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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/27205-0.txt b/27205-0.txt new file mode 100644 index 0000000..1fb0a2c --- /dev/null +++ b/27205-0.txt @@ -0,0 +1,3901 @@ +The Project Gutenberg EBook of Die Physiologie und Psychologie des Lachens +und des Komischen., by Ewald Hecker + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Die Physiologie und Psychologie des Lachens und des Komischen. + Ein Beitrag zur experimentellen Psychologie für + Naturforscher, Philosophen und gebildete Laien. + +Author: Ewald Hecker + +Release Date: November 9, 2008 [EBook #27205] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE PHYSIOLOGIE UND PSYCHOLOGIE *** + + + + +Produced by Karl Pfeifer <karl.pfeifer@usask.ca>. + + + + + + + + +*Ebook Editor's Prefatory Note* + + +Wherever the original text uses letterspacing for emphasis, I have +substituted enclosing understrikes; I have, however, kept the +German-style quotation marks (although in some plain text character +sets the right-side quotation mark does not appear as the proper +stylistic complement of the left-side quotation mark). + +The only spelling errors I spotted are "Jnhalt" for "Inhalt" on p. 14 +(although capital "I" and "J" are sometimes conflated or not +conspicuously distinguished in German blackletter typefaces, Hecker's +book is not set in such a typeface), "lehhaft" for "lebhaft" on p. +20, and "deselbeu" for "deselben" on p. 75. Otherwise, the spelling, +though not always consistent, seems to employ what were acceptable +variants at the time of writing. + +I have neither corrected Hecker's spelling or attempted to make it +consistent, nor have I made other corrections to the original text. +In particular, I have retained Hecker's idiosyncratic use of the long +dash throughout; sometimes his long dash functions like genuine +punctuation, but oftentimes its purpose is difficult to discern (e.g. +he sometimes uses it at the end of a paragraph after the period). I +have also retained Hecker's idiosyncratic use of doubled double-quotes +for a quotation within a quotation on p. 68. And at the bottom +of p. 31, there is a left-side parenthesis mark without a matching +right-side parenthesis mark. + +Hecker misquotes Aristotle on pages 19 and 52, each time omitting the +connective "kai" from Aristotle's phrase "anôdunon kai ou +phthartikon" (_Poetics_ 1449a). The transliterations in this ebook +are mine; Hecker himself quotes Aristotle in Greek. + +Karl Pfeifer +University of Saskatchewan +<karl.pfeifer@usask.ca> + + +[Page I] + +Die +*Physiologie und Psychologie* +des +*Lachens und des Komischen.* + +Ein Beitrag zur experimentellen Psychologie +für +Naturforscher, Philosophen und gebildete Laien. +Von +*Dr. Ewald Hecker,* +Zweitem Arzt an der Anstalt für Nerven- und Gemütskranke in Görlitz. + +*Berlin,* +Ferd. Dümmlers Verlagsbuchhandlung +Harrwitz & Gossmann. +1873. + +[Page II: blank] + +[Page III] + +Meinem +lieben Freunde und hochverehrten Lehrer +dem +*D^R. KARL KAHLBAUM* +Director der Heil- und Pflegeanstalt für Nerven- und Gemüthskranke in +Görlitz +als ein Zeichen aufrichtigster Dankbarkeit +zugeeignet. + +[Page IV: blank] + +[Page V] + +Wenn ich Dir, lieber Kahlbaum, das vorliegende Büchelchen auf den +Weihnachtstisch lege, so weiss ich freilich, dass ich Dir mit +demselben keine unerwartete Ueberraschung bereite; denn Du hast ja um +das Entstehen des kleinen Werkes gewusst und an ihm von Anfang an den +lebhaftesten Antheil genommen. Doch hoffe ich Dir damit trotzdem eine +kleine Freude zu bereiten. Vor Allem aber möchte ich Dir mit der +Widmung dieses Buches einen geringen Theil des Dankes abtragen, den +ich Dir in so reichem Maasse schulde für das herzliche Interesse, das +Du stets an mir und meiner geistigen Ausbildung genommen, für die +freundliche Theilnahme, die Du meinen Studien geschenkt, für Deine +stete Bereitschaft, auf meine Pläne und Arbeiten einzugehen und mich +dabei mit treuem Rathe zu unterstützen. -- Unter Deiner Leitung bin +ich in einen Beruf voll Ernst und Mühe eingetreten, Du hast in mir +von Anfang an ein wahres wissenschaftliches Interesse für denselben +zu erwecken gewusst und mir in rückhaltslosester Weise die reichen +Schätze Deines Wissens und Deiner Erfahrungen aufgeschlossen. +Vorzüglich bin ich auch dafür dankbar, dass Du mich auf die +Anknüpfungspunkte achten gelehrt hast, die unsere +Specialwissenschaft, die Psychiatrie, mit den anderen Gebieten des +Wissens in Zusammenhang erhalten und mich namentlich auf die +Psychologie als eine mir bis dahin ziemlich fremde, für die +Psychiatrie aber unent- + +[Page VI] + +behrliche Wissenschaft hingewiesen hast. Von Dir werde ich am +wenigsten den Vorwurf zu fürchten haben, dass ich mich mit meiner +vorliegenden Arbeit zu weit von unserem Specialgebiete entfernt habe; +zumal Du weisst, dass dieselbe eigentlich die Frucht meiner +Vorstudien zu einer Psychologie des gesunden und kranken +Gefühlslebens ist. Das vorliegende Thema bot durch die in ihm sich +vollziehende enge Verknüpfung der Physiologie mit der Psychologie den +besten Ausgangspunkt, um das eben erwähnte Gebiet nach der +naturwissenschaftlichen und experimentellen Methode zu durchforschen. +Wenn meine Arbeit, wie ich hoffe, nicht ganz erfolglos gewesen ist, +so scheint mir das hauptsächlich für die Richtigkeit der +eingeschlagenen Methode zu sprechen. Schon Wundt hat in seinen +„Beiträgen zur Theorie der Sinneswahrnehmungen" [1] der ausgedehnten +Anwendung des Experiments in der Psychologie lebhaft das Wort geredet +und ich verdanke dem eben erwähnten Buche eine nicht unerhebliche +Förderung und Klärung meiner Ideen. Als ferneres Hilfsmittel, um die +Psychologie mit Erfolg weiter auszubauen, betrachtet Wundt die +Erweiterung der bisherigen Beobachtungsmethoden durch Heranziehung +der Statistik, der Entwicklungsgeschichte der Seele und der +vergleichenden Psychologie, welch letztere Wissenschaft zum Theil in +Gestalt der Völkerpsychologie vor Allem durch die unermüdlichen und +gründlichen Forschungen von Lazarus und Steinthal [2] für die +allgemeine Psychologie schon von grösster Bedeutung geworden ist. -- +Durch Dich habe ich endlich den hohen Werth der Psychiatrie als +Hilfswissenschaft der Psychologie schätzen gelernt. Sowie die +krankhaften Erscheinungen an den körperlichen Organen oft einem +exacten physiologischen Experimente gleichkommen, durch welches der +Physiologe über bis dahin unentschiedene Fragen genauen Aufschluss +erhält, so kann uns auch eine krankhafte + +[1] Leipzig u. Heidelberg 1862. +[2] Zeitschr. f. Völkerpsychologie u. Sprachwissenschaft. Berlin +1859-72. + +[Page VII] + +Störung des geistigen Lebens nicht selten als ein Experiment gelten, +bei welchem die Einzel-Factoren des geistigen Mechanismus durch ihren +Ausfall oder durch abnorme Steigerung um so deutlicher zur +Beobachtung kommen können. -- + +Deine Arbeiten über die Hallucinationen und über die Ideenflucht sind +mir in dieser Beziehung als mustergültig erschienen und ich bedaure +nur, dass sie in einem Fachjournal gleichsam untergegangen, zum +grossen Theil aber noch nicht einmal veröffentlicht sind. + +Die Psychologie ist Gemeingut so vieler Wissenschaften, dass, wo es +irgend angeht, ihre Forschungen in einer jedem Gebildeten +verständlichen Sprache niedergelegt werden sollten. Darum habe ich +mich auch bestrebt, die vorliegende Abhandlung unbeschadet ihres +wissenschaftlichen Inhalts in eine allgemein verständliche Form zu +kleiden. Wie oft mein Können hinter dem Wollen zurückgeblieben, weiss +ich freilich am besten und muss Dich um Deine Nachsicht bitten. Was +den Inhalt anbetrifft, so habe ich mit Lust und Eifer gestrebt, die +Wahrheit zu finden und muss es getrost dem Urtheil sachverständiger +Kritiker überlassen, zu entscheiden, ob und in wie weit mir dies +gelungen. Möchte vor Allen Dir das Buch einige Freude machen! Das ist +mein aufrichtigster Wunsch. + +_Görlitz_ im December 1872. + +*E. H.* + +[Page VIII: blank] + +[Page IX] + +*Inhalts-Uebersicht.* + + +*Einleitung.* + +Die Zweckmässigkeit der Reflexbewegungen, in specie der Reflexkrämpfe +des Hustens und Niesens. Frage nach dem Zweck des Lachens, (Weinens +und Gähnens), welche Reflexbewegungen sowohl nach Reizung sensibler +Nerven als auch nach psychischen Reizen auftreten. -- Aussicht, durch +Lösung dieser Frage für die entsprechenden psychischen Prozesse eine +physiologische Grundlage zu gewinnen. -- Das Lachen eine Folge des +Kitzels und Folge der Einwirkung des Komischen . . . . S. 1-6. + +*A. Physiologischer Theil.* + +a. _Der Kitzel_, ein intermittirender Hautreiz. Wirkung desselben auf +die Blutgefässe, -- durch Experiment veranschaulicht. -- Schwankungen +des Blutdrucks im Gehirn. -- Beseitigung der hieraus drohenden +Gefahren durch die rhythmischen Ausathmungsbewegungen des Lachens S. +6-16. + +b. _Das Komische_. -- Wirkung auf die Gefässe. -- Experiment. -- +Theorie des Lachens von Harless. Mimik des Lachenden . . . S. 16- 18. + +*B. Die Psychologie des Komischen.* + +Historische Einleitung. -- Auffinden zweier Factoren im Komischen, +eines angenehm und eines unangenehm wirkenden. -- Unterschied +zwischen Gefühl und Empfindung. -- Entstehung der angenehmen und +unangenehmen Gefühle. -- Anwendung des Gefundenen auf die durch das +Komische erzeugten Doppelgefühle. -- Vorläufige Beispiele. -- +Eintheilung in 4 Hauptformen . . . . . . . . . . . . S. 19-40. + +I. _Das einfach Komische_. + 1) Das niedrig Komische. 2) Das Pseudonaive. 3) Das Naive. -- +Anhang: Der Humor . . . . . . . . . . . . . S. 40-50 + +[Page X] + +II. _Das Komische mit zwei vereinbaren Vorstellungen_. + Die gerechte Schadenfreude. . . . . . . . . . . S. 50-53. + +III. _Das Komische mit zwei unvereinbaren Vorstellungen_. + 1) Das Komische der getäuschten Erwartung. 2) Der komische +Anachronismus. 3) Das Burleske und Heroisch-Komische . S. 53-56. + +IV. _Das Komische mit dem Wettstreit der Vorstellung_ oder der +*Witz.* + 1) Der Associationswitz. + a) Aehnlichkeitswitz (Klangwitz, Carricatur). b) Gleichheits- +und Successions-Witz. + 2) Doppelsinnwitz. + a) Das homonyme Wortspiel. b) Das limitirende Wortspiel. c) +Der Witz aus doppelsinniger Construction. d) Der Doppeldeutungs-Witz. +e) Die Ironie. f) Der Vexir-Witz . . S. 56-75. + +Rückblick auf das ganze Gebiet des Komischen. -- Die Pointe. -- +Gleichzeitigkeit und gleiche Stärke des angenehmen und unangenehmen +Gefühls im Komischen. -- Uebertragung des dem Wettstreit der +Sehfelder zu Grunde liegenden allgemeinen Gesetzes auf das Komische. +Danach das Komische aufzufassen als ein beschleunigter Wettstreit der +Gefühle, ein Hin- und Herschwanken zwischen Lust und Unlust. -- +Physiologische Wirkung. -- Uebereinstimmung der Resultate S. 75-83. + +[Page 1] + +*Einleitung.* + + +Es ist eine allgemein bekannte Erfahrung, dass ein grosser Theil +unserer Bewegungen ganz ohne Einfluss des Willens von Statten geht. +Die dabei thätigen Muskeln sind entweder solche, die überhaupt nur +unwillkürlich wirken -- wie die Muskeln des Herzens, des Magens, +Darms, der Blutgefässe u. s. w. -- oder solche, die nur unter +bestimmten Umständen sich der Herrschaft unseres Willens entziehen, +dem sie sonst zu gehorchen gewohnt sind. + +Wider unseren Willen, ja oft ohne unser Wissen, treten in den +verschiedensten Muskelgruppen unwillkürliche geordnete Bewegungen +ein, die wir in den meisten Fällen nicht einmal zu hemmen im Stande +sind. Wenn wir uns den Finger unversehens stechen, so ziehen wir +schnell die Hand zurück, noch ehe unser Wille dazu das Gebot erliess; +wenn wir einen Bissen tief in den Schlund hinabschieben, so tritt +eine unwillkürliche Schluckbewegung ein; wenn wir den Gaumenbogen und +das Zäpfchen kitzeln, werden wir zu Brechbewegungen gezwungen; wenn +ein fremder Körper in unsere Nase eindringt, oder wir die Schleimhaut +derselben mit einem Federbart reizen, so erfolgt eine gewaltsame +Krampfbewegung bestimmter Athmungsmuskeln, die wir das Niesen nennen +u. s. w. + +Da wir nun wissen, dass in unserem Organismus keine Bewegung zu +Stande kommen kann ohne eine Erregung der den Muskel versorgenden +Bewegungsnerven, und es ferner ersichtlich ist, dass diese +Nervenerregung stets eine bestimmte Ursache, einen Ausgangspunkt +haben muss, so erscheint die Frage nach der Quelle der eben +mitgetheilten Bewegungen wohl gerechtfertigt. Während sonst der Wille +vom Gehirn aus die zu den verschiedenen Muskeln tretenden +Bewegungsnerven innervirt + +[Page 2] + +(anregt), sehen wir hier ohne diesen gewöhnlichen Reiz eine +Muskelaction zu Stande kommen. Welcher andere Reiz also ist es, der +unseren Willen die Herrschaft über die Muskeln streitig zu machen +sucht? + +Wenn wir die Reihe der oben angeführten Beispiele, die wir leicht +noch bedeutend vermehren könnten, betrachten, so sehen wir, dass der +Bewegung jedesmal eine Reizung bestimmter Empfindungsnerven +vorausging, im ersten Fall: der Stich in den Finger, im zweiten Fall: +die Berührung des Schlundes u. s. w. Bei der Unabänderlichkeit dieses +Verhältnisses war der Schluss nahe gelegt, dass die nachfolgende +Bewegung zur vorausgegangenen Empfindung in ursächlicher Beziehung +stehe, und in der That hat denn auch eine grosse Zahl sehr exacter +Untersuchungen die Erklärung dieses eigenthümlichen Verhältnisses +ergeben. + +Der Reiz nämlich, der den Empfindungsnerven getroffen hat und von der +Peripherie aus seinen gewöhnlichen Weg nach dem Nerven-Centrum +(durchs Rückenmark nach dem Gehirn) nimmt, springt, noch ehe er sein +letztes Ziel erreicht hat, und auf diese Weise uns zum Bewusstsein +kam, innerhalb des Rückenmarks durch Vermittlung verbindender +Ganglien- oder Nervenzellen auf einen Bewegungsnerven über. Dieses +„Sichumsetzen" (Zurückstrahlen) einer Empfindung in Bewegung nennt +man _Reflex_ und daher die Reihe der geschilderten Bewegungen +_Reflexbewegungen_. + +In der Regel geht nun aber nicht der ganze Reiz vom Empfindungs- auf +den Bewegungsnerven über, sondern ein Theil desselben setzt seinen +Weg nach dem Gehirn weiter fort und wird als Empfindung dem +Bewusstsein übermittelt. Wird jedoch diesem Nebenstrom nach dem +Gehirn (ins Bewusstsein) durch bestimmte Bedingungen der Weg +vertreten, so wird dann der ganze Empfindungsstrom auf den +Bewegungsnerven reflectirt, und es kommen die Reflexbewegungen um so +leichter und lebhafter zu Stande. Beim Menschen sind diese +Bedingungen vorhanden, wenn die Aufmerksamkeit sehr lebhaft auf einen +ganz andern Punkt gelenkt, wenn während Schlaf und Ohnmacht das +Bewusstsein unzugänglich, oder endlich wegen krankhafter Störungen im +oberen Theil des Rückenmarks die Leitung nach dem Gehirn erschwert +ist. Am einfachsten und besten kann man + +[Page 3] + +diese Verhältnisse an Thieren künstlich erzeugen, indem man ihnen +durch Abschneiden des Kopfes das Gehirn völlig nimmt, was namentlich +bei Fröschen am leichtesten ausführbar ist. + +Beim näheren Studium der Reflexbewegungen drängt sich besonders eine +interessante Thatsache unserer Beobachtung auf: dass sich nämlich +fast alle diese Bewegungen durch eine wunderbare Zweckmässigkeit +auszeichnen, indem sie zu dem veranlassenden Reize in bestimmte, +scheinbar vernünftige und überlegte Beziehungen treten, während ja +doch thatsächlich gerade Ueberlegung und Wille bei ihnen +ausgeschlossen sind. Die Reflexbewegung hat entweder die Entfernung +des verletzten Körpertheiles aus dem Bereich der Schädlichkeit oder +die Entfernung des reizenden Objectes von unserem Körper zum Zwecke. +Durch das Fortziehen der Hand entgehen wir der stechenden Nadel, +durch das Niesen entfernen wir den prickelnden Körper aus der Nase u. +s. w. Vorzüglich aber war am enthaupteten Frosch, an welchem nach dem +oben Gesagten die Reflexbewegungen viel leichter und vollständiger zu +Stande kommen, als bei Erhaltung des Gehirns, die Zweckmässigkeit +seiner Bewegungen so auffallend und frappant, dass sich unter den +Physiologen ein Streit darüber entspinnen konnte, ob nur das Gehirn +und nicht auch das Rückenmark des Frosches mit einer Seele begabt +sei. Namentlich neigte sich Professor Pflueger, der sich um das +Studium der Reflexbewegungen sehr verdient gemacht hat, der Ansicht +von der Seele im Rückenmark zu; während Professor Goltz, dem wir +nicht minder werthvolle Entdeckungen auf diesem Gebiet verdanken, +sein entschiedener Gegner Wurde. + +Ich glaube, dass Goltz mit der Zurückweisung der Rückenmarksseele +völlig im Rechte ist, wenn es sich auch nicht leugnen lässt, dass die +Abwehrbewegungen des enthaupteten Frosches ganz täuschend dem Product +einer vernünftigen Ueberlegung gleichen; denn dieselben sind nicht +allein dem Orte, sondern auch der Form der Reizung angepasst: Kneife +ich den des Grosshirns beraubten Frosch mit einer Pincette, so +schlägt er mit der entsprechenden Pfote das Instrument zur Seite; +bestreiche ich seine Haut mit Essigsäure, so macht der Frosch alsbald +Wischbewegungen u. s. w. und wenn schliesslich alle diese + +[Page 4] + +Anstrengungen ohne Erfolg bleiben und der Reiz noch stärker ausgeübt +wird, kriecht oder springt das Thier davon. Aber noch mehr! nimmt man +dem Frosche durch Amputation des betreffenden der gereizten +Körperseite entsprechenden Beines oder dadurch, dass man dasselbe an +den Leib festnäht, die Möglichkeit, mit diesem die zuächst versuchten +Bewegungen auszuführen, so sehen wir, wie das Thier nach einigen +fruchtlosen Bemühungen das andere Bein zur Hülfe nimmt. + +Ich kann mich leider hier nicht weiter auf diese interessanten und +vielfach complicirten Experimente einlassen und will nur noch +anführen, dass Goltz [1] diese letztgeschilderten modificirbaren +Bewegungen (als sogenannte Antwortsbewegungen) von den stets in +derselben Form verlaufenden einfachen _Reflex_bewegungen +unterscheidet. Zu diesen letzteren, die uns hier vorzugsweise +interessiren und für welche auch die oben angeführten Beispiele +gelten, gehört namentlich eine Zahl von krampfartigen Bewegungen, +sog. _Reflexkrämpfe_, die als Husten, Niesen, Lachen, Weinen (d. h. +Schreien und Schluchzen) und Gähnen allgemein bekannt sind. Es liegt +nahe, auch von diesen Bewegungen anzunehmen, dass sie einen +bestimmten, vernünftigen Zweck verfolgen, und so haben wir ja auch in +der That die Zweckmässigkeit des Niesens schon anerkennen müssen, +indem wir beobachteten, dass der durch die Nase getriebene heftige +Luftstrom offenbar die Aufgabe erfüllt, den die Schleimhaut reizenden +Körper hinauszuschleudern. Ganz ebenso sehen wir beim Husten durch +die gewaltsamen krampfartigen Athemstösse die Ausstossung von Schleim +und Staubpartikelchen aus der Luftröhre erfolgen. -- Es werden diese +Bewegungen nicht durch unseren Willen hervorgerufen (wenn derselbe +auch einen gewissen Einfluss auf sie ausüben kann), sie sind auch +ferner im Gegensatz zu den sog. „Antwortsbewegungen" (s. o.) nicht +modificirbar und verrathen ihr von der Ueberlegung unabhängiges +Auftreten z. B. dadurch, dass wir auch niesen, wenn ein Federbart +unsere Nase kitzelt, obschon doch voraussichtlich der Luftstrom beim +Niesen nicht Kraft genug haben würde, + +[1] Beiträge zur Lehre von den Functionen der Nervencentren des +Frosches. Berlin 1869. + +[Page 5] + +ihn zu entfernen. Ebenso husten wir auch, wenn entzündliche oder +sonstige Neubildungen in der Schleimhaut der Luftröhre selbst +entstanden sind, welche durch die Hustenstösse nicht entfernt werden +können. Es beruhen die Reflexkrämpfe also so zu sagen auf einem +blindwirkenden Mechanismus, der durch die Organisation unseres +Nervensystems vorgebildet und wie Lotze [1] richtig bemerkt, so +einfach und zweckmässig ersonnen ist, dass der Mensch mit all seinem +Nachdenken ihn nicht erfinden würde: „Man frage Jemand, wie er es +anfangen würde, sagt Lotze, um einen fremden Körper aus der Luftröhre +zu entfernen? Er wird wahrscheinlich eher auf _Tracheotomie_ +(Eröffnung der Luftröhre) rathen, als auf Husten." Die Natur sei +daher, fährt er fort, mit Recht misstrauisch gegen unseren +Erfindungsgeist gewesen und habe die Vertheidigung unserer Gesundheit +lieber dem Mechanismus als der Ueberlegung anvertraut. Wie wenig +Antheil unsere Seele an der zweckmässigen Einrichtung jener +Bewegungen habe, sehe man daraus, _dass wir dieselben oft gar nicht +begreifen, nachdem sie da sind_ (noch weniger natürlich sie erfinden +würden). + +Dieser Ausspruch Lotze's veranlasste mich zu der Frage, ob wir denn +wirklich nicht im Stande sind, auch die übrigen der oben genannten +Reflexkrämpfe zu verstehen und in Bezug auf ihre Zweckmässigkeit in +ähnlicher Weise wie das Niesen und Husten zu erklären? Die Literatur +gab in der That nur wenig Ausbeute. Nur ein -- nach meinem Urtheil +jedoch nicht gelungener Versuch von Harless [2] liegt vor, auf den +ich später zurückkommen werde. -- Es liegt auf der Hand, dass eine +richtige Beantwortung und Lösung dieser Frage zunächst von grösstem +physiologischen Interesse sein muss. Das Interesse wird aber noch +ungemein gesteigert durch folgende Ueberlegung. Die angeführten +respiratorischen Reflexkrämpfe des Lachens, Weinens (in seinen beiden +Phasen als Heulen resp. Schreien und Schluchzen), sowie des Gähnens +werden nicht allein durch gewisse Einwirkungen auf bestimmte, +sensible Nerven, sondern auch + +[1] Wagner's Handwörterbuch der Physiol. Bd. II. p. 195. +[2] Wagner's Handwörterbuch der Physiol. Bd. III. p. 585 Artikel +Temperament. + +[Page 6] + +durch gewisse psychische Zustände ausgelöst. Gelingt es nun, den +Zweck (und organischen resp. mechanischen Effect) jener Bewegungen, +sofern sie nach bekannter und experimentell zugänglicher Reizung +sensibler Nerven entstehen, ausfindig zu machen, so muss damit +unbedingt ein höchst interessantes Streiflicht auf die psychischen +Zustände fallen, welche dieselben Krampfbewegungen veranlassen. Es +muss sich zwischen der peripheren Nervenerregung mit ihrer Wirkung +und dem Affect eine Parallele ziehen lassen, durch welche wir in dem +sonst so dunklen Gebiet der Psychologie eine materielle Grundlage +gewinnen könnten. + +Von diesem Gedanken ausgehend suchte ich in unsere Frage einzudringen +und war selbst überrascht durch die unerwarteten Resultate, die sich +mir ergaben, indem sich die oben angedeutete Parallele in eine +völlige, bis in's Kleinste gehende Uebereinstimmung verwandelte. -- +Es zeigte sich, dass das Lachen in Folge des Kitzels einerseits, weit +entfernt etwas Zufälliges oder „angewöhnt Willkürliches" [1] zu sein, +vielmehr auf einer weisen Vorsorge der Natur beruhend, bestimmte +materielle Aufgaben erfülle, andererseits aber auch das Lachen über +komische Vorstellungen mit derselben Nothwendigkeit eintreten müsse, +indem das Komische bei seiner Einwirkung auf unser Gemüth +(physiologisch nachweisbar) dieselben organischen Veränderungen +hervorruft, wie der Kitzel. Ganz Aehnliches gilt vom Weinen (resp. +Schreien), sofern es durch körperlichen Schmerz und psychische +Rührung, vom Gähnen, sofern es durch körperliche Abspannung und +Langeweile entsteht. -- Die Methode der Untersuchung, die zu diesen +Resultaten führte, ist eine durchaus einfache, wie sich aus der +folgenden Darstellung ergiebt, in der wir uns zunächst nur mit dem +Lachen beschäftigen wollen. + +[1] Harless l. c. p. 571. + +[Page 7] + +*A. Physiologischer Theil.* + + +*a. Der Kitzel.* + +_Das Lachen_ aus körperlichen Ursachen wird durch den Kitzel +hervorgerufen. Der Kitzel besteht, wie eine einfache Beobachtung +ergiebt, aus einer Reihe schnell aufeinander folgender, oft +wiederholter, _ganz leiser_ Reizungen der Hautnerven. + +Nach Schiffs [1] Angabe scheint die beständige Schwankung in der +Intensität des Reizes resp. die Intermission das Wesentliche zu sein. +Denn man erhält nach ihm die eigenthümliche Kitzelwirkung auch dann, +wenn man einen Menschen in schneller Folge an immer anderen +Hautstellen mit den Fingerspitzen ziemlich stark stösst. Soll es nun +unsere Aufgabe sein, die Zweckmässigkeit der durch diese Reizung +reflectorisch ausgelösten Lachbewegung nachzuweisen, so müssen wir +zunächst bei einem Vergleiche dieser letzteren mit den Reflexkrämpfen +des Hustens und Niesens hervorheben, dass eine directe Entfernung des +reizenden Objectes, wie es z. B. beim Niesen geschieht, durch das +Lachen nicht erzielt wird. Es wird diesem Zwecke durch andere +reflectorische Bewegungen genügt, in Folge derer wir zunächst +bestrebt sind, den gekitzelten Körpertheil dem Reize zu entziehen. + +Wir müssen daher die Wirksamkeit des Lachens nach einer anderen +Richtung hin vermuthen. Es liegt dabei die Annahme nahe, dass diese +Krampfbewegung nicht direct mit dem Kitzel selbst, sondern erst +indirect mit einer durch den Kitzel hervor- + +[1] Lehrbuch der Muskel- und Nerven-Physiologie. Lahr 1858-59 p. 225. + +[Page 8] + +gerufenen Veränderung im Organismus zusammenhänge. Deshalb erscheint +es nothwendig, zuvor die Frage zu erörtern, _welche Einwirkungen ein +Hautreiz, wie ihn der Kitzel darstellt, auf unsern Organismus +ausübt_. + +Hierbei geben uns zunächst die sehr schätzenswerthen experimentellen +Untersuchungen von Dr. Oswald Naumann einen Fingerzeig, welcher, um +die Wirkung der Hautreizmittel kennen zu lernen, eine Reihe exacter +Versuche angestellt hat, die namentlich darauf ausgingen, den +Einfluss der Hautreize auf die Circulation festzustellen [1]. Er +richtete einen Frosch, den er durch Trennung der Wirbelsäule vom Kopf +getödtet hatte, derartig für das Mikroskop vor, dass er den +Blutkreislauf im Mesenterium (dem Dünndarmgekröse -- einer feinen +Haut, die den Darm überkleidet) gut beobachten konnte, unterband, um +bei den folgenden Versuchen jede directe Einwirkung auf das +Gefässsystem unmöglich zu machen, die Gefässe des einen Oberschenkels +und durchschnitt sodann unterhalb der Unterbindungsstelle alle Theile +dieses Schenkels, mit Ausnahme des Nervus ischiadicus (des Hüftnerven +-- der in seinen feinsten Endverzweigungen u. A. auch die Fusssohle +mit Tastnerven versieht), so dass der Thierkörper nur noch durch +letzteren mit dem Schenkel in Verbindung blieb. Reizte er nun die +Ausbreitungen des Hüftnerven (die Fusssohle) vermittelst des +galvanischen sog. Faradayschen Pinsels _mit einem im Verhältniss zur +Reizbarkeit des Thieres schwachen elektrischen Reiz_, so konnte er +unter dem Mikroskop eine entschiedene Beschleunigung des +Blutkreislaufs in den Gefässen des Mesenteriums, der Lunge und der +Schwimmhaut des unverletzten Froschschenkels, sowie _eine deutliche +Verengerung jener Gefässe_ beobachten. Da diese Erscheinung sich in +den verschiedensten sowohl von einander als auch von der Stelle des +Reizes entfernten Gefässprovinzen nachweisen liess, so kann man wol +mit ziemlicher Sicherheit schliessen, dass durch jenen Hautreiz +überhaupt das ganze Gefässsystem in der gedachten Weise in +Mitleidenschaft gezogen wird. Bei Wiederholungen dieser Versuche an +der Flughaut lebender Fledermäuse und + +[1] Untersuchungen über die physiologischen Wirkungen der +Hautreizmittel. Prager Vierteljahrschrift 1863. I. Bd. p. 1 ff. + +[Page 9] + +endlich vermittelst eines eigens construirten, einfachen +Sphygmographen (Pulsmessers) an der Arteria tibialis postica +(hinteren Schienbeinpulsader) des Menschen konnte N. dieselben +Thatsachen constatiren, die sich in gleicher Weise ergaben, wenn er +statt des galvanischen Pinsels andere _leichte_ Hautreize wie +Senfspiritus _im ersten Stadium der Einwirkung_, Eintauchen in warmes +Wasser etc. anwendete. Immer erhielt er als Resultat eine allgemeine +Verengerung der Blutgefässe. Machen wir uns, ehe wir weiter gehen, +das gewonnene Resultat klar. + +Wir haben in Folge des leisen Reizes sensibler Nerven eine +Verengerung der Blutgefässe an fernliegenden Organen beobachtet, und +es wird diese Erscheinung nach dem Eingangs Gesagten offenbar als +eine Reflexwirkung, d. h. als ein directes „Umsetzen" des +Empfindungsreizes in eine Bewegung aufgefasst werden müssen. Die hier +in Thätigkeit gezogenen Muskeln sind die Ringmuskeln der Gefässe, +welche bei ihrer Zusammenziehung eine Verengerung des Gefässrohres +verursachen und die jene Muskeln versorgenden Nerven, auf welche die +Empfindung reflectirt ist, sind die sog. vasomotorischen Nerven, +welche zum grössten Theil im Grenzstrange des Nervus sympathicus (der +ausserdem namentlich noch die Pupille sowie verschiedene innere +Organe versorgt) verläuft. Wir haben es hier also mit einer +Reflexreizung des Nervus sympathicus zu thun, denn wir beobachten +dieselben Erscheinungen, die wir sonst nach directer Reizung dieses +Nerven auftreten sehen, d. h. zunächst Verengerung der Gefässe, +namentlich der an glatten Muskelfasern reicheren _kleinen_ Arterien. + +Für stärkere Hautreize ist es durch Nothnagels, Heidenhains u. a. +Untersuchungen ebenfalls experimentell nachgewiesen worden, dass sie +eine reflectorische Reizung des Sympathicus und in specie auch eine +Verengung der Gefässe der weichen Hirnhaut zur Folge haben. -- Es +fragt sich aber, ob auch ein so leichter und vorübergehender Hautreiz +wie der Kitzel den Sympathicus reflectorisch erregen kann? Um diese +Frage experimentell zu entscheiden, schienen mir die Versuche an +Thieren weniger geeignet, weil wir bei diesen eine specifische +Wirkung des Kitzels (dem Lachen des Menschen entsprechend) nicht +kennen. Nun bietet sich aber zur Veranschaulichung der + +[Page 10] + +geschehenen Sympathicus-Reizung beim lebenden Menschen ein sehr +bequemes und leicht zugängliches Beobachtungsobject in der Pupille +dar. Ich erwähnte schon oben, dass der Nervus sympathicus ausser der +Gefässmusculatur auch den Erweiterungsmuskel der Pupille versorgt. +Eine Reizung des Sympathicus (gleichviel ob directe oder +reflectorische) hat neben der Verengerung der Gefässe eine +Erweiterung der Pupille zur Folge. Umgekehrt können wir in der Regel +aus einer nach einem bestimmten (wenn nicht gerade nur localen) +Eingriff eintretenden Pupillenerweiterung auf eine geschehene +Sympathicusreizung und damit Hand in Hand gehende Verengerung der +Gefässe zurückschliessen. Um nun also nachzuweisen, dass beim Kitzel +wirklich auch eine Reizung des Nerv. symp. stattfindet, stellte ich +folgendes höchst einfache und leicht von Jedermann zu wiederholende +Experiment an. + +_Man kitzelt mit einem Federbart oder Pinsel die Versuchsperson, +welche mit ihren Augen einen Punkt unveränderlich fixiren muss, an +einer besonders reizbaren Stelle_ (Ohr, Volarseite des Vorderarms +oder Fusssohle) _und beobachtet dabei die Pupillen, nachdem man sich +vorher von der Weite derselben und den oft auch normaler Weise mit +den Phasen der Respiration eintretenden Schwankungen eine Zeitlang +überzeugt hat. Unmittelbar nach erfolgtem Kitzel sieht man eine zwar +geringe, aber ganz deutlich constatirbare schwankende Erweiterung der +Pupillen_. Bei jungen, reizbaren Subjecten gelingt das Experiment +fast immer und versagt nur nach öfterer Wiederholung, wobei aber auch +gleichzeitig nach Angabe der betreffenden Person die Empfindlichkeit +für den Kitzel abgenommen hat. Bei älteren Personen, deren Pupillen +überhaupt träge reagiren, sah ich die Wirkung öfter ausbleiben. + +Wir können aus diesem Experiment also den Schluss ziehen, dass der +Kitzel eine reflectorische Reizung des Sympathicus zur Folge hat und +somit auch die für leichte Hautreize schon von Naumann constatirte +Verengerung der Gefässe nach sich zieht. Entsprechend der dem Kitzel +eigenthümlichen unterbrochenen Reizung sehen wir ein Schwanken in der +Erweiterung der Pupille und dürfen demnach auch eine schwankende +Verengerung der Gefässe erwarten. + +[Page 11] + +Da nun, wie schon gesagt, die oben genannten Veränderungen der +Gefässe sich besonders deutlich an den mit glatten Muskelfasern +reichlicher versehenen kleineren Arterien markiren müssen, so werden +natürlich vor Allem die Organe, die sich besonders durch ihren +grossen Reichthum an kleineren Arterien auszeichnen, vorzüglich davon +betroffen werden -- so _namentlich das Gehirn_. Es ist aber eine +bekannte Thatsache, dass Circulationsveränderungen gerade im Gehirn +unter Umständen von grosser Bedeutung sind, namentlich wenn sie, wie +hier, plötzlich eintreten. Dass dabei die in kurzen Intervallen +wiederholte Reizung und daher entstehende nicht unbeträchtliche +Schwankung (Ab- und Zunahme) im Tonus der Gefässe die daraus etwa +entstehenden Gefahren noch vergrössert, leuchtet ein. Ist es schon an +sich Jedem aus eigner Erfahrung gegenwärtig, dass länger dauerndes +Kitzeln einer besonders empfindlichen Hautstelle keinen +gleichgültigen Eingriff auf das Centralnervensystem ausübt, so dürfte +die Thatsache, dass man zur Zeit der Inquisition Leute zu Tod +gekitzelt hat, unseren Betrachtungen noch mehr Gewicht verleihen. Der +Grund, weshalb gerade das Gehirn durch Druckschwankungen so besonders +gefährdet ist, liegt einerseits in der grosen Zartheit und +Verletzlichkeit dieses edelsten aller Organe, zweitens aber in dem +Umstande, dass das Gehirn, in der völlig abgeschlossenen starren +Schädelkapsel gelegen, nicht wie andere Organe einem vermehrten +Gefässdruck ausweichen kann, sondern durch denselben offenbar eine +Compression seiner Elemente erfahren müsste, während umgekehrt bei +negativen Schwankungen im Gefässsystem eine plötzliche nicht minder +gefährliche Druckentlastung eintreten würde. Die Grösse der hieraus +zu fürchtenden Gefahr kann man am besten daraus ermessen, dass die +Natur bei der Organisation des Gehirns gerade für diesen Fall nicht +durch _eine_, sondern durch eine ganze Reihe von Schutz- und +Sicherheitsmaassregeln Vorsorge getroffen hat. Zunächst ist durch die +grosse Geräumigkeit des Venensystems innerhalb der Schädelhöhle der +Abfluss des Blutes ungemein erleichtert worden, wodurch bei +zunehmendem Blutdruck ein schnellerer Ausgleich ermöglicht wird, +während umgekehrt bei abnehmendem Druck ein Rückstauen des +Venenblutes zur Ausfüllung des Fehlenden leicht zu Stande kommen + +[Page 12] + +kann, weil den Venen innerhalb des Gehirns die sonst in ihnen +vorhandenen Klappen fehlen. Einen weiteren Schutz gewährt die von +Hyrtl [1] besonders beschriebene Gefässverbindung, in Folge deren die +Venen des Gehirns mit denen des Rückenmarks in einem alternirenden +Füllungsverhältniss stehen. Am wichtigsten aber ist das zuerst von +Magendie in seiner Bedeutung gewürdigte eigenthümliche Verhalten des +sog. liquor cerebrospinalis. Diese Flüssigkeit, zwischen den beiden +weichen Häuten (Arachnoidea und Pia mater), welche Gehirn und +Rückenmark umhüllen, eingeschlossen, hat eben den Zweck, bald durch +Zurückweichen in den Arachnoidalsack des Rückenmarks bei gesteigertem +Gefässdruck im Gehirn, bald durch Zuströmen in die Schädelhöhle bei +vermindertem Druck, die drohenden Schwankungen auszugleichen und +dadurch einen wie Magendie sich ausdrückt für die Aufrechterhaltung +der Gehirn- und Rückenmarksfunctionen nothwendigen mittleren +Compressionszustand zu sichern (un certain degré de compression +indispensable à l'accomplissement régulier des fonctions des centres +nerveux). + +Es fragt sich nun, ob die eben genannten Mittel ausreichend sind, um +die Druckschwankungen, denen das Gehirn durch die beim Kitzel +auftretende Veränderung an den Gefässen ausgesetzt ist, zu +compensiren. + +Um diese Frage zu entscheiden, müssen wir noch genauer untersuchen, +wie sich der auf dem Gehirn lastende Druck während der eben +beschriebenen Veränderungen am Circulationsapparat verhält. + +Wir haben es in Folge des Kitzels mit einer Reizung des Sympathicus +zu thun; dieselbe führt, wenn sie einen gewissen Grad erreicht, eine +entschiedene Verengerung der Gefässe herbei; in den geringeren Graden +der Sympathicusreizung aber, wie wir sie bei dem gewöhnlichen leisen +Kitzel annehmen müssen, wird als entschieden wesentlicheres Symptom +neben einer leichten Verengerung der Gefässe, eine vermehrte Spannung +in der Muskulatur der Gefässwand hervortreten. Diese plötzliche +Vermehrung des sog. Gefäss-Tonus muss aber, selbst wenn sie ohne +Verengerung der Gefässe auftreten könnte, an sich eine + +[1] Handbuch der topogr. Anat. Wien 1857. I. p. 97. + +[Page 13] + +bedeutende Einwirkung auf den Compressionszustand des Gehirns +entfalten; denn der Druck, welchen das in den Gefässen fliessende +Blut auf das Gehirn ausübt, ist durchaus nicht gleich der Spannung, +welche das Blut innerhalb des Gefässrohres besitzt. Es wird vielmehr +durch die tonisch gespannte Gefässwand ein bedeutender Theil des +Blutdrucks von der Gehirnmasse abgehalten, gewissermaassen parirt. Je +stärker der Tonus der Gefässwand wird, um so grösser ist die +Druckentlastung, welche die Gehirnmasse erfährt. -- Jene oben +genannten mechanischen Compensationsmittel, welche alle nur auf eine +Vermehrung resp. Verringerung der Blutfülle berechnet sind, würden +allein nicht im Stande sein, die beim Kitzel in Folge des +gesteigerten Gefässtonus herbeigeführten Druckschwankungen +auszugleichen. + +Gegen die von dieser Seite her drohenden Gefahren ist aber ein +anderer besonderer Schutzapparat in Thätigkeit gesetzt, dessen +Wirkung in jeder Beziehung der Leistung jener oben beschriebenen +Mechanismen gleichkommt und mit ihnen in wohlberechtigte Concurrenz +tritt; es ist dies die in verschiedener Richtung hin thätige, +modificirbare Kraft der Respiration. Es ist ja anderweither bekannt, +welch gewaltigen Einfluss die Athmung auf den Blutkreislauf ausübt +und wenn auch bei ruhiger, oberflächlicher Respiration durch die +dabei mitspielenden verwickelten Verhältnisse die verschiedenen +Wirkungen der Aus- und Einathmung auf die Arterien und Venen sich +ziemlich ausgleichen und aufheben, so finden doch bei forçirten +Athmungsbewegungen und _namentlich, wenn die freie Respiration irgend +behindert ist_, sehr wesentliche Veränderungen der +Kreislaufsverhältnisse statt. -- Bei der Einathmung wird durch das +Herabtreten des Zwerchfelles und das Heben der Rippen der Brustraum +erweitert und der Inhalt desselben, d. h. also Lungen, Herz und die +zu und von ihm führenden grossen Gefässe unter einen geringeren Druck +gesetzt. Zur Ausgleichung desselben strömt erstlich die äussere +atmosphärische Luft in die Lungen und dehnt dieselben aus; zweitens +wird aber auch zugleich das Blut von den grossen Gefässen nach dem +Herzen angesogen und dadurch einerseits zwar die Fortbewegung des +Blutes in den Arterien etwas gehemmt, dagegen aber andererseits in +viel höherem Maasse in den Venen (deren viel dünnere Wandungen + +[Page 14] + +der negativen Druckschwankung bedeutend zugänglicher sind) die +normale Blutbewegung nach dem Herzen zu wesentlich begünstigt und +beschleunigt. Bei der Ausathmung aber greifen die umgekehrten +Bedingungen Platz; durch Hinabsinken der Rippen und Hinaufdrängen des +Zwerchfells wird der Brustraum verkleinert und ein beträchtlicher +Druck auf seinen Jnhalt ausgeübt. Deshalb entweicht die Luft aus den +Lungen durch die Luftröhre; gleichzeitig aber wird in Folge derselben +Ursache der Abfluss des Venenblutes, in der Richtung zum Herzen, +wesentlich erschwert, ein Kreislaufhinderniss, das durch die geringe +Begünstigung, welche die Circulation in den Arterien vermittelst +dieses Zuschusses an Druckkraft erfährt, doch nicht ganz ausgeglichen +wird. Namentlich bei sehr heftigen und noch dazu durch vollständigen +oder auch nur theilweisen Verschluss der Stimmritze (wie er z. B. zur +Tonerzeugung beim Lachen nothwendig ist) bedeutend gesteigertem +Exspirationsdruck wird der Rückfluss des Blutes nach dem rechten +Herzen sehr bedeutend gehemmt. Die erste Folge davon ist ein +Zurückstauen des Blutes in die dem Herzen am nächsten gelegenen +Venen, und so sieht man namentlich auch an den grossen +Halsblutleitern (Venae jugulares) eine beträchtliche Ausdehnung und +pralle Spannung. Es ist klar, dass diese Ueberfüllung mit Venenblut +sich auch nach dem Gehirn weiter fortsetzen muss, da ja auch von hier +aus der Abfluss gehindert ist. + +Dadurch wird aber natürlich ein bedeutender Druck auf das Gehirn +ausgeübt, indem das Blut weiterhin auch aus den Gehirnarterien +schwieriger abfliessen kann und gezwungen ist, dieselben auszudehnen. +Durch die directen Versuche von Donders [1] zeigte sich bei +Steigerung des Exspirationsdruckes, dass ein Gehirngefäss von 0,04 +Mill. Durchmesser auf 0,14 und eines von 0,07 auf 0,16 erweitert +wurde. + +Erinnern wir uns nun, dass wir als Wirkung des Kitzels eine +reflectorische Sympathicusreizung mit folgender plötzlicher +Verminderung des auf das Gehirn wirkenden Blutdruckes annehmen +mussten, so werden wir nicht anstehen, in den forcirten + +[1] Vgl. Virchow, Handbuch der speciellen Pathologie und Therapie. +Erlangen 1854. Bd. 1. p. 111. + +[Page 15] + +Ausathmungsbewegungen, die ja, wie wir eben sahen, den Gehirndruck +steigern, ein souveraines Mittel zu erkennen, um den in Folge des +Kitzels drohenden Gefahren entgegenzuwirken. Und in der That sehen +wir, dass die Natur mit selbstwirkendem Mechanismus sich wirklich +dieses Mittels bedient; denn was ist das Lachen anders, als eine +rhythmisch unterbrochene äusserstforcirte, durch die damit verbundene +Tonbildung erschwerte Ausathmung? Wenn wir einen heftig Lachenden +ansehen, so fällt uns ja sofort das blau-geröthete Gesicht und das +starke Hervorquellen der Halsvenen auf, welche die vermehrte +Blutfülle in den venösen Gefässen kennzeichnet, die sich auch nach +dem Gehirn fortpflanzen muss. Wir dürfen somit, das Resultat unserer +Untersuchung zusammenfassend, _das Lachen als eine zweckmässige +Reflexbewegung ansehen, welche die Aufgabe erfüllt, die durch den +Kitzel verursachten negativen Druckschwankungen im Gehirn durch eine +entsprechende Drucksteigerung zu compensiren_. + +Als nicht unwesentliche Stütze für diesen Satz dient das interessante +Zusammenzutreffen der Intermission sowohl des Reizes wie auch der +Exspirationsbewegungen. Sehen wir als wesentliches Charakteristicum +des Kitzels die fortwährende Unterbrechung und Schwankung des +Hautreizes an, so erkennen wir ganz dem entsprechend im Lachen eine +rhythmisch intermittirende Ausathmungsbewegung, und wenn es sich auch +nicht feststellen lässt, dass jedem einzelnen Hautreiz ein einzelner +Exspirationsstoss entspricht, so ist die allgemaine Uebereinstimmung +doch auffällig genug, namentlich wenn wir dieselbe mit den beim +Schreien aus Schmerz stattfindenden Verhältnissen zusammenstellen. -- +Der körperliche Schmerz ensteht durch eine stärkere und in ihren +Wirkungen anhaltendere Reizung sensibler Nerven und ruft nach +Nothnagels und Pflügers Beobachtungen einen anhaltenden Gefässkrampf, +eine starke ununterbrochene Verengerung der Gefässe hervor, die aber +(wie auch Naumanns weitere Versuche beweisen) nach kürzerer oder +längerer Zeit in eine Gefässlähmung und dem entsprechende mehr oder +minder bedeutende Erweiterung der Gefässe übergeht. Dem ersten +Stadium der _ununterbrochenen_ Gefässverengerung entspricht nun das +Schreien als eine _ununterbrochene_ Exspirationsbewegung + +[Page 16] + +mit demselben Zwecke wie das Lachen [1]. Dem zweiten Stadium der +Gefässlähmung, welches also gerade die entgegen gesetzten +Veränderungen des Gehirndruckes d. h. eine Steigerung desselben zur +Folge haben muss, entspricht das zweite Stadium des Weinens, das sog. +Schluchzen, welches als forcirte Inspirationsbewegung nach dem oben +Gesagten den Druck im Gehirn herabsetzt. -- + +*b. Das Komische.* + +Es ist uns also gelungen für das Lachen, insofern es durch den Kitzel +verursacht wird, eine physiologisch-anatomische Begründung +nachzuweisen. Nach dem oben Gesagten haben wir damit zum Mindesten +(wenn eine directe Uebertragung nicht gestattet ist) einen deutlichen +Fingerzeig erhalten, nach welchem Ziele wir bei Untersuchung des +Lachens, sofern es in Folge des Komischen entsteht, zu streben haben. +Es lässt sich von vornherein vermuthen, dass bei Einwirkung des +Komischen dieselben physiologisch-anatomischen Veränderungen +eintreten werden, wie nach dem Kitzel, das heisst eine +intermittirende Contraction der Gehirngefässe als Folge einer +intermittirenden Sympathicusreizung. Das Experiment, das wir zur +Bestätigung der geschehenen Sympathicusreizung beim Kitzel +anstellten, ist beim Komischen aus leicht begreiflichen Gründen +schwer auszuführen. Wenn man Jemandem etwas Komisches erzählt, hält +derselbe doch in der Regel seine Augen nicht auf einen Punkt fixirt +und wir können die Pupillen nicht genau beobachten; andererseits hört +die komische Wirkung meist auf, wenn der Betreffende sich beobachtet +fühlt. Dennoch ist es mir nach vielen vergeblichen Versuchen in +einigen Fällen gelungen, eine genaue Beobachtung zu machen und konnte +ich in der That als Wirkung des Komischen eine deutliche Erweiterung +der Pupillen constatiren. + +Es muss aber möglich sein, noch auf einem andern Wege + +[1] Hieraus erklärt sich u. A. die auffällige Thatsache, dass das +Schreien oder auch Stöhnen (welches ebenfalls ein Exspiriren bei +theilweise geschlossener Stimmritze darstellt) bei körperlichem +Schmerz wirklich eine Erleichterung verschafft. + +[Page 17] + +dasselbe Resultat, wenn es ein wirklich richtiges ist, festzustellen, +nämlich durch eine unbefangene psychologische Betrachtung des +Komischen, durch eine Zerlegung desselben in seine etwaigen einzelnen +Factoren und Untersuchung, welche Wirkung diese auf den Organismus +ausüben. Für die Art und Weise, wie solche Untersuchungen ausgeführt +werden müssen, kann die treffliche Arbeit Dommrichs [1] als Muster +angesehen werden. In Bezug auf das Lachen ist D. freilich zu keinem +Resultat gekommen. Er sagt: „Wie das spielende Vergleichen +contrastirender Vorstellungen nun gerade diese Gruppe motorischer +Nerven auslöst, ist schliesslich ebensowenig zu begreifen, als warum +dies gekitzelte sensible Hautnerven thun." Auch Harless hat sich, wie +schon oben erwähnt, mit dem Lachen aus psychischer Ursache +beschäftigt. Er lässt dasselbe einfach aus dem Lustgefühl hervorgehen +-- was, wie wir später sehen werden, durchaus nicht richtig ist -- +und erklärt den organischen Zusammenhang in folgender Weise: Er sagt: +Das Lustgefühl verlangt oder erleichtert und unterstützt jede +organisch geforderte Bewegung (?); die von der Natur geforderte +active Bewegung ist aber die Einathmung. (?) Es wird also beim +Lustgefühl die Inspiration mit der grössten Leichtigkeit vollzogen, +aber in der Exspiration, weiche eine ruhige Erschlaffung der +Thoraxmuskeln und des Zwerchfelles erheischt, setzt sich die durch +die Inspiration eingeleitete Contraction noch fort und geräth daher +in Conflikt mit der jetzt organisch geforderten Erschlaffung, was +sich in auf und abgehenden Excursionen am Zwerchfell um so leichter +abspiegeln wird, als dieser Muskel bei Weitem die geringsten Massen +und den grössten Spielraum, und an den Bauchmuskeln keine energischen +Antagonisten hat. + +Es ist nicht schwer einzusehen, dass diese Erklärung in keiner Weise +zutrifft. Abgesehen von der mindestens nicht bewiesenen Prämisse, +dass das Lustgefühl jede organisch verlangte Bewegung erleichtert, +und der alleinigen Anwendung dieses Satzes gerade nur auf die +Inspiration, scheint es mir unzweifelhaft, dass wir beim Lachen +gerade keine erleichterte Inspiration, sondern eher eine erschwerte, +beobachten und dass wir + +[1] Die psychischen Zustände, ihre organische Vermittlung etc. Jena +1849. + +[Page 18] + +dasselbe vielmehr als eine gesteigerte, forçirte Ausathmungsbewegung +(durch Contraction der Bauchmuskeln etc. verursacht) ansehen müssen, +die beim starken Lachen sogar bis zum äussersten Punkt geht, bis man +nicht weiter ausathmen kann. Die Inspiration ist wegen des +bedeutenden zeitlichen Ueberwiegens der Exspiration (gerade im +Gegensatz zu Harless' Behauptung) eine sehr hastige, überstürzte und +gerade dieses Moment prägt dem Gesicht des Lachenden den ihm +eigenthümlichen _mimischen Ausdruck_ auf. + +Bei der Hast, mit welcher wegen sofort wieder drohender Exspiration +die Einathmung geschehen muss, werden sämmtliche inspiratorische +Hilfsmuskeln, auch die des Gesichtes, in Thätigkeit gesetzt, ähnlich +wie bei Erstickungszufällen. („Vor Lachen ersticken"). Nicht allein +der Mund steht offen und wird durch die Contraction der MM. +zygomatici, levatores labii superior. propr. etc. möglichst +vergrössert, sondern auch die Nasenflügel sind durch Betheiligung der +MM. levatores alae nasi in ihre inspiratorische Stellung versetzt. Es +ist diese letztere Thatsache von um so grösserer Bedeutung, als, wie +Piderit sehr richtig nachgewiesen hat, der Hauptunterschied zwischen +dem lachenden und weinenden Gesicht gerade darin besteht, dass beim +lachenden die Nasenflügel in die inspiratorische Stellung versetzt, +d. h. gehoben, beim weinenden dagegen durch den depressor alae nasi +herabgezogen sind. + +Wir kehren nach diesen Zwischenbemerkungen zu unserem Hauptthema +zurück und wenden uns, zunächst ganz ohne Rücksicht auf das bisher +Behandelte, zu einer psychologischen Entwicklung des Komischen. + +[Page 19] + +*B. Psychologie des Komischen.