; der Reihe nach bot er einem Jeden
seine mit ekelhaften Klauen versehenen Hnde und lie sich dann zum
Gesprch nieder. Er war in einen groben Baumwollenmantel, der einmal blau
gewesen war, eingehllt, trug an einem Riemen den Koran um die Schulter
gebunden und war auerdem mit einem Sbel gegen seine leiblichen und mit
Amuleten gegen seine berirdischen Feinde versehen. Sein braunes,
durchfurchtes Gesicht zeigte eine Politur gleich Ebenholz und war von
einem weien Bart umrahmt. Von ihm wurde zunchst die Erlaubni erlangt,
nach Schoa vordringen zu drfen, eine Erlaubni, die gegenber den Kanonen
der britischen Kriegsschiffe nicht gut verweigert werden konnte.

Der elende Ort Tadschurra war einige Jahre lang in den Hnden der Trken,
nachdem diese Massaua (1527) erobert hatten, und aus ihrer Zeit stammt
auch noch eine zerfallene Moschee am Meeresstrande. Jetzt ist es eine
selbstndige Stadt unter einem Sultan, der zeitweilig von den Sultanen der
gegenberliegenden arabischen Kste abhngig ist. Fanatische Muhamedaner,
meist Danakil, bewohnen den Platz, welcher nur als Sklavenmarkt einige
Bedeutung hat. Ackerbau besteht nirgends in der Umgegend; jedermann ist
Krmer oder Hndler und wird mit der Zeit durch den Sklavenhandel
wohlhabend. Der bedeutendste Handel findet mit Sdabessinien statt, wohin
jahraus jahrein die Karawanen ziehen. Indische und arabische Manufakturen,
Zink, Kupfer und Messingdraht, Perlen und namentlich viel Salz werden dort
gegen Sklaven, Korn, Elfenbein und einige andere Erzeugnisse ausgetauscht;
allein Menschen und Salz bilden die Hauptartikel. Als Werthmesser gilt
auch hier der Maria-Theresia-Thaler vom Jahre 1780, als Scheidemnze
Lederstreifen, die zu Sandalen benutzt werden knnen. Auerdem nimmt man
im Handel Schnupf- und Rauchtabak, leere Flaschen, Spiegel, Knpfe und
Perlen als Scheidegeld an.

Die gewhnliche Klage der afrikanischen Reisenden, da bei ihren
Unternehmungen die Abreise das Schwierigste sei, sollte sich auch bei der
britischen Expedition nach Schoa wieder als wahr zeigen. Das Verpacken der
Geschenke fr den Knig, das Engagiren von Kameeltreibern, endlich aber
die Hindernisse, welche der Sultan von Tadschurra in den Weg legte, waren
schwer zu beseitigen und zeitraubend. Als dies jedoch Alles mhselig
berwunden, war das Jahr so vorgeschritten, da man die Wste gerade
durchreisen mute, als in den Monaten Juni und Juli der feurige und
ungesunde Wind ber die wasserlose Ebene von Sdwesten her den Reisenden
entgegenblies. Unterdessen herrschte im Lager von _Dullul_, wo die
Gesandtschaft ihre Zelte am sandigen Seegestade aufgeschlagen hatte, groe
Regsamkeit, um Alles vorzubereiten und das Gepck zu ordnen und zu
vertheilen. Endlich waren 170 Kameele, welche die Karawane bildeten,
beisammen; Wasserschluche und Maulthiere wurden fr die Europer gekauft,
und mit den Gefhlen, mit denen man eine Ruberhhle verlt, setzte sich
der Zug in Bewegung, um Tadschurra den Rcken zu kehren, dessen Bewohner
Harris die abscheulichsten und niedertrchtigsten Menschen nennt, welche
die Erde bewohnen. Als Ras el Kafila oder Karawanenfhrer fungirte Isaak,
ein Bruder des Sultans von Tadschurra, der sich aber keineswegs als
zuverlssiger und tchtiger Mann bewies. Der Zug ging anfangs lngs dem
Meere bei Dullul hin durch das schroffe, zerrissene und wilde Gebirge,
welches die Bucht auf der Nordwestseite umgiebt. Der ghnende _Pa der
Isa_ war zunchst zu durchschreiten, welcher seinen Namen von dem
ruberischen Somalstamme der Isa empfangen hat, die in seinen Tiefen
manchen Mord ausfhrten. Ein Zickzackri, hervorgebracht durch die
plutonischen Aeuerungen des Erdinnern, windet sich hier gleich einem
mythologischen Drachenleib durch die Eingeweide der Erde. Ungeheure
schwarze oder braune, vegetationslose Basaltklippen stehen senkrecht zu
beiden Seiten wie Mauern in die Hhe, bei deren Bau die Cyklopen thtig
waren, und durch diese wilde Scenerie eilte nun in wolkenloser heller
Mondscheinnacht die Karawane hindurch. Kein Ton auer den Zurufen der
Kameeltreiber war zu hren; schauerliches Dunkel lag auf dem Abgrund und
nur die Lanzenspitzen der Eingeborenen, die den Zug begleiteten,
glitzerten hier und da im Scheine des fahlen Mondlichtes - geisterhaft
bewegte sich die Karawane dahin; Schauder lag auf allen Gemthern, und
erst als die Frhlichtstrahlen die gebrochenen Felsklippen vergoldeten,
wich die Pein von den bangen Gemthern.

Weiter ging der Zug durch einsame Thler, deren Boden mit zertrmmertem
basaltischen Gestein bedeckt war und die durch tiefe Schluchten und
Spalten die Gewalt der vulkanischen Krfte bezeugten, welche hier einst
sich uerten. Dann kam man zum _Assalsee_, dessen Ufer eine tnzelnde
Fata Morgana umgab. Der erste Blick auf dieses seltsame Phnomen war
keineswegs angenehm. Das elliptische Becken von etwa zwei deutschen Meilen
Lnge war zur Hlfte mit ruhigem, tiefblauem Wasser, zur andern Hlfte mit
einer blendendweien, glitzernden Salzkruste bedeckt, die durch
Verdampfung entstanden war. Von drei Seiten umgrteten hohe, brennendheie
Berge dieses Seebecken, whrend auf der vierten Lavatrmmer und tiefe
Schlnde sich hinzogen. Alles Pflanzen- und Thierlebens beraubt, war die
Erscheinung dieser Wildni von Land und stagnirendem Wasser, ber dem ein
dumpfes Schweigen ruhte, ganz dazu geeignet, das Gemth niederzudrcken.
Nicht ein Laut tnte an das Ohr, keine Welle spielte auf der Wasserflche,
nur die brennendheie Sonne setzte am wolkenlosen Himmel ihren Lauf fort
und sandte glhende Strahlen auf das todte vulkanische Land hernieder,
ber dem kein khlendes Lftchen wehte.

In diesem hllischen Schlunde hatten Mensch und Thier in gleicher Weise zu
leiden. Nicht ein Tropfen Trinkwasser war weit und breit zu entdecken,
whrend das Thermometer selbst im Schatten der Mntel und Schirme eine
Temperatur von 126 Grad Fahrenheit, d. i. 52 Grad Celsius oder 42 Grad
Raumur zeigte! Fnfhundert und siebzig Fu liegt das Becken des Assalsees
unter dem Spiegel des Meeres; kein Lftchen weht dort, kein Obdach ist zu
entdecken, nur der weie Widerschein der Salzkruste blendet das Auge. Die
lechzende Zunge hngt am Gaumen und empfngt keinerlei Labung von dem
warmen Wasser, das die Schluche darbieten, jeder Schritt vorwrts ermdet
Mensch und Thier noch mehr und zwlf lange Stunden dauert die Reise durch
das Seebecken - sie mssen zurckgelegt werden, wenn nicht der Tod ber
den Wanderer kommen soll.

In einer Bucht des Sees waren Salzgrber damit beschftigt, ihre Kameele
fr die Mrkte in Aussa und Abessinien zu beladen, wo das Salz einen
bedeutenden Tauschartikel ausmacht. Die Danakil betrachten die Ausbeutung
dieses Salzlagers als ihr unbestrittenes Monopol und verwehren jedem
andern Volke den Eingriff in dasselbe. In lange, schmale Scke aus
Dattelpalmblttern verpackt, wird das Salz von hier nach Abessinien
gebracht.

Nachdem die traurige Einde am Assal durchzogen war, berstieg man einen
aus Gyps bestehenden Hgelzug und gelangte in ein Thal, in dem man sich in
eine ganz andere Welt versetzt fhlte. Allerdings fehlte hier noch
Pflanzen- und Thierleben, aber ein kleiner Bach mit klarem Wasser lie
diesen Ort wie ein Paradies erscheinen, und mit dankbarem Herzen ruhten
die ermdeten Wanderer unter berhngenden Basaltklippen aus, die ihnen
Schatten spendeten. Hier am Flchen _Gungunt_ endigte der erste
Abschnitt der Wstenreise. Der Zug durch die Einde ist im Stande, die
Gesundheit des krftigsten Europers zu untergraben; von der herrschenden
Hitze bekommt man jedoch einen Begriff, wenn man hrt, da 50 Pfund gut
verpackte Stearinkerzen auf der kurzen Reise von Tadschurra bis Gungunt
so vollstndig aus der sie bergenden Bchse herausgeschmolzen waren, da
sich in derselben schlielich nur noch Dochte vorfanden! Selbst die
Danakil, welche doch von Jugend auf diese Gegenden kennen und an die
brennendheie Lava dieser Tehama-Wste gewohnt sind, bezeichnen die Gegend
am Assal-Salzsee nur als "Feuer".

Jetzt nahten andere Gefahren, denn man war in dem Gebiete der ber alle
Begriffe nichtswrdigen, mrderischen und ruberischen Stmme der Isa und
Mudato, deren ganzes Sinnen nur auf Mord und Plnderung geht. So
vorsichtig man auch das Nachtlager im Thale Gungunt eingerichtet hatte,
ein _Mord_ durch jene Scheusale in Menschengestalt konnte nicht verhindert
werden. Eine Stunde vor Mitternacht stellte sich pltzlich ein heftiger
Wstenwind ein, der Alles mit Sand und Staub berdeckte. Einige schwere
Regentropfen fielen, dann aber war wieder Alles still. Diese Ruhe sollte
jedoch nicht lange anhalten. Ein wilder Schrei ertnte vom uersten Ende
des Lagers her, panischer Schrecken ergriff die gesammte Mannschaft und in
wilder Flucht strzten die Mnner, die sonst keine Furcht kannten, durch
das Thal nach der Stelle hin, wo die Gesandten schliefen. Nur mit Mhe
gelang es, alle zu sammeln und dann nach der Ursache des Schreckens zu
forschen. Ein trauriger Anblick bot sich nun den Suchenden dar. Ein
Sergeant und ein Korporal von der indischen Armee, welche die Expedition
begleiteten, wlzten sich in Todeszuckungen in ihrem Blute. Dem einen war
die Halspulsader durchschnitten, dem anderen ein Stich in das Herz
versetzt worden, whrend nicht fern von ihnen ein Portugiese lag, der eine
frchterliche Wunde quer ber den Leib hatte, soda die Eingeweide
hervorquollen. Im Augenblick als der Alarm entstanden war, hatte man im
hellen Mondlichte zwei dunkle Gestalten an den das Thal einschlieenden
Bergen in die Hhe klimmen und verschwinden sehen; trotz der Verfolgung
konnte man ihrer nicht mehr habhaft werden. Wahrscheinlich waren dieses
Isa-Somal, die das satanische Verbrechen aus reiner Mordlust begangen
hatten. Denn jedes Schlachtopfer, das wachend oder schlafend in die Hnde
dieser Teufel in Menschengestalt fllt, giebt diesen das Recht, als
Ehrenzeichen eine weie Strauenfeder in den fettigen schwarzen Haaren,
einen Kupferring am Arm und einen neuen Silberknopf am Heft des
Sbelmessers zu tragen. Jeder Mord ruft nach dem Gesetze der Blutrache
wieder einen Mord hervor, und so nimmt das Blutvergieen unter den Stmmen
der Danakil und Somal kein Ende.

  [Illustration: Schlucht von Gungunt. Nach M. Bernatz.]

Am nchsten Morgen bestattete man unter Gebet und Flintensalven die Opfer
dieses schndlichen Mordes und zog dann auf der gefhrlichen Strae
weiter. Drei Jahre lang war schon dieser Weg von Abessinien nach der
Seekste durch solche Schurken frmlich geschlossen, die jeden
Durchziehenden kaltbltig abschlachteten, bis der junge Huptling der
Debeni die Banditen ausrottete und die Strae wieder ffnete; jedoch ist
es nicht zu verhindern, da einzelne Gegenden immer noch unsicher bleiben.
Viele Leute, welche die Karawane begleiteten, zeigten an ihrem Krper
Spuren groer, von den Wegelagerern empfangener Wunden.

Von nun an befestigte man das Lager des Nachts und stellte zahlreiche
Posten aus, die alle Herannahenden zurckweisen muten. Im Thale Alluli
schien man den vorhergehenden Stationen gegenber in ein Paradies gelangt
zu sein, denn hier traf man Bume, Gazellen, Tauben und Ziegenhirten. Die
ersten menschlichen Wohnungen fand man jedoch erst weiter sdwestlich in
Suggadera, das zum Lande der Debeni-Danakil gehrt. Diese Leute sind
Hirtennomaden, die von Palmwein und der Milch ihrer zahlreichen Ziegen-
und Schafherden leben oder Kameele zchten und mit diesen Salz vom
Assalsee nach Aussa, der Stadt der Mudato, fhren. Groe Architekten sind
sie freilich nicht, aber die auf einer Basis von unbehauenen Steinen aus
Dattelpalmblttern erbauten Htten erfreuten dennoch das Auge der Wanderer
als die ersten Wohnsttten, die sie seit ihrer Abreise sahen.

Wegen der groen Hitze zog man in der Nacht weiter, immer ber schwarze
Lavafelder oder gelbe Sandflchen - ein trauriger Anblick, der noch
melancholischer durch die vielen zerstreuten Steinhgel wird, die ber den
kaltbltig ermordeten Opfern der Isa von den Vorberziehenden aufgethrmt
werden. Tamarisken, Kapperstruche und anderes mit Schmarotzerpflanzen
berzogenes Gestrpp, in dem Vgel nisteten, unterbrach hier und da die
Einde; auch Straue lieen sich sehen; dann kamen Grasflchen,
Wasserpltze, Herden und Hirten, darauf Lavafelder, Bergzge,
ausgetrocknete Thler, Herden wilder Esel (_Equus Onager_),
Schwefelquellen als Zeugen der vulkanischen Thtigkeit des Bodens.

Im Thale _Amadu_ machte die Karawane bei einem groen Regenwassersumpfe
Halt, dessen grnes, von einer Legion Esel, Ziegen, Schafe und Rindvieh
verunreinigtes Wasser nichtsdestoweniger recht trinkbar erschien. Hier
hatten Leute vom Mudatostamme ihr Lager aufgeschlagen - ganz
nichtswrdige Schurken. Mit finstern Blicken schauten sie die weien
Eindringlinge an und trieben ihre Fettschwanzschafe in die khlende Flut,
in der die jungen Damen der Horde, nachdem sie sich selbst gewaschen, ihre
alten Lederschluche reinigten, whrend eine alte magere Hexe ihrem Hunde
den Pelz in der Flut wusch. Alle diese Hirten gingen mit Speer und Schild
bewaffnet und kamen zum Zelte der Gesandtschaft heran, wo sie versuchten,
dies oder jenes Ding sich zuzueignen. Durch ihre Ueberzahl khn gemacht,
begannen sie, den Karawanenfhrer Isaak zu fragen, mit welchem Rechte er
die Fremdlinge durch dieses Land fhre, wo sie "Herren des Bodens" seien -
doch als sie sahen, wie auf 250 Ellen Entfernung ein Stein von einer
Flintenkugel zersplittert wurde, fingen sie an, bescheiden zu werden.

  [Illustration: Versammlung der Somal-Krieger.]

Ueber ein steiniges Tafelland, das mit nie enden wollenden Basaltblcken
berstreut und mit Rissen durchzogen war, die Wasserpftzen bargen, zog
man weiter ins Land der Woma, eines Danakilstammes. Wo Wasserlufe die
Einde unterbrachen, zeigte sich der Klippschliefer (_Hyrax_) und ein
Baum, in der Form der Casuarina hnlich. Im Killulluthale war der halbe
Weg von der Kste bis nach Abessinien zurckgelegt. Bewaffnete Eingeborene
der verschiedensten Stmme waren hier versammelt, um Berathung darber zu
halten, ob man einer so groen Anzahl fremder Leute gestatten drfe, bis
nach Abessinien vorzudringen, und die Mehrzahl war der Meinung, da man
sie entweder zurckjagen oder umbringen msse. Zugleich wurde die
Gelegenheit ergriffen, um ber alte Streitigkeiten und Fehden zu
unterhandeln. Hunderte dieser Schurken saen so von Sonnenaufgang bis zum
Untergang und wieder die liebe lange Nacht hindurch in greren und
kleineren Kreisen beisammen, um zu berathschlagen. Whrend der langen
Unterhandlungen hockten sie bewaffnet mit aufrecht gehaltenen Speeren da,
senkten diese gemeinsam, wenn ein Entschlu gefat war, und schlossen,
nachdem ein Spruch aus dem Koran gebetet war, mit einem Amen die
Versammlung. Noch lebhafter gestaltete sich das Bild durch die Ankunft
einer _Sklavenkarawane_ aus Schoa. Es waren einige hundert Kinder von
verschiedenem Alter, die unter den dnnbelaubten Bumen oder unter
Felsvorsprngen Schutz vor den brennenden Strahlen der Sonne suchten.
Jedes hatte eine thnerne Wasserflasche bei sich und obgleich sie meist
bei guter Laune waren, konnten doch die Europer, welche die heie Wste
jetzt durchzogen hatten, sich eine Vorstellung von den Qualen machen,
welche die armen Geschpfe auf dem vor ihnen liegenden Wege auszustehen
hatten. Da jedoch die Behandlung in ihrer eigenen Heimat eine keineswegs
bessere war, so fanden die Sklaven ihre Lage ganz ertrglich und begannen,
nachdem sie sich etwas von der Reise erholt, zu tanzen und zu singen. Die
meisten waren Christenkinder aus Guragu, von wo die so hoch gepriesenen
"rothen Aethiopier" nach Arabien geliefert werden. Fast alle hatten
bereits, wenigstens der Form nach, den muhamedanischen Glauben angenommen
und schwuren beim Propheten.

Whrend der Zeit, da die Expedition hier einen unfreiwilligen Aufenthalt
hatte, stand das Thermometer auf 112 Grad Fahrenheit (35 R.) und die
zudringlichen, nach ranzigem Fett riechenden Eingeborenen drngten sich
mit groer Unverschmtheit in das Zelt der Gesandten, um dort die Luft
noch unertrglicher zu machen. Muhamedaner von der bigottesten Sorte,
verschmhten sie jedoch weder den Zwieback, noch den Kaffee der
"Christenhunde" und bettelten bald um diese, bald um jene Kleinigkeit.
Unter den verschiedenen Stmmen, die an diesem vielbesuchten Wasserplatze
versammelt waren, befanden sich die _Adl_ mit breitspitzigem Speer und
uralten Schilden, die _Ksten-Somal_ mit leichter Lanze und Buckelschild,
nicht viel grer als ein Schiffszwieback, ihre gefrchteten
Stammesbrder, die mrderischen _Isa_, mit langem starken Bogen von
antiker Form und versehen mit einem Kcher voll vergifteter Pfeile. Sie
waren unter allen die malerischsten Gestalten; khn hatten sie den
wallenden Mantel umgeworfen und lange rabenschwarze Locken wallten auf die
Schulter herab. Sie knnen als ein Ruber- und Jgervolk bezeichnet
werden. Viele unter ihnen besitzen gezhmte Straue, die mit den Herden
zusammen weiden und des Nachts an den Lenden gefesselt werden. Diese
gigantischen Vgel werden mit viel Erfolg bei der Jagd auf wilde Thiere
benutzt; auch reiten die Isa auf Eseln, von denen der Jger seine mit
Euphorbiasaft vergifteten Pfeile abschiet. Die Schilde, welche die
Danakil tragen, werden von den Isa aus dem Fell der Oryx-Antilope
verfertigt; auch handeln sie mit Strauenfedern. Die Art und Weise, wie
sie die erlegten Vgel zubereiten, ist sehr originell; sie schneiden dem
Vogel die Fe ab, wickeln dann das ganze Thier sammt Eingeweiden und
Federn in feuchten Thon und backen diesen in heiem Feuer; nachdem die
Thondecke entfernt ist, bleibt der saftige Braten zurck.

Nicht ohne groe Mhe und Gefahr konnte nach einwchentlichem Aufenthalt
die Gesandtschaft sich von den barbarischen Nomaden und dem traurigen Orte
losmachen, um ihren Weg fortzusetzen. Ueber kahle, steinige, von
Schluchten zerrissene Berge ging der Weg in sdwestlicher Richtung weiter.
Lange Zge von Kameelen, Hornvieh, Schafen und Ziegen begegneten ihnen.
Alle Brde trugen die Weiber und Kinder der herumziehenden Stmme, whrend
der faule Ehemann nur leicht mit Speer und Schild bewaffnet dahinschritt.
Der _Myrrhenbaum_ (_Balsamodendron Myrrha_) kam in der Nhe der
bienenkorbfrmigen Htten, auf die man jetzt fter traf, hufig vor; seine
aromatischen Zweige liefern den Eingeborenen Zahnbrsten, welche sie in
der Sbelscheide tragen. Hufige Regen traten in der Nacht ein und
durchweichten die Reisenden bis auf die Haut; dann brausten wieder
Wstenwinde daher, waren wasserlose Flchen oder mit vulkanischem,
scharfem Gestein bersete Ebenen zu durchziehen - mit einem Worte, der
Weg war aufreibend, mhsam und beschwerlich im hchsten Grade. Selten nur
unterbrach eine Oase die Einde, um dann gleich wieder vulkanischen
Gebilden Platz zu machen. Bei Saltelli traf man auf ein Feld _erloschener
Vulkane_, die, umgeben von Lavafeldern, in kegelfrmiger Gestalt hier aus
den Eingeweiden der Erde hervorgebrochen waren. Einer dieser alten
Vulkane, der ber 3000 Fu hohe Aiullo, gilt als die alte Landesgrenze des
nun zerfallenen thiopischen Reichs. Wst und traurig war die todte
Umgebung dieser Berge - aber eine freudige Ueberraschung wurde den
Reisenden hier doch zu Theil, denn zum ersten Male erblickten sie an
diesem Orte in weiter, nebelhafter Ferne die blauen Gebirgsketten
Abessiniens. Ihren Weg verfolgend trafen die Gesandten immer mehr auf
_Myrrhenbume_, und zwar auf zwei Arten. Diejenige, welche das beste Harz
liefert, ist ein zwerghafter Strauch mit dunklen, krausen, sgefrmigen
Blttern, whrend die andere, welche ein mehr balsamartiges Produkt
liefert, zehn Fu hoch wird und helle, glnzende Bltter hat. Nach der
geringsten Verletzung fliet der milchige Saft in reicher Menge heraus und
erstarrt an der Oberflche; wenn die Masse oft vom Stamme entfernt wird,
kann man im Januar und wieder im Mrz groe Mengen von einer Pflanze
gewinnen. Mehrere Loth der feinsten Myrrhe erhlt man auf diese Art im
Vorbeipassiren leicht; dieselbe wird von den Vorbergehenden in einer
Hhlung im Schilde aufbewahrt und an den ersten besten Sklavenhndler
gegen Tabak vertauscht. Die Danakil geben die Myrrhe auch als Arznei ihren
Pferden ein, wenn diese infolge der Hitze an Erschpfung leiden. In der
europischen Medizin findet sie heutzutage nur noch geringe Anwendung; ihr
Ruf aber ist gro und alt; befand sich doch die Myrrhe unter den
Geschenken, welche die Weisen aus dem Morgenlande dem Christkinde
brachten!

Von dem Gipfel eines Hgels herab hatten die Reisenden endlich den
freudigen Anblick des _Hawasch_, des abessinischen Grenzflusses, dessen
Lauf durch einen dichten Baumgrtel bezeichnet wurde. Jenseit desselben
ragten khn die Hochgebirge von Schoa in die Luft, und nach langen Leiden
winkte nun das Ziel. Das Schlimmste war berwunden.

Der Hawasch ist der zweitgrte Strom Abessiniens. Er entspringt im Herzen
des Landes in einer Hhe von 8000 Fu, wird von einer groen Anzahl
kleiner Strme gespeist und fliet gleich einer belebenden Ader grn und
lngs seiner Ufer bewaldet durch die brennend heien Adl-Ebenen, bis er
in den Lagunen von Aussa sein Ende findet und versandet. Je nher man dem
Strome kam, desto krftiger wurde die Vegetation. Gummiausschwitzende
Akazien, Tamarisken zeigten sich und laut schreiende Perlhhner stoben bei
dem Heranziehen der Karawane auseinander; man mute sich schlielich durch
das Dickicht frmlich durchwinden und stand nun, nachdem man so lange
durch wilde Einden gezogen, vor einem groen, mchtig dahinrauschenden
Strome, der seine vom Regen getrbten Wasser wild dahinwlzte.

Die Stelle, an welcher die Reisenden den Flu zu berschreiten hatten,
liegt mehr als 2000 Fu ber dem Ozean. Nach Art einer fliegenden Brcke
wurden zehn Fle zusammengefgt und auf diesen die Kameele, das groe
Gepck und die zahlreichen Menschen bergesetzt. - Man war nun im
Knigreich Schoa, doch immer noch im Lande wilder Muhamedaner, da die
christliche Bevlkerung erst weiter westlich beginnt.

Weil das Wasser des Stromes dick und schlammig aussah, begab man sich zur
Trnke nach einem nahegelegenen Weiher, der von hohen Bumen umgeben war.
Inmitten desselben trieben Nilpferde ihr unheimliches Wesen; eins
derselben steckte seinen ungeheuren Kopf aus dem Wasser, sperrte den
mchtigen Rachen auf und brllte, da man es auf eine halbe Stunde Wegs
hren konnte; zum Lohn wurde ihm eine vier Loth schwere Kugel in den Kopf
gejagt, deren Einschlagen in den Schdel man deutlich vernahm. Das Thier
sank unter, wurde jedoch erst am nchsten Tage aufgefunden und von den
benachbarten Nomaden zerstckelt und verzehrt.

Mit leichtem Herzen sagte man den trben Fluten des Hawasch Lebewohl und
zog der Hauptstadt entgegen. Diesseit des Flusses war das einzige
vorkommende Schaf das fettschwnzige, wolllose, nur mit Haaren bedeckte
Thier gewesen. Statt dessen traten nun die groen, fetten abessinischen
Schafe auf. Ziegen mit langen gewundenen Hrnern zeigten sich, von kleinen
fuchsartigen Hunden bewacht, in groen Herden. Groe Flge von
Heuschrecken, welche das Land kahl gefressen hatten, nahmen ihre Richtung
gegen Abessinien zu. Sie verdunkelten frmlich den Himmel und zogen gleich
einer finstern Wolke mit groer Schnelligkeit durch die Lfte hin. In den
Wldern waren Perl- und Rebhhner hufig, zusammen mit der Zwergantilope,
und die langentbehrte Jagd brachte in die Kche und die Lebensweise der
Europer einige Abwechselung. Am Abend des zweiten Tages, nachdem der
Hawasch berschritten war, kam ein Reiter in das Lager der Gesandtschaft,
sah sich berall genau um, sprach dabei kein Wort und verschwand wieder
wie er gekommen. Es war ein Spion des Grenzhters der Provinz Ifat, der
seinem Herrn Nachricht ber die Fremdlinge bringen sollte. Diese
Erscheinung versetzte die begleitenden mitrauischen Danakil in Aufregung,
denn sie argwhnten sofort, der Herrscher von Schoa werde die Europer
nicht empfangen.

  [Illustration: Rachen des Nilpferdes.]

Ungeachtet ihres Abmahnens setzte man den Weg fort. Der _Mamrat_, "die
Mutter der Gnade", mit seinem kuppelfrmigen mchtigen Berghaupte, das
weit ber die Wolken emporragte, erhob sich gleich einem gigantischen
Schlosse aus der Ebene und galt als Ziel, auf das man lossteuerte. Man
befand sich jetzt schon 3000 Fu ber dem Meere und stand am Eingange des
hauptschlichsten, nach Sdabessinien fhrenden Passes. Eine erfrischende
Brise wehte den Englndern entgegen, der Himmel war mit Wolken bedeckt und
das Klima so beschaffen, da sie sich eher in der Heimat als unter die
Tropen versetzt glaubten. Berg ber Berg, bedeckt mit herrlicher, ppiger
Vegetation erhob sich vor ihnen. Einer thrmte sich unordentlich ber dem
andern empor; bis schlielich die letzten, mit einem glnzend weien
Schneemantel bedeckten Spitzen sich in den azurblauen Lften zu verlieren
schienen. Drfer und Weiler schauten aus den grnen Baumgruppen hervor;
reiche Saatfelder erglnzten in der Sonne und zeugten von dem Fleie eines
Theils der Bewohner.

Spter erfuhr man, da der Negus angeordnet hatte, eine Ehrenwache von
dreihundert Luntengewehrtrgern solle die Gste am westlichen Ufer des
Hawasch empfangen, allein der _Wulasma Muhamed_, d. h. der hchste dem
Grenzdistrikte vorstehende muhamedanische Beamte, der sich so gut wie der
Knig selbst dnkte, hatte die Garde zurckgeschickt, da ja die Ehre
Unglubigen erwiesen werden sollte. Auch sonst legte dieser Beamte den
Fremdlingen allerlei Schwierigkeiten in den Weg, um sie vom Vordringen
abzuhalten, konnte schlielich jedoch bei der Festigkeit, mit welcher man
gegen ihn auftrat, nichts erreichen. Zum letzten Male waren die Kameele
beladen, um am 16. Juli 1842 in _Farri_, der Grenzstadt der Provinz Ifat,
einzuziehen. Haufen kegelfrmig gedeckter Huser, welche auf zwei Hgeln
zerstreut lagen, zwischen denen die Zollgebhren erhoben wurden, waren die
ersten permanenten Wohnsttten, welche die Wanderer seit ihrem Abmarsch
von der Kste als ein Zeichen des Fortschrittes begrten, denn bisher
waren sie nur auf Nomadenhtten getroffen. Sowol wegen der nun beginnenden
Hochlande, als wegen des khleren Klimas wird hier das "Schiff der Wste",
das fr die brennendheien wasserlosen Ebenen geschaffen ist, als
Lastthier vollkommen unntz und mu zurckgelassen werden. Damit lag aber
auch die Wste nun zugleich hinter den Reisenden, und als die Danakil,
welche sie bisher begleitet, umgekehrt waren, waren auch die Leiden und
Schrecken des durchzogenen Terrains verschwunden. Menschen, Klima, Boden,
Thiere, Pflanzen - Alles war anders. Wie wenn ein Zauberer seine Ruthe
ausgestreckt und die Landschaft mit einem Schlage verndert htte, so sah
man die Hochlande Abessiniens jetzt, berall nur Kultur bedeckte Flchen
statt der brennenden Wsteneien. Jede fruchtbare Bodenerhebung war mit
einem friedlichen Weiler gekrnt, durch jedes Thal strmte rauschend ein
krystallheller Bach, schwrmten Herden. Die khlenden Bergwinde wehten den
aromatischen Geruch von Jasminen und wilden Rosen herab, und im
schwellenden Rasen blhten Tausendschnchen und Butterblumen. Das Gepck
schleppten jetzt 600 krftige Muhamedaner, die auf kniglichen Befehl von
den benachbarten Drfern gestellt worden waren. Der Knig, so vernahm man,
war vor Ungeduld auer sich, die Gesandtschaft zu empfangen und die
schnen Geschenke zu besichtigen, welche sie mitbrachte.

Am Morgen des 17. Juli begann der Marsch in den Hochlanden. Frischer,
khlender Wind wehte von den Bergen herab, die, nur zehn Grade vom
Aequator entfernt, dennoch eine Vegetation tragen, welche an nordische
Klimate erinnert. Steil fhrte der steinige Pfad bergan ber Schlnde,
Thler und Gipfel, eingefat von Farrnkraut, Hagebutten und Geisblatt; am
Abhange der Berge zogen sich Terrassen hin, die mit gut bebauten Feldern
bedeckt waren, und auf jedem Vorsprung stand ein Drfchen, dessen Bewohner
herbeigestrzt kamen, um die neue Prozession, die Gste des Knigs zu
sehen, denen Freudenrufe entgegentnten. Die Frauen waren hier in rothe
Baumwollmntel gehllt, die einen angenehmen Gegensatz zu den ledernen
Schurzfellen der Damen in der Wste darboten. In der 3000 Fu ber dem
Grenzorte Farri oder 5200 Fu ber dem Meeresspiegel gelegenen Marktstadt
_Alio Amba_, die auf einem scharfen Bergrcken sich erhebt, mute wieder
ein lngerer Halt gemacht werden. Der Ort besteht aus 250 Husern mit 1000
muhamedanischen Einwohnern, die sich aus sehr verschiedenen Vlkerschaften
rekrutirt haben. Der Berg, auf welchem Alio Amba liegt, ist nur einer von
den vielen tausend jhen Erhebungen, in welche das ganze Gebirge nach der
Seite der Ebene hin zerbrochen ist. Gleich schmalen Silberfden strmen
durch die Schluchten zwischen grnen Gestruchen und Feldern die Bche
hin, und wo ein Fleckchen dem Pflug einzugreifen erlaubt, da stehen
Weizen, Gerste, Mais, Bohnen, Erbsen, Baumwollen- und Oelpflanzen
angebaut, ringsum liebliche Weiler, die hoch in die Berge hinaufragen und
sich allmlig am Mamrat, "der Mutter der Gnade", verlieren. Dieser die
Gegend beherrschende Pik, der noch in Wolken verborgen war, als unten
schon Alles in Sonnenschein lag, ist mit einem dichten Walde von Nutzholz
bedeckt und erhebt sich bis gegen 13,000 Fu ber dem Meeresspiegel. Der
interessanteste Punkt in dieser Landschaft ist jedoch ein kegelfrmiger
Berg, der mit dunklen Wachholderbumen bestanden ist und ganz vereinsamt
sich erhebt. Auf ihm steht die Feste _Gontscho_, die Residenz des Wulasma
Muhamed, in welcher die drei jngern Brder des christlichen Knigs -
Opfer eines barbarischen Gesetzes - zeitlebens gefangen gehalten wurden.

