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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/24377-8.txt b/24377-8.txt new file mode 100644 index 0000000..067dc33 --- /dev/null +++ b/24377-8.txt @@ -0,0 +1,8168 @@ +The Project Gutenberg eBook, Indienfahrt, by Waldemar Bonsels + + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + + + + +Title: Indienfahrt + + +Author: Waldemar Bonsels + + + +Release Date: January 20, 2008 [eBook #24377] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK INDIENFAHRT*** + + +E-text prepared by Inka Weide, Wolfgang Menges, Juliet Sutherland, and the +Project Gutenberg Online Distributed Proofreading Team +(http://www.pgdp.net) + + + +WALDEMAR BONSELS + +INDIENFAHRT + + + + + + + +113. bis 123. Tausend + +[Illustration: Verlags-Signet] + +1920 + +Verlag der Literarischen Anstalt +Rütten & Loening +Frankfurt a. M. + +Das Buch ist im Jahre 1912 entstanden. +Die erste Auflage erschien im Herbst 1916. +Alle Rechte, besonders das der Übersetzung, vorbehalten. +Copyright 1916 by Literarische Anstalt Rütten & Loening, Frankfurt a. M. +Die Einbandzeichnung ist von Walter Tiemann. +Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig. +Die schwedische Ausgabe bei C. W. K. Gleerup, Verlag, Lund. +Die finnische Ausgabe bei Werner Söderström Osakeyhtiö, Porvoo, Suomi. +Die holländische Ausgabe im Verlag »Patria«, Amersfort. + + + + + INHALTSÜBERSICHT + + + I. Von Panja, Elias und der Schlange 9 + II. Cannanore, die Fischer und das Meer 29 + III. Die Nacht mit Huc, dem Affen 47 + IV. Am Silbergrab des Watarpatnam 65 + V. Dschungelleute 80 + VI. Im Fieber 104 + VII. In den Bergen 123 + VIII. Am Thron der Sonne 137 + IX. Die Herrschaft des Tiers 154 + X. Sumpftyrannen 168 + XI. Mangalore 189 + XII. Von Frauen, Heiligen und Brahminen 207 + XIII. Das letzte Feuer und der alte Geist 228 + XIV. Der Heimat zu 246 + + + + +Erstes Kapitel + +Von Panja, Elias und der Schlange + + +Als ich in der gesegneten Provinz Malabar in der Stadt Cannanore anlangte, +führte mich der Hindu Rameni vor das Haus, das er mir für die Zeit meines +Aufenthaltes vermieten wollte. Es war nach Art der europäischen Häuser +Indiens erbaut, einstöckig, mit hohem überhängenden Dach und einer breiten +Veranda, die die ganze Front entlang lief. Ich erblickte es, nachdem wir +uns mit vereinten Kräften durch den verwilderten Garten gearbeitet hatten. +Rameni sagte: »Dies ist mein liebstes Besitztum auf Erden. Ich habe es +geschont und behütet, und seit sieben Jahren hat kein menschlicher Fuß es +betreten. Sein letzter Bewohner war Sahib John Ditrey, ein englischer +Offizier von großer Macht, dem jeder Soldat Gehorsam leistete, der in seine +Nähe kam. Er war Tag für Tag glücklich unter diesem Dach und wäre es heute +noch, wenn die Regierung ihn und seine Leute nicht an einen anderen Ort +verschickt hätte.« + +Ich betrachtete die großen, meist leeren Räume, in denen sich eine üppige +Vegetation entwickelt hatte und in denen eine Tierwelt ihr Dasein fristete, +deren Mannigfaltigkeit meine Erwartungen aufs höchste steigerte. + +»Alle diese Tiere sind arglos,« sagte Rameni freundlich, »sie werden sich +zum großen Teil wahrscheinlich zurückziehen, denn sie lieben die +Gesellschaft der Menschen nicht. Aber da du in Begleitung bist, Sahib, +einen Hund, einen Diener und einen Koch mitgebracht hast, wird dein Gemüt +von keiner Einsamkeit zernagt werden. Ich gebe Hühner, wenn du willst...« + +Rameni beherrschte die englische Sprache in einem Maße, daß ich fühlte, wie +meine Haare sich unter dem Korkhelm sträubten. + +»Auch du bist ein Engländer,« sagte er zu mir, als er eine lange Ruhmrede +auf Sir John Ditrey, den Offizier, beendet hatte. + +Ich sagte ihm, daß ich ein Deutscher sei, und er tröstete mich. + +»Ich habe von diesem Land niemals gehört,« sagte er endlich, »aber seine +Bewohner gelten als freigebig, und wahrscheinlich ist es reicher als das +britische Reich.« + +Da ich ihn verstand, fragte ich nach dem Preis, den er als Miete für seine +Besitzung fordere. Er sprach darauf so eifrig von anderen Dingen, daß meine +Befürchtungen an Raum gewannen. Endlich gelang es mir, ihn zu Geständnissen +zu überreden, und er begann zu rechnen und addierte mit geheimnisvoller +Ergriffenheit die Verluste zusammen, die ihm in den sieben Jahren +entstanden waren, in denen sich kein Mieter gefunden hatte. Ich beobachtete +schweigend ein Volk weißer Ameisen, das die Dielen des Fußbodens und das +Mauerwerk auf das geschickteste zur Anlage ihrer Ortschaften untergraben +hatte. Ich werde euch nicht hindern, dachte ich, eure Reiche sollen unter +meiner Herrschaft zu ungeahnter Blüte gelangen, und ich will euch ein +weiser Fürst und treuer Gefährte sein. Durch das Palmendickicht am Fenster +strahlte die Morgensonne, durch grüne Schleier voll zackiger Ornamente. Das +unfaßliche Bewußtsein jenes Glücks, unter dem ich erzitterte, seit ich den +Boden Indiens betreten und zum erstenmal den Geruch, die Wärme und das +Licht dieses Landes eingesogen hatte, sank mir aufs neue ins Herz. + +»Fürchte dich nicht, Sahib,« sagte Rameni und zählte an seinen krampfhaft +gespreizten Fingern, vor Zweifel, Hoffnung und Erwartung beinahe +fassungslos. Ich sprach von meinem Mut, und er hob die Hand zum zehnten +Male, um aufs neue die braunen, mageren Finger von rechts nach links +nebeneinander zu ordnen. Dann vergaß er alles und sprach hastig von der +Teuerung und den schlechten Reisernten. »Jeder Kuli wird es dir +bestätigen,« rief er, »soll ich einen rufen?« + +»Wieviel forderst du?« sagte ich streng. »Ich habe von einem Haus am Meer +gehört, das der Kollektor vor Jahren bewohnt haben soll, und das die +Regierung für einen geringen Preis hergibt.« + +Rameni gab sich mit großer Anstrengung einen Ruck und teilte mir mit, daß +das Haus im Jahre wohl einen Mietwert von hundert Rupien habe, für die +verlorenen sieben Jahre wolle er mir nur den vierten Teil dieser Summe in +Rechnung stellen, unter der Bedingung, daß ich ihm für die drei kommenden +Jahre den vollen Preis vorauszahlte. + +Als ich nickte, erblaßte er. + +»Sahib,« stammelte er, »verspottest du deinen Diener? Es ist wahr, ich habe +eine große Forderung gemacht. Vergessen wir die sieben verderblichen Jahre, +ich werde die Schickung des Himmels verschmerzen, zumal sie vorbei ist. +Wenn du in der Tat drei Jahre vorausbezahlst, so werde ich dir so lange +dienen, als ich lebe.« + +Ich habe über meine Bereitwilligkeit niemals Reue empfunden und obgleich +ich nur einige Monate in Cannanore geblieben bin, hat mein geringes Opfer +sich in der ausgiebigsten Weise belohnt, denn Rameni setzte seine ganze +Ehre ein, um die Beschämung gutzumachen, die ich ihm ohne meinen Willen +angetan hatte. Er sandte mir beinahe täglich Eier und Früchte, Fische oder +Geflügel und widersetzte sich keinem meiner Wünsche, die sich auf +Einrichtungen oder Veränderungen in Haus und Garten bezogen. Erst als er +nach Wochen bemerkte, daß ich in einem Glaskasten eine lebende Kobra +unterhielt, zog er sich von mir zurück, ohne meine Schwelle noch einmal zu +betreten und ohne meine Hand noch einmal zu berühren. Er vermied es weniger +aus Furcht und, wie ich zuverlässig weiß, nicht ohne Kummer, sondern weil +er es nicht mit seinen Überzeugungen vereinigen konnte, eine Gottheit +gefangenzusetzen, um durch eine Glasscheibe zu beobachten, was sie tat. +Aber die Zeit unserer Gemeinschaft bis zu dieser Entdeckung gehört zu den +liebenswürdigsten Erinnerungen meiner indischen Jahre. + +Als mein Gepäck auf einem Ochsenwagen vom Hafen herbeigeschafft worden war, +begann ich die bestgelegenen Zimmer für die Nacht einzurichten, wobei mir +mein Diener Panja und der Koch zur Hand gingen. Panja warnte mich oft und +eindringlich, kannte mich damals aber schon gut genug, um zu wissen, daß +gerade seine Befürchtungen nur zu häufig auf dasselbe hinausliefen, wie +meine Hoffnungen. Der Koch, ein Sohn aus den Bergen von Südmaratta, der in +Bombay an den Umgang mit Europäern gewöhnt worden war, widerstand längst +nicht mehr dem Bösen in mir. Allerdings war ich ihm gleichgültig; er tat +verschlossen und in stoischer Ruhe seine Pflicht, bestahl mich, wo er +konnte, und erwartete mit matt gesenkten Lidern meinen Untergang, den er +jedesmal voraussagte, wenn ich ihn über einer Ungehörigkeit ertappte. +Trotzdem habe ich immer eine Neigung für diesen eigensinnigen und auf seine +Art stolzen Mann empfunden, der es nicht über sich brachte, sich vor den +Europäern zu beugen, und der seinen Haß gegen die Fremden um der Liebe zu +seiner Heimat willen nährte. Gegen Panjas gefügige Unterwürfigkeit, die +übrigens keiner niedrigen Gesinnung entsprang, sondern einer kindlichen +Bewunderung für den Glanz alles Fremden, hob sich der schweigsame +Widerstand dieses Mannes seltsam würdig ab. Ich nannte ihn Pascha, weil ich +seinen Namen nicht behalten konnte. Das hätte übrigens niemand gekonnt. + +Als ich auf die Veranda hinaustrat, um mich davon zu überzeugen, daß im +Hause keine Scheibe heil war, hockte Panja auf einer Bücherkiste, rauchte +und zog meine Hängematte über die Knie. + +»Sie ist überall zerrissen«, sagte er, ohne aufzustehen, und ohne, wie er +es anfangs getan hatte, bei meinem Herannahen in größere Arbeitseile zu +verfallen. »Sahib, das kommt davon, wenn du eine Hängematte zum Fischen im +Fluß verwendest.« + +»Es war ein ausgezeichneter Gedanke«, entschuldigte ich mich. Aber Panja +antwortete nur: »Du hast nichts gefangen.« + +Ich untersuchte die Fußböden, die überall von den Ameisen untergraben +waren; die Steinfliesen und Bretter schaukelten fast alle, oder sanken tief +ein, wenn man darauf trat, ein Sodom und Gomorra dieses Volks vernichtend. + +»Wenn du sehen willst, was diese Tiere tun,« sagte Panja spöttisch, »so +darfst du sie nicht stören. Übrigens sind Ratten im Haus,« fügte er hinzu, +»und vor dem Tor von Cannanore ist die Pest.« + +»So müssen wir Katzen halten«, entschloß ich mich. »Morgen wirst du in die +Stadt gehen, um welche zu kaufen.« + +Panja sah mich mitleidig an: »Wer wird eine Katze bezahlen?« fragte er, +»überall laufen sie herum. Auch in diesem Hause werden Katzen wohnen.« Er +meinte die Moschuskatzen, eine kleinere Art, die mir in Malabar viel +begegnet ist, und die in fast keinem älteren Gebäude fehlt. So beschloß ich +zu warten. Aber da die Ratte als Trägerin der Pest gilt und diese +furchtbare Seuche immer noch nicht erlosch, obgleich die eigentliche +Regenzeit längst vorüber war, handelte es sich darum, vorsichtig zu sein. +Meistens erlischt die Pest mit dem letzten Regen, zu Beginn des indischen +Frühlings, da ihr Bazillus nur im Feuchten fortkommt. Mit dem ersten Regen, +nach der heißen Zeit, taucht sie aufs neue auf. + +Übrigens könnte die Darstellung unseres Gesprächs ein falsches Bild meiner +Stellung zu Panja geben und der Stellung der Europäer zu den dienenden +Klassen der Hindus überhaupt. Es ist wahr, daß ich Panja, wie überhaupt +allen Leuten, die mir dienten, viel persönliche Freiheit ließ, aber meine +Opfer an Autorität oder gar an Selbständigkeit wurden durch eine Gegengabe +bedankt, die ich immer höher eingeschätzt habe, als jede andere Darbietung, +und dieses Geschenk bestand in der freimütigen Offenheit des +Menschenwesens. Die Verwendbarkeit eines Menschen ist der geringste Teil +seiner Anlagen, die mir Interesse abnötigen, und alle Unterwürfigkeit +verbindet sich mit Verstellung. Die Art, wie die Engländer die Hindus +behandeln, verschließt ihre Charaktere und unterdrückt ihr wahres Wesen, +wenngleich ich ohne Einwand zugebe, daß solche Stellungnahme, wie die ihre, +das unerläßliche Erfordernis zur Beherrschung des Landes ist. Aber ich bin +nicht nach Indien gereist, um es zu beherrschen. + +Übrigens gab es auch zwischen Panja und mir erregte Szenen im Ringen um die +Oberhand des Einflusses. Für gewöhnlich endete solch ein Auftritt damit, +daß ich diesen Sklaven niederschlug. Nun waren allerdings mein Schlag und +sein Niedersinken zwei Erscheinungen, die in keinerlei Beziehung zueinander +standen, denn häufig brach er schon zusammen, bevor meine Hand ihn erreicht +hatte, und im schlimmsten Falle wußte er sich für gewöhnlich immer noch auf +eine Art zu wenden oder zu schützen, die kaum mehr als eine Deformierung +seines Turbans oder seiner geölten Haarfrisur zuließ. Trotzdem brach er +jedesmal zusammen, wälzte sich von einer Ecke des Zimmers in die andere, +beklagte heulend meine Undankbarkeit und die Folgen seiner Treue. Aber ehe +der Abend hereinbrach, sorgte er doch dafür, daß die Last solcher +Verschuldung gegen ihn mir nicht die Nachtruhe raubte. + +»Sahib«, sagte er und pflanzte sich kerzengerade vor mir auf, wobei ein +Stolz und eine Menschenwürde seine Züge verklärten, die in der Tat mein +Herz mit Dankbarkeit erfüllten. Aber er schien nicht zu wissen, wem er +beide verdankte. »Sahib, wie konntest du dich so vergessen?« Sein Gesicht +trug einen Ausdruck so ehrlicher Traurigkeit, daß ich alles eher vermocht +hätte, als an ihr zu zweifeln. Ich erklärte ihm bescheiden den Umfang +seines Vergehens und die Bedeutung der Folgen, aber in solchen Fällen +verstand er nicht genügend englisch, um mich zu verstehen. + +»Deine Studien in Hindustani machen keine Fortschritte«, meinte er dann +etwa betrübt, und wir beide waren froh, ein Gebiet gefunden zu haben, das +uns wieder auf die Straße unseres gewöhnlichen Verkehrs brachte. Es kamen +dann Zeiten eines glücklichen Wandels und schönster Gemeinschaft, in denen +Panjas Selbstentäußerung so weit ging, daß er sogar meinen Whisky +unverdünnt auf den Tisch brachte, und ich daher genau nachprüfen konnte, +wieviel er aus der Flasche gestohlen hatte. + +Ich war damals im zehnten Monat in Indien, und außer Panja und Pascha war +noch ein prächtiger Hund die ganze Zeit hindurch mein treuer Begleiter +gewesen. Er hieß Elias und hatte eben sein erstes Lebensjahr vollendet, so +daß mir vergönnt gewesen war, seine Erziehung selbst zu leiten und seine +Entwicklung zu überwachen. Leider ist es bei den Hunden so bestellt, daß +man bei einem zwei Monate alten Tierchen sehr schwer in der Lage ist, über +seine Abstammung und seine endgültige Ausgestaltung irgend etwas mit +Bestimmtheit auszusagen. Aber ich habe immer eine besondere Neigung für +solche Menschen empfunden, die allen Erscheinungen und Personen die besten +Seiten abzugewinnen wissen und ihre eigenen Tugenden in andere so lange +hineinlegen, bis sie eines Schlechteren belehrt werden. Und in der +Nacheiferung solcher Charaktere ist es mir gelungen, in Elias das Muster +eines vortrefflichen Tieres zu erblicken. Ich möchte bei der Aufzählung +seiner Vorzüge nicht in Dingen seiner äußeren Erscheinung steckenbleiben, +zumal nicht abzusehen ist, ob sich im Laufe der Zeit nicht noch das eine +oder andere bei ihm verändern wird, aber sicher ist, daß er einen gesunden +Appetit und einen gesunden Schlaf hat. Er ist außerordentlich vorsichtig +und begibt sich niemals in Gefahr, auch fällt er keine Fremden an und +unterdrückt seine Wachsamkeit aufs äußerste, was mir um so willkommener +ist, als ich oft in aufreibende geistige Arbeit verstrickt bin, bei der +jedes Gebell mich stören würde. Seine Anhänglichkeit ist so groß, daß er +sie auf alle Menschen erstreckt, die ihm begegnen, und besonders muß man, +ohne das Vorurteil einer selbstsüchtigen Hoffnung, den außerordentlichen +Eigensinn seines Willens rühmen, der die Grundlage des echten Charakters +ist. Elias läßt sich weder durch Drohungen noch durch Versprechungen dazu +bringen, die Wünsche anderer, oder die meinen, zu beachten. Er verunreinigt +weder den Garten noch die Straße und nimmt uns auch, was seine Fütterung +betrifft, jede Mühe ab, die durch Herzutragen von Nahrung entsteht. + +Leider ist es mir bisher nicht gelungen, zwischen ihm und Panja ein +erträgliches Verhältnis herzustellen. Wahrscheinlich läßt Panja sich als +Orientale in seinen herkömmlichen Begriffen vom Wesen des Hundes gehen, +sicher ist, daß ihm jedes tiefere Verständnis für Rasse abgeht. + +»Sahib, was ziehst du für ein Schwein ins Haus?« rief er, als ich damals +den eben erworbenen Elias heimbrachte. + +»Er ist bestaubt, und die Schnur hat sich am Hals zugezogen,« sagte ich, +»warte, bis er gewaschen ist.« + +»Willst du ihn waschen?« fragte Panja und verschlang abwechselnd mich und +Elias mit übergroßen Augen. + +»Es ist ein vorzüglich veranlagtes Tier, das uns gute Dienste leisten +wird«, versicherte ich etwas enttäuscht von dem Empfang, den uns Panja +bereitete, und mit einem nachdenklichen Blick auf Elias, der die +Türschwelle bekämpfte und in seinem hilflosen Eifer einen entzückenden +Anblick unschuldiger Tatkraft bot. + +Wenn nicht alle Samenkörner, die ich in Elias' junge Seele legte, zu +gedeihlicher Entfaltung erblüht sind, so ist sicher Panja schuld daran, der +seine herabwürdigende Meinung über dieses Tier niemals bekämpft hat. Nach +meiner Überzeugung verdankt alle pädagogische Einwirkung auf ein +unerwachtes Gemüt ihren Erfolg der gemeinsamen Mühe aller Hausgenossen. +Solange Elias keinen Rückhalt an Panja hat, und Panja Elias zur Quelle +allen Übels macht, werde ich kaum an einem von ihnen die volle Freude +erleben, die ich mir versprochen habe. + + * * * * * + +Der Abend überraschte uns nach diesem ersten Tag in Cannanore. Panja +stöberte in den Kisten umher, um Kerzen zu finden, und warf alles +durcheinander, um Ordnung zu schaffen. Die Moskitoschleier für mein Lager +befanden sich in der größten Kiste zu unterst, da Panja sie bei unserm +Aufbruch naturgemäß zuerst abgenommen und damit auch am tiefsten vergraben +hatte. + +Ich saß noch lange, nachdem Panja schlief, auf der Veranda meines neuen +Hauses und wartete auf den Mond und auf die Kühle. Aus den unbeweglichen +Vorhängen der Bäume, Büsche und Pflanzen des Gartens zog ein schwüler Hauch +voll betäubender Gerüche, alles blühte, und eine leidenschaftliche +Lebensfülle drängte sich auf mich ein, um den Weg in mein Blut zu finden. +Überall entzündete der gewaltige, stille Drang zu überschwenglichem Keimen +die von den Grillen schallende Luft, die so ruhig war, daß die Flamme +meiner Kerze nur wie in der Bedrängnis der übersättigten Luft zitterte, +ohne zu flackern. Aus den Palmwaldungen, irgendwoher aus der Ferne hinter +dem Garten, klangen die Blasinstrumente der Hindus aus einem Tempelhof, +untermischt mit einförmigem blechernem Klirren. Man merkte dem begleitenden +Gesang die zunehmende Trunkenheit der priesterlichen Sänger an. + +Wenn ich die Augen schloß, überwältigte mich bei dieser Musik ein Bild aus +meiner frühesten Kindheit. Ich erinnerte mich, daß ich einmal durch ein +seltsames Klingen, dem ich nichts von allem Bekannten zu vergleichen +vermochte, aus dem elterlichen Garten auf die Landstraße gelockt wurde. Es +schallte fernher, von dort, wo die Chaussee-Linden, die sich beim Dorf +einander zu nähern schienen, alles in geheimnisvolle Schatten hüllten, und +ich lief hinaus in die Sonne, die Gartentür blieb hinter mir offen, und ich +vergaß das Verbot meiner Mutter. Vor einem Bauernhof fand ich im Kranz +einer hellhaarigen Schar von Dorfkindern zwei große, traurige Männer unter +einem Baum stehen, mit schwarzen Bärten und in langen Mänteln. Sie bliesen +diese schreiende Musik auf grauen Säcken und überwältigten mein Herz zum +ersten und größten Ereignis meiner Kindheit. Ich weiß deutlich, daß ich wie +in einem Taumel des Bluts Halt suchte, um nicht zur Erde zu sinken. Heute +begreife ich, daß seit jener Stunde die Ahnung einer schmerzlichen +Ruhlosigkeit in meiner Seele wach geworden ist, und daß der erste Blick +meines Geschicks mich segnete. Immer noch gehen die Wünsche meiner Seele +dieser tierhaften Klage voll ungestümer Lustbegier wie im Banne einer +Erlöserhoffnung nach. Sie tauschen mir das Nahe und Vertraute gegen das +Fremde und Ungewisse ein, das Haus gegen die Straße und die Heimat gegen +die Welt. -- + +Als ich die Augen öffnete, saß ein großer brauner Nachtfalter auf dem +kupfernen Griff des Leuchters und sah bestürzt und hilflos in das unfaßbare +Licht. Nach einer Weile begann er langsam die Flügel zu heben und zu +senken, und seine Augen voller Angst und unbeweglicher Schwärze füllten +sich mit dem Lichtwesen des heiligen Feuers. Die Luft trug seine starken +Flügel leicht, diese Luft, die so schwer in meine Brust einzog und so +ermüdend auf ihr lastete. Ich bemerkte erst jetzt, daß die Veranda sich +bevölkert hatte, und daß ein beflügeltes Geschlecht nächtlicher Vagabunden +bei mir zu Gast gekommen war. Alles drang auf geheimnisvolle Art aus dieser +grünen Mauer hervor, die mich und mein Haus einschloß. Der Mond mußte +hinter ihr aufgegangen sein, denn ich unterschied in der warmen +Pflanzenwand nun hellere und dunklere Flecke, die Ornamente der +Palmenfächer und die gewaltigen Formen der Bananenblätter, die wie die +Keulen schlafender Riesen emporragten, oder gebrochen, wie zerrissene Häute +niederhingen. Den Himmel konnte ich nicht sehen. Da löschte ich mein Licht +aus, und eine matte, magische Dämmerung erhob sich lautlos um mich her, als +sei die Welt durch ein grünes Glasmeer vom Licht getrennt. -- + + * * * * * + +Von allem, was dem Menschen gegeben ist, sind seine Gedanken das +Herrlichste. Und die Nachtgeborenen, die auf ihrer Reise über die Erde das +unvergängliche Licht erstreben, werden in der Nacht am lebendigsten, als +erwachten sie im Dunkeln, wie in heimlicher Angst, zu verdoppelter +Tatkraft. Ihnen ist nichts verschlossen, der Weg in die Zukunft ist ihnen +so frei, wie der in die Vergangenheit, und sie dringen in die Geheimnisse +der versunkenen Geschlechter ein, in die Kelche der Blumen und in den +Schlafraum der Geliebten. Die kleinen Dinge des Alltags, mit denen sie sich +beschäftigen, nehmen ihnen die Schwungkraft nicht, das Wesen Gottes zu +ermessen. Ihr Triumph liegt im Grenzenlosen, und ihr unbewußtes Ziel ist +die Ewigkeit. Je stärker sie sind, um so mehr streben sie die Ordnung an, +die Schwester der Erkenntnis, und es ist ihre irdische Arbeit, die +Zusammenhänge zwischen den versunkenen und den gegenwärtigen Geistern zu +finden. + +Während ich so meinen Besinnungen freie Fahrt ließ, hörte ich merkwürdige +Geräusche aus dem Hause dringen, bald war es ein Scharren oder Pochen, bald +rieselte es von den Wänden, oder knisterte im Gebälk. Manchmal unterschied +ich Tierstimmen, seltsam klagende Laute des Kampfes oder der Liebe. Es war +schwer zu unterscheiden, ob die Laute von außen oder von innen zu mir +drangen, aber ich entzündete nach kurzer Zeit mein Licht aufs neue, um den +Ungewißheiten der nächtlichen Dämmerung zu entgehen. Als ich aufbrach, um +mich zur Ruhe zu begeben, war der Mond voll aufgegangen; es lockte mich, +den beschienenen Garten zu betreten, aber die damit verbundenen Gefahren +waren auf einem fremden und seit langem von Menschen verlassenen Gebiete zu +groß. + +Im Hausgang schlief Panja auf seiner Kokosmatte am Boden, und sein +Schnarchen beruhigte mich als der einzige vertraute Laut in dieser +Abgeschiedenheit. Im Hintergrund flüchtete ein niedriger Schatten lautlos +in eine der geöffneten Türen der Gartenzimmer. Ich erwog es, ihm +nachzugehen, unterließ es aber. Elias lag auf meinem Bett, als ich eintrat. + +Die Holzstäbe an den Fenstern waren morsch und teilweise zerbrochen, +Scheiben waren nicht mehr vorhanden. Auch hier verhüllte die +undurchdringliche Pflanzenwand den Ausblick ins Freie und den Zuzug +frischerer Luft. Der Blütenduft im Raum war berauschend, bald giftig, bald +süß, die Düfte erschienen mir schwer und greifbar, während der Gesang der +Grillen betäubend im Mondlicht zunahm. + +Ich untersuchte meine Schußwaffe, obgleich ich wußte, daß sie in Ordnung +war, und rückte mein Lager weit vom Fenster ab. Es stand mir schwer bevor, +Elias wecken zu müssen, denn es war mir bekannt, daß ihn jede Störung aufs +tiefste verletzte, und für diese unsichere Nacht wollte ich meinen einzigen +Gefährten ungern verstimmen. Aber er knurrte nur unwillig und schlief am +Boden weiter, ohne recht erwacht zu sein. Da ich gezwungen war, das Licht +bald zu löschen, weil seine Anziehungskraft auf die Insektenwelt zu groß +ist, lag ich bald unter den Gazevorhängen im grünlichen Dämmerlicht und +versuchte einzuschlafen. + +Draußen wurde es von Viertelstunde zu Viertelstunde lauter und +leidenschaftlicher; die Lebendigkeit des fremden Getiers teilte sich meinem +Blut in aufreizender Art mit, und ich fühlte den Augenblick herannahen, in +welchem man die letzte Hoffnung auf Schlaf fahren läßt. Meine Gedanken +beschäftigten sich mit den vielerlei Veränderungen und Einrichtungen, die +für einen dauernden Aufenthalt in diesem Hause notwendig waren. Solche +Erwägungen verstimmten mich, wie leicht gleichgültige Dinge es tun, die mit +einem Augenblickszwang an Stelle guter und harmonischer Besinnungen treten. +Aber allmählich umfaßten meine Gedanken die Gegenstände nicht mehr, mit +denen sie sich abgaben, die Umrisse verwischten sich, ich hatte unter den +geschlossenen Lidern noch den unbestimmten Eindruck, als ob es im Zimmer +heller geworden sei, und das Grillengeschrei verschwamm zu einem schwülen, +drückenden Luftmeer, in dem ich leblos dahintrieb. Ich versank in Schlaf +wie in einen Opiumrausch. + +Ein weiches Gedräng an meiner Seite ließ mich auffahren, erstarrt blieb ich +in der Haltung liegen, in die mich mein Erwachen gestürzt hatte, bis ich +Elias erkannte, der sich mitsamt dem Moskitoschleier unter meine Decke +verkrochen hatte. Wäre nicht ein schrecklicher Lärm im Zimmer stärker als +mein Zorn gewesen, so hätte ich sicher meinem unschuldigen Hunde eine ganz +neue Art des Luftsprungs beigebracht, aber mein Instinkt sagte mir rasch, +daß das äußerste Entsetzen Elias zu seinem Vorgehen veranlaßt hatte, er +zitterte heftig, und sein Winseln glich den Lauten der Todesangst. So ließ +ich ihn gewähren, drückte ihn an mich und forschte nach der Ursache des +eigentümlichen Lärms, der meinen Schlafraum füllte. + +Es war fast hell im Zimmer, da der Mond nun so hoch am Himmel stand, daß +seine Strahlen durch die Palmenwipfel den Weg ins Haus fanden, aber die +Lichtflecke am Boden und die blassen Streifen in der Luft verwirrten mein +Auge anfänglich, bis ich erkannte, daß der Fußboden von einer erregten +Schar großer Ratten wimmelte, die sich wie zu einem Angriff an der einen +Seite des Raums gesammelt hatten. Ihnen gegenüber kauerte in der Ecke eine +Katzenfamilie, kleinere, langhaarige Tiere mit ihren Jungen, und zwischen +den beiden Parteien lagen getötete Ratten, einige verwundete schleiften +sich mühsam unter kläglichem Piepen voran, einen Blutstreifen hinter sich +zurücklassend. Es war deutlich erkennbar, daß die Katzen -- ich zählte +derer ohne die Jungen etwa vier oder fünf -- sich im Zustande höchster +Angst und äußerster Bedrängtheit befanden. Sie kämpften einen +Verzweiflungskampf gegen die Übermacht der Ratten. Ihr drohendes Fauchen +und Miauen hatte etwas, selbst überlegene Gegner, außerordentlich +Einschüchterndes, und ihre Gebärden erinnerten mich an die eines gereizten +Panthers. Es schien eine alte Feindschaft zu sein, die seit langem im +Bereich dieses Hauses herrschte, und die in dieser Nacht vielleicht zum +soundsovielten Male blutig ausbrach. Es mag einmal anders gewesen sein, +vielleicht herrschte vorzeiten das Geschlecht der Katzen ohne Einschränkung +und als tyrannischer Unterdrücker der Ratten, bis diese zu jener +Überlegenheit gelangt waren, die mir jetzt über jeden Zweifel erhaben +schien. + +Die Ratten rückten langsam und mit widerwärtigen Lauten des Zorns und der +Blutgier heran. Das magische Licht und der fast leere Raum, dessen Ecken in +Dämmerung gehüllt waren, verschob meinen Sinnen auf eigenartige Weise die +Verhältnisse von Größe und Weite, es kam mir vor, als rückten dunkle +Ungeheuer zum Kampfe gegeneinander heran, ich selber war kleiner als sie, +auf einem weit entfernten Berg. + +Als die erste Katze, wie es mir erschien, ein alter und erfahrener Kater, +zur Verteidigung mit einem langen, flachen Satz vorsprang, erschreckte und +begeisterte mich die Wildheit seiner Bewegung. Der Kater verließ sich im +Kampfe weniger auf sein Gebiß, als vielmehr auf seine Pranken, die mit +zäher Geschmeidigkeit und tödlicher Sicherheit dreinhieben. Die Ratten +stoben anfangs auseinander, als er mitten unter sie sprang, nur eine, die +von seiner Tatze getroffen worden war, wand sich schreiend neben ihm am +Boden, ohne daß er sie vollends tötete, oder auch nur noch beachtete. Seine +glühenden Augen, dicht über dem Boden, waren auf die aufs neue +heranrückenden Gegner gerichtet. Sie kamen langsam und mit häßlichem +Kreischen näher, aus welchem sowohl Todesangst als auch äußerste Kampfeswut +klangen, aber ein erneuter Sprung des Katers mitten unter sie hatte nicht +mehr die gleiche Wirkung, wie der erste. Die diesmal getroffene Ratte hatte +sich offenbar an seiner Lippe festgebissen, jedenfalls schlug das Tier, von +seinen Schmerzen wie von Sinnen, mit ungeheurer Wut planlos um sich, sprang +hoch empor und wälzte sich am Boden, während immer die eine Ratte, schon +fast zerfleischt und in Strömen blutend, an seinem Maule festgebissen hing +und hin und her geschlenkert wurde, hinauf und hinab. Und während ich, von +Grauen fast atemlos, sah, daß die unheimlichen schattenhaften Gefährten der +geopferten ersten sich von allen Seiten in der kämpfenden Katze +festbissen, beobachtete ich sogleich, wie hart an der Wand eine andere +Rattenschar gegen die in der Ecke zusammengedrängten Katzen vorrückte. Sie +glitten, eng aneinandergedrängt, wie ein langsamer Schatten dahin, und das +furchtbare Geschrei des sterbenden Katers mitten im Zimmer begleitete ihren +gespenstigen Zug wie eine greuliche, herausfordernde Kampfesmusik. + +Plötzlich, wie auf einen heimlichen Zuruf hin, stürzte der herannahende +Schatten blitzschnell auf die zusammengekauerten Katzen, und es entspann +sich ein zweiter, nicht weniger erhitzter Kampf im Dunkel, der mich um so +mehr entsetzte, als ich keine Einzelheiten zu erkennen vermochte. + +Ein winziges, junges Kätzchen von zärtlichster Anmut flüchtete betroffen, +und scheinbar die Gefahr kaum ahnend, mit zierlichen Sätzen ins Licht. Zwei +rasche Schatten folgten ihm, man sah keine Bewegungen an ihnen als einzig +die des Dahingleitens, und in wenig Augenblicken war das Tierchen zerfetzt. +Auf den kurzen, jammervollen Angstschrei arbeitete sich die Mutter mit +verzweifelten Anstrengungen zur Hilfe heran, und zu meinem Entsetzen sah +ich die schauerlichen Nachtgesellen in ihren Leib verbissen, und sie +schleppte, vor Schmerzen heulend, wie ich niemals eine Katze habe klagen +hören, ihre blutdürstigen Mörder mit sich, ohne ihrem Kinde Hilfe bringen +zu können. + +Wäre dieser Kampf nicht gleich darauf auf eine entscheidende Art +unterbrochen worden, so hätte ich sicher eingegriffen, um ihn endlich zu +beenden. Ich habe mich später oft gefragt, was mich daran gehindert haben +mochte, es gleich zu tun. Dem Menschengemüt haftet ein sonderbarer Hang an, +kämpfenden Tieren zuzuschauen, und der wollüstige Genuß an solch erregenden +Schauspielen ist nicht nur verwerflicher Art, sondern er muß auch eine +Achtung vor den selbsttätigen Bewegungen der Natur zur Grundlage haben und +ein heimliches Bewußtsein für die Wahrheit, daß der Mensch ihrem Walten +weder etwas nehmen noch hinzufügen kann. Ich entsinne mich, daß ich schon +als Kind einem Hahnenkampf mit Freude und Genugtuung zuschaute, und daß ich +sein Ende mit dem erhebenden Gefühl einer Bewunderung und ohne Beschämung +erwartete. So habe ich als Knabe auch nur schwer begreifen können, daß die +Menschen Hunde zu trennen suchten, die in eine Beißerei geraten waren, und +obgleich einem reizenden Affenpinscher, den ich mein eigen nannte und dem +ich aufrichtig zugetan war, von einem Wolfshund die Kehle durchbissen +wurde, weiß ich doch gut, daß ich trotz meines Schmerzes dem bösen Sieger +mit einer Ergriffenheit nachschaute, die geradezu an Anbetung grenzte und +die mit heftigem Neid auf seinen Lorbeer gemischt war. + +In jenem Augenblick nun, als ich, von Entsetzen und Mitleid gepeinigt, in +den blutigen Kampf der Tiere einzugreifen beschloß und vorsichtig nach +meiner Schußwaffe tastete, im voraus mit heimlicher Genugtuung die +furchtbare Wirkung ermessend, die das Krachen eines Schusses auf dem +nächtlichen Schlachtfeld hervorrufen würde, erklang aus dem dunklen Winkel +des Raumes, hinter mir, ein Laut, dessen gebieterische Macht stärker war, +als der feurige Donner aus dem eisernen Mund meiner Waffe. Es war ein +leises Zischen, das man auch ein trübes Fauchen hätte nennen können und das +den seltsamen und etwas lächerlichen Lauten zu vergleichen war, mit denen +bisweilen Gänse mit gesenktem Kopf gegen einen Gegner vorzugehen pflegen. +Aber die Wirkung dieser klanglosen und widerlich eindringlichen Stimme war +alles andere als lächerlich, sie war von einer geradezu grauenhaften Macht. +Ich fühlte mein Blut in den Adern gerinnen, und die Totenstille, die im +Raume eingetreten war, erhöhte den Schauer meines Entsetzens zu einer +todesartigen Erstarrung. Es war so still, daß ich mein gehemmtes Blut in +den Ohren sausen hörte, bis langsam, ganz langsam mein Herz jenes +furchtbare, dumpfe Hämmern begann, unter dem der Atem stockt und ein +schmerzhaftes Gefühl des Erstickens einsetzt. Ich sah die Tiere wie dunkle, +reglose Flecke am Boden, selbst das Todesgeschrei der Verwundeten +verstummte für eine Weile, nur eine große Ratte, deren Leib völlig +aufgerissen war, kreiste in einer Lache ihres Blutes am Boden, in ihr +Eingeweide verwickelt, mitten im Mond, und ihr heiseres Piepen hatte in +Gemeinschaft mit ihrem scheußlichen Reigen eine fast komische Wirkung +unbeteiligten und ahnungslosen Eifers. + + »Die Schlange hat gesprochen, unter den heißen Steinen, + ihr tauber Gesang schüttet das Herz in Schnee, + aus ihrer Stimme brechen die Augen des Todes + wie aus den Berggefilden des ewigen Schnees.« + +Ich hatte diese Verse in Maratta von einem Fakir gehört und sie mir später +geben lassen, wobei ich erfuhr, daß sie alter Herkunft sind und einem viel +gesungenen Liede der Bergvölker der West-Gates entstammen. Nun dachte ich +in diesem Augenblick zwar nicht an sie, sondern die Verse schienen an mich +zu denken, sie bemächtigten sich meiner in dieser schrecklichen Lage, und +mir geschah aufs neue das ergreifende Wunder jener erhabenen Gelassenheit, +die, in Augenblicken der Angst, wie eine höhere und unbeteiligte Gewalt +über uns hereinbrechen kann. + +Darüber sah ich eine große Schlange herangleiten, ihr schmaler Kopf war +wohl eine Handbreit über dem Erdboden erhoben, und als er ins Licht kam, +sah ich die feine Zunge eifrig spielen. Es erschien mir, als lächelte das +Tier. + +Unter meinen Augen begann nun das grausame Spiel der Schlange, das alle +Völker auf Erden kennen und rühmen oder verfluchen. Keinem anderen Tiere +ist die geheimnisvolle Macht dieser Wirkung verliehen, die lautlos, +unerklärbar, und wie aus einer unterirdischen Welt des Bösen stammend, +daherkommt. Kraft und Mut, oder gute Waffen und kühner Sinn bringen ihrer +Herrschaft nur selten Gefahr, denn sie hat neben vielen magischen Mitteln +jenes furchtbare in ihrer Begleitschaft, das auch den Helden wehrlos macht, +den Ekel. Aber neben ihm und vielem anderen, das ihr Wesen enthält, +erstrahlt jener dämonische Abglanz aus ihren Regungen, der uns wie eine +alte Erinnerung an den beständigen Triumph des Bösen anmutet. So ist ihr +listiges Schleichen mit Weihe gepaart, ihre Schönheit mit Verstecktheit und +ihre Macht mit Niedrigkeit. Alle Eigenschaften, welche dem Starken Freimut +verleihen, verbindet sie, wie in einer heimlichen Genugtuung eigennütziger +Bosheit, mit Falsch. Die Elemente von Wasser, Erde und Luft scheinen bei +den Bewegungen dieses Körpers ihre unterscheidende Eigenart einzubüßen, +denn der Gang der Schlange ist dem keines anderen Lebewesens zu +vergleichen; in ihm ist das einfältige Rieseln des Wassers mit den +Beschwörungen der Magier verbunden. + +Die Schlange umkreiste eine verwundete Ratte, die noch lebte, fuhr aus +ihrem verschlafenen Tanz, der alle Wesen bannt, jählings zu und begann das +erbeutete Tier zu verschlingen. Ihre Sorglosigkeit und die überlegene +Sicherheit ihres Tuns erregte meine Bewunderung in hohem Maße, es war, als +wäre sie sich keiner Feindschaft bewußt, die ihr etwas anzuhaben vermöchte. +Das Zimmer blieb still, nur von der Decke rieselte bisweilen ein feiner +Staub, und die zackigen Lichtornamente am Boden rückten langsam beiseit. +Die Erde kreist, dachte ich, mit mir, mit dieser Räuberin, mit den kleinen +Sterbenden und Toten dieses Raumes und mit allen, von denen ich durch ein +unendliches Meer getrennt bin. Draußen schnarchte Panja, und Elias war an +meinem Rücken eingeschlafen. So nahm ich vorsichtig vom Kofferrand eine +der großen indischen Landzigarren, die braun wie Torf und feucht wie Erde +sind, zündete sie an und wartete auf den Morgen. Meine Gedanken zogen mit +den Rauchwolken in die grünliche Dämmerung, und ihr Gegenstand war das +Leben der Menschen und Tiere auf der merkwürdigen Erde. + + + + +Zweites Kapitel + +Cannanore, die Fischer und das Meer + + +Ehe die Morgendämmerung hereinbrach, trieb es mich hinaus, um den stillen +Kampf der roten Morgensonne mit dem grünlichen Silberlicht des Mondes zu +sehen. Oft sah ich die einsamen, hohen Palmen am Meer auf der einen Seite +in rote Glut getaucht, während die andere noch die silbernen Wahrzeichen +des Mondlichts trug, aus dessen kaltem Leuchten sie langsam im Morgenwind +zu erwachen schienen. In solcher Licht- und Farbenpracht standen sie gegen +das bewegte Meer, dessen Stimmen den heraufeilenden Tag begrüßten. + +Aber ich sollte diesen Morgen nicht zur Freude des herrlichen Anblicks +gelangen, denn Panja hatte mit mir zu verhandeln. + +»Sahib,« rief er, als ich um Wasser bat, »was ist dies für ein Haus, in +welches du eingezogen bist!« + +Ich begann es zu beschreiben, aber er unterbrach mich mitleidig. + +»Ich habe die ganze Nacht kein Auge zugemacht!« rief er, und die +herausfordernde Traurigkeit seiner Augen grenzte geradezu an Mißachtung. + +»Sieh, Panja,« sagte ich so freundlich, als es mir möglich war, »ich +brauche nun Wasser, bedenke die Sitten meines Landes.« + +Da führte mich Panja durch den Garten, ohne noch etwas zu sagen, denn er +verzweifelte offenbar daran, mich anders als durch Tatsachen von der +Ungerechtigkeit meiner Forderung zu überzeugen. + +Die ganze Frische des indischen Frühlingsmorgens umfing uns. Alle Blüten +strömten von Tau über, ihre Farben leuchteten im ersten Licht, so daß meine +Augen das Entzücken dieser Pracht nicht zu fassen vermochten, und der +Geruch von Nässe, Erde und tausend aufbrechenden Blumen ließ mich taumeln +vor Glück. Auch über Panja kam dieser Rausch, als risse das irdische +Lebensheimweh der Blühenden seine Seele, wie auch die meine, mit sich +empor. Er hob die braune Nase in die Luft, lächelte breit in einfältigem +Behagen und sah sich nach mir um. Mit allen Sinnen sog er die Frische und +das Licht ein, und sein dunkler, nackter Körper glänzte von Tau. + +Als wir am Ende des Gartens, dicht beim Palmendickicht, an der Zisterne +anlangten, erblickte ich anfänglich nichts als eine turmartige Wildnis von +Schlinggewächsen, und erst als Panja die Ranken zerteilte, gewahrte ich die +zum Wasserspiegel niederführende Treppe, die wie in eine unterirdische +Höhle hinabging. Die zerbröckelten Steinquadern in der Dämmerung waren von +seltsamen Moosen übergrünt und fast ganz bedeckt, ein kühler Modergeruch +kam mir entgegen, und Panja, der den Eifer seiner Entrüstung vergessen zu +haben schien, warnte mich mit einem geflüsterten Wort und sah fast +ehrfürchtig drein. Sein braunes Gesicht unter dem weißen Turban schaute aus +einer Wolke halboffener, roter Blüten hervor, die so groß wie Kinderköpfe +waren. Ein Falter, wie aus blauem Samt, erhob sich schläfrig aus ihrem +Ampellicht und zog lautlos davon, in die Pflanzenwildnis hinein. + +»Du darfst nicht hinabsteigen,« sagte Panja, »überall hockt der Tod im +halben Licht, hierhin geht er aus dem Tag der Menschen; tritt zurück. Ich +habe das Wasser gesehen, es ist grün wie sterbendes Laub und von Pflanzen +bedeckt, es trägt Blumen, die niemals ein Sonnenstrahl getroffen hat und +die deshalb giftig sind, wie die Schlange und das Fieber, die bei ihnen +wohnen.« Dann besann er sich plötzlich, seine kindlichen Augen verloren +ihren andächtigen Ernst und er sagte mit gerunzelter Stirn: + +»Solch ein Haus mietest du! Wie lange willst du hier bleiben? Wir reisen +nach Bitschapur zurück, ich werde alles in die Koffer stecken.« + +Auf dem Rückwege trafen wir Pascha, den Koch, der über die Straße kam und +auf das Haus zuging. Einen roten Tonkrug mit Wasser auf der Schulter, +schritt er durch die Sonne, die inzwischen aufgegangen war. Aus dem Hause +drang Holzfeuergeruch. Pascha grüßte mich mit der freien Hand und schritt +stumm an mir vorüber. Mir war zumute, als sei er stolz auf sein Land und +auf seine Pflicht, gönnte mir das erste nicht und täte das zweite um seiner +selbst willen. In seinen großen, samtartigen Augen, unter den langen +Wimpern, verbarg sich sein Verlangen nach den Bergen. Seine männliche +Gestalt entzückte mich, ich empfand plötzlich den Namen, den ich ihm +zugelegt hatte, als lächerlich und wünschte mir, den seinen zu wissen, nur +um ihn vor mich hinsagen zu können, diesen fremdartigen Namen seines +fremden Geschlechts aus den Bergen. Mich ergriff aufs neue jene sonderbare +Traurigkeit, die mich in Indien nie verlassen hat, und die dem menschlichen +Herzen, allem Unerforschbaren gegenüber, eigentümlich ist. + +Panjas empfindsamer Sinn für alle meine Regungen, die sein Interessengebiet +berührten, ahnte auf seine Weise, daß Paschas wortlose Tätigkeit mir +wohlgefiel. Er sagte: + +»Diese Hunde aus den Felsspalten haben eine Spürnase für alles Genießbare. +Er wird aber vergessen, das Wasser zu kochen, und morgen hast du Fieber, +Sahib. Ich werde also nach dem Rechten sehen.« + +Er ging ins Haus, und gleich darauf hörte ich Elias klagen. Die +Sonnenstrahlen wärmten bereits spürbar, obgleich ihr Licht noch rötlich +war. Der Garten dampfte, und Vogelstimmen, mit den ersten Lauten der +ausschwirrenden Insekten gepaart, drangen aus der nebligen Morgenschwüle +des Dickichts. Ich verließ den gärenden Garten und betrat den rötlichen +Sandweg, der unter uralten wilden Feigenbäumen breit dahinführte, auf +Cannanore zu, in freierer Luft. Mein Haus lag etwa in der Mitte zwischen +der Stadt und dem Meere; um die eine oder das andere zu erreichen, mochte +etwa eine Viertelstunde Wegs zu gehen sein. So entschloß ich mich, die +Stadt zu einem kurzen Besuche zu betreten, während Pascha den Tee +bereitete. + +Der breite Weg war fast leer, über Cannanore lag ein bläulicher +Holzfeuerrauch, der aus den Palmen stieg, die Ortschaft war ganz von ihnen +verborgen, wie die meisten Städte und Dörfer der fruchtbaren malabarischen +Küste. Es war so still umher, daß ich das Rauschen des Meeres an den Felsen +vernahm, und das Sonnenlicht war von unfaßbarer Milde und Wohltat. Ein +Ochsenwagen knatterte langsam heran, die hohen Räder mahlten leise im Sand, +und ein Hindu hockte auf der Deichsel, dicht zwischen den Schwänzen der +prächtigen, geduldigen Tiere, sein Kinn zwischen den mageren Knien. Er +blinzelte scheu zu mir herüber, ohne einen Gruß zu wagen, die gewaltigen +Hörner der Ochsen schaukelten gemächlich wohl einen Meter lang über den +blendend weißen Rücken. + +Am zerfallenen Stadttor erhob sich zur Rechten und zur Linken eine einsame +Palme, jene nach rechts, diese ein wenig nach links geneigt und ihre +Fächerkronen, über den flachen Dächern der Häuser, zeichneten sich dunkel +und deutlich gegen den klaren Morgenhimmel ab, die Stämme waren von der +Sonne bemalt, wie mit roter Farbe. Ich sah durch das Tor in die bereits +belebte Basarstraße, in der die eiligen nackten oder weiß bekleideten +Gestalten sich zwischen den niedrigen Häusern bewegten und die Händler ihre +Straßenläden öffneten und ihre Waren ausbreiteten. Der Wächter am Tore +erhob sich, um sich tief zu verneigen, wobei er sein Gesicht mit den +Händen bedeckte. Ich beschritt die Basarstraße und empfand die Stille und +das Erstaunen, die ich hinter mir zurückließ; nur die Brahminen, die graue +Schnur auf der nackten Brust, gingen stumm und steil an mir vorüber, ohne +zu grüßen und ohne sich umzuschauen. Ich erblickte schöne Gestalten und +stolze Gesichter unter ihnen und las aufs neue aus ihren Zügen die ferne +Verwandtschaft mit den germanischen Völkern unseres Erdteils, deren Wesen +die Jahrtausende nicht ausgelöscht haben. Sie haben lange das gewaltige +Reich beherrscht, bis Mohammed seine Fahnen inmitten ihrer Königsschlösser +aufpflanzte und ihnen langsam mehr und mehr die furchtbare und +geheimnisvolle Macht erschütterte, die heute nur noch tief im Lande, in +düsterer Gewalttat und mystischem Dunkel waltet. Bis auch Mohammeds Zeichen +und die Pracht seiner Könige erblaßte, als das Gebrüll des britischen Löwen +sich über dem Meer erhob und das Land erfüllte. Als ich mich nach kurzem +Gang zum Heimweg wandte, sah ich die Umrisse des englischen Forts gegen das +Meer. Seine Kanonen sind Tag und Nacht auf das Schloß des Hindukönigs, im +Herzen der Stadt, gerichtet, um es beim ersten Zeichen einer Revolte in +Trümmer zu legen. Unter dem stummen eisernen Mund, der unerbittlich und +unveränderbar unter der zornigen Sonne und dem ruhigen Mond auf die Stadt +schaut, flackern die letzten, schüchternen Reste der alten Königsmacht von +Cannanore. + + * * * * * + +Es war freilich mancherlei in meinem Hause vorzubereiten, bevor ich es zu +dauerndem Aufenthalt behalten konnte, und beim Tee sprach ich mit Rameni +und Panja über die Maßnahmen. Rameni hatte seine offenen Schuhe vor meiner +Tür stehen lassen und versuchte während unserer Unterhaltung vergeblich ein +erträgliches Verhältnis zu dem Liegestuhl zu finden, den ich für ihn +aufgerichtet, und den er aus Höflichkeit angenommen hatte. Endlich stand +er auf und ordnete sein weißes Gewand, aus dem von den Knien ab seine +mageren braunen Beine schauten. + +»Es soll alles nach deinem Willen geschehen, Sahib«, sagte er so +liebenswürdig, als sein furchtbares Englisch zuließ. Panja verachtete ihn +so angestrengt, daß ihm der Schweiß ausbrach. + +Es war herrlich auf der Veranda. Der Morgen des indischen Frühlings -- es +war nach unserer Zeitrechnung Ende Oktober -- ist frisch und erquickend, +erst nach drei oder vier Stunden wird die Sonne wirklich heiß. Panja wurde +guter Laune, als Rameni gegangen war. + +»Wie das Schwein stinkt«, sagte er freundlich. »Er wird dich überall +betrügen, Sahib. Wenn deine Reichtümer nicht unermeßlich wären, so würde +dieser Schurke dein Untergang sein. Zuerst werde ich nun die Ameisen +vernichten, sie fressen alles, was sie finden. Wenn man Whisky zwischen die +Steinplatten gießt und zündet ihn an, so ist es um die Tiere geschehen. Gib +eine Flasche, ich werde beginnen, wenn du ans Meer gehst.« + +Ich schlug vor, es mit Petroleum zu versuchen, das man sicher in der Stadt +auftreiben würde. + +Panja schüttelte sich. + +»Die armen Tiere«, sagte er. + +Nach einer Weile rückte eine Schar alter Weiber mit Besen, Eimern und +Tuchfetzen heran, deren Anblick zuerst den ahnungslosen Elias und dann auch +mich vertrieb. Nur Panja hielt dem Ansturm dieser wilden Amazonen stand, +weil ihm daran gelegen war, seine Autorität in Szene zu setzen. + +Das Haus war in wenig Tagen derart instand gesetzt, daß ein beschauliches +Leben voll reicher Eindrücke für mich hätte beginnen können. Auch Panja +fand sich bald in unsere neue Lebenslage, und es kamen stille, herrliche +Frühlingstage, die ich nie vergessen werde. Die beständige Sonne weckte +mich, und meine durch tiefen Schlaf belebten Sinne empfingen die ferne +Stimme des Meeres, das mich Tag für Tag in sein glitzerndes Bereich +hinablockte. Die Fischer wurden meine ersten Freunde in Cannanore, und ich +hatte mich bald daran gewöhnt, ihre Arbeit mit ihnen zu teilen. Es gelang +mir, ihr anfängliches Mißtrauen zu zerstreuen, und ich lernte von ihnen, +wie sie von mir. + +Wir saßen in der Abenddämmerung bis tief in die Nacht hinein auf den +schwarzen Uferfelsen, die in geraden, hohen Blöcken weit in die Meerflut +hineindrangen. Oft mußten wir von einem Steinplateau zum andern springen, +oder über schmale Holzbretter balancieren, um bis an das äußerste Riff zu +gelangen, von wo aus die Angeln weit in die See geschleudert wurden. Neben +uns, zur Rechten und zur Linken, wogte still die ungeheure Wassermasse, +erst in tiefem, klarem Blau, dann färbte sie sich langsam rot und blendete +den Blick, bis sie endlich tiefschwarz und drohend auf und ab stieg, so daß +es erscheinen konnte, als tauchte der Fels in einem unbeweglichen dunklen +Spiegel auf und nieder. Weit hinter uns donnerte die Brandung, und hinter +ihr ging über den Palmen der rötliche Mond auf. + +Es war in der Hauptsache auf den Fang größerer Fische abgesehen, die +Angelhaken hatten die Größe eines gekrümmten Kinderfingers und waren mit +dem Eingeweide erbeuteter Fische umwickelt. Etwa vier bis fünf Meter vom +Köder entfernt war ein Stückchen leichter Baumborke als Schwimmer an der +Leine befestigt, und die Angeln wurden über dem Kopf in Kreisform +geschwenkt, so daß sie bis zu zwanzig Metern weit ins Meer hinaus +gelangten. Dann hockten die Männer sich nieder und verharrten unbeweglich, +wie mit dem Fels verwachsen, bis ein leises Rucken am Seil sie vom Erfolg +ihrer Mühe unterrichtete. + +Oft kam das wogende Meer bis hart an unsere nackten Füße, dann wieder sahen +wir es viele Meter tief unter uns. Selbst in der Nacht erkannten die Leute +deutlich das Herannahen einer größeren Welle, und ein leiser Zuruf warnte +mich, damit ich mich am Felsen festhalten möchte. Wenn dann für Augenblicke +der Steinboden den Blicken entschwand und nichts als das leise brodelnde +nächtliche Element unter mir kenntlich war, hatte ich anfangs ein dumpfes +Gefühl der Angst, ja der Todesfurcht zu überwinden, und nur die +unerschütterliche Gelassenheit meiner Nachbarn sicherte meinen Mut. + +Die Männer hielten ihre Leinen niemals fest in den Händen, sondern nur +leicht zwischen den Fingern, weil es vorkam, daß ein Haifisch anbiß, und +weil der erste Ruck ihnen hätte verhängnisvoll werden können. In solchem +Fall, den ich einmal erlebt habe, schreckte ein lauter Zuruf alle empor. +Ich sah die Leine wie ein Ankerseil in rasender Schnelligkeit ins Meer +gleiten und wie ihr Ende hastig um einen Felsvorsprung gewickelt wurde. In +den meisten Fällen war das Gerät dann verloren; zuweilen gelang es aber, +das Raubtier durch die Felslücken bis auf den Strand zu schleifen, und ich +erschrak über die Lebenskraft und Wildheit des Gefangenen, der trotz seiner +Hilflosigkeit einen geradezu einschüchternden Widerspruch gegen seine +Bändiger an den Tag legte. Man befestigte den Rest der Angelschnur mit +einem Pflock im Sande, ohne den Haken zu lösen, und ließ das Tier auf dem +Trockenen sterben, so gut und rasch es konnte. Erst am andern Tage oder +nach Stunden bemächtigten sich die Frauen alles Verwendbaren von seinem +glatten Leibe, dessen Fleisch nicht genossen wird. + +Gegen Norden zu brachen die dunklen Küstenfelsen jählings ab, und es +breitete sich, soweit das Auge reichte, die freie Bucht entlang, weißer +Sand aus. Oft wuchsen Palmen, besonders wenn sie einem kleineren Bach das +Geleite gaben, bis dicht an den Meeresstrand hinab. Dort sah man, noch nahe +dem Ort, die bunten Boote der Eingeborenen in Reih und Glied im Sand, und +weiter hinaus begann eine Stille und Verlassenheit, die wohl dazu angetan +war, ein empfindsames Herz zu locken. + +Dort lag ich oft am Wasser, bohrte mich in den Sand und warf die Lasten +meiner unnützen Gedanken weit von mir. Es war herrlich, der Stimme des +Meers zu lauschen, die die ganze Welt zu beherrschen schien, und die endlos +langen, ebenmäßigen Wogen zu betrachten, welche heranliefen wie sanfte +Windwellen unter blaßblauer Seide, sich lautlos hoben und sich mit +jubelndem Erbrausen, in ein weites Lichtband zerbrechend, auf den +geduldigen Strand warfen. Das ging so lange so fort, wie nur immer die +Sinne sich in Geduld und Traum hinzugeben vermochten, denn das Meer kennt +keine Zeit. In seiner Stimme sind weder Hoffnungen noch Verheißungen, keine +Liebe und kein Drohen, weder Wahrsagungen noch Beschwichtigungen. Das Wesen +des Meeres hat keine Gemeinschaft mit dem unsrigen, und nichts als ein +beseligter Unfriede erwacht in uns, wenn wir uns ihm zu nähern trachten, +nur seine Größe erhebt uns, wie alle großen Formen dem Gemüt eine Ahnung +künftiger Freiheit vermitteln. Das Meer enthält keine Maßstäbe für unsere +Rechte oder für unsere Pflichten, wie die Erde sie uns bietet, die uns +trägt und ernährt und deren Schicksal dem unsrigen verwandt ist. Die +Dichter haben das Meer selten verstanden, sie haben es nur beschrieben, +aber wer würde durch sie ein Bild von seiner unermeßlichen Gewalt und +Freiheit bekommen, wenn er das Meer niemals gesehen hätte? Nur in jenem ins +Mystische hinüber verblühenden Geiste des großen, gottberauschten +Schwärmers der Apokalypse leuchtet ein wahrsagerisches Licht vom Wesen des +Meers auf, als er das Tausendjährige Reich in seinen unendlichen Visionen +erblickt, und vom Meer sagt, es sei nicht mehr. In dieser Erkenntnis liegt +eine tiefe Ahnung vom Wesen des Meers, das nicht wie die Erde verflucht +scheint, und keinem Gericht, keiner Wiederkehr und keinem Wandel +unterstellt ist. + +So hat auch das Meer keineswegs eine Verwandtschaft mit der Seele des +Menschen, wie manche festgestellt haben, die weder das eine noch die andere +kennen, und die nur deshalb, weil sie in der Seele etwas Bodenloses +wittern, auf den Gedanken gekommen sind, sie wäre vielleicht so tief wie +der Ozean in der Mitte. Das ist ein leichtfertiger Schluß, der schwer zu +erweisen ist, die einzige Ähnlichkeit zwischen solchen Seelen und dem Meer +ist die, daß man oft in beiden herumfischt, ohne etwas zu fangen. -- + +Einmal fand ich am Strand einige große Meerschildkröten, die auf dem Rücken +lagen und nach Wasser schnappten. Aus den Spuren nackter Füße, die sie wie +ein in den Sand eingeprägter Lorbeerkranz umgaben, ließ sich leicht +entnehmen, daß diese Tiere sich nicht freiwillig in solche Lage begeben +hatten und daß sich ein menschlicher Zweck mit dieser Grausamkeit verband. +Und richtig sah ich unter den Bäumen einen braunen Hinduknaben flüchten, +dessen Respekt vor mir so groß war, daß er eine Palme bis an den Wipfel +erklomm. + +Die Schildkröten waren in dieser Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit +einem langsamen Tode in der unbarmherzigen Sonne ausgesetzt, der um so +qualvoller war, als sie nicht wie die Fische rasch sterben, wenn sie ihrem +Element entrissen worden sind, sondern eine zähe Lebensdauer, auch auf dem +Trockenen, beweisen. In der Tat war auch der Gesichtsausdruck einzelner von +ihnen bereits sehr verstimmt, anderen hing der merkwürdig häßliche Kopf +schon leblos nieder, an dem faltigen Hals, der mir wie ein welker, rissiger +Schlauch erschien. Ich kehrte mit großer Mühe diejenigen um, die mir noch +regsam genug für eine Fortsetzung ihres Daseins erschienen, aber sie +taumelten wie betrunken hin und her und fanden das Wasser erst, als ich +ihnen den Weg wies. Dort schwammen sie rasch und erregt hinaus und tauchten +sobald als möglich unter, sichtlich im Zweifel darüber, ob dieser Vorgang +eine Tatsache war, oder nur eine neue greuliche Vorstellung ihrer +Fieberphantasien im Sonnentod. + +Später erfuhr ich, daß die Tiere von den Eingeborenen in diese Lage +gebracht werden, damit sie sterben, denn sie können sich nicht aus eigenen +Kräften wieder umkehren. Auf diese Weise gewinnen die Leute das sehr +begehrte Schildpatt, ohne einen Eingriff in das Leben der Tiere +vorzunehmen, was ihnen verboten ist und auch ihrer Überzeugung +widerspricht. Die Tiere sterben auf diese Art durch den Willen der Gottheit +und werden so nach Vorstellung der Hindus nicht von Menschen getötet; +offenbar ersieht man aus der Tatsache, daß die Götter die Schildkröten +nicht wieder umdrehen, ihren Beschluß, sie zum Nutzen der Menschheit +sterben zu lassen. + +Übrigens hatte ich es mit jener Handwerkerkaste in Cannanore endgültig +verdorben, denn eben jener Knabe, welcher mir Achtung erwies, hatte von +seinem hohen Versteck aus meine Maßnahmen wahrgenommen und er nahm Anlaß, +diese Neuigkeit in Cannanore zu verbreiten. + +Es gab am Strand vielerlei Krebse und allerhand kleines Meergesindel, mit +dem ich mich einließ, auch Ratten kamen bisweilen die Bäche herab und +erkundeten, ob das Meer Tote angeschwemmt oder ausgewühlt hatte. Eine +bestimmte Kaste in Malabar begräbt ihre Pesttoten am Meer im Sand; zwar +werden meist die Sandbänke und Inseln gewählt, aber häufig findet man auch +die Spuren der Gräber an der Küste. + +Einmal machte ich die Bekanntschaft einer größeren Fliege, die nur einen +Flügel hatte und den Rest ihres Lebens am Gestade zu verbringen schien. Ich +beobachtete sie, während ich am Strand lag und rauchte. Sie suchte sich die +Steine aus, die besonders rund, blank und heiß waren, und es schien, als +bevorzugte sie die weißen. Wenn sie eine Weile auf einem solchen gesessen +hatte, faßte sie einen anderen ins Auge und versuchte ihn mit einem +sprungartigen Flug zu erreichen, aber sie landete jedesmal auf irgendeinem +dritten, weil sich leider das Fehlen ihres einen Flügels beim Einhalten der +Richtung bemerkbar machte. + +Jedesmal schaute sie anfänglich etwas verdutzt um sich, ergab sich aber +dann ihrem merkwürdigen Schicksal, immer anderswo landen zu müssen, als sie +gewollt hatte. Mit einem etwas bekümmerten, aber keineswegs gereizten +Ausdruck orientierte sie sich über die ihr bestimmte Umgebung, schließlich +schien die Sonne auch hier, und sie blieb sitzen, im heißen Licht, vor dem +glitzernden Wasser. + +Ich faßte eine gewisse Neigung zu dieser flüchtigen Freundin meiner +einsamen Stunden am Meeresstrand. So sehr viel besser ging es schließlich +im Leben auch mir nicht, und im Grunde kam es uns beiden auf die Sonne an. +Ich erzählte ihr, wie ich es mit dem Dasein hielt, aber da sie nicht auf +mich achtete, warf ich mit kleinen Steinen nach ihr, die lustig über die +runden Brüder ihrer Jahrtausende kollerten und vergnügt klirrten. Die +meisten dieser Steine waren prächtig abgerundet, ich nahm einen von ihnen +in die warme Hand und polierte ihn sorgenvoll. »Du bist noch nicht rund +genug, mein Kleiner«, und ich warf ihn ins Meer zurück, damit ihn die Flut +noch ein paar weitere tausend Jahre lang abschliffe. Es kam mir auf tausend +Jahre nicht an, so wenig wie auf einen Tag. Aber vielleicht würde dieser +Stein mich nicht vergessen, sicherlich war es ihm noch nicht geschehen, daß +einer dieser vergänglichen Menschlein sich seiner annahm und plötzlich +einen solchen Eingriff in seine gemächliche Entwicklung machte. + +Das Meer trug leichte und liebliche Gedanken in meinen Sinn, törichte und +sinnvolle, aber niemals schwere. Seine Gaben waren Traum, Vergessen und +Schlaf, sie stiegen mit der flimmernden, heißen Luft in unbekannte Regionen +empor, und der flüchtige Seewind trug sie von dannen. Die Menschen meines +verflossenen Lebens versanken in einem schimmernden All, in welchem ich +wesenlos, wie sie selbst, dahintrieb, und auch die Liebe wurde zur +Erinnerung. + +Nie aber, daß Langeweile oder Mißmut mich plagten, das Leben war ein +makelloses Gefäß, angefüllt mit dem klaren alten Wein lieblicher +Sinnenfreude und heiterer Daseinslust. Ich begriff die Menschen dieses +Landes und dieser Sonne, die kein anderes Begehren zu bewegen schien, als +das Dasein auf solche Art als seligen Bestand auszukosten und sich dem +selbsttätigen Walten von Erstehen und Vergehen, den vergänglichen +Glücksgütern der Erdenzeit gegenüber wahllos und zufrieden, ohne Bedenken, +anheimzustellen. Was den Unedlen zu einem Anlaß anteillosen Verkommens +wurde, das wurde im verwandten Geist den Edlen zu einer tiefen Offenbarung +tatlosen Versinkens in einer hellseherischen Demut der Selbstbeschränkung. + +Zuweilen zollte ich am Strande dem Tode eine kleine Abschlagszahlung auf +seine künftigen Rechte und schlief ein, aber die Stimme des Meerwassers +ging mit mir in das dunkle, ruhige Land. Die Monotonie seiner frischen +Stimme verwandelte sich in meinen Träumen in einen beredten Glanz von +großer Mannigfaltigkeit, und ich erfuhr Wunder und Sagen vom Gang der Welt, +die ein ganzes Buch füllen würden, aber etwas an der Weisheit des +Meerwassers verhinderte mich daran, so törichte Pläne zu fassen. »Ich sage +es allen,« rief es gleichmütig, »warum willst du es tun? Niemand wird Dinge +durch Menschen hören, die ihm die Natur nicht vertraut, und ihr, die ihr +nicht einmal euch selbst versteht, wie wollt ihr mich, das Meer, in seinem +heiligen Wesen erfassen?« Als ich erwachte, sah ich im Abendglanz auf der +Silberleiste der Meerflut groß und nah ein schwarzes Boot im roten +Himmelsschein dahinfahren, das von vier Männern angetrieben wurde, die +stehend ruderten, und die mir gleichfalls schwarz erschienen, weil das +Licht hinter ihnen mich gelinde blendete. + +Vielleicht fuhren sie ins Weite hinaus, vielleicht kehrten sie heim, ich +wußte es von ihnen so wenig wie von mir. + + * * * * * + +Ein bedauernswertes Ereignis dieser Zeit, das den Wert meines Charakters in +den Augen der Einwohner Cannanores ernstlich in Frage stellte, ist mir +lebhaft im Gedächtnis geblieben. Von Jugend auf habe ich den Hang verspürt, +Schmetterlinge und Käfer zu sammeln, es aber leider auf diesem Gebiet +niemals zu Erfolgen gebracht, im Gegenteil begleitete mich stets ein +spürbares Mißgeschick bei solchen Unternehmungen, und es lag nachweislich +kein Segen darauf. Der prächtige Kasten mit einem Glasdeckel, den meine +Eltern mir zur Förderung meiner lehrreichen Neigung schenkten, wurde bald +zu einer Goldgrube billiger Ernährung für eine kleine, lausartige Sorte von +Parasiten, die über meine gesammelten Insekten herfielen und sie +verzehrten. Auf den Rat eines erfahrenen Schulfreundes hin erwarb ich das +prächtige Schutzmittel, das Naphthalin genannt wird, aber die Parasiten +fielen auch über das Naphthalin her, fraßen es auf und gediehen dabei +zusehends. So sah ich die Resultate meiner Bemühungen zuschanden werden bis +auf einen rötlichen Erdfloh, der hoch an einer rostigen Stecknadel hockte +und kaum größer war, als ihr Knopf. + +Es wäre sicherlich besser gewesen, wenn ich mir diese Erfahrungen meiner +Jugend auch in Indien zunutze gemacht hätte, anderseits aber wird es jedem +verständlich sein, daß meine alte Leidenschaft bei der außerordentlich +mannigfaltigen und prächtigen Insektenwelt Indiens aufs neue angeregt +wurde. Ich schlug Panjas Einwände in den Wind und ließ in Cannanore +bekanntgeben, daß ich Erwachsenen oder Kindern für jeden Schmetterling oder +Käfer, die mir in meine Niederlassung gebracht würden, den Preis von einer +Anna zu zahlen bereit sei. + +Am Morgen nach dieser Kundgebung weckte mich in aller Frühe ein seltsames +Geräusch vor meinem Hause, das ich anfänglich vergeblich zu erkennen +trachtete, bis ich endlich herausbrachte, daß es ein Volksgemurmel war. +Erschrocken trat ich ans Fenster und erkannte nun eine auffallend geordnete +Reihe von Menschen, Kindern, Greisen, Frauen mit Säuglingen auf den Hüften, +Männern und Jünglingen, auch fehlte es nicht an Bettlern, Straßendirnen und +Landstreichern. Die Reihe machte gehorsam den Bogen des Gartenwegs mit, +schlängelte sich durch die offene Pforte und ging dann auf Cannanore zu. Es +war nicht abzusehen, wie lang sie war; diese Erfahrung blieb mir anfänglich +erspart, wie es das Leben bei harten Schicksalsschlägen seinen Opfern +zuweilen dadurch erleichtert, daß es nicht sofort die ganze Fülle des +Ungemachs offenbart. + +Panja sagte nur: »Sahib, die Leute bringen die Tiere.« + +Ich muß gestehen, daß ich in große Verwirrung geriet und mich nur mühsam +fassen konnte, aber es gelang mir doch, weil ich Panja den Triumph nicht +gönnte, der hinter seinen stillen Augen lauerte, welche schräg und +erwartungsvoll ohne Unterbrechung auf mir ruhten. + +»Hast du kleine Münze genug?