* + + +Komisch oder lächerlich nennen wir diejenigen Dinge, Situationen oder +Aeusserungen, welche in uns den Affect des Lachens erregen. Wenn wir +zunächst ein allgemeines Urtheil fällen sollen, so werden wir wol +nicht anstehen, jenen Affect als einen angenehmen zu bezeichnen, und +wir könnten uns daher leicht zu dem weiteren Schlusse versucht +fühlen, dass das Komische selbst sich als etwas _durchaus_ +Angenehmes, unserem Gefühl _durchweg_ Zusagendes charakterisiren +liesse. Dieser Schluss wäre aber ein falscher; denn wenn wir an +Beispielen dem Inhalt des Komischen nachforschen, so springt uns +gerade umgekehrt bei Allem was unser Lachen erregt, zunächst eine +Vorstellung ins Auge, welche etwas _Unangenehmes_, unserem Gefühl +_nicht Zusagendes_ enthält. Schon Aristoteles hat diese Thatsache +richtig erkannt und bezeichnet in der Definition des Komischen, die +er in seinem Buche peri poiêikês [1] mit kurzen Zügen entwirft, +dasselbe als etwas Fehlerhaftes, Hässliches, Ungereimtes (hamartêma +ti kai aischos) mit der Einschränkung, dass es nicht schmerzhaft und +schädlich sein dürfe. (anôdunon ou phthartikon.) Er führt als +Beispiel ein verzogenes und hässliches Gesicht an, das uns dann +lächerlich erscheine, wenn wir darin nicht gleichzeitig den Ausdruck +des Schmerzes bemerken. + +In den meisten späteren Definitionen, deren es eine sehr + +[1] Becker's Ausgabe. Berlin 1833. Peri poiêikês. -- 5. -- + +[Page 20] + +grosse Zahl giebt [1], finden wir diesen Factor, den Aristoteles mit +seinem hamartêma ti kai aischos bezeichnet und in welchem er das +Hässliche in seiner weitesten Bedeutung umfasst, mehr oder weniger +erschöpfend wiedergegeben, indem von dem Einen mehr das sinnlich +Hässliche, von dem Andern das sittlich Hässliche, von einem Dritten +das für den Verstand Ungereimte als eigentlicher Inhalt des +Lächerlichen besonders betont wird. + +So hebt z. B. Kant [2] hervor, dass in Allem, was ein lebhaft +erschütterndes Lachen erregen solle, etwas Widersinniges sein müsse, +woran also der Verstand an sich kein Wohlgefallen finden könne; +alsdann aber fügt er noch einen andern Factor hinzu, den er für den +eigentlich wesentlichen hält, indem er weiter mit gesperrter Schrift +fortfährt: „Das Lachen ist ein Affect der plötzlichen Verwandlung +einer gespannten Erwartung in Nichts". + +Bei alledem drängt sich uns nun aber die Frage auf, wie es denn +zugeht, dass lauter unangenehme Eindrücke, wie das Hässliche, +Widersinnige, eine getäuschte Erwartung u. dgl. doch schliesslich +einen angenehmen, heiteren Affect hervorrufen, als welcher uns der +Affect des Lachens in der That doch erscheint. + +Aristoteles hat diese Frage ganz übergangen, Kant dagegen beschäftigt +sich lebhaft mit ihr. Er gesteht zu, dass diese Verwandlung der +gespannten Erwartung in Nichts für den Verstand durchaus an sich +nicht erfreulich sei; da sie nun aber doch indirect auf einen +Augenblick sehr lehhaft erfreue, so müsse die Ursache in dem +Einflusse der Vorstellung auf den Körper und dessen Wechselwirkung +auf das Gemüth bestehen. Er kommt schliesslich [3] nach ausführlicher +Excursion hierüber zu dem Resultate, dass die angenehme Wirkung des +Lächerlichen auf der für die Gesundheit heilsamen Motion und +verdauungsbefördernden Zwerchfellbewegung beim Lachen beruhe; da „das +Lachen immer Schwingung der Muskeln ist, die zur Verdauung gehören, +welche diese weit besser befördert, als die + +[1] Vergl. M. Schasler, Aesthetik I. Bd. Berlin 1871 der die +wichtigsten Theorien des Komischen anführt und sehr treffend +kritisirt. +[2] Kritik der Urtheilskraft. Sämmtl. Werke. Leipzig 1839. Bd. 7. p. +198. +[3] Vergl. auch Kant's Anthropologie § 77. + +[Page 21] + +Weisheit des Arztes thun würde." -- Kant spricht hier, wie +ersichtlich, nur von dem körperlichen Genuss, den das _Lachen_ +bereitet und nicht von dem geistig Angenehmen, was im Lächerlichen +selbst liegt, während doch offenbar das Komische selbst dann einen +angenehmen Kitzel in uns verursacht, wenn das „lebhaft erschütternde +Lachen" nicht zum Ausbruche kommt. Es muss also im Lächerlichen +selbst oder in seiner directen Einwirkung auf unser Gemüth neben dem +mehr ins Auge fallenden unangenehmen Inhalt noch ein Factor wirksam +sein, aus dem sich die angenehme Wirkung des Lächerlichen erklärt. In +der That ist auch von anderen Autoren vielfach der Versuch gemacht, +diesen Factor neben dem erstgenannten aufzufinden, und zum Belege +dafür, in welcher Weise dies geschehen und wie weit es gelungen ist, +lasse ich noch einige Definitionen des Komischen hier in aller Kürze +folgen, die mir unter den mir bekannt gewordenen, als die +bedeutendsten erschienen sind. + +Ich erwähne zuerst die Theorie des Lächerlichen von Schopenhauer [1]. +Auch er hebt hervor, dass das Lächerliche eine unserem Gefühl +unangenehme Wahrnehmung enthält, nämlich die von der Incongruenz +zwischen einem Begriff und dem durch denselben gedachten Gegenstande. + +Dass diese wahrgenommene Incongruenz uns aber Freude mache, erklärt +Schopenhauer in folgender Weise: „Bei jenem plötzlich hervortretenden +Widerstreit zwischen dem Angeschauten und Gedachten behält das +Angeschaute allemal unzweifelhaft Recht". -- „Dieser Sieg der +anschauenden Erkenntnisse erfreut uns, denn das Anschauen ist die +ursprüngliche, von der thierischen Natur unzertrennliche +Erkenntnissweise, in der sich Alles, was dem Willen unmittelbares +Genügen giebt, darstellt: Es ist das Medium der Gegenwart, des +Genusses und der Fröhlichkeit: auch ist dasselbe mit keiner +Anstrengung verknüpft. -- Vom Denken gilt das Gegentheil; es ist die +zweite Potenz des Erkennens, deren Ausübung stets einige oft +bedeutende Anstrengung erfordert und deren Begriffe es sind, welche +sich oft der Befriedigung unserer unmittelbaren Wünsche entgegen- + +[1] Die Welt als Wille und Vorstellung. Leipzig 1859. (3. Aufl.) Band +I. p. 70 ff. u. Bd. II. p. 99 ff. + +[Page 22] + +stellen, indem sie als Medium der Vergangenheit, der Zukunft und des +Ernstes, den Vehikel unserer Befürchtungen, unserer Reue und aller +unserer Schmerzen abgeben. Diese strenge, unermüdliche, überlästige +Hofmeisterin Vernunft jetzt einmal der Unzulänglichkeit überführt zu +sehen, muss uns daher ergötzlich sein." So viel Richtiges die +Definition von Schopenhauer auch enthält, so kann ich doch seiner +Erklärung von der angenehmen Wirkung des Lächerlichen nicht +beitreten. Vor allen Dingen ist jene Bestimmung zu weit umfassend, da +nach ihr _jeder_ Irrthum lächerlich sein müsste, in welchem die +Anschauung uns belehrt, dass wir etwas Fehlerhaftes gedacht haben; +während doch, wie wir später sehen werden, nur unter gewissen +Bedingungen (nämlich bei Hinzukommen eines angenehmen Factors, der in +dem lächerlichen Dinge selbst liegt) ein solcher Irrthum lächerlich +wird. + +Ganz im Gegensatz zu Schopenhauer stellt Lazarus [1], der an +verschiedenen Stellen seiner geistvollen Arbeit über den Humor sich +über das Komische ausspricht, den Sieg des in uns vorhandenen +Positiven, Vernünftigen, Idealen über das gegebene Negative als den +angenehm wirkenden Factor im Komischen dar, indem er Letzteres +überhaupt dadurch entstehen lässt, dass wir das Mangelhafte sehen, wo +wir das Vollkommene erwarten; während der von Schopenhauer dem +Lächerlichen vindicirte Sieg der gegebenen negativen Vorstellung über +das in uns vorhandene Positive nach Lazarus den Affect des Weinens +hervorruft. Weiter fasst L. das Komische als eine der drei möglichen +Seiten des Contrastes auf, indem er ihm seine Stellung zwischen dem +tragischen und humoristischen Contrast anweist. Der Contrast aber ist +nach ihm ein solcher Gegensatz, bei welchem die Glieder desselben +zugleich einen Punkt oder eine Seite der Vereinigung haben, indem die +dabei wirkenden Vorstellungen einmal wegen ihrer Gleichheit zu einem +einzigen Denkact verschmelzen, während sie nach anderer Richtung hin +wieder ganz und gar geschieden sind. Die Möglichkeit und die +Unmöglichheit der Verschmelzung tritt zu gleicher Zeit ein, + +[1] Das Leben der Seele. Berlin 1856. I. p 179 ff. Der Humor als +psychologisches Phänomen. + +[Page 23] + +daraus entsteht ein Widerstreit nicht blos in den Vorstellungen, +sondern auch im Zustande der Seele, und diesen nennen wir Affect -- +und zwar entsteht der Affect des Lachens durch den Widerstreit +zwischen Schein und Sein. -- Wir werden auf diese z. Th. sehr +treffende Definition später bei Gelegenheit des Witzes noch einmal +zurückkommen. + +Gingen die bisher mitgetheilten Definitionen alle mehr oder weniger +entschieden vom psychologischen Standpunkte aus, so muss ich jetzt +eine andere Auffassungsweise der uns beschäftigenden Frage erwähnen, +nämlich die metaphysisch-ästhetische, als deren eigentlicher +Begründer Jean Paul [1] anzusehen ist. Auch von diesem Standpunkte +aus lässt sich das Vorhandensein zweier Factoren im Komischen +nachweisen, von denen der eine etwas Unangenehmes, der andere etwas +Angenehmes enthält. Jean Paul, der übrigens selbst zum Theil die +psychologische Betrachtungsweise noch festhält, bringt in seiner +Vorschule zur Aesthetik viele geistreiche Bemerkungen und Aperçus +über unseren Gegenstand vor, doch ermangelt seine Darstellung der +wissenschaftlichen Schärfe und Uebersichtlichkeit. Er findet u. A. +das Wesen des Komischen in einem sinnlich angeschauten unendlichen +Unverstand, wobei wir demselben unsere Einsicht und Ansicht leihen; +dadurch aber, dass J. P. das Komische zuerst als das umgekehrt +Erhabene bezeichnet, legte er den Grund zu jener metaphysisch- +ästhetischen Auffassungsweise, die durch Schelling, Hegel, Ruge, +Weisse, u. A. weiter gefördert wurde. Am Eingehendsten behandelt von +diesem Standpunkt aus Fr. Th. Vischer (Tübingen) [2] unser Thema und +liefert eine Fülle wohlgeordneten, schätzbaren Materials. Nach ihm +bildet das Erhabene im Komischen den einen Factor, dem ein zweiter +Factor entgegensteht, der das Erhabene zu Fall bringt. Aus dem kurzen +Abschnitte über den „Subjectiven Eindruck des Erhabenen und +Komischen" entnehmen wir aber, dass das Erhabene als Unlust auf die +Seele des Anschauenden eindringt, während durch die plötzliche +Aufhebung des Erhabenen die + +[1] Sämmtliche Werke, Berlin 1841. 18. Bd. §. 26 ff. +[2] Ueber das Erhabene und Komische. Stuttgart 1837, und Aesthetik +Reutlingen und Leipzig 1846. I. Th. p. 334. ff. + +[Page 24] + +Unlust in Lust verwandelt wird. Beide Factoren, welche Vischer sehr +ausführlich einzeln bespricht, bilden durch ihren plötzlichen +Zusammenstoss das Komische, das je nach der Form des Erhabenen, das +sich in ihm bricht, verschiedene Arten zeigt. + +In allen mitgetheilten Definitionen sehen wir also mehr oder weniger +bestimmt jene beiden Factoren hervorgehoben, von denen der eine +Unlust verursacht, während wir dem zweiten Factor, über den sich die +Autoren hauptsächlich in Differenz befinden, die Erzeugung eines +angenehmen Gefühls zuschreiben müssen. Diese beiden Factoren hat man +aber bisher nicht als gleichwerthige aufgefasst; denn während man das +unangenehme Gefühl ans der Einwirkung erklärt, die der im Komischen +vorhandene Inhalt auf unsere Seele ausübt, suchte man das angenehme +Gefühl aus einem von jenem Inhalt zum grössten Theil unabhängigen +psychischen Processe herzuleiten, so Schopenhauer aus dem Siege des +Anschauens über das Denken, Lazarus aus dem Siege des in uns +vorhandenen Positiven über das gegebene Negative, Vischer endlich aus +der Aufhebung des unangenehmen Gefühls. -- Nur eine, zuerst von +Hobbes ausgesprochene und seitdem vielfach verwerthete (und wohl +indirect auch in der Definition von Lazarus enthaltene) Erklärung, +welche den Grund der Lust beim Lächerlichen in dem Gefühl unserer +Ueberlegenheit über die Schwachheit des Belachten sucht, macht davon +eine Ausnahme, indem sie die Lust aus gleicher Quelle herleitet, wie +die Unlust. Denn während die Schwachheit, Dummheit etc. des Andern +einerseits unser Gefühl beleidigt, ruft sie andererseits dadurch, +dass sie uns unsere Ueberlegenheit zum Bewusstsein bringt, ein +angenehmes Gefühl hervor. Doch gilt diese Erklärung, so richtig nach +meiner Anschauung der Weg ist, den sie einschlägt, nur für eine ganz +beschränkte Form des Lächerlichen. Eine allgemeine Ausdehnung auf das +ganze Gebiet des Komischen hat nur im negativen Sinne Geltung, +insofern eine Verletzung und Erniedrigung unseres Selbstgefühls +selbst durch die Harmonie mit den höchsten Ideen nur sehr selten +aufgewogen wird und dieselbe daher für den komischen Contrast in der +Regel untauglich ist. Es giebt ausser der hier erwähnten noch viele +andere auf demselben Grunde + +[Page 25] + +entspringende Quellen der Lust beim Komischen und es soll in der +folgenden Untersuchung unsere Aufgabe sein, dieselben aufzufinden. +Wir wollen nachweisen, dass die Quellen, aus denen das angenehme +Gefühl beim Komischen entspringt, ebenso zahlreich sind, wie die +Quellen des unangenehmen Gefühls, und dass beide Gefühle aus der +Einwirkung der im Komischen enthaltenen Vorstellungen auf unsere +Seele hervorgehen. + +Ehe wir aber zur Lösung dieser Aufgabe schreiten, ist es nöthig, dass +wir uns über die wichtigsten dem Ganzen zu Grunde liegenden +psychologischen Fragen verständigen und uns namentlich darüber +einigen, was wir unter Gefühlen verstehen wollen, und welche Quellen +wir für dieselben annehmen [1]. Es ist eine genaue Verständigung +hierüber um so unerlässlicher, als mit dem Worte _Gefühl_ die +heterogensten Begriffe bezeichnet werden und namentlich die in der +gewöhnlichen Umgangssprache herrschende Gleichbedeutung der Worte +_Empfindung_ und _Gefühl_ zum Theil auch in die Wissenschaft +eingedrungen ist, und hier die grösste Verwirrung angerichtet hat. + +Nahlowsky, der sich um die Klärung dieser Begriffe das grösste +Verdienst erworben hat, giebt eine ganze Sammlung von Citaten, welche +beweisen, dass selbst Psychologen von Bedeutung die scharfe Trennung +zwischen Gefühl und Empfindung ausser Acht lassend in unlösbare +Widersprüche und auf Abwege gerathen sind. + +Wir nennen mit Nahlowsky alle jene Zustände, die auf der blossen +Perception organischer Reize beruhen (d. h. alle solche, die entweder +durch sensorielle oder sensitive Nerven vermittelt sind) +*Empfindungen;* alle jene Zustände dagegen, die keineswegs +_unmittelbares_ Product von Nervenreizen, sondern vielmehr _Resultat +gleichzeitig im Bewusstsein zusammentreffender Vorstellungen_ sind, +*Gefühle* und zwar beruhen dieselben _auf dem unmittelbaren +Innewerden der Hemmung oder Förderung unter den eben im Bewusstsein +vorhandenen Vorstellungen_. Die Hemmung erzeugt + +[1] Waitz, Lehrbuch der Psychologie Braunschweig 1849. _Nahlowsky das +Gefühlsleben_. Leipzig 1862. Lazarus l. c. I. p. 238. + +[Page 26] + +das Gefühl der Unlust, die Förderung das Gefühl der Lust und zwischen +diesen beiden Polen bewegen sich alle Gefühle, die den Menschen +jemals beherrschen können. + +Die Empfindungen theilen sich in die Aussen- oder Sinnesempfindungen +und die Innen- oder Körperempfindungen. Unter letzteren sind +namentlich die sogenannten Gemeingefühle oder richtiger +Gemein_empfindungen_ für uns wichtig, weil sie, wie schon der (auch +in der Wissenschaft) geläufige Name sagt, fälschlich zu den Gefühlen +gerechnet werden. Es gehören hierher z. B. die Empfindungen +körperlicher Frische oder Mattigkeit, des gehobenen leiblichen Lebens +oder der Abgeschlagenheit, der physischen Gesundheit oder Krankheit +und dgl. + +Während die Empfindungen ursprüngliche Zustände sind, sind die +Gefühle abgeleitete; während erstere die Elemente darstellen, aus +denen die Vorstellungen sich bilden, gehen die Gefühle erst aus den +Vorstellungen hervor. Dadurch stehen aber die Gefühle mit den +Empfindungen in indirecter Verbindung und gerade diese Abhängigkeit +der einen von den andern hat zu der verwirrenden Vermischung beider +Zustände geführt. Die Empfindungen erzeugen Gefühle stets durch +Vermittlung von Vorstellungen, die uns nur mehr oder minder klar zum +Bewusstsein kommen. Meistens werden die Vorstellungen in Folge einer +zwischen bestimmten Empfindungen und bestimmten Vorstellungen früher +zufällig eingegangenen Verbindung geweckt. Wenn wir beim Anblick +eines Kirchhofs in traurige Stimmung gerathen, so geschieht das in +Folge der damit verknüpften Vorstellung vom Tode überhaupt oder +vielleicht vom Tode einer geliebten Person etc. Wenn uns ein heller +Sommertag heiter stimmt, so wirken dabei, wenn auch zum Theil +unbewusst, Vorstellungen mit, die sich auf genossene Sommerfreuden im +Freien beziehen, andrerseits aber spielt dabei auch das grössere +körperliche Wohlsein eine Rolle. Dasselbe führt nämlich durch +leichteres von Stattengehen der Ernährungsvorgänge auch im Gehirn zu +einer schnelleren Verknüpfung der Vorstellungen überhaupt, welche wie +wir gleich sehen werden eine Quelle der angenehmen Gefühle ist. Die +körperliche Schmerzempfindung, namentlich ein dauernder Schmerz oder +ein körperliches Unbehagen bewirkt ein Stocken des Vor- + +[Page 27] + +stellungsverlaufes welches unangenehme Gefühle erregt. Immer also +bilden die Vorstellungen das Mittelglied zwischen Empfindung und +Gefühl. Die weiterfolgenden Auseinandersetzungen werden diesen Satz +noch näher beweisen helfen. + +Wir haben uns hier zunächst ganz im Allgemeinen mit den Gefühlen der +Lust und Unlust zu beschäftigen, und wollen vor Allem ihre Quellen +noch näher erforschen. Wir führten schon oben die Definition von +Nahlowsky (und Waitz) an, welche das angenehme Gefühl aus einer +Förderung, das unangenehme aus einer Hemmung der gerade im +Bewusstsein vorhandenen Vorstellungen erklärt. Es soll unsere Aufgabe +sein, die Begriffe der Förderung und Hemmung noch näher zu +specialisiren, indem wir dabei genetisch verfahren, d. h. die Gefühle +beim Eintritt einer (sei es durch Wahrnehmung uns neu zugeführten, +sei es durch Reproduction über die Schwelle des Bewusstseins +gebrachten) Vorstellung zu erforschen suchen. + +Die Art und Weise, wie die neue Vorstellung sich zu dem schon +vorhandenen Vorstellungscamplex, der unser geistiges Ich bildet, +verhält, wird dabei maassgebend sein. -- Die leichtere oder schwerere +Einverleibung in denselben (Assimilation) bestimmt die Qualität des +dabei entstehenden Gefühls. Es lässt sich in Bezug hierauf folgender +Satz aufstellen, der seinen ausgiebigen Beweis in der ganzen +folgenden Arbeit finden wird: + +_Ein angenehmes Gefühl entsteht dadurch, dass eine neue Vorstellung +schnell und ungestört mit einer andern eben im Bewusstsein +vorhandenen oder einer aus dem gesammten Vorstellungscomplex durch +jene geweckten Vorstellung in Verbindung tritt, und auf diese Weise +leicht assimilirt wird; während ein unangenehmes Gefühl dadurch +entsteht, dass die Assimilation durch irgend welche Umstände eine +Verzögerung erleidet._ + +Um diesen Fundamentalsatz zu beweisen, müssen wir zunächst die +Gesetze, nach denen die Assimilation der Vorstellungen vor sich geht, +kurz erörtern. + +Diese Assimilation, von der wir zu reden haben, ist also derjenige +psychische Vorgang, durch welchen eine neu auftretende + +[Page 28] + +Vorstellung sich mit den schon vorhandenen in bestimmte Beziehungen +setzt, mit denselben die mannigfachsten Verbindungen eingeht und +dadurch unser geistiges Eigenthum, ein integrirender Bestandtheil +unseres geistigen Ich's wird. -- Die Gesetze, nach denen diese +Assimilation vor sich geht, lassen sich am leichtesten aus der +Beobachtung der Reproduction der Vorstellungen herleiten, indem wir, +wie eine kurze Ueberlegung zeigt, die Verbindungen, welche eine +Vorstellung bei ihrer Assimilation eingegangen ist, am besten +nachträglich daraus ersehen können, in welchem Zusammenhange mit +anderen Vorstellungen wir sie am leichtesten reproduciren können. Es +ist demnach leicht einzusehen, dass die Gesetze der sogenannten +Ideenassociation ihren eigentlichen Grund in den Vorgängen der +Assimilation zu suchen haben, indem Vorstellungen, die bei ihrer +Aufnahme in irgend einer Weise mit einander in Verbindung standen, +auch für die Folge derart verbunden bleiben, dass sie sich +gegenseitig leicht „wecken". Zunächst werden zwei Wahrnehmungen, die +wir einmal oder öfter in enger Verbindung neben einander oder +zeitlich nach einander gemacht haben, auch in ihren zurückbleibenden +Vorstellungsbildern diesen Zusammenhang behalten und es ergiebt sich +daraus das Gesetz der _Coexistenz_ und das der _Succession_. Die +beiden, nach einem dieser Gesetze verbundenen Vorstellungen, werden +sehr leicht und daher auch mit einer gewissen Befriedigung eine die +andere wecken, so dass, wenn uns eine dieser Vorstellungen etwa durch +die Wahrnehmung dargeboten wird, ihr schnell die andere +gewissermaassen entgegenkommt und auf diese Weise, indem sie die +erstere an sich zieht, deren Verbindung mit dem gesammten +Vorstellungscomplex, d. h. die _Assimilation_ erleichtert. Ebenso +dient die _Aehnlichkeit_ zweier Vorstellungen in einzelnen +wesentlichen oder durch besondere Umstände auffällig gemachten +Eigenschaften dazu, diese Vorstellungen in dauernder Verbindung zu +erhalten und es ergiebt sich daraus einerseits als _dritte Norm der +Ideenassociation die der Aehnlichkeit_, andererseits erklärt sich aus +dem Gesagten die Thatsache, dass eine Vorstellung um so leichter und +schneller assimilirt werden kann, je schneller sie ähnliche +Vorstellungen zu wecken vermag. + +[Page 29] + +Das Herausfinden der Aehnlichkeit ist natürlich von einem Urtheil +abhängig. Je mehr nun aber der Geist sich ausbildet, um so mehr +unterliegt die Aufnahme neuer Vorstellungen auch nach anderen +Richtungen hin einer Beurtheilung, von deren Ausfall dann vornehmlich +die schnellere oder verzögerte Assimilation abhängig ist. Und zwar +stützt sich dieses Urtheil auf gewisse gleichsam abgeschlossene +Ideenkreise, die in uns bei wachsender Geistesreife und +Charakterentwicklung immer umfassender sich herausbilden, immer +bestimmter als ideale Urtheilsmaximen zur Geltung kommen und immer +maassgebender werden. Es sind dies die _logischen und praktischen +Normen_, sowie die _ethischen, ästhetischen und religiösen Ideen_, +welche drei letzteren wir auch unter der Bezeichnung der _ideellen +Normen_ zusammenfassen können, indem wir darunter die Ideen von +Wahrheit, Gerechtigkeit, Güte, Freiheit Sittlichkeit, Schönheit u. +dgl., sowie die Gott-Idee und alles darauf Bezügliche verstehen, +während die logischen und praktischen Normen in den logischen +Begriffen, Urtheilen und Schlüssen, sowie in den Ideen von +Zweckmässigkeit, Nützlichkeit etc. ihren Ausdruck finden. + +_Steht eine Vorstellung oder ein Vorstellungscomplex mit den +logischen und praktischen oder ideellen Normen im Widerspruch, so ist +dadurch die Assimilation erschwert und es entsteht ein unangenehmes +Gefühl; während die Uebereinstimmung mit jenen Normen eine leichte +ungehinderte Assimilation und somit ein angenehmes Gefühl bewirkt._ + +Die logischen, praktischen und ideellen Normen zeigen freilich je +nach der Individualität und Bildung des Einzelnen, sowie der Cultur +des Volkes, dem das Individuum angehört, in ihrer Zahl und namentlich +in ihrem qualitativen Inhalt und ihrer Entwickelungshöhe sehr +bedeutende Verschiedenheiten und von der grösseren oder geringeren +Ausbildung dieser Normen hängt es mit ab, ob ein Vorstellungscomplex, +der mit denselben in Conflict tritt, uns mehr oder minder unangenehm +berührt, oder wie gross im umgekehrten Fall das angenehme Gefühl ist, +das aus der Uebereinstimmung einer gegebenen Vorstellung mit einer +jener Normen entsteht. Im grossen Ganzen + +[Page 30] + +wiegen bei der Mehrzahl der Menschen die praktischen Normen bei +Weitem vor und indem dieselben in ihrer niedrigsten Entwicklungsstufe +nur auf die Person des Empfindenden selbst bezogen werden, +concentriren sie sich im Egoismus, der deshalb bei Ungebildeten fast +ausschliesslich den Maassstab für die Qualität der Gefühle abgiebt. +-- Nur das, was den praktischen Ideen in diesem Sinne entspricht, ist +für den wenig Gebildeten eine Quelle angenehmer, nur das, was ihnen +zuwiderläuft, der Ursprung unangenehmer Gefühle. + +Je höher die Bildung, die wirkliche Herzensbildung, um so mehr treten +die sittlichen und religiösen und weiterhin die ästhetischen Ideen, +sowie gleichzeitig die logischen Normen in den Vordergrund und +spielen bei der Erregung von Gefühlen eine wesentliche Rolle. Während +daher der Ungebildete sich an dem Leiden Anderer weiden und ergötzen +kann, in der Freude über die Verschonung seiner eigenen Person, wird +der Gebildete dabei mit innerem Weh erfüllt, weil die Vorstellung von +dem Leiden überhaupt mit seinen mehr ausgebildeten ethischen und +ästhetischen Ideen in lebhaften Widerspruch tritt. -- Während der +Eine, von materiellem Egoismus befangen, geduldig in schmachvoller +Unterdrückung und Knechtschaft lebt, so lange nur sein Leib und Gut +nicht gefährdet ist, wird der Andere Feinfühlige von Grimm erfüllt, +trotz äusserlich glänzender Lage, bei blossen Vorstellungen, die mit +seiner Freiheits- oder Rechtsidee in Gegensatz treten. + +In den bisher betrachteten Fällen von Aufnahme neuer Vorstellungen +war gewissermaassen vorausgesetzt, dass dieselben ein momentan nicht +in lebhafter Thätigkeit begriffenes Vorstellungsleben antreffen, und +nach den angedeuteten Gesetzen die Vorstellungen, mit denen sie in +Harmonie oder Contrast treten, erst selbst bestimmen, dieselben erst +wecken. Etwas anders gestalten sich nun aber die Verhältnisse, wenn +zur Zeit, wo eine neue Vorstellung in uns erzeugt wird, eine andere +Vorstellung resp. ein Vorstellungskreis das Bewusstsein beherrscht, +uns momentan sehr lebhaft beschäftigt. In diesem Fall wird die +Assimilationsfähigkeit der neuen Vorstellung fast allein davon +bestimmt, ob dieselbe mit jener momentan herrschenden +Vorstellungsreihe übereinstimmt oder nicht, sich + +[Page 31] + +also gerade mit dieser in leichte oder schwere Association setzt. -- +Nach dem Satz von der Enge des Bewusstseins kann nämlich in einem +bestimmten Augenblicke nur eine Vorstellung unser Denken ganz +ausfüllen. Tritt uns eine neue Vorstellung entgegen, so muss sie erst +die augenblicklich im Bewusstsein vorhandene verdrängen, sofern sie +nicht mit ihr in _eine_ Vorstellungsthätigkeit verschmelzen kann. -- +Dies Verdrängen aber, bei vorhandener Disharmonie zwischen den beiden +Vorstellungen wird unter allen Umständen, selbst wenn die neue +Vorstellung etwa mit den logischen oder ideellen Normen harmonirend +uns an sich durchaus angenehm berühren würde, eine Verzögerung der +Assimilation veranlassen und daher zunächst ein unangenehmes Gefühl +hervorrufen, das später freilich, wenn die neue Vorstellung sich nach +Ueberwindung dieser Schwierigkeiten mit dem gesammten +Vorstellungscomplex in die richtigen Beziehungen gesetzt hat, unter +Umständen in ein angenehmes Gefühl übergehen kann. -- Im umgekehrten +Fall dagegen, wenn die beiden Vorstellungen oder Vorstellungsreihen +leicht mit einander in Verbindung treten, und in einen Denkact +verschmelzen können, wird die Assimilation sehr wesentlich gefördert, +da einer ihrer Acte, „das Wecken" der ähnlichen Vorstellung, in +Wegfall kommt. Die Beziehungen zwischen beiden Vorstellungen brauchen +daher in diesem Fall, um schon ein angenehmes Gefühl hervorzurufen, +nur entfernte zu sein, und sich z. B. nur auf ganz äussere +Aehnlichkeit wie Gleichklang der Worte u. dgl. zu beschränken, _wo +sonst die mit der Association verbundene Gefühlserregung zu schwach +zu sein pflegt, um überhaupt noch empfunden zu werden_. + +Wir erklären hieraus z. B. den angenehmen Einfluss, den der Reim auf +unser Gefühl ausübt. Es werden uns bei demselben in den beiden +gereimten Versen zwei Vorstellungsreihen geboten, deren Association +mit einander durch den Gleichklang der letzten Worte ganz erheblich +erleichtert wird und daher ein angenehmes Gefühl hervorruft. Es ist +ja eine bekannte Thatsache, dass gereimte Verse sich leichter +behalten das heisst eben doch leichter assimilirt und reproducirt +werden) als Prosa. Ja schon das blosse Metrum reicht hiezu aus, indem +die _Aehn_- + +[Page 32] + +_lichkeit_ des Sylbenfalls die Assimilation erleichtert. In gleicher +Weise wirkt auch die Uebereinstimmung zweier Vorstellungen nach den +Gesetzen der Coexistenz oder Succession, die allein für sich selten +ein starkes Gefühl zu produciren vermögen, sehr entschieden angenehm. +Zwei Worte, die wir oft hinter einander gehört haben, hören wir für +die Folge auch gern zusammen. Es verursacht für den nach dem +Lutherschen Katechismus Unterrichteten ein gar nicht wegzuleugnendes +angenehmes Gefühl, wenn er die Worte: Augen, Ohren; Vernunft und alle +Sinne; Kleider und Schuhe; Essen und Trinken; Haus und Hof; Weib und +Kind etc. nach alter Katechismusreminiscenz zusammenstellt. -- +Doppelt angenehm wirken die noch dazu durch Alliteration einander +_ähnlichen_ Wortverbindungen, wie: Mann und Maus, Kind und Kegel, +Stock und Stein (auch Haus und Hof gehört hierher), -- die ja auch +das Volk mit einer gewissen Vorliebe gebraucht. Noch lebhafter als +die angenehmen Gefühle bei Uebereinstimmung der neuen +Vorstellungsreihe mit der schon vorhandenen resp. kurz vorher +gegebenen, können unter Umständen die unangenehmen Gefühle bei +mangelnder Harmonie sein. Es gehört hierher namentlich das +unangenehme Gefühl getäuschter Erwartung, bei der eine neue +Vorstellung eine kurz vorher angeregte Vorstellungsrichtung plötzlich +unterbricht. Es ist in diesen Fällen die Assimilation der neuen +Vorstellung unendlich erschwert, selbst dann, wenn diese eine +angenehme ist. Denken wir, es wird uns ein Besuch angemeldet, der uns +übrigens ziemlich gleichgültig lässt, oder gar unangenehm berührt, +auf dessen Eintreten wir aber mit einer gewissen Spannung warten; +statt der angemeldeten Person tritt jedoch ein anderer uns äusserst +lieber Besuch ins Zimmer. Trotz der angenehmeren Situation wird doch +im ersten Augenblick die Empfindung eine peinliche sein -- um +freilich bei dem Einen schneller, bei dem Andern langsamer dem +ungemischten Gefühl der Freude Platz zu machen. Man sagt von +Menschen, bei denen die Assimilationsfähigkeit selbst conträrer +Vorstellungen eine grosse ist, sie können „sich schnell fassen". + +Stellen wir jetzt noch einmal die Ursachen der angenehmen und +unangenehmen Gefühle zusammen, die, wie eben erörtert, + +[Page 33] + +aus der geförderten, respective gehemmten Association und +Assimilation hervorgehen, so erkennen wir: + +A. _Als Quelle angenehmer Gefühle_ + +1) die Harmonie einer Vorstellung mit einer erst zu weckenden nach +den Normen der Gleichzeitigkeit, Reihenfolge und Aehnlichkeit; 2) die +Coincedenz mit den logischen, praktischen und ideellen Normen; 3) die +Uebereinstimmung mit der momentan das Bewusstsein beherrschenden +Vorstellungsreihe. + +B. _Als Quelle unangenehmer Gefühle_ + +die Disharmonie in den genannten drei Punkten. -- + +Versuchen wir jetzt, die hier gewonnenen psychologischen Resultate +zur Theorie des Lächerlichen zu verwerthen. Wir hatten oben für +unsere Untersuchung das Ziel gesteckt, den Nachweis zu liefern, dass +die im komischen Object enthaltenen Vorstellungen durch ihre +Einwirkung auf unsere Seele sowohl die angenehmen wie unangenehmen +Gefühle hervorrufen, welche zusammengenommen das Wesen des Komischen +ausmachen. Wir haben nun gesehen, was wir unter Lust und Unlust +verstehen und wie diese Gefühle zu Stande kommen und wollen jetzt +zunächst die Probe zu machen suchen, ob wir wirklich im Komischen +jene beiden Factoren in obigem Sinne nachweisen können. Sehen wir uns +nach Beispielen um, so finden wir zunächst, dass man das Komische in +eine grössere oder beschränktere Zahl von Hauptgruppen eingetheilt +hat. Schopenhauer kennt nur zwei Hauptformen des Lächerlichen, +nämlich: die sog. Narrheit und den Witz. Vischer dagegen +unterscheidet das objectiv Komische oder die Posse, das subjectiv +Komische oder den Witz, das absolut Komische oder den Humor. In Bezug +auf die ersten beiden Formen stimmt er mit Schopenhauer überein. In +Rücksicht auf die letzte Form bemerke ich dass nach Lazarus, dem ich +mich vollkommen anschliesse, der Humor sich dem Komischen nicht +unterordnet, sondern eine Stelle neben demselben einnimmt, wie wir +später sehen werden. + +[Page 34] + +Wir behalten demnach als die bisher gebräuchlichsten und +anerkennenswerthen Formen nur die Narrheit (oder Posse) und den Witz +übrig. Aus diesen beiden Formen wollen wir nun Beispiele wählen, und +an diesen zunächst unsere obige Behauptung vorläufig zu erweisen +suchen. Es wird dann eine Eintheilung des Komischen folgen, in der +unsere Theorie des Lächerlichen durch weitere Beispiele noch näher +erläutert werden soll. + +In der Form des Komischen, welche Vischer das objectiv Komische +nennt, erwähnt er als Beispiele niedrigsten Grades zunächst die in +der Posse am häufigsten als Gegenstand des Gelächters dienenden +Körpergebrechen. Das Volk lacht da über einen Höcker, einen dicken +Bauch oder über tölpelhafte Ungeschicklichkeit u. dergl. Auf dieses +Lachen findet die schon oben erwähnte Hobbes'sche Erklärung ihre +Anwendung. Uebertragen wir dieselbe in unsere psychologische Form, so +finden wir den Grund dieses Lächerlichen in Folgendem: Die durch den +Anblick eines Buckligen u. dergl. entstandene Vorstellung seiner +Hässlichkeit tritt mit unseren ästhetischen Ideen in Gegensatz und +erzeugt ein unangenehmes Gefühl. Andererseits aber wird dadurch, dass +sich _dieselbe Vorstellung_ mit der auf unser eigenes Selbst +bezüglichen niedrigsten Entwickelungsstufe der ethischen und +praktischen Normen in Beziehung setzt und mit diesen übereinstimmt, +das angenehme Gefühl der Verschonung der eigenen Person, des +„Sichbesserdünkens" erregt. -- + +Also Unlust und Lust gehen beide aus den verschiedenen Beziehungen +hervor, in welche diese _eine_ Vorstellung des Hässlichen einerseits +zu unseren ästhetischen Ideen, andererseits zu unseren mangelhaft +entwickelten ethischen und praktischen Normen tritt. -- Keineswegs +aber spielt, wie wir schon sagten, das Gefühl der Ueberlegenheit bei +allen Arten des Komischen dieselbe Rolle; Ja, wir können sogar über +die nämlichen eben angeführten Körpergebrechen und Schönheitsfehler +in ganz anderm Sinne lachen, indem das angenehme Gefühl sich aus +einer von der vorigen vollständig verschiedenen Quelle herleitet. -- +Wenn wir als gebildete Menschen den dicken Hans Fallstuff, ganz +abgesehen von seinem trefflichen Witz und Humor, bloss seiner + +[Page 35] + +unförmigen Erscheinung wegen belachen, so spielt gewiss das Gefühl +unserer Ueberlegenheit dabei nur eine verschwindend kleine Rolle; +dagegen tritt hier zur Erzeugung des angenehmen Gefühls ein ganz +anderes Moment in Wirksamkeit. Ausser der Vorstellung der +Hässlichkeit wird uns nämlich durch die Erscheinung unseres Helden +die durch sein Reden und Thun bestätigte Vorstellung von seiner +maasslosen Schlemmerei und Völlerei aufgedrungen. Diese seine +Untugenden beleidigen ebenfalls unser Gefühl, andererseits treten nun +diese beiden Vorstellungen, d. h. die von seiner unnatürlichen und +ihm selbst höchst lästigen Körperfülle und die von seiner Völlerei in +eine leichte Verbindung, indem der zwischen beiden sich herstellende +ursächliche Zusammenhang unserer Gerechtigkeitsidee entspricht. Wir +sehen seine Dicke als die gerechte Strafe für seine Unmässigkeit an, +daraus aber erzeugt sich ein angenehmes Gefühl. -- + +Spielt in den eben angeführten Beispielen zur Erzeugung der Gefühle +die Harmonie resp. Disharmonie mit den ideellen Normen eine Rolle, so +sehen wir im folgenden Beispiele die Normen der Ideenassociation sich +betheiligen. Bei den uns lächerlich erscheinenden Anachronismen, wo +wir z. B. auf einem Bilde Kanonen vor Troja erblicken, entsteht das +unangenehme Gefühl durch die nach der Norm der Gleichzeitigkeit uns +unmöglich gemachte Vereinigung der beiden uns dargebotenen +Vorstellungen (Troja und Kanonen). Das angenehme Gefühl dagegen geht +wieder aus der Beziehung jener Vorstellungen zu unserem Selbstgefühl +hervor. Unser Besserwissen Macht uns Freude. -- + +Wir haben also durch die bisherigen Beispiele vorläufig bestätigt +gefunden, dass im Komischen, wenigstens in der ersten Form desselben +(der sog. Narrheit oder Posse), ein Inhalt steckt, der nach dem oben +ausführlich abgeleiteten Gesetz einerseits ein angenehmes, +andererseits ein unangenehmes Gefühl verursacht. Dass auch in allen +nur denkbaren Beispielen des Komischen dasselbe Gesetz sich +bestätigt, werden wir bald sehen, wenn wir die einzelnen Formen +ableiten. Wir haben jetzt weiter nachzuweisen, dass auch für den Witz +das oben Gesagte Geltung hat. Ich bringe zuerst ein Beispiel von der + +[Page 36] + +einfachsten und ursprünglichsten Art der Witze, nämlich von den +Klangwitzen, wie sie in den sogenannten Frageräthseln der Kinder +gebräuchlich sind: Welche Tracht kleidet am besten? -- die Eintracht. +-- Welche Ringe sind nicht rund? -- die Häringe etc. -- In Frage und +Antwort sind die beiden dargebotenen Vorstellungen enthalten. +Dieselben lassen sich in Bezug auf die logischen Normen nicht mit +einander vereinigen: Tracht und Eintracht -- Ring und Häring haben +rücksichtlich ihrer Bedeutung nicht das Geringste mit einander zu +schaffen, und durch den erzwungenen Zusammenhang, in den sie gebracht +sind, entsteht ein unangenehmes Gefühl. Andererseits aber gehen diese +Worte vermöge ihrer Klangähnlichkeit (also nach der 3. Norm der +Ideenassociation) doch leicht eine Verbindung mit einander ein und +erregen dadurch ein Lustgefühl. Als 2. Beispiel führe ich einen guten +Witz von Kant an, der einmal in einer Damengesellschaft die +scherzhafte Behauptung aufstellte, dass Frauen nicht in den Himmel +kämen, denn in der Offenbarung Johannis stehe geschrieben, es sei im +Himmel eine Stille von einer halben Stunde gewesen; eine solche +Stille aber sei, wo Frauen anwesend sich befinden, nicht möglich. + +Wir haben hier 2 Vorstellungsreihen (die Bibelstelle und den daraus +gezogenen Schluss), die sich nach den logischen Normen nicht mit +einander vereinigen lassen, denn jene Schriftstelle steht mit Kant's +Behauptung eigentlich in gar keinem Zusammenhang. Andererseits aber +ist durch die geschickte Auslegung in Rücksicht auf unsere +Wahrheitsidee doch eine leichte Verbindung zwischen diesen beiden +Vorstellungsreihen möglich gemacht. + +Also auch beim Witz finden wir die oben aufgedeckten Quellen der Lust +und Unlust wieder. Wir konnten aber auch schon an diesen einfachen +Beispielen eine weitere Bemerkung machen, _dass nämlich die Ursachen +der beiderseitigen Gefühle häufig mehrfache sind_. In den späteren +Beispielen werden wir dies noch in höherem Maasse bestätigt finden. +Natürlich steigert sich durch diese Häufung der Gefühlsgegensätze die +komische Wirkung im Allgemeinen, gleichzeitig wird daraus aber auch +die Thatsache verständlich, dass drei bis vier Personen über dasselbe +Object lachen können, jeder aus + +[Page 37] + +einem andern Grunde. Es kommt deshalb in jedem einzelnen Falle +einerseits darauf an, alle möglichen Auffassungsweisen in's Auge zu +fassen, und die einander entsprechenden angenehmen und unangenehmen +Gefühle zu sondern, andererseits aber auch die den Umständen +entsprechenden hauptsächlich wirkenden Factoren, die einem +vorliegenden Beispiele seinen eigentlichen Charakter gehen, +herauszuheben. Natürlich habe ich zunächst, da es mir darauf ankam, +die Elemente des Komischen zu demonstriren, solche Beispiele wählen +müssen, die möglichst einfach sind. In einer Anekdote der +gewöhnlichsten Art stecken häufig 6-8 verschiedene Gefühlsquellen. + +Es würde jetzt weiter die Frage entstehen, ob die angenehmen wie +unangenehmen Gefühle aus *jeder* der oben angegebenen Ursachen in den +komischen Contrast eingehen können. Wäre dies der Fall, so würden wir +durch einfache Combinirung der möglichen Quellen der beiden +Gefühlsgegensätze verschiedene Formen des Komischen herleiten können. +Die Erfahrung lehrt, dass dies nicht _unbedingt_ der Fall ist und als +Grund dafür müssen wir eine Thatsache anführen, deren Beweis erst +später folgt, dass nämlich jene beiden entgegengesetzten Gefühle _in +einem bestimmten Verhältnisse der Stärke zu einander stehen müssen_, +und zwar so, dass keines vor dem andern das unbedingte Uebergewicht +erlangt. Es würde nämlich sonst das stärkere Gefühl ohne Weiteres das +schwächere auslöschen, zum Verschwinden bringen und höchstens dadurch +von seiner eigenen Kraft etwas einbüssen; ein Kampf der beiden +Gefühle aber, wie wir ihn zum Zustandekommen des Lächerlichen als +nothwendig erkennen werden, könnte nicht entstehen. Nehmen wir diese +Thatsachen von der nothwendig erforderlichen, annähernd gleichen +Stärke der beiden Gefühle vorläufig als feststehend an, so müssen wir +in Erinnerung an das oben Gesagte _eine_ Quelle derselben sofort +streichen. Wir sahen nämlich schon oben, dass die erleichterte +Association einer gegebenen Vorstellung mit einer erst nach den +Normen der Ideenassociation zu weckenden in der Regel ein kaum +merkliches Gefühl hervorruft und es wird uns deshalb natürlich +scheinen, dass dasselbe etwa einer Verletzung der ideellen Normen +nicht das Gleichgewicht halten kann. Vielmehr muss in solchem Fall +das angenehme Ge- + +[Page 38] + +fühl, um überhaupt in den komischen Contrast eingehen zu können, noch +aus anderer Quelle her eine Unterstützung erfahren, und zwar dadurch, +dass die eine Vorstellung die andere mit ihr zu associirende als eine +im Bewusstsein schon vorhandene, herrschende, d. h. durch die +komische Situation und Erzählung selbst dargebotene, antrifft. +Dasselbe gilt für das aus gleichen Quellen fliessende unangenehme +Gefühl. Durch diese Einschränkung modificirt sich aber unsere obige +Aufstellung der Gefühle in folgender Weise. -- + +Als zum komischen Contrast tauglich kennen wir: + +A. _Angenehme Gefühle_, + +1) aus der Coincidenz _einer_ im komischen Object enthaltenen +Vorstellung mit den logischen, praktischen oder ideellen Normen; + +2) aus der Uebereinstimmung _zweier_ dargebotenen Vorstellungen unter +einander -- in Rücksicht auf die logischen, praktischen und ideellen +Normen oder auf die Normen der Ideenassociation. + +B. _Unangenehme Gefühle_, + +1) aus der Disharmonie _einer_ im komischen Object enthaltenen +Vorstellung mit den logischen, praktischen und ideellen Normen; und + +2) aus der Disharmonie _zweier_ im Komischen mitgetheilten +Vorstellungen in Rücksicht auf die logischen, praktischen und +ideellen Normen oder auf die Normen der Ideenassociation. + +Combiniren wir nun die Gefühle, so erhalten wir durch +Gegenüberstellung der angenehmen und unangenehmen Gefühle folgende 4 +Formen: + + 1) A. 1. -- B. 1. + 2) A. 2. -- B. 1. + 3) A. 1. -- B. 2. + 4) A. 2. -- B. 2. + + [Page 39] + +Bewähren sich dieselben als wirklich vorhanden, so ist damit +gewissermaassen indirect auch der Beweis geliefert, dass unsere +Behauptung von der nothwendig annähernd gleichen Stärke der beiden +Gefühlsgegensätze begründet war. -- Wie wir sehen werden, lassen sich +aber diese 4 Formen wirklich festhalten, und was weiter zu jenem +Beweise nothwendig ist, es lassen sich in ihnen auch alle Beispiele +des Komischen unterbringen. + +Betrachten wir nun diese Hauptformen näher. + +In der ersten Hauptform, die wir das _einfach Komische_ nennen +wollen, soll sich also das angenehme wie unangenehme Gefühl erzeugen, +aus _einer_ vorhandenen Vorstellung (oder Vorstellungsreihe) die mit +einzelnen logischen, praktischen oder ideellen Normen übereinstimmt, +mit anderen aber nicht. + +Die zweite Hauptform: _Das Komische mit zwei vereinbaren +Vorstellungen_, lässt das angenehme Gefühl aus der leichten +Verschmelzung _zweier_ im komischen Object enthaltenen Vorstellungen +in Rücksicht auf die Normen hervorgehen, während das unangenehme +Gefühl dadurch erzeugt wird, dass _eine_ der beiden gegebenen +Vorstellungen mit einer der Normen nicht übereinstimmt. + +Die dritte Hauptform: _Das Komische mit zwei unvereinbaren +Vorstellungen_, enthält ein unangenehmes Gefühl, welches aus der in +Rücksicht auf die Normen unmöglichen Vereinigung _zweier_ im +komischen Object enthaltenen Vorstellungen entsteht, während das +angenehme Gefühl auf der Uebereinstimmung einer der beiden +Vorstellungen mit den logischen, praktischen oder ideellen Normen +beruht. + +Die vierte Hauptform endlich: _Das Komische mit dem Wettstreit der +Vorstellungen oder der Witz_ entsteht dadurch, dass _zwei_ +dargebotene Vorstellungen in Rücksicht auf eine der Normen +übereinstimmen und dadurch das angenehme Gefühl bilden, in Rücksicht +auf andere Normen sich aber nicht mit einander vereinigen lassen und +in Folge dessen ein unangenehmes Gefühl erzeugen. + +Wir werden später sehen, dass bei veränderter Auffassung eines +bestimmten Falles derselbe aus einer Form in die andere übergehen +kann. Doch ist diese Thatsache keineswegs etwa geeignet unsere +Eintheilung umzustürzen, sondern dient der- + +[Page 40] + +selben vielmehr, wie sich herausstellen wird, zur wesentlichen +Stütze. -- + +Innerhalb der genannten vier Hauptformen lassen sich nun aber wieder +verschiedene Nebenformen abgrenzen, durch Auflösung der einzelnen +Gesetze und Normen. Ich werde die wichtigsten derselben anführen. + +Wir müssen ferner innerhalb des Komischen noch eine gewisse +Rangordnung unterscheiden, bei welcher der sittliche Standpunkt der +maassgebende ist. Sehr bemerkenswerth ist, dass hierbei lediglich die +Entstehungsursachen des _angenehmen_ Gefühls eine Rolle spielen. +_Nur_ diese bedingen in einem gegebenen Fall die Höhe des Komischen +und zwar lässt sich hierüber folgender Satz aufstellen: _Je edler die +Quelle ist, aus welcher das_ *angenehme* _Gefühl hervorgeht, um so +höher stehend und edler ist die Form des Komischen selbst; während +dieselbe umgekehrt um so niedriger steht, je weniger ein sittliches +Wohlgefallen im Spiele ist_. -- Wie wenig der Ursprung des +unangenehmen Gefühls in's Gewicht fällt, sehen wir am Besten daraus, +dass in der höchststehenden Form des Komischen, in dem _Naiven_, +gerade am häufigsten grobe Verletzungen sittlicher Ideen vorkommen, +die aber durch die Harmonie mit noch höher stehenden sittlichen +Normen völlig aufgewogen werden. -- + +Aus dem oben Gesagten ist es leicht verständlich, dass wir aus der +Thatsache, ob ein bestimmter Gefühlscontrast Lachen erregend wirkt +oder nicht, einen Maassstab für den absoluten sowie namentlich +individuellen Werth der dabei concurrirenden Gefühle, und für den +Werth und die Entwickelungshöhe der ihnen zu Grunde liegenden Normen +gewinnen, und mit vollem Rechte können wir darum den Satz aufstellen: + + „Sage mir, worüber Du lachst, und ich will Dir sagen, wer Du +bist." -- + +Wenden wir uns jetzt zur Besprechung der oben aufgestellten +Hauptformen. + +*I. Das einfach Komische.