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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 02:13:43 -0700 |
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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der rote Kampfflieger + +Author: Manfred von Richthofen + +Release Date: February 11, 2008 [EBook #24572] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ROTE KAMPFFLIEGER *** + + + + +Produced by Markus Brenner, Irma Spehar and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + Der rote + Kampfflieger + + von + + Rittmeister + Manfred Freiherrn von Richthofen + + 151.–200. Tausend + + + 1917 + + Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien + + + + Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten. + Amerikanisches Copyright 1917 by Ullstein & Co, Berlin. + + + + +Inhalt + + +Einiges von meiner Familie 9 + +Meine Kadettenzeit 12 + +Eintritt in die Armee 14 + +Erste Offizierszeit 16 + +Kriegsausbruch 19 + +Überschreiten der Grenze 21 + +Nach Frankreich 25 + +Wie ich auf Patrouille zum erstenmal die Kugeln + pfeifen hörte 31 + +Patrouillenritt mit Loen 37 + +Langeweile vor Verdun 41 + +Das erstemal in der Luft! 45 + +Beobachtungsflieger bei Mackensen 48 + +Mit Holck in Rußland 49 + +Rußland–Ostende 55 + +Ein Tropfen Blut fürs Vaterland 59 + +Mein erster Luftkampf 61 + +In der Champagne-Schlacht 63 + +Wie ich Boelcke kennenlernte 65 + +Der erste Alleinflug 67 + +Aus meiner Döberitzer Ausbildungszeit 69 + +Erste Zeit als Pilot 72 + +Holck †74 + +Ein Gewitterflug 76 + +Das erstemal auf einem Fokker 79 + +Bombenflüge in Rußland 81 + +Endlich! 88 + +Mein erster Engländer 90 + +Somme-Schlacht 94 + +Boelcke †96 + +Der Achte 99 + +Major Hawker 103 + +#Pour le mérite# 106 + +#Le petit rouge# 108 + +Englische und französische Fliegerei 110 + +Selbst abgeschossen 112 + +Ein Fliegerstückchen 120 + +Erste Dublette 122 + +Mein bisher erfolgreichster Tag 127 + +»Moritz« 130 + +Englischer Bombenangriff auf unseren Flughafen 133 + +Schäfers Notlandung zwischen den Linien 139 + +Das Anti-Richthofen-Geschwader 144 + +Der »alte Herr« kommt uns besuchen 147 + +Flug in die Heimat 154 + +Mein Bruder 163 + +Lothar ein »Schießer« und nicht ein Weidmann 174 + +Der Auerochs 176 + +Infanterie-, Artillerie- und Aufklärungsflieger 180 + +Unsere Flugzeuge 183 + + +[Illustration: Rittmeister Manfred Freiherr v. Richthofen] + + + + +Einiges von meiner Familie + + +Die Familie Richthofen hat sich in den bisherigen Kriegen an führender +Stelle eigentlich verhältnismäßig wenig betätigt, da die Richthofens +immer auf ihren Schollen gesessen haben. Einen Richthofen, der nicht +angesessen war, gab es kaum. War er’s nicht, so war er meistenteils in +Staatsdiensten. Mein Großvater, und von da ab alle meine Vorväter, saßen +in der Gegend von Breslau und Striegau auf ihren Gütern. Erst in der +Generation meines Großvaters wurde ein Vetter meines Großvaters als +erster Richthofen General. + +In der Familie meiner Mutter, einer geborenen von Schickfuß und Neudorf, +ist es ähnlich wie bei den Richthofens: wenig Soldaten, nur Agrarier. +Der Bruder meines Urgroßvaters Schickfuß fiel 1806. In der Revolution +1848 wurde einem Schickfuß eines seiner schönsten Schlösser abgebrannt. +Im übrigen haben sie’s alle bloß bis zum Rittmeister der Reserve +gebracht. + +Auch in der Familie Schickfuß sowohl wie Falckenhausen – meine +Großmutter ist eine Falckenhausen – kann man nur zwei Hauptinteressen +verfolgen. Das ist Reiten, siehe Falckenhausen, und Jagen, siehe den +Bruder meiner Mutter, Onkel Alexander Schickfuß, der sehr viel in +Afrika, Ceylon, Norwegen und Ungarn gejagt hat. + +Mein alter Herr ist eigentlich der erste in unserem Zweig, der auf den +Gedanken kam, aktiver Offizier zu werden. Er kam früh ins Kadettenkorps +und trat später von dort bei den 12. Ulanen ein. Er ist der +pflichttreueste Soldat, den man sich denken kann. Er wurde schwerhörig +und mußte den Abschied nehmen. Seine Schwerhörigkeit holte er sich, wie +er einen seiner Leute bei der Pferdeschwemme aus dem Wasser rettete und +nachher seinen Dienst beendete, ohne die Kälte und Nässe zu +berücksichtigen. + +Unter der heutigen Generation sind natürlich sehr viel mehr Soldaten. Im +Kriege ist jeder waffenfähige Richthofen bei der Fahne. So verlor ich +gleich zu Anfang des Bewegungskrieges sechs Vettern verschiedenen +Grades. Alle waren Kavalleristen. + +Genannt bin ich nach einem großen Onkel Manfred, in Friedenszeiten +Flügeladjutant Seiner Majestät und Kommandeur der Gardedukorps, im +Kriege Führer eines Kavalleriekorps. + +Nun noch von meiner Jugend. Der alte Herr stand in Breslau bei den +Leibkürassieren 1, als ich am 2. Mai 1892 geboren wurde. Wir wohnten in +Kleinburg. Ich hatte Privatunterricht bis zu meinem neunten Lebensjahre, +dann ein Jahr Schule in Schweidnitz, später wurde ich Kadett in +Wahlstatt. Die Schweidnitzer betrachteten mich aber durchaus als ein +Schweidnitzer Kind. Im Kadettenkorps für meinen jetzigen Beruf +vorbereitet, kam ich dann zum 1. Ulanenregiment. + +Was ich selbst erlebte, steht in diesem Buch. + +Mein Bruder Lothar ist der andere Flieger Richthofen. Ihn schmückt der +#Pour le mérite#. Mein jüngster Bruder ist noch im Kadettenkorps und +wartet sehnsüchtig darauf, sich gleichfalls zu betätigen. Meine +Schwester ist, wie alle Damen unseres Familienkreises, in der Pflege der +Verwundeten tätig. + + + + +Meine Kadettenzeit + +(1903–1909 Wahlstatt, 1909–1911 Lichterfelde) + + +Als kleiner Sextaner kam ich in das Kadettenkorps. Ich war nicht +übermäßig gerne Kadett, aber es war der Wunsch meines Vaters, und so +wurde ich wenig gefragt. + +Die strenge Zucht und Ordnung fiel einem so jungen Dachs besonders +schwer. Für den Unterricht hatte ich nicht sonderlich viel übrig. War +nie ein großes Lumen. Habe immer so viel geleistet, wie nötig war, um +versetzt zu werden. Es war meiner Auffassung nach nicht mehr zu leisten, +und ich hätte es für Streberei angesehen, wenn ich eine bessere +Klassenarbeit geliefert hätte als »genügend«. Die natürliche Folge davon +war, daß mich meine Pauker nicht übermäßig schätzten. Dagegen gefiel mir +das Sportliche: Turnen, Fußballspielen usw., ganz ungeheuer. Es gab, +glaube ich, keine Welle, die ich am Turnreck nicht machen konnte. So +bekam ich bald einige Preise von meinem Kommandeur verliehen. + +Alle halsbrecherischen Stücke imponierten mir mächtig. So kroch ich +z. B. eines schönen Tages mit meinem Freunde Frankenberg auf den +bekannten Kirchturm von Wahlstatt am Blitzableiter herauf und band oben +ein Taschentuch an. Genau weiß ich noch, wie schwierig es war, an den +Dachrinnen vorbeizukommen. Mein Taschentuch habe ich, wie ich meinen +kleinen Bruder einmal besuchte, etwa zehn Jahre später, noch immer oben +hängen sehen. + +Mein Freund Frankenberg war das erste Opfer des Krieges, das ich zu +Gesicht bekam. + +In Lichterfelde gefiel es mir schon bedeutend besser. Man war nicht mehr +so abgeschnitten von der Welt und fing auch schon an, etwas mehr als +Mensch zu leben. + +Meine schönsten Erinnerungen aus Lichterfelde sind die großen +Korsowettspiele, bei denen ich sehr viel mit und gegen den Prinzen +Friedrich Karl gefochten habe. Der Prinz erwarb sich damals so manchen +ersten Preis. So im Wettlauf, Fußballspiel usw. gegen mich, der ich +meinen Körper doch nicht so in der Vollendung trainiert hatte wie er. + + + + +Eintritt in die Armee + +(Ostern 1911) + + +Natürlich konnte ich es kaum erwarten, in die Armee eingestellt zu +werden. Ich ging deshalb bereits nach meinem Fähnrichexamen in die Front +und kam zum Ulanenregiment Nr. 1 »Kaiser Alexander III.«. Ich hatte mir +dieses Regiment ausgesucht; es lag in meinem lieben Schlesien, auch +hatte ich da einige Bekannte und Verwandte, die mir sehr dazu rieten. + +Der Dienst bei meinem Regiment gefiel mir ganz kolossal. Es ist eben +doch das schönste für einen jungen Soldaten, »Kavallerist« zu sein. + +Über meine Kriegsschulzeit kann ich eigentlich wenig sagen. Sie +erinnerte mich zu sehr an das Kadettenkorps und ist mir infolgedessen in +nicht allzu angenehmer Erinnerung. + +Eine spaßige Sache erlebte ich. Einer meiner Kriegsschullehrer kaufte +sich eine ganz nette dicke Stute. Der einzige Fehler war, sie war schon +etwas alt. Er kaufte sie für fünfzehn Jahre. Sie hatte etwas dicke +Beine. Sonst aber sprang sie ganz vortrefflich. Ich habe sie oft +geritten. Sie ging unter dem Namen »Biffy«. + +Etwa ein Jahr später beim Regiment erzählte mir mein Rittmeister v. Tr., +der sehr sportliebend war, er habe sich ein ganz klobiges Springpferd +gekauft. Wir waren alle sehr gespannt auf den »klobigen Springer«, der +den seltenen Namen »Biffy« trug. Ich dachte nicht mehr an die alte Stute +meines Kriegsschullehrers. Eines schönen Tages kommt das Wundertier an, +und nun soll man sich das Erstaunen vorstellen, daß die gute alte +»Biffy« als achtjährig in dem Stall v. Tr.s sich wieder einfand. Sie +hatte inzwischen einige Male den Besitzer gewechselt und war im Preise +sehr gestiegen. Mein Kriegsschullehrer hatte sie für fünfzehnhundert +Mark gekauft, und v. Tr. hatte sie nach einem Jahre als achtjährig für +dreitausendfünfhundert Mark erworben. Gewonnen hat sie keine +Springkonkurrenz mehr, aber sie hat wieder einen Abnehmer gefunden – – +und ist gleich zu Beginn des Krieges gefallen. + + + + +Erste Offizierszeit + +(Herbst 1912) + + +Endlich bekam ich die Epaulettes. So ungefähr das stolzeste Gefühl, was +ich je gehabt habe, mit einem Male »Herr Leutnant« angeredet zu werden. + +Mein Vater kaufte mir eine sehr schöne Stute, »Santuzza« genannt. Sie +war das reinste Wundertier und unverwüstlich. Ging vor dem Zuge wie ein +Lamm. Allmählich entdeckte ich in ihr ein großes Springvermögen. Sofort +war ich dazu entschlossen, aus der guten braven Stute ein Springpferd zu +machen. Sie sprang ganz fabelhaft. Ein Koppelrick von einem Meter +sechzig Zentimeter habe ich mit ihr selbst gesprungen. + +Ich fand große Unterstützung und viel Verständnis bei meinem Kameraden +von Wedel, der mit seinem Chargenpferd »Fandango« so manchen schönen +Preis davongetragen hatte. + +So trainierten wir beide für eine Springkonkurrenz und einen Geländeritt +in Breslau. »Fandango« machte sich glänzend, »Santuzza« gab sich große +Mühe und leistete auch Gutes. Ich hatte Aussichten, etwas mit ihr zu +schaffen. Am Tage, bevor sie verladen wurde, konnte ich es mir nicht +verkneifen, nochmals alle Hindernisse in unserem Springgarten mit ihr zu +nehmen. Dabei schlitterten wir hin. »Santuzza« quetschte sich etwas +ihre Schulter, und ich knaxte mir mein Schlüsselbein an. + +Von meiner guten dicken Stute »Santuzza« verlangte ich im Training auch +Leistungen auf Geschwindigkeit und war sehr erstaunt, als von Wedels +Vollblüter sie schlug. + +Ein andermal hatte ich das Glück, bei der Olympiade in Breslau einen +sehr schönen Fuchs zu reiten. Der Geländeritt fing an, und mein Wallach +war im zweiten Drittel noch ganz und munter, so daß ich Aussichten auf +Erfolg hatte. Da kommt das letzte Hindernis. Ich sah schon von weitem, +daß dies etwas ganz Besonderes sein mußte, da sich eine Unmenge Volks +dort angesammelt hatte. Ich dachte mir: »Nur Mut, die Sache wird schon +schief gehen!« und kam in windender Fahrt den Damm heraufgesaust, auf +dem ein Koppelrick stand. Das Publikum winkte mir immer zu, ich sollte +nicht so schnell reiten, aber ich sah und hörte nichts mehr. Mein Fuchs +nimmt das Koppelrick oben auf dem Damm, und zu meinem größten Erstaunen +geht’s auf der anderen Seite in die Weistritz. Ehe ich mich versah, +springt das Tier in einem Riesensatz den Abhang herunter, und Roß und +Reiter verschwinden in den Fluten. Natürlich gingen wir ȟber Kopf«. +»Felix« kam auf dieser Seite raus und Manfred auf der anderen. Beim +Zurückwiegen nach Schluß des Geländerittes stellte man mit großem +Erstaunen fest, daß ich nicht die üblichen zwei Pfund abgenommen hatte, +sondern zehn Pfund schwerer geworden war. Daß ich glitschenaß war, sah +man mir Gott sei Dank nicht an. + +Ich besaß auch einen sehr guten Charger, und dieses Unglückstier mußte +alles machen. Rennen laufen, Geländeritte, Springkonkurrenzen, vor dem +Zuge gehen, kurz und gut, es gab keine Übung, in der das gute Tier nicht +ausgebildet war. Das war meine brave »Blume«. Auf ihr hatte ich sehr +nette Erfolge. Mein letzter ist der im Kaiserpreis-Ritt 1913. Ich war +der einzige, der die Geländestrecke ohne Fehler überwunden hatte. Mir +passierte dabei eine Sache, die nicht so leicht nachgemacht werden wird. +Ich galoppierte über eine Heide und stand plötzlich Kopf. Das Pferd war +in ein Karnickelloch getreten, und ich hatte mir beim Sturz das +Schlüsselbein gebrochen. Damit war ich noch siebzig Kilometer geritten, +hatte dabei keinen Fehler gemacht und die Zeit innegehalten. + + + + +Kriegsausbruch + + +In allen Zeitungen stand weiter nichts als dicke Romane über den Krieg. +Aber seit einigen Monaten war man ja schon an das Kriegsgeheul gewöhnt. +Wir hatten schon so oft unseren Dienstkoffer gepackt, daß man es schon +langweilig fand und nicht mehr an einen Krieg glaubte. Am wenigsten aber +glaubten wir an einen Krieg, die wir die ersten an der Grenze waren, das +»Auge der Armee«, wie seinerzeit mein Kommandierender uns +Kavalleriepatrouillen bezeichnet hatte. + +Am Vorabend der erhöhten Kriegsbereitschaft saßen wir bei der +detachierten Schwadron, zehn Kilometer von der Grenze entfernt, in +unserem Kasino, aßen Austern, tranken Sekt und spielten ein wenig. Wir +waren sehr vergnügt. Wie gesagt, an einen Krieg dachte keiner. + +Wedels Mutter hatte uns zwar schon einige Tage zuvor etwas stutzig +gemacht; sie war nämlich aus Pommern erschienen, um ihren Sohn vor dem +Kriege noch einmal zu sehen. Da sie uns in angenehmster Stimmung fand +und feststellen mußte, daß wir nicht an Krieg dachten, konnte sie nicht +umhin, uns zu einem anständigen Frühstück einzuladen. + +Wir waren gerade sehr ausgelassen, als sich plötzlich die Tür öffnete +und Graf Kospoth, der Landrat von Öls, auf der Schwelle stand. Der Graf +machte ein entgeistertes Gesicht. + +Wir begrüßten den alten Bekannten mit einem Hallo! Er erklärte uns den +Zweck seiner Reise, nämlich, daß er sich an der Grenze persönlich +überzeugen wolle, was von den Gerüchten von dem nahen Weltkrieg stimme. +Er nahm ganz richtig an, die an der Grenze müßten es eigentlich am +ehesten wissen. Nun war er ob des Friedensbildes nicht wenig erstaunt. +Durch ihn erfuhren wir, daß sämtliche Brücken Schlesiens bewacht wurden +und man bereits an die Befestigung von einzelnen Plätzen dachte. + +Schnell überzeugten wir ihn, daß ein Krieg ausgeschlossen sei, und +feierten weiter. + +Am nächsten Tage rückten wir ins Feld. + + + + +Überschreiten der Grenze + + +Das Wort »Krieg« war uns Grenzkavalleristen zwar geläufig. Jeder wußte +haarklein, was er zu tun und zu lassen hatte. Keiner hatte aber so eine +rechte Vorstellung, was sich nun zunächst abspielen würde. Jeder aktive +Soldat war selig, nun endlich seine Persönlichkeit und sein Können +zeigen zu dürfen. + +Uns jungen Kavallerieleutnants war wohl die interessanteste Tätigkeit +zugedacht: aufklären, in den Rücken des Feindes gelangen, wichtige +Anlagen zerstören; alles Aufgaben, die einen ganzen Kerl verlangen. + +Meinen Auftrag in der Tasche, von dessen Wichtigkeit ich mich durch +langes Studium schon seit einem Jahre überzeugt hatte, ritt ich nachts +um zwölf Uhr an der Spitze meiner Patrouille zum erstenmal gegen den +Feind. + +Die Grenze bildete ein Fluß, und ich konnte erwarten, daß ich dort zum +erstenmal Feuer bekommen würde. Ich war ganz erstaunt, wie ich ohne +Zwischenfall die Brücke passieren konnte. Ohne weitere Ereignisse +erreichten wir den mir von Grenzritten her wohlbekannten Kirchturm des +Dorfes Kielcze am nächsten Morgen. + +Ohne von einem Gegner etwas gemerkt zu haben oder vielmehr besser ohne +selbst bemerkt worden zu sein, war alles verlaufen. Wie sollte ich es +anstellen, daß mich die Dorfbewohner nicht bemerkten? Mein erster +Gedanke war, den Popen hinter Schloß und Riegel zu setzen. So holten wir +den vollkommen überraschten und höchst verdutzten Mann aus seinem Hause. +Ich sperrte ihn zunächst mal auf dem Kirchturm ins Glockenhaus ein, nahm +die Leiter weg und ließ ihn oben sitzen. Ich versicherte ihm, daß, wenn +auch nur das geringste feindselige Verhalten der Bevölkerung sich +bemerkbar machen sollte, er sofort ein Kind des Todes sein würde. Ein +Posten hielt Ausschau vom Turm und beobachtete die Gegend. + +Ich hatte täglich durch Patrouillenreiter Meldungen zu schicken. So +löste sich bald mein kleines Häuflein an Meldereitern auf, so daß ich +schließlich den letzten Melderitt als Überbringer selbst übernehmen +mußte. + +Bis zur fünften Nacht war alles ruhig geblieben. In dieser kam plötzlich +der Posten zu mir zum Kirchturm gelaufen – denn in dessen Nähe hatte ich +meine Pferde hingestellt – und rief mir zu: »Kosaken sind da!« Es war +pechfinster, etwas Regen, keine Sterne. Man sah die Hand nicht vor den +Augen. + +Wir führten die Pferde durch eine schon vorher vorsichtshalber durch die +Kirchhofsmauer geschlagene Bresche auf das freie Feld. Dort war man +infolge der Dunkelheit nach fünfzig Metern in vollständiger Sicherheit. +Ich selbst ging mit dem Posten, den Karabiner in der Hand, nach der +bezeichneten Stelle, wo die Kosaken sein sollten. + +Ich schlich an der Kirchhofsmauer entlang und kam an die Straße. Da +wurde mir doch etwas anders zumute, denn der ganze Dorfausgang wimmelte +von Kosaken. Ich guckte über die Mauer, hinter der die Kerle ihre Pferde +stehen hatten. Die meisten hatten Blendlaternen und benahmen sich sehr +unvorsichtig und laut. Ich schätzte sie auf etwa zwanzig bis dreißig. +Einer war abgesessen und zum Popen gegangen, den ich am Tage vorher aus +der Haft entlassen hatte. + +Natürlich Verrat! zuckte es mir durchs Gehirn. Also doppelt aufpassen. +Auf einen Kampf konnte ich es nicht mehr ankommen lassen, denn mehr als +zwei Karabiner hatte ich nicht zur Verfügung. Also spielte ich »Räuber +und Gendarm«. + +Nach einigen Stunden Rast ritten die Besucher wieder von dannen. + +Am nächsten Morgen zog ich es vor, jetzt aber doch einen kleinen +Quartierwechsel vorzunehmen. Am siebenten Tage war ich wieder in meiner +Garnison und wurde von jedem Menschen angestarrt, als sei ich ein +Gespenst. Das kam nicht etwa wegen meines unrasierten Gesichts, sondern +vielmehr weil sich Gerüchte verbreitet hatten, Wedel und ich seien bei +Kalisch gefallen. Man wußte Ort, Zeit und nähere Umstände so haargenau +zu erzählen, daß sich das Gerücht schon in ganz Schlesien verbreitet +hatte. Selbst meiner Mutter hatte man bereits Kondolenzbesuche gemacht. + +Es fehlte nur noch, daß eine Todesanzeige in der Zeitung stand. + + * * * * * + +Eine komische Geschichte ereignete sich zur selben Zeit. Ein +Pferdedoktor bekam den Auftrag, mit zehn Ulanen Pferde aus einem Gehöft +zu requirieren. Es lag etwas abseits, etwa drei Kilometer. Ganz erregt +kam er von seinem Auftrag zurück und berichtete selber folgendes: + +»Ich reite über ein Stoppelfeld, auf dem die Puppen stehen, worauf ich +plötzlich in einiger Entfernung feindliche Infanterie erkenne. Kurz +entschlossen ziehe ich den Säbel, rufe meinen Ulanen zu: ›Lanze gefällt, +zur Attacke, marsch, marsch, hurra!‹ Den Leuten macht es Spaß, es +beginnt ein wildes Hetzen über die Stoppeln. Die feindliche Infanterie +entpuppt sich aber als ein Rudel Rehe, die ich in meiner Kurzsichtigkeit +verkannt habe.« + +Noch lange hatte der tüchtige Herr unter seiner Attacke zu leiden. + +[Illustration: Abgeschossen und an der Starkstromleitung verbrannt. Am +Kanal zwischen Brebières und Vitry] + +[Illustration: Abgeschossener Vikkers-Zweisitzer bei Noyelle-Godault] + + + + +Nach Frankreich + + +In meinem Garnisonort wurden wir nun verladen. Wohin? – Keine Ahnung, ob +West, Ost, Süd, Nord. + +Gemunkelt wurde viel, meistens aber vorbei. Aber in diesem Fall hatten +wir wohl den richtigen Riecher: Westen. + +Uns stand zu viert ein Abteil zweiter Klasse zur Verfügung. Man mußte +sich auf eine lange Bahnfahrt verproviantieren. Getränke fehlten +natürlich nicht. Aber schon am ersten Tage merkten wir, daß so ein +Abteil zweiter Klasse doch verflucht eng ist für vier kriegsstarke +Jünglinge, und so zogen wir denn vor, uns etwas mehr zu verteilen. Ich +richtete mir die eine Hälfte eines Packwagens zur Wohn- und Schlafstätte +ein und hatte damit ganz entschieden etwas Gutes getan. Ich hatte Luft, +Licht usw. Stroh hatte ich mir in einer Station verschafft, die Zeltbahn +wurde darauf gedeckt. Ich schlief in meinem Schlafwagen so fest, als +läge ich in Ostrowo in meinem Familienbett. Die Fahrt ging Tag und +Nacht, erst durch ganz Schlesien, Sachsen, immer mehr gen Westen. Wir +hatten scheinbar Richtung Metz; selbst der Transportführer wußte nicht, +wo es hinging. Auf jeder Station, auch da, wo wir nicht hielten, stand +ein Meer von Menschen, die uns mit Hurra und Blumen überschütteten. +Eine wilde Kriegsbegeisterung lag im deutschen Volk; das merkte man. Die +Ulanen wurden besonders angestaunt. Der Zug, der vorher durch die +Station geeilt war, mochte wohl verbreitet haben, daß wir bereits am +Feinde gewesen waren – und wir hatten erst acht Tage Krieg. Auch hatte +im ersten Heeresbericht bereits mein Regiment Erwähnung gefunden. +Ulanenregiment 1 und das Infanterieregiment 155 eroberten Kalisch. Wir +waren also die gefeierten Helden und kamen uns auch ganz als solche vor. +Wedel hatte ein Kosakenschwert gefunden und zeigte dies den erstaunten +Mädchen. Das machte großen Eindruck. Wir behaupteten natürlich, es +klebte Blut daran, und dichteten dem friedlichen Schwert eines +Gendarmeriehäuptlings ein ganz ungeheures Märchen an. Man war doch +schrecklich ausgelassen. Bis wir schließlich in Busendorf bei +Diedenhofen ausgeladen wurden. + +Kurz bevor der Zug ankam, hielten wir in einem langen Tunnel. Ich muß +sagen, es ist schon ungemütlich, in einem Tunnel in Friedenszeiten +plötzlich zu halten, besonders aber im Kriege. Nun erlaubte sich ein +Übermütiger einen Scherz und gab einen Schuß ab. Es dauerte nicht lange, +so fing in diesem Tunnel ein wüstes Geschieße an. Daß keiner verletzt +wurde, ist ein Wunder. Was die Ursache dazu war, ist nie herausgekommen. + +In Busendorf wurde ausgeladen. Es war eine derartige Hitze, daß uns die +Pferde umzufallen drohten. Die nächsten Tage marschierten wir immer nach +Norden, Richtung Luxemburg. Mittlerweile hatte ich herausgekriegt, daß +mein Bruder vor etwa acht Tagen dieselbe Strecke mit einer +Kavalleriedivision geritten war. Ich konnte ihn sogar noch einmal +fährten, gesehen habe ich ihn erst ein Jahr später. + +In Luxemburg wußte kein Mensch, wie sich dieses Ländchen gegen uns +verhielt. Ich weiß noch wie heute, wie ich einen Luxemburger Gendarm von +weitem sah, ihn mit meiner Patrouille umzingelte und gefangennehmen +wollte. Er versicherte mir, daß, wenn ich ihn nicht umgehend losließe, +er sich beim Deutschen Kaiser beschweren würde. Das sah ich denn auch +ein und ließ den Helden wieder laufen. So kamen wir durch die Stadt +Luxemburg und Esch durch, und man näherte sich jetzt bedenklich den +ersten befestigten Städten Belgiens. + +Auf dem Hinmarsch machte unsere Infanterie, wie überhaupt unsere ganze +Division, die reinen Friedensmanöver. Man war schrecklich aufgeregt. +Aber so ein Manöver-Vorpostenbild war einem ab und zu ganz bekömmlich. +Sonst hätte man ganz bestimmt über die Stränge geschlagen. Rechts und +links, auf jeder Straße, vor und hinter uns marschierten Truppen von +verschiedenen Armeekorps. Man hatte das Gefühl eines wüsten +Durcheinanders. Plötzlich wurde aus dem Kuddelmuddel ein großartig +funktionierender Aufmarsch. + +Was unsere Flieger damals leisteten, ahnte ich nicht. Mich versetzte +jedenfalls jeder Flieger in einen ganz ungeheuren Schwindel. Ob es ein +deutscher war oder ein feindlicher, konnte ich nicht sagen. Ich hatte ja +nicht einmal eine Ahnung, daß die deutschen Apparate Kreuze trugen und +die feindlichen Kreise. Folglich wurde jeder Flieger unter Feuer +genommen. Die alten Piloten erzählen heute noch immer, wie peinlich es +ihnen gewesen sei, von Freund und Feind gleichmäßig beschossen zu +werden. + +Wir marschierten und marschierten, die Patrouillen weit voraus, bis wir +eines schönen Tages bei Arlon waren. Es überlief mich ganz spaßig den +Buckel ’runter, wie ich zum zweitenmal die Grenze überschritt. Dunkle +Gerüchte von Franktireurs und dergleichen waren mir bereits zu Ohren +gekommen. + + * * * * * + +Ich hatte einmal den Auftrag, die Verbindung mit meiner +Kavalleriedivision aufzunehmen. Ich habe an diesem Tage nicht weniger +als hundertundzehn Kilometer mit meiner gesamten Patrouille geritten. +Nicht ein Pferd war kaputt, eine glänzende Leistung meiner Tiere. In +Arlon bestieg ich nach den Grundsätzen der Taktik des Friedens den +Kirchturm, sah natürlich nichts, denn der böse Feind war noch weitab. + +Man war damals noch ziemlich harmlos. So hatte ich z. B. meine +Patrouille vor der Stadt stehenlassen und war ganz allein mit einem Rad +mitten durch die Stadt zum Kirchturm gefahren. Wie ich wieder +’runterkam, stand ich inmitten einer murrenden und murmelnden Menge +feindselig blickender Jünglinge. Mein Rad war natürlich geklaut, und ich +konnte nun eine halbe Stunde lang zu Fuß laufen. Aber das machte mir +Spaß. Ich hätte so eine kleine Rauferei ganz gern gemocht. Ich fühlte +mich mit meiner Pistole in der Hand ganz kolossal sicher. + +Die Einwohner hatten sich, wie ich später erfahren habe, sowohl einige +Tage vorher gegen unsere Kavallerie als auch später gegen unsere +Lazarette sehr aufrührerisch benommen, und man hatte eine ganze Menge +dieser Herren an die Wand stellen müssen. + + * * * * * + +Am Nachmittag erreichte ich mein Ziel und erfuhr dort, daß drei Tage +vorher, ganz in der Gegend von Arlon, mein einziger Vetter Richthofen +gefallen war. Ich blieb den Rest des Tages bei der Kavalleriedivision, +machte dort noch einen blinden Alarm mit und kam nachts spät bei meinem +Regiment an. + +Man erlebte und sah eben mehr als die anderen, man war eben doch schon +mal am Feind gewesen, hatte mit dem Feinde zu tun gehabt, hatte die +Spuren des Krieges gesehen und wurde von jedem einer anderen Waffe +beneidet. Es war doch zu schön, wohl doch meine schönste Zeit im ganzen +Kriege. Den Kriegsanfang möchte ich wieder mal mitmachen. + + + + +Wie ich auf Patrouille zum erstenmal die Kugeln pfeifen hörte + +(21./22. August 1914) + + +Ich hatte den Auftrag, festzustellen, wie stark die Besetzung eines +großen Waldes bei Virton wohl sein mochte. Ich ritt mit fünfzehn Ulanen +los und war mir klar: Heute gibt es den ersten Zusammenstoß mit dem +Feinde. Mein Auftrag war nicht leicht, denn in so einem Walde kann +furchtbar viel stecken, ohne daß man es sieht. + +Ich kam über eine Höhe. Wenige hundert Schritte vor mir lag ein riesiger +Waldkomplex von vielen tausend Morgen. Es war ein schöner Augustmorgen. +Der Wald lag so friedlich und ruhig, daß man eigentlich gar keine +kriegerischen Gedanken mehr spürte. + +Jetzt näherte sich die Spitze dem Eingang des Waldes. Durch das Glas +konnte man nichts Verdächtiges feststellen, man mußte also heranreiten +und abwarten, ob man Feuer bekäme. Die Spitze verschwand im Waldweg. Ich +war der nächste, neben mir ritt einer meiner tüchtigsten Ulanen. Am +Eingang des Waldes war ein einsames Waldwärterhäuschen. Wir ritten daran +vorbei. Mit einemmal fiel ein Schuß aus einem Fenster des Hauses. Gleich +darauf noch einer. Am Knall erkannte ich sofort, daß es kein +Büchsenschuß war, sondern daß er von einer Flinte herrührte. Zur +gleichen Zeit sah ich auch Unordnung in meiner Patrouille und vermutete +gleich einen Überfall durch Franktireurs. Von den Pferden ’runter und +das Haus umstellen war eins. In einem etwas dunkeln Raum erkannte ich +vier bis fünf Burschen mit feindseligen Augen. Eine Flinte war natürlich +nicht zu sehen. Meine Wut war groß in diesem Augenblick; aber ich hatte +noch nie in meinem Leben einen Menschen getötet, und so muß ich sagen, +war mir der Moment äußerst unbehaglich. Eigentlich hätte ich den +Franktireur wie ein Stück Vieh ’runterknallen müssen. Er hatte mit dem +Schuß eine Ladung Schrot in den Bauch eines meiner Pferde gejagt und +einen meiner Ulanen an der Hand verletzt. + +Mit meinem kümmerlichen Französisch schrie ich die Bande an und drohte, +wenn sich der Schuldige nicht umgehend melden würde, sie allesamt über +den Haufen zu schießen. Sie merkten, daß es mir Ernst war, und daß ich +nicht zaudern würde, meinen Worten die Tat folgen zu lassen. Wie es nun +eigentlich kam, weiß ich heute selbst nicht mehr. Jedenfalls waren die +Freischützen mit einemmal aus der Hintertür heraus und vom Erdboden +verschwunden. Ich schoß noch hinterher, ohne zu treffen. Zum Glück hatte +ich das Haus umstellt, so daß sie mir eigentlich nicht entrutschen +konnten. Sofort ließ ich das Haus nach ihnen durchstöbern, fand aber +keinen mehr. Mochten nun die Posten hinter dem Haus nicht ordentlich +aufgepaßt haben, jedenfalls war die ganze Bude leer. Wir fanden noch die +Schrotspritze am Fenster stehend und mußten uns auf andere Weise rächen. +In fünf Minuten stand das ganze Haus in Flammen. + +Nach diesem Intermezzo ging es weiter. + +An frischen Pferdespuren erkannte ich, daß unmittelbar vor uns starke +feindliche Kavallerie marschiert sein mußte. Ich hielt mit meiner +Patrouille, feuerte sie durch ein paar Worte an und hatte das Gefühl, +daß ich mich auf jeden meiner Kerls unbedingt verlassen konnte. Jeder, +so wußte ich, würde seinen Mann in den nächsten Minuten stehen. +Natürlich dachte keiner an etwas anderes als an eine Attacke. Es liegt +wohl im Blute eines Germanen, den Gegner, wo man ihn auch trifft, über +den Haufen zu rennen, besonders natürlich feindliche Kavallerie. Schon +sah ich mich an der Spitze meines Häufleins eine feindliche Schwadron +zusammenhauen und war ganz trunken vor freudiger Erwartung. Meinen +Ulanen blitzten die Augen. So ging es dann in flottem Trab auf der +frischen Spur weiter. Nach einstündigem scharfem Ritt durch die schönste +Bergschlucht wurde der Wald etwas lichter, und wir näherten uns dem +Ausgang. Daß ich damit auf den Feind stoßen würde, war mir klar. Also +Vorsicht! bei allem Attackenmut, der mich beseelte. Rechts von dem +schmalen Pfad war eine viele Meter hohe, steile Felsenwand. Zu meiner +Linken war ein schmaler Gebirgsbach, dann eine Wiese von fünfzig Metern +Breite, eingefaßt von Stacheldrähten. Mit einem Male hörte die +Pferdespur auf und verschwand über eine Brücke in den Büschen. Meine +Spitze hielt, denn vor uns war der Waldausgang durch eine Barrikade +versperrt. + +Sofort war es mir klar, daß ich in einen Hinterhalt geraten war. Ich +erkannte plötzlich Bewegung im Buschwerk hinter der Wiese zu meiner +Linken und konnte abgesessene feindliche Kavallerie erkennen. Ich +schätzte sie auf eine Stärke von hundert Gewehren. Hier war nichts zu +wollen. Geradeaus war der Weg durch die Barrikade versperrt, rechts +waren die Felswände, links hinderte mich die mit Draht eingefaßte Wiese +an meinem Vorhaben, der Attacke. Zum Absitzen, um den Gegner mit +Karabinern anzugreifen, war keine Zeit mehr. Also blieb nichts anderes +übrig, als zurück. Alles hätte ich meinen guten Ulanen zutrauen können, +bloß kein Ausreißen vor dem Feinde. – Das sollte so manchem den Spaß +verderben, denn eine Sekunde später knallte der erste Schuß, dem ein +rasendes Schnellfeuer aus dem Walde drüben folgte. Die Entfernung betrug +etwa fünfzig bis hundert Meter. Die Leute waren instruiert, daß sie, im +Falle ich die Hand hob, schnell zu mir stoßen sollten. Nun wußte ich, +wir mußten zurück, hob den Arm und winkte meinen Leuten zu. Das mögen +sie wohl falsch verstanden haben. Meine Patrouille, die ich +zurückgelassen hatte, glaubte mich in Gefahr und kam in wildem Caracho +herangebraust, um mich herauszuhauen. Alles das spielte sich auf einem +schmalen Waldweg ab, so daß man sich wohl die Schweinerei vorstellen +kann, die sich nun ereignete. Meinen beiden Spitzenreitern gingen die +Pferde infolge des rasenden Feuers in der engen Schlucht, wo der Laut +jedes Schusses sich verzehnfachte, durch, und ich sah sie bloß die +Barrikade mit einem Sprung nehmen. Von ihnen habe ich nie wieder etwas +gehört. Gewiß sind sie in Gefangenschaft. Ich selbst machte kehrt und +gab meinem guten »Antithesis«, wohl zum erstenmal in seinem Leben, die +Sporen. Meinen Ulanen, die mir entgegengebraust kamen, konnte ich nur +mit Mühe und Not zu erkennen geben, nicht weiter vorzukommen. Kehrt und +davon! Neben mir ritt mein Bursche. Plötzlich stürzte sein Pferd +getroffen, ich sprang darüber hinweg, um mich herum wälzten sich andere +Pferde. Kurz und gut, es war ein wüstes Durcheinander. Von meinem +Burschen sah ich nur noch, wie er unter dem Pferd lag, scheinbar nicht +verwundet, aber durch das auf ihm liegende Pferd gefesselt. Der Gegner +hatte uns glänzend überrumpelt. Er hatte uns wohl von Anfang an +beobachtet und, wie es den Franzosen nun mal liegt, aus dem Hinterhalt +seinen Feind zu überfallen, so hatte er es auch in diesem Fall wieder +versucht. + +Freude machte es mir, als nach zwei Tagen mit einemmal mein Bursche vor +mir stand; allerdings zur Hälfte barfüßig, denn den einen Stiefel hatte +er unter seinem Pferd gelassen. Er erzählte mir nun, wie er entkommen +war: Mindestens zwei Schwadronen französischer Kürassiere waren später +aus dem Walde gekommen, um die vielen gefallenen Pferde und tapferen +Ulanen zu plündern. Er war gleich aufgesprungen, unverwundet die +Felsenwand hinaufgeklettert und in fünfzig Metern Höhe vollständig +erschöpft in einem Gebüsch zusammengebrochen. Nach etwa zwei Stunden, +nachdem der Feind sich wieder in seinen Hinterhalt begeben hatte, hatte +er seine Flucht fortsetzen können. Nach einigen Tagen gelangte er so +wieder zu mir. Von dem Verbleib der anderen Kameraden konnte er wenig +aussagen. + + + + +Patrouillenritt mit Loen + + +Die Schlacht von Virton war im Gange. Mein Kamerad Loen und ich hatten +wieder einmal durch eine Patrouille festzustellen, wo der Feind +geblieben war. Den ganzen Tag ritten wir hinter dem Feinde her, +erreichten ihn schließlich und konnten eine ganz ordentliche Meldung +verfassen. Abends war nun die große Frage: Wollen wir die Nacht +durchreiten, um zu unserer Truppe zurückzukommen, oder unsere Kräfte +schonen und uns für den nächsten Tag ausruhen? Das ist ja gerade das +Schöne, daß der Kavalleriepatrouille vollständig freies Handeln +überlassen sein muß. + +So entschlossen wir uns, die Nacht am Feinde zu bleiben und am nächsten +Morgen weiterzureiten. Unseren strategischen Blicken nach war der Gegner +auf Rückmarsch, und wir drängten ihm nach. Folglich konnten wir die +Nacht mit ziemlicher Ruhe verbringen. + +Gar nicht weit vom Gegner lag ein wunderbares Kloster mit großen +Ställen, so daß wir sowohl Loen als auch meine Patrouille einquartieren +konnten. Allerdings saß der Gegner gegen Abend, wie wir dort unterzogen, +noch so nahe dran, daß er uns mit Gewehrkugeln die Fensterscheiben hätte +einschießen können. + +Die Mönche waren überaus liebenswürdig. Sie gaben uns zu essen und zu +trinken, so viel wir haben wollten, und wir ließen es uns gut schmecken. +Die Pferde wurden abgesattelt und waren auch ganz froh, wie sie nach +drei Tagen und drei Nächten zum erstenmal ihre achtzig Kilo totes +Gewicht von ihren Rücken loswurden. Mit anderen Worten, wir richteten +uns so ein, als ob wir im Manöver bei einem lieben Gastfreund zu Abend +wären. Nebenbei bemerkt, hingen drei Tage darauf mehrere von den +Gastgebern an dem Laternenpfahl, da sie es sich nicht hatten verkneifen +können, sich an dem Krieg zu beteiligen. Aber an dem Abend waren sie +wirklich überaus liebenswürdig. Wir krochen in Nachthemden in unsere +Betten, stellten einen Posten auf und ließen den lieben Herrgott einen +guten Mann sein. + +Nachts reißt plötzlich jemand die Tür auf, und die Stimme des Postens +ertönt: »Herr Leutnant, die Franzosen sind da.« Ich war zu verschlafen, +um überhaupt Antwort geben zu können. Loen ging es so ähnlich, und er +stellte nur die geistreiche Frage: »Wieviel sind es denn?« Die Antwort +des Postens, sehr aufgeregt: »Zwei haben wir schon totgeschossen; +wieviel es sind, können wir nicht sagen, denn es ist stockfinster.« Ich +höre Loen noch ganz verschlafen antworten: »Wenn also mehr kommen, dann +weckst du mich.« Eine halbe Minute später schnarchten wir weiter. + +Am nächsten Morgen stand die Sonne schon recht hoch, als wir von +unserem gesunden Schlaf erwachten. Nach einem reichlichen Frühstück ging +die Reise wieder los. + +Tatsächlich waren nachts an unserem Schloß die Franzosen +vorbeimarschiert, und unsere Posten hatten während dieser Zeit einen +Feuerüberfall auf sie gemacht. Da es aber stockfinster war, hatte sich +keine größere Schlacht daraus entspinnen können. + +Bald ging’s in einem munteren Tal weiter. Wir ritten über das alte +Schlachtfeld unserer Division und stellten mit Erstaunen fest, daß statt +unserer Leute nur französische Sanitäter zu sehen waren. Französische +Soldaten sah man auch noch ab und zu. Sie machten aber ebenso dumme +Gesichter wie wir. An Schießen hatte keiner gedacht. Wir machten uns +dann möglichst rasch dünne; denn wir kamen so sachte dahinter, daß wir, +statt vorwärts zu gehen, uns etwas rückwärts konzentriert hatten. Zum +Glück war der Gegner nach der anderen Seite ausgerissen, sonst säße ich +jetzt irgendwo in Gefangenschaft. + +Wir kamen durch das Dorf Robelmont, wo wir am Tage zuvor unsere +Infanterie zum letztenmal in Stellung gesehen hatten. Dort trafen wir +einen Einwohner und fragten ihn nach dem Verbleib unserer Soldaten. Er +war sehr glücklich und versicherte mir, die Deutschen wären #»partis«#. + +Wir kamen um eine Ecke und waren Zeugen von folgendem komischem Bilde. +Vor uns wimmelte es von roten Hosen – ich schätzte etwa fünfzig bis +hundert –, die eifrigst bemüht waren, an einem Eckstein ihre Gewehre zu +zerschlagen. Daneben stehen sechs Grenadiere, die, wie es sich +herausstellte, die Brüder gefangengenommen hatten. Wir halfen ihnen +noch, die Franzosen abzutransportieren, und erfuhren durch die sechs +Grenadiere, daß wir nachts eine rückwärtige Bewegung angetreten hatten. + +Am späten Nachmittag erreichte ich mein Regiment und war ganz zufrieden +mit dem Verlauf der letzten vierundzwanzig Stunden. + + + + +Langeweile vor Verdun + + +Für einen so unruhigen Geist, wie ich einer bin, war meine Tätigkeit vor +Verdun durchaus mit »langweilig« zu bezeichnen. Anfangs lag ich selbst +im Schützengraben an einer Stelle, wo nichts los war; dann wurde ich +Ordonnanzoffizier und glaubte, nun mehr zu erleben. Da hatte ich mich +aber arg in die Finger geschnitten. Ich wurde vom Kämpfenden zum +besseren Etappenschwein degradiert. So ganz Etappe war es noch nicht, +aber das Weiteste, was ich mich vorwagen durfte, war fünfzehnhundert +Meter hinter die vordere Linie. Dort saß ich wochenlang unter der Erde +in einem bombensicheren, geheizten Unterstand. Ab und zu wurde ich mit +nach vorn genommen. Das war eine große körperliche Anstrengung. Denn man +ging bergauf, bergab, die Kreuz und die Quer’, durch unendlich viele +Annäherungsgräben und Schlammlöcher hindurch, bis man dann endlich vorn +dort angekommen war, wo es knallte. Bei einem so kurzen Besuch bei den +Kämpfenden kam ich mir immer sehr dumm vor mit meinen gesunden Knochen. + +Man fing damals an, unter der Erde zu arbeiten. Wir waren uns noch gar +nicht klar darüber, was es eigentlich heißt, einen Stollen bauen oder +eine Sappe vorschieben. Man kannte die Namen zwar aus der +Befestigungslehre von der Kriegsschule her, aber das war nun mal +Pionierarbeit, mit der sich ein anderer Sterblicher nicht gern +beschäftigt hätte. Aber dort vorn an der Combres-Höhe buddelte alles +emsig. Jeder hatte ein Grabscheit und eine Hacke und gab sich unendliche +Mühe, möglichst tief in die Erde hineinzukommen. Es war ganz spaßig, die +Franzosen an manchen Stellen nur auf fünf Schritt vor sich zu haben. Man +hörte den Kerl sprechen, man sah ihn Zigaretten rauchen, ab und zu warf +er ein Stück Papier herüber. Man unterhielt sich mit ihnen, und trotzdem +suchte man sich auf alle möglichen Arten anzuärgern (Handgranaten). + +Fünfhundert Meter vor und fünfhundert Meter hinter den Gräben war der +dichte Wald der Côte Lorraine abgemäht durch die unendlich vielen +Gewehrkugeln und Granaten, die dort ständig durch die Luft sausten. Man +würde nicht glauben, daß dort vorn überhaupt noch ein Mensch leben +könnte. Die Truppe vorne empfand es gar nicht mal so schlimm wie die +Etappenleute. + +Nach so einem Spaziergang, der meistenteils in den allerzeitigsten +Morgenstunden stattfand, fing für mich wieder der langweiligere Teil des +Tages an, nämlich Telephonordonnanz zu spielen. + + * * * * * + +An meinen freien Tagen beschäftigte ich mich mit meinem +Lieblingshandwerk, dem Jagen. Der Wald von La Chaussée bot mir dazu +reichlich Gelegenheit. Ich hatte bei meinen Spazierritten Sauen gespürt +und war nun damit beschäftigt, diese ausfindig zu machen und mich nachts +anzusetzen. Schöne Vollmondnächte mit Schnee kamen mir zu Hilfe. Ich +baute mir mit Hilfe meines Burschen Hochsitze an ganz bestimmten +Wechseln und bestieg diese nachts. Da habe ich so manche Nacht auf +Bäumen zugebracht und wurde morgens als Eiszapfen wieder vorgefunden. +Aber es hatte sich gelohnt. Besonders eine Sau war interessant, sie kam +jede Nacht durch den See geschwommen, brach an einer bestimmten Stelle +in einen Kartoffelacker und schwamm dann wieder zurück. Es reizte mich +natürlich besonders, dieses Tier näher kennenzulernen. So setzte ich +mich denn an dem Ufer dieses Sees an. Wie verabredet, erschien die alte +Tante um Mitternacht, um sich ihr Nachtmahl zu holen. Ich schoß, während +sie noch im See schwamm, traf, und das Tier wäre mir beinahe versoffen, +wenn ich nicht noch im letzten Moment hätte zugreifen können, um sie an +einem Lauf festzuhalten. + +Ein andermal ritt ich mit meinem Burschen in einer ganz schmalen +Schneise, da wechseln vor mir mehrere Stück Schwarzwild über sie. Ich +schnell ’runter, den Karabiner meines Burschen ergriffen und einige +hundert Schritt vorgelaufen. Tatsächlich, da kam noch ein Kerl, und zwar +ein mächtiger Keiler. Ich hatte noch nie einen Keiler gesehen und war +nun sehr erstaunt, wie riesenhaft dieser Kerl aussah. Jetzt hängt er als +Trophäe hier in meinem Zimmer; er ist eine schöne Erinnerung. + + * * * * * + +So hatte ich es schon einige Monate ausgehalten, da kam eines schönen +Tages etwas Bewegung in unseren Laden. Wir beabsichtigten eine kleine +Offensive an unserer Front. Ich freute mich mächtig, denn nun mußte ja +doch eigentlich der Ordonnanzoffizier zu seinem Ordonnanzieren kommen! +Aber Kuchen! Es wurde mir etwas ganz anderes zugedacht, und dieses +schlug dem Faß den Boden aus. Nun schrieb ich ein Gesuch an meinen +Kommandierenden General, und böse Zungen behaupten, ich hätte gesagt: +»Liebe Exzellenz, ich bin nicht in den Krieg gezogen, um Käse und Eier +zu sammeln, sondern zu einem anderen Zweck.« Man hat anfangs eigentlich +auf mich einschnappen wollen, aber schließlich hat man mir meine Bitte +gewährt, und so trat ich Ende Mai 1915 zur Fliegertruppe. So war mir +mein größter Wunsch erfüllt. + + + + +Das erstemal in der Luft! + + +Morgens früh um sieben Uhr sollte ich zum erstenmal mitfliegen! Ich war +in einer etwas begreiflichen Aufregung, konnte mir so gar nichts +darunter vorstellen. Jeder, den ich fragte, schnurrte mir etwas anderes +vor. Abends ging ich zeitiger schlafen als sonst, um am nächsten Morgen +für den großen Moment frisch zu sein. Wir fuhren ’rüber auf den +Flugplatz, ich setzte mich zum erstenmal in ein Flugzeug. Der +Propellerwind störte mich ganz ungeheuer. Eine Verständigung mit dem +Führer war mir nicht möglich. Alles flog mir weg. Nahm ich ein Stück +Papier heraus, verschwand es. Mein Sturzhelm verrutschte sich, der Schal +löste sich, die Jacke war nicht fest genug zugeknöpft, kurz und gut, es +war kläglich. Ich war noch gar nicht darauf gefaßt, schon loszusausen, +da gab bereits der Pilot Vollgas, und die Maschine fing an zu rollen. +Immer schneller, immer schneller. Ich hielt mich krampfhaft fest. Mit +einem Male hörte die Erschütterung auf, und die Maschine war in der +Luft. Der Erdboden sauste unter mir weg. + +Man hatte mir gesagt, wo ich hinfliegen sollte, d. h. also, wo ich +meinen Führer hinzudirigieren hatte. Wir flogen erst ein Stück +geradeaus, dann machte mein Führer kehrt, nochmal kehrt, rechtsum, mal +linksum, und ich hatte über meinem eigenen Flughafen die Orientierung +verloren. Keine Ahnung mehr, wo ich mich befand! Ich fing so sachte an, +mir mal die Gegend unter mir anzusehen. Die Menschen winzig klein, die +Häuser wie aus einem Kinderbaukasten, alles so niedlich und zierlich. Im +Hintergrund lag Köln. Der Kölner Dom ein Spielzeug. Es war doch ein +erhabenes Gefühl, über allem zu schweben. Wer konnte mir jetzt was +anhaben? Keiner! Daß ich nicht mehr wußte, wo ich war, war mir ganz +Wurscht, und ich war ganz traurig, als mein Pilot meinte, jetzt müßten +wir landen. + +Am liebsten wäre ich gleich wieder geflogen. Daß ich irgend welche +Beschwerden, wie etwa bei einer Luftschaukel, gehabt hätte, daran ist +nicht zu denken. Die berühmten Amerikanischen Schaukeln sind mir, +nebenbei gesagt, widerlich. Man fühlt sich unsicher darin, aber im +Flugzeug hat man das unbedingte Gefühl der Sicherheit. Man sitzt ganz +ruhig auf seinem Sessel. Daß einem schwindlig wird, ist ganz +ausgeschlossen. Es gibt keinen Menschen, dem im Flugzeug je schwindlig +geworden wäre. Aber es ist ein verdammter Nervenkitzel, so durch die +Luft zu sausen, besonders nachher, als es wieder ’runterging, das +Flugzeug nach vorn kippte, der Motor aufhörte zu laufen und mit einemmal +eine ungeheure Ruhe eintrat. Ich hielt mich wieder krampfhaft fest und +dachte natürlich: »Jetzt stürzt du.« Aber es ging alles so +selbstverständlich und natürlich vor sich, auch das Landen, wie man +wieder die Erde berührte, und alles war so einfach, daß einem das Gefühl +der Angst absolut fehlte. Ich war begeistert und hätte den ganzen Tag im +Flugzeug sitzen können. Ich zählte die Stunden bis zum nächsten Start. + + + + +Beobachtungsflieger bei Mackensen + + +Am 10. Juni 1915 kam ich nach Großenhain, um von dort aus an die Front +abgeschickt zu werden. Natürlich wollte ich recht schnell ’raus, denn +ich hatte Angst, ich könnte zu dem Weltkrieg zu spät kommen. +Flugzeugführer-Werden hätte drei Monate in Anspruch genommen. Bis dahin +konnten wir schon längst Frieden haben; also kam es nicht in Frage. Als +Beobachter mochte ich mich vielleicht in meiner Eigenschaft als +Kavallerist ganz gut eignen; denn nach vierzehn Tagen schickte man mich +bereits ’raus, zu meiner größten Freude an die einzige Stelle, wo wir +noch Bewegungskrieg hatten, nämlich nach Rußland. + +Mackensen ging gerade seinen Siegeszug. Er war bei Gorlice +durchgebrochen, und ich kam dazu, wie wir Rawa Ruska nahmen. Ein Tag im +Armee-Flugpark, dann kam ich zu der famosen Abt. 69, wo ich mir als +Anfänger kolossal dämlich vorkam. Mein Führer war eine »Kanone« – +Oberleutnant Zeumer –, jetzt auch schon krumm und lahm. Von den übrigen +bin ich heute der einzige, der noch lebt. + +Jetzt kommt eigentlich meine schönste Zeit. Sie hatte mit dem +Kavalleristischen recht große Ähnlichkeit. Jeden Tag, vor- und +nachmittags, konnte ich meine Aufklärung fliegen. Ich habe manche schöne +Meldung nach Hause gebracht. + + + + +Mit Holck in Rußland + +(Sommer 1915) + + +Juni, Juli, August 1915 blieb ich bei der Fliegerabteilung, die den +ganzen Vormarsch Mackensens von Gorlice nach Brest-Litowsk mitmachte. +Ich war als ganz junger Beobachter dort hingekommen und hatte von Tuten +und Blasen keine Ahnung. + +Als Kavallerist war ja meine Beschäftigung Aufklären, so schlug der +jetzige Dienst in mein Fach, und ich hatte großen Spaß an den riesigen +Aufklärungsflügen, die wir fast täglich unternahmen. + +Für den Beobachter ist es wichtig, einen gesinnungstüchtigen Führer zu +finden. Da hieß es eines schönen Tages: »Graf Holck ist auf dem Anmarsch +zu uns.« Sofort kam mir der Gedanke: »Das ist der Mann, den du +brauchst.« + +Holck erschien nicht, wie man wohl glauben könnte, im 60-P.S.-Mercedes +oder im Schlafwagen erster Klasse, sondern zu Fuß. Er war nach +tagelanger Bahnfahrt endlich in die Gegend von Jaroslau gekommen. Dort +stieg er aus, denn es war wieder mal ein unendlicher Aufenthalt. Seinem +Burschen sagte er, er möchte mit dem Gepäck nachreisen, er würde +vorausgehen. Er zieht los, und nach einer Stunde Fußmarsch guckt er +sich um, aber kein Zug folgt ihm. So lief und lief er, ohne von seinem +Zuge überholt zu werden, bis er schließlich nach fünfzig Kilometern in +Rawa Ruska, seinem Ziel, ankam und vierundzwanzig Stunden später der +Bursche mit dem Gepäck erschien. Das war dem Sportsmann aber weiter +keine ungewohnte Arbeit. Sein Körper war derart trainiert, daß ihm +fünfzig Kilometer Fußmarsch nichts weiter ausmachten. + +Graf Holck war nicht bloß ein Sportsmann auf dem grünen Rasen, der +Flugsport machte ihm allem Anschein nach nicht weniger Vergnügen. Er war +ein Führer von seltener Befähigung, und besonders eben, was ja noch eine +große Hauptsache ist, er war grob Klasse über dem Feind. + +Manch schönen Aufklärungsflug flogen wir, wer weiß wie weit, Richtung +Rußland. Nie hatte ich bei dem noch so jungen Piloten das Gefühl der +Unsicherheit, vielmehr gab er mir im kritischen Moment einen Halt. Wenn +ich mich umsah und in sein entschlossenes Gesicht blickte, hatte ich +wieder nochmal so viel Mut wie vorher. + + * * * * * + +Mein letzter Flug mit ihm zusammen sollte beinahe schief gehen. Wir +hatten eigentlich gar keinen bestimmten Auftrag zu fliegen. Das ist ja +aber gerade das Schöne, daß man sich vollständig als freier Mensch fühlt +und vollkommen sein eigener Herr ist, wenn man mal in der Luft ist. + +Wir hatten einen Flughafenwechsel vorwärts und wußten nicht genau, +welche Wiese nun eigentlich die richtige sei. Um unsere Kiste bei der +Landung nicht unnötig aufs Spiel zu setzen, flogen wir Richtung +Brest-Litowsk. Die Russen waren in vollem Rückmarsch, alles brannte – – +ein grausig-schönes Bild. Wir wollten feindliche Kolonnen feststellen +und kamen dabei über die brennende Stadt Wiczniace. Eine riesige +Rauchwolke, die vielleicht bis auf zweitausend Meter hinaufreichte, +hinderte uns am Weiterfliegen, da wir selbst, um besser zu sehen, nur in +fünfzehnhundert Metern Höhe flogen. Einen Augenblick überlegte Holck. +Ich fragte ihn, was er machen wollte, und riet ihm, drumherum zu +fliegen, was vielleicht ein Umweg von fünf Minuten gewesen wäre. Aber +daran dachte Holck gar nicht. Im Gegenteil: je mehr sich die Gefahr +erhöhte, um so reizvoller war es ihm. Also mitten durch! Mir machte es +auch Spaß, mit einem so schneidigen Kerl zusammen zu sein. Doch sollte +uns unsere Unvorsichtigkeit bald teuer zu stehen kommen, denn kaum war +der Schwanz des Apparates in der Wolke verschwunden, schon merkte ich +ein Schwanken im Flugzeug. Ich konnte nichts mehr sehen, der Rauch biß +mir in die Augen, die Luft war bedeutend wärmer, und ich sah unter mir +bloß noch ein riesiges Feuermeer. Plötzlich verlor das Flugzeug das +Gleichgewicht und stürzte, sich überschlagend, in die Tiefe. Ich konnte +noch schnell eine Strebe erfassen, um mich festzuhalten, sonst wäre ich +’rausgeschleudert worden. Das erste, was ich tat, war ein Blick in +Holcks Gesicht. Schon hatte ich wieder Mut gefaßt, denn seine Mienen +waren eisern zuversichtlich. Der einzige Gedanke, den ich hatte, war +der: es ist doch dumm, auf so unnötige Weise den Heldentod zu sterben. + +Später fragte ich Holck, was er sich eigentlich in dem Augenblick +gedacht hätte. Da meinte er, daß ihm doch noch nie so eklig zumute +gewesen sei. + +Wir stürzten herunter bis auf fünfhundert Meter über die brennende +Stadt. War es die Geschicklichkeit meines Führers oder höhere Fügung, +vielleicht auch beides, jedenfalls waren wir plötzlich aus der +Rauchwolke herausgefallen, der gute Albatros fing sich wieder und flog +erneut geradeaus, als sei nichts vorgefallen. + +Wir hatten nun doch die Nase voll von unserem Flughafenwechsel und +wollten schleunigst zu unseren Linien zurückkehren. Wir waren nämlich +noch immer weit drüben bei den Russen und zudem nur noch in fünfhundert +Metern Höhe. Nach etwa fünf Minuten ertönte hinter mir die Stimme +Holcks: »Der Motor läßt nach.« + +Ich muß hinzufügen, daß Holck von einem Motor nicht ganz dieselbe Ahnung +hatte wie von einem »Hafervergaser«, und ich selbst war vollständig +schimmerlos. Nur eines wußte ich, daß, wenn der Motor nicht mehr +mitmachte, wir bei den Russen landen mußten. Also kamen wir aus der +einen Gefahr in die andere. + +Ich überzeugte mich, daß die Russen unter uns noch flott marschierten, +was ich aus fünfhundert Metern Höhe genau sehen konnte. Im übrigen +brauchte ich gar nichts zu sehen, denn der Rußki schoß mit +Maschinengewehren wie verfault. Es hörte sich an, als wenn Kastanien im +Feuer liegen. + +Der Motor hörte bald ganz auf zu laufen, er hatte einen Treffer. So +kamen wir immer tiefer, bis wir gerade noch über einem Wald ausschwebten +und schließlich in einer verlassenen Artilleriestellung landeten, die +ich noch am Abend vorher als besetzte russische Artilleriestellung +gemeldet hatte. + +Ich teilte Holck meine Vermutungen mit. Wir sprangen ’raus aus der Kiste +und versuchten, das nahe Waldstückchen zu erreichen, um uns dort zur +Wehr zu setzen. Ich verfügte über eine Pistole und sechs Patronen, Holck +hatte nichts. + +Am Waldrande angekommen, machten wir halt, und ich konnte mit meinem +Glase erkennen, wie ein Soldat auf unser Flugzeug zulief. Zu meinem +Schreck stellte ich fest, daß er eine Mütze trug und nicht eine +Pickelhaube. Das hielt ich für ein sicheres Zeichen, daß es ein Russe +sei. Als der Mann näher kam, stieß Holck einen Freudenschrei aus, denn +es war ein preußischer Gardegrenadier. + +Unsere Elitetruppe hatte wieder einmal die Stellung beim Morgengrauen +gestürmt und war bis zu den feindlichen Batteriestellungen +durchgebrochen. + + * * * * * + +Ich erinnere mich, daß Holck bei dieser Gelegenheit seinen kleinen +Liebling, ein Hündchen, verlor. Er nahm das Tierchen bei jedem Aufstieg +mit, es lag ganz ruhig in seinem Pelz unten in der Karosserie. Im Walde +hatten wir es noch mit. Kurz darauf, als wir mit dem Gardegrenadier +gesprochen hatten, kamen Truppen vorbeigezogen. Dann kamen Stäbe von der +Garde und Prinz Eitel Friedrich mit seinen Adjutanten und +Ordonnanzoffizieren. Der Prinz ließ uns Pferde geben, so daß wir beiden +Kavallerieflieger mal wieder auf richtigen »Hafermotoren« saßen. Leider +ging uns beim Weiterreiten das Hündchen verloren. Es muß wohl mit +anderen Truppen mitgelaufen sein. + +Spätabends kamen wir schließlich mit einem Panjewagen in unseren +Flughafen zurück. Die Maschine war futsch. + + + + +Rußland–Ostende + +(Vom Zweisitzer zum Großkampfflugzeug) + + +Nachdem in Rußland unsere Unternehmungen so sachte zum Stehen kamen, +wurde ich plötzlich zu einem Großkampfflugzeug, zur B. A. O. nach +Ostende versetzt (21. August 1915). Ich traf da einen alten Bekannten, +Zeumer, und außerdem verlockte mich der Name »Großkampfflugzeug«. + +August 1915 traf ich in Ostende ein. Auf dem Bahnhof in Brüssel hatte +mich mein guter Freund Zeumer abgeholt. Nun verlebte ich eigentlich eine +sehr nette Zeit, die aber wenig Kriegerisches an sich hatte, aber sie +war als Lehrzeit zum Kampfflieger unentbehrlich. Wir flogen viel, hatten +selten Luftkämpfe und nie Erfolge. Dafür aber war das sonstige Leben +reizvoll. Am Strand von Ostende hatten wir ein Hotel beschlagnahmt. +Jeden Nachmittag badeten wir. Leider waren als Kurgäste nur Soldaten zu +sehen. Auf den Terrassen von Ostende saßen wir, in unsere bunten +Bademäntel gehüllt, und tranken nachmittags unseren Kaffee. + + * * * * * + +Wir saßen wieder mal, wie üblich, am Strande bei unserem Kaffee. +Plötzlich ein Tuten, das hieß: ein englisches Seegeschwader ist +gemeldet. Natürlich ließen wir uns durch derartige Alarmnachrichten in +unserer Gemütlichkeit nicht stören und tranken weiter. Da ruft einer: +»Da sind sie!« und tatsächlich konnten wir am Horizont, wenn auch nicht +sehr deutlich, einige qualmende Schornsteine und später auch Schiffe +erkennen. Schnell wurden die Ferngläser geholt und beobachtet. Wir sahen +eine ganz stattliche Zahl von Schiffen. Was sie eigentlich machen +wollten, war uns unklar, aber bald sollten wir eines Besseren belehrt +werden. Wir stiegen auf das Dach, um von dort oben mehr zu sehen. Mit +einem Male pfeift’s, gleich darauf ein Riesenknall, und eine Granate +schlägt am Strande ein, wo wir eben noch im Wasser waren. So schnell bin +ich noch nie in den Heldenkeller gestürzt wie in diesem Moment. Das +englische Geschwader schoß noch vielleicht drei-, viermal auf uns und +richtete sich dann in der Hauptsache gegen den Ostender Hafen und +Bahnhof. Getroffen haben sie natürlich nichts. Aber sie haben die braven +Belgier in mächtige Aufregung versetzt. Eine Granate sauste mitten in +das schöne Palasthotel am Strande von Ostende. Dies war der einzige +Schaden. Zum Glück ist es englisches Kapital, das sie selbst vernichtet +haben. + + * * * * * + +Abends wurde dann wieder feste geflogen. Bei einem unserer Flüge waren +wir mit unserem Großkampfflugzeug sehr weit hinaus auf See gekommen. +Das Ding hatte zwei Motoren, und wir probierten hauptsächlich ein neues +Steuer aus, das uns ermöglichen sollte, auch mit einem Motor weiter +geradeaus zu fliegen. Wie wir ziemlich weit draußen sind, sehe ich unter +uns, nicht auf dem Wasser, sondern – wie es mir schien – unter dem +Wasser, ein Schiff schwimmen. Es ist ganz eigentümlich: Man kann von +oben aus bei etwas ruhigem Seegang bis auf den Meeresgrund +hinuntersehen. Natürlich nicht vierzig Kilometer tief, aber so einige +hundert Meter Wasser kann man glatt durchschauen. Ich hatte mich auch +nicht getäuscht, daß das Schiff nicht über Wasser, sondern unter Wasser +schwamm, und trotzdem sah ich es so, als sei es oben. Ich machte Zeumer +darauf aufmerksam, und wir gingen etwas tiefer hinunter, um Näheres zu +erkennen. Ich bin zu wenig Marinemann, um gleich sagen zu können, was es +gewesen ist; aber so sachte kapierte ich denn doch, daß es ein U-Boot +war. Aber welcher Nationalität? Das ist nun wieder eine zweite +schwierige Frage, die meiner Ansicht nach nur ein Marinemann lösen kann +– und der auch nicht immer. Farbe ist so gut wie gar nicht zu erkennen. +Die Flagge schon erst recht nicht. Außerdem hat ja wohl so ein U-Boot +gar nichts dergleichen. Wir hatten zwei Bomben mit, und ich war mir sehr +im Zweifel: sollte ich werfen, oder sollte ich nicht werfen? Das U-Boot +hatte uns nicht gesehen, denn es war halb unter Wasser. Wir konnten aber +über dem Ding ganz ruhig herfliegen und hätten den Moment abpassen +können, wo es auftauchte, um Luft zu schnappen, um unsere Eier zu legen. +Das ist ganz bestimmt ein sehr kritischer Punkt für unsere +Schwesterwaffe. Wie wir noch eine ganze Weile mit den Kerlen da unten +’rumgekindscht hatten, merkte ich plötzlich, wie aus dem einen unserer +Kühler sich so sachte das Wasser empfahl. Dieses schien mir als »Franz« +nicht ganz geheuer, und ich machte meinen »Emil« darauf aufmerksam. Der +zog sein Gesicht in die Länge und machte nun, daß er nach Hause kam. +Aber wir waren schätzungsweise zwanzig Kilometer von der Küste entfernt, +und die wollen erst zurückgeflogen sein. Der Motor ließ so sachte nach, +und ich machte mich schon im stillen auf ein kaltes und feuchtes Bad +gefaßt. Aber siehe da, es ging! Der Riesenäppelkahn ließ sich mit einem +Motor und dem neuen Steuer großartig deichseln, und wir erreichten noch +glatt die Küste und konnten dort sehr schön auf unserem nahen Hafen +landen. + +Glück muß der Mensch haben. Hätten wir nicht das neue Steuer an diesem +Tage ausprobiert, wir wären rettungslos versoffen. + + + + +Ein Tropfen Blut fürs Vaterland + +(Ostende) + + +Verwundet bin ich eigentlich nie worden. Ich habe wohl immer im +entscheidenden Moment den Kopf weggenommen und den Bauch eingezogen. Oft +habe ich mich gewundert, daß sie mich nicht gehascht haben. Einmal ging +mir ein Schuß durch beide Pelzstiefel durch, ein andermal durch meinen +Schal, wieder einmal an meinem Arm durch den Pelz und die Lederjacke +durch, aber nie hat es mich berührt. + +Da flogen wir eines schönen Tages mit unserem Großkampfflugzeug los, um +die Engländer etwas mit Bomben zu erfreuen, erreichten das Ziel, die +erste Bombe fällt. Es ist natürlich sehr interessant festzustellen, wie +der Erfolg dieser Bombe ist. Wenigstens den Einschlag möchte man immer +gerne sehen. Mein Großkampfflugzeug, das sich für das Bombenschleppen +ganz gut eignete, hatte aber die dumme Eigenschaft, daß man von der +abgeworfenen Bombe den Einschlag schlecht sehen konnte, denn das +Flugzeug schob sich nach dem Abwurf über das Ziel weg und verdeckte es +mit seinen Flächen vollkommen. Dieses ärgerte mich immer, denn man hatte +so wenig Spaß davon. Wenn’s unten knallt und man die lieblich grau-weiße +Wolke der Explosion sieht und sie auch in der Nähe des Zieles liegt, +macht einem viel Freude. So winkte ich meinen guten Zeumer ein und +wollte eigentlich, daß er so etwas mit dem Tragdeck beiseite ging. Dabei +vergaß ich, daß das infame Ding, mein Äppelkahn, zwei Propeller hatte, +die sich rechts und links neben meinem Beobachtersitz drehten. Ich +zeigte ihm ungefähr den Einschlag der Bombe – und patsch! habe ich eins +auf die Finger. Etwas verdutzt anfangs, stellte ich dann fest, daß mein +kleiner Finger zu Schaden gekommen war. Zeumer hatte nichts gemerkt. + +Das Bombenwerfen war mir verleidet, schnell wurde ich meine letzten +Dinger los, und wir machten, daß wir nach Hause kamen. + +Meine Liebe zum Großkampfflugzeug, die sowieso etwas schwach war, hatte +durch diesen Bombenwurf schwer gelitten. Ich mußte nun acht Tage lang +hocken und durfte nicht mitfliegen. Jetzt ist es nur noch ein +Schönheitsfehler, aber ich kann doch wenigstens mit Stolz sagen: »Ich +habe auch eine Kriegsverwundung.« + + + + +Mein erster Luftkampf + +(1. September 1915) + + +Zeumer und ich hätten zu gerne mal einen Luftkampf gehabt. Wir flogen +natürlich unser Großkampfflugzeug. Schon allein der Name des Kahnes gab +uns einen solchen Mut, daß wir es für ausgeschlossen hielten, ein Gegner +könnte uns entgehen. + +Wir flogen am Tage fünf bis sechs Stunden, ohne je einen Engländer +gesehen zu haben. Schon ganz entmutigt begaben wir uns eines Morgens +wieder auf Jagd. Mit einemmal entdeckte ich einen Farman, der ungeniert +seine Aufklärung fliegen wollte. Mir pochte das Herz, wie Zeumer auf ihn +zuflog. Ich war gespannt, was sich nun eigentlich abspielen würde. Ich +hatte nie einen Luftkampf gesehen und machte mir nur ganz dunkle +Vorstellungen, so etwa wie du, mein lieber Leser. + +Ehe ich mich versah, waren wir beide, der Engländer und ich, aneinander +vorbeigesaust. Ich hatte höchstens vier Schuß abgegeben, während der +Engländer plötzlich hinter uns saß und uns den ganzen Laden voll schoß. +Ich muß sagen, ich hatte nicht das Gefühl der Gefahr, weil ich mir auch +gar nicht vorstellen konnte, wie nun eigentlich das Endresultat so eines +Kampfes aussehen würde. Wir drehten uns noch einige Male umeinander, bis +schließlich der Engländer zu unserem größten Erstaunen ganz vergnügt +kehrtmachte und weiterflog. Ich war stark enttäuscht, mein Führer auch. + +Zu Hause angekommen, waren wir beide sehr schlechter Laune. Er machte +mir Vorwürfe, ich hätte schlecht geschossen, ich machte ihm Vorwürfe, er +hätte mich nicht recht zum Schuß gebracht – kurz und gut, unsere +Flugzeugehe, die sonst so tadellos war, hatte mit einemmal einen Knacks. + +Wir beschauten uns unsere Kiste und stellten fest, daß wir eigentlich +eine ganz anständige Zahl von Treffern drinnen hatten. + +Noch am selben Tage unternahmen wir einen zweiten Jagdflug, der aber +ebenso ergebnislos blieb. Ich war sehr traurig, denn ich hatte es mir +bei einem Kampfgeschwader ganz anders vorgestellt. Ich glaubte immer, +wenn ich mal zum Schuß käme, dann müßte der Bruder auch fallen. Bald +mußte ich mich aber davon überzeugen, daß so ein Flugzeug ungeheuer viel +verträgt. Schließlich gelangte ich zu der Überzeugung, ich könne noch so +viel schießen und würde doch nie einen ’runterbekommen. + +An Mut hatten wir es nicht fehlen lassen. Zeumer konnte fliegen wie +selten einer, und ich war ein ganz leidlicher Kugelschütze. Wir standen +also vor einem Rätsel. Es ging nicht bloß mir alleine so, sondern es +geht noch heute vielen anderen ebenso. Die Geschichte will eben wirklich +verstanden sein. + + + + +In der Champagne-Schlacht + + +Die schöne Zeit in Ostende war nur sehr kurz, denn bald entbrannte die +Schlacht in der Champagne, und wir flogen nach dieser Front, um uns dort +weiter mit dem Großkampfflugzeug zu betätigen. Wir bemerkten bald, daß +die Klamotte zwar ein großes Flugzeug war, aber niemals ein +Kampfflugzeug abgab. + +Einmal flog ich mit Osteroth, der ein etwas kleineres Flugzeug hatte als +der Äppelkahn (das Großkampfflugzeug). Etwa fünf Kilometer hinter der +Front trafen wir mit einem Farman-Zweisitzer zusammen. Er ließ uns ruhig +’rankommen, und ich sah zum ersten Male einen Gegner so ganz aus +nächster Nähe in der Luft. Osteroth flog sehr geschickt so neben ihm +her, daß ich ihn gut unter Feuer nehmen konnte. Der Gegner hatte uns +wohl gar nicht bemerkt, denn ich hatte bereits meine erste Ladehemmung, +wie er anfing, wiederzuschießen. Nachdem ich meinen Patronenkasten von +hundert Schuß verschossen hatte, glaubte ich meinen Augen nicht trauen +zu können, wie mit einem Male der Gegner in ganz seltsamen Spiralen +niederging. Ich verfolgte ihn mit den Augen und klopfte Osteroth auf den +Kopf. Er fällt, er fällt, und tatsächlich fiel er in einen großen +Sprengtrichter; man sah ihn darin auf dem Kopf stehen, Schwanz nach +oben. Auf der Karte stellte ich fest: fünf Kilometer hinter der jetzigen +Front lag er. Wir hatten ihn also jenseits abgeschossen. In damaliger +Zeit wurden aber Abschüsse jenseits der Front nicht bewertet, sonst +hätte ich heute einen mehr auf meiner Liste. Ich war aber sehr stolz auf +meinen Erfolg, und im übrigen ist es ja die Hauptsache, wenn der Kerl +unten liegt, also nicht, daß er einem als Abschuß angerechnet wird. + +[Illustration: Der Entente-Brunnen auf einem Flugplatz im Westen] + +[Illustration: Das erste Dutzend der von Richthofen abgeschossenen +Apparate wird zum Abtransport in die Heimat verladen] + + + + +Wie ich Boelcke kennenlernte + + +Zeumer verpaßte sich in dieser Zeit einen Fokker-Eindecker, und ich +konnte zusehen, wie er allein durch die Welt segelte. Die +Champagne-Schlacht tobte. Die französischen Flieger machten sich +bemerkbar. Wir sollten zu einem Kampfgeschwader zusammengestellt werden +und fuhren am 1. Oktober 1915 nach. Im Speisewagen saß am Nebentisch ein +junger unscheinbarer Leutnant. Es lag auch kein Grund für ihn vor, +besonders aufzufallen, nur eine Tatsache stand fest: er war von uns +allen der einzige, der bereits mal einen feindlichen Flieger +abgeschossen hatte, und zwar nicht nur einen, sondern schon vier. Er war +sogar mit Namen im Heeresbericht genannt. Er imponierte mir auf Grund +seiner Erfahrungen ganz rasend. Ich konnte mir noch so große Mühe geben, +ich hatte bis dahin noch immer keinen zur Strecke, jedenfalls war mir +noch keiner anerkannt worden. Zu gerne hätte ich erfahren, wie dieser +Leutnant Boelcke das nun eigentlich machte. So stellte ich an ihn die +Frage: »Sagen Sie mal bloß, wie machen Sie’s denn eigentlich?« Er lachte +sehr belustigt, dabei hatte ich aber wirklich ernst gefragt. Dann +antwortete er mir: »Ja, Herrgott, ganz einfach. Ich fliege eben ran und +ziele gut, dann fällt er halt herunter.« Ich schüttelte bloß den Kopf +und meinte, das täte ich doch auch, bloß daß er eben bei mir nicht +’runterfiele. Der Unterschied war allerdings der, er flog Fokker und ich +mein Großkampfflugzeug. + +Ich gab mir Mühe, diesen netten bescheidenen Menschen, der mir +wahnsinnig imponierte, näher kennenzulernen. Wir spielten oft Karten +zusammen, gingen spazieren, und ich fragte ihn aus. So reifte in mir der +Entschluß: »Du mußt selber einen Fokker fliegen lernen, dann wird es +vielleicht besser gehen.« + +Mein Sinnen und Trachten ging nun dahin, zu lernen, selbst »den Knüppel +zu führen«. Denn ich war bisher immer nur Beobachter gewesen. Es bot +sich bald Gelegenheit, auf einer alten Klamotte in der Champagne zu +schulen. Ich betrieb das mit großem Eifer und war nach fünfundzwanzig +Schulflügen vor dem Alleinflug. + + + + +Der erste Alleinflug + +(10. Oktober 1915) + + +Es gibt so einige Augenblicke im Leben, die einen besonderen +Nervenkitzel verursachen, so z. B. der erste Alleinflug. + +Zeumer, mein Lehrer, erklärte mir eines Abends: »So, nun flieg’ mal +alleine los.« Ich muß sagen, daß ich ihm am liebsten geantwortet hätte: +»Ich habe zu große Angst.« Aber dies Wort soll ja der Vaterlandsverteidiger +niemals in den Mund nehmen. Also mußte ich wohl oder übel meinen +Schweinehund ’runterschlucken und mich in die Maschine setzen. + +Er erklärte mir noch einmal jeden Griff theoretisch; ich hörte nur noch +mit halbem Ohre zu, denn ich war der festen Überzeugung: Du vergißt doch +die Hälfte. + +Ich rollte zum Start, gab Gas, die Maschine bekam ihre bestimmte +Geschwindigkeit, und mit einem Male konnte ich nicht umhin, +festzustellen, daß ich tatsächlich flog. Es war schließlich kein +ängstliches, sondern ein verwegenes Gefühl. Mir war jetzt alles Wurscht. +Mochte passieren, was da wollte, ich wäre über nichts mehr erschrocken +gewesen. Mit Todesverachtung machte ich eine Riesenlinkskurve, stellte +an dem genau bezeichneten Baum das Gas ab und wartete der Dinge, die +sich nun ereignen würden. Nun kam das Schwierigste, die Landung. Mir +waren die notwendigen Handgriffe genau in Erinnerung. Ich machte sie +mechanisch nach, jedoch reagierte die Maschine ganz anders als sonst, wo +Zeumer drin saß. Ich war aus dem Gleichgewicht gebracht, machte einige +falsche Bewegungen, stand auf dem Kopf, und schon gab es wieder mal eine +»Schulmaschine«. Sehr traurig beguckte ich mir den Schaden, der sich zum +Glück bald beheben ließ, und hatte im übrigen noch den Spott auf meiner +Seite. + +Zwei Tage später ging ich mit rasender Passion wieder an mein Flugzeug, +und siehe da, es ging wunderbar. + +Nach vierzehn Tagen konnte ich die erste Prüfung machen. Ein Herr v. T. +war Richter. Ich flog die mir vorgeschriebenen Achten und die mir +befohlenen Landungen, worauf ich sehr stolz ausstieg und nun zu meinem +größten Erstaunen hörte, daß ich durchgefallen sei. Mir blieb nichts +anderes übrig, als später meine erste Prüfung noch einmal zu machen. + + + + +Aus meiner Döberitzer Ausbildungszeit + + +Um meine Examina bestehen zu können, mußte ich aber nach Berlin. Ich +benutzte die Gelegenheit, um als Beobachter ein Riesenflugzeug in Berlin +auf den Schwung zu bringen, und ließ mich dazu nach Döberitz +kommandieren (15. November 1915). Für das Riesenflugzeug hatte ich +anfangs großes Interesse. Aber es ist komisch, gerade durch das +Riesending wurde mir klar, daß nur das kleinste Flugzeug für meine +Zwecke als Kampfflieger etwas taugen kann. So ein großer Äppelkahn ist +zum Kämpfen zu unbeweglich, und das ist ja eben die Hauptsache für mein +Geschäft. + +Der Unterschied zwischen einem Großkampfflugzeug und einem +Riesenflugzeug ist der, daß das Riesenflugzeug noch erheblich größer ist +und mehr dem Zwecke für Bomben dient und weniger zum Kampfe. + +Meine Prüfungen machte ich nun in Döberitz, zusammen mit einem lieben +Menschen, Oberleutnant v. Lyncker. Wir beide vertrugen uns gut und +hatten dieselben Passionen, auch dieselbe Auffassung über unsere spätere +Tätigkeit. Unser Ziel war Fokkerfliegen, um zusammen zu einer +Jagdstaffel nach dem Westen zu kommen. Ein Jahr später haben wir es +erreicht, zusammenwirken zu können, wenn auch nur für kurze Zeit, denn +meinen guten Freund ereilte bei seinem dritten Abschuß die tödliche +Kugel. + +Oft haben wir in Döberitz lustige Stunden verlebt. So war z. B. eine +Bedingung: »Außenlandungen.« + +Ich verband bei dieser Gelegenheit das Notwendige mit dem Angenehmen. Zu +meinem Außenlandeplatz suchte ich mir ein mir bekanntes Gut Buchow aus. +Dort war ich auf Saujagd eingeladen, bloß vertrug sich die Sache +schlecht mit meinem Dienst, denn an schönen Abenden wollte ich fliegen +und trotzdem meiner Jagdpassion nachgehen. So legte ich mir meinen +Außenlandeplatz so, daß ich von dort aus bequem meine Jagdgründe +erreichen konnte. + +Ich nahm mir einen zweiten Piloten als Beobachter mit und schickte +diesen abends zurück. Nachts setzte ich mich auf Sauen an und wurde am +nächsten Morgen von diesem Piloten wieder abgeholt. + +Wenn ich nicht hätte abgeholt werden können, so wäre ich ziemlich auf +dem Trockenen gewesen, da mir ein Fußmarsch von etwa zehn Kilometern +geblüht hätte. So brauchte ich einen Mann, der mich bei jedem Wetter von +meinem Hochsitz abholte. Es ist aber nicht jedermanns Sache, auf Wetter +gar keine Rücksicht zu nehmen, doch es gelang mir, einen +Gesinnungstüchtigen zu finden. + +Eines Morgens, nachdem ich die Nacht wieder draußen zugebracht hatte, +begann ein ungeheures Schneegestöber. Man konnte nicht fünfzig Meter +weit sehen. Acht Uhr war es gerade, die angegebene Zeit, zu der mich der +Pilot abholen sollte. Im stillen hoffte ich, er würde es diesmal sein +lassen. Aber mit einem Male hörte ich ein Summen – sehen konnte ich +nichts – fünf Minuten später lag mein schöner Vogel etwas verbogen vor +mir. + + + + +Erste Zeit als Pilot + + +Am Weihnachtstage 1915 machte ich mein drittes Examen. Ich verband damit +einen Flug nach Schwerin und sah mir dort die Fokker-Werke an. Als +Beobachter nahm ich mir meinen Monteur mit und flog dann später mit ihm +von Berlin nach Breslau, von Breslau nach Schweidnitz, von Schweidnitz +nach Lüben, von Lüben nach Berlin, überall zwischenlandend, Bekannte und +Verwandte aufsuchend. Das Orientieren im Flugzeug fiel mir als altem +Beobachter nicht schwer. + +März war ich beim Kampfgeschwader 2 vor Verdun und lernte nun den +Luftkampf als Flugzeugführer, d. h. ich lernte, das Flugzeug im Kampfe +zu beherrschen. Ich flog dazu einen Zweisitzer. + + * * * * * + +Im Heeresbericht vom 26. April 1916 bin ich zum ersten Male, wenn auch +nicht persönlich genannt, so doch durch eine meiner Taten erwähnt. Ich +hatte mir auf meine Maschine ein Gewehr oben zwischen die Tragdecks im +Geschmack, wie es der Nieuport hat, aufgebaut und war auf diese +Konstruktion allein schon sehr stolz. Man lachte wohl etwas darüber, +denn sie sah sehr primitiv aus. Ich schwor natürlich darauf und hatte +bald Gelegenheit, sie praktisch zu verwerten. + +Ich begegnete einem Nieuport, der scheinbar auch Anfänger war, denn er +benahm sich furchtbar töricht. Ich flog auf ihn zu, worauf er ausriß. +Offenbar hatte er eine Ladehemmung. Ich hatte nicht das Gefühl, als ob +ich kämpfen würde, vielmehr: »Was wird jetzt erfolgen, wenn du auf ihn +schießt?« Ich fliege ’ran, zum erstenmal auf eine ganz, ganz nahe +Entfernung, drücke auf den Knopf des Maschinengewehrs, eine kurze Serie +wohlgezielter Schüsse, mein Nieuport bäumt sich auf und überschlägt +sich. Anfangs glaubten wir, mein Beobachter und ich, es sei eins der +vielen Kunststücke, die einem die Franzosen vorzumachen pflegen. Dieses +Kunststück wollte aber nicht aufhören, es ging immer tiefer, immer +tiefer; da klopft mir mein »Franz« auf den Kopf und ruft mir zu: »Ich +gratuliere, der fällt!« Tatsächlich fiel er in einen Wald hinter dem +Fort Douaumont und verschwand zwischen den Bäumen. »Den hast du +abgeschossen,« das war mir klar. Aber – jenseits! Ich flog nach Hause, +meldete weiter nichts als: »Ein Luftkampf, ein Nieuport abgeschossen.