« fragte ich ihn fröhlich, während ich mich +rasch ankleidete. Panja fragte mich ernst, ob ich genug große hätte. + +Da nahm ich Elias an mich, setzte den Korkhelm auf und betrat mutig die +Veranda meines Hauses. Ein beifälliges Murmeln der Erwartung begrüßte mich. +Recht gelegentlich, als läge mir nur daran, ein paar Schritte in der +Frische des Gartens zu tun, trat ich bis an die Pforte und schaute die +Straße nach Cannanore hinab. Die Kette der wartenden Menschen erstreckte +sich weiter, als meine Augen reichten, fern unter dem Dach der wilden +Feigenbäume verlief sie im Laubschatten wie ein schwarzer Kohlestrich, auf +dem roten Latrittweg. Elias zog sich still ins Haus zurück, weil dieser +Anblick ihm neu war, und auf der Veranda empfingen mich wieder Panjas ruhig +abwartende Augen; er hatte einen Liegestuhl für mich herausgetragen. + +Es blieb mir nichts anderes übrig, als zu beginnen. So sandte ich denn +Pascha mit einer Handvoll Rupien zum Wechseln in die Stadt, denn ich +brauchte Panja als Dolmetscher, auch wäre er wahrscheinlich bis zum Abend +ausgeblieben, um mich dadurch am Erfolg meines Unternehmens zu hindern. + +Der erste der zahlreichen Ankömmlinge war ein kleiner dicker Knabe mit +prachtvollen dunklen Augen und völlig nackt. In der festgeschlossenen +kleinen Faust, die er mir mutig hinreckte und die von Schmutz starrte, +entdeckte ich die Staubreste einer kleinen Motte, die völlig zerquetscht +und aufgeweicht war. Ich verabfolgte eine Anna, um nicht mit einem +verneinenden Bescheid zu beginnen, und der kleine nackte Jäger entfernte +sich mit einem glücklichen Satz, ohne daß er wagte, in den Jubel +auszubrechen, der ihm die Brust weitete. Offenbar hatte er bis zuletzt +nicht an den Erfolg dieses Geschäftes geglaubt. Panja sah ihm nach und +sagte boshaft: »Unterwegs wird er sich lausen, und dann schließt er sich +hinten wieder an.« + +Der nächste der Wartenden war ein alter Mann, der in der mageren Hand einen +grünen Beutel aus einem großen Blatt emporreckte, das er oben zuhielt. Es +befanden sich weiße Ameisen darin, von denen mein ganzes Haus wimmelte, und +er war mit der Hoffnung herzugetreten, seine Tiere einzeln honoriert zu +bekommen. Ich wies ihn ab, da legte er sich aufs Bitten und begann die +Schicksale seiner Familie zu erzählen, der es in der Tat nicht gut gegangen +zu sein schien; so gab ich zwei Anna, und er entfernte sich mit einem +mißgünstigen Blick auf meine Münzen, nachdem er mir zwei Ameisen +auszuhändigen versucht hatte. + +Ich kann nicht alles aufzählen, was mir an diesem Morgen an Gewürm, +Fliegen, Ungeziefer und Kerbtieren zugetragen worden ist, es gelang mir, +Indiens Reichtum an diesen Geschöpfen zu ermessen. Eine alte Frau brachte +ein Kücken, das von Ratten zur Hälfte aufgefressen worden war und keine +Federn mehr hatte. Sie hoffte, daß ich es meiner Sammlung einverleiben +würde, weil sie keine rechte Vorstellung von meinen Interessen hatte. Ein +Mädchen, blühend wie der sonnige Morgen, in welchem sie schüchtern vor mir +stand, hatte einen wahrhaft schönen Schmetterling von der Größe eines +Singvogels, orangegelb, mit zartestem Lila an den Rändern, aber er war +zwischen ihren Fingern zerdrückt, wie ein Trambahnbillett in einem +Handschuh. Ich betrachtete das Kind und den unschuldigen Glanz seiner +großen Augen, die mir erschienen wie dunkler Samt in braune Seide gebettet. +Jahrtausendalte Träume brachen aus ihnen hervor, ruhig und traurig, Mohn +und Schlaf. Mich überkam ein jäher Wandel meines Empfindens und eine +Traurigkeit; plötzlich ward ich mir der ganzen Nichtigkeit meines Vorhabens +in beschämender Klarheit bewußt. Wie hatte ich dem Irrtum verfallen können, +zu glauben, daß wir den Herrlichkeiten der Natur dadurch auch nur um ein +Geringes näher kommen, daß wir ihre Erzeugnisse unter Glas und in Kästen +bergen. Ich empfand mich plötzlich als vielfacher Mörder, und vor mir +harrte das Heer der blutigen Krieger ihres Lohns. Da gab ich dem Kinde den +Rest des Geldes, das Pascha mir gebracht hatte, und stand auf, um verkünden +zu lassen, daß meine Ansprüche befriedigt seien, und daß ich keiner +weiteren Insekten mehr bedürfte. + + + + +Drittes Kapitel + +Die Nacht mit Huc, dem Affen + + +Eines Morgens stand auf der Veranda meines Hauses in Cannanore ein brauner +Hinduknabe, der einen Affen auf der Schulter trug. Wie lange er schon dort +gestanden hatte, wußte ich nicht, weil die Eingeborenen bescheiden zu +warten pflegen, bis es dem fremden Herrn gefällt, sie anzureden. Auch wenn +sie annehmen, längst gesehen worden zu sein, harren sie geduldig fort, oft +stundenlang, ob es nun auch gefällt, sie zu beachten. Dieser Umstand hat +mir in der ersten Zeit meines indischen Aufenthalts oft einen nicht +gelinden Schreck eingebracht, denn auch wenn ein Diener des Hauses ein +Zimmer betritt, wartet er still in der Nähe des Herrn, bis er angeredet +wird. Es geschah mir in Bitschapur, wo ich zu Anfang meiner Reise inmitten +alter zerfallener Königsschlösser mein Lager aufgeschlagen hatte, daß ich +nächtlicherweile plötzlich am Schreibtisch den Eindruck gewann, es stünde +jemand hinter mir. Solche Befürchtung ist in der Verlassenheit tiefer Nacht +um vieles beängstigender, als die Gewißheit eines jähen, unerwarteten +Zusammentreffens. Ich weiß noch heute genau, daß ich lange nicht wagte, +mich umzuschauen, und als ich es endlich langsam, Zoll um Zoll, tat und +plötzlich den Umriß einer braunen Gestalt, dunkel in dunkel, hinter mir +gewahrte, emporfuhr, als sei es der Böse selber, der mich heimsuchte. Der +Bote hatte, in der festen Annahme, daß ich längst von seiner Gegenwart +Notiz genommen hatte, bescheiden und geduldig auf meine Anrede gewartet. Da +die Hindus den Tritt nackter Füße, selbst auf einer Kokosmatte, deutlich +hören, begreifen sie nicht ohne Schulung, daß unser Ohr an deutlichere +Beweise einer Annäherung gewöhnt ist. Glücklicherweise erschrak damals der +nächtliche Ankömmling so heftig über meinen Schreck, daß mich ein Lachen +befreite und aus meinem Entsetzen riß. + +Eine große Zahl Berichterstatter aus dem heutigen Indien behaupten in +Büchern und Journalen immer wieder, dies Land sei aller Geheimnisse und +Wunder und aller Mystik längst entkleidet. Wahrscheinlich kennen sie von +Indien nur die neumodischen Hotels. Ich habe den poetischen Glanz der Veden +und den Geist Kalidasas überall gefunden und erst im Lande selbst recht +würdigen und fassen gelernt, und der bedauernden Ernüchterung der modernen +Propheten habe ich nur den Kummer entgegenzuhalten, daß meine Kräfte nicht +ausreichen, von den mystischen Herrlichkeiten und dem geheimnisvollen +Zauber aller Erscheinungen ein rechtes Bild zu geben. Wer allerdings die +Wunder Indiens in der Kunst der Taschenspieler sucht und enttäuscht ist, +wenn ihm keine Gelegenheit geboten ist, auf einem frei hängenden Seil +emporklettern zu können, wird seine Erwartungen nicht erfüllt sehen, aber +er wird nicht nur in Indien, sondern überall in der Welt enttäuscht sein, +wo er glaubt, etwas Rechtes erleben zu können, ohne etwas Rechtes zu sein. +Denn das Mystische ist weder das Dunkle und Unklare, noch das phantastisch +Bedrohliche unverständlicher oder geheimnisvoller Vorgänge, sondern es +umschließt, seiner tieferen Bedeutung nach, viel eher die Gewißheit ewiger +Wahrheiten in ihrem Fortwirken jenseits unserer Erkenntnis. + +Jener Knabe nun, den ich vor meinem Hause fand, bot mir seinen Affen zum +Kauf an, ich erfuhr durch Panja sein Anerbieten und den nützlichen Zweck, +der sich für jeden Garteninhaber mit dem Besitz eines Affen verbinde. »Er +holt die Kokosnüsse aus den Palmen«, erklärte mir Panja. Das kleine, +graubraune Tierchen, das etwa die Größe eines Foxterriers hatte, sah mich +von seinem erhöhten Sitz ruhig aus seinen alten Zügen an. Es war an einer +Kette befestigt, deren Ende einen Ring um seine hageren Lenden bildete. +Der Knabe erklärte sich bereit, seinen Affen vorzuführen, und in der Tat +zeigte sich das Tier außerordentlich gut unterrichtet. Kaum war er von +seiner Fessel befreit worden, als er mit großer Geschwindigkeit eine Palme +erstieg, eine große Nuß abdrehte und sich geduldig wieder festlegen ließ, +nachdem die Nuß gefallen war, und er, um vieles langsamer, wieder +niederkletterte. Panja verhandelte mit dem Knaben wegen des Kaufpreises, +und während ich, ohne zu verstehen, die beiden beobachtete, gewahrte ich, +daß eine sichtbare Besorgnis das Gesicht des Hinduknaben betrübte. Er +schien begierig und traurig zugleich. »Er will seinen Affen nur vermieten,« +erklärte Panja, »das kommt daher, daß er ein Dummkopf ist.« + +Mir schienen die Dinge anders zu liegen; ich bemerkte deutlich, daß der +Knabe heißes Verlangen nach der Kaufsumme trug, die er zu erzielen hoffte, +daß er sich aber schwer für alle Zeit von seinem Affen zu trennen +vermochte. + +»Biete ihm fünf Rupien als Kaufsumme«, sagte ich. + +Panja bot eine. Der Knabe zitterte heftig, denn schon diese kleine Summe, +die nach unserem Geld noch nicht zwei Mark ausmacht, bedeutete ihm einen +großen Schatz. Da die Ergriffenheit des Kindes mich deshalb fesselte, weil +ich deutlich zu fühlen glaubte, daß nicht einzig seine Geldgier ihn +bewegte, gab ich Panja ein nicht mißzuverstehendes Zeichen, daß ich +vorübergehend Gehorsam von ihm forderte. Er wußte, daß ich genug +kanaresisch verstand, um ihn kontrollieren zu können, und sank in eine +Haltung gottergebener Verzweiflung zusammen, die er stets einnahm, wenn ich +meinem Untergang entgegenging, ohne seine Hilfsbereitschaft zu beachten. +»Weshalb willst du den Affen nicht verkaufen?« ließ ich fragen. + +»Ich habe sonst kein Eigentum«, antwortete das Kind. + +»Aber wenn ich dir eine große Summe gebe, so kannst du leicht neue Affen +erstehen. Ich biete dir fünf Rupien.« + +Panja verschluckte sich bei der Summe und mußte sie noch einmal sagen. + +Der Knabe zitterte so heftig, daß ich ihn am liebsten in die Arme +geschlossen hätte. Er sagte zögernd: + +»Es ist kein Affe so gut wie Huc. Aber,« fügte er schnell und mühsam hinzu: +»für diese große Summe will ich ihn dir geben. Du wirst Huc weder schlagen +noch töten, und wenn du erlaubst, werde ich zuweilen kommen und durch das +Gartengitter schauen.« + +»Weshalb verkaufst du ihn, wenn du deinen Affen liebst?« fragte ich. + +»Soll ich so was wirklich übersetzen?« fragte Panja. + +Ich sah ihn an, und er übersetzte meine Worte wie ein Automat. + +»Meine Eltern hungern«, sagte das Kind einfach, ohne Klage und ohne +Anklage. Und im Verlauf des Gespräches erfuhr ich eine merkwürdige +Geschichte, die mich lebhaft fesselte. Der Vater dieses Knaben war von der +deutschen Missionsgesellschaft in einer Weberei, die in Cannanore von den +Missionen unterhalten wird, angestellt gewesen, nachdem er sich zum +Christentum bekehrt hatte. Da er sich aber im Verlauf seiner Tätigkeit +wiederholt Diebstähle hatte zuschulden kommen lassen, war er entlassen +worden. Seine Stammesgenossen, die ihn längst als Abtrünnigen betrachtet +hatten, wollten nun, bei seiner Wiederkehr in ihr Bereich, nichts mehr von +ihm wissen, und er war hier wie dort ein Geächteter geworden und in Elend +geraten. Nun begriff ich wohl, daß man in einer Industrie keine Diebe +gebrauchen kann, aber der Gedanke, ob im Tempel eine Weberei am Platze sei, +erfüllte mich nach dieser Erfahrung mit mancherlei Zweifeln. Die Wechsler +und die Priester werden in keinerlei Gotteshaus zum Segen einander dienlich +sein, am wenigsten in einem christlichen. + +Ich sollte auf diesem Gebiet noch recht unterhaltsame Erfahrungen machen, +und es stand mir noch bevor, einige dieser Gottesboten kennen zu lernen, +sowie auch den Geist und Wert ihres Wesens. Panja mußte nun zu seiner +Bekümmernis mit dem Knaben einen Vertrag abschließen, nach welchem mir das +Recht auf den Affen Huc für zwei Monate zustand, wogegen ich die Summe von +fünf Rupien im voraus als Gebühr entrichtete. Dem Besitzer stand es zu, +seinen Affen zweimal in der Woche zu besuchen und ihn abzuholen, falls ich +früher als in der ausgemachten Frist Cannanore verließ. + +Das Kind eilte glücklich heim, und Panja kündigte mir den Dienst; dies +hatte aber weiter nichts zu bedeuten, denn er tat es oft. Als ich von +seiner Abkehr keine Notiz nahm, blieb er stehen und sah mich an. + +»Sahib,« begann er, »du wirst in wenigen Wochen ruiniert sein, und was wird +dann aus mir und meiner alten Mutter, meinen Geschwistern, den Schwestern +meiner Mutter und den Reisfeldern am Purrha?« + +Ich erwiderte höflich: + +»Panja, als ich dir vor wenigen Wochen die zehnte Rupie deines Vorschusses +ausbezahlte, sagtest du mir, deine Mutter sei gestorben, und du brauchtest +das Geld für ihre Bestattung.« + +»Es war meine Großmutter,« sagte Panja, »soll ich dir von ihr erzählen?« + +»Deine Großmutter starb bei unserer Ankunft in Bitschapur.« + +»Du wirfst alles durcheinander,« sagte Panja traurig, »nur den Vorschuß +behältst du richtig im Gedächtnis.« + +Diesen Tadel meiner Gesinnung zog ich mir deshalb zu, weil Panjas Vorschuß +doppelt so groß war, als ich gewagt hatte, anzuführen, und ich nahm mir +ernstlich vor, künftig ehrlicher zu sein. + +Als ich gegen Abend vom Meer heimkehrte, nachdem ich am Strand der +Fischerstadt ein Boot erhandelt hatte, fand ich Huc in meinem Zimmer. Panja +war nirgends aufzutreiben, und Pascha servierte mir schweigend den Reis am +Ausgang zur Veranda. Ich sah seinen Bewegungen und dem gelassenen Schaffen +des Mannes zu. Er nahm die Tonkrüge mit gekochtem Wasser aus ihren +Bambusschaukeln, in denen sie zur Kühlung geschwenkt werden, trug die +Speisen und Früchte ernst und sorgfältig herzu, alles in kleinen Gerichten +und zierlich verwahrt, Früchte des Zimtapfelbaums, Ingwer, geröstete +Pisangfrüchte und Reis mit Curry und Kokossaft. Ich hatte mich damals +längst an die indische Kost gewöhnt, die in ihrer großen Mannigfaltigkeit +wahrhaft kennen zu lernen wenigen vergönnt ist, denn selbst in den +Hinduhotels bemühen sich die Eingeborenen, den Europäern die Speisen auf +deren Art zuzubereiten. Wer den Reichtum der indischen Früchte kennen +gelernt hat und ihre Art seinen Bedürfnissen anzupassen versteht, ist in +Indien wohl daran und wird diese erfrischende und gesunde Ernährungsart +jeder anderen vorziehen und niemals vergessen. + +Als Pascha die Ananas und die Bananen brachte und die ersten Mangofrüchte, +die noch nicht in Malabar gereift waren, sah er Huc, den Affen, neben den +Speisen auf dem Tisch sitzen und erschrak. + +»Ich werde ihn hinausbringen«, sagte er. + +Aber ich erklärte ihm, daß ich mit Huc sprechen müsse, und er ging still +hinaus. Anfänglich hatte der Affe nur geringes Zutrauen zu mir gehabt und +sich in seiner weichlichen Vorsicht immer wieder zurückzuziehen versucht, +aber bald hatte er herausgebracht, daß ich es gut mit ihm meinte, und in +seiner scheinbar so nachlässig abwartenden Art betrachtete er mich und nahm +zögernd mit matter, immer ein wenig hängender Hand, was ich ihm darbot. Er +hatte großes Mißtrauen gegen die Menschen, der Arme, denn einem gefangenen +Affen ist in Indien kein gutes Los beschieden, er muß den Haß und die +Verachtung erleiden, die seinen räuberischen Gefährten gelten. Jeder +Vorübergehende vergnügt sich eine Weile damit, an dem Gefangenen einen Teil +seines Zornes auszulassen, den seine Brüder in der Freiheit mit ihrem +frechen, spöttischen Wesen, in der Sicherheit ihrer Palmenkronen, +heraufbeschworen haben. Am schlimmsten aber setzen die Kinder ihm zu, deren +gedankenlose Grausamkeit in keinem Lande schlimmer ist, als in Indien, da +die Verdorbenheit der Gesinnung und des Blutes schon früh hinzukommt; und +wieviel gilt in Indien das Leben eines Affen, wo kaum das Leben eines +Menschen etwas gilt. Der Knabe, der mir Huc gebracht hatte, bildete in +seiner Stellung zu dem Tier eine Ausnahme. + +Die Abendsonne schien noch. Da ich im Garten eine schmale Bresche in das +Dickicht hatte schlagen lassen, so war nun ein Ausblick auf das Meer +hinüber möglich, aber ich sah nur die Hochebene, hinter der es atmete, +spürte seinen kühlenden Hauch und vernahm sein gedämpftes Dröhnen an den +Felsen. Auf der Höhe der Ebene erblickte ich die Silhouetten zweier Palmen, +deren eine kerzengerade emporstieg, während die andere sich demütig in +einem sanften, ebenmäßigen Bogen zur Seite neigte. Fein und schwarz, wie +mit Kohle gezeichnet, sah ich diese zierlichen Figuren in der Ferne gegen +das Ampelrot des Abendhimmels, sie erhoben sich in der Melodie des Meeres +mitten auf jenem Wege in die Freiheit des Himmels, den meine Augen nun +Abend für Abend nahmen, so lange ich in Cannanore weilte. Lange noch, +nachdem ich die Stadt verlassen hatte, erschien oft dies Bild unter meinen +geschlossenen Lidern und mit ihm die verlorenen und versunkenen Gestalten +meines indischen Lebens, dessen Herrlichkeit kein irdischer Mund wird +nennen können. Im Getriebe der tobenden Großstädte Europas, mitten im +Straßengetümmel, in erleuchteten Sälen unter schwatzenden und lachenden +Menschen, oder in der einsamen Ruhe meines nächtlichen Arbeitsraums +erscheint mir bisweilen noch dies einfache Bild, und mit ihm ersteht die +große Melodie des Ozeans und der Ruf des Wassers an den dunklen Felsen. Das +unstillbare Heimweh nach der Fremde liegt darin beschlossen und ein großer +Friede. + +Die Nacht sank nieder, aber Huc tat deutlich den Wunsch kund, noch in +meiner Nähe zu verweilen, und ich ließ es zu, da mich ohne Aufhör das +merkwürdig beklemmende Bewußtsein gefangenhielt, daß wir einander in Rede +und Antwort noch vieles schuldig seien. Kein Lebewesen der Schöpfung löst +in so hohem Maße den Hang zur Nachdenklichkeit über sich selbst in uns aus, +wie der Affe. Während ich langsam ein Glas des schweren indischen Palmweins +nach dem andern meiner isolierten Seele gönnte, zog der gewohnte Reigen +meiner Traumgestalten, von Weinlaub bekränzt, an meinen Augen vorüber, und +langsam verlor mein Herz die Kraft des Alltags, um sie gegen eine bessere +und höhere Kraft einzutauschen, die keine irdischen Erweise ihrer Gewalt zu +geben vermag. Während dieser Stunde saß Huc still und nachdenklich vor mir +und betrachtete mich geduldig. Seine merkwürdig zarten, hellgrauen +Augenlider, die an dünnen Guttapercha erinnerten, hoben sich nur selten +über die Hälfte des scheinbar ermüdeten Auges empor, und die dunklen +Greisenhändchen mit den schwarzen Nägeln führten ein schläfriges und +gesondertes Leben, von dem seine Gedanken nichts zu wissen schienen. + +»Huc,« sagte ich zu ihm, »mein geliehener Affe, der Gang, den das +menschliche Herz antritt, wenn es sich ohne Gesellschaft den beschwingten +Führungen des Weins anvertraut, ist überall in der Welt der gleiche, nur +im Grad voneinander unterschieden, aber in seiner Art wie die Gemeinschaft, +derer alle teilhaftig werden, die sich unter die Segnungen eines Sakraments +stellen. Ist es nicht zuerst, als träten die Sorgen des Alltags einen +stillen Rückzug an, daß unser Gefühl erstaunt und sehr erfreut nach der +Ursache dieser Flucht forscht? Auf der nun begrünten Walstatt ihres +quälenden Aufenthalts erhebt sich der freundliche Engel unserer Hoffnung, +der, ohne unsere Augen zu blenden, in feierlicher Weise das Schönste +unserer Zukunft zur Gewißheit macht, so daß wir unvermerkt und heimlich am +Ziel unserer Wünsche angelangt sind. Aber so ist es mit uns, Huc, an diesem +Ziel wird uns plötzlich traurig zumute, weil es solcher Gestalt Guten, wie +der Wein sie aus uns macht, nicht wohl tut, ohne Verlangen zu sein, es +entsteht uns aus dem erreichten Ziel nicht mehr als ein Ausblick auf ein +neues. Und mit der zugleich schmerzvollen und doch seligen Ahnung, daß es +immer so bleiben wird, erwacht in unserm Herzen das Heimweh nach einem +bleibenden Gewinn.« + +»Prost«, sagte Huc. + +»Du mußt mich jetzt nicht stören«, antwortete ich in jener Bekümmernis, in +die leicht Leute geraten können, die ihre Gedanken viel wichtiger nehmen, +als sie sind, und die deshalb glauben, man wollte sie ablenken, wenn man +ihre Ergriffenheit nicht teilt. »Huc, wir müssen nun sehen, wo dieser Trost +zu finden ist, und in welcher Gestalt er einhergeht. Er taucht aus dem +Grund unseres Glases hervor, aus dem Schatten des Kelchs und wird zum +Bildnis einer Frau auf seinem goldenen Spiegel. + + Alles was wir gern geglaubt + strahlt aus seinem Grund, + Jesu schmerzgeneigtes Haupt + und der Liebsten Mund.« + +»Keine Verse, bitte«, sagte Huc. + +»Vergib,« antwortete ich, »es kommt zuweilen vor, ohne daß man es +beabsichtigt, aber ich begreife, daß die Wesen selten sind, die erkennen +können, daß man die Dinge wahrhaft schön nur in Versen sagen kann. Sieh +nun, Huc, das Bildnis dieser Frau gleicht dem keines dieser Wesen, die wir +kennen, die Schönheit und Milde dieses Angesichts ist niemals in der Welt +zu finden, und darin liegt sein unnennbarer Trost. Aus dem Grund ihrer +Augen erstrahlen das unvergängliche Leben und der irdische Schlaf, und vom +Schlaf steigen liebliche Schleier empor, wie der Duft des Jasmins in der +Sommernacht, und legen sich über unsere Augen, so daß wir in Ruhe +versinken, als hätten wir uns nichts gewünscht, als diese gnädige Ruhe.« + +»Ein Asket bist du also nur,« antwortete Huc, »weil der Weg dorthin mit +einer Reihe genußreicher Annehmlichkeiten verbunden ist.« Er fuhr sich +rasch mit der Hand über die schmalen Lippen seines großen Mundes, der wie +in eine dunkle Halbkugel eingeschnitten war, und ließ dann mit +hochgezogenen Brauen die Hand wieder sinken, als habe er sie vergessen. +»Gib einen Schluck her«, fuhr er fort und zog die Schultern hoch, wobei +sein Kopf vorrückte und mir so groß erschien wie ein Menschenkopf. Er trank +vorsichtig, leckte sich umständlich die Lippen und atmete so schmerzvoll +auf, wie nur Menschen aufatmen können. + +Es war eine Weile still zwischen uns, die nächtlichen Geräusche der Natur +drangen gedämpft zu uns herein und das leise, heimliche Sausen der +reisenden Erde. Da legte Huc die welke Hand auf die Gegend seines Herzens +und sagte einfach: + +»Ich bin schwindsüchtig und werde nicht mehr lange leben, ich will dir von +den Wäldern erzählen. Viel kann ich nicht sagen, denn die Schönheit der +Wälder ist so groß, daß die Gedanken und Worte darüber zu Träumen werden, +je näher sie der Wahrheit kommen. Denke nicht, meine Krankheit betrübte +mich, nur armselige Wesen leiden an ihrem Leibe, alle Schmerzen des Körpers +und seine Hinfälligkeit sollte man nur mit einem Lächeln hinnehmen.« + +»Ich bin erstaunt über deine Weisheit, Huc«, sagte ich. + +»Wie hochmütig du sein mußt, um darüber zu erstaunen«, antwortete Huc ohne +Eifer. »Ihr Menschen habt verlernt, in den lebendigen Wesen der Schöpfung +den Schöpfer zu ehren, und ihr überschätzt eure Eigenschaften so sehr, daß +ihr darüber diejenigen aller anderen Wesen belächelt. Aber wir sind alle +auf dem gleichen Wege, und wenn wir Sinne hätten die Zeit zu ermessen und +sie in Vergangenheit und Zukunft zu überschauen vermöchten, würden wir +ehrfürchtiger sein, bescheidener und frömmer. Gib einen Schluck her.« + +Ich reichte ihm das Glas, das er mit beiden Händen nahm und langsam mit +geschlossenen Augen leerte. + +»Alle guten Menschen haben den Hang, den Tieren in ihrem Gehabe und Wesen +zuzuschauen,« fuhr Huc ruhig fort, »es regt ihre Ahnungen einer zukünftigen +Vollendung in Rührung und ungewissem Glauben an; andere sind schon viel +weiter und lernen es, die Eigenarten der Pflanzen zu bewundern, die, +obgleich sie sich von denen der Tiere unterscheiden, doch nicht weniger +mannigfaltig sind; wann aber werdet ihr das Leben der Steine beachten? Die +Menschen haben die Geduld verloren. Ich habe lange unter ihnen leben müssen +und darunter nicht nur gelitten, wie du meintest, als du mich ausliehst, +sondern ich habe auch gelernt. Ich habe ihre Häuser und Städte kennen +gelernt, bin auf Schiffen die Küste entlang gefahren, so daß die Wälder an +den Ufern mir wie feine blaue Nebelstriche erschienen, sogar eine +Eisenbahnfahrt habe ich gemacht, so daß ich weiß, worauf ihr stolz seid. In +der Gesellschaft mit Menschen habe ich mir meine Krankheit zugezogen, denn +ich habe in Regen und Wind und in der furchtbaren Sonne ohne Schutz auf +meinem Pfahl zubringen müssen, an den ich mit einer Kette angeschlossen +war. Du wirst mein letzter Herr sein. Prost!« + +Ich holte ein zweites Glas für mich herbei und schenkte uns beiden aufs +neue ein. Huc saß still mit seinen alten, nachdenklichen Augen dicht vor +mir auf dem Tisch, so daß unsere Stirnen etwa in gleicher Höhe waren, +zwischen zwei glänzenden Flaschen im Kerzenlicht. Eine Weile spielte er mit +dem farbigen Stanniol, zerriß es und roch daran. Als er es endlich aus den +Händen fallen ließ, als habe er nie Interesse daran bekundet, zweifelte ich +wieder für einen Augenblick an seiner Bedeutung. + +»Du bist doch nur ein Affe«, sagte ich, und raffte mich auf wie aus einem +Traum. + +Huc zog seinen langen Schwanz melancholisch durch die Hand, hielt endlich +das Ende fest und fragte, das runde Maul mit einem Ruck auf mich zustoßend: + +»Wieviel hast du eigentlich schon getrunken?« + +Ich entschuldigte mich beschämt; so war also Huc doch im Recht, wie ich +gleich anfangs angenommen hatte, als er mich von der Schulter seines jungen +Herrn aus mit seinem unbeirrbaren Ernst und seiner versunkenen +Überlegenheit angesehen hatte. »Erzähle von den Wäldern«, bat ich. + +»Ich meine oft,« begann Huc ruhig, »ich kenne die Wälder erst, seit ich sie +habe verlassen müssen, weil ich mich von jenem Tage an, Stunde für Stunde, +bis tief in meine Träume hinein habe mit ihnen befassen müssen, und darüber +habe ich auch erfahren, daß das Geliebte erst recht unser Eigentum zu +werden scheint, wenn wir es verloren haben. Alles Kleine ist dahingesunken, +und mir ist nur ein einziges strahlendes Bild von herrlicher Freiheit im +Gemüt zurückgeblieben, es ist verwoben mit dem weißen Licht des Mondes +über dem Blätterdach der Bäume, mit dem Spiel des Sonnenscheins im frischen +Grün, mit dem Lied der Nachtigall am Wasser und dem Geruch der Blüten, +deren es so viele gibt, wie unsere Sinne nur immer an Farben und Gestalten +ersinnen können. Du wirst länger leben als ich, so will ich dir die +Sehnsucht nach den Wäldern als Erbteil zurücklassen, bewahre sie.« + +Ich hob mein Glas, um es als Zeichen der Bestätigung aufs neue zu leeren, +aber Huc trank nicht mehr mit. Er schmiegte sich an die eine Flasche, die +nur um weniges kleiner war als er, als könnte ihr buntes Funkeln im +Kerzenschein ihn wärmen, und sprach eintönig und scheinbar ohne +Begeisterung weiter, seine Züge lächelten weder, noch verrieten sie Trauer. + +»Es war an einem Frühlingsmorgen, als ich in Gefangenschaft geriet, meine +Heimat liegt weit von hier, in den Dschungeln von Mangalore, der alten +Priesterstadt am Meer. Ich geriet auf einem Reisfeld in eine Schlinge, die +von den Menschen gelegt worden war, und ergab mich in mein Geschick, als +ich merkte, daß das Hanfseil unzerreißbar war, das sich mir um Arm und +Schultern gelegt hatte. Zwei Knaben schleppten mich in eine armselige +Hütte, die aus Lehmwänden und Palmblättern zwischen den hängenden Wurzeln +eines wilden Feigenbaums errichtet worden war. Es roch nach Sandelholz und +verbranntem Kuhmist und war so dumpf und dunkel, daß ich lange Zeit wenig +erkannte. Als ich nach der ersten Nacht am Morgen erwachte, sah ich den +Sonnenschein auf den Bananenblättern vor dem engen Fenster und dachte an +die Gefährten in der Freiheit, die sich nun, wie einst auch ich, auf den +Wipfeln der Arekapalmen im Morgenwind schaukelten und den Kranichen +zuschauten, die auf den Sandinseln im seichten Wasser des Flusses standen +und fischten. Wenn ich meine Augen schloß, so hörte ich das Wasser +rauschen und die Stimmen der Schilfpflanzen am Ufer. Ich hörte die Lockrufe +der Wildtauben aus den dichten Lauben des Gehölzes dringen und sah den +Panther durch das Ried schleichen, um zu trinken. Er bewegte sich zwischen +den Sonnenspeeren und Schattenstrichen des hohen Schilfs, als spielten +Sonne und Wind mit Schatten und Licht, und niemand erkennt ihn, wenn ihn +sein heiseres Keuchen nicht verrät, oder sein dampfender Atem, der von dem +Blutgeruch seines nächtlichen Raubs schwer ist. Hoch über mir sang der +Milan seinen hellen Jagdruf im Blauen, nach Beute ausspähend, wie von Gold +übergossen schwebte er klein und selig in der kühlen Morgenhöhe, über dem +wilden, grünen Meer des Dschungels. Ich saß Schulter an Schulter mit den +Gefährten in der rötlichen Frühsonne in der Höhe, atmete die herrliche Luft +ein und fühlte die schweigsamen Bewegungen der unzähligen Pflanzen unter +mir, die sich gegen die Sonne emporreckten. Du würdest lernen, das +leidvolle und süße Geräusch der aufbrechenden Blumen zu hören, wenn du mit +mir im Urwald gelebt hättest, du könntest den Duft des ersten Aufbrechens +vom Hauch des Verblühens unterscheiden, und das wollüstige Drängen, das +sehnsüchtige Keimen, und die Hingabe dieser Geduldigen, in der Lust und Not +ihres Frühlings Erzitternden. + +Aber was ist euch Alltäglichen nicht alles wichtig und wie vielerlei +Geringfügiges setzt ihr höher an, als die beschauliche Gemeinschaft mit dem +Leben der großen Natur. Wir Affen gelten bei euch als ein unnützes +gedankenloses Volk, das nichts Gescheites zustande bringt und seinen Tag +vertändelt. Aber wieviel wißt ihr vom Glück unseres freien Daseins in der +Sonne oder im Mondglanz in der weißen, gärenden Nacht, von unserer +Gemeinschaft mit dem unschuldigen Geschick der tausendfältigen Geschöpfe +der Natur? Glaubst du, wir gäben nicht für eine einzige Stunde friedvoller +Gemeinschaft mit den Glücklichen des Waldes den ganzen Tand dahin, um +dessentwillen ihr euch euren hastigen Tag hindurch so wichtig gebärdet? Die +Wahrheit, daß wir euer Wesen nicht haben, schließt uns vom irdischen +Daseinsglück nicht aus, und habt ihr denn in der Zeitlichkeit ein anderes +Ziel als das Glück? Ihr verlacht uns, wenn ihr uns unsere Freiheit genommen +habt, und vergeßt, daß wir ohne sie nichts mehr sind. Nur im Glück lernt +man ein Wesen wahrhaft kennen, denn das Glück ist die Vorbedingung zum +wohlabgewogenen Selbstbewußtsein, und aus dem Selbstbewußtsein kommt alles +Große.« + +»Was ist denn von euch Affen Großes gekommen?« fragte ich. + +Huc zog die Achsel hoch, und sein Gesicht wurde grau und alt, als wären +Jahrtausende über diese Züge dahingegangen; er bekam etwas von einer +ägyptischen Mumie und zugleich etwas schwermütig Tierhaftes von +unbeschreiblich drohendem Ernst. + +»So kann nur ein Mensch fragen,« sagte er matt. »Immer noch glaubt ihr, der +Natur etwas hinzufügen zu können, und meint, etwas erschaffen zu müssen, um +bestehen zu bleiben. Euer ewiger Bestand hat nichts zu tun mit euren +Werken, und solange ihr glaubt, euch im Streben Erlösung zu sichern, +beweist ihr nur, daß ihr nicht wißt, was Erlösung ist. Das Große, das dem +rechten Selbstbewußtsein entspringt, ist nicht Werk von Menschenhand, +sondern die Liebe zu allem Erschaffenen der Natur.« + +»Was weißt denn du von Gott, du Affe!« sagte ich. + +»Es kommt nur darauf an, daß Gott etwas von mir weiß,« antwortete Huc, »und +er tut es. Unglücklich sind nur diejenigen, derer Gott sich nicht +erinnert.« + +»Das ist wahr, Huc, das ist wahr, ich habe dir unrecht getan, Huc.« + +»Nun fängst du gar an, mir zu glauben,« entgegnete der Affe melancholisch, +»nichts könnte mich mehr an der Wahrheit meiner Worte irre machen.« + +Huc hatte nun einmal keine gute Meinung von mir, ich weiß nicht, wodurch +ich sein Mißfallen erregte, vielleicht dadurch, daß ich zu viel Palmwein +getrunken hatte. + +»Erzähle von den Wäldern,« bat ich, »über Gott soll man nicht streiten, +kein Weiser streitet über Gott.« + +»Das wäre für dich ein Grund, es zu tun«, sagte Huc, öffnete sein Maul ein +wenig, so daß ich seine Zähne blinken sah, und es erschien mir plötzlich, +als lauerte eine erschreckende Bosheit hinter seinen Zügen. + +Es ergriff mich über dieser Wahrnehmung ein unbeschreiblicher Zorn, dessen +Ursprung gewiß nicht allein in diesem heimlichen Hohn des Tieres zu suchen +war, sondern vielmehr in jener an Wut grenzenden Beschämung, in welcher man +das Gebäude einer falschen Gotterkenntnis unter den einfältigen +Liebesansprüchen der Natur zusammenbrechen fühlt. In Besinnungslosigkeit +und Verblendung ergriff ich jählings eine der Flaschen, packte sie am Hals +und schwenkte sie hoch durch die Luft, um sie mit einem wuchtigen Schlag +auf Hucs kahlem Schädel zu zerschmettern. Die Scherben stoben in einem +bunten Regen nach allen Seiten auseinander und ich glaubte einen dunklen +Schatten davonhuschen zu sehen, als ich die von einem jähen Licht +geblendeten Augen öffnete. + +Da erkannte ich, daß draußen die Morgensonne auf die Blätter schien, und +daß ich in der Nacht am Tischrand auf meinen Armen eingeschlafen war. +Bestürzt und benommen sah ich mich um, denn das Klirren des Glases lag mir +so deutlich im Ohr, daß kein Zweifel darüber herrschen konnte, daß eine +Flasche zerschlagen war. Da erkannte ich, daß ich im Schlaf ein Glas vom +Tisch gestoßen hatte, am Boden blinkten die Scherben im Morgenlicht, und +vom halbgeöffneten Fenster her wehte es kühl herein und brachte das +Geschrei der Sittiche aus den Mangobäumen mit sich. Ich raffte meine +erstarrten Glieder mühselig auf, eins nach dem andern, und gähnte über die +stille dunkle Weinlache hin, die den Tisch zierte, und in der meine Zigarre +jämmerlich ertrunken war. Immer noch ein wenig betäubt, bückte ich mich +endlich nieder, um Hucs Leiche aufzulesen, aber ich fand den Affen +nirgends. Da fiel mein Blick auf das ungeschlossene Fenster, und mit leisem +Schreck begriff ich Hucs Geschick. Ich trat, nicht ohne einen Anflug von +Altersschwäche, mit geraden Beinen und etwas krampfhaft geschwenkten Armen +auf die Veranda hinaus und richtig fand ich Huc auf dem Gipfel einer +Papeiapalme. Es sah aus, als säße er auf seinen Händen, dabei schaukelte er +sich seelenvergnügt nach besten Kräften, und auf meinen Zuruf hin schaute +er nieder, zog den Kopf zwischen die Schultern und zeigte mir fletschend +die Zähne, als verlachte er mich. Aber bald wurde ich ihm gleichgültig, er +blinzelte in die rote Morgensonne hinein, ließ den Zweig ausschwanken, wie +er wollte, legte den kleinen, klugen Menschenkopf in den Nacken und schloß +vor Lebensseligkeit die Augen. + +Als ich ins Zimmer zurückging, stand Panja in der geöffneten Tür, die Hände +auf dem Rücken, morgenfrisch und ausgeschlafen stand er da, den sauberen +Turban auf dem kohlschwarzen Strähnenhaar, und seine Augen wanderten mit +unaussprechlichem Ausdruck von der umgestoßenen Weinflasche bald zu den +Scherben am Boden, bald über meine arme Gestalt hin, die in der Tat der +Frische und Schwungkraft entbehrte. + +»Sahib...«, sagte er und stemmte die Hände in die Hüften. + +Ich will den Ausdruck seines Gesichts nicht schildern, es ist eine +unangenehme Erinnerung für mich. Nun wird er nach dem Affen fragen, dachte +ich, aber es geschah nicht. Panja war seit dieser Nacht, nach welcher er +Elias allein in meinem Bett gefunden hatte, davon überzeugt, daß selbst er +mir nicht zu helfen in der Lage sei. Er sagte nur in einer ganz +abscheulichen Überlegenheit, die ich ihm nicht vergessen werde: + +»Sahib, es ist ein Fischer draußen, der dir sagen läßt, der Ostwind sei +gekommen, und dein Boot sei für die Meerfahrt bereit.« + + + + +Viertes Kapitel + +Am Silbergrab des Watarpatnam + + +Es wurde von Tag zu Tag heißer, ich schlief in der Mittagsstunde mit der +Zigarre in der Hängematte ein, erwachte unfroh und matt, und auch die +Bücher blieben oft tagelang, immer die gleiche Seite aufweisend, offen auf +dem Schreibtisch liegen. Mein Entschluß zu reisen, stand fest, ich +studierte die recht unvollständigen Karten, war aber schon entschlossen, +den Weg nach Norden durch die Flußniederungen der Küste zu machen, obgleich +die Ströme noch reich an Wasser waren und das Land teilweise überschwemmt +hatten. Die Offiziere der englischen Garnison, deren einige ich +kennengelernt hatte, rieten mir ab, aber sie verstanden meine Absichten +nicht, und wenn sie des Glaubens waren, daß mir daran gelegen sei, rasch +und bequem voranzukommen, so hatten sie recht. Immerhin hatte ich in etwa +vierzehn Tagen alle Vorbereitungen getroffen, der Ochsenwagen war gedungen, +Proviant für zwei Monate war herbeigeschafft, und eines Morgens brachte mir +ein Knabe die Nachricht, daß in Tschirakal am Seeufer die Boote auf uns +warteten. + +Der Watarpatnam und der Ponani sind, im Norden und Süden Malabars ins Meer +einmündend, die größten Ströme des Landes. Der Watarpatnam bildet, wie die +meisten Flüsse der Westküste, vor seiner Einmündung ein gewaltiges +Seenbecken, in welchem sich die Meerflut durch einen schmalen Ausfluß mit +seinen Wassern verbindet. Die einzelnen Flußmündungen dagegen sind unter +sich, mitsamt ihren Seen durch Kanäle verbunden, die vor der Zeit der +Kämpfe Tippu Sultans mit den Engländern, dieser ebenso umsichtige wie +grausame Fürst anlegen ließ, um den Handel zur Zeit der Monsunstürme, die +die Küste unbefahrbar machen, in den Meerstädten keine Unterbrechung +erleiden zu lassen. Heute, wo der Hauptküstenhandel durch die Dampfschiffe +besorgt wird, ist diese herrliche Wasserstraße durch die Seeniederungen und +den Urwald fast vergessen worden. Die Kanäle sind zum Teil durch die +Anschwemmungen der Regenzeit versandet, oder das leidenschaftliche Wachstum +seiner Ufer hat sie völlig eingesponnen. + +Panja war in bester Laune, seit ich meinen Entschluß kundgetan hatte, die +Stadt zu verlassen, denn er liebte Cannanore nicht und wünschte sich, mit +mir in Gebiete zu kommen, in denen wir allein herrschten. Als er von den +Wegen hörte, die ich zu machen gesonnen war, kratzte er sich froh und +nachdenklich im Nacken und sah mich geistesabwesend von der Seite an; heute +weiß ich, daß er vielleicht manches besser überschaute, was unserer +wartete, als ich, und daß es ihn heimlich erfreute, mich bald in großer +Abhängigkeit von sich zu wissen. Er leitete die Vorbereitungen mit viel +Umsicht, und aus mancher Anschaffung, die er entschlossen und selbständig +machte, gewann ich langsam einen Einblick in die Schwierigkeiten, die es zu +überwinden galt. Er vertauschte meine letzten Lederkoffer mit solchen aus +Eisenblech, und eine Mauer von Blechbüchsen verschwand im Gepäckwagen, er +riet mir, meine Waffen nicht zur Schau zu tragen, sie aber wohl zu rüsten, +da die Mohammedaner uns rudern würden. + +Ich wußte damals noch nicht, wie weit seine Befürchtungen angebracht waren, +aber es war mir bekannt, daß vielerlei Gesindel der Hinduwelt nur deshalb +zum Islam übertritt, um die größeren Freiheiten dieser Lehre zu genießen. +Die Mohammedaner bilden in den Westprovinzen eine entschlossene und geeinte +Gesellschaft, von der England größere Gefahr droht, als von den Anhängern +des Hinduismus, der durch den Kastengeist hundertfältig gespalten und in +die verschiedensten Interessengebiete zergliedert ist. + +Sonst verriet unsere Expedition eher die Friedlichkeit, als die Gefahren +des Landes, die nicht von den Menschen kommen, und ich erinnerte mich, +vergleichend, einer anderen Ausfahrt in die Wildnis, die in meiner +Gegenwart für den Sudan ausgerüstet wurde. Damals starrte das bunte Lager +von Waffen und Todesbereitschaft, die glänzenden Riesengestalten der Neger +verbreiteten das heimliche Grauen vor ihren blutdürstigen Brüdern im +Innenlande, und mit den Schwingen der Aasgeier, die den Ausgangsort der +Expedition umkreisten, rauschten in der Luft die Fittiche des Todesengels, +dessen furchtbare Züge die Seuchen Afrikas und den Blutdurst in +Fieberschwüle ausstrahlten. Viel später, als ich längst nach Europa +zurückgekehrt war, erfuhr ich, daß von jener Gesellschaft nicht ein +Einziger in die Heimat zurückgekehrt sei, der letzte Name ist in einem +Krankenhaus von Genua verklungen, in das ein fiebernder Straßenbettler +eingeliefert wurde, der, aller Mittel beraubt, und von einer furchtbaren +Krankheit zerfressen, den Versuch gemacht hatte, seine deutsche Heimat von +Neapel aus zu Fuß zu erreichen. + +Die Gefahren Indiens haben dagegen wenig mit dem Charakter der +Urbevölkerung zu tun, denn seine Menschen sind friedliebend und ergeben, +sie töten nicht und sind seit Jahrtausenden gewohnt, beherrscht zu werden. +Abgesehen von den durch politischen Fanatismus aufgewühlten Leidenschaften +und ihren von Rachgier, Haß und Herrschsucht entfesselten Unbillen, sind +die europäischen Reisenden im größten Teil des Landes vor den Eingeborenen +sicher; gäbe es nicht die Gefahren des Fiebers, der wilden Tiere und der +Pest, so wäre das heutige Indien für die, welche um ihr Leben besorgt sind, +weit weniger gefahrvoll, als die Umgebung unserer europäischen Großstädte +bei Nacht. Indiens Gefahren, seine Einflüsse und geheimnisvollen Mächte +walten in anderen Regionen des Seins, als dort, wo das Messer oder die +Büchse über Wohl und Wehe entscheiden. Indien wird kaum jemand gefährlich +werden, dessen Ansprüche nicht über die Erhaltung seines leiblichen Lebens +hinausgehen, aber sein dämonischer Geist trifft das Mark der Seele dort +inmitten, wo ihr Flug die großen Fragen allen Seins und die Höhen des +Menschenbewußtseins zu erstürmen sucht. Der alte Geist des ewigen +Gottreichs lähmt mit der unfaßbaren Stille seines himmlischen Triumphs +allen zornigen Eifer des Kampfes und der Forschung, alle Jugend im Streit +um die Erkenntnis und die Frische jeder Tat im Geist. Es ist alles gewesen. + + Erkenntnis ist es, welche Opfer zeitigt, + Erkenntnis nur vollzieht die heiligen Werke, + die Götter auch, im Licht, allein verehren + als Brahman, als das älteste, die Erkenntnis. + Und wer begreift als Brahman die Erkenntnis, + und wer sich nicht mehr ab vom Brahman wendet, + streift schon im Leibe alle Übel von sich, + und alle Wünsche werden sich erfüllen. + +Den Himmelswelten der Upanishad und ihrem Licht ist kein Geistesstrahl +fremd, der ihr aus der Erkenntniswelt unserer Kulturen entgegenbricht, es +gibt nur Einkehr in Gehorsam und Stille oder eine ruhlose Umkehr, und +überall in Indien träumt ihr Friede über all den lebendigen und erstorbenen +Wesen seines Schaffens und Wandelns. Ein altes Sprichwort sagt, daß, wer +ohne Geduld nach Indien ginge, sie dort bald lernte, daß aber jeder, der +mit Geduld gewappnet einzöge, sie dort verlöre. Dieses Wort läßt sich +leicht, auf äußerliche Dinge angewandt, gleichmütig zu den Anekdoten +rechnen, aber sein tieferer Sinn trifft auf das alte Geisteswesen der +Jahrtausende zu, das überall waltet. Auf den Wegen Indiens hockt der Geist +der Menschheit mit grauen Haaren und jungen Augen, mit einem stillen +Triumphlächeln in den Zügen, über seine eingeäscherten Völker und über den +törichten Lichteifer der neuen Geschlechter. Niemand, in dessen Gewissen +der alte Schuldgedanke der Menschheit brennt, kommt an ihm vorüber, nur die +leuchtenden Augen der Kinder sind vor seinem Anblick gefeit und die +erbarmungswürdige Selbstsicherheit der Pharisäer. + +Es war zweifellos zum guten Teil mein seltsamer Traum von Huc, dem Affen, +gewesen, der mich hinaustrieb in die unberührte Natur, die Mutter des +Glaubens und der Klarheit für alle Aufrichtigen. Wer will ermessen, ob +unsere Träume unsere Gedanken anzuregen vermögen, wie in einer unschuldigen +Selbsttätigkeit des Gehirns, die an wunderreiche Offenbarungen erinnert, +oder ob nur unsere Gedanken unsere Träume zu befruchten vermögen? Damals +erschien es mir, als läge ein ganz neues Evangelium der Weltanschauung in +Hucs schlichter Meinung, daß alles Große des Erdendaseins uns allein aus +unserer Liebe zu allem Erschaffenen der Natur erwachsen könnte. Daneben +blieb mir der Satz im Sinn: Euer ewiger Bestand hat nichts zu tun mit euren +Werken, und solange ihr glaubt, euch im Streben Erlösung zu sichern, +beweist ihr nur, daß ihr nicht wißt, was Erlösung ist. + +Solcherlei Gedanken waren es, die mich mit Ruhlosigkeit erfüllten und +dahintrieben, als gelte es, das Herz des alten Reichs im Rauschen der +Ströme und Bäume des Landes zu finden, im Himmelsblau über den Wildnissen +des Dschungels, im Gebaren seiner Geschöpfe, seien es nun Menschen, Tiere +oder Pflanzen, und in der strahlenden oder gärenden Flut des Sonnenlichts +über dem jahrtausendalten Wandel und der geduldigen Wiederkehr, die alle +miteinander in innigstem Verein das Brahman geboren zu haben schienen, als +höchsten Anspruch und endliche Erfüllung. + +So trieben mich die glücklichen Irrtümer meiner Jugend, wie sie Millionen +vor mir erhöht oder erniedrigt, befreit und gefesselt, gesegnet, verdorben +oder vernichtet, aber niemals zur vollen Genüge gebracht haben. Aber ihre +Leiber erbrausen verwandelt als neue Hoffnung und als neuer Glaube in den +Auferstandenen der Natur, im stürzenden Quell, in schwellenden Früchten +oder in den Liedern der Singvögel, die in Lichtwellen verwoben, über +aufbrechende Blüten dahinklingen. Krishnas große Worte vom eigenen Wesen, +der Glanz der höchsten Gottheit, verführt und leitet uns immer aufs neue zu +friedlosem Suchen nach Vollendung in uns selbst. + + Ich bin der Weg, der Träger, Fürst und Zeuge, + der Freund, die Heimat und die Zufluchtsstätte, + Ursprung und Endziel und Bestand der Dinge, + bin der Behälter und der ewige Same. + + * * * * * + +Die erwachten Hindus standen noch, in der Morgenkühle fröstelnd, in den +Eingängen ihrer Hütten, als unsere Ochsenwagen Cannanore gegen Norden zu +verließen. Es war von unaussprechlicher Frische umher, das Leben der +Menschen hatte noch kaum begonnen, nur die Vogelstimmen begrüßten uns, das +im Tau funkelnde Morgenlicht, das in unfaßlichem Rot, wie in Farbenflecken, +im Grün und Braun der Palmen und des Buschwerks und auf der breiten +Heerstraße lag, die anfänglich sacht emporstieg. + +Ich schaute nicht zurück, der rastlose Frohsinn meines erwartungsvollen +Bluts kämpfte mit der gelinden Traurigkeit des Scheidens, aber ich empfand +keinen Schmerz, sondern nur die Wehmut derer, die in tausend Hoffnungen +eine alte Liebe aufgeben, um sie dennoch zu bewahren. Der Postwagen aus den +Bergen, von Dindumalla, kam uns entgegen, ein schreiender Sturmwind, von +Trompetengeschmetter begleitet. Vier kleine, abgehetzte Steppenpferdchen, +die wie in Todesverzweiflung galoppierten, dampften unter der sausenden +Peitschenschnur ihres Führers, der halb hockend und mit dem Geschrei eines +geärgerten Affen auf sie einhieb. Ein kleiner, überfüllter Wagen rasselte +in Sprüngen und Zickzackkurven hinterdrein. Dieser Postwagen hätte keine +Maus mehr beherbergen können, selbst in den Rahmen der Fenster und auf dem +gebrechlichen Verdeck hockten die halbnackten Gestalten auf Bündeln und +Kisten und klammerten sich mit einem Geschrei, das zur Hälfte Ergriffenheit +und Jubel und zur Hälfte Angst war, aneinander fest. Niemand begriff, aus +welchen Gründen diese furchtbare Hast ihrer aller Leben gefährdete, man +schob die Wichtigkeit der Sendung auf die geheimnisvolle Weisheit der +Behörde, deren halbeuropäische Mischlingsvertreter noch in Cannanore +schliefen. Eine rötliche Wolke hüllte diese Höllenjagd aus Unfrieden und +Torheit hinter uns ein. + +Panja, welcher neben dem Ochsentreiber, der zugleich Besitzer unserer Wagen +war, über dem Deichselende kauerte, wandte sich nach mir um, schob die +Bambusvorhänge zur Seite und unterrichtete mich lakonisch über den Vorfall. +Er sagte nur: »Wilde Schweine«, und ließ die Bambusmatte wieder fallen. Es +wurde wieder still umher, die Sonne stieg, die Räder knarrten, und aus den +Niederungen der Reisfelder rief die Häherdrossel ihre drei melodischen +Flöttöne. + +Nach einer Weile bogen wir von der Heerstraße ab, um einen schmaleren Weg +einzuschlagen, der schlicht und ohne Baumbestände zwischen frisch +bewässerten Reisfeldern dahinführte. Die kleinen, weißen Rennochsen griffen +kräftig aus, so daß unser Wagen fast die Geschwindigkeit eines mäßigen +Pferdetrabs erreichte. Man reist in den Südprovinzen beider Indien bei +weitem gesicherter und zuverlässiger mit Ochsen, als mit Pferden, da +erstere die Hitze besser ertragen und anspruchsloser in der Ernährung +sind. + +Mit dem heraufsteigenden Tage zog der Frohsinn der Menschen bei mir ein, +die sich jung und sorglos auf der Reise befinden. Auf der Reise sind die +meisten Menschen besser als in den kleinen Bedrückungen ihrer engen +Häuslichkeit; mit meiner Erinnerung an meine Reisejahre, die fast meine +ganze Jugend ausfüllten, verbindet sich für mich die Vorstellung, daß ich +damals ein bei weitem besserer Mensch war, als heute. Das Reisen läutert +das Gemüt, denn die Fremde macht bescheiden, und durchaus nicht auf die +Art, wie es nur die Lumpen sein sollen. Die Achtung vor fremdem Wesen, die +gerade uns Deutschen so gern als Tadel nachgesagt wird, ist nur dann eine +Untugend, wenn sie sich mit einer Preisgabe des eigenen Wesens verbindet. +Dieser Respekt aber vor fremdem Geist und Tun und vor der Lebensart anderer +wird in allen reicheren Herzen die Tadelsucht und die Selbstüberhebung +dämpfen, die beiden Grundfehler unserer jungen Generation. + +Nicht, daß solcherlei Gedanken mich damals beschäftigten, sie kommen erst +später, sind meistens zwecklos und dienen nur denen, die sie im Grunde +nicht brauchen. Denn gute Gedanken werden nur von denen recht verstanden, +deren Wert darin beruht, daß sie ihre eigenen haben. Nein, mich nahm das +herrliche Bild des klaren Morgens gefangen, das stille Leben auf den +fruchtbaren Reisäckern, der Takt der Wassermühlen und die schönen Gestalten +der arbeitenden Männer und Frauen. Langsam verwilderte das Land mehr und +mehr, nur einmal noch, als unser Wagen, wie aus einer Laube, aus hohen +Buschbeständen und Laubwald in ein Stückchen freien Landes ausfuhr, +breitete sich vor meinen Augen ein dunkler Acker aus, der gepflügt, aber +noch nicht bewässert worden war, und das schräge Sonnenlicht legte die +aufgeworfene Erde in Schatten und Licht. Ein reicher Glanz der +Morgenfrische strahlte über dem dampfenden Land, das duftete und von +Fruchtbarkeit zu gären schien. Zwei schneeweiße Ochsen vor dem Krummholz, +das unseren Pflug ersetzt, wurden von einem jungen Manne gelenkt, der außer +seinem schmalen Lendenschurz nur einen leuchtend roten Turban auf den +schwarzglänzenden, langen Haaren trug. Ein Palmenwald schloß das Bild im +Hintergrund ab, und darüber strahlte ein unfaßlich blauer und klarer Himmel +von seliger Weite. + +Am Ende des Feldes waren Mädchen an der Wassermühle beschäftigt, sie +mochten vierzehn oder fünfzehn Jahre alt sein, waren fast völlig nackt, und +ihr tiefschwarzes Haar, das von Öl glänzte, hing in einem langen, schmalen +Knoten in den lichtbraunen Nacken nieder. Sie hantierten eifrig, ihre +jungen Körper bewegten sich in einem noch unverstandenen Glücksbewußtsein +kindlicher Freiheit und in jener großzügigen Schamhaftigkeit der +selbstseligen Natur, die unbegrenzten Frohsinn um sich her verbreitet, und +sangen einstimmig ein monotones Lied von großer Traurigkeit. Der Fall des +stürzenden Wassers und ihre Stimmen bewirkten, daß sie das Herannahen des +Wagens nicht sogleich bemerkten; als sie uns aber erblickten, flüchteten +sie mit einem hellen Aufschrei hinter die trockenen Schilfwände einer +kleinen Hütte, wobei sie, wie zwei aufgeschreckte Antilopen, über einen +kleinen Bach sprangen. Aus der Hütte trat gleich darauf eine +zusammengeschrumpfte Alte, die uns aus ihren welken Zügen anlächelte und +uns winkte. Dann nahm der Wald uns auf, der dichter und dichter wurde. Die +Sonnenstrahlen drangen nur noch in spitzen Speeren bis zu uns herab, es +wurde dämmerig und schwül, die Bambusdickichte und die hängenden, +buntverwobenen Teppiche der Lianen verhüllten mehr und mehr den Blick in +die Schatten des Urwalds. + +Niemand schien anfänglich über den Verlauf unseres Unternehmens erfreuter +als Elias. Die erste Tagesstunde hindurch durchmaß er unseren Weg etwa +zehnmal, die zweite machte er ihn ungefähr fünfmal und selbst in der +dritten Stunde, in der es schon empfindlich heiß geworden war, lief er +immer noch munter kreuz und quer, uns alle an Eifer und Ausdauer +übertreffend. Erst als wir in den Urwald kamen, wurde er nachdenklicher, +blieb zuweilen betroffen stehn und suchte die Dämmerung unter den Bäumen +mit seinen Blicken zu durchdringen, wobei er gewöhnlich das eine Vorderbein +emporhob und die Pfote im rechten Winkel herabhängen ließ. Seine Ohren +bewegten sich dabei unablässig, zuweilen sah er mich forschend an, wie in +Unsicherheit darüber, ob diese Umgebung mir ebensowenig geheuer sei, wie +ihm. + +Übrigens hatte Elias sich auf das prächtigste entwickelt, er trug nun die +Merkmale eines Wolf- und Schäferhundes nicht minder deutlich, wie die eines +forschen und geschmeidigen Terriers, jener tüchtigen Rasse, die damals die +Engländer bevorzugten und pflegten. Seine wollige Behaarung erfreute auch +verwöhnte Kenner durch ihre Fülle und die Mannigfaltigkeit ihrer Färbung, +während ein großer Ringelschwanz ihn auf das prächtigste zierte. Da er noch +ein wenig gewachsen war, so verband er mit seiner Anmut eine gewisse +Bedrohlichkeit der Erscheinung, die er jedoch wegen der Vortrefflichkeit +seines Charakters in keiner Weise auszubeuten suchte. Zweifellos floß auch +vom Blut des sehr beliebten Hühnerhundes ein gut Teil in seinen Adern, denn +sobald sich ein Geflügel zeigte, verriet Elias einen unbezähmbaren Hang, +sich dieses Getiers zu bemächtigen, um es zu zerreißen. Hier zeigte er +einen nachahmungswerten Mut, der so leicht nicht wieder bei einem Hunde +gefunden werden wird. + + * * * * * + +Es begann eine herrliche Zeit! Wie soll ich die leuchtende Klarheit der +hereinbrechenden Morgen schildern, die in unfaßbarer Beständigkeit +heraufzogen, den stillen, glühenden Glanz der Tage und den magischen +Frieden der weißen, gefährlichen Nächte! Von allem, was mir aus dieser Zeit +der Wanderung durch die Wildnis am tiefsten im Gedächtnis geblieben ist, +preise ich die Kanufahrt durch die Seen und Kanäle. Ich vergesse die +Abendstunde niemals, in der unsere Wagen in Tschirakal anlangten, einem +kleinen Ort an jenem Binnensee, den der Watarpatnam vor seinem Austritt ins +Meer bildet. Der Ort lag unter Palmen und hob sich weiß, braun und grün von +der merkwürdig stillen, graublauen Silberwand des großen Wassers ab, als +wir die Straße zum Hafen niederfuhren. Aus den niedrigen Häusern und +Palmenhütten stieg blauer Rauch auf, und aus der Dämmerung einer hölzernen +Tempelpagode drang ein priesterlicher Singsang. Es regte sich kein Windzug, +die Mattigkeit des Tages lagerte in der Luft, und der bunte Hafen war so +still wie ein Bild. Ungeheure Laubbäume, unserem Ahorn vergleichbar, +überschatteten den schmalen Wassereinschnitt, in dem die Kanus ruhig, wie +eingelassen in erstarrtes Metall, dicht nebeneinander lagen, sie waren zum +Teil hoch mit grell bemalten Warenballen bepackt, und die Zugänge zu diesem +Hafen führten eng an den Häusern entlang. Es duftete nach Tee, Gewürzen und +Früchten, und als unsere Wagen dicht am Rand des Wassers haltmachten, erhob +sich ein alter Mann, ganz in ein weißes Gewand gehüllt, und begrüßte mich +im Namen Allahs und des Propheten. + +»Bist du der Herr, der das Wasser befahren will, um nach Taliparambu zu +gelangen?« + +Seine Stirn war dicht über den Brauen, wie von einer weißen Binde, +abgeschnitten, die schwarzen Augen sahen mich sicher und abwägend an. »Gib +die Geldsumme für die Fahrt, Sahib, wir müssen die Ruderer ablohnen, damit +sie gehorsam sind.« + +Panja trat zwischen uns, absichtlich so, daß der Alte einen gelinden Stoß +empfing und zurücktreten mußte. Er funkelte Panja zornig an. + +»Wer hat dir erlaubt, den Sahib anzureden?« zischte Panja. Ich war erstaunt +über seine Keckheit. »Tritt zur Seite und zeig' deine Kanus her, ob sie dem +Herrn genügen, glaubst du, der Sahib wäre gekommen, um mit dir zu +schwatzen?« + +Der Alte schwankte und sah zweifelnd zu mir herüber, aber dann folgte er +Panja und sagte zögernd: + +»Die Kanus sind gut.« + +»Das entscheide ich«, sagte Panja kalt. + +»Führst du einen großen Herrn durchs Land?« fragte der Alte. + +Panja lachte. »Ihr wißt in Tschirakal nicht mehr als die Frösche in euren +Sümpfen«, sagte er geringschätzig. »Ich habe meine Seide nicht gestohlen. +Der Kollektor von Mangalore wartet so ungeduldig, daß er einen Boten nach +dem anderen sendet. Ist kein Bote angekommen?« + +Der Alte schüttelte den Kopf und wandte sich scheu nach mir um. Panja +gefiel mir, und trotz seiner sonstigen kleinen Eitelkeiten empfand ich, daß +hier sein Vorgehen Gründe hatte. Ich war oft vor den Mohammedanern gewarnt +worden. Panja kannte sein Land. + +Wir besichtigten die Boote eingehend. Es waren etwa acht Meter lange Kanus +aus Baumstämmen mit langen Auslegern, da sie von stehenden Ruderern +angetrieben werden, und mit wohlgepflegten Leinendächern, die den mittleren +Teil beschützten, etwa auf die Art, in der in Deutschland Lastfuhrwerke mit +Leinen gedeckt sind, straff angespannt und gewölbt. Zwischen dem +Leinenschirm und dem Bootsrand war ein schmaler Durchblick gelassen, und +vor dieser Kabine befand sich ein etwa zwei Meter langer Aufenthaltsort für +kühlere Stunden, in denen der Sonne nicht ausgewichen zu werden brauchte. +Der Boden war sorgfältig gepolstert und mit sauberen Bambusmatten belegt, +aber die Boote selbst waren nicht breiter als ein schmales Feldbett. + +Panja zeigte sich zufrieden. Ich sah über den See hinaus, der sich rötlich +färbte. + +»Wann kommt der Mond?« fragte Panja. + +»Gegen Mitternacht,« antwortete der Alte nachdenklich, »wir werden in der +Morgendämmerung fahren.« + +»Wer will reisen?« fragte Panja gelassen, »du oder der Herr? Wir fahren +sogleich.« + +»Es geht nicht, die Leute sind in Tschirakal weit verstreut und nicht so +rasch zu finden.« + +»Wieviel Ruderer hast du?« fragte Panja, ohne auf den Einwand des Schiffers +einzugehen. + +»Für jedes Boot vier.« + +»Es genügen zwei für jedes Boot,« entschied Panja, »das Wasser ist still.« + +Der Alte schüttelte den Kopf. »Morgen kommt ihr am offenen Meer vorüber, +wenn auch nur für eine kurze Zeit, so können doch zwei Männer das Boot +nicht durch die Brandung rudern.« Diesmal schien der Alte recht zu haben, +denn Panja fügte sich, aber er forderte, daß die Leute sogleich gerufen und +in den Booten verteilt würden. Er sagte mir später, daß es besser sei, die +Ruderer tauschten ihre Meinung über uns zuvor nicht aus, und er setzte +seinen Willen durch. Unser Gepäck wurde hinübergetragen, die Ochsenwagen +kehrten noch in dieser Nacht um, und wir fuhren nach kaum einer Stunde +hinaus, unter den aufgehenden Sternen dahin. + +Der Gesang der Ruderer weckte mich. War ich denn eingeschlafen? Ich +brauchte eine kleine Weile, um zu mir zu kommen, die Luft roch fremd und es +war kühl, ich hörte das Wasser und taumelte empor in einen sanften +weißlichen Lichtschein. + +Es fiel mich ein stechender Glanz vom Himmel her an, als ich aus der +Kabine kroch: die Sterne! Unter mir sanken sie in unendliche +schwarzblinkende Abgründe, totenstill, ohne zu zittern, wie Diamanten auf +kohlschwarzer Seide. Zwischen den beiden zornigen Lichtwelten, am Firmament +und in der Totentiefe, schaukelten und schwankten zwei riesige dunkle, +nackte Körper vor mir hin und her, stießen in das dunkle von Sternen und +Sternbildern funkelnde All und sangen. Ihre Ruder tauchten in die Flut und +hoben sich wieder, wie mit fließendem Silber übergossen, sprühend und +glitzernd troff es nieder, und als ich mich umwandte, sah ich eine schmale +Silberstraße von solchem Glanz, daß meine Augen geblendet wurden. + +Wie ein traurig ertönender Komet mit langem Schweif schoß unser Boot durch +ein uferloses, von Himmelsfunken flimmerndes Weltall. Ich vermochte +nirgends Land zu erkennen, wir waren mitten auf dem See, diesem Bett des +ruhenden Stromes, der, über tausendjährigem Schlamm, zögernd ins Meer +hinüberglitt. Ich tauchte meine Hand ins Wasser, und sie überzog sich mit +Silber. Kraftlos sank ich, ohne Erfassen und Begreifen gegen die Wandung +meines Verdecks, erbebend in übersinnlichem Schwindel vor diesem Wunder der +Nacht. + +Gegen Mitternacht tauchten im Licht des aufgehenden Mondes bläuliche +Nebelkuppen vor uns auf. Der Mond stand, eine ockerrote Sichel, über dem +Dschungel. Wir liefen Land an, ich empfand lange Zeit nichts anderes als +nasse Zweige, die mein Gesicht streiften, hörte die Zurufe der Mohammedaner +in der feuchten Finsternis, und meine Augen wurden nur selten durch einen +weißlichen oder rötlichen Schein über mir getroffen. Von solchem +Hintergrund hoben sich große Blätter oder die Schwerter eines hohen Schilfs +ab. Einmal schoß mit durchdringendem Klageruf, der noch lange draußen über +dem Wasser gurgelte, ein großer Sumpfvogel empor. + +»Panja!« rief ich. + +Da flammte vor mir ein Feuerschein auf, in dem ich eine schmale Sandbank +erkannte, auf die das Kanu aufgelaufen war. Es öffnete sich darüber ein +Laubengang, so dicht verwachsen, daß er wie eine grüne Höhle wirkte, mitten +darin stand Panja in seinem weißen Gewand, hielt eine Fackel hoch und +winkte mir. + +Die Leute mußten einige Stunden ruhen. Es wurde ein Halbkreis von Feuern +gegen das Land zu angebrannt, nach kurzer Zeit lagen die Männer in tiefem +Schlaf auf ihren Matten, und Panja hockte mir gegenüber am Feuer und sprach +leise und erregt ohne Aufhör. Ich merkte ihm die Ruhlosigkeit der +tropischen Sommernacht an, die Ruderarbeit der Leute hatte eine merkwürdig +im Blute siedende Erinnerung an wilde Taten in mir zurückgelassen, und es +lauerte in der gärenden Stille umher eine aufreizende Liebessucht und die +Ahnung eines hastigen törichten Todes. Es war, als erwartete die +Daseinsgier und der Lebensdrang der üppig und in stiller Wildheit +ausbrechenden Pflanzen und Bäume unsere Leiber. Mein Blut pochte in den +Spitzen der Finger, in den Schläfen und im Halse. + +Nach einer Weile brach Panja auf, er wand sich aus trockenen Lianen und +vermodertem Holz eine Fackel, goß Öl darauf und entzündete sie am Feuer. + +»Wohin gehst du, Panja?« + +»Zu den Frauen«, sagte er dumpf. + +Noch eine Weile sah ich den Schein seiner Fackel rot durch das Dickicht +schaukeln, er schwenkte sie hoch empor und weit hinter sich, zum Schutz +gegen die wilden Tiere, im Takt seines raschen, weichen Tritts. Dann blieb +ich allein am Feuer zurück mit Elias, Pascha schlief im Boot bei den +Koffern, er hatte seine Matte quer über meinem Eigentum ausgebreitet und +bewachte es schlafend mit seinem Leibe. + + + + +Fünftes Kapitel + +Dschungelleute + + +Panja roch die Dörfer, ehe wir sie erreichten, wenn der Wind seinen +Forschungen günstig war. + +»Es kommt ein Dorf, Sahib,« pflegte er zu sagen, »hier schlagen wir das +Zelt ein.« Es geschah hauptsächlich deshalb dort, weil wir sicher sein +konnten, in der Nähe einer Niederlassung frisches Wasser, Reis und Bananen, +auch Geflügel oder Eier zu bekommen. + +Wir hatten viel Umstände und Mühe damit, Träger zu finden, denn einmal +brauchten wir auch für kleinere Lasten meistens zwei Männer oder Frauen, +und zum andern wurden die Leute gewöhnlich nach zwei oder drei Tagen von +Heimweh befallen und liefen zurück, obgleich ich ihnen ihren Lohn erst nach +der beendeten Frist auszuzahlen pflegte. Sie ließen ihn um so leichter im +Stich, als sie für gewöhnlich irgend etwas stahlen, was sie reichlich +entschädigte, ohne mir empfindliche Verluste beizubringen. + +Jedesmal, wenn wieder einer unserer Sklaven fehlte, sprach Panja die +Hoffnung aus, der Panther möchte ihn auf seiner Flucht erwischen, er hoffte +es herzlos und aufrichtig und wechselte niemals das Raubtier, dem der +Flüchtling erliegen sollte. Dann blieben wir oft tagelang am Rand der +Steppe oder mitten in der Dschungelwildnis liegen, ließen die Sonne kommen +und gehen, rauchten, schliefen und jagten. Ich hatte die genaue +Orientierung auf der Karte verloren, aber es war nicht wichtig, da ich die +Breite des Dschungels kannte und der Richtung durch die Sonne und den +Kompaß gewiß war. Auch zeigten uns die Flüsse, die wir auf schmalen Furten, +oder in den Kanus der Eingeborenen überquerten, daß wir im wesentlichen die +Richtung nicht verloren hatten. Und hatte ich denn ein Ziel? + +Einer der jungen Träger ist lange bei mir geblieben und er fand nicht +allein meine, sondern endlich auch Panjas Gunst, was eine große Seltenheit +war. Er hieß Gurumahu und war ein Jüngling von etwa achtzehn Jahren, +hochgewachsen und sehr schlank, aber geschmeidig und kräftig. Er war zum +Islam übergetreten, weil er die größten Hoffnungen auf die Freiheiten +gesetzt hatte, die sich mit dieser Lehre für sein künftiges Leben +einstellen sollten, aber leider hinderte sein gutmütiger Charakter ihn +daran, Gebrauch von ihnen zu machen. Er erzitterte nach wie vor vor den +Brahminen und änderte seine Lebensgewohnheiten in keiner Weise. Er kam uns +auf die nicht eben ungewöhnliche Art eines Diebstahls besonders nahe, und +zwar hatte sein unersättlicher Drang nach Reichtümern ihn auf meine +Kupferkessel gestürzt. + +Gurumahus Diebstahl wurde gottlob zeitig genug entdeckt, denn wir wären in +nicht geringe Verlegenheit geraten, wenn er mit seiner Beute entkommen +wäre. In der Hauptsache ist seine Entlarvung Elias zu danken, was +allerdings von Panja bestritten wurde. Wir hatten damals unser Zelt am Rand +der Steppe aufgeschlagen, so daß der Ausgang den Blick auf die hüglige +Ebene zuließ, und ich erwachte vom Knurren des Elias. Da sah ich Gurumahu +im Mondschein über die Steppe laufen, rechts und links einen unserer +Kupferkessel in der Hand. Er fraß den Boden mit so riesigen Sprüngen, als +hinge das Heil seiner Seele von ihrer Länge ab. Ich nahm den Revolver und +schoß in die Luft, die Kugel hätte ihn ohnehin nicht mehr erreicht, auch +lag es mir fern, ihn töten zu wollen. Man täte in Indien nicht gut daran, +so entscheidend vorzugehen, da die Hindus nicht das gleiche Vergnügen am +Sterben empfinden, wie nach den Berichten der Afrikareisenden die Neger. +Auch wußte ich, daß der Knall eine nützliche Einwirkung auf das böse +Gewissen des Räubers ausüben würde, der selbst eine große Schießwaffe +besaß, auf die ich später noch zu sprechen kommen werde. Gurumahu warf +sich mit einem gellenden Aufschrei der Länge nach zu Boden, auf das +Gesicht, und die beiden Kessel rollten, funkelnd im Mond, zu beiden Seiten +über ihn hinaus ins Steppengras. + +Als es hinter ihm still blieb und er keine Verfolger sah, raffte er sich +langsam auf und begann seine Glieder der Reihe nach zu befühlen. Er fing +mit den Beinen an, die ihm in dieser Situation wahrscheinlich am +wichtigsten waren, ging langsam bis zu den Armen empor und gedachte zuletzt +auch seines Kopfes, der ihm anscheinend, wie alles andere, an seinem Platze +und in Ordnung vorkam. Dann sprang er auf und lief gebückt, in Sprüngen, +weiter, ohne die Kupferkessel, die ihm nicht gegönnt waren, noch eines +Blicks zu würdigen. + +Panja holte sie zurück und putzte sie, boshaft wie er war, mit großer +Ausführlichkeit. »Der Panther wird ihn erwischen«, sagte er und warf +ärgerlich Reisig ins Feuer. Es verstimmte ihn tief, daß er durch meinen +Schuß um seine Nachtruhe gebracht worden war. Ich gab im stillen, nicht +ohne Bedauern, Gurumahu verloren, wenn auch nicht unbedingt auf die Art, +wie Panja es tat, aber ich sollte mich hierin täuschen, denn er kam am +andern Tage gegen Mittag in unser Lager geschlichen. Wahrscheinlich hatte +ihm der Dschungel bei Nacht in seiner Verlassenheit nicht gefallen, oder +der Currygeruch unserer Reismahlzeit zog ihn an. Panja führte ihn mir +majestätisch vor, der arme Verbrecher sah aus, als wäre er aus dem Wasser +gezogen worden. + +»Ich werde dich töten«, sagte ich still. + +Er sprang ein Meter hoch in die Luft und fiel dann zur Erde nieder. + +»Soll ich ihn aufhängen?