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+The Project Gutenberg EBook of Die Physiologie und Psychologie des Lachens
+und des Komischen., by Ewald Hecker
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Die Physiologie und Psychologie des Lachens und des Komischen.
+ Ein Beitrag zur experimentellen Psychologie für
+ Naturforscher, Philosophen und gebildete Laien.
+
+Author: Ewald Hecker
+
+Release Date: November 9, 2008 [EBook #27205]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE PHYSIOLOGIE UND PSYCHOLOGIE ***
+
+
+
+
+Produced by Karl Pfeifer <karl.pfeifer@usask.ca>.
+
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+
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+
+*Ebook Editor's Prefatory Note*
+
+
+Wherever the original text uses letterspacing for emphasis, I have
+substituted enclosing understrikes; I have, however, kept the
+German-style quotation marks (although in some plain text character
+sets the right-side quotation mark does not appear as the proper
+stylistic complement of the left-side quotation mark).
+
+The only spelling errors I spotted are "Jnhalt" for "Inhalt" on p. 14
+(although capital "I" and "J" are sometimes conflated or not
+conspicuously distinguished in German blackletter typefaces, Hecker's
+book is not set in such a typeface), "lehhaft" for "lebhaft" on p.
+20, and "deselbeu" for "deselben" on p. 75. Otherwise, the spelling,
+though not always consistent, seems to employ what were acceptable
+variants at the time of writing.
+
+I have neither corrected Hecker's spelling or attempted to make it
+consistent, nor have I made other corrections to the original text.
+In particular, I have retained Hecker's idiosyncratic use of the long
+dash throughout; sometimes his long dash functions like genuine
+punctuation, but oftentimes its purpose is difficult to discern (e.g.
+he sometimes uses it at the end of a paragraph after the period). I
+have also retained Hecker's idiosyncratic use of doubled double-quotes
+for a quotation within a quotation on p. 68. And at the bottom
+of p. 31, there is a left-side parenthesis mark without a matching
+right-side parenthesis mark.
+
+Hecker misquotes Aristotle on pages 19 and 52, each time omitting the
+connective "kai" from Aristotle's phrase "anôdunon kai ou
+phthartikon" (_Poetics_ 1449a). The transliterations in this ebook
+are mine; Hecker himself quotes Aristotle in Greek.
+
+Karl Pfeifer
+University of Saskatchewan
+<karl.pfeifer@usask.ca>
+
+
+[Page I]
+
+Die
+*Physiologie und Psychologie*
+des
+*Lachens und des Komischen.*
+
+Ein Beitrag zur experimentellen Psychologie
+für
+Naturforscher, Philosophen und gebildete Laien.
+Von
+*Dr. Ewald Hecker,*
+Zweitem Arzt an der Anstalt für Nerven- und Gemütskranke in Görlitz.
+
+*Berlin,*
+Ferd. Dümmlers Verlagsbuchhandlung
+Harrwitz & Gossmann.
+1873.
+
+[Page II: blank]
+
+[Page III]
+
+Meinem
+lieben Freunde und hochverehrten Lehrer
+dem
+*D^R. KARL KAHLBAUM*
+Director der Heil- und Pflegeanstalt für Nerven- und Gemüthskranke in
+Görlitz
+als ein Zeichen aufrichtigster Dankbarkeit
+zugeeignet.
+
+[Page IV: blank]
+
+[Page V]
+
+Wenn ich Dir, lieber Kahlbaum, das vorliegende Büchelchen auf den
+Weihnachtstisch lege, so weiss ich freilich, dass ich Dir mit
+demselben keine unerwartete Ueberraschung bereite; denn Du hast ja um
+das Entstehen des kleinen Werkes gewusst und an ihm von Anfang an den
+lebhaftesten Antheil genommen. Doch hoffe ich Dir damit trotzdem eine
+kleine Freude zu bereiten. Vor Allem aber möchte ich Dir mit der
+Widmung dieses Buches einen geringen Theil des Dankes abtragen, den
+ich Dir in so reichem Maasse schulde für das herzliche Interesse, das
+Du stets an mir und meiner geistigen Ausbildung genommen, für die
+freundliche Theilnahme, die Du meinen Studien geschenkt, für Deine
+stete Bereitschaft, auf meine Pläne und Arbeiten einzugehen und mich
+dabei mit treuem Rathe zu unterstützen. -- Unter Deiner Leitung bin
+ich in einen Beruf voll Ernst und Mühe eingetreten, Du hast in mir
+von Anfang an ein wahres wissenschaftliches Interesse für denselben
+zu erwecken gewusst und mir in rückhaltslosester Weise die reichen
+Schätze Deines Wissens und Deiner Erfahrungen aufgeschlossen.
+Vorzüglich bin ich auch dafür dankbar, dass Du mich auf die
+Anknüpfungspunkte achten gelehrt hast, die unsere
+Specialwissenschaft, die Psychiatrie, mit den anderen Gebieten des
+Wissens in Zusammenhang erhalten und mich namentlich auf die
+Psychologie als eine mir bis dahin ziemlich fremde, für die
+Psychiatrie aber unent-
+
+[Page VI]
+
+behrliche Wissenschaft hingewiesen hast. Von Dir werde ich am
+wenigsten den Vorwurf zu fürchten haben, dass ich mich mit meiner
+vorliegenden Arbeit zu weit von unserem Specialgebiete entfernt habe;
+zumal Du weisst, dass dieselbe eigentlich die Frucht meiner
+Vorstudien zu einer Psychologie des gesunden und kranken
+Gefühlslebens ist. Das vorliegende Thema bot durch die in ihm sich
+vollziehende enge Verknüpfung der Physiologie mit der Psychologie den
+besten Ausgangspunkt, um das eben erwähnte Gebiet nach der
+naturwissenschaftlichen und experimentellen Methode zu durchforschen.
+Wenn meine Arbeit, wie ich hoffe, nicht ganz erfolglos gewesen ist,
+so scheint mir das hauptsächlich für die Richtigkeit der
+eingeschlagenen Methode zu sprechen. Schon Wundt hat in seinen
+„Beiträgen zur Theorie der Sinneswahrnehmungen" [1] der ausgedehnten
+Anwendung des Experiments in der Psychologie lebhaft das Wort geredet
+und ich verdanke dem eben erwähnten Buche eine nicht unerhebliche
+Förderung und Klärung meiner Ideen. Als ferneres Hilfsmittel, um die
+Psychologie mit Erfolg weiter auszubauen, betrachtet Wundt die
+Erweiterung der bisherigen Beobachtungsmethoden durch Heranziehung
+der Statistik, der Entwicklungsgeschichte der Seele und der
+vergleichenden Psychologie, welch letztere Wissenschaft zum Theil in
+Gestalt der Völkerpsychologie vor Allem durch die unermüdlichen und
+gründlichen Forschungen von Lazarus und Steinthal [2] für die
+allgemeine Psychologie schon von grösster Bedeutung geworden ist. --
+Durch Dich habe ich endlich den hohen Werth der Psychiatrie als
+Hilfswissenschaft der Psychologie schätzen gelernt. Sowie die
+krankhaften Erscheinungen an den körperlichen Organen oft einem
+exacten physiologischen Experimente gleichkommen, durch welches der
+Physiologe über bis dahin unentschiedene Fragen genauen Aufschluss
+erhält, so kann uns auch eine krankhafte
+
+[1] Leipzig u. Heidelberg 1862.
+[2] Zeitschr. f. Völkerpsychologie u. Sprachwissenschaft. Berlin
+1859-72.
+
+[Page VII]
+
+Störung des geistigen Lebens nicht selten als ein Experiment gelten,
+bei welchem die Einzel-Factoren des geistigen Mechanismus durch ihren
+Ausfall oder durch abnorme Steigerung um so deutlicher zur
+Beobachtung kommen können. --
+
+Deine Arbeiten über die Hallucinationen und über die Ideenflucht sind
+mir in dieser Beziehung als mustergültig erschienen und ich bedaure
+nur, dass sie in einem Fachjournal gleichsam untergegangen, zum
+grossen Theil aber noch nicht einmal veröffentlicht sind.
+
+Die Psychologie ist Gemeingut so vieler Wissenschaften, dass, wo es
+irgend angeht, ihre Forschungen in einer jedem Gebildeten
+verständlichen Sprache niedergelegt werden sollten. Darum habe ich
+mich auch bestrebt, die vorliegende Abhandlung unbeschadet ihres
+wissenschaftlichen Inhalts in eine allgemein verständliche Form zu
+kleiden. Wie oft mein Können hinter dem Wollen zurückgeblieben, weiss
+ich freilich am besten und muss Dich um Deine Nachsicht bitten. Was
+den Inhalt anbetrifft, so habe ich mit Lust und Eifer gestrebt, die
+Wahrheit zu finden und muss es getrost dem Urtheil sachverständiger
+Kritiker überlassen, zu entscheiden, ob und in wie weit mir dies
+gelungen. Möchte vor Allen Dir das Buch einige Freude machen! Das ist
+mein aufrichtigster Wunsch.
+
+_Görlitz_ im December 1872.
+
+*E. H.*
+
+[Page VIII: blank]
+
+[Page IX]
+
+*Inhalts-Uebersicht.*
+
+
+*Einleitung.*
+
+Die Zweckmässigkeit der Reflexbewegungen, in specie der Reflexkrämpfe
+des Hustens und Niesens. Frage nach dem Zweck des Lachens, (Weinens
+und Gähnens), welche Reflexbewegungen sowohl nach Reizung sensibler
+Nerven als auch nach psychischen Reizen auftreten. -- Aussicht, durch
+Lösung dieser Frage für die entsprechenden psychischen Prozesse eine
+physiologische Grundlage zu gewinnen. -- Das Lachen eine Folge des
+Kitzels und Folge der Einwirkung des Komischen . . . . S. 1-6.
+
+*A. Physiologischer Theil.*
+
+a. _Der Kitzel_, ein intermittirender Hautreiz. Wirkung desselben auf
+die Blutgefässe, -- durch Experiment veranschaulicht. -- Schwankungen
+des Blutdrucks im Gehirn. -- Beseitigung der hieraus drohenden
+Gefahren durch die rhythmischen Ausathmungsbewegungen des Lachens S.
+6-16.
+
+b. _Das Komische_. -- Wirkung auf die Gefässe. -- Experiment. --
+Theorie des Lachens von Harless. Mimik des Lachenden . . . S. 16- 18.
+
+*B. Die Psychologie des Komischen.*
+
+Historische Einleitung. -- Auffinden zweier Factoren im Komischen,
+eines angenehm und eines unangenehm wirkenden. -- Unterschied
+zwischen Gefühl und Empfindung. -- Entstehung der angenehmen und
+unangenehmen Gefühle. -- Anwendung des Gefundenen auf die durch das
+Komische erzeugten Doppelgefühle. -- Vorläufige Beispiele. --
+Eintheilung in 4 Hauptformen . . . . . . . . . . . . S. 19-40.
+
+I. _Das einfach Komische_.
+ 1) Das niedrig Komische. 2) Das Pseudonaive. 3) Das Naive. --
+Anhang: Der Humor . . . . . . . . . . . . . S. 40-50
+
+[Page X]
+
+II. _Das Komische mit zwei vereinbaren Vorstellungen_.
+ Die gerechte Schadenfreude. . . . . . . . . . . S. 50-53.
+
+III. _Das Komische mit zwei unvereinbaren Vorstellungen_.
+ 1) Das Komische der getäuschten Erwartung. 2) Der komische
+Anachronismus. 3) Das Burleske und Heroisch-Komische . S. 53-56.
+
+IV. _Das Komische mit dem Wettstreit der Vorstellung_ oder der
+*Witz.*
+ 1) Der Associationswitz.
+ a) Aehnlichkeitswitz (Klangwitz, Carricatur). b) Gleichheits-
+und Successions-Witz.
+ 2) Doppelsinnwitz.
+ a) Das homonyme Wortspiel. b) Das limitirende Wortspiel. c)
+Der Witz aus doppelsinniger Construction. d) Der Doppeldeutungs-Witz.
+e) Die Ironie. f) Der Vexir-Witz . . S. 56-75.
+
+Rückblick auf das ganze Gebiet des Komischen. -- Die Pointe. --
+Gleichzeitigkeit und gleiche Stärke des angenehmen und unangenehmen
+Gefühls im Komischen. -- Uebertragung des dem Wettstreit der
+Sehfelder zu Grunde liegenden allgemeinen Gesetzes auf das Komische.
+Danach das Komische aufzufassen als ein beschleunigter Wettstreit der
+Gefühle, ein Hin- und Herschwanken zwischen Lust und Unlust. --
+Physiologische Wirkung. -- Uebereinstimmung der Resultate S. 75-83.
+
+[Page 1]
+
+*Einleitung.*
+
+
+Es ist eine allgemein bekannte Erfahrung, dass ein grosser Theil
+unserer Bewegungen ganz ohne Einfluss des Willens von Statten geht.
+Die dabei thätigen Muskeln sind entweder solche, die überhaupt nur
+unwillkürlich wirken -- wie die Muskeln des Herzens, des Magens,
+Darms, der Blutgefässe u. s. w. -- oder solche, die nur unter
+bestimmten Umständen sich der Herrschaft unseres Willens entziehen,
+dem sie sonst zu gehorchen gewohnt sind.
+
+Wider unseren Willen, ja oft ohne unser Wissen, treten in den
+verschiedensten Muskelgruppen unwillkürliche geordnete Bewegungen
+ein, die wir in den meisten Fällen nicht einmal zu hemmen im Stande
+sind. Wenn wir uns den Finger unversehens stechen, so ziehen wir
+schnell die Hand zurück, noch ehe unser Wille dazu das Gebot erliess;
+wenn wir einen Bissen tief in den Schlund hinabschieben, so tritt
+eine unwillkürliche Schluckbewegung ein; wenn wir den Gaumenbogen und
+das Zäpfchen kitzeln, werden wir zu Brechbewegungen gezwungen; wenn
+ein fremder Körper in unsere Nase eindringt, oder wir die Schleimhaut
+derselben mit einem Federbart reizen, so erfolgt eine gewaltsame
+Krampfbewegung bestimmter Athmungsmuskeln, die wir das Niesen nennen
+u. s. w.
+
+Da wir nun wissen, dass in unserem Organismus keine Bewegung zu
+Stande kommen kann ohne eine Erregung der den Muskel versorgenden
+Bewegungsnerven, und es ferner ersichtlich ist, dass diese
+Nervenerregung stets eine bestimmte Ursache, einen Ausgangspunkt
+haben muss, so erscheint die Frage nach der Quelle der eben
+mitgetheilten Bewegungen wohl gerechtfertigt. Während sonst der Wille
+vom Gehirn aus die zu den verschiedenen Muskeln tretenden
+Bewegungsnerven innervirt
+
+[Page 2]
+
+(anregt), sehen wir hier ohne diesen gewöhnlichen Reiz eine
+Muskelaction zu Stande kommen. Welcher andere Reiz also ist es, der
+unseren Willen die Herrschaft über die Muskeln streitig zu machen
+sucht?
+
+Wenn wir die Reihe der oben angeführten Beispiele, die wir leicht
+noch bedeutend vermehren könnten, betrachten, so sehen wir, dass der
+Bewegung jedesmal eine Reizung bestimmter Empfindungsnerven
+vorausging, im ersten Fall: der Stich in den Finger, im zweiten Fall:
+die Berührung des Schlundes u. s. w. Bei der Unabänderlichkeit dieses
+Verhältnisses war der Schluss nahe gelegt, dass die nachfolgende
+Bewegung zur vorausgegangenen Empfindung in ursächlicher Beziehung
+stehe, und in der That hat denn auch eine grosse Zahl sehr exacter
+Untersuchungen die Erklärung dieses eigenthümlichen Verhältnisses
+ergeben.
+
+Der Reiz nämlich, der den Empfindungsnerven getroffen hat und von der
+Peripherie aus seinen gewöhnlichen Weg nach dem Nerven-Centrum
+(durchs Rückenmark nach dem Gehirn) nimmt, springt, noch ehe er sein
+letztes Ziel erreicht hat, und auf diese Weise uns zum Bewusstsein
+kam, innerhalb des Rückenmarks durch Vermittlung verbindender
+Ganglien- oder Nervenzellen auf einen Bewegungsnerven über. Dieses
+„Sichumsetzen" (Zurückstrahlen) einer Empfindung in Bewegung nennt
+man _Reflex_ und daher die Reihe der geschilderten Bewegungen
+_Reflexbewegungen_.
+
+In der Regel geht nun aber nicht der ganze Reiz vom Empfindungs- auf
+den Bewegungsnerven über, sondern ein Theil desselben setzt seinen
+Weg nach dem Gehirn weiter fort und wird als Empfindung dem
+Bewusstsein übermittelt. Wird jedoch diesem Nebenstrom nach dem
+Gehirn (ins Bewusstsein) durch bestimmte Bedingungen der Weg
+vertreten, so wird dann der ganze Empfindungsstrom auf den
+Bewegungsnerven reflectirt, und es kommen die Reflexbewegungen um so
+leichter und lebhafter zu Stande. Beim Menschen sind diese
+Bedingungen vorhanden, wenn die Aufmerksamkeit sehr lebhaft auf einen
+ganz andern Punkt gelenkt, wenn während Schlaf und Ohnmacht das
+Bewusstsein unzugänglich, oder endlich wegen krankhafter Störungen im
+oberen Theil des Rückenmarks die Leitung nach dem Gehirn erschwert
+ist. Am einfachsten und besten kann man
+
+[Page 3]
+
+diese Verhältnisse an Thieren künstlich erzeugen, indem man ihnen
+durch Abschneiden des Kopfes das Gehirn völlig nimmt, was namentlich
+bei Fröschen am leichtesten ausführbar ist.
+
+Beim näheren Studium der Reflexbewegungen drängt sich besonders eine
+interessante Thatsache unserer Beobachtung auf: dass sich nämlich
+fast alle diese Bewegungen durch eine wunderbare Zweckmässigkeit
+auszeichnen, indem sie zu dem veranlassenden Reize in bestimmte,
+scheinbar vernünftige und überlegte Beziehungen treten, während ja
+doch thatsächlich gerade Ueberlegung und Wille bei ihnen
+ausgeschlossen sind. Die Reflexbewegung hat entweder die Entfernung
+des verletzten Körpertheiles aus dem Bereich der Schädlichkeit oder
+die Entfernung des reizenden Objectes von unserem Körper zum Zwecke.
+Durch das Fortziehen der Hand entgehen wir der stechenden Nadel,
+durch das Niesen entfernen wir den prickelnden Körper aus der Nase u.
+s. w. Vorzüglich aber war am enthaupteten Frosch, an welchem nach dem
+oben Gesagten die Reflexbewegungen viel leichter und vollständiger zu
+Stande kommen, als bei Erhaltung des Gehirns, die Zweckmässigkeit
+seiner Bewegungen so auffallend und frappant, dass sich unter den
+Physiologen ein Streit darüber entspinnen konnte, ob nur das Gehirn
+und nicht auch das Rückenmark des Frosches mit einer Seele begabt
+sei. Namentlich neigte sich Professor Pflueger, der sich um das
+Studium der Reflexbewegungen sehr verdient gemacht hat, der Ansicht
+von der Seele im Rückenmark zu; während Professor Goltz, dem wir
+nicht minder werthvolle Entdeckungen auf diesem Gebiet verdanken,
+sein entschiedener Gegner Wurde.
+
+Ich glaube, dass Goltz mit der Zurückweisung der Rückenmarksseele
+völlig im Rechte ist, wenn es sich auch nicht leugnen lässt, dass die
+Abwehrbewegungen des enthaupteten Frosches ganz täuschend dem Product
+einer vernünftigen Ueberlegung gleichen; denn dieselben sind nicht
+allein dem Orte, sondern auch der Form der Reizung angepasst: Kneife
+ich den des Grosshirns beraubten Frosch mit einer Pincette, so
+schlägt er mit der entsprechenden Pfote das Instrument zur Seite;
+bestreiche ich seine Haut mit Essigsäure, so macht der Frosch alsbald
+Wischbewegungen u. s. w. und wenn schliesslich alle diese
+
+[Page 4]
+
+Anstrengungen ohne Erfolg bleiben und der Reiz noch stärker ausgeübt
+wird, kriecht oder springt das Thier davon. Aber noch mehr! nimmt man
+dem Frosche durch Amputation des betreffenden der gereizten
+Körperseite entsprechenden Beines oder dadurch, dass man dasselbe an
+den Leib festnäht, die Möglichkeit, mit diesem die zuächst versuchten
+Bewegungen auszuführen, so sehen wir, wie das Thier nach einigen
+fruchtlosen Bemühungen das andere Bein zur Hülfe nimmt.
+
+Ich kann mich leider hier nicht weiter auf diese interessanten und
+vielfach complicirten Experimente einlassen und will nur noch
+anführen, dass Goltz [1] diese letztgeschilderten modificirbaren
+Bewegungen (als sogenannte Antwortsbewegungen) von den stets in
+derselben Form verlaufenden einfachen _Reflex_bewegungen
+unterscheidet. Zu diesen letzteren, die uns hier vorzugsweise
+interessiren und für welche auch die oben angeführten Beispiele
+gelten, gehört namentlich eine Zahl von krampfartigen Bewegungen,
+sog. _Reflexkrämpfe_, die als Husten, Niesen, Lachen, Weinen (d. h.
+Schreien und Schluchzen) und Gähnen allgemein bekannt sind. Es liegt
+nahe, auch von diesen Bewegungen anzunehmen, dass sie einen
+bestimmten, vernünftigen Zweck verfolgen, und so haben wir ja auch in
+der That die Zweckmässigkeit des Niesens schon anerkennen müssen,
+indem wir beobachteten, dass der durch die Nase getriebene heftige
+Luftstrom offenbar die Aufgabe erfüllt, den die Schleimhaut reizenden
+Körper hinauszuschleudern. Ganz ebenso sehen wir beim Husten durch
+die gewaltsamen krampfartigen Athemstösse die Ausstossung von Schleim
+und Staubpartikelchen aus der Luftröhre erfolgen. -- Es werden diese
+Bewegungen nicht durch unseren Willen hervorgerufen (wenn derselbe
+auch einen gewissen Einfluss auf sie ausüben kann), sie sind auch
+ferner im Gegensatz zu den sog. „Antwortsbewegungen" (s. o.) nicht
+modificirbar und verrathen ihr von der Ueberlegung unabhängiges
+Auftreten z. B. dadurch, dass wir auch niesen, wenn ein Federbart
+unsere Nase kitzelt, obschon doch voraussichtlich der Luftstrom beim
+Niesen nicht Kraft genug haben würde,
+
+[1] Beiträge zur Lehre von den Functionen der Nervencentren des
+Frosches. Berlin 1869.
+
+[Page 5]
+
+ihn zu entfernen. Ebenso husten wir auch, wenn entzündliche oder
+sonstige Neubildungen in der Schleimhaut der Luftröhre selbst
+entstanden sind, welche durch die Hustenstösse nicht entfernt werden
+können. Es beruhen die Reflexkrämpfe also so zu sagen auf einem
+blindwirkenden Mechanismus, der durch die Organisation unseres
+Nervensystems vorgebildet und wie Lotze [1] richtig bemerkt, so
+einfach und zweckmässig ersonnen ist, dass der Mensch mit all seinem
+Nachdenken ihn nicht erfinden würde: „Man frage Jemand, wie er es
+anfangen würde, sagt Lotze, um einen fremden Körper aus der Luftröhre
+zu entfernen? Er wird wahrscheinlich eher auf _Tracheotomie_
+(Eröffnung der Luftröhre) rathen, als auf Husten." Die Natur sei
+daher, fährt er fort, mit Recht misstrauisch gegen unseren
+Erfindungsgeist gewesen und habe die Vertheidigung unserer Gesundheit
+lieber dem Mechanismus als der Ueberlegung anvertraut. Wie wenig
+Antheil unsere Seele an der zweckmässigen Einrichtung jener
+Bewegungen habe, sehe man daraus, _dass wir dieselben oft gar nicht
+begreifen, nachdem sie da sind_ (noch weniger natürlich sie erfinden
+würden).
+
+Dieser Ausspruch Lotze's veranlasste mich zu der Frage, ob wir denn
+wirklich nicht im Stande sind, auch die übrigen der oben genannten
+Reflexkrämpfe zu verstehen und in Bezug auf ihre Zweckmässigkeit in
+ähnlicher Weise wie das Niesen und Husten zu erklären? Die Literatur
+gab in der That nur wenig Ausbeute. Nur ein -- nach meinem Urtheil
+jedoch nicht gelungener Versuch von Harless [2] liegt vor, auf den
+ich später zurückkommen werde. -- Es liegt auf der Hand, dass eine
+richtige Beantwortung und Lösung dieser Frage zunächst von grösstem
+physiologischen Interesse sein muss. Das Interesse wird aber noch
+ungemein gesteigert durch folgende Ueberlegung. Die angeführten
+respiratorischen Reflexkrämpfe des Lachens, Weinens (in seinen beiden
+Phasen als Heulen resp. Schreien und Schluchzen), sowie des Gähnens
+werden nicht allein durch gewisse Einwirkungen auf bestimmte,
+sensible Nerven, sondern auch
+
+[1] Wagner's Handwörterbuch der Physiol. Bd. II. p. 195.
+[2] Wagner's Handwörterbuch der Physiol. Bd. III. p. 585 Artikel
+Temperament.
+
+[Page 6]
+
+durch gewisse psychische Zustände ausgelöst. Gelingt es nun, den
+Zweck (und organischen resp. mechanischen Effect) jener Bewegungen,
+sofern sie nach bekannter und experimentell zugänglicher Reizung
+sensibler Nerven entstehen, ausfindig zu machen, so muss damit
+unbedingt ein höchst interessantes Streiflicht auf die psychischen
+Zustände fallen, welche dieselben Krampfbewegungen veranlassen. Es
+muss sich zwischen der peripheren Nervenerregung mit ihrer Wirkung
+und dem Affect eine Parallele ziehen lassen, durch welche wir in dem
+sonst so dunklen Gebiet der Psychologie eine materielle Grundlage
+gewinnen könnten.
+
+Von diesem Gedanken ausgehend suchte ich in unsere Frage einzudringen
+und war selbst überrascht durch die unerwarteten Resultate, die sich
+mir ergaben, indem sich die oben angedeutete Parallele in eine
+völlige, bis in's Kleinste gehende Uebereinstimmung verwandelte. --
+Es zeigte sich, dass das Lachen in Folge des Kitzels einerseits, weit
+entfernt etwas Zufälliges oder „angewöhnt Willkürliches" [1] zu sein,
+vielmehr auf einer weisen Vorsorge der Natur beruhend, bestimmte
+materielle Aufgaben erfülle, andererseits aber auch das Lachen über
+komische Vorstellungen mit derselben Nothwendigkeit eintreten müsse,
+indem das Komische bei seiner Einwirkung auf unser Gemüth
+(physiologisch nachweisbar) dieselben organischen Veränderungen
+hervorruft, wie der Kitzel. Ganz Aehnliches gilt vom Weinen (resp.
+Schreien), sofern es durch körperlichen Schmerz und psychische
+Rührung, vom Gähnen, sofern es durch körperliche Abspannung und
+Langeweile entsteht. -- Die Methode der Untersuchung, die zu diesen
+Resultaten führte, ist eine durchaus einfache, wie sich aus der
+folgenden Darstellung ergiebt, in der wir uns zunächst nur mit dem
+Lachen beschäftigen wollen.
+
+[1] Harless l. c. p. 571.
+
+[Page 7]
+
+*A. Physiologischer Theil.*
+
+
+*a. Der Kitzel.*
+
+_Das Lachen_ aus körperlichen Ursachen wird durch den Kitzel
+hervorgerufen. Der Kitzel besteht, wie eine einfache Beobachtung
+ergiebt, aus einer Reihe schnell aufeinander folgender, oft
+wiederholter, _ganz leiser_ Reizungen der Hautnerven.
+
+Nach Schiffs [1] Angabe scheint die beständige Schwankung in der
+Intensität des Reizes resp. die Intermission das Wesentliche zu sein.
+Denn man erhält nach ihm die eigenthümliche Kitzelwirkung auch dann,
+wenn man einen Menschen in schneller Folge an immer anderen
+Hautstellen mit den Fingerspitzen ziemlich stark stösst. Soll es nun
+unsere Aufgabe sein, die Zweckmässigkeit der durch diese Reizung
+reflectorisch ausgelösten Lachbewegung nachzuweisen, so müssen wir
+zunächst bei einem Vergleiche dieser letzteren mit den Reflexkrämpfen
+des Hustens und Niesens hervorheben, dass eine directe Entfernung des
+reizenden Objectes, wie es z. B. beim Niesen geschieht, durch das
+Lachen nicht erzielt wird. Es wird diesem Zwecke durch andere
+reflectorische Bewegungen genügt, in Folge derer wir zunächst
+bestrebt sind, den gekitzelten Körpertheil dem Reize zu entziehen.
+
+Wir müssen daher die Wirksamkeit des Lachens nach einer anderen
+Richtung hin vermuthen. Es liegt dabei die Annahme nahe, dass diese
+Krampfbewegung nicht direct mit dem Kitzel selbst, sondern erst
+indirect mit einer durch den Kitzel hervor-
+
+[1] Lehrbuch der Muskel- und Nerven-Physiologie. Lahr 1858-59 p. 225.
+
+[Page 8]
+
+gerufenen Veränderung im Organismus zusammenhänge. Deshalb erscheint
+es nothwendig, zuvor die Frage zu erörtern, _welche Einwirkungen ein
+Hautreiz, wie ihn der Kitzel darstellt, auf unsern Organismus
+ausübt_.
+
+Hierbei geben uns zunächst die sehr schätzenswerthen experimentellen
+Untersuchungen von Dr. Oswald Naumann einen Fingerzeig, welcher, um
+die Wirkung der Hautreizmittel kennen zu lernen, eine Reihe exacter
+Versuche angestellt hat, die namentlich darauf ausgingen, den
+Einfluss der Hautreize auf die Circulation festzustellen [1]. Er
+richtete einen Frosch, den er durch Trennung der Wirbelsäule vom Kopf
+getödtet hatte, derartig für das Mikroskop vor, dass er den
+Blutkreislauf im Mesenterium (dem Dünndarmgekröse -- einer feinen
+Haut, die den Darm überkleidet) gut beobachten konnte, unterband, um
+bei den folgenden Versuchen jede directe Einwirkung auf das
+Gefässsystem unmöglich zu machen, die Gefässe des einen Oberschenkels
+und durchschnitt sodann unterhalb der Unterbindungsstelle alle Theile
+dieses Schenkels, mit Ausnahme des Nervus ischiadicus (des Hüftnerven
+-- der in seinen feinsten Endverzweigungen u. A. auch die Fusssohle
+mit Tastnerven versieht), so dass der Thierkörper nur noch durch
+letzteren mit dem Schenkel in Verbindung blieb. Reizte er nun die
+Ausbreitungen des Hüftnerven (die Fusssohle) vermittelst des
+galvanischen sog. Faradayschen Pinsels _mit einem im Verhältniss zur
+Reizbarkeit des Thieres schwachen elektrischen Reiz_, so konnte er
+unter dem Mikroskop eine entschiedene Beschleunigung des
+Blutkreislaufs in den Gefässen des Mesenteriums, der Lunge und der
+Schwimmhaut des unverletzten Froschschenkels, sowie _eine deutliche
+Verengerung jener Gefässe_ beobachten. Da diese Erscheinung sich in
+den verschiedensten sowohl von einander als auch von der Stelle des
+Reizes entfernten Gefässprovinzen nachweisen liess, so kann man wol
+mit ziemlicher Sicherheit schliessen, dass durch jenen Hautreiz
+überhaupt das ganze Gefässsystem in der gedachten Weise in
+Mitleidenschaft gezogen wird. Bei Wiederholungen dieser Versuche an
+der Flughaut lebender Fledermäuse und
+
+[1] Untersuchungen über die physiologischen Wirkungen der
+Hautreizmittel. Prager Vierteljahrschrift 1863. I. Bd. p. 1 ff.
+
+[Page 9]
+
+endlich vermittelst eines eigens construirten, einfachen
+Sphygmographen (Pulsmessers) an der Arteria tibialis postica
+(hinteren Schienbeinpulsader) des Menschen konnte N. dieselben
+Thatsachen constatiren, die sich in gleicher Weise ergaben, wenn er
+statt des galvanischen Pinsels andere _leichte_ Hautreize wie
+Senfspiritus _im ersten Stadium der Einwirkung_, Eintauchen in warmes
+Wasser etc. anwendete. Immer erhielt er als Resultat eine allgemeine
+Verengerung der Blutgefässe. Machen wir uns, ehe wir weiter gehen,
+das gewonnene Resultat klar.
+
+Wir haben in Folge des leisen Reizes sensibler Nerven eine
+Verengerung der Blutgefässe an fernliegenden Organen beobachtet, und
+es wird diese Erscheinung nach dem Eingangs Gesagten offenbar als
+eine Reflexwirkung, d. h. als ein directes „Umsetzen" des
+Empfindungsreizes in eine Bewegung aufgefasst werden müssen. Die hier
+in Thätigkeit gezogenen Muskeln sind die Ringmuskeln der Gefässe,
+welche bei ihrer Zusammenziehung eine Verengerung des Gefässrohres
+verursachen und die jene Muskeln versorgenden Nerven, auf welche die
+Empfindung reflectirt ist, sind die sog. vasomotorischen Nerven,
+welche zum grössten Theil im Grenzstrange des Nervus sympathicus (der
+ausserdem namentlich noch die Pupille sowie verschiedene innere
+Organe versorgt) verläuft. Wir haben es hier also mit einer
+Reflexreizung des Nervus sympathicus zu thun, denn wir beobachten
+dieselben Erscheinungen, die wir sonst nach directer Reizung dieses
+Nerven auftreten sehen, d. h. zunächst Verengerung der Gefässe,
+namentlich der an glatten Muskelfasern reicheren _kleinen_ Arterien.
+
+Für stärkere Hautreize ist es durch Nothnagels, Heidenhains u. a.
+Untersuchungen ebenfalls experimentell nachgewiesen worden, dass sie
+eine reflectorische Reizung des Sympathicus und in specie auch eine
+Verengung der Gefässe der weichen Hirnhaut zur Folge haben. -- Es
+fragt sich aber, ob auch ein so leichter und vorübergehender Hautreiz
+wie der Kitzel den Sympathicus reflectorisch erregen kann? Um diese
+Frage experimentell zu entscheiden, schienen mir die Versuche an
+Thieren weniger geeignet, weil wir bei diesen eine specifische
+Wirkung des Kitzels (dem Lachen des Menschen entsprechend) nicht
+kennen. Nun bietet sich aber zur Veranschaulichung der
+
+[Page 10]
+
+geschehenen Sympathicus-Reizung beim lebenden Menschen ein sehr
+bequemes und leicht zugängliches Beobachtungsobject in der Pupille
+dar. Ich erwähnte schon oben, dass der Nervus sympathicus ausser der
+Gefässmusculatur auch den Erweiterungsmuskel der Pupille versorgt.
+Eine Reizung des Sympathicus (gleichviel ob directe oder
+reflectorische) hat neben der Verengerung der Gefässe eine
+Erweiterung der Pupille zur Folge. Umgekehrt können wir in der Regel
+aus einer nach einem bestimmten (wenn nicht gerade nur localen)
+Eingriff eintretenden Pupillenerweiterung auf eine geschehene
+Sympathicusreizung und damit Hand in Hand gehende Verengerung der
+Gefässe zurückschliessen. Um nun also nachzuweisen, dass beim Kitzel
+wirklich auch eine Reizung des Nerv. symp. stattfindet, stellte ich
+folgendes höchst einfache und leicht von Jedermann zu wiederholende
+Experiment an.
+
+_Man kitzelt mit einem Federbart oder Pinsel die Versuchsperson,
+welche mit ihren Augen einen Punkt unveränderlich fixiren muss, an
+einer besonders reizbaren Stelle_ (Ohr, Volarseite des Vorderarms
+oder Fusssohle) _und beobachtet dabei die Pupillen, nachdem man sich
+vorher von der Weite derselben und den oft auch normaler Weise mit
+den Phasen der Respiration eintretenden Schwankungen eine Zeitlang
+überzeugt hat. Unmittelbar nach erfolgtem Kitzel sieht man eine zwar
+geringe, aber ganz deutlich constatirbare schwankende Erweiterung der
+Pupillen_. Bei jungen, reizbaren Subjecten gelingt das Experiment
+fast immer und versagt nur nach öfterer Wiederholung, wobei aber auch
+gleichzeitig nach Angabe der betreffenden Person die Empfindlichkeit
+für den Kitzel abgenommen hat. Bei älteren Personen, deren Pupillen
+überhaupt träge reagiren, sah ich die Wirkung öfter ausbleiben.
+
+Wir können aus diesem Experiment also den Schluss ziehen, dass der
+Kitzel eine reflectorische Reizung des Sympathicus zur Folge hat und
+somit auch die für leichte Hautreize schon von Naumann constatirte
+Verengerung der Gefässe nach sich zieht. Entsprechend der dem Kitzel
+eigenthümlichen unterbrochenen Reizung sehen wir ein Schwanken in der
+Erweiterung der Pupille und dürfen demnach auch eine schwankende
+Verengerung der Gefässe erwarten.
+
+[Page 11]
+
+Da nun, wie schon gesagt, die oben genannten Veränderungen der
+Gefässe sich besonders deutlich an den mit glatten Muskelfasern
+reichlicher versehenen kleineren Arterien markiren müssen, so werden
+natürlich vor Allem die Organe, die sich besonders durch ihren
+grossen Reichthum an kleineren Arterien auszeichnen, vorzüglich davon
+betroffen werden -- so _namentlich das Gehirn_. Es ist aber eine
+bekannte Thatsache, dass Circulationsveränderungen gerade im Gehirn
+unter Umständen von grosser Bedeutung sind, namentlich wenn sie, wie
+hier, plötzlich eintreten. Dass dabei die in kurzen Intervallen
+wiederholte Reizung und daher entstehende nicht unbeträchtliche
+Schwankung (Ab- und Zunahme) im Tonus der Gefässe die daraus etwa
+entstehenden Gefahren noch vergrössert, leuchtet ein. Ist es schon an
+sich Jedem aus eigner Erfahrung gegenwärtig, dass länger dauerndes
+Kitzeln einer besonders empfindlichen Hautstelle keinen
+gleichgültigen Eingriff auf das Centralnervensystem ausübt, so dürfte
+die Thatsache, dass man zur Zeit der Inquisition Leute zu Tod
+gekitzelt hat, unseren Betrachtungen noch mehr Gewicht verleihen. Der
+Grund, weshalb gerade das Gehirn durch Druckschwankungen so besonders
+gefährdet ist, liegt einerseits in der grosen Zartheit und
+Verletzlichkeit dieses edelsten aller Organe, zweitens aber in dem
+Umstande, dass das Gehirn, in der völlig abgeschlossenen starren
+Schädelkapsel gelegen, nicht wie andere Organe einem vermehrten
+Gefässdruck ausweichen kann, sondern durch denselben offenbar eine
+Compression seiner Elemente erfahren müsste, während umgekehrt bei
+negativen Schwankungen im Gefässsystem eine plötzliche nicht minder
+gefährliche Druckentlastung eintreten würde. Die Grösse der hieraus
+zu fürchtenden Gefahr kann man am besten daraus ermessen, dass die
+Natur bei der Organisation des Gehirns gerade für diesen Fall nicht
+durch _eine_, sondern durch eine ganze Reihe von Schutz- und
+Sicherheitsmaassregeln Vorsorge getroffen hat. Zunächst ist durch die
+grosse Geräumigkeit des Venensystems innerhalb der Schädelhöhle der
+Abfluss des Blutes ungemein erleichtert worden, wodurch bei
+zunehmendem Blutdruck ein schnellerer Ausgleich ermöglicht wird,
+während umgekehrt bei abnehmendem Druck ein Rückstauen des
+Venenblutes zur Ausfüllung des Fehlenden leicht zu Stande kommen
+
+[Page 12]
+
+kann, weil den Venen innerhalb des Gehirns die sonst in ihnen
+vorhandenen Klappen fehlen. Einen weiteren Schutz gewährt die von
+Hyrtl [1] besonders beschriebene Gefässverbindung, in Folge deren die
+Venen des Gehirns mit denen des Rückenmarks in einem alternirenden
+Füllungsverhältniss stehen. Am wichtigsten aber ist das zuerst von
+Magendie in seiner Bedeutung gewürdigte eigenthümliche Verhalten des
+sog. liquor cerebrospinalis. Diese Flüssigkeit, zwischen den beiden
+weichen Häuten (Arachnoidea und Pia mater), welche Gehirn und
+Rückenmark umhüllen, eingeschlossen, hat eben den Zweck, bald durch
+Zurückweichen in den Arachnoidalsack des Rückenmarks bei gesteigertem
+Gefässdruck im Gehirn, bald durch Zuströmen in die Schädelhöhle bei
+vermindertem Druck, die drohenden Schwankungen auszugleichen und
+dadurch einen wie Magendie sich ausdrückt für die Aufrechterhaltung
+der Gehirn- und Rückenmarksfunctionen nothwendigen mittleren
+Compressionszustand zu sichern (un certain degré de compression
+indispensable à l'accomplissement régulier des fonctions des centres
+nerveux).
+
+Es fragt sich nun, ob die eben genannten Mittel ausreichend sind, um
+die Druckschwankungen, denen das Gehirn durch die beim Kitzel
+auftretende Veränderung an den Gefässen ausgesetzt ist, zu
+compensiren.
+
+Um diese Frage zu entscheiden, müssen wir noch genauer untersuchen,
+wie sich der auf dem Gehirn lastende Druck während der eben
+beschriebenen Veränderungen am Circulationsapparat verhält.
+
+Wir haben es in Folge des Kitzels mit einer Reizung des Sympathicus
+zu thun; dieselbe führt, wenn sie einen gewissen Grad erreicht, eine
+entschiedene Verengerung der Gefässe herbei; in den geringeren Graden
+der Sympathicusreizung aber, wie wir sie bei dem gewöhnlichen leisen
+Kitzel annehmen müssen, wird als entschieden wesentlicheres Symptom
+neben einer leichten Verengerung der Gefässe, eine vermehrte Spannung
+in der Muskulatur der Gefässwand hervortreten. Diese plötzliche
+Vermehrung des sog. Gefäss-Tonus muss aber, selbst wenn sie ohne
+Verengerung der Gefässe auftreten könnte, an sich eine
+
+[1] Handbuch der topogr. Anat. Wien 1857. I. p. 97.
+
+[Page 13]
+
+bedeutende Einwirkung auf den Compressionszustand des Gehirns
+entfalten; denn der Druck, welchen das in den Gefässen fliessende
+Blut auf das Gehirn ausübt, ist durchaus nicht gleich der Spannung,
+welche das Blut innerhalb des Gefässrohres besitzt. Es wird vielmehr
+durch die tonisch gespannte Gefässwand ein bedeutender Theil des
+Blutdrucks von der Gehirnmasse abgehalten, gewissermaassen parirt. Je
+stärker der Tonus der Gefässwand wird, um so grösser ist die
+Druckentlastung, welche die Gehirnmasse erfährt. -- Jene oben
+genannten mechanischen Compensationsmittel, welche alle nur auf eine
+Vermehrung resp. Verringerung der Blutfülle berechnet sind, würden
+allein nicht im Stande sein, die beim Kitzel in Folge des
+gesteigerten Gefässtonus herbeigeführten Druckschwankungen
+auszugleichen.
+
+Gegen die von dieser Seite her drohenden Gefahren ist aber ein
+anderer besonderer Schutzapparat in Thätigkeit gesetzt, dessen
+Wirkung in jeder Beziehung der Leistung jener oben beschriebenen
+Mechanismen gleichkommt und mit ihnen in wohlberechtigte Concurrenz
+tritt; es ist dies die in verschiedener Richtung hin thätige,
+modificirbare Kraft der Respiration. Es ist ja anderweither bekannt,
+welch gewaltigen Einfluss die Athmung auf den Blutkreislauf ausübt
+und wenn auch bei ruhiger, oberflächlicher Respiration durch die
+dabei mitspielenden verwickelten Verhältnisse die verschiedenen
+Wirkungen der Aus- und Einathmung auf die Arterien und Venen sich
+ziemlich ausgleichen und aufheben, so finden doch bei forçirten
+Athmungsbewegungen und _namentlich, wenn die freie Respiration irgend
+behindert ist_, sehr wesentliche Veränderungen der
+Kreislaufsverhältnisse statt. -- Bei der Einathmung wird durch das
+Herabtreten des Zwerchfelles und das Heben der Rippen der Brustraum
+erweitert und der Inhalt desselben, d. h. also Lungen, Herz und die
+zu und von ihm führenden grossen Gefässe unter einen geringeren Druck
+gesetzt. Zur Ausgleichung desselben strömt erstlich die äussere
+atmosphärische Luft in die Lungen und dehnt dieselben aus; zweitens
+wird aber auch zugleich das Blut von den grossen Gefässen nach dem
+Herzen angesogen und dadurch einerseits zwar die Fortbewegung des
+Blutes in den Arterien etwas gehemmt, dagegen aber andererseits in
+viel höherem Maasse in den Venen (deren viel dünnere Wandungen
+
+[Page 14]
+
+der negativen Druckschwankung bedeutend zugänglicher sind) die
+normale Blutbewegung nach dem Herzen zu wesentlich begünstigt und
+beschleunigt. Bei der Ausathmung aber greifen die umgekehrten
+Bedingungen Platz; durch Hinabsinken der Rippen und Hinaufdrängen des
+Zwerchfells wird der Brustraum verkleinert und ein beträchtlicher
+Druck auf seinen Jnhalt ausgeübt. Deshalb entweicht die Luft aus den
+Lungen durch die Luftröhre; gleichzeitig aber wird in Folge derselben
+Ursache der Abfluss des Venenblutes, in der Richtung zum Herzen,
+wesentlich erschwert, ein Kreislaufhinderniss, das durch die geringe
+Begünstigung, welche die Circulation in den Arterien vermittelst
+dieses Zuschusses an Druckkraft erfährt, doch nicht ganz ausgeglichen
+wird. Namentlich bei sehr heftigen und noch dazu durch vollständigen
+oder auch nur theilweisen Verschluss der Stimmritze (wie er z. B. zur
+Tonerzeugung beim Lachen nothwendig ist) bedeutend gesteigertem
+Exspirationsdruck wird der Rückfluss des Blutes nach dem rechten
+Herzen sehr bedeutend gehemmt. Die erste Folge davon ist ein
+Zurückstauen des Blutes in die dem Herzen am nächsten gelegenen
+Venen, und so sieht man namentlich auch an den grossen
+Halsblutleitern (Venae jugulares) eine beträchtliche Ausdehnung und
+pralle Spannung. Es ist klar, dass diese Ueberfüllung mit Venenblut
+sich auch nach dem Gehirn weiter fortsetzen muss, da ja auch von hier
+aus der Abfluss gehindert ist.
+
+Dadurch wird aber natürlich ein bedeutender Druck auf das Gehirn
+ausgeübt, indem das Blut weiterhin auch aus den Gehirnarterien
+schwieriger abfliessen kann und gezwungen ist, dieselben auszudehnen.
+Durch die directen Versuche von Donders [1] zeigte sich bei
+Steigerung des Exspirationsdruckes, dass ein Gehirngefäss von 0,04
+Mill. Durchmesser auf 0,14 und eines von 0,07 auf 0,16 erweitert
+wurde.
+
+Erinnern wir uns nun, dass wir als Wirkung des Kitzels eine
+reflectorische Sympathicusreizung mit folgender plötzlicher
+Verminderung des auf das Gehirn wirkenden Blutdruckes annehmen
+mussten, so werden wir nicht anstehen, in den forcirten
+
+[1] Vgl. Virchow, Handbuch der speciellen Pathologie und Therapie.
+Erlangen 1854. Bd. 1. p. 111.
+
+[Page 15]
+
+Ausathmungsbewegungen, die ja, wie wir eben sahen, den Gehirndruck
+steigern, ein souveraines Mittel zu erkennen, um den in Folge des
+Kitzels drohenden Gefahren entgegenzuwirken. Und in der That sehen
+wir, dass die Natur mit selbstwirkendem Mechanismus sich wirklich
+dieses Mittels bedient; denn was ist das Lachen anders, als eine
+rhythmisch unterbrochene äusserstforcirte, durch die damit verbundene
+Tonbildung erschwerte Ausathmung? Wenn wir einen heftig Lachenden
+ansehen, so fällt uns ja sofort das blau-geröthete Gesicht und das
+starke Hervorquellen der Halsvenen auf, welche die vermehrte
+Blutfülle in den venösen Gefässen kennzeichnet, die sich auch nach
+dem Gehirn fortpflanzen muss. Wir dürfen somit, das Resultat unserer
+Untersuchung zusammenfassend, _das Lachen als eine zweckmässige
+Reflexbewegung ansehen, welche die Aufgabe erfüllt, die durch den
+Kitzel verursachten negativen Druckschwankungen im Gehirn durch eine
+entsprechende Drucksteigerung zu compensiren_.
+
+Als nicht unwesentliche Stütze für diesen Satz dient das interessante
+Zusammenzutreffen der Intermission sowohl des Reizes wie auch der
+Exspirationsbewegungen. Sehen wir als wesentliches Charakteristicum
+des Kitzels die fortwährende Unterbrechung und Schwankung des
+Hautreizes an, so erkennen wir ganz dem entsprechend im Lachen eine
+rhythmisch intermittirende Ausathmungsbewegung, und wenn es sich auch
+nicht feststellen lässt, dass jedem einzelnen Hautreiz ein einzelner
+Exspirationsstoss entspricht, so ist die allgemaine Uebereinstimmung
+doch auffällig genug, namentlich wenn wir dieselbe mit den beim
+Schreien aus Schmerz stattfindenden Verhältnissen zusammenstellen. --
+Der körperliche Schmerz ensteht durch eine stärkere und in ihren
+Wirkungen anhaltendere Reizung sensibler Nerven und ruft nach
+Nothnagels und Pflügers Beobachtungen einen anhaltenden Gefässkrampf,
+eine starke ununterbrochene Verengerung der Gefässe hervor, die aber
+(wie auch Naumanns weitere Versuche beweisen) nach kürzerer oder
+längerer Zeit in eine Gefässlähmung und dem entsprechende mehr oder
+minder bedeutende Erweiterung der Gefässe übergeht. Dem ersten
+Stadium der _ununterbrochenen_ Gefässverengerung entspricht nun das
+Schreien als eine _ununterbrochene_ Exspirationsbewegung
+
+[Page 16]
+
+mit demselben Zwecke wie das Lachen [1]. Dem zweiten Stadium der
+Gefässlähmung, welches also gerade die entgegen gesetzten
+Veränderungen des Gehirndruckes d. h. eine Steigerung desselben zur
+Folge haben muss, entspricht das zweite Stadium des Weinens, das sog.
+Schluchzen, welches als forcirte Inspirationsbewegung nach dem oben
+Gesagten den Druck im Gehirn herabsetzt. --
+
+*b. Das Komische.*
+
+Es ist uns also gelungen für das Lachen, insofern es durch den Kitzel
+verursacht wird, eine physiologisch-anatomische Begründung
+nachzuweisen. Nach dem oben Gesagten haben wir damit zum Mindesten
+(wenn eine directe Uebertragung nicht gestattet ist) einen deutlichen
+Fingerzeig erhalten, nach welchem Ziele wir bei Untersuchung des
+Lachens, sofern es in Folge des Komischen entsteht, zu streben haben.
+Es lässt sich von vornherein vermuthen, dass bei Einwirkung des
+Komischen dieselben physiologisch-anatomischen Veränderungen
+eintreten werden, wie nach dem Kitzel, das heisst eine
+intermittirende Contraction der Gehirngefässe als Folge einer
+intermittirenden Sympathicusreizung. Das Experiment, das wir zur
+Bestätigung der geschehenen Sympathicusreizung beim Kitzel
+anstellten, ist beim Komischen aus leicht begreiflichen Gründen
+schwer auszuführen. Wenn man Jemandem etwas Komisches erzählt, hält
+derselbe doch in der Regel seine Augen nicht auf einen Punkt fixirt
+und wir können die Pupillen nicht genau beobachten; andererseits hört
+die komische Wirkung meist auf, wenn der Betreffende sich beobachtet
+fühlt. Dennoch ist es mir nach vielen vergeblichen Versuchen in
+einigen Fällen gelungen, eine genaue Beobachtung zu machen und konnte
+ich in der That als Wirkung des Komischen eine deutliche Erweiterung
+der Pupillen constatiren.
+
+Es muss aber möglich sein, noch auf einem andern Wege
+
+[1] Hieraus erklärt sich u. A. die auffällige Thatsache, dass das
+Schreien oder auch Stöhnen (welches ebenfalls ein Exspiriren bei
+theilweise geschlossener Stimmritze darstellt) bei körperlichem
+Schmerz wirklich eine Erleichterung verschafft.
+
+[Page 17]
+
+dasselbe Resultat, wenn es ein wirklich richtiges ist, festzustellen,
+nämlich durch eine unbefangene psychologische Betrachtung des
+Komischen, durch eine Zerlegung desselben in seine etwaigen einzelnen
+Factoren und Untersuchung, welche Wirkung diese auf den Organismus
+ausüben. Für die Art und Weise, wie solche Untersuchungen ausgeführt
+werden müssen, kann die treffliche Arbeit Dommrichs [1] als Muster
+angesehen werden. In Bezug auf das Lachen ist D. freilich zu keinem
+Resultat gekommen. Er sagt: „Wie das spielende Vergleichen
+contrastirender Vorstellungen nun gerade diese Gruppe motorischer
+Nerven auslöst, ist schliesslich ebensowenig zu begreifen, als warum
+dies gekitzelte sensible Hautnerven thun." Auch Harless hat sich, wie
+schon oben erwähnt, mit dem Lachen aus psychischer Ursache
+beschäftigt. Er lässt dasselbe einfach aus dem Lustgefühl hervorgehen
+-- was, wie wir später sehen werden, durchaus nicht richtig ist --
+und erklärt den organischen Zusammenhang in folgender Weise: Er sagt:
+Das Lustgefühl verlangt oder erleichtert und unterstützt jede
+organisch geforderte Bewegung (?); die von der Natur geforderte
+active Bewegung ist aber die Einathmung. (?) Es wird also beim
+Lustgefühl die Inspiration mit der grössten Leichtigkeit vollzogen,
+aber in der Exspiration, weiche eine ruhige Erschlaffung der
+Thoraxmuskeln und des Zwerchfelles erheischt, setzt sich die durch
+die Inspiration eingeleitete Contraction noch fort und geräth daher
+in Conflikt mit der jetzt organisch geforderten Erschlaffung, was
+sich in auf und abgehenden Excursionen am Zwerchfell um so leichter
+abspiegeln wird, als dieser Muskel bei Weitem die geringsten Massen
+und den grössten Spielraum, und an den Bauchmuskeln keine energischen
+Antagonisten hat.
+
+Es ist nicht schwer einzusehen, dass diese Erklärung in keiner Weise
+zutrifft. Abgesehen von der mindestens nicht bewiesenen Prämisse,
+dass das Lustgefühl jede organisch verlangte Bewegung erleichtert,
+und der alleinigen Anwendung dieses Satzes gerade nur auf die
+Inspiration, scheint es mir unzweifelhaft, dass wir beim Lachen
+gerade keine erleichterte Inspiration, sondern eher eine erschwerte,
+beobachten und dass wir
+
+[1] Die psychischen Zustände, ihre organische Vermittlung etc. Jena
+1849.
+
+[Page 18]
+
+dasselbe vielmehr als eine gesteigerte, forçirte Ausathmungsbewegung
+(durch Contraction der Bauchmuskeln etc. verursacht) ansehen müssen,
+die beim starken Lachen sogar bis zum äussersten Punkt geht, bis man
+nicht weiter ausathmen kann. Die Inspiration ist wegen des
+bedeutenden zeitlichen Ueberwiegens der Exspiration (gerade im
+Gegensatz zu Harless' Behauptung) eine sehr hastige, überstürzte und
+gerade dieses Moment prägt dem Gesicht des Lachenden den ihm
+eigenthümlichen _mimischen Ausdruck_ auf.