« +Einen Tag darauf las ich diese meine Heldentat im Heeresbericht. Ich war +nicht schlecht stolz darauf, aber zu meinen zweiundfünfzig zählt dieser +Nieuport nicht. + + * * * * * + +_Heeresbericht vom 26. April 1916_ + +Zwei feindliche Flugzeuge sind über Fleury, südlich von Douaumont und +westlich davon, im Luftkampf abgeschossen. + + + + +Holck †+ +(30. April 1916) + + +Als junger Flugzeugführer flog ich mal bei einem Jagdfluge über das Fort +Douaumont hinweg, auf dem gerade heftiges Trommelfeuer lag. Da sah ich, +wie ein deutscher Fokker drei Caudrons angriff. Zu seinem Pech war aber +sehr starker Westwind. Also ungünstiger Wind. Er wurde im Laufe des +Kampfes über die Stadt Verdun hinausgetrieben. Ich machte meinen +Beobachter darauf aufmerksam, der auch meinte, das muß ein ganz +schneidiger Kerl sein. Wir überlegten, ob es Boelcke sein könnte, und +wollten uns nachher danach erkundigen. Da sah ich aber zu meinem +Schrecken, wie aus dem Angreifer ein Verteidiger wurde. Der Deutsche +wurde von den Franzosen, die sich mittlerweile auf mindestens zehn +Flugzeuge verstärkt hatten, immer mehr heruntergedrückt. Ihm zu Hilfe +kommen, konnte ich nicht. Ich war zu weit ab von den Kämpfenden und kam +zudem in meiner schweren Maschine nicht gegen den Wind an. Der Fokker +wehrte sich verzweifelt. Jetzt hatten ihn die Feinde schon mindestens +auf sechshundert Meter heruntergedrückt. Da wurde er plötzlich von einem +seiner Verfolger erneut angegriffen. Er verschwand in einem Sturzflug in +einer Kumuluswolke. Ich atmete auf, denn das war meiner Ansicht nach +seine Rettung. + +Zu Hause angekommen, erzählte ich, was ich gesehen hatte, und erfuhr, +daß es Holck, mein alter Kampfgenosse aus dem Osten, war, der vor kurzem +vor Verdun Jagdflieger geworden war. + +Mit Kopfschuß war Graf Holck senkrecht abgestürzt. Es ging mir sehr +nahe, denn er war nicht bloß ein Vorbild an Schneid, er war eben auch +als Mensch eine Persönlichkeit, wie es nur wenige gibt. + + + + +Ein Gewitterflug + + +Unsere Tätigkeit vor Verdun im Sommer 1916 wurde durch häufige +Gewitterstürme gestört. Nichts Unangenehmeres gibt es für einen Flieger, +als durch ein Gewitter hindurch zu müssen. Während der Somme-Schlacht +zum Beispiel landete ein ganzes englisches Geschwader hinter unseren +Linien, weil es durch ein Gewitter überrascht wurde. Es geriet so in +Gefangenschaft. + +Ich hatte noch nie den Versuch gemacht, durch ein Gewitter +hindurchzufliegen, und konnte es mir nicht verkneifen, das doch mal +auszuprobieren. In der Luft war den ganzen Tag eine richtige +Gewitterstimmung. Von meinem Flughafen Mont war ich nach dem nahen Metz +hinübergeflogen, um dort einiges zu erledigen. Da ereignete sich bei +meinem Nachhauseflug folgendes: + +Ich war auf dem Flugplatz in Metz und wollte nach meinem Flughafen +zurück. Wie ich meine Maschine aus der Halle zog, machten sich die +ersten Anzeichen eines nahen Gewittersturmes bemerkbar. Der Wind +kräuselte den Sand, und eine pechschwarze Wand zog von Norden her heran. +Alte, erfahrene Piloten rieten mir dringend ab, zu fliegen. Ich hatte +aber fest versprochen zu kommen, und es wäre mir furchtsam erschienen, +wenn ich wegen eines dummen Gewitters ausgeblieben wäre. Also, Gas +gegeben und mal probiert! Schon beim Start fing’s an zu regnen. Die +Brille mußte ich wegwerfen, um überhaupt etwas sehen zu können. Das Üble +war, daß ich über die Moselberge wegmußte, durch deren Täler gerade der +Gewittersturm brauste. Ich dachte mir: »Nur zu, es wird schon glücken,« +und näherte mich mehr und mehr der schwarzen Wolke, die bis auf die Erde +herunterreichte. Ich flog so niedrig wie möglich. Über Häuser und +Baumreihen mußte ich teilweise hinwegspringen. Wo ich war, wußte ich +schon lange nicht mehr. Der Sturm erfaßte meinen Apparat wie ein Stück +Papier und trieb ihn vor sich her. Mir saß das Herz doch etwas tiefer. +Landen konnte ich nicht mehr in den Bergen, also mußte durchgehalten +werden. + +Um mich herum war es schwarz, unter mir bogen sich die Bäume im Sturm. +Plötzlich lag vor mir eine bewaldete Höhe. Ich mußte auf sie zu, mein +guter Albatros schaffte es und riß mich darüber hinweg. Ich konnte nur +noch geradeaus fliegen; jedes Hindernis, das kam, mußte genommen werden. +Es war die reine Springkonkurrenz über Bäume, Dörfer, besonders +Kirchtürme und Schornsteine, da ich höchstens noch fünf Meter hoch +fliegen konnte, um in der schwarzen Gewitterwolke überhaupt noch etwas +zu sehen. Um mich herum zuckten die Blitze. Ich wußte damals noch nicht, +daß der Blitz nicht in das Flugzeug schlagen kann. Ich glaubte den +sicheren Tod vor Augen zu haben, denn der Sturm mußte mich bei der +nächsten Gelegenheit in ein Dorf oder in einen Wald werfen. Hätte der +Motor ausgesetzt, so wäre ich erledigt gewesen. + +Da sah ich mit einem Male vor mir eine helle Stelle am Horizont. Dort +hörte das Gewitter auf; erreichte ich diesen Punkt, so war ich gerettet. +Die ganze Energie zusammennehmend, die ein junger, leichtsinniger Mensch +haben kann, steuerte ich darauf zu. + +Plötzlich, wie abgerissen, war ich aus der Gewitterwolke heraus, flog +zwar noch im strömenden Regen, aber fühlte mich im übrigen geborgen. + +Noch immer bei strömendem Regen landete ich in meinem Heimatshafen, wo +schon alles auf mich wartete, da von Metz bereits die Nachricht +eingetroffen war, ich sei in einer Gewitterwolke, Richtung dorthin, +verschwunden. + +Nie wieder werde ich, wenn es nicht mein Vaterland von mir fordert, +durch einen Gewittersturm hindurchfliegen. + +In der Erinnerung ist alles schön, so gab es auch dabei schöne Momente, +die ich nicht in meinem Fliegerdasein missen möchte. + + + + +Das erstemal auf einem Fokker + + +Von Anfang meiner Pilotenlaufbahn an hatte ich nur ein Streben, und das +war, in einem einsitzigen Kampfflugzeug fliegen zu dürfen. Nach langem +Quälen bei meinem Kommandeur hatte ich die Erlaubnis ’rausgeschunden, +einen Fokker zu schaukeln. Der Motor, der sich um sich selbst drehte, +war mir etwas ganz Neues. Auch so allein in einem kleinen Flugzeug zu +sitzen, war mir fremd. + +Ich besaß mit einem Freund, der jetzt schon lange tot ist, zusammen +diesen einen Fokker. Vormittags flog ich ihn, nachmittags er. Jeder +hatte Angst, der andere könne die Kiste eher zerschmeißen. Am zweiten +Tage flogen wir gegen den Feind. Mir war vormittags kein Franzose +begegnet, nachmittags kam der andere an die Reihe. Er kam nicht wieder, +keine Nachricht, nichts. Spätabends meldete die Infanterie einen +Luftkampf zwischen einem Nieuport und einem deutschen Fokker, nach +dessen Verlauf der Deutsche scheinbar jenseits auf dem Toten Mann +gelandet wäre. Es konnte nur Reimann sein, denn alle anderen waren +zurückgekommen. Wir bedauerten unseren kühnen Kameraden, da plötzlich +kam nachts die telephonische Nachricht, ein deutscher Fliegeroffizier +sei mit einem Male im vordersten Sappenkopf der Infanteriestellung auf +dem Toten Mann erschienen. Er entpuppte sich als Reimann. Ihm war der +Motor zerschossen worden, so daß er zur Notlandung gezwungen war. Er +hatte dabei unsere Linien nicht mehr erreichen können und war zwischen +dem Feind und uns gelandet. Schnell hatte er noch seine Maschine in +Brand gesteckt und sich dann einige hundert Meter davon in einem +Sprengtrichter verborgen gehalten. In der Nacht war er dann als +Schleichpatrouille in unseren Gräben erschienen. So endete zum ersten +Male unser Aktienunternehmen: »Der Fokker«. + + * * * * * + +Nach einigen Wochen bekamen wir einen zweiten. Diesmal fühlte ich mich +verpflichtet, das gute Ding ins Jenseits zu befördern. Es war vielleicht +mein dritter Flug auf der kleinen, schnellen Maschine. Beim Start setzte +der Motor aus. Ich mußte hinunter, gerade in ein Haferfeld hinein, und +im Umsehen war aus dem stolzen, schönen Apparat bloß noch eine +unkenntliche Masse geworden. Wie durch ein Wunder war mir nichts +passiert. + + + + +Bombenflüge in Rußland + + +Juni hieß es plötzlich verladen. Wir wußten nicht, wo es hinging, aber +den richtigen Tip hatten wir und waren deshalb nicht übermäßig erstaunt, +wie uns unser Kommandeur mit der Neuigkeit überraschte, daß wir nach +Rußland gingen. Wir fuhren durch ganz Deutschland mit unserem Wohnzug, +aus Speise- und Schlafwagen bestehend, und kamen schließlich nach Kowel. +Dort blieben wir in unseren Eisenbahnwagen wohnen. Dieses Wohnen in +Zügen hat ja nun natürlich sehr viel Vorteile. Man ist stets fertig, um +weiterzureisen, und man hat immer dasselbe Quartier. + +Aber in der russischen Sommerhitze ist so ein Schlafwagen das +Fürchterlichste, was es geben kann. Deshalb zog ich es vor, mit zwei +guten Freunden, Gerstenberg und Scheele, in den nahen Wald zu ziehen, wo +wir uns ein Zelt aufbauten und wie Zigeuner lebten. Das waren schöne +Zeiten. + + * * * * * + +In Rußland warf unser Kampfgeschwader viel Bomben. Wir beschäftigten uns +damit, die Russen zu ärgern, und legten auf ihre schönsten Bahnanlagen +unsere Eier. An einem dieser Tage zog unser ganzes Geschwader los, um +eine sehr wichtige Bahnhofsanlage zu bewerfen. Das Nest hieß Manjewicze +und lag etwa dreißig Kilometer hinter der Front, also nicht so +übertrieben weit. Die Russen hatten einen Angriff geplant, und zu diesem +Zweck war der Bahnhof ganz ungeheuerlich mit Zügen angefüllt. Ein Zug +stand neben dem anderen, eine ganze Strecke war mit fahrenden Zügen +belegt. Man konnte das von oben sehr schön sehen; an jeder +Ausweichstelle stand ein Transportzug. Also ein wirklich lohnendes Ziel +für einen Bombenflug. + +Man kann sich für alles begeistern. So hatte ich mich mal für eine Weile +für dieses Bombenfliegen begeistert. Es machte mir einen unheimlichen +Spaß, die Brüder da unten zu bepflastern. Oft zog ich an einem Tage +zweimal los. An diesem Tage hatten wir uns also Manjewicze zum Ziele +gesteckt. Jede Staffel für sich zog geschlossen gen Rußland. Die +Maschinen standen am Start, jeder Flugzeugführer versuchte noch einmal +seinen Motor, denn es ist eine peinliche Sache, auf der falschen Partei +notzulanden und besonders in Rußland. Der Russe ist auf Flieger wie +wild. Kriegt er einen zu fassen, schlägt er ihn ganz bestimmt tot. Das +ist auch die einzige Gefahr in Rußland, denn feindliche Flieger gibt es +da nicht, oder so gut wie gar nicht. Kommt mal einer vor, so hat er +sicherlich Pech und wird abgeschossen. Die Ballonabwehrgeschütze in +Rußland sind manchmal ganz gut, aber ihre Zahl nicht ausreichend. Gegen +den Westen jedenfalls ist das Fliegen im Osten eine Erholung. + + * * * * * + +Die Maschinen rollen schwer bis an den Startplatz. Sie sind bis auf ihr +letztes Ladegewicht mit Bomben angefüllt. Ich schleppte manchmal +einhundertfünfzig Kilogramm Bomben mit einem ganz normalen C-Flugzeug. +Außerdem hatte ich noch einen schweren Beobachter mit, dem man die +Fleischnot gar nicht ansah, ferner »für den Fall, daß« noch zwei +Maschinengewehre. Ich habe sie nie in Rußland ausprobieren können. Es +ist sehr schade, daß in meiner Sammlung kein Russe vorhanden ist. An der +Wand würde sich seine Kokarde gewiß ganz malerisch machen. So ein Flug +mit einer dicken, schwerbeladenen Maschine, besonders in der russischen +Mittagsglut, ist nicht von Pappe. Die Kähne schaukeln sehr unangenehm. +Runterfallen tun sie natürlich nicht, dafür sorgen die einhundertfünfzig +»Pferde«, aber es ist doch kein angenehmes Gefühl, so viel Sprengladung +und Benzin bei sich zu haben. Endlich ist man in einer ruhigeren +Luftschicht und kommt allmählich zu dem Genuß des Bombenfluges. Es ist +schön, geradeaus zu fliegen, ein bestimmtes Ziel zu haben und einen +festen Auftrag. Man hat nach einem Bombenwurf das Gefühl: Du hast etwas +geleistet, während man manchmal bei einem Jagdflug, wo man keinen +abgeschossen hat, sich sagen muß: Du hättest es besser machen können. +Ich habe sehr gern Bomben geworfen. Mein Beobachter hatte es sachte sehr +ordentlich wegbekommen, das Ziel genau senkrecht zu überfliegen und mit +Hilfe eines Zielfernrohres den guten Augenblick abzupassen, um sein Ei +zu legen. Es ist ein schöner Flug nach Manjewicze. Ich habe ihn öfters +hinter mir. + +Wir kamen über riesige Waldkomplexe, in denen gewiß die Elche und Luchse +herumturnen. Die Dörfer sahen allerdings auch so aus, als ob sich die +Füchse darin Gute Nacht sagen könnten. Das einzige größere Dorf in der +ganzen Gegend war Manjewicze. Um das Dorf herum waren zahllose Zelte +aufgeschlagen und am Bahnhof selbst unzählige Baracken. Rote Kreuze +konnten wir nicht erkennen. Vor uns war eine Staffel dagewesen. Dieses +konnte man an einzelnen rauchenden Häusern und Baracken noch +feststellen. Sie hatte nicht schlecht geworfen. Der eine Ausgang des +Bahnhofs war durch einen Treffer offenbar versperrt. Die Lokomotive +dampfte noch. Gewiß waren die Herren Zugführer irgendwo in einem +Unterstand oder so was Ähnlichem. Auf der anderen Seite fuhr gerade eine +Lokomotive mit großer Fahrt heraus. Natürlich reizte einen das, das Ding +zu treffen. Wir fliegen das Ding an und setzen einige hundert Meter +davor eine Bombe. Der gewünschte Erfolg war da, die Lokomotive blieb +stehen. Wir machen kehrt und werfen noch sauber Bombe für Bombe, fein +gezielt durch das Zielfernrohr, auf den Bahnhof. Wir haben ja Zeit, es +stört uns niemand. Ein feindlicher Flughafen ist zwar ganz in der Nähe, +aber seine Piloten sind nicht zu sehen. Abwehrgeschütze knallen nur ganz +vereinzelt und in einer ganz anderen Richtung als wir fliegen. Wir heben +uns noch eine Bombe auf, um sie besonders nutzbringend beim +Nachhauseflug anzuwenden. Da sehen wir, wie ein feindlicher Flieger auf +seinem Hafen startet. Ob er sich wohl mit dem Gedanken trägt, uns +anzugreifen? Ich glaube es nicht. Viel eher sucht er Sicherheit in der +Luft, denn das ist bei Bombenflügen auf Flughäfen ganz gewiß das +bequemste, sich der persönlichen Lebensgefahr zu entziehen. + +Wir machen noch einige Umwege und suchen Truppenlager, denn das macht +besonderen Spaß, die Herren da unten mit Maschinengewehren zu +beunruhigen. Solche halbwilden Völkerstämme wie die Asiaten haben noch +viel mehr Angst als die gebildeten Engländer. Besonders interessant ist +es, auf feindliche Kavallerie zu schießen. Es bringt ungeheure Unruhe +unter die Leute. Man sieht sie mit einem Male nach allen +Himmelsrichtungen davonsausen. Ich möchte nicht Schwadronschef von so +einer Kosakeneskadron sein, die von Fliegern mit Maschinengewehren +beschossen wird. Allmählich konnten wir wieder unsere Linien sehen. Nun +wurde es Zeit, daß wir unsere letzte Bombe loswurden. Wir beschlossen, +einen Fesselballon, »_den_« Fesselballon der Russen, mit einer Bombe zu +bedenken. Wir konnten ganz gemütlich auf wenige hundert Meter +heruntergehen und den Fesselballon bewerfen. Anfangs wurde er mit großer +Hast eingezogen, wie aber die Bombe gefallen war, hörte das Einziehen +auf. Ich erklärte es mir dadurch, nicht etwa, daß ich getroffen hatte, +sondern eher, daß die Russen ihren Hetman da oben in dem Korb im Stich +ließen und weggelaufen waren. Wir erreichten schließlich unsere Front, +unsere Gräben und waren, als wir zu Hause ankamen, doch etwas erstaunt, +wie wir feststellten, daß man uns von unten doch beschossen hatte, +wenigstens zeigte dies ein Treffer in der Tragfläche. + + * * * * * + +Ein andermal waren wir gleichfalls etwa in derselben Gegend auf einen +Angriff der Russen angesetzt, die den Stochod zu überschreiten +beabsichtigten. Wir kamen an die gefährdete Stelle, mit Bomben beladen +und sehr viel Patronen fürs Maschinengewehr, und da sahen wir zu unserer +großen Überraschung, wie bereits der Stochod von feindlicher Kavallerie +überschritten wird. Eine einzige Brücke diente zum Nachschub. Also war +es klar: Trifft man diese, so kann man dem Feind ungeheuer schaden. +Außerdem wälzten sich über den schmalen Steg dicke Truppenmassen. Wir +gingen auf möglichst niedrige Höhe hinunter und konnten nun genau +erkennen, daß die feindliche Kavallerie in großer Geschwindigkeit über +den Übergang marschierte. Die erste Bombe krachte nicht weit von ihr, +die zweite, dritte folgte unmittelbar darauf. Unten entsteht eine wüste +Unordnung. Die Brücke ist zwar nicht getroffen, aber nichtsdestotrotz +hat der Verkehr vollständig aufgehört, und alles, was Beine hat, ist +nach allen Himmelsrichtungen davon. Der Erfolg war gut, denn das waren +nur drei Bomben; es kam ja noch das ganze Geschwader hinterher. Und so +konnten wir noch manches erreichen. Mein Beobachter schoß feste mit dem +Maschinengewehr unter die Brüder, und wir hatten einen wilden Spaß +daran. Was unser positiver Erfolg war, kann ich natürlich nicht sagen. +Die Russen haben es mir auch nicht erzählt. Aber eingebildet habe ich +mir, daß ich den russischen Angriff allein abgeschlagen habe. Ob es +stimmt, wird die Kriegschronik der Russen nach dem Kriege mir wohl +mitteilen. + + + + +Endlich! + + +Die Augustsonne war fast unerträglich auf dem sandigen Flugplatz in +Kowel. Wir unterhielten uns mit den Kameraden, da erzählte einer: »Heute +kommt der große Boelcke und will uns, oder vielmehr seinen Bruder, in +Kowel besuchen.« Abends erschien der berühmte Mann, von uns sehr +angestaunt, und erzählte vieles Interessante von seiner Reise nach der +Türkei, von der er gerade auf dem Rückwege war, um sich im Großen +Hauptquartier zu melden. Er sprach davon, daß er an die Somme ginge, um +dort seine Arbeit fortzusetzen, auch sollte er eine ganze Jagdstaffel +aufstellen. Zu diesem Zwecke konnte er sich aus der Fliegertruppe ihm +geeignet erscheinende Leute aussuchen. Ich wagte nicht, ihn zu bitten, +daß er mich mitnähme. Nicht aus dem Grunde heraus, daß es mir bei +unserem Geschwader zu langweilig gewesen wäre – im Gegenteil, wir +machten große und interessante Flüge, haben den Rußkis mit unseren +Bomben so manchen Bahnhof eingetöppert – aber der Gedanke, wieder an der +Westfront zu kämpfen, reizte mich. Es gibt eben nichts Schöneres für +einen jungen Kavallerieoffizier, als auf Jagd zu fliegen. + +Am nächsten Morgen sollte Boelcke wieder wegfahren. Frühmorgens klopfte +es plötzlich an meiner Tür, und vor mir stand der große Mann mit dem +#Pour le mérite#. Ich wußte nicht recht, was er von mir wollte. Ich +kannte ihn zwar, wie bereits erwähnt, aber auf den Gedanken kam ich +nicht, daß er mich dazu aufgesucht hatte, um mich aufzufordern, sein +Schüler zu werden. Fast wäre ich ihm um den Hals gefallen, wie er mich +fragte, ob ich mit ihm nach der Somme gehen wollte. + +Drei Tage später saß ich auf der Eisenbahn und fuhr quer durch +Deutschland direkt nach dem Feld meiner neuen Tätigkeit. Endlich war +mein sehnlichster Wunsch erfüllt, und nun begann für mich die schönste +Zeit meines Lebens. + +Daß sie sich so erfolgreich gestalten würde, wagte ich damals nicht zu +hoffen. Beim Abschied rief mir ein guter Freund noch nach: »Komm’ bloß +nicht ohne den #Pour le mérite# zurück!« + + + + +Mein erster Engländer + +(17. September 1916) + + +Wir standen alle auf dem Schießplatz, und einer nach dem anderen schoß +sein Maschinengewehr ein, so, wie es ihm am günstigsten erschien. Am +Tage vorher hatten wir unsere neuen Apparate bekommen, und am nächsten +Morgen wollte Boelcke mit uns fliegen. Wir waren alle Anfänger, keiner +von uns hatte bisher einen Erfolg zu verzeichnen. Was Boelcke uns sagte, +war uns daher ein Evangelium. In den letzten Tagen hatte er, wie er sich +ausdrückte, zum Frühstück schon mindestens einen, manchmal auch zwei +Engländer abgeschossen. + +Der nächste Morgen, der 17. September, war ein wunderbarer Tag. Man +konnte mit regem Flugbetrieb der Engländer rechnen. Bevor wir +aufstiegen, erteilte Boelcke uns noch einige genaue Instruktionen, und +zum ersten Male flogen wir im Geschwader unter Führung des berühmten +Mannes, dem wir uns blindlings anvertrauten. + +Wir waren gerade an die Front gekommen, als wir bereits über unseren +Linien an den Sprengpunkten unserer Ballon-Abwehrkanonen ein feindliches +Geschwader erkannten, das in Richtung Cambrai flog. Boelcke war +natürlich der erste, der es sah, denn er sah eben mehr als andere +Menschen. Bald hatten wir auch die Lage erfaßt, und jeder strebte, +dicht hinter Boelcke zu bleiben. Wir waren uns alle klar, daß wir unsere +erste Prüfung unter den Augen unseres verehrten Führers zu bestehen +hatten. Wir näherten uns dem Geschwader langsam, aber es konnte uns +nicht mehr entgehen. Wir waren zwischen der Front und dem Gegner. Wollte +er zurück, so mußte er an uns vorbei. Wir zählten schon die feindlichen +Flugzeuge und stellten fest, daß es sieben waren. Wir dagegen nur fünf. +Alle Engländer flogen große, zweisitzige Bomben-Flugzeuge. Nur noch +Sekunden, dann mußte es losgehen. Boelcke war dem ersten schon verflucht +nahe auf die Pelle gerückt, aber noch schoß er nicht. Ich war der +zweite, dicht neben mir meine Kameraden. Der mir am nächsten fliegende +Engländer war ein großer, dunkel angestrichener Kahn. Ich überlegte +nicht lange und nahm ihn mir aufs Korn. Er schoß, ich schoß, und ich +schoß vorbei, er auch. Es begann ein Kampf, in dem es für mich +jedenfalls darauf ankam, hinter den Burschen zu kommen, da ich ja nur in +meiner Flugrichtung schießen konnte. Er hatte es nicht nötig, denn sein +bewegliches Maschinengewehr reichte nach allen Seiten. Er schien aber +kein Anfänger zu sein, denn er wußte genau, daß in dem Moment sein +letztes Stündlein geschlagen hatte, wo ich es erreichte, hinter ihn zu +gelangen. Ich hatte damals noch nicht die Überzeugung, »der muß fallen«, +wie ich sie jetzt voll habe, sondern ich war vielmehr gespannt, ob er +wohl fallen würde, und das ist ein wesentlicher Unterschied. Liegt mal +der erste oder gar der zweite oder dritte, dann geht einem ein Licht +auf: »So mußt du’s machen.« + +Also mein Engländer wandte, drehte sich, oft meine Garbe kreuzend. Daran +dachte ich nicht, daß es auch noch andere Engländer in dem Geschwader +gab, die ihrem bedrängten Kameraden zu Hilfe kommen konnten. Nur immer +der eine Gedanke: »Der muß fallen, mag kommen, was da will!« Da, endlich +ein günstiger Augenblick. Der Gegner hat mich scheinbar verloren und +fliegt geradeaus. Im Bruchteil einer Sekunde sitze ich ihm mit meiner +guten Maschine im Nacken. Eine kurze Serie aus meinem Maschinengewehr. +Ich war so nahe dran, daß ich Angst hatte, ihn zu rammen. Da plötzlich, +fast hätte ich einen Freudenjauchzer ausgestoßen, denn der Propeller des +Gegners drehte sich nicht mehr. Hurra! Getroffen! Der Motor war +zerschossen, und der Feind mußte bei uns landen, da ein Erreichen seiner +Linien ausgeschlossen war. Auch merkte ich an den schwankenden +Bewegungen des Apparates, daß irgend was mit dem Führer nicht mehr ganz +in Ordnung war. Auch der Beobachter war nicht mehr zu sehen, sein +Maschinengewehr ragte ohne Bedienung in die Luft. Ich hatte ihn also +getroffen, und er mußte am Boden seiner Karosserie liegen. + +Der Engländer landete irgendwo unmittelbar neben dem Flughafen eines +mir bekannten Geschwaders. Ich war so aufgeregt, daß ich mir das Landen +nicht verkneifen konnte, und landete in dem mir fremden Flughafen, wo +ich fast im Eifer meine Maschine noch auf den Kopf stellte. Die beiden +Flugzeuge, der Engländer und meines, waren nicht sehr weit voneinander +entfernt. Ich lief gleich hin und sah bereits eine Menge Soldaten nach +dem Gegner hinströmen. Dort angekommen, fand ich, daß meine Annahme +stimmte. Der Motor war zerschossen und beide Insassen schwer verletzt. +Der Beobachter starb gleich, der Führer auf dem Transport zum nahen +Lazarett. Meinem in Ehren gefallenen Gegner setzte ich zum Andenken +einen Stein auf sein schönes Grab. + +Als ich nach Hause kam, saß Boelcke mit den anderen Kameraden bereits +beim Frühstück und wunderte sich sehr, wo ich so lange geblieben war. +Stolz meldete ich zum ersten Male: »Einen Engländer abgeschossen.« +Sofort jubelte alles, denn ich war nicht der einzige; außer Boelcke, +der, wie üblich, seinen Frühstückssieg hatte, war jeder von uns +Anfängern zum ersten Male Sieger im Luftkampf geblieben. + +Ich möchte bemerken, daß seitdem kein englisches Geschwader sich mehr +bis Cambrai getraute, solange es dort eine Jagdstaffel Boelcke gab. + + + + +Somme-Schlacht + + +Ich habe in meinem ganzen Leben kein schöneres Jagdgefilde kennengelernt +als in den Tagen der Somme-Schlacht. Morgens, wenn man aufgestanden, +kamen schon die ersten Engländer, und die letzten verschwanden, nachdem +schon lange die Sonne untergegangen war. »Ein Dorado für die +Jagdflieger«, hat Boelcke einmal gesagt. Es ist damals die Zeit gewesen, +wo Boelcke in zwei Monaten mit seinen Abschüssen von zwanzig auf vierzig +gestiegen war. Wir Anfänger hatten damals noch nicht die Erfahrung wie +unser Meister und waren ganz zufrieden, wenn wir nicht selbst Senge +bezogen. Aber schön war es! Kein Start ohne Luftkampf. Oft große +Luftschlachten von vierzig bis sechzig Engländern gegen leider nicht +immer so viele Deutsche. Bei ihnen macht es die Quantität und bei uns +die Qualität. + +Aber der Engländer ist ein schneidiger Bursche, das muß man ihm lassen. +Er kam ab und zu in ganz niedriger Höhe und besuchte Boelcke auf seinem +Platz mit Bomben. Er forderte zum Kampf förmlich heraus und nahm ihn +auch stets an. Ich habe kaum einen Engländer getroffen, der den Kampf +verweigert hätte, während der Franzose es vorzieht, jede Berührung mit +dem Gegner in der Luft peinlichst zu vermeiden. + +Es waren schöne Zeiten bei unserer Jagdstaffel. Der Geist des Führers +übertrug sich auf seine Schüler. Wir konnten uns blindlings seiner +Führung anvertrauen. Die Möglichkeit, daß einer im Stich gelassen wurde, +gab es nicht. Der Gedanke kam einem überhaupt nicht. Und so räumten wir +flott und munter unter unseren Feinden auf. + +An dem Tage, an dem Boelcke fiel, hatte die Staffel schon vierzig. Jetzt +hat sie weit über hundert. Der Geist Boelckes lebt fort unter seinen +tüchtigen Nachfolgern. + + + + +Boelcke †+ +(28. Oktober 1916) + + +Eines Tages flogen wir wieder einmal unter der Führung des großen Mannes +gegen den Feind. Man hatte stets ein so sicheres Gefühl, wenn er dabei +war. Es gab eben nur einen Boelcke. Ein sehr stürmisches Wetter. Viel +Wolken. Andere Flieger flogen an dem Tage überhaupt nicht, nur der +Jagdflieger. + +Schon von weitem sahen wir an der Front zwei freche Engländer, denen +scheinbar das schlechte Wetter auch mal Spaß machte. Wir waren sechs, +drüben waren zwei. Wären es zwanzig gewesen, uns hätte das Zeichen von +Boelcke zum Angriff auch nicht weiter in Erstaunen gesetzt. + +Es beginnt der übliche Kampf. Boelcke hatte den einen vor und ich den +anderen. Ich muß ablassen, weil ich von einem eigenen gestört werde. Ich +sehe mich um und beobachte, wie etwa zweihundert Meter neben mir Boelcke +sein Opfer gerade verarbeitet. + +[Illustration: Der Dreißigste!] + +[Illustration: Der Vierzigste!] + +Es war wieder das übliche Bild. Boelcke schießt einen ab, und ich kann +zusehen. Dicht neben Boelcke fliegt ein guter Freund von ihm. Es war ein +interessanter Kampf. Beide schossen, jeden Augenblick mußte der +Engländer stürzen. Plötzlich ist eine unnatürliche Bewegung in den +beiden deutschen Flugzeugen zu beobachten. Es zuckt mir durchs Hirn: +Zusammenstoß. Ich habe sonst nie einen Zusammenstoß in der Luft gesehen +und hatte mir so etwas viel anders vorgestellt. Es war auch kein +Zusammenstoß, sondern mehr ein Berühren. Aber in der großen +Geschwindigkeit, die so ein Flugzeug hat, ist jede leise Berührung ein +heftiger Aufprall. + +Boelcke läßt sofort von seinem Opfer ab und geht in großem +Kurvengleitflug zur Erde hinunter. Noch immer hatte ich nicht das Gefühl +eines Absturzes, aber wie er unter mir durchgleitet, erkenne ich, daß +ein Teil seiner Tragflächen abgebrochen ist. Was nun folgte, konnte ich +nicht beobachten, aber in den Wolken verlor er eine Tragfläche ganz. Da +war das Flugzeug steuerlos, und er stürzte ab, immer begleitet von +seinem treuen Freund. Als wir zu Haus ankamen, war bereits die Meldung +da: »Unser Boelcke tot!« Man konnte es nicht fassen. + +Am schmerzlichsten empfand es natürlich derjenige, dem das Unglück +zustoßen mußte. + +Es ist eigentümlich, daß jeder Mensch, der Boelcke kennenlernte, sich +einbildete, er sei der einzig wahre Freund von ihm. Ich habe von diesen +einzig wahren Freunden Boelckes etwa vierzig kennengelernt, und jeder +bildete sich ein, er sei der einzige. Menschen, deren Name Boelcke nie +gewußt hat, glaubten, sie stünden ihm besonders nahe. Es ist eine +eigentümliche Erscheinung, die ich nur bei ihm beobachtet habe. Einen +persönlichen Feind hat er nie gehabt. Er war gegen jedermann gleichmäßig +liebenswürdig, zu keinem mehr, zu keinem weniger. + +Der einzige, der ihm vielleicht etwas näher stand, hatte das eben +beschriebene Unglück mit ihm. + +Nichts geschieht ohne Gottes Fügung. Das ist ein Trost, den man sich in +diesem Kriege so oft sagen muß. + + + + +Der Achte + + +Acht war zu Boelckes Zeiten eine ganz anständige Zahl. Jeder, der +heutzutage von den kolossalen Zahlen der Abschüsse hört, muß zu der +Überzeugung kommen, daß das Abschießen leichter geworden ist. Ich kann +ihm nur eins versichern, daß dieses von Monat zu Monat, ja, von Woche zu +Woche schwieriger wird. Natürlich bietet sich die Gelegenheit jetzt +öfters, abzuschießen; aber leider wird die Möglichkeit, selbst +abgeschossen zu werden, ebenfalls größer. Die Bewaffnung des Gegners +wird immer besser, seine Zahl immer größer. Als Immelmann seinen ersten +abschoß, hatte er sogar das Glück, einen Gegner zu finden, der gar kein +Maschinengewehr bei sich hatte. Solche Häschen findet man jetzt +höchstens noch über Johannisthal. Am 9. November 1916 flog ich mit +meinem kleinen Kampfgenossen, dem achtzehnjährigen Imelmann, gegen den +Feind. Wir waren zusammen bei der Jagdstaffel Boelcke, kannten uns schon +vorher und hatten uns immer sehr gut vertragen. Kameradschaft ist die +Hauptsache. Wir zogen los. Ich hatte schon sieben, Imelmann fünf. Für +damalige Zeiten eine ganze Menge. + +Wir sind ganz kurze Zeit an der Front, da sehen wir ein +Bombengeschwader. Es kommt sehr frech geflogen. In ungeheurer Zahl +kommen sie natürlich wieder an, wie überhaupt immer während der +Somme-Schlacht. Ich glaube, in dem Geschwader waren etwa vierzig bis +fünfzig, genau kann ich die Zahl nicht angeben. Sie hatten sich gar +nicht weit weg von unserem Flughafen ein Ziel für ihre Bomben +ausgesucht. Kurz vor dem Ziel erreichte ich den letzten der Gegner. Wohl +gleich meine ersten Schüsse machten den Maschinengewehrschützen im +feindlichen Flugzeug kampfunfähig, mochten wohl auch den Piloten etwas +gekitzelt haben, jedenfalls entschloß er sich zur Landung mitsamt seinen +Bomben. Ich brannte ihm noch einige auf den Bast, dadurch wurde das +Tempo, in dem er die Erde zu erreichen suchte, etwas größer, er stürzte +nämlich ab und fiel ganz in die Nähe unseres Flughafens Lagnicourt. + +Imelmann war zur selben Zeit gleichfalls in einen Kampf mit einem +Engländer verwickelt und hatte auch einen Gegner zur Strecke gebracht, +gleichfalls in derselben Gegend. Schnell flogen wir nach Hause, um uns +unsere abgeschossenen Maschinen ansehen zu können. Wir fahren im Auto +bis in die Nähe meines Gegners und müssen dann sehr lange durch tiefen +Acker laufen. Es war sehr heiß, deshalb knöpfte ich mir alles auf, sogar +das Hemd und den Kragen. Die Jacke zog ich aus, die Mütze ließ ich im +Auto, dafür nahm ich einen großen Knotenstock mit, die Stiefel waren +bis an die Knie voll Schmutz. Ich sah also wüst aus. So komme ich in die +Nähe meines Opfers. Natürlich hat sich schon eine Unmenge Menschen +drumrum angesammelt. + +Eine Gruppe von Offizieren steht etwas abseits. Ich gehe auf sie zu, +begrüße sie und frage den ersten besten, ob er mir nicht erzählen +könnte, wie der Luftkampf ausgesehen habe, denn es interessiert +hinterher immer sehr, von den anderen, die von unten zugesehen haben, zu +erfahren, wie der Luftkampf ausgesehen hat. Da erfahre ich, daß die +Engländer Bomben geworfen haben und dieses Flugzeug noch seine Bomben +bei sich hatte. Der betreffende Herr nimmt mich am Arm, geht auf die +Gruppe der anderen Offiziere zu, fragt noch schnell nach meinem Namen +und stellt mich den Herren vor. Es war mir nicht angenehm, denn ich +hatte, wie gesagt, meine Toilette etwas derangiert. Und die Herren, mit +denen ich jetzt zu tun hatte, sahen alle totschick angezogen aus. Ich +wurde einer Persönlichkeit vorgestellt, die mir nicht so ganz geheuer +erschien. Generalshosen, einen Orden zum Hals heraus, dafür aber ein +verhältnismäßig jugendliches Gesicht, undefinierbare Achselstücke – kurz +und gut, ich wittere etwas Außerordentliches, knöpfe mir im Laufe der +Unterhaltung Hose und Kragen zu und nehme eine etwas militärischere Form +an. Wer es war, wußte ich nicht. Ich verabschiede mich wieder, fahre +nach Hause. Abends klingelt das Telephon, und ich erfahre nun, daß dies +Seine Königliche Hoheit der Großherzog von Sachsen-Koburg-Gotha war. Ich +werde zu ihm befohlen. Es war bekannt, daß die Engländer die Absicht +hatten, auf seinen Stab Bomben zu werfen. So hätte ich dazu beigetragen, +ihm die Attentäter vom Leibe zu halten. Dafür bekam ich die +Sachsen-Koburg-Gothaische Tapferkeitsmedaille. + +Sie macht mir jedesmal Spaß, wenn ich sie sehe. + + + + +Major Hawker + + +Am stolzesten war ich, als ich eines schönen Tages hörte, daß der von +mir am 23. November 1916 abgeschossene Engländer der englische Immelmann +war. + +Dem Luftkampf nach hätte ich mir’s schon denken können, daß es ein +Mordskerl war, mit dem ich es zu tun hatte. + +Ich flog quietschvergnügt eines schönen Tages wieder mal auf Jagd und +beobachtete drei Engländer, die scheinbar auch nichts anderes vorhatten +als zu jagen. Ich merkte, wie sie mit mir liebäugelten, und da ich +gerade viel Lust zum Kampfe hatte, ließ ich mich darauf ein. Ich war +tiefer als der Engländer, folglich mußte ich warten, bis der Bruder auf +mich ’runterstieß. Es dauerte auch nicht lange, schon kam er angesegelt +und wollte mich von hinten fassen. Nach den ersten fünf Schüssen mußte +der Kunde schon wieder aufhören, denn ich lag bereits in einer scharfen +Linkskurve. Der Engländer versuchte, sich hinter mich zu setzen, während +ich versuchte, hinter den Engländer zu kommen. So drehten wir uns beide +wie die Wahnsinnigen im Kreise mit vollaufendem Motor in +dreitausendfünfhundert Metern Höhe. Erst zwanzigmal linksrum, dann +dreißigmal rechtsrum, jeder darauf bedacht, über und hinter den anderen +zu kommen. Ich hatte bald spitz, daß ich es mit keinem Anfänger zu tun +hatte, denn es fiel ihm nicht im Traum ein, den Kampf abzubrechen. Er +hatte zwar eine sehr wendige Kiste, aber meine stieg dafür besser, und +so gelang es mir, über und hinter den Engländer zu kommen. + +Nachdem wir so zweitausend Meter tiefer gekommen waren, ohne ein +Resultat erreicht zu haben, mußte mein Gegner eigentlich merken, daß nun +die höchste Zeit für ihn war, sich zu drücken, denn der für mich +günstige Wind trieb uns immer mehr auf unsere Stellen zu, bis ich +schließlich beinahe über Bapaume, etwa einen Kilometer hinter unserer +Front, angekommen war. Der freche Kerl besaß nun noch die +Unverschämtheit und winkte mir, als wir bereits in tausend Meter Höhe +waren, ganz vergnügt zu, als wollte er sagen: #»Well, well, how do you +do?«# + +Die Kreise, die wir umeinander machten, waren so eng, daß ich sie nicht +weiter als achtzig bis hundert Meter schätzte. Ich hatte Zeit, mir +meinen Gegner anzusehen. Ich guckte ihm senkrecht in die Karosserie und +konnte jede Kopfbewegung beobachten. Hätte er nicht seine Kappe +aufgehabt, so hätte ich sagen können, was für ein Gesicht er schnitt. + +Allmählich wurde selbst dem braven Sportsmann dies doch etwas zu bunt, +und er mußte sich schließlich entscheiden, ob er bei uns landen wollte +oder zu seinen Linien zurückfliegen. Natürlich versuchte er letzteres, +nachdem er durch einige Loopings und solche Witze vergeblich probiert +hatte, sich mir zu entziehen. Dabei flogen meine ersten blauen Bohnen +ihm um die Ohren, denn bis jetzt war keiner zu Schuß gekommen. In +hundert Metern Höhe versuchte er, durch Zickzackflüge, während deren +sich von dem Beobachter bekanntlich schlecht schießen läßt, nach der +Front zu entkommen. Jetzt war der gegebene Moment für mich. Ich folgte +ihm in fünfzig bis dreißig Metern Höhe, unentwegt feuernd. So mußte der +Engländer fallen. Beinahe hätte mich eine Ladehemmung noch um meinen +Erfolg gebracht. + +Mit Kopfschuß stürzte der Gegner ab, etwa fünfzig Meter hinter unserer +Linie. Sein Maschinengewehr rannte in die Erde und ziert jetzt den +Eingang über meiner Haustür. + + + + +#Pour le mérite# + + +Der Sechzehnte ist gefallen. Ich stand somit an der Spitze sämtlicher +Jagdflieger. Dieses war das Ziel, das ich erreichen wollte. Das hatte +ich scherzeshalber mal vor einem Jahr zu meinem Freund Lynker gesagt, +als wir zusammen schulten und er mich fragte: »Was ist denn Ihr Ziel – +was wollen Sie erreichen als Flieger?« Da meinte ich so scherzhaft: +»Nun, so an der Spitze der Jagdflieger zu fliegen, muß doch ganz schön +sein!« Daß dies mal Tatsache würde, habe weder ich mir zugetraut noch +andere Menschen mir. Bloß Boelcke soll einmal gesagt haben – natürlich +nicht mir direkt persönlich, aber man hat es mir nachher erzählt – wie +er gefragt wurde: »Wer hat denn Aussicht, mal ein guter Jagdflieger zu +werden?« da soll er mit dem Finger auf mich gezeigt und gesagt haben: +»Das ist der Mann!« + +Boelcke und Immelmann hatten mit dem Achten den #Pour le mérite# +bekommen. Ich hatte das Doppelte. Was wird sich nun ereignen? Ich war +sehr gespannt. Man munkelte, ich würde eine Jagdstaffel bekommen. Da +kommt eines Tages das Telegramm: »Leutnant v. R. zum Führer der +Jagdstaffel 11 ernannt.« Ich muß sagen, ich habe mich geärgert. Man +hatte sich so schön mit den Kameraden der Jagdstaffel Boelcke +eingearbeitet. Nun wieder ganz von neuem anzufangen, das Einleben usw. +war langweilig. Außerdem wäre mir der #Pour le mérite# lieber gewesen. + +Nach zwei Tagen – wir sitzen gemütlich bei der Jagdstaffel Boelcke und +feiern meinen Abschied –, da kommt das Telegramm aus dem Hauptquartier, +daß Majestät die Gnade hatte, mir den #Pour le mérite# zu verleihen. Da +war die Freude natürlich groß. Es war ein Pflaster auf das +Vorangegangene. + + * * * * * + +Ich hatte es mir nicht so nett vorgestellt, selbst eine Jagdstaffel zu +führen, wie es nachher in Wirklichkeit geworden ist. Ich habe mir nie +träumen lassen, daß es mal eine Jagdstaffel Richthofen geben würde. + + + + +#»Le petit rouge«# + + +Aus irgend welchen Gründen kam ich eines schönen Tages auf den Gedanken, +mir meine Kiste knallrot anzupinseln. Der Erfolg war der, daß sich mein +roter Vogel jedem Menschen unbedingt aufdrängte. Auch meinen Gegnern +schien dies tatsächlich nicht ganz unbekannt geblieben zu sein. + +Gelegentlich eines Kampfes, der sich sogar an einer anderen Frontstelle +abspielte wie die übrigen, glückte es mir, einen zweisitzigen Vickers, +der ganz friedlich unsere Artilleriestellung photographierte, +anzuschießen. Der Gegner kam gar nicht dazu, sich zu wehren, und mußte +sich beeilen, auf die Erde zu kommen, denn er fing schon an, verdächtige +Zeichen des Brennens von sich zu geben. Wir nennen das: »er stinkt.« Wie +sich herausstellte, war es auch tatsächlich Zeit, denn der Apparat fing +kurz über der Erde an, in hellen Flammen zu brennen. + +Ich fühlte ein menschliches Mitleid mit meinem Gegner und hatte mich +entschlossen, ihn nicht zum Absturz zu bringen, sondern ihn nur zur +Landung zu zwingen, zumal ich das Gefühl hatte, daß der Gegner schon +verwundet war, denn er brachte keinen Schuß ’raus. + +In etwa fünfhundert Metern Höhe zwang mich ein Defekt an meiner +Maschine, im normalen Gleitflug, ohne eine Kurve machen zu können, +gleichfalls zu landen. Nun ereignete sich etwas ganz Komisches. Mein +Feind landete mit seiner brennenden Maschine glatt, während ich als +Sieger unmittelbar daneben in den Drahthindernissen der Schützengräben +einer unserer Reservestellungen mich überschlug. + +Es folgte eine sportliche Begrüßung der beiden #Englishmen# mit mir, die +wegen meines Bruches nicht wenig erstaunt waren, da sie, wie bereits +erwähnt, keinen Schuß auf mich abgegeben hatten und sich den Grund +meiner Notlandung gar nicht vorstellen konnten. Es waren dies die ersten +Engländer, die ich lebendig heruntergebracht habe. Deshalb machte es mir +besonders Spaß, mich mit ihnen zu unterhalten. Ich fragte sie unter +anderem, ob sie meine Maschine schon einmal in der Luft gesehen hätten. +#»Oh yes,«# sagte der eine, »die kenne ich ganz genau. Wir nennen sie +#›le petit rouge‹#.« + +Nun kommt eine echt englische – in meinen Augen – Gemeinheit. Er fragte +mich, weshalb ich mich vor der Landung so unvorsichtig benommen hätte. +Der Grund lag darin, daß ich nicht anders konnte. Da sagte der Schurke, +er hätte versucht, in den letzten dreihundert Metern auf mich zu +schießen, habe aber Ladehemmung gehabt. Ich gebe ihm Pardon – er nimmt +es an und vergilt es mir nachher mit einem hinterlistigen Überfall. + +Seitdem habe ich noch keinen meiner Gegner wieder sprechen können, aus +einem naheliegenden Grund. + + + + +Englische und französische Fliegerei + +(Februar 1917) + + +Zurzeit bin ich bemüht, der Jagdstaffel Boelcke Konkurrenz zu machen. +Abends legen wir uns gegenseitig die Strecke vor. Aber es sind +verteufelte Kerls da drüben. Zu schlagen sind sie nie. Höchstens, daß +man der Staffel gleichkommt. Hundert haben sie ja schon Vorsprung. +Diesen Vorsprung muß ich ihnen lassen. Es hängt ja viel davon ab, +welchem Gegner man gegenüber liegt, ob man die laurigen Franzosen oder +die schneidigen Kerls, die Engländer, gegenüber hat. Mir ist der +Engländer lieber. Der Franzose kneift, der Engländer selten. Oft kann +man sogar hier von Dummheit sprechen; sie bezeichnen dies dann wohl als +Draufgängertum. + +Es ist das Schöne beim Jagdflieger, daß es auf keinerlei Kunststücke bei +ihm ankommt, sondern lediglich persönlicher Schneid das Ausschlaggebende +bleibt. Es kann einer ein ganz herrlicher Sturz- und Loopingflieger +sein. Er braucht deshalb noch lange keinen abzuschießen. Meiner Ansicht +nach macht das Draufgehen alles, und das liegt uns Deutschen ja. Deshalb +werden wir stets die Oberherrschaft in der Luft behalten. + +Dem Franzosen liegt es, aus dem Hinterhalt zu überfallen und einem +anderen aufzulauern. Das läßt sich in der Luft schlecht machen. +Überrumpeln läßt sich nur ein Anfänger. Auflauern geht nicht, da man +sich ja nicht verstecken kann, auch ist das unsichtbare Flugzeug noch +nicht erfunden. Ab und zu braust wohl mal das gallische Blut in ihm auf. +Dann setzt er zum Angriff an; aber es ist wohl mit einer Brauselimonade +zu vergleichen. Für einen Augenblick furchtbar viel Mut, der ebenso +schnell vollständig schwindet. Das zähe Durchhalten fehlt ihm. + +Dem Engländer dagegen merkt man eben doch ab und zu noch etwas von +seinem Germanenblut an. Auch liegt dem Sportsmann das Fliegen sehr, aber +sie verlieren sich zu sehr in dem Sportlichen. Sie haben genug Vergnügen +daran, Loopings, Sturzflüge, Auf-dem-Rücken-fliegen und ähnliche Scherze +unseren Leuten im Schützengraben vorzumachen. Dies macht wohl bei der +Johannisthaler Sportswoche Eindruck, aber der Schützengraben ist nicht +so dankbar wie dieses Publikum. + +Er verlangt mehr. Es soll immer englisches Pilotenblut regnen. + + + + +Selbst abgeschossen + +(Mitte März 1917) + + +Abgeschossen ist eigentlich ein falscher Ausdruck für das, was mir heute +passiert ist. Ich nenne abgeschossen im allgemeinen nur den, der +’runterplumpst, aber heute habe ich mich wieder gefangen und kam noch +ganz heil ’runter. + +Ich bin im Geschwader und sehe einen Gegner, der gleichfalls im +Geschwader fliegt. Etwa über unserer Artilleriestellung in der Gegend +von Lens. Ich habe noch ein ganzes Stückchen zu fliegen, bis ich die +Gegend erreiche. Es ist das der nervenkitzelndste Augenblick, das +Anfliegen an den Gegner, wenn man den Feind schon sieht und noch einige +Minuten Zeit hat, bis man zum Kampf kommt. Ich glaube, ich werde dann +immer etwas bleich im Gesicht, aber ich habe leider noch nie einen +Spiegel mitgehabt. Ich finde diesen Augenblick schön, denn er ist +überaus nervenkitzelnd, und all so etwas liebe ich. Man beobachtet den +Gegner schon von weitem, hat das Geschwader als feindlich erkannt, zählt +die feindlichen Apparate, wägt die ungünstigen und günstigen Momente ab. +So zum Beispiel spielt es eine ungeheure Rolle, ob der Wind mich im +Kampfe von meiner Front abdrängt oder auf meine Front zudrückt. So habe +ich mal einen Engländer abgeschossen, dem ich den Todesschuß jenseits +der feindlichen Linien gegeben habe, und ’runtergeplumpst ist er bei +unseren Fesselballons, so weit hat ihn der Sturm noch ’rübergetrieben. + +Wir waren fünf, der Gegner war dreimal so stark. Wie ein großer +Mückenschwarm flogen die Engländer durcheinander. So einen Schwarm, der +so gut zusammenfliegt, zum Zersprengen zu bringen, ist nicht leicht, für +den einzelnen ausgeschlossen, für mehrere äußerst schwierig, besonders, +wenn die Zahlenunterschiede so ungünstig sind wie in unserem Falle. Aber +man fühlt sich dem Gegner derartig überlegen, daß man keinen Augenblick +an dem sicheren Erfolg zweifelt. Der Angriffsgeist, also die Offensive, +ist die Hauptsache, wie überall, so auch in der Luft. Aber der Gegner +dachte ebenso. Das sollte ich gleich merken. Kaum sah er uns, so machte +er umgehend kehrt und griff uns an. Da hieß es für uns fünf Männeken: +Aufgepaßt! Hängt einer ab, so kann es ihm dreckig gehen. Wir schlossen +uns ebenfalls zusammen und ließen die Herren etwas nähertreten. Ich +paßte auf, ob nicht einer von den Brüdern sich etwas von den anderen +absentierte. Da – einer ist so dumm. Ich kann ihn erreichen. »Du bist +ein verlorenes Kind.« Auf ihn mit Gebrüll. Jetzt hab’ ich ihn erreicht +oder muß ihn gleich erreichen. Er fängt bereits an zu schießen, ist also +etwas nervös. Ich dachte mir: »Schieß’ du nur, du triffst ja doch +nicht!« Er schoß mit einer Leuchtspurmunition, die an mir sichtbar +vorbeiflog. Ich kam mir vor wie in dem Spritzenkegel einer Gießkanne. +Nicht angenehm, aber die Engländer schießen fast durchweg mit diesem +gemeinen Zeug, also muß man sich daran gewöhnen. Der Mensch ist ein +Gewohnheitstier, denn in diesem Augenblick, glaube ich, habe ich +gelacht. Bald sollte ich aber eines Besseren belehrt werden. + +Jetzt bin ich beinahe ganz heran, etwa hundert Meter, das Gewehr ist +entsichert, ich ziele noch einmal Probe, gebe einige Probeschüsse, die +Gewehre sind in Ordnung. Nicht mehr lange kann es dauern. Im Geiste sah +ich den Gegner schon plumpsen. Die Aufregung von vorhin ist vorüber. Man +denkt ganz ruhig und sachlich, wägt die Treffwahrscheinlichkeiten von +ihm und von mir ab. Überhaupt ist der Kampf selbst am wenigsten +aufregend in den meisten Fällen, und wer sich dabei aufregt, macht einen +Fehler. Er wird nie einen abschießen. Auch ist es wohl Gewohnheitssache. +Jedenfalls habe ich in diesem Falle keinen Fehler gemacht. Nun bin ich +auf fünfzig Meter ’ran, jetzt einige gute Schüsse, dann kann der Erfolg +nicht ausbleiben. So dachte ich mir. Aber mit einem Male gibt es einen +großen Knall, ich habe kaum zehn Schuß heraus, gleich darauf klatscht es +wieder in meiner Maschine. Es ist mir klar, ich bin getroffen. +Wenigstens meine Maschine, ich für meine Person nicht. Im selben +Augenblick stinkt es ganz ungeheuerlich nach Benzin, auch läßt der Motor +nach. Der Engländer merkt es, denn er schießt nun um so mehr. Ich muß +sofort ablassen. + +Senkrecht geht es ’runter. Unwillkürlich habe ich den Motor abgestellt. +Es war auch höchste Zeit. Wenn der Benzintank durchlöchert ist und das +Zeug einem so um die Beine spritzt, ist die Gefahr des Brennens doch +groß. Vor sich hat man einen über einhundertundfünfzig »Pferde« starken +Explosionsmotor, also glühend heiß. Ein Tropfen Benzin, und die ganze +Maschine brennt. Ich hinterlasse in der Luft einen weißen Streifen. Ich +kenne ihn beim Gegner genau. Es sind dies die Vorzeichen der Explosion. +Noch bin ich dreitausend Meter hoch, habe also noch ein ganzes Ende bis +auf die Erde. Gott sei Dank hört der Motor auf zu laufen. Die +Geschwindigkeit, die das Flugzeug erreicht, kann ich nicht berechnen. +Sie ist jedenfalls so groß, daß ich nicht den Kopf herausstecken kann, +ohne durch den Windzug hintenüber gedrückt zu werden. + +Bald bin ich den Gegner los und habe nun noch Zeit, bis ich auf die Erde +komme, zu sehen, was denn meine vier anderen Herren machen. Sie sind +noch im Kampf. Man hört das Maschinengewehrfeuer des Gegners und das der +eignen. Plötzlich eine Rakete. Ist es das Leuchtsignal eines Gegners? +Aber nein. Dafür ist es zu groß. Es wird immer größer. Es brennt einer. +Aber was für einer? Die Maschine sieht genau so aus wie unsere. Gott sei +Dank, es ist ein Gegner. Wer mag ihn abgeschossen haben? Gleich darauf +fällt aus dem Geschwader ein zweites Flugzeug heraus, ähnlich wie ich, +senkrecht nach unten, überschlägt sich sogar, überschlägt sich immer +noch – da – jetzt hat es sich gefangen. Fliegt geradeaus genau auf mich +zu. Auch ein Albatros. Gewiß ist es ihm so gegangen wie mir. + +Ich bin wohl noch einige hundert Meter hoch und muß mich so sachte +umgucken, wo ich denn landen will. Denn so eine Landung ist meistenteils +mit Bruch verbunden. Und so ein Bruch läuft nicht immer günstig ab, also +– aufpassen. Ich finde eine Wiese, nicht sehr groß, aber sie genügt +gerade, wenn man etwas vorsichtig zu Werke geht. Außerdem liegt sie mir +günstig, direkt an der Chaussee bei Hénin-Liétard. Dort will ich auch +landen. Es geht alles glatt. Mein erster Gedanke ist: Wo bleibt der +andere? Er landet einige Kilometer von mir entfernt. + +Ich habe nun Zeit, mir den Schaden zu beschauen. Einige Treffer sind +darin, aber der Treffer, der mich veranlaßt hat, den Kampf abzubrechen, +ist einer durch beide Benzintanks. Ich habe keinen Tropfen Benzin mehr +drin, der Motor ist gleichfalls angeschossen. Schade um ihn, er lief +noch so gut. + +Die Beine lasse ich herausbaumeln aus der Maschine und mag wohl ein +ziemlich törichtes Gesicht gemacht haben. Sofort hat sich eine große +Menge Soldaten um mich versammelt. Da kommt ein Offizier. Er ist ganz +außer Atem. Sehr aufgeregt! Gewiß ist ihm was Schreckliches passiert. Er +stürzt auf mich zu, schnappt nach Luft und fragt: »Hoffentlich ist Ihnen +nichts passiert? Ich habe die ganze Sache beobachtet und bin ja so +aufgeregt! Herrgott, das sah schrecklich aus!« Ich versicherte ihm, daß +mir gar nichts fehlte, sprang herunter, stellte mich vor. +Selbstverständlich verstand er keinen Ton von meinem Namen. Aber er +forderte mich auf, mit seinem Automobil in das nahe Hénin-Liétard +hineinzufahren, wo sein Quartier war. Es war ein Pionieroffizier. + +Wir sitzen bereits in dem Wagen und fahren gerade an. Mein Gastgeber hat +sich noch immer nicht beruhigt. Plötzlich erschrickt er und fragt: +»Herrgott, wo ist denn Ihr Kraftfahrer?« Zuerst wußte ich nicht recht, +was er meinte, guckte ihn wohl etwas verwirrt an. Dann wurde mir klar, +daß er mich für den Beobachter eines zweisitzigen Flugzeuges hielt und +nach meinem Flugzeugführer fragte. Schnell faßte ich mich und sagte ganz +trocken: »Ich fahre allein.« Das Wort »fahren« ist in der Fliegertruppe +verpönt. Man fährt nicht, man »fliegt«. In den Augen des braven Herrn +war ich ganz entschieden durch die Tatsache, daß ich allein »fahre«, +sichtbar gesunken. Die Unterhaltung wurde etwas spröder. + +Da kommen wir in seinem Quartier an. Ich habe noch immer meine +schmutzige Öllederjacke an, einen dicken Schal um. Unterwegs hat er mich +natürlich mit unendlich vielen Fragen bestürmt. Überhaupt war der ganze +Herr bedeutend mehr aufgeregt als ich. Da zwang er mich, auf einem Sofa +mich hinzulegen, oder wollte dies tun mit der Begründung, daß ich doch +von meinem Kampf noch ganz echauffiert sein müßte. Ich versicherte ihm, +daß ich schon manchmal luftgekämpft hätte, was ihm aber gar nicht in den +Kopf kommen wollte. Ich sah gewiß nicht sehr kriegerisch aus. + +Nach einiger Unterhaltung kommt er natürlich mit der berühmten Frage: +»Haben Sie schon einmal einen abgeschossen?« Meinen Namen hatte er, wie +gesagt, nicht gehört. »Ach ja,« sagte ich, »ab und zu.« »So – so haben +Sie etwa schon zwei abgeschossen?« »Nein, aber vierundzwanzig.« Er +lächelt, wiederholt seine Frage und meint, unter »abgeschossen« verstehe +er einen, der ’runtergefallen sei und unten liegenbliebe. Ich +versicherte ihm, das wäre auch meine Auffassung davon. Jetzt war ich +ganz unten durch, denn jetzt hielt er mich für einen mächtigen +Aufschneider. Er ließ mich sitzen und sagte mir, daß in einer Stunde +gegessen würde, und wenn es mir recht sei, könne ich ja mitessen. Nun +machte ich doch von seinem Anerbieten Gebrauch und schlief eine Stunde +fest. Dann gingen wir ’rüber ins Kasino. Hier pellte ich mich aus und +hatte zum Glück meinen #Pour le mérite# um. Leider aber keine +Uniformjacke darunter, sondern nur eine Weste. Ich bitte um +Entschuldigung, daß ich nicht besser angezogen bin, und mit einem Male +entdeckt mein guter Häuptling an mir den #Pour le mérite#. Er wird +sprachlos vor Erstaunen und versichert mir, daß er nicht wüßte, wie ich +heiße. Ich sagte ihm nochmals meinen Namen. Jetzt schien ihm etwas zu +dämmern, daß er wohl schon mal von mir gehört hatte. Ich bekam nun +Austern und Schampus zu trinken und lebte eigentlich recht gut, bis +schließlich Schäfer kam und mich mit meinem Wagen abholte. Von ihm +erfuhr ich, daß Lübbert wieder mal seinem Spitznamen Ehre gemacht hatte. +Er hieß nämlich unter uns »Kugelfang«, denn in jedem Luftkampf wurde +seine Maschine arg mitgenommen. Einmal wies sie vierundsechzig Treffer +auf, ohne daß er selbst verwundet war. Diesmal hatte er einen +Streifschuß an der Brust bekommen und lag bereits im Lazarett. Seine +Maschine flog ich gleich nach dem Hafen. Leider ist dieser hervorragende +Offizier, der das Zeug dazu hatte, einmal ein Boelcke zu werden, einige +Wochen später den Heldentod fürs Vaterland gestorben. + +Am Abend kann ich meinem Gastgeber aus Hénin-Liétard noch Bescheid +sagen, daß ich heute ein Viertelhundert voll gemacht habe. + + + + +Ein Fliegerstückchen + +(Ende März 1917) + + +Der Name Siegfried-Stellung ist wohl jedem Jüngling im Deutschen Reiche +bekannt. In den Tagen, in denen wir uns gegen diese Stellungen +zurückzogen, gab es natürlich in der Luft auch eine rege Tätigkeit. Der +Gegner hatte zwar unser verlassenes Gebiet auf der Erde bereits besetzt, +die Luft dagegen überließen wir den Engländern nicht so bald, dafür +sorgte Jagdstaffel Boelcke. Nur ganz vorsichtig wagten sich die +Engländer aus ihrem bisherigen Stellungskrieg in der Luft hervor. + +Es ist das die Zeit, wo unser lieber Prinz Friedrich Karl sein Leben dem +Vaterland opferte. + +Bei einem Jagdflug der Jagdstaffel Boelcke hatte Leutnant Voß einen +Engländer im Luftkampf besiegt. Er wurde von seinem Bezwinger auf die +Erde gedrückt und landete in dem Gebiet, das man wohl als neutrales +Gebiet bezeichnen kann. Wir hatten es zwar schon verlassen, der Gegner +aber noch nicht besetzt. Nur Patrouillen, sowohl englische wie deutsche, +hielten sich in dieser unbesetzten Zone auf. Das englische Flugzeug +stand zwischen den Linien. Der brave #Englishman# hatte wohl geglaubt, +daß dieses Gebiet bereits von den Seinen besetzt wäre, zu welcher +Annahme er auch berechtigt war. Voß war aber anderer Meinung. Kurz +entschlossen landete er neben seinem Opfer. Mit großer Geschwindigkeit +montierte er die feindlichen Maschinengewehre und sonst noch brauchbare +Teile aus der Maschine ab und verfrachtete sie in der seinen, griff zum +Streichholz, und in wenigen Augenblicken stand die Maschine in hellen +Flammen. Eine Minute später winkte er den von allen Seiten +herbeiströmenden Engländern aus seinem sieggewohnten Luftroß freundlich +zu. + + + + +Erste Dublette + + +Der 2. April 1917 war wieder einmal ein heißer Tag für meine Staffel. +Von meinem Platze aus konnten wir deutlich das Trommelfeuer hören, und +gerade heute war es mal wieder sehr heftig. + +Ich lag noch im Bett, da kommt mein Bursche zu mir hereingestürzt mit +dem Ausruf: »Herr Leutnant, die Engländer sind schon da!« Noch etwas +verschlafen gucke ich zum Fenster ’raus, und tatsächlich, da kreisen +über dem Platz bereits meine lieben Freunde. Ich ’raus aus meinem Bett, +die Sachen angezogen, war eins. Mein roter Vogel stand zur Morgenarbeit +am Start. Meine Monteure wußten, daß ich diesen günstigen Augenblick +wohl nicht ungenützt vorübergehen lassen würde. Alles war fertig. +Schnell noch die Warmpelze, dann geht’s los. + +Ich war als letzter gestartet. Meine anderen Kameraden waren dem Feind +viel näher. Ich fürchtete schon, daß mir mein Braten entgehen würde, so +daß ich von weitem zusehen müßte, wie vor meinen Augen sich einige +Luftkämpfe abspielen. Da plötzlich fällt einem der frechen Kunden ein, +auf mich herunterzustoßen. Ich lasse ihn ruhig herankommen, und nun +beginnt ein lustiger Tanz. Bald fliegt mein Gegner auf dem Rücken, bald +macht er dies, bald jenes. Es war ein zweisitziges Jagdflugzeug. Ich war +ihm über, und so erkannte ich denn bald, daß er mir eigentlich nicht +mehr entgehen konnte. In einer Gefechtspause überzeugte ich mich, daß +wir uns alleine gegenüberstanden. Also, wer besser schießt, wer die +größere Ruhe und den besseren Überblick im Augenblick der Gefahr hat, +der gewinnt. + +Es dauerte nicht lange, da hatte ich ihn ’runtergedrückt, ohne ihn +wirklich ernstlich angeschossen zu haben, mindestens zwei Kilometer von +der Front entfernt. Ich denke, er will landen, aber da habe ich mich in +meinem Gegner verrechnet. Mit einem Male sehe ich, wie er, nur wenige +Meter über dem Erdboden, plötzlich wieder geradeaus fliegt und mir zu +entkommen sucht. Das war mir doch zu bunt. Ich griff ihn nochmals an und +zwar so niedrig, daß ich fast fürchtete, die Häuser eines unter mir +liegenden Dorfes zu berühren. Der Engländer wehrte sich bis zum letzten +Augenblick. Noch ganz zum Schluß spürte ich einen Treffer in meiner +Maschine. Nun ließ ich aber nicht mehr locker, jetzt mußte er fallen. Er +rannte mit voller Fahrt in einen Häuserblock hinein. + +Viel war nicht mehr übrig. Es war wieder ein Fall glänzenden Schneids. +Er verteidigte sich bis zum Letzten. Aber meiner Ansicht nach war es zum +Schluß doch mehr Dummheit von ihm. Es war eben mal wieder der Punkt, wo +ich eine Grenze zwischen Schneid und Dummheit ziehe. Runter mußte er +doch. So hatte er seine Dummheit mit dem Leben bezahlen müssen. + + * * * * * + +Sehr vergnügt über die Leistungen meines roten Stahlrosses bei der +Morgenarbeit kehrte ich zurück. Meine Kameraden waren noch in der Luft +und waren sehr erstaunt, als wir uns beim Frühstück trafen und ich ihnen +von meiner Nummer Zweiunddreißig erzählen konnte. + +Ein ganz junger Leutnant hatte seinen Ersten abgeschossen, wir waren +sehr vergnügt und bereiteten uns für neue Kämpfe vor. + +Ich hole meine versäumte Morgentoilette nach. Da kommt ein guter Freund +– Leutnant Voß von der Jagdstaffel Boelcke – zu mir, um mich zu +besuchen. Wir unterhalten uns. Voß hatte am Tage vorher seinen +Dreiundzwanzigsten erledigt. Er stand also mir am nächsten und ist wohl +zurzeit mein heftigster Konkurrent. + +Wie er nach Hause fliegt, wollte ich ihn noch ein Stückchen begleiten. +Wir machen einen Umweg über die Front. Das Wetter ist eigentlich sehr +schlecht geworden, so daß wir nicht annehmen konnten, noch Weidmannsheil +zu haben. + +Unter uns geschlossene Wolken. Voß, dem die Gegend unbekannt war, fing +es schon an, ungemütlich zu werden. Über Arras traf ich meinen Bruder, +der gleichfalls bei meiner Staffel ist und sein Geschwader verloren +hatte. Er schließt sich uns auch an. Er wußte ja, daß ich es bin (roter +Vogel). + +Da sehen wir von drüben ein Geschwader ankommen. Sofort zuckt es mir +durch den Kopf: »Nummer Dreiunddreißig!« Trotzdem es neun Engländer +waren und auf ihrem Gebiet, zogen sie es doch vor, den Kampf zu meiden. +(Ich werde nächstens doch mal die Farbe wechseln müssen.) Aber wir +holten sie doch ein. Schnelle Maschine ist eben die Hauptsache. + +Ich bin dem Feind am nächsten und greife den hintersten an. Zu meinem +größten Entzücken merke ich, daß er sich gleich in den Kampf mit mir +einläßt, und mit noch viel größerem Vergnügen, daß ihn seine Kameraden +im Stich lassen. Ich habe ihn also bald allein vor. Es ist wiederum +derselbe Typ, mit dem ich es vormittags zu tun hatte. Er machte es mir +nicht leicht. Er weiß, worauf es ankommt, und besonders aber: der Kerl +schoß gut. Das konnte ich zu meinem Leidwesen nachher noch ziemlich +genau feststellen. Der günstige Wind kommt mir zu Hilfe und treibt uns +beide Kämpfenden über unsere Linien. Der Gegner merkt, daß die Sache +doch nicht so einfach ist, wie er sich wohl gedacht hat, und +verschwindet in einem Sturzflug in einer Wolke. Beinahe war es seine +Rettung. Ich stoße hinter ihm her, komme unten heraus und – Anlauf muß +eben der Mensch haben – ich sitze wie durch ein Wunder genau hinter +ihm. Ich schieße, er schießt, aber kein greifbares Resultat. Da – +endlich habe ich ihn getroffen. Ich merke es an dem weißen Benzindunst, +der hinter seinem Apparat zurückbleibt. Er muß also landen, denn sein +Motor bleibt stehen. + +Er war aber doch ein hartnäckiger Bursche. Er mußte erkennen, daß er +ausgespielt hatte. Schoß er nun noch weiter, so konnte ich ihn sofort +totschießen, denn wir waren mittlerweile nur noch dreihundert Meter +hoch. Aber der Kerl verteidigte sich genau wie der von heute morgen, bis +er unten gelandet war. Nach seiner Landung flog ich nochmals über ihn +hinweg in zehn Metern Höhe, um festzustellen, ob ich ihn totgeschossen +hatte oder nicht. Was macht der Kerl? Er nimmt sein Maschinengewehr und +zerschießt mir die ganze Maschine. + +Voß sagte nachher zu mir, wenn ihm das passiert wäre, hätte er ihn +nachträglich noch auf dem Boden totgeschossen. Eigentlich hätte ich es +auch machen müssen, denn er hatte sich eben noch nicht ergeben. Er war +übrigens einer von den wenigen Glücklichen, die am Leben geblieben sind. + +Sehr vergnügt flog ich nach Hause und konnte meinen Dreiunddreißigsten +feiern. + + + + +Mein bisher erfolgreichster Tag + + +Wunderbares Wetter. Wir stehen auf dem Platz. Ich habe Besuch von einem +Herrn, der noch nie einen Luftkampf oder so etwas Ähnliches gesehen hat +und mir gerade versichert, daß es ihn ungeheuer interessieren würde, +einen solchen Luftkampf zu sehen. + +Wir steigen in unsere Kisten und lachen sehr über ihn, und Schäfer +meint: »Den Spaß können wir ihm machen!« Wir stellen ihn an ein +Scherenfernrohr und fliegen los. + +Der Tag fing gut an. Wir waren kaum zweitausend Meter hoch, da kamen uns +schon die ersten Engländer in einem Geschwader von fünf entgegen. Ein +Angriff, der mit einer Attacke zu vergleichen war – und das feindliche +Geschwader lag vernichtet am Boden. Von uns war nicht ein einziger auch +nur verwundet. Die Gegner waren – zwei brennend und drei so – auf +unserer Seite abgestürzt. + +Der gute Freund unten auf der Erde hatte nicht wenig gestaunt. Er hatte +sich die Sache ganz anders vorgestellt; viel dramatischer. Er meinte, +die Sache hätte so harmlos ausgesehen, bis plötzlich einige Flugzeuge, +einer Rakete gleich, brennend abstürzten. Ich habe mich an den Anblick +so allmählich gewöhnt, aber ich muß sagen, mir hat es auch einen +Mordseindruck gemacht, und ich habe noch lange davon geträumt, wie ich +den ersten Engländer habe in die Tiefe sausen sehen. + +Ich glaube, wenn es mir noch einmal passieren würde, es wäre mir nicht +mehr so schrecklich wie damals. + +Nachdem dieser Tag so gut angefangen hatte, setzten wir uns erst mal zu +einem ordentlichen Frühstück hin, da wir alle einen Mordshunger hatten. +In der Zwischenzeit wurden unsere Maschinen wieder in Schuß gebracht, +neue Patronen geladen, und dann ging’s weiter. + +Am Abend konnten wir die stolze Meldung machen: Dreizehn feindliche +Flugzeuge durch sechs deutsche Apparate vernichtet. + +Eine ähnliche Meldung hatte nur einmal die Jagdstaffel Boelcke machen +können. Acht Flugzeuge waren es, die wir damals abschossen, heute hatte +einer sogar vier Gegner zum Absturz gebracht. Es ist ein Leutnant Wolff, +ein zartes, schlankes Kerlchen, in dem niemals einer einen solchen +Massensieger erblicken würde. Mein Bruder hatte zwei, Schäfer zwei, +Festner zwei, ich drei. + +Abends legten wir uns kolossal stolz, andererseits aber auch recht müde +in unsere Klappen. + +Am Tage darauf lasen wir unter großem Hallo im Heeresbericht von den +Taten des Tages vorher. Im übrigen schossen wir am Tage darauf acht ab. + + * * * * * + +[Illustration: Leutnant Schaefers Notlandung zwischen den Linien] + +[Illustration: Weihnachten 1916 +Der »alte Herr« (X) bei der Jagdstaffel Boelcke] + +Eine sehr niedliche Geschichte ereignete sich noch: + +Einer von unseren abgeschossenen Engländern war gefangen und kommt ins +Gespräch mit uns. Natürlich erkundigte er sich auch nach der roten +Maschine. Selbst bei der Truppe unten im Schützengraben ist sie nicht +unbekannt und geht unter dem Namen #»le diable rouge«#. Bei seiner +Squadron hat sich das Gerücht verbreitet, daß in der roten Maschine ein +Mädchen säße, so etwas Ähnliches wie Jeanne d’Arc. Er war sehr erstaunt, +wie ich ihm versicherte, daß das vermutete Mädchen zurzeit vor ihm +stünde. Er hatte damit keinen Witz machen wollen, sondern war selbst +überzeugt, daß tatsächlich in der pervers angestrichenen Kiste nur eine +Jungfrau sitzen konnte. + + + + +»Moritz« + + +Das schönste Wesen, das je die Welt geschaffen hat, ist die echte Ulmer +Dogge, mein »kleines Schoßhündchen«, der »Moritz«. Ich habe ihn in +Ostende von einem braven Belgier für fünf Mark gekauft. Die Mutter war +ein schönes Tier, einer seiner Väter auch, also ganz »rasserein«. Davon +bin ich überzeugt. Ich hatte die Auswahl und suchte mir den niedlichsten +heraus. Zeumer nahm sich einen zweiten und nannte ihn »Max«. Max fand +ein jähes Ende unter einem Auto, Moritz aber gedieh vortrefflich. Er +schlief mit mir im Bett und wurde vorzüglich erzogen. Er hat mich von +Ostende ab auf Schritt und Tritt begleitet und ist mir sehr ans Herz +gewachsen. Von Monat zu Monat wurde Moritz groß und größer, und es +entwickelte sich so allmählich aus dem zarten Schoßhündchen ein ganz +ungeheuer großes Tier. + +Ich habe ihn sogar einmal mitgenommen. Er ist mein erster »Franz« +gewesen. Er benahm sich dabei sehr vernünftig, und sehr interessiert +beäugte er sich die Welt von oben. Nur meine Monteure schimpften +nachher, daß sie das Flugzeug von einigen unangenehmen Dingen reinigen +mußten. Moritz war aber nachher wieder sehr vergnügt. + +Er ist nun schon über ein Jahr alt und immer noch das kindische Tier +von einigen Monaten. Er spielt sehr gut Billard. Leider geht dabei so +manche Kugel, besonders aber so manches Billardtuch flöten. Er hat auch +eine Riesen-Jagdpassion. Meine Monteure sind darüber sehr glücklich, +denn er fängt ihnen so manchen schönen Hasenbraten. Von mir kriegt er +immer dafür etwas Senge, denn ich bin weniger erbaut von dieser Passion. + +Er hatte eine dumme Eigenschaft. Er liebte es, die Flugzeuge bei jedem +Start zu begleiten. Der normale Tod eines Fliegerhundes ist bei dieser +Gelegenheit der Tod durch den Propeller. Wieder einmal jagte er vor +einem startenden Flugzeug einher, wird natürlich eingeholt und – ein +sehr schöner Propeller war hin. Moritz heulte schrecklich, und eine von +mir versäumte Maßnahme wurde auf diese Weise nachgeholt. Ich habe mich +immer gesträubt, ihn koupieren zu lassen, d. h. im besonderen ihm die +Ohren beschneiden zu lassen. Auf der einen Seite hat es nun der +Propeller nachgeholt. Die Schönheit hat ihn nie gedrückt, aber das eine +Klappohr und das andere halbkoupierte stehen ihm recht gut. Überhaupt, +wenn der Ringelschwanz nicht wäre, wäre es eine richtige, echte Ulmer +Dogge. + +Moritz hat den Weltkrieg und unsere Feinde richtig erfaßt. Wie er zum +erstenmal im Sommer 1916 russische Eingeborene sah – der Zug hielt, und +Moritz wurde etwas spazieren geführt –, verjagte er die hinzugelaufene +russische Jugend mit ungeheurem Gekläff. Auch Franzosen schätzt er +nicht, trotzdem er ja eigentlich selbst ein Belgier ist. Ich gab mal in +einem neuen Quartier Einwohnern den Auftrag, das Haus zu säubern. Wie +ich abends wiederkam, war nichts gemacht. Verärgert lasse ich mir einen +Franzosen kommen. Kaum macht er die Tür auf, begrüßt ihn Moritz etwas +unliebenswürdig. Nun konnte ich mir erklären, weshalb die Herren mein +Château gemieden hatten. + + + + +Englischer Bombenangriff auf unseren Flughafen + + +Die Vollmondnächte sind für den Nachtflieger am geeignetsten. + +In den Vollmondnächten des Monats April betätigten sich unsere lieben +Engländer besonders emsig. Natürlich war es mit der Arras-Schlacht in +Verbindung zu bringen. Sie mochten wohl herausbekommen haben, daß wir in +Douai auf einem sehr, sehr schönen, großen Flugplatz uns häuslich +eingerichtet hatten. Eines Nachts, wir sitzen im Kasino, klingelt das +Telephon, und es wird mitgeteilt: »Die Engländer kommen.« Natürlich +großes Hallo. Unterstände hatten wir ja; dafür hatte der tüchtige Simon +gesorgt. Simon ist unser Bausachverwalter. Also alles stürzt in die +Unterstände, und man hört tatsächlich – zuerst noch ganz leise, aber +ganz sicher das Geräusch eines Flugmotors. Die Flaks und Scheinwerfer +scheinen auch eben die Mitteilung bekommen zu haben, denn man merkt, wie +sie sachte lebendig werden. Der erste Feind war aber noch viel zu weit, +um angegriffen zu werden. Uns machte es einen Heidenspaß. Wir +befürchteten nur immer, die Engländer würden unseren Platz nicht finden, +denn das ist nachts gar nicht so einfach, besonders, da wir nicht an +einer großen Chaussee lagen oder an einem Wasser oder an einer +Eisenbahn, die des Nachts die besten Anhaltspunkte bilden. + +Der Engländer flog scheinbar sehr hoch. Erst einmal um den ganzen Platz +herum. Wir glaubten schon, er hätte sich ein anderes Ziel gesucht. Mit +einem Male aber stellt er den Motor ab und kommt herunter. »Nun wird’s +Ernst,« meinte Wolff. Wir hatten uns zwei Karabiner geholt und fingen +an, auf den Engländer zu schießen. Sehen konnten wir ihn ja noch nicht. +Aber allein der Knall beruhigte schon unsere Nerven. Jetzt kommt er in +den Scheinwerfer herein. Auf dem ganzen Flugplatz überall ein großes +Hallo. Es ist eine ganz alte Kiste. Wir können den Typ genau erkennen. +Er ist höchstens noch einen Kilometer von uns entfernt. Er fliegt genau +auf unseren Platz zu. Er kommt immer niedriger. Jetzt kann er höchstens +noch hundert Meter hoch sein. Da stellt er wieder den Motor an und kommt +genau auf uns zugeflogen. Wolff meint noch: »Gott sei Dank, er hat sich +die andere Seite des Flugplatzes ausgesucht.« Aber es dauerte nicht +lange, da kommt die erste, und dann regnet es einige Bömbchen. Es war +ein wunderbares Feuerwerk, das uns der Bruder vormachte. Einem +Angsthasen konnte er auch Eindruck machen. Ich finde überhaupt, +Bombenwerfen in der Nacht ist nur moralisch von Bedeutung. Hat einer +die Hosen voll, so ist es für _ihn_ sehr peinlich, für die anderen aber +nicht. + +Wir empfanden einen großen Spaß und meinten, die Engländer könnten doch +recht oft kommen. Also, mein guter Gitterschwanz warf seine Bomben ab, +und zwar aus fünfzig Metern Höhe. Das ist eine ziemliche Frechheit, denn +auf fünfzig Meter mute ich mir zu, auch des Nachts bei Vollmond einem +Keiler einen ganz anständigen Blattschuß zu verpassen. Warum sollte ich +nicht auch einen Engländer treffen? Es wäre doch mal etwas anderes +gewesen, so einen Bruder von unten abzuschießen. + +Von oben hatten wir schon mehreren die Ehre gegeben, aber von unten +hatte ich es nicht probiert. Wie der Engländer weg war, gingen wir +wieder ins Kasino und besprachen uns, wie wir den Brüdern in der +nächsten Nacht einen Empfang bereiten wollten. Tags darauf sah man die +Burschen usw. sehr emsig arbeiten. Sie beschäftigten sich damit, Pfähle +in der Nähe des Kasinos und der Offizier-Wohnbaracken einzurammen, die +in der kommenden Nacht als Maschinengewehrstände benutzt werden sollten. +Wir schossen uns mit erbeuteten englischen Flugzeug-Maschinengewehren +ein, machten uns ein Nachtkorn drauf und waren sehr gespannt, was nun +werden würde. Die Zahl der Maschinengewehre will ich nicht verraten, +aber es sollte genügen. Jeder von meinen Herren war mit so einem Ding +bewaffnet. + +Wir sitzen wieder im Kasino. Gesprächstoff sind natürlich die +Nachtflieger. Da kommt ein Bursche hereingestürzt und schreit nur: »Sie +kommen, sie kommen!« und verschwindet, etwas spärlich bekleidet, im +nächsten Unterstand. Jeder von uns stürzt an die Maschinengewehre. +Einige tüchtige Mannschaften, die gute Schützen sind, sind auch damit +bewaffnet. Alle übrigen haben Karabiner. Die Jagdstaffel ist jedenfalls +bis an die Zähne bewaffnet und bereit, die Herren zu empfangen. + +Der erste kam, genau wie am Abend vorher, in größerer Höhe, geht dann +auf fünfzig Meter herunter, und zu unserer größten Freude hat er es +diesmal gleich auf unsere Barackenseite abgesehen. Er ist im +Scheinwerfer. Jetzt ist er höchstens noch dreihundert Meter von uns +entfernt. Der erste fängt an zu schießen, und zur selben Zeit setzen +alle übrigen ein. Ein Sturmangriff könnte nicht besser abgewehrt werden +als dieser Angriff des einzelnen frechen Kunden in fünfzig Metern Höhe. +Ein rasendes Feuer empfängt ihn. Hören konnte er das Maschinengewehrfeuer +ja nicht, daran verhinderte ihn sein Motor, aber das Mündungsfeuer eines +jeden sah er, und deshalb finde ich es auch diesmal sehr schneidig von +dem Bruder, daß er nicht abbog, sondern starr seinen Auftrag +durchführte. Er flog genau über uns weg. In dem Augenblick, wie er über +uns weg war, springen wir natürlich schnell in den Unterstand, denn +durch so ’ne dämliche Bombe erschlagen zu werden, wäre für einen +Jagdflieger ein selten dämlicher Heldentod. Kaum ist er über uns weg, +wieder ’ran an die Gewehre und feste hinter ihm hergefeuert. Schäfer +behauptete natürlich: »Ich habe ihn getroffen.« Der Kerl schießt ganz +gut. Aber in diesem Fall glaubte ich ihm denn doch nicht, und außerdem +hatte jeder andere ebenso gute Chancen. + +Wir hatten wenigstens das erreicht, daß der Gegner seine Bomben ziemlich +planlos in die Gegend warf. Eine allerdings platzte ein paar Meter neben +dem #»petit rouge«,# tat ihm aber nicht weh. Dieser Spaß wiederholte +sich in der Nacht noch mehrere Male. Ich lag bereits im Bett und schlief +fest, da hörte ich im Traum Ballonabwehrfeuer, wachte davon auf und +konnte nur feststellen, daß der Traum Wahrheit war. Ein Kunde flog so +niedrig über meine Bude weg, daß ich mir vor lauter Angst die Bettdecke +über den Kopf zog. Im nächsten Augenblick ein wahnsinniger Knall, ganz +in der Nähe meines Fensters, und meine Scheiben waren ein Opfer der +Bombe. Schnell im Hemd ’rausgestürzt und noch einige Schuß hinter ihm +her. Draußen wurde er schon kräftig beschossen. Ich hatte aber diesen +Herrn leider verschlafen. + +Am nächsten Morgen waren wir sehr erstaunt und hocherfreut, als wir +feststellten, daß wir nicht weniger wie drei Engländer von der Erde aus +abgeschossen hatten. Sie waren nicht weit von unserem Flughafen gelandet +und gefangengenommen worden. Wir hatten meist die Motoren getroffen und +sie dadurch gezwungen, auf unserer Seite ’runterzugehen. Also hatte sich +vielleicht Schäfer doch nicht geirrt. Wir waren jedenfalls sehr +zufrieden mit unserem Erfolg. Die Engländer dafür etwas weniger, denn +sie zogen es vor, nicht mehr unseren Platz zu attackieren. Eigentlich +schade, denn sie haben uns viel Spaß damit gemacht. Vielleicht kommen +sie nächsten Monat wieder. + + + + +Schäfers Notlandung zwischen den Linien + + +Am Abend des 20. April machen wir einen Jagdflug, kommen sehr spät nach +Hause und haben Schäfer unterwegs verloren. Natürlich hofft jeder, daß +er vor Dunkelheit noch den Platz erreicht. Es wird Neun, es wird Zehn, +Schäfer kommt nicht. Benzin kann er nicht mehr haben, folglich ist er +irgendwo notgelandet. Daß einer abgeschossen ist, will man sich nie +zugeben. Keiner wagt es in den Mund zu nehmen, aber jeder fürchtet es im +stillen. Das Telephonnetz wird in Bewegung gesetzt, um zu ermitteln, wo +ein Flieger gelandet ist. Kein Mensch kann uns Auskunft geben. Keine +Division, keine Brigade will ihn gesehen haben. Ein ungemütlicher +Zustand. Schließlich gehen wir schlafen. Wir waren alle fest überzeugt, +er würde sich noch einfinden. Nachts um Zwei werde ich plötzlich +geweckt. Die Telephonordonnanz teilt mir strahlend mit: »Schäfer +befindet sich im Dorf #Y# und bittet um Abholung.« + +Am nächsten Morgen zum Frühstück öffnet sich die Tür, und mein braver +Pilot steht in so verdrecktem Anzug vor mir, wie ihn der Infanterist +nach vierzehn Tagen Arras-Schlacht am Leibe hat. Großes Hallo! Schäfer +ist quietschvergnügt und muß seine Erlebnisse zum besten geben. Er hat +einen Bärenhunger. Nachdem er gefrühstückt hat, erzählt er uns +folgendes: + +»Ich fliege nach Hause an der Front entlang und sehe in ganz niedriger +Höhe drüben scheinbar einen Infanterieflieger. Ich greife ihn an, +schieße ihn ab und will wieder zurückfliegen, da nehmen mich die +Engländer unten aus den Schützengräben mächtig vor und beknallen mich +ganz unheimlich. Meine Rettung war natürlich die Geschwindigkeit des +Flugzeugs, denn daß sie beim Schießen vorhalten müssen, daran denken die +Kerle natürlich nicht. Ich war vielleicht noch zweihundert Meter hoch, +aber ich muß doch versichern, daß ich gewisse Körperteile mächtig +angespannt habe, aus erklärlichen Gründen. Mit einem Male gibt es einen +Schlag, und mein Motor bleibt stehen. Also landen. Komme ich noch über +die feindlichen Linien, oder komme ich nicht? Das war sehr die Frage. +Die Engländer haben es bemerkt und fangen wie wahnsinnig an zu schießen. +Jetzt höre ich jeden einzelnen Schuß, denn mein Motor läuft nicht mehr, +der Propeller steht still. Eine peinliche Situation. Ich komme herunter, +lande, meine Maschine steht noch nicht, da werde ich aus einer Hecke des +Dorfes Monchy bei Arras ganz kolossal mit Maschinengewehrfeuer +beschossen. Die Kugeln klatschen nur so in meine Maschine herein. Ich +’raus aus der Kiste und in das nächste Granatloch ’rein, war eins. Dort +besann ich mich mal erst, wo ich mich befinde. So allmählich wird mir +klar, daß ich über die Linien ’rüber bin, aber noch verdammt nahe bei +ihnen. Gott sei Dank ist es etwas spät abends. Das ist meine Rettung. + +Es dauert nicht lange, da kommen die ersten Granaten an. Natürlich sind +es Gasgranaten, und eine Maske hatte ich selbstverständlich nicht mit. +Also mir fingen die Augen ganz erbärmlich an zu tränen. Die Engländer +schossen sich vor Dunkelheit auch noch mit Maschinengewehren auf meine +Landungsstelle ein, ein Maschinengewehr offenbar auf mein Flugzeug, das +andere auf meinen Granattrichter. Die Kugeln klatschten oben immer +dagegen. Ich steckte mir daraufhin, um meine Nerven zu beruhigen, erst +mal eine Zigarette an, ziehe mir meinen dicken Pelz aus und mache mich +zum Sprung auf! Marsch, marsch! bereit. Jede Minute erscheint eine +Stunde. + +Allmählich wurde es dunkel, aber nur ganz allmählich. Um mich herum +locken die Rebhühner. Als Jäger erkannte ich, daß die Hühner ganz +friedlich und vertraut waren, also war keine Gefahr, daß ich in meinem +Versteck überrascht wurde. Schließlich wurde es immer finsterer. Auf +einmal geht ganz in meiner Nähe ein Pärchen Rebhühner hoch, gleich +darauf ein zweites, und ich erkannte daraus, daß Gefahr im Anzuge war. +Offenbar war es eine Patrouille, die mir Guten Abend sagen wollte. Nun +wird’s die höchste Zeit, daß ich mich aus dem Staube mache. Erst ganz +vorsichtig auf dem Bauche kriechend, von Granatloch zu Granatloch. Ich +komme nach etwa anderthalb Stunden eifrigen Kriechens an die ersten +Menschen. Sind es Engländer, oder sind es Deutsche? Sie kommen heran, +und beinahe wäre ich den Musketieren um den Hals gesprungen, als ich sie +erkannte. Es war eine Schleichpatrouille, die sich im neutralen +Zwischengelände herumtreibt. Einer der Leute führte mich zu seinem +Kompagnieführer, und hier erfuhr ich denn, daß ich am Abend zuvor etwa +fünfzig Schritte vor der feindlichen Linie gelandet sei und unsere +Infanterie mich bereits aufgegeben hatte. Ich nahm mal erst ein +ordentliches Abendbrot zu mir und trete dann den Rückmarsch an. + +Hinten wurde viel mehr geschossen als vorn. Jeder Weg, jeder +Annäherungsgraben, jedes Gebüsch, jeder Hohlweg, alles lag unter +feindlichem Feuer. Am nächsten Morgen griffen die Engländer an, sie +mußten also heute abend ihre Artillerievorbereitung beginnen. Ich hatte +mir also einen ungünstigen Tag für mein Unternehmen ausgesucht. Erst +gegen zwei Uhr morgens erreichte ich das erste Telephon und konnte mich +mit meiner Staffel in Verbindung setzen.« + +Wir waren alle glücklich, unseren Schäfer wieder zu haben. Er legte +sich ins Bett. Jeder andere hätte mal für die nächsten vierundzwanzig +Stunden auf den Genuß des Jagdfliegens verzichtet. Mein Schäfer +attackierte aber bereits am Nachmittag desselben Tages wiederum über +Monchy einen ganz tieffliegenden B. E. + + + + +Das Anti-Richthofen-Geschwader + +(25. April 1917) + + +Die Engländer hatten sich einen famosen Witz ausgedacht, nämlich mich zu +fangen oder abzuschießen. Zu diesem Zwecke hatten sie tatsächlich ein +besonderes Geschwader aufgestellt, das in dem Raum flog, in dem wir uns +meistens ’rumtrieben. Wir erkannten es daran, daß es hauptsächlich gegen +unsere roten Flugzeuge offensiv wurde. + +Ich muß bemerken, daß wir unsere _ganze_ Jagdstaffel rot angemalt +hatten, da den Brüdern doch allmählich klar geworden war, daß ich in +dieser knallroten Kiste säße. So waren wir jetzt alle rot, und die +Engländer machten recht große Augen, wie sie statt der einen ein ganzes +Dutzend solcher Kisten sahen. Das hielt sie aber nicht ab, den Versuch +zu machen, uns zu attackieren. Es ist mir ja viel lieber, die Kundschaft +kommt zu mir, als daß ich zu ihr hingehen muß. + +Wir flogen an die Front, in der Hoffnung, unsere Gegner zu finden. Nach +etwa zwanzig Minuten kamen die ersten an und attackierten uns +tatsächlich. Das war uns schon seit langer Zeit nicht mehr passiert. Die +Engländer hatten ihren berühmten Offensivgeist doch etwas eingeschränkt, +da er ihnen wohl etwas zu teuer zu stehen gekommen war. Es waren drei +Spad-Einsitzer, die sich infolge ihrer guten Maschinen uns sehr +überlegen glaubten. Es flogen zusammen: Wolff, mein Bruder und ich. Drei +gegen drei, das paßte also ganz genau. Gleich zu Anfang wurde aus dem +Angriff eine Verteidigung. Schon hatten wir überhand. Ich kriegte meinen +Gegner vor und konnte noch schnell sehen, wie mein Bruder und Wolff sich +jeder einen dieser Burschen vorbanden. Es begann der übliche Tanz, man +kreist umeinander. Der gute Wind kam uns zu Hilfe. Er trieb uns +Kämpfende von der Front weg, Richtung Deutschland. + +Meiner war der erste, der stürzte. Ich hatte ihm wohl den Motor +zerschossen. Jedenfalls entschloß er sich, bei uns zu landen. Pardon +kenne ich nicht mehr, deshalb attackierte ich ihn noch ein zweites Mal, +worauf das Flugzeug in meiner Geschoßgarbe auseinanderklappte. Die +Flächen fielen wie ein Blatt Papier, jede einzeln, und der Rumpf sauste +wie ein Stein brennend in die Tiefe. Er fiel in einen Sumpf. Man konnte +ihn nicht mehr ausgraben. Ich habe nie erfahren, wer es war, mit dem ich +gekämpft habe. Er war verschwunden. Bloß noch die letzten Reste des +Schwanzes verbrannten und zeigten die Stätte, wo er sich selbst sein +Grab gegraben hatte. + +Gleichzeitig mit mir hatten Wolff und mein Bruder ihre Gegner +angegriffen und nicht weit von dem meinigen zur Landung gezwungen. + +Wir flogen sehr vergnügt nach Hause und meinten: »Hoffentlich kommt +recht oft das Anti-Richthofen-Geschwader.« + + + + +Der »alte Herr« kommt uns besuchen + + +Für den 29. April hatte sich der »alte Herr« angesagt, der seine beiden +Söhne besuchen wollte. Mein Vater ist Ortskommandant eines Städtchens in +der Nähe von Lille, also nicht sehr weit weg von uns. Von oben kann ich +ihn öfters sehen. Er wollte mit dem Zuge um neun Uhr kommen. Um halb +Zehn ist er auf unserem Platz. Wir kommen gerade von einem Jagdflug nach +Hause, und mein Bruder steigt zuerst aus seiner Kiste, begrüßt den alten +Herrn: »Guten Tag, Papa, ich habe eben einen Engländer abgeschossen.« +Darauf steige ich aus meiner Maschine: »Guten Tag, Papa, ich habe eben +einen Engländer abgeschossen.