« fragte Panja so gleichmütig, daß ich darüber die +ganze Niederträchtigkeit meiner Drohung erkannte. Es ist merkwürdig, wie +rasch einem eine Ungerechtigkeit auffällt, wenn ein anderer sie sich +zuschulden kommen läßt. + +»Er hat ein ganzes Glas mit Salz gefressen,« berichtete Panja sachlich, +»vom Whisky will ich schweigen, denn er hat ihn nicht finden können.« + +»Hat dich der Hunger hergetrieben? Wo warst du so lange?« fragte ich den +Übeltäter. + +Er hob den Kopf und versuchte meinen Blick auszuhalten, was den +Eingeborenen der Urbevölkerung sehr schwer ist, wenn es sich um blaue Augen +handelt, in die sie hineinsehen müssen, und wenn sie selten mit Weißen in +Berührung kommen. Aber Gurumahu erkannte den Ausdruck meines Gesichts doch +und begann zu lachen wie ein Kind. + +»Du bist freundlich, Herr,« sagte er zögernd und dann mit Überzeugung: »du +bist nicht klug und gerecht, wie die Engländer. Ich werde deine Kessel +bewachen, bis ich sterbe.« + +»Wenn du sonst nichts tun willst, kannst du dich wieder in die Sümpfe +scheren«, grollte Panja, aber Guru ließ sich nicht im Genuß seines ihm eben +erst geschenkten Lebens beeinträchtigen, und als sich die beiden +entfernten, hörte ich ihn hochmütig zu meinem Diener sagen: + +»Hat schon ein Sahib auf dich geschossen, du Abtrünniger? Du bist keine +Kugel wert, deshalb lebst du und kriechst dem Herrn zwischen den Füßen +umher, ich aber habe mit ihm gekämpft!« + +»Das ist wahr, du Kupferfresser,« sagte Panja, »ich danke dir, daß du ihn +nicht zerschmettert hast, du Blattlaus!« + +Aber Gurumahu blieb von nun an bei uns, wir nannten ihn Guru, weil sein +Name mir zu lang war, übrigens war es nicht sein einziger, er hatte noch +eine ganze Reihe wohlklingender Namen, aber auf Gurumahu schien es ihm am +meisten anzukommen. + + * * * * * + +Einmal hatten wir das Herabsinken der Sonne trotz Panjas Vorsicht verpaßt, +und die Finsternis überraschte uns am sumpfigen Ufer eines Flusses. Guru +schnupperte in die feuchte Nachtluft hinaus und spähte vom Ufer aus zu den +gegenüberliegenden Palmenhainen hinüber, und richtig sahen wir nach einer +Weile ein schwaches Lichtlein aufblinken. Als das Zelt aufgeschlagen worden +war und die Feuer brannten, hörten wir, wie das Flußwasser von +Ruderschlägen plätscherte, oberhalb unseres Zeltes verklang das Geräusch, +und das Dickicht raschelte, aber dann blieb alles still. + +»Jetzt haben die Mangroven Augen bekommen,« sagte Panja, »aber es muß ein +leichtsinniges Volk sein, denn sie fürchten den Panther nicht.« + +Auf Elias war in dieser Beziehung kein rechter Verlaß, denn seine +Gesinnungsart hinderte ihn daran, friedlich sich nähernde Nachtwandler +durch Gebell zu ängstigen. Hörten wir den Panther in der Nähe des Lagers +husten, so pflegte Elias sich in den Hintergrund des Zeltes zurückzuziehen, +nicht etwa, weil er Furcht hatte, sondern weil es ihm dort besser gefiel. + +Am Tage hatte ich eine Häherdrossel geschossen, ich rupfte ihr das braune +Gefieder aus, und das zierliche Köpfchen mit den hellblauen Augenringen +schlenkerte mit geöffnetem Schnabel über meinem Knie. Gurus Augen fehlten +nur noch diese hellfarbigen Ringe, um ebenso starr und leblos +dreinzuschauen wie meine Jagdbeute. Er begriff nicht, daß ich Vögel +verspeiste, in denen wahrscheinlich die Seele eines Abgeschiedenen +mitverschlungen wurde. Panja war in dieser Beziehung seiner heimatlichen +Weltbetrachtung längst entrückt. In den Kupferkesseln siedete das Wasser, +und eine Unmenge beschwingten Nachtvolks sammelte sich im Feuerschein, +umschwärmte die Flammen wie farbige Funken, oder glotzte von den Blättern +aus in dies unfaßbare rote Leben, aus dessen Glut der Tod lockte. + +Panja brachte mir freundlich die Reste meines Rasiermessers, das einer +Taschensäge glich und auch als solche hier und da Verwendung fand. Es war +in Zeiten betrüblicher Unkenntnis einmal von einem Koch zum Schlachten +einer Ziege verwendet worden; so rächt es sich, wenn wir Europäer ein +argloses Volk zu unsern barbarischen Sitten verleiten. Ein Schatten dieses +Barbarentums lagerte nun seit langem in unsteten Wucherungen um mein Kinn +und um meine Wangen und wetteiferte an planloser Ausgestaltung mit der +Pflanzenwelt des Dschungelbodens. Guru hatte in den Pfefferranken bei Tage +Vogelnester ausgenommen und mir die Eier gebracht, wir kochten aber nur +die, welche noch nicht piepten. Panja kaute Betel und sah mir zu, er hatte +viel Sinn dafür, wann eine Arbeit mich selbst vergnügte und wann er sie mir +abnehmen mußte, auch fühlte er sich in der letzten Zeit in seiner Rolle als +Reiseführer sichtlich geläutert, und mir schien es, als täte er seine +Arbeit mit einem ganz neuen Bewußtsein schöner Freiheitlichkeit. Pascha +putzte Palmenschößlinge, das zarteste und wohlschmeckendste Gemüse, das +Indien zu bieten hat, aber ein streng verbotenes Gericht, weil das Leben +der Palme, durch diesen Raub ihres Herzens, zerstört wird. Der weißliche, +mittlere Trieb des Baumes wird herausgeschnitten, er ist zart wie ganz +frische Haselnüsse und schmeckt ähnlich; mit Öl und saurem Fruchtsaft +zubereitet, stellt er einen Salat dar, wie ihn die europäische Küche nicht +aufzuweisen hat. + +»Soll ich die Leute fragen, ob Mangobäume im Dorf stehen?« sagte Guru +plötzlich. + +»Welche Leute?« fragte ich erstaunt. + +»Jene dort«, sagte Guru und zeigte vor sich hin. + +Da erkannte ich die braunen Gesichter im Feuerschein zwischen den Blättern +der Mangroven. Ich hatte mich längst daran gewöhnt, daß ich niemals allein +war, aber ich erschrak jedesmal aufs neue. Erst zählte ich fünf, dann zehn +und endlich etwa zwanzig große und kleine Gesichter, das ganze Dorf schien +versammelt. + +Ich schickte Guru hinüber, die Gesichter tauchten unter, aber dann begann +ein immer lebhafteres Geschnatter im Dunkeln, endlich wurde Feuer gemacht, +und die Ruder polterten im Kanu. Ich hätte gern mit den Leuten gesprochen, +aber sie waren zu furchtsam, brachten uns jedoch alles, was wir wollten. +Die Bewohner dieser Landstriche, wie auch die der östlichen Berge +entstammen der Urbevölkerung und haben sich mit den eingewanderten +indogermanischen Stämmen kaum vermischt. Ihre Hautfarbe ist fast ganz +schwarz, und ihre Gesichtszüge ähneln eher denen der Neger, als denen der +Brahminen. Sie stehen auf einem außerordentlich niedrigen Stande der +Zivilisation, sind aber arglos und sehr friedsam. Ihre Religion ist +anscheinend in den primitivsten heidnischen Vorstellungen geblieben, sie +beten hölzerne Götzen an, und nur hier und da ist ein schwacher Lichtschein +des Brahman oder der buddhistischen Lehre in ihre Geisteswelt gedrungen. +Irgendeine der vielen Inkarnationen Brahmas lebt hin und wieder in ihrer +Vorstellung in entstellter Gestalt fort, ohne daß ihr Sinn lebendig +geworden ist. + +Der Dschungel ernährt sie freigebig in guten Zeiten, sie tragen Pfeffer in +die kleinen malabarischen Häfen, wo die eingeborenen Gewürzhändler ihn +ihnen für sehr geringes Entgelt abnehmen. Ihre Nahrung besteht aus +Früchten, einige fischen sogar, andere sollen auch Fleischkost zu sich +nehmen, ich habe es aber nie gesehen. Auf den flachgeklopften +Lehmplätzchen, vor ihren Laubhütten, breiten sie die Pfefferbeeren zum +Trocknen in der Sonne aus, und man erblickt dort in wohlgeordneten +Rechtecken den Pfeffer in allen Farbennuancen seines Dörrens am Boden +ausgebreitet, vom saftigen Grün bis zum tiefsten Schwarz. Ihre +Hauptbesitztümer sind Kinder. Ich habe niemals so viele kleine Kinder +gesehen wie in diesen Dörfern, wie Orgelpfeifen standen die schwarzen +Reihen vor den Hütten, mit kleinen Kugelbäuchlein und Rotznasen, und +glotzten uns an, wenn wir vorüberkamen. + +Dieser Abend und diese Nacht sind mir unvergeßlich geblieben, weil unter +meinen Augen ein bebendes Lebenslichtlein in der Dschungelnacht erlosch. +Ich hatte keine Vorstellung, wie weit die Zeit vorgeschritten war, ein +lauter Ruf weckte mich. Panja fuhr neben mir empor und stieß in der +Schlaftrunkenheit gegen meine Hängematte, so daß ich fast herausgefallen +wäre und im ersten Augenblick in ihm einen Feind vermutete. Das Feuer war +fast erloschen. Panja war mit einem Satz an der glühenden Asche, und ich +begreife heute noch nicht, wie rasch es ihm gelungen ist, eine Flamme +emporzuschüren. Der klagende Ruf wiederholte sich laut und nahe beim Feuer +in der dichten Finsternis, die nun so schwarz wie Kohle war, nur die +beschienenen Bäume, dicht am Feuer, glommen phantastisch und unwirklich, +wie Ungeheuer, die mit verschlungenen Gliedmaßen, unter verworrenen +Laubkränzen, in ein rotstrahlendes Gemach drängen. Pascha rief etwas vom +zweiten Feuer her, das Guru eifrig schürte. »Was sagt er?« fragte ich +Panja. + +»Eine Frau schreit aus Angst vor dem Tod«, sagte Panja, der noch nicht +verstanden hatte, um was es sich handelte. + +Ich trat aus dem Zelt heraus und erkannte nun im Dickicht schwelende +Fackeln und die dunklen Gestalten der Wilden. Das Geschrei einer +Frauenstimme zerriß mein Herz. Ich habe selten wieder etwas so +Durchdringendes an Schmerz und Verzweiflung gehört. Ein tierischer +Wehelaut, der doch die erbarmungswürdige Erniedrigung der Menschenseele +enthielt, fiel mich wie ein nächtliches Gespenst an, und ich mußte mich +wieder und wieder aufraffen, um nicht in tatlosem Erstarren zu lauschen und +um nicht meinem Entsetzen zu erliegen. + +»Feuer!« brüllte ich, »Licht!« + +Eine Wolke gelben Qualms hüllte uns ein, dann flackerte eine hohe, rote +Säule daraus empor. Guru schrie: »Es ist die Mutter!« + +Endlich brachte Panja Ordnung in einen scheu herandrängenden Haufen +halbnackter Gestalten, die ein dunkles Etwas auf einer Bahre aus Zweigen +heranstießen. Eine Frau, der das schwarze Haar wild um das Gesicht hing, +und deren Arme durch die Luft irrten, schrie mir etwas zu. Sie wagte sich +trotz der großen Erregtheit, die das Ereignis mit sich brachte, das sie zu +mir geführt hatte, nicht in meine unmittelbare Nähe, aber ich sah nun, daß +ihr Gesicht von Angst und Hoffnung entstellt war. + +Auf den Zweigen lag ein Kind von vielleicht zwölf oder dreizehn Jahren, ein +Mädchen, dürftig mit einem bunten Kattunfetzen bedeckt, unter dem sich der +kleine, dunkle Körper wand, und ich hörte einen matten zischenden +Klagelaut, ein ersticktes Gurgeln, aus dem Knäuel hervordringen. + +Guru stöhnte bedauernd und hob sich auf die Zehen als fröre er. + +»Die Kobra«, sagte Panja kurz und sah mich an. »Die Mutter hofft, du +könntest ihrem Kind helfen.« + +Mein Herz blutete unter den Blicken der alten Frau, die in ihrem Schmerz +und ihrer bedürftigen Häßlichkeit unsagbar rührend und bejammernswert vor +mir stand. Ihre welke Brust hing leblos nieder, und es zitterte und zuckte +in den Furchen ihres eingefallenen Gesichts. Sie klagte nicht mehr, ihre +Erwartung hielt sie gefesselt, und ihre Augen, im vorgereckten Angesicht, +prüften und suchten in meinen Zügen, aus denen sie den Tod oder das Leben +ihres Kindes glaubte entnehmen zu können, nach meinem Willen. + +Das Mädchen war mit den andern Bewohnern des Orts an unser Lager +geschlichen, um den sonderbaren Mann aus einer fremden Welt zu sehen, die +jenseits des Meeres lag und unerforschlich war an Geheimnissen und Wundern. +Und ihr Verlangen nach dem Glanz dieses Neuen, Unfaßbaren hatte sie die +Vorsicht vergessen lassen, die so not tut im Dschungelland, die man sie von +Kind auf an gelehrt hatte, und die sie in allen Fällen so klug und sorgsam +zu beachten gewußt hatte. Nun hatte es im Finstern den kleinen, bösen Stich +gegeben, den anfänglich das Herz nicht als das furchtbare Verhängnis +glauben will, obgleich das Blut es ahnt und die Schrecken des jähen +Dahinsinkens wie dunkle Flügel um die Schläfen brausen. Ein Dorn, ein Dorn +war es, vom Rand eines Palmblatts, oder vom Zedernbaum..., aber dann kam +der feine süße Schwindel, der in den Augen beginnt und der den Pulsschlag +des Herzens so eigen behindert, der zuerst die Hände und langsam alle +Glieder in trockene, kurze Krämpfe zerrt, als trieben Glassplitter im Blut, +die die Adern zerrissen. Bis die gräßliche Klage aus der Gewißheit brach: + +»Die finstere Königin!« + +Diese aus Ehrfurcht vor der Gottheit und aus tiefstem Grauen gemischte +Wehklage erfüllte die Walddunkelheit. + +Es war zu spät. Ich öffnete die Wunde, die nur in einem winzigen, +schwarzumrandeten Pünktchen am Fuß bestand, aber das Blut floß nicht mehr +rot und warm, sondern zersetzt und stockend. Wir versuchten es mit Whisky, +aber das Kind konnte trotz unserer Mühe das scharfe Getränk nicht +aufnehmen, und die großen brechenden Augen flackerten angstvoll unter den +Peinigungen ihrer grausamen Bedränger. Feuer hilft nur im ersten +Augenblick, auch hätte ich es um alles nicht über mich gebracht, auch +diese neue Marter noch dem kleinen Leib zuzufügen. Laß das Kind sterben, +rief es in mir, das ist sein letztes, irdisches Recht. + +Die Blicke der Mutter marterten mich, ich wandte mich ihr zu in der +einzigen Barmherzigkeit, welche es für sie in dieser Stunde gab. Sie brach +mit einem langen Klagelaut zusammen und blieb die ganze Nacht stumm an der +Leinwand des Zeltes liegen, wie ein dunkles Kleiderbündel. + +Als das Kind gestorben war, erschütterte mich, wie mit rauhen Fäusten, die +bittere Erkenntnis unserer Menschenohnmacht. Wir sind nicht, was wir nach +unserem besten Verlangen sein könnten, wo ist die Macht, die wir in unserem +Begehr nach Vollendung ahnen, wo die Hoheit, die unsere Güte sucht, wo +unser Glaube, der Berge versetzt? + + * * * * * + +Düster, lieblich und glühend strichen diese seltsamsten Tage meines Lebens +dahin. Wir blieben oft tagelang am gleichen Platze, ich vergaß mein Ziel +und die Zeit. Die grünen Sumpfaugen des Dschungels und das Silberwehen der +Steppennächte bannten mich, das tiefe Atmen bei geschlossenen Augen +ersetzte die Gedanken, das Licht wurde zu einer unermüdlichen Gewißheit der +Lebensfreude und die Nacht zum gestaltlosen Traum. Das gewaltige, stille +und geduldige Leben der Pflanzen, die die ganze Erde für sich +beanspruchten, raubte meinem Gemüt langsam das Bewußtsein seiner eigenen +Rechte, gewiegt von Staunen und erfüllt von fremdem Daseinswillen trieb +mein Geist wie schlafend dahin, und doch überwach und tief innerlich +durchglüht von einem heiligen Daseinsglauben. Ich ahnte das +grünlich-morastige Gift des Waldes, dessen Königin und Göttin mir in ihrer +ganzen Macht erschienen war, ich sah den Fiebergeist im feuchten Dämmern +schleichen, aber mein Widerstand war zu einer vagen Hoffnung auf mein +Glück herabgesunken. Diese gärende, brodelnde Sumpffruchtbarkeit würde auch +meinen Leib aufnehmen und neu erblühen lassen, wenn sie ihn in ihr Bereich +saugte. Der Wald war mächtiger als die Menschen. -- + +Eines Nachts lag ich im Zelt auf einem Laublager, da ich die unsichere +Nachgiebigkeit der Hängematte nicht mehr ertrug. Guru war am Feuer +eingeschlafen. Er hockte neben der glühenden Asche vor dem Dreieck des +Zelteingangs wie ein Geköpfter, den Nacken zwischen den hochgezogenen +Knien, und seine fast drei Meter lange, uralte Araberflinte überragte ihn +wie eine halb gesunkene Fahnenstange. Er liebte dieses Gewehr zärtlich und +trug es meist bei sich, besonders wenn Aussicht vorhanden war, daß wir +Menschen begegneten. Dabei lebte er in dem festen Glauben, daß diese Waffe +es ihm niemals antun würde, eines Tages loszugehen. Er war nicht in Gefahr, +enttäuscht zu werden, denn die Flinte war hundert Jahre alt, hatte sicher +vom Sudan bis Singapore den ganzen Orient bereist, und es bestand keine +Möglichkeit, sie zu laden oder gar abzufeuern. Aber Guru wäre mit dieser +Waffe mitten im Urwald sorglos eingeschlummert, so sicher war er, daß außer +ihm kein anderes Wesen ähnliche Hoffnungen wie er auf seinen langen +Talisman setzte. + +Wir waren am Tage an Felsausläufer des Gebirges gekommen, in deren +Schluchten der Dschungel sich aufwärts erstreckte, um sich mehr und mehr zu +lichten. In den Felsspalten floß klares Wasser, und als wir endlich +umkehrten, da der Boden zu zerklüftet und verwachsen war, kamen wir an ein +kleines Dorf von etwa zehn Laubhütten, das Itupah hieß. Unweit dieser +Niederlassung hatten wir die Zelte aufgeschlagen und die Lagerfeuer +angezündet. Die Leute waren gekommen, um uns Früchte anzubieten, hatten +sich aber bald zurückgezogen, da unsere Gerätschaften ihnen allzu magisch +und gefahrdrohend erschienen waren. + +Ich konnte nicht einschlafen. Die Stimmen der wilden Tiere und der Mond +störten mich. Panja war in das Hindudorf geschlichen, um Liebesabenteuer zu +bestehen, er benutzte die Aufregung, die meine Gegenwart in Itupah +hervorgerufen hatte, um darzutun, wie berechtigt sie war. Ein paar Flecke +Mondlicht lagen am Zelteingang wie Papierschnitzel, und die Grillen füllten +die Luft mit ihrem Zirpen, als würde feiner Silberdraht gefeilt von vor +Hast toll gewordenen Sträflingen. + +Es raschelte in der Zeltecke, und als ich hinübersah, entdeckte ich ein +kleines Tier, das ich anfänglich für einen Marder hielt. Es saß totenstill +da, nachdem meine Bewegung es mißtrauisch gemacht hatte, und sah mich mit +zwei riesengroßen schwarzen Augen an, die sehr weit vorn und dicht +beieinander saßen, wie bei einem Affen. Das zierliche Köpfchen war nicht +viel größer als eine Walnuß in ihrer grünen Schale, und die Färbung des +Fells erschien mir graubraun, wie bei einem Eichkätzchen im Winter. + +Der Kleine gefiel mir außerordentlich, und ich versuchte Anschluß an ihn zu +gewinnen. + +»Treten Sie näher«, sagte ich und pfiff leise ein paar immer gleiche Töne +in die dämmerige Nachtluft. Das Tierchen rührte sich nicht, und ich sann +auf ein Anlockungsmittel. Als ich eine Bewegung mit der Hand machte, um ihm +ein englisches Biskuit anzubieten, das neben mir lag, tat es einen +lautlosen Ruck, und der Zeltwinkel war leer. Aber nach einer Weile huschte +es wieder wie ein Schatten durch die Mondflecke, der kleine Fremde war +wieder da, offenbar wurde er durch seine Neugier geplagt. + +Die beiden schwarzen Augenkugeln saugten, weit geöffnet und starr vor +Erstaunen, meine Erscheinung in sich auf, ich bin noch niemals so +angeglotzt worden. Der Kleine schien furchtbar aufgeregt vor Begierde, +herauszubringen, was es für eine Bewandtnis mit mir hatte, und was mich aus +meinem entlegenen Lande nun gerade in die Nähe der Menschenstadt Itupah und +dort in die Gegend seiner Behausung geführt haben mochte. Ich hätte es ihm +nicht sagen können. Aber enttäuschen wollte ich ihn auch nicht. + +»Haben Sie Familie?« fragte ich leise. + +Fort war er. Die Frage mag für den Beginn einer Bekanntschaft vielleicht +etwas zudringlich gewesen sein, aber nach einer kurzen Weile kam der Kleine +doch wieder, diesmal genau an derselben Stelle, zwischen unsern Salzgläsern +und Panjas Sandalen. Er schien nun bemerkt zu haben, daß meine Worte nicht +so gefährlich waren, wie er anfänglich angenommen hatte, und kam ein wenig +näher, um besser glotzen zu können. + +Es tat mir leid, daß ich nichts anzubieten hatte, und daß meine +Gastfreundschaft sein Mißtrauen erregte. + +»Es scheint, Sie leben des Nachts,« begann ich vorsichtig, »ich entnehme es +Ihren Augen und der Tatsache, daß wir uns zu dieser Stunde begegnen. Ich +bitte Sie darum, keine falschen Schlüsse aus den vielerlei Gerätschaften zu +ziehen, die Sie hier erblicken, im Grunde bewegt uns lange aufrechte Wesen +kein anderer Herzensdrang als euch. Es läßt sich so leicht sagen: das +Glück, im Sonnenschein in der Welt zu sein, die Liebe und der Schlaf. +Darüber wacht etwas, wie eine unermüdliche Hoffnung, es möchte eines Tages +alles noch um vieles herrlicher werden. Das spricht auch aus deinen großen +Nachtaugen; und ist die Begierde, die dich herzutreibt, im Grunde etwas +anderes, als die meine, die mich veranlaßte, in die Wildnis deiner Heimat +zu kommen?« + +Da antwortete mir ein heller, böser Pfiff, der mir durch Mark und Bein +ging, und gleich darauf erscholl, als Entgegnung, ein ärgerliches Zischen +im Laub meines Lagers. Nun galt es, still zu liegen, das wäre ein +verdrießlicher Abschluß meiner Dschungelfahrt gewesen... + +Ich wußte nun, wen ich vor mir hatte, aber bei weitem wichtiger war mir, +wen ich in meiner unmittelbaren Nähe in den welken Blättern wußte. Das +kleine Tier vor mir begann sich sanft und sonderbar zu schaukeln und +brachte dabei hell und stoßweise einen halb gepfiffenen, halb geknarrten +Ton hervor, der der Gefährtin meines Lagers galt. Nun quoll es dicht unter +meinen Augen aus dem Reisig hervor, wie das Rinnsal einer dicken, dunklen +Flüssigkeit und suchte den Ausgang zu gewinnen. Ein kleiner Schatten vom +Zeltrand her huschte der Schlange blitzschnell nach, und draußen begann für +eine kurze Weile ein von Fauchen, Zischen und Schnarchen wildbewegtes +Rascheln und Schleifen. Dann wurde es still, und ich hörte nur die +Hammerschläge meines Herzens und sah die weißen Papierschnitzel des +Mondlichts, bis langsam die eintönige Grillenmusik wieder die Nacht +beherrschte. Mir war, als habe sie geschwiegen, während sich ein Schicksal +unter den Geschöpfen des Nachtvolks vor meinen Augen abgespielt hatte. + +Wie eigenartig unterscheiden sich oft unsere Erwartungen von den +Erscheinungen selbst! Ich hatte von diesem merkwürdigen Tier oft gehört, +das in Indien als der ärgste Feind der Schlange gepriesen wird, und das +sogar oft von den Engländern wie ein Haustier zum Schutz gegen die Kobra +gehalten werden soll, aber ich hatte mir die Erfüllung meines Wunsches, +diesem Tier einmal zu begegnen, anders vorgestellt. Was hatte sich mehr +zugetragen, als ein von wenigen Rufen des Kampfes, der Angst und der +Lebensgier zerrissenes Huschen und Springen? Schattenhaft, fast unwirklich +war es geschehen, grau, im Halbdunkel und ohne jene pathetische Gebärde, +die erst die Erkenntnis langsam dem Ereignis verleiht. Erst die Erinnerung +erschafft die Gestalten der Helden. War dies alles? Wie wird es uns mit dem +raschen, kleinen Leben ergehen, das wir in Erwartungen dahinhuschen lassen? + + * * * * * + +Oft, wenn ich von unserm Zelt aus mit der Büchse und Elias den Dschungel +durchschweifte, sah ich vom Flußufer aus die Alligatoren in der Sonne +liegen. Sie sonnten sich auf den Sandbänken und lagen kreuz und quer +durcheinander, einmal lagen sogar zwei aufeinander, das war peinlich. Der +Ausdruck ihrer sehr ausgedehnten Gesichter war in der Regel ungemein +vergnügt, die winzigen Äuglein funkelten fröhlich, und die riesigen, oft +weit geöffneten Mäuler zeigten deutlich einen Hang zum Lächeln. Man merkte +den Tieren an, wie wohl ihren knorpligen Schuppenhäuten die Sonnenglut tat, +und entschloß sich schwer, etwas Böses von ihnen anzunehmen. Zuweilen +gluckst etwas in ihren gelben Hälsen, die zart und weich wie Wachs sind. + +Ich habe niemals welche gesehen, deren Länge zwei Meter überschritt, ihre +afrikanischen Geschwister scheinen einem anderen Volksschlag anzugehören +und mehr Wert auf die Einschüchterung der Menschen zu legen. Zuweilen schoß +ich auf eine dieser riesigen Eidechsen, aber meine Kugel wirkte nie so +ausschlaggebend, daß das verwundete Tier nicht noch Zeit gewann, ins Wasser +zu schnellen. Es kann auch sein, daß ich niemals getroffen habe. Nachdem +der Donner des Schusses verhallt war, war die Sandbank für gewöhnlich leer. +Diese Tiere haben eine geradezu verletzend geschwinde Art, sich zu +empfehlen, sie schießen ins Wasser wie Torpedos, es ist unmöglich, eine +Bewegung ihrer Beine zu unterscheiden, und es erweckt den Anschein, als +wären sie an gestrafften Gummibändern mit dem Wasser verbunden und würden +plötzlich losgelassen. Sie schwimmen prächtig und erinnern in der Flut an +Hechte, sind aber außerordentlich scheu und werden nur kleinerem Rotwild +gefährlich, das sie an der Tränke überraschen. + +Ich warf ihnen eines Morgens die Überreste einer erlegten Hirschantilope +zu, von der ich nicht mehr als ein Rückenstück hatte genießen können, und +die sonst die Sonne oder die Schakale vernichtet hätten, und erschrak über +die sinnlose Gier dieses Flußgesindels. Es dauerte kaum eine Minute, bis +der Körper des Tiers in einem dahintreibenden blutigen Schaumbecken, in +hundert Fetzen zerrissen, verschwunden war. Am Mittag lagen die Ungeheuer +wieder in der Sonne und lächelten, während der breite, trübe Strom gurgelnd +dahinzog und den Sonnenschein in mörderischen Lichtpfeilen in die +schmerzenden Augen schleuderte, die die Dschungeldämmerung verwöhnt hatte. + +Einmal saß ich in der Nähe unseres Zeltes in den Rankenverschlingungen der +Luftwurzeln eines wilden Feigenbaumes in der Morgensonne am Fluß und putzte +meine Jagdflinte, als es neben mir in den Mangroven raschelte. Als ich mich +umwandte, sah ich einen kleinen Hinduknaben vor mir stehen, der vor Schreck +völlig erstarrt war. Seine Augen schienen leblos geworden, wie zwei +schwarze, runde Spiegel, und sein Mund stand offen. Es war recht +begreiflich, denn ich hatte gebadet und so viel am Leibe, wie man ohne +Übertreibung etwa mit nichts bezeichnen kann. Offenbar hatte der Kleine auf +seinem Morgengang zum Fluß alles andere erwartet, als solch ein weißes +Ungetüm vorzufinden, das ihn angrinste. + +Er zitterte heftig und schluckte, wagte aber keine Bewegung. Dies war +schlimmer als der Tiger, es war ein furchtbarer Waldspuk. Über und über +weiß war dies fremde Wesen, das da vor ihm eine unfaßliche blanke Sache +über den Knien hielt, triefte und glitzerte und Augen hatte, in die man +nicht hineinschauen konnte, ohne seinen Untergang zu riskieren. Als aber +dies dampfende Ungeheuer nun plötzlich nieste, entwand sich der gequälten +kleinen Brust, die ganz mit Entsetzen angefüllt war, ein lauter Jammerruf +und wahrscheinlich machte der Kleine innerlich einen raschen Strich unter +sein verflossenes Dasein und beschloß es in seinen Erwartungen endgültig. +Jedenfalls fiel er zu Boden, preßte sein Gesicht in die Pflanzen und stieß +wieder und wieder denselben monotonen Klagelaut hervor, in dem er sich +wahrscheinlich dem besonderen Wohlwollen irgendeines Götzen empfahl. + +Es kam mir gar nichts in den Sinn, was ich etwa anstellen könnte, den +gebrochenen, kleinen Mann zu beruhigen. Wenn ich ihn berührt hätte, so wäre +er vor Angst gestorben, so ließ ich ihn einstweilen liegen und stellte +fest, daß sich seine Toilette in einer ähnlichen Etappe der Entwicklung +befand, wie die meine. Dann verfiel ich darauf, ihm eine arglose und +sinnvolle Weise vorzupfeifen, die nach meiner Überzeugung etwas +Beschwichtigendes enthielt, erst wählte ich ein altes Wiegenlied, dann +einen Choral und endlich »Heil dir im Siegerkranz«. + +Das wirkte. Mein Freund drehte das dunkle Köpfchen am Boden so weit, daß er +mich mit dem einen Auge bis etwa an meine Knie hinauf betrachten konnte. +Daß ich Menschen fraß, war immer noch sicher für ihn, aber es schien doch, +als wenn ich es nicht besonders eilig damit hätte. Ich gab ihm nun in +zurückhaltender Weise zu verstehen, daß er sich erheben sollte, und er +gehorchte, immer noch am ganzen Körper zitternd, aber sichtlich erstaunt +darüber, daß ich wie ein vernünftiger Mensch zu sprechen verstand und noch +dazu in seiner Sprache. Er bestand gewissermaßen nur noch aus Augen, und in +ihnen brannte nur ein einziger Wunsch, der, sich auf möglichst unauffällige +Art empfehlen zu dürfen; glotzen ließ sich weit besser aus einem Versteck, +und was konnte aus dieser Annäherung gutes kommen? + +Aber er änderte seine Meinung doch, als ich nach meinen Kleidern tastete +und ihm eine Kupferanna unter die Augen hielt. Zunächst war sie da, das +ließ sich begreifen, aber nur langsam dämmerte in seinem Köpfchen der +Glaube hervor, daß sie ihm gehören sollte. Das war schlechthin unmöglich. +Als ob er den Wert dieser runden Metallplättchen nicht kannte, die sein +Vater zuweilen aus den Hafenstädten mitbrachte, wenn er Pfeffer oder +Ingwerwurzeln hinabgetragen hatte, und mit Hilfe derer man alles erlangen +konnte, alle Herrlichkeiten der Welt, buntes Tuch, die Süßigkeiten der +Basarstraße, Reis und Maniokbrot und Macht über alle Knaben des Ortes. + +Und so entwischte er ungefressen mit seinem Schatz, nachdem er endlich +begriffen hatte, daß meine Pläne sich in diesem Opfer erschöpften. +Vielleicht erinnert er sich meiner zu einer Zeit, wo er ein Jüngling +geworden ist und zu seiner ersten Kupferanna in den Hafenstädten so manche +andere verdient, und seine Meinung über uns Weiße geändert haben mag, in +einem zweifachen Sinn. -- + +Mehr und mehr empfand ich von Tag zu Tag, daß ein fremder Bestand, der +nicht festzustellen war, die Beschaffenheit meines Bluts veränderte. Ich +schob die Schuld, wie man es in solchen Fällen zu tun pflegt, bald auf das +eine, bald auf das andere, heute schien mir das Trinkwasser der Anlaß zu +sein, morgen der Tabak, oder eine fremde Frucht, dann wieder verband ich +meinen Zustand mit meiner Schlaflosigkeit, oder mit der Beschaffenheit +dieser schwülen, von tausend Düften geheizten Luft. Panja betrachtete mich +oft lange und besorgt von der Seite, ohne zu wissen, daß ich seine Blicke +gewahr wurde, und daß sie mich reizten. Ich behandelte ihn ungerecht und +hart, aber er blieb geduldig und verfiel nicht wie früher in sein +gekränktes Schmollen. Überhaupt hatte er sich in der letzten Zeit merklich +geändert, mir war oft, als habe ihn eine neue Verantwortlichkeit über sich +selbst hinausgehoben, gerade als ob er sich hätte bewähren müssen, um sich +seiner Kräfte und Tugenden bewußt zu werden. Ich lohnte ihm diesen Wandel +schlecht, aber ich konnte nicht anders. + +Mir war bisweilen, als habe mein Gehirn sich um vieles verkleinert und als +mache es eigenartige Drehungen und Schwankungen in seiner Schale, wie ein +schwimmender Ball in einem Wasserglas. Dabei verfiel ich auf alle möglichen +Heilmittel, nur nicht auf das einzige, das mir hätte helfen können: auf die +Flucht aus den Niederungen des Dschungels. + +War es Morgen, so mußte ich den Mittag erwarten, in welchem die Insekten +mit einem seligen Brausen, oder die großen Schmetterlinge leicht und +lautlos von Blüte zu Blüte zogen, durch unwahrscheinlich tiefes Blau oder +Grün, während die Welt in heißer Fülle verging. Mit dem leisen Unbehagen +des sinkenden Mittags mußte ich den Abend erwarten und an ihm die Nacht mit +ihrem Licht und Läuten über schwarzen Tiefen, ihren gurgelnden und +stöhnenden Stimmen der Raubgier und der Liebeswut und mit ihren blendenden +Gestirnen. Tag und Nacht waren für mich längst keine Begriffe des Wachens +oder der Ruhe mehr, sondern wechselnde Züge des indischen Weltenantlitzes, +magisch ineinander überwogend, wahrsagerisch entstellt. + +Ich hatte meine Heimat vergessen. Europa versank in meiner Erinnerung wie +ein lauter, häßlicher Traum voll unnützer Erregtheit, und ich lächelte +mitleidig über die Schande, die mir in den kleinen Beteiligtheiten meiner +hastigen Vergangenheit widerfahren zu sein schien. Wie ein einziger, +kreischender, grellfarbiger Lebensirrtum erschien mir das Treiben der +großen Städte, und ich verging und erstand in Schlafen und Wachen wie in +Frühling und Winter, das Angesicht der Tages- und der Jahreszeiten +verschmolz miteinander zu einem unbestimmbaren Gefühl des Wandels, und die +Unschuld der Pflanzen, die mich einhüllten, wie ein lebendiges Gewand, war +die stärkste Gewalt über meine langsam verschwindende Erkenntniskraft. + +Es trieb mich zuweilen aus der Dschungelnacht an den Steppenrand zurück, es +war ein Verlangen, den offenen Himmel zu sehen und das weite braune +Hügelland, und es war mir angesichts dieser Helligkeit, als entkleidete +mich ein lautloser stiller Sturm des Lichts. Oft brachen wir mitten in der +Nacht auf, nahmen zuweilen den gleichen Weg, den wir am Tage mit Mühe +durchmessen hatten, und errichteten das Lager an der verlassenen +Feuerstätte. Mir war, als hätten die Pflanzen mich am Atmen behindert, als +raubten sie meiner Brust, was ihr zum Leben not tat. Oft ertappte ich mich +über gereizten und boshaften Blicken auf eine blühende Pflanze, deren +dargebotene Liebeswut in purpurroten Kelchen mich mit Zorn und Haß und +zugleich mit hingebender Demut erfüllte. + +Langsam war eins meiner Manuskripte und Bücher nach dem andern dem +nächtlichen Feuer zum Opfer gefallen, ich sah die weißen Blätter in +hämischer Genugtuung in der Glut welken und fühlte mich freier, wenn die +verkohlten Rollen zerbröckelten. Nur ein kleines, törichtes Büchlein +begleitete mich lange noch, ich weiß zuversichtlich, daß ich es nur deshalb +nicht zerstörte, weil eine merkwürdig verschlungene Ranke aus geprägtem +Gold den Einband verzierte, ungefällig, sinnlos und aufdringlich, aber es +tat mir wohl, diesen Linien mit den müden Augen nachzugehen. Einmal +versuchte ich, mich darauf zu besinnen, wo Nachrichten für mich liegen +könnten, ich schloß auf Bombay, Goa und Madras, aber ich wußte es nicht +mehr. + +In den Ohren die Muschelstimmen des Chinins, träumte ich oft in der +totenstillen Mittagsglut mit geschlossenen Augen vom Winter. Immer wieder +tauchte das gleiche Bild vor mir auf: ein graues Flußtal im Abendnebel, auf +den Feldern der bläuliche Schnee im sinkenden Tageslicht, und ein eisiger +Wind über dem pechschwarzen Wasser, auf welchem Eisschollen dahintrieben. +Sie stießen sich und knarrten und läuteten, auf einigen von ihnen saßen +Raben und ließen sich mitnehmen. Dann empfand ich die Kälte plötzlich als +schneidenden Schmerz an Stirn und Wangen, und meine Brust weitete sich, wie +zerspringend vor Frische. In kalten Schauern schlief ich über solchen +Visionen zuweilen ein, aber die sinnlosesten Träume raubten meinen Schlaf +die ersehnte Erquickung. + +Eines Nachts träumte mir, ich sei am Meer eingeschlafen, in einer +Bergschlucht, und plötzlich weckten mich die Stimmen zweier Männer, deren +Klang eine eigenartige Verwandtschaft mit dem Reden des Meerwassers hatte. +Ich richtete mich halb empor, stemmte die Ellenbogen in den Sand und sah +betroffen auf. Die Sonne war ins Meer gesunken und schien aus der Tiefe, +durch das Wasser. Obgleich sie selbst rötlich glänzte, war doch das Licht +der Luft grünlich und blaß, und merkwürdige Schattenwellen zogen hindurch, +wahrscheinlich entstanden sie durch die Uferwogen. + +Die beiden Männer standen gerade nebeneinander im Sand, der wie Türkisen +schimmerte. Sie hatten ihre Arme schlicht und ohne Gebärde an den Körper +gelegt, und unter ihren leichtgesenkten Stirnen sahen mich ruhige, runde +Augen von einem gleichmäßigen sehr hellen Blau an, in denen ich keine +Abzeichnung der Pupillen unterscheiden konnte. Die Färbung ihrer Haut war +bernsteingelb und ihr Haar weißlich, sie hatten breite, aber hagere +Schultern, und ihre Hüften waren so schlank und so wenig ausgezeichnet, daß +man von der Achselhöhle bis an die Fußknöchel hinsah, wie an einer geraden, +schräg gestellten Leiste. An ihren Schläfen war ein eosinrotes Band +befestigt, das in einem breiten Fächer auf die linke Schulter herabsank und +hinter ihr verschwand. + +So standen die Zwei, die sonst nicht bekleidet waren, ruhig vor mir in der +grünlichen Luft mit ihren geheimnisvollen Schattenwellen. Es schien mir, +als lächelten sie, aber eher neugierig als spöttisch. Endlich begannen sie +eine Unterhaltung miteinander und versuchten den Anschein zu erwecken, als +sei ihnen an meiner Beachtung nichts gelegen, aber ich unterschied doch, +daß sie nur meinetwegen sprachen. Sie lächelten verstohlen und ungefällig +und sahen bisweilen mit einem raschen Blick zu mir hinüber. Nun wies einer +von ihnen zu den Felsen einer Schlucht empor, wo sich in halber Höhe der +Berge ein gleichmäßiger, tiefer Einschnitt im Gestein bemerkbar machte, der +rundlich ausgehöhlt war. + +»Richtig,« antwortete der andere, »das ist unsere alte Meergrenze, die +letzte, aber wo ist die Grenze der Väter geblieben?« + +»Die Gipfel schwemmen gar zu rasch nieder,« lautete die Antwort, »die neue +Welt wird klein.« + +Dann unterschied ich nicht mehr alles, was sie sagten oder meinten, aber +ich empfand, daß sie von versunkenen Reichen sprachen, deren Kulturstätten +der Meersand seit undenkbaren Zeiten in tiefen Gründen der Flut vergraben +hatte, und sie tuschelten davon, daß nun bald die Zeit anbrechen müsse, in +der der Meerboden und der Erdboden vertauscht werden sollten. Bestürzt +überfiel mich eine dunkle Ahnung der Reiche, die das Meer verbarg, und ich +sah sie, nach ihrer Auferstehung, von Sonne, Wind und Regen langsam aus +ihrer sandigen Hülle brechen. Ich wagte keine Frage, obgleich mein Herz vor +Begierde brannte, an den Erfahrungen der beiden Menschen teilzunehmen, aber +es war, als ahnten sie, daß ich die Absicht im Sinn trug, ihnen ihre +Geheimnisse zu entreißen, denn sie berührten einander die Schultern mit der +Hand, so daß sie zu einem seltsam schönen Ornament verschmolzen, wandten +sich dem Wasser zu und schwebten hinein und in die Tiefe, wie durch die +Luft. Ich sah sie noch einmal, als sie an der Sonne vorüberzogen, die sehr +tief gesunken war, dann schlief ich ein, in großer Traurigkeit, wie ich sie +nie gekannt habe, und wie man sie nur im Schlaf empfinden kann. + +Ein anderes Mal im Traum schenkte mir irgend jemand ein Kriegsschiff mit +weiblicher Bedienung, damit ich gegen meine Feinde vorgehen könnte, aber +ich hatte deren leider nur drei und die lebten auf dem Festlande. So +entließ ich die Damen, damit diese drei Gegner glücklich würden. Mit den +Kanonen schoß ich auf Möwen, aber sie schnappten nach den Kugeln, ja, dies +Geflügel wartete geradezu an der Öffnung der Geschütze, es war ungemein +ärgerlich. So sah ich ein, daß es hiermit nichts Rechtes werden würde, und +löste einstweilen spielend eine Reihe von Problemen, die mich früher auf +ganz unverständliche Art gequält hatten. Dabei brachte ich endgültig +heraus, daß man zu dererlei Geistesexperimenten am Boden umherkriechen +mußte, und ich tat es mit Ausdauer und fröhlich. + +Als ich aber nach vielerlei Träumen dieser Art, die ich vergessen habe, +eines Tages mit trockenem Mund und einer scheußlichen Leere hinter der +Stirn, in der Mittagshitze frierend, am Fußboden, in einem Winkel des +Zeltes, erwachte, ergab ich mich anteillos den Weisungen Panjas, ließ mich +in Wolldecken wickeln und erwartete meinen Verbrennungstod in diesen +phantastischen Feuern meines Bluts und meiner Seele, die von boshaften +Dämonen geschürt wurden. + + + + +Sechstes Kapitel + +Im Fieber + + +In einer ungewissen Stunde, die nicht am Morgen und nicht am Abend war, kam +ich mit dem bestimmten Bewußtsein zu mir, nach jener denkwürdigen Nacht mit +Huc, dem Affen, am Morgen gestorben zu sein. Es muß nach dem Tode einen +seltsamen Halbschlaf der ersterbenden Sinne geben, der uns noch eine +Zeitlang den Fortgang des Lebens vortäuscht, eine Art Erinnerung des +Körpers, der sich seinem Verfall noch nicht zu ergeben vermag, in welcher +die Hoffnung unseres Herzens in einem mitleidigen Spiel den Gang des +Daseins fortsetzt, nachdem die Seele ihrer Hülle entflohen ist. In jenem +Stadium mußte mir alles geschehen sein, was ich bis zu diesem Morgen erlebt +zu haben glaubte; ich lächelte geringschätzig und melancholisch in die +grauen, sanft erklingenden Sphären hinein, in denen ich dahintrieb. +Immerhin erfreute es mich, daß mein Bewußtsein nicht völlig erloschen zu +sein schien, und die Erkenntnis, nun endlich mit Sicherheit zu wissen, daß +ich gestorben war, beruhigte mich sehr; ich begriff nun deutlich die +qualvolle Ungewißheit, die über allem gelegen hatte, was mir in der letzten +Zeit zugestoßen war. War nicht alles wie aus grauen Spiegeln emporgetaucht +und in anderen wieder versunken, in seltsamem Kreisen und liederlicher +Gleichgültigkeit gegen die Wirklichkeit? Bei dieser neuen Offenbarung über +meinen Tod, den ich mir aus einer im Grunde recht kleinlichen +Lebensängstlichkeit bisher nicht einzugestehen gewagt hatte, entschloß ich +mich in einer wundervollen Gelassenheit des Gemüts, nun niemand mehr zu +dienen, als allein der Erinnerung. Es war merkwürdig, daß Panjas Gesicht +mich dabei störte, das ungewiß und groß, wie ein Wolkenschatten, zuweilen +über mir erschien, mein Dahinziehen durch das flimmernde All hinderte und +in sinnloser Aufdringlichkeit in meiner Nähe verharrte. Ich ließ mich nicht +täuschen, ich erkannte in unzweifelhafter Klarheit, daß der Durst, der +meinen Körper durchglühte, der Wissensdurst meiner Seele war; er war mein +einziger Schmerz, und ich pries mich glücklich. + +Irgend jemand sprach zu mir; ich beachtete es lange absichtlich nicht, weil +ich mich nicht von der Überzeugung trennen wollte, daß niemand das Recht +hat, mit einem Toten zu reden. Merkte denn dies wesenlose Geschöpf immer +noch nicht, daß Tote andere Interessen haben, als sich mit dem +vergänglichen Tand abzugeben, der die Lebendigen der ungewöhnlich kleinen +Erde beschäftigt, die nicht einmal in der Lage ist, sich ruhig zu verhalten +und in lächerlicher Abhängigkeit von der Sonne umhertanzt? So entschloß ich +mich endlich, mir Ruhe zu verschaffen, und wandte mich in der prächtigen +Freiheit des Muts um, den nur Tote haben, um Schweigen zu gebieten. Aber da +erkannte ich, daß mein Ich neben mir saß und rauchte. Es hatte sich meiner +Pfeife bemächtigt, meiner Kleider und Schuhe und trug meinen fünfmal +gewundenen Schlangenring aus Gold mit den Saphiraugen und der +Brillantenkrone. Ich fand im Augenblick nicht den rechten Ton, denn es ist +ungewöhnlich schwer, sich im Tode richtig gegen jemand zu benehmen, den man +im Leben oft hintergangen hat. Mein Ich lächelte mir ermutigend zu, aber +ich ließ mich nicht irreführen; dies Lächeln kannte ich, man weiß doch, +womit man andere über sich selbst zu täuschen pflegt, und was hinter seinem +eigenen Lächeln steckt. Aus irgendeinem Grunde sagte ich rasch und +ärgerlich: + +»Nur keine Philosophie, bitte.« + +Mein Ich erwiderte freundlich, daß ihm dererlei völlig fernläge, und daß +nach der Scheidung, die ich als vor sich gegangen zugeben müßte, überhaupt +alle Fragen über das Wesen von Sein und Nichtsein aufgehoben wären. + +Es war ungemein fesselnd, meine eigene Stimme zu hören, derer sich mein +Gegenüber bediente; aber irgend etwas am Klang der Stimme ging in kühler +Sachlichkeit weit über die arme Befangenheit hinaus, in welcher ich mich +früher dieser Stimme bedient hatte. Dies ärgerte mich empfindlich, denn ich +erkannte, was ich zu Lebzeiten versäumt hatte. + +»Siehst du, was alles in mir gesteckt hat?« fragte ich, aber ich verwand +meinen Verdruß rasch, denn mein abgeklärtes Ich an meiner Seite hatte etwas +ungemein Imponierendes. + +»Habe ich eigentlich jemals auf einen Menschen einen ähnlichen Eindruck +gemacht, wie Sie auf mich?« fragte ich. + +»Du kannst schon du sagen,« meinte mein Ich recht liebenswürdig und ohne +kränkendes Wohlwollen, »wir müssen versuchen, uns endlich zu verstehen.« + +Das sah ich ein. »Gib wenigstens den Ring her!« bat ich. + +Da sah ich, wie ich selbst, an meinem Lager sitzend, meinen Ring vom Finger +zog, genau auf die gleiche Art, wie ich es zu Lebzeiten getan haben mochte, +wenn ich ihn irgend jemand auf seinen Wunsch hin zeigte. Ich versuchte, den +Ring anzustecken, aber mein Finger brach ab. »Verflucht, ist es schon so +weit mit mir, Sahib?« fragte ich unwirsch. Mein Ich nahm den Finger und +steckte ihn umständlich in die Tasche, und zwar in die richtige, die ich +für solcherlei Gegenstände leer zu halten pflegte. + +»Sind wir noch in Indien?« fragte ich; aber unmittelbar, nachdem ich diese +Frage ausgesprochen hatte, überkam mich die Erkenntnis, wie völlig +belanglos solch ein Umstand für mich war. »Was soll geschehen?« fragte ich +etwas burschikos, denn ohne einen bestimmten Zweck würde mein Ich sich +hier kaum niedergelassen haben, so gut glaubte ich mich zu kennen. + +Und wirklich erhob sich nun das Ich in meiner Gestalt, zog seinen Rock +zurecht, trat einmal mit dem Bein nach vorn, um die Hose zu glätten, und +strich sich über das Haar. Ich wußte schon, daß es sich darum handelte, daß +ich mein Grab kennen lernen sollte. + +»Du darfst dir keine besondere Vorstellung von der Ausstattung machen«, +hörte ich. »Panja hat dich im Wald verscharrt, kaum tiefer, als deine Arme +lang sind, und die Waldblumen wachsen über deinen Augen.« Nachdem diese +Worte verklungen waren, sah ich niemand mehr und empfand nun, daß ich in +meinem Grabe ruhte. Einen kleinen Augenblick lang huschten mir noch +Gedanken durch den Sinn, aber dann überwältigte mich eine unbeschreibliche +Ruhe. + +Diese Ruhe vermag kein irdischer Mund zu schildern; es ist mir niemals eine +Wohltat geschehen, die dieser Ruhe zu vergleichen wäre. Nach einer langen +und ermüdenden Wanderung voll ungesunder Hast und qualvoller Befürchtungen +langte ich früher in meinem Leben einmal am Ort meiner Bestimmung an und +außer einer trostreichen Gewißheit empfing mich ein kühles, weißes Lager in +einem stillen Raum, dessen Fenster den Blick auf die Berge hinausführten. +Die wenigen Minuten, in welchen ich meinen übermüdeten Körper vor dem +Einschlafen auf diesem Lager ruhen fühlte, sind vielleicht entfernt dem +glücklichen Zustand zu vergleichen, in welchem ich nun im Grabe lag, aber +man muß sich diese Wohltat bis an die Grenze der Bewußtlosigkeit gesteigert +denken und wie im friedlichen Rausch einer überirdischen Musik. + +Meine Hände waren hoch auf der Brust übereinandergelegt, ohne gefaltet zu +sein; ich ruhte ganz gerade ausgestreckt, und die schwere Decke der Erde +war eine glückliche Last; sie lag auf meiner Stirn und auf meinem Gesicht, +wie die liebevollen Hände einer besorgten Mutter nicht sanfter ruhen +können. Ich vernahm einen gleichmäßigen, starken Pulsschlag, dessen +Ursprung ich nicht erkannte, der mich aber mit großer Beruhigung erfüllte. +So lange unter den lebenden Wesen der Erde noch eines meiner in Liebe +gedachte, blieb mein Bewußtsein wach, aber ohne qualvolle Erinnerungen; es +war ein unbeschreiblich erhabenes und freies Lächeln, mit welchem ich der +irdischen Ereignisse gedachte, ohne mich ihrer recht zu erinnern. So ruht +das Korn in der winterlichen Erde, es trägt sein Gedenken an den Sommerwind +und an die Sonne, in der es herangereift ist, wie einen Frühlingstraum +durch seinen Schlaf. Das Licht, der Regen, das Schwanken in der bewegten +Luft und der Schnitter sind eine einzige lind durchbebte Ahnung der +Vergangenheit, die keine Trauer oder kein Gefühl der Verlassenheit +aufkommen läßt. Denn im dunklen Schlummerland pocht ein herber, +gleichmäßiger Pulsschlag; ob es die Lichtwellen der Sonne, ob es Tag und +Nacht sind, oder der Wechsel der Jahrtausende, ist niemals die Sorge eines +im Erdreich Schlummernden gewesen, denn nun ist der Tod überwunden; man muß +ihn nur kennen, um zu wissen, wie wesenlos seine Mächte sind, die die armen +Erdbefangenen als eine so unerhörte Herrschaft feiern. Nun sind tausend +Jahre wie ein Tag. Ich hatte weder den Wunsch, jemand von denen +wiederzusehen, die ich geliebt hatte, noch kannte ich Sorge um ihr +Geschick. Glückseliger konnten die Frommen nicht sein, die Gottes Angesicht +schauten. + +Nach einer unabsehbar langen Zeit, in der ich keinerlei Veränderung spürte, +schien es mir, als würde es langsam dunkler um mich her und in mir. Nicht +die Furcht, nun vergessen zu sein, bewegte mich, aber eine laue +Anteillosigkeit auch an dieser Möglichkeit. Vielleicht war das Laub des +Waldes dichter und dichter über meiner Ruhestatt niedergesunken, oder die +Erde kreiste nicht mehr um die Sonne, vielleicht war sie von einem anderen, +größeren Gestirn aufgenommen, auf welchem der Wechsel der Zeit nach anderen +Gesetzen vor sich ging. Mehr und mehr verlor ich das Bewußtsein meiner +selbst, aber ohne darüber in Gram zu sinken; es war mir, als ob der Rest +meiner Klarheit sich in einem einzigen Fünkchen sammelte, das ähnlich +glomm, wie die Hoffnung in den Herzen der lebendigen Menschen. + +Da bemerkte ich allmählich, in einem heraufdämmernden Zeitraum, den ich +nicht begrenzen kann, einen sanften Lichtschein über mir, der still anwuchs +und sich langsam näherte. Er war weißlich, ohne zu glänzen, und erschien +mir wie ein blasser Strahl von zartem Umriß und langsamem Leben; er senkte +sich auf die Gegend meines Herzens nieder und ohne einen Schein im Erdreich +zu verbreiten, glomm er doch in lieblicher Seligkeit, und der unfaßbare +Zauber einer fernen Erinnerung an die Sonne verband ihn mit meiner +Zuversicht. Da erkannte ich, daß es der tastende Wurzelkeim einer Pflanze +war, der sich meiner Brust näherte, und mich ergriff ein tiefer Schauer, +der nicht Freude noch Hoffnung war, aber man könnte ihn vielleicht mit der +Ergriffenheit vergleichen, in der die Irdischen bei einer großen +Erschütterung ihres Gemüts in Tränen ausbrechen, ohne dabei schon Lust oder +Schmerz zu verspüren. Je näher der bleiche, saugende Mund auf kindlicher +und frommer Wanderschaft und in gehorsamem Wachstum meiner Brust kam, um so +mehr verwandelte sich mein erlöschendes Menschbewußtsein in ein seliges +Allgefühl von erhabener Gestilltheit und froher Bereitschaft zum Vergehen +in ein unversiegbares Bereich. Da geschah es bald darauf, daß die Wurzel +der Pflanze in mein Herz eindrang und in einem funkelnden Erklingen, in +einem von Frische und seliger Wildheit betäubenden Lichtwirbel wurde mein +Wesen emporgerissen in das warme, leuchtende Brausen der Erdoberfläche. + +Über meinem Grab brach eine große Blume auf und öffnete sich gegen die +himmlische Sonne. -- + +Nun kam es mit weichen Schritten durch die dichten Lauben des Urwalds +heran, auf diesen verschlungenen Pfaden, die kaum ein paar Schritt weit zu +übersehen sind und wie grüne Höhlen wirken; unendlich weich und geschmeidig +schritt es dahin, von der stolzen Erhobenheit der Gestalt, die unter allen +Geschöpfen nur die Menschen haben. Es war ein Mädchen, das herankam, +beinahe noch ein Kind an Jahren. In jener schattigen Lichtung im großen +Urwald, an welcher unter einem Baum vorzeiten mein Grab gegraben worden +war, und in welcher nun die frische Blume sich langsam gegen das +Sonnenlicht kehrte, machte das Mädchen halt und beugte sich nieder. Sie +trug Lotusblüten im Haar, von sanftem Rot und einen schmalen Gürtel von +gewundener ockerroter Seide um die zarten Hüften. Ein Hauch von Ambra +begleitete sie, wie unsichtbare Flügel der Jugend. + +Um den Hals trug sie eine zweifache Schnur aus roten Angolaerbsen, und ein +breiter Goldring, der um ihr Fußgelenk geschmiedet war, funkelte im Tau der +Bodenpflanzen. + +Als ihre Augen mit dem nächtlichen Glanz einer tausend Jahre alten +Schwermut sich über das frische, helle Blau der kaum erblühten Blume +neigten, war es, als begegneten einander ein himmlisches Erstrahlen und ein +irdischer Widerschein. Aber das Mädchen brach die Blume nicht, sondern es +schien, als erinnere sie sich zuvor einer köstlichen Pflicht, denn ihr +Angesicht belebte sich unter einer mit Schamhaftigkeit gemischten +Erwartung. Über die Wurzeln der Bäume dahin, im weichen Erdreich und über +braunem Laub, floß ein Bach; sein klares Wasser zog rasch und lautlos +durch Sonnenflecke und Buschschatten. Das Mädchen legte ihre Halsschnur ab +und hängte sie in kindlicher Fürsorge nachdenklich in die Betelranken, die +die hängenden Zweige des Baumes mit dem Waldboden verbanden; sie legte +ihren Gürtel ab und blinzelte fröhlich in das warme Licht. Nur die Blumen, +die ihr Haar schmückten, ließ sie in der nachtdunklen, glänzenden Fülle +ruhen, in der sie zum Ruhm ihrer jungen Herrlichkeit verwelken sollten. + +Das Wasser wurde unter der Freude ihres lieblichen Körpers beredt; es +überrieselte wie mit fröhlichem Lachen die helle Bronze dieses Leibes, der +sich unter den Berührungen der Natur beseligt dehnte und in einer Hingabe +ohnegleichen seinen Schöpfer lobte, den Schöpfer der Waldriesen, die ihn +behüteten, der Milliarden Pflanzen und allen Getiers, das gleich ihm im +duftenden Schatten atmete, und der großen Sonne, die ohne Aufhör goldenes +Glück zum Wohlergehen der Ihren auf die geduldige Erde sandte. + +An einem besonnten Hügel, der weich von Moos gepolstert war, legte das +Mädchen sich auf den Boden nieder, um in der warmen Luft zu trocknen; sie +gab sich dem Licht in holder Bedachtlosigkeit preis, denn es gibt vor ihm +keine Geheimnisse des Körpers oder der Seele, und beide sehnen sich nach +ihm. Sie schien mit dem Boden zu verschmelzen; der Pulsschlag der Erde +verband sich mit dem Pochen ihres Bluts, und die Blüten in ihrem Haar +dufteten noch einmal empor im Verein mit dem sanften Hauch von Müdigkeit, +der wie ein Lied von ihrem Leib aufstieg. Die Sonnenstrahlen glitten +spielend über die zierlichen Hügel der kleinen Brüste dahin, über die +Rundungen der warmen Glieder; hier leuchteten sie auf, dort tauchten sie in +heimliche Schatten nieder, allmächtiger als der stärkste Beherrscher, der +sich jemals eine Welt zu eigen gemacht hat, und mit der Anmut eines +Geliebten, der nach überwundenen Stürmen seine Wohltäterin beglückt. + +Wie in reglosem Stolz, erstarrt vor Andacht, sah die grüne Waldherrlichkeit +auf den ruhenden Triumph der Schöpfung nieder, bis jählings mit hellem +Flöten ein Vogel im Rankendickicht ein Lied begann, überselig, beinahe +grell und erschreckend, und aus der Nähe drang eine gejubelte Antwort. Da +erhob sich das Mädchen, legte bedächtig ihren geringen Schmuck aufs neue an +und bückte sich über die Blume nieder, in der das Blut meines Leibes +auferstanden war; sie brach sie und befestigte sie, indem ihre großen Augen +über dem zitternden Kelch lächelten, in ihrem Gürtel. -- + +Wie war es doch gewesen? Ach, nun erinnerte ich mich, jene große Blume von +leuchtendem Blau rief mir alles ins Gedächtnis zurück. Ich kannte dies +Mädchen und ihre Blume schon längst; es war in einer jener vertanen Nächte +in Bombay, in einer jener Nächte, die ruhlos und ziellos beginnen und oft +so trostlos verstreichen, hingegeben an Nichtigkeiten, in denen unsere +hohen Erwartungen, vom Geist des Weins umhüllt, in grauen Morgenstunden +versiegen. Aber es gibt keine Hoffnungen, die nicht irgendwo in unserer +Seele und irgendwo in unserer Zeit mit einem jenem Lächeln verwandten Glanz +gestillt werden, in dem sie erwachen. Hoffnungen sind den Blüten +schlummernder Rechte vergleichbar, im Dämmerlicht der Ahnung. + +Ich hatte damals in einer Abendstunde das Hotel verlassen, in dem ich schon +seit Tagen auf einen Dampfer wartete, der mich nach Singapore bringen +sollte, und war die breite, belebte Straße hinabgeschlendert, ohne +Ausrüstung für eine bewegte Nacht, ja, ohne eine andere Absicht, als die, +mich noch für einige Minuten in der kühleren Luft des Abends zu ergehen und +dem bunten Straßentreiben zuzuschauen. Aber es lag keine Linderung in der +schwülen Luft, die nach verdunstendem Sprengwasser, nach Pferden und Öl +duftete, sowohl die freien Atemzüge behinderte, als auch die vernünftigen +Gedanken. Oft wirkt diese Atmosphäre wie eine Ankündigung des Fiebers, +verwirrend und zu allerhand Sinnlosigkeiten ermunternd; die Lebensleiden +der Verlassenheit gären darin, satt von Melancholie; kleine Teufel erheben +darin die nach Abenteuern lüsternen Narrenköpfe, während der nahende, rote +Mond den nüchternen Sinn aller Dinge in Schleier legt. -- + +Ich ließ mich nach einer Weile am Holztischchen eines Straßencafés nieder; +es erschien mir, als verbürgen mir alle, die mich anschauten, etwas, in +mitleidiger Überlegenheit. Eine kleine, ganz in ein dunkles Tuch gehüllte +Straßenbettlerin hielt mir die braune, offene Hand hin, und unter ihrem +Lächeln verstand ich plötzlich die Nacht. + +Nun war es dunkler geworden, als ich weiterschritt. Aus geöffneten Türen +drang der Schein bunter Lichter; die Straßen wurden enger und die Passanten +seltener. Ich hörte Schritte herannahen und jählings hinter mir verstummen, +sobald eine der vermummten Nachtgestalten an mir vorübergegangen war; man +blieb stehen und sah mir nach, neugierig, oder lüstern auf einen Raub, von +einer Ahnung der Ruhlosigkeit und Unsicherheit angeweht, die mich +gefangenhielten und dahintrieben. Einen Augenblick war ich um mein Leben +besorgt, da ich die Gefährlichkeit dieser Stadtgegend kannte, aber dann war +mir, als sei dies, mein geliebtes und umsorgtes Leben, eine ganz fremde und +gleichgültige Sache für mich geworden. Es kam auf ganz andere Dinge an; die +Nacht forderte ihr Recht, die Nacht der Erde und die meiner unruhigen +Seele, die nach einem mystischen Tag ihrer Wandlung Verlangen trug. + +Die Tür eines Holzhauses stand angelehnt, und als ich sie aufstieß, blickte +ich in einen schmalen Korridor, der durch eine grünliche Papierampel +dämmerig erhellt wurde. Zur Rechten und zur Linken der Ampel waren an den +kahlen Wänden Spiegel angebracht, die das matte, schwebende Gestirn dieses +stillen Bereichs nach beiden Seiten hin tausendfach in ein magisches All +hinüberzauberten. Von irgendwoher erklang gedämpft eine klimpernde Musik, +der einer Mandoline vergleichbar, aber um vieles unbelebter und im Takt oft +von einem lang anhaltenden Ton unterbrochen, der einer Flöte entstammen +konnte. Ein schwerer, süßer Geruch drang mir entgegen, wie von gärendem +Honig und betäubendem Räucherwerk; er quoll aus dem Spalt eines roten +Vorhangs im Hintergrund, wie aus der Wunde einer überreifen Frucht. + +Als ich an diesem Ort eine kleine Weile gestanden und gelauscht hatte, +öffnete der niedrige Vorhang sich, und eine alte Frau trat zögernd und +scheinbar überrascht auf mich zu. Sie war welk, und ihr ergrautes Haar +flimmerte vermodert in dem blaßfarbigen Licht der Papierlaterne über ihrem +Scheitel, ein gelbes Tuch war wie eine Fahne um ihren Körper geschlungen, +so daß ihre Schultern und Arme, sowie ihre Beine von den Knien an abwärts +unbedeckt waren. Nachdem sie sich von ihrer anfänglichen Überraschung +erholt hatte, lächelte sie mir in feiner, unpersönlicher Herzlichkeit zu, +die Leuten eignet, die aus Beruf oder Gewohnheit gastfreundlich sind, und +lud mich, nach einem prüfenden Blick über meine europäische Kleidung ein, +näherzutreten. Sie sagte ein paar Sätze, die ich nicht verstand, denen aber +leicht ein Willkomm zu entnehmen war und eine ehrende Begrüßung. Da ich +ohne Zögern nähertrat, verdoppelte sie ihre Unterwürfigkeit, und ich hatte +den Eindruck, als kröche sie mir die Stiege hinauf voran, die wir im +rötlichen Dämmerlicht erklommen; ich sah immer nur ihr Angesicht dicht vor +meinem, während ihr übriger Körper bereits voraus war. Sie grinste süßlich +und boshaft; irgendwo bimmelte zaghaft ein Glöcklein; beklommen folgte ich, +ohne Aufwand von Mut, ohne Umsicht, ja fast ohne rechte Erwartung; was +geschehen sollte, mochte geschehen. Das Leben wog leicht. + +Wir kamen an eine mit buntem Papier bezogene Tür, die die Treppe hart +abschloß, und die sich lautlos und leicht unter dem Druck der welken Hand +der alten Frau öffnete. + +»Tritt ein, Herr«, sagte sie auf Hindustani und drückte sich an die Wand, +die nachgab und schwankte; ich hatte den bestimmten Eindruck, daß wir von +allen Seiten beobachtet wurden. So tappte ich nun vorsichtig voran in das +von Rauch wie in Nebel getauchte bläuliche Dämmerlicht eines niedrigen +Raumes, in welchem ich anfänglich, außer dem erlöschenden Mond einer +stillen Ampel, nur hängende Wandteppiche in mancherlei gedämpften Farben +und seltsamen Ornamenten zu erkennen glaubte. Es glitzerte mir in matten +Goldtönen entgegen und ein sanft betäubender Hauch von welkendem Jasmin und +Opium beengte die Brust. + +Ich durchschritt mit meiner Führerin diesen Raum, um in einen zweiten zu +gelangen, der noch kleiner und finsterer war, und in dem ich zuerst nur ein +breites Ruhebett erkannte, das mit vielfarbigen Decken und Fellen belegt +und kaum einen Fuß hoch war. Die Alte verbeugte sich viele Male, nachdem +ich, wie sie es zu wünschen schien, auf diesem Lager Platz genommen hatte, +und sagte im Hinausgleiten in gebrochenem Englisch: + +»Ich werde Goy für dich holen, Herr, du wirst zufrieden sein.« + +Als ich ihr mit zwei zustimmenden Worten zunickte, lachte sie, glücklich +und stolz darüber, verstanden worden zu sein. O, sie war eine hochgebildete +Frau, nun hatte sie den Beweis erbracht, und nichts wäre in der Lage +gewesen, sie zu einer Handlung zu bewegen, die mich an dieser Meinung über +sie wieder irremachte. + +Ich sah mich kaum im Zimmer um, als ich allein war; es mußte alles so sein +und kommen, wie es für diese Nacht bestimmt war. + +Unter einer winzigen grünen Ampel, dicht an der Decke, erblickte ich ein +rundes Tischchen mit unwahrscheinlich dünnen Beinen, und in einer mit roten +und blauen Ornamenten ausgelegten Messingschale, die darauf stand, lagen +trockene, fremdartige Früchte, Tabak, Hanf und Betel. Da meine Augen sich +bald an das ebenmäßige, sanfte Licht gewöhnt hatten, erblickte ich, als nun +die Tür sich öffnete, sogleich mit der übersinnlichen Deutlichkeit einer +Vision das Mädchen, das meinen Raum betrat und vorsichtig die Tür hinter +sich schloß und verriegelte. Sie trat so gelassen und freundlich auf mich +zu, als sei ich ihr ein längst vertrauter Gast, und grüßte mich, indem sie +nach kanaresischer Sitte die Spitzen ihrer Hände an die Stirn legte und +sich tief verneigte. Sie war völlig nackt unter einem unendlich feinen +Schleier von rauchfarbenem Seidenflor; ihr schwarzes Haar war mit grauen +Blumen geschmückt, und ein schmaler Ledergürtel von verblichenem Ockerrot +legte sich, ohne ihren Körper zu beengen, wie ein Ring aus rostigem Metall +um ihre Hüften, die, obgleich ich ein Kind vor mir zu haben glaubte, doch +von weicher Rundung und lieblicher, ebenmäßiger Fülle waren. In diesem +Gürtel war eine große Blume von hellem Blau befestigt, mit tiefem +goldbraunem Kelch; sie hob sich fast unwirklich und in seltsam wohltuendem +Kontrast vom Bronzeton des jungen Körpers ab. + +Alles, außer dieser frischen Blume, hatte jene seltsam überzeugende +Bewußtheit in Farbe, Erscheinung und Bewegung, wie nur eine jahrhundertalte +Tradition sie verleihen kann, alles außer dieser Blume und dem schmiegsamen +Mädchenleib. + +Ich weiß nicht, ob ich alles verstanden habe, was in dieser denkwürdigen +Nacht dieses Kind zu mir sagte, wohl aber weiß ich, daß wir einander +verstanden. Die Ausschließlichkeit, welche das glühende Bereich +heraufbeschwört, in das der Liebreiz dieses Mädchens mich zog, verbannte +alle kleinen Einzelinteressen und Begierden, die unser Leben spalten und +bedrängen, und es gab nur ein Ziel für unser Blut. + +»Soll ich tanzen?