Die Gesandten waren gezwungen, in Alio Amba einen lngeren Aufenthalt zu
nehmen, da der Negus verreist war; doch kam ein sehr liebenswrdiger Brief
von demselben an, welcher verhie, die Fremden bald zu empfangen.
Unterdessen hatten die Europer Zeit, den Ort und sein reges Marktleben
kennen zu lernen. An einem bestimmten Tage strmten schon kurz vor
Tagesanbruch scharenweise die Landleute in die Stadt, um Honig, Baumwolle,
Korn und Lebensmittel der verschiedensten Art zum Verkauf oder Tausch zu
bringen. Die Dankali-Kaufleute stellen Perlen, Metalle, gefrbte Garne und
Glaswaaren aus. Der wilde Galla kauert neben den Erzeugnissen seiner
Herde, whrend der muhamedanische Hndler aus dem Innern Strauenfedern
oder andere Artikel bringt, die aus weit entfernten Gegenden stammen.
Baumwollen- und Zeugballen, Kaffeescke von Kaffa und Enarea liegen
berall umher. Zahlreiche Pferde und Maulthiere vermehren das Getmmel der
verschiedenen Vlkerschaften, die hier durcheinander wogen. Fettig und in
ein schmuziges Baumwollengewand gleich einer gyptischen Mumie eingehllt
schreitet der Bauer aus der Umgegend zu dem Marktbeamten hin und bezahlt
sein Marktgeld, das in die knigliche Kasse fliet. Hier geht lssig ein
Luntengewehrmann von der kniglichen Garde umher; doch die Eifersucht des
Monarchen verbietet ihm, die primitive Waffe mit sich zu fhren und sie wo
anders als in der kniglichen Gegenwart zu tragen. Der Adal, der Ruber
aus den Kstenstrichen, tritt in die niedrige Htte des Sklavenhndlers
aus dem Sudan, um dort die zum Verkaufe ausgebotenen Frauen und Mdchen
anzusehen; im rabenschwarzen Haare wogt die weie Strauenfeder, das
Zeichen eines begangenen Mordes, und das Volk staunt das gekrmmte
Sbelmesser des Mannes an, der so khn ist, keine sklavische Verehrung fr
den groen Monarchen von Schoa zu zeigen. Mit Eiern und Geflgel drngt
sich ein Christenweib durch die Menge. Die Hlichkeit ihres Antlitzes
wird durch das Ausreien der Augenbraunen und das fetttriefende Haar noch
gehoben. Die freie, stattliche Miene der Orientalin, wie deren leichtes
grazises Gewand fehlen ihr gnzlich, denn die Natur scheint sie
absichtlich vernachlssigt zu haben. Die Mnner der abessinischen
Grenzprovinzen Argobba und Ifat, Muhamedaner dem Glauben nach,
unterscheiden sich durch verschiedene Sprache von den echten Abessiniern,
denen sie im Aeuern sonst gleichen, whrend ihre Frauen wie arabische
Zigeunerinnen aussehen; sie sind schner, schlanker als ihre christlichen
Schwestern aus den Berggegenden und weniger fettig. Die Menge stubt
auseinander vor einem christlichen Gouverneur, der, umgeben von
zahlreicher Dienerschaft, barfu durch den dicken Straenschmuz
dahinschreitet. Der dicke Bauch und das silberbeschlagene Schwert zeigen
zur Genge seine Wrde an, die durch den weien, mit karminrothen Streifen
eingefaten Baumwollenmantel berdies kenntlich ist. Die Anordnung seines
Haares hat den ganzen Morgen in Anspruch genommen und der ble Geruch der
ranzigen Butter, welche aus all den kleinen Lckchen hervorglitzert,
verpestet ringsum die Luft. Bis ber das Kinn verhllt, sieht man nur
seine Nase und die blutunterlaufenen, von nchtlichen Orgien zeugenden
Augen, aus denen er einen verwunderten Blick auf die weien Ankmmlinge
richtet. Im blauen Gewande, mit fliegenden Locken kommt endlich auf
ziegendrrem Klepper der wilde Galla zu Markte; er bringt Honig und Butter
aus den grasreichen Ebenen seiner Heimat in die wild zerklfteten Berge.

Der Schrecken und der Abscheu, welchen die Abessinier vor den von Mrdern
heimgesuchten Kstenstrichen haben, sind die Ursache, da fast der ganze
Handel von Alio Amba in den Hnden der Danakil liegt, die vom Knige mit
aller mglichen Nachsicht behandelt werden. In jedem Monate langen
Karawanen von Aussa und Tadschurra an, die den Handel unterhalten und gute
Geschfte machen - namentlich auch in Menschenfleisch, denn auch hier im
Sden des christlichen Reiches blht der Sklavenhandel so gut wie im
Norden, und die Ausfuhr ber Tadschurra ist noch bedeutender als jene ber
Massaua.

Vierzehn Tage lang mute die Gesandtschaft in Alio Amba zubringen, dann
war die Erscheinung des Oberkommandanten der kniglichen Leibgarde das
erste Zeichen, da sie weiter vordringen durfte. Die Zusammenkunft mit dem
Knige sollte an einem der nchsten Tage stattfinden, wenn die Kusso- oder
Bandwurmkur Seiner Majestt vorber sein wrde. Denn da gleich allen
Abessiniern auch der Knig ein Liebhaber von rohem Fleisch war, so litt er
infolge dessen stark an Eingeweidewrmern, von denen er sich durch
regelmig wiederholte Kusso-Kuren zu befreien suchte.

Nachdem das zahlreiche Gepck auf die Trger vertheilt war, konnte man der
Marktstadt den Rcken wenden und die Reise im Hochlande fortsetzen. Die
gtige Natur hatte in verschwenderischer Flle und Mannichfaltigkeit ihre
Gaben ber das Land zerstreut und dadurch den lssigen Bewohnern die
meiste Arbeit abgenommen. Reiche Kornfelder lngs des Weges wechselten mit
stillen Drfern, blumigen Kleewiesen und krystallklaren, in Kaskaden
herabschieenden Bchen.

Das sdliche Abessinien beginnt mit dem Distrikte Ifat am Fue der ersten
Hgelkette, welche allmlig an Fruchtbarkeit und Hhe zunimmt. Heftige
Gewitterstrme, welche in der Regenzeit daherbrausen, werden in diesen
Gegenden oft zur Landplage; doch selbst unter den mchtigen Wasserfluten
lchelt noch das Land, und so entschieden steht es im Gegensatz zu dem
klimatischen und allgemeinen Charakter der heien Zone, da der entzckte
Wanderer sich in seine nrdliche Heimat versetzt fhlen kann.

Langsam zogen die Reisenden frba, der kniglichen Sommerresidenz
_Matschal-wans_ zu, wo der Herrscher sie empfangen wollte. An einer
Stelle, wo der Weg eine Biegung machte, scho die begleitende Garde
pltzlich ihre Luntenflinten ab, deren Donner ein freudiges Echo in den
Zurufen der erwartungsvoll zusammengeeilten, unten im Thale stehenden
Menge fand. Als der Pulverdampf sich verzog, fiel der Blick der Reisenden
auf die lieblich gelegene knigliche Residenz, deren kegelfrmige weie
Dcher ihnen aus dunklen Cypressen und Wachholderbumen
entgegenleuchteten.

  [Illustration: Sahela Selassi, Knig von Schoa. Nach Harris.]

Durch grne, blumenbedeckte Auen rauschte ein angeschwollener Strom,
whrend die majesttischen Bergriesen mit nebelumhllten Gipfeln den
Hintergrund des prchtigen Bildes ausmachten. Vereinzelte Bauernhuser
waren ber die grne Landschaft zerstreut, reiche Felder glnzten im
reifen Korn und donnernd, kleine Wasserflle bildend, strzten die
geschwollenen Wildbche von den Felsen herab. Nach Verlauf einer Stunde
war Matschal-wans erreicht, wo eine zahlreiche Menschenmenge die Gste
erwartete. Wild und ungestm drngten sie sich heran, Alles war ihnen neu,
und gleich Menageriethieren starrten sie die weien Leute an, die weit
ber das Meer hergekommen waren, um dem groen Knige von Schoa Geschenke
darzubringen. Nachdem noch einige Frmlichkeiten erledigt waren, konnte
die Vorstellung stattfinden.

Endlich stand die britische Gesandtschaft auf der Schwelle des kniglichen
Palastes und vor ihr ffnete sich die Empfangshalle. Rund in der Form und
ohne den gewhnlichen abessinischen Pfeiler in der Mitte erhoben sich die
hohen, massiven Lehmwnde des Gemaches, berdeckt mit Silberzierathen,
Doppelgewehren, runden Schilden und Luntenflinten. Persische Teppiche von
den verschiedensten Gren, Farben und Mustern deckten die Flur und
Scharen von Hflingen, Beamten und hohen Wrdentrgern standen, bis zum
Grtel entblt, in respektvoller Haltung und Feiertagskleidung
ringsumher. In der Wand waren zwei Nischen angebracht: in der einen
loderte ein Feuer, whrend in der andern auf einer geblmten
Atlasottomane, umgeben von alten Eunuchen und jugendlichen Pagen, gesttzt
auf hellfarbige Sammetpolster, Seine christlich-thiopische Majestt
Sahela Selassi hingelagert war. Der Thrhter (zugleich
Zeremonienmeister) stand mit einem Bschel Binsen in der Hand vor dem
Knige, um damit die genaue Entfernung anzudeuten, bis zu welcher man sich
der Majestt nahen durfte. Die Gesandtschaft trat ein, machte ihre
Verbeugungen vor dem Throne und lie sich auf eben hereingebrachten
Sthlen nieder.

Der Knig war mit einer grnseidenen arabischen Brokatweste bekleidet, die
zum Theil von einem weiten, faltigen abessinischen Baumwollmantel mit
karminrothen Streifen bedeckt war. Vierzig Jahre, von denen achtundzwanzig
unter den Sorgen der Regierung verlebt waren, hatten seine dunkle Stirn
leicht gefurcht und das in hohe Lckchen frisirte reiche Haar etwas
ergrauen gemacht. Obgleich durch den Verlust des einen Auges etwas
entstellt, war der Ausdruck seiner mnnlichen Gesichtszge doch offen,
angenehm und gebietend; aus dem ganzen Gesichte leuchtete jedoch jene weit
und breit anerkannte Unparteilichkeit des Herrschers hervor, die ihm
selbst unter den Danakil den Beinamen der "feinen Goldwage" eingebracht
hatte.

Der Gesandte berreichte nun, in Goldbrokat und Musselin eingewickelt,
sein Beglaubigungsschreiben, worauf, nachdem dieses gelesen und anerkannt
war, die reichen Geschenke der britischen Regierung eines nach dem anderen
hereingetragen und vor dem Knige und den erstaunten Blicken der Hflinge
ausgebreitet wurden. Der schne Brsseler Teppich, der die ganze
Empfangshalle deckte, die Kaschmirschals und buntfarbigen gestickten
indischen Schrpen erregten allgemeine Bewunderung und wurden von den
Eunuchen dem Knig zur nheren Beschauung in den Alkoven gereicht.
Allgemeine Heiterkeit entstand bei der Produzirung einer Gruppe tanzender
chinesischer Figuren, und als dann die europische Eskorte in voller
Uniform mit einem Sergeanten an der Spitze in der Halle aufmarschirte,
sich vor den Thron stellte, dort ihre Handgriffe machte und die Musikdosen
"_God save the Queen_" spielten, erreichte die Freude und das Erstaunen
des Knigs ihren Hhepunkt und er erklrte, nicht Worte finden zu knnen,
um seine Dankbarkeit auszudrcken. Hell leuchtete dann sein Gesicht, als
ihm dreihundert mit blitzenden Bajonneten versehene Flinten berreicht
wurden. Vor Verwunderung berflieend sagte er nur: "Euch wird Gott
belohnen - ich kann es nicht."

Noch waren die Ueberraschungen jedoch nicht zu Ende. Auf einem freien
Platze am Fue eines Hgels wurde eine groe Scheibe aufgestellt und nach
dieser eine der mitgebrachten kleinen Kanonen gerichtet. Das grne Thal
hallte von dem ungewohnten Artillerie-Kommandorufe wieder, und als nun der
Donner erschallte, als Vollkugeln und Karttschen die Scheibe und die
Felsen zersplitterten, da brach lauter Jubelruf aus dem Munde des Knigs
und tosendes Geschrei aus der Brust der gaffenden Menge hervor.

Schne Komplimente von Seiten des Knigs, Beglckwnschungen durch die
Hflinge und Beamten beschlossen an diesem Abend das ungewohnte
Schauspiel. Eine riesige, starkgepfefferte Fleischpastete, begleitet von
dem Wunsche, da "des Knigs Kinder es sich wohl sein lassen mchten", war
der nchste Dank. Unerhrt groe Ehre geschah der Gesandtschaft jedoch
durch einen Besuch des kniglichen Beichtvaters, eines Zwerges, so klein,
da er ohne Schwierigkeit in der Pastete sich htte verbergen knnen. In
faltige Gewandung und einen Turban eingehllt, mit dem silbernen Kreuze
geschmckt, lie sich der zwerghafte Priester, dessen ganzes Leben darin
bestanden, seinen Nchsten Gutes zu erweisen, in einem Sessel nieder und
hob an folgendermaen zu reden: "Vierzig Jahre sind verflossen, da Asfa
Wusen, der Grovater unsres geliebten Monarchen - sein Andenken ruhe in
Frieden - in einem Traume sah, wie rothe Mnner aus Lndern von jenseit
der See gar merkwrdige und schne Dinge in dieses Knigreich brachten.
Die Astrologen, denen man befahl, diesen Traum zu deuten, erklrten
einstimmig, da Fremdlinge aus dem Lande Aegypten whrend der erhabenen
Regierung Seiner Majestt nach Abessinien kommen wrden und da noch
mchtigere Fremdlinge zur Zeit der Regierung seines Enkels folgen wrden.
Gott sei Preis und Dank, die Traumdeutung ist in Erfllung gegangen. Meine
alten Augen haben nie solche Wunder als am heutigen Tage geschaut, und
whrend Schoa von sieben Knigen regiert wurde, sind niemals solche
Mirakel in das Land gebracht worden."

Der Knig verbrachte den grten Theil der folgenden Nacht inmitten seiner
Schtze, die so unerwartet sich vor ihm aufgehuft hatten. Jeder neue
Gegenstand wurde mit der Wibegierde eines Kindes untersucht und die
kniglichen Schreiber hatten vollauf damit zu thun, auf Pergament ein
Verzeichni all der schnen Dinge aufzunehmen, das dann im Staatsarchiv
aufbewahrt wurde. Die Gewehre, Munition und Kanonen wurden in das groe
Arsenal geschafft, die Teppiche und Kuriositten mit Inschriften versehen,
auf denen fr knftige Geschlechter verzeichnet stand, da diese Schtze
ein Geschenk rother Mnner seien, die man "Gyptzis" nannte und die "von
ferne" gekommen seien. Am frhen Morgen erschien ein Hofpage, um
nachzufragen, wie die Gste geruht htten. Die Etikette erforderte zu
sagen, da sie sehr gut geruht htten; allein leider war das Gegentheil
der Fall, denn der Regen war in Strmen durch das Zeltdach gedrungen und
hatte die Schlfer arg belstigt. Noch schlimmer hatten die 600
requirirten Lasttrger geruht. Ohne Nahrung und Obdach war der nasse,
durchweichte Boden ihre Lagersttte gewesen. Als der Morgen graute,
schrieen sie laut nach Speise und sofort wurden ihnen einige Ochsen
berliefert. In wenigen Minuten waren die Thiere geschlachtet und
abgeledert; die Messer der wilden Menge whlten in dem blutigen Fleische,
das Streifen auf Streifen verschwand, um nach echt abessinischer Art roh
verschlungen zu werden. Selbst die Eingeweide wurden nicht vergessen, und
in einer Viertelstunde war auer Hrnern, Hufen und Knochen von den Ochsen
nichts mehr brig, soda selbst die Geier nicht einmal mehr einen Bissen
fanden.

Hierauf brach die Gesandtschaft auf, um nach der nahen Hauptstadt Ankober
zu reisen. Zuvor jedoch fand noch eine Audienz beim Knige statt. "Meine
Kinder", sagte Seine Majestt, "alle meine Flintentrger sollen euch
begleiten, damit ihr in Sicherheit von dannen zieht. Was euer Herz nur
wnschen mag, sollt ihr erhalten; mich ausgenommen habt ihr keinen Freund
in diesem weiten Lande und ihr seid meinetwegen weit gereist. Doch will
ich euch geben, soviel ich kann. Aber auf mein Volk hrt nicht, denn das
ist schlecht."

Froh verlie man das feuchte Lager und zog, von den Soldaten begleitet,
durch lachende Kulturlandschaften dem nur anderthalb Stunden entfernten
Ankober zu. Auf die Felder und Wiesen folgte ein Wald von alten Bumen,
voller Wachholder, die schon Jahrhunderte gesehen und deren dstere,
cedernartige Kronen mystisch im Winde rauschten. Wie in Europa, so
verstanden es auch die Abessinier, die schnsten Pltze zur Anlage von
Klstern auszuwhlen, und so traf man denn auch hier auf ein dem heiligen
Tekla Haimanot (13. Jahrh.) gewidmetes Kloster. Dreimal im Jahre, an
seinem Geburts-, Sterbe- und Himmelfahrtstage werden hier groe
Festlichkeiten unterhalten.

Nachdem der Wald durchschritten war, erblickte man, auf einem grnen Hgel
erbaut, die 8200 Fu ber dem Meere gelegene Hauptstadt Schoa's.
Unregelmig, bald gro, bald klein, wie Heuschober oder wie Scheunen
gestaltet, von grnen Einfassungen oder Staketen umgeben, zogen sich die
Huser auf dem Scheitel oder am Abhange und in den Spalten des Hgels hin.
Diese Wohnungen beherbergten nach Harris' Schtzung 12,000-15,000
Menschen. Auf dem hchsten, abgesonderten Theile des Hgels liegt der
unschne, mit vielen thnernen Schornsteinen versehene und von Palissaden
umgebene Palast des Knigs. An ihn schlieen sich zahlreiche Htten fr
die Sklaven, Kchen, Keller, Vorrathshuser und Kornmagazine. Bume,
Bsche und zerklftete Felspartien bildeten den Hintergrund, aus dem unter
Wachholderbumen das Bronzekreuz der Kirche "Unsrer lieben Frau"
hervorleuchtete.

_Anko_ war eine Knigin des Gallavolkes, welche diese Berggegenden nach
dem Einfall Granje's bevlkerte und ihren Namen dem engen gewundenen Pfade
hinterlie, welcher das "_Ber_" oder Thor zu den Vorstdten bildet. Daher
bedeutet _Ankober "Thor der Anko"_. Am Abgrunde hinziehend und kaum breit
genug fr den Fu des Maulthiers, kann man diesen Pa nur mit dem Gefhle
der Unsicherheit passiren, und wenige Stunden wrden gengen, um ihn zu
verrammeln und die Stadt fr jeden Feind unzugngig zu machen. Laute
Jubelrufe des versammelten Volkes begrten die Gste, denen nun ein sehr
elendes Haus, das eher einem Heuschober als einer Wohnung fr Europer
glich, als Aufenthaltsort angewiesen wurde. Der Fuboden war so, wie ihn
Mutter Natur geschaffen und vom Regen durchweicht, und es bedurfte erst
vieler Arbeit, um die Htte, ber der man stolz die Flagge Grobritanniens
aufzog, bewohnbar zu machen. Als man die Thre mit einem Teppich verhangen
hatte und die Nacht hereinbrach, regierte Finsterni in dem Raume: die
Lichter waren unterwegs zerschmolzen und so bildeten denn die sparsam aus
den kniglichen Vorrthen dargereichten, mit Wachs getrnkten Dochte das
einzige Beleuchtungsmaterial der Gste. Und diese elenden Kerzen waren ein
Handelsmonopol des Frsten, gleich so vielen anderen guten Dingen. Um den
Aufenthalt recht ungemthlich zu machen, strzten Tausende von
blutdrstigen Flhen ber die Reisenden, die jetzt, nachdem sie die
Schnheit der Natur bewundert und vom Knige freundlich empfangen worden
waren, auch die Schattenseiten des Lebens in Schoa kennen lernen sollten.

In der Nacht brach unter Donner, Blitz und strmendem Regen ein gewaltiger
Sturm ber Ankober los, der die Erde mit einer wahren Sndflut
berschttete; jeder Flu stieg, jede Gasse wurde zu einem rauschenden
Bache und tausendfltig hallte der Donner von den nahen Bergen wieder. Als
am nchsten Morgen die Sonne ihre Strahlen auf die Erde niedersandte,
entwickelte sich ein seltsames Schauspiel vor den Augen der Europer. Tief
unten lag, wie ein Schneeschleier, eine undurchdringliche Dampfwolke in
den Thlern. Man stand ber diesen Wasserdmpfen, aus denen nur die
Bergspitzen gleich schwimmenden Inseln hervorragten. Als diese Nebelbank
in die Hhe stieg, bedeckte sie Alles mit Feuchtigkeit und drang durch
Kleider und Mauern hindurch.

Abgesehen von den Unannehmlichkeiten, denen jeder sich aussetzen mu, der
in afrikanischen Landen reist, trafen die Gesandtschaft noch manche
speziell abessinische Uebelstnde. Die nothwendigsten Lebensmittel waren
trotz der Fruchtbarkeit des Bodens nur schwierig zu erlangen; die
gemietheten Dienstboten taugten nichts, da jeder, der nur irgend kann,
sich Sklaven hlt; Maulthiere waren gleichfalls kaum gegen die hchsten
Preise zu miethen, und fr das kleinste Geschft mute eine Menge
kostbarer Zeit vergeudet werden, da diese selbst fr die Abessinier
keinerlei Werth hat. Mit der Zeit wurde den aus Indien mitgebrachten
muhamedanischen Dienern der Aufenthalt zu langweilig; sie nahmen ihre
Entlassung und kehrten durch das heie Kstenland nach Tadschurra zurck,
wobei die Hlfte von ihnen das Leben verlor. Die statt ihrer angenommenen
Abessinier zeichneten sich nur dadurch aus, da sie unermeliche Portionen
rohen Fleisches (Brundo) verschlangen und alle Monate einen Tag frei
verlangten, um mittels Kusso ihre Bandwurmkuren vollfhren zu knnen.
Auerdem war ein besonderer Afero oder Janitschar ernannt worden, welcher
alle Schritte und Tritte der Fremden ausspioniren und darber an den Hof
berichten mute. Am gefhrlichsten wurde den Gsten jedoch die Feindschaft
der unduldsamen Geistlichkeit, die mit eiserner Hand das Volk knechtete
und die Briten schlimmer als die Heiden ansah, zumal weil sie die langen
und strengen Fasten nicht hielten. Der Bischof von Schoa zeigte diese
Feindschaft ganz offen. Er sprengte das Gercht aus, die Englnder seien
als Spione einer groen, jenseit des Meeres wohnenden Frau gekommen,
welche ihre Soldaten nach Schoa schicken wolle, um das Knigreich zu
erobern und den abessinischen Glauben zu zerstren.

Whrend alle Klassen des Volks in Erinnerung an die Himmelfahrt der
Jungfrau Maria die strengen Fasten hielten, blieb inzwischen der Knig in
seiner Residenz Matschal-wans. Dort verzehrte er rohe Fische, die mit
Pflanzenl und Pfeffer zubereitet waren, als Fastenspeise. Der Palast in
Ankober dagegen wurde von ihm zur Regenzeit gemieden, weil wegen dessen
hoher isolirter Lage die Blitze dort leicht einschlagen. Kamen die
Englnder mit Sr. Majestt zusammen, so pflegte er zu sagen: "Es giebt in
meinem Lande sehr schne Dinge, welche in dem eurigen nicht sind, und
wieder umgekehrt habt ihr Dinge, welche wir nicht besitzen." Fortwhrend
waren die Fremden mit allerlei Auftrgen des Knigs beschftigt: bald
muten sie Luntenflinten repariren, Spieldosen ausbessern, bald
Kleidungsstcke oder Staatsregenschirme wieder herstellen, und das Alles
wurde zur Zufriedenheit des Hofes ausgefhrt. Auch als der Knig einmal
unwohl war, wurden die Gesandten zu ihm berufen; er erhielt Medizin, doch
mute diese zuvor in seiner Gegenwart gekostet werden, da er in
bestndiger Angst vor Vergiftung schwebte. Obgleich er sich niemals ohne
Waffen zeigte und stets solche unter seinen Kleidern verborgen trug,
frchtete er sich doch keineswegs vor seinen Gsten, die selbst mit
geladenen Flinten in seiner Nhe stehen durften, auch wenn keine Diener
bei ihm waren; bei diesen Zusammenknften lie er Portrts zeichnen, Plne
zu Bauten entwerfen und Vorbereitungen zu Affenjagden machen. Magazine
wurden mit Granatschssen in die Luft gesprengt, siebenlufige Pistolen
zuerst bei Hofe eingefhrt und ihm ein groer Respekt vor den Windbchsen
eingeflt, deren Wirkung er fr das Merkwrdigste erklrte, was er all
sein Lebtag gesehen hatte.

Wieder einmal waren die Englnder zum Knig beschieden, der mit ihnen ber
einen Feldzug gegen die wilden Galla sprechen wollte. Schmiede und
Silberarbeiter saen unter der Veranda der Residenz, Knstler malten
Miniaturen in die auf Pergament geschriebenen Psalmen, Sttel und allerlei
Kriegsgerth wurden unter den Augen des Frsten reparirt, Speere und
Flinten gereinigt - doch alle diese Handwerker wurden vom Knige schleunig
entlassen, um mit Harris einen Kriegsplan verabreden zu knnen, der
schlielich nicht ausgefhrt wurde. So schlich der traurige Winter hin.
Unterdessen begannen die Hndler, welche sich durch die Ankunft der
Englnder beeintrchtigt glaubten, gegen diese zu konspiriren. Allerlei
abenteuerliche Gerchte gingen um. Die Gyptzis, so hie es, verzehrten
Schlangen, Muse, Spinnen und hnliche Thiere, und wren im Begriff, durch
magische Mittel das Land zu erobern. Die astronomischen Instrumente
erregten gleichfalls Argwohn; doch der Knig hrte nicht auf diese
Verdchtigungen, ja er drohte, den Verleumdern die Zungen ausreien zu
lassen, und kmmerte sich auch nicht darum, als die Geistlichkeit ihn mit
dem Banne bedrohte. Die Zauberer Schoa's glaubten dem gegenber im
vollsten Rechte zu sein, wenn sie verkndigten, Sahela Selassi wrde
wegen seiner Freundschaft gegen die Fremden noch Thron und Leben
verlieren.

Als der Winter vorber war, brach der Knig nach _Debra Berhan_ auf, einer
Sommerresidenz, die jenseit der Bergkette im Westen liegt. Dorthin folgte
ihm auch die Gesandtschaft nach. Es war eine herrliche Gegend, die man
wieder durchzog, voller Sturzbche, Klippen und schner Bume. An einem
Flchen traf man das einzige Maschinenwerk des Knigreichs - eine rohe
Wassermhle, die ein durchreisender Albanese erbaut hatte; doch die
Priester erklrten dieselbe fr ein Werk des Teufels, und nachdem die
Mhle drei Tage gegangen, wurde der Betrieb untersagt. So verfiel denn die
Teufelsmhle. (Vergl. S. 157.) Hinter derselben wurde der Weg rauher und
steiler; man gelangte auf den Kamm der Tschakaberge, welche die Zuflsse
des Nil von jenen des Hawasch, das Stromgebiet des Mittelmeers und des
Indischen Ozeans trennen. Noch volle drei- bis viertausend Fu ragte der
hohe _Mamrat_ ber diese Wasserscheide empor; doch Schnee lag auf seinem
13,000 Fu hohen Gipfel nicht, wie denn ein Wort fr denselben sdlich von
den kalten Bergen Semins in der Sprache der Eingeborenen fehlt. Wie
verschieden ist doch das Schicksal der Gewsser, die von dieser Bergkette
nach Osten und nach Westen zu eilen! Der Regentropfen, welcher auf die
nach Ankober zu gelegene Seite fllt, wendet sich nach kurzem Laufe dem
Hawasch zu, um mit ihm durch die durstige Adalwste der Aussalagune
zuzurinnen. Ganz anders dagegen gestaltet sich die Pilgerschaft der
Gewsser im Westen. Dort finden viele kleine Bche ihren Weg zur Dschumma,
die sich in den Abai, den Blauen Nil, ergiet, der, durch den Goldsand von
Fazogl ziehend, bei Chartum sich mit dem Weien Flusse vereinigt, bei
Mero, Theben und den stattlichen Pyramiden vorberfliet und seinen
Beitrag zur Bewsserung Aegyptens oder der blauen Fluten des Mittelmeers
liefert!

Wiesen, auf denen Vieh weidete, kleine Strme, ber deren einen eine rohe
Steinbrcke, das hochgepriesene Werk eines Armeniers fhrte, folgten nun;
dann kam man in eine unwirthliche Gegend, eine Hochebene, die einst von
Galla bewohnt war. Nicht ein Baum oder Strauch, selten als Ausnahme ein
Kusso, war zu erblicken; doch sind sprliche christliche Ansiedelungen
hier entstanden, die von Hirten bewohnt werden. Dann ging es bergab, die
Gegend wurde wieder etwas freundlicher, und zwischen einigen grnen Bumen
leuchteten die weien Gebude von Debra Berhan hervor. "Willkommen meine
Kinder, wie geht's euch? Habt ihr eine sichere Reise gehabt?" so lautete
der Empfangsgru, und am Abend erquickte Brot, Honigwasser und saures Bier
die Gste. Beim Schein der Lichter fand Abends Gesang und Tanz statt, und
mancher hohe Beamte legte sich berauscht zur Nachtruhe nieder.