« Der alte Herr war glücklich, es machte +ihm viel Spaß, das sah man ihm an. Er ist nicht einer von den Vätern, +die sich um ihre Söhne bangen, sondern am liebsten möchte er selbst sich +in eine Maschine setzen und auch abschießen – glaube ich wenigstens. Wir +frühstückten erst mit ihm, dann flogen wir wieder. + +In der Zwischenzeit spielte sich ein Luftkampf über unserem eigenen +Flughafen ab, den mein Vater sehr interessiert beobachtete. Wir waren +aber nicht beteiligt, denn wir standen unten und sahen selbst zu. Es war +ein englisches Geschwader, das durchgebrochen war und über unserem +Flughafen von einigen unserer Aufklärungsflieger angegriffen wurde. +Plötzlich überschlägt sich das eine Flugzeug, fängt sich wieder und +kommt herunter im normalen Gleitflug, und wir erkennen mit Bedauern, daß +es diesmal ein Deutscher ist. Die Engländer fliegen weiter. Das deutsche +Flugzeug ist scheinbar angeschossen, kommt aber ganz richtig gesteuert +herunter und versucht, auf unserem Flugplatz zu landen. Der Platz ist +etwas klein für das große Ding. Auch war es dem Piloten unbekanntes +Gelände. So war die Landung nicht ganz glatt. Wir stürzen hin und müssen +mit Bedauern feststellen, daß der eine der Insassen, der +Maschinengewehrschütze, gefallen ist. Dieser Anblick war meinem Vater +etwas Neues und stimmte ihn offenbar sehr ernst. + +Der Tag versprach noch gut zu werden für uns. Wunderbar klares Wetter. +Dauernd hörte man die Abwehrgeschütze; also unentwegter Flugbetrieb. +Gegen Mittag flogen wir wieder. Diesmal hatte ich wieder Glück und hatte +meinen zweiten Engländer an dem Tage abgeschossen. Die Stimmung des +alten Herrn war wieder da. Nach Tisch ein kurzes Schläfchen und man war +wieder ganz auf der Höhe. Wolff war mit seiner Gruppe während der Zeit +am Feinde gewesen und hatte selbst einen erledigt. Auch Schäfer hatte +sich einen zu Gemüte geführt. Nachmittags starteten mein Bruder und ich +mit Schäfer, Festner und Allmenröder noch zweimal. Der erste Flug war +verunglückt, der zweite Flug um so besser. Wir waren nicht lange an der +Front, da kam uns ein feindliches Geschwader entgegen. Leider sind sie +höher als wir. Also können wir nichts machen. Wir versuchen, ihre Höhe +zu erreichen: es glückt uns nicht. Wir müssen sie auslassen, fliegen an +der Front entlang, mein Bruder dicht neben mir, den anderen voraus. Da +sehe ich zwei feindliche Artillerieflieger in ganz unverschämt frecher +Weise nahe an unsere Front herankommen. Ein kurzer Wink meines Bruders, +und wir hatten uns verständigt. Wir fliegen nebeneinander her, unsere +Geschwindigkeit vergrößernd. Jeder fühlt sich so sicher, einmal sich +selbst dem Feinde überlegen. Besonders aber konnte man sich aufeinander +verlassen. Denn das ist eben die Hauptsache. Man muß wissen, mit wem man +fliegt. Also mein Bruder war zuerst an die Gegner heran, greift sich den +ersten, der ihm am nächsten fliegt, heraus, ich mir den zweiten. + +Nun gucke ich mich noch schnell um, daß nicht noch ein dritter in der +Nähe ist; aber wir sind allein. Aug’ in Auge. Ich habe meinem Gegner +bald die günstigste Seite abgerungen, ein kurzes Reihenfeuer, und das +feindliche Flugzeug platzt auseinander. So schnell war mir ein Kampf +noch nie vorgekommen. + +Während ich noch beobachte, wo die Trümmer meines Gegners +herunterstürzen, gucke ich mich nach meinem Bruder um. Er war kaum +fünfhundert Meter von mir entfernt, noch im Kampf mit seinem Gegner. + +Ich hatte Zeit, mir dieses Bild genau anzusehen, und muß sagen, daß ich +selbst es nicht hätte besser machen können. Auch er hatte bereits den +Gegner überrumpelt, und beide drehten sich umeinander. Da plötzlich +bäumt sich das feindliche Flugzeug auf – ein sicheres Zeichen des +Getroffenseins, gewiß hatte der Führer Kopfschuß oder so etwas – das +Flugzeug stürzt, und die Flächen des feindlichen Apparates klappen +auseinander. Die Trümmer fallen ganz in die Nähe meines Opfers. Ich +fliege an meinen Bruder heran und gratuliere ihm, d. h. wir winkten uns +gegenseitig zu. Wir waren befriedigt und flogen weiter. Es ist schön, +wenn man mit seinem Bruder so zusammen fliegen kann. + +Die anderen waren in der Zwischenzeit auch herangekommen und hatten sich +das Schauspiel, das ihnen die beiden Brüder boten, angeguckt, denn +helfen kann man ja nicht, einer kann nur abschießen, und ist einer mit +dem Gegner beschäftigt, so können die anderen nur zusehen, ihm den +Rücken decken, damit er nicht von hinten von einem Dritten belapst wird. + +Wir fliegen weiter, gehen auf größere Höhe, denn oben haben sich einige +aus dem Klub der Anti-Richthofen zusammengefunden. Wir waren mal wieder +gut zu erkennen, die Sonne vom Westen her beleuchtete die Apparate und +ließ sie in ihrer schönen roten Farbe weithin schillern. Wir schlossen +uns eng zusammen, denn jeder wußte, daß man es mit Brüdern zu tun hat, +die dasselbe Metier verfolgen wie wir selbst. Leider sind sie wieder +höher, so daß wir auf ihren Angriff warten müssen. Die berühmten +Dreidecker und Spads, ganz neue Maschinen, aber es kommt eben nicht auf +die Kiste an, sondern auf den, der drinnen sitzt; die Brüder waren +laurig und hatten keinen Mumm. Wir boten ihnen den Kampf an, sowohl bei +uns wie auch drüben. Aber sie wollten ihn nicht annehmen. Wozu prahlen +sie erst mit ihrem Geschwader, das angesetzt ist, um mich abzuschießen, +wenn ihnen nachher doch das Herz in die Hosen fällt? + +Endlich hat einer Mut gefaßt und stößt auf unseren letzten herunter. +Natürlich wird der Kampf angenommen, obwohl es ja für uns ungünstig ist, +denn der, der drüber ist, ist im Vorteil. Aber wenn einem die Kundschaft +nicht mehr gibt, muß man sie halt nehmen, wie sie kommt. Also macht +alles kehrt. Der Engländer merkt es und läßt sofort ab. Nun ist aber der +Anfang gemacht. Ein anderer Engländer versucht das gleiche. Er hat sich +mich als Gegner ausgesucht, und ich begrüße ihn gleich mit einer Salve +aus beiden Maschinengewehren. Dies schien er nicht zu schätzen. Er +versuchte, sich durch einen Sturzflug mir zu entziehen. Das war sein +Verderben. Denn dadurch kam er unter mich. Nun blieb ich über ihm. Was +unter mir ist, womöglich noch allein und auf unserem Gebiet, kann wohl +als verloren gelten, besonders, wenn es ein Einsitzer ist, also ein +Jagdflieger, der nicht nach hinten ’rausschießen kann. Der Gegner hatte +eine sehr gute Maschine und war sehr schnell. Aber es sollte ihm nicht +glücken, seine Linien zu erreichen. Über Lens fing ich an, auf ihn zu +schießen. Ich war noch viel zu weit. Es war aber ein Trick von mir, ich +beunruhigte ihn dadurch. Er kroch auf den Leim und machte Kurven. Dies +nützte ich aus und kam etwas näher heran. Schnell versuchte ich dasselbe +Manöver nochmals und zum drittenmal. Jedesmal fiel mein Freund darauf +’rein. So hatte ich mich sachte an ihn herangeschossen. Nun bin ich ganz +nahebei. Jetzt wird sauber gezielt, noch einen Augenblick gewartet, +höchstens noch fünfzig Meter von ihm entfernt, drücke ich auf beide +Maschinengewehrknöpfe. Erst ein leises Rauschen, das sichere Zeichen des +getroffenen Benzintanks, dann eine helle Flamme, und mein Lord +verschwindet in der Tiefe. + +Dieser war der Vierte an diesem Tage. Mein Bruder hatte zwei. Dazu +hatten wir den alten Herrn scheinbar eingeladen. Die Freude war ganz +ungeheuer. + +Abends hatte ich mir noch einige Herren eingeladen, unter anderen meinen +guten Wedel, der zufällig auch in der Gegend war. Das Ganze war eine +geglückte, verabredete Sache. Sechs Engländer hatten die beiden Brüder +also an einem Tage abgeschossen. Das ist zusammen eine ganze +Fliegerabteilung. Ich glaube, wir waren den Engländern unsympathisch. + + + + +Flug in die Heimat + + +Fünfzig sind abgeschossen. Zweiundfünfzig fand ich besser. Deshalb schoß +ich gleich am selben Tage zwei mehr ab. Es ging eigentlich gegen die +Verabredung. + +Eigentlich hatte man mir bloß einundvierzig zugebilligt; weshalb die +Zahl einundvierzig herauskam, kann sich wohl jeder denken, aber gerade +deshalb wollte ich es durchaus vermeiden. Ich bin kein Rekordarbeiter, +überhaupt liegen uns in der Fliegertruppe alle Rekorde fern. Man erfüllt +nur seine Pflicht. Boelcke hätte hundert abgeschossen, wäre ihm nicht +das Unglück passiert. Und manch anderer der guten gefallenen Kameraden +hätte eine ganz andere Zahl erreichen können, wenn ihn nicht sein +plötzlicher Tod daran verhindert hätte. Aber so ein halbes Hundert macht +einem eben doch auch Spaß. Nun hatte ich es schließlich auch erreicht, +daß man mir fünfzig zubilligte, bevor ich meinen Urlaub antrat. + +Hoffentlich kann ich noch das zweite Fünfzig feiern. + +Am Abend desselben Tages klingelte es, und nichts Geringeres als das +»Große Hauptquartier« wünschte mich zu sprechen. Ich kam mir ganz spaßig +vor, so mit der »Großen Bude« verbunden zu sein. Ich erhielt unter +anderem die erfreuliche Nachricht, daß Seine Majestät den Wunsch +geäußert hätte, mich persönlich zu sprechen, und zwar war gleich der Tag +angesagt: am 2. Mai. Dies ereignete sich aber schon am 30. April abends +neun Uhr. Mit dem Zuge wäre es nicht mehr möglich gewesen, dem Wunsch +des Allerhöchsten Kriegsherrn nachzukommen. So zog ich es vor, was ja +auch viel schöner ist, die Reise auf dem Luftwege zu erledigen. Am +nächsten Morgen wurde gestartet, und zwar nicht in meinem Einsitzer #»Le +petit rouge«#, sondern in einem dicken, großen Zweisitzer. + +Ich setzte mich hinten ’rein, d. h. also nicht an den »Knüppel«. +Arbeiten mußte in diesem Falle der Leutnant Krefft, auch einer der +Herren meiner Jagdstaffel. Er wollte gerade auf Erholungsurlaub, es +paßte also ausgezeichnet. So kam er auch schneller in die Heimat. Es war +ihm nicht unsympathisch. + +Meine Abreise ging etwas Hals über Kopf. Ich konnte in dem Flugzeug +nichts weiter mitnehmen als die Zahnbürste, mußte mich also gleich so +anziehen, wie ich mich im Großen Hauptquartier vorzustellen hatte. Und +so im Felde hat eben der Militärsoldat nicht viel mit von schönen +Kleidungsstücken, jedenfalls nicht so ein armes Frontschwein wie ich. + +Die Führung der Staffel übernahm mein Bruder. Ich verabschiedete mich +kurz, denn ich hoffte, bald im Kreise dieser lieben Menschen meine +Tätigkeit wieder aufnehmen zu können. + +Der Flug ging nun über Lüttich, Namur auf Aachen und Köln. Es war doch +schön, so mal ohne kriegerische Gedanken durch das Luftmeer zu segeln. +Herrliches Wetter, wie wir es schon seit langem nicht gehabt hatten. +Gewiß gab es am heutigen Tage mächtig viel zu tun an der Front. Bald +sind die eigenen Fesselballons nicht mehr zu sehen. Immer weiter weg von +dem Donner der Schlachten von Arras. Unter uns Bilder des Friedens. +Fahrende Dampfer. Dort saust ein #D#-Zug durchs Gelände, wir überholen +ihn spielend. Der Wind ist uns günstig. Die Erde scheint uns wie eine +Tenne so platt. Die schönen Maasberge sind nicht zu erkennen als Berge. +Man erkennt sie nicht einmal am Schatten, denn die Sonne steht fast +senkrecht. Man weiß nur, daß sie vorhanden sind, und mit etwas Phantasie +kann man sich sogar in ihre kühlen Schluchten verkriechen. + +Es war doch etwas spät geworden, und so kamen wir in die Mittagsstunde. +Eine Wolkenschicht zieht sich unter uns zusammen und verdeckt die Erde +völlig. Nach Sonne und Kompaß orientierend fliegen wir weiter. Die Nähe +von Holland ist uns allmählich aber doch unsympathisch, und so ziehen +wir es vor, wieder mit dem Erdboden Fühlung zu nehmen. Wir gehen unter +die Wolke und befinden uns gerade über Namur. Nun geht es weiter nach +Aachen. Aachen lassen wir links liegen und erreichen zur Mittagszeit +Köln. Die Stimmung in unserem Flugzeug war gehoben. Vor uns ein längerer +Urlaub, außerdem das schöne Wetter, die gelungene Sache, wenigstens Köln +erreicht zu haben, und die Gewißheit, daß, wenn einem auch jetzt etwas +passiert, man doch noch das Große Hauptquartier erreichen konnte. + +Man hatte uns in Köln telegraphisch angesagt, so wurden wir dort +erwartet. Am Tage vorher hatte mein zweiundfünfzigster Luftsieg in der +Zeitung gestanden. So war der Empfang auch danach. + +Durch den dreistündigen Flug hatte ich doch etwas Schädelbrummen, und so +zog ich es vor, erst einen kleinen Mittagsschlummer einzulegen, bevor +ich im Großen Hauptquartier eintraf. Wir flogen nun von Köln ein ganzes +Stückchen den Rhein entlang. Ich kannte die Strecke. Ich bin sie oft +gefahren, auf dem Dampfer, mit dem Auto und der Eisenbahn, und nun im +Flugzeug. Was war das Schönste? Es ist schwer zu sagen. Gewisse +Einzelheiten sieht man ja natürlich vom Dampfer aus besser. Aber der +Gesamtblick aus dem Flugzeug ist auch nicht zu verachten. Der Rhein hat +eben einen besonderen Reiz, so auch von oben. Wir flogen nicht zu hoch, +um nicht das Gefühl der Berge völlig zu verlieren, denn das ist doch +wohl das Schönste am Rhein, die riesigen, bewaldeten Höhen, die Burgen +usw. Die einzelnen Häuser konnten wir natürlich nicht sehen. Schade, daß +man nicht langsam und schnell fliegen kann. Ich hätte gewiß den +langsamsten Gang eingestellt. + +Nur zu schnell verschwand ein schönes Bild nach dem anderen. Man hat, +wenn man höher fliegt, ja nicht das Gefühl, daß es sehr schnell vorwärts +geht. In einem Auto oder einem #D#-Zug zum Beispiel kommt einem die +Geschwindigkeit ganz ungeheuer vor, dagegen im Flugzeug eigentlich immer +langsam, wenn man eine gewisse Höhe erreicht hat. Man merkt es +eigentlich erst daran, wenn man mal fünf Minuten nicht ’rausgeguckt hat +und dann mit einem Male wieder die Orientierung aufnimmt. Da ist das +Bild, das man noch kurz vorher im Kopfe hatte, mit einem Male völlig +verändert. Was man unter sich sah, sieht man auf einmal in einem Winkel, +gar nicht zum Wiedererkennen. Deshalb kann man sich so schnell +verorientieren, wenn man mal für einen Augenblick nicht aufpaßt. So +kamen wir am Nachmittag im Großen Hauptquartier an, herzlich empfangen +von einigen mir bekannten Kameraden, die dort in der »Großen Bude« zu +arbeiten haben. Sie tun mir ordentlich leid, die Tintenspione. Sie haben +ja nur den halben Spaß vom Kriege. Zunächst meldete ich mich bei dem +Kommandierenden General der Luftstreitkräfte. Am nächsten Vormittag +ereignete sich nun der große Moment, wo ich Hindenburg und Ludendorff +vorgestellt werden sollte. Ich mußte eine ganze Weile warten. Wie die +Begrüßung im einzelnen war, kann ich eigentlich schlecht schreiben. Erst +meldete ich mich bei Hindenburg, dann bei Ludendorff. + +Es ist ein unheimliches Gefühl in dem Raum, wo das Geschick der Erde +entschieden wird. So war ich ganz froh, wie ich die »Große Bude« wieder +hinter mir hatte und mittags bei Seiner Majestät zum Frühstück befohlen +war. Es war ja heute mein Geburtstag, und irgendeiner hatte es wohl +Seiner Majestät verraten, und so gratulierte er mir. Einmal zu meinem +Erfolg, dann zum fünfundzwanzigsten Lebensjahr. Auch ein kleines +Geburtstagsgeschenk überraschte mich. + +Früher hätte ich es mir wohl nie träumen lassen, daß ich am +fünfundzwanzigsten Geburtstag rechts von Hindenburg sitzen und in einer +Rede vom Generalfeldmarschall erwähnt werden würde. + + * * * * * + +Tags darauf war ich zu Mittag bei Ihrer Majestät eingeladen und fuhr zu +diesem Zweck nach Homburg. Dort war ich zum Frühstück bei Ihrer +Majestät, wurde gleichfalls mit einem Geburtstagsgeschenk bedacht, und +ich hatte noch die große Freude, Ihrer Majestät einen Start +vorzuführen. Abends war ich nochmals bei dem Generalfeldmarschall +v. Hindenburg eingeladen. + +Den Tag darauf flog ich nach Freiburg, um dort einen Auerhahn zu +schießen. Von Freiburg aus benutzte ich ein Flugzeug, das nach Berlin +flog. In Nürnberg wurde Benzin aufgefüllt. Da zog ein Gewitter auf. Ich +hatte es aber dringend eilig, in Berlin anzukommen. Allerhand mehr oder +weniger interessante Dinge warteten dort meiner. So flog ich trotz des +Gewitters weiter. Mir machten die Wolken und das Schweinewetter Spaß. Es +goß mit Kannen. Ab und zu etwas Hagel. Der Propeller sah nachher ganz +toll aus, durch die Hagelkörner zerschlagen, wie eine Säge. Leider +machte mir das Wetter so viel Spaß, daß ich darüber gänzlich vergaß +aufzupassen, wo ich mich befand. Wie ich wieder die Orientierung +aufnehmen will, habe ich keinen Dunst mehr, wo ich bin. Eine schöne +Bescherung! In der Heimat »verfranzt«! Das mußte natürlich gerade mir +passieren. Wie würden die zu Hause sich amüsieren, wenn sie das wüßten! +Aber es war an der Tatsache nichts zu ändern. Ich wußte nicht mehr, wo +ich war. Ich war durch den starken Wind und das niedrige Fliegen sehr +abgetrieben worden und von meiner Karte heruntergekommen und mußte nun +nach Sonne und Kompaß notdürftig die Richtung nach Berlin einhalten. +Städte, Dörfer, Flüsse, Wälder jagen unter mir dahin. Ich erkenne +nichts wieder. Ich vergleiche die Natur mit meiner Karte, aber +vergeblich. Es ist alles anders. Ich bin eben tatsächlich nicht mehr im +Bilde. Es ist mir nicht möglich, die Gegend wiederzuerkennen. Wie sich +später herausstellte, war es allerdings auch ausgeschlossen, denn ich +flog etwa hundert Kilometer neben meinem Kartenrand. + +[Illustration: Der kommandierende General der Luftstreitkräfte, +Exzellenz v. Hoeppner (1), und der Chef des Stabes der Luftstreitkräfte, +Oberstleutnant Thomson (2), mit Rittmeister Manfred Freih. v. Richthofen +(3)] + +[Illustration: Ein Glückwunsch des Kaisers + +aufgenommen am 30. IV. 1917. 4 Uhr 20 Min. vorm. + +aus dem Gr. H. Qu. + +An Krg. schl homb. 27. 29. IV. 8^h nachm. + +Rittm. Freih. von Richthofen + Jagdstaffel Richthofen. + durch A.O.K.G. + +Es wird mir soeben gemeldet, daß Sie heute zum 50. Male als Sieger aus +dem Luftkampf hervorgingen. Ich spreche Ihnen zu diesem glänzenden +Erfolg Meinen herzlichen Glückwunsch und Meine vollste Anerkennung aus. +Mit Bewunderung und Dankbarkeit blickt das Vaterland auf seinen tapferen +Flieger. Gott sei ferner mit Ihnen. + + Wilhelm I. R.] + +Nach etwa zweistündigem Fluge entschlossen sich mein Führer und ich zu +einer Notlandung. Dies ist immer was Unangenehmes, so ohne Flughafen. +Man weiß nicht, wie die Erdoberfläche ist. Kommt ein Rad in ein Loch, +ist die Kiste futsch. Erst versuchten wir noch, auf einem Bahnhof die +Aufschrift der Station zu erkennen, aber Kuchen, natürlich war sie so +klein aufgepinselt, daß man auch nicht einen Buchstaben erkennen konnte. +Also müssen wir landen. Nur schweren Herzens, aber es bleibt uns nichts +anderes übrig. Wir suchen uns eine Wiese, die von oben ganz schön +aussieht, und versuchen unser Heil. Leider sah die Wiese bei näherer +Betrachtung nicht so schön aus. Dies konnte ich auch an einem etwas +verbogenen Fahrgestell feststellen. So hatten wir uns denn völlig mit +Ruhm bekleckert. Erst »verfranzt« und dann die Kiste zerschmissen! Wir +mußten nun also mit einem ganz ordinären Fortbewegungsmittel, dem +#D#-Zug, unsere weitere Reise nach der Heimat antreten. Langsam, aber +sicher erreichten wir Berlin. Wir waren in der Nähe von Leipzig +notgelandet. Hätten wir nicht die Dummheit gemacht, so wären wir gewiß +noch nach Berlin gekommen, aber wie man’s macht, macht man’s falsch. + +Einige Tage später traf ich in meiner Heimatstadt Schweidnitz ein. +Obwohl es sieben Uhr morgens war, hatte sich doch eine ganze Menge +Menschen auf dem Bahnhof angefunden. Die Begrüßung war herzlich. Am +Nachmittag wurden mir verschiedene Ehrungen zuteil, darunter auch durch +Jugendwehr. + +Im großen und ganzen wurde mir klar, daß die Heimat sich für ihre +Kämpfer im Felde doch lebhaft interessiert. + + + + +Mein Bruder + + +Ich war noch nicht acht Tage auf Urlaub, da kriegte ich die +telegraphische Nachricht: »Lothar verwundet, nicht lebensgefährlich.« +Mehr nicht. Nähere Erkundigungen ergaben, daß er wieder mal recht +leichtsinnig gewesen war. Er flog mit Allmenröder zusammen gegen den +Feind. Da sah er tief unten, ziemlich weit drüben, einen allein +herumkrebsenden #Englishman#. Das sind so die feindlichen +Infanterieflieger, die unseren Truppen besonders lästig fallen. +Jedenfalls beunruhigen sie sehr. Ob sie wirklich etwas erreichen mit +ihrem tiefen Rumkrebsen, ist sehr die Frage. Mein Bruder war etwa +zweitausend Meter hoch, der Engländer tausend. Er pürscht sich ’ran, +setzt zum Sturzflug an und ist in wenigen Sekunden bei ihm. Der +Engländer zog es vor, den Kampf zu vermeiden, und verschwand gleichfalls +im Sturzflug in der Tiefe. Mein Bruder, nicht faul, hinterher. Ganz +schnuppe, ob es drüben oder bei uns ist. Nur ein Gedanke: er muß +’runter. Das ist ja auch natürlich das richtige. Ab und zu mache ich’s +auch. Aber wenn es mein Bruder bei jedem Fluge nicht mindestens einmal +gemacht hat, macht ihm das ganze Unternehmen keinen Spaß. Erst ganz kurz +über dem Boden kriegt er ihn wirklich gut vor und kann ihm den Laden +vollschießen. Der Engländer stürzt senkrecht in die Erde. Viel bleibt +nicht mehr übrig. + +Nach so einem Kampfe, besonders in geringer Höhe, in dem man sich so oft +gedreht und gewendet hat, mal rechtsrum und mal linksrum geflogen ist, +hat der normale Sterbliche keine Ahnung mehr, wo er sich befindet. Nun +war es an diesem Tage noch etwas dunstig, also ein besonders ungünstiges +Wetter. Schnell hatte er sich orientiert und merkt erst jetzt, daß er +doch wohl ein ganzes Ende hinter der Front ist. Er war hinter der +Vimy-Höhe. Die Vimy-Höhen sind etwa hundert Meter höher als die andere +Gegend. Mein Bruder war hinter diesen Vimy-Höhen verschwunden – +behaupten jedenfalls die Beobachter von der Erde aus. + +Dieses Nachhausefliegen, bis man seine eigene Stellung erreicht hat, +gehört nicht zu den angenehmsten Gefühlen, die man sich denken kann. Man +kann nichts dagegen tun, daß einen der Gegner beschießt. Nur selten +treffen sie. Mein Bruder näherte sich der Linie. In so geringer Höhe +kann man jeden Schuß hören, es hört sich an, wie wenn Kastanien im Feuer +platzen, wenn der einzelne Infanterist schießt. Da – mit einem Male +fühlte er einen Schlag, getroffen. Das war ihm klar. Er zählt zu den +Menschen, die nicht ihr eignes Blut sehen können. Bei einem anderen +macht es ihm keinen Eindruck; wenigstens weniger. Aber sein eigenes +Blut stört ihn. Er fühlt, wie es ihm warm am rechten Bein herunterläuft, +zur gleichen Zeit auch einen Schmerz in der Hüfte. Unten wird noch immer +geknallt. Also ist er noch drüben. Da endlich hört es so sachte auf, und +er ist über unsere Front hinüber. Nun muß er sich aber beeilen, denn +seine Kräfte lassen zusehends nach. Da sieht er einen Wald, daneben eine +Wiese. Also auf die Wiese zu. Die Zündung schnell herausgenommen, der +Motor bleibt stehen, und in demselben Augenblick ist es alle mit seinen +Kräften, die Besinnung hat ihn verlassen. Er sitzt ja nun ganz allein in +seinem Flugzeug, also ein zweiter konnte ihm nicht helfen. Wie er auf +die Erde hinuntergekommen ist, ist eigentlich ein Wunder. Denn von +allein startet und landet kein Flugzeug. Man behauptet dies nur von +einer alten Taube in Köln, die von einem Monteur zum Start +zurechtgemacht ist und gerade in dem Augenblick, wie der Pilot sich +hineinsetzen will, von allein losfliegt, von allein eine Kurve macht und +nach fünf Minuten wieder landet. Das wollen viele Männer gesehen haben. +Ich habe es nicht gesehen – aber ich bin doch fest davon überzeugt, daß +es wahr ist. Mein Bruder jedenfalls hatte nicht so eine Taube, die von +allein landet, aber trotzdem hatte er sich bei dem Berühren mit dem +Erdboden nichts getan. Erst im Lazarett fand er die Besinnung wieder. +Er wurde nach Douai transportiert. + +Es ist für einen Bruder ein ganz eigenartiges Gefühl, wenn man den +anderen in einen Kampf mit einem Engländer verwickelt sieht. So sah ich +zum Beispiel einmal, wie Lothar hinter dem Geschwader etwas herhängt und +von einem Engländer attackiert wird. Es wäre für ihn ein leichtes +gewesen, den Kampf zu verweigern. Er braucht bloß in der Tiefe zu +verschwinden. Aber nein, das tut er nicht! Der Gedanke kommt ihm +scheinbar gar nicht. Ausreißen kennt er nicht. Zum Glück hatte ich dies +beobachtet und paßte auf. Da sah ich, wie der Engländer, der über ihm +war, immer auf ihn ’runterstößt und schießt. Mein Bruder versucht, seine +Höhe zu erreichen, unbekümmert, ob er beschossen wird oder nicht. Da – +mit einem Male überschlägt sich das Flugzeug, und die rot angestrichene +Maschine stürzt senkrecht, sich um sich selbst drehend, herunter. Keine +gewollte Bewegung, sondern ein regelrechter Absturz. Dieses ist für den +zusehenden Bruder nicht das schönste aller Gefühle. Aber ich habe mich +so sachte daran gewöhnen müssen, denn mein Bruder benutzte es als Trick. +Wie er erkannt hatte, daß der Engländer ihm über war, markierte er ein +Angeschossensein. Der Engländer hinterher, mein Bruder fängt sich und +hat ihn im Umsehen überstiegen. Das feindliche Flugzeug konnte sich +nicht so schnell wieder aufrichten und zur Besinnung kommen, da saß ihm +mein Bruder im Nacken, und einige Augenblicke später schlugen die +Flammen heraus. Dann ist nichts mehr zu retten, dann stürzt das Flugzeug +brennend ab. + +Ich habe mal auf der Erde neben einem Benzintank gestanden, wo hundert +Liter auf einmal explodierten und verbrannten. Ich konnte nicht zehn +Schritt daneben stehen, so heiß wurde mir. Und nun muß man sich +vorstellen, daß auf wenige Zentimeter vor einem so ein Tank von vielen +fünfzig Litern explodiert und der Propellerwind die ganze Glut einem ins +Gesicht treibt. Ich glaube, man ist im ersten Moment schon +besinnungslos, und es geht jedenfalls am schnellsten. + +Aber es passieren doch ab und zu Zeichen und Wunder. So sah ich z. B. +einmal ein englisches Flugzeug brennend abstürzen. Die Flammen schlugen +erst in fünfhundert Metern Höhe heraus. Die Maschine stand in hellen +Flammen. Wie wir nach Hause fliegen, erfahren wir, daß der eine der +Insassen aus fünfzig Metern Höhe herausgesprungen ist. Es war der +Beobachter. Fünfzig Meter Höhe! Man muß sich mal die Höhe überlegen. Der +höchste Kirchturm, der in Berlin ist, reicht gerade heran. Man springe +mal von der Spitze dieses Turmes herunter! Wie man wohl unten ankommen +mag! Die meisten brächen sich’s Genick, wenn sie aus dem Hochparterre +herausspringen würden. Jedenfalls, dieser brave »Franz« sprang aus +seinem brennenden Flugzeug aus fünfzig Meter Höhe heraus, das bereits +mindestens eine Minute gebrannt hatte, und machte sich weiter nichts als +einen glatten Unterschenkelbruch. Er hat sogar, gleich nachdem ihm all +dies passiert ist, noch Aussagen gemacht, also sein seelischer Zustand +hatte nicht einmal gelitten. + +Ein andermal schoß ich einen Engländer ab. Der Flugzeugführer hatte +einen tödlichen Kopfschuß, das Flugzeug stürzte steuerlos, senkrecht, +ohne sich zu fangen, aus dreitausend Metern Höhe in die Erde. Eine ganze +Weile später erst kam ich im Gleitflug hinterher und sah unten weiter +nichts als einen wüsten Haufen. Zu meinem Erstaunen erfuhr ich, der +Beobachter habe nur einen Schädelbruch, und sein Zustand sei nicht +lebensgefährlich. Glück muß eben der Mensch haben. + +Wieder einmal schoß Boelcke einen Nieuport ab. Ich sah es selbst. Das +Flugzeug stürzte wie ein Stein. Wir fuhren hin und fanden das Flugzeug +bis zur Hälfte im Lehm vergraben. Der Insasse, ein Jagdflieger, war +durch einen Bauchschuß besinnungslos und hatte sich beim Aufschlagen nur +einen Arm ausgekugelt. Er ist nicht gestorben. + +Andererseits habe ich es wieder erlebt, daß ein guter Freund von mir bei +einer Landung mit einem Rade in ein Karnickelloch kam. Die Maschine +hatte überhaupt keine Geschwindigkeit mehr und stellte sich ganz langsam +auf den Kopf, überlegte sich, nach welcher Seite sie umkippen sollte, +fiel auf den Rücken – und der arme Kerl hatte das Genick gebrochen. + + * * * * * + +Mein Bruder Lothar ist Leutnant bei den Vierten Dragonern, war vor dem +Kriege auf Kriegsschule, wurde gleich zu Anfang Offizier und hat, +gleichwie ich, den Krieg als Kavallerist begonnen. Was er da alles an +Heldentaten begangen hat, ist mir unbekannt, da er nie von sich selbst +spricht. Man hat mir nur folgende Geschichte erzählt: Es war im Winter +1914, sein Regiment lag an der Warthe, die Russen auf der anderen Seite. +Kein Mensch wußte, rücken sie oder bleiben sie. Die Ufer waren zum Teil +gefroren, so daß man schlecht durchreiten konnte. Brücken gab’s +natürlich nicht, die hatten die Russen abgerissen. Da schwamm mein +Bruder durch, stellte fest, wo die Russen waren, und kam +zurückgeschwommen. Dieses alles im strengen russischen Winter bei +soundso viel Grad minus. Seine Kleider waren nach wenigen Minuten +festgefroren, und darunter, behauptete er, sei es ganz warm gewesen. So +ritt er den ganzen Tag, bis er abends in sein Quartier kam. Dabei hat er +sich nicht erkältet. + +Im Winter 1915 ging er auf mein Drängen hin zur Fliegerei, wurde, +gleichwie ich, Beobachter. Erst ein Jahr später Flugzeugführer. Die +Schule als Beobachter ist gewiß nicht schlecht, gerade für einen +Jagdflieger. März 1917 machte er sein drittes Examen und kam sofort zu +meiner Jagdstaffel. + +Er war also noch ein ganz, ganz junger und ahnungsloser Flugzeugführer, +der noch an kein Looping und ähnliche Scherze dachte, sondern zufrieden +war, wenn er ordentlich landen und starten konnte. Nach vierzehn Tagen +nahm ich ihn zum ersten Male mit gegen den Feind und bat ihn, dicht +hinter mir zu fliegen, um sich die Sache mal genau anzusehen. Nach dem +dritten Fluge mit ihm sehe ich mit einem Male, wie er sich von mir +trennt und sich gleichfalls auf einen Engländer stürzt und ihn erlegt. +Mein Herz hüpfte vor Freude, als ich dies sah. Es war mir wieder mal ein +Beweis, wie wenig das Abschießen eine Kunst ist. Es ist nur die +Persönlichkeit oder, anders ausgedrückt, der Schneid des Betreffenden, +der die Sache macht. Ich bin also kein Pégoud, will es auch nicht sein, +sondern nur Soldat, und tue meine Pflicht. + +Vier Wochen später hatte mein Bruder bereits zwanzig Engländer +abgeschossen. Dies dürfte wohl einzig dastehen in der ganzen Fliegerei, +daß ein Flugzeugführer vierzehn Tage nach seinem dritten Examen den +ersten und vier Wochen nach dem ersten zwanzig Gegner abgeschossen hat. + +Sein zweiundzwanzigster Gegner war der berühmte Captain Ball, weitaus +der beste englische Flieger. Den seinerzeit ebenso bekannten Major +Hawker hatte ich mir vor einigen Monaten bereits zur Brust genommen. Es +machte mir besonders Freude, daß es nun mein Bruder war, der den zweiten +Champion Englands erledigte. Captain Ball flog einen Dreidecker und +begegnete meinem Bruder einzeln an der Front. Jeder versuchte den +anderen zu fassen. Keiner gab sich eine Blöße. Es blieb bei einem kurzen +Begegnen. Immer nur auf sich zufliegend. Nie glückte es dem einen, sich +hinter den anderen zu setzen. Da entschlossen sich plötzlich beide in +dem kurzen Augenblick des Aufeinanderzufliegens, einige wohlgezielte +Schüsse abzugeben. Beide fliegen aufeinander zu. Beide schießen. Jeder +hat vor sich einen Motor. Die Treffwahrscheinlichkeiten sind sehr +gering, die Geschwindigkeit doppelt so groß wie normal. Eigentlich +unwahrscheinlich, daß einer von beiden trifft. Mein Bruder, der etwas +tiefer war, hatte dabei seine Maschine stark überzogen und überschlug +sich, verlor das Gleichgewicht, und seine Maschine wurde für einige +Momente steuerlos. Bald hatte er sie wieder gefangen, mußte aber +feststellen, daß ihm der Gegner beide Benzintanks zerschossen hatte. +Also landen! Schnell die Zündung ’raus, sonst brennt die Kiste. Der +nächste Gedanke aber war: Wo bleibt mein Gegner? Im Augenblick des +Überschlagens hatte er gesehen, wie sich der Gegner gleichfalls +aufbäumte und überschlagen hatte. Er konnte also nicht allzu weit von +ihm entfernt sein. Der Gedanke herrscht: Ist er über mir oder unter mir? +Drüber war er nicht mehr, dafür aber sah er unter sich den Dreidecker +sich dauernd überschlagen und noch immer tiefer stürzen. Er stürzte und +stürzte, ohne sich zu fangen, bis auf den Boden. Dort zerschellte er. Es +war auf unserem Gebiet. Beide Gegner hatten sich in dem kurzen +Augenblick des Begegnens mit ihren starren Maschinengewehren getroffen. +Meinem Bruder waren die beiden Benzintanks zerschossen, und im selben +Augenblick hatte der Captain Ball einen Kopfschuß bekommen. Er trug bei +sich einige Photographien und Zeitungsausschnitte seiner +Heimatprovinzen, in denen er sehr angefeiert wurde. Er schien kurze Zeit +zuvor noch auf Urlaub gewesen zu sein. Zu Boelckes Zeiten hatte Captain +Ball sechsunddreißig deutsche Apparate vernichtet. Auch er hat einen +Meister gefunden. Oder war es Zufall, daß eine Größe wie er gleichfalls +den normalen Heldentod sterben mußte? + +Captain Ball war ganz gewiß der Führer des Anti-Richthofen-Geschwaders, +und ich glaube, der #Englishman# wird es nun lieber aufstecken, mich zu +fangen. Das täte uns leid, denn dadurch würde uns manche schöne +Gelegenheit genommen, bei der wir die Engländer gut belapsen könnten. + +Wäre mein Bruder nicht am 5. Mai verwundet worden, ich glaube, er wäre +nach meiner Rückkehr vom Urlaub gleichfalls mit Zweiundfünfzig auf +Urlaub geschickt worden. + + + + +Lothar ein »Schießer« und nicht ein Weidmann + + +Mein Vater macht einen Unterschied zwischen einem Jäger (Weidmann) und +einem Schießer, dem es nur Spaß macht, zu schießen. Wenn ich einen +Engländer abgeschossen habe, so ist meine Jagdpassion für die nächste +Viertelstunde beruhigt. Ich bringe es also nicht fertig, zwei Engländer +unmittelbar hintereinander abzuschießen. Fällt der eine herunter, so +habe ich das unbedingte Gefühl der Befriedigung. Erst sehr, sehr viel +später habe ich mich dazu überwunden und mich zum Schießer ausgebildet. + +Bei meinem Bruder war es anders. Wie er seinen vierten und fünften +Gegner abschoß, hatte ich Gelegenheit, ihn zu beobachten. Wir griffen +ein Geschwader an. Ich war der erste. Mein Gegner war bald erledigt. Ich +gucke mich um und sehe, wie mein Bruder hinter einem Engländer sitzt, +aus dem gerade die Flamme herausschlägt und dessen Maschine explodiert. +Neben diesem Engländer fliegt ein zweiter. Er machte weiter nichts, als +daß er von dem ersten, der noch gar nicht mal ’runtergefallen war und +sich noch in der Luft befand, sein Maschinengewehr auf den nächsten +richtete und sofort weiterschoß, kaum daß er absetzte. Auch dieser fiel +nach kürzerem Kampf. + +Zu Hause fragte er mich stolz: »Wieviel hast du abgeschossen?« Ich +sagte ganz bescheiden: »Einen.« Er dreht mir den Rücken und sagt: »Ich +habe zwei,« worauf ich ihn zur Nachsuche nach vorn schickte. Er mußte +feststellen, wie seine Kerle hießen usw. Am späten Nachmittag kommt er +zurück und hat nur einen gefunden. + +Die Nachsuche war also schlecht, wie überhaupt bei solchen Schießern. +Erst am Tage darauf meldete die Truppe, wo der andere lag. Daß er +’runtergefallen war, hatten wir ja alle gesehen. + + + + +Der Auerochs + + +Der Fürst Pleß hatte mir gelegentlich eines Besuches im Hauptquartier +erlaubt, bei ihm auf seiner Jagd ein Wisent abzuschießen. Der Wisent ist +das, was im Volksmund mit Auerochse bezeichnet wird. Auerochsen sind +ausgestorben. Der Wisent ist auf dem besten Wege, das gleiche zu tun. +Auf der ganzen Erde gibt es nur noch zwei Stellen, und das ist in Pleß +und beim Revier des ehemaligen Zaren im Bialowiczer Forst. Der +Bialowiczer Forst hat natürlich durch den Krieg kolossal gelitten. So +manchen braven Wisent, den sonst nur hohe Fürstlichkeiten und der Zar +abgeschossen hätten, hat sich ein Musketier zu Gemüte geführt. + +Mir war also durch die Güte Seiner Durchlaucht der Abschuß eines so +seltenen Tieres erlaubt worden. In etwa einem Menschenalter gibt es +diese Tiere nicht mehr, da sind sie ausgerottet. + +Ich kam am Nachmittag des 26. Mai in Pleß an und mußte gleich vom +Bahnhof losfahren, um den Stier noch am selben Abend zu erlegen. Wir +fuhren die berühmte Straße durch den Riesenwildpark des Fürsten entlang, +auf der wohl manche gekrönte Häupter vor mir entlang gefahren sind. Nach +etwa einer Stunde stiegen wir aus und hatten nun noch eine halbe Stunde +zu laufen, um auf meinen Stand zu kommen, während die Treiber bereits +aufgestellt waren, um auf das gegebene Zeichen mit dem Drücken zu +beginnen. Ich stand auf der Kanzel, auf der, wie mir der Oberwildmeister +berichtete, bereits mehrmals Majestät gestanden hat, um so manchen +Wisent von da aus zur Strecke zu bringen. Wir warten eine ganze Zeit. Da +plötzlich sah ich im hohen Stangenholz ein riesiges schwarzes Ungetüm +sich heranwälzen, genau auf mich zu. Ich sah es noch eher als der +Förster, machte mich schußfertig und muß sagen, daß ich doch etwas +Jagdfieber kriegte. Es war ein mächtiger Stier. Auf zweihundertfünfzig +Schritt verhoffte er noch einen Augenblick. Es war mir zu weit, um zu +schießen. Getroffen hätte man ja vielleicht das Ungetüm, weil man eben +an so einem Riesending überhaupt nicht vorbeischießen kann. Aber die +Nachsuche wäre doch eine unangenehme Sache gewesen. Außerdem die +Blamage, vorbeizuschießen. Also warte ich lieber, daß er mir näher +kommt. Er mochte wohl wieder die Treiber gespürt haben, denn mit einem +Male machte er eine ganz kurze Wendung und kam in windender Fahrt, die +man so einem Tiere nie zugetraut hätte, heran, genau spitz auf mich zu. +Schlecht zum Schießen. Da verschwand er hinter einer Gruppe von dichten +Fichten. Ich hörte ihn noch schnaufen und stampfen. Sehen konnte ich ihn +nicht mehr. Ob er Wind von mir bekommen hatte oder nicht, weiß ich +nicht. Jedenfalls war er weg. Noch einmal sah ich ihn auf eine große +Entfernung, dann war er verschwunden. + +War es der ungewohnte Anblick eines solchen Tieres oder wer weiß was – +jedenfalls hatte ich in dem Augenblick, wo der Stier herankam, dasselbe +Gefühl, dasselbe Jagdfieber, das mich ergreift, wenn ich im Flugzeug +sitze, einen Engländer sehe und ihn noch etwa fünf Minuten lang +anfliegen muß, um an ihn heranzukommen. Nur mit dem einen Unterschied, +daß sich der Engländer wehrt. Hätte ich nicht auf einer so hohen Kanzel +gestanden, wer weiß, ob da nicht noch andere moralische Gefühle +mitgespielt hätten? + +Es dauerte nicht lange, da kommt der zweite. Auch ein mächtiger Kerl. Er +macht es mir sehr viel leichter. Auf etwa hundert Schritt verhofft er +und zeigt mir sein ganzes Blatt. Der erste Schuß traf, er zeichnet. Ich +hatte ihm einen guten Blattschuß verpaßt. Hindenburg hatte mir einen +Monat vorher gesagt: »Nehmen Sie sich recht viel Patronen mit. Ich habe +auf meinen ein halbes Dutzend verbraucht, denn so ein Kerl stirbt ja +nicht. Das Herz sitzt ihm so tief, daß man meistenteils vorbeischießt.« +Und es stimmte. Das Herz, trotzdem ich ja genau wußte, wo es saß, hatte +ich nicht getroffen. Ich repetierte. Der zweite Schuß, der dritte, da +bleibt er stehen, schwerkrank. Vielleicht auf fünfzig Schritt vor mir. + +Fünf Minuten später war das Ungetüm verendet. Die Jagd wurde +abgebrochen und »Hirsch tot« geblasen. Alle drei Kugeln saßen ihm dicht +überm Herzen, sehr gut Blatt. + +Wir fuhren nun an dem schönen Jagdhaus des Fürsten vorbei und noch eine +Weile durch den Wildpark, in dem alljährlich zu der Brunstzeit die Gäste +des Fürsten ihren Rothirsch usw. erlegen. Wir hielten noch und sahen uns +das Innere des Hauses im Promnitz an. Auf einer Halbinsel gelegen, mit +wunderschönem Blick, auf fünf Kilometer Entfernung kein menschliches +Wesen. Man hat nicht mehr das Gefühl, in einem Wildpark zu sein, wie man +sich wohl im allgemeinen vorstellt, wenn man von der Fürstlich Pleßschen +Jagd spricht. Vierhunderttausend Morgen Gatter sind eben kein Wildpark +mehr. Da gibt es kapitale Hirsche, die nie ein Mensch gesehen hat, die +kein Förster kennt, und die gelegentlich in der Brunstzeit erlegt +werden. Man kann wochenlang laufen, um ein Wisenttier zu Gesicht zu +bekommen. In manchen Jahreszeiten ist es ausgeschlossen, sie überhaupt +zu sehen. Dann sind sie so heimlich, daß sie sich in den Riesenwäldern +und unendlichen Dickichten vollständig verkriechen. Wir sahen noch +manchen Hirsch im Bast und manchen guten Bock. + +Nach etwa zwei Stunden kamen wir kurz vor Dunkelheit wieder in Pleß an. + + + + +Infanterie-, Artillerie- und Aufklärungsflieger + + +Wäre ich nicht Jagdflieger geworden, ich glaube, ich hätte mir das +Infanteriefliegen ausgesucht. Es ist einem doch eine große Befriedigung, +wenn man unserer am schwersten kämpfenden Truppe direkte Hilfe leisten +kann. Der Infanterieflieger ist in der Lage, dies zu tun. Er hat damit +eine dankbare Aufgabe. Ich habe in der Arras-Schlacht so manchen dieser +tüchtigen Leute beobachten können, wie sie bei jedem Wetter und zu jeder +Tageszeit in niedriger Höhe über den Feind flogen und die Verbindung mit +unserer schwer kämpfenden Truppe suchten. Ich verstehe es, wie man sich +dafür begeistern kann, ich glaube, so manch einer hat Hurra gebrüllt, +wenn er die feindlichen Massen hat nach einem Angriff zurückfluten sehen +und unsere schneidige Infanterie aus den Gräben hervorkam und den +zurückflutenden Gegner Auge in Auge bekämpfte. So manches Mal habe ich +den Rest meiner Patronen nach einem Jagdflug auf die feindlichen +Schützengräben verschossen. Wenn es auch wenig hilft, so macht es doch +moralischen Eindruck. + +Artillerieflieger bin ich auch selbst gewesen. Es war zu meiner Zeit +etwas Neues, mit Funkentelegraphie das Schießen der eigenen Artillerie +zu leiten. Aber dazu gehört eine ganz besondere Begabung. Ich konnte +mich auf die Dauer nicht dazu eignen. Der Kampf ist mir lieber. Zum +Artilleriefliegen muß man wohl selbst zur Waffe gehören, um das nötige +Verständnis mitzubringen. + +Aufklärungsfliegen habe ich auch getrieben, und zwar in Rußland im +Bewegungskriege. Da war ich noch einmal Kavallerist, d. h. ich kam mir +so vor, wenn ich mit meinem stählernen Pegasus loszog. Jene Tage mit +Holck über den Russen sind mit meine schönste Erinnerung. Aber das Bild +der Bewegung kommt scheinbar nicht wieder. + +Im Westen sieht der Aufklärungsflieger ganz etwas anderes, als das Auge +des Kavalleristen gewohnt ist. Die Dörfer und Städte, die Eisenbahnen +und Straßen sehen so tot und still aus, und trotzdem ist auf ihnen ein +ungeheurer Verkehr, der aber dem Flieger mit großer Geschicklichkeit +verborgen wird. Nur ein ganz, ganz geübtes Auge vermag aus den rasenden +Höhen etwas Bestimmtes zu beobachten. Ich habe gute Augen, aber es +erscheint mir zweifelhaft, ob es überhaupt einen gibt, der etwas Genaues +aus fünftausend Metern Höhe auf einer Chaussee erkennen kann. Man ist +also auf etwas anderes angewiesen, was das Auge ersetzt, das ist der +photographische Apparat. Man photographiert also all das, was man für +wichtig hält, und was man photographieren soll. Kommt man nach Hause +und die Platten sind verunglückt, so ist der ganze Flug umsonst gewesen. + +Dem Aufklärungsflieger begegnet es oft, daß er in einen Kampf verwickelt +wird, aber er hat Wichtigeres zu tun, als sich mit dem Kampf zu +beschäftigen. Oft ist eine Platte wichtiger als das Abschießen eines +ganzen Apparates, deshalb ist er in den meisten Fällen gar nicht dazu +berufen, luftzukämpfen. + +Es ist eine schwere Aufgabe heutzutage, im Westen eine gute Aufklärung +durchzuführen. + + + + +Unsere Flugzeuge + + +Wie wohl jedem klar ist, haben sich im Laufe des Krieges unsere +Flugzeuge etwas verändert. Der größte Unterschied ist zwischen einem +Riesenflugzeug und einem Jagdflugzeug. + +Das Jagdflugzeug ist klein, schnell, wendig, trägt aber nichts. Nur die +Patronen und die Maschinengewehre. + +Das Riesenflugzeug – man muß sich bloß das erbeutete englische +Riesenflugzeug ansehen, das auf unserer Seite glatt gelandet ist, ist +ein Koloß, nur dazu bestimmt, durch große Flächen möglichst viel zu +tragen. Es schleppt unheimlich viel; dreitausend bis fünftausend +Kilogramm sind gar nichts dafür. Die Benzintanks sind die reinen +Eisenbahntankwagen. Man hat nicht mehr das Gefühl des Fliegens in so +einem großen Ding, sondern man »fährt«. Das Fliegen wird nicht mehr +durch das Gefühl, sondern durch technische Instrumente gemacht. + +So ein Riesenflugzeug hat unheimlich viel Pferdekräfte. Die Zahl weiß +ich nicht genau, aber es sind viele tausend. Je mehr, je besser. Es ist +nicht ausgeschlossen, daß wir noch mal ganze Divisionen in so einem Ding +transportieren können. In ihrem Rumpf kann man spazierengehen. In der +einen Ecke ist ein unbeschreibliches Etwas, da haben die Gelehrten +einen Funkentelegraphen hineingebaut, mit dem man sich im Fluge mit der +Erde völlig verständigen kann. In der anderen Ecke hängen die schönsten +Zervelatwürste, die berühmten Fliegerbomben, vor denen die unten solche +Angst haben. Aus jeder Ecke starrt der Lauf eines Gewehrs. Eine +fliegende Festung ist es. Die Tragflächen mit ihren Streben kommen einem +vor wie Säulenhallen. Ich kann mich für diese Riesenkähne nicht +begeistern. Ich finde sie gräßlich, unsportlich, langweilig, +unbeweglich. Mir gefällt mehr ein Flugzeug wie #»le petit rouge«#. Mit +dem Ding ist es ganz egal, ob man auf dem Rücken fliegt, es senkrecht +auf den Kopf stellt oder sonst welche Zicken macht, man fliegt eben wie +ein Vogel, und doch ist es kein »Schwingenfliegen« wie der Vogel +Albatros, sondern das ganze Ding ist eben ein »fliegender Motor«. Ich +glaube, wir werden noch so weit kommen, daß wir uns Fliegeranzüge für +zwei Mark fünfzig Pfennig kaufen können, in die man einfach +’reinkriecht. An einem Ende ist ein Motörchen und ein Propellerchen, die +Arme steckt man in die Tragflächen und die Beine in den Schwanz, dann +hopst man etwas, das ist der Start, und dann geht es gleich einem Vogel +durch die Lüfte. + +Du lachst gewiß, lieber Leser, ich auch, aber ob unsere Kinder lachen +werden, ist noch nicht heraus. Man hätte auch gelacht, wenn einer vor +fünfzig Jahren erzählt hätte, er würde über Berlin hinwegfliegen. Ich +sehe noch Zeppelin, wie er im Jahre 1910 zum ersten Male nach Berlin +kam, und jetzt guckt die Berliner Range kaum noch nach oben, wenn so ein +Ding durch die Luft braust. + +Außer diesen Riesenflugzeugen und dem Ding für Jagdflieger gibt es nun +noch eine unzählige Menge von anderen in jeder Größe. Man ist noch lange +nicht am Ende der Erfindungen. Wer weiß, was wir in einem Jahr verwenden +werden, um uns in den blauen Äther zu bohren! + + + +_Verlag Ullstein & Co, Berlin_ + + +Die Abenteuer des Fliegers von Tsingtau + +Meine Erlebnisse in drei Erdteilen von Kapitänleutnant Gunther Plüschow + +_550.–600. Tausend_ + +Aus dem Inhalt: + +Der letzte Tag von Tsingtau / Beim Mandarin von Hai-Dschou / Als +Millionär nach Amerika – als Schlossergeselle nach Europa / In Gibraltar +gefangen / In England hinter Mauern und Stacheldraht / Die Flucht aus +dem Gefangenenlager / Als Vagabund in London / Schwarze Nächte an der +Themse / Als blinder Passagier nach Holland / Wieder im Vaterland + + +Die Abenteuer des Ostseefliegers + +von Leutnant zur See Erich Killinger + +_301.–350. Tausend_ + +Aus dem Inhalt: + +Abgeschossen / Fünf Stunden im Eiswasser / In der Peter-Pauls-Festung / +Sibirien! / Der Sprung aus dem Schnellzug / Sechs Wochen in der +mandschurischen Wüste / Als »Monsieur du Fais« in Japan / Erster Klasse +nach Amerika / Als Vollmatrose nach Norwegen + + +Zeppeline über England + +von *** + +_140.–170. Tausend_ + +Eine lebensvolle und von der ersten bis zur letzten Zeile aufs höchste +spannende Schilderung der Taten unserer Luftflotte. Wir sehen die +rastlose harte Arbeit auf der Werft und begleiten eines der neuen +Riesenfahrzeuge auf einer Abnahmefahrt. Donnernd und brausend stimmen +dann die Motoren ihr Lied an zur großen Fahrt in Feindesland, übers +Meer, nach London. + + +300 000 Tonnen versenkt! + +Meine #U#-Boots-Fahrten + +von Kapitänleutnant Max Valentiner + +_1.–100. Tausend_ + +Aus dem Inhalt: + +Im Kampf mit #U#-Boots-Fallen / Im Schwarzen Meer / Was wir vor einem +Damenbad erlebten / Unser gefährlichstes Abenteuer / Jagd auf hoher See +/ Im Schlepp nach Madeira / Ein Sonntagmorgen in Funchal / Mann über +Bord / Im Netz + + +Die Fahrt der Deutschland + +von Kapitän Paul König + +_501.–550. Tausend_ + +In einer Sprache, in der noch die ganze Unmittelbarkeit des Erlebnisses +nachklingt, gibt Kapitän Paul König die Geschichte seiner für alle +Zeiten denkwürdigen Fahrten. Vom Bau der »Deutschland« erzählt er, von +der Ausreise, vom Kampf mit den Elementen, von der Verfolgung durch die +Feinde, von der Ankunft in Baltimore, von der glücklichen Heimkehr. + + +Als #U#-Boots-Kommandant gegen England + +von Kapitänleutnant Freiherrn v. Forstner + +_86.–95. Tausend_ + +Zum erstenmal berichtet hier ein deutscher Unterseeboots-Kommandant von +dem, was unserem schlimmsten Feind Angst und Schrecken einjagt, von den +Erfolgen im Handelskrieg gegen England. Im Nordatlantik, im Kanal, in +der Irischen See hat Kapitänleutnant von Forstner mit seiner Mannschaft +kühne Beutezüge unternommen. + + +Die Fahrten der »Goeben« im Mittelmeer + +von Leutnant zur See Kraus + +Ein Offizier der »Goeben« erzählt die Taten seines Schiffes, den großen +Durchbruch bei Messina, die wilde Jagd durch das Ionische Meer, das +Entrinnen. Voll atemloser Spannung ist die Darstellung des Leutnants +Kraus und sieghaft heiter auch in den drohendsten Momenten dieser Fahrt, +die mit dem Aufsteigen des Roten Halbmonds an der Gaffel der »Goeben« +abschließt. + + +Die Fahrten der »Breslau« im Schwarzen Meer + +von Oberleutnant zur See Dönitz + +Ein Offizier der »Breslau«–»Midilli« hat dieses Werk verfaßt, das ihre +abenteuerlichen Kriegsfahrten durch das Schwarze Meer wiedergibt, nicht +als Darstellung eines Unbeteiligten, sondern als packendes Erlebnis. In +dichtester Folge drängen sich die Kriegsepisoden. Und auch der Ruhezeit +am Goldenen Horn, des farbenbunten Orientlebens gedenkt dieses +fröhliche, temperamentvolle Buch von der »Breslau«. + + +Kreuzerfahrten und #U#-Bootstaten + +von Otto von Gottberg + +Mit Unterstützung der Flottenleitung hat Otto von Gottberg die packenden +Berichte niedergeschrieben, die hier in einem Ehrenbuch der deutschen +Kriegsmarine vereinigt sind. Er schildert die kühnen Fahrten unserer +Kreuzer und #U#-Boote, die durch rollende Fluten dem Feinde +entgegenziehen. + + +_Jeder Band 1 Mark_ + +[Illustration: Ullstein & Co Berlin SW 68] + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Die nachfolgende Tabelle enthält eine +Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen. + +S. 070: [Punkt ergänzt] einen Gesinnungstüchtigen zu finden. +S. 074: As junger Flugzeugführer -> Als +S. 081: daß wir nach Rußlang gingen -> Rußland +S. 092: [Zeichensetzung vereinheitlicht] mußt du’s machen«. -> machen.« +S. 097: [vereinheitlicht] etwa vierzig kennen gelernt -> kennengelernt +S. 152: [Punkt ergänzt] mein Lord verschwindet in der Tiefe. + +Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen +wurden folgendermaßen ersetzt: + +Sperrung: _gesperrter Text_ +Antiquaschrift: #Antiquatext# ] + + + +[Transcriber’s Notes: The table below lists all corrections applied to +the original text. + +p. 070: [added period] einen Gesinnungstüchtigen zu finden. +p. 074: As junger Flugzeugführer -> Als +p. 081: daß wir nach Rußlang gingen -> Rußland +p. 092: [normalized punktuation] mußt du’s machen«. -> machen.« +p. 097: [normalized] etwa vierzig kennen gelernt -> kennengelernt +p. 152: [added period] mein Lord verschwindet in der Tiefe. + +The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been +replaced by: + +Spaced-out: _spaced out text_ +Antiqua: #text in Antiqua font# ] + + + + + +End of Project Gutenberg's Der rote Kampfflieger, by Manfred von Richthofen + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ROTE KAMPFFLIEGER *** + +***** This file should be named 24572-0.txt or 24572-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/4/5/7/24572/ + +Produced by Markus Brenner, Irma Spehar and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/24572-0.zip b/24572-0.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..fa5d5ca --- /dev/null +++ b/24572-0.zip diff --git a/24572-8.txt b/24572-8.txt new file mode 100644 index 0000000..8634347 --- /dev/null +++ b/24572-8.txt @@ -0,0 +1,4460 @@ +Project Gutenberg's Der rote Kampfflieger, by Manfred von Richthofen + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der rote Kampfflieger + +Author: Manfred von Richthofen + +Release Date: February 11, 2008 [EBook #24572] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ROTE KAMPFFLIEGER *** + + + + +Produced by Markus Brenner, Irma Spehar and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + Der rote + Kampfflieger + + von + + Rittmeister + Manfred Freiherrn von Richthofen + + 151.-200. Tausend + + + 1917 + + Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien + + + + Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten. + Amerikanisches Copyright 1917 by Ullstein & Co, Berlin. + + + + +Inhalt + + +Einiges von meiner Familie 9 + +Meine Kadettenzeit 12 + +Eintritt in die Armee 14 + +Erste Offizierszeit 16 + +Kriegsausbruch 19 + +Überschreiten der Grenze 21 + +Nach Frankreich 25 + +Wie ich auf Patrouille zum erstenmal die Kugeln + pfeifen hörte 31 + +Patrouillenritt mit Loen 37 + +Langeweile vor Verdun 41 + +Das erstemal in der Luft! 45 + +Beobachtungsflieger bei Mackensen 48 + +Mit Holck in Rußland 49 + +Rußland--Ostende 55 + +Ein Tropfen Blut fürs Vaterland 59 + +Mein erster Luftkampf 61 + +In der Champagne-Schlacht 63 + +Wie ich Boelcke kennenlernte 65 + +Der erste Alleinflug 67 + +Aus meiner Döberitzer Ausbildungszeit 69 + +Erste Zeit als Pilot 72 + +Holck [Symbol: Kreuz] 74 + +Ein Gewitterflug 76 + +Das erstemal auf einem Fokker 79 + +Bombenflüge in Rußland 81 + +Endlich! 88 + +Mein erster Engländer 90 + +Somme-Schlacht 94 + +Boelcke [Symbol: Kreuz] 96 + +Der Achte 99 + +Major Hawker 103 + +#Pour le mérite# 106 + +#Le petit rouge# 108 + +Englische und französische Fliegerei 110 + +Selbst abgeschossen 112 + +Ein Fliegerstückchen 120 + +Erste Dublette 122 + +Mein bisher erfolgreichster Tag 127 + +»Moritz« 130 + +Englischer Bombenangriff auf unseren Flughafen 133 + +Schäfers Notlandung zwischen den Linien 139 + +Das Anti-Richthofen-Geschwader 144 + +Der »alte Herr« kommt uns besuchen 147 + +Flug in die Heimat 154 + +Mein Bruder 163 + +Lothar ein »Schießer« und nicht ein Weidmann 174 + +Der Auerochs 176 + +Infanterie-, Artillerie- und Aufklärungsflieger 180 + +Unsere Flugzeuge 183 + + +[Illustration: Rittmeister Manfred Freiherr v. Richthofen] + + + + +Einiges von meiner Familie + + +Die Familie Richthofen hat sich in den bisherigen Kriegen an führender +Stelle eigentlich verhältnismäßig wenig betätigt, da die Richthofens +immer auf ihren Schollen gesessen haben. Einen Richthofen, der nicht +angesessen war, gab es kaum. War er's nicht, so war er meistenteils in +Staatsdiensten. Mein Großvater, und von da ab alle meine Vorväter, saßen +in der Gegend von Breslau und Striegau auf ihren Gütern. Erst in der +Generation meines Großvaters wurde ein Vetter meines Großvaters als +erster Richthofen General. + +In der Familie meiner Mutter, einer geborenen von Schickfuß und Neudorf, +ist es ähnlich wie bei den Richthofens: wenig Soldaten, nur Agrarier. +Der Bruder meines Urgroßvaters Schickfuß fiel 1806. In der Revolution +1848 wurde einem Schickfuß eines seiner schönsten Schlösser abgebrannt. +Im übrigen haben sie's alle bloß bis zum Rittmeister der Reserve +gebracht. + +Auch in der Familie Schickfuß sowohl wie Falckenhausen -- meine +Großmutter ist eine Falckenhausen -- kann man nur zwei Hauptinteressen +verfolgen. Das ist Reiten, siehe Falckenhausen, und Jagen, siehe den +Bruder meiner Mutter, Onkel Alexander Schickfuß, der sehr viel in +Afrika, Ceylon, Norwegen und Ungarn gejagt hat. + +Mein alter Herr ist eigentlich der erste in unserem Zweig, der auf den +Gedanken kam, aktiver Offizier zu werden. Er kam früh ins Kadettenkorps +und trat später von dort bei den 12. Ulanen ein. Er ist der +pflichttreueste Soldat, den man sich denken kann. Er wurde schwerhörig +und mußte den Abschied nehmen. Seine Schwerhörigkeit holte er sich, wie +er einen seiner Leute bei der Pferdeschwemme aus dem Wasser rettete und +nachher seinen Dienst beendete, ohne die Kälte und Nässe zu +berücksichtigen. + +Unter der heutigen Generation sind natürlich sehr viel mehr Soldaten. Im +Kriege ist jeder waffenfähige Richthofen bei der Fahne. So verlor ich +gleich zu Anfang des Bewegungskrieges sechs Vettern verschiedenen +Grades. Alle waren Kavalleristen. + +Genannt bin ich nach einem großen Onkel Manfred, in Friedenszeiten +Flügeladjutant Seiner Majestät und Kommandeur der Gardedukorps, im +Kriege Führer eines Kavalleriekorps. + +Nun noch von meiner Jugend. Der alte Herr stand in Breslau bei den +Leibkürassieren 1, als ich am 2. Mai 1892 geboren wurde. Wir wohnten in +Kleinburg. Ich hatte Privatunterricht bis zu meinem neunten Lebensjahre, +dann ein Jahr Schule in Schweidnitz, später wurde ich Kadett in +Wahlstatt. Die Schweidnitzer betrachteten mich aber durchaus als ein +Schweidnitzer Kind. Im Kadettenkorps für meinen jetzigen Beruf +vorbereitet, kam ich dann zum 1. Ulanenregiment. + +Was ich selbst erlebte, steht in diesem Buch. + +Mein Bruder Lothar ist der andere Flieger Richthofen. Ihn schmückt der +#Pour le mérite#. Mein jüngster Bruder ist noch im Kadettenkorps und +wartet sehnsüchtig darauf, sich gleichfalls zu betätigen. Meine +Schwester ist, wie alle Damen unseres Familienkreises, in der Pflege der +Verwundeten tätig. + + + + +Meine Kadettenzeit + +(1903-1909 Wahlstatt, 1909-1911 Lichterfelde) + + +Als kleiner Sextaner kam ich in das Kadettenkorps. Ich war nicht +übermäßig gerne Kadett, aber es war der Wunsch meines Vaters, und so +wurde ich wenig gefragt. + +Die strenge Zucht und Ordnung fiel einem so jungen Dachs besonders +schwer. Für den Unterricht hatte ich nicht sonderlich viel übrig. War +nie ein großes Lumen. Habe immer so viel geleistet, wie nötig war, um +versetzt zu werden. Es war meiner Auffassung nach nicht mehr zu leisten, +und ich hätte es für Streberei angesehen, wenn ich eine bessere +Klassenarbeit geliefert hätte als »genügend«. Die natürliche Folge davon +war, daß mich meine Pauker nicht übermäßig schätzten. Dagegen gefiel mir +das Sportliche: Turnen, Fußballspielen usw., ganz ungeheuer. Es gab, +glaube ich, keine Welle, die ich am Turnreck nicht machen konnte. So +bekam ich bald einige Preise von meinem Kommandeur verliehen. + +Alle halsbrecherischen Stücke imponierten mir mächtig. So kroch ich +z. B. eines schönen Tages mit meinem Freunde Frankenberg auf den +bekannten Kirchturm von Wahlstatt am Blitzableiter herauf und band oben +ein Taschentuch an. Genau weiß ich noch, wie schwierig es war, an den +Dachrinnen vorbeizukommen. Mein Taschentuch habe ich, wie ich meinen +kleinen Bruder einmal besuchte, etwa zehn Jahre später, noch immer oben +hängen sehen. + +Mein Freund Frankenberg war das erste Opfer des Krieges, das ich zu +Gesicht bekam. + +In Lichterfelde gefiel es mir schon bedeutend besser. Man war nicht mehr +so abgeschnitten von der Welt und fing auch schon an, etwas mehr als +Mensch zu leben. + +Meine schönsten Erinnerungen aus Lichterfelde sind die großen +Korsowettspiele, bei denen ich sehr viel mit und gegen den Prinzen +Friedrich Karl gefochten habe. Der Prinz erwarb sich damals so manchen +ersten Preis. So im Wettlauf, Fußballspiel usw. gegen mich, der ich +meinen Körper doch nicht so in der Vollendung trainiert hatte wie er. + + + + +Eintritt in die Armee + +(Ostern 1911) + + +Natürlich konnte ich es kaum erwarten, in die Armee eingestellt zu +werden. Ich ging deshalb bereits nach meinem Fähnrichexamen in die Front +und kam zum Ulanenregiment Nr. 1 »Kaiser Alexander III.«. Ich hatte mir +dieses Regiment ausgesucht; es lag in meinem lieben Schlesien, auch +hatte ich da einige Bekannte und Verwandte, die mir sehr dazu rieten. + +Der Dienst bei meinem Regiment gefiel mir ganz kolossal. Es ist eben +doch das schönste für einen jungen Soldaten, »Kavallerist« zu sein. + +Über meine Kriegsschulzeit kann ich eigentlich wenig sagen. Sie +erinnerte mich zu sehr an das Kadettenkorps und ist mir infolgedessen in +nicht allzu angenehmer Erinnerung. + +Eine spaßige Sache erlebte ich. Einer meiner Kriegsschullehrer kaufte +sich eine ganz nette dicke Stute. Der einzige Fehler war, sie war schon +etwas alt. Er kaufte sie für fünfzehn Jahre. Sie hatte etwas dicke +Beine. Sonst aber sprang sie ganz vortrefflich. Ich habe sie oft +geritten. Sie ging unter dem Namen »Biffy«. + +Etwa ein Jahr später beim Regiment erzählte mir mein Rittmeister v. Tr., +der sehr sportliebend war, er habe sich ein ganz klobiges Springpferd +gekauft. Wir waren alle sehr gespannt auf den »klobigen Springer«, der +den seltenen Namen »Biffy« trug. Ich dachte nicht mehr an die alte Stute +meines Kriegsschullehrers. Eines schönen Tages kommt das Wundertier an, +und nun soll man sich das Erstaunen vorstellen, daß die gute alte +»Biffy« als achtjährig in dem Stall v. Tr.s sich wieder einfand. Sie +hatte inzwischen einige Male den Besitzer gewechselt und war im Preise +sehr gestiegen. Mein Kriegsschullehrer hatte sie für fünfzehnhundert +Mark gekauft, und v. Tr. hatte sie nach einem Jahre als achtjährig für +dreitausendfünfhundert Mark erworben. Gewonnen hat sie keine +Springkonkurrenz mehr, aber sie hat wieder einen Abnehmer gefunden -- -- +und ist gleich zu Beginn des Krieges gefallen. + + + + +Erste Offizierszeit + +(Herbst 1912) + + +Endlich bekam ich die Epaulettes. So ungefähr das stolzeste Gefühl, was +ich je gehabt habe, mit einem Male »Herr Leutnant« angeredet zu werden. + +Mein Vater kaufte mir eine sehr schöne Stute, »Santuzza« genannt. Sie +war das reinste Wundertier und unverwüstlich. Ging vor dem Zuge wie ein +Lamm. Allmählich entdeckte ich in ihr ein großes Springvermögen. Sofort +war ich dazu entschlossen, aus der guten braven Stute ein Springpferd zu +machen. Sie sprang ganz fabelhaft. Ein Koppelrick von einem Meter +sechzig Zentimeter habe ich mit ihr selbst gesprungen. + +Ich fand große Unterstützung und viel Verständnis bei meinem Kameraden +von Wedel, der mit seinem Chargenpferd »Fandango« so manchen schönen +Preis davongetragen hatte. + +So trainierten wir beide für eine Springkonkurrenz und einen Geländeritt +in Breslau. »Fandango« machte sich glänzend, »Santuzza« gab sich große +Mühe und leistete auch Gutes. Ich hatte Aussichten, etwas mit ihr zu +schaffen. Am Tage, bevor sie verladen wurde, konnte ich es mir nicht +verkneifen, nochmals alle Hindernisse in unserem Springgarten mit ihr zu +nehmen. Dabei schlitterten wir hin. »Santuzza« quetschte sich etwas +ihre Schulter, und ich knaxte mir mein Schlüsselbein an. + +Von meiner guten dicken Stute »Santuzza« verlangte ich im Training auch +Leistungen auf Geschwindigkeit und war sehr erstaunt, als von Wedels +Vollblüter sie schlug. + +Ein andermal hatte ich das Glück, bei der Olympiade in Breslau einen +sehr schönen Fuchs zu reiten. Der Geländeritt fing an, und mein Wallach +war im zweiten Drittel noch ganz und munter, so daß ich Aussichten auf +Erfolg hatte. Da kommt das letzte Hindernis. Ich sah schon von weitem, +daß dies etwas ganz Besonderes sein mußte, da sich eine Unmenge Volks +dort angesammelt hatte. Ich dachte mir: »Nur Mut, die Sache wird schon +schief gehen!« und kam in windender Fahrt den Damm heraufgesaust, auf +dem ein Koppelrick stand. Das Publikum winkte mir immer zu, ich sollte +nicht so schnell reiten, aber ich sah und hörte nichts mehr. Mein Fuchs +nimmt das Koppelrick oben auf dem Damm, und zu meinem größten Erstaunen +geht's auf der anderen Seite in die Weistritz. Ehe ich mich versah, +springt das Tier in einem Riesensatz den Abhang herunter, und Roß und +Reiter verschwinden in den Fluten. Natürlich gingen wir »über Kopf«. +»Felix« kam auf dieser Seite raus und Manfred auf der anderen. Beim +Zurückwiegen nach Schluß des Geländerittes stellte man mit großem +Erstaunen fest, daß ich nicht die üblichen zwei Pfund abgenommen hatte, +sondern zehn Pfund schwerer geworden war. Daß ich glitschenaß war, sah +man mir Gott sei Dank nicht an. + +Ich besaß auch einen sehr guten Charger, und dieses Unglückstier mußte +alles machen. Rennen laufen, Geländeritte, Springkonkurrenzen, vor dem +Zuge gehen, kurz und gut, es gab keine Übung, in der das gute Tier nicht +ausgebildet war. Das war meine brave »Blume«. Auf ihr hatte ich sehr +nette Erfolge. Mein letzter ist der im Kaiserpreis-Ritt 1913. Ich war +der einzige, der die Geländestrecke ohne Fehler überwunden hatte. Mir +passierte dabei eine Sache, die nicht so leicht nachgemacht werden wird. +Ich galoppierte über eine Heide und stand plötzlich Kopf. Das Pferd war +in ein Karnickelloch getreten, und ich hatte mir beim Sturz das +Schlüsselbein gebrochen. Damit war ich noch siebzig Kilometer geritten, +hatte dabei keinen Fehler gemacht und die Zeit innegehalten. + + + + +Kriegsausbruch + + +In allen Zeitungen stand weiter nichts als dicke Romane über den Krieg. +Aber seit einigen Monaten war man ja schon an das Kriegsgeheul gewöhnt. +Wir hatten schon so oft unseren Dienstkoffer gepackt, daß man es schon +langweilig fand und nicht mehr an einen Krieg glaubte. Am wenigsten aber +glaubten wir an einen Krieg, die wir die ersten an der Grenze waren, das +»Auge der Armee«, wie seinerzeit mein Kommandierender uns +Kavalleriepatrouillen bezeichnet hatte. + +Am Vorabend der erhöhten Kriegsbereitschaft saßen wir bei der +detachierten Schwadron, zehn Kilometer von der Grenze entfernt, in +unserem Kasino, aßen Austern, tranken Sekt und spielten ein wenig. Wir +waren sehr vergnügt. Wie gesagt, an einen Krieg dachte keiner. + +Wedels Mutter hatte uns zwar schon einige Tage zuvor etwas stutzig +gemacht; sie war nämlich aus Pommern erschienen, um ihren Sohn vor dem +Kriege noch einmal zu sehen. Da sie uns in angenehmster Stimmung fand +und feststellen mußte, daß wir nicht an Krieg dachten, konnte sie nicht +umhin, uns zu einem anständigen Frühstück einzuladen. + +Wir waren gerade sehr ausgelassen, als sich plötzlich die Tür öffnete +und Graf Kospoth, der Landrat von Öls, auf der Schwelle stand. Der Graf +machte ein entgeistertes Gesicht. + +Wir begrüßten den alten Bekannten mit einem Hallo! Er erklärte uns den +Zweck seiner Reise, nämlich, daß er sich an der Grenze persönlich +überzeugen wolle, was von den Gerüchten von dem nahen Weltkrieg stimme. +Er nahm ganz richtig an, die an der Grenze müßten es eigentlich am +ehesten wissen. Nun war er ob des Friedensbildes nicht wenig erstaunt. +Durch ihn erfuhren wir, daß sämtliche Brücken Schlesiens bewacht wurden +und man bereits an die Befestigung von einzelnen Plätzen dachte. + +Schnell überzeugten wir ihn, daß ein Krieg ausgeschlossen sei, und +feierten weiter. + +Am nächsten Tage rückten wir ins Feld. + + + + +Überschreiten der Grenze + + +Das Wort »Krieg« war uns Grenzkavalleristen zwar geläufig. Jeder wußte +haarklein, was er zu tun und zu lassen hatte. Keiner hatte aber so eine +rechte Vorstellung, was sich nun zunächst abspielen würde. Jeder aktive +Soldat war selig, nun endlich seine Persönlichkeit und sein Können +zeigen zu dürfen. + +Uns jungen Kavallerieleutnants war wohl die interessanteste Tätigkeit +zugedacht: aufklären, in den Rücken des Feindes gelangen, wichtige +Anlagen zerstören; alles Aufgaben, die einen ganzen Kerl verlangen. + +Meinen Auftrag in der Tasche, von dessen Wichtigkeit ich mich durch +langes Studium schon seit einem Jahre überzeugt hatte, ritt ich nachts +um zwölf Uhr an der Spitze meiner Patrouille zum erstenmal gegen den +Feind. + +Die Grenze bildete ein Fluß, und ich konnte erwarten, daß ich dort zum +erstenmal Feuer bekommen würde. Ich war ganz erstaunt, wie ich ohne +Zwischenfall die Brücke passieren konnte. Ohne weitere Ereignisse +erreichten wir den mir von Grenzritten her wohlbekannten Kirchturm des +Dorfes Kielcze am nächsten Morgen. + +Ohne von einem Gegner etwas gemerkt zu haben oder vielmehr besser ohne +selbst bemerkt worden zu sein, war alles verlaufen. Wie sollte ich es +anstellen, daß mich die Dorfbewohner nicht bemerkten? Mein erster +Gedanke war, den Popen hinter Schloß und Riegel zu setzen. So holten wir +den vollkommen überraschten und höchst verdutzten Mann aus seinem Hause. +Ich sperrte ihn zunächst mal auf dem Kirchturm ins Glockenhaus ein, nahm +die Leiter weg und ließ ihn oben sitzen. Ich versicherte ihm, daß, wenn +auch nur das geringste feindselige Verhalten der Bevölkerung sich +bemerkbar machen sollte, er sofort ein Kind des Todes sein würde. Ein +Posten hielt Ausschau vom Turm und beobachtete die Gegend. + +Ich hatte täglich durch Patrouillenreiter Meldungen zu schicken. So +löste sich bald mein kleines Häuflein an Meldereitern auf, so daß ich +schließlich den letzten Melderitt als Überbringer selbst übernehmen +mußte. + +Bis zur fünften Nacht war alles ruhig geblieben. In dieser kam plötzlich +der Posten zu mir zum Kirchturm gelaufen -- denn in dessen Nähe hatte ich +meine Pferde hingestellt -- und rief mir zu: »Kosaken sind da!« Es war +pechfinster, etwas Regen, keine Sterne. Man sah die Hand nicht vor den +Augen. + +Wir führten die Pferde durch eine schon vorher vorsichtshalber durch die +Kirchhofsmauer geschlagene Bresche auf das freie Feld. Dort war man +infolge der Dunkelheit nach fünfzig Metern in vollständiger Sicherheit. +Ich selbst ging mit dem Posten, den Karabiner in der Hand, nach der +bezeichneten Stelle, wo die Kosaken sein sollten. + +Ich schlich an der Kirchhofsmauer entlang und kam an die Straße. Da +wurde mir doch etwas anders zumute, denn der ganze Dorfausgang wimmelte +von Kosaken. Ich guckte über die Mauer, hinter der die Kerle ihre Pferde +stehen hatten. Die meisten hatten Blendlaternen und benahmen sich sehr +unvorsichtig und laut. Ich schätzte sie auf etwa zwanzig bis dreißig. +Einer war abgesessen und zum Popen gegangen, den ich am Tage vorher aus +der Haft entlassen hatte. + +Natürlich Verrat! zuckte es mir durchs Gehirn. Also doppelt aufpassen. +Auf einen Kampf konnte ich es nicht mehr ankommen lassen, denn mehr als +zwei Karabiner hatte ich nicht zur Verfügung. Also spielte ich »Räuber +und Gendarm«. + +Nach einigen Stunden Rast ritten die Besucher wieder von dannen. + +Am nächsten Morgen zog ich es vor, jetzt aber doch einen kleinen +Quartierwechsel vorzunehmen. Am siebenten Tage war ich wieder in meiner +Garnison und wurde von jedem Menschen angestarrt, als sei ich ein +Gespenst. Das kam nicht etwa wegen meines unrasierten Gesichts, sondern +vielmehr weil sich Gerüchte verbreitet hatten, Wedel und ich seien bei +Kalisch gefallen. Man wußte Ort, Zeit und nähere Umstände so haargenau +zu erzählen, daß sich das Gerücht schon in ganz Schlesien verbreitet +hatte. Selbst meiner Mutter hatte man bereits Kondolenzbesuche gemacht. + +Es fehlte nur noch, daß eine Todesanzeige in der Zeitung stand. + + * * * * * + +Eine komische Geschichte ereignete sich zur selben Zeit. Ein +Pferdedoktor bekam den Auftrag, mit zehn Ulanen Pferde aus einem Gehöft +zu requirieren. Es lag etwas abseits, etwa drei Kilometer. Ganz erregt +kam er von seinem Auftrag zurück und berichtete selber folgendes: + +»Ich reite über ein Stoppelfeld, auf dem die Puppen stehen, worauf ich +plötzlich in einiger Entfernung feindliche Infanterie erkenne. Kurz +entschlossen ziehe ich den Säbel, rufe meinen Ulanen zu: 'Lanze gefällt, +zur Attacke, marsch, marsch, hurra!' Den Leuten macht es Spaß, es +beginnt ein wildes Hetzen über die Stoppeln. Die feindliche Infanterie +entpuppt sich aber als ein Rudel Rehe, die ich in meiner Kurzsichtigkeit +verkannt habe.« + +Noch lange hatte der tüchtige Herr unter seiner Attacke zu leiden. + +[Illustration: Abgeschossen und an der Starkstromleitung verbrannt. Am +Kanal zwischen Brebières und Vitry] + +[Illustration: Abgeschossener Vikkers-Zweisitzer bei Noyelle-Godault] + + + + +Nach Frankreich + + +In meinem Garnisonort wurden wir nun verladen. Wohin? -- Keine Ahnung, ob +West, Ost, Süd, Nord. + +Gemunkelt wurde viel, meistens aber vorbei. Aber in diesem Fall hatten +wir wohl den richtigen Riecher: Westen. + +Uns stand zu viert ein Abteil zweiter Klasse zur Verfügung. Man mußte +sich auf eine lange Bahnfahrt verproviantieren. Getränke fehlten +natürlich nicht. Aber schon am ersten Tage merkten wir, daß so ein +Abteil zweiter Klasse doch verflucht eng ist für vier kriegsstarke +Jünglinge, und so zogen wir denn vor, uns etwas mehr zu verteilen. Ich +richtete mir die eine Hälfte eines Packwagens zur Wohn- und Schlafstätte +ein und hatte damit ganz entschieden etwas Gutes getan. Ich hatte Luft, +Licht usw. Stroh hatte ich mir in einer Station verschafft, die Zeltbahn +wurde darauf gedeckt. Ich schlief in meinem Schlafwagen so fest, als +läge ich in Ostrowo in meinem Familienbett. Die Fahrt ging Tag und +Nacht, erst durch ganz Schlesien, Sachsen, immer mehr gen Westen. Wir +hatten scheinbar Richtung Metz; selbst der Transportführer wußte nicht, +wo es hinging. Auf jeder Station, auch da, wo wir nicht hielten, stand +ein Meer von Menschen, die uns mit Hurra und Blumen überschütteten. +Eine wilde Kriegsbegeisterung lag im deutschen Volk; das merkte man. Die +Ulanen wurden besonders angestaunt. Der Zug, der vorher durch die +Station geeilt war, mochte wohl verbreitet haben, daß wir bereits am +Feinde gewesen waren -- und wir hatten erst acht Tage Krieg. Auch hatte +im ersten Heeresbericht bereits mein Regiment Erwähnung gefunden. +Ulanenregiment 1 und das Infanterieregiment 155 eroberten Kalisch. Wir +waren also die gefeierten Helden und kamen uns auch ganz als solche vor. +Wedel hatte ein Kosakenschwert gefunden und zeigte dies den erstaunten +Mädchen. Das machte großen Eindruck. Wir behaupteten natürlich, es +klebte Blut daran, und dichteten dem friedlichen Schwert eines +Gendarmeriehäuptlings ein ganz ungeheures Märchen an. Man war doch +schrecklich ausgelassen. Bis wir schließlich in Busendorf bei +Diedenhofen ausgeladen wurden. + +Kurz bevor der Zug ankam, hielten wir in einem langen Tunnel. Ich muß +sagen, es ist schon ungemütlich, in einem Tunnel in Friedenszeiten +plötzlich zu halten, besonders aber im Kriege. Nun erlaubte sich ein +Übermütiger einen Scherz und gab einen Schuß ab. Es dauerte nicht lange, +so fing in diesem Tunnel ein wüstes Geschieße an. Daß keiner verletzt +wurde, ist ein Wunder. Was die Ursache dazu war, ist nie herausgekommen. + +In Busendorf wurde ausgeladen. Es war eine derartige Hitze, daß uns die +Pferde umzufallen drohten. Die nächsten Tage marschierten wir immer nach +Norden, Richtung Luxemburg. Mittlerweile hatte ich herausgekriegt, daß +mein Bruder vor etwa acht Tagen dieselbe Strecke mit einer +Kavalleriedivision geritten war. Ich konnte ihn sogar noch einmal +fährten, gesehen habe ich ihn erst ein Jahr später. + +In Luxemburg wußte kein Mensch, wie sich dieses Ländchen gegen uns +verhielt. Ich weiß noch wie heute, wie ich einen Luxemburger Gendarm von +weitem sah, ihn mit meiner Patrouille umzingelte und gefangennehmen +wollte. Er versicherte mir, daß, wenn ich ihn nicht umgehend losließe, +er sich beim Deutschen Kaiser beschweren würde. Das sah ich denn auch +ein und ließ den Helden wieder laufen. So kamen wir durch die Stadt +Luxemburg und Esch durch, und man näherte sich jetzt bedenklich den +ersten befestigten Städten Belgiens. + +Auf dem Hinmarsch machte unsere Infanterie, wie überhaupt unsere ganze +Division, die reinen Friedensmanöver. Man war schrecklich aufgeregt. +Aber so ein Manöver-Vorpostenbild war einem ab und zu ganz bekömmlich. +Sonst hätte man ganz bestimmt über die Stränge geschlagen. Rechts und +links, auf jeder Straße, vor und hinter uns marschierten Truppen von +verschiedenen Armeekorps. Man hatte das Gefühl eines wüsten +Durcheinanders. Plötzlich wurde aus dem Kuddelmuddel ein großartig +funktionierender Aufmarsch. + +Was unsere Flieger damals leisteten, ahnte ich nicht. Mich versetzte +jedenfalls jeder Flieger in einen ganz ungeheuren Schwindel. Ob es ein +deutscher war oder ein feindlicher, konnte ich nicht sagen. Ich hatte ja +nicht einmal eine Ahnung, daß die deutschen Apparate Kreuze trugen und +die feindlichen Kreise. Folglich wurde jeder Flieger unter Feuer +genommen. Die alten Piloten erzählen heute noch immer, wie peinlich es +ihnen gewesen sei, von Freund und Feind gleichmäßig beschossen zu +werden. + +Wir marschierten und marschierten, die Patrouillen weit voraus, bis wir +eines schönen Tages bei Arlon waren. Es überlief mich ganz spaßig den +Buckel 'runter, wie ich zum zweitenmal die Grenze überschritt. Dunkle +Gerüchte von Franktireurs und dergleichen waren mir bereits zu Ohren +gekommen. + + * * * * * + +Ich hatte einmal den Auftrag, die Verbindung mit meiner +Kavalleriedivision aufzunehmen. Ich habe an diesem Tage nicht weniger +als hundertundzehn Kilometer mit meiner gesamten Patrouille geritten. +Nicht ein Pferd war kaputt, eine glänzende Leistung meiner Tiere. In +Arlon bestieg ich nach den Grundsätzen der Taktik des Friedens den +Kirchturm, sah natürlich nichts, denn der böse Feind war noch weitab. + +Man war damals noch ziemlich harmlos. So hatte ich z. B. meine +Patrouille vor der Stadt stehenlassen und war ganz allein mit einem Rad +mitten durch die Stadt zum Kirchturm gefahren. Wie ich wieder +'runterkam, stand ich inmitten einer murrenden und murmelnden Menge +feindselig blickender Jünglinge. Mein Rad war natürlich geklaut, und ich +konnte nun eine halbe Stunde lang zu Fuß laufen. Aber das machte mir +Spaß. Ich hätte so eine kleine Rauferei ganz gern gemocht. Ich fühlte +mich mit meiner Pistole in der Hand ganz kolossal sicher. + +Die Einwohner hatten sich, wie ich später erfahren habe, sowohl einige +Tage vorher gegen unsere Kavallerie als auch später gegen unsere +Lazarette sehr aufrührerisch benommen, und man hatte eine ganze Menge +dieser Herren an die Wand stellen müssen. + + * * * * * + +Am Nachmittag erreichte ich mein Ziel und erfuhr dort, daß drei Tage +vorher, ganz in der Gegend von Arlon, mein einziger Vetter Richthofen +gefallen war. Ich blieb den Rest des Tages bei der Kavalleriedivision, +machte dort noch einen blinden Alarm mit und kam nachts spät bei meinem +Regiment an. + +Man erlebte und sah eben mehr als die anderen, man war eben doch schon +mal am Feind gewesen, hatte mit dem Feinde zu tun gehabt, hatte die +Spuren des Krieges gesehen und wurde von jedem einer anderen Waffe +beneidet. Es war doch zu schön, wohl doch meine schönste Zeit im ganzen +Kriege. Den Kriegsanfang möchte ich wieder mal mitmachen. + + + + +Wie ich auf Patrouille zum erstenmal die Kugeln pfeifen hörte + +(21./22. August 1914) + + +Ich hatte den Auftrag, festzustellen, wie stark die Besetzung eines +großen Waldes bei Virton wohl sein mochte. Ich ritt mit fünfzehn Ulanen +los und war mir klar: Heute gibt es den ersten Zusammenstoß mit dem +Feinde. Mein Auftrag war nicht leicht, denn in so einem Walde kann +furchtbar viel stecken, ohne daß man es sieht. + +Ich kam über eine Höhe. Wenige hundert Schritte vor mir lag ein riesiger +Waldkomplex von vielen tausend Morgen. Es war ein schöner Augustmorgen. +Der Wald lag so friedlich und ruhig, daß man eigentlich gar keine +kriegerischen Gedanken mehr spürte. + +Jetzt näherte sich die Spitze dem Eingang des Waldes. Durch das Glas +konnte man nichts Verdächtiges feststellen, man mußte also heranreiten +und abwarten, ob man Feuer bekäme. Die Spitze verschwand im Waldweg. Ich +war der nächste, neben mir ritt einer meiner tüchtigsten Ulanen. Am +Eingang des Waldes war ein einsames Waldwärterhäuschen. Wir ritten daran +vorbei. Mit einemmal fiel ein Schuß aus einem Fenster des Hauses. Gleich +darauf noch einer. Am Knall erkannte ich sofort, daß es kein +Büchsenschuß war, sondern daß er von einer Flinte herrührte. Zur +gleichen Zeit sah ich auch Unordnung in meiner Patrouille und vermutete +gleich einen Überfall durch Franktireurs. Von den Pferden 'runter und +das Haus umstellen war eins. In einem etwas dunkeln Raum erkannte ich +vier bis fünf Burschen mit feindseligen Augen. Eine Flinte war natürlich +nicht zu sehen. Meine Wut war groß in diesem Augenblick; aber ich hatte +noch nie in meinem Leben einen Menschen getötet, und so muß ich sagen, +war mir der Moment äußerst unbehaglich. Eigentlich hätte ich den +Franktireur wie ein Stück Vieh 'runterknallen müssen. Er hatte mit dem +Schuß eine Ladung Schrot in den Bauch eines meiner Pferde gejagt und +einen meiner Ulanen an der Hand verletzt. + +Mit meinem kümmerlichen Französisch schrie ich die Bande an und drohte, +wenn sich der Schuldige nicht umgehend melden würde, sie allesamt über +den Haufen zu schießen. Sie merkten, daß es mir Ernst war, und daß ich +nicht zaudern würde, meinen Worten die Tat folgen zu lassen. Wie es nun +eigentlich kam, weiß ich heute selbst nicht mehr. Jedenfalls waren die +Freischützen mit einemmal aus der Hintertür heraus und vom Erdboden +verschwunden. Ich schoß noch hinterher, ohne zu treffen. Zum Glück hatte +ich das Haus umstellt, so daß sie mir eigentlich nicht entrutschen +konnten. Sofort ließ ich das Haus nach ihnen durchstöbern, fand aber +keinen mehr. Mochten nun die Posten hinter dem Haus nicht ordentlich +aufgepaßt haben, jedenfalls war die ganze Bude leer. Wir fanden noch die +Schrotspritze am Fenster stehend und mußten uns auf andere Weise rächen. +In fünf Minuten stand das ganze Haus in Flammen. + +Nach diesem Intermezzo ging es weiter. + +An frischen Pferdespuren erkannte ich, daß unmittelbar vor uns starke +feindliche Kavallerie marschiert sein mußte. Ich hielt mit meiner +Patrouille, feuerte sie durch ein paar Worte an und hatte das Gefühl, +daß ich mich auf jeden meiner Kerls unbedingt verlassen konnte. Jeder, +so wußte ich, würde seinen Mann in den nächsten Minuten stehen. +Natürlich dachte keiner an etwas anderes als an eine Attacke. Es liegt +wohl im Blute eines Germanen, den Gegner, wo man ihn auch trifft, über +den Haufen zu rennen, besonders natürlich feindliche Kavallerie. Schon +sah ich mich an der Spitze meines Häufleins eine feindliche Schwadron +zusammenhauen und war ganz trunken vor freudiger Erwartung. Meinen +Ulanen blitzten die Augen. So ging es dann in flottem Trab auf der +frischen Spur weiter. Nach einstündigem scharfem Ritt durch die schönste +Bergschlucht wurde der Wald etwas lichter, und wir näherten uns dem +Ausgang. Daß ich damit auf den Feind stoßen würde, war mir klar. Also +Vorsicht! bei allem Attackenmut, der mich beseelte. Rechts von dem +schmalen Pfad war eine viele Meter hohe, steile Felsenwand. Zu meiner +Linken war ein schmaler Gebirgsbach, dann eine Wiese von fünfzig Metern +Breite, eingefaßt von Stacheldrähten. Mit einem Male hörte die +Pferdespur auf und verschwand über eine Brücke in den Büschen. Meine +Spitze hielt, denn vor uns war der Waldausgang durch eine Barrikade +versperrt. + +Sofort war es mir klar, daß ich in einen Hinterhalt geraten war. Ich +erkannte plötzlich Bewegung im Buschwerk hinter der Wiese zu meiner +Linken und konnte abgesessene feindliche Kavallerie erkennen. Ich +schätzte sie auf eine Stärke von hundert Gewehren. Hier war nichts zu +wollen. Geradeaus war der Weg durch die Barrikade versperrt, rechts +waren die Felswände, links hinderte mich die mit Draht eingefaßte Wiese +an meinem Vorhaben, der Attacke. Zum Absitzen, um den Gegner mit +Karabinern anzugreifen, war keine Zeit mehr. Also blieb nichts anderes +übrig, als zurück. Alles hätte ich meinen guten Ulanen zutrauen können, +bloß kein Ausreißen vor dem Feinde. -- Das sollte so manchem den Spaß +verderben, denn eine Sekunde später knallte der erste Schuß, dem ein +rasendes Schnellfeuer aus dem Walde drüben folgte. Die Entfernung betrug +etwa fünfzig bis hundert Meter. Die Leute waren instruiert, daß sie, im +Falle ich die Hand hob, schnell zu mir stoßen sollten. Nun wußte ich, +wir mußten zurück, hob den Arm und winkte meinen Leuten zu. Das mögen +sie wohl falsch verstanden haben. Meine Patrouille, die ich +zurückgelassen hatte, glaubte mich in Gefahr und kam in wildem Caracho +herangebraust, um mich herauszuhauen. Alles das spielte sich auf einem +schmalen Waldweg ab, so daß man sich wohl die Schweinerei vorstellen +kann, die sich nun ereignete. Meinen beiden Spitzenreitern gingen die +Pferde infolge des rasenden Feuers in der engen Schlucht, wo der Laut +jedes Schusses sich verzehnfachte, durch, und ich sah sie bloß die +Barrikade mit einem Sprung nehmen. Von ihnen habe ich nie wieder etwas +gehört. Gewiß sind sie in Gefangenschaft. Ich selbst machte kehrt und +gab meinem guten »Antithesis«, wohl zum erstenmal in seinem Leben, die +Sporen. Meinen Ulanen, die mir entgegengebraust kamen, konnte ich nur +mit Mühe und Not zu erkennen geben, nicht weiter vorzukommen. Kehrt und +davon! Neben mir ritt mein Bursche. Plötzlich stürzte sein Pferd +getroffen, ich sprang darüber hinweg, um mich herum wälzten sich andere +Pferde. Kurz und gut, es war ein wüstes Durcheinander. Von meinem +Burschen sah ich nur noch, wie er unter dem Pferd lag, scheinbar nicht +verwundet, aber durch das auf ihm liegende Pferd gefesselt. Der Gegner +hatte uns glänzend überrumpelt. Er hatte uns wohl von Anfang an +beobachtet und, wie es den Franzosen nun mal liegt, aus dem Hinterhalt +seinen Feind zu überfallen, so hatte er es auch in diesem Fall wieder +versucht. + +Freude machte es mir, als nach zwei Tagen mit einemmal mein Bursche vor +mir stand; allerdings zur Hälfte barfüßig, denn den einen Stiefel hatte +er unter seinem Pferd gelassen. Er erzählte mir nun, wie er entkommen +war: Mindestens zwei Schwadronen französischer Kürassiere waren später +aus dem Walde gekommen, um die vielen gefallenen Pferde und tapferen +Ulanen zu plündern. Er war gleich aufgesprungen, unverwundet die +Felsenwand hinaufgeklettert und in fünfzig Metern Höhe vollständig +erschöpft in einem Gebüsch zusammengebrochen. Nach etwa zwei Stunden, +nachdem der Feind sich wieder in seinen Hinterhalt begeben hatte, hatte +er seine Flucht fortsetzen können. Nach einigen Tagen gelangte er so +wieder zu mir. Von dem Verbleib der anderen Kameraden konnte er wenig +aussagen. + + + + +Patrouillenritt mit Loen + + +Die Schlacht von Virton war im Gange. Mein Kamerad Loen und ich hatten +wieder einmal durch eine Patrouille festzustellen, wo der Feind +geblieben war. Den ganzen Tag ritten wir hinter dem Feinde her, +erreichten ihn schließlich und konnten eine ganz ordentliche Meldung +verfassen. Abends war nun die große Frage: Wollen wir die Nacht +durchreiten, um zu unserer Truppe zurückzukommen, oder unsere Kräfte +schonen und uns für den nächsten Tag ausruhen? Das ist ja gerade das +Schöne, daß der Kavalleriepatrouille vollständig freies Handeln +überlassen sein muß. + +So entschlossen wir uns, die Nacht am Feinde zu bleiben und am nächsten +Morgen weiterzureiten. Unseren strategischen Blicken nach war der Gegner +auf Rückmarsch, und wir drängten ihm nach. Folglich konnten wir die +Nacht mit ziemlicher Ruhe verbringen. + +Gar nicht weit vom Gegner lag ein wunderbares Kloster mit großen +Ställen, so daß wir sowohl Loen als auch meine Patrouille einquartieren +konnten. Allerdings saß der Gegner gegen Abend, wie wir dort unterzogen, +noch so nahe dran, daß er uns mit Gewehrkugeln die Fensterscheiben hätte +einschießen können. + +Die Mönche waren überaus liebenswürdig. Sie gaben uns zu essen und zu +trinken, so viel wir haben wollten, und wir ließen es uns gut schmecken. +Die Pferde wurden abgesattelt und waren auch ganz froh, wie sie nach +drei Tagen und drei Nächten zum erstenmal ihre achtzig Kilo totes +Gewicht von ihren Rücken loswurden. Mit anderen Worten, wir richteten +uns so ein, als ob wir im Manöver bei einem lieben Gastfreund zu Abend +wären. Nebenbei bemerkt, hingen drei Tage darauf mehrere von den +Gastgebern an dem Laternenpfahl, da sie es sich nicht hatten verkneifen +können, sich an dem Krieg zu beteiligen. Aber an dem Abend waren sie +wirklich überaus liebenswürdig. Wir krochen in Nachthemden in unsere +Betten, stellten einen Posten auf und ließen den lieben Herrgott einen +guten Mann sein. + +Nachts reißt plötzlich jemand die Tür auf, und die Stimme des Postens +ertönt: »Herr Leutnant, die Franzosen sind da.« Ich war zu verschlafen, +um überhaupt Antwort geben zu können. Loen ging es so ähnlich, und er +stellte nur die geistreiche Frage: »Wieviel sind es denn?« Die Antwort +des Postens, sehr aufgeregt: »Zwei haben wir schon totgeschossen; +wieviel es sind, können wir nicht sagen, denn es ist stockfinster.« Ich +höre Loen noch ganz verschlafen antworten: »Wenn also mehr kommen, dann +weckst du mich.