« fragte Goy, »sage mir, was dir wohltut?« + +Sie tanzte unter dem grünlichen Mond der kleinen Ampel, der eine ganze Welt +bestrahlte. Es war schwül und totenstill in dieser Welt. Ich hörte nur den +Schlag der weichen Füße auf den Matten, und wenn ich die Augen schloß, so +fühlte ich den zarten Fuß auf den Herzensquellen meines Lebens tanzen. Mit +jedem neuen Erwachen meiner Blicke erschien mir Goys erblühter Kinderkörper +erneut; er blieb mir fremd und wechselte wie eine Landschaft, die der Geist +im Flug durcheilt. Nun wurde es still, und ihre Frauenaugen lächelten +erfahren, kindlich und begierig über den meinen: + +»Willst du mir nicht befehlen, Herr?« sagte Goy so langsam, daß mir war, +als stünde mein Herz unter den unausgesprochenen Verheißungen ihrer Bitte +still, aber doch lauerte hinter ihrer Unterwürfigkeit, ohne Falsch, das +glückliche Bewußtsein ihrer Herrschaft. Nun hockte sie sanftmütig, +merkwürdig beschienen vom Ampellicht, wie eine große, goldene Katze vor mir +auf dem Lager, drehte bedächtig Papyrus, zerbröckelte Tabak und Hanf und, +als sie Opium hineinmischte, verwandelte sie sich mir plötzlich in eine +Göttin, die den Schlaf herbeiführt. + +Goy war, wie die meisten Frauen des Orients, auf eine Art für die Liebe +erzogen, die die Folge einer grauenhaften Verwöhntheit ist, aber über allen +ihren Handlungen lag ein zauberhaftes Glück von einer Unschuld der +Gesinnung, die wie Keuschheit wirkte. Goy tat ihre Pflicht, und kein +Gewissen, wie es in unserer Brust wohnt, behinderte ihre geschäftige Treue +gegen den einzigen Genuß, den sie kannte und austeilte. + +Ich rauchte in tiefen, durstigen Zügen und sank mehr und mehr in +Betäubung. Das Mädchen ließ keinen Augenblick verstreichen, in dem sie sich +nicht hinzugeben schien; ihr Bild verwandelte sich unaufhörlich; sie gab +keines ihrer Geheimnisse preis, ohne ein neues ahnen zu lassen. + +»Vergiß das Leben«, sagte sie mit sanftem Tadel, scheinbar über mein Zögern +in milden Schrecken versetzt. »Bin ich nicht schön?« + +»Doch, du bist sehr schön, Goy, schöner als alle, die ich gesehen habe.« + +»O, nein,« antwortete sie nachdenklich, »die blassen Mädchen sind schöner.« +Sie schaute mit ihren übergroßen Kinderaugen auf mich hin und lächelte, als +ich schwieg. Ihre Nägel waren rot bemalt, und ihre Hände, wie ihr ganzer +Körper waren mit großer Sorgfalt gepflegt. + +»Die Menschen legen mit den Kleidern die Lüge nicht ab,« sagte Goy, »ich +glaube an nichts, als an die Liebe und an die Lust, die durch sie kommt.« + +Ich verstand, wie sie ihre Worte meinte, denn sie stand, als sie so sprach, +innig dargeboten und aufgerichtet vor mir und hob ihre Arme, als ob sie +eine Schale darreichte. Ihr Haupt verdunkelte die Ampel, so daß ihre +Gestalt in magischen Lichträndern glomm. Aber ihre Worte bewegten sich in +meinem Herzen auf eine andere Art, sie nahmen Glanz an und entzündeten sich +für eine weite Reise. + +Goy las in meinen Zügen. + +»Vergiß,« sagte sie, »woran mußt du denken? Hier ist weder Zeit, noch Tag +und Nacht.« + +»Und doch, du Geliebte dieser kleinen Ewigkeit, ist nicht das Leben länger +als die Jugend?« + +»Nein,« sagte Goy sicher, und ihr Lächeln hatte etwas unfaßlich +Überzeugendes, »vielleicht für euch Männer, aber für uns Mädchen nicht. +Eine alte Frau ist schlimmer als eine ausgepreßte Mangofrucht, mit den +Gliedern welkt die Hoffnung, denn das Blut verliert seine Stimme, der der +Gang der Welt gehorcht. Kein Kind wird meine Freude sein.« + +»Was kann ich für dich tun, Goy? Nimm alles, was ich habe!« + +»Ich nehme nichts«, sagte das Mädchen. »Ich habe niemals etwas genommen. +Die Alte nimmt. Sage mir, daß ich schön bin und daß ich dich beglückt +habe.« + +»Du bist sehr schön.« + +»Du sagst nur das eine, so bist du undankbar, oder du bist von denen, die +niemals sich selbst vergessen können, als wären sie so wichtig, ach, so +wichtig!« + +Sie kam mir ganz nah und sah mir unter die Augen, dann zog sie gelinde den +Finger vom Winkel meines Auges über die Wange und um den Mund herum, +seufzte tief auf, als beklagte sie mich, und nickte. + +Ich schloß die Augen. Die feuchte Blüte an ihrem Gürtel näherte sich meinem +Gesicht, und mir war für einen Augenblick, als legte sie sich kalt auf +meine Stirn. + +»Welche Menschen meinst du?« fragte ich. Mir war, als wiche der bunte +Rausch, wie Wolken dem Wind weichen, für kurz von mir. + +Goy sann nach und lächelte wehmütig, als gäbe sie mich verloren; dann hob +sie die Hand an meine Stirn, tippte schnell mit der Spitze des Fingers an +die Schläfen und sagte: + +»Das kalte Feuer dort! Es ist stärker als alle anderen Flammen und scheint +heller. Es kämpft mit der Wärme des Herzens und hat schon viele Herzen +ausgelöscht. Ihr müßt immer von einem zum andern. Wer alle Hindernisse zu +seinen Mitteln machen will, verdirbt seine Ruhe, denn die Welt ist voller +Hindernisse. Wohin willst du? Unsere Weisen lächeln über euch. So komm', +vergiß!« -- + +Als ich aus dem Hause trat, fiel mich die Sonne wie ein Raubtier an. Ich +taumelte und tastete mich an den Häusern entlang voran, bis langsam meine +Besinnungen zurückkehrten. Ich wußte nicht, wieviel Zeit verstrichen war. +So muß Lazarus die Welt empfunden haben, als ihn ein Gott ins Leben +zurückrief. Ich erinnerte mich langsam der Einzelheiten meiner Erlebnisse, +wie der eines tiefen Traumes. -- + +Es mag nun wohl gewesen sein, daß eine habgierige Alte mich geführt und ein +verdorbenes Kind mein Lager geteilt hatte, aber da ich von beiden +Eigenschaften keine fürchte, so bekümmern sie mich wenig, denn es kam mir +damals nicht darauf an, wieviel die Dinge in den richterlichen Augen einer +Weltgerechtigkeit wert sein mochten, sondern es kam mir darauf an, wie sie +sich in meinen Augen spiegelten. + +Das Leben aber trübt die Augen der Menschen mit Träumereien, Scherzen und +Tränen. + + * * * * * + +Langsam empfand ich nun mehr und mehr, daß es einzig noch auf jene +sonderbare Blume ankam und auf ihr schimmerndes Blau, das sich seltsam +herrschsüchtig und still vor mir auszudehnen schien. Da war mir, als +erwachte ich wiederum zu einem neuen Dasein. Eine unendliche Mattigkeit +beschwerte meine Glieder, und meine Augen waren unsicher und benommen, wie +befangen von jenem strahlenden Azur meiner Traumblume, die sich nun als +eine endlose blaue Mauer vor mir ausbreitete. Ich versuchte mit großer +Anstrengung, diese blaue Mauer zu begreifen. Da sah ich plötzlich, wie +einen ganz fremden Gegenstand, meine Hand auf meinen Knien liegen, +abgemagert und ganz weiß. Ich versuchte, sie zu heben, und sie gehorchte +mir. Die unbeschreiblichen Schauer eines ganz neuen Lebens ließen meine +Glieder erbeben; sie gingen vom Bewußtsein aus und rieselten wie +Lichtgarben durch meine Adern, eigensinnigen Funken gleich, heiß und kalt. +Ich seufzte tief auf und weiß heute noch gut und genau, daß ich laut sagte: + +»Es kann das alte Leben nicht sein.« + +Da kam Panja um eine weiße Säule geschritten, die sich von der blauen Wand +abhob, und starrte mich an. Er stand merkwürdig unwirklich da, als schwebte +er in der Luft. Dies ist ja ein brauner Mann mit einem weißen Turban, +dachte ich. + +»Sahib!« schrie er, als er in meine Augen sah. »Sahib, sprich.« + +»Wo sind wir, Panja?« fragte ich matt, »was ist mit der Zeit geschehen, +Panja?« + +Mein Diener starrte mich verständnislos und in einer deutlich in seinem +Gesicht aufs neue auftauchenden Angst an, aber sie wich mehr und mehr, je +länger er in meine Augen schaute. + +»Sahib, sprich gute Worte«, bat er, zweifelnd und hoffnungsvoll zugleich. + +Da kam mir zum Bewußtsein, daß ich meine Frage in deutscher Sprache +gestellt hatte, und ich wiederholte sie englisch. + +An Stelle einer Antwort stieß Panja einen lauten Schrei aus und warf sich +auf die Knie, indem er die meinen mit seinen Armen bedeckte. Schluchzend +stammelte er: »Sahib, du wirst leben!« + +»Wohin sind wir geraten, Panja? Was ist dort für eine blaue Wand?« + +Panja erhob sich mit glücklichem Lachen, trat zur Seite und sagte: »Es ist +das Meer. Wir sind hoch in den Bergen, du siehst auf das Meer hinab. Wir +haben dich aus den Sümpfen hinaufgetragen, zwei Tage und zwei Nächte lang, +ohne zu schlafen und kaum, daß wir geruht haben, bis die leichte Luft kam, +die Kühle und die Ruhe. Sieh um dich, sieh die Wälder an! Dies ist das +verlassene Bungalow einer englischen Farm. Wir haben die Affen vertrieben, +die von ihm Besitz ergriffen hatten«, er stockte und sah mich an. »Ach, +Sahib, nun bist du erwacht und gesund geworden, der Sinn ist in deine Augen +und Worte zurückgekehrt und die Freude in meine Brust.« + +Ich sah Panja weinen und begriff, daß er die Wahrheit sprach, und daß mein +Geist aus dem Bereich der Fiebergifte in die Wirklichkeit zurückgekehrt +war. Da sah ich in einiger Entfernung Guru am Boden hocken und mich +unverwandt mit seinen großen Nachtaugen anstarren. Es lag etwas in seinen +Blicken, was ich nie vergessen werde. + +Erst nach Tagen erfuhr ich langsam, was sich zugetragen hatte, denn Panja +verschonte mich mit allem, bis ich danach fragte. Ein großer Teil unseres +Gepäcks war verloren, da die Leute sich meiner annehmen mußten und keine +Träger zu bekommen waren. Panja hatte hauptsächlich Proviant mitnehmen +lassen und die Koffer, von denen er wußte, daß sie meine wertvollsten +Besitztümer bargen, ebenso meine Waffen und ein Zelt. Zwar waren seit +gestern Pascha und ein Kuli hinabgestiegen, um zu retten, was noch zu +finden war, und um Sorge zu tragen, daß alles noch Vorhandene in einem +Eingeborenendorf untergebracht werden sollte, aber Panja hatte wenig +Hoffnung und fürchtete, daß die ersten Gewitter hereinbrechen könnten. Er +saß oft lange schweigend in der Mittagsglut neben meinem Liegestuhl und sah +den Himmel über dem Meer an und die weite, blaue Fläche, die aus dieser +Höhe so ebenmäßig erschien, wie eine Platte aus Metall. Zuweilen lag ein +feiner, grauer Dunst darüber. Aber außer dieser Besorgnis, deren Gewicht +ich kannte, bedrückte ihn ein anderer Kummer; ich merkte es ihm an, wollte +aber nicht fragen. Erst als ich meine erste Zigarre anzündete, lächelte +Panja melancholisch und meinte: »Nun wirst du auch das Schlimmste ertragen, +da deine Kraft zurückgekehrt ist.« + +Elias war vom Panther geholt worden. + + + + +Siebentes Kapitel + +In den Bergen + + +Panja prüfte aufs neue das verfallene Haus, in dem ein Raum notdürftig für +mich hergerichtet worden war, so daß er geschlossen werden konnte, da ich +die Nacht ohne Feuer verbrachte. + +»Willst du bleiben, Sahib, bis die großen Regen kommen?« + +Ich wußte, daß dies nicht anging, und daß wir verloren sein würden, wenn +die ersten Gewitter uns in den Bergen überraschten. Erfolglos versuchte ich +die Zeit seit unsrer Abreise von Cannanore zu ermessen, es mochten vier, +fünf oder sechs Monate vergangen sein. + +Gurumahu war eines Morgens zu mir gekommen und hatte sich heimwehkrank +gemeldet. Er trennte sich mit schwerem Herzen von uns, aber wenn er sein +Dorf vor Anbruch der großen Regen erreichen wollte, so mußte er sich nun +auf den Weg machen. + +Ich schenkte ihm meine verlötete Tropenuhr aus Nickel. Das war gewiß an +sich kein großes Geschenk, obgleich sie aufgeregt zu ticken verstand und +bei trockener Witterung sogar ging, aber Guru nahm sie beglückt entgegen. +Er wird künftig alles aus ihr ersehen, was sein Herz zu wissen begehrt: die +Jahreszeiten, die Windrichtung und den Gang der Gestirne. -- + +Oft fehlte es uns am Nötigsten. Panjas besorgte Augen schreckten mich aus +der Täuschung, in der ich mich dem Glauben hingab, daß die wohltuende, oft +kühle Luft der Berge und der hochgemute Seelenzustand, wie er Genesende +erfreut, zu hoffnungsvollem Blick in die Zukunft berechtigten. Unser Gepäck +war zum größten Teil gerettet, nur unter den Nahrungsmitteln hatten die +weißen Ameisen auf das furchtbarste gewütet, aber außer Panja und Pascha +hatte ich nur noch zwei Träger aus Süd-Kanara bei mir, die uns unter +großem Müheaufwand und oft unter Einsetzung ihres Lebens mit Reis und +Früchten aus dem nächsten Dschungeldorf versahen. Die dortigen Bewohner +hatten unsere Abhängigkeit von ihrer Leistung herausgebracht, und meine +Geldvorräte schmolzen immer mehr zusammen, eine Tatsache, die Panja in +stille Raserei brachte. Er schwor den Erpressern unten im Grünen Rache und +versprach mehr als einmal, ihr Dorf in Brand zu stecken; meine +Gleichgültigkeit führte ihn zu ernstlichen Ermahnungen: + +»Sahib, du bist ein großer Herr, und du kannst tun, was du willst, aber du +tust nichts. Die Tage verstreichen, einer nach dem andern, wie die +Wasserwogen an der Meeresküste, sie lassen keine Spuren zurück und bringen +immer das gleiche. Wer lebt so? Als wir in Anandapur waren, hast du die +Brahminen verlacht, die den ganzen Tag in der Sonne liegen und den +Tempelreis fressen, der ihr Anrecht ist, aber wie machst nun du es? Früher +hast du alles in Büchern verzeichnet, was du sahst, und mich oft gefragt, +aber nun tust du auch das nicht mehr, und die Bücher sind verbrannt.« + +Das war Panja ein großer Kummer, denn er wußte, daß auch seiner oft in +diesen Büchern Erwähnung getan war, und er hatte sich auf den Ruhm +vorbereitet, der seiner im Okzident, im Lande der Herren, wartete. Ich +lachte ihn aus; nur was die Gewitter betraf, hatte er recht, und so +entschloß ich mich eines Tages, den kürzesten Weg nach Mangalore zu nehmen, +um im Schutz dieser alten, gesicherten Hafenstadt die Regenzeit abzuwarten. + +Aber im Herzensgrund ahnte ich bei solchen Vorsätzen, was ich aufgab und +dahinten ließ, und daß meinem Leben keine Zeit mehr würde gegeben werden, +die der verstrichenen an Licht und Freiheit glich. Und so kam es, daß sich +unsere Abreise von Tag zu Tag hinauszögerte, obgleich alle meine Erlebnisse +in den Bergen sich im Schleier jener dämmerigen Unwahrscheinlichkeit und +heimlichen Ruhlosigkeit zutrugen, die uns befallen können, wenn wir an +schöner Stätte den Gedanken des Abschieds schon mit uns umhertragen. -- + +Da war Gong, ich werde ihn nicht vergessen, wahrscheinlich ist er +inzwischen gestorben, denn er zählte schon damals nicht mehr zu den +Jüngsten, und er überwand sein Mißtrauen gegen mich niemals ganz. Er +gehörte jener Sorte von halbgroßen Affen an, die in Indien nur in den +Bergen leben, sie sind bedeutungsvoller als ihre Brüder aus dem Dschungel, +und sie haben andere Eigenschaften, aber keineswegs bessere. + +Ich nannte diesen meinen Gefährten der Frühmorgenstunden Gong wegen seiner +außerordentlich häßlichen Stimme, die so klang, als ob man einen alten, +rostigen Blechkessel gegen eine Steinmauer würfe. Gottlob sagte er nicht +viel, aber meine Erscheinung nötigte ihm das größte Interesse ab, offenbar +hatte er sich in den Kopf gesetzt vor seinem Hinscheiden noch etwas ganz +Besonderes zu erleben, und sich meine Person ausgewählt, die ihm dazu +angetan schien und die sich morgens unter den hohen alten Latan- und +Tamarindenbäumen finden ließ. + +Kaum daß die ferne Fläche des Meeres sich im Dämmern silbern färbte, als +ich auch schon mein Lager verließ, um die kühlsten Stunden nicht zu +verpassen. Ich sah diesen blassen Himmelsschein wie er sich vor der +vergitterten Öffnung meines Fensters matt und glanzlos abhob, nur wenig vom +Licht des Mondes unterschieden und vom ersten Ruf der Raubvögel erfüllt, +die weit hinter mir, schon in hellerem Licht, um die Felszacken kreisten. +Nun dauerte es noch etwa eine Stunde, bis die ersten Sonnenstrahlen unser +Hochland erreichten, zuerst sah ich sie fern auf dem Wasser funkeln, und im +Osten zeigten die Felszacken goldene Ränder in unendlich freier, weiter +Höhe gegen den blaßblauen Morgenhimmel emporgereckt. Es gingen ein Glanz +und eine Stille von ihnen aus, die jeden Morgen aufs neue mein Gemüt +erfüllten und es bis weit in die Tagesstunden hinein begleiteten, da nichts +geschah, was ihren Frieden in meiner Seele auszulöschen vermochte. Nur wer +auf diese Art und unter solchen Bedingungen die Natur aufzunehmen vermag, +lernt sie begreifen, denn sie erfordert, wie alles Große, unsere +schrankenlose Hingabe, um sich uns voll zu offenbaren. + +In dieser Stunde wartete Gong auf einem der meinem Hause nahe stehenden +Bäume, meistens auf einem niedrigen dicken Ast. Die eine Hand umklammerte +allerdings in der Regel, für alle Fälle, einen höheren Zweig, und wenn ich +meine Büchse bei mir hatte, so konnte anfangs kein Zureden ihn bewegen, zu +verharren. Ich weiß nicht, auf welche Art er die Bekanntschaft meiner Waffe +gemacht haben kann, sicher ist, daß die Affen mich weit länger kannten und +beobachtet hatten, als ich sie. + +Seine Gefährten flohen anfänglich in großen Scharen. Es war leicht, sie +dabei zu beobachten, weil die Bäume in großen Abständen voneinander +wuchsen, und die Herren sich jedesmal die Mühe machen mußten, erst wieder +auf den Erdboden herabzusteigen, wenn sie weiterkommen wollten. Gong nun +machte eines Tages eine Ausnahme, er blieb sitzen, als ich nahte, und ich +blieb stehen, denn es war mindestens erstaunlich, daß dieser Affe sich +nicht auf- und davonmachte. Er saß auf einem niedrigen, dicken Ast, hielt +sich mit allen vier Händen fest, als ob er sich hindern wollte, schließlich +doch die Flucht zu ergreifen, zitterte und sah mich mit hochgezogenen +Brauen zugleich neugierig, boshaft und ängstlich an. + +Ich habe nun bei Tieren immer zu erkennen geglaubt, daß sie es in der Regel +erst dann böse mit uns meinen, wenn wir ihnen Anlaß dazu geben. Es mag +sein, daß diese Anschauung daher kommt, daß ich in meiner Jugend niemals +schlechte Erfahrungen mit Hunden, Pferden oder Katzen gemacht habe, +obgleich diese Geschöpfe aus jener Zeit durchaus nicht das gleiche von mir +behaupten werden, auch mag es daran liegen, daß ich mich nicht im +Bewußtsein einer Überlegenheit wohlzufühlen vermag. Von allen Empfindungen, +die die Geselligkeit unter andern Wesen, seien es nun Menschen oder Tiere, +mit sich bringt, ist mir die der Überlegenheit am peinlichsten; ich habe +immer gesehen, daß die beschränktesten Menschen sie am ergiebigsten +auskosteten, wenn sich ihnen einmal Gelegenheit dazu bot. Es liegt im Wesen +aller Andacht vor dem Lebendigen, daß man sich einschließt, indem man +Rechte zugesteht, und sie erst dann einfordert, wenn das gemeinsame +Wohlergehen unserer Leitung bedarf. Von den gewaltigen Lebensstimmen, die +in der kurzen Wegstrecke des Erdendaseins unser Gemüt erschüttern, ist das +Seufzen der unterdrückten Kreatur, wie die leitende und klagende Melodie in +einem brausenden Orgellied, immer das Vernehmlichste gewesen, das mir zu +Ohren gedrungen ist, und da ich verabscheue, Mitleid zu geben oder zu +empfangen, ist mir nur der Weg geblieben, in allem Lebendigen einen meinem +Leben gleichberechtigten Ausdruck der Natur zu erblicken. + +Als nun Gong sitzen blieb, ohne mit seinen Gefährten zu flüchten, und ich +mich ihm langsam näherte, unterschied ich deutlich in seinen Zügen die +Anspannung eines, der mit Herzklopfen zwischen Angst und Neugier schwankt. +Darüber aber schien ihm plötzlich einzufallen, daß es noch einen dritten +Weg gab, und er schlug ihn ein und machte den Versuch, mich dadurch +einzuschüchtern, daß er mir auf seine Art einen Beweis seiner Waldrechte +und seiner persönlichen Bedeutung vermittelte. Er zog den Kopf tief +zwischen die Schultern ein, reckte ihn darauf mit einem Ruck vor und +schüttelte zugleich den Ast, auf dem er saß, durch ein energisches +Schaukeln seines ganzen Körpers so wild und angreiferisch, als seine Kraft +irgend zuließ. Dabei stieß er aus rund gehöhlten Lippen einen Ton hervor, +der sehr schwer zu schildern ist, von dem man aber dadurch einen Begriff +bekommen würde, wenn man einen Lampenzylinder fest an die Lippen setzte und +im Brustton ergrimmtester Überzeugung hineinstieße: »Großer Gott!« + +Diese Erfahrung wirkte im ersten Augenblick so komisch auf mich, daß ich +lachen mußte, und ich schlug auf meine Schenkel und tat es laut. Einen +Augenblick schaute Gong verdutzt drein, aber dann nahm er meine Gebärde als +ein Zeichen wohlwollender Annäherung und wiederholte sie, so gut er konnte. +Seine Augen blieben dabei merkwürdig ernst, und seine Stirn zeigte tiefe +Falten. + +Wir erwiesen uns nun diesmal und künftig unser Verständnis füreinander +dadurch, daß wir uns nach bestem Vermögen nachahmten, und so belustigend +wir vielleicht dabei aufeinander gewirkt haben mögen, blieb mir doch eine +Bekümmernis und eine leichte Melancholie im Sinn, wenn ich bedachte, wie +groß und unüberbrückbar die Schranke war, die mich von Gong trennte. + +Ich habe im Verlauf unserer Bekanntschaft die deutliche Beobachtung +gemacht, daß Gong sich verstimmt zeigte, wenn ich einmal ausgeblieben war, +und daß er sich ehrlich über meine kleinen Aufmerksamkeiten freute. +Vielleicht mag ihn ein ähnlicher Gedanke bei seiner Betrachtung meiner +Person bewegt haben. Er versuchte zu lernen und zu begreifen, was irgend +sich für ihn verstehen ließ, und wenn es häufig auch nur bei der äußeren +Gebärde blieb, so war doch auf beiden Seiten der Wunsch erkennbar, einander +näherzukommen. + +Zwar ließ er mich äußerlich niemals weiter an sich herankommen, als bis +etwa auf fünf oder sechs Schritte. Sobald ich den Versuch machte, diesen +Abstand zu verkürzen, hob er mit einem bedauernden Ablehnen die Hand und +ergriff einen höheren Ast, um mir anzudeuten, welche Folgen mein +Entgegenkommen haben würde. + +Gong hatte im Laufe unserer Bekanntschaft alles gelernt, was sich mit den +Augen von den Vornahmen eines Menschen begreifen läßt, er hat meinen +Tropenhut auf dem Schädel gehabt, mein Taschentuch gebraucht, und er weiß +wozu ein Messer gut ist. Er hat meine Notizbücher durchblättert und in +meiner Hängematte geschaukelt, und er verstand die Bewegungen des An- und +Ausziehens eines Rockes so täuschend nachzuahmen, als sei er von alters her +gewohnt, Kleidung zu tragen. + +Oft allerdings begriffen wir einander gar nicht, denn Gong wußte in seiner +Sucht, mir gleich zu sein, bald kein Maß mehr zu halten, und verstimmte +mich zuweilen empfindlich durch seine Nachahmungen, so daß ich mir +lächerlich in meinen Bewegungen vorkam und den bestimmten Eindruck gewann, +verspottet zu werden. Es mußte nun darüber nachgedacht werden, auf welche +Art Gong eines Teils seiner Erziehung wieder zu entwöhnen war, denn es +wurde von Tag zu Tag offenkundiger, daß sowohl er selbst, wie auch seine +Gefährten, mich nicht mehr ernst nahmen und es an dem Respekt fehlen +ließen, den ich glaubte beanspruchen zu dürfen. Die Tiere lachten geradezu, +wenn ich kam. Zuweilen warteten sie morgens in Reih und Glied auf mich, um +mich bei jeder Gelegenheit auszulachen. Sie stießen sich gegenseitig an, um +sich aufmerksam zu machen, rieben sich vor Vergnügen die grauen Hände und +schlugen sich auf die Schenkel, dabei quietschten sie in allen Tonarten, +mißgönnten sich im nächsten Augenblick ein Glück, das sie einander noch vor +kaum einer Minute zuerteilt hatten, und fühlten sich bei alledem auf eine +Art wichtig, die auch bescheidenere Leute, als ich einer bin, ernstlich +verdrossen hätte. + +Ich war nirgends mehr allein, wo immer ich mich aufhielt, und selbst die +Achtung vor meiner Büchse schwand von Tag zu Tag, da die Herren +herausgebracht hatten, daß es mir auf Vögel und Rotwild ankam, und daß das +wichtige Geschlecht der Affen völlig außer Gefahr war, geschädigt zu +werden. War es mir aber einmal gelungen, irgendein kleineres Tier zu +erbeuten, so warteten sie, bis ich die Büchse beiseite legte, und kamen +herzu, wobei sie sich gebärdeten, als hätte ich diesen Erfolg einzig ihnen +zu verdanken. + +Am meisten ärgerte ich mich über ihre Vergeßlichkeit. Es war schändlich, +wie wichtig sie sich bei einer Sache anstellen konnten, die ihrem +Gedächtnis gleich darauf entglitt, als wäre sie nie in der Welt gewesen. +Jeden Augenblick fiel ihnen etwas anderes ein, und immer beanspruchten sie, +in ihrer neuen Pose völlig ernst genommen zu werden. Ich kam mir +schließlich so vor, als sei ich in einer fremden Stadt ein zum Amüsement +der Bürger geduldeter Sonderling, und begann an meiner Tier- und +Weltbetrachtung ernstlich irrezuwerden. + +So klagte ich Panja mein Leid. »Oh,« sagte er, »die Affen! Wer wird sich +mit den Affen einlassen, Sahib? Aber wenn du nur eine Heuschrecke +erblickst, so wirst du schon sorgenvoll und redest sie an, und dann tust du +so, als ob es dir antwortete, das Vieh. Wer aber mit Affen umgeht, hat bald +den Eindruck, als sei sein eigener Schatten närrisch geworden, und den +Schatten kann man nicht fangen.« + +»Ich will Gong haben«, antwortete ich. + +Panja dachte nach. »Ich habe als Kind manchen Affen in der Schlinge +gefangen, und wenn der Affe, den du haben willst, dich kennt und kein +Mißtrauen hegt, so kannst du ihn leicht fangen, wenn du ihm zuvor genau +zeigst, wie man in eine Schlinge geht. Von diesem Kunststück lernt er nur +die erste Hälfte, und wenn du rasch hinzuspringst, kannst du ihn greifen. +Aber du mußt ihm mit der linken Hand entgegenkommen und ihn unversehens +mit der rechten im Genick packen. Die alten Affen beißen, solange sie noch +Hoffnung haben, entwischen zu können. Später denken sie nach und geben es +auf.« + +Das war ein ausgezeichneter Gedanke. Ich nahm am andern Morgen ein +haltbares Hanfseil, fettete es ein, und als meine Peiniger mich empfingen, +begann ich mich auf alle Arten, bald am Arm, bald am Hals, aufzuhängen, +wobei ich besonders Gongs Aufmerksamkeit zu erregen suchte. Seine Gefährten +zogen sich betroffen zurück, da meine Maßnahmen ihnen fremd waren, aber +Gong sah mir nachdenklich zu und wurde ungemein ernst. Als ich glaubte, +genügsam durch mein Beispiel gewirkt zu haben, öffnete ich die Schlinge, +soweit als nötig, zog mich zurück und legte mich in einiger Entfernung ins +Gras, um meiner Genugtuung in aller Ruhe entgegenzusehen. + +Aber Gong blieb ruhig auf seinem Ast sitzen und schaute mit hochgezogenen +Brauen bald die Schlinge an, bald mich. Dann machte er sein böses, rundes +Maul, stieß den Kopf gegen mich vor, sagte verächtlich »Großer Gott« und +wandte sich ab, um die Gegend zu betrachten. + +Da hörte ich Panja hinter mir lachen und beschloß, ihn sofort zu töten. + +»Sahib, dieser Affe kennt die Schlinge, er kennt auch die Menschen, deshalb +ist er damals so nahe herangekommen.« + +»Warum lachst du?« schrie ich. »Wer hat dir erlaubt, zu lachen?« + +»Das muß man«, sagte Panja. + +Da sah auch ich es ein und lachte mit ihm zusammen. + + * * * * * + +Die grüne Wildnis des Dschungels unter mir dampfte in der Frühsonne und +blieb oft bis Mittag verhüllt, ich begriff nun zuweilen schwer, wie ich es +dort unten so lange Zeit ertragen hatte, jetzt, da die Klarheit der +Bergluft kühl um meine Stirn wehte. Nachts kam der Panther bisweilen bis +auf die Veranda des Hauses, von Hunger aus dem dürren Hügelland in unsere +Nähe getrieben. Das Wild hatte sich aus der verbrannten Steppe in den +Dschungel zurückgezogen, und ich begegnete außer Schakalen bald nur noch +Hyänen, wenn ich mit der Büchse aus den Waldpartien bisweilen des +Nachmittags über die kahlen Berge zog. Aber immer huschten die Tiere in +Abständen und außer Schußweite am Horizont dahin. Die graubraunen Schakale, +die die Farbe des Bodens hatten, reizten mich oft zum Schuß, aber kaum +hatten die zierlichen Köpfchen mit den hochstehenden Ohren sich gezeigt, so +schien der Boden sie auch schon wieder verschlungen zu haben. + +Nahe bevor wir abreisten, schoß ich meinen ersten Panther. Es war in einer +klaren Mondnacht, als ich hörte, wie Panja in mein Zimmer drang und mich +rief. Hinter ihm stand Pascha still und steil im Mond, von unten her ein +wenig vom Schein des Feuers beleuchtet, das nur schwach am Boden des +Vorplatzes brannte. + +»Sahib,« sagte Panja, »der Panther ist so hungrig, daß er Feuer frißt, wir +können ihn nicht vertreiben und keinen Schlaf finden.« + +Mir war die Nachricht willkommen, ich nahm die Büchse und befahl Panja, das +Feuer zu löschen. Die Träger waren unterwegs in die Niederungen, um Reis +und Geflügel zu kaufen, und wurden nicht vor Ablauf des kommenden Tages +zurückerwartet. Ich lud beide Läufe mit Kugeln und legte den Revolver neben +mich. Das Fenster enthielt keine Scheiben, sondern war nur mit dicken +Holzstäben versehen, die Panja zum Teil erneuert hatte, die aber einem +energischen Eingriff keineswegs standgehalten hätten. Ich stellte mich in +den Mondschatten, und wir warteten. + +Pascha legte sich im Winkel des Raumes zum Schlafen nieder, und ich hörte +ihn nach kurzer Zeit schnarchen; Panja dagegen blieb dicht an meiner Seite, +nachdem er sich mit dem längsten Messer bewaffnet hatte, das unser +Lagerbestand aufwies, und mit einer Wegaxt. Er schüttelte sie wie ein +Indianerhäuptling und grinste vor Aufregung, dann begann er das Meckern +einer Ziege so täuschend nachzuahmen, daß mir zum ersten Mal mit ganzer +Klarheit vor Augen trat, daß wir hier das große Raubtier erwarteten. + +Es war vielleicht eine Stunde vergangen, und ich begann bereits die Geduld +zu verlieren, als plötzlich unter meinen Augen, jenseits des Fensterbretts, +das Mondlicht erlosch. Ich dachte zuerst an alles andere, merkwürdigerweise +nur nicht an den Panther, zumal sich nichts mehr rührte, weil das Tier mit +seinem letzten Schritt Witterung von uns bekommen haben mußte. Und nun +erkannte ich die große Katze unmittelbar vor mir, niedriger zwar, als sie +in meiner Vorstellung lebte, und merkwürdig farblos, aber ich unterschied +deutlich die geschmeidige Belebtheit der schönen Rückenlinie und den +herrlichen Katzenkopf, der mir mit halb geöffnetem Rachen zugekehrt war. In +diesem Augenblick brach ein Geräusch aus den zurückgezogenen Lippen hervor, +das mein Blut erstarren machte, es war ein fauchendes Schnarchen, überlaut +und von einem Zorn und einer Angst hervorgestoßen, die den Willen bannten. +Ich erinnerte mich, dieses häßliche und zugleich so überwältigende Fauchen +in meiner Kindheit im Tiergarten am Käfig des Tigers gehört zu haben, wenn +der Wärter nahe an den Stäben vorüberschritt. Nun trennte mich allerdings +auch in diesem Augenblick ein Gitterwerk von dem Raubtier, aber der Grimm +dieser Stimme erweckte die Vorstellung einer so unmittelbaren Nähe, daß +auch die stärksten Eisenstäbe kein Vertrauen eingeflößt hätten. + +Ich entsinne mich nicht mehr, ob ich die Büchse im Anschlag hatte, oder ob +ich sie emporriß, jedenfalls zielte ich ohne das geringste Zutrauen zur +Wirkung meines Geschosses, zwischen die Augen, die ich deutlich +unterschied, wobei ich mich mehr auf die natürliche Fähigkeit der Arme +verließ, dem Lauf die notwendige Richtung zu geben, als auf das Visier, und +drückte, wahrscheinlich viel zu rasch, beide Läufe ab. + +Ich hörte ein Geräusch am Boden, als spränge das Tier in diesem Augenblick +vom Hausdach herunter vor mich hin, gleich darauf zerkrachte wie ein +Zündholz einer der Fensterstäbe unter einem furchtbaren Tatzenhieb. Dann +wurde es ruhig vor mir und leer, wir hörten den rollenden Widerhall der +Schüsse von den Bergen her, sie polterten bellend von Felswand zu Felswand, +rollten durch die Täler und verhallten endlich fern in der Mondnacht wie +zwei gehetzte, klagende Brüder auf der Flucht. + +Die erste deutliche Empfindung, die mich zu mir brachte, war das Schmerzen +meiner Hand, mit der ich den Revolver so fest umklammerte, als ob ich mit +dem ganzen Körper daran hinge. Ich erinnerte mich nicht mehr, ihn ergriffen +zu haben, lockerte aber nun aufatmend die Finger und gewahrte, daß ich am +ganzen Körper zitterte wie im Frost. Ich habe später in Kanara und Maisur +noch manchen Panther erlegt, auf Reisfeldern, in Bäumen auf der Lauer +liegend und in Felsschluchten, aber nie wieder durchschüttelte mich, selbst +bei weit größerer Gefahr, ein annähernd so starkes Fieber des Entsetzens +und der Hilflosigkeit. Ein unzulänglicher Schutz ist oft bei weitem +beängstigender als die volle Gewißheit einer schrankenlos wirkenden Gefahr, +und nicht nur, wenn es sich um einen Panther handelt. Es mag hinzukommen, +daß es in der Tat überwältigend ist, plötzlich zum ersten Mal dieser großen +Katze Auge in Auge gegenüberzustehen, deren Ankündigung aus geheimnisvoller +Nachtfinsternis man monatelang vernommen hat, und aus der die Phantasie in +unablässiger Beschäftigung ein bei weitem schlimmeres Fabelwesen +erschaffen hat, als der Panther es in Wirklichkeit ist. + +Er ist im Grunde sehr scheu und fällt fast niemals Menschen an, selbst +Kinder nicht, wenn ihn nicht die äußerste Not des Hungers oder die +Bedrängnisse der Treibjagd nötigen. Im gesättigten Zustande weicht er stets +der Begegnung mit dem Menschen aus und er mordet nicht mehr, als zur +Erhaltung seines Daseins erforderlich ist. Alle Hirten, die mir in Malabar +vom Tiger oder Panther erzählt haben, stimmten in ihrer Erfahrung darin +überein, daß diese Katzen sich mit dem begnügen, was sie brauchen; unter +gewöhnlichen Verhältnissen nimmt der Panther eine Ziege aus der Herde, +schleppt sie davon, sättigt sich und überläßt die Reste seiner Beute +neidlos den Hyänen, die fast immer in seiner Gefolgschaft zu finden sind, +und die er nur dann angreift, wenn der äußerste Hunger ihn nötigt. + +Vom Tiger gibt es vielerlei widersprechende Geschichten, die aber alle mit +großer Vorsicht aufgenommen sein wollen, denn die abergläubische Furcht der +Hindus vor dem Tiger ist so groß, daß kaum einer noch in der Lage ist, +zwischen Tatsachen und allegorischen Erfindungen zu unterscheiden. Das +Grauen der Eingeborenen vor dem Tiger ist so nachhaltig, daß sich in vielen +Provinzen der Begriff des Bösen, des Satans, im Namen mit dem dieses +Raubtiers deckt, eine Tatsache, die nur verständlich ist, wenn man die +unerhörte Überlegenheit des Tigers über die dortigen Menschen kennt, die +fast alle ohne Waffen sind, und deren Laubhütten keinen genügenden Schutz +gegen einen nächtlichen Überfall bieten. Von vielen Sagen beruht jedenfalls +die auf Wahrheit, daß Tiger, welche den Genuß des Menschenfleisches kennen, +selten noch andere Nahrung zu sich nehmen, und solche Exemplare können dem +Lande ein außerordentlicher Schrecken werden. -- + +Wir fanden den erlegten Panther in der Morgendämmerung in den Aloën. Der +Boden umher war zerwühlt und im Todeskampf aufgerissen worden, aber das +große Tier lag jetzt ruhig, fast friedlich da, ohne Entstellung und ohne +Spuren eines Todeskampfs. Ich fand nur den Weg der einen Kugel, die hinter +dem Ohr in den Nacken gedrungen war und den Wirbel zerschmettert hatte. Die +Augen waren geschlossen, was man sehr selten bei einem erlegten Tier +findet, und das schön geschnittene Maul, in einem wehmütigen und beinahe +zärtlichen Ernst, war ein klein wenig geöffnet, wie von einem letzten +Todesseufzer bewegt. + +Seltsam harmonisch, fremdartig und zugleich im Sinn dieses Landes vertraut +und notwendig, hoben sich die stachligen, blaugrünen Blätter der +Aloëstauden von der gelben Färbung des Fells ab. Ich vergesse diesen +Anblick niemals, der sich mir so entscheidend in die Seele einprägte, als +erfaßte ich zu dieser Stunde zum ersten Mal mit ganzer Inbrunst den +unnennbaren Begriff Indien, den der Pinsel keines Malers und das Wort +keines Dichters in seiner ganzen Fülle und Eigenart zu vermitteln vermögen. + +Panja war den ganzen Morgen über schweigsam, ein mächtiger Herr der Berge +war gestorben. Ich trug mich den Tag hindurch mit eigenartigen Gedanken, +und zuweilen war mir zumut, als sei eine arge und sinnlose Willkür +geschehen, als habe ich einen Eingriff in die Pracht und Mannigfaltigkeit +der Schöpfung getan, die mit dem Aussterben der großen Katzen in Indien +langsam um ihre vollkommensten Resultate geschmälert wird. + + + + +Achtes Kapitel + +Am Thron der Sonne + + +Nachts, wenn ich nicht einschlafen konnte, weil das Mondlicht wie das +wahrsagerische Gespenst einer ewigen Todeskühle an den zerbröckelten Mauern +entlang geisterte, die mich vor den Gefahren der Außenwelt schirmten, +erwachte in meiner Brust der Wunsch, jene Höhen zu erreichen, auf denen des +Morgens das rote Gold der aufgehenden Sonne leuchtete. Es verlangte mich +danach, von jener kühlen, hohen Ruhe aus auf das indische Land jenseits der +Berge hinabzusehen und angesichts der unermeßlichen, hügligen Weite meine +Gedanken noch einmal durch jene Tage zu führen, die ich durchlebt hatte, +bevor ich in Cannanore angelangt war. + +Panja riß die Augen auf, als ich mit meinen neuen Plänen herausrückte. Er +stampfte den Wasserkessel in das Feuer, daß die Funken stoben und +betrachtete mich eine Weile auf jene Art, die Leute an den Tag zu legen +pflegen, die aus lauter Hoffnungslosigkeit, jemals überzeugen zu können, am +Rande der Verzweiflung angelangt sind, und die doch darüber ihren Wunsch zu +überzeugen nicht verbergen können. Als ich meinen Lebensretter so +erblickte, im Augenblick aber mehr Verlangen nach dem Tee, als eben nach +seinem Verständnis trug, mußte ich für eine kurze Weile an eine Schulstunde +zurückdenken, in der mir von einem ähnlich ergriffenen Männerangesicht +zugemutet wurde, Pythagoras dadurch gleichzusein, daß ich ihn begriff. Auch +dort erstickte ein bedauernswerter Zorn in der Hochflut anschwellender +Ohnmacht, und sprachlos gewordene Verachtung sagte mir an bösem +Lebensgeschick weit mehr voraus, als ein vereinzeltes Gemüt, mit leisem +Hang zum Grübeln, ertragen kann. + +»Du siehst aus wie Professor Stolzenburg«, sagte ich zu Panja, denn ich +halte dafür, daß man böse Gedanken guten Leuten gegenüber am besten offen +ausspricht, damit sich ein Weg zum Ausgleich mit gemeinsamen Kräften suchen +läßt. Hätte ich das nur in der Schule auch schon gewußt, vielleicht hätte +der gestrenge Verbitterer so mancher meiner Morgenstunden zwischen zehn und +elf Uhr mit sich reden lassen. + +Panja verschmähte es der Bedeutung meines Vergleichs nachzuforschen, er +sagte nach einer Weile resigniert: + +»Nun, es ist ja gleichgültig, Sahib, ob wir hier oder dort im Wasser +umkommen.« + +Das befestigte meinen Beschluß aufs beste, denn wie alle leichtsinnig und +zugleich eigensinnig veranlagten Naturen habe ich oft dem Hang in mir +nachgegeben, jede Latte, die mir zwischen die Füße geworfen worden ist, als +Sprungbrett zu benutzen. Man muß allerdings springen können, um dererlei +wagen zu dürfen, das ist wahr, und dieses »Springen-Können« ist im Grunde +nichts anderes, als das, was die Menschen in der Regel »Glück-Haben« +nennen. Glück haben gibt es nicht. Das sogenannte Glück ist so eng mit +Geschicklichkeit verbunden, wie Unglück mit Ungeschick, und diese Wahrheit +bezieht sich durchaus nicht einzig auf äußere Vorgänge, auch das Unglück +der Seele ist zuletzt Ungeschick, wenn auch in einem weit höheren Sinn, der +sein Recht in der Gesetzmäßigkeit des Weltwesens findet. + +Ich habe das Panja damals nicht gesagt, er lief hin und her und hantierte +dergestalt mit den Gegenständen, daß man deutlich wahrnehmen konnte, daß +keine Zweckmäßigkeit mit seinem Eifer verbunden war. Es ist merkwürdig, daß +Leute, die ärgerlich geworden sind, so oft dazu neigen, leichtere +Gegenstände von einem Platz auf den anderen zu stellen, und dann mitunter +sogar wieder von dem neuen Platz auf den alten zurück. Offenbar liegt es +daran, daß ihre Gedanken mit den Entschlüssen ähnlich verfahren, und daß +ein heimlicher Hang existiert, den Körper und die Seele möglichst im +Einklang miteinander zu erhalten. Ich erinnerte mich bei Panjas nutzloser +Beschäftigung meines Vaters, wenn er aus irgendeinem Grunde zum Ausdruck +brachte, daß seine Weltanschauung sich nicht mit der meinen deckte. Leider +geschah dies gewöhnlich bei den Mittagsmahlzeiten, denn sonst vermied ich +es nach Kräften, ihm ohne Grund längere Zeit ruhig gegenüberzusitzen, und +dann sah ich, wie das Messer oder die Gabel, auch das Salzfaß oder der +Serviettenring bald an die rechte, bald an die linke Seite des Tellers +wanderten. Leider hatten wir damals Messerschärfer aus Schmirgelstein in +Gebrauch, runde, schwarze Stäbe von der Länge einer mäßigen Spargel und mit +einem polierten Handgriff aus Hartholz. Wenn zufällig eine besonders +wichtige Meinungsäußerung meines Vaters mit dem Transport dieses nützlichen +Gegenstandes zusammenfiel, so geschah es in der Regel, daß der +Schmirgelstein zerbrach, denn seine Überlegenheit, selbst dem besten Stahl +gegenüber, bewährt sich nicht im Kampf mit der Tischplatte. + +Dies erhöhte den Verdruß meines Vaters bis an die Grenze bedenklicher +Einseitigkeit und zog die Laune meiner Mutter in Mitleidenschaft, während +es meist meinem Selbstbewußtsein einen erheblichen Aufschwung verlieh und +mir nicht ohne Berechtigung den Gedanken beibrachte, daß mein Charakter in +den Augen meines Vaters um vieles milder angesehen würde, wenn wir +Messerschärfer aus gerilltem Stahl in Gebrauch nähmen. + +So sagte ich denn Panja meine Ansicht über Messerschärfer, und dieser +unerwartete Ausdruck meiner Überzeugung brachte ihn so weit zur Besinnung, +daß ich Tee bekam. + +Er trank mit, wie gewöhnlich, hockte mir gegenüber in der Morgensonne und +rückte melancholisch an seinem Turban. Außer ihm trug er nun schon seit +Wochen nicht mehr als ein schmales Lendentuch, aber auf seinen schweren +Turban verzichtete er selbst in der größten Hitze nicht. Es ist wirklich +recht merkwürdig mit diesem Panja gewesen, je entschiedener sein +Widerspruch oft zu Anfang war, um so lebhafter wurde sein Eifer für +gewöhnlich von dem Augenblick an, in dem er merkte, daß ich nicht +umzustimmen war. In beidem erkannte ich die ehrliche Besorgnis seiner +Neigung, und ich erinnere mich seiner niemals ohne den Kummer über einen +der größten Verluste meines Lebens. Die Harmonie unseres Verhältnisses mag +im Grunde auf seiner Gewißheit beruht haben, daß die Überlegenheit meiner +Rasse mit der Unerschütterlichkeit eines Naturgesetzes feststand. Das nahm +seinem Wesen jede Devotion im niedrigen Sinn und machte seine Ergebenheit +durch eine Demut würdig, die beinahe einen Einschlag von Religiosität +hatte. Heute bebaut er in Malabar die Reisfelder am Purrha, jenem +beschatteten Landstrich am Palmenwald, auf dem die Hütte seines Vaters +stand, und den er aufgeben mußte, um in der Fremde zu dienen, weil seine +Brüder den Verlockungen der großen Städte in Verschwendung erlegen waren. +Der Rückkauf dieses Stückchens Land war meine letzte Gabe an ihn, und es +bedrückt mich, daß ich ihm niemals die Gewißheit habe verschaffen können, +daß seine Gaben an mich reichere und unvergänglichere Geschenke gewesen +sind. + +Als der Tee getrunken war, sagte er wütend: + +»Aber Pascha bleibt hier.« + +Er tat immer noch so, als wäre an diese Reise auf keinen Fall zu denken, +und wahrscheinlich meinte er deshalb nach einer Weile: + +»Es sind drei Tage oder Nächte für den Aufstieg nötig, aber in der halben +Zeit steigen wir ab. Hast du etwa geglaubt, wir brauchten länger?« + +Ich hatte es nicht geglaubt. + +Panja sah hinauf zu den Gipfeln. Oben flutete alles in Licht, ein nie +gesehener Glanz verklärte die einsame Ruhe, die kreisenden Adler +schimmerten, als wären sie aus Gold. + +»Alle Träume bleiben lange leicht von der Frische der Höhen«, sagte er +versunken. + +»Panja, höre, nur wer die Schönheit der Erde lieben gelernt hat, hat die +Erde in seinen kurzen Lebenstagen wahrhaft beherrscht. In diesem Sinn ist +sie uns von Gott gegeben, so hat er es mit uns gemeint, als er sie uns +gab.« + +Panja lächelte kindlich, in solchen Augenblicken hätte ich ihn in die Arme +schließen können. + +»Dir wird nichts geschehen, Herr«, sagte er still und wie zu sich selbst. +Ich weiß nicht, ob er bei solcher Zuversicht an Gottes Hilfe glaubte oder +an seine, gewiß ist, daß ich selten im Leben wieder durch eines Menschen +Nähe so glücklich geworden bin wie durch die seine. Durch nichts vermag ein +Mensch uns seine eigenen Kräfte besser zur Verfügung zu stellen, als indem +er die unseren glaubt. + + * * * * * + +So wagten wir vor Anbruch des kommenden Tages den Aufstieg zu zweien, noch +als die Nacht umher herrschte und über den blauen Zelten der Berge vor uns +die Sterne leuchteten. Wir schritten im spärlichen Gesang der Grillen durch +dürres Steppengras unter den hohen Latambäumen dahin, die in weiten +Abständen voneinander standen. Zuweilen schalt über unseren Köpfen ein +Affe, den unser Tritt geweckt hatte, oder ein Vogel flog auf mit einem +lauten Warnruf, der unser Nahen der ahnungslosen Natur verkündete, die an +diesen Stätten wohl seit undenkbar langer Zeit der Fuß keines Menschen +betreten hatte. Es war kühl und still, Panja sprach nicht, und ich schritt +im Traumbann einer so tiefen Einsamkeit dahin, daß mir zuweilen war, als +sähe ich, wie ein fremder Dritter, uns kleine Zwei durch die riesenhaften, +graugrünen Wogen der Hügellandschaft dahinschreiten, im Dämmerlicht unter +den Bäumen und Sternen. + +Es war unvorsichtig genug, daß wir den Weg ohne Fackeln machten, denn am +Morgen ist in dieser Jahreszeit der Panther am kühnsten, wenn er nach +vergeblichem nächtlichem Raubzug durch die Dämmerung schweift. Aber es war +so hell unter den Sternen, daß wir das Land weithin übersahen, und ich trug +die Büchse in der Hand. Panja schritt schweigend neben mir dahin, leichten +Tritts und mit erhobenen Augen, Kraft und Freude gingen von ihm aus, und +ich empfand ihn als allen Lebewesen seines Landes zugehörig, und die +Harmonie seiner Seele teilte sich mir mit, als sei auch ich in der Heimat. + +Plötzlich begann er leise zu singen, immer die Augen auf die Höhen +gerichtet und so versunken in sich selbst, als schritte er allein durch das +Land. Seine gedämpfte Stimme erinnerte mich, wie auch der eintönige +Rhythmus seines Liedes, an den Singsang der Priester, deren Tempel in +Cannanore hinter dem Garten meines Hauses im Grünen lag, und jählings war +ich aus der freien Höhe und aus der kühlen Luft in die tropische Niederung +versetzt, so daß mir war, als schlügen die schwülen Dämpfe des +leidenschaftlichen Wachstums über mir zusammen. + +Als ich nach einer Weile die Blicke hob, nachdem wir die letzten +Baumbestände durchschritten hatten, erschrak ich vor einer zackigen, +flammend roten Lichtlinie, die den Himmel vor uns, hoch oben, in +wagerechter Richtung zerteilte. Totenstill und wie aus Farbe zog sich dies +rote Band längs des Gebirgskamms dahin, hinter den Höhen war die Sonne +aufgegangen. Ich wandte mich erschüttert um und sah hinter mir das Land +unter dem besternten Dämmerblau der sinkenden Nacht, fern auf dem Meer +regte sich ein matter Silberglanz. Wie zwischen zwei Himmeln aus Blut und +Silber pochte mein entzücktes Herz seinen Lebensschlag auf den weiten, +grünbraunen Wellen der Erde, unendlich klein und doch die beseligte Quelle +meiner unfaßbaren Daseinsfreude. Panja warf sich auf die Knie und verbarg +sein Gesicht in den Händen. -- + +Eine Stunde, nachdem die Sonne über die Bergzinnen schaute, hörten die +Bäume fast ganz auf. Wohl sahen wir, sobald wir eine Höhe erklommen hatten, +zur Rechten oder Linken die dunklen Mauern großer Wälder in der Ferne, aber +bald wurde uns der Ausblick erschwert, da wir in einer Schlucht, im Bett +eines eingetrockneten Gebirgsbachs aufwärts klommen. Einen der Berggipfel +ersteigen zu können, stellte sich bei der Art unserer mangelhaften +Ausrüstung bald als unausführbar heraus, und so schlug Panja den Versuch +vor, einen der nächstliegenden Pässe zu besteigen. Wir konnten fast den +ganzen Morgen hindurch marschieren, denn die Luft war kühl und von einer +Durchsichtigkeit, gegen die ein wolkenloser deutscher Sommertag wie in +Nebel gehüllt wirkt. Panjas Fröhlichkeit erleichterte mir jede Strapaze, er +lachte oft ohne allen erkennbaren Grund, nur aus Überfluß von Daseinskraft +und glücklich über die Tatsache, in der von himmlischem Blau überdachten +Welt da zu sein. + +Als wir gegen Mittag, um vieles höher, im Schatten eines Felsens Rast +machten und Panja unser Mahl bereitete, schreckte in nicht allzu weiter +Entfernung ein dumpfer, anwachsender Donner mich auf. Panja sprang empor +und spähte mit geschützten Augen in die flimmernden Steppenwogen. + +»Die Büffel!« rief er, »sieh die Wolke, die sich den Hang niederwälzt.« + +Es war das erstemal, daß ich aus so unmittelbarer Nähe eine Büffelherde +gewahrte. Sie rollte wie eine dunkle Lawine dahin, und der Erdboden +dröhnte. Nur für kurz unterschied ich im Vordergrunde einen oder den andern +der schwer gehörnten schwarzen Köpfe, den Glanz der großen Augen und den +Fall der Mähnen. Ich schoß nicht, da Panja mir erregt in den Arm fiel, als +ich die Büchse emporhob, und später erklärte er mir, daß es vorgekommen +sei, daß der leitende Stier, durch einen Angriff in Schrecken oder Wut +versetzt, plötzlich die Richtung geändert und gerade auf das Hindernis zu +genommen habe. Zwar hätten wir einen Schutz auf den Felsen gefunden, aber +wenn unsere Flucht uns mißlungen wäre, so würden wir zerstampft worden +sein, da die ganze Herde dem Stier folgt. + +»Die Büffel kämpfen mit dem Tiger,« erzählte mir Panja, »selbst die +gezähmten fürchten ihn nicht, und wenn du mit ihnen das Reisfeld bestellst, +so wird der Tiger sich hüten, euch anzugreifen. Der Büffel spürt ihn eher +als du, und es wird dir nicht gelingen, ihn von seinem Standort zu +verdrängen, denn er wendet sich genau dem Tiger zu, wie eine Fahne, die du +gegen den Wind trägst. Wenn der Tiger den Sprung wagt, so endet er auf den +Hörnern, und du bist in Sicherheit, solange du dich hinter dein Tier +stellst.« + +Die Staubwolke verrauchte im tieferen Gelände, und die klare Luft war +wieder still. Ich schlief kurz nach diesem Vorfall ein, ohne Nahrung zu +mir genommen zu haben, und Panja weckte mich nicht, denn er kannte die +ermüdende und gefährliche Kraft der Sonne, deren Strahlen auf den +Berghöhen nicht anders wirken als im Tal, obgleich die Kühle darüber +forttäuschen kann. So gilt es in den Bergen, fast mehr noch als im Tal, +den Kopf und die Schläfen nicht ungeschützt zu lassen, die Sonne hat viele +tödlich getroffen, die ihre Macht über diesen kälteren Regionen nicht +geglaubt oder vergessen haben. Mein Korkhelm drückte mich auch keineswegs +sonderlich, im Gegenteil, er wurde von Tag zu Tag leichter, weil eine +Schar mottenartiger Parasiten von ihm Besitz ergriffen hatten und ihn +zugleich bebauten und verzehrten. Bisweilen rieselte ein feines Korkmehl +nieder, wie ein liebevoller Beweis der Natur, daß sie keinen Menschen in +völliger Vereinsamung seinen Weg machen läßt. Panja war bereits mit +allerlei Mitteln gegen diese Tiere ins Feld gezogen, aber sie verließen +sich auf mich und vermehrten sich um so leidenschaftlicher, je mehr Panja +sie unterdrückte. -- + +So geschah es mir, daß ich bald darauf von einem hohen Paß aus einen Blick +in das weite indische Land hinab gewann, das ich vor meiner Zeit in Malabar +durchreist hatte. Die ungeheure Hügellandschaft erstreckte sich, wie von +Urzeiten her gelagert, ohne ein Anzeichen menschlichen Werks, und wie die +riesenhaften Wogen eines Meeres, das mitten im Sturm in Erstarrung geraten +war. Die Ebene in weiter Ferne schimmerte lichtgrau und wie die Oberfläche +eines gewaltigen Sees, ich glaubte winzige Spitzlein und Türmchen in ihr zu +erkennen, deren Silhouetten nicht anders gegen den Himmel abstachen, als +sei der Horizont mit feinem Stacheldraht umzäumt. + +Wir blieben den Tag über auf der Paßhöhe, unter dem Dach eines schräg +gesunkenen Felsens gegen die Strahlen der Sonne geschützt, und durch die +unbeschreibliche Stille der Höhe zogen die Gestalten meiner Erinnerung, wie +in der Stunde eines Abschieds, unter dem Lied der Adler, noch einmal durch +meinen Sinn. Geister kamen aus dem Blau zu meinem Geist, Dahingesunkene +drangen in die Bewußtseinswelt des noch Verweilenden ein, Brüder und Gegner +in Gesinnung, Hoffnung und Schicksal, Freunde und Feinde in der Welt der +Lust und Trübsal und des raschen Todes. + +Auf jedem Erdteil hat der Tod ein anderes Angesicht, nirgends sind seine +Züge feierlicher, als bei uns in Europa, ich habe ein wenig verlernt, seine +pathetische Sonntagsgebärde meiner Heimat zu überschätzen. Es hat noch +niemand dem Gespenst der Willkür sein Schauriges dadurch genommen, daß er +es heiligsprach; sicherlich ist die schwerfällig romantische Auffassung vom +Tode, die in Europa herrscht, eine Folge der Einwirkung der Kirche, die die +Tatsache des Todes so sehr in das Bereich des Ungeheuerlichen gerückt hat, +um aus ihrer Einwirkung einen Teil ihrer Autorität zu gewinnen. Uns ist das +Sterben in der Vorstellung so schwer gemacht, daß sicherlich ein gut Teil +Gerechter und Ungerechter beim Tode auf das angenehmste enttäuscht sein +wird. + +Sterben ist Pflicht, wie auch das Leben. Es wird ein jeder so leicht oder +so schwer sterben, als seiner Natur das Leben geworden ist, und wer das +eine verstanden hat, wird auch das andere können. Die Menschen Indiens +sterben leichter, selbstverständlicher und gewissermaßen unauffälliger als +wir, sie überlassen der Gottheit die Sorge für ihr künftiges Ergehen und +werden den Gedanken schwer erfassen lernen, daß sie selbst in letzter +Stunde für einen geordneten Abzug verantwortlich sein sollten. Diese +Auffassung, die christlich genannt wird, entstammt auch keineswegs der +Überzeugung des unschuldigen Begründers unserer Kirche, sondern vielmehr +der berechnenden Klugheit ihrer Verwalter. + +Langsam zog die Sonne ihren strahlenden Bogen, und das Land wechselte in +ihrem Schein. Wann wieder sollen Tage für mich kommen, die in so großer +Stille dahingehen, dem Gedanken und der Erinnerung geweiht, durchklungen +vom Kampfruf der Adler? Während ich hinabschaute ins Land, bald umwunden +vom schwermütigen Weinlaub des Traums, das glühte von Licht, bald in +wunderbare Klarheit des Äthers getaucht, durchlebte ich noch einmal so +manches, das ich gesehen und erfahren hatte, als ich das Land zu meinen +Füßen durchzog. Gegen Nordosten mußte Bitschapur liegen, die alte +Königsstadt, aus deren Schlösserruinen sich die mächtige Halbkugel erhob, +die einst ein mohammedanischer Fürst erbaut und ganz mit Gold hatte +ausschlagen lassen. Sie war gegen die aufgehende Sonne geöffnet, deren +Licht sich in tausendfachem Glanz darin brach, so daß kein Auge +hineinzuschauen vermochte, ohne geblendet zu werden. Mitten im Herzen +dieser Kuppel, unter dem gewölbten Golddach, waren die beiden Thronsessel +des Maharadscha und des Maharadscha Khunwar, des Königsohns, aufgestellt, +und in dem zornigen Strahlengefunkel, das das Feuer der Morgensonne +millionenfach widerspiegelte, empfing der König seine Gäste. So dienten das +kostbare Blut seiner Berge und das Himmelslicht des neuen Tages seiner +Herrlichkeit, und die bestürzten Freunde seines Reichs, die im Augenblick +des Sonnenaufgangs vor seinen Thron geführt wurden, hörten den Gruß des +Fürsten aus einem Glanz erklingen, der ihre Augen schloß und die Knie zu +Boden zwang. Es mag gewesen sein, als dienten Himmel und Erde einem +Allmächtigen, um seine Hoheit unfaßbar zu machen. Zwischen jener Goldkuppel +und dem Marmorplateau, auf welches die Ankömmlinge geführt wurden, war ein +tiefer gelegener Garten voll blühender Blumen, wie sie sich in Duft und +Pracht nur dem tropischen Himmel öffnen, und die Wohlgerüche ihrer Kelche +gesellten sich dem Glanze. + +Der prachtliebende Sultan fiel von der Hand eines stärkeren Königs, der von +Norden kam und die Stadt zerstörte. Ihre Tore waren bis an die runden Bogen +der Gewölbe mit Toten angefüllt, und die Zähne des gefallenen Herrn der +Stadt konnten nicht aus dem elfenbeinernen Griff seines Säbels gelöst +werden, den er, zerfetzten Leibes, den Feinden nicht hatte überlassen +wollen. So ist er unter einem Berg seiner gefallenen Getreuen gefunden +worden, und die Sage erzählt, daß er auch so bestattet worden sei unter +dem gewaltigen Kuppelbau, den er sich selbst, wie alle Fürsten jener Zeit, +zu seinen Lebzeiten hat erbauen lassen. + +Diese riesenhaften Grabdenkmäler der Stadt überragen noch heute das +Trümmerfeld von Bitschapur, sie erinnern in ihrer Bauart und Größe an +Moscheen, auch wird in einigen noch Gottesdienst gehalten, oder sie locken +Tausende von mohammedanischen Pilgern als Wallfahrtsort aus weiter Umgebung +in die heilige Stadt der großen Toten. Man erblickt in diesen Bauten +seltene Steinblöcke eingefügt, deren Entstammung bis heute nicht hat +aufgeklärt werden können, besonders als Grabsteine sind hier und da +schwarze, basaltartige Felsstücke verwandt worden, deren Beschaffenheit die +Gelehrten sich nur dadurch erklären können, daß sie sie unter die +Meteorsteine einreihen. Die größte dieser Kapellen ist von einer Kuppel +gedeckt, von deren Galerie der schwindelnde Blick unter sich die beiden +Grabsteine klein wie Streichholzschächtelchen erblickt, und das Auge ist +nicht in der Lage, einen Menschen von Angesicht zu erkennen, der sich ihm +gegenüber auf derselben Galerie befindet, wohl aber versteht er das +leiseste Wörtlein, das drüben im Flüsterton, gegen die Wand gesprochen, +fällt, da das Kreisrund des Steingefüges auf wunderbare Art den Schall +bewahrt und deutlich herumträgt. Man erzählt, daß der Sultan auf solche Art +die Ergebenheit seiner Minister, die Treue seiner Gäste und die Neigung +seiner Frauen erprobte, von denen er die einen oder anderen mit ihren +Vertrauten auf diese Galerie führte und sich, nach herausfordernden Worten, +wie zufällig von ihnen trennte, um dann Wort für Wort ihre Gedanken am +verräterisch erklingenden Kreisrund der Galerie zu erlauschen. In banger +Ehrfurcht vor diesem Wunder zittert das Volk noch heute in der Erinnerung +an die geheimnisvolle Macht des Toten. + +In einem dieser Dome, fast dem größten, fand ich statt der gewohnten zwei +Grabsteine, die die Leiber des Königs und der Königin bergen und den +einzigen Inhalt der Gebäude darstellen, deren drei und erfuhr die +Geschichte dieser seltsamen Ausnahme, in der die Geliebte des Königs neben +ihm und seiner rechtmäßigen Gattin, der Mutter des Königssohns, beigesetzt +worden ist. Es geschieht sonst in keinem Fall, da nur die Favoritin, die +den Erben des Reichs geboren hat, im Tode neben dem Sultan ruht, seine +übrigen Frauen bleiben rechtlos, sowie auch deren Kinder, so ausgiebig sie +ihre Macht und ihren Einfluß im Leben angewandt oder mißbraucht haben +mögen. Aber die Geschichte erzählt, daß der König diese junge Gefährtin +seines Alters zärtlich liebte, und als er aus einem Kriegszug heimkehrte, +gelang es den Intrigen der Benachteiligten, Mißtrauen gegen ihre Treue in +sein Herz zu säen. + +Sie beschwor ihre Unschuld, aber die falschen Beweise überzeugten den König +gegen seinen Glauben. Jedoch im Zwiespalt seiner Empfindungen mag er auf +den Gedanken gekommen sein, ein Gericht Gottes über Schuld und Unschuld der +jungen Frau entscheiden zu lassen. Er führte sie auf die hohe Galerie +seiner vollendeten Grabkirche, über deren niedriges Steingeländer hinab dem +Blick das Gefüge der großen Steinquadern des Bodens klein, wie die +Musterung eines Schachbretts, erscheint, und befahl ihr, hinabzuspringen. +Die Luft verfing sich während des Falls in ihren weiten Gewändern, und sie +langte unversehrt in der Tiefe an, grüßte hinauf zu ihrem Herrn, der ihr +mißtraut hatte, und tötete sich mit einem kleinen Dolch, der noch heute in +der Gegend ihres Herzens hockt. Das Volk nennt sie »die Fremde«, ihr +Grabstein wird mit heimlicher Scheu erwähnt, es mag dies seinen Grund darin +haben, daß ihr freiwilliger Tod nach erwiesenem Recht dem Geist der +orientalischen Weltbetrachtung wunderbar und unerklärlich erscheint. + +Der König fiel in Schwermut, und der Gram seiner Reue soll oft in große +Grausamkeit umgeschlagen sein, seine Rachsucht ist furchtbar gewesen und +erst durch den Tod gestillt worden, man erzählt, daß er seit jenem Tage, +nachdem die Verleumder eines gräßlichen Todes gestorben waren, +allmorgendlich die Schärfe seines krummen Säbels im nackten Rücken des +Sklaven prüfte, der ihm die Steigbügel seines Pferdes hielt. Sein Bildnis, +das Händler der Stadt in kunstvollen bunten Kopien aus Wasserfarbe +feilbieten, zeigt ihn auf einem hohen Samtkissen hockend, das Schwert über +den Knien und den Blick unter dem roten, mit Edelsteinen geschmückten +Turban starr und erkaltet in die Weite gerichtet. Seltsam genug meldet die +Kunde von ihm, daß er, obgleich er niemals in Berührung mit seinem Volke +gekommen ist und sein Anblick Entsetzen verbreitete, auch kein Mädchen +seines Landes vor ihm sicher war, doch zugleich geliebt worden sei, wie +kein anderer Fürst vor oder nach ihm. Seine Krieger sollen für ihn in den +Tod gegangen sein, als spräche die Sterbenspflicht unter seinem Willen ihre +Seelen für alle Ewigkeit frei, und seine Widersacher verfielen der +Volkswut. Es ist dies ein neuer Beweis dafür, wie wenig die +Volkstümlichkeit eines regierenden Fürsten mit seinen guten Eigenschaften +zu tun hat, und daß kein Irrtum größer ist als der, daß die Liebe der +Untertanen und die Nahbarkeit des Herrschers Hand in Hand gehen. + +Als ich Bitschapur sah, lag die Stadt voll Toter. Wir kamen in der +Morgenfrühe auf Pferden an, ohne Kunde davon erhalten zu haben, daß die +Pest in so furchtbarer Weise in der Stadt wütete. Als wir nahe vor den +Toren waren, wies mein Begleiter auf die Hügel im Umkreis der Stadt, die +mit Zelten bedeckt waren, und riet zur Umkehr, aber es bot sich uns keine +Möglichkeit dazu, da es uns an Wasser und Nahrung gebrach. + +Die Lager auf den Höhen unterrichteten uns darüber, daß die Bewohner aus +der Stadt geflüchtet waren, und so fanden wir nur Tote im Bereich der +herrlichen Ruinen. Die Pferde zitterten, als uns der erste, widerlich süße +Hauch der Verwesung entgegenschlug, und Wolken von Aasgeiern erhoben sich +träge mit häßlichem Geschrei bei jeder Straßenbiegung. Die Leichen lagen in +den offenen Türen und auf den Gassen, aus leeren Augenhöhlen und +geschwärzten Angesichtern starrte der Tod uns an, und die Hufe unserer +Tiere verwickelten sich in den faulenden Schläuchen der menschlichen +Eingeweide, die die Geier weit über die Wege gezerrt hatten. + +Die unbarmherzige Sonne spiegelte im Marmor, ihren stillen Liebeszorn +bewegte kein Lufthauch, ein paar vergessene Ziegen irrten durch die +furchtbare Todesöde und den gigantischen Prunk der Vergangenheit. Es war +eine Hungersnot vorangegangen. Heute noch sehe ich die mageren, dunkeln +Menschenkörper, geschwärzt vom Gift der Verwesung, gegen weiße Mauern +gelehnt, über Steintreppen geworfen, oder am rötlichen Boden. Zwei Kinder, +die einander umschlungen hielten, schienen am Rand eines Tempelteichs +eingeschlafen zu sein, die Lage ihrer zärtlichen Gestalten verriet weder +Angst noch Schmerzen, aber die Augen fehlten, und in geschäftigem, frohem +Eifer bohrte ein grauer Geier seinen Schnabel unter die Stirnen, so daß die +Köpfchen schaukelten. Als ich mich näherte, hob der Vogel den kahlen Kopf +mit dem harten Schnabel, und seine gelben Augen sahen mich räuberisch an, +als ob er Verwunderung darüber empfände, daß ein aufrechter, lebender +Mensch sein Totenreich betrat. + + * * * * * + +Als die Sonne ins Meer gesunken und ihr letztes Licht wie in violettem, +feuchtem Qualm über dem fernen Wasser zergangen war, brannte Panja ein +kleines Feuer auf der Berghöhe unter unserem Felsen an, der uns nach zwei +Seiten hin schützte. Wir mußten mit dem Brennmaterial sparsam umgehen, +Panja hatte es zum guten Teil unterwegs sammeln und bis zu unserer hohen +Lagerstätte schleppen müssen. + +Die Nacht war totenstill, die ganze Welt schien erstorben, nur ein paar +große Nachtschmetterlinge besuchten mein Feuer, und ihr Surren zitterte in +der Luft, bis Panjas Schnarchen sie füllte. Aus weiter Ferne unterschied +ich Hyänenstimmen und schwaches Bellen der Schakale. Der Sternschein +tauchte in blassem Dunst der Tiefe glanzlos unter, aber über den Bergkuppen +und -zacken funkelte das Licht hart und zornig, wie im göttlichen Rausch +seiner unirdischen Freiheit. Der schmale Mond war erst gegen Mitternacht zu +erwarten. + +Ich schlief nur ganz kurze Zeit, um den Aufgang der Sonne nicht zu +verpassen, und die Stunden eines einsamen Wachens auf der Höhe, in der +blauen silbernen Tropennacht sind mein unvergängliches Eigentum geblieben, +ein feierliches Kleid der Erinnerung, das meine Seele niemals ablegen wird. +Es ist ihr bannender Zaubermantel gegen die Bedrängnisse des kleinen +Alltags geworden, das Leben und der Tod wiegen ihr in solcher Hülle leicht, +und der Gedanke an das Unendliche rückt nahe, wie sich das Bild im +spiegelnden Wasser dem Knienden nähert. + +Ich vergaß in jener Nacht, daß die Erde bewohnt ist, und ich begriff, daß +wir Menschen unseres Jahrhunderts unser ganzes Wesen zu sehr darauf +eingestellt haben. Unsere Beziehung zur Natur ist oft nur durch eine Flucht +vor den Menschen und aus unseren