Keine andere frstliche Residenz kann in jmmerlicherem Zustande sich
befinden als Debra Berhan, "der Hgel des Ruhms". Es besteht aus elenden
Gebuden, deren ohne Mrtel zusammengefgte Mauern einzustrzen drohen.
Palissaden umgeben das Ganze und schlieen den mit Rasen berzogenen
Audienzraum ein, der jedoch auch zugleich einigem Vieh zum Aufenthalt
dient. Hier hat der Knig eins seiner bedeutendsten _Sklavendepots_, in
welchem dem Besucher ein wahres Babel von verschiedenen Sprachen
entgegenklingt; auch die Gesichtszge deuten auf verschiedene Rassen, und
nur die abessinische Kleidung ist allen gemeinsam. Da geht der riesige
heidnische Neger mit aufgeworfenen Lippen und blutunterlaufenen Augen
gleich einem schwarzen Herkules umher. Stark wie drei Gule, trgt er eine
ungeheure Holzlast, welche zwei Abessinier nur mit Mhe bewltigen
knnten. Fnfzehn Maria-Theresia-Thaler hat der Knig fr dies
ausgezeichnete Exemplar gezahlt, das fern vom Nil hierher verhandelt
wurde. Er hat hier ein ganz gemchliches Leben, vollauf zu essen und dient
als Holzhauer im Walde; in seine Lage hat er sich stumpfsinnig gefunden.
Anders der feurige Galla, der ihm folgt und in dessen Gemth noch nicht
der Geist der Unabhngigkeit erloschen ist. Seine schlanke Figur und
gekrmmten Beine verrathen den wilden Reiter der grasigen Ebene.
Schwermthig, mit gebeugtem Sinn, schleppt er seine Brde und denkt an die
Savannen am Hawasch, seine Heimat. Unter der Aufsicht eines alten Eunuchen
nimmt eine Schar brauner Sklavinnen ihren Weg zum Flusse. Sie tragen
schwere irdene Wasserkrge auf dem Rcken und singen leise ein trauriges
Lied, das wol von der Heimat erzhlt, von Guragu. Es sind Christinnen,
alles schne, schlanke Mdchen, weit schner als ihre Tyrannen, das
rabenschwarze Haar ist mit gelben Blumen geschmckt und in den langen
Augenwimpern hngt eine Thrne der Wehmuth. - Hinter ihnen folgen einige
bevorzugte Damen, in Staatsgewndern mit rothem Rande - sie haben lngst
das Andenken an ihr Land und ihre Verwandtschaft vergessen. Das sind die
kniglichen _Braugesellen_; silberne Knpfe in den Ohren, zu ungeheurem
Umfang auffrisirte Haare zeichnen sie aus; sie knnen plappern und
schwatzen soviel sie wollen, aber ber einen gewissen Raum drfen sie
nicht hinaus, das verbietet ihnen der begleitende Eunuch. Der eine
traurig, der andere froh - so leben die Menschen im Sklavenraume des
Knigs. -

Ein Monat war in dem khlen, aber angenehmen Klima zu Debra Berhan
verflossen, als der Knig beschlo, seine jhrliche _Truppenmusterung_
abzuhalten, und zwar am Maskalfeste, dessen Bedeutung wir schon kennen
lernten. (Siehe S. 124.) Viehherden, vor Klte sich schttelnde Kameele,
die in das ihnen ungewohnte Bergland versetzt waren, lange Sklavenzge
waren zusammengetrieben worden, um theils zur Nahrung, theils zur
Bedienung verwendet zu werden. Am Vorabend rckten mit Fackeln in den
Hnden die kniglichen Garden vor das Zelt Sr. Majestt, um dort zu Ehren
der Gesandtschaft einen Kriegstanz aufzufhren. Prchtig nahmen sich die
mit reichem silberbeschlagenen Reitzeug versehenen Rosse der Offiziere
unter den dunklen wilden Kriegern aus, die den amharischen Kriegsgesang
anstimmten und sich dann zur Ruhe begaben. Sehr unkniglich war das
Aussehen des Palastes beim Tagesanbruch und hchst unfrstlich die bei
Hofe herrschende Verwirrung. Unsauberkeit und kncheltiefer Schmuz
herrschte ringsum; der Thrhter zerschlug einen Stock nach dem andern auf
den Kpfen des herbeidrngenden heftigen Volkes, das nicht einmal still
wurde, als Seine Majestt sich in der Thr des Banketsaales niederlie.
Vor dem Throne verrichtete ein Schmied seine Arbeit weiter, ohne darauf zu
achten, da ein Hagel von Staub und Kohlenasche auf den Knig niederfiel.
Zwanzig bleiche Eunuchen, die als Zeremonienmeister wirkten, fhrten die
Scharen der Vasallen, der Priester, Mnche, Weiber, Sklaven und Ackerbauer
zum Frsten, der von jedem ein Geschenk empfing, soda Honig, Butter,
Perlen u. s. w. bald in groer Menge aufgestapelt waren. Die Scenen der
Unordnung wichen der hher steigenden Sonne und vor dem Erscheinen der
britischen Gesandtschaft, die in voller Uniform vor dem Knige aufzog, der
in Staatskleidung, von den Generalen der Reiterei, der Leibgarde und der
hheren Geistlichkeit umgeben, auf einem beweglichen Thronsessel dasa.
Zunchst rckten nun dreihundert Mann auf den Schauplatz, die hoch ber
ihrem Haupte Bndel abgeschlter und mit Binsen zusammengebundener Ruthen
trugen. Sie begrten die Rckkehr der Bltenzeit, "wenn die Flhe
wiederkommen und die Fliegen erscheinen", mit Gesang, der lauter und
lauter zum Kriegsrufe anschwoll. Die Bndel wurden dann auf einen Haufen
vor dem Throne niedergelegt, whrend die in Thierfelle gekleideten Fhrer
dieser Truppe einen Kriegstanz begannen, ihre Leute zum Gefecht
aufforderten und mit einem schrecklichen Geheul diese Exerzitien
schlossen.

  [Illustration: Truppenmusterung des Knigs von Schoa. Nach M.
  Bernatz.]

Hierauf wurden die englischen Gste zu einem mit bunten Teppichen
ausgekleideten Pavillon gefhrt, von dem aus der Knig mit seinen
Wrdentrgern der Revue beiwohnen wollte. Im Hintergrunde standen dichte
Reitermassen, whrend in einer Entfernung von etwa 100 Schritten ein
groer Scheiterhaufen blattloser Weidenruthen auf dem grnen Rasen
aufgestapelt lag. Um denselben hockten unter ihren Schilden, gleich
Schildkrten unter ihrer Schale, lange Reihen Krieger; je drei hatten
groe Feldschlangen von ungewhnlichen Dimensionen mit Zndkraut und Lunte
zu bedienen. Nun begann die _Revue_ mit dem Aufmarsch der Leibgarde zu
Fu, von der drei Viertel mit den geschenkten englischen Musketen
bewaffnet war. In vier Compagnien marschirte sie unter dem Gebrll des
Kriegsgesanges auf, nicht wenig stolz auf die blitzenden, bisher in
Abessinien unbekannten Bajonette. Nachdem sie das Feld durchmessen,
kauerten die Krieger auf dem Grunde nieder, als wren sie in Bereitschaft,
anrckende Reiterei zu empfangen, whrend ein graukpfiger Veteran tanzend
vor der Front ein Geheul zum Besten gab, das aus einer Wolfsschlucht zu
stammen schien und mit einer Salve beantwortet wurde.

Nachdem diese Truppe abgetreten war, rckte die glnzende Schwadron der
berittenen Lanzentrger, die Blte der schoanischen Kavallerie, heran.
Khn sprengte an der Spitze, auf schnem Ro, mit einem rothen Fell ber
der Schulter, der Fhrer und hinter ihm, in einer Linie von fast einer
Viertelstunde Breite, die Schwadron. Nachdem er eine Anrede gehalten,
sprengten die stattlichen Reiter im Galopp vorber nach dem Scheiterhaufen
zu, wo die groen Kesselpauken ertnten und die Feldschlangen losgebrannt
wurden. Jetzt aber wandte sich das Erstaunen der Versammlung den
Englndern zu, deren Artilleristen den bronzenen Dreipfnder, welcher von
Ochsen hierhergeschleppt worden war, bedienten. Als der Donner desselben
erschallte und weie Rauchwolken in die Luft stiegen, wie man sie bisher
nur von brennenden Drfern gesehen - da kannte die Verwunderung der
wilden, hier versammelten Galla keine Grenzen. Dreizehn in Lwen- oder
Leopardenfelle gekleidete Gouverneure fhrten nach und nach ihre Truppen
vor. Dann war die Revue beendigt und die ausgehungerten Offiziere, Edlen,
Hflinge und Geistlichen begannen mit wahrer Wuth ber das rohe
Ochsenfleisch herzufallen und es in unglaublichen Mengen zu vertilgen.

Acht- bis zehntausend Reiter waren versammelt gewesen, und das Schauspiel,
das von Morgens 9 Uhr bis Nachmittags 5 Uhr whrte, hinterlie einen
wilden und ungewhnlichen Eindruck. Die Bewaffnung und das Reiten der
Leute war vorzglich und unter guter Fhrung von ihnen Tchtiges zu
erwarten. Als dann die Nacht herniedersank, da wurde dem Knige wie dem
Volke von Seiten der Englnder noch ein Schauspiel geboten, von dem jene
sich nichts trumen lieen. Prchtige Raketen stiegen zum tiefschwarzen
Himmel empor und zerplatzten, Leuchtkugeln entsendend, mit herrlichem
Lichte. Menschen und Thiere, Alles wurde rebellisch, und die Achtung vor
den Gsten, welche Kometen an den Himmel zaubern konnten, wuchs mehr und
mehr. Schlielich wurde der Scheiterhaufen aus Weidenruthen angezndet,
und die Fackeltrger fhrten zu Ehren der Auffindung des heiligen Kreuzes
einen Tanz auf.

                              --------------

_Angollala_, an der Gallagrenze, wurde etwa im Jahre 1830 gegrndet und
vom Knige zur Hauptstadt des westlichen Theils von Schoa erhoben. Hierhin
begab man sich, nachdem das Maskalfest vorbei war, und 3000 Reiter
bildeten das Geleit des Negus, der auf einem reich gezumten Maulthiere
ritt. Vier- bis fnfhundert runde Htten mit rohen Steinmauern und
Strohdchern bedecken die Abhnge einer Anzahl flacher Hgel, die ein
groes Viereck einfassen. Auf der Spitze des hchsten Hgels steht der von
sechs Reihen Palissaden beschtzte knigliche Palast, aus dessen Mitte ein
zweistckiges, finstres Gebude hervorragt, das ein Albanese erbaute und
welches trotz seiner Mangelhaftigkeit in Bezug auf Architektur alle
brigen Gebude Schoa's berragt. Doch hat es von Erdbeben gelitten, und
"Erdbeben", so meinte Se. Majestt, "sind ein bles Ding, denn sie werfen
Huser und Menschen um".

Vor dem Palaste, zu welchem ein steiler Weg hinauffhrte, begrte eine
dichtgedrngte Menschenmenge den Knig und seine Gste mit lautem
Jubelgeschrei. Kchen, Vorrathshuser und Brauereien lagen rings um das
Gebude, das mit dem langen Banketsaale, der Audienzhalle, den
Frauengemchern und einzelnen Zellen ein merkwrdiges, aber keineswegs
imponirendes Ganze ausmachte. Der Despot fhrte seine Gste in den ersten
Stock, zu welchem man auf einer Leiter gelangte. Auf dem Fuboden, der mit
frischem Gras bestreut war, brannte in einem eisernen Ofen ein Feuer, an
welchem sich behaglich mehrere Katzen wrmten, die in keinem kniglichen
Palaste fehlen. Im Alkoven befand sich ein schmuziges Lager, und wenige
Flinten machten den einzigen Schmuck der kahlen, weigetnchten Wnde aus.
"Ich habe euch", hub der Knig an, "hierhergefhrt, um euch zu zeigen, was
mir fehlt. Diese Gemcher mssen ausgeschmckt werden, und ich wnsche,
da euer Maler (Herr Bernatz) sie mit Elephanten, Soldaten und sonderbaren
Darstellungen aus eurem Lande verziere. Jetzt knnen meine Kinder sich
entfernen."

Die Nchte, welche die Gesandten hier verbrachten, waren keineswegs
angenehm; sie froren ungemein und wuten sich kaum vor der Klte zu
schtzen; in der Frhe hatte regelmig weier Reif die Wiesen berzogen.
Auch am Tage bot sich ihren Augen gerade kein liebliches Bild. Rings um
den Palast lag Schmuz, Asche und Kehricht kncheltief oder in groen
Haufen. Halbwilde Hunde fallen am Tage die Menschen an und lassen in der
Nacht wegen ihres grauenhaften Gebells Niemand schlafen. Kurz vor
Sonnenaufgang weckt das Gekrh von tausend Hhnen die dennoch etwa sich im
Schlummer Wiegenden, und wer trotzdem noch nicht erwacht sein sollte, wird
durch das Gebrll des um alle mglichen Dinge petitionirenden Volkes
aufgestrt, welches unter dem Rufe "Abiet! Abiet! Meister! Meister!" mit
dem Frhgrauen sich zum Palaste drngt. Lernten Harris und seine Gefhrten
auch in Angollala manches Interessante kennen, so war der Aufenthalt
daselbst doch keineswegs angenehm zu nennen.

In der Umgebung Angollala's befindet sich das Naturwunder Schoa's, die
_Schlucht der Tschatscha_, zu welcher der Knig eines Tags seine Gste
hinfhrte, doch war der Monarch an diesem Tage gerade schlechter Laune, da
sein Lieblingsro, das er in der Schlacht einem mchtigen Galla-Huptling
abgenommen hatte und das seinen Stall in der kniglichen Bettkammer hatte,
durch die Unvorsichtigkeit eines Pagen umgekommen war. "Was denkt ihr von
meinem Galla-Graben? Habt ihr etwas Aehnliches in eurem Lande?" so redete
der Herrscher seine Gste an, als er sie an Ort und Stelle gefhrt hatte,
und in der That lie sich schwerlich eine groartigere und schauerlichere
Naturscenerie denken, als sie die Schlucht der Tschatscha zeigte. Die
grnen Wiesen des Distriktes Daggi sind hier auf eine seltsame Weise durch
niedrige, kahle Hgelketten durchsetzt, zwischen denen kleine Bche dem
tief unten ghnenden Erdri zustrmen, welcher den Boden gleich einem
gewaltigen Spalt durchzieht. Felsig, zerrissen und scharfkantig sinkt
dieser Schlund pltzlich 1000 bis 1500 Fu tief und ber eine
Viertelstunde breit urpltzlich in der Ebene nieder. Seine aus felsigem
Gestein bestehenden Seitenwnde sind dnn mit zartem Moose und
sduftendem Thymian berzogen, und nur wenige armselige Htten sind auf
einzelnen vorspringenden Terrassen der Wnde angebracht, die sonst in
ihren dstern Hhlen den Wlfen und Hynen Schlupfwinkel darbieten,
whrend hoch oben ber dem ghnenden Abgrunde Geier und Adler ihre Kreise
in weiten Bogen ziehen. Der Aberglaube des Volks bevlkert aber den Spalt
mit allerlei Unholden, whrend der Knig nicht mit Unrecht in ihm die
beste Schutzwehr gegen die jenseit desselben wohnenden Galla sieht. Tief
unten auf dem Boden, nur mit Schwindeln anzusehen, murmelt in tausend
kleinen Wasserfllen gleich einem Silberfaden die Tschatscha hin, um ihren
Tribut dem mchtigen Nil darzubringen. Da, wo die Schlucht sich etwas
erweitert, liegen die kniglichen Eisenwerke von Gurejo. Hier wird auf
rohe, echt afrikanische Art durch ein einfaches Ausschmelzen ein ziemlich
gutes Eisen gewonnen.

  [Illustration: Empfang des Negus beim Einzuge in Angollala. Nach M.
  Bernatz.]

In einen dunkelgrnen Wachholderhain eingehllt, erhebt sich auf einem
Hgel am jenseitigen Ufer das stille Stdtchen _Tscherkos_, dessen
Einwohner einst alle, Mann, Weib und Kind, ber tausend an der Zahl, in
einer einzigen Nacht von den wilden heidnischen Galla unter Fhrung des
Rebellen _Medoko_ hingeschlachtet wurden, zur Rache fr eine ihm am Hofe
zu Ankober widerfahrene Beleidigung. Der stolze schne Mann, auf den alle
Frauen des Landes mit nicht geringer Bewunderung schauten, trat einst vor
den Knig hin, brachte ihm 10 herrliche Streitrosse, 500 Ochsen, 20
Sklaven und zwei groe Krbe voll Silberthaler, die gndig angenommen
wurden. Aber die Hand der Prinzessin Worka Ferri, um die er darauf bat,
wurde ihm abgeschlagen und er selbst schnde mihandelt; der Beichtvater
des Knigs trat ihm in das Gesicht, da das Blut herunterlief, und die
Staatsfestung Gontscho nahm ihn auf. Wie durch ein Wunder entkam er wieder
zu seinen Galla, die, seinem Rufe folgend, in hellen Haufen herbeieilten
und Tscherkos nebst seinen Einwohnern verbrannten. Unter der Fhrung ihres
Knigs rckten nun die Schoaner aus, und bei Angollala kam es zur
blutigen, lange schwankenden Schlacht. Medoko unterlag und floh in die
geheiligten Asylrume des Klosters Affaf Woira, wo er sich sicher whnte.
Da erschien dort eine feierliche Prozession, welche dem Rebellen die
Verzeihung des Knigs berbrachte und ihn wieder zu Hofe kommen hie.
Medoko folgte der Stimme zu seinem Unglck. Neuer Verrath wurde gegen ihn
gesponnen, und eines Nachts traten sechs Verschworene an sein Lager, um
ihn mit ihren Schwertern zu durchbohren. Noch einmal sprang der
verwundete, riesenkrftige Lwe auf, ein Blutbad unter seinen Mrdern
anrichtend, dann sank er zusammen. Seinem Volke, das um ihn lange Jahre
trauerte, erschien er aber als Heros und Mrtyrer, und die Fehden zwischen
Abessiniern und Galla nahmen mit erneuter Wuth ihren Fortgang.




                                Die Galla.


Die Galla sind ein schner Menschenschlag, dessen Physiognomie kaukasisch
ist. Ihre Sprache weicht bedeutend von den echt semitischen Sprachen ab,
aber in Konjugation, den Frwrtern und vielen anderen Wrtern verrth sie
doch einen semitischen Charakter und bildet mit den Sprachen der Danakil
und Somalen eine eigene Familie des semitischen Sprachstammes. Von ihren
zahlreichen Unterabtheilungen haben Krapf und Isenberg ber fnfzig
herausgefunden, welche fast alle voneinander unabhngig sind, hier und da
in Feindschaft miteinander leben, aber dieselbe Sprache reden und
ursprnglich dieselbe heidnische Religion hatten. Ueber ihre Herkunft
bestehen verschiedene Sagen. Die Muhamedaner aus Argobba, stlich von
Schoa, wollen sie aus Arabien herleiten; doch ist dies sehr
unwahrscheinlich. Dagegen bemerkt eine abessinische Schrift, welche Krapf
in Schoa zu sehen bekam, Folgendes: "Eine knigliche Prinzessin von
Abessinien heirathete zur Zeit Nebla Denjel's im 14. Jahrhundert, als die
Knigsfamilie noch auf dem Berge Endoto residirte, einen Sklaven, der ein
Hirte war aus dem Sden von Guragu, und gebar ihm sieben Shne, die alle
das Geschft ihres Vaters trieben und dessen Sprache redeten. Als sie
erwachsen waren, sammelten sie viel Volks um sich und gaben sich der Raub-
und Plnderungssucht hin, soda sie zuletzt die Abessinier beunruhigten."
Von einer Schlacht, die sie den letzteren in Guragu am Flusse Galla
lieferten, sollen sie den Namen erhalten haben, mit dem die Abessinier und
andere umwohnende Vlker sie benennen. Sie selbst aber heien sich
Ilmorma, Menschenkinder. Spter, nachdem Granje mit seinen muhamedanischen
Horden Abessinien verwstet hatte, lieen sich mehrere Stmme von ihnen in
Schoa nieder. Spterhin wiesen die neuen Knige von Schoa den
Wollo-Stmmen, die entweder damals schon den Muhamedanismus angenommen
hatten oder dasselbe spter thaten, die Nordgrenze von Schoa an, wo sie
bis 1856 eine Schranke bildeten, welche die Verbindung zwischen diesem
Lande und Abessinien erschwerte, bis Knig Theodoros II. Schoa und mit ihm
die Wollo-Galla unterwarf. Diese nrdlichen Galla sind fanatische
Muhamedaner geworden, whrend es den christlichen Abessiniern nicht
gelungen ist, unter ihnen viel Proselyten zu machen. Auch diesen
heidnischen Galla gegenber bewhrt sich wieder die afrikanische Regel:
Der Islam siegt ber das Kreuz.

Die ursprngliche Religion der Galla ist eine Naturreligion. Sie verehren
ein hchstes, unsichtbares Wesen, welches sie _Wak_ (Himmel) nennen. Ihn
betrachten sie als den Urheber aller Dinge und Geber aller Gaben, daher
richten sie ihre Gebete hauptschlich an ihn. Obgleich sie keine bestimmte
Idee von ihm haben, so schreiben sie ihm doch Persnlichkeit zu und
glauben, da er sich ihren Priestern im Traume offenbare, da er zu ihnen
rede im rollenden Donner, sich ihnen zeige im leuchtenden Blitze, da er
ber Krieg und Frieden, Fruchtbarkeit und Theuerung entscheide. Jedoch
steht Wak nicht allein, sondern hat zwei Untergottheiten zu Gehlfen,
deren eine _Oglia_, mnnlich, deren andere _Atete_, weiblich ist.
Letzteren beiden feiern sie gewisse Feste im Jahre, an welchen sie ihnen
Opferthiere, Ziegen und Hhner schlachten, sich ihre Gunst erbitten und
ihren Willen durch Besichtigung der Eingeweide der Opferthiere zu erfahren
suchen. Die Feste des Oglia werden im Januar und April, das der Atete im
September gefeiert. Dem Wak ist jeder Sonntag geweiht, den sie groen
Sabbat nennen, zum Unterschiede vom Sonnabend, welchen sie den kleinen
Sabbat heien. Gewisse Bume sind den Galla heilig; unter diesen opfern
sie und verehren ihre Gtter. In besonders groer Achtung steht ein groer
Maulbeerfeigenbaum an den Ufern des Hawasch im sdlichen Schoa. Hier
versammeln sich jhrlich ihre Priester und Groen von mehreren Stmmen, um
Wak zu verehren und ihre Bitten an ihn zu richten. Dieser Baum heit
Wadanabe und ist Sammlungsort der Galla von den verschiedensten Stmmen;
nur Weiber drfen ihm nicht nahen. Ein anderer Baum, unter welchem dem Wak
jhrliche Opfer gebracht werden, heit Riltu. Whrend sie opfern beten
sie: "O Wak, gieb uns Tabak, Schafe und Ochsen, hilf uns, unsere Feinde zu
tdten. O Wak, fhre uns zu dir, fhre uns zum Paradiese und fhre uns
nicht zum Satan". Auch der Ahorn und der Wanzabaum werden fr heilig
gehalten. Die Besichtigung der Eingeweide der Opferthiere wird namentlich
zur Entscheidung von Krieg und Frieden angewandt. Sie nehmen das Fett aus
der Bauchhhle, legen es auseinander und bestimmen die eine Seite fr die
Galla, die andere fr ihre Feinde; die Seite nun, auf welcher das meiste
Blut in den Adern sich befindet, erhlt den Sieg. Die beiden
Untergottheiten Oglia und Atete gebieten wieder ber eine Menge
unsichtbarer Wesen, die sie Zaren nennen und denen sie gute und bse
Eigenschaften zuschreiben; daher werden auch diesen Verehrung und Opfer
dargebracht. Zur Ausbung des Dienstes haben sie Priester (Kalitscha) und
Zauberer (Luba). Der Priester hat die Leitung der Gottesverehrung, die
Wahrsagung, Segen und Fluch u. s. w. zu besorgen. Er trocknet die zum
Wahrsagen gebrauchten Eingeweide, legt sich dieselben um den Hals und
zieht damit im Lande herum. Merkwrdig ist, da ein ganzer Stamm der Galla
fr heilig gehalten wird, und zwar sind dieses die Watos, die berall frei
umhergehen, segnen oder fluchen drfen, ohne da ihnen Jemand ein
Hinderni in den Weg legte. Dieser Stamm behauptet im Besitze ursprnglich
reiner Galla-Natur zu sein, und seine Angehrigen heirathen nur unter
sich. Sie kennen kein anderes Geschft als Segnen und Fluchen, und weil
Alles in dem Glauben steht, da, was sie sagen, eintreffen msse, so sind
diese Leute sehr respektirt. Kein Galla lt einen Wato zu sich ins Haus
kommen, aber Lebensmittel in Menge werden ihnen, wo sie sich zeigen, vor
die Huser gebracht, weil man im Unterlassungsfalle ihren Fluch frchtet.
Sie lieben, wie die Waitos (vergl. S. 90), das Fleisch des Flupferdes,
welches in groer Menge im Hawasch vorkommt.

Ueber den Ursprung der Menschheit haben die Galla einen dunklen
entstellten Begriff, jedoch scheinen sie nicht zu glauben, "da alle von
einem Blute herkommen". Sie sagen, ihr erster Stammvater habe Wolab
geheien; Wak habe ihn aus Thon gebildet, ihm dann eine lebende Seele
gegeben und ihn am Hawasch angesiedelt. Ihre Eidschwre verrichten die
Galla auf eine sonderbare Weise. Eine tiefe, enge Grube wird in den
Erdboden gegraben und in dieselbe steckt man einige Lanzen. Dann wird sie
mit einer Thierhaut bedeckt, und die Betheiligten schwren nun, da, falls
sie ihr Versprechen nicht hielten, sie in eine solche Grube strzen, ihre
Leiber mit Lanzen durchbohrt werden und ungercht und unbegraben liegen
bleiben mgen. Einmal geschlossene Freundschaft soll heilig gehalten
werden, wenn sie auch unter den verschiedenen Stmmen selten zu sein
scheint, da diese sich stets untereinander befehden. Heirathet ein Galla,
so bekommt die Frau ihre Mitgift vom Vater; scheidet sie sich aber von
ihrem Manne, so behlt der Mann das Heirathsgeschenk. Gewhnlich heirathen
sie drei Frauen. Stirbt der Mann, so ist sein Bruder verpflichtet, die
Witwe oder Witwen zu heirathen. Die Sanktion der Heirathen erfolgt allemal
durch den Abadula oder Vorgesetzten mehrerer Drfer. Tdtet ein Galla
einen Fremden, der nicht von seiner Nation ist, so erwirbt er sich dadurch
viel Ruhm, tdtet er einen Stammverwandten, so hat er, ist der Getdtete
ein Mann, 100 Ochsen, ist es eine Frau, 50 Ochsen zu bezahlen. Da
abessinische Christen nebst den sie umgebenden Muhamedanern keine Mhe,
keine Schlechtigkeiten scheuen, Galla-Shne und Tchter als profitable
Menschenwaare in den abscheulichen Sklavenhandel zu ziehen, so ist's
natrlich, da sie alle Fremden als Feinde betrachten. Abessinische
Frsten wollten ihnen das elende Christenthum, welches sie selbst hatten,
mit dem Schwerte aufdringen; abessinische Mnche wagten ihr Leben selbst
daran, ihnen den Genu des Kaffees und Tabaks nebst anderen, von den
Abessiniern fr unrein gehaltenen Speisen und Getrnken, abzuschneiden,
und dafr nicht das Evangelium, sondern strenge Fastengesetze und andere
Observanzen aufzubrden; kein Wunder, da sie sich gegen Beides mit aller
Macht wehrten. Sie haben die Idee, da sie sicher bald sterben mssen,
wenn sie Christen werden, und daher sehen sie auch die ihnen vorgesetzten
Christen mit Abscheu an. Tritt ein solcher Gouverneur seine Stellung an,
dann ruft das Volk einstimmig: "Mge er bald sterben, mge er bald
sterben."

  [Illustration: Eine Galla (die Frau Eduard Zander's).
  Originalzeichnung von E. Zander.]

Die Kriege zwischen Abessiniern und Galla haben eigentlich nie recht
aufgehrt. So oft auch letztere unterlagen, so erhoben sie sich doch immer
wieder. Zu Tausenden verkaufen dann die biederen Christen die armen Heiden
und fllen sich die Taschen mit blanken Maria-Theresia-Thalern, welche sie
fr die Menschenwaare erhalten.

Ein Hauptsklavenmarkt ist Metemm, die Hauptstadt des Gebietes Gallabat,
an der Grenze zwischen Abessinien und dem gyptischen Sudan. Baker
besuchte dort 1862 die Sklavenhndler. Sie wohnten in groen Mattenzelten
und besaen viele junge Mdchen von auerordentlicher Schnheit, deren
Alter zwischen neun und siebzehn Jahren wechselte. Diese liebenswrdigen
Gefangenen mit einer schnen braunen Farbe, zart geformten Zgen und
Gazellenaugen waren Gallamdchen, welche aus ihrem Vaterlande an den
abessinischen Grenzen von abessinischen Hndlern hierher gefhrt wurden,
um in die trkischen Harems verkauft zu werden. So schn diese Mdchen
sind, taugen sie zu keiner schweren Arbeit und krnkeln und sterben bald,
wenn man sie nicht freundlich behandelt. Man sieht mehr als eine Venus
unter ihnen, und nicht genug, da ihr Gesicht und ihr Wuchs vollendet
schn sind, beweisen sie denen, welche sie gut behandeln, die grte
Anhnglichkeit und werden sehr brave und treue Frauen. Es liegt etwas
eigenthmlich Gewinnendes in der natrlichen Anmuth und Milde dieser
jungen Schnheiten, deren Herz jenen tieferen Liebesgefhlen, welche unter
rohen und rauhen Stmmen selten bekannt sind, eine rasche Antwort geben.
Ihre Formen sind auffallend elegant und anmuthig, die Hnde und Fe
namentlich auerordentlich zart. Die Nase ist gewhnlich leicht gebogen
und mit groen und schngeformten Oeffnungen versehen. Das schwarze und
glnzende, aber ziemlich grobe Haar, reicht etwa bis zum halben Nacken
hinunter. Obgleich diese Mdchen aus den Gallalndern sind, bezeichnen sie
sich stets als Abessinierinnen und sind unter diesem Namen allgemein
bekannt. Sie sind auerordentlich stolz und hochgesinnt und lernen
merkwrdig schnell. In Chartum haben sich mehrere der angesehensten
Europer mit solchen reizenden Damen verheirathet, welche ihren Mnnern
ohne Ausnahme groe Liebe und Ergebenheit bewahren. In Gallabat betrug der
Preis fr eine dieser Schnheiten zwischen 25 und 40 Thalern. Einige Jahre
nach Baker's Aufenthalt (Mrz 1865) scheint aber der Handel mit
Gallamdchen in Metemm fast erloschen zu sein und der schlechteren Waare
vom Weien Flusse Platz gemacht zu haben, denn Graf Krockow, welcher
damals dort war, bemerkt: "Die in frheren Zeiten massenhaft fr die
Harems der Reichen exportirten jungen, feurigen, abessinischen Mdchen
kommen jetzt nur selten auf den Markt, denn in ihrer Heimat hat das
abscheuliche Treiben fast ganz aufgehrt" (?).

Jedenfalls stehen die Gallamdchen weit ber den lasterhaften
Abessinierinnen und vermgen nach Umstnden wohl auch einen Europer zu
beglcken. Lassen wir darber einen Brief Eduard Zander's vom 27. Juni
1854 reden: "Seit einem Jahre und einem Monat bin ich auf Befehl des
Regenten Ubi verheirathet, und vor zwei Monaten ist mir unter Gottes
Beistand auch ein Tchterlein geboren worden. Es ist ganz deutschen
Charakters, wei und blond, sehr wohlgestaltet und schn und erhielt in
der Taufe nach abessinischem Ritus die Namen Maria Sophia. - Zwanzig
Monate sind jetzt verflossen, da veranstaltete Ubi eine groartige
Schmauserei, zu der an einem Tage nicht weniger als 300 Khe
abgeschlachtet wurden; Alles war guter Dinge und der Honigwein flo in
Strmen. Auch ich war besonders von Ubi eingeladen worden; bei ihm
angelangt, befahl er sofort, da ich mich neben ihn auf seine Alga setzen
sollte. Das Weilen auf diesem Platze gilt fr die grte Auszeichnung bei
Hofe, welche nur den Mitgliedern des hchsten Adels zu Theil wird. Ubi
hatte mich im Laufe der Zeit genau kennen gelernt und sehr lieb gewonnen,
soda ich schon vor zwei Jahren in den hohen Adel erhoben wurde und zu
jeder Zeit ungehinderten Eintritt bei ihm hatte. An diesem Tage war er
ganz besonders heiterer Laune, er sprach viel mit mir und fragte mich nach
allen mglichen Dingen, unter anderm, warum ich nicht verheirathet sei?
Offen und rund heraus erklrte ich ihm denn, da die Tchter seines Landes
mir keineswegs gefielen, da ihnen das, was wir an den Frauen vor Allem
schtzten, fehle, nmlich Ehrbarkeit und Tugend. Du hast Recht, entgegnete
mir Ubi, sie taugen alle nicht fr dich, denn du bist ein ordentlicher
Mann. Ich werde selbst fr dich sorgen und dir eine passende Frau
aussuchen. Kaum waren fnf Monate vergangen, so erfllte Ubi bereits sein
Wort. Whrend dieser Zeit hatte er nach allen Richtungen des Landes Boten
ausgesandt, die fr mich eine geeignete Frau suchen sollten; keiner aber
hatte eine schickliche gefunden. Da langten eines Tages muhamedanische
Kaufleute hier an, unter denen sich ein Sklavenhndler befand, welcher
sieben schne Sklavinnen feil hatte. Ubi lie sich die Mdchen vorfhren
und suchte unter allen sieben die schnste aus, um sie mir zum Weibe zu
schenken. Das Vaterland meiner Frau ist Lima; die Bewohner sind Galla, der
Regent oder Oberhuptling des Landes heit Ababokiwo. Meine Frau zhlt
jetzt 16 Jahre. Sie hat mich lieb gewonnen, ist mir treu ergeben und von
Charakter sanft, ihr Verstand ist scharf und hell. Was sie aber besonders
auszeichnet, ist Sittsamkeit und Tugend."

In seiner Heimat, wo das Schwert des abessinischen Eroberers noch nicht
eindrang, ist der Galla ein freier, unabhngiger Mann, dem nur der
Distriktsvorsteher oder Abadula und der oberste Huptling oder Heiu zu
befehlen hat. Der Heiu regiert nur acht Jahre, alsdann tritt er ins
Privatleben zurck, weil dann ein anderer Heiu, ein Mann von kriegerischem
Muthe und Talent, gewhlt wird. Sein Geschft besteht darin, da er durch
den ganzen Stamm zieht, alle Hauptangelegenheiten seines Staates
schlichtet und untersttzt und namentlich ber Krieg und Frieden
entscheidet. Dabei ist der Ort, in welchem er sich gerade aufhlt,
verpflichtet, ihn zu unterhalten.