« Eine halbe Minute später schnarchten wir weiter. + +Am nächsten Morgen stand die Sonne schon recht hoch, als wir von +unserem gesunden Schlaf erwachten. Nach einem reichlichen Frühstück ging +die Reise wieder los. + +Tatsächlich waren nachts an unserem Schloß die Franzosen +vorbeimarschiert, und unsere Posten hatten während dieser Zeit einen +Feuerüberfall auf sie gemacht. Da es aber stockfinster war, hatte sich +keine größere Schlacht daraus entspinnen können. + +Bald ging's in einem munteren Tal weiter. Wir ritten über das alte +Schlachtfeld unserer Division und stellten mit Erstaunen fest, daß statt +unserer Leute nur französische Sanitäter zu sehen waren. Französische +Soldaten sah man auch noch ab und zu. Sie machten aber ebenso dumme +Gesichter wie wir. An Schießen hatte keiner gedacht. Wir machten uns +dann möglichst rasch dünne; denn wir kamen so sachte dahinter, daß wir, +statt vorwärts zu gehen, uns etwas rückwärts konzentriert hatten. Zum +Glück war der Gegner nach der anderen Seite ausgerissen, sonst säße ich +jetzt irgendwo in Gefangenschaft. + +Wir kamen durch das Dorf Robelmont, wo wir am Tage zuvor unsere +Infanterie zum letztenmal in Stellung gesehen hatten. Dort trafen wir +einen Einwohner und fragten ihn nach dem Verbleib unserer Soldaten. Er +war sehr glücklich und versicherte mir, die Deutschen wären #»partis«#. + +Wir kamen um eine Ecke und waren Zeugen von folgendem komischem Bilde. +Vor uns wimmelte es von roten Hosen -- ich schätzte etwa fünfzig bis +hundert --, die eifrigst bemüht waren, an einem Eckstein ihre Gewehre zu +zerschlagen. Daneben stehen sechs Grenadiere, die, wie es sich +herausstellte, die Brüder gefangengenommen hatten. Wir halfen ihnen +noch, die Franzosen abzutransportieren, und erfuhren durch die sechs +Grenadiere, daß wir nachts eine rückwärtige Bewegung angetreten hatten. + +Am späten Nachmittag erreichte ich mein Regiment und war ganz zufrieden +mit dem Verlauf der letzten vierundzwanzig Stunden. + + + + +Langeweile vor Verdun + + +Für einen so unruhigen Geist, wie ich einer bin, war meine Tätigkeit vor +Verdun durchaus mit »langweilig« zu bezeichnen. Anfangs lag ich selbst +im Schützengraben an einer Stelle, wo nichts los war; dann wurde ich +Ordonnanzoffizier und glaubte, nun mehr zu erleben. Da hatte ich mich +aber arg in die Finger geschnitten. Ich wurde vom Kämpfenden zum +besseren Etappenschwein degradiert. So ganz Etappe war es noch nicht, +aber das Weiteste, was ich mich vorwagen durfte, war fünfzehnhundert +Meter hinter die vordere Linie. Dort saß ich wochenlang unter der Erde +in einem bombensicheren, geheizten Unterstand. Ab und zu wurde ich mit +nach vorn genommen. Das war eine große körperliche Anstrengung. Denn man +ging bergauf, bergab, die Kreuz und die Quer', durch unendlich viele +Annäherungsgräben und Schlammlöcher hindurch, bis man dann endlich vorn +dort angekommen war, wo es knallte. Bei einem so kurzen Besuch bei den +Kämpfenden kam ich mir immer sehr dumm vor mit meinen gesunden Knochen. + +Man fing damals an, unter der Erde zu arbeiten. Wir waren uns noch gar +nicht klar darüber, was es eigentlich heißt, einen Stollen bauen oder +eine Sappe vorschieben. Man kannte die Namen zwar aus der +Befestigungslehre von der Kriegsschule her, aber das war nun mal +Pionierarbeit, mit der sich ein anderer Sterblicher nicht gern +beschäftigt hätte. Aber dort vorn an der Combres-Höhe buddelte alles +emsig. Jeder hatte ein Grabscheit und eine Hacke und gab sich unendliche +Mühe, möglichst tief in die Erde hineinzukommen. Es war ganz spaßig, die +Franzosen an manchen Stellen nur auf fünf Schritt vor sich zu haben. Man +hörte den Kerl sprechen, man sah ihn Zigaretten rauchen, ab und zu warf +er ein Stück Papier herüber. Man unterhielt sich mit ihnen, und trotzdem +suchte man sich auf alle möglichen Arten anzuärgern (Handgranaten). + +Fünfhundert Meter vor und fünfhundert Meter hinter den Gräben war der +dichte Wald der Côte Lorraine abgemäht durch die unendlich vielen +Gewehrkugeln und Granaten, die dort ständig durch die Luft sausten. Man +würde nicht glauben, daß dort vorn überhaupt noch ein Mensch leben +könnte. Die Truppe vorne empfand es gar nicht mal so schlimm wie die +Etappenleute. + +Nach so einem Spaziergang, der meistenteils in den allerzeitigsten +Morgenstunden stattfand, fing für mich wieder der langweiligere Teil des +Tages an, nämlich Telephonordonnanz zu spielen. + + * * * * * + +An meinen freien Tagen beschäftigte ich mich mit meinem +Lieblingshandwerk, dem Jagen. Der Wald von La Chaussée bot mir dazu +reichlich Gelegenheit. Ich hatte bei meinen Spazierritten Sauen gespürt +und war nun damit beschäftigt, diese ausfindig zu machen und mich nachts +anzusetzen. Schöne Vollmondnächte mit Schnee kamen mir zu Hilfe. Ich +baute mir mit Hilfe meines Burschen Hochsitze an ganz bestimmten +Wechseln und bestieg diese nachts. Da habe ich so manche Nacht auf +Bäumen zugebracht und wurde morgens als Eiszapfen wieder vorgefunden. +Aber es hatte sich gelohnt. Besonders eine Sau war interessant, sie kam +jede Nacht durch den See geschwommen, brach an einer bestimmten Stelle +in einen Kartoffelacker und schwamm dann wieder zurück. Es reizte mich +natürlich besonders, dieses Tier näher kennenzulernen. So setzte ich +mich denn an dem Ufer dieses Sees an. Wie verabredet, erschien die alte +Tante um Mitternacht, um sich ihr Nachtmahl zu holen. Ich schoß, während +sie noch im See schwamm, traf, und das Tier wäre mir beinahe versoffen, +wenn ich nicht noch im letzten Moment hätte zugreifen können, um sie an +einem Lauf festzuhalten. + +Ein andermal ritt ich mit meinem Burschen in einer ganz schmalen +Schneise, da wechseln vor mir mehrere Stück Schwarzwild über sie. Ich +schnell 'runter, den Karabiner meines Burschen ergriffen und einige +hundert Schritt vorgelaufen. Tatsächlich, da kam noch ein Kerl, und zwar +ein mächtiger Keiler. Ich hatte noch nie einen Keiler gesehen und war +nun sehr erstaunt, wie riesenhaft dieser Kerl aussah. Jetzt hängt er als +Trophäe hier in meinem Zimmer; er ist eine schöne Erinnerung. + + * * * * * + +So hatte ich es schon einige Monate ausgehalten, da kam eines schönen +Tages etwas Bewegung in unseren Laden. Wir beabsichtigten eine kleine +Offensive an unserer Front. Ich freute mich mächtig, denn nun mußte ja +doch eigentlich der Ordonnanzoffizier zu seinem Ordonnanzieren kommen! +Aber Kuchen! Es wurde mir etwas ganz anderes zugedacht, und dieses +schlug dem Faß den Boden aus. Nun schrieb ich ein Gesuch an meinen +Kommandierenden General, und böse Zungen behaupten, ich hätte gesagt: +»Liebe Exzellenz, ich bin nicht in den Krieg gezogen, um Käse und Eier +zu sammeln, sondern zu einem anderen Zweck.« Man hat anfangs eigentlich +auf mich einschnappen wollen, aber schließlich hat man mir meine Bitte +gewährt, und so trat ich Ende Mai 1915 zur Fliegertruppe. So war mir +mein größter Wunsch erfüllt. + + + + +Das erstemal in der Luft! + + +Morgens früh um sieben Uhr sollte ich zum erstenmal mitfliegen! Ich war +in einer etwas begreiflichen Aufregung, konnte mir so gar nichts +darunter vorstellen. Jeder, den ich fragte, schnurrte mir etwas anderes +vor. Abends ging ich zeitiger schlafen als sonst, um am nächsten Morgen +für den großen Moment frisch zu sein. Wir fuhren 'rüber auf den +Flugplatz, ich setzte mich zum erstenmal in ein Flugzeug. Der +Propellerwind störte mich ganz ungeheuer. Eine Verständigung mit dem +Führer war mir nicht möglich. Alles flog mir weg. Nahm ich ein Stück +Papier heraus, verschwand es. Mein Sturzhelm verrutschte sich, der Schal +löste sich, die Jacke war nicht fest genug zugeknöpft, kurz und gut, es +war kläglich. Ich war noch gar nicht darauf gefaßt, schon loszusausen, +da gab bereits der Pilot Vollgas, und die Maschine fing an zu rollen. +Immer schneller, immer schneller. Ich hielt mich krampfhaft fest. Mit +einem Male hörte die Erschütterung auf, und die Maschine war in der +Luft. Der Erdboden sauste unter mir weg. + +Man hatte mir gesagt, wo ich hinfliegen sollte, d. h. also, wo ich +meinen Führer hinzudirigieren hatte. Wir flogen erst ein Stück +geradeaus, dann machte mein Führer kehrt, nochmal kehrt, rechtsum, mal +linksum, und ich hatte über meinem eigenen Flughafen die Orientierung +verloren. Keine Ahnung mehr, wo ich mich befand! Ich fing so sachte an, +mir mal die Gegend unter mir anzusehen. Die Menschen winzig klein, die +Häuser wie aus einem Kinderbaukasten, alles so niedlich und zierlich. Im +Hintergrund lag Köln. Der Kölner Dom ein Spielzeug. Es war doch ein +erhabenes Gefühl, über allem zu schweben. Wer konnte mir jetzt was +anhaben? Keiner! Daß ich nicht mehr wußte, wo ich war, war mir ganz +Wurscht, und ich war ganz traurig, als mein Pilot meinte, jetzt müßten +wir landen. + +Am liebsten wäre ich gleich wieder geflogen. Daß ich irgend welche +Beschwerden, wie etwa bei einer Luftschaukel, gehabt hätte, daran ist +nicht zu denken. Die berühmten Amerikanischen Schaukeln sind mir, +nebenbei gesagt, widerlich. Man fühlt sich unsicher darin, aber im +Flugzeug hat man das unbedingte Gefühl der Sicherheit. Man sitzt ganz +ruhig auf seinem Sessel. Daß einem schwindlig wird, ist ganz +ausgeschlossen. Es gibt keinen Menschen, dem im Flugzeug je schwindlig +geworden wäre. Aber es ist ein verdammter Nervenkitzel, so durch die +Luft zu sausen, besonders nachher, als es wieder 'runterging, das +Flugzeug nach vorn kippte, der Motor aufhörte zu laufen und mit einemmal +eine ungeheure Ruhe eintrat. Ich hielt mich wieder krampfhaft fest und +dachte natürlich: »Jetzt stürzt du.« Aber es ging alles so +selbstverständlich und natürlich vor sich, auch das Landen, wie man +wieder die Erde berührte, und alles war so einfach, daß einem das Gefühl +der Angst absolut fehlte. Ich war begeistert und hätte den ganzen Tag im +Flugzeug sitzen können. Ich zählte die Stunden bis zum nächsten Start. + + + + +Beobachtungsflieger bei Mackensen + + +Am 10. Juni 1915 kam ich nach Großenhain, um von dort aus an die Front +abgeschickt zu werden. Natürlich wollte ich recht schnell 'raus, denn +ich hatte Angst, ich könnte zu dem Weltkrieg zu spät kommen. +Flugzeugführer-Werden hätte drei Monate in Anspruch genommen. Bis dahin +konnten wir schon längst Frieden haben; also kam es nicht in Frage. Als +Beobachter mochte ich mich vielleicht in meiner Eigenschaft als +Kavallerist ganz gut eignen; denn nach vierzehn Tagen schickte man mich +bereits 'raus, zu meiner größten Freude an die einzige Stelle, wo wir +noch Bewegungskrieg hatten, nämlich nach Rußland. + +Mackensen ging gerade seinen Siegeszug. Er war bei Gorlice +durchgebrochen, und ich kam dazu, wie wir Rawa Ruska nahmen. Ein Tag im +Armee-Flugpark, dann kam ich zu der famosen Abt. 69, wo ich mir als +Anfänger kolossal dämlich vorkam. Mein Führer war eine »Kanone« -- +Oberleutnant Zeumer --, jetzt auch schon krumm und lahm. Von den übrigen +bin ich heute der einzige, der noch lebt. + +Jetzt kommt eigentlich meine schönste Zeit. Sie hatte mit dem +Kavalleristischen recht große Ähnlichkeit. Jeden Tag, vor- und +nachmittags, konnte ich meine Aufklärung fliegen. Ich habe manche schöne +Meldung nach Hause gebracht. + + + + +Mit Holck in Rußland + +(Sommer 1915) + + +Juni, Juli, August 1915 blieb ich bei der Fliegerabteilung, die den +ganzen Vormarsch Mackensens von Gorlice nach Brest-Litowsk mitmachte. +Ich war als ganz junger Beobachter dort hingekommen und hatte von Tuten +und Blasen keine Ahnung. + +Als Kavallerist war ja meine Beschäftigung Aufklären, so schlug der +jetzige Dienst in mein Fach, und ich hatte großen Spaß an den riesigen +Aufklärungsflügen, die wir fast täglich unternahmen. + +Für den Beobachter ist es wichtig, einen gesinnungstüchtigen Führer zu +finden. Da hieß es eines schönen Tages: »Graf Holck ist auf dem Anmarsch +zu uns.« Sofort kam mir der Gedanke: »Das ist der Mann, den du +brauchst.« + +Holck erschien nicht, wie man wohl glauben könnte, im 60-P.S.-Mercedes +oder im Schlafwagen erster Klasse, sondern zu Fuß. Er war nach +tagelanger Bahnfahrt endlich in die Gegend von Jaroslau gekommen. Dort +stieg er aus, denn es war wieder mal ein unendlicher Aufenthalt. Seinem +Burschen sagte er, er möchte mit dem Gepäck nachreisen, er würde +vorausgehen. Er zieht los, und nach einer Stunde Fußmarsch guckt er +sich um, aber kein Zug folgt ihm. So lief und lief er, ohne von seinem +Zuge überholt zu werden, bis er schließlich nach fünfzig Kilometern in +Rawa Ruska, seinem Ziel, ankam und vierundzwanzig Stunden später der +Bursche mit dem Gepäck erschien. Das war dem Sportsmann aber weiter +keine ungewohnte Arbeit. Sein Körper war derart trainiert, daß ihm +fünfzig Kilometer Fußmarsch nichts weiter ausmachten. + +Graf Holck war nicht bloß ein Sportsmann auf dem grünen Rasen, der +Flugsport machte ihm allem Anschein nach nicht weniger Vergnügen. Er war +ein Führer von seltener Befähigung, und besonders eben, was ja noch eine +große Hauptsache ist, er war grob Klasse über dem Feind. + +Manch schönen Aufklärungsflug flogen wir, wer weiß wie weit, Richtung +Rußland. Nie hatte ich bei dem noch so jungen Piloten das Gefühl der +Unsicherheit, vielmehr gab er mir im kritischen Moment einen Halt. Wenn +ich mich umsah und in sein entschlossenes Gesicht blickte, hatte ich +wieder nochmal so viel Mut wie vorher. + + * * * * * + +Mein letzter Flug mit ihm zusammen sollte beinahe schief gehen. Wir +hatten eigentlich gar keinen bestimmten Auftrag zu fliegen. Das ist ja +aber gerade das Schöne, daß man sich vollständig als freier Mensch fühlt +und vollkommen sein eigener Herr ist, wenn man mal in der Luft ist. + +Wir hatten einen Flughafenwechsel vorwärts und wußten nicht genau, +welche Wiese nun eigentlich die richtige sei. Um unsere Kiste bei der +Landung nicht unnötig aufs Spiel zu setzen, flogen wir Richtung +Brest-Litowsk. Die Russen waren in vollem Rückmarsch, alles brannte -- -- +ein grausig-schönes Bild. Wir wollten feindliche Kolonnen feststellen +und kamen dabei über die brennende Stadt Wiczniace. Eine riesige +Rauchwolke, die vielleicht bis auf zweitausend Meter hinaufreichte, +hinderte uns am Weiterfliegen, da wir selbst, um besser zu sehen, nur in +fünfzehnhundert Metern Höhe flogen. Einen Augenblick überlegte Holck. +Ich fragte ihn, was er machen wollte, und riet ihm, drumherum zu +fliegen, was vielleicht ein Umweg von fünf Minuten gewesen wäre. Aber +daran dachte Holck gar nicht. Im Gegenteil: je mehr sich die Gefahr +erhöhte, um so reizvoller war es ihm. Also mitten durch! Mir machte es +auch Spaß, mit einem so schneidigen Kerl zusammen zu sein. Doch sollte +uns unsere Unvorsichtigkeit bald teuer zu stehen kommen, denn kaum war +der Schwanz des Apparates in der Wolke verschwunden, schon merkte ich +ein Schwanken im Flugzeug. Ich konnte nichts mehr sehen, der Rauch biß +mir in die Augen, die Luft war bedeutend wärmer, und ich sah unter mir +bloß noch ein riesiges Feuermeer. Plötzlich verlor das Flugzeug das +Gleichgewicht und stürzte, sich überschlagend, in die Tiefe. Ich konnte +noch schnell eine Strebe erfassen, um mich festzuhalten, sonst wäre ich +'rausgeschleudert worden. Das erste, was ich tat, war ein Blick in +Holcks Gesicht. Schon hatte ich wieder Mut gefaßt, denn seine Mienen +waren eisern zuversichtlich. Der einzige Gedanke, den ich hatte, war +der: es ist doch dumm, auf so unnötige Weise den Heldentod zu sterben. + +Später fragte ich Holck, was er sich eigentlich in dem Augenblick +gedacht hätte. Da meinte er, daß ihm doch noch nie so eklig zumute +gewesen sei. + +Wir stürzten herunter bis auf fünfhundert Meter über die brennende +Stadt. War es die Geschicklichkeit meines Führers oder höhere Fügung, +vielleicht auch beides, jedenfalls waren wir plötzlich aus der +Rauchwolke herausgefallen, der gute Albatros fing sich wieder und flog +erneut geradeaus, als sei nichts vorgefallen. + +Wir hatten nun doch die Nase voll von unserem Flughafenwechsel und +wollten schleunigst zu unseren Linien zurückkehren. Wir waren nämlich +noch immer weit drüben bei den Russen und zudem nur noch in fünfhundert +Metern Höhe. Nach etwa fünf Minuten ertönte hinter mir die Stimme +Holcks: »Der Motor läßt nach.« + +Ich muß hinzufügen, daß Holck von einem Motor nicht ganz dieselbe Ahnung +hatte wie von einem »Hafervergaser«, und ich selbst war vollständig +schimmerlos. Nur eines wußte ich, daß, wenn der Motor nicht mehr +mitmachte, wir bei den Russen landen mußten. Also kamen wir aus der +einen Gefahr in die andere. + +Ich überzeugte mich, daß die Russen unter uns noch flott marschierten, +was ich aus fünfhundert Metern Höhe genau sehen konnte. Im übrigen +brauchte ich gar nichts zu sehen, denn der Rußki schoß mit +Maschinengewehren wie verfault. Es hörte sich an, als wenn Kastanien im +Feuer liegen. + +Der Motor hörte bald ganz auf zu laufen, er hatte einen Treffer. So +kamen wir immer tiefer, bis wir gerade noch über einem Wald ausschwebten +und schließlich in einer verlassenen Artilleriestellung landeten, die +ich noch am Abend vorher als besetzte russische Artilleriestellung +gemeldet hatte. + +Ich teilte Holck meine Vermutungen mit. Wir sprangen 'raus aus der Kiste +und versuchten, das nahe Waldstückchen zu erreichen, um uns dort zur +Wehr zu setzen. Ich verfügte über eine Pistole und sechs Patronen, Holck +hatte nichts. + +Am Waldrande angekommen, machten wir halt, und ich konnte mit meinem +Glase erkennen, wie ein Soldat auf unser Flugzeug zulief. Zu meinem +Schreck stellte ich fest, daß er eine Mütze trug und nicht eine +Pickelhaube. Das hielt ich für ein sicheres Zeichen, daß es ein Russe +sei. Als der Mann näher kam, stieß Holck einen Freudenschrei aus, denn +es war ein preußischer Gardegrenadier. + +Unsere Elitetruppe hatte wieder einmal die Stellung beim Morgengrauen +gestürmt und war bis zu den feindlichen Batteriestellungen +durchgebrochen. + + * * * * * + +Ich erinnere mich, daß Holck bei dieser Gelegenheit seinen kleinen +Liebling, ein Hündchen, verlor. Er nahm das Tierchen bei jedem Aufstieg +mit, es lag ganz ruhig in seinem Pelz unten in der Karosserie. Im Walde +hatten wir es noch mit. Kurz darauf, als wir mit dem Gardegrenadier +gesprochen hatten, kamen Truppen vorbeigezogen. Dann kamen Stäbe von der +Garde und Prinz Eitel Friedrich mit seinen Adjutanten und +Ordonnanzoffizieren. Der Prinz ließ uns Pferde geben, so daß wir beiden +Kavallerieflieger mal wieder auf richtigen »Hafermotoren« saßen. Leider +ging uns beim Weiterreiten das Hündchen verloren. Es muß wohl mit +anderen Truppen mitgelaufen sein. + +Spätabends kamen wir schließlich mit einem Panjewagen in unseren +Flughafen zurück. Die Maschine war futsch. + + + + +Rußland--Ostende + +(Vom Zweisitzer zum Großkampfflugzeug) + + +Nachdem in Rußland unsere Unternehmungen so sachte zum Stehen kamen, +wurde ich plötzlich zu einem Großkampfflugzeug, zur B. A. O. nach +Ostende versetzt (21. August 1915). Ich traf da einen alten Bekannten, +Zeumer, und außerdem verlockte mich der Name »Großkampfflugzeug«. + +August 1915 traf ich in Ostende ein. Auf dem Bahnhof in Brüssel hatte +mich mein guter Freund Zeumer abgeholt. Nun verlebte ich eigentlich eine +sehr nette Zeit, die aber wenig Kriegerisches an sich hatte, aber sie +war als Lehrzeit zum Kampfflieger unentbehrlich. Wir flogen viel, hatten +selten Luftkämpfe und nie Erfolge. Dafür aber war das sonstige Leben +reizvoll. Am Strand von Ostende hatten wir ein Hotel beschlagnahmt. +Jeden Nachmittag badeten wir. Leider waren als Kurgäste nur Soldaten zu +sehen. Auf den Terrassen von Ostende saßen wir, in unsere bunten +Bademäntel gehüllt, und tranken nachmittags unseren Kaffee. + + * * * * * + +Wir saßen wieder mal, wie üblich, am Strande bei unserem Kaffee. +Plötzlich ein Tuten, das hieß: ein englisches Seegeschwader ist +gemeldet. Natürlich ließen wir uns durch derartige Alarmnachrichten in +unserer Gemütlichkeit nicht stören und tranken weiter. Da ruft einer: +»Da sind sie!« und tatsächlich konnten wir am Horizont, wenn auch nicht +sehr deutlich, einige qualmende Schornsteine und später auch Schiffe +erkennen. Schnell wurden die Ferngläser geholt und beobachtet. Wir sahen +eine ganz stattliche Zahl von Schiffen. Was sie eigentlich machen +wollten, war uns unklar, aber bald sollten wir eines Besseren belehrt +werden. Wir stiegen auf das Dach, um von dort oben mehr zu sehen. Mit +einem Male pfeift's, gleich darauf ein Riesenknall, und eine Granate +schlägt am Strande ein, wo wir eben noch im Wasser waren. So schnell bin +ich noch nie in den Heldenkeller gestürzt wie in diesem Moment. Das +englische Geschwader schoß noch vielleicht drei-, viermal auf uns und +richtete sich dann in der Hauptsache gegen den Ostender Hafen und +Bahnhof. Getroffen haben sie natürlich nichts. Aber sie haben die braven +Belgier in mächtige Aufregung versetzt. Eine Granate sauste mitten in +das schöne Palasthotel am Strande von Ostende. Dies war der einzige +Schaden. Zum Glück ist es englisches Kapital, das sie selbst vernichtet +haben. + + * * * * * + +Abends wurde dann wieder feste geflogen. Bei einem unserer Flüge waren +wir mit unserem Großkampfflugzeug sehr weit hinaus auf See gekommen. +Das Ding hatte zwei Motoren, und wir probierten hauptsächlich ein neues +Steuer aus, das uns ermöglichen sollte, auch mit einem Motor weiter +geradeaus zu fliegen. Wie wir ziemlich weit draußen sind, sehe ich unter +uns, nicht auf dem Wasser, sondern -- wie es mir schien -- unter dem +Wasser, ein Schiff schwimmen. Es ist ganz eigentümlich: Man kann von +oben aus bei etwas ruhigem Seegang bis auf den Meeresgrund +hinuntersehen. Natürlich nicht vierzig Kilometer tief, aber so einige +hundert Meter Wasser kann man glatt durchschauen. Ich hatte mich auch +nicht getäuscht, daß das Schiff nicht über Wasser, sondern unter Wasser +schwamm, und trotzdem sah ich es so, als sei es oben. Ich machte Zeumer +darauf aufmerksam, und wir gingen etwas tiefer hinunter, um Näheres zu +erkennen. Ich bin zu wenig Marinemann, um gleich sagen zu können, was es +gewesen ist; aber so sachte kapierte ich denn doch, daß es ein U-Boot +war. Aber welcher Nationalität? Das ist nun wieder eine zweite +schwierige Frage, die meiner Ansicht nach nur ein Marinemann lösen kann +-- und der auch nicht immer. Farbe ist so gut wie gar nicht zu erkennen. +Die Flagge schon erst recht nicht. Außerdem hat ja wohl so ein U-Boot +gar nichts dergleichen. Wir hatten zwei Bomben mit, und ich war mir sehr +im Zweifel: sollte ich werfen, oder sollte ich nicht werfen? Das U-Boot +hatte uns nicht gesehen, denn es war halb unter Wasser. Wir konnten aber +über dem Ding ganz ruhig herfliegen und hätten den Moment abpassen +können, wo es auftauchte, um Luft zu schnappen, um unsere Eier zu legen. +Das ist ganz bestimmt ein sehr kritischer Punkt für unsere +Schwesterwaffe. Wie wir noch eine ganze Weile mit den Kerlen da unten +'rumgekindscht hatten, merkte ich plötzlich, wie aus dem einen unserer +Kühler sich so sachte das Wasser empfahl. Dieses schien mir als »Franz« +nicht ganz geheuer, und ich machte meinen »Emil« darauf aufmerksam. Der +zog sein Gesicht in die Länge und machte nun, daß er nach Hause kam. +Aber wir waren schätzungsweise zwanzig Kilometer von der Küste entfernt, +und die wollen erst zurückgeflogen sein. Der Motor ließ so sachte nach, +und ich machte mich schon im stillen auf ein kaltes und feuchtes Bad +gefaßt. Aber siehe da, es ging! Der Riesenäppelkahn ließ sich mit einem +Motor und dem neuen Steuer großartig deichseln, und wir erreichten noch +glatt die Küste und konnten dort sehr schön auf unserem nahen Hafen +landen. + +Glück muß der Mensch haben. Hätten wir nicht das neue Steuer an diesem +Tage ausprobiert, wir wären rettungslos versoffen. + + + + +Ein Tropfen Blut fürs Vaterland + +(Ostende) + + +Verwundet bin ich eigentlich nie worden. Ich habe wohl immer im +entscheidenden Moment den Kopf weggenommen und den Bauch eingezogen. Oft +habe ich mich gewundert, daß sie mich nicht gehascht haben. Einmal ging +mir ein Schuß durch beide Pelzstiefel durch, ein andermal durch meinen +Schal, wieder einmal an meinem Arm durch den Pelz und die Lederjacke +durch, aber nie hat es mich berührt. + +Da flogen wir eines schönen Tages mit unserem Großkampfflugzeug los, um +die Engländer etwas mit Bomben zu erfreuen, erreichten das Ziel, die +erste Bombe fällt. Es ist natürlich sehr interessant festzustellen, wie +der Erfolg dieser Bombe ist. Wenigstens den Einschlag möchte man immer +gerne sehen. Mein Großkampfflugzeug, das sich für das Bombenschleppen +ganz gut eignete, hatte aber die dumme Eigenschaft, daß man von der +abgeworfenen Bombe den Einschlag schlecht sehen konnte, denn das +Flugzeug schob sich nach dem Abwurf über das Ziel weg und verdeckte es +mit seinen Flächen vollkommen. Dieses ärgerte mich immer, denn man hatte +so wenig Spaß davon. Wenn's unten knallt und man die lieblich grau-weiße +Wolke der Explosion sieht und sie auch in der Nähe des Zieles liegt, +macht einem viel Freude. So winkte ich meinen guten Zeumer ein und +wollte eigentlich, daß er so etwas mit dem Tragdeck beiseite ging. Dabei +vergaß ich, daß das infame Ding, mein Äppelkahn, zwei Propeller hatte, +die sich rechts und links neben meinem Beobachtersitz drehten. Ich +zeigte ihm ungefähr den Einschlag der Bombe -- und patsch! habe ich eins +auf die Finger. Etwas verdutzt anfangs, stellte ich dann fest, daß mein +kleiner Finger zu Schaden gekommen war. Zeumer hatte nichts gemerkt. + +Das Bombenwerfen war mir verleidet, schnell wurde ich meine letzten +Dinger los, und wir machten, daß wir nach Hause kamen. + +Meine Liebe zum Großkampfflugzeug, die sowieso etwas schwach war, hatte +durch diesen Bombenwurf schwer gelitten. Ich mußte nun acht Tage lang +hocken und durfte nicht mitfliegen. Jetzt ist es nur noch ein +Schönheitsfehler, aber ich kann doch wenigstens mit Stolz sagen: »Ich +habe auch eine Kriegsverwundung.« + + + + +Mein erster Luftkampf + +(1. September 1915) + + +Zeumer und ich hätten zu gerne mal einen Luftkampf gehabt. Wir flogen +natürlich unser Großkampfflugzeug. Schon allein der Name des Kahnes gab +uns einen solchen Mut, daß wir es für ausgeschlossen hielten, ein Gegner +könnte uns entgehen. + +Wir flogen am Tage fünf bis sechs Stunden, ohne je einen Engländer +gesehen zu haben. Schon ganz entmutigt begaben wir uns eines Morgens +wieder auf Jagd. Mit einemmal entdeckte ich einen Farman, der ungeniert +seine Aufklärung fliegen wollte. Mir pochte das Herz, wie Zeumer auf ihn +zuflog. Ich war gespannt, was sich nun eigentlich abspielen würde. Ich +hatte nie einen Luftkampf gesehen und machte mir nur ganz dunkle +Vorstellungen, so etwa wie du, mein lieber Leser. + +Ehe ich mich versah, waren wir beide, der Engländer und ich, aneinander +vorbeigesaust. Ich hatte höchstens vier Schuß abgegeben, während der +Engländer plötzlich hinter uns saß und uns den ganzen Laden voll schoß. +Ich muß sagen, ich hatte nicht das Gefühl der Gefahr, weil ich mir auch +gar nicht vorstellen konnte, wie nun eigentlich das Endresultat so eines +Kampfes aussehen würde. Wir drehten uns noch einige Male umeinander, bis +schließlich der Engländer zu unserem größten Erstaunen ganz vergnügt +kehrtmachte und weiterflog. Ich war stark enttäuscht, mein Führer auch. + +Zu Hause angekommen, waren wir beide sehr schlechter Laune. Er machte +mir Vorwürfe, ich hätte schlecht geschossen, ich machte ihm Vorwürfe, er +hätte mich nicht recht zum Schuß gebracht -- kurz und gut, unsere +Flugzeugehe, die sonst so tadellos war, hatte mit einemmal einen Knacks. + +Wir beschauten uns unsere Kiste und stellten fest, daß wir eigentlich +eine ganz anständige Zahl von Treffern drinnen hatten. + +Noch am selben Tage unternahmen wir einen zweiten Jagdflug, der aber +ebenso ergebnislos blieb. Ich war sehr traurig, denn ich hatte es mir +bei einem Kampfgeschwader ganz anders vorgestellt. Ich glaubte immer, +wenn ich mal zum Schuß käme, dann müßte der Bruder auch fallen. Bald +mußte ich mich aber davon überzeugen, daß so ein Flugzeug ungeheuer viel +verträgt. Schließlich gelangte ich zu der Überzeugung, ich könne noch so +viel schießen und würde doch nie einen 'runterbekommen. + +An Mut hatten wir es nicht fehlen lassen. Zeumer konnte fliegen wie +selten einer, und ich war ein ganz leidlicher Kugelschütze. Wir standen +also vor einem Rätsel. Es ging nicht bloß mir alleine so, sondern es +geht noch heute vielen anderen ebenso. Die Geschichte will eben wirklich +verstanden sein. + + + + +In der Champagne-Schlacht + + +Die schöne Zeit in Ostende war nur sehr kurz, denn bald entbrannte die +Schlacht in der Champagne, und wir flogen nach dieser Front, um uns dort +weiter mit dem Großkampfflugzeug zu betätigen. Wir bemerkten bald, daß +die Klamotte zwar ein großes Flugzeug war, aber niemals ein +Kampfflugzeug abgab. + +Einmal flog ich mit Osteroth, der ein etwas kleineres Flugzeug hatte als +der Äppelkahn (das Großkampfflugzeug). Etwa fünf Kilometer hinter der +Front trafen wir mit einem Farman-Zweisitzer zusammen. Er ließ uns ruhig +'rankommen, und ich sah zum ersten Male einen Gegner so ganz aus +nächster Nähe in der Luft. Osteroth flog sehr geschickt so neben ihm +her, daß ich ihn gut unter Feuer nehmen konnte. Der Gegner hatte uns +wohl gar nicht bemerkt, denn ich hatte bereits meine erste Ladehemmung, +wie er anfing, wiederzuschießen. Nachdem ich meinen Patronenkasten von +hundert Schuß verschossen hatte, glaubte ich meinen Augen nicht trauen +zu können, wie mit einem Male der Gegner in ganz seltsamen Spiralen +niederging. Ich verfolgte ihn mit den Augen und klopfte Osteroth auf den +Kopf. Er fällt, er fällt, und tatsächlich fiel er in einen großen +Sprengtrichter; man sah ihn darin auf dem Kopf stehen, Schwanz nach +oben. Auf der Karte stellte ich fest: fünf Kilometer hinter der jetzigen +Front lag er. Wir hatten ihn also jenseits abgeschossen. In damaliger +Zeit wurden aber Abschüsse jenseits der Front nicht bewertet, sonst +hätte ich heute einen mehr auf meiner Liste. Ich war aber sehr stolz auf +meinen Erfolg, und im übrigen ist es ja die Hauptsache, wenn der Kerl +unten liegt, also nicht, daß er einem als Abschuß angerechnet wird. + +[Illustration: Der Entente-Brunnen auf einem Flugplatz im Westen] + +[Illustration: Das erste Dutzend der von Richthofen abgeschossenen +Apparate wird zum Abtransport in die Heimat verladen] + + + + +Wie ich Boelcke kennenlernte + + +Zeumer verpaßte sich in dieser Zeit einen Fokker-Eindecker, und ich +konnte zusehen, wie er allein durch die Welt segelte. Die +Champagne-Schlacht tobte. Die französischen Flieger machten sich +bemerkbar. Wir sollten zu einem Kampfgeschwader zusammengestellt werden +und fuhren am 1. Oktober 1915 nach. Im Speisewagen saß am Nebentisch ein +junger unscheinbarer Leutnant. Es lag auch kein Grund für ihn vor, +besonders aufzufallen, nur eine Tatsache stand fest: er war von uns +allen der einzige, der bereits mal einen feindlichen Flieger +abgeschossen hatte, und zwar nicht nur einen, sondern schon vier. Er war +sogar mit Namen im Heeresbericht genannt. Er imponierte mir auf Grund +seiner Erfahrungen ganz rasend. Ich konnte mir noch so große Mühe geben, +ich hatte bis dahin noch immer keinen zur Strecke, jedenfalls war mir +noch keiner anerkannt worden. Zu gerne hätte ich erfahren, wie dieser +Leutnant Boelcke das nun eigentlich machte. So stellte ich an ihn die +Frage: »Sagen Sie mal bloß, wie machen Sie's denn eigentlich?« Er lachte +sehr belustigt, dabei hatte ich aber wirklich ernst gefragt. Dann +antwortete er mir: »Ja, Herrgott, ganz einfach. Ich fliege eben ran und +ziele gut, dann fällt er halt herunter.« Ich schüttelte bloß den Kopf +und meinte, das täte ich doch auch, bloß daß er eben bei mir nicht +'runterfiele. Der Unterschied war allerdings der, er flog Fokker und ich +mein Großkampfflugzeug. + +Ich gab mir Mühe, diesen netten bescheidenen Menschen, der mir +wahnsinnig imponierte, näher kennenzulernen. Wir spielten oft Karten +zusammen, gingen spazieren, und ich fragte ihn aus. So reifte in mir der +Entschluß: »Du mußt selber einen Fokker fliegen lernen, dann wird es +vielleicht besser gehen.« + +Mein Sinnen und Trachten ging nun dahin, zu lernen, selbst »den Knüppel +zu führen«. Denn ich war bisher immer nur Beobachter gewesen. Es bot +sich bald Gelegenheit, auf einer alten Klamotte in der Champagne zu +schulen. Ich betrieb das mit großem Eifer und war nach fünfundzwanzig +Schulflügen vor dem Alleinflug. + + + + +Der erste Alleinflug + +(10. Oktober 1915) + + +Es gibt so einige Augenblicke im Leben, die einen besonderen +Nervenkitzel verursachen, so z. B. der erste Alleinflug. + +Zeumer, mein Lehrer, erklärte mir eines Abends: »So, nun flieg' mal +alleine los.« Ich muß sagen, daß ich ihm am liebsten geantwortet hätte: +»Ich habe zu große Angst.« Aber dies Wort soll ja der Vaterlandsverteidiger +niemals in den Mund nehmen. Also mußte ich wohl oder übel meinen +Schweinehund 'runterschlucken und mich in die Maschine setzen. + +Er erklärte mir noch einmal jeden Griff theoretisch; ich hörte nur noch +mit halbem Ohre zu, denn ich war der festen Überzeugung: Du vergißt doch +die Hälfte. + +Ich rollte zum Start, gab Gas, die Maschine bekam ihre bestimmte +Geschwindigkeit, und mit einem Male konnte ich nicht umhin, +festzustellen, daß ich tatsächlich flog. Es war schließlich kein +ängstliches, sondern ein verwegenes Gefühl. Mir war jetzt alles Wurscht. +Mochte passieren, was da wollte, ich wäre über nichts mehr erschrocken +gewesen. Mit Todesverachtung machte ich eine Riesenlinkskurve, stellte +an dem genau bezeichneten Baum das Gas ab und wartete der Dinge, die +sich nun ereignen würden. Nun kam das Schwierigste, die Landung. Mir +waren die notwendigen Handgriffe genau in Erinnerung. Ich machte sie +mechanisch nach, jedoch reagierte die Maschine ganz anders als sonst, wo +Zeumer drin saß. Ich war aus dem Gleichgewicht gebracht, machte einige +falsche Bewegungen, stand auf dem Kopf, und schon gab es wieder mal eine +»Schulmaschine«. Sehr traurig beguckte ich mir den Schaden, der sich zum +Glück bald beheben ließ, und hatte im übrigen noch den Spott auf meiner +Seite. + +Zwei Tage später ging ich mit rasender Passion wieder an mein Flugzeug, +und siehe da, es ging wunderbar. + +Nach vierzehn Tagen konnte ich die erste Prüfung machen. Ein Herr v. T. +war Richter. Ich flog die mir vorgeschriebenen Achten und die mir +befohlenen Landungen, worauf ich sehr stolz ausstieg und nun zu meinem +größten Erstaunen hörte, daß ich durchgefallen sei. Mir blieb nichts +anderes übrig, als später meine erste Prüfung noch einmal zu machen. + + + + +Aus meiner Döberitzer Ausbildungszeit + + +Um meine Examina bestehen zu können, mußte ich aber nach Berlin. Ich +benutzte die Gelegenheit, um als Beobachter ein Riesenflugzeug in Berlin +auf den Schwung zu bringen, und ließ mich dazu nach Döberitz +kommandieren (15. November 1915). Für das Riesenflugzeug hatte ich +anfangs großes Interesse. Aber es ist komisch, gerade durch das +Riesending wurde mir klar, daß nur das kleinste Flugzeug für meine +Zwecke als Kampfflieger etwas taugen kann. So ein großer Äppelkahn ist +zum Kämpfen zu unbeweglich, und das ist ja eben die Hauptsache für mein +Geschäft. + +Der Unterschied zwischen einem Großkampfflugzeug und einem +Riesenflugzeug ist der, daß das Riesenflugzeug noch erheblich größer ist +und mehr dem Zwecke für Bomben dient und weniger zum Kampfe. + +Meine Prüfungen machte ich nun in Döberitz, zusammen mit einem lieben +Menschen, Oberleutnant v. Lyncker. Wir beide vertrugen uns gut und +hatten dieselben Passionen, auch dieselbe Auffassung über unsere spätere +Tätigkeit. Unser Ziel war Fokkerfliegen, um zusammen zu einer +Jagdstaffel nach dem Westen zu kommen. Ein Jahr später haben wir es +erreicht, zusammenwirken zu können, wenn auch nur für kurze Zeit, denn +meinen guten Freund ereilte bei seinem dritten Abschuß die tödliche +Kugel. + +Oft haben wir in Döberitz lustige Stunden verlebt. So war z. B. eine +Bedingung: »Außenlandungen.« + +Ich verband bei dieser Gelegenheit das Notwendige mit dem Angenehmen. Zu +meinem Außenlandeplatz suchte ich mir ein mir bekanntes Gut Buchow aus. +Dort war ich auf Saujagd eingeladen, bloß vertrug sich die Sache +schlecht mit meinem Dienst, denn an schönen Abenden wollte ich fliegen +und trotzdem meiner Jagdpassion nachgehen. So legte ich mir meinen +Außenlandeplatz so, daß ich von dort aus bequem meine Jagdgründe +erreichen konnte. + +Ich nahm mir einen zweiten Piloten als Beobachter mit und schickte +diesen abends zurück. Nachts setzte ich mich auf Sauen an und wurde am +nächsten Morgen von diesem Piloten wieder abgeholt. + +Wenn ich nicht hätte abgeholt werden können, so wäre ich ziemlich auf +dem Trockenen gewesen, da mir ein Fußmarsch von etwa zehn Kilometern +geblüht hätte. So brauchte ich einen Mann, der mich bei jedem Wetter von +meinem Hochsitz abholte. Es ist aber nicht jedermanns Sache, auf Wetter +gar keine Rücksicht zu nehmen, doch es gelang mir, einen +Gesinnungstüchtigen zu finden. + +Eines Morgens, nachdem ich die Nacht wieder draußen zugebracht hatte, +begann ein ungeheures Schneegestöber. Man konnte nicht fünfzig Meter +weit sehen. Acht Uhr war es gerade, die angegebene Zeit, zu der mich der +Pilot abholen sollte. Im stillen hoffte ich, er würde es diesmal sein +lassen. Aber mit einem Male hörte ich ein Summen -- sehen konnte ich +nichts -- fünf Minuten später lag mein schöner Vogel etwas verbogen vor +mir. + + + + +Erste Zeit als Pilot + + +Am Weihnachtstage 1915 machte ich mein drittes Examen. Ich verband damit +einen Flug nach Schwerin und sah mir dort die Fokker-Werke an. Als +Beobachter nahm ich mir meinen Monteur mit und flog dann später mit ihm +von Berlin nach Breslau, von Breslau nach Schweidnitz, von Schweidnitz +nach Lüben, von Lüben nach Berlin, überall zwischenlandend, Bekannte und +Verwandte aufsuchend. Das Orientieren im Flugzeug fiel mir als altem +Beobachter nicht schwer. + +März war ich beim Kampfgeschwader 2 vor Verdun und lernte nun den +Luftkampf als Flugzeugführer, d. h. ich lernte, das Flugzeug im Kampfe +zu beherrschen. Ich flog dazu einen Zweisitzer. + + * * * * * + +Im Heeresbericht vom 26. April 1916 bin ich zum ersten Male, wenn auch +nicht persönlich genannt, so doch durch eine meiner Taten erwähnt. Ich +hatte mir auf meine Maschine ein Gewehr oben zwischen die Tragdecks im +Geschmack, wie es der Nieuport hat, aufgebaut und war auf diese +Konstruktion allein schon sehr stolz. Man lachte wohl etwas darüber, +denn sie sah sehr primitiv aus. Ich schwor natürlich darauf und hatte +bald Gelegenheit, sie praktisch zu verwerten. + +Ich begegnete einem Nieuport, der scheinbar auch Anfänger war, denn er +benahm sich furchtbar töricht. Ich flog auf ihn zu, worauf er ausriß. +Offenbar hatte er eine Ladehemmung. Ich hatte nicht das Gefühl, als ob +ich kämpfen würde, vielmehr: »Was wird jetzt erfolgen, wenn du auf ihn +schießt?« Ich fliege 'ran, zum erstenmal auf eine ganz, ganz nahe +Entfernung, drücke auf den Knopf des Maschinengewehrs, eine kurze Serie +wohlgezielter Schüsse, mein Nieuport bäumt sich auf und überschlägt +sich. Anfangs glaubten wir, mein Beobachter und ich, es sei eins der +vielen Kunststücke, die einem die Franzosen vorzumachen pflegen. Dieses +Kunststück wollte aber nicht aufhören, es ging immer tiefer, immer +tiefer; da klopft mir mein »Franz« auf den Kopf und ruft mir zu: »Ich +gratuliere, der fällt!« Tatsächlich fiel er in einen Wald hinter dem +Fort Douaumont und verschwand zwischen den Bäumen. »Den hast du +abgeschossen,« das war mir klar. Aber -- jenseits! Ich flog nach Hause, +meldete weiter nichts als: »Ein Luftkampf, ein Nieuport abgeschossen.« +Einen Tag darauf las ich diese meine Heldentat im Heeresbericht. Ich war +nicht schlecht stolz darauf, aber zu meinen zweiundfünfzig zählt dieser +Nieuport nicht. + + * * * * * + +_Heeresbericht vom 26. April 1916_ + +Zwei feindliche Flugzeuge sind über Fleury, südlich von Douaumont und +westlich davon, im Luftkampf abgeschossen. + + + + +Holck [Symbol: Kreuz] + +(30. April 1916) + + +Als junger Flugzeugführer flog ich mal bei einem Jagdfluge über das Fort +Douaumont hinweg, auf dem gerade heftiges Trommelfeuer lag. Da sah ich, +wie ein deutscher Fokker drei Caudrons angriff. Zu seinem Pech war aber +sehr starker Westwind. Also ungünstiger Wind. Er wurde im Laufe des +Kampfes über die Stadt Verdun hinausgetrieben. Ich machte meinen +Beobachter darauf aufmerksam, der auch meinte, das muß ein ganz +schneidiger Kerl sein. Wir überlegten, ob es Boelcke sein könnte, und +wollten uns nachher danach erkundigen. Da sah ich aber zu meinem +Schrecken, wie aus dem Angreifer ein Verteidiger wurde. Der Deutsche +wurde von den Franzosen, die sich mittlerweile auf mindestens zehn +Flugzeuge verstärkt hatten, immer mehr heruntergedrückt. Ihm zu Hilfe +kommen, konnte ich nicht. Ich war zu weit ab von den Kämpfenden und kam +zudem in meiner schweren Maschine nicht gegen den Wind an. Der Fokker +wehrte sich verzweifelt. Jetzt hatten ihn die Feinde schon mindestens +auf sechshundert Meter heruntergedrückt. Da wurde er plötzlich von einem +seiner Verfolger erneut angegriffen. Er verschwand in einem Sturzflug in +einer Kumuluswolke. Ich atmete auf, denn das war meiner Ansicht nach +seine Rettung. + +Zu Hause angekommen, erzählte ich, was ich gesehen hatte, und erfuhr, +daß es Holck, mein alter Kampfgenosse aus dem Osten, war, der vor kurzem +vor Verdun Jagdflieger geworden war. + +Mit Kopfschuß war Graf Holck senkrecht abgestürzt. Es ging mir sehr +nahe, denn er war nicht bloß ein Vorbild an Schneid, er war eben auch +als Mensch eine Persönlichkeit, wie es nur wenige gibt. + + + + +Ein Gewitterflug + + +Unsere Tätigkeit vor Verdun im Sommer 1916 wurde durch häufige +Gewitterstürme gestört. Nichts Unangenehmeres gibt es für einen Flieger, +als durch ein Gewitter hindurch zu müssen. Während der Somme-Schlacht +zum Beispiel landete ein ganzes englisches Geschwader hinter unseren +Linien, weil es durch ein Gewitter überrascht wurde. Es geriet so in +Gefangenschaft. + +Ich hatte noch nie den Versuch gemacht, durch ein Gewitter +hindurchzufliegen, und konnte es mir nicht verkneifen, das doch mal +auszuprobieren. In der Luft war den ganzen Tag eine richtige +Gewitterstimmung. Von meinem Flughafen Mont war ich nach dem nahen Metz +hinübergeflogen, um dort einiges zu erledigen. Da ereignete sich bei +meinem Nachhauseflug folgendes: + +Ich war auf dem Flugplatz in Metz und wollte nach meinem Flughafen +zurück. Wie ich meine Maschine aus der Halle zog, machten sich die +ersten Anzeichen eines nahen Gewittersturmes bemerkbar. Der Wind +kräuselte den Sand, und eine pechschwarze Wand zog von Norden her heran. +Alte, erfahrene Piloten rieten mir dringend ab, zu fliegen. Ich hatte +aber fest versprochen zu kommen, und es wäre mir furchtsam erschienen, +wenn ich wegen eines dummen Gewitters ausgeblieben wäre. Also, Gas +gegeben und mal probiert! Schon beim Start fing's an zu regnen. Die +Brille mußte ich wegwerfen, um überhaupt etwas sehen zu können. Das Üble +war, daß ich über die Moselberge wegmußte, durch deren Täler gerade der +Gewittersturm brauste. Ich dachte mir: »Nur zu, es wird schon glücken,« +und näherte mich mehr und mehr der schwarzen Wolke, die bis auf die Erde +herunterreichte. Ich flog so niedrig wie möglich. Über Häuser und +Baumreihen mußte ich teilweise hinwegspringen. Wo ich war, wußte ich +schon lange nicht mehr. Der Sturm erfaßte meinen Apparat wie ein Stück +Papier und trieb ihn vor sich her. Mir saß das Herz doch etwas tiefer. +Landen konnte ich nicht mehr in den Bergen, also mußte durchgehalten +werden. + +Um mich herum war es schwarz, unter mir bogen sich die Bäume im Sturm. +Plötzlich lag vor mir eine bewaldete Höhe. Ich mußte auf sie zu, mein +guter Albatros schaffte es und riß mich darüber hinweg. Ich konnte nur +noch geradeaus fliegen; jedes Hindernis, das kam, mußte genommen werden. +Es war die reine Springkonkurrenz über Bäume, Dörfer, besonders +Kirchtürme und Schornsteine, da ich höchstens noch fünf Meter hoch +fliegen konnte, um in der schwarzen Gewitterwolke überhaupt noch etwas +zu sehen. Um mich herum zuckten die Blitze. Ich wußte damals noch nicht, +daß der Blitz nicht in das Flugzeug schlagen kann. Ich glaubte den +sicheren Tod vor Augen zu haben, denn der Sturm mußte mich bei der +nächsten Gelegenheit in ein Dorf oder in einen Wald werfen. Hätte der +Motor ausgesetzt, so wäre ich erledigt gewesen. + +Da sah ich mit einem Male vor mir eine helle Stelle am Horizont. Dort +hörte das Gewitter auf; erreichte ich diesen Punkt, so war ich gerettet. +Die ganze Energie zusammennehmend, die ein junger, leichtsinniger Mensch +haben kann, steuerte ich darauf zu. + +Plötzlich, wie abgerissen, war ich aus der Gewitterwolke heraus, flog +zwar noch im strömenden Regen, aber fühlte mich im übrigen geborgen. + +Noch immer bei strömendem Regen landete ich in meinem Heimatshafen, wo +schon alles auf mich wartete, da von Metz bereits die Nachricht +eingetroffen war, ich sei in einer Gewitterwolke, Richtung dorthin, +verschwunden. + +Nie wieder werde ich, wenn es nicht mein Vaterland von mir fordert, +durch einen Gewittersturm hindurchfliegen. + +In der Erinnerung ist alles schön, so gab es auch dabei schöne Momente, +die ich nicht in meinem Fliegerdasein missen möchte. + + + + +Das erstemal auf einem Fokker + + +Von Anfang meiner Pilotenlaufbahn an hatte ich nur ein Streben, und das +war, in einem einsitzigen Kampfflugzeug fliegen zu dürfen. Nach langem +Quälen bei meinem Kommandeur hatte ich die Erlaubnis 'rausgeschunden, +einen Fokker zu schaukeln. Der Motor, der sich um sich selbst drehte, +war mir etwas ganz Neues. Auch so allein in einem kleinen Flugzeug zu +sitzen, war mir fremd. + +Ich besaß mit einem Freund, der jetzt schon lange tot ist, zusammen +diesen einen Fokker. Vormittags flog ich ihn, nachmittags er. Jeder +hatte Angst, der andere könne die Kiste eher zerschmeißen. Am zweiten +Tage flogen wir gegen den Feind. Mir war vormittags kein Franzose +begegnet, nachmittags kam der andere an die Reihe. Er kam nicht wieder, +keine Nachricht, nichts. Spätabends meldete die Infanterie einen +Luftkampf zwischen einem Nieuport und einem deutschen Fokker, nach +dessen Verlauf der Deutsche scheinbar jenseits auf dem Toten Mann +gelandet wäre. Es konnte nur Reimann sein, denn alle anderen waren +zurückgekommen. Wir bedauerten unseren kühnen Kameraden, da plötzlich +kam nachts die telephonische Nachricht, ein deutscher Fliegeroffizier +sei mit einem Male im vordersten Sappenkopf der Infanteriestellung auf +dem Toten Mann erschienen. Er entpuppte sich als Reimann. Ihm war der +Motor zerschossen worden, so daß er zur Notlandung gezwungen war. Er +hatte dabei unsere Linien nicht mehr erreichen können und war zwischen +dem Feind und uns gelandet. Schnell hatte er noch seine Maschine in +Brand gesteckt und sich dann einige hundert Meter davon in einem +Sprengtrichter verborgen gehalten. In der Nacht war er dann als +Schleichpatrouille in unseren Gräben erschienen. So endete zum ersten +Male unser Aktienunternehmen: »Der Fokker«. + + * * * * * + +Nach einigen Wochen bekamen wir einen zweiten. Diesmal fühlte ich mich +verpflichtet, das gute Ding ins Jenseits zu befördern. Es war vielleicht +mein dritter Flug auf der kleinen, schnellen Maschine. Beim Start setzte +der Motor aus. Ich mußte hinunter, gerade in ein Haferfeld hinein, und +im Umsehen war aus dem stolzen, schönen Apparat bloß noch eine +unkenntliche Masse geworden. Wie durch ein Wunder war mir nichts +passiert. + + + + +Bombenflüge in Rußland + + +Juni hieß es plötzlich verladen. Wir wußten nicht, wo es hinging, aber +den richtigen Tip hatten wir und waren deshalb nicht übermäßig erstaunt, +wie uns unser Kommandeur mit der Neuigkeit überraschte, daß wir nach +Rußland gingen. Wir fuhren durch ganz Deutschland mit unserem Wohnzug, +aus Speise- und Schlafwagen bestehend, und kamen schließlich nach Kowel. +Dort blieben wir in unseren Eisenbahnwagen wohnen. Dieses Wohnen in +Zügen hat ja nun natürlich sehr viel Vorteile. Man ist stets fertig, um +weiterzureisen, und man hat immer dasselbe Quartier. + +Aber in der russischen Sommerhitze ist so ein Schlafwagen das +Fürchterlichste, was es geben kann. Deshalb zog ich es vor, mit zwei +guten Freunden, Gerstenberg und Scheele, in den nahen Wald zu ziehen, wo +wir uns ein Zelt aufbauten und wie Zigeuner lebten. Das waren schöne +Zeiten. + + * * * * * + +In Rußland warf unser Kampfgeschwader viel Bomben. Wir beschäftigten uns +damit, die Russen zu ärgern, und legten auf ihre schönsten Bahnanlagen +unsere Eier. An einem dieser Tage zog unser ganzes Geschwader los, um +eine sehr wichtige Bahnhofsanlage zu bewerfen. Das Nest hieß Manjewicze +und lag etwa dreißig Kilometer hinter der Front, also nicht so +übertrieben weit. Die Russen hatten einen Angriff geplant, und zu diesem +Zweck war der Bahnhof ganz ungeheuerlich mit Zügen angefüllt. Ein Zug +stand neben dem anderen, eine ganze Strecke war mit fahrenden Zügen +belegt. Man konnte das von oben sehr schön sehen; an jeder +Ausweichstelle stand ein Transportzug. Also ein wirklich lohnendes Ziel +für einen Bombenflug. + +Man kann sich für alles begeistern. So hatte ich mich mal für eine Weile +für dieses Bombenfliegen begeistert. Es machte mir einen unheimlichen +Spaß, die Brüder da unten zu bepflastern. Oft zog ich an einem Tage +zweimal los. An diesem Tage hatten wir uns also Manjewicze zum Ziele +gesteckt. Jede Staffel für sich zog geschlossen gen Rußland. Die +Maschinen standen am Start, jeder Flugzeugführer versuchte noch einmal +seinen Motor, denn es ist eine peinliche Sache, auf der falschen Partei +notzulanden und besonders in Rußland. Der Russe ist auf Flieger wie +wild. Kriegt er einen zu fassen, schlägt er ihn ganz bestimmt tot. Das +ist auch die einzige Gefahr in Rußland, denn feindliche Flieger gibt es +da nicht, oder so gut wie gar nicht. Kommt mal einer vor, so hat er +sicherlich Pech und wird abgeschossen. Die Ballonabwehrgeschütze in +Rußland sind manchmal ganz gut, aber ihre Zahl nicht ausreichend. Gegen +den Westen jedenfalls ist das Fliegen im Osten eine Erholung. + + * * * * * + +Die Maschinen rollen schwer bis an den Startplatz. Sie sind bis auf ihr +letztes Ladegewicht mit Bomben angefüllt. Ich schleppte manchmal +einhundertfünfzig Kilogramm Bomben mit einem ganz normalen C-Flugzeug. +Außerdem hatte ich noch einen schweren Beobachter mit, dem man die +Fleischnot gar nicht ansah, ferner »für den Fall, daß« noch zwei +Maschinengewehre. Ich habe sie nie in Rußland ausprobieren können. Es +ist sehr schade, daß in meiner Sammlung kein Russe vorhanden ist. An der +Wand würde sich seine Kokarde gewiß ganz malerisch machen. So ein Flug +mit einer dicken, schwerbeladenen Maschine, besonders in der russischen +Mittagsglut, ist nicht von Pappe. Die Kähne schaukeln sehr unangenehm. +Runterfallen tun sie natürlich nicht, dafür sorgen die einhundertfünfzig +»Pferde«, aber es ist doch kein angenehmes Gefühl, so viel Sprengladung +und Benzin bei sich zu haben. Endlich ist man in einer ruhigeren +Luftschicht und kommt allmählich zu dem Genuß des Bombenfluges. Es ist +schön, geradeaus zu fliegen, ein bestimmtes Ziel zu haben und einen +festen Auftrag. Man hat nach einem Bombenwurf das Gefühl: Du hast etwas +geleistet, während man manchmal bei einem Jagdflug, wo man keinen +abgeschossen hat, sich sagen muß: Du hättest es besser machen können. +Ich habe sehr gern Bomben geworfen. Mein Beobachter hatte es sachte sehr +ordentlich wegbekommen, das Ziel genau senkrecht zu überfliegen und mit +Hilfe eines Zielfernrohres den guten Augenblick abzupassen, um sein Ei +zu legen. Es ist ein schöner Flug nach Manjewicze. Ich habe ihn öfters +hinter mir. + +Wir kamen über riesige Waldkomplexe, in denen gewiß die Elche und Luchse +herumturnen. Die Dörfer sahen allerdings auch so aus, als ob sich die +Füchse darin Gute Nacht sagen könnten. Das einzige größere Dorf in der +ganzen Gegend war Manjewicze. Um das Dorf herum waren zahllose Zelte +aufgeschlagen und am Bahnhof selbst unzählige Baracken. Rote Kreuze +konnten wir nicht erkennen. Vor uns war eine Staffel dagewesen. Dieses +konnte man an einzelnen rauchenden Häusern und Baracken noch +feststellen. Sie hatte nicht schlecht geworfen. Der eine Ausgang des +Bahnhofs war durch einen Treffer offenbar versperrt. Die Lokomotive +dampfte noch. Gewiß waren die Herren Zugführer irgendwo in einem +Unterstand oder so was Ähnlichem. Auf der anderen Seite fuhr gerade eine +Lokomotive mit großer Fahrt heraus. Natürlich reizte einen das, das Ding +zu treffen. Wir fliegen das Ding an und setzen einige hundert Meter +davor eine Bombe. Der gewünschte Erfolg war da, die Lokomotive blieb +stehen. Wir machen kehrt und werfen noch sauber Bombe für Bombe, fein +gezielt durch das Zielfernrohr, auf den Bahnhof. Wir haben ja Zeit, es +stört uns niemand. Ein feindlicher Flughafen ist zwar ganz in der Nähe, +aber seine Piloten sind nicht zu sehen. Abwehrgeschütze knallen nur ganz +vereinzelt und in einer ganz anderen Richtung als wir fliegen. Wir heben +uns noch eine Bombe auf, um sie besonders nutzbringend beim +Nachhauseflug anzuwenden. Da sehen wir, wie ein feindlicher Flieger auf +seinem Hafen startet. Ob er sich wohl mit dem Gedanken trägt, uns +anzugreifen? Ich glaube es nicht. Viel eher sucht er Sicherheit in der +Luft, denn das ist bei Bombenflügen auf Flughäfen ganz gewiß das +bequemste, sich der persönlichen Lebensgefahr zu entziehen. + +Wir machen noch einige Umwege und suchen Truppenlager, denn das macht +besonderen Spaß, die Herren da unten mit Maschinengewehren zu +beunruhigen. Solche halbwilden Völkerstämme wie die Asiaten haben noch +viel mehr Angst als die gebildeten Engländer. Besonders interessant ist +es, auf feindliche Kavallerie zu schießen. Es bringt ungeheure Unruhe +unter die Leute. Man sieht sie mit einem Male nach allen +Himmelsrichtungen davonsausen. Ich möchte nicht Schwadronschef von so +einer Kosakeneskadron sein, die von Fliegern mit Maschinengewehren +beschossen wird. Allmählich konnten wir wieder unsere Linien sehen. Nun +wurde es Zeit, daß wir unsere letzte Bombe loswurden. Wir beschlossen, +einen Fesselballon, »_den_« Fesselballon der Russen, mit einer Bombe zu +bedenken. Wir konnten ganz gemütlich auf wenige hundert Meter +heruntergehen und den Fesselballon bewerfen. Anfangs wurde er mit großer +Hast eingezogen, wie aber die Bombe gefallen war, hörte das Einziehen +auf. Ich erklärte es mir dadurch, nicht etwa, daß ich getroffen hatte, +sondern eher, daß die Russen ihren Hetman da oben in dem Korb im Stich +ließen und weggelaufen waren. Wir erreichten schließlich unsere Front, +unsere Gräben und waren, als wir zu Hause ankamen, doch etwas erstaunt, +wie wir feststellten, daß man uns von unten doch beschossen hatte, +wenigstens zeigte dies ein Treffer in der Tragfläche. + + * * * * * + +Ein andermal waren wir gleichfalls etwa in derselben Gegend auf einen +Angriff der Russen angesetzt, die den Stochod zu überschreiten +beabsichtigten. Wir kamen an die gefährdete Stelle, mit Bomben beladen +und sehr viel Patronen fürs Maschinengewehr, und da sahen wir zu unserer +großen Überraschung, wie bereits der Stochod von feindlicher Kavallerie +überschritten wird. Eine einzige Brücke diente zum Nachschub. Also war +es klar: Trifft man diese, so kann man dem Feind ungeheuer schaden. +Außerdem wälzten sich über den schmalen Steg dicke Truppenmassen. Wir +gingen auf möglichst niedrige Höhe hinunter und konnten nun genau +erkennen, daß die feindliche Kavallerie in großer Geschwindigkeit über +den Übergang marschierte. Die erste Bombe krachte nicht weit von ihr, +die zweite, dritte folgte unmittelbar darauf. Unten entsteht eine wüste +Unordnung. Die Brücke ist zwar nicht getroffen, aber nichtsdestotrotz +hat der Verkehr vollständig aufgehört, und alles, was Beine hat, ist +nach allen Himmelsrichtungen davon. Der Erfolg war gut, denn das waren +nur drei Bomben; es kam ja noch das ganze Geschwader hinterher. Und so +konnten wir noch manches erreichen. Mein Beobachter schoß feste mit dem +Maschinengewehr unter die Brüder, und wir hatten einen wilden Spaß +daran. Was unser positiver Erfolg war, kann ich natürlich nicht sagen. +Die Russen haben es mir auch nicht erzählt. Aber eingebildet habe ich +mir, daß ich den russischen Angriff allein abgeschlagen habe. Ob es +stimmt, wird die Kriegschronik der Russen nach dem Kriege mir wohl +mitteilen. + + + + +Endlich! + + +Die Augustsonne war fast unerträglich auf dem sandigen Flugplatz in +Kowel. Wir unterhielten uns mit den Kameraden, da erzählte einer: »Heute +kommt der große Boelcke und will uns, oder vielmehr seinen Bruder, in +Kowel besuchen.« Abends erschien der berühmte Mann, von uns sehr +angestaunt, und erzählte vieles Interessante von seiner Reise nach der +Türkei, von der er gerade auf dem Rückwege war, um sich im Großen +Hauptquartier zu melden. Er sprach davon, daß er an die Somme ginge, um +dort seine Arbeit fortzusetzen, auch sollte er eine ganze Jagdstaffel +aufstellen. Zu diesem Zwecke konnte er sich aus der Fliegertruppe ihm +geeignet erscheinende Leute aussuchen. Ich wagte nicht, ihn zu bitten, +daß er mich mitnähme. Nicht aus dem Grunde heraus, daß es mir bei +unserem Geschwader zu langweilig gewesen wäre -- im Gegenteil, wir +machten große und interessante Flüge, haben den Rußkis mit unseren +Bomben so manchen Bahnhof eingetöppert -- aber der Gedanke, wieder an der +Westfront zu kämpfen, reizte mich. Es gibt eben nichts Schöneres für +einen jungen Kavallerieoffizier, als auf Jagd zu fliegen. + +Am nächsten Morgen sollte Boelcke wieder wegfahren. Frühmorgens klopfte +es plötzlich an meiner Tür, und vor mir stand der große Mann mit dem +#Pour le mérite#. Ich wußte nicht recht, was er von mir wollte. Ich +kannte ihn zwar, wie bereits erwähnt, aber auf den Gedanken kam ich +nicht, daß er mich dazu aufgesucht hatte, um mich aufzufordern, sein +Schüler zu werden. Fast wäre ich ihm um den Hals gefallen, wie er mich +fragte, ob ich mit ihm nach der Somme gehen wollte. + +Drei Tage später saß ich auf der Eisenbahn und fuhr quer durch +Deutschland direkt nach dem Feld meiner neuen Tätigkeit. Endlich war +mein sehnlichster Wunsch erfüllt, und nun begann für mich die schönste +Zeit meines Lebens. + +Daß sie sich so erfolgreich gestalten würde, wagte ich damals nicht zu +hoffen. Beim Abschied rief mir ein guter Freund noch nach: »Komm' bloß +nicht ohne den #Pour le mérite# zurück!« + + + + +Mein erster Engländer + +(17. September 1916) + + +Wir standen alle auf dem Schießplatz, und einer nach dem anderen schoß +sein Maschinengewehr ein, so, wie es ihm am günstigsten erschien. Am +Tage vorher hatten wir unsere neuen Apparate bekommen, und am nächsten +Morgen wollte Boelcke mit uns fliegen. Wir waren alle Anfänger, keiner +von uns hatte bisher einen Erfolg zu verzeichnen. Was Boelcke uns sagte, +war uns daher ein Evangelium. In den letzten Tagen hatte er, wie er sich +ausdrückte, zum Frühstück schon mindestens einen, manchmal auch zwei +Engländer abgeschossen. + +Der nächste Morgen, der 17. September, war ein wunderbarer Tag. Man +konnte mit regem Flugbetrieb der Engländer rechnen. Bevor wir +aufstiegen, erteilte Boelcke uns noch einige genaue Instruktionen, und +zum ersten Male flogen wir im Geschwader unter Führung des berühmten +Mannes, dem wir uns blindlings anvertrauten. + +Wir waren gerade an die Front gekommen, als wir bereits über unseren +Linien an den Sprengpunkten unserer Ballon-Abwehrkanonen ein feindliches +Geschwader erkannten, das in Richtung Cambrai flog. Boelcke war +natürlich der erste, der es sah, denn er sah eben mehr als andere +Menschen. Bald hatten wir auch die Lage erfaßt, und jeder strebte, +dicht hinter Boelcke zu bleiben. Wir waren uns alle klar, daß wir unsere +erste Prüfung unter den Augen unseres verehrten Führers zu bestehen +hatten. Wir näherten uns dem Geschwader langsam, aber es konnte uns +nicht mehr entgehen. Wir waren zwischen der Front und dem Gegner. Wollte +er zurück, so mußte er an uns vorbei. Wir zählten schon die feindlichen +Flugzeuge und stellten fest, daß es sieben waren. Wir dagegen nur fünf. +Alle Engländer flogen große, zweisitzige Bomben-Flugzeuge. Nur noch +Sekunden, dann mußte es losgehen. Boelcke war dem ersten schon verflucht +nahe auf die Pelle gerückt, aber noch schoß er nicht. Ich war der +zweite, dicht neben mir meine Kameraden. Der mir am nächsten fliegende +Engländer war ein großer, dunkel angestrichener Kahn. Ich überlegte +nicht lange und nahm ihn mir aufs Korn. Er schoß, ich schoß, und ich +schoß vorbei, er auch. Es begann ein Kampf, in dem es für mich +jedenfalls darauf ankam, hinter den Burschen zu kommen, da ich ja nur in +meiner Flugrichtung schießen konnte. Er hatte es nicht nötig, denn sein +bewegliches Maschinengewehr reichte nach allen Seiten. Er schien aber +kein Anfänger zu sein, denn er wußte genau, daß in dem Moment sein +letztes Stündlein geschlagen hatte, wo ich es erreichte, hinter ihn zu +gelangen. Ich hatte damals noch nicht die Überzeugung, »der muß fallen«, +wie ich sie jetzt voll habe, sondern ich war vielmehr gespannt, ob er +wohl fallen würde, und das ist ein wesentlicher Unterschied. Liegt mal +der erste oder gar der zweite oder dritte, dann geht einem ein Licht +auf: »So mußt du's machen.« + +Also mein Engländer wandte, drehte sich, oft meine Garbe kreuzend. Daran +dachte ich nicht, daß es auch noch andere Engländer in dem Geschwader +gab, die ihrem bedrängten Kameraden zu Hilfe kommen konnten. Nur immer +der eine Gedanke: »Der muß fallen, mag kommen, was da will!« Da, endlich +ein günstiger Augenblick. Der Gegner hat mich scheinbar verloren und +fliegt geradeaus. Im Bruchteil einer Sekunde sitze ich ihm mit meiner +guten Maschine im Nacken. Eine kurze Serie aus meinem Maschinengewehr. +Ich war so nahe dran, daß ich Angst hatte, ihn zu rammen. Da plötzlich, +fast hätte ich einen Freudenjauchzer ausgestoßen, denn der Propeller des +Gegners drehte sich nicht mehr. Hurra! Getroffen! Der Motor war +zerschossen, und der Feind mußte bei uns landen, da ein Erreichen seiner +Linien ausgeschlossen war. Auch merkte ich an den schwankenden +Bewegungen des Apparates, daß irgend was mit dem Führer nicht mehr ganz +in Ordnung war. Auch der Beobachter war nicht mehr zu sehen, sein +Maschinengewehr ragte ohne Bedienung in die Luft. Ich hatte ihn also +getroffen, und er mußte am Boden seiner Karosserie liegen. + +Der Engländer landete irgendwo unmittelbar neben dem Flughafen eines +mir bekannten Geschwaders. Ich war so aufgeregt, daß ich mir das Landen +nicht verkneifen konnte, und landete in dem mir fremden Flughafen, wo +ich fast im Eifer meine Maschine noch auf den Kopf stellte. Die beiden +Flugzeuge, der Engländer und meines, waren nicht sehr weit voneinander +entfernt. Ich lief gleich hin und sah bereits eine Menge Soldaten nach +dem Gegner hinströmen. Dort angekommen, fand ich, daß meine Annahme +stimmte. Der Motor war zerschossen und beide Insassen schwer verletzt. +Der Beobachter starb gleich, der Führer auf dem Transport zum nahen +Lazarett. Meinem in Ehren gefallenen Gegner setzte ich zum Andenken +einen Stein auf sein schönes Grab. + +Als ich nach Hause kam, saß Boelcke mit den anderen Kameraden bereits +beim Frühstück und wunderte sich sehr, wo ich so lange geblieben war. +Stolz meldete ich zum ersten Male: »Einen Engländer abgeschossen.« +Sofort jubelte alles, denn ich war nicht der einzige; außer Boelcke, +der, wie üblich, seinen Frühstückssieg hatte, war jeder von uns +Anfängern zum ersten Male Sieger im Luftkampf geblieben. + +Ich möchte bemerken, daß seitdem kein englisches Geschwader sich mehr +bis Cambrai getraute, solange es dort eine Jagdstaffel Boelcke gab. + + + + +Somme-Schlacht + + +Ich habe in meinem ganzen Leben kein schöneres Jagdgefilde kennengelernt +als in den Tagen der Somme-Schlacht. Morgens, wenn man aufgestanden, +kamen schon die ersten Engländer, und die letzten verschwanden, nachdem +schon lange die Sonne untergegangen war. »Ein Dorado für die +Jagdflieger«, hat Boelcke einmal gesagt. Es ist damals die Zeit gewesen, +wo Boelcke in zwei Monaten mit seinen Abschüssen von zwanzig auf vierzig +gestiegen war. Wir Anfänger hatten damals noch nicht die Erfahrung wie +unser Meister und waren ganz zufrieden, wenn wir nicht selbst Senge +bezogen. Aber schön war es! Kein Start ohne Luftkampf. Oft große +Luftschlachten von vierzig bis sechzig Engländern gegen leider nicht +immer so viele Deutsche. Bei ihnen macht es die Quantität und bei uns +die Qualität. + +Aber der Engländer ist ein schneidiger Bursche, das muß man ihm lassen. +Er kam ab und zu in ganz niedriger Höhe und besuchte Boelcke auf seinem +Platz mit Bomben. Er forderte zum Kampf förmlich heraus und nahm ihn +auch stets an. Ich habe kaum einen Engländer getroffen, der den Kampf +verweigert hätte, während der Franzose es vorzieht, jede Berührung mit +dem Gegner in der Luft peinlichst zu vermeiden. + +Es waren schöne Zeiten bei unserer Jagdstaffel. Der Geist des Führers +übertrug sich auf seine Schüler. Wir konnten uns blindlings seiner +Führung anvertrauen. Die Möglichkeit, daß einer im Stich gelassen wurde, +gab es nicht. Der Gedanke kam einem überhaupt nicht. Und so räumten wir +flott und munter unter unseren Feinden auf. + +An dem Tage, an dem Boelcke fiel, hatte die Staffel schon vierzig. Jetzt +hat sie weit über hundert. Der Geist Boelckes lebt fort unter seinen +tüchtigen Nachfolgern. + + + + +Boelcke [Symbol: Kreuz] + +(28. Oktober 1916) + + +Eines Tages flogen wir wieder einmal unter der Führung des großen Mannes +gegen den Feind. Man hatte stets ein so sicheres Gefühl, wenn er dabei +war. Es gab eben nur einen Boelcke. Ein sehr stürmisches Wetter. Viel +Wolken. Andere Flieger flogen an dem Tage überhaupt nicht, nur der +Jagdflieger. + +Schon von weitem sahen wir an der Front zwei freche Engländer, denen +scheinbar das schlechte Wetter auch mal Spaß machte. Wir waren sechs, +drüben waren zwei. Wären es zwanzig gewesen, uns hätte das Zeichen von +Boelcke zum Angriff auch nicht weiter in Erstaunen gesetzt. + +Es beginnt der übliche Kampf. Boelcke hatte den einen vor und ich den +anderen. Ich muß ablassen, weil ich von einem eigenen gestört werde. Ich +sehe mich um und beobachte, wie etwa zweihundert Meter neben mir Boelcke +sein Opfer gerade verarbeitet. + +[Illustration: Der Dreißigste!] + +[Illustration: Der Vierzigste!] + +Es war wieder das übliche Bild. Boelcke schießt einen ab, und ich kann +zusehen. Dicht neben Boelcke fliegt ein guter Freund von ihm. Es war ein +interessanter Kampf. Beide schossen, jeden Augenblick mußte der +Engländer stürzen. Plötzlich ist eine unnatürliche Bewegung in den +beiden deutschen Flugzeugen zu beobachten. Es zuckt mir durchs Hirn: +Zusammenstoß. Ich habe sonst nie einen Zusammenstoß in der Luft gesehen +und hatte mir so etwas viel anders vorgestellt. Es war auch kein +Zusammenstoß, sondern mehr ein Berühren. Aber in der großen +Geschwindigkeit, die so ein Flugzeug hat, ist jede leise Berührung ein +heftiger Aufprall. + +Boelcke läßt sofort von seinem Opfer ab und geht in großem +Kurvengleitflug zur Erde hinunter. Noch immer hatte ich nicht das Gefühl +eines Absturzes, aber wie er unter mir durchgleitet, erkenne ich, daß +ein Teil seiner Tragflächen abgebrochen ist. Was nun folgte, konnte ich +nicht beobachten, aber in den Wolken verlor er eine Tragfläche ganz. Da +war das Flugzeug steuerlos, und er stürzte ab, immer begleitet von +seinem treuen Freund. Als wir zu Haus ankamen, war bereits die Meldung +da: »Unser Boelcke tot!« Man konnte es nicht fassen. + +Am schmerzlichsten empfand es natürlich derjenige, dem das Unglück +zustoßen mußte. + +Es ist eigentümlich, daß jeder Mensch, der Boelcke kennenlernte, sich +einbildete, er sei der einzig wahre Freund von ihm. Ich habe von diesen +einzig wahren Freunden Boelckes etwa vierzig kennengelernt, und jeder +bildete sich ein, er sei der einzige. Menschen, deren Name Boelcke nie +gewußt hat, glaubten, sie stünden ihm besonders nahe. Es ist eine +eigentümliche Erscheinung, die ich nur bei ihm beobachtet habe. Einen +persönlichen Feind hat er nie gehabt. Er war gegen jedermann gleichmäßig +liebenswürdig, zu keinem mehr, zu keinem weniger. + +Der einzige, der ihm vielleicht etwas näher stand, hatte das eben +beschriebene Unglück mit ihm. + +Nichts geschieht ohne Gottes Fügung. Das ist ein Trost, den man sich in +diesem Kriege so oft sagen muß. + + + + +Der Achte + + +Acht war zu Boelckes Zeiten eine ganz anständige Zahl. Jeder, der +heutzutage von den kolossalen Zahlen der Abschüsse hört, muß zu der +Überzeugung kommen, daß das Abschießen leichter geworden ist. Ich kann +ihm nur eins versichern, daß dieses von Monat zu Monat, ja, von Woche zu +Woche schwieriger wird. Natürlich bietet sich die Gelegenheit jetzt +öfters, abzuschießen; aber leider wird die Möglichkeit, selbst +abgeschossen zu werden, ebenfalls größer. Die Bewaffnung des Gegners +wird immer besser, seine Zahl immer größer. Als Immelmann seinen ersten +abschoß, hatte er sogar das Glück, einen Gegner zu finden, der gar kein +Maschinengewehr bei sich hatte. Solche Häschen findet man jetzt +höchstens noch über Johannisthal. Am 9. November 1916 flog ich mit +meinem kleinen Kampfgenossen, dem achtzehnjährigen Imelmann, gegen den +Feind. Wir waren zusammen bei der Jagdstaffel Boelcke, kannten uns schon +vorher und hatten uns immer sehr gut vertragen. Kameradschaft ist die +Hauptsache. Wir zogen los. Ich hatte schon sieben, Imelmann fünf. Für +damalige Zeiten eine ganze Menge. + +Wir sind ganz kurze Zeit an der Front, da sehen wir ein +Bombengeschwader. Es kommt sehr frech geflogen. In ungeheurer Zahl +kommen sie natürlich wieder an, wie überhaupt immer während der +Somme-Schlacht. Ich glaube, in dem Geschwader waren etwa vierzig bis +fünfzig, genau kann ich die Zahl nicht angeben. Sie hatten sich gar +nicht weit weg von unserem Flughafen ein Ziel für ihre Bomben +ausgesucht. Kurz vor dem Ziel erreichte ich den letzten der Gegner. Wohl +gleich meine ersten Schüsse machten den Maschinengewehrschützen im +feindlichen Flugzeug kampfunfähig, mochten wohl auch den Piloten etwas +gekitzelt haben, jedenfalls entschloß er sich zur Landung mitsamt seinen +Bomben. Ich brannte ihm noch einige auf den Bast, dadurch wurde das +Tempo, in dem er die Erde zu erreichen suchte, etwas größer, er stürzte +nämlich ab und fiel ganz in die Nähe unseres Flughafens Lagnicourt. + +Imelmann war zur selben Zeit gleichfalls in einen Kampf mit einem +Engländer verwickelt und hatte auch einen Gegner zur Strecke gebracht, +gleichfalls in derselben Gegend. Schnell flogen wir nach Hause, um uns +unsere abgeschossenen Maschinen ansehen zu können. Wir fahren im Auto +bis in die Nähe meines Gegners und müssen dann sehr lange durch tiefen +Acker laufen. Es war sehr heiß, deshalb knöpfte ich mir alles auf, sogar +das Hemd und den Kragen. Die Jacke zog ich aus, die Mütze ließ ich im +Auto, dafür nahm ich einen großen Knotenstock mit, die Stiefel waren +bis an die Knie voll Schmutz. Ich sah also wüst aus. So komme ich in die +Nähe meines Opfers. Natürlich hat sich schon eine Unmenge Menschen +drumrum angesammelt. + +Eine Gruppe von Offizieren steht etwas abseits. Ich gehe auf sie zu, +begrüße sie und frage den ersten besten, ob er mir nicht erzählen +könnte, wie der Luftkampf ausgesehen habe, denn es interessiert +hinterher immer sehr, von den anderen, die von unten zugesehen haben, zu +erfahren, wie der Luftkampf ausgesehen hat. Da erfahre ich, daß die +Engländer Bomben geworfen haben und dieses Flugzeug noch seine Bomben +bei sich hatte. Der betreffende Herr nimmt mich am Arm, geht auf die +Gruppe der anderen Offiziere zu, fragt noch schnell nach meinem Namen +und stellt mich den Herren vor. Es war mir nicht angenehm, denn ich +hatte, wie gesagt, meine Toilette etwas derangiert. Und die Herren, mit +denen ich jetzt zu tun hatte, sahen alle totschick angezogen aus. Ich +wurde einer Persönlichkeit vorgestellt, die mir nicht so ganz geheuer +erschien. Generalshosen, einen Orden zum Hals heraus, dafür aber ein +verhältnismäßig jugendliches Gesicht, undefinierbare Achselstücke -- kurz +und gut, ich wittere etwas Außerordentliches, knöpfe mir im Laufe der +Unterhaltung Hose und Kragen zu und nehme eine etwas militärischere Form +an. Wer es war, wußte ich nicht. Ich verabschiede mich wieder, fahre +nach Hause. Abends klingelt das Telephon, und ich erfahre nun, daß dies +Seine Königliche Hoheit der Großherzog von Sachsen-Koburg-Gotha war. Ich +werde zu ihm befohlen. Es war bekannt, daß die Engländer die Absicht +hatten, auf seinen Stab Bomben zu werfen. So hätte ich dazu beigetragen, +ihm die Attentäter vom Leibe zu halten. Dafür bekam ich die +Sachsen-Koburg-Gothaische Tapferkeitsmedaille. + +Sie macht mir jedesmal Spaß, wenn ich sie sehe. + + + + +Major Hawker + + +Am stolzesten war ich, als ich eines schönen Tages hörte, daß der von +mir am 23. November 1916 abgeschossene Engländer der englische Immelmann +war. + +Dem Luftkampf nach hätte ich mir's schon denken können, daß es ein +Mordskerl war, mit dem ich es zu tun hatte. + +Ich flog quietschvergnügt eines schönen Tages wieder mal auf Jagd und +beobachtete drei Engländer, die scheinbar auch nichts anderes vorhatten +als zu jagen. Ich merkte, wie sie mit mir liebäugelten, und da ich +gerade viel Lust zum Kampfe hatte, ließ ich mich darauf ein. Ich war +tiefer als der Engländer, folglich mußte ich warten, bis der Bruder auf +mich 'runterstieß. Es dauerte auch nicht lange, schon kam er angesegelt +und wollte mich von hinten fassen. Nach den ersten fünf Schüssen mußte +der Kunde schon wieder aufhören, denn ich lag bereits in einer scharfen +Linkskurve. Der Engländer versuchte, sich hinter mich zu setzen, während +ich versuchte, hinter den Engländer zu kommen. So drehten wir uns beide +wie die Wahnsinnigen im Kreise mit vollaufendem Motor in +dreitausendfünfhundert Metern Höhe. Erst zwanzigmal linksrum, dann +dreißigmal rechtsrum, jeder darauf bedacht, über und hinter den anderen +zu kommen. Ich hatte bald spitz, daß ich es mit keinem Anfänger zu tun +hatte, denn es fiel ihm nicht im Traum ein, den Kampf abzubrechen. Er +hatte zwar eine sehr wendige Kiste, aber meine stieg dafür besser, und +so gelang es mir, über und hinter den Engländer zu kommen. + +Nachdem wir so zweitausend Meter tiefer gekommen waren, ohne ein +Resultat erreicht zu haben, mußte mein Gegner eigentlich merken, daß nun +die höchste Zeit für ihn war, sich zu drücken, denn der für mich +günstige Wind trieb uns immer mehr auf unsere Stellen zu, bis ich +schließlich beinahe über Bapaume, etwa einen Kilometer hinter unserer +Front, angekommen war. Der freche Kerl besaß nun noch die +Unverschämtheit und winkte mir, als wir bereits in tausend Meter Höhe +waren, ganz vergnügt zu, als wollte er sagen: #»Well, well, how do you +do?«# + +Die Kreise, die wir umeinander machten, waren so eng, daß ich sie nicht +weiter als achtzig bis hundert Meter schätzte. Ich hatte Zeit, mir +meinen Gegner anzusehen. Ich guckte ihm senkrecht in die Karosserie und +konnte jede Kopfbewegung beobachten. Hätte er nicht seine Kappe +aufgehabt, so hätte ich sagen können, was für ein Gesicht er schnitt. + +Allmählich wurde selbst dem braven Sportsmann dies doch etwas zu bunt, +und er mußte sich schließlich entscheiden, ob er bei uns landen wollte +oder zu seinen Linien zurückfliegen. Natürlich versuchte er letzteres, +nachdem er durch einige Loopings und solche Witze vergeblich probiert +hatte, sich mir zu entziehen. Dabei flogen meine ersten blauen Bohnen +ihm um die Ohren, denn bis jetzt war keiner zu Schuß gekommen. In +hundert Metern Höhe versuchte er, durch Zickzackflüge, während deren +sich von dem Beobachter bekanntlich schlecht schießen läßt, nach der +Front zu entkommen. Jetzt war der gegebene Moment für mich. Ich folgte +ihm in fünfzig bis dreißig Metern Höhe, unentwegt feuernd. So mußte der +Engländer fallen. Beinahe hätte mich eine Ladehemmung noch um meinen +Erfolg gebracht. + +Mit Kopfschuß stürzte der Gegner ab, etwa fünfzig Meter hinter unserer +Linie. Sein Maschinengewehr rannte in die Erde und ziert jetzt den +Eingang über meiner Haustür. + + + + +#Pour le mérite# + + +Der Sechzehnte ist gefallen. Ich stand somit an der Spitze sämtlicher +Jagdflieger. Dieses war das Ziel, das ich erreichen wollte. Das hatte +ich scherzeshalber mal vor einem Jahr zu meinem Freund Lynker gesagt, +als wir zusammen schulten und er mich fragte: »Was ist denn Ihr Ziel -- +was wollen Sie erreichen als Flieger?« Da meinte ich so scherzhaft: +»Nun, so an der Spitze der Jagdflieger zu fliegen, muß doch ganz schön +sein!« Daß dies mal Tatsache würde, habe weder ich mir zugetraut noch +andere Menschen mir. Bloß Boelcke soll einmal gesagt haben -- natürlich +nicht mir direkt persönlich, aber man hat es mir nachher erzählt -- wie +er gefragt wurde: »Wer hat denn Aussicht, mal ein guter Jagdflieger zu +werden?« da soll er mit dem Finger auf mich gezeigt und gesagt haben: +»Das ist der Mann!« + +Boelcke und Immelmann hatten mit dem Achten den #Pour le mérite# +bekommen. Ich hatte das Doppelte. Was wird sich nun ereignen? Ich war +sehr gespannt. Man munkelte, ich würde eine Jagdstaffel bekommen. Da +kommt eines Tages das Telegramm: »Leutnant v. R. zum Führer der +Jagdstaffel 11 ernannt.« Ich muß sagen, ich habe mich geärgert. Man +hatte sich so schön mit den Kameraden der Jagdstaffel Boelcke +eingearbeitet. Nun wieder ganz von neuem anzufangen, das Einleben usw. +war langweilig. Außerdem wäre mir der #Pour le mérite# lieber gewesen. + +Nach zwei Tagen -- wir sitzen gemütlich bei der Jagdstaffel Boelcke und +feiern meinen Abschied --, da kommt das Telegramm aus dem Hauptquartier, +daß Majestät die Gnade hatte, mir den #Pour le mérite# zu verleihen. Da +war die Freude natürlich groß. Es war ein Pflaster auf das +Vorangegangene. + + * * * * * + +Ich hatte es mir nicht so nett vorgestellt, selbst eine Jagdstaffel zu +führen, wie es nachher in Wirklichkeit geworden ist. Ich habe mir nie +träumen lassen, daß es mal eine Jagdstaffel Richthofen geben würde. + + + + +#»Le petit rouge«# + + +Aus irgend welchen Gründen kam ich eines schönen Tages auf den Gedanken, +mir meine Kiste knallrot anzupinseln. Der Erfolg war der, daß sich mein +roter Vogel jedem Menschen unbedingt aufdrängte. Auch meinen Gegnern +schien dies tatsächlich nicht ganz unbekannt geblieben zu sein. + +Gelegentlich eines Kampfes, der sich sogar an einer anderen Frontstelle +abspielte wie die übrigen, glückte es mir, einen zweisitzigen Vickers, +der ganz friedlich unsere Artilleriestellung photographierte, +anzuschießen. Der Gegner kam gar nicht dazu, sich zu wehren, und mußte +sich beeilen, auf die Erde zu kommen, denn er fing schon an, verdächtige +Zeichen des Brennens von sich zu geben. Wir nennen das: »er stinkt.« Wie +sich herausstellte, war es auch tatsächlich Zeit, denn der Apparat fing +kurz über der Erde an, in hellen Flammen zu brennen. + +Ich fühlte ein menschliches Mitleid mit meinem Gegner und hatte mich +entschlossen, ihn nicht zum Absturz zu bringen, sondern ihn nur zur +Landung zu zwingen, zumal ich das Gefühl hatte, daß der Gegner schon +verwundet war, denn er brachte keinen Schuß 'raus. + +In etwa fünfhundert Metern Höhe zwang mich ein Defekt an meiner +Maschine, im normalen Gleitflug, ohne eine Kurve machen zu können, +gleichfalls zu landen. Nun ereignete sich etwas ganz Komisches. Mein +Feind landete mit seiner brennenden Maschine glatt, während ich als +Sieger unmittelbar daneben in den Drahthindernissen der Schützengräben +einer unserer Reservestellungen mich überschlug. + +Es folgte eine sportliche Begrüßung der beiden #Englishmen# mit mir, die +wegen meines Bruches nicht wenig erstaunt waren, da sie, wie bereits +erwähnt, keinen Schuß auf mich abgegeben hatten und sich den Grund +meiner Notlandung gar nicht vorstellen konnten. Es waren dies die ersten +Engländer, die ich lebendig heruntergebracht habe. Deshalb machte es mir +besonders Spaß, mich mit ihnen zu unterhalten. Ich fragte sie unter +anderem, ob sie meine Maschine schon einmal in der Luft gesehen hätten. +#»Oh yes,«# sagte der eine, »die kenne ich ganz genau. Wir nennen sie +#'le petit rouge'#.« + +Nun kommt eine echt englische -- in meinen Augen -- Gemeinheit. Er fragte +mich, weshalb ich mich vor der Landung so unvorsichtig benommen hätte. +Der Grund lag darin, daß ich nicht anders konnte. Da sagte der Schurke, +er hätte versucht, in den letzten dreihundert Metern auf mich zu +schießen, habe aber Ladehemmung gehabt. Ich gebe ihm Pardon -- er nimmt +es an und vergilt es mir nachher mit einem hinterlistigen Überfall. + +Seitdem habe ich noch keinen meiner Gegner wieder sprechen können, aus +einem naheliegenden Grund. + + + + +Englische und französische Fliegerei + +(Februar 1917) + + +Zurzeit bin ich bemüht, der Jagdstaffel Boelcke Konkurrenz zu machen. +Abends legen wir uns gegenseitig die Strecke vor. Aber es sind +verteufelte Kerls da drüben. Zu schlagen sind sie nie. Höchstens, daß +man der Staffel gleichkommt. Hundert haben sie ja schon Vorsprung. +Diesen Vorsprung muß ich ihnen lassen. Es hängt ja viel davon ab, +welchem Gegner man gegenüber liegt, ob man die laurigen Franzosen oder +die schneidigen Kerls, die Engländer, gegenüber hat. Mir ist der +Engländer lieber. Der Franzose kneift, der Engländer selten. Oft kann +man sogar hier von Dummheit sprechen; sie bezeichnen dies dann wohl als +Draufgängertum. + +Es ist das Schöne beim Jagdflieger, daß es auf keinerlei Kunststücke bei +ihm ankommt, sondern lediglich persönlicher Schneid das Ausschlaggebende +bleibt. Es kann einer ein ganz herrlicher Sturz- und Loopingflieger +sein. Er braucht deshalb noch lange keinen abzuschießen. Meiner Ansicht +nach macht das Draufgehen alles, und das liegt uns Deutschen ja. Deshalb +werden wir stets die Oberherrschaft in der Luft behalten. + +Dem Franzosen liegt es, aus dem Hinterhalt zu überfallen und einem +anderen aufzulauern. Das läßt sich in der Luft schlecht machen. +Überrumpeln läßt sich nur ein Anfänger. Auflauern geht nicht, da man +sich ja nicht verstecken kann, auch ist das unsichtbare Flugzeug noch +nicht erfunden. Ab und zu braust wohl mal das gallische Blut in ihm auf. +Dann setzt er zum Angriff an; aber es ist wohl mit einer Brauselimonade +zu vergleichen. Für einen Augenblick furchtbar viel Mut, der ebenso +schnell vollständig schwindet. Das zähe Durchhalten fehlt ihm. + +Dem Engländer dagegen merkt man eben doch ab und zu noch etwas von +seinem Germanenblut an. Auch liegt dem Sportsmann das Fliegen sehr, aber +sie verlieren sich zu sehr in dem Sportlichen. Sie haben genug Vergnügen +daran, Loopings, Sturzflüge, Auf-dem-Rücken-fliegen und ähnliche Scherze +unseren Leuten im Schützengraben vorzumachen. Dies macht wohl bei der +Johannisthaler Sportswoche Eindruck, aber der Schützengraben ist nicht +so dankbar wie dieses Publikum. + +Er verlangt mehr. Es soll immer englisches Pilotenblut regnen. + + + + +Selbst abgeschossen + +(Mitte März 1917) + + +Abgeschossen ist eigentlich ein falscher Ausdruck für das, was mir heute +passiert ist. Ich nenne abgeschossen im allgemeinen nur den, der +'runterplumpst, aber heute habe ich mich wieder gefangen und kam noch +ganz heil 'runter. + +Ich bin im Geschwader und sehe einen Gegner, der gleichfalls im +Geschwader fliegt. Etwa über unserer Artilleriestellung in der Gegend +von Lens. Ich habe noch ein ganzes Stückchen zu fliegen, bis ich die +Gegend erreiche. Es ist das der nervenkitzelndste Augenblick, das +Anfliegen an den Gegner, wenn man den Feind schon sieht und noch einige +Minuten Zeit hat, bis man zum Kampf kommt. Ich glaube, ich werde dann +immer etwas bleich im Gesicht, aber ich habe leider noch nie einen +Spiegel mitgehabt. Ich finde diesen Augenblick schön, denn er ist +überaus nervenkitzelnd, und all so etwas liebe ich. Man beobachtet den +Gegner schon von weitem, hat das Geschwader als feindlich erkannt, zählt +die feindlichen Apparate, wägt die ungünstigen und günstigen Momente ab. +So zum Beispiel spielt es eine ungeheure Rolle, ob der Wind mich im +Kampfe von meiner Front abdrängt oder auf meine Front zudrückt. So habe +ich mal einen Engländer abgeschossen, dem ich den Todesschuß jenseits +der feindlichen Linien gegeben habe, und 'runtergeplumpst ist er bei +unseren Fesselballons, so weit hat ihn der Sturm noch 'rübergetrieben. + +Wir waren fünf, der Gegner war dreimal so stark. Wie ein großer +Mückenschwarm flogen die Engländer durcheinander. So einen Schwarm, der +so gut zusammenfliegt, zum Zersprengen zu bringen, ist nicht leicht, für +den einzelnen ausgeschlossen, für mehrere äußerst schwierig, besonders, +wenn die Zahlenunterschiede so ungünstig sind wie in unserem Falle. Aber +man fühlt sich dem Gegner derartig überlegen, daß man keinen Augenblick +an dem sicheren Erfolg zweifelt. Der Angriffsgeist, also die Offensive, +ist die Hauptsache, wie überall, so auch in der Luft. Aber der Gegner +dachte ebenso. Das sollte ich gleich merken. Kaum sah er uns, so machte +er umgehend kehrt und griff uns an. Da hieß es für uns fünf Männeken: +Aufgepaßt! Hängt einer ab, so kann es ihm dreckig gehen. Wir schlossen +uns ebenfalls zusammen und ließen die Herren etwas nähertreten. Ich +paßte auf, ob nicht einer von den Brüdern sich etwas von den anderen +absentierte. Da -- einer ist so dumm. Ich kann ihn erreichen. »Du bist +ein verlorenes Kind.« Auf ihn mit Gebrüll. Jetzt hab' ich ihn erreicht +oder muß ihn gleich erreichen. Er fängt bereits an zu schießen, ist also +etwas nervös. Ich dachte mir: »Schieß' du nur, du triffst ja doch +nicht!