Lebensverhältnissen möglich, und so +erscheint uns das nur für kurz gegönnt, was uns von Anfang an zum Eigentum +bestimmt war. Der Satan der neuen Welt entschädigt uns überreichlich für +die Verluste unserer alten Rechte, und doch werden wir am Ende die +Betrogenen sein, denn der beste Teil entgeht uns, jener Anteil, der die +Gelassenheit der Besinnung mit sich bringt, die Ruhe des guten Gedankens +und den Frieden der Erkenntnis unserer selbst. + + + + +Neuntes Kapitel + +Die Herrschaft des Tiers + + +Unendliche Mattigkeit lagerte in der Luft. Wir waren nun den zweiten Morgen +unterwegs, um Mangalore zu erreichen, und die Ausläufer der +Dschungelwaldungen deckten uns zu, zwischen ungeheuren Felsschluchten. + +Der Abstieg von den Bergen zur Küste ging langsam vonstatten, da wir +unmöglich länger als die Stunde vor Sonnenaufgang und zwei oder drei +nachher marschieren konnten. Bisweilen unternahmen wir noch kleine Strecken +am Abend, aber es wurde wenig vom Wege zurückgelegt, da die anstrengenden +und umständlichen Vorbereitungen für unser Nachtlager die kühlere Stunde +vor Aufgang der Nacht beanspruchten. + +Eine schmerzende Rastlosigkeit und ein dumpfer Druck in meiner Brust +machten mir die Weiterreise fast unmöglich. Ich glaubte, nicht atmen zu +können, und mir war, als zersprengte mein Blut seine Gefäße wie gärender +Wein. Mich befiel ein Taumel, dem kein Rausch zu vergleichen ist, und ich +begriff nicht, daß ich monatelang in diesem kochenden Dunst hatte leben +können, wobei ich allerdings nicht bedachte, daß das Jahr vorgeschritten +war und die heiße Zeit ihren Höhepunkt erreicht hatte. Die bösen +Erinnerungen an mein überstandenes Fieber überfielen mich wie Raubtiere; +ich fürchtete sie mehr als die hungrigen Bestien, die nicht von unserer +Fährte wichen, und als die Giftschlangen, deren Biß in dieser Zeit am +gefährlichsten ist und fast unmittelbar tödlich wirkt. Der ganze Urwald +schien von diesem Gift erfüllt, und die Ermattung seiner Geschöpfe teilte +sich dem Körper mit, bis tief in die Kammern des Herzens. Mehr als einmal +verlangte ich gebieterisch, daß der Rückweg in die Berge angetreten würde, +aber Panja und Pascha, die kaum noch widersprachen, taten in stoischer +Gelassenheit, was sie für richtig hielten und was es unter den drohenden +Ereignissen der Natur auch einzig gewesen sein mag. + +Ich verlor den Sinn für die Pracht der Gegenden, durch die wir kamen; die +einzige Hoffnung, die mich aufrecht erhielt, war der Gedanke an das Meer, +und oft flehte ich, der tödlichen Gefahr zum Trotz, in heimlicher +Gemeinschaft mit den schmachtenden Geschöpfen der Natur, den Himmel um +Regen an. Es kam hinzu, daß ich die sichere Orientierung auf der Karte +völlig verloren hatte, ich wußte mit Bestimmtheit kaum mehr als die +Himmelsrichtung und mußte mich ganz auf Panja verlassen, dessen Urteil mir +um so leichtfertiger erschien, je mehr er mich mit falschen Aussichten +vertröstete. Auch mußten wir oft die Richtung wechseln, da wir uns +unüberwindbaren Hindernissen gegenübersahen, so daß sich die in der Tat +zurückgelegte Wegstrecke auf unser ungewisses Ziel zu oft kaum bestimmen +ließ. Bald fehlte es uns an Nahrung, bald an Wasser, und nur Panjas +Kenntnissen der vielerlei Früchte des Waldes ist es zu danken, daß wir +nicht in bittere Not gerieten. Zuweilen fand ich trotz des schmerzenden +Hungers nicht den Aufwand von Energie, mit der Büchse Umschau zu halten, +und oft waren die Milch einer Kokosnuß oder eine Ananas meine einzige +Nahrung für einen Tag. + +Aus der Reihe der Entbehrungen und Leiden dieser Tage ist mir ein Eindruck +geblieben, der sich tief in meine Seele gegraben hat, und dem ich den +letzten Aufschwung meiner Kraft verdankte. Wir kamen an einem Frühmorgen, +bevor die Sonne aufgegangen war, in die schmale Felseinmündung zu einer +Schlucht, die sich bald groß und weit vor unseren Augen öffnete. Es +herrschte noch jenes seltsame und ergreifende Zwielicht von Mondschein und +hereinbrechendem Morgenlicht, das ich nur in den Tropen in diesem +magischen Glanz eines Kampfes um die Herrschaft angetroffen habe. In den +Ländern des Abendlandes scheint die Nacht dem Tage auszuweichen, ihre +Gestirne verblassen gelinde, lange bevor die Sonne am Horizont sichtbar +wird, und der schüchterne Morgenmond, der noch bisweilen zu sehen ist, +wirkt wie eine verlöschende Erinnerung an die Nacht. Aber in Indien sind +die Lichter der Nacht mit dem Glanz des hereinbrechenden Tages in einen +leidenschaftlichen Kampf verstrickt, der seine Zwiespälte der Seele um so +eindringlicher mitteilt, je mehr die Stille der Lichtwelten ihre Gewalt und +Beharrlichkeit behauptet. + +Die ersten Tierstimmen erwachten um uns her, aber nichts regte sich. Wir +waren tief im Grünen und krochen und sprangen abwärts in weiten Abständen +voneinander, von Fels zu Fels, über gestürzte Baumstämme und sumpfige +Löcher, in denen die Überreste eines Gebirgsbachs faulten. Nach einer Weile +öffneten sich Bambuswände, und ich gewann für kurze Zeit einen freien Blick +über die ungeheure Schlucht. Zur Rechten und zur Linken erhoben sich +gelbliche Felswände, beinahe senkrecht abfallend und fast ohne Vegetation. +Sie liefen in der Ferne auseinander und ließen einen Blick in die +dampfende, grauschimmernde Weite zu. Der Dschungel erschien wie eine dicke, +grüne Decke im Winkel eines riesenhaften Gemachs mit braunen Wänden, und +der Morgenhimmel darüber war von gläserner Klarheit. + +Die westliche der beiden steilen Felswände war bis zur Hälfte wie mit +dunkelroter Farbe bemalt, gegenüber flimmerte das Mondlicht im Grünen. Ich +stand, von diesem Bild gebannt, in Betrachtung versunken da. Zugleich mit +der Hoffnung, daß nun der schwierigste Teil unserer Reise überwunden sein +möchte, glaubte ich die Wohltat eines leisen, kühleren Windes zu verspüren, +und meine Augen glitten entzückt über die goldene Glutbahn des +Morgenlichts an der Felswand dahin. + +Auf halber Höhe dieser Wand, etwa dort, wo sie der Sonnenschein teilte, +lief eine ausgehöhlte Bahn wagerecht durch das Gestein, die man wohl für +eine alte Meergrenze hätte halten können. Sie wirkte wie ein überdachter +Weg und mag auch zum großen Teil gangbar gewesen sein, führte an +halbkuppelartigen Höhlen vorüber und gewährte vereinzelten Zwergpalmen und +Aloëstauden Halt. Vor der größten dieser Höhlen war ein kleines +Felsplateau, nicht größer als etwa der Raum, den ein alter Lindenbaum in +der Mittagssonne zu beschatten vermag, und am Rand dieser Felsplatte in der +Sonne lag etwas. Ich erinnere mich deutlich, daß, noch bevor der Eindruck, +der meine Augen fesselte, mir irgend zum Bewußtsein gedrungen war, noch ehe +ich darüber sann, was dies gelbliche ruhige Etwas sein möchte, ein +Unterbewußtsein, wie eine ahnungsvolle Ehrfurcht mich bannte. Aber dann +wußte ich es jählings, wie durch einen lauten Zuruf aufgeklärt, und auch +ohne daß ich noch Figur und Zeichnung recht unterschied: der Tiger. + +Es ist das einzige Mal gewesen, daß ich in Indien einen Tiger in der +Freiheit erblickt habe. Ich lehnte mich an den Stamm eines Baumes, schloß +die Augen und öffnete sie wieder und sah hinauf wie einer, der sich von +seinen Blicken betrogen glaubt. Niemals werde ich die hellbraunen Felswände +vergessen, das Morgenlicht in der Steinkuppel und vor ihr, wie auf einem +Marmorsockel als Thron, im Schutze des steinernen Baldachins, die ruhende +Sphinxfigur des Tigers. Die Entfernung und die Höhe der Felswände ließen +ihn mir klein erscheinen, aber ich unterschied die Zeichnung des Fells +deutlich und sah die Pranken nebeneinander ruhen unter dem schrecklichen +Haupt, das unbeweglich, wie gemeißelt, die geschmeidige Linie des Rückens +und des breiten Nackens vollendete und dessen Augen in die Weite gerichtet +schienen. Eine Majestät ohnegleichen ging von diesem glühenden Monument der +Natur aus. + +Es ergriff mich eine Traurigkeit, die ich niemals ganz werde begreifen +lernen, aber ich weiß, daß meine Hände sich ballten und zitterten. Damals +erfaßte ich zum ersten Male die Schönheit und Größe der ägyptischen Sphinx, +dieses gewaltigsten Steinmonuments, das der Geist und die Erkenntnis des +Menschen jemals im Licht des Anspruchs und der Ehrfurcht erschaffen haben. +Die Begriffe der Gottheit, der Natur und des Menschseins sind in ihren +vielfachen Widersprüchen in dieser Gestalt zu einem Kunstwerk vereint, +welches das Unerbittliche lieblich mit der Hoffnung verbindet, die +Herrschsucht mit der Anmut, die Gefahr mit der Lust und die Gottheit mit +dem Spiel. Und keineswegs einzig durch den Abstand, welcher uns von diesem +Bildwerk scheidet, sondern an sich und für alle Zeiten der Vergangenheit +und Zukunft stellt die Sphinx das gewaltige Denkmal der Historie dar, jener +Historie, die über der Gewißheit einer großzügigen Entwicklung jede +Erinnerung an Einzelheiten und Geschehnisse zu verschmähen scheint und nur +in erhabenen Merksteinen die Jahrtausende mißt, welche das Menschenherz im +unveränderbaren Pulsschlag durchpocht. + +Der Anblick dieser großen ruhenden Katze in der Sonne, hoch in der +Felsenfreiheit, über dem unruhig gärenden Bett der vielerlei kleinen +Geschöpfe und Pflanzen des Dschungels, trug meinen Geist über die Geschicke +der Zeiten fort, zurück bis an jenen ältesten Stein der +Menschheitserinnerung. So erschien mir das herrliche Tier in seiner +Vereinsamung, wie ein später Nachkomme einer versunkenen Zeit, schon im +schwermütigen Schatten des Abschieds seines starken Geschlechts von der +Erde der Menschen, denen es mit vielen, längst vergessenen Wesen hat +weichen müssen. + +Aber hier war noch das Reich seiner Herrschaft. In der Morgensonne funkelte +sein steinerner Thron, und den erwachenden Urwald, tief unter dieser +königlichen Ruhe, schreckten die Schauer vor solcher Majestät. Arm, müde +und machtlos schlichen ein paar Menschlein unten durch das schützende Grün, +und unter ihnen ich, geduldet und eingeschüchtert durch die Herrschaft des +Tiers. + + * * * * * + +Als ich am Abend im Zelt einzuschlafen versuchte, entdeckte ich zwischen +den Bäumen hindurch an den Himmelslücken einen rötlichen Schein, der nicht +von unserem Feuer kommen konnte. Ich trat hinaus und prüfte die Weite +umher, so gut es mir gelang. Der Mond ging erst gegen Morgen auf; ich sah, +daß der ganze Himmel glutete, und weckte Panja. + +»Die Steppen brennen«, sagte er, nachdem er sich umgesehen hatte, und sog +die Luft durch die Nase ein, aber die windlose Nacht trug keinen +Brandgeruch bis zu uns. »Die Berge brennen,« wiederholte er schlaftrunken, +»tausend Tiere sterben, darunter die schädlichen. Die Bergmalabaren zünden +die Reste an, die die Sonne zurückgelassen hat; oft entstehen die Feuer +auch, ohne daß jemand weiß, wer sie angelegt hat.« + +Der Glutschein nahm zu und verbreitete eine erregende, matte Helligkeit im +nächtlichen Wald, die Stimmen der Tiere schienen vereinzelter und +gedämpfter zu klingen, wie in Ehrfurcht vor dem draußen herrschenden +Element. + +»Es heult nicht, das Feuer,« sagte Panja und lauschte, »ruhig schleicht es +über die Höhen.« + +Er legte sich wieder zur Ruhe nieder, es drohte uns keine Gefahr, aber +mich floh der Schlaf, den ich eben noch ohne Glauben gesucht hatte. Ich sah +im Geist die roten, wehenden Feuerfahnen über die endlosen graugrünen +Hügelweiten flattern in der blauen Nacht, und mir war, als hörte ich die +Stimmen des fliehenden und ereilten Getiers, das im Streit um den Besitz +der Berge, dem Menschen auf der Walstatt eines unaufhörlichen Kampfes +erlag. Gegen Morgen würde der Mond durch den Rauch scheinen, bis langsam +die Sonne die goldenen Kämme der Berge in ihrer Ruhe über dem bewegten Bild +entzündete; dort oben war es still, die ewigen Kriege waren dort längst +verrauscht. + +In der Schlucht rief ein Uhu, immer lange, wie aus tiefer Brust +hervorgehauchte Töne, in weiten Abständen voneinander, bald wie in dumpfer +Daseinsangst, bald wie in Liebesqual. Als der rote Schein zunahm, +verstummte er, die Felsschlucht schwieg, die dunklen Wände im rötlichen +Nebel vereinsamten aufs neue, und die verlassene Nacht zog weiter, im +glühenden Schleier. + +Es war eine lautlose Unruhe in der trägen Üppigkeit des verblühten Waldes +und die Geister der Vermoderten kamen aus der Vergangenheit hinüber in die +Bereiche meiner Erinnerung und begannen zu mir zu reden. Überall umher +lagen überwache Sinne in Krankheit, aus Löchern, Höhlen und grünen +Schlünden starrten die Masken unersättlicher Gier und gereizter Ermattung +einander an, im steilen Bambus schlief der Wind, hingesunken wie ein von +giftigen Gasen zum Taumeln gebrachter Falter. Die Ungeduld des Erdbodens, +an der widrigen Grenze süßlicher Ersticktheit, teilte sich dem Blut der +Wesen mit, aber nichts half mehr, kein Geschrei und keine Klage, kein Trost +und keine Wut. Nur im Wasser oder im Feuer war Errettung zu finden. Hatte +nicht Panja eben noch gesagt, die Steppen entzündeten sich selbst? + +Es klagte matt in der belebten Stille, ein Vogel, ein Waldtier oder ein +sinkender Baum, der sich seufzend in das morastige Bett seiner Entstehung +neigte. Ich lauschte auf die röchelnden Flüstertöne des Verfalls, in denen +die Stimmen der Versunkenen meine willenlosen Gedanken in ihr vergessenes +Bereich zurückführten. Der Geist des Fiebers schillerte mich böse, mit +grünen Augen, aufs neue an, und ich fühlte mich vom Sterben umhüllt und ihm +unrettbar preisgegeben. Ich empfand in merkwürdig tauber Verwirrung der +Verlassenheit, daß ich das Sterben noch nicht gelernt hatte, mich verlangte +inbrünstig nach Taten, nach Kampf und Anstrengungen, und meine höchste +Angst bestand im Gedenken an dies laue, erstickende Welken des Bluts, wie +es umher von mir gefordert wurde. + +War es, weil meine Augen am Tage die Hoheit des Dschungelherrschers gesehen +hatten, daß ich den Mut und die Kraft zum eigenen Lebensrecht nicht mehr +aufzubringen vermochte? Die Bedrängnisse, in denen sich die Natur befand +und die sich meinem Gemüt von Stunde zu Stunde eindringlicher und +überwindender mitteilten, ja, denen ich völlig zu erliegen drohte, weckten +im Grunde meiner Gedanken ein bohrendes Bewußtsein von Schuld. Welcher +Empfindende und Verstehende suchte in aller Not nicht zuerst die Schuld in +der eigenen Brust? Die Erkennenden sind verantwortlich, sie sind es, welche +in Wahrheit Opfer bringen und welche die Sühne tragen, im Kleinen wie im +Großen. Hatte ich die Trauer und Größe der alten Herrschergewalt dieses +Landes nicht erschauernd erblickt und ehrfürchtig auf meine Art erkannt, +wie ein verächtlicher Eindringling, und im Herzen schuldig aus Hochmut? + +Wenn ich die Augen schloß, so war mir, als dränge durch die Erschlaffung +der verschmachtenden Welt ein Pesthauch von jener Stätte zu mir hinüber, an +der ich zwischen den bläulichen Stachelarmen der Aloën den gelben Leib des +toten Panthers gesehen hatte, dann wieder tauchte die beschienene, +steinerne Kuppel vor meinem Geiste auf, die als ein goldstrahlender +Baldachin den Thron des Tieres schützte. Der Tiger war berufen, in diesen +Bereichen zu herrschen, ihn vergifteten die Dünste des Dschungels nicht, +der Brand der Tropensonne wurde seinem zähen Leib mit den eisernen Strängen +der Sehnen zur Wohltat, er durchschwamm die reißenden Ströme zu seiner +Erfrischung, wie im Spiel, und durchschweifte die Steppe tagelang, ohne +Gefährdung und ohne Bedrängnisse. + +Wie in den zugleich bedrückenden und beängstigenden Sinnesschwankungen des +nahenden Fiebers, die sowohl Verwirrungen als auch die übernatürlichen +Klarheiten der Vision mit sich bringen, war mir, als könnte unmöglich jene +Grenze gar zu weit zurückliegen, an welcher der Wechsel der Herrschaft von +Tier und Mensch über die Erde stattgefunden haben sollte. Als habe sich +meinen eingeschüchterten Sinnen erwiesen, wie töricht der Menschenhochmut, +in der leichtfertigen Sicherheit seiner zerbrechlichen Städte, sein +Machtbereich und seine Herrschaft überschätzt. Und mir war aufs neue, als +träte der Geist dieses Landes und seiner alten Völker zu mir und überredete +mein Herz. Ich begriff eine Lehre, die das Tier ehrt, anbetet und niemals +tötet, deren religiöses Bewußtsein und Bekenntnis eine tiefe Beziehung zum +Wesen des Tiers ahnen läßt, und die die tatlose Geduld, die ehrfürchtige +Erwartung und das heilige Harren in demütiger Ergebenheit preist. Wie +vorzeiten in einer unvergeßlichen Traumnacht ein Affe im Triumph seiner +überwundenen Gefangenschaft zu mir gesprochen hatte. + +Wie aber die ungewisse Neigung zur Ehrfurcht Angst und noch keine +Beruhigung erzeugt, deren Friede erst mit der eingetretenen Erkenntnis +hereinbricht, so erschien es mir in heimlichem Erzittern zu dieser Stunde, +als sei die Herrschaft des Tiers auf der Erde nicht überwunden, sondern als +bestünde sie noch, wenn auch verborgen und beengt, so doch in ihrer +ursprünglichen Gewalt und Finsternis. + +Mit den ermüdeten Zügen Hucs, des Affen, der mir zu Beginn meiner +leichtfertigen Fahrt in die überblühten Ruinen des alten Gottreichs +erschienen war, trat aufs neue der Geist dieser versunkenen Zeit vor mich +hin, und seine grauen Augen sahen mich an: »Noch herrscht das Tier, hier, +um dich her, im Rahmen der ihm zugehörigen Natur, in die der Mensch nicht +weiter eingedrungen ist, als ein Borkenkäfer in einen Baum, dort verborgen +in der aufrechten Gestalt, unter der weißen Haut, hinter der klugen Stirn +und den schönen Augen. Vollzieht sich die Wandlung unter dieser Hülle nicht +immer noch rasch und leicht? Nicht allein auf Schlachtfeldern und im +Getümmel der entflammten Haufen, auch in stillen Kammern oder auf offenen +Märkten, unter den Marterpfählen der Heiligen, oder im Schmeicheln der +süßesten Rede? Noch herrscht das Tier. Die Weisen der Erde erzittern auf +ihrem Weltpfade unter dem Gebrüll, das um sie her erklingt, wenn sie +eilend, gerafften Kleids, mit verwundeter Hoffnung ihre Zeit durchmessen.« + +Mit feurigen Schritten schlich die Nacht träge dahin, der Himmelsschein der +brennenden Steppen erlosch allmählich, aber es war, als habe er eine +vermehrte Hitze zurückgelassen, immer noch war kein Hauch des nahenden +Morgens zu verspüren. Vergebens forschte ich am Himmel nach dem +Morgenstern, und mit den düsteren Wetterwolken, die wie böse Ahnungen im +glühenden All herandrängten, begann neben mir monoton die Stimme meiner +Angst aufs neue: + +»Das Tier herrscht. Wenn der Morgen sich ankündigt, so wird dein Blut +erloschen sein, du sollst in diesem schwülen, grünen Mantel ersticken.« +Meine Qual entstand nicht durch den Gedanken an den Tod meines Leibes, +sondern durch diese düstere Ahnung von der Herrschaft des Tiers und durch +die Hoffnungslosigkeit, in der ich, am Rande des Wahnsinns, nach einem +Ausweg suchte, nach einer erlösenden Gewißheit, nach dem Licht der Zukunft. +Wie der Zweifelnde das Leben seiner Geliebten argwöhnisch nach Beweisen +ihrer Schuld durchforscht, gegen seinen besseren Willen, ja, fast gegen +sein Gewissen, so durchforschte mein Geist in diesen Nachtstunden die +Geschichte der Erde nach den Merkmalen des Tiers, und aufs neue tauchte das +Bildwerk der Sphinx vor meinen geistigen Augen empor. Es verschmolz mir in +der alten Erinnerung des Menschenwesens und in der Erinnerung meiner +eigenen zeitlichen Erlebnisse mit der Erscheinung des ruhenden Tigers an +der Felsenwand. Es war, als habe diese Erscheinung, von der meine Augen am +vergangenen Tage betroffen worden waren, im mystischen Zusammenhang mit der +alten Menschenfurcht und -ehrfurcht, einen erklärenden Lichtschein auch in +meine Erkenntniswelt geworfen, und in jener Nacht hätten keine menschliche +Weisheit und keine Überzeugungskraft mich vom Wege meiner Gedanken +abzubringen vermocht. + +In ihm, jenem alten Volke der Ägypter, mußte das Bewußtsein klar gelebt +haben, daß die Herrschaft des Tiers nicht überwunden war, sie erschufen in +unfaßbarer organischer Einheit den Katzenleib mit dem Menschenkopf und den +Menschenleib mit dem Löwenhaupt. Sie erhoben diese Standbilder zu +Gottheiten, verehrten sie in ihnen und erkannten sich selbst darin. + +Während meine Gedanken nach Sicherheit suchten, nach dem entscheidenden +Gegenwert, nach der Verkündigung der Wahrheit, daß das Tier dennoch +überwunden sei, schritt auch Johannes an mir vorüber, der den +göttlich-weisen Heiligen von Golgatha am lautersten geliebt hatte. Auch +ihn, den, wie keinen, die menschliche Hoheit und der göttliche Triumph +seines Meisters durchdrungen hatten, schreckte in den verzückten Ahnungen +eines künftigen Reichs des Menschensohns, das Tier. In seinen letzten +Visionen, in denen Furcht und Hoffnung das liebende Gemüt im zerrütteten +Leib zerrissen, erschien ihm das Tier: + +»Und ich trat an den Sand des Meers und sah ein Tier aus dem Wasser +steigen, das hatte sieben Häupter und zehn Hörner und auf seinen Hörnern +zehn Kronen und auf seinen Häuptern Namen der Lästerung. Und ich sah seiner +Häupter eines, als wäre es tödlich wund, aber seine tödliche Wunde ward +heil, und der ganze Erdboden verwunderte sich des Tiers. Und sie beteten +das Tier an und sprachen: 'Wer ist dem Tiere gleich? Wer kann mit ihm Krieg +führen?!' Und ihm ward gegeben, zu streiten mit den Heiligen und sie zu +überwinden, und ihm ward Macht über alle Geschlechter gegeben.« -- + +Die brodelnde Finsternis des heißen Urwalds umdunkelte meine überwachen +Sinne, wie im Taumel einer nahenden Ohnmacht, und meine armen Gedanken +huschten wie blasse Irrlichter darüber hin. Damals war mir der Gedanke an +meinen nahen Tod zur Gewißheit geworden, und ich weiß zuversichtlich, daß +ich seinem Schatten niemals näher war. Eine unbeschreibliche Sehnsucht nach +dem Morgen wachte, wie eine letzte Hoffnung, unverstanden und von düsterer +Traurigkeit bedrückt, in meinem Herzen, das erstickend in Finsternis und +Erdschwüle nach Erlösung rief. Ich muß kurz nach diesen letzten +Erinnerungen in Schlaf gesunken sein, über mir den qualmenden Rachen des +Tiers. + +Aber der Traum, mit welchem ich im Morgenlicht erwachte, war leicht und +lieblich, als belohnte ein gnädiger Geist die Bedrängnis meiner Gedanken +mit einer frohen Zusicherung. Es ergeht uns Irdischen oft so, daß sich der +Wechsel und Ausgleich von Finsternis zum Licht mit dem Wechsel von Schlafen +und Wachen vollzieht, oder bisweilen wohl auch umgekehrt, als läge die +Absicht, zu schlichten und zu besänftigen, im natürlichen Wandel unserer +Zustände. So mag es sich erklären, daß ein heiter verbrachter Tag sich in +düsteren Traumbildern spiegelt, oder daß die Angesichter der Toten zuweilen +nach furchtbaren Qualen des Sterbens einen unnennbaren Frieden in ihren +Zügen tragen. + +Ich erinnere mich keines Traums, der meinem Gemüt eine größere Helligkeit +gebracht hätte, und keine Wohltat ist jener Ruhe zu vergleichen, die mir in +den Lösungen geschah, die sich wie gnädige Offenbarungen an die Pein meiner +Angst und meines Zweifels im Schlafe anschlossen. Erkenntnisse, welche uns +durch Träume vermittelt werden, haben eine seltsame Unschuld der Erfahrung, +es erscheint oft, als schlössen sie alle jene Irrtümer aus, die das +bereitwillige Denkvermögen des wachen Gehirns so leicht begeht, in seiner +Hoffnung, es möchte aus dem Vielerlei ein Viel entstehen, und aus dem +Mancherlei ein Besonderes. Das Grübeln ist der Feind des Denkens, denn die +guten Gedanken kommen zu uns wie das Licht oder die Wärme, unversehens, wie +ein Sonnenblick durch die Schleier der Wolken, oder wie eine Knospe an +ihrem Strauch im Frühlingsregen aufbricht. So mag der Schlaf ein tätiger +Freund des Denkens sein, und das oft scherzhaft gebrauchte Wort, daß der +Herr es den Seinen im Schlafe gibt, hat ebensowohl einen tiefen Sinn, wie +das uralte Verlangen der Menschen, Träume auf rechte Art deuten zu lernen. + +In einem hellen Zug, der auf dunklem Erdgrund allein und deutlich von einem +klaren Himmelsstrahl beschienen wurde, zogen die Heiligen der Geschichte, +die das Tier überwunden haben, im Traum an mir vorüber. Die Reihe rückte +aus unergründbarer Welttiefe, die ganz in Finsternis gebettet war, so hell +heran, als flösse ein weißer Bach in der Nacht über schwarzen Erdgrund. Und +jedesmal mit dem Augenblick, in welchem eine Gestalt deutlich erkennbar +wurde, zerfloß sie in das große Wort ihres wichtigsten Bekenntnisses. Mit +dem Erklingen dieses Worts aber, das sich wie ein Lichtschein in meine +Sinne ergoß, versanken das Angesicht und der Name seines Trägers, aber es +erschien mir, als läge es so im Willen der Heiligen. Im Halbdämmern, das in +ihrer Nähe herrschte, erkannte ich undeutlich in ihrer Begleitschaft die +gewaltigen Umrisse gefesselter Tiere. Ich erblickte darunter einen Drachen, +hundertfach verschlungen und in dunklen, glühenden Farben von großer +Pracht, das Löwenhaupt der Sechmet, über den lieblichen Mädchenschultern, +tauchte empor und erlosch, die heilige Schlange, gekrönt, mit geblähtem +Hals unter dem Gift des Rachens, und das weiße Rind. + +Unter den Heiligen kam auch aufs neue jener seltsamste Prophet zu mir, den +die Religionen der Völker kennen, und dessen Worte über die Macht des Tiers +mir noch kurz zuvor durch den Sinn gegangen waren, aber seine Erscheinung +hatte die Gebärde des heimgesuchten Märtyrers seiner Angst verloren. Er war +der Letzte; mit ihm und dem Wort seiner Gottheit erlosch der strahlende +Zug: + +»Ich bin der Erste und der Letzte. Ich bin der Ursprung des erwählten +Geschlechts, ein heller Morgenstern.« + + + + +Zehntes Kapitel + +Sumpftyrannen + + +Es würde schwer halten, mit Sicherheit über den Zeitraum zu berichten, der +zwischen den inneren Erlebnissen dieser Nacht lag, in welcher ich dem Tier +begegnete, und der Morgenstunde, in welcher bald nachher Panjas helle +jubelnde Stimme mir aus dem Buschwerk entgegendrang. Beim Klang seiner +lauten Worte überkam mich nach seinen vielerlei Vertröstungen zum erstenmal +die ganze Zuversicht unserer Befreiung. Ich verstand anfänglich immer nur +ein Wort, und da er es im Rufen mehr sang als sprach, so unterschied ich +den Sinn nicht, bis er lachend vor mir stand und zitternd vor Freude +erklärte, sie seien bis an die Ufer des Kumardary vorgedrungen, des großen +Stroms von Süd-Kanara, dessen Wasser aus den Bergen von Kurg und Maisur +zusammenströmen und der bei Uppanangadi in den Netrawati einmündet, an +dessen Ausfluß in das Meer Mangalore liegt, die Stadt, die unser Ziel war. + +»Der Fluß hat noch Wasser genug für die größten Kanus,« rief Panja +glücklich, »wenn wir Boote aufgetrieben haben, so brauchst du keinen +Schritt mehr zu machen, bis die Palmen von Mangalore dich beschatten, und +der Regen mag kommen. Der Fluß trägt uns schnell hinab.« + +Seine frohe Gewißheit teilte sich mir anfänglich mit. Nach seinen +Schilderungen näherten wir uns dem rechten Ufer des Flusses, in einem +Abstieg genau von Norden nach Süden, hatten sein Bett also im Laufe der +zurückliegenden Wochen bereits einmal überschritten, wahrscheinlich in den +heißen Tagen des glücklichen Wanderlebens vor meinem Fieber. Eine +merkwürdige Ernüchterung überkam mich plötzlich, sie stellte sich in +Gemeinschaft mit einer neuen Lebenskraft ein, aber zugleich mit einer +tiefen Verstimmung. Eine veränderte Wirklichkeit rückte heran, mit den +grauen Bildern der gewohnten Lebensweise, und die tiefere Wirklichkeit des +Traums wurde darüber schadhaft und unwahr. Ach, gewißlich würde ich die +Erlebnisse der zurückliegenden Zeit niemals vergessen, aber irgend etwas an +ihnen schien mir plötzlich seine Inbrunst einbüßen zu müssen; was einst dem +Ernst meiner Seele heilig war, das würde nun im Schein eines feinen +Lächelns zurückbleiben. Gewiß, jener schöne Zustand der Vergangenheit war +einmal groß und wichtig gewesen, aber es war nun nicht mehr der einzige, +denn die neue Welt würde aufs neue meine Hingabe, wiederum meinen Ernst und +meine Andacht einfordern. + +Damals war es, als ich mir vornahm, niemals über die große Welt meines +Erlebens zu schreiben oder zu erzählen, sondern mich bei beiden an die +äußeren Ereignisse zu halten. Ich wandte mich um und sah hinter mich, als +könnten meine Augen noch einmal alles übersehen, was mich bedrängt und +erhoben hatte. Aber nur die undurchdringlichen grünen Wände, deren +Palmengefieder in der Sonne glitzerte, boten sich meinen Augen, keine Spur +unserer Füße war mehr kenntlich, ich war vergessen in dem Bereich, das ich +flüchtig durchmessen, nur in der Ahnung begriffen und im eingeschüchterten +Gemüt geliebt hatte. + +Heute, nach Jahren, über die weißen Blätter gebeugt, die meine Gedanken, +meine Freuden und die Bilder und Farben meiner Erinnerung tragen sollen, +begreife ich jene Trauer besser. Damals schlug in meiner Brust die Stunde +der Umkehr, damals fühlte ich, daß ich hätte bleiben sollen, denn es gibt +keine Berührungen und Umarmungen in der Welt, die an Glück denen der Natur +zu vergleichen sind, welche unschuldig und großzügig bleiben, und in keinen +weiß sich die besondere Art unseres Lebensbewußtseins geborgener. Auch +mögen damals heimliche Erinnerungen an die Hast und Willkür des +europäischen Treibens in mir erwacht sein, die alles in Begleitschaft und +zum Ziel haben, was immer Menschenaufgabe sein mag, Glück führen sie nicht +herbei. Der Zustand des Glücks ist nicht ohne die Ruhe zur Selbstbesinnung +möglich, denn Selbstbetäubung führt zur Verarmung. + +Und doch ergriff mich daneben der Taumel des Neuen, das mich erwartete, und +ich weiß deutlich, daß mich damals schon eine Ahnung streifte, welcher Art +meine Erlebnisse sein würden. Lichtwelten und Stürme der Geisteswelt künden +sich begierigen Seelen so deutlich an, wie Gewitter oder Sonnentage sich in +der Natur vor ihrem Herannahen zu offenbaren pflegen. Mir war damals für +einen Augenblick zumut, als sähe ich durch das Buschwerk der +Dschungelwildnis nieder auf das Meer, erblickte den bläulichen Rauch der +Hindustadt über dem unruhigen Beet der großen und kleinen, bald geneigten, +bald kerzengeraden Palmen, und hier und dort das Schimmern einer weißen +Mauer. Ich sah eine braune, hölzerne Tempelpagode zackig aus dem Grün +steigen und hinter ihr den blauen Streifen des Ozeans. So sah die Wohnung +des alten Geistes in meiner Vorstellung aus, und mich verlangte nach keiner +Begegnung inniger, als nach der mit einem der Söhne dieses Geistes. Wohl +war ich hier und dort auf meiner Reise mit Brahminen zusammengetroffen, +aber niemals war ich einem nahe getreten, da die heute zugängigen unter +diesen Leuten meist in Gewohnheit und Bildung von der Tradition ihres +Geschlechts gelassen haben, sie sind nicht mehr Priester oder Gelehrte, +sondern Händler geworden. + +Mangalore aber, soviel wußte ich gut, war ein alter und von der neuen Welt +nur wenig berührter Platz, eine der wenigen größeren Meerstädte der +Westküste, die weder von der Eisenbahn noch vom Dampfschiffverkehr berührt +werden und in denen, wie sonst nur tief im Lande, die Herrschaft der +Priesterkaste noch große Macht ausübte. Es kam hinzu, daß sowohl die +Jesuiten als auch die Protestanten dort Niederlassungen ihrer kirchlichen +Einwirkung unterhielten, so daß der Kampf der Geister belebt und heimlich +in der Stadt wogte. + + * * * * * + +In solch geteiltem Zustand meines Empfindens durchmaß ich mit den braunen +Gefährten meinen letzten Tag im Urwald. Wir erreichten gegen Mittag ein +kleines Dorf, das nah am Fluß auf einem sanften Hügel lag, und auf das wir +nur durch das Trompeten eines Elefanten aufmerksam wurden. Den Fluß hatte +ich den Tag über noch nicht zu Gesicht bekommen, obgleich wir uns an seinem +sumpfigen Ufer dahinbewegten, nur das Gurgeln und Schnattern von +Wasservögeln verriet ihn und der morastige Dunst der Luft. + +Wir kamen bald auf einen ausgetretenen Pfad, der wie ein braunes Band in +mancherlei Verschlingungen, tief in Schilfwände eingebettet, dahinführte, +und trafen dort nach langer Zeit einmal wieder einen Menschen an. Es war +eine alte Frau, die an einem Stab einen Kupferkessel über der Schulter +trug, und die bis auf einen Lendenschurz nackt war. Ihre Augenbrauen waren +mit Henna gefärbt, und sie trug ein dunkles Abzeichen auf die Stirn gemalt, +das in der Form einer großen Spinne glich. + +Als ich ihr winkte, kam sie schüchtern näher, eigentlich blieb sie eher +stehen und ließ nur zu, daß ich an sie herantrat, dann hob sie die Arme und +verneigte sich, ihre Gebärde schien anzudeuten, daß sie sich zu jeder +Dienstleistung bereit erklärte, aber im schlimmsten Fall auch zur Flucht. + +Panja schaute in ihren Topf. + +»Pfui Teufel,« sagte er würdig, »es hockt eine Kröte darin.« + +Er konnte sich nur schwer mit der Alten verständigen, die kein Wort +hindustani und nur sehr wenig kanaresisch verstand, aber wir erfuhren, daß +der Ort Schamaji hieß, und daß der König den weißen Herren gnädig gesinnt +sei und zwei Elefanten besäße, beide männlichen Geschlechts. + +»Weiß Gott, was das für ein König ist«, sagte Panja ohne Respekt und sah +mich mit einer Grimasse an, die mindestens Fragwürdigkeit ausdrückte. Es +gibt in Malabar und Süd-Kanara eine ganze Reihe kleiner Hindukönige, die +sich aus ihren städtischen Sitzen, langsam der Macht der Mohammedaner oder +der Engländer weichend, in die Provinz zurückgezogen haben, um ganz ihrem +Volke leben zu können, oder besser von ihrem Volke. Es geht ihnen mit ihrer +Macht ähnlich wie manchem angeblich verkannten Dichter mit seinem Genie, +beide entwickeln sich in der Ausgeschlossenheit ins Ungeheuerliche, aber +nur in den Augen ihrer wenig glücklichen Träger. Diese Despoten geistiger +oder weltlicher Macht haben etwas ungemein Rührendes, und es gehört +geradezu Hartherzigkeit dazu, sie ihrer Illusion zu berauben. Es verbirgt +sich soviel Gutmütigkeit hinter der meisten Eitelkeit, daß man lernen +sollte, sie mit weniger Verachtung zu ertragen, denn der wahrhaft Böse ist +selten eitel. Diese vereinsamten Gewaltigen ihrer verkannten Herrlichkeit +sind oft durch einen unvermuteten fremden Glauben an ihre Bedeutung so +heftig zu erschüttern, daß ihre Hoheit sich in bittere Anklage verwandelt, +sobald sie einmal nicht bestritten wird. + +Trotz dieser Kenntnis beschloß ich, den König von Schamaji so ernst zu +nehmen, als sei er der Maharadscha von Maisur; die kleinen Geschenke, die +ich ihm hätte zum Empfang senden können, würden wahrscheinlich keinen +großen Eindruck auf ihn gemacht haben, denn diese vergessenen Fürsten sind +oft noch vermögend genug, um sich mit allem erreichbaren Tand zu umgeben, +den der Handel aus dem Westen einführt. Ich beschloß deshalb, zuerst seine +Bekanntschaft zu machen, und schickte Pascha mit der Alten, um um eine +Audienz einzukommen und um die Erlaubnis, mein Zelt bis zum Morgen in der +Nähe seines Throns aufschlagen zu dürfen. Pascha ging, ernst wie immer und +ohne erkennen zu lassen, was er von meinem Vorhaben hielt, die Alte +quietschte vergnügt und schloß sich ihm an, in merkwürdigen Sprüngen, die +eher auf ihre Rüstigkeit, als auf ihre Würde schließen ließen und die +sicherlich ihre erbeutete Kröte auf das unangenehmste berührten. Panja +dagegen erhob Einspruch: + +»So darfst du keinen König behandeln, Sahib«, sagte er nachdenklich und +ohne Eifer. Er schien wirklich besorgt, und ich hatte alles andere +erwartet, als er fortfuhr: »Er wird sich auf seinen lahmen Elefanten hocken +und auf dich herabsehen wie auf einen Bettler. Wenn du ihm aber erlaubt +hättest, dich zu sehen, so würde er dir seinen Elefanten geschickt und sich +zur Erde geworfen haben, wenn du in seine Residenz eingeritten wärst.« + +»Panja, ich will nicht, daß der König mich sieht, sondern ich möchte ihn +sehen, und zwar so, wie er gesehen sein will und wie er zu leben pflegt. +Glaubst du, der gebeugte Nacken eines Menschen sei unterhaltsamer, als sein +erhobenes Gesicht?« + +»Das ist der Kummer,« sagte Panja, »du hältst nichts auf deine Würde. Du +könntest wie ein Fürst durch den Dschungel ziehen und kommst wie ein +Wandermönch, der überall bitten muß. Es ist schwer, solchem Herrn dienen zu +müssen. Dies wäre nun wirklich einmal ein König für uns gewesen. Bei +anderen Königen, die noch Macht und Reichtümer haben, wäre dir ohnehin +nichts anderes übriggeblieben.« + +Er hockte sich bekümmert auf einen Gepäckballen und betrachtete die +Ameisen, die ihn zu erobern suchten. Im Grunde dachte er gewiß nicht so, +und er wäre leicht vom Gegenteil zu überzeugen gewesen, es lag ihm nur +daran, mein Ansehen zu heben und seines in Szene zu setzen, und da sich für +das letzte gewiß noch Gelegenheit bieten würde, ließ ich ihn in seinem +Kummer allein. + +Sein Schmerz brach noch einmal durch: + +»Glaubst du, ich hielte dich für arm oder machtlos, Sahib? Ich weiß alles. +Aber was hilft ein goldgesticktes Kleid, wenn man es verkehrt anzieht und +zuknöpft? Wer ehrlich ist, zeigt was er ist.« + +»Panja, es ist zu heiß zum Reden, wir wollen ein wenig ruhen, bis der König +kommt.« + +»Nein, du sollst sprechen!« + +Als ich schwieg, stampfte er mit dem Fuß. + +»Glaubst du, ich sei glücklich, wenn ich recht behalte?« fragte er böse. + +»So geht es auch mir,« antwortete ich ihm, »und so ist es mit dem +goldgestickten Kleid, von dem du gesprochen hast.« + +Er schüttelte eifrig den Kopf. + +»So kann es nicht sein, denn ich bin dein Diener, du aber bist der Herr und +mußt recht behalten. Bist du ein Diener des Königs, daß es dich quälen +könnte, wenn er schweigt, und du fühlst, daß er doch im Grunde recht hat? +Du läßt ihn sitzen und gehst. Aber ich kann nicht fortgehen.« + +»In dem Reiche, in welchem es mir gefällt, gibt es keine Herren und +Knechte, Panja, sondern nur lebendige Wesen, und das Ziel aller Lebendigen +ist die Freiheit. Der Wunsch nach rechter Freiheit aber richtet seine Augen +nicht auf andere, sondern zuerst in die eigene Brust. Auf diese Art braucht +niemand um sein Recht besorgt zu sein, es fällt jedem sein Teil zu, wenn +jeder sein Teil erkennt und bewacht.« + +»Wenn dein Gott dich das lehrt,« sagte Panja, »so kennt er die Welt nicht +und weiß nicht, wie es in ihr zugeht.« + +»Vielleicht weiß er nicht, wie sie ist, aber er weiß, wie sie sein sollte.« + +»So sage mir, was du Freiheit nennst? Wie soll ich dich verstehen?« + +»Freiheit beginnt mit der Erkenntnis und dem Willen, daß man sein Handeln +nicht mehr danach richtet, was man anderen damit antut, sondern danach, was +man sich selbst zufügt, oder was man um seiner selbst willen unterläßt. +Nimm an, du schlägst einen Menschen oder ein Tier, das mag zuweilen +notwendig sein. Du und das fremde Wesen, ihr beide werdet etwas dabei +empfinden. Es wird dir solange gleichgültig sein, was ein anderer dabei +fühlt, bis du gelernt hast, zu beachten, was dir selbst dabei durch die +Seele geht. Hierauf achtzuhaben und sein Handeln danach einzustellen, ist +der erste Schritt zur Freiheit.« + +»Und der letzte?« fragte Panja. + +»Der letzte ist der Wille, alles Böse deines Herzens in Liebe zu +verkehren.« + +»Ich weiß nicht, was gut ist und was böse. Alle Menschen denken darüber +verschieden. Die Brahminen denken anders als ich, du denkst anders als die +Fakire, die aus den Bergen niedersteigen, und wenn du gar einem Missionar +begegnest, so denkt er so darüber, daß sich deine Haare sträuben.« + +»Das ist nicht wahr, du weißt doch, was böse ist, und du brauchst es nur +für dich selbst zu wissen. Es ist nicht deine Aufgabe, dem Bösen zu +begegnen, das dir bei anderen entgegentritt. Für dich selbst aber wirst du +es wissen.« + +»Gut, wenn ich aber keine Liebe habe, Sahib?« + +»Dann bist du verloren, Panja, dann kann kein Gott dir zur Freiheit +verhelfen, der meine nicht und der deine nicht, keiner. Solche Menschen +sind wahrhaft arm und verloren.« + +Panja schien sich mit diesem Resultat einer bescheidenen Reflexion +zufrieden zu geben, er lächelte vor sich hin, als käme er selbst bei einer +solchen Lage der Dinge nicht eben schlecht weg. Aber dann begann er sich zu +kratzen, und ich erkannte, durch den Sonnenschein blinzelnd, daß kein +äußerlicher Grund für diesen Kraftaufwand vorlag. Er meinte vorsichtig: + +»Was du in deinem Kopf ausdenkst, Sahib, ist gar nicht übel, aber wenn es +herauskommt und man will etwas damit anfangen, so geht es einem ähnlich, +als wollte man sich Sonnenlicht für die Nacht aufheben. Das Leben ist doch +anders, das ist die Sache.« + +»Es ist dunkel, Panja. Dadurch unterscheidet sich unser Herz von unseren +Händen, in ihm läßt sich Licht aufheben und bewahren.« + +Wäre nicht eine trippelnde Schar kleiner Wilder am Ende des Pfades vom Dorf +her erschienen, so hätte sich Panja sicher noch einen Einwand ausgedacht, +jedenfalls behielt er insofern auch ohne Entgegnung recht, als die +greifbaren Tatsachen des Lebens gebieterisch die Oberhand forderten. Es +waren vielleicht zwanzig oder dreißig Hindukinder, die in einiger +Entfernung auf dem schmalen Weg den Versuch machten, immer eins vor dem +andern zu stehen, da jedes die Absicht mit sich trug, am besten glotzen zu +können. Dies Bestreben bewirkte, daß das belebte Knäuel sich immer mehr +näherte, bis endlich die stärksten Knaben vorn waren und die Beine in den +Boden stemmten, um nicht weiter an uns herangedrängt zu werden. Einige +kletterten in die Pfefferranken, und die schwarzen Augen sahen über den +braunen Pausbacken durch die grünen Blätter. + +»Eine Botschaft im Kopf einer alten Frau ist wie Reis in einem groben +Sieb«, sagte Panja und lachte. + +»Es war keine junge da, Panja.« + +Er sah mich neugierig an und meinte dann: + +»Dir ist es gleichgültig, Sahib. Du siehst auf die Frauen meines Landes wie +ich auf die Gedanken deiner Stirn.« + +Ich wunderte mich in der letzten Zeit oft über Panjas Freimut und über den +vergnügten Eifer, mit dem er vertrauensvoll im Element unserer Beziehung +umherzuschwimmen begann. Ich empfand darüber große Freude, denn meine Art, +mich mit ihm einzulassen, hätte bei den meisten Männern seines Volkes und +seines Standes zu Enttäuschungen geführt. + +Panja trat gebieterisch vor die lebenden Resultate der erfolgreichsten +Bemühung der Einwohner der Königsstadt, aber der Eindruck, den er machte, +war nicht so groß, als er erwartet hatte. Da kehrte er um, nahm mein Gewehr +und ging wieder zurück. Jetzt wichen ihm die Kleinen scheu aus, und er +lächelte befriedigt und hielt eine Ansprache in hindustani, die einen um so +stärkeren Eindruck machte, als sie nicht verstanden wurde. Er wurde durch +ein fernes Klirren und Flöten unterbrochen und kam rasch zu mir zurück. + +»Der König kommt,« rief er, »wenn er nicht zu neugierig wäre, würde er dich +wahrscheinlich länger haben warten lassen.« + +Die lärmende Musik kam näher, sie spannte seltsam die Erwartung, wie sie +hinter den grünen Vorhängen des Dickichts heranrückte, und ihr Rhythmus +erschütterte das Blut geheimnisvoll. Das erste, was ich bald darauf +erblickte, war der graue Schädel eines riesigen Elefanten und über ihm das +bunte Kattundach eines etwas schiefen Baldachins, der von drei vergoldeten +Stangen gehalten wurde und von einer eisernen. Unter dem hellen Dach war +ein geflochtener Verdeckstuhl aus Rohr kunstvoll befestigt, und auf ihm saß +der König von Schamaji und spähte mit eifrig bewegtem Kopf nach seinem +Besuch aus. Acht Diener zur Rechten und Linken des Elefanten trugen Fächer +aus Pfauenfedern, die an dünnen Bambusstangen befestigt und etwas schadhaft +waren, ihre vielfarbigen Augen waren zum Teil erblindet, wie auch die +Gewänder der Gefolgschaft in etwas den Eindruck einer raschen +Zusammengesuchtheit erweckten. Immerhin entbehrte der Anblick des Zuges +keineswegs einer gewissen Pracht, besonders die Decken des Elefanten +gefielen mir wohl und waren, bis auf die faustgroßen, gläsernen Edelsteine, +wertvoll, von reicher Stickerei und schönem Stoff. Die Musikanten +schritten, entgegen der gewohnten Art solcher Festzüge, hinter dem +Elefanten, wahrscheinlich hatte der König ihnen den Vortritt nicht gegönnt, +und so gruppierten sie sich auch eher neugierig, als eben feierlich, und +suchten zur Rechten und zur Linken des dicken Ungeheuers soviel als möglich +von dem Fremden zu erspähen. Hinter ihnen zog in ungeordneten Haufen das +ganze Dorf heran. + +Wir waren bis zu einer Lichtung vorangeschritten, und der König nickte mir +huldvoll zu, nachdem er den Aufstieg der Musik durch eine Bewegung seiner +braunen Hand beschwichtigt hatte. Er hieß mich auf englisch in seinem Reich +willkommen, nachdem er zuvor einen prüfenden Blick auf mein Gepäck geworfen +hatte. Ich antwortete ihm englisch, und Panja übersetzte meine Worte, denn +er traute dem König keine weiteren Kenntnisse dieser Sprache zu, und er +behielt darin recht. + +Der König kletterte hierauf mit großem Geschick von seinem Elefanten, wobei +er so selbstverständlich auf die Schultern seiner Würdenträger trat, als +bildeten sie eine natürliche Treppe. Durch den Abstand, in welchem er sich +von mir hielt, deutete er mir an, daß er die abendländische Sitte eines +Händedrucks zu vermeiden gedächte, und ich sagte ihm einige Höflichkeiten +über sein Ansehen und über seine Macht, von welchen beiden der Dschungel +widerklänge. Das gefiel ihm wohl, und so erfuhr ich von ihm, daß er noch +einen zweiten Elefanten besäße, der aber nicht mitgewollt hätte, daß mir +der Zutritt in seine Stadt offen stünde, und daß ich mein Zelt im Garten +seines Schlosses aufschlagen dürfte. Wir standen in einem braun-weißen Ring +von staunenden Menschen, im Schatten des Elefanten, und sagten uns noch +eine ganze Weile angenehme Dinge. Endlich fragte der König, was mein Begehr +sei. + +Panja riet mir rasch, eine Regierungspflicht vorzuschützen, aber es +widerstand mir, und so antwortete ich, daß ich gekommen sei, sein Land und +seine Stadt zu sehen, von der ich im Abendland gehört hätte. Ich glaube +nicht, daß Panja dies richtig weitergegeben hat, jedenfalls minderte seine +Auskunft die Gunst des Königs nicht herab, und er begleitete uns ins Dorf +zurück, immer bemüht, mir nicht zu nahe zu treten, und außerordentlich +unhöflich gegen sein Volk. + +»Bist du ein Engländer?« fragte der König zögernd, und Panja antwortete, +bevor ich etwas entgegnen konnte: + +»Der Sahib läßt fragen, ob du ein König seist?« + +Das wurde verstanden, ich wunderte mich sehr darüber auf wie freundliche +Art, aber man muß die Kälte und Sicherheit der englischen Beamten im Innern +Indiens gesehen haben, um zu begreifen, daß diese Gegenfrage keinesfalls +das gewohnte Maß der englischen Arroganz überschritt. So war ich also ein +Engländer. Wahrscheinlich hätte die Verkündigung meiner deutschen +Nationalität keinen größeren Eindruck auf diesen Fürsten gemacht, als wenn +sich in Berlin ein Neger mit Stolz als zum Stamme der Aschanti gehörig +ausgibt. + +Wir kamen über den Dorfplatz, der, wie mit großen graugrünen Zelten, mit +wilden Feigenbäumen umstellt war, deren hängende Wurzeln, wie das +Gitterwerk eines Käfigs, den Ausblick auf die fast ganz im Grün verborgenen +Hütten anfänglich verdeckten. Das Schloß lag am Ende des Dorfs in einem +Hain von wilden Zitronenbäumen und Arekapalmen, es war zweistöckig und weiß +getüncht, von einem hohen Kakteenzaun umgeben, zwischen dem Termitenbauten +natürliche Befestigungstürmchen bildeten. Die mit Bambusgitterwerk +verhangenen Fenster schwiegen geheimnisvoll in dem abendlichen +Sonnenschein, der schräg durch die Palmen drang, nur zuweilen klirrten die +blanken Stäbchen leise, als rührte sich hinter ihnen die Hand einer +Neugierigen. + +Ich habe nur den Hof des Hauses betreten dürfen und hätte nach dieser +kurzen Begrüßung den König wahrscheinlich nicht mehr zu Gesicht bekommen, +wenn nicht ein aufregender Vorfall mein Interesse aufs höchste gespannt und +meine zur Stunde nicht sonderlich auf äußere Abenteuer gestimmte Seele in +ein gefahrvolles Ereignis verwickelt hätte. + + * * * * * + +Als der rasche Abend niedersank und wir vor unserem Zelt unsere Mahlzeit +beendet hatten, vernahm ich aus dem Dunkel des Gartens einen klagenden +Sington von merkwürdig einschmeichelnder und zugleich wehmütiger +Verlorenheit. So singen zuweilen im Einsamen beschäftigte Menschen vor sich +hin, die sich für unbeobachtet und unbelauscht halten. Es waren +langgezogene, wie mit dem schweren Atem hervorgehauchte Töne, nur wenig +voneinander unterschieden und tierhaft traurig. Sie wiederholten sich immer +wieder und bemächtigten sich meiner auf eine geradezu dämonisch zwingende +Art, so daß ich mich getrieben sah, ihnen wider meinen Willen nachzugehen. +Panja ließ mich auf diesem Streifzug durch den nächtlichen Garten nicht +allein. Die Sterne schienen hell, und die riesigen Blätter der +Bananenstauden zur Rechten und zur Linken der schmalen Wege erhoben sich +wie gestürzte und sinkende Säulen eines heidnischen Bollwerks gegen die +Macht böser Götter, oder sie hingen zerrissen im Sternenschein nieder, wie +die Häute zerfetzter Ungeheuer. + +»Der König gibt uns Boote,« sagte Panja leise, »aber er erwartet eine +Bezahlung, die seiner Würde entspricht. Er hat auch Ruderer ausgewählt, +sogar Bananen, Papaya und Gewürze für den Reis.« + +Ich nickte schweigend, wir sprachen nicht über die Töne, die uns lockten. +Vielleicht setzte Panja voraus, daß ich wußte, um was es sich handelte, +vielleicht hielt ihn eine ähnliche Scheu von seinen Mitteilungen ab wie +mich vom Fragen. + +Dicht am Kakteenzaun des Gartens erhob sich nach einer Weile schwarz und +mächtig die hölzerne Pagode eines Tempels, wir sahen in den Hof hinüber, +was vom königlichen Garten aus möglich war, und erblickten die heilige +Ziege zwischen den braunen Pfählen des Vorplatzes zum Heiligsten. Es rührte +sich nichts an der geweihten Stätte, nur ein schwacher, rötlicher +Lichtschein glomm hinter dem niedrigen dunkeln Türrahmen, als wäre ein +Vorhang aus zartroter Seide vor dem geheimnisvollen Raum ausgespannt. + +Als unsere Schritte sich einem Bambusdickicht näherten, hinter dessen leise +sirrendem Gefieder der Umriß eines niedrigen Gebäudes sichtbar wurde, +verstummte der trübe Singsang, ähnlich wie der Grillengesang im hohen Gras +erlischt, wenn ein nächtlicher Späher herantritt. Wir drangen in die hohen +Stauden ein, auf einem schmalen, kaum sichtbaren Pfad, über uns hingen die +Sterne im dünnen Bambusblätterwerk, wie stechende, kleine Ampeln. Hinter +einer vergitterten Tür, im Schwarzen, erklang ein schwaches Stöhnen, dicht +an den hölzernen Stäben. + +»Wir müssen Licht haben«, sagte ich leise zu Panja. + +Dies wäre nur durch eine Fackel möglich gewesen, und ihr Schein hätte uns +verraten. Wir wären unserem königlichen Gastgeber wohl kaum als sonderlich +höflich erschienen, wenn er uns darüber ertappt hätte, wie wir sein +häusliches Bereich nächtlicherweile durchforschten. + +»Wenn wir warten, so werden wir sehen lernen«, meinte Panja. Die Sterne +schienen sehr hell, ich hörte mein Herz klopfen und stand unentschlossen. + +»Ist es ein Tier?« fragte ich Panja. + +Er sah mich überrascht an, als hätte er mich für unterrichtet gehalten und +wundere sich nun über meine Frage. + +»Ein Tier? Es ist ein Weib, das klagt«, sagte er. »Vielleicht hat die Liebe +sie verwundet, vielleicht erleidet sie eine Strafe.« + +Ein trüber Dunst, der den Atem benahm, schlug mir entgegen, als ich nun +nahe an das Holzgitter herantrat. Meine Furcht war jenem gedankenlosen Mut +der Empörung gewichen, der mit Panjas Worten in mir erwachen mußte. Ich +hielt mich seitlich, um den schwachen Lichtschein auf die dunkle Öffnung +fallen zu lassen. Das niedrige Häuschen war gemauert und glich einem +vernachlässigten Stall. + +»Wer ist dort?« fragte ich auf kanaresisch. Panja stand dicht hinter mir. +Da sah ich nach einer kurzen Weile bedrängten Wartens ein schmales +Menschengesicht, merkwürdig farblos und von kranker Blässe, zwischen zwei +Stäben des Gitters erscheinen. Rechts und links von dem schwarzen Haar, das +gelöst niedersank, erblickte ich die erschreckend mageren Finger der Hände, +die in der Höhe der Augen je einen Stab umklammerten. Diese Erscheinung war +im nächtlichen Licht so grauenhaft in ihrer Verdammnis, als tauchte das +Gesicht einer längst Verstorbenen aus der Gruft empor. Die großen dunklen +Augen saugten die Nacht auf und gaben sie in lähmender Stille zurück. Mir +war, als erlösche mein Herz, und ich taumelte und ergriff Panjas Arm. + +»Komm, Sahib,« sagte er, »wenn sie krank ist, so schleicht die Seuche in +deine Glieder.« + +»Ist sie krank?« + +»Ich weiß es nicht«, sagte er zögernd. + +»Du weißt es doch«, schrie ich, die Zähne aufeinander gepreßt. + +Panja erschrak. + +»Ich weiß nur, Herr, daß untreue Frauen in diesem Lande auf solche Art +bestraft werden, aber es ist möglich, daß sie erkrankt ist.« + +Mich verließ der Rest meiner natürlichen Besinnung, ich packte einen der +Holzstäbe des Gitters mit beiden Fäusten, stemmte den Fuß gegen die +Bodenmauer und setzte jenen großen Aufwand entfesselter Kraft ein, den die +höchste Empörung uns verleihen kann, aber meine Bemühung war vergebens, da +die Stäbe aus Bambus waren. + +Panja zog mich zurück. Ich entsinne mich nicht, daß er mich jemals vorher +berührt hat, und mehr diese Kühnheit als seine Absicht brachten mich zur +einsichtvolleren Betrachtung der Lage, die zweifellos recht schwierig war, +wenn ich erwog, daß ich auf jeden Fall alles einsetzen wollte, dieser +Unglücklichen ihr Geschick zu erleichtern, und mich zum andern die +Angelegenheit durchaus nichts anging. Der König würde mir einen +eigenmächtigen Eingriff in seine Rechte niemals verzeihen, und wenn seine +Machtbefugnisse auch keinesfalls so groß waren, wie er wähnte und vorgab, +so hatte ich andererseits nicht den Rückhalt, den er bei mir vermutete. Die +Engländer pflegen die Gebräuche und die persönlichen Gewohnheiten der +vornehmen Hindus, wie auch die der Brahminen auf das zurückhaltendste zu +respektieren, weil sie erkannt haben, daß sie durch die Unterschiede der +Sitten, welche die einzelnen Kasten auszeichnen, das Land um so leichter +beherrschen. So gering ihre Zahl im Vergleich zu den Eingeborenen ist, so +groß ist sie als eine einzige geschlossene Gesellschaft, selbst der +mächtigsten Kaste gegenüber. + +So mußte ich wohl bedenken, daß ich keinen Schutz bei einer Regierung +finden würde, deren Verwaltungstendenz einen Eingriff, wie den von mir +geplanten, verurteilte, am wenigsten vielleicht als Deutscher. Gerade +damals war England noch nicht über Deutschlands Kräfte und Rechte +unterrichtet, und man hielt in London das erste energische Vorgehen der +Deutschen in überseeischen Ländern nur für anmaßend. + +Trotzdem stand mein Entschluß fest, meinen Wunsch zur Geltung zu bringen, +und ich nahm mir vor, Panja in der Morgenfrühe zum König zu senden und ihn +um eine besondere Unterredung zu bitten. Es ist seltsam, wieviel leichter +wir grausame oder ungerechte Handlungen begehen, als bei anderen dulden +können. Der Gedanke an das Elend dieser eingekerkerten Frau überschüttete +mich in einer schlaflosen Nacht in der Schwüle unter dem Moskitovorhang mit +einem heißen Schauer der Empörung nach dem andern. Im kurzen Eindämmern +eines qualvollen Halbschlafs erschien das wächserne braune Frauengesicht +vor mir in glühendem Nebel, und die klagenden Singtöne ihrer ersterbenden +Stimme füllten die von Unheil und nahenden Ungewittern schwangere +Nachtluft. + + * * * * * + +Ich erhob mich mit dem ersten Morgengrauen in einem ins Schmerzhafte +gesteigerten Verlangen danach, endlich das Meer, die Weite, den Widerschein +der Befreitheit zu erblicken. Mir war, als hätten die grünen Wände meine +Augen, ja alle Sinne abgestumpft und bis zur äußersten Gereiztheit +eingezwängt, ich fühlte mich schuldig und am Ersticken. In diesem Zustand +mag der Eigensinn eines Gedankens um so ausschweifender und zäher Gewalt +gewinnen, es war zweifellos eine gesteigerte Wut, in der ich bald darauf +dem König gegenübertrat. Es kam mir wenig auf die Folgen meiner +Handlungsweise an, und dieser Verfassung mag ich mehr an Erfolg verdankt +haben, als ich vielleicht einem überlegten Vorgehen zu danken gehabt hätte. + +»Du hältst ein Weib in deinem Garten gefangen«, sagte ich barsch. »Es ist +eines mächtigen Fürsten unwürdig, so gegen ein hilfloses Wesen vorzugehen. +Ich verlange, daß du ihr sogleich ihre Freiheit zurückgibst. Mehr nicht, +aber das. Tu es gleich!« + +Nach einem betroffenen Aufblick kam eine große Geschmeidigkeit in das Wesen +des Hindufürsten, eigensinnig und zugleich unterwürfig und von einer +Ausdauer im Umständlichen, die auch den größten Langmut ermüdet hätte. +Panja war sehr ernst und übersetzte jedes Wort aufs genaueste, ich fühlte, +daß er nicht wagte, in dieser Situation eine Verantwortlichkeit zu +übernehmen. + +»Ich sehe, daß du mir nicht zu Willen bist,« ließ ich dem König antworten, +»so erinnere ich dich an das Gesetz der Regierung, das verbietet zu töten +und das den Mord mit Tod bestraft.« + +Der König erblaßte und seine Lippen zitterten leicht, aber er blieb +freundlich und herbeilassend und versuchte mich zu überzeugen, daß es sich +um eine leichte Strafe handelte, die zu verhängen sein gutes Recht sei. +Auch sei mir das Vergehen dieser Frau unbekannt. Er wüßte von der Strenge +der Engländer, aber zugleich habe er bisher niemals Grund gehabt, an ihrer +Gerechtigkeit zu zweifeln, und er würde eher glauben, daß ein ungerechter +Mann kein Engländer sei, als er einem Engländer eine Ungerechtigkeit +zutraue. + +Ich begriff aufs neue die Schlauheit und Zähigkeit dieser Menschen, ihre +Beharrlichkeit und die List, mit der sie ihre kleinsten Zweifel zu Waffen +machen, ohne eine nachweisbare Kränkung damit zu verbinden. Billigerweise +blieb mir kein anderer Ausweg, als nachzugeben, bevor ich nicht die Rechte +zu einer Prüfung erbracht, oder die Gründe für die Bestrafung der +Eingekerkerten angehört hatte. Aber die kleine Enge, in die ich getrieben +worden war, machte mich nicht vorsichtig, sondern zornig, und so rief ich +böse: »Wenn die Engländer ihre Gerechtigkeit von den indischen Königen +gelernt hätten, so säßest du hinter jenen Stäben, noch ehe ich nach Bombay +zurückgekehrt wäre.« + +Es ist sonst nicht meine Art, Königen auf so unhöfliche Weise zu begegnen, +aber nach dem Anfang, den ich gemacht hatte, blieb mir nur dieser Weg +übrig, denn mir ist die Klugheit fremd, die ihre Zelte auf der Walstatt +errichtet, auf welcher ein hochherziger Vorsatz von Furcht überwältigt +worden ist. Ich sah Panja an, daß er meine Antwort für richtig hielt, er +trat vor und sagte ruhig: + +»Die Beine der Gefangenen sind bis an die Knie hinauf von den Ameisen +zerfressen.« + +Der König gab ihm keine Antwort, er sah vor sich nieder, als ginge ihn dies +alles plötzlich nichts mehr an, und zum erstenmal schlich, über dieser +neuen Gebärde meines Gegners, eine graue Furcht in mein Herz. Ich fühlte, +daß er den Gebrauch von Waffen erwog, denen keine Gesinnung gewachsen ist; +dies war die Stille, in der das Böse, zum äußersten getrieben, das Niedrige +beschwört. + +»Ich werde die Gefangene freigeben, Sahib Kollektor«, sagte er ruhig und +trat zurück. + +Dieser Titel war mir gewiß nicht aufrichtigen Herzens zugelegt, denn der +englische Kollektor ist der höchste Regierungsbeamte des Bezirks und würde +sicherlich nicht in meinem Aufzug durch die vergessene Wildnis des +Dschungels von Kanara reisen. Ich wußte dies wohl, und nicht nur der +lauernde Blick des Königs unterrichtete mich über die Tücke dieses +Angriffs. + +»Wenn der Kollektor hätte kommen wollen, so wäre ich nicht selbst +gegangen«, sagte ich frech. Es kam mir nun durchaus nicht mehr darauf an, +etwas anderes zu geben, als gute Antworten. Ich forderte die Entgegnung des +Königs mit ruhigen Augen heraus, und sicherlich hat ihre Farbe ihn mehr +bedrängt als meine Anmaßung. Er sah mich nur einmal rasch und voll +unterdrückten Hasses an. Das dunkle Gift der Dschungelnacht blinkte in +seinen müden Samtaugen auf, die Bosheit der Fremde und der ganze Rassenhaß +eines unterdrückten Volks. + +Ich hielt es für angebracht, mich vorderhand mit diesem Zugeständnis zu +begnügen und abzuwarten, welche weitere Wirkung meine Forderung haben +würde. So verabschiedete ich mich vom König, wobei wir uns beide beflissen +zeigten, so gnädig als möglich zu erscheinen. Ich ließ das Zelt abbrechen +und alles zur Abfahrt vorbereiten, nahm mir aber fest vor, das Boot nicht +eher zu betreten, als bis ich das Resultat meiner Bemühung gesehen hatte. +Es blieb mir kaum recht Zeit zu überlegen, ob ein Erfolg oder ein Mißerfolg +größere Schwierigkeiten für mich mit sich bringen würde, denn noch ehe die +letzten Eisenkoffer geschlossen waren, brachten zwei Diener des Königs +seine Gefangene zu uns. Die junge Frau war in ein weißes Tuch gehüllt und +schritt langsam und mühselig dahin, ich sah kaum mehr als ihre Augen, als +sie vor mir stand, und die flackernde Furcht darin machte mich ratlos. + +Panja versuchte mit ihr zu sprechen, und nach langer Mühe gelang es ihm, +ihr verständlich zu machen, daß sie uns ihre Befreiung aus ihrer Lage +verdankte, und daß es ihr anheimgestellt sei, zu gehen, wohin es ihr +beliebte. + +Sie ließ sich stumm am Boden nieder, wahrscheinlich aus Erschöpfung, und +schloß immer wieder für lange ihre Augen, die des Lichts entwöhnt waren. +Kein Zeichen von Dank oder Freude belohnte uns, bis sie endlich, nachdem +ich mich zurückgezogen hatte, Panja fragte, ob sie den fremden Sahib +begleiten müsse. + +Panja will ihr gesagt haben, daß wir nichts von ihr forderten oder +erwarteten, er hat ihr die Freiheit so verlockend geschildert, als sie ihm +nur immer erschienen sein mag. Nach einer kleinen Weile kam er zu mir und +sagte ohne Triumph oder Parteinahme, aber ehrlich bestürzt: + +»Sahib, die junge Frau bittet dich, sie zurückkehren zu lassen.« + +»In ihr Gefängnis?« + +»Ja, Herr. Sie hat die Hände auf ihr Herz gelegt und den Namen des Königs +genannt.