Stirbt ein Galla, so erhebt sich, wie fast im ganzen Oriente, allgemeine
bittere Klage. Ist der Verstorbene ein Hausvater, so rasiren sich, zum
Zeichen der Trauer, die Kinder am ganzen Leibe. Der Todte wird anstndig
begraben, das Grab mit schnen Steinen bedeckt und eine Aloe darauf
gepflanzt; dann wird eine Kuh geschlachtet und von den Verwandten
verzehrt. Sobald die Aloe ausschlgt, glauben sie, die Seele des
Verstorbenen sei zu Wak ins Paradies gekommen. Jedoch meinen sie, da auch
in jener Welt alle Nationen und Religionen ebenso geschieden sein werden
wie hier. Galla, Muhamedaner und Christen kommen jede Partei an ihren
besonderen Ort, um die guten oder blen Folgen ihres Verhaltens in dieser
Welt zu genieen. Die Lge scheint bei ihnen verpnter zu sein als bei
ihren abessinischen Nachbarn. Wird ein Galla als Lgner ertappt, so
verliert er Sitz und Stimme in den ffentlichen Versammlungen und wird der
Verachtung preisgegeben.

Was im Vorstehenden ber die Galla mitgetheilt wurde, ist vorzugsweise den
Berichten Krapf's und Isenberg's entlehnt. Das Volk erscheint uns nach
diesen Mittheilungen weit liebenswrdiger und besser als seine
abessinischen Bedrcker. Ueber die Art und Weise, wie die letzteren gegen
die Galla verfahren, wie sie Land und Volk dieses Stammes auf das
Schmhlichste verwsten, darber knnen wir uns am besten unterrichten,
wenn wir abermals der Erzhlung des Major Harris folgen.

Wie die meisten anderen afrikanischen Potentaten, unternahm auch Sahela
Selassi keinen Krieg wegen des nationalen Ruhmes oder wegen der
ffentlichen Wohlfahrt; seine Kriege waren entweder Raubzge oder auf die
Unterdrckung von Rebellen gerichtet, und das war auch jetzt wieder der
Fall, als er gegen die Galla auszog, wobei er den dringenden Wunsch
aussprach, von der Gesandtschaft begleitet zu werden; die Gegenwart
derselben sollte ihm Kraft, seinen Vlkern neuen Muth verleihen. Nur fr
20 Tage wurde die Armee mit Lebensmitteln versehen, woraus man schlieen
wollte, da das Ziel des Feldzuges kein allzufernes war. Angollala war in
groer Aufregung und alle Handwerker damit beschftigt, die Waffen in
Stand zu richten, whrend im kniglichen Arsenale Tag und Nacht groe
Thtigkeit herrschte. Bei dem aberglubischen Charakter der Abessinier war
vorauszusehen, da erst das Schicksal befragt und nach guten oder bsen
Vorzeichen geforscht werden mte. Priester und Mnche hatten in dieser
Beziehung alle Hnde voll zu thun. Das Herabfallen eines Schildes vom
Sattelknopf, die Erscheinung eines weien Falken sind ungnstige Zeichen,
whrend ein paar Raben Glck verheien. Auch das Heulen der Hunde whrend
der Nacht wurde beobachtet, um daraus Schlsse zu ziehen. Endlich brach
man auf und zwar in der grten Unordnung, um aber bald wieder Halt zu
machen, damit die zahlreichen Nachzgler sich sammeln konnten. Vor der
Armee wurde unter einem Baldachin von Scharlachtuch die Bibel und die
Bundeslade aus der Michael-Kathedrale in Ankober auf dem Rcken eines
Maulthieres vorangetragen, welche den sicheren Sieg gegen den heidnischen
Feind verleihen sollten; dann folgte auf reich gezumtem Maulthiere der
Knig, umgeben von seinen Luntengewehrtrgern und den Musikanten mit
Kesselpauken und Trompeten. An ihn schlossen sich an Gouverneure,
Offiziere, Mnche, Priester und zuletzt - das Sonderbarste von allen: 40
Frauen und Frulein, welche die knigliche Kche zu versorgen hatten.
Soweit das knigliche Gefolge, dem sich unter einer ungeheuren Staubwolke,
soweit das Auge reichte, Reiter, Krieger zu Fue, Saumrosse, Esel,
Maulthiere, mit Zelten und Lebensmitteln beladen, sowie groe Scharen
Weiber anschlossen, die mchtige Tpfe mit Bier und Honigwein auf dem
Rcken trugen. Alles in Unordnung malerisch durcheinander. Wenn diese
Masse sich niederlie, nahm das Lager einen Raum von anderthalb Stunden im
Durchmesser ein, in dessen Mitte das knigliche Zelt und dabei die Kche
stand. Von Vorposten oder sonstigen Sicherheitsmaregeln war aber, selbst
als man schon des Feindes Land betreten hatte, gar keine Rede. Nicht wenig
Aufsehen erregten die Bajonnetflinten, die bei diesem Zuge zum ersten Male
in praktischen Gebrauch kommen sollten, und die Raketen, welche auf des
Knigs Wunsch die Englnder allabendlich steigen lieen, um die Galla
durch den Feuerregen derselben zu schrecken.

Frh am Morgen erschallten die _Nugarits_ oder Trommeln, um die
Mannschaften in den Sattel zu rufen, und in einer halben Stunde war die
Armee, die mittlerweile auf 15,000 Mann angeschwollen war, wieder auf den
Beinen. Das militrische System Schoa's ist ein rein feudales, da jeder
Gouverneur des Reiches im Verhltni zu dem ihm unterstehenden Lande ein
Kontingent zu stellen gezwungen ist. Auer den Pferden, Waffen und
Lebensmitteln erhalten die Soldaten nichts und nur 400 Garden des Knigs
bekommen Zahlung, nmlich 8 Amolen (Salzstcken) im Jahre, etwa 18
Groschen im Werthe, auer der Bekstigung, wie sie jeder knigliche Sklave
auch erhlt. Da in einer so zusammengesetzten Armee wenig Disziplin
herrscht, lt sich denken. Ohne Rcksicht fr die der Reife
entgegengehende Ernte, die niedergetreten wurde, wlzte sich die Schar,
einem Heuschreckenschwarme gleich, Alles vor sich aufzehrend, in
sdwestlicher Richtung weiter, ohne da die Einzelnen wuten, wohin der
Raubzug eigentlich gehe, denn der Knig bewahrte das Geheimni seines
Zieles so streng, da nicht einmal seine hheren Offiziere davon
unterrichtet waren.

Nichts konnte einfrmiger sein als der Landstrich, den man zuerst
durchzog. Weite, grasige, wellenfrmige, mit Feldern durchsetzte Ebenen,
ohne einen einzigen Baum dehnten sich vor dem Heere aus. Verschiedene
kleine Bche und Flsse, die dem Nile zustrmen, wurden berschritten, und
Se. Maj., dem es zu viel wurde, immer zu reiten, wollte zur Abwechselung
einmal gehen, stieg ab und lie sich ein paar Pantoffeln reichen, die aber
bald im Kothe stecken blieben, soda der Knig schlielich vorzog, gleich
seinen Unterthanen barfu einherzuschreiten. In der weiten, von Hgeln
umschlossenen Ebene Abai Deggar wurde pltzlich der Befehl ertheilt, das
Lager aufzuschlagen und die Umgebung auszuplndern. Sogleich rckten im
vollen Galopp die Reiterbanden nach allen Richtungen aus, brannten die
Drfer nieder, zertraten das Getreide und trieben das Vieh ins Lager.
Fortwhrend herrschte die grte Unordnung im Heere, das nur in losen
Haufen, weit zerstreut marschirte, und so eher den Anblick einer
geschlagenen als einer vordringenden Armee darbot. In ihren kurzen, weiten
Beinkleidern, den Leib mit der langen Binde umwickelt, mit dem Leoparden-
oder Lwenfell auf der Schulter, mit Speer und Schild bewaffnet, setzten
die Reiter durch den schlammigen Boden, der auch des Nachts ihr einziges
Lager war; viele blieben aber liegen und gingen an den Strapazen zu
Grunde, da es in der Nacht gewhnlich fror.

An der 1200 Fu hohen Gebirgskette _Garra Gorfu_ war endlich das Ziel
erreicht. Langsam zog die Armee zum Rcken der Berge hinauf, whrend
rechts und links Scharen abschwenkten, um den Feind zu umgehen. In einer
Breite von vier bis fnf und einer Lnge von etwa zwlf Stunden bilden die
mit Feldern bestandenen Garra-Gorfu-Berge eine Wasserscheide zwischen Nil
und Hawasch; an ihnen wohnen die _Sertie-Galla_, die sich seit langer Zeit
schon in offenem Aufstande gegen den Knig befanden, d. h. sie hatten die
verlangten Steuern nicht bezahlt und sogar eine zur Eintreibung derselben
abgesandte Reiterschar von 800 Mann erschlagen. Jetzt nahte der Tag der
Rache fr den verweigerten Gehorsam.

Gleich einem angeschwollenen Strome ergo sich das Heer ber die
friedliche Landschaft, deren Bewohner nichts Bses ahnten, und nun rckten
15,000 blutgierige Barbaren gegen sie heran. Ruhig bestellte noch der
friedliche Landmann sein Feld, die Weiber gingen ihrer Beschftigung nach
und auf den blumigen Wiesen weidete das Vieh. "Mge der Gott, welcher der
Gott meiner Vter ist, uns strken und verzeihen!" sprach wuthfunkelnden
Blickes der christliche Knig und gab damit das Zeichen zur Verwstung.
Dorf auf Dorf wurde niedergebrannt, bis die Luft durch den Rauch
verfinstert war, der Speer des Kriegers durchsuchte jeden Busch nach
Flchtigen. Weiber und Kinder wurden in hoffnungslose Sklaverei abgefhrt;
alte und junge Mnner erbarmungslos erschlagen und die Herden
weggetrieben. Jeder Krieger wollte es dem andern an Blutdurst und
Grausamkeit noch zuvorthun. Ganze Familien wurden umringt und
niedergespeert; Unglckliche, die auf die offene Ebene sich flchteten,
gleich einem Wild verfolgt und zusammengehauen; drei- oder vierjhrige
Kinder, welche auf Bume geklettert waren, herabgeschossen, wie man Vgel
vom Baume schiet. Nach Verlauf von zwei Stunden verlie das Heer wieder,
mit Beute beladen, das verwstete Thal. Da, wo die Sttte eines
friedlichen Ackerbaus gewesen, wo glckliche Menschen gewohnt, hrte man
nur das Knistern der zusammenbrechenden, niedergebrannten Balken und das
Schreien der Geier, die, vom Leichengeruch angelockt, aus weiter Ferne
herbeigezogen kamen. Das ist der abessinische Krieg, so war er einst, so
war er bis heute unter Theodoros: Ueberfall, Mord, Raub, Schlchterei -
selten eine offene Feldschlacht kennzeichnen ihn.

Das Nachtlager der siegreichen Armee bot einen teuflischen Anblick dar.
Ueberall flammten die Feuer, bluteten die geschlachteten Schafe, wieherten
laut die Rosse, brllten siegestrunken die Krieger oder weinten leise die
gefangenen Gallamdchen. Die Speere und Schilde der grimmigen Krieger,
welche ihre Hnde in das Blut unschuldiger Kinder getaucht hatten,
funkelten durch die Nacht; erst allmlig erstarb der wste Lrm, und die
Nacht deckte ihren dunklen Schleier ber die barbarischen Scenen des
Tages.

Nach dieser blutigen Fehde hielt der Knig seinen triumphirenden Einzug
erst in Angollala, dann spter in der Landeshauptstadt Ankober, welche er
seit der Ankunft der britischen Gesandtschaft in Schoa nicht besucht
hatte. Erwartet von der gesammten Priesterschaft und den Einwohnern, von
den kniglichen Pauken und den Staats-Sonnenschirmen, seinen Kriegern,
Generalen und der britischen Gesandtschaft geleitet, zog er in die
jubelnde Stadt ein, deren Dcher, Palissadenzune und Straen mit einer
dichten Menschenmasse erfllt waren. Der Lrm und die Musik dauerten so
lange an, bis der Knig und sein Gefolge den steilen, gewundenen Pfad zum
Palaste hinaufgestiegen, die neun Thorwege passirt und im innersten
Hofraume Platz genommen hatte. Hier lie sich Se. Maj. in einem erhhten
Alkoven, seinem Throne, nieder; dann ertnte wieder die groe Pauke und
dreihundert im Hofe sitzende Kebsweiber begannen in die Hnde zu
klatschen, whrend eine Tnzerin vor dem Herrscher ihre Sprnge machte und
ein selbst gedichtetes Lied zu dessen Lobe sang. Wenn sie einen Vers
geendigt und z. B. gesagt, da der Frst, der stets ber seine Feinde
triumphirt hatte, niemals seine knigliche Stirn mit einem schneren
Siegeskranze geschmckt htte als gerade jetzt, wandte sie sich nach der
Menge um. Mit lautem Geschrei fiel diese als Chorus in ihren Vers ein. Die
Krieger heulten dann laut vor Freuden, die Groen des Reichs, die
Huptlinge, Gouverneure und Generale klatschten in die Hnde und die vor
dem Palaste versammelte Menge erwiderte mit lautem Jubelgeschrei diesen
Siegesjubel, whrend, um die Freude voll zu machen, die britischen
Artilleristen ihr Geschtz abbrannten.

  [Illustration: Siegesfest in Ankober. Nach M. Bernatz.]

Am Tage des Erzengels Michael, dessen Kirche unmittelbar neben dem Palaste
steht, nahm um Mitternacht Sahela Selassi das heilige Abendmahl und
stattete Gott ein Dankgebet fr den errungenen Sieg ab. Die Bundeslade,
die ihm im Kriege Glck gebracht, wurde wieder in feierlicher Prozession
an ihre alte Stelle in der Michaelskirche gesetzt und den Armen reichlich
Almosen gespendet. So schlo das Siegesfest.

Mit Erlaubni des Knigs unternahm die britische Gesandtschaft
verschiedene Streifzge durch das Land, namentlich in die nrdlichen
Galladistrikte. Heimgekehrt nach Angollala kam sie ihrem Ziele, dem
_Abschlusse eines Handelsvertrages_ mit Schoa, immer nher, gegen den der
Knig sich anfangs sehr gestrubt hatte. Die Artikel wurden sauber auf
Pergament aufgesetzt und ein Tag zu dessen Unterzeichnung bestimmt.

Zur bestimmten Stunde lagerte Se. Maj. im Alkoven, umgeben von den
Wrdentrgern seines Reiches. Das knstlerisch ausgestattete Dokument, auf
dem die heilige Dreieinigkeit als Schoa's Wappen und das kniglich
englische Siegel angebracht waren, wurde vor Sahela Selassi in englischer
und amharischer Sprache verlesen. Unter den 16 Artikeln befanden sich auch
solche, welche eine frmliche Umwlzung in vielen der bisher in Schoa
geltenden Anschauungen hervorbrachten. So wurde das Recht der Krone, das
Eigenthum fremder im Lande verstorbener Personen ohne Weiteres sich
aneignen zu knnen, aufgehoben, viele Monopole beseitigt und den Fremden
gestattet, wieder nach dem Besuche des Landes in ihre Heimat zurckkehren
zu drfen, was vorher nicht der Fall war. Tekla Mariam, der knigliche
Notar, kniete mit dem aufgerollten Dokumente vor dem Lager Sahela
Selassi's, dem er die Feder zum Unterschreiben der Stelle darreichte,
welche lautet: "So geschehen und beschlossen zu Angollala, der
Galla-Hauptstadt Schoa's, zum Zeichen dessen wir unsere Unterschrift und
Siegel hier beisetzen, Sahela Selassi, Negus von Schoa, Ifat und der
Galla." In Gegenwart hoher Beamten drckte dann der Schreiber noch das
knigliche Siegel - ein Kreuz, um welches das Wort Jesus geschrieben ist -
unter den Handelsvertrag, der dem Kapitn Harris vom Knige mit folgenden
Worten eingehndigt wurde: "Ihr habt mich mit kstlichen Geschenken
erfreut. Das Gewand, welches ich trage, der Thron, auf dem ich sitze, die
vielen Merkwrdigkeiten in meinen Magazinen, die Flinten, welche in der
groen Halle hngen, sie stammen alle aus eurem Lande. Was kann ich euch
dagegen bieten? Mein Knigreich ist so viel wie Nichts."

Kurze Zeit darauf wurde der Knig, dessen Lebenswandel nicht der solideste
war, wieder einmal sehr krank und lie die englischen Aerzte rufen, um ihn
zu kuriren. Jammer und Elend mochten sein Herz erweichen und er fate,
gleichsam um die Vorsehung mit sich zu vershnen, den Entschlu, alle
seine mnnlichen Verwandten, die er bisher im Staatsgefngni zu Gontscho
bei Ankober gefangen hielt, zu befreien und auf diese Weise einen Damm zu
durchbrechen, den eine barbarische Sitte seiner Vorfahren um den Thron
errichtet hatte. Die Knige von Schoa nmlich hatten, nach erlangter
Unabhngigkeit von den brigen Abessiniern, es zur Gewohnheit gemacht, da
Jeder von ihnen bei seiner Thronbesteigung alle seine Brder in ein
Staatsgefngni einsperrte, und nur die Schwestern, von denen keine
Mitbewerbung um den Thron zu frchten war, behielten ihre Freiheit. Da in
einem despotischen Staate wie Schoa sich allerdings eine solche Maregel
empfehlen konnte, geht aus der frheren Regierungsgeschichte des Knigs
Sahela Selassi hervor, da einer seiner Brder, der die Freiheit behalten
und sich dem Klosterleben gewidmet hatte, selbst das Mnchsgewand dazu
benutzte, um hier und da im Lande Revolutionen anzustiften. Die Knige von
Schoa nahmen bei jener barbarischen Sitte nur das Verfahren der
sogenannten salomonischen Dynastie in Abessinien im Allgemeinen sich zum
Muster, und erst im vorigen Jahrhundert wurde diese Sitte in Amhara und
Tigri abgeschafft. _Seitdem herrschte aber dort auch bestndiger
Brgerkrieg._

Das war das letzte bemerkenswerthe Ereigni, welches die britische
Gesandtschaft whrend ihres Aufenthaltes in Schoa niederzuschreiben hatte,
denn bald darauf erfolgte ihre Abberufung.

Durch einen in England eingetretenen Ministerwechsel war die Gesandtschaft
in Schoa unfreundlich berhrt worden, indem die neue Tory-Regierung einer
Fortsetzung der Verbindung mit Schoa ungnstig war und die Gesandtschaft
zurckberief. Kapitn Harris hatte jedoch sich gegen die Zurckberufung
gestrubt und sich angeboten, ohne seinen Gehalt als Gesandter mit seiner
bloen Pension als Kapitn der Artillerie in Ankober zu bleiben. Da keine
Antwort hierauf eintraf und die Gesandtschaft an allen Mitteln Mangel
litt, mute Kapitn Harris sich endlich im Februar 1843, nachdem er 18
Monate in Schoa verweilt, zur Umkehr entschlieen. Erst in der
Grenzstation Farri erhielt er von der Regierung in Bombay Gegenbefehl;
allein es war nun zu spt, da keiner auer Harris selbst Lust zur Umkehr
sprte. In Erwiederung auf jene glnzenden Gaben, die der Knig von Schoa
von England erhalten, schickte dieser nun der Knigin Viktoria ein
hbsches Maulthier, einige naturhistorische Merkwrdigkeiten und einige
Gold- und Silberarbeiten als Industrieerzeugnisse seines Landes zu
Gegengeschenken. Auf Verlangen der Gesandtschaft hatte Sahela Selassi
derselben auch zwei seiner Soldaten als Boten mitgegeben, um die
freundschaftlichen Gesinnungen, die man von ihm erwartete, der britischen
Regierung auszudrcken.

Noch einige Jahre lebte Sahela Selassi, dessen Ruf durch verschiedene
Reisende durch ganz Europa drang; dann segnete er das Zeitliche und
erhielt in Hailu Melekot einen weit weniger energischen Nachfolger. Nicht
allein, da die Galla gegen diesen mit erneuerter Macht auftraten und
seinen Thron erschtterten - sondern die Selbstndigkeit Schoa's ging
unter ihm zeitweilig verloren, indem im Jahre 1856 die neu aufgegangene
Sonne, Theodoros II., den Staat mit Gesammtabessinien vereinigte. Erst als
dieser in den Krieg mit England verwickelt wurde, gelang es dem Enkel
Sahela Selassi's, dem jungen Menilek, seine Krone wieder zu erlangen. Der
folgende Abschnitt, welcher die so merkwrdige neueste Geschichtsepoche
Abessiniens behandelt, giebt darber Auskunft.





  [Illustration: Sdwestfront des Gemp in Gondar. Nach einer
  Originalzeichnung von E. Zander.]





                   THEODOROS II., NEGUS VON AETHIOPIEN.


      Bewegte Jugend. - Der Emporkmmling. - Schlacht von Debela und
    Knigskrnung. - Rebellenkriege. - Reformen. - Abessinische Heere
         und Kriegspraxis. - Verwicklungen mit den Missionren. -
    Gefangennahme Cameron's und Streitigkeiten mit England. - Magdala.
    - Beginn der englischen Invasion. - Erstrmung von Magdala und Tod
                   Theodor's. - Rckzug der Englnder.


Im uersten Westen Abessiniens, angrenzend an das den Aegyptern
unterthane Gebiet, liegt die Provinz _Koara_, bekannt durch die besondere
Sprache, welche, abweichend von derjenigen des brigen Landes, ihre
Bewohner reden. Dort sowol als in dem benachbarten Frstenthum Sana
regierte seit alten Zeiten eine adlige Familie, die im Beginn dieses
Jahrhunderts durch den Detschas Hailu Mariam reprsentirt wurde. Seine
Frau, die sich rhmen konnte, aus noch vornehmerem Geschlechte
abzustammen, da sie mit der "salomonischen Dynastie" verwandt war, gebar
ihm im Jahre 1820 einen Sohn, der _Kasa_ genannt wurde. Gewi war es dem
Knaben, der spter den Namen Theodor II. fhrte, nicht an der Wiege
gesungen, da er einst ber ganz Aethiopien als Negus herrschen und seine
Widersacher niederwerfen werde; denn obgleich aus herzoglichem Geschlecht,
bezeichneten seine frhesten Jahre doch das Elend und die Noth. Beim Tode
seines Vaters theilten die Verwandten das Erbtheil Kasa's unter sich und
zwangen die aus kniglichem Blute entsprossene Mutter, sich durch den
Verkauf von Heiltrnkchen und Kusso (dem Mittel gegen den Bandwurm) zu
ernhren. Der Knabe aber fand im Kloster Tschankar am Tanasee, sdlich von
Gondar, Aufnahme, um sich dort zum Debtera heranzubilden. Da er dort den
Studien fleiig obgelegen und erlernt hatte, was man in Abessinien
erlernen kann, dafr zeugt seine sptere Laufbahn, in welche der arme
Student der Gottesgelahrtheit durch einen Zufall hineingefhrt wurde. Es
war zu Anfang der vierziger Jahre, als wieder einmal ein Rebell die
Provinz Dembea heimsuchte und sengend und brennend von Ort zu Ort zog.
Auch das Kloster Tschankar wurde berfallen und dort ein Blutbad
angerichtet, dem der junge Kasa nur mit Mhe entkam. Mit einem Haufen
Abenteurer durch das Land ziehend, fhrte er ein Ruberleben und schwang
sich bald zum Befehlshaber derselben empor. Durch glckliche Erfolge khn
gemacht, beschlo er, sich eine Provinz zu erobern, und fiel zunchst ber
Dembea her, wo damals die kluge und grausame Frstin _Menene_, die Mutter
des Ras Ali, herrschte. An der Spitze ihrer Truppen stellte sich die
beherzte Frau dem jungen Rebellen entgegen; doch das Schicksal entschied
gegen sie. Geschlagen wute sie doch dem Unheil noch die beste Seite
abzugewinnen und den Kasa an sich zu fesseln, indem sie ihm ihre Enkelin
_Tsubedsche_, die Tochter des Ras Ali, zur Frau gab. Dem Muthigen hilft
das Glck! dachte Kasa, in dessen Kopf nun groartige Plne sich zu
entwickeln begannen; die Aegypter hatten Galabat erobert und gegen die
Hauptstadt dieser Provinz, Metemm, richtete er nun seinen ersten Angriff.
Es war gerade Markttag, als er heranrckte und mit seinen Gefhrten den
Ort berfiel, ausplnderte und mit groer Beute sich zurckzog. Indessen
die Rache folgte auf dem Fue. Kasa gerieth am Flusse Rahad zwischen zwei
Compagnien regulrer gyptischer Infanterie und wurde grndlich
geschlagen. Seine Bande zerstreute sich und er selbst flchtete mit einer
Kugel in der Schulter in das Innere des Landes. Von Allen verlassen,
hlflos und ohne die geringsten Mittel wandte er sich nun an die Frstin
Menene; allein diese wies ihn spttisch zurck und ihr General, der
Detschas Underad, wagte es sogar, ihn wegen seiner Herkunft als Sohn einer
Kussoverkuferin zu verspotten. Da ergrimmte Kasa, sammelte Anhnger und
schlug Menene sammt ihrem General, die gefangen wurden. Als man sie vor
ihn fhrte, redete er sie folgendermaen an: "Liebe Leute! Wie ihr ganz
richtig bemerkt habt, bin ich der Sohn einer Kussoverkuferin und ihr
erinnert mich, da meine Mutter heute noch Nichts abgesetzt hat. Macht
diesen Fehler gut und trinkt geflligst diese Flasche aus." Und damit
zwang er sie, das abscheulich schmeckende, krftig wirkende
Abfhrungsmittel zu verschlucken.

Nun war Kasa Herr von Dembea und Gondar, wo sein Einflu von Tag zu Tag
wuchs. Als darauf, um ihn niederzuwerfen, sein eigener Schwiegervater, Ras
Ali, gegen ihn auszog, wurde auch dieser besiegt und mute 1852 nach Debra
Tabor, spter zu den Galla fliehen. Kaum war dieser aus dem Felde
geschlagen, so rckte der Detschasmatsch _Goschu_ aus Godscham gegen Kasa
vor, um den Emporkmmling zu zchtigen. Wieder wandte sich das Geschick
und Kasa, an den Ufern des Tanasees geschlagen, flchtete in ein Maisfeld.
Ihm nach sprengte Goschu, laut ausrufend: "Wer fngt mir diesen Vagabunden
ein?" Kaum hatte er die Worte gesprochen, als ein wohlgezielter Schu
Kasa's ihn niederstreckte, der nun, aus seinem Verstecke hervorspringend,
Goschu's Truppen zurief: "Schaut, euer Frst ist hin, und ihr seid Hunde,
was wollt ihr machen?" Entmuthigt durch den Tod ihres Fhrers streckten
die meisten die Waffen und der Rest fiel unter dem Schwerte der wieder
gesammelten Truppen Kasa's. Mit dem Falle dieses letzten Huptlings hatte
Kasa das ganze centrale Abessinien sich unterworfen und nur noch Schoa und
Tigri waren unbesiegt. In ersterem Staate herrschte unabhngig _Hailu
Melekot_, der Sohn Sahela Selassi's, in letzterem der alte _Ubi_. Der
nchste, welchen das Schicksal betreffen sollte, war Ubi, doch mute Kasa
mit diesem alten schlauen Greise anders zu Werke gehen, als mit den
brigen Gegnern. In Adoa, Ubi's Hauptstadt, spielten damals die
katholischen Missionre, namentlich de Jacobis, eine groe Rolle, welche
den alten Ubi ganz fr sich eingenommen hatten und ihm Frankreichs Schutz
zusagten, whrend sie den Abuna Abba Salama zu verdrngen suchten. Hierauf
baute Kasa seinen Plan. Um den Kirchenfrsten, der durch die Katholiken
seine Macht immer mehr geschmlert sah, auf seiner Seite zu haben, lie er
ihn von Adoa nach Gondar kommen und versprach ihm, wenn er ihn zum Knige
krnen wolle, die Katholiken zu vertreiben. Der Vertrag wurde geschlossen,
die Katholiken zuerst aus Amhara verjagt und Ubi aufgefordert, sich zu
unterwerfen und Tribut zu bezahlen. Allein dieser, der 25 Jahre lang im
Schoe des Glcks gesessen und an sein Ende nicht glauben mochte, lie es
auf eine Entscheidung durch die Waffen ankommen.

Gro und bedeutend waren die Vorbereitungen, die von beiden Seiten zum
Feldzuge getroffen wurden, denn der Tag, welcher ber Abessiniens Zukunft
entscheiden sollte, war gekommen.

Ueber die Hochebene von Woggara rckte im Januar 1855 das Heer des
Emporkmmlings nach Semin vor; ihm entgegen zog von der Enderta her der
alte Ubi. Immer hher winden sich die Truppen in die Alpenpsse hinauf,
immer schneidender wird die Luft dort oben und der Schnee lt seine
weien Flocken auf die braunen, leichtgekleideten Krieger herniederfallen,
die in gedeckter Stellung am Fue des mchtigen Bachit sich treffen und
zgernd einander beobachten. Hier das Alter, die Erfahrung und eine
erprobte Macht; dort die Jugend, die Thatkraft und die Siegesgewiheit,
welche rasche Erfolge und Glck verliehen haben. Schon zaudert man
wochenlang - da bricht mit einem Male - es war am 9. Februar - Ubi mit
seiner gesammten Streitmacht auf. Beim Dorfe _Debela_ kommt es zur
entscheidenden Schlacht, in der Ubi's Heer vernichtet, er selbst
gefangen, einer seiner Shne getdtet wurde. 7000 Flinten und zwei vom
Knige Ludwig Philipp geschenkte Kanonen nebst einem Schatz von 60,000
Thalern fielen mit der kurz darauf folgenden Einnahme der Festung Amba Hai
in die Hnde des glcklichen Kasa, der nun am Ziele seiner Wnsche
angelangt war.

Nicht fern von der Wahlstatt steht die von unserm Landsmann Eduard Zander
erbaute Kirche _Debr Eski_. Dorthin begab sich schon zwei Tage nach der
Schlacht, umringt von seinen Generalen und gefhrt vom Abuna, der
siegreiche Sohn der armen Kussohndlerin. Sein Stern war glnzend
aufgegangen und dem glcklichen Krieger fuhr der Gedanke durch die Seele,
da er berufen sei, das groe thiopische Reich wieder aufzurichten. Er
glaubte sich zu hohen Dingen auserkoren. Ging doch unter den abessinischen
Christen die alte Sage, es werde einst ein Kaiser _Tadros_ (Theodoros)
erstehen, um den Glanz Aethiopiens wieder herzustellen, das Land gro, das
Volk frei und glcklich zu machen; er sei vom Himmel dazu bestimmt, die
Muhamedaner zu berwltigen und Mekka sammt Medina zu zerstren. Daran
anknpfend, lie sich nun Kasa vom Abuna Salama in der Kirche zu Debr
Eski am 11. Februar 1855 zum Negus ber Aethiopien krnen, wobei er den
Thronnamen Theodor II. annahm. De Jacobis und die Katholiken muten nun
unter Androhung der Todesstrafe schleunig das Land rumen.

Nachdem Theodor nothdrftig durch Einsetzung eines Statthalters sein
Ansehen in dem noch keineswegs ganz unterworfenen Tigri hergestellt,
beschlo er, zunchst Schoa zu unterjochen, wozu theologische
Spitzfindigkeiten, nmlich die Frage von den zwei oder drei Geburten
Christi (vergl. S. 112) den Vorwand hergeben muten. Durch Wollo-Galla zog
er auf Schoa zu, dessen schwacher Knig, _Hailu Melekot_, an einem
entscheidenden Tage die Krone verlor und bald darauf starb. Nachdem noch
die Provinz Godscham von Rebellen gesubert war, hielt der siegreiche
Frst im Mai 1856 seinen feierlichen Einzug in die alte Kaiserburg zu
Gondar. Nominell reichte jetzt sein Land, das den Kern des alten
thiopischen Reichs umfate, vom Hawaschflusse bis zur Samhara. Aber es
htte nicht Abessinien heien mssen, um Ruhe zu haben: von allen Seiten
regte es sich, um den Knig wieder niederzuwerfen, und der Brgerkrieg
brach mit seiner ganzen Wuth von Neuem in Tigri aus.

Ein Neffe des entthronten Ubi, _Agau Negusi_, setzte sich im
nordwestlichen Tigri fest und vertrieb den Statthalter Theodor's. Negusi
war ein gutmthiger, lwenherziger Jngling, dem es nur an festem Willen
fehlte. Fnf Jahre lang war er Herrscher ber Tigri an der Spitze einer
glnzenden Armee, weil Theodor von Ahmed Beschir, der sich an die Spitze
der ruberischen Galla gestellt, nicht loskommen konnte. Unterdessen
knpfte Negusi mit Frankreich Verbindungen an, stand in nchster Beziehung
zu den franzsischen Agenten in Massaua und zu dem Bischof de Jacobis,
welchem, wie wir gesehen haben, das Betreten des abessinischen
Territoriums bei Todesstrafe verboten war. Ein Brief Negusi's an Herrn von
Lesseps, in welchem er anbietet, sich Frankreich unterwerfen zu wollen,
wurde in Massaua verfat, und Negusi soll kaum soviel Kunde davon gehabt
haben, als von der Abschickung einer Gesandtschaft nach Frankreich, durch
welche den Franzosen unter der Bedingung, da sie ihn beim Umsturz der
jetzigen Dynastie begnstigen wollten, die Bai von Adulis und die Insel
Dessi geschenkt wurden. Ein Kapitn Russel mit einigem Gefolge wurde
sofort von Paris nach Massaua geschickt, um mit dem "Empereur Negousi" zu
verhandeln, der stndlich auf die versprochenen franzsischen Hlfstruppen
sammt Waffen wartete. Diese erschienen jedoch nicht. Nachdem Russel's
Ankunft bekannt geworden, ging er nach Halai, dem Grenzorte zwischen
Abessinien und dem Kstenlande, wo Jacobis seit seiner Vertreibung wohnte.
Allein die Anhnger Theodor's setzten ihn, da mittlerweile Negusi
geschlagen war, gefangen, und nur auf Jacobis' Garantie wurde er
freigelassen, allein unter der Bedingung, da er dessen Haus nicht
verlasse. Doch Russel entfloh in der Nacht des 5. Februar 1860, wodurch
Jacobis in groe Verlegenheiten gerieth. Dieser blieb einen Monat in
schmhlicher Gefangenschaft, mute ein Lsegeld bezahlen und starb kurz
nach seiner Rckkehr nach Massaua infolge der Strapazen. Damit hatte die
glnzende franzsische Intervention ihr Ende.