« Er schoß mit einer Leuchtspurmunition, die an mir sichtbar +vorbeiflog. Ich kam mir vor wie in dem Spritzenkegel einer Gießkanne. +Nicht angenehm, aber die Engländer schießen fast durchweg mit diesem +gemeinen Zeug, also muß man sich daran gewöhnen. Der Mensch ist ein +Gewohnheitstier, denn in diesem Augenblick, glaube ich, habe ich +gelacht. Bald sollte ich aber eines Besseren belehrt werden. + +Jetzt bin ich beinahe ganz heran, etwa hundert Meter, das Gewehr ist +entsichert, ich ziele noch einmal Probe, gebe einige Probeschüsse, die +Gewehre sind in Ordnung. Nicht mehr lange kann es dauern. Im Geiste sah +ich den Gegner schon plumpsen. Die Aufregung von vorhin ist vorüber. Man +denkt ganz ruhig und sachlich, wägt die Treffwahrscheinlichkeiten von +ihm und von mir ab. Überhaupt ist der Kampf selbst am wenigsten +aufregend in den meisten Fällen, und wer sich dabei aufregt, macht einen +Fehler. Er wird nie einen abschießen. Auch ist es wohl Gewohnheitssache. +Jedenfalls habe ich in diesem Falle keinen Fehler gemacht. Nun bin ich +auf fünfzig Meter 'ran, jetzt einige gute Schüsse, dann kann der Erfolg +nicht ausbleiben. So dachte ich mir. Aber mit einem Male gibt es einen +großen Knall, ich habe kaum zehn Schuß heraus, gleich darauf klatscht es +wieder in meiner Maschine. Es ist mir klar, ich bin getroffen. +Wenigstens meine Maschine, ich für meine Person nicht. Im selben +Augenblick stinkt es ganz ungeheuerlich nach Benzin, auch läßt der Motor +nach. Der Engländer merkt es, denn er schießt nun um so mehr. Ich muß +sofort ablassen. + +Senkrecht geht es 'runter. Unwillkürlich habe ich den Motor abgestellt. +Es war auch höchste Zeit. Wenn der Benzintank durchlöchert ist und das +Zeug einem so um die Beine spritzt, ist die Gefahr des Brennens doch +groß. Vor sich hat man einen über einhundertundfünfzig »Pferde« starken +Explosionsmotor, also glühend heiß. Ein Tropfen Benzin, und die ganze +Maschine brennt. Ich hinterlasse in der Luft einen weißen Streifen. Ich +kenne ihn beim Gegner genau. Es sind dies die Vorzeichen der Explosion. +Noch bin ich dreitausend Meter hoch, habe also noch ein ganzes Ende bis +auf die Erde. Gott sei Dank hört der Motor auf zu laufen. Die +Geschwindigkeit, die das Flugzeug erreicht, kann ich nicht berechnen. +Sie ist jedenfalls so groß, daß ich nicht den Kopf herausstecken kann, +ohne durch den Windzug hintenüber gedrückt zu werden. + +Bald bin ich den Gegner los und habe nun noch Zeit, bis ich auf die Erde +komme, zu sehen, was denn meine vier anderen Herren machen. Sie sind +noch im Kampf. Man hört das Maschinengewehrfeuer des Gegners und das der +eignen. Plötzlich eine Rakete. Ist es das Leuchtsignal eines Gegners? +Aber nein. Dafür ist es zu groß. Es wird immer größer. Es brennt einer. +Aber was für einer? Die Maschine sieht genau so aus wie unsere. Gott sei +Dank, es ist ein Gegner. Wer mag ihn abgeschossen haben? Gleich darauf +fällt aus dem Geschwader ein zweites Flugzeug heraus, ähnlich wie ich, +senkrecht nach unten, überschlägt sich sogar, überschlägt sich immer +noch -- da -- jetzt hat es sich gefangen. Fliegt geradeaus genau auf mich +zu. Auch ein Albatros. Gewiß ist es ihm so gegangen wie mir. + +Ich bin wohl noch einige hundert Meter hoch und muß mich so sachte +umgucken, wo ich denn landen will. Denn so eine Landung ist meistenteils +mit Bruch verbunden. Und so ein Bruch läuft nicht immer günstig ab, also +-- aufpassen. Ich finde eine Wiese, nicht sehr groß, aber sie genügt +gerade, wenn man etwas vorsichtig zu Werke geht. Außerdem liegt sie mir +günstig, direkt an der Chaussee bei Hénin-Liétard. Dort will ich auch +landen. Es geht alles glatt. Mein erster Gedanke ist: Wo bleibt der +andere? Er landet einige Kilometer von mir entfernt. + +Ich habe nun Zeit, mir den Schaden zu beschauen. Einige Treffer sind +darin, aber der Treffer, der mich veranlaßt hat, den Kampf abzubrechen, +ist einer durch beide Benzintanks. Ich habe keinen Tropfen Benzin mehr +drin, der Motor ist gleichfalls angeschossen. Schade um ihn, er lief +noch so gut. + +Die Beine lasse ich herausbaumeln aus der Maschine und mag wohl ein +ziemlich törichtes Gesicht gemacht haben. Sofort hat sich eine große +Menge Soldaten um mich versammelt. Da kommt ein Offizier. Er ist ganz +außer Atem. Sehr aufgeregt! Gewiß ist ihm was Schreckliches passiert. Er +stürzt auf mich zu, schnappt nach Luft und fragt: »Hoffentlich ist Ihnen +nichts passiert? Ich habe die ganze Sache beobachtet und bin ja so +aufgeregt! Herrgott, das sah schrecklich aus!« Ich versicherte ihm, daß +mir gar nichts fehlte, sprang herunter, stellte mich vor. +Selbstverständlich verstand er keinen Ton von meinem Namen. Aber er +forderte mich auf, mit seinem Automobil in das nahe Hénin-Liétard +hineinzufahren, wo sein Quartier war. Es war ein Pionieroffizier. + +Wir sitzen bereits in dem Wagen und fahren gerade an. Mein Gastgeber hat +sich noch immer nicht beruhigt. Plötzlich erschrickt er und fragt: +»Herrgott, wo ist denn Ihr Kraftfahrer?« Zuerst wußte ich nicht recht, +was er meinte, guckte ihn wohl etwas verwirrt an. Dann wurde mir klar, +daß er mich für den Beobachter eines zweisitzigen Flugzeuges hielt und +nach meinem Flugzeugführer fragte. Schnell faßte ich mich und sagte ganz +trocken: »Ich fahre allein.« Das Wort »fahren« ist in der Fliegertruppe +verpönt. Man fährt nicht, man »fliegt«. In den Augen des braven Herrn +war ich ganz entschieden durch die Tatsache, daß ich allein »fahre«, +sichtbar gesunken. Die Unterhaltung wurde etwas spröder. + +Da kommen wir in seinem Quartier an. Ich habe noch immer meine +schmutzige Öllederjacke an, einen dicken Schal um. Unterwegs hat er mich +natürlich mit unendlich vielen Fragen bestürmt. Überhaupt war der ganze +Herr bedeutend mehr aufgeregt als ich. Da zwang er mich, auf einem Sofa +mich hinzulegen, oder wollte dies tun mit der Begründung, daß ich doch +von meinem Kampf noch ganz echauffiert sein müßte. Ich versicherte ihm, +daß ich schon manchmal luftgekämpft hätte, was ihm aber gar nicht in den +Kopf kommen wollte. Ich sah gewiß nicht sehr kriegerisch aus. + +Nach einiger Unterhaltung kommt er natürlich mit der berühmten Frage: +»Haben Sie schon einmal einen abgeschossen?« Meinen Namen hatte er, wie +gesagt, nicht gehört. »Ach ja,« sagte ich, »ab und zu.« »So -- so haben +Sie etwa schon zwei abgeschossen?« »Nein, aber vierundzwanzig.« Er +lächelt, wiederholt seine Frage und meint, unter »abgeschossen« verstehe +er einen, der 'runtergefallen sei und unten liegenbliebe. Ich +versicherte ihm, das wäre auch meine Auffassung davon. Jetzt war ich +ganz unten durch, denn jetzt hielt er mich für einen mächtigen +Aufschneider. Er ließ mich sitzen und sagte mir, daß in einer Stunde +gegessen würde, und wenn es mir recht sei, könne ich ja mitessen. Nun +machte ich doch von seinem Anerbieten Gebrauch und schlief eine Stunde +fest. Dann gingen wir 'rüber ins Kasino. Hier pellte ich mich aus und +hatte zum Glück meinen #Pour le mérite# um. Leider aber keine +Uniformjacke darunter, sondern nur eine Weste. Ich bitte um +Entschuldigung, daß ich nicht besser angezogen bin, und mit einem Male +entdeckt mein guter Häuptling an mir den #Pour le mérite#. Er wird +sprachlos vor Erstaunen und versichert mir, daß er nicht wüßte, wie ich +heiße. Ich sagte ihm nochmals meinen Namen. Jetzt schien ihm etwas zu +dämmern, daß er wohl schon mal von mir gehört hatte. Ich bekam nun +Austern und Schampus zu trinken und lebte eigentlich recht gut, bis +schließlich Schäfer kam und mich mit meinem Wagen abholte. Von ihm +erfuhr ich, daß Lübbert wieder mal seinem Spitznamen Ehre gemacht hatte. +Er hieß nämlich unter uns »Kugelfang«, denn in jedem Luftkampf wurde +seine Maschine arg mitgenommen. Einmal wies sie vierundsechzig Treffer +auf, ohne daß er selbst verwundet war. Diesmal hatte er einen +Streifschuß an der Brust bekommen und lag bereits im Lazarett. Seine +Maschine flog ich gleich nach dem Hafen. Leider ist dieser hervorragende +Offizier, der das Zeug dazu hatte, einmal ein Boelcke zu werden, einige +Wochen später den Heldentod fürs Vaterland gestorben. + +Am Abend kann ich meinem Gastgeber aus Hénin-Liétard noch Bescheid +sagen, daß ich heute ein Viertelhundert voll gemacht habe. + + + + +Ein Fliegerstückchen + +(Ende März 1917) + + +Der Name Siegfried-Stellung ist wohl jedem Jüngling im Deutschen Reiche +bekannt. In den Tagen, in denen wir uns gegen diese Stellungen +zurückzogen, gab es natürlich in der Luft auch eine rege Tätigkeit. Der +Gegner hatte zwar unser verlassenes Gebiet auf der Erde bereits besetzt, +die Luft dagegen überließen wir den Engländern nicht so bald, dafür +sorgte Jagdstaffel Boelcke. Nur ganz vorsichtig wagten sich die +Engländer aus ihrem bisherigen Stellungskrieg in der Luft hervor. + +Es ist das die Zeit, wo unser lieber Prinz Friedrich Karl sein Leben dem +Vaterland opferte. + +Bei einem Jagdflug der Jagdstaffel Boelcke hatte Leutnant Voß einen +Engländer im Luftkampf besiegt. Er wurde von seinem Bezwinger auf die +Erde gedrückt und landete in dem Gebiet, das man wohl als neutrales +Gebiet bezeichnen kann. Wir hatten es zwar schon verlassen, der Gegner +aber noch nicht besetzt. Nur Patrouillen, sowohl englische wie deutsche, +hielten sich in dieser unbesetzten Zone auf. Das englische Flugzeug +stand zwischen den Linien. Der brave #Englishman# hatte wohl geglaubt, +daß dieses Gebiet bereits von den Seinen besetzt wäre, zu welcher +Annahme er auch berechtigt war. Voß war aber anderer Meinung. Kurz +entschlossen landete er neben seinem Opfer. Mit großer Geschwindigkeit +montierte er die feindlichen Maschinengewehre und sonst noch brauchbare +Teile aus der Maschine ab und verfrachtete sie in der seinen, griff zum +Streichholz, und in wenigen Augenblicken stand die Maschine in hellen +Flammen. Eine Minute später winkte er den von allen Seiten +herbeiströmenden Engländern aus seinem sieggewohnten Luftroß freundlich +zu. + + + + +Erste Dublette + + +Der 2. April 1917 war wieder einmal ein heißer Tag für meine Staffel. +Von meinem Platze aus konnten wir deutlich das Trommelfeuer hören, und +gerade heute war es mal wieder sehr heftig. + +Ich lag noch im Bett, da kommt mein Bursche zu mir hereingestürzt mit +dem Ausruf: »Herr Leutnant, die Engländer sind schon da!« Noch etwas +verschlafen gucke ich zum Fenster 'raus, und tatsächlich, da kreisen +über dem Platz bereits meine lieben Freunde. Ich 'raus aus meinem Bett, +die Sachen angezogen, war eins. Mein roter Vogel stand zur Morgenarbeit +am Start. Meine Monteure wußten, daß ich diesen günstigen Augenblick +wohl nicht ungenützt vorübergehen lassen würde. Alles war fertig. +Schnell noch die Warmpelze, dann geht's los. + +Ich war als letzter gestartet. Meine anderen Kameraden waren dem Feind +viel näher. Ich fürchtete schon, daß mir mein Braten entgehen würde, so +daß ich von weitem zusehen müßte, wie vor meinen Augen sich einige +Luftkämpfe abspielen. Da plötzlich fällt einem der frechen Kunden ein, +auf mich herunterzustoßen. Ich lasse ihn ruhig herankommen, und nun +beginnt ein lustiger Tanz. Bald fliegt mein Gegner auf dem Rücken, bald +macht er dies, bald jenes. Es war ein zweisitziges Jagdflugzeug. Ich war +ihm über, und so erkannte ich denn bald, daß er mir eigentlich nicht +mehr entgehen konnte. In einer Gefechtspause überzeugte ich mich, daß +wir uns alleine gegenüberstanden. Also, wer besser schießt, wer die +größere Ruhe und den besseren Überblick im Augenblick der Gefahr hat, +der gewinnt. + +Es dauerte nicht lange, da hatte ich ihn 'runtergedrückt, ohne ihn +wirklich ernstlich angeschossen zu haben, mindestens zwei Kilometer von +der Front entfernt. Ich denke, er will landen, aber da habe ich mich in +meinem Gegner verrechnet. Mit einem Male sehe ich, wie er, nur wenige +Meter über dem Erdboden, plötzlich wieder geradeaus fliegt und mir zu +entkommen sucht. Das war mir doch zu bunt. Ich griff ihn nochmals an und +zwar so niedrig, daß ich fast fürchtete, die Häuser eines unter mir +liegenden Dorfes zu berühren. Der Engländer wehrte sich bis zum letzten +Augenblick. Noch ganz zum Schluß spürte ich einen Treffer in meiner +Maschine. Nun ließ ich aber nicht mehr locker, jetzt mußte er fallen. Er +rannte mit voller Fahrt in einen Häuserblock hinein. + +Viel war nicht mehr übrig. Es war wieder ein Fall glänzenden Schneids. +Er verteidigte sich bis zum Letzten. Aber meiner Ansicht nach war es zum +Schluß doch mehr Dummheit von ihm. Es war eben mal wieder der Punkt, wo +ich eine Grenze zwischen Schneid und Dummheit ziehe. Runter mußte er +doch. So hatte er seine Dummheit mit dem Leben bezahlen müssen. + + * * * * * + +Sehr vergnügt über die Leistungen meines roten Stahlrosses bei der +Morgenarbeit kehrte ich zurück. Meine Kameraden waren noch in der Luft +und waren sehr erstaunt, als wir uns beim Frühstück trafen und ich ihnen +von meiner Nummer Zweiunddreißig erzählen konnte. + +Ein ganz junger Leutnant hatte seinen Ersten abgeschossen, wir waren +sehr vergnügt und bereiteten uns für neue Kämpfe vor. + +Ich hole meine versäumte Morgentoilette nach. Da kommt ein guter Freund +-- Leutnant Voß von der Jagdstaffel Boelcke -- zu mir, um mich zu +besuchen. Wir unterhalten uns. Voß hatte am Tage vorher seinen +Dreiundzwanzigsten erledigt. Er stand also mir am nächsten und ist wohl +zurzeit mein heftigster Konkurrent. + +Wie er nach Hause fliegt, wollte ich ihn noch ein Stückchen begleiten. +Wir machen einen Umweg über die Front. Das Wetter ist eigentlich sehr +schlecht geworden, so daß wir nicht annehmen konnten, noch Weidmannsheil +zu haben. + +Unter uns geschlossene Wolken. Voß, dem die Gegend unbekannt war, fing +es schon an, ungemütlich zu werden. Über Arras traf ich meinen Bruder, +der gleichfalls bei meiner Staffel ist und sein Geschwader verloren +hatte. Er schließt sich uns auch an. Er wußte ja, daß ich es bin (roter +Vogel). + +Da sehen wir von drüben ein Geschwader ankommen. Sofort zuckt es mir +durch den Kopf: »Nummer Dreiunddreißig!« Trotzdem es neun Engländer +waren und auf ihrem Gebiet, zogen sie es doch vor, den Kampf zu meiden. +(Ich werde nächstens doch mal die Farbe wechseln müssen.) Aber wir +holten sie doch ein. Schnelle Maschine ist eben die Hauptsache. + +Ich bin dem Feind am nächsten und greife den hintersten an. Zu meinem +größten Entzücken merke ich, daß er sich gleich in den Kampf mit mir +einläßt, und mit noch viel größerem Vergnügen, daß ihn seine Kameraden +im Stich lassen. Ich habe ihn also bald allein vor. Es ist wiederum +derselbe Typ, mit dem ich es vormittags zu tun hatte. Er machte es mir +nicht leicht. Er weiß, worauf es ankommt, und besonders aber: der Kerl +schoß gut. Das konnte ich zu meinem Leidwesen nachher noch ziemlich +genau feststellen. Der günstige Wind kommt mir zu Hilfe und treibt uns +beide Kämpfenden über unsere Linien. Der Gegner merkt, daß die Sache +doch nicht so einfach ist, wie er sich wohl gedacht hat, und +verschwindet in einem Sturzflug in einer Wolke. Beinahe war es seine +Rettung. Ich stoße hinter ihm her, komme unten heraus und -- Anlauf muß +eben der Mensch haben -- ich sitze wie durch ein Wunder genau hinter +ihm. Ich schieße, er schießt, aber kein greifbares Resultat. Da -- +endlich habe ich ihn getroffen. Ich merke es an dem weißen Benzindunst, +der hinter seinem Apparat zurückbleibt. Er muß also landen, denn sein +Motor bleibt stehen. + +Er war aber doch ein hartnäckiger Bursche. Er mußte erkennen, daß er +ausgespielt hatte. Schoß er nun noch weiter, so konnte ich ihn sofort +totschießen, denn wir waren mittlerweile nur noch dreihundert Meter +hoch. Aber der Kerl verteidigte sich genau wie der von heute morgen, bis +er unten gelandet war. Nach seiner Landung flog ich nochmals über ihn +hinweg in zehn Metern Höhe, um festzustellen, ob ich ihn totgeschossen +hatte oder nicht. Was macht der Kerl? Er nimmt sein Maschinengewehr und +zerschießt mir die ganze Maschine. + +Voß sagte nachher zu mir, wenn ihm das passiert wäre, hätte er ihn +nachträglich noch auf dem Boden totgeschossen. Eigentlich hätte ich es +auch machen müssen, denn er hatte sich eben noch nicht ergeben. Er war +übrigens einer von den wenigen Glücklichen, die am Leben geblieben sind. + +Sehr vergnügt flog ich nach Hause und konnte meinen Dreiunddreißigsten +feiern. + + + + +Mein bisher erfolgreichster Tag + + +Wunderbares Wetter. Wir stehen auf dem Platz. Ich habe Besuch von einem +Herrn, der noch nie einen Luftkampf oder so etwas Ähnliches gesehen hat +und mir gerade versichert, daß es ihn ungeheuer interessieren würde, +einen solchen Luftkampf zu sehen. + +Wir steigen in unsere Kisten und lachen sehr über ihn, und Schäfer +meint: »Den Spaß können wir ihm machen!« Wir stellen ihn an ein +Scherenfernrohr und fliegen los. + +Der Tag fing gut an. Wir waren kaum zweitausend Meter hoch, da kamen uns +schon die ersten Engländer in einem Geschwader von fünf entgegen. Ein +Angriff, der mit einer Attacke zu vergleichen war -- und das feindliche +Geschwader lag vernichtet am Boden. Von uns war nicht ein einziger auch +nur verwundet. Die Gegner waren -- zwei brennend und drei so -- auf +unserer Seite abgestürzt. + +Der gute Freund unten auf der Erde hatte nicht wenig gestaunt. Er hatte +sich die Sache ganz anders vorgestellt; viel dramatischer. Er meinte, +die Sache hätte so harmlos ausgesehen, bis plötzlich einige Flugzeuge, +einer Rakete gleich, brennend abstürzten. Ich habe mich an den Anblick +so allmählich gewöhnt, aber ich muß sagen, mir hat es auch einen +Mordseindruck gemacht, und ich habe noch lange davon geträumt, wie ich +den ersten Engländer habe in die Tiefe sausen sehen. + +Ich glaube, wenn es mir noch einmal passieren würde, es wäre mir nicht +mehr so schrecklich wie damals. + +Nachdem dieser Tag so gut angefangen hatte, setzten wir uns erst mal zu +einem ordentlichen Frühstück hin, da wir alle einen Mordshunger hatten. +In der Zwischenzeit wurden unsere Maschinen wieder in Schuß gebracht, +neue Patronen geladen, und dann ging's weiter. + +Am Abend konnten wir die stolze Meldung machen: Dreizehn feindliche +Flugzeuge durch sechs deutsche Apparate vernichtet. + +Eine ähnliche Meldung hatte nur einmal die Jagdstaffel Boelcke machen +können. Acht Flugzeuge waren es, die wir damals abschossen, heute hatte +einer sogar vier Gegner zum Absturz gebracht. Es ist ein Leutnant Wolff, +ein zartes, schlankes Kerlchen, in dem niemals einer einen solchen +Massensieger erblicken würde. Mein Bruder hatte zwei, Schäfer zwei, +Festner zwei, ich drei. + +Abends legten wir uns kolossal stolz, andererseits aber auch recht müde +in unsere Klappen. + +Am Tage darauf lasen wir unter großem Hallo im Heeresbericht von den +Taten des Tages vorher. Im übrigen schossen wir am Tage darauf acht ab. + + * * * * * + +[Illustration: Leutnant Schaefers Notlandung zwischen den Linien] + +[Illustration: Weihnachten 1916 +Der »alte Herr« (X) bei der Jagdstaffel Boelcke] + +Eine sehr niedliche Geschichte ereignete sich noch: + +Einer von unseren abgeschossenen Engländern war gefangen und kommt ins +Gespräch mit uns. Natürlich erkundigte er sich auch nach der roten +Maschine. Selbst bei der Truppe unten im Schützengraben ist sie nicht +unbekannt und geht unter dem Namen #»le diable rouge«#. Bei seiner +Squadron hat sich das Gerücht verbreitet, daß in der roten Maschine ein +Mädchen säße, so etwas Ähnliches wie Jeanne d'Arc. Er war sehr erstaunt, +wie ich ihm versicherte, daß das vermutete Mädchen zurzeit vor ihm +stünde. Er hatte damit keinen Witz machen wollen, sondern war selbst +überzeugt, daß tatsächlich in der pervers angestrichenen Kiste nur eine +Jungfrau sitzen konnte. + + + + +»Moritz« + + +Das schönste Wesen, das je die Welt geschaffen hat, ist die echte Ulmer +Dogge, mein »kleines Schoßhündchen«, der »Moritz«. Ich habe ihn in +Ostende von einem braven Belgier für fünf Mark gekauft. Die Mutter war +ein schönes Tier, einer seiner Väter auch, also ganz »rasserein«. Davon +bin ich überzeugt. Ich hatte die Auswahl und suchte mir den niedlichsten +heraus. Zeumer nahm sich einen zweiten und nannte ihn »Max«. Max fand +ein jähes Ende unter einem Auto, Moritz aber gedieh vortrefflich. Er +schlief mit mir im Bett und wurde vorzüglich erzogen. Er hat mich von +Ostende ab auf Schritt und Tritt begleitet und ist mir sehr ans Herz +gewachsen. Von Monat zu Monat wurde Moritz groß und größer, und es +entwickelte sich so allmählich aus dem zarten Schoßhündchen ein ganz +ungeheuer großes Tier. + +Ich habe ihn sogar einmal mitgenommen. Er ist mein erster »Franz« +gewesen. Er benahm sich dabei sehr vernünftig, und sehr interessiert +beäugte er sich die Welt von oben. Nur meine Monteure schimpften +nachher, daß sie das Flugzeug von einigen unangenehmen Dingen reinigen +mußten. Moritz war aber nachher wieder sehr vergnügt. + +Er ist nun schon über ein Jahr alt und immer noch das kindische Tier +von einigen Monaten. Er spielt sehr gut Billard. Leider geht dabei so +manche Kugel, besonders aber so manches Billardtuch flöten. Er hat auch +eine Riesen-Jagdpassion. Meine Monteure sind darüber sehr glücklich, +denn er fängt ihnen so manchen schönen Hasenbraten. Von mir kriegt er +immer dafür etwas Senge, denn ich bin weniger erbaut von dieser Passion. + +Er hatte eine dumme Eigenschaft. Er liebte es, die Flugzeuge bei jedem +Start zu begleiten. Der normale Tod eines Fliegerhundes ist bei dieser +Gelegenheit der Tod durch den Propeller. Wieder einmal jagte er vor +einem startenden Flugzeug einher, wird natürlich eingeholt und -- ein +sehr schöner Propeller war hin. Moritz heulte schrecklich, und eine von +mir versäumte Maßnahme wurde auf diese Weise nachgeholt. Ich habe mich +immer gesträubt, ihn koupieren zu lassen, d. h. im besonderen ihm die +Ohren beschneiden zu lassen. Auf der einen Seite hat es nun der +Propeller nachgeholt. Die Schönheit hat ihn nie gedrückt, aber das eine +Klappohr und das andere halbkoupierte stehen ihm recht gut. Überhaupt, +wenn der Ringelschwanz nicht wäre, wäre es eine richtige, echte Ulmer +Dogge. + +Moritz hat den Weltkrieg und unsere Feinde richtig erfaßt. Wie er zum +erstenmal im Sommer 1916 russische Eingeborene sah -- der Zug hielt, und +Moritz wurde etwas spazieren geführt --, verjagte er die hinzugelaufene +russische Jugend mit ungeheurem Gekläff. Auch Franzosen schätzt er +nicht, trotzdem er ja eigentlich selbst ein Belgier ist. Ich gab mal in +einem neuen Quartier Einwohnern den Auftrag, das Haus zu säubern. Wie +ich abends wiederkam, war nichts gemacht. Verärgert lasse ich mir einen +Franzosen kommen. Kaum macht er die Tür auf, begrüßt ihn Moritz etwas +unliebenswürdig. Nun konnte ich mir erklären, weshalb die Herren mein +Château gemieden hatten. + + + + +Englischer Bombenangriff auf unseren Flughafen + + +Die Vollmondnächte sind für den Nachtflieger am geeignetsten. + +In den Vollmondnächten des Monats April betätigten sich unsere lieben +Engländer besonders emsig. Natürlich war es mit der Arras-Schlacht in +Verbindung zu bringen. Sie mochten wohl herausbekommen haben, daß wir in +Douai auf einem sehr, sehr schönen, großen Flugplatz uns häuslich +eingerichtet hatten. Eines Nachts, wir sitzen im Kasino, klingelt das +Telephon, und es wird mitgeteilt: »Die Engländer kommen.« Natürlich +großes Hallo. Unterstände hatten wir ja; dafür hatte der tüchtige Simon +gesorgt. Simon ist unser Bausachverwalter. Also alles stürzt in die +Unterstände, und man hört tatsächlich -- zuerst noch ganz leise, aber +ganz sicher das Geräusch eines Flugmotors. Die Flaks und Scheinwerfer +scheinen auch eben die Mitteilung bekommen zu haben, denn man merkt, wie +sie sachte lebendig werden. Der erste Feind war aber noch viel zu weit, +um angegriffen zu werden. Uns machte es einen Heidenspaß. Wir +befürchteten nur immer, die Engländer würden unseren Platz nicht finden, +denn das ist nachts gar nicht so einfach, besonders, da wir nicht an +einer großen Chaussee lagen oder an einem Wasser oder an einer +Eisenbahn, die des Nachts die besten Anhaltspunkte bilden. + +Der Engländer flog scheinbar sehr hoch. Erst einmal um den ganzen Platz +herum. Wir glaubten schon, er hätte sich ein anderes Ziel gesucht. Mit +einem Male aber stellt er den Motor ab und kommt herunter. »Nun wird's +Ernst,« meinte Wolff. Wir hatten uns zwei Karabiner geholt und fingen +an, auf den Engländer zu schießen. Sehen konnten wir ihn ja noch nicht. +Aber allein der Knall beruhigte schon unsere Nerven. Jetzt kommt er in +den Scheinwerfer herein. Auf dem ganzen Flugplatz überall ein großes +Hallo. Es ist eine ganz alte Kiste. Wir können den Typ genau erkennen. +Er ist höchstens noch einen Kilometer von uns entfernt. Er fliegt genau +auf unseren Platz zu. Er kommt immer niedriger. Jetzt kann er höchstens +noch hundert Meter hoch sein. Da stellt er wieder den Motor an und kommt +genau auf uns zugeflogen. Wolff meint noch: »Gott sei Dank, er hat sich +die andere Seite des Flugplatzes ausgesucht.« Aber es dauerte nicht +lange, da kommt die erste, und dann regnet es einige Bömbchen. Es war +ein wunderbares Feuerwerk, das uns der Bruder vormachte. Einem +Angsthasen konnte er auch Eindruck machen. Ich finde überhaupt, +Bombenwerfen in der Nacht ist nur moralisch von Bedeutung. Hat einer +die Hosen voll, so ist es für _ihn_ sehr peinlich, für die anderen aber +nicht. + +Wir empfanden einen großen Spaß und meinten, die Engländer könnten doch +recht oft kommen. Also, mein guter Gitterschwanz warf seine Bomben ab, +und zwar aus fünfzig Metern Höhe. Das ist eine ziemliche Frechheit, denn +auf fünfzig Meter mute ich mir zu, auch des Nachts bei Vollmond einem +Keiler einen ganz anständigen Blattschuß zu verpassen. Warum sollte ich +nicht auch einen Engländer treffen? Es wäre doch mal etwas anderes +gewesen, so einen Bruder von unten abzuschießen. + +Von oben hatten wir schon mehreren die Ehre gegeben, aber von unten +hatte ich es nicht probiert. Wie der Engländer weg war, gingen wir +wieder ins Kasino und besprachen uns, wie wir den Brüdern in der +nächsten Nacht einen Empfang bereiten wollten. Tags darauf sah man die +Burschen usw. sehr emsig arbeiten. Sie beschäftigten sich damit, Pfähle +in der Nähe des Kasinos und der Offizier-Wohnbaracken einzurammen, die +in der kommenden Nacht als Maschinengewehrstände benutzt werden sollten. +Wir schossen uns mit erbeuteten englischen Flugzeug-Maschinengewehren +ein, machten uns ein Nachtkorn drauf und waren sehr gespannt, was nun +werden würde. Die Zahl der Maschinengewehre will ich nicht verraten, +aber es sollte genügen. Jeder von meinen Herren war mit so einem Ding +bewaffnet. + +Wir sitzen wieder im Kasino. Gesprächstoff sind natürlich die +Nachtflieger. Da kommt ein Bursche hereingestürzt und schreit nur: »Sie +kommen, sie kommen!« und verschwindet, etwas spärlich bekleidet, im +nächsten Unterstand. Jeder von uns stürzt an die Maschinengewehre. +Einige tüchtige Mannschaften, die gute Schützen sind, sind auch damit +bewaffnet. Alle übrigen haben Karabiner. Die Jagdstaffel ist jedenfalls +bis an die Zähne bewaffnet und bereit, die Herren zu empfangen. + +Der erste kam, genau wie am Abend vorher, in größerer Höhe, geht dann +auf fünfzig Meter herunter, und zu unserer größten Freude hat er es +diesmal gleich auf unsere Barackenseite abgesehen. Er ist im +Scheinwerfer. Jetzt ist er höchstens noch dreihundert Meter von uns +entfernt. Der erste fängt an zu schießen, und zur selben Zeit setzen +alle übrigen ein. Ein Sturmangriff könnte nicht besser abgewehrt werden +als dieser Angriff des einzelnen frechen Kunden in fünfzig Metern Höhe. +Ein rasendes Feuer empfängt ihn. Hören konnte er das Maschinengewehrfeuer +ja nicht, daran verhinderte ihn sein Motor, aber das Mündungsfeuer eines +jeden sah er, und deshalb finde ich es auch diesmal sehr schneidig von +dem Bruder, daß er nicht abbog, sondern starr seinen Auftrag +durchführte. Er flog genau über uns weg. In dem Augenblick, wie er über +uns weg war, springen wir natürlich schnell in den Unterstand, denn +durch so 'ne dämliche Bombe erschlagen zu werden, wäre für einen +Jagdflieger ein selten dämlicher Heldentod. Kaum ist er über uns weg, +wieder 'ran an die Gewehre und feste hinter ihm hergefeuert. Schäfer +behauptete natürlich: »Ich habe ihn getroffen.« Der Kerl schießt ganz +gut. Aber in diesem Fall glaubte ich ihm denn doch nicht, und außerdem +hatte jeder andere ebenso gute Chancen. + +Wir hatten wenigstens das erreicht, daß der Gegner seine Bomben ziemlich +planlos in die Gegend warf. Eine allerdings platzte ein paar Meter neben +dem #»petit rouge«,# tat ihm aber nicht weh. Dieser Spaß wiederholte +sich in der Nacht noch mehrere Male. Ich lag bereits im Bett und schlief +fest, da hörte ich im Traum Ballonabwehrfeuer, wachte davon auf und +konnte nur feststellen, daß der Traum Wahrheit war. Ein Kunde flog so +niedrig über meine Bude weg, daß ich mir vor lauter Angst die Bettdecke +über den Kopf zog. Im nächsten Augenblick ein wahnsinniger Knall, ganz +in der Nähe meines Fensters, und meine Scheiben waren ein Opfer der +Bombe. Schnell im Hemd 'rausgestürzt und noch einige Schuß hinter ihm +her. Draußen wurde er schon kräftig beschossen. Ich hatte aber diesen +Herrn leider verschlafen. + +Am nächsten Morgen waren wir sehr erstaunt und hocherfreut, als wir +feststellten, daß wir nicht weniger wie drei Engländer von der Erde aus +abgeschossen hatten. Sie waren nicht weit von unserem Flughafen gelandet +und gefangengenommen worden. Wir hatten meist die Motoren getroffen und +sie dadurch gezwungen, auf unserer Seite 'runterzugehen. Also hatte sich +vielleicht Schäfer doch nicht geirrt. Wir waren jedenfalls sehr +zufrieden mit unserem Erfolg. Die Engländer dafür etwas weniger, denn +sie zogen es vor, nicht mehr unseren Platz zu attackieren. Eigentlich +schade, denn sie haben uns viel Spaß damit gemacht. Vielleicht kommen +sie nächsten Monat wieder. + + + + +Schäfers Notlandung zwischen den Linien + + +Am Abend des 20. April machen wir einen Jagdflug, kommen sehr spät nach +Hause und haben Schäfer unterwegs verloren. Natürlich hofft jeder, daß +er vor Dunkelheit noch den Platz erreicht. Es wird Neun, es wird Zehn, +Schäfer kommt nicht. Benzin kann er nicht mehr haben, folglich ist er +irgendwo notgelandet. Daß einer abgeschossen ist, will man sich nie +zugeben. Keiner wagt es in den Mund zu nehmen, aber jeder fürchtet es im +stillen. Das Telephonnetz wird in Bewegung gesetzt, um zu ermitteln, wo +ein Flieger gelandet ist. Kein Mensch kann uns Auskunft geben. Keine +Division, keine Brigade will ihn gesehen haben. Ein ungemütlicher +Zustand. Schließlich gehen wir schlafen. Wir waren alle fest überzeugt, +er würde sich noch einfinden. Nachts um Zwei werde ich plötzlich +geweckt. Die Telephonordonnanz teilt mir strahlend mit: »Schäfer +befindet sich im Dorf #Y# und bittet um Abholung.« + +Am nächsten Morgen zum Frühstück öffnet sich die Tür, und mein braver +Pilot steht in so verdrecktem Anzug vor mir, wie ihn der Infanterist +nach vierzehn Tagen Arras-Schlacht am Leibe hat. Großes Hallo! Schäfer +ist quietschvergnügt und muß seine Erlebnisse zum besten geben. Er hat +einen Bärenhunger. Nachdem er gefrühstückt hat, erzählt er uns +folgendes: + +»Ich fliege nach Hause an der Front entlang und sehe in ganz niedriger +Höhe drüben scheinbar einen Infanterieflieger. Ich greife ihn an, +schieße ihn ab und will wieder zurückfliegen, da nehmen mich die +Engländer unten aus den Schützengräben mächtig vor und beknallen mich +ganz unheimlich. Meine Rettung war natürlich die Geschwindigkeit des +Flugzeugs, denn daß sie beim Schießen vorhalten müssen, daran denken die +Kerle natürlich nicht. Ich war vielleicht noch zweihundert Meter hoch, +aber ich muß doch versichern, daß ich gewisse Körperteile mächtig +angespannt habe, aus erklärlichen Gründen. Mit einem Male gibt es einen +Schlag, und mein Motor bleibt stehen. Also landen. Komme ich noch über +die feindlichen Linien, oder komme ich nicht? Das war sehr die Frage. +Die Engländer haben es bemerkt und fangen wie wahnsinnig an zu schießen. +Jetzt höre ich jeden einzelnen Schuß, denn mein Motor läuft nicht mehr, +der Propeller steht still. Eine peinliche Situation. Ich komme herunter, +lande, meine Maschine steht noch nicht, da werde ich aus einer Hecke des +Dorfes Monchy bei Arras ganz kolossal mit Maschinengewehrfeuer +beschossen. Die Kugeln klatschen nur so in meine Maschine herein. Ich +'raus aus der Kiste und in das nächste Granatloch 'rein, war eins. Dort +besann ich mich mal erst, wo ich mich befinde. So allmählich wird mir +klar, daß ich über die Linien 'rüber bin, aber noch verdammt nahe bei +ihnen. Gott sei Dank ist es etwas spät abends. Das ist meine Rettung. + +Es dauert nicht lange, da kommen die ersten Granaten an. Natürlich sind +es Gasgranaten, und eine Maske hatte ich selbstverständlich nicht mit. +Also mir fingen die Augen ganz erbärmlich an zu tränen. Die Engländer +schossen sich vor Dunkelheit auch noch mit Maschinengewehren auf meine +Landungsstelle ein, ein Maschinengewehr offenbar auf mein Flugzeug, das +andere auf meinen Granattrichter. Die Kugeln klatschten oben immer +dagegen. Ich steckte mir daraufhin, um meine Nerven zu beruhigen, erst +mal eine Zigarette an, ziehe mir meinen dicken Pelz aus und mache mich +zum Sprung auf! Marsch, marsch! bereit. Jede Minute erscheint eine +Stunde. + +Allmählich wurde es dunkel, aber nur ganz allmählich. Um mich herum +locken die Rebhühner. Als Jäger erkannte ich, daß die Hühner ganz +friedlich und vertraut waren, also war keine Gefahr, daß ich in meinem +Versteck überrascht wurde. Schließlich wurde es immer finsterer. Auf +einmal geht ganz in meiner Nähe ein Pärchen Rebhühner hoch, gleich +darauf ein zweites, und ich erkannte daraus, daß Gefahr im Anzuge war. +Offenbar war es eine Patrouille, die mir Guten Abend sagen wollte. Nun +wird's die höchste Zeit, daß ich mich aus dem Staube mache. Erst ganz +vorsichtig auf dem Bauche kriechend, von Granatloch zu Granatloch. Ich +komme nach etwa anderthalb Stunden eifrigen Kriechens an die ersten +Menschen. Sind es Engländer, oder sind es Deutsche? Sie kommen heran, +und beinahe wäre ich den Musketieren um den Hals gesprungen, als ich sie +erkannte. Es war eine Schleichpatrouille, die sich im neutralen +Zwischengelände herumtreibt. Einer der Leute führte mich zu seinem +Kompagnieführer, und hier erfuhr ich denn, daß ich am Abend zuvor etwa +fünfzig Schritte vor der feindlichen Linie gelandet sei und unsere +Infanterie mich bereits aufgegeben hatte. Ich nahm mal erst ein +ordentliches Abendbrot zu mir und trete dann den Rückmarsch an. + +Hinten wurde viel mehr geschossen als vorn. Jeder Weg, jeder +Annäherungsgraben, jedes Gebüsch, jeder Hohlweg, alles lag unter +feindlichem Feuer. Am nächsten Morgen griffen die Engländer an, sie +mußten also heute abend ihre Artillerievorbereitung beginnen. Ich hatte +mir also einen ungünstigen Tag für mein Unternehmen ausgesucht. Erst +gegen zwei Uhr morgens erreichte ich das erste Telephon und konnte mich +mit meiner Staffel in Verbindung setzen.« + +Wir waren alle glücklich, unseren Schäfer wieder zu haben. Er legte +sich ins Bett. Jeder andere hätte mal für die nächsten vierundzwanzig +Stunden auf den Genuß des Jagdfliegens verzichtet. Mein Schäfer +attackierte aber bereits am Nachmittag desselben Tages wiederum über +Monchy einen ganz tieffliegenden B. E. + + + + +Das Anti-Richthofen-Geschwader + +(25. April 1917) + + +Die Engländer hatten sich einen famosen Witz ausgedacht, nämlich mich zu +fangen oder abzuschießen. Zu diesem Zwecke hatten sie tatsächlich ein +besonderes Geschwader aufgestellt, das in dem Raum flog, in dem wir uns +meistens 'rumtrieben. Wir erkannten es daran, daß es hauptsächlich gegen +unsere roten Flugzeuge offensiv wurde. + +Ich muß bemerken, daß wir unsere _ganze_ Jagdstaffel rot angemalt +hatten, da den Brüdern doch allmählich klar geworden war, daß ich in +dieser knallroten Kiste säße. So waren wir jetzt alle rot, und die +Engländer machten recht große Augen, wie sie statt der einen ein ganzes +Dutzend solcher Kisten sahen. Das hielt sie aber nicht ab, den Versuch +zu machen, uns zu attackieren. Es ist mir ja viel lieber, die Kundschaft +kommt zu mir, als daß ich zu ihr hingehen muß. + +Wir flogen an die Front, in der Hoffnung, unsere Gegner zu finden. Nach +etwa zwanzig Minuten kamen die ersten an und attackierten uns +tatsächlich. Das war uns schon seit langer Zeit nicht mehr passiert. Die +Engländer hatten ihren berühmten Offensivgeist doch etwas eingeschränkt, +da er ihnen wohl etwas zu teuer zu stehen gekommen war. Es waren drei +Spad-Einsitzer, die sich infolge ihrer guten Maschinen uns sehr +überlegen glaubten. Es flogen zusammen: Wolff, mein Bruder und ich. Drei +gegen drei, das paßte also ganz genau. Gleich zu Anfang wurde aus dem +Angriff eine Verteidigung. Schon hatten wir überhand. Ich kriegte meinen +Gegner vor und konnte noch schnell sehen, wie mein Bruder und Wolff sich +jeder einen dieser Burschen vorbanden. Es begann der übliche Tanz, man +kreist umeinander. Der gute Wind kam uns zu Hilfe. Er trieb uns +Kämpfende von der Front weg, Richtung Deutschland. + +Meiner war der erste, der stürzte. Ich hatte ihm wohl den Motor +zerschossen. Jedenfalls entschloß er sich, bei uns zu landen. Pardon +kenne ich nicht mehr, deshalb attackierte ich ihn noch ein zweites Mal, +worauf das Flugzeug in meiner Geschoßgarbe auseinanderklappte. Die +Flächen fielen wie ein Blatt Papier, jede einzeln, und der Rumpf sauste +wie ein Stein brennend in die Tiefe. Er fiel in einen Sumpf. Man konnte +ihn nicht mehr ausgraben. Ich habe nie erfahren, wer es war, mit dem ich +gekämpft habe. Er war verschwunden. Bloß noch die letzten Reste des +Schwanzes verbrannten und zeigten die Stätte, wo er sich selbst sein +Grab gegraben hatte. + +Gleichzeitig mit mir hatten Wolff und mein Bruder ihre Gegner +angegriffen und nicht weit von dem meinigen zur Landung gezwungen. + +Wir flogen sehr vergnügt nach Hause und meinten: »Hoffentlich kommt +recht oft das Anti-Richthofen-Geschwader.« + + + + +Der »alte Herr« kommt uns besuchen + + +Für den 29. April hatte sich der »alte Herr« angesagt, der seine beiden +Söhne besuchen wollte. Mein Vater ist Ortskommandant eines Städtchens in +der Nähe von Lille, also nicht sehr weit weg von uns. Von oben kann ich +ihn öfters sehen. Er wollte mit dem Zuge um neun Uhr kommen. Um halb +Zehn ist er auf unserem Platz. Wir kommen gerade von einem Jagdflug nach +Hause, und mein Bruder steigt zuerst aus seiner Kiste, begrüßt den alten +Herrn: »Guten Tag, Papa, ich habe eben einen Engländer abgeschossen.« +Darauf steige ich aus meiner Maschine: »Guten Tag, Papa, ich habe eben +einen Engländer abgeschossen.« Der alte Herr war glücklich, es machte +ihm viel Spaß, das sah man ihm an. Er ist nicht einer von den Vätern, +die sich um ihre Söhne bangen, sondern am liebsten möchte er selbst sich +in eine Maschine setzen und auch abschießen -- glaube ich wenigstens. Wir +frühstückten erst mit ihm, dann flogen wir wieder. + +In der Zwischenzeit spielte sich ein Luftkampf über unserem eigenen +Flughafen ab, den mein Vater sehr interessiert beobachtete. Wir waren +aber nicht beteiligt, denn wir standen unten und sahen selbst zu. Es war +ein englisches Geschwader, das durchgebrochen war und über unserem +Flughafen von einigen unserer Aufklärungsflieger angegriffen wurde. +Plötzlich überschlägt sich das eine Flugzeug, fängt sich wieder und +kommt herunter im normalen Gleitflug, und wir erkennen mit Bedauern, daß +es diesmal ein Deutscher ist. Die Engländer fliegen weiter. Das deutsche +Flugzeug ist scheinbar angeschossen, kommt aber ganz richtig gesteuert +herunter und versucht, auf unserem Flugplatz zu landen. Der Platz ist +etwas klein für das große Ding. Auch war es dem Piloten unbekanntes +Gelände. So war die Landung nicht ganz glatt. Wir stürzen hin und müssen +mit Bedauern feststellen, daß der eine der Insassen, der +Maschinengewehrschütze, gefallen ist. Dieser Anblick war meinem Vater +etwas Neues und stimmte ihn offenbar sehr ernst. + +Der Tag versprach noch gut zu werden für uns. Wunderbar klares Wetter. +Dauernd hörte man die Abwehrgeschütze; also unentwegter Flugbetrieb. +Gegen Mittag flogen wir wieder. Diesmal hatte ich wieder Glück und hatte +meinen zweiten Engländer an dem Tage abgeschossen. Die Stimmung des +alten Herrn war wieder da. Nach Tisch ein kurzes Schläfchen und man war +wieder ganz auf der Höhe. Wolff war mit seiner Gruppe während der Zeit +am Feinde gewesen und hatte selbst einen erledigt. Auch Schäfer hatte +sich einen zu Gemüte geführt. Nachmittags starteten mein Bruder und ich +mit Schäfer, Festner und Allmenröder noch zweimal. Der erste Flug war +verunglückt, der zweite Flug um so besser. Wir waren nicht lange an der +Front, da kam uns ein feindliches Geschwader entgegen. Leider sind sie +höher als wir. Also können wir nichts machen. Wir versuchen, ihre Höhe +zu erreichen: es glückt uns nicht. Wir müssen sie auslassen, fliegen an +der Front entlang, mein Bruder dicht neben mir, den anderen voraus. Da +sehe ich zwei feindliche Artillerieflieger in ganz unverschämt frecher +Weise nahe an unsere Front herankommen. Ein kurzer Wink meines Bruders, +und wir hatten uns verständigt. Wir fliegen nebeneinander her, unsere +Geschwindigkeit vergrößernd. Jeder fühlt sich so sicher, einmal sich +selbst dem Feinde überlegen. Besonders aber konnte man sich aufeinander +verlassen. Denn das ist eben die Hauptsache. Man muß wissen, mit wem man +fliegt. Also mein Bruder war zuerst an die Gegner heran, greift sich den +ersten, der ihm am nächsten fliegt, heraus, ich mir den zweiten. + +Nun gucke ich mich noch schnell um, daß nicht noch ein dritter in der +Nähe ist; aber wir sind allein. Aug' in Auge. Ich habe meinem Gegner +bald die günstigste Seite abgerungen, ein kurzes Reihenfeuer, und das +feindliche Flugzeug platzt auseinander. So schnell war mir ein Kampf +noch nie vorgekommen. + +Während ich noch beobachte, wo die Trümmer meines Gegners +herunterstürzen, gucke ich mich nach meinem Bruder um. Er war kaum +fünfhundert Meter von mir entfernt, noch im Kampf mit seinem Gegner. + +Ich hatte Zeit, mir dieses Bild genau anzusehen, und muß sagen, daß ich +selbst es nicht hätte besser machen können. Auch er hatte bereits den +Gegner überrumpelt, und beide drehten sich umeinander. Da plötzlich +bäumt sich das feindliche Flugzeug auf -- ein sicheres Zeichen des +Getroffenseins, gewiß hatte der Führer Kopfschuß oder so etwas -- das +Flugzeug stürzt, und die Flächen des feindlichen Apparates klappen +auseinander. Die Trümmer fallen ganz in die Nähe meines Opfers. Ich +fliege an meinen Bruder heran und gratuliere ihm, d. h. wir winkten uns +gegenseitig zu. Wir waren befriedigt und flogen weiter. Es ist schön, +wenn man mit seinem Bruder so zusammen fliegen kann. + +Die anderen waren in der Zwischenzeit auch herangekommen und hatten sich +das Schauspiel, das ihnen die beiden Brüder boten, angeguckt, denn +helfen kann man ja nicht, einer kann nur abschießen, und ist einer mit +dem Gegner beschäftigt, so können die anderen nur zusehen, ihm den +Rücken decken, damit er nicht von hinten von einem Dritten belapst wird. + +Wir fliegen weiter, gehen auf größere Höhe, denn oben haben sich einige +aus dem Klub der Anti-Richthofen zusammengefunden. Wir waren mal wieder +gut zu erkennen, die Sonne vom Westen her beleuchtete die Apparate und +ließ sie in ihrer schönen roten Farbe weithin schillern. Wir schlossen +uns eng zusammen, denn jeder wußte, daß man es mit Brüdern zu tun hat, +die dasselbe Metier verfolgen wie wir selbst. Leider sind sie wieder +höher, so daß wir auf ihren Angriff warten müssen. Die berühmten +Dreidecker und Spads, ganz neue Maschinen, aber es kommt eben nicht auf +die Kiste an, sondern auf den, der drinnen sitzt; die Brüder waren +laurig und hatten keinen Mumm. Wir boten ihnen den Kampf an, sowohl bei +uns wie auch drüben. Aber sie wollten ihn nicht annehmen. Wozu prahlen +sie erst mit ihrem Geschwader, das angesetzt ist, um mich abzuschießen, +wenn ihnen nachher doch das Herz in die Hosen fällt? + +Endlich hat einer Mut gefaßt und stößt auf unseren letzten herunter. +Natürlich wird der Kampf angenommen, obwohl es ja für uns ungünstig ist, +denn der, der drüber ist, ist im Vorteil. Aber wenn einem die Kundschaft +nicht mehr gibt, muß man sie halt nehmen, wie sie kommt. Also macht +alles kehrt. Der Engländer merkt es und läßt sofort ab. Nun ist aber der +Anfang gemacht. Ein anderer Engländer versucht das gleiche. Er hat sich +mich als Gegner ausgesucht, und ich begrüße ihn gleich mit einer Salve +aus beiden Maschinengewehren. Dies schien er nicht zu schätzen. Er +versuchte, sich durch einen Sturzflug mir zu entziehen. Das war sein +Verderben. Denn dadurch kam er unter mich. Nun blieb ich über ihm. Was +unter mir ist, womöglich noch allein und auf unserem Gebiet, kann wohl +als verloren gelten, besonders, wenn es ein Einsitzer ist, also ein +Jagdflieger, der nicht nach hinten 'rausschießen kann. Der Gegner hatte +eine sehr gute Maschine und war sehr schnell. Aber es sollte ihm nicht +glücken, seine Linien zu erreichen. Über Lens fing ich an, auf ihn zu +schießen. Ich war noch viel zu weit. Es war aber ein Trick von mir, ich +beunruhigte ihn dadurch. Er kroch auf den Leim und machte Kurven. Dies +nützte ich aus und kam etwas näher heran. Schnell versuchte ich dasselbe +Manöver nochmals und zum drittenmal. Jedesmal fiel mein Freund darauf +'rein. So hatte ich mich sachte an ihn herangeschossen. Nun bin ich ganz +nahebei. Jetzt wird sauber gezielt, noch einen Augenblick gewartet, +höchstens noch fünfzig Meter von ihm entfernt, drücke ich auf beide +Maschinengewehrknöpfe. Erst ein leises Rauschen, das sichere Zeichen des +getroffenen Benzintanks, dann eine helle Flamme, und mein Lord +verschwindet in der Tiefe. + +Dieser war der Vierte an diesem Tage. Mein Bruder hatte zwei. Dazu +hatten wir den alten Herrn scheinbar eingeladen. Die Freude war ganz +ungeheuer. + +Abends hatte ich mir noch einige Herren eingeladen, unter anderen meinen +guten Wedel, der zufällig auch in der Gegend war. Das Ganze war eine +geglückte, verabredete Sache. Sechs Engländer hatten die beiden Brüder +also an einem Tage abgeschossen. Das ist zusammen eine ganze +Fliegerabteilung. Ich glaube, wir waren den Engländern unsympathisch. + + + + +Flug in die Heimat + + +Fünfzig sind abgeschossen. Zweiundfünfzig fand ich besser. Deshalb schoß +ich gleich am selben Tage zwei mehr ab. Es ging eigentlich gegen die +Verabredung. + +Eigentlich hatte man mir bloß einundvierzig zugebilligt; weshalb die +Zahl einundvierzig herauskam, kann sich wohl jeder denken, aber gerade +deshalb wollte ich es durchaus vermeiden. Ich bin kein Rekordarbeiter, +überhaupt liegen uns in der Fliegertruppe alle Rekorde fern. Man erfüllt +nur seine Pflicht. Boelcke hätte hundert abgeschossen, wäre ihm nicht +das Unglück passiert. Und manch anderer der guten gefallenen Kameraden +hätte eine ganz andere Zahl erreichen können, wenn ihn nicht sein +plötzlicher Tod daran verhindert hätte. Aber so ein halbes Hundert macht +einem eben doch auch Spaß. Nun hatte ich es schließlich auch erreicht, +daß man mir fünfzig zubilligte, bevor ich meinen Urlaub antrat. + +Hoffentlich kann ich noch das zweite Fünfzig feiern. + +Am Abend desselben Tages klingelte es, und nichts Geringeres als das +»Große Hauptquartier« wünschte mich zu sprechen. Ich kam mir ganz spaßig +vor, so mit der »Großen Bude« verbunden zu sein. Ich erhielt unter +anderem die erfreuliche Nachricht, daß Seine Majestät den Wunsch +geäußert hätte, mich persönlich zu sprechen, und zwar war gleich der Tag +angesagt: am 2. Mai. Dies ereignete sich aber schon am 30. April abends +neun Uhr. Mit dem Zuge wäre es nicht mehr möglich gewesen, dem Wunsch +des Allerhöchsten Kriegsherrn nachzukommen. So zog ich es vor, was ja +auch viel schöner ist, die Reise auf dem Luftwege zu erledigen. Am +nächsten Morgen wurde gestartet, und zwar nicht in meinem Einsitzer #»Le +petit rouge«#, sondern in einem dicken, großen Zweisitzer. + +Ich setzte mich hinten 'rein, d. h. also nicht an den »Knüppel«. +Arbeiten mußte in diesem Falle der Leutnant Krefft, auch einer der +Herren meiner Jagdstaffel. Er wollte gerade auf Erholungsurlaub, es +paßte also ausgezeichnet. So kam er auch schneller in die Heimat. Es war +ihm nicht unsympathisch. + +Meine Abreise ging etwas Hals über Kopf. Ich konnte in dem Flugzeug +nichts weiter mitnehmen als die Zahnbürste, mußte mich also gleich so +anziehen, wie ich mich im Großen Hauptquartier vorzustellen hatte. Und +so im Felde hat eben der Militärsoldat nicht viel mit von schönen +Kleidungsstücken, jedenfalls nicht so ein armes Frontschwein wie ich. + +Die Führung der Staffel übernahm mein Bruder. Ich verabschiedete mich +kurz, denn ich hoffte, bald im Kreise dieser lieben Menschen meine +Tätigkeit wieder aufnehmen zu können. + +Der Flug ging nun über Lüttich, Namur auf Aachen und Köln. Es war doch +schön, so mal ohne kriegerische Gedanken durch das Luftmeer zu segeln. +Herrliches Wetter, wie wir es schon seit langem nicht gehabt hatten. +Gewiß gab es am heutigen Tage mächtig viel zu tun an der Front. Bald +sind die eigenen Fesselballons nicht mehr zu sehen. Immer weiter weg von +dem Donner der Schlachten von Arras. Unter uns Bilder des Friedens. +Fahrende Dampfer. Dort saust ein #D#-Zug durchs Gelände, wir überholen +ihn spielend. Der Wind ist uns günstig. Die Erde scheint uns wie eine +Tenne so platt. Die schönen Maasberge sind nicht zu erkennen als Berge. +Man erkennt sie nicht einmal am Schatten, denn die Sonne steht fast +senkrecht. Man weiß nur, daß sie vorhanden sind, und mit etwas Phantasie +kann man sich sogar in ihre kühlen Schluchten verkriechen. + +Es war doch etwas spät geworden, und so kamen wir in die Mittagsstunde. +Eine Wolkenschicht zieht sich unter uns zusammen und verdeckt die Erde +völlig. Nach Sonne und Kompaß orientierend fliegen wir weiter. Die Nähe +von Holland ist uns allmählich aber doch unsympathisch, und so ziehen +wir es vor, wieder mit dem Erdboden Fühlung zu nehmen. Wir gehen unter +die Wolke und befinden uns gerade über Namur. Nun geht es weiter nach +Aachen. Aachen lassen wir links liegen und erreichen zur Mittagszeit +Köln. Die Stimmung in unserem Flugzeug war gehoben. Vor uns ein längerer +Urlaub, außerdem das schöne Wetter, die gelungene Sache, wenigstens Köln +erreicht zu haben, und die Gewißheit, daß, wenn einem auch jetzt etwas +passiert, man doch noch das Große Hauptquartier erreichen konnte. + +Man hatte uns in Köln telegraphisch angesagt, so wurden wir dort +erwartet. Am Tage vorher hatte mein zweiundfünfzigster Luftsieg in der +Zeitung gestanden. So war der Empfang auch danach. + +Durch den dreistündigen Flug hatte ich doch etwas Schädelbrummen, und so +zog ich es vor, erst einen kleinen Mittagsschlummer einzulegen, bevor +ich im Großen Hauptquartier eintraf. Wir flogen nun von Köln ein ganzes +Stückchen den Rhein entlang. Ich kannte die Strecke. Ich bin sie oft +gefahren, auf dem Dampfer, mit dem Auto und der Eisenbahn, und nun im +Flugzeug. Was war das Schönste? Es ist schwer zu sagen. Gewisse +Einzelheiten sieht man ja natürlich vom Dampfer aus besser. Aber der +Gesamtblick aus dem Flugzeug ist auch nicht zu verachten. Der Rhein hat +eben einen besonderen Reiz, so auch von oben. Wir flogen nicht zu hoch, +um nicht das Gefühl der Berge völlig zu verlieren, denn das ist doch +wohl das Schönste am Rhein, die riesigen, bewaldeten Höhen, die Burgen +usw. Die einzelnen Häuser konnten wir natürlich nicht sehen. Schade, daß +man nicht langsam und schnell fliegen kann. Ich hätte gewiß den +langsamsten Gang eingestellt. + +Nur zu schnell verschwand ein schönes Bild nach dem anderen. Man hat, +wenn man höher fliegt, ja nicht das Gefühl, daß es sehr schnell vorwärts +geht. In einem Auto oder einem #D#-Zug zum Beispiel kommt einem die +Geschwindigkeit ganz ungeheuer vor, dagegen im Flugzeug eigentlich immer +langsam, wenn man eine gewisse Höhe erreicht hat. Man merkt es +eigentlich erst daran, wenn man mal fünf Minuten nicht 'rausgeguckt hat +und dann mit einem Male wieder die Orientierung aufnimmt. Da ist das +Bild, das man noch kurz vorher im Kopfe hatte, mit einem Male völlig +verändert. Was man unter sich sah, sieht man auf einmal in einem Winkel, +gar nicht zum Wiedererkennen. Deshalb kann man sich so schnell +verorientieren, wenn man mal für einen Augenblick nicht aufpaßt. So +kamen wir am Nachmittag im Großen Hauptquartier an, herzlich empfangen +von einigen mir bekannten Kameraden, die dort in der »Großen Bude« zu +arbeiten haben. Sie tun mir ordentlich leid, die Tintenspione. Sie haben +ja nur den halben Spaß vom Kriege. Zunächst meldete ich mich bei dem +Kommandierenden General der Luftstreitkräfte. Am nächsten Vormittag +ereignete sich nun der große Moment, wo ich Hindenburg und Ludendorff +vorgestellt werden sollte. Ich mußte eine ganze Weile warten. Wie die +Begrüßung im einzelnen war, kann ich eigentlich schlecht schreiben. Erst +meldete ich mich bei Hindenburg, dann bei Ludendorff. + +Es ist ein unheimliches Gefühl in dem Raum, wo das Geschick der Erde +entschieden wird. So war ich ganz froh, wie ich die »Große Bude« wieder +hinter mir hatte und mittags bei Seiner Majestät zum Frühstück befohlen +war. Es war ja heute mein Geburtstag, und irgendeiner hatte es wohl +Seiner Majestät verraten, und so gratulierte er mir. Einmal zu meinem +Erfolg, dann zum fünfundzwanzigsten Lebensjahr. Auch ein kleines +Geburtstagsgeschenk überraschte mich. + +Früher hätte ich es mir wohl nie träumen lassen, daß ich am +fünfundzwanzigsten Geburtstag rechts von Hindenburg sitzen und in einer +Rede vom Generalfeldmarschall erwähnt werden würde. + + * * * * * + +Tags darauf war ich zu Mittag bei Ihrer Majestät eingeladen und fuhr zu +diesem Zweck nach Homburg. Dort war ich zum Frühstück bei Ihrer +Majestät, wurde gleichfalls mit einem Geburtstagsgeschenk bedacht, und +ich hatte noch die große Freude, Ihrer Majestät einen Start +vorzuführen. Abends war ich nochmals bei dem Generalfeldmarschall +v. Hindenburg eingeladen. + +Den Tag darauf flog ich nach Freiburg, um dort einen Auerhahn zu +schießen. Von Freiburg aus benutzte ich ein Flugzeug, das nach Berlin +flog. In Nürnberg wurde Benzin aufgefüllt. Da zog ein Gewitter auf. Ich +hatte es aber dringend eilig, in Berlin anzukommen. Allerhand mehr oder +weniger interessante Dinge warteten dort meiner. So flog ich trotz des +Gewitters weiter. Mir machten die Wolken und das Schweinewetter Spaß. Es +goß mit Kannen. Ab und zu etwas Hagel. Der Propeller sah nachher ganz +toll aus, durch die Hagelkörner zerschlagen, wie eine Säge. Leider +machte mir das Wetter so viel Spaß, daß ich darüber gänzlich vergaß +aufzupassen, wo ich mich befand. Wie ich wieder die Orientierung +aufnehmen will, habe ich keinen Dunst mehr, wo ich bin. Eine schöne +Bescherung! In der Heimat »verfranzt«! Das mußte natürlich gerade mir +passieren. Wie würden die zu Hause sich amüsieren, wenn sie das wüßten! +Aber es war an der Tatsache nichts zu ändern. Ich wußte nicht mehr, wo +ich war. Ich war durch den starken Wind und das niedrige Fliegen sehr +abgetrieben worden und von meiner Karte heruntergekommen und mußte nun +nach Sonne und Kompaß notdürftig die Richtung nach Berlin einhalten. +Städte, Dörfer, Flüsse, Wälder jagen unter mir dahin. Ich erkenne +nichts wieder. Ich vergleiche die Natur mit meiner Karte, aber +vergeblich. Es ist alles anders. Ich bin eben tatsächlich nicht mehr im +Bilde. Es ist mir nicht möglich, die Gegend wiederzuerkennen. Wie sich +später herausstellte, war es allerdings auch ausgeschlossen, denn ich +flog etwa hundert Kilometer neben meinem Kartenrand. + +[Illustration: Der kommandierende General der Luftstreitkräfte, +Exzellenz v. Hoeppner (1), und der Chef des Stabes der Luftstreitkräfte, +Oberstleutnant Thomson (2), mit Rittmeister Manfred Freih. v. Richthofen +(3)] + +[Illustration: Ein Glückwunsch des Kaisers + +aufgenommen am 30. IV. 1917. 4 Uhr 20 Min. vorm. + +aus dem Gr. H. Qu. + +An Krg. schl homb. 27. 29. IV. 8^h nachm. + +Rittm. Freih. von Richthofen + Jagdstaffel Richthofen. + durch A.O.K.G. + +Es wird mir soeben gemeldet, daß Sie heute zum 50. Male als Sieger aus +dem Luftkampf hervorgingen. Ich spreche Ihnen zu diesem glänzenden +Erfolg Meinen herzlichen Glückwunsch und Meine vollste Anerkennung aus. +Mit Bewunderung und Dankbarkeit blickt das Vaterland auf seinen tapferen +Flieger. Gott sei ferner mit Ihnen. + + Wilhelm I. R.] + +Nach etwa zweistündigem Fluge entschlossen sich mein Führer und ich zu +einer Notlandung. Dies ist immer was Unangenehmes, so ohne Flughafen. +Man weiß nicht, wie die Erdoberfläche ist. Kommt ein Rad in ein Loch, +ist die Kiste futsch. Erst versuchten wir noch, auf einem Bahnhof die +Aufschrift der Station zu erkennen, aber Kuchen, natürlich war sie so +klein aufgepinselt, daß man auch nicht einen Buchstaben erkennen konnte. +Also müssen wir landen. Nur schweren Herzens, aber es bleibt uns nichts +anderes übrig. Wir suchen uns eine Wiese, die von oben ganz schön +aussieht, und versuchen unser Heil. Leider sah die Wiese bei näherer +Betrachtung nicht so schön aus. Dies konnte ich auch an einem etwas +verbogenen Fahrgestell feststellen. So hatten wir uns denn völlig mit +Ruhm bekleckert. Erst »verfranzt« und dann die Kiste zerschmissen! Wir +mußten nun also mit einem ganz ordinären Fortbewegungsmittel, dem +#D#-Zug, unsere weitere Reise nach der Heimat antreten. Langsam, aber +sicher erreichten wir Berlin. Wir waren in der Nähe von Leipzig +notgelandet. Hätten wir nicht die Dummheit gemacht, so wären wir gewiß +noch nach Berlin gekommen, aber wie man's macht, macht man's falsch. + +Einige Tage später traf ich in meiner Heimatstadt Schweidnitz ein. +Obwohl es sieben Uhr morgens war, hatte sich doch eine ganze Menge +Menschen auf dem Bahnhof angefunden. Die Begrüßung war herzlich. Am +Nachmittag wurden mir verschiedene Ehrungen zuteil, darunter auch durch +Jugendwehr. + +Im großen und ganzen wurde mir klar, daß die Heimat sich für ihre +Kämpfer im Felde doch lebhaft interessiert. + + + + +Mein Bruder + + +Ich war noch nicht acht Tage auf Urlaub, da kriegte ich die +telegraphische Nachricht: »Lothar verwundet, nicht lebensgefährlich.« +Mehr nicht. Nähere Erkundigungen ergaben, daß er wieder mal recht +leichtsinnig gewesen war. Er flog mit Allmenröder zusammen gegen den +Feind. Da sah er tief unten, ziemlich weit drüben, einen allein +herumkrebsenden #Englishman#. Das sind so die feindlichen +Infanterieflieger, die unseren Truppen besonders lästig fallen. +Jedenfalls beunruhigen sie sehr. Ob sie wirklich etwas erreichen mit +ihrem tiefen Rumkrebsen, ist sehr die Frage. Mein Bruder war etwa +zweitausend Meter hoch, der Engländer tausend. Er pürscht sich 'ran, +setzt zum Sturzflug an und ist in wenigen Sekunden bei ihm. Der +Engländer zog es vor, den Kampf zu vermeiden, und verschwand gleichfalls +im Sturzflug in der Tiefe. Mein Bruder, nicht faul, hinterher. Ganz +schnuppe, ob es drüben oder bei uns ist. Nur ein Gedanke: er muß +'runter. Das ist ja auch natürlich das richtige. Ab und zu mache ich's +auch. Aber wenn es mein Bruder bei jedem Fluge nicht mindestens einmal +gemacht hat, macht ihm das ganze Unternehmen keinen Spaß. Erst ganz kurz +über dem Boden kriegt er ihn wirklich gut vor und kann ihm den Laden +vollschießen. Der Engländer stürzt senkrecht in die Erde. Viel bleibt +nicht mehr übrig. + +Nach so einem Kampfe, besonders in geringer Höhe, in dem man sich so oft +gedreht und gewendet hat, mal rechtsrum und mal linksrum geflogen ist, +hat der normale Sterbliche keine Ahnung mehr, wo er sich befindet. Nun +war es an diesem Tage noch etwas dunstig, also ein besonders ungünstiges +Wetter. Schnell hatte er sich orientiert und merkt erst jetzt, daß er +doch wohl ein ganzes Ende hinter der Front ist. Er war hinter der +Vimy-Höhe. Die Vimy-Höhen sind etwa hundert Meter höher als die andere +Gegend. Mein Bruder war hinter diesen Vimy-Höhen verschwunden -- +behaupten jedenfalls die Beobachter von der Erde aus. + +Dieses Nachhausefliegen, bis man seine eigene Stellung erreicht hat, +gehört nicht zu den angenehmsten Gefühlen, die man sich denken kann. Man +kann nichts dagegen tun, daß einen der Gegner beschießt. Nur selten +treffen sie. Mein Bruder näherte sich der Linie. In so geringer Höhe +kann man jeden Schuß hören, es hört sich an, wie wenn Kastanien im Feuer +platzen, wenn der einzelne Infanterist schießt. Da -- mit einem Male +fühlte er einen Schlag, getroffen. Das war ihm klar. Er zählt zu den +Menschen, die nicht ihr eignes Blut sehen können. Bei einem anderen +macht es ihm keinen Eindruck; wenigstens weniger. Aber sein eigenes +Blut stört ihn. Er fühlt, wie es ihm warm am rechten Bein herunterläuft, +zur gleichen Zeit auch einen Schmerz in der Hüfte. Unten wird noch immer +geknallt. Also ist er noch drüben. Da endlich hört es so sachte auf, und +er ist über unsere Front hinüber. Nun muß er sich aber beeilen, denn +seine Kräfte lassen zusehends nach. Da sieht er einen Wald, daneben eine +Wiese. Also auf die Wiese zu. Die Zündung schnell herausgenommen, der +Motor bleibt stehen, und in demselben Augenblick ist es alle mit seinen +Kräften, die Besinnung hat ihn verlassen. Er sitzt ja nun ganz allein in +seinem Flugzeug, also ein zweiter konnte ihm nicht helfen. Wie er auf +die Erde hinuntergekommen ist, ist eigentlich ein Wunder. Denn von +allein startet und landet kein Flugzeug. Man behauptet dies nur von +einer alten Taube in Köln, die von einem Monteur zum Start +zurechtgemacht ist und gerade in dem Augenblick, wie der Pilot sich +hineinsetzen will, von allein losfliegt, von allein eine Kurve macht und +nach fünf Minuten wieder landet. Das wollen viele Männer gesehen haben. +Ich habe es nicht gesehen -- aber ich bin doch fest davon überzeugt, daß +es wahr ist. Mein Bruder jedenfalls hatte nicht so eine Taube, die von +allein landet, aber trotzdem hatte er sich bei dem Berühren mit dem +Erdboden nichts getan. Erst im Lazarett fand er die Besinnung wieder. +Er wurde nach Douai transportiert. + +Es ist für einen Bruder ein ganz eigenartiges Gefühl, wenn man den +anderen in einen Kampf mit einem Engländer verwickelt sieht. So sah ich +zum Beispiel einmal, wie Lothar hinter dem Geschwader etwas herhängt und +von einem Engländer attackiert wird. Es wäre für ihn ein leichtes +gewesen, den Kampf zu verweigern. Er braucht bloß in der Tiefe zu +verschwinden. Aber nein, das tut er nicht! Der Gedanke kommt ihm +scheinbar gar nicht. Ausreißen kennt er nicht. Zum Glück hatte ich dies +beobachtet und paßte auf. Da sah ich, wie der Engländer, der über ihm +war, immer auf ihn 'runterstößt und schießt. Mein Bruder versucht, seine +Höhe zu erreichen, unbekümmert, ob er beschossen wird oder nicht. Da -- +mit einem Male überschlägt sich das Flugzeug, und die rot angestrichene +Maschine stürzt senkrecht, sich um sich selbst drehend, herunter. Keine +gewollte Bewegung, sondern ein regelrechter Absturz. Dieses ist für den +zusehenden Bruder nicht das schönste aller Gefühle. Aber ich habe mich +so sachte daran gewöhnen müssen, denn mein Bruder benutzte es als Trick. +Wie er erkannt hatte, daß der Engländer ihm über war, markierte er ein +Angeschossensein. Der Engländer hinterher, mein Bruder fängt sich und +hat ihn im Umsehen überstiegen. Das feindliche Flugzeug konnte sich +nicht so schnell wieder aufrichten und zur Besinnung kommen, da saß ihm +mein Bruder im Nacken, und einige Augenblicke später schlugen die +Flammen heraus. Dann ist nichts mehr zu retten, dann stürzt das Flugzeug +brennend ab. + +Ich habe mal auf der Erde neben einem Benzintank gestanden, wo hundert +Liter auf einmal explodierten und verbrannten. Ich konnte nicht zehn +Schritt daneben stehen, so heiß wurde mir. Und nun muß man sich +vorstellen, daß auf wenige Zentimeter vor einem so ein Tank von vielen +fünfzig Litern explodiert und der Propellerwind die ganze Glut einem ins +Gesicht treibt. Ich glaube, man ist im ersten Moment schon +besinnungslos, und es geht jedenfalls am schnellsten. + +Aber es passieren doch ab und zu Zeichen und Wunder. So sah ich z. B. +einmal ein englisches Flugzeug brennend abstürzen. Die Flammen schlugen +erst in fünfhundert Metern Höhe heraus. Die Maschine stand in hellen +Flammen. Wie wir nach Hause fliegen, erfahren wir, daß der eine der +Insassen aus fünfzig Metern Höhe herausgesprungen ist. Es war der +Beobachter. Fünfzig Meter Höhe! Man muß sich mal die Höhe überlegen. Der +höchste Kirchturm, der in Berlin ist, reicht gerade heran. Man springe +mal von der Spitze dieses Turmes herunter! Wie man wohl unten ankommen +mag! Die meisten brächen sich's Genick, wenn sie aus dem Hochparterre +herausspringen würden. Jedenfalls, dieser brave »Franz« sprang aus +seinem brennenden Flugzeug aus fünfzig Meter Höhe heraus, das bereits +mindestens eine Minute gebrannt hatte, und machte sich weiter nichts als +einen glatten Unterschenkelbruch. Er hat sogar, gleich nachdem ihm all +dies passiert ist, noch Aussagen gemacht, also sein seelischer Zustand +hatte nicht einmal gelitten. + +Ein andermal schoß ich einen Engländer ab. Der Flugzeugführer hatte +einen tödlichen Kopfschuß, das Flugzeug stürzte steuerlos, senkrecht, +ohne sich zu fangen, aus dreitausend Metern Höhe in die Erde. Eine ganze +Weile später erst kam ich im Gleitflug hinterher und sah unten weiter +nichts als einen wüsten Haufen. Zu meinem Erstaunen erfuhr ich, der +Beobachter habe nur einen Schädelbruch, und sein Zustand sei nicht +lebensgefährlich. Glück muß eben der Mensch haben. + +Wieder einmal schoß Boelcke einen Nieuport ab. Ich sah es selbst. Das +Flugzeug stürzte wie ein Stein. Wir fuhren hin und fanden das Flugzeug +bis zur Hälfte im Lehm vergraben. Der Insasse, ein Jagdflieger, war +durch einen Bauchschuß besinnungslos und hatte sich beim Aufschlagen nur +einen Arm ausgekugelt. Er ist nicht gestorben. + +Andererseits habe ich es wieder erlebt, daß ein guter Freund von mir bei +einer Landung mit einem Rade in ein Karnickelloch kam. Die Maschine +hatte überhaupt keine Geschwindigkeit mehr und stellte sich ganz langsam +auf den Kopf, überlegte sich, nach welcher Seite sie umkippen sollte, +fiel auf den Rücken -- und der arme Kerl hatte das Genick gebrochen. + + * * * * * + +Mein Bruder Lothar ist Leutnant bei den Vierten Dragonern, war vor dem +Kriege auf Kriegsschule, wurde gleich zu Anfang Offizier und hat, +gleichwie ich, den Krieg als Kavallerist begonnen. Was er da alles an +Heldentaten begangen hat, ist mir unbekannt, da er nie von sich selbst +spricht. Man hat mir nur folgende Geschichte erzählt: Es war im Winter +1914, sein Regiment lag an der Warthe, die Russen auf der anderen Seite. +Kein Mensch wußte, rücken sie oder bleiben sie. Die Ufer waren zum Teil +gefroren, so daß man schlecht durchreiten konnte. Brücken gab's +natürlich nicht, die hatten die Russen abgerissen. Da schwamm mein +Bruder durch, stellte fest, wo die Russen waren, und kam +zurückgeschwommen. Dieses alles im strengen russischen Winter bei +soundso viel Grad minus. Seine Kleider waren nach wenigen Minuten +festgefroren, und darunter, behauptete er, sei es ganz warm gewesen. So +ritt er den ganzen Tag, bis er abends in sein Quartier kam. Dabei hat er +sich nicht erkältet. + +Im Winter 1915 ging er auf mein Drängen hin zur Fliegerei, wurde, +gleichwie ich, Beobachter. Erst ein Jahr später Flugzeugführer. Die +Schule als Beobachter ist gewiß nicht schlecht, gerade für einen +Jagdflieger. März 1917 machte er sein drittes Examen und kam sofort zu +meiner Jagdstaffel. + +Er war also noch ein ganz, ganz junger und ahnungsloser Flugzeugführer, +der noch an kein Looping und ähnliche Scherze dachte, sondern zufrieden +war, wenn er ordentlich landen und starten konnte. Nach vierzehn Tagen +nahm ich ihn zum ersten Male mit gegen den Feind und bat ihn, dicht +hinter mir zu fliegen, um sich die Sache mal genau anzusehen. Nach dem +dritten Fluge mit ihm sehe ich mit einem Male, wie er sich von mir +trennt und sich gleichfalls auf einen Engländer stürzt und ihn erlegt. +Mein Herz hüpfte vor Freude, als ich dies sah. Es war mir wieder mal ein +Beweis, wie wenig das Abschießen eine Kunst ist. Es ist nur die +Persönlichkeit oder, anders ausgedrückt, der Schneid des Betreffenden, +der die Sache macht. Ich bin also kein Pégoud, will es auch nicht sein, +sondern nur Soldat, und tue meine Pflicht. + +Vier Wochen später hatte mein Bruder bereits zwanzig Engländer +abgeschossen. Dies dürfte wohl einzig dastehen in der ganzen Fliegerei, +daß ein Flugzeugführer vierzehn Tage nach seinem dritten Examen den +ersten und vier Wochen nach dem ersten zwanzig Gegner abgeschossen hat. + +Sein zweiundzwanzigster Gegner war der berühmte Captain Ball, weitaus +der beste englische Flieger. Den seinerzeit ebenso bekannten Major +Hawker hatte ich mir vor einigen Monaten bereits zur Brust genommen. Es +machte mir besonders Freude, daß es nun mein Bruder war, der den zweiten +Champion Englands erledigte. Captain Ball flog einen Dreidecker und +begegnete meinem Bruder einzeln an der Front. Jeder versuchte den +anderen zu fassen. Keiner gab sich eine Blöße. Es blieb bei einem kurzen +Begegnen. Immer nur auf sich zufliegend. Nie glückte es dem einen, sich +hinter den anderen zu setzen. Da entschlossen sich plötzlich beide in +dem kurzen Augenblick des Aufeinanderzufliegens, einige wohlgezielte +Schüsse abzugeben. Beide fliegen aufeinander zu. Beide schießen. Jeder +hat vor sich einen Motor. Die Treffwahrscheinlichkeiten sind sehr +gering, die Geschwindigkeit doppelt so groß wie normal. Eigentlich +unwahrscheinlich, daß einer von beiden trifft. Mein Bruder, der etwas +tiefer war, hatte dabei seine Maschine stark überzogen und überschlug +sich, verlor das Gleichgewicht, und seine Maschine wurde für einige +Momente steuerlos. Bald hatte er sie wieder gefangen, mußte aber +feststellen, daß ihm der Gegner beide Benzintanks zerschossen hatte. +Also landen! Schnell die Zündung 'raus, sonst brennt die Kiste. Der +nächste Gedanke aber war: Wo bleibt mein Gegner? Im Augenblick des +Überschlagens hatte er gesehen, wie sich der Gegner gleichfalls +aufbäumte und überschlagen hatte. Er konnte also nicht allzu weit von +ihm entfernt sein. Der Gedanke herrscht: Ist er über mir oder unter mir? +Drüber war er nicht mehr, dafür aber sah er unter sich den Dreidecker +sich dauernd überschlagen und noch immer tiefer stürzen. Er stürzte und +stürzte, ohne sich zu fangen, bis auf den Boden. Dort zerschellte er. Es +war auf unserem Gebiet. Beide Gegner hatten sich in dem kurzen +Augenblick des Begegnens mit ihren starren Maschinengewehren getroffen. +Meinem Bruder waren die beiden Benzintanks zerschossen, und im selben +Augenblick hatte der Captain Ball einen Kopfschuß bekommen. Er trug bei +sich einige Photographien und Zeitungsausschnitte seiner +Heimatprovinzen, in denen er sehr angefeiert wurde. Er schien kurze Zeit +zuvor noch auf Urlaub gewesen zu sein. Zu Boelckes Zeiten hatte Captain +Ball sechsunddreißig deutsche Apparate vernichtet. Auch er hat einen +Meister gefunden. Oder war es Zufall, daß eine Größe wie er gleichfalls +den normalen Heldentod sterben mußte? + +Captain Ball war ganz gewiß der Führer des Anti-Richthofen-Geschwaders, +und ich glaube, der #Englishman# wird es nun lieber aufstecken, mich zu +fangen. Das täte uns leid, denn dadurch würde uns manche schöne +Gelegenheit genommen, bei der wir die Engländer gut belapsen könnten. + +Wäre mein Bruder nicht am 5. Mai verwundet worden, ich glaube, er wäre +nach meiner Rückkehr vom Urlaub gleichfalls mit Zweiundfünfzig auf +Urlaub geschickt worden. + + + + +Lothar ein »Schießer« und nicht ein Weidmann + + +Mein Vater macht einen Unterschied zwischen einem Jäger (Weidmann) und +einem Schießer, dem es nur Spaß macht, zu schießen. Wenn ich einen +Engländer abgeschossen habe, so ist meine Jagdpassion für die nächste +Viertelstunde beruhigt. Ich bringe es also nicht fertig, zwei Engländer +unmittelbar hintereinander abzuschießen. Fällt der eine herunter, so +habe ich das unbedingte Gefühl der Befriedigung. Erst sehr, sehr viel +später habe ich mich dazu überwunden und mich zum Schießer ausgebildet. + +Bei meinem Bruder war es anders. Wie er seinen vierten und fünften +Gegner abschoß, hatte ich Gelegenheit, ihn zu beobachten. Wir griffen +ein Geschwader an. Ich war der erste. Mein Gegner war bald erledigt. Ich +gucke mich um und sehe, wie mein Bruder hinter einem Engländer sitzt, +aus dem gerade die Flamme herausschlägt und dessen Maschine explodiert. +Neben diesem Engländer fliegt ein zweiter. Er machte weiter nichts, als +daß er von dem ersten, der noch gar nicht mal 'runtergefallen war und +sich noch in der Luft befand, sein Maschinengewehr auf den nächsten +richtete und sofort weiterschoß, kaum daß er absetzte. Auch dieser fiel +nach kürzerem Kampf. + +Zu Hause fragte er mich stolz: »Wieviel hast du abgeschossen?« Ich +sagte ganz bescheiden: »Einen.« Er dreht mir den Rücken und sagt: »Ich +habe zwei,« worauf ich ihn zur Nachsuche nach vorn schickte. Er mußte +feststellen, wie seine Kerle hießen usw. Am späten Nachmittag kommt er +zurück und hat nur einen gefunden. + +Die Nachsuche war also schlecht, wie überhaupt bei solchen Schießern. +Erst am Tage darauf meldete die Truppe, wo der andere lag. Daß er +'runtergefallen war, hatten wir ja alle gesehen. + + + + +Der Auerochs + + +Der Fürst Pleß hatte mir gelegentlich eines Besuches im Hauptquartier +erlaubt, bei ihm auf seiner Jagd ein Wisent abzuschießen. Der Wisent ist +das, was im Volksmund mit Auerochse bezeichnet wird. Auerochsen sind +ausgestorben. Der Wisent ist auf dem besten Wege, das gleiche zu tun. +Auf der ganzen Erde gibt es nur noch zwei Stellen, und das ist in Pleß +und beim Revier des ehemaligen Zaren im Bialowiczer Forst. Der +Bialowiczer Forst hat natürlich durch den Krieg kolossal gelitten. So +manchen braven Wisent, den sonst nur hohe Fürstlichkeiten und der Zar +abgeschossen hätten, hat sich ein Musketier zu Gemüte geführt. + +Mir war also durch die Güte Seiner Durchlaucht der Abschuß eines so +seltenen Tieres erlaubt worden. In etwa einem Menschenalter gibt es +diese Tiere nicht mehr, da sind sie ausgerottet. + +Ich kam am Nachmittag des 26. Mai in Pleß an und mußte gleich vom +Bahnhof losfahren, um den Stier noch am selben Abend zu erlegen. Wir +fuhren die berühmte Straße durch den Riesenwildpark des Fürsten entlang, +auf der wohl manche gekrönte Häupter vor mir entlang gefahren sind. Nach +etwa einer Stunde stiegen wir aus und hatten nun noch eine halbe Stunde +zu laufen, um auf meinen Stand zu kommen, während die Treiber bereits +aufgestellt waren, um auf das gegebene Zeichen mit dem Drücken zu +beginnen. Ich stand auf der Kanzel, auf der, wie mir der Oberwildmeister +berichtete, bereits mehrmals Majestät gestanden hat, um so manchen +Wisent von da aus zur Strecke zu bringen. Wir warten eine ganze Zeit. Da +plötzlich sah ich im hohen Stangenholz ein riesiges schwarzes Ungetüm +sich heranwälzen, genau auf mich zu. Ich sah es noch eher als der +Förster, machte mich schußfertig und muß sagen, daß ich doch etwas +Jagdfieber kriegte. Es war ein mächtiger Stier. Auf zweihundertfünfzig +Schritt verhoffte er noch einen Augenblick. Es war mir zu weit, um zu +schießen. Getroffen hätte man ja vielleicht das Ungetüm, weil man eben +an so einem Riesending überhaupt nicht vorbeischießen kann. Aber die +Nachsuche wäre doch eine unangenehme Sache gewesen. Außerdem die +Blamage, vorbeizuschießen. Also warte ich lieber, daß er mir näher +kommt. Er mochte wohl wieder die Treiber gespürt haben, denn mit einem +Male machte er eine ganz kurze Wendung und kam in windender Fahrt, die +man so einem Tiere nie zugetraut hätte, heran, genau spitz auf mich zu. +Schlecht zum Schießen. Da verschwand er hinter einer Gruppe von dichten +Fichten. Ich hörte ihn noch schnaufen und stampfen. Sehen konnte ich ihn +nicht mehr. Ob er Wind von mir bekommen hatte oder nicht, weiß ich +nicht. Jedenfalls war er weg. Noch einmal sah ich ihn auf eine große +Entfernung, dann war er verschwunden. + +War es der ungewohnte Anblick eines solchen Tieres oder wer weiß was -- +jedenfalls hatte ich in dem Augenblick, wo der Stier herankam, dasselbe +Gefühl, dasselbe Jagdfieber, das mich ergreift, wenn ich im Flugzeug +sitze, einen Engländer sehe und ihn noch etwa fünf Minuten lang +anfliegen muß, um an ihn heranzukommen. Nur mit dem einen Unterschied, +daß sich der Engländer wehrt. Hätte ich nicht auf einer so hohen Kanzel +gestanden, wer weiß, ob da nicht noch andere moralische Gefühle +mitgespielt hätten? + +Es dauerte nicht lange, da kommt der zweite. Auch ein mächtiger Kerl. Er +macht es mir sehr viel leichter. Auf etwa hundert Schritt verhofft er +und zeigt mir sein ganzes Blatt. Der erste Schuß traf, er zeichnet. Ich +hatte ihm einen guten Blattschuß verpaßt. Hindenburg hatte mir einen +Monat vorher gesagt: »Nehmen Sie sich recht viel Patronen mit. Ich habe +auf meinen ein halbes Dutzend verbraucht, denn so ein Kerl stirbt ja +nicht. Das Herz sitzt ihm so tief, daß man meistenteils vorbeischießt.« +Und es stimmte. Das Herz, trotzdem ich ja genau wußte, wo es saß, hatte +ich nicht getroffen. Ich repetierte. Der zweite Schuß, der dritte, da +bleibt er stehen, schwerkrank. Vielleicht auf fünfzig Schritt vor mir. + +Fünf Minuten später war das Ungetüm verendet. Die Jagd wurde +abgebrochen und »Hirsch tot« geblasen. Alle drei Kugeln saßen ihm dicht +überm Herzen, sehr gut Blatt. + +Wir fuhren nun an dem schönen Jagdhaus des Fürsten vorbei und noch eine +Weile durch den Wildpark, in dem alljährlich zu der Brunstzeit die Gäste +des Fürsten ihren Rothirsch usw. erlegen. Wir hielten noch und sahen uns +das Innere des Hauses im Promnitz an. Auf einer Halbinsel gelegen, mit +wunderschönem Blick, auf fünf Kilometer Entfernung kein menschliches +Wesen. Man hat nicht mehr das Gefühl, in einem Wildpark zu sein, wie man +sich wohl im allgemeinen vorstellt, wenn man von der Fürstlich Pleßschen +Jagd spricht. Vierhunderttausend Morgen Gatter sind eben kein Wildpark +mehr. Da gibt es kapitale Hirsche, die nie ein Mensch gesehen hat, die +kein Förster kennt, und die gelegentlich in der Brunstzeit erlegt +werden. Man kann wochenlang laufen, um ein Wisenttier zu Gesicht zu +bekommen. In manchen Jahreszeiten ist es ausgeschlossen, sie überhaupt +zu sehen. Dann sind sie so heimlich, daß sie sich in den Riesenwäldern +und unendlichen Dickichten vollständig verkriechen. Wir sahen noch +manchen Hirsch im Bast und manchen guten Bock. + +Nach etwa zwei Stunden kamen wir kurz vor Dunkelheit wieder in Pleß an. + + + + +Infanterie-, Artillerie- und Aufklärungsflieger + + +Wäre ich nicht Jagdflieger geworden, ich glaube, ich hätte mir das +Infanteriefliegen ausgesucht. Es ist einem doch eine große Befriedigung, +wenn man unserer am schwersten kämpfenden Truppe direkte Hilfe leisten +kann. Der Infanterieflieger ist in der Lage, dies zu tun. Er hat damit +eine dankbare Aufgabe. Ich habe in der Arras-Schlacht so manchen dieser +tüchtigen Leute beobachten können, wie sie bei jedem Wetter und zu jeder +Tageszeit in niedriger Höhe über den Feind flogen und die Verbindung mit +unserer schwer kämpfenden Truppe suchten. Ich verstehe es, wie man sich +dafür begeistern kann, ich glaube, so manch einer hat Hurra gebrüllt, +wenn er die feindlichen Massen hat nach einem Angriff zurückfluten sehen +und unsere schneidige Infanterie aus den Gräben hervorkam und den +zurückflutenden Gegner Auge in Auge bekämpfte. So manches Mal habe ich +den Rest meiner Patronen nach einem Jagdflug auf die feindlichen +Schützengräben verschossen. Wenn es auch wenig hilft, so macht es doch +moralischen Eindruck. + +Artillerieflieger bin ich auch selbst gewesen. Es war zu meiner Zeit +etwas Neues, mit Funkentelegraphie das Schießen der eigenen Artillerie +zu leiten. Aber dazu gehört eine ganz besondere Begabung. Ich konnte +mich auf die Dauer nicht dazu eignen. Der Kampf ist mir lieber. Zum +Artilleriefliegen muß man wohl selbst zur Waffe gehören, um das nötige +Verständnis mitzubringen. + +Aufklärungsfliegen habe ich auch getrieben, und zwar in Rußland im +Bewegungskriege. Da war ich noch einmal Kavallerist, d. h. ich kam mir +so vor, wenn ich mit meinem stählernen Pegasus loszog. Jene Tage mit +Holck über den Russen sind mit meine schönste Erinnerung. Aber das Bild +der Bewegung kommt scheinbar nicht wieder. + +Im Westen sieht der Aufklärungsflieger ganz etwas anderes, als das Auge +des Kavalleristen gewohnt ist. Die Dörfer und Städte, die Eisenbahnen +und Straßen sehen so tot und still aus, und trotzdem ist auf ihnen ein +ungeheurer Verkehr, der aber dem Flieger mit großer Geschicklichkeit +verborgen wird. Nur ein ganz, ganz geübtes Auge vermag aus den rasenden +Höhen etwas Bestimmtes zu beobachten. Ich habe gute Augen, aber es +erscheint mir zweifelhaft, ob es überhaupt einen gibt, der etwas Genaues +aus fünftausend Metern Höhe auf einer Chaussee erkennen kann. Man ist +also auf etwas anderes angewiesen, was das Auge ersetzt, das ist der +photographische Apparat. Man photographiert also all das, was man für +wichtig hält, und was man photographieren soll. Kommt man nach Hause +und die Platten sind verunglückt, so ist der ganze Flug umsonst gewesen. + +Dem Aufklärungsflieger begegnet es oft, daß er in einen Kampf verwickelt +wird, aber er hat Wichtigeres zu tun, als sich mit dem Kampf zu +beschäftigen. Oft ist eine Platte wichtiger als das Abschießen eines +ganzen Apparates, deshalb ist er in den meisten Fällen gar nicht dazu +berufen, luftzukämpfen. + +Es ist eine schwere Aufgabe heutzutage, im Westen eine gute Aufklärung +durchzuführen. + + + + +Unsere Flugzeuge + + +Wie wohl jedem klar ist, haben sich im Laufe des Krieges unsere +Flugzeuge etwas verändert. Der größte Unterschied ist zwischen einem +Riesenflugzeug und einem Jagdflugzeug. + +Das Jagdflugzeug ist klein, schnell, wendig, trägt aber nichts. Nur die +Patronen und die Maschinengewehre. + +Das Riesenflugzeug -- man muß sich bloß das erbeutete englische +Riesenflugzeug ansehen, das auf unserer Seite glatt gelandet ist, ist +ein Koloß, nur dazu bestimmt, durch große Flächen möglichst viel zu +tragen. Es schleppt unheimlich viel; dreitausend bis fünftausend +Kilogramm sind gar nichts dafür. Die Benzintanks sind die reinen +Eisenbahntankwagen. Man hat nicht mehr das Gefühl des Fliegens in so +einem großen Ding, sondern man »fährt«. Das Fliegen wird nicht mehr +durch das Gefühl, sondern durch technische Instrumente gemacht. + +So ein Riesenflugzeug hat unheimlich viel Pferdekräfte. Die Zahl weiß +ich nicht genau, aber es sind viele tausend. Je mehr, je besser. Es ist +nicht ausgeschlossen, daß wir noch mal ganze Divisionen in so einem Ding +transportieren können. In ihrem Rumpf kann man spazierengehen. In der +einen Ecke ist ein unbeschreibliches Etwas, da haben die Gelehrten +einen Funkentelegraphen hineingebaut, mit dem man sich im Fluge mit der +Erde völlig verständigen kann. In der anderen Ecke hängen die schönsten +Zervelatwürste, die berühmten Fliegerbomben, vor denen die unten solche +Angst haben. Aus jeder Ecke starrt der Lauf eines Gewehrs. Eine +fliegende Festung ist es. Die Tragflächen mit ihren Streben kommen einem +vor wie Säulenhallen. Ich kann mich für diese Riesenkähne nicht +begeistern. Ich finde sie gräßlich, unsportlich, langweilig, +unbeweglich. Mir gefällt mehr ein Flugzeug wie #»le petit rouge«#. Mit +dem Ding ist es ganz egal, ob man auf dem Rücken fliegt, es senkrecht +auf den Kopf stellt oder sonst welche Zicken macht, man fliegt eben wie +ein Vogel, und doch ist es kein »Schwingenfliegen« wie der Vogel +Albatros, sondern das ganze Ding ist eben ein »fliegender Motor«. Ich +glaube, wir werden noch so weit kommen, daß wir uns Fliegeranzüge für +zwei Mark fünfzig Pfennig kaufen können, in die man einfach +'reinkriecht. An einem Ende ist ein Motörchen und ein Propellerchen, die +Arme steckt man in die Tragflächen und die Beine in den Schwanz, dann +hopst man etwas, das ist der Start, und dann geht es gleich einem Vogel +durch die Lüfte. + +Du lachst gewiß, lieber Leser, ich auch, aber ob unsere Kinder lachen +werden, ist noch nicht heraus. Man hätte auch gelacht, wenn einer vor +fünfzig Jahren erzählt hätte, er würde über Berlin hinwegfliegen. Ich +sehe noch Zeppelin, wie er im Jahre 1910 zum ersten Male nach Berlin +kam, und jetzt guckt die Berliner Range kaum noch nach oben, wenn so ein +Ding durch die Luft braust. + +Außer diesen Riesenflugzeugen und dem Ding für Jagdflieger gibt es nun +noch eine unzählige Menge von anderen in jeder Größe. Man ist noch lange +nicht am Ende der Erfindungen. Wer weiß, was wir in einem Jahr verwenden +werden, um uns in den blauen Äther zu bohren! + + + +_Verlag Ullstein & Co, Berlin_ + + +Die Abenteuer des Fliegers von Tsingtau + +Meine Erlebnisse in drei Erdteilen von Kapitänleutnant Gunther Plüschow + +_550.-600. Tausend_ + +Aus dem Inhalt: + +Der letzte Tag von Tsingtau / Beim Mandarin von Hai-Dschou / Als +Millionär nach Amerika -- als Schlossergeselle nach Europa / In Gibraltar +gefangen / In England hinter Mauern und Stacheldraht / Die Flucht aus +dem Gefangenenlager / Als Vagabund in London / Schwarze Nächte an der +Themse / Als blinder Passagier nach Holland / Wieder im Vaterland + + +Die Abenteuer des Ostseefliegers + +von Leutnant zur See Erich Killinger + +_301.