« -- + +Eine Stunde darauf stießen unsere Boote vom Landungsplatz des Dorfes +Schamaji aus in die lauen Strudel des Kumardary, der uns träge und still +nach Westen trug, auf das Meer zu. Der Liebe lassen sich keine +Liebesdienste erweisen, sie ist in ihrem Fortgang selbständiger und +beharrlicher als jedes andere menschliche Gefühl, und ihre Sicherheit ist +höheren Ursprungs als die Vernunft. + + + + +Elftes Kapitel + +Mangalore + + +Die merkwürdige Tatsache unseres irdischen Daseins ist mir immer in den +Augenblicken des Erwachens am wunderbarsten erschienen. Wenn sich unsere +Sinne, unter dem Glanz der Morgensonne oder durch das Lied eines Vogels im +Licht erweckt, aufs neue zum Bewußtsein zusammenfinden, so bricht über das +Herz bisweilen wie ein Schauer von Glück und Erstaunen die Gewißheit +herein, am Leben zu sein, noch nach Unzähligen, die versunken sind, und +nach Ungezählten, die kommen werden, auf der beschienenen Oberfläche der +Erde ein lebendiger Mensch zu sein. Ich wurde mir dieses freudigen +Erstaunens in keiner Stunde stärker bewußt, als an jenem Morgen, an dem ich +im Boot auf dem Fluß erwachte. Am Abend vorher hatten wir einen toten Arm +des versandeten Stroms gefunden, in dem das Wasser, still wie in einem See, +unter einer grünen Decke wunderlicher Sumpfpflanzen lag, und da keine +Möglichkeit bestand, die Boote durch den Morast der Ufer an festes Land zu +ziehen, hatte Panja geraten, auf dem Wasser zu übernachten. Es war mir +gegen Morgen entgangen, daß das Boot, in welchem ich schlief, wieder in die +Strömung gestoßen wurde, und so erwachte ich erst, als schon die Sonne +schien, und der leise Gesang des Wassers traf meine leicht bestürzten +Sinne. Ich erinnerte mich nur langsam der Lage, und sogar meine Lebenszeit +hatte sich mir für Augenblicke verwischt. In einem von aller Zeitrechnung +befreiten Aufstieg meines Bewußtseins wurde mir nur eines zur Gewißheit: +Die Sonne scheint auf die Erde, in den Bäumen rufen lebendige Geschöpfe und +du selbst lebst. + +Solche Augenblicke erscheinen uns oft in späterem Gedenken daran sehr +bedeutungsvoll, da sie mit dem Abstand wachsen, und weil die Erinnerung +die Geschehnisse nicht nach ihrer Dauer und ihrem Wert zu bewahren pflegt, +sondern nach dem Maße ihrer Eindringlichkeit. Und ob ein Erlebnis uns im +Gedächtnis zurückbleibt, hängt wenig von seiner erkennbaren Bedeutung ab. +Vielmehr sind es zumeist so unscheinbare, ja oft geradezu kleinliche +Begebenheiten, welche unsere Erinnerung unauslöschbar bewahrt, daß wir ihr +nur ein Lächeln gönnen, ohne zu begreifen, daß ihre Kräfte ein eigenes +sittliches Reich darstellen, dessen mystische Eigenart unserem Willen in +keiner Weise untergeordnet ist. »Wenn Gottes Augen, welche ohne Aufhör die +Regionen seiner Schöpfung durchschweifen, unser Dasein treffen, so bleibt +der Augenblick in unserer Erinnerung für immer haften«, sagte einmal ein +buddhistischer Mönch aus Kaschmir zu mir, der Malabar auf der Suche nach +einem heiligen Baum mit grauen Blüten durchwanderte. So werden die +Lebensstunden, welche wir für groß gehalten haben, oft abhängige Kindlein +kleiner Einzelfälle, an die sie sich lehnen müssen, um nicht im Dunkel zu +versinken. -- + +Ich richtete mich im Boot auf und sah die Ufer gleiten, sie waren so dicht +umwachsen, daß es erschien, als wären wir zwischen zerbröckelten grünen +Mauern auf stiller, eiliger Flucht, zwischen Wänden, die bald +auseinanderwichen, bald aufeinander zurückten. Das unsterbliche +Himmelsblau, unwirklich in seiner funkelnden Farbstille, spannte sich +darüber aus, und bisweilen schossen die blendenden Strahlen der Morgensonne +in meine Augen und schlossen sie. + +Der zurückliegende Tag war voller Beschwerden gewesen, und wir hatten +Uppanangadi nur mit Mühe erreicht, ohne die Stadt angeschaut und ohne +länger Rast gemacht zu haben, als es aus Rücksicht gegen die Ruderer +notwendig war. Ihre Tätigkeit bestand zu Anfang unserer Fahrt mehr im +Steuern als im Rudern, sie taten es stehend, und indem sie, je nach der +Richtung, die eingehalten werden mußte, ihr Ruder zur Rechten oder Linken +des Kanus ins Wasser tauchten. Dies geschah mit großem Geschick und +unterhielt mich lange. Es war häufig vorgekommen, während wir noch auf dem +Kumardary schwammen, daß die Boote sich auf Sandbänken festfuhren, wir +mußten dann ins Wasser und sie mit vereinten Kräften wieder flott machen. +Bisweilen kreisten wir sanft, aber recht ausdauernd, in tiefen Kesseln oder +glitten niedrige Fälle nieder, eine Beschäftigung, an die sich meine Sinne +gewöhnen mußten, weil die Vorstellung etwas durchaus Erschreckendes hatte, +dort zu kentern und vom trüben Wasser an die sumpfigen Ufer getrieben zu +werden, oder in Stromschnellen und tiefen Wirbeln mit den Alligatoren in +nahe Berührung zu kommen. + +Nachts war es am schönsten. Zwar fuhren wir nachts nur die Stromstrecke vor +der Stadt Uppanangadi bis an die hölzernen Landungsstege des Orts, aber die +wandernden Fackeln im Dunkel der Ufer, die wie riesige Leuchtkäfer +aussahen, erregten die Phantasie geheimnisvoll und unterrichteten uns +darüber, daß wir uns bewohnteren Gegenden näherten. + +Je weiter wir nun den Netrawati hinabtrieben, um so gemächlicher zog die +Flut, und die Arbeit der Ruderer setzte ein. Bei Krümmungen des Stroms +verloren wir oft das zweite Boot für lange aus den Augen, aber es lag kein +Grund zur Besorgnis vor, denn Pascha, der unser Gepäck im andern Kanu +bewachte, genoß jenen Respekt bei den Leuten, der schweigsamen Menschen +leicht zufällt, die, ohne unhöflich zu erscheinen, niemals ein Lächeln und +selten eine Frage erwidern. Meine Träger waren in Schamaji von Panja +entlassen worden, ich langte nach dreitägiger Fahrt, in Begleitung von +Panja und Pascha, in Mangalore an, die Kanus kehrten im Hafen um, ohne daß +die Leute aus Schamaji das Ufer betreten hatten. Sie leben in keinem guten +Einvernehmen mit den Küstenvölkern, die sie für abtrünnig und +fremdenfreundlich halten. + +Die letzten Stunden war unser Boot langsam durch trübes, stehendes Wasser +gerudert worden. Die Vegetation nahm immer mehr ab, Reisfelder wechselten +mit sumpfigen Einöden, auf denen böse, stille Lachen spiegelten, von +schweren Dünsten umlagert und von Menschen und Tieren verlassen. Dort +schlief die Pest ihren Sommerschlaf, um mit den ersten Regen wieder zu +erwachen. Es war so drückend heiß, daß das Atmen zur qualvollen Mühe wurde, +die Ruderer arbeiteten zuletzt wie in einer dumpfen Betäubung, und die +Stimmen des trüben Wassers erloschen oft ganz. Der Fluß teilte sich in +vielerlei breite und schmale Kanäle, aus den Palmen am Ufer ragte der rote +Schornstein der deutschen Ziegelei. + +Wir durchfuhren die ganze Stadt bis zum Meerhafen, der am Ort unserer +Ankunft kahl und öde, durch eine Sandbank gegen das Meer geschützt, lag, +und die Dünste der See, ohne Leben und Frische, enttäuschten mich bitter. +Von der Stadt hatten wir so gut wie nichts gesehen, sie liegt ganz im +Palmengrün auf drei sanften Hügeln. Nun aber erblickte ich die Häuser des +Hafens, schlechte zerfressene Steinbauten, unfreundlich und verlottert, in +jener ganzen Roheit und erbärmlichen Charakterlosigkeit, wie man sie oft in +orientalischen Häfen findet, deren Tradition längst zerstört und deren neue +Gewohnheiten und Einrichtungen dem Geist einer flachen und räuberischen +Geschäftigkeit dienen. Ein paar alte, große Segelboote mit hohem Bug und +breitem Deck lagen kreuz und quer, bald halb im Wasser, bald eingesunken in +schmutzigen Sand. Es war fast menschenleer, nur auf einer kleinen +Dampfschaluppe kauerte ein Hindu im Schatten und rauchte. Er spähte +neugierig nach uns aus; als ich mich im Boot erhob, sprang er empor, rief +gellend und überlaut ein paar Worte über den Damm gegen die trüben Fenster +eines bemalten Hauses. Sein kleines Schiffchen vermittelt den +Personenverkehr zwischen der Küste und den Hochseedampfern, die einige +Kilometer vom Land entfernt Anker werfen, um für zwei oder drei Stunden auf +Passagiere zu warten. Der Hafen von Mangalore selbst ist für den Verkehr +größerer Dampfschiffe nicht geeignet. + + * * * * * + +Die ersten Eindrücke, die ich von Mangalore empfing, boten sich mir um so +abstoßender dar, als ich nach der Lebensweise der zurückliegenden Zeit +alles mit der großzügigen Einfachheit der unberührten Natur zu vergleichen +genötigt war. Es kam hinzu, daß die Stadt in einem dumpfen Schlaf der +Erwartung lag und mir überall Trägheit, Verfall und Teilnahmlosigkeit +begegneten. Der vernachlässigte Hindugasthof, in dem ich meine ersten Tage +zuzubringen genötigt war, ermutigte meine Unternehmungslust in keiner +Weise, und das qualvolle Harren auf die ersten Gewitter nahm allen und +endlich auch mir den Rest wohlbestellter Daseinsfreude. Als Mangalore nach +wenig Monaten im Glanz der Frühlingssonne seine bunte Auferstehung feierte, +glaubte ich die Stadt nicht wiederzuerkennen. Die Unterschiede zwischen +unserem deutschen Sommer und Winter sind in ihrer Einwirkung auf das +Befinden und die Lebensgewohnheiten der Menschen bei weitem nicht so +bedeutungsvoll, wie der Wechsel der Jahreszeiten in den Tropen. Die Meinung +von dem Gleichmaß und der steten Sommerlichkeit der Witterung in diesen +Zonen, entstammt der mangelhaften Kenntnis oberflächlicher Passanten oder +einer falschen Vorstellung; wer das tropische Jahr von Beginn bis zu Ende +in der Nähe des Äquators durchlebt hat und die Menschen in Leid und Freude +seines Wechsels beobachtet hat, wird dagegen die Unterschiede unserer +Jahreszeiten in den gemäßigten Zonen als unerheblich empfinden. + +Später lernte ich vieles in Mangalore verstehen, das ich anfangs mit +Geringschätzung übergangen hatte, manches lieben, das mir zuerst fremd und +abstoßend entgegentrat, und ich schied mit der Gewißheit aus der Stadt, daß +kein bewohnter Ort der Welt an paradiesischer Schönheit und Versunkenheit +sich mit Mangalore zu messen vermöchte. Wir erlangen in unseren kurzen +Lebenstagen niemals das Maß von Erfahrung fremden Erscheinungen gegenüber, +das uns ermöglichte nach dem ersten Eindruck gerecht auf den allgemeinen +Wert zu schließen. + + * * * * * + +In einem unbeschreiblichen Zustand von Gereiztheit entschloß ich mich am +dritten Tage meines Aufenthaltes kurzer Hand den englischen Kollektor +aufzusuchen, um endlich Gewißheit über die Möglichkeit eines längeren +Aufenthalts, über die Wohnungsverhältnisse und die Lebensbedingungen zu +erhalten. + +Die Leute drückten sich überall in einer mir völlig unverständlichen Angst +um offene Antworten herum, bald fürchteten sie, es mit der Regierung zu +verderben, bald mit den Priestern, selbst meine Opfer an Geld machten mir +nur den Pöbel gefügig. + +Das Bungalow des Beamten lag herrlich auf einem beschatteten Hügel und +erinnerte mich an einen alten Herrensitz. Der Garten war aufs beste +gepflegt, die Amtsräume sauber, kühl und groß. Im Vorzimmer saß ein +Mischling in weißer, halbeuropäischer Kleidung an einem großen Schreibtisch +und stellte sich ungemein beschäftigt. Ich war zu Anfang so bescheiden, als +meine Nerven irgend zuließen, aber die gedankenlose Einbildung dieses +Sklaven auf seine Beziehungen zu einer Kultur, die er nicht verstand, +brachte mich auf. Ich hätte mich sicher beherrscht, wenn Panja nicht an +meiner Seite gewesen wäre. + +»Stehn Sie auf, wenn ich rede«, sagte ich. + +Mein Blut kochte. Es bedarf in der Tat nur eines sehr geringen Grades von +Erregtheit, um in dieser Zeit das ohnehin vor dem Sieden stehende Blut zum +Überschäumen zu bringen. + +Der Schreiber erhob sich träge, als hätte er Blei in den Knien, aber sein +frecher, erstaunter Blick entzündete mir Feuer in den Händen, und noch ehe +er ganz auf seinen dürren, braunen Beinen stand, schallte eine Ohrfeige +durch den würdigen Raum, die ich wie einen kalten Wasserguß genoß. Ihn mag +sie anders berührt haben. Er drehte sich einmal um sich selbst, sein +Strohsessel machte es ihm in bureaukratischer Ergebenheit dienstbeflissen +nach, und, auf der verschonten Wange erbleichend, rang er vergeblich nach +Fassung. Die dunklere Linie seiner Abstammung besann sich auf die Gasse. + +»Ich wünsche den Kollektor zu sprechen«, sagte ich freundlich. Es ging mir +um vieles besser, aber ich bin lange Zeit nicht fähig gewesen mir die +Rauheit dieser Handlung voll erklären zu können. Sicherlich hing diese +bedachtlose Aufwallung und mein Mangel an Beherrschung mit der Verwöhntheit +zusammen, in der ich fast ein halbes Jahr lang nur unter Menschen +zugebracht hatte, bei denen selbst auch nur ein Gedanke an +Gleichberechtigtheit niemals aufgekommen war, so daß mir der erkennbare +Widerstand dieses Menschen weit mehr als Überhebung erscheinen mußte, als +er es in der Tat gewesen sein mag. + +Der in zweierlei Hinsicht arg betroffene Mann begann den Kampf um seine +beleidigte Beamtenehre erst, nachdem er einen Abstand von etwa vier Metern +und einen Tisch aus gebeiztem Hartholz zwischen sich und mich gebracht +hatte. Alles an ihm war Empörung, sogar sein geöltes Haar, von dessen +glänzender Frisur das graue Leinenkäppchen sich entfernt hatte, schien mir +vor Entrüstung zu funkeln. + +Ich nahm für alle Fälle ein schwarzes Kästchen aus Ebenholz vom Tisch, in +dem Stahlfedern, ein Radiergummi und Kupferannas mit dem Anstand geordnet +waren, mit dem eine Prinzessin Juwelen verwahrt. Dabei war ich entschlossen +das erste unehrerbietige Wort dadurch zu erwidern, daß ich dies Kästchen +als Wurfgeschoß verwandte. Ich habe einmal davon gehört, daß Bauern, deren +Felder unter anhaltender Hitze in Gefahr sind zu verdorren, den Regen durch +Kanonenschüsse herbeizulocken suchen. Eine ganz ähnliche Hoffnung muß mich +damals bewegt haben, und ein verwandter Glaube. Aber es kam zu keinem Wort +und keinem Gewaltakt mehr zwischen mir und meinem Widersacher, weil die Tür +sich öffnete und mit kühlen Augen und wohlrasiertem Antlitz der englische +Beamte im Rahmen erschien und seinen Blick gelassen bald von mir zu seinem +Sklaven und bald wieder zurück wandern ließ. + +Der Abstand, in dem wir uns voneinander befanden, der Tisch zwischen uns, +die an die Wange gelegte Hand des Schreibers und meine streitsüchtige +Haltung mögen den Beherrscher Süd-Kanaras genugsam darüber unterrichtet +haben, was etwa vor sich gegangen sein mochte. Die im Tropendienst und an +ausgesetzten Posten bewährten, gebildeten Engländer haben eine +bewunderungswerte Besonnenheit in allen ungewöhnlichen Lagen und verstehen +es ausgezeichnet, die Dinge zunächst einmal so zu nehmen, wie sie sind, +ohne vorschnell kundzutun, wie sie nach ihrer Meinung sein sollten. Das +zeugt mindestens von großem Selbstbewußtsein. Und so wandte der Beamte sich +mir ruhig zu und fragte höflich, ob er in der Lage sei, durch seine +Einmischung diese Situation harmonischer zu gestalten. Dabei wies er ohne +weitere Frage auf die geöffnete Tür zu seinem Zimmer und ich trat ein, ohne +ein Wort der Beschwerde, denn ich merkte, daß dies in Gegenwart eines +Untergebenen nicht erwünscht sei. Ich sah mich gleich darauf in einem +bequemen Korbsessel einem Manne von etwa fünfzig Jahren gegenüber, dessen +starke, wohlbestellte Gestalt, dessen kluges und zugleich wohlwollendes +Gesicht mir das unbedingteste Vertrauen einflößten, und da ich etwa dreißig +Jahre jünger war als er, wurde es mir leicht, ihn zu bitten, die +ungewöhnliche Art meiner Einführung nicht als Mißachtung gegen die +englische Regierung oder gegen seine Person anzusehen. Als ich ihm meinen +Namen nannte, sagte er mir kühl den seinen und fragte mich, ob ich +Engländer sei. + +Wie wichtig den Vertretern dieser Nation diese an sich so unschuldige +Tatsache erscheint! Auf meine Antwort hin glitt ein kleiner Schatten von +Unwillen über seine Stirn und er fragte mich, ob ich der deutschen Mission +in Mangalore zugehörte. + +»Schließen Sie das aus der Behandlung, die ich Ihrem Schreiber angedeihen +ließ?« fragte ich. + +Er lächelte und schüttelte den Kopf, schien aber ohne weitere Erklärung aus +der Art meiner Antwort zu ersehen, daß ich seine Frage damit verneinte, und +dann wartete er. Als ich sprach, musterte er mich unauffällig, und ohne daß +sich auch nur ein Schatten von Kritik in seinen Zügen zeigte. Nach seinem +Ausdruck zu schließen, hätte ich selbst und meine Erzählung ihm ebensogut +unausstehlich wie angenehm, oder völlig gleichgültig sein können. Bei einer +Pause, die ich machte, setzte er eine kleine Tischglocke in Bewegung und +gab einem eintretenden Diener einen Befehl, und gleich darauf pflanzte ein +stilles, braunes Wesen ein Tablett zwischen uns auf, das Whisky, Sodawasser +und -- Eis trug. + +Mein Herz schlug in Empfindungen, wie sie nicht zärtlicher für einen Vater +hätten sein können, und dies Gefühl wurde noch durch die einfache Warnung +des Kollektors erhöht, als er mich bat, mit dem Trinken vorsichtig zu +sein, da ich wahrscheinlich in Schamaji kein Eis vorgefunden hätte. Die +Geschichte mit dem König hatte ihm gefallen, nach einer Weile meinte er: + +»Als ich vor Jahren meinen ersten tropischen Sommer erlebte, wurde ich +nahezu ein Mörder, im zweiten ein Verzweifelter und erst im dritten begann +ich wieder einem Engländer zu ähneln. Sie brauchen sich deshalb nicht +besorgt zu zeigen, wenn Ihre Besinnung sie für Augenblicke verlassen hat, +die Geduld verliert man in Indien zuerst, dann gewöhnlich den Verstand. Nur +wenige finden beides wieder, aber diese pflegen sie dann auch zu brauchen.« + +Ich erfuhr damals, was ich in meiner Angelegenheit wissen wollte, und +brauchte dabei nur wenig zu fragen. + +Im Amtszimmer des Kollektors fiel auch in späteren Tagen zuerst der Name +Mangesche Raos, des Brahminen. Bei diesem Klang und beim Anhören der kurz +und ohne tieferes Verständnis vorgetragenen Lebensgeschichte dieses Mannes, +empfand ich deutlich eine Beziehung, die weit über Neugierde oder Interesse +hinausging. Der Beamte erzählte mir nach und nach folgendes, anknüpfend an +meine Bitte, mir in Mangalore unter den gebildeten Brahminen eine +Persönlichkeit zu nennen, mit der ich nutzbringenden Umgang pflegen könnte, +und nachdem unsere Beziehung zu einiger Freundschaftlichkeit erprobt war: + +»Mangesche Rao ist unter den jüngeren Brahminen Mangalores, ja Süd-Kanaras, +einer der bekanntesten, und zweifellos auch einer der klügsten. Über seine +Gesinnung kann ich keinen Aufschluß geben, da seine Interessengebiete die +unseren nur politisch berühren, und kaum eine andere Leidenschaft verhüllt +den Charakter des Gegners vor dem Gegner mehr, als eben eine solcher Art. +Der Mann hat uns viel zu schaffen gemacht und nur deshalb, weil er das +Verständnis und die Teilnahme seiner Kastengenossen nicht einmütig +gefunden hat, ist er uns nicht gefährlich geworden. Da er die Universität +von Madras besucht hat und so weit akademisch gebildet ist, als die +englischen Hochschulen in Indien es ermöglichen, hat er naturgemäß das +Vertrauen seiner Kaste verloren, dagegen lange das unsere besessen, im +Grunde allerdings niemals mein persönliches. Ich war als Vertreter der +Regierung verpflichtet, ihn so weit zu fördern, als er uns nützte, wenn er +mir aber, was damals oft geschah, in jenem Sessel gegenübersaß, den nun Sie +einnehmen, so bin ich niemals ein Gefühl heimlicher Scheu vor der seltsamen +Undurchdringlichkeit seines Wesens losgeworden. Er erreichte bald einen +führenden Posten am hiesigen englischen College, man sah ihn unter den +Jesuiten, in geheimen Versammlungen seiner Stammesgenossen und sogar im +Lager der protestantischen Mission. Ich habe nie in Erfahrung bringen +können, ob ihm die Sympathie, die er überall zu erwecken schien, aufrichtig +entgegengebracht, oder ob sie ihm gezeigt worden ist, weil man ihn +fürchtete. + +Vor einem halben Jahre ist er entlassen worden. Ich habe nicht gewagt, +weiter gegen ihn vorzugehen, weil ich inzwischen erfahren habe, daß sein +Einfluß groß ist, und wahrscheinlich auch sein Anhang, wenn auch nicht eben +in der Provinz, so doch im ganzen Reich. Wir müssen uns wohl hüten, in +diesem Lande die Strafe als Vergeltung oder Rache aufzufassen, vielmehr +dürfen wir in solchen Fällen durchaus nur so weit vorgehen, als unsere +Gegner unter ihr machtloser werden. Es hatte sich folgendes ereignet. Ein +Jesuitenpater des hiesigen Klosters ließ sich eines Tages bei mir melden, +und brachte mir ein kleines, in Malayalam verfaßtes Schulbüchlein, wie sie +hier überall in den Regierungs- und Missionsschulen nach Form und +Aufmachung Verwendung finden. Ich will Ihnen das Buch zeigen.« + +Er erhob sich und schritt im Nebenraum auf einen eisernen Schrank zu, dem +er nach einigem Suchen unter Akten und Papieren ein graues, heftartiges +Büchlein entnahm und vor mich hinlegte. Es war schmal und an drei Seiten +beschnitten, nüchtern und sachlich von Gewand und wies in der +traditionellen Anordnung eines Lehrbuchs einen Titel auf und unten die +Abzeichen der Druckerei der Jesuiten, die für ihre Propaganda eine +Druckerei mit mehr als zehn verschiedenen Schriftzeichen der +Eingeborenensprachen unterhalten. Der Kollektor übersetzte mir den Titel: +»Ein Lehrbuch der vergleichenden Sprachwissenschaft über den Zusammenhang +der Südindischen Dialekte mit dem Sanskrit. Bearbeitet von Mangesche Rao, +Lehrer am englischen College zu Mangalore, gedruckt in der Offizin der S. +J. daselbst.« + +Der Titel und die ersten zehn Seiten des unscheinbaren Heftes wurden in +kurzen Vergleichen seiner Aufschrift gerecht, dann aber folgte eine mit +großem Verstand und agitatorischer Inbrunst verfaßte Kritik der englischen +Regierung in den Südprovinzen, die um so aufreizender wirkte, als sie +sachlich war und eingehende Kenntnis verriet, ohne daß etwa ein +Landesverrat nachzuweisen war. Ich habe mir diese Abhandlung später von +Panja im einzelnen übersetzen lassen. + +Der Beamte fuhr fort: »Der Pater erzählte mir, daß ein Zufall zur +Entdeckung dieses Mißbrauchs ihrer Druckerei geführt habe, er lehnte die +Verantwortung seines Ordens der Regierung gegenüber mit diesem +Eingeständnis ab, und teilte mir mit, daß die bestochenen Leute entlassen +seien. Auf meine Bitte, mir seinen Verdacht zu nennen, wen er für den +Verfasser dieser Broschüre hielte, erwiderte er in großer Höflichkeit, daß +wohl ein solcher Verdacht bestünde, daß es aber nicht zu den Absichten und +Gewohnheiten seines Ordens gehöre, über Verbrechen Meinungen auszutauschen, +die nicht klar zu begründen seien. Es war augenscheinlich: die Leute hatten +Furcht, Furcht, wie hier alle haben, die nicht dem interesselosen Pöbel +angehören. Es ist allzuoft vorgekommen, daß die eifrigsten Führer einer +Partei an einem Morgen, gekrümmt vom Gift ihrer Gegner, tot in ihren +Häusern aufgefunden wurden. So war es an mir, Mut zu zeigen, aber alle +unbedachte Art von Kühnheit, die nicht von höchster Vorsicht geleitet ist, +hat hierzulande nur den Wert einer eiteln Knabenposse. Mir wurde, noch ehe +ich eine Verhandlung eingeleitet hatte, sehr unverblümt deutlich gemacht, +daß ich im Falle eines unbesonnenen Eingriffs nicht mit einem +leichtsinnigen Verbrecher, sondern mit einer mächtigen Partei des ganzen +indischen Reiches zu kämpfen hätte. Das steht mir weder zu, noch garantiert +die Tragweite meiner Stellung mir auch nur geringen Erfolg. Ich gab den +Fall an die Regierung weiter. + +Naturgemäß ging es nicht an, hier nur Vorsicht und sonst nichts erkennen zu +lassen. So ließ ich Mangesche Rao zu mir bitten. Diese Begegnung vergesse +ich niemals. Zunächst ließ der Brahmine mir sagen, daß ihm ein späterer Tag +zu einer Begegnung lieber sei. Ich war betroffen, da ich daraus entweder +auf völlige Unbefangenheit, oder auf einen Fluchtversuch schließen mußte, +und so ließ ich ihn überwachen, ohne ihn zu drängen. Ich weiß heute, daß er +diese Überwachung, die er sofort merkte, absichtlich durch sein Zögern +heraufbeschworen hatte, um zu erfahren, ob es sich um etwas Bedeutsames +handelte. So kam er am nächsten Tage, und war auf alles gefaßt. + +Ich gab ihm, mitten in einer gleichgültigen Unterhaltung, unversehens das +Buch. + +Er nahm es, warf einen Blick darauf und sagte höflich: + +»Ich will es prüfen, sobald ich Zeit finde.« + +»Es ist von Ihnen«, sagte ich. + +»Ja«, antwortete er ruhig, als habe ich alles andere gesagt, »es geschieht +bald.« + +»Dies Buch trägt Ihren Namen als Verfasser«, fuhr ich fort, und ich +gestehe, innerlich unsicher und aufgebracht. + +Mangesche Rao sah mich an, als erwartete er bestimmt, ich würde fortfahren, +in jener vermeintlichen Sache zu sprechen, die durchaus nichts mit dem +kleinen Heft zu tun hatte, das er gleichgültig zwischen den Fingern drehte. +Endlich folgte er meinen Augen und, scheinbar erst jetzt aufmerksam +geworden, begann er in dem Heft zu blättern und durchaus nicht, wie es +zweifellos jeder andere getan hätte, in den harmlosen ersten Seiten, +sondern mitten in dem verräterischen Angriff auf die Regierung. + +Er sah einen Augenblick auf, fragte höflich und mit ein wenig gerunzelten +Brauen, »Sie erlauben?« und las weiter. Nach einer Weile wandte er die +Einbanddecke, betrachtete wieder den Titel, verglich, lächelte befangen und +fuhr fort zu lesen. Der Mann hat es fertig gebracht, eine Viertelstunde +lang unter meinen Augen seinen eigenen Text zu lesen, nicht etwa mit +Anzeichen des Erstaunens oder der Empörung, sondern ohne Anzeichen. Und ich +habe die ganze Verhandlung hindurch sicherlich eher als er den Anschein des +Geprüften erweckt. Nun, ich blieb geduldig, mir dessen bewußt, daß er +innerlich gelassen den Grund meiner Geduld erwog. Als er aber nach einer +guten Weile mit einem amüsierten Lächeln aufsah, den Kopf schüttelte und +begann, mir einen ganz sonderlich treffenden und zugleich boshaften Absatz +vorzulesen, brauchte ich meine ganze Beherrschung, um dieses Lächeln zu +erwidern. Er legte das Heft nachdenklich hin und meinte besorgt und mit +erhobenen Brauen: + +»Das ist nicht angenehm für uns.« + +»Haben Sie einen Verdacht, wer der Verfasser sein könnte?« + +Mangesche Rao antwortete nicht und ich sah mich genötigt, fortzufahren: + +»Wie mag Ihr Name auf dies Heft gekommen sein?« + +Der Brahmine beantwortete meine erste Frage, nachdem er mich zuvor kurz +angesehen hatte, als wollte er zu meiner zweiten sagen: War das nicht ein +wenig plump geforscht? + +»Ich habe keinen Verdacht. Was mich am meisten überrascht, ist die +Tatsache, daß die Jesuiten ihre Befugnisse so gedankenlos in den Dienst +einer Sache stellen, welche der Regierung schadet, die sie schützt.« + +Es blieb mir nichts anderes mehr übrig, als nun entweder meinen Argwohn +gegen den Brahminen auszusprechen, oder die Unterhaltung abzubrechen, aber +das erste durfte ich nicht ohne Beweis, dem ein Eingriff folgte, und das +zweite wollte ich nicht. So wählte ich noch einmal einen Mittelweg, +obgleich ich die Ergebnislosigkeit meines Vorgehens wußte. + +»Wie mag der Verfasser gerade auf Ihren Namen gekommen sein?« fragte ich +mich laut. + +Mangesche Rao meinte, daß, nach dem flüchtigen Eindruck, den er nach der +Lektüre empfangen hätte, ihn dieser Mißbrauch, bei parteiloser Betrachtung +des Bildungsgrades, der aus der Arbeit spräche, wenigstens nicht eben +bloßstellte, aber dann fügte er ernst hinzu: + +»Der Gedanke lag nahe. Wurde das Buch schon in Mangalore gedruckt, so +wählte man am besten als Deckung den Namen eines Lehrers vom hiesigen +englischen College. Es wird eher deshalb geschehen sein, weil es galt, die +Jesuiten zu täuschen, als aus Gründen einer anderen Vorsicht.« + +»Man hätte auch einen englischen Namen nehmen können.« + +Mangesche Rao betrachtete den Titel, dann erwiderte er mir mit bescheidenem +Kopfneigen: + +»Das wäre nicht klug gewesen, denn jeder in Indien, der lesen kann, weiß, +daß ein Engländer nur selten etwas von fremden Sprachen versteht.« Nun, ich +schluckte auch dies noch und begriff, daß ich einen falschen Weg +eingeschlagen hatte. Als das Meisterlichste dieser diplomatischen +Sicherheit meines Gegners erschien mir seine von jedem, auch dem kleinsten +Triumph völlig freie Art der Verabschiedung. Er ging still und ein wenig +beklommen, als wäre ihm langsam klar geworden, daß diese seltsame +Entdeckung ihm doch unangenehmer werden könnte, als er zu Anfang geglaubt +hatte. Ich hatte damals bereits Beweise in Händen, die ich weitergab; es +ist über jeden Zweifel erhaben, daß Mangesche Rao der Verfasser dieses +Pamphlets ist, er hat es mir später, nicht ohne Hohn, auf eine Art +eingestanden, die nur mich, mich aber gründlich überzeugt hat. Die +Regierung verfügte in höflicher Zurückhaltung seinen vorübergehenden +Rücktritt von seinem Posten, mit der Begründung, daß zwar kein Verdacht +gegen ihn vorläge, daß jedoch sein Name auf eine Art bloßgestellt sei, die +diese Verfügung für kurze Zeit notwendig mache.« + +So lautete, aus Einzelheiten zusammengesetzt, die ich nach und nach erfuhr, +die Geschichte des Brahminen Mangesche Rao, und meine Erwartungen waren +gespannt, als Wochen darauf der Tag kam, an welchem ich seine Bekanntschaft +machen sollte. + + * * * * * + +Inzwischen hatten die großen Regen eingesetzt. Es war mir gelungen am Hang +einer bewaldeten Anhöhe den Flügel eines schönen Hauses zu mieten, mit +großen Zimmern und einer breiten Veranda, die ganz von Buschwerk umschattet +war, aber einen Ausblick auf eine herrliche Allee von Platanen eröffnete, +die auf ein altes Stadttor führte. + +Die niederbrechenden Wassermengen und die furchtbaren Unwetter, die die +Regenzeit einleiten, verbannten mich lange in meine weißen Räume, in denen +ich wie in einer ununterbrochen mißhandelten Trommel hauste, zwischen +Wasserwänden, deren matte Silberströme lau und klatschend vor den Scheiben +niederdonnerten. Nachts flackerte das All in bengalischen Flammenkränzen, +die Ketten der Blitze knatterten, und oft betäubten die Donnerschläge alle +Empfindung, bis zuletzt auch die Furcht in einer dumpfen Ergebenheit +versank, in welcher alle Geschöpfe verharrten, wie in den Flammenzeichen +des Jüngsten Gerichts, während im Umkreis entzündete Häuser und Bäume +aufleuchteten und erloschen. Es ging wochenlang so fort, ohne abzukühlen, +unter den undurchdringlichen, nahen Wolkenmassen konnten die schwülen +Dünste der monatelang durchglühten Erde nicht aufsteigen. Die Lungen +stießen die von Feuchtigkeit und Wärme übersättigte Luft, wie unter den +trüben Scheiben eines überhitzten Treibhauses aus und ein, und langsam +erlosch die letzte Lebenskraft. + +Draußen aber begann ein Wachstum von beängstigender Gewalt. Nach sieben +Tagen drang kein Lichtstrahl mehr in meine Räume, und Panja arbeitete mit +der Axt im spritzenden Saft. Die blauen Feuer der Blitze zeichneten +nächtlicherweile ein kohlschwarzes Blättergewebe, wie ein wirres, +flackerndes Gitterwerk, vor die Scheiben meiner Fenster, und es war mir +unbegreiflich, an den ersten stilleren Tagen, die Stadt Mangalore noch an +ihrem Platz zu finden. + +Langsam wurde es unter dem andauernden Regen von Tag zu Tag kühler. Niemand +beschreibt die Befreitheit und das Glück meiner Sinne, als mich nach langer +Zeit zum ersten Mal die Sonne im Palmengrün weckte. Es ging aufs neue dem +indischen Frühling entgegen, und die von Entzücken und tausend Düften +geschwellte Brust wußte ihren Jubel nicht zu bergen. + +Mangalore brach auf vor meinen Augen, wie eine wunderbare, fremde Blume, +bunt und üppig, geheimnisvoll-verschwiegen, von giftig-süßer Lebensgier. +Ihr Duft brachte Vergessen mit sich, ihr Klang unnennbare Träume von der +Mannigfaltigkeit der Welt, und ihre Farben berauschten die Sinne bis zur +Verzücktheit. Über das hölzerne Geländer der Veranda brach wie eine grüne +Schlange eine Schlingpflanze, öffnete über Nacht blaue Blumen von der Größe +eines Kinderköpfchens, mit einem gelben, gierigen Auge, das am Tage die +Falter lockte und sich am Abend schloß. Der Jasmin betäubte mich bis zum +Taumeln, die schnarrende Klage der Kröte mischte sich melancholisch und +liebesselig in die metallische Klarheit des Nachtigallenlieds, und im Mond +blühten die Lotusblumen auf den schwarzen Spiegeln der Brunnen und Sümpfe +auf. + +Die braunen Menschen in weißen Gewändern im Grünen, lautlos auf rötlichen +Wegen dahinschreitend, bewegten sich auf ihrem gesegneten Erdland wie +unnahbare Gestalten eines Märchens, erdacht, längst bevor die Wiege unseres +Volks, unter Eichen im fernen Westen, von den ältesten Sagen umklungen +wurde. Und mit allen Wohltaten solcher Schönheit trat, wie ein Jüngling aus +einer tauglitzernden Wiese, der Schlaf wieder an mein Lager und mit ihm das +glückliche Bewußtsein von Gesundheit, von Kraft und fröhlichen +Daseinsrechten. + + + + +Zwölftes Kapitel + +Von Frauen, Heiligen und Brahminen + + +So waren die Eindrücke, die ich in den ersten Monaten meines Aufenthalts in +Mangalore erhielt, außerordentlich bunt und mannigfach, und so eifrig ich +nach dem Sinn der Erscheinungen forschte, so verwirrte mich das meiste +eher, als daß es mein Verständnis förderte. Aber wie der glückliche Zustand +fröhlichen Wohlbefindens, besonders in der Jugend, eher zu gedankenloser +Hingabe, als zu hingebenden Gedanken führt, so ließ ich die farbigen Bilder +an meinen Augen vorüberziehen, wie ein munterer Wanderer die wechselnde +Landschaft, und wenig von allem sank in mein Herz, bis zu jenem Tage, an +dem Mangesche Rao mein Haus betrat. + +Panjas Übermut verführte mich oft zu frohsinniger Oberflächlichkeit, wir +bummelten am Hafen umher, der sich von Tag zu Tag mehr belebte, ließen uns +zur Jagd auf Sumpfvögel die Flußarme emporrudern, die etwa um das Zehnfache +breiter erschienen, als am Tage unserer Ankunft, wagten hier unser Leben +und dort unser Geld und vergaßen miteinander, daß es in der Welt noch etwas +anderes gab, als diese grüne, blühende Wildnis und diese bunte Stadt. + +Vor den Tempeln und der Basarstraße gab es Feste heidnischen +Götzendienstes, am Hafen Schlägereien zwischen mohammedanischen Hindus und +den Negern, die in großen Seglern von Arabien kamen, um Gewürze +einzutauschen. Es war ergötzlich, dem bald trägen, bald ausschweifenden +Leben des Hafens beizuwohnen, in beschaulicher Tatlosigkeit der englischen +Regierung und dem lieben Gott die Sorge für das eigene und fremde +Wohlergehen überlassend. Ich schloß Freundschaft mit Negern, Elefanten und +Königen, von denen allen es in Mangalore ein gut Teil gibt. Der Frühling +spendete uns Rausch, Vergessen und Andacht, der durchsonnte Lebensstrom, +der die ganze Stadt überflutete, riß uns mit sich fort. + +Eingehüllt in die Geheimnisse der Fremde, wieder erlöst durch die +himmlische Klarheit der Sonne und geleitet von der unermüdlichen Lebenslust +der Jugend, flossen meine Tage dahin. Meine letzten Bücher wurden ein Raub +der Insekten, meine Gedanken eine Beute der Träume, und selbst meine +Zukunftshoffnungen fielen für lange dem sanften Rausch so vergänglicher wie +überwältigender Genüsse zum Opfer. Ich erwachte unter dem Glitzern der +Sonnenspeere, die durch die Blumen und Palmengefieder in mein Zimmer +sanken, unter dem Duft des Tees, den Panja mir an mein Lager brachte, und +meine erste Erwartung galt der grünlichen feuchten Landzigarre, die, dick +und lang wie ein Treibhausspargel, aus besten Blättern gewickelt worden +war. Der goldene Tag zog herum bei Schmetterlingsjagden oder Kahnfahrten, +am frischen Meer oder im tiefen Schatten des Palmendickichts, zwischen +weisen und närrischen Menschen oder Tieren, zu Pferd oder zu Fuß verbracht, +und immer in jener unnennbaren Erhobenheit, die das Bewußtsein einträgt, +von allen geachtet oder gefürchtet, sicherlich aber für etwas ganz +Außerordentliches angesehen zu werden. Bis der kühle Abend niedersank, mit +dem Gesang der Menschen, dem gespenstig wandernden Licht der großen +Leuchtkäfer, den Lauten der liebesseligen Tiere, und ob ich die weißen +Nächte im Schein des gewaltigen Monds allein zubrachte oder nicht, werde +ich nicht sagen, denn es gibt zu viele Menschen, die solcherlei Erwägungen +in ernstliche Besorgnis wirft, und man soll niemand Sorge bereiten, am +wenigsten durch die Erinnerung an eigene Freuden. + +Auf diesem so ausgedehnten Gebiet muß Panja in ernstliche Bedrängnisse +geraten sein, eines Morgens schüttete er mir sein Herz aus. Das hatte +einen ganz besonderen Grund, und der Anlaß waren zwei lange Schrammen, die +vom Auge über seine Wange niederliefen, und deren Ursprung sich um so +leichter erraten ließ, als er die Nacht über fort gewesen war. + +Als er sah, daß ich sein Gesicht musterte, während er das Frühstück +bereitete, meinte er bedauernd: + +»Diese Dornen, Sahib! Man weiß nicht, wie man ihnen im Dunkeln entgehen +soll, es ist Zeit, daß ich im Garten wieder Platz schaffe.« Und wir klagten +eine Weile miteinander über die Dornen. + +»Zuweilen sitzen zwei nebeneinander,« sagte ich, »ähnlich wie die +Fingernägel einer Hand.« + +Panja musterte mich mißtrauisch, aber da ich ernst blieb, meinte er +zögernd: + +»Ja, auch das, es kommt allerlei vor.« Aber dann mußte er doch ein Lächeln +gewahr geworden sein, denn er sprang ärgerlich auf, stampfte mit dem Fuß +und rief: + +»Also weißt du es, Sahib! Gut, aber was wird dadurch besser? Ist es schön +von dir, jemand zu verhöhnen, der ohnehin Undank geerntet hat?« + +Ich beruhigte ihn und sprach ihm Trost ein, er war ernstlich erbittert und +weit davon entfernt, auch nur einen Schatten von Schuld an diesem Unheil +bei sich zu suchen. Da wurde er melancholisch, wie gutmütige Leute mit +bösem Gewissen es leicht werden, wenn man ihr Verbrechen auf andere +schiebt. + +»Kratzen die Frauen deines Landes auch?« fragte er, da er mein bewiesenes +Verständnis aus meinen Erfahrungen ableitete. + +»Und wie, Panja! Sich und andere.« + +»Spotte nicht,« bat er, »dies sind ernste Dinge, und wenn ich auf den +Schlaf warte, so muß ich viel darüber nachdenken.« Und er blinzelte in die +Morgensonne, die grünes Feuer im Palmengitter entzündete, und spiegelte +sich dann gedankenvoll in einer runden Kupferkanne, die ihm sein Bild +ähnlich zurückgegeben haben mag, wie die Welt seiner Gedanken in seinem +Kopf aussah. + +»Warum heiratest du nicht?« fragte ich ihn. Es war einen Augenblick still. +Das Geschrei der Handelsleute und Ausrufer von der Basarstraße klang zu uns +herüber, und die Zweige im Gebüsch schaukelten unter dem Morgenspaziergang +irgendeines größeren Tiers. + +»Vielleicht ein Affe«, meinte Panja. Man sah, er dachte an etwas anderes. +»Gut,« brach er plötzlich eifrig los, »ich heirate, aber was dann? Es ist +nicht verlockend, zu wissen, was einen auf dem Nachtlager erwartet, solange +man jung ist. Zur Liebe gehören die Neugierde und die Gefahr, die erlaubte +Liebe ist wie ein gefangener Vogel.« + +Ich beschloß, ein wenig ernster zu werden, und sagte deshalb leichthin: + +»Wenn es nur das gäbe, was du jetzt Liebe nennst, Panja, so hättest du +recht, aber es kann vorkommen, daß das Herz sich überall wie ein gefangener +Vogel vorkommt, nur nicht dort, wo eine bestimmte Frau wartet.« + +Panja dachte nach. »Es kommt vor, Sahib, aber es geht vorüber.« + +»Vielleicht kommt dafür etwas anderes?« + +»Was sollte kommen, Sahib?« + +»Vielleicht ein Sohn.« + +»O Gott,« sagte Panja betroffen, »wer denkt gleich an das Schlimmste!? Aber +auch, wenn ich mich darüber freuen sollte, so kann ich doch nicht an einen +Sohn denken, wenn ich keinen habe.« + +»Ist das Vergessen schöner oder die Erinnerung, Panja? Sieh um dich in der +Natur, wohin du willst, und unter den Menschen, immer geht die Liebe mit +der Erinnerung und das Laster mit dem Vergessen. Ist nicht ein Kind die +schönste Erinnerung an die Liebe und der lieblichste Begleiter auf dem Wege +vom Sommer zum Herbst?« + +Panja rückte an seinem Turban und kratzte sich umständlich, was immer ein +Beweis war, daß etwas über seine Sinnenwelt hinaus in sein Herz gesunken +war, aber es blieb in der Regel sein einziges Zugeständnis an mich. + +»Ich bin kein Brahmine,« sagte er endlich, »warum soll ich also nachdenken? +Du hast nur deshalb schöne Gedanken, Sahib, weil du die Frauen nicht +kennst. Wenn du einmal ein Weib genommen hast, so werden die guten Gedanken +ausbleiben.« + +Ich mußte lachen, und Panja triumphierte. Nun war er es, der mich belehrte. + +»Vielleicht sind die Frauen deines Landes anders, Sahib, aber +wahrscheinlich ist es mit den Frauen wie mit der Palme, überall in der Welt +ist sie dieselbe. Hast du niemals gemerkt, daß sie im Grunde alle dumm +sind? Du kannst es daran sehen, daß sie sich in gleichem Maße vor einem +Tiger fürchten wie vor einer Maus, denn nicht einmal zwischen diesen beiden +Tieren können sie den Unterschied herausbringen. So kennen sie auch bei den +Männern keine Unterschiede, und als der beste erscheint ihnen immer der, +den sie lieben.« + +»Ist das nicht ein Vorzug?« + +Aber Panja ließ sich nicht ablenken: »Sagst du etwas recht Dummes, so +reißen sie die Augen auf und strahlen, nur weil es vielleicht auf das +Gleichgültigste der Welt zutrifft; sagst du aber etwas Gescheites, was alle +Klugen bewundern würden, so vergessen sie es sofort, nur, weil sie es nicht +in ihr Haar stecken können. Oh, was kann nicht alles geschehen! Mit der +Zeit wird vielleicht deine Liebe abnehmen, und du kehrst zu vernünftigen +Gedanken zurück, aber dann nimmt die ihre genau in dem Maße zu, wie sie dir +gleichgültig wird. Sie behängt dich mit allem, was sie ausdenkt oder +findet, wie einen wundertätigen Götzen, bis du anfängst, selbst so +Ungeheuerliches von dir zu glauben, daß du ein Gespött der Männer wirst. +Wie aber ist es erst, wenn dein Herz an dem ihren hängen bleibt, und dein +Eifer und deine Mühe machen sie kälter und kälter? Gib du selbst alles, was +du hast, und ohne Rückhalt dich selbst, sofort fängt sie an, nach anderen +Männern Ausschau zu halten. Die Seele solcher Frauen ist wie eine Grube, +die kleiner wird, je mehr man hinzutut, und das Elend in deinem Hause nimmt +kein Ende. Ach, du weißt nicht, wie es selbst den Braven ergeht! Du hast +einmal gesagt, durch Geben wird niemand arm, aber alles, was einem +herzlosen Weib gegeben wird, ist verloren.« + +»Das ist vielleicht richtig, Panja,« unterbrach ich seinen Eifer, »aber +nicht alle Frauen sind herzlos.« + +»O Sahib, solange du lieben mußt, ist in deinen Augen alles schön, was du +an einer Frau erblickst,« entgegnete Panja überzeugt, »und das Böse an ihr +entfacht nur den Eifer deiner Gunst.« + +So fuhr Panja fort, mir noch lange die irdische Misere der Herzen zu +schildern, die lieben, oder die es wollen, ohne es zu können, oder müssen, +ohne es zu wollen. Ich antwortete ihm wenig, aber es wurde mir deutlich, +wie viele Männer unserer Zeit und unseres Landes über eine ähnliche +Betrachtung der Frau niemals hinausgekommen sind. Hatte Panjas Anschauung +auch zweifellos die heitere Beigabe einer kindlichen Auffassung, so lag ihr +doch ein Urteil zugrunde, das mir, im nachdenklichen Sinn bewegt, nur allzu +vertraut war. Wenn ich ihm nur beiläufig widersprach, so bedachte ich bei +meiner Zurückhaltung seine Jugend und die Tatsache, daß die meisten Männer +erst durch die Erfahrung belehrt werden, und daß niemandes Erlebnisse +größer sind als er selbst. Auch dient eine solche oder ähnliche +Betrachtungsart gutmütigen Jünglingen zu einer Vorsicht, die dem Grade +ihrer Widerstandskraft angepaßt sein mag. + +Aber im Grunde ist es nicht gut, in solchen Anschauungen allzu lange ein +Kind zu bleiben, und ich habe die Männer selten sonderlich ernst zu nehmen +vermocht, die der Frau die selbständigen Kräfte des Gemüts nur deshalb +absprachen, weil sie anderer Art als die des Mannes sind; denn nur +Oberflächliche rechnen Verborgenes leichtfertig dem Fehlenden zu. Auch +bleibt es hinreichend lächerlich, Eigenschaften der Frau zu tadeln, die wir +nicht genug loben können, solange ihre Wirkung uns selbst zugute kommt. Je +eher das Gemüts- und Geistesleben einer Frau im Zusammenhang mit ihren +Eigenschaften einen Charakter darstellt, um so sicherer wird sie auch ohne +äußere Erfahrung die Wahl treffen, die ihrem Werte entspricht. Dieser Wert +aber wird sich, nach ihrer Entscheidung, nicht in ihrer Fähigkeit zeigen, +die Männer gerecht miteinander vergleichen zu können, sondern in ihrer +Beständigkeit. + +So ging mancher Morgen in nachdenklicher Plauderei und gedankenlosem Spiel +mit Nichtigkeiten herum, die Sonne begann uns Irdische dieser gesegneten +Zone langsam wieder an Beständigkeit zu übertreffen, an Treue und Kraft. +Wie es manchen auf der Reise ergehen mag, so verlangte es auch mich, im +Übermaß der sonntäglichen Freiheit, nun oft nach der herben Sicherheit +jener höheren Freiheit im Geist, die uns bei ganzer Anspannung unserer +besten Kräfte vergönnt ist. Aber dies Klima erlaubt unserem Blut nicht den +Ernst unserer Rasse, nicht den Eigensinn zur Tätigkeit, der ihr +eigentümlich ist, und am wenigsten die Neigung zu beständiger Arbeit. +Ungezählte unseres Volkes sind, solange die Geschichte es kennt, den +Verführungen der südlichen Sonne erlegen, fast unvermerkt, unheilbar der +Süßigkeit des tatenlosen Genusses verfallen, und erst nach eingebüßter +Lebenskraft zu jenem Heimweh aufgeschreckt, das im Glanz der weichen Tage +zu einer wollüstigen Wehmut herabgesunken war. + +Oft, wenn ich am Meeresstrand unter schattigen Bäumen lag und Traum und +Wille sich im Blau des Himmels und des Wassers schaukelten, gedachte ich +Homers und seines Helden, der, an den Mastbaum seines Schiffes gefesselt, +mit empfänglichen Sinnen, machtlos und zerrissen von Verlangen, an dem +gepriesenen Eiland vorüberfuhr, erkennend und durch den Geist gefeit, vom +Verstand gemeistert, der älter war als sein Verlangen, hingegeben und +beherrscht. Oft beneidete ich ihn, oft bedauerte ich ihn, wie einen, den +die Kälte seines Geistes vom Altar beseligter Hingabe verbannt hat. Aber in +meinen Träumen erschienen mir die singenden Frauen, und ich ahnte unter dem +Glanz ihrer lockenden Leiber die tödliche Kraft ihrer mörderischen Krallen. + +Es trieb mich, bei innerer Ruhlosigkeit, äußerlich von einem zum andern, +ich versuchte zu arbeiten, verbrannte aber bald nach den armen Anfängen die +untüchtigen Versuche, die Herrlichkeit um mich her in Worten und Gestalten +zu bannen. Entzündete die Sonne ihr grüngoldenes Morgenfeuer in den +Büschen, die meine Fenster einhüllten, so tauchten meine Sinne in der +Ahnung einer Vollkommenheit unter, die jedes Menschenwerk zu nichtigem und +vergänglichem Tand herabsetzte, es gab nur Befreitheit in andächtiger +Hingabe. + +Panja beobachtete mich sorgenvoll, und eines Tages meinte er: + +»Sahib, weshalb verbrennst du dein Papier nicht, bevor du es beschreibst?« + +Nun, das ärgerte mich. Zu solcher Frage hat ein Diener kein Recht. + +»Dummkopf,« sagte ich, »weißt du nicht, daß man Gedanken auf ein Blatt +Papier niederschreiben kann, und daß, wenn beide zugleich verbrannt werden, +der Gedanke als Rauch in die Köpfe von Menschen zieht, die wir von unserer +Meinung überzeugen wollen?« + +Panja riß die Augen auf und schwieg andächtig. Er hatte es noch nicht +gewußt. Nach einiger Zeit ertappte ich ihn darüber, daß er im Garten unter +merkwürdigen Sprüngen einen Brief verbrannte, und entfernte mich mit der +Genugtuung, daß enttäuschte Hoffnungen ihn für seine unbotmäßige Frage +strafen würden. + +Auch mit den Vertretern der deutschen Mission in Mangalore kam ich flüchtig +in Berührung, es sind tätige und ernste Leute, die in kleinen Industrien +die übergetretenen Eingeborenen beschäftigen und den Geisteskampf mit den +gebildeten Repräsentanten des Hinduismus nur vereinzelt und immer erfolglos +wagen. Es fehlt ihnen an Bildung und Kenntnis und vor allem an Achtung vor +dem Brahman oder der Lehre Buddhas, und der einfältige Glaube, es hier mit +»finsterem Heidentum« zu tun zu haben, ist der beste Weg zur gründlichen +Erfolglosigkeit. Ich habe kuriose Leute unter diesen Missionaren und +Missionsfrauen angetroffen. Was sie einem feineren Anspruch immer wieder +fatal macht, ist ihre bewußte Beschränkung und Ausschließlichkeit in einer +Weltbetrachtung, deren wirkende Kraft unerprobt bleibt. Es ist leicht, +recht zu behalten, wenn man nur sich selbst oder Meinungsgenossen hört, und +das Lächerliche solcher Erscheinungen beruht darauf, daß ihre Einfalt mit +Großartigkeit verbunden ist und ihre Behutsamkeit mit Mangel an Takt. + +Ein bezeichnendes Merkmal, woran solche Leute im Fall eines Zweifels bald +zu erkennen sind, ist ihre Fähigkeit, über alle Dinge mitzureden, sie zu +beurteilen oder einzuschätzen, ohne daß sie sich je die Mühe gemacht +hätten, sie auch zu verstehen. Naturgemäß verbindet sich mit einem solchen +Standpunkt der Weltbetrachtung eine besondere Vorliebe für die Kehrseite +der Dinge, die sich überall, wie auch beim Menschen, leichter kenntlich, +übersichtlicher und ohne komplizierten Ausdruck oder vielseitige +Linienführung darbietet. Und so findet man auch in der Regel, daß das +Selbstbewußtsein dieser Menschen sich daran aufzurichten pflegt, daß sie +die Schattenseiten anders gesinnter Brüder oder fernliegender Dinge zuerst, +oder gar ausschließlich entdecken, und da es leichter ist, etwas zu tadeln, +als etwas zu begreifen, so findet dieses Selbstbewußtsein fast stündlich +Nahrung und entwickelt sich auf das prächtigste. Panja meinte einmal, +nachdem wir unsere ersten Bekanntschaften hinter uns hatten: + +»Diese Herren sind wie der König von Schamaji, immer herrschen sie, aber +man weiß nicht, warum oder über wen.« + +Wahrhaft Bescheidene fordern nicht heimlich den Dank für ihre +Beschaffenheit ein, und es ist immer ein wenig peinlich, wenn Dienstboten +sich deshalb für etwas Besonderes halten, weil ihre Herrschaft etwas Großes +geleistet hat. Trotzdem ist mir ein Beweis inniger Glaubenskraft erbracht +worden, und da ich durch die bezeichnenden Worte, welche ich über diese +Leute vorangeschickt habe, ungern in den verpönten Ruhm kommen möchte, auf +der Bank der Spötter zu sitzen, will ich die Geschichte so folgen lassen, +wie ich sie gehört habe: + +In einer Gebetsversammlung dieser kleinen christlichen Gemeinde erhob sich +jüngst eine Missionsfrau, die aus den dunkleren Provinzen des im übrigen so +gesegneten Königreichs Württemberg stammte und die in ihrer Beziehung zur +Einfalt in der Gottesfurcht etwas geradezu Außerordentliches leistete. Sie +sagte nach kurzem Gebet, das in solchen Versammlungen laut und allgemein +verrichtet zu werden pflegt, daß es Gott dem Herrn in seinem +unerforschlichen Ratschluß gefallen habe, ihre neben ihr sitzende, bereits +erwachsene Tochter Helene mit einem Bandwurm zu schlagen. Darauf forderte +sie die Gemeinde in bekümmertem Werben von geneigter Stirn inständig auf, +Gott mit ihr und ihrem Kinde gemeinsam um das Ausscheiden des unangenehmen +Parasiten anzuflehen. Ihrem Ersuchen wurde bereitwillig stattgegeben, und +Männer und Frauen der Versammlung beschäftigten sich eine angemessene +Zeitlang vor Gottes Augen in inniger Fürbitte mit dem Bandwurm der jungen +Dame und mit der Laufbahn, welche für die Zukunft dieses merkwürdigen Tiers +erhofft wurde. + +Am Schluß der Versammlung erklärte eine freundliche Beisitzerin im Saale, +daß sich in ihren Privatbeständen ein wirkungsvolles Mittel befände, dem +auch ein energischer Bandwurm nicht zu widerstehen in der Lage sei, und +dieses Medikament wurde mit Dank angenommen. Schon in der nächsten +Zusammenkunft konnte die Mutter der aufhorchenden Gemeinde die Mitteilung +machen, auf wie wunderbare Art die Kraft der gemeinsamen Fürbitte bei ihrer +Tochter gewirkt habe. Sie erzählte mit bewegter Stimme den Versammelten, +daß der Bandwurm gekommen sei, augenscheinlich im bereits entschlafenen +Zustande, daß sich aber ein großer Frieden in seinen Zügen ausgedrückt +habe. -- + +Daß Gottes Hand sichtbar über dem Wohlergehen dieser opferfreudigen Leute +waltet, geht auch aus einer anderen, nicht weniger eigenartigen Geschichte +hervor, die mir in Mangalore von einem sehr erfahrenen und im Heidendienst +erprobten Manne erzählt worden ist. Als sich dieser Herr zu Beginn seiner +Laufbahn an einem schönen Abend auf der Veranda seines Hauses aufhielt, +erblickte er plötzlich einen Tiger, der die Treppe vom Garten emporkam. +Gott gab dem bestürzten Manne jedoch rechtzeitig einen guten Gedanken ein, +der zur Errettung führte. Auf der Terrasse stand zum Glück, von der letzten +Kinderlehre im Freien her, noch das Harmonium, ein besonders in +pietistischen Glaubenskreisen recht beliebtes Erbauungsinstrument, das auch +in indischen Missionen hier und da Verwendung findet, obgleich es den +Einwirkungen des Klimas nur selten zu widerstehen vermag. Auf dieses +Instrument stürzte sich der beklommene Mann und begann, in zuversichtlichem +Glauben an seine Aussichten, den bekannten schönen Choral zu spielen: + + Wie soll ich dich empfangen + Und wie begegn' ich dir? + +Der Tiger soll sich sofort entfernt haben, um den Schutz der Wildnis +aufzusuchen. + + * * * * * + +Eines Nachmittags, als ein Händler aus Kaschmir seine bunten Messingvasen +und Stickereien auf meiner Veranda zur Schau ausbreitete, kam ein Bote aus +der Stadt und blieb nach Art der eingeborenen Diener bescheiden am Aufgang +zur Treppe stehen, eine Anrede erwartend. Es kamen zu vielerlei kleine +Nachrichten für Panja oder den Koch, als daß ich den Fremden sonderlich +beachtete, er räusperte sich nach einer Weile dezent, und als ich +hinübersah, legte er die Hand an die Stirn und verneigte sich zum zweiten +Male. So ging es mich an, und ich winkte ihm. + +»Du kommst mir gelegen,« sagte ich, »wie viel Wert hat nach deiner Meinung +dieser mit Gold bemalte Vorhang, du bist unparteiisch, sag' es mir.« + +Der Fremde prüfte das Tuch und die Arbeit aufmerksam, mir schien aber, als +besänne er sich dabei auf einen Ausweg, zugleich meiner und der Forderung +des Händlers gerecht zu werden. Dann sagte er: + +»Ich kenne den Wert dieser Arbeiten nicht genau, aber ich kenne Dewan +Chundar, den Kaufmann, der dich bedient, und weiß, daß er gerecht und +vorsichtig ist.« + +»Wenn er es nicht wäre, so könnte er es von dir lernen«, sagte ich. Die +Antwort gefiel mir, und ich betrachtete den Ankömmling genauer. Seine +Gewandung war sorgfältig und gut und ohne Anlehnung an die europäische +Kleidung, der rote Turban war aus Seide, das weiße Hüftentuch breit gelegt, +und es reichte, wie eine weite Pumphose, bis an die Knie, ein kurzes +Jäckchen aus dunklem Tuch, wie es die Perser in Bombay tragen, verhüllte +Brust und Arme. + +»Und du selbst? Was führt dich zu mir?« + +»Mein Herr bittet dich, ihn morgen um diese Stunde zu erwarten, er dankt +dem fremden Sahib für seine Bitte.« + +»Du dienst dem Brahminen Mangesche Rao?« + +»Mein Herr ist Bahadur Mangesche Rao.« + +Der stille Sklave erhielt eine Silberrupie, mein Herz schlug vor freudiger +Überraschung. Eigentlich ohne rechte Hoffnung auf den Erfolg meiner Mühe +war ich dem Rat des Kollektors gefolgt und hatte den Brahminen in einem +Brief angegangen, ob er willens sei, mir Unterricht im Sanskrit und in der +Geschichte seines Landes zu geben. Mir war in den letzten Wochen zumut +gewesen, als müßte ich mir durch meine leichtfertigen Umtriebe in der Stadt +das Vertrauen dieses ernsten Politikers und Diplomaten verscherzt haben, +denn ich fiel auf, da ich mich sowohl anders als die Engländer benahm, als +auch die Gebräuche der Missionare nicht eben zum Vorbild wählte. Sonst gab +es wenig Europäer in Mangalore. Panja hatte mir allerlei Lustiges über die +Bilder berichtet, die man sich im Volk von mir machte, ich galt hier als +verkappter Spion der englischen Regierung, dort als Perlenhändler und im +niedern Volk als Zauberer, weil ich einmal mit einem Taschenkünstler in +Konkurrenz getreten war, der noch niemals ein Spiel französischer Karten +gesehen hatte und von der Volte so wenig verstand, wie ich vom +Schlangenbändigen. + +Nun, es erschien, als habe der Brahmine weiter nicht Anstoß an meinem Ruf +genommen. Der Händler erhielt den geforderten Preis und benutzte den Rest +des Tages zum gemächlichen Einpacken seiner Schätze, offenbar hatte das +Geschäft, das er mit mir gemacht hatte, ihm ermöglicht, sich für einige +Wochen ins Privatleben zurückzuziehen. Ich rief nach Panja. + +»Ich weiß schon,« sagte er kalt, »du ziehst Verbrecher ins Haus. In kurzer +Zeit werden wir alle drei gehängt werden.« + +»Woher weißt du denn, wer kommt?« + +»Du hast es mir ja selbst gesagt, Sahib.« + +Ich war überzeugt, es nicht getan zu haben, konnte aber nicht für mich +bürgen. Die Tatsache, mich bis ins kleinste beobachtet zu finden, +überraschte mich immer wieder, aber Neugierde ist die heiligste Pflicht +eines indischen Dieners, und es erscheint einem oft, als stünden +Todesstrafen auf Verschwiegenheit. Sicher war, daß Panja diesem Besuch +ungern entgegensah, er häufte alles an Schmähungen und Verdächtigungen an, +was er aus einem zweitausendjährigen Ruf dieser Kaste nur immer in +Erfahrung gebracht hatte. Trotzdem gewahrte ich deutlich eine Scheu, jene +alte Achtung, die allen Kasten den Brahminen gegenüber eigentümlich ist, +und die kein Haß und keine Furcht verdrängt haben. + +Mangesche Rao kam am nächsten Tage mit großer Pünktlichkeit genau zur +angegebenen Stunde. Er ritt durch das Gartentor ein, bis dicht vor die +Holztreppe der Veranda. Der Diener, der sein Pferd am Zügel führte, diesmal +ein anderer, meldete seinen Herrn durch einen gedämpften Zuruf an, der mir +in seiner seltsamen Feierlichkeit und seinem eindringlichen Pathos +unauslöschlich im Gedächtnis geblieben ist. Panja erschien, ernst und +würdevoll. + +Der Brahmine schritt die Treppe erst empor, als ich ihm in der Tür +entgegentrat, er reichte mir nach europäischer Sitte die Hand, das einzige, +was mich außer seiner Erscheinung in seinen Gewohnheiten an seine Kaste +mahnte, war die eigentümliche rituale Vorsicht, mit der er seine Schuhe an +der Schwelle der Tür ablegte, um das fremde Haus mit nackten Füßen zu +betreten. Er bückte sich dabei nicht, die safranroten sandalenartigen +Schuhe blieben zurück, wie durch einen Zauberspruch von den Füßen gelöst. + +Wahrscheinlich wird mein Gast sich keine Vorstellung von dem Eindruck +gemacht haben, den seine Erscheinung von den ersten Augenblicken an auf +mich machte. So groß das Selbstbewußtsein eines Menschen sein mag, der sich +seines Werts bewußt ist, immer wird ihn vom unbedingten Glauben seiner +Wirkung die Erkenntnis abhalten, daß ein anderer nur so viel würdigen kann, +als er beansprucht, und in dieser Hinsicht lag für den Brahminen gewiß kein +Grund vor, von mir ein besonderes Erfassen seiner Vorzüge anzunehmen. Ich +war überrascht, wie jung er wirkte, als ich sein Alter erfuhr. Nicht allein +sein sorgfältig rasiertes und sehr schmales Gesicht ließ darüber in +Zweifel, sondern vor allem seine ungewöhnlich schlanke Gestalt und die +Anmut seiner Bewegung, die allerdings weit von jeder Gefallsucht entfernt +war. Als seine Augen, dunkel aus dem hellen Braun des Gesichts, unter dem +gelben Seidenturban hervor, zum ersten Male in die meinen sahen, erfaßte +mich wie ein Taumel von Begierde, Befriedigung und Stolz eine Ahnung vom +Geist der Jahrtausende, die ihrem späten Sohn den Glanz ihrer Kultur wie +einen Kranz um die Schläfen gelegt zu haben schienen. Etwas vom Zauber +jener Träume meiner Jugend, die unter dem Namen Indien in mir erwacht +waren, beglückte mich, und mir erschien, als stünde ich erst heute +wahrhaft vor den Toren seiner Geheimnisse. + +Die fremden Augen sahen mich bei den ersten Worten unserer Unterhaltung an, +als läge dem Sinn dieses Mannes nichts so fern, als mich zu prüfen. Es ist +das erstemal gewesen, daß diese Bescheidenheit der Überlegenheit mir +wohltat, ich begriff, wie viel Unsicherheit, wie viel Abwehr und falsche +Besorgnis in jenem Prüfen liegt, mit dem wir in den meisten Fällen einer +neuen Bekanntschaft beginnen oder empfangen werden. Diese Unbeteiligtheit +der Augen wirkte höflich und verbreitete eine Gelassenheit, als gäbe es in +der Welt nichts Natürlicheres, als unsere Zusammenkunft. Ich dachte an die +Erzählung des Kollektors und mußte über seinen Eifer lächeln, mit dem er +sich bemüht hatte, mir ein Bild dieses Mannes zu entwerfen, ich begriff, wo +die Besorgnis des Engländers ihren Ursprung hatte, und war über nichts so +glücklich, als daß kein politisches Interesse den Brahminen und mich +zusammengeführt hatte. + +So mag es gekommen sein, daß ich ohne Rückhalt, ohne kleinliche Vorsicht +und in heiterer Offenheit zu diesem Manne sprach, und er schien rasch zu +bemerken, daß ich nichts zu verlieren fürchtete, als seine persönliche +Achtung. Es war erstaunlich, wie richtig er aus den Äußerungen meines +Temperaments auf meine Gesinnung schloß. Offenbar hatte er, ohne falsch +oder auch nur vorsichtig zu erscheinen, schon nach der ersten halben Stunde +unserer Unterhaltung eine ganze Reihe heimlicher Prüfungen vorgenommen, +deren Resultat den Rest seiner Befürchtungen zerstreute. Wir sprachen von +der englischen Regierung, er lobte ihre Umsicht, die Rede kam auf die +deutsche Mission und Mangesche Rao sagte, höflich gegen mich, als den +Landsmann ihrer Vertreter, das Beste über diese Leute, was sich über sie +sagen ließ. + +Ich war jung genug, nicht ohne weiteres zu dulden, daß ich mit diesen +Propheten der heiligen Einfalt zusammen das Deutsche Reich in Indien +repräsentieren sollte, und sagte: + +»Die Leute sind einfältig.« + +»Das schließt ihre Aufrichtigkeit nicht aus«, meinte Mangesche Rao, doch +ich konnte mich nicht enthalten, hinzuzufügen: + +»Sie müssen Ihnen wenig schaden, da Sie so nachsichtig sind.« + +Mangesche Rao lächelte, meine Unvorsichtigkeit schien ihm wohlzutun, und so +bemerkte er leichthin: + +»Wir begegnen einander nur auf Gebieten, die wir ihnen überlassen.« + +Seine Meinung über die Jesuiten unterschied sich wesentlich von der über +die protestantische Mission, und aus den Ansprüchen, die er durch die +Wirksamkeit und Eigenart dieses Ordens befriedigt sah, merkte ich rasch, +wie wenig ihm alles galt, was nicht im Geistigen zu suchen war. + +Aus keiner Einzelheit, die unsere Unterhaltung berührte, war bisher zu +entnehmen, daß mein Gast sich auch nur beiläufig um Politik bekümmerte, ja +auch nur das kleinste Interesse am Ergehen des Landes, an seiner +wirtschaftlichen oder sozialen Lage nahm. Ich war vorübergehend in Zweifel, +ob sich der Kollektor nicht mit seiner Annahme im Irrtum befand und die +Unschuld seines vermeintlichen Gegners für höchste Verstellungskunst +gehalten hatte. + +Die Sonne trieb ihr buntes Spiel im ruhigen Raum, der Besuch saß im +gedämpften Licht, und sein Anblick erfüllte mich mit der stolzen Freude des +Gastgebers einem ungewöhnlichen Fremden gegenüber. Der blaue Vorhang, den +ich am Tage vorher erstanden hatte, schmückte die Wand meines Zimmers als +Hintergrund, und die Schultern, das glänzende schwarze Haar und das +gedämpfte Seidengelb vom Turban Mangesche Raos hoben sich unwirklich und +fremdartig davon ab, mir erschien der Anblick zuweilen wie ein Bild aus der +Märchenwelt von TausendundeineNacht. Panja, lautlos und vorsichtig, brachte +Tee und Tabak, ich war nicht wenig darüber erstaunt, als ich sah, wie tief +und feierlich er den Brahminen begrüßte, der durch einen Blick dankte, ohne +auch nur die Stirn zu neigen. + +Es schien dem Gast nach einer Weile in Frage und Antwort doch zu hastig zu +gehen. Die vornehmen Inder verkehren mit den Europäern in außerordentlich +gesetzter Weise und haben sich in ihrem Umgang mit den Herren ihres Landes +daran gewöhnt, das Wort als ein Mittel zu betrachten, um die Gedanken zu +verbergen. Diese Kunst haben sie gewiß nicht erst in ihren Kämpfen mit den +mohammedanischen oder englischen Eroberern gelernt, aber sie sind zu oft +getäuscht worden, um nicht mißtrauisch zu sein, bis zur Verstecktheit. Wie +ich Mangesche Rao später kennen lernte, lag seiner Natur der Freimut näher +als die Verstellung, aber zu Beginn unserer Bekanntschaft prüfte er meine +Äußerungen wieder und wieder darauf hin, was sie hinter ihrem Wortlaut +bedeuten möchten, oder was darüber hinaus. Das ließ ihn oft zögern oder +schweigen, und ich erkannte bald, daß mein bestes Mittel, ihn rascher zu +Vertrauen zu gewinnen, sicherlich eine gewisse Gleichgültigkeit gegen jede +Vorsicht war. Aber welcher Vorsichtige erwägt nicht, selbst vor der +arglosen Gebärde einer Preisgabe, die Möglichkeit eines Mittels zu +verborgenem Zweck? Mangesche Rao wählte geschickt einen Weg, der ihm +Gelegenheit zu beiläufigem Beobachten und Schweigen gab, er nahm vom +Nebentisch ein Schachbrett und begann, wie in Gedanken und scheinbar +unbeteiligt, die Figuren zu ordnen. + +Das Spiel, das sich alsbald zwischen uns ergab, war sehr erheiternd für +mich, aber es dauerte nur kurze Zeit. Der Brahmine sagte mir nach dem +vierten Zuge, den ich machte, mit höflichem Bedauern mein unvermeidliches +Geschick voraus und fragte mich, auf welchem Feld des Bretts mein König am +liebsten seinen Untergang erlebte. Ich gab es an, und der hölzerne Fürst +rutschte, eine Weile von eigenen und fremden Kriegern bedrängt, wie ein +gescholtener Kuli hin und her, bis er seine unrühmliche Herrschaft, von +einem feindlichen Bauern aus dem Hinterhalt überfallen, auf jenem Felde +aufgab, das ich bestimmt hatte. + +»Dem geht es ähnlich unter Ihrem Verstand wie dem englischen Kollektor«, +sagte ich und lachte. + +Ohne Besinnen antwortete mir Mangesche Rao: + +»Überschätzen Sie die kleine Arbeit nicht, die dem Beamten zu schaffen +macht, ich hoffe, das alles einmal wirkungsvoller zu sagen.« + +»Also Sie haben es geschrieben und geben es ohne weiteres zu?« + +»Was ich unter vier Augen zugebe, kann ich unter sechs ohne Mühe +widerrufen. Aber glauben Sie, daß mir von einer Regierung Gefahr droht, die +nicht den Mut hat, unumwunden zu fragen, aus Furcht eine Antwort zu +erhalten, die sie zu einem Eingriff zwänge? Mich schützt nicht meine +Geschicklichkeit, sie war zur Hälfte Nachsicht gegen die Persönlichkeit +dessen, der sie nicht zu übertreffen vermochte; was mich schützt, sind die +Macht und der Wille der Gleichgesinnten im Reich.« + +»So wissen Sie auch, daß ich zuweilen ein Gast des Kollektors war?« fragte +ich, aufs höchste angeregt. + +Mangesche Rao nickte. »Es ist leichter für uns, in Mangalore einen Europäer +zu beobachten, als umgekehrt. Zu Anfang habe ich den Gedanken erwogen, Sie +möchten mich im Interesse der englischen Regierung zu sich geladen haben, +deshalb bin ich gekommen. Aber dieser Gedanke war falsch.« + +»Was bürgt Ihnen dafür?« + +»Ihr Bemühen, arglos zu erscheinen,« sagte der Brahmine und lächelte, »auf +diese Art versuchen es nur Leute, die es sind.« + +Ich lachte, und da er ernst blieb, fragte ich: + +»Und wenn ich nun, Ihrer Meinung zum Trotz, vielleicht nur aus +gleichgültigem Unterhaltungsbedürfnis, dem Kollektor Ihr Geständnis +erzählte?« + +»Sie würden sich weder Dank erwerben, noch Schaden tun«, meinte der +Brahmine, ohne ein Anzeichen von besonderem Interesse. »Es ist niemandem +wichtig, Dinge zum zehnten Mal zu hören, die er weiß.« + +Der Tag verlief damit, daß ich Mangesche Rao meine in seinem Lande +verbrachten Tage von Anfang bis zu Ende erzählte. Ich sprach nicht nur von +Ereignissen, sondern auch von den Empfindungen, welche mich bewogen hatten, +sie zu suchen. Er hörte mir mit ruhigen Augen zu, warf hier und da eine +Frage ein, die mir sein Verständnis erwies und mich zu immer größerem +Freimut bewegte. So gestand ich ihm endlich auch den Grund ein, aus welchem +ich ihn gebeten hatte mein Haus aufzusuchen, und seine Freude war nicht +ohne Stolz, als er mir auf seine vornehme Art versicherte, das Beste seines +geistigen Eigentums sei so weit das meine, als ich Verlangen danach trüge. + +»Ich begreife den Geist, der Sie in die Welt hinaustreibt,« sagte er zum +Abschied zu mir. »Immer erfaßt bei allen Völkern Einzelne diese +Rastlosigkeit, sie finden nirgend Ruhe und mischen die Welt. Mit ihnen +gehen Segen oder Unsegen, und diese entstehen nach dem Maße des Werts +solcher Menschen. Die Einen treibt ihre ungebändigte Fülle hinaus, die +Anderen ihre Leere. Die letzteren glauben bereichert zurückzukehren, aber +sie lassen überall nur Unordnung und Verwirrung zurück, auch bringen sie +in Wahrheit nichts heim, denn in leeren Köpfen ist am wenigsten Platz. Die +Reichen aber geben, indem sie suchen, und der Notstand ihrer Wanderung +gereicht oft denen zum Nutzen, die ihnen begegnen.