Der Untergang und Fall Negusi's selbst war ein hchst tragischer. Als
Theodoros Zeit fand, nach Tigri zurckzukehren, entzog sich Anfangs
Negusi durch eine khn ausgefhrte Bewegung seiner Verfolgung; er nahm den
Rckzug, weil er wute, da seine Soldaten sich nie gegen Theodoros
schlagen wrden. Im folgenden Jahre, 1861, kam der Knig abermals ber den
Takazzi und diesmal erwartete ihn Negusi mit einem an Tchtigkeit
berlegenen Heere; er erklrte als ein guter Ritter auf seinem Rosse
siegen oder sterben zu wollen. Aber sein Heer, das fnf Jahre mit ihm
gezecht hatte, lie ihn im Stich. Ein panischer Schrecken ging durch das
Lager; Theodor erlie eine Proklamation, worin er jedem Soldaten Pardon
anbot. Auf dieses hin zerstreute sich das Heer und Negusi wurde sammt
seinem Bruder Tesama auf der Flucht gefangen genommen. Theodoros lie sie
vorfhren und beiden die linke Hand und den rechten Fu abhauen, und um
die Schmerzen noch qualvoller zu machen, verbot er, ihren brennenden Durst
zu lschen. Tesama starb noch an demselben Tage. Negusi lebte bis zum
dritten Tage und man machte seinen Leiden durch einen Lanzenstich ein
Ende. Die Kirchen strmten vom Blute der Hingerichteten und als eine
Deputation der Geistlichen in Axum vor Theodor erschien, uerte dieser:
"Ich habe einen Bund mit Gott abgeschlossen, er hat versprochen mich auf
Erden nicht zu schlagen; ich dagegen habe gelobt, nicht in den Himmel zu
steigen und ihn zu bekmpfen!"

Nachfolger Negusi's als Gegenknig und Rebell wurde ein gewisser _Marit_,
der jedoch im Oktober 1861 durch den _alter ego_ des Kaisers Theodor, den
Detschas Salu von Tigri gefangen und in Ketten gelegt wurde. Die Waffen
erhielten diese Rebellen durch einige Oesterreicher ber Aegypten und
Massaua.

Doch diese ganze Emprung ist ein gewhnliches Stck abessinischer
Geschichte, wobei nur die dem Negusi zugeschriebene Bedeutung auffllt,
whrend dieses doch nicht der Mann war, um einem Theodor, dessen Namen
allein ein Heer in die Flucht jagte, gegenber gestellt werden zu drfen.
Von groer Wichtigkeit und erheblichen Folgen wurden jedoch einige
Episoden dieses Emprungskrieges, der Theodor seiner besten europischen
Freunde beraubte.

Kurz vor dem Emporkommen Theodor's errichtete die britische Regierung ein
Konsulat in Massaua, und um den Verkehr mit Abessinien in regelrechten
Gang zu bringen, knpfte der Konsul _Walther Plowden_ freundschaftliche
Beziehungen mit dem mittlerweile ans Ruder gelangten Theodoros an, wodurch
er hoch in des neuen Herrschers Gunst stieg. Er begab sich an seinen Hof
und trug dazu bei, Theodor's Vorliebe fr europische Sitten und
europisch aussehende Reformen zu nhren. Auf vielen seiner zahllosen
Kriegszge begleitete ihn der englische Konsul ebenso getreu, wie auf
seinen Jagdzgen und bewies sich, sehr verschieden von der reservirten
Haltung britischer Diplomaten an anderen Hfen, als der wrmste und
thtigste Parteignger des Knigs. Fnf Jahre lang war er der intimste
Freund Theodor's, bis ihn, zum Schmerze des Frsten, im Beginne des Jahres
1860 die Kugel eines aufstndischen Soldaten, der dem Rebellencorps der
Gebrder Garet angehrte, niederstreckte. Noch nher ging dem Knige der
Tod des Irlnders _John Bell_, der ein Jgerleben am Blauen Nil gefhrt
und eine schwrmerische Zuneigung zu Theodor gefat hatte, soda er gleich
einem Hunde des Nachts vor dessen Zeltthr schlief. Gern hrte ihn der
Frst ber das Finanzwesen und die Regierungsform der verschiedenen
europischen Staaten sprechen, um Lehren fr sich daraus zu ziehen. Bell
wurde zum Likamankuas, d. h. zum Trger des kniglichen Kleides in der
Schlacht gemacht, eine Ehre, die nur vier Offizieren widerfhrt, die sich
ganz wie der Knig kleiden mssen, damit der Feind den wirklichen Knig
nicht unterscheiden knne. Bei der Verfolgung der Rebellen, welche Plowden
ermordet hatten, befand sich auch Bell an der Seite Theodor's, der die
feindlichen Gebrder Garet in der Nhe von _Dobarek_, da, wo die
Hochebenen von Wogara sich an Semin anschlieen, einholte.

Garet, der sich auf keine andere Weise zu retten wute, rief seinen Bruder
und einige Begleiter zu sich und ritt in gestrecktem Galopp auf Theodor
zu, der von Bell und einigen Offizieren umgeben, der Truppe vorausgeeilt
war. Als Garet sich in Schuweite befand, hielt er an, zielte und feuerte.
Der Negus wurde unbedeutend an der Schulter verwundet. In diesem
Augenblick gab Bell Feuer und jagte dem verwegenen Garet eine Kugel durch
den Kopf, erhielt aber gleichzeitig einen Lanzenstich durch die Lunge,
infolge dessen er todt zusammenbrach. Nun gab auch Theodor Feuer und
streckte den jngeren Garet nieder. Die Wuth und der Schmerz des Knigs
ber den Verlust seines getreuen Dieners berstieg alle Grenzen und
Garet's ganzes gegen 1700 Mann starkes Corps, das sofort die Waffen
streckte, wurde enthauptet. Der Reisende, der heute ber die Ebene von
Wogara bei Dobarek zieht, sieht dort das Feld noch weit und breit mit
Menschengebeinen berst, den Zeugnissen der schauderhaften Rache, welche
Theodor an den Mrdern seines Lieblings genommen (vergl. oben S. 203). Und
doch war dieser Akt noch weit weniger grausam, als die frher bliche
Bestrafung der Kriegsgefangenen, die man entmannte. Hochverrther wurden
nach Isenberg's Zeugni frher ffentlich bei lebendem Leibe geschunden,
das Fleisch dann in kleine Stcken zerhackt und den Hunden vorgeworfen;
die Haut aber gerbte man und machte Trommelfelle daraus. Alle diese
barbarischen Strafen schaffte Theodoros Anfangs ab, aber die fortwhrenden
Unruhen zwangen ihn, spter wieder darauf zurckzukommen, und das Blut
flo auch unter Theodor in Strmen.

Die inneren Feinde waren so allmlig niedergeworfen, dafr trat jedoch von
auen ein weit mchtigerer Widersacher, _England_, auf. Ehe wir jedoch
hierzu bergehen, ist es nothwendig, noch einen Blick auf Charakter und
Persnlichkeit, wie auf die reformatorischen Bestrebungen des Negus zu
werfen, der jedenfalls _ein ganz bedeutender Mensch_ in seiner Weise war,
eine seltene und groartige Erscheinung in Abessinien, die allerdings mit
europischem Mastabe nicht gemessen werden darf.

"Theodoros", so schrieb 1862 Lejean, "mag etwa 46 Jahre alt sein. Er ist
von mittlerem Wuchs und wohlgestaltet, hat einen offenen sympathischen
Gesichtsausdruck, gut entwickelte Stirn, kleine, lebhafte Augen und eine
fast schwarze Gesichtsfarbe. Nase und Kinn erinnern an den jdischen
Typus. Er ist aus Koara gebrtig und ich halte ihn fr einen Agow oder
Gamanten; fr einen Aethiopier von reinem Blute ist Theodoros zu
dunkelfarbig. Seine uere Erscheinung imponirt, sie zeigt, da er in der
That ein Mann von groer geistiger Regsamkeit und unermdlicher
Kraftentwicklung ist, und er bildet sich auch hierauf etwas ein. Er
vertreibt sich gern die Zeit damit, an steilen Hgeln herab- und
heraufzuklimmen und dann erfordert die Etikette, da seine Umgebung ein
Gleiches thue. Auf dem Pferde bewegt er sich wie ein argentinischer Gaucho
und seine Rosse zittern buchstblich, wenn sie ihn kommen sehen. Sein
Kriegsruf ist wie bei allen abessinischen Huptlingen: Abba Senghia, d. h.
Vater der Pferde. Fr gewhnlich trgt er sich hchst nachlssig; als
tchtiger Soldat verachtet er ein geschniegeltes Wesen, kleidet sich wie
ein gewhnlicher Offizier, Kopf und Fe sind unbedeckt. Aber auf einen
Schmuck der Krieger legt er Werth; er lt das Haar in drei lange Flechten
legen, welche auf die Schulter herabfallen, und trgt ein weies
Stirnband." Ausgenommen seine erste Frau, Tsubedsche, hat nie ein Weib
Einflu auf sein Leben gehabt. Diese aber, die Tochter seines Widersachers
Ras Ali, liebte er leidenschaftlich, und als er sie im Jahre 1858 verlor,
war er kaum zu trsten. Ganz anders ging es seiner zweiten Frau,
_Toronesch_, einer Tochter Ubi's, die er geheirathet, um sich mit der
Familie dieses einst mchtigen Frsten auszushnen. Er verstie sie
einmal, und Bell, der interveniren wollte, um Skandal zu verhten, erhielt
eine gehrige Ohrfeige. Der Fortbestand seiner Dynastie lag dem Knig
Theodoros nicht minder am Herzen als einem europischen Frsten, und er
behauptete, da wenigstens einer seiner Shne ans Ruder kommen msse,
"denn die Propheten htten nicht gelogen". Sein lterer Sohn, von der
Tsubedsche, war ein durchaus verkommener, mirathener Mensch, den der
Vater eines schnen Tages in einen Eselstall sperren lie, damit er dort
"_en famille_" sei. Der zweite jedoch, Detschas _Maschescha_, wurde 1862
zum Gouverneur von Dembea ernannt, wo er sich durch sein mildes Wesen so
beliebt machte, da Theodor es fr gerathen hielt, ihn abzuberufen. "Was
soll dies Buhlen um die Volksgunst? fragte er ihn. Willst du die Rolle des
Absalon spielen und den Vater vom Throne verdrngen?"

Das Auftreten Theodor's war meist theatralisch oder, wie die Abessinier
sagen, fakerer, d. h. ruhmredig. Gesten und Stimme waren berechnet und
Niemand wute besser als er den Prsidentensitz bei einer Versammlung
auszufllen. Seine brillante Beredtsamkeit verfehlte selten ihr Ziel und
seine Briefe sind Muster der amharischen Sprache. Die halb klsterliche
Erziehung, die er in Tschankar erhalten, hatte noch Spuren hinterlassen,
und so galt der Knig fr einen sehr gebildeten Mann. Er war in der
Nationalliteratur bewandert und kannte die europischen Zustnde. Als
Probe seines Stils mge folgende von ihm eigenhndig niedergeschriebene
Proklamation gelten: "Von Menilek bis auf die jngste Zeit herab sind alle
Negus dieses Landes nur Histrionen gewesen, welche Gott weder um Geist
noch um Beistand baten, das Reich wieder aufzurichten. Als Gott mich,
seinen Diener, zum Knige erwhlte, sagten meine Landsleute: Der Flu ist
ausgetrocknet, es giebt kein Wasser mehr in seinem Bett. Und sie
beleidigten mich, weil meine Mutter arm war und nannten mich ein
Bettlerkind. Aber den Ruhm meines Vaters, den kennen die Trken, da er sie
von den Landesgrenzen bis in ihre Stdte zurckgejagt. Mein Vater und
meine Mutter stammen von David und Salomo, ja von Abraham, dem Knechte
Gottes, ab. Diejenigen aber, welche mich Bettlerkind schimpften, sie
betteln heute selbst um ihr tgliches Brot. Ohne den Willen Gottes knnen
weder Kraft noch Weisheit vor dem Untergange schtzen. Viele Groe dieser
Erde haben Bomben und Kanonen im Ueberflusse und sind doch unterlegen.
Napoleon hatte tausende und er ist besiegt worden. Nikolaus, der Negus der
Moskowiter, ist von Franzosen und Trken besiegt worden; er starb, ohne
da seines Herzens Wunsch in Erfllung ging."

Von der europischen Civilisation hatte Theodor eine hohe Meinung, von der
Moral der Europer jedoch nur eine sehr geringe, was auch nicht gut anders
der Fall sein konnte, da die meisten Europer, mit denen er zu verkehren
hatte, verdorbenes, hochmthiges Gesindel waren. So wild der Knig auch im
Kriege war, an sanfteren Regungen fehlte es ihm keineswegs. Er nahm sich
der Waisen an, sorgte fr sie durchs ganze Leben, verheirathete sie und
lie sie niemals aus dem Auge. Er liebte die Kinder auerordentlich und
kehrte sich, wie er sagte, von den falschen Hflingen ab, um sich an der
Unschuld jener zu weiden. Dabei war er freigebig im hchsten Grade,
gromthig und gerecht, aber auch unerbittlich streng, wo es darauf ankam.
"Ich selbst war Zeuge," schreibt Krapf 1856, "wie schon Nachts 2 Uhr
Scharen von Beschwerde fhrenden Leuten aus allen Theilen Abessiniens das
knigliche Lager umstanden und Dschan hoi! (o Majestt) riefen. Ich glaube
kein Knig in der Welt thut es ihm in dieser Beziehung gleich, und mute
mich nur wundern, wenn er es bei einer solchen angestrengten Thtigkeit
bei Tag und Nacht, in Sachen des Kriegs sowol, wie des Friedens aushalten
kann. Die Abessinier haben ihn aber auch bereits so lieb, da sie ihn mit
dem Knig David im alten Bunde vergleichen, und sie glauben, da die alte
Weissagung, wonach ein Knig Theodorus kommen und Abessinien gro und
glcklich machen, auch Mekka und Medina zerstren werde, sich zu erfllen
anfange."

Obgleich der Negus sein eigenes Volk verachtete und dessen Fehler recht
wohl kannte, so hat er nichtsdestoweniger redlich an der Verbesserung der
Lage desselben zu arbeiten versucht und, soweit den eingewurzelten
Mibruchen gegenber seine Kraft reichte, eine reformatorische Thtigkeit
entwickelt, die allerdings durch die fortdauernden Rebellionen auf groe
Hindernisse stoen mute. Durch die lange Anarchie waren alle Gesetze nur
todte Buchstaben geworden und die Kirche in die grten Mibruche
gerathen. Alle blen Folgen der todten Hand lasteten auf den Bauern und
Besitzern der Kirchengter. Gegen diese Mibruche trat nun Theodor mit
eisernem Willen auf; er erklrte die todte Hand als ein nationales Uebel
und annektirte alle Kirchengter der Krone, indem er der Geistlichkeit ein
gewisses Einkommen und den Klstern genug Land lie, um sich zu ernhren.
Auf die Einheit der Kirche hielt er dabei groe Stcke; doch war er
Fanatiker und befahl allen Muhamedanern in seinem Reiche, binnen zwei
Jahren Christen zu werden. Mit den Missionren, protestantischen wie
katholischen, die sich doch in die politischen Verhltnisse mischten,
wollte er nichts zu thun haben - er untersagte ihnen jegliche Thtigkeit.
Den Handel zu heben, hatte Theodor gleich nach seinem Regierungsantritte
alle die unzhligen Zollsttten von Gondar bis nach Halai aufgehoben, zwei
Pltze ausgenommen. Auch der Sklavenhandel und die Vielweiberei wurden
verboten, freilich ohne groen praktischen Erfolg. Sein Hauptplan war aber
immer, das groe thiopische Reich phnixartig aus der modernden Asche
wieder erstehen zu lassen. Hierzu brauchte er die Hlfe der Europer, und
darum verlangte er nach jenen Handwerkern, die ihm auch durch Krapf's
Vermittlung zugeschickt wurden. Jedenfalls war berall ein Fortschritt,
auch in der Justiz zu erkennen, soda 1862 Heuglin aus Abessinien in die
Heimat schreiben konnte:

"Die Zustnde in Abessinien im Allgemeinen lassen Manches zu wnschen
brig. Der Knig stt auf tausend Schwierigkeiten bei Einfhrung seiner
Reformen und mu mit eiserner Strenge verfahren, um nur einigermaen
Ordnung erhalten zu knnen, doch ist trotzdem, da ihm seine Kriegszge
keine Zeit lassen, viel fr Administration zu thun, auch manches sehr
Erfreuliche hier geschehen. Namentlich ist fr bessere Kommunikation
wirklich mit Erfolg an Straenbauten gearbeitet und dem Schreiber- und
Pfaffenunwesen mit einer Kraft Einhalt gethan worden, an der sich mancher
andere Herrscher ein Exempel nehmen drfte."

Soviel wie Theodor hatte vor ihm kein abessinischer Herrscher fr Land und
Volk gethan, keiner war aber auch mit so auerordentlichen Gaben des
Geistes ausgerstet, wie dieser bedeutende Mann, an dem andererseits
Jhzorn und Trunksucht sehr zu beklagen sind, da beide ihn oft zu
gewaltsamen, unberlegten Handlungen hinrissen. Wild und grausam blieb er
auch in seinem Lager- und Kriegsleben, das wir am besten kennen lernen,
wenn wir mit dem deutschen Reisenden _Steudner_, dem Begleiter Heuglin's,
einen Besuch im Lager des Knigs abstatten, der sich auf einem Feldzuge
gegen die Galla im Lande jenseit des hohen Kollogebirges befand.

Spt am Abend des 4. April 1862 erschien ein Bote bei Herrn von Heuglin,
um diesen einzuladen, beim Knige zu erscheinen. Der Geladene warf sich in
eine groe Uniform und wanderte, von Steudner begleitet, unter
Fackelschein ber Sturzcker zu dem kaiserlichen Zelte. In dem mit Wachen
umstellten engeren Lagerbezirke wurden die Reisenden aufgehalten, da im
Zelte des Negus erst eine lngere Berathung darber stattfand, ob Heuglin
auch mit dem Sbel an der Seite eintreten drfe. Nachdem dies bewilligt
war, wurden die Fremden feierlich in das Zelt eingefhrt, in welchem sie
Seine schwrzliche Majestt mit halb untergeschlagenen Beinen auf einem
alten auf der Erde ausgebreiteten Teppich sitzend fanden; neben ihm
kauerte sein Beichtvater, der Etscheg. Se. Majestt trug ein weies
abessinisches Gewand, dem man die Spuren langen Lagerlebens deutlich
ansah; er grte sehr artig, besonders Herrn von Heuglin, fand es jedoch
nicht fr nthig, sich zu erheben; dann lud er die Gste ein, neben ihm
Platz zu nehmen. Das Zelt war von groen Wrdentrgern und Eunuchen
berfllt; zur Linken des Knigs sa dessen Sohn Maschescha, und der Sohn
des gestrzten Knigs von Schoa, der zugleich mit Maschescha erzogen
wurde, der zweite Ras des Landes, Ras Engeda, und der Lagerkommandant
Bascha Negusi. Vor ihnen stand ein mit rothem Tuch bedeckter Meseb oder
Ekorb, aus welchem sie mit unvergleichlichem Appetite die Fastenspeise
verzehrten. Se. Majestt lie durch seinen Af sich erkundigen, was die
Reisenden essen wollten, Brundo (rohes Fleisch), Teps (halbgerstetes)
oder Fastenspeise. Der Af, d. h. der Mund, ist eine vertraute Person des
Knigs, zu welcher dieser spricht, um die Worte den Fremden zu
wiederholen, selbst wenn derjenige, an den sie gerichtet sind, sie
vernimmt. Man stellte es der Weisheit Theodor's anheim, mit was er seine
Gste bedienen wolle, und auf ein Zeichen erschien ein Meseb mit schnem
Tifbrot gefllt, um den die beiden Europer sich lagerten, whrend zwei
hohe Wrdentrger beordert wurden, sie zu fttern, d. h. abgerissene
Stcke Tifbrot in die rothe Pfeffersauce zu tauchen und ihnen diese in
den Mund zu praktiziren. Die Leute entledigten sich dieser Pflicht in
hchst liebenswrdiger Weise, indem sie mglichst groe Brotballen mit
mglichst viel brennender rother Pfeffersauce den Gsten in den Mund
steckten, welche das abessinische Gericht krampfhaft hinabwrgten. Nach
der Mahlzeit bediente sich Se. Maj. nicht mehr des Af, sondern wandte sich
unmittelbar an die Fremden und zwar in arabischer Sprache. Whrend der
Unterhaltung wurde Honigwein in schnen Punschglsern aus einer Bowle
servirt, die vom Gouverneur von Indien geschenkt war.

Theodor war damals sehr mit Regierungsgeschften berhuft und lie sich
mehrmals entschuldigen, da er die Reisenden nicht gleich offiziell
empfangen knne. Schon vor Sonnenaufgang begann vor dem kniglichen Zelte
das Dschan-hoi-Geschrei derjenigen, die Streitsachen vortragen und
Gerechtigkeit erflehen wollten. Hierauf folgten von Sonnenaufgang an die
Gerichtssitzungen, wobei das klatschende Gerusch der groen Knuten und
Stcke das Ergebni verkndigte, welches nicht selten in die frische
Morgenluft hinein hallte. Mehre Tage hindurch war der Negus damit
beschftigt, die im Lager mitgefhrten Herden zu zhlen. Nachdem dieses
knigliche Geschft, wobei 20,000 Rinder die Revue binnen zwei Tagen
passirten, vollendet war, erhielten die beiden Reisenden eine feierliche
Audienz zur Uebergabe der mitgebrachten Geschenke. Der Negus empfing sie
am Abhange eines Hgels, welcher das Centrum des Lagers bildete. Er sa
auf einer Alga, die mit einem prachtvollen, sehr groen Kaschmir bedeckt
war; darber lag noch ein mit indischer Goldstickerei berladener Teppich
ausgebreitet. Auf der Sonnenseite, sowie hinter dem Knige standen zwei
Schirmtrger, welche beide ungeheuer groe bunte Schirme auf 10 Fu hohen
Stben ber dem Haupte des Erlauchten hielten. Der Negus selbst war in
einen sehr feinen Margef gehllt und lehnte nachlssig auf der Alga, vor
welcher fr die beiden Europer gute Teppiche zum Niedersitzen
ausgebreitet waren. Diese befanden sich allein mit dem Frsten und seinen
schirmtragenden Kammerherren, whrend im Umkreise von 30 Schritt
Halbmesser andere dienstthuende Hofchargen standen, z. B. die
Peitschentrger mit langen Stcken in der Hand, um das neugierige Publikum
abzuhalten.

Nachdem Se. Maj. sehr bereitwillig Erlaubni zur Ueberreichung der
Geschenke ertheilt, wurden die Diener der beiden Reisenden herangerufen,
die mit gnzlich entbltem Oberkrper, die Gewnder um den Leib gegrtet,
mit den Gegenstnden erschienen. Jedes einzelne Stck mute dem Negus
gezeigt und dann vor ihm auf den Boden niedergelegt werden. Die Geschenke
bestanden aus mehreren Sammetteppichen, einem Revolvergewehr, einem sehr
schnen Revolver nach abessinischem Geschmack mit recht groem Kaliber,
zwei sehr guten langen gezogenen Pistolen, welche man mit angeschraubtem
Kolben auch als Prschbchsen benutzen konnte, einem Hirschfnger mit
vergoldetem und einem andern mit silbernem Griffe, einigen schn
gearbeiteten Dolchen mit vergoldeten Scheiden u. s. w. Se. Maj. geruhten
hierauf sich dankend ber die Geschenke auszusprechen. Im Laufe der
Unterhaltung sprach er seine Verwunderung darber aus, da die Trkei
bisher noch nicht von den christlichen Mchten erobert sei, ja da einige
derselben sie sogar gegen eine andere christliche Macht geschtzt htten,
wobei er bemerkte: "ein Reich, das sich nicht selbst regieren knne, habe
keinen Anspruch darauf, selbstndig zu existiren". Uebrigens erschien der
Knig sehr ermdet, war es doch der dritte Tag, an welchem er sich mit dem
anstrengenden Rinderzhlen beschftigt hatte, kein Wunder also, da seine
Nerven angegriffen waren. Abgesehen von dieser Mattigkeit erschien Knig
Theodor, ein Mann von etwa 40 Jahren, krftig, schlank, wenn auch nicht
gro. Seine Gesichtszge waren frei; in der Tracht unterschied er sich
kaum von seinen Unterthanen; wie diese ging er barhaupt und barfu in
dieselbe Schama gekleidet. Das Haar trug er als Krieger in mehrere, dicht
am Kopfe anliegende Zpfe geflochten.

So war der Mann beschaffen, der als Mittelpunkt des ganzen Lagers dastand,
welches sehr leicht aufgeschlagen wird. Will der Negus, der stets an der
Spitze seines Heeres marschirt, Halt machen, so lt er an einem passenden
Platze ein kleines scharlachrothes Zelt aufstellen, welches dann als
Mittelpunkt fr das ganze Lager dient. Dicht vor diesem, auf dem hchsten
Punkte wird das Kirchenzelt, welches niemals fehlen darf, errichtet. In
einiger Entfernung von diesem und stets - angeblich aus Demuth - tiefer
stehend, wird das sehr groe, aus dickem dunkelbraunem Mack bestehende
Zelt des Negus aufgebaut; zu beiden Seiten desselben standen zwei hnliche
fr die beiden Kniginnen; auf dem linken Flgel dann ein sehr groes Zelt
fr den kniglichen Marstall und die vier zahmen Lwen, diesem
entsprechend auf dem rechten Flgel gleichfalls ein groes Zelt fr die
knigliche Kche, dann das Zelt des Abuna Salama, durch eine stets vor der
Zeltthr errichtete Windwand kenntlich. Die Zelte der Anfhrer sind aus
weiem Baumwollenstoff in verschiedenen Formen gearbeitet; um diese herum
bildet sich ein weiter Kreis kleiner Htten, _Gotscho_, in welchen die
Leute eng zusammengepret liegen, um sich gegenseitig zu erwrmen. Eine
bestimmte und sehr praktische Form haben die Zelte der Schoaner; sie sind
aus starkem braunem Mack gefertigt, haben ein Rechteck zur Basis und zwei
Zeltstangen halten das Ganze an den beiden schmalen Ecken, whrend kurze
Schlingen am unteren Rande des Zeltes dazu dienen, die Pflcke
einzuschlagen. Auf diese Weise halten sie sich sehr gut, ohne da sie die
wegen der vielen herumlaufenden Thiere hchst unangenehmen Zeltstricke
nthig haben; auch im Innern bieten sie vielen Raum. Ueberall vor den
Zelten lodern Feuer, an denen die Frauen der Soldaten beschftigt sind,
fr diese Tifbrote oder rothe Pfefferbrhe zu kochen; zu anderen Zeiten
sieht man die Zeltstricke dicht mit groen Mengen in lange dnne Streifen
geschnittenen Fleisches behangen, welches an der Luft und der Sonne
trocknen soll. Reihen von Mgden und Dienern durchziehen von der
kniglichen Kche aus nach allen Richtungen das Lager, um groe, mit
rothem Tuch berdeckte Meseb oder Krbe voller Tifbrot und mchtige Krge
voll Honigwein nach den verschiedenen Zelten der Groen zu bringen, die
aus den kniglichen Vorrthen mit Trank und Speise versehen werden.

Noch bunter und lebendiger gestaltet sich das Bild, wenn das Lager
aufbricht. Zunchst werden die kleinen Gras- und Reisightten (Gotscho)
niedergebrannt, und hoch zum Himmel auf strebt der Rauch, die Sttte des
abgebrochenen Lagers bezeichnend. In den meisten Fllen fhrt der Negus,
von Kavallerie umgeben, den Zug an, dem in mehreren Heersulen das Gros
der Armee folgt. Lange Reihen von schwer beladenen Pferden, Maulthieren
und Eseln, die in dem futterarmen Hochlande Tag und Nacht der Klte und
Nsse ausgesetzt sind, ziehen, zu Skeletten abgemagert, dahin. Ohne die
geringste Ordnung schreiten Leute einher, die vorsichtigerweise whrend
des Tagemarsches eine Last Holz mitschleppen, um sich damit am Abend ein
wrmendes Feuer machen zu knnen; ihnen folgen Krieger in der einst
weien, jetzt schmuzigen Schama mit rothem Randstreifen und umwickelt mit
dem dicken abessinischen Leibgurt, in welchem der Schotel, d. h. der groe
krumme abessinische Sbel mit Nashorngriff in rother Scheide steckt; in
der Hand fhren sie die scharfgeschliffene Lanze oder ein
Luntenflintengewehr mit viereckigem Kolben. Dann ziehen munter plaudernd,
an dem Kochlffel erkenntlich, mit dem flachen Gilgit oder Proviantkorbe
auf dem Rcken, die Kchinnen, echte Lffelgarde, einher. Die kniglichen
Kchendamen sind an dem Messingknopfe kenntlich, der auf dem Kopfwirbel in
das Haar mit eingeflochten ist. Neben ihnen traben Esel, unter der Last
von Grasbndeln vllig begraben. An jedes der langen Ohren dieser
philosophischen Geschpfe ist eine Ziege oder ein Schaf vorgespannt, damit
das interessante Kleeblatt beisammen bleibe.

Von einer Anzahl Pfaffen mit groen Turbanen umgeben, reitet auf schnem
Maulthiere im violetten Gewande der hchste Kirchenfrst, Abuna Abba
Salama auch im Zuge mit. Neben ihm und seiner wohlgenhrten in Gott
vergngten Schar schleppt sich mhsam auf skelettartig abgemagertem
Maulthiere ein frherer Huptling hin, dem mit oder ohne Ursache eine Hand
und ein Fu abgehauen ist. Er hat den Stumpf seines Fues in ein
Trinkgef aus Horn gesteckt, den verstmmelten unbrauchbaren Arm trgt er
im faltigen Gewande verborgen. Dann folgen Gefangene in schweren Ketten,
jeder mit seinem Fhrer zusammengeschlossen, den der Unglckliche noch fr
diese Geflligkeit ernhren und bezahlen mu. Viele dieser Gefangenen
tragen, um das Entweichen zu verhindern, den fnf bis sieben Fu langen
Monkos am Halse, dessen dicke Gabel durch ein Querholz geschlossen ist und
der dem Gefangenen selbst beim Schlafen nicht abgenommen wird. Kaum ein
Lumpen deckt diese Unglcklichen. Nicht weit von ihnen trifft der Blick
wieder auf ein anderes Bild, und zwar auf ein heiliges, das mit allem
Aufwande von abessinischem Prunk angezogen kommt. Es ist der Etscheg, das
Oberhaupt der Mnche, zugleich Beichtvater des Knigs, dem er als steter
Begleiter und Rathgeber allberall hinfolgt. Er reitet ein prachtvolles
Maulthier und schtzt sein theures, mit einem ungeheuren weien Turban
umhlltes Haupt durch einen groen buntseidenen Regenschirm, dessen
abwechselnd goldgelbe und violette Fcherfelder weithin sichtbar sind. Ihm
folgt eine groe Anzahl schmuziger Mnche in einstens wei gewesene
Gewnder gehllt oder in gelbes Leder gekleidet; alle tragen das Zeichen
ihres Standes, den Fliegenwedel oder Kuhschwanz. Unter ihren weien oder
gelben Kappen erblickt man die niedertrchtigsten Gaunerphysiognomien,
sowie die ausdrucklosesten Gesichter, die Abessinien erzeugen kann.
Pltzlich scheut das Maulthier des Etscheg und springt zur Seite: es ist
ein aller Kleider beraubter Todter, der, auf der Strae liegend, das Thier
beunruhigt. Dem Etscheg mit seinen frommen Begleitern folgt eine Reihe
Tabots, fr deren wunderthtigsten ein mit rothen Lappen und Lumpen
bedeckter Armsessel aus lackirtem, mit bunten Blumen bemaltem Holz
bestimmt ist. Diese Tabots, deren oft zehn oder zwanzig aufeinander
folgen, sind Holztafeln mit den zehn Geboten oder frommen Sprchen
beschrieben. Jede dieser Platten ist sorgfltig mit rothem Baumwollstoff
bedeckt und alle werden in einer langen Reihe hintereinander getragen. Dem
ganzen kirchlichen Prachtzuge geht ein schmuziger Mnch voran, welcher
fortwhrend eine Glocke schwingt, damit Jeder, der da sitzen sollte, vor
den Heiligthmern aufstehe und ihnen seine Ehrfurcht bezeuge.