+
+Bei der Hast, mit welcher wegen sofort wieder drohender Exspiration
+die Einathmung geschehen muss, werden sämmtliche inspiratorische
+Hilfsmuskeln, auch die des Gesichtes, in Thätigkeit gesetzt, ähnlich
+wie bei Erstickungszufällen. („Vor Lachen ersticken"). Nicht allein
+der Mund steht offen und wird durch die Contraction der MM.
+zygomatici, levatores labii superior. propr. etc. möglichst
+vergrössert, sondern auch die Nasenflügel sind durch Betheiligung der
+MM. levatores alae nasi in ihre inspiratorische Stellung versetzt. Es
+ist diese letztere Thatsache von um so grösserer Bedeutung, als, wie
+Piderit sehr richtig nachgewiesen hat, der Hauptunterschied zwischen
+dem lachenden und weinenden Gesicht gerade darin besteht, dass beim
+lachenden die Nasenflügel in die inspiratorische Stellung versetzt,
+d. h. gehoben, beim weinenden dagegen durch den depressor alae nasi
+herabgezogen sind.
+
+Wir kehren nach diesen Zwischenbemerkungen zu unserem Hauptthema
+zurück und wenden uns, zunächst ganz ohne Rücksicht auf das bisher
+Behandelte, zu einer psychologischen Entwicklung des Komischen.
+
+[Page 19]
+
+*B. Psychologie des Komischen.*
+
+
+Komisch oder lächerlich nennen wir diejenigen Dinge, Situationen oder
+Aeusserungen, welche in uns den Affect des Lachens erregen. Wenn wir
+zunächst ein allgemeines Urtheil fällen sollen, so werden wir wol
+nicht anstehen, jenen Affect als einen angenehmen zu bezeichnen, und
+wir könnten uns daher leicht zu dem weiteren Schlusse versucht
+fühlen, dass das Komische selbst sich als etwas _durchaus_
+Angenehmes, unserem Gefühl _durchweg_ Zusagendes charakterisiren
+liesse. Dieser Schluss wäre aber ein falscher; denn wenn wir an
+Beispielen dem Inhalt des Komischen nachforschen, so springt uns
+gerade umgekehrt bei Allem was unser Lachen erregt, zunächst eine
+Vorstellung ins Auge, welche etwas _Unangenehmes_, unserem Gefühl
+_nicht Zusagendes_ enthält. Schon Aristoteles hat diese Thatsache
+richtig erkannt und bezeichnet in der Definition des Komischen, die
+er in seinem Buche peri poiêikês [1] mit kurzen Zügen entwirft,
+dasselbe als etwas Fehlerhaftes, Hässliches, Ungereimtes (hamartêma
+ti kai aischos) mit der Einschränkung, dass es nicht schmerzhaft und
+schädlich sein dürfe. (anôdunon ou phthartikon.) Er führt als
+Beispiel ein verzogenes und hässliches Gesicht an, das uns dann
+lächerlich erscheine, wenn wir darin nicht gleichzeitig den Ausdruck
+des Schmerzes bemerken.
+
+In den meisten späteren Definitionen, deren es eine sehr
+
+[1] Becker's Ausgabe. Berlin 1833. Peri poiêikês. -- 5. --
+
+[Page 20]
+
+grosse Zahl giebt [1], finden wir diesen Factor, den Aristoteles mit
+seinem hamartêma ti kai aischos bezeichnet und in welchem er das
+Hässliche in seiner weitesten Bedeutung umfasst, mehr oder weniger
+erschöpfend wiedergegeben, indem von dem Einen mehr das sinnlich
+Hässliche, von dem Andern das sittlich Hässliche, von einem Dritten
+das für den Verstand Ungereimte als eigentlicher Inhalt des
+Lächerlichen besonders betont wird.
+
+So hebt z. B. Kant [2] hervor, dass in Allem, was ein lebhaft
+erschütterndes Lachen erregen solle, etwas Widersinniges sein müsse,
+woran also der Verstand an sich kein Wohlgefallen finden könne;
+alsdann aber fügt er noch einen andern Factor hinzu, den er für den
+eigentlich wesentlichen hält, indem er weiter mit gesperrter Schrift
+fortfährt: „Das Lachen ist ein Affect der plötzlichen Verwandlung
+einer gespannten Erwartung in Nichts".
+
+Bei alledem drängt sich uns nun aber die Frage auf, wie es denn
+zugeht, dass lauter unangenehme Eindrücke, wie das Hässliche,
+Widersinnige, eine getäuschte Erwartung u. dgl. doch schliesslich
+einen angenehmen, heiteren Affect hervorrufen, als welcher uns der
+Affect des Lachens in der That doch erscheint.
+
+Aristoteles hat diese Frage ganz übergangen, Kant dagegen beschäftigt
+sich lebhaft mit ihr. Er gesteht zu, dass diese Verwandlung der
+gespannten Erwartung in Nichts für den Verstand durchaus an sich
+nicht erfreulich sei; da sie nun aber doch indirect auf einen
+Augenblick sehr lehhaft erfreue, so müsse die Ursache in dem
+Einflusse der Vorstellung auf den Körper und dessen Wechselwirkung
+auf das Gemüth bestehen. Er kommt schliesslich [3] nach ausführlicher
+Excursion hierüber zu dem Resultate, dass die angenehme Wirkung des
+Lächerlichen auf der für die Gesundheit heilsamen Motion und
+verdauungsbefördernden Zwerchfellbewegung beim Lachen beruhe; da „das
+Lachen immer Schwingung der Muskeln ist, die zur Verdauung gehören,
+welche diese weit besser befördert, als die
+
+[1] Vergl. M. Schasler, Aesthetik I. Bd. Berlin 1871 der die
+wichtigsten Theorien des Komischen anführt und sehr treffend
+kritisirt.
+[2] Kritik der Urtheilskraft. Sämmtl. Werke. Leipzig 1839. Bd. 7. p.
+198.
+[3] Vergl. auch Kant's Anthropologie § 77.
+
+[Page 21]
+
+Weisheit des Arztes thun würde." -- Kant spricht hier, wie
+ersichtlich, nur von dem körperlichen Genuss, den das _Lachen_
+bereitet und nicht von dem geistig Angenehmen, was im Lächerlichen
+selbst liegt, während doch offenbar das Komische selbst dann einen
+angenehmen Kitzel in uns verursacht, wenn das „lebhaft erschütternde
+Lachen" nicht zum Ausbruche kommt. Es muss also im Lächerlichen
+selbst oder in seiner directen Einwirkung auf unser Gemüth neben dem
+mehr ins Auge fallenden unangenehmen Inhalt noch ein Factor wirksam
+sein, aus dem sich die angenehme Wirkung des Lächerlichen erklärt. In
+der That ist auch von anderen Autoren vielfach der Versuch gemacht,
+diesen Factor neben dem erstgenannten aufzufinden, und zum Belege
+dafür, in welcher Weise dies geschehen und wie weit es gelungen ist,
+lasse ich noch einige Definitionen des Komischen hier in aller Kürze
+folgen, die mir unter den mir bekannt gewordenen, als die
+bedeutendsten erschienen sind.
+
+Ich erwähne zuerst die Theorie des Lächerlichen von Schopenhauer [1].
+Auch er hebt hervor, dass das Lächerliche eine unserem Gefühl
+unangenehme Wahrnehmung enthält, nämlich die von der Incongruenz
+zwischen einem Begriff und dem durch denselben gedachten Gegenstande.
+
+Dass diese wahrgenommene Incongruenz uns aber Freude mache, erklärt
+Schopenhauer in folgender Weise: „Bei jenem plötzlich hervortretenden
+Widerstreit zwischen dem Angeschauten und Gedachten behält das
+Angeschaute allemal unzweifelhaft Recht". -- „Dieser Sieg der
+anschauenden Erkenntnisse erfreut uns, denn das Anschauen ist die
+ursprüngliche, von der thierischen Natur unzertrennliche
+Erkenntnissweise, in der sich Alles, was dem Willen unmittelbares
+Genügen giebt, darstellt: Es ist das Medium der Gegenwart, des
+Genusses und der Fröhlichkeit: auch ist dasselbe mit keiner
+Anstrengung verknüpft. -- Vom Denken gilt das Gegentheil; es ist die
+zweite Potenz des Erkennens, deren Ausübung stets einige oft
+bedeutende Anstrengung erfordert und deren Begriffe es sind, welche
+sich oft der Befriedigung unserer unmittelbaren Wünsche entgegen-
+
+[1] Die Welt als Wille und Vorstellung. Leipzig 1859. (3. Aufl.) Band
+I. p. 70 ff. u. Bd. II. p. 99 ff.
+
+[Page 22]
+
+stellen, indem sie als Medium der Vergangenheit, der Zukunft und des
+Ernstes, den Vehikel unserer Befürchtungen, unserer Reue und aller
+unserer Schmerzen abgeben. Diese strenge, unermüdliche, überlästige
+Hofmeisterin Vernunft jetzt einmal der Unzulänglichkeit überführt zu
+sehen, muss uns daher ergötzlich sein." So viel Richtiges die
+Definition von Schopenhauer auch enthält, so kann ich doch seiner
+Erklärung von der angenehmen Wirkung des Lächerlichen nicht
+beitreten. Vor allen Dingen ist jene Bestimmung zu weit umfassend, da
+nach ihr _jeder_ Irrthum lächerlich sein müsste, in welchem die
+Anschauung uns belehrt, dass wir etwas Fehlerhaftes gedacht haben;
+während doch, wie wir später sehen werden, nur unter gewissen
+Bedingungen (nämlich bei Hinzukommen eines angenehmen Factors, der in
+dem lächerlichen Dinge selbst liegt) ein solcher Irrthum lächerlich
+wird.
+
+Ganz im Gegensatz zu Schopenhauer stellt Lazarus [1], der an
+verschiedenen Stellen seiner geistvollen Arbeit über den Humor sich
+über das Komische ausspricht, den Sieg des in uns vorhandenen
+Positiven, Vernünftigen, Idealen über das gegebene Negative als den
+angenehm wirkenden Factor im Komischen dar, indem er Letzteres
+überhaupt dadurch entstehen lässt, dass wir das Mangelhafte sehen, wo
+wir das Vollkommene erwarten; während der von Schopenhauer dem
+Lächerlichen vindicirte Sieg der gegebenen negativen Vorstellung über
+das in uns vorhandene Positive nach Lazarus den Affect des Weinens
+hervorruft. Weiter fasst L. das Komische als eine der drei möglichen
+Seiten des Contrastes auf, indem er ihm seine Stellung zwischen dem
+tragischen und humoristischen Contrast anweist. Der Contrast aber ist
+nach ihm ein solcher Gegensatz, bei welchem die Glieder desselben
+zugleich einen Punkt oder eine Seite der Vereinigung haben, indem die
+dabei wirkenden Vorstellungen einmal wegen ihrer Gleichheit zu einem
+einzigen Denkact verschmelzen, während sie nach anderer Richtung hin
+wieder ganz und gar geschieden sind. Die Möglichkeit und die
+Unmöglichheit der Verschmelzung tritt zu gleicher Zeit ein,
+
+[1] Das Leben der Seele. Berlin 1856. I. p 179 ff. Der Humor als
+psychologisches Phänomen.
+
+[Page 23]
+
+daraus entsteht ein Widerstreit nicht blos in den Vorstellungen,
+sondern auch im Zustande der Seele, und diesen nennen wir Affect --
+und zwar entsteht der Affect des Lachens durch den Widerstreit
+zwischen Schein und Sein. -- Wir werden auf diese z. Th. sehr
+treffende Definition später bei Gelegenheit des Witzes noch einmal
+zurückkommen.
+
+Gingen die bisher mitgetheilten Definitionen alle mehr oder weniger
+entschieden vom psychologischen Standpunkte aus, so muss ich jetzt
+eine andere Auffassungsweise der uns beschäftigenden Frage erwähnen,
+nämlich die metaphysisch-ästhetische, als deren eigentlicher
+Begründer Jean Paul [1] anzusehen ist. Auch von diesem Standpunkte
+aus lässt sich das Vorhandensein zweier Factoren im Komischen
+nachweisen, von denen der eine etwas Unangenehmes, der andere etwas
+Angenehmes enthält. Jean Paul, der übrigens selbst zum Theil die
+psychologische Betrachtungsweise noch festhält, bringt in seiner
+Vorschule zur Aesthetik viele geistreiche Bemerkungen und Aperçus
+über unseren Gegenstand vor, doch ermangelt seine Darstellung der
+wissenschaftlichen Schärfe und Uebersichtlichkeit. Er findet u. A.
+das Wesen des Komischen in einem sinnlich angeschauten unendlichen
+Unverstand, wobei wir demselben unsere Einsicht und Ansicht leihen;
+dadurch aber, dass J. P. das Komische zuerst als das umgekehrt
+Erhabene bezeichnet, legte er den Grund zu jener metaphysisch-
+ästhetischen Auffassungsweise, die durch Schelling, Hegel, Ruge,
+Weisse, u. A. weiter gefördert wurde. Am Eingehendsten behandelt von
+diesem Standpunkt aus Fr. Th. Vischer (Tübingen) [2] unser Thema und
+liefert eine Fülle wohlgeordneten, schätzbaren Materials. Nach ihm
+bildet das Erhabene im Komischen den einen Factor, dem ein zweiter
+Factor entgegensteht, der das Erhabene zu Fall bringt. Aus dem kurzen
+Abschnitte über den „Subjectiven Eindruck des Erhabenen und
+Komischen" entnehmen wir aber, dass das Erhabene als Unlust auf die
+Seele des Anschauenden eindringt, während durch die plötzliche
+Aufhebung des Erhabenen die
+
+[1] Sämmtliche Werke, Berlin 1841. 18. Bd. §. 26 ff.
+[2] Ueber das Erhabene und Komische. Stuttgart 1837, und Aesthetik
+Reutlingen und Leipzig 1846. I. Th. p. 334. ff.
+
+[Page 24]
+
+Unlust in Lust verwandelt wird. Beide Factoren, welche Vischer sehr
+ausführlich einzeln bespricht, bilden durch ihren plötzlichen
+Zusammenstoss das Komische, das je nach der Form des Erhabenen, das
+sich in ihm bricht, verschiedene Arten zeigt.
+
+In allen mitgetheilten Definitionen sehen wir also mehr oder weniger
+bestimmt jene beiden Factoren hervorgehoben, von denen der eine
+Unlust verursacht, während wir dem zweiten Factor, über den sich die
+Autoren hauptsächlich in Differenz befinden, die Erzeugung eines
+angenehmen Gefühls zuschreiben müssen. Diese beiden Factoren hat man
+aber bisher nicht als gleichwerthige aufgefasst; denn während man das
+unangenehme Gefühl ans der Einwirkung erklärt, die der im Komischen
+vorhandene Inhalt auf unsere Seele ausübt, suchte man das angenehme
+Gefühl aus einem von jenem Inhalt zum grössten Theil unabhängigen
+psychischen Processe herzuleiten, so Schopenhauer aus dem Siege des
+Anschauens über das Denken, Lazarus aus dem Siege des in uns
+vorhandenen Positiven über das gegebene Negative, Vischer endlich aus
+der Aufhebung des unangenehmen Gefühls. -- Nur eine, zuerst von
+Hobbes ausgesprochene und seitdem vielfach verwerthete (und wohl
+indirect auch in der Definition von Lazarus enthaltene) Erklärung,
+welche den Grund der Lust beim Lächerlichen in dem Gefühl unserer
+Ueberlegenheit über die Schwachheit des Belachten sucht, macht davon
+eine Ausnahme, indem sie die Lust aus gleicher Quelle herleitet, wie
+die Unlust. Denn während die Schwachheit, Dummheit etc. des Andern
+einerseits unser Gefühl beleidigt, ruft sie andererseits dadurch,
+dass sie uns unsere Ueberlegenheit zum Bewusstsein bringt, ein
+angenehmes Gefühl hervor. Doch gilt diese Erklärung, so richtig nach
+meiner Anschauung der Weg ist, den sie einschlägt, nur für eine ganz
+beschränkte Form des Lächerlichen. Eine allgemeine Ausdehnung auf das
+ganze Gebiet des Komischen hat nur im negativen Sinne Geltung,
+insofern eine Verletzung und Erniedrigung unseres Selbstgefühls
+selbst durch die Harmonie mit den höchsten Ideen nur sehr selten
+aufgewogen wird und dieselbe daher für den komischen Contrast in der
+Regel untauglich ist. Es giebt ausser der hier erwähnten noch viele
+andere auf demselben Grunde
+
+[Page 25]
+
+entspringende Quellen der Lust beim Komischen und es soll in der
+folgenden Untersuchung unsere Aufgabe sein, dieselben aufzufinden.
+Wir wollen nachweisen, dass die Quellen, aus denen das angenehme
+Gefühl beim Komischen entspringt, ebenso zahlreich sind, wie die
+Quellen des unangenehmen Gefühls, und dass beide Gefühle aus der
+Einwirkung der im Komischen enthaltenen Vorstellungen auf unsere
+Seele hervorgehen.
+
+Ehe wir aber zur Lösung dieser Aufgabe schreiten, ist es nöthig, dass
+wir uns über die wichtigsten dem Ganzen zu Grunde liegenden
+psychologischen Fragen verständigen und uns namentlich darüber
+einigen, was wir unter Gefühlen verstehen wollen, und welche Quellen
+wir für dieselben annehmen [1]. Es ist eine genaue Verständigung
+hierüber um so unerlässlicher, als mit dem Worte _Gefühl_ die
+heterogensten Begriffe bezeichnet werden und namentlich die in der
+gewöhnlichen Umgangssprache herrschende Gleichbedeutung der Worte
+_Empfindung_ und _Gefühl_ zum Theil auch in die Wissenschaft
+eingedrungen ist, und hier die grösste Verwirrung angerichtet hat.
+
+Nahlowsky, der sich um die Klärung dieser Begriffe das grösste
+Verdienst erworben hat, giebt eine ganze Sammlung von Citaten, welche
+beweisen, dass selbst Psychologen von Bedeutung die scharfe Trennung
+zwischen Gefühl und Empfindung ausser Acht lassend in unlösbare
+Widersprüche und auf Abwege gerathen sind.
+
+Wir nennen mit Nahlowsky alle jene Zustände, die auf der blossen
+Perception organischer Reize beruhen (d. h. alle solche, die entweder
+durch sensorielle oder sensitive Nerven vermittelt sind)
+*Empfindungen;* alle jene Zustände dagegen, die keineswegs
+_unmittelbares_ Product von Nervenreizen, sondern vielmehr _Resultat
+gleichzeitig im Bewusstsein zusammentreffender Vorstellungen_ sind,
+*Gefühle* und zwar beruhen dieselben _auf dem unmittelbaren
+Innewerden der Hemmung oder Förderung unter den eben im Bewusstsein
+vorhandenen Vorstellungen_. Die Hemmung erzeugt
+
+[1] Waitz, Lehrbuch der Psychologie Braunschweig 1849. _Nahlowsky das
+Gefühlsleben_. Leipzig 1862. Lazarus l. c. I. p. 238.
+
+[Page 26]
+
+das Gefühl der Unlust, die Förderung das Gefühl der Lust und zwischen
+diesen beiden Polen bewegen sich alle Gefühle, die den Menschen
+jemals beherrschen können.
+
+Die Empfindungen theilen sich in die Aussen- oder Sinnesempfindungen
+und die Innen- oder Körperempfindungen. Unter letzteren sind
+namentlich die sogenannten Gemeingefühle oder richtiger
+Gemein_empfindungen_ für uns wichtig, weil sie, wie schon der (auch
+in der Wissenschaft) geläufige Name sagt, fälschlich zu den Gefühlen
+gerechnet werden. Es gehören hierher z. B. die Empfindungen
+körperlicher Frische oder Mattigkeit, des gehobenen leiblichen Lebens
+oder der Abgeschlagenheit, der physischen Gesundheit oder Krankheit
+und dgl.
+
+Während die Empfindungen ursprüngliche Zustände sind, sind die
+Gefühle abgeleitete; während erstere die Elemente darstellen, aus
+denen die Vorstellungen sich bilden, gehen die Gefühle erst aus den
+Vorstellungen hervor. Dadurch stehen aber die Gefühle mit den
+Empfindungen in indirecter Verbindung und gerade diese Abhängigkeit
+der einen von den andern hat zu der verwirrenden Vermischung beider
+Zustände geführt. Die Empfindungen erzeugen Gefühle stets durch
+Vermittlung von Vorstellungen, die uns nur mehr oder minder klar zum
+Bewusstsein kommen. Meistens werden die Vorstellungen in Folge einer
+zwischen bestimmten Empfindungen und bestimmten Vorstellungen früher
+zufällig eingegangenen Verbindung geweckt. Wenn wir beim Anblick
+eines Kirchhofs in traurige Stimmung gerathen, so geschieht das in
+Folge der damit verknüpften Vorstellung vom Tode überhaupt oder
+vielleicht vom Tode einer geliebten Person etc. Wenn uns ein heller
+Sommertag heiter stimmt, so wirken dabei, wenn auch zum Theil
+unbewusst, Vorstellungen mit, die sich auf genossene Sommerfreuden im
+Freien beziehen, andrerseits aber spielt dabei auch das grössere
+körperliche Wohlsein eine Rolle. Dasselbe führt nämlich durch
+leichteres von Stattengehen der Ernährungsvorgänge auch im Gehirn zu
+einer schnelleren Verknüpfung der Vorstellungen überhaupt, welche wie
+wir gleich sehen werden eine Quelle der angenehmen Gefühle ist. Die
+körperliche Schmerzempfindung, namentlich ein dauernder Schmerz oder
+ein körperliches Unbehagen bewirkt ein Stocken des Vor-
+
+[Page 27]
+
+stellungsverlaufes welches unangenehme Gefühle erregt. Immer also
+bilden die Vorstellungen das Mittelglied zwischen Empfindung und
+Gefühl. Die weiterfolgenden Auseinandersetzungen werden diesen Satz
+noch näher beweisen helfen.
+
+Wir haben uns hier zunächst ganz im Allgemeinen mit den Gefühlen der
+Lust und Unlust zu beschäftigen, und wollen vor Allem ihre Quellen
+noch näher erforschen. Wir führten schon oben die Definition von
+Nahlowsky (und Waitz) an, welche das angenehme Gefühl aus einer
+Förderung, das unangenehme aus einer Hemmung der gerade im
+Bewusstsein vorhandenen Vorstellungen erklärt. Es soll unsere Aufgabe
+sein, die Begriffe der Förderung und Hemmung noch näher zu
+specialisiren, indem wir dabei genetisch verfahren, d. h. die Gefühle
+beim Eintritt einer (sei es durch Wahrnehmung uns neu zugeführten,
+sei es durch Reproduction über die Schwelle des Bewusstseins
+gebrachten) Vorstellung zu erforschen suchen.
+
+Die Art und Weise, wie die neue Vorstellung sich zu dem schon
+vorhandenen Vorstellungscamplex, der unser geistiges Ich bildet,
+verhält, wird dabei maassgebend sein. -- Die leichtere oder schwerere
+Einverleibung in denselben (Assimilation) bestimmt die Qualität des
+dabei entstehenden Gefühls. Es lässt sich in Bezug hierauf folgender
+Satz aufstellen, der seinen ausgiebigen Beweis in der ganzen
+folgenden Arbeit finden wird:
+
+_Ein angenehmes Gefühl entsteht dadurch, dass eine neue Vorstellung
+schnell und ungestört mit einer andern eben im Bewusstsein
+vorhandenen oder einer aus dem gesammten Vorstellungscomplex durch
+jene geweckten Vorstellung in Verbindung tritt, und auf diese Weise
+leicht assimilirt wird; während ein unangenehmes Gefühl dadurch
+entsteht, dass die Assimilation durch irgend welche Umstände eine
+Verzögerung erleidet._
+
+Um diesen Fundamentalsatz zu beweisen, müssen wir zunächst die
+Gesetze, nach denen die Assimilation der Vorstellungen vor sich geht,
+kurz erörtern.
+
+Diese Assimilation, von der wir zu reden haben, ist also derjenige
+psychische Vorgang, durch welchen eine neu auftretende
+
+[Page 28]
+
+Vorstellung sich mit den schon vorhandenen in bestimmte Beziehungen
+setzt, mit denselben die mannigfachsten Verbindungen eingeht und
+dadurch unser geistiges Eigenthum, ein integrirender Bestandtheil
+unseres geistigen Ich's wird. -- Die Gesetze, nach denen diese
+Assimilation vor sich geht, lassen sich am leichtesten aus der
+Beobachtung der Reproduction der Vorstellungen herleiten, indem wir,
+wie eine kurze Ueberlegung zeigt, die Verbindungen, welche eine
+Vorstellung bei ihrer Assimilation eingegangen ist, am besten
+nachträglich daraus ersehen können, in welchem Zusammenhange mit
+anderen Vorstellungen wir sie am leichtesten reproduciren können. Es
+ist demnach leicht einzusehen, dass die Gesetze der sogenannten
+Ideenassociation ihren eigentlichen Grund in den Vorgängen der
+Assimilation zu suchen haben, indem Vorstellungen, die bei ihrer
+Aufnahme in irgend einer Weise mit einander in Verbindung standen,
+auch für die Folge derart verbunden bleiben, dass sie sich
+gegenseitig leicht „wecken". Zunächst werden zwei Wahrnehmungen, die
+wir einmal oder öfter in enger Verbindung neben einander oder
+zeitlich nach einander gemacht haben, auch in ihren zurückbleibenden
+Vorstellungsbildern diesen Zusammenhang behalten und es ergiebt sich
+daraus das Gesetz der _Coexistenz_ und das der _Succession_. Die
+beiden, nach einem dieser Gesetze verbundenen Vorstellungen, werden
+sehr leicht und daher auch mit einer gewissen Befriedigung eine die
+andere wecken, so dass, wenn uns eine dieser Vorstellungen etwa durch
+die Wahrnehmung dargeboten wird, ihr schnell die andere
+gewissermaassen entgegenkommt und auf diese Weise, indem sie die
+erstere an sich zieht, deren Verbindung mit dem gesammten
+Vorstellungscomplex, d. h. die _Assimilation_ erleichtert. Ebenso
+dient die _Aehnlichkeit_ zweier Vorstellungen in einzelnen
+wesentlichen oder durch besondere Umstände auffällig gemachten
+Eigenschaften dazu, diese Vorstellungen in dauernder Verbindung zu
+erhalten und es ergiebt sich daraus einerseits als _dritte Norm der
+Ideenassociation die der Aehnlichkeit_, andererseits erklärt sich aus
+dem Gesagten die Thatsache, dass eine Vorstellung um so leichter und
+schneller assimilirt werden kann, je schneller sie ähnliche
+Vorstellungen zu wecken vermag.
+
+[Page 29]
+
+Das Herausfinden der Aehnlichkeit ist natürlich von einem Urtheil
+abhängig. Je mehr nun aber der Geist sich ausbildet, um so mehr
+unterliegt die Aufnahme neuer Vorstellungen auch nach anderen
+Richtungen hin einer Beurtheilung, von deren Ausfall dann vornehmlich
+die schnellere oder verzögerte Assimilation abhängig ist. Und zwar
+stützt sich dieses Urtheil auf gewisse gleichsam abgeschlossene
+Ideenkreise, die in uns bei wachsender Geistesreife und
+Charakterentwicklung immer umfassender sich herausbilden, immer
+bestimmter als ideale Urtheilsmaximen zur Geltung kommen und immer
+maassgebender werden. Es sind dies die _logischen und praktischen
+Normen_, sowie die _ethischen, ästhetischen und religiösen Ideen_,
+welche drei letzteren wir auch unter der Bezeichnung der _ideellen
+Normen_ zusammenfassen können, indem wir darunter die Ideen von
+Wahrheit, Gerechtigkeit, Güte, Freiheit Sittlichkeit, Schönheit u.
+dgl., sowie die Gott-Idee und alles darauf Bezügliche verstehen,
+während die logischen und praktischen Normen in den logischen
+Begriffen, Urtheilen und Schlüssen, sowie in den Ideen von
+Zweckmässigkeit, Nützlichkeit etc. ihren Ausdruck finden.
+
+_Steht eine Vorstellung oder ein Vorstellungscomplex mit den
+logischen und praktischen oder ideellen Normen im Widerspruch, so ist
+dadurch die Assimilation erschwert und es entsteht ein unangenehmes
+Gefühl; während die Uebereinstimmung mit jenen Normen eine leichte
+ungehinderte Assimilation und somit ein angenehmes Gefühl bewirkt._
+
+Die logischen, praktischen und ideellen Normen zeigen freilich je
+nach der Individualität und Bildung des Einzelnen, sowie der Cultur
+des Volkes, dem das Individuum angehört, in ihrer Zahl und namentlich
+in ihrem qualitativen Inhalt und ihrer Entwickelungshöhe sehr
+bedeutende Verschiedenheiten und von der grösseren oder geringeren
+Ausbildung dieser Normen hängt es mit ab, ob ein Vorstellungscomplex,
+der mit denselben in Conflict tritt, uns mehr oder minder unangenehm
+berührt, oder wie gross im umgekehrten Fall das angenehme Gefühl ist,
+das aus der Uebereinstimmung einer gegebenen Vorstellung mit einer
+jener Normen entsteht. Im grossen Ganzen
+
+[Page 30]
+
+wiegen bei der Mehrzahl der Menschen die praktischen Normen bei
+Weitem vor und indem dieselben in ihrer niedrigsten Entwicklungsstufe
+nur auf die Person des Empfindenden selbst bezogen werden,
+concentriren sie sich im Egoismus, der deshalb bei Ungebildeten fast
+ausschliesslich den Maassstab für die Qualität der Gefühle abgiebt.
+-- Nur das, was den praktischen Ideen in diesem Sinne entspricht, ist
+für den wenig Gebildeten eine Quelle angenehmer, nur das, was ihnen
+zuwiderläuft, der Ursprung unangenehmer Gefühle.
+
+Je höher die Bildung, die wirkliche Herzensbildung, um so mehr treten
+die sittlichen und religiösen und weiterhin die ästhetischen Ideen,
+sowie gleichzeitig die logischen Normen in den Vordergrund und
+spielen bei der Erregung von Gefühlen eine wesentliche Rolle. Während
+daher der Ungebildete sich an dem Leiden Anderer weiden und ergötzen
+kann, in der Freude über die Verschonung seiner eigenen Person, wird
+der Gebildete dabei mit innerem Weh erfüllt, weil die Vorstellung von
+dem Leiden überhaupt mit seinen mehr ausgebildeten ethischen und
+ästhetischen Ideen in lebhaften Widerspruch tritt. -- Während der
+Eine, von materiellem Egoismus befangen, geduldig in schmachvoller
+Unterdrückung und Knechtschaft lebt, so lange nur sein Leib und Gut
+nicht gefährdet ist, wird der Andere Feinfühlige von Grimm erfüllt,
+trotz äusserlich glänzender Lage, bei blossen Vorstellungen, die mit
+seiner Freiheits- oder Rechtsidee in Gegensatz treten.
+
+In den bisher betrachteten Fällen von Aufnahme neuer Vorstellungen
+war gewissermaassen vorausgesetzt, dass dieselben ein momentan nicht
+in lebhafter Thätigkeit begriffenes Vorstellungsleben antreffen, und
+nach den angedeuteten Gesetzen die Vorstellungen, mit denen sie in
+Harmonie oder Contrast treten, erst selbst bestimmen, dieselben erst
+wecken. Etwas anders gestalten sich nun aber die Verhältnisse, wenn
+zur Zeit, wo eine neue Vorstellung in uns erzeugt wird, eine andere
+Vorstellung resp. ein Vorstellungskreis das Bewusstsein beherrscht,
+uns momentan sehr lebhaft beschäftigt. In diesem Fall wird die
+Assimilationsfähigkeit der neuen Vorstellung fast allein davon
+bestimmt, ob dieselbe mit jener momentan herrschenden
+Vorstellungsreihe übereinstimmt oder nicht, sich
+
+[Page 31]
+
+also gerade mit dieser in leichte oder schwere Association setzt. --
+Nach dem Satz von der Enge des Bewusstseins kann nämlich in einem
+bestimmten Augenblicke nur eine Vorstellung unser Denken ganz
+ausfüllen. Tritt uns eine neue Vorstellung entgegen, so muss sie erst
+die augenblicklich im Bewusstsein vorhandene verdrängen, sofern sie
+nicht mit ihr in _eine_ Vorstellungsthätigkeit verschmelzen kann. --
+Dies Verdrängen aber, bei vorhandener Disharmonie zwischen den beiden
+Vorstellungen wird unter allen Umständen, selbst wenn die neue
+Vorstellung etwa mit den logischen oder ideellen Normen harmonirend
+uns an sich durchaus angenehm berühren würde, eine Verzögerung der
+Assimilation veranlassen und daher zunächst ein unangenehmes Gefühl
+hervorrufen, das später freilich, wenn die neue Vorstellung sich nach
+Ueberwindung dieser Schwierigkeiten mit dem gesammten
+Vorstellungscomplex in die richtigen Beziehungen gesetzt hat, unter
+Umständen in ein angenehmes Gefühl übergehen kann. -- Im umgekehrten
+Fall dagegen, wenn die beiden Vorstellungen oder Vorstellungsreihen
+leicht mit einander in Verbindung treten, und in einen Denkact
+verschmelzen können, wird die Assimilation sehr wesentlich gefördert,
+da einer ihrer Acte, „das Wecken" der ähnlichen Vorstellung, in
+Wegfall kommt. Die Beziehungen zwischen beiden Vorstellungen brauchen
+daher in diesem Fall, um schon ein angenehmes Gefühl hervorzurufen,
+nur entfernte zu sein, und sich z. B. nur auf ganz äussere
+Aehnlichkeit wie Gleichklang der Worte u. dgl. zu beschränken, _wo
+sonst die mit der Association verbundene Gefühlserregung zu schwach
+zu sein pflegt, um überhaupt noch empfunden zu werden_.
+
+Wir erklären hieraus z. B. den angenehmen Einfluss, den der Reim auf
+unser Gefühl ausübt. Es werden uns bei demselben in den beiden
+gereimten Versen zwei Vorstellungsreihen geboten, deren Association
+mit einander durch den Gleichklang der letzten Worte ganz erheblich
+erleichtert wird und daher ein angenehmes Gefühl hervorruft. Es ist
+ja eine bekannte Thatsache, dass gereimte Verse sich leichter
+behalten das heisst eben doch leichter assimilirt und reproducirt
+werden) als Prosa. Ja schon das blosse Metrum reicht hiezu aus, indem
+die _Aehn_-
+
+[Page 32]
+
+_lichkeit_ des Sylbenfalls die Assimilation erleichtert. In gleicher
+Weise wirkt auch die Uebereinstimmung zweier Vorstellungen nach den
+Gesetzen der Coexistenz oder Succession, die allein für sich selten
+ein starkes Gefühl zu produciren vermögen, sehr entschieden angenehm.
+Zwei Worte, die wir oft hinter einander gehört haben, hören wir für
+die Folge auch gern zusammen. Es verursacht für den nach dem
+Lutherschen Katechismus Unterrichteten ein gar nicht wegzuleugnendes
+angenehmes Gefühl, wenn er die Worte: Augen, Ohren; Vernunft und alle
+Sinne; Kleider und Schuhe; Essen und Trinken; Haus und Hof; Weib und
+Kind etc. nach alter Katechismusreminiscenz zusammenstellt. --
+Doppelt angenehm wirken die noch dazu durch Alliteration einander
+_ähnlichen_ Wortverbindungen, wie: Mann und Maus, Kind und Kegel,
+Stock und Stein (auch Haus und Hof gehört hierher), -- die ja auch
+das Volk mit einer gewissen Vorliebe gebraucht. Noch lebhafter als
+die angenehmen Gefühle bei Uebereinstimmung der neuen
+Vorstellungsreihe mit der schon vorhandenen resp. kurz vorher
+gegebenen, können unter Umständen die unangenehmen Gefühle bei
+mangelnder Harmonie sein. Es gehört hierher namentlich das
+unangenehme Gefühl getäuschter Erwartung, bei der eine neue
+Vorstellung eine kurz vorher angeregte Vorstellungsrichtung plötzlich
+unterbricht. Es ist in diesen Fällen die Assimilation der neuen
+Vorstellung unendlich erschwert, selbst dann, wenn diese eine
+angenehme ist. Denken wir, es wird uns ein Besuch angemeldet, der uns
+übrigens ziemlich gleichgültig lässt, oder gar unangenehm berührt,
+auf dessen Eintreten wir aber mit einer gewissen Spannung warten;
+statt der angemeldeten Person tritt jedoch ein anderer uns äusserst
+lieber Besuch ins Zimmer. Trotz der angenehmeren Situation wird doch
+im ersten Augenblick die Empfindung eine peinliche sein -- um
+freilich bei dem Einen schneller, bei dem Andern langsamer dem
+ungemischten Gefühl der Freude Platz zu machen. Man sagt von
+Menschen, bei denen die Assimilationsfähigkeit selbst conträrer
+Vorstellungen eine grosse ist, sie können „sich schnell fassen".
+
+Stellen wir jetzt noch einmal die Ursachen der angenehmen und
+unangenehmen Gefühle zusammen, die, wie eben erörtert,
+
+[Page 33]
+
+aus der geförderten, respective gehemmten Association und
+Assimilation hervorgehen, so erkennen wir:
+
+A. _Als Quelle angenehmer Gefühle_
+
+1) die Harmonie einer Vorstellung mit einer erst zu weckenden nach
+den Normen der Gleichzeitigkeit, Reihenfolge und Aehnlichkeit; 2) die
+Coincedenz mit den logischen, praktischen und ideellen Normen; 3) die
+Uebereinstimmung mit der momentan das Bewusstsein beherrschenden
+Vorstellungsreihe.
+
+B. _Als Quelle unangenehmer Gefühle_
+
+die Disharmonie in den genannten drei Punkten. --
+
+Versuchen wir jetzt, die hier gewonnenen psychologischen Resultate
+zur Theorie des Lächerlichen zu verwerthen. Wir hatten oben für
+unsere Untersuchung das Ziel gesteckt, den Nachweis zu liefern, dass
+die im komischen Object enthaltenen Vorstellungen durch ihre
+Einwirkung auf unsere Seele sowohl die angenehmen wie unangenehmen
+Gefühle hervorrufen, welche zusammengenommen das Wesen des Komischen
+ausmachen. Wir haben nun gesehen, was wir unter Lust und Unlust
+verstehen und wie diese Gefühle zu Stande kommen und wollen jetzt
+zunächst die Probe zu machen suchen, ob wir wirklich im Komischen
+jene beiden Factoren in obigem Sinne nachweisen können. Sehen wir uns
+nach Beispielen um, so finden wir zunächst, dass man das Komische in
+eine grössere oder beschränktere Zahl von Hauptgruppen eingetheilt
+hat. Schopenhauer kennt nur zwei Hauptformen des Lächerlichen,
+nämlich: die sog. Narrheit und den Witz. Vischer dagegen
+unterscheidet das objectiv Komische oder die Posse, das subjectiv
+Komische oder den Witz, das absolut Komische oder den Humor. In Bezug
+auf die ersten beiden Formen stimmt er mit Schopenhauer überein. In
+Rücksicht auf die letzte Form bemerke ich dass nach Lazarus, dem ich
+mich vollkommen anschliesse, der Humor sich dem Komischen nicht
+unterordnet, sondern eine Stelle neben demselben einnimmt, wie wir
+später sehen werden.
+
+[Page 34]
+
+Wir behalten demnach als die bisher gebräuchlichsten und
+anerkennenswerthen Formen nur die Narrheit (oder Posse) und den Witz
+übrig. Aus diesen beiden Formen wollen wir nun Beispiele wählen, und
+an diesen zunächst unsere obige Behauptung vorläufig zu erweisen
+suchen. Es wird dann eine Eintheilung des Komischen folgen, in der
+unsere Theorie des Lächerlichen durch weitere Beispiele noch näher
+erläutert werden soll.
+
+In der Form des Komischen, welche Vischer das objectiv Komische
+nennt, erwähnt er als Beispiele niedrigsten Grades zunächst die in
+der Posse am häufigsten als Gegenstand des Gelächters dienenden
+Körpergebrechen. Das Volk lacht da über einen Höcker, einen dicken
+Bauch oder über tölpelhafte Ungeschicklichkeit u. dergl. Auf dieses
+Lachen findet die schon oben erwähnte Hobbes'sche Erklärung ihre
+Anwendung. Uebertragen wir dieselbe in unsere psychologische Form, so
+finden wir den Grund dieses Lächerlichen in Folgendem: Die durch den
+Anblick eines Buckligen u. dergl. entstandene Vorstellung seiner
+Hässlichkeit tritt mit unseren ästhetischen Ideen in Gegensatz und
+erzeugt ein unangenehmes Gefühl. Andererseits aber wird dadurch, dass
+sich _dieselbe Vorstellung_ mit der auf unser eigenes Selbst
+bezüglichen niedrigsten Entwickelungsstufe der ethischen und
+praktischen Normen in Beziehung setzt und mit diesen übereinstimmt,
+das angenehme Gefühl der Verschonung der eigenen Person, des
+„Sichbesserdünkens" erregt. --
+
+Also Unlust und Lust gehen beide aus den verschiedenen Beziehungen
+hervor, in welche diese _eine_ Vorstellung des Hässlichen einerseits
+zu unseren ästhetischen Ideen, andererseits zu unseren mangelhaft
+entwickelten ethischen und praktischen Normen tritt. -- Keineswegs
+aber spielt, wie wir schon sagten, das Gefühl der Ueberlegenheit bei
+allen Arten des Komischen dieselbe Rolle; Ja, wir können sogar über
+die nämlichen eben angeführten Körpergebrechen und Schönheitsfehler
+in ganz anderm Sinne lachen, indem das angenehme Gefühl sich aus
+einer von der vorigen vollständig verschiedenen Quelle herleitet. --
+Wenn wir als gebildete Menschen den dicken Hans Fallstuff, ganz
+abgesehen von seinem trefflichen Witz und Humor, bloss seiner
+
+[Page 35]
+
+unförmigen Erscheinung wegen belachen, so spielt gewiss das Gefühl
+unserer Ueberlegenheit dabei nur eine verschwindend kleine Rolle;
+dagegen tritt hier zur Erzeugung des angenehmen Gefühls ein ganz
+anderes Moment in Wirksamkeit. Ausser der Vorstellung der
+Hässlichkeit wird uns nämlich durch die Erscheinung unseres Helden
+die durch sein Reden und Thun bestätigte Vorstellung von seiner
+maasslosen Schlemmerei und Völlerei aufgedrungen. Diese seine
+Untugenden beleidigen ebenfalls unser Gefühl, andererseits treten nun
+diese beiden Vorstellungen, d. h. die von seiner unnatürlichen und
+ihm selbst höchst lästigen Körperfülle und die von seiner Völlerei in
+eine leichte Verbindung, indem der zwischen beiden sich herstellende
+ursächliche Zusammenhang unserer Gerechtigkeitsidee entspricht. Wir
+sehen seine Dicke als die gerechte Strafe für seine Unmässigkeit an,
+daraus aber erzeugt sich ein angenehmes Gefühl. --
+
+Spielt in den eben angeführten Beispielen zur Erzeugung der Gefühle
+die Harmonie resp. Disharmonie mit den ideellen Normen eine Rolle, so
+sehen wir im folgenden Beispiele die Normen der Ideenassociation sich
+betheiligen. Bei den uns lächerlich erscheinenden Anachronismen, wo
+wir z. B. auf einem Bilde Kanonen vor Troja erblicken, entsteht das
+unangenehme Gefühl durch die nach der Norm der Gleichzeitigkeit uns
+unmöglich gemachte Vereinigung der beiden uns dargebotenen
+Vorstellungen (Troja und Kanonen). Das angenehme Gefühl dagegen geht
+wieder aus der Beziehung jener Vorstellungen zu unserem Selbstgefühl
+hervor. Unser Besserwissen Macht uns Freude. --
+
+Wir haben also durch die bisherigen Beispiele vorläufig bestätigt
+gefunden, dass im Komischen, wenigstens in der ersten Form desselben
+(der sog. Narrheit oder Posse), ein Inhalt steckt, der nach dem oben
+ausführlich abgeleiteten Gesetz einerseits ein angenehmes,
+andererseits ein unangenehmes Gefühl verursacht. Dass auch in allen
+nur denkbaren Beispielen des Komischen dasselbe Gesetz sich
+bestätigt, werden wir bald sehen, wenn wir die einzelnen Formen
+ableiten. Wir haben jetzt weiter nachzuweisen, dass auch für den Witz
+das oben Gesagte Geltung hat. Ich bringe zuerst ein Beispiel von der
+
+[Page 36]
+
+einfachsten und ursprünglichsten Art der Witze, nämlich von den
+Klangwitzen, wie sie in den sogenannten Frageräthseln der Kinder
+gebräuchlich sind: Welche Tracht kleidet am besten? -- die Eintracht.
+-- Welche Ringe sind nicht rund? -- die Häringe etc. -- In Frage und
+Antwort sind die beiden dargebotenen Vorstellungen enthalten.
+Dieselben lassen sich in Bezug auf die logischen Normen nicht mit
+einander vereinigen: Tracht und Eintracht -- Ring und Häring haben
+rücksichtlich ihrer Bedeutung nicht das Geringste mit einander zu
+schaffen, und durch den erzwungenen Zusammenhang, in den sie gebracht
+sind, entsteht ein unangenehmes Gefühl. Andererseits aber gehen diese
+Worte vermöge ihrer Klangähnlichkeit (also nach der 3. Norm der
+Ideenassociation) doch leicht eine Verbindung mit einander ein und
+erregen dadurch ein Lustgefühl. Als 2. Beispiel führe ich einen guten
+Witz von Kant an, der einmal in einer Damengesellschaft die
+scherzhafte Behauptung aufstellte, dass Frauen nicht in den Himmel
+kämen, denn in der Offenbarung Johannis stehe geschrieben, es sei im
+Himmel eine Stille von einer halben Stunde gewesen; eine solche
+Stille aber sei, wo Frauen anwesend sich befinden, nicht möglich.
+
+Wir haben hier 2 Vorstellungsreihen (die Bibelstelle und den daraus
+gezogenen Schluss), die sich nach den logischen Normen nicht mit
+einander vereinigen lassen, denn jene Schriftstelle steht mit Kant's
+Behauptung eigentlich in gar keinem Zusammenhang. Andererseits aber
+ist durch die geschickte Auslegung in Rücksicht auf unsere
+Wahrheitsidee doch eine leichte Verbindung zwischen diesen beiden
+Vorstellungsreihen möglich gemacht.
+
+Also auch beim Witz finden wir die oben aufgedeckten Quellen der Lust
+und Unlust wieder. Wir konnten aber auch schon an diesen einfachen
+Beispielen eine weitere Bemerkung machen, _dass nämlich die Ursachen
+der beiderseitigen Gefühle häufig mehrfache sind_. In den späteren
+Beispielen werden wir dies noch in höherem Maasse bestätigt finden.
+Natürlich steigert sich durch diese Häufung der Gefühlsgegensätze die
+komische Wirkung im Allgemeinen, gleichzeitig wird daraus aber auch
+die Thatsache verständlich, dass drei bis vier Personen über dasselbe
+Object lachen können, jeder aus
+
+[Page 37]
+
+einem andern Grunde. Es kommt deshalb in jedem einzelnen Falle
+einerseits darauf an, alle möglichen Auffassungsweisen in's Auge zu
+fassen, und die einander entsprechenden angenehmen und unangenehmen
+Gefühle zu sondern, andererseits aber auch die den Umständen
+entsprechenden hauptsächlich wirkenden Factoren, die einem
+vorliegenden Beispiele seinen eigentlichen Charakter gehen,
+herauszuheben. Natürlich habe ich zunächst, da es mir darauf ankam,
+die Elemente des Komischen zu demonstriren, solche Beispiele wählen
+müssen, die möglichst einfach sind. In einer Anekdote der
+gewöhnlichsten Art stecken häufig 6-8 verschiedene Gefühlsquellen.
+
+Es würde jetzt weiter die Frage entstehen, ob die angenehmen wie
+unangenehmen Gefühle aus *jeder* der oben angegebenen Ursachen in den
+komischen Contrast eingehen können. Wäre dies der Fall, so würden wir
+durch einfache Combinirung der möglichen Quellen der beiden
+Gefühlsgegensätze verschiedene Formen des Komischen herleiten können.
+Die Erfahrung lehrt, dass dies nicht _unbedingt_ der Fall ist und als
+Grund dafür müssen wir eine Thatsache anführen, deren Beweis erst
+später folgt, dass nämlich jene beiden entgegengesetzten Gefühle _in
+einem bestimmten Verhältnisse der Stärke zu einander stehen müssen_,
+und zwar so, dass keines vor dem andern das unbedingte Uebergewicht
+erlangt. Es würde nämlich sonst das stärkere Gefühl ohne Weiteres das
+schwächere auslöschen, zum Verschwinden bringen und höchstens dadurch
+von seiner eigenen Kraft etwas einbüssen; ein Kampf der beiden
+Gefühle aber, wie wir ihn zum Zustandekommen des Lächerlichen als
+nothwendig erkennen werden, könnte nicht entstehen. Nehmen wir diese
+Thatsachen von der nothwendig erforderlichen, annähernd gleichen
+Stärke der beiden Gefühle vorläufig als feststehend an, so müssen wir
+in Erinnerung an das oben Gesagte _eine_ Quelle derselben sofort
+streichen. Wir sahen nämlich schon oben, dass die erleichterte
+Association einer gegebenen Vorstellung mit einer erst nach den
+Normen der Ideenassociation zu weckenden in der Regel ein kaum
+merkliches Gefühl hervorruft und es wird uns deshalb natürlich
+scheinen, dass dasselbe etwa einer Verletzung der ideellen Normen
+nicht das Gleichgewicht halten kann. Vielmehr muss in solchem Fall
+das angenehme Ge-
+
+[Page 38]
+
+fühl, um überhaupt in den komischen Contrast eingehen zu können, noch
+aus anderer Quelle her eine Unterstützung erfahren, und zwar dadurch,
+dass die eine Vorstellung die andere mit ihr zu associirende als eine
+im Bewusstsein schon vorhandene, herrschende, d. h. durch die
+komische Situation und Erzählung selbst dargebotene, antrifft.
+Dasselbe gilt für das aus gleichen Quellen fliessende unangenehme
+Gefühl. Durch diese Einschränkung modificirt sich aber unsere obige
+Aufstellung der Gefühle in folgender Weise. --
+
+Als zum komischen Contrast tauglich kennen wir:
+
+A. _Angenehme Gefühle_,
+
+1) aus der Coincidenz _einer_ im komischen Object enthaltenen
+Vorstellung mit den logischen, praktischen oder ideellen Normen;
+
+2) aus der Uebereinstimmung _zweier_ dargebotenen Vorstellungen unter
+einander -- in Rücksicht auf die logischen, praktischen und ideellen
+Normen oder auf die Normen der Ideenassociation.
+
+B. _Unangenehme Gefühle_,
+
+1) aus der Disharmonie _einer_ im komischen Object enthaltenen
+Vorstellung mit den logischen, praktischen und ideellen Normen; und
+
+2) aus der Disharmonie _zweier_ im Komischen mitgetheilten
+Vorstellungen in Rücksicht auf die logischen, praktischen und
+ideellen Normen oder auf die Normen der Ideenassociation.
+
+Combiniren wir nun die Gefühle, so erhalten wir durch
+Gegenüberstellung der angenehmen und unangenehmen Gefühle folgende 4
+Formen:
+
+ 1) A. 1. -- B. 1.
+ 2) A. 2. -- B. 1.
+ 3) A. 1. -- B. 2.
+ 4) A. 2. -- B. 2.
+
+ [Page 39]
+
+Bewähren sich dieselben als wirklich vorhanden, so ist damit
+gewissermaassen indirect auch der Beweis geliefert, dass unsere
+Behauptung von der nothwendig annähernd gleichen Stärke der beiden
+Gefühlsgegensätze begründet war. -- Wie wir sehen werden, lassen sich
+aber diese 4 Formen wirklich festhalten, und was weiter zu jenem
+Beweise nothwendig ist, es lassen sich in ihnen auch alle Beispiele
+des Komischen unterbringen.
+
+Betrachten wir nun diese Hauptformen näher.
+
+In der ersten Hauptform, die wir das _einfach Komische_ nennen
+wollen, soll sich also das angenehme wie unangenehme Gefühl erzeugen,
+aus _einer_ vorhandenen Vorstellung (oder Vorstellungsreihe) die mit
+einzelnen logischen, praktischen oder ideellen Normen übereinstimmt,
+mit anderen aber nicht.
+
+Die zweite Hauptform: _Das Komische mit zwei vereinbaren
+Vorstellungen_, lässt das angenehme Gefühl aus der leichten
+Verschmelzung _zweier_ im komischen Object enthaltenen Vorstellungen
+in Rücksicht auf die Normen hervorgehen, während das unangenehme
+Gefühl dadurch erzeugt wird, dass _eine_ der beiden gegebenen
+Vorstellungen mit einer der Normen nicht übereinstimmt.
+
+Die dritte Hauptform: _Das Komische mit zwei unvereinbaren
+Vorstellungen_, enthält ein unangenehmes Gefühl, welches aus der in
+Rücksicht auf die Normen unmöglichen Vereinigung _zweier_ im
+komischen Object enthaltenen Vorstellungen entsteht, während das
+angenehme Gefühl auf der Uebereinstimmung einer der beiden
+Vorstellungen mit den logischen, praktischen oder ideellen Normen
+beruht.
+
+Die vierte Hauptform endlich: _Das Komische mit dem Wettstreit der
+Vorstellungen oder der Witz_ entsteht dadurch, dass _zwei_
+dargebotene Vorstellungen in Rücksicht auf eine der Normen
+übereinstimmen und dadurch das angenehme Gefühl bilden, in Rücksicht
+auf andere Normen sich aber nicht mit einander vereinigen lassen und
+in Folge dessen ein unangenehmes Gefühl erzeugen.
+
+Wir werden später sehen, dass bei veränderter Auffassung eines
+bestimmten Falles derselbe aus einer Form in die andere übergehen
+kann. Doch ist diese Thatsache keineswegs etwa geeignet unsere
+Eintheilung umzustürzen, sondern dient der-
+
+[Page 40]
+
+selben vielmehr, wie sich herausstellen wird, zur wesentlichen
+Stütze. --
+
+Innerhalb der genannten vier Hauptformen lassen sich nun aber wieder
+verschiedene Nebenformen abgrenzen, durch Auflösung der einzelnen
+Gesetze und Normen. Ich werde die wichtigsten derselben anführen.
+
+Wir müssen ferner innerhalb des Komischen noch eine gewisse
+Rangordnung unterscheiden, bei welcher der sittliche Standpunkt der
+maassgebende ist. Sehr bemerkenswerth ist, dass hierbei lediglich die
+Entstehungsursachen des _angenehmen_ Gefühls eine Rolle spielen.
+_Nur_ diese bedingen in einem gegebenen Fall die Höhe des Komischen
+und zwar lässt sich hierüber folgender Satz aufstellen: _Je edler die
+Quelle ist, aus welcher das_ *angenehme* _Gefühl hervorgeht, um so
+höher stehend und edler ist die Form des Komischen selbst; während
+dieselbe umgekehrt um so niedriger steht, je weniger ein sittliches
+Wohlgefallen im Spiele ist_. -- Wie wenig der Ursprung des
+unangenehmen Gefühls in's Gewicht fällt, sehen wir am Besten daraus,
+dass in der höchststehenden Form des Komischen, in dem _Naiven_,
+gerade am häufigsten grobe Verletzungen sittlicher Ideen vorkommen,
+die aber durch die Harmonie mit noch höher stehenden sittlichen
+Normen völlig aufgewogen werden. --
+
+Aus dem oben Gesagten ist es leicht verständlich, dass wir aus der
+Thatsache, ob ein bestimmter Gefühlscontrast Lachen erregend wirkt
+oder nicht, einen Maassstab für den absoluten sowie namentlich
+individuellen Werth der dabei concurrirenden Gefühle, und für den
+Werth und die Entwickelungshöhe der ihnen zu Grunde liegenden Normen
+gewinnen, und mit vollem Rechte können wir darum den Satz aufstellen:
+
+ „Sage mir, worüber Du lachst, und ich will Dir sagen, wer Du
+bist." --
+
+Wenden wir uns jetzt zur Besprechung der oben aufgestellten
+Hauptformen.