-350. Tausend_ + +Aus dem Inhalt: + +Abgeschossen / Fünf Stunden im Eiswasser / In der Peter-Pauls-Festung / +Sibirien! / Der Sprung aus dem Schnellzug / Sechs Wochen in der +mandschurischen Wüste / Als »Monsieur du Fais« in Japan / Erster Klasse +nach Amerika / Als Vollmatrose nach Norwegen + + +Zeppeline über England + +von *** + +_140.-170. Tausend_ + +Eine lebensvolle und von der ersten bis zur letzten Zeile aufs höchste +spannende Schilderung der Taten unserer Luftflotte. Wir sehen die +rastlose harte Arbeit auf der Werft und begleiten eines der neuen +Riesenfahrzeuge auf einer Abnahmefahrt. Donnernd und brausend stimmen +dann die Motoren ihr Lied an zur großen Fahrt in Feindesland, übers +Meer, nach London. + + +300 000 Tonnen versenkt! + +Meine #U#-Boots-Fahrten + +von Kapitänleutnant Max Valentiner + +_1.-100. Tausend_ + +Aus dem Inhalt: + +Im Kampf mit #U#-Boots-Fallen / Im Schwarzen Meer / Was wir vor einem +Damenbad erlebten / Unser gefährlichstes Abenteuer / Jagd auf hoher See +/ Im Schlepp nach Madeira / Ein Sonntagmorgen in Funchal / Mann über +Bord / Im Netz + + +Die Fahrt der Deutschland + +von Kapitän Paul König + +_501.-550. Tausend_ + +In einer Sprache, in der noch die ganze Unmittelbarkeit des Erlebnisses +nachklingt, gibt Kapitän Paul König die Geschichte seiner für alle +Zeiten denkwürdigen Fahrten. Vom Bau der »Deutschland« erzählt er, von +der Ausreise, vom Kampf mit den Elementen, von der Verfolgung durch die +Feinde, von der Ankunft in Baltimore, von der glücklichen Heimkehr. + + +Als #U#-Boots-Kommandant gegen England + +von Kapitänleutnant Freiherrn v. Forstner + +_86.-95. Tausend_ + +Zum erstenmal berichtet hier ein deutscher Unterseeboots-Kommandant von +dem, was unserem schlimmsten Feind Angst und Schrecken einjagt, von den +Erfolgen im Handelskrieg gegen England. Im Nordatlantik, im Kanal, in +der Irischen See hat Kapitänleutnant von Forstner mit seiner Mannschaft +kühne Beutezüge unternommen. + + +Die Fahrten der »Goeben« im Mittelmeer + +von Leutnant zur See Kraus + +Ein Offizier der »Goeben« erzählt die Taten seines Schiffes, den großen +Durchbruch bei Messina, die wilde Jagd durch das Ionische Meer, das +Entrinnen. Voll atemloser Spannung ist die Darstellung des Leutnants +Kraus und sieghaft heiter auch in den drohendsten Momenten dieser Fahrt, +die mit dem Aufsteigen des Roten Halbmonds an der Gaffel der »Goeben« +abschließt. + + +Die Fahrten der »Breslau« im Schwarzen Meer + +von Oberleutnant zur See Dönitz + +Ein Offizier der »Breslau«--»Midilli« hat dieses Werk verfaßt, das ihre +abenteuerlichen Kriegsfahrten durch das Schwarze Meer wiedergibt, nicht +als Darstellung eines Unbeteiligten, sondern als packendes Erlebnis. In +dichtester Folge drängen sich die Kriegsepisoden. Und auch der Ruhezeit +am Goldenen Horn, des farbenbunten Orientlebens gedenkt dieses +fröhliche, temperamentvolle Buch von der »Breslau«. + + +Kreuzerfahrten und #U#-Bootstaten + +von Otto von Gottberg + +Mit Unterstützung der Flottenleitung hat Otto von Gottberg die packenden +Berichte niedergeschrieben, die hier in einem Ehrenbuch der deutschen +Kriegsmarine vereinigt sind. Er schildert die kühnen Fahrten unserer +Kreuzer und #U#-Boote, die durch rollende Fluten dem Feinde +entgegenziehen. + + +_Jeder Band 1 Mark_ + +[Illustration: Ullstein & Co Berlin SW 68] + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Die nachfolgende Tabelle enthält eine +Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen. + +S. 070: [Punkt ergänzt] einen Gesinnungstüchtigen zu finden. +S. 074: As junger Flugzeugführer -> Als +S. 081: daß wir nach Rußlang gingen -> Rußland +S. 092: [Zeichensetzung vereinheitlicht] mußt du's machen«. -> machen.« +S. 097: [vereinheitlicht] etwa vierzig kennen gelernt -> kennengelernt +S. 152: [Punkt ergänzt] mein Lord verschwindet in der Tiefe. + +Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen +wurden folgendermaßen ersetzt: + +Sperrung: _gesperrter Text_ +Antiquaschrift: #Antiquatext# ] + + + +[Transcriber's Notes: The table below lists all corrections applied to +the original text. + +p. 070: [added period] einen Gesinnungstüchtigen zu finden. +p. 074: As junger Flugzeugführer -> Als +p. 081: daß wir nach Rußlang gingen -> Rußland +p. 092: [normalized punktuation] mußt du's machen«. -> machen.« +p. 097: [normalized] etwa vierzig kennen gelernt -> kennengelernt +p. 152: [added period] mein Lord verschwindet in der Tiefe. + +The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been +replaced by: + +Spaced-out: _spaced out text_ +Antiqua: #text in Antiqua font# ] + + + + + +End of Project Gutenberg's Der rote Kampfflieger, by Manfred von Richthofen + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ROTE KAMPFFLIEGER *** + +***** This file should be named 24572-8.txt or 24572-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/4/5/7/24572/ + +Produced by Markus Brenner, Irma Spehar and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der rote Kampfflieger + +Author: Manfred von Richthofen + +Release Date: February 11, 2008 [EBook #24572] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ROTE KAMPFFLIEGER *** + + + + +Produced by Markus Brenner, Irma Spehar and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + + +<!-- <h1><span class="pagenum"><a name="Page_3" id="Page_3">[3]</a></span>Der rote Kampfflieger</h1> --> + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_4" id="Page_4">[4]</a></span>[Blank Page]</p> --> + +<h1><!-- <span class="pagenum"><a name="Page_5" id="Page_5">[5]</a></span> -->Der rote<br /> +Kampfflieger</h1> + +<p class="von">von</p> + +<p class="autor">Rittmeister<br /> +Manfred Freiherrn von Richthofen</p> + +<p class="auflage">151.–200. Tausend</p> + +<div class="figcenter" style="width: 44px;"> +<img class="noborder" src="images/logo.jpg" width="44" height="100" alt="" title="" /> +</div> + +<p class="jahr">1917</p> + +<hr style="width: 45ex" /> + +<p class="verlag">Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien</p> + +<div class="figcenter" style="margin-top: 1em; width: 33px;"> +<img class="noborder" src="images/logo2.jpg" width="36" height="33" alt="Ullstein Verlagslogo" title="Ullstein Verlagslogo" /> +</div> + + +<p class="copyright"><span class="pagenum"><a name="Page_6" id="Page_6">[6]</a></span>Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.<br /> +Amerikanisches Copyright 1917 by Ullstein & Co, Berlin.</p> + + + + +<h2><span class="pagenum"><a name="Page_7" id="Page_7">[7]</a></span>Inhalt</h2> + + +<table class="inhalt" summary="Inhalt"> +<tr><td><a href="#Einiges_von_meiner_Familie">Einiges von meiner Familie</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_9">9</a></td></tr> +<tr><td><a 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href="#Page_79">79</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Bombenfluege_in_Russland">Bombenflüge in Rußland</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_81">81</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Endlich">Endlich!</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_88">88</a></td></tr> +<tr><td><span class="pagenum"><a name="Page_8" id="Page_8">[8]</a></span><a href="#Mein_erster_Englaender">Mein erster Engländer</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_90">90</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Somme-Schlacht">Somme-Schlacht</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_94">94</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Boelcke">Boelcke †</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_96">96</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Der_Achte">Der Achte</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_99">99</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Major_Hawker">Major Hawker</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_103">103</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Pour_le_merite"><em class="antiqua">Pour le mérite</em></a></td><td class="onpage"><a href="#Page_106">106</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Le_petit_rouge"><em class="antiqua">Le petit rouge</em></a></td><td class="onpage"><a href="#Page_108">108</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Englische_und_franzoesische_Fliegerei">Englische und französische Fliegerei</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_110">110</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Selbst_abgeschossen">Selbst abgeschossen</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_112">112</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Ein_Fliegerstueckchen">Ein Fliegerstückchen</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_120">120</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Erste_Dublette">Erste Dublette</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_122">122</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Mein_bisher_erfolgreichster_Tag">Mein bisher erfolgreichster Tag</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_127">127</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Moritz">»Moritz«</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_130">130</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Englischer_Bombenangriff">Englischer Bombenangriff auf unseren Flughafen</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_133">133</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Schaefers_Notlandung">Schäfers Notlandung zwischen den Linien</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_139">139</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Das_Anti-Richthofen-Geschwader">Das Anti-Richthofen-Geschwader</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_144">144</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Der_alte_Herr_kommt_uns_besuchen">Der »alte Herr« kommt uns besuchen</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_147">147</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Flug_in_die_Heimat">Flug in die Heimat</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_154">154</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Mein_Bruder">Mein Bruder</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_163">163</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Lothar_ein_Schiesser">Lothar ein »Schießer« und nicht ein Weidmann</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_174">174</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Der_Auerochs">Der Auerochs</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_176">176</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Infanterie_Artillerie">Infanterie-, Artillerie- und Aufklärungsflieger</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_180">180</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Unsere_Flugzeuge">Unsere Flugzeuge</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_183">183</a></td></tr> +</table> + + +<div class="figcenter" style="width: 282px;"> +<a href="images/illu_009.jpg"><img src="images/illu_009_th.jpg" width="282" height="400" alt="Rittmeister Manfred Freiherr v. Richthofen" title="Rittmeister Manfred Freiherr v. Richthofen" /></a> +<span class="caption">Rittmeister Manfred Freiherr v. Richthofen</span> +</div> + +<!-- <p>[Blank Page]</p> --> + + +<div class="textbody"> +<h2 class="nosub"><span class="pagenum"><a name="Page_9" id="Page_9">[9]</a></span><a name="Einiges_von_meiner_Familie" id="Einiges_von_meiner_Familie"></a>Einiges von meiner Familie</h2> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">D</span>ie Familie Richthofen hat sich in den bisherigen +Kriegen an führender Stelle eigentlich +verhältnismäßig wenig betätigt, da die Richthofens +immer auf ihren Schollen gesessen haben. +Einen Richthofen, der nicht angesessen war, gab +es kaum. War er’s nicht, so war er meistenteils +in Staatsdiensten. Mein Großvater, und von da +ab alle meine Vorväter, saßen in der Gegend von +Breslau und Striegau auf ihren Gütern. Erst in +der Generation meines Großvaters wurde ein +Vetter meines Großvaters als erster Richthofen +General.</p> + +<p>In der Familie meiner Mutter, einer geborenen +von Schickfuß und Neudorf, ist es ähnlich wie +bei den Richthofens: wenig Soldaten, nur Agrarier. +Der Bruder meines Urgroßvaters Schickfuß +fiel 1806. In der Revolution 1848 wurde +einem Schickfuß eines seiner schönsten Schlösser +abgebrannt. Im übrigen haben sie’s alle bloß +bis zum Rittmeister der Reserve gebracht.</p> + +<p>Auch in der Familie Schickfuß sowohl wie +Falckenhausen – meine Großmutter ist eine +Falckenhausen – kann man nur zwei Hauptinteressen +verfolgen. Das ist Reiten, siehe +Falckenhausen, und Jagen, siehe den Bruder +meiner Mutter, Onkel Alexander Schickfuß, der +<span class="pagenum"><a name="Page_10" id="Page_10">[10]</a></span>sehr viel in Afrika, Ceylon, Norwegen und +Ungarn gejagt hat.</p> + +<p>Mein alter Herr ist eigentlich der erste in unserem +Zweig, der auf den Gedanken kam, aktiver +Offizier zu werden. Er kam früh ins Kadettenkorps +und trat später von dort bei den 12. Ulanen +ein. Er ist der pflichttreueste Soldat, den man sich +denken kann. Er wurde schwerhörig und mußte +den Abschied nehmen. Seine Schwerhörigkeit +holte er sich, wie er einen seiner Leute bei der +Pferdeschwemme aus dem Wasser rettete und +nachher seinen Dienst beendete, ohne die Kälte +und Nässe zu berücksichtigen.</p> + +<p>Unter der heutigen Generation sind natürlich +sehr viel mehr Soldaten. Im Kriege ist jeder +waffenfähige Richthofen bei der Fahne. So verlor +ich gleich zu Anfang des Bewegungskrieges +sechs Vettern verschiedenen Grades. Alle waren +Kavalleristen.</p> + +<p>Genannt bin ich nach einem großen Onkel +Manfred, in Friedenszeiten Flügeladjutant Seiner +Majestät und Kommandeur der Gardedukorps, +im Kriege Führer eines Kavalleriekorps.</p> + +<p>Nun noch von meiner Jugend. Der alte Herr +stand in Breslau bei den Leibkürassieren 1, als +ich am 2. Mai 1892 geboren wurde. Wir wohnten +in Kleinburg. Ich hatte Privatunterricht bis zu +meinem neunten Lebensjahre, dann ein Jahr +Schule in Schweidnitz, später wurde ich Kadett in +<span class="pagenum"><a name="Page_11" id="Page_11">[11]</a></span>Wahlstatt. Die Schweidnitzer betrachteten mich +aber durchaus als ein Schweidnitzer Kind. Im +Kadettenkorps für meinen jetzigen Beruf vorbereitet, +kam ich dann zum 1. Ulanenregiment.</p> + +<p>Was ich selbst erlebte, steht in diesem Buch.</p> + +<p>Mein Bruder Lothar ist der andere Flieger +Richthofen. Ihn schmückt der <em class="antiqua">Pour le mérite</em>. +Mein jüngster Bruder ist noch im Kadettenkorps +und wartet sehnsüchtig darauf, sich gleichfalls zu +betätigen. Meine Schwester ist, wie alle Damen +unseres Familienkreises, in der Pflege der Verwundeten +tätig.</p> + + + + +<h2><span class="pagenum"><a name="Page_12" id="Page_12">[12]</a></span><a name="Meine_Kadettenzeit" id="Meine_Kadettenzeit"></a>Meine Kadettenzeit</h2> + +<p class="subheader">(1903-1909 <em class="gesperrt">Wahlstatt,</em> 1909-1911 <em class="gesperrt">Lichterfelde</em>)</p> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">A</span>ls kleiner Sextaner kam ich in das Kadettenkorps. +Ich war nicht übermäßig gerne Kadett, +aber es war der Wunsch meines Vaters, +und so wurde ich wenig gefragt.</p> + +<p>Die strenge Zucht und Ordnung fiel einem +so jungen Dachs besonders schwer. Für den +Unterricht hatte ich nicht sonderlich viel übrig. +War nie ein großes Lumen. Habe immer so viel +geleistet, wie nötig war, um versetzt zu werden. +Es war meiner Auffassung nach nicht mehr zu +leisten, und ich hätte es für Streberei angesehen, +wenn ich eine bessere Klassenarbeit geliefert +hätte als »genügend«. Die natürliche Folge +davon war, daß mich meine Pauker nicht übermäßig +schätzten. Dagegen gefiel mir das Sportliche: +Turnen, Fußballspielen usw., ganz ungeheuer. +Es gab, glaube ich, keine Welle, die ich +am Turnreck nicht machen konnte. So bekam ich +bald einige Preise von meinem Kommandeur +verliehen.</p> + +<p>Alle halsbrecherischen Stücke imponierten mir +mächtig. So kroch ich z. B. eines schönen Tages +mit meinem Freunde Frankenberg auf den bekannten +Kirchturm von Wahlstatt am Blitzableiter +herauf und band oben ein Taschentuch an. +<span class="pagenum"><a name="Page_13" id="Page_13">[13]</a></span>Genau weiß ich noch, wie schwierig es war, an den +Dachrinnen vorbeizukommen. Mein Taschentuch +habe ich, wie ich meinen kleinen Bruder einmal +besuchte, etwa zehn Jahre später, noch immer oben +hängen sehen.</p> + +<p>Mein Freund Frankenberg war das erste Opfer +des Krieges, das ich zu Gesicht bekam.</p> + +<p>In Lichterfelde gefiel es mir schon bedeutend +besser. Man war nicht mehr so abgeschnitten von +der Welt und fing auch schon an, etwas mehr als +Mensch zu leben.</p> + +<p>Meine schönsten Erinnerungen aus Lichterfelde +sind die großen Korsowettspiele, bei denen ich sehr +viel mit und gegen den Prinzen Friedrich Karl +gefochten habe. Der Prinz erwarb sich damals so +manchen ersten Preis. So im Wettlauf, Fußballspiel +usw. gegen mich, der ich meinen Körper +doch nicht so in der Vollendung trainiert hatte +wie er.</p> + + + + +<h2><span class="pagenum"><a name="Page_14" id="Page_14">[14]</a></span><a name="Eintritt_in_die_Armee" id="Eintritt_in_die_Armee"></a>Eintritt in die Armee</h2> + +<p class="subheader">(<em class="gesperrt">Ostern</em> 1911)</p> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">N</span>atürlich konnte ich es kaum erwarten, in die +Armee eingestellt zu werden. Ich ging deshalb +bereits nach meinem Fähnrichexamen in +die Front und kam zum Ulanenregiment Nr. 1 +»Kaiser Alexander III.«. Ich hatte mir dieses +Regiment ausgesucht; es lag in meinem lieben +Schlesien, auch hatte ich da einige Bekannte und +Verwandte, die mir sehr dazu rieten.</p> + +<p>Der Dienst bei meinem Regiment gefiel mir +ganz kolossal. Es ist eben doch das schönste für +einen jungen Soldaten, »Kavallerist« zu sein.</p> + +<p>Über meine Kriegsschulzeit kann ich eigentlich +wenig sagen. Sie erinnerte mich zu sehr an das +Kadettenkorps und ist mir infolgedessen in nicht +allzu angenehmer Erinnerung.</p> + +<p>Eine spaßige Sache erlebte ich. Einer meiner +Kriegsschullehrer kaufte sich eine ganz nette dicke +Stute. Der einzige Fehler war, sie war schon etwas +alt. Er kaufte sie für fünfzehn Jahre. Sie hatte +etwas dicke Beine. Sonst aber sprang sie ganz +vortrefflich. Ich habe sie oft geritten. Sie ging +unter dem Namen »Biffy«.</p> + +<p>Etwa ein Jahr später beim Regiment erzählte +mir mein Rittmeister v. Tr., der sehr sportliebend +war, er habe sich ein ganz klobiges Springpferd +<span class="pagenum"><a name="Page_15" id="Page_15">[15]</a></span>gekauft. Wir waren alle sehr gespannt auf den +»klobigen Springer«, der den seltenen Namen +»Biffy« trug. Ich dachte nicht mehr an die alte +Stute meines Kriegsschullehrers. Eines schönen +Tages kommt das Wundertier an, und nun soll +man sich das Erstaunen vorstellen, daß die gute +alte »Biffy« als achtjährig in dem Stall v. Tr.s +sich wieder einfand. Sie hatte inzwischen einige +Male den Besitzer gewechselt und war im Preise +sehr gestiegen. Mein Kriegsschullehrer hatte sie +für fünfzehnhundert Mark gekauft, und v. Tr. +hatte sie nach einem Jahre als achtjährig für +dreitausendfünfhundert Mark erworben. Gewonnen +hat sie keine Springkonkurrenz mehr, +aber sie hat wieder einen Abnehmer gefunden – +– und ist gleich zu Beginn des Krieges gefallen.</p> + + + + +<h2><span class="pagenum"><a name="Page_16" id="Page_16">[16]</a></span><a name="Erste_Offizierszeit" id="Erste_Offizierszeit"></a>Erste Offizierszeit</h2> + +<p class="subheader">(<em class="gesperrt">Herbst</em> 1912)</p> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">E</span>ndlich bekam ich die Epaulettes. So ungefähr +das stolzeste Gefühl, was ich je gehabt habe, +mit einem Male »Herr Leutnant« angeredet zu +werden.</p> + +<p>Mein Vater kaufte mir eine sehr schöne Stute, +»Santuzza« genannt. Sie war das reinste Wundertier +und unverwüstlich. Ging vor dem Zuge +wie ein Lamm. Allmählich entdeckte ich in ihr ein +großes Springvermögen. Sofort war ich dazu +entschlossen, aus der guten braven Stute ein +Springpferd zu machen. Sie sprang ganz fabelhaft. +Ein Koppelrick von einem Meter sechzig +Zentimeter habe ich mit ihr selbst gesprungen.</p> + +<p>Ich fand große Unterstützung und viel Verständnis +bei meinem Kameraden von Wedel, der +mit seinem Chargenpferd »Fandango« so manchen +schönen Preis davongetragen hatte.</p> + +<p>So trainierten wir beide für eine Springkonkurrenz +und einen Geländeritt in Breslau. +»Fandango« machte sich glänzend, »Santuzza« +gab sich große Mühe und leistete auch Gutes. Ich +hatte Aussichten, etwas mit ihr zu schaffen. Am +Tage, bevor sie verladen wurde, konnte ich es mir +nicht verkneifen, nochmals alle Hindernisse in unserem +Springgarten mit ihr zu nehmen. Dabei +<span class="pagenum"><a name="Page_17" id="Page_17">[17]</a></span>schlitterten wir hin. »Santuzza« quetschte sich +etwas ihre Schulter, und ich knaxte mir mein +Schlüsselbein an.</p> + +<p>Von meiner guten dicken Stute »Santuzza« +verlangte ich im Training auch Leistungen auf +Geschwindigkeit und war sehr erstaunt, als von +Wedels Vollblüter sie schlug.</p> + +<p>Ein andermal hatte ich das Glück, bei der +Olympiade in Breslau einen sehr schönen Fuchs +zu reiten. Der Geländeritt fing an, und mein +Wallach war im zweiten Drittel noch ganz und +munter, so daß ich Aussichten auf Erfolg hatte. +Da kommt das letzte Hindernis. Ich sah schon +von weitem, daß dies etwas ganz Besonderes sein +mußte, da sich eine Unmenge Volks dort angesammelt +hatte. Ich dachte mir: »Nur Mut, die +Sache wird schon schief gehen!« und kam in windender +Fahrt den Damm heraufgesaust, auf dem +ein Koppelrick stand. Das Publikum winkte mir +immer zu, ich sollte nicht so schnell reiten, aber ich +sah und hörte nichts mehr. Mein Fuchs nimmt +das Koppelrick oben auf dem Damm, und zu +meinem größten Erstaunen geht’s auf der anderen +Seite in die Weistritz. Ehe ich mich versah, springt +das Tier in einem Riesensatz den Abhang herunter, +und Roß und Reiter verschwinden in den +Fluten. Natürlich gingen wir »über Kopf«. +»Felix« kam auf dieser Seite raus und Manfred +auf der anderen. Beim Zurückwiegen nach +<span class="pagenum"><a name="Page_18" id="Page_18">[18]</a></span>Schluß des Geländerittes stellte man mit großem +Erstaunen fest, daß ich nicht die üblichen zwei +Pfund abgenommen hatte, sondern zehn Pfund +schwerer geworden war. Daß ich glitschenaß war, +sah man mir Gott sei Dank nicht an.</p> + +<p>Ich besaß auch einen sehr guten Charger, und +dieses Unglückstier mußte alles machen. Rennen +laufen, Geländeritte, Springkonkurrenzen, vor +dem Zuge gehen, kurz und gut, es gab keine Übung, +in der das gute Tier nicht ausgebildet war. Das +war meine brave »Blume«. Auf ihr hatte ich sehr +nette Erfolge. Mein letzter ist der im Kaiserpreis-Ritt +1913. Ich war der einzige, der die Geländestrecke +ohne Fehler überwunden hatte. Mir +passierte dabei eine Sache, die nicht so leicht nachgemacht +werden wird. Ich galoppierte über eine +Heide und stand plötzlich Kopf. Das Pferd war +in ein Karnickelloch getreten, und ich hatte mir +beim Sturz das Schlüsselbein gebrochen. Damit +war ich noch siebzig Kilometer geritten, hatte dabei +keinen Fehler gemacht und die Zeit innegehalten.</p> + + + + +<h2 class="nosub"><span class="pagenum"><a name="Page_19" id="Page_19">[19]</a></span><a name="Kriegsausbruch" id="Kriegsausbruch"></a>Kriegsausbruch</h2> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">I</span>n allen Zeitungen stand weiter nichts als +dicke Romane über den Krieg. Aber seit +einigen Monaten war man ja schon an das Kriegsgeheul +gewöhnt. Wir hatten schon so oft unseren +Dienstkoffer gepackt, daß man es schon langweilig +fand und nicht mehr an einen Krieg glaubte. Am +wenigsten aber glaubten wir an einen Krieg, die +wir die ersten an der Grenze waren, das »Auge +der Armee«, wie seinerzeit mein Kommandierender +uns Kavalleriepatrouillen bezeichnet hatte.</p> + +<p>Am Vorabend der erhöhten Kriegsbereitschaft +saßen wir bei der detachierten Schwadron, zehn +Kilometer von der Grenze entfernt, in unserem +Kasino, aßen Austern, tranken Sekt und spielten +ein wenig. Wir waren sehr vergnügt. Wie gesagt, +an einen Krieg dachte keiner.</p> + +<p>Wedels Mutter hatte uns zwar schon einige +Tage zuvor etwas stutzig gemacht; sie war nämlich +aus Pommern erschienen, um ihren Sohn vor +dem Kriege noch einmal zu sehen. Da sie uns in +angenehmster Stimmung fand und feststellen +mußte, daß wir nicht an Krieg dachten, konnte sie +nicht umhin, uns zu einem anständigen Frühstück +einzuladen.</p> + +<p>Wir waren gerade sehr ausgelassen, als sich +plötzlich die Tür öffnete und Graf Kospoth, der +<span class="pagenum"><a name="Page_20" id="Page_20">[20]</a></span>Landrat von Öls, auf der Schwelle stand. Der +Graf machte ein entgeistertes Gesicht.</p> + +<p>Wir begrüßten den alten Bekannten mit einem +Hallo! Er erklärte uns den Zweck seiner Reise, +nämlich, daß er sich an der Grenze persönlich überzeugen +wolle, was von den Gerüchten von dem +nahen Weltkrieg stimme. Er nahm ganz richtig +an, die an der Grenze müßten es eigentlich am +ehesten wissen. Nun war er ob des Friedensbildes +nicht wenig erstaunt. Durch ihn erfuhren wir, daß +sämtliche Brücken Schlesiens bewacht wurden und +man bereits an die Befestigung von einzelnen +Plätzen dachte.</p> + +<p>Schnell überzeugten wir ihn, daß ein Krieg +ausgeschlossen sei, und feierten weiter.</p> + +<p>Am nächsten Tage rückten wir ins Feld.</p> + + + + +<h2 class="nosub"><span class="pagenum"><a name="Page_21" id="Page_21">[21]</a></span><a name="Ueberschreiten_der_Grenze" id="Ueberschreiten_der_Grenze"></a>Überschreiten der Grenze</h2> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">D</span>as Wort »Krieg« war uns Grenzkavalleristen +zwar geläufig. Jeder wußte haarklein, was +er zu tun und zu lassen hatte. Keiner hatte aber so +eine rechte Vorstellung, was sich nun zunächst abspielen +würde. Jeder aktive Soldat war selig, nun +endlich seine Persönlichkeit und sein Können zeigen +zu dürfen.</p> + +<p>Uns jungen Kavallerieleutnants war wohl die +interessanteste Tätigkeit zugedacht: aufklären, in +den Rücken des Feindes gelangen, wichtige Anlagen +zerstören; alles Aufgaben, die einen ganzen +Kerl verlangen.</p> + +<p>Meinen Auftrag in der Tasche, von dessen Wichtigkeit +ich mich durch langes Studium schon seit +einem Jahre überzeugt hatte, ritt ich nachts um +zwölf Uhr an der Spitze meiner Patrouille zum +erstenmal gegen den Feind.</p> + +<p>Die Grenze bildete ein Fluß, und ich konnte erwarten, +daß ich dort zum erstenmal Feuer bekommen +würde. Ich war ganz erstaunt, wie ich +ohne Zwischenfall die Brücke passieren konnte. +Ohne weitere Ereignisse erreichten wir den mir von +Grenzritten her wohlbekannten Kirchturm des +Dorfes Kielcze am nächsten Morgen.</p> + +<p>Ohne von einem Gegner etwas gemerkt zu +haben oder vielmehr besser ohne selbst bemerkt +<span class="pagenum"><a name="Page_22" id="Page_22">[22]</a></span>worden zu sein, war alles verlaufen. Wie sollte +ich es anstellen, daß mich die Dorfbewohner nicht +bemerkten? Mein erster Gedanke war, den Popen +hinter Schloß und Riegel zu setzen. So holten wir +den vollkommen überraschten und höchst verdutzten +Mann aus seinem Hause. Ich sperrte ihn +zunächst mal auf dem Kirchturm ins Glockenhaus +ein, nahm die Leiter weg und ließ ihn oben sitzen. +Ich versicherte ihm, daß, wenn auch nur das geringste +feindselige Verhalten der Bevölkerung sich +bemerkbar machen sollte, er sofort ein Kind des +Todes sein würde. Ein Posten hielt Ausschau vom +Turm und beobachtete die Gegend.</p> + +<p>Ich hatte täglich durch Patrouillenreiter Meldungen +zu schicken. So löste sich bald mein kleines +Häuflein an Meldereitern auf, so daß ich schließlich +den letzten Melderitt als Überbringer selbst übernehmen +mußte.</p> + +<p>Bis zur fünften Nacht war alles ruhig geblieben. +In dieser kam plötzlich der Posten zu mir +zum Kirchturm gelaufen – denn in dessen Nähe +hatte ich meine Pferde hingestellt – und rief mir +zu: »Kosaken sind da!« Es war pechfinster, etwas +Regen, keine Sterne. Man sah die Hand nicht vor +den Augen.</p> + +<p>Wir führten die Pferde durch eine schon vorher +vorsichtshalber durch die Kirchhofsmauer geschlagene +Bresche auf das freie Feld. Dort war +man infolge der Dunkelheit nach fünfzig Metern in +<span class="pagenum"><a name="Page_23" id="Page_23">[23]</a></span>vollständiger Sicherheit. Ich selbst ging mit dem +Posten, den Karabiner in der Hand, nach der bezeichneten +Stelle, wo die Kosaken sein sollten.</p> + +<p>Ich schlich an der Kirchhofsmauer entlang und +kam an die Straße. Da wurde mir doch etwas +anders zumute, denn der ganze Dorfausgang +wimmelte von Kosaken. Ich guckte über die +Mauer, hinter der die Kerle ihre Pferde stehen +hatten. Die meisten hatten Blendlaternen und benahmen +sich sehr unvorsichtig und laut. Ich schätzte +sie auf etwa zwanzig bis dreißig. Einer war abgesessen +und zum Popen gegangen, den ich am +Tage vorher aus der Haft entlassen hatte.</p> + +<p>Natürlich Verrat! zuckte es mir durchs Gehirn. +Also doppelt aufpassen. Auf einen Kampf konnte +ich es nicht mehr ankommen lassen, denn mehr als +zwei Karabiner hatte ich nicht zur Verfügung. +Also spielte ich »Räuber und Gendarm«.</p> + +<p>Nach einigen Stunden Rast ritten die Besucher +wieder von dannen.</p> + +<p>Am nächsten Morgen zog ich es vor, jetzt aber +doch einen kleinen Quartierwechsel vorzunehmen. +Am siebenten Tage war ich wieder in meiner Garnison +und wurde von jedem Menschen angestarrt, +als sei ich ein Gespenst. Das kam nicht etwa wegen +meines unrasierten Gesichts, sondern vielmehr +weil sich Gerüchte verbreitet hatten, Wedel und ich +seien bei Kalisch gefallen. Man wußte Ort, Zeit +und nähere Umstände so haargenau zu erzählen, +<span class="pagenum"><a name="Page_24" id="Page_24">[24]</a></span>daß sich das Gerücht schon in ganz Schlesien verbreitet +hatte. Selbst meiner Mutter hatte man +bereits Kondolenzbesuche gemacht.</p> + +<p>Es fehlte nur noch, daß eine Todesanzeige in +der Zeitung stand.</p> + +<p class="thoughtbreak">*</p> + +<p>Eine komische Geschichte ereignete sich zur selben +Zeit. Ein Pferdedoktor bekam den Auftrag, mit +zehn Ulanen Pferde aus einem Gehöft zu requirieren. +Es lag etwas abseits, etwa drei Kilometer. +Ganz erregt kam er von seinem Auftrag zurück +und berichtete selber folgendes:</p> + +<p>»Ich reite über ein Stoppelfeld, auf dem die +Puppen stehen, worauf ich plötzlich in einiger Entfernung +feindliche Infanterie erkenne. Kurz entschlossen +ziehe ich den Säbel, rufe meinen Ulanen +zu: ›Lanze gefällt, zur Attacke, marsch, marsch, +hurra!‹ Den Leuten macht es Spaß, es beginnt ein +wildes Hetzen über die Stoppeln. Die feindliche +Infanterie entpuppt sich aber als ein Rudel Rehe, +die ich in meiner Kurzsichtigkeit verkannt habe.«</p> + +<p>Noch lange hatte der tüchtige Herr unter seiner +Attacke zu leiden.</p> + +<div class="figcenter" style="width: 400px;"> +<a href="images/illu_024.jpg"><img src="images/illu_024_th.jpg" width="400" height="237" alt="Abgeschossen und an der Starkstromleitung verbrannt" title="Abgeschossen und an der Starkstromleitung verbrannt" /></a> +<span class="caption">Abgeschossen und an der Starkstromleitung verbrannt. Am Kanal zwischen +Brebières und Vitry</span> +</div> + +<div class="figcenter" style="width: 400px;"> +<a href="images/illu_025.jpg"><img src="images/illu_025_th.jpg" width="400" height="247" alt="Abgeschossener Vikkers-Zweisitzer bei Noyelle-Godault" title="Abgeschossener Vikkers-Zweisitzer bei Noyelle-Godault" /></a> +<span class="caption">Abgeschossener Vikkers-Zweisitzer bei Noyelle-Godault</span> +</div> + + + + + +<h2 class="nosub"><span class="pagenum"><a name="Page_25" id="Page_25">[25]</a></span><a name="Nach_Frankreich" id="Nach_Frankreich"></a>Nach Frankreich</h2> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">I</span>n meinem Garnisonort wurden wir nun verladen. +Wohin? – Keine Ahnung, ob West, +Ost, Süd, Nord.</p> + +<p>Gemunkelt wurde viel, meistens aber vorbei. +Aber in diesem Fall hatten wir wohl den richtigen +Riecher: Westen.</p> + +<p>Uns stand zu viert ein Abteil zweiter Klasse zur +Verfügung. Man mußte sich auf eine lange Bahnfahrt +verproviantieren. Getränke fehlten natürlich +nicht. Aber schon am ersten Tage merkten +wir, daß so ein Abteil zweiter Klasse doch verflucht +eng ist für vier kriegsstarke Jünglinge, und so +zogen wir denn vor, uns etwas mehr zu verteilen. +Ich richtete mir die eine Hälfte eines Packwagens +zur Wohn- und Schlafstätte ein und hatte damit +ganz entschieden etwas Gutes getan. Ich hatte +Luft, Licht usw. Stroh hatte ich mir in einer +Station verschafft, die Zeltbahn wurde darauf +gedeckt. Ich schlief in meinem Schlafwagen so +fest, als läge ich in Ostrowo in meinem Familienbett. +Die Fahrt ging Tag und Nacht, erst durch +ganz Schlesien, Sachsen, immer mehr gen Westen. +Wir hatten scheinbar Richtung Metz; selbst der +Transportführer wußte nicht, wo es hinging. +Auf jeder Station, auch da, wo wir nicht hielten, +stand ein Meer von Menschen, die uns mit Hurra +<span class="pagenum"><a name="Page_26" id="Page_26">[26]</a></span>und Blumen überschütteten. Eine wilde Kriegsbegeisterung +lag im deutschen Volk; das merkte +man. Die Ulanen wurden besonders angestaunt. +Der Zug, der vorher durch die Station geeilt war, +mochte wohl verbreitet haben, daß wir bereits am +Feinde gewesen waren – und wir hatten erst acht +Tage Krieg. Auch hatte im ersten Heeresbericht +bereits mein Regiment Erwähnung gefunden. +Ulanenregiment 1 und das Infanterieregiment +155 eroberten Kalisch. Wir waren also die gefeierten +Helden und kamen uns auch ganz als +solche vor. Wedel hatte ein Kosakenschwert gefunden +und zeigte dies den erstaunten Mädchen. +Das machte großen Eindruck. Wir behaupteten +natürlich, es klebte Blut daran, und dichteten dem +friedlichen Schwert eines Gendarmeriehäuptlings +ein ganz ungeheures Märchen an. Man war doch +schrecklich ausgelassen. Bis wir schließlich in Busendorf +bei Diedenhofen ausgeladen wurden.</p> + +<p>Kurz bevor der Zug ankam, hielten wir in einem +langen Tunnel. Ich muß sagen, es ist schon ungemütlich, +in einem Tunnel in Friedenszeiten +plötzlich zu halten, besonders aber im Kriege. +Nun erlaubte sich ein Übermütiger einen Scherz +und gab einen Schuß ab. Es dauerte nicht +lange, so fing in diesem Tunnel ein wüstes +Geschieße an. Daß keiner verletzt wurde, ist ein +Wunder. Was die Ursache dazu war, ist nie +herausgekommen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_27" id="Page_27">[27]</a></span>In Busendorf wurde ausgeladen. Es war eine +derartige Hitze, daß uns die Pferde umzufallen +drohten. Die nächsten Tage marschierten wir +immer nach Norden, Richtung Luxemburg. +Mittlerweile hatte ich herausgekriegt, daß mein +Bruder vor etwa acht Tagen dieselbe Strecke mit +einer Kavalleriedivision geritten war. Ich konnte +ihn sogar noch einmal fährten, gesehen habe ich +ihn erst ein Jahr später.</p> + +<p>In Luxemburg wußte kein Mensch, wie sich +dieses Ländchen gegen uns verhielt. Ich weiß noch +wie heute, wie ich einen Luxemburger Gendarm +von weitem sah, ihn mit meiner Patrouille +umzingelte und gefangennehmen wollte. Er versicherte +mir, daß, wenn ich ihn nicht umgehend +losließe, er sich beim Deutschen Kaiser beschweren +würde. Das sah ich denn auch ein und ließ den +Helden wieder laufen. So kamen wir durch die +Stadt Luxemburg und Esch durch, und man +näherte sich jetzt bedenklich den ersten befestigten +Städten Belgiens.</p> + +<p>Auf dem Hinmarsch machte unsere Infanterie, +wie überhaupt unsere ganze Division, die +reinen Friedensmanöver. Man war schrecklich +aufgeregt. Aber so ein Manöver-Vorpostenbild +war einem ab und zu ganz bekömmlich. Sonst +hätte man ganz bestimmt über die Stränge geschlagen. +Rechts und links, auf jeder Straße, +vor und hinter uns marschierten Truppen von +<span class="pagenum"><a name="Page_28" id="Page_28">[28]</a></span>verschiedenen Armeekorps. Man hatte das Gefühl +eines wüsten Durcheinanders. Plötzlich wurde +aus dem Kuddelmuddel ein großartig funktionierender +Aufmarsch.</p> + +<p>Was unsere Flieger damals leisteten, ahnte ich +nicht. Mich versetzte jedenfalls jeder Flieger in +einen ganz ungeheuren Schwindel. Ob es ein +deutscher war oder ein feindlicher, konnte ich nicht +sagen. Ich hatte ja nicht einmal eine Ahnung, +daß die deutschen Apparate Kreuze trugen und die +feindlichen Kreise. Folglich wurde jeder Flieger +unter Feuer genommen. Die alten Piloten erzählen +heute noch immer, wie peinlich es ihnen +gewesen sei, von Freund und Feind gleichmäßig +beschossen zu werden.</p> + +<p>Wir marschierten und marschierten, die Patrouillen +weit voraus, bis wir eines schönen +Tages bei Arlon waren. Es überlief mich ganz +spaßig den Buckel ’runter, wie ich zum zweitenmal +die Grenze überschritt. Dunkle Gerüchte von +Franktireurs und dergleichen waren mir bereits +zu Ohren gekommen.</p> + +<p class="thoughtbreak">*</p> + +<p>Ich hatte einmal den Auftrag, die Verbindung +mit meiner Kavalleriedivision aufzunehmen. Ich +habe an diesem Tage nicht weniger als hundertundzehn +Kilometer mit meiner gesamten Patrouille +geritten. Nicht ein Pferd war kaputt, eine glänzende +Leistung meiner Tiere. In Arlon bestieg ich nach +<span class="pagenum"><a name="Page_29" id="Page_29">[29]</a></span>den Grundsätzen der Taktik des Friedens den +Kirchturm, sah natürlich nichts, denn der böse +Feind war noch weitab.</p> + +<p>Man war damals noch ziemlich harmlos. So +hatte ich z. B. meine Patrouille vor der Stadt +stehenlassen und war ganz allein mit einem Rad +mitten durch die Stadt zum Kirchturm gefahren. +Wie ich wieder ’runterkam, stand ich inmitten +einer murrenden und murmelnden Menge feindselig +blickender Jünglinge. Mein Rad war natürlich +geklaut, und ich konnte nun eine halbe Stunde +lang zu Fuß laufen. Aber das machte mir Spaß. +Ich hätte so eine kleine Rauferei ganz gern gemocht. +Ich fühlte mich mit meiner Pistole in der +Hand ganz kolossal sicher.</p> + +<p>Die Einwohner hatten sich, wie ich später erfahren +habe, sowohl einige Tage vorher gegen +unsere Kavallerie als auch später gegen unsere +Lazarette sehr aufrührerisch benommen, und man +hatte eine ganze Menge dieser Herren an die Wand +stellen müssen.</p> + +<p class="thoughtbreak">*</p> + +<p>Am Nachmittag erreichte ich mein Ziel und +erfuhr dort, daß drei Tage vorher, ganz in der +Gegend von Arlon, mein einziger Vetter Richthofen +gefallen war. Ich blieb den Rest des Tages +bei der Kavalleriedivision, machte dort noch einen +blinden Alarm mit und kam nachts spät bei +meinem Regiment an.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_30" id="Page_30">[30]</a></span>Man erlebte und sah eben mehr als die anderen, +man war eben doch schon mal am Feind gewesen, +hatte mit dem Feinde zu tun gehabt, hatte die +Spuren des Krieges gesehen und wurde von +jedem einer anderen Waffe beneidet. Es war doch +zu schön, wohl doch meine schönste Zeit im ganzen +Kriege. Den Kriegsanfang möchte ich wieder +mal mitmachen.</p> + + + + +<h2><span class="pagenum"><a name="Page_31" id="Page_31">[31]</a></span><a name="Wie_ich_auf_Patrouille" id="Wie_ich_auf_Patrouille"></a>Wie ich auf Patrouille zum erstenmal +die Kugeln pfeifen hörte</h2> + +<p class="subheader">(21./22. <em class="gesperrt">August</em> 1914)</p> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">I</span>ch hatte den Auftrag, festzustellen, wie stark +die Besetzung eines großen Waldes bei Virton +wohl sein mochte. Ich ritt mit fünfzehn Ulanen +los und war mir klar: Heute gibt es den ersten +Zusammenstoß mit dem Feinde. Mein Auftrag +war nicht leicht, denn in so einem Walde kann +furchtbar viel stecken, ohne daß man es sieht.</p> + +<p>Ich kam über eine Höhe. Wenige hundert +Schritte vor mir lag ein riesiger Waldkomplex +von vielen tausend Morgen. Es war ein schöner +Augustmorgen. Der Wald lag so friedlich und +ruhig, daß man eigentlich gar keine kriegerischen +Gedanken mehr spürte.</p> + +<p>Jetzt näherte sich die Spitze dem Eingang des +Waldes. Durch das Glas konnte man nichts +Verdächtiges feststellen, man mußte also heranreiten +und abwarten, ob man Feuer bekäme. Die +Spitze verschwand im Waldweg. Ich war der +nächste, neben mir ritt einer meiner tüchtigsten +Ulanen. Am Eingang des Waldes war ein einsames +Waldwärterhäuschen. Wir ritten daran +vorbei. Mit einemmal fiel ein Schuß aus +einem Fenster des Hauses. Gleich darauf noch +<span class="pagenum"><a name="Page_32" id="Page_32">[32]</a></span>einer. Am Knall erkannte ich sofort, daß es kein +Büchsenschuß war, sondern daß er von einer Flinte +herrührte. Zur gleichen Zeit sah ich auch Unordnung +in meiner Patrouille und vermutete gleich +einen Überfall durch Franktireurs. Von den +Pferden ’runter und das Haus umstellen war +eins. In einem etwas dunkeln Raum erkannte +ich vier bis fünf Burschen mit feindseligen Augen. +Eine Flinte war natürlich nicht zu sehen. Meine +Wut war groß in diesem Augenblick; aber ich hatte +noch nie in meinem Leben einen Menschen getötet, +und so muß ich sagen, war mir der Moment äußerst +unbehaglich. Eigentlich hätte ich den Franktireur +wie ein Stück Vieh ’runterknallen müssen. Er +hatte mit dem Schuß eine Ladung Schrot in den +Bauch eines meiner Pferde gejagt und einen +meiner Ulanen an der Hand verletzt.</p> + +<p>Mit meinem kümmerlichen Französisch schrie +ich die Bande an und drohte, wenn sich der Schuldige +nicht umgehend melden würde, sie allesamt +über den Haufen zu schießen. Sie merkten, daß +es mir Ernst war, und daß ich nicht zaudern würde, +meinen Worten die Tat folgen zu lassen. Wie es +nun eigentlich kam, weiß ich heute selbst nicht mehr. +Jedenfalls waren die Freischützen mit einemmal +aus der Hintertür heraus und vom Erdboden verschwunden. +Ich schoß noch hinterher, ohne zu +treffen. Zum Glück hatte ich das Haus umstellt, +so daß sie mir eigentlich nicht entrutschen konnten. +<span class="pagenum"><a name="Page_33" id="Page_33">[33]</a></span>Sofort ließ ich das Haus nach ihnen durchstöbern, +fand aber keinen mehr. Mochten nun die Posten +hinter dem Haus nicht ordentlich aufgepaßt haben, +jedenfalls war die ganze Bude leer. Wir fanden +noch die Schrotspritze am Fenster stehend und +mußten uns auf andere Weise rächen. In fünf +Minuten stand das ganze Haus in Flammen.</p> + +<p>Nach diesem Intermezzo ging es weiter.</p> + +<p>An frischen Pferdespuren erkannte ich, daß +unmittelbar vor uns starke feindliche Kavallerie +marschiert sein mußte. Ich hielt mit meiner Patrouille, +feuerte sie durch ein paar Worte an und +hatte das Gefühl, daß ich mich auf jeden meiner +Kerls unbedingt verlassen konnte. Jeder, so +wußte ich, würde seinen Mann in den nächsten +Minuten stehen. Natürlich dachte keiner an etwas +anderes als an eine Attacke. Es liegt wohl im +Blute eines Germanen, den Gegner, wo man ihn +auch trifft, über den Haufen zu rennen, besonders +natürlich feindliche Kavallerie. Schon sah ich +mich an der Spitze meines Häufleins eine feindliche +Schwadron zusammenhauen und war ganz +trunken vor freudiger Erwartung. Meinen Ulanen +blitzten die Augen. So ging es dann in flottem +Trab auf der frischen Spur weiter. Nach +einstündigem scharfem Ritt durch die schönste +Bergschlucht wurde der Wald etwas lichter, und +wir näherten uns dem Ausgang. Daß ich damit +auf den Feind stoßen würde, war mir klar. Also +<span class="pagenum"><a name="Page_34" id="Page_34">[34]</a></span>Vorsicht! bei allem Attackenmut, der mich beseelte. +Rechts von dem schmalen Pfad war eine viele +Meter hohe, steile Felsenwand. Zu meiner Linken +war ein schmaler Gebirgsbach, dann eine Wiese +von fünfzig Metern Breite, eingefaßt von +Stacheldrähten. Mit einem Male hörte die +Pferdespur auf und verschwand über eine Brücke +in den Büschen. Meine Spitze hielt, denn vor uns +war der Waldausgang durch eine Barrikade +versperrt.</p> + +<p>Sofort war es mir klar, daß ich in einen Hinterhalt +geraten war. Ich erkannte plötzlich Bewegung +im Buschwerk hinter der Wiese zu meiner +Linken und konnte abgesessene feindliche Kavallerie +erkennen. Ich schätzte sie auf eine Stärke von +hundert Gewehren. Hier war nichts zu wollen. +Geradeaus war der Weg durch die Barrikade versperrt, +rechts waren die Felswände, links hinderte +mich die mit Draht eingefaßte Wiese an meinem +Vorhaben, der Attacke. Zum Absitzen, um den +Gegner mit Karabinern anzugreifen, war keine +Zeit mehr. Also blieb nichts anderes übrig, als +zurück. Alles hätte ich meinen guten Ulanen zutrauen +können, bloß kein Ausreißen vor dem +Feinde. – Das sollte so manchem den Spaß +verderben, denn eine Sekunde später knallte der +erste Schuß, dem ein rasendes Schnellfeuer aus +dem Walde drüben folgte. Die Entfernung betrug +etwa fünfzig bis hundert Meter. Die Leute waren +<span class="pagenum"><a name="Page_35" id="Page_35">[35]</a></span>instruiert, daß sie, im Falle ich die Hand hob, schnell +zu mir stoßen sollten. Nun wußte ich, wir mußten +zurück, hob den Arm und winkte meinen Leuten +zu. Das mögen sie wohl falsch verstanden haben. +Meine Patrouille, die ich zurückgelassen hatte, +glaubte mich in Gefahr und kam in wildem +Caracho herangebraust, um mich herauszuhauen. +Alles das spielte sich auf einem schmalen Waldweg +ab, so daß man sich wohl die Schweinerei +vorstellen kann, die sich nun ereignete. Meinen +beiden Spitzenreitern gingen die Pferde infolge +des rasenden Feuers in der engen Schlucht, wo +der Laut jedes Schusses sich verzehnfachte, durch, +und ich sah sie bloß die Barrikade mit einem +Sprung nehmen. Von ihnen habe ich nie wieder +etwas gehört. Gewiß sind sie in Gefangenschaft. +Ich selbst machte kehrt und gab meinem guten +»Antithesis«, wohl zum erstenmal in seinem +Leben, die Sporen. Meinen Ulanen, die mir entgegengebraust +kamen, konnte ich nur mit Mühe +und Not zu erkennen geben, nicht weiter vorzukommen. +Kehrt und davon! Neben mir ritt +mein Bursche. Plötzlich stürzte sein Pferd getroffen, +ich sprang darüber hinweg, um mich +herum wälzten sich andere Pferde. Kurz und gut, +es war ein wüstes Durcheinander. Von meinem +Burschen sah ich nur noch, wie er unter dem +Pferd lag, scheinbar nicht verwundet, aber durch +das auf ihm liegende Pferd gefesselt. Der Gegner +<span class="pagenum"><a name="Page_36" id="Page_36">[36]</a></span>hatte uns glänzend überrumpelt. Er hatte uns +wohl von Anfang an beobachtet und, wie es den +Franzosen nun mal liegt, aus dem Hinterhalt +seinen Feind zu überfallen, so hatte er es auch in +diesem Fall wieder versucht.</p> + +<p>Freude machte es mir, als nach zwei Tagen +mit einemmal mein Bursche vor mir stand; +allerdings zur Hälfte barfüßig, denn den einen +Stiefel hatte er unter seinem Pferd gelassen. Er +erzählte mir nun, wie er entkommen war: Mindestens +zwei Schwadronen französischer Kürassiere +waren später aus dem Walde gekommen, um die +vielen gefallenen Pferde und tapferen Ulanen +zu plündern. Er war gleich aufgesprungen, unverwundet +die Felsenwand hinaufgeklettert und in +fünfzig Metern Höhe vollständig erschöpft in +einem Gebüsch zusammengebrochen. Nach etwa +zwei Stunden, nachdem der Feind sich wieder in +seinen Hinterhalt begeben hatte, hatte er seine +Flucht fortsetzen können. Nach einigen Tagen +gelangte er so wieder zu mir. Von dem Verbleib +der anderen Kameraden konnte er wenig aussagen.</p> + + + + +<h2 class="nosub"><span class="pagenum"><a name="Page_37" id="Page_37">[37]</a></span><a name="Patrouillenritt_mit_Loen" id="Patrouillenritt_mit_Loen"></a>Patrouillenritt mit Loen</h2> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">D</span>ie Schlacht von Virton war im Gange. Mein +Kamerad Loen und ich hatten wieder einmal +durch eine Patrouille festzustellen, wo der Feind geblieben +war. Den ganzen Tag ritten wir hinter +dem Feinde her, erreichten ihn schließlich und +konnten eine ganz ordentliche Meldung verfassen. +Abends war nun die große Frage: Wollen wir +die Nacht durchreiten, um zu unserer Truppe +zurückzukommen, oder unsere Kräfte schonen und +uns für den nächsten Tag ausruhen? Das ist +ja gerade das Schöne, daß der Kavalleriepatrouille +vollständig freies Handeln überlassen +sein muß.</p> + +<p>So entschlossen wir uns, die Nacht am Feinde +zu bleiben und am nächsten Morgen weiterzureiten. +Unseren strategischen Blicken nach war +der Gegner auf Rückmarsch, und wir drängten +ihm nach. Folglich konnten wir die Nacht mit +ziemlicher Ruhe verbringen.</p> + +<p>Gar nicht weit vom Gegner lag ein wunderbares +Kloster mit großen Ställen, so daß wir +sowohl Loen als auch meine Patrouille einquartieren +konnten. Allerdings saß der Gegner +gegen Abend, wie wir dort unterzogen, noch so +nahe dran, daß er uns mit Gewehrkugeln die +Fensterscheiben hätte einschießen können.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_38" id="Page_38">[38]</a></span>Die Mönche waren überaus liebenswürdig. +Sie gaben uns zu essen und zu trinken, so viel +wir haben wollten, und wir ließen es uns gut +schmecken. Die Pferde wurden abgesattelt und +waren auch ganz froh, wie sie nach drei Tagen +und drei Nächten zum erstenmal ihre achtzig Kilo +totes Gewicht von ihren Rücken loswurden. Mit +anderen Worten, wir richteten uns so ein, als +ob wir im Manöver bei einem lieben Gastfreund +zu Abend wären. Nebenbei bemerkt, hingen drei +Tage darauf mehrere von den Gastgebern an dem +Laternenpfahl, da sie es sich nicht hatten verkneifen +können, sich an dem Krieg zu beteiligen. +Aber an dem Abend waren sie wirklich überaus +liebenswürdig. Wir krochen in Nachthemden in +unsere Betten, stellten einen Posten auf und ließen +den lieben Herrgott einen guten Mann sein.</p> + +<p>Nachts reißt plötzlich jemand die Tür auf, und +die Stimme des Postens ertönt: »Herr Leutnant, +die Franzosen sind da.« Ich war zu verschlafen, +um überhaupt Antwort geben zu können. Loen +ging es so ähnlich, und er stellte nur die geistreiche +Frage: »Wieviel sind es denn?« Die Antwort +des Postens, sehr aufgeregt: »Zwei haben +wir schon totgeschossen; wieviel es sind, können +wir nicht sagen, denn es ist stockfinster.« Ich höre +Loen noch ganz verschlafen antworten: »Wenn +also mehr kommen, dann weckst du mich.« Eine +halbe Minute später schnarchten wir weiter.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_39" id="Page_39">[39]</a></span>Am nächsten Morgen stand die Sonne schon +recht hoch, als wir von unserem gesunden Schlaf +erwachten. Nach einem reichlichen Frühstück +ging die Reise wieder los.</p> + +<p>Tatsächlich waren nachts an unserem Schloß +die Franzosen vorbeimarschiert, und unsere Posten +hatten während dieser Zeit einen Feuerüberfall +auf sie gemacht. Da es aber stockfinster war, +hatte sich keine größere Schlacht daraus entspinnen +können.</p> + +<p>Bald ging’s in einem munteren Tal weiter. +Wir ritten über das alte Schlachtfeld unserer +Division und stellten mit Erstaunen fest, daß statt +unserer Leute nur französische Sanitäter zu sehen +waren. Französische Soldaten sah man auch noch +ab und zu. Sie machten aber ebenso dumme Gesichter +wie wir. An Schießen hatte keiner gedacht. +Wir machten uns dann möglichst rasch dünne; +denn wir kamen so sachte dahinter, daß wir, statt +vorwärts zu gehen, uns etwas rückwärts konzentriert +hatten. Zum Glück war der Gegner +nach der anderen Seite ausgerissen, sonst säße ich +jetzt irgendwo in Gefangenschaft.</p> + +<p>Wir kamen durch das Dorf Robelmont, wo wir +am Tage zuvor unsere Infanterie zum letztenmal +in Stellung gesehen hatten. Dort trafen wir +einen Einwohner und fragten ihn nach dem Verbleib +unserer Soldaten. Er war sehr glücklich und +versicherte mir, die Deutschen wären <em class="antiqua">»partis«</em>.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_40" id="Page_40">[40]</a></span>Wir kamen um eine Ecke und waren Zeugen von +folgendem komischem Bilde. Vor uns wimmelte +es von roten Hosen – ich schätzte etwa fünfzig bis +hundert –, die eifrigst bemüht waren, an einem +Eckstein ihre Gewehre zu zerschlagen. Daneben +stehen sechs Grenadiere, die, wie es sich herausstellte, +die Brüder gefangengenommen hatten. +Wir halfen ihnen noch, die Franzosen abzutransportieren, +und erfuhren durch die sechs Grenadiere, +daß wir nachts eine rückwärtige Bewegung +angetreten hatten.</p> + +<p>Am späten Nachmittag erreichte ich mein Regiment +und war ganz zufrieden mit dem Verlauf +der letzten vierundzwanzig Stunden.</p> + + + + +<h2 class="nosub"><span class="pagenum"><a name="Page_41" id="Page_41">[41]</a></span><a name="Langeweile_vor_Verdun" id="Langeweile_vor_Verdun"></a>Langeweile vor Verdun</h2> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">F</span>ür einen so unruhigen Geist, wie ich einer +bin, war meine Tätigkeit vor Verdun durchaus +mit »langweilig« zu bezeichnen. Anfangs +lag ich selbst im Schützengraben an einer Stelle, +wo nichts los war; dann wurde ich Ordonnanzoffizier +und glaubte, nun mehr zu erleben. Da +hatte ich mich aber arg in die Finger geschnitten. +Ich wurde vom Kämpfenden zum besseren +Etappenschwein degradiert. So ganz Etappe +war es noch nicht, aber das Weiteste, was ich mich +vorwagen durfte, war fünfzehnhundert Meter +hinter die vordere Linie. Dort saß ich wochenlang +unter der Erde in einem bombensicheren, +geheizten Unterstand. Ab und zu wurde ich mit +nach vorn genommen. Das war eine große +körperliche Anstrengung. Denn man ging bergauf, +bergab, die Kreuz und die Quer’, durch unendlich +viele Annäherungsgräben und Schlammlöcher +hindurch, bis man dann endlich vorn dort +angekommen war, wo es knallte. Bei einem so +kurzen Besuch bei den Kämpfenden kam ich mir +immer sehr dumm vor mit meinen gesunden +Knochen.</p> + +<p>Man fing damals an, unter der Erde zu +arbeiten. Wir waren uns noch gar nicht klar +darüber, was es eigentlich heißt, einen Stollen +<span class="pagenum"><a name="Page_42" id="Page_42">[42]</a></span>bauen oder eine Sappe vorschieben. Man kannte +die Namen zwar aus der Befestigungslehre von +der Kriegsschule her, aber das war nun mal +Pionierarbeit, mit der sich ein anderer Sterblicher +nicht gern beschäftigt hätte. Aber dort vorn +an der Combres-Höhe buddelte alles emsig. +Jeder hatte ein Grabscheit und eine Hacke und +gab sich unendliche Mühe, möglichst tief in die +Erde hineinzukommen. Es war ganz spaßig, die +Franzosen an manchen Stellen nur auf fünf +Schritt vor sich zu haben. Man hörte den Kerl +sprechen, man sah ihn Zigaretten rauchen, ab +und zu warf er ein Stück Papier herüber. Man +unterhielt sich mit ihnen, und trotzdem suchte +man sich auf alle möglichen Arten anzuärgern +(Handgranaten).</p> + +<p>Fünfhundert Meter vor und fünfhundert +Meter hinter den Gräben war der dichte Wald +der Côte Lorraine abgemäht durch die unendlich +vielen Gewehrkugeln und Granaten, die dort +ständig durch die Luft sausten. Man würde nicht +glauben, daß dort vorn überhaupt noch ein Mensch +leben könnte. Die Truppe vorne empfand es +gar nicht mal so schlimm wie die Etappenleute.</p> + +<p>Nach so einem Spaziergang, der meistenteils +in den allerzeitigsten Morgenstunden stattfand, +fing für mich wieder der langweiligere Teil des +Tages an, nämlich Telephonordonnanz zu spielen.</p> + +<p class="thoughtbreak">*</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_43" id="Page_43">[43]</a></span>An meinen freien Tagen beschäftigte ich mich +mit meinem Lieblingshandwerk, dem Jagen. +Der Wald von La Chaussée bot mir dazu reichlich +Gelegenheit. Ich hatte bei meinen Spazierritten +Sauen gespürt und war nun damit beschäftigt, +diese ausfindig zu machen und mich nachts anzusetzen. +Schöne Vollmondnächte mit Schnee +kamen mir zu Hilfe. Ich baute mir mit Hilfe +meines Burschen Hochsitze an ganz bestimmten +Wechseln und bestieg diese nachts. Da habe ich +so manche Nacht auf Bäumen zugebracht und +wurde morgens als Eiszapfen wieder vorgefunden. +Aber es hatte sich gelohnt. Besonders eine +Sau war interessant, sie kam jede Nacht durch +den See geschwommen, brach an einer bestimmten +Stelle in einen Kartoffelacker und schwamm dann +wieder zurück. Es reizte mich natürlich besonders, +dieses Tier näher kennenzulernen. So setzte +ich mich denn an dem Ufer dieses Sees an. +Wie verabredet, erschien die alte Tante um Mitternacht, +um sich ihr Nachtmahl zu holen. Ich schoß, +während sie noch im See schwamm, traf, und das +Tier wäre mir beinahe versoffen, wenn ich nicht +noch im letzten Moment hätte zugreifen können, +um sie an einem Lauf festzuhalten.</p> + +<p>Ein andermal ritt ich mit meinem Burschen +in einer ganz schmalen Schneise, da wechseln vor +mir mehrere Stück Schwarzwild über sie. Ich +schnell ’runter, den Karabiner meines Burschen +<span class="pagenum"><a name="Page_44" id="Page_44">[44]</a></span>ergriffen und einige hundert Schritt vorgelaufen. +Tatsächlich, da kam noch ein Kerl, und zwar +ein mächtiger Keiler. Ich hatte noch nie einen +Keiler gesehen und war nun sehr erstaunt, wie +riesenhaft dieser Kerl aussah. Jetzt hängt er +als Trophäe hier in meinem Zimmer; er ist +eine schöne Erinnerung.</p> + +<p class="thoughtbreak">*</p> + +<p>So hatte ich es schon einige Monate ausgehalten, +da kam eines schönen Tages etwas +Bewegung in unseren Laden. Wir beabsichtigten +eine kleine Offensive an unserer Front. Ich freute +mich mächtig, denn nun mußte ja doch eigentlich +der Ordonnanzoffizier zu seinem Ordonnanzieren +kommen! Aber Kuchen! Es wurde mir etwas +ganz anderes zugedacht, und dieses schlug dem +Faß den Boden aus. Nun schrieb ich ein Gesuch +an meinen Kommandierenden General, und böse +Zungen behaupten, ich hätte gesagt: »Liebe Exzellenz, +ich bin nicht in den Krieg gezogen, um +Käse und Eier zu sammeln, sondern zu einem +anderen Zweck.« Man hat anfangs eigentlich +auf mich einschnappen wollen, aber schließlich +hat man mir meine Bitte gewährt, und so trat +ich Ende Mai 1915 zur Fliegertruppe. So war +mir mein größter Wunsch erfüllt.</p> + + + + +<h2 class="nosub"><span class="pagenum"><a name="Page_45" id="Page_45">[45]</a></span><a name="Das_erstemal_in_der_Luft" id="Das_erstemal_in_der_Luft"></a>Das erstemal in der Luft!</h2> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">M</span>orgens früh um sieben Uhr sollte ich zum +erstenmal mitfliegen! Ich war in einer etwas +begreiflichen Aufregung, konnte mir so gar nichts +darunter vorstellen. Jeder, den ich fragte, +schnurrte mir etwas anderes vor. Abends ging +ich zeitiger schlafen als sonst, um am nächsten +Morgen für den großen Moment frisch zu sein. +Wir fuhren ’rüber auf den Flugplatz, ich setzte +mich zum erstenmal in ein Flugzeug. Der Propellerwind +störte mich ganz ungeheuer. Eine +Verständigung mit dem Führer war mir nicht +möglich. Alles flog mir weg. Nahm ich ein +Stück Papier heraus, verschwand es. Mein +Sturzhelm verrutschte sich, der Schal löste sich, +die Jacke war nicht fest genug zugeknöpft, kurz +und gut, es war kläglich. Ich war noch gar nicht +darauf gefaßt, schon loszusausen, da gab bereits +der Pilot Vollgas, und die Maschine fing an zu +rollen. Immer schneller, immer schneller. Ich +hielt mich krampfhaft fest. Mit einem Male hörte +die Erschütterung auf, und die Maschine war in +der Luft. Der Erdboden sauste unter mir weg.</p> + +<p>Man hatte mir gesagt, wo ich hinfliegen sollte, +d. h. also, wo ich meinen Führer hinzudirigieren +hatte. Wir flogen erst ein Stück geradeaus, +dann machte mein Führer kehrt, nochmal kehrt, +<span class="pagenum"><a name="Page_46" id="Page_46">[46]</a></span>rechtsum, mal linksum, und ich hatte über meinem +eigenen Flughafen die Orientierung verloren. +Keine Ahnung mehr, wo ich mich befand! Ich +fing so sachte an, mir mal die Gegend unter mir +anzusehen. Die Menschen winzig klein, die Häuser +wie aus einem Kinderbaukasten, alles so niedlich +und zierlich. Im Hintergrund lag Köln. Der +Kölner Dom ein Spielzeug. Es war doch ein +erhabenes Gefühl, über allem zu schweben. Wer +konnte mir jetzt was anhaben? Keiner! Daß ich +nicht mehr wußte, wo ich war, war mir ganz +Wurscht, und ich war ganz traurig, als mein +Pilot meinte, jetzt müßten wir landen.</p> + +<p>Am liebsten wäre ich gleich wieder geflogen. +Daß ich irgend welche Beschwerden, wie etwa bei +einer Luftschaukel, gehabt hätte, daran ist nicht +zu denken. Die berühmten Amerikanischen Schaukeln +sind mir, nebenbei gesagt, widerlich. Man +fühlt sich unsicher darin, aber im Flugzeug hat +man das unbedingte Gefühl der Sicherheit. Man +sitzt ganz ruhig auf seinem Sessel. Daß einem +schwindlig wird, ist ganz ausgeschlossen. Es gibt +keinen Menschen, dem im Flugzeug je schwindlig +geworden wäre. Aber es ist ein verdammter +Nervenkitzel, so durch die Luft zu sausen, besonders +nachher, als es wieder ’runterging, das Flugzeug +nach vorn kippte, der Motor aufhörte zu laufen +und mit einemmal eine ungeheure Ruhe eintrat. +Ich hielt mich wieder krampfhaft fest und dachte +<span class="pagenum"><a name="Page_47" id="Page_47">[47]</a></span>natürlich: »Jetzt stürzt du.« Aber es ging alles +so selbstverständlich und natürlich vor sich, auch +das Landen, wie man wieder die Erde berührte, +und alles war so einfach, daß einem das Gefühl +der Angst absolut fehlte. Ich war begeistert und +hätte den ganzen Tag im Flugzeug sitzen können. +Ich zählte die Stunden bis zum nächsten Start.</p> + + + + +<h2 class="nosub"><span class="pagenum"><a name="Page_48" id="Page_48">[48]</a></span><a name="Beobachtungsflieger_bei_Mackensen" id="Beobachtungsflieger_bei_Mackensen"></a>Beobachtungsflieger bei Mackensen</h2> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">A</span>m 10. Juni 1915 kam ich nach Großenhain, +um von dort aus an die Front abgeschickt zu +werden. Natürlich wollte ich recht schnell ’raus, +denn ich hatte Angst, ich könnte zu dem Weltkrieg +zu spät kommen. Flugzeugführer-Werden +hätte drei Monate in Anspruch genommen. Bis +dahin konnten wir schon längst Frieden haben; also +kam es nicht in Frage. Als Beobachter mochte ich +mich vielleicht in meiner Eigenschaft als Kavallerist +ganz gut eignen; denn nach vierzehn Tagen schickte +man mich bereits ’raus, zu meiner größten Freude +an die einzige Stelle, wo wir noch Bewegungskrieg +hatten, nämlich nach Rußland.</p> + +<p>Mackensen ging gerade seinen Siegeszug. Er war +bei Gorlice durchgebrochen, und ich kam dazu, wie +wir Rawa Ruska nahmen. Ein Tag im Armee-Flugpark, +dann kam ich zu der famosen Abt. 69, wo +ich mir als Anfänger kolossal dämlich vorkam. Mein +Führer war eine »Kanone« – Oberleutnant Zeumer –, +jetzt auch schon krumm und lahm. Von den +übrigen bin ich heute der einzige, der noch lebt.</p> + +<p>Jetzt kommt eigentlich meine schönste Zeit. +Sie hatte mit dem Kavalleristischen recht große +Ähnlichkeit. Jeden Tag, vor- und nachmittags, +konnte ich meine Aufklärung fliegen. Ich habe +manche schöne Meldung nach Hause gebracht.</p> + + + + +<h2><span class="pagenum"><a name="Page_49" id="Page_49">[49]</a></span><a name="Mit_Holck_in_Russland" id="Mit_Holck_in_Russland"></a>Mit Holck in Rußland</h2> + +<p class="subheader">(<em class="gesperrt">Sommer</em> 1915)</p> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">J</span>uni, Juli, August 1915 blieb ich bei der +Fliegerabteilung, die den ganzen Vormarsch +Mackensens von Gorlice nach Brest-Litowsk mitmachte. +Ich war als ganz junger Beobachter +dort hingekommen und hatte von Tuten und +Blasen keine Ahnung.</p> + +<p>Als Kavallerist war ja meine Beschäftigung +Aufklären, so schlug der jetzige Dienst in mein +Fach, und ich hatte großen Spaß an den riesigen +Aufklärungsflügen, die wir fast täglich unternahmen.</p> + +<p>Für den Beobachter ist es wichtig, einen gesinnungstüchtigen +Führer zu finden. Da hieß +es eines schönen Tages: »Graf Holck ist auf dem +Anmarsch zu uns.« Sofort kam mir der Gedanke: +»Das ist der Mann, den du brauchst.«</p> + +<p>Holck erschien nicht, wie man wohl glauben +könnte, im 60-P.S.-Mercedes oder im Schlafwagen +erster Klasse, sondern zu Fuß. Er war nach +tagelanger Bahnfahrt endlich in die Gegend von +Jaroslau gekommen. Dort stieg er aus, denn es +war wieder mal ein unendlicher Aufenthalt. +Seinem Burschen sagte er, er möchte mit dem +Gepäck nachreisen, er würde vorausgehen. Er +zieht los, und nach einer Stunde Fußmarsch +<span class="pagenum"><a name="Page_50" id="Page_50">[50]</a></span>guckt er sich um, aber kein Zug folgt ihm. So +lief und lief er, ohne von seinem Zuge überholt +zu werden, bis er schließlich nach fünfzig Kilometern +in Rawa Ruska, seinem Ziel, ankam und +vierundzwanzig Stunden später der Bursche mit +dem Gepäck erschien. Das war dem Sportsmann +aber weiter keine ungewohnte Arbeit. Sein +Körper war derart trainiert, daß ihm fünfzig +Kilometer Fußmarsch nichts weiter ausmachten.</p> + +<p>Graf Holck war nicht bloß ein Sportsmann +auf dem grünen Rasen, der Flugsport machte ihm +allem Anschein nach nicht weniger Vergnügen. +Er war ein Führer von seltener Befähigung, +und besonders eben, was ja noch eine große +Hauptsache ist, er war grob Klasse über dem Feind.</p> + +<p>Manch schönen Aufklärungsflug flogen wir, +wer weiß wie weit, Richtung Rußland. Nie hatte +ich bei dem noch so jungen Piloten das Gefühl der +Unsicherheit, vielmehr gab er mir im kritischen +Moment einen Halt. Wenn ich mich umsah und +in sein entschlossenes Gesicht blickte, hatte ich +wieder nochmal so viel Mut wie vorher.</p> + +<p class="thoughtbreak">*</p> + +<p>Mein letzter Flug mit ihm zusammen sollte +beinahe schief gehen. Wir hatten eigentlich gar +keinen bestimmten Auftrag zu fliegen. Das ist +ja aber gerade das Schöne, daß man sich vollständig +als freier Mensch fühlt und vollkommen +sein eigener Herr ist, wenn man mal in der Luft ist.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_51" id="Page_51">[51]</a></span>Wir hatten einen Flughafenwechsel vorwärts +und wußten nicht genau, welche Wiese nun eigentlich +die richtige sei. Um unsere Kiste bei der Landung +nicht unnötig aufs Spiel zu setzen, flogen +wir Richtung Brest-Litowsk. Die Russen waren +in vollem Rückmarsch, alles brannte – – ein +grausig-schönes Bild. Wir wollten feindliche +Kolonnen feststellen und kamen dabei über die +brennende Stadt Wiczniace. Eine riesige Rauchwolke, +die vielleicht bis auf zweitausend Meter +hinaufreichte, hinderte uns am Weiterfliegen, da +wir selbst, um besser zu sehen, nur in fünfzehnhundert +Metern Höhe flogen. Einen Augenblick +überlegte Holck. Ich fragte ihn, was er machen +wollte, und riet ihm, drumherum zu fliegen, was +vielleicht ein Umweg von fünf Minuten gewesen +wäre. Aber daran dachte Holck gar nicht. Im +Gegenteil: je mehr sich die Gefahr erhöhte, um +so reizvoller war es ihm. Also mitten durch! +Mir machte es auch Spaß, mit einem so schneidigen +Kerl zusammen zu sein. Doch sollte uns unsere +Unvorsichtigkeit bald teuer zu stehen kommen, +denn kaum war der Schwanz des Apparates +in der Wolke verschwunden, schon merkte ich ein +Schwanken im Flugzeug. Ich konnte nichts +mehr sehen, der Rauch biß mir in die Augen, die +Luft war bedeutend wärmer, und ich sah unter +mir bloß noch ein riesiges Feuermeer. Plötzlich +verlor das Flugzeug das Gleichgewicht und stürzte, +<span class="pagenum"><a name="Page_52" id="Page_52">[52]</a></span>sich überschlagend, in die Tiefe. Ich konnte noch +schnell eine Strebe erfassen, um mich festzuhalten, +sonst wäre ich ’rausgeschleudert worden. Das +erste, was ich tat, war ein Blick in Holcks Gesicht. +Schon hatte ich wieder Mut gefaßt, denn seine +Mienen waren eisern zuversichtlich. Der einzige +Gedanke, den ich hatte, war der: es ist doch dumm, +auf so unnötige Weise den Heldentod zu sterben.</p> + +<p>Später fragte ich Holck, was er sich eigentlich +in dem Augenblick gedacht hätte. Da meinte er, +daß ihm doch noch nie so eklig zumute gewesen sei.</p> + +<p>Wir stürzten herunter bis auf fünfhundert Meter +über die brennende Stadt. War es die Geschicklichkeit +meines Führers oder höhere Fügung, +vielleicht auch beides, jedenfalls waren wir +plötzlich aus der Rauchwolke herausgefallen, der +gute Albatros fing sich wieder und flog erneut +geradeaus, als sei nichts vorgefallen.</p> + +<p>Wir hatten nun doch die Nase voll von unserem +Flughafenwechsel und wollten schleunigst zu +unseren Linien zurückkehren. Wir waren nämlich +noch immer weit drüben bei den Russen und +zudem nur noch in fünfhundert Metern Höhe. +Nach etwa fünf Minuten ertönte hinter mir die +Stimme Holcks: »Der Motor läßt nach.«</p> + +<p>Ich muß hinzufügen, daß Holck von einem +Motor nicht ganz dieselbe Ahnung hatte wie von +einem »Hafervergaser«, und ich selbst war vollständig +schimmerlos. Nur eines wußte ich, daß, +<span class="pagenum"><a name="Page_53" id="Page_53">[53]</a></span>wenn der Motor nicht mehr mitmachte, wir bei +den Russen landen mußten. Also kamen wir aus +der einen Gefahr in die andere.</p> + +<p>Ich überzeugte mich, daß die Russen unter +uns noch flott marschierten, was ich aus fünfhundert +Metern Höhe genau sehen konnte. Im +übrigen brauchte ich gar nichts zu sehen, denn +der Rußki schoß mit Maschinengewehren wie verfault. +Es hörte sich an, als wenn Kastanien im +Feuer liegen.</p> + +<p>Der Motor hörte bald ganz auf zu laufen, er +hatte einen Treffer. So kamen wir immer +tiefer, bis wir gerade noch über einem Wald +ausschwebten und schließlich in einer verlassenen +Artilleriestellung landeten, die ich noch am Abend +vorher als besetzte russische Artilleriestellung gemeldet +hatte.</p> + +<p>Ich teilte Holck meine Vermutungen mit. Wir +sprangen ’raus aus der Kiste und versuchten, das +nahe Waldstückchen zu erreichen, um uns dort zur +Wehr zu setzen. Ich verfügte über eine Pistole +und sechs Patronen, Holck hatte nichts.</p> + +<p>Am Waldrande angekommen, machten wir +halt, und ich konnte mit meinem Glase erkennen, +wie ein Soldat auf unser Flugzeug zulief. Zu +meinem Schreck stellte ich fest, daß er eine Mütze +trug und nicht eine Pickelhaube. Das hielt ich +für ein sicheres Zeichen, daß es ein Russe sei. +Als der Mann näher kam, stieß Holck einen +<span class="pagenum"><a name="Page_54" id="Page_54">[54]</a></span>Freudenschrei aus, denn es war ein preußischer +Gardegrenadier.</p> + +<p>Unsere Elitetruppe hatte wieder einmal die Stellung +beim Morgengrauen gestürmt und war bis zu +den feindlichen Batteriestellungen durchgebrochen.</p> + +<p class="thoughtbreak">*</p> + +<p>Ich erinnere mich, daß Holck bei dieser Gelegenheit +seinen kleinen Liebling, ein Hündchen, +verlor. Er nahm das Tierchen bei jedem Aufstieg +mit, es lag ganz ruhig in seinem Pelz unten in +der Karosserie. Im Walde hatten wir es noch +mit. Kurz darauf, als wir mit dem Gardegrenadier +gesprochen hatten, kamen Truppen +vorbeigezogen. Dann kamen Stäbe von der +Garde und Prinz Eitel Friedrich mit seinen +Adjutanten und Ordonnanzoffizieren. Der Prinz +ließ uns Pferde geben, so daß wir beiden Kavallerieflieger +mal wieder auf richtigen »Hafermotoren« +saßen. Leider ging uns beim Weiterreiten das +Hündchen verloren. Es muß wohl mit anderen +Truppen mitgelaufen sein.</p> + +<p>Spätabends kamen wir schließlich mit einem +Panjewagen in unseren Flughafen zurück. Die +Maschine war futsch.</p> + + + + +<h2><span class="pagenum"><a name="Page_55" id="Page_55">[55]</a></span><a name="RusslandOstende" id="RusslandOstende"></a>Rußland–Ostende</h2> + +<p class="subheader">(<em class="gesperrt">Vom Zweisitzer zum Großkampfflugzeug</em>)</p> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">N</span>achdem in Rußland unsere Unternehmungen +so sachte zum Stehen kamen, wurde ich plötzlich +zu einem Großkampfflugzeug, zur B. A. O. +nach Ostende versetzt (21. August 1915). Ich traf +da einen alten Bekannten, Zeumer, und außerdem +verlockte mich der Name »Großkampfflugzeug«.</p> + +<p>August 1915 traf ich in Ostende ein. Auf dem +Bahnhof in Brüssel hatte mich mein guter +Freund Zeumer abgeholt. Nun verlebte ich +eigentlich eine sehr nette Zeit, die aber wenig +Kriegerisches an sich hatte, aber sie war als Lehrzeit +zum Kampfflieger unentbehrlich. Wir flogen +viel, hatten selten Luftkämpfe und nie Erfolge. +Dafür aber war das sonstige Leben reizvoll. +Am Strand von Ostende hatten wir ein Hotel +beschlagnahmt. Jeden Nachmittag badeten wir. +Leider waren als Kurgäste nur Soldaten zu sehen. +Auf den Terrassen von Ostende saßen wir, in +unsere bunten Bademäntel gehüllt, und tranken +nachmittags unseren Kaffee.</p> + +<p class="thoughtbreak">*</p> + +<p>Wir saßen wieder mal, wie üblich, am Strande +bei unserem Kaffee. Plötzlich ein Tuten, das +hieß: ein englisches Seegeschwader ist gemeldet. +<span class="pagenum"><a name="Page_56" id="Page_56">[56]</a></span>Natürlich ließen wir uns durch derartige Alarmnachrichten +in unserer Gemütlichkeit nicht stören +und tranken weiter. Da ruft einer: »Da sind sie!« +und tatsächlich konnten wir am Horizont, wenn +auch nicht sehr deutlich, einige qualmende Schornsteine +und später auch Schiffe erkennen. Schnell +wurden die Ferngläser geholt und beobachtet. Wir +sahen eine ganz stattliche Zahl von Schiffen. Was +sie eigentlich machen wollten, war uns unklar, aber +bald sollten wir eines Besseren belehrt werden. Wir +stiegen auf das Dach, um von dort oben mehr zu +sehen. Mit einem Male pfeift’s, gleich darauf ein +Riesenknall, und eine Granate schlägt am Strande +ein, wo wir eben noch im Wasser waren. So schnell +bin ich noch nie in den Heldenkeller gestürzt wie +in diesem Moment. Das englische Geschwader +schoß noch vielleicht drei-, viermal auf uns und +richtete sich dann in der Hauptsache gegen den +Ostender Hafen und Bahnhof. Getroffen haben +sie natürlich nichts. Aber sie haben die braven +Belgier in mächtige Aufregung versetzt. Eine +Granate sauste mitten in das schöne Palasthotel +am Strande von Ostende. Dies war der einzige +Schaden. Zum Glück ist es englisches Kapital, +das sie selbst vernichtet haben.</p> + +<p class="thoughtbreak">*</p> + +<p>Abends wurde dann wieder feste geflogen. +Bei einem unserer Flüge waren wir mit unserem +Großkampfflugzeug sehr weit hinaus auf See +<span class="pagenum"><a name="Page_57" id="Page_57">[57]</a></span>gekommen. Das Ding hatte zwei Motoren, und +wir probierten hauptsächlich ein neues Steuer +aus, das uns ermöglichen sollte, auch mit einem +Motor weiter geradeaus zu fliegen. Wie wir +ziemlich weit draußen sind, sehe ich unter uns, +nicht auf dem Wasser, sondern – wie es mir +schien – unter dem Wasser, ein Schiff schwimmen. +Es ist ganz eigentümlich: Man kann von +oben aus bei etwas ruhigem Seegang bis auf +den Meeresgrund hinuntersehen. Natürlich nicht +vierzig Kilometer tief, aber so einige hundert +Meter Wasser kann man glatt durchschauen. Ich +hatte mich auch nicht getäuscht, daß das Schiff +nicht über Wasser, sondern unter Wasser schwamm, +und trotzdem sah ich es so, als sei es oben. Ich +machte Zeumer darauf aufmerksam, und wir +gingen etwas tiefer hinunter, um Näheres zu +erkennen. Ich bin zu wenig Marinemann, um +gleich sagen zu können, was es gewesen ist; aber +so sachte kapierte ich denn doch, daß es ein U-Boot +war. Aber welcher Nationalität? Das ist nun +wieder eine zweite schwierige Frage, die meiner +Ansicht nach nur ein Marinemann lösen kann +– und der auch nicht immer. Farbe ist so gut +wie gar nicht zu erkennen. Die Flagge schon +erst recht nicht. Außerdem hat ja wohl so ein +U-Boot gar nichts dergleichen. Wir hatten zwei +Bomben mit, und ich war mir sehr im Zweifel: +sollte ich werfen, oder sollte ich nicht werfen? +<span class="pagenum"><a name="Page_58" id="Page_58">[58]</a></span>Das U-Boot hatte uns nicht gesehen, denn es +war halb unter Wasser. Wir konnten aber über +dem Ding ganz ruhig herfliegen und hätten den +Moment abpassen können, wo es auftauchte, um +Luft zu schnappen, um unsere Eier zu legen. Das +ist ganz bestimmt ein sehr kritischer Punkt für +unsere Schwesterwaffe. Wie wir noch eine ganze +Weile mit den Kerlen da unten ’rumgekindscht +hatten, merkte ich plötzlich, wie aus dem einen +unserer Kühler sich so sachte das Wasser empfahl. +Dieses schien mir als »Franz« nicht ganz geheuer, +und ich machte meinen »Emil« darauf aufmerksam. +Der zog sein Gesicht in die Länge +und machte nun, daß er nach Hause kam. Aber +wir waren schätzungsweise zwanzig Kilometer von +der Küste entfernt, und die wollen erst zurückgeflogen +sein. Der Motor ließ so sachte nach, +und ich machte mich schon im stillen auf ein +kaltes und feuchtes Bad gefaßt. Aber siehe da, +es ging! Der Riesenäppelkahn ließ sich mit +einem Motor und dem neuen Steuer großartig +deichseln, und wir erreichten noch glatt die Küste +und konnten dort sehr schön auf unserem nahen +Hafen landen.</p> + +<p>Glück muß der Mensch haben. Hätten wir nicht +das neue Steuer an diesem Tage ausprobiert, +wir wären rettungslos versoffen.</p> + + + + +<h2><span class="pagenum"><a name="Page_59" id="Page_59">[59]</a></span><a name="Ein_Tropfen_Blut_fuers_Vaterland" id="Ein_Tropfen_Blut_fuers_Vaterland"></a>Ein Tropfen Blut fürs Vaterland</h2> + +<p class="subheader">(Ostende)</p> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">V</span>erwundet bin ich eigentlich nie worden. Ich +habe wohl immer im entscheidenden Moment +den Kopf weggenommen und den Bauch eingezogen. +Oft habe ich mich gewundert, daß sie mich +nicht gehascht haben. Einmal ging mir ein Schuß +durch beide Pelzstiefel durch, ein andermal durch +meinen Schal, wieder einmal an meinem Arm +durch den Pelz und die Lederjacke durch, aber nie +hat es mich berührt.</p> + +<p>Da flogen wir eines schönen Tages mit +unserem Großkampfflugzeug los, um die Engländer +etwas mit Bomben zu erfreuen, erreichten +das Ziel, die erste Bombe fällt. Es ist natürlich +sehr interessant festzustellen, wie der Erfolg dieser +Bombe ist. Wenigstens den Einschlag möchte +man immer gerne sehen. Mein Großkampfflugzeug, +das sich für das Bombenschleppen ganz gut +eignete, hatte aber die dumme Eigenschaft, daß +man von der abgeworfenen Bombe den Einschlag +schlecht sehen konnte, denn das Flugzeug +schob sich nach dem Abwurf über das Ziel weg +und verdeckte es mit seinen Flächen vollkommen. +Dieses ärgerte mich immer, denn man hatte so +wenig Spaß davon. Wenn’s unten knallt und +man die lieblich grau-weiße Wolke der Explosion +<span class="pagenum"><a name="Page_60" id="Page_60">[60]</a></span>sieht und sie auch in der Nähe des Zieles liegt, +macht einem viel Freude. So winkte ich meinen +guten Zeumer ein und wollte eigentlich, daß er +so etwas mit dem Tragdeck beiseite ging. Dabei +vergaß ich, daß das infame Ding, mein Äppelkahn, +zwei Propeller hatte, die sich rechts und links +neben meinem Beobachtersitz drehten. Ich zeigte +ihm ungefähr den Einschlag der Bombe – und +patsch! habe ich eins auf die Finger. Etwas +verdutzt anfangs, stellte ich dann fest, daß mein +kleiner Finger zu Schaden gekommen war. +Zeumer hatte nichts gemerkt.</p> + +<p>Das Bombenwerfen war mir verleidet, schnell +wurde ich meine letzten Dinger los, und wir +machten, daß wir nach Hause kamen.</p> + +<p>Meine Liebe zum Großkampfflugzeug, die +sowieso etwas schwach war, hatte durch diesen +Bombenwurf schwer gelitten. Ich mußte nun +acht Tage lang hocken und durfte nicht mitfliegen. +Jetzt ist es nur noch ein Schönheitsfehler, aber +ich kann doch wenigstens mit Stolz sagen: »Ich +habe auch eine Kriegsverwundung.«</p> + + + + +<h2><span class="pagenum"><a name="Page_61" id="Page_61">[61]</a></span><a name="Mein_erster_Luftkampf" id="Mein_erster_Luftkampf"></a>Mein erster Luftkampf</h2> + +<p class="subheader">(1. <em class="gesperrt">September</em> 1915)</p> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">Z</span>eumer und ich hätten zu gerne mal einen Luftkampf +gehabt. Wir flogen natürlich unser Großkampfflugzeug. +Schon allein der Name des Kahnes +gab uns einen solchen Mut, daß wir es für ausgeschlossen +hielten, ein Gegner könnte uns entgehen.</p> + +<p>Wir flogen am Tage fünf bis sechs Stunden, +ohne je einen Engländer gesehen zu haben. Schon +ganz entmutigt begaben wir uns eines Morgens +wieder auf Jagd. Mit einemmal entdeckte ich einen +Farman, der ungeniert seine Aufklärung fliegen +wollte. Mir pochte das Herz, wie Zeumer auf +ihn zuflog. Ich war gespannt, was sich nun eigentlich +abspielen würde. Ich hatte nie einen Luftkampf +gesehen und machte mir nur ganz dunkle Vorstellungen, +so etwa wie du, mein lieber Leser.</p> + +<p>Ehe ich mich versah, waren wir beide, der Engländer +und ich, aneinander vorbeigesaust. Ich +hatte höchstens vier Schuß abgegeben, während +der Engländer plötzlich hinter uns saß und uns +den ganzen Laden voll schoß. Ich muß sagen, +ich hatte nicht das Gefühl der Gefahr, weil ich +mir auch gar nicht vorstellen konnte, wie nun +eigentlich das Endresultat so eines Kampfes +aussehen würde. Wir drehten uns noch einige +Male umeinander, bis schließlich der Engländer +<span class="pagenum"><a name="Page_62" id="Page_62">[62]</a></span>zu unserem größten Erstaunen ganz vergnügt +kehrtmachte und weiterflog. Ich war stark enttäuscht, +mein Führer auch.</p> + +<p>Zu Hause angekommen, waren wir beide sehr +schlechter Laune. Er machte mir Vorwürfe, ich +hätte schlecht geschossen, ich machte ihm Vorwürfe, +er hätte mich nicht recht zum Schuß gebracht – +kurz und gut, unsere Flugzeugehe, die sonst so +tadellos war, hatte mit einemmal einen Knacks.</p> + +<p>Wir beschauten uns unsere Kiste und stellten +fest, daß wir eigentlich eine ganz anständige Zahl +von Treffern drinnen hatten.</p> + +<p>Noch am selben Tage unternahmen wir einen +zweiten Jagdflug, der aber ebenso ergebnislos +blieb. Ich war sehr traurig, denn ich hatte es +mir bei einem Kampfgeschwader ganz anders vorgestellt. +Ich glaubte immer, wenn ich mal zum +Schuß käme, dann müßte der Bruder auch fallen. +Bald mußte ich mich aber davon überzeugen, +daß so ein Flugzeug ungeheuer viel verträgt. +Schließlich gelangte ich zu der Überzeugung, +ich könne noch so viel schießen und würde doch nie +einen ’runterbekommen.</p> + +<p>An Mut hatten wir es nicht fehlen lassen. Zeumer +konnte fliegen wie selten einer, und ich war ein +ganz leidlicher Kugelschütze. Wir standen also vor +einem Rätsel. Es ging nicht bloß mir alleine so, +sondern es geht noch heute vielen anderen ebenso. +Die Geschichte will eben wirklich verstanden sein.</p> + + + + + +<h2 class="nosub"><span class="pagenum"><a name="Page_63" id="Page_63">[63]</a></span><a name="In_der_Champagne-Schlacht" id="In_der_Champagne-Schlacht"></a>In der Champagne-Schlacht</h2> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">D</span>ie schöne Zeit in Ostende war nur sehr kurz, +denn bald entbrannte die Schlacht in der +Champagne, und wir flogen nach dieser Front, um +uns dort weiter mit dem Großkampfflugzeug zu +betätigen. Wir bemerkten bald, daß die Klamotte +zwar ein großes Flugzeug war, aber niemals ein +Kampfflugzeug abgab.</p> + +<p>Einmal flog ich mit Osteroth, der ein etwas +kleineres Flugzeug hatte als der Äppelkahn +(das Großkampfflugzeug). Etwa fünf Kilometer +hinter der Front trafen wir mit einem Farman-Zweisitzer +zusammen. Er ließ uns ruhig ’rankommen, +und ich sah zum ersten Male einen +Gegner so ganz aus nächster Nähe in der Luft. +Osteroth flog sehr geschickt so neben ihm her, +daß ich ihn gut unter Feuer nehmen konnte. Der +Gegner hatte uns wohl gar nicht bemerkt, denn +ich hatte bereits meine erste Ladehemmung, wie +er anfing, wiederzuschießen. Nachdem ich meinen +Patronenkasten von hundert Schuß verschossen +hatte, glaubte ich meinen Augen nicht trauen zu +können, wie mit einem Male der Gegner in ganz +seltsamen Spiralen niederging. Ich verfolgte +ihn mit den Augen und klopfte Osteroth auf den +Kopf. Er fällt, er fällt, und tatsächlich fiel er in +einen großen Sprengtrichter; man sah ihn darin +<span class="pagenum"><a name="Page_64" id="Page_64">[64]</a></span>auf dem Kopf stehen, Schwanz nach oben. Auf +der Karte stellte ich fest: fünf Kilometer hinter +der jetzigen Front lag er. Wir hatten ihn also +jenseits abgeschossen. In damaliger Zeit wurden +aber Abschüsse jenseits der Front nicht bewertet, +sonst hätte ich heute einen mehr auf meiner Liste. +Ich war aber sehr stolz auf meinen Erfolg, und +im übrigen ist es ja die Hauptsache, wenn der Kerl +unten liegt, also nicht, daß er einem als Abschuß +angerechnet wird.