  [Illustration: Im Lager des Negus. Priester und Krieger. Zeichnung von
  H. Leutemann.]

Im vollen Galopp auf guten Maulthieren, die mit klingelnden Glckchen
behngt sind, kommt ein Trupp Schoaner angesprengt; es sind lauter
krftige Gestalten, in dunkelbraunen Mack gekleidet, mit dem kurzen, stark
gekrmmten Messer im dicken, die Brust bedeckenden Grtel und mit der
schn gearbeiteten Lanze auf der Schulter. Wieder andere Bilder! Hier
Lastthiere, schwer bepackt mit Lederschluchen; dort Weiber, die das
Doppelte ihres eigenen Volumens an leeren oder gefllten Krbisschalen
(Gerra) schleppen, welche zum Transport von Butter, Honig, rothem Pfeffer
u. s. w. dienen. Alle schreien und schwatzen, dazwischen klappern die
vielen getrockneten Krbisschalen. Keiner dieser Schnen fehlt indessen
das nthige hlzerne Kopfkissen in der Form eines fnf bis sechs Zoll
hohen Leuchters mit einem ausgehhlten Holzbgel zum Hineinlegen des
Nackens beim Schlafen. Der Fu dieses Instrumentes ist oft hbsch
gedrechselt.

Neben dieser bunten Gesellschaft reitet eine der zwei Kniginnen, denn zu
jener Zeit hatte der christliche Monarch zwei Damen zu Ehegemahlinnen. Die
eine rechtmig mit dem Negus verbundene war die schon erwhnte Tochter
des entthronten Detschasmatsch Ubi von Tigri; die zweite ein Frulein
aus dem Jedschu-Galla-Lande. Beide jedoch sind gleich gekleidet in blaue
Mntel, die mit Gold- und Silberglckchen behangen sind. Beide haben, wie
alle groen Damen, ihr Gesicht verhllt, nur die schwarzen Augensterne
funkeln und leuchten bei beiden gleichmig aus der weien Umhllung. Das
einzige Unterscheidungszeichen zwischen beiden war nur stets ein in Silber
gestickter trkischer Halbmond mit daranstehendem Venusgestirn, das auf
dem Gewande der einen Knigin auf dem untersten Theile ihres Rckens
erglnzte. Diese jetzt die schlanken Formen zweier Kniginnen umhllenden
Mntel waren wol einst Schabracken eines gyptischen Marstalls gewesen.
Beide Majestten sind von einigen Bewaffneten und Eunuchen begleitet und
reiten stets in der Entfernung einer halben Stunde voneinander, um etwa
mglichen Konflikten vorzubeugen, sowie sie auch zwei gnzlich getrennte
Hofhaltungen in zwei verschiedenen Zelten zu beiden Seiten des kniglichen
Zeltes haben.

Oft sitzt oder liegt mitten in dem durch die Hufe der zahlreichen Thiere
aufgewhlten Schmuze ein nur wenige Monate oder ein bis zwei Jahre altes
Kind schreiend im Wege, jeden Augenblick in Gefahr, durch Reit- oder
Lastthiere zertreten zu werden, die sich oft dicht zusammendrngen, um
einer Leiche aus dem Wege zu gehen. Todte Thiere, halbverweste Pferde,
Maulthiere, Esel, Schafe und Ziegen bezeichnen zu tausenden die Strae,
welche das Heer zieht. Dort wird ein Kranker getragen, es mu ein
Vornehmer sein, denn man trgt ihn behutsam auf bequemer Tragbahre, ber
welcher aus weier Schama ein leichtes Zelt errichtet ist; wre es nur ein
armer Mann, so htte man ihn einfach auf zwei lange Holzstcke gebunden.

Nahe bei dem Kranken sehen wir einen anderen Zug: eine ganz wei
gekleidete Dame, die Frau eines Groen, reitet dicht verhllt dahin; ihr
Maulthier wird sorglich von einem Diener gefhrt. Gestern erst hat sie die
Welt mit einem neuen Brger beschenkt, der schreiend und quiekend in einem
wei bedeckten Brotkorbe von einem Diener auf dem Kopfe nachgetragen wird.
Der kaum einige Tage ltere Sprling einer anderen Frau giebt ebenfalls
durch Schreien Zeichen einer gesunden, krftigen Lunge, sein Lager aber
ist nicht so sorgsam gegen Sonne und Klte geschtzt. Mit Riemen ist er
vllig nackt zwischen Krbe und Krbisflaschen auf den Rcken oder die
Hfte seiner schwer tragenden Mutter geschnrt oder auf das Gepck eines
magern Pferdes gebunden. Kleine Kinder von drei bis fnf Jahren, vllig
nackt oder nur mit einem Stckchen Schaf- oder Ziegenfell ber den
Schultern, laufen neben ihren schwer bepackten Mttern, ja sie tragen
selbst einen Theil von den Krbisflaschen, Eisenblechen zum Brotbacken,
hlzernen Schsseln zum Anrhren des Brotteiges u. s. w. Andere Weiber
rauchen gemthlich aus einer groen Tabakspfeife, deren Abgu aus einem
kleinen wassergefllten Krbis besteht; neben ihnen schleppen sich einige
unbepackte Maulthiere hin, deren aufgedrckter Rcken eine einzige
Wundflche bildet. Am Wege sitzt ein Knstler von Fach auf einem Bunde
Stroh, aus welchem er sich am Abend einen Gotscho zu bauen gedenkt, und
singt zu dem eintnigen Geklimper seiner Kirra, der abessinischen Lyra,
mit scharfer nselnder Stimme, packt dann Stroh und Lyra auf den Kopf und
wandelt als zweiter Apollo seinen kothigen Weg. Zwischen diesen Scharen
bepackter Menschen und Thiere ziehen brllend Herden schner Rinder,
Schafe und Ziegen; auch bricht, Geschrei und Unordnung verursachend,
gelegentlich ein krftiger Stier durch die Massen.

Die vier _zahmen Lwen_ des Negus (vergl. S. 187), schne, groe Thiere,
laufen vllig frei mitten im Tro, ohne auch nur am Stricke gefhrt zu
werden. Steudner bemerkte zu seinem Erstaunen, da in unmittelbarer Nhe
der Lwen das Vieh, Khe, Schafe, Ziegen, Maulthiere, ruhig graste, ohne
die geringste Furcht vor dem Knige der Wildni zu haben. Wie Hunde liefen
sie mitten im Gewhl und gehorchten der Stimme ihres Begleiters, hinter
welchem sie oft in geschlossener Phalanx dicht auf den Fersen
hermarschirten.

Mitten zwischen dem Tro reitet ein Groer des Landes stolz durch all das
Gedrnge. Vor ihm her schreitet sein Speertrger, ein Diener mit langer,
haarscharfspitziger Lanze, deren von Schoanern gearbeitete Eisenspitze in
rothledernem Futteral geborgen ist. Sein mit Gold und Silber beschlagenes
Bffelhautschild, sein Gewehr und seinen in rothlederner Scheide
steckenden Sbel mit Rhinozerosgriff tragen andere Diener vor und neben
ihm. Vor ihm fhrt sein Lieblingsknappe ein Staatsmaulthier, auf welchem
der gleich dem Schilde mit Gold- und Silberplatten und Filigranarbeit
bedeckte Staatssattel liegt. Wie der Sattel ist auch das brige Geschirr
und Zaumzeug des Maulthiers mit Gold und Silber berladen. All dieser
Schmuck aber ist mit rothen Lumpen bedeckt. Unbekmmert reitet der
Huptling barhaupt durch das Trogedrnge an den Leichen von Menschen und
Thieren oder verwsteten Saatfeldern vorber. Seine Thiere sind gegen den
"bsen Blick" durch Dutzende um den Hals hngender Amulete geschtzt.
Mnner mit aus Stroh geflochtenen Regendchern aus Begemeder, Sklaven, die
oft nur die Schultern mit einem kleinen ungegerbten Schaffell bedeckt
haben, gehen ihm demthig aus dem Wege, wenn er, mit dem Sonnenschirme das
Haupt schtzend, stolz dahinreitet. Nicht weit von ihm zieht eine andere
Gruppe schwer bepackter Mnner. Landleute, zu diesem Frohndienste gepret,
tragen den in seine Theile zerlegten Erntewagen, welchen die Missionre in
Gafat gebaut - weil der Weg zum Fahren nicht geeignet ist. Andere
schleppen die Laffeten schwerer Geschtze und die dazu gehrigen
Vollkugeln - allein die Geschtzrohre hat man in Magdala gelassen!
Soldaten, mit den Stteln ihrer gefallenen Pferde auf dem Kopfe, mit Speer
und Sonnenschirm in der Hand, hoffen bei der nchsten Plnderung eines
Dorfes neue Thiere zu ihren Stteln zu bekommen. Das Wiehern der Pferde,
das Geschrei und Gebrll der brigen Thiere wird nur manchmal von der
drhnenden, donnerhnlichen Bastimme des einen oder andern Lwen
unterbrochen.

  [Illustration: Ansicht von Gafat. Nach Lejean.]

So wechseln die bunten Bilder, die ein abessinischer Heereszug dicht
nebeneinander gedrngt erkennen lt - Bilder zum Weinen und Bilder zum
Lachen. Neben dem Kirraspieler, der lustige Weisen singt, sehen wir den
Tod: zahlreiche Leichen, aufgedunsen und von Raubthieren angefressen,
Sterbende und von Mttern verlassene Kinder - neben frhlich lachenden,
aber gefhllos vorberziehenden Menschen.

In jene Zeit, als Theodor so verwstend, Tod und Verderben verbreitend mit
seinem Heere durch das Land zog, fllt auch der Beginn jener
Mihelligkeiten, die schlielich zum Kriege mit England fhrten. Wer sich
auf einen vorurtheilsfreien Standpunkt stellt und nicht durch die trbe,
befangene Brille anmaender Judenmissionre schaut, dem wird in diesem
Falle das Auftreten des Knigs von Abessinien nicht so gar schrecklich
erscheinen, zumal wenn man - was ungerecht wre - diesen nicht mit
europischem Mastabe mit.

Die deutschen Handwerker und Missionre (vergl. S. 136) fingen an, im
Lande Straen zu bauen; sie besorgten die Reparaturen des kniglichen
Zeughausmaterials, fertigten Mrser und konstruirten einen Wagen. Letztere
beiden Gegenstnde machten dem Knige viel Spa, namentlich der blau
angestrichene Wagen, der, in Stcke zerlegt, auf den Schultern von
Lasttrgern weiter transportirt werden mute, da es an einer fahrbaren
Strae fehlte. Reibereien und Zerwrfnisse mit den Distriktsbeamten hatten
zur Folge, da die Handwerker 1861 in _Gafat_, drei Viertelstunden von
Debra Tabor auf einem isolirten Hgel, unter Aufsicht eines Offiziers
internirt wurden. Der Knig berief einen oder den andern an sein Hoflager
und behandelte sie nach wie vor gut. Sie erhielten Ackerland und vom
Gouverneur in Debra Tabor Getreide, Vieh, Honig. "Diese Europer",
schreibt v. Heuglin, "wollen sich in manchen Verhltnissen ber gewisse
Formen und Landessitten wegsetzen, was zu vielen Unannehmlichkeiten Anla
gegeben hat." Da man aber dergleichen in Abessinien so wenig duldet, wie
in Europa, ist vollkommen in der Ordnung. Noch mehr Anla zur
Unzufriedenheit gaben die beiden zum Protestantismus bergetretenen Juden
_Heinrich Stern_ und _Rosenthal_. Beide waren nur unter der Bedingung
zugelassen worden, sich mit der Bekehrung der Falaschas abgeben zu wollen,
allein sie begannen amharische Bibeln unter den Christen zu vertheilen und
diese zum Abfall von der abessinischen Kirche aufzufordern. Wthend
hierber lie der Negus Stern vor sich schleppen, der sich in ziemlich
freier Weise vertheidigte und dabei nachdenklich in den Daumen bi. Diese
unschuldige Geste bedeutet jedoch in Abessinien, da man ewige Rache gegen
die Person schwrt, in deren Gegenwart man sich befindet. Anfangs fiel
dies dem Knige nicht auf, als aber Stern, um sich ber eine Mihandlung
zu beklagen, aufs neue zum Negus kam, die Wachen mit einem Revolver
bedrohend bei Seite schob und den Herrscher aus dem Schlafe strend, mit
Reiterstiefeln und Hetzpeitsche zu diesem eindrang, erinnerte sich Theodor
jener Geste und lie den Eindringling aufs grausamste in Ketten werfen und
nur mit rohem Fleisch traktiren. Rosenthal hatte sich schon frher durch
das Geschenk eines Teppichs miliebig gemacht, auf dem der Lwenjger
Jules Grard, mit einem Fez auf dem Kopfe, dargestellt ist, wie er einen
Lwen erschiet. Theodor sah in dem feztragenden Jger einen Aegypter, in
dem Lwen aber das Sinnbild Abessiniens und whnte sich verspottet. Als
man dann noch Papiere bei Rosenthal fand, in denen das Stckchen von der
Kussohndlerin, der Mutter des Knigs, wieder aufgetischt war, wurde auch
Rosenthal in den Kerker geworfen und seine Frau, die ihn vertheidigen
wollte, ihm beigesellt. Der Gerichtshof sprach ber sie wegen Hochverraths
das Todesurtheil, das von Theodor jedoch in lebenslnglichen Kerker
verndert wurde. Die Hauptsache aber blieb, da, gegen die ausdrckliche
Verabredung, jene Missionre versucht hatten, Proselyten zu machen.

Als diese aufregenden Scenen sich ereigneten, befand sich der englische
Konsul _Cameron_ in Gondar beim Knige; er war nur fr Massaua beglaubigt,
keineswegs aber fr Abessinien, da seit Plowden's Tode kein Konsul dort
anerkannt wurde. Cameron sollte sich in keiner Weise, wie Plowden, in die
Landesfehden mit einlassen, sondern nur Handelsbeziehungen anbahnen und
ber die politische Lage Bericht erstatten. In Gondar angelangt, nahm ihn
Theodor sehr freundlich und mit groen Ehren auf. Der englischen Allianz
glaubte sich Theodor gerade gegen den Feind, welchen er am meisten
frchtete, gegen Aegypten, bedienen zu knnen. Denn dieses blieb seit dem
Kampfe, den er am Rahadflusse - als er noch Kasa hie - gekmpft, sein
Schreckgespenst und ein Feldzug gegen Aegypten, sowie die Eroberung des
Kstenlandes bei Massaua seine Lebensaufgabe. Denn die Oberherrschaft,
welche der Pascha sich ber die Grenzlande, namentlich Galabat, anmat,
war der grte Dorn in Theodor's Augen.

Durch Plowden's warme Freundschaft verwhnt, konnte der Knig sich in
Cameron's kalte Neutralitt nicht finden und wurde um so mitrauischer
gegen diesen, als er sich erlaubte, zu Gunsten Stern's und Rosenthal's
auftreten zu wollen. Die nach europischem Muster begonnenen Reformen
wurden nun eingestellt und in jedem Europer ein Spion gewittert. So haben
wir gesehen, da auch Lejean unter jenem Mitrauen zu leiden hatte. Als
dieser endlich wieder entlassen wurde, ging er zu seinem Kollegen, dem
Konsul Cameron, zum Frhstck. Unterwegs fanden die beiden Europer in
einer der engen Gassen Gondar's einen todten Esel liegen. "Sehen Sie, da
liegt ein krepirter Konsul", sagte Cameron und schritt ber das todte
Thier hinweg. Dieser starke Ausdruck, welcher Lejean Anfangs
unverstndlich schien, fand durch Folgendes seine Aufklrung. Kaiser
Theodor hatte vor einigen Tagen in sehr bler Laune gesagt: "Ich wei
nicht, weshalb mir meine lieben Vettern Napoleon und Victoria solche Leute
geschickt haben. Der Franzose ist ein Narr und der Englnder ein Esel."
Ganz Unrecht hatte der Frst nicht und sein Grimm stieg. Entscheidend
wurde jedoch erst ein anderer Umstand.

Oft schon hatte Theodor sich geuert, da ein Handelsvertrag mit England
in Kraft treten msse, und demgem schrieb er gegen Ende 1862 einen
eigenhndigen Brief an die Knigin Victoria. Ein gleichzeitiges Schreiben
an den Kaiser Napoleon, mit hnlichen Antrgen, wurde hflich erwidert,
jedoch der Abschlu eines Handelsvertrags abgelehnt. Von England aber, wo
das Schreiben im Auswrtigen Amte verlegt wurde - man ist nie klar darber
geworden, was mit demselben geschah - kam keine Antwort. In ganz
Abessinien machte der Vorfall groes Aufsehen, da der Knig sich der
Hoffnung hingegeben hatte, die britische Regierung wrde es sich angelegen
sein lassen, die angeknpften Beziehungen zu frdern, angesichts seiner
Freundschaft gegen Plowden, der guten Aufnahme, welche Krapf gefunden, und
wegen der Abschaffung des Sklavenhandels. Doch keine Antwort kam.
Sicherlich fhlte sich der stolze Halbbarbar durch diese Nichtbeachtung
verletzt; ein europischer Hof wrde dasselbe gethan haben, und dann
rchte er sich eben wie ein Barbar. Cameron mute zunchst seinen Zorn
fhlen und wurde gefangen gesetzt. Hatte die Knigin von England seinen
hflichen Brief, in welchem er seinen Wunsch ausdrckte, mit ihr und ihren
Unterthanen in freundschaftlichem Verkehr zu stehen, unbeantwortet
gelassen, so brauchte er auch, seiner Meinung nach, den Bevollmchtigten
einer so unhflichen europischen Monarchin nicht weiter zu respektiren.
Er lie Cameron mit einem abessinischen Soldaten an einer und derselben
Kette befestigen. Dabei glaubte er, da die Englnder ihm in seinem Lande
so leicht durch Waffengewalt nicht beikommen wrden und lie sich deshalb
nicht gern auf Unterhandlungen ein.

Schlielich sandte man am 15. Oktober 1865 den Konsularagenten _Rassam_,
einen Armenier, von Massaua, reich mit Geschenken versehen, zum Knig
Theodoros. Im Januar des folgenden Jahres fand die Zusammenkunft statt und
Rassam wurde freundlich aufgenommen, soda der Knig schon wenige Stunden
nach der ersten Besprechung die Freilassung aller gefangenen Europer
befahl; er schickte sofort einen Kammerherrn nach Magdala und lie ihnen
die Ketten abnehmen. Unterdessen ging Rassam mit dem Knig und dessen
Heere von Daunt nach Korata. Dann wurde am 29. Januar der Befehl zur
Freilassung ertheilt, aber nicht vor dem 24. Februar 1866 ausgefhrt. Am
12. Mrz langten die Freigelassenen in Korata an, alle gesund, mit
Ausnahme des Konsuls Cameron, der sich indessen auch bald erholte. Ihre
Zahl betrug 18 Kpfe, und Rassam bekam Erlaubni, sie nach Aegypten oder
nach Aden fhren zu drfen. Theodor behandelte den Agenten mit groer
Aufmerksamkeit und wollte nicht einmal gestatten, da Hofleute von
demselben Geschenke annahmen. Die Diener des Negus muten Rassam
knigliche Ehren erweisen, weil er Vertreter der englischen Knigin sei;
sie muten vor ihm knieen und den Boden mit der Stirn berhren. Als er in
Korata ankam, wurde er von 60 Priestern empfangen, die in vollem Ornate
dastanden und Psalmen sangen. Die Freigelassenen wurden noch einmal
verhrt, gestanden ein, da sie Unrecht gethan, und baten, da der Knig
Theodor als Christ ihnen, den Christen, vergeben mge. Der Knig hatte an
Rassam geschrieben: "Wenn ich ihnen Unrecht gethan habe, so lasse es mich
wissen, und ich will es wieder gut machen; findest du aber, da sie im
Unrechte sind, dann will ich ihnen verzeihen." Rassam, dem daran lag, den
Knig bei guter Laune zu erhalten, htete sich wohl, dem mchtigen Manne
Anla zur Unzufriedenheit zu geben. Dieser lie dann das Schreiben
verlesen, welches Knigin Viktoria an ihn gerichtet hatte. Ein Gleiches
geschah mit der Antwort. In dieser sagte er: "In meiner Niedrigkeit bin
ich nicht wrdig, Ew. Majestt anzureden, aber erlauchte Frsten und der
tiefe Ozean knnen Alles vertragen. Ich, ein unwissender Aethiopier,
hoffe, da Ew. Majestt mir meine Fehler nachsehen und meine Vergehen
verzeihen werde." Der Schlu lautet: "Rathe mir, aber tadle mich nicht, o
Knigin, deren Majestt Gott verherrlicht hat und der er Weisheit im
Ueberflu gegeben."

Pltzlich trat nun ein Umschlag in dem unberechenbaren Gemthe des
Herrschers ein. Rassam's Plan war, nach dem abessinischen Osterfeste mit
den Freigelassenen abzureisen. Da fiel es dem Knig auf einmal ein, sie
alle, dieses Mal Rassam mit einbegriffen, wieder in das Gefngni zu
werfen. Er war so grimmig, da er sie ohne Ausnahme hinrichten wollte.
Dieses geschah allerdings nicht, dagegen fhrte man die Europer wieder
nach der Bergfeste Magdala. Es ist ein Rthsel geblieben, was den Knig
Theodor bewog, die schon befreiten Gefangenen wieder einzusperren. In der
verffentlichten amtlichen Korrespondenz betreffs der abessinischen
Angelegenheiten findet sich die Andeutung, da Theodor's bser Geist ein
Franzose Namens Bardel gewesen sei, der, frher Sekretr Cameron's, aus
Rache gegen letzteren den mitrauischen Theodor gegen alle Europer
einzunehmen wute und ihm den Verdacht einflte: die englische Regierung
stehe im Begriff mit Aegypten ein Bndni abzuschlieen. Die Zahl der
Gefangenen war nach und nach auf 18, darunter 10 Deutsche angewachsen. Die
Beschuldigungen, welche Theodor gegen sie erhob, waren folgende: Cameron
sei zu seinen Feinden, den Trken, gegangen und habe mit ihnen
unterhandelt; ferner habe er auf den Brief an die Knigin von England
keine Antwort gebracht; Stern, Rosenthal und Cameron's Diener htten sich
durch Verspottung und Verlumdung der Majesttsbeleidigung schuldig
gemacht und die andern htten mit ihnen konspirirt.

Nochmals wurde von Seiten Englands ein gtlicher Versuch gemacht, um den
Knig zur Nachgiebigkeit zu veranlassen, dabei jedoch wieder in sehr
ungeschickter Weise vorgegangen. Theodor hatte den Wunsch geuert,
gewisse Maschinen und einige Arbeiter von England zu erhalten. Diese
wurden mit andern Geschenken nach Massaua geschickt, um die angestrebte
Befreiung der Gefangenen zu untersttzen. Unser Landsmann _Flad_, von dem
frher die Rede war (S. 136, 182), hatte die Unterhandlungen mit dem
Knige bernommen. In einem eigenhndigen Briefe, den er berbrachte,
kndigte die Knigin Victoria an, da die Arbeiter und die Geschenke dem
Knig zugeschickt werden wrden. Dies geschah jedoch nicht. Lord Stanley,
der englische Minister des Auswrtigen, hatte spter entschieden, da die
Geschenke sowol als die Arbeiter, obgleich die letzteren willig waren,
sofort nach Abessinien weiter zu gehen, in Massaua zurckgehalten und erst
dann ausgeliefert werden sollten, wenn Theodor die Gefangenen durch eine
Eskorte nach Massaua geleitet und zur Verfgung des englischen Agenten,
Oberst Merewether's, gestellt haben wrde. Wie zum Hohn schickte dieser
anstatt der erwarteten, von Theodor erbetenen und von der Knigin
versprochenen Geschenke, deren Anschaffung dem englischen Staatsschatz
gegen 4000 Pfund Sterling gekostet, ein Teleskop durch Herrn Flad. Knig
Theodor, der Beherrscher eines Reiches und der Befehlshaber einer Armee
von mindestens 60,000 Mann, der durch ein Fernrohr besnftigt werden
sollte, sagte: "Dieser Mann, welcher mir das Teleskop sendet, wnscht mich
nur zu verhhnen. Er will mir sagen: Obgleich du ein Knig bist und ich
dir ein treffliches Teleskop schicke, so vermagst du doch nichts dadurch
zu sehen." Das Ausbleiben der versprochenen Geschenke bestrkte den
mitrauischen Knig von Abessinien in dem lange gehegten Verdacht, da es
die Englnder darauf abgesehen, ihn zu betrgen und zu verrathen. Nachdem
Herr Flad Lord Stanley's Verfgung in Betreff der Geschenke mitgetheilt,
antwortete Theodor: "Ich bat sie um ein Zeichen der Freundschaft, welches
mir verweigert wird. _Wenn sie kommen und fechten wollen, lat sie kommen;
bei dem allmchtigen Gott, ich werde ihnen nicht ausweichen und nenne mich
ein Weib, wenn ich sie nicht schlage!_"

Und nach weiteren Errterungen des Herrn Flad: "Ich habe keine Furcht, ich
vertraue auf Gott, der sagt, da du Berge versetzen kannst, wenn du den
Glauben eines Senfkornes hast. Ihr knnt nicht Alles. Ich wei, da, wenn
ich Herrn Rassam nicht in Ketten geschlossen htte, die Arbeiter mir nie
geschickt worden wren. Nicht nur zur Zeit des Kapitns Cameron, als sie
keine Antwort auf meinen Brief gaben, in dem ich um ihre Freundschaft bat,
fand ich heraus, da sie nicht meine aufrichtigen Freunde sein, sondern
ich sah es sogar schon zur Zeit von Plowden und Bell - diese waren meine
Freunde - und aus Freundschaft fr sie behandelte ich ihre Landsleute gut.
Ich berlasse es dem Herrn und er soll unterscheiden zwischen uns, wenn
wir uns auf dem Schlachtfelde gegenberstehen." Es ist also klar, da ein
tiefes Mitrauen gegen die Plne Englands, dessen Agenten er im Bunde mit
seinen rebellischen Vasallen und mit seinen auswrtigen Feinden,
namentlich den Aegyptern whnte, die eigentliche Ursache war, weshalb
Theodor alle Englnder und ihre Schutzbefohlenen, auf die er seine Hand
legen konnte, einkerkern lie, und da das Zurckhalten der Geschenke ihn
in diesem Mitrauen nur bestrkte und die Krisis herbeifhrte.

Die vielgenannte Bergfeste _Magdala_ liegt an der Grenze von Wollo-Galla
im Sden des reienden Beschlo-Flusses, der seine Wasser mit dem Blauen
Nil vereinigt. Sie ist in neuer Zeit (1862) von Heuglin und Steudner auf
ihrem Wege nach Etschebed ins Lager des Knigs Theodor besucht und sehr
gut geschildert worden. Von der Hochebene Talanta's her kommend und nach
Sden vorschreitend, gelangten die Reisenden an den steilen Absturz zum
Beschlo. Die Aussicht von da auf die jenseitigen Galla-Lnder ist
groartig. Zu ihren Fen schlngelte sich das ber 3000 Fu tiefe Thal
des Flusses, als natrliche Grenze zwischen Abessinien und Galla.

  [Illustration: Vordringen der Englnder auf Magdala.]

Zur Linken, nach Osten, mndete eine steile Schlucht, und darber hinaus
lagen die steilen Kuppen der Bergfeste Kahit, dahinter die berhmte
Festung Amba Geschen, die im November 1856 von Theodor erobert wurde. Im
Sden tritt, vom Hochlande Woro-Haimano und Amara Seint durch einen langen
Felsgrat getrennt, die Bergfeste Magdala zwischen tiefen, aber anmuthig
grnen Thlern weit nach Norden vor; links davon die Berge von Tenta,
dahinter die kegelfrmigen Schwesterberge Dschifa und etwas mehr im Sden
steigt der majesttische Kollo, ganz mit blendend weiem Firn bedeckt,
hoch in den blauen Aether. Das Strombett des Beschlo ist an der Furt 150
Schritt breit und nimmt so ziemlich die ganze, mit vulkanischem Geschiebe
erfllte Sohle der tiefen Schlucht ein, die einen reichen Pflanzenwuchs
zeigt. Dieses Thal verlieen die Reisenden nach anderthalbstndigem
Marsche und stiegen an einer ziemlich hohen und steilen Terrasse hinauf,
die sich am nordwestlichen Fue von Magdala ausbreitet. Kleine Drfer mit
niedlichen Grtchen und Kaffeeplantagen lagen zerstreut umher.

Ein ziemlich steiler Pfad fhrt in 1 Stunde an buschigen Gehngen und
kahlen Felsen hinan zu dem schmalen Plateau, das die eigentliche Festung
Magdala von einer weiter nach Norden vorspringenden, natrlichen
Bergfestung trennt, die etwas niedriger ist als erstere. Herden von
Erdpavianen bewohnen die steilen Wnde des Vorwerks. Das erwhnte Plateau
ist ganz kahl, Gruppen von Htten befinden sich an der Sdostseite, die,
wie der Platz selbst, _Islam Gie_ (Muhamedaner-Dorf) heien. Hier ist
zugleich der Marktplatz fr die Festung.

Die eigentliche Festung Magdala, einst im Besitze der Galla, kann als
Hauptstadt der Provinz Woro-Haimano angesehen werden. Das Land sdwrts
bis Schoa war frher von amharischen Christen bewohnt, kam aber nach und
nach in Besitz der sich immer mehr nach Norden ausbreitenden
muhamedanischen Galla, welche von hier aus bestndige Einflle in
Abessinien machten, bis Negus Theodor Land und Festung wieder eroberte.
Magdala selbst nimmt einen Flchenraum von 2 englischen Meilen ein, ragt
100-200 Fu ber das Plateau von Islam Gie hinaus, hngt im Sden mit der
nahen Hochebene zusammen durch einen niedrigen, langen und scharfen
Felsgrat; im Osten und Westen fallen natrliche, mauerartige, senkrechte
Bastionen viele hundert Fu tief in die Seitenthler ab, gegen Norden und
Sden fhren Felsspalten als natrliche Thore herab, die mit Ausfallthoren
versehen sind. Auch Wasser findet sich auf der Amba und einiger Raum zum
Feldbau. Der Negus, der die Wichtigkeit der Amba wegen seinen Beziehungen
zu Schoa und weil die Galla von hier aus leicht im Zaum gehalten werden
knnen, wohl erkannte, lie Magdala restauriren, einige Geschtze
hinaufschaffen, ein wohlversehenes Zeughaus errichten und weitlufige
Getreidemagazine bauen.

So war die Festung beschaffen, nach der Theodor die Gefangenen hatte
schleppen lassen und auf der sich sein Schicksal erfllen sollte. Als die
letzten Friedensaussichten geschwunden waren, fing man in England an sich
zum Kriege vorzubereiten, dessen offizieller Zweck die Befreiung der
Gefangenen war. Das Parlament wurde zu einer Extrasitzung zusammenberufen
und am 18. November 1867 von der Knigin mit einer Thronrede erffnet, in
welcher es heit: "Der Herrscher Abessiniens fhrt fort, allen
internationalen Rechten Hohn sprechend, mehrere Meiner Unterthanen in
Gefangenschaft zu halten, von welchen einige von Mir besonders accreditirt
waren, und seine hartnckige Miachtung gtlicher Vorstellungen hat Mir
keine andere Wahl gelassen, als die Freilassung Meiner Unterthanen durch
eine peremptorische Aufforderung zu verlangen, die zugleich durch eine
entsprechende Truppenmacht untersttzt wird. Ich habe demgem die
Absendung einer Expedition zu diesem ausschlielichen Zweck angeordnet,
und ich verlasse Mich voll Vertrauen auf die Untersttzung und Mitwirkung
meines Parlaments in Meinem Bemhen, unsere Landsleute aus einer
ungerechten Gefangenschaft zu befreien und gleichzeitig die Ehre Meiner
Krone zu wahren."

  [Illustration: Innerer Theil der Bergfeste Magdala. Sdliche Ansicht.
  Originalzeichnung von E. Zander.]

Nach einigem Zgern bewilligte das Parlament die nthigen Gelder, und die
indische Armee erhielt den Auftrag, den Krieg zu beginnen. Am 4. Oktober
war bereits ein Pioniercorps bei Zula in der Bay von Adulis (Annesley,
S. 169) gelandet. Dieses schlug an der den, wasserlosen Kste ein Lager
auf und begann eine Strae nach dem Innern zu bauen, ohne dabei belstigt
zu werden. Die Gesammtstrke der aus Indien nach Abessinien beorderten
Truppen betrug 12,000 Mann, darunter 4000 Europer. Die Infanterie war mit
Hinterladern bewaffnet. Auer diesem Armeecorps folgte ein Tro von 8000
Mann, 35,000 Lastthiere, worunter 24,000 Maulesel und 40 Elephanten,
welche letztere zum Tragen der Armstrong-Geschtze bestimmt waren. Zum
Kommandanten der Armee wurde General _Robert Napier_ ernannt. Auch ein
ganzer Stab von Gelehrten, Knstlern und Zeitungsberichterstattern schlo
sich der Expedition an. Unter den ersteren sind zu nennen Werner
Munzinger, Ludwig Krapf, der Nilquellentdecker Grant und - im Auftrage des
Knigs von Preuen - der berhmte Afrikareisende Gerhard Rohlfs. Die beste
Sttze der Armee war jedoch eine ungeheure Summe von
Maria-Theresia-Thalern, die man in Wien hatte prgen lassen.