+
+*I. Das einfach Komische.*
+
+Aus einer Vorstellung und ihrer einerseits leichten, andererseits
+unmöglichen Vereinigung mit den logischen und ideellen
+
+[Page 41]
+
+Normen hervorgehend, bietet uns diese Gruppe, wenn wir die Leiter des
+Komischen von unten hinauf steigen, zunächst:
+
+*1. Das niedrig Komische,*
+
+bei dem wir als Erreger des angenehmen Gefühls die Harmonie der
+gegebenen Vorstellung mit der niedrigsten Entwickelungsstufe der
+praktischen Normen, d. h. mit dem Egoismus und dem gesteigerten
+Selbstgefühl antreffen, während auf Seiten des unangenehmen Gefühls
+die Verletzung irgend einer andern Norm steht. Da, wo das erhöhte
+Selbstgefühl mit den ästhetischen Normen in den komischen Contrast
+tritt, entsteht das Lachen über körperliche Hässlichkeit, über
+allerlei Gebrechen, die den Schönheitssinn beleidigen, wie
+Verunstaltung durch Buckel, durch Lahmheit u. dergl., die wir schon
+oben erwähnten. Hierbei wird also die eigentlich erregte Unlust durch
+das Gefühl der Lust im Gedanken an die Verschonung der eigenen
+Person, durch das „Sichbesserdünken" aufgewogen. Bei Verletzung der
+ethischen Ideen tritt das geschmeichelte Selbstgefühl gegen
+moralische Hässlichkeit, Unsittlichkeit, Unwahrheit u. dergl. in die
+Schranken und bei Disharmonie mit den praktischen Ideen und logischen
+Normen endlich ruft es das Lachen über die Ungeschicklichkeit, die
+Dummheit und den Unsinn hervor. In all' diesen Fällen muss also das
+Selbstgefühl der Verletzung übrigens höher stehender Normen das
+Gleichgewicht halten können, wenn der komische Contrast entstehen
+soll, und daher ist es leicht ersichtlich, dass jene Gefühlsconflicte
+hauptsächlich bei solchen Menschen ein Lachen erzeugen, welche die
+hohen sittlichen und ästhetischen Ideen nur in unentwickelter Form
+besitzen, deren Selbstgefühl dagegen abnorm gesteigert ist. Dies ist
+der Fall bei rohen, ungebildeten Leuten und bei Kindern, in denen
+sich die höheren sittlichen Ideen noch nicht entwickelt haben.
+
+In einem Falle nur ist das erhöhte Selbstgefühl als eine etwas edlere
+Regung anzusehen, wenn wir uns nämlich gewissermaassen über unsere
+eigene Schwachheit und Dummheit erheben und unser Selbstgefühl daran
+stärken, dass wir in einem gegebenen Falle eine Schwierigkeit
+überwunden, einen uns gestellten Fallstrick umgangen haben. Hierauf
+beruht zu einem Theil das Lachen über die sog. Münchhausiaden, Lügen-
+und Jagd-
+
+[Page 42]
+
+geschichten (sofern dieselben nicht zum Witz gehören). Während
+einerseits durch die Verletzung der Wahrheit unser Gefühl beleidigt
+wird, empfinden wir andererseits ein angenehmes Gefühl in Folge der
+berechtigten unserem Selbstgefühl schmeichelnden Freude darüber, dass
+wir der beabsichtigten Täuschung nicht unterlegen sind, _so nahe wir
+der Gefahr auch waren_. In einer gewissen Gefahr, der Täuschung zu
+unterliegen, müssen wir geschwebt haben, damit die Lust durch eine
+Leistung unsererseits einigermaassen motivirt ist. Daher dürfen die
+Lügen nicht gar zu plump angelegt sein, sondern müssen die
+Möglichkeit einer Täuschung enthalten. -- Da es zum Lachen über diese
+Geschichten ausserdem einer gewissen Gutmüthigkeit und Harmlosigkeit
+bedarf, welche eine Kränkung des Selbstgefühls über die beabsichtigte
+Düpirung nicht aufkommen lässt (wir lassen uns solche Geschichten
+ungestraft auch eigentlich nur von guten Bekannten erzählen), so
+steht diese Form des Komischen schon dadurch ein wenig höher; doch
+ist sie in steter Gefahr auf das gewöhnliche Niveau des niedrig
+Komischen herabzusinken, sobald solche Münchhausiaden einer grösseren
+Gesellschaft erzählt werden. Denn sofort stellt sich dann bei jedem
+Zuhörer das Gefühl der Ueberlegenheit über die Anderen ein, denen er
+Dummheit genug zutraut, dass sie jene Geschichten glauben. Findet
+sich nun vollends ein Dummer, der sich wirklich die Lüge als Wahrheit
+aufbinden lässt, so steigt unser Selbstgefühl in gleichem Maasse, wie
+die Form des Komischen sinkt. Eine Stufe höher steht die folgende
+Form des Komischen, die ich wegen ihrer grossen Aehnlichkeit und
+häufigen Verwechselung mit dem Naiven (das danach besprochen wird)
+
+*2. Das Pseudonaive*
+
+nennen will, gleichzeitig auch deshalb, weil das angenehme Gefühl bei
+ihm nur aus einer _scheinbaren_ oder _bedingten_ Coïncidenz mit
+höheren Ideen (namentlich mit der Wahrheit) hervorgeht. Während
+einerseits, und zwar hauptsächlich durch die _kindliche Einfalt_,
+unsere praktischen Ideen von Klugheit oder die logischen Normen
+beleidigt werden, ist andererseits in der pseudonaiven Aeusserung
+oder Handlung doch etwas _relativ_ Wahres, Kluges, Vernünftiges
+enthalten, namentlich wenn wir
+
+[Page 43]
+
+uns auf den Standpunkt der bei dem Redenden _naturgemäss_ vorhandenen
+und daher _verzeihlich scheinenden_ Unkenntniss stellen. -- Die
+Beispiele zu dieser Form sind sehr zahlreich und lasse ich hier
+einige folgen, die dieselbe wohl hinreichend verdeutlichen werden.
+
+Das vierjährige Töchterchen eines Pfarrers wird zum ersten Male mit
+in die Kirche genommen, vorher aber ernstlich verwarnt, ja recht
+artig zu sein, denn in der Kirche müsse man sich ganz ruhig und still
+verhalten. Nach der Kirche wird das Kind gefragt, wie es ihm gefallen
+habe, und erwidert darauf: Ach recht gut, es waren auch alle ganz
+artig. Bloss der Papa allein hat so geschrieen und gelärmt.
+
+Ein anderes Pastorenkind rief, als es zum ersten Male in die Kirche
+kam und seinen Vater auf der (übrigens ungewöhnlich hoch
+angebrachten) Kanzel stehen sah, ängstlich aus: „Ach, Du lieber Gott,
+wer hat nur meinen Papa dort oben 'naufgesperrt. Wird er denn auch
+wieder herunterkönnen?"
+
+Ein Knabe auf einem einsamen Dorfe besass viele bleierne Soldaten,
+auch Cavalleristen, hatte aber noch nie einen lebendigen Reiter
+gesehen. Da plötzlich, als er just am Fenster steht, sprengt ein
+solcher in den Hof und springt an der Hausthür vom Pferde: „O", ruft
+der Knabe da mit tiefem Bedauern, „jetzt ging er entzwei". --
+
+Ein Kind sollte das „Vater unser" beten und fragte die Mutter: ob der
+Vater unser mit dem Onkel Unzer (einem Hausfreunde) verwandt sei. --
+
+Ein weiteres Beispiel zu dieser Form ist das später aus Kant
+angeführte.
+
+Endlich gehören hierher fast sämmtliche Beispiele, welche
+Schopenhauer zu seiner zweiten Form des Lächerlichen, der von ihm
+sog. Narrheit anführt. Nach Schopenhauer, der wie erwähnt nur zwei
+Arten des Lächerlichen: den Witz und die Narrheit kennt, entsteht die
+letztere dadurch, dass wir beim Auffinden der Incongruenz zwischen
+Anschauung und Begriff vom Begriff zum Realen übergehen. „Objecte,
+die übrigens grundverschieden, aber alle in einem Begriff gedacht
+sind, werden auf gleiche Weise angesehen und behandelt, bis ihre
+übrige grosse Verschiedenheit zur Ueberraschung und zum
+
+[Page 44]
+
+Erstaunen des Handelnden hervortritt." -- Die Beispiele, die S. zu
+dieser Art des Lächerlichen anführt, sind nun merkwürdiger Weise fast
+alle pseudonaiv und scheinen mir auch durch die von diesem Standpunkt
+ausgehende Erläuterung in ihrem Wesen viel bestimmter präcisirt zu
+werden, als durch die zu weit gefasste Schopenhauer'sche Erklärung.
+-- Ich lasse einige „Narrheiten" von ihm folgen: „Soldaten machen
+einen Arrestanten und erlauben demselben dann aus Gutmüthigkeit an
+ihrem Kartenspiel Theil zu nehmen; als er aber während des Spiels
+anfängt zu chicaniren, werfen sie ihn schliesslich in dem dabei
+entstehenden Streite hinaus." -- Die Soldaten begehen offenbar eine
+thörichte Handlung, die gegen die Gesetze der praktischen Klugheit
+gewaltig verstösst, indem sie einen Arrestanten hinauswerfen. Von
+einem anderen Standpunkt aus, der durch die Erhitzung beim Streit und
+die daraus _natürlich_ hervorgehende momentane Unzurechnungsfähigkeit
+uns in diesem Falle ganz entschuldbar erscheint, ist ihre Handlung
+aber wiederum eine ganz vernünftige, zweckentsprechende, daher also
+eine pseudonaive.
+
+„Zwei Bauerjungen hatten ihre Flinten mit grobem Schrot geladen,
+welches sie, um ihm feines zu substituiren, heraushaben wollten, ohne
+jedoch das Pulver einzubüssen. Da legte der Eine die Mündung des
+Laufes in seinen Hut, den er zwischen die Beine nahm und sagte zum
+Andern: „Jetzt drücke Du ganz sachte, sachte, sachte los; da kommt
+zuerst das Schrot." -- Auch hier haben wir eine thörichte Handlung
+(oder eine Aufforderung zu einer solchen) vor uns, die aber, wenn wir
+uns auf den Standpunkt des Bauerjungen stellen, der nichts von der
+beim Schuss vor sich gehenden Explosion des Pulvers weiss und _wissen
+kann_ (dessen Unkenntniss wir jedenfalls verzeihlich finden), so ist
+die Aeusserung im gewissen Sinne eine ganz kluge und überlegte, indem
+sie (wie Schopenhauer ganz richtig anführt) von dem Begriff ausgeht,
+Verlangsamung der Ursache giebt Verlangsamung der Wirkung.
+
+Auch die Münchhausiaden, die Schopenhauer weiter als Beläge zu seiner
+Definition anführt, lassen sich bei entsprechender Auffassung unter
+das Pseudonaive stellen, wenn sie nämlich solchen Inhalts sind, dass
+sie zwar für uns etwas absolut Un-
+
+[Page 45]
+
+sinniges, Unmögliches enthalten, aber von einem bestimmten
+Standpunkte aus, welcher Kenntnisse in dem gerade vorliegenden
+Gegenstande mit einer gewissen Berechtigung als nicht vorhanden
+voraussetzt, dennoch nicht allein möglich, sondern sogar klug
+ersonnen erscheinen. So enthält die Geschichte von den im Posthorn
+eingefrorenen Melodien, die in der warmen Stube später aufthauen, für
+den Einsichtsvollen einen puren Unsinn; denken wir aber, Jemand wisse
+Nichts von dem eigentlichen Wesen des Tons, sondern sähe denselben
+mit gutem Recht für etwas Materielles an, etwa für eine Flüssigkeit,
+die unter Umständen ja auch einfrieren könne, so erscheint uns diese
+Idee von den aufthauenden und dadurch wieder zum Vorschein kommenden
+Tönen ganz klug. -- Werden uns diese Geschichten von irgend Jemand
+als Münchhausiaden erzählt, so wird in der Regel freilich die eben
+besprochene Auffassung uns nicht zum Bewusstsein kommen, sondern das
+Lachen in der früher mitgetheilten Weise sich motiviren, anders aber
+verhält es sich, wenn wir die in der Geschichte liegende Idee etwa
+einem Kinde in den Mund legen, welches sieht, dass in dem Mundstück
+des Posthorns sich Eis angesetzt hat und nun fragt, ob das
+eingefrorene Töne seien und ob die nicht in der Stube wieder
+aufthauen würden. --
+
+Manche dieser pseudonaiven Aeusserungen (wie z. B. die vom Onkel
+Unzer) gehen, wie erst bei Besprechung des Witzes deutlich werden
+kann, vermöge einer etwas anderen Auffassung leicht in den Witz über,
+indem sie das „_unbewusst Witzige_" bilden. Von zwei Menschen, welche
+dieselbe Aeusserung belachen, kann der eine sie als pseudonaiv, der
+andere sie als eine witzige auffassen.
+
+*3. Das Naive*
+
+bildet, wie schon gesagt, die auf höchster Stufe stehende Form des
+Komischen. Die Bezeichnung _naiv_ wird in einer weiteren und engeren
+Bedeutung gebraucht, je nachdem das unangenehme Gefühl aus der
+Verletzung _irgend einer_ praktischen, logischen oder ideellen Norm
+hervorgeht, oder sich nur aus einem Verstoss gegen unsere Ideen von
+_conventionellem, gesellschaftlichem Anstand_ herleitet. Es leuchtet
+ein, dass
+
+[Page 46]
+
+(natürlich nur für sittlich entwickelte Menschen) im ersten Fall das
+entgegenstehende angenehme Gefühl ein stärkeres sein muss, als im
+zweiten Fall, wo gewissermaassen nur künstlich geschaffene Gesetze
+verletzt werden. Immer aber ist es nöthig, dass uns in der naiven
+Aeusserung eine sittliche Unschuld und Reinheit entgegentritt, von
+der wir wissen, dass sie die künstlichen Schranken, welche die
+Etiquette uns gezogen, nicht kennt und daher auch nicht zu
+respectiren braucht, indem sie einer freieren und höheren
+Sittlichkeit folgt. -- Am häufigsten beobachten wir aus diesem Grunde
+die Naivetät bei Kindern, bei denen wir die Unkenntniss mit den
+künstlich geschaffenen Gesetzen des sogenannten Anstandes als
+naturgemäss voraussetzen. --
+
+An Beispielen für das Naive ist kein Mangel. Eine recht hübsche und
+dankenswerthe Zusammenstellung von kindlich naiven Aussprüchen
+(untermischt mit pseudonaiven und unbewusst witzigen) hat Dr. Walter
+Hoffmann kürzlich in einem kleinen Heftchen unter dem Titel: „Humor
+aus der Kinder- und Schulstube. Eine Sammlung der vorzüglichsten
+Anekdoten aus der Kinderwelt" herausgegeben [1]. Ich empfehle dieses
+Büchelchen, aus dem ich auch schon oben einige Beispiele entlehnt
+habe, nicht blos weil es für den, der einmal tüchtig und von Herzen
+lachen will, reichlichen Stoff enthält, sondern weil es einen
+schätzenswerthen Beitrag zur Psychologie der Kinderseele liefert. --
+
+Hier nur ein Beispiel:
+
+„Aber Mama, wann essen wir denn heute", fragt der kleine Ernst seine
+Mutter. „Bald, warte nur noch ein Weilchen", entgegnete diese. --
+Nach einer Weile fragt er wiederum und erhält dieselbe Antwort. „Aber
+weshalb essen wir nur heute nicht; ich habe solch' grossen Hunger".
+-- „Warte nur noch ein Bischen, bis der Soldat fort ist, dann wird
+gleich gegessen". -- Darauf geht Ernstchen zum Soldaten in die Stube
+und fragt ihn: „Höre, wann gehst Du denn fort?" -- „Gleich, mein
+Sohn, aber weshalb fragst Du denn?" „Nun, weil ich Hunger habe und
+Mama sagt, wenn Du fort bist, soll gegessen werden." Ich glaube, der
+Soldat hat über diese naive Aeusserung lachen
+
+[1] Leipzig, Arnoldische Buchhandlung. 1871.
+
+[Page 47]
+
+müssen, so wie wir jetzt noch darüber lachen. Wir haben hier zunächst
+eine Beleidigung unserer Idee von Schicklichkeit und
+gesellschaftlichem Anstand vor uns, andererseits aber bewegt uns die
+kindliche Unschuld, welche jene conventionellen Schranken nicht kennt
+und unbekümmert darum die Wahrheit sagen darf, in angenehmer Weise.
+-- Aus gleichem Grunde lachen wir über jenes Kind, das, einen fremden
+Herrn empfangend die Abwesenheit der Mutter mit den naiven Worten
+entschuldigt: „Mama wird gleich kommen, sie setzt sich nur noch ihre
+Locken auf." Verstösst diese Aeusserung einerseits gegen unsere Idee
+von gesellschaftlichem Takt (und praktischer Klugheit), so befriedigt
+und erfreut uns doch in höherem Grade das rückhaltlose,
+wahrheitsliebende Bekenntniss des Kindes, welches in seiner Unschuld
+jene künstlich geschaffenen Lügengesetze nicht kennt und daher
+sittlich höher zu stehen scheint. --
+
+Bei einer etwas anderen Auffassung kann diese selbe Aeusserung aber
+auch unter die nun folgende Form des Komischen gestellt werden, indem
+wir dann nicht über das Kind, sondern über die Mutter lachen, ja!
+dieselbe auslachen. -- Wir empfinden nämlich über die eitle Frau eine
+gewisse sittliche Entrüstung und gönnen ihr nun die Blamage, welche
+ihr durch die Aeusserung der Tochter bereitet wird, als eine
+wohlverdiente; -- unser Gerechtigkeitsgefühl wird dadurch befriedigt.
+Es wird bei dieser Auffassung, von der Naivetät der Aeusserung ganz
+abgesehen, und an Stelle der letzteren könnte eben so gut ein Zufall
+treten, der die Frau gerade beim Aufsetzen der Perücke überrascht
+werden lässt. -- Es bestätigt dies Beispiel die unzählig oft zu
+beobachtende und schon erwähnte Thatsache, dass ein und dieselbe
+komische Situation oder Aeusserung mehrfache komische Elemente
+enthält, wobei natürlich im Ganzen der komische Effect sich steigert,
+wenn uns die verschiedenen Auffassungen nach einander zum Bewusstsein
+kommen. Gerade durch diesen Umstand wird aber die Beurtheilung des
+Komischen, sowie die Beibringung von einfachen Beispielen sehr
+erschwert. --
+
+Dass das Naive im Gebiete des einfach Komischen die höchste Stellung
+einnimmt oder wenigstens dasselbe nach einer Richtung hin abgrenzt,
+erkennen wir am besten daraus, dass es aus dem _Lächerlichen_ sehr
+leicht in das _Rührende_ über-
+
+[Page 48]
+
+geht. Ich führe dazu wieder ein Beispiel aus Walter Hoffmann an:
+
+„Vom verstorbenen Prof. A. v. Schaden erzählte mir seine Mutter, sie
+habe einst auf seine Fürsprache einem Bettler Brod geben wollen und
+sich angeschickt, ihm ein Stück von einem Laibe abzuschneiden. Da sei
+ihr Sohn zu ihr getreten und habe ihr zugeflüstert: „Mama, die Thür
+steht offen, er (der Bettler) hat ja gesehen, dass Du einen _ganzen_
+Laib hast, Du kannst ihm daher nichts abschneiden! (d. h. Du musst
+ihm denselben ganz geben)."
+
+Diese Aeusserung ist offenbar eine naive, sie verstösst einerseits
+gegen unsere Idee von praktischer Klugheit, andererseits aber
+überrascht uns darin eine hohe Sittlichkeit und kindliche Unschuld.
+Wir lachen über die Aeusserung -- aber zugleich ist uns auch vor
+Rührung das Weinen nahe. Indem nämlich jene hohe kindliche Reinheit
+in uns das Gefühl unserer eigenen Erbärmlichkeit und berechnenden
+Selbstsucht lebhaft anregt, werden wir beschämt und durch die Wucht
+jener Ideen gewissermaassen erdrückt. Dadurch wird aber auf Seiten
+der unser Selbstgefühl herabstimmenden Empfindungen ein Uebergewicht
+erzeugt, -- aus dem der Affect des Weinens hervorgeht. --
+
+Im Anschluss an das Naive muss ich hier wenigstens anhangweise den
+*Humor* kurz erwähnen, der als nächster Nachbar neben dem Komischen
+eine Form für sich bildet oder richtiger gesagt, einen besonderen
+Standpunkt bezeichnet, von dem aus das Komische und Rührende sich in
+etwas abweichender Weise erzeugt, und einen besonderen Hintergrund
+erhält. Aehnlich wie das Naive zeigt auch der Humor den leichten
+Uebergang vom Lachen ins Weinen („er lacht mit dem einen Auge,
+während er mit dem andern weint"), ebenso wie beim Naiven treten auch
+bei ihm als Erreger des angenehmen Gefühls die höchsten, sittlichen
+und religiösen Ideen in die Schranken; doch wie wir sehen werden, in
+etwas anderer Weise. Der Humor ist vor allen Dingen im Gegensatz zum
+Naiven, völlig bewusst, ja willkürlich. Er beruht ganz und gar auf
+einer subjectiven Auffassung, die bei dem Humoristen eine
+vorherrschende, eine allgemeine Weltanschauung geworden ist [1]. Er
+bringt vorsätzlich,
+
+[1] Lazarus l. c.
+
+[Page 49]
+
+oder durch sein Naturell gezwungen, jedenfalls mit einer gewissen
+Vorliebe das ihm entgegentretende Alltägliche, Kleine, Niedrige,
+Gemeine mit den in ihm lebhaft vorhandenen hohen sittlichen und
+religiösen Ideen in Gegensatz. Daraus erzeugt sich einerseits in ihm
+ein unangenehmes Gefühl, andererseits aber entsteht dadurch, dass
+_der Humorist sich gerade in dem Contrast mit dem Niedrigen, der
+Hoheit und Erhabenheit der in ihm ruhenden Ideen lebhafter bewusst
+wird, ein angenehmes Gefühl_. Behält das Letztere das Uebergewicht,
+so erzeugt sich der komische Affect, während der rührende Affect dann
+entsteht, wenn wir lebhaft fühlen, dass unser eigenes Thun und
+Handeln mit unseren Idealen nicht im Einklang stehe. Dies sind die
+beiden Formen des sogenannten versöhnten Humors. Es kann nun aber
+auch der Fall eintreten, dass der Humorist durch das gegen seine
+Ideale kämpfende Niedrige und Gemeine zu tief gekränkt wird, -- und
+an Allem verzweifeln möchte: dann entwickelt sich der _unversöhnte
+Humor_, der sich daher gern im Sarkasmus ergeht und wohl auch meist
+als erste Stufe dem versöhnten Humor vorausgeht. Letzterer ist, wie
+Vischer [1] richtig sagt, voll Unschuld, „aber es ist nicht die
+einfache Unschuld eines Kindes, sondern eine solche, die durch innere
+Wehen, durch Zerrissenheit, Kampf, Schuldbewusstsein
+hindurchgegangen, sich wieder mit ihrem Gott versöhnt hat". Dass die
+Humoristen bei all' ihrer Gemüthlichkeit, sehr häufig eigentlich,
+unglückliche Menschen sind, erklärt sich daraus, dass sie für Alles
+in der Welt vorgehende Widrige, für alle kleinen Leiden des Lebens
+ein viel feineres Gefühl haben als andere Menschen, und sich doch
+meist ihren Idealen gegenüber selbst klein fühlen. Daher haben die
+meisten Humoristen einen Anflug von Melancholie oder Hypochondrie.
+Aber selbst über diese wissen sie sich wiederum zu erheben, indem sie
+gewissermaassen an sich selbst ihren Witz auslassen. Aecht
+humoristische Personen sind z. B. die Narren im Shakespeare, ebenso
+auch Hamlet, der in vielen Scenen den unversöhnten Humor erkennen
+lässt. Ich erinnere an die Scene vor Aufführung des Schauspiels bei
+Hofe, wo er zu Ophelia sagt: „Was sollte ein
+
+[1] Erhab. u. Komische p. 215.
+
+[Page 50]
+
+Mensch anderes thun, als lustig sein? Denn seht nur, wie vergnügt
+meine Mutter aussieht, und mein Vater ist doch erst vor zwei Stunden
+gestorben. Ophelia: Vor zwei Mal zwei Monaten, gnädigster Herr.
+Hamlet: So lange ist's her?! Ei da mag der Teufel noch schwarz gehen!
+ich will mir ein munteres Kleid machen lassen" [1]. -- Weitere
+Repräsentanten des Humors liefert Jean Paul im Titan und Siebenkäs
+etc., vor Allen auch Sterne in seinem „Leben und Meinungen Tristam
+Shandys."
+
+Neben dem bisher dargestellten _subjectiven_ Humor, „wo eine
+selbstbewusste humoristische Person auftritt, die absichtlich als
+solche handelt," giebt es, wie Lazarus richtig hervorhebt, auch einen
+_objectiven_ Humor, „wo nur der Leser und Zuschauer die Absicht und
+Wirkung des Humors empfindet", indem der objective Humorist, wie z.
+B. Falstaff, alle hohen Ideen, deren Widerpart er in Leben und
+Gesinnung ist, durch sein Reden und Thun in uns erweckt. „Er spricht
+von Ehre, Muth etc., stellt den König dar, wie er Heinrich straft
+etc., in Allem ist er ein Gebildeter, die Ansprüche der Idee
+Kennender und Zeigenden. Wir lachen über ihn, obgleich er das Hohe
+erniedrigt (z. B. in seiner Definition der Ehre), wir lachen, weil er
+selbst die wahre Idee in uns weckt und diese desto sicherer siegt, je
+angelegentlicher er dagegen kämpft" [2].
+
+Doch kehren wir nach dieser Abschweifung zu unserem eigentlichen
+Thema zurück, und wenden uns zur zweiten Hauptform des Komischen.
+
+*II. Das Komische mit zwei vereinbaren Vorstellungen.*
+
+Kam bei der vorher besprochenen Form des einfach Komischen überhaupt
+nur _eine_ Vorstellung in Frage, die durch ihre Harmonie mit
+einzelnen und Disharmonie mit anderen Normen die beiden einander
+conträren Gefühle erregte, so sind bei der vorliegenden Form _zwei_
+im Komischen selbst enthaltene Vorstellungen zur Erzeugung des
+angenehmen Gefühls thätig während zum unangenehmen Gefühl wiederum
+nur eine der beiden gegebenen Vorstellungen die Ursache giebt. --
+
+[1] Vergl. weiter unten das bei „Ironie" Gesagte.
+[2] Aus Lazarus l. c. p. 206.
+
+[Page 51]
+
+Wir haben hier die sogenannte
+
+*Gerechte Schadenfreude*
+
+zu erwähnen, bei welcher das unangenehme Gefühl aus dem Verstosse
+einer gegebenen Vorstellungsreihe gegen irgend eine der beiden Normen
+hervorgeht, während das angenehme Gefühl daraus resultirt, dass eine
+zweite gleichzeitig gegebene Vorstellung sich mit jener ersten in
+Rücksicht auf die ethische Norm der _Gerechtigkeit_ leicht verbindet.
+Die beiden Vorstellungen stehen dabei in dem Verhältniss von Ursache
+und Wirkung -- von Vergehen und Strafe. Während uns einerseits die
+Dummheit, Schlechtigkeit u. dergl. ärgert, wird andererseits durch
+die gleichzeitig eintretende Strafe unser Gerechtigkeitsgefühl
+befriedigt. -- Wir haben schon oben in dem zweiten vorläufigen
+Beispiel angeführt, wie in diesem Sinne auch den Gebildeten die
+Corpulenz eines Falstaff zum Lachen reizen kann. Wir erwähnen hier
+noch, als ähnliche sinnlich-hässliche Gegenstände des Gelächters, die
+Glatze und die rothe Nase, da wir auch diese Fehler (freilich nicht
+immer mit Recht) als Folgen einer etwas lockeren, üppigen Lebensweise
+anzusehen gewohnt sind, und wir demnach statt Mitleid mit dem also
+Entstellten zu empfinden, vielmehr durch die Befriedigung unserer
+Gerechtigkeitsidee angenehm berührt werden.
+
+In demselben Sinne kann ein Gebildeter auch über die Dummheit lachen,
+nicht sowohl insofern er sich seines Besserwissens freut, als
+vielmehr in der Voraussetzung, dass die Dummheit mehr oder weniger
+auf eigenem Verschulden beruht und wir die den Dummen treffende
+Blamage oder auch einen geringen Schaden, den er erleidet, als
+verdient und ihm von Rechtswegen zukommend ansehen. --
+
+Zu beachten ist aber hierbei ein sehr wichtiger Umstand (der
+gleichzeitig am besten die Richtigkeit meiner Erklärung beweist): Die
+Strafe darf nicht das uns gerecht erscheinende Maass überschreiten,
+sonst hört die komische Wirkung in dem jetzt besprochenen Sinne auf.
+Wir lachen über einen ungeschickten Menschen, wenn er in Folge seiner
+Ungeschicklichkeit ein mässiges Unheil anrichtet, etwa hinfällt und
+im Fallen sein Beinkleid an einer am wenigsten dazu geeigneten Stelle
+auf-
+
+[Page 52]
+
+reisst. Sobald wir aber sehen, dass der Fallende sich ein Bein
+gebrochen, oder sich sonst erheblich verletzt hat, so werden wir
+nicht mehr lachen, da die ihn treffende Strafe das uns gerecht
+erscheinende Maass bei Weitem überschritten hat. Das hat wohl
+Aristoteles mit seinem anôdunon ou phthartikon auch eigentlich sagen
+wollen: Ein Schmerz oder Schaden muss wohl vorhanden sein, derselbe
+darf aber über ein gewisses Maass nicht hinausgehen und muss verdient
+erscheinen. Um ein weiteres hierher gehöriges Beispiel anzuführen,
+erinnere ich an jenes Bild, einen Bauer darstellend, der damit
+beschäftigt ist, einen Baumast abzusägen, auf dessen äusserstem Ende
+er selbst sitzt. Die komische Wirkung dieser Darstellung beruht
+offenbar darauf, dass einerseits die Dummheit des Bauern, d. h. der
+Contrast seiner Handlung mit der Idee von praktischer Klugheit uns
+unangenehm berührt, während andererseits der in dem Bilde als
+unabwendbar bevorstehend gezeigte Fall aus der mässigen Höhe uns als
+Strafe für jene Thorheit gerecht erscheint, und somit wegen seiner
+leichten Verbindung mit jener ersten Vorstellung in Bezug auf die
+Gerechtigkeitsidee unserem Gefühle zusagt. Denken wir uns nun aber
+das Bild so verändert, dass jener Baumast über einem gähnenden
+Abgrunde schwebe, in welchen der Mensch nun hineinzufallen droht, so
+lachen wir nicht mehr, weil die Strafe für seine Dummheit bei Weitem
+das entsprechende Maass überschreitet und unsere Gerechtigkeitsidee
+dadurch umgekehrt gerade beleidigt würde. Der Umstand übrigens -- das
+sei zum Schlusse noch erwähnt -- dass die eine Vorstellung (die des
+Herabfallens) nicht unmittelbar im Bilde vorhanden ist, thut nichts
+zur Sache, und ändert die Auffassung dieser Form nicht. Es wird diese
+Vorstellung jedenfalls durch das Bild hervorgerufen, und geht mit in
+den komischen Contrast ein; ganz ebenso wie in den ersten Beispielen
+die rothe Nase uns ohne Weiteres die Vorstellung des Trinkens erweckt
+und diese nun ganz so wie eine unmittelbar dargebotene sich an dem
+Contrast betheiligt [1]. Auch dadurch endlich verfällt die Dummheit
+oft dem Gelächter, selbst der Gebildeten, dass sie sich, mit vielem
+Selbstgefühl gepaart, den
+
+[1] Schopenhauer l. c. p. 107.
+
+[Page 53]
+
+Anschein besonderer Klugheit geben will, sich aber natürlich nun um
+so mehr bloss stellt. Wie vorher erscheint uns jetzt die den Dummen
+treffende Blamage wegen der Ansprüche, die er erhoben hat, als eine
+wohl verdiente.
+
+Wir kommen nunmehr zur Besprechung der dritten Hauptform, welche wir
+nannten:
+
+*III. Das Komische mit zwei unvereinbaren Vorstellungen.*
+
+Wie bei der vorigen Form sind auch bei dieser zur Erzeugung des einen
+Gefühls (hier aber des _un_angenehmen) zwei Vorstellungen im
+Komischen selbst enthalten, die sich in der dargebotenen Form nicht
+mit einander verbinden wollen, während andererseits in Folge der
+Harmonie einer der beiden Vorstellangen mit irgend einer Norm ein
+angenehmes Gefühl erzeugt wird. -- Zu dieser Gruppe gehören
+zahlreiche Nebenformen, von denen ich die wichtigsten anführe. Als
+einfachste der hierher gehörigen Formen nenne ich zuerst:
+
+*1. Das Komische der getäuschten Erwartung.*
+
+Wie oben mitgetheilt, will Kant beim Komischen stets eine in Nichts
+aufgelöste Erwartung nachweisen können, und stützt darauf seine
+Definition. Richtig ist allerdings, dass die getäuschte Erwartung
+beim Lächerlichen sehr häufig angetroffen wird, doch spielt sie, wie
+sich leicht nachweisen lässt, in den meisten Fällen nur eine ganz
+nebensächliche Rolle, und dient höchstens dazu, die komische Wirkung
+zu steigern. Schon das erste Beispiel, das Kant zur Stütze seiner
+Definition selbst anführt, spricht gegen ihn. Lassen wir Kant selbst
+reden: „Wenn Jemand erzählt, dass ein Indianer, der an der Tafel
+eines Engländers in Surate eine Bouteille mit Ale öffnen und alles
+dies Bier in Schaum verwandelt herausdringen sah, mit vielen Ausrufen
+seine grosse Bewunderung anzeigte, und auf die Frage des Engländers,
+was ist denn hier sich so zu verwundern? antwortete: _Ich wundere
+mich auch nicht darüber, dass es herausgeht, sondern wie ihr's habt
+herein kriegen können_; so lachen wir und es macht uns eine recht
+herzliche Lust, nicht, weil wir uns etwa klüger finden, als diesen
+Un-
+
+[Page 54]
+
+wissenden, oder sonst über etwas, was uns der Verstand hierin
+Wohlgefälliges bemerken liesse, sondern unsere Erwartung war gespannt
+und verschwindet plötzlich in Nichts." --
+
+Dass eine gewisse Spannung unserer Erwartung in diesem Falle
+vorliegt, will ich nicht leugnen; Wir denken etwa: „welch wichtigen
+Grund seines Erstaunens wird der Indianer wol vorbringen?" Doch dient
+dies Moment hier offenbar nur dazu, die komische Wirkung, _die auch
+ohne dies vorhanden_ wäre, durch die geschickte Form des Vortrages zu
+erhöhen. Die Aeusserung bleibt auch komisch, wenn wir einfach den
+Indianer ohne weitere Vorbereitung verwundert fragen lassen: „Sagt
+mir nur, wie habt Ihr das Alles in die Flasche hineinbekommen?" --
+Die Frage ist, wie leicht ersichtlich, eine pseudonaive und die
+komische Wirkung erklärt sich bei dieser Auffassung leicht. Während
+die eigentlich dumme Aeusserung des Indianers unser Gefühl einerseits
+beleidigt, entdecken wir andererseits in derselben doch viel
+Ueberlegung und Klugheit, wenn wir uns auf den Standpunkt der bei
+einem Indianer ganz erklärlichen Unkenntniss in Bezug auf die beim
+Schäumen des Bieres wirkenden Verhältnisse stellen. --
+
+Nebenbei freuen wir uns -- obschon Kant es nicht wahr haben will --
+doch etwas unseres Besserwissens. Uebrigens bringt Kant noch eine
+Bemerkung, aus der sich die richtige Auffassung ahnen lässt. Er sagt
+nämlich: „Merkwürdig ist, dass in allen solchen Fällen der Spass
+immer etwas in sich enthalten muss, welches auf einen Augenblick
+täuschen kann. Denn wenn Jemand uns mit der Erzählung einer
+Geschichte grosse Erwartung erregt und wir beim Schluss die
+Unwahrheit derselben sofort einsehen, so macht es uns Missfallen." --
+
+Doch wir haben nun, da sich das Kant'sche Beispiel für die hier zu
+besprechende Form nicht als brauchbar erwiesen hat, noch Beispiele
+anzuführen, in denen die getäuschte Erwartung wirklich ein
+_wesentliches_ Glied bei Erzeugung des komischen Affects darstellt.
+Als allgemeines Schema dafür können wir das bekannte: parturiunt
+montes nascitur _ridiculus_ mus anführen, zu dem unter Anderem der
+folgende Schwank, den der Clown im Circus oft ausübt, einen
+speciellen Fall bildet. Der Clown stellt sich an, als ob er über ein
+ziemlich hochgehaltenes Seil
+
+[Page 55]
+
+hinüber springen will, nimmt einen gewaltigen Anlauf, um dann
+plötzlich unter dem Seile hindurchzukriechen. In der Regel belohnt
+unauslöschliches Gelächter, namentlich im Olymp, diese Farce. Suchen
+wir den Grund dieses Lachens auf, so finden wir das zum Lächerlichen
+erforderliche unangenehme Gefühl hervorgehend aus der plötzlich
+getäuschten Erwartung. Das angenehme Gefühl dagegen entsteht
+einerseits aus dem befriedigten Selbstgefühl, indem dasselbe durch
+die Vorstellung, dass der Clown jener Aufgabe doch nicht gewachsen
+war, gehoben wird, andererseits wirkt die berechtigte Schadenfreude
+mit, indem wir dem Clown die Blamage, die er sich (wenn auch nur
+scheinbar) zugezogen hat, als eine verdiente gönnen; endlich drittens
+spielt eine gewisse objectivirende Schadenfreude, die wir über uns
+selbst empfinden, eine nicht unwesentliche Rolle. Während eigentlich
+der Clown uns auslachen könnte, dass wir uns durch ihn haben dupiren
+lassen, schwingen wir uns schnell zu einer Objectivität auf, in der
+wir im Stande sind, über uns selbst zu lachen. Da wo diese
+Objectivität nicht vorhanden ist, überwiegt leicht die Kränkung des
+Selbstgefühls, und es entsteht statt Lachen Aerger. --
+
+Eine zweite hierher gehörige Form:
+
+*2. Den komischen Anachronismus*
+
+haben wir schon bei den vorläufigen Beispielen erwähnt. Wenn wir
+also, um noch einige andere Beispiele anzuführen, auf Raphael'schen
+Bildern den Stammvater Abraham mit eiserner Karst in der Hand, Gott
+Apollo mit einer Geige, auf anderen Bildern Soldaten, unter dem
+Kreuze Christi, Karten spielend und Tabak rauchend, Ferngläser in der
+Hand römischer Feldherren, Christus auf seinem Gange nach Golgatha
+von einem betenden Kapuziner begleitet sehen, so wirkt das Alles
+komisch, weil uns zwei Vorstellungen zusammen geboten werden, die
+sich nach der Norm der Gleichzeitigkeit nicht mit einander vereinigen
+lassen und durch ihre erzwungene Zusammenstellung ein unangenehmes
+Gefühl erzeugen, während das angenehme Gefühl auf der unserm
+Selbstgefühl schmeichelnden Vorstellung von unserem Besserwissen
+beruht.
+
+[Page 56]
+
+*3. Das Komische der Darstellung oder das Burleske und Heroisch-
+Komische*
+
+leitet sein unangenehmes Gefühl her aus der Disharmonie zwischen der
+poetischen Darstellung und dem Inhalt. Beim Burlesken werden ernste,
+wichtige und erhabene Dinge in einer unwürdigen und sie
+herabsetzenden Weise vorgetragen. Als Beispiel mag Offenbach's
+„Orpheus in der Unterwelt" gelten. Beim Heroisch-Komischen werden
+ganz unbedeutende Gegenstände durch die Sprache als bedeutende
+dargestellt, wie z. B. in Blumauers Aeneïde. --
+
+So lange das Burleske und Heroisch-Komische nicht zugleich witzig ist
+(was aber meist der Fall ist) steht der, aus der oben genannten
+Quelle fliessenden Unlust, ein Lustgefühl gegenüber, das wie bei der
+vorigen Form nur aus dem gesteigerten Selbstgefühl des Besserwissens
+entspringt.
+
+Wir kommen jetzt zur letzten Hauptform des Komischen, die wir
+nannten:
+
+*IV. Das Komische mit dem Wettstreit der Vorstellungen oder den
+Witz.*
+
+_Der Witz_ ist eine der ausgedehntesten Formen des Komischen und
+erfreut sich gerade bei den Gebildeten einer besonderen Beliebtheit
+und doch steht er dem grössten Theile seines Inhalts nach auf keiner
+hohen Stufe, indem bei ihm das angenehme Gefühl (in der Regel) ohne
+Betheiligung sittlichen Wohlgefallens zu Stande kommt. Die logischen
+Normen und die Normen der Ideenassociation sind es vorwiegend, die
+bei ihm eine Rolle spielen, während die Beziehungen zu den ethischen
+oder ästhetischen Normen meistens ausserhalb des Witzes, neben diesem
+vorhanden sind und die komische Wirkung nur erhöhen. -- Es hat daher
+etwas für sich, wenn Vischer in seiner ersten Schrift [1] den Witz:
+das Komische des Verstandes oder der Reflexion nennt und hervorhebt,
+dass die Untersuchung des Witzes theilweise mit der Lehre von den
+Gesetzen der Ideenassociation zusammenfalle. Das wesentlichste
+Merkmal des Witzes allen übrigen Formen des Komischen gegenüber ist
+aber Folgendes:
+
+[1] Erhab. u. Komische p. 196 u. 198.
+
+[Page 57]
+
+_Beim Witz entsteht die Unlust wie die Lust aus_ *zwei*
+_Vorstellungen, deren Unvereinbarkeit, und doch wiederum mögliche
+Vereinbarkeit mit einander_, die Quelle der Gefühle bildet, während
+bei den übrigen Formen entweder nur _eine_ Vorstellung beide Gefühle
+erzeugte, oder zwei dargebotene Vorstellungen doch nur zur Erregung
+des _einen_ der Gefühlsgegensätze thätig waren.
+
+Indem die zwei dargebotenen Vorstellungen zunächst nur unter einander
+und nicht zu unserem ganzen Ich (zu den ideellen etc. Normen) in
+Beziehung treten, regt der Witz unsere Interessen viel weniger an,
+als alle übrigen Formen des Komischen. Ganz richtig sagt deshalb Jean
+Paul von ihm: „er achtet nichts und verachtet nichts, Alles ist ihm
+gleich, sobald es gleich und ähnlich wird".
+
+Sehen wir davon ab, dass der Unterschied des Witzes von den übrigen
+Formen des Komischen mir bisher nirgend so scharf präcisirt zu sein
+scheint, so ist er doch im Ganzen von den Autoren am richtigsten
+aufgefasst. Jean Paul bringt auch über ihn ungemein viel Treffendes,
+wenn schon er mit seiner eigentlichen Definition nicht glücklich war
+und den Mangel wissenschaftlicher Schärfe auch hier verräth. -- Seine
+gelegentlichen Bemerkungen z. B., wenn er ihn den verkleideten
+Priester nennt, der jedes Paar copulirt, sind viel bezeichnender als
+seine Definition, nach welcher er die alte, in der That unzureichende
+Auffassung: Der Witz sei eine Fertigkeit, Aehnlichkeiten zwischen
+Unähnlichem zu finden, in der Art verändert, dass er den Begriff der
+Vergleichung substituirt, welche eine theilweise Gleichheit bei
+grösserer Ungleichheit entdeckt. Viel entsprechender ist die
+Definition von Vischer, der jene alte dahin erweitert: „Der Witz ist
+eine Fertigkeit mit einer überraschenden Schnelle mehrere
+Vorstellungen, die nach ihrem inneren Gehalt und dem Nexus, dem sie
+angehören, einander eigentlich fremd sind, zu Einer zu verbinden." --
+In dieser Definition ist freilich ungesagt, dass diese Verbindung in
+gewissen Hinsichten eine gerechtfertigte und uns angenehm berührende
+sein muss.
+
+Doch berichtigt Vischer wenigstens seine in dem ersten Werke
+ausgesprochene Ansicht, dass _kein_ Witz einen eigentlichen Sinn
+habe, in seiner Aesthetik dahin, dass der Sinn zwar
+
+[Page 58]
+
+nicht innerlich organisch im Witz enthalten sei, doch in vielen
+Fällen von Aussen hinzukomme [1]. Vollständig treffend, wenn wir die
+darin enthaltenen Begriffe, Gleichheit und Verschiedenheit, mit
+unseren obigen Normen in Beziehung bringen, ist die schon erwähnte
+Definition von Lazarus, die eigentlich auf das Komische überhaupt
+gemünzt ist, aber, wie wir sehen, im Besonderen auf den Witz passt.
+Es sollen zwei Vorstellungen vorhanden sein, die einmal wegen ihrer
+Gleichheit zu einem einzigen Denkacte verschmelzen, während sie nach
+anderer Richtung hin, wieder ganz und gar verschieden sind, „die
+Möglichkeit und die Unmöglichkeit der Verschmelzung tritt zu gleicher
+Zeit ein". Das ist in der That das Charakteristicum des Witzes.
+
+Die Schopenhauer'sche Definition werde ich bei Gelegenheit einer
+besonderen Form der Witze erwähnen, zu der wiederum alle von ihm
+aufgestellten Beispiele gehören.
+
+Am ausführlichsten und in vieler Beziehung sehr glücklich hat in
+neuester Zeit Kuno Fischer [2] den Witz behandelt. Seine Darstellung,
+die halb vom psychologischen halb vom metaphysisch-ästhetischen
+Standpunkte ausgeht, weicht aber von der meinigen vor allen Dingen
+darin ab, dass Fischer ganz entsprechend seiner Auffassung des
+Thema's hauptsächlich die Frage erörtert, wie der Witz entsteht, auf
+welchem Boden er aufspriesst und wie er geformt wird. -- Das
+Material, aus dem er besteht, behandelt Fischer nur gelegentlich.
+Darum ist selbstverständlich seine ganze Eintheilung eine andere,
+wenn ich auch in einzelnen Formen mit ihm übereinstimme. Entspringend
+auf dem Boden der ästhetischen Freiheit, die sich vom Begehren und
+Wollen fern hält und aus dem ungedruckten Selbstgefühl hervorgeht,
+ist nach Fischer's kurzer und knapper Definition der Witz ein
+spielendes Urtheil, welches die Fehler und Gebrechen, d. h. das
+Unfreie im intellectuellen Reich unserer Gedanken und Vorstellungen
+plötzlich aufdeckt, und mit unserem erhöhten und freien Selbstgefühl
+in den komischen Contrast bringt. Der Witz muss nach F. ganz
+entlegene, nicht gleichartige, sondern entgegengesetzte,
+
+[1] l. c. p. 426.
+[2] Ueber die Entstehung u. die Entwickelungsformen des Witzes. Zwei
+Vorträge etc. Heidelberg 1871.
+
+[Page 59]
+
+nicht bekannte, sondern einander fremde Vorstellungen mit einander
+verknüpfen, dieselben aber plötzlich in der Pointe zusammenstossen
+lassen. „Was noch nie vereint war, ist mit einem Male verbunden und
+in demselben Augenblicke, wo uns dieser Widerspruch noch frappirt,
+überrascht uns schon die sinnvolle Erleuchtung". -- Sehr mit Recht
+betont Fischer, wie auch Vischer, besonders das Plötzliche des
+Zusammenstosses der beiden Vorstellungen, d. h. die Pointe. Wir
+müssen auf diesen Punkt, der zwar indirect in unserer Aufstellung
+schon enthalten ist, am Schlusse noch einmal zurückkommen. Zunächst
+wollen wir die einzelnen Formen des Witzes untersuchen und durch
+Beispiele erläutern.
+
+Wir können innerhalb des Witzes zwei inhaltreiche Hauptgruppen
+aufstellen, die sich durch die Entstehung des angenehmen Gefühls von
+einander unterscheiden; in der einen Gruppe ist dasselbe abhängig von
+der leichten Vereinbarkeit der beiden dargebotenen Vorstellungen in
+Rücksicht auf die _logischen_ Normen; bei der andern Gruppe entsteht
+die Lust aus der leichten Verbindung der beiden Vorstellungen nach
+irgend einer _der drei Normen der Ideen- Association_.
+
+In der ersten Gruppe spielt der doppelte Sinn, die zweifache
+Bedeutung und Beziehung, welche in einer der beiden dargebotenen
+Vorstellungen steckt und in Rücksicht auf welche die Vereinigung mit
+der in der vorliegenden Situation enthaltenen zweiten Vorstellung,
+einmal möglich, das andere Mal unmöglich ist, eine Hauptrolle. Ich
+will deshalb der bequemeren Bezeichnung halber den Namen
+„_Doppelsinn-Witze_" dafür einführen, während ich die andere Gruppe
+(_Ideen-_) _Associations-Witze_ nenne.
+
+Wir behandeln zuerst die
+
+*1. Associations-Witze*
+
+als die tiefer stehende Form. Es werden hier also zwei Vorstellungen
+mit einander in einen Zusammenhang gebracht, der gegen die Normen der
+Logik verstösst, und dadurch Unlust verursacht, während andererseits
+die Verbindung derselben beiden Worte in Rücksicht auf eine der drei
+Normen der Ideenassociation eine leichte ist und dadurch das
+Lustgefühl begründet. Je
+
+[Page 60]
+
+nachdem das Gesetz der Aehnlichkeit, das der Gleichzeitigkeit oder
+das der Zeitfolge die Association erleichtert, erhalten wir drei
+verschiedene Unterklassen der Associationswitze. In der erstgenannten
+_Unterklasse_, die ihr _angenehmes Gefühl auf die Aehnlichkeit der
+beiden Worte stützt_, nehmen die sogenannten *Klangwitze* das
+weiteste Gebiet ein. Bei ihnen ist die äussere Aehnlichkeit des
+Klanges massgebend. Wir haben schon oben unter den vorläufigen
+Beispielen auch von dieser Form einige angeführt: (Tracht --
+Eintracht; Ring -- Hering.) Man nennt diese Sorte von Witzen auch
+„Kalauer" und achtet sie ziemlich gering; trotzdem hat selbst
+Shakespeare sie nicht verschmäht, indem er z. B. dem dicken Hans
+Falstaff folgende in den Mund legt. „Allerdings hat mein Wanst es
+weit in die Dicke gebracht, aber es ist hier nicht die Rede von
+_Wänsten_, sondern von _Gewinnsten_, nicht von _Dicke_, sondern von
+_Tücke_". -- Nicht der geringste logische Zusammenhang besteht
+zwischen diesen, doch in eine enge Verbindung gebrachten Worten; nur
+der Gleichklang hält sie zusammen.
+
+Ich erwähne hier ferner jenes schon bei Gelegenheit des Pseudonaiven
+angeführte Beispiel, wo das Kind, dem das Vaterunser gelehrt wird,
+fragt, ob der Vater Unser mit dem Onkel Unzen verwandt sei. Wir
+können diese Aeusserung auch als einen Witz auffassen, bei welchem
+das angenehme Gefühl (allerdings viel schwächer als bei der vorigen
+Auffassung) lediglich aus dem Gleichklang der beiden Worte Unser und
+Unzer hervorgeht, die sonst gar nichts mit einander zu thun haben,
+und deren Zusammenbringung unser Gefühl beleidigt. Jene Aeusserung
+steht, als pseudonaive aufgefasst, bedeutend höher, als wenn wir sie
+als Witz ansehen.
+
+Zuweilen erhält die einerseits unsinnige Zusammenstellung
+klangähnlicher Worte durch äussere Nebenbeziehungen eine Art von
+Sinn, und diese Witze stehen dann um ein Weniges höher. Beispiele zu
+dieser Art liefern Fischart und Abraham a Santa Clara in grosser
+Fülle.
+
+Dem letzteren nachgebildet sind die bekannten Klangwitze des
+Kapuziners in Wallenstein:
+
+ Kümmert sich mehr um den _Krug_ als den _Krieg_,
+ Wetzt lieber den _Schnabel_ als den _Sabel_,
+
+[Page 61]
+
+ Hetzt sich lieber herum mit der Dirn,
+ Frisst den _Ochsen_ lieber als den _Ochsenstirn_ etc.
+ Das römische Reich, dass Gott erbarm,
+ Sollte jetzt heissen römisch arm.
+ Der _Rheinstrom_ ist geworden zu einem _Peinstrom_,
+ Die _Bisthümer_ sind verwandelt in _Wüstthümer_,
+ Die _Abteien_ und _Stifter_
+ Sind _Raubteien_ und _Diebesklüfter_,
+ Und alle die gesegneten _deutschen Länder_
+ Sind verwandelt worden in _Elender_.
+
+Im Anschluss hieran muss ich noch eine Abart der Klangwitze erwähnen,
+die sich von der gewöhnlichen Form dadurch unterscheidet, dass von
+den beiden Vorstellungen, deren Vereinbarkeit und Unvereinbarkeit
+eben den Witz erzeugt, nur die eine direct, die andere aber indirect
+gegeben ist. Hierher gehört besonders die theils absichtliche, theils
+unabsichtliche Verstümmelung der Fremdwörter, wie sie zum Beispiel
+von Onkel Bräsig in hohem Maasse geübt wird: Er spricht von dem
+Existent (statt Assistent) des Wasserdoctors, der nicht als Gregorius
+(Chirurgus) qualifikacirt war und keine Operamente (Operationen)
+machen durfte, ihm dagegen eine Extra-Einwickelung apoplexirte. Hier
+findet der Wettstreit zwischen dem wirklich ausgesprochenen und dem
+eigentlich gemeinten Wort statt, das wir sofort errathen müssen. In
+Bezug auf die logischen Normen haben diese beiden Worte, die nicht
+nur in Verbindung gebracht sind, _sondern von denen eins sogar für's
+andere substituirt_ ist, nicht das Geringste mit einander zu thun,
+ihre Klangähnlichkeit aber erleichtert andererseits die Association.
+-- Man kann diese Confusionen (wie es mit dem gerade angeführten
+Beispiel wol gewöhnlich geschehen wird) auch als einfach komisch und
+nicht als witzig auffassen, indem man dabei weniger den Wettstreit
+der beiden Vorstellungen berücksichtigt, sondern vielmehr die
+komische Situation in's Auge fasst, dass Jemand, der sich aus
+Eitelkeit einen Anstrich von Bildung geben will und daher Fremdworte
+anwendet, nun durch Verstümmelung derselben doch seine Unbildung
+verräth, sich blamirt und auf diese Weise unser Gerechtigkeitsgefühl
+befriedigt. Dagegen werden wir die folgenden Confusionen schon eher
+als witzig auffassen: Finis coronat opium;
+
+[Page 62]
+
+tres faciunt collodium; Omnia mea mecum portemonnaie; exempla sunt
+spirituosa, mundus vult deficit etc. Hierher gehören vor allen Dingen
+auch die witzigen Verdeutschungen fremder Worte, die sich bei
+Fischart in so überaus reichlicher Zahl finden und die einerseits
+zwar von seiner kecken und oft zu weit gehenden muthwilligen Laune
+Zeugniss ablegen, andererseits aber auch wie Kurz in seiner
+Geschichte der deutschen Literatur richtig anführt, die ächt
+volksmässige Schöpfungskraft in ihm erkennen lassen, welche das
+fremde Wort zwar beibehält, ihm aber deutsche Form und deutsche
+Bedeutung giebt, wie in unseren Worten Opfern (von dem lat. offerre),
+Körper (corpus) etc. So bildet Fischart maulhenkolisch (für
+melancholisch), Pfotengram (Podagra), Affrich (Afrika), Notnar
+(Notar), Jesuwider (Jesuit), Untenamend (Fundament), Amend (Amen) u.