« + + + + +Dreizehntes Kapitel + +Das letzte Feuer und der alte Geist + + +Es war damals noch die Zeit des »Prabuddha Bhârata«, des erwachten Indiens. +Die Ausläufer des großen Geistesstromes hatten weit über das Land hin die +Gemüter zu neuem Glauben an eine Einigung der Völker unter dem Licht der +urväterlichen Religion befruchtet. Die Wirkung Brahma-Samajs, der die +Veden, besonders aber die Upanishads im Sinn eines geklärten Theismus +auslegte, hatte über die Finsternis des Götzendienstes und Aberglaubens +hin, den Versuch einer sozialen Reform hervorzurufen, die mit Raghunatha +Rao einsetzte und sich in eigensinnigen Kämpfen zuerst gegen den +Kastengeist wandte. Der Name Swâmi Vivekânandas klang wie ein heller +Weckruf durch das schlafende, unterdrückte Land, aber die schwelende Flamme +dieser neuen Wahrheit schlug niemals zum vollen Glauben an die Freiheit +empor. + +Es folgten diesen Propheten der Erhebung andere. Die verschiedenen +Richtungen der Auffassung zerteilten ihre Anhänger zu Parteien, und was im +Sinn einer Einigung zu einer neubelebten Landesreligion begonnen hatte, +artete in Parteigezänk aus, und als gar europäische Agitatoren sich der +großen Sache annahmen, wuchs das Mißtrauen der Menge. Der Gedankenstrom +geriet hier in buddhistische Geistesbahnen, dort in den Einfluß +christlicher Ideen, und die englische Politik, sich dessen wohl bewußt, daß +die Macht ihrer Einigkeit von der Zersplitterung der feindlichen Parteien +abhing, verwertete die verschiedenen Regungen geschickt zu ihrem Vorteil +und spielte sie gegeneinander aus. + +Dadurch ergab sich naturgemäß, daß die zu Beginn dem Aufbau einer erneuten +Landeskirche zugedachten Reformen mehr und mehr ein politisches Gepräge +bekamen, die fanatischsten Anhänger der erneuten Religion sahen in ihr +bald ein Mittel zur Befreiung des Landes von der englischen Herrschaft, und +mit diesem Umschwung war das Herz der Sache tödlich verwundet, und ihre +Kraft versickerte im Vielerlei einer von Tendenz und Leidenschaft erfüllten +nationalen Bestrebung. + +Ich erfuhr von diesen Dingen zum ersten Mal durch den Brahminen Mangesche +Rao, dessen aufrichtiger Glaube an die Möglichkeit eines geeinten Indiens +mich hinriß, wie auch sein Haß gegen England, welche beide im Verlauf +unserer Beziehung immer unverhohlener zutage traten. Ich gewann Mangesche +Raos Vertrauen in dem Maße, als er an meine Anteilnahme glauben lernte, und +wenn er auch, mehr einem Prinzip als eben einer Befürchtung folgend, alle +praktischen Einzelheiten vor mir geheimhielt, so gewann ich doch bald einen +allgemeinen Einblick in das Interessengebiet des politisch kämpfenden +Indiens. + +Er setzte voraus, daß seine Ideen mir wertvoller waren, als seine Mittel, +sie zu realisieren, und überließ mir den Schluß vom Gedanken auf die +Möglichkeiten zur Tat. Die Liebe zu seinem Lande begeisterte mich, seine +Hoffnung war heiß und jugendlicher Art und stand in einem seltsamen +Gegensatz zur Gelassenheit und Beherrschung des Wesens, die er zur Schau +trug. Ich lernte ihn um der glühenden Hingabe willen lieben, in welcher er +sich einer Sache opferte, deren Bedeutung und Aussichten ich damals nicht +zu übersehen in der Lage war. Sicher ist, daß ich leicht bei meiner raschen +Anteilnahme in Dinge hätte verwickelt werden können, die mir verhängnisvoll +geworden wären. + +Aber was der Brahmine aus seiner reichen Welt großer Ideen in einen +politischen Kampf hinübernahm, hing so eng mit seiner Jugend zusammen, wie +sein Eifer mit seiner Hoffnung. Im Grunde war er so wenig Politiker, wie +die Fragen nach Mein und Dein ihn lange in ihrem zänkischen Bereich hätten +fesseln können. Die priesterliche Tradition seines Stammes, die tief in +seinem Blute lebte, zog ihn immer wieder in ihre beschauliche Stille +zurück, und im Grunde lockte die Erkenntnis ihn mächtiger, als der Kampf um +den äußeren Glanz der Welt. + +Die Bekanntschaft und mein immer mehr zunehmender Umgang mit ihm +veränderten meine Lebensweise und meine Betrachtungsart der Welt, die mich +umgab. Ich strich nun oft allein und nachdenklich durch den belebten Basar +und am Dunkel der Tempeleingänge vorüber, deren gelbe Messingplatten am +alten, von unzähligen Händen und Füßen dunkelpolierten Holz, geheimnisvoll +aufblinkten, wie die Riegel zu Höhlen voll ungeahnter Wunder. Ich achtete +mit neuem Verständnis auf die vielerlei Abzeichen auf den Stirnen der +Inder, die bald mit Ruß oder Asche, bald mit Henna gemalt waren, und +lernte die Kasten voneinander unterscheiden. + +Wenn die Trommeln und Pfeifen und der wahrsagerische Gong im Dämmern der +Tempelhöfe erklangen, kamen mir die Worte Mangesche Raos über den Sinn der +einzelnen Zeremonien neu belebt ins Gedächtnis, und gemeinsam mit seiner +Hoffnung erwachte der Wunsch in mir, der alte Geist möchte sich einst von +den Schlacken dieser heidnischen Entstellungen zu seiner ehemaligen +Freiheit erlösen. + +Einmal waren wir weit über die Stadt hinaus am Meer dahingeschritten, unter +der geraden Palmenallee, und ich sah die nackten Hindus, braun im +Sonnenlicht glänzend, im flachen Wasser fischen, unser Gespräch war bald, +wie schon so oft, von weltlichen Dingen der Politik auf religiöse Fragen +gekommen, und vielleicht in der Hoffnung, einmal klar und bestimmt den Sinn +des Hinduismus zu erfassen, fragte ich Mangesche Rao: + +»Was ist das Brahman? Ich höre Gedanken von tiefem Sinn, Weisheit voller +Schönheiten, Erlösungsgedanken voll hellen Befreiungsglaubens, aber über +dem Begriff des Brahman selbst schwebt ein mystisches Dunkel.« + +Da antwortete mir der Brahmine: + +»Das Wesen des Göttlichen kann ein Herz nur empfinden, aber ich will Ihnen +so antworten, wie die ältesten Priester der Veden es gedeutet haben. Nach +ihnen ist das Brahman das Licht des Geistes und die Seligkeit ohne Leid. +Das Brahman ist die Freude, das uranfängliche Wissen, eine unterschiedslose +Masse von Erkenntnis, aus Seligkeit bestehend, zugängig durch das +Bewußtsein, mit höchster Einsicht ausgestattet.« + +Wie nah lag nach dieser herrlichen Darlegung die Frage nach der +Möglichkeit, auf die ein Herz dieses Heils teilhaftig werden könnte. +Mangesche Rao dachte eine Weile nach, dann sagte er: + +»Ich will Ihnen eins der Distichen aus dem Atmabodha nennen, das vielleicht +Ihre Frage nicht so beantwortet, wie sie gestellt ist, das aber die rechte +Entgegnung auf eine recht gefaßte Frage wäre: + + Der Fromme, der des rechten Wissens kundig, + erschaut es mit dem Auge der Erkenntnis, + daß in ihm selbst beruht das ganze Weltall, + und daß er selbst das Eine ist und alles. + Wie eine Eisenkugel, die durchglüht ist + vom Feuer, so durchdringt das Brahman + das ganze All im Innern und von außen + mit seinem Licht, indem es selbst erstrahlt.« + +Er sprach leise und feierlich. Mir war, als erinnere sich ein +tausendjähriges Geisterreich seines versinkenden Lichts, und zum ersten Mal +überkam mich mit dunkler Gewalt die Trauer um das verlorene Indien. Ich +begriff in heimlicher Beängstigung die Vergeblichkeit des Kampfes, in +welchen dieser Mann neben mir, wie in sein Schicksal, verstrickt war, und +mein Verlangen schwankte unruhig zwischen dem Wert der alten und der neuen +Welt. Mangesche Rao schien meine Gedanken zu ahnen, denn nach einer Weile +des Schweigens meinte er in leichterem, fast geschäftigem Tone: + +»Es ist niederdrückend, erkennen zu müssen, daß alles, was wir unter großen +Opfern zur Wohlfahrt des geknechteten Volks errungen haben, immer wieder +zum Anlaß seines Mißtrauens wird. Als ich mich entschloß, die Hochschule in +Madras zu besuchen, wurde ich aus der Gemeinschaft meiner Kaste +ausgestoßen, und als ich mit Erfolg um eine einflußreiche Stellung unter +den Feinden rang, verlor ich das letzte Zutrauen im engsten Kreis meiner +Freunde. Und doch haben wir Inder keinen anderen Weg, den Kampf mit England +aufzunehmen. Heute unterdrückt in Indien noch die politische Macht die +Freiheit des Geistes, aber es wird bald so weit kommen, daß auch hier, wie +überall in der Welt, der Geist die Herrschaft antritt. Damit wird Englands +Niedergang in Indien beginnen. Die Einsichtigen wissen es, und es beginnt +bereits eine starke Strömung, die uns die eingeräumten Rechte wieder zu +schmälern sucht, denn England fühlt, wo es uns gewachsen ist und wo nicht. +Aber wie bitter ist es, in solchem Kampf erfahren zu müssen, daß unsere +eigenen Landsleute, deren Wohl unsere Mühe gilt, sich gegen uns wenden.« + +Ich habe später oft an diese Worte denken müssen, als das Geschick meines +Freundes sich erfüllt hatte, ich erinnerte mich ihrer, wie einer +ausgesprochenen Ahnung seines Verhängnisses. + +Zwischen den Palmen glitzerte das farbige Meer. Wir kamen an den +Verbrennungsstätten für die Toten vorüber. Ein Holzstoß war für den +hereinbrechenden Abend geschichtet, und der Tote lag, mit kunstvoll +gebrochenen Gliedern, fast rechteckig gefügt, nackt auf dem kleinen +Scheiterhaufen. Zahllose Aschenstätten umher verrieten die Feiern der +vergangenen Tage, und plötzlich erinnerte ich mich jenes merkwürdig +quälenden Brandgeruchs an manchen Abenden. Im Qualm des verbrannten +Fleisches stiegen die Seelen ins Nirwana empor. Ich sah Mangesche Rao an. +Hinter dieser ruhigen Stirn brannte die furchtbare Hoffnung, daß bald der +Aufstand durch die Gassen heulen würde. + +Ein aussätziger Bettler kroch auf allen Vieren über den roten Weg auf uns +zu, er hatte sich im Dickicht verborgen gehalten, um den Steinen seiner +Verfolger zu entgehen, nun bellte er heiser und drehte den Kopf mit den +zerstörten Wangen, wie vom Irrsinn seiner Qual genarrt. Am Strand hatten +die Raben sich gesammelt, ihr Geschrei beunruhigte die sonnentrunkene +Stille. Ich sah fort, als ich den von allem Fleisch entblößten Brustkorb +eines Menschen erkannte. + +»Die Pest und die Blattern haben ihren Einzug gehalten«, sagte Mangesche +Rao. Er sprach auf dem Rückweg kein Wort mehr. Vielleicht war ihm, wie auch +mir, bedrohlich durch den Sinn gezogen, wie vielerlei Feinde sein Land +belagerten und zersetzten, Feinde, gegen die kein Kampf von Nutzen war. Es +waren jene Opfer des Lebendigen, die sich mit dem Alter und der Müdigkeit +eines Volkes einstellen, der Verfall der Sitte, das Laster, das Elend und +die schleichenden Seuchen. -- + + * * * * * + +Panja hielt es immer noch für nötig, mich zu warnen, und vom Standpunkt +seiner Betrachtungsweise hatte er recht. Ich beruhigte ihn nach Kräften, +obgleich seine Besorgnisse in diesem Fall eher seiner Eifersucht, als +seiner Fürsorge entstammen mochten. + +»Die Engländer fürchten meinen Freund, Panja. Das Schlimmste, was ihm +geschehen kann, wird seine Verbannung sein, und wenn auch mich dies Unheil +träfe, so käme es nur mit meinen Absichten zusammen, und wir führen +vielleicht auf Staatskosten nach Bombay statt auf eigene.« + +Panja wandte sich ohne Erregung, fast traurig ab. + +»Du kennst das Land nicht, Herr. Wer spricht von einer Gefahr, die dir oder +dem Brahminen von England drohen könnte? Weißt du nicht, daß Mangesche Rao +unter den Priestern seiner Kaste so verhaßt ist, wie die Hyäne unter den +Schakalen? Ihre Waffen ersticken den Schrei im Halse, unter dem +Palmendickicht ist Finsternis, in die kein Richter schaut. Man sagt von der +Kobra, daß man sie erst erblickt, nachdem der Tod einem die Augen geöffnet +hat, und die Kaste dieser Priesterlichen nennt diese Schlange heilig.« + +»Was meinst du denn, Panja?« + +Ich fragte angeregt, denn wenn dieser merkwürdige und kindliche Freund +meiner indischen Tage nicht in Eifer geriet, so war ihm sicherlich zu +glauben. Ich wußte längst, daß sein anfänglicher Haß gegen Mangesche Rao +sich in heimliche Neigung verkehrt hatte, eine Wandlung, die seine +Eifersucht nicht ausschloß, die mich aber aufmerksamer auf seine +Besorgnisse machte. + +»Ich weiß es nicht,« antwortete er, »warum aber begibst du dich in Gefahr? +Wer würde dich schützen? Einem Engländer darfst du nur so lange trauen, wie +du ihm Vorteile bietest, und wenn du mit seinen Feinden umgehst, kann er +dich nicht für seinen Freund halten. Mangesche Rao steht in der Mitte, die +keinen Halt gewährt, sowohl die Priester als auch die Regierung halten ihn +für einen Verräter, denn im Kampf um das Land schaut niemand eines Menschen +Herz an, wie du es tust.« + +»Panja, die Freuden des Daseins, welche sich allen ohne Gefahr bieten, sind +mir gleichgültig. Was ich empfange, ist meinen geringen Einsatz wert.« + +»Ich spreche nicht so, weil ich dich verlassen will«, antwortete Panja +einfach. Ich hatte ihn lange nicht mehr so ernst gesehen, und nachdenklich +erwog ich meine Lage. + + * * * * * + +Mangesche Rao kam in den letzten Wochen seltener. Es lag eine aufreibende +Spannung in der Luft, die um so drückender wirkte, als sich ihre Ursache +beharrlich verbarg, aber die Stimmung meines neuen Freundes schlug in +Stunden unseres Beisammenseins oft in heitere Unbefangenheit um. Er vergaß +über unseren vielerlei Gesprächen die verantwortungsvollen Lasten, die +seine freiwillige Pflicht ihm auflud. Eines Abends brachte sein Diener, der +ihn begleitete, das Fell eines siamesischen Panthers mit, das mir Mangesche +Rao zum Geschenk machte. Er wollte, daß ich ein Andenken von ihm annehmen +sollte, und mir war für einen Augenblick, als handelte es sich um einen +Abschied. Meine Augen ruhten den Abend hindurch oft auf dem tiefen Schwarz +des herrlichen Fells, mit tausend Erinnerungen an die Wildnis stieg der +Gedanke an die Nacht in meiner Seele empor, an die Nacht Indiens und an die +Herrschaft des Tiers. + +An jenem Abend, wir hatten uns zur Nachtstunde auf die Veranda begeben, kam +unser Gespräch auf die Weltliteratur und ihre größten Vertreter. Eine +bewegte Wolke geflügelten Nachtvolks sammelte sich im Schein der Lampe, und +bald sah die Tischplatte wie ein Schlachtfeld nach einem wilden Treffen +aus. Die geheimnisvolle Nacht erklang im tropischen Liebesfieber ihrer +unzähligen Geschöpfe, und der Mond glitzerte weiß in den blanken Blättern. + +Es berührte mich seltsam genug, daß Goethes Name, durch Meere und Welten +von seiner deutschen Heimat getrennt, so selbstverständlich erklang, als +sei er längst geistiges Eigentum der ganzen bewohnten Erde. Die Meinung des +Brahminen über das große Werk seines Lebens, die er meiner jugendlichen +Begeisterung entgegenhielt, war eigenartig genug, um mir für immer in +Erinnerung zu bleiben. + +»Goethe,« sagte Mangesche Rao, »ist so sehr der Erzieher des deutschen +Volks in Gesinnung und Anspruch geworden, daß es Ihren Landsleuten sehr +schwer fallen muß, seine Bedeutung über die pädagogische Einwirkung hinaus +gerecht einzuschätzen, da die meisten wie mit seinen Augen auf ihn blicken, +und die überragende Autorität seiner Erscheinung knüpft an keine Tradition +an, die einen Maßstab bieten könnte. Zuletzt wird er, wie alle Großen, nach +dem Umfang seiner Gestaltungskraft eingereiht werden, und in dieser +Hinsicht erscheint uns Friedrich Schiller als der größere Meister.« + +Wir kamen auf Dante zu sprechen, dessen hohen, sittlichen Anspruch er pries +und den er über alles liebte, auf Shakespeare und endlich auf Kalidasa, +dessen Sakuntala er weit über alles stellte, was der große Engländer jemals +empfunden, gedacht und gestaltet hat. + +Die Art seiner Betrachtungsweise und die Ansprüche in seinen Begründungen +gaben mir ein merkwürdig neues und allgemeines Bild. Ich mußte mit +heimlichem Lächeln an alle die »Großen« denken, welche die Generation +unserer Väter, und mit ihr wir selbst in unserer Jugend, so bereitwillig +neben bedeutsame Geister gestellt haben. + +Panja war am anderen Tage sehr glücklich, als ich ihm mitteilte, daß ich +mit Mangesche Rao eine Reise ins Land verabredet hatte, an der auch er +teilnehmen sollte, und die einige Tage währen und uns in die Nähe von +Barkur und zu den Wasserfällen des Shita führen würde. + + * * * * * + +Ich saß mit Mangesche Rao am Feuer, am Rand des Urwalds in der unendlichen +Nacht. Die Steppe klagte, und ihre Stimmen bewegten mein Gemüt zu Begierde +und Trauer. Ich habe die Sterne selten wieder so hell gesehen, wie in +dieser denkwürdigen Nacht, die mir um vieler Gedanken willen, die der +schweigsame Mann aussprach, unvergeßlich geblieben ist. Panja schlief +damals schon im Zelt, was er eigentlich stets tat, wenn er sich für +abkömmlich hielt, und aus dem Schattendunkel des Dschungelwalds erklang in +der Nähe unseres Feuers das Grasraufen der weidenden Ochsen und das +Schnauben ihrer Nüstern am Boden. Der Mond war noch nicht aufgegangen; aber +es war hell in der Weite, unter den Sternen. + +Mangesche Rao hatte nach der Abendmahlzeit schweigend die selbstgerollte +Zigarette durch die hohle Hand geraucht, und wir hätten uns gewiß in dieser +Nacht, wie in so mancher anderen, ohne viel Worte zur Ruhe gelegt, wenn uns +nicht ein eigenartiger Vorfall aufgeschreckt hätte. Einer der grasenden +Ochsen, der sein Geschirr noch zum Teil trug, begann plötzlich sich auf +eigentümliche Art zu schütteln. Mir erschien dies Geräusch erst dadurch +ungewöhnlich, daß Mangesche Rao plötzlich rasch hintereinander zwei Hände +voll Reisig auf das Feuer warf, so daß eine hohe Flammensäule in die Nacht +emporstieg, unter deren Schein die blaue Weltweite für kurze Zeit in +Finsternis zu versinken schien und die nähere Umgebung aufleuchtete wie ein +rotes Gemach. Er stand auf und schritt vorsichtig auf das Tier zu, die +hängende Büchse, am Lauf gefaßt, wie er es stets tat, lauernd hinter sich +herziehend, und ich folgte ihm mit der meinen. Es gibt wenig Gefahren in +Indien, die man deutlich nahen sieht und denen man ruhig entgegentreten +kann, dieses Abwartende und gebärdelos Hereinbrechende eines Verhängnisses +macht einen Teil des großen Grauens aus, das niemanden in der indischen +Wildnis verläßt, dessen Sinne diesen Ahnungen erschlossen sind. Wie wenig +das einzelne Ereignis, das mein Leben oder das meiner Freunde gefährdet +hat, es im Grunde war, das mich erschütterte, sondern wie vielmehr es die +Ungewißheit seiner unfaßbaren Annäherung war, geht mir daraus hervor, daß +heute noch eine Palmengruppe oder der schwüle Luftzug eines Treibhauses +mich aufs tiefste entsetzen können. Mit der gefiederten Gestalt des harten +Grüns eines Palmblattes ist mir dauernd eine Ahnung des Todes verknüpft, +während ich den Bewegungen einer Schlange ohne andere Ergriffenheit +zuzuschauen vermag, als in der, welche ihre Schönheit und Eigenart +auslösen. Nach einer Begegnung mit einem mohammedanischen Hindu in einer +engen Gasse von Bombay, der einen Schuß auf mich abfeuerte, ist mir weder +vor den Männern seines Volkes noch vor einer Schußwaffe auch nur ein +Schatten von Besorgnis verblieben, aber noch jahrelang hat mich der kaum +hörbare Klang nackter Füße auf einem Steinboden entsetzt. Ich erinnere mich +von diesem Geschehnis kaum an etwas empfindsamer, als an dieses dumpfe, +leise »Tapp-Tapp«, mit dem es hinter mir begann. + +Und so hätte auch in dieser Nacht am Steppenrand die Gewißheit, daß etwa +ein Panther unser Lager umschliche, mich nicht so erregen können, wie die +zweiflerische Vorstellung bald von etwas Nichtigem, bald von +Ungeheuerlichem. Mag es ein jeder nennen, wie er will, wir fanden unseren +Ochsen in einem seltsamen Erstarrungskrampf, er zitterte so heftig, daß +sein Geschirr unaufhörlich klirrte, und war nicht zu bewegen, in die Nähe +des Feuers zu gehen, in dessen Schein wir nach der Ursache seiner Plage +hätten forschen können. Plötzlich sagte Mangesche Rao zu mir, daß ich +stillstehen und keinen Fuß rühren solle, aber ich kam nicht zur Befolgung +seines Ratschlags, weil das gewaltige Tier lautlos umsank und am Boden in +furchtbaren Verrenkungen und unter keuchendem Schnauben verendete. Das +Feuer war wieder auf ein bescheidenes Flämmchen zurückgebrannt, und ich sah +den weißen Koloß des toten Tiers im Sternenlicht im Gras liegen und hinter +ihm die unendliche Weite des blauen Steppenlandes. + +Der Brahmine schien die Ursache dieses plötzlichen Todes zu wissen, denn er +suchte mit Aufmerksamkeit und bewußt wie nach der Bestätigung einer +feststehenden Annahme. Endlich brannte er einen größeren Span am Lagerfeuer +an und zeigte mir im Licht der rauchenden Flamme ein winziges, dunkel +umrandetes Löchlein am Maul des verendeten Tiers. + +»Hier ist die Ursache,« sagte er langsam in einer Wichtigkeit, die nichts +als Ergriffenheit war, »es ist der Stich der Kobra. Ich glaube, daß das +grasende Tier die Schlange im Gras aufgestört hat.« + +Es faßte mich ein Schauer, dessen nachhaltige Einwirkung ich damals kaum +recht zu begreifen vermochte, aber ob hier ein Mensch oder ein Tier dem +Gift erlegen war, schien mir angesichts des verdorbenen Lebens zu meinen +Füßen ohne entscheidende Bedeutung. Mich erfaßte die Ehrfurcht vor der +Kobra aufs neue, und das Angesicht Mangesche Raos spiegelte in seinem Ernst +diese Ehrfurcht wieder, wie eine uralte Erinnerung seines Geschlechts an +eine erhabene Gottheit, die keine Aufklärung hatte beeinträchtigen können. + +Durch dieses Erlebnis mag es gekommen sein, daß unser Gespräch +vorübergehend den Gedanken und Begriff des Todes streifte, und was mir +daraus unauslöschlich im Gedächtnis geblieben ist, will ich erzählen. Nach +einer Weile saßen wir wieder am Feuer, das in dieser Nacht nicht mehr +erlosch. Eine seltsame Ruhlosigkeit war über den gelassenen Mann gekommen, +es stimmte mich wehmütig, ihn im inneren Kampf zwischen seinen klugen +Gedanken und der seinem Blute innewohnenden Tradition der Weltbetrachtung +seiner Priesterkaste zu wissen. Noch heute sehe ich seine aufrechtsitzende +Gestalt so deutlich vor mir, wie keine Worte sie dem Bewußtsein eines +anderen zuzutragen vermögen, den rot beschienenen Seidenturban über der +Stirn und den bedächtigen Augen, seine schmalen, fast zierlichen Schultern +und den gesenkten Kopf, der beim Sprechen eine Haltung einnahm, als suchten +die Augen die Gedanken von den Händen zu lesen, die auf den Knien ruhten. +Zuweilen hob er eine der mageren hellbraunen Hände, wenn es ihm galt, einem +Wort besonderes Gewicht zu verschaffen. Ich habe niemals im Leben wieder +mit einem Menschen im Eifer und mit Leidenschaft über wichtige Fragen +unserer Seele gesprochen, der mit so viel Gelassenheit und so feinem +Anstand sein Gegenüber ausreden ließ. Einmal sagte er mir: »Sie müssen +einem Gegner Ihrer Betrachtungsart sein Amt nicht dadurch erleichtern, daß +Sie ihn unterbrechen, dadurch nehmen Sie ihm oft die Gelegenheit, zu +erweisen, wie wenig er zu sagen hat.« Überhaupt war sein Spott von +merkwürdiger Umständlichkeit der Darbietung, und seine schärfsten Bosheiten +sagte er freundlich. Er genoß niemals den Triumph seiner Überlegenheit +sichtbar und sprach am eifrigsten, wenn sein Gegner eine Niederlage zu +verwinden hatte. Wahrhaft empfindlich aber konnte seine Art zu schweigen +auf Gemüter wirken, die empfanden, daß er damit darauf verzichtete, zu +überzeugen, und weshalb. + +In Mangalore besuchte ich ihn eines Tages, als er vor seinem Hause auf dem +Lehmboden im Palmschatten mit einem Pater der Jesuitenniederlassung Schach +spielte. Gewiß unterhielt er sich dadurch, daß er spielte, aber er gewann +nach der Meinung seines Partners zugleich dadurch, daß er sich unterhielt. +Als der Pater ihm vorwarf, daß er ein Gespräch führte, um ihn abzulenken, +wurde eine neue Partie ausgemacht, unter der Bedingung, daß während des +Spiels kein Wort fallen sollte. Der Ordensbruder konnte sich, in etlichem +Verdruß nach seiner Niederlage, nicht enthalten, hinzuzufügen: »Wenn es +Ihnen möglich ist, so lange zu schweigen.« + +Mangesche Rao antwortete nicht, sondern ordnete die Figuren. Nach wenigen +Zügen verlor sein Gegner die Dame und gab das Spiel auf, worauf Mangesche +Rao bescheiden sagte: »Ich habe sie nur genommen, weil es unhöflich gewesen +wäre, in Gegenwart einer Dame so lange zu schweigen.« -- + +In jener Nacht nun sprach ich vom Tode, anfänglich im leichtfertigen +Übereifer meiner Ergriffenheit und bewegt von der romantischen +Betrachtungsart meiner Jugend. Mangesche Rao hörte mir zu und sagte +endlich: + +»Hören Sie die hungernden Hyänen in der Steppe heulen?« + +Ich gab es ihm, ein wenig ernüchtert, zu, und er meinte, ohne +Nachdenklichkeit, die nur diejenigen zur Schau tragen, die ihren Gedanken +nicht trauen: »Welch einen Festtag hat der Tod den Hyänen beschert. Sie +finden das tote Tier, wenn wir unsern Lagerplatz verlassen haben, um +weiterzuziehen.« Und er fuhr fort: »Ich habe den Tod verstehen gelernt, als +ich als Jüngling an einem Tag im Sommer vor das Stadttor ging, von +unliebsamen Gedanken gepeinigt und die Bedrängnisse einer tödlichen +Krankheit im Blut. Ich durchschritt mühsam, mich im Fieber dahinschleppend, +ein Trümmerfeld im Steppengras, das von der Sonne so trocken war, daß es +knisterte. Da überraschte mich ein sonderbares Blinken zwischen den +Steinquadern im Sonnenlicht, und ich traute meinen Augen kaum, als ich eine +funkelnde Schlange im Sande liegen sah. Die Hitze flimmerte über den +herrlichen Farben ihrer Haut, die vom zornigen Blitzen des Diamanten bis +zum stillen Glühen der Rubinen alle Farben des gebrochenen Sonnenstrahls zu +enthalten schien. Die Pracht und Lebensfülle dieses blendenden Anblicks +entzückte mich in so hohem Maße, daß ich begierig einen Schritt nähertrat. +Aber da geschah ein erregtes Brausen, die leuchtende Schönheit des sanft +geringelten Körpers zu meinen Füßen erhob sich als eine bunte Schar +beflügelter Insekten in das warme Licht der Luft empor, und vor mir lagen +die verwesenden Überreste einer kleinen Steppenschlange, in denen ich die +zarten Rippen zwischen der zerfressenen grauen Haut deutlich unterschied, +und der süßliche und widerwärtige Hauch der Zersetzung strömte mir +entgegen.« + +Das Lagerfeuer zwischen uns züngelte in matten Flämmchen in den irdischen +Saal der Sterne ins Blau empor, und ich fühlte mein Herz unter dem Wunder +erzittern, in welchem es zu begreifen scheint, ohne daß die Gedanken seiner +herrlichen Freiheit folgen können. + +»Ich fühle die Wahrheit, die in diesem Gleichnis liegt, wie Sie sie damals +empfunden haben mögen,« sagte ich, »aber ich vermag so wenig wie zuvor +meine Gedanken über den Tod zu einer Gewißheit der Erkenntnis zu ordnen.« + +»Es war jener letzte Schritt auf die Schlange zu, den Sie mit Ihrer +Gewißheit meinen«, sagte der Brahmine. »Wenn Sie mir sagen können, wo das +Leben aufhört, und wo der Tod beginnt, so will ich Ihnen den Tod erklären. +Wollen Sie bei den Pflanzen nach dieser Grenze suchen, bei den Menschen, +bei den Steinen oder bei den Tieren? Ich sehe die Erneuerung aller +hinfälligen Gestalt in der Natur, wohin ich blicke. Bis zur Bildung der +Kristalle im Gestein erblicke ich Leben und in der mathematischen Ordnung +solcher Erstarrung, die sowohl gedankenvoll zu sein scheint, als sie schön +ist, glaube ich die Gesetze zu erkennen, nach denen ich atme, mich bewege +oder Lust und Sorge erleide. Tod ist eine vage Annahme, die unsere Sinne um +der Beschränkung ihrer Zeitbegriffe willen aufzustellen genötigt sind. Und +was unsere Bewußtheit betrifft, so liegt ihr der Glaube an den Tod um so +ferner, je eingeschlossener in die Allgemeinheit alles Lebendigen wir uns +sehen oder fühlen. Und doch ist es mit dem Tode wie mit der Wahrheit, sie +lassen sich sicherer empfinden als jedes andere Element der lebendigen +Seele, aber sie lassen sich nicht erklären. Es wird immer zwei Arten von +Menschen geben, die einen nehmen den Tod als Pflicht des eigenen Wesens, +die anderen als die Willkür einer fremden Macht. Eure Kirche lehrt den Tod +als Sold der Schuld, aber euer Gott starb ihn als freie Pflicht.« + +»So rechnen Sie Christus den Ihren zu?« fragte ich. »Sie glauben seine +Lebensweise und sein Gedankenreich der Ideenwelt Ihrer Gottheit einreihen +zu können?« + +Mangesche Rao antwortete mir: + +»Ich vermag es so weit, als der Sinn aller irdischen Religionen, oder +besser, die Religiosität aller Irdischen, aus einer gleichen Quelle des +Anspruchs und der Hoffnung fließt, nicht aber so weit, als es die Lehre +unserer Kirchen betrifft. Die Gedanken Christi sind größer als unsere +Gedanken und führen weiter. Es ist viel über die Unterschiede und über die +Ähnlichkeiten der christlichen Religion und der Religion unseres Volkes +nachgedacht worden, aber die meisten Vergleiche sind deshalb bedeutungslos, +weil es schwerhält, zwei Erscheinungen erfolgreich miteinander zu +vergleichen, die im Wesen voneinander verschieden sind, denn das Brahman +ist Philosophie, aber die Weisheit Christi ist praktische Lehre. Menschen, +welche das Wesentliche der Erscheinungen schwer festzustellen und +nachzuempfinden vermögen, lieben es besonders von unwesentlichen +Begleiterscheinungen aus zu vergleichen und gegen einander abzuschätzen. In +den meisten Fällen liegt solchen Bemühungen keine andere Absicht zugrunde, +als die, den einen Wert auf Kosten des anderen herabzusetzen. So hart +solche Behauptung klingen mag, so wenig werde ich sie einschränken, denn es +ist den meisten Menschen, die Begreifen über Empfinden setzen, oder +Verstehen über Glauben, eigentümlich, daß sie auch Verkleinern über +Vergrößern setzen. So erscheint es mir auch gleichgültig, ob etwa Christus +die Weisheit der Alten gekannt hat oder nicht. Große Gedanken sind niemals +jung, so wenig, wie sie alt werden, und sie gleichen einander im Wesen, wie +die höchsten Spitzen der Berge im Schnee einander ähnlich sind. Je +niedriger das Auge sucht, um so mehr Unterschiede wird es finden; der Pöbel +ist am buntesten und nur im Elend einig. Aber das Ziel ist, in der Freude +einig zu sein.« + +Ich war über diese Worte sehr überrascht und beglückt. Weniger in der +Absicht, zu widersprechen, als vielmehr in dem lebhaften Wunsche, die +Betrachtungsweise Mangesche Raos um so besser zu erfahren, sagte ich: + +»Aber wie furchtbar ist die Wirkung der Lehre Christi auf das +Menschengeschlecht gewesen. Sollte man nicht mehr als an jedem anderen +Bekenntnis am Christentum verzweifeln, wenn man seine blutige Einwirkung +auf die Geschicke der Völker übersieht?« + +»Wer übersieht diese Wirkung denn?« fragte Mangesche Rao. »Was Sie als +Resultat dieser Lehre hinstellen, erscheint uns wie ihr erster Beginn. Ich +möchte das furchtbare und blutige Ringen der Menschen um den Sinn des +Christentums eher die Geburtswehen dieser Lehre als ihr Resultat nennen. +Diese Lehre ist sehr jung und noch kaum recht verbreitet. Ist man nicht +ohne Mühe befähigt, sogar noch ihren äußeren Weg auf der Landkarte +nachzuzeichnen, wie sie von Asien über Griechenland und Rom in das Herz +Europas einzog, als wäre sie diesen Weg erst gestern gegangen? Und der Teil +der Erde, welcher ihre Bekenner trägt, ist nicht größer, als daß wir ihn +mit der Masse des Himalaja mit seinen Menschen, Städten und Kirchen +verschütten könnten. Wenn die Zeit von Christi Hinscheiden bis heute noch +dreimal vergangen ist, wird sein großer Geist sich aus dem engen Mantel der +Kirche geschält haben und weit mehr zum Element der Geister geworden sein.« + +Die Sonne ging über der Steppe auf, es schien, als würde sie aus Gründen +ewiger Gluten emporgeschleudert, und begann ihren Weg über das Erdreich zum +ungezählten Male, in unfaßbarem Triumph einer jauchzenden Herrschsucht. Das +Geschrei der Tiere im Urwald erklang ohrenbetäubend und das lärmende +Erwachen der Natur vertrieb den letzten Gedanken an Schlaf aus meinem Blut. +Ich trennte mich von meinem Gefährten, nahm die Büchse und ging in die +Steppe hinaus, den dampfenden, tobenden Dschungel hinter mir lassend. Und +in den Flammen, die läuternd emporsteigen, wenn die Jugend und der Morgen +einander begegnen, kamen mir die Worte Christi in den Sinn: »Solchen +Glauben habe ich in Israel nicht gefunden.« + + + + +Vierzehntes Kapitel + +Der Heimat zu + + +Wir waren kaum einige Tage wieder in Mangalore angelangt, als eine +Nachricht die Stadt durchlief, die die Gemüter in hohem Maße bewegte. Es +war über Nacht eine Abteilung englischer Soldaten angelangt, angeblich +verschlagen auf einer Felddienstübung, bei einer Inspektionsreise durch die +Provinz, wie sie zuweilen unternommen werden. Aber niemand schenkte dieser +arglosen Auslegung Glauben, die widersprechendsten Gerüchte durchflogen die +Stadt, und man sah überall in der Basarstraße und auf den Plätzen +Gleichgesinnte in feierlichen Gruppen versammelt. Nur der Straßenpöbel +trollte unbekümmert um Rechte und Pflichten einer gleichgültigen Regierung +seine gewohnten Straßen, und die Händler versprachen sich gute Tage, als +die leuchtend roten Jacken der Soldaten im bunten Bild des Basarlebens +auftauchten. + +Sie schritten, wie es damals Vorschrift war immer zu vieren, gemächlich +dahin, bestaunten die unverstandenen Eigentümlichkeiten der fremden Stadt, +hielten sich hier ein wenig auf, amüsierten sich dort auf ungezwungene +Weise und erweckten im allgemeinen den Anschein von Arglosigkeit, so daß +ich den heimlichen Befürchtungen und mancherlei törichten Gerüchten wenig +Achtung schenkte. + +Mangesche Rao ließ sich nicht bei mir sehen. Ich war nicht wenig erstaunt, +als ich ihn nach einigen Tagen im Wagen des englischen Oberst erblickte, zu +seiner Linken aber Seite an Seite mit ihm, die ruhigen Züge ohne jedes +Zeichen einer Beteiligtheit oder auch nur einer Bewegung unter dem gelben +Seidenturban, den ich so gut kannte. Der englische Offizier sprach lebhaft +und gestikulierte eher vergnügt als erregt, alles erweckte deutlich den +Anschein einer gelegentlichen Begegnung. Ich ritt an seinem Wagen vorüber, +er erwiderte meinen Gruß gemessen. + +Aber seltsam, seit diesem Zusammentreffen war es um meine Ruhe geschehen, +obgleich bei vernünftigen Erwägungen gerade das Gegenteil hätte der Fall +sein müssen. Aber ganz abgesehen davon, daß kein Land sich weniger als +Indien dazu eignet, eine politische Macht in energischer Offenheit und +schneidiger Entschiedenheit zu dokumentieren, war dieser fast freundliche +englische Besuch mir plötzlich verdächtig und um so gefährlicher +erschienen, je mehr er sein Ansehen und seine Bedeutung zu verbergen +trachtete. Nichts erweckt in tiefer Beunruhigung stärker das Gefühl der +Unsicherheit, als dies leise schleichende Indien. Plötzlich war mir, als +gingen alle Wesen und Menschen in falschen Gesichtern umher, ich mißtraute +bald dem Brahminen, den ich liebte, bald Panja, bald meinen eigenen Sinnen, +es verlangte mich danach, aus den Verwicklungen einer Interessenwelt +entlassen zu werden, die ich nicht übersah, weil es mir an Hingabe fehlte, +und in die ich doch eingeschlossen war, weil meine Liebe zu Mangesche Rao +mich fesselte. Und so begrüßte ich die seltsame Gelegenheit, mich +beteiligen zu können, die sich mir kurz darauf eröffnete, mit großer Freude +und erachtete die Gefahr um der Befreitheit willen gering, die sich +einstellte, wie mit einem Entschluß nach langem Zweifel. + +So viel erschien mir nach den letzten Erfahrungen sicher, daß der Brahmine +weit höher eingeschätzt und viel ernster genommen wurde, als er selbst es +mir oder andern jemals zu erkennen gegeben hatte. Diese Erfahrung erfüllte +mich mit Bewunderung und heimlichem Stolz, und solche Empfindungen mögen +viel dazu beigetragen haben, daß ich in fast gedankenloser Bereitwilligkeit +auf seinen Wunsch einging, den ersten und einzigen, den er jemals vor mir +ausgesprochen hat. + +Es war in einer mondlosen Nacht gegen zwei Uhr, als Panja mich durch sein +vorsichtiges Räuspern neben meinem Bett weckte. Er hatte immer noch die +alte zurückhaltende Art der Ankündigung und war besonders zartfühlend, wenn +er mich aus dem Schlafe rief, denn er wußte, daß dieser Vorgang, mehr als +alle andern, das Heer meiner schlechten Eigenschaften entfesselte. Es war +so dunkel, daß ich nur das finstere Dreieck im helleren, zurückgeschlagenen +Moskitovorhang unterschied. Ich erkannte niemand. + +»Mach' Licht!« rief ich, da ich Panjas Gegenwart vermutete. »Weshalb kommst +du?« + +»Es soll kein Licht gemacht werden, Sahib, steh auf, ein Fremder ist da, +der dich sprechen will, er sagt, der Brahmine Mangesche Rao schicke ihn.« + +Es war Mangesche Rao selbst. Panja hatte mir geraten, auf keinen Fall zur +Nacht einen Besuch zu empfangen, der forderte, daß kein Licht angezündet +würde, aber ich dachte mir, schließlich sieht mein Gegner auch nicht viel +mehr von mir, als ich von ihm, und der Name meines Freundes machte mich +gefügig. Der Brahmine war seltsam durch eine ungewohnte Kleidung entstellt, +ich schickte auf seinen Wunsch Panja hinaus. + +Wir saßen uns gegenüber, ein matter Schein von den Sternen beleuchtete das +Bereich der Fenster spärlich, ich glaubte nun, da ich Mangesche Raos +Gesicht zu unterscheiden vermochte, zu erkennen, daß es schmaler und bleich +war, aber es mochte vom unsicheren Nachtlicht herrühren. Mir schien, als +ränge er innerlich mit dem Entschluß zu einem Bekenntnis, einem Wunsch, +über die Mühe der zurückliegenden Tage ein Wort der Klage zu äußern, aber +es geschah von alledem nichts. Er sagte nach einer Weile des Schweigens, in +der ich Gelegenheit hatte, die merkwürdige Entstellung zu betrachten, die +seine nächtliche Kleidung herbeiführte, ruhig und unmittelbar: + +»Morgen werden die Soldaten der Regierung in Ihrem Hause nach Dokumenten +einer Verschwörung suchen, die über das ganze Land hin verbreitet sein +soll, und deren Anhänger sie auch in Mangalore vermutet. Ich stehe, wie Sie +wissen, im Verdacht, ein Gesinnungsgefährte der Unzufriedenen zu sein, und +da ich oft in Ihrem Hause ein und aus gegangen bin, bringt man Ihre Person +in Beziehung zu meinen Interessen.« + +»Eine Verschwörung?« fragte ich erschrocken. + +Mangesche Rao wartete, ob ich noch etwas hinzufügen würde, aber mir fiel im +Augenblick nichts ein, diese nächtliche Begegnung, die Aussichten für den +nächsten Tag und jene Enthüllung nun verwirrten mich in gleichem Maße, wie +sie mich anregten. Wie anders die Dinge vor der Entscheidung als in +romantischer Entfernung aussahen. + +»Verschwörungen gibt es hierzulande beinahe täglich«, sagte Mangesche Rao +langsam, und als dächte er an andere Dinge. »Sie werden entdeckt und +vereitelt; und wenn sie nicht entdeckt werden, so brechen sie deshalb auch +noch nicht aus. Die englischen Beamten brauchen Unterhaltung und ein Feld +für ihren Eifer. Uns geht es ähnlich.« + +Er wandte sich ab wie in heimlichen Zweifeln und sah mit einem traurigen +Ausdruck in die dämmerige Nacht hinaus. Man hörte die Grillen feilen, ein +paar Sterne hingen wie Funken im Gefieder der Papayakronen. + +»Leider habe ich ein gutes Gewissen«, sagte ich. Seltsamer und fremder war +mir dies Land nie erschienen. Ich kannte die zurückhaltende Art des +Brahminen genügsam, um zu wissen, daß er weit mehr verbarg, als er erkennen +ließ, auch hätten keine Worte mich so entscheidend von der Wichtigkeit +seiner Angelegenheit und vom Stand der Dinge überzeugen können, als sein +nächtlicher Besuch es tat. + +Es waren an diesem Tage noch kurze Regenschauer gefallen, es drang kühl +durch die Stäbe der offenen Fenster zu uns herein und zog mit Duft und +feinem Klingen bis in die dunklen Ecken des Zimmers. Mir war, als träumte +ich. + +»Was kann ich tun?« fragte ich. + +Mangesche Rao öffnete sein Gewand über der Brust und entnahm ihm einige +verschnürte Päckchen, die Papiere zu enthalten schienen oder Briefe, ich +sah es undeutlich, jedoch war die Verpackung derart, daß man leicht auf +solcherlei Dinge schließen konnte. + +»Wollen Sie diese Schriftstücke in Ihrem Hause verbergen?« fragte er +gleichmütig. + +Ich bejahte seine Frage ohne Besinnen, im Augenblick nur in schnellen +Erwägungen damit beschäftigt, welcher Ort meiner Wohnung oder meines +Gartens am geeignetsten sein möchte. Es kam mir keinen Augenblick in den +Sinn, daß es in Mangalore Verstecke genug für eine Handvoll verdächtiger +Papiere geben mußte, und der Gedanke, etwa mißbraucht zu werden, lag mir so +fern, wie ich tief durchdrungen war vom Charakter und Wert des Mannes, der +mich bat. + +Später habe ich oft daran denken müssen, welche Empfindungen in der Seele +eines jungen Menschen Entschlüsse ähnlicher Art zu zeitigen vermögen, und +wie selten die Gesinnung eines auf solche Weise Bereitwilligen im Grunde +mitzuspielen braucht. Es mag sich so mancher, der durch einen raschen +Entschluß, den vielleicht die gedankenlose Erbötigkeit eines Augenblicks +mit sich gebracht hat, um die Freiheit seiner ganzen Jugend und um den +Preis seines tätigen Lebens gebracht haben. + +Ich griff nach dem Päckchen. »Verlassen Sie sich auf mich«, sagte ich. +Darüber kam mir in den Sinn, daß mein Freund mir soeben noch mitgeteilt +hatte, daß ich morgen mit einer Haussuchung zu rechnen hätte, und ich +stellte eine Frage, um diese seltsamen Zusammenhänge aufgeklärt zu sehen. + +»Ich möchte, daß diese Schriftstücke bei Ihnen gefunden werden«, sagte +Mangesche Rao. Er sprach leise und vorgeneigt, aber ohne Eifer und ohne den +Wunsch, mir seine Verfügung dadurch geheimnisvoller zu machen. Wer in +Indien eigene und gefahrvolle Interessenwege beschreitet, weiß, daß nicht +nur die Wände Lauscher verbergen, sondern daß auch von der Nacht, den +Frauen und dem besten Freunde Gefahr drohen kann. Ich ahnte seine Besorgnis +und sagte: + +»Mein Diener ist zuverlässig.« + +Mangesche Rao schüttelte den Kopf. »Er ist ein Kind«, sagte er. »Gesinnung +und Aufrichtigkeit ohne Schlauheit sind wie Verräter für jeden bei uns, +welcher die Mittel seiner Feinde kennt. Sie müssen aus einem Lande stammen, +in welchem der Freimut und die Kraft neben der Kühnheit als hoher Ruhm +gelten, sie mögen zur Ehre eines freien Volkes gehören, dies Volk hat seine +Freiheit fast vergessen.« + +Irgend etwas überwältigte mich nach diesen Worten zu einer Traurigkeit, in +welcher ich zum ersten Mal die Liebe meines Herzens zu diesem Manne in +ihrer ganzen Tiefe empfand, und ich hätte ihn inständig bitten mögen, von +diesem fruchtlosen und bösen Kampf zu lassen. Mir wurde klar, daß sein +Wesen bei aller Kraft seines Geistes den Waffen seiner Gegner nicht +gewachsen war, denn den Hochgesinnten überwältigt im Kampf mit der +Niedrigkeit zuletzt der Ekel, aber ich schwieg aus Ehrfurcht vor dem Feuer, +das in seiner Seele brannte. + +Mangesche Rao fuhr fort: »Machen Sie es den Suchenden nicht gar zu leicht, +aber tragen Sie Sorge, daß sie die Papiere auf jeden Fall finden. Sollte +der Zufall, der so gerne dort zu spielen liebt, wo die Absicht am +deutlichsten ist, den Erfolg der Engländer vereiteln, so verraten Sie die +Dokumente dadurch, daß Sie sie, scheinbar ungeschickt, zu verstecken +trachten, während noch gesucht wird.« + +Er brach plötzlich ab und wartete wie auf einen Einwand, aber ich sprach +das Mißtrauen oder die Besorgnisse nicht aus, die er bei mir zu vermuten +schien, weil kein Argwohn gegen den Freund in meinem Herzen war, und weil +ich wußte, daß er niemals etwas von mir fordern würde, das ihm diente, +indem es mich schädigte. So erklärte er mir die Absicht, die er mit dieser +Maßnahme verfolgte: + +»Unsere Zeit ist noch nicht gekommen,« sagte er einfach, »die Funde, welche +in Ihrem Hause gemacht werden, sind argloser Natur, aber immerhin +bezeichnend genug, um als eine wichtige Entdeckung gelten zu können. Der +Verdacht wird durch diese Dokumente abgelenkt und die Spur verwischt +werden, man wird ihren Inhalt dankbar als Resultat der Untersuchung +betrachten und an ihm die Eigenart und den Umfang jener Umtriebe messen, +die Verdacht erregt haben. Einige unserer Freunde werden bloßgestellt, aber +sie sind bereit, der Sache das Opfer zu bringen, das in der Verbüßung einer +geringen Strafe besteht. Zuletzt wird man nicht viel mehr in Erfahrung +gebracht haben, als ohnehin schon bekannt ist.« + +»Sie sagen mir viel«, antwortete ich dankbar und voller Bewunderung für das +Geschick dieses Plans. + +»Ihr Vertrauen verdient das meine«, sagte Mangesche Rao einfach, und ein +warmer Blick, der das kühle Maß dieser stets so beherrschten Züge +durchbrach, traf meine Augen kurz und traurig. + +Ich fragte noch, wie ich mich einem Verhör gegenüber zu verhalten hätte, +welches danach forschte, wie die Papiere in mein Haus gekommen seien. + +»Nennen Sie meinen Namen«, entschied Mangesche Rao. + +»Und wenn Sie selbst eine Strafe trifft?« + +»Man wird es nicht wagen und sich an die halten, welche wir vorgeschoben +haben, aber besser wäre es, man wagte es, weil meine Bestrafung mir das +Vertrauen derer sichern würde, für welche ich sie trage. Je mehr die +Regierung mich schont, um so eher werden die Brahminen von Mangalore mich +für einen Abtrünnigen halten. Meine Offenheit gegen die Priesterkasten +selbst würde Verräter im eigenen Lager erwecken, meine Vorsicht dagegen +macht sie mißtrauisch. Es ist schwer, im dunkeln Wald einen geraden Weg zu +gehen.« + + * * * * * + +Strahlend stieg ein neuer Tag über Mangalore empor. Ich ritt, schon bevor +die Sonne die Spitzen der braunen Pagoden färbte, durch die sumpfigen +Mangroven-Dickichte der Flußniederungen, von Panja begleitet, der wie in +einer Ahnung der hereinbrechenden Ereignisse nicht von meiner Seite wich. +Eine seltsame Fremdheit lag in meinen Augen über der Landschaft, ihren +Tieren und Pflanzen und über allen Dingen. Als ich nahe bei einem hölzernen +Lagerschuppen ein Boot im dunklen Wasser erblickte, auf dem ein Hindu +fröstelnd in der Morgenkühle hockte und, noch benommen vom Schlaf, in die +grünschimmernde Weite starrte, kam mir jener Tag in den Sinn, an welchem +ich zu Beginn meiner Dschungelfahrt in Tschirakal am Watarpatnamsee +angelangt war und Panja mit den Mohammedanern um den Preis der Kanus +stritt. + +Die Erlebnisse und die Bilder meiner Reise zogen mit dem heraufsteigenden +Tag durch meine Erinnerung, mit ihrem Glanz und ihren Sorgen und ihrem nie +ruhenden Wunsch meines Herzens es möchte in diesem Lande Heimatrechte und +jene Beziehungen erwerben, die Vertrautheit zur Liebe führen. Huc, der Affe +meines Traums, saß wieder mit alten Augen vor mir, wahrsagerisch und weise, +von jenen Hoffnungen der seufzenden Kreatur ermüdet, die so alt sind wie +die Schicksale der Erde. + +Waren es die Unrast, der Haß und die Erbitterung der neuen Menschen meiner +Erfahrung und ihre kleinen und doch so wichtigen Interessen, die mir den +Glauben an die Harmonie zerstörten, welche die unberührte Natur und das +große Meer mir vermittelt hatten? Nie kam ich mir verirrter vor in dieser +Welt des Wirkens, als an jenem Morgen, und am liebsten hätte ich alles +dahinten gelassen, um aufs neue in die grünen Schatten der durchklungenen +Wildnis zu ziehen, die die Sicherheit und den Wohlstand des armen Daseins +gefährden mochte, die aber den Weg der Seele zu jenem Erkennen bereitete, +das allein Frieden bringen kann. + +Aber mein Verlangen erschien mir bald darauf wie ein Hang zur Flucht, als +warteten Pflichten und Aufgaben meiner in einem anderen Land, in einem +Bereich, dessen Kräften und Zielen ich durch Abstammung und Überlieferung +verbunden war, und zum ersten Mal seit Jahren wandten sich meine inneren +Augen über das Meer hin der Heimat zu. Ich dachte daran, daß der Mann, dem +nun seit lange meine tiefste Teilnahme gehörte, wie in einem wehmütigen +Bewußtsein des Untergangs seines eigenen Geschlechts und seiner Rasse, den +nahen Ruhm und die Hoffnung der meinen ahnungsvoll ausgesprochen hatte, und +ich fühlte die Kraft seines Glaubens wie ein Vermächtnis im Gewissen +glühen. -- + +Die Ereignisse des Tages verliefen ähnlich, wie ich sie nach Mangesche Raos +Worten erwarten mußte. Gegen Mittag meldete sich ein junger Offizier, der +in Begleitung von drei Soldaten kam, bei mir an. Er nahm seine Pflicht +ungemein wichtig, er versuchte den Anschein zu erwecken, als sei er der +König von England, und ich beantwortete seinen pathetischen Erlaß damit, +daß ich ihm mein Taschenmesser aushändigte, als habe er meinen Degen +gefordert. Er mußte lachen und schien sich darauf zu besinnen, daß ein +Privatmann kein Rekrut und ein Deutscher kein englischer Untertan ist, auch +erinnerte ich ihn daran, daß ein Verdacht kein Beweis und ich selbst kein +verdächtiges Dokument sei. + +Sein Selbstbewußtsein uniformierte sich wieder, als die Papiere gefunden +wurden, und auf sein Ersuchen begleitete ich ihn im Ochsenwagen zum +Regierungsgebäude. Er war unterwegs höflich, still und sehr ernst, und ich +freute mich heimlich des gelungenen Plans meines Freundes. Übrigens sah +nach diesem öffentlichen Eingriff in die Privatrechte einer Reihe der +Einwohner Mangalores das militärische Aufgebot plötzlich um vieles +gewichtiger aus. Von den Fenstern des Regierungsgebäudes aus erblickte ich +draußen auf dem Meere den niedrigen eckigen Umriß eines Kanonenbootes, das +schwarz und drohend im stillen Blau schwamm, wie mit Kohle gezeichnet. Der +unfreundliche Hof des Gebäudes wimmelte von Soldaten. Einen Augenblick +überkam mich ein Gefühl heißer Besorgnis um Mangesche Raos Geschick. Die +nächstliegenden Eindrücke sind besonders dann die stärksten, wenn man die +Aussichten der Parteien nicht übersieht. Panjas totenblasses Gesicht ging +mir wie ein Gespenst nach, er war wie versteinert am Gartentor +zurückgeblieben, ich wußte nicht, ob er meinen Befehl verstanden hatte, +mich am Abend zu erwarten, und ich fürchtete ernstlich, er würde irgend +eine heldenmütige Dummheit begehen. + +Nach einer zweistündigen Wartezeit, in welcher ich eine treuherzige +Schildwache mit einer Reihe der furchtbarsten Dschungelmärchen in ihrem +Glauben an Hexen und böse Geister bestärkte und sie mit Zigaretten wieder +beruhigte, erschien der Kollektor und verbürgte sich dem englischen Oberst +gegenüber, der ihn begleitete, für meine Unschuld. Es mußte wohl eine +ausführlichere Verhandlung über mich vorangegangen sein, der Beamte +entschuldigte sich höflich aber etwas gereizt bei mir, offenbar erinnerte +er sich dessen, daß ich die Bekanntschaft Mangesche Raos seiner Vermittlung +verdankte, und daß ich mich seit jenen Tagen nicht gut zu einem +gefährlichen Umstürzler hatte auswachsen können. Es schien mir zudem aus +allem hervorzugehen, daß man den Brahminen zu schonen wünschte. Ein Rekrut +machte sich auf den Weg, mein Pferd zu holen, und ich wurde etwas herzlos +und beiläufig verabschiedet. Man war offenbar beschäftigt. + +Panja empfing mich glücklich und stolz, mir war, als schämte er sich seiner +Ängste, nun er mich wohlbehalten in unserm Hause wiedersah, aber weder +seine Freude noch die eigene Erleichterung ließen mich aufatmen. Es trieb +mich den Rest des Tages hindurch in großer Unruhe von einem zum andern, +nichts wollte mir gelingen, nichts beschäftigte mich ernstlich, ich wartete +und wußte nicht worauf. + +Gegen Abend schickte ich Panja zu Mangesche Rao. Er traf ihn nicht in +seinem Hause an, aber ich erfuhr wenigstens, daß er auf freiem Fuß belassen +worden war, ohne daß ich mich nun für eine Genugtuung oder für eine neue +Besorgnis entschließen konnte. + +Aus diesen bedrängenden Stunden ist mir ein kleiner Vorfall ohne Bedeutung +so lebhaft im Gedächtnis geblieben, als habe meine Sorge sich einzig um ihn +gedreht. In der kurzen Dämmerung, als schon der Mond leuchtete, und ich mit +meiner Zigarre im Liegestuhl auf der Veranda weilte, sah ich einen +beweglichen Schatten am Gartentor. Ich beobachtete ihn eine Weile, ohne ihm +Gewicht beizumessen, endlich rief ich Panja, der hinausging und gleich +darauf ein Kind zu mir brachte, das mich mit stillen Augen betrachtete und +lange kein Wort wagte. Es war ein Mädchen von etwa dreizehn Jahren, mit +einem rötlichen Kittel bekleidet, mit offenem Haar und seiner +Gesichtsbildung nach den niederen Kasten angehörig. Mit Panjas Hilfe erfuhr +ich bald die Geschichte und die Bitte meines späten Gastes, und mit einem +heimlichen Schauer sah ich das junge Wesen plötzlich mit ganz anderen Augen +an, als ich wußte, daß es vor einigen Tagen Mutter geworden war. Man muß +erfahren haben, wie gewöhnlich solche Fälle im tropischen Indien sind, um +solcher Aussage ohne weiteres Glauben zu schenken. Die junge Mutter kam aus +einem Dorfe im Flußtal und bat mich um Schutz. Es handelte sich offenbar um +eine Verwechslung meines Hauses mit der Missionsniederlassung. + +»Es ist die Nacht der freien Liebe in ihrem Ort«, erklärte mir Panja. +»Einmal im Frühling muß dort in ihrer Kaste jede Frau und jedes Mädchen +jedem Manne angehören, der sie begehrt, das ganze Dorf heult und wimmert +die Nacht hindurch, wie ein Sumpf mit Ertrinkenden, die zu ewiger Wollust +verdammt sind. Es dauert, bis die Sonne am Erdrand erscheint, dann wird es +still, und den Tag hindurch schlafen die Menschen. Das Kind ist aus Furcht +geflohen.« + +Panja führte die junge Mutter in die Missionsschule hinunter, ich blieb mit +den Grillen allein in der weißschillernden Nacht, der letzten in Indien, an +die ich klare Erinnerungen habe, denn am Morgen des hereinbrechenden neuen +Tages stand ich vor der Leiche Mangesche Raos. + + * * * * * + +Ich weiß, daß ich im Morgengrauen aufs Pferd stieg, im Reiten meinen Rock +knöpfte und mir dessen bewußt wurde, daß ich den Korkhelm vergessen hatte. +Darüber kam mir in den Sinn, daß ich bei meiner Rückkehr den Schatten +aufsuchen müßte, und hörte Panjas fremde Stimme, der mit meinem Pferd +sprach, das er laufend am Zügel führte. Er schrie einen Ochsenkarren an, +der uns in der Nähe des Stadttors den Weg versperrte, und ich sah einen +kleinen gekrümmten Mann, der ängstlich und mit bösen, unterwürfigen Augen +seine Tiere in den Graben zerrte. Er hatte Maisschößlinge geladen und trat +mit seinem nackten Fuß aufgeregt in die Weichen der schwerfälligen Ochsen. +Hatte diese selbe Stimme Panjas nicht eben noch geschrien: Die Brahminen +haben Mangesche Rao vergiftet? + +Es war noch nicht ganz hell im Haus des Toten. Der festgetretene Lehmboden +vor der Veranda glänzte feucht, am Zaun waren weiße Ziegen angebunden, und +die Palmenwedel sirrten im Morgenwind. Ich vernahm eine Stimme, die +merkwürdig gleichförmig klagte, immer in demselben Tonfall, die hellen +Seufzer folgten einander mit dem ausgestoßenen Atem, und mein erster +Gedanke war: So ist er nicht tot, ich werde ihn noch lebend finden. + +An der Tür zum Totenzimmer flüchteten einige dunkle Gestalten, ich sah im +Raum, dicht am Fenster, ein niedriges Lager, auf das das Morgenlicht fiel, +grünlich und blaß, wie aus einem erlöschenden Scheinwerfer. Unter einem +weißen Tuch erkannte ich undeutlich die Umrisse einer gekrümmten Gestalt, +eine zur Faust verkrampfte Hand sah seitlich aus den Falten hervor und +reckte sich, wächsern gefärbt, ein wenig aufwärts gebogen, in den fahlen +Glanz des nahenden Tags empor. + +Ich schlug das Tuch zurück und ließ es sogleich wieder über das entstellte +Gesicht zurückfallen. Das höllische Gift, dem der Brahmine erlegen war, +verrät sich selbst unzweifelhaft durch seine Wirkung und zugleich die +heimtückische Macht derer, die es im Namen ihrer zu hämischen Götzen +herabgesunkenen Gottheit mischen. + +Als ich mich abwandte, begegnete ich Panjas Augen, und als er mein Gesicht +sah, warf er sich zur Erde, als habe eine Faust ihn niedergeschlagen, und +brach in ein Geheul aus wie ein Tier. -- + +Auf der Basarstraße hatte das bunte Leben des neuen Tages begonnen, die +braunen, nackten Gestalten unter den farbigen Turbanen eilten in gewohnter +Weise dahin, geschäftig oder lässig, bald von Lasten gebeugt, bald steif +und würdig im vertrauten Müßiggang. Ein mohammedanischer Händler, dem ich +seit langem schon versprochen hatte, ein Bündel Ingwerwurzeln abzukaufen, +die ich mitnehmen wollte, verfolgte mich lange. Am Tempelteich, in dem eine +weiße Mauer sich spiegelte, predigte ein fremder Pilger. Es roch nach +verdunstendem Sprengwasser und Ochsen, die Sonne schien, die vereinzelten +Palmen hoben sich schräg und still über den Lärm der Straße und über die +weißen, flachen Dächer der Häuser. Es begann warm zu werden. + +Als wir die hohe Palmenallee erreichten, die am Meer dahinführt, und die +Geräusche der Stadt im eintönigen Rauschen des Wassers verklangen, gab ich +Panja mein Pferd und schritt allein weiter. Eine Müdigkeit, die Leib und +Seele wie ein bitterer Strom durchdrang, ließ mich nach einer Weile +innehalten, und ich lehnte mich an den Stamm eines Baums und schloß die +Augen. + +Da sah ich im Abendfrieden ein Dorf meiner deutschen Heimat. Der Holunder +blühte am Zaun, es hatte geregnet, und die Luft war kühl und feucht. Hoch +auf dem Giebel eines Bauernhauses sang eine Amsel in der letzten Sonne, und +die klare Süßigkeit ihrer Stimme erfüllte das ruhige Land mit Glück. + + + Ende + + + + +Im Verlag von Rütten & Loening in Frankfurt a. M. erschien + + Waldemar Bonsels + Menschenwege + Aus den Notizen eines Vagabunden + + 75. Tausend + + +Aus Urteilen der Presse: + +Als Dichtungen, mit sokratischer Methode gewertet, sind diese sieben +Kapitel des Waldemar Bonsels das Reinste, Klingendste, Gewählteste, was mir +seit langem begegnete. Eine Keuschheit des Geistes ist in diesen +Begegnungen, eine Zucht des Worts, eine Regie der Führung, die uns aus +jeder Bedrängnis der Gegenwart in das Lichtgebäude eines geruhsam +betrachtenden Willens führt. + + »Tägliche Rundschau«, Berlin + + +Waldemar Bonsels ist der tiefgründige Denker und künstlerisch reife +Gestalter, der Dichter mit der umfassenden Menschenliebe und Wortführer für +eine neue, auf voraussetzungsloser Güte aufgebaute Weltordnung. Zu der +Weisheit und Liebe, die sein neues Buch: »Menschenwege, aus den Notizen +eines Vagabunden« ausströmt, gesellt sich als weiteres Geschenk die +wahrhaft adelige Form der Sprache, in die der Dichter den Reichtum seiner +Gedanken gefaßt hat. + +Gerade in unserer haßerfüllten und ungerechten Zeit, die so viel +Schmerzliches und Bitteres über uns gebracht hat, wirkt ein so ganz aus +Seelengüte, Milde und feierlichem Ernst gestimmtes Werk wie eine +Offenbarung, in der wir den tieferen Sinn unseres Lebens wie eine +Verheißung von neuem erkennen. + + »Straßburger Post« + + +Eine Vertiefung des Geistigen, eine Verinnerlichung des Seelischen und eine +Umhüllung des Ganzen mit einer Atmosphäre des mystisch Reinen und Frohen, +eines ins Höchste gerichteten Sinnes, spricht aus dieser Dichtung, daß es +sie schädigen hieße, wollte man versuchen, die Linien nachzuziehen. Es ist +eine über alle dogmatischen Satzungen erhobene, freie Religiosität, die als +einziges Ziel das Unvergängliche hat, um das sich seit Anbeginn der Kosmos +mit seinen Menschlein bewegt: Gott. + + »Frankfurter Zeitung« + + +Über aller Wirklichkeit der bunten Lebensgeschehnisse dieses Buches steht +leuchtend die Wahrheit, die der Dichter in prophetischem Geiste verkündet. +Seine neue Betrachtung der Welt erwächst allein aus dem Glauben an eine +reine Menschlichkeit. Dieser Vagabund ist die Verkörperung der Sehnsucht +der neuen Jugend. + + »Hannoverscher Courier« + + + + +Urteile der Presse über: + + Waldemar Bonsels + Indienfahrt + +Ich gestehe offen, daß mir noch niemals ein so formvollendetes, +künstlerisch durchdachtes und von Schönheit überquellendes Buch unter die +Augen gekommen ist. + + »Der Bund«, Bern + + +Waldemar Bonsels' Buch ist nicht nur das Schönste, was ich je über Indien +gelesen habe, auch ohne Rücksicht auf den Gegenstand muß ich es zu den +wenigen großen Kunstwerken der Literatur der Gegenwart zählen, die an sich +vollkommen sind. In meiner tiefen Ergriffenheit möchte ich auf dieses Buch +alle die Lobsprüche häufen, wie sie schlagwortartig bei Anerkennungen +wiederkehren. + + »Die Hilfe«, Berlin + + +Es ist unmöglich, die Glut dieses Buchs aus Rausch, Fieber, Weisheit und +Liebe zu zergliedern! Das Erlebnis Indien ist für Waldemar Bonsels das +Erlebnis der Natur ohne Konventionen, ohne Zivilisation, ohne +Mechanisierung des Lebens. Der Dichter durchstreift den Dschungel, immer +auf der Suche nach reiner ungetrübter Natur, voll Qual und Lust, voll Größe +und Einsamkeit. So wird der Leser vom stofflichen Reiz, vom Interessanten +zur Philosophie, zur Betrachtung, zum Miterleben einer Dichtung geleitet, +deren Gegenstand ein wirkliches Land ist, und aus einer Summe von +Eindrücken wird ein phantastisches, großartiges und kühnes Gemälde des +Lebens, wie es überall aus Gott fließt und zu seinem Urgrund zurückflutet. + + »März«, München + + +Bonsels zeigt _sein_ Indien, das Indien eines Menschen, der mit durstiger +Seele durch die Wälder und Berge zieht. So, aus dem Persönlichen heraus, +erwacht dieses Land mit einer Lebendigkeit vor unseren Augen, als stünden +wir selber auf seiner Erde, als quölle der Dunst seiner Frühe und die Glut +indischen Mittags vor uns aus dem Boden mit all seinen Gefahren und +mystischen Verlockungen. Mir scheint dies wirklich die einzige Methode zu +sein, mit der ein Land deskriptiv zu erfassen ist. Man darf nicht mit der +Kamera und dem Lot auf solch eine Reise gehen, sondern mit einer Seele; +einer Seele, die hell sein muß wie ein Spiegel, der die Sonne aufnimmt und +widerstrahlt aus der Begrenztheit seiner Dinghaftigkeit in die +Unbegrenztheit seelischen Erlebnisses. + + »Berliner Tageblatt« + + + + +Im Verlag von Schuster & Loeffler in Berlin erschienen: + + Waldemar Bonsels + Die Biene Maja und ihre Abenteuer + + 315. Auflage + + +Gebt dieses Buch euren Kindern; es ist ein herrliches Buch! + + »Die deutsche Frau«, Berlin + + +Es ist das Werk eines Dichters und Sehers, der eine große Offenbarung über +das tiefste Wesen der Dinge zu verkünden hat. + + »Straßburger Post« + + + + + Waldemar Bonsels + Das Anjekind + Eine Erzählung + + 49. Auflage + +In diesem Buche schlägt das Herz einer dichterischen Wahrhaftigkeit, das zu +schlagen nie aufhören wird. Es ist ein Einklang zwischen Natur und Mensch +dargestellt, wie er ergreifender kaum gedacht werden kann. + + »Hannoverscher Courier« + + + + + Waldemar Bonsels + Himmelsvolk + Ein Buch von Blumen, Tieren und Gott + + 240. Auflage + +Dies zarte, berauschende Buch ist ein Buch des Kämpfens, des Sieges und des +Untergangs. Alle Entwicklungen des Buches, sein inneres Ereignis, wird +dargestellt in Unterhaltungen mit Blumen, in Gesprächen von Tieren, deren +Ernst von einer kaum glaubbaren, niegekannten Heiterkeit getragen ist. +Jedes Wort aber scheint hingeschrieben in großer Leidenschaft, tief erfühlt +und in dem Willen, durch sein Werk beizutragen zu einer kommenden, +reineren, alles auf das Erleben stellenden, um Gott wissenden Menschheit. + + »Berliner Börsen-Courier« + + + + +Im Verlag von Schuster & Loeffler in Berlin erschienen: + + Waldemar Bonsels + Wartalun + Eine Schloßgeschichte + + 56. Auflage + +...das ist der Sinn des Geschehens zu Wartalun, einer Geschichte von so +hohem dichterischen Gewicht, daß ich sie nach den Maßen anderer Romane +nicht messen möchte. Der sie schuf, ist ein großer Künstler, wer sie liest, +empfängt eines der schönsten, um Natur- und Menschengeheimnis gewebten +Gedichte. Es klingt wie Urweltrauschen durch dies Buch, Winde, Bäume, +Tiere, die Erde selbst scheint zu reden, und das Tun der Irdischen ist wie +ein Glied der großen unendlichen Kette, die alles Leben bewegt. + + »München-Augsb. Abendzeitung« + + + + + Waldemar Bonsels + Der Tiefste Traum + Eine Erzählung + + 46. Auflage + +Ein Stimmungszauber geht von dem Buche aus, der die Sinne mit lockender +Gewalt zur innigsten Anteilnahme zwingt. Der eigenartige Zauber liegt auf +der rein menschlichen Seite des tiefen Problems, und die ganze Entwicklung +der beiden Charaktere ist einzig darauf gerichtet, alles in eine ungemein +vertiefte und goldverklärte Harmonie ausklingen zu lassen. + + »Generalanzeiger für Elberfeld« + + + + + Waldemar Bonsels + Don Juan + Eine epische Dichtung + + 7. Tausend + + Erschienen 1919 + + + + + * * * * * + + + + +Anmerkung: Gegenüber dem Originaltext wurden folgende +Änderungen vorgenommen: + + Buchseite 132: »kühl um seine Stirn wehte« + wurde geändert in: »kühl um meine Stirn wehte«. + Buchseite 134: »Maisor« wurde geändert in »Maisur«. + Buchseite 154: »Mangolore« wurde geändert in »Mangalore«. + Buchseite 168: »Upanangadi« wurde geändert in »Uppanangadi«. + Buchseite 191: »Kumadary« wurde geändert in »Kumardary«. + Buchseite 199: »Malealym« wurde geändert in »Malayalam«. + Buchseite 224: »Indier« wurde geändert in »Inder«. + Buchseite 230: »Indier« wurde geändert in »Inder«. + + Ein neuer Absatz wurde begonnen: + Buchseite 54: vor »Die Nacht sank nieder« + 76: vor »Wir besichtigten die Boote« + 78: vor »Gegen Mitternacht« + 80: vor »Wir hatten viel Umstände« + 119: vor »Goy sann nach« + 122: vor »Ich sah Panja weinen« + 122: vor »Erst nach Tagen« + 132: vor »Mir war die Nachricht willkommen« + 185: vor »Ich begriff aufs neue« + 199: vor »Er erhob sich« + 223: vor »Die Sonne trieb ihr buntes Spiel« + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK INDIENFAHRT*** + + +******* This file should be named 24377-8.txt or 24377-8.zip ******* + + +This and all associated files of various formats will be found in: +http://www.gutenberg.org/dirs/2/4/3/7/24377 + + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + diff --git a/24377-8.zip b/24377-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..a31b53f --- /dev/null +++ b/24377-8.zip diff --git a/24377-h.zip b/24377-h.