</p> + +<div class="figcenter" style="width: 400px;"> +<a href="images/illu_064.jpg"><img src="images/illu_064_th.jpg" width="400" height="244" alt="Der Entente-Brunnen auf einem Flugplatz im Westen" title="Der Entente-Brunnen auf einem Flugplatz im Westen" /></a> +<span class="caption">Der Entente-Brunnen auf einem Flugplatz im Westen</span> +</div> + +<div class="figcenter" style="width: 400px;"> +<a href="images/illu_065.jpg"><img src="images/illu_065_th.jpg" width="400" height="258" alt="Abtransport in die Heimat" title="Abtransport in die Heimat" /></a> +<span class="caption">Das erste Dutzend der von Richthofen abgeschossenen Apparate wird zum Abtransport +in die Heimat verladen</span> +</div> + + + + +<h2 class="nosub"><span class="pagenum"><a name="Page_65" id="Page_65">[65]</a></span><a name="Wie_ich_Boelcke_kennenlernte" id="Wie_ich_Boelcke_kennenlernte"></a>Wie ich Boelcke kennenlernte</h2> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">Z</span>eumer verpaßte sich in dieser Zeit einen +Fokker-Eindecker, und ich konnte zusehen, wie +er allein durch die Welt segelte. Die Champagne-Schlacht +tobte. Die französischen Flieger machten +sich bemerkbar. Wir sollten zu einem Kampfgeschwader +zusammengestellt werden und fuhren +am 1. Oktober 1915 nach. Im Speisewagen saß +am Nebentisch ein junger unscheinbarer Leutnant. +Es lag auch kein Grund für ihn vor, besonders +aufzufallen, nur eine Tatsache stand fest: er war +von uns allen der einzige, der bereits mal einen +feindlichen Flieger abgeschossen hatte, und zwar +nicht nur einen, sondern schon vier. Er war sogar +mit Namen im Heeresbericht genannt. Er +imponierte mir auf Grund seiner Erfahrungen +ganz rasend. Ich konnte mir noch so große Mühe +geben, ich hatte bis dahin noch immer keinen zur +Strecke, jedenfalls war mir noch keiner anerkannt +worden. Zu gerne hätte ich erfahren, wie dieser +Leutnant Boelcke das nun eigentlich machte. So +stellte ich an ihn die Frage: »Sagen Sie mal +bloß, wie machen Sie’s denn eigentlich?« Er +lachte sehr belustigt, dabei hatte ich aber wirklich +ernst gefragt. Dann antwortete er mir: »Ja, +Herrgott, ganz einfach. Ich fliege eben ran und +ziele gut, dann fällt er halt herunter.« Ich +<span class="pagenum"><a name="Page_66" id="Page_66">[66]</a></span>schüttelte bloß den Kopf und meinte, das täte +ich doch auch, bloß daß er eben bei mir nicht +’runterfiele. Der Unterschied war allerdings der, +er flog Fokker und ich mein Großkampfflugzeug.</p> + +<p>Ich gab mir Mühe, diesen netten bescheidenen +Menschen, der mir wahnsinnig imponierte, näher +kennenzulernen. Wir spielten oft Karten zusammen, +gingen spazieren, und ich fragte ihn aus. +So reifte in mir der Entschluß: »Du mußt selber +einen Fokker fliegen lernen, dann wird es vielleicht +besser gehen.«</p> + +<p>Mein Sinnen und Trachten ging nun dahin, +zu lernen, selbst »den Knüppel zu führen«. Denn +ich war bisher immer nur Beobachter gewesen. +Es bot sich bald Gelegenheit, auf einer alten +Klamotte in der Champagne zu schulen. Ich +betrieb das mit großem Eifer und war nach fünfundzwanzig +Schulflügen vor dem Alleinflug.</p> + + + + +<h2><span class="pagenum"><a name="Page_67" id="Page_67">[67]</a></span><a name="Der_erste_Alleinflug" id="Der_erste_Alleinflug"></a>Der erste Alleinflug</h2> + +<p class="subheader">(10. <em class="gesperrt">Oktober</em> 1915)</p> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">E</span>s gibt so einige Augenblicke im Leben, die +einen besonderen Nervenkitzel verursachen, +so z. B. der erste Alleinflug.</p> + +<p>Zeumer, mein Lehrer, erklärte mir eines +Abends: »So, nun flieg’ mal alleine los.« Ich +muß sagen, daß ich ihm am liebsten geantwortet +hätte: »Ich habe zu große Angst.« Aber dies +Wort soll ja der Vaterlandsverteidiger niemals in +den Mund nehmen. Also mußte ich wohl oder +übel meinen Schweinehund ’runterschlucken und +mich in die Maschine setzen.</p> + +<p>Er erklärte mir noch einmal jeden Griff theoretisch; +ich hörte nur noch mit halbem Ohre zu, +denn ich war der festen Überzeugung: Du vergißt +doch die Hälfte.</p> + +<p>Ich rollte zum Start, gab Gas, die Maschine +bekam ihre bestimmte Geschwindigkeit, und mit +einem Male konnte ich nicht umhin, festzustellen, +daß ich tatsächlich flog. Es war schließlich kein +ängstliches, sondern ein verwegenes Gefühl. Mir +war jetzt alles Wurscht. Mochte passieren, was da +wollte, ich wäre über nichts mehr erschrocken gewesen. +Mit Todesverachtung machte ich eine +Riesenlinkskurve, stellte an dem genau bezeichneten +Baum das Gas ab und wartete der Dinge, +<span class="pagenum"><a name="Page_68" id="Page_68">[68]</a></span>die sich nun ereignen würden. Nun kam das +Schwierigste, die Landung. Mir waren die notwendigen +Handgriffe genau in Erinnerung. +Ich machte sie mechanisch nach, jedoch reagierte +die Maschine ganz anders als sonst, wo Zeumer +drin saß. Ich war aus dem Gleichgewicht gebracht, +machte einige falsche Bewegungen, stand +auf dem Kopf, und schon gab es wieder mal eine +»Schulmaschine«. Sehr traurig beguckte ich mir +den Schaden, der sich zum Glück bald beheben ließ, +und hatte im übrigen noch den Spott auf meiner +Seite.</p> + +<p>Zwei Tage später ging ich mit rasender Passion +wieder an mein Flugzeug, und siehe da, es ging +wunderbar.</p> + +<p>Nach vierzehn Tagen konnte ich die erste Prüfung +machen. Ein Herr v. T. war Richter. Ich +flog die mir vorgeschriebenen Achten und die mir +befohlenen Landungen, worauf ich sehr stolz +ausstieg und nun zu meinem größten Erstaunen +hörte, daß ich durchgefallen sei. Mir blieb nichts +anderes übrig, als später meine erste Prüfung +noch einmal zu machen.</p> + + + + +<h2 class="nosub"><span class="pagenum"><a name="Page_69" id="Page_69">[69]</a></span><a name="Aus_meiner_Doeberitzer_Ausbildungszeit" id="Aus_meiner_Doeberitzer_Ausbildungszeit"></a>Aus meiner Döberitzer Ausbildungszeit</h2> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">U</span>m meine Examina bestehen zu können, mußte +ich aber nach Berlin. Ich benutzte die Gelegenheit, +um als Beobachter ein Riesenflugzeug +in Berlin auf den Schwung zu bringen, und ließ +mich dazu nach Döberitz kommandieren (15. November +1915). Für das Riesenflugzeug hatte ich +anfangs großes Interesse. Aber es ist komisch, +gerade durch das Riesending wurde mir klar, +daß nur das kleinste Flugzeug für meine Zwecke +als Kampfflieger etwas taugen kann. So ein +großer Äppelkahn ist zum Kämpfen zu unbeweglich, +und das ist ja eben die Hauptsache für mein +Geschäft.</p> + +<p>Der Unterschied zwischen einem Großkampfflugzeug +und einem Riesenflugzeug ist der, daß +das Riesenflugzeug noch erheblich größer ist und +mehr dem Zwecke für Bomben dient und weniger +zum Kampfe.</p> + +<p>Meine Prüfungen machte ich nun in Döberitz, +zusammen mit einem lieben Menschen, Oberleutnant +v. Lyncker. Wir beide vertrugen uns gut +und hatten dieselben Passionen, auch dieselbe +Auffassung über unsere spätere Tätigkeit. Unser +Ziel war Fokkerfliegen, um zusammen zu einer +Jagdstaffel nach dem Westen zu kommen. Ein +<span class="pagenum"><a name="Page_70" id="Page_70">[70]</a></span>Jahr später haben wir es erreicht, zusammenwirken +zu können, wenn auch nur für kurze Zeit, +denn meinen guten Freund ereilte bei seinem +dritten Abschuß die tödliche Kugel.</p> + +<p>Oft haben wir in Döberitz lustige Stunden +verlebt. So war z. B. eine Bedingung: »Außenlandungen.«</p> + +<p>Ich verband bei dieser Gelegenheit das Notwendige +mit dem Angenehmen. Zu meinem +Außenlandeplatz suchte ich mir ein mir bekanntes +Gut Buchow aus. Dort war ich auf Saujagd +eingeladen, bloß vertrug sich die Sache schlecht mit +meinem Dienst, denn an schönen Abenden wollte +ich fliegen und trotzdem meiner Jagdpassion nachgehen. +So legte ich mir meinen Außenlandeplatz +so, daß ich von dort aus bequem meine Jagdgründe +erreichen konnte.</p> + +<p>Ich nahm mir einen zweiten Piloten als Beobachter +mit und schickte diesen abends zurück. Nachts +setzte ich mich auf Sauen an und wurde am nächsten +Morgen von diesem Piloten wieder abgeholt.</p> + +<p>Wenn ich nicht hätte abgeholt werden können, +so wäre ich ziemlich auf dem Trockenen gewesen, +da mir ein Fußmarsch von etwa zehn Kilometern +geblüht hätte. So brauchte ich einen Mann, der +mich bei jedem Wetter von meinem Hochsitz abholte. +Es ist aber nicht jedermanns Sache, auf +Wetter gar keine Rücksicht zu nehmen, doch es +gelang mir, einen Gesinnungstüchtigen zu finden.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_71" id="Page_71">[71]</a></span>Eines Morgens, nachdem ich die Nacht wieder +draußen zugebracht hatte, begann ein ungeheures +Schneegestöber. Man konnte nicht fünfzig Meter +weit sehen. Acht Uhr war es gerade, die angegebene +Zeit, zu der mich der Pilot abholen sollte. +Im stillen hoffte ich, er würde es diesmal sein +lassen. Aber mit einem Male hörte ich ein +Summen – sehen konnte ich nichts – fünf +Minuten später lag mein schöner Vogel etwas +verbogen vor mir.</p> + + + + +<h2 class="nosub"><span class="pagenum"><a name="Page_72" id="Page_72">[72]</a></span><a name="Erste_Zeit_als_Pilot" id="Erste_Zeit_als_Pilot"></a>Erste Zeit als Pilot</h2> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">A</span>m Weihnachtstage 1915 machte ich mein +drittes Examen. Ich verband damit einen +Flug nach Schwerin und sah mir dort die Fokker-Werke +an. Als Beobachter nahm ich mir meinen +Monteur mit und flog dann später mit ihm von +Berlin nach Breslau, von Breslau nach Schweidnitz, +von Schweidnitz nach Lüben, von Lüben +nach Berlin, überall zwischenlandend, Bekannte +und Verwandte aufsuchend. Das Orientieren im +Flugzeug fiel mir als altem Beobachter nicht schwer.</p> + +<p>März war ich beim Kampfgeschwader 2 vor Verdun +und lernte nun den Luftkampf als Flugzeugführer, +d. h. ich lernte, das Flugzeug im Kampfe +zu beherrschen. Ich flog dazu einen Zweisitzer.</p> + +<p class="thoughtbreak">*</p> + +<p>Im Heeresbericht vom 26. April 1916 bin ich +zum ersten Male, wenn auch nicht persönlich +genannt, so doch durch eine meiner Taten erwähnt. +Ich hatte mir auf meine Maschine ein +Gewehr oben zwischen die Tragdecks im Geschmack, +wie es der Nieuport hat, aufgebaut und war +auf diese Konstruktion allein schon sehr stolz. Man +lachte wohl etwas darüber, denn sie sah sehr +primitiv aus. Ich schwor natürlich darauf und +hatte bald Gelegenheit, sie praktisch zu verwerten.</p> + +<p>Ich begegnete einem Nieuport, der scheinbar auch +<span class="pagenum"><a name="Page_73" id="Page_73">[73]</a></span>Anfänger war, denn er benahm sich furchtbar töricht. +Ich flog auf ihn zu, worauf er ausriß. Offenbar +hatte er eine Ladehemmung. Ich hatte nicht das Gefühl, +als ob ich kämpfen würde, vielmehr: »Was wird +jetzt erfolgen, wenn du auf ihn schießt?« Ich fliege +’ran, zum erstenmal auf eine ganz, ganz nahe Entfernung, +drücke auf den Knopf des Maschinengewehrs, +eine kurze Serie wohlgezielter Schüsse, mein +Nieuport bäumt sich auf und überschlägt sich. Anfangs +glaubten wir, mein Beobachter und ich, es +sei eins der vielen Kunststücke, die einem die Franzosen +vorzumachen pflegen. Dieses Kunststück wollte +aber nicht aufhören, es ging immer tiefer, immer +tiefer; da klopft mir mein »Franz« auf den Kopf +und ruft mir zu: »Ich gratuliere, der fällt!« +Tatsächlich fiel er in einen Wald hinter dem Fort +Douaumont und verschwand zwischen den Bäumen. +»Den hast du abgeschossen,« das war mir +klar. Aber – jenseits! Ich flog nach Hause, +meldete weiter nichts als: »Ein Luftkampf, ein +Nieuport abgeschossen.« Einen Tag darauf las +ich diese meine Heldentat im Heeresbericht. Ich +war nicht schlecht stolz darauf, aber zu meinen +zweiundfünfzig zählt dieser Nieuport nicht.</p> + +<p class="thoughtbreak">*</p> + +<div class="blockquote"> +<p class="center"> +<em class="gesperrt">Heeresbericht vom</em> 26. <em class="gesperrt">April</em> 1916<br /> +</p> + +<p>Zwei feindliche Flugzeuge sind über Fleury, +südlich von Douaumont und westlich davon, im +Luftkampf abgeschossen.</p> +</div> + + + + + +<h2><span class="pagenum"><a name="Page_74" id="Page_74">[74]</a></span><a name="Holck" id="Holck"></a>Holck †</h2> + +<p class="subheader">(30. <em class="gesperrt">April</em> 1916)</p> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">A</span>ls junger Flugzeugführer flog ich mal bei +einem Jagdfluge über das Fort Douaumont +hinweg, auf dem gerade heftiges Trommelfeuer +lag. Da sah ich, wie ein deutscher Fokker drei +Caudrons angriff. Zu seinem Pech war aber +sehr starker Westwind. Also ungünstiger Wind. +Er wurde im Laufe des Kampfes über die Stadt +Verdun hinausgetrieben. Ich machte meinen +Beobachter darauf aufmerksam, der auch meinte, +das muß ein ganz schneidiger Kerl sein. Wir +überlegten, ob es Boelcke sein könnte, und wollten +uns nachher danach erkundigen. Da sah ich aber +zu meinem Schrecken, wie aus dem Angreifer +ein Verteidiger wurde. Der Deutsche wurde von +den Franzosen, die sich mittlerweile auf mindestens +zehn Flugzeuge verstärkt hatten, immer mehr +heruntergedrückt. Ihm zu Hilfe kommen, konnte +ich nicht. Ich war zu weit ab von den Kämpfenden +und kam zudem in meiner schweren Maschine +nicht gegen den Wind an. Der Fokker +wehrte sich verzweifelt. Jetzt hatten ihn die Feinde +schon mindestens auf sechshundert Meter heruntergedrückt. +Da wurde er plötzlich von einem +seiner Verfolger erneut angegriffen. Er verschwand +in einem Sturzflug in einer Kumuluswolke. +<span class="pagenum"><a name="Page_75" id="Page_75">[75]</a></span>Ich atmete auf, denn das war meiner +Ansicht nach seine Rettung.</p> + +<p>Zu Hause angekommen, erzählte ich, was ich +gesehen hatte, und erfuhr, daß es Holck, mein +alter Kampfgenosse aus dem Osten, war, der vor +kurzem vor Verdun Jagdflieger geworden war.</p> + +<p>Mit Kopfschuß war Graf Holck senkrecht abgestürzt. +Es ging mir sehr nahe, denn er war +nicht bloß ein Vorbild an Schneid, er war eben +auch als Mensch eine Persönlichkeit, wie es nur +wenige gibt.</p> + + + + +<h2 class="nosub"><span class="pagenum"><a name="Page_76" id="Page_76">[76]</a></span><a name="Ein_Gewitterflug" id="Ein_Gewitterflug"></a>Ein Gewitterflug</h2> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">U</span>nsere Tätigkeit vor Verdun im Sommer +1916 wurde durch häufige Gewitterstürme +gestört. Nichts Unangenehmeres gibt es für einen +Flieger, als durch ein Gewitter hindurch zu müssen. +Während der Somme-Schlacht zum Beispiel +landete ein ganzes englisches Geschwader hinter +unseren Linien, weil es durch ein Gewitter überrascht +wurde. Es geriet so in Gefangenschaft.</p> + +<p>Ich hatte noch nie den Versuch gemacht, durch +ein Gewitter hindurchzufliegen, und konnte es +mir nicht verkneifen, das doch mal auszuprobieren. +In der Luft war den ganzen Tag eine richtige +Gewitterstimmung. Von meinem Flughafen +Mont war ich nach dem nahen Metz hinübergeflogen, +um dort einiges zu erledigen. Da ereignete +sich bei meinem Nachhauseflug folgendes:</p> + +<p>Ich war auf dem Flugplatz in Metz und wollte +nach meinem Flughafen zurück. Wie ich meine +Maschine aus der Halle zog, machten sich die ersten +Anzeichen eines nahen Gewittersturmes bemerkbar. +Der Wind kräuselte den Sand, und eine +pechschwarze Wand zog von Norden her heran. +Alte, erfahrene Piloten rieten mir dringend ab, +zu fliegen. Ich hatte aber fest versprochen zu +kommen, und es wäre mir furchtsam erschienen, +wenn ich wegen eines dummen Gewitters ausgeblieben +<span class="pagenum"><a name="Page_77" id="Page_77">[77]</a></span>wäre. Also, Gas gegeben und mal +probiert! Schon beim Start fing’s an zu regnen. +Die Brille mußte ich wegwerfen, um überhaupt +etwas sehen zu können. Das Üble war, daß ich +über die Moselberge wegmußte, durch deren Täler +gerade der Gewittersturm brauste. Ich dachte +mir: »Nur zu, es wird schon glücken,« und näherte +mich mehr und mehr der schwarzen Wolke, die +bis auf die Erde herunterreichte. Ich flog so +niedrig wie möglich. Über Häuser und Baumreihen +mußte ich teilweise hinwegspringen. Wo +ich war, wußte ich schon lange nicht mehr. Der +Sturm erfaßte meinen Apparat wie ein Stück +Papier und trieb ihn vor sich her. Mir saß das +Herz doch etwas tiefer. Landen konnte ich nicht mehr +in den Bergen, also mußte durchgehalten werden.</p> + +<p>Um mich herum war es schwarz, unter mir +bogen sich die Bäume im Sturm. Plötzlich lag +vor mir eine bewaldete Höhe. Ich mußte auf sie +zu, mein guter Albatros schaffte es und riß mich +darüber hinweg. Ich konnte nur noch geradeaus +fliegen; jedes Hindernis, das kam, mußte genommen +werden. Es war die reine Springkonkurrenz +über Bäume, Dörfer, besonders +Kirchtürme und Schornsteine, da ich höchstens +noch fünf Meter hoch fliegen konnte, um in der +schwarzen Gewitterwolke überhaupt noch etwas +zu sehen. Um mich herum zuckten die Blitze. Ich +wußte damals noch nicht, daß der Blitz nicht in +<span class="pagenum"><a name="Page_78" id="Page_78">[78]</a></span>das Flugzeug schlagen kann. Ich glaubte den +sicheren Tod vor Augen zu haben, denn der Sturm +mußte mich bei der nächsten Gelegenheit in ein +Dorf oder in einen Wald werfen. Hätte der +Motor ausgesetzt, so wäre ich erledigt gewesen.</p> + +<p>Da sah ich mit einem Male vor mir eine helle +Stelle am Horizont. Dort hörte das Gewitter +auf; erreichte ich diesen Punkt, so war ich gerettet. +Die ganze Energie zusammennehmend, die ein +junger, leichtsinniger Mensch haben kann, steuerte +ich darauf zu.</p> + +<p>Plötzlich, wie abgerissen, war ich aus der Gewitterwolke +heraus, flog zwar noch im strömenden +Regen, aber fühlte mich im übrigen geborgen.</p> + +<p>Noch immer bei strömendem Regen landete ich +in meinem Heimatshafen, wo schon alles auf mich +wartete, da von Metz bereits die Nachricht eingetroffen +war, ich sei in einer Gewitterwolke, +Richtung dorthin, verschwunden.</p> + +<p>Nie wieder werde ich, wenn es nicht mein +Vaterland von mir fordert, durch einen Gewittersturm +hindurchfliegen.</p> + +<p>In der Erinnerung ist alles schön, so gab es +auch dabei schöne Momente, die ich nicht in meinem +Fliegerdasein missen möchte.</p> + + + + +<h2 class="nosub"><span class="pagenum"><a name="Page_79" id="Page_79">[79]</a></span><a name="Das_erstemal_auf_einem_Fokker" id="Das_erstemal_auf_einem_Fokker"></a>Das erstemal auf einem Fokker</h2> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">V</span>on Anfang meiner Pilotenlaufbahn an hatte +ich nur ein Streben, und das war, in einem +einsitzigen Kampfflugzeug fliegen zu dürfen. Nach +langem Quälen bei meinem Kommandeur hatte +ich die Erlaubnis ’rausgeschunden, einen Fokker +zu schaukeln. Der Motor, der sich um sich selbst +drehte, war mir etwas ganz Neues. Auch so +allein in einem kleinen Flugzeug zu sitzen, war +mir fremd.</p> + +<p>Ich besaß mit einem Freund, der jetzt schon +lange tot ist, zusammen diesen einen Fokker. +Vormittags flog ich ihn, nachmittags er. Jeder +hatte Angst, der andere könne die Kiste eher zerschmeißen. +Am zweiten Tage flogen wir gegen +den Feind. Mir war vormittags kein Franzose +begegnet, nachmittags kam der andere an die +Reihe. Er kam nicht wieder, keine Nachricht, nichts. +Spätabends meldete die Infanterie einen Luftkampf +zwischen einem Nieuport und einem deutschen +Fokker, nach dessen Verlauf der Deutsche +scheinbar jenseits auf dem Toten Mann gelandet +wäre. Es konnte nur Reimann sein, denn alle +anderen waren zurückgekommen. Wir bedauerten +unseren kühnen Kameraden, da plötzlich kam +nachts die telephonische Nachricht, ein deutscher +Fliegeroffizier sei mit einem Male im vordersten +<span class="pagenum"><a name="Page_80" id="Page_80">[80]</a></span>Sappenkopf der Infanteriestellung auf dem +Toten Mann erschienen. Er entpuppte sich als +Reimann. Ihm war der Motor zerschossen +worden, so daß er zur Notlandung gezwungen +war. Er hatte dabei unsere Linien nicht mehr +erreichen können und war zwischen dem Feind +und uns gelandet. Schnell hatte er noch seine +Maschine in Brand gesteckt und sich dann einige +hundert Meter davon in einem Sprengtrichter +verborgen gehalten. In der Nacht war er dann +als Schleichpatrouille in unseren Gräben erschienen. +So endete zum ersten Male unser Aktienunternehmen: +»Der Fokker«.</p> + +<p class="thoughtbreak">*</p> + +<p>Nach einigen Wochen bekamen wir einen +zweiten. Diesmal fühlte ich mich verpflichtet, +das gute Ding ins Jenseits zu befördern. Es +war vielleicht mein dritter Flug auf der kleinen, +schnellen Maschine. Beim Start setzte der Motor +aus. Ich mußte hinunter, gerade in ein Haferfeld +hinein, und im Umsehen war aus dem stolzen, +schönen Apparat bloß noch eine unkenntliche Masse +geworden. Wie durch ein Wunder war mir +nichts passiert.</p> + + + + +<h2 class="nosub"><span class="pagenum"><a name="Page_81" id="Page_81">[81]</a></span><a name="Bombenfluege_in_Russland" id="Bombenfluege_in_Russland"></a>Bombenflüge in Rußland</h2> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">J</span>uni hieß es plötzlich verladen. Wir wußten +nicht, wo es hinging, aber den richtigen +Tip hatten wir und waren deshalb nicht übermäßig +erstaunt, wie uns unser Kommandeur +mit der Neuigkeit überraschte, daß wir nach Rußland +gingen. Wir fuhren durch ganz Deutschland +mit unserem Wohnzug, aus Speise- und Schlafwagen +bestehend, und kamen schließlich nach +Kowel. Dort blieben wir in unseren Eisenbahnwagen +wohnen. Dieses Wohnen in Zügen hat +ja nun natürlich sehr viel Vorteile. Man ist stets +fertig, um weiterzureisen, und man hat immer +dasselbe Quartier.</p> + +<p>Aber in der russischen Sommerhitze ist so ein +Schlafwagen das Fürchterlichste, was es geben +kann. Deshalb zog ich es vor, mit zwei guten +Freunden, Gerstenberg und Scheele, in den nahen +Wald zu ziehen, wo wir uns ein Zelt aufbauten +und wie Zigeuner lebten. Das waren schöne Zeiten.</p> + +<p class="thoughtbreak">*</p> + +<p>In Rußland warf unser Kampfgeschwader viel +Bomben. Wir beschäftigten uns damit, die Russen +zu ärgern, und legten auf ihre schönsten Bahnanlagen +unsere Eier. An einem dieser Tage zog +unser ganzes Geschwader los, um eine sehr wichtige +Bahnhofsanlage zu bewerfen. Das Nest +<span class="pagenum"><a name="Page_82" id="Page_82">[82]</a></span>hieß Manjewicze und lag etwa dreißig Kilometer +hinter der Front, also nicht so übertrieben weit. +Die Russen hatten einen Angriff geplant, und +zu diesem Zweck war der Bahnhof ganz ungeheuerlich +mit Zügen angefüllt. Ein Zug stand neben +dem anderen, eine ganze Strecke war mit fahrenden +Zügen belegt. Man konnte das von oben +sehr schön sehen; an jeder Ausweichstelle stand ein +Transportzug. Also ein wirklich lohnendes Ziel +für einen Bombenflug.</p> + +<p>Man kann sich für alles begeistern. So hatte +ich mich mal für eine Weile für dieses Bombenfliegen +begeistert. Es machte mir einen unheimlichen +Spaß, die Brüder da unten zu bepflastern. +Oft zog ich an einem Tage zweimal los. An +diesem Tage hatten wir uns also Manjewicze +zum Ziele gesteckt. Jede Staffel für sich zog +geschlossen gen Rußland. Die Maschinen standen +am Start, jeder Flugzeugführer versuchte noch +einmal seinen Motor, denn es ist eine peinliche +Sache, auf der falschen Partei notzulanden und +besonders in Rußland. Der Russe ist auf Flieger +wie wild. Kriegt er einen zu fassen, schlägt er ihn +ganz bestimmt tot. Das ist auch die einzige Gefahr +in Rußland, denn feindliche Flieger gibt es da +nicht, oder so gut wie gar nicht. Kommt mal einer +vor, so hat er sicherlich Pech und wird abgeschossen. +Die Ballonabwehrgeschütze in Rußland sind +manchmal ganz gut, aber ihre Zahl nicht ausreichend. +<span class="pagenum"><a name="Page_83" id="Page_83">[83]</a></span>Gegen den Westen jedenfalls ist das +Fliegen im Osten eine Erholung.</p> + +<p class="thoughtbreak">*</p> + +<p>Die Maschinen rollen schwer bis an den Startplatz. +Sie sind bis auf ihr letztes Ladegewicht mit +Bomben angefüllt. Ich schleppte manchmal einhundertfünfzig +Kilogramm Bomben mit einem +ganz normalen C-Flugzeug. Außerdem hatte ich +noch einen schweren Beobachter mit, dem man +die Fleischnot gar nicht ansah, ferner »für den +Fall, daß« noch zwei Maschinengewehre. Ich habe +sie nie in Rußland ausprobieren können. Es ist +sehr schade, daß in meiner Sammlung kein Russe +vorhanden ist. An der Wand würde sich seine +Kokarde gewiß ganz malerisch machen. So ein +Flug mit einer dicken, schwerbeladenen Maschine, +besonders in der russischen Mittagsglut, ist nicht +von Pappe. Die Kähne schaukeln sehr unangenehm. +Runterfallen tun sie natürlich nicht, dafür sorgen +die einhundertfünfzig »Pferde«, aber es ist doch +kein angenehmes Gefühl, so viel Sprengladung +und Benzin bei sich zu haben. Endlich ist man +in einer ruhigeren Luftschicht und kommt allmählich +zu dem Genuß des Bombenfluges. Es +ist schön, geradeaus zu fliegen, ein bestimmtes +Ziel zu haben und einen festen Auftrag. Man +hat nach einem Bombenwurf das Gefühl: Du +hast etwas geleistet, während man manchmal +bei einem Jagdflug, wo man keinen abgeschossen +<span class="pagenum"><a name="Page_84" id="Page_84">[84]</a></span>hat, sich sagen muß: Du hättest es besser machen +können. Ich habe sehr gern Bomben geworfen. +Mein Beobachter hatte es sachte sehr ordentlich +wegbekommen, das Ziel genau senkrecht zu +überfliegen und mit Hilfe eines Zielfernrohres +den guten Augenblick abzupassen, um sein Ei zu +legen. Es ist ein schöner Flug nach Manjewicze. +Ich habe ihn öfters hinter mir.</p> + +<p>Wir kamen über riesige Waldkomplexe, in denen +gewiß die Elche und Luchse herumturnen. Die +Dörfer sahen allerdings auch so aus, als ob sich +die Füchse darin Gute Nacht sagen könnten. Das +einzige größere Dorf in der ganzen Gegend war +Manjewicze. Um das Dorf herum waren zahllose +Zelte aufgeschlagen und am Bahnhof selbst +unzählige Baracken. Rote Kreuze konnten wir +nicht erkennen. Vor uns war eine Staffel dagewesen. +Dieses konnte man an einzelnen rauchenden +Häusern und Baracken noch feststellen. +Sie hatte nicht schlecht geworfen. Der eine Ausgang +des Bahnhofs war durch einen Treffer +offenbar versperrt. Die Lokomotive dampfte noch. +Gewiß waren die Herren Zugführer irgendwo +in einem Unterstand oder so was Ähnlichem. +Auf der anderen Seite fuhr gerade eine Lokomotive +mit großer Fahrt heraus. Natürlich +reizte einen das, das Ding zu treffen. Wir +fliegen das Ding an und setzen einige hundert +Meter davor eine Bombe. Der gewünschte Erfolg +<span class="pagenum"><a name="Page_85" id="Page_85">[85]</a></span>war da, die Lokomotive blieb stehen. Wir machen +kehrt und werfen noch sauber Bombe für Bombe, +fein gezielt durch das Zielfernrohr, auf den +Bahnhof. Wir haben ja Zeit, es stört uns niemand. +Ein feindlicher Flughafen ist zwar ganz +in der Nähe, aber seine Piloten sind nicht zu sehen. +Abwehrgeschütze knallen nur ganz vereinzelt und +in einer ganz anderen Richtung als wir fliegen. +Wir heben uns noch eine Bombe auf, um sie +besonders nutzbringend beim Nachhauseflug anzuwenden. +Da sehen wir, wie ein feindlicher +Flieger auf seinem Hafen startet. Ob er sich wohl +mit dem Gedanken trägt, uns anzugreifen? Ich +glaube es nicht. Viel eher sucht er Sicherheit in +der Luft, denn das ist bei Bombenflügen auf Flughäfen +ganz gewiß das bequemste, sich der persönlichen +Lebensgefahr zu entziehen.</p> + +<p>Wir machen noch einige Umwege und suchen +Truppenlager, denn das macht besonderen Spaß, +die Herren da unten mit Maschinengewehren zu +beunruhigen. Solche halbwilden Völkerstämme +wie die Asiaten haben noch viel mehr Angst als +die gebildeten Engländer. Besonders interessant +ist es, auf feindliche Kavallerie zu schießen. Es +bringt ungeheure Unruhe unter die Leute. Man +sieht sie mit einem Male nach allen Himmelsrichtungen +davonsausen. Ich möchte nicht Schwadronschef +von so einer Kosakeneskadron sein, die +von Fliegern mit Maschinengewehren beschossen +<span class="pagenum"><a name="Page_86" id="Page_86">[86]</a></span>wird. Allmählich konnten wir wieder unsere +Linien sehen. Nun wurde es Zeit, daß wir unsere +letzte Bombe loswurden. Wir beschlossen, einen +Fesselballon, »<em class="gesperrt">den</em>« Fesselballon der Russen, mit +einer Bombe zu bedenken. Wir konnten ganz +gemütlich auf wenige hundert Meter heruntergehen +und den Fesselballon bewerfen. Anfangs +wurde er mit großer Hast eingezogen, wie aber +die Bombe gefallen war, hörte das Einziehen auf. +Ich erklärte es mir dadurch, nicht etwa, daß ich +getroffen hatte, sondern eher, daß die Russen +ihren Hetman da oben in dem Korb im Stich +ließen und weggelaufen waren. Wir erreichten +schließlich unsere Front, unsere Gräben und waren, +als wir zu Hause ankamen, doch etwas erstaunt, +wie wir feststellten, daß man uns von unten doch +beschossen hatte, wenigstens zeigte dies ein Treffer +in der Tragfläche.</p> + +<p class="thoughtbreak">*</p> + +<p>Ein andermal waren wir gleichfalls etwa in +derselben Gegend auf einen Angriff der Russen +angesetzt, die den Stochod zu überschreiten beabsichtigten. +Wir kamen an die gefährdete Stelle, +mit Bomben beladen und sehr viel Patronen fürs +Maschinengewehr, und da sahen wir zu unserer +großen Überraschung, wie bereits der Stochod +von feindlicher Kavallerie überschritten wird. +Eine einzige Brücke diente zum Nachschub. Also +war es klar: Trifft man diese, so kann man dem +<span class="pagenum"><a name="Page_87" id="Page_87">[87]</a></span>Feind ungeheuer schaden. Außerdem wälzten sich +über den schmalen Steg dicke Truppenmassen. +Wir gingen auf möglichst niedrige Höhe hinunter +und konnten nun genau erkennen, daß die feindliche +Kavallerie in großer Geschwindigkeit über +den Übergang marschierte. Die erste Bombe +krachte nicht weit von ihr, die zweite, dritte folgte +unmittelbar darauf. Unten entsteht eine wüste +Unordnung. Die Brücke ist zwar nicht getroffen, +aber nichtsdestotrotz hat der Verkehr vollständig +aufgehört, und alles, was Beine hat, ist nach allen +Himmelsrichtungen davon. Der Erfolg war gut, +denn das waren nur drei Bomben; es kam ja +noch das ganze Geschwader hinterher. Und so +konnten wir noch manches erreichen. Mein +Beobachter schoß feste mit dem Maschinengewehr +unter die Brüder, und wir hatten einen wilden +Spaß daran. Was unser positiver Erfolg war, +kann ich natürlich nicht sagen. Die Russen haben +es mir auch nicht erzählt. Aber eingebildet habe +ich mir, daß ich den russischen Angriff allein abgeschlagen +habe. Ob es stimmt, wird die Kriegschronik +der Russen nach dem Kriege mir wohl +mitteilen.</p> + + + + +<h2 class="nosub"><span class="pagenum"><a name="Page_88" id="Page_88">[88]</a></span><a name="Endlich" id="Endlich"></a>Endlich!</h2> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">D</span>ie Augustsonne war fast unerträglich auf dem +sandigen Flugplatz in Kowel. Wir unterhielten +uns mit den Kameraden, da erzählte +einer: »Heute kommt der große Boelcke und will +uns, oder vielmehr seinen Bruder, in Kowel besuchen.« +Abends erschien der berühmte Mann, +von uns sehr angestaunt, und erzählte vieles +Interessante von seiner Reise nach der Türkei, von +der er gerade auf dem Rückwege war, um sich im +Großen Hauptquartier zu melden. Er sprach +davon, daß er an die Somme ginge, um dort +seine Arbeit fortzusetzen, auch sollte er eine ganze +Jagdstaffel aufstellen. Zu diesem Zwecke konnte +er sich aus der Fliegertruppe ihm geeignet erscheinende +Leute aussuchen. Ich wagte nicht, ihn +zu bitten, daß er mich mitnähme. Nicht aus dem +Grunde heraus, daß es mir bei unserem Geschwader +zu langweilig gewesen wäre – im Gegenteil, +wir machten große und interessante Flüge, +haben den Rußkis mit unseren Bomben so manchen +Bahnhof eingetöppert – aber der Gedanke, +wieder an der Westfront zu kämpfen, reizte mich. +Es gibt eben nichts Schöneres für einen jungen +Kavallerieoffizier, als auf Jagd zu fliegen.</p> + +<p>Am nächsten Morgen sollte Boelcke wieder wegfahren. +Frühmorgens klopfte es plötzlich an +<span class="pagenum"><a name="Page_89" id="Page_89">[89]</a></span>meiner Tür, und vor mir stand der große Mann +mit dem <em class="antiqua">Pour le mérite</em>. Ich wußte nicht recht, +was er von mir wollte. Ich kannte ihn zwar, wie +bereits erwähnt, aber auf den Gedanken kam ich +nicht, daß er mich dazu aufgesucht hatte, um mich +aufzufordern, sein Schüler zu werden. Fast wäre +ich ihm um den Hals gefallen, wie er mich fragte, +ob ich mit ihm nach der Somme gehen wollte.</p> + +<p>Drei Tage später saß ich auf der Eisenbahn und +fuhr quer durch Deutschland direkt nach dem Feld +meiner neuen Tätigkeit. Endlich war mein sehnlichster +Wunsch erfüllt, und nun begann für mich +die schönste Zeit meines Lebens.</p> + +<p>Daß sie sich so erfolgreich gestalten würde, wagte +ich damals nicht zu hoffen. Beim Abschied rief +mir ein guter Freund noch nach: »Komm’ bloß +nicht ohne den <em class="antiqua">Pour le mérite</em> zurück!«</p> + + + + +<h2><span class="pagenum"><a name="Page_90" id="Page_90">[90]</a></span><a name="Mein_erster_Englaender" id="Mein_erster_Englaender"></a>Mein erster Engländer</h2> + +<p class="subheader">(17. <em class="gesperrt">September</em> 1916)</p> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">W</span>ir standen alle auf dem Schießplatz, und einer +nach dem anderen schoß sein Maschinengewehr +ein, so, wie es ihm am günstigsten erschien. Am +Tage vorher hatten wir unsere neuen Apparate bekommen, +und am nächsten Morgen wollte Boelcke +mit uns fliegen. Wir waren alle Anfänger, keiner +von uns hatte bisher einen Erfolg zu verzeichnen. +Was Boelcke uns sagte, war uns daher ein Evangelium. +In den letzten Tagen hatte er, wie er sich +ausdrückte, zum Frühstück schon mindestens einen, +manchmal auch zwei Engländer abgeschossen.</p> + +<p>Der nächste Morgen, der 17. September, war +ein wunderbarer Tag. Man konnte mit regem +Flugbetrieb der Engländer rechnen. Bevor wir +aufstiegen, erteilte Boelcke uns noch einige genaue +Instruktionen, und zum ersten Male flogen +wir im Geschwader unter Führung des berühmten +Mannes, dem wir uns blindlings anvertrauten.</p> + +<p>Wir waren gerade an die Front gekommen, als +wir bereits über unseren Linien an den Sprengpunkten +unserer Ballon-Abwehrkanonen ein feindliches +Geschwader erkannten, das in Richtung +Cambrai flog. Boelcke war natürlich der erste, der +es sah, denn er sah eben mehr als andere Menschen. +Bald hatten wir auch die Lage erfaßt, und +<span class="pagenum"><a name="Page_91" id="Page_91">[91]</a></span>jeder strebte, dicht hinter Boelcke zu bleiben. Wir +waren uns alle klar, daß wir unsere erste Prüfung +unter den Augen unseres verehrten Führers zu +bestehen hatten. Wir näherten uns dem Geschwader +langsam, aber es konnte uns nicht mehr +entgehen. Wir waren zwischen der Front und dem +Gegner. Wollte er zurück, so mußte er an uns +vorbei. Wir zählten schon die feindlichen Flugzeuge +und stellten fest, daß es sieben waren. Wir +dagegen nur fünf. Alle Engländer flogen große, +zweisitzige Bomben-Flugzeuge. Nur noch Sekunden, +dann mußte es losgehen. Boelcke war dem +ersten schon verflucht nahe auf die Pelle gerückt, +aber noch schoß er nicht. Ich war der zweite, dicht +neben mir meine Kameraden. Der mir am +nächsten fliegende Engländer war ein großer, +dunkel angestrichener Kahn. Ich überlegte nicht +lange und nahm ihn mir aufs Korn. Er schoß, ich +schoß, und ich schoß vorbei, er auch. Es begann +ein Kampf, in dem es für mich jedenfalls darauf +ankam, hinter den Burschen zu kommen, da ich ja +nur in meiner Flugrichtung schießen konnte. Er +hatte es nicht nötig, denn sein bewegliches Maschinengewehr +reichte nach allen Seiten. Er schien +aber kein Anfänger zu sein, denn er wußte genau, +daß in dem Moment sein letztes Stündlein geschlagen +hatte, wo ich es erreichte, hinter ihn zu +gelangen. Ich hatte damals noch nicht die Überzeugung, +»der muß fallen«, wie ich sie jetzt voll +<span class="pagenum"><a name="Page_92" id="Page_92">[92]</a></span>habe, sondern ich war vielmehr gespannt, ob er +wohl fallen würde, und das ist ein wesentlicher +Unterschied. Liegt mal der erste oder gar der +zweite oder dritte, dann geht einem ein Licht auf: +»So mußt du’s machen.«</p> + +<p>Also mein Engländer wandte, drehte sich, oft +meine Garbe kreuzend. Daran dachte ich nicht, +daß es auch noch andere Engländer in dem Geschwader +gab, die ihrem bedrängten Kameraden +zu Hilfe kommen konnten. Nur immer der eine +Gedanke: »Der muß fallen, mag kommen, was +da will!« Da, endlich ein günstiger Augenblick. +Der Gegner hat mich scheinbar verloren und fliegt +geradeaus. Im Bruchteil einer Sekunde sitze ich +ihm mit meiner guten Maschine im Nacken. Eine +kurze Serie aus meinem Maschinengewehr. Ich +war so nahe dran, daß ich Angst hatte, ihn zu +rammen. Da plötzlich, fast hätte ich einen Freudenjauchzer +ausgestoßen, denn der Propeller des +Gegners drehte sich nicht mehr. Hurra! Getroffen! +Der Motor war zerschossen, und der Feind +mußte bei uns landen, da ein Erreichen seiner +Linien ausgeschlossen war. Auch merkte ich an den +schwankenden Bewegungen des Apparates, daß +irgend was mit dem Führer nicht mehr ganz in +Ordnung war. Auch der Beobachter war nicht +mehr zu sehen, sein Maschinengewehr ragte ohne +Bedienung in die Luft. Ich hatte ihn also getroffen, +und er mußte am Boden seiner Karosserie liegen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_93" id="Page_93">[93]</a></span>Der Engländer landete irgendwo unmittelbar +neben dem Flughafen eines mir bekannten Geschwaders. +Ich war so aufgeregt, daß ich mir das +Landen nicht verkneifen konnte, und landete in +dem mir fremden Flughafen, wo ich fast im Eifer +meine Maschine noch auf den Kopf stellte. Die +beiden Flugzeuge, der Engländer und meines, +waren nicht sehr weit voneinander entfernt. Ich +lief gleich hin und sah bereits eine Menge Soldaten +nach dem Gegner hinströmen. Dort angekommen, +fand ich, daß meine Annahme stimmte. +Der Motor war zerschossen und beide Insassen +schwer verletzt. Der Beobachter starb gleich, der +Führer auf dem Transport zum nahen Lazarett. +Meinem in Ehren gefallenen Gegner setzte ich +zum Andenken einen Stein auf sein schönes Grab.</p> + +<p>Als ich nach Hause kam, saß Boelcke mit den +anderen Kameraden bereits beim Frühstück und +wunderte sich sehr, wo ich so lange geblieben war. +Stolz meldete ich zum ersten Male: »Einen Engländer +abgeschossen.« Sofort jubelte alles, denn +ich war nicht der einzige; außer Boelcke, der, wie +üblich, seinen Frühstückssieg hatte, war jeder von +uns Anfängern zum ersten Male Sieger im Luftkampf +geblieben.</p> + +<p>Ich möchte bemerken, daß seitdem kein englisches +Geschwader sich mehr bis Cambrai getraute, +solange es dort eine Jagdstaffel Boelcke gab.</p> + + + + +<h2 class="nosub"><span class="pagenum"><a name="Page_94" id="Page_94">[94]</a></span><a name="Somme-Schlacht" id="Somme-Schlacht"></a>Somme-Schlacht</h2> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">I</span>ch habe in meinem ganzen Leben kein schöneres +Jagdgefilde kennengelernt als in den Tagen +der Somme-Schlacht. Morgens, wenn man aufgestanden, +kamen schon die ersten Engländer, und +die letzten verschwanden, nachdem schon lange die +Sonne untergegangen war. »Ein Dorado für +die Jagdflieger«, hat Boelcke einmal gesagt. Es +ist damals die Zeit gewesen, wo Boelcke in zwei +Monaten mit seinen Abschüssen von zwanzig auf +vierzig gestiegen war. Wir Anfänger hatten damals +noch nicht die Erfahrung wie unser Meister +und waren ganz zufrieden, wenn wir nicht selbst +Senge bezogen. Aber schön war es! Kein Start +ohne Luftkampf. Oft große Luftschlachten von +vierzig bis sechzig Engländern gegen leider nicht +immer so viele Deutsche. Bei ihnen macht es die +Quantität und bei uns die Qualität.</p> + +<p>Aber der Engländer ist ein schneidiger Bursche, +das muß man ihm lassen. Er kam ab und zu in +ganz niedriger Höhe und besuchte Boelcke auf +seinem Platz mit Bomben. Er forderte zum +Kampf förmlich heraus und nahm ihn auch stets +an. Ich habe kaum einen Engländer getroffen, +der den Kampf verweigert hätte, während der +Franzose es vorzieht, jede Berührung mit dem +Gegner in der Luft peinlichst zu vermeiden.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_95" id="Page_95">[95]</a></span>Es waren schöne Zeiten bei unserer Jagdstaffel. +Der Geist des Führers übertrug sich auf seine +Schüler. Wir konnten uns blindlings seiner +Führung anvertrauen. Die Möglichkeit, daß +einer im Stich gelassen wurde, gab es nicht. Der +Gedanke kam einem überhaupt nicht. Und so +räumten wir flott und munter unter unseren +Feinden auf.</p> + +<p>An dem Tage, an dem Boelcke fiel, hatte die +Staffel schon vierzig. Jetzt hat sie weit über hundert. +Der Geist Boelckes lebt fort unter seinen +tüchtigen Nachfolgern.</p> + + + + +<h2><span class="pagenum"><a name="Page_96" id="Page_96">[96]</a></span><a name="Boelcke" id="Boelcke"></a>Boelcke †</h2> + +<p class="subheader">(28. <em class="gesperrt">Oktober</em> 1916)</p> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">E</span>ines Tages flogen wir wieder einmal unter +der Führung des großen Mannes gegen den +Feind. Man hatte stets ein so sicheres Gefühl, +wenn er dabei war. Es gab eben nur einen Boelcke. +Ein sehr stürmisches Wetter. Viel Wolken. Andere +Flieger flogen an dem Tage überhaupt nicht, +nur der Jagdflieger.</p> + +<p>Schon von weitem sahen wir an der Front +zwei freche Engländer, denen scheinbar das +schlechte Wetter auch mal Spaß machte. Wir +waren sechs, drüben waren zwei. Wären es +zwanzig gewesen, uns hätte das Zeichen von +Boelcke zum Angriff auch nicht weiter in Erstaunen +gesetzt.</p> + +<p>Es beginnt der übliche Kampf. Boelcke hatte +den einen vor und ich den anderen. Ich muß +ablassen, weil ich von einem eigenen gestört +werde. Ich sehe mich um und beobachte, wie etwa +zweihundert Meter neben mir Boelcke sein Opfer +gerade verarbeitet.</p> + +<div class="figcenter" style="width: 400px;"> +<a href="images/illu_096.jpg"><img src="images/illu_096_th.jpg" width="400" height="208" alt="Der Dreißigste!" title="Der Dreißigste!" /></a> +<span class="caption">Der Dreißigste!</span> +</div> + +<div class="figcenter" style="width: 400px;"> +<a href="images/illu_097.jpg"><img src="images/illu_097_th.jpg" width="400" height="213" alt="Der Vierzigste!" title="Der Vierzigste!" /></a> +<span class="caption">Der Vierzigste!</span> +</div> + +<p>Es war wieder das übliche Bild. Boelcke schießt +einen ab, und ich kann zusehen. Dicht neben +Boelcke fliegt ein guter Freund von ihm. Es war +ein interessanter Kampf. Beide schossen, jeden +Augenblick mußte der Engländer stürzen. Plötzlich +<span class="pagenum"><a name="Page_97" id="Page_97">[97]</a></span>ist eine unnatürliche Bewegung in den beiden +deutschen Flugzeugen zu beobachten. Es zuckt +mir durchs Hirn: Zusammenstoß. Ich habe +sonst nie einen Zusammenstoß in der Luft gesehen +und hatte mir so etwas viel anders vorgestellt. +Es war auch kein Zusammenstoß, sondern +mehr ein Berühren. Aber in der großen Geschwindigkeit, +die so ein Flugzeug hat, ist jede leise +Berührung ein heftiger Aufprall.</p> + +<p>Boelcke läßt sofort von seinem Opfer ab und +geht in großem Kurvengleitflug zur Erde hinunter. +Noch immer hatte ich nicht das Gefühl +eines Absturzes, aber wie er unter mir durchgleitet, +erkenne ich, daß ein Teil seiner Tragflächen +abgebrochen ist. Was nun folgte, konnte +ich nicht beobachten, aber in den Wolken verlor +er eine Tragfläche ganz. Da war das Flugzeug +steuerlos, und er stürzte ab, immer begleitet von +seinem treuen Freund. Als wir zu Haus ankamen, +war bereits die Meldung da: »Unser Boelcke +tot!« Man konnte es nicht fassen.</p> + +<p>Am schmerzlichsten empfand es natürlich derjenige, +dem das Unglück zustoßen mußte.</p> + +<p>Es ist eigentümlich, daß jeder Mensch, der +Boelcke kennenlernte, sich einbildete, er sei der +einzig wahre Freund von ihm. Ich habe von +diesen einzig wahren Freunden Boelckes etwa +vierzig kennengelernt, und jeder bildete sich ein, +er sei der einzige. Menschen, deren Name Boelcke +<span class="pagenum"><a name="Page_98" id="Page_98">[98]</a></span>nie gewußt hat, glaubten, sie stünden ihm +besonders nahe. Es ist eine eigentümliche Erscheinung, +die ich nur bei ihm beobachtet habe. +Einen persönlichen Feind hat er nie gehabt. Er +war gegen jedermann gleichmäßig liebenswürdig, +zu keinem mehr, zu keinem weniger.</p> + +<p>Der einzige, der ihm vielleicht etwas näher +stand, hatte das eben beschriebene Unglück mit ihm.</p> + +<p>Nichts geschieht ohne Gottes Fügung. Das ist +ein Trost, den man sich in diesem Kriege so oft +sagen muß.</p> + + + + +<h2 class="nosub"><span class="pagenum"><a name="Page_99" id="Page_99">[99]</a></span><a name="Der_Achte" id="Der_Achte"></a>Der Achte</h2> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">A</span>cht war zu Boelckes Zeiten eine ganz anständige +Zahl. Jeder, der heutzutage von den +kolossalen Zahlen der Abschüsse hört, muß zu der +Überzeugung kommen, daß das Abschießen leichter +geworden ist. Ich kann ihm nur eins versichern, +daß dieses von Monat zu Monat, ja, von Woche +zu Woche schwieriger wird. Natürlich bietet sich +die Gelegenheit jetzt öfters, abzuschießen; aber +leider wird die Möglichkeit, selbst abgeschossen zu +werden, ebenfalls größer. Die Bewaffnung des +Gegners wird immer besser, seine Zahl immer +größer. Als Immelmann seinen ersten abschoß, +hatte er sogar das Glück, einen Gegner zu finden, +der gar kein Maschinengewehr bei sich hatte. +Solche Häschen findet man jetzt höchstens noch +über Johannisthal. Am 9. November 1916 flog +ich mit meinem kleinen Kampfgenossen, dem +achtzehnjährigen Imelmann, gegen den Feind. +Wir waren zusammen bei der Jagdstaffel Boelcke, +kannten uns schon vorher und hatten uns immer +sehr gut vertragen. Kameradschaft ist die Hauptsache. +Wir zogen los. Ich hatte schon sieben, +Imelmann fünf. Für damalige Zeiten eine +ganze Menge.</p> + +<p>Wir sind ganz kurze Zeit an der Front, da +sehen wir ein Bombengeschwader. Es kommt sehr +<span class="pagenum"><a name="Page_100" id="Page_100">[100]</a></span>frech geflogen. In ungeheurer Zahl kommen sie +natürlich wieder an, wie überhaupt immer während +der Somme-Schlacht. Ich glaube, in dem Geschwader +waren etwa vierzig bis fünfzig, genau kann ich +die Zahl nicht angeben. Sie hatten sich gar nicht +weit weg von unserem Flughafen ein Ziel für ihre +Bomben ausgesucht. Kurz vor dem Ziel erreichte +ich den letzten der Gegner. Wohl gleich meine +ersten Schüsse machten den Maschinengewehrschützen +im feindlichen Flugzeug kampfunfähig, +mochten wohl auch den Piloten etwas gekitzelt +haben, jedenfalls entschloß er sich zur Landung +mitsamt seinen Bomben. Ich brannte ihm noch +einige auf den Bast, dadurch wurde das Tempo, +in dem er die Erde zu erreichen suchte, etwas +größer, er stürzte nämlich ab und fiel ganz in die +Nähe unseres Flughafens Lagnicourt.</p> + +<p>Imelmann war zur selben Zeit gleichfalls in +einen Kampf mit einem Engländer verwickelt und +hatte auch einen Gegner zur Strecke gebracht, +gleichfalls in derselben Gegend. Schnell flogen +wir nach Hause, um uns unsere abgeschossenen +Maschinen ansehen zu können. Wir fahren im +Auto bis in die Nähe meines Gegners und müssen +dann sehr lange durch tiefen Acker laufen. Es +war sehr heiß, deshalb knöpfte ich mir alles auf, +sogar das Hemd und den Kragen. Die Jacke zog +ich aus, die Mütze ließ ich im Auto, dafür nahm +ich einen großen Knotenstock mit, die Stiefel +<span class="pagenum"><a name="Page_101" id="Page_101">[101]</a></span>waren bis an die Knie voll Schmutz. Ich sah also +wüst aus. So komme ich in die Nähe meines +Opfers. Natürlich hat sich schon eine Unmenge +Menschen drumrum angesammelt.</p> + +<p>Eine Gruppe von Offizieren steht etwas abseits. +Ich gehe auf sie zu, begrüße sie und frage +den ersten besten, ob er mir nicht erzählen könnte, +wie der Luftkampf ausgesehen habe, denn es +interessiert hinterher immer sehr, von den anderen, +die von unten zugesehen haben, zu erfahren, +wie der Luftkampf ausgesehen hat. Da erfahre +ich, daß die Engländer Bomben geworfen haben +und dieses Flugzeug noch seine Bomben bei sich +hatte. Der betreffende Herr nimmt mich am +Arm, geht auf die Gruppe der anderen Offiziere +zu, fragt noch schnell nach meinem Namen und +stellt mich den Herren vor. Es war mir nicht +angenehm, denn ich hatte, wie gesagt, meine +Toilette etwas derangiert. Und die Herren, mit +denen ich jetzt zu tun hatte, sahen alle totschick angezogen +aus. Ich wurde einer Persönlichkeit vorgestellt, +die mir nicht so ganz geheuer erschien. +Generalshosen, einen Orden zum Hals heraus, +dafür aber ein verhältnismäßig jugendliches Gesicht, +undefinierbare Achselstücke – kurz und gut, +ich wittere etwas Außerordentliches, knöpfe mir +im Laufe der Unterhaltung Hose und Kragen zu +und nehme eine etwas militärischere Form an. +Wer es war, wußte ich nicht. Ich verabschiede mich +<span class="pagenum"><a name="Page_102" id="Page_102">[102]</a></span>wieder, fahre nach Hause. Abends klingelt das +Telephon, und ich erfahre nun, daß dies Seine +Königliche Hoheit der Großherzog von Sachsen-Koburg-Gotha +war. Ich werde zu ihm befohlen. Es +war bekannt, daß die Engländer die Absicht hatten, +auf seinen Stab Bomben zu werfen. So hätte ich +dazu beigetragen, ihm die Attentäter vom Leibe +zu halten. Dafür bekam ich die Sachsen-Koburg-Gothaische +Tapferkeitsmedaille.</p> + +<p>Sie macht mir jedesmal Spaß, wenn ich sie sehe.</p> + + + + +<h2 class="nosub"><span class="pagenum"><a name="Page_103" id="Page_103">[103]</a></span><a name="Major_Hawker" id="Major_Hawker"></a>Major Hawker</h2> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">A</span>m stolzesten war ich, als ich eines schönen +Tages hörte, daß der von mir am 23. November +1916 abgeschossene Engländer der englische +Immelmann war.</p> + +<p>Dem Luftkampf nach hätte ich mir’s schon +denken können, daß es ein Mordskerl war, mit +dem ich es zu tun hatte.</p> + +<p>Ich flog quietschvergnügt eines schönen Tages +wieder mal auf Jagd und beobachtete drei Engländer, +die scheinbar auch nichts anderes vorhatten +als zu jagen. Ich merkte, wie sie mit mir +liebäugelten, und da ich gerade viel Lust zum +Kampfe hatte, ließ ich mich darauf ein. Ich war +tiefer als der Engländer, folglich mußte ich warten, +bis der Bruder auf mich ’runterstieß. Es +dauerte auch nicht lange, schon kam er angesegelt +und wollte mich von hinten fassen. Nach den +ersten fünf Schüssen mußte der Kunde schon wieder +aufhören, denn ich lag bereits in einer scharfen +Linkskurve. Der Engländer versuchte, sich hinter +mich zu setzen, während ich versuchte, hinter den +Engländer zu kommen. So drehten wir uns beide +wie die Wahnsinnigen im Kreise mit vollaufendem +Motor in dreitausendfünfhundert Metern +Höhe. Erst zwanzigmal linksrum, dann dreißigmal +rechtsrum, jeder darauf bedacht, über und +<span class="pagenum"><a name="Page_104" id="Page_104">[104]</a></span>hinter den anderen zu kommen. Ich hatte bald +spitz, daß ich es mit keinem Anfänger zu tun +hatte, denn es fiel ihm nicht im Traum ein, den +Kampf abzubrechen. Er hatte zwar eine sehr wendige +Kiste, aber meine stieg dafür besser, und so +gelang es mir, über und hinter den Engländer zu +kommen.</p> + +<p>Nachdem wir so zweitausend Meter tiefer gekommen +waren, ohne ein Resultat erreicht zu +haben, mußte mein Gegner eigentlich merken, daß +nun die höchste Zeit für ihn war, sich zu drücken, +denn der für mich günstige Wind trieb uns immer +mehr auf unsere Stellen zu, bis ich schließlich beinahe +über Bapaume, etwa einen Kilometer hinter +unserer Front, angekommen war. Der freche +Kerl besaß nun noch die Unverschämtheit und +winkte mir, als wir bereits in tausend Meter Höhe +waren, ganz vergnügt zu, als wollte er sagen: +<em class="antiqua">»Well, well, how do you do?«</em></p> + +<p>Die Kreise, die wir umeinander machten, waren +so eng, daß ich sie nicht weiter als achtzig bis hundert +Meter schätzte. Ich hatte Zeit, mir meinen +Gegner anzusehen. Ich guckte ihm senkrecht in die +Karosserie und konnte jede Kopfbewegung beobachten. +Hätte er nicht seine Kappe aufgehabt, so hätte +ich sagen können, was für ein Gesicht er schnitt.</p> + +<p>Allmählich wurde selbst dem braven Sportsmann +dies doch etwas zu bunt, und er mußte sich +schließlich entscheiden, ob er bei uns landen wollte +<span class="pagenum"><a name="Page_105" id="Page_105">[105]</a></span>oder zu seinen Linien zurückfliegen. Natürlich +versuchte er letzteres, nachdem er durch einige +Loopings und solche Witze vergeblich probiert hatte, +sich mir zu entziehen. Dabei flogen meine ersten +blauen Bohnen ihm um die Ohren, denn bis jetzt +war keiner zu Schuß gekommen. In hundert +Metern Höhe versuchte er, durch Zickzackflüge, +während deren sich von dem Beobachter bekanntlich +schlecht schießen läßt, nach der Front zu entkommen. +Jetzt war der gegebene Moment für +mich. Ich folgte ihm in fünfzig bis dreißig Metern +Höhe, unentwegt feuernd. So mußte der Engländer +fallen. Beinahe hätte mich eine Ladehemmung +noch um meinen Erfolg gebracht.</p> + +<p>Mit Kopfschuß stürzte der Gegner ab, etwa +fünfzig Meter hinter unserer Linie. Sein Maschinengewehr +rannte in die Erde und ziert jetzt +den Eingang über meiner Haustür.</p> + + + + +<h2 class="nosub"><span class="pagenum"><a name="Page_106" id="Page_106">[106]</a></span><a name="Pour_le_merite" id="Pour_le_merite"></a><em class="antiqua">Pour le mérite</em></h2> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">D</span>er Sechzehnte ist gefallen. Ich stand somit +an der Spitze sämtlicher Jagdflieger. Dieses +war das Ziel, das ich erreichen wollte. Das hatte +ich scherzeshalber mal vor einem Jahr zu meinem +Freund Lynker gesagt, als wir zusammen schulten +und er mich fragte: »Was ist denn Ihr Ziel – +was wollen Sie erreichen als Flieger?« Da +meinte ich so scherzhaft: »Nun, so an der Spitze +der Jagdflieger zu fliegen, muß doch ganz schön +sein!« Daß dies mal Tatsache würde, habe weder +ich mir zugetraut noch andere Menschen mir. +Bloß Boelcke soll einmal gesagt haben – natürlich +nicht mir direkt persönlich, aber man hat es +mir nachher erzählt – wie er gefragt wurde: »Wer +hat denn Aussicht, mal ein guter Jagdflieger zu +werden?« da soll er mit dem Finger auf mich +gezeigt und gesagt haben: »Das ist der Mann!«</p> + +<p>Boelcke und Immelmann hatten mit dem Achten +den <em class="antiqua">Pour le mérite</em> bekommen. Ich hatte das +Doppelte. Was wird sich nun ereignen? Ich +war sehr gespannt. Man munkelte, ich würde +eine Jagdstaffel bekommen. Da kommt eines +Tages das Telegramm: »Leutnant v. R. zum +Führer der Jagdstaffel 11 ernannt.« Ich muß +sagen, ich habe mich geärgert. Man hatte sich +so schön mit den Kameraden der Jagdstaffel +<span class="pagenum"><a name="Page_107" id="Page_107">[107]</a></span>Boelcke eingearbeitet. Nun wieder ganz von +neuem anzufangen, das Einleben usw. war langweilig. +Außerdem wäre mir der <em class="antiqua">Pour le mérite</em> +lieber gewesen.</p> + +<p>Nach zwei Tagen – wir sitzen gemütlich bei der +Jagdstaffel Boelcke und feiern meinen Abschied –, +da kommt das Telegramm aus dem Hauptquartier, +daß Majestät die Gnade hatte, mir den +<em class="antiqua">Pour le mérite</em> zu verleihen. Da war die Freude +natürlich groß. Es war ein Pflaster auf das +Vorangegangene.</p> + +<p class="thoughtbreak">*</p> + +<p>Ich hatte es mir nicht so nett vorgestellt, selbst +eine Jagdstaffel zu führen, wie es nachher in +Wirklichkeit geworden ist. Ich habe mir nie +träumen lassen, daß es mal eine Jagdstaffel Richthofen +geben würde.</p> + + + + +<h2 class="nosub"><span class="pagenum"><a name="Page_108" id="Page_108">[108]</a></span><a name="Le_petit_rouge" id="Le_petit_rouge"></a><em class="antiqua">»Le petit rouge«</em></h2> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">A</span>us irgend welchen Gründen kam ich eines +schönen Tages auf den Gedanken, mir meine +Kiste knallrot anzupinseln. Der Erfolg war der, +daß sich mein roter Vogel jedem Menschen unbedingt +aufdrängte. Auch meinen Gegnern schien dies +tatsächlich nicht ganz unbekannt geblieben zu sein.</p> + +<p>Gelegentlich eines Kampfes, der sich sogar an +einer anderen Frontstelle abspielte wie die übrigen, +glückte es mir, einen zweisitzigen Vickers, der ganz +friedlich unsere Artilleriestellung photographierte, +anzuschießen. Der Gegner kam gar nicht dazu, sich +zu wehren, und mußte sich beeilen, auf die Erde zu +kommen, denn er fing schon an, verdächtige Zeichen +des Brennens von sich zu geben. Wir nennen das: +»er stinkt.« Wie sich herausstellte, war es auch +tatsächlich Zeit, denn der Apparat fing kurz über +der Erde an, in hellen Flammen zu brennen.</p> + +<p>Ich fühlte ein menschliches Mitleid mit meinem +Gegner und hatte mich entschlossen, ihn nicht zum +Absturz zu bringen, sondern ihn nur zur Landung +zu zwingen, zumal ich das Gefühl hatte, daß der +Gegner schon verwundet war, denn er brachte +keinen Schuß ’raus.</p> + +<p>In etwa fünfhundert Metern Höhe zwang mich +ein Defekt an meiner Maschine, im normalen Gleitflug, +ohne eine Kurve machen zu können, gleichfalls +<span class="pagenum"><a name="Page_109" id="Page_109">[109]</a></span>zu landen. Nun ereignete sich etwas ganz Komisches. +Mein Feind landete mit seiner brennenden Maschine +glatt, während ich als Sieger unmittelbar daneben +in den Drahthindernissen der Schützengräben +einer unserer Reservestellungen mich überschlug.</p> + +<p>Es folgte eine sportliche Begrüßung der beiden +<em class="antiqua">Englishmen</em> mit mir, die wegen meines Bruches +nicht wenig erstaunt waren, da sie, wie bereits erwähnt, +keinen Schuß auf mich abgegeben hatten +und sich den Grund meiner Notlandung gar nicht +vorstellen konnten. Es waren dies die ersten Engländer, +die ich lebendig heruntergebracht habe. Deshalb +machte es mir besonders Spaß, mich mit ihnen +zu unterhalten. Ich fragte sie unter anderem, ob +sie meine Maschine schon einmal in der Luft gesehen +hätten. <em class="antiqua">»Oh yes,«</em> sagte der eine, »die kenne ich +ganz genau. Wir nennen sie <em class="antiqua">›le petit rouge‹</em>.«</p> + +<p>Nun kommt eine echt englische – in meinen +Augen – Gemeinheit. Er fragte mich, weshalb ich +mich vor der Landung so unvorsichtig benommen +hätte. Der Grund lag darin, daß ich nicht anders +konnte. Da sagte der Schurke, er hätte versucht, in +den letzten dreihundert Metern auf mich zu schießen, +habe aber Ladehemmung gehabt. Ich gebe ihm +Pardon – er nimmt es an und vergilt es mir +nachher mit einem hinterlistigen Überfall.</p> + +<p>Seitdem habe ich noch keinen meiner Gegner +wieder sprechen können, aus einem naheliegenden +Grund.</p> + + + + +<h2><span class="pagenum"><a name="Page_110" id="Page_110">[110]</a></span><a name="Englische_und_franzoesische_Fliegerei" id="Englische_und_franzoesische_Fliegerei"></a>Englische und französische Fliegerei</h2> + +<p class="subheader">(<em class="gesperrt">Februar</em> 1917)</p> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">Z</span>urzeit bin ich bemüht, der Jagdstaffel Boelcke +Konkurrenz zu machen. Abends legen wir uns +gegenseitig die Strecke vor. Aber es sind verteufelte +Kerls da drüben. Zu schlagen sind sie +nie. Höchstens, daß man der Staffel gleichkommt. +Hundert haben sie ja schon Vorsprung. Diesen +Vorsprung muß ich ihnen lassen. Es hängt ja +viel davon ab, welchem Gegner man gegenüber +liegt, ob man die laurigen Franzosen oder die +schneidigen Kerls, die Engländer, gegenüber hat. +Mir ist der Engländer lieber. Der Franzose +kneift, der Engländer selten. Oft kann man sogar +hier von Dummheit sprechen; sie bezeichnen dies +dann wohl als Draufgängertum.</p> + +<p>Es ist das Schöne beim Jagdflieger, daß es +auf keinerlei Kunststücke bei ihm ankommt, sondern +lediglich persönlicher Schneid das Ausschlaggebende +bleibt. Es kann einer ein ganz +herrlicher Sturz- und Loopingflieger sein. Er +braucht deshalb noch lange keinen abzuschießen. +Meiner Ansicht nach macht das Draufgehen alles, +und das liegt uns Deutschen ja. Deshalb werden +wir stets die Oberherrschaft in der Luft behalten.</p> + +<p>Dem Franzosen liegt es, aus dem Hinterhalt +zu überfallen und einem anderen aufzulauern. +<span class="pagenum"><a name="Page_111" id="Page_111">[111]</a></span>Das läßt sich in der Luft schlecht machen. +Überrumpeln läßt sich nur ein Anfänger. Auflauern +geht nicht, da man sich ja nicht verstecken +kann, auch ist das unsichtbare Flugzeug noch nicht +erfunden. Ab und zu braust wohl mal das +gallische Blut in ihm auf. Dann setzt er zum Angriff +an; aber es ist wohl mit einer Brauselimonade +zu vergleichen. Für einen Augenblick furchtbar +viel Mut, der ebenso schnell vollständig +schwindet. Das zähe Durchhalten fehlt ihm.</p> + +<p>Dem Engländer dagegen merkt man eben doch +ab und zu noch etwas von seinem Germanenblut +an. Auch liegt dem Sportsmann das Fliegen sehr, +aber sie verlieren sich zu sehr in dem Sportlichen. +Sie haben genug Vergnügen daran, Loopings, +Sturzflüge, Auf-dem-Rücken-fliegen und ähnliche +Scherze unseren Leuten im Schützengraben vorzumachen. +Dies macht wohl bei der Johannisthaler +Sportswoche Eindruck, aber der Schützengraben +ist nicht so dankbar wie dieses Publikum.</p> + +<p>Er verlangt mehr. Es soll immer englisches +Pilotenblut regnen.</p> + + + + +<h2><span class="pagenum"><a name="Page_112" id="Page_112">[112]</a></span><a name="Selbst_abgeschossen" id="Selbst_abgeschossen"></a>Selbst abgeschossen</h2> + +<p class="subheader">(<em class="gesperrt">Mitte März</em> 1917)</p> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">A</span>bgeschossen ist eigentlich ein falscher Ausdruck +für das, was mir heute passiert ist. Ich +nenne abgeschossen im allgemeinen nur den, der +’runterplumpst, aber heute habe ich mich wieder +gefangen und kam noch ganz heil ’runter.</p> + +<p>Ich bin im Geschwader und sehe einen Gegner, +der gleichfalls im Geschwader fliegt. Etwa über +unserer Artilleriestellung in der Gegend von +Lens. Ich habe noch ein ganzes Stückchen zu +fliegen, bis ich die Gegend erreiche. Es ist das der +nervenkitzelndste Augenblick, das Anfliegen an +den Gegner, wenn man den Feind schon sieht und +noch einige Minuten Zeit hat, bis man zum +Kampf kommt. Ich glaube, ich werde dann +immer etwas bleich im Gesicht, aber ich habe leider +noch nie einen Spiegel mitgehabt. Ich finde +diesen Augenblick schön, denn er ist überaus +nervenkitzelnd, und all so etwas liebe ich. Man +beobachtet den Gegner schon von weitem, hat das +Geschwader als feindlich erkannt, zählt die feindlichen +Apparate, wägt die ungünstigen und günstigen +Momente ab. So zum Beispiel spielt es +eine ungeheure Rolle, ob der Wind mich im +Kampfe von meiner Front abdrängt oder auf +meine Front zudrückt. So habe ich mal einen +<span class="pagenum"><a name="Page_113" id="Page_113">[113]</a></span>Engländer abgeschossen, dem ich den Todesschuß +jenseits der feindlichen Linien gegeben habe, und +’runtergeplumpst ist er bei unseren Fesselballons, +so weit hat ihn der Sturm noch ’rübergetrieben.</p> + +<p>Wir waren fünf, der Gegner war dreimal so +stark. Wie ein großer Mückenschwarm flogen die +Engländer durcheinander. So einen Schwarm, +der so gut zusammenfliegt, zum Zersprengen +zu bringen, ist nicht leicht, für den einzelnen ausgeschlossen, +für mehrere äußerst schwierig, besonders, +wenn die Zahlenunterschiede so ungünstig +sind wie in unserem Falle. Aber man fühlt sich +dem Gegner derartig überlegen, daß man keinen +Augenblick an dem sicheren Erfolg zweifelt. Der +Angriffsgeist, also die Offensive, ist die Hauptsache, +wie überall, so auch in der Luft. Aber +der Gegner dachte ebenso. Das sollte ich gleich +merken. Kaum sah er uns, so machte er umgehend +kehrt und griff uns an. Da hieß es +für uns fünf Männeken: Aufgepaßt! Hängt +einer ab, so kann es ihm dreckig gehen. Wir +schlossen uns ebenfalls zusammen und ließen die +Herren etwas nähertreten. Ich paßte auf, ob nicht +einer von den Brüdern sich etwas von den anderen +absentierte. Da – einer ist so dumm. Ich kann ihn +erreichen. »Du bist ein verlorenes Kind.« Auf +ihn mit Gebrüll. Jetzt hab’ ich ihn erreicht oder muß +ihn gleich erreichen. Er fängt bereits an zu schießen, +ist also etwas nervös. Ich dachte mir: »Schieß’ du +<span class="pagenum"><a name="Page_114" id="Page_114">[114]</a></span>nur, du triffst ja doch nicht!« Er schoß mit einer +Leuchtspurmunition, die an mir sichtbar vorbeiflog. +Ich kam mir vor wie in dem Spritzenkegel einer +Gießkanne. Nicht angenehm, aber die Engländer +schießen fast durchweg mit diesem gemeinen Zeug, +also muß man sich daran gewöhnen. Der Mensch +ist ein Gewohnheitstier, denn in diesem Augenblick, +glaube ich, habe ich gelacht. Bald sollte ich +aber eines Besseren belehrt werden.</p> + +<p>Jetzt bin ich beinahe ganz heran, etwa hundert +Meter, das Gewehr ist entsichert, ich ziele noch einmal +Probe, gebe einige Probeschüsse, die Gewehre +sind in Ordnung. Nicht mehr lange kann es +dauern. Im Geiste sah ich den Gegner schon +plumpsen. Die Aufregung von vorhin ist vorüber. +Man denkt ganz ruhig und sachlich, wägt die +Treffwahrscheinlichkeiten von ihm und von mir +ab. Überhaupt ist der Kampf selbst am wenigsten +aufregend in den meisten Fällen, und wer sich +dabei aufregt, macht einen Fehler. Er wird nie +einen abschießen. Auch ist es wohl Gewohnheitssache. +Jedenfalls habe ich in diesem Falle keinen +Fehler gemacht. Nun bin ich auf fünfzig Meter +’ran, jetzt einige gute Schüsse, dann kann der Erfolg +nicht ausbleiben. So dachte ich mir. Aber mit +einem Male gibt es einen großen Knall, ich habe +kaum zehn Schuß heraus, gleich darauf klatscht +es wieder in meiner Maschine. Es ist mir klar, ich +bin getroffen. Wenigstens meine Maschine, ich für +<span class="pagenum"><a name="Page_115" id="Page_115">[115]</a></span>meine Person nicht. Im selben Augenblick stinkt +es ganz ungeheuerlich nach Benzin, auch läßt der +Motor nach. Der Engländer merkt es, denn er +schießt nun um so mehr. Ich muß sofort ablassen.</p> + +<p>Senkrecht geht es ’runter. Unwillkürlich habe +ich den Motor abgestellt. Es war auch höchste +Zeit. Wenn der Benzintank durchlöchert ist und +das Zeug einem so um die Beine spritzt, ist die Gefahr +des Brennens doch groß. Vor sich hat +man einen über einhundertundfünfzig »Pferde« +starken Explosionsmotor, also glühend heiß. +Ein Tropfen Benzin, und die ganze Maschine +brennt. Ich hinterlasse in der Luft einen weißen +Streifen. Ich kenne ihn beim Gegner genau. +Es sind dies die Vorzeichen der Explosion. Noch +bin ich dreitausend Meter hoch, habe also noch +ein ganzes Ende bis auf die Erde. Gott sei Dank +hört der Motor auf zu laufen. Die Geschwindigkeit, +die das Flugzeug erreicht, kann ich nicht berechnen. +Sie ist jedenfalls so groß, daß ich nicht +den Kopf herausstecken kann, ohne durch den +Windzug hintenüber gedrückt zu werden.</p> + +<p>Bald bin ich den Gegner los und habe nun noch +Zeit, bis ich auf die Erde komme, zu sehen, was +denn meine vier anderen Herren machen. Sie +sind noch im Kampf. Man hört das Maschinengewehrfeuer +des Gegners und das der eignen. +Plötzlich eine Rakete. Ist es das Leuchtsignal +eines Gegners? Aber nein. Dafür ist es zu groß. +<span class="pagenum"><a name="Page_116" id="Page_116">[116]</a></span>Es wird immer größer. Es brennt einer. Aber +was für einer? Die Maschine sieht genau so aus +wie unsere. Gott sei Dank, es ist ein Gegner. +Wer mag ihn abgeschossen haben? Gleich darauf +fällt aus dem Geschwader ein zweites Flugzeug +heraus, ähnlich wie ich, senkrecht nach unten, überschlägt +sich sogar, überschlägt sich immer noch – +da – jetzt hat es sich gefangen. Fliegt geradeaus +genau auf mich zu. Auch ein Albatros. Gewiß +ist es ihm so gegangen wie mir.</p> + +<p>Ich bin wohl noch einige hundert Meter hoch und +muß mich so sachte umgucken, wo ich denn landen +will. Denn so eine Landung ist meistenteils mit +Bruch verbunden. Und so ein Bruch läuft nicht +immer günstig ab, also – aufpassen. Ich finde eine +Wiese, nicht sehr groß, aber sie genügt gerade, wenn +man etwas vorsichtig zu Werke geht. Außerdem liegt +sie mir günstig, direkt an der Chaussee bei Hénin-Liétard. +Dort will ich auch landen. Es geht alles +glatt. Mein erster Gedanke ist: Wo bleibt der andere? +Er landet einige Kilometer von mir entfernt.</p> + +<p>Ich habe nun Zeit, mir den Schaden zu beschauen. +Einige Treffer sind darin, aber der Treffer, der mich +veranlaßt hat, den Kampf abzubrechen, ist einer +durch beide Benzintanks. Ich habe keinen Tropfen +Benzin mehr drin, der Motor ist gleichfalls angeschossen. +Schade um ihn, er lief noch so gut.</p> + +<p>Die Beine lasse ich herausbaumeln aus der +Maschine und mag wohl ein ziemlich törichtes +<span class="pagenum"><a name="Page_117" id="Page_117">[117]</a></span>Gesicht gemacht haben. Sofort hat sich eine +große Menge Soldaten um mich versammelt. +Da kommt ein Offizier. Er ist ganz außer Atem. +Sehr aufgeregt! Gewiß ist ihm was Schreckliches +passiert. Er stürzt auf mich zu, schnappt +nach Luft und fragt: »Hoffentlich ist Ihnen nichts +passiert? Ich habe die ganze Sache beobachtet und +bin ja so aufgeregt! Herrgott, das sah schrecklich +aus!« Ich versicherte ihm, daß mir gar nichts fehlte, +sprang herunter, stellte mich vor. Selbstverständlich +verstand er keinen Ton von meinem Namen. Aber +er forderte mich auf, mit seinem Automobil in +das nahe Hénin-Liétard hineinzufahren, wo sein +Quartier war. Es war ein Pionieroffizier.</p> + +<p>Wir sitzen bereits in dem Wagen und fahren +gerade an. Mein Gastgeber hat sich noch immer +nicht beruhigt. Plötzlich erschrickt er und fragt: +»Herrgott, wo ist denn Ihr Kraftfahrer?« Zuerst +wußte ich nicht recht, was er meinte, guckte ihn +wohl etwas verwirrt an. Dann wurde mir klar, +daß er mich für den Beobachter eines zweisitzigen +Flugzeuges hielt und nach meinem Flugzeugführer +fragte. Schnell faßte ich mich und +sagte ganz trocken: »Ich fahre allein.« Das +Wort »fahren« ist in der Fliegertruppe verpönt. +Man fährt nicht, man »fliegt«. In den Augen +des braven Herrn war ich ganz entschieden durch +die Tatsache, daß ich allein »fahre«, sichtbar gesunken. +Die Unterhaltung wurde etwas spröder.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_118" id="Page_118">[118]</a></span>Da kommen wir in seinem Quartier an. Ich +habe noch immer meine schmutzige Öllederjacke +an, einen dicken Schal um. Unterwegs hat er mich +natürlich mit unendlich vielen Fragen bestürmt. +Überhaupt war der ganze Herr bedeutend mehr +aufgeregt als ich. Da zwang er mich, auf einem +Sofa mich hinzulegen, oder wollte dies tun mit +der Begründung, daß ich doch von meinem +Kampf noch ganz echauffiert sein müßte. Ich versicherte +ihm, daß ich schon manchmal luftgekämpft +hätte, was ihm aber gar nicht in den Kopf kommen +wollte. Ich sah gewiß nicht sehr kriegerisch aus.</p> + +<p>Nach einiger Unterhaltung kommt er natürlich +mit der berühmten Frage: »Haben Sie schon +einmal einen abgeschossen?« Meinen Namen +hatte er, wie gesagt, nicht gehört. »Ach ja,« +sagte ich, »ab und zu.« »So – so haben Sie etwa +schon zwei abgeschossen?« »Nein, aber vierundzwanzig.« +Er lächelt, wiederholt seine Frage und +meint, unter »abgeschossen« verstehe er einen, der +’runtergefallen sei und unten liegenbliebe. Ich +versicherte ihm, das wäre auch meine Auffassung +davon. Jetzt war ich ganz unten durch, denn jetzt +hielt er mich für einen mächtigen Aufschneider. +Er ließ mich sitzen und sagte mir, daß in einer +Stunde gegessen würde, und wenn es mir recht +sei, könne ich ja mitessen. Nun machte ich doch +von seinem Anerbieten Gebrauch und schlief +eine Stunde fest. Dann gingen wir ’rüber ins +<span class="pagenum"><a name="Page_119" id="Page_119">[119]</a></span>Kasino. Hier pellte ich mich aus und hatte zum +Glück meinen <em class="antiqua">Pour le mérite</em> um. Leider aber +keine Uniformjacke darunter, sondern nur eine +Weste. Ich bitte um Entschuldigung, daß ich +nicht besser angezogen bin, und mit einem Male +entdeckt mein guter Häuptling an mir den <em class="antiqua">Pour le +mérite</em>. Er wird sprachlos vor Erstaunen und versichert +mir, daß er nicht wüßte, wie ich heiße. Ich +sagte ihm nochmals meinen Namen. Jetzt schien +ihm etwas zu dämmern, daß er wohl schon mal +von mir gehört hatte. Ich bekam nun Austern +und Schampus zu trinken und lebte eigentlich +recht gut, bis schließlich Schäfer kam und mich +mit meinem Wagen abholte. Von ihm erfuhr ich, +daß Lübbert wieder mal seinem Spitznamen Ehre +gemacht hatte. Er hieß nämlich unter uns »Kugelfang«, +denn in jedem Luftkampf wurde seine +Maschine arg mitgenommen. Einmal wies sie +vierundsechzig Treffer auf, ohne daß er selbst +verwundet war. Diesmal hatte er einen Streifschuß +an der Brust bekommen und lag bereits +im Lazarett. Seine Maschine flog ich gleich nach +dem Hafen. Leider ist dieser hervorragende Offizier, +der das Zeug dazu hatte, einmal ein Boelcke zu +werden, einige Wochen später den Heldentod +fürs Vaterland gestorben.</p> + +<p>Am Abend kann ich meinem Gastgeber aus +Hénin-Liétard noch Bescheid sagen, daß ich heute +ein Viertelhundert voll gemacht habe.</p> + + + + +<h2><span class="pagenum"><a name="Page_120" id="Page_120">[120]</a></span><a name="Ein_Fliegerstueckchen" id="Ein_Fliegerstueckchen"></a>Ein Fliegerstückchen</h2> + +<p class="subheader">(<em class="gesperrt">Ende März</em> 1917)</p> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">D</span>er Name Siegfried-Stellung ist wohl jedem +Jüngling im Deutschen Reiche bekannt. In +den Tagen, in denen wir uns gegen diese Stellungen +zurückzogen, gab es natürlich in der Luft auch eine +rege Tätigkeit. Der Gegner hatte zwar unser +verlassenes Gebiet auf der Erde bereits besetzt, +die Luft dagegen überließen wir den Engländern +nicht so bald, dafür sorgte Jagdstaffel Boelcke. +Nur ganz vorsichtig wagten sich die Engländer +aus ihrem bisherigen Stellungskrieg in der Luft +hervor.</p> + +<p>Es ist das die Zeit, wo unser lieber Prinz +Friedrich Karl sein Leben dem Vaterland opferte.</p> + +<p>Bei einem Jagdflug der Jagdstaffel Boelcke +hatte Leutnant Voß einen Engländer im Luftkampf +besiegt. Er wurde von seinem Bezwinger +auf die Erde gedrückt und landete in dem Gebiet, +das man wohl als neutrales Gebiet bezeichnen +kann. Wir hatten es zwar schon verlassen, der +Gegner aber noch nicht besetzt. Nur Patrouillen, +sowohl englische wie deutsche, hielten sich in dieser +unbesetzten Zone auf. Das englische Flugzeug +stand zwischen den Linien. Der brave <em class="antiqua">Englishman</em> +hatte wohl geglaubt, daß dieses Gebiet bereits +von den Seinen besetzt wäre, zu welcher Annahme +<span class="pagenum"><a name="Page_121" id="Page_121">[121]</a></span>er auch berechtigt war. Voß war aber anderer +Meinung. Kurz entschlossen landete er neben +seinem Opfer. Mit großer Geschwindigkeit montierte +er die feindlichen Maschinengewehre und +sonst noch brauchbare Teile aus der Maschine ab +und verfrachtete sie in der seinen, griff zum +Streichholz, und in wenigen Augenblicken stand +die Maschine in hellen Flammen. Eine Minute +später winkte er den von allen Seiten herbeiströmenden +Engländern aus seinem sieggewohnten +Luftroß freundlich zu.</p> + + + + +<h2 class="nosub"><span class="pagenum"><a name="Page_122" id="Page_122">[122]</a></span><a name="Erste_Dublette" id="Erste_Dublette"></a>Erste Dublette</h2> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">D</span>er 2. April 1917 war wieder einmal ein +heißer Tag für meine Staffel. Von meinem +Platze aus konnten wir deutlich das Trommelfeuer +hören, und gerade heute war es mal wieder +sehr heftig.</p> + +<p>Ich lag noch im Bett, da kommt mein Bursche +zu mir hereingestürzt mit dem Ausruf: »Herr +Leutnant, die Engländer sind schon da!« Noch +etwas verschlafen gucke ich zum Fenster ’raus, +und tatsächlich, da kreisen über dem Platz bereits +meine lieben Freunde. Ich ’raus aus meinem +Bett, die Sachen angezogen, war eins. Mein +roter Vogel stand zur Morgenarbeit am Start. +Meine Monteure wußten, daß ich diesen günstigen +Augenblick wohl nicht ungenützt vorübergehen +lassen würde. Alles war fertig. Schnell noch die +Warmpelze, dann geht’s los.</p> + +<p>Ich war als letzter gestartet. Meine anderen +Kameraden waren dem Feind viel näher. Ich +fürchtete schon, daß mir mein Braten entgehen +würde, so daß ich von weitem zusehen müßte, +wie vor meinen Augen sich einige Luftkämpfe abspielen. +Da plötzlich fällt einem der frechen Kunden +ein, auf mich herunterzustoßen. Ich lasse ihn +ruhig herankommen, und nun beginnt ein lustiger +Tanz. Bald fliegt mein Gegner auf dem Rücken, +<span class="pagenum"><a name="Page_123" id="Page_123">[123]</a></span>bald macht er dies, bald jenes. Es war ein zweisitziges +Jagdflugzeug. Ich war ihm über, und so erkannte +ich denn bald, daß er mir eigentlich nicht mehr +entgehen konnte. In einer Gefechtspause überzeugte +ich mich, daß wir uns alleine gegenüberstanden. +Also, wer besser schießt, wer die größere +Ruhe und den besseren Überblick im Augenblick +der Gefahr hat, der gewinnt.</p> + +<p>Es dauerte nicht lange, da hatte ich ihn ’runtergedrückt, +ohne ihn wirklich ernstlich angeschossen +zu haben, mindestens zwei Kilometer von der +Front entfernt. Ich denke, er will landen, aber +da habe ich mich in meinem Gegner verrechnet. +Mit einem Male sehe ich, wie er, nur wenige +Meter über dem Erdboden, plötzlich wieder geradeaus +fliegt und mir zu entkommen sucht. +Das war mir doch zu bunt. Ich griff ihn nochmals +an und zwar so niedrig, daß ich fast fürchtete, +die Häuser eines unter mir liegenden Dorfes zu +berühren. Der Engländer wehrte sich bis zum +letzten Augenblick. Noch ganz zum Schluß spürte ich +einen Treffer in meiner Maschine. Nun ließ ich aber +nicht mehr locker, jetzt mußte er fallen. Er rannte +mit voller Fahrt in einen Häuserblock hinein.</p> + +<p>Viel war nicht mehr übrig. Es war wieder ein +Fall glänzenden Schneids. Er verteidigte sich +bis zum Letzten. Aber meiner Ansicht nach war +es zum Schluß doch mehr Dummheit von ihm. +Es war eben mal wieder der Punkt, wo ich eine +<span class="pagenum"><a name="Page_124" id="Page_124">[124]</a></span>Grenze zwischen Schneid und Dummheit ziehe. +Runter mußte er doch. So hatte er seine Dummheit +mit dem Leben bezahlen müssen.</p> + +<p class="thoughtbreak">*</p> + +<p>Sehr vergnügt über die Leistungen meines +roten Stahlrosses bei der Morgenarbeit kehrte ich +zurück. Meine Kameraden waren noch in der +Luft und waren sehr erstaunt, als wir uns beim +Frühstück trafen und ich ihnen von meiner Nummer +Zweiunddreißig erzählen konnte.</p> + +<p>Ein ganz junger Leutnant hatte seinen Ersten +abgeschossen, wir waren sehr vergnügt und bereiteten +uns für neue Kämpfe vor.</p> + +<p>Ich hole meine versäumte Morgentoilette nach. +Da kommt ein guter Freund – Leutnant Voß +von der Jagdstaffel Boelcke – zu mir, um mich +zu besuchen. Wir unterhalten uns. Voß hatte +am Tage vorher seinen Dreiundzwanzigsten erledigt. +Er stand also mir am nächsten und ist +wohl zurzeit mein heftigster Konkurrent.</p> + +<p>Wie er nach Hause fliegt, wollte ich ihn noch +ein Stückchen begleiten. Wir machen einen +Umweg über die Front. Das Wetter ist eigentlich +sehr schlecht geworden, so daß wir nicht annehmen +konnten, noch Weidmannsheil zu haben.</p> + +<p>Unter uns geschlossene Wolken. Voß, dem die +Gegend unbekannt war, fing es schon an, ungemütlich +zu werden. Über Arras traf ich meinen +Bruder, der gleichfalls bei meiner Staffel ist und +<span class="pagenum"><a name="Page_125" id="Page_125">[125]</a></span>sein Geschwader verloren hatte. Er schließt sich +uns auch an. Er wußte ja, daß ich es bin (roter +Vogel).</p> + +<p>Da sehen wir von drüben ein Geschwader ankommen. +Sofort zuckt es mir durch den Kopf: +»Nummer Dreiunddreißig!« Trotzdem es neun +Engländer waren und auf ihrem Gebiet, zogen sie +es doch vor, den Kampf zu meiden. (Ich werde +nächstens doch mal die Farbe wechseln müssen.) +Aber wir holten sie doch ein. Schnelle Maschine +ist eben die Hauptsache.</p> + +<p>Ich bin dem Feind am nächsten und greife den +hintersten an. Zu meinem größten Entzücken +merke ich, daß er sich gleich in den Kampf mit mir +einläßt, und mit noch viel größerem Vergnügen, +daß ihn seine Kameraden im Stich lassen. Ich +habe ihn also bald allein vor. Es ist wiederum +derselbe Typ, mit dem ich es vormittags zu tun +hatte. Er machte es mir nicht leicht. Er weiß, +worauf es ankommt, und besonders aber: der +Kerl schoß gut. Das konnte ich zu meinem Leidwesen +nachher noch ziemlich genau feststellen. Der +günstige Wind kommt mir zu Hilfe und treibt uns +beide Kämpfenden über unsere Linien. Der +Gegner merkt, daß die Sache doch nicht so einfach +ist, wie er sich wohl gedacht hat, und verschwindet +in einem Sturzflug in einer Wolke. Beinahe war +es seine Rettung. Ich stoße hinter ihm her, +komme unten heraus und – Anlauf muß eben +<span class="pagenum"><a name="Page_126" id="Page_126">[126]</a></span>der Mensch haben – ich sitze wie durch ein Wunder +genau hinter ihm. Ich schieße, er schießt, aber kein +greifbares Resultat. Da – endlich habe ich ihn +getroffen. Ich merke es an dem weißen Benzindunst, +der hinter seinem Apparat zurückbleibt. Er +muß also landen, denn sein Motor bleibt stehen.</p> + +<p>Er war aber doch ein hartnäckiger Bursche. +Er mußte erkennen, daß er ausgespielt hatte. +Schoß er nun noch weiter, so konnte ich ihn sofort +totschießen, denn wir waren mittlerweile nur noch +dreihundert Meter hoch. Aber der Kerl verteidigte +sich genau wie der von heute morgen, bis er unten +gelandet war. Nach seiner Landung flog ich +nochmals über ihn hinweg in zehn Metern Höhe, +um festzustellen, ob ich ihn totgeschossen hatte +oder nicht. Was macht der Kerl? Er nimmt +sein Maschinengewehr und zerschießt mir die +ganze Maschine.</p> + +<p>Voß sagte nachher zu mir, wenn ihm das +passiert wäre, hätte er ihn nachträglich noch auf +dem Boden totgeschossen. Eigentlich hätte ich es +auch machen müssen, denn er hatte sich eben noch +nicht ergeben. Er war übrigens einer von den +wenigen Glücklichen, die am Leben geblieben sind.</p> + +<p>Sehr vergnügt flog ich nach Hause und konnte +meinen Dreiunddreißigsten feiern.</p> + + + + +<h2 class="nosub"><span class="pagenum"><a name="Page_127" id="Page_127">[127]</a></span><a name="Mein_bisher_erfolgreichster_Tag" id="Mein_bisher_erfolgreichster_Tag"></a>Mein bisher erfolgreichster Tag</h2> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">W</span>underbares Wetter. Wir stehen auf dem +Platz. Ich habe Besuch von einem Herrn, +der noch nie einen Luftkampf oder so etwas Ähnliches +gesehen hat und mir gerade versichert, daß es ihn +ungeheuer interessieren würde, einen solchen Luftkampf +zu sehen.</p> + +<p>Wir steigen in unsere Kisten und lachen sehr +über ihn, und Schäfer meint: »Den Spaß +können wir ihm machen!« Wir stellen ihn an ein +Scherenfernrohr und fliegen los.</p> + +<p>Der Tag fing gut an. Wir waren kaum zweitausend +Meter hoch, da kamen uns schon die +ersten Engländer in einem Geschwader von fünf +entgegen. Ein Angriff, der mit einer Attacke zu +vergleichen war – und das feindliche Geschwader +lag vernichtet am Boden. Von uns war nicht +ein einziger auch nur verwundet. Die Gegner +waren – zwei brennend und drei so – auf +unserer Seite abgestürzt.</p> + +<p>Der gute Freund unten auf der Erde hatte +nicht wenig gestaunt. Er hatte sich die Sache +ganz anders vorgestellt; viel dramatischer. Er +meinte, die Sache hätte so harmlos ausgesehen, +bis plötzlich einige Flugzeuge, einer Rakete gleich, +brennend abstürzten. Ich habe mich an den Anblick +so allmählich gewöhnt, aber ich muß sagen, mir +<span class="pagenum"><a name="Page_128" id="Page_128">[128]</a></span>hat es auch einen Mordseindruck gemacht, und +ich habe noch lange davon geträumt, wie ich den +ersten Engländer habe in die Tiefe sausen sehen.