* + +Aus einer Vorstellung und ihrer einerseits leichten, andererseits +unmöglichen Vereinigung mit den logischen und ideellen + +[Page 41] + +Normen hervorgehend, bietet uns diese Gruppe, wenn wir die Leiter des +Komischen von unten hinauf steigen, zunächst: + +*1. Das niedrig Komische,* + +bei dem wir als Erreger des angenehmen Gefühls die Harmonie der +gegebenen Vorstellung mit der niedrigsten Entwickelungsstufe der +praktischen Normen, d. h. mit dem Egoismus und dem gesteigerten +Selbstgefühl antreffen, während auf Seiten des unangenehmen Gefühls +die Verletzung irgend einer andern Norm steht. Da, wo das erhöhte +Selbstgefühl mit den ästhetischen Normen in den komischen Contrast +tritt, entsteht das Lachen über körperliche Hässlichkeit, über +allerlei Gebrechen, die den Schönheitssinn beleidigen, wie +Verunstaltung durch Buckel, durch Lahmheit u. dergl., die wir schon +oben erwähnten. Hierbei wird also die eigentlich erregte Unlust durch +das Gefühl der Lust im Gedanken an die Verschonung der eigenen +Person, durch das „Sichbesserdünken" aufgewogen. Bei Verletzung der +ethischen Ideen tritt das geschmeichelte Selbstgefühl gegen +moralische Hässlichkeit, Unsittlichkeit, Unwahrheit u. dergl. in die +Schranken und bei Disharmonie mit den praktischen Ideen und logischen +Normen endlich ruft es das Lachen über die Ungeschicklichkeit, die +Dummheit und den Unsinn hervor. In all' diesen Fällen muss also das +Selbstgefühl der Verletzung übrigens höher stehender Normen das +Gleichgewicht halten können, wenn der komische Contrast entstehen +soll, und daher ist es leicht ersichtlich, dass jene Gefühlsconflicte +hauptsächlich bei solchen Menschen ein Lachen erzeugen, welche die +hohen sittlichen und ästhetischen Ideen nur in unentwickelter Form +besitzen, deren Selbstgefühl dagegen abnorm gesteigert ist. Dies ist +der Fall bei rohen, ungebildeten Leuten und bei Kindern, in denen +sich die höheren sittlichen Ideen noch nicht entwickelt haben. + +In einem Falle nur ist das erhöhte Selbstgefühl als eine etwas edlere +Regung anzusehen, wenn wir uns nämlich gewissermaassen über unsere +eigene Schwachheit und Dummheit erheben und unser Selbstgefühl daran +stärken, dass wir in einem gegebenen Falle eine Schwierigkeit +überwunden, einen uns gestellten Fallstrick umgangen haben. Hierauf +beruht zu einem Theil das Lachen über die sog. Münchhausiaden, Lügen- +und Jagd- + +[Page 42] + +geschichten (sofern dieselben nicht zum Witz gehören). Während +einerseits durch die Verletzung der Wahrheit unser Gefühl beleidigt +wird, empfinden wir andererseits ein angenehmes Gefühl in Folge der +berechtigten unserem Selbstgefühl schmeichelnden Freude darüber, dass +wir der beabsichtigten Täuschung nicht unterlegen sind, _so nahe wir +der Gefahr auch waren_. In einer gewissen Gefahr, der Täuschung zu +unterliegen, müssen wir geschwebt haben, damit die Lust durch eine +Leistung unsererseits einigermaassen motivirt ist. Daher dürfen die +Lügen nicht gar zu plump angelegt sein, sondern müssen die +Möglichkeit einer Täuschung enthalten. -- Da es zum Lachen über diese +Geschichten ausserdem einer gewissen Gutmüthigkeit und Harmlosigkeit +bedarf, welche eine Kränkung des Selbstgefühls über die beabsichtigte +Düpirung nicht aufkommen lässt (wir lassen uns solche Geschichten +ungestraft auch eigentlich nur von guten Bekannten erzählen), so +steht diese Form des Komischen schon dadurch ein wenig höher; doch +ist sie in steter Gefahr auf das gewöhnliche Niveau des niedrig +Komischen herabzusinken, sobald solche Münchhausiaden einer grösseren +Gesellschaft erzählt werden. Denn sofort stellt sich dann bei jedem +Zuhörer das Gefühl der Ueberlegenheit über die Anderen ein, denen er +Dummheit genug zutraut, dass sie jene Geschichten glauben. Findet +sich nun vollends ein Dummer, der sich wirklich die Lüge als Wahrheit +aufbinden lässt, so steigt unser Selbstgefühl in gleichem Maasse, wie +die Form des Komischen sinkt. Eine Stufe höher steht die folgende +Form des Komischen, die ich wegen ihrer grossen Aehnlichkeit und +häufigen Verwechselung mit dem Naiven (das danach besprochen wird) + +*2. Das Pseudonaive* + +nennen will, gleichzeitig auch deshalb, weil das angenehme Gefühl bei +ihm nur aus einer _scheinbaren_ oder _bedingten_ Coïncidenz mit +höheren Ideen (namentlich mit der Wahrheit) hervorgeht. Während +einerseits, und zwar hauptsächlich durch die _kindliche Einfalt_, +unsere praktischen Ideen von Klugheit oder die logischen Normen +beleidigt werden, ist andererseits in der pseudonaiven Aeusserung +oder Handlung doch etwas _relativ_ Wahres, Kluges, Vernünftiges +enthalten, namentlich wenn wir + +[Page 43] + +uns auf den Standpunkt der bei dem Redenden _naturgemäss_ vorhandenen +und daher _verzeihlich scheinenden_ Unkenntniss stellen. -- Die +Beispiele zu dieser Form sind sehr zahlreich und lasse ich hier +einige folgen, die dieselbe wohl hinreichend verdeutlichen werden. + +Das vierjährige Töchterchen eines Pfarrers wird zum ersten Male mit +in die Kirche genommen, vorher aber ernstlich verwarnt, ja recht +artig zu sein, denn in der Kirche müsse man sich ganz ruhig und still +verhalten. Nach der Kirche wird das Kind gefragt, wie es ihm gefallen +habe, und erwidert darauf: Ach recht gut, es waren auch alle ganz +artig. Bloss der Papa allein hat so geschrieen und gelärmt. + +Ein anderes Pastorenkind rief, als es zum ersten Male in die Kirche +kam und seinen Vater auf der (übrigens ungewöhnlich hoch +angebrachten) Kanzel stehen sah, ängstlich aus: „Ach, Du lieber Gott, +wer hat nur meinen Papa dort oben 'naufgesperrt. Wird er denn auch +wieder herunterkönnen?" + +Ein Knabe auf einem einsamen Dorfe besass viele bleierne Soldaten, +auch Cavalleristen, hatte aber noch nie einen lebendigen Reiter +gesehen. Da plötzlich, als er just am Fenster steht, sprengt ein +solcher in den Hof und springt an der Hausthür vom Pferde: „O", ruft +der Knabe da mit tiefem Bedauern, „jetzt ging er entzwei". -- + +Ein Kind sollte das „Vater unser" beten und fragte die Mutter: ob der +Vater unser mit dem Onkel Unzer (einem Hausfreunde) verwandt sei. -- + +Ein weiteres Beispiel zu dieser Form ist das später aus Kant +angeführte. + +Endlich gehören hierher fast sämmtliche Beispiele, welche +Schopenhauer zu seiner zweiten Form des Lächerlichen, der von ihm +sog. Narrheit anführt. Nach Schopenhauer, der wie erwähnt nur zwei +Arten des Lächerlichen: den Witz und die Narrheit kennt, entsteht die +letztere dadurch, dass wir beim Auffinden der Incongruenz zwischen +Anschauung und Begriff vom Begriff zum Realen übergehen. „Objecte, +die übrigens grundverschieden, aber alle in einem Begriff gedacht +sind, werden auf gleiche Weise angesehen und behandelt, bis ihre +übrige grosse Verschiedenheit zur Ueberraschung und zum + +[Page 44] + +Erstaunen des Handelnden hervortritt." -- Die Beispiele, die S. zu +dieser Art des Lächerlichen anführt, sind nun merkwürdiger Weise fast +alle pseudonaiv und scheinen mir auch durch die von diesem Standpunkt +ausgehende Erläuterung in ihrem Wesen viel bestimmter präcisirt zu +werden, als durch die zu weit gefasste Schopenhauer'sche Erklärung. +-- Ich lasse einige „Narrheiten" von ihm folgen: „Soldaten machen +einen Arrestanten und erlauben demselben dann aus Gutmüthigkeit an +ihrem Kartenspiel Theil zu nehmen; als er aber während des Spiels +anfängt zu chicaniren, werfen sie ihn schliesslich in dem dabei +entstehenden Streite hinaus." -- Die Soldaten begehen offenbar eine +thörichte Handlung, die gegen die Gesetze der praktischen Klugheit +gewaltig verstösst, indem sie einen Arrestanten hinauswerfen. Von +einem anderen Standpunkt aus, der durch die Erhitzung beim Streit und +die daraus _natürlich_ hervorgehende momentane Unzurechnungsfähigkeit +uns in diesem Falle ganz entschuldbar erscheint, ist ihre Handlung +aber wiederum eine ganz vernünftige, zweckentsprechende, daher also +eine pseudonaive. + +„Zwei Bauerjungen hatten ihre Flinten mit grobem Schrot geladen, +welches sie, um ihm feines zu substituiren, heraushaben wollten, ohne +jedoch das Pulver einzubüssen. Da legte der Eine die Mündung des +Laufes in seinen Hut, den er zwischen die Beine nahm und sagte zum +Andern: „Jetzt drücke Du ganz sachte, sachte, sachte los; da kommt +zuerst das Schrot." -- Auch hier haben wir eine thörichte Handlung +(oder eine Aufforderung zu einer solchen) vor uns, die aber, wenn wir +uns auf den Standpunkt des Bauerjungen stellen, der nichts von der +beim Schuss vor sich gehenden Explosion des Pulvers weiss und _wissen +kann_ (dessen Unkenntniss wir jedenfalls verzeihlich finden), so ist +die Aeusserung im gewissen Sinne eine ganz kluge und überlegte, indem +sie (wie Schopenhauer ganz richtig anführt) von dem Begriff ausgeht, +Verlangsamung der Ursache giebt Verlangsamung der Wirkung. + +Auch die Münchhausiaden, die Schopenhauer weiter als Beläge zu seiner +Definition anführt, lassen sich bei entsprechender Auffassung unter +das Pseudonaive stellen, wenn sie nämlich solchen Inhalts sind, dass +sie zwar für uns etwas absolut Un- + +[Page 45] + +sinniges, Unmögliches enthalten, aber von einem bestimmten +Standpunkte aus, welcher Kenntnisse in dem gerade vorliegenden +Gegenstande mit einer gewissen Berechtigung als nicht vorhanden +voraussetzt, dennoch nicht allein möglich, sondern sogar klug +ersonnen erscheinen. So enthält die Geschichte von den im Posthorn +eingefrorenen Melodien, die in der warmen Stube später aufthauen, für +den Einsichtsvollen einen puren Unsinn; denken wir aber, Jemand wisse +Nichts von dem eigentlichen Wesen des Tons, sondern sähe denselben +mit gutem Recht für etwas Materielles an, etwa für eine Flüssigkeit, +die unter Umständen ja auch einfrieren könne, so erscheint uns diese +Idee von den aufthauenden und dadurch wieder zum Vorschein kommenden +Tönen ganz klug. -- Werden uns diese Geschichten von irgend Jemand +als Münchhausiaden erzählt, so wird in der Regel freilich die eben +besprochene Auffassung uns nicht zum Bewusstsein kommen, sondern das +Lachen in der früher mitgetheilten Weise sich motiviren, anders aber +verhält es sich, wenn wir die in der Geschichte liegende Idee etwa +einem Kinde in den Mund legen, welches sieht, dass in dem Mundstück +des Posthorns sich Eis angesetzt hat und nun fragt, ob das +eingefrorene Töne seien und ob die nicht in der Stube wieder +aufthauen würden. -- + +Manche dieser pseudonaiven Aeusserungen (wie z. B. die vom Onkel +Unzer) gehen, wie erst bei Besprechung des Witzes deutlich werden +kann, vermöge einer etwas anderen Auffassung leicht in den Witz über, +indem sie das „_unbewusst Witzige_" bilden. Von zwei Menschen, welche +dieselbe Aeusserung belachen, kann der eine sie als pseudonaiv, der +andere sie als eine witzige auffassen. + +*3. Das Naive* + +bildet, wie schon gesagt, die auf höchster Stufe stehende Form des +Komischen. Die Bezeichnung _naiv_ wird in einer weiteren und engeren +Bedeutung gebraucht, je nachdem das unangenehme Gefühl aus der +Verletzung _irgend einer_ praktischen, logischen oder ideellen Norm +hervorgeht, oder sich nur aus einem Verstoss gegen unsere Ideen von +_conventionellem, gesellschaftlichem Anstand_ herleitet. Es leuchtet +ein, dass + +[Page 46] + +(natürlich nur für sittlich entwickelte Menschen) im ersten Fall das +entgegenstehende angenehme Gefühl ein stärkeres sein muss, als im +zweiten Fall, wo gewissermaassen nur künstlich geschaffene Gesetze +verletzt werden. Immer aber ist es nöthig, dass uns in der naiven +Aeusserung eine sittliche Unschuld und Reinheit entgegentritt, von +der wir wissen, dass sie die künstlichen Schranken, welche die +Etiquette uns gezogen, nicht kennt und daher auch nicht zu +respectiren braucht, indem sie einer freieren und höheren +Sittlichkeit folgt. -- Am häufigsten beobachten wir aus diesem Grunde +die Naivetät bei Kindern, bei denen wir die Unkenntniss mit den +künstlich geschaffenen Gesetzen des sogenannten Anstandes als +naturgemäss voraussetzen. -- + +An Beispielen für das Naive ist kein Mangel. Eine recht hübsche und +dankenswerthe Zusammenstellung von kindlich naiven Aussprüchen +(untermischt mit pseudonaiven und unbewusst witzigen) hat Dr. Walter +Hoffmann kürzlich in einem kleinen Heftchen unter dem Titel: „Humor +aus der Kinder- und Schulstube. Eine Sammlung der vorzüglichsten +Anekdoten aus der Kinderwelt" herausgegeben [1]. Ich empfehle dieses +Büchelchen, aus dem ich auch schon oben einige Beispiele entlehnt +habe, nicht blos weil es für den, der einmal tüchtig und von Herzen +lachen will, reichlichen Stoff enthält, sondern weil es einen +schätzenswerthen Beitrag zur Psychologie der Kinderseele liefert. -- + +Hier nur ein Beispiel: + +„Aber Mama, wann essen wir denn heute", fragt der kleine Ernst seine +Mutter. „Bald, warte nur noch ein Weilchen", entgegnete diese. -- +Nach einer Weile fragt er wiederum und erhält dieselbe Antwort. „Aber +weshalb essen wir nur heute nicht; ich habe solch' grossen Hunger". +-- „Warte nur noch ein Bischen, bis der Soldat fort ist, dann wird +gleich gegessen". -- Darauf geht Ernstchen zum Soldaten in die Stube +und fragt ihn: „Höre, wann gehst Du denn fort?" -- „Gleich, mein +Sohn, aber weshalb fragst Du denn?" „Nun, weil ich Hunger habe und +Mama sagt, wenn Du fort bist, soll gegessen werden." Ich glaube, der +Soldat hat über diese naive Aeusserung lachen + +[1] Leipzig, Arnoldische Buchhandlung. 1871. + +[Page 47] + +müssen, so wie wir jetzt noch darüber lachen. Wir haben hier zunächst +eine Beleidigung unserer Idee von Schicklichkeit und +gesellschaftlichem Anstand vor uns, andererseits aber bewegt uns die +kindliche Unschuld, welche jene conventionellen Schranken nicht kennt +und unbekümmert darum die Wahrheit sagen darf, in angenehmer Weise. +-- Aus gleichem Grunde lachen wir über jenes Kind, das, einen fremden +Herrn empfangend die Abwesenheit der Mutter mit den naiven Worten +entschuldigt: „Mama wird gleich kommen, sie setzt sich nur noch ihre +Locken auf." Verstösst diese Aeusserung einerseits gegen unsere Idee +von gesellschaftlichem Takt (und praktischer Klugheit), so befriedigt +und erfreut uns doch in höherem Grade das rückhaltlose, +wahrheitsliebende Bekenntniss des Kindes, welches in seiner Unschuld +jene künstlich geschaffenen Lügengesetze nicht kennt und daher +sittlich höher zu stehen scheint. -- + +Bei einer etwas anderen Auffassung kann diese selbe Aeusserung aber +auch unter die nun folgende Form des Komischen gestellt werden, indem +wir dann nicht über das Kind, sondern über die Mutter lachen, ja! +dieselbe auslachen. -- Wir empfinden nämlich über die eitle Frau eine +gewisse sittliche Entrüstung und gönnen ihr nun die Blamage, welche +ihr durch die Aeusserung der Tochter bereitet wird, als eine +wohlverdiente; -- unser Gerechtigkeitsgefühl wird dadurch befriedigt. +Es wird bei dieser Auffassung, von der Naivetät der Aeusserung ganz +abgesehen, und an Stelle der letzteren könnte eben so gut ein Zufall +treten, der die Frau gerade beim Aufsetzen der Perücke überrascht +werden lässt. -- Es bestätigt dies Beispiel die unzählig oft zu +beobachtende und schon erwähnte Thatsache, dass ein und dieselbe +komische Situation oder Aeusserung mehrfache komische Elemente +enthält, wobei natürlich im Ganzen der komische Effect sich steigert, +wenn uns die verschiedenen Auffassungen nach einander zum Bewusstsein +kommen. Gerade durch diesen Umstand wird aber die Beurtheilung des +Komischen, sowie die Beibringung von einfachen Beispielen sehr +erschwert. -- + +Dass das Naive im Gebiete des einfach Komischen die höchste Stellung +einnimmt oder wenigstens dasselbe nach einer Richtung hin abgrenzt, +erkennen wir am besten daraus, dass es aus dem _Lächerlichen_ sehr +leicht in das _Rührende_ über- + +[Page 48] + +geht. Ich führe dazu wieder ein Beispiel aus Walter Hoffmann an: + +„Vom verstorbenen Prof. A. v. Schaden erzählte mir seine Mutter, sie +habe einst auf seine Fürsprache einem Bettler Brod geben wollen und +sich angeschickt, ihm ein Stück von einem Laibe abzuschneiden. Da sei +ihr Sohn zu ihr getreten und habe ihr zugeflüstert: „Mama, die Thür +steht offen, er (der Bettler) hat ja gesehen, dass Du einen _ganzen_ +Laib hast, Du kannst ihm daher nichts abschneiden! (d. h. Du musst +ihm denselben ganz geben)." + +Diese Aeusserung ist offenbar eine naive, sie verstösst einerseits +gegen unsere Idee von praktischer Klugheit, andererseits aber +überrascht uns darin eine hohe Sittlichkeit und kindliche Unschuld. +Wir lachen über die Aeusserung -- aber zugleich ist uns auch vor +Rührung das Weinen nahe. Indem nämlich jene hohe kindliche Reinheit +in uns das Gefühl unserer eigenen Erbärmlichkeit und berechnenden +Selbstsucht lebhaft anregt, werden wir beschämt und durch die Wucht +jener Ideen gewissermaassen erdrückt. Dadurch wird aber auf Seiten +der unser Selbstgefühl herabstimmenden Empfindungen ein Uebergewicht +erzeugt, -- aus dem der Affect des Weinens hervorgeht. -- + +Im Anschluss an das Naive muss ich hier wenigstens anhangweise den +*Humor* kurz erwähnen, der als nächster Nachbar neben dem Komischen +eine Form für sich bildet oder richtiger gesagt, einen besonderen +Standpunkt bezeichnet, von dem aus das Komische und Rührende sich in +etwas abweichender Weise erzeugt, und einen besonderen Hintergrund +erhält. Aehnlich wie das Naive zeigt auch der Humor den leichten +Uebergang vom Lachen ins Weinen („er lacht mit dem einen Auge, +während er mit dem andern weint"), ebenso wie beim Naiven treten auch +bei ihm als Erreger des angenehmen Gefühls die höchsten, sittlichen +und religiösen Ideen in die Schranken; doch wie wir sehen werden, in +etwas anderer Weise. Der Humor ist vor allen Dingen im Gegensatz zum +Naiven, völlig bewusst, ja willkürlich. Er beruht ganz und gar auf +einer subjectiven Auffassung, die bei dem Humoristen eine +vorherrschende, eine allgemeine Weltanschauung geworden ist [1]. Er +bringt vorsätzlich, + +[1] Lazarus l. c. + +[Page 49] + +oder durch sein Naturell gezwungen, jedenfalls mit einer gewissen +Vorliebe das ihm entgegentretende Alltägliche, Kleine, Niedrige, +Gemeine mit den in ihm lebhaft vorhandenen hohen sittlichen und +religiösen Ideen in Gegensatz. Daraus erzeugt sich einerseits in ihm +ein unangenehmes Gefühl, andererseits aber entsteht dadurch, dass +_der Humorist sich gerade in dem Contrast mit dem Niedrigen, der +Hoheit und Erhabenheit der in ihm ruhenden Ideen lebhafter bewusst +wird, ein angenehmes Gefühl_. Behält das Letztere das Uebergewicht, +so erzeugt sich der komische Affect, während der rührende Affect dann +entsteht, wenn wir lebhaft fühlen, dass unser eigenes Thun und +Handeln mit unseren Idealen nicht im Einklang stehe. Dies sind die +beiden Formen des sogenannten versöhnten Humors. Es kann nun aber +auch der Fall eintreten, dass der Humorist durch das gegen seine +Ideale kämpfende Niedrige und Gemeine zu tief gekränkt wird, -- und +an Allem verzweifeln möchte: dann entwickelt sich der _unversöhnte +Humor_, der sich daher gern im Sarkasmus ergeht und wohl auch meist +als erste Stufe dem versöhnten Humor vorausgeht. Letzterer ist, wie +Vischer [1] richtig sagt, voll Unschuld, „aber es ist nicht die +einfache Unschuld eines Kindes, sondern eine solche, die durch innere +Wehen, durch Zerrissenheit, Kampf, Schuldbewusstsein +hindurchgegangen, sich wieder mit ihrem Gott versöhnt hat". Dass die +Humoristen bei all' ihrer Gemüthlichkeit, sehr häufig eigentlich, +unglückliche Menschen sind, erklärt sich daraus, dass sie für Alles +in der Welt vorgehende Widrige, für alle kleinen Leiden des Lebens +ein viel feineres Gefühl haben als andere Menschen, und sich doch +meist ihren Idealen gegenüber selbst klein fühlen. Daher haben die +meisten Humoristen einen Anflug von Melancholie oder Hypochondrie. +Aber selbst über diese wissen sie sich wiederum zu erheben, indem sie +gewissermaassen an sich selbst ihren Witz auslassen. Aecht +humoristische Personen sind z. B. die Narren im Shakespeare, ebenso +auch Hamlet, der in vielen Scenen den unversöhnten Humor erkennen +lässt. Ich erinnere an die Scene vor Aufführung des Schauspiels bei +Hofe, wo er zu Ophelia sagt: „Was sollte ein + +[1] Erhab. u. Komische p. 215. + +[Page 50] + +Mensch anderes thun, als lustig sein? Denn seht nur, wie vergnügt +meine Mutter aussieht, und mein Vater ist doch erst vor zwei Stunden +gestorben. Ophelia: Vor zwei Mal zwei Monaten, gnädigster Herr. +Hamlet: So lange ist's her?! Ei da mag der Teufel noch schwarz gehen! +ich will mir ein munteres Kleid machen lassen" [1]. -- Weitere +Repräsentanten des Humors liefert Jean Paul im Titan und Siebenkäs +etc., vor Allen auch Sterne in seinem „Leben und Meinungen Tristam +Shandys." + +Neben dem bisher dargestellten _subjectiven_ Humor, „wo eine +selbstbewusste humoristische Person auftritt, die absichtlich als +solche handelt," giebt es, wie Lazarus richtig hervorhebt, auch einen +_objectiven_ Humor, „wo nur der Leser und Zuschauer die Absicht und +Wirkung des Humors empfindet", indem der objective Humorist, wie z. +B. Falstaff, alle hohen Ideen, deren Widerpart er in Leben und +Gesinnung ist, durch sein Reden und Thun in uns erweckt. „Er spricht +von Ehre, Muth etc., stellt den König dar, wie er Heinrich straft +etc., in Allem ist er ein Gebildeter, die Ansprüche der Idee +Kennender und Zeigenden. Wir lachen über ihn, obgleich er das Hohe +erniedrigt (z. B. in seiner Definition der Ehre), wir lachen, weil er +selbst die wahre Idee in uns weckt und diese desto sicherer siegt, je +angelegentlicher er dagegen kämpft" [2]. + +Doch kehren wir nach dieser Abschweifung zu unserem eigentlichen +Thema zurück, und wenden uns zur zweiten Hauptform des Komischen. + +*II. Das Komische mit zwei vereinbaren Vorstellungen.* + +Kam bei der vorher besprochenen Form des einfach Komischen überhaupt +nur _eine_ Vorstellung in Frage, die durch ihre Harmonie mit +einzelnen und Disharmonie mit anderen Normen die beiden einander +conträren Gefühle erregte, so sind bei der vorliegenden Form _zwei_ +im Komischen selbst enthaltene Vorstellungen zur Erzeugung des +angenehmen Gefühls thätig während zum unangenehmen Gefühl wiederum +nur eine der beiden gegebenen Vorstellungen die Ursache giebt. -- + +[1] Vergl. weiter unten das bei „Ironie" Gesagte. +[2] Aus Lazarus l. c. p. 206. + +[Page 51] + +Wir haben hier die sogenannte + +*Gerechte Schadenfreude* + +zu erwähnen, bei welcher das unangenehme Gefühl aus dem Verstosse +einer gegebenen Vorstellungsreihe gegen irgend eine der beiden Normen +hervorgeht, während das angenehme Gefühl daraus resultirt, dass eine +zweite gleichzeitig gegebene Vorstellung sich mit jener ersten in +Rücksicht auf die ethische Norm der _Gerechtigkeit_ leicht verbindet. +Die beiden Vorstellungen stehen dabei in dem Verhältniss von Ursache +und Wirkung -- von Vergehen und Strafe. Während uns einerseits die +Dummheit, Schlechtigkeit u. dergl. ärgert, wird andererseits durch +die gleichzeitig eintretende Strafe unser Gerechtigkeitsgefühl +befriedigt. -- Wir haben schon oben in dem zweiten vorläufigen +Beispiel angeführt, wie in diesem Sinne auch den Gebildeten die +Corpulenz eines Falstaff zum Lachen reizen kann. Wir erwähnen hier +noch, als ähnliche sinnlich-hässliche Gegenstände des Gelächters, die +Glatze und die rothe Nase, da wir auch diese Fehler (freilich nicht +immer mit Recht) als Folgen einer etwas lockeren, üppigen Lebensweise +anzusehen gewohnt sind, und wir demnach statt Mitleid mit dem also +Entstellten zu empfinden, vielmehr durch die Befriedigung unserer +Gerechtigkeitsidee angenehm berührt werden. + +In demselben Sinne kann ein Gebildeter auch über die Dummheit lachen, +nicht sowohl insofern er sich seines Besserwissens freut, als +vielmehr in der Voraussetzung, dass die Dummheit mehr oder weniger +auf eigenem Verschulden beruht und wir die den Dummen treffende +Blamage oder auch einen geringen Schaden, den er erleidet, als +verdient und ihm von Rechtswegen zukommend ansehen. -- + +Zu beachten ist aber hierbei ein sehr wichtiger Umstand (der +gleichzeitig am besten die Richtigkeit meiner Erklärung beweist): Die +Strafe darf nicht das uns gerecht erscheinende Maass überschreiten, +sonst hört die komische Wirkung in dem jetzt besprochenen Sinne auf. +Wir lachen über einen ungeschickten Menschen, wenn er in Folge seiner +Ungeschicklichkeit ein mässiges Unheil anrichtet, etwa hinfällt und +im Fallen sein Beinkleid an einer am wenigsten dazu geeigneten Stelle +auf- + +[Page 52] + +reisst. Sobald wir aber sehen, dass der Fallende sich ein Bein +gebrochen, oder sich sonst erheblich verletzt hat, so werden wir +nicht mehr lachen, da die ihn treffende Strafe das uns gerecht +erscheinende Maass bei Weitem überschritten hat. Das hat wohl +Aristoteles mit seinem anôdunon ou phthartikon auch eigentlich sagen +wollen: Ein Schmerz oder Schaden muss wohl vorhanden sein, derselbe +darf aber über ein gewisses Maass nicht hinausgehen und muss verdient +erscheinen. Um ein weiteres hierher gehöriges Beispiel anzuführen, +erinnere ich an jenes Bild, einen Bauer darstellend, der damit +beschäftigt ist, einen Baumast abzusägen, auf dessen äusserstem Ende +er selbst sitzt. Die komische Wirkung dieser Darstellung beruht +offenbar darauf, dass einerseits die Dummheit des Bauern, d. h. der +Contrast seiner Handlung mit der Idee von praktischer Klugheit uns +unangenehm berührt, während andererseits der in dem Bilde als +unabwendbar bevorstehend gezeigte Fall aus der mässigen Höhe uns als +Strafe für jene Thorheit gerecht erscheint, und somit wegen seiner +leichten Verbindung mit jener ersten Vorstellung in Bezug auf die +Gerechtigkeitsidee unserem Gefühle zusagt. Denken wir uns nun aber +das Bild so verändert, dass jener Baumast über einem gähnenden +Abgrunde schwebe, in welchen der Mensch nun hineinzufallen droht, so +lachen wir nicht mehr, weil die Strafe für seine Dummheit bei Weitem +das entsprechende Maass überschreitet und unsere Gerechtigkeitsidee +dadurch umgekehrt gerade beleidigt würde. Der Umstand übrigens -- das +sei zum Schlusse noch erwähnt -- dass die eine Vorstellung (die des +Herabfallens) nicht unmittelbar im Bilde vorhanden ist, thut nichts +zur Sache, und ändert die Auffassung dieser Form nicht. Es wird diese +Vorstellung jedenfalls durch das Bild hervorgerufen, und geht mit in +den komischen Contrast ein; ganz ebenso wie in den ersten Beispielen +die rothe Nase uns ohne Weiteres die Vorstellung des Trinkens erweckt +und diese nun ganz so wie eine unmittelbar dargebotene sich an dem +Contrast betheiligt [1]. Auch dadurch endlich verfällt die Dummheit +oft dem Gelächter, selbst der Gebildeten, dass sie sich, mit vielem +Selbstgefühl gepaart, den + +[1] Schopenhauer l. c. p. 107. + +[Page 53] + +Anschein besonderer Klugheit geben will, sich aber natürlich nun um +so mehr bloss stellt. Wie vorher erscheint uns jetzt die den Dummen +treffende Blamage wegen der Ansprüche, die er erhoben hat, als eine +wohl verdiente. + +Wir kommen nunmehr zur Besprechung der dritten Hauptform, welche wir +nannten: + +*III. Das Komische mit zwei unvereinbaren Vorstellungen.* + +Wie bei der vorigen Form sind auch bei dieser zur Erzeugung des einen +Gefühls (hier aber des _un_angenehmen) zwei Vorstellungen im +Komischen selbst enthalten, die sich in der dargebotenen Form nicht +mit einander verbinden wollen, während andererseits in Folge der +Harmonie einer der beiden Vorstellangen mit irgend einer Norm ein +angenehmes Gefühl erzeugt wird. -- Zu dieser Gruppe gehören +zahlreiche Nebenformen, von denen ich die wichtigsten anführe. Als +einfachste der hierher gehörigen Formen nenne ich zuerst: + +*1. Das Komische der getäuschten Erwartung.* + +Wie oben mitgetheilt, will Kant beim Komischen stets eine in Nichts +aufgelöste Erwartung nachweisen können, und stützt darauf seine +Definition. Richtig ist allerdings, dass die getäuschte Erwartung +beim Lächerlichen sehr häufig angetroffen wird, doch spielt sie, wie +sich leicht nachweisen lässt, in den meisten Fällen nur eine ganz +nebensächliche Rolle, und dient höchstens dazu, die komische Wirkung +zu steigern. Schon das erste Beispiel, das Kant zur Stütze seiner +Definition selbst anführt, spricht gegen ihn. Lassen wir Kant selbst +reden: „Wenn Jemand erzählt, dass ein Indianer, der an der Tafel +eines Engländers in Surate eine Bouteille mit Ale öffnen und alles +dies Bier in Schaum verwandelt herausdringen sah, mit vielen Ausrufen +seine grosse Bewunderung anzeigte, und auf die Frage des Engländers, +was ist denn hier sich so zu verwundern? antwortete: _Ich wundere +mich auch nicht darüber, dass es herausgeht, sondern wie ihr's habt +herein kriegen können_; so lachen wir und es macht uns eine recht +herzliche Lust, nicht, weil wir uns etwa klüger finden, als diesen +Un- + +[Page 54] + +wissenden, oder sonst über etwas, was uns der Verstand hierin +Wohlgefälliges bemerken liesse, sondern unsere Erwartung war gespannt +und verschwindet plötzlich in Nichts." -- + +Dass eine gewisse Spannung unserer Erwartung in diesem Falle +vorliegt, will ich nicht leugnen; Wir denken etwa: „welch wichtigen +Grund seines Erstaunens wird der Indianer wol vorbringen?" Doch dient +dies Moment hier offenbar nur dazu, die komische Wirkung, _die auch +ohne dies vorhanden_ wäre, durch die geschickte Form des Vortrages zu +erhöhen. Die Aeusserung bleibt auch komisch, wenn wir einfach den +Indianer ohne weitere Vorbereitung verwundert fragen lassen: „Sagt +mir nur, wie habt Ihr das Alles in die Flasche hineinbekommen?" -- +Die Frage ist, wie leicht ersichtlich, eine pseudonaive und die +komische Wirkung erklärt sich bei dieser Auffassung leicht. Während +die eigentlich dumme Aeusserung des Indianers unser Gefühl einerseits +beleidigt, entdecken wir andererseits in derselben doch viel +Ueberlegung und Klugheit, wenn wir uns auf den Standpunkt der bei +einem Indianer ganz erklärlichen Unkenntniss in Bezug auf die beim +Schäumen des Bieres wirkenden Verhältnisse stellen. -- + +Nebenbei freuen wir uns -- obschon Kant es nicht wahr haben will -- +doch etwas unseres Besserwissens. Uebrigens bringt Kant noch eine +Bemerkung, aus der sich die richtige Auffassung ahnen lässt. Er sagt +nämlich: „Merkwürdig ist, dass in allen solchen Fällen der Spass +immer etwas in sich enthalten muss, welches auf einen Augenblick +täuschen kann. Denn wenn Jemand uns mit der Erzählung einer +Geschichte grosse Erwartung erregt und wir beim Schluss die +Unwahrheit derselben sofort einsehen, so macht es uns Missfallen." -- + +Doch wir haben nun, da sich das Kant'sche Beispiel für die hier zu +besprechende Form nicht als brauchbar erwiesen hat, noch Beispiele +anzuführen, in denen die getäuschte Erwartung wirklich ein +_wesentliches_ Glied bei Erzeugung des komischen Affects darstellt. +Als allgemeines Schema dafür können wir das bekannte: parturiunt +montes nascitur _ridiculus_ mus anführen, zu dem unter Anderem der +folgende Schwank, den der Clown im Circus oft ausübt, einen +speciellen Fall bildet. Der Clown stellt sich an, als ob er über ein +ziemlich hochgehaltenes Seil + +[Page 55] + +hinüber springen will, nimmt einen gewaltigen Anlauf, um dann +plötzlich unter dem Seile hindurchzukriechen. In der Regel belohnt +unauslöschliches Gelächter, namentlich im Olymp, diese Farce. Suchen +wir den Grund dieses Lachens auf, so finden wir das zum Lächerlichen +erforderliche unangenehme Gefühl hervorgehend aus der plötzlich +getäuschten Erwartung. Das angenehme Gefühl dagegen entsteht +einerseits aus dem befriedigten Selbstgefühl, indem dasselbe durch +die Vorstellung, dass der Clown jener Aufgabe doch nicht gewachsen +war, gehoben wird, andererseits wirkt die berechtigte Schadenfreude +mit, indem wir dem Clown die Blamage, die er sich (wenn auch nur +scheinbar) zugezogen hat, als eine verdiente gönnen; endlich drittens +spielt eine gewisse objectivirende Schadenfreude, die wir über uns +selbst empfinden, eine nicht unwesentliche Rolle. Während eigentlich +der Clown uns auslachen könnte, dass wir uns durch ihn haben dupiren +lassen, schwingen wir uns schnell zu einer Objectivität auf, in der +wir im Stande sind, über uns selbst zu lachen. Da wo diese +Objectivität nicht vorhanden ist, überwiegt leicht die Kränkung des +Selbstgefühls, und es entsteht statt Lachen Aerger. -- + +Eine zweite hierher gehörige Form: + +*2. Den komischen Anachronismus* + +haben wir schon bei den vorläufigen Beispielen erwähnt. Wenn wir +also, um noch einige andere Beispiele anzuführen, auf Raphael'schen +Bildern den Stammvater Abraham mit eiserner Karst in der Hand, Gott +Apollo mit einer Geige, auf anderen Bildern Soldaten, unter dem +Kreuze Christi, Karten spielend und Tabak rauchend, Ferngläser in der +Hand römischer Feldherren, Christus auf seinem Gange nach Golgatha +von einem betenden Kapuziner begleitet sehen, so wirkt das Alles +komisch, weil uns zwei Vorstellungen zusammen geboten werden, die +sich nach der Norm der Gleichzeitigkeit nicht mit einander vereinigen +lassen und durch ihre erzwungene Zusammenstellung ein unangenehmes +Gefühl erzeugen, während das angenehme Gefühl auf der unserm +Selbstgefühl schmeichelnden Vorstellung von unserem Besserwissen +beruht. + +[Page 56] + +*3. Das Komische der Darstellung oder das Burleske und Heroisch- +Komische* + +leitet sein unangenehmes Gefühl her aus der Disharmonie zwischen der +poetischen Darstellung und dem Inhalt. Beim Burlesken werden ernste, +wichtige und erhabene Dinge in einer unwürdigen und sie +herabsetzenden Weise vorgetragen. Als Beispiel mag Offenbach's +„Orpheus in der Unterwelt" gelten. Beim Heroisch-Komischen werden +ganz unbedeutende Gegenstände durch die Sprache als bedeutende +dargestellt, wie z. B. in Blumauers Aeneïde. -- + +So lange das Burleske und Heroisch-Komische nicht zugleich witzig ist +(was aber meist der Fall ist) steht der, aus der oben genannten +Quelle fliessenden Unlust, ein Lustgefühl gegenüber, das wie bei der +vorigen Form nur aus dem gesteigerten Selbstgefühl des Besserwissens +entspringt. + +Wir kommen jetzt zur letzten Hauptform des Komischen, die wir +nannten: + +*IV. Das Komische mit dem Wettstreit der Vorstellungen oder den +Witz.* + +_Der Witz_ ist eine der ausgedehntesten Formen des Komischen und +erfreut sich gerade bei den Gebildeten einer besonderen Beliebtheit +und doch steht er dem grössten Theile seines Inhalts nach auf keiner +hohen Stufe, indem bei ihm das angenehme Gefühl (in der Regel) ohne +Betheiligung sittlichen Wohlgefallens zu Stande kommt. Die logischen +Normen und die Normen der Ideenassociation sind es vorwiegend, die +bei ihm eine Rolle spielen, während die Beziehungen zu den ethischen +oder ästhetischen Normen meistens ausserhalb des Witzes, neben diesem +vorhanden sind und die komische Wirkung nur erhöhen. -- Es hat daher +etwas für sich, wenn Vischer in seiner ersten Schrift [1] den Witz: +das Komische des Verstandes oder der Reflexion nennt und hervorhebt, +dass die Untersuchung des Witzes theilweise mit der Lehre von den +Gesetzen der Ideenassociation zusammenfalle. Das wesentlichste +Merkmal des Witzes allen übrigen Formen des Komischen gegenüber ist +aber Folgendes: + +[1] Erhab. u. Komische p. 196 u. 198. + +[Page 57] + +_Beim Witz entsteht die Unlust wie die Lust aus_ *zwei* +_Vorstellungen, deren Unvereinbarkeit, und doch wiederum mögliche +Vereinbarkeit mit einander_, die Quelle der Gefühle bildet, während +bei den übrigen Formen entweder nur _eine_ Vorstellung beide Gefühle +erzeugte, oder zwei dargebotene Vorstellungen doch nur zur Erregung +des _einen_ der Gefühlsgegensätze thätig waren. + +Indem die zwei dargebotenen Vorstellungen zunächst nur unter einander +und nicht zu unserem ganzen Ich (zu den ideellen etc. Normen) in +Beziehung treten, regt der Witz unsere Interessen viel weniger an, +als alle übrigen Formen des Komischen. Ganz richtig sagt deshalb Jean +Paul von ihm: „er achtet nichts und verachtet nichts, Alles ist ihm +gleich, sobald es gleich und ähnlich wird". + +Sehen wir davon ab, dass der Unterschied des Witzes von den übrigen +Formen des Komischen mir bisher nirgend so scharf präcisirt zu sein +scheint, so ist er doch im Ganzen von den Autoren am richtigsten +aufgefasst. Jean Paul bringt auch über ihn ungemein viel Treffendes, +wenn schon er mit seiner eigentlichen Definition nicht glücklich war +und den Mangel wissenschaftlicher Schärfe auch hier verräth. -- Seine +gelegentlichen Bemerkungen z. B., wenn er ihn den verkleideten +Priester nennt, der jedes Paar copulirt, sind viel bezeichnender als +seine Definition, nach welcher er die alte, in der That unzureichende +Auffassung: Der Witz sei eine Fertigkeit, Aehnlichkeiten zwischen +Unähnlichem zu finden, in der Art verändert, dass er den Begriff der +Vergleichung substituirt, welche eine theilweise Gleichheit bei +grösserer Ungleichheit entdeckt. Viel entsprechender ist die +Definition von Vischer, der jene alte dahin erweitert: „Der Witz ist +eine Fertigkeit mit einer überraschenden Schnelle mehrere +Vorstellungen, die nach ihrem inneren Gehalt und dem Nexus, dem sie +angehören, einander eigentlich fremd sind, zu Einer zu verbinden." -- +In dieser Definition ist freilich ungesagt, dass diese Verbindung in +gewissen Hinsichten eine gerechtfertigte und uns angenehm berührende +sein muss. + +Doch berichtigt Vischer wenigstens seine in dem ersten Werke +ausgesprochene Ansicht, dass _kein_ Witz einen eigentlichen Sinn +habe, in seiner Aesthetik dahin, dass der Sinn zwar + +[Page 58] + +nicht innerlich organisch im Witz enthalten sei, doch in vielen +Fällen von Aussen hinzukomme [1]. Vollständig treffend, wenn wir die +darin enthaltenen Begriffe, Gleichheit und Verschiedenheit, mit +unseren obigen Normen in Beziehung bringen, ist die schon erwähnte +Definition von Lazarus, die eigentlich auf das Komische überhaupt +gemünzt ist, aber, wie wir sehen, im Besonderen auf den Witz passt. +Es sollen zwei Vorstellungen vorhanden sein, die einmal wegen ihrer +Gleichheit zu einem einzigen Denkacte verschmelzen, während sie nach +anderer Richtung hin, wieder ganz und gar verschieden sind, „die +Möglichkeit und die Unmöglichkeit der Verschmelzung tritt zu gleicher +Zeit ein". Das ist in der That das Charakteristicum des Witzes. + +Die Schopenhauer'sche Definition werde ich bei Gelegenheit einer +besonderen Form der Witze erwähnen, zu der wiederum alle von ihm +aufgestellten Beispiele gehören. + +Am ausführlichsten und in vieler Beziehung sehr glücklich hat in +neuester Zeit Kuno Fischer [2] den Witz behandelt. Seine Darstellung, +die halb vom psychologischen halb vom metaphysisch-ästhetischen +Standpunkte ausgeht, weicht aber von der meinigen vor allen Dingen +darin ab, dass Fischer ganz entsprechend seiner Auffassung des +Thema's hauptsächlich die Frage erörtert, wie der Witz entsteht, auf +welchem Boden er aufspriesst und wie er geformt wird. -- Das +Material, aus dem er besteht, behandelt Fischer nur gelegentlich. +Darum ist selbstverständlich seine ganze Eintheilung eine andere, +wenn ich auch in einzelnen Formen mit ihm übereinstimme. Entspringend +auf dem Boden der ästhetischen Freiheit, die sich vom Begehren und +Wollen fern hält und aus dem ungedruckten Selbstgefühl hervorgeht, +ist nach Fischer's kurzer und knapper Definition der Witz ein +spielendes Urtheil, welches die Fehler und Gebrechen, d. h. das +Unfreie im intellectuellen Reich unserer Gedanken und Vorstellungen +plötzlich aufdeckt, und mit unserem erhöhten und freien Selbstgefühl +in den komischen Contrast bringt. Der Witz muss nach F. ganz +entlegene, nicht gleichartige, sondern entgegengesetzte, + +[1] l. c. p. 426. +[2] Ueber die Entstehung u. die Entwickelungsformen des Witzes. Zwei +Vorträge etc. Heidelberg 1871. + +[Page 59] + +nicht bekannte, sondern einander fremde Vorstellungen mit einander +verknüpfen, dieselben aber plötzlich in der Pointe zusammenstossen +lassen. „Was noch nie vereint war, ist mit einem Male verbunden und +in demselben Augenblicke, wo uns dieser Widerspruch noch frappirt, +überrascht uns schon die sinnvolle Erleuchtung". -- Sehr mit Recht +betont Fischer, wie auch Vischer, besonders das Plötzliche des +Zusammenstosses der beiden Vorstellungen, d. h. die Pointe. Wir +müssen auf diesen Punkt, der zwar indirect in unserer Aufstellung +schon enthalten ist, am Schlusse noch einmal zurückkommen. Zunächst +wollen wir die einzelnen Formen des Witzes untersuchen und durch +Beispiele erläutern. + +Wir können innerhalb des Witzes zwei inhaltreiche Hauptgruppen +aufstellen, die sich durch die Entstehung des angenehmen Gefühls von +einander unterscheiden; in der einen Gruppe ist dasselbe abhängig von +der leichten Vereinbarkeit der beiden dargebotenen Vorstellungen in +Rücksicht auf die _logischen_ Normen; bei der andern Gruppe entsteht +die Lust aus der leichten Verbindung der beiden Vorstellungen nach +irgend einer _der drei Normen der Ideen- Association_. + +In der ersten Gruppe spielt der doppelte Sinn, die zweifache +Bedeutung und Beziehung, welche in einer der beiden dargebotenen +Vorstellungen steckt und in Rücksicht auf welche die Vereinigung mit +der in der vorliegenden Situation enthaltenen zweiten Vorstellung, +einmal möglich, das andere Mal unmöglich ist, eine Hauptrolle. Ich +will deshalb der bequemeren Bezeichnung halber den Namen +„_Doppelsinn-Witze_" dafür einführen, während ich die andere Gruppe +(_Ideen-_) _Associations-Witze_ nenne. + +Wir behandeln zuerst die + +*1. Associations-Witze* + +als die tiefer stehende Form. Es werden hier also zwei Vorstellungen +mit einander in einen Zusammenhang gebracht, der gegen die Normen der +Logik verstösst, und dadurch Unlust verursacht, während andererseits +die Verbindung derselben beiden Worte in Rücksicht auf eine der drei +Normen der Ideenassociation eine leichte ist und dadurch das +Lustgefühl begründet. Je + +[Page 60] + +nachdem das Gesetz der Aehnlichkeit, das der Gleichzeitigkeit oder +das der Zeitfolge die Association erleichtert, erhalten wir drei +verschiedene Unterklassen der Associationswitze. In der erstgenannten +_Unterklasse_, die ihr _angenehmes Gefühl auf die Aehnlichkeit der +beiden Worte stützt_, nehmen die sogenannten *Klangwitze* das +weiteste Gebiet ein. Bei ihnen ist die äussere Aehnlichkeit des +Klanges massgebend. Wir haben schon oben unter den vorläufigen +Beispielen auch von dieser Form einige angeführt: (Tracht -- +Eintracht; Ring -- Hering.) Man nennt diese Sorte von Witzen auch +„Kalauer" und achtet sie ziemlich gering; trotzdem hat selbst +Shakespeare sie nicht verschmäht, indem er z. B. dem dicken Hans +Falstaff folgende in den Mund legt. „Allerdings hat mein Wanst es +weit in die Dicke gebracht, aber es ist hier nicht die Rede von +_Wänsten_, sondern von _Gewinnsten_, nicht von _Dicke_, sondern von +_Tücke_". -- Nicht der geringste logische Zusammenhang besteht +zwischen diesen, doch in eine enge Verbindung gebrachten Worten; nur +der Gleichklang hält sie zusammen. + +Ich erwähne hier ferner jenes schon bei Gelegenheit des Pseudonaiven +angeführte Beispiel, wo das Kind, dem das Vaterunser gelehrt wird, +fragt, ob der Vater Unser mit dem Onkel Unzen verwandt sei. Wir +können diese Aeusserung auch als einen Witz auffassen, bei welchem +das angenehme Gefühl (allerdings viel schwächer als bei der vorigen +Auffassung) lediglich aus dem Gleichklang der beiden Worte Unser und +Unzer hervorgeht, die sonst gar nichts mit einander zu thun haben, +und deren Zusammenbringung unser Gefühl beleidigt. Jene Aeusserung +steht, als pseudonaive aufgefasst, bedeutend höher, als wenn wir sie +als Witz ansehen. + +Zuweilen erhält die einerseits unsinnige Zusammenstellung +klangähnlicher Worte durch äussere Nebenbeziehungen eine Art von +Sinn, und diese Witze stehen dann um ein Weniges höher. Beispiele zu +dieser Art liefern Fischart und Abraham a Santa Clara in grosser +Fülle. + +Dem letzteren nachgebildet sind die bekannten Klangwitze des +Kapuziners in Wallenstein: + + Kümmert sich mehr um den _Krug_ als den _Krieg_, + Wetzt lieber den _Schnabel_ als den _Sabel_, + +[Page 61] + + Hetzt sich lieber herum mit der Dirn, + Frisst den _Ochsen_ lieber als den _Ochsenstirn_ etc. + Das römische Reich, dass Gott erbarm, + Sollte jetzt heissen römisch arm. + Der _Rheinstrom_ ist geworden zu einem _Peinstrom_, + Die _Bisthümer_ sind verwandelt in _Wüstthümer_, + Die _Abteien_ und _Stifter_ + Sind _Raubteien_ und _Diebesklüfter_, + Und alle die gesegneten _deutschen Länder_ + Sind verwandelt worden in _Elender_. + +Im Anschluss hieran muss ich noch eine Abart der Klangwitze erwähnen, +die sich von der gewöhnlichen Form dadurch unterscheidet, dass von +den beiden Vorstellungen, deren Vereinbarkeit und Unvereinbarkeit +eben den Witz erzeugt, nur die eine direct, die andere aber indirect +gegeben ist. Hierher gehört besonders die theils absichtliche, theils +unabsichtliche Verstümmelung der Fremdwörter, wie sie zum Beispiel +von Onkel Bräsig in hohem Maasse geübt wird: Er spricht von dem +Existent (statt Assistent) des Wasserdoctors, der nicht als Gregorius +(Chirurgus) qualifikacirt war und keine Operamente (Operationen) +machen durfte, ihm dagegen eine Extra-Einwickelung apoplexirte. Hier +findet der Wettstreit zwischen dem wirklich ausgesprochenen und dem +eigentlich gemeinten Wort statt, das wir sofort errathen müssen. In +Bezug auf die logischen Normen haben diese beiden Worte, die nicht +nur in Verbindung gebracht sind, _sondern von denen eins sogar für's +andere substituirt_ ist, nicht das Geringste mit einander zu thun, +ihre Klangähnlichkeit aber erleichtert andererseits die Association. +-- Man kann diese Confusionen (wie es mit dem gerade angeführten +Beispiel wol gewöhnlich geschehen wird) auch als einfach komisch und +nicht als witzig auffassen, indem man dabei weniger den Wettstreit +der beiden Vorstellungen berücksichtigt, sondern vielmehr die +komische Situation in's Auge fasst, dass Jemand, der sich aus +Eitelkeit einen Anstrich von Bildung geben will und daher Fremdworte +anwendet, nun durch Verstümmelung derselben doch seine Unbildung +verräth, sich blamirt und auf diese Weise unser Gerechtigkeitsgefühl +befriedigt. Dagegen werden wir die folgenden Confusionen schon eher +als witzig auffassen: Finis coronat opium; + +[Page 62] + +tres faciunt collodium; Omnia mea mecum portemonnaie; exempla sunt +spirituosa, mundus vult deficit etc. Hierher gehören vor allen Dingen +auch die witzigen Verdeutschungen fremder Worte, die sich bei +Fischart in so überaus reichlicher Zahl finden und die einerseits +zwar von seiner kecken und oft zu weit gehenden muthwilligen Laune +Zeugniss ablegen, andererseits aber auch wie Kurz in seiner +Geschichte der deutschen Literatur richtig anführt, die ächt +volksmässige Schöpfungskraft in ihm erkennen lassen, welche das +fremde Wort zwar beibehält, ihm aber deutsche Form und deutsche +Bedeutung giebt, wie in unseren Worten Opfern (von dem lat. offerre), +Körper (corpus) etc. So bildet Fischart maulhenkolisch (für +melancholisch), Pfotengram (Podagra), Affrich (Afrika), Notnar +(Notar), Jesuwider (Jesuit), Untenamend (Fundament), Amend (Amen) u. +s. w. + +Die Aehnlichkeit der beiden zusammengebrachten Worte braucht sich +aber nicht immer auf den äusseren _Klang_ zu beziehen, sondern kann +auch in anderen Verhältnissen stattfinden. So entsteht z. B. in dem +„doppelten Kinderlöffel für Zwillinge", den Lichtenberg in seinem +bekannten Auctionsverzeichniss ausbietet, das angenehme Gefühl durch +die wegen ihrer inneren Aehnlichkeit leicht vor sich gehende +Association der beiden Begriffe _doppelter_ Löffel und _Zwillinge_, +während das Unsinnige der Zusammenstellung uns Unlust macht. In +wieder anderen Fällen ist die Aehnlichkeit eine ganz versteckte und +nur partielle und wird erst durch den Witz aufgefunden und +hervorgehoben. Für diese Fälle passt die alte Definition, dass der +Witz eine Fertigkeit sei, versteckte Aehnlichkeiten zu finden. Als +Beispiel diene folgende Witzreihe von Heine, der von einer auffallend +hässlichen Frau sagt: „Diese Frau glich in vielen Punkten der Venus +von Melos, sie ist auch ausserordentlich alt, hat ebenfalls keine +Zähne und auf der gelblichen Oberfläche ihres Körpers einige weisse +Flecken etc." Wir fühlen einerseits, dass dieser Vergleich zweier +ganz heterogenen Gegenstände (einer hässlichen Frau mit der Venus) +ein völlig unpassender ist -- werden aber doch durch die wirklich +vorgefundenen partiellen Aehnlichkeiten angenehm überrascht. Ein im +gewissen Sinne umgekehrtes Beispiel wie das vorliegende bildet die +_witzige Carricatur_, bei der wir in toto wohl die Aehnlichkeit des +Bildes mit dem + +[Page 63] + +Gegenstande oder der dargestellten Person herausfinden, aber doch +durch die darin enthaltene Uebertreibung unangenehm berührt werden. +Das was die Carricatur im Bilde, das ist die witzige Uebertreibung +oder Hyperbel in der Darstellung durch Worte. Ich erinnere z. B. an +Haug's Zweihundert Hyperbeln auf Herrn Wahls „ungeheure Nase", von +denen hier die folgende einen Platz finden mag: + + Er stand und sprach vor seinem Haus, + Da hielt ein Güterwagen an. + He! rief der trunk'ne Fuhrmann aus: + Den neuen Schlagbaum aufgethan! + +Aus Kuno Fischer will ich hier noch einen recht guten Witz dieser Art +mittheilen, den man sich von Friedrich Wilhelm IV. erzählt. -- Auf +einer seiner Landreisen wird der König in einer kleinen +Provinzialstadt von der Obrigkeit empfangen und von dem Bürgermeister +des Städtchens in feierlicher Anrede begrüsst; an dem kleinen +wohlbeleibten Mann tritt nichts so hervor als die weisse Weste in +stattlicher Wölbung; das Wetter ist sehr kalt und die Rede nimmt kein +Ende; da unterbricht der König den Redner gleichsam besorgt um seine +Gesundheit und auf die Weste deutend sagt er gütig: „mein Lieber, +erkälten Sie sich Ihren Montblanc nicht." -- Diese Anekdote enthält +eine Fülle komischer Contraste, der eigentliche Witz beruht aber +offenbar auf der Verbindung resp. Substituirung zweier vollständig +heterogener Vorstellungen, die aber eine gewisse Aehnlichkeit mit +einander haben. Fischer führt diesen Witz unter dem Wortspiel +(speciell unter der mit „Doppelsinn" überschriebenen Form) auf, nach +meiner Auffassung aber mit Unrecht, denn das Wort Montblanc enthält +_an und für sich_ keinen Doppelsinn. + +In manchen Fällen ist die versteckte Aehnlichkeit, die der Witz +aufdecken soll, nicht direct ausgesprochen, sondern kann erst nach +Kenntniss gewisser Verhältnisse verstanden werden. Als Beispiel führe +ich einen fall von witzigem Anachronismus an: Ein italienischer Maler +wurde von dem Prior eines Klosters aufgefordert, für dessen Kirche +ein Altar-Bild, das heilige Abendmahl darstellend, zu malen. Er macht +sich an die Arbeit; lernt aber während derselben den Prior als einen +ganz schlechten Menschen, einen Lügner und Verräther kennen, der ihn +selbst + +[Page 64] + +um den bedungenen Lohn betrügen will. Darüber entrüstet, beschliesst +der witzige Maler sich zu rächen und malt in einer Nacht, nachdem das +Bild vorher bis auf die Person des Judas fertig geworden war, die +Gestalt des Priors wie er leibt und lebt an dessen Stelle, um sich +dann natürlich heimlich davon zu machen. -- Das Bild enthält einen +Anachronismus, der in diesem Falle aber nicht blos komisch, sondern +für den, der die Verhältnisse kennt, auch witzig wirkt. Die Person +des Judas und des Priors, die hier mit einander indentificirt sind, +gehören zeitlich nicht zu einander, dagegen finden wir in Beziehung +auf ihren Geiz und ihre Verrätherei zwischen beiden eine +Aehnlichkeit, die in Verbindung mit dem Anachronismus den Witz +erzeugt. Die komische Wirkung wird in diesem Fall dadurch +unterstützt, dass die gerechte Schadenfreude mit eine Rolle spielt; +wir gönnen dem Prior wegen seiner Schlechtigkeit diese Blamage und +den Aerger, den er doch wahrscheinlich über das Bild empfunden. +Solche Witze, bei denen die gerechte Schadenfreude mitwirkt, nennen +wir _satyrische Witze_ oder _Sarkasmen_, deren Wesen also in einer +zum eigentlichen Witz hinzukommenden Nebenwirkung besteht. + +Sahen wir in der ersten oben besprochenen Klasse der +Associationswitze die _Aehnlichkeit_ zur Erzeugung des angenehmen +Gefühls thätig, so treten in den anderen Klassen ebenso die Normen +der _Gleichzeitigkeit_ und _Succession_ dafür ein. In dem schon +erwähnten Lichtenberg'schen Auctionsverzeichniss wird u. A. weiter +ausgeboten: Eine Mausefalle mit den nöthigen Mäusen dazu und ein +messingenes Schlüsselloch. In dem ersten Beispiel erscheint es uns +einerseits nach dem Gesetze der Coexistenz ganz natürlich, dass zur +Mausefalle auch Mäuse gehören, andererseits sehen wir auch sofort das +Unsinnige der Zusammenstellung ein. Ebenso ist es mit dem messingenen +Schlüsselloch. Wir haben den Messing mit dem darin befindlichen +Schlüsselloch so oft zusammen gesehen, dass wir diese beiden Begriffe +leicht und ungezwungen in Zusammenhang bringen und deshalb lachen, +wenn wir andererseits den Widersinn einsehen. -- Es spielt in diesen +Beispielen übrigens nebenbei auch das gesteigerte Selbstgefühl in +gleicher Weise wie bei den Münchhausiaden mit. Wir merken, dass uns +eine Falle gelegt ist, + +[Page 65] + +dass wir confuse gemacht werden sollten und freuen uns nun der +glücklich überstandenen Prüfung. + +Wir kommen jetzt zur zweiten Hauptgruppe der Witze, die wir + +*2. Doppelsinn-Witze* + +nannten. Bei den Doppelsinn-Witzen werden die zwei Vorstellungen +resp. Vorstellungskreise, die in dem Witz uns dargeboten sind und mit +einander in den Wettstreit eingehen sollen, gebildet: erstlich durch +ein Wort, eine Aeusserung, Geberde oder Darstellung irgend welcher +Art, und zweitens durch die Situation oder den Zusammenhang des +Satzes, in welchem jene stehen. -- Das erste dieser Glieder lässt +eine doppelte Deutung zu, enthält einen Doppelsinn und je nachdem nun +die eine oder die andere Bedeutung substituirt wird, passt das erste +Glied in Bezug auf die logischen Normen (oder Ideen der Wahrheit) in +den Zusammenhang vollständig hinein -- oder nicht (resp. weniger +gut). + +Eine grosse Unterabtheilung hierzu bildet das Wortspiel oder genauer + +a) _das homonyme Wortspiel_. + +Bei diesem entsteht der Doppelsinn dadurch, dass das eine Wort zwei +homonyme Bedeutungen in sich schliesst und zwar am häufigsten die +methaphorische und sinnliche Bedeutung. Diese Witze sind sehr +verbreitet und stehen ihrem Werthe nach den Klangwitzen nahe, weil +sie sehr wohlfeil sind. Nicht eigentlich wir machen dieselben, +sondern die Sprache macht sie für uns. -- Auf unterster Stufe steht +das Wortspiel mit Namen, von welchem u. A. Falstaff auch ein Beispiel +liefert, wenn er zu seinem Fähndrich Pistol sagt: „Drücke Dich aus +unserer Gesellschaft ab Pistol". Das Wortspiel ist hierin sogar ein +doppeltes. Erstlich das mit dem Worte Pistol, das in der Bedeutung +des Namens nicht eigentlich in den Zusammenhang des Satzes passt, +(namentlich, wenn wir uns denken, es hiesse etwa: _schiesse_ Dich +ab), während die andere Bedeutung einen Sinn giebt, der aber hier +nicht gemeint ist. Durch Einzukommen des zweiten + +[Page 66] + +Wortspiels, oder richtiger Klangwitzes, welcher die Worte „sich +abdrücken und sich drücken" für einander substituirt, wird der Witz +verdoppelt und dem Wortspiel gewissermaassen der Weg besser gebahnt. + +In einer Schule trug der Lehrer die Geschichte des Tobias ganz mit +den Worten der heiligen Schrift vor. Bei den Worten „Hanna aber, sein +Weib, die arbeitete fleissig mit ihrer Hand und ernährte ihn _mit +Spinnen_", machte ein Mädchen mit Gesicht und Händen die Geberde des +Abscheues und Ekels. „Agnes, was hast Du denn?" ruft der Lehrer: +Antwort: „Ach Herr Lehrer, ist denn das wirklich wahr?" Lehrer: +„Warum zweifelst Du daran?" Kind: „O, weil _die Spinnen_ doch gar zu +schlecht schmecken müssen!" -- In der vorliegenden Anekdote, so wie +sie hier erzählt ist, ist die Aeusserung des Kindes offenbar eine +pseudonaive. Die Kleine sagt eigentlich etwas Dummes, aber indem wir +uns auf den Standpunkt des in diesem Falle leicht entschuldbaren +Missverständnisses stellen, hat sie mit ihren Worten eigentlich ganz +recht. Dieselbe Aeusserung können wir aber auch als Witz auffassen +und zwar als Wortspiel, wenn wir das Wort „_Spinnen_" bald in der +einen, bald in der anderen Bedeutung in den Zusammenhang +substituiren. Einen logischen Sinn geben in vorliegendem Falle +eigentlich beide Bedeutungen, doch kann es für den Einsichtsvollen +keinen Augenblick zweifelhaft sein, welche von beiden die gemeinte +ist. Eine doppelt komische Wirkung entsteht oft dadurch, dass die +nicht gemeinte Bedeutung uns zuerst allein aufstösst und wir gerade +bei der Substituirung dieser ausserdem noch unsere Schadenfreude +befriedigt sehen, wie im folgenden Beispiel. -- Ein im Bezahlen +seiner Rechnungen sehr säumiger Herr schickt seinen Diener zum +Schneider, um diesen zum Maassnehmen für einen neuen Anzug zu sich zu +bestellen. „Nun Friedrich"! fragt er den Rückkehrenden, „warst Du +beim Schneider? Wann kommt er?" Antwort: „Gnädiger Herr, in einer +_schwachen_ Stunde wird er herkommen, hat er g'sagt." -- In einer +schwachen Stunde soll offenbar soviel heissen wie in einer kleinen +Stunde (so wie man von einer starken und schwachen Meile spricht). +Die andere Bedeutung, die eigentlich nicht gemeint ist, aber ganz der +Situation entsprechend die Ab- + +[Page 67] + +neigung des Schneiders ausdrückt, für einen so schlechten Zahler +weiter zu arbeiten, fällt uns jedoch zunächst auf, und wir lachen +deshalb um so mehr. -- Es gehört dieser Witz, besonders wenn wir +annehmen, dass der Schneider oder der Diener ihn absichtlich gemacht +habe, zu den sog. _zweideutigen Wortspielen_, von denen Kuno Fischer +sehr richtig sagt: „Jetzt ist der Doppelsinn nicht mehr harmlos, +sondern pikant; das Wortspiel hat nicht blos zwei Bedeutungen, +sondern zwei Gesichter, das eine ist Maske, das andere das wahre +Gesicht; jenes sieht harmlos aus, dieses hat den Schalk im Nacken." + +Bei einer anderen Klasse der Wortspiele ist es nicht die _homonyme_ +Bedeutung eines Wortes, sondern die doppelte Bedeutung, die dadurch +entsteht, dass ein Wort dem Zusammenhang des Ganzen entsprechend (und +zwar nicht immer ganz correct) in einem weiteren oder engeren Sinne +gebraucht und dann im Witze plötzlich in seine wirklichen Grenzen +zurückgewiesen wird. Ich nenne diese Wortspiele deshalb + +b) _limitirende Wortspiele_ + +und führe zuerst solche an, bei denen ein Begriff, der eigentlich +eine weitere Bedeutung hat, zunächst in einem engeren Sinne gebraucht +wird und in diesem in den Zusammenhang des Ganzen nicht hineinpasst, +während die Substituirung der eigentlich richtigen, weiter +umfassenden Bedeutung, an die wir aber erst erinnert werden müssen, +einen richtigen Sinn ergiebt. Fast sämmtliche Beispiele, die +Schopenhauer vom Witz giebt, gehören in diese eben genannte Klasse +und wir werden das gewissermaassen begreiflich finden, wenn wir uns +der Schopenhauer'schen Definition des Lächerlichen erinnern. Die +paradoxe und daher unerwartete Subsumtion eines Gegenstandes unter +einen ihm übrigens heterogenen Begriff gilt ihm als das Kennzeichen +des Lächerlichen. Dabei soll beim Witz das Auffinden dieser +Incongruenz vom Anschaulichen zum Begriff übergehen. Schopenhauer +erzählt folgende Witze: + +Ein Gascogner geht bei strenger Winterkälte in leichter +Sommerkleidung umher. Der König, der ihm begegnet, lacht über ihn, +worauf der Gascogner sagt: Hätten Ew. Majestät an- + +[Page 68] + +gezogen, was ich angezogen habe, so würden Sie es sehr warm finden. +Auf die Frage: was er denn angezogen habe, erwidert er: „meine ganze +Garderobe." -- Unter dem _was_ (ich angezogen habe) verstehen wir +zunächst, der Situation ganz entsprechend, den Anzug, den wir auf +seinem Leibe sehen und es scheint uns diese kärgliche dünne +Bekleidung seine Behauptung nicht zu rechtfertigen. -- In seiner +weiteren Antwort wird aber dieses von uns selbstverständlich in so +enger Bedeutung aufgefasste „_was ich anhabe_" plötzlich erweitert zu +dem Begriff „meine ganze Garderobe" und in dieser Bedeutung passt +allerdings seine Antwort vollkommen zur Situation. -- + +„Das Publikum eines Theaters in Paris verlangte einst, dass die +Marseillaise gespielt werde und gerieth, als dies nicht geschah, in +grosses Schreien und Toben, so dass endlich ein Polizeicommissarius +in Uniform auf die Bühne trat und erklärte, es sei nicht erlaubt, +dass im Theater etwas Anderes vorkomme, als was auf dem Zettel stehe. +Da rief eine Stimme: „„Et vous, Monsieur, êtes-vous aussi sur +l'affiche?"" welcher Einfall das einstimmigste Gelächter erregte." + +Das Wort, um welches es sich bei diesem Witze handelt, ist das Wort +_vorkommen_. Wir fassen dasselbe zunächst und entsprechend dem, wie +es gemeint ist, in dem Sinne von: „aufgeführt werden" auf, „es darf +im Theater nichts Anderes aufgeführt werden" etc. Der witzige Einfall +erweitert aber plötzlich die Bedeutung zu ihrem eigentlichen Umfang +und nun fällt das Auftreten des Polizeibeamten auch mit unter den +Begriff: vorkommen. Hätte der Beamte sich correct ausgedrückt und +gesagt: es darf nichts Anderes aufgeführt werden, als was auf dem +Zettel steht, so wäre die Gelegenheit zu dem vorliegenden Witz +genommen. -- + +Gerade die gegentheilige Operation findet bei den folgenden Witzen +statt, bei denen ein Wort zuerst in einer weiteren Bedeutung +gebraucht ist und nun plötzlich durch den Witz eingeschränkt wird. + +Die Beispiele dazu entlehne ich aus Kuno Fischer, der dieselben unter +der Form „Das witzige Abfertigen" mittheilt, ohne auf das eigentliche +punctum saliens bei diesen Witzen einzugehen. + +[Page 69] + +„Herzog Karl von Württemberg trifft auf einem seiner Spazierritte von +ungefähr einen Färber, der mit seiner Handthierung beschäftigt ist; +„kann er meinen Schimmel blau färben?" ruft ihm der Herzog zu, und +erhält die Antwort zurück: „ja wohl, Durchlaucht, wenn er das Sieden +vertragen kann". Die beiden Glieder des Witzes sind die _bejahende_ +Antwort und das Wort „_können_". In der Frage des Herzogs ist +letzteres in der weiteren Bedeutung gemeint „können, so dass es eben +ohne Schaden geschieht." In der Antwort aber wird die Bedeutung in +ihre strengen eigentlichen Grenzen zurückgewiesen und erst zu dieser +Bedeutung passt die bejahende Antwort. -- + +Zur Verstärkung der komischen Wirkung, aber ganz ausserhalb des +Witzes gelegen, kommt das Moment der witzigen Abfertigung hinzu (das +also zur Unterscheidung einer besonderen Witzform eigentlich nicht +gebraucht werden kann). Wir sympathisiren mit dem Färber, der vom +Herzog geschraubt werden soll und gönnen letzterem die Abfertigung, +die er sich zuzieht, als eine gerechte Strafe für seine böse Absicht. +Aber auch ohne dies Nebenmoment bleibt der Witz als solcher bestehen +und wir können ihn etwa in die Räthselfrage kleiden: Kann man einen +Schimmel blau färben? Antwort: Ja, wenn er das Sieden vertragen kann. + +„Friedrich der Grosse hört von einem Prediger in Schlesien, der im +Rufe steht, mit Geistern zu verkehren; er lässt den Mann kommen und +empfängt ihn mit der Frage: „Er kann Geister beschwören?" Die Antwort +war: „zu Befehl, Majestät, aber sie kommen nicht". -- Die beiden +Glieder des Witzes sind auch hier die bejahende Antwort und das Wort +„beschwören", das in seiner doppelten Bedeutung zu dem Wortspiel +Veranlassung giebt. In der Frage ist dasselbe so gemeint, dass wir +ohne Weiteres das Erscheinen der Geister mit einbegreifen; in der +Antwort wird das Wort auf seine eigentliche Bedeutung zurückgeführt +und daraus entsteht der Wettstreit mit der bejahenden Antwort. -- +Auch hier dient das Moment der Abfertigung nur zur Erhöhung der +komischen Wirkung. + +Es braucht aber nicht immer _ein_ Wort zu sein, welches eine doppelte +Bedeutung enthält, oft ist es auch die Construction die einen +doppelten Sinn zulässt. Diese + +[Page 70] + +c) _Witze aus doppelsinniger Construction_ + +sind häufig unwillkürliche wie z. B. der folgende. -- Einer unserer +verflossenen Duodezfürsten überraschte eines Tages seinen +Kammerdiener, wie dieser behaglich auf dem Thronsessel Probe sass und +fuhr ihn mit den heftigen Worten an: „Kerl, verdammter, wie kommst Du +mir vor? bildest Dir wohl gar ein, regierender Herr zu sein, dumm +genug wärst Du dazu!" [1] -- Was der Kurfürst sagen wollte, ist wol +klar: „Du bist dumm genug, Dir das einzubilden." Durch die etwas +uncorrecte Satzstellung aber ist der Sinn: „Dumm genug, regierender +Herr zu sein" nahe gelegt, der offenbar nicht der gemeinte ist. +Daraus aber entsteht ein Witz, dessen komische Wirkung zunächst +dadurch beträchtlich erhöht wird, dass wir aus dem Munde eines +Mannes, dem wir von vornherein übel wollen, diese (in gewisser +Auffassung) naive Aeusserung, mit der er sich selbst ins eigene +Fleisch trifft, gern und mit einer nicht unberechtigten Schadenfreude +hören, weil wir diesen eigentlich nicht gemeinten Sinn, für den mit +der Wahrheit am meisten übereinstimmenden halten. Dadurch, dass wir +aber wissen, dass der Fürst seine Aeusserung nicht so gemeint hat, +wird aus der Naivetät ein *unbewusster Witz*, indem bei Substituirung +der beiden möglichen Constructionsauslegungen ein Wettstreit zwischen +den beiden Sätzen eintritt. -- + +So wie hier in der doppelsinnigen Construction oder wie vorher in +einem doppelsinnigen Wort, so liegt oft das punctum saliens des +Witzes in einem ganzen Satze, der seinen Doppelsinn entweder in sich +trägt oder durch eine ihn begleitende Geberde erhält. Meist handelt +es sich dabei um ein absichtliches Missverständniss. Ich will diese +Classe + +d) _Doppeldeutungs-Witze_ + +nennen. Als Beispiele dienen folgende Anekdoten: Eine Dame steckt den +Kopf zum Coupéfenster hinaus und schreit mit giftigem + +[1] Ludwig Reinhard, Komische Spaziergänge. Coburg 1867. + +[Page 71] + +Gesicht: Herr Conducteur, ist es erlaubt, in diesem Coupé zu rauchen? +„Wenn die Herren darin nichts dagegen haben, so können die gnädige +Frau getrost rauchen", lautet die Antwort. -- Die beiden Glieder des +Witzes, die hier mit einander in Wettstreit treten, sind: die Frage +und Antwort; die Gelegenheit zum Witze giebt die mögliche doppelte +Deutung der Frage. Die Dame will sich offenbar über die rauchenden +Herren beschweren; der Schaffner aber deutet ihre Frage anders, wozu +er, wenn er die Geberde der Dame nicht bemerkt oder bemerken will, +volles Recht hat. Die komische Wirkung wird auch hier durch unsere +Schadenfreude gesteigert. Wir sympathisiren mit den rauchenden +Herren, welche durch die Dame in ihrem Genuss gestört werden sollen +und freuen uns, dass Letztere mit ihrer Beschwerde so lächerlich +abfällt. -- + +In einer Dorfschule wird der Katechismus überhört. Der Lehrer sieht +einen Knaben ganz unaufmerksam dasitzen und fasst ihn schnell mit den +Worten beim Arm: „Was ist das?" um ihn nach der Lutherschen Erklärung +des eben von einem andern Schüler hergesagten Gebotes zu examiniren. +Der Unaufmerksame stottert die Antwort hervor: „Das ist meiner Mutter +ihre alte Pelzjacke." Diese Antwort erregt natürlich unter den +Mitschülern unbändiges Gelächter. Einzelne der Lacher werden +vielleicht das unbewusst Witzige der Antwort gar nicht bemerken. Sie +lachen einfach aus gerechter Schadenfreude über die der Dummheit +resp. Unaufmerksamkeit folgende Blamage und etwaige Strafe. Anderen +Schülern aber wird der Witz jener Aeusserung nicht entgehen. Die +Frage des Lehrers war eine doppelsinnige, indem dieselbe durch +Anfassen des Armes d. h. also der Jacke des Schülers begleitet war. +Welchen Sinn die Frage eigentlich haben _soll_, darüber ist uns kein +Zweifel; durch den Doppelsinn der Frage entsteht nun aber zwischen +Frage und Antwort ein Wettstreit. In gewissem Sinne passen beide zu +einander, in anderem Sinne und zwar dem eigentlich gemeinten, dagegen +gar nicht. Das war ja aber das Charakteristicum des Witzes. -- + +Wir haben in den letzten Nebenformen den Widerspruch zwischen dem +wirklich Gesprochenen und dem eigentlich Gemeinten als wesentlich +erkennen müssen. Zwei andere Neben- + +[Page 72] + +formen zeigen ebenfalls diesen Widerspruch; doch ist bei ihnen der +Doppelsinn nicht in dem gesprochenen Wort oder der geschehenen +Aeusseruug selbst enthalten, sondern wird erst durch die Hörenden dem +Sinn des Redenden entsprechend hineingelegt. Es sind dies die beiden +Formen der Ironie und des Vexirwitzes. + +e) _Die Ironie_ + +charakterisirt sich dadurch, dass sie gerade das Gegentheil von dem +behauptet, was sie wirklich meint, dabei aber voraussetzt, dass der +Hörende den eigentlich gemeinten Sinn erräth. Sie lobt eben _die_ +Eigenschaften des Subjects, die sie tadeln will, indem sie ihnen +Gründe vorstreckt, deren Unhaltbarkeit gerade in der Uebertreibung zu +Tage kommt, oder sie sagt die entgegengesetzten schönen Eigenschaften +von ihm aus [1]. -- In ähnlicher Weise wie beim Wortspiel -- nur noch +etwas verborgener und darum für den Hörer angenehmer kitzelnd -- +enthält das ausgesprochene Urtheil eigentlich einen doppelten Sinn: +einmal den wörtlich genommenen und zweitens den versteckten +gegentheiligen; der letztere passt zur Situation, der andere nicht +und indem bald der eine, bald der andere substituirt wird, erzeugt +sich bald die Möglichkeit, bald die Unmöglichkeit der Vereinigung. -- +Je versteckter der Angriff, um so schwerer ist die Vertheidigung, um +so sicherer trifft der abgeschossene Pfeil. Darum wirkt die Ironie so +überaus vernichtend; denn wenn sie nicht plump, sondern fein angelegt +ist, weiss der Angegriffene im ersten Augenblick wohl gar nicht, ob +er's mit Ernst oder mit Ironie zu thun hat, und merkt er nun den +Angriff, so gesteht er durch eine Vertheidigung zu, dass er das Lob, +das ihm im wörtlichen Sinne gespendet wurde, nicht verdient habe, in +der That also in dem betreffenden Punkte tadelnswerth sei. Besonders +häufig bedient sich der Humor der Ironie als Waffe, indem er z. B. +Handlungen, die aus grossartigen, oft grossartig bösen Motiven +hervorgegangen sind, ganz im Sinne des Humors auf die kleinlichsten +Gründe zurückführt. So sucht z. B. Hamlet im unversöhnten ironischen +Humor die schnelle + +[1] Vischer l. c. p. 437. + +[Page 73] + +Heirath seiner Mutter zu entschuldigen: „Pah, Oekonomie, Oekonomie; +das Gebackene zum Leichenschmaus gab kalte Hochzeitsschüsseln!" + +Der Grund weshalb dem Humor unter allen Formen des Witzes die Ironie +gerade bei Weitem am meisten zusagt, ist leicht einzusehen. Die +Neigung des Humors, das ihm entgegentretende Alltägliche, Kleine, +Niedrige, Gemeine mit den höchsten sittlichen und religiösen Ideen in +Gegensatz zu bringen, findet eben am leichtesten in der Form der +Ironie Ausdruck, da diese ja gerade in der Vereinigung der grösst- +denkbaren Gegensätze d. h. der Gegentheile besteht. -- Deshalb aber, +weil der Humor die Ironie so vorwiegend in seinen Dienst nimmt, darf +man beide nicht mit einander verwechseln. -- + +In der Hand des Kritikers ist die Ironie eine der schärfsten Waffen. +Unter den neueren Schriftstellern ist als Meister in ihrer Benutzung +Paul Lindau zu nennen, der in seinen „literarischen +Rücksichtslosigkeiten", namentlich aber auch in seinen „harmlosen +Briefen eines deutschen Kleinstädters" eine unerschöpfliche Fundgrube +von ironischen Witzen bietet, auf die ich hier nur verweisen kann. + +f) _Der Vexirwitz_ + +hat viel Aehnlichkeit mit der Ironie, ist aber durchaus harmlos und +nimmt eine ziemlich niedrige Stufe im Gebiet des Witzes ein. Wenn ich +z. B. sage: Es ist doch recht abgeschmackt von Schiller, dass er +seinen Don Carlos mit der alten, abgedroschenen Phrase beginnt: „Die +schönen Tage von Aranjuez sind nun vorüber", so ist das ein +Vexirwitz, indem ich dabei voraussetze, dass der Hörende weiss, was +ich eigentlich sagen will und, die Entstellung der Thatsachen sofort +merkend, den richtigen Sinn substituirt. + +Wie bei den Münchhausiaden, die unter Umständen auch als Vexirwitze +aufzufassen sind, wird das angenehme Gefühl durch die Freude darüber, +dass wir der beabsichtigten Täuschung nicht unterlegen sind, noch +erhöht. + + +[Page 74] + +Hiermit haben wir den Witz in seinen wesentlichsten Formen vorgeführt +und wenden uns jetzt noch einmal zu dem ganzen Gebiet des +Lächerlichen zurück. -- + +Wir haben nachzuweisen gesucht, dass bei allem Komischen zwei +Gefühle, ein angenehmes und ein unangenehmes erregt werden. Wir haben +ferner die Thatsache schon kurz erwähnt, dass diese beiden Gefühle +von gleicher Stärke sein und _gleichzeitig_ entstehen müssen, so dass +sie mit einer gewissen Plötzlichkeit aufeinanderstossen. Es ist zum +psychologischen Verständniss des Lächerlichen durchaus nothwendig, +dass wir auf dieses Verhältniss noch näher eingehen. Die +Gleichzeitigkeit der Entstehung beider Gefühle bedingt die sog. +„Pointe", ohne welche eben die komische Wirkung eines Witzes oder +einer Anekdote verloren geht. In der Pointe werden die beiden +contrairen Gefühle durch das Aufeinanderstossen von Sinn und Unsinn, +von Harmonie und Disharmonie mit den verschiedenen Normen +gleichzeitig erzeugt. -- + +Wie aber gelangen diese Gefühle zum Bewusstsein? Nach dem bekannten +Satze von der Enge des Bewusstseins können in derselben Zeiteinheit +nicht zwei Vorstellungen mit gleicher Schärfe vom Bewusstsein +wahrgenommen werden; dasselbe gilt auch von den Gefühlen. Was wird +und muss also geschehen, wenn zwei Gefühle zu gleicher Zeit erzeugt +werden, die wegen ihrer Gegensätzlichkeit nicht in eins verschmelzen +können? Die Selbstbeobachtung der psychologischen Vorgänge in uns +lässt uns dabei ziemlich im Stich, indem sie uns nur im Allgemeinen +das Entstehen eines sog. Affectes schauen lässt. Wir wollen aber in +das Wesen dieses Affectes eindringen und es bietet sich dazu nur ein +Weg, auf welchen Wundt zuerst mit grosser Dringlichkeit in seinen +Beiträgen zur Theorie der Sinneswahrnehmungen [1] aufmerksam gemacht +hat, indem er sagt: „Es wäre ein fundamentaler Irrthum, wenn man in +Bezug auf die experimentelle Erforschung der Empfindungs- und +Wahrnehmungsprocesse an der Meinung festhalten wollte: Alles, was man +auf diesem Wege finde, seien nur Gesetze, die Gültigkeit für die +Seele besitzen in ihrem Verhalten gegen äussere Sinnesreize, + +[1] Leipzig und Heidelberg 1862. p. XXIX u. 450. + +[Page 75] + +aber in dem von diesen unabhängigen Leben, im reinen Denken könnten +vielleicht ganz abweichende Gesetze gültig sein, über die uns die +Resultate unserer Experimente Nichts aussagten." -- „Die +experimentelle Untersuchung der Sinneswahrnehmungen und Vorstellungen +ergiebt vielmehr ein Resultat, das unmittelbar auch auf die _höheren +Sphären_ geistiger Thätigkeit sich anwenden lässt". -- Schon der Satz +von der Enge des Bewusstseins ist ja wie bekannt aus der +experimentellen Thatsache hergeleitet, dass wir nicht im Stande sind, +in derselben Zeiteinheit scharfe Wahrnehmungen durch zwei +verschiedene Sinne zu machen. Im vorliegenden Falle handelt es sich +nun aber um _Gefühle_, die zwar einander conträr aber gleichsam von +derselbeu Qualität sind und bei Entscheidung der Frage, was bei dem +gleichzeitigen Auftreten solcher conträren Gefühle geschieht, werden +wir also auf ähnliche Verhältnisse, aus der Sphäre der +Sinneswahrnehmungen recurriren müssen. Die Fälle, in welchen ein und +derselbe Punkt unserer Netzhaut zu gleicher Zeit von zwei aus +derselben Richtung kommenden verschiedenen (namentlich verschieden +gefärbten) Lichtstrahlen getroffen wird, werden offenbar dem hier zu +ergründenden Factum ganz analog sein, und ihre genaue Prüfung wird +uns das Verständniss des letzteren erschliessen. -- Wenn das Licht +zweier verschiedenen Gegenstände aus ein und derselben Richtung in +unser Auge fallen soll, so müssen jene Gegenstände offenbar, wirklich +oder scheinbar, hinter einander liegen und ausserdem wird im ersten +Falle der vordere Gegenstand durchsichtig, also etwa von Glas sein +müssen. Was geschieht nun, wenn wir einen Gegenstand durch eine +farblose oder farbige Glasplatte betrachten? Fast immer wird unsere +Aufmerksamkeit von dem hinter der Glasplatte liegenden Objecte so +gefesselt, dass wir nur dieses bemerken, die Anwesenheit der +Glasplatte dagegen vollständig ignoriren, und wenn sie gefärbt ist, +ihre Farbe einfach dem durch sie gesehenen Gegenstande beilegen. Erst +durch eine willkürliche Richtung unserer Aufmerksamkeit können wir +uns zwingen, die Oberfläche der Glasplatte zu beobachten; doch wird, +wenn uns an derselben Nichts mehr fesselt, sich uns immer wieder die +Vorstellung des hinter ihr liegenden Gegenstandes aufdrängen. Wenn +wir aber den Versuch so einrichten, dass unsere Auf- + +[Page 76] + +merksamkeit gleichmässig stark von der Glasplatte und dem Objecte in +Anspruch genommen wird, so erhalten wir eine andere eigenthümliche +Erscheinung. Legen wir nämlich nach Wundt's Angabe [1] auf ein blaues +Glas ein rothes Papier, in welches ein kleines Fenster geschnitten +ist, so dass also die Oeffnung des Fensters blau und durchsichtig +erscheint, und halten hinter das Glas in einiger Entfernung einen +weissen Papierstreifen, so erscheint die Fensteröffnung plötzlich im +lebhaftesten _Glanze_. + +Noch deutlicher lassen sich die eben besprochenen Erscheinungen an +Gegenständen experimentiren, welche ausser der Ausstrahlung ihres +Eigenlichtes, Licht an ihrer Oberfläche reflectiren. Auch hier wird +aus ein und derselben Richtung (also auf _einen_ Punkt unserer +Netzhaut) zweierlei verschiedenes, scheinbar aus verschiedener +Entfernung kommendes Licht, in unser Auge gesandt, und in ähnlicher +Weise wie in dem vorher besprochenen Falle, sehen wir auch hier je +nach der Richtung unserer Aufmerksamkeit zwei verschiedene +Erscheinungen auftreten, von denen wir die eine als Spiegelung, die +andere (wie vorher) als Glanz erkennen. Ueber die Entstehung beider +Phänomene und ihren gegenseitigen Unterschied, spricht sich Wundt +folgendermaassen aus: „Ein Gegenstand _spiegelt_, dessen Oberfläche +durch Reflexion ein solches Bild der umgebenden Objecte entwirft, +dass wir den spiegelnden Gegenstand selber über der Betrachtung der +Spiegelbilder vernachlässigen, indem wir diese gewissermaassen als +die direkt betrachteten Gegenstände ansehen. Zur reinen Spiegelung +gehört daher erstens eine gewisse Deutlichkeit der Spiegelbilder und +zweitens eine solche Beschaffenheit des spiegelnden Gegenstandes, +dass dieser nicht unsere Hauptaufmerksamkeit auf sich zieht; ebene +oder gleichförmig gekrümmte polirte Flächen sind daher am häufigsten +spiegelnde Objecte, insbesondere wenn sie farblos oder wenigstens +gleichfarbig sind. Hat ein Object eine ausgeprägte Farbe, so regt +dies schon leicht unsere Aufmerksamkeit an, und dies findet in noch +höherem Maasse statt, wenn die Farbe nicht gleichmässig über die +Oberfläche vertheilt ist. Wir nennen einen + +[1] l. c. p. 313 + +[Page 77] + +Gegenstand _glänzend_, wenn derselbe so beschaffen ist, dass wir +zugleich den Gegenstand und die von demselben entworfenen +Spiegelbilder in's Auge zu fassen genöthigt sind, wenn wir also +gleichzeitig verschiedene Gegenstände sehen, die hintereinander in +verschiedener Entfernung vom Auge gelegen scheinen und die daher sich +decken sollten. _Zu diesem gleichzeitigen Auffassen des Objects und +seiner Spiegelbilder ist nothwendig, dass keins von Beiden über das +andere das Uebergewicht erlange_; werden die Spiegelbilder +unmerklich, so hört natürlich der Glanz auf, wir sehen nur noch den +Gegenstand in seinem eigenen Lichte; werden aber die Spiegelbilder +sehr stark, so geht der Glanz in Spiegelung über. Wundt beweist +ferner durch eine Reihe von Experimenten (p. 305-307), dass der Glanz +nicht auf Accommodationsverschiedenheit, d. h. der verschiedenen +Einstellung der Augen für die scheinbar oder wirklich verschiedenen +Entfernungen der beiden Objecte beruht, sondern als ein Product der +Vorstellungsthätigkeit auftritt und zwar definirt er den Glanz als +einen solchen Urtheilsprozess, bei welchem die einzelnen +Bestandtheile einer gegebenen Mischempfindung von einander losgelöst +und für sich vorgestellt werden; während wir die beiden Farben (des +spiegelnden und gespiegelten Lichtes) zugleich sehen, unterscheiden +wir sie noch von einander. Wir erhalten beim Glanz die Vorstellung +eines Gegenstandes, der das Bild eines anderen spiegelt, aber den +Gegenstand deutlich aufzufassen, verhindert uns das Spiegelbild und +das Spiegelbild deutlich aufzufassen, verhindert uns der Gegenstand. +Der wesentliche Grund hierfür ist die Unmöglichkeit gleichzeitig zwei +Dinge klar vorzustellen, die sich nicht in _eine_ Vorstellung +vereinigen lassen. Unsere Vorstellungsthätigkeit, die aber nach +Klarheit strebt, wird deshalb in _schneller Schwankung von dem +spiegelnden Gegenstand zum Spiegelbild, vom Spiegelbild zum +Gegenstand hinüberschweifen_ und darauf beruht das eigenthümliche +Princip der Unruhe, was im Glanze liegt und z. B. auch von Brücke [1] +besonders hervorgehoben (freilich aber in + +[1] Brücke, die Physiologie der Farben für die Zwecke der +Kunstgewerbe. Leipzig 1866 p. 228. + +[Page 78] + +etwas anderer Weise erklärt) wird. Auch die eigenthümliche Thatsache +des von Dove entdeckten stereoskopischen Glanzes beweist und +illustrirt das eben Gesagte. Dove zeichnete die stereoskopische +Projection eines Prismas oder einer anderen Figur für das eine Auge +mit weissen Linien auf matt schwarzem Grunde, für das andere Auge mit +schwarzen Linien auf weissem Grunde. Bei stereoskopischer Vereinigung +beider erscheint das Relief von graphitglänzenden Flächen begrenzt. +Ausser Schwarz und Weiss geben auch andere Farben die Erscheinung des +Glanzes; aber nicht jede beliebige Farbencombination ist zu brauchen. +Denn contrastirt die eine Farbe merklich lebhafter gegen den Grund +als die andere und drängt sie sich daher unserem Bewusstsein stärker +auf, so wird sie allein gesehen. Der Glanz ist am lebhaftesten, wenn +der Contrast beider Farben gegen ihren Grund stark und ungefähr +gleich gross ist. Ausserdem wird der Glanz durch den gegenseitigen +Contrast der beiden zu combinirenden Farben erhöht. Man combinire z. +B. stereoskopisch Blau und Gelb. Macht man den Grund weiss, so +verdrängt leicht Blau das Gelb vollständig, macht man den Grund +schwarz, so verdrängt Gelb das Blau, macht man den Grund aber grau, +so erhält man einen lebhaften Glanz. + +Da nun Heimholz auf das Ueberzeugendste nachgewiesen hat, dass der +Inhalt jedes einzelnen Sehfeldes, ohne durch organische Einrichtungen +mit dem des andern verschmolzen zu sein, getrennt zum Bewusstsein +gelangt, so ist auch in diesen Fällen der Glanz als ein Product der +Vorstellungsthätigkeit aufzufassen. Der Glanz entsteht auch hier +dadurch, dass unserem Bewusstsein zu gleicher Zeit zwei verschiedene +Eindrücke geboten werden, die wir, weil sie aus einer Richtung +kommen, zu combiniren streben, die aber durch ihre Verschiedenheit +von einander nicht vereinbar sind, sich vielmehr jeder für sich +unserem Bewusstsein aufzudrängen suchen und dadurch in _sehr +schnellem Wechsel_ nach einander zur Auffassung gelangen [1]. Dass +wir von diesem Wechsel der Eindrücke kein volles Bewusstsein haben +und nur eine gewisse Unruhe im Glanze spüren, + +[1] Dieselbe Erklärung des stereoskopischen Glanzes giebt u. A. auch +J. Martins-Matzdort: „Die interessantesten Erscheinungen der +Stereoskopie" Berlin 1868. + +[Page 79] + +im Uebrigen aber den Eindruck einer einheitlichen Lichtausstrahlung +empfangen, ist durchaus kein Gegengrund gegen diese Auffassung, denn +auch beim gewöhnlichen Sehen, resp. Betrachten eines Gegenstandes +streifen wir mit unseren Augen (mit der allein deutlich sehenden +Macula lutea) schnell über denselben, gewissermaassen ihn betastend, +hin, combiniren aber trotzdem die einzelnen Eindrücke zu einem +einheitlichen Bilde, ohne zu merken, dass dasselbe aus verschiedenen, +schnell auf einander folgenden Wahrnehmungen zusammengesetzt ist. -- + +Sehr häufig wechselt mit dem stereoskopischen Glanze ein anderes +Phänomen ab -- nämlich der sogenannte _Wettstreit der Sehfelder_, bei +welchem die beiden Gesichtseindrücke in _langsamem_ Wechsel (in +Perioden von etwa 8 Secunden und länger) nach einander zum +Bewusstsein kommen. Es tritt diese Erscheinung ein, wenn bestimmte +Bedingungen [wie Wundt überzeugend nachgewiesen hat: eine durch +unwillkürliche Bewegungen der Augen veranlasste momentane +Verschiebung (Divergenz) der beiden Bilder] die Trennung der beiden +gleichzeitig aufgenommenen Gesichtseindrücke begünstigen. Decken sich +die beiden Farbenbilder vollständig, so sehen wir unter geeigneten +Umständen Glanz oder auch nur _die_ Farbe, die mit dem Grunde stärker +als die andere contrastirt und dadurch sich der Aufmerksamkeit mehr +aufdrängt. Sobald aber durch eine Schwankung der Sehaxen, wie sie +durch Ermüdung oder durch willkürliche Veränderung der Aufmerksamkeit +sehr leicht und fast immer eintritt, eine Verschiebung der Objecte +gegen einander stattfindet, so dass sie sich nur noch theilweise +decken, kommt die sog. Verdrängung durch Eigencontrast zur Geltung +und wir sehen nur die Farbe, die mit dem Grunde am wenigsten +contrastirt [1]. Dadurch, dass wir nun unsere Augenstellung immer +wieder zu corrigiren suchen, wodurch die Verdrängung durch Contrast +mit dem Grund mit der durch Eigencontrast fortwährend abwechselt, +erhalten wir den Wettstreit der Sehfelder, der also auch darauf +beruht, dass wir die verschiedenen Eindrücke beider Sehfelder zu +vereinigen streben, dass aber Bedingungen eintreten, welche die +Trennung beider, bald das eine, bald das andere mehr be- + +[1] Näheres über dies interessante Thema: Wundt. l. c. p. 330. + +[Page 80] + +tonend, erleichtern. Beim Glanz sind keine Bedingungen vorhanden, +welche abwechselnd das eine und das andere Bild bevorzugt sein lassen +und die Trennung beider Bilder ist darum keine so prägnante, obwohl +sie wegen der Unmöglichkeit, beide in Eins zu vereinigen, auch +vorhanden ist. Es wird darum eben der Wechsel beider Bilder unendlich +viel schneller eintreten und wir können _den Glanz einen sehr +beschleunigten Wettstreit der Sehfelder nennen_. -- + +Prüfen wir jetzt, welches der oben erörterten Gesetze auf das +Komische Anwendung findet. Von einem Punkte aus sehen wir beim +Komischen plötzlich und gleichzeitig zwei verschiedene unvereinbare +Gefühlsqualitäten in uns erzeugt werden. Da nun der Affect des +Komischen, wie die einfache Beobachtung lehrt, weder als ein +unangenehmes, noch allein als ein angenehmes Gefühl sich auffassen +lässt, so kann also von einer Verdrängung durch Contrast nicht die +Rede sein, vielmehr ergiebt sich bei näherem Eingehen die völlige +Analogie zwischen der Erscheinung des Glanzes und dem Komischen, da +andererseits die Plötzlichkeit der Wirkung den langsamen Wettstreit +der Sehfelder ausschliesst. Es stimmt hiermit die schon oben +angedeutete Thatsache überein, und wird dadurch gewissermaassen +bestätigt, dass die beiden conträren Gefühle beim Komischen von +annähernd gleicher Stärke sein müssen, so dass keines von dem andern +im Wettstreit ganz unterdrückt werden kann. Das Komische ist ein +Mischgefühl eigenthümlicher Art; wie beim Glanze kommen die einzelnen +Componenten in so schnellem Wechsel hintereinander zur Wirkung, dass +wir scheinbar ein einheitliches Gefühl vor uns haben und nicht im +Stande sind, die beiden Factoren desselben einzeln direct zu +beobachten; so wie wir beim Glanze auch nicht direct darüber klar +werden, dass derselbe aus zwei verschiedenen Lichtarten +zusammengesetzt ist. _Hierdurch wird der Einwurf gegen meine obige +Darstellung beseitigt, dass man sich ja der angenehmen und +unangenehmen Gefühle, die ich im Komischen gefunden haben will, gar +nicht bewusst werde, und dass sie deshalb auch gar nicht vorhanden +sein könnten_. -- + +Wir haben also das _Wesen des Lächerlichen als einen_ + +[Page 81] + +_beschleunigten Wettstreit der Gefühle, d. h. als ein schnelles Hin- +und Herschwanken zwischen Lust und Unlust erklärt_. Mit dieser +Auffassung stimmen aber die auf ganz anderem Wege gewonnenen +Resultate der metaphysisch-ästhetischen Untersuchungen von Vischer +und die Ansichten Kant's völlig überein. Kant hebt hervor, dass beim +Lächerlichen, wenn der Schein, der uns auf einen Augenblick getäuscht +hat, in Nichts verschwindet, das Gemüth wieder zurücksieht, um es mit +ihm noch einmal zu versuchen und so durch _schnell +hintereinanderfolgende Anspannung hin- und zurückgeschnellt und in +Schwankung versetzt wird_, die, weil der Absprung von dem, was +gleichsam die Saite anzog, plötzlich (nicht durch ein allmähliches +Nachlassen) geschah, eine Gemüthsbewegung und mit ihr harmonirende +inwendige körperliche Bewegung verursachen muss, die unwillkürlich +fortdauerte und Ermüdung, dabei aber auch Aufheiterung (die Wirkung +einer zur Gesundheit gereichenden Motion) hervorbringt. + +Ganz ähnlich schildert Vischer [1] diesen _Wettstreit der Gefühle_ in +folgenden Worten: „Dieses Lustgefühl darf aber mit demjenigen nicht +verwechselt werden, welches aus der Anschauung des Schönen fliesst, +denn es ist ein gegensätzlich bewegtes". „Die gegensätzlichen Glieder +bilden eine widerspruchsvolle Einheit und ihr Ineinander nöthigt das +Gefühl, zwischen ihnen herüber und hinüber zu gehen, _was als ein +rascher Wechsel zwischen Lust und Unlust empfunden wird, so zwar, +dass jene durch diese verdoppelt, aber auch durch sie bedingt ist_". +-- „Es ist also Lust durch Unlust, doppelte, weil durch Unlust +gewürzte Lust, aber doch Lust mit Unlust. _Es ist ein durchaus +bewegtes Gefühl, worin Unlust in Lust, Lust in Unlust +hinüberzittert_." -- Es lässt sich wohl nichts gegen die Behauptung +einwenden, dass die Uebereinstimmung dieser auf ganz anderem Wege +gefundenen Resultate mit der von mir aufgestellten Theorie des +Komischen einen weiteren Beweis für die Richtigkeit derselben +abgiebt. -- Jetzt haben wir noch die Thatsache in's Auge zu fassen, +dass uns das Komische doch in toto als etwas entschieden + +[1] l c. § 225. + +[Page 82] + +Angenehmes erscheint, ja die gewöhnlichen Grade des Angenehmen +gewissermaassen noch übertrifft. Eine Art von Erklärung finden wir in +der obigen Aeusserung Vischer's, wo er das Komische „doppelte, weil +durch Unlust gewürzte Lust" nennt. Vor Allem müssen wir aber auch +hier wieder die Analogie mit dem Glanze hervorheben. Bei demselben +erhalten wir ebenfalls überwiegend den Eindruck des helleren Lichtes, +während das Schwarz nicht ganz unterdrückt, aber doch gewissermassen +unwirksam gemacht ist. Es werden in dem beschleunigten Wettstreit der +Sehfelder, den wir Glanz nennen, die hellen Lichter gewissermassen +stärker betont und in ganz derselben Weise zeigen sich auch bei dem +beschleunigten Wettstreit der Gefühle, welcher das Komische bildet, +die angenehmen Gefühle als hauptsächlich wirksam und wir können, wenn +wir die physiologische Wirkung des Komischen erforschen wollen, das +unangenehme Gefühl, das sich ja nie zum psychischen Schmerz steigern +darf, so weit vernachlässigen, _dass wir das Komische als eine +intermittirende, rhythmisch unterbrochene, freudige Gefühlserregung +ansehen_. -- + +Diese freudige Erregung tritt nach jeder Intermission unvermittelt +und plötzlich ein und ist somit der freudigen Ueberraschung analog. +-- Beobachten wir nun aber die somatischen Vorgänge während dieses +eben genannten psychischen Zustandes, so fallen uns besonders bei den +stärkeren Graden der Ueberraschung Symptome in's Auge, die neben +anderen Reizungen unzweideutig eine Reizung der vasomotorischen +Centren, also des Sympathicus beweisen. Wir beobachten im ersten +Augenblicke eintretender Ueberraschung ein Blasswerden der Haut, (wie +Domrich [1] meint, nicht nur im Gesicht, sondern wahrscheinlich über +den ganzen Körper). Die plötzliche Verengerung der Gefässe, durch +welche dies Blasswerden bedingt wird, veranlasst weiter das Herz nach +einem kurzen Augenblick des Stillstandes zu schnelleren und +ausgiebigeren Zusammenziehungen, weil es bei Durchtreibung des Blutes +durch die engeren Gefässe grössere Widerstände zu überwinden hat [2]. +-- Es sind auch hier besonders + +[1] l. c. p. 233. +[2] Goltz, Ueber den Tonus der Blutgefässe. Virchow. Arch. Bd. XXIX. +Heft 3 u, 4 p. 419. + +[Page 83] + +die kleineren Arterien, die durch die reflectorische Reizung des +Sympathicus verengert werden, was sich aus folgendem Umstande, auf +den schon Domrich aufmerksam macht, schliessen lässt. -- Auf das +Stadium der Gefässverengerung folgt nämlich bei der Ueberraschung +nach kürzerer oder längerer Zeit ein Stadium der Gefässerweiterung +und die vorher vorhandene Blässe macht einer mehr oder weniger +saturirten Röthe Platz. Nun ist aber die Haut mit derselben bei +Weitem nicht so gleichmässig und intensiv übergossen, wie bei der +Scham, was eben daher rührt, dass die Verengerung und folgende +Erweiterung mehr die kleineren Arterien der Haut und nicht wie bei +der Scham das ganze Capillargefässsystem derselben trifft. -- Eine +einmalige freudige Ueberraschung ruft also eine einmalige +Sympathicusreizung mit entsprechender Verengerung der kleineren +Arterien hervor. _Demnach wird eine intermittirende freudige Erregung +wie wir sie als Wesen des Komischen nachgewiesen haben, eine +intermittirende Sympathicusreizung erwarten lassen_. -- + +Das war ja aber das Resultat, welches wir nach Maassgabe des schon +Eingangs erwähnten Experimentes finden wollten und es ist damit die +Psychologie des Komischen mit der Physiologie in Einklang gebracht. +Wie die intermittirende Sympathicusreizung das Lachen als +physiologisch nothwendige Folge nach sich zieht, haben wir im ersten +Abschnitt dieser Arbeit gezeigt, und wir sind mithin jetzt im Stande, +auch das Lachen, welches durch das Komische bewirkt wird, als +zweckmässige Reflexbewegung völlig zu verstehen. + + +Druck von Bär & Hermann in Leipzig. + + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Die Physiologie und Psychologie des +Lachens und des Komischen., by Ewald Hecker + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE PHYSIOLOGIE UND PSYCHOLOGIE *** + +***** This file should be named 27205-0.txt or 27205-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/2/7/2/0/27205/ + +Produced by Karl Pfeifer <karl.pfeifer@usask.ca>. + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/27205-0.zip b/27205-0.