Ohne Schwierigkeiten war das Eindringen in das Innere keineswegs;
namentlich verursachte der Wassermangel groe Gefahren fr Menschen und
Thiere, und nur mit den bedeutendsten Kosten konnte man diesem durch
destillirtes Wasser abhelfen. Die Truppe war gesund, verlor aber ziemlich
viele Kameele und Maulthiere, minder durch die Ungunst des Klimas als
durch die schlechte Pflege ihrer Wrter. Dieselben waren ein aus Persien,
Arabien und Indien zusammengelaufenes Gesindel, das nicht arbeiten wollte,
unterwegs nicht selten, um rascher fortzukommen, die Fracht wegwarf und
auf der Strae liegenlie, die Thiere nicht ftterte und trnkte, soda
diese erhitzt und halb verdurstet zu den Trnkrinnen kamen, dann bermig
tranken und erkrankten. Fllt ein solches Thier, so verursacht die
Wegschaffung des Aases, das man im heien Klima aus Furcht vor Ansteckung
nicht im Freien liegen lassen kann, neue Schwierigkeiten, und man konnte
sich nur dadurch helfen, da die Aeser mit drrem Gestruche bedeckt und
verbrannt wurden. Oberst Merewether war des langen Liegens an der Kste,
des destillirten Wassers und der Langeweile mde geworden und hatte die
Truppe gegen die Hochplatte von Abessinien, wo er Nahrung und Wasser zu
finden gegrndete Hoffnung hatte, vorgeschoben. Drei Wege standen ihm
offen, alle drei durch die trockenen Bette von Bergstrmen gekennzeichnet,
denn wie zur Zeit der Vlkerwanderung sind in diesem halbwilden Lande
heute noch Bche und Flsse die Wegweiser fr Wanderer und Vlkerschwrme.
Die krzeste der drei Routen war wol die mittlere, vom Flusse Hadasch
gebildete, aber sie bot die meiste Schwierigkeit, daher wurde die mehr
links liegende, durch den Flu Kamoyle gebildete Strae gewhlt. Unter den
Einwohnern wurde eine Proklamation des kommandirenden Generals verbreitet,
des Inhalts: da die Englnder nur gekommen seien, die widerrechtlich
gefangen gehaltenen Landsleute zu befreien; Freiheit und Glaube des Volks
werden ebenso wie Eigenthum und Vermgen der Individuen geschtzt und
geachtet werden. Am 2. Dezember setzte sich die Kolonne in Bewegung.
Anfangs ging es durch eine sandige, nur sprlich von Akazien und
Steppengewchsen bedeckte Ebene, dann stieg der Weg langsam auf. Nirgends
waren Menschen, nur hier und da das Gerippe verlassener Htten zu sehen,
bis man Kamoyle erreicht hatte, das im Bergkessel liegt, wo man sich
wieder an dem Genusse frischen Quellwassers labte und einen Wegzeiger mit
der Aufschrift: "Route nach Abessinien" aufstellte. Jetzt gelangte man ins
Gebirge, wo Felsenmassen den Weg zu sperren schienen, aber stets ffnete
bei jeder Krmmung sich ein Ausweg, oft unter berhangendem Gestein
hinweg, oft an steiler Bergwand entlang; nur vom Regen herabgeschwemmtes
Gestein hemmte den Pfad bis Ober-Suru, das, 2000 Fu ber der Meeresflche
liegend, freundlich ins Thal hinabschaut. Hier wurde gerastet; Nacht und
Morgen waren khl; gestrkt von der frischen Luft stieg die Truppe das
Plateau hinauf.

Die Wirkungen der englischen Invasion waren zunchst an der Bai von Adulis
zu bemerken. Zwei Landungsbrcken, Docks und Magazine, eine mehrere Meilen
lange Eisenbahn von der Bai nach dem Lager in Zula, ein fr das schwerste
Fuhrwerk fahrbarer Weg von Zula bis zum Fue des Senafe-Berges, Stationen
auf diesem Wege, um den Transportdienst durch Relais zu beschleunigen,
Telegraphen erhoben sich sofort als Zeugen englischer Thatkraft.

In Senafe, 7500 Fu ber dem Meere, wurde das erste grere Lager
aufgeschlagen und ein frmlicher Stationsplatz errichtet. Die gesammte
Zufuhr, die durch fabelhafte Preise jedoch dorthin gelockt wurde, war
nicht gengend, ein einziges Regiment zu ernhren. Daher mute Alles durch
eine bedeutende Transportschiffflotte erst in die Annesleybai geschafft
und dann durch Maulthiere und Kameele weiter gebracht werden. Tglich
verlieen 20,000 Rationen Zula, von denen aber nur die Hlfte nach Senafe
gelangte, da der andere Theil von den Lasttrgern und Treibern verzehrt
wurde. 30,000 bis 40,000 Gallonen Wasser wurden tglich auf den Schiffen
kondensirt und dieser Proze kostete allein tglich ber 1000 Thaler.

Ehe wir den staunenswerthen Marsch der Englnder in sdlicher Richtung
weiter verfolgen, mssen wir uns nach ihrem Gegner und dessen Lage
umsehen. Die drohende Invasion und der den Abessiniern innewohnende
revolutionre Trieb, die Eiferschteleien der kleinen Huptlinge und die
Sucht derselben, sich unabhngig zu machen, war mit erneuter Strke
ausgebrochen, in je grere Verlegenheiten Knig Theodor gerieth.
Ueberall, im Norden wie im Sden, entbrannte die Revolution, und mit
Schlu des Jahres 1867 befand sich Abessinien wieder in der Lage, in der
es war, ehe Knig Theodor seinen ehrgeizigen Traum trumte, ehe er die
zerstreuten Theile zusammenfassen konnte. Ihm blieb schlielich nur der
Landstrich vom Tanasee bis Magdala unterthan, ja zeitweilig nicht einmal
dieser, und seine Macht beschrnkte sich nur auf sein Lager, das meistens
in Debra Tabor sich befand. Magdala aber, seine fr uneinnehmbar geltende
Feste, htete er wie seinen Augapfel. Die Gefangenen befanden sich dort
ziemlich wohl und waren so wenig streng bewacht, da sie mit der grten
Leichtigkeit mit den Englndern korrespondiren und diese von allen
Vorgngen im Lager des Negus in Kenntni setzen konnten.

Das Reich, das Theodor gebildet hatte, war wieder in eine Anzahl
unabhngiger Frstenthmer zerfallen, und nicht das ganze stolze
Aethiopien - nein, nur ein einzelner Herzog, der sich noch immer Negus
nannte - stand gegen England im Felde. Das groe Reich Tigri, das unter
Ubi einst selbstndig war, hatte unter dem Detschasmatsch Kassai, einem
Sohne Ubi's, seine Unabhngigkeit wieder erlangt, und dieser Frst,
welcher frchtete, da Theodor ihn doch einst vertreiben knne, schlo
sofort mit den Englndern Freundschaft und empfing Gesandte in seiner
Hauptstadt Adoa. In Lasta und den angrenzenden Distrikten hatte sich
Gobazye, der Schum von Wag, kurzweg der Wagschum genannt, ein tapferer
Krieger und einst einer der besten Generle Theodor's, unabhngig gemacht.
Kassai und Gobazye befehdeten einander, doch nicht minder stark war die
Feindschaft beider gegen Theodor, ihren gemeinschaftlichen Gegner.

Mehr als der Abfall dieser Frsten schmerzte Theodor aber der Verrath des
jungen Menilek. Dieser, der Sohn des 1856 von Theodor besiegten Knigs
Hailu Melekot von Schoa, war Theodor's Schwiegersohn geworden; aber weder
die junge Frau, noch die Gnade des Knigs vermochten ihn zu fesseln; er
trachtete nur danach, wieder in den Besitz seines Erbes zu gelangen.
Untersttzt von der Gallafrstin Workit entfloh er mit Zurcklassung
seiner Frau nach Ankober, wo ihn die Schoaner jubelnd als Negus
anerkannten. Theodor selbst wurde durch diesen Abfall und das Mitrauen,
welches er gegen die Europer hegte, zur schrecklichsten Wuth getrieben,
die sich in blutigen Greueln uerte. Der Kerker zu Debra Tabor war, wie
wir aus den Berichten eines Augenzeugen, des deutschen Naturaliensammlers
Karl Schiller, selbst erfuhren, fortwhrend mit Unglcklichen berfllt,
die entweder zum Hungertode oder zur Hinrichtung durch Abschneiden der
Hnde und Fe verdammt waren. Dreihundert Soldaten, die im Verdachte
standen, desertiren zu wollen, wurden zum Hungertode verurtheilt.
Gefesselt und bewacht, mit langen Holzgabeln am Halse, saen sie
zusammengekauert ohne die geringste Bekleidung im Freien. Des Nachts fror
fingerdickes Eis oder strmte der Regen auf die Elenden hernieder, whrend
am Tage die brennenden Strahlen der tropischen Sonne die nackten Krper
trafen. Nach Verlauf von zwei Wochen starb der letzte; er hatte mit dem
Regen, der seine verdorrenden Lippen netzte, mit dem Grase, auf dem er
sa, sein jammervolles Dasein so lange gefristet. Solche Greuel aber
ereigneten sich fast tglich! Blitzschnell zog Theodor im Lande herum, und
wehe der Gegend, in die sein raublustiges Heer einfiel. Das Volk der Waito
wagte zuerst, dem Gewaltigen Widerstand zu leisten, ja es war so
glcklich, Anfangs einen Theil seines Heeres zu schlagen. Da beschlo
Theodor, mit ihnen kehraus zu machen. Wie der Habicht vom hohen Thurme
herniederfhrt zwischen das scheue Geflgel, so strzte er von Debra Tabor
auf die Waito. Was nicht sogleich vor dem Schwerte der Krieger fiel, wurde
in die Huser getrieben, und als diese mit Mnnern, Weibern, Kindern
gefllt waren, da befahl Theodor, Feuer an die Strohdcher zu legen, und
Hunderte von Unschuldigen fanden ihren qualvollen Tod in den Flammen.

In Gafat, spter in Debra Tabor, herrschte whrenddem eine groe
industrielle Thtigkeit. Dort hatte man Flammenfen gebaut, dort hmmerte,
schmiedete und formte man Tag und Nacht unter der Leitung der deutschen
Handwerker, an deren Spitze jetzt Dr. Schimper und Eduard Zander standen.
Mit geringen Mitteln war mitten in der abessinischen Wildni ein ziemlich
bedeutendes industrielles Etablissement entstanden, eine Oase in der
Wste, in welcher fast nur deutsche Laute wiederklangen. Die erste Kanone,
welche 8 Fu lang war und eine 6 Zoll weite Seele besa, wurde von dem
ber den Gu hocherfreuten Knige "Theodor" getauft, whrend ein 80
Centner schwerer Riesenmrser mit anderthalbfuweiter Oeffnung den stolzen
Namen "Sebastopol" erhielt.

Als die Gegend um Debra Tabor im Sptsommer vollstndig ausgeplndert war
und die Raubzge in der Umgegend kein Vieh und Getreide mehr einbrachten,
beschlo Theodor, nach Magdala aufzubrechen. Debra Tabor wurde, damit es
keinem Feinde in die Hnde fiel, in Brand gesteckt und dann der Marsch mit
einem Heere von etwa 50,000 Menschen angetreten, worunter sich jedoch
hchstens 10,000 Krieger befanden, denn Hinrichtungen und Desertionen
hatten die Armee stark reduzirt. Ueber Hochlande, die theilweise 11,000
Fu ber dem Meere liegen, durch zerrissene Tiefebenen und vom Regen
angeschwollene Strme fhrte der Marsch ber Tschetscheho nach Woadla.
Mitten im Zuge schritten gebunden die fnf Deutschen: Steiger, Brandeis,
Schiller, Eler, Makerer, whrend Cameron, Rassam, Stern, Rosenthal
u. s. w. bereits auf Magdala schmachteten.

Am 31. Oktober 1867 stand das Heer bei dem Flecken Biedehor, der etwa
10,000 Fu hoch ber dem Meere liegt. Von dort hat man einen weiten Blick
in das Land nach Sden, nach Magdala und dem hohen, schneebedeckten
Kollogebirge. Sdlich von Biedehor aber durchsetzt eine jener grausigen
Thalschluchten das Land, an denen Abessinien so reich ist. Hier fliet
zwischen senkrechten, fast 3000 Fu hohen Felsen die rauschende Dschidda
hin. Nur einige Terrassen unterbrechen die jhen mauerartigen Wnde. In
diesen Schlund mute die ganze Armee hinabsteigen und, nachdem sie das
Flubett berschritten, am jenseitigen Ufer wieder einen ebenso steilen
Felsenwall ber nacktes, vulkanisches Gestein nach der fruchtbaren Ebene
von Talanta hinaufklimmen. Dorthinab muten auch die Kanonen und der
Riesenmrser "Sebastopol" geschleppt werden. Der letztere wurde auf einem
ungeheuren Wagen von Hunderten von Menschen fortgezogen, so wie die alten
Aegypter einst ihre Kolosse fortbewegten. Aber auf den gewhnlichen
Maulthierpfaden konnte der Mrser unmglich durch die Dschiddaschlucht
gelangen, und rasch entschlossen befahl Theodor den deutschen Arbeitern,
die ihn begleiteten, eine Strae zu bauen. Dieses geschah, whrend die
Englnder schon im Anmarsch waren, und mit Erstaunen vernahm Theodor, was
er fr unmglich gehalten, da jene in Zula gelandet seien. Zwei Monate
nahm der Bau der Strae in Anspruch, denn erst am 15. Januar 1868 war die
Dschidda glcklich berschritten und die Talanta-Ebene erreicht.

Wohlgeflligen Auges schaute der Knig auf die fruchtbare Ebene. Die
Weizen- und Gerstenfelder standen in der ppigsten Pracht, berall
wimmelte es von fleiigen Menschen, die den Boden bestellten, von frhlich
singenden Kindern, denn ein Owatsch (Herold) des Knigs war umhergezogen
und hatte in ganz Talanta verkndigt: "Kehrt heim ihr Bauern zu eurer
Arbeit, bestellt die Aecker und flchtet euch nicht. Der Knig bringt den
Frieden, kein Haar wird euch gekrmmt, euer Eigenthum ist geachtet." Und
friedlich kehrten die, welche schon auf der Flucht waren, in ihre Drfer
zur gewohnten Beschftigung zurck. Aber Theodor hielt sein Wort nicht; er
brauchte Proviant fr seine Festung Magdala, fiel ber die schmhlich
betrogenen Leute von Talanta her und zog dann ber den Beschlo in seine
Felsenburg ein.

Unterdessen rckten die Englnder mit groer Geschwindigkeit nach Sden
vor. Ihr Marsch war kein leichter. Besonders mu man bedenken, da eine
Verbindungslinie von 400 englischen Meilen zwischen dem Meere und Magdala
offen zu halten und durch eine Postenkette zum Schutze des Proviants und
der Munition zu befestigen war. Letzteres war um so mehr erforderlich, als
man auf freundschaftliche Gesinnung der Eingeborenen nur so lange mit
Gewiheit rechnen konnte, als Gewalt und Glck auf Seite der Europer
stand.

Dabei bewegte sich die Truppe mit ihrem riesigen Tro, ihren Elephanten
und Kanonen auf Gebirgen, die unsere hchsten Alpenpsse bei Weitem
berragen, wie aus der folgenden, in Petermann's Mittheilungen (1868,
S. 180) angegebenen Hhenlage der hauptschlichsten Stationen hervorgeht.
Senafe, besetzt am 6. Dezember 1867, liegt 7464 Fu ber dem Meere;
Adigerat (Ategerat), besetzt 31. Januar 1868, 8291 Fu; Tschelikut 6279
Fu; Antalo (besetzt 15. Februar) 7935 Fu; Aladschin-Pa 9630 Fu;
Aschangi-See 7264 Fu; Lat (besetzt 31. Mrz) 8478 Fu; Dasat-Berg 9502
Fu; Quelle des Takazzi 7700 Fu; Abdikom 10,000 Fu; Talanta (4. April)
10,700 Fu; Magdala (erstrmt am 13. April) etwa 11,000 Fu. In diesem
Verzeichni ist zugleich die Marschroute des Heeres kurz angegeben, ber
die wir hier noch Einiges nachtragen wollen.

Von Senafe zog das Heer ber ein hohes, offenes, grasbedecktes Plateau mit
einer reizenden Aussicht auf Gebirgsmassen von allen nur denkbaren Formen,
nach _Adigerat_ zu. Die zwischen den Bergen sich hinwindenden Schluchten,
denen nur Bche und Wlder zur Vollendung der Schnheit mangeln, schienen
sehr fruchtbar zu sein, soda man die schwache Zufuhr an Getreide von
Seite der Eingeborenen kaum begreifen konnte, und selbst die beschrnkten
Zufuhren erschpften die Gegend immer schnell, da keine Idee von
Grohandel herrschte und jeder nur das zu Markte brachte, was er von
seinen eigenen Vorrthen erbrigen konnte. Adigerat selbst, das man am 31.
Januar 1868 besetzte, war allen bisher gesehenen abessinischen Stdten
berlegen, da auer den gewhnlichen schmuzigen Htten und einer hbschen
Kirche noch ein Palast und ein befestigter Thurm sich dort befanden.
Hinter diesem Hauptorte der Provinz Haramat fhrt ein gangbarer Weg nach
_Mai Wihis_, durch weite, offene, grasbewachsene Ebenen, die hufig von
Drfern unterbrochen und ziemlich kultivirt waren. Fr den kriegerischen
Charakter der Bevlkerung zeugten genugsam die vielen auf fast
unerreichbaren Felsspitzen erbauten Festungen, die selbst europischer
Artillerie zu trotzen vermgen. So namentlich _Amba Zion_ (siehe Abbildung
S. 41), das ehemalige Staatsgefngni Theodor's, welches jetzt leer stand,
da bei dem Abfall Kassai's auch der mit der Beaufsichtigung dieser Festung
betraute Huptling revoltirte und die Gefangenen in Freiheit setzte. _Ad
Abagin_, 7849 Fu ber dem Meeresspiegel, war die nchste Station. Hier
waren die Nchte so kalt, da man kaum schlafen konnte, wozu sich die
lieblichen Tne eines Schakal- und Hynen-Konzerts gesellten. Allein die
Thiere waren weniger gefhrlich, als man denken sollte, da sie sich
gengend an den todten Maulthieren sttigen konnten. Bei Agala, 6300 Fu
ber dem Meere, zeigte sich eine merkliche Vernderung der Vegetation.
Duftende Kruter versten die Luft, die Strae war wunderbar gut und nur
auf eine kurze Strecke abschssig. Hier in dieser Gegend erhielt man
wieder Briefe von den Gefangenen in Magdala, woraus hervorging, da sie
sich Alle wohl befanden und da Theodor im Januar Magdala noch nicht
erreicht hatte, aber entschlossen sei, es mit den Englndern aufzunehmen.
Da man die Abessinier fr keine zu verachtenden Feinde hielt, wurde die
Strae, die nach Magdala fhrt, durch mehrere Positionen befestigt. So
erhielt Adigerat Wall und Graben, die von 200 Mann und einigen
Armstrongkanonen vertheidigt wurden. Die Flsse, welche man auf dem
ferneren Wege nach _Antalo_ zu traf, eilen der Geba, einem Nebenflusse des
Takazzi, zu und senden durch diesen Kanal ihren Tribut zum Anschwellen
des Nil. Die Armee hatte daher ber eine Reihe von Wasserscheiden im
rauhen Gebirgslande zu setzen. Hier traf man auch auf die Salzkarawanen,
welche, von Taltal kommend, die Salzstcke in das Innere des Landes
verfhren.

Whrend die Armee solchergestalt vordrang, suchte der Oberbefehlshaber
sich mit den Huptlingen des Landes in freundschaftliches Einvernehmen zu
setzen und begann mit einem Besuche Kassai's, des Frsten von Tigri. Als
Ort der Zusammenkunft diente eine Stelle am Flchen Diab, unweit der
herrlichen Amba Zion; als Tag war der 25. Februar bestimmt. Kassai
erschien mit 4000 Mann am Ufer des Baches. Sir Robert Napier ritt auf
einem Elephanten, gefolgt von seinem ganzen Stabe, ihm entgegen, verlie
aber seinen hohen Sitz auf dem Rsseltrger, damit der Anblick des Thieres
unter der Kavallerie der Abessinier keine Verwirrung anrichte. Nun
ffneten sich auch die Reihen der Abessinier und mitten durch sie kam der
etwa 35 Jahre alte Kassai auf einem weien Maulthiere angeritten. Die
Briten empfingen ihn mit allen militrischen Ehren, ihr Oberkommandant
schttelte ihm die Hand und fhrte ihn ins Zelt, wo Kassai reich beschenkt
wurde und ein Freundschaftsbndni mit England schlo. Er bewunderte
vorzglich die Waffen der Europer und lud hierauf Napier ein, seine
eigenen Truppen zu inspiziren. Mit wenigen Ausnahmen trugen diese alle
Feuerwaffen. Der grte Theil von ihnen besa doppellufige
Perkussionsgewehre englischen oder belgischen Fabrikats. Viele fhrten
Pistolen und kein einziger fand sich, der nicht das lange krumme Schwert
an der rechten Seite getragen htte. Die wenigen, die ohne Gewehre
erschienen, waren mit Speer, Schwert und Schild bewaffnet. Die Mannszucht
schien gut, ihre Manvrirfhigkeit war nicht zu verachten. Gleichfalls
beschenkt mit silbernen Armringen, einer Lwenhaut, dem Abzeichen tapferer
Krieger, mit Speer und Schild, kehrte der englische Oberkommandant in sein
Lager zurck. Er hatte nun im Rcken nichts mehr zu besorgen, und der
Vormarsch auf Antalo begann auf schwierigen Wegen.

Das Land zeigte berall Spuren der vielen Kmpfe, denen es durch seine
unruhigen Huptlinge ausgesetzt war. Die Drfer lagen verwstet, die
Unsicherheit der Zustnde hinderte eine geregelte Bodenkultur und statt
den Englndern fr die Verbesserung der Straen und Wegbarmachung der
Psse zu danken, grollten ihnen die Eingeborenen, weil hierdurch den
Huptlingen der Nachbarlnder spter feindliche Einflle erleichtert
wrden.

_Antalo_ unterschied sich nicht von Adigerat als Stadt, war aber bedeutend
als Marktplatz. Brot, Mehl, Butter, Honig, Schlachtvieh wurden in reichem
Mae zugefhrt, doch stellte sich eine Schwierigkeit ein: Napier hatte
einen Augenblick lang Ebbe in der Kasse, denn Gold nahmen die Eingeborenen
nicht und Maria-Theresia-Thaler waren in ungengender Menge zugefhrt
worden. In ihren Thalern hatten die Englnder das beste Mittel, die
Allianz der Einwohner zu erzielen; aber ihre Kopfzahl erschien diesen
immer noch zu gering, um den frchterlichen Theodor anzugreifen, welcher
sich, den angelangten Nachrichten zufolge, auf der Hochebene von Talanta,
zwischen den Strmen Dschidda und Beschlo befestigte.

Der Zug der Englnder ging nunmehr durch Wodscherat und _Doba_ zum
_Aschangi-See_, der stlich liegen blieb, und durch Wofila nach dem 8478
Fu hoch gelegenen _Lat_, wo das ganze Expeditionscorps in zwei Divisionen
getheilt wurde, von denen die erste unter General Stavely, 4600 Mann und
600 Pioniere zhlend, zum aktiven Vorgehen, die zweite unter General
Malcolm zur Reserve und Besatzung der Zwischenstationen bestimmt war.
Alles unnthige Gepck blieb zurck; fr je 12 Offiziere wurde nur ein
Zelt und fr 20 Gemeine eins bewilligt, die ersteren durften nur 30 Pfund,
die letzteren nur 25 Pfund Gepck mitfhren.

Nachdem der 10,662 Fu hohe Emano-Amba-Pa durchschritten war, stieg die
Armee hernieder zu den Quellen des Takazzistromes. Dann wurde die Ebene
von Woadla (Wadela) durchschritten, und am 30. Mrz standen die Englnder
in Biedehor am hchsten Rande des _Dschidda-Thals_, 10,000 Fu ber dem
Meere, auf der Kunststrae, die Theodoros mhsam durch die Deutschen hatte
herstellen lassen. Durch den Bau dieser Strae hatte der Negus den
Englndern ein gutes Theil an Zeit und Mhe erspart, allein es blieben
noch Hindernisse genug brig. Der Uebergang ber die Dschidda, welcher am
4. April bewerkstelligt wurde, war nicht das geringste derselben. Die
abschssigen, felsigen Ufer hinab und wieder hinauf zu steigen, war kein
leichtes Unternehmen; die Lastthiere rutschten die ganze Strecke hinunter
und mehrere erlagen den Strapazen. Das Aufsteigen auf der anderen Seite
war womglich noch schwieriger fr Menschen und Thiere, die sich mit
leerem Magen und unter schwerem Gepck hinaufzuwinden hatten. Hier wurde
es allmlig zur Gewiheit, da Theodor sich auch von der Hochebene
Talanta, die man jetzt betrat, zurckgezogen und nach Magdala geworfen
habe, da man ihn daher hinter dem Beschlo aufsuchen msse. Die
vorausgeschickten Rekognoszirungstruppen hatten bereits die Nachhut von
Theodor's Heer erblickt, und nun war es klar, da in den nchsten Tagen
ein Zusammensto stattfinden knne. Was die Einwohner von Talanta betraf,
so bezeigten sie sich den Englndern freundlich, da sie kurz vorher von
Theodor's Truppen nach Magabe der altabessinischen Praxis ausgeplndert
waren und nun in den Fremdlingen ihre Rcher erblickten. Gefhrlich schien
fr die Englnder einen Augenblick das Auftreten des Rebellen Wolda Jesus
in ihrem Rcken, der die Transporte, welche durch Lasta gingen, zu stren
versuchte, aber von dem ihnen verbndeten Kassai von Tigri zur Ruhe
verwiesen wurde. Von den Gefangenen hatte man die Nachricht, da sie sich
wohl befnden und milder als frher behandelt wrden.

Ueber das Verhalten Theodor's kurz vor dem Zusammentreffen mit den
Englndern giebt ein Brief des gefangenen Gesandten Rassam interessante
Auskunft. Hiernach hatte sich der Knig schon am 18. Mrz ber den Beschlo
zurckgezogen und an diesem Tage einen Brief an Rassam geschickt, in
welchem er bedauerte, da dieser in Fesseln gelegt worden sei, denn ohne
sein Wissen htten dieses die Behrden gethan; gleichzeitig gab er den
Befehl, Rassam die Ketten abzunehmen, was auch geschah.

Am 27. Mrz zog Theodor mit seinen sehr zusammengeschmolzenen Getreuen in
Magdala ein, wo die grte Verwirrung herrschte. Ein hoher militrischer
Wrdentrger war desertirt und zwei andere Huptlinge wurden angeklagt,
Menilek, den Knig von Schoa, eingeladen zu haben, die Festung in Besitz
zu nehmen. Dieses Alles setzte den stolzen Herrscher, der bisher nur die
unbedingteste Unterwerfung unter seinen Willen gekannt, derart in Wuth,
da er zuerst beschlo, die alte Garnison aus der Festung zu entfernen und
durch eine neue zu ersetzen; am nchsten Tage jedoch gab er Gegenbefehl,
beschrnkte sich darauf, den Kommandanten abzusetzen und die Besatzung
durch 1000 Mann zu verstrken. Am 29. Mrz schickte Theodor zu Rassam, den
er in einem seidenen Zelt empfing. Er theilte ihm hflich und in seiner
unberechenbaren Weise mit, da er ihn nur darum bel behandelt habe, weil
er wnschte, die Englnder mchten gegen ihn zu Felde ziehen. Darauf
drckte er den Wunsch aus, er mge Rassam in der englischen Uniform sehen,
was dieser natrlich zugestehen mute. Umgeben von 400 Offizieren und den
deutschen Handwerkern empfing er den ehemaligen Abgesandten der Knigin
Victoria, welcher die Ehre hatte, dem kniglichen Prinzen vorgestellt zu
werden. Alles schien dem Knige daran gelegen, den Gefangenen mglichst zu
imponiren, und um diesen Zweck zu erreichen, wurde der berhmte
Riesenmrser Theodor's herbeigeschleppt, den dieser "Sebastopol" getauft
hatte. Freudenschsse begleiteten die Ankunft des Ungethms, das sich
spter als sehr ungefhrlich erwies. Theodor selbst beaufsichtigte die
Befestigungs- und Wegarbeiten und war darber, da er Magdala vor den
Englndern erreicht, so erfreut, da er smmtlichen Gefangenen die Fesseln
abnehmen lie. Nachdem alle Kanonen und Mrser an Ort und Stelle waren,
erkundigte er sich bei Rassam aufs genaueste nach der Zahl der gegen ihn
ausgesandten englischen Truppen. Letzterer erwiderte: man spreche von
10,000 Mann; er glaube aber nicht, da mehr denn 6000 bis Magdala kommen
wrden. Darauf hin setzte der Negus auseinander: wenn er noch so mchtig
wre, wie ehedem, htte er die Englnder bei ihrer Landung erwartet und
sie gefragt, was sie denn eigentlich wollten; aber jetzt habe er mit
Ausnahme Magdala's das ganze Land verloren und msse sich damit begngen,
sie hier zu erwarten. Dann befahl er, die Gefangenen in seiner
unmittelbaren Nhe zu halten, whrend er von seiner luftigen Burg
unablssig mit dem Fernrohr nach Norden hin schaute, von wo der Feind
kommen mute. Endlich am 7. April sah Theodor die ersten Englnder am
Beschlo anlangen.

Am 10. April berschritt auch Sir Robert Napier diesen Flu und hatte nun
die Feste Magdala in ihrer ganzen Frchterlichkeit vor sich liegen. Khn
ragten die steilen Felsen gen Himmel, und oben befand sich Theodor mit
seinem Heere. Obgleich die Englnder keineswegs die Absicht hatten,
sogleich zum Angriff berzugehen, sondern auerhalb Schuweite von Fala,
einer Vorburg Magdala's, kampiren wollten, so wurden die Truppen Theodor's
doch durch die englischen leichten Reiter, welche nahe an die Festung
heranritten, hervorgelockt. Theodor, der selbst in Fala bei seinen groen
Kanonen sich aufhielt, gab Befehl, diese dreisten Leute gefangen zu
nehmen. Aber er hatte nicht gewut, da inzwischen die ganze Brigade unter
Sir Stavely auf einem verdeckten Wege ebenso nahe war. Die leichten Reiter
zogen sich, als etwa 1200 Fugnger von der Amba herunterkamen, so schnell
sie konnten, zurck. Statt ihrer rckten nun ein Regiment Beludschen, ein
englisches Infanterieregiment, eine Batterie Berggeschtze und eine
Raketenbatterie vor. Theodor that aus seinem schweren Geschtze in Fala
einige gutgezielte Schsse und seine Leute liefen in Unordnung, aber
tapfer vor, bis sie auf 150 Schritt an die Englnder herangekommen waren.
Dann aber hatte es ein Ende: Die Wirkung der Geschtze und das auf die
Abessinier einstrmende Feuer der Raketen machte, da an keinen Halt mehr
zu denken war; Hunderte deckten, mit dem Anfhrer (Fit Auri, S. 19) an der
Spitze, die Wahlstatt; der Rest stob auseinander und flchtete nach der
Burg zurck.

Theodor, welcher seines Sieges sicher war, hatte unterdessen geschickt
eine andere Abtheilung in den Rcken der englischen Bagage gesandt; aber
auch dieser ging es schlecht. Von einer Bergbatterie untersttzt, richtete
die Bagagemannschaft ein entsetzliches Blutbad unter den Abessiniern an,
die immer in dem Glauben gelebt hatten, wehrlose Leute vor sich zu haben.
Von diesen 600 Mann kehrte keiner in die Amba heim; die Ueberlebenden
konnten nicht in die Burg zurck, da ihnen der Rckzug abgeschnitten war,
und, ins Land fliehend, wurden sie ein Opfer der erbitterten Bevlkerung.
Der Kampf dauerte bis 6 Uhr Abends, wo Dunkelheit und Regen die Englnder
nthigten, die Verfolgung, die bis an die Felsenwlle Magdala's selbst
fhrte, einzustellen. Whrend des ganzen Gefechts, das die Englnder als
"Schlacht von Arodsche" bezeichnen, fand ein furchtbares Gewitter statt,
soda Donner und Kanonengebrll sich miteinander mischten. Die Zahl der
abessinischen Todten betrug viele hundert, die Englnder dagegen hatten
keinen Todten und nur zwanzig Verwundete.

  [Illustration: Auffindung der Leiche des Knigs Theodoros. Nach
  englischen Zeichnungen.]