+s. w.
+
+Die Aehnlichkeit der beiden zusammengebrachten Worte braucht sich
+aber nicht immer auf den äusseren _Klang_ zu beziehen, sondern kann
+auch in anderen Verhältnissen stattfinden. So entsteht z. B. in dem
+„doppelten Kinderlöffel für Zwillinge", den Lichtenberg in seinem
+bekannten Auctionsverzeichniss ausbietet, das angenehme Gefühl durch
+die wegen ihrer inneren Aehnlichkeit leicht vor sich gehende
+Association der beiden Begriffe _doppelter_ Löffel und _Zwillinge_,
+während das Unsinnige der Zusammenstellung uns Unlust macht. In
+wieder anderen Fällen ist die Aehnlichkeit eine ganz versteckte und
+nur partielle und wird erst durch den Witz aufgefunden und
+hervorgehoben. Für diese Fälle passt die alte Definition, dass der
+Witz eine Fertigkeit sei, versteckte Aehnlichkeiten zu finden. Als
+Beispiel diene folgende Witzreihe von Heine, der von einer auffallend
+hässlichen Frau sagt: „Diese Frau glich in vielen Punkten der Venus
+von Melos, sie ist auch ausserordentlich alt, hat ebenfalls keine
+Zähne und auf der gelblichen Oberfläche ihres Körpers einige weisse
+Flecken etc." Wir fühlen einerseits, dass dieser Vergleich zweier
+ganz heterogenen Gegenstände (einer hässlichen Frau mit der Venus)
+ein völlig unpassender ist -- werden aber doch durch die wirklich
+vorgefundenen partiellen Aehnlichkeiten angenehm überrascht. Ein im
+gewissen Sinne umgekehrtes Beispiel wie das vorliegende bildet die
+_witzige Carricatur_, bei der wir in toto wohl die Aehnlichkeit des
+Bildes mit dem
+
+[Page 63]
+
+Gegenstande oder der dargestellten Person herausfinden, aber doch
+durch die darin enthaltene Uebertreibung unangenehm berührt werden.
+Das was die Carricatur im Bilde, das ist die witzige Uebertreibung
+oder Hyperbel in der Darstellung durch Worte. Ich erinnere z. B. an
+Haug's Zweihundert Hyperbeln auf Herrn Wahls „ungeheure Nase", von
+denen hier die folgende einen Platz finden mag:
+
+ Er stand und sprach vor seinem Haus,
+ Da hielt ein Güterwagen an.
+ He! rief der trunk'ne Fuhrmann aus:
+ Den neuen Schlagbaum aufgethan!
+
+Aus Kuno Fischer will ich hier noch einen recht guten Witz dieser Art
+mittheilen, den man sich von Friedrich Wilhelm IV. erzählt. -- Auf
+einer seiner Landreisen wird der König in einer kleinen
+Provinzialstadt von der Obrigkeit empfangen und von dem Bürgermeister
+des Städtchens in feierlicher Anrede begrüsst; an dem kleinen
+wohlbeleibten Mann tritt nichts so hervor als die weisse Weste in
+stattlicher Wölbung; das Wetter ist sehr kalt und die Rede nimmt kein
+Ende; da unterbricht der König den Redner gleichsam besorgt um seine
+Gesundheit und auf die Weste deutend sagt er gütig: „mein Lieber,
+erkälten Sie sich Ihren Montblanc nicht." -- Diese Anekdote enthält
+eine Fülle komischer Contraste, der eigentliche Witz beruht aber
+offenbar auf der Verbindung resp. Substituirung zweier vollständig
+heterogener Vorstellungen, die aber eine gewisse Aehnlichkeit mit
+einander haben. Fischer führt diesen Witz unter dem Wortspiel
+(speciell unter der mit „Doppelsinn" überschriebenen Form) auf, nach
+meiner Auffassung aber mit Unrecht, denn das Wort Montblanc enthält
+_an und für sich_ keinen Doppelsinn.
+
+In manchen Fällen ist die versteckte Aehnlichkeit, die der Witz
+aufdecken soll, nicht direct ausgesprochen, sondern kann erst nach
+Kenntniss gewisser Verhältnisse verstanden werden. Als Beispiel führe
+ich einen fall von witzigem Anachronismus an: Ein italienischer Maler
+wurde von dem Prior eines Klosters aufgefordert, für dessen Kirche
+ein Altar-Bild, das heilige Abendmahl darstellend, zu malen. Er macht
+sich an die Arbeit; lernt aber während derselben den Prior als einen
+ganz schlechten Menschen, einen Lügner und Verräther kennen, der ihn
+selbst
+
+[Page 64]
+
+um den bedungenen Lohn betrügen will. Darüber entrüstet, beschliesst
+der witzige Maler sich zu rächen und malt in einer Nacht, nachdem das
+Bild vorher bis auf die Person des Judas fertig geworden war, die
+Gestalt des Priors wie er leibt und lebt an dessen Stelle, um sich
+dann natürlich heimlich davon zu machen. -- Das Bild enthält einen
+Anachronismus, der in diesem Falle aber nicht blos komisch, sondern
+für den, der die Verhältnisse kennt, auch witzig wirkt. Die Person
+des Judas und des Priors, die hier mit einander indentificirt sind,
+gehören zeitlich nicht zu einander, dagegen finden wir in Beziehung
+auf ihren Geiz und ihre Verrätherei zwischen beiden eine
+Aehnlichkeit, die in Verbindung mit dem Anachronismus den Witz
+erzeugt. Die komische Wirkung wird in diesem Fall dadurch
+unterstützt, dass die gerechte Schadenfreude mit eine Rolle spielt;
+wir gönnen dem Prior wegen seiner Schlechtigkeit diese Blamage und
+den Aerger, den er doch wahrscheinlich über das Bild empfunden.
+Solche Witze, bei denen die gerechte Schadenfreude mitwirkt, nennen
+wir _satyrische Witze_ oder _Sarkasmen_, deren Wesen also in einer
+zum eigentlichen Witz hinzukommenden Nebenwirkung besteht.
+
+Sahen wir in der ersten oben besprochenen Klasse der
+Associationswitze die _Aehnlichkeit_ zur Erzeugung des angenehmen
+Gefühls thätig, so treten in den anderen Klassen ebenso die Normen
+der _Gleichzeitigkeit_ und _Succession_ dafür ein. In dem schon
+erwähnten Lichtenberg'schen Auctionsverzeichniss wird u. A. weiter
+ausgeboten: Eine Mausefalle mit den nöthigen Mäusen dazu und ein
+messingenes Schlüsselloch. In dem ersten Beispiel erscheint es uns
+einerseits nach dem Gesetze der Coexistenz ganz natürlich, dass zur
+Mausefalle auch Mäuse gehören, andererseits sehen wir auch sofort das
+Unsinnige der Zusammenstellung ein. Ebenso ist es mit dem messingenen
+Schlüsselloch. Wir haben den Messing mit dem darin befindlichen
+Schlüsselloch so oft zusammen gesehen, dass wir diese beiden Begriffe
+leicht und ungezwungen in Zusammenhang bringen und deshalb lachen,
+wenn wir andererseits den Widersinn einsehen. -- Es spielt in diesen
+Beispielen übrigens nebenbei auch das gesteigerte Selbstgefühl in
+gleicher Weise wie bei den Münchhausiaden mit. Wir merken, dass uns
+eine Falle gelegt ist,
+
+[Page 65]
+
+dass wir confuse gemacht werden sollten und freuen uns nun der
+glücklich überstandenen Prüfung.
+
+Wir kommen jetzt zur zweiten Hauptgruppe der Witze, die wir
+
+*2. Doppelsinn-Witze*
+
+nannten. Bei den Doppelsinn-Witzen werden die zwei Vorstellungen
+resp. Vorstellungskreise, die in dem Witz uns dargeboten sind und mit
+einander in den Wettstreit eingehen sollen, gebildet: erstlich durch
+ein Wort, eine Aeusserung, Geberde oder Darstellung irgend welcher
+Art, und zweitens durch die Situation oder den Zusammenhang des
+Satzes, in welchem jene stehen. -- Das erste dieser Glieder lässt
+eine doppelte Deutung zu, enthält einen Doppelsinn und je nachdem nun
+die eine oder die andere Bedeutung substituirt wird, passt das erste
+Glied in Bezug auf die logischen Normen (oder Ideen der Wahrheit) in
+den Zusammenhang vollständig hinein -- oder nicht (resp. weniger
+gut).
+
+Eine grosse Unterabtheilung hierzu bildet das Wortspiel oder genauer
+
+a) _das homonyme Wortspiel_.
+
+Bei diesem entsteht der Doppelsinn dadurch, dass das eine Wort zwei
+homonyme Bedeutungen in sich schliesst und zwar am häufigsten die
+methaphorische und sinnliche Bedeutung. Diese Witze sind sehr
+verbreitet und stehen ihrem Werthe nach den Klangwitzen nahe, weil
+sie sehr wohlfeil sind. Nicht eigentlich wir machen dieselben,
+sondern die Sprache macht sie für uns. -- Auf unterster Stufe steht
+das Wortspiel mit Namen, von welchem u. A. Falstaff auch ein Beispiel
+liefert, wenn er zu seinem Fähndrich Pistol sagt: „Drücke Dich aus
+unserer Gesellschaft ab Pistol". Das Wortspiel ist hierin sogar ein
+doppeltes. Erstlich das mit dem Worte Pistol, das in der Bedeutung
+des Namens nicht eigentlich in den Zusammenhang des Satzes passt,
+(namentlich, wenn wir uns denken, es hiesse etwa: _schiesse_ Dich
+ab), während die andere Bedeutung einen Sinn giebt, der aber hier
+nicht gemeint ist. Durch Einzukommen des zweiten
+
+[Page 66]
+
+Wortspiels, oder richtiger Klangwitzes, welcher die Worte „sich
+abdrücken und sich drücken" für einander substituirt, wird der Witz
+verdoppelt und dem Wortspiel gewissermaassen der Weg besser gebahnt.
+
+In einer Schule trug der Lehrer die Geschichte des Tobias ganz mit
+den Worten der heiligen Schrift vor. Bei den Worten „Hanna aber, sein
+Weib, die arbeitete fleissig mit ihrer Hand und ernährte ihn _mit
+Spinnen_", machte ein Mädchen mit Gesicht und Händen die Geberde des
+Abscheues und Ekels. „Agnes, was hast Du denn?" ruft der Lehrer:
+Antwort: „Ach Herr Lehrer, ist denn das wirklich wahr?" Lehrer:
+„Warum zweifelst Du daran?" Kind: „O, weil _die Spinnen_ doch gar zu
+schlecht schmecken müssen!" -- In der vorliegenden Anekdote, so wie
+sie hier erzählt ist, ist die Aeusserung des Kindes offenbar eine
+pseudonaive. Die Kleine sagt eigentlich etwas Dummes, aber indem wir
+uns auf den Standpunkt des in diesem Falle leicht entschuldbaren
+Missverständnisses stellen, hat sie mit ihren Worten eigentlich ganz
+recht. Dieselbe Aeusserung können wir aber auch als Witz auffassen
+und zwar als Wortspiel, wenn wir das Wort „_Spinnen_" bald in der
+einen, bald in der anderen Bedeutung in den Zusammenhang
+substituiren. Einen logischen Sinn geben in vorliegendem Falle
+eigentlich beide Bedeutungen, doch kann es für den Einsichtsvollen
+keinen Augenblick zweifelhaft sein, welche von beiden die gemeinte
+ist. Eine doppelt komische Wirkung entsteht oft dadurch, dass die
+nicht gemeinte Bedeutung uns zuerst allein aufstösst und wir gerade
+bei der Substituirung dieser ausserdem noch unsere Schadenfreude
+befriedigt sehen, wie im folgenden Beispiel. -- Ein im Bezahlen
+seiner Rechnungen sehr säumiger Herr schickt seinen Diener zum
+Schneider, um diesen zum Maassnehmen für einen neuen Anzug zu sich zu
+bestellen. „Nun Friedrich"! fragt er den Rückkehrenden, „warst Du
+beim Schneider? Wann kommt er?" Antwort: „Gnädiger Herr, in einer
+_schwachen_ Stunde wird er herkommen, hat er g'sagt." -- In einer
+schwachen Stunde soll offenbar soviel heissen wie in einer kleinen
+Stunde (so wie man von einer starken und schwachen Meile spricht).
+Die andere Bedeutung, die eigentlich nicht gemeint ist, aber ganz der
+Situation entsprechend die Ab-
+
+[Page 67]
+
+neigung des Schneiders ausdrückt, für einen so schlechten Zahler
+weiter zu arbeiten, fällt uns jedoch zunächst auf, und wir lachen
+deshalb um so mehr. -- Es gehört dieser Witz, besonders wenn wir
+annehmen, dass der Schneider oder der Diener ihn absichtlich gemacht
+habe, zu den sog. _zweideutigen Wortspielen_, von denen Kuno Fischer
+sehr richtig sagt: „Jetzt ist der Doppelsinn nicht mehr harmlos,
+sondern pikant; das Wortspiel hat nicht blos zwei Bedeutungen,
+sondern zwei Gesichter, das eine ist Maske, das andere das wahre
+Gesicht; jenes sieht harmlos aus, dieses hat den Schalk im Nacken."
+
+Bei einer anderen Klasse der Wortspiele ist es nicht die _homonyme_
+Bedeutung eines Wortes, sondern die doppelte Bedeutung, die dadurch
+entsteht, dass ein Wort dem Zusammenhang des Ganzen entsprechend (und
+zwar nicht immer ganz correct) in einem weiteren oder engeren Sinne
+gebraucht und dann im Witze plötzlich in seine wirklichen Grenzen
+zurückgewiesen wird. Ich nenne diese Wortspiele deshalb
+
+b) _limitirende Wortspiele_
+
+und führe zuerst solche an, bei denen ein Begriff, der eigentlich
+eine weitere Bedeutung hat, zunächst in einem engeren Sinne gebraucht
+wird und in diesem in den Zusammenhang des Ganzen nicht hineinpasst,
+während die Substituirung der eigentlich richtigen, weiter
+umfassenden Bedeutung, an die wir aber erst erinnert werden müssen,
+einen richtigen Sinn ergiebt. Fast sämmtliche Beispiele, die
+Schopenhauer vom Witz giebt, gehören in diese eben genannte Klasse
+und wir werden das gewissermaassen begreiflich finden, wenn wir uns
+der Schopenhauer'schen Definition des Lächerlichen erinnern. Die
+paradoxe und daher unerwartete Subsumtion eines Gegenstandes unter
+einen ihm übrigens heterogenen Begriff gilt ihm als das Kennzeichen
+des Lächerlichen. Dabei soll beim Witz das Auffinden dieser
+Incongruenz vom Anschaulichen zum Begriff übergehen. Schopenhauer
+erzählt folgende Witze:
+
+Ein Gascogner geht bei strenger Winterkälte in leichter
+Sommerkleidung umher. Der König, der ihm begegnet, lacht über ihn,
+worauf der Gascogner sagt: Hätten Ew. Majestät an-
+
+[Page 68]
+
+gezogen, was ich angezogen habe, so würden Sie es sehr warm finden.
+Auf die Frage: was er denn angezogen habe, erwidert er: „meine ganze
+Garderobe." -- Unter dem _was_ (ich angezogen habe) verstehen wir
+zunächst, der Situation ganz entsprechend, den Anzug, den wir auf
+seinem Leibe sehen und es scheint uns diese kärgliche dünne
+Bekleidung seine Behauptung nicht zu rechtfertigen. -- In seiner
+weiteren Antwort wird aber dieses von uns selbstverständlich in so
+enger Bedeutung aufgefasste „_was ich anhabe_" plötzlich erweitert zu
+dem Begriff „meine ganze Garderobe" und in dieser Bedeutung passt
+allerdings seine Antwort vollkommen zur Situation. --
+
+„Das Publikum eines Theaters in Paris verlangte einst, dass die
+Marseillaise gespielt werde und gerieth, als dies nicht geschah, in
+grosses Schreien und Toben, so dass endlich ein Polizeicommissarius
+in Uniform auf die Bühne trat und erklärte, es sei nicht erlaubt,
+dass im Theater etwas Anderes vorkomme, als was auf dem Zettel stehe.
+Da rief eine Stimme: „„Et vous, Monsieur, êtes-vous aussi sur
+l'affiche?"" welcher Einfall das einstimmigste Gelächter erregte."
+
+Das Wort, um welches es sich bei diesem Witze handelt, ist das Wort
+_vorkommen_. Wir fassen dasselbe zunächst und entsprechend dem, wie
+es gemeint ist, in dem Sinne von: „aufgeführt werden" auf, „es darf
+im Theater nichts Anderes aufgeführt werden" etc. Der witzige Einfall
+erweitert aber plötzlich die Bedeutung zu ihrem eigentlichen Umfang
+und nun fällt das Auftreten des Polizeibeamten auch mit unter den
+Begriff: vorkommen. Hätte der Beamte sich correct ausgedrückt und
+gesagt: es darf nichts Anderes aufgeführt werden, als was auf dem
+Zettel steht, so wäre die Gelegenheit zu dem vorliegenden Witz
+genommen. --
+
+Gerade die gegentheilige Operation findet bei den folgenden Witzen
+statt, bei denen ein Wort zuerst in einer weiteren Bedeutung
+gebraucht ist und nun plötzlich durch den Witz eingeschränkt wird.
+
+Die Beispiele dazu entlehne ich aus Kuno Fischer, der dieselben unter
+der Form „Das witzige Abfertigen" mittheilt, ohne auf das eigentliche
+punctum saliens bei diesen Witzen einzugehen.
+
+[Page 69]
+
+„Herzog Karl von Württemberg trifft auf einem seiner Spazierritte von
+ungefähr einen Färber, der mit seiner Handthierung beschäftigt ist;
+„kann er meinen Schimmel blau färben?" ruft ihm der Herzog zu, und
+erhält die Antwort zurück: „ja wohl, Durchlaucht, wenn er das Sieden
+vertragen kann". Die beiden Glieder des Witzes sind die _bejahende_
+Antwort und das Wort „_können_". In der Frage des Herzogs ist
+letzteres in der weiteren Bedeutung gemeint „können, so dass es eben
+ohne Schaden geschieht." In der Antwort aber wird die Bedeutung in
+ihre strengen eigentlichen Grenzen zurückgewiesen und erst zu dieser
+Bedeutung passt die bejahende Antwort. --
+
+Zur Verstärkung der komischen Wirkung, aber ganz ausserhalb des
+Witzes gelegen, kommt das Moment der witzigen Abfertigung hinzu (das
+also zur Unterscheidung einer besonderen Witzform eigentlich nicht
+gebraucht werden kann). Wir sympathisiren mit dem Färber, der vom
+Herzog geschraubt werden soll und gönnen letzterem die Abfertigung,
+die er sich zuzieht, als eine gerechte Strafe für seine böse Absicht.
+Aber auch ohne dies Nebenmoment bleibt der Witz als solcher bestehen
+und wir können ihn etwa in die Räthselfrage kleiden: Kann man einen
+Schimmel blau färben? Antwort: Ja, wenn er das Sieden vertragen kann.
+
+„Friedrich der Grosse hört von einem Prediger in Schlesien, der im
+Rufe steht, mit Geistern zu verkehren; er lässt den Mann kommen und
+empfängt ihn mit der Frage: „Er kann Geister beschwören?" Die Antwort
+war: „zu Befehl, Majestät, aber sie kommen nicht". -- Die beiden
+Glieder des Witzes sind auch hier die bejahende Antwort und das Wort
+„beschwören", das in seiner doppelten Bedeutung zu dem Wortspiel
+Veranlassung giebt. In der Frage ist dasselbe so gemeint, dass wir
+ohne Weiteres das Erscheinen der Geister mit einbegreifen; in der
+Antwort wird das Wort auf seine eigentliche Bedeutung zurückgeführt
+und daraus entsteht der Wettstreit mit der bejahenden Antwort. --
+Auch hier dient das Moment der Abfertigung nur zur Erhöhung der
+komischen Wirkung.
+
+Es braucht aber nicht immer _ein_ Wort zu sein, welches eine doppelte
+Bedeutung enthält, oft ist es auch die Construction die einen
+doppelten Sinn zulässt. Diese
+
+[Page 70]
+
+c) _Witze aus doppelsinniger Construction_
+
+sind häufig unwillkürliche wie z. B. der folgende. -- Einer unserer
+verflossenen Duodezfürsten überraschte eines Tages seinen
+Kammerdiener, wie dieser behaglich auf dem Thronsessel Probe sass und
+fuhr ihn mit den heftigen Worten an: „Kerl, verdammter, wie kommst Du
+mir vor? bildest Dir wohl gar ein, regierender Herr zu sein, dumm
+genug wärst Du dazu!" [1] -- Was der Kurfürst sagen wollte, ist wol
+klar: „Du bist dumm genug, Dir das einzubilden." Durch die etwas
+uncorrecte Satzstellung aber ist der Sinn: „Dumm genug, regierender
+Herr zu sein" nahe gelegt, der offenbar nicht der gemeinte ist.
+Daraus aber entsteht ein Witz, dessen komische Wirkung zunächst
+dadurch beträchtlich erhöht wird, dass wir aus dem Munde eines
+Mannes, dem wir von vornherein übel wollen, diese (in gewisser
+Auffassung) naive Aeusserung, mit der er sich selbst ins eigene
+Fleisch trifft, gern und mit einer nicht unberechtigten Schadenfreude
+hören, weil wir diesen eigentlich nicht gemeinten Sinn, für den mit
+der Wahrheit am meisten übereinstimmenden halten. Dadurch, dass wir
+aber wissen, dass der Fürst seine Aeusserung nicht so gemeint hat,
+wird aus der Naivetät ein *unbewusster Witz*, indem bei Substituirung
+der beiden möglichen Constructionsauslegungen ein Wettstreit zwischen
+den beiden Sätzen eintritt. --
+
+So wie hier in der doppelsinnigen Construction oder wie vorher in
+einem doppelsinnigen Wort, so liegt oft das punctum saliens des
+Witzes in einem ganzen Satze, der seinen Doppelsinn entweder in sich
+trägt oder durch eine ihn begleitende Geberde erhält. Meist handelt
+es sich dabei um ein absichtliches Missverständniss. Ich will diese
+Classe
+
+d) _Doppeldeutungs-Witze_
+
+nennen. Als Beispiele dienen folgende Anekdoten: Eine Dame steckt den
+Kopf zum Coupéfenster hinaus und schreit mit giftigem
+
+[1] Ludwig Reinhard, Komische Spaziergänge. Coburg 1867.
+
+[Page 71]
+
+Gesicht: Herr Conducteur, ist es erlaubt, in diesem Coupé zu rauchen?
+„Wenn die Herren darin nichts dagegen haben, so können die gnädige
+Frau getrost rauchen", lautet die Antwort. -- Die beiden Glieder des
+Witzes, die hier mit einander in Wettstreit treten, sind: die Frage
+und Antwort; die Gelegenheit zum Witze giebt die mögliche doppelte
+Deutung der Frage. Die Dame will sich offenbar über die rauchenden
+Herren beschweren; der Schaffner aber deutet ihre Frage anders, wozu
+er, wenn er die Geberde der Dame nicht bemerkt oder bemerken will,
+volles Recht hat. Die komische Wirkung wird auch hier durch unsere
+Schadenfreude gesteigert. Wir sympathisiren mit den rauchenden
+Herren, welche durch die Dame in ihrem Genuss gestört werden sollen
+und freuen uns, dass Letztere mit ihrer Beschwerde so lächerlich
+abfällt. --
+
+In einer Dorfschule wird der Katechismus überhört. Der Lehrer sieht
+einen Knaben ganz unaufmerksam dasitzen und fasst ihn schnell mit den
+Worten beim Arm: „Was ist das?" um ihn nach der Lutherschen Erklärung
+des eben von einem andern Schüler hergesagten Gebotes zu examiniren.
+Der Unaufmerksame stottert die Antwort hervor: „Das ist meiner Mutter
+ihre alte Pelzjacke." Diese Antwort erregt natürlich unter den
+Mitschülern unbändiges Gelächter. Einzelne der Lacher werden
+vielleicht das unbewusst Witzige der Antwort gar nicht bemerken. Sie
+lachen einfach aus gerechter Schadenfreude über die der Dummheit
+resp. Unaufmerksamkeit folgende Blamage und etwaige Strafe. Anderen
+Schülern aber wird der Witz jener Aeusserung nicht entgehen. Die
+Frage des Lehrers war eine doppelsinnige, indem dieselbe durch
+Anfassen des Armes d. h. also der Jacke des Schülers begleitet war.
+Welchen Sinn die Frage eigentlich haben _soll_, darüber ist uns kein
+Zweifel; durch den Doppelsinn der Frage entsteht nun aber zwischen
+Frage und Antwort ein Wettstreit. In gewissem Sinne passen beide zu
+einander, in anderem Sinne und zwar dem eigentlich gemeinten, dagegen
+gar nicht. Das war ja aber das Charakteristicum des Witzes. --
+
+Wir haben in den letzten Nebenformen den Widerspruch zwischen dem
+wirklich Gesprochenen und dem eigentlich Gemeinten als wesentlich
+erkennen müssen. Zwei andere Neben-
+
+[Page 72]
+
+formen zeigen ebenfalls diesen Widerspruch; doch ist bei ihnen der
+Doppelsinn nicht in dem gesprochenen Wort oder der geschehenen
+Aeusseruug selbst enthalten, sondern wird erst durch die Hörenden dem
+Sinn des Redenden entsprechend hineingelegt. Es sind dies die beiden
+Formen der Ironie und des Vexirwitzes.
+
+e) _Die Ironie_
+
+charakterisirt sich dadurch, dass sie gerade das Gegentheil von dem
+behauptet, was sie wirklich meint, dabei aber voraussetzt, dass der
+Hörende den eigentlich gemeinten Sinn erräth. Sie lobt eben _die_
+Eigenschaften des Subjects, die sie tadeln will, indem sie ihnen
+Gründe vorstreckt, deren Unhaltbarkeit gerade in der Uebertreibung zu
+Tage kommt, oder sie sagt die entgegengesetzten schönen Eigenschaften
+von ihm aus [1]. -- In ähnlicher Weise wie beim Wortspiel -- nur noch
+etwas verborgener und darum für den Hörer angenehmer kitzelnd --
+enthält das ausgesprochene Urtheil eigentlich einen doppelten Sinn:
+einmal den wörtlich genommenen und zweitens den versteckten
+gegentheiligen; der letztere passt zur Situation, der andere nicht
+und indem bald der eine, bald der andere substituirt wird, erzeugt
+sich bald die Möglichkeit, bald die Unmöglichkeit der Vereinigung. --
+Je versteckter der Angriff, um so schwerer ist die Vertheidigung, um
+so sicherer trifft der abgeschossene Pfeil. Darum wirkt die Ironie so
+überaus vernichtend; denn wenn sie nicht plump, sondern fein angelegt
+ist, weiss der Angegriffene im ersten Augenblick wohl gar nicht, ob
+er's mit Ernst oder mit Ironie zu thun hat, und merkt er nun den
+Angriff, so gesteht er durch eine Vertheidigung zu, dass er das Lob,
+das ihm im wörtlichen Sinne gespendet wurde, nicht verdient habe, in
+der That also in dem betreffenden Punkte tadelnswerth sei. Besonders
+häufig bedient sich der Humor der Ironie als Waffe, indem er z. B.
+Handlungen, die aus grossartigen, oft grossartig bösen Motiven
+hervorgegangen sind, ganz im Sinne des Humors auf die kleinlichsten
+Gründe zurückführt. So sucht z. B. Hamlet im unversöhnten ironischen
+Humor die schnelle
+
+[1] Vischer l. c. p. 437.
+
+[Page 73]
+
+Heirath seiner Mutter zu entschuldigen: „Pah, Oekonomie, Oekonomie;
+das Gebackene zum Leichenschmaus gab kalte Hochzeitsschüsseln!"
+
+Der Grund weshalb dem Humor unter allen Formen des Witzes die Ironie
+gerade bei Weitem am meisten zusagt, ist leicht einzusehen. Die
+Neigung des Humors, das ihm entgegentretende Alltägliche, Kleine,
+Niedrige, Gemeine mit den höchsten sittlichen und religiösen Ideen in
+Gegensatz zu bringen, findet eben am leichtesten in der Form der
+Ironie Ausdruck, da diese ja gerade in der Vereinigung der grösst-
+denkbaren Gegensätze d. h. der Gegentheile besteht. -- Deshalb aber,
+weil der Humor die Ironie so vorwiegend in seinen Dienst nimmt, darf
+man beide nicht mit einander verwechseln. --
+
+In der Hand des Kritikers ist die Ironie eine der schärfsten Waffen.
+Unter den neueren Schriftstellern ist als Meister in ihrer Benutzung
+Paul Lindau zu nennen, der in seinen „literarischen
+Rücksichtslosigkeiten", namentlich aber auch in seinen „harmlosen
+Briefen eines deutschen Kleinstädters" eine unerschöpfliche Fundgrube
+von ironischen Witzen bietet, auf die ich hier nur verweisen kann.
+
+f) _Der Vexirwitz_
+
+hat viel Aehnlichkeit mit der Ironie, ist aber durchaus harmlos und
+nimmt eine ziemlich niedrige Stufe im Gebiet des Witzes ein. Wenn ich
+z. B. sage: Es ist doch recht abgeschmackt von Schiller, dass er
+seinen Don Carlos mit der alten, abgedroschenen Phrase beginnt: „Die
+schönen Tage von Aranjuez sind nun vorüber", so ist das ein
+Vexirwitz, indem ich dabei voraussetze, dass der Hörende weiss, was
+ich eigentlich sagen will und, die Entstellung der Thatsachen sofort
+merkend, den richtigen Sinn substituirt.
+
+Wie bei den Münchhausiaden, die unter Umständen auch als Vexirwitze
+aufzufassen sind, wird das angenehme Gefühl durch die Freude darüber,
+dass wir der beabsichtigten Täuschung nicht unterlegen sind, noch
+erhöht.
+
+
+[Page 74]
+
+Hiermit haben wir den Witz in seinen wesentlichsten Formen vorgeführt
+und wenden uns jetzt noch einmal zu dem ganzen Gebiet des
+Lächerlichen zurück. --
+
+Wir haben nachzuweisen gesucht, dass bei allem Komischen zwei
+Gefühle, ein angenehmes und ein unangenehmes erregt werden. Wir haben
+ferner die Thatsache schon kurz erwähnt, dass diese beiden Gefühle
+von gleicher Stärke sein und _gleichzeitig_ entstehen müssen, so dass
+sie mit einer gewissen Plötzlichkeit aufeinanderstossen. Es ist zum
+psychologischen Verständniss des Lächerlichen durchaus nothwendig,
+dass wir auf dieses Verhältniss noch näher eingehen. Die
+Gleichzeitigkeit der Entstehung beider Gefühle bedingt die sog.
+„Pointe", ohne welche eben die komische Wirkung eines Witzes oder
+einer Anekdote verloren geht. In der Pointe werden die beiden
+contrairen Gefühle durch das Aufeinanderstossen von Sinn und Unsinn,
+von Harmonie und Disharmonie mit den verschiedenen Normen
+gleichzeitig erzeugt. --
+
+Wie aber gelangen diese Gefühle zum Bewusstsein? Nach dem bekannten
+Satze von der Enge des Bewusstseins können in derselben Zeiteinheit
+nicht zwei Vorstellungen mit gleicher Schärfe vom Bewusstsein
+wahrgenommen werden; dasselbe gilt auch von den Gefühlen. Was wird
+und muss also geschehen, wenn zwei Gefühle zu gleicher Zeit erzeugt
+werden, die wegen ihrer Gegensätzlichkeit nicht in eins verschmelzen
+können? Die Selbstbeobachtung der psychologischen Vorgänge in uns
+lässt uns dabei ziemlich im Stich, indem sie uns nur im Allgemeinen
+das Entstehen eines sog. Affectes schauen lässt. Wir wollen aber in
+das Wesen dieses Affectes eindringen und es bietet sich dazu nur ein
+Weg, auf welchen Wundt zuerst mit grosser Dringlichkeit in seinen
+Beiträgen zur Theorie der Sinneswahrnehmungen [1] aufmerksam gemacht
+hat, indem er sagt: „Es wäre ein fundamentaler Irrthum, wenn man in
+Bezug auf die experimentelle Erforschung der Empfindungs- und
+Wahrnehmungsprocesse an der Meinung festhalten wollte: Alles, was man
+auf diesem Wege finde, seien nur Gesetze, die Gültigkeit für die
+Seele besitzen in ihrem Verhalten gegen äussere Sinnesreize,
+
+[1] Leipzig und Heidelberg 1862. p. XXIX u. 450.
+
+[Page 75]
+
+aber in dem von diesen unabhängigen Leben, im reinen Denken könnten
+vielleicht ganz abweichende Gesetze gültig sein, über die uns die
+Resultate unserer Experimente Nichts aussagten." -- „Die
+experimentelle Untersuchung der Sinneswahrnehmungen und Vorstellungen
+ergiebt vielmehr ein Resultat, das unmittelbar auch auf die _höheren
+Sphären_ geistiger Thätigkeit sich anwenden lässt". -- Schon der Satz
+von der Enge des Bewusstseins ist ja wie bekannt aus der
+experimentellen Thatsache hergeleitet, dass wir nicht im Stande sind,
+in derselben Zeiteinheit scharfe Wahrnehmungen durch zwei
+verschiedene Sinne zu machen. Im vorliegenden Falle handelt es sich
+nun aber um _Gefühle_, die zwar einander conträr aber gleichsam von
+derselbeu Qualität sind und bei Entscheidung der Frage, was bei dem
+gleichzeitigen Auftreten solcher conträren Gefühle geschieht, werden
+wir also auf ähnliche Verhältnisse, aus der Sphäre der
+Sinneswahrnehmungen recurriren müssen. Die Fälle, in welchen ein und
+derselbe Punkt unserer Netzhaut zu gleicher Zeit von zwei aus
+derselben Richtung kommenden verschiedenen (namentlich verschieden
+gefärbten) Lichtstrahlen getroffen wird, werden offenbar dem hier zu
+ergründenden Factum ganz analog sein, und ihre genaue Prüfung wird
+uns das Verständniss des letzteren erschliessen. -- Wenn das Licht
+zweier verschiedenen Gegenstände aus ein und derselben Richtung in
+unser Auge fallen soll, so müssen jene Gegenstände offenbar, wirklich
+oder scheinbar, hinter einander liegen und ausserdem wird im ersten
+Falle der vordere Gegenstand durchsichtig, also etwa von Glas sein
+müssen. Was geschieht nun, wenn wir einen Gegenstand durch eine
+farblose oder farbige Glasplatte betrachten? Fast immer wird unsere
+Aufmerksamkeit von dem hinter der Glasplatte liegenden Objecte so
+gefesselt, dass wir nur dieses bemerken, die Anwesenheit der
+Glasplatte dagegen vollständig ignoriren, und wenn sie gefärbt ist,
+ihre Farbe einfach dem durch sie gesehenen Gegenstande beilegen. Erst
+durch eine willkürliche Richtung unserer Aufmerksamkeit können wir
+uns zwingen, die Oberfläche der Glasplatte zu beobachten; doch wird,
+wenn uns an derselben Nichts mehr fesselt, sich uns immer wieder die
+Vorstellung des hinter ihr liegenden Gegenstandes aufdrängen. Wenn
+wir aber den Versuch so einrichten, dass unsere Auf-
+
+[Page 76]
+
+merksamkeit gleichmässig stark von der Glasplatte und dem Objecte in
+Anspruch genommen wird, so erhalten wir eine andere eigenthümliche
+Erscheinung. Legen wir nämlich nach Wundt's Angabe [1] auf ein blaues
+Glas ein rothes Papier, in welches ein kleines Fenster geschnitten
+ist, so dass also die Oeffnung des Fensters blau und durchsichtig
+erscheint, und halten hinter das Glas in einiger Entfernung einen
+weissen Papierstreifen, so erscheint die Fensteröffnung plötzlich im
+lebhaftesten _Glanze_.
+
+Noch deutlicher lassen sich die eben besprochenen Erscheinungen an
+Gegenständen experimentiren, welche ausser der Ausstrahlung ihres
+Eigenlichtes, Licht an ihrer Oberfläche reflectiren. Auch hier wird
+aus ein und derselben Richtung (also auf _einen_ Punkt unserer
+Netzhaut) zweierlei verschiedenes, scheinbar aus verschiedener
+Entfernung kommendes Licht, in unser Auge gesandt, und in ähnlicher
+Weise wie in dem vorher besprochenen Falle, sehen wir auch hier je
+nach der Richtung unserer Aufmerksamkeit zwei verschiedene
+Erscheinungen auftreten, von denen wir die eine als Spiegelung, die
+andere (wie vorher) als Glanz erkennen. Ueber die Entstehung beider
+Phänomene und ihren gegenseitigen Unterschied, spricht sich Wundt
+folgendermaassen aus: „Ein Gegenstand _spiegelt_, dessen Oberfläche
+durch Reflexion ein solches Bild der umgebenden Objecte entwirft,
+dass wir den spiegelnden Gegenstand selber über der Betrachtung der
+Spiegelbilder vernachlässigen, indem wir diese gewissermaassen als
+die direkt betrachteten Gegenstände ansehen. Zur reinen Spiegelung
+gehört daher erstens eine gewisse Deutlichkeit der Spiegelbilder und
+zweitens eine solche Beschaffenheit des spiegelnden Gegenstandes,
+dass dieser nicht unsere Hauptaufmerksamkeit auf sich zieht; ebene
+oder gleichförmig gekrümmte polirte Flächen sind daher am häufigsten
+spiegelnde Objecte, insbesondere wenn sie farblos oder wenigstens
+gleichfarbig sind. Hat ein Object eine ausgeprägte Farbe, so regt
+dies schon leicht unsere Aufmerksamkeit an, und dies findet in noch
+höherem Maasse statt, wenn die Farbe nicht gleichmässig über die
+Oberfläche vertheilt ist. Wir nennen einen
+
+[1] l. c. p. 313
+
+[Page 77]
+
+Gegenstand _glänzend_, wenn derselbe so beschaffen ist, dass wir
+zugleich den Gegenstand und die von demselben entworfenen
+Spiegelbilder in's Auge zu fassen genöthigt sind, wenn wir also
+gleichzeitig verschiedene Gegenstände sehen, die hintereinander in
+verschiedener Entfernung vom Auge gelegen scheinen und die daher sich
+decken sollten. _Zu diesem gleichzeitigen Auffassen des Objects und
+seiner Spiegelbilder ist nothwendig, dass keins von Beiden über das
+andere das Uebergewicht erlange_; werden die Spiegelbilder
+unmerklich, so hört natürlich der Glanz auf, wir sehen nur noch den
+Gegenstand in seinem eigenen Lichte; werden aber die Spiegelbilder
+sehr stark, so geht der Glanz in Spiegelung über. Wundt beweist
+ferner durch eine Reihe von Experimenten (p. 305-307), dass der Glanz
+nicht auf Accommodationsverschiedenheit, d. h. der verschiedenen
+Einstellung der Augen für die scheinbar oder wirklich verschiedenen
+Entfernungen der beiden Objecte beruht, sondern als ein Product der
+Vorstellungsthätigkeit auftritt und zwar definirt er den Glanz als
+einen solchen Urtheilsprozess, bei welchem die einzelnen
+Bestandtheile einer gegebenen Mischempfindung von einander losgelöst
+und für sich vorgestellt werden; während wir die beiden Farben (des
+spiegelnden und gespiegelten Lichtes) zugleich sehen, unterscheiden
+wir sie noch von einander. Wir erhalten beim Glanz die Vorstellung
+eines Gegenstandes, der das Bild eines anderen spiegelt, aber den
+Gegenstand deutlich aufzufassen, verhindert uns das Spiegelbild und
+das Spiegelbild deutlich aufzufassen, verhindert uns der Gegenstand.
+Der wesentliche Grund hierfür ist die Unmöglichkeit gleichzeitig zwei
+Dinge klar vorzustellen, die sich nicht in _eine_ Vorstellung
+vereinigen lassen. Unsere Vorstellungsthätigkeit, die aber nach
+Klarheit strebt, wird deshalb in _schneller Schwankung von dem
+spiegelnden Gegenstand zum Spiegelbild, vom Spiegelbild zum
+Gegenstand hinüberschweifen_ und darauf beruht das eigenthümliche
+Princip der Unruhe, was im Glanze liegt und z. B. auch von Brücke [1]
+besonders hervorgehoben (freilich aber in
+
+[1] Brücke, die Physiologie der Farben für die Zwecke der
+Kunstgewerbe. Leipzig 1866 p. 228.
+
+[Page 78]
+
+etwas anderer Weise erklärt) wird. Auch die eigenthümliche Thatsache
+des von Dove entdeckten stereoskopischen Glanzes beweist und
+illustrirt das eben Gesagte. Dove zeichnete die stereoskopische
+Projection eines Prismas oder einer anderen Figur für das eine Auge
+mit weissen Linien auf matt schwarzem Grunde, für das andere Auge mit
+schwarzen Linien auf weissem Grunde. Bei stereoskopischer Vereinigung
+beider erscheint das Relief von graphitglänzenden Flächen begrenzt.
+Ausser Schwarz und Weiss geben auch andere Farben die Erscheinung des
+Glanzes; aber nicht jede beliebige Farbencombination ist zu brauchen.
+Denn contrastirt die eine Farbe merklich lebhafter gegen den Grund
+als die andere und drängt sie sich daher unserem Bewusstsein stärker
+auf, so wird sie allein gesehen. Der Glanz ist am lebhaftesten, wenn
+der Contrast beider Farben gegen ihren Grund stark und ungefähr
+gleich gross ist. Ausserdem wird der Glanz durch den gegenseitigen
+Contrast der beiden zu combinirenden Farben erhöht. Man combinire z.
+B. stereoskopisch Blau und Gelb. Macht man den Grund weiss, so
+verdrängt leicht Blau das Gelb vollständig, macht man den Grund
+schwarz, so verdrängt Gelb das Blau, macht man den Grund aber grau,
+so erhält man einen lebhaften Glanz.
+
+Da nun Heimholz auf das Ueberzeugendste nachgewiesen hat, dass der
+Inhalt jedes einzelnen Sehfeldes, ohne durch organische Einrichtungen
+mit dem des andern verschmolzen zu sein, getrennt zum Bewusstsein
+gelangt, so ist auch in diesen Fällen der Glanz als ein Product der
+Vorstellungsthätigkeit aufzufassen. Der Glanz entsteht auch hier
+dadurch, dass unserem Bewusstsein zu gleicher Zeit zwei verschiedene
+Eindrücke geboten werden, die wir, weil sie aus einer Richtung
+kommen, zu combiniren streben, die aber durch ihre Verschiedenheit
+von einander nicht vereinbar sind, sich vielmehr jeder für sich
+unserem Bewusstsein aufzudrängen suchen und dadurch in _sehr
+schnellem Wechsel_ nach einander zur Auffassung gelangen [1]. Dass
+wir von diesem Wechsel der Eindrücke kein volles Bewusstsein haben
+und nur eine gewisse Unruhe im Glanze spüren,
+
+[1] Dieselbe Erklärung des stereoskopischen Glanzes giebt u. A. auch
+J. Martins-Matzdort: „Die interessantesten Erscheinungen der
+Stereoskopie" Berlin 1868.
+
+[Page 79]
+
+im Uebrigen aber den Eindruck einer einheitlichen Lichtausstrahlung
+empfangen, ist durchaus kein Gegengrund gegen diese Auffassung, denn
+auch beim gewöhnlichen Sehen, resp. Betrachten eines Gegenstandes
+streifen wir mit unseren Augen (mit der allein deutlich sehenden
+Macula lutea) schnell über denselben, gewissermaassen ihn betastend,
+hin, combiniren aber trotzdem die einzelnen Eindrücke zu einem
+einheitlichen Bilde, ohne zu merken, dass dasselbe aus verschiedenen,
+schnell auf einander folgenden Wahrnehmungen zusammengesetzt ist. --
+
+Sehr häufig wechselt mit dem stereoskopischen Glanze ein anderes
+Phänomen ab -- nämlich der sogenannte _Wettstreit der Sehfelder_, bei
+welchem die beiden Gesichtseindrücke in _langsamem_ Wechsel (in
+Perioden von etwa 8 Secunden und länger) nach einander zum
+Bewusstsein kommen. Es tritt diese Erscheinung ein, wenn bestimmte
+Bedingungen [wie Wundt überzeugend nachgewiesen hat: eine durch
+unwillkürliche Bewegungen der Augen veranlasste momentane
+Verschiebung (Divergenz) der beiden Bilder] die Trennung der beiden
+gleichzeitig aufgenommenen Gesichtseindrücke begünstigen. Decken sich
+die beiden Farbenbilder vollständig, so sehen wir unter geeigneten
+Umständen Glanz oder auch nur _die_ Farbe, die mit dem Grunde stärker
+als die andere contrastirt und dadurch sich der Aufmerksamkeit mehr
+aufdrängt. Sobald aber durch eine Schwankung der Sehaxen, wie sie
+durch Ermüdung oder durch willkürliche Veränderung der Aufmerksamkeit
+sehr leicht und fast immer eintritt, eine Verschiebung der Objecte
+gegen einander stattfindet, so dass sie sich nur noch theilweise
+decken, kommt die sog. Verdrängung durch Eigencontrast zur Geltung
+und wir sehen nur die Farbe, die mit dem Grunde am wenigsten
+contrastirt [1]. Dadurch, dass wir nun unsere Augenstellung immer
+wieder zu corrigiren suchen, wodurch die Verdrängung durch Contrast
+mit dem Grund mit der durch Eigencontrast fortwährend abwechselt,
+erhalten wir den Wettstreit der Sehfelder, der also auch darauf
+beruht, dass wir die verschiedenen Eindrücke beider Sehfelder zu
+vereinigen streben, dass aber Bedingungen eintreten, welche die
+Trennung beider, bald das eine, bald das andere mehr be-
+
+[1] Näheres über dies interessante Thema: Wundt. l. c. p. 330.
+
+[Page 80]
+
+tonend, erleichtern. Beim Glanz sind keine Bedingungen vorhanden,
+welche abwechselnd das eine und das andere Bild bevorzugt sein lassen
+und die Trennung beider Bilder ist darum keine so prägnante, obwohl
+sie wegen der Unmöglichkeit, beide in Eins zu vereinigen, auch
+vorhanden ist. Es wird darum eben der Wechsel beider Bilder unendlich
+viel schneller eintreten und wir können _den Glanz einen sehr
+beschleunigten Wettstreit der Sehfelder nennen_. --
+
+Prüfen wir jetzt, welches der oben erörterten Gesetze auf das
+Komische Anwendung findet. Von einem Punkte aus sehen wir beim
+Komischen plötzlich und gleichzeitig zwei verschiedene unvereinbare
+Gefühlsqualitäten in uns erzeugt werden. Da nun der Affect des
+Komischen, wie die einfache Beobachtung lehrt, weder als ein
+unangenehmes, noch allein als ein angenehmes Gefühl sich auffassen
+lässt, so kann also von einer Verdrängung durch Contrast nicht die
+Rede sein, vielmehr ergiebt sich bei näherem Eingehen die völlige
+Analogie zwischen der Erscheinung des Glanzes und dem Komischen, da
+andererseits die Plötzlichkeit der Wirkung den langsamen Wettstreit
+der Sehfelder ausschliesst. Es stimmt hiermit die schon oben
+angedeutete Thatsache überein, und wird dadurch gewissermaassen
+bestätigt, dass die beiden conträren Gefühle beim Komischen von
+annähernd gleicher Stärke sein müssen, so dass keines von dem andern
+im Wettstreit ganz unterdrückt werden kann. Das Komische ist ein
+Mischgefühl eigenthümlicher Art; wie beim Glanze kommen die einzelnen
+Componenten in so schnellem Wechsel hintereinander zur Wirkung, dass
+wir scheinbar ein einheitliches Gefühl vor uns haben und nicht im
+Stande sind, die beiden Factoren desselben einzeln direct zu
+beobachten; so wie wir beim Glanze auch nicht direct darüber klar
+werden, dass derselbe aus zwei verschiedenen Lichtarten
+zusammengesetzt ist. _Hierdurch wird der Einwurf gegen meine obige
+Darstellung beseitigt, dass man sich ja der angenehmen und
+unangenehmen Gefühle, die ich im Komischen gefunden haben will, gar
+nicht bewusst werde, und dass sie deshalb auch gar nicht vorhanden
+sein könnten_. --
+
+Wir haben also das _Wesen des Lächerlichen als einen_
+
+[Page 81]
+
+_beschleunigten Wettstreit der Gefühle, d. h. als ein schnelles Hin-
+und Herschwanken zwischen Lust und Unlust erklärt_. Mit dieser
+Auffassung stimmen aber die auf ganz anderem Wege gewonnenen
+Resultate der metaphysisch-ästhetischen Untersuchungen von Vischer
+und die Ansichten Kant's völlig überein. Kant hebt hervor, dass beim
+Lächerlichen, wenn der Schein, der uns auf einen Augenblick getäuscht
+hat, in Nichts verschwindet, das Gemüth wieder zurücksieht, um es mit
+ihm noch einmal zu versuchen und so durch _schnell
+hintereinanderfolgende Anspannung hin- und zurückgeschnellt und in
+Schwankung versetzt wird_, die, weil der Absprung von dem, was
+gleichsam die Saite anzog, plötzlich (nicht durch ein allmähliches
+Nachlassen) geschah, eine Gemüthsbewegung und mit ihr harmonirende
+inwendige körperliche Bewegung verursachen muss, die unwillkürlich
+fortdauerte und Ermüdung, dabei aber auch Aufheiterung (die Wirkung
+einer zur Gesundheit gereichenden Motion) hervorbringt.
+
+Ganz ähnlich schildert Vischer [1] diesen _Wettstreit der Gefühle_ in
+folgenden Worten: „Dieses Lustgefühl darf aber mit demjenigen nicht
+verwechselt werden, welches aus der Anschauung des Schönen fliesst,
+denn es ist ein gegensätzlich bewegtes". „Die gegensätzlichen Glieder
+bilden eine widerspruchsvolle Einheit und ihr Ineinander nöthigt das
+Gefühl, zwischen ihnen herüber und hinüber zu gehen, _was als ein
+rascher Wechsel zwischen Lust und Unlust empfunden wird, so zwar,
+dass jene durch diese verdoppelt, aber auch durch sie bedingt ist_".
+-- „Es ist also Lust durch Unlust, doppelte, weil durch Unlust
+gewürzte Lust, aber doch Lust mit Unlust. _Es ist ein durchaus
+bewegtes Gefühl, worin Unlust in Lust, Lust in Unlust
+hinüberzittert_." -- Es lässt sich wohl nichts gegen die Behauptung
+einwenden, dass die Uebereinstimmung dieser auf ganz anderem Wege
+gefundenen Resultate mit der von mir aufgestellten Theorie des
+Komischen einen weiteren Beweis für die Richtigkeit derselben
+abgiebt. -- Jetzt haben wir noch die Thatsache in's Auge zu fassen,
+dass uns das Komische doch in toto als etwas entschieden
+
+[1] l c. § 225.
+
+[Page 82]
+
+Angenehmes erscheint, ja die gewöhnlichen Grade des Angenehmen
+gewissermaassen noch übertrifft. Eine Art von Erklärung finden wir in
+der obigen Aeusserung Vischer's, wo er das Komische „doppelte, weil
+durch Unlust gewürzte Lust" nennt. Vor Allem müssen wir aber auch
+hier wieder die Analogie mit dem Glanze hervorheben. Bei demselben
+erhalten wir ebenfalls überwiegend den Eindruck des helleren Lichtes,
+während das Schwarz nicht ganz unterdrückt, aber doch gewissermassen
+unwirksam gemacht ist. Es werden in dem beschleunigten Wettstreit der
+Sehfelder, den wir Glanz nennen, die hellen Lichter gewissermassen
+stärker betont und in ganz derselben Weise zeigen sich auch bei dem
+beschleunigten Wettstreit der Gefühle, welcher das Komische bildet,
+die angenehmen Gefühle als hauptsächlich wirksam und wir können, wenn
+wir die physiologische Wirkung des Komischen erforschen wollen, das
+unangenehme Gefühl, das sich ja nie zum psychischen Schmerz steigern
+darf, so weit vernachlässigen, _dass wir das Komische als eine
+intermittirende, rhythmisch unterbrochene, freudige Gefühlserregung
+ansehen_. --
+
+Diese freudige Erregung tritt nach jeder Intermission unvermittelt
+und plötzlich ein und ist somit der freudigen Ueberraschung analog.
+-- Beobachten wir nun aber die somatischen Vorgänge während dieses
+eben genannten psychischen Zustandes, so fallen uns besonders bei den
+stärkeren Graden der Ueberraschung Symptome in's Auge, die neben
+anderen Reizungen unzweideutig eine Reizung der vasomotorischen
+Centren, also des Sympathicus beweisen. Wir beobachten im ersten
+Augenblicke eintretender Ueberraschung ein Blasswerden der Haut, (wie
+Domrich [1] meint, nicht nur im Gesicht, sondern wahrscheinlich über
+den ganzen Körper). Die plötzliche Verengerung der Gefässe, durch
+welche dies Blasswerden bedingt wird, veranlasst weiter das Herz nach
+einem kurzen Augenblick des Stillstandes zu schnelleren und
+ausgiebigeren Zusammenziehungen, weil es bei Durchtreibung des Blutes
+durch die engeren Gefässe grössere Widerstände zu überwinden hat [2].
+-- Es sind auch hier besonders
+
+[1] l. c. p. 233.
+[2] Goltz, Ueber den Tonus der Blutgefässe. Virchow. Arch. Bd. XXIX.
+Heft 3 u, 4 p. 419.
+
+[Page 83]
+
+die kleineren Arterien, die durch die reflectorische Reizung des
+Sympathicus verengert werden, was sich aus folgendem Umstande, auf
+den schon Domrich aufmerksam macht, schliessen lässt. -- Auf das
+Stadium der Gefässverengerung folgt nämlich bei der Ueberraschung
+nach kürzerer oder längerer Zeit ein Stadium der Gefässerweiterung
+und die vorher vorhandene Blässe macht einer mehr oder weniger
+saturirten Röthe Platz. Nun ist aber die Haut mit derselben bei
+Weitem nicht so gleichmässig und intensiv übergossen, wie bei der
+Scham, was eben daher rührt, dass die Verengerung und folgende
+Erweiterung mehr die kleineren Arterien der Haut und nicht wie bei
+der Scham das ganze Capillargefässsystem derselben trifft. -- Eine
+einmalige freudige Ueberraschung ruft also eine einmalige
+Sympathicusreizung mit entsprechender Verengerung der kleineren
+Arterien hervor. _Demnach wird eine intermittirende freudige Erregung
+wie wir sie als Wesen des Komischen nachgewiesen haben, eine
+intermittirende Sympathicusreizung erwarten lassen_. --
+
+Das war ja aber das Resultat, welches wir nach Maassgabe des schon
+Eingangs erwähnten Experimentes finden wollten und es ist damit die
+Psychologie des Komischen mit der Physiologie in Einklang gebracht.
+Wie die intermittirende Sympathicusreizung das Lachen als
+physiologisch nothwendige Folge nach sich zieht, haben wir im ersten
+Abschnitt dieser Arbeit gezeigt, und wir sind mithin jetzt im Stande,
+auch das Lachen, welches durch das Komische bewirkt wird, als
+zweckmässige Reflexbewegung völlig zu verstehen.
+
+
+Druck von Bär & Hermann in Leipzig.