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..8094785 --- /dev/null +++ b/27205-0.zip diff --git a/27205-8.txt b/27205-8.txt new file mode 100644 index 0000000..7a5a077 --- /dev/null +++ b/27205-8.txt @@ -0,0 +1,3902 @@ +The Project Gutenberg EBook of Die Physiologie und Psychologie des Lachens +und des Komischen., by Ewald Hecker + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Die Physiologie und Psychologie des Lachens und des Komischen. + Ein Beitrag zur experimentellen Psychologie für + Naturforscher, Philosophen und gebildete Laien. + +Author: Ewald Hecker + +Release Date: November 9, 2008 [EBook #27205] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE PHYSIOLOGIE UND PSYCHOLOGIE *** + + + + +Produced by Karl Pfeifer <karl.pfeifer@usask.ca>. + + + + + + + + + + +*Ebook Editor's Prefatory Note* + + +Wherever the original text uses letterspacing for emphasis, I have +substituted enclosing understrikes; I have, however, kept the +German-style quotation marks (although in some plain text character +sets the right-side quotation mark does not appear as the proper +stylistic complement of the left-side quotation mark). + +The only spelling errors I spotted are "Jnhalt" for "Inhalt" on p. 14 +(although capital "I" and "J" are sometimes conflated or not +conspicuously distinguished in German blackletter typefaces, Hecker's +book is not set in such a typeface), "lehhaft" for "lebhaft" on p. +20, and "deselbeu" for "deselben" on p. 75. Otherwise, the spelling, +though not always consistent, seems to employ what were acceptable +variants at the time of writing. + +I have neither corrected Hecker's spelling or attempted to make it +consistent, nor have I made other corrections to the original text. +In particular, I have retained Hecker's idiosyncratic use of the long +dash throughout; sometimes his long dash functions like genuine +punctuation, but oftentimes its purpose is difficult to discern (e.g. +he sometimes uses it at the end of a paragraph after the period). I +have also retained Hecker's idiosyncratic use of doubled double-quotes +for a quotation within a quotation on p. 68. And at the bottom +of p. 31, there is a left-side parenthesis mark without a matching +right-side parenthesis mark. + +Hecker misquotes Aristotle on pages 19 and 52, each time omitting the +connective "kai" from Aristotle's phrase "anôdunon kai ou +phthartikon" (_Poetics_ 1449a). The transliterations in this ebook +are mine; Hecker himself quotes Aristotle in Greek. + +Karl Pfeifer +University of Saskatchewan +<karl.pfeifer@usask.ca> + + +[Page I] + +Die +*Physiologie und Psychologie* +des +*Lachens und des Komischen.* + +Ein Beitrag zur experimentellen Psychologie +für +Naturforscher, Philosophen und gebildete Laien. +Von +*Dr. Ewald Hecker,* +Zweitem Arzt an der Anstalt für Nerven- und Gemütskranke in Görlitz. + +*Berlin,* +Ferd. Dümmlers Verlagsbuchhandlung +Harrwitz & Gossmann. +1873. + +[Page II: blank] + +[Page III] + +Meinem +lieben Freunde und hochverehrten Lehrer +dem +*D^R. KARL KAHLBAUM* +Director der Heil- und Pflegeanstalt für Nerven- und Gemüthskranke in +Görlitz +als ein Zeichen aufrichtigster Dankbarkeit +zugeeignet. + +[Page IV: blank] + +[Page V] + +Wenn ich Dir, lieber Kahlbaum, das vorliegende Büchelchen auf den +Weihnachtstisch lege, so weiss ich freilich, dass ich Dir mit +demselben keine unerwartete Ueberraschung bereite; denn Du hast ja um +das Entstehen des kleinen Werkes gewusst und an ihm von Anfang an den +lebhaftesten Antheil genommen. Doch hoffe ich Dir damit trotzdem eine +kleine Freude zu bereiten. Vor Allem aber möchte ich Dir mit der +Widmung dieses Buches einen geringen Theil des Dankes abtragen, den +ich Dir in so reichem Maasse schulde für das herzliche Interesse, das +Du stets an mir und meiner geistigen Ausbildung genommen, für die +freundliche Theilnahme, die Du meinen Studien geschenkt, für Deine +stete Bereitschaft, auf meine Pläne und Arbeiten einzugehen und mich +dabei mit treuem Rathe zu unterstützen. -- Unter Deiner Leitung bin +ich in einen Beruf voll Ernst und Mühe eingetreten, Du hast in mir +von Anfang an ein wahres wissenschaftliches Interesse für denselben +zu erwecken gewusst und mir in rückhaltslosester Weise die reichen +Schätze Deines Wissens und Deiner Erfahrungen aufgeschlossen. +Vorzüglich bin ich auch dafür dankbar, dass Du mich auf die +Anknüpfungspunkte achten gelehrt hast, die unsere +Specialwissenschaft, die Psychiatrie, mit den anderen Gebieten des +Wissens in Zusammenhang erhalten und mich namentlich auf die +Psychologie als eine mir bis dahin ziemlich fremde, für die +Psychiatrie aber unent- + +[Page VI] + +behrliche Wissenschaft hingewiesen hast. Von Dir werde ich am +wenigsten den Vorwurf zu fürchten haben, dass ich mich mit meiner +vorliegenden Arbeit zu weit von unserem Specialgebiete entfernt habe; +zumal Du weisst, dass dieselbe eigentlich die Frucht meiner +Vorstudien zu einer Psychologie des gesunden und kranken +Gefühlslebens ist. Das vorliegende Thema bot durch die in ihm sich +vollziehende enge Verknüpfung der Physiologie mit der Psychologie den +besten Ausgangspunkt, um das eben erwähnte Gebiet nach der +naturwissenschaftlichen und experimentellen Methode zu durchforschen. +Wenn meine Arbeit, wie ich hoffe, nicht ganz erfolglos gewesen ist, +so scheint mir das hauptsächlich für die Richtigkeit der +eingeschlagenen Methode zu sprechen. Schon Wundt hat in seinen +„Beiträgen zur Theorie der Sinneswahrnehmungen" [1] der ausgedehnten +Anwendung des Experiments in der Psychologie lebhaft das Wort geredet +und ich verdanke dem eben erwähnten Buche eine nicht unerhebliche +Förderung und Klärung meiner Ideen. Als ferneres Hilfsmittel, um die +Psychologie mit Erfolg weiter auszubauen, betrachtet Wundt die +Erweiterung der bisherigen Beobachtungsmethoden durch Heranziehung +der Statistik, der Entwicklungsgeschichte der Seele und der +vergleichenden Psychologie, welch letztere Wissenschaft zum Theil in +Gestalt der Völkerpsychologie vor Allem durch die unermüdlichen und +gründlichen Forschungen von Lazarus und Steinthal [2] für die +allgemeine Psychologie schon von grösster Bedeutung geworden ist. -- +Durch Dich habe ich endlich den hohen Werth der Psychiatrie als +Hilfswissenschaft der Psychologie schätzen gelernt. Sowie die +krankhaften Erscheinungen an den körperlichen Organen oft einem +exacten physiologischen Experimente gleichkommen, durch welches der +Physiologe über bis dahin unentschiedene Fragen genauen Aufschluss +erhält, so kann uns auch eine krankhafte + +[1] Leipzig u. Heidelberg 1862. +[2] Zeitschr. f. Völkerpsychologie u. Sprachwissenschaft. Berlin +1859-72. + +[Page VII] + +Störung des geistigen Lebens nicht selten als ein Experiment gelten, +bei welchem die Einzel-Factoren des geistigen Mechanismus durch ihren +Ausfall oder durch abnorme Steigerung um so deutlicher zur +Beobachtung kommen können. -- + +Deine Arbeiten über die Hallucinationen und über die Ideenflucht sind +mir in dieser Beziehung als mustergültig erschienen und ich bedaure +nur, dass sie in einem Fachjournal gleichsam untergegangen, zum +grossen Theil aber noch nicht einmal veröffentlicht sind. + +Die Psychologie ist Gemeingut so vieler Wissenschaften, dass, wo es +irgend angeht, ihre Forschungen in einer jedem Gebildeten +verständlichen Sprache niedergelegt werden sollten. Darum habe ich +mich auch bestrebt, die vorliegende Abhandlung unbeschadet ihres +wissenschaftlichen Inhalts in eine allgemein verständliche Form zu +kleiden. Wie oft mein Können hinter dem Wollen zurückgeblieben, weiss +ich freilich am besten und muss Dich um Deine Nachsicht bitten. Was +den Inhalt anbetrifft, so habe ich mit Lust und Eifer gestrebt, die +Wahrheit zu finden und muss es getrost dem Urtheil sachverständiger +Kritiker überlassen, zu entscheiden, ob und in wie weit mir dies +gelungen. Möchte vor Allen Dir das Buch einige Freude machen! Das ist +mein aufrichtigster Wunsch. + +_Görlitz_ im December 1872. + +*E. H.* + +[Page VIII: blank] + +[Page IX] + +*Inhalts-Uebersicht.* + + +*Einleitung.* + +Die Zweckmässigkeit der Reflexbewegungen, in specie der Reflexkrämpfe +des Hustens und Niesens. Frage nach dem Zweck des Lachens, (Weinens +und Gähnens), welche Reflexbewegungen sowohl nach Reizung sensibler +Nerven als auch nach psychischen Reizen auftreten. -- Aussicht, durch +Lösung dieser Frage für die entsprechenden psychischen Prozesse eine +physiologische Grundlage zu gewinnen. -- Das Lachen eine Folge des +Kitzels und Folge der Einwirkung des Komischen . . . . S. 1-6. + +*A. Physiologischer Theil.* + +a. _Der Kitzel_, ein intermittirender Hautreiz. Wirkung desselben auf +die Blutgefässe, -- durch Experiment veranschaulicht. -- Schwankungen +des Blutdrucks im Gehirn. -- Beseitigung der hieraus drohenden +Gefahren durch die rhythmischen Ausathmungsbewegungen des Lachens S. +6-16. + +b. _Das Komische_. -- Wirkung auf die Gefässe. -- Experiment. -- +Theorie des Lachens von Harless. Mimik des Lachenden . . . S. 16- 18. + +*B. Die Psychologie des Komischen.* + +Historische Einleitung. -- Auffinden zweier Factoren im Komischen, +eines angenehm und eines unangenehm wirkenden. -- Unterschied +zwischen Gefühl und Empfindung. -- Entstehung der angenehmen und +unangenehmen Gefühle. -- Anwendung des Gefundenen auf die durch das +Komische erzeugten Doppelgefühle. -- Vorläufige Beispiele. -- +Eintheilung in 4 Hauptformen . . . . . . . . . . . . S. 19-40. + +I. _Das einfach Komische_. + 1) Das niedrig Komische. 2) Das Pseudonaive. 3) Das Naive. -- +Anhang: Der Humor . . . . . . . . . . . . . S. 40-50 + +[Page X] + +II. _Das Komische mit zwei vereinbaren Vorstellungen_. + Die gerechte Schadenfreude. . . . . . . . . . . S. 50-53. + +III. _Das Komische mit zwei unvereinbaren Vorstellungen_. + 1) Das Komische der getäuschten Erwartung. 2) Der komische +Anachronismus. 3) Das Burleske und Heroisch-Komische . S. 53-56. + +IV. _Das Komische mit dem Wettstreit der Vorstellung_ oder der +*Witz.* + 1) Der Associationswitz. + a) Aehnlichkeitswitz (Klangwitz, Carricatur). b) Gleichheits- +und Successions-Witz. + 2) Doppelsinnwitz. + a) Das homonyme Wortspiel. b) Das limitirende Wortspiel. c) +Der Witz aus doppelsinniger Construction. d) Der Doppeldeutungs-Witz. +e) Die Ironie. f) Der Vexir-Witz . . S. 56-75. + +Rückblick auf das ganze Gebiet des Komischen. -- Die Pointe. -- +Gleichzeitigkeit und gleiche Stärke des angenehmen und unangenehmen +Gefühls im Komischen. -- Uebertragung des dem Wettstreit der +Sehfelder zu Grunde liegenden allgemeinen Gesetzes auf das Komische. +Danach das Komische aufzufassen als ein beschleunigter Wettstreit der +Gefühle, ein Hin- und Herschwanken zwischen Lust und Unlust. -- +Physiologische Wirkung. -- Uebereinstimmung der Resultate S. 75-83. + +[Page 1] + +*Einleitung.* + + +Es ist eine allgemein bekannte Erfahrung, dass ein grosser Theil +unserer Bewegungen ganz ohne Einfluss des Willens von Statten geht. +Die dabei thätigen Muskeln sind entweder solche, die überhaupt nur +unwillkürlich wirken -- wie die Muskeln des Herzens, des Magens, +Darms, der Blutgefässe u. s. w. -- oder solche, die nur unter +bestimmten Umständen sich der Herrschaft unseres Willens entziehen, +dem sie sonst zu gehorchen gewohnt sind. + +Wider unseren Willen, ja oft ohne unser Wissen, treten in den +verschiedensten Muskelgruppen unwillkürliche geordnete Bewegungen +ein, die wir in den meisten Fällen nicht einmal zu hemmen im Stande +sind. Wenn wir uns den Finger unversehens stechen, so ziehen wir +schnell die Hand zurück, noch ehe unser Wille dazu das Gebot erliess; +wenn wir einen Bissen tief in den Schlund hinabschieben, so tritt +eine unwillkürliche Schluckbewegung ein; wenn wir den Gaumenbogen und +das Zäpfchen kitzeln, werden wir zu Brechbewegungen gezwungen; wenn +ein fremder Körper in unsere Nase eindringt, oder wir die Schleimhaut +derselben mit einem Federbart reizen, so erfolgt eine gewaltsame +Krampfbewegung bestimmter Athmungsmuskeln, die wir das Niesen nennen +u. s. w. + +Da wir nun wissen, dass in unserem Organismus keine Bewegung zu +Stande kommen kann ohne eine Erregung der den Muskel versorgenden +Bewegungsnerven, und es ferner ersichtlich ist, dass diese +Nervenerregung stets eine bestimmte Ursache, einen Ausgangspunkt +haben muss, so erscheint die Frage nach der Quelle der eben +mitgetheilten Bewegungen wohl gerechtfertigt. Während sonst der Wille +vom Gehirn aus die zu den verschiedenen Muskeln tretenden +Bewegungsnerven innervirt + +[Page 2] + +(anregt), sehen wir hier ohne diesen gewöhnlichen Reiz eine +Muskelaction zu Stande kommen. Welcher andere Reiz also ist es, der +unseren Willen die Herrschaft über die Muskeln streitig zu machen +sucht? + +Wenn wir die Reihe der oben angeführten Beispiele, die wir leicht +noch bedeutend vermehren könnten, betrachten, so sehen wir, dass der +Bewegung jedesmal eine Reizung bestimmter Empfindungsnerven +vorausging, im ersten Fall: der Stich in den Finger, im zweiten Fall: +die Berührung des Schlundes u. s. w. Bei der Unabänderlichkeit dieses +Verhältnisses war der Schluss nahe gelegt, dass die nachfolgende +Bewegung zur vorausgegangenen Empfindung in ursächlicher Beziehung +stehe, und in der That hat denn auch eine grosse Zahl sehr exacter +Untersuchungen die Erklärung dieses eigenthümlichen Verhältnisses +ergeben. + +Der Reiz nämlich, der den Empfindungsnerven getroffen hat und von der +Peripherie aus seinen gewöhnlichen Weg nach dem Nerven-Centrum +(durchs Rückenmark nach dem Gehirn) nimmt, springt, noch ehe er sein +letztes Ziel erreicht hat, und auf diese Weise uns zum Bewusstsein +kam, innerhalb des Rückenmarks durch Vermittlung verbindender +Ganglien- oder Nervenzellen auf einen Bewegungsnerven über. Dieses +„Sichumsetzen" (Zurückstrahlen) einer Empfindung in Bewegung nennt +man _Reflex_ und daher die Reihe der geschilderten Bewegungen +_Reflexbewegungen_. + +In der Regel geht nun aber nicht der ganze Reiz vom Empfindungs- auf +den Bewegungsnerven über, sondern ein Theil desselben setzt seinen +Weg nach dem Gehirn weiter fort und wird als Empfindung dem +Bewusstsein übermittelt. Wird jedoch diesem Nebenstrom nach dem +Gehirn (ins Bewusstsein) durch bestimmte Bedingungen der Weg +vertreten, so wird dann der ganze Empfindungsstrom auf den +Bewegungsnerven reflectirt, und es kommen die Reflexbewegungen um so +leichter und lebhafter zu Stande. Beim Menschen sind diese +Bedingungen vorhanden, wenn die Aufmerksamkeit sehr lebhaft auf einen +ganz andern Punkt gelenkt, wenn während Schlaf und Ohnmacht das +Bewusstsein unzugänglich, oder endlich wegen krankhafter Störungen im +oberen Theil des Rückenmarks die Leitung nach dem Gehirn erschwert +ist. Am einfachsten und besten kann man + +[Page 3] + +diese Verhältnisse an Thieren künstlich erzeugen, indem man ihnen +durch Abschneiden des Kopfes das Gehirn völlig nimmt, was namentlich +bei Fröschen am leichtesten ausführbar ist. + +Beim näheren Studium der Reflexbewegungen drängt sich besonders eine +interessante Thatsache unserer Beobachtung auf: dass sich nämlich +fast alle diese Bewegungen durch eine wunderbare Zweckmässigkeit +auszeichnen, indem sie zu dem veranlassenden Reize in bestimmte, +scheinbar vernünftige und überlegte Beziehungen treten, während ja +doch thatsächlich gerade Ueberlegung und Wille bei ihnen +ausgeschlossen sind. Die Reflexbewegung hat entweder die Entfernung +des verletzten Körpertheiles aus dem Bereich der Schädlichkeit oder +die Entfernung des reizenden Objectes von unserem Körper zum Zwecke. +Durch das Fortziehen der Hand entgehen wir der stechenden Nadel, +durch das Niesen entfernen wir den prickelnden Körper aus der Nase u. +s. w. Vorzüglich aber war am enthaupteten Frosch, an welchem nach dem +oben Gesagten die Reflexbewegungen viel leichter und vollständiger zu +Stande kommen, als bei Erhaltung des Gehirns, die Zweckmässigkeit +seiner Bewegungen so auffallend und frappant, dass sich unter den +Physiologen ein Streit darüber entspinnen konnte, ob nur das Gehirn +und nicht auch das Rückenmark des Frosches mit einer Seele begabt +sei. Namentlich neigte sich Professor Pflueger, der sich um das +Studium der Reflexbewegungen sehr verdient gemacht hat, der Ansicht +von der Seele im Rückenmark zu; während Professor Goltz, dem wir +nicht minder werthvolle Entdeckungen auf diesem Gebiet verdanken, +sein entschiedener Gegner Wurde. + +Ich glaube, dass Goltz mit der Zurückweisung der Rückenmarksseele +völlig im Rechte ist, wenn es sich auch nicht leugnen lässt, dass die +Abwehrbewegungen des enthaupteten Frosches ganz täuschend dem Product +einer vernünftigen Ueberlegung gleichen; denn dieselben sind nicht +allein dem Orte, sondern auch der Form der Reizung angepasst: Kneife +ich den des Grosshirns beraubten Frosch mit einer Pincette, so +schlägt er mit der entsprechenden Pfote das Instrument zur Seite; +bestreiche ich seine Haut mit Essigsäure, so macht der Frosch alsbald +Wischbewegungen u. s. w. und wenn schliesslich alle diese + +[Page 4] + +Anstrengungen ohne Erfolg bleiben und der Reiz noch stärker ausgeübt +wird, kriecht oder springt das Thier davon. Aber noch mehr! nimmt man +dem Frosche durch Amputation des betreffenden der gereizten +Körperseite entsprechenden Beines oder dadurch, dass man dasselbe an +den Leib festnäht, die Möglichkeit, mit diesem die zuächst versuchten +Bewegungen auszuführen, so sehen wir, wie das Thier nach einigen +fruchtlosen Bemühungen das andere Bein zur Hülfe nimmt. + +Ich kann mich leider hier nicht weiter auf diese interessanten und +vielfach complicirten Experimente einlassen und will nur noch +anführen, dass Goltz [1] diese letztgeschilderten modificirbaren +Bewegungen (als sogenannte Antwortsbewegungen) von den stets in +derselben Form verlaufenden einfachen _Reflex_bewegungen +unterscheidet. Zu diesen letzteren, die uns hier vorzugsweise +interessiren und für welche auch die oben angeführten Beispiele +gelten, gehört namentlich eine Zahl von krampfartigen Bewegungen, +sog. _Reflexkrämpfe_, die als Husten, Niesen, Lachen, Weinen (d. h. +Schreien und Schluchzen) und Gähnen allgemein bekannt sind. Es liegt +nahe, auch von diesen Bewegungen anzunehmen, dass sie einen +bestimmten, vernünftigen Zweck verfolgen, und so haben wir ja auch in +der That die Zweckmässigkeit des Niesens schon anerkennen müssen, +indem wir beobachteten, dass der durch die Nase getriebene heftige +Luftstrom offenbar die Aufgabe erfüllt, den die Schleimhaut reizenden +Körper hinauszuschleudern. Ganz ebenso sehen wir beim Husten durch +die gewaltsamen krampfartigen Athemstösse die Ausstossung von Schleim +und Staubpartikelchen aus der Luftröhre erfolgen. -- Es werden diese +Bewegungen nicht durch unseren Willen hervorgerufen (wenn derselbe +auch einen gewissen Einfluss auf sie ausüben kann), sie sind auch +ferner im Gegensatz zu den sog. „Antwortsbewegungen" (s. o.) nicht +modificirbar und verrathen ihr von der Ueberlegung unabhängiges +Auftreten z. B. dadurch, dass wir auch niesen, wenn ein Federbart +unsere Nase kitzelt, obschon doch voraussichtlich der Luftstrom beim +Niesen nicht Kraft genug haben würde, + +[1] Beiträge zur Lehre von den Functionen der Nervencentren des +Frosches. Berlin 1869. + +[Page 5] + +ihn zu entfernen. Ebenso husten wir auch, wenn entzündliche oder +sonstige Neubildungen in der Schleimhaut der Luftröhre selbst +entstanden sind, welche durch die Hustenstösse nicht entfernt werden +können. Es beruhen die Reflexkrämpfe also so zu sagen auf einem +blindwirkenden Mechanismus, der durch die Organisation unseres +Nervensystems vorgebildet und wie Lotze [1] richtig bemerkt, so +einfach und zweckmässig ersonnen ist, dass der Mensch mit all seinem +Nachdenken ihn nicht erfinden würde: „Man frage Jemand, wie er es +anfangen würde, sagt Lotze, um einen fremden Körper aus der Luftröhre +zu entfernen? Er wird wahrscheinlich eher auf _Tracheotomie_ +(Eröffnung der Luftröhre) rathen, als auf Husten." Die Natur sei +daher, fährt er fort, mit Recht misstrauisch gegen unseren +Erfindungsgeist gewesen und habe die Vertheidigung unserer Gesundheit +lieber dem Mechanismus als der Ueberlegung anvertraut. Wie wenig +Antheil unsere Seele an der zweckmässigen Einrichtung jener +Bewegungen habe, sehe man daraus, _dass wir dieselben oft gar nicht +begreifen, nachdem sie da sind_ (noch weniger natürlich sie erfinden +würden). + +Dieser Ausspruch Lotze's veranlasste mich zu der Frage, ob wir denn +wirklich nicht im Stande sind, auch die übrigen der oben genannten +Reflexkrämpfe zu verstehen und in Bezug auf ihre Zweckmässigkeit in +ähnlicher Weise wie das Niesen und Husten zu erklären? Die Literatur +gab in der That nur wenig Ausbeute. Nur ein -- nach meinem Urtheil +jedoch nicht gelungener Versuch von Harless [2] liegt vor, auf den +ich später zurückkommen werde. -- Es liegt auf der Hand, dass eine +richtige Beantwortung und Lösung dieser Frage zunächst von grösstem +physiologischen Interesse sein muss. Das Interesse wird aber noch +ungemein gesteigert durch folgende Ueberlegung. Die angeführten +respiratorischen Reflexkrämpfe des Lachens, Weinens (in seinen beiden +Phasen als Heulen resp. Schreien und Schluchzen), sowie des Gähnens +werden nicht allein durch gewisse Einwirkungen auf bestimmte, +sensible Nerven, sondern auch + +[1] Wagner's Handwörterbuch der Physiol. Bd. II. p. 195. +[2] Wagner's Handwörterbuch der Physiol. Bd. III. p. 585 Artikel +Temperament. + +[Page 6] + +durch gewisse psychische Zustände ausgelöst. Gelingt es nun, den +Zweck (und organischen resp. mechanischen Effect) jener Bewegungen, +sofern sie nach bekannter und experimentell zugänglicher Reizung +sensibler Nerven entstehen, ausfindig zu machen, so muss damit +unbedingt ein höchst interessantes Streiflicht auf die psychischen +Zustände fallen, welche dieselben Krampfbewegungen veranlassen. Es +muss sich zwischen der peripheren Nervenerregung mit ihrer Wirkung +und dem Affect eine Parallele ziehen lassen, durch welche wir in dem +sonst so dunklen Gebiet der Psychologie eine materielle Grundlage +gewinnen könnten. + +Von diesem Gedanken ausgehend suchte ich in unsere Frage einzudringen +und war selbst überrascht durch die unerwarteten Resultate, die sich +mir ergaben, indem sich die oben angedeutete Parallele in eine +völlige, bis in's Kleinste gehende Uebereinstimmung verwandelte. -- +Es zeigte sich, dass das Lachen in Folge des Kitzels einerseits, weit +entfernt etwas Zufälliges oder „angewöhnt Willkürliches" [1] zu sein, +vielmehr auf einer weisen Vorsorge der Natur beruhend, bestimmte +materielle Aufgaben erfülle, andererseits aber auch das Lachen über +komische Vorstellungen mit derselben Nothwendigkeit eintreten müsse, +indem das Komische bei seiner Einwirkung auf unser Gemüth +(physiologisch nachweisbar) dieselben organischen Veränderungen +hervorruft, wie der Kitzel. Ganz Aehnliches gilt vom Weinen (resp. +Schreien), sofern es durch körperlichen Schmerz und psychische +Rührung, vom Gähnen, sofern es durch körperliche Abspannung und +Langeweile entsteht. -- Die Methode der Untersuchung, die zu diesen +Resultaten führte, ist eine durchaus einfache, wie sich aus der +folgenden Darstellung ergiebt, in der wir uns zunächst nur mit dem +Lachen beschäftigen wollen. + +[1] Harless l. c. p. 571. + +[Page 7] + +*A. Physiologischer Theil.* + + +*a. Der Kitzel.* + +_Das Lachen_ aus körperlichen Ursachen wird durch den Kitzel +hervorgerufen. Der Kitzel besteht, wie eine einfache Beobachtung +ergiebt, aus einer Reihe schnell aufeinander folgender, oft +wiederholter, _ganz leiser_ Reizungen der Hautnerven. + +Nach Schiffs [1] Angabe scheint die beständige Schwankung in der +Intensität des Reizes resp. die Intermission das Wesentliche zu sein. +Denn man erhält nach ihm die eigenthümliche Kitzelwirkung auch dann, +wenn man einen Menschen in schneller Folge an immer anderen +Hautstellen mit den Fingerspitzen ziemlich stark stösst. Soll es nun +unsere Aufgabe sein, die Zweckmässigkeit der durch diese Reizung +reflectorisch ausgelösten Lachbewegung nachzuweisen, so müssen wir +zunächst bei einem Vergleiche dieser letzteren mit den Reflexkrämpfen +des Hustens und Niesens hervorheben, dass eine directe Entfernung des +reizenden Objectes, wie es z. B. beim Niesen geschieht, durch das +Lachen nicht erzielt wird. Es wird diesem Zwecke durch andere +reflectorische Bewegungen genügt, in Folge derer wir zunächst +bestrebt sind, den gekitzelten Körpertheil dem Reize zu entziehen. + +Wir müssen daher die Wirksamkeit des Lachens nach einer anderen +Richtung hin vermuthen. Es liegt dabei die Annahme nahe, dass diese +Krampfbewegung nicht direct mit dem Kitzel selbst, sondern erst +indirect mit einer durch den Kitzel hervor- + +[1] Lehrbuch der Muskel- und Nerven-Physiologie. Lahr 1858-59 p. 225. + +[Page 8] + +gerufenen Veränderung im Organismus zusammenhänge. Deshalb erscheint +es nothwendig, zuvor die Frage zu erörtern, _welche Einwirkungen ein +Hautreiz, wie ihn der Kitzel darstellt, auf unsern Organismus +ausübt_. + +Hierbei geben uns zunächst die sehr schätzenswerthen experimentellen +Untersuchungen von Dr. Oswald Naumann einen Fingerzeig, welcher, um +die Wirkung der Hautreizmittel kennen zu lernen, eine Reihe exacter +Versuche angestellt hat, die namentlich darauf ausgingen, den +Einfluss der Hautreize auf die Circulation festzustellen [1]. Er +richtete einen Frosch, den er durch Trennung der Wirbelsäule vom Kopf +getödtet hatte, derartig für das Mikroskop vor, dass er den +Blutkreislauf im Mesenterium (dem Dünndarmgekröse -- einer feinen +Haut, die den Darm überkleidet) gut beobachten konnte, unterband, um +bei den folgenden Versuchen jede directe Einwirkung auf das +Gefässsystem unmöglich zu machen, die Gefässe des einen Oberschenkels +und durchschnitt sodann unterhalb der Unterbindungsstelle alle Theile +dieses Schenkels, mit Ausnahme des Nervus ischiadicus (des Hüftnerven +-- der in seinen feinsten Endverzweigungen u. A. auch die Fusssohle +mit Tastnerven versieht), so dass der Thierkörper nur noch durch +letzteren mit dem Schenkel in Verbindung blieb. Reizte er nun die +Ausbreitungen des Hüftnerven (die Fusssohle) vermittelst des +galvanischen sog. Faradayschen Pinsels _mit einem im Verhältniss zur +Reizbarkeit des Thieres schwachen elektrischen Reiz_, so konnte er +unter dem Mikroskop eine entschiedene Beschleunigung des +Blutkreislaufs in den Gefässen des Mesenteriums, der Lunge und der +Schwimmhaut des unverletzten Froschschenkels, sowie _eine deutliche +Verengerung jener Gefässe_ beobachten. Da diese Erscheinung sich in +den verschiedensten sowohl von einander als auch von der Stelle des +Reizes entfernten Gefässprovinzen nachweisen liess, so kann man wol +mit ziemlicher Sicherheit schliessen, dass durch jenen Hautreiz +überhaupt das ganze Gefässsystem in der gedachten Weise in +Mitleidenschaft gezogen wird. Bei Wiederholungen dieser Versuche an +der Flughaut lebender Fledermäuse und + +[1] Untersuchungen über die physiologischen Wirkungen der +Hautreizmittel. Prager Vierteljahrschrift 1863. I. Bd. p. 1 ff. + +[Page 9] + +endlich vermittelst eines eigens construirten, einfachen +Sphygmographen (Pulsmessers) an der Arteria tibialis postica +(hinteren Schienbeinpulsader) des Menschen konnte N. dieselben +Thatsachen constatiren, die sich in gleicher Weise ergaben, wenn er +statt des galvanischen Pinsels andere _leichte_ Hautreize wie +Senfspiritus _im ersten Stadium der Einwirkung_, Eintauchen in warmes +Wasser etc. anwendete. Immer erhielt er als Resultat eine allgemeine +Verengerung der Blutgefässe. Machen wir uns, ehe wir weiter gehen, +das gewonnene Resultat klar. + +Wir haben in Folge des leisen Reizes sensibler Nerven eine +Verengerung der Blutgefässe an fernliegenden Organen beobachtet, und +es wird diese Erscheinung nach dem Eingangs Gesagten offenbar als +eine Reflexwirkung, d. h. als ein directes „Umsetzen" des +Empfindungsreizes in eine Bewegung aufgefasst werden müssen. Die hier +in Thätigkeit gezogenen Muskeln sind die Ringmuskeln der Gefässe, +welche bei ihrer Zusammenziehung eine Verengerung des Gefässrohres +verursachen und die jene Muskeln versorgenden Nerven, auf welche die +Empfindung reflectirt ist, sind die sog. vasomotorischen Nerven, +welche zum grössten Theil im Grenzstrange des Nervus sympathicus (der +ausserdem namentlich noch die Pupille sowie verschiedene innere +Organe versorgt) verläuft. Wir haben es hier also mit einer +Reflexreizung des Nervus sympathicus zu thun, denn wir beobachten +dieselben Erscheinungen, die wir sonst nach directer Reizung dieses +Nerven auftreten sehen, d. h. zunächst Verengerung der Gefässe, +namentlich der an glatten Muskelfasern reicheren _kleinen_ Arterien. + +Für stärkere Hautreize ist es durch Nothnagels, Heidenhains u. a. +Untersuchungen ebenfalls experimentell nachgewiesen worden, dass sie +eine reflectorische Reizung des Sympathicus und in specie auch eine +Verengung der Gefässe der weichen Hirnhaut zur Folge haben. -- Es +fragt sich aber, ob auch ein so leichter und vorübergehender Hautreiz +wie der Kitzel den Sympathicus reflectorisch erregen kann? Um diese +Frage experimentell zu entscheiden, schienen mir die Versuche an +Thieren weniger geeignet, weil wir bei diesen eine specifische +Wirkung des Kitzels (dem Lachen des Menschen entsprechend) nicht +kennen. Nun bietet sich aber zur Veranschaulichung der + +[Page 10] + +geschehenen Sympathicus-Reizung beim lebenden Menschen ein sehr +bequemes und leicht zugängliches Beobachtungsobject in der Pupille +dar. Ich erwähnte schon oben, dass der Nervus sympathicus ausser der +Gefässmusculatur auch den Erweiterungsmuskel der Pupille versorgt. +Eine Reizung des Sympathicus (gleichviel ob directe oder +reflectorische) hat neben der Verengerung der Gefässe eine +Erweiterung der Pupille zur Folge. Umgekehrt können wir in der Regel +aus einer nach einem bestimmten (wenn nicht gerade nur localen) +Eingriff eintretenden Pupillenerweiterung auf eine geschehene +Sympathicusreizung und damit Hand in Hand gehende Verengerung der +Gefässe zurückschliessen. Um nun also nachzuweisen, dass beim Kitzel +wirklich auch eine Reizung des Nerv. symp. stattfindet, stellte ich +folgendes höchst einfache und leicht von Jedermann zu wiederholende +Experiment an. + +_Man kitzelt mit einem Federbart oder Pinsel die Versuchsperson, +welche mit ihren Augen einen Punkt unveränderlich fixiren muss, an +einer besonders reizbaren Stelle_ (Ohr, Volarseite des Vorderarms +oder Fusssohle) _und beobachtet dabei die Pupillen, nachdem man sich +vorher von der Weite derselben und den oft auch normaler Weise mit +den Phasen der Respiration eintretenden Schwankungen eine Zeitlang +überzeugt hat. Unmittelbar nach erfolgtem Kitzel sieht man eine zwar +geringe, aber ganz deutlich constatirbare schwankende Erweiterung der +Pupillen_. Bei jungen, reizbaren Subjecten gelingt das Experiment +fast immer und versagt nur nach öfterer Wiederholung, wobei aber auch +gleichzeitig nach Angabe der betreffenden Person die Empfindlichkeit +für den Kitzel abgenommen hat. Bei älteren Personen, deren Pupillen +überhaupt träge reagiren, sah ich die Wirkung öfter ausbleiben. + +Wir können aus diesem Experiment also den Schluss ziehen, dass der +Kitzel eine reflectorische Reizung des Sympathicus zur Folge hat und +somit auch die für leichte Hautreize schon von Naumann constatirte +Verengerung der Gefässe nach sich zieht. Entsprechend der dem Kitzel +eigenthümlichen unterbrochenen Reizung sehen wir ein Schwanken in der +Erweiterung der Pupille und dürfen demnach auch eine schwankende +Verengerung der Gefässe erwarten. + +[Page 11] + +Da nun, wie schon gesagt, die oben genannten Veränderungen der +Gefässe sich besonders deutlich an den mit glatten Muskelfasern +reichlicher versehenen kleineren Arterien markiren müssen, so werden +natürlich vor Allem die Organe, die sich besonders durch ihren +grossen Reichthum an kleineren Arterien auszeichnen, vorzüglich davon +betroffen werden -- so _namentlich das Gehirn_. Es ist aber eine +bekannte Thatsache, dass Circulationsveränderungen gerade im Gehirn +unter Umständen von grosser Bedeutung sind, namentlich wenn sie, wie +hier, plötzlich eintreten. Dass dabei die in kurzen Intervallen +wiederholte Reizung und daher entstehende nicht unbeträchtliche +Schwankung (Ab- und Zunahme) im Tonus der Gefässe die daraus etwa +entstehenden Gefahren noch vergrössert, leuchtet ein. Ist es schon an +sich Jedem aus eigner Erfahrung gegenwärtig, dass länger dauerndes +Kitzeln einer besonders empfindlichen Hautstelle keinen +gleichgültigen Eingriff auf das Centralnervensystem ausübt, so dürfte +die Thatsache, dass man zur Zeit der Inquisition Leute zu Tod +gekitzelt hat, unseren Betrachtungen noch mehr Gewicht verleihen. Der +Grund, weshalb gerade das Gehirn durch Druckschwankungen so besonders +gefährdet ist, liegt einerseits in der grosen Zartheit und +Verletzlichkeit dieses edelsten aller Organe, zweitens aber in dem +Umstande, dass das Gehirn, in der völlig abgeschlossenen starren +Schädelkapsel gelegen, nicht wie andere Organe einem vermehrten +Gefässdruck ausweichen kann, sondern durch denselben offenbar eine +Compression seiner Elemente erfahren müsste, während umgekehrt bei +negativen Schwankungen im Gefässsystem eine plötzliche nicht minder +gefährliche Druckentlastung eintreten würde. Die Grösse der hieraus +zu fürchtenden Gefahr kann man am besten daraus ermessen, dass die +Natur bei der Organisation des Gehirns gerade für diesen Fall nicht +durch _eine_, sondern durch eine ganze Reihe von Schutz- und +Sicherheitsmaassregeln Vorsorge getroffen hat. Zunächst ist durch die +grosse Geräumigkeit des Venensystems innerhalb der Schädelhöhle der +Abfluss des Blutes ungemein erleichtert worden, wodurch bei +zunehmendem Blutdruck ein schnellerer Ausgleich ermöglicht wird, +während umgekehrt bei abnehmendem Druck ein Rückstauen des +Venenblutes zur Ausfüllung des Fehlenden leicht zu Stande kommen + +[Page 12] + +kann, weil den Venen innerhalb des Gehirns die sonst in ihnen +vorhandenen Klappen fehlen. Einen weiteren Schutz gewährt die von +Hyrtl [1] besonders beschriebene Gefässverbindung, in Folge deren die +Venen des Gehirns mit denen des Rückenmarks in einem alternirenden +Füllungsverhältniss stehen. Am wichtigsten aber ist das zuerst von +Magendie in seiner Bedeutung gewürdigte eigenthümliche Verhalten des +sog. liquor cerebrospinalis. Diese Flüssigkeit, zwischen den beiden +weichen Häuten (Arachnoidea und Pia mater), welche Gehirn und +Rückenmark umhüllen, eingeschlossen, hat eben den Zweck, bald durch +Zurückweichen in den Arachnoidalsack des Rückenmarks bei gesteigertem +Gefässdruck im Gehirn, bald durch Zuströmen in die Schädelhöhle bei +vermindertem Druck, die drohenden Schwankungen auszugleichen und +dadurch einen wie Magendie sich ausdrückt für die Aufrechterhaltung +der Gehirn- und Rückenmarksfunctionen nothwendigen mittleren +Compressionszustand zu sichern (un certain degré de compression +indispensable à l'accomplissement régulier des fonctions des centres +nerveux). + +Es fragt sich nun, ob die eben genannten Mittel ausreichend sind, um +die Druckschwankungen, denen das Gehirn durch die beim Kitzel +auftretende Veränderung an den Gefässen ausgesetzt ist, zu +compensiren. + +Um diese Frage zu entscheiden, müssen wir noch genauer untersuchen, +wie sich der auf dem Gehirn lastende Druck während der eben +beschriebenen Veränderungen am Circulationsapparat verhält. + +Wir haben es in Folge des Kitzels mit einer Reizung des Sympathicus +zu thun; dieselbe führt, wenn sie einen gewissen Grad erreicht, eine +entschiedene Verengerung der Gefässe herbei; in den geringeren Graden +der Sympathicusreizung aber, wie wir sie bei dem gewöhnlichen leisen +Kitzel annehmen müssen, wird als entschieden wesentlicheres Symptom +neben einer leichten Verengerung der Gefässe, eine vermehrte Spannung +in der Muskulatur der Gefässwand hervortreten. Diese plötzliche +Vermehrung des sog. Gefäss-Tonus muss aber, selbst wenn sie ohne +Verengerung der Gefässe auftreten könnte, an sich eine + +[1] Handbuch der topogr. Anat. Wien 1857. I. p. 97. + +[Page 13] + +bedeutende Einwirkung auf den Compressionszustand des Gehirns +entfalten; denn der Druck, welchen das in den Gefässen fliessende +Blut auf das Gehirn ausübt, ist durchaus nicht gleich der Spannung, +welche das Blut innerhalb des Gefässrohres besitzt. Es wird vielmehr +durch die tonisch gespannte Gefässwand ein bedeutender Theil des +Blutdrucks von der Gehirnmasse abgehalten, gewissermaassen parirt. Je +stärker der Tonus der Gefässwand wird, um so grösser ist die +Druckentlastung, welche die Gehirnmasse erfährt. -- Jene oben +genannten mechanischen Compensationsmittel, welche alle nur auf eine +Vermehrung resp. Verringerung der Blutfülle berechnet sind, würden +allein nicht im Stande sein, die beim Kitzel in Folge des +gesteigerten Gefässtonus herbeigeführten Druckschwankungen +auszugleichen. + +Gegen die von dieser Seite her drohenden Gefahren ist aber ein +anderer besonderer Schutzapparat in Thätigkeit gesetzt, dessen +Wirkung in jeder Beziehung der Leistung jener oben beschriebenen +Mechanismen gleichkommt und mit ihnen in wohlberechtigte Concurrenz +tritt; es ist dies die in verschiedener Richtung hin thätige, +modificirbare Kraft der Respiration. Es ist ja anderweither bekannt, +welch gewaltigen Einfluss die Athmung auf den Blutkreislauf ausübt +und wenn auch bei ruhiger, oberflächlicher Respiration durch die +dabei mitspielenden verwickelten Verhältnisse die verschiedenen +Wirkungen der Aus- und Einathmung auf die Arterien und Venen sich +ziemlich ausgleichen und aufheben, so finden doch bei forçirten +Athmungsbewegungen und _namentlich, wenn die freie Respiration irgend +behindert ist_, sehr wesentliche Veränderungen der +Kreislaufsverhältnisse statt. -- Bei der Einathmung wird durch das +Herabtreten des Zwerchfelles und das Heben der Rippen der Brustraum +erweitert und der Inhalt desselben, d. h. also Lungen, Herz und die +zu und von ihm führenden grossen Gefässe unter einen geringeren Druck +gesetzt. Zur Ausgleichung desselben strömt erstlich die äussere +atmosphärische Luft in die Lungen und dehnt dieselben aus; zweitens +wird aber auch zugleich das Blut von den grossen Gefässen nach dem +Herzen angesogen und dadurch einerseits zwar die Fortbewegung des +Blutes in den Arterien etwas gehemmt, dagegen aber andererseits in +viel höherem Maasse in den Venen (deren viel dünnere Wandungen + +[Page 14] + +der negativen Druckschwankung bedeutend zugänglicher sind) die +normale Blutbewegung nach dem Herzen zu wesentlich begünstigt und +beschleunigt. Bei der Ausathmung aber greifen die umgekehrten +Bedingungen Platz; durch Hinabsinken der Rippen und Hinaufdrängen des +Zwerchfells wird der Brustraum verkleinert und ein beträchtlicher +Druck auf seinen Jnhalt ausgeübt. Deshalb entweicht die Luft aus den +Lungen durch die Luftröhre; gleichzeitig aber wird in Folge derselben +Ursache der Abfluss des Venenblutes, in der Richtung zum Herzen, +wesentlich erschwert, ein Kreislaufhinderniss, das durch die geringe +Begünstigung, welche die Circulation in den Arterien vermittelst +dieses Zuschusses an Druckkraft erfährt, doch nicht ganz ausgeglichen +wird. Namentlich bei sehr heftigen und noch dazu durch vollständigen +oder auch nur theilweisen Verschluss der Stimmritze (wie er z. B. zur +Tonerzeugung beim Lachen nothwendig ist) bedeutend gesteigertem +Exspirationsdruck wird der Rückfluss des Blutes nach dem rechten +Herzen sehr bedeutend gehemmt. Die erste Folge davon ist ein +Zurückstauen des Blutes in die dem Herzen am nächsten gelegenen +Venen, und so sieht man namentlich auch an den grossen +Halsblutleitern (Venae jugulares) eine beträchtliche Ausdehnung und +pralle Spannung. Es ist klar, dass diese Ueberfüllung mit Venenblut +sich auch nach dem Gehirn weiter fortsetzen muss, da ja auch von hier +aus der Abfluss gehindert ist. + +Dadurch wird aber natürlich ein bedeutender Druck auf das Gehirn +ausgeübt, indem das Blut weiterhin auch aus den Gehirnarterien +schwieriger abfliessen kann und gezwungen ist, dieselben auszudehnen. +Durch die directen Versuche von Donders [1] zeigte sich bei +Steigerung des Exspirationsdruckes, dass ein Gehirngefäss von 0,04 +Mill. Durchmesser auf 0,14 und eines von 0,07 auf 0,16 erweitert +wurde. + +Erinnern wir uns nun, dass wir als Wirkung des Kitzels eine +reflectorische Sympathicusreizung mit folgender plötzlicher +Verminderung des auf das Gehirn wirkenden Blutdruckes annehmen +mussten, so werden wir nicht anstehen, in den forcirten + +[1] Vgl. Virchow, Handbuch der speciellen Pathologie und Therapie. +Erlangen 1854. Bd. 1. p. 111. + +[Page 15] + +Ausathmungsbewegungen, die ja, wie wir eben sahen, den Gehirndruck +steigern, ein souveraines Mittel zu erkennen, um den in Folge des +Kitzels drohenden Gefahren entgegenzuwirken. Und in der That sehen +wir, dass die Natur mit selbstwirkendem Mechanismus sich wirklich +dieses Mittels bedient; denn was ist das Lachen anders, als eine +rhythmisch unterbrochene äusserstforcirte, durch die damit verbundene +Tonbildung erschwerte Ausathmung? Wenn wir einen heftig Lachenden +ansehen, so fällt uns ja sofort das blau-geröthete Gesicht und das +starke Hervorquellen der Halsvenen auf, welche die vermehrte +Blutfülle in den venösen Gefässen kennzeichnet, die sich auch nach +dem Gehirn fortpflanzen muss. Wir dürfen somit, das Resultat unserer +Untersuchung zusammenfassend, _das Lachen als eine zweckmässige +Reflexbewegung ansehen, welche die Aufgabe erfüllt, die durch den +Kitzel verursachten negativen Druckschwankungen im Gehirn durch eine +entsprechende Drucksteigerung zu compensiren_. + +Als nicht unwesentliche Stütze für diesen Satz dient das interessante +Zusammenzutreffen der Intermission sowohl des Reizes wie auch der +Exspirationsbewegungen. Sehen wir als wesentliches Charakteristicum +des Kitzels die fortwährende Unterbrechung und Schwankung des +Hautreizes an, so erkennen wir ganz dem entsprechend im Lachen eine +rhythmisch intermittirende Ausathmungsbewegung, und wenn es sich auch +nicht feststellen lässt, dass jedem einzelnen Hautreiz ein einzelner +Exspirationsstoss entspricht, so ist die allgemaine Uebereinstimmung +doch auffällig genug, namentlich wenn wir dieselbe mit den beim +Schreien aus Schmerz stattfindenden Verhältnissen zusammenstellen. -- +Der körperliche Schmerz ensteht durch eine stärkere und in ihren +Wirkungen anhaltendere Reizung sensibler Nerven und ruft nach +Nothnagels und Pflügers Beobachtungen einen anhaltenden Gefässkrampf, +eine starke ununterbrochene Verengerung der Gefässe hervor, die aber +(wie auch Naumanns weitere Versuche beweisen) nach kürzerer oder +längerer Zeit in eine Gefässlähmung und dem entsprechende mehr oder +minder bedeutende Erweiterung der Gefässe übergeht. Dem ersten +Stadium der _ununterbrochenen_ Gefässverengerung entspricht nun das +Schreien als eine _ununterbrochene_ Exspirationsbewegung + +[Page 16] + +mit demselben Zwecke wie das Lachen [1]. Dem zweiten Stadium der +Gefässlähmung, welches also gerade die entgegen gesetzten +Veränderungen des Gehirndruckes d. h. eine Steigerung desselben zur +Folge haben muss, entspricht das zweite Stadium des Weinens, das sog. +Schluchzen, welches als forcirte Inspirationsbewegung nach dem oben +Gesagten den Druck im Gehirn herabsetzt. -- + +*b. Das Komische.* + +Es ist uns also gelungen für das Lachen, insofern es durch den Kitzel +verursacht wird, eine physiologisch-anatomische Begründung +nachzuweisen. Nach dem oben Gesagten haben wir damit zum Mindesten +(wenn eine directe Uebertragung nicht gestattet ist) einen deutlichen +Fingerzeig erhalten, nach welchem Ziele wir bei Untersuchung des +Lachens, sofern es in Folge des Komischen entsteht, zu streben haben. +Es lässt sich von vornherein vermuthen, dass bei Einwirkung des +Komischen dieselben physiologisch-anatomischen Veränderungen +eintreten werden, wie nach dem Kitzel, das heisst eine +intermittirende Contraction der Gehirngefässe als Folge einer +intermittirenden Sympathicusreizung. Das Experiment, das wir zur +Bestätigung der geschehenen Sympathicusreizung beim Kitzel +anstellten, ist beim Komischen aus leicht begreiflichen Gründen +schwer auszuführen. Wenn man Jemandem etwas Komisches erzählt, hält +derselbe doch in der Regel seine Augen nicht auf einen Punkt fixirt +und wir können die Pupillen nicht genau beobachten; andererseits hört +die komische Wirkung meist auf, wenn der Betreffende sich beobachtet +fühlt. Dennoch ist es mir nach vielen vergeblichen Versuchen in +einigen Fällen gelungen, eine genaue Beobachtung zu machen und konnte +ich in der That als Wirkung des Komischen eine deutliche Erweiterung +der Pupillen constatiren. + +Es muss aber möglich sein, noch auf einem andern Wege + +[1] Hieraus erklärt sich u. A. die auffällige Thatsache, dass das +Schreien oder auch Stöhnen (welches ebenfalls ein Exspiriren bei +theilweise geschlossener Stimmritze darstellt) bei körperlichem +Schmerz wirklich eine Erleichterung verschafft. + +[Page 17] + +dasselbe Resultat, wenn es ein wirklich richtiges ist, festzustellen, +nämlich durch eine unbefangene psychologische Betrachtung des +Komischen, durch eine Zerlegung desselben in seine etwaigen einzelnen +Factoren und Untersuchung, welche Wirkung diese auf den Organismus +ausüben. Für die Art und Weise, wie solche Untersuchungen ausgeführt +werden müssen, kann die treffliche Arbeit Dommrichs [1] als Muster +angesehen werden. In Bezug auf das Lachen ist D. freilich zu keinem +Resultat gekommen. Er sagt: „Wie das spielende Vergleichen +contrastirender Vorstellungen nun gerade diese Gruppe motorischer +Nerven auslöst, ist schliesslich ebensowenig zu begreifen, als warum +dies gekitzelte sensible Hautnerven thun." Auch Harless hat sich, wie +schon oben erwähnt, mit dem Lachen aus psychischer Ursache +beschäftigt. Er lässt dasselbe einfach aus dem Lustgefühl hervorgehen +-- was, wie wir später sehen werden, durchaus nicht richtig ist -- +und erklärt den organischen Zusammenhang in folgender Weise: Er sagt: +Das Lustgefühl verlangt oder erleichtert und unterstützt jede +organisch geforderte Bewegung (?); die von der Natur geforderte +active Bewegung ist aber die Einathmung. (?) Es wird also beim +Lustgefühl die Inspiration mit der grössten Leichtigkeit vollzogen, +aber in der Exspiration, weiche eine ruhige Erschlaffung der +Thoraxmuskeln und des Zwerchfelles erheischt, setzt sich die durch +die Inspiration eingeleitete Contraction noch fort und geräth daher +in Conflikt mit der jetzt organisch geforderten Erschlaffung, was +sich in auf und abgehenden Excursionen am Zwerchfell um so leichter +abspiegeln wird, als dieser Muskel bei Weitem die geringsten Massen +und den grössten Spielraum, und an den Bauchmuskeln keine energischen +Antagonisten hat. + +Es ist nicht schwer einzusehen, dass diese Erklärung in keiner Weise +zutrifft. Abgesehen von der mindestens nicht bewiesenen Prämisse, +dass das Lustgefühl jede organisch verlangte Bewegung erleichtert, +und der alleinigen Anwendung dieses Satzes gerade nur auf die +Inspiration, scheint es mir unzweifelhaft, dass wir beim Lachen +gerade keine erleichterte Inspiration, sondern eher eine erschwerte, +beobachten und dass wir + +[1] Die psychischen Zustände, ihre organische Vermittlung etc. Jena +1849. + +[Page 18] + +dasselbe vielmehr als eine gesteigerte, forçirte Ausathmungsbewegung +(durch Contraction der Bauchmuskeln etc. verursacht) ansehen müssen, +die beim starken Lachen sogar bis zum äussersten Punkt geht, bis man +nicht weiter ausathmen kann. Die Inspiration ist wegen des +bedeutenden zeitlichen Ueberwiegens der Exspiration (gerade im +Gegensatz zu Harless' Behauptung) eine sehr hastige, überstürzte und +gerade dieses Moment prägt dem Gesicht des Lachenden den ihm +eigenthümlichen _mimischen Ausdruck_ auf. + +Bei der Hast, mit welcher wegen sofort wieder drohender Exspiration +die Einathmung geschehen muss, werden sämmtliche inspiratorische +Hilfsmuskeln, auch die des Gesichtes, in Thätigkeit gesetzt, ähnlich +wie bei Erstickungszufällen. („Vor Lachen ersticken"). Nicht allein +der Mund steht offen und wird durch die Contraction der MM. +zygomatici, levatores labii superior. propr. etc. möglichst +vergrössert, sondern auch die Nasenflügel sind durch Betheiligung der +MM. levatores alae nasi in ihre inspiratorische Stellung versetzt. Es +ist diese letztere Thatsache von um so grösserer Bedeutung, als, wie +Piderit sehr richtig nachgewiesen hat, der Hauptunterschied zwischen +dem lachenden und weinenden Gesicht gerade darin besteht, dass beim +lachenden die Nasenflügel in die inspiratorische Stellung versetzt, +d. h. gehoben, beim weinenden dagegen durch den depressor alae nasi +herabgezogen sind. + +Wir kehren nach diesen Zwischenbemerkungen zu unserem Hauptthema +zurück und wenden uns, zunächst ganz ohne Rücksicht auf das bisher +Behandelte, zu einer psychologischen Entwicklung des Komischen. + +[Page 19] + +*B. Psychologie des Komischen.