Theodor war ber den Mierfolg seiner Waffen auer sich. Zum ersten Male,
seit er die Krone trug, war er ordentlich geschlagen worden, und zwar von
den verachteten "rothen Barbaren". Seine Wuth kannte keine Grenzen, und
das Damoklesschwert schwebte fortwhrend ber dem Haupte der europischen
Gefangenen. Indessen khlte er seinen Zorn nur an den abessinischen
Gefangenen, von denen er ber 300 vor den Augen der Europer hinrichten
und ber die Felswlle Magdala's hinabstrzen lie. Aber soviel sah er
ein, da er auf die Dauer den Englndern nicht zu widerstehen vermge. Am
nchsten Morgen sandte er daher den Missionr Flad, von zwei abessinischen
Huptlingen begleitet, in das englische Lager, um zu unterhandeln. Die
einzige Antwort, die Sir Robert Napier durch diese dem Knig geben konnte,
war: bedingungslose Kapitulation.

Noch einmal schickte Theodor die Parlamentre ins Lager, doch Sir Robert
Napier gab ihnen dieselbe Antwort, und traurig waren sie im Begriff, in
die Gefangenschaft zurckzukehren, als sie auf dem Wege die pltzlich
freigegebenen Europer Cameron, Rassam und einige der Handwerker antrafen.
Am nchsten Morgen wurden alle brigen Gefangenen freigelassen, der
Franzose Bardel, den man fr den schlechten Rathgeber Theodor's hielt,
ausgenommen. Bardel fanden die Truppen spter, bei der Einnahme von
Islam-Gie, hinter einem Felsen liegend, krank vor Hunger und Fieber.
Theodor hatte ihn aus Magdala hinausgejagt. Dieser selbst aber war
entschlossen, sich nicht zu unterwerfen und bis zum letzten Augenblicke
auszuhalten. Lieber wollte er muthig untergehen, als feige sich ergeben.
So blieb denn den Englndern nichts brig, als zum Sturm auf Magdala zu
schreiten, welches immer noch von einigen tausend Mann besetzt war.

Die Festung, von steilen Felsen beschtzt, so erzhlt ein englischer
Bericht, bot nur zwei Zugnge, an der Nord- und der Sdseite, die so enge
waren, da nur ein Maulthier sie jedesmal passiren konnte, und die jeder
zu einem stark verrammelten Thore fhrten. Das nrdliche Thor war es,
durch welches der Eingang erzwungen wurde. Gegen halb drei Uhr Nachmittags
am 13. April, dem Ostermontag, begann das Bombardement, und nach einer
zweistndigen Kanonade wurde der Befehl zum Sturm gegeben. Die Truppen
erkletterten den zum Thore fhrenden Pfad, fanden aber dieses, wie das
umgebende Pfahlwerk, von den Kugeln nur wenig verletzt. Die Palissaden
muten daher mit Hlfe einer Strickleiter berstiegen werden, um das
Festungsthor von beiden Seiten angreifen und die Vertheidiger
zurcktreiben zu knnen. Den Zugang bildeten zwei etwa zehn Fu
voneinander entfernte Thore; der Raum zwischen denselben war mit schweren
Steinen angefllt. Hatte die Kanonade auch keinen direkten Vortheil
erzielt, so trieb sie doch die Vertheidiger zurck. Nur sechs Offiziere
stellten sich mit Todesverachtung den Angreifern entgegen, doch waren
ihrer zu wenige, um die Position halten zu knnen.

Als die Englnder ber die Leichen dieser Tapferen vordrangen, fanden sie
auf einer etwas entfernten Anhhe den entseelten Krper des Knigs
Theodoros liegen - er hatte die Schande nicht berstehen knnen und sich,
um einer schmachvollen Gefangenschaft zu entgehen, durch den Mund
erschossen, und zwar mit einem jener Revolver, welche ihm "die Knigin
Victoria zum Zeichen ihrer Dankbarkeit fr die Gte geschenkt hatte, die
er ihrem Diener Plowden erwiesen." So sagte die Inschrift des
sechslufigen Revolvers. Theodor's Waffentrger gab die Einzelheiten an
ber das Verhalten seines Herrn in den letzten Stunden whrend des
Angriffs der Englnder, gegen welchen der sonst so gefrchtete Tyrann nur
mit wenigen Getreuen Stand hielt. Zweimal brach unter den hervorragendsten
Huptlingen und deren Gefolge Meuterei aus. Sie weigerten sich, an seiner
Seite zu kmpfen, und beschlossen, ihn dem Feind auszuliefern, doch hatten
sie noch immer nicht genug Muth, ihr Vorhaben auszufhren. Als so Alles
verloren war, erscho sich Theodor selbst, gleichsam um seine Feinde
dadurch zu beschmen, da er wie ein Knig sterbe. Das Gesicht des Todten
lie allerdings nicht auf seine frheren Zge schlieen, zumal da das Auge
das Feuer und den Ausdruck verloren, die als sein Charakteristicum
bezeichnet wurden. Die Stirn zeugte von Intelligenz, der Mund von
Entschlossenheit und Grausamkeit. Eine Anzahl englischer Truppen hielt bei
dem kniglichen Leichnam Wache, bis er, am Abend des 14. April, in der
Kirche von Magdala begraben wurde.

  [Illustration: Knigskrone Theodor's.]

Der englische Oberbefehlshaber bot das eroberte Magdala dem Gobazye, Schum
von Waag, an; dieser lehnte jedoch das Geschenk ab, weil er es nicht gegen
die Angriffe der Wollo-Galla vertheidigen knne und es berdies noch
jedem, der dort geherrscht, den Untergang bereitet habe. Deshalb beschlo
Napier, Magdala zu zerstren. Am Nachmittag des 17. April wurde der Ort in
Brand gesteckt, die hochaufwirbelnden Feuer- und Rauchsulen verkndeten
den erstaunten Eingeborenen, da Theodor gefallen, seine Zwingburg
zerstrt sei. Mit der Kirche, die man vor den Flammen nicht retten konnte,
verbrannte auch der Leichnam des Knigs. Damit war jedoch nur der Ort
Magdala vernichtet, die natrliche Felsenfeste aber war unzerstrbar. Die
Stadt an und fr sich war uninteressant, sie bestand aus den gewhnlichen
Htten mit kegelfrmigen Strohdchern. Nur die keineswegs schne Kirche
und die Wohnung Theodor's stachen von den brigen Husern ab. Letztere
bestand aus zwei Stockwerken und war mit einem flachen Dache gedeckt. In
ihr fand sich eine Anzahl europischer Luxusartikel vor, Klaviere,
Harmoniums, Spieldosen, Patronen fr Hinterlader und ein Gemenge anderer
Gegenstnde. Sonst fanden sich Zeichen der Civilisation nur in den
Werksttten der von Theodor gefangen gehaltenen Handwerker. Einige Kronen,
Becher, die Mrser Theodor's, Speere, Sbel, Kreuze, amharische Bibeln
u. s. w. wurden als Trophen mit nach England genommen. Unter den
Gefangenen befand sich auch ein Sohn Theodor's, welchen der Obergeneral
mit nach England zu nehmen beschlo. Auch die beiden Kniginnen fielen den
Englndern in die Hnde. Die rechtmige Gattin Toronesch, die Tochter
Ubi's, erschien als eine vornehm aussehende Frau von 26 Jahren, mit
heller Hautfarbe, lebhaften Augen, hbscher Hand und wunderschnem Haar,
das in dichten Locken auf die Schultern herabfiel. Sie vermochte das Ende
ihres Gemahles nicht zu berleben und starb auf dem Wege nach der Kste.

Sofort begannen die Englnder den Rckmarsch; um den Besitz der kahlen
Felsenwnde Magdala's, das zur Berhmtheit geworden, stritten sich nun
wieder die Galla - fr die Abessinier war das Land am Kollogebirge,
welches sie von ihren Stammesgenossen in Schoa trennt, verloren, und der
muhamedanische Keil, den einst Theodor beseitigt, war wieder zwischen die
christlichen Reiche eingeschoben. Auf der Talanta-Hochebene sammelte Sir
R. Napier sein kleines tapferes Heer, hielt ber dasselbe Revue und dankte
ihm fr die bewiesene Aufopferung. Dann wurde die Dschidda berschritten
und auf demselben Wege, den man gekommen, die Heimkehr vollzogen.

Die befreiten Gefangenen und die Beute brachten die Englnder triumphirend
nach Zula, von wo sie nach England eingeschifft wurden. Auch die deutschen
Handwerker kehrten heim und nur Schimper und Zander zogen es vor, sich
nach Adoa in Tigri zu begeben, wo sie ihre Tage beschlieen wollen. Die
Expedition selbst war ein groer Erfolg, fr den England aber theuer
bezahlen mute. Wenn der Brief, den Theodor Ende 1862 an die Knigin
Victoria schrieb, im Auswrtigen Amte nicht vergessen und nicht
unbeantwortet geblieben wre, so wrde kein Grund vorhanden gewesen sein,
die Expedition berhaupt zu unternehmen, 6 Millionen Pfund Sterling zu
opfern und einige Tausend schlecht bewaffneter Abessinier mit
Armstrongkanonen und Hinterladern niederzuschieen.

                              --------------

Selten wurde wol ein Kriegszug mit solchem Widerstreben unternommen, mit
solcher Genauigkeit entworfen und so rasch und vollstndig ausgefhrt, wie
die englische Expedition gegen Abessinien. Sir Robert Napier konnte mit
Csar schreiben: _Veni, vidi, vici!_ Der Knig todt, Magdala erstrmt, die
Gefangenen frei! Das waren die nchsten Resultate. Die Schnelligkeit und
Entschiedenheit des Erfolges, die vollstndige Vernichtung Theodor's und
seiner Macht kann uns kaum Wunder nehmen. Der Kampf zwischen einem
englischen Heere mit englischen Waffen und einer Streitmacht wenig
geschulter, wenn auch tapferer Abessinier war fr letztere von vornherein
ein hoffnungsloser. Das eigenthmliche Verdienst der Englnder bestand
aber nicht darin, da sie die Abessinier, sondern da sie das Land
besiegten. Die Natur kmpfte gegen sie, aber die Wissenschaft und die
Organisation berwanden diesen gefhrlichsten der Gegner. Napier mute
sich fast Zoll fr Zoll erst den Weg bahnen, und dieser mhsame und
gefahrvolle Marsch ging ber jh abstrzende Klippen und an schwindelnden
Abgrnden vorbei; dazu gesellte sich die Klte auf den Alpenhhen von
12,000 Fu ber der Meeresflche. Man begreift die ngstliche Spannung der
englischen Armee, indem sie sich Magdala nherte, Theodor mchte sich
zurckziehen und sie in endloser Verfolgung seiner Person und seiner
Gefangenen zu ermden suchen - aber der Negus hatte geschworen: "wenn auch
alle seine Truppen flhen, allein den Briten Stand zu halten". Und er hat
Wort gehalten, und in der That kann man im Hinblick auf die frheren
Grothaten und die letzte Stunde sein Mitgefhl dem Manne nicht versagen,
der selbst die Englnder zwang, ihn zu zermalmen. Er war aus dem Stoffe
vieler orientalischer Eroberer gemacht, ein willensstarker, bedeutender
Mensch, aber ohne Selbstbeherrschung und unfhig, die Kraft einer der
seinigen berlegenen Civilisation zu begreifen. Selbst die Englnder
lieen dem berwundenen Feinde schlielich Gerechtigkeit widerfahren und
eines ihrer Bltter ruft aus: "Schade um den Mann! Der wahnsinnige Barbar,
das feige Ungeheuer, als welchen ihn die schreibseligen Judenmissionre in
ihren Episteln aus der Gefangenschaft schilderten, war vielleicht der
einzige wirkliche Held in diesem romantischen Drama. Schade um den Mann!
Ein Mann von wilder Genialitt, durchdringendem Scharfsinn und eiserner
Willenskraft, mit all den Eigenschaften ausgerstet, welche nthig sind,
um Afrikanern zu imponiren und Barbaren fr die Civilisation zu gewinnen,
so erschien er unsern Kriegern und er hat ihr Urtheil durch sein Herzblut
besiegelt."

In Abessinien sind von Zeit zu Zeit groe Mnner aufgetreten, welche ihr
daniederliegendes Vaterland aus dem Staube zu heben suchten - der Abuna
Tekla Haimanot stellte zu Ende des 13. Jahrhunderts das Reich unter der
salomonischen Dynastie wieder her; Kaiser Fasilides verjagte die Jesuiten
und unterwarf alle Rebellen - aber grer und gewaltiger erscheint der
Sohn der armen Kussohndlerin aus Koara, Theodor II. - Und Abessinien?
wird man fragen. Ohne krftige Regierung steht es wieder da, zerklftet
und zerfallen, als das Land, das es von je gewesen, "das Land der
Verwirrung".

  [Illustration: Siegel des Knigs Theodor. Nach Lejean.]

                                 _Ende._






  [Illustration: Uebersichtskarte von Abessinien.]





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Jahren 1853, 1854 und 1855 unter Dr. *_Elisha Kent Kane_*.* _Vierte_
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*Die Franklin-Expeditionen und ihr Ausgang.** Entdeckung der
nordwestlichen Durchfahrt durch *_Mac Clure_*, sowie Auffindung der
Ueberreste von Franklin's Expedition durch Kapitn Sir *_M'Clintock_*, R.
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der nrdlichen Polarlnder etc. *Vollstndig in 6 Heften.* In elegantem
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Innern Afrika's.* In Schilderungen der bekanntesten lteren und neueren
Reisen, insbesondere der groen Entdeckungen im sdlichen Afrika whrend
der Jahre 1840 bis 1856 durch Dr. *David Livingstone*. _Dritte_ Auflage.
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Afrika's und auf dem Eilande Madagascar.* In Schilderungen von *David
Livingstone's* neuesten Forschungen whrend der Jahre 1858-1864; der
Universitts-Mission und Livingstone's letzter Expedition von 1866. Ferner
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Expedition in das Land des Muata-Kazembe, sowie der Reisen auf der Insel
Madagascar whrend des letzten Jahrzehnts. Mit 90 Text-Abbildungen, sechs
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Afrika sammt Madagascar, unter Angabe der Reiserouten von David
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Bercksichtigung der Reisen und Abenteuer, Handels- und Jagdzge von *Paul
Belloni du Chaillu* im _quatorialen Afrika_, sowie von *Ladislaus Magyar*
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*Eduard Vogel, der Afrika-Reisende.** Schilderung der Reisen und
Entdeckungen des Dr. Eduard Vogel in Central-Afrika:* in der groen Wste,
in den Lndern des Sudan, am Tsad u. s. w. Nebst einem Lebensabri des
Reisenden. Nach den Originalquellen bearbeitet von *Hermann Wagner*.
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Tondrucktafeln und einer Karte von Vogel's Reiseroute. *Vollstndig in 6
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*Abessinien, das Alpenland unter den Tropen** und seine Grenzlnder.*
Schilderungen von Land und Volk, vornehmlich unter Knig Theodoros
(1855-1868). Nach den Berichten lterer und neuerer Reisender bearbeitet
von Dr. *Richard Andree*. Mit 80 Text-Abbildungen, sechs Tonbildern sowie
einer neuen Karte von Abessinien. *Vollstndig in 6 Heften.* In elegantem
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*Die Erforschung des Nilquellen-Gebietes** und der angrenzenden Lnder von
Zanzibar bis Chartum.* Nach *Burton*, *Speke*, *Baker*, *Petherick*,
*Heuglin*, *v. d. Decken* u. A. In 6-8 Heften. Mit 100 Text-Abbildungen,
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*Die Nippon-Fahrer oder das wiedererschlossene Japan.* In Schilderungen
der bekanntesten lteren und neueren Reisen, insbesondere der
amerikanischen Expedition in den Jahren 1852 bis 1854 und der preuischen
Expedition nach Ostasien in den Jahren 1860 und 1861. Ursprnglich
bearbeitet von *Friedrich Steger* und *Hermann Wagner*. In neuer Auflage
herausgegeben von Dr. *Richard Andree*. _Zweite_ gnzlich umgearbeitete,
vermehrte Auflage. Mit etwa 150 Text-Abbildungen, sieben Tondrucktafeln,
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Prachtband 2-1/3 Thlr.

*Reisen in den Steppen und Hochgebirgen Sibiriens** und der angrenzenden
Lnder Central-Asiens.* Nach Aufzeichnungen von T. W. _Atkinson_ und
Anderen. Bearbeitet von *A. v. Etzel* und *H. Wagner*. Mit 120
Text-Abbildungen und fnf Tondrucktafeln. *Vollstndig in 8 Heften.* In
elegantem Prachtband 1-2/3 Thlr.

*Das Amur-Gebiet und seine Bedeutung.** Reisen in Theilen der Mongolei, in
den angrenzenden Gegenden Ost-Sibiriens, am Amur und seinen Nebenflssen.*
Nach den neuesten Berichten, vornehmlich nach Aufzeichnungen von *A.
Michie*, *G. Radde*, *R. Maack* und Anderen. Herausgegeben von Dr.
*Richard Andree*. Mit 80 Text-Illustrationen, vier Tonbildern, sowie einer
Karte des asiatischen Rulands und der angrenzenden Theile von
Inner-Asien. *Vollstndig in 6 Heften.* In eleg. Prachtband 1-2/3 Thlr.

*Die ostasiatische Inselwelt I.** Land und Leute von
Niederlndisch-Indien: den Sunda-Inseln, den Molukken sowie Neu-Guinea.*
Reise-Erinnerungen und Schilderungen, aufgezeichnet whrend seines
Aufenthaltes in Hollndisch-Ostindien und herausgegeben von Dr. *S.
Friedmann*. *Vollstndig in 6 Heften.* In elegantem Prachtband 1-2/3 Thlr.

*Das Tropen-Eiland Java.* Mit 120 Text-Abbildungen, sechs Tonbildern und
einer Karte von Java.

*Die ostasiatische Inselwelt II.** Land und Leute von
Niederlndisch-Indien: den Sunda-Inseln, den Molukken sowie Neu-Guinea.*
Reise-Erinnerungen und Schilderungen, aufgezeichnet whrend seines
Aufenthaltes in Hollndisch-Ostindien und herausgegeben von Dr. *S.
Friedmann*. *Vollstndig in 6 Heften.* In elegantem Prachtband 1-2/3 Thlr.

*Sumatra, Borneo, Celebes, die Molukken und Neu-Guinea.* Mit 100
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       *Neueste Kinderschriften, illustrirt durch F. Flinzer u. A.*

*Die Kinderstube I.** Was man seinen Kindern erzhlt, wenn sie 2 bis 5
Jahre alt sind.* Kleine Geschichtchen, Gedichtchen und Rthsel. Von *Ernst
Lausch*, Lehrer an der Ersten Brgerschule zu Wittenberg. - In zwei
Abtheilungen, mit 54 Text-Abbildungen und drei Buntbildern. Geheftet 15
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Die _erste_ Abtheilung enthlt 50 Geschichtchen und Gedichtchen, die
_zweite_ Abtheilung 50 Gedichtchen, Rthsel und Gebete zum
Auswendiglernen.

*Die Kinderstube II.** Hundert kleine Erzhlungen, Gedichte und Verschen
fr Kinder von 4 bis 6 Jahren.* Der lieben Kinderwelt und deren Freunden
gewidmet von *Fr. A. Gla*. Neu bearbeitet und herausgegeben von *Ernst
Lausch*. _Zweite_ umgearbeitete Auflage. Mit 60 Text-Abbildungen und drei
Buntbildern. Geheftet 15 Sgr. = 54 Kr. rhein. In prchtig ausgestattetem
Umschlag gebunden 20 Sgr. = 1 Fl. 12 Kr. rhein.

*Die Kinderstube III.** Erstes A-B-C-, Lese- und Denkbuch fr brave
Kinder, die leicht und rasch lesen lernen wollen.* Ein Fhrer fr Mtter
und Erzieher beim ersten Unterricht durch Wort und Bild. Herausgegeben von
*Ernst Lausch*. Mit 300 Text-Abbildungen und zwei Buntbildern. Geheftet 15
Sgr. = 54 Kr. rhein. In prchtig ausgestattetem Umschlag gebunden 20 Sgr.
= 1 Fl. 12 Kr. rhein.

*Inhalt:* I. Die kleinen Buchstaben. II. Die groen Buchstaben und
Ergnzung der kleinen. III. Lesebuch. IV. A-B-C-Bilder-Reime. V.
Kinderspiele. VI. Rechenbuch. VII. Gebetbuch.

Ein namhafter Pdagog spricht sich ber die vorstehenden Bndchen in
folgender Weise aus: "Wir knnen nicht anders als mit Freuden anerkennen,
da es dem Autor gelungen ist, den rechten Stoff und fr denselben die
rechte Form, d. h. die rechte Sprache fr die Kinder-Erzhlungen getroffen
zu haben. Die Geschichtchen sind hchst einfach und natrlich in der
Sprechweise der Kinder gegeben, ohne jedoch etwa einen kindischen oder gar
lppischen Ton anzuschlagen. Man siehts diesen Bchelchen deutlich an, da
ein innig liebendes Vaterherz, geleitet von einem klaren pdagogischen
Sinne, sie zunchst fr sein Theuerstes auf Erden, fr seine eigenen
Kinder erfunden und erzhlt hat. Sie sind den Kleinen aus der Seele
gelesen und darum echte Mosaikstcke aus einem wahren und wirklichen
Kindesleben. Mit vielem Glck hat der Verfasser in diesen Erzhlungen
alles Geknstelte und Sentimentale, alles Ueberschwengliche und
Unnatrliche _ la_ Struwelpeter, sowie besonders auch trocknes und
langathmiges Moralisiren fern gehalten."

Noch sei bemerkt, da diese Geschichtchen so einfach und kunstlos sind, um
von jeder Mutter und Erzieherin jemalig nach dem Bedrfni und der
Anschauungsweise ihrer Pfleglinge leicht umgendert oder auch als Themata
zu verschiedenen Variationen benutzt werden zu knnen.

Wo und wann ein Lehrer von _Mttern_ oder von _Erzieherinnen_ nach
lobenswerthen und zweckdienlichen Erzhlungen fr kleine Kinder befragt
wird, da kann derselbe mit gutem Gewissen die Geschichtchen von *Ernst
Lausch* ihnen aufs Wrmste empfehlen.

Gleiches Lob verdient das _neueste_ Bndchen desselben Verfassers unter
dem Titel:

                        Die Schule der Artigkeit.

*Goldenes A-B-C der guten Sitten** in Lehr- und Beispiel, Mahnung und
Warnung.* Auserwhlte Fabeln, Sprche und Sprchwrter _fr die
Kinderstube_. Herausgegeben von *Ernst Lausch*. Mit einem Titelbilde,
sowie 60 Text-Abbildungen von F. Flinzer, O. Rostosky und Fr. Waibler.
Elegant geheftet 22 Sgr. = 1 Fl. 21 Kr. rhein. In prchtig ausgestattetem
Umschlag gebunden 25 Sgr. = 1 Fl. 30 Kr. rhein.

(Diesem Bndchen schliet sich im nchsten Jahre eine Sammlung der
vorzglichsten deutschen *"Mrchen und Sagen"* an.)

                         Die kleinen Tierfreunde.

*Fnfzig Unterhaltungen ber die Thierwelt.* Ein lustiges Bchlein, fr
die liebe Jugend bearbeitet von Dr. *Karl Pilz*, Lehrer an der Dritten
Brgerschule zu Leipzig. _Zweite_, gnzlich umgearbeitete, vermehrte
Auflage. Mit 60 Text-Abbildungen und einem Titelbilde. Geheftet 20 Sgr. =
1 Fl. 12 Kr. rhein. Elegant cartonnirt 25 Sgr. = 1 Fl. 30 Kr. rhein.

                  *Kinderschriften von Hermann Wagner.*

*Illustrirtes Spielbuch fr Knaben.** 1001* unterhaltende und anregende
Belustigungen, Spiele und Beschftigungen fr Krper und Geist, im Freien
sowie im Zimmer. Herausgegeben von *Hermann Wagner*. _Zweite_ unvernderte
Auflage. Ein Band von 400 Seiten in buntem Umschlag, mit mehr als 500 in
den Text gedruckten Abbildungen, sowie einem Titelbilde. Elegant geheftet
Preis 1-1/3 Thlr. = 2 Fl. 24 Kr. rhein. In geschmackvollem
Cartonnage-Einband 1 Thlr. = 2 Fl. 42 Kr. rh.

*Der gelehrte Spielkamerad** oder der kleine Naturforscher, Thierfreund
und Sammler.* Anleitung fr kleine Physiker, Chemiker, Botaniker und
Naturfreunde zum Experimentiren, zur Anlage von Pflanzen-, Stein-,
Muschel-, Insekten-, Schmetterling-, Vogel-, Briefmarkensammlungen etc.,
sowie zur Pflege der Hausthiere und des Hausgartens. Ein Supplement zum
"Spielbuch fr Knaben". Herausgegeben von *Hermann Wagner*. Mit ber 200
Text-Abbildungen, sechs Abtheilungs-Frontispicen sowie einem Titelbilde.
Eleg. geheftet 1-1/3 Thlr. = 2 Fl. 24 Kr. rh. In geschmackvollem
Cartonnage-Einband 1 Thlr. = 2 Fl. 42 Kr. rhein.


 _Bestens empfohlen.]   __Fr Knaben und Mdchen.__    [Zweite Auflage._

*Entdeckungsreisen in Haus und Hof.* Mit seinen jungen Freunden
unternommen von *Hermann Wagner*. Mit 100 Abbildungen, Titel- und
Tonbildern. Eleg. geh. 15 Sgr. = 54 Kr. rhein. Eleg. cartonnirt 20 Sgr. =
1 Fl. 12 Kr. rhein.

*Entdeckungsreisen in der Wohnstube.* Mit seinen jungen Freunden
unternommen von *Hermann Wagner*. Mit ber 100 Abbildungen, Titel- und
Tonbildern etc. Eleg. geh. 15 Sgr. = 54 Kr. rh. Eleg. cartonnirt 20 Sgr. =
1 Fl. 12 Kr. rh.

*Entdeckungsreisen im Wald und auf der Heide.* Mit seinen jungen Freunden
unternommen von *Hermann Wagner*. Mit 130 in den Text gedruckten
Abbildungen, zwei Buntdruck- und drei Tonbildern und einer Extrabeilage
von getrockneten Moosarten. Eleg. geh. 20 Sgr. = 1 Fl. 12 Kr. rhein. Eleg.
cartonnirt 25 Sgr. = 1 Fl. 30 Kr. rhein.

*Entdeckungsreisen in Feld und Flur.* Mit seinen jungen Freunden
unternommen von *Hermann Wagner*. Mit 110 in den Text gedruckten
Abbildungen, zwei Buntdruck- und drei Tonbildern, einem Titelbilde etc.
Eleg. geh. 20 Sgr. = 1 Fl. 12 Kr. Eleg. cartonnirt 25 Sgr. = 1 Fl. 30 Kr.
rhein.


*Entdeckungsreisen in der Heimat.** I. Im Sden.* Eine _Alpenreise_ mit
seinen lieben jungen Freunden unternommen von *Hermann Wagner*. Mit 100 in
den Text gedruckten Abbildungen, Tonbildern etc. Eleg. geh. 20 Sgr. = 1
Fl. 12 Kr. Eleg. cartonnirt 25 Sgr. = 1 Fl. 30 Kr. rhein.

*Entdeckungsreisen in der Heimat.** II. Im Flachlande von
Mitteldeutschland.* Streifereien mit seinen lieben jungen Freunden
unternommen von *Hermann Wagner*. Mit 100 in den Text gedruckten
Abbildungen, Tonbildern etc. Eleg. geheftet 20 Sgr. = 1 Fl. 12 Kr. Eleg.
cartonnirt 25 Sgr. = 1 Fl. 30 Kr. rhein.


*Im Grnen oder die kleinen Pflanzenfreunde.* Erzhlungen aus dem
Pflanzenreich von *Hermann Wagner*. _Dritte vermehrte Auflage._ Mit 80
Abbildungen und kolor. Titelbilde. In prachtvollem Umschlage eleg. carton.
25 Sgr.

                   _Verlag von Otto Spamer in Leipzig._





                                FUSSNOTEN


    1 Adara Bille, der Peiniger Krapf's, lie sich 1863 in eine
      Verschwrung gegen den Knig Theodoros ein, die jedoch verrathen
      wurde, infolge dessen jener das Leben verlor.

    2 Die beigefgte Abbildung stellt einen pflgenden Mensa dar.
      Zugochsen und Pflug, ebenso das Joch des Ochsen, sind ganz genau so
      wie im eigentlichen Abessinien gestaltet.





                       BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT


Die Funoten wurden an das Ende des Textes gesetzt.

Die Werbeseiten wurden am Ende des Textes zusammengefat.

Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In der elektronischen Fassung
sind Antiqua (bis auf rmische Zahlen und den Titel "Dr.") und Sperrung
durch Unterstriche markiert, Fettdruck durch Sternchen.

"etc." ist im Original mit der Tironischen Note fr _et_ geschrieben.

Korrektur offensichtlicher Druckfehler:

      Seite 1: "Lefebvre" in "Lefbvre" gendert
      Seite 16: "Sanglu" in "Saglu" gendert
      Seite 19: "Indiko,pleustes" in "Indikopleustes" gendert, "kopirte-"
      in "kopirte,"
      Seite 26: "wrtembergischen" in "wrttembergischen" gendert
      Seite 51: "Allgemeine-n" in "Allgemeinen" gendert
      Seite 57: "Mohamedaner" in "Muhamedaner" gendert
      Seite 67: "lezteren" in "letzteren" gendert
      Seite 95: zweites Anfhrungszeichen hinter "vergeblich" ergnzt
      Seite 136: "Metemme" in "Metemm" gendert
      Seite 144: "brereitete" in "bereitete" gendert
      Seite 146: "Waizen" in "Weizen" gendert
      Seite 153: "Einwoher" in "Einwohner" gendert
      Seite 172: "Rppel" in "Rppell" gendert
      Seite 175: "Raum" in "Rauch" gendert
      Seite 185: "Reb," in "Reb" gendert
      Seite 199: "Woito" in "Waito" gendert
      Seite 203: "Lalmalmon" in "Lamalmon" gendert
      Seite 218: "Schutzherrrn" in "Schutzherrn" gendert
      Seite 221: "Regeu" in "Regen" gendert
      Seite 230: "Assasee" in "Assalsee" gendert
      Seite 236: "Meeresspiel" in "Meeresspiegel" gendert
      Seite 237: "vernachligt" in "vernachlssigt"
      Seite 246: "Banketsales" in "Banketsaales" gendert
      Seite 250: "Agollala's" in "Angollala's" gendert
      Seite 253: "Garagu" in "Guragu" gendert
      Seite 253: berflssiges Anfhrungszeichen vor "Satan" entfernt
      Seite 287: "Ungust" in "Ungunst" gendert

Nicht vereinheitlicht wurden (auer in Fllen einzelner, als Druckfehler
anzusehender Abweichungen) verschiedene Schreibvarianten wie "Augenbrauen"
und "Augenbraunen", "Bajonnet" und "Bajonett", "danieder" und "darnieder",
"erwidern" und "erwiedern", "Galla" und "Gala", "Kusso" und "Kosso",
"male" und "Male", "Tanasee" und "Tana-See", "Victoria" und "Viktoria",
"Wag" und "Waag", "wol" und "wohl" oder unterschiedliche Verwendung von
Akzenten. Das Original verwendet durchgehend die Schreibungen "Schmuz",
"schmuzig", "jenseit".





***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ABESSINIEN, DAS ALPENLAND UNTER DEN TROPEN UND SEINE GRENZLNDER***



                                 CREDITS


January 7, 2010

            Project Gutenberg TEI edition 1
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            the Online Distributed Proofreading Team at
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                                Section 1.


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                                   1.B.


"Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be used on or
associated in any way with an electronic work by people who agree to be
bound by the terms of this agreement. There are a few things that you can
do with most Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works even without complying
with the full terms of this agreement. See paragraph 1.C below. There are
a lot of things you can do with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works if you
follow the terms of this agreement and help preserve free future access to
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                                   1.C.


The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" or
PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
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                                   1.D.


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"Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project Gutenberg"
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phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the work, you
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trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.


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If an individual Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work is posted with the
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with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional terms imposed
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Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License for all works posted with the permission of the
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work, or any part of this electronic work, without prominently displaying
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      required to prepare) your periodic tax returns. Royalty payments
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      "Information about donations to the Project Gutenberg Literary
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      distribution of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works.


                                  1.E.9.


If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic
work or group of works on different terms than are set forth in this
agreement, you must obtain permission in writing from both the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael Hart, the owner of the
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Section 3 below.


                                   1.F.


                                  1.F.1.


Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable effort to
identify, do copyright research on, transcribe and proofread public domain
works in creating the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection. Despite these
efforts, Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, and the medium on which they
may be stored, may contain "Defects," such as, but not limited to,
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paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS,' WITH NO OTHER
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WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.


                                  1.F.5.


Some states do not allow disclaimers of certain implied warranties or the
exclusion or limitation of certain types of damages. If any disclaimer or
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applicable to this agreement, the agreement shall be interpreted to make
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law. The invalidity or unenforceability of any provision of this agreement
shall not void the remaining provisions.


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additions or deletions to any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, and (c) any Defect
you cause.


                               Section  2.


           Information about the Mission of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}


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works in formats readable by the widest variety of computers including
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efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks
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Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring
that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for
generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation was created to provide a secure and permanent future for
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Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
http://www.pglaf.org.


                                Section 3.


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business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
can be found at the Foundation's web site and official page at
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    Chief Executive and Director
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                                Section 4.


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                                Section 5.


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