</p> + +<p>Ich glaube, wenn es mir noch einmal passieren +würde, es wäre mir nicht mehr so schrecklich wie +damals.</p> + +<p>Nachdem dieser Tag so gut angefangen hatte, +setzten wir uns erst mal zu einem ordentlichen +Frühstück hin, da wir alle einen Mordshunger +hatten. In der Zwischenzeit wurden unsere +Maschinen wieder in Schuß gebracht, neue +Patronen geladen, und dann ging’s weiter.</p> + +<p>Am Abend konnten wir die stolze Meldung +machen: Dreizehn feindliche Flugzeuge durch +sechs deutsche Apparate vernichtet.</p> + +<p>Eine ähnliche Meldung hatte nur einmal die +Jagdstaffel Boelcke machen können. Acht Flugzeuge +waren es, die wir damals abschossen, heute +hatte einer sogar vier Gegner zum Absturz gebracht. +Es ist ein Leutnant Wolff, ein zartes, +schlankes Kerlchen, in dem niemals einer einen +solchen Massensieger erblicken würde. Mein Bruder +hatte zwei, Schäfer zwei, Festner zwei, ich drei.</p> + +<p>Abends legten wir uns kolossal stolz, andererseits +aber auch recht müde in unsere Klappen.</p> + +<p>Am Tage darauf lasen wir unter großem Hallo +im Heeresbericht von den Taten des Tages vorher. +Im übrigen schossen wir am Tage darauf acht ab.</p> + +<p class="thoughtbreak">*</p> + +<div class="figcenter" style="width: 400px;"> +<a href="images/illu_128.jpg"><img src="images/illu_128_th.jpg" width="400" height="233" alt="Leutnant Schaefers Notlandung zwischen den Linien" title="Leutnant Schaefers Notlandung zwischen den Linien" /></a> +<span class="caption">Leutnant Schaefers Notlandung zwischen den Linien</span> +</div> + +<div class="figcenter" style="width: 400px;"> +<a href="images/illu_129.jpg"><img src="images/illu_129_th.jpg" width="400" height="261" alt="Weihnachten 1916" title="Weihnachten 1916" /></a> +<span class="caption">Weihnachten 1916<br /> +Der »alte Herr« (<em class="antiqua">X</em>) bei der Jagdstaffel Boelcke</span> +</div> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_129" id="Page_129">[129]</a></span>Eine sehr niedliche Geschichte ereignete sich noch:</p> + +<p>Einer von unseren abgeschossenen Engländern +war gefangen und kommt ins Gespräch mit uns. +Natürlich erkundigte er sich auch nach der roten +Maschine. Selbst bei der Truppe unten im +Schützengraben ist sie nicht unbekannt und geht +unter dem Namen <em class="antiqua">»le diable rouge«</em>. Bei +seiner Squadron hat sich das Gerücht verbreitet, +daß in der roten Maschine ein Mädchen säße, +so etwas Ähnliches wie Jeanne d’Arc. Er war +sehr erstaunt, wie ich ihm versicherte, daß das vermutete +Mädchen zurzeit vor ihm stünde. Er +hatte damit keinen Witz machen wollen, sondern +war selbst überzeugt, daß tatsächlich in der pervers +angestrichenen Kiste nur eine Jungfrau sitzen konnte.</p> + + + + +<h2 class="nosub"><span class="pagenum"><a name="Page_130" id="Page_130">[130]</a></span><a name="Moritz" id="Moritz"></a>»Moritz«</h2> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">D</span>as schönste Wesen, das je die Welt geschaffen +hat, ist die echte Ulmer Dogge, mein »kleines +Schoßhündchen«, der »Moritz«. Ich habe ihn +in Ostende von einem braven Belgier für fünf +Mark gekauft. Die Mutter war ein schönes Tier, +einer seiner Väter auch, also ganz »rasserein«. +Davon bin ich überzeugt. Ich hatte die Auswahl +und suchte mir den niedlichsten heraus. +Zeumer nahm sich einen zweiten und nannte ihn +»Max«. Max fand ein jähes Ende unter einem +Auto, Moritz aber gedieh vortrefflich. Er schlief +mit mir im Bett und wurde vorzüglich erzogen. +Er hat mich von Ostende ab auf Schritt und +Tritt begleitet und ist mir sehr ans Herz gewachsen. +Von Monat zu Monat wurde Moritz +groß und größer, und es entwickelte sich so +allmählich aus dem zarten Schoßhündchen ein +ganz ungeheuer großes Tier.</p> + +<p>Ich habe ihn sogar einmal mitgenommen. +Er ist mein erster »Franz« gewesen. Er benahm +sich dabei sehr vernünftig, und sehr interessiert +beäugte er sich die Welt von oben. Nur meine +Monteure schimpften nachher, daß sie das Flugzeug +von einigen unangenehmen Dingen reinigen +mußten. Moritz war aber nachher wieder sehr +vergnügt.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_131" id="Page_131">[131]</a></span>Er ist nun schon über ein Jahr alt und immer +noch das kindische Tier von einigen Monaten. +Er spielt sehr gut Billard. Leider geht dabei so +manche Kugel, besonders aber so manches Billardtuch +flöten. Er hat auch eine Riesen-Jagdpassion. +Meine Monteure sind darüber sehr glücklich, denn +er fängt ihnen so manchen schönen Hasenbraten. +Von mir kriegt er immer dafür etwas Senge, +denn ich bin weniger erbaut von dieser Passion.</p> + +<p>Er hatte eine dumme Eigenschaft. Er liebte es, +die Flugzeuge bei jedem Start zu begleiten. Der +normale Tod eines Fliegerhundes ist bei dieser +Gelegenheit der Tod durch den Propeller. Wieder +einmal jagte er vor einem startenden Flugzeug +einher, wird natürlich eingeholt und – ein sehr +schöner Propeller war hin. Moritz heulte schrecklich, +und eine von mir versäumte Maßnahme +wurde auf diese Weise nachgeholt. Ich habe mich +immer gesträubt, ihn koupieren zu lassen, d. h. +im besonderen ihm die Ohren beschneiden zu +lassen. Auf der einen Seite hat es nun der +Propeller nachgeholt. Die Schönheit hat ihn nie +gedrückt, aber das eine Klappohr und das andere +halbkoupierte stehen ihm recht gut. Überhaupt, +wenn der Ringelschwanz nicht wäre, wäre es +eine richtige, echte Ulmer Dogge.</p> + +<p>Moritz hat den Weltkrieg und unsere Feinde +richtig erfaßt. Wie er zum erstenmal im Sommer +1916 russische Eingeborene sah – der Zug hielt, +<span class="pagenum"><a name="Page_132" id="Page_132">[132]</a></span>und Moritz wurde etwas spazieren geführt –, +verjagte er die hinzugelaufene russische Jugend +mit ungeheurem Gekläff. Auch Franzosen schätzt +er nicht, trotzdem er ja eigentlich selbst ein Belgier +ist. Ich gab mal in einem neuen Quartier Einwohnern +den Auftrag, das Haus zu säubern. +Wie ich abends wiederkam, war nichts gemacht. +Verärgert lasse ich mir einen Franzosen kommen. +Kaum macht er die Tür auf, begrüßt ihn Moritz +etwas unliebenswürdig. Nun konnte ich mir +erklären, weshalb die Herren mein Château +gemieden hatten.</p> + + + + +<h2 class="nosub"><span class="pagenum"><a name="Page_133" id="Page_133">[133]</a></span><a name="Englischer_Bombenangriff" id="Englischer_Bombenangriff"></a>Englischer Bombenangriff auf +unseren Flughafen</h2> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">D</span>ie Vollmondnächte sind für den Nachtflieger +am geeignetsten.</p> + +<p>In den Vollmondnächten des Monats April +betätigten sich unsere lieben Engländer besonders +emsig. Natürlich war es mit der Arras-Schlacht +in Verbindung zu bringen. Sie mochten wohl +herausbekommen haben, daß wir in Douai auf +einem sehr, sehr schönen, großen Flugplatz uns +häuslich eingerichtet hatten. Eines Nachts, wir +sitzen im Kasino, klingelt das Telephon, und es +wird mitgeteilt: »Die Engländer kommen.« +Natürlich großes Hallo. Unterstände hatten +wir ja; dafür hatte der tüchtige Simon gesorgt. +Simon ist unser Bausachverwalter. Also alles +stürzt in die Unterstände, und man hört tatsächlich +– zuerst noch ganz leise, aber ganz sicher +das Geräusch eines Flugmotors. Die Flaks und +Scheinwerfer scheinen auch eben die Mitteilung +bekommen zu haben, denn man merkt, wie sie +sachte lebendig werden. Der erste Feind war +aber noch viel zu weit, um angegriffen zu werden. +Uns machte es einen Heidenspaß. Wir befürchteten +nur immer, die Engländer würden unseren +Platz nicht finden, denn das ist nachts gar nicht +so einfach, besonders, da wir nicht an einer +<span class="pagenum"><a name="Page_134" id="Page_134">[134]</a></span>großen Chaussee lagen oder an einem Wasser +oder an einer Eisenbahn, die des Nachts die +besten Anhaltspunkte bilden.</p> + +<p>Der Engländer flog scheinbar sehr hoch. Erst +einmal um den ganzen Platz herum. Wir +glaubten schon, er hätte sich ein anderes Ziel +gesucht. Mit einem Male aber stellt er den +Motor ab und kommt herunter. »Nun wird’s +Ernst,« meinte Wolff. Wir hatten uns zwei +Karabiner geholt und fingen an, auf den Engländer +zu schießen. Sehen konnten wir ihn ja +noch nicht. Aber allein der Knall beruhigte schon +unsere Nerven. Jetzt kommt er in den Scheinwerfer +herein. Auf dem ganzen Flugplatz überall +ein großes Hallo. Es ist eine ganz alte Kiste. +Wir können den Typ genau erkennen. Er ist +höchstens noch einen Kilometer von uns entfernt. +Er fliegt genau auf unseren Platz zu. Er +kommt immer niedriger. Jetzt kann er höchstens +noch hundert Meter hoch sein. Da stellt er wieder +den Motor an und kommt genau auf uns zugeflogen. +Wolff meint noch: »Gott sei Dank, +er hat sich die andere Seite des Flugplatzes ausgesucht.« +Aber es dauerte nicht lange, da kommt +die erste, und dann regnet es einige Bömbchen. +Es war ein wunderbares Feuerwerk, das uns +der Bruder vormachte. Einem Angsthasen konnte +er auch Eindruck machen. Ich finde überhaupt, +Bombenwerfen in der Nacht ist nur moralisch von +<span class="pagenum"><a name="Page_135" id="Page_135">[135]</a></span>Bedeutung. Hat einer die Hosen voll, so ist es +für <em class="gesperrt">ihn</em> sehr peinlich, für die anderen aber nicht.</p> + +<p>Wir empfanden einen großen Spaß und meinten, +die Engländer könnten doch recht oft kommen. +Also, mein guter Gitterschwanz warf seine +Bomben ab, und zwar aus fünfzig Metern Höhe. +Das ist eine ziemliche Frechheit, denn auf fünfzig +Meter mute ich mir zu, auch des Nachts bei Vollmond +einem Keiler einen ganz anständigen Blattschuß +zu verpassen. Warum sollte ich nicht auch +einen Engländer treffen? Es wäre doch mal +etwas anderes gewesen, so einen Bruder von +unten abzuschießen.</p> + +<p>Von oben hatten wir schon mehreren die Ehre +gegeben, aber von unten hatte ich es nicht probiert. +Wie der Engländer weg war, gingen wir +wieder ins Kasino und besprachen uns, wie wir +den Brüdern in der nächsten Nacht einen Empfang +bereiten wollten. Tags darauf sah man die +Burschen usw. sehr emsig arbeiten. Sie beschäftigten +sich damit, Pfähle in der Nähe des +Kasinos und der Offizier-Wohnbaracken einzurammen, +die in der kommenden Nacht als Maschinengewehrstände +benutzt werden sollten. Wir +schossen uns mit erbeuteten englischen Flugzeug-Maschinengewehren +ein, machten uns ein Nachtkorn +drauf und waren sehr gespannt, was nun +werden würde. Die Zahl der Maschinengewehre +will ich nicht verraten, aber es sollte genügen. +<span class="pagenum"><a name="Page_136" id="Page_136">[136]</a></span>Jeder von meinen Herren war mit so einem +Ding bewaffnet.</p> + +<p>Wir sitzen wieder im Kasino. Gesprächstoff +sind natürlich die Nachtflieger. Da kommt ein +Bursche hereingestürzt und schreit nur: »Sie +kommen, sie kommen!« und verschwindet, etwas +spärlich bekleidet, im nächsten Unterstand. Jeder +von uns stürzt an die Maschinengewehre. Einige +tüchtige Mannschaften, die gute Schützen sind, sind +auch damit bewaffnet. Alle übrigen haben Karabiner. +Die Jagdstaffel ist jedenfalls bis an die Zähne +bewaffnet und bereit, die Herren zu empfangen.</p> + +<p>Der erste kam, genau wie am Abend vorher, +in größerer Höhe, geht dann auf fünfzig Meter +herunter, und zu unserer größten Freude hat er +es diesmal gleich auf unsere Barackenseite abgesehen. +Er ist im Scheinwerfer. Jetzt ist er +höchstens noch dreihundert Meter von uns entfernt. +Der erste fängt an zu schießen, und zur +selben Zeit setzen alle übrigen ein. Ein Sturmangriff +könnte nicht besser abgewehrt werden als +dieser Angriff des einzelnen frechen Kunden in +fünfzig Metern Höhe. Ein rasendes Feuer empfängt +ihn. Hören konnte er das Maschinengewehrfeuer +ja nicht, daran verhinderte ihn sein Motor, +aber das Mündungsfeuer eines jeden sah er, +und deshalb finde ich es auch diesmal sehr schneidig +von dem Bruder, daß er nicht abbog, sondern +starr seinen Auftrag durchführte. Er flog genau +<span class="pagenum"><a name="Page_137" id="Page_137">[137]</a></span>über uns weg. In dem Augenblick, wie er über +uns weg war, springen wir natürlich schnell in +den Unterstand, denn durch so ’ne dämliche +Bombe erschlagen zu werden, wäre für einen +Jagdflieger ein selten dämlicher Heldentod. Kaum +ist er über uns weg, wieder ’ran an die Gewehre +und feste hinter ihm hergefeuert. Schäfer behauptete +natürlich: »Ich habe ihn getroffen.« +Der Kerl schießt ganz gut. Aber in diesem Fall +glaubte ich ihm denn doch nicht, und außerdem +hatte jeder andere ebenso gute Chancen.</p> + +<p>Wir hatten wenigstens das erreicht, daß der +Gegner seine Bomben ziemlich planlos in die +Gegend warf. Eine allerdings platzte ein paar +Meter neben dem <em class="antiqua">»petit rouge«,</em> tat ihm aber +nicht weh. Dieser Spaß wiederholte sich in der +Nacht noch mehrere Male. Ich lag bereits im +Bett und schlief fest, da hörte ich im Traum +Ballonabwehrfeuer, wachte davon auf und konnte +nur feststellen, daß der Traum Wahrheit war. +Ein Kunde flog so niedrig über meine Bude +weg, daß ich mir vor lauter Angst die Bettdecke +über den Kopf zog. Im nächsten Augenblick ein +wahnsinniger Knall, ganz in der Nähe meines +Fensters, und meine Scheiben waren ein Opfer +der Bombe. Schnell im Hemd ’rausgestürzt und +noch einige Schuß hinter ihm her. Draußen +wurde er schon kräftig beschossen. Ich hatte +aber diesen Herrn leider verschlafen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_138" id="Page_138">[138]</a></span>Am nächsten Morgen waren wir sehr erstaunt +und hocherfreut, als wir feststellten, daß wir +nicht weniger wie drei Engländer von der Erde +aus abgeschossen hatten. Sie waren nicht weit +von unserem Flughafen gelandet und gefangengenommen +worden. Wir hatten meist die Motoren +getroffen und sie dadurch gezwungen, auf unserer +Seite ’runterzugehen. Also hatte sich vielleicht +Schäfer doch nicht geirrt. Wir waren jedenfalls +sehr zufrieden mit unserem Erfolg. Die Engländer +dafür etwas weniger, denn sie zogen es +vor, nicht mehr unseren Platz zu attackieren. +Eigentlich schade, denn sie haben uns viel Spaß +damit gemacht. Vielleicht kommen sie nächsten +Monat wieder.</p> + + + + +<h2 class="nosub"><span class="pagenum"><a name="Page_139" id="Page_139">[139]</a></span><a name="Schaefers_Notlandung" id="Schaefers_Notlandung"></a>Schäfers Notlandung zwischen +den Linien</h2> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">A</span>m Abend des 20. April machen wir einen +Jagdflug, kommen sehr spät nach Hause und +haben Schäfer unterwegs verloren. Natürlich +hofft jeder, daß er vor Dunkelheit noch den Platz +erreicht. Es wird Neun, es wird Zehn, Schäfer +kommt nicht. Benzin kann er nicht mehr haben, +folglich ist er irgendwo notgelandet. Daß einer +abgeschossen ist, will man sich nie zugeben. Keiner +wagt es in den Mund zu nehmen, aber jeder +fürchtet es im stillen. Das Telephonnetz wird +in Bewegung gesetzt, um zu ermitteln, wo ein +Flieger gelandet ist. Kein Mensch kann uns Auskunft +geben. Keine Division, keine Brigade will +ihn gesehen haben. Ein ungemütlicher Zustand. +Schließlich gehen wir schlafen. Wir waren alle +fest überzeugt, er würde sich noch einfinden. +Nachts um Zwei werde ich plötzlich geweckt. Die +Telephonordonnanz teilt mir strahlend mit: +»Schäfer befindet sich im Dorf <em class="antiqua">Y</em> und bittet um +Abholung.«</p> + +<p>Am nächsten Morgen zum Frühstück öffnet sich +die Tür, und mein braver Pilot steht in so verdrecktem +Anzug vor mir, wie ihn der Infanterist +nach vierzehn Tagen Arras-Schlacht am Leibe hat. +Großes Hallo! Schäfer ist quietschvergnügt und +<span class="pagenum"><a name="Page_140" id="Page_140">[140]</a></span>muß seine Erlebnisse zum besten geben. Er hat +einen Bärenhunger. Nachdem er gefrühstückt hat, +erzählt er uns folgendes:</p> + +<p>»Ich fliege nach Hause an der Front entlang +und sehe in ganz niedriger Höhe drüben scheinbar +einen Infanterieflieger. Ich greife ihn an, schieße +ihn ab und will wieder zurückfliegen, da nehmen +mich die Engländer unten aus den Schützengräben +mächtig vor und beknallen mich ganz unheimlich. +Meine Rettung war natürlich die Geschwindigkeit +des Flugzeugs, denn daß sie beim +Schießen vorhalten müssen, daran denken die +Kerle natürlich nicht. Ich war vielleicht noch +zweihundert Meter hoch, aber ich muß doch versichern, +daß ich gewisse Körperteile mächtig angespannt +habe, aus erklärlichen Gründen. Mit +einem Male gibt es einen Schlag, und mein +Motor bleibt stehen. Also landen. Komme ich +noch über die feindlichen Linien, oder komme ich +nicht? Das war sehr die Frage. Die Engländer +haben es bemerkt und fangen wie wahnsinnig an +zu schießen. Jetzt höre ich jeden einzelnen Schuß, +denn mein Motor läuft nicht mehr, der Propeller +steht still. Eine peinliche Situation. Ich +komme herunter, lande, meine Maschine steht +noch nicht, da werde ich aus einer Hecke des Dorfes +Monchy bei Arras ganz kolossal mit Maschinengewehrfeuer +beschossen. Die Kugeln klatschen nur +so in meine Maschine herein. Ich ’raus aus der +<span class="pagenum"><a name="Page_141" id="Page_141">[141]</a></span>Kiste und in das nächste Granatloch ’rein, war +eins. Dort besann ich mich mal erst, wo ich mich +befinde. So allmählich wird mir klar, daß ich +über die Linien ’rüber bin, aber noch verdammt +nahe bei ihnen. Gott sei Dank ist es etwas spät +abends. Das ist meine Rettung.</p> + +<p>Es dauert nicht lange, da kommen die ersten +Granaten an. Natürlich sind es Gasgranaten, +und eine Maske hatte ich selbstverständlich nicht +mit. Also mir fingen die Augen ganz erbärmlich +an zu tränen. Die Engländer schossen sich vor +Dunkelheit auch noch mit Maschinengewehren +auf meine Landungsstelle ein, ein Maschinengewehr +offenbar auf mein Flugzeug, das andere +auf meinen Granattrichter. Die Kugeln klatschten +oben immer dagegen. Ich steckte mir daraufhin, +um meine Nerven zu beruhigen, erst mal eine +Zigarette an, ziehe mir meinen dicken Pelz aus +und mache mich zum Sprung auf! Marsch, +marsch! bereit. Jede Minute erscheint eine +Stunde.</p> + +<p>Allmählich wurde es dunkel, aber nur ganz +allmählich. Um mich herum locken die Rebhühner. +Als Jäger erkannte ich, daß die Hühner ganz +friedlich und vertraut waren, also war keine Gefahr, +daß ich in meinem Versteck überrascht wurde. +Schließlich wurde es immer finsterer. Auf einmal +geht ganz in meiner Nähe ein Pärchen Rebhühner +hoch, gleich darauf ein zweites, und ich +<span class="pagenum"><a name="Page_142" id="Page_142">[142]</a></span>erkannte daraus, daß Gefahr im Anzuge war. +Offenbar war es eine Patrouille, die mir Guten +Abend sagen wollte. Nun wird’s die höchste Zeit, +daß ich mich aus dem Staube mache. Erst ganz +vorsichtig auf dem Bauche kriechend, von Granatloch +zu Granatloch. Ich komme nach etwa anderthalb +Stunden eifrigen Kriechens an die ersten +Menschen. Sind es Engländer, oder sind es +Deutsche? Sie kommen heran, und beinahe wäre +ich den Musketieren um den Hals gesprungen, +als ich sie erkannte. Es war eine Schleichpatrouille, +die sich im neutralen Zwischengelände herumtreibt. +Einer der Leute führte mich zu seinem +Kompagnieführer, und hier erfuhr ich denn, daß +ich am Abend zuvor etwa fünfzig Schritte vor +der feindlichen Linie gelandet sei und unsere Infanterie +mich bereits aufgegeben hatte. Ich nahm +mal erst ein ordentliches Abendbrot zu mir und +trete dann den Rückmarsch an.</p> + +<p>Hinten wurde viel mehr geschossen als vorn. +Jeder Weg, jeder Annäherungsgraben, jedes +Gebüsch, jeder Hohlweg, alles lag unter feindlichem +Feuer. Am nächsten Morgen griffen die +Engländer an, sie mußten also heute abend ihre +Artillerievorbereitung beginnen. Ich hatte mir +also einen ungünstigen Tag für mein Unternehmen +ausgesucht. Erst gegen zwei Uhr morgens +erreichte ich das erste Telephon und konnte +mich mit meiner Staffel in Verbindung setzen.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_143" id="Page_143">[143]</a></span>Wir waren alle glücklich, unseren Schäfer wieder +zu haben. Er legte sich ins Bett. Jeder andere +hätte mal für die nächsten vierundzwanzig Stunden +auf den Genuß des Jagdfliegens verzichtet. +Mein Schäfer attackierte aber bereits am Nachmittag +desselben Tages wiederum über Monchy +einen ganz tieffliegenden B. E.</p> + + + + +<h2><span class="pagenum"><a name="Page_144" id="Page_144">[144]</a></span><a name="Das_Anti-Richthofen-Geschwader" id="Das_Anti-Richthofen-Geschwader"></a>Das Anti-Richthofen-Geschwader</h2> + +<p class="subheader">(25. <em class="gesperrt">April</em> 1917)</p> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">D</span>ie Engländer hatten sich einen famosen Witz +ausgedacht, nämlich mich zu fangen oder +abzuschießen. Zu diesem Zwecke hatten sie tatsächlich +ein besonderes Geschwader aufgestellt, +das in dem Raum flog, in dem wir uns meistens +’rumtrieben. Wir erkannten es daran, daß es +hauptsächlich gegen unsere roten Flugzeuge offensiv +wurde.</p> + +<p>Ich muß bemerken, daß wir unsere <em class="gesperrt">ganze</em> +Jagdstaffel rot angemalt hatten, da den Brüdern +doch allmählich klar geworden war, daß +ich in dieser knallroten Kiste säße. So waren +wir jetzt alle rot, und die Engländer machten +recht große Augen, wie sie statt der einen ein +ganzes Dutzend solcher Kisten sahen. Das hielt +sie aber nicht ab, den Versuch zu machen, uns +zu attackieren. Es ist mir ja viel lieber, die +Kundschaft kommt zu mir, als daß ich zu ihr +hingehen muß.</p> + +<p>Wir flogen an die Front, in der Hoffnung, +unsere Gegner zu finden. Nach etwa zwanzig +Minuten kamen die ersten an und attackierten +uns tatsächlich. Das war uns schon seit langer +Zeit nicht mehr passiert. Die Engländer hatten +ihren berühmten Offensivgeist doch etwas eingeschränkt, +<span class="pagenum"><a name="Page_145" id="Page_145">[145]</a></span>da er ihnen wohl etwas zu teuer zu +stehen gekommen war. Es waren drei Spad-Einsitzer, +die sich infolge ihrer guten Maschinen +uns sehr überlegen glaubten. Es flogen zusammen: +Wolff, mein Bruder und ich. Drei +gegen drei, das paßte also ganz genau. Gleich +zu Anfang wurde aus dem Angriff eine Verteidigung. +Schon hatten wir überhand. Ich +kriegte meinen Gegner vor und konnte noch +schnell sehen, wie mein Bruder und Wolff sich +jeder einen dieser Burschen vorbanden. Es begann +der übliche Tanz, man kreist umeinander. +Der gute Wind kam uns zu Hilfe. Er trieb +uns Kämpfende von der Front weg, Richtung +Deutschland.</p> + +<p>Meiner war der erste, der stürzte. Ich hatte +ihm wohl den Motor zerschossen. Jedenfalls +entschloß er sich, bei uns zu landen. Pardon kenne +ich nicht mehr, deshalb attackierte ich ihn noch +ein zweites Mal, worauf das Flugzeug in meiner +Geschoßgarbe auseinanderklappte. Die Flächen +fielen wie ein Blatt Papier, jede einzeln, und der +Rumpf sauste wie ein Stein brennend in die +Tiefe. Er fiel in einen Sumpf. Man konnte ihn +nicht mehr ausgraben. Ich habe nie erfahren, +wer es war, mit dem ich gekämpft habe. Er war +verschwunden. Bloß noch die letzten Reste des +Schwanzes verbrannten und zeigten die Stätte, +wo er sich selbst sein Grab gegraben hatte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_146" id="Page_146">[146]</a></span>Gleichzeitig mit mir hatten Wolff und mein +Bruder ihre Gegner angegriffen und nicht weit +von dem meinigen zur Landung gezwungen.</p> + +<p>Wir flogen sehr vergnügt nach Hause und +meinten: »Hoffentlich kommt recht oft das Anti-Richthofen-Geschwader.«</p> + + + + +<h2 class="nosub"><span class="pagenum"><a name="Page_147" id="Page_147">[147]</a></span><a name="Der_alte_Herr_kommt_uns_besuchen" id="Der_alte_Herr_kommt_uns_besuchen"></a>Der »alte Herr« kommt uns besuchen</h2> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">F</span>ür den 29. April hatte sich der »alte Herr« +angesagt, der seine beiden Söhne besuchen +wollte. Mein Vater ist Ortskommandant eines +Städtchens in der Nähe von Lille, also nicht sehr +weit weg von uns. Von oben kann ich ihn öfters +sehen. Er wollte mit dem Zuge um neun Uhr +kommen. Um halb Zehn ist er auf unserem Platz. +Wir kommen gerade von einem Jagdflug nach +Hause, und mein Bruder steigt zuerst aus seiner +Kiste, begrüßt den alten Herrn: »Guten Tag, +Papa, ich habe eben einen Engländer abgeschossen.« +Darauf steige ich aus meiner Maschine: »Guten +Tag, Papa, ich habe eben einen Engländer abgeschossen.« +Der alte Herr war glücklich, es machte +ihm viel Spaß, das sah man ihm an. Er ist nicht +einer von den Vätern, die sich um ihre Söhne +bangen, sondern am liebsten möchte er selbst sich +in eine Maschine setzen und auch abschießen – +glaube ich wenigstens. Wir frühstückten erst mit +ihm, dann flogen wir wieder.</p> + +<p>In der Zwischenzeit spielte sich ein Luftkampf +über unserem eigenen Flughafen ab, den mein +Vater sehr interessiert beobachtete. Wir waren +aber nicht beteiligt, denn wir standen unten und +sahen selbst zu. Es war ein englisches Geschwader, +das durchgebrochen war und über unserem +<span class="pagenum"><a name="Page_148" id="Page_148">[148]</a></span>Flughafen von einigen unserer Aufklärungsflieger +angegriffen wurde. Plötzlich überschlägt sich das +eine Flugzeug, fängt sich wieder und kommt +herunter im normalen Gleitflug, und wir erkennen +mit Bedauern, daß es diesmal ein Deutscher +ist. Die Engländer fliegen weiter. Das +deutsche Flugzeug ist scheinbar angeschossen, kommt +aber ganz richtig gesteuert herunter und versucht, +auf unserem Flugplatz zu landen. Der Platz ist +etwas klein für das große Ding. Auch war es +dem Piloten unbekanntes Gelände. So war die +Landung nicht ganz glatt. Wir stürzen hin und +müssen mit Bedauern feststellen, daß der eine der +Insassen, der Maschinengewehrschütze, gefallen +ist. Dieser Anblick war meinem Vater etwas +Neues und stimmte ihn offenbar sehr ernst.</p> + +<p>Der Tag versprach noch gut zu werden für uns. +Wunderbar klares Wetter. Dauernd hörte man +die Abwehrgeschütze; also unentwegter Flugbetrieb. +Gegen Mittag flogen wir wieder. Diesmal +hatte ich wieder Glück und hatte meinen +zweiten Engländer an dem Tage abgeschossen. +Die Stimmung des alten Herrn war wieder da. +Nach Tisch ein kurzes Schläfchen und man war +wieder ganz auf der Höhe. Wolff war mit seiner +Gruppe während der Zeit am Feinde gewesen und +hatte selbst einen erledigt. Auch Schäfer hatte +sich einen zu Gemüte geführt. Nachmittags +starteten mein Bruder und ich mit Schäfer, +<span class="pagenum"><a name="Page_149" id="Page_149">[149]</a></span>Festner und Allmenröder noch zweimal. Der +erste Flug war verunglückt, der zweite Flug um +so besser. Wir waren nicht lange an der Front, +da kam uns ein feindliches Geschwader entgegen. +Leider sind sie höher als wir. Also können wir +nichts machen. Wir versuchen, ihre Höhe zu erreichen: +es glückt uns nicht. Wir müssen sie auslassen, +fliegen an der Front entlang, mein Bruder +dicht neben mir, den anderen voraus. Da sehe +ich zwei feindliche Artillerieflieger in ganz unverschämt +frecher Weise nahe an unsere Front +herankommen. Ein kurzer Wink meines Bruders, +und wir hatten uns verständigt. Wir fliegen +nebeneinander her, unsere Geschwindigkeit vergrößernd. +Jeder fühlt sich so sicher, einmal sich +selbst dem Feinde überlegen. Besonders aber +konnte man sich aufeinander verlassen. Denn +das ist eben die Hauptsache. Man muß wissen, +mit wem man fliegt. Also mein Bruder war +zuerst an die Gegner heran, greift sich den ersten, +der ihm am nächsten fliegt, heraus, ich mir den +zweiten.</p> + +<p>Nun gucke ich mich noch schnell um, daß nicht +noch ein dritter in der Nähe ist; aber wir sind +allein. Aug’ in Auge. Ich habe meinem Gegner +bald die günstigste Seite abgerungen, ein kurzes +Reihenfeuer, und das feindliche Flugzeug platzt +auseinander. So schnell war mir ein Kampf +noch nie vorgekommen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_150" id="Page_150">[150]</a></span>Während ich noch beobachte, wo die Trümmer +meines Gegners herunterstürzen, gucke ich mich +nach meinem Bruder um. Er war kaum fünfhundert +Meter von mir entfernt, noch im Kampf +mit seinem Gegner.</p> + +<p>Ich hatte Zeit, mir dieses Bild genau anzusehen, +und muß sagen, daß ich selbst es nicht +hätte besser machen können. Auch er hatte bereits +den Gegner überrumpelt, und beide drehten +sich umeinander. Da plötzlich bäumt sich +das feindliche Flugzeug auf – ein sicheres Zeichen +des Getroffenseins, gewiß hatte der Führer +Kopfschuß oder so etwas – das Flugzeug +stürzt, und die Flächen des feindlichen Apparates +klappen auseinander. Die Trümmer +fallen ganz in die Nähe meines Opfers. Ich +fliege an meinen Bruder heran und gratuliere +ihm, d. h. wir winkten uns gegenseitig zu. Wir +waren befriedigt und flogen weiter. Es ist schön, +wenn man mit seinem Bruder so zusammen +fliegen kann.</p> + +<p>Die anderen waren in der Zwischenzeit auch +herangekommen und hatten sich das Schauspiel, +das ihnen die beiden Brüder boten, angeguckt, +denn helfen kann man ja nicht, einer kann nur +abschießen, und ist einer mit dem Gegner beschäftigt, +so können die anderen nur zusehen, ihm +den Rücken decken, damit er nicht von hinten +von einem Dritten belapst wird.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_151" id="Page_151">[151]</a></span>Wir fliegen weiter, gehen auf größere Höhe, +denn oben haben sich einige aus dem Klub der +Anti-Richthofen zusammengefunden. Wir waren +mal wieder gut zu erkennen, die Sonne vom +Westen her beleuchtete die Apparate und ließ sie +in ihrer schönen roten Farbe weithin schillern. +Wir schlossen uns eng zusammen, denn jeder +wußte, daß man es mit Brüdern zu tun hat, die +dasselbe Metier verfolgen wie wir selbst. Leider +sind sie wieder höher, so daß wir auf ihren Angriff +warten müssen. Die berühmten Dreidecker und +Spads, ganz neue Maschinen, aber es kommt +eben nicht auf die Kiste an, sondern auf den, +der drinnen sitzt; die Brüder waren laurig und +hatten keinen Mumm. Wir boten ihnen den +Kampf an, sowohl bei uns wie auch drüben. +Aber sie wollten ihn nicht annehmen. Wozu +prahlen sie erst mit ihrem Geschwader, das angesetzt +ist, um mich abzuschießen, wenn ihnen +nachher doch das Herz in die Hosen fällt?</p> + +<p>Endlich hat einer Mut gefaßt und stößt auf +unseren letzten herunter. Natürlich wird der +Kampf angenommen, obwohl es ja für uns +ungünstig ist, denn der, der drüber ist, ist im +Vorteil. Aber wenn einem die Kundschaft nicht +mehr gibt, muß man sie halt nehmen, wie sie +kommt. Also macht alles kehrt. Der Engländer +merkt es und läßt sofort ab. Nun ist aber +der Anfang gemacht. Ein anderer Engländer +<span class="pagenum"><a name="Page_152" id="Page_152">[152]</a></span>versucht das gleiche. Er hat sich mich als Gegner +ausgesucht, und ich begrüße ihn gleich mit einer +Salve aus beiden Maschinengewehren. Dies +schien er nicht zu schätzen. Er versuchte, sich durch +einen Sturzflug mir zu entziehen. Das war +sein Verderben. Denn dadurch kam er unter +mich. Nun blieb ich über ihm. Was unter mir +ist, womöglich noch allein und auf unserem Gebiet, +kann wohl als verloren gelten, besonders, wenn +es ein Einsitzer ist, also ein Jagdflieger, der nicht +nach hinten ’rausschießen kann. Der Gegner hatte +eine sehr gute Maschine und war sehr schnell. +Aber es sollte ihm nicht glücken, seine Linien zu +erreichen. Über Lens fing ich an, auf ihn zu +schießen. Ich war noch viel zu weit. Es war aber +ein Trick von mir, ich beunruhigte ihn dadurch. +Er kroch auf den Leim und machte Kurven. Dies +nützte ich aus und kam etwas näher heran. +Schnell versuchte ich dasselbe Manöver nochmals +und zum drittenmal. Jedesmal fiel mein +Freund darauf ’rein. So hatte ich mich sachte an +ihn herangeschossen. Nun bin ich ganz nahebei. +Jetzt wird sauber gezielt, noch einen Augenblick +gewartet, höchstens noch fünfzig Meter von ihm +entfernt, drücke ich auf beide Maschinengewehrknöpfe. +Erst ein leises Rauschen, das sichere +Zeichen des getroffenen Benzintanks, dann eine +helle Flamme, und mein Lord verschwindet in +der Tiefe.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_153" id="Page_153">[153]</a></span>Dieser war der Vierte an diesem Tage. Mein +Bruder hatte zwei. Dazu hatten wir den alten +Herrn scheinbar eingeladen. Die Freude war +ganz ungeheuer.</p> + +<p>Abends hatte ich mir noch einige Herren eingeladen, +unter anderen meinen guten Wedel, der +zufällig auch in der Gegend war. Das Ganze +war eine geglückte, verabredete Sache. Sechs +Engländer hatten die beiden Brüder also an +einem Tage abgeschossen. Das ist zusammen +eine ganze Fliegerabteilung. Ich glaube, wir +waren den Engländern unsympathisch.</p> + + + + +<h2 class="nosub"><span class="pagenum"><a name="Page_154" id="Page_154">[154]</a></span><a name="Flug_in_die_Heimat" id="Flug_in_die_Heimat"></a>Flug in die Heimat</h2> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">F</span>ünfzig sind abgeschossen. Zweiundfünfzig +fand ich besser. Deshalb schoß ich gleich am +selben Tage zwei mehr ab. Es ging eigentlich +gegen die Verabredung.</p> + +<p>Eigentlich hatte man mir bloß einundvierzig +zugebilligt; weshalb die Zahl einundvierzig +herauskam, kann sich wohl jeder denken, aber +gerade deshalb wollte ich es durchaus vermeiden. +Ich bin kein Rekordarbeiter, überhaupt +liegen uns in der Fliegertruppe alle Rekorde fern. +Man erfüllt nur seine Pflicht. Boelcke hätte +hundert abgeschossen, wäre ihm nicht das Unglück +passiert. Und manch anderer der guten gefallenen +Kameraden hätte eine ganz andere Zahl erreichen +können, wenn ihn nicht sein plötzlicher Tod daran +verhindert hätte. Aber so ein halbes Hundert +macht einem eben doch auch Spaß. Nun hatte +ich es schließlich auch erreicht, daß man mir fünfzig +zubilligte, bevor ich meinen Urlaub antrat.</p> + +<p>Hoffentlich kann ich noch das zweite Fünfzig +feiern.</p> + +<p>Am Abend desselben Tages klingelte es, und +nichts Geringeres als das »Große Hauptquartier« +wünschte mich zu sprechen. Ich kam +mir ganz spaßig vor, so mit der »Großen Bude« +verbunden zu sein. Ich erhielt unter anderem +<span class="pagenum"><a name="Page_155" id="Page_155">[155]</a></span>die erfreuliche Nachricht, daß Seine Majestät den +Wunsch geäußert hätte, mich persönlich zu sprechen, +und zwar war gleich der Tag angesagt: am +2. Mai. Dies ereignete sich aber schon am 30. April +abends neun Uhr. Mit dem Zuge wäre es nicht mehr +möglich gewesen, dem Wunsch des Allerhöchsten +Kriegsherrn nachzukommen. So zog ich es vor, +was ja auch viel schöner ist, die Reise auf dem +Luftwege zu erledigen. Am nächsten Morgen +wurde gestartet, und zwar nicht in meinem Einsitzer +<em class="antiqua">»Le petit rouge«</em>, sondern in einem dicken, +großen Zweisitzer.</p> + +<p>Ich setzte mich hinten ’rein, d. h. also nicht an +den »Knüppel«. Arbeiten mußte in diesem Falle +der Leutnant Krefft, auch einer der Herren meiner +Jagdstaffel. Er wollte gerade auf Erholungsurlaub, +es paßte also ausgezeichnet. So kam +er auch schneller in die Heimat. Es war ihm nicht +unsympathisch.</p> + +<p>Meine Abreise ging etwas Hals über Kopf. +Ich konnte in dem Flugzeug nichts weiter mitnehmen +als die Zahnbürste, mußte mich also +gleich so anziehen, wie ich mich im Großen Hauptquartier +vorzustellen hatte. Und so im Felde hat +eben der Militärsoldat nicht viel mit von schönen +Kleidungsstücken, jedenfalls nicht so ein armes +Frontschwein wie ich.</p> + +<p>Die Führung der Staffel übernahm mein +Bruder. Ich verabschiedete mich kurz, denn ich +<span class="pagenum"><a name="Page_156" id="Page_156">[156]</a></span>hoffte, bald im Kreise dieser lieben Menschen +meine Tätigkeit wieder aufnehmen zu können.</p> + +<p>Der Flug ging nun über Lüttich, Namur auf +Aachen und Köln. Es war doch schön, so mal +ohne kriegerische Gedanken durch das Luftmeer +zu segeln. Herrliches Wetter, wie wir es schon seit +langem nicht gehabt hatten. Gewiß gab es am +heutigen Tage mächtig viel zu tun an der Front. +Bald sind die eigenen Fesselballons nicht mehr +zu sehen. Immer weiter weg von dem Donner +der Schlachten von Arras. Unter uns Bilder +des Friedens. Fahrende Dampfer. Dort saust +ein <em class="antiqua">D</em>-Zug durchs Gelände, wir überholen ihn +spielend. Der Wind ist uns günstig. Die Erde +scheint uns wie eine Tenne so platt. Die schönen +Maasberge sind nicht zu erkennen als Berge. +Man erkennt sie nicht einmal am Schatten, denn +die Sonne steht fast senkrecht. Man weiß nur, +daß sie vorhanden sind, und mit etwas Phantasie +kann man sich sogar in ihre kühlen Schluchten +verkriechen.</p> + +<p>Es war doch etwas spät geworden, und so +kamen wir in die Mittagsstunde. Eine Wolkenschicht +zieht sich unter uns zusammen und verdeckt +die Erde völlig. Nach Sonne und Kompaß +orientierend fliegen wir weiter. Die Nähe von +Holland ist uns allmählich aber doch unsympathisch, +und so ziehen wir es vor, wieder mit dem +Erdboden Fühlung zu nehmen. Wir gehen unter +<span class="pagenum"><a name="Page_157" id="Page_157">[157]</a></span>die Wolke und befinden uns gerade über Namur. +Nun geht es weiter nach Aachen. Aachen lassen +wir links liegen und erreichen zur Mittagszeit +Köln. Die Stimmung in unserem Flugzeug +war gehoben. Vor uns ein längerer Urlaub, +außerdem das schöne Wetter, die gelungene Sache, +wenigstens Köln erreicht zu haben, und die Gewißheit, +daß, wenn einem auch jetzt etwas passiert, +man doch noch das Große Hauptquartier erreichen +konnte.</p> + +<p>Man hatte uns in Köln telegraphisch angesagt, +so wurden wir dort erwartet. Am Tage vorher +hatte mein zweiundfünfzigster Luftsieg in der Zeitung +gestanden. So war der Empfang auch +danach.</p> + +<p>Durch den dreistündigen Flug hatte ich doch +etwas Schädelbrummen, und so zog ich es vor, +erst einen kleinen Mittagsschlummer einzulegen, +bevor ich im Großen Hauptquartier eintraf. Wir +flogen nun von Köln ein ganzes Stückchen den +Rhein entlang. Ich kannte die Strecke. Ich bin +sie oft gefahren, auf dem Dampfer, mit dem +Auto und der Eisenbahn, und nun im Flugzeug. +Was war das Schönste? Es ist schwer zu sagen. +Gewisse Einzelheiten sieht man ja natürlich vom +Dampfer aus besser. Aber der Gesamtblick aus dem +Flugzeug ist auch nicht zu verachten. Der Rhein +hat eben einen besonderen Reiz, so auch von oben. +Wir flogen nicht zu hoch, um nicht das Gefühl +<span class="pagenum"><a name="Page_158" id="Page_158">[158]</a></span>der Berge völlig zu verlieren, denn das ist doch +wohl das Schönste am Rhein, die riesigen, bewaldeten +Höhen, die Burgen usw. Die einzelnen +Häuser konnten wir natürlich nicht sehen. Schade, +daß man nicht langsam und schnell fliegen kann. +Ich hätte gewiß den langsamsten Gang eingestellt.</p> + +<p>Nur zu schnell verschwand ein schönes Bild +nach dem anderen. Man hat, wenn man höher +fliegt, ja nicht das Gefühl, daß es sehr schnell +vorwärts geht. In einem Auto oder einem +<em class="antiqua">D</em>-Zug zum Beispiel kommt einem die Geschwindigkeit +ganz ungeheuer vor, dagegen im +Flugzeug eigentlich immer langsam, wenn man +eine gewisse Höhe erreicht hat. Man merkt es +eigentlich erst daran, wenn man mal fünf Minuten +nicht ’rausgeguckt hat und dann mit einem Male +wieder die Orientierung aufnimmt. Da ist das +Bild, das man noch kurz vorher im Kopfe hatte, +mit einem Male völlig verändert. Was man +unter sich sah, sieht man auf einmal in einem +Winkel, gar nicht zum Wiedererkennen. Deshalb +kann man sich so schnell verorientieren, wenn +man mal für einen Augenblick nicht aufpaßt. +So kamen wir am Nachmittag im Großen +Hauptquartier an, herzlich empfangen von einigen +mir bekannten Kameraden, die dort in der »Großen +Bude« zu arbeiten haben. Sie tun mir ordentlich +leid, die Tintenspione. Sie haben ja nur den +halben Spaß vom Kriege. Zunächst meldete +<span class="pagenum"><a name="Page_159" id="Page_159">[159]</a></span>ich mich bei dem Kommandierenden General der +Luftstreitkräfte. Am nächsten Vormittag ereignete +sich nun der große Moment, wo ich Hindenburg +und Ludendorff vorgestellt werden sollte. +Ich mußte eine ganze Weile warten. Wie die +Begrüßung im einzelnen war, kann ich eigentlich +schlecht schreiben. Erst meldete ich mich bei Hindenburg, +dann bei Ludendorff.</p> + +<p>Es ist ein unheimliches Gefühl in dem Raum, +wo das Geschick der Erde entschieden wird. So +war ich ganz froh, wie ich die »Große Bude« +wieder hinter mir hatte und mittags bei Seiner +Majestät zum Frühstück befohlen war. Es war +ja heute mein Geburtstag, und irgendeiner hatte +es wohl Seiner Majestät verraten, und so gratulierte +er mir. Einmal zu meinem Erfolg, dann +zum fünfundzwanzigsten Lebensjahr. Auch ein +kleines Geburtstagsgeschenk überraschte mich.</p> + +<p>Früher hätte ich es mir wohl nie träumen +lassen, daß ich am fünfundzwanzigsten Geburtstag +rechts von Hindenburg sitzen und in einer Rede +vom Generalfeldmarschall erwähnt werden würde.</p> + +<p class="thoughtbreak">*</p> + +<p>Tags darauf war ich zu Mittag bei Ihrer +Majestät eingeladen und fuhr zu diesem Zweck +nach Homburg. Dort war ich zum Frühstück bei +Ihrer Majestät, wurde gleichfalls mit einem +Geburtstagsgeschenk bedacht, und ich hatte noch +die große Freude, Ihrer Majestät einen Start +<span class="pagenum"><a name="Page_160" id="Page_160">[160]</a></span>vorzuführen. Abends war ich nochmals bei dem +Generalfeldmarschall v. Hindenburg eingeladen.</p> + +<p>Den Tag darauf flog ich nach Freiburg, um +dort einen Auerhahn zu schießen. Von Freiburg +aus benutzte ich ein Flugzeug, das nach Berlin +flog. In Nürnberg wurde Benzin aufgefüllt. +Da zog ein Gewitter auf. Ich hatte es aber +dringend eilig, in Berlin anzukommen. Allerhand +mehr oder weniger interessante Dinge warteten +dort meiner. So flog ich trotz des Gewitters +weiter. Mir machten die Wolken und das +Schweinewetter Spaß. Es goß mit Kannen. +Ab und zu etwas Hagel. Der Propeller sah nachher +ganz toll aus, durch die Hagelkörner zerschlagen, +wie eine Säge. Leider machte mir das Wetter +so viel Spaß, daß ich darüber gänzlich vergaß +aufzupassen, wo ich mich befand. Wie ich wieder +die Orientierung aufnehmen will, habe ich keinen +Dunst mehr, wo ich bin. Eine schöne Bescherung! +In der Heimat »verfranzt«! Das mußte natürlich +gerade mir passieren. Wie würden die zu Hause +sich amüsieren, wenn sie das wüßten! Aber +es war an der Tatsache nichts zu ändern. Ich +wußte nicht mehr, wo ich war. Ich war durch den +starken Wind und das niedrige Fliegen sehr abgetrieben +worden und von meiner Karte heruntergekommen +und mußte nun nach Sonne und +Kompaß notdürftig die Richtung nach Berlin +einhalten. Städte, Dörfer, Flüsse, Wälder jagen +<span class="pagenum"><a name="Page_161" id="Page_161">[161]</a></span>unter mir dahin. Ich erkenne nichts wieder. +Ich vergleiche die Natur mit meiner Karte, aber +vergeblich. Es ist alles anders. Ich bin eben +tatsächlich nicht mehr im Bilde. Es ist mir nicht +möglich, die Gegend wiederzuerkennen. Wie sich +später herausstellte, war es allerdings auch ausgeschlossen, +denn ich flog etwa hundert Kilometer +neben meinem Kartenrand.</p> + + +<div class="figcenter" style="width: 291px;"> +<a href="images/illu_160.jpg"><img src="images/illu_160_th.jpg" width="291" height="400" alt="v. Hoeppner, Thomson, v. Richthofen" title="v. Hoeppner, Thomson, v. Richthofen" /></a> +<table style="width: 100%; margin-bottom: 1ex;" summary="labels"> +<tr><td>2</td><td>3</td><td>1</td></tr> +</table> +<span class="caption"> +Der kommandierende General der Luftstreitkräfte, +Exzellenz v. Hoeppner (1), und der Chef des Stabes der Luftstreitkräfte, +Oberstleutnant Thomson (2), mit Rittmeister Manfred +Freih. v. Richthofen (3)</span> +</div> + +<div class="figcenter" style="width: 264px;"> +<a name="Telegramm" id="Telegramm"></a><a href="images/illu_161.jpg"><img class="noborder" src="images/illu_161_th.jpg" width="264" height="400" alt="Ein Glückwunsch des Kaisers" title="Ein Glückwunsch des Kaisers" /></a> +<span class="caption"><a href="#Transkription_des_Telegramms">Ein Glückwunsch des Kaisers</a></span> +</div> + +<p>Nach etwa zweistündigem Fluge entschlossen +sich mein Führer und ich zu einer Notlandung. +Dies ist immer was Unangenehmes, so ohne +Flughafen. Man weiß nicht, wie die Erdoberfläche +ist. Kommt ein Rad in ein Loch, ist die Kiste +futsch. Erst versuchten wir noch, auf einem Bahnhof +die Aufschrift der Station zu erkennen, aber +Kuchen, natürlich war sie so klein aufgepinselt, +daß man auch nicht einen Buchstaben erkennen +konnte. Also müssen wir landen. Nur schweren +Herzens, aber es bleibt uns nichts anderes übrig. +Wir suchen uns eine Wiese, die von oben ganz +schön aussieht, und versuchen unser Heil. Leider +sah die Wiese bei näherer Betrachtung nicht so +schön aus. Dies konnte ich auch an einem etwas +verbogenen Fahrgestell feststellen. So hatten +wir uns denn völlig mit Ruhm bekleckert. Erst +»verfranzt« und dann die Kiste zerschmissen! +Wir mußten nun also mit einem ganz ordinären +Fortbewegungsmittel, dem <em class="antiqua">D</em>-Zug, unsere weitere +Reise nach der Heimat antreten. Langsam, aber +<span class="pagenum"><a name="Page_162" id="Page_162">[162]</a></span>sicher erreichten wir Berlin. Wir waren in der +Nähe von Leipzig notgelandet. Hätten wir nicht +die Dummheit gemacht, so wären wir gewiß +noch nach Berlin gekommen, aber wie man’s +macht, macht man’s falsch.</p> + +<p>Einige Tage später traf ich in meiner Heimatstadt +Schweidnitz ein. Obwohl es sieben Uhr +morgens war, hatte sich doch eine ganze Menge +Menschen auf dem Bahnhof angefunden. Die +Begrüßung war herzlich. Am Nachmittag wurden +mir verschiedene Ehrungen zuteil, darunter auch +durch Jugendwehr.</p> + +<p>Im großen und ganzen wurde mir klar, daß +die Heimat sich für ihre Kämpfer im Felde doch +lebhaft interessiert.</p> + + + + +<h2 class="nosub"><span class="pagenum"><a name="Page_163" id="Page_163">[163]</a></span><a name="Mein_Bruder" id="Mein_Bruder"></a>Mein Bruder</h2> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">I</span>ch war noch nicht acht Tage auf Urlaub, da +kriegte ich die telegraphische Nachricht: +»Lothar verwundet, nicht lebensgefährlich.« Mehr +nicht. Nähere Erkundigungen ergaben, daß er +wieder mal recht leichtsinnig gewesen war. Er +flog mit Allmenröder zusammen gegen den Feind. +Da sah er tief unten, ziemlich weit drüben, einen +allein herumkrebsenden <em class="antiqua">Englishman</em>. Das sind +so die feindlichen Infanterieflieger, die unseren +Truppen besonders lästig fallen. Jedenfalls +beunruhigen sie sehr. Ob sie wirklich etwas erreichen +mit ihrem tiefen Rumkrebsen, ist sehr +die Frage. Mein Bruder war etwa zweitausend +Meter hoch, der Engländer tausend. Er pürscht +sich ’ran, setzt zum Sturzflug an und ist in wenigen +Sekunden bei ihm. Der Engländer zog es vor, +den Kampf zu vermeiden, und verschwand gleichfalls +im Sturzflug in der Tiefe. Mein Bruder, +nicht faul, hinterher. Ganz schnuppe, ob es drüben +oder bei uns ist. Nur ein Gedanke: er muß +’runter. Das ist ja auch natürlich das richtige. +Ab und zu mache ich’s auch. Aber wenn es mein +Bruder bei jedem Fluge nicht mindestens einmal +gemacht hat, macht ihm das ganze Unternehmen +keinen Spaß. Erst ganz kurz über dem +Boden kriegt er ihn wirklich gut vor und kann +<span class="pagenum"><a name="Page_164" id="Page_164">[164]</a></span>ihm den Laden vollschießen. Der Engländer +stürzt senkrecht in die Erde. Viel bleibt nicht mehr +übrig.</p> + +<p>Nach so einem Kampfe, besonders in geringer +Höhe, in dem man sich so oft gedreht und gewendet +hat, mal rechtsrum und mal linksrum +geflogen ist, hat der normale Sterbliche keine +Ahnung mehr, wo er sich befindet. Nun war es +an diesem Tage noch etwas dunstig, also ein besonders +ungünstiges Wetter. Schnell hatte er sich +orientiert und merkt erst jetzt, daß er doch wohl ein +ganzes Ende hinter der Front ist. Er war hinter +der Vimy-Höhe. Die Vimy-Höhen sind etwa hundert +Meter höher als die andere Gegend. Mein +Bruder war hinter diesen Vimy-Höhen verschwunden +– behaupten jedenfalls die Beobachter von +der Erde aus.</p> + +<p>Dieses Nachhausefliegen, bis man seine eigene +Stellung erreicht hat, gehört nicht zu den angenehmsten +Gefühlen, die man sich denken kann. +Man kann nichts dagegen tun, daß einen der +Gegner beschießt. Nur selten treffen sie. Mein +Bruder näherte sich der Linie. In so geringer +Höhe kann man jeden Schuß hören, es hört sich +an, wie wenn Kastanien im Feuer platzen, wenn der +einzelne Infanterist schießt. Da – mit einem +Male fühlte er einen Schlag, getroffen. Das war +ihm klar. Er zählt zu den Menschen, die nicht ihr +eignes Blut sehen können. Bei einem anderen +<span class="pagenum"><a name="Page_165" id="Page_165">[165]</a></span>macht es ihm keinen Eindruck; wenigstens weniger. +Aber sein eigenes Blut stört ihn. Er +fühlt, wie es ihm warm am rechten Bein herunterläuft, +zur gleichen Zeit auch einen Schmerz in +der Hüfte. Unten wird noch immer geknallt. +Also ist er noch drüben. Da endlich hört es so +sachte auf, und er ist über unsere Front hinüber. +Nun muß er sich aber beeilen, denn seine Kräfte +lassen zusehends nach. Da sieht er einen Wald, +daneben eine Wiese. Also auf die Wiese zu. Die +Zündung schnell herausgenommen, der Motor +bleibt stehen, und in demselben Augenblick ist es +alle mit seinen Kräften, die Besinnung hat ihn +verlassen. Er sitzt ja nun ganz allein in seinem +Flugzeug, also ein zweiter konnte ihm nicht helfen. +Wie er auf die Erde hinuntergekommen ist, +ist eigentlich ein Wunder. Denn von allein startet +und landet kein Flugzeug. Man behauptet +dies nur von einer alten Taube in Köln, die von +einem Monteur zum Start zurechtgemacht ist +und gerade in dem Augenblick, wie der Pilot sich +hineinsetzen will, von allein losfliegt, von allein eine +Kurve macht und nach fünf Minuten wieder landet. +Das wollen viele Männer gesehen haben. Ich +habe es nicht gesehen – aber ich bin doch fest davon +überzeugt, daß es wahr ist. Mein Bruder jedenfalls +hatte nicht so eine Taube, die von allein +landet, aber trotzdem hatte er sich bei dem Berühren +mit dem Erdboden nichts getan. Erst im +<span class="pagenum"><a name="Page_166" id="Page_166">[166]</a></span>Lazarett fand er die Besinnung wieder. Er wurde +nach Douai transportiert.</p> + +<p>Es ist für einen Bruder ein ganz eigenartiges +Gefühl, wenn man den anderen in einen Kampf +mit einem Engländer verwickelt sieht. So sah ich +zum Beispiel einmal, wie Lothar hinter dem Geschwader +etwas herhängt und von einem Engländer +attackiert wird. Es wäre für ihn ein leichtes gewesen, +den Kampf zu verweigern. Er braucht bloß +in der Tiefe zu verschwinden. Aber nein, das tut er +nicht! Der Gedanke kommt ihm scheinbar gar +nicht. Ausreißen kennt er nicht. Zum Glück hatte +ich dies beobachtet und paßte auf. Da sah ich, wie +der Engländer, der über ihm war, immer auf ihn +’runterstößt und schießt. Mein Bruder versucht, +seine Höhe zu erreichen, unbekümmert, ob er beschossen +wird oder nicht. Da – mit einem Male +überschlägt sich das Flugzeug, und die rot angestrichene +Maschine stürzt senkrecht, sich um sich +selbst drehend, herunter. Keine gewollte Bewegung, +sondern ein regelrechter Absturz. Dieses +ist für den zusehenden Bruder nicht das schönste +aller Gefühle. Aber ich habe mich so sachte daran +gewöhnen müssen, denn mein Bruder benutzte es +als Trick. Wie er erkannt hatte, daß der Engländer +ihm über war, markierte er ein Angeschossensein. +Der Engländer hinterher, mein Bruder +fängt sich und hat ihn im Umsehen überstiegen. +Das feindliche Flugzeug konnte sich nicht so schnell +<span class="pagenum"><a name="Page_167" id="Page_167">[167]</a></span>wieder aufrichten und zur Besinnung kommen, +da saß ihm mein Bruder im Nacken, und einige +Augenblicke später schlugen die Flammen heraus. +Dann ist nichts mehr zu retten, dann stürzt das +Flugzeug brennend ab.</p> + +<p>Ich habe mal auf der Erde neben einem Benzintank +gestanden, wo hundert Liter auf einmal explodierten +und verbrannten. Ich konnte nicht zehn +Schritt daneben stehen, so heiß wurde mir. Und +nun muß man sich vorstellen, daß auf wenige +Zentimeter vor einem so ein Tank von vielen +fünfzig Litern explodiert und der Propellerwind +die ganze Glut einem ins Gesicht treibt. Ich +glaube, man ist im ersten Moment schon besinnungslos, +und es geht jedenfalls am schnellsten.</p> + +<p>Aber es passieren doch ab und zu Zeichen und +Wunder. So sah ich z. B. einmal ein englisches +Flugzeug brennend abstürzen. Die Flammen +schlugen erst in fünfhundert Metern Höhe heraus. +Die Maschine stand in hellen Flammen. Wie wir +nach Hause fliegen, erfahren wir, daß der eine der +Insassen aus fünfzig Metern Höhe herausgesprungen +ist. Es war der Beobachter. Fünfzig Meter +Höhe! Man muß sich mal die Höhe überlegen. +Der höchste Kirchturm, der in Berlin ist, reicht +gerade heran. Man springe mal von der Spitze +dieses Turmes herunter! Wie man wohl unten +ankommen mag! Die meisten brächen sich’s Genick, +wenn sie aus dem Hochparterre herausspringen +<span class="pagenum"><a name="Page_168" id="Page_168">[168]</a></span>würden. Jedenfalls, dieser brave »Franz« sprang +aus seinem brennenden Flugzeug aus fünfzig +Meter Höhe heraus, das bereits mindestens eine +Minute gebrannt hatte, und machte sich weiter +nichts als einen glatten Unterschenkelbruch. Er +hat sogar, gleich nachdem ihm all dies passiert ist, +noch Aussagen gemacht, also sein seelischer Zustand +hatte nicht einmal gelitten.</p> + +<p>Ein andermal schoß ich einen Engländer ab. +Der Flugzeugführer hatte einen tödlichen Kopfschuß, +das Flugzeug stürzte steuerlos, senkrecht, +ohne sich zu fangen, aus dreitausend Metern Höhe +in die Erde. Eine ganze Weile später erst kam ich +im Gleitflug hinterher und sah unten weiter +nichts als einen wüsten Haufen. Zu meinem +Erstaunen erfuhr ich, der Beobachter habe nur +einen Schädelbruch, und sein Zustand sei nicht +lebensgefährlich. Glück muß eben der Mensch +haben.</p> + +<p>Wieder einmal schoß Boelcke einen Nieuport +ab. Ich sah es selbst. Das Flugzeug stürzte wie +ein Stein. Wir fuhren hin und fanden das Flugzeug +bis zur Hälfte im Lehm vergraben. Der Insasse, +ein Jagdflieger, war durch einen Bauchschuß +besinnungslos und hatte sich beim Aufschlagen +nur einen Arm ausgekugelt. Er ist nicht +gestorben.</p> + +<p>Andererseits habe ich es wieder erlebt, daß +ein guter Freund von mir bei einer Landung +<span class="pagenum"><a name="Page_169" id="Page_169">[169]</a></span>mit einem Rade in ein Karnickelloch kam. Die +Maschine hatte überhaupt keine Geschwindigkeit +mehr und stellte sich ganz langsam auf den Kopf, +überlegte sich, nach welcher Seite sie umkippen +sollte, fiel auf den Rücken – und der arme Kerl +hatte das Genick gebrochen.</p> + +<p class="thoughtbreak">*</p> + +<p>Mein Bruder Lothar ist Leutnant bei den Vierten +Dragonern, war vor dem Kriege auf Kriegsschule, +wurde gleich zu Anfang Offizier und hat, +gleichwie ich, den Krieg als Kavallerist begonnen. +Was er da alles an Heldentaten begangen hat, +ist mir unbekannt, da er nie von sich selbst spricht. +Man hat mir nur folgende Geschichte erzählt: +Es war im Winter 1914, sein Regiment lag an der +Warthe, die Russen auf der anderen Seite. Kein +Mensch wußte, rücken sie oder bleiben sie. Die +Ufer waren zum Teil gefroren, so daß man schlecht +durchreiten konnte. Brücken gab’s natürlich nicht, +die hatten die Russen abgerissen. Da schwamm +mein Bruder durch, stellte fest, wo die Russen +waren, und kam zurückgeschwommen. Dieses +alles im strengen russischen Winter bei soundso +viel Grad minus. Seine Kleider waren nach +wenigen Minuten festgefroren, und darunter, +behauptete er, sei es ganz warm gewesen. So ritt +er den ganzen Tag, bis er abends in sein Quartier +kam. Dabei hat er sich nicht erkältet.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_170" id="Page_170">[170]</a></span>Im Winter 1915 ging er auf mein Drängen +hin zur Fliegerei, wurde, gleichwie ich, Beobachter. +Erst ein Jahr später Flugzeugführer. Die +Schule als Beobachter ist gewiß nicht schlecht, +gerade für einen Jagdflieger. März 1917 machte +er sein drittes Examen und kam sofort zu meiner +Jagdstaffel.</p> + +<p>Er war also noch ein ganz, ganz junger +und ahnungsloser Flugzeugführer, der noch an +kein Looping und ähnliche Scherze dachte, sondern +zufrieden war, wenn er ordentlich landen und +starten konnte. Nach vierzehn Tagen nahm ich +ihn zum ersten Male mit gegen den Feind und +bat ihn, dicht hinter mir zu fliegen, um sich die +Sache mal genau anzusehen. Nach dem dritten +Fluge mit ihm sehe ich mit einem Male, wie er +sich von mir trennt und sich gleichfalls auf einen +Engländer stürzt und ihn erlegt. Mein Herz +hüpfte vor Freude, als ich dies sah. Es war mir +wieder mal ein Beweis, wie wenig das Abschießen +eine Kunst ist. Es ist nur die Persönlichkeit +oder, anders ausgedrückt, der Schneid des +Betreffenden, der die Sache macht. Ich bin also +kein Pégoud, will es auch nicht sein, sondern nur +Soldat, und tue meine Pflicht.</p> + +<p>Vier Wochen später hatte mein Bruder bereits +zwanzig Engländer abgeschossen. Dies dürfte +wohl einzig dastehen in der ganzen Fliegerei, +daß ein Flugzeugführer vierzehn Tage nach seinem +<span class="pagenum"><a name="Page_171" id="Page_171">[171]</a></span>dritten Examen den ersten und vier Wochen nach +dem ersten zwanzig Gegner abgeschossen hat.</p> + +<p>Sein zweiundzwanzigster Gegner war der berühmte +Captain Ball, weitaus der beste englische +Flieger. Den seinerzeit ebenso bekannten Major +Hawker hatte ich mir vor einigen Monaten bereits +zur Brust genommen. Es machte mir besonders +Freude, daß es nun mein Bruder war, der +den zweiten Champion Englands erledigte. +Captain Ball flog einen Dreidecker und begegnete +meinem Bruder einzeln an der Front. +Jeder versuchte den anderen zu fassen. Keiner +gab sich eine Blöße. Es blieb bei einem kurzen +Begegnen. Immer nur auf sich zufliegend. +Nie glückte es dem einen, sich hinter den anderen +zu setzen. Da entschlossen sich plötzlich beide in dem +kurzen Augenblick des Aufeinanderzufliegens, +einige wohlgezielte Schüsse abzugeben. Beide +fliegen aufeinander zu. Beide schießen. Jeder hat +vor sich einen Motor. Die Treffwahrscheinlichkeiten +sind sehr gering, die Geschwindigkeit +doppelt so groß wie normal. Eigentlich unwahrscheinlich, +daß einer von beiden trifft. Mein +Bruder, der etwas tiefer war, hatte dabei seine +Maschine stark überzogen und überschlug sich, +verlor das Gleichgewicht, und seine Maschine +wurde für einige Momente steuerlos. Bald hatte +er sie wieder gefangen, mußte aber feststellen, daß +ihm der Gegner beide Benzintanks zerschossen +<span class="pagenum"><a name="Page_172" id="Page_172">[172]</a></span>hatte. Also landen! Schnell die Zündung ’raus, +sonst brennt die Kiste. Der nächste Gedanke aber +war: Wo bleibt mein Gegner? Im Augenblick des +Überschlagens hatte er gesehen, wie sich der Gegner +gleichfalls aufbäumte und überschlagen hatte. +Er konnte also nicht allzu weit von ihm entfernt +sein. Der Gedanke herrscht: Ist er über mir oder +unter mir? Drüber war er nicht mehr, dafür +aber sah er unter sich den Dreidecker sich dauernd +überschlagen und noch immer tiefer stürzen. Er +stürzte und stürzte, ohne sich zu fangen, bis auf +den Boden. Dort zerschellte er. Es war auf unserem +Gebiet. Beide Gegner hatten sich in dem +kurzen Augenblick des Begegnens mit ihren starren +Maschinengewehren getroffen. Meinem Bruder +waren die beiden Benzintanks zerschossen, und +im selben Augenblick hatte der Captain Ball +einen Kopfschuß bekommen. Er trug bei sich einige +Photographien und Zeitungsausschnitte seiner +Heimatprovinzen, in denen er sehr angefeiert wurde. +Er schien kurze Zeit zuvor noch auf Urlaub gewesen +zu sein. Zu Boelckes Zeiten hatte Captain +Ball sechsunddreißig deutsche Apparate vernichtet. +Auch er hat einen Meister gefunden. Oder +war es Zufall, daß eine Größe wie er gleichfalls +den normalen Heldentod sterben mußte?</p> + +<p>Captain Ball war ganz gewiß der Führer des +Anti-Richthofen-Geschwaders, und ich glaube, +der <em class="antiqua">Englishman</em> wird es nun lieber aufstecken, +<span class="pagenum"><a name="Page_173" id="Page_173">[173]</a></span>mich zu fangen. Das täte uns leid, denn dadurch +würde uns manche schöne Gelegenheit genommen, +bei der wir die Engländer gut belapsen könnten.</p> + +<p>Wäre mein Bruder nicht am 5. Mai verwundet +worden, ich glaube, er wäre nach meiner Rückkehr +vom Urlaub gleichfalls mit Zweiundfünfzig auf +Urlaub geschickt worden.</p> + + + + +<h2 class="nosub"><span class="pagenum"><a name="Page_174" id="Page_174">[174]</a></span><a name="Lothar_ein_Schiesser" id="Lothar_ein_Schiesser"></a>Lothar ein »Schießer« und nicht +ein Weidmann</h2> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">M</span>ein Vater macht einen Unterschied zwischen +einem Jäger (Weidmann) und einem +Schießer, dem es nur Spaß macht, zu schießen. +Wenn ich einen Engländer abgeschossen habe, so +ist meine Jagdpassion für die nächste Viertelstunde +beruhigt. Ich bringe es also nicht fertig, +zwei Engländer unmittelbar hintereinander abzuschießen. +Fällt der eine herunter, so habe ich das +unbedingte Gefühl der Befriedigung. Erst sehr, +sehr viel später habe ich mich dazu überwunden und +mich zum Schießer ausgebildet.</p> + +<p>Bei meinem Bruder war es anders. Wie er +seinen vierten und fünften Gegner abschoß, hatte +ich Gelegenheit, ihn zu beobachten. Wir griffen +ein Geschwader an. Ich war der erste. Mein +Gegner war bald erledigt. Ich gucke mich um und +sehe, wie mein Bruder hinter einem Engländer +sitzt, aus dem gerade die Flamme herausschlägt +und dessen Maschine explodiert. Neben diesem +Engländer fliegt ein zweiter. Er machte weiter +nichts, als daß er von dem ersten, der noch gar +nicht mal ’runtergefallen war und sich noch in der +Luft befand, sein Maschinengewehr auf den nächsten +richtete und sofort weiterschoß, kaum daß er +absetzte. Auch dieser fiel nach kürzerem Kampf.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_175" id="Page_175">[175]</a></span>Zu Hause fragte er mich stolz: »Wieviel hast +du abgeschossen?« Ich sagte ganz bescheiden: +»Einen.« Er dreht mir den Rücken und sagt: +»Ich habe zwei,« worauf ich ihn zur Nachsuche +nach vorn schickte. Er mußte feststellen, wie seine +Kerle hießen usw. Am späten Nachmittag kommt +er zurück und hat nur einen gefunden.</p> + +<p>Die Nachsuche war also schlecht, wie überhaupt +bei solchen Schießern. Erst am Tage darauf meldete +die Truppe, wo der andere lag. Daß er +’runtergefallen war, hatten wir ja alle gesehen.</p> + + + + +<h2 class="nosub"><span class="pagenum"><a name="Page_176" id="Page_176">[176]</a></span><a name="Der_Auerochs" id="Der_Auerochs"></a>Der Auerochs</h2> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">D</span>er Fürst Pleß hatte mir gelegentlich eines +Besuches im Hauptquartier erlaubt, bei ihm +auf seiner Jagd ein Wisent abzuschießen. Der +Wisent ist das, was im Volksmund mit Auerochse +bezeichnet wird. Auerochsen sind ausgestorben. +Der Wisent ist auf dem besten Wege, das +gleiche zu tun. Auf der ganzen Erde gibt es nur +noch zwei Stellen, und das ist in Pleß und beim +Revier des ehemaligen Zaren im Bialowiczer +Forst. Der Bialowiczer Forst hat natürlich durch +den Krieg kolossal gelitten. So manchen braven +Wisent, den sonst nur hohe Fürstlichkeiten und +der Zar abgeschossen hätten, hat sich ein Musketier +zu Gemüte geführt.</p> + +<p>Mir war also durch die Güte Seiner Durchlaucht +der Abschuß eines so seltenen Tieres erlaubt +worden. In etwa einem Menschenalter gibt es +diese Tiere nicht mehr, da sind sie ausgerottet.</p> + +<p>Ich kam am Nachmittag des 26. Mai in Pleß +an und mußte gleich vom Bahnhof losfahren, um +den Stier noch am selben Abend zu erlegen. Wir +fuhren die berühmte Straße durch den Riesenwildpark +des Fürsten entlang, auf der wohl manche +gekrönte Häupter vor mir entlang gefahren sind. +Nach etwa einer Stunde stiegen wir aus und hatten +nun noch eine halbe Stunde zu laufen, um +<span class="pagenum"><a name="Page_177" id="Page_177">[177]</a></span>auf meinen Stand zu kommen, während die +Treiber bereits aufgestellt waren, um auf das +gegebene Zeichen mit dem Drücken zu beginnen. +Ich stand auf der Kanzel, auf der, wie mir der +Oberwildmeister berichtete, bereits mehrmals +Majestät gestanden hat, um so manchen Wisent +von da aus zur Strecke zu bringen. Wir warten +eine ganze Zeit. Da plötzlich sah ich im hohen +Stangenholz ein riesiges schwarzes Ungetüm sich +heranwälzen, genau auf mich zu. Ich sah es noch +eher als der Förster, machte mich schußfertig und +muß sagen, daß ich doch etwas Jagdfieber +kriegte. Es war ein mächtiger Stier. Auf zweihundertfünfzig +Schritt verhoffte er noch einen +Augenblick. Es war mir zu weit, um zu schießen. +Getroffen hätte man ja vielleicht das Ungetüm, +weil man eben an so einem Riesending überhaupt +nicht vorbeischießen kann. Aber die Nachsuche +wäre doch eine unangenehme Sache gewesen. +Außerdem die Blamage, vorbeizuschießen. Also +warte ich lieber, daß er mir näher kommt. Er mochte +wohl wieder die Treiber gespürt haben, denn mit +einem Male machte er eine ganz kurze Wendung +und kam in windender Fahrt, die man so einem +Tiere nie zugetraut hätte, heran, genau spitz auf +mich zu. Schlecht zum Schießen. Da verschwand +er hinter einer Gruppe von dichten Fichten. Ich +hörte ihn noch schnaufen und stampfen. Sehen +konnte ich ihn nicht mehr. Ob er Wind von mir +<span class="pagenum"><a name="Page_178" id="Page_178">[178]</a></span>bekommen hatte oder nicht, weiß ich nicht. Jedenfalls +war er weg. Noch einmal sah ich ihn auf eine +große Entfernung, dann war er verschwunden.</p> + +<p>War es der ungewohnte Anblick eines solchen +Tieres oder wer weiß was – jedenfalls hatte +ich in dem Augenblick, wo der Stier herankam, +dasselbe Gefühl, dasselbe Jagdfieber, das mich +ergreift, wenn ich im Flugzeug sitze, einen Engländer +sehe und ihn noch etwa fünf Minuten lang +anfliegen muß, um an ihn heranzukommen. Nur +mit dem einen Unterschied, daß sich der Engländer +wehrt. Hätte ich nicht auf einer so hohen Kanzel +gestanden, wer weiß, ob da nicht noch andere +moralische Gefühle mitgespielt hätten?</p> + +<p>Es dauerte nicht lange, da kommt der zweite. +Auch ein mächtiger Kerl. Er macht es mir sehr +viel leichter. Auf etwa hundert Schritt verhofft +er und zeigt mir sein ganzes Blatt. Der erste +Schuß traf, er zeichnet. Ich hatte ihm einen guten +Blattschuß verpaßt. Hindenburg hatte mir einen +Monat vorher gesagt: »Nehmen Sie sich recht viel +Patronen mit. Ich habe auf meinen ein halbes +Dutzend verbraucht, denn so ein Kerl stirbt ja +nicht. Das Herz sitzt ihm so tief, daß man meistenteils +vorbeischießt.« Und es stimmte. Das Herz, +trotzdem ich ja genau wußte, wo es saß, hatte +ich nicht getroffen. Ich repetierte. Der zweite +Schuß, der dritte, da bleibt er stehen, schwerkrank. +Vielleicht auf fünfzig Schritt vor mir.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_179" id="Page_179">[179]</a></span>Fünf Minuten später war das Ungetüm +verendet. Die Jagd wurde abgebrochen und +»Hirsch tot« geblasen. Alle drei Kugeln saßen ihm +dicht überm Herzen, sehr gut Blatt.</p> + +<p>Wir fuhren nun an dem schönen Jagdhaus des +Fürsten vorbei und noch eine Weile durch den +Wildpark, in dem alljährlich zu der Brunstzeit +die Gäste des Fürsten ihren Rothirsch usw. erlegen. +Wir hielten noch und sahen uns das Innere +des Hauses im Promnitz an. Auf einer +Halbinsel gelegen, mit wunderschönem Blick, auf +fünf Kilometer Entfernung kein menschliches Wesen. +Man hat nicht mehr das Gefühl, in einem Wildpark +zu sein, wie man sich wohl im allgemeinen +vorstellt, wenn man von der Fürstlich Pleßschen +Jagd spricht. Vierhunderttausend Morgen Gatter +sind eben kein Wildpark mehr. Da gibt es kapitale +Hirsche, die nie ein Mensch gesehen hat, die kein +Förster kennt, und die gelegentlich in der Brunstzeit +erlegt werden. Man kann wochenlang laufen, +um ein Wisenttier zu Gesicht zu bekommen. In +manchen Jahreszeiten ist es ausgeschlossen, sie +überhaupt zu sehen. Dann sind sie so heimlich, +daß sie sich in den Riesenwäldern und unendlichen +Dickichten vollständig verkriechen. Wir sahen +noch manchen Hirsch im Bast und manchen +guten Bock.</p> + +<p>Nach etwa zwei Stunden kamen wir kurz vor +Dunkelheit wieder in Pleß an.</p> + + + + +<h2 class="nosub"><span class="pagenum"><a name="Page_180" id="Page_180">[180]</a></span><a name="Infanterie_Artillerie" id="Infanterie_Artillerie"></a>Infanterie-, Artillerie- und +Aufklärungsflieger</h2> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">W</span>äre ich nicht Jagdflieger geworden, ich glaube, +ich hätte mir das Infanteriefliegen ausgesucht. +Es ist einem doch eine große Befriedigung, +wenn man unserer am schwersten kämpfenden +Truppe direkte Hilfe leisten kann. Der Infanterieflieger +ist in der Lage, dies zu tun. Er hat damit +eine dankbare Aufgabe. Ich habe in der Arras-Schlacht +so manchen dieser tüchtigen Leute beobachten +können, wie sie bei jedem Wetter und +zu jeder Tageszeit in niedriger Höhe über den +Feind flogen und die Verbindung mit unserer +schwer kämpfenden Truppe suchten. Ich verstehe +es, wie man sich dafür begeistern kann, ich glaube, +so manch einer hat Hurra gebrüllt, wenn er die +feindlichen Massen hat nach einem Angriff +zurückfluten sehen und unsere schneidige Infanterie +aus den Gräben hervorkam und den zurückflutenden +Gegner Auge in Auge bekämpfte. So +manches Mal habe ich den Rest meiner Patronen +nach einem Jagdflug auf die feindlichen Schützengräben +verschossen. Wenn es auch wenig hilft, +so macht es doch moralischen Eindruck.</p> + +<p>Artillerieflieger bin ich auch selbst gewesen. +Es war zu meiner Zeit etwas Neues, mit Funkentelegraphie +das Schießen der eigenen Artillerie +<span class="pagenum"><a name="Page_181" id="Page_181">[181]</a></span>zu leiten. Aber dazu gehört eine ganz besondere +Begabung. Ich konnte mich auf die Dauer nicht +dazu eignen. Der Kampf ist mir lieber. Zum +Artilleriefliegen muß man wohl selbst zur Waffe +gehören, um das nötige Verständnis mitzubringen.</p> + +<p>Aufklärungsfliegen habe ich auch getrieben, +und zwar in Rußland im Bewegungskriege. +Da war ich noch einmal Kavallerist, d. h. ich kam +mir so vor, wenn ich mit meinem stählernen +Pegasus loszog. Jene Tage mit Holck über den +Russen sind mit meine schönste Erinnerung. +Aber das Bild der Bewegung kommt scheinbar +nicht wieder.</p> + +<p>Im Westen sieht der Aufklärungsflieger ganz +etwas anderes, als das Auge des Kavalleristen +gewohnt ist. Die Dörfer und Städte, die Eisenbahnen +und Straßen sehen so tot und still aus, +und trotzdem ist auf ihnen ein ungeheurer Verkehr, +der aber dem Flieger mit großer Geschicklichkeit +verborgen wird. Nur ein ganz, ganz +geübtes Auge vermag aus den rasenden Höhen +etwas Bestimmtes zu beobachten. Ich habe gute +Augen, aber es erscheint mir zweifelhaft, ob es +überhaupt einen gibt, der etwas Genaues aus +fünftausend Metern Höhe auf einer Chaussee erkennen +kann. Man ist also auf etwas anderes +angewiesen, was das Auge ersetzt, das ist der +photographische Apparat. Man photographiert +also all das, was man für wichtig hält, und was +<span class="pagenum"><a name="Page_182" id="Page_182">[182]</a></span>man photographieren soll. Kommt man nach +Hause und die Platten sind verunglückt, so ist der +ganze Flug umsonst gewesen.</p> + +<p>Dem Aufklärungsflieger begegnet es oft, daß +er in einen Kampf verwickelt wird, aber er hat +Wichtigeres zu tun, als sich mit dem Kampf zu +beschäftigen. Oft ist eine Platte wichtiger als +das Abschießen eines ganzen Apparates, deshalb +ist er in den meisten Fällen gar nicht dazu berufen, +luftzukämpfen.</p> + +<p>Es ist eine schwere Aufgabe heutzutage, im +Westen eine gute Aufklärung durchzuführen.</p> + + + + +<h2 class="nosub"><span class="pagenum"><a name="Page_183" id="Page_183">[183]</a></span><a name="Unsere_Flugzeuge" id="Unsere_Flugzeuge"></a>Unsere Flugzeuge</h2> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">W</span>ie wohl jedem klar ist, haben sich im Laufe +des Krieges unsere Flugzeuge etwas verändert. +Der größte Unterschied ist zwischen +einem Riesenflugzeug und einem Jagdflugzeug.</p> + +<p>Das Jagdflugzeug ist klein, schnell, wendig, +trägt aber nichts. Nur die Patronen und die +Maschinengewehre.</p> + +<p>Das Riesenflugzeug – man muß sich bloß +das erbeutete englische Riesenflugzeug ansehen, +das auf unserer Seite glatt gelandet ist, ist ein +Koloß, nur dazu bestimmt, durch große Flächen +möglichst viel zu tragen. Es schleppt unheimlich +viel; dreitausend bis fünftausend Kilogramm +sind gar nichts dafür. Die Benzintanks sind die +reinen Eisenbahntankwagen. Man hat nicht mehr +das Gefühl des Fliegens in so einem großen Ding, +sondern man »fährt«. Das Fliegen wird nicht +mehr durch das Gefühl, sondern durch technische +Instrumente gemacht.</p> + +<p>So ein Riesenflugzeug hat unheimlich viel +Pferdekräfte. Die Zahl weiß ich nicht genau, aber +es sind viele tausend. Je mehr, je besser. Es +ist nicht ausgeschlossen, daß wir noch mal ganze +Divisionen in so einem Ding transportieren +können. In ihrem Rumpf kann man spazierengehen. +In der einen Ecke ist ein unbeschreibliches +<span class="pagenum"><a name="Page_184" id="Page_184">[184]</a></span>Etwas, da haben die Gelehrten einen Funkentelegraphen +hineingebaut, mit dem man sich im +Fluge mit der Erde völlig verständigen kann. +In der anderen Ecke hängen die schönsten Zervelatwürste, +die berühmten Fliegerbomben, vor denen +die unten solche Angst haben. Aus jeder Ecke +starrt der Lauf eines Gewehrs. Eine fliegende +Festung ist es. Die Tragflächen mit ihren Streben +kommen einem vor wie Säulenhallen. Ich +kann mich für diese Riesenkähne nicht begeistern. +Ich finde sie gräßlich, unsportlich, langweilig, +unbeweglich. Mir gefällt mehr ein Flugzeug wie +<em class="antiqua">»le petit rouge«</em>. Mit dem Ding ist es ganz +egal, ob man auf dem Rücken fliegt, es senkrecht +auf den Kopf stellt oder sonst welche Zicken macht, +man fliegt eben wie ein Vogel, und doch ist +es kein »Schwingenfliegen« wie der Vogel +Albatros, sondern das ganze Ding ist eben ein +»fliegender Motor«. Ich glaube, wir werden noch +so weit kommen, daß wir uns Fliegeranzüge für +zwei Mark fünfzig Pfennig kaufen können, in die +man einfach ’reinkriecht. An einem Ende ist ein +Motörchen und ein Propellerchen, die Arme steckt +man in die Tragflächen und die Beine in den +Schwanz, dann hopst man etwas, das ist der +Start, und dann geht es gleich einem Vogel durch +die Lüfte.</p> + +<p>Du lachst gewiß, lieber Leser, ich auch, aber +ob unsere Kinder lachen werden, ist noch nicht +<span class="pagenum"><a name="Page_185" id="Page_185">[185]</a></span>heraus. Man hätte auch gelacht, wenn einer vor +fünfzig Jahren erzählt hätte, er würde über +Berlin hinwegfliegen. Ich sehe noch Zeppelin, +wie er im Jahre 1910 zum ersten Male nach Berlin +kam, und jetzt guckt die Berliner Range kaum +noch nach oben, wenn so ein Ding durch die Luft +braust.</p> + +<p>Außer diesen Riesenflugzeugen und dem Ding +für Jagdflieger gibt es nun noch eine unzählige +Menge von anderen in jeder Größe. Man ist +noch lange nicht am Ende der Erfindungen. Wer +weiß, was wir in einem Jahr verwenden werden, +um uns in den blauen Äther zu bohren!</p> + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_186" id="Page_186">[186]</a></span>[Blank Page]</p> --> +</div> + +<div class="advertisements"> +<p class="header"><span class="pagenum"><a name="Page_187" id="Page_187">[187]</a></span><em class="gesperrt">Verlag Ullstein & Co, Berlin</em></p> + + +<h2>Die Abenteuer des Fliegers von Tsingtau</h2> + +<p class="autor">Meine Erlebnisse in drei Erdteilen<br /> +von Kapitänleutnant Gunther Plüschow</p> + +<p class="auflage"><em class="gesperrt">550.–600. Tausend</em></p> + +<p class="center">Aus dem Inhalt:</p> + +<p>Der letzte Tag von Tsingtau / Beim Mandarin von Hai-Dschou / +Als Millionär nach Amerika – als Schlossergeselle nach Europa / +In Gibraltar gefangen / In England hinter Mauern und +Stacheldraht / Die Flucht aus dem Gefangenenlager / Als +Vagabund in London / Schwarze Nächte an der Themse / +Als blinder Passagier nach Holland / Wieder im Vaterland</p> + + +<h2>Die Abenteuer des Ostseefliegers</h2> + +<p class="autor">von Leutnant zur See Erich Killinger</p> + +<p class="auflage"><em class="gesperrt">301.–350. Tausend</em></p> + +<p class="center">Aus dem Inhalt:</p> + +<p>Abgeschossen / Fünf Stunden im Eiswasser / In der +Peter-Pauls-Festung / Sibirien! / Der Sprung aus dem +Schnellzug / Sechs Wochen in der mandschurischen +Wüste / Als »Monsieur du Fais« in Japan / Erster +Klasse nach Amerika / Als Vollmatrose nach Norwegen</p> + + +<h2>Zeppeline über England</h2> + +<p class="autor">von ***</p> + +<p class="auflage"><em class="gesperrt">140.–170. Tausend</em></p> + +<p>Eine lebensvolle und von der ersten bis zur letzten Zeile aufs +höchste spannende Schilderung der Taten unserer Luftflotte. +Wir sehen die rastlose harte Arbeit auf der Werft und begleiten +eines der neuen Riesenfahrzeuge auf einer Abnahmefahrt. +Donnernd und brausend stimmen dann die Motoren ihr Lied an +zur großen Fahrt in Feindesland, übers Meer, nach London.</p> + + +<h2><span class="pagenum"><a name="Page_188" id="Page_188">[188]</a></span>300 000 Tonnen versenkt!</h2> + +<p class="autor">Meine <em class="antiqua">U</em>-Boots-Fahrten<br /> +von Kapitänleutnant Max Valentiner</p> + +<p class="auflage"><em class="gesperrt">1.–100. Tausend</em></p> + +<p class="center">Aus dem Inhalt:</p> + +<p>Im Kampf mit <em class="antiqua">U</em>-Boots-Fallen / Im Schwarzen Meer / +Was wir vor einem Damenbad erlebten / Unser gefährlichstes +Abenteuer / Jagd auf hoher See / Im Schlepp nach Madeira / +Ein Sonntagmorgen in Funchal / Mann über Bord / Im Netz</p> + + +<h2>Die Fahrt der Deutschland</h2> + +<p class="autor">von Kapitän Paul König</p> + +<p class="auflage"><em class="gesperrt">501.–550. Tausend</em></p> + +<p>In einer Sprache, in der noch die ganze Unmittelbarkeit des +Erlebnisses nachklingt, gibt Kapitän Paul König die Geschichte +seiner für alle Zeiten denkwürdigen Fahrten. Vom Bau der +»Deutschland« erzählt er, von der Ausreise, vom Kampf mit +den Elementen, von der Verfolgung durch die Feinde, von +der Ankunft in Baltimore, von der glücklichen Heimkehr.</p> + + +<h2>Als <em class="antiqua">U</em>-Boots-Kommandant +gegen England</h2> + +<p class="autor">von Kapitänleutnant Freiherrn v. Forstner</p> + +<p class="auflage"><em class="gesperrt">86.–95. Tausend</em></p> + +<p>Zum erstenmal berichtet hier ein deutscher Unterseeboots-Kommandant +von dem, was unserem schlimmsten Feind +Angst und Schrecken einjagt, von den Erfolgen im Handelskrieg +gegen England. Im Nordatlantik, im Kanal, +in der Irischen See hat Kapitänleutnant von Forstner +mit seiner Mannschaft kühne Beutezüge unternommen.</p> + + +<h2><span class="pagenum"><a name="Page_189" id="Page_189">[189]</a></span>Die Fahrten der »Goeben« +im Mittelmeer</h2> + +<p class="autor">von Leutnant zur See Kraus</p> + +<p>Ein Offizier der »Goeben« erzählt die Taten seines Schiffes, +den großen Durchbruch bei Messina, die wilde Jagd durch das +Ionische Meer, das Entrinnen. Voll atemloser Spannung ist die +Darstellung des Leutnants Kraus und sieghaft heiter auch in +den drohendsten Momenten dieser Fahrt, die mit dem Aufsteigen +des Roten Halbmonds an der Gaffel der »Goeben« abschließt.</p> + + +<h2>Die Fahrten der »Breslau« +im Schwarzen Meer</h2> + +<p class="autor">von Oberleutnant zur See Dönitz</p> + +<p>Ein Offizier der »Breslau«–»Midilli« hat dieses Werk verfaßt, +das ihre abenteuerlichen Kriegsfahrten durch das Schwarze +Meer wiedergibt, nicht als Darstellung eines Unbeteiligten, +sondern als packendes Erlebnis. In dichtester Folge drängen +sich die Kriegsepisoden. Und auch der Ruhezeit am Goldenen +Horn, des farbenbunten Orientlebens gedenkt +dieses fröhliche, temperamentvolle Buch von der »Breslau«.</p> + + +<h2>Kreuzerfahrten und <em class="antiqua">U</em>-Bootstaten</h2> + +<p class="autor">von Otto von Gottberg</p> + +<p>Mit Unterstützung der Flottenleitung hat Otto von Gottberg +die packenden Berichte niedergeschrieben, die hier in einem +Ehrenbuch der deutschen Kriegsmarine vereinigt sind. Er +schildert die kühnen Fahrten unserer Kreuzer und <em class="antiqua">U</em>-Boote, +die durch rollende Fluten dem Feinde entgegenziehen.</p> + + +<p class="footer"><em class="gesperrt">Jeder Band 1 Mark</em></p> +</div> + + +<div class="figcenter" style="width: 44px; margin-bottom: 0em"> +<span class="pagenum"><a name="Page_190" id="Page_190">[190]</a></span> +<img class="noborder" src="images/logo.jpg" width="44" height="100" alt="Ullstein Verlagslogo" title="Ullstein Verlagslogo" /> +</div> +<p class="center" style="margin-top: 0em"><small>Ullstein & Co<br /> +Berlin SW 68</small></p> + + + +<div class="telegramm"> +<p><strong><a name="Transkription_des_Telegramms" id="Transkription_des_Telegramms"></a>Transkription des <a href="#Telegramm">kaiserlichen Glückwunschtelegramms</a>:</strong></p> +<p>aufgenommen am 30. IV. 1917. 4 Uhr 20 Min. vorm.</p> + +<p>aus dem Gr. H. Qu.</p> + +<p> +An Krg. schl homb. 27. 29. IV. 8<sup>h</sup> nachm.<br /> +</p> + +<p>Rittm. Freih. von Richthofen<br /> +<span style="margin-left: 6em">Jagdstaffel Richthofen.<br /></span> +<span style="margin-left: 10em">durch A.O.K.G.</span></p> + +<p>Es wird mir soeben gemeldet, daß Sie heute +zum 50. Male als Sieger aus dem Luftkampf +hervorgingen. Ich spreche Ihnen zu diesem +glänzenden Erfolg Meinen herzlichen Glückwunsch +und Meine vollste Anerkennung aus. +Mit Bewunderung und Dankbarkeit blickt +das Vaterland auf seinen tapferen Flieger. +Gott sei ferner mit Ihnen.</p> + +<p class="signatur">Wilhelm I. R.</p> +</div> + + + +<div class="note"> +<p><strong>Anmerkungen zur Transkription:</strong> Die nachfolgende Tabelle enthält eine +Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.</p> + +<ul> +<li><a href="#Page_70">S. 070</a>: [Punkt ergänzt] einen Gesinnungstüchtigen zu finden.</li> +<li><a href="#Page_74">S. 074</a>: As junger Flugzeugführer → Als</li> +<li><a href="#Page_81">S. 081</a>: daß wir nach Rußlang gingen → Rußland</li> +<li><a href="#Page_92">S. 092</a>: [Zeichensetzung vereinheitlicht] mußt du’s machen«. → machen.«</li> +<li><a href="#Page_97">S. 097</a>: [vereinheitlicht] etwa vierzig kennen gelernt → kennengelernt</li> +<li><a href="#Page_152">S. 152</a>: [Punkt ergänzt] mein Lord verschwindet in der Tiefe.</li> +</ul> +</div> + + + +<div class="note"> +<p><strong>Transcriber’s Notes:</strong> The table below lists all corrections +applied to the original text.</p> + +<ul> +<li><a href="#Page_70">p. 070</a>: [added period] einen Gesinnungstüchtigen zu finden.</li> +<li><a href="#Page_74">p. 074</a>: As junger Flugzeugführer → Als</li> +<li><a href="#Page_81">p. 081</a>: daß wir nach Rußlang gingen → Rußland</li> +<li><a href="#Page_92">p. 092</a>: [normalized punktuation] mußt du’s machen«. → machen.«</li> +<li><a href="#Page_97">p. 097</a>: [normalized] etwa vierzig kennen gelernt → kennengelernt</li> +<li><a href="#Page_152">p. 152</a>: [added period] mein Lord verschwindet in der Tiefe.</li> +</ul> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of Project Gutenberg's Der rote Kampfflieger, by Manfred von Richthofen + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ROTE KAMPFFLIEGER *** + +***** This file should be named 24572-h.htm or 24572-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/4/5/7/24572/ + +Produced by Markus Brenner, Irma Spehar and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit http://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/24572-h/images/illu_009.jpg b/24572-h/images/illu_009.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..459456c --- /dev/null +++ b/24572-h/images/illu_009.jpg diff --git a/24572-h/images/illu_009_th.jpg b/24572-h/images/illu_009_th.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..0034c8e --- /dev/null +++ b/24572-h/images/illu_009_th.jpg diff --git a/24572-h/images/illu_024.jpg b/24572-h/images/illu_024.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..42d96b8 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