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die Physiologie und Psychologie des
+Lachens und des Komischen., by Ewald Hecker
+
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+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
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+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
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@@ -0,0 +1,3902 @@
+The Project Gutenberg EBook of Die Physiologie und Psychologie des Lachens
+und des Komischen., by Ewald Hecker
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Die Physiologie und Psychologie des Lachens und des Komischen.
+ Ein Beitrag zur experimentellen Psychologie für
+ Naturforscher, Philosophen und gebildete Laien.
+
+Author: Ewald Hecker
+
+Release Date: November 9, 2008 [EBook #27205]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE PHYSIOLOGIE UND PSYCHOLOGIE ***
+
+
+
+
+Produced by Karl Pfeifer <karl.pfeifer@usask.ca>.
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+*Ebook Editor's Prefatory Note*
+
+
+Wherever the original text uses letterspacing for emphasis, I have
+substituted enclosing understrikes; I have, however, kept the
+German-style quotation marks (although in some plain text character
+sets the right-side quotation mark does not appear as the proper
+stylistic complement of the left-side quotation mark).
+
+The only spelling errors I spotted are "Jnhalt" for "Inhalt" on p. 14
+(although capital "I" and "J" are sometimes conflated or not
+conspicuously distinguished in German blackletter typefaces, Hecker's
+book is not set in such a typeface), "lehhaft" for "lebhaft" on p.
+20, and "deselbeu" for "deselben" on p. 75. Otherwise, the spelling,
+though not always consistent, seems to employ what were acceptable
+variants at the time of writing.
+
+I have neither corrected Hecker's spelling or attempted to make it
+consistent, nor have I made other corrections to the original text.
+In particular, I have retained Hecker's idiosyncratic use of the long
+dash throughout; sometimes his long dash functions like genuine
+punctuation, but oftentimes its purpose is difficult to discern (e.g.
+he sometimes uses it at the end of a paragraph after the period). I
+have also retained Hecker's idiosyncratic use of doubled double-quotes
+for a quotation within a quotation on p. 68. And at the bottom
+of p. 31, there is a left-side parenthesis mark without a matching
+right-side parenthesis mark.
+
+Hecker misquotes Aristotle on pages 19 and 52, each time omitting the
+connective "kai" from Aristotle's phrase "anôdunon kai ou
+phthartikon" (_Poetics_ 1449a). The transliterations in this ebook
+are mine; Hecker himself quotes Aristotle in Greek.
+
+Karl Pfeifer
+University of Saskatchewan
+<karl.pfeifer@usask.ca>
+
+
+[Page I]
+
+Die
+*Physiologie und Psychologie*
+des
+*Lachens und des Komischen.*
+
+Ein Beitrag zur experimentellen Psychologie
+für
+Naturforscher, Philosophen und gebildete Laien.
+Von
+*Dr. Ewald Hecker,*
+Zweitem Arzt an der Anstalt für Nerven- und Gemütskranke in Görlitz.
+
+*Berlin,*
+Ferd. Dümmlers Verlagsbuchhandlung
+Harrwitz & Gossmann.
+1873.
+
+[Page II: blank]
+
+[Page III]
+
+Meinem
+lieben Freunde und hochverehrten Lehrer
+dem
+*D^R. KARL KAHLBAUM*
+Director der Heil- und Pflegeanstalt für Nerven- und Gemüthskranke in
+Görlitz
+als ein Zeichen aufrichtigster Dankbarkeit
+zugeeignet.
+
+[Page IV: blank]
+
+[Page V]
+
+Wenn ich Dir, lieber Kahlbaum, das vorliegende Büchelchen auf den
+Weihnachtstisch lege, so weiss ich freilich, dass ich Dir mit
+demselben keine unerwartete Ueberraschung bereite; denn Du hast ja um
+das Entstehen des kleinen Werkes gewusst und an ihm von Anfang an den
+lebhaftesten Antheil genommen. Doch hoffe ich Dir damit trotzdem eine
+kleine Freude zu bereiten. Vor Allem aber möchte ich Dir mit der
+Widmung dieses Buches einen geringen Theil des Dankes abtragen, den
+ich Dir in so reichem Maasse schulde für das herzliche Interesse, das
+Du stets an mir und meiner geistigen Ausbildung genommen, für die
+freundliche Theilnahme, die Du meinen Studien geschenkt, für Deine
+stete Bereitschaft, auf meine Pläne und Arbeiten einzugehen und mich
+dabei mit treuem Rathe zu unterstützen. -- Unter Deiner Leitung bin
+ich in einen Beruf voll Ernst und Mühe eingetreten, Du hast in mir
+von Anfang an ein wahres wissenschaftliches Interesse für denselben
+zu erwecken gewusst und mir in rückhaltslosester Weise die reichen
+Schätze Deines Wissens und Deiner Erfahrungen aufgeschlossen.
+Vorzüglich bin ich auch dafür dankbar, dass Du mich auf die
+Anknüpfungspunkte achten gelehrt hast, die unsere
+Specialwissenschaft, die Psychiatrie, mit den anderen Gebieten des
+Wissens in Zusammenhang erhalten und mich namentlich auf die
+Psychologie als eine mir bis dahin ziemlich fremde, für die
+Psychiatrie aber unent-
+
+[Page VI]
+
+behrliche Wissenschaft hingewiesen hast. Von Dir werde ich am
+wenigsten den Vorwurf zu fürchten haben, dass ich mich mit meiner
+vorliegenden Arbeit zu weit von unserem Specialgebiete entfernt habe;
+zumal Du weisst, dass dieselbe eigentlich die Frucht meiner
+Vorstudien zu einer Psychologie des gesunden und kranken
+Gefühlslebens ist. Das vorliegende Thema bot durch die in ihm sich
+vollziehende enge Verknüpfung der Physiologie mit der Psychologie den
+besten Ausgangspunkt, um das eben erwähnte Gebiet nach der
+naturwissenschaftlichen und experimentellen Methode zu durchforschen.
+Wenn meine Arbeit, wie ich hoffe, nicht ganz erfolglos gewesen ist,
+so scheint mir das hauptsächlich für die Richtigkeit der
+eingeschlagenen Methode zu sprechen. Schon Wundt hat in seinen
+„Beiträgen zur Theorie der Sinneswahrnehmungen" [1] der ausgedehnten
+Anwendung des Experiments in der Psychologie lebhaft das Wort geredet
+und ich verdanke dem eben erwähnten Buche eine nicht unerhebliche
+Förderung und Klärung meiner Ideen. Als ferneres Hilfsmittel, um die
+Psychologie mit Erfolg weiter auszubauen, betrachtet Wundt die
+Erweiterung der bisherigen Beobachtungsmethoden durch Heranziehung
+der Statistik, der Entwicklungsgeschichte der Seele und der
+vergleichenden Psychologie, welch letztere Wissenschaft zum Theil in
+Gestalt der Völkerpsychologie vor Allem durch die unermüdlichen und
+gründlichen Forschungen von Lazarus und Steinthal [2] für die
+allgemeine Psychologie schon von grösster Bedeutung geworden ist. --
+Durch Dich habe ich endlich den hohen Werth der Psychiatrie als
+Hilfswissenschaft der Psychologie schätzen gelernt. Sowie die
+krankhaften Erscheinungen an den körperlichen Organen oft einem
+exacten physiologischen Experimente gleichkommen, durch welches der
+Physiologe über bis dahin unentschiedene Fragen genauen Aufschluss
+erhält, so kann uns auch eine krankhafte
+
+[1] Leipzig u. Heidelberg 1862.
+[2] Zeitschr. f. Völkerpsychologie u. Sprachwissenschaft. Berlin
+1859-72.
+
+[Page VII]
+
+Störung des geistigen Lebens nicht selten als ein Experiment gelten,
+bei welchem die Einzel-Factoren des geistigen Mechanismus durch ihren
+Ausfall oder durch abnorme Steigerung um so deutlicher zur
+Beobachtung kommen können. --
+
+Deine Arbeiten über die Hallucinationen und über die Ideenflucht sind
+mir in dieser Beziehung als mustergültig erschienen und ich bedaure
+nur, dass sie in einem Fachjournal gleichsam untergegangen, zum
+grossen Theil aber noch nicht einmal veröffentlicht sind.
+
+Die Psychologie ist Gemeingut so vieler Wissenschaften, dass, wo es
+irgend angeht, ihre Forschungen in einer jedem Gebildeten
+verständlichen Sprache niedergelegt werden sollten. Darum habe ich
+mich auch bestrebt, die vorliegende Abhandlung unbeschadet ihres
+wissenschaftlichen Inhalts in eine allgemein verständliche Form zu
+kleiden. Wie oft mein Können hinter dem Wollen zurückgeblieben, weiss
+ich freilich am besten und muss Dich um Deine Nachsicht bitten. Was
+den Inhalt anbetrifft, so habe ich mit Lust und Eifer gestrebt, die
+Wahrheit zu finden und muss es getrost dem Urtheil sachverständiger
+Kritiker überlassen, zu entscheiden, ob und in wie weit mir dies
+gelungen. Möchte vor Allen Dir das Buch einige Freude machen! Das ist
+mein aufrichtigster Wunsch.
+
+_Görlitz_ im December 1872.
+
+*E. H.*
+
+[Page VIII: blank]
+
+[Page IX]
+
+*Inhalts-Uebersicht.*
+
+
+*Einleitung.*
+
+Die Zweckmässigkeit der Reflexbewegungen, in specie der Reflexkrämpfe
+des Hustens und Niesens. Frage nach dem Zweck des Lachens, (Weinens
+und Gähnens), welche Reflexbewegungen sowohl nach Reizung sensibler
+Nerven als auch nach psychischen Reizen auftreten. -- Aussicht, durch
+Lösung dieser Frage für die entsprechenden psychischen Prozesse eine
+physiologische Grundlage zu gewinnen. -- Das Lachen eine Folge des
+Kitzels und Folge der Einwirkung des Komischen . . . . S. 1-6.
+
+*A. Physiologischer Theil.*
+
+a. _Der Kitzel_, ein intermittirender Hautreiz. Wirkung desselben auf
+die Blutgefässe, -- durch Experiment veranschaulicht. -- Schwankungen
+des Blutdrucks im Gehirn. -- Beseitigung der hieraus drohenden
+Gefahren durch die rhythmischen Ausathmungsbewegungen des Lachens S.
+6-16.
+
+b. _Das Komische_. -- Wirkung auf die Gefässe. -- Experiment. --
+Theorie des Lachens von Harless. Mimik des Lachenden . . . S. 16- 18.
+
+*B. Die Psychologie des Komischen.*
+
+Historische Einleitung. -- Auffinden zweier Factoren im Komischen,
+eines angenehm und eines unangenehm wirkenden. -- Unterschied
+zwischen Gefühl und Empfindung. -- Entstehung der angenehmen und
+unangenehmen Gefühle. -- Anwendung des Gefundenen auf die durch das
+Komische erzeugten Doppelgefühle. -- Vorläufige Beispiele. --
+Eintheilung in 4 Hauptformen . . . . . . . . . . . . S. 19-40.
+
+I. _Das einfach Komische_.
+ 1) Das niedrig Komische. 2) Das Pseudonaive. 3) Das Naive. --
+Anhang: Der Humor . . . . . . . . . . . . . S. 40-50
+
+[Page X]
+
+II. _Das Komische mit zwei vereinbaren Vorstellungen_.
+ Die gerechte Schadenfreude. . . . . . . . . . . S. 50-53.
+
+III. _Das Komische mit zwei unvereinbaren Vorstellungen_.
+ 1) Das Komische der getäuschten Erwartung. 2) Der komische
+Anachronismus. 3) Das Burleske und Heroisch-Komische . S. 53-56.
+
+IV. _Das Komische mit dem Wettstreit der Vorstellung_ oder der
+*Witz.*
+ 1) Der Associationswitz.
+ a) Aehnlichkeitswitz (Klangwitz, Carricatur). b) Gleichheits-
+und Successions-Witz.
+ 2) Doppelsinnwitz.
+ a) Das homonyme Wortspiel. b) Das limitirende Wortspiel. c)
+Der Witz aus doppelsinniger Construction. d) Der Doppeldeutungs-Witz.
+e) Die Ironie. f) Der Vexir-Witz . . S. 56-75.
+
+Rückblick auf das ganze Gebiet des Komischen. -- Die Pointe. --
+Gleichzeitigkeit und gleiche Stärke des angenehmen und unangenehmen
+Gefühls im Komischen. -- Uebertragung des dem Wettstreit der
+Sehfelder zu Grunde liegenden allgemeinen Gesetzes auf das Komische.
+Danach das Komische aufzufassen als ein beschleunigter Wettstreit der
+Gefühle, ein Hin- und Herschwanken zwischen Lust und Unlust. --
+Physiologische Wirkung. -- Uebereinstimmung der Resultate S. 75-83.
+
+[Page 1]
+
+*Einleitung.*
+
+
+Es ist eine allgemein bekannte Erfahrung, dass ein grosser Theil
+unserer Bewegungen ganz ohne Einfluss des Willens von Statten geht.
+Die dabei thätigen Muskeln sind entweder solche, die überhaupt nur
+unwillkürlich wirken -- wie die Muskeln des Herzens, des Magens,
+Darms, der Blutgefässe u. s. w. -- oder solche, die nur unter
+bestimmten Umständen sich der Herrschaft unseres Willens entziehen,
+dem sie sonst zu gehorchen gewohnt sind.
+
+Wider unseren Willen, ja oft ohne unser Wissen, treten in den
+verschiedensten Muskelgruppen unwillkürliche geordnete Bewegungen
+ein, die wir in den meisten Fällen nicht einmal zu hemmen im Stande
+sind. Wenn wir uns den Finger unversehens stechen, so ziehen wir
+schnell die Hand zurück, noch ehe unser Wille dazu das Gebot erliess;
+wenn wir einen Bissen tief in den Schlund hinabschieben, so tritt
+eine unwillkürliche Schluckbewegung ein; wenn wir den Gaumenbogen und
+das Zäpfchen kitzeln, werden wir zu Brechbewegungen gezwungen; wenn
+ein fremder Körper in unsere Nase eindringt, oder wir die Schleimhaut
+derselben mit einem Federbart reizen, so erfolgt eine gewaltsame
+Krampfbewegung bestimmter Athmungsmuskeln, die wir das Niesen nennen
+u. s. w.
+
+Da wir nun wissen, dass in unserem Organismus keine Bewegung zu
+Stande kommen kann ohne eine Erregung der den Muskel versorgenden
+Bewegungsnerven, und es ferner ersichtlich ist, dass diese
+Nervenerregung stets eine bestimmte Ursache, einen Ausgangspunkt
+haben muss, so erscheint die Frage nach der Quelle der eben
+mitgetheilten Bewegungen wohl gerechtfertigt. Während sonst der Wille
+vom Gehirn aus die zu den verschiedenen Muskeln tretenden
+Bewegungsnerven innervirt
+
+[Page 2]
+
+(anregt), sehen wir hier ohne diesen gewöhnlichen Reiz eine
+Muskelaction zu Stande kommen. Welcher andere Reiz also ist es, der
+unseren Willen die Herrschaft über die Muskeln streitig zu machen
+sucht?
+
+Wenn wir die Reihe der oben angeführten Beispiele, die wir leicht
+noch bedeutend vermehren könnten, betrachten, so sehen wir, dass der
+Bewegung jedesmal eine Reizung bestimmter Empfindungsnerven
+vorausging, im ersten Fall: der Stich in den Finger, im zweiten Fall:
+die Berührung des Schlundes u. s. w. Bei der Unabänderlichkeit dieses
+Verhältnisses war der Schluss nahe gelegt, dass die nachfolgende
+Bewegung zur vorausgegangenen Empfindung in ursächlicher Beziehung
+stehe, und in der That hat denn auch eine grosse Zahl sehr exacter
+Untersuchungen die Erklärung dieses eigenthümlichen Verhältnisses
+ergeben.
+
+Der Reiz nämlich, der den Empfindungsnerven getroffen hat und von der
+Peripherie aus seinen gewöhnlichen Weg nach dem Nerven-Centrum
+(durchs Rückenmark nach dem Gehirn) nimmt, springt, noch ehe er sein
+letztes Ziel erreicht hat, und auf diese Weise uns zum Bewusstsein
+kam, innerhalb des Rückenmarks durch Vermittlung verbindender
+Ganglien- oder Nervenzellen auf einen Bewegungsnerven über. Dieses
+„Sichumsetzen" (Zurückstrahlen) einer Empfindung in Bewegung nennt
+man _Reflex_ und daher die Reihe der geschilderten Bewegungen
+_Reflexbewegungen_.
+
+In der Regel geht nun aber nicht der ganze Reiz vom Empfindungs- auf
+den Bewegungsnerven über, sondern ein Theil desselben setzt seinen
+Weg nach dem Gehirn weiter fort und wird als Empfindung dem
+Bewusstsein übermittelt. Wird jedoch diesem Nebenstrom nach dem
+Gehirn (ins Bewusstsein) durch bestimmte Bedingungen der Weg
+vertreten, so wird dann der ganze Empfindungsstrom auf den
+Bewegungsnerven reflectirt, und es kommen die Reflexbewegungen um so
+leichter und lebhafter zu Stande. Beim Menschen sind diese
+Bedingungen vorhanden, wenn die Aufmerksamkeit sehr lebhaft auf einen
+ganz andern Punkt gelenkt, wenn während Schlaf und Ohnmacht das
+Bewusstsein unzugänglich, oder endlich wegen krankhafter Störungen im
+oberen Theil des Rückenmarks die Leitung nach dem Gehirn erschwert
+ist. Am einfachsten und besten kann man
+
+[Page 3]
+
+diese Verhältnisse an Thieren künstlich erzeugen, indem man ihnen
+durch Abschneiden des Kopfes das Gehirn völlig nimmt, was namentlich
+bei Fröschen am leichtesten ausführbar ist.
+
+Beim näheren Studium der Reflexbewegungen drängt sich besonders eine
+interessante Thatsache unserer Beobachtung auf: dass sich nämlich
+fast alle diese Bewegungen durch eine wunderbare Zweckmässigkeit
+auszeichnen, indem sie zu dem veranlassenden Reize in bestimmte,
+scheinbar vernünftige und überlegte Beziehungen treten, während ja
+doch thatsächlich gerade Ueberlegung und Wille bei ihnen
+ausgeschlossen sind. Die Reflexbewegung hat entweder die Entfernung
+des verletzten Körpertheiles aus dem Bereich der Schädlichkeit oder
+die Entfernung des reizenden Objectes von unserem Körper zum Zwecke.
+Durch das Fortziehen der Hand entgehen wir der stechenden Nadel,
+durch das Niesen entfernen wir den prickelnden Körper aus der Nase u.
+s. w. Vorzüglich aber war am enthaupteten Frosch, an welchem nach dem
+oben Gesagten die Reflexbewegungen viel leichter und vollständiger zu
+Stande kommen, als bei Erhaltung des Gehirns, die Zweckmässigkeit
+seiner Bewegungen so auffallend und frappant, dass sich unter den
+Physiologen ein Streit darüber entspinnen konnte, ob nur das Gehirn
+und nicht auch das Rückenmark des Frosches mit einer Seele begabt
+sei. Namentlich neigte sich Professor Pflueger, der sich um das
+Studium der Reflexbewegungen sehr verdient gemacht hat, der Ansicht
+von der Seele im Rückenmark zu; während Professor Goltz, dem wir
+nicht minder werthvolle Entdeckungen auf diesem Gebiet verdanken,
+sein entschiedener Gegner Wurde.
+
+Ich glaube, dass Goltz mit der Zurückweisung der Rückenmarksseele
+völlig im Rechte ist, wenn es sich auch nicht leugnen lässt, dass die
+Abwehrbewegungen des enthaupteten Frosches ganz täuschend dem Product
+einer vernünftigen Ueberlegung gleichen; denn dieselben sind nicht
+allein dem Orte, sondern auch der Form der Reizung angepasst: Kneife
+ich den des Grosshirns beraubten Frosch mit einer Pincette, so
+schlägt er mit der entsprechenden Pfote das Instrument zur Seite;
+bestreiche ich seine Haut mit Essigsäure, so macht der Frosch alsbald
+Wischbewegungen u. s. w. und wenn schliesslich alle diese
+
+[Page 4]
+
+Anstrengungen ohne Erfolg bleiben und der Reiz noch stärker ausgeübt
+wird, kriecht oder springt das Thier davon. Aber noch mehr! nimmt man
+dem Frosche durch Amputation des betreffenden der gereizten
+Körperseite entsprechenden Beines oder dadurch, dass man dasselbe an
+den Leib festnäht, die Möglichkeit, mit diesem die zuächst versuchten
+Bewegungen auszuführen, so sehen wir, wie das Thier nach einigen
+fruchtlosen Bemühungen das andere Bein zur Hülfe nimmt.
+
+Ich kann mich leider hier nicht weiter auf diese interessanten und
+vielfach complicirten Experimente einlassen und will nur noch
+anführen, dass Goltz [1] diese letztgeschilderten modificirbaren
+Bewegungen (als sogenannte Antwortsbewegungen) von den stets in
+derselben Form verlaufenden einfachen _Reflex_bewegungen
+unterscheidet. Zu diesen letzteren, die uns hier vorzugsweise
+interessiren und für welche auch die oben angeführten Beispiele
+gelten, gehört namentlich eine Zahl von krampfartigen Bewegungen,
+sog. _Reflexkrämpfe_, die als Husten, Niesen, Lachen, Weinen (d. h.
+Schreien und Schluchzen) und Gähnen allgemein bekannt sind. Es liegt
+nahe, auch von diesen Bewegungen anzunehmen, dass sie einen
+bestimmten, vernünftigen Zweck verfolgen, und so haben wir ja auch in
+der That die Zweckmässigkeit des Niesens schon anerkennen müssen,
+indem wir beobachteten, dass der durch die Nase getriebene heftige
+Luftstrom offenbar die Aufgabe erfüllt, den die Schleimhaut reizenden
+Körper hinauszuschleudern. Ganz ebenso sehen wir beim Husten durch
+die gewaltsamen krampfartigen Athemstösse die Ausstossung von Schleim
+und Staubpartikelchen aus der Luftröhre erfolgen. -- Es werden diese
+Bewegungen nicht durch unseren Willen hervorgerufen (wenn derselbe
+auch einen gewissen Einfluss auf sie ausüben kann), sie sind auch
+ferner im Gegensatz zu den sog. „Antwortsbewegungen" (s. o.) nicht
+modificirbar und verrathen ihr von der Ueberlegung unabhängiges
+Auftreten z. B. dadurch, dass wir auch niesen, wenn ein Federbart
+unsere Nase kitzelt, obschon doch voraussichtlich der Luftstrom beim
+Niesen nicht Kraft genug haben würde,
+
+[1] Beiträge zur Lehre von den Functionen der Nervencentren des
+Frosches. Berlin 1869.
+
+[Page 5]
+
+ihn zu entfernen. Ebenso husten wir auch, wenn entzündliche oder
+sonstige Neubildungen in der Schleimhaut der Luftröhre selbst
+entstanden sind, welche durch die Hustenstösse nicht entfernt werden
+können. Es beruhen die Reflexkrämpfe also so zu sagen auf einem
+blindwirkenden Mechanismus, der durch die Organisation unseres
+Nervensystems vorgebildet und wie Lotze [1] richtig bemerkt, so
+einfach und zweckmässig ersonnen ist, dass der Mensch mit all seinem
+Nachdenken ihn nicht erfinden würde: „Man frage Jemand, wie er es
+anfangen würde, sagt Lotze, um einen fremden Körper aus der Luftröhre
+zu entfernen? Er wird wahrscheinlich eher auf _Tracheotomie_
+(Eröffnung der Luftröhre) rathen, als auf Husten." Die Natur sei
+daher, fährt er fort, mit Recht misstrauisch gegen unseren
+Erfindungsgeist gewesen und habe die Vertheidigung unserer Gesundheit
+lieber dem Mechanismus als der Ueberlegung anvertraut. Wie wenig
+Antheil unsere Seele an der zweckmässigen Einrichtung jener
+Bewegungen habe, sehe man daraus, _dass wir dieselben oft gar nicht
+begreifen, nachdem sie da sind_ (noch weniger natürlich sie erfinden
+würden).
+
+Dieser Ausspruch Lotze's veranlasste mich zu der Frage, ob wir denn
+wirklich nicht im Stande sind, auch die übrigen der oben genannten
+Reflexkrämpfe zu verstehen und in Bezug auf ihre Zweckmässigkeit in
+ähnlicher Weise wie das Niesen und Husten zu erklären? Die Literatur
+gab in der That nur wenig Ausbeute. Nur ein -- nach meinem Urtheil
+jedoch nicht gelungener Versuch von Harless [2] liegt vor, auf den
+ich später zurückkommen werde. -- Es liegt auf der Hand, dass eine
+richtige Beantwortung und Lösung dieser Frage zunächst von grösstem
+physiologischen Interesse sein muss. Das Interesse wird aber noch
+ungemein gesteigert durch folgende Ueberlegung. Die angeführten
+respiratorischen Reflexkrämpfe des Lachens, Weinens (in seinen beiden
+Phasen als Heulen resp. Schreien und Schluchzen), sowie des Gähnens
+werden nicht allein durch gewisse Einwirkungen auf bestimmte,
+sensible Nerven, sondern auch
+
+[1] Wagner's Handwörterbuch der Physiol. Bd. II. p. 195.
+[2] Wagner's Handwörterbuch der Physiol. Bd. III. p. 585 Artikel
+Temperament.
+
+[Page 6]
+
+durch gewisse psychische Zustände ausgelöst. Gelingt es nun, den
+Zweck (und organischen resp. mechanischen Effect) jener Bewegungen,
+sofern sie nach bekannter und experimentell zugänglicher Reizung
+sensibler Nerven entstehen, ausfindig zu machen, so muss damit
+unbedingt ein höchst interessantes Streiflicht auf die psychischen
+Zustände fallen, welche dieselben Krampfbewegungen veranlassen. Es
+muss sich zwischen der peripheren Nervenerregung mit ihrer Wirkung
+und dem Affect eine Parallele ziehen lassen, durch welche wir in dem
+sonst so dunklen Gebiet der Psychologie eine materielle Grundlage
+gewinnen könnten.
+
+Von diesem Gedanken ausgehend suchte ich in unsere Frage einzudringen
+und war selbst überrascht durch die unerwarteten Resultate, die sich
+mir ergaben, indem sich die oben angedeutete Parallele in eine
+völlige, bis in's Kleinste gehende Uebereinstimmung verwandelte. --
+Es zeigte sich, dass das Lachen in Folge des Kitzels einerseits, weit
+entfernt etwas Zufälliges oder „angewöhnt Willkürliches" [1] zu sein,
+vielmehr auf einer weisen Vorsorge der Natur beruhend, bestimmte
+materielle Aufgaben erfülle, andererseits aber auch das Lachen über
+komische Vorstellungen mit derselben Nothwendigkeit eintreten müsse,
+indem das Komische bei seiner Einwirkung auf unser Gemüth
+(physiologisch nachweisbar) dieselben organischen Veränderungen
+hervorruft, wie der Kitzel. Ganz Aehnliches gilt vom Weinen (resp.
+Schreien), sofern es durch körperlichen Schmerz und psychische
+Rührung, vom Gähnen, sofern es durch körperliche Abspannung und
+Langeweile entsteht. -- Die Methode der Untersuchung, die zu diesen
+Resultaten führte, ist eine durchaus einfache, wie sich aus der
+folgenden Darstellung ergiebt, in der wir uns zunächst nur mit dem
+Lachen beschäftigen wollen.
+
+[1] Harless l. c. p. 571.
+
+[Page 7]
+
+*A. Physiologischer Theil.*
+
+
+*a. Der Kitzel.*
+
+_Das Lachen_ aus körperlichen Ursachen wird durch den Kitzel
+hervorgerufen. Der Kitzel besteht, wie eine einfache Beobachtung
+ergiebt, aus einer Reihe schnell aufeinander folgender, oft
+wiederholter, _ganz leiser_ Reizungen der Hautnerven.
+
+Nach Schiffs [1] Angabe scheint die beständige Schwankung in der
+Intensität des Reizes resp. die Intermission das Wesentliche zu sein.
+Denn man erhält nach ihm die eigenthümliche Kitzelwirkung auch dann,
+wenn man einen Menschen in schneller Folge an immer anderen
+Hautstellen mit den Fingerspitzen ziemlich stark stösst. Soll es nun
+unsere Aufgabe sein, die Zweckmässigkeit der durch diese Reizung
+reflectorisch ausgelösten Lachbewegung nachzuweisen, so müssen wir
+zunächst bei einem Vergleiche dieser letzteren mit den Reflexkrämpfen
+des Hustens und Niesens hervorheben, dass eine directe Entfernung des
+reizenden Objectes, wie es z. B. beim Niesen geschieht, durch das
+Lachen nicht erzielt wird. Es wird diesem Zwecke durch andere
+reflectorische Bewegungen genügt, in Folge derer wir zunächst
+bestrebt sind, den gekitzelten Körpertheil dem Reize zu entziehen.
+
+Wir müssen daher die Wirksamkeit des Lachens nach einer anderen
+Richtung hin vermuthen. Es liegt dabei die Annahme nahe, dass diese
+Krampfbewegung nicht direct mit dem Kitzel selbst, sondern erst
+indirect mit einer durch den Kitzel hervor-
+
+[1] Lehrbuch der Muskel- und Nerven-Physiologie. Lahr 1858-59 p. 225.
+
+[Page 8]
+
+gerufenen Veränderung im Organismus zusammenhänge. Deshalb erscheint
+es nothwendig, zuvor die Frage zu erörtern, _welche Einwirkungen ein
+Hautreiz, wie ihn der Kitzel darstellt, auf unsern Organismus
+ausübt_.
+
+Hierbei geben uns zunächst die sehr schätzenswerthen experimentellen
+Untersuchungen von Dr. Oswald Naumann einen Fingerzeig, welcher, um
+die Wirkung der Hautreizmittel kennen zu lernen, eine Reihe exacter
+Versuche angestellt hat, die namentlich darauf ausgingen, den
+Einfluss der Hautreize auf die Circulation festzustellen [1]. Er
+richtete einen Frosch, den er durch Trennung der Wirbelsäule vom Kopf
+getödtet hatte, derartig für das Mikroskop vor, dass er den
+Blutkreislauf im Mesenterium (dem Dünndarmgekröse -- einer feinen
+Haut, die den Darm überkleidet) gut beobachten konnte, unterband, um
+bei den folgenden Versuchen jede directe Einwirkung auf das
+Gefässsystem unmöglich zu machen, die Gefässe des einen Oberschenkels
+und durchschnitt sodann unterhalb der Unterbindungsstelle alle Theile
+dieses Schenkels, mit Ausnahme des Nervus ischiadicus (des Hüftnerven
+-- der in seinen feinsten Endverzweigungen u. A. auch die Fusssohle
+mit Tastnerven versieht), so dass der Thierkörper nur noch durch
+letzteren mit dem Schenkel in Verbindung blieb. Reizte er nun die
+Ausbreitungen des Hüftnerven (die Fusssohle) vermittelst des
+galvanischen sog. Faradayschen Pinsels _mit einem im Verhältniss zur
+Reizbarkeit des Thieres schwachen elektrischen Reiz_, so konnte er
+unter dem Mikroskop eine entschiedene Beschleunigung des
+Blutkreislaufs in den Gefässen des Mesenteriums, der Lunge und der
+Schwimmhaut des unverletzten Froschschenkels, sowie _eine deutliche
+Verengerung jener Gefässe_ beobachten. Da diese Erscheinung sich in
+den verschiedensten sowohl von einander als auch von der Stelle des
+Reizes entfernten Gefässprovinzen nachweisen liess, so kann man wol
+mit ziemlicher Sicherheit schliessen, dass durch jenen Hautreiz
+überhaupt das ganze Gefässsystem in der gedachten Weise in
+Mitleidenschaft gezogen wird. Bei Wiederholungen dieser Versuche an
+der Flughaut lebender Fledermäuse und
+
+[1] Untersuchungen über die physiologischen Wirkungen der
+Hautreizmittel. Prager Vierteljahrschrift 1863. I. Bd. p. 1 ff.
+
+[Page 9]
+
+endlich vermittelst eines eigens construirten, einfachen
+Sphygmographen (Pulsmessers) an der Arteria tibialis postica
+(hinteren Schienbeinpulsader) des Menschen konnte N. dieselben
+Thatsachen constatiren, die sich in gleicher Weise ergaben, wenn er
+statt des galvanischen Pinsels andere _leichte_ Hautreize wie
+Senfspiritus _im ersten Stadium der Einwirkung_, Eintauchen in warmes
+Wasser etc. anwendete. Immer erhielt er als Resultat eine allgemeine
+Verengerung der Blutgefässe. Machen wir uns, ehe wir weiter gehen,
+das gewonnene Resultat klar.
+
+Wir haben in Folge des leisen Reizes sensibler Nerven eine
+Verengerung der Blutgefässe an fernliegenden Organen beobachtet, und
+es wird diese Erscheinung nach dem Eingangs Gesagten offenbar als
+eine Reflexwirkung, d. h. als ein directes „Umsetzen" des
+Empfindungsreizes in eine Bewegung aufgefasst werden müssen. Die hier
+in Thätigkeit gezogenen Muskeln sind die Ringmuskeln der Gefässe,
+welche bei ihrer Zusammenziehung eine Verengerung des Gefässrohres
+verursachen und die jene Muskeln versorgenden Nerven, auf welche die
+Empfindung reflectirt ist, sind die sog. vasomotorischen Nerven,
+welche zum grössten Theil im Grenzstrange des Nervus sympathicus (der
+ausserdem namentlich noch die Pupille sowie verschiedene innere
+Organe versorgt) verläuft. Wir haben es hier also mit einer
+Reflexreizung des Nervus sympathicus zu thun, denn wir beobachten
+dieselben Erscheinungen, die wir sonst nach directer Reizung dieses
+Nerven auftreten sehen, d. h. zunächst Verengerung der Gefässe,
+namentlich der an glatten Muskelfasern reicheren _kleinen_ Arterien.
+
+Für stärkere Hautreize ist es durch Nothnagels, Heidenhains u. a.
+Untersuchungen ebenfalls experimentell nachgewiesen worden, dass sie
+eine reflectorische Reizung des Sympathicus und in specie auch eine
+Verengung der Gefässe der weichen Hirnhaut zur Folge haben. -- Es
+fragt sich aber, ob auch ein so leichter und vorübergehender Hautreiz
+wie der Kitzel den Sympathicus reflectorisch erregen kann? Um diese
+Frage experimentell zu entscheiden, schienen mir die Versuche an
+Thieren weniger geeignet, weil wir bei diesen eine specifische
+Wirkung des Kitzels (dem Lachen des Menschen entsprechend) nicht
+kennen. Nun bietet sich aber zur Veranschaulichung der
+
+[Page 10]
+
+geschehenen Sympathicus-Reizung beim lebenden Menschen ein sehr
+bequemes und leicht zugängliches Beobachtungsobject in der Pupille
+dar. Ich erwähnte schon oben, dass der Nervus sympathicus ausser der
+Gefässmusculatur auch den Erweiterungsmuskel der Pupille versorgt.
+Eine Reizung des Sympathicus (gleichviel ob directe oder
+reflectorische) hat neben der Verengerung der Gefässe eine
+Erweiterung der Pupille zur Folge. Umgekehrt können wir in der Regel
+aus einer nach einem bestimmten (wenn nicht gerade nur localen)
+Eingriff eintretenden Pupillenerweiterung auf eine geschehene
+Sympathicusreizung und damit Hand in Hand gehende Verengerung der
+Gefässe zurückschliessen. Um nun also nachzuweisen, dass beim Kitzel
+wirklich auch eine Reizung des Nerv. symp. stattfindet, stellte ich
+folgendes höchst einfache und leicht von Jedermann zu wiederholende
+Experiment an.
+
+_Man kitzelt mit einem Federbart oder Pinsel die Versuchsperson,
+welche mit ihren Augen einen Punkt unveränderlich fixiren muss, an
+einer besonders reizbaren Stelle_ (Ohr, Volarseite des Vorderarms
+oder Fusssohle) _und beobachtet dabei die Pupillen, nachdem man sich
+vorher von der Weite derselben und den oft auch normaler Weise mit
+den Phasen der Respiration eintretenden Schwankungen eine Zeitlang
+überzeugt hat. Unmittelbar nach erfolgtem Kitzel sieht man eine zwar
+geringe, aber ganz deutlich constatirbare schwankende Erweiterung der
+Pupillen_. Bei jungen, reizbaren Subjecten gelingt das Experiment
+fast immer und versagt nur nach öfterer Wiederholung, wobei aber auch
+gleichzeitig nach Angabe der betreffenden Person die Empfindlichkeit
+für den Kitzel abgenommen hat. Bei älteren Personen, deren Pupillen
+überhaupt träge reagiren, sah ich die Wirkung öfter ausbleiben.
+
+Wir können aus diesem Experiment also den Schluss ziehen, dass der
+Kitzel eine reflectorische Reizung des Sympathicus zur Folge hat und
+somit auch die für leichte Hautreize schon von Naumann constatirte
+Verengerung der Gefässe nach sich zieht. Entsprechend der dem Kitzel
+eigenthümlichen unterbrochenen Reizung sehen wir ein Schwanken in der
+Erweiterung der Pupille und dürfen demnach auch eine schwankende
+Verengerung der Gefässe erwarten.
+
+[Page 11]
+
+Da nun, wie schon gesagt, die oben genannten Veränderungen der
+Gefässe sich besonders deutlich an den mit glatten Muskelfasern
+reichlicher versehenen kleineren Arterien markiren müssen, so werden
+natürlich vor Allem die Organe, die sich besonders durch ihren
+grossen Reichthum an kleineren Arterien auszeichnen, vorzüglich davon
+betroffen werden -- so _namentlich das Gehirn_. Es ist aber eine
+bekannte Thatsache, dass Circulationsveränderungen gerade im Gehirn
+unter Umständen von grosser Bedeutung sind, namentlich wenn sie, wie
+hier, plötzlich eintreten. Dass dabei die in kurzen Intervallen
+wiederholte Reizung und daher entstehende nicht unbeträchtliche
+Schwankung (Ab- und Zunahme) im Tonus der Gefässe die daraus etwa
+entstehenden Gefahren noch vergrössert, leuchtet ein. Ist es schon an
+sich Jedem aus eigner Erfahrung gegenwärtig, dass länger dauerndes
+Kitzeln einer besonders empfindlichen Hautstelle keinen
+gleichgültigen Eingriff auf das Centralnervensystem ausübt, so dürfte
+die Thatsache, dass man zur Zeit der Inquisition Leute zu Tod
+gekitzelt hat, unseren Betrachtungen noch mehr Gewicht verleihen. Der
+Grund, weshalb gerade das Gehirn durch Druckschwankungen so besonders
+gefährdet ist, liegt einerseits in der grosen Zartheit und
+Verletzlichkeit dieses edelsten aller Organe, zweitens aber in dem
+Umstande, dass das Gehirn, in der völlig abgeschlossenen starren
+Schädelkapsel gelegen, nicht wie andere Organe einem vermehrten
+Gefässdruck ausweichen kann, sondern durch denselben offenbar eine
+Compression seiner Elemente erfahren müsste, während umgekehrt bei
+negativen Schwankungen im Gefässsystem eine plötzliche nicht minder
+gefährliche Druckentlastung eintreten würde. Die Grösse der hieraus
+zu fürchtenden Gefahr kann man am besten daraus ermessen, dass die
+Natur bei der Organisation des Gehirns gerade für diesen Fall nicht
+durch _eine_, sondern durch eine ganze Reihe von Schutz- und
+Sicherheitsmaassregeln Vorsorge getroffen hat. Zunächst ist durch die
+grosse Geräumigkeit des Venensystems innerhalb der Schädelhöhle der
+Abfluss des Blutes ungemein erleichtert worden, wodurch bei
+zunehmendem Blutdruck ein schnellerer Ausgleich ermöglicht wird,
+während umgekehrt bei abnehmendem Druck ein Rückstauen des
+Venenblutes zur Ausfüllung des Fehlenden leicht zu Stande kommen
+
+[Page 12]
+
+kann, weil den Venen innerhalb des Gehirns die sonst in ihnen
+vorhandenen Klappen fehlen. Einen weiteren Schutz gewährt die von
+Hyrtl [1] besonders beschriebene Gefässverbindung, in Folge deren die
+Venen des Gehirns mit denen des Rückenmarks in einem alternirenden
+Füllungsverhältniss stehen. Am wichtigsten aber ist das zuerst von
+Magendie in seiner Bedeutung gewürdigte eigenthümliche Verhalten des
+sog. liquor cerebrospinalis. Diese Flüssigkeit, zwischen den beiden
+weichen Häuten (Arachnoidea und Pia mater), welche Gehirn und
+Rückenmark umhüllen, eingeschlossen, hat eben den Zweck, bald durch
+Zurückweichen in den Arachnoidalsack des Rückenmarks bei gesteigertem
+Gefässdruck im Gehirn, bald durch Zuströmen in die Schädelhöhle bei
+vermindertem Druck, die drohenden Schwankungen auszugleichen und
+dadurch einen wie Magendie sich ausdrückt für die Aufrechterhaltung
+der Gehirn- und Rückenmarksfunctionen nothwendigen mittleren
+Compressionszustand zu sichern (un certain degré de compression
+indispensable à l'accomplissement régulier des fonctions des centres
+nerveux).
+
+Es fragt sich nun, ob die eben genannten Mittel ausreichend sind, um
+die Druckschwankungen, denen das Gehirn durch die beim Kitzel
+auftretende Veränderung an den Gefässen ausgesetzt ist, zu
+compensiren.
+
+Um diese Frage zu entscheiden, müssen wir noch genauer untersuchen,
+wie sich der auf dem Gehirn lastende Druck während der eben
+beschriebenen Veränderungen am Circulationsapparat verhält.
+
+Wir haben es in Folge des Kitzels mit einer Reizung des Sympathicus
+zu thun; dieselbe führt, wenn sie einen gewissen Grad erreicht, eine
+entschiedene Verengerung der Gefässe herbei; in den geringeren Graden
+der Sympathicusreizung aber, wie wir sie bei dem gewöhnlichen leisen
+Kitzel annehmen müssen, wird als entschieden wesentlicheres Symptom
+neben einer leichten Verengerung der Gefässe, eine vermehrte Spannung
+in der Muskulatur der Gefässwand hervortreten. Diese plötzliche
+Vermehrung des sog. Gefäss-Tonus muss aber, selbst wenn sie ohne
+Verengerung der Gefässe auftreten könnte, an sich eine
+
+[1] Handbuch der topogr. Anat. Wien 1857. I. p. 97.
+
+[Page 13]
+
+bedeutende Einwirkung auf den Compressionszustand des Gehirns
+entfalten; denn der Druck, welchen das in den Gefässen fliessende
+Blut auf das Gehirn ausübt, ist durchaus nicht gleich der Spannung,
+welche das Blut innerhalb des Gefässrohres besitzt. Es wird vielmehr
+durch die tonisch gespannte Gefässwand ein bedeutender Theil des
+Blutdrucks von der Gehirnmasse abgehalten, gewissermaassen parirt. Je
+stärker der Tonus der Gefässwand wird, um so grösser ist die
+Druckentlastung, welche die Gehirnmasse erfährt. -- Jene oben
+genannten mechanischen Compensationsmittel, welche alle nur auf eine
+Vermehrung resp. Verringerung der Blutfülle berechnet sind, würden
+allein nicht im Stande sein, die beim Kitzel in Folge des
+gesteigerten Gefässtonus herbeigeführten Druckschwankungen
+auszugleichen.
+
+Gegen die von dieser Seite her drohenden Gefahren ist aber ein
+anderer besonderer Schutzapparat in Thätigkeit gesetzt, dessen
+Wirkung in jeder Beziehung der Leistung jener oben beschriebenen
+Mechanismen gleichkommt und mit ihnen in wohlberechtigte Concurrenz
+tritt; es ist dies die in verschiedener Richtung hin thätige,
+modificirbare Kraft der Respiration. Es ist ja anderweither bekannt,
+welch gewaltigen Einfluss die Athmung auf den Blutkreislauf ausübt
+und wenn auch bei ruhiger, oberflächlicher Respiration durch die
+dabei mitspielenden verwickelten Verhältnisse die verschiedenen
+Wirkungen der Aus- und Einathmung auf die Arterien und Venen sich
+ziemlich ausgleichen und aufheben, so finden doch bei forçirten
+Athmungsbewegungen und _namentlich, wenn die freie Respiration irgend
+behindert ist_, sehr wesentliche Veränderungen der
+Kreislaufsverhältnisse statt. -- Bei der Einathmung wird durch das
+Herabtreten des Zwerchfelles und das Heben der Rippen der Brustraum
+erweitert und der Inhalt desselben, d. h. also Lungen, Herz und die
+zu und von ihm führenden grossen Gefässe unter einen geringeren Druck
+gesetzt. Zur Ausgleichung desselben strömt erstlich die äussere
+atmosphärische Luft in die Lungen und dehnt dieselben aus; zweitens
+wird aber auch zugleich das Blut von den grossen Gefässen nach dem
+Herzen angesogen und dadurch einerseits zwar die Fortbewegung des
+Blutes in den Arterien etwas gehemmt, dagegen aber andererseits in
+viel höherem Maasse in den Venen (deren viel dünnere Wandungen
+
+[Page 14]
+
+der negativen Druckschwankung bedeutend zugänglicher sind) die
+normale Blutbewegung nach dem Herzen zu wesentlich begünstigt und
+beschleunigt. Bei der Ausathmung aber greifen die umgekehrten
+Bedingungen Platz; durch Hinabsinken der Rippen und Hinaufdrängen des
+Zwerchfells wird der Brustraum verkleinert und ein beträchtlicher
+Druck auf seinen Jnhalt ausgeübt. Deshalb entweicht die Luft aus den
+Lungen durch die Luftröhre; gleichzeitig aber wird in Folge derselben
+Ursache der Abfluss des Venenblutes, in der Richtung zum Herzen,
+wesentlich erschwert, ein Kreislaufhinderniss, das durch die geringe
+Begünstigung, welche die Circulation in den Arterien vermittelst
+dieses Zuschusses an Druckkraft erfährt, doch nicht ganz ausgeglichen
+wird. Namentlich bei sehr heftigen und noch dazu durch vollständigen
+oder auch nur theilweisen Verschluss der Stimmritze (wie er z. B. zur
+Tonerzeugung beim Lachen nothwendig ist) bedeutend gesteigertem
+Exspirationsdruck wird der Rückfluss des Blutes nach dem rechten
+Herzen sehr bedeutend gehemmt. Die erste Folge davon ist ein
+Zurückstauen des Blutes in die dem Herzen am nächsten gelegenen
+Venen, und so sieht man namentlich auch an den grossen
+Halsblutleitern (Venae jugulares) eine beträchtliche Ausdehnung und
+pralle Spannung. Es ist klar, dass diese Ueberfüllung mit Venenblut
+sich auch nach dem Gehirn weiter fortsetzen muss, da ja auch von hier
+aus der Abfluss gehindert ist.
+
+Dadurch wird aber natürlich ein bedeutender Druck auf das Gehirn
+ausgeübt, indem das Blut weiterhin auch aus den Gehirnarterien
+schwieriger abfliessen kann und gezwungen ist, dieselben auszudehnen.
+Durch die directen Versuche von Donders [1] zeigte sich bei
+Steigerung des Exspirationsdruckes, dass ein Gehirngefäss von 0,04
+Mill. Durchmesser auf 0,14 und eines von 0,07 auf 0,16 erweitert
+wurde.
+
+Erinnern wir uns nun, dass wir als Wirkung des Kitzels eine
+reflectorische Sympathicusreizung mit folgender plötzlicher
+Verminderung des auf das Gehirn wirkenden Blutdruckes annehmen
+mussten, so werden wir nicht anstehen, in den forcirten
+
+[1] Vgl. Virchow, Handbuch der speciellen Pathologie und Therapie.
+Erlangen 1854. Bd. 1. p. 111.
+
+[Page 15]
+
+Ausathmungsbewegungen, die ja, wie wir eben sahen, den Gehirndruck
+steigern, ein souveraines Mittel zu erkennen, um den in Folge des
+Kitzels drohenden Gefahren entgegenzuwirken. Und in der That sehen
+wir, dass die Natur mit selbstwirkendem Mechanismus sich wirklich
+dieses Mittels bedient; denn was ist das Lachen anders, als eine
+rhythmisch unterbrochene äusserstforcirte, durch die damit verbundene
+Tonbildung erschwerte Ausathmung? Wenn wir einen heftig Lachenden
+ansehen, so fällt uns ja sofort das blau-geröthete Gesicht und das
+starke Hervorquellen der Halsvenen auf, welche die vermehrte
+Blutfülle in den venösen Gefässen kennzeichnet, die sich auch nach
+dem Gehirn fortpflanzen muss. Wir dürfen somit, das Resultat unserer
+Untersuchung zusammenfassend, _das Lachen als eine zweckmässige
+Reflexbewegung ansehen, welche die Aufgabe erfüllt, die durch den
+Kitzel verursachten negativen Druckschwankungen im Gehirn durch eine
+entsprechende Drucksteigerung zu compensiren_.
+
+Als nicht unwesentliche Stütze für diesen Satz dient das interessante
+Zusammenzutreffen der Intermission sowohl des Reizes wie auch der
+Exspirationsbewegungen. Sehen wir als wesentliches Charakteristicum
+des Kitzels die fortwährende Unterbrechung und Schwankung des
+Hautreizes an, so erkennen wir ganz dem entsprechend im Lachen eine
+rhythmisch intermittirende Ausathmungsbewegung, und wenn es sich auch
+nicht feststellen lässt, dass jedem einzelnen Hautreiz ein einzelner
+Exspirationsstoss entspricht, so ist die allgemaine Uebereinstimmung
+doch auffällig genug, namentlich wenn wir dieselbe mit den beim
+Schreien aus Schmerz stattfindenden Verhältnissen zusammenstellen. --
+Der körperliche Schmerz ensteht durch eine stärkere und in ihren
+Wirkungen anhaltendere Reizung sensibler Nerven und ruft nach
+Nothnagels und Pflügers Beobachtungen einen anhaltenden Gefässkrampf,
+eine starke ununterbrochene Verengerung der Gefässe hervor, die aber
+(wie auch Naumanns weitere Versuche beweisen) nach kürzerer oder
+längerer Zeit in eine Gefässlähmung und dem entsprechende mehr oder
+minder bedeutende Erweiterung der Gefässe übergeht. Dem ersten
+Stadium der _ununterbrochenen_ Gefässverengerung entspricht nun das
+Schreien als eine _ununterbrochene_ Exspirationsbewegung
+
+[Page 16]
+
+mit demselben Zwecke wie das Lachen [1]. Dem zweiten Stadium der
+Gefässlähmung, welches also gerade die entgegen gesetzten
+Veränderungen des Gehirndruckes d. h. eine Steigerung desselben zur
+Folge haben muss, entspricht das zweite Stadium des Weinens, das sog.
+Schluchzen, welches als forcirte Inspirationsbewegung nach dem oben
+Gesagten den Druck im Gehirn herabsetzt. --
+
+*b. Das Komische.*
+
+Es ist uns also gelungen für das Lachen, insofern es durch den Kitzel
+verursacht wird, eine physiologisch-anatomische Begründung
+nachzuweisen. Nach dem oben Gesagten haben wir damit zum Mindesten
+(wenn eine directe Uebertragung nicht gestattet ist) einen deutlichen
+Fingerzeig erhalten, nach welchem Ziele wir bei Untersuchung des
+Lachens, sofern es in Folge des Komischen entsteht, zu streben haben.
+Es lässt sich von vornherein vermuthen, dass bei Einwirkung des
+Komischen dieselben physiologisch-anatomischen Veränderungen
+eintreten werden, wie nach dem Kitzel, das heisst eine
+intermittirende Contraction der Gehirngefässe als Folge einer
+intermittirenden Sympathicusreizung. Das Experiment, das wir zur
+Bestätigung der geschehenen Sympathicusreizung beim Kitzel
+anstellten, ist beim Komischen aus leicht begreiflichen Gründen
+schwer auszuführen. Wenn man Jemandem etwas Komisches erzählt, hält
+derselbe doch in der Regel seine Augen nicht auf einen Punkt fixirt
+und wir können die Pupillen nicht genau beobachten; andererseits hört
+die komische Wirkung meist auf, wenn der Betreffende sich beobachtet
+fühlt. Dennoch ist es mir nach vielen vergeblichen Versuchen in
+einigen Fällen gelungen, eine genaue Beobachtung zu machen und konnte
+ich in der That als Wirkung des Komischen eine deutliche Erweiterung
+der Pupillen constatiren.
+
+Es muss aber möglich sein, noch auf einem andern Wege
+
+[1] Hieraus erklärt sich u. A. die auffällige Thatsache, dass das
+Schreien oder auch Stöhnen (welches ebenfalls ein Exspiriren bei
+theilweise geschlossener Stimmritze darstellt) bei körperlichem
+Schmerz wirklich eine Erleichterung verschafft.
+
+[Page 17]
+
+dasselbe Resultat, wenn es ein wirklich richtiges ist, festzustellen,
+nämlich durch eine unbefangene psychologische Betrachtung des
+Komischen, durch eine Zerlegung desselben in seine etwaigen einzelnen
+Factoren und Untersuchung, welche Wirkung diese auf den Organismus
+ausüben. Für die Art und Weise, wie solche Untersuchungen ausgeführt
+werden müssen, kann die treffliche Arbeit Dommrichs [1] als Muster
+angesehen werden. In Bezug auf das Lachen ist D. freilich zu keinem
+Resultat gekommen. Er sagt: „Wie das spielende Vergleichen
+contrastirender Vorstellungen nun gerade diese Gruppe motorischer
+Nerven auslöst, ist schliesslich ebensowenig zu begreifen, als warum
+dies gekitzelte sensible Hautnerven thun." Auch Harless hat sich, wie
+schon oben erwähnt, mit dem Lachen aus psychischer Ursache
+beschäftigt. Er lässt dasselbe einfach aus dem Lustgefühl hervorgehen
+-- was, wie wir später sehen werden, durchaus nicht richtig ist --
+und erklärt den organischen Zusammenhang in folgender Weise: Er sagt:
+Das Lustgefühl verlangt oder erleichtert und unterstützt jede
+organisch geforderte Bewegung (?); die von der Natur geforderte
+active Bewegung ist aber die Einathmung. (?) Es wird also beim
+Lustgefühl die Inspiration mit der grössten Leichtigkeit vollzogen,
+aber in der Exspiration, weiche eine ruhige Erschlaffung der
+Thoraxmuskeln und des Zwerchfelles erheischt, setzt sich die durch
+die Inspiration eingeleitete Contraction noch fort und geräth daher
+in Conflikt mit der jetzt organisch geforderten Erschlaffung, was
+sich in auf und abgehenden Excursionen am Zwerchfell um so leichter
+abspiegeln wird, als dieser Muskel bei Weitem die geringsten Massen
+und den grössten Spielraum, und an den Bauchmuskeln keine energischen
+Antagonisten hat.
+
+Es ist nicht schwer einzusehen, dass diese Erklärung in keiner Weise
+zutrifft. Abgesehen von der mindestens nicht bewiesenen Prämisse,
+dass das Lustgefühl jede organisch verlangte Bewegung erleichtert,
+und der alleinigen Anwendung dieses Satzes gerade nur auf die
+Inspiration, scheint es mir unzweifelhaft, dass wir beim Lachen
+gerade keine erleichterte Inspiration, sondern eher eine erschwerte,
+beobachten und dass wir
+
+[1] Die psychischen Zustände, ihre organische Vermittlung etc. Jena
+1849.
+
+[Page 18]
+
+dasselbe vielmehr als eine gesteigerte, forçirte Ausathmungsbewegung
+(durch Contraction der Bauchmuskeln etc. verursacht) ansehen müssen,
+die beim starken Lachen sogar bis zum äussersten Punkt geht, bis man
+nicht weiter ausathmen kann. Die Inspiration ist wegen des
+bedeutenden zeitlichen Ueberwiegens der Exspiration (gerade im
+Gegensatz zu Harless' Behauptung) eine sehr hastige, überstürzte und
+gerade dieses Moment prägt dem Gesicht des Lachenden den ihm
+eigenthümlichen _mimischen Ausdruck_ auf.