* + + +Komisch oder lächerlich nennen wir diejenigen Dinge, Situationen oder +Aeusserungen, welche in uns den Affect des Lachens erregen. Wenn wir +zunächst ein allgemeines Urtheil fällen sollen, so werden wir wol +nicht anstehen, jenen Affect als einen angenehmen zu bezeichnen, und +wir könnten uns daher leicht zu dem weiteren Schlusse versucht +fühlen, dass das Komische selbst sich als etwas _durchaus_ +Angenehmes, unserem Gefühl _durchweg_ Zusagendes charakterisiren +liesse. Dieser Schluss wäre aber ein falscher; denn wenn wir an +Beispielen dem Inhalt des Komischen nachforschen, so springt uns +gerade umgekehrt bei Allem was unser Lachen erregt, zunächst eine +Vorstellung ins Auge, welche etwas _Unangenehmes_, unserem Gefühl +_nicht Zusagendes_ enthält. Schon Aristoteles hat diese Thatsache +richtig erkannt und bezeichnet in der Definition des Komischen, die +er in seinem Buche peri poiêikês [1] mit kurzen Zügen entwirft, +dasselbe als etwas Fehlerhaftes, Hässliches, Ungereimtes (hamartêma +ti kai aischos) mit der Einschränkung, dass es nicht schmerzhaft und +schädlich sein dürfe. (anôdunon ou phthartikon.) Er führt als +Beispiel ein verzogenes und hässliches Gesicht an, das uns dann +lächerlich erscheine, wenn wir darin nicht gleichzeitig den Ausdruck +des Schmerzes bemerken. + +In den meisten späteren Definitionen, deren es eine sehr + +[1] Becker's Ausgabe. Berlin 1833. Peri poiêikês. -- 5. -- + +[Page 20] + +grosse Zahl giebt [1], finden wir diesen Factor, den Aristoteles mit +seinem hamartêma ti kai aischos bezeichnet und in welchem er das +Hässliche in seiner weitesten Bedeutung umfasst, mehr oder weniger +erschöpfend wiedergegeben, indem von dem Einen mehr das sinnlich +Hässliche, von dem Andern das sittlich Hässliche, von einem Dritten +das für den Verstand Ungereimte als eigentlicher Inhalt des +Lächerlichen besonders betont wird. + +So hebt z. B. Kant [2] hervor, dass in Allem, was ein lebhaft +erschütterndes Lachen erregen solle, etwas Widersinniges sein müsse, +woran also der Verstand an sich kein Wohlgefallen finden könne; +alsdann aber fügt er noch einen andern Factor hinzu, den er für den +eigentlich wesentlichen hält, indem er weiter mit gesperrter Schrift +fortfährt: „Das Lachen ist ein Affect der plötzlichen Verwandlung +einer gespannten Erwartung in Nichts". + +Bei alledem drängt sich uns nun aber die Frage auf, wie es denn +zugeht, dass lauter unangenehme Eindrücke, wie das Hässliche, +Widersinnige, eine getäuschte Erwartung u. dgl. doch schliesslich +einen angenehmen, heiteren Affect hervorrufen, als welcher uns der +Affect des Lachens in der That doch erscheint. + +Aristoteles hat diese Frage ganz übergangen, Kant dagegen beschäftigt +sich lebhaft mit ihr. Er gesteht zu, dass diese Verwandlung der +gespannten Erwartung in Nichts für den Verstand durchaus an sich +nicht erfreulich sei; da sie nun aber doch indirect auf einen +Augenblick sehr lehhaft erfreue, so müsse die Ursache in dem +Einflusse der Vorstellung auf den Körper und dessen Wechselwirkung +auf das Gemüth bestehen. Er kommt schliesslich [3] nach ausführlicher +Excursion hierüber zu dem Resultate, dass die angenehme Wirkung des +Lächerlichen auf der für die Gesundheit heilsamen Motion und +verdauungsbefördernden Zwerchfellbewegung beim Lachen beruhe; da „das +Lachen immer Schwingung der Muskeln ist, die zur Verdauung gehören, +welche diese weit besser befördert, als die + +[1] Vergl. M. Schasler, Aesthetik I. Bd. Berlin 1871 der die +wichtigsten Theorien des Komischen anführt und sehr treffend +kritisirt. +[2] Kritik der Urtheilskraft. Sämmtl. Werke. Leipzig 1839. Bd. 7. p. +198. +[3] Vergl. auch Kant's Anthropologie § 77. + +[Page 21] + +Weisheit des Arztes thun würde." -- Kant spricht hier, wie +ersichtlich, nur von dem körperlichen Genuss, den das _Lachen_ +bereitet und nicht von dem geistig Angenehmen, was im Lächerlichen +selbst liegt, während doch offenbar das Komische selbst dann einen +angenehmen Kitzel in uns verursacht, wenn das „lebhaft erschütternde +Lachen" nicht zum Ausbruche kommt. Es muss also im Lächerlichen +selbst oder in seiner directen Einwirkung auf unser Gemüth neben dem +mehr ins Auge fallenden unangenehmen Inhalt noch ein Factor wirksam +sein, aus dem sich die angenehme Wirkung des Lächerlichen erklärt. In +der That ist auch von anderen Autoren vielfach der Versuch gemacht, +diesen Factor neben dem erstgenannten aufzufinden, und zum Belege +dafür, in welcher Weise dies geschehen und wie weit es gelungen ist, +lasse ich noch einige Definitionen des Komischen hier in aller Kürze +folgen, die mir unter den mir bekannt gewordenen, als die +bedeutendsten erschienen sind. + +Ich erwähne zuerst die Theorie des Lächerlichen von Schopenhauer [1]. +Auch er hebt hervor, dass das Lächerliche eine unserem Gefühl +unangenehme Wahrnehmung enthält, nämlich die von der Incongruenz +zwischen einem Begriff und dem durch denselben gedachten Gegenstande. + +Dass diese wahrgenommene Incongruenz uns aber Freude mache, erklärt +Schopenhauer in folgender Weise: „Bei jenem plötzlich hervortretenden +Widerstreit zwischen dem Angeschauten und Gedachten behält das +Angeschaute allemal unzweifelhaft Recht". -- „Dieser Sieg der +anschauenden Erkenntnisse erfreut uns, denn das Anschauen ist die +ursprüngliche, von der thierischen Natur unzertrennliche +Erkenntnissweise, in der sich Alles, was dem Willen unmittelbares +Genügen giebt, darstellt: Es ist das Medium der Gegenwart, des +Genusses und der Fröhlichkeit: auch ist dasselbe mit keiner +Anstrengung verknüpft. -- Vom Denken gilt das Gegentheil; es ist die +zweite Potenz des Erkennens, deren Ausübung stets einige oft +bedeutende Anstrengung erfordert und deren Begriffe es sind, welche +sich oft der Befriedigung unserer unmittelbaren Wünsche entgegen- + +[1] Die Welt als Wille und Vorstellung. Leipzig 1859. (3. Aufl.) Band +I. p. 70 ff. u. Bd. II. p. 99 ff. + +[Page 22] + +stellen, indem sie als Medium der Vergangenheit, der Zukunft und des +Ernstes, den Vehikel unserer Befürchtungen, unserer Reue und aller +unserer Schmerzen abgeben. Diese strenge, unermüdliche, überlästige +Hofmeisterin Vernunft jetzt einmal der Unzulänglichkeit überführt zu +sehen, muss uns daher ergötzlich sein." So viel Richtiges die +Definition von Schopenhauer auch enthält, so kann ich doch seiner +Erklärung von der angenehmen Wirkung des Lächerlichen nicht +beitreten. Vor allen Dingen ist jene Bestimmung zu weit umfassend, da +nach ihr _jeder_ Irrthum lächerlich sein müsste, in welchem die +Anschauung uns belehrt, dass wir etwas Fehlerhaftes gedacht haben; +während doch, wie wir später sehen werden, nur unter gewissen +Bedingungen (nämlich bei Hinzukommen eines angenehmen Factors, der in +dem lächerlichen Dinge selbst liegt) ein solcher Irrthum lächerlich +wird. + +Ganz im Gegensatz zu Schopenhauer stellt Lazarus [1], der an +verschiedenen Stellen seiner geistvollen Arbeit über den Humor sich +über das Komische ausspricht, den Sieg des in uns vorhandenen +Positiven, Vernünftigen, Idealen über das gegebene Negative als den +angenehm wirkenden Factor im Komischen dar, indem er Letzteres +überhaupt dadurch entstehen lässt, dass wir das Mangelhafte sehen, wo +wir das Vollkommene erwarten; während der von Schopenhauer dem +Lächerlichen vindicirte Sieg der gegebenen negativen Vorstellung über +das in uns vorhandene Positive nach Lazarus den Affect des Weinens +hervorruft. Weiter fasst L. das Komische als eine der drei möglichen +Seiten des Contrastes auf, indem er ihm seine Stellung zwischen dem +tragischen und humoristischen Contrast anweist. Der Contrast aber ist +nach ihm ein solcher Gegensatz, bei welchem die Glieder desselben +zugleich einen Punkt oder eine Seite der Vereinigung haben, indem die +dabei wirkenden Vorstellungen einmal wegen ihrer Gleichheit zu einem +einzigen Denkact verschmelzen, während sie nach anderer Richtung hin +wieder ganz und gar geschieden sind. Die Möglichkeit und die +Unmöglichheit der Verschmelzung tritt zu gleicher Zeit ein, + +[1] Das Leben der Seele. Berlin 1856. I. p 179 ff. Der Humor als +psychologisches Phänomen. + +[Page 23] + +daraus entsteht ein Widerstreit nicht blos in den Vorstellungen, +sondern auch im Zustande der Seele, und diesen nennen wir Affect -- +und zwar entsteht der Affect des Lachens durch den Widerstreit +zwischen Schein und Sein. -- Wir werden auf diese z. Th. sehr +treffende Definition später bei Gelegenheit des Witzes noch einmal +zurückkommen. + +Gingen die bisher mitgetheilten Definitionen alle mehr oder weniger +entschieden vom psychologischen Standpunkte aus, so muss ich jetzt +eine andere Auffassungsweise der uns beschäftigenden Frage erwähnen, +nämlich die metaphysisch-ästhetische, als deren eigentlicher +Begründer Jean Paul [1] anzusehen ist. Auch von diesem Standpunkte +aus lässt sich das Vorhandensein zweier Factoren im Komischen +nachweisen, von denen der eine etwas Unangenehmes, der andere etwas +Angenehmes enthält. Jean Paul, der übrigens selbst zum Theil die +psychologische Betrachtungsweise noch festhält, bringt in seiner +Vorschule zur Aesthetik viele geistreiche Bemerkungen und Aperçus +über unseren Gegenstand vor, doch ermangelt seine Darstellung der +wissenschaftlichen Schärfe und Uebersichtlichkeit. Er findet u. A. +das Wesen des Komischen in einem sinnlich angeschauten unendlichen +Unverstand, wobei wir demselben unsere Einsicht und Ansicht leihen; +dadurch aber, dass J. P. das Komische zuerst als das umgekehrt +Erhabene bezeichnet, legte er den Grund zu jener metaphysisch- +ästhetischen Auffassungsweise, die durch Schelling, Hegel, Ruge, +Weisse, u. A. weiter gefördert wurde. Am Eingehendsten behandelt von +diesem Standpunkt aus Fr. Th. Vischer (Tübingen) [2] unser Thema und +liefert eine Fülle wohlgeordneten, schätzbaren Materials. Nach ihm +bildet das Erhabene im Komischen den einen Factor, dem ein zweiter +Factor entgegensteht, der das Erhabene zu Fall bringt. Aus dem kurzen +Abschnitte über den „Subjectiven Eindruck des Erhabenen und +Komischen" entnehmen wir aber, dass das Erhabene als Unlust auf die +Seele des Anschauenden eindringt, während durch die plötzliche +Aufhebung des Erhabenen die + +[1] Sämmtliche Werke, Berlin 1841. 18. Bd. §. 26 ff. +[2] Ueber das Erhabene und Komische. Stuttgart 1837, und Aesthetik +Reutlingen und Leipzig 1846. I. Th. p. 334. ff. + +[Page 24] + +Unlust in Lust verwandelt wird. Beide Factoren, welche Vischer sehr +ausführlich einzeln bespricht, bilden durch ihren plötzlichen +Zusammenstoss das Komische, das je nach der Form des Erhabenen, das +sich in ihm bricht, verschiedene Arten zeigt. + +In allen mitgetheilten Definitionen sehen wir also mehr oder weniger +bestimmt jene beiden Factoren hervorgehoben, von denen der eine +Unlust verursacht, während wir dem zweiten Factor, über den sich die +Autoren hauptsächlich in Differenz befinden, die Erzeugung eines +angenehmen Gefühls zuschreiben müssen. Diese beiden Factoren hat man +aber bisher nicht als gleichwerthige aufgefasst; denn während man das +unangenehme Gefühl ans der Einwirkung erklärt, die der im Komischen +vorhandene Inhalt auf unsere Seele ausübt, suchte man das angenehme +Gefühl aus einem von jenem Inhalt zum grössten Theil unabhängigen +psychischen Processe herzuleiten, so Schopenhauer aus dem Siege des +Anschauens über das Denken, Lazarus aus dem Siege des in uns +vorhandenen Positiven über das gegebene Negative, Vischer endlich aus +der Aufhebung des unangenehmen Gefühls. -- Nur eine, zuerst von +Hobbes ausgesprochene und seitdem vielfach verwerthete (und wohl +indirect auch in der Definition von Lazarus enthaltene) Erklärung, +welche den Grund der Lust beim Lächerlichen in dem Gefühl unserer +Ueberlegenheit über die Schwachheit des Belachten sucht, macht davon +eine Ausnahme, indem sie die Lust aus gleicher Quelle herleitet, wie +die Unlust. Denn während die Schwachheit, Dummheit etc. des Andern +einerseits unser Gefühl beleidigt, ruft sie andererseits dadurch, +dass sie uns unsere Ueberlegenheit zum Bewusstsein bringt, ein +angenehmes Gefühl hervor. Doch gilt diese Erklärung, so richtig nach +meiner Anschauung der Weg ist, den sie einschlägt, nur für eine ganz +beschränkte Form des Lächerlichen. Eine allgemeine Ausdehnung auf das +ganze Gebiet des Komischen hat nur im negativen Sinne Geltung, +insofern eine Verletzung und Erniedrigung unseres Selbstgefühls +selbst durch die Harmonie mit den höchsten Ideen nur sehr selten +aufgewogen wird und dieselbe daher für den komischen Contrast in der +Regel untauglich ist. Es giebt ausser der hier erwähnten noch viele +andere auf demselben Grunde + +[Page 25] + +entspringende Quellen der Lust beim Komischen und es soll in der +folgenden Untersuchung unsere Aufgabe sein, dieselben aufzufinden. +Wir wollen nachweisen, dass die Quellen, aus denen das angenehme +Gefühl beim Komischen entspringt, ebenso zahlreich sind, wie die +Quellen des unangenehmen Gefühls, und dass beide Gefühle aus der +Einwirkung der im Komischen enthaltenen Vorstellungen auf unsere +Seele hervorgehen. + +Ehe wir aber zur Lösung dieser Aufgabe schreiten, ist es nöthig, dass +wir uns über die wichtigsten dem Ganzen zu Grunde liegenden +psychologischen Fragen verständigen und uns namentlich darüber +einigen, was wir unter Gefühlen verstehen wollen, und welche Quellen +wir für dieselben annehmen [1]. Es ist eine genaue Verständigung +hierüber um so unerlässlicher, als mit dem Worte _Gefühl_ die +heterogensten Begriffe bezeichnet werden und namentlich die in der +gewöhnlichen Umgangssprache herrschende Gleichbedeutung der Worte +_Empfindung_ und _Gefühl_ zum Theil auch in die Wissenschaft +eingedrungen ist, und hier die grösste Verwirrung angerichtet hat. + +Nahlowsky, der sich um die Klärung dieser Begriffe das grösste +Verdienst erworben hat, giebt eine ganze Sammlung von Citaten, welche +beweisen, dass selbst Psychologen von Bedeutung die scharfe Trennung +zwischen Gefühl und Empfindung ausser Acht lassend in unlösbare +Widersprüche und auf Abwege gerathen sind. + +Wir nennen mit Nahlowsky alle jene Zustände, die auf der blossen +Perception organischer Reize beruhen (d. h. alle solche, die entweder +durch sensorielle oder sensitive Nerven vermittelt sind) +*Empfindungen;* alle jene Zustände dagegen, die keineswegs +_unmittelbares_ Product von Nervenreizen, sondern vielmehr _Resultat +gleichzeitig im Bewusstsein zusammentreffender Vorstellungen_ sind, +*Gefühle* und zwar beruhen dieselben _auf dem unmittelbaren +Innewerden der Hemmung oder Förderung unter den eben im Bewusstsein +vorhandenen Vorstellungen_. Die Hemmung erzeugt + +[1] Waitz, Lehrbuch der Psychologie Braunschweig 1849. _Nahlowsky das +Gefühlsleben_. Leipzig 1862. Lazarus l. c. I. p. 238. + +[Page 26] + +das Gefühl der Unlust, die Förderung das Gefühl der Lust und zwischen +diesen beiden Polen bewegen sich alle Gefühle, die den Menschen +jemals beherrschen können. + +Die Empfindungen theilen sich in die Aussen- oder Sinnesempfindungen +und die Innen- oder Körperempfindungen. Unter letzteren sind +namentlich die sogenannten Gemeingefühle oder richtiger +Gemein_empfindungen_ für uns wichtig, weil sie, wie schon der (auch +in der Wissenschaft) geläufige Name sagt, fälschlich zu den Gefühlen +gerechnet werden. Es gehören hierher z. B. die Empfindungen +körperlicher Frische oder Mattigkeit, des gehobenen leiblichen Lebens +oder der Abgeschlagenheit, der physischen Gesundheit oder Krankheit +und dgl. + +Während die Empfindungen ursprüngliche Zustände sind, sind die +Gefühle abgeleitete; während erstere die Elemente darstellen, aus +denen die Vorstellungen sich bilden, gehen die Gefühle erst aus den +Vorstellungen hervor. Dadurch stehen aber die Gefühle mit den +Empfindungen in indirecter Verbindung und gerade diese Abhängigkeit +der einen von den andern hat zu der verwirrenden Vermischung beider +Zustände geführt. Die Empfindungen erzeugen Gefühle stets durch +Vermittlung von Vorstellungen, die uns nur mehr oder minder klar zum +Bewusstsein kommen. Meistens werden die Vorstellungen in Folge einer +zwischen bestimmten Empfindungen und bestimmten Vorstellungen früher +zufällig eingegangenen Verbindung geweckt. Wenn wir beim Anblick +eines Kirchhofs in traurige Stimmung gerathen, so geschieht das in +Folge der damit verknüpften Vorstellung vom Tode überhaupt oder +vielleicht vom Tode einer geliebten Person etc. Wenn uns ein heller +Sommertag heiter stimmt, so wirken dabei, wenn auch zum Theil +unbewusst, Vorstellungen mit, die sich auf genossene Sommerfreuden im +Freien beziehen, andrerseits aber spielt dabei auch das grössere +körperliche Wohlsein eine Rolle. Dasselbe führt nämlich durch +leichteres von Stattengehen der Ernährungsvorgänge auch im Gehirn zu +einer schnelleren Verknüpfung der Vorstellungen überhaupt, welche wie +wir gleich sehen werden eine Quelle der angenehmen Gefühle ist. Die +körperliche Schmerzempfindung, namentlich ein dauernder Schmerz oder +ein körperliches Unbehagen bewirkt ein Stocken des Vor- + +[Page 27] + +stellungsverlaufes welches unangenehme Gefühle erregt. Immer also +bilden die Vorstellungen das Mittelglied zwischen Empfindung und +Gefühl. Die weiterfolgenden Auseinandersetzungen werden diesen Satz +noch näher beweisen helfen. + +Wir haben uns hier zunächst ganz im Allgemeinen mit den Gefühlen der +Lust und Unlust zu beschäftigen, und wollen vor Allem ihre Quellen +noch näher erforschen. Wir führten schon oben die Definition von +Nahlowsky (und Waitz) an, welche das angenehme Gefühl aus einer +Förderung, das unangenehme aus einer Hemmung der gerade im +Bewusstsein vorhandenen Vorstellungen erklärt. Es soll unsere Aufgabe +sein, die Begriffe der Förderung und Hemmung noch näher zu +specialisiren, indem wir dabei genetisch verfahren, d. h. die Gefühle +beim Eintritt einer (sei es durch Wahrnehmung uns neu zugeführten, +sei es durch Reproduction über die Schwelle des Bewusstseins +gebrachten) Vorstellung zu erforschen suchen. + +Die Art und Weise, wie die neue Vorstellung sich zu dem schon +vorhandenen Vorstellungscamplex, der unser geistiges Ich bildet, +verhält, wird dabei maassgebend sein. -- Die leichtere oder schwerere +Einverleibung in denselben (Assimilation) bestimmt die Qualität des +dabei entstehenden Gefühls. Es lässt sich in Bezug hierauf folgender +Satz aufstellen, der seinen ausgiebigen Beweis in der ganzen +folgenden Arbeit finden wird: + +_Ein angenehmes Gefühl entsteht dadurch, dass eine neue Vorstellung +schnell und ungestört mit einer andern eben im Bewusstsein +vorhandenen oder einer aus dem gesammten Vorstellungscomplex durch +jene geweckten Vorstellung in Verbindung tritt, und auf diese Weise +leicht assimilirt wird; während ein unangenehmes Gefühl dadurch +entsteht, dass die Assimilation durch irgend welche Umstände eine +Verzögerung erleidet._ + +Um diesen Fundamentalsatz zu beweisen, müssen wir zunächst die +Gesetze, nach denen die Assimilation der Vorstellungen vor sich geht, +kurz erörtern. + +Diese Assimilation, von der wir zu reden haben, ist also derjenige +psychische Vorgang, durch welchen eine neu auftretende + +[Page 28] + +Vorstellung sich mit den schon vorhandenen in bestimmte Beziehungen +setzt, mit denselben die mannigfachsten Verbindungen eingeht und +dadurch unser geistiges Eigenthum, ein integrirender Bestandtheil +unseres geistigen Ich's wird. -- Die Gesetze, nach denen diese +Assimilation vor sich geht, lassen sich am leichtesten aus der +Beobachtung der Reproduction der Vorstellungen herleiten, indem wir, +wie eine kurze Ueberlegung zeigt, die Verbindungen, welche eine +Vorstellung bei ihrer Assimilation eingegangen ist, am besten +nachträglich daraus ersehen können, in welchem Zusammenhange mit +anderen Vorstellungen wir sie am leichtesten reproduciren können. Es +ist demnach leicht einzusehen, dass die Gesetze der sogenannten +Ideenassociation ihren eigentlichen Grund in den Vorgängen der +Assimilation zu suchen haben, indem Vorstellungen, die bei ihrer +Aufnahme in irgend einer Weise mit einander in Verbindung standen, +auch für die Folge derart verbunden bleiben, dass sie sich +gegenseitig leicht „wecken". Zunächst werden zwei Wahrnehmungen, die +wir einmal oder öfter in enger Verbindung neben einander oder +zeitlich nach einander gemacht haben, auch in ihren zurückbleibenden +Vorstellungsbildern diesen Zusammenhang behalten und es ergiebt sich +daraus das Gesetz der _Coexistenz_ und das der _Succession_. Die +beiden, nach einem dieser Gesetze verbundenen Vorstellungen, werden +sehr leicht und daher auch mit einer gewissen Befriedigung eine die +andere wecken, so dass, wenn uns eine dieser Vorstellungen etwa durch +die Wahrnehmung dargeboten wird, ihr schnell die andere +gewissermaassen entgegenkommt und auf diese Weise, indem sie die +erstere an sich zieht, deren Verbindung mit dem gesammten +Vorstellungscomplex, d. h. die _Assimilation_ erleichtert. Ebenso +dient die _Aehnlichkeit_ zweier Vorstellungen in einzelnen +wesentlichen oder durch besondere Umstände auffällig gemachten +Eigenschaften dazu, diese Vorstellungen in dauernder Verbindung zu +erhalten und es ergiebt sich daraus einerseits als _dritte Norm der +Ideenassociation die der Aehnlichkeit_, andererseits erklärt sich aus +dem Gesagten die Thatsache, dass eine Vorstellung um so leichter und +schneller assimilirt werden kann, je schneller sie ähnliche +Vorstellungen zu wecken vermag. + +[Page 29] + +Das Herausfinden der Aehnlichkeit ist natürlich von einem Urtheil +abhängig. Je mehr nun aber der Geist sich ausbildet, um so mehr +unterliegt die Aufnahme neuer Vorstellungen auch nach anderen +Richtungen hin einer Beurtheilung, von deren Ausfall dann vornehmlich +die schnellere oder verzögerte Assimilation abhängig ist. Und zwar +stützt sich dieses Urtheil auf gewisse gleichsam abgeschlossene +Ideenkreise, die in uns bei wachsender Geistesreife und +Charakterentwicklung immer umfassender sich herausbilden, immer +bestimmter als ideale Urtheilsmaximen zur Geltung kommen und immer +maassgebender werden. Es sind dies die _logischen und praktischen +Normen_, sowie die _ethischen, ästhetischen und religiösen Ideen_, +welche drei letzteren wir auch unter der Bezeichnung der _ideellen +Normen_ zusammenfassen können, indem wir darunter die Ideen von +Wahrheit, Gerechtigkeit, Güte, Freiheit Sittlichkeit, Schönheit u. +dgl., sowie die Gott-Idee und alles darauf Bezügliche verstehen, +während die logischen und praktischen Normen in den logischen +Begriffen, Urtheilen und Schlüssen, sowie in den Ideen von +Zweckmässigkeit, Nützlichkeit etc. ihren Ausdruck finden. + +_Steht eine Vorstellung oder ein Vorstellungscomplex mit den +logischen und praktischen oder ideellen Normen im Widerspruch, so ist +dadurch die Assimilation erschwert und es entsteht ein unangenehmes +Gefühl; während die Uebereinstimmung mit jenen Normen eine leichte +ungehinderte Assimilation und somit ein angenehmes Gefühl bewirkt._ + +Die logischen, praktischen und ideellen Normen zeigen freilich je +nach der Individualität und Bildung des Einzelnen, sowie der Cultur +des Volkes, dem das Individuum angehört, in ihrer Zahl und namentlich +in ihrem qualitativen Inhalt und ihrer Entwickelungshöhe sehr +bedeutende Verschiedenheiten und von der grösseren oder geringeren +Ausbildung dieser Normen hängt es mit ab, ob ein Vorstellungscomplex, +der mit denselben in Conflict tritt, uns mehr oder minder unangenehm +berührt, oder wie gross im umgekehrten Fall das angenehme Gefühl ist, +das aus der Uebereinstimmung einer gegebenen Vorstellung mit einer +jener Normen entsteht. Im grossen Ganzen + +[Page 30] + +wiegen bei der Mehrzahl der Menschen die praktischen Normen bei +Weitem vor und indem dieselben in ihrer niedrigsten Entwicklungsstufe +nur auf die Person des Empfindenden selbst bezogen werden, +concentriren sie sich im Egoismus, der deshalb bei Ungebildeten fast +ausschliesslich den Maassstab für die Qualität der Gefühle abgiebt. +-- Nur das, was den praktischen Ideen in diesem Sinne entspricht, ist +für den wenig Gebildeten eine Quelle angenehmer, nur das, was ihnen +zuwiderläuft, der Ursprung unangenehmer Gefühle. + +Je höher die Bildung, die wirkliche Herzensbildung, um so mehr treten +die sittlichen und religiösen und weiterhin die ästhetischen Ideen, +sowie gleichzeitig die logischen Normen in den Vordergrund und +spielen bei der Erregung von Gefühlen eine wesentliche Rolle. Während +daher der Ungebildete sich an dem Leiden Anderer weiden und ergötzen +kann, in der Freude über die Verschonung seiner eigenen Person, wird +der Gebildete dabei mit innerem Weh erfüllt, weil die Vorstellung von +dem Leiden überhaupt mit seinen mehr ausgebildeten ethischen und +ästhetischen Ideen in lebhaften Widerspruch tritt. -- Während der +Eine, von materiellem Egoismus befangen, geduldig in schmachvoller +Unterdrückung und Knechtschaft lebt, so lange nur sein Leib und Gut +nicht gefährdet ist, wird der Andere Feinfühlige von Grimm erfüllt, +trotz äusserlich glänzender Lage, bei blossen Vorstellungen, die mit +seiner Freiheits- oder Rechtsidee in Gegensatz treten. + +In den bisher betrachteten Fällen von Aufnahme neuer Vorstellungen +war gewissermaassen vorausgesetzt, dass dieselben ein momentan nicht +in lebhafter Thätigkeit begriffenes Vorstellungsleben antreffen, und +nach den angedeuteten Gesetzen die Vorstellungen, mit denen sie in +Harmonie oder Contrast treten, erst selbst bestimmen, dieselben erst +wecken. Etwas anders gestalten sich nun aber die Verhältnisse, wenn +zur Zeit, wo eine neue Vorstellung in uns erzeugt wird, eine andere +Vorstellung resp. ein Vorstellungskreis das Bewusstsein beherrscht, +uns momentan sehr lebhaft beschäftigt. In diesem Fall wird die +Assimilationsfähigkeit der neuen Vorstellung fast allein davon +bestimmt, ob dieselbe mit jener momentan herrschenden +Vorstellungsreihe übereinstimmt oder nicht, sich + +[Page 31] + +also gerade mit dieser in leichte oder schwere Association setzt. -- +Nach dem Satz von der Enge des Bewusstseins kann nämlich in einem +bestimmten Augenblicke nur eine Vorstellung unser Denken ganz +ausfüllen. Tritt uns eine neue Vorstellung entgegen, so muss sie erst +die augenblicklich im Bewusstsein vorhandene verdrängen, sofern sie +nicht mit ihr in _eine_ Vorstellungsthätigkeit verschmelzen kann. -- +Dies Verdrängen aber, bei vorhandener Disharmonie zwischen den beiden +Vorstellungen wird unter allen Umständen, selbst wenn die neue +Vorstellung etwa mit den logischen oder ideellen Normen harmonirend +uns an sich durchaus angenehm berühren würde, eine Verzögerung der +Assimilation veranlassen und daher zunächst ein unangenehmes Gefühl +hervorrufen, das später freilich, wenn die neue Vorstellung sich nach +Ueberwindung dieser Schwierigkeiten mit dem gesammten +Vorstellungscomplex in die richtigen Beziehungen gesetzt hat, unter +Umständen in ein angenehmes Gefühl übergehen kann. -- Im umgekehrten +Fall dagegen, wenn die beiden Vorstellungen oder Vorstellungsreihen +leicht mit einander in Verbindung treten, und in einen Denkact +verschmelzen können, wird die Assimilation sehr wesentlich gefördert, +da einer ihrer Acte, „das Wecken" der ähnlichen Vorstellung, in +Wegfall kommt. Die Beziehungen zwischen beiden Vorstellungen brauchen +daher in diesem Fall, um schon ein angenehmes Gefühl hervorzurufen, +nur entfernte zu sein, und sich z. B. nur auf ganz äussere +Aehnlichkeit wie Gleichklang der Worte u. dgl. zu beschränken, _wo +sonst die mit der Association verbundene Gefühlserregung zu schwach +zu sein pflegt, um überhaupt noch empfunden zu werden_. + +Wir erklären hieraus z. B. den angenehmen Einfluss, den der Reim auf +unser Gefühl ausübt. Es werden uns bei demselben in den beiden +gereimten Versen zwei Vorstellungsreihen geboten, deren Association +mit einander durch den Gleichklang der letzten Worte ganz erheblich +erleichtert wird und daher ein angenehmes Gefühl hervorruft. Es ist +ja eine bekannte Thatsache, dass gereimte Verse sich leichter +behalten das heisst eben doch leichter assimilirt und reproducirt +werden) als Prosa. Ja schon das blosse Metrum reicht hiezu aus, indem +die _Aehn_- + +[Page 32] + +_lichkeit_ des Sylbenfalls die Assimilation erleichtert. In gleicher +Weise wirkt auch die Uebereinstimmung zweier Vorstellungen nach den +Gesetzen der Coexistenz oder Succession, die allein für sich selten +ein starkes Gefühl zu produciren vermögen, sehr entschieden angenehm. +Zwei Worte, die wir oft hinter einander gehört haben, hören wir für +die Folge auch gern zusammen. Es verursacht für den nach dem +Lutherschen Katechismus Unterrichteten ein gar nicht wegzuleugnendes +angenehmes Gefühl, wenn er die Worte: Augen, Ohren; Vernunft und alle +Sinne; Kleider und Schuhe; Essen und Trinken; Haus und Hof; Weib und +Kind etc. nach alter Katechismusreminiscenz zusammenstellt. -- +Doppelt angenehm wirken die noch dazu durch Alliteration einander +_ähnlichen_ Wortverbindungen, wie: Mann und Maus, Kind und Kegel, +Stock und Stein (auch Haus und Hof gehört hierher), -- die ja auch +das Volk mit einer gewissen Vorliebe gebraucht. Noch lebhafter als +die angenehmen Gefühle bei Uebereinstimmung der neuen +Vorstellungsreihe mit der schon vorhandenen resp. kurz vorher +gegebenen, können unter Umständen die unangenehmen Gefühle bei +mangelnder Harmonie sein. Es gehört hierher namentlich das +unangenehme Gefühl getäuschter Erwartung, bei der eine neue +Vorstellung eine kurz vorher angeregte Vorstellungsrichtung plötzlich +unterbricht. Es ist in diesen Fällen die Assimilation der neuen +Vorstellung unendlich erschwert, selbst dann, wenn diese eine +angenehme ist. Denken wir, es wird uns ein Besuch angemeldet, der uns +übrigens ziemlich gleichgültig lässt, oder gar unangenehm berührt, +auf dessen Eintreten wir aber mit einer gewissen Spannung warten; +statt der angemeldeten Person tritt jedoch ein anderer uns äusserst +lieber Besuch ins Zimmer. Trotz der angenehmeren Situation wird doch +im ersten Augenblick die Empfindung eine peinliche sein -- um +freilich bei dem Einen schneller, bei dem Andern langsamer dem +ungemischten Gefühl der Freude Platz zu machen. Man sagt von +Menschen, bei denen die Assimilationsfähigkeit selbst conträrer +Vorstellungen eine grosse ist, sie können „sich schnell fassen". + +Stellen wir jetzt noch einmal die Ursachen der angenehmen und +unangenehmen Gefühle zusammen, die, wie eben erörtert, + +[Page 33] + +aus der geförderten, respective gehemmten Association und +Assimilation hervorgehen, so erkennen wir: + +A. _Als Quelle angenehmer Gefühle_ + +1) die Harmonie einer Vorstellung mit einer erst zu weckenden nach +den Normen der Gleichzeitigkeit, Reihenfolge und Aehnlichkeit; 2) die +Coincedenz mit den logischen, praktischen und ideellen Normen; 3) die +Uebereinstimmung mit der momentan das Bewusstsein beherrschenden +Vorstellungsreihe. + +B. _Als Quelle unangenehmer Gefühle_ + +die Disharmonie in den genannten drei Punkten. -- + +Versuchen wir jetzt, die hier gewonnenen psychologischen Resultate +zur Theorie des Lächerlichen zu verwerthen. Wir hatten oben für +unsere Untersuchung das Ziel gesteckt, den Nachweis zu liefern, dass +die im komischen Object enthaltenen Vorstellungen durch ihre +Einwirkung auf unsere Seele sowohl die angenehmen wie unangenehmen +Gefühle hervorrufen, welche zusammengenommen das Wesen des Komischen +ausmachen. Wir haben nun gesehen, was wir unter Lust und Unlust +verstehen und wie diese Gefühle zu Stande kommen und wollen jetzt +zunächst die Probe zu machen suchen, ob wir wirklich im Komischen +jene beiden Factoren in obigem Sinne nachweisen können. Sehen wir uns +nach Beispielen um, so finden wir zunächst, dass man das Komische in +eine grössere oder beschränktere Zahl von Hauptgruppen eingetheilt +hat. Schopenhauer kennt nur zwei Hauptformen des Lächerlichen, +nämlich: die sog. Narrheit und den Witz. Vischer dagegen +unterscheidet das objectiv Komische oder die Posse, das subjectiv +Komische oder den Witz, das absolut Komische oder den Humor. In Bezug +auf die ersten beiden Formen stimmt er mit Schopenhauer überein. In +Rücksicht auf die letzte Form bemerke ich dass nach Lazarus, dem ich +mich vollkommen anschliesse, der Humor sich dem Komischen nicht +unterordnet, sondern eine Stelle neben demselben einnimmt, wie wir +später sehen werden. + +[Page 34] + +Wir behalten demnach als die bisher gebräuchlichsten und +anerkennenswerthen Formen nur die Narrheit (oder Posse) und den Witz +übrig. Aus diesen beiden Formen wollen wir nun Beispiele wählen, und +an diesen zunächst unsere obige Behauptung vorläufig zu erweisen +suchen. Es wird dann eine Eintheilung des Komischen folgen, in der +unsere Theorie des Lächerlichen durch weitere Beispiele noch näher +erläutert werden soll. + +In der Form des Komischen, welche Vischer das objectiv Komische +nennt, erwähnt er als Beispiele niedrigsten Grades zunächst die in +der Posse am häufigsten als Gegenstand des Gelächters dienenden +Körpergebrechen. Das Volk lacht da über einen Höcker, einen dicken +Bauch oder über tölpelhafte Ungeschicklichkeit u. dergl. Auf dieses +Lachen findet die schon oben erwähnte Hobbes'sche Erklärung ihre +Anwendung. Uebertragen wir dieselbe in unsere psychologische Form, so +finden wir den Grund dieses Lächerlichen in Folgendem: Die durch den +Anblick eines Buckligen u. dergl. entstandene Vorstellung seiner +Hässlichkeit tritt mit unseren ästhetischen Ideen in Gegensatz und +erzeugt ein unangenehmes Gefühl. Andererseits aber wird dadurch, dass +sich _dieselbe Vorstellung_ mit der auf unser eigenes Selbst +bezüglichen niedrigsten Entwickelungsstufe der ethischen und +praktischen Normen in Beziehung setzt und mit diesen übereinstimmt, +das angenehme Gefühl der Verschonung der eigenen Person, des +„Sichbesserdünkens" erregt. -- + +Also Unlust und Lust gehen beide aus den verschiedenen Beziehungen +hervor, in welche diese _eine_ Vorstellung des Hässlichen einerseits +zu unseren ästhetischen Ideen, andererseits zu unseren mangelhaft +entwickelten ethischen und praktischen Normen tritt. -- Keineswegs +aber spielt, wie wir schon sagten, das Gefühl der Ueberlegenheit bei +allen Arten des Komischen dieselbe Rolle; Ja, wir können sogar über +die nämlichen eben angeführten Körpergebrechen und Schönheitsfehler +in ganz anderm Sinne lachen, indem das angenehme Gefühl sich aus +einer von der vorigen vollständig verschiedenen Quelle herleitet. -- +Wenn wir als gebildete Menschen den dicken Hans Fallstuff, ganz +abgesehen von seinem trefflichen Witz und Humor, bloss seiner + +[Page 35] + +unförmigen Erscheinung wegen belachen, so spielt gewiss das Gefühl +unserer Ueberlegenheit dabei nur eine verschwindend kleine Rolle; +dagegen tritt hier zur Erzeugung des angenehmen Gefühls ein ganz +anderes Moment in Wirksamkeit. Ausser der Vorstellung der +Hässlichkeit wird uns nämlich durch die Erscheinung unseres Helden +die durch sein Reden und Thun bestätigte Vorstellung von seiner +maasslosen Schlemmerei und Völlerei aufgedrungen. Diese seine +Untugenden beleidigen ebenfalls unser Gefühl, andererseits treten nun +diese beiden Vorstellungen, d. h. die von seiner unnatürlichen und +ihm selbst höchst lästigen Körperfülle und die von seiner Völlerei in +eine leichte Verbindung, indem der zwischen beiden sich herstellende +ursächliche Zusammenhang unserer Gerechtigkeitsidee entspricht. Wir +sehen seine Dicke als die gerechte Strafe für seine Unmässigkeit an, +daraus aber erzeugt sich ein angenehmes Gefühl. -- + +Spielt in den eben angeführten Beispielen zur Erzeugung der Gefühle +die Harmonie resp. Disharmonie mit den ideellen Normen eine Rolle, so +sehen wir im folgenden Beispiele die Normen der Ideenassociation sich +betheiligen. Bei den uns lächerlich erscheinenden Anachronismen, wo +wir z. B. auf einem Bilde Kanonen vor Troja erblicken, entsteht das +unangenehme Gefühl durch die nach der Norm der Gleichzeitigkeit uns +unmöglich gemachte Vereinigung der beiden uns dargebotenen +Vorstellungen (Troja und Kanonen). Das angenehme Gefühl dagegen geht +wieder aus der Beziehung jener Vorstellungen zu unserem Selbstgefühl +hervor. Unser Besserwissen Macht uns Freude. -- + +Wir haben also durch die bisherigen Beispiele vorläufig bestätigt +gefunden, dass im Komischen, wenigstens in der ersten Form desselben +(der sog. Narrheit oder Posse), ein Inhalt steckt, der nach dem oben +ausführlich abgeleiteten Gesetz einerseits ein angenehmes, +andererseits ein unangenehmes Gefühl verursacht. Dass auch in allen +nur denkbaren Beispielen des Komischen dasselbe Gesetz sich +bestätigt, werden wir bald sehen, wenn wir die einzelnen Formen +ableiten. Wir haben jetzt weiter nachzuweisen, dass auch für den Witz +das oben Gesagte Geltung hat. Ich bringe zuerst ein Beispiel von der + +[Page 36] + +einfachsten und ursprünglichsten Art der Witze, nämlich von den +Klangwitzen, wie sie in den sogenannten Frageräthseln der Kinder +gebräuchlich sind: Welche Tracht kleidet am besten? -- die Eintracht. +-- Welche Ringe sind nicht rund? -- die Häringe etc. -- In Frage und +Antwort sind die beiden dargebotenen Vorstellungen enthalten. +Dieselben lassen sich in Bezug auf die logischen Normen nicht mit +einander vereinigen: Tracht und Eintracht -- Ring und Häring haben +rücksichtlich ihrer Bedeutung nicht das Geringste mit einander zu +schaffen, und durch den erzwungenen Zusammenhang, in den sie gebracht +sind, entsteht ein unangenehmes Gefühl. Andererseits aber gehen diese +Worte vermöge ihrer Klangähnlichkeit (also nach der 3. Norm der +Ideenassociation) doch leicht eine Verbindung mit einander ein und +erregen dadurch ein Lustgefühl. Als 2. Beispiel führe ich einen guten +Witz von Kant an, der einmal in einer Damengesellschaft die +scherzhafte Behauptung aufstellte, dass Frauen nicht in den Himmel +kämen, denn in der Offenbarung Johannis stehe geschrieben, es sei im +Himmel eine Stille von einer halben Stunde gewesen; eine solche +Stille aber sei, wo Frauen anwesend sich befinden, nicht möglich. + +Wir haben hier 2 Vorstellungsreihen (die Bibelstelle und den daraus +gezogenen Schluss), die sich nach den logischen Normen nicht mit +einander vereinigen lassen, denn jene Schriftstelle steht mit Kant's +Behauptung eigentlich in gar keinem Zusammenhang. Andererseits aber +ist durch die geschickte Auslegung in Rücksicht auf unsere +Wahrheitsidee doch eine leichte Verbindung zwischen diesen beiden +Vorstellungsreihen möglich gemacht. + +Also auch beim Witz finden wir die oben aufgedeckten Quellen der Lust +und Unlust wieder. Wir konnten aber auch schon an diesen einfachen +Beispielen eine weitere Bemerkung machen, _dass nämlich die Ursachen +der beiderseitigen Gefühle häufig mehrfache sind_. In den späteren +Beispielen werden wir dies noch in höherem Maasse bestätigt finden. +Natürlich steigert sich durch diese Häufung der Gefühlsgegensätze die +komische Wirkung im Allgemeinen, gleichzeitig wird daraus aber auch +die Thatsache verständlich, dass drei bis vier Personen über dasselbe +Object lachen können, jeder aus + +[Page 37] + +einem andern Grunde. Es kommt deshalb in jedem einzelnen Falle +einerseits darauf an, alle möglichen Auffassungsweisen in's Auge zu +fassen, und die einander entsprechenden angenehmen und unangenehmen +Gefühle zu sondern, andererseits aber auch die den Umständen +entsprechenden hauptsächlich wirkenden Factoren, die einem +vorliegenden Beispiele seinen eigentlichen Charakter gehen, +herauszuheben. Natürlich habe ich zunächst, da es mir darauf ankam, +die Elemente des Komischen zu demonstriren, solche Beispiele wählen +müssen, die möglichst einfach sind. In einer Anekdote der +gewöhnlichsten Art stecken häufig 6-8 verschiedene Gefühlsquellen. + +Es würde jetzt weiter die Frage entstehen, ob die angenehmen wie +unangenehmen Gefühle aus *jeder* der oben angegebenen Ursachen in den +komischen Contrast eingehen können. Wäre dies der Fall, so würden wir +durch einfache Combinirung der möglichen Quellen der beiden +Gefühlsgegensätze verschiedene Formen des Komischen herleiten können. +Die Erfahrung lehrt, dass dies nicht _unbedingt_ der Fall ist und als +Grund dafür müssen wir eine Thatsache anführen, deren Beweis erst +später folgt, dass nämlich jene beiden entgegengesetzten Gefühle _in +einem bestimmten Verhältnisse der Stärke zu einander stehen müssen_, +und zwar so, dass keines vor dem andern das unbedingte Uebergewicht +erlangt. Es würde nämlich sonst das stärkere Gefühl ohne Weiteres das +schwächere auslöschen, zum Verschwinden bringen und höchstens dadurch +von seiner eigenen Kraft etwas einbüssen; ein Kampf der beiden +Gefühle aber, wie wir ihn zum Zustandekommen des Lächerlichen als +nothwendig erkennen werden, könnte nicht entstehen. Nehmen wir diese +Thatsachen von der nothwendig erforderlichen, annähernd gleichen +Stärke der beiden Gefühle vorläufig als feststehend an, so müssen wir +in Erinnerung an das oben Gesagte _eine_ Quelle derselben sofort +streichen. Wir sahen nämlich schon oben, dass die erleichterte +Association einer gegebenen Vorstellung mit einer erst nach den +Normen der Ideenassociation zu weckenden in der Regel ein kaum +merkliches Gefühl hervorruft und es wird uns deshalb natürlich +scheinen, dass dasselbe etwa einer Verletzung der ideellen Normen +nicht das Gleichgewicht halten kann. Vielmehr muss in solchem Fall +das angenehme Ge- + +[Page 38] + +fühl, um überhaupt in den komischen Contrast eingehen zu können, noch +aus anderer Quelle her eine Unterstützung erfahren, und zwar dadurch, +dass die eine Vorstellung die andere mit ihr zu associirende als eine +im Bewusstsein schon vorhandene, herrschende, d. h. durch die +komische Situation und Erzählung selbst dargebotene, antrifft. +Dasselbe gilt für das aus gleichen Quellen fliessende unangenehme +Gefühl. Durch diese Einschränkung modificirt sich aber unsere obige +Aufstellung der Gefühle in folgender Weise. -- + +Als zum komischen Contrast tauglich kennen wir: + +A. _Angenehme Gefühle_, + +1) aus der Coincidenz _einer_ im komischen Object enthaltenen +Vorstellung mit den logischen, praktischen oder ideellen Normen; + +2) aus der Uebereinstimmung _zweier_ dargebotenen Vorstellungen unter +einander -- in Rücksicht auf die logischen, praktischen und ideellen +Normen oder auf die Normen der Ideenassociation. + +B. _Unangenehme Gefühle_, + +1) aus der Disharmonie _einer_ im komischen Object enthaltenen +Vorstellung mit den logischen, praktischen und ideellen Normen; und + +2) aus der Disharmonie _zweier_ im Komischen mitgetheilten +Vorstellungen in Rücksicht auf die logischen, praktischen und +ideellen Normen oder auf die Normen der Ideenassociation. + +Combiniren wir nun die Gefühle, so erhalten wir durch +Gegenüberstellung der angenehmen und unangenehmen Gefühle folgende 4 +Formen: + + 1) A. 1. -- B. 1. + 2) A. 2. -- B. 1. + 3) A. 1. -- B. 2. + 4) A. 2. -- B. 2. + + [Page 39] + +Bewähren sich dieselben als wirklich vorhanden, so ist damit +gewissermaassen indirect auch der Beweis geliefert, dass unsere +Behauptung von der nothwendig annähernd gleichen Stärke der beiden +Gefühlsgegensätze begründet war. -- Wie wir sehen werden, lassen sich +aber diese 4 Formen wirklich festhalten, und was weiter zu jenem +Beweise nothwendig ist, es lassen sich in ihnen auch alle Beispiele +des Komischen unterbringen. + +Betrachten wir nun diese Hauptformen näher. + +In der ersten Hauptform, die wir das _einfach Komische_ nennen +wollen, soll sich also das angenehme wie unangenehme Gefühl erzeugen, +aus _einer_ vorhandenen Vorstellung (oder Vorstellungsreihe) die mit +einzelnen logischen, praktischen oder ideellen Normen übereinstimmt, +mit anderen aber nicht. + +Die zweite Hauptform: _Das Komische mit zwei vereinbaren +Vorstellungen_, lässt das angenehme Gefühl aus der leichten +Verschmelzung _zweier_ im komischen Object enthaltenen Vorstellungen +in Rücksicht auf die Normen hervorgehen, während das unangenehme +Gefühl dadurch erzeugt wird, dass _eine_ der beiden gegebenen +Vorstellungen mit einer der Normen nicht übereinstimmt. + +Die dritte Hauptform: _Das Komische mit zwei unvereinbaren +Vorstellungen_, enthält ein unangenehmes Gefühl, welches aus der in +Rücksicht auf die Normen unmöglichen Vereinigung _zweier_ im +komischen Object enthaltenen Vorstellungen entsteht, während das +angenehme Gefühl auf der Uebereinstimmung einer der beiden +Vorstellungen mit den logischen, praktischen oder ideellen Normen +beruht. + +Die vierte Hauptform endlich: _Das Komische mit dem Wettstreit der +Vorstellungen oder der Witz_ entsteht dadurch, dass _zwei_ +dargebotene Vorstellungen in Rücksicht auf eine der Normen +übereinstimmen und dadurch das angenehme Gefühl bilden, in Rücksicht +auf andere Normen sich aber nicht mit einander vereinigen lassen und +in Folge dessen ein unangenehmes Gefühl erzeugen. + +Wir werden später sehen, dass bei veränderter Auffassung eines +bestimmten Falles derselbe aus einer Form in die andere übergehen +kann. Doch ist diese Thatsache keineswegs etwa geeignet unsere +Eintheilung umzustürzen, sondern dient der- + +[Page 40] + +selben vielmehr, wie sich herausstellen wird, zur wesentlichen +Stütze. -- + +Innerhalb der genannten vier Hauptformen lassen sich nun aber wieder +verschiedene Nebenformen abgrenzen, durch Auflösung der einzelnen +Gesetze und Normen. Ich werde die wichtigsten derselben anführen. + +Wir müssen ferner innerhalb des Komischen noch eine gewisse +Rangordnung unterscheiden, bei welcher der sittliche Standpunkt der +maassgebende ist. Sehr bemerkenswerth ist, dass hierbei lediglich die +Entstehungsursachen des _angenehmen_ Gefühls eine Rolle spielen. +_Nur_ diese bedingen in einem gegebenen Fall die Höhe des Komischen +und zwar lässt sich hierüber folgender Satz aufstellen: _Je edler die +Quelle ist, aus welcher das_ *angenehme* _Gefühl hervorgeht, um so +höher stehend und edler ist die Form des Komischen selbst; während +dieselbe umgekehrt um so niedriger steht, je weniger ein sittliches +Wohlgefallen im Spiele ist_. -- Wie wenig der Ursprung des +unangenehmen Gefühls in's Gewicht fällt, sehen wir am Besten daraus, +dass in der höchststehenden Form des Komischen, in dem _Naiven_, +gerade am häufigsten grobe Verletzungen sittlicher Ideen vorkommen, +die aber durch die Harmonie mit noch höher stehenden sittlichen +Normen völlig aufgewogen werden. -- + +Aus dem oben Gesagten ist es leicht verständlich, dass wir aus der +Thatsache, ob ein bestimmter Gefühlscontrast Lachen erregend wirkt +oder nicht, einen Maassstab für den absoluten sowie namentlich +individuellen Werth der dabei concurrirenden Gefühle, und für den +Werth und die Entwickelungshöhe der ihnen zu Grunde liegenden Normen +gewinnen, und mit vollem Rechte können wir darum den Satz aufstellen: + + „Sage mir, worüber Du lachst, und ich will Dir sagen, wer Du +bist." -- + +Wenden wir uns jetzt zur Besprechung der oben aufgestellten +Hauptformen. + +*I. Das einfach Komische.