+
+Bei der Hast, mit welcher wegen sofort wieder drohender Exspiration
+die Einathmung geschehen muss, werden sämmtliche inspiratorische
+Hilfsmuskeln, auch die des Gesichtes, in Thätigkeit gesetzt, ähnlich
+wie bei Erstickungszufällen. („Vor Lachen ersticken"). Nicht allein
+der Mund steht offen und wird durch die Contraction der MM.
+zygomatici, levatores labii superior. propr. etc. möglichst
+vergrössert, sondern auch die Nasenflügel sind durch Betheiligung der
+MM. levatores alae nasi in ihre inspiratorische Stellung versetzt. Es
+ist diese letztere Thatsache von um so grösserer Bedeutung, als, wie
+Piderit sehr richtig nachgewiesen hat, der Hauptunterschied zwischen
+dem lachenden und weinenden Gesicht gerade darin besteht, dass beim
+lachenden die Nasenflügel in die inspiratorische Stellung versetzt,
+d. h. gehoben, beim weinenden dagegen durch den depressor alae nasi
+herabgezogen sind.
+
+Wir kehren nach diesen Zwischenbemerkungen zu unserem Hauptthema
+zurück und wenden uns, zunächst ganz ohne Rücksicht auf das bisher
+Behandelte, zu einer psychologischen Entwicklung des Komischen.
+
+[Page 19]
+
+*B. Psychologie des Komischen.*
+
+
+Komisch oder lächerlich nennen wir diejenigen Dinge, Situationen oder
+Aeusserungen, welche in uns den Affect des Lachens erregen. Wenn wir
+zunächst ein allgemeines Urtheil fällen sollen, so werden wir wol
+nicht anstehen, jenen Affect als einen angenehmen zu bezeichnen, und
+wir könnten uns daher leicht zu dem weiteren Schlusse versucht
+fühlen, dass das Komische selbst sich als etwas _durchaus_
+Angenehmes, unserem Gefühl _durchweg_ Zusagendes charakterisiren
+liesse. Dieser Schluss wäre aber ein falscher; denn wenn wir an
+Beispielen dem Inhalt des Komischen nachforschen, so springt uns
+gerade umgekehrt bei Allem was unser Lachen erregt, zunächst eine
+Vorstellung ins Auge, welche etwas _Unangenehmes_, unserem Gefühl
+_nicht Zusagendes_ enthält. Schon Aristoteles hat diese Thatsache
+richtig erkannt und bezeichnet in der Definition des Komischen, die
+er in seinem Buche peri poiêikês [1] mit kurzen Zügen entwirft,
+dasselbe als etwas Fehlerhaftes, Hässliches, Ungereimtes (hamartêma
+ti kai aischos) mit der Einschränkung, dass es nicht schmerzhaft und
+schädlich sein dürfe. (anôdunon ou phthartikon.) Er führt als
+Beispiel ein verzogenes und hässliches Gesicht an, das uns dann
+lächerlich erscheine, wenn wir darin nicht gleichzeitig den Ausdruck
+des Schmerzes bemerken.
+
+In den meisten späteren Definitionen, deren es eine sehr
+
+[1] Becker's Ausgabe. Berlin 1833. Peri poiêikês. -- 5. --
+
+[Page 20]
+
+grosse Zahl giebt [1], finden wir diesen Factor, den Aristoteles mit
+seinem hamartêma ti kai aischos bezeichnet und in welchem er das
+Hässliche in seiner weitesten Bedeutung umfasst, mehr oder weniger
+erschöpfend wiedergegeben, indem von dem Einen mehr das sinnlich
+Hässliche, von dem Andern das sittlich Hässliche, von einem Dritten
+das für den Verstand Ungereimte als eigentlicher Inhalt des
+Lächerlichen besonders betont wird.
+
+So hebt z. B. Kant [2] hervor, dass in Allem, was ein lebhaft
+erschütterndes Lachen erregen solle, etwas Widersinniges sein müsse,
+woran also der Verstand an sich kein Wohlgefallen finden könne;
+alsdann aber fügt er noch einen andern Factor hinzu, den er für den
+eigentlich wesentlichen hält, indem er weiter mit gesperrter Schrift
+fortfährt: „Das Lachen ist ein Affect der plötzlichen Verwandlung
+einer gespannten Erwartung in Nichts".
+
+Bei alledem drängt sich uns nun aber die Frage auf, wie es denn
+zugeht, dass lauter unangenehme Eindrücke, wie das Hässliche,
+Widersinnige, eine getäuschte Erwartung u. dgl. doch schliesslich
+einen angenehmen, heiteren Affect hervorrufen, als welcher uns der
+Affect des Lachens in der That doch erscheint.
+
+Aristoteles hat diese Frage ganz übergangen, Kant dagegen beschäftigt
+sich lebhaft mit ihr. Er gesteht zu, dass diese Verwandlung der
+gespannten Erwartung in Nichts für den Verstand durchaus an sich
+nicht erfreulich sei; da sie nun aber doch indirect auf einen
+Augenblick sehr lehhaft erfreue, so müsse die Ursache in dem
+Einflusse der Vorstellung auf den Körper und dessen Wechselwirkung
+auf das Gemüth bestehen. Er kommt schliesslich [3] nach ausführlicher
+Excursion hierüber zu dem Resultate, dass die angenehme Wirkung des
+Lächerlichen auf der für die Gesundheit heilsamen Motion und
+verdauungsbefördernden Zwerchfellbewegung beim Lachen beruhe; da „das
+Lachen immer Schwingung der Muskeln ist, die zur Verdauung gehören,
+welche diese weit besser befördert, als die
+
+[1] Vergl. M. Schasler, Aesthetik I. Bd. Berlin 1871 der die
+wichtigsten Theorien des Komischen anführt und sehr treffend
+kritisirt.
+[2] Kritik der Urtheilskraft. Sämmtl. Werke. Leipzig 1839. Bd. 7. p.
+198.
+[3] Vergl. auch Kant's Anthropologie § 77.
+
+[Page 21]
+
+Weisheit des Arztes thun würde." -- Kant spricht hier, wie
+ersichtlich, nur von dem körperlichen Genuss, den das _Lachen_
+bereitet und nicht von dem geistig Angenehmen, was im Lächerlichen
+selbst liegt, während doch offenbar das Komische selbst dann einen
+angenehmen Kitzel in uns verursacht, wenn das „lebhaft erschütternde
+Lachen" nicht zum Ausbruche kommt. Es muss also im Lächerlichen
+selbst oder in seiner directen Einwirkung auf unser Gemüth neben dem
+mehr ins Auge fallenden unangenehmen Inhalt noch ein Factor wirksam
+sein, aus dem sich die angenehme Wirkung des Lächerlichen erklärt. In
+der That ist auch von anderen Autoren vielfach der Versuch gemacht,
+diesen Factor neben dem erstgenannten aufzufinden, und zum Belege
+dafür, in welcher Weise dies geschehen und wie weit es gelungen ist,
+lasse ich noch einige Definitionen des Komischen hier in aller Kürze
+folgen, die mir unter den mir bekannt gewordenen, als die
+bedeutendsten erschienen sind.
+
+Ich erwähne zuerst die Theorie des Lächerlichen von Schopenhauer [1].
+Auch er hebt hervor, dass das Lächerliche eine unserem Gefühl
+unangenehme Wahrnehmung enthält, nämlich die von der Incongruenz
+zwischen einem Begriff und dem durch denselben gedachten Gegenstande.
+
+Dass diese wahrgenommene Incongruenz uns aber Freude mache, erklärt
+Schopenhauer in folgender Weise: „Bei jenem plötzlich hervortretenden
+Widerstreit zwischen dem Angeschauten und Gedachten behält das
+Angeschaute allemal unzweifelhaft Recht". -- „Dieser Sieg der
+anschauenden Erkenntnisse erfreut uns, denn das Anschauen ist die
+ursprüngliche, von der thierischen Natur unzertrennliche
+Erkenntnissweise, in der sich Alles, was dem Willen unmittelbares
+Genügen giebt, darstellt: Es ist das Medium der Gegenwart, des
+Genusses und der Fröhlichkeit: auch ist dasselbe mit keiner
+Anstrengung verknüpft. -- Vom Denken gilt das Gegentheil; es ist die
+zweite Potenz des Erkennens, deren Ausübung stets einige oft
+bedeutende Anstrengung erfordert und deren Begriffe es sind, welche
+sich oft der Befriedigung unserer unmittelbaren Wünsche entgegen-
+
+[1] Die Welt als Wille und Vorstellung. Leipzig 1859. (3. Aufl.) Band
+I. p. 70 ff. u. Bd. II. p. 99 ff.
+
+[Page 22]
+
+stellen, indem sie als Medium der Vergangenheit, der Zukunft und des
+Ernstes, den Vehikel unserer Befürchtungen, unserer Reue und aller
+unserer Schmerzen abgeben. Diese strenge, unermüdliche, überlästige
+Hofmeisterin Vernunft jetzt einmal der Unzulänglichkeit überführt zu
+sehen, muss uns daher ergötzlich sein." So viel Richtiges die
+Definition von Schopenhauer auch enthält, so kann ich doch seiner
+Erklärung von der angenehmen Wirkung des Lächerlichen nicht
+beitreten. Vor allen Dingen ist jene Bestimmung zu weit umfassend, da
+nach ihr _jeder_ Irrthum lächerlich sein müsste, in welchem die
+Anschauung uns belehrt, dass wir etwas Fehlerhaftes gedacht haben;
+während doch, wie wir später sehen werden, nur unter gewissen
+Bedingungen (nämlich bei Hinzukommen eines angenehmen Factors, der in
+dem lächerlichen Dinge selbst liegt) ein solcher Irrthum lächerlich
+wird.
+
+Ganz im Gegensatz zu Schopenhauer stellt Lazarus [1], der an
+verschiedenen Stellen seiner geistvollen Arbeit über den Humor sich
+über das Komische ausspricht, den Sieg des in uns vorhandenen
+Positiven, Vernünftigen, Idealen über das gegebene Negative als den
+angenehm wirkenden Factor im Komischen dar, indem er Letzteres
+überhaupt dadurch entstehen lässt, dass wir das Mangelhafte sehen, wo
+wir das Vollkommene erwarten; während der von Schopenhauer dem
+Lächerlichen vindicirte Sieg der gegebenen negativen Vorstellung über
+das in uns vorhandene Positive nach Lazarus den Affect des Weinens
+hervorruft. Weiter fasst L. das Komische als eine der drei möglichen
+Seiten des Contrastes auf, indem er ihm seine Stellung zwischen dem
+tragischen und humoristischen Contrast anweist. Der Contrast aber ist
+nach ihm ein solcher Gegensatz, bei welchem die Glieder desselben
+zugleich einen Punkt oder eine Seite der Vereinigung haben, indem die
+dabei wirkenden Vorstellungen einmal wegen ihrer Gleichheit zu einem
+einzigen Denkact verschmelzen, während sie nach anderer Richtung hin
+wieder ganz und gar geschieden sind. Die Möglichkeit und die
+Unmöglichheit der Verschmelzung tritt zu gleicher Zeit ein,
+
+[1] Das Leben der Seele. Berlin 1856. I. p 179 ff. Der Humor als
+psychologisches Phänomen.
+
+[Page 23]
+
+daraus entsteht ein Widerstreit nicht blos in den Vorstellungen,
+sondern auch im Zustande der Seele, und diesen nennen wir Affect --
+und zwar entsteht der Affect des Lachens durch den Widerstreit
+zwischen Schein und Sein. -- Wir werden auf diese z. Th. sehr
+treffende Definition später bei Gelegenheit des Witzes noch einmal
+zurückkommen.
+
+Gingen die bisher mitgetheilten Definitionen alle mehr oder weniger
+entschieden vom psychologischen Standpunkte aus, so muss ich jetzt
+eine andere Auffassungsweise der uns beschäftigenden Frage erwähnen,
+nämlich die metaphysisch-ästhetische, als deren eigentlicher
+Begründer Jean Paul [1] anzusehen ist. Auch von diesem Standpunkte
+aus lässt sich das Vorhandensein zweier Factoren im Komischen
+nachweisen, von denen der eine etwas Unangenehmes, der andere etwas
+Angenehmes enthält. Jean Paul, der übrigens selbst zum Theil die
+psychologische Betrachtungsweise noch festhält, bringt in seiner
+Vorschule zur Aesthetik viele geistreiche Bemerkungen und Aperçus
+über unseren Gegenstand vor, doch ermangelt seine Darstellung der
+wissenschaftlichen Schärfe und Uebersichtlichkeit. Er findet u. A.
+das Wesen des Komischen in einem sinnlich angeschauten unendlichen
+Unverstand, wobei wir demselben unsere Einsicht und Ansicht leihen;
+dadurch aber, dass J. P. das Komische zuerst als das umgekehrt
+Erhabene bezeichnet, legte er den Grund zu jener metaphysisch-
+ästhetischen Auffassungsweise, die durch Schelling, Hegel, Ruge,
+Weisse, u. A. weiter gefördert wurde. Am Eingehendsten behandelt von
+diesem Standpunkt aus Fr. Th. Vischer (Tübingen) [2] unser Thema und
+liefert eine Fülle wohlgeordneten, schätzbaren Materials. Nach ihm
+bildet das Erhabene im Komischen den einen Factor, dem ein zweiter
+Factor entgegensteht, der das Erhabene zu Fall bringt. Aus dem kurzen
+Abschnitte über den „Subjectiven Eindruck des Erhabenen und
+Komischen" entnehmen wir aber, dass das Erhabene als Unlust auf die
+Seele des Anschauenden eindringt, während durch die plötzliche
+Aufhebung des Erhabenen die
+
+[1] Sämmtliche Werke, Berlin 1841. 18. Bd. §. 26 ff.
+[2] Ueber das Erhabene und Komische. Stuttgart 1837, und Aesthetik
+Reutlingen und Leipzig 1846. I. Th. p. 334. ff.
+
+[Page 24]
+
+Unlust in Lust verwandelt wird. Beide Factoren, welche Vischer sehr
+ausführlich einzeln bespricht, bilden durch ihren plötzlichen
+Zusammenstoss das Komische, das je nach der Form des Erhabenen, das
+sich in ihm bricht, verschiedene Arten zeigt.
+
+In allen mitgetheilten Definitionen sehen wir also mehr oder weniger
+bestimmt jene beiden Factoren hervorgehoben, von denen der eine
+Unlust verursacht, während wir dem zweiten Factor, über den sich die
+Autoren hauptsächlich in Differenz befinden, die Erzeugung eines
+angenehmen Gefühls zuschreiben müssen. Diese beiden Factoren hat man
+aber bisher nicht als gleichwerthige aufgefasst; denn während man das
+unangenehme Gefühl ans der Einwirkung erklärt, die der im Komischen
+vorhandene Inhalt auf unsere Seele ausübt, suchte man das angenehme
+Gefühl aus einem von jenem Inhalt zum grössten Theil unabhängigen
+psychischen Processe herzuleiten, so Schopenhauer aus dem Siege des
+Anschauens über das Denken, Lazarus aus dem Siege des in uns
+vorhandenen Positiven über das gegebene Negative, Vischer endlich aus
+der Aufhebung des unangenehmen Gefühls. -- Nur eine, zuerst von
+Hobbes ausgesprochene und seitdem vielfach verwerthete (und wohl
+indirect auch in der Definition von Lazarus enthaltene) Erklärung,
+welche den Grund der Lust beim Lächerlichen in dem Gefühl unserer
+Ueberlegenheit über die Schwachheit des Belachten sucht, macht davon
+eine Ausnahme, indem sie die Lust aus gleicher Quelle herleitet, wie
+die Unlust. Denn während die Schwachheit, Dummheit etc. des Andern
+einerseits unser Gefühl beleidigt, ruft sie andererseits dadurch,
+dass sie uns unsere Ueberlegenheit zum Bewusstsein bringt, ein
+angenehmes Gefühl hervor. Doch gilt diese Erklärung, so richtig nach
+meiner Anschauung der Weg ist, den sie einschlägt, nur für eine ganz
+beschränkte Form des Lächerlichen. Eine allgemeine Ausdehnung auf das
+ganze Gebiet des Komischen hat nur im negativen Sinne Geltung,
+insofern eine Verletzung und Erniedrigung unseres Selbstgefühls
+selbst durch die Harmonie mit den höchsten Ideen nur sehr selten
+aufgewogen wird und dieselbe daher für den komischen Contrast in der
+Regel untauglich ist. Es giebt ausser der hier erwähnten noch viele
+andere auf demselben Grunde
+
+[Page 25]
+
+entspringende Quellen der Lust beim Komischen und es soll in der
+folgenden Untersuchung unsere Aufgabe sein, dieselben aufzufinden.
+Wir wollen nachweisen, dass die Quellen, aus denen das angenehme
+Gefühl beim Komischen entspringt, ebenso zahlreich sind, wie die
+Quellen des unangenehmen Gefühls, und dass beide Gefühle aus der
+Einwirkung der im Komischen enthaltenen Vorstellungen auf unsere
+Seele hervorgehen.
+
+Ehe wir aber zur Lösung dieser Aufgabe schreiten, ist es nöthig, dass
+wir uns über die wichtigsten dem Ganzen zu Grunde liegenden
+psychologischen Fragen verständigen und uns namentlich darüber
+einigen, was wir unter Gefühlen verstehen wollen, und welche Quellen
+wir für dieselben annehmen [1]. Es ist eine genaue Verständigung
+hierüber um so unerlässlicher, als mit dem Worte _Gefühl_ die
+heterogensten Begriffe bezeichnet werden und namentlich die in der
+gewöhnlichen Umgangssprache herrschende Gleichbedeutung der Worte
+_Empfindung_ und _Gefühl_ zum Theil auch in die Wissenschaft
+eingedrungen ist, und hier die grösste Verwirrung angerichtet hat.
+
+Nahlowsky, der sich um die Klärung dieser Begriffe das grösste
+Verdienst erworben hat, giebt eine ganze Sammlung von Citaten, welche
+beweisen, dass selbst Psychologen von Bedeutung die scharfe Trennung
+zwischen Gefühl und Empfindung ausser Acht lassend in unlösbare
+Widersprüche und auf Abwege gerathen sind.
+
+Wir nennen mit Nahlowsky alle jene Zustände, die auf der blossen
+Perception organischer Reize beruhen (d. h. alle solche, die entweder
+durch sensorielle oder sensitive Nerven vermittelt sind)
+*Empfindungen;* alle jene Zustände dagegen, die keineswegs
+_unmittelbares_ Product von Nervenreizen, sondern vielmehr _Resultat
+gleichzeitig im Bewusstsein zusammentreffender Vorstellungen_ sind,
+*Gefühle* und zwar beruhen dieselben _auf dem unmittelbaren
+Innewerden der Hemmung oder Förderung unter den eben im Bewusstsein
+vorhandenen Vorstellungen_. Die Hemmung erzeugt
+
+[1] Waitz, Lehrbuch der Psychologie Braunschweig 1849. _Nahlowsky das
+Gefühlsleben_. Leipzig 1862. Lazarus l. c. I. p. 238.
+
+[Page 26]
+
+das Gefühl der Unlust, die Förderung das Gefühl der Lust und zwischen
+diesen beiden Polen bewegen sich alle Gefühle, die den Menschen
+jemals beherrschen können.
+
+Die Empfindungen theilen sich in die Aussen- oder Sinnesempfindungen
+und die Innen- oder Körperempfindungen. Unter letzteren sind
+namentlich die sogenannten Gemeingefühle oder richtiger
+Gemein_empfindungen_ für uns wichtig, weil sie, wie schon der (auch
+in der Wissenschaft) geläufige Name sagt, fälschlich zu den Gefühlen
+gerechnet werden. Es gehören hierher z. B. die Empfindungen
+körperlicher Frische oder Mattigkeit, des gehobenen leiblichen Lebens
+oder der Abgeschlagenheit, der physischen Gesundheit oder Krankheit
+und dgl.
+
+Während die Empfindungen ursprüngliche Zustände sind, sind die
+Gefühle abgeleitete; während erstere die Elemente darstellen, aus
+denen die Vorstellungen sich bilden, gehen die Gefühle erst aus den
+Vorstellungen hervor. Dadurch stehen aber die Gefühle mit den
+Empfindungen in indirecter Verbindung und gerade diese Abhängigkeit
+der einen von den andern hat zu der verwirrenden Vermischung beider
+Zustände geführt. Die Empfindungen erzeugen Gefühle stets durch
+Vermittlung von Vorstellungen, die uns nur mehr oder minder klar zum
+Bewusstsein kommen. Meistens werden die Vorstellungen in Folge einer
+zwischen bestimmten Empfindungen und bestimmten Vorstellungen früher
+zufällig eingegangenen Verbindung geweckt. Wenn wir beim Anblick
+eines Kirchhofs in traurige Stimmung gerathen, so geschieht das in
+Folge der damit verknüpften Vorstellung vom Tode überhaupt oder
+vielleicht vom Tode einer geliebten Person etc. Wenn uns ein heller
+Sommertag heiter stimmt, so wirken dabei, wenn auch zum Theil
+unbewusst, Vorstellungen mit, die sich auf genossene Sommerfreuden im
+Freien beziehen, andrerseits aber spielt dabei auch das grössere
+körperliche Wohlsein eine Rolle. Dasselbe führt nämlich durch
+leichteres von Stattengehen der Ernährungsvorgänge auch im Gehirn zu
+einer schnelleren Verknüpfung der Vorstellungen überhaupt, welche wie
+wir gleich sehen werden eine Quelle der angenehmen Gefühle ist. Die
+körperliche Schmerzempfindung, namentlich ein dauernder Schmerz oder
+ein körperliches Unbehagen bewirkt ein Stocken des Vor-
+
+[Page 27]
+
+stellungsverlaufes welches unangenehme Gefühle erregt. Immer also
+bilden die Vorstellungen das Mittelglied zwischen Empfindung und
+Gefühl. Die weiterfolgenden Auseinandersetzungen werden diesen Satz
+noch näher beweisen helfen.
+
+Wir haben uns hier zunächst ganz im Allgemeinen mit den Gefühlen der
+Lust und Unlust zu beschäftigen, und wollen vor Allem ihre Quellen
+noch näher erforschen. Wir führten schon oben die Definition von
+Nahlowsky (und Waitz) an, welche das angenehme Gefühl aus einer
+Förderung, das unangenehme aus einer Hemmung der gerade im
+Bewusstsein vorhandenen Vorstellungen erklärt. Es soll unsere Aufgabe
+sein, die Begriffe der Förderung und Hemmung noch näher zu
+specialisiren, indem wir dabei genetisch verfahren, d. h. die Gefühle
+beim Eintritt einer (sei es durch Wahrnehmung uns neu zugeführten,
+sei es durch Reproduction über die Schwelle des Bewusstseins
+gebrachten) Vorstellung zu erforschen suchen.
+
+Die Art und Weise, wie die neue Vorstellung sich zu dem schon
+vorhandenen Vorstellungscamplex, der unser geistiges Ich bildet,
+verhält, wird dabei maassgebend sein. -- Die leichtere oder schwerere
+Einverleibung in denselben (Assimilation) bestimmt die Qualität des
+dabei entstehenden Gefühls. Es lässt sich in Bezug hierauf folgender
+Satz aufstellen, der seinen ausgiebigen Beweis in der ganzen
+folgenden Arbeit finden wird:
+
+_Ein angenehmes Gefühl entsteht dadurch, dass eine neue Vorstellung
+schnell und ungestört mit einer andern eben im Bewusstsein
+vorhandenen oder einer aus dem gesammten Vorstellungscomplex durch
+jene geweckten Vorstellung in Verbindung tritt, und auf diese Weise
+leicht assimilirt wird; während ein unangenehmes Gefühl dadurch
+entsteht, dass die Assimilation durch irgend welche Umstände eine
+Verzögerung erleidet._
+
+Um diesen Fundamentalsatz zu beweisen, müssen wir zunächst die
+Gesetze, nach denen die Assimilation der Vorstellungen vor sich geht,
+kurz erörtern.
+
+Diese Assimilation, von der wir zu reden haben, ist also derjenige
+psychische Vorgang, durch welchen eine neu auftretende
+
+[Page 28]
+
+Vorstellung sich mit den schon vorhandenen in bestimmte Beziehungen
+setzt, mit denselben die mannigfachsten Verbindungen eingeht und
+dadurch unser geistiges Eigenthum, ein integrirender Bestandtheil
+unseres geistigen Ich's wird. -- Die Gesetze, nach denen diese
+Assimilation vor sich geht, lassen sich am leichtesten aus der
+Beobachtung der Reproduction der Vorstellungen herleiten, indem wir,
+wie eine kurze Ueberlegung zeigt, die Verbindungen, welche eine
+Vorstellung bei ihrer Assimilation eingegangen ist, am besten
+nachträglich daraus ersehen können, in welchem Zusammenhange mit
+anderen Vorstellungen wir sie am leichtesten reproduciren können. Es
+ist demnach leicht einzusehen, dass die Gesetze der sogenannten
+Ideenassociation ihren eigentlichen Grund in den Vorgängen der
+Assimilation zu suchen haben, indem Vorstellungen, die bei ihrer
+Aufnahme in irgend einer Weise mit einander in Verbindung standen,
+auch für die Folge derart verbunden bleiben, dass sie sich
+gegenseitig leicht „wecken". Zunächst werden zwei Wahrnehmungen, die
+wir einmal oder öfter in enger Verbindung neben einander oder
+zeitlich nach einander gemacht haben, auch in ihren zurückbleibenden
+Vorstellungsbildern diesen Zusammenhang behalten und es ergiebt sich
+daraus das Gesetz der _Coexistenz_ und das der _Succession_. Die
+beiden, nach einem dieser Gesetze verbundenen Vorstellungen, werden
+sehr leicht und daher auch mit einer gewissen Befriedigung eine die
+andere wecken, so dass, wenn uns eine dieser Vorstellungen etwa durch
+die Wahrnehmung dargeboten wird, ihr schnell die andere
+gewissermaassen entgegenkommt und auf diese Weise, indem sie die
+erstere an sich zieht, deren Verbindung mit dem gesammten
+Vorstellungscomplex, d. h. die _Assimilation_ erleichtert. Ebenso
+dient die _Aehnlichkeit_ zweier Vorstellungen in einzelnen
+wesentlichen oder durch besondere Umstände auffällig gemachten
+Eigenschaften dazu, diese Vorstellungen in dauernder Verbindung zu
+erhalten und es ergiebt sich daraus einerseits als _dritte Norm der
+Ideenassociation die der Aehnlichkeit_, andererseits erklärt sich aus
+dem Gesagten die Thatsache, dass eine Vorstellung um so leichter und
+schneller assimilirt werden kann, je schneller sie ähnliche
+Vorstellungen zu wecken vermag.
+
+[Page 29]
+
+Das Herausfinden der Aehnlichkeit ist natürlich von einem Urtheil
+abhängig. Je mehr nun aber der Geist sich ausbildet, um so mehr
+unterliegt die Aufnahme neuer Vorstellungen auch nach anderen
+Richtungen hin einer Beurtheilung, von deren Ausfall dann vornehmlich
+die schnellere oder verzögerte Assimilation abhängig ist. Und zwar
+stützt sich dieses Urtheil auf gewisse gleichsam abgeschlossene
+Ideenkreise, die in uns bei wachsender Geistesreife und
+Charakterentwicklung immer umfassender sich herausbilden, immer
+bestimmter als ideale Urtheilsmaximen zur Geltung kommen und immer
+maassgebender werden. Es sind dies die _logischen und praktischen
+Normen_, sowie die _ethischen, ästhetischen und religiösen Ideen_,
+welche drei letzteren wir auch unter der Bezeichnung der _ideellen
+Normen_ zusammenfassen können, indem wir darunter die Ideen von
+Wahrheit, Gerechtigkeit, Güte, Freiheit Sittlichkeit, Schönheit u.
+dgl., sowie die Gott-Idee und alles darauf Bezügliche verstehen,
+während die logischen und praktischen Normen in den logischen
+Begriffen, Urtheilen und Schlüssen, sowie in den Ideen von
+Zweckmässigkeit, Nützlichkeit etc. ihren Ausdruck finden.
+
+_Steht eine Vorstellung oder ein Vorstellungscomplex mit den
+logischen und praktischen oder ideellen Normen im Widerspruch, so ist
+dadurch die Assimilation erschwert und es entsteht ein unangenehmes
+Gefühl; während die Uebereinstimmung mit jenen Normen eine leichte
+ungehinderte Assimilation und somit ein angenehmes Gefühl bewirkt._
+
+Die logischen, praktischen und ideellen Normen zeigen freilich je
+nach der Individualität und Bildung des Einzelnen, sowie der Cultur
+des Volkes, dem das Individuum angehört, in ihrer Zahl und namentlich
+in ihrem qualitativen Inhalt und ihrer Entwickelungshöhe sehr
+bedeutende Verschiedenheiten und von der grösseren oder geringeren
+Ausbildung dieser Normen hängt es mit ab, ob ein Vorstellungscomplex,
+der mit denselben in Conflict tritt, uns mehr oder minder unangenehm
+berührt, oder wie gross im umgekehrten Fall das angenehme Gefühl ist,
+das aus der Uebereinstimmung einer gegebenen Vorstellung mit einer
+jener Normen entsteht. Im grossen Ganzen
+
+[Page 30]
+
+wiegen bei der Mehrzahl der Menschen die praktischen Normen bei
+Weitem vor und indem dieselben in ihrer niedrigsten Entwicklungsstufe
+nur auf die Person des Empfindenden selbst bezogen werden,
+concentriren sie sich im Egoismus, der deshalb bei Ungebildeten fast
+ausschliesslich den Maassstab für die Qualität der Gefühle abgiebt.
+-- Nur das, was den praktischen Ideen in diesem Sinne entspricht, ist
+für den wenig Gebildeten eine Quelle angenehmer, nur das, was ihnen
+zuwiderläuft, der Ursprung unangenehmer Gefühle.
+
+Je höher die Bildung, die wirkliche Herzensbildung, um so mehr treten
+die sittlichen und religiösen und weiterhin die ästhetischen Ideen,
+sowie gleichzeitig die logischen Normen in den Vordergrund und
+spielen bei der Erregung von Gefühlen eine wesentliche Rolle. Während
+daher der Ungebildete sich an dem Leiden Anderer weiden und ergötzen
+kann, in der Freude über die Verschonung seiner eigenen Person, wird
+der Gebildete dabei mit innerem Weh erfüllt, weil die Vorstellung von
+dem Leiden überhaupt mit seinen mehr ausgebildeten ethischen und
+ästhetischen Ideen in lebhaften Widerspruch tritt. -- Während der
+Eine, von materiellem Egoismus befangen, geduldig in schmachvoller
+Unterdrückung und Knechtschaft lebt, so lange nur sein Leib und Gut
+nicht gefährdet ist, wird der Andere Feinfühlige von Grimm erfüllt,
+trotz äusserlich glänzender Lage, bei blossen Vorstellungen, die mit
+seiner Freiheits- oder Rechtsidee in Gegensatz treten.
+
+In den bisher betrachteten Fällen von Aufnahme neuer Vorstellungen
+war gewissermaassen vorausgesetzt, dass dieselben ein momentan nicht
+in lebhafter Thätigkeit begriffenes Vorstellungsleben antreffen, und
+nach den angedeuteten Gesetzen die Vorstellungen, mit denen sie in
+Harmonie oder Contrast treten, erst selbst bestimmen, dieselben erst
+wecken. Etwas anders gestalten sich nun aber die Verhältnisse, wenn
+zur Zeit, wo eine neue Vorstellung in uns erzeugt wird, eine andere
+Vorstellung resp. ein Vorstellungskreis das Bewusstsein beherrscht,
+uns momentan sehr lebhaft beschäftigt. In diesem Fall wird die
+Assimilationsfähigkeit der neuen Vorstellung fast allein davon
+bestimmt, ob dieselbe mit jener momentan herrschenden
+Vorstellungsreihe übereinstimmt oder nicht, sich
+
+[Page 31]
+
+also gerade mit dieser in leichte oder schwere Association setzt. --
+Nach dem Satz von der Enge des Bewusstseins kann nämlich in einem
+bestimmten Augenblicke nur eine Vorstellung unser Denken ganz
+ausfüllen. Tritt uns eine neue Vorstellung entgegen, so muss sie erst
+die augenblicklich im Bewusstsein vorhandene verdrängen, sofern sie
+nicht mit ihr in _eine_ Vorstellungsthätigkeit verschmelzen kann. --
+Dies Verdrängen aber, bei vorhandener Disharmonie zwischen den beiden
+Vorstellungen wird unter allen Umständen, selbst wenn die neue
+Vorstellung etwa mit den logischen oder ideellen Normen harmonirend
+uns an sich durchaus angenehm berühren würde, eine Verzögerung der
+Assimilation veranlassen und daher zunächst ein unangenehmes Gefühl
+hervorrufen, das später freilich, wenn die neue Vorstellung sich nach
+Ueberwindung dieser Schwierigkeiten mit dem gesammten
+Vorstellungscomplex in die richtigen Beziehungen gesetzt hat, unter
+Umständen in ein angenehmes Gefühl übergehen kann. -- Im umgekehrten
+Fall dagegen, wenn die beiden Vorstellungen oder Vorstellungsreihen
+leicht mit einander in Verbindung treten, und in einen Denkact
+verschmelzen können, wird die Assimilation sehr wesentlich gefördert,
+da einer ihrer Acte, „das Wecken" der ähnlichen Vorstellung, in
+Wegfall kommt. Die Beziehungen zwischen beiden Vorstellungen brauchen
+daher in diesem Fall, um schon ein angenehmes Gefühl hervorzurufen,
+nur entfernte zu sein, und sich z. B. nur auf ganz äussere
+Aehnlichkeit wie Gleichklang der Worte u. dgl. zu beschränken, _wo
+sonst die mit der Association verbundene Gefühlserregung zu schwach
+zu sein pflegt, um überhaupt noch empfunden zu werden_.
+
+Wir erklären hieraus z. B. den angenehmen Einfluss, den der Reim auf
+unser Gefühl ausübt. Es werden uns bei demselben in den beiden
+gereimten Versen zwei Vorstellungsreihen geboten, deren Association
+mit einander durch den Gleichklang der letzten Worte ganz erheblich
+erleichtert wird und daher ein angenehmes Gefühl hervorruft. Es ist
+ja eine bekannte Thatsache, dass gereimte Verse sich leichter
+behalten das heisst eben doch leichter assimilirt und reproducirt
+werden) als Prosa. Ja schon das blosse Metrum reicht hiezu aus, indem
+die _Aehn_-
+
+[Page 32]
+
+_lichkeit_ des Sylbenfalls die Assimilation erleichtert. In gleicher
+Weise wirkt auch die Uebereinstimmung zweier Vorstellungen nach den
+Gesetzen der Coexistenz oder Succession, die allein für sich selten
+ein starkes Gefühl zu produciren vermögen, sehr entschieden angenehm.
+Zwei Worte, die wir oft hinter einander gehört haben, hören wir für
+die Folge auch gern zusammen. Es verursacht für den nach dem
+Lutherschen Katechismus Unterrichteten ein gar nicht wegzuleugnendes
+angenehmes Gefühl, wenn er die Worte: Augen, Ohren; Vernunft und alle
+Sinne; Kleider und Schuhe; Essen und Trinken; Haus und Hof; Weib und
+Kind etc. nach alter Katechismusreminiscenz zusammenstellt. --
+Doppelt angenehm wirken die noch dazu durch Alliteration einander
+_ähnlichen_ Wortverbindungen, wie: Mann und Maus, Kind und Kegel,
+Stock und Stein (auch Haus und Hof gehört hierher), -- die ja auch
+das Volk mit einer gewissen Vorliebe gebraucht. Noch lebhafter als
+die angenehmen Gefühle bei Uebereinstimmung der neuen
+Vorstellungsreihe mit der schon vorhandenen resp. kurz vorher
+gegebenen, können unter Umständen die unangenehmen Gefühle bei
+mangelnder Harmonie sein. Es gehört hierher namentlich das
+unangenehme Gefühl getäuschter Erwartung, bei der eine neue
+Vorstellung eine kurz vorher angeregte Vorstellungsrichtung plötzlich
+unterbricht. Es ist in diesen Fällen die Assimilation der neuen
+Vorstellung unendlich erschwert, selbst dann, wenn diese eine
+angenehme ist. Denken wir, es wird uns ein Besuch angemeldet, der uns
+übrigens ziemlich gleichgültig lässt, oder gar unangenehm berührt,
+auf dessen Eintreten wir aber mit einer gewissen Spannung warten;
+statt der angemeldeten Person tritt jedoch ein anderer uns äusserst
+lieber Besuch ins Zimmer. Trotz der angenehmeren Situation wird doch
+im ersten Augenblick die Empfindung eine peinliche sein -- um
+freilich bei dem Einen schneller, bei dem Andern langsamer dem
+ungemischten Gefühl der Freude Platz zu machen. Man sagt von
+Menschen, bei denen die Assimilationsfähigkeit selbst conträrer
+Vorstellungen eine grosse ist, sie können „sich schnell fassen".
+
+Stellen wir jetzt noch einmal die Ursachen der angenehmen und
+unangenehmen Gefühle zusammen, die, wie eben erörtert,
+
+[Page 33]
+
+aus der geförderten, respective gehemmten Association und
+Assimilation hervorgehen, so erkennen wir:
+
+A. _Als Quelle angenehmer Gefühle_
+
+1) die Harmonie einer Vorstellung mit einer erst zu weckenden nach
+den Normen der Gleichzeitigkeit, Reihenfolge und Aehnlichkeit; 2) die
+Coincedenz mit den logischen, praktischen und ideellen Normen; 3) die
+Uebereinstimmung mit der momentan das Bewusstsein beherrschenden
+Vorstellungsreihe.
+
+B. _Als Quelle unangenehmer Gefühle_
+
+die Disharmonie in den genannten drei Punkten. --
+
+Versuchen wir jetzt, die hier gewonnenen psychologischen Resultate
+zur Theorie des Lächerlichen zu verwerthen. Wir hatten oben für
+unsere Untersuchung das Ziel gesteckt, den Nachweis zu liefern, dass
+die im komischen Object enthaltenen Vorstellungen durch ihre
+Einwirkung auf unsere Seele sowohl die angenehmen wie unangenehmen
+Gefühle hervorrufen, welche zusammengenommen das Wesen des Komischen
+ausmachen. Wir haben nun gesehen, was wir unter Lust und Unlust
+verstehen und wie diese Gefühle zu Stande kommen und wollen jetzt
+zunächst die Probe zu machen suchen, ob wir wirklich im Komischen
+jene beiden Factoren in obigem Sinne nachweisen können. Sehen wir uns
+nach Beispielen um, so finden wir zunächst, dass man das Komische in
+eine grössere oder beschränktere Zahl von Hauptgruppen eingetheilt
+hat. Schopenhauer kennt nur zwei Hauptformen des Lächerlichen,
+nämlich: die sog. Narrheit und den Witz. Vischer dagegen
+unterscheidet das objectiv Komische oder die Posse, das subjectiv
+Komische oder den Witz, das absolut Komische oder den Humor. In Bezug
+auf die ersten beiden Formen stimmt er mit Schopenhauer überein. In
+Rücksicht auf die letzte Form bemerke ich dass nach Lazarus, dem ich
+mich vollkommen anschliesse, der Humor sich dem Komischen nicht
+unterordnet, sondern eine Stelle neben demselben einnimmt, wie wir
+später sehen werden.
+
+[Page 34]
+
+Wir behalten demnach als die bisher gebräuchlichsten und
+anerkennenswerthen Formen nur die Narrheit (oder Posse) und den Witz
+übrig. Aus diesen beiden Formen wollen wir nun Beispiele wählen, und
+an diesen zunächst unsere obige Behauptung vorläufig zu erweisen
+suchen. Es wird dann eine Eintheilung des Komischen folgen, in der
+unsere Theorie des Lächerlichen durch weitere Beispiele noch näher
+erläutert werden soll.
+
+In der Form des Komischen, welche Vischer das objectiv Komische
+nennt, erwähnt er als Beispiele niedrigsten Grades zunächst die in
+der Posse am häufigsten als Gegenstand des Gelächters dienenden
+Körpergebrechen. Das Volk lacht da über einen Höcker, einen dicken
+Bauch oder über tölpelhafte Ungeschicklichkeit u. dergl. Auf dieses
+Lachen findet die schon oben erwähnte Hobbes'sche Erklärung ihre
+Anwendung. Uebertragen wir dieselbe in unsere psychologische Form, so
+finden wir den Grund dieses Lächerlichen in Folgendem: Die durch den
+Anblick eines Buckligen u. dergl. entstandene Vorstellung seiner
+Hässlichkeit tritt mit unseren ästhetischen Ideen in Gegensatz und
+erzeugt ein unangenehmes Gefühl. Andererseits aber wird dadurch, dass
+sich _dieselbe Vorstellung_ mit der auf unser eigenes Selbst
+bezüglichen niedrigsten Entwickelungsstufe der ethischen und
+praktischen Normen in Beziehung setzt und mit diesen übereinstimmt,
+das angenehme Gefühl der Verschonung der eigenen Person, des
+„Sichbesserdünkens" erregt. --
+
+Also Unlust und Lust gehen beide aus den verschiedenen Beziehungen
+hervor, in welche diese _eine_ Vorstellung des Hässlichen einerseits
+zu unseren ästhetischen Ideen, andererseits zu unseren mangelhaft
+entwickelten ethischen und praktischen Normen tritt. -- Keineswegs
+aber spielt, wie wir schon sagten, das Gefühl der Ueberlegenheit bei
+allen Arten des Komischen dieselbe Rolle; Ja, wir können sogar über
+die nämlichen eben angeführten Körpergebrechen und Schönheitsfehler
+in ganz anderm Sinne lachen, indem das angenehme Gefühl sich aus
+einer von der vorigen vollständig verschiedenen Quelle herleitet. --
+Wenn wir als gebildete Menschen den dicken Hans Fallstuff, ganz
+abgesehen von seinem trefflichen Witz und Humor, bloss seiner
+
+[Page 35]
+
+unförmigen Erscheinung wegen belachen, so spielt gewiss das Gefühl
+unserer Ueberlegenheit dabei nur eine verschwindend kleine Rolle;
+dagegen tritt hier zur Erzeugung des angenehmen Gefühls ein ganz
+anderes Moment in Wirksamkeit. Ausser der Vorstellung der
+Hässlichkeit wird uns nämlich durch die Erscheinung unseres Helden
+die durch sein Reden und Thun bestätigte Vorstellung von seiner
+maasslosen Schlemmerei und Völlerei aufgedrungen. Diese seine
+Untugenden beleidigen ebenfalls unser Gefühl, andererseits treten nun
+diese beiden Vorstellungen, d. h. die von seiner unnatürlichen und
+ihm selbst höchst lästigen Körperfülle und die von seiner Völlerei in
+eine leichte Verbindung, indem der zwischen beiden sich herstellende
+ursächliche Zusammenhang unserer Gerechtigkeitsidee entspricht. Wir
+sehen seine Dicke als die gerechte Strafe für seine Unmässigkeit an,
+daraus aber erzeugt sich ein angenehmes Gefühl. --
+
+Spielt in den eben angeführten Beispielen zur Erzeugung der Gefühle
+die Harmonie resp. Disharmonie mit den ideellen Normen eine Rolle, so
+sehen wir im folgenden Beispiele die Normen der Ideenassociation sich
+betheiligen. Bei den uns lächerlich erscheinenden Anachronismen, wo
+wir z. B. auf einem Bilde Kanonen vor Troja erblicken, entsteht das
+unangenehme Gefühl durch die nach der Norm der Gleichzeitigkeit uns
+unmöglich gemachte Vereinigung der beiden uns dargebotenen
+Vorstellungen (Troja und Kanonen). Das angenehme Gefühl dagegen geht
+wieder aus der Beziehung jener Vorstellungen zu unserem Selbstgefühl
+hervor. Unser Besserwissen Macht uns Freude. --
+
+Wir haben also durch die bisherigen Beispiele vorläufig bestätigt
+gefunden, dass im Komischen, wenigstens in der ersten Form desselben
+(der sog. Narrheit oder Posse), ein Inhalt steckt, der nach dem oben
+ausführlich abgeleiteten Gesetz einerseits ein angenehmes,
+andererseits ein unangenehmes Gefühl verursacht. Dass auch in allen
+nur denkbaren Beispielen des Komischen dasselbe Gesetz sich
+bestätigt, werden wir bald sehen, wenn wir die einzelnen Formen
+ableiten. Wir haben jetzt weiter nachzuweisen, dass auch für den Witz
+das oben Gesagte Geltung hat. Ich bringe zuerst ein Beispiel von der
+
+[Page 36]
+
+einfachsten und ursprünglichsten Art der Witze, nämlich von den
+Klangwitzen, wie sie in den sogenannten Frageräthseln der Kinder
+gebräuchlich sind: Welche Tracht kleidet am besten? -- die Eintracht.
+-- Welche Ringe sind nicht rund? -- die Häringe etc. -- In Frage und
+Antwort sind die beiden dargebotenen Vorstellungen enthalten.
+Dieselben lassen sich in Bezug auf die logischen Normen nicht mit
+einander vereinigen: Tracht und Eintracht -- Ring und Häring haben
+rücksichtlich ihrer Bedeutung nicht das Geringste mit einander zu
+schaffen, und durch den erzwungenen Zusammenhang, in den sie gebracht
+sind, entsteht ein unangenehmes Gefühl. Andererseits aber gehen diese
+Worte vermöge ihrer Klangähnlichkeit (also nach der 3. Norm der
+Ideenassociation) doch leicht eine Verbindung mit einander ein und
+erregen dadurch ein Lustgefühl. Als 2. Beispiel führe ich einen guten
+Witz von Kant an, der einmal in einer Damengesellschaft die
+scherzhafte Behauptung aufstellte, dass Frauen nicht in den Himmel
+kämen, denn in der Offenbarung Johannis stehe geschrieben, es sei im
+Himmel eine Stille von einer halben Stunde gewesen; eine solche
+Stille aber sei, wo Frauen anwesend sich befinden, nicht möglich.
+
+Wir haben hier 2 Vorstellungsreihen (die Bibelstelle und den daraus
+gezogenen Schluss), die sich nach den logischen Normen nicht mit
+einander vereinigen lassen, denn jene Schriftstelle steht mit Kant's
+Behauptung eigentlich in gar keinem Zusammenhang. Andererseits aber
+ist durch die geschickte Auslegung in Rücksicht auf unsere
+Wahrheitsidee doch eine leichte Verbindung zwischen diesen beiden
+Vorstellungsreihen möglich gemacht.
+
+Also auch beim Witz finden wir die oben aufgedeckten Quellen der Lust
+und Unlust wieder. Wir konnten aber auch schon an diesen einfachen
+Beispielen eine weitere Bemerkung machen, _dass nämlich die Ursachen
+der beiderseitigen Gefühle häufig mehrfache sind_. In den späteren
+Beispielen werden wir dies noch in höherem Maasse bestätigt finden.
+Natürlich steigert sich durch diese Häufung der Gefühlsgegensätze die
+komische Wirkung im Allgemeinen, gleichzeitig wird daraus aber auch
+die Thatsache verständlich, dass drei bis vier Personen über dasselbe
+Object lachen können, jeder aus
+
+[Page 37]
+
+einem andern Grunde. Es kommt deshalb in jedem einzelnen Falle
+einerseits darauf an, alle möglichen Auffassungsweisen in's Auge zu
+fassen, und die einander entsprechenden angenehmen und unangenehmen
+Gefühle zu sondern, andererseits aber auch die den Umständen
+entsprechenden hauptsächlich wirkenden Factoren, die einem
+vorliegenden Beispiele seinen eigentlichen Charakter gehen,
+herauszuheben. Natürlich habe ich zunächst, da es mir darauf ankam,
+die Elemente des Komischen zu demonstriren, solche Beispiele wählen
+müssen, die möglichst einfach sind. In einer Anekdote der
+gewöhnlichsten Art stecken häufig 6-8 verschiedene Gefühlsquellen.
+
+Es würde jetzt weiter die Frage entstehen, ob die angenehmen wie
+unangenehmen Gefühle aus *jeder* der oben angegebenen Ursachen in den
+komischen Contrast eingehen können. Wäre dies der Fall, so würden wir
+durch einfache Combinirung der möglichen Quellen der beiden
+Gefühlsgegensätze verschiedene Formen des Komischen herleiten können.
+Die Erfahrung lehrt, dass dies nicht _unbedingt_ der Fall ist und als
+Grund dafür müssen wir eine Thatsache anführen, deren Beweis erst
+später folgt, dass nämlich jene beiden entgegengesetzten Gefühle _in
+einem bestimmten Verhältnisse der Stärke zu einander stehen müssen_,
+und zwar so, dass keines vor dem andern das unbedingte Uebergewicht
+erlangt. Es würde nämlich sonst das stärkere Gefühl ohne Weiteres das
+schwächere auslöschen, zum Verschwinden bringen und höchstens dadurch
+von seiner eigenen Kraft etwas einbüssen; ein Kampf der beiden
+Gefühle aber, wie wir ihn zum Zustandekommen des Lächerlichen als
+nothwendig erkennen werden, könnte nicht entstehen. Nehmen wir diese
+Thatsachen von der nothwendig erforderlichen, annähernd gleichen
+Stärke der beiden Gefühle vorläufig als feststehend an, so müssen wir
+in Erinnerung an das oben Gesagte _eine_ Quelle derselben sofort
+streichen. Wir sahen nämlich schon oben, dass die erleichterte
+Association einer gegebenen Vorstellung mit einer erst nach den
+Normen der Ideenassociation zu weckenden in der Regel ein kaum
+merkliches Gefühl hervorruft und es wird uns deshalb natürlich
+scheinen, dass dasselbe etwa einer Verletzung der ideellen Normen
+nicht das Gleichgewicht halten kann. Vielmehr muss in solchem Fall
+das angenehme Ge-
+
+[Page 38]
+
+fühl, um überhaupt in den komischen Contrast eingehen zu können, noch
+aus anderer Quelle her eine Unterstützung erfahren, und zwar dadurch,
+dass die eine Vorstellung die andere mit ihr zu associirende als eine
+im Bewusstsein schon vorhandene, herrschende, d. h. durch die
+komische Situation und Erzählung selbst dargebotene, antrifft.
+Dasselbe gilt für das aus gleichen Quellen fliessende unangenehme
+Gefühl. Durch diese Einschränkung modificirt sich aber unsere obige
+Aufstellung der Gefühle in folgender Weise. --
+
+Als zum komischen Contrast tauglich kennen wir:
+
+A. _Angenehme Gefühle_,
+
+1) aus der Coincidenz _einer_ im komischen Object enthaltenen
+Vorstellung mit den logischen, praktischen oder ideellen Normen;
+
+2) aus der Uebereinstimmung _zweier_ dargebotenen Vorstellungen unter
+einander -- in Rücksicht auf die logischen, praktischen und ideellen
+Normen oder auf die Normen der Ideenassociation.
+
+B. _Unangenehme Gefühle_,
+
+1) aus der Disharmonie _einer_ im komischen Object enthaltenen
+Vorstellung mit den logischen, praktischen und ideellen Normen; und
+
+2) aus der Disharmonie _zweier_ im Komischen mitgetheilten
+Vorstellungen in Rücksicht auf die logischen, praktischen und
+ideellen Normen oder auf die Normen der Ideenassociation.
+
+Combiniren wir nun die Gefühle, so erhalten wir durch
+Gegenüberstellung der angenehmen und unangenehmen Gefühle folgende 4
+Formen:
+
+ 1) A. 1. -- B. 1.
+ 2) A. 2. -- B. 1.
+ 3) A. 1. -- B. 2.
+ 4) A. 2. -- B. 2.
+
+ [Page 39]
+
+Bewähren sich dieselben als wirklich vorhanden, so ist damit
+gewissermaassen indirect auch der Beweis geliefert, dass unsere
+Behauptung von der nothwendig annähernd gleichen Stärke der beiden
+Gefühlsgegensätze begründet war. -- Wie wir sehen werden, lassen sich
+aber diese 4 Formen wirklich festhalten, und was weiter zu jenem
+Beweise nothwendig ist, es lassen sich in ihnen auch alle Beispiele
+des Komischen unterbringen.
+
+Betrachten wir nun diese Hauptformen näher.
+
+In der ersten Hauptform, die wir das _einfach Komische_ nennen
+wollen, soll sich also das angenehme wie unangenehme Gefühl erzeugen,
+aus _einer_ vorhandenen Vorstellung (oder Vorstellungsreihe) die mit
+einzelnen logischen, praktischen oder ideellen Normen übereinstimmt,
+mit anderen aber nicht.
+
+Die zweite Hauptform: _Das Komische mit zwei vereinbaren
+Vorstellungen_, lässt das angenehme Gefühl aus der leichten
+Verschmelzung _zweier_ im komischen Object enthaltenen Vorstellungen
+in Rücksicht auf die Normen hervorgehen, während das unangenehme
+Gefühl dadurch erzeugt wird, dass _eine_ der beiden gegebenen
+Vorstellungen mit einer der Normen nicht übereinstimmt.
+
+Die dritte Hauptform: _Das Komische mit zwei unvereinbaren
+Vorstellungen_, enthält ein unangenehmes Gefühl, welches aus der in
+Rücksicht auf die Normen unmöglichen Vereinigung _zweier_ im
+komischen Object enthaltenen Vorstellungen entsteht, während das
+angenehme Gefühl auf der Uebereinstimmung einer der beiden
+Vorstellungen mit den logischen, praktischen oder ideellen Normen
+beruht.
+
+Die vierte Hauptform endlich: _Das Komische mit dem Wettstreit der
+Vorstellungen oder der Witz_ entsteht dadurch, dass _zwei_
+dargebotene Vorstellungen in Rücksicht auf eine der Normen
+übereinstimmen und dadurch das angenehme Gefühl bilden, in Rücksicht
+auf andere Normen sich aber nicht mit einander vereinigen lassen und
+in Folge dessen ein unangenehmes Gefühl erzeugen.
+
+Wir werden später sehen, dass bei veränderter Auffassung eines
+bestimmten Falles derselbe aus einer Form in die andere übergehen
+kann. Doch ist diese Thatsache keineswegs etwa geeignet unsere
+Eintheilung umzustürzen, sondern dient der-
+
+[Page 40]
+
+selben vielmehr, wie sich herausstellen wird, zur wesentlichen
+Stütze. --
+
+Innerhalb der genannten vier Hauptformen lassen sich nun aber wieder
+verschiedene Nebenformen abgrenzen, durch Auflösung der einzelnen
+Gesetze und Normen. Ich werde die wichtigsten derselben anführen.
+
+Wir müssen ferner innerhalb des Komischen noch eine gewisse
+Rangordnung unterscheiden, bei welcher der sittliche Standpunkt der
+maassgebende ist. Sehr bemerkenswerth ist, dass hierbei lediglich die
+Entstehungsursachen des _angenehmen_ Gefühls eine Rolle spielen.
+_Nur_ diese bedingen in einem gegebenen Fall die Höhe des Komischen
+und zwar lässt sich hierüber folgender Satz aufstellen: _Je edler die
+Quelle ist, aus welcher das_ *angenehme* _Gefühl hervorgeht, um so
+höher stehend und edler ist die Form des Komischen selbst; während
+dieselbe umgekehrt um so niedriger steht, je weniger ein sittliches
+Wohlgefallen im Spiele ist_. -- Wie wenig der Ursprung des
+unangenehmen Gefühls in's Gewicht fällt, sehen wir am Besten daraus,
+dass in der höchststehenden Form des Komischen, in dem _Naiven_,
+gerade am häufigsten grobe Verletzungen sittlicher Ideen vorkommen,
+die aber durch die Harmonie mit noch höher stehenden sittlichen
+Normen völlig aufgewogen werden. --
+
+Aus dem oben Gesagten ist es leicht verständlich, dass wir aus der
+Thatsache, ob ein bestimmter Gefühlscontrast Lachen erregend wirkt
+oder nicht, einen Maassstab für den absoluten sowie namentlich
+individuellen Werth der dabei concurrirenden Gefühle, und für den
+Werth und die Entwickelungshöhe der ihnen zu Grunde liegenden Normen
+gewinnen, und mit vollem Rechte können wir darum den Satz aufstellen:
+
+ „Sage mir, worüber Du lachst, und ich will Dir sagen, wer Du
+bist." --
+
+Wenden wir uns jetzt zur Besprechung der oben aufgestellten
+Hauptformen.