* + +Aus einer Vorstellung und ihrer einerseits leichten, andererseits +unmöglichen Vereinigung mit den logischen und ideellen + +[Page 41] + +Normen hervorgehend, bietet uns diese Gruppe, wenn wir die Leiter des +Komischen von unten hinauf steigen, zunächst: + +*1. Das niedrig Komische,* + +bei dem wir als Erreger des angenehmen Gefühls die Harmonie der +gegebenen Vorstellung mit der niedrigsten Entwickelungsstufe der +praktischen Normen, d. h. mit dem Egoismus und dem gesteigerten +Selbstgefühl antreffen, während auf Seiten des unangenehmen Gefühls +die Verletzung irgend einer andern Norm steht. Da, wo das erhöhte +Selbstgefühl mit den ästhetischen Normen in den komischen Contrast +tritt, entsteht das Lachen über körperliche Hässlichkeit, über +allerlei Gebrechen, die den Schönheitssinn beleidigen, wie +Verunstaltung durch Buckel, durch Lahmheit u. dergl., die wir schon +oben erwähnten. Hierbei wird also die eigentlich erregte Unlust durch +das Gefühl der Lust im Gedanken an die Verschonung der eigenen +Person, durch das „Sichbesserdünken" aufgewogen. Bei Verletzung der +ethischen Ideen tritt das geschmeichelte Selbstgefühl gegen +moralische Hässlichkeit, Unsittlichkeit, Unwahrheit u. dergl. in die +Schranken und bei Disharmonie mit den praktischen Ideen und logischen +Normen endlich ruft es das Lachen über die Ungeschicklichkeit, die +Dummheit und den Unsinn hervor. In all' diesen Fällen muss also das +Selbstgefühl der Verletzung übrigens höher stehender Normen das +Gleichgewicht halten können, wenn der komische Contrast entstehen +soll, und daher ist es leicht ersichtlich, dass jene Gefühlsconflicte +hauptsächlich bei solchen Menschen ein Lachen erzeugen, welche die +hohen sittlichen und ästhetischen Ideen nur in unentwickelter Form +besitzen, deren Selbstgefühl dagegen abnorm gesteigert ist. Dies ist +der Fall bei rohen, ungebildeten Leuten und bei Kindern, in denen +sich die höheren sittlichen Ideen noch nicht entwickelt haben. + +In einem Falle nur ist das erhöhte Selbstgefühl als eine etwas edlere +Regung anzusehen, wenn wir uns nämlich gewissermaassen über unsere +eigene Schwachheit und Dummheit erheben und unser Selbstgefühl daran +stärken, dass wir in einem gegebenen Falle eine Schwierigkeit +überwunden, einen uns gestellten Fallstrick umgangen haben. Hierauf +beruht zu einem Theil das Lachen über die sog. Münchhausiaden, Lügen- +und Jagd- + +[Page 42] + +geschichten (sofern dieselben nicht zum Witz gehören). Während +einerseits durch die Verletzung der Wahrheit unser Gefühl beleidigt +wird, empfinden wir andererseits ein angenehmes Gefühl in Folge der +berechtigten unserem Selbstgefühl schmeichelnden Freude darüber, dass +wir der beabsichtigten Täuschung nicht unterlegen sind, _so nahe wir +der Gefahr auch waren_. In einer gewissen Gefahr, der Täuschung zu +unterliegen, müssen wir geschwebt haben, damit die Lust durch eine +Leistung unsererseits einigermaassen motivirt ist. Daher dürfen die +Lügen nicht gar zu plump angelegt sein, sondern müssen die +Möglichkeit einer Täuschung enthalten. -- Da es zum Lachen über diese +Geschichten ausserdem einer gewissen Gutmüthigkeit und Harmlosigkeit +bedarf, welche eine Kränkung des Selbstgefühls über die beabsichtigte +Düpirung nicht aufkommen lässt (wir lassen uns solche Geschichten +ungestraft auch eigentlich nur von guten Bekannten erzählen), so +steht diese Form des Komischen schon dadurch ein wenig höher; doch +ist sie in steter Gefahr auf das gewöhnliche Niveau des niedrig +Komischen herabzusinken, sobald solche Münchhausiaden einer grösseren +Gesellschaft erzählt werden. Denn sofort stellt sich dann bei jedem +Zuhörer das Gefühl der Ueberlegenheit über die Anderen ein, denen er +Dummheit genug zutraut, dass sie jene Geschichten glauben. Findet +sich nun vollends ein Dummer, der sich wirklich die Lüge als Wahrheit +aufbinden lässt, so steigt unser Selbstgefühl in gleichem Maasse, wie +die Form des Komischen sinkt. Eine Stufe höher steht die folgende +Form des Komischen, die ich wegen ihrer grossen Aehnlichkeit und +häufigen Verwechselung mit dem Naiven (das danach besprochen wird) + +*2. Das Pseudonaive* + +nennen will, gleichzeitig auch deshalb, weil das angenehme Gefühl bei +ihm nur aus einer _scheinbaren_ oder _bedingten_ Coïncidenz mit +höheren Ideen (namentlich mit der Wahrheit) hervorgeht. Während +einerseits, und zwar hauptsächlich durch die _kindliche Einfalt_, +unsere praktischen Ideen von Klugheit oder die logischen Normen +beleidigt werden, ist andererseits in der pseudonaiven Aeusserung +oder Handlung doch etwas _relativ_ Wahres, Kluges, Vernünftiges +enthalten, namentlich wenn wir + +[Page 43] + +uns auf den Standpunkt der bei dem Redenden _naturgemäss_ vorhandenen +und daher _verzeihlich scheinenden_ Unkenntniss stellen. -- Die +Beispiele zu dieser Form sind sehr zahlreich und lasse ich hier +einige folgen, die dieselbe wohl hinreichend verdeutlichen werden. + +Das vierjährige Töchterchen eines Pfarrers wird zum ersten Male mit +in die Kirche genommen, vorher aber ernstlich verwarnt, ja recht +artig zu sein, denn in der Kirche müsse man sich ganz ruhig und still +verhalten. Nach der Kirche wird das Kind gefragt, wie es ihm gefallen +habe, und erwidert darauf: Ach recht gut, es waren auch alle ganz +artig. Bloss der Papa allein hat so geschrieen und gelärmt. + +Ein anderes Pastorenkind rief, als es zum ersten Male in die Kirche +kam und seinen Vater auf der (übrigens ungewöhnlich hoch +angebrachten) Kanzel stehen sah, ängstlich aus: „Ach, Du lieber Gott, +wer hat nur meinen Papa dort oben 'naufgesperrt. Wird er denn auch +wieder herunterkönnen?" + +Ein Knabe auf einem einsamen Dorfe besass viele bleierne Soldaten, +auch Cavalleristen, hatte aber noch nie einen lebendigen Reiter +gesehen. Da plötzlich, als er just am Fenster steht, sprengt ein +solcher in den Hof und springt an der Hausthür vom Pferde: „O", ruft +der Knabe da mit tiefem Bedauern, „jetzt ging er entzwei". -- + +Ein Kind sollte das „Vater unser" beten und fragte die Mutter: ob der +Vater unser mit dem Onkel Unzer (einem Hausfreunde) verwandt sei. -- + +Ein weiteres Beispiel zu dieser Form ist das später aus Kant +angeführte. + +Endlich gehören hierher fast sämmtliche Beispiele, welche +Schopenhauer zu seiner zweiten Form des Lächerlichen, der von ihm +sog. Narrheit anführt. Nach Schopenhauer, der wie erwähnt nur zwei +Arten des Lächerlichen: den Witz und die Narrheit kennt, entsteht die +letztere dadurch, dass wir beim Auffinden der Incongruenz zwischen +Anschauung und Begriff vom Begriff zum Realen übergehen. „Objecte, +die übrigens grundverschieden, aber alle in einem Begriff gedacht +sind, werden auf gleiche Weise angesehen und behandelt, bis ihre +übrige grosse Verschiedenheit zur Ueberraschung und zum + +[Page 44] + +Erstaunen des Handelnden hervortritt." -- Die Beispiele, die S. zu +dieser Art des Lächerlichen anführt, sind nun merkwürdiger Weise fast +alle pseudonaiv und scheinen mir auch durch die von diesem Standpunkt +ausgehende Erläuterung in ihrem Wesen viel bestimmter präcisirt zu +werden, als durch die zu weit gefasste Schopenhauer'sche Erklärung. +-- Ich lasse einige „Narrheiten" von ihm folgen: „Soldaten machen +einen Arrestanten und erlauben demselben dann aus Gutmüthigkeit an +ihrem Kartenspiel Theil zu nehmen; als er aber während des Spiels +anfängt zu chicaniren, werfen sie ihn schliesslich in dem dabei +entstehenden Streite hinaus." -- Die Soldaten begehen offenbar eine +thörichte Handlung, die gegen die Gesetze der praktischen Klugheit +gewaltig verstösst, indem sie einen Arrestanten hinauswerfen. Von +einem anderen Standpunkt aus, der durch die Erhitzung beim Streit und +die daraus _natürlich_ hervorgehende momentane Unzurechnungsfähigkeit +uns in diesem Falle ganz entschuldbar erscheint, ist ihre Handlung +aber wiederum eine ganz vernünftige, zweckentsprechende, daher also +eine pseudonaive. + +„Zwei Bauerjungen hatten ihre Flinten mit grobem Schrot geladen, +welches sie, um ihm feines zu substituiren, heraushaben wollten, ohne +jedoch das Pulver einzubüssen. Da legte der Eine die Mündung des +Laufes in seinen Hut, den er zwischen die Beine nahm und sagte zum +Andern: „Jetzt drücke Du ganz sachte, sachte, sachte los; da kommt +zuerst das Schrot." -- Auch hier haben wir eine thörichte Handlung +(oder eine Aufforderung zu einer solchen) vor uns, die aber, wenn wir +uns auf den Standpunkt des Bauerjungen stellen, der nichts von der +beim Schuss vor sich gehenden Explosion des Pulvers weiss und _wissen +kann_ (dessen Unkenntniss wir jedenfalls verzeihlich finden), so ist +die Aeusserung im gewissen Sinne eine ganz kluge und überlegte, indem +sie (wie Schopenhauer ganz richtig anführt) von dem Begriff ausgeht, +Verlangsamung der Ursache giebt Verlangsamung der Wirkung. + +Auch die Münchhausiaden, die Schopenhauer weiter als Beläge zu seiner +Definition anführt, lassen sich bei entsprechender Auffassung unter +das Pseudonaive stellen, wenn sie nämlich solchen Inhalts sind, dass +sie zwar für uns etwas absolut Un- + +[Page 45] + +sinniges, Unmögliches enthalten, aber von einem bestimmten +Standpunkte aus, welcher Kenntnisse in dem gerade vorliegenden +Gegenstande mit einer gewissen Berechtigung als nicht vorhanden +voraussetzt, dennoch nicht allein möglich, sondern sogar klug +ersonnen erscheinen. So enthält die Geschichte von den im Posthorn +eingefrorenen Melodien, die in der warmen Stube später aufthauen, für +den Einsichtsvollen einen puren Unsinn; denken wir aber, Jemand wisse +Nichts von dem eigentlichen Wesen des Tons, sondern sähe denselben +mit gutem Recht für etwas Materielles an, etwa für eine Flüssigkeit, +die unter Umständen ja auch einfrieren könne, so erscheint uns diese +Idee von den aufthauenden und dadurch wieder zum Vorschein kommenden +Tönen ganz klug. -- Werden uns diese Geschichten von irgend Jemand +als Münchhausiaden erzählt, so wird in der Regel freilich die eben +besprochene Auffassung uns nicht zum Bewusstsein kommen, sondern das +Lachen in der früher mitgetheilten Weise sich motiviren, anders aber +verhält es sich, wenn wir die in der Geschichte liegende Idee etwa +einem Kinde in den Mund legen, welches sieht, dass in dem Mundstück +des Posthorns sich Eis angesetzt hat und nun fragt, ob das +eingefrorene Töne seien und ob die nicht in der Stube wieder +aufthauen würden. -- + +Manche dieser pseudonaiven Aeusserungen (wie z. B. die vom Onkel +Unzer) gehen, wie erst bei Besprechung des Witzes deutlich werden +kann, vermöge einer etwas anderen Auffassung leicht in den Witz über, +indem sie das „_unbewusst Witzige_" bilden. Von zwei Menschen, welche +dieselbe Aeusserung belachen, kann der eine sie als pseudonaiv, der +andere sie als eine witzige auffassen. + +*3. Das Naive* + +bildet, wie schon gesagt, die auf höchster Stufe stehende Form des +Komischen. Die Bezeichnung _naiv_ wird in einer weiteren und engeren +Bedeutung gebraucht, je nachdem das unangenehme Gefühl aus der +Verletzung _irgend einer_ praktischen, logischen oder ideellen Norm +hervorgeht, oder sich nur aus einem Verstoss gegen unsere Ideen von +_conventionellem, gesellschaftlichem Anstand_ herleitet. Es leuchtet +ein, dass + +[Page 46] + +(natürlich nur für sittlich entwickelte Menschen) im ersten Fall das +entgegenstehende angenehme Gefühl ein stärkeres sein muss, als im +zweiten Fall, wo gewissermaassen nur künstlich geschaffene Gesetze +verletzt werden. Immer aber ist es nöthig, dass uns in der naiven +Aeusserung eine sittliche Unschuld und Reinheit entgegentritt, von +der wir wissen, dass sie die künstlichen Schranken, welche die +Etiquette uns gezogen, nicht kennt und daher auch nicht zu +respectiren braucht, indem sie einer freieren und höheren +Sittlichkeit folgt. -- Am häufigsten beobachten wir aus diesem Grunde +die Naivetät bei Kindern, bei denen wir die Unkenntniss mit den +künstlich geschaffenen Gesetzen des sogenannten Anstandes als +naturgemäss voraussetzen. -- + +An Beispielen für das Naive ist kein Mangel. Eine recht hübsche und +dankenswerthe Zusammenstellung von kindlich naiven Aussprüchen +(untermischt mit pseudonaiven und unbewusst witzigen) hat Dr. Walter +Hoffmann kürzlich in einem kleinen Heftchen unter dem Titel: „Humor +aus der Kinder- und Schulstube. Eine Sammlung der vorzüglichsten +Anekdoten aus der Kinderwelt" herausgegeben [1]. Ich empfehle dieses +Büchelchen, aus dem ich auch schon oben einige Beispiele entlehnt +habe, nicht blos weil es für den, der einmal tüchtig und von Herzen +lachen will, reichlichen Stoff enthält, sondern weil es einen +schätzenswerthen Beitrag zur Psychologie der Kinderseele liefert. -- + +Hier nur ein Beispiel: + +„Aber Mama, wann essen wir denn heute", fragt der kleine Ernst seine +Mutter. „Bald, warte nur noch ein Weilchen", entgegnete diese. -- +Nach einer Weile fragt er wiederum und erhält dieselbe Antwort. „Aber +weshalb essen wir nur heute nicht; ich habe solch' grossen Hunger". +-- „Warte nur noch ein Bischen, bis der Soldat fort ist, dann wird +gleich gegessen". -- Darauf geht Ernstchen zum Soldaten in die Stube +und fragt ihn: „Höre, wann gehst Du denn fort?" -- „Gleich, mein +Sohn, aber weshalb fragst Du denn?" „Nun, weil ich Hunger habe und +Mama sagt, wenn Du fort bist, soll gegessen werden." Ich glaube, der +Soldat hat über diese naive Aeusserung lachen + +[1] Leipzig, Arnoldische Buchhandlung. 1871. + +[Page 47] + +müssen, so wie wir jetzt noch darüber lachen. Wir haben hier zunächst +eine Beleidigung unserer Idee von Schicklichkeit und +gesellschaftlichem Anstand vor uns, andererseits aber bewegt uns die +kindliche Unschuld, welche jene conventionellen Schranken nicht kennt +und unbekümmert darum die Wahrheit sagen darf, in angenehmer Weise. +-- Aus gleichem Grunde lachen wir über jenes Kind, das, einen fremden +Herrn empfangend die Abwesenheit der Mutter mit den naiven Worten +entschuldigt: „Mama wird gleich kommen, sie setzt sich nur noch ihre +Locken auf." Verstösst diese Aeusserung einerseits gegen unsere Idee +von gesellschaftlichem Takt (und praktischer Klugheit), so befriedigt +und erfreut uns doch in höherem Grade das rückhaltlose, +wahrheitsliebende Bekenntniss des Kindes, welches in seiner Unschuld +jene künstlich geschaffenen Lügengesetze nicht kennt und daher +sittlich höher zu stehen scheint. -- + +Bei einer etwas anderen Auffassung kann diese selbe Aeusserung aber +auch unter die nun folgende Form des Komischen gestellt werden, indem +wir dann nicht über das Kind, sondern über die Mutter lachen, ja! +dieselbe auslachen. -- Wir empfinden nämlich über die eitle Frau eine +gewisse sittliche Entrüstung und gönnen ihr nun die Blamage, welche +ihr durch die Aeusserung der Tochter bereitet wird, als eine +wohlverdiente; -- unser Gerechtigkeitsgefühl wird dadurch befriedigt. +Es wird bei dieser Auffassung, von der Naivetät der Aeusserung ganz +abgesehen, und an Stelle der letzteren könnte eben so gut ein Zufall +treten, der die Frau gerade beim Aufsetzen der Perücke überrascht +werden lässt. -- Es bestätigt dies Beispiel die unzählig oft zu +beobachtende und schon erwähnte Thatsache, dass ein und dieselbe +komische Situation oder Aeusserung mehrfache komische Elemente +enthält, wobei natürlich im Ganzen der komische Effect sich steigert, +wenn uns die verschiedenen Auffassungen nach einander zum Bewusstsein +kommen. Gerade durch diesen Umstand wird aber die Beurtheilung des +Komischen, sowie die Beibringung von einfachen Beispielen sehr +erschwert. -- + +Dass das Naive im Gebiete des einfach Komischen die höchste Stellung +einnimmt oder wenigstens dasselbe nach einer Richtung hin abgrenzt, +erkennen wir am besten daraus, dass es aus dem _Lächerlichen_ sehr +leicht in das _Rührende_ über- + +[Page 48] + +geht. Ich führe dazu wieder ein Beispiel aus Walter Hoffmann an: + +„Vom verstorbenen Prof. A. v. Schaden erzählte mir seine Mutter, sie +habe einst auf seine Fürsprache einem Bettler Brod geben wollen und +sich angeschickt, ihm ein Stück von einem Laibe abzuschneiden. Da sei +ihr Sohn zu ihr getreten und habe ihr zugeflüstert: „Mama, die Thür +steht offen, er (der Bettler) hat ja gesehen, dass Du einen _ganzen_ +Laib hast, Du kannst ihm daher nichts abschneiden! (d. h. Du musst +ihm denselben ganz geben)." + +Diese Aeusserung ist offenbar eine naive, sie verstösst einerseits +gegen unsere Idee von praktischer Klugheit, andererseits aber +überrascht uns darin eine hohe Sittlichkeit und kindliche Unschuld. +Wir lachen über die Aeusserung -- aber zugleich ist uns auch vor +Rührung das Weinen nahe. Indem nämlich jene hohe kindliche Reinheit +in uns das Gefühl unserer eigenen Erbärmlichkeit und berechnenden +Selbstsucht lebhaft anregt, werden wir beschämt und durch die Wucht +jener Ideen gewissermaassen erdrückt. Dadurch wird aber auf Seiten +der unser Selbstgefühl herabstimmenden Empfindungen ein Uebergewicht +erzeugt, -- aus dem der Affect des Weinens hervorgeht. -- + +Im Anschluss an das Naive muss ich hier wenigstens anhangweise den +*Humor* kurz erwähnen, der als nächster Nachbar neben dem Komischen +eine Form für sich bildet oder richtiger gesagt, einen besonderen +Standpunkt bezeichnet, von dem aus das Komische und Rührende sich in +etwas abweichender Weise erzeugt, und einen besonderen Hintergrund +erhält. Aehnlich wie das Naive zeigt auch der Humor den leichten +Uebergang vom Lachen ins Weinen („er lacht mit dem einen Auge, +während er mit dem andern weint"), ebenso wie beim Naiven treten auch +bei ihm als Erreger des angenehmen Gefühls die höchsten, sittlichen +und religiösen Ideen in die Schranken; doch wie wir sehen werden, in +etwas anderer Weise. Der Humor ist vor allen Dingen im Gegensatz zum +Naiven, völlig bewusst, ja willkürlich. Er beruht ganz und gar auf +einer subjectiven Auffassung, die bei dem Humoristen eine +vorherrschende, eine allgemeine Weltanschauung geworden ist [1]. Er +bringt vorsätzlich, + +[1] Lazarus l. c. + +[Page 49] + +oder durch sein Naturell gezwungen, jedenfalls mit einer gewissen +Vorliebe das ihm entgegentretende Alltägliche, Kleine, Niedrige, +Gemeine mit den in ihm lebhaft vorhandenen hohen sittlichen und +religiösen Ideen in Gegensatz. Daraus erzeugt sich einerseits in ihm +ein unangenehmes Gefühl, andererseits aber entsteht dadurch, dass +_der Humorist sich gerade in dem Contrast mit dem Niedrigen, der +Hoheit und Erhabenheit der in ihm ruhenden Ideen lebhafter bewusst +wird, ein angenehmes Gefühl_. Behält das Letztere das Uebergewicht, +so erzeugt sich der komische Affect, während der rührende Affect dann +entsteht, wenn wir lebhaft fühlen, dass unser eigenes Thun und +Handeln mit unseren Idealen nicht im Einklang stehe. Dies sind die +beiden Formen des sogenannten versöhnten Humors. Es kann nun aber +auch der Fall eintreten, dass der Humorist durch das gegen seine +Ideale kämpfende Niedrige und Gemeine zu tief gekränkt wird, -- und +an Allem verzweifeln möchte: dann entwickelt sich der _unversöhnte +Humor_, der sich daher gern im Sarkasmus ergeht und wohl auch meist +als erste Stufe dem versöhnten Humor vorausgeht. Letzterer ist, wie +Vischer [1] richtig sagt, voll Unschuld, „aber es ist nicht die +einfache Unschuld eines Kindes, sondern eine solche, die durch innere +Wehen, durch Zerrissenheit, Kampf, Schuldbewusstsein +hindurchgegangen, sich wieder mit ihrem Gott versöhnt hat". Dass die +Humoristen bei all' ihrer Gemüthlichkeit, sehr häufig eigentlich, +unglückliche Menschen sind, erklärt sich daraus, dass sie für Alles +in der Welt vorgehende Widrige, für alle kleinen Leiden des Lebens +ein viel feineres Gefühl haben als andere Menschen, und sich doch +meist ihren Idealen gegenüber selbst klein fühlen. Daher haben die +meisten Humoristen einen Anflug von Melancholie oder Hypochondrie. +Aber selbst über diese wissen sie sich wiederum zu erheben, indem sie +gewissermaassen an sich selbst ihren Witz auslassen. Aecht +humoristische Personen sind z. B. die Narren im Shakespeare, ebenso +auch Hamlet, der in vielen Scenen den unversöhnten Humor erkennen +lässt. Ich erinnere an die Scene vor Aufführung des Schauspiels bei +Hofe, wo er zu Ophelia sagt: „Was sollte ein + +[1] Erhab. u. Komische p. 215. + +[Page 50] + +Mensch anderes thun, als lustig sein? Denn seht nur, wie vergnügt +meine Mutter aussieht, und mein Vater ist doch erst vor zwei Stunden +gestorben. Ophelia: Vor zwei Mal zwei Monaten, gnädigster Herr. +Hamlet: So lange ist's her?! Ei da mag der Teufel noch schwarz gehen! +ich will mir ein munteres Kleid machen lassen" [1]. -- Weitere +Repräsentanten des Humors liefert Jean Paul im Titan und Siebenkäs +etc., vor Allen auch Sterne in seinem „Leben und Meinungen Tristam +Shandys." + +Neben dem bisher dargestellten _subjectiven_ Humor, „wo eine +selbstbewusste humoristische Person auftritt, die absichtlich als +solche handelt," giebt es, wie Lazarus richtig hervorhebt, auch einen +_objectiven_ Humor, „wo nur der Leser und Zuschauer die Absicht und +Wirkung des Humors empfindet", indem der objective Humorist, wie z. +B. Falstaff, alle hohen Ideen, deren Widerpart er in Leben und +Gesinnung ist, durch sein Reden und Thun in uns erweckt. „Er spricht +von Ehre, Muth etc., stellt den König dar, wie er Heinrich straft +etc., in Allem ist er ein Gebildeter, die Ansprüche der Idee +Kennender und Zeigenden. Wir lachen über ihn, obgleich er das Hohe +erniedrigt (z. B. in seiner Definition der Ehre), wir lachen, weil er +selbst die wahre Idee in uns weckt und diese desto sicherer siegt, je +angelegentlicher er dagegen kämpft" [2]. + +Doch kehren wir nach dieser Abschweifung zu unserem eigentlichen +Thema zurück, und wenden uns zur zweiten Hauptform des Komischen. + +*II. Das Komische mit zwei vereinbaren Vorstellungen.* + +Kam bei der vorher besprochenen Form des einfach Komischen überhaupt +nur _eine_ Vorstellung in Frage, die durch ihre Harmonie mit +einzelnen und Disharmonie mit anderen Normen die beiden einander +conträren Gefühle erregte, so sind bei der vorliegenden Form _zwei_ +im Komischen selbst enthaltene Vorstellungen zur Erzeugung des +angenehmen Gefühls thätig während zum unangenehmen Gefühl wiederum +nur eine der beiden gegebenen Vorstellungen die Ursache giebt. -- + +[1] Vergl. weiter unten das bei „Ironie" Gesagte. +[2] Aus Lazarus l. c. p. 206. + +[Page 51] + +Wir haben hier die sogenannte + +*Gerechte Schadenfreude* + +zu erwähnen, bei welcher das unangenehme Gefühl aus dem Verstosse +einer gegebenen Vorstellungsreihe gegen irgend eine der beiden Normen +hervorgeht, während das angenehme Gefühl daraus resultirt, dass eine +zweite gleichzeitig gegebene Vorstellung sich mit jener ersten in +Rücksicht auf die ethische Norm der _Gerechtigkeit_ leicht verbindet. +Die beiden Vorstellungen stehen dabei in dem Verhältniss von Ursache +und Wirkung -- von Vergehen und Strafe. Während uns einerseits die +Dummheit, Schlechtigkeit u. dergl. ärgert, wird andererseits durch +die gleichzeitig eintretende Strafe unser Gerechtigkeitsgefühl +befriedigt. -- Wir haben schon oben in dem zweiten vorläufigen +Beispiel angeführt, wie in diesem Sinne auch den Gebildeten die +Corpulenz eines Falstaff zum Lachen reizen kann. Wir erwähnen hier +noch, als ähnliche sinnlich-hässliche Gegenstände des Gelächters, die +Glatze und die rothe Nase, da wir auch diese Fehler (freilich nicht +immer mit Recht) als Folgen einer etwas lockeren, üppigen Lebensweise +anzusehen gewohnt sind, und wir demnach statt Mitleid mit dem also +Entstellten zu empfinden, vielmehr durch die Befriedigung unserer +Gerechtigkeitsidee angenehm berührt werden. + +In demselben Sinne kann ein Gebildeter auch über die Dummheit lachen, +nicht sowohl insofern er sich seines Besserwissens freut, als +vielmehr in der Voraussetzung, dass die Dummheit mehr oder weniger +auf eigenem Verschulden beruht und wir die den Dummen treffende +Blamage oder auch einen geringen Schaden, den er erleidet, als +verdient und ihm von Rechtswegen zukommend ansehen. -- + +Zu beachten ist aber hierbei ein sehr wichtiger Umstand (der +gleichzeitig am besten die Richtigkeit meiner Erklärung beweist): Die +Strafe darf nicht das uns gerecht erscheinende Maass überschreiten, +sonst hört die komische Wirkung in dem jetzt besprochenen Sinne auf. +Wir lachen über einen ungeschickten Menschen, wenn er in Folge seiner +Ungeschicklichkeit ein mässiges Unheil anrichtet, etwa hinfällt und +im Fallen sein Beinkleid an einer am wenigsten dazu geeigneten Stelle +auf- + +[Page 52] + +reisst. Sobald wir aber sehen, dass der Fallende sich ein Bein +gebrochen, oder sich sonst erheblich verletzt hat, so werden wir +nicht mehr lachen, da die ihn treffende Strafe das uns gerecht +erscheinende Maass bei Weitem überschritten hat. Das hat wohl +Aristoteles mit seinem anôdunon ou phthartikon auch eigentlich sagen +wollen: Ein Schmerz oder Schaden muss wohl vorhanden sein, derselbe +darf aber über ein gewisses Maass nicht hinausgehen und muss verdient +erscheinen. Um ein weiteres hierher gehöriges Beispiel anzuführen, +erinnere ich an jenes Bild, einen Bauer darstellend, der damit +beschäftigt ist, einen Baumast abzusägen, auf dessen äusserstem Ende +er selbst sitzt. Die komische Wirkung dieser Darstellung beruht +offenbar darauf, dass einerseits die Dummheit des Bauern, d. h. der +Contrast seiner Handlung mit der Idee von praktischer Klugheit uns +unangenehm berührt, während andererseits der in dem Bilde als +unabwendbar bevorstehend gezeigte Fall aus der mässigen Höhe uns als +Strafe für jene Thorheit gerecht erscheint, und somit wegen seiner +leichten Verbindung mit jener ersten Vorstellung in Bezug auf die +Gerechtigkeitsidee unserem Gefühle zusagt. Denken wir uns nun aber +das Bild so verändert, dass jener Baumast über einem gähnenden +Abgrunde schwebe, in welchen der Mensch nun hineinzufallen droht, so +lachen wir nicht mehr, weil die Strafe für seine Dummheit bei Weitem +das entsprechende Maass überschreitet und unsere Gerechtigkeitsidee +dadurch umgekehrt gerade beleidigt würde. Der Umstand übrigens -- das +sei zum Schlusse noch erwähnt -- dass die eine Vorstellung (die des +Herabfallens) nicht unmittelbar im Bilde vorhanden ist, thut nichts +zur Sache, und ändert die Auffassung dieser Form nicht. Es wird diese +Vorstellung jedenfalls durch das Bild hervorgerufen, und geht mit in +den komischen Contrast ein; ganz ebenso wie in den ersten Beispielen +die rothe Nase uns ohne Weiteres die Vorstellung des Trinkens erweckt +und diese nun ganz so wie eine unmittelbar dargebotene sich an dem +Contrast betheiligt [1]. Auch dadurch endlich verfällt die Dummheit +oft dem Gelächter, selbst der Gebildeten, dass sie sich, mit vielem +Selbstgefühl gepaart, den + +[1] Schopenhauer l. c. p. 107. + +[Page 53] + +Anschein besonderer Klugheit geben will, sich aber natürlich nun um +so mehr bloss stellt. Wie vorher erscheint uns jetzt die den Dummen +treffende Blamage wegen der Ansprüche, die er erhoben hat, als eine +wohl verdiente. + +Wir kommen nunmehr zur Besprechung der dritten Hauptform, welche wir +nannten: + +*III. Das Komische mit zwei unvereinbaren Vorstellungen.* + +Wie bei der vorigen Form sind auch bei dieser zur Erzeugung des einen +Gefühls (hier aber des _un_angenehmen) zwei Vorstellungen im +Komischen selbst enthalten, die sich in der dargebotenen Form nicht +mit einander verbinden wollen, während andererseits in Folge der +Harmonie einer der beiden Vorstellangen mit irgend einer Norm ein +angenehmes Gefühl erzeugt wird. -- Zu dieser Gruppe gehören +zahlreiche Nebenformen, von denen ich die wichtigsten anführe. Als +einfachste der hierher gehörigen Formen nenne ich zuerst: + +*1. Das Komische der getäuschten Erwartung.* + +Wie oben mitgetheilt, will Kant beim Komischen stets eine in Nichts +aufgelöste Erwartung nachweisen können, und stützt darauf seine +Definition. Richtig ist allerdings, dass die getäuschte Erwartung +beim Lächerlichen sehr häufig angetroffen wird, doch spielt sie, wie +sich leicht nachweisen lässt, in den meisten Fällen nur eine ganz +nebensächliche Rolle, und dient höchstens dazu, die komische Wirkung +zu steigern. Schon das erste Beispiel, das Kant zur Stütze seiner +Definition selbst anführt, spricht gegen ihn. Lassen wir Kant selbst +reden: „Wenn Jemand erzählt, dass ein Indianer, der an der Tafel +eines Engländers in Surate eine Bouteille mit Ale öffnen und alles +dies Bier in Schaum verwandelt herausdringen sah, mit vielen Ausrufen +seine grosse Bewunderung anzeigte, und auf die Frage des Engländers, +was ist denn hier sich so zu verwundern? antwortete: _Ich wundere +mich auch nicht darüber, dass es herausgeht, sondern wie ihr's habt +herein kriegen können_; so lachen wir und es macht uns eine recht +herzliche Lust, nicht, weil wir uns etwa klüger finden, als diesen +Un- + +[Page 54] + +wissenden, oder sonst über etwas, was uns der Verstand hierin +Wohlgefälliges bemerken liesse, sondern unsere Erwartung war gespannt +und verschwindet plötzlich in Nichts." -- + +Dass eine gewisse Spannung unserer Erwartung in diesem Falle +vorliegt, will ich nicht leugnen; Wir denken etwa: „welch wichtigen +Grund seines Erstaunens wird der Indianer wol vorbringen?" Doch dient +dies Moment hier offenbar nur dazu, die komische Wirkung, _die auch +ohne dies vorhanden_ wäre, durch die geschickte Form des Vortrages zu +erhöhen. Die Aeusserung bleibt auch komisch, wenn wir einfach den +Indianer ohne weitere Vorbereitung verwundert fragen lassen: „Sagt +mir nur, wie habt Ihr das Alles in die Flasche hineinbekommen?" -- +Die Frage ist, wie leicht ersichtlich, eine pseudonaive und die +komische Wirkung erklärt sich bei dieser Auffassung leicht. Während +die eigentlich dumme Aeusserung des Indianers unser Gefühl einerseits +beleidigt, entdecken wir andererseits in derselben doch viel +Ueberlegung und Klugheit, wenn wir uns auf den Standpunkt der bei +einem Indianer ganz erklärlichen Unkenntniss in Bezug auf die beim +Schäumen des Bieres wirkenden Verhältnisse stellen. -- + +Nebenbei freuen wir uns -- obschon Kant es nicht wahr haben will -- +doch etwas unseres Besserwissens. Uebrigens bringt Kant noch eine +Bemerkung, aus der sich die richtige Auffassung ahnen lässt. Er sagt +nämlich: „Merkwürdig ist, dass in allen solchen Fällen der Spass +immer etwas in sich enthalten muss, welches auf einen Augenblick +täuschen kann. Denn wenn Jemand uns mit der Erzählung einer +Geschichte grosse Erwartung erregt und wir beim Schluss die +Unwahrheit derselben sofort einsehen, so macht es uns Missfallen." -- + +Doch wir haben nun, da sich das Kant'sche Beispiel für die hier zu +besprechende Form nicht als brauchbar erwiesen hat, noch Beispiele +anzuführen, in denen die getäuschte Erwartung wirklich ein +_wesentliches_ Glied bei Erzeugung des komischen Affects darstellt. +Als allgemeines Schema dafür können wir das bekannte: parturiunt +montes nascitur _ridiculus_ mus anführen, zu dem unter Anderem der +folgende Schwank, den der Clown im Circus oft ausübt, einen +speciellen Fall bildet. Der Clown stellt sich an, als ob er über ein +ziemlich hochgehaltenes Seil + +[Page 55] + +hinüber springen will, nimmt einen gewaltigen Anlauf, um dann +plötzlich unter dem Seile hindurchzukriechen. In der Regel belohnt +unauslöschliches Gelächter, namentlich im Olymp, diese Farce. Suchen +wir den Grund dieses Lachens auf, so finden wir das zum Lächerlichen +erforderliche unangenehme Gefühl hervorgehend aus der plötzlich +getäuschten Erwartung. Das angenehme Gefühl dagegen entsteht +einerseits aus dem befriedigten Selbstgefühl, indem dasselbe durch +die Vorstellung, dass der Clown jener Aufgabe doch nicht gewachsen +war, gehoben wird, andererseits wirkt die berechtigte Schadenfreude +mit, indem wir dem Clown die Blamage, die er sich (wenn auch nur +scheinbar) zugezogen hat, als eine verdiente gönnen; endlich drittens +spielt eine gewisse objectivirende Schadenfreude, die wir über uns +selbst empfinden, eine nicht unwesentliche Rolle. Während eigentlich +der Clown uns auslachen könnte, dass wir uns durch ihn haben dupiren +lassen, schwingen wir uns schnell zu einer Objectivität auf, in der +wir im Stande sind, über uns selbst zu lachen. Da wo diese +Objectivität nicht vorhanden ist, überwiegt leicht die Kränkung des +Selbstgefühls, und es entsteht statt Lachen Aerger. -- + +Eine zweite hierher gehörige Form: + +*2. Den komischen Anachronismus* + +haben wir schon bei den vorläufigen Beispielen erwähnt. Wenn wir +also, um noch einige andere Beispiele anzuführen, auf Raphael'schen +Bildern den Stammvater Abraham mit eiserner Karst in der Hand, Gott +Apollo mit einer Geige, auf anderen Bildern Soldaten, unter dem +Kreuze Christi, Karten spielend und Tabak rauchend, Ferngläser in der +Hand römischer Feldherren, Christus auf seinem Gange nach Golgatha +von einem betenden Kapuziner begleitet sehen, so wirkt das Alles +komisch, weil uns zwei Vorstellungen zusammen geboten werden, die +sich nach der Norm der Gleichzeitigkeit nicht mit einander vereinigen +lassen und durch ihre erzwungene Zusammenstellung ein unangenehmes +Gefühl erzeugen, während das angenehme Gefühl auf der unserm +Selbstgefühl schmeichelnden Vorstellung von unserem Besserwissen +beruht. + +[Page 56] + +*3. Das Komische der Darstellung oder das Burleske und Heroisch- +Komische* + +leitet sein unangenehmes Gefühl her aus der Disharmonie zwischen der +poetischen Darstellung und dem Inhalt. Beim Burlesken werden ernste, +wichtige und erhabene Dinge in einer unwürdigen und sie +herabsetzenden Weise vorgetragen. Als Beispiel mag Offenbach's +„Orpheus in der Unterwelt" gelten. Beim Heroisch-Komischen werden +ganz unbedeutende Gegenstände durch die Sprache als bedeutende +dargestellt, wie z. B. in Blumauers Aeneïde. -- + +So lange das Burleske und Heroisch-Komische nicht zugleich witzig ist +(was aber meist der Fall ist) steht der, aus der oben genannten +Quelle fliessenden Unlust, ein Lustgefühl gegenüber, das wie bei der +vorigen Form nur aus dem gesteigerten Selbstgefühl des Besserwissens +entspringt. + +Wir kommen jetzt zur letzten Hauptform des Komischen, die wir +nannten: + +*IV. Das Komische mit dem Wettstreit der Vorstellungen oder den +Witz.* + +_Der Witz_ ist eine der ausgedehntesten Formen des Komischen und +erfreut sich gerade bei den Gebildeten einer besonderen Beliebtheit +und doch steht er dem grössten Theile seines Inhalts nach auf keiner +hohen Stufe, indem bei ihm das angenehme Gefühl (in der Regel) ohne +Betheiligung sittlichen Wohlgefallens zu Stande kommt. Die logischen +Normen und die Normen der Ideenassociation sind es vorwiegend, die +bei ihm eine Rolle spielen, während die Beziehungen zu den ethischen +oder ästhetischen Normen meistens ausserhalb des Witzes, neben diesem +vorhanden sind und die komische Wirkung nur erhöhen. -- Es hat daher +etwas für sich, wenn Vischer in seiner ersten Schrift [1] den Witz: +das Komische des Verstandes oder der Reflexion nennt und hervorhebt, +dass die Untersuchung des Witzes theilweise mit der Lehre von den +Gesetzen der Ideenassociation zusammenfalle. Das wesentlichste +Merkmal des Witzes allen übrigen Formen des Komischen gegenüber ist +aber Folgendes: + +[1] Erhab. u. Komische p. 196 u. 198. + +[Page 57] + +_Beim Witz entsteht die Unlust wie die Lust aus_ *zwei* +_Vorstellungen, deren Unvereinbarkeit, und doch wiederum mögliche +Vereinbarkeit mit einander_, die Quelle der Gefühle bildet, während +bei den übrigen Formen entweder nur _eine_ Vorstellung beide Gefühle +erzeugte, oder zwei dargebotene Vorstellungen doch nur zur Erregung +des _einen_ der Gefühlsgegensätze thätig waren. + +Indem die zwei dargebotenen Vorstellungen zunächst nur unter einander +und nicht zu unserem ganzen Ich (zu den ideellen etc. Normen) in +Beziehung treten, regt der Witz unsere Interessen viel weniger an, +als alle übrigen Formen des Komischen. Ganz richtig sagt deshalb Jean +Paul von ihm: „er achtet nichts und verachtet nichts, Alles ist ihm +gleich, sobald es gleich und ähnlich wird". + +Sehen wir davon ab, dass der Unterschied des Witzes von den übrigen +Formen des Komischen mir bisher nirgend so scharf präcisirt zu sein +scheint, so ist er doch im Ganzen von den Autoren am richtigsten +aufgefasst. Jean Paul bringt auch über ihn ungemein viel Treffendes, +wenn schon er mit seiner eigentlichen Definition nicht glücklich war +und den Mangel wissenschaftlicher Schärfe auch hier verräth. -- Seine +gelegentlichen Bemerkungen z. B., wenn er ihn den verkleideten +Priester nennt, der jedes Paar copulirt, sind viel bezeichnender als +seine Definition, nach welcher er die alte, in der That unzureichende +Auffassung: Der Witz sei eine Fertigkeit, Aehnlichkeiten zwischen +Unähnlichem zu finden, in der Art verändert, dass er den Begriff der +Vergleichung substituirt, welche eine theilweise Gleichheit bei +grösserer Ungleichheit entdeckt. Viel entsprechender ist die +Definition von Vischer, der jene alte dahin erweitert: „Der Witz ist +eine Fertigkeit mit einer überraschenden Schnelle mehrere +Vorstellungen, die nach ihrem inneren Gehalt und dem Nexus, dem sie +angehören, einander eigentlich fremd sind, zu Einer zu verbinden." -- +In dieser Definition ist freilich ungesagt, dass diese Verbindung in +gewissen Hinsichten eine gerechtfertigte und uns angenehm berührende +sein muss. + +Doch berichtigt Vischer wenigstens seine in dem ersten Werke +ausgesprochene Ansicht, dass _kein_ Witz einen eigentlichen Sinn +habe, in seiner Aesthetik dahin, dass der Sinn zwar + +[Page 58] + +nicht innerlich organisch im Witz enthalten sei, doch in vielen +Fällen von Aussen hinzukomme [1]. Vollständig treffend, wenn wir die +darin enthaltenen Begriffe, Gleichheit und Verschiedenheit, mit +unseren obigen Normen in Beziehung bringen, ist die schon erwähnte +Definition von Lazarus, die eigentlich auf das Komische überhaupt +gemünzt ist, aber, wie wir sehen, im Besonderen auf den Witz passt. +Es sollen zwei Vorstellungen vorhanden sein, die einmal wegen ihrer +Gleichheit zu einem einzigen Denkacte verschmelzen, während sie nach +anderer Richtung hin, wieder ganz und gar verschieden sind, „die +Möglichkeit und die Unmöglichkeit der Verschmelzung tritt zu gleicher +Zeit ein". Das ist in der That das Charakteristicum des Witzes. + +Die Schopenhauer'sche Definition werde ich bei Gelegenheit einer +besonderen Form der Witze erwähnen, zu der wiederum alle von ihm +aufgestellten Beispiele gehören. + +Am ausführlichsten und in vieler Beziehung sehr glücklich hat in +neuester Zeit Kuno Fischer [2] den Witz behandelt. Seine Darstellung, +die halb vom psychologischen halb vom metaphysisch-ästhetischen +Standpunkte ausgeht, weicht aber von der meinigen vor allen Dingen +darin ab, dass Fischer ganz entsprechend seiner Auffassung des +Thema's hauptsächlich die Frage erörtert, wie der Witz entsteht, auf +welchem Boden er aufspriesst und wie er geformt wird. -- Das +Material, aus dem er besteht, behandelt Fischer nur gelegentlich. +Darum ist selbstverständlich seine ganze Eintheilung eine andere, +wenn ich auch in einzelnen Formen mit ihm übereinstimme. Entspringend +auf dem Boden der ästhetischen Freiheit, die sich vom Begehren und +Wollen fern hält und aus dem ungedruckten Selbstgefühl hervorgeht, +ist nach Fischer's kurzer und knapper Definition der Witz ein +spielendes Urtheil, welches die Fehler und Gebrechen, d. h. das +Unfreie im intellectuellen Reich unserer Gedanken und Vorstellungen +plötzlich aufdeckt, und mit unserem erhöhten und freien Selbstgefühl +in den komischen Contrast bringt. Der Witz muss nach F. ganz +entlegene, nicht gleichartige, sondern entgegengesetzte, + +[1] l. c. p. 426. +[2] Ueber die Entstehung u. die Entwickelungsformen des Witzes. Zwei +Vorträge etc. Heidelberg 1871. + +[Page 59] + +nicht bekannte, sondern einander fremde Vorstellungen mit einander +verknüpfen, dieselben aber plötzlich in der Pointe zusammenstossen +lassen. „Was noch nie vereint war, ist mit einem Male verbunden und +in demselben Augenblicke, wo uns dieser Widerspruch noch frappirt, +überrascht uns schon die sinnvolle Erleuchtung". -- Sehr mit Recht +betont Fischer, wie auch Vischer, besonders das Plötzliche des +Zusammenstosses der beiden Vorstellungen, d. h. die Pointe. Wir +müssen auf diesen Punkt, der zwar indirect in unserer Aufstellung +schon enthalten ist, am Schlusse noch einmal zurückkommen. Zunächst +wollen wir die einzelnen Formen des Witzes untersuchen und durch +Beispiele erläutern. + +Wir können innerhalb des Witzes zwei inhaltreiche Hauptgruppen +aufstellen, die sich durch die Entstehung des angenehmen Gefühls von +einander unterscheiden; in der einen Gruppe ist dasselbe abhängig von +der leichten Vereinbarkeit der beiden dargebotenen Vorstellungen in +Rücksicht auf die _logischen_ Normen; bei der andern Gruppe entsteht +die Lust aus der leichten Verbindung der beiden Vorstellungen nach +irgend einer _der drei Normen der Ideen- Association_. + +In der ersten Gruppe spielt der doppelte Sinn, die zweifache +Bedeutung und Beziehung, welche in einer der beiden dargebotenen +Vorstellungen steckt und in Rücksicht auf welche die Vereinigung mit +der in der vorliegenden Situation enthaltenen zweiten Vorstellung, +einmal möglich, das andere Mal unmöglich ist, eine Hauptrolle. Ich +will deshalb der bequemeren Bezeichnung halber den Namen +„_Doppelsinn-Witze_" dafür einführen, während ich die andere Gruppe +(_Ideen-_) _Associations-Witze_ nenne. + +Wir behandeln zuerst die + +*1. Associations-Witze* + +als die tiefer stehende Form. Es werden hier also zwei Vorstellungen +mit einander in einen Zusammenhang gebracht, der gegen die Normen der +Logik verstösst, und dadurch Unlust verursacht, während andererseits +die Verbindung derselben beiden Worte in Rücksicht auf eine der drei +Normen der Ideenassociation eine leichte ist und dadurch das +Lustgefühl begründet. Je + +[Page 60] + +nachdem das Gesetz der Aehnlichkeit, das der Gleichzeitigkeit oder +das der Zeitfolge die Association erleichtert, erhalten wir drei +verschiedene Unterklassen der Associationswitze. In der erstgenannten +_Unterklasse_, die ihr _angenehmes Gefühl auf die Aehnlichkeit der +beiden Worte stützt_, nehmen die sogenannten *Klangwitze* das +weiteste Gebiet ein. Bei ihnen ist die äussere Aehnlichkeit des +Klanges massgebend. Wir haben schon oben unter den vorläufigen +Beispielen auch von dieser Form einige angeführt: (Tracht -- +Eintracht; Ring -- Hering.) Man nennt diese Sorte von Witzen auch +„Kalauer" und achtet sie ziemlich gering; trotzdem hat selbst +Shakespeare sie nicht verschmäht, indem er z. B. dem dicken Hans +Falstaff folgende in den Mund legt. „Allerdings hat mein Wanst es +weit in die Dicke gebracht, aber es ist hier nicht die Rede von +_Wänsten_, sondern von _Gewinnsten_, nicht von _Dicke_, sondern von +_Tücke_". -- Nicht der geringste logische Zusammenhang besteht +zwischen diesen, doch in eine enge Verbindung gebrachten Worten; nur +der Gleichklang hält sie zusammen. + +Ich erwähne hier ferner jenes schon bei Gelegenheit des Pseudonaiven +angeführte Beispiel, wo das Kind, dem das Vaterunser gelehrt wird, +fragt, ob der Vater Unser mit dem Onkel Unzen verwandt sei. Wir +können diese Aeusserung auch als einen Witz auffassen, bei welchem +das angenehme Gefühl (allerdings viel schwächer als bei der vorigen +Auffassung) lediglich aus dem Gleichklang der beiden Worte Unser und +Unzer hervorgeht, die sonst gar nichts mit einander zu thun haben, +und deren Zusammenbringung unser Gefühl beleidigt. Jene Aeusserung +steht, als pseudonaive aufgefasst, bedeutend höher, als wenn wir sie +als Witz ansehen. + +Zuweilen erhält die einerseits unsinnige Zusammenstellung +klangähnlicher Worte durch äussere Nebenbeziehungen eine Art von +Sinn, und diese Witze stehen dann um ein Weniges höher. Beispiele zu +dieser Art liefern Fischart und Abraham a Santa Clara in grosser +Fülle. + +Dem letzteren nachgebildet sind die bekannten Klangwitze des +Kapuziners in Wallenstein: + + Kümmert sich mehr um den _Krug_ als den _Krieg_, + Wetzt lieber den _Schnabel_ als den _Sabel_, + +[Page 61] + + Hetzt sich lieber herum mit der Dirn, + Frisst den _Ochsen_ lieber als den _Ochsenstirn_ etc. + Das römische Reich, dass Gott erbarm, + Sollte jetzt heissen römisch arm. + Der _Rheinstrom_ ist geworden zu einem _Peinstrom_, + Die _Bisthümer_ sind verwandelt in _Wüstthümer_, + Die _Abteien_ und _Stifter_ + Sind _Raubteien_ und _Diebesklüfter_, + Und alle die gesegneten _deutschen Länder_ + Sind verwandelt worden in _Elender_. + +Im Anschluss hieran muss ich noch eine Abart der Klangwitze erwähnen, +die sich von der gewöhnlichen Form dadurch unterscheidet, dass von +den beiden Vorstellungen, deren Vereinbarkeit und Unvereinbarkeit +eben den Witz erzeugt, nur die eine direct, die andere aber indirect +gegeben ist. Hierher gehört besonders die theils absichtliche, theils +unabsichtliche Verstümmelung der Fremdwörter, wie sie zum Beispiel +von Onkel Bräsig in hohem Maasse geübt wird: Er spricht von dem +Existent (statt Assistent) des Wasserdoctors, der nicht als Gregorius +(Chirurgus) qualifikacirt war und keine Operamente (Operationen) +machen durfte, ihm dagegen eine Extra-Einwickelung apoplexirte. Hier +findet der Wettstreit zwischen dem wirklich ausgesprochenen und dem +eigentlich gemeinten Wort statt, das wir sofort errathen müssen. In +Bezug auf die logischen Normen haben diese beiden Worte, die nicht +nur in Verbindung gebracht sind, _sondern von denen eins sogar für's +andere substituirt_ ist, nicht das Geringste mit einander zu thun, +ihre Klangähnlichkeit aber erleichtert andererseits die Association. +-- Man kann diese Confusionen (wie es mit dem gerade angeführten +Beispiel wol gewöhnlich geschehen wird) auch als einfach komisch und +nicht als witzig auffassen, indem man dabei weniger den Wettstreit +der beiden Vorstellungen berücksichtigt, sondern vielmehr die +komische Situation in's Auge fasst, dass Jemand, der sich aus +Eitelkeit einen Anstrich von Bildung geben will und daher Fremdworte +anwendet, nun durch Verstümmelung derselben doch seine Unbildung +verräth, sich blamirt und auf diese Weise unser Gerechtigkeitsgefühl +befriedigt. Dagegen werden wir die folgenden Confusionen schon eher +als witzig auffassen: Finis coronat opium; + +[Page 62] + +tres faciunt collodium; Omnia mea mecum portemonnaie; exempla sunt +spirituosa, mundus vult deficit etc. Hierher gehören vor allen Dingen +auch die witzigen Verdeutschungen fremder Worte, die sich bei +Fischart in so überaus reichlicher Zahl finden und die einerseits +zwar von seiner kecken und oft zu weit gehenden muthwilligen Laune +Zeugniss ablegen, andererseits aber auch wie Kurz in seiner +Geschichte der deutschen Literatur richtig anführt, die ächt +volksmässige Schöpfungskraft in ihm erkennen lassen, welche das +fremde Wort zwar beibehält, ihm aber deutsche Form und deutsche +Bedeutung giebt, wie in unseren Worten Opfern (von dem lat. offerre), +Körper (corpus) etc. So bildet Fischart maulhenkolisch (für +melancholisch), Pfotengram (Podagra), Affrich (Afrika), Notnar +(Notar), Jesuwider (Jesuit), Untenamend (Fundament), Amend (Amen) u. +s. w. + +Die Aehnlichkeit der beiden zusammengebrachten Worte braucht sich +aber nicht immer auf den äusseren _Klang_ zu beziehen, sondern kann +auch in anderen Verhältnissen stattfinden. So entsteht z. B. in dem +„doppelten Kinderlöffel für Zwillinge", den Lichtenberg in seinem +bekannten Auctionsverzeichniss ausbietet, das angenehme Gefühl durch +die wegen ihrer inneren Aehnlichkeit leicht vor sich gehende +Association der beiden Begriffe _doppelter_ Löffel und _Zwillinge_, +während das Unsinnige der Zusammenstellung uns Unlust macht. In +wieder anderen Fällen ist die Aehnlichkeit eine ganz versteckte und +nur partielle und wird erst durch den Witz aufgefunden und +hervorgehoben. Für diese Fälle passt die alte Definition, dass der +Witz eine Fertigkeit sei, versteckte Aehnlichkeiten zu finden. Als +Beispiel diene folgende Witzreihe von Heine, der von einer auffallend +hässlichen Frau sagt: „Diese Frau glich in vielen Punkten der Venus +von Melos, sie ist auch ausserordentlich alt, hat ebenfalls keine +Zähne und auf der gelblichen Oberfläche ihres Körpers einige weisse +Flecken etc." Wir fühlen einerseits, dass dieser Vergleich zweier +ganz heterogenen Gegenstände (einer hässlichen Frau mit der Venus) +ein völlig unpassender ist -- werden aber doch durch die wirklich +vorgefundenen partiellen Aehnlichkeiten angenehm überrascht. Ein im +gewissen Sinne umgekehrtes Beispiel wie das vorliegende bildet die +_witzige Carricatur_, bei der wir in toto wohl die Aehnlichkeit des +Bildes mit dem + +[Page 63] + +Gegenstande oder der dargestellten Person herausfinden, aber doch +durch die darin enthaltene Uebertreibung unangenehm berührt werden. +Das was die Carricatur im Bilde, das ist die witzige Uebertreibung +oder Hyperbel in der Darstellung durch Worte. Ich erinnere z. B. an +Haug's Zweihundert Hyperbeln auf Herrn Wahls „ungeheure Nase", von +denen hier die folgende einen Platz finden mag: + + Er stand und sprach vor seinem Haus, + Da hielt ein Güterwagen an. + He! rief der trunk'ne Fuhrmann aus: + Den neuen Schlagbaum aufgethan! + +Aus Kuno Fischer will ich hier noch einen recht guten Witz dieser Art +mittheilen, den man sich von Friedrich Wilhelm IV. erzählt. -- Auf +einer seiner Landreisen wird der König in einer kleinen +Provinzialstadt von der Obrigkeit empfangen und von dem Bürgermeister +des Städtchens in feierlicher Anrede begrüsst; an dem kleinen +wohlbeleibten Mann tritt nichts so hervor als die weisse Weste in +stattlicher Wölbung; das Wetter ist sehr kalt und die Rede nimmt kein +Ende; da unterbricht der König den Redner gleichsam besorgt um seine +Gesundheit und auf die Weste deutend sagt er gütig: „mein Lieber, +erkälten Sie sich Ihren Montblanc nicht." -- Diese Anekdote enthält +eine Fülle komischer Contraste, der eigentliche Witz beruht aber +offenbar auf der Verbindung resp. Substituirung zweier vollständig +heterogener Vorstellungen, die aber eine gewisse Aehnlichkeit mit +einander haben. Fischer führt diesen Witz unter dem Wortspiel +(speciell unter der mit „Doppelsinn" überschriebenen Form) auf, nach +meiner Auffassung aber mit Unrecht, denn das Wort Montblanc enthält +_an und für sich_ keinen Doppelsinn. + +In manchen Fällen ist die versteckte Aehnlichkeit, die der Witz +aufdecken soll, nicht direct ausgesprochen, sondern kann erst nach +Kenntniss gewisser Verhältnisse verstanden werden. Als Beispiel führe +ich einen fall von witzigem Anachronismus an: Ein italienischer Maler +wurde von dem Prior eines Klosters aufgefordert, für dessen Kirche +ein Altar-Bild, das heilige Abendmahl darstellend, zu malen. Er macht +sich an die Arbeit; lernt aber während derselben den Prior als einen +ganz schlechten Menschen, einen Lügner und Verräther kennen, der ihn +selbst + +[Page 64] + +um den bedungenen Lohn betrügen will. Darüber entrüstet, beschliesst +der witzige Maler sich zu rächen und malt in einer Nacht, nachdem das +Bild vorher bis auf die Person des Judas fertig geworden war, die +Gestalt des Priors wie er leibt und lebt an dessen Stelle, um sich +dann natürlich heimlich davon zu machen. -- Das Bild enthält einen +Anachronismus, der in diesem Falle aber nicht blos komisch, sondern +für den, der die Verhältnisse kennt, auch witzig wirkt. Die Person +des Judas und des Priors, die hier mit einander indentificirt sind, +gehören zeitlich nicht zu einander, dagegen finden wir in Beziehung +auf ihren Geiz und ihre Verrätherei zwischen beiden eine +Aehnlichkeit, die in Verbindung mit dem Anachronismus den Witz +erzeugt. Die komische Wirkung wird in diesem Fall dadurch +unterstützt, dass die gerechte Schadenfreude mit eine Rolle spielt; +wir gönnen dem Prior wegen seiner Schlechtigkeit diese Blamage und +den Aerger, den er doch wahrscheinlich über das Bild empfunden. +Solche Witze, bei denen die gerechte Schadenfreude mitwirkt, nennen +wir _satyrische Witze_ oder _Sarkasmen_, deren Wesen also in einer +zum eigentlichen Witz hinzukommenden Nebenwirkung besteht. + +Sahen wir in der ersten oben besprochenen Klasse der +Associationswitze die _Aehnlichkeit_ zur Erzeugung des angenehmen +Gefühls thätig, so treten in den anderen Klassen ebenso die Normen +der _Gleichzeitigkeit_ und _Succession_ dafür ein. In dem schon +erwähnten Lichtenberg'schen Auctionsverzeichniss wird u. A. weiter +ausgeboten: Eine Mausefalle mit den nöthigen Mäusen dazu und ein +messingenes Schlüsselloch. In dem ersten Beispiel erscheint es uns +einerseits nach dem Gesetze der Coexistenz ganz natürlich, dass zur +Mausefalle auch Mäuse gehören, andererseits sehen wir auch sofort das +Unsinnige der Zusammenstellung ein. Ebenso ist es mit dem messingenen +Schlüsselloch. Wir haben den Messing mit dem darin befindlichen +Schlüsselloch so oft zusammen gesehen, dass wir diese beiden Begriffe +leicht und ungezwungen in Zusammenhang bringen und deshalb lachen, +wenn wir andererseits den Widersinn einsehen. -- Es spielt in diesen +Beispielen übrigens nebenbei auch das gesteigerte Selbstgefühl in +gleicher Weise wie bei den Münchhausiaden mit. Wir merken, dass uns +eine Falle gelegt ist, + +[Page 65] + +dass wir confuse gemacht werden sollten und freuen uns nun der +glücklich überstandenen Prüfung. + +Wir kommen jetzt zur zweiten Hauptgruppe der Witze, die wir + +*2. Doppelsinn-Witze* + +nannten. Bei den Doppelsinn-Witzen werden die zwei Vorstellungen +resp. Vorstellungskreise, die in dem Witz uns dargeboten sind und mit +einander in den Wettstreit eingehen sollen, gebildet: erstlich durch +ein Wort, eine Aeusserung, Geberde oder Darstellung irgend welcher +Art, und zweitens durch die Situation oder den Zusammenhang des +Satzes, in welchem jene stehen. -- Das erste dieser Glieder lässt +eine doppelte Deutung zu, enthält einen Doppelsinn und je nachdem nun +die eine oder die andere Bedeutung substituirt wird, passt das erste +Glied in Bezug auf die logischen Normen (oder Ideen der Wahrheit) in +den Zusammenhang vollständig hinein -- oder nicht (resp. weniger +gut). + +Eine grosse Unterabtheilung hierzu bildet das Wortspiel oder genauer + +a) _das homonyme Wortspiel_. + +Bei diesem entsteht der Doppelsinn dadurch, dass das eine Wort zwei +homonyme Bedeutungen in sich schliesst und zwar am häufigsten die +methaphorische und sinnliche Bedeutung. Diese Witze sind sehr +verbreitet und stehen ihrem Werthe nach den Klangwitzen nahe, weil +sie sehr wohlfeil sind. Nicht eigentlich wir machen dieselben, +sondern die Sprache macht sie für uns. -- Auf unterster Stufe steht +das Wortspiel mit Namen, von welchem u. A. Falstaff auch ein Beispiel +liefert, wenn er zu seinem Fähndrich Pistol sagt: „Drücke Dich aus +unserer Gesellschaft ab Pistol". Das Wortspiel ist hierin sogar ein +doppeltes. Erstlich das mit dem Worte Pistol, das in der Bedeutung +des Namens nicht eigentlich in den Zusammenhang des Satzes passt, +(namentlich, wenn wir uns denken, es hiesse etwa: _schiesse_ Dich +ab), während die andere Bedeutung einen Sinn giebt, der aber hier +nicht gemeint ist. Durch Einzukommen des zweiten + +[Page 66] + +Wortspiels, oder richtiger Klangwitzes, welcher die Worte „sich +abdrücken und sich drücken" für einander substituirt, wird der Witz +verdoppelt und dem Wortspiel gewissermaassen der Weg besser gebahnt. + +In einer Schule trug der Lehrer die Geschichte des Tobias ganz mit +den Worten der heiligen Schrift vor. Bei den Worten „Hanna aber, sein +Weib, die arbeitete fleissig mit ihrer Hand und ernährte ihn _mit +Spinnen_", machte ein Mädchen mit Gesicht und Händen die Geberde des +Abscheues und Ekels. „Agnes, was hast Du denn?" ruft der Lehrer: +Antwort: „Ach Herr Lehrer, ist denn das wirklich wahr?" Lehrer: +„Warum zweifelst Du daran?" Kind: „O, weil _die Spinnen_ doch gar zu +schlecht schmecken müssen!" -- In der vorliegenden Anekdote, so wie +sie hier erzählt ist, ist die Aeusserung des Kindes offenbar eine +pseudonaive. Die Kleine sagt eigentlich etwas Dummes, aber indem wir +uns auf den Standpunkt des in diesem Falle leicht entschuldbaren +Missverständnisses stellen, hat sie mit ihren Worten eigentlich ganz +recht. Dieselbe Aeusserung können wir aber auch als Witz auffassen +und zwar als Wortspiel, wenn wir das Wort „_Spinnen_" bald in der +einen, bald in der anderen Bedeutung in den Zusammenhang +substituiren. Einen logischen Sinn geben in vorliegendem Falle +eigentlich beide Bedeutungen, doch kann es für den Einsichtsvollen +keinen Augenblick zweifelhaft sein, welche von beiden die gemeinte +ist. Eine doppelt komische Wirkung entsteht oft dadurch, dass die +nicht gemeinte Bedeutung uns zuerst allein aufstösst und wir gerade +bei der Substituirung dieser ausserdem noch unsere Schadenfreude +befriedigt sehen, wie im folgenden Beispiel. -- Ein im Bezahlen +seiner Rechnungen sehr säumiger Herr schickt seinen Diener zum +Schneider, um diesen zum Maassnehmen für einen neuen Anzug zu sich zu +bestellen. „Nun Friedrich"! fragt er den Rückkehrenden, „warst Du +beim Schneider? Wann kommt er?" Antwort: „Gnädiger Herr, in einer +_schwachen_ Stunde wird er herkommen, hat er g'sagt." -- In einer +schwachen Stunde soll offenbar soviel heissen wie in einer kleinen +Stunde (so wie man von einer starken und schwachen Meile spricht). +Die andere Bedeutung, die eigentlich nicht gemeint ist, aber ganz der +Situation entsprechend die Ab- + +[Page 67] + +neigung des Schneiders ausdrückt, für einen so schlechten Zahler +weiter zu arbeiten, fällt uns jedoch zunächst auf, und wir lachen +deshalb um so mehr. -- Es gehört dieser Witz, besonders wenn wir +annehmen, dass der Schneider oder der Diener ihn absichtlich gemacht +habe, zu den sog. _zweideutigen Wortspielen_, von denen Kuno Fischer +sehr richtig sagt: „Jetzt ist der Doppelsinn nicht mehr harmlos, +sondern pikant; das Wortspiel hat nicht blos zwei Bedeutungen, +sondern zwei Gesichter, das eine ist Maske, das andere das wahre +Gesicht; jenes sieht harmlos aus, dieses hat den Schalk im Nacken." + +Bei einer anderen Klasse der Wortspiele ist es nicht die _homonyme_ +Bedeutung eines Wortes, sondern die doppelte Bedeutung, die dadurch +entsteht, dass ein Wort dem Zusammenhang des Ganzen entsprechend (und +zwar nicht immer ganz correct) in einem weiteren oder engeren Sinne +gebraucht und dann im Witze plötzlich in seine wirklichen Grenzen +zurückgewiesen wird. Ich nenne diese Wortspiele deshalb + +b) _limitirende Wortspiele_ + +und führe zuerst solche an, bei denen ein Begriff, der eigentlich +eine weitere Bedeutung hat, zunächst in einem engeren Sinne gebraucht +wird und in diesem in den Zusammenhang des Ganzen nicht hineinpasst, +während die Substituirung der eigentlich richtigen, weiter +umfassenden Bedeutung, an die wir aber erst erinnert werden müssen, +einen richtigen Sinn ergiebt. Fast sämmtliche Beispiele, die +Schopenhauer vom Witz giebt, gehören in diese eben genannte Klasse +und wir werden das gewissermaassen begreiflich finden, wenn wir uns +der Schopenhauer'schen Definition des Lächerlichen erinnern. Die +paradoxe und daher unerwartete Subsumtion eines Gegenstandes unter +einen ihm übrigens heterogenen Begriff gilt ihm als das Kennzeichen +des Lächerlichen. Dabei soll beim Witz das Auffinden dieser +Incongruenz vom Anschaulichen zum Begriff übergehen. Schopenhauer +erzählt folgende Witze: + +Ein Gascogner geht bei strenger Winterkälte in leichter +Sommerkleidung umher. Der König, der ihm begegnet, lacht über ihn, +worauf der Gascogner sagt: Hätten Ew. Majestät an- + +[Page 68] + +gezogen, was ich angezogen habe, so würden Sie es sehr warm finden. +Auf die Frage: was er denn angezogen habe, erwidert er: „meine ganze +Garderobe." -- Unter dem _was_ (ich angezogen habe) verstehen wir +zunächst, der Situation ganz entsprechend, den Anzug, den wir auf +seinem Leibe sehen und es scheint uns diese kärgliche dünne +Bekleidung seine Behauptung nicht zu rechtfertigen. -- In seiner +weiteren Antwort wird aber dieses von uns selbstverständlich in so +enger Bedeutung aufgefasste „_was ich anhabe_" plötzlich erweitert zu +dem Begriff „meine ganze Garderobe" und in dieser Bedeutung passt +allerdings seine Antwort vollkommen zur Situation. -- + +„Das Publikum eines Theaters in Paris verlangte einst, dass die +Marseillaise gespielt werde und gerieth, als dies nicht geschah, in +grosses Schreien und Toben, so dass endlich ein Polizeicommissarius +in Uniform auf die Bühne trat und erklärte, es sei nicht erlaubt, +dass im Theater etwas Anderes vorkomme, als was auf dem Zettel stehe. +Da rief eine Stimme: „„Et vous, Monsieur, êtes-vous aussi sur +l'affiche?"" welcher Einfall das einstimmigste Gelächter erregte." + +Das Wort, um welches es sich bei diesem Witze handelt, ist das Wort +_vorkommen_. Wir fassen dasselbe zunächst und entsprechend dem, wie +es gemeint ist, in dem Sinne von: „aufgeführt werden" auf, „es darf +im Theater nichts Anderes aufgeführt werden" etc. Der witzige Einfall +erweitert aber plötzlich die Bedeutung zu ihrem eigentlichen Umfang +und nun fällt das Auftreten des Polizeibeamten auch mit unter den +Begriff: vorkommen. Hätte der Beamte sich correct ausgedrückt und +gesagt: es darf nichts Anderes aufgeführt werden, als was auf dem +Zettel steht, so wäre die Gelegenheit zu dem vorliegenden Witz +genommen. -- + +Gerade die gegentheilige Operation findet bei den folgenden Witzen +statt, bei denen ein Wort zuerst in einer weiteren Bedeutung +gebraucht ist und nun plötzlich durch den Witz eingeschränkt wird. + +Die Beispiele dazu entlehne ich aus Kuno Fischer, der dieselben unter +der Form „Das witzige Abfertigen" mittheilt, ohne auf das eigentliche +punctum saliens bei diesen Witzen einzugehen. + +[Page 69] + +„Herzog Karl von Württemberg trifft auf einem seiner Spazierritte von +ungefähr einen Färber, der mit seiner Handthierung beschäftigt ist; +„kann er meinen Schimmel blau färben?" ruft ihm der Herzog zu, und +erhält die Antwort zurück: „ja wohl, Durchlaucht, wenn er das Sieden +vertragen kann". Die beiden Glieder des Witzes sind die _bejahende_ +Antwort und das Wort „_können_". In der Frage des Herzogs ist +letzteres in der weiteren Bedeutung gemeint „können, so dass es eben +ohne Schaden geschieht." In der Antwort aber wird die Bedeutung in +ihre strengen eigentlichen Grenzen zurückgewiesen und erst zu dieser +Bedeutung passt die bejahende Antwort. -- + +Zur Verstärkung der komischen Wirkung, aber ganz ausserhalb des +Witzes gelegen, kommt das Moment der witzigen Abfertigung hinzu (das +also zur Unterscheidung einer besonderen Witzform eigentlich nicht +gebraucht werden kann). Wir sympathisiren mit dem Färber, der vom +Herzog geschraubt werden soll und gönnen letzterem die Abfertigung, +die er sich zuzieht, als eine gerechte Strafe für seine böse Absicht. +Aber auch ohne dies Nebenmoment bleibt der Witz als solcher bestehen +und wir können ihn etwa in die Räthselfrage kleiden: Kann man einen +Schimmel blau färben? Antwort: Ja, wenn er das Sieden vertragen kann. + +„Friedrich der Grosse hört von einem Prediger in Schlesien, der im +Rufe steht, mit Geistern zu verkehren; er lässt den Mann kommen und +empfängt ihn mit der Frage: „Er kann Geister beschwören?" Die Antwort +war: „zu Befehl, Majestät, aber sie kommen nicht". -- Die beiden +Glieder des Witzes sind auch hier die bejahende Antwort und das Wort +„beschwören", das in seiner doppelten Bedeutung zu dem Wortspiel +Veranlassung giebt. In der Frage ist dasselbe so gemeint, dass wir +ohne Weiteres das Erscheinen der Geister mit einbegreifen; in der +Antwort wird das Wort auf seine eigentliche Bedeutung zurückgeführt +und daraus entsteht der Wettstreit mit der bejahenden Antwort. -- +Auch hier dient das Moment der Abfertigung nur zur Erhöhung der +komischen Wirkung. + +Es braucht aber nicht immer _ein_ Wort zu sein, welches eine doppelte +Bedeutung enthält, oft ist es auch die Construction die einen +doppelten Sinn zulässt. Diese + +[Page 70] + +c) _Witze aus doppelsinniger Construction_ + +sind häufig unwillkürliche wie z. B. der folgende. -- Einer unserer +verflossenen Duodezfürsten überraschte eines Tages seinen +Kammerdiener, wie dieser behaglich auf dem Thronsessel Probe sass und +fuhr ihn mit den heftigen Worten an: „Kerl, verdammter, wie kommst Du +mir vor? bildest Dir wohl gar ein, regierender Herr zu sein, dumm +genug wärst Du dazu!" [1] -- Was der Kurfürst sagen wollte, ist wol +klar: „Du bist dumm genug, Dir das einzubilden." Durch die etwas +uncorrecte Satzstellung aber ist der Sinn: „Dumm genug, regierender +Herr zu sein" nahe gelegt, der offenbar nicht der gemeinte ist. +Daraus aber entsteht ein Witz, dessen komische Wirkung zunächst +dadurch beträchtlich erhöht wird, dass wir aus dem Munde eines +Mannes, dem wir von vornherein übel wollen, diese (in gewisser +Auffassung) naive Aeusserung, mit der er sich selbst ins eigene +Fleisch trifft, gern und mit einer nicht unberechtigten Schadenfreude +hören, weil wir diesen eigentlich nicht gemeinten Sinn, für den mit +der Wahrheit am meisten übereinstimmenden halten. Dadurch, dass wir +aber wissen, dass der Fürst seine Aeusserung nicht so gemeint hat, +wird aus der Naivetät ein *unbewusster Witz*, indem bei Substituirung +der beiden möglichen Constructionsauslegungen ein Wettstreit zwischen +den beiden Sätzen eintritt. -- + +So wie hier in der doppelsinnigen Construction oder wie vorher in +einem doppelsinnigen Wort, so liegt oft das punctum saliens des +Witzes in einem ganzen Satze, der seinen Doppelsinn entweder in sich +trägt oder durch eine ihn begleitende Geberde erhält. Meist handelt +es sich dabei um ein absichtliches Missverständniss. Ich will diese +Classe + +d) _Doppeldeutungs-Witze_ + +nennen. Als Beispiele dienen folgende Anekdoten: Eine Dame steckt den +Kopf zum Coupéfenster hinaus und schreit mit giftigem + +[1] Ludwig Reinhard, Komische Spaziergänge. Coburg 1867. + +[Page 71] + +Gesicht: Herr Conducteur, ist es erlaubt, in diesem Coupé zu rauchen? +„Wenn die Herren darin nichts dagegen haben, so können die gnädige +Frau getrost rauchen", lautet die Antwort. -- Die beiden Glieder des +Witzes, die hier mit einander in Wettstreit treten, sind: die Frage +und Antwort; die Gelegenheit zum Witze giebt die mögliche doppelte +Deutung der Frage. Die Dame will sich offenbar über die rauchenden +Herren beschweren; der Schaffner aber deutet ihre Frage anders, wozu +er, wenn er die Geberde der Dame nicht bemerkt oder bemerken will, +volles Recht hat. Die komische Wirkung wird auch hier durch unsere +Schadenfreude gesteigert. Wir sympathisiren mit den rauchenden +Herren, welche durch die Dame in ihrem Genuss gestört werden sollen +und freuen uns, dass Letztere mit ihrer Beschwerde so lächerlich +abfällt. -- + +In einer Dorfschule wird der Katechismus überhört. Der Lehrer sieht +einen Knaben ganz unaufmerksam dasitzen und fasst ihn schnell mit den +Worten beim Arm: „Was ist das?" um ihn nach der Lutherschen Erklärung +des eben von einem andern Schüler hergesagten Gebotes zu examiniren. +Der Unaufmerksame stottert die Antwort hervor: „Das ist meiner Mutter +ihre alte Pelzjacke." Diese Antwort erregt natürlich unter den +Mitschülern unbändiges Gelächter. Einzelne der Lacher werden +vielleicht das unbewusst Witzige der Antwort gar nicht bemerken. Sie +lachen einfach aus gerechter Schadenfreude über die der Dummheit +resp. Unaufmerksamkeit folgende Blamage und etwaige Strafe. Anderen +Schülern aber wird der Witz jener Aeusserung nicht entgehen. Die +Frage des Lehrers war eine doppelsinnige, indem dieselbe durch +Anfassen des Armes d. h. also der Jacke des Schülers begleitet war. +Welchen Sinn die Frage eigentlich haben _soll_, darüber ist uns kein +Zweifel; durch den Doppelsinn der Frage entsteht nun aber zwischen +Frage und Antwort ein Wettstreit. In gewissem Sinne passen beide zu +einander, in anderem Sinne und zwar dem eigentlich gemeinten, dagegen +gar nicht. Das war ja aber das Charakteristicum des Witzes. -- + +Wir haben in den letzten Nebenformen den Widerspruch zwischen dem +wirklich Gesprochenen und dem eigentlich Gemeinten als wesentlich +erkennen müssen. Zwei andere Neben- + +[Page 72] + +formen zeigen ebenfalls diesen Widerspruch; doch ist bei ihnen der +Doppelsinn nicht in dem gesprochenen Wort oder der geschehenen +Aeusseruug selbst enthalten, sondern wird erst durch die Hörenden dem +Sinn des Redenden entsprechend hineingelegt. Es sind dies die beiden +Formen der Ironie und des Vexirwitzes. + +e) _Die Ironie_ + +charakterisirt sich dadurch, dass sie gerade das Gegentheil von dem +behauptet, was sie wirklich meint, dabei aber voraussetzt, dass der +Hörende den eigentlich gemeinten Sinn erräth. Sie lobt eben _die_ +Eigenschaften des Subjects, die sie tadeln will, indem sie ihnen +Gründe vorstreckt, deren Unhaltbarkeit gerade in der Uebertreibung zu +Tage kommt, oder sie sagt die entgegengesetzten schönen Eigenschaften +von ihm aus [1]. -- In ähnlicher Weise wie beim Wortspiel -- nur noch +etwas verborgener und darum für den Hörer angenehmer kitzelnd -- +enthält das ausgesprochene Urtheil eigentlich einen doppelten Sinn: +einmal den wörtlich genommenen und zweitens den versteckten +gegentheiligen; der letztere passt zur Situation, der andere nicht +und indem bald der eine, bald der andere substituirt wird, erzeugt +sich bald die Möglichkeit, bald die Unmöglichkeit der Vereinigung. -- +Je versteckter der Angriff, um so schwerer ist die Vertheidigung, um +so sicherer trifft der abgeschossene Pfeil. Darum wirkt die Ironie so +überaus vernichtend; denn wenn sie nicht plump, sondern fein angelegt +ist, weiss der Angegriffene im ersten Augenblick wohl gar nicht, ob +er's mit Ernst oder mit Ironie zu thun hat, und merkt er nun den +Angriff, so gesteht er durch eine Vertheidigung zu, dass er das Lob, +das ihm im wörtlichen Sinne gespendet wurde, nicht verdient habe, in +der That also in dem betreffenden Punkte tadelnswerth sei. Besonders +häufig bedient sich der Humor der Ironie als Waffe, indem er z. B. +Handlungen, die aus grossartigen, oft grossartig bösen Motiven +hervorgegangen sind, ganz im Sinne des Humors auf die kleinlichsten +Gründe zurückführt. So sucht z. B. Hamlet im unversöhnten ironischen +Humor die schnelle + +[1] Vischer l. c. p. 437. + +[Page 73] + +Heirath seiner Mutter zu entschuldigen: „Pah, Oekonomie, Oekonomie; +das Gebackene zum Leichenschmaus gab kalte Hochzeitsschüsseln!" + +Der Grund weshalb dem Humor unter allen Formen des Witzes die Ironie +gerade bei Weitem am meisten zusagt, ist leicht einzusehen. Die +Neigung des Humors, das ihm entgegentretende Alltägliche, Kleine, +Niedrige, Gemeine mit den höchsten sittlichen und religiösen Ideen in +Gegensatz zu bringen, findet eben am leichtesten in der Form der +Ironie Ausdruck, da diese ja gerade in der Vereinigung der grösst- +denkbaren Gegensätze d. h. der Gegentheile besteht. -- Deshalb aber, +weil der Humor die Ironie so vorwiegend in seinen Dienst nimmt, darf +man beide nicht mit einander verwechseln. -- + +In der Hand des Kritikers ist die Ironie eine der schärfsten Waffen. +Unter den neueren Schriftstellern ist als Meister in ihrer Benutzung +Paul Lindau zu nennen, der in seinen „literarischen +Rücksichtslosigkeiten", namentlich aber auch in seinen „harmlosen +Briefen eines deutschen Kleinstädters" eine unerschöpfliche Fundgrube +von ironischen Witzen bietet, auf die ich hier nur verweisen kann. + +f) _Der Vexirwitz_ + +hat viel Aehnlichkeit mit der Ironie, ist aber durchaus harmlos und +nimmt eine ziemlich niedrige Stufe im Gebiet des Witzes ein. Wenn ich +z. B. sage: Es ist doch recht abgeschmackt von Schiller, dass er +seinen Don Carlos mit der alten, abgedroschenen Phrase beginnt: „Die +schönen Tage von Aranjuez sind nun vorüber", so ist das ein +Vexirwitz, indem ich dabei voraussetze, dass der Hörende weiss, was +ich eigentlich sagen will und, die Entstellung der Thatsachen sofort +merkend, den richtigen Sinn substituirt. + +Wie bei den Münchhausiaden, die unter Umständen auch als Vexirwitze +aufzufassen sind, wird das angenehme Gefühl durch die Freude darüber, +dass wir der beabsichtigten Täuschung nicht unterlegen sind, noch +erhöht. + + +[Page 74] + +Hiermit haben wir den Witz in seinen wesentlichsten Formen vorgeführt +und wenden uns jetzt noch einmal zu dem ganzen Gebiet des +Lächerlichen zurück. -- + +Wir haben nachzuweisen gesucht, dass bei allem Komischen zwei +Gefühle, ein angenehmes und ein unangenehmes erregt werden. Wir haben +ferner die Thatsache schon kurz erwähnt, dass diese beiden Gefühle +von gleicher Stärke sein und _gleichzeitig_ entstehen müssen, so dass +sie mit einer gewissen Plötzlichkeit aufeinanderstossen. Es ist zum +psychologischen Verständniss des Lächerlichen durchaus nothwendig, +dass wir auf dieses Verhältniss noch näher eingehen. Die +Gleichzeitigkeit der Entstehung beider Gefühle bedingt die sog. +„Pointe", ohne welche eben die komische Wirkung eines Witzes oder +einer Anekdote verloren geht. In der Pointe werden die beiden +contrairen Gefühle durch das Aufeinanderstossen von Sinn und Unsinn, +von Harmonie und Disharmonie mit den verschiedenen Normen +gleichzeitig erzeugt. -- + +Wie aber gelangen diese Gefühle zum Bewusstsein? Nach dem bekannten +Satze von der Enge des Bewusstseins können in derselben Zeiteinheit +nicht zwei Vorstellungen mit gleicher Schärfe vom Bewusstsein +wahrgenommen werden; dasselbe gilt auch von den Gefühlen. Was wird +und muss also geschehen, wenn zwei Gefühle zu gleicher Zeit erzeugt +werden, die wegen ihrer Gegensätzlichkeit nicht in eins verschmelzen +können? Die Selbstbeobachtung der psychologischen Vorgänge in uns +lässt uns dabei ziemlich im Stich, indem sie uns nur im Allgemeinen +das Entstehen eines sog. Affectes schauen lässt. Wir wollen aber in +das Wesen dieses Affectes eindringen und es bietet sich dazu nur ein +Weg, auf welchen Wundt zuerst mit grosser Dringlichkeit in seinen +Beiträgen zur Theorie der Sinneswahrnehmungen [1] aufmerksam gemacht +hat, indem er sagt: „Es wäre ein fundamentaler Irrthum, wenn man in +Bezug auf die experimentelle Erforschung der Empfindungs- und +Wahrnehmungsprocesse an der Meinung festhalten wollte: Alles, was man +auf diesem Wege finde, seien nur Gesetze, die Gültigkeit für die +Seele besitzen in ihrem Verhalten gegen äussere Sinnesreize, + +[1] Leipzig und Heidelberg 1862. p. XXIX u. 450. + +[Page 75] + +aber in dem von diesen unabhängigen Leben, im reinen Denken könnten +vielleicht ganz abweichende Gesetze gültig sein, über die uns die +Resultate unserer Experimente Nichts aussagten." -- „Die +experimentelle Untersuchung der Sinneswahrnehmungen und Vorstellungen +ergiebt vielmehr ein Resultat, das unmittelbar auch auf die _höheren +Sphären_ geistiger Thätigkeit sich anwenden lässt". -- Schon der Satz +von der Enge des Bewusstseins ist ja wie bekannt aus der +experimentellen Thatsache hergeleitet, dass wir nicht im Stande sind, +in derselben Zeiteinheit scharfe Wahrnehmungen durch zwei +verschiedene Sinne zu machen. Im vorliegenden Falle handelt es sich +nun aber um _Gefühle_, die zwar einander conträr aber gleichsam von +derselbeu Qualität sind und bei Entscheidung der Frage, was bei dem +gleichzeitigen Auftreten solcher conträren Gefühle geschieht, werden +wir also auf ähnliche Verhältnisse, aus der Sphäre der +Sinneswahrnehmungen recurriren müssen. Die Fälle, in welchen ein und +derselbe Punkt unserer Netzhaut zu gleicher Zeit von zwei aus +derselben Richtung kommenden verschiedenen (namentlich verschieden +gefärbten) Lichtstrahlen getroffen wird, werden offenbar dem hier zu +ergründenden Factum ganz analog sein, und ihre genaue Prüfung wird +uns das Verständniss des letzteren erschliessen. -- Wenn das Licht +zweier verschiedenen Gegenstände aus ein und derselben Richtung in +unser Auge fallen soll, so müssen jene Gegenstände offenbar, wirklich +oder scheinbar, hinter einander liegen und ausserdem wird im ersten +Falle der vordere Gegenstand durchsichtig, also etwa von Glas sein +müssen. Was geschieht nun, wenn wir einen Gegenstand durch eine +farblose oder farbige Glasplatte betrachten? Fast immer wird unsere +Aufmerksamkeit von dem hinter der Glasplatte liegenden Objecte so +gefesselt, dass wir nur dieses bemerken, die Anwesenheit der +Glasplatte dagegen vollständig ignoriren, und wenn sie gefärbt ist, +ihre Farbe einfach dem durch sie gesehenen Gegenstande beilegen. Erst +durch eine willkürliche Richtung unserer Aufmerksamkeit können wir +uns zwingen, die Oberfläche der Glasplatte zu beobachten; doch wird, +wenn uns an derselben Nichts mehr fesselt, sich uns immer wieder die +Vorstellung des hinter ihr liegenden Gegenstandes aufdrängen. Wenn +wir aber den Versuch so einrichten, dass unsere Auf- + +[Page 76] + +merksamkeit gleichmässig stark von der Glasplatte und dem Objecte in +Anspruch genommen wird, so erhalten wir eine andere eigenthümliche +Erscheinung. Legen wir nämlich nach Wundt's Angabe [1] auf ein blaues +Glas ein rothes Papier, in welches ein kleines Fenster geschnitten +ist, so dass also die Oeffnung des Fensters blau und durchsichtig +erscheint, und halten hinter das Glas in einiger Entfernung einen +weissen Papierstreifen, so erscheint die Fensteröffnung plötzlich im +lebhaftesten _Glanze_. + +Noch deutlicher lassen sich die eben besprochenen Erscheinungen an +Gegenständen experimentiren, welche ausser der Ausstrahlung ihres +Eigenlichtes, Licht an ihrer Oberfläche reflectiren. Auch hier wird +aus ein und derselben Richtung (also auf _einen_ Punkt unserer +Netzhaut) zweierlei verschiedenes, scheinbar aus verschiedener +Entfernung kommendes Licht, in unser Auge gesandt, und in ähnlicher +Weise wie in dem vorher besprochenen Falle, sehen wir auch hier je +nach der Richtung unserer Aufmerksamkeit zwei verschiedene +Erscheinungen auftreten, von denen wir die eine als Spiegelung, die +andere (wie vorher) als Glanz erkennen. Ueber die Entstehung beider +Phänomene und ihren gegenseitigen Unterschied, spricht sich Wundt +folgendermaassen aus: „Ein Gegenstand _spiegelt_, dessen Oberfläche +durch Reflexion ein solches Bild der umgebenden Objecte entwirft, +dass wir den spiegelnden Gegenstand selber über der Betrachtung der +Spiegelbilder vernachlässigen, indem wir diese gewissermaassen als +die direkt betrachteten Gegenstände ansehen. Zur reinen Spiegelung +gehört daher erstens eine gewisse Deutlichkeit der Spiegelbilder und +zweitens eine solche Beschaffenheit des spiegelnden Gegenstandes, +dass dieser nicht unsere Hauptaufmerksamkeit auf sich zieht; ebene +oder gleichförmig gekrümmte polirte Flächen sind daher am häufigsten +spiegelnde Objecte, insbesondere wenn sie farblos oder wenigstens +gleichfarbig sind. Hat ein Object eine ausgeprägte Farbe, so regt +dies schon leicht unsere Aufmerksamkeit an, und dies findet in noch +höherem Maasse statt, wenn die Farbe nicht gleichmässig über die +Oberfläche vertheilt ist. Wir nennen einen + +[1] l. c. p. 313 + +[Page 77] + +Gegenstand _glänzend_, wenn derselbe so beschaffen ist, dass wir +zugleich den Gegenstand und die von demselben entworfenen +Spiegelbilder in's Auge zu fassen genöthigt sind, wenn wir also +gleichzeitig verschiedene Gegenstände sehen, die hintereinander in +verschiedener Entfernung vom Auge gelegen scheinen und die daher sich +decken sollten. _Zu diesem gleichzeitigen Auffassen des Objects und +seiner Spiegelbilder ist nothwendig, dass keins von Beiden über das +andere das Uebergewicht erlange_; werden die Spiegelbilder +unmerklich, so hört natürlich der Glanz auf, wir sehen nur noch den +Gegenstand in seinem eigenen Lichte; werden aber die Spiegelbilder +sehr stark, so geht der Glanz in Spiegelung über. Wundt beweist +ferner durch eine Reihe von Experimenten (p. 305-307), dass der Glanz +nicht auf Accommodationsverschiedenheit, d. h. der verschiedenen +Einstellung der Augen für die scheinbar oder wirklich verschiedenen +Entfernungen der beiden Objecte beruht, sondern als ein Product der +Vorstellungsthätigkeit auftritt und zwar definirt er den Glanz als +einen solchen Urtheilsprozess, bei welchem die einzelnen +Bestandtheile einer gegebenen Mischempfindung von einander losgelöst +und für sich vorgestellt werden; während wir die beiden Farben (des +spiegelnden und gespiegelten Lichtes) zugleich sehen, unterscheiden +wir sie noch von einander. Wir erhalten beim Glanz die Vorstellung +eines Gegenstandes, der das Bild eines anderen spiegelt, aber den +Gegenstand deutlich aufzufassen, verhindert uns das Spiegelbild und +das Spiegelbild deutlich aufzufassen, verhindert uns der Gegenstand. +Der wesentliche Grund hierfür ist die Unmöglichkeit gleichzeitig zwei +Dinge klar vorzustellen, die sich nicht in _eine_ Vorstellung +vereinigen lassen. Unsere Vorstellungsthätigkeit, die aber nach +Klarheit strebt, wird deshalb in _schneller Schwankung von dem +spiegelnden Gegenstand zum Spiegelbild, vom Spiegelbild zum +Gegenstand hinüberschweifen_ und darauf beruht das eigenthümliche +Princip der Unruhe, was im Glanze liegt und z. B. auch von Brücke [1] +besonders hervorgehoben (freilich aber in + +[1] Brücke, die Physiologie der Farben für die Zwecke der +Kunstgewerbe. Leipzig 1866 p. 228. + +[Page 78] + +etwas anderer Weise erklärt) wird. Auch die eigenthümliche Thatsache +des von Dove entdeckten stereoskopischen Glanzes beweist und +illustrirt das eben Gesagte. Dove zeichnete die stereoskopische +Projection eines Prismas oder einer anderen Figur für das eine Auge +mit weissen Linien auf matt schwarzem Grunde, für das andere Auge mit +schwarzen Linien auf weissem Grunde. Bei stereoskopischer Vereinigung +beider erscheint das Relief von graphitglänzenden Flächen begrenzt. +Ausser Schwarz und Weiss geben auch andere Farben die Erscheinung des +Glanzes; aber nicht jede beliebige Farbencombination ist zu brauchen. +Denn contrastirt die eine Farbe merklich lebhafter gegen den Grund +als die andere und drängt sie sich daher unserem Bewusstsein stärker +auf, so wird sie allein gesehen. Der Glanz ist am lebhaftesten, wenn +der Contrast beider Farben gegen ihren Grund stark und ungefähr +gleich gross ist. Ausserdem wird der Glanz durch den gegenseitigen +Contrast der beiden zu combinirenden Farben erhöht. Man combinire z. +B. stereoskopisch Blau und Gelb. Macht man den Grund weiss, so +verdrängt leicht Blau das Gelb vollständig, macht man den Grund +schwarz, so verdrängt Gelb das Blau, macht man den Grund aber grau, +so erhält man einen lebhaften Glanz. + +Da nun Heimholz auf das Ueberzeugendste nachgewiesen hat, dass der +Inhalt jedes einzelnen Sehfeldes, ohne durch organische Einrichtungen +mit dem des andern verschmolzen zu sein, getrennt zum Bewusstsein +gelangt, so ist auch in diesen Fällen der Glanz als ein Product der +Vorstellungsthätigkeit aufzufassen. Der Glanz entsteht auch hier +dadurch, dass unserem Bewusstsein zu gleicher Zeit zwei verschiedene +Eindrücke geboten werden, die wir, weil sie aus einer Richtung +kommen, zu combiniren streben, die aber durch ihre Verschiedenheit +von einander nicht vereinbar sind, sich vielmehr jeder für sich +unserem Bewusstsein aufzudrängen suchen und dadurch in _sehr +schnellem Wechsel_ nach einander zur Auffassung gelangen [1]. Dass +wir von diesem Wechsel der Eindrücke kein volles Bewusstsein haben +und nur eine gewisse Unruhe im Glanze spüren, + +[1] Dieselbe Erklärung des stereoskopischen Glanzes giebt u. A. auch +J. Martins-Matzdort: „Die interessantesten Erscheinungen der +Stereoskopie" Berlin 1868. + +[Page 79] + +im Uebrigen aber den Eindruck einer einheitlichen Lichtausstrahlung +empfangen, ist durchaus kein Gegengrund gegen diese Auffassung, denn +auch beim gewöhnlichen Sehen, resp. Betrachten eines Gegenstandes +streifen wir mit unseren Augen (mit der allein deutlich sehenden +Macula lutea) schnell über denselben, gewissermaassen ihn betastend, +hin, combiniren aber trotzdem die einzelnen Eindrücke zu einem +einheitlichen Bilde, ohne zu merken, dass dasselbe aus verschiedenen, +schnell auf einander folgenden Wahrnehmungen zusammengesetzt ist. -- + +Sehr häufig wechselt mit dem stereoskopischen Glanze ein anderes +Phänomen ab -- nämlich der sogenannte _Wettstreit der Sehfelder_, bei +welchem die beiden Gesichtseindrücke in _langsamem_ Wechsel (in +Perioden von etwa 8 Secunden und länger) nach einander zum +Bewusstsein kommen. Es tritt diese Erscheinung ein, wenn bestimmte +Bedingungen [wie Wundt überzeugend nachgewiesen hat: eine durch +unwillkürliche Bewegungen der Augen veranlasste momentane +Verschiebung (Divergenz) der beiden Bilder] die Trennung der beiden +gleichzeitig aufgenommenen Gesichtseindrücke begünstigen. Decken sich +die beiden Farbenbilder vollständig, so sehen wir unter geeigneten +Umständen Glanz oder auch nur _die_ Farbe, die mit dem Grunde stärker +als die andere contrastirt und dadurch sich der Aufmerksamkeit mehr +aufdrängt. Sobald aber durch eine Schwankung der Sehaxen, wie sie +durch Ermüdung oder durch willkürliche Veränderung der Aufmerksamkeit +sehr leicht und fast immer eintritt, eine Verschiebung der Objecte +gegen einander stattfindet, so dass sie sich nur noch theilweise +decken, kommt die sog. Verdrängung durch Eigencontrast zur Geltung +und wir sehen nur die Farbe, die mit dem Grunde am wenigsten +contrastirt [1]. Dadurch, dass wir nun unsere Augenstellung immer +wieder zu corrigiren suchen, wodurch die Verdrängung durch Contrast +mit dem Grund mit der durch Eigencontrast fortwährend abwechselt, +erhalten wir den Wettstreit der Sehfelder, der also auch darauf +beruht, dass wir die verschiedenen Eindrücke beider Sehfelder zu +vereinigen streben, dass aber Bedingungen eintreten, welche die +Trennung beider, bald das eine, bald das andere mehr be- + +[1] Näheres über dies interessante Thema: Wundt. l. c. p. 330. + +[Page 80] + +tonend, erleichtern. Beim Glanz sind keine Bedingungen vorhanden, +welche abwechselnd das eine und das andere Bild bevorzugt sein lassen +und die Trennung beider Bilder ist darum keine so prägnante, obwohl +sie wegen der Unmöglichkeit, beide in Eins zu vereinigen, auch +vorhanden ist. Es wird darum eben der Wechsel beider Bilder unendlich +viel schneller eintreten und wir können _den Glanz einen sehr +beschleunigten Wettstreit der Sehfelder nennen_. -- + +Prüfen wir jetzt, welches der oben erörterten Gesetze auf das +Komische Anwendung findet. Von einem Punkte aus sehen wir beim +Komischen plötzlich und gleichzeitig zwei verschiedene unvereinbare +Gefühlsqualitäten in uns erzeugt werden. Da nun der Affect des +Komischen, wie die einfache Beobachtung lehrt, weder als ein +unangenehmes, noch allein als ein angenehmes Gefühl sich auffassen +lässt, so kann also von einer Verdrängung durch Contrast nicht die +Rede sein, vielmehr ergiebt sich bei näherem Eingehen die völlige +Analogie zwischen der Erscheinung des Glanzes und dem Komischen, da +andererseits die Plötzlichkeit der Wirkung den langsamen Wettstreit +der Sehfelder ausschliesst. Es stimmt hiermit die schon oben +angedeutete Thatsache überein, und wird dadurch gewissermaassen +bestätigt, dass die beiden conträren Gefühle beim Komischen von +annähernd gleicher Stärke sein müssen, so dass keines von dem andern +im Wettstreit ganz unterdrückt werden kann. Das Komische ist ein +Mischgefühl eigenthümlicher Art; wie beim Glanze kommen die einzelnen +Componenten in so schnellem Wechsel hintereinander zur Wirkung, dass +wir scheinbar ein einheitliches Gefühl vor uns haben und nicht im +Stande sind, die beiden Factoren desselben einzeln direct zu +beobachten; so wie wir beim Glanze auch nicht direct darüber klar +werden, dass derselbe aus zwei verschiedenen Lichtarten +zusammengesetzt ist. _Hierdurch wird der Einwurf gegen meine obige +Darstellung beseitigt, dass man sich ja der angenehmen und +unangenehmen Gefühle, die ich im Komischen gefunden haben will, gar +nicht bewusst werde, und dass sie deshalb auch gar nicht vorhanden +sein könnten_. -- + +Wir haben also das _Wesen des Lächerlichen als einen_ + +[Page 81] + +_beschleunigten Wettstreit der Gefühle, d. h. als ein schnelles Hin- +und Herschwanken zwischen Lust und Unlust erklärt_. Mit dieser +Auffassung stimmen aber die auf ganz anderem Wege gewonnenen +Resultate der metaphysisch-ästhetischen Untersuchungen von Vischer +und die Ansichten Kant's völlig überein. Kant hebt hervor, dass beim +Lächerlichen, wenn der Schein, der uns auf einen Augenblick getäuscht +hat, in Nichts verschwindet, das Gemüth wieder zurücksieht, um es mit +ihm noch einmal zu versuchen und so durch _schnell +hintereinanderfolgende Anspannung hin- und zurückgeschnellt und in +Schwankung versetzt wird_, die, weil der Absprung von dem, was +gleichsam die Saite anzog, plötzlich (nicht durch ein allmähliches +Nachlassen) geschah, eine Gemüthsbewegung und mit ihr harmonirende +inwendige körperliche Bewegung verursachen muss, die unwillkürlich +fortdauerte und Ermüdung, dabei aber auch Aufheiterung (die Wirkung +einer zur Gesundheit gereichenden Motion) hervorbringt. + +Ganz ähnlich schildert Vischer [1] diesen _Wettstreit der Gefühle_ in +folgenden Worten: „Dieses Lustgefühl darf aber mit demjenigen nicht +verwechselt werden, welches aus der Anschauung des Schönen fliesst, +denn es ist ein gegensätzlich bewegtes". „Die gegensätzlichen Glieder +bilden eine widerspruchsvolle Einheit und ihr Ineinander nöthigt das +Gefühl, zwischen ihnen herüber und hinüber zu gehen, _was als ein +rascher Wechsel zwischen Lust und Unlust empfunden wird, so zwar, +dass jene durch diese verdoppelt, aber auch durch sie bedingt ist_". +-- „Es ist also Lust durch Unlust, doppelte, weil durch Unlust +gewürzte Lust, aber doch Lust mit Unlust. _Es ist ein durchaus +bewegtes Gefühl, worin Unlust in Lust, Lust in Unlust +hinüberzittert_." -- Es lässt sich wohl nichts gegen die Behauptung +einwenden, dass die Uebereinstimmung dieser auf ganz anderem Wege +gefundenen Resultate mit der von mir aufgestellten Theorie des +Komischen einen weiteren Beweis für die Richtigkeit derselben +abgiebt. -- Jetzt haben wir noch die Thatsache in's Auge zu fassen, +dass uns das Komische doch in toto als etwas entschieden + +[1] l c. § 225. + +[Page 82] + +Angenehmes erscheint, ja die gewöhnlichen Grade des Angenehmen +gewissermaassen noch übertrifft. Eine Art von Erklärung finden wir in +der obigen Aeusserung Vischer's, wo er das Komische „doppelte, weil +durch Unlust gewürzte Lust" nennt. Vor Allem müssen wir aber auch +hier wieder die Analogie mit dem Glanze hervorheben. Bei demselben +erhalten wir ebenfalls überwiegend den Eindruck des helleren Lichtes, +während das Schwarz nicht ganz unterdrückt, aber doch gewissermassen +unwirksam gemacht ist. Es werden in dem beschleunigten Wettstreit der +Sehfelder, den wir Glanz nennen, die hellen Lichter gewissermassen +stärker betont und in ganz derselben Weise zeigen sich auch bei dem +beschleunigten Wettstreit der Gefühle, welcher das Komische bildet, +die angenehmen Gefühle als hauptsächlich wirksam und wir können, wenn +wir die physiologische Wirkung des Komischen erforschen wollen, das +unangenehme Gefühl, das sich ja nie zum psychischen Schmerz steigern +darf, so weit vernachlässigen, _dass wir das Komische als eine +intermittirende, rhythmisch unterbrochene, freudige Gefühlserregung +ansehen_. -- + +Diese freudige Erregung tritt nach jeder Intermission unvermittelt +und plötzlich ein und ist somit der freudigen Ueberraschung analog. +-- Beobachten wir nun aber die somatischen Vorgänge während dieses +eben genannten psychischen Zustandes, so fallen uns besonders bei den +stärkeren Graden der Ueberraschung Symptome in's Auge, die neben +anderen Reizungen unzweideutig eine Reizung der vasomotorischen +Centren, also des Sympathicus beweisen. Wir beobachten im ersten +Augenblicke eintretender Ueberraschung ein Blasswerden der Haut, (wie +Domrich [1] meint, nicht nur im Gesicht, sondern wahrscheinlich über +den ganzen Körper). Die plötzliche Verengerung der Gefässe, durch +welche dies Blasswerden bedingt wird, veranlasst weiter das Herz nach +einem kurzen Augenblick des Stillstandes zu schnelleren und +ausgiebigeren Zusammenziehungen, weil es bei Durchtreibung des Blutes +durch die engeren Gefässe grössere Widerstände zu überwinden hat [2]. +-- Es sind auch hier besonders + +[1] l. c. p. 233. +[2] Goltz, Ueber den Tonus der Blutgefässe. Virchow. Arch. Bd. XXIX. +Heft 3 u, 4 p. 419. + +[Page 83] + +die kleineren Arterien, die durch die reflectorische Reizung des +Sympathicus verengert werden, was sich aus folgendem Umstande, auf +den schon Domrich aufmerksam macht, schliessen lässt. -- Auf das +Stadium der Gefässverengerung folgt nämlich bei der Ueberraschung +nach kürzerer oder längerer Zeit ein Stadium der Gefässerweiterung +und die vorher vorhandene Blässe macht einer mehr oder weniger +saturirten Röthe Platz. Nun ist aber die Haut mit derselben bei +Weitem nicht so gleichmässig und intensiv übergossen, wie bei der +Scham, was eben daher rührt, dass die Verengerung und folgende +Erweiterung mehr die kleineren Arterien der Haut und nicht wie bei +der Scham das ganze Capillargefässsystem derselben trifft. -- Eine +einmalige freudige Ueberraschung ruft also eine einmalige +Sympathicusreizung mit entsprechender Verengerung der kleineren +Arterien hervor. _Demnach wird eine intermittirende freudige Erregung +wie wir sie als Wesen des Komischen nachgewiesen haben, eine +intermittirende Sympathicusreizung erwarten lassen_. -- + +Das war ja aber das Resultat, welches wir nach Maassgabe des schon +Eingangs erwähnten Experimentes finden wollten und es ist damit die +Psychologie des Komischen mit der Physiologie in Einklang gebracht. +Wie die intermittirende Sympathicusreizung das Lachen als +physiologisch nothwendige Folge nach sich zieht, haben wir im ersten +Abschnitt dieser Arbeit gezeigt, und wir sind mithin jetzt im Stande, +auch das Lachen, welches durch das Komische bewirkt wird, als +zweckmässige Reflexbewegung völlig zu verstehen. + + +Druck von Bär & Hermann in Leipzig. + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Die Physiologie und Psychologie des +Lachens und des Komischen., by Ewald Hecker + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE PHYSIOLOGIE UND PSYCHOLOGIE *** + +***** This file should be named 27205-8.txt or 27205-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/2/7/2/0/27205/ + +Produced by Karl Pfeifer <karl.pfeifer@usask.ca>. + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/27205-8.zip b/27205-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..9ace5ac --- /dev/null +++ b/27205-8.zip diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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