+
+*I. Das einfach Komische.*
+
+Aus einer Vorstellung und ihrer einerseits leichten, andererseits
+unmöglichen Vereinigung mit den logischen und ideellen
+
+[Page 41]
+
+Normen hervorgehend, bietet uns diese Gruppe, wenn wir die Leiter des
+Komischen von unten hinauf steigen, zunächst:
+
+*1. Das niedrig Komische,*
+
+bei dem wir als Erreger des angenehmen Gefühls die Harmonie der
+gegebenen Vorstellung mit der niedrigsten Entwickelungsstufe der
+praktischen Normen, d. h. mit dem Egoismus und dem gesteigerten
+Selbstgefühl antreffen, während auf Seiten des unangenehmen Gefühls
+die Verletzung irgend einer andern Norm steht. Da, wo das erhöhte
+Selbstgefühl mit den ästhetischen Normen in den komischen Contrast
+tritt, entsteht das Lachen über körperliche Hässlichkeit, über
+allerlei Gebrechen, die den Schönheitssinn beleidigen, wie
+Verunstaltung durch Buckel, durch Lahmheit u. dergl., die wir schon
+oben erwähnten. Hierbei wird also die eigentlich erregte Unlust durch
+das Gefühl der Lust im Gedanken an die Verschonung der eigenen
+Person, durch das „Sichbesserdünken" aufgewogen. Bei Verletzung der
+ethischen Ideen tritt das geschmeichelte Selbstgefühl gegen
+moralische Hässlichkeit, Unsittlichkeit, Unwahrheit u. dergl. in die
+Schranken und bei Disharmonie mit den praktischen Ideen und logischen
+Normen endlich ruft es das Lachen über die Ungeschicklichkeit, die
+Dummheit und den Unsinn hervor. In all' diesen Fällen muss also das
+Selbstgefühl der Verletzung übrigens höher stehender Normen das
+Gleichgewicht halten können, wenn der komische Contrast entstehen
+soll, und daher ist es leicht ersichtlich, dass jene Gefühlsconflicte
+hauptsächlich bei solchen Menschen ein Lachen erzeugen, welche die
+hohen sittlichen und ästhetischen Ideen nur in unentwickelter Form
+besitzen, deren Selbstgefühl dagegen abnorm gesteigert ist. Dies ist
+der Fall bei rohen, ungebildeten Leuten und bei Kindern, in denen
+sich die höheren sittlichen Ideen noch nicht entwickelt haben.
+
+In einem Falle nur ist das erhöhte Selbstgefühl als eine etwas edlere
+Regung anzusehen, wenn wir uns nämlich gewissermaassen über unsere
+eigene Schwachheit und Dummheit erheben und unser Selbstgefühl daran
+stärken, dass wir in einem gegebenen Falle eine Schwierigkeit
+überwunden, einen uns gestellten Fallstrick umgangen haben. Hierauf
+beruht zu einem Theil das Lachen über die sog. Münchhausiaden, Lügen-
+und Jagd-
+
+[Page 42]
+
+geschichten (sofern dieselben nicht zum Witz gehören). Während
+einerseits durch die Verletzung der Wahrheit unser Gefühl beleidigt
+wird, empfinden wir andererseits ein angenehmes Gefühl in Folge der
+berechtigten unserem Selbstgefühl schmeichelnden Freude darüber, dass
+wir der beabsichtigten Täuschung nicht unterlegen sind, _so nahe wir
+der Gefahr auch waren_. In einer gewissen Gefahr, der Täuschung zu
+unterliegen, müssen wir geschwebt haben, damit die Lust durch eine
+Leistung unsererseits einigermaassen motivirt ist. Daher dürfen die
+Lügen nicht gar zu plump angelegt sein, sondern müssen die
+Möglichkeit einer Täuschung enthalten. -- Da es zum Lachen über diese
+Geschichten ausserdem einer gewissen Gutmüthigkeit und Harmlosigkeit
+bedarf, welche eine Kränkung des Selbstgefühls über die beabsichtigte
+Düpirung nicht aufkommen lässt (wir lassen uns solche Geschichten
+ungestraft auch eigentlich nur von guten Bekannten erzählen), so
+steht diese Form des Komischen schon dadurch ein wenig höher; doch
+ist sie in steter Gefahr auf das gewöhnliche Niveau des niedrig
+Komischen herabzusinken, sobald solche Münchhausiaden einer grösseren
+Gesellschaft erzählt werden. Denn sofort stellt sich dann bei jedem
+Zuhörer das Gefühl der Ueberlegenheit über die Anderen ein, denen er
+Dummheit genug zutraut, dass sie jene Geschichten glauben. Findet
+sich nun vollends ein Dummer, der sich wirklich die Lüge als Wahrheit
+aufbinden lässt, so steigt unser Selbstgefühl in gleichem Maasse, wie
+die Form des Komischen sinkt. Eine Stufe höher steht die folgende
+Form des Komischen, die ich wegen ihrer grossen Aehnlichkeit und
+häufigen Verwechselung mit dem Naiven (das danach besprochen wird)
+
+*2. Das Pseudonaive*
+
+nennen will, gleichzeitig auch deshalb, weil das angenehme Gefühl bei
+ihm nur aus einer _scheinbaren_ oder _bedingten_ Coïncidenz mit
+höheren Ideen (namentlich mit der Wahrheit) hervorgeht. Während
+einerseits, und zwar hauptsächlich durch die _kindliche Einfalt_,
+unsere praktischen Ideen von Klugheit oder die logischen Normen
+beleidigt werden, ist andererseits in der pseudonaiven Aeusserung
+oder Handlung doch etwas _relativ_ Wahres, Kluges, Vernünftiges
+enthalten, namentlich wenn wir
+
+[Page 43]
+
+uns auf den Standpunkt der bei dem Redenden _naturgemäss_ vorhandenen
+und daher _verzeihlich scheinenden_ Unkenntniss stellen. -- Die
+Beispiele zu dieser Form sind sehr zahlreich und lasse ich hier
+einige folgen, die dieselbe wohl hinreichend verdeutlichen werden.
+
+Das vierjährige Töchterchen eines Pfarrers wird zum ersten Male mit
+in die Kirche genommen, vorher aber ernstlich verwarnt, ja recht
+artig zu sein, denn in der Kirche müsse man sich ganz ruhig und still
+verhalten. Nach der Kirche wird das Kind gefragt, wie es ihm gefallen
+habe, und erwidert darauf: Ach recht gut, es waren auch alle ganz
+artig. Bloss der Papa allein hat so geschrieen und gelärmt.
+
+Ein anderes Pastorenkind rief, als es zum ersten Male in die Kirche
+kam und seinen Vater auf der (übrigens ungewöhnlich hoch
+angebrachten) Kanzel stehen sah, ängstlich aus: „Ach, Du lieber Gott,
+wer hat nur meinen Papa dort oben 'naufgesperrt. Wird er denn auch
+wieder herunterkönnen?"
+
+Ein Knabe auf einem einsamen Dorfe besass viele bleierne Soldaten,
+auch Cavalleristen, hatte aber noch nie einen lebendigen Reiter
+gesehen. Da plötzlich, als er just am Fenster steht, sprengt ein
+solcher in den Hof und springt an der Hausthür vom Pferde: „O", ruft
+der Knabe da mit tiefem Bedauern, „jetzt ging er entzwei". --
+
+Ein Kind sollte das „Vater unser" beten und fragte die Mutter: ob der
+Vater unser mit dem Onkel Unzer (einem Hausfreunde) verwandt sei. --
+
+Ein weiteres Beispiel zu dieser Form ist das später aus Kant
+angeführte.
+
+Endlich gehören hierher fast sämmtliche Beispiele, welche
+Schopenhauer zu seiner zweiten Form des Lächerlichen, der von ihm
+sog. Narrheit anführt. Nach Schopenhauer, der wie erwähnt nur zwei
+Arten des Lächerlichen: den Witz und die Narrheit kennt, entsteht die
+letztere dadurch, dass wir beim Auffinden der Incongruenz zwischen
+Anschauung und Begriff vom Begriff zum Realen übergehen. „Objecte,
+die übrigens grundverschieden, aber alle in einem Begriff gedacht
+sind, werden auf gleiche Weise angesehen und behandelt, bis ihre
+übrige grosse Verschiedenheit zur Ueberraschung und zum
+
+[Page 44]
+
+Erstaunen des Handelnden hervortritt." -- Die Beispiele, die S. zu
+dieser Art des Lächerlichen anführt, sind nun merkwürdiger Weise fast
+alle pseudonaiv und scheinen mir auch durch die von diesem Standpunkt
+ausgehende Erläuterung in ihrem Wesen viel bestimmter präcisirt zu
+werden, als durch die zu weit gefasste Schopenhauer'sche Erklärung.
+-- Ich lasse einige „Narrheiten" von ihm folgen: „Soldaten machen
+einen Arrestanten und erlauben demselben dann aus Gutmüthigkeit an
+ihrem Kartenspiel Theil zu nehmen; als er aber während des Spiels
+anfängt zu chicaniren, werfen sie ihn schliesslich in dem dabei
+entstehenden Streite hinaus." -- Die Soldaten begehen offenbar eine
+thörichte Handlung, die gegen die Gesetze der praktischen Klugheit
+gewaltig verstösst, indem sie einen Arrestanten hinauswerfen. Von
+einem anderen Standpunkt aus, der durch die Erhitzung beim Streit und
+die daraus _natürlich_ hervorgehende momentane Unzurechnungsfähigkeit
+uns in diesem Falle ganz entschuldbar erscheint, ist ihre Handlung
+aber wiederum eine ganz vernünftige, zweckentsprechende, daher also
+eine pseudonaive.
+
+„Zwei Bauerjungen hatten ihre Flinten mit grobem Schrot geladen,
+welches sie, um ihm feines zu substituiren, heraushaben wollten, ohne
+jedoch das Pulver einzubüssen. Da legte der Eine die Mündung des
+Laufes in seinen Hut, den er zwischen die Beine nahm und sagte zum
+Andern: „Jetzt drücke Du ganz sachte, sachte, sachte los; da kommt
+zuerst das Schrot." -- Auch hier haben wir eine thörichte Handlung
+(oder eine Aufforderung zu einer solchen) vor uns, die aber, wenn wir
+uns auf den Standpunkt des Bauerjungen stellen, der nichts von der
+beim Schuss vor sich gehenden Explosion des Pulvers weiss und _wissen
+kann_ (dessen Unkenntniss wir jedenfalls verzeihlich finden), so ist
+die Aeusserung im gewissen Sinne eine ganz kluge und überlegte, indem
+sie (wie Schopenhauer ganz richtig anführt) von dem Begriff ausgeht,
+Verlangsamung der Ursache giebt Verlangsamung der Wirkung.
+
+Auch die Münchhausiaden, die Schopenhauer weiter als Beläge zu seiner
+Definition anführt, lassen sich bei entsprechender Auffassung unter
+das Pseudonaive stellen, wenn sie nämlich solchen Inhalts sind, dass
+sie zwar für uns etwas absolut Un-
+
+[Page 45]
+
+sinniges, Unmögliches enthalten, aber von einem bestimmten
+Standpunkte aus, welcher Kenntnisse in dem gerade vorliegenden
+Gegenstande mit einer gewissen Berechtigung als nicht vorhanden
+voraussetzt, dennoch nicht allein möglich, sondern sogar klug
+ersonnen erscheinen. So enthält die Geschichte von den im Posthorn
+eingefrorenen Melodien, die in der warmen Stube später aufthauen, für
+den Einsichtsvollen einen puren Unsinn; denken wir aber, Jemand wisse
+Nichts von dem eigentlichen Wesen des Tons, sondern sähe denselben
+mit gutem Recht für etwas Materielles an, etwa für eine Flüssigkeit,
+die unter Umständen ja auch einfrieren könne, so erscheint uns diese
+Idee von den aufthauenden und dadurch wieder zum Vorschein kommenden
+Tönen ganz klug. -- Werden uns diese Geschichten von irgend Jemand
+als Münchhausiaden erzählt, so wird in der Regel freilich die eben
+besprochene Auffassung uns nicht zum Bewusstsein kommen, sondern das
+Lachen in der früher mitgetheilten Weise sich motiviren, anders aber
+verhält es sich, wenn wir die in der Geschichte liegende Idee etwa
+einem Kinde in den Mund legen, welches sieht, dass in dem Mundstück
+des Posthorns sich Eis angesetzt hat und nun fragt, ob das
+eingefrorene Töne seien und ob die nicht in der Stube wieder
+aufthauen würden. --
+
+Manche dieser pseudonaiven Aeusserungen (wie z. B. die vom Onkel
+Unzer) gehen, wie erst bei Besprechung des Witzes deutlich werden
+kann, vermöge einer etwas anderen Auffassung leicht in den Witz über,
+indem sie das „_unbewusst Witzige_" bilden. Von zwei Menschen, welche
+dieselbe Aeusserung belachen, kann der eine sie als pseudonaiv, der
+andere sie als eine witzige auffassen.
+
+*3. Das Naive*
+
+bildet, wie schon gesagt, die auf höchster Stufe stehende Form des
+Komischen. Die Bezeichnung _naiv_ wird in einer weiteren und engeren
+Bedeutung gebraucht, je nachdem das unangenehme Gefühl aus der
+Verletzung _irgend einer_ praktischen, logischen oder ideellen Norm
+hervorgeht, oder sich nur aus einem Verstoss gegen unsere Ideen von
+_conventionellem, gesellschaftlichem Anstand_ herleitet. Es leuchtet
+ein, dass
+
+[Page 46]
+
+(natürlich nur für sittlich entwickelte Menschen) im ersten Fall das
+entgegenstehende angenehme Gefühl ein stärkeres sein muss, als im
+zweiten Fall, wo gewissermaassen nur künstlich geschaffene Gesetze
+verletzt werden. Immer aber ist es nöthig, dass uns in der naiven
+Aeusserung eine sittliche Unschuld und Reinheit entgegentritt, von
+der wir wissen, dass sie die künstlichen Schranken, welche die
+Etiquette uns gezogen, nicht kennt und daher auch nicht zu
+respectiren braucht, indem sie einer freieren und höheren
+Sittlichkeit folgt. -- Am häufigsten beobachten wir aus diesem Grunde
+die Naivetät bei Kindern, bei denen wir die Unkenntniss mit den
+künstlich geschaffenen Gesetzen des sogenannten Anstandes als
+naturgemäss voraussetzen. --
+
+An Beispielen für das Naive ist kein Mangel. Eine recht hübsche und
+dankenswerthe Zusammenstellung von kindlich naiven Aussprüchen
+(untermischt mit pseudonaiven und unbewusst witzigen) hat Dr. Walter
+Hoffmann kürzlich in einem kleinen Heftchen unter dem Titel: „Humor
+aus der Kinder- und Schulstube. Eine Sammlung der vorzüglichsten
+Anekdoten aus der Kinderwelt" herausgegeben [1]. Ich empfehle dieses
+Büchelchen, aus dem ich auch schon oben einige Beispiele entlehnt
+habe, nicht blos weil es für den, der einmal tüchtig und von Herzen
+lachen will, reichlichen Stoff enthält, sondern weil es einen
+schätzenswerthen Beitrag zur Psychologie der Kinderseele liefert. --
+
+Hier nur ein Beispiel:
+
+„Aber Mama, wann essen wir denn heute", fragt der kleine Ernst seine
+Mutter. „Bald, warte nur noch ein Weilchen", entgegnete diese. --
+Nach einer Weile fragt er wiederum und erhält dieselbe Antwort. „Aber
+weshalb essen wir nur heute nicht; ich habe solch' grossen Hunger".
+-- „Warte nur noch ein Bischen, bis der Soldat fort ist, dann wird
+gleich gegessen". -- Darauf geht Ernstchen zum Soldaten in die Stube
+und fragt ihn: „Höre, wann gehst Du denn fort?" -- „Gleich, mein
+Sohn, aber weshalb fragst Du denn?" „Nun, weil ich Hunger habe und
+Mama sagt, wenn Du fort bist, soll gegessen werden." Ich glaube, der
+Soldat hat über diese naive Aeusserung lachen
+
+[1] Leipzig, Arnoldische Buchhandlung. 1871.
+
+[Page 47]
+
+müssen, so wie wir jetzt noch darüber lachen. Wir haben hier zunächst
+eine Beleidigung unserer Idee von Schicklichkeit und
+gesellschaftlichem Anstand vor uns, andererseits aber bewegt uns die
+kindliche Unschuld, welche jene conventionellen Schranken nicht kennt
+und unbekümmert darum die Wahrheit sagen darf, in angenehmer Weise.
+-- Aus gleichem Grunde lachen wir über jenes Kind, das, einen fremden
+Herrn empfangend die Abwesenheit der Mutter mit den naiven Worten
+entschuldigt: „Mama wird gleich kommen, sie setzt sich nur noch ihre
+Locken auf." Verstösst diese Aeusserung einerseits gegen unsere Idee
+von gesellschaftlichem Takt (und praktischer Klugheit), so befriedigt
+und erfreut uns doch in höherem Grade das rückhaltlose,
+wahrheitsliebende Bekenntniss des Kindes, welches in seiner Unschuld
+jene künstlich geschaffenen Lügengesetze nicht kennt und daher
+sittlich höher zu stehen scheint. --
+
+Bei einer etwas anderen Auffassung kann diese selbe Aeusserung aber
+auch unter die nun folgende Form des Komischen gestellt werden, indem
+wir dann nicht über das Kind, sondern über die Mutter lachen, ja!
+dieselbe auslachen. -- Wir empfinden nämlich über die eitle Frau eine
+gewisse sittliche Entrüstung und gönnen ihr nun die Blamage, welche
+ihr durch die Aeusserung der Tochter bereitet wird, als eine
+wohlverdiente; -- unser Gerechtigkeitsgefühl wird dadurch befriedigt.
+Es wird bei dieser Auffassung, von der Naivetät der Aeusserung ganz
+abgesehen, und an Stelle der letzteren könnte eben so gut ein Zufall
+treten, der die Frau gerade beim Aufsetzen der Perücke überrascht
+werden lässt. -- Es bestätigt dies Beispiel die unzählig oft zu
+beobachtende und schon erwähnte Thatsache, dass ein und dieselbe
+komische Situation oder Aeusserung mehrfache komische Elemente
+enthält, wobei natürlich im Ganzen der komische Effect sich steigert,
+wenn uns die verschiedenen Auffassungen nach einander zum Bewusstsein
+kommen. Gerade durch diesen Umstand wird aber die Beurtheilung des
+Komischen, sowie die Beibringung von einfachen Beispielen sehr
+erschwert. --
+
+Dass das Naive im Gebiete des einfach Komischen die höchste Stellung
+einnimmt oder wenigstens dasselbe nach einer Richtung hin abgrenzt,
+erkennen wir am besten daraus, dass es aus dem _Lächerlichen_ sehr
+leicht in das _Rührende_ über-
+
+[Page 48]
+
+geht. Ich führe dazu wieder ein Beispiel aus Walter Hoffmann an:
+
+„Vom verstorbenen Prof. A. v. Schaden erzählte mir seine Mutter, sie
+habe einst auf seine Fürsprache einem Bettler Brod geben wollen und
+sich angeschickt, ihm ein Stück von einem Laibe abzuschneiden. Da sei
+ihr Sohn zu ihr getreten und habe ihr zugeflüstert: „Mama, die Thür
+steht offen, er (der Bettler) hat ja gesehen, dass Du einen _ganzen_
+Laib hast, Du kannst ihm daher nichts abschneiden! (d. h. Du musst
+ihm denselben ganz geben)."
+
+Diese Aeusserung ist offenbar eine naive, sie verstösst einerseits
+gegen unsere Idee von praktischer Klugheit, andererseits aber
+überrascht uns darin eine hohe Sittlichkeit und kindliche Unschuld.
+Wir lachen über die Aeusserung -- aber zugleich ist uns auch vor
+Rührung das Weinen nahe. Indem nämlich jene hohe kindliche Reinheit
+in uns das Gefühl unserer eigenen Erbärmlichkeit und berechnenden
+Selbstsucht lebhaft anregt, werden wir beschämt und durch die Wucht
+jener Ideen gewissermaassen erdrückt. Dadurch wird aber auf Seiten
+der unser Selbstgefühl herabstimmenden Empfindungen ein Uebergewicht
+erzeugt, -- aus dem der Affect des Weinens hervorgeht. --
+
+Im Anschluss an das Naive muss ich hier wenigstens anhangweise den
+*Humor* kurz erwähnen, der als nächster Nachbar neben dem Komischen
+eine Form für sich bildet oder richtiger gesagt, einen besonderen
+Standpunkt bezeichnet, von dem aus das Komische und Rührende sich in
+etwas abweichender Weise erzeugt, und einen besonderen Hintergrund
+erhält. Aehnlich wie das Naive zeigt auch der Humor den leichten
+Uebergang vom Lachen ins Weinen („er lacht mit dem einen Auge,
+während er mit dem andern weint"), ebenso wie beim Naiven treten auch
+bei ihm als Erreger des angenehmen Gefühls die höchsten, sittlichen
+und religiösen Ideen in die Schranken; doch wie wir sehen werden, in
+etwas anderer Weise. Der Humor ist vor allen Dingen im Gegensatz zum
+Naiven, völlig bewusst, ja willkürlich. Er beruht ganz und gar auf
+einer subjectiven Auffassung, die bei dem Humoristen eine
+vorherrschende, eine allgemeine Weltanschauung geworden ist [1]. Er
+bringt vorsätzlich,
+
+[1] Lazarus l. c.
+
+[Page 49]
+
+oder durch sein Naturell gezwungen, jedenfalls mit einer gewissen
+Vorliebe das ihm entgegentretende Alltägliche, Kleine, Niedrige,
+Gemeine mit den in ihm lebhaft vorhandenen hohen sittlichen und
+religiösen Ideen in Gegensatz. Daraus erzeugt sich einerseits in ihm
+ein unangenehmes Gefühl, andererseits aber entsteht dadurch, dass
+_der Humorist sich gerade in dem Contrast mit dem Niedrigen, der
+Hoheit und Erhabenheit der in ihm ruhenden Ideen lebhafter bewusst
+wird, ein angenehmes Gefühl_. Behält das Letztere das Uebergewicht,
+so erzeugt sich der komische Affect, während der rührende Affect dann
+entsteht, wenn wir lebhaft fühlen, dass unser eigenes Thun und
+Handeln mit unseren Idealen nicht im Einklang stehe. Dies sind die
+beiden Formen des sogenannten versöhnten Humors. Es kann nun aber
+auch der Fall eintreten, dass der Humorist durch das gegen seine
+Ideale kämpfende Niedrige und Gemeine zu tief gekränkt wird, -- und
+an Allem verzweifeln möchte: dann entwickelt sich der _unversöhnte
+Humor_, der sich daher gern im Sarkasmus ergeht und wohl auch meist
+als erste Stufe dem versöhnten Humor vorausgeht. Letzterer ist, wie
+Vischer [1] richtig sagt, voll Unschuld, „aber es ist nicht die
+einfache Unschuld eines Kindes, sondern eine solche, die durch innere
+Wehen, durch Zerrissenheit, Kampf, Schuldbewusstsein
+hindurchgegangen, sich wieder mit ihrem Gott versöhnt hat". Dass die
+Humoristen bei all' ihrer Gemüthlichkeit, sehr häufig eigentlich,
+unglückliche Menschen sind, erklärt sich daraus, dass sie für Alles
+in der Welt vorgehende Widrige, für alle kleinen Leiden des Lebens
+ein viel feineres Gefühl haben als andere Menschen, und sich doch
+meist ihren Idealen gegenüber selbst klein fühlen. Daher haben die
+meisten Humoristen einen Anflug von Melancholie oder Hypochondrie.
+Aber selbst über diese wissen sie sich wiederum zu erheben, indem sie
+gewissermaassen an sich selbst ihren Witz auslassen. Aecht
+humoristische Personen sind z. B. die Narren im Shakespeare, ebenso
+auch Hamlet, der in vielen Scenen den unversöhnten Humor erkennen
+lässt. Ich erinnere an die Scene vor Aufführung des Schauspiels bei
+Hofe, wo er zu Ophelia sagt: „Was sollte ein
+
+[1] Erhab. u. Komische p. 215.
+
+[Page 50]
+
+Mensch anderes thun, als lustig sein? Denn seht nur, wie vergnügt
+meine Mutter aussieht, und mein Vater ist doch erst vor zwei Stunden
+gestorben. Ophelia: Vor zwei Mal zwei Monaten, gnädigster Herr.
+Hamlet: So lange ist's her?! Ei da mag der Teufel noch schwarz gehen!
+ich will mir ein munteres Kleid machen lassen" [1]. -- Weitere
+Repräsentanten des Humors liefert Jean Paul im Titan und Siebenkäs
+etc., vor Allen auch Sterne in seinem „Leben und Meinungen Tristam
+Shandys."
+
+Neben dem bisher dargestellten _subjectiven_ Humor, „wo eine
+selbstbewusste humoristische Person auftritt, die absichtlich als
+solche handelt," giebt es, wie Lazarus richtig hervorhebt, auch einen
+_objectiven_ Humor, „wo nur der Leser und Zuschauer die Absicht und
+Wirkung des Humors empfindet", indem der objective Humorist, wie z.
+B. Falstaff, alle hohen Ideen, deren Widerpart er in Leben und
+Gesinnung ist, durch sein Reden und Thun in uns erweckt. „Er spricht
+von Ehre, Muth etc., stellt den König dar, wie er Heinrich straft
+etc., in Allem ist er ein Gebildeter, die Ansprüche der Idee
+Kennender und Zeigenden. Wir lachen über ihn, obgleich er das Hohe
+erniedrigt (z. B. in seiner Definition der Ehre), wir lachen, weil er
+selbst die wahre Idee in uns weckt und diese desto sicherer siegt, je
+angelegentlicher er dagegen kämpft" [2].
+
+Doch kehren wir nach dieser Abschweifung zu unserem eigentlichen
+Thema zurück, und wenden uns zur zweiten Hauptform des Komischen.
+
+*II. Das Komische mit zwei vereinbaren Vorstellungen.*
+
+Kam bei der vorher besprochenen Form des einfach Komischen überhaupt
+nur _eine_ Vorstellung in Frage, die durch ihre Harmonie mit
+einzelnen und Disharmonie mit anderen Normen die beiden einander
+conträren Gefühle erregte, so sind bei der vorliegenden Form _zwei_
+im Komischen selbst enthaltene Vorstellungen zur Erzeugung des
+angenehmen Gefühls thätig während zum unangenehmen Gefühl wiederum
+nur eine der beiden gegebenen Vorstellungen die Ursache giebt. --
+
+[1] Vergl. weiter unten das bei „Ironie" Gesagte.
+[2] Aus Lazarus l. c. p. 206.
+
+[Page 51]
+
+Wir haben hier die sogenannte
+
+*Gerechte Schadenfreude*
+
+zu erwähnen, bei welcher das unangenehme Gefühl aus dem Verstosse
+einer gegebenen Vorstellungsreihe gegen irgend eine der beiden Normen
+hervorgeht, während das angenehme Gefühl daraus resultirt, dass eine
+zweite gleichzeitig gegebene Vorstellung sich mit jener ersten in
+Rücksicht auf die ethische Norm der _Gerechtigkeit_ leicht verbindet.
+Die beiden Vorstellungen stehen dabei in dem Verhältniss von Ursache
+und Wirkung -- von Vergehen und Strafe. Während uns einerseits die
+Dummheit, Schlechtigkeit u. dergl. ärgert, wird andererseits durch
+die gleichzeitig eintretende Strafe unser Gerechtigkeitsgefühl
+befriedigt. -- Wir haben schon oben in dem zweiten vorläufigen
+Beispiel angeführt, wie in diesem Sinne auch den Gebildeten die
+Corpulenz eines Falstaff zum Lachen reizen kann. Wir erwähnen hier
+noch, als ähnliche sinnlich-hässliche Gegenstände des Gelächters, die
+Glatze und die rothe Nase, da wir auch diese Fehler (freilich nicht
+immer mit Recht) als Folgen einer etwas lockeren, üppigen Lebensweise
+anzusehen gewohnt sind, und wir demnach statt Mitleid mit dem also
+Entstellten zu empfinden, vielmehr durch die Befriedigung unserer
+Gerechtigkeitsidee angenehm berührt werden.
+
+In demselben Sinne kann ein Gebildeter auch über die Dummheit lachen,
+nicht sowohl insofern er sich seines Besserwissens freut, als
+vielmehr in der Voraussetzung, dass die Dummheit mehr oder weniger
+auf eigenem Verschulden beruht und wir die den Dummen treffende
+Blamage oder auch einen geringen Schaden, den er erleidet, als
+verdient und ihm von Rechtswegen zukommend ansehen. --
+
+Zu beachten ist aber hierbei ein sehr wichtiger Umstand (der
+gleichzeitig am besten die Richtigkeit meiner Erklärung beweist): Die
+Strafe darf nicht das uns gerecht erscheinende Maass überschreiten,
+sonst hört die komische Wirkung in dem jetzt besprochenen Sinne auf.
+Wir lachen über einen ungeschickten Menschen, wenn er in Folge seiner
+Ungeschicklichkeit ein mässiges Unheil anrichtet, etwa hinfällt und
+im Fallen sein Beinkleid an einer am wenigsten dazu geeigneten Stelle
+auf-
+
+[Page 52]
+
+reisst. Sobald wir aber sehen, dass der Fallende sich ein Bein
+gebrochen, oder sich sonst erheblich verletzt hat, so werden wir
+nicht mehr lachen, da die ihn treffende Strafe das uns gerecht
+erscheinende Maass bei Weitem überschritten hat. Das hat wohl
+Aristoteles mit seinem anôdunon ou phthartikon auch eigentlich sagen
+wollen: Ein Schmerz oder Schaden muss wohl vorhanden sein, derselbe
+darf aber über ein gewisses Maass nicht hinausgehen und muss verdient
+erscheinen. Um ein weiteres hierher gehöriges Beispiel anzuführen,
+erinnere ich an jenes Bild, einen Bauer darstellend, der damit
+beschäftigt ist, einen Baumast abzusägen, auf dessen äusserstem Ende
+er selbst sitzt. Die komische Wirkung dieser Darstellung beruht
+offenbar darauf, dass einerseits die Dummheit des Bauern, d. h. der
+Contrast seiner Handlung mit der Idee von praktischer Klugheit uns
+unangenehm berührt, während andererseits der in dem Bilde als
+unabwendbar bevorstehend gezeigte Fall aus der mässigen Höhe uns als
+Strafe für jene Thorheit gerecht erscheint, und somit wegen seiner
+leichten Verbindung mit jener ersten Vorstellung in Bezug auf die
+Gerechtigkeitsidee unserem Gefühle zusagt. Denken wir uns nun aber
+das Bild so verändert, dass jener Baumast über einem gähnenden
+Abgrunde schwebe, in welchen der Mensch nun hineinzufallen droht, so
+lachen wir nicht mehr, weil die Strafe für seine Dummheit bei Weitem
+das entsprechende Maass überschreitet und unsere Gerechtigkeitsidee
+dadurch umgekehrt gerade beleidigt würde. Der Umstand übrigens -- das
+sei zum Schlusse noch erwähnt -- dass die eine Vorstellung (die des
+Herabfallens) nicht unmittelbar im Bilde vorhanden ist, thut nichts
+zur Sache, und ändert die Auffassung dieser Form nicht. Es wird diese
+Vorstellung jedenfalls durch das Bild hervorgerufen, und geht mit in
+den komischen Contrast ein; ganz ebenso wie in den ersten Beispielen
+die rothe Nase uns ohne Weiteres die Vorstellung des Trinkens erweckt
+und diese nun ganz so wie eine unmittelbar dargebotene sich an dem
+Contrast betheiligt [1]. Auch dadurch endlich verfällt die Dummheit
+oft dem Gelächter, selbst der Gebildeten, dass sie sich, mit vielem
+Selbstgefühl gepaart, den
+
+[1] Schopenhauer l. c. p. 107.
+
+[Page 53]
+
+Anschein besonderer Klugheit geben will, sich aber natürlich nun um
+so mehr bloss stellt. Wie vorher erscheint uns jetzt die den Dummen
+treffende Blamage wegen der Ansprüche, die er erhoben hat, als eine
+wohl verdiente.
+
+Wir kommen nunmehr zur Besprechung der dritten Hauptform, welche wir
+nannten:
+
+*III. Das Komische mit zwei unvereinbaren Vorstellungen.*
+
+Wie bei der vorigen Form sind auch bei dieser zur Erzeugung des einen
+Gefühls (hier aber des _un_angenehmen) zwei Vorstellungen im
+Komischen selbst enthalten, die sich in der dargebotenen Form nicht
+mit einander verbinden wollen, während andererseits in Folge der
+Harmonie einer der beiden Vorstellangen mit irgend einer Norm ein
+angenehmes Gefühl erzeugt wird. -- Zu dieser Gruppe gehören
+zahlreiche Nebenformen, von denen ich die wichtigsten anführe. Als
+einfachste der hierher gehörigen Formen nenne ich zuerst:
+
+*1. Das Komische der getäuschten Erwartung.*
+
+Wie oben mitgetheilt, will Kant beim Komischen stets eine in Nichts
+aufgelöste Erwartung nachweisen können, und stützt darauf seine
+Definition. Richtig ist allerdings, dass die getäuschte Erwartung
+beim Lächerlichen sehr häufig angetroffen wird, doch spielt sie, wie
+sich leicht nachweisen lässt, in den meisten Fällen nur eine ganz
+nebensächliche Rolle, und dient höchstens dazu, die komische Wirkung
+zu steigern. Schon das erste Beispiel, das Kant zur Stütze seiner
+Definition selbst anführt, spricht gegen ihn. Lassen wir Kant selbst
+reden: „Wenn Jemand erzählt, dass ein Indianer, der an der Tafel
+eines Engländers in Surate eine Bouteille mit Ale öffnen und alles
+dies Bier in Schaum verwandelt herausdringen sah, mit vielen Ausrufen
+seine grosse Bewunderung anzeigte, und auf die Frage des Engländers,
+was ist denn hier sich so zu verwundern? antwortete: _Ich wundere
+mich auch nicht darüber, dass es herausgeht, sondern wie ihr's habt
+herein kriegen können_; so lachen wir und es macht uns eine recht
+herzliche Lust, nicht, weil wir uns etwa klüger finden, als diesen
+Un-
+
+[Page 54]
+
+wissenden, oder sonst über etwas, was uns der Verstand hierin
+Wohlgefälliges bemerken liesse, sondern unsere Erwartung war gespannt
+und verschwindet plötzlich in Nichts." --
+
+Dass eine gewisse Spannung unserer Erwartung in diesem Falle
+vorliegt, will ich nicht leugnen; Wir denken etwa: „welch wichtigen
+Grund seines Erstaunens wird der Indianer wol vorbringen?" Doch dient
+dies Moment hier offenbar nur dazu, die komische Wirkung, _die auch
+ohne dies vorhanden_ wäre, durch die geschickte Form des Vortrages zu
+erhöhen. Die Aeusserung bleibt auch komisch, wenn wir einfach den
+Indianer ohne weitere Vorbereitung verwundert fragen lassen: „Sagt
+mir nur, wie habt Ihr das Alles in die Flasche hineinbekommen?" --
+Die Frage ist, wie leicht ersichtlich, eine pseudonaive und die
+komische Wirkung erklärt sich bei dieser Auffassung leicht. Während
+die eigentlich dumme Aeusserung des Indianers unser Gefühl einerseits
+beleidigt, entdecken wir andererseits in derselben doch viel
+Ueberlegung und Klugheit, wenn wir uns auf den Standpunkt der bei
+einem Indianer ganz erklärlichen Unkenntniss in Bezug auf die beim
+Schäumen des Bieres wirkenden Verhältnisse stellen. --
+
+Nebenbei freuen wir uns -- obschon Kant es nicht wahr haben will --
+doch etwas unseres Besserwissens. Uebrigens bringt Kant noch eine
+Bemerkung, aus der sich die richtige Auffassung ahnen lässt. Er sagt
+nämlich: „Merkwürdig ist, dass in allen solchen Fällen der Spass
+immer etwas in sich enthalten muss, welches auf einen Augenblick
+täuschen kann. Denn wenn Jemand uns mit der Erzählung einer
+Geschichte grosse Erwartung erregt und wir beim Schluss die
+Unwahrheit derselben sofort einsehen, so macht es uns Missfallen." --
+
+Doch wir haben nun, da sich das Kant'sche Beispiel für die hier zu
+besprechende Form nicht als brauchbar erwiesen hat, noch Beispiele
+anzuführen, in denen die getäuschte Erwartung wirklich ein
+_wesentliches_ Glied bei Erzeugung des komischen Affects darstellt.
+Als allgemeines Schema dafür können wir das bekannte: parturiunt
+montes nascitur _ridiculus_ mus anführen, zu dem unter Anderem der
+folgende Schwank, den der Clown im Circus oft ausübt, einen
+speciellen Fall bildet. Der Clown stellt sich an, als ob er über ein
+ziemlich hochgehaltenes Seil
+
+[Page 55]
+
+hinüber springen will, nimmt einen gewaltigen Anlauf, um dann
+plötzlich unter dem Seile hindurchzukriechen. In der Regel belohnt
+unauslöschliches Gelächter, namentlich im Olymp, diese Farce. Suchen
+wir den Grund dieses Lachens auf, so finden wir das zum Lächerlichen
+erforderliche unangenehme Gefühl hervorgehend aus der plötzlich
+getäuschten Erwartung. Das angenehme Gefühl dagegen entsteht
+einerseits aus dem befriedigten Selbstgefühl, indem dasselbe durch
+die Vorstellung, dass der Clown jener Aufgabe doch nicht gewachsen
+war, gehoben wird, andererseits wirkt die berechtigte Schadenfreude
+mit, indem wir dem Clown die Blamage, die er sich (wenn auch nur
+scheinbar) zugezogen hat, als eine verdiente gönnen; endlich drittens
+spielt eine gewisse objectivirende Schadenfreude, die wir über uns
+selbst empfinden, eine nicht unwesentliche Rolle. Während eigentlich
+der Clown uns auslachen könnte, dass wir uns durch ihn haben dupiren
+lassen, schwingen wir uns schnell zu einer Objectivität auf, in der
+wir im Stande sind, über uns selbst zu lachen. Da wo diese
+Objectivität nicht vorhanden ist, überwiegt leicht die Kränkung des
+Selbstgefühls, und es entsteht statt Lachen Aerger. --
+
+Eine zweite hierher gehörige Form:
+
+*2. Den komischen Anachronismus*
+
+haben wir schon bei den vorläufigen Beispielen erwähnt. Wenn wir
+also, um noch einige andere Beispiele anzuführen, auf Raphael'schen
+Bildern den Stammvater Abraham mit eiserner Karst in der Hand, Gott
+Apollo mit einer Geige, auf anderen Bildern Soldaten, unter dem
+Kreuze Christi, Karten spielend und Tabak rauchend, Ferngläser in der
+Hand römischer Feldherren, Christus auf seinem Gange nach Golgatha
+von einem betenden Kapuziner begleitet sehen, so wirkt das Alles
+komisch, weil uns zwei Vorstellungen zusammen geboten werden, die
+sich nach der Norm der Gleichzeitigkeit nicht mit einander vereinigen
+lassen und durch ihre erzwungene Zusammenstellung ein unangenehmes
+Gefühl erzeugen, während das angenehme Gefühl auf der unserm
+Selbstgefühl schmeichelnden Vorstellung von unserem Besserwissen
+beruht.
+
+[Page 56]
+
+*3. Das Komische der Darstellung oder das Burleske und Heroisch-
+Komische*
+
+leitet sein unangenehmes Gefühl her aus der Disharmonie zwischen der
+poetischen Darstellung und dem Inhalt. Beim Burlesken werden ernste,
+wichtige und erhabene Dinge in einer unwürdigen und sie
+herabsetzenden Weise vorgetragen. Als Beispiel mag Offenbach's
+„Orpheus in der Unterwelt" gelten. Beim Heroisch-Komischen werden
+ganz unbedeutende Gegenstände durch die Sprache als bedeutende
+dargestellt, wie z. B. in Blumauers Aeneïde. --
+
+So lange das Burleske und Heroisch-Komische nicht zugleich witzig ist
+(was aber meist der Fall ist) steht der, aus der oben genannten
+Quelle fliessenden Unlust, ein Lustgefühl gegenüber, das wie bei der
+vorigen Form nur aus dem gesteigerten Selbstgefühl des Besserwissens
+entspringt.
+
+Wir kommen jetzt zur letzten Hauptform des Komischen, die wir
+nannten:
+
+*IV. Das Komische mit dem Wettstreit der Vorstellungen oder den
+Witz.*
+
+_Der Witz_ ist eine der ausgedehntesten Formen des Komischen und
+erfreut sich gerade bei den Gebildeten einer besonderen Beliebtheit
+und doch steht er dem grössten Theile seines Inhalts nach auf keiner
+hohen Stufe, indem bei ihm das angenehme Gefühl (in der Regel) ohne
+Betheiligung sittlichen Wohlgefallens zu Stande kommt. Die logischen
+Normen und die Normen der Ideenassociation sind es vorwiegend, die
+bei ihm eine Rolle spielen, während die Beziehungen zu den ethischen
+oder ästhetischen Normen meistens ausserhalb des Witzes, neben diesem
+vorhanden sind und die komische Wirkung nur erhöhen. -- Es hat daher
+etwas für sich, wenn Vischer in seiner ersten Schrift [1] den Witz:
+das Komische des Verstandes oder der Reflexion nennt und hervorhebt,
+dass die Untersuchung des Witzes theilweise mit der Lehre von den
+Gesetzen der Ideenassociation zusammenfalle. Das wesentlichste
+Merkmal des Witzes allen übrigen Formen des Komischen gegenüber ist
+aber Folgendes:
+
+[1] Erhab. u. Komische p. 196 u. 198.
+
+[Page 57]
+
+_Beim Witz entsteht die Unlust wie die Lust aus_ *zwei*
+_Vorstellungen, deren Unvereinbarkeit, und doch wiederum mögliche
+Vereinbarkeit mit einander_, die Quelle der Gefühle bildet, während
+bei den übrigen Formen entweder nur _eine_ Vorstellung beide Gefühle
+erzeugte, oder zwei dargebotene Vorstellungen doch nur zur Erregung
+des _einen_ der Gefühlsgegensätze thätig waren.
+
+Indem die zwei dargebotenen Vorstellungen zunächst nur unter einander
+und nicht zu unserem ganzen Ich (zu den ideellen etc. Normen) in
+Beziehung treten, regt der Witz unsere Interessen viel weniger an,
+als alle übrigen Formen des Komischen. Ganz richtig sagt deshalb Jean
+Paul von ihm: „er achtet nichts und verachtet nichts, Alles ist ihm
+gleich, sobald es gleich und ähnlich wird".
+
+Sehen wir davon ab, dass der Unterschied des Witzes von den übrigen
+Formen des Komischen mir bisher nirgend so scharf präcisirt zu sein
+scheint, so ist er doch im Ganzen von den Autoren am richtigsten
+aufgefasst. Jean Paul bringt auch über ihn ungemein viel Treffendes,
+wenn schon er mit seiner eigentlichen Definition nicht glücklich war
+und den Mangel wissenschaftlicher Schärfe auch hier verräth. -- Seine
+gelegentlichen Bemerkungen z. B., wenn er ihn den verkleideten
+Priester nennt, der jedes Paar copulirt, sind viel bezeichnender als
+seine Definition, nach welcher er die alte, in der That unzureichende
+Auffassung: Der Witz sei eine Fertigkeit, Aehnlichkeiten zwischen
+Unähnlichem zu finden, in der Art verändert, dass er den Begriff der
+Vergleichung substituirt, welche eine theilweise Gleichheit bei
+grösserer Ungleichheit entdeckt. Viel entsprechender ist die
+Definition von Vischer, der jene alte dahin erweitert: „Der Witz ist
+eine Fertigkeit mit einer überraschenden Schnelle mehrere
+Vorstellungen, die nach ihrem inneren Gehalt und dem Nexus, dem sie
+angehören, einander eigentlich fremd sind, zu Einer zu verbinden." --
+In dieser Definition ist freilich ungesagt, dass diese Verbindung in
+gewissen Hinsichten eine gerechtfertigte und uns angenehm berührende
+sein muss.
+
+Doch berichtigt Vischer wenigstens seine in dem ersten Werke
+ausgesprochene Ansicht, dass _kein_ Witz einen eigentlichen Sinn
+habe, in seiner Aesthetik dahin, dass der Sinn zwar
+
+[Page 58]
+
+nicht innerlich organisch im Witz enthalten sei, doch in vielen
+Fällen von Aussen hinzukomme [1]. Vollständig treffend, wenn wir die
+darin enthaltenen Begriffe, Gleichheit und Verschiedenheit, mit
+unseren obigen Normen in Beziehung bringen, ist die schon erwähnte
+Definition von Lazarus, die eigentlich auf das Komische überhaupt
+gemünzt ist, aber, wie wir sehen, im Besonderen auf den Witz passt.
+Es sollen zwei Vorstellungen vorhanden sein, die einmal wegen ihrer
+Gleichheit zu einem einzigen Denkacte verschmelzen, während sie nach
+anderer Richtung hin, wieder ganz und gar verschieden sind, „die
+Möglichkeit und die Unmöglichkeit der Verschmelzung tritt zu gleicher
+Zeit ein". Das ist in der That das Charakteristicum des Witzes.
+
+Die Schopenhauer'sche Definition werde ich bei Gelegenheit einer
+besonderen Form der Witze erwähnen, zu der wiederum alle von ihm
+aufgestellten Beispiele gehören.
+
+Am ausführlichsten und in vieler Beziehung sehr glücklich hat in
+neuester Zeit Kuno Fischer [2] den Witz behandelt. Seine Darstellung,
+die halb vom psychologischen halb vom metaphysisch-ästhetischen
+Standpunkte ausgeht, weicht aber von der meinigen vor allen Dingen
+darin ab, dass Fischer ganz entsprechend seiner Auffassung des
+Thema's hauptsächlich die Frage erörtert, wie der Witz entsteht, auf
+welchem Boden er aufspriesst und wie er geformt wird. -- Das
+Material, aus dem er besteht, behandelt Fischer nur gelegentlich.
+Darum ist selbstverständlich seine ganze Eintheilung eine andere,
+wenn ich auch in einzelnen Formen mit ihm übereinstimme. Entspringend
+auf dem Boden der ästhetischen Freiheit, die sich vom Begehren und
+Wollen fern hält und aus dem ungedruckten Selbstgefühl hervorgeht,
+ist nach Fischer's kurzer und knapper Definition der Witz ein
+spielendes Urtheil, welches die Fehler und Gebrechen, d. h. das
+Unfreie im intellectuellen Reich unserer Gedanken und Vorstellungen
+plötzlich aufdeckt, und mit unserem erhöhten und freien Selbstgefühl
+in den komischen Contrast bringt. Der Witz muss nach F. ganz
+entlegene, nicht gleichartige, sondern entgegengesetzte,
+
+[1] l. c. p. 426.
+[2] Ueber die Entstehung u. die Entwickelungsformen des Witzes. Zwei
+Vorträge etc. Heidelberg 1871.
+
+[Page 59]
+
+nicht bekannte, sondern einander fremde Vorstellungen mit einander
+verknüpfen, dieselben aber plötzlich in der Pointe zusammenstossen
+lassen. „Was noch nie vereint war, ist mit einem Male verbunden und
+in demselben Augenblicke, wo uns dieser Widerspruch noch frappirt,
+überrascht uns schon die sinnvolle Erleuchtung". -- Sehr mit Recht
+betont Fischer, wie auch Vischer, besonders das Plötzliche des
+Zusammenstosses der beiden Vorstellungen, d. h. die Pointe. Wir
+müssen auf diesen Punkt, der zwar indirect in unserer Aufstellung
+schon enthalten ist, am Schlusse noch einmal zurückkommen. Zunächst
+wollen wir die einzelnen Formen des Witzes untersuchen und durch
+Beispiele erläutern.
+
+Wir können innerhalb des Witzes zwei inhaltreiche Hauptgruppen
+aufstellen, die sich durch die Entstehung des angenehmen Gefühls von
+einander unterscheiden; in der einen Gruppe ist dasselbe abhängig von
+der leichten Vereinbarkeit der beiden dargebotenen Vorstellungen in
+Rücksicht auf die _logischen_ Normen; bei der andern Gruppe entsteht
+die Lust aus der leichten Verbindung der beiden Vorstellungen nach
+irgend einer _der drei Normen der Ideen- Association_.
+
+In der ersten Gruppe spielt der doppelte Sinn, die zweifache
+Bedeutung und Beziehung, welche in einer der beiden dargebotenen
+Vorstellungen steckt und in Rücksicht auf welche die Vereinigung mit
+der in der vorliegenden Situation enthaltenen zweiten Vorstellung,
+einmal möglich, das andere Mal unmöglich ist, eine Hauptrolle. Ich
+will deshalb der bequemeren Bezeichnung halber den Namen
+„_Doppelsinn-Witze_" dafür einführen, während ich die andere Gruppe
+(_Ideen-_) _Associations-Witze_ nenne.
+
+Wir behandeln zuerst die
+
+*1. Associations-Witze*
+
+als die tiefer stehende Form. Es werden hier also zwei Vorstellungen
+mit einander in einen Zusammenhang gebracht, der gegen die Normen der
+Logik verstösst, und dadurch Unlust verursacht, während andererseits
+die Verbindung derselben beiden Worte in Rücksicht auf eine der drei
+Normen der Ideenassociation eine leichte ist und dadurch das
+Lustgefühl begründet. Je
+
+[Page 60]
+
+nachdem das Gesetz der Aehnlichkeit, das der Gleichzeitigkeit oder
+das der Zeitfolge die Association erleichtert, erhalten wir drei
+verschiedene Unterklassen der Associationswitze. In der erstgenannten
+_Unterklasse_, die ihr _angenehmes Gefühl auf die Aehnlichkeit der
+beiden Worte stützt_, nehmen die sogenannten *Klangwitze* das
+weiteste Gebiet ein. Bei ihnen ist die äussere Aehnlichkeit des
+Klanges massgebend. Wir haben schon oben unter den vorläufigen
+Beispielen auch von dieser Form einige angeführt: (Tracht --
+Eintracht; Ring -- Hering.) Man nennt diese Sorte von Witzen auch
+„Kalauer" und achtet sie ziemlich gering; trotzdem hat selbst
+Shakespeare sie nicht verschmäht, indem er z. B. dem dicken Hans
+Falstaff folgende in den Mund legt. „Allerdings hat mein Wanst es
+weit in die Dicke gebracht, aber es ist hier nicht die Rede von
+_Wänsten_, sondern von _Gewinnsten_, nicht von _Dicke_, sondern von
+_Tücke_". -- Nicht der geringste logische Zusammenhang besteht
+zwischen diesen, doch in eine enge Verbindung gebrachten Worten; nur
+der Gleichklang hält sie zusammen.
+
+Ich erwähne hier ferner jenes schon bei Gelegenheit des Pseudonaiven
+angeführte Beispiel, wo das Kind, dem das Vaterunser gelehrt wird,
+fragt, ob der Vater Unser mit dem Onkel Unzen verwandt sei. Wir
+können diese Aeusserung auch als einen Witz auffassen, bei welchem
+das angenehme Gefühl (allerdings viel schwächer als bei der vorigen
+Auffassung) lediglich aus dem Gleichklang der beiden Worte Unser und
+Unzer hervorgeht, die sonst gar nichts mit einander zu thun haben,
+und deren Zusammenbringung unser Gefühl beleidigt. Jene Aeusserung
+steht, als pseudonaive aufgefasst, bedeutend höher, als wenn wir sie
+als Witz ansehen.
+
+Zuweilen erhält die einerseits unsinnige Zusammenstellung
+klangähnlicher Worte durch äussere Nebenbeziehungen eine Art von
+Sinn, und diese Witze stehen dann um ein Weniges höher. Beispiele zu
+dieser Art liefern Fischart und Abraham a Santa Clara in grosser
+Fülle.
+
+Dem letzteren nachgebildet sind die bekannten Klangwitze des
+Kapuziners in Wallenstein:
+
+ Kümmert sich mehr um den _Krug_ als den _Krieg_,
+ Wetzt lieber den _Schnabel_ als den _Sabel_,
+
+[Page 61]
+
+ Hetzt sich lieber herum mit der Dirn,
+ Frisst den _Ochsen_ lieber als den _Ochsenstirn_ etc.
+ Das römische Reich, dass Gott erbarm,
+ Sollte jetzt heissen römisch arm.
+ Der _Rheinstrom_ ist geworden zu einem _Peinstrom_,
+ Die _Bisthümer_ sind verwandelt in _Wüstthümer_,
+ Die _Abteien_ und _Stifter_
+ Sind _Raubteien_ und _Diebesklüfter_,
+ Und alle die gesegneten _deutschen Länder_
+ Sind verwandelt worden in _Elender_.
+
+Im Anschluss hieran muss ich noch eine Abart der Klangwitze erwähnen,
+die sich von der gewöhnlichen Form dadurch unterscheidet, dass von
+den beiden Vorstellungen, deren Vereinbarkeit und Unvereinbarkeit
+eben den Witz erzeugt, nur die eine direct, die andere aber indirect
+gegeben ist. Hierher gehört besonders die theils absichtliche, theils
+unabsichtliche Verstümmelung der Fremdwörter, wie sie zum Beispiel
+von Onkel Bräsig in hohem Maasse geübt wird: Er spricht von dem
+Existent (statt Assistent) des Wasserdoctors, der nicht als Gregorius
+(Chirurgus) qualifikacirt war und keine Operamente (Operationen)
+machen durfte, ihm dagegen eine Extra-Einwickelung apoplexirte. Hier
+findet der Wettstreit zwischen dem wirklich ausgesprochenen und dem
+eigentlich gemeinten Wort statt, das wir sofort errathen müssen. In
+Bezug auf die logischen Normen haben diese beiden Worte, die nicht
+nur in Verbindung gebracht sind, _sondern von denen eins sogar für's
+andere substituirt_ ist, nicht das Geringste mit einander zu thun,
+ihre Klangähnlichkeit aber erleichtert andererseits die Association.
+-- Man kann diese Confusionen (wie es mit dem gerade angeführten
+Beispiel wol gewöhnlich geschehen wird) auch als einfach komisch und
+nicht als witzig auffassen, indem man dabei weniger den Wettstreit
+der beiden Vorstellungen berücksichtigt, sondern vielmehr die
+komische Situation in's Auge fasst, dass Jemand, der sich aus
+Eitelkeit einen Anstrich von Bildung geben will und daher Fremdworte
+anwendet, nun durch Verstümmelung derselben doch seine Unbildung
+verräth, sich blamirt und auf diese Weise unser Gerechtigkeitsgefühl
+befriedigt. Dagegen werden wir die folgenden Confusionen schon eher
+als witzig auffassen: Finis coronat opium;
+
+[Page 62]
+
+tres faciunt collodium; Omnia mea mecum portemonnaie; exempla sunt
+spirituosa, mundus vult deficit etc. Hierher gehören vor allen Dingen
+auch die witzigen Verdeutschungen fremder Worte, die sich bei
+Fischart in so überaus reichlicher Zahl finden und die einerseits
+zwar von seiner kecken und oft zu weit gehenden muthwilligen Laune
+Zeugniss ablegen, andererseits aber auch wie Kurz in seiner
+Geschichte der deutschen Literatur richtig anführt, die ächt
+volksmässige Schöpfungskraft in ihm erkennen lassen, welche das
+fremde Wort zwar beibehält, ihm aber deutsche Form und deutsche
+Bedeutung giebt, wie in unseren Worten Opfern (von dem lat. offerre),
+Körper (corpus) etc. So bildet Fischart maulhenkolisch (für
+melancholisch), Pfotengram (Podagra), Affrich (Afrika), Notnar
+(Notar), Jesuwider (Jesuit), Untenamend (Fundament), Amend (Amen) u.
+s. w.
+
+Die Aehnlichkeit der beiden zusammengebrachten Worte braucht sich
+aber nicht immer auf den äusseren _Klang_ zu beziehen, sondern kann
+auch in anderen Verhältnissen stattfinden. So entsteht z. B. in dem
+„doppelten Kinderlöffel für Zwillinge", den Lichtenberg in seinem
+bekannten Auctionsverzeichniss ausbietet, das angenehme Gefühl durch
+die wegen ihrer inneren Aehnlichkeit leicht vor sich gehende
+Association der beiden Begriffe _doppelter_ Löffel und _Zwillinge_,
+während das Unsinnige der Zusammenstellung uns Unlust macht. In
+wieder anderen Fällen ist die Aehnlichkeit eine ganz versteckte und
+nur partielle und wird erst durch den Witz aufgefunden und
+hervorgehoben. Für diese Fälle passt die alte Definition, dass der
+Witz eine Fertigkeit sei, versteckte Aehnlichkeiten zu finden. Als
+Beispiel diene folgende Witzreihe von Heine, der von einer auffallend
+hässlichen Frau sagt: „Diese Frau glich in vielen Punkten der Venus
+von Melos, sie ist auch ausserordentlich alt, hat ebenfalls keine
+Zähne und auf der gelblichen Oberfläche ihres Körpers einige weisse
+Flecken etc." Wir fühlen einerseits, dass dieser Vergleich zweier
+ganz heterogenen Gegenstände (einer hässlichen Frau mit der Venus)
+ein völlig unpassender ist -- werden aber doch durch die wirklich
+vorgefundenen partiellen Aehnlichkeiten angenehm überrascht. Ein im
+gewissen Sinne umgekehrtes Beispiel wie das vorliegende bildet die
+_witzige Carricatur_, bei der wir in toto wohl die Aehnlichkeit des
+Bildes mit dem
+
+[Page 63]
+
+Gegenstande oder der dargestellten Person herausfinden, aber doch
+durch die darin enthaltene Uebertreibung unangenehm berührt werden.
+Das was die Carricatur im Bilde, das ist die witzige Uebertreibung
+oder Hyperbel in der Darstellung durch Worte. Ich erinnere z. B. an
+Haug's Zweihundert Hyperbeln auf Herrn Wahls „ungeheure Nase", von
+denen hier die folgende einen Platz finden mag:
+
+ Er stand und sprach vor seinem Haus,
+ Da hielt ein Güterwagen an.
+ He! rief der trunk'ne Fuhrmann aus:
+ Den neuen Schlagbaum aufgethan!
+
+Aus Kuno Fischer will ich hier noch einen recht guten Witz dieser Art
+mittheilen, den man sich von Friedrich Wilhelm IV. erzählt. -- Auf
+einer seiner Landreisen wird der König in einer kleinen
+Provinzialstadt von der Obrigkeit empfangen und von dem Bürgermeister
+des Städtchens in feierlicher Anrede begrüsst; an dem kleinen
+wohlbeleibten Mann tritt nichts so hervor als die weisse Weste in
+stattlicher Wölbung; das Wetter ist sehr kalt und die Rede nimmt kein
+Ende; da unterbricht der König den Redner gleichsam besorgt um seine
+Gesundheit und auf die Weste deutend sagt er gütig: „mein Lieber,
+erkälten Sie sich Ihren Montblanc nicht." -- Diese Anekdote enthält
+eine Fülle komischer Contraste, der eigentliche Witz beruht aber
+offenbar auf der Verbindung resp. Substituirung zweier vollständig
+heterogener Vorstellungen, die aber eine gewisse Aehnlichkeit mit
+einander haben. Fischer führt diesen Witz unter dem Wortspiel
+(speciell unter der mit „Doppelsinn" überschriebenen Form) auf, nach
+meiner Auffassung aber mit Unrecht, denn das Wort Montblanc enthält
+_an und für sich_ keinen Doppelsinn.
+
+In manchen Fällen ist die versteckte Aehnlichkeit, die der Witz
+aufdecken soll, nicht direct ausgesprochen, sondern kann erst nach
+Kenntniss gewisser Verhältnisse verstanden werden. Als Beispiel führe
+ich einen fall von witzigem Anachronismus an: Ein italienischer Maler
+wurde von dem Prior eines Klosters aufgefordert, für dessen Kirche
+ein Altar-Bild, das heilige Abendmahl darstellend, zu malen. Er macht
+sich an die Arbeit; lernt aber während derselben den Prior als einen
+ganz schlechten Menschen, einen Lügner und Verräther kennen, der ihn
+selbst
+
+[Page 64]
+
+um den bedungenen Lohn betrügen will. Darüber entrüstet, beschliesst
+der witzige Maler sich zu rächen und malt in einer Nacht, nachdem das
+Bild vorher bis auf die Person des Judas fertig geworden war, die
+Gestalt des Priors wie er leibt und lebt an dessen Stelle, um sich
+dann natürlich heimlich davon zu machen. -- Das Bild enthält einen
+Anachronismus, der in diesem Falle aber nicht blos komisch, sondern
+für den, der die Verhältnisse kennt, auch witzig wirkt. Die Person
+des Judas und des Priors, die hier mit einander indentificirt sind,
+gehören zeitlich nicht zu einander, dagegen finden wir in Beziehung
+auf ihren Geiz und ihre Verrätherei zwischen beiden eine
+Aehnlichkeit, die in Verbindung mit dem Anachronismus den Witz
+erzeugt. Die komische Wirkung wird in diesem Fall dadurch
+unterstützt, dass die gerechte Schadenfreude mit eine Rolle spielt;
+wir gönnen dem Prior wegen seiner Schlechtigkeit diese Blamage und
+den Aerger, den er doch wahrscheinlich über das Bild empfunden.
+Solche Witze, bei denen die gerechte Schadenfreude mitwirkt, nennen
+wir _satyrische Witze_ oder _Sarkasmen_, deren Wesen also in einer
+zum eigentlichen Witz hinzukommenden Nebenwirkung besteht.
+
+Sahen wir in der ersten oben besprochenen Klasse der
+Associationswitze die _Aehnlichkeit_ zur Erzeugung des angenehmen
+Gefühls thätig, so treten in den anderen Klassen ebenso die Normen
+der _Gleichzeitigkeit_ und _Succession_ dafür ein. In dem schon
+erwähnten Lichtenberg'schen Auctionsverzeichniss wird u. A. weiter
+ausgeboten: Eine Mausefalle mit den nöthigen Mäusen dazu und ein
+messingenes Schlüsselloch. In dem ersten Beispiel erscheint es uns
+einerseits nach dem Gesetze der Coexistenz ganz natürlich, dass zur
+Mausefalle auch Mäuse gehören, andererseits sehen wir auch sofort das
+Unsinnige der Zusammenstellung ein. Ebenso ist es mit dem messingenen
+Schlüsselloch. Wir haben den Messing mit dem darin befindlichen
+Schlüsselloch so oft zusammen gesehen, dass wir diese beiden Begriffe
+leicht und ungezwungen in Zusammenhang bringen und deshalb lachen,
+wenn wir andererseits den Widersinn einsehen. -- Es spielt in diesen
+Beispielen übrigens nebenbei auch das gesteigerte Selbstgefühl in
+gleicher Weise wie bei den Münchhausiaden mit. Wir merken, dass uns
+eine Falle gelegt ist,
+
+[Page 65]
+
+dass wir confuse gemacht werden sollten und freuen uns nun der
+glücklich überstandenen Prüfung.
+
+Wir kommen jetzt zur zweiten Hauptgruppe der Witze, die wir
+
+*2. Doppelsinn-Witze*
+
+nannten. Bei den Doppelsinn-Witzen werden die zwei Vorstellungen
+resp. Vorstellungskreise, die in dem Witz uns dargeboten sind und mit
+einander in den Wettstreit eingehen sollen, gebildet: erstlich durch
+ein Wort, eine Aeusserung, Geberde oder Darstellung irgend welcher
+Art, und zweitens durch die Situation oder den Zusammenhang des
+Satzes, in welchem jene stehen. -- Das erste dieser Glieder lässt
+eine doppelte Deutung zu, enthält einen Doppelsinn und je nachdem nun
+die eine oder die andere Bedeutung substituirt wird, passt das erste
+Glied in Bezug auf die logischen Normen (oder Ideen der Wahrheit) in
+den Zusammenhang vollständig hinein -- oder nicht (resp. weniger
+gut).
+
+Eine grosse Unterabtheilung hierzu bildet das Wortspiel oder genauer
+
+a) _das homonyme Wortspiel_.
+
+Bei diesem entsteht der Doppelsinn dadurch, dass das eine Wort zwei
+homonyme Bedeutungen in sich schliesst und zwar am häufigsten die
+methaphorische und sinnliche Bedeutung. Diese Witze sind sehr
+verbreitet und stehen ihrem Werthe nach den Klangwitzen nahe, weil
+sie sehr wohlfeil sind. Nicht eigentlich wir machen dieselben,
+sondern die Sprache macht sie für uns. -- Auf unterster Stufe steht
+das Wortspiel mit Namen, von welchem u. A. Falstaff auch ein Beispiel
+liefert, wenn er zu seinem Fähndrich Pistol sagt: „Drücke Dich aus
+unserer Gesellschaft ab Pistol". Das Wortspiel ist hierin sogar ein
+doppeltes. Erstlich das mit dem Worte Pistol, das in der Bedeutung
+des Namens nicht eigentlich in den Zusammenhang des Satzes passt,
+(namentlich, wenn wir uns denken, es hiesse etwa: _schiesse_ Dich
+ab), während die andere Bedeutung einen Sinn giebt, der aber hier
+nicht gemeint ist. Durch Einzukommen des zweiten
+
+[Page 66]
+
+Wortspiels, oder richtiger Klangwitzes, welcher die Worte „sich
+abdrücken und sich drücken" für einander substituirt, wird der Witz
+verdoppelt und dem Wortspiel gewissermaassen der Weg besser gebahnt.
+
+In einer Schule trug der Lehrer die Geschichte des Tobias ganz mit
+den Worten der heiligen Schrift vor. Bei den Worten „Hanna aber, sein
+Weib, die arbeitete fleissig mit ihrer Hand und ernährte ihn _mit
+Spinnen_", machte ein Mädchen mit Gesicht und Händen die Geberde des
+Abscheues und Ekels. „Agnes, was hast Du denn?" ruft der Lehrer:
+Antwort: „Ach Herr Lehrer, ist denn das wirklich wahr?" Lehrer:
+„Warum zweifelst Du daran?" Kind: „O, weil _die Spinnen_ doch gar zu
+schlecht schmecken müssen!" -- In der vorliegenden Anekdote, so wie
+sie hier erzählt ist, ist die Aeusserung des Kindes offenbar eine
+pseudonaive. Die Kleine sagt eigentlich etwas Dummes, aber indem wir
+uns auf den Standpunkt des in diesem Falle leicht entschuldbaren
+Missverständnisses stellen, hat sie mit ihren Worten eigentlich ganz
+recht. Dieselbe Aeusserung können wir aber auch als Witz auffassen
+und zwar als Wortspiel, wenn wir das Wort „_Spinnen_" bald in der
+einen, bald in der anderen Bedeutung in den Zusammenhang
+substituiren. Einen logischen Sinn geben in vorliegendem Falle
+eigentlich beide Bedeutungen, doch kann es für den Einsichtsvollen
+keinen Augenblick zweifelhaft sein, welche von beiden die gemeinte
+ist. Eine doppelt komische Wirkung entsteht oft dadurch, dass die
+nicht gemeinte Bedeutung uns zuerst allein aufstösst und wir gerade
+bei der Substituirung dieser ausserdem noch unsere Schadenfreude
+befriedigt sehen, wie im folgenden Beispiel. -- Ein im Bezahlen
+seiner Rechnungen sehr säumiger Herr schickt seinen Diener zum
+Schneider, um diesen zum Maassnehmen für einen neuen Anzug zu sich zu
+bestellen. „Nun Friedrich"! fragt er den Rückkehrenden, „warst Du
+beim Schneider? Wann kommt er?" Antwort: „Gnädiger Herr, in einer
+_schwachen_ Stunde wird er herkommen, hat er g'sagt." -- In einer
+schwachen Stunde soll offenbar soviel heissen wie in einer kleinen
+Stunde (so wie man von einer starken und schwachen Meile spricht).
+Die andere Bedeutung, die eigentlich nicht gemeint ist, aber ganz der
+Situation entsprechend die Ab-
+
+[Page 67]
+
+neigung des Schneiders ausdrückt, für einen so schlechten Zahler
+weiter zu arbeiten, fällt uns jedoch zunächst auf, und wir lachen
+deshalb um so mehr. -- Es gehört dieser Witz, besonders wenn wir
+annehmen, dass der Schneider oder der Diener ihn absichtlich gemacht
+habe, zu den sog. _zweideutigen Wortspielen_, von denen Kuno Fischer
+sehr richtig sagt: „Jetzt ist der Doppelsinn nicht mehr harmlos,
+sondern pikant; das Wortspiel hat nicht blos zwei Bedeutungen,
+sondern zwei Gesichter, das eine ist Maske, das andere das wahre
+Gesicht; jenes sieht harmlos aus, dieses hat den Schalk im Nacken."
+
+Bei einer anderen Klasse der Wortspiele ist es nicht die _homonyme_
+Bedeutung eines Wortes, sondern die doppelte Bedeutung, die dadurch
+entsteht, dass ein Wort dem Zusammenhang des Ganzen entsprechend (und
+zwar nicht immer ganz correct) in einem weiteren oder engeren Sinne
+gebraucht und dann im Witze plötzlich in seine wirklichen Grenzen
+zurückgewiesen wird. Ich nenne diese Wortspiele deshalb
+
+b) _limitirende Wortspiele_
+
+und führe zuerst solche an, bei denen ein Begriff, der eigentlich
+eine weitere Bedeutung hat, zunächst in einem engeren Sinne gebraucht
+wird und in diesem in den Zusammenhang des Ganzen nicht hineinpasst,
+während die Substituirung der eigentlich richtigen, weiter
+umfassenden Bedeutung, an die wir aber erst erinnert werden müssen,
+einen richtigen Sinn ergiebt. Fast sämmtliche Beispiele, die
+Schopenhauer vom Witz giebt, gehören in diese eben genannte Klasse
+und wir werden das gewissermaassen begreiflich finden, wenn wir uns
+der Schopenhauer'schen Definition des Lächerlichen erinnern. Die
+paradoxe und daher unerwartete Subsumtion eines Gegenstandes unter
+einen ihm übrigens heterogenen Begriff gilt ihm als das Kennzeichen
+des Lächerlichen. Dabei soll beim Witz das Auffinden dieser
+Incongruenz vom Anschaulichen zum Begriff übergehen. Schopenhauer
+erzählt folgende Witze:
+
+Ein Gascogner geht bei strenger Winterkälte in leichter
+Sommerkleidung umher. Der König, der ihm begegnet, lacht über ihn,
+worauf der Gascogner sagt: Hätten Ew. Majestät an-
+
+[Page 68]
+
+gezogen, was ich angezogen habe, so würden Sie es sehr warm finden.
+Auf die Frage: was er denn angezogen habe, erwidert er: „meine ganze
+Garderobe." -- Unter dem _was_ (ich angezogen habe) verstehen wir
+zunächst, der Situation ganz entsprechend, den Anzug, den wir auf
+seinem Leibe sehen und es scheint uns diese kärgliche dünne
+Bekleidung seine Behauptung nicht zu rechtfertigen. -- In seiner
+weiteren Antwort wird aber dieses von uns selbstverständlich in so
+enger Bedeutung aufgefasste „_was ich anhabe_" plötzlich erweitert zu
+dem Begriff „meine ganze Garderobe" und in dieser Bedeutung passt
+allerdings seine Antwort vollkommen zur Situation. --
+
+„Das Publikum eines Theaters in Paris verlangte einst, dass die
+Marseillaise gespielt werde und gerieth, als dies nicht geschah, in
+grosses Schreien und Toben, so dass endlich ein Polizeicommissarius
+in Uniform auf die Bühne trat und erklärte, es sei nicht erlaubt,
+dass im Theater etwas Anderes vorkomme, als was auf dem Zettel stehe.
+Da rief eine Stimme: „„Et vous, Monsieur, êtes-vous aussi sur
+l'affiche?"" welcher Einfall das einstimmigste Gelächter erregte."
+
+Das Wort, um welches es sich bei diesem Witze handelt, ist das Wort
+_vorkommen_. Wir fassen dasselbe zunächst und entsprechend dem, wie
+es gemeint ist, in dem Sinne von: „aufgeführt werden" auf, „es darf
+im Theater nichts Anderes aufgeführt werden" etc. Der witzige Einfall
+erweitert aber plötzlich die Bedeutung zu ihrem eigentlichen Umfang
+und nun fällt das Auftreten des Polizeibeamten auch mit unter den
+Begriff: vorkommen. Hätte der Beamte sich correct ausgedrückt und
+gesagt: es darf nichts Anderes aufgeführt werden, als was auf dem
+Zettel steht, so wäre die Gelegenheit zu dem vorliegenden Witz
+genommen. --
+
+Gerade die gegentheilige Operation findet bei den folgenden Witzen
+statt, bei denen ein Wort zuerst in einer weiteren Bedeutung
+gebraucht ist und nun plötzlich durch den Witz eingeschränkt wird.
+
+Die Beispiele dazu entlehne ich aus Kuno Fischer, der dieselben unter
+der Form „Das witzige Abfertigen" mittheilt, ohne auf das eigentliche
+punctum saliens bei diesen Witzen einzugehen.
+
+[Page 69]
+
+„Herzog Karl von Württemberg trifft auf einem seiner Spazierritte von
+ungefähr einen Färber, der mit seiner Handthierung beschäftigt ist;
+„kann er meinen Schimmel blau färben?" ruft ihm der Herzog zu, und
+erhält die Antwort zurück: „ja wohl, Durchlaucht, wenn er das Sieden
+vertragen kann". Die beiden Glieder des Witzes sind die _bejahende_
+Antwort und das Wort „_können_". In der Frage des Herzogs ist
+letzteres in der weiteren Bedeutung gemeint „können, so dass es eben
+ohne Schaden geschieht." In der Antwort aber wird die Bedeutung in
+ihre strengen eigentlichen Grenzen zurückgewiesen und erst zu dieser
+Bedeutung passt die bejahende Antwort. --
+
+Zur Verstärkung der komischen Wirkung, aber ganz ausserhalb des
+Witzes gelegen, kommt das Moment der witzigen Abfertigung hinzu (das
+also zur Unterscheidung einer besonderen Witzform eigentlich nicht
+gebraucht werden kann). Wir sympathisiren mit dem Färber, der vom
+Herzog geschraubt werden soll und gönnen letzterem die Abfertigung,
+die er sich zuzieht, als eine gerechte Strafe für seine böse Absicht.
+Aber auch ohne dies Nebenmoment bleibt der Witz als solcher bestehen
+und wir können ihn etwa in die Räthselfrage kleiden: Kann man einen
+Schimmel blau färben? Antwort: Ja, wenn er das Sieden vertragen kann.
+
+„Friedrich der Grosse hört von einem Prediger in Schlesien, der im
+Rufe steht, mit Geistern zu verkehren; er lässt den Mann kommen und
+empfängt ihn mit der Frage: „Er kann Geister beschwören?" Die Antwort
+war: „zu Befehl, Majestät, aber sie kommen nicht". -- Die beiden
+Glieder des Witzes sind auch hier die bejahende Antwort und das Wort
+„beschwören", das in seiner doppelten Bedeutung zu dem Wortspiel
+Veranlassung giebt. In der Frage ist dasselbe so gemeint, dass wir
+ohne Weiteres das Erscheinen der Geister mit einbegreifen; in der
+Antwort wird das Wort auf seine eigentliche Bedeutung zurückgeführt
+und daraus entsteht der Wettstreit mit der bejahenden Antwort. --
+Auch hier dient das Moment der Abfertigung nur zur Erhöhung der
+komischen Wirkung.
+
+Es braucht aber nicht immer _ein_ Wort zu sein, welches eine doppelte
+Bedeutung enthält, oft ist es auch die Construction die einen
+doppelten Sinn zulässt. Diese
+
+[Page 70]
+
+c) _Witze aus doppelsinniger Construction_
+
+sind häufig unwillkürliche wie z. B. der folgende. -- Einer unserer
+verflossenen Duodezfürsten überraschte eines Tages seinen
+Kammerdiener, wie dieser behaglich auf dem Thronsessel Probe sass und
+fuhr ihn mit den heftigen Worten an: „Kerl, verdammter, wie kommst Du
+mir vor? bildest Dir wohl gar ein, regierender Herr zu sein, dumm
+genug wärst Du dazu!" [1] -- Was der Kurfürst sagen wollte, ist wol
+klar: „Du bist dumm genug, Dir das einzubilden." Durch die etwas
+uncorrecte Satzstellung aber ist der Sinn: „Dumm genug, regierender
+Herr zu sein" nahe gelegt, der offenbar nicht der gemeinte ist.
+Daraus aber entsteht ein Witz, dessen komische Wirkung zunächst
+dadurch beträchtlich erhöht wird, dass wir aus dem Munde eines
+Mannes, dem wir von vornherein übel wollen, diese (in gewisser
+Auffassung) naive Aeusserung, mit der er sich selbst ins eigene
+Fleisch trifft, gern und mit einer nicht unberechtigten Schadenfreude
+hören, weil wir diesen eigentlich nicht gemeinten Sinn, für den mit
+der Wahrheit am meisten übereinstimmenden halten. Dadurch, dass wir
+aber wissen, dass der Fürst seine Aeusserung nicht so gemeint hat,
+wird aus der Naivetät ein *unbewusster Witz*, indem bei Substituirung
+der beiden möglichen Constructionsauslegungen ein Wettstreit zwischen
+den beiden Sätzen eintritt. --
+
+So wie hier in der doppelsinnigen Construction oder wie vorher in
+einem doppelsinnigen Wort, so liegt oft das punctum saliens des
+Witzes in einem ganzen Satze, der seinen Doppelsinn entweder in sich
+trägt oder durch eine ihn begleitende Geberde erhält. Meist handelt
+es sich dabei um ein absichtliches Missverständniss. Ich will diese
+Classe
+
+d) _Doppeldeutungs-Witze_
+
+nennen. Als Beispiele dienen folgende Anekdoten: Eine Dame steckt den
+Kopf zum Coupéfenster hinaus und schreit mit giftigem
+
+[1] Ludwig Reinhard, Komische Spaziergänge. Coburg 1867.
+
+[Page 71]
+
+Gesicht: Herr Conducteur, ist es erlaubt, in diesem Coupé zu rauchen?
+„Wenn die Herren darin nichts dagegen haben, so können die gnädige
+Frau getrost rauchen", lautet die Antwort. -- Die beiden Glieder des
+Witzes, die hier mit einander in Wettstreit treten, sind: die Frage
+und Antwort; die Gelegenheit zum Witze giebt die mögliche doppelte
+Deutung der Frage. Die Dame will sich offenbar über die rauchenden
+Herren beschweren; der Schaffner aber deutet ihre Frage anders, wozu
+er, wenn er die Geberde der Dame nicht bemerkt oder bemerken will,
+volles Recht hat. Die komische Wirkung wird auch hier durch unsere
+Schadenfreude gesteigert. Wir sympathisiren mit den rauchenden
+Herren, welche durch die Dame in ihrem Genuss gestört werden sollen
+und freuen uns, dass Letztere mit ihrer Beschwerde so lächerlich
+abfällt. --
+
+In einer Dorfschule wird der Katechismus überhört. Der Lehrer sieht
+einen Knaben ganz unaufmerksam dasitzen und fasst ihn schnell mit den
+Worten beim Arm: „Was ist das?" um ihn nach der Lutherschen Erklärung
+des eben von einem andern Schüler hergesagten Gebotes zu examiniren.
+Der Unaufmerksame stottert die Antwort hervor: „Das ist meiner Mutter
+ihre alte Pelzjacke." Diese Antwort erregt natürlich unter den
+Mitschülern unbändiges Gelächter. Einzelne der Lacher werden
+vielleicht das unbewusst Witzige der Antwort gar nicht bemerken. Sie
+lachen einfach aus gerechter Schadenfreude über die der Dummheit
+resp. Unaufmerksamkeit folgende Blamage und etwaige Strafe. Anderen
+Schülern aber wird der Witz jener Aeusserung nicht entgehen. Die
+Frage des Lehrers war eine doppelsinnige, indem dieselbe durch
+Anfassen des Armes d. h. also der Jacke des Schülers begleitet war.
+Welchen Sinn die Frage eigentlich haben _soll_, darüber ist uns kein
+Zweifel; durch den Doppelsinn der Frage entsteht nun aber zwischen
+Frage und Antwort ein Wettstreit. In gewissem Sinne passen beide zu
+einander, in anderem Sinne und zwar dem eigentlich gemeinten, dagegen
+gar nicht. Das war ja aber das Charakteristicum des Witzes. --
+
+Wir haben in den letzten Nebenformen den Widerspruch zwischen dem
+wirklich Gesprochenen und dem eigentlich Gemeinten als wesentlich
+erkennen müssen. Zwei andere Neben-
+
+[Page 72]
+
+formen zeigen ebenfalls diesen Widerspruch; doch ist bei ihnen der
+Doppelsinn nicht in dem gesprochenen Wort oder der geschehenen
+Aeusseruug selbst enthalten, sondern wird erst durch die Hörenden dem
+Sinn des Redenden entsprechend hineingelegt. Es sind dies die beiden
+Formen der Ironie und des Vexirwitzes.
+
+e) _Die Ironie_
+
+charakterisirt sich dadurch, dass sie gerade das Gegentheil von dem
+behauptet, was sie wirklich meint, dabei aber voraussetzt, dass der
+Hörende den eigentlich gemeinten Sinn erräth. Sie lobt eben _die_
+Eigenschaften des Subjects, die sie tadeln will, indem sie ihnen
+Gründe vorstreckt, deren Unhaltbarkeit gerade in der Uebertreibung zu
+Tage kommt, oder sie sagt die entgegengesetzten schönen Eigenschaften
+von ihm aus [1]. -- In ähnlicher Weise wie beim Wortspiel -- nur noch
+etwas verborgener und darum für den Hörer angenehmer kitzelnd --
+enthält das ausgesprochene Urtheil eigentlich einen doppelten Sinn:
+einmal den wörtlich genommenen und zweitens den versteckten
+gegentheiligen; der letztere passt zur Situation, der andere nicht
+und indem bald der eine, bald der andere substituirt wird, erzeugt
+sich bald die Möglichkeit, bald die Unmöglichkeit der Vereinigung. --
+Je versteckter der Angriff, um so schwerer ist die Vertheidigung, um
+so sicherer trifft der abgeschossene Pfeil. Darum wirkt die Ironie so
+überaus vernichtend; denn wenn sie nicht plump, sondern fein angelegt
+ist, weiss der Angegriffene im ersten Augenblick wohl gar nicht, ob
+er's mit Ernst oder mit Ironie zu thun hat, und merkt er nun den
+Angriff, so gesteht er durch eine Vertheidigung zu, dass er das Lob,
+das ihm im wörtlichen Sinne gespendet wurde, nicht verdient habe, in
+der That also in dem betreffenden Punkte tadelnswerth sei. Besonders
+häufig bedient sich der Humor der Ironie als Waffe, indem er z. B.
+Handlungen, die aus grossartigen, oft grossartig bösen Motiven
+hervorgegangen sind, ganz im Sinne des Humors auf die kleinlichsten
+Gründe zurückführt. So sucht z. B. Hamlet im unversöhnten ironischen
+Humor die schnelle
+
+[1] Vischer l. c. p. 437.
+
+[Page 73]
+
+Heirath seiner Mutter zu entschuldigen: „Pah, Oekonomie, Oekonomie;
+das Gebackene zum Leichenschmaus gab kalte Hochzeitsschüsseln!"
+
+Der Grund weshalb dem Humor unter allen Formen des Witzes die Ironie
+gerade bei Weitem am meisten zusagt, ist leicht einzusehen. Die
+Neigung des Humors, das ihm entgegentretende Alltägliche, Kleine,
+Niedrige, Gemeine mit den höchsten sittlichen und religiösen Ideen in
+Gegensatz zu bringen, findet eben am leichtesten in der Form der
+Ironie Ausdruck, da diese ja gerade in der Vereinigung der grösst-
+denkbaren Gegensätze d. h. der Gegentheile besteht. -- Deshalb aber,
+weil der Humor die Ironie so vorwiegend in seinen Dienst nimmt, darf
+man beide nicht mit einander verwechseln. --
+
+In der Hand des Kritikers ist die Ironie eine der schärfsten Waffen.
+Unter den neueren Schriftstellern ist als Meister in ihrer Benutzung
+Paul Lindau zu nennen, der in seinen „literarischen
+Rücksichtslosigkeiten", namentlich aber auch in seinen „harmlosen
+Briefen eines deutschen Kleinstädters" eine unerschöpfliche Fundgrube
+von ironischen Witzen bietet, auf die ich hier nur verweisen kann.
+
+f) _Der Vexirwitz_
+
+hat viel Aehnlichkeit mit der Ironie, ist aber durchaus harmlos und
+nimmt eine ziemlich niedrige Stufe im Gebiet des Witzes ein. Wenn ich
+z. B. sage: Es ist doch recht abgeschmackt von Schiller, dass er
+seinen Don Carlos mit der alten, abgedroschenen Phrase beginnt: „Die
+schönen Tage von Aranjuez sind nun vorüber", so ist das ein
+Vexirwitz, indem ich dabei voraussetze, dass der Hörende weiss, was
+ich eigentlich sagen will und, die Entstellung der Thatsachen sofort
+merkend, den richtigen Sinn substituirt.
+
+Wie bei den Münchhausiaden, die unter Umständen auch als Vexirwitze
+aufzufassen sind, wird das angenehme Gefühl durch die Freude darüber,
+dass wir der beabsichtigten Täuschung nicht unterlegen sind, noch
+erhöht.
+
+
+[Page 74]
+
+Hiermit haben wir den Witz in seinen wesentlichsten Formen vorgeführt
+und wenden uns jetzt noch einmal zu dem ganzen Gebiet des
+Lächerlichen zurück. --
+
+Wir haben nachzuweisen gesucht, dass bei allem Komischen zwei
+Gefühle, ein angenehmes und ein unangenehmes erregt werden. Wir haben
+ferner die Thatsache schon kurz erwähnt, dass diese beiden Gefühle
+von gleicher Stärke sein und _gleichzeitig_ entstehen müssen, so dass
+sie mit einer gewissen Plötzlichkeit aufeinanderstossen. Es ist zum
+psychologischen Verständniss des Lächerlichen durchaus nothwendig,
+dass wir auf dieses Verhältniss noch näher eingehen. Die
+Gleichzeitigkeit der Entstehung beider Gefühle bedingt die sog.
+„Pointe", ohne welche eben die komische Wirkung eines Witzes oder
+einer Anekdote verloren geht. In der Pointe werden die beiden
+contrairen Gefühle durch das Aufeinanderstossen von Sinn und Unsinn,
+von Harmonie und Disharmonie mit den verschiedenen Normen
+gleichzeitig erzeugt. --
+
+Wie aber gelangen diese Gefühle zum Bewusstsein? Nach dem bekannten
+Satze von der Enge des Bewusstseins können in derselben Zeiteinheit
+nicht zwei Vorstellungen mit gleicher Schärfe vom Bewusstsein
+wahrgenommen werden; dasselbe gilt auch von den Gefühlen. Was wird
+und muss also geschehen, wenn zwei Gefühle zu gleicher Zeit erzeugt
+werden, die wegen ihrer Gegensätzlichkeit nicht in eins verschmelzen
+können? Die Selbstbeobachtung der psychologischen Vorgänge in uns
+lässt uns dabei ziemlich im Stich, indem sie uns nur im Allgemeinen
+das Entstehen eines sog. Affectes schauen lässt. Wir wollen aber in
+das Wesen dieses Affectes eindringen und es bietet sich dazu nur ein
+Weg, auf welchen Wundt zuerst mit grosser Dringlichkeit in seinen
+Beiträgen zur Theorie der Sinneswahrnehmungen [1] aufmerksam gemacht
+hat, indem er sagt: „Es wäre ein fundamentaler Irrthum, wenn man in
+Bezug auf die experimentelle Erforschung der Empfindungs- und
+Wahrnehmungsprocesse an der Meinung festhalten wollte: Alles, was man
+auf diesem Wege finde, seien nur Gesetze, die Gültigkeit für die
+Seele besitzen in ihrem Verhalten gegen äussere Sinnesreize,
+
+[1] Leipzig und Heidelberg 1862. p. XXIX u. 450.
+
+[Page 75]
+
+aber in dem von diesen unabhängigen Leben, im reinen Denken könnten
+vielleicht ganz abweichende Gesetze gültig sein, über die uns die
+Resultate unserer Experimente Nichts aussagten." -- „Die
+experimentelle Untersuchung der Sinneswahrnehmungen und Vorstellungen
+ergiebt vielmehr ein Resultat, das unmittelbar auch auf die _höheren
+Sphären_ geistiger Thätigkeit sich anwenden lässt". -- Schon der Satz
+von der Enge des Bewusstseins ist ja wie bekannt aus der
+experimentellen Thatsache hergeleitet, dass wir nicht im Stande sind,
+in derselben Zeiteinheit scharfe Wahrnehmungen durch zwei
+verschiedene Sinne zu machen. Im vorliegenden Falle handelt es sich
+nun aber um _Gefühle_, die zwar einander conträr aber gleichsam von
+derselbeu Qualität sind und bei Entscheidung der Frage, was bei dem
+gleichzeitigen Auftreten solcher conträren Gefühle geschieht, werden
+wir also auf ähnliche Verhältnisse, aus der Sphäre der
+Sinneswahrnehmungen recurriren müssen. Die Fälle, in welchen ein und
+derselbe Punkt unserer Netzhaut zu gleicher Zeit von zwei aus
+derselben Richtung kommenden verschiedenen (namentlich verschieden
+gefärbten) Lichtstrahlen getroffen wird, werden offenbar dem hier zu
+ergründenden Factum ganz analog sein, und ihre genaue Prüfung wird
+uns das Verständniss des letzteren erschliessen. -- Wenn das Licht
+zweier verschiedenen Gegenstände aus ein und derselben Richtung in
+unser Auge fallen soll, so müssen jene Gegenstände offenbar, wirklich
+oder scheinbar, hinter einander liegen und ausserdem wird im ersten
+Falle der vordere Gegenstand durchsichtig, also etwa von Glas sein
+müssen. Was geschieht nun, wenn wir einen Gegenstand durch eine
+farblose oder farbige Glasplatte betrachten? Fast immer wird unsere
+Aufmerksamkeit von dem hinter der Glasplatte liegenden Objecte so
+gefesselt, dass wir nur dieses bemerken, die Anwesenheit der
+Glasplatte dagegen vollständig ignoriren, und wenn sie gefärbt ist,
+ihre Farbe einfach dem durch sie gesehenen Gegenstande beilegen. Erst
+durch eine willkürliche Richtung unserer Aufmerksamkeit können wir
+uns zwingen, die Oberfläche der Glasplatte zu beobachten; doch wird,
+wenn uns an derselben Nichts mehr fesselt, sich uns immer wieder die
+Vorstellung des hinter ihr liegenden Gegenstandes aufdrängen. Wenn
+wir aber den Versuch so einrichten, dass unsere Auf-
+
+[Page 76]
+
+merksamkeit gleichmässig stark von der Glasplatte und dem Objecte in
+Anspruch genommen wird, so erhalten wir eine andere eigenthümliche
+Erscheinung. Legen wir nämlich nach Wundt's Angabe [1] auf ein blaues
+Glas ein rothes Papier, in welches ein kleines Fenster geschnitten
+ist, so dass also die Oeffnung des Fensters blau und durchsichtig
+erscheint, und halten hinter das Glas in einiger Entfernung einen
+weissen Papierstreifen, so erscheint die Fensteröffnung plötzlich im
+lebhaftesten _Glanze_.
+
+Noch deutlicher lassen sich die eben besprochenen Erscheinungen an
+Gegenständen experimentiren, welche ausser der Ausstrahlung ihres
+Eigenlichtes, Licht an ihrer Oberfläche reflectiren. Auch hier wird
+aus ein und derselben Richtung (also auf _einen_ Punkt unserer
+Netzhaut) zweierlei verschiedenes, scheinbar aus verschiedener
+Entfernung kommendes Licht, in unser Auge gesandt, und in ähnlicher
+Weise wie in dem vorher besprochenen Falle, sehen wir auch hier je
+nach der Richtung unserer Aufmerksamkeit zwei verschiedene
+Erscheinungen auftreten, von denen wir die eine als Spiegelung, die
+andere (wie vorher) als Glanz erkennen. Ueber die Entstehung beider
+Phänomene und ihren gegenseitigen Unterschied, spricht sich Wundt
+folgendermaassen aus: „Ein Gegenstand _spiegelt_, dessen Oberfläche
+durch Reflexion ein solches Bild der umgebenden Objecte entwirft,
+dass wir den spiegelnden Gegenstand selber über der Betrachtung der
+Spiegelbilder vernachlässigen, indem wir diese gewissermaassen als
+die direkt betrachteten Gegenstände ansehen. Zur reinen Spiegelung
+gehört daher erstens eine gewisse Deutlichkeit der Spiegelbilder und
+zweitens eine solche Beschaffenheit des spiegelnden Gegenstandes,
+dass dieser nicht unsere Hauptaufmerksamkeit auf sich zieht; ebene
+oder gleichförmig gekrümmte polirte Flächen sind daher am häufigsten
+spiegelnde Objecte, insbesondere wenn sie farblos oder wenigstens
+gleichfarbig sind. Hat ein Object eine ausgeprägte Farbe, so regt
+dies schon leicht unsere Aufmerksamkeit an, und dies findet in noch
+höherem Maasse statt, wenn die Farbe nicht gleichmässig über die
+Oberfläche vertheilt ist. Wir nennen einen
+
+[1] l. c. p. 313
+
+[Page 77]
+
+Gegenstand _glänzend_, wenn derselbe so beschaffen ist, dass wir
+zugleich den Gegenstand und die von demselben entworfenen
+Spiegelbilder in's Auge zu fassen genöthigt sind, wenn wir also
+gleichzeitig verschiedene Gegenstände sehen, die hintereinander in
+verschiedener Entfernung vom Auge gelegen scheinen und die daher sich
+decken sollten. _Zu diesem gleichzeitigen Auffassen des Objects und
+seiner Spiegelbilder ist nothwendig, dass keins von Beiden über das
+andere das Uebergewicht erlange_; werden die Spiegelbilder
+unmerklich, so hört natürlich der Glanz auf, wir sehen nur noch den
+Gegenstand in seinem eigenen Lichte; werden aber die Spiegelbilder
+sehr stark, so geht der Glanz in Spiegelung über. Wundt beweist
+ferner durch eine Reihe von Experimenten (p. 305-307), dass der Glanz
+nicht auf Accommodationsverschiedenheit, d. h. der verschiedenen
+Einstellung der Augen für die scheinbar oder wirklich verschiedenen
+Entfernungen der beiden Objecte beruht, sondern als ein Product der
+Vorstellungsthätigkeit auftritt und zwar definirt er den Glanz als
+einen solchen Urtheilsprozess, bei welchem die einzelnen
+Bestandtheile einer gegebenen Mischempfindung von einander losgelöst
+und für sich vorgestellt werden; während wir die beiden Farben (des
+spiegelnden und gespiegelten Lichtes) zugleich sehen, unterscheiden
+wir sie noch von einander. Wir erhalten beim Glanz die Vorstellung
+eines Gegenstandes, der das Bild eines anderen spiegelt, aber den
+Gegenstand deutlich aufzufassen, verhindert uns das Spiegelbild und
+das Spiegelbild deutlich aufzufassen, verhindert uns der Gegenstand.
+Der wesentliche Grund hierfür ist die Unmöglichkeit gleichzeitig zwei
+Dinge klar vorzustellen, die sich nicht in _eine_ Vorstellung
+vereinigen lassen. Unsere Vorstellungsthätigkeit, die aber nach
+Klarheit strebt, wird deshalb in _schneller Schwankung von dem
+spiegelnden Gegenstand zum Spiegelbild, vom Spiegelbild zum
+Gegenstand hinüberschweifen_ und darauf beruht das eigenthümliche
+Princip der Unruhe, was im Glanze liegt und z. B. auch von Brücke [1]
+besonders hervorgehoben (freilich aber in
+
+[1] Brücke, die Physiologie der Farben für die Zwecke der
+Kunstgewerbe. Leipzig 1866 p. 228.
+
+[Page 78]
+
+etwas anderer Weise erklärt) wird. Auch die eigenthümliche Thatsache
+des von Dove entdeckten stereoskopischen Glanzes beweist und
+illustrirt das eben Gesagte. Dove zeichnete die stereoskopische
+Projection eines Prismas oder einer anderen Figur für das eine Auge
+mit weissen Linien auf matt schwarzem Grunde, für das andere Auge mit
+schwarzen Linien auf weissem Grunde. Bei stereoskopischer Vereinigung
+beider erscheint das Relief von graphitglänzenden Flächen begrenzt.
+Ausser Schwarz und Weiss geben auch andere Farben die Erscheinung des
+Glanzes; aber nicht jede beliebige Farbencombination ist zu brauchen.
+Denn contrastirt die eine Farbe merklich lebhafter gegen den Grund
+als die andere und drängt sie sich daher unserem Bewusstsein stärker
+auf, so wird sie allein gesehen. Der Glanz ist am lebhaftesten, wenn
+der Contrast beider Farben gegen ihren Grund stark und ungefähr
+gleich gross ist. Ausserdem wird der Glanz durch den gegenseitigen
+Contrast der beiden zu combinirenden Farben erhöht. Man combinire z.
+B. stereoskopisch Blau und Gelb. Macht man den Grund weiss, so
+verdrängt leicht Blau das Gelb vollständig, macht man den Grund
+schwarz, so verdrängt Gelb das Blau, macht man den Grund aber grau,
+so erhält man einen lebhaften Glanz.
+
+Da nun Heimholz auf das Ueberzeugendste nachgewiesen hat, dass der
+Inhalt jedes einzelnen Sehfeldes, ohne durch organische Einrichtungen
+mit dem des andern verschmolzen zu sein, getrennt zum Bewusstsein
+gelangt, so ist auch in diesen Fällen der Glanz als ein Product der
+Vorstellungsthätigkeit aufzufassen. Der Glanz entsteht auch hier
+dadurch, dass unserem Bewusstsein zu gleicher Zeit zwei verschiedene
+Eindrücke geboten werden, die wir, weil sie aus einer Richtung
+kommen, zu combiniren streben, die aber durch ihre Verschiedenheit
+von einander nicht vereinbar sind, sich vielmehr jeder für sich
+unserem Bewusstsein aufzudrängen suchen und dadurch in _sehr
+schnellem Wechsel_ nach einander zur Auffassung gelangen [1]. Dass
+wir von diesem Wechsel der Eindrücke kein volles Bewusstsein haben
+und nur eine gewisse Unruhe im Glanze spüren,
+
+[1] Dieselbe Erklärung des stereoskopischen Glanzes giebt u. A. auch
+J. Martins-Matzdort: „Die interessantesten Erscheinungen der
+Stereoskopie" Berlin 1868.
+
+[Page 79]
+
+im Uebrigen aber den Eindruck einer einheitlichen Lichtausstrahlung
+empfangen, ist durchaus kein Gegengrund gegen diese Auffassung, denn
+auch beim gewöhnlichen Sehen, resp. Betrachten eines Gegenstandes
+streifen wir mit unseren Augen (mit der allein deutlich sehenden
+Macula lutea) schnell über denselben, gewissermaassen ihn betastend,
+hin, combiniren aber trotzdem die einzelnen Eindrücke zu einem
+einheitlichen Bilde, ohne zu merken, dass dasselbe aus verschiedenen,
+schnell auf einander folgenden Wahrnehmungen zusammengesetzt ist. --
+
+Sehr häufig wechselt mit dem stereoskopischen Glanze ein anderes
+Phänomen ab -- nämlich der sogenannte _Wettstreit der Sehfelder_, bei
+welchem die beiden Gesichtseindrücke in _langsamem_ Wechsel (in
+Perioden von etwa 8 Secunden und länger) nach einander zum
+Bewusstsein kommen. Es tritt diese Erscheinung ein, wenn bestimmte
+Bedingungen [wie Wundt überzeugend nachgewiesen hat: eine durch
+unwillkürliche Bewegungen der Augen veranlasste momentane
+Verschiebung (Divergenz) der beiden Bilder] die Trennung der beiden
+gleichzeitig aufgenommenen Gesichtseindrücke begünstigen. Decken sich
+die beiden Farbenbilder vollständig, so sehen wir unter geeigneten
+Umständen Glanz oder auch nur _die_ Farbe, die mit dem Grunde stärker
+als die andere contrastirt und dadurch sich der Aufmerksamkeit mehr
+aufdrängt. Sobald aber durch eine Schwankung der Sehaxen, wie sie
+durch Ermüdung oder durch willkürliche Veränderung der Aufmerksamkeit
+sehr leicht und fast immer eintritt, eine Verschiebung der Objecte
+gegen einander stattfindet, so dass sie sich nur noch theilweise
+decken, kommt die sog. Verdrängung durch Eigencontrast zur Geltung
+und wir sehen nur die Farbe, die mit dem Grunde am wenigsten
+contrastirt [1]. Dadurch, dass wir nun unsere Augenstellung immer
+wieder zu corrigiren suchen, wodurch die Verdrängung durch Contrast
+mit dem Grund mit der durch Eigencontrast fortwährend abwechselt,
+erhalten wir den Wettstreit der Sehfelder, der also auch darauf
+beruht, dass wir die verschiedenen Eindrücke beider Sehfelder zu
+vereinigen streben, dass aber Bedingungen eintreten, welche die
+Trennung beider, bald das eine, bald das andere mehr be-
+
+[1] Näheres über dies interessante Thema: Wundt. l. c. p. 330.
+
+[Page 80]
+
+tonend, erleichtern. Beim Glanz sind keine Bedingungen vorhanden,
+welche abwechselnd das eine und das andere Bild bevorzugt sein lassen
+und die Trennung beider Bilder ist darum keine so prägnante, obwohl
+sie wegen der Unmöglichkeit, beide in Eins zu vereinigen, auch
+vorhanden ist. Es wird darum eben der Wechsel beider Bilder unendlich
+viel schneller eintreten und wir können _den Glanz einen sehr
+beschleunigten Wettstreit der Sehfelder nennen_. --
+
+Prüfen wir jetzt, welches der oben erörterten Gesetze auf das
+Komische Anwendung findet. Von einem Punkte aus sehen wir beim
+Komischen plötzlich und gleichzeitig zwei verschiedene unvereinbare
+Gefühlsqualitäten in uns erzeugt werden. Da nun der Affect des
+Komischen, wie die einfache Beobachtung lehrt, weder als ein
+unangenehmes, noch allein als ein angenehmes Gefühl sich auffassen
+lässt, so kann also von einer Verdrängung durch Contrast nicht die
+Rede sein, vielmehr ergiebt sich bei näherem Eingehen die völlige
+Analogie zwischen der Erscheinung des Glanzes und dem Komischen, da
+andererseits die Plötzlichkeit der Wirkung den langsamen Wettstreit
+der Sehfelder ausschliesst. Es stimmt hiermit die schon oben
+angedeutete Thatsache überein, und wird dadurch gewissermaassen
+bestätigt, dass die beiden conträren Gefühle beim Komischen von
+annähernd gleicher Stärke sein müssen, so dass keines von dem andern
+im Wettstreit ganz unterdrückt werden kann. Das Komische ist ein
+Mischgefühl eigenthümlicher Art; wie beim Glanze kommen die einzelnen
+Componenten in so schnellem Wechsel hintereinander zur Wirkung, dass
+wir scheinbar ein einheitliches Gefühl vor uns haben und nicht im
+Stande sind, die beiden Factoren desselben einzeln direct zu
+beobachten; so wie wir beim Glanze auch nicht direct darüber klar
+werden, dass derselbe aus zwei verschiedenen Lichtarten
+zusammengesetzt ist. _Hierdurch wird der Einwurf gegen meine obige
+Darstellung beseitigt, dass man sich ja der angenehmen und
+unangenehmen Gefühle, die ich im Komischen gefunden haben will, gar
+nicht bewusst werde, und dass sie deshalb auch gar nicht vorhanden
+sein könnten_. --
+
+Wir haben also das _Wesen des Lächerlichen als einen_
+
+[Page 81]
+
+_beschleunigten Wettstreit der Gefühle, d. h. als ein schnelles Hin-
+und Herschwanken zwischen Lust und Unlust erklärt_. Mit dieser
+Auffassung stimmen aber die auf ganz anderem Wege gewonnenen
+Resultate der metaphysisch-ästhetischen Untersuchungen von Vischer
+und die Ansichten Kant's völlig überein. Kant hebt hervor, dass beim
+Lächerlichen, wenn der Schein, der uns auf einen Augenblick getäuscht
+hat, in Nichts verschwindet, das Gemüth wieder zurücksieht, um es mit
+ihm noch einmal zu versuchen und so durch _schnell
+hintereinanderfolgende Anspannung hin- und zurückgeschnellt und in
+Schwankung versetzt wird_, die, weil der Absprung von dem, was
+gleichsam die Saite anzog, plötzlich (nicht durch ein allmähliches
+Nachlassen) geschah, eine Gemüthsbewegung und mit ihr harmonirende
+inwendige körperliche Bewegung verursachen muss, die unwillkürlich
+fortdauerte und Ermüdung, dabei aber auch Aufheiterung (die Wirkung
+einer zur Gesundheit gereichenden Motion) hervorbringt.
+
+Ganz ähnlich schildert Vischer [1] diesen _Wettstreit der Gefühle_ in
+folgenden Worten: „Dieses Lustgefühl darf aber mit demjenigen nicht
+verwechselt werden, welches aus der Anschauung des Schönen fliesst,
+denn es ist ein gegensätzlich bewegtes". „Die gegensätzlichen Glieder
+bilden eine widerspruchsvolle Einheit und ihr Ineinander nöthigt das
+Gefühl, zwischen ihnen herüber und hinüber zu gehen, _was als ein
+rascher Wechsel zwischen Lust und Unlust empfunden wird, so zwar,
+dass jene durch diese verdoppelt, aber auch durch sie bedingt ist_".
+-- „Es ist also Lust durch Unlust, doppelte, weil durch Unlust
+gewürzte Lust, aber doch Lust mit Unlust. _Es ist ein durchaus
+bewegtes Gefühl, worin Unlust in Lust, Lust in Unlust
+hinüberzittert_." -- Es lässt sich wohl nichts gegen die Behauptung
+einwenden, dass die Uebereinstimmung dieser auf ganz anderem Wege
+gefundenen Resultate mit der von mir aufgestellten Theorie des
+Komischen einen weiteren Beweis für die Richtigkeit derselben
+abgiebt. -- Jetzt haben wir noch die Thatsache in's Auge zu fassen,
+dass uns das Komische doch in toto als etwas entschieden
+
+[1] l c. § 225.
+
+[Page 82]
+
+Angenehmes erscheint, ja die gewöhnlichen Grade des Angenehmen
+gewissermaassen noch übertrifft. Eine Art von Erklärung finden wir in
+der obigen Aeusserung Vischer's, wo er das Komische „doppelte, weil
+durch Unlust gewürzte Lust" nennt. Vor Allem müssen wir aber auch
+hier wieder die Analogie mit dem Glanze hervorheben. Bei demselben
+erhalten wir ebenfalls überwiegend den Eindruck des helleren Lichtes,
+während das Schwarz nicht ganz unterdrückt, aber doch gewissermassen
+unwirksam gemacht ist. Es werden in dem beschleunigten Wettstreit der
+Sehfelder, den wir Glanz nennen, die hellen Lichter gewissermassen
+stärker betont und in ganz derselben Weise zeigen sich auch bei dem
+beschleunigten Wettstreit der Gefühle, welcher das Komische bildet,
+die angenehmen Gefühle als hauptsächlich wirksam und wir können, wenn
+wir die physiologische Wirkung des Komischen erforschen wollen, das
+unangenehme Gefühl, das sich ja nie zum psychischen Schmerz steigern
+darf, so weit vernachlässigen, _dass wir das Komische als eine
+intermittirende, rhythmisch unterbrochene, freudige Gefühlserregung
+ansehen_. --
+
+Diese freudige Erregung tritt nach jeder Intermission unvermittelt
+und plötzlich ein und ist somit der freudigen Ueberraschung analog.
+-- Beobachten wir nun aber die somatischen Vorgänge während dieses
+eben genannten psychischen Zustandes, so fallen uns besonders bei den
+stärkeren Graden der Ueberraschung Symptome in's Auge, die neben
+anderen Reizungen unzweideutig eine Reizung der vasomotorischen
+Centren, also des Sympathicus beweisen. Wir beobachten im ersten
+Augenblicke eintretender Ueberraschung ein Blasswerden der Haut, (wie
+Domrich [1] meint, nicht nur im Gesicht, sondern wahrscheinlich über
+den ganzen Körper). Die plötzliche Verengerung der Gefässe, durch
+welche dies Blasswerden bedingt wird, veranlasst weiter das Herz nach
+einem kurzen Augenblick des Stillstandes zu schnelleren und
+ausgiebigeren Zusammenziehungen, weil es bei Durchtreibung des Blutes
+durch die engeren Gefässe grössere Widerstände zu überwinden hat [2].
+-- Es sind auch hier besonders
+
+[1] l. c. p. 233.
+[2] Goltz, Ueber den Tonus der Blutgefässe. Virchow. Arch. Bd. XXIX.
+Heft 3 u, 4 p. 419.
+
+[Page 83]
+
+die kleineren Arterien, die durch die reflectorische Reizung des
+Sympathicus verengert werden, was sich aus folgendem Umstande, auf
+den schon Domrich aufmerksam macht, schliessen lässt. -- Auf das
+Stadium der Gefässverengerung folgt nämlich bei der Ueberraschung
+nach kürzerer oder längerer Zeit ein Stadium der Gefässerweiterung
+und die vorher vorhandene Blässe macht einer mehr oder weniger
+saturirten Röthe Platz. Nun ist aber die Haut mit derselben bei
+Weitem nicht so gleichmässig und intensiv übergossen, wie bei der
+Scham, was eben daher rührt, dass die Verengerung und folgende
+Erweiterung mehr die kleineren Arterien der Haut und nicht wie bei
+der Scham das ganze Capillargefässsystem derselben trifft. -- Eine
+einmalige freudige Ueberraschung ruft also eine einmalige
+Sympathicusreizung mit entsprechender Verengerung der kleineren
+Arterien hervor. _Demnach wird eine intermittirende freudige Erregung
+wie wir sie als Wesen des Komischen nachgewiesen haben, eine
+intermittirende Sympathicusreizung erwarten lassen_. --
+
+Das war ja aber das Resultat, welches wir nach Maassgabe des schon
+Eingangs erwähnten Experimentes finden wollten und es ist damit die
+Psychologie des Komischen mit der Physiologie in Einklang gebracht.
+Wie die intermittirende Sympathicusreizung das Lachen als
+physiologisch nothwendige Folge nach sich zieht, haben wir im ersten
+Abschnitt dieser Arbeit gezeigt, und wir sind mithin jetzt im Stande,
+auch das Lachen, welches durch das Komische bewirkt wird, als
+zweckmässige Reflexbewegung völlig zu verstehen.
+
+
+Druck von Bär & Hermann in Leipzig.
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die Physiologie und Psychologie des
+Lachens und des Komischen., by Ewald Hecker
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE PHYSIOLOGIE UND PSYCHOLOGIE ***
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+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
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