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..3c1becd --- /dev/null +++ b/24377-h.zip diff --git a/24377-h/24377-h.htm b/24377-h/24377-h.htm new file mode 100644 index 0000000..1b0f85f --- /dev/null +++ b/24377-h/24377-h.htm @@ -0,0 +1,8328 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml"> +<head> +<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html; charset=ISO-8859-1" /> +<title>The Project Gutenberg eBook of Indienfahrt, by Waldemar Bonsels</title> + <style type="text/css"> +/*<![CDATA[ XML blockout */ +<!-- + body {margin-left: 15%; + margin-right: 15%; + } + + h1,h2,h3 {text-align: center; clear: both;} + + h1 {line-height: 2em; margin-top: 3em; margin-bottom: 3em;} + + h1.pg {line-height: 1em; margin-top: 0em; margin-bottom: 0em;} + + h2 {margin-top: 3em; margin-bottom: 2em;} + + hr {width: 33%; + margin-top: 3em; + margin-bottom: 3em; + margin-left: auto; + margin-right: auto; + clear: both; + } + + p {line-height: 1.5em; + margin-top: 1em; + margin-bottom: 1em; + font-weight: normal; + text-align: justify; + } + + .big {font-size: 140%;} + + .center {text-align: center;} + + .figcenter {margin: auto; text-align: center;} + + .invisible {visibility: hidden;} + + .nowrap {white-space: nowrap;} + + .pagenum {position: absolute; right: 3%; font-size: 90%; + font-weight: normal; font-style: normal; text-align: right; + text-indent: 0em; + } + + .poem {margin-left: 3em; text-align: left;} + + .ppnote {background-color: #EEE; color: #000; padding: 10px; + font-family: sans-serif; font-size: 90%; border: thin solid #999; + margin-top: 6em; margin-bottom: 3em; + } + + .right {text-align: right; margin-bottom: 3em;} + + .small {font-size: 60%;} + + .title {text-align: center; font-weight: bold; line-height: 2em; margin-top: 0em; margin-bottom: 3em;} + + hr.full { width: 100%; + margin-top: 3em; + margin-bottom: 0em; + margin-left: auto; + margin-right: auto; + height: 4px; + border-width: 4px 0 0 0; /* remove all borders except the top one */ + border-style: solid; + border-color: #000000; + clear: both; } + pre {font-size: 85%;} + // --> + /* XML end ]]>*/ + </style> +</head> +<body> +<h1 class="pg">The Project Gutenberg eBook, Indienfahrt, by Waldemar Bonsels</h1> +<pre> +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at <a href = "http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a></pre> +<p>Title: Indienfahrt</p> +<p>Author: Waldemar Bonsels</p> +<p>Release Date: January 20, 2008 [eBook #24377]</p> +<p>Language: German</p> +<p>Character set encoding: ISO-8859-1</p> +<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK INDIENFAHRT***</p> +<p> </p> +<h3>E-text prepared by<br /> + Inka Weide, Wolfgang Menges, Juliet Sutherland,<br /> + and the Project Gutenberg Online Distributed Proofreading Team<br /> + (http://www.pgdp.net)</h3> +<p> </p> +<hr class="full" /> +<p> </p> +<p> </p> + +<p class="title big"> +Waldemar Bonsels +</p> + +<h1> +Indienfahrt +</h1> + +<p class="title small"> +113. bis 123. Tausend +</p> + +<div class="figcenter"> +<img src="images/signet.png" width="196" height="182" alt="Verlags-Signet" title="" /> +</div> + +<p class="title"> +1920<br /> +<span class="small">Verlag der Literarischen Anstalt<br /> +Rütten & Loening<br /> +Frankfurt a. M.</span><br /> +</p> + +<p class="title small"> +Das Buch ist im Jahre 1912 entstanden.<br /> +Die erste Auflage erschien im Herbst 1916.<br /> +Alle Rechte, besonders das der Übersetzung, vorbehalten.<br /> +Copyright 1916 by Literarische Anstalt Rütten & Loening, Frankfurt a. M.<br /> +Die Einbandzeichnung ist von Walter Tiemann.<br /> +Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig.<br /> +Die schwedische Ausgabe bei C. W. K. Gleerup, Verlag, Lund.<br /> +Die finnische Ausgabe bei Werner Söderström Osakeyhtiö, Porvoo, Suomi.<br /> +Die holländische Ausgabe im Verlag „Patria“, Amersfort. +</p> + +<hr /> + +<h2> +INHALTSÜBERSICHT +</h2> + +<table border="0" style="margin-left:auto; margin-right:auto; margin-top:0em; margin-bottom:0em; line-height:2em;" summary="Inhaltsübersicht"> + <col style="width:10%;" /> + <col style="width:70%;" /> + <col style="width:20%;" /> +<tr><td class="right">I.</td><td class="nowrap"><a href="#kap01">Von Panja, Elias und der Schlange</a></td><td class="right">9</td></tr> +<tr><td class="right">II.</td><td class="nowrap"><a href="#kap02">Cannanore, die Fischer und das Meer</a></td><td class="right">29</td></tr> +<tr><td class="right">III.</td><td class="nowrap"><a href="#kap03">Die Nacht mit Huc, dem Affen</a></td><td class="right">47</td></tr> +<tr><td class="right">IV.</td><td class="nowrap"><a href="#kap04">Am Silbergrab des Watarpatnam</a></td><td class="right">65</td></tr> +<tr><td class="right">V.</td><td class="nowrap"><a href="#kap05">Dschungelleute</a></td><td class="right">80</td></tr> +<tr><td class="right">VI.</td><td class="nowrap"><a href="#kap06">Im Fieber</a></td><td class="right">104</td></tr> +<tr><td class="right">VII.</td><td class="nowrap"><a href="#kap07">In den Bergen</a></td><td class="right">123</td></tr> +<tr><td class="right">VIII.</td><td class="nowrap"><a href="#kap08">Am Thron der Sonne</a></td><td class="right">137</td></tr> +<tr><td class="right">IX.</td><td class="nowrap"><a href="#kap09">Die Herrschaft des Tiers</a></td><td class="right">154</td></tr> +<tr><td class="right">X.</td><td class="nowrap"><a href="#kap10">Sumpftyrannen</a></td><td class="right">168</td></tr> +<tr><td class="right">XI.</td><td class="nowrap"><a href="#kap11">Mangalore</a></td><td class="right">189</td></tr> +<tr><td class="right">XII.</td><td class="nowrap"><a href="#kap12">Von Frauen, Heiligen und Brahminen</a></td><td class="right">207</td></tr> +<tr><td class="right">XIII.</td><td class="nowrap"><a href="#kap13">Das letzte Feuer und der alte Geist</a></td><td class="right">228</td></tr> +<tr><td class="right">XIV.</td><td class="nowrap"><a href="#kap14">Der Heimat zu</a></td><td class="right">246</td></tr> +</table> + +<hr /> + + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_9" id="Page_9">[9]</a></span></p> +<h2> +<a name="kap01" id="kap01"></a>Erstes Kapitel<br /> +Von Panja, Elias und der Schlange +</h2> + + +<p>Als ich in der gesegneten Provinz Malabar in der Stadt Cannanore anlangte, +führte mich der Hindu Rameni vor das Haus, das er mir für die Zeit meines +Aufenthaltes vermieten wollte. Es war nach Art der europäischen Häuser +Indiens erbaut, einstöckig, mit hohem überhängenden Dach und einer breiten +Veranda, die die ganze Front entlang lief. Ich erblickte es, nachdem wir +uns mit vereinten Kräften durch den verwilderten Garten gearbeitet hatten. +Rameni sagte: „Dies ist mein liebstes Besitztum auf Erden. Ich habe es +geschont und behütet, und seit sieben Jahren hat kein menschlicher Fuß es +betreten. Sein letzter Bewohner war Sahib John Ditrey, ein englischer +Offizier von großer Macht, dem jeder Soldat Gehorsam leistete, der in seine +Nähe kam. Er war Tag für Tag glücklich unter diesem Dach und wäre es heute +noch, wenn die Regierung ihn und seine Leute nicht an einen anderen Ort +verschickt hätte.“</p> + +<p>Ich betrachtete die großen, meist leeren Räume, in denen sich eine üppige +Vegetation entwickelt hatte und in denen eine Tierwelt ihr Dasein fristete, +deren Mannigfaltigkeit meine Erwartungen aufs höchste steigerte.</p> + +<p>„Alle diese Tiere sind arglos,“ sagte Rameni freundlich, „sie werden sich +zum großen Teil wahrscheinlich zurückziehen, denn sie lieben die +Gesellschaft der Menschen nicht. Aber da du in Begleitung bist, Sahib, +einen Hund, einen Diener und einen Koch mitgebracht hast, wird dein Gemüt +von keiner Einsamkeit zernagt werden. Ich gebe Hühner, wenn du willst…“</p> + +<p>Rameni beherrschte die englische Sprache in einem Maße, daß ich fühlte, wie +meine Haare sich unter dem Korkhelm sträubten.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_10" id="Page_10">[10]</a></span>„Auch du bist ein Engländer,“ sagte er zu mir, als er eine lange Ruhmrede +auf Sir John Ditrey, den Offizier, beendet hatte.</p> + +<p>Ich sagte ihm, daß ich ein Deutscher sei, und er tröstete mich.</p> + +<p>„Ich habe von diesem Land niemals gehört,“ sagte er endlich, „aber seine +Bewohner gelten als freigebig, und wahrscheinlich ist es reicher als das +britische Reich.“</p> + +<p>Da ich ihn verstand, fragte ich nach dem Preis, den er als Miete für seine +Besitzung fordere. Er sprach darauf so eifrig von anderen Dingen, daß meine +Befürchtungen an Raum gewannen. Endlich gelang es mir, ihn zu Geständnissen +zu überreden, und er begann zu rechnen und addierte mit geheimnisvoller +Ergriffenheit die Verluste zusammen, die ihm in den sieben Jahren +entstanden waren, in denen sich kein Mieter gefunden hatte. Ich beobachtete +schweigend ein Volk weißer Ameisen, das die Dielen des Fußbodens und das +Mauerwerk auf das geschickteste zur Anlage ihrer Ortschaften untergraben +hatte. Ich werde euch nicht hindern, dachte ich, eure Reiche sollen unter +meiner Herrschaft zu ungeahnter Blüte gelangen, und ich will euch ein +weiser Fürst und treuer Gefährte sein. Durch das Palmendickicht am Fenster +strahlte die Morgensonne, durch grüne Schleier voll zackiger Ornamente. Das +unfaßliche Bewußtsein jenes Glücks, unter dem ich erzitterte, seit ich den +Boden Indiens betreten und zum erstenmal den Geruch, die Wärme und das +Licht dieses Landes eingesogen hatte, sank mir aufs neue ins Herz.</p> + +<p>„Fürchte dich nicht, Sahib,“ sagte Rameni und zählte an seinen krampfhaft +gespreizten Fingern, vor Zweifel, Hoffnung und Erwartung beinahe +fassungslos. Ich sprach von meinem Mut, und er hob die Hand zum zehnten +Male, um aufs neue die braunen, mageren Finger von rechts nach links +nebeneinander zu ordnen. Dann vergaß er alles und sprach hastig von der +Teuerung und den<span class="pagenum"><a name="Page_11" id="Page_11">[11]</a></span> schlechten Reisernten. „Jeder Kuli wird es dir +bestätigen,“ rief er, „soll ich einen rufen?“</p> + +<p>„Wieviel forderst du?“ sagte ich streng. „Ich habe von einem Haus am Meer +gehört, das der Kollektor vor Jahren bewohnt haben soll, und das die +Regierung für einen geringen Preis hergibt.“</p> + +<p>Rameni gab sich mit großer Anstrengung einen Ruck und teilte mir mit, daß +das Haus im Jahre wohl einen Mietwert von hundert Rupien habe, für die +verlorenen sieben Jahre wolle er mir nur den vierten Teil dieser Summe in +Rechnung stellen, unter der Bedingung, daß ich ihm für die drei kommenden +Jahre den vollen Preis vorauszahlte.</p> + +<p>Als ich nickte, erblaßte er.</p> + +<p>„Sahib,“ stammelte er, „verspottest du deinen Diener? Es ist wahr, ich habe +eine große Forderung gemacht. Vergessen wir die sieben verderblichen Jahre, +ich werde die Schickung des Himmels verschmerzen, zumal sie vorbei ist. +Wenn du in der Tat drei Jahre vorausbezahlst, so werde ich dir so lange +dienen, als ich lebe.“</p> + +<p>Ich habe über meine Bereitwilligkeit niemals Reue empfunden und obgleich +ich nur einige Monate in Cannanore geblieben bin, hat mein geringes Opfer +sich in der ausgiebigsten Weise belohnt, denn Rameni setzte seine ganze +Ehre ein, um die Beschämung gutzumachen, die ich ihm ohne meinen Willen +angetan hatte. Er sandte mir beinahe täglich Eier und Früchte, Fische oder +Geflügel und widersetzte sich keinem meiner Wünsche, die sich auf +Einrichtungen oder Veränderungen in Haus und Garten bezogen. Erst als er +nach Wochen bemerkte, daß ich in einem Glaskasten eine lebende Kobra +unterhielt, zog er sich von mir zurück, ohne meine Schwelle noch einmal zu +betreten und ohne meine Hand noch einmal zu berühren. Er vermied es weniger +aus Furcht und, wie ich zuverlässig weiß, nicht ohne Kummer, sondern weil +er es nicht<span class="pagenum"><a name="Page_12" id="Page_12">[12]</a></span> mit seinen Überzeugungen vereinigen konnte, eine Gottheit +gefangenzusetzen, um durch eine Glasscheibe zu beobachten, was sie tat. +Aber die Zeit unserer Gemeinschaft bis zu dieser Entdeckung gehört zu den +liebenswürdigsten Erinnerungen meiner indischen Jahre.</p> + +<p>Als mein Gepäck auf einem Ochsenwagen vom Hafen herbeigeschafft worden war, +begann ich die bestgelegenen Zimmer für die Nacht einzurichten, wobei mir +mein Diener Panja und der Koch zur Hand gingen. Panja warnte mich oft und +eindringlich, kannte mich damals aber schon gut genug, um zu wissen, daß +gerade seine Befürchtungen nur zu häufig auf dasselbe hinausliefen, wie +meine Hoffnungen. Der Koch, ein Sohn aus den Bergen von Südmaratta, der in +Bombay an den Umgang mit Europäern gewöhnt worden war, widerstand längst +nicht mehr dem Bösen in mir. Allerdings war ich ihm gleichgültig; er tat +verschlossen und in stoischer Ruhe seine Pflicht, bestahl mich, wo er +konnte, und erwartete mit matt gesenkten Lidern meinen Untergang, den er +jedesmal voraussagte, wenn ich ihn über einer Ungehörigkeit ertappte. +Trotzdem habe ich immer eine Neigung für diesen eigensinnigen und auf seine +Art stolzen Mann empfunden, der es nicht über sich brachte, sich vor den +Europäern zu beugen, und der seinen Haß gegen die Fremden um der Liebe zu +seiner Heimat willen nährte. Gegen Panjas gefügige Unterwürfigkeit, die +übrigens keiner niedrigen Gesinnung entsprang, sondern einer kindlichen +Bewunderung für den Glanz alles Fremden, hob sich der schweigsame +Widerstand dieses Mannes seltsam würdig ab. Ich nannte ihn Pascha, weil ich +seinen Namen nicht behalten konnte. Das hätte übrigens niemand gekonnt.</p> + +<p>Als ich auf die Veranda hinaustrat, um mich davon zu überzeugen, daß im +Hause keine Scheibe heil war, hockte Panja<span class="pagenum"><a name="Page_13" id="Page_13">[13]</a></span> auf einer Bücherkiste, rauchte +und zog meine Hängematte über die Knie.</p> + +<p>„Sie ist überall zerrissen“, sagte er, ohne aufzustehen, und ohne, wie er +es anfangs getan hatte, bei meinem Herannahen in größere Arbeitseile zu +verfallen. „Sahib, das kommt davon, wenn du eine Hängematte zum Fischen im +Fluß verwendest.“</p> + +<p>„Es war ein ausgezeichneter Gedanke“, entschuldigte ich mich. Aber Panja +antwortete nur: „Du hast nichts gefangen.“</p> + +<p>Ich untersuchte die Fußböden, die überall von den Ameisen untergraben +waren; die Steinfliesen und Bretter schaukelten fast alle, oder sanken tief +ein, wenn man darauf trat, ein Sodom und Gomorra dieses Volks vernichtend.</p> + +<p>„Wenn du sehen willst, was diese Tiere tun,“ sagte Panja spöttisch, „so +darfst du sie nicht stören. Übrigens sind Ratten im Haus,“ fügte er hinzu, +„und vor dem Tor von Cannanore ist die Pest.“</p> + +<p>„So müssen wir Katzen halten“, entschloß ich mich. „Morgen wirst du in die +Stadt gehen, um welche zu kaufen.“</p> + +<p>Panja sah mich mitleidig an: „Wer wird eine Katze bezahlen?“ fragte er, +„überall laufen sie herum. Auch in diesem Hause werden Katzen wohnen.“ Er +meinte die Moschuskatzen, eine kleinere Art, die mir in Malabar viel +begegnet ist, und die in fast keinem älteren Gebäude fehlt. So beschloß ich +zu warten. Aber da die Ratte als Trägerin der Pest gilt und diese +furchtbare Seuche immer noch nicht erlosch, obgleich die eigentliche +Regenzeit längst vorüber war, handelte es sich darum, vorsichtig zu sein. +Meistens erlischt die Pest mit dem letzten Regen, zu Beginn des indischen +Frühlings, da ihr Bazillus nur im Feuchten fortkommt. Mit dem ersten Regen, +nach der heißen Zeit, taucht sie aufs neue auf.</p> + +<p>Übrigens könnte die Darstellung unseres Gesprächs ein falsches Bild meiner +Stellung zu Panja geben und der Stellung der Euro<span class="pagenum"><a name="Page_14" id="Page_14">[14]</a></span>päer zu den dienenden +Klassen der Hindus überhaupt. Es ist wahr, daß ich Panja, wie überhaupt +allen Leuten, die mir dienten, viel persönliche Freiheit ließ, aber meine +Opfer an Autorität oder gar an Selbständigkeit wurden durch eine Gegengabe +bedankt, die ich immer höher eingeschätzt habe, als jede andere Darbietung, +und dieses Geschenk bestand in der freimütigen Offenheit des +Menschenwesens. Die Verwendbarkeit eines Menschen ist der geringste Teil +seiner Anlagen, die mir Interesse abnötigen, und alle Unterwürfigkeit +verbindet sich mit Verstellung. Die Art, wie die Engländer die Hindus +behandeln, verschließt ihre Charaktere und unterdrückt ihr wahres Wesen, +wenngleich ich ohne Einwand zugebe, daß solche Stellungnahme, wie die ihre, +das unerläßliche Erfordernis zur Beherrschung des Landes ist. Aber ich bin +nicht nach Indien gereist, um es zu beherrschen.</p> + +<p>Übrigens gab es auch zwischen Panja und mir erregte Szenen im Ringen um die +Oberhand des Einflusses. Für gewöhnlich endete solch ein Auftritt damit, +daß ich diesen Sklaven niederschlug. Nun waren allerdings mein Schlag und +sein Niedersinken zwei Erscheinungen, die in keinerlei Beziehung zueinander +standen, denn häufig brach er schon zusammen, bevor meine Hand ihn erreicht +hatte, und im schlimmsten Falle wußte er sich für gewöhnlich immer noch auf +eine Art zu wenden oder zu schützen, die kaum mehr als eine Deformierung +seines Turbans oder seiner geölten Haarfrisur zuließ. Trotzdem brach er +jedesmal zusammen, wälzte sich von einer Ecke des Zimmers in die andere, +beklagte heulend meine Undankbarkeit und die Folgen seiner Treue. Aber ehe +der Abend hereinbrach, sorgte er doch dafür, daß die Last solcher +Verschuldung gegen ihn mir nicht die Nachtruhe raubte.</p> + +<p>„Sahib“, sagte er und pflanzte sich kerzengerade vor mir auf, wobei ein +Stolz und eine Menschenwürde seine Züge verklärten, die in<span class="pagenum"><a name="Page_15" id="Page_15">[15]</a></span> der Tat mein +Herz mit Dankbarkeit erfüllten. Aber er schien nicht zu wissen, wem er +beide verdankte. „Sahib, wie konntest du dich so vergessen?“ Sein Gesicht +trug einen Ausdruck so ehrlicher Traurigkeit, daß ich alles eher vermocht +hätte, als an ihr zu zweifeln. Ich erklärte ihm bescheiden den Umfang +seines Vergehens und die Bedeutung der Folgen, aber in solchen Fällen +verstand er nicht genügend englisch, um mich zu verstehen.</p> + +<p>„Deine Studien in Hindustani machen keine Fortschritte“, meinte er dann +etwa betrübt, und wir beide waren froh, ein Gebiet gefunden zu haben, das +uns wieder auf die Straße unseres gewöhnlichen Verkehrs brachte. Es kamen +dann Zeiten eines glücklichen Wandels und schönster Gemeinschaft, in denen +Panjas Selbstentäußerung so weit ging, daß er sogar meinen Whisky +unverdünnt auf den Tisch brachte, und ich daher genau nachprüfen konnte, +wieviel er aus der Flasche gestohlen hatte.</p> + +<p>Ich war damals im zehnten Monat in Indien, und außer Panja und Pascha war +noch ein prächtiger Hund die ganze Zeit hindurch mein treuer Begleiter +gewesen. Er hieß Elias und hatte eben sein erstes Lebensjahr vollendet, so +daß mir vergönnt gewesen war, seine Erziehung selbst zu leiten und seine +Entwicklung zu überwachen. Leider ist es bei den Hunden so bestellt, daß +man bei einem zwei Monate alten Tierchen sehr schwer in der Lage ist, über +seine Abstammung und seine endgültige Ausgestaltung irgend etwas mit +Bestimmtheit auszusagen. Aber ich habe immer eine besondere Neigung für +solche Menschen empfunden, die allen Erscheinungen und Personen die besten +Seiten abzugewinnen wissen und ihre eigenen Tugenden in andere so lange +hineinlegen, bis sie eines Schlechteren belehrt werden. Und in der +Nacheiferung solcher Charaktere ist es mir gelungen, in Elias das Muster +eines vortrefflichen Tieres zu erblicken. Ich möchte bei der Aufzählung<span class="pagenum"><a name="Page_16" id="Page_16">[16]</a></span> +seiner Vorzüge nicht in Dingen seiner äußeren Erscheinung steckenbleiben, +zumal nicht abzusehen ist, ob sich im Laufe der Zeit nicht noch das eine +oder andere bei ihm verändern wird, aber sicher ist, daß er einen gesunden +Appetit und einen gesunden Schlaf hat. Er ist außerordentlich vorsichtig +und begibt sich niemals in Gefahr, auch fällt er keine Fremden an und +unterdrückt seine Wachsamkeit aufs äußerste, was mir um so willkommener +ist, als ich oft in aufreibende geistige Arbeit verstrickt bin, bei der +jedes Gebell mich stören würde. Seine Anhänglichkeit ist so groß, daß er +sie auf alle Menschen erstreckt, die ihm begegnen, und besonders muß man, +ohne das Vorurteil einer selbstsüchtigen Hoffnung, den außerordentlichen +Eigensinn seines Willens rühmen, der die Grundlage des echten Charakters +ist. Elias läßt sich weder durch Drohungen noch durch Versprechungen dazu +bringen, die Wünsche anderer, oder die meinen, zu beachten. Er verunreinigt +weder den Garten noch die Straße und nimmt uns auch, was seine Fütterung +betrifft, jede Mühe ab, die durch Herzutragen von Nahrung entsteht.</p> + +<p>Leider ist es mir bisher nicht gelungen, zwischen ihm und Panja ein +erträgliches Verhältnis herzustellen. Wahrscheinlich läßt Panja sich als +Orientale in seinen herkömmlichen Begriffen vom Wesen des Hundes gehen, +sicher ist, daß ihm jedes tiefere Verständnis für Rasse abgeht.</p> + +<p>„Sahib, was ziehst du für ein Schwein ins Haus?“ rief er, als ich damals +den eben erworbenen Elias heimbrachte.</p> + +<p>„Er ist bestaubt, und die Schnur hat sich am Hals zugezogen,“ sagte ich, +„warte, bis er gewaschen ist.“</p> + +<p>„Willst du ihn waschen?“ fragte Panja und verschlang abwechselnd mich und +Elias mit übergroßen Augen.</p> + +<p>„Es ist ein vorzüglich veranlagtes Tier, das uns gute Dienste<span class="pagenum"><a name="Page_17" id="Page_17">[17]</a></span> leisten +wird“, versicherte ich etwas enttäuscht von dem Empfang, den uns Panja +bereitete, und mit einem nachdenklichen Blick auf Elias, der die +Türschwelle bekämpfte und in seinem hilflosen Eifer einen entzückenden +Anblick unschuldiger Tatkraft bot.</p> + +<p>Wenn nicht alle Samenkörner, die ich in Elias' junge Seele legte, zu +gedeihlicher Entfaltung erblüht sind, so ist sicher Panja schuld daran, der +seine herabwürdigende Meinung über dieses Tier niemals bekämpft hat. Nach +meiner Überzeugung verdankt alle pädagogische Einwirkung auf ein +unerwachtes Gemüt ihren Erfolg der gemeinsamen Mühe aller Hausgenossen. +Solange Elias keinen Rückhalt an Panja hat, und Panja Elias zur Quelle +allen Übels macht, werde ich kaum an einem von ihnen die volle Freude +erleben, die ich mir versprochen habe.</p> + +<hr /> + +<p>Der Abend überraschte uns nach diesem ersten Tag in Cannanore. Panja +stöberte in den Kisten umher, um Kerzen zu finden, und warf alles +durcheinander, um Ordnung zu schaffen. Die Moskitoschleier für mein Lager +befanden sich in der größten Kiste zu unterst, da Panja sie bei unserm +Aufbruch naturgemäß zuerst abgenommen und damit auch am tiefsten vergraben +hatte.</p> + +<p>Ich saß noch lange, nachdem Panja schlief, auf der Veranda meines neuen +Hauses und wartete auf den Mond und auf die Kühle. Aus den unbeweglichen +Vorhängen der Bäume, Büsche und Pflanzen des Gartens zog ein schwüler Hauch +voll betäubender Gerüche, alles blühte, und eine leidenschaftliche +Lebensfülle drängte sich auf mich ein, um den Weg in mein Blut zu finden. +Überall entzündete der gewaltige, stille Drang zu überschwenglichem Keimen +die von den Grillen schallende Luft, die so ruhig war, daß die Flamme +meiner Kerze nur wie in der Bedrängnis der übersättigten Luft zitterte, +ohne zu flackern. Aus den Palmwaldungen, irgend<span class="pagenum"><a name="Page_18" id="Page_18">[18]</a></span>woher aus der Ferne hinter +dem Garten, klangen die Blasinstrumente der Hindus aus einem Tempelhof, +untermischt mit einförmigem blechernem Klirren. Man merkte dem begleitenden +Gesang die zunehmende Trunkenheit der priesterlichen Sänger an.</p> + +<p>Wenn ich die Augen schloß, überwältigte mich bei dieser Musik ein Bild aus +meiner frühesten Kindheit. Ich erinnerte mich, daß ich einmal durch ein +seltsames Klingen, dem ich nichts von allem Bekannten zu vergleichen +vermochte, aus dem elterlichen Garten auf die Landstraße gelockt wurde. Es +schallte fernher, von dort, wo die Chaussee-Linden, die sich beim Dorf +einander zu nähern schienen, alles in geheimnisvolle Schatten hüllten, und +ich lief hinaus in die Sonne, die Gartentür blieb hinter mir offen, und ich +vergaß das Verbot meiner Mutter. Vor einem Bauernhof fand ich im Kranz +einer hellhaarigen Schar von Dorfkindern zwei große, traurige Männer unter +einem Baum stehen, mit schwarzen Bärten und in langen Mänteln. Sie bliesen +diese schreiende Musik auf grauen Säcken und überwältigten mein Herz zum +ersten und größten Ereignis meiner Kindheit. Ich weiß deutlich, daß ich wie +in einem Taumel des Bluts Halt suchte, um nicht zur Erde zu sinken. Heute +begreife ich, daß seit jener Stunde die Ahnung einer schmerzlichen +Ruhlosigkeit in meiner Seele wach geworden ist, und daß der erste Blick +meines Geschicks mich segnete. Immer noch gehen die Wünsche meiner Seele +dieser tierhaften Klage voll ungestümer Lustbegier wie im Banne einer +Erlöserhoffnung nach. Sie tauschen mir das Nahe und Vertraute gegen das +Fremde und Ungewisse ein, das Haus gegen die Straße und die Heimat gegen +die Welt. –</p> + +<p>Als ich die Augen öffnete, saß ein großer brauner Nachtfalter auf dem +kupfernen Griff des Leuchters und sah bestürzt und hilflos in das unfaßbare +Licht. Nach einer Weile begann er langsam die Flügel zu heben und zu +senken, und seine Augen voller Angst und<span class="pagenum"><a name="Page_19" id="Page_19">[19]</a></span> unbeweglicher Schwärze füllten +sich mit dem Lichtwesen des heiligen Feuers. Die Luft trug seine starken +Flügel leicht, diese Luft, die so schwer in meine Brust einzog und so +ermüdend auf ihr lastete. Ich bemerkte erst jetzt, daß die Veranda sich +bevölkert hatte, und daß ein beflügeltes Geschlecht nächtlicher Vagabunden +bei mir zu Gast gekommen war. Alles drang auf geheimnisvolle Art aus dieser +grünen Mauer hervor, die mich und mein Haus einschloß. Der Mond mußte +hinter ihr aufgegangen sein, denn ich unterschied in der warmen +Pflanzenwand nun hellere und dunklere Flecke, die Ornamente der +Palmenfächer und die gewaltigen Formen der Bananenblätter, die wie die +Keulen schlafender Riesen emporragten, oder gebrochen, wie zerrissene Häute +niederhingen. Den Himmel konnte ich nicht sehen. Da löschte ich mein Licht +aus, und eine matte, magische Dämmerung erhob sich lautlos um mich her, als +sei die Welt durch ein grünes Glasmeer vom Licht getrennt. –</p> + +<hr /> + +<p>Von allem, was dem Menschen gegeben ist, sind seine Gedanken das +Herrlichste. Und die Nachtgeborenen, die auf ihrer Reise über die Erde das +unvergängliche Licht erstreben, werden in der Nacht am lebendigsten, als +erwachten sie im Dunkeln, wie in heimlicher Angst, zu verdoppelter +Tatkraft. Ihnen ist nichts verschlossen, der Weg in die Zukunft ist ihnen +so frei, wie der in die Vergangenheit, und sie dringen in die Geheimnisse +der versunkenen Geschlechter ein, in die Kelche der Blumen und in den +Schlafraum der Geliebten. Die kleinen Dinge des Alltags, mit denen sie sich +beschäftigen, nehmen ihnen die Schwungkraft nicht, das Wesen Gottes zu +ermessen. Ihr Triumph liegt im Grenzenlosen, und ihr unbewußtes Ziel ist +die Ewigkeit. Je stärker sie sind, um so mehr streben sie die Ordnung an, +die Schwester der Erkenntnis, und es ist ihre irdische<span class="pagenum"><a name="Page_20" id="Page_20">[20]</a></span> Arbeit, die +Zusammenhänge zwischen den versunkenen und den gegenwärtigen Geistern zu +finden.</p> + +<p>Während ich so meinen Besinnungen freie Fahrt ließ, hörte ich merkwürdige +Geräusche aus dem Hause dringen, bald war es ein Scharren oder Pochen, bald +rieselte es von den Wänden, oder knisterte im Gebälk. Manchmal unterschied +ich Tierstimmen, seltsam klagende Laute des Kampfes oder der Liebe. Es war +schwer zu unterscheiden, ob die Laute von außen oder von innen zu mir +drangen, aber ich entzündete nach kurzer Zeit mein Licht aufs neue, um den +Ungewißheiten der nächtlichen Dämmerung zu entgehen. Als ich aufbrach, um +mich zur Ruhe zu begeben, war der Mond voll aufgegangen; es lockte mich, +den beschienenen Garten zu betreten, aber die damit verbundenen Gefahren +waren auf einem fremden und seit langem von Menschen verlassenen Gebiete zu +groß.</p> + +<p>Im Hausgang schlief Panja auf seiner Kokosmatte am Boden, und sein +Schnarchen beruhigte mich als der einzige vertraute Laut in dieser +Abgeschiedenheit. Im Hintergrund flüchtete ein niedriger Schatten lautlos +in eine der geöffneten Türen der Gartenzimmer. Ich erwog es, ihm +nachzugehen, unterließ es aber. Elias lag auf meinem Bett, als ich eintrat.</p> + +<p>Die Holzstäbe an den Fenstern waren morsch und teilweise zerbrochen, +Scheiben waren nicht mehr vorhanden. Auch hier verhüllte die +undurchdringliche Pflanzenwand den Ausblick ins Freie und den Zuzug +frischerer Luft. Der Blütenduft im Raum war berauschend, bald giftig, bald +süß, die Düfte erschienen mir schwer und greifbar, während der Gesang der +Grillen betäubend im Mondlicht zunahm.</p> + +<p>Ich untersuchte meine Schußwaffe, obgleich ich wußte, daß sie in Ordnung +war, und rückte mein Lager weit vom Fenster ab. Es<span class="pagenum"><a name="Page_21" id="Page_21">[21]</a></span> stand mir schwer bevor, +Elias wecken zu müssen, denn es war mir bekannt, daß ihn jede Störung aufs +tiefste verletzte, und für diese unsichere Nacht wollte ich meinen einzigen +Gefährten ungern verstimmen. Aber er knurrte nur unwillig und schlief am +Boden weiter, ohne recht erwacht zu sein. Da ich gezwungen war, das Licht +bald zu löschen, weil seine Anziehungskraft auf die Insektenwelt zu groß +ist, lag ich bald unter den Gazevorhängen im grünlichen Dämmerlicht und +versuchte einzuschlafen.</p> + +<p>Draußen wurde es von Viertelstunde zu Viertelstunde lauter und +leidenschaftlicher; die Lebendigkeit des fremden Getiers teilte sich meinem +Blut in aufreizender Art mit, und ich fühlte den Augenblick herannahen, in +welchem man die letzte Hoffnung auf Schlaf fahren läßt. Meine Gedanken +beschäftigten sich mit den vielerlei Veränderungen und Einrichtungen, die +für einen dauernden Aufenthalt in diesem Hause notwendig waren. Solche +Erwägungen verstimmten mich, wie leicht gleichgültige Dinge es tun, die mit +einem Augenblickszwang an Stelle guter und harmonischer Besinnungen treten. +Aber allmählich umfaßten meine Gedanken die Gegenstände nicht mehr, mit +denen sie sich abgaben, die Umrisse verwischten sich, ich hatte unter den +geschlossenen Lidern noch den unbestimmten Eindruck, als ob es im Zimmer +heller geworden sei, und das Grillengeschrei verschwamm zu einem schwülen, +drückenden Luftmeer, in dem ich leblos dahintrieb. Ich versank in Schlaf +wie in einen Opiumrausch.</p> + +<p>Ein weiches Gedräng an meiner Seite ließ mich auffahren, erstarrt blieb ich +in der Haltung liegen, in die mich mein Erwachen gestürzt hatte, bis ich +Elias erkannte, der sich mitsamt dem Moskitoschleier unter meine Decke +verkrochen hatte. Wäre nicht ein schrecklicher Lärm im Zimmer stärker als +mein Zorn gewesen, so hätte ich sicher meinem unschuldigen Hunde eine ganz +neue Art<span class="pagenum"><a name="Page_22" id="Page_22">[22]</a></span> des Luftsprungs beigebracht, aber mein Instinkt sagte mir rasch, +daß das äußerste Entsetzen Elias zu seinem Vorgehen veranlaßt hatte, er +zitterte heftig, und sein Winseln glich den Lauten der Todesangst. So ließ +ich ihn gewähren, drückte ihn an mich und forschte nach der Ursache des +eigentümlichen Lärms, der meinen Schlafraum füllte.</p> + +<p>Es war fast hell im Zimmer, da der Mond nun so hoch am Himmel stand, daß +seine Strahlen durch die Palmenwipfel den Weg ins Haus fanden, aber die +Lichtflecke am Boden und die blassen Streifen in der Luft verwirrten mein +Auge anfänglich, bis ich erkannte, daß der Fußboden von einer erregten +Schar großer Ratten wimmelte, die sich wie zu einem Angriff an der einen +Seite des Raums gesammelt hatten. Ihnen gegenüber kauerte in der Ecke eine +Katzenfamilie, kleinere, langhaarige Tiere mit ihren Jungen, und zwischen +den beiden Parteien lagen getötete Ratten, einige verwundete schleiften +sich mühsam unter kläglichem Piepen voran, einen Blutstreifen hinter sich +zurücklassend. Es war deutlich erkennbar, daß die Katzen – ich zählte +derer ohne die Jungen etwa vier oder fünf – sich im Zustande höchster +Angst und äußerster Bedrängtheit befanden. Sie kämpften einen +Verzweiflungskampf gegen die Übermacht der Ratten. Ihr drohendes Fauchen +und Miauen hatte etwas, selbst überlegene Gegner, außerordentlich +Einschüchterndes, und ihre Gebärden erinnerten mich an die eines gereizten +Panthers. Es schien eine alte Feindschaft zu sein, die seit langem im +Bereich dieses Hauses herrschte, und die in dieser Nacht vielleicht zum +soundsovielten Male blutig ausbrach. Es mag einmal anders gewesen sein, +vielleicht herrschte vorzeiten das Geschlecht der Katzen ohne Einschränkung +und als tyrannischer Unterdrücker der Ratten, bis diese zu jener +Überlegenheit gelangt waren, die mir jetzt über jeden Zweifel erhaben +schien.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_23" id="Page_23">[23]</a></span>Die Ratten rückten langsam und mit widerwärtigen Lauten des Zorns und der +Blutgier heran. Das magische Licht und der fast leere Raum, dessen Ecken in +Dämmerung gehüllt waren, verschob meinen Sinnen auf eigenartige Weise die +Verhältnisse von Größe und Weite, es kam mir vor, als rückten dunkle +Ungeheuer zum Kampfe gegeneinander heran, ich selber war kleiner als sie, +auf einem weit entfernten Berg.</p> + +<p>Als die erste Katze, wie es mir erschien, ein alter und erfahrener Kater, +zur Verteidigung mit einem langen, flachen Satz vorsprang, erschreckte und +begeisterte mich die Wildheit seiner Bewegung. Der Kater verließ sich im +Kampfe weniger auf sein Gebiß, als vielmehr auf seine Pranken, die mit +zäher Geschmeidigkeit und tödlicher Sicherheit dreinhieben. Die Ratten +stoben anfangs auseinander, als er mitten unter sie sprang, nur eine, die +von seiner Tatze getroffen worden war, wand sich schreiend neben ihm am +Boden, ohne daß er sie vollends tötete, oder auch nur noch beachtete. Seine +glühenden Augen, dicht über dem Boden, waren auf die aufs neue +heranrückenden Gegner gerichtet. Sie kamen langsam und mit häßlichem +Kreischen näher, aus welchem sowohl Todesangst als auch äußerste Kampfeswut +klangen, aber ein erneuter Sprung des Katers mitten unter sie hatte nicht +mehr die gleiche Wirkung, wie der erste. Die diesmal getroffene Ratte hatte +sich offenbar an seiner Lippe festgebissen, jedenfalls schlug das Tier, von +seinen Schmerzen wie von Sinnen, mit ungeheurer Wut planlos um sich, sprang +hoch empor und wälzte sich am Boden, während immer die eine Ratte, schon +fast zerfleischt und in Strömen blutend, an seinem Maule festgebissen hing +und hin und her geschlenkert wurde, hinauf und hinab. Und während ich, von +Grauen fast atemlos, sah, daß die unheimlichen schattenhaften Gefährten der +geopferten ersten sich von allen Seiten in der kämpfenden Katze<span class="pagenum"><a name="Page_24" id="Page_24">[24]</a></span> +festbissen, beobachtete ich sogleich, wie hart an der Wand eine andere +Rattenschar gegen die in der Ecke zusammengedrängten Katzen vorrückte. Sie +glitten, eng aneinandergedrängt, wie ein langsamer Schatten dahin, und das +furchtbare Geschrei des sterbenden Katers mitten im Zimmer begleitete ihren +gespenstigen Zug wie eine greuliche, herausfordernde Kampfesmusik.</p> + +<p>Plötzlich, wie auf einen heimlichen Zuruf hin, stürzte der herannahende +Schatten blitzschnell auf die zusammengekauerten Katzen, und es entspann +sich ein zweiter, nicht weniger erhitzter Kampf im Dunkel, der mich um so +mehr entsetzte, als ich keine Einzelheiten zu erkennen vermochte.</p> + +<p>Ein winziges, junges Kätzchen von zärtlichster Anmut flüchtete betroffen, +und scheinbar die Gefahr kaum ahnend, mit zierlichen Sätzen ins Licht. Zwei +rasche Schatten folgten ihm, man sah keine Bewegungen an ihnen als einzig +die des Dahingleitens, und in wenig Augenblicken war das Tierchen zerfetzt. +Auf den kurzen, jammervollen Angstschrei arbeitete sich die Mutter mit +verzweifelten Anstrengungen zur Hilfe heran, und zu meinem Entsetzen sah +ich die schauerlichen Nachtgesellen in ihren Leib verbissen, und sie +schleppte, vor Schmerzen heulend, wie ich niemals eine Katze habe klagen +hören, ihre blutdürstigen Mörder mit sich, ohne ihrem Kinde Hilfe bringen +zu können.</p> + +<p>Wäre dieser Kampf nicht gleich darauf auf eine entscheidende Art +unterbrochen worden, so hätte ich sicher eingegriffen, um ihn endlich zu +beenden. Ich habe mich später oft gefragt, was mich daran gehindert haben +mochte, es gleich zu tun. Dem Menschengemüt haftet ein sonderbarer Hang an, +kämpfenden Tieren zuzuschauen, und der wollüstige Genuß an solch erregenden +Schauspielen ist nicht nur verwerflicher Art, sondern er muß auch eine +Achtung vor den selbsttätigen Bewegungen der Natur zur Grundlage haben<span class="pagenum"><a name="Page_25" id="Page_25">[25]</a></span> und +ein heimliches Bewußtsein für die Wahrheit, daß der Mensch ihrem Walten +weder etwas nehmen noch hinzufügen kann. Ich entsinne mich, daß ich schon +als Kind einem Hahnenkampf mit Freude und Genugtuung zuschaute, und daß ich +sein Ende mit dem erhebenden Gefühl einer Bewunderung und ohne Beschämung +erwartete. So habe ich als Knabe auch nur schwer begreifen können, daß die +Menschen Hunde zu trennen suchten, die in eine Beißerei geraten waren, und +obgleich einem reizenden Affenpinscher, den ich mein eigen nannte und dem +ich aufrichtig zugetan war, von einem Wolfshund die Kehle durchbissen +wurde, weiß ich doch gut, daß ich trotz meines Schmerzes dem bösen Sieger +mit einer Ergriffenheit nachschaute, die geradezu an Anbetung grenzte und +die mit heftigem Neid auf seinen Lorbeer gemischt war.</p> + +<p>In jenem Augenblick nun, als ich, von Entsetzen und Mitleid gepeinigt, in +den blutigen Kampf der Tiere einzugreifen beschloß und vorsichtig nach +meiner Schußwaffe tastete, im voraus mit heimlicher Genugtuung die +furchtbare Wirkung ermessend, die das Krachen eines Schusses auf dem +nächtlichen Schlachtfeld hervorrufen würde, erklang aus dem dunklen Winkel +des Raumes, hinter mir, ein Laut, dessen gebieterische Macht stärker war, +als der feurige Donner aus dem eisernen Mund meiner Waffe. Es war ein +leises Zischen, das man auch ein trübes Fauchen hätte nennen können und das +den seltsamen und etwas lächerlichen Lauten zu vergleichen war, mit denen +bisweilen Gänse mit gesenktem Kopf gegen einen Gegner vorzugehen pflegen. +Aber die Wirkung dieser klanglosen und widerlich eindringlichen Stimme war +alles andere als lächerlich, sie war von einer geradezu grauenhaften Macht. +Ich fühlte mein Blut in den Adern gerinnen, und die Totenstille, die im +Raume eingetreten war, erhöhte den Schauer meines Entsetzens zu einer +todesartigen Erstarrung. Es war so still, daß ich mein ge<span class="pagenum"><a name="Page_26" id="Page_26">[26]</a></span>hemmtes Blut in +den Ohren sausen hörte, bis langsam, ganz langsam mein Herz jenes +furchtbare, dumpfe Hämmern begann, unter dem der Atem stockt und ein +schmerzhaftes Gefühl des Erstickens einsetzt. Ich sah die Tiere wie dunkle, +reglose Flecke am Boden, selbst das Todesgeschrei der Verwundeten +verstummte für eine Weile, nur eine große Ratte, deren Leib völlig +aufgerissen war, kreiste in einer Lache ihres Blutes am Boden, in ihr +Eingeweide verwickelt, mitten im Mond, und ihr heiseres Piepen hatte in +Gemeinschaft mit ihrem scheußlichen Reigen eine fast komische Wirkung +unbeteiligten und ahnungslosen Eifers.</p> + + +<p class="poem"> +„Die Schlange hat gesprochen, unter den heißen Steinen,<br /> +ihr tauber Gesang schüttet das Herz in Schnee,<br /> +aus ihrer Stimme brechen die Augen des Todes<br /> +wie aus den Berggefilden des ewigen Schnees.“ +</p> + + +<p>Ich hatte diese Verse in Maratta von einem Fakir gehört und sie mir später +geben lassen, wobei ich erfuhr, daß sie alter Herkunft sind und einem viel +gesungenen Liede der Bergvölker der West-Gates entstammen. Nun dachte ich +in diesem Augenblick zwar nicht an sie, sondern die Verse schienen an mich +zu denken, sie bemächtigten sich meiner in dieser schrecklichen Lage, und +mir geschah aufs neue das ergreifende Wunder jener erhabenen Gelassenheit, +die, in Augenblicken der Angst, wie eine höhere und unbeteiligte Gewalt +über uns hereinbrechen kann.</p> + +<p>Darüber sah ich eine große Schlange herangleiten, ihr schmaler Kopf war +wohl eine Handbreit über dem Erdboden erhoben, und als er ins Licht kam, +sah ich die feine Zunge eifrig spielen. Es erschien mir, als lächelte das +Tier.</p> + +<p>Unter meinen Augen begann nun das grausame Spiel der Schlange, das alle +Völker auf Erden kennen und rühmen oder verfluchen. Keinem anderen Tiere +ist die geheimnisvolle Macht dieser Wir<span class="pagenum"><a name="Page_27" id="Page_27">[27]</a></span>kung verliehen, die lautlos, +unerklärbar, und wie aus einer unterirdischen Welt des Bösen stammend, +daherkommt. Kraft und Mut, oder gute Waffen und kühner Sinn bringen ihrer +Herrschaft nur selten Gefahr, denn sie hat neben vielen magischen Mitteln +jenes furchtbare in ihrer Begleitschaft, das auch den Helden wehrlos macht, +den Ekel. Aber neben ihm und vielem anderen, das ihr Wesen enthält, +erstrahlt jener dämonische Abglanz aus ihren Regungen, der uns wie eine +alte Erinnerung an den beständigen Triumph des Bösen anmutet. So ist ihr +listiges Schleichen mit Weihe gepaart, ihre Schönheit mit Verstecktheit und +ihre Macht mit Niedrigkeit. Alle Eigenschaften, welche dem Starken Freimut +verleihen, verbindet sie, wie in einer heimlichen Genugtuung eigennütziger +Bosheit, mit Falsch. Die Elemente von Wasser, Erde und Luft scheinen bei +den Bewegungen dieses Körpers ihre unterscheidende Eigenart einzubüßen, +denn der Gang der Schlange ist dem keines anderen Lebewesens zu +vergleichen; in ihm ist das einfältige Rieseln des Wassers mit den +Beschwörungen der Magier verbunden.</p> + +<p>Die Schlange umkreiste eine verwundete Ratte, die noch lebte, fuhr aus +ihrem verschlafenen Tanz, der alle Wesen bannt, jählings zu und begann das +erbeutete Tier zu verschlingen. Ihre Sorglosigkeit und die überlegene +Sicherheit ihres Tuns erregte meine Bewunderung in hohem Maße, es war, als +wäre sie sich keiner Feindschaft bewußt, die ihr etwas anzuhaben vermöchte. +Das Zimmer blieb still, nur von der Decke rieselte bisweilen ein feiner +Staub, und die zackigen Lichtornamente am Boden rückten langsam beiseit. +Die Erde kreist, dachte ich, mit mir, mit dieser Räuberin, mit den kleinen +Sterbenden und Toten dieses Raumes und mit allen, von denen ich durch ein +unendliches Meer getrennt bin. Draußen schnarchte Panja, und Elias war an +meinem Rücken ein<span class="pagenum"><a name="Page_28" id="Page_28">[28]</a></span>geschlafen. So nahm ich vorsichtig vom Kofferrand eine +der großen indischen Landzigarren, die braun wie Torf und feucht wie Erde +sind, zündete sie an und wartete auf den Morgen. Meine Gedanken zogen mit +den Rauchwolken in die grünliche Dämmerung, und ihr Gegenstand war das +Leben der Menschen und Tiere auf der merkwürdigen Erde.</p> + + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_29" id="Page_29">[29]</a></span></p> +<h2> +<a name="kap02" id="kap02"></a>Zweites Kapitel<br /> +Cannanore, die Fischer und das Meer +</h2> + + +<p>Ehe die Morgendämmerung hereinbrach, trieb es mich hinaus, um den stillen +Kampf der roten Morgensonne mit dem grünlichen Silberlicht des Mondes zu +sehen. Oft sah ich die einsamen, hohen Palmen am Meer auf der einen Seite +in rote Glut getaucht, während die andere noch die silbernen Wahrzeichen +des Mondlichts trug, aus dessen kaltem Leuchten sie langsam im Morgenwind +zu erwachen schienen. In solcher Licht- und Farbenpracht standen sie gegen +das bewegte Meer, dessen Stimmen den heraufeilenden Tag begrüßten.</p> + +<p>Aber ich sollte diesen Morgen nicht zur Freude des herrlichen Anblicks +gelangen, denn Panja hatte mit mir zu verhandeln.</p> + +<p>„Sahib,“ rief er, als ich um Wasser bat, „was ist dies für ein Haus, in +welches du eingezogen bist!“</p> + +<p>Ich begann es zu beschreiben, aber er unterbrach mich mitleidig.</p> + +<p>„Ich habe die ganze Nacht kein Auge zugemacht!“ rief er, und die +herausfordernde Traurigkeit seiner Augen grenzte geradezu an Mißachtung.</p> + +<p>„Sieh, Panja,“ sagte ich so freundlich, als es mir möglich war, „ich +brauche nun Wasser, bedenke die Sitten meines Landes.“</p> + +<p>Da führte mich Panja durch den Garten, ohne noch etwas zu sagen, denn er +verzweifelte offenbar daran, mich anders als durch Tatsachen von der +Ungerechtigkeit meiner Forderung zu überzeugen.</p> + +<p>Die ganze Frische des indischen Frühlingsmorgens umfing uns. Alle Blüten +strömten von Tau über, ihre Farben leuchteten im ersten Licht, so daß meine +Augen das Entzücken dieser Pracht nicht zu fassen vermochten, und der +Geruch von Nässe, Erde und<span class="pagenum"><a name="Page_30" id="Page_30">[30]</a></span> tausend aufbrechenden Blumen ließ mich taumeln +vor Glück. Auch über Panja kam dieser Rausch, als risse das irdische +Lebensheimweh der Blühenden seine Seele, wie auch die meine, mit sich +empor. Er hob die braune Nase in die Luft, lächelte breit in einfältigem +Behagen und sah sich nach mir um. Mit allen Sinnen sog er die Frische und +das Licht ein, und sein dunkler, nackter Körper glänzte von Tau.</p> + +<p>Als wir am Ende des Gartens, dicht beim Palmendickicht, an der Zisterne +anlangten, erblickte ich anfänglich nichts als eine turmartige Wildnis von +Schlinggewächsen, und erst als Panja die Ranken zerteilte, gewahrte ich die +zum Wasserspiegel niederführende Treppe, die wie in eine unterirdische +Höhle hinabging. Die zerbröckelten Steinquadern in der Dämmerung waren von +seltsamen Moosen übergrünt und fast ganz bedeckt, ein kühler Modergeruch +kam mir entgegen, und Panja, der den Eifer seiner Entrüstung vergessen zu +haben schien, warnte mich mit einem geflüsterten Wort und sah fast +ehrfürchtig drein. Sein braunes Gesicht unter dem weißen Turban schaute aus +einer Wolke halboffener, roter Blüten hervor, die so groß wie Kinderköpfe +waren. Ein Falter, wie aus blauem Samt, erhob sich schläfrig aus ihrem +Ampellicht und zog lautlos davon, in die Pflanzenwildnis hinein.</p> + +<p>„Du darfst nicht hinabsteigen,“ sagte Panja, „überall hockt der Tod im +halben Licht, hierhin geht er aus dem Tag der Menschen; tritt zurück. Ich +habe das Wasser gesehen, es ist grün wie sterbendes Laub und von Pflanzen +bedeckt, es trägt Blumen, die niemals ein Sonnenstrahl getroffen hat und +die deshalb giftig sind, wie die Schlange und das Fieber, die bei ihnen +wohnen.“ Dann besann er sich plötzlich, seine kindlichen Augen verloren +ihren andächtigen Ernst und er sagte mit gerunzelter Stirn:</p> + +<p>„Solch ein Haus mietest du! Wie lange willst du hier bleiben? Wir<span class="pagenum"><a name="Page_31" id="Page_31">[31]</a></span> reisen +nach Bitschapur zurück, ich werde alles in die Koffer stecken.“</p> + +<p>Auf dem Rückwege trafen wir Pascha, den Koch, der über die Straße kam und +auf das Haus zuging. Einen roten Tonkrug mit Wasser auf der Schulter, +schritt er durch die Sonne, die inzwischen aufgegangen war. Aus dem Hause +drang Holzfeuergeruch. Pascha grüßte mich mit der freien Hand und schritt +stumm an mir vorüber. Mir war zumute, als sei er stolz auf sein Land und +auf seine Pflicht, gönnte mir das erste nicht und täte das zweite um seiner +selbst willen. In seinen großen, samtartigen Augen, unter den langen +Wimpern, verbarg sich sein Verlangen nach den Bergen. Seine männliche +Gestalt entzückte mich, ich empfand plötzlich den Namen, den ich ihm +zugelegt hatte, als lächerlich und wünschte mir, den seinen zu wissen, nur +um ihn vor mich hinsagen zu können, diesen fremdartigen Namen seines +fremden Geschlechts aus den Bergen. Mich ergriff aufs neue jene sonderbare +Traurigkeit, die mich in Indien nie verlassen hat, und die dem menschlichen +Herzen, allem Unerforschbaren gegenüber, eigentümlich ist.</p> + +<p>Panjas empfindsamer Sinn für alle meine Regungen, die sein Interessengebiet +berührten, ahnte auf seine Weise, daß Paschas wortlose Tätigkeit mir +wohlgefiel. Er sagte:</p> + +<p>„Diese Hunde aus den Felsspalten haben eine Spürnase für alles Genießbare. +Er wird aber vergessen, das Wasser zu kochen, und morgen hast du Fieber, +Sahib. Ich werde also nach dem Rechten sehen.“</p> + +<p>Er ging ins Haus, und gleich darauf hörte ich Elias klagen. Die +Sonnenstrahlen wärmten bereits spürbar, obgleich ihr Licht noch rötlich +war. Der Garten dampfte, und Vogelstimmen, mit den ersten Lauten der +ausschwirrenden Insekten gepaart, drangen aus der<span class="pagenum"><a name="Page_32" id="Page_32">[32]</a></span> nebligen Morgenschwüle +des Dickichts. Ich verließ den gärenden Garten und betrat den rötlichen +Sandweg, der unter uralten wilden Feigenbäumen breit dahinführte, auf +Cannanore zu, in freierer Luft. Mein Haus lag etwa in der Mitte zwischen +der Stadt und dem Meere; um die eine oder das andere zu erreichen, mochte +etwa eine Viertelstunde Wegs zu gehen sein. So entschloß ich mich, die +Stadt zu einem kurzen Besuche zu betreten, während Pascha den Tee +bereitete.</p> + +<p>Der breite Weg war fast leer, über Cannanore lag ein bläulicher +Holzfeuerrauch, der aus den Palmen stieg, die Ortschaft war ganz von ihnen +verborgen, wie die meisten Städte und Dörfer der fruchtbaren malabarischen +Küste. Es war so still umher, daß ich das Rauschen des Meeres an den Felsen +vernahm, und das Sonnenlicht war von unfaßbarer Milde und Wohltat. Ein +Ochsenwagen knatterte langsam heran, die hohen Räder mahlten leise im Sand, +und ein Hindu hockte auf der Deichsel, dicht zwischen den Schwänzen der +prächtigen, geduldigen Tiere, sein Kinn zwischen den mageren Knien. Er +blinzelte scheu zu mir herüber, ohne einen Gruß zu wagen, die gewaltigen +Hörner der Ochsen schaukelten gemächlich wohl einen Meter lang über den +blendend weißen Rücken.</p> + +<p>Am zerfallenen Stadttor erhob sich zur Rechten und zur Linken eine einsame +Palme, jene nach rechts, diese ein wenig nach links geneigt und ihre +Fächerkronen, über den flachen Dächern der Häuser, zeichneten sich dunkel +und deutlich gegen den klaren Morgenhimmel ab, die Stämme waren von der +Sonne bemalt, wie mit roter Farbe. Ich sah durch das Tor in die bereits +belebte Basarstraße, in der die eiligen nackten oder weiß bekleideten +Gestalten sich zwischen den niedrigen Häusern bewegten und die Händler ihre +Straßenläden öffneten und ihre Waren ausbreiteten. Der Wächter am Tore +erhob sich, um sich tief zu verneigen, wobei er<span class="pagenum"><a name="Page_33" id="Page_33">[33]</a></span> sein Gesicht mit den +Händen bedeckte. Ich beschritt die Basarstraße und empfand die Stille und +das Erstaunen, die ich hinter mir zurückließ; nur die Brahminen, die graue +Schnur auf der nackten Brust, gingen stumm und steil an mir vorüber, ohne +zu grüßen und ohne sich umzuschauen. Ich erblickte schöne Gestalten und +stolze Gesichter unter ihnen und las aufs neue aus ihren Zügen die ferne +Verwandtschaft mit den germanischen Völkern unseres Erdteils, deren Wesen +die Jahrtausende nicht ausgelöscht haben. Sie haben lange das gewaltige +Reich beherrscht, bis Mohammed seine Fahnen inmitten ihrer Königsschlösser +aufpflanzte und ihnen langsam mehr und mehr die furchtbare und +geheimnisvolle Macht erschütterte, die heute nur noch tief im Lande, in +düsterer Gewalttat und mystischem Dunkel waltet. Bis auch Mohammeds Zeichen +und die Pracht seiner Könige erblaßte, als das Gebrüll des britischen Löwen +sich über dem Meer erhob und das Land erfüllte. Als ich mich nach kurzem +Gang zum Heimweg wandte, sah ich die Umrisse des englischen Forts gegen das +Meer. Seine Kanonen sind Tag und Nacht auf das Schloß des Hindukönigs, im +Herzen der Stadt, gerichtet, um es beim ersten Zeichen einer Revolte in +Trümmer zu legen. Unter dem stummen eisernen Mund, der unerbittlich und +unveränderbar unter der zornigen Sonne und dem ruhigen Mond auf die Stadt +schaut, flackern die letzten, schüchternen Reste der alten Königsmacht von +Cannanore.</p> + +<hr /> + +<p>Es war freilich mancherlei in meinem Hause vorzubereiten, bevor ich es zu +dauerndem Aufenthalt behalten konnte, und beim Tee sprach ich mit Rameni +und Panja über die Maßnahmen. Rameni hatte seine offenen Schuhe vor meiner +Tür stehen lassen und versuchte während unserer Unterhaltung vergeblich ein +erträgliches Verhältnis zu dem Liegestuhl zu finden, den ich für ihn +aufge<span class="pagenum"><a name="Page_34" id="Page_34">[34]</a></span>richtet, und den er aus Höflichkeit angenommen hatte. Endlich stand +er auf und ordnete sein weißes Gewand, aus dem von den Knien ab seine +mageren braunen Beine schauten.</p> + +<p>„Es soll alles nach deinem Willen geschehen, Sahib“, sagte er so +liebenswürdig, als sein furchtbares Englisch zuließ. Panja verachtete ihn +so angestrengt, daß ihm der Schweiß ausbrach.</p> + +<p>Es war herrlich auf der Veranda. Der Morgen des indischen Frühlings – es +war nach unserer Zeitrechnung Ende Oktober – ist frisch und erquickend, +erst nach drei oder vier Stunden wird die Sonne wirklich heiß. Panja wurde +guter Laune, als Rameni gegangen war.</p> + +<p>„Wie das Schwein stinkt“, sagte er freundlich. „Er wird dich überall +betrügen, Sahib. Wenn deine Reichtümer nicht unermeßlich wären, so würde +dieser Schurke dein Untergang sein. Zuerst werde ich nun die Ameisen +vernichten, sie fressen alles, was sie finden. Wenn man Whisky zwischen die +Steinplatten gießt und zündet ihn an, so ist es um die Tiere geschehen. Gib +eine Flasche, ich werde beginnen, wenn du ans Meer gehst.“</p> + +<p>Ich schlug vor, es mit Petroleum zu versuchen, das man sicher in der Stadt +auftreiben würde.</p> + +<p>Panja schüttelte sich.</p> + +<p>„Die armen Tiere“, sagte er.</p> + +<p>Nach einer Weile rückte eine Schar alter Weiber mit Besen, Eimern und +Tuchfetzen heran, deren Anblick zuerst den ahnungslosen Elias und dann auch +mich vertrieb. Nur Panja hielt dem Ansturm dieser wilden Amazonen stand, +weil ihm daran gelegen war, seine Autorität in Szene zu setzen.</p> + +<p>Das Haus war in wenig Tagen derart instand gesetzt, daß ein beschauliches +Leben voll reicher Eindrücke für mich hätte beginnen können. Auch Panja +fand sich bald in unsere neue Lebenslage,<span class="pagenum"><a name="Page_35" id="Page_35">[35]</a></span> und es kamen stille, herrliche +Frühlingstage, die ich nie vergessen werde. Die beständige Sonne weckte +mich, und meine durch tiefen Schlaf belebten Sinne empfingen die ferne +Stimme des Meeres, das mich Tag für Tag in sein glitzerndes Bereich +hinablockte. Die Fischer wurden meine ersten Freunde in Cannanore, und ich +hatte mich bald daran gewöhnt, ihre Arbeit mit ihnen zu teilen. Es gelang +mir, ihr anfängliches Mißtrauen zu zerstreuen, und ich lernte von ihnen, +wie sie von mir.</p> + +<p>Wir saßen in der Abenddämmerung bis tief in die Nacht hinein auf den +schwarzen Uferfelsen, die in geraden, hohen Blöcken weit in die Meerflut +hineindrangen. Oft mußten wir von einem Steinplateau zum andern springen, +oder über schmale Holzbretter balancieren, um bis an das äußerste Riff zu +gelangen, von wo aus die Angeln weit in die See geschleudert wurden. Neben +uns, zur Rechten und zur Linken, wogte still die ungeheure Wassermasse, +erst in tiefem, klarem Blau, dann färbte sie sich langsam rot und blendete +den Blick, bis sie endlich tiefschwarz und drohend auf und ab stieg, so daß +es erscheinen konnte, als tauchte der Fels in einem unbeweglichen dunklen +Spiegel auf und nieder. Weit hinter uns donnerte die Brandung, und hinter +ihr ging über den Palmen der rötliche Mond auf.</p> + +<p>Es war in der Hauptsache auf den Fang größerer Fische abgesehen, die +Angelhaken hatten die Größe eines gekrümmten Kinderfingers und waren mit +dem Eingeweide erbeuteter Fische umwickelt. Etwa vier bis fünf Meter vom +Köder entfernt war ein Stückchen leichter Baumborke als Schwimmer an der +Leine befestigt, und die Angeln wurden über dem Kopf in Kreisform +geschwenkt, so daß sie bis zu zwanzig Metern weit ins Meer hinaus +gelangten. Dann hockten die Männer sich nieder und verharrten unbeweglich, +wie mit dem Fels verwachsen, bis ein leises Rucken am Seil sie vom Erfolg +ihrer Mühe unterrichtete.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_36" id="Page_36">[36]</a></span>Oft kam das wogende Meer bis hart an unsere nackten Füße, dann wieder sahen +wir es viele Meter tief unter uns. Selbst in der Nacht erkannten die Leute +deutlich das Herannahen einer größeren Welle, und ein leiser Zuruf warnte +mich, damit ich mich am Felsen festhalten möchte. Wenn dann für Augenblicke +der Steinboden den Blicken entschwand und nichts als das leise brodelnde +nächtliche Element unter mir kenntlich war, hatte ich anfangs ein dumpfes +Gefühl der Angst, ja der Todesfurcht zu überwinden, und nur die +unerschütterliche Gelassenheit meiner Nachbarn sicherte meinen Mut.</p> + +<p>Die Männer hielten ihre Leinen niemals fest in den Händen, sondern nur +leicht zwischen den Fingern, weil es vorkam, daß ein Haifisch anbiß, und +weil der erste Ruck ihnen hätte verhängnisvoll werden können. In solchem +Fall, den ich einmal erlebt habe, schreckte ein lauter Zuruf alle empor. +Ich sah die Leine wie ein Ankerseil in rasender Schnelligkeit ins Meer +gleiten und wie ihr Ende hastig um einen Felsvorsprung gewickelt wurde. In +den meisten Fällen war das Gerät dann verloren; zuweilen gelang es aber, +das Raubtier durch die Felslücken bis auf den Strand zu schleifen, und ich +erschrak über die Lebenskraft und Wildheit des Gefangenen, der trotz seiner +Hilflosigkeit einen geradezu einschüchternden Widerspruch gegen seine +Bändiger an den Tag legte. Man befestigte den Rest der Angelschnur mit +einem Pflock im Sande, ohne den Haken zu lösen, und ließ das Tier auf dem +Trockenen sterben, so gut und rasch es konnte. Erst am andern Tage oder +nach Stunden bemächtigten sich die Frauen alles Verwendbaren von seinem +glatten Leibe, dessen Fleisch nicht genossen wird.</p> + +<p>Gegen Norden zu brachen die dunklen Küstenfelsen jählings ab, und es +breitete sich, soweit das Auge reichte, die freie Bucht entlang, weißer +Sand aus. Oft wuchsen Palmen, besonders wenn sie<span class="pagenum"><a name="Page_37" id="Page_37">[37]</a></span> einem kleineren Bach das +Geleite gaben, bis dicht an den Meeresstrand hinab. Dort sah man, noch nahe +dem Ort, die bunten Boote der Eingeborenen in Reih und Glied im Sand, und +weiter hinaus begann eine Stille und Verlassenheit, die wohl dazu angetan +war, ein empfindsames Herz zu locken.</p> + +<p>Dort lag ich oft am Wasser, bohrte mich in den Sand und warf die Lasten +meiner unnützen Gedanken weit von mir. Es war herrlich, der Stimme des +Meers zu lauschen, die die ganze Welt zu beherrschen schien, und die endlos +langen, ebenmäßigen Wogen zu betrachten, welche heranliefen wie sanfte +Windwellen unter blaßblauer Seide, sich lautlos hoben und sich mit +jubelndem Erbrausen, in ein weites Lichtband zerbrechend, auf den +geduldigen Strand warfen. Das ging so lange so fort, wie nur immer die +Sinne sich in Geduld und Traum hinzugeben vermochten, denn das Meer kennt +keine Zeit. In seiner Stimme sind weder Hoffnungen noch Verheißungen, keine +Liebe und kein Drohen, weder Wahrsagungen noch Beschwichtigungen. Das Wesen +des Meeres hat keine Gemeinschaft mit dem unsrigen, und nichts als ein +beseligter Unfriede erwacht in uns, wenn wir uns ihm zu nähern trachten, +nur seine Größe erhebt uns, wie alle großen Formen dem Gemüt eine Ahnung +künftiger Freiheit vermitteln. Das Meer enthält keine Maßstäbe für unsere +Rechte oder für unsere Pflichten, wie die Erde sie uns bietet, die uns +trägt und ernährt und deren Schicksal dem unsrigen verwandt ist. Die +Dichter haben das Meer selten verstanden, sie haben es nur beschrieben, +aber wer würde durch sie ein Bild von seiner unermeßlichen Gewalt und +Freiheit bekommen, wenn er das Meer niemals gesehen hätte? Nur in jenem ins +Mystische hinüber verblühenden Geiste des großen, gottberauschten +Schwärmers der Apokalypse leuchtet ein wahrsagerisches Licht vom Wesen des +Meers auf, als er das Tausendjährige Reich in seinen<span class="pagenum"><a name="Page_38" id="Page_38">[38]</a></span> unendlichen Visionen +erblickt, und vom Meer sagt, es sei nicht mehr. In dieser Erkenntnis liegt +eine tiefe Ahnung vom Wesen des Meers, das nicht wie die Erde verflucht +scheint, und keinem Gericht, keiner Wiederkehr und keinem Wandel +unterstellt ist.</p> + +<p>So hat auch das Meer keineswegs eine Verwandtschaft mit der Seele des +Menschen, wie manche festgestellt haben, die weder das eine noch die andere +kennen, und die nur deshalb, weil sie in der Seele etwas Bodenloses +wittern, auf den Gedanken gekommen sind, sie wäre vielleicht so tief wie +der Ozean in der Mitte. Das ist ein leichtfertiger Schluß, der schwer zu +erweisen ist, die einzige Ähnlichkeit zwischen solchen Seelen und dem Meer +ist die, daß man oft in beiden herumfischt, ohne etwas zu fangen. –</p> + +<p>Einmal fand ich am Strand einige große Meerschildkröten, die auf dem Rücken +lagen und nach Wasser schnappten. Aus den Spuren nackter Füße, die sie wie +ein in den Sand eingeprägter Lorbeerkranz umgaben, ließ sich leicht +entnehmen, daß diese Tiere sich nicht freiwillig in solche Lage begeben +hatten und daß sich ein menschlicher Zweck mit dieser Grausamkeit verband. +Und richtig sah ich unter den Bäumen einen braunen Hinduknaben flüchten, +dessen Respekt vor mir so groß war, daß er eine Palme bis an den Wipfel +erklomm.</p> + +<p>Die Schildkröten waren in dieser Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit +einem langsamen Tode in der unbarmherzigen Sonne ausgesetzt, der um so +qualvoller war, als sie nicht wie die Fische rasch sterben, wenn sie ihrem +Element entrissen worden sind, sondern eine zähe Lebensdauer, auch auf dem +Trockenen, beweisen. In der Tat war auch der Gesichtsausdruck einzelner von +ihnen bereits sehr verstimmt, anderen hing der merkwürdig häßliche Kopf +schon leblos nieder, an dem faltigen Hals, der mir wie ein welker, rissiger +Schlauch erschien. Ich kehrte mit großer Mühe diejenigen<span class="pagenum"><a name="Page_39" id="Page_39">[39]</a></span> um, die mir noch +regsam genug für eine Fortsetzung ihres Daseins erschienen, aber sie +taumelten wie betrunken hin und her und fanden das Wasser erst, als ich +ihnen den Weg wies. Dort schwammen sie rasch und erregt hinaus und tauchten +sobald als möglich unter, sichtlich im Zweifel darüber, ob dieser Vorgang +eine Tatsache war, oder nur eine neue greuliche Vorstellung ihrer +Fieberphantasien im Sonnentod.</p> + +<p>Später erfuhr ich, daß die Tiere von den Eingeborenen in diese Lage +gebracht werden, damit sie sterben, denn sie können sich nicht aus eigenen +Kräften wieder umkehren. Auf diese Weise gewinnen die Leute das sehr +begehrte Schildpatt, ohne einen Eingriff in das Leben der Tiere +vorzunehmen, was ihnen verboten ist und auch ihrer Überzeugung +widerspricht. Die Tiere sterben auf diese Art durch den Willen der Gottheit +und werden so nach Vorstellung der Hindus nicht von Menschen getötet; +offenbar ersieht man aus der Tatsache, daß die Götter die Schildkröten +nicht wieder umdrehen, ihren Beschluß, sie zum Nutzen der Menschheit +sterben zu lassen.</p> + +<p>Übrigens hatte ich es mit jener Handwerkerkaste in Cannanore endgültig +verdorben, denn eben jener Knabe, welcher mir Achtung erwies, hatte von +seinem hohen Versteck aus meine Maßnahmen wahrgenommen und er nahm Anlaß, +diese Neuigkeit in Cannanore zu verbreiten.</p> + +<p>Es gab am Strand vielerlei Krebse und allerhand kleines Meergesindel, mit +dem ich mich einließ, auch Ratten kamen bisweilen die Bäche herab und +erkundeten, ob das Meer Tote angeschwemmt oder ausgewühlt hatte. Eine +bestimmte Kaste in Malabar begräbt ihre Pesttoten am Meer im Sand; zwar +werden meist die Sandbänke und Inseln gewählt, aber häufig findet man auch +die Spuren der Gräber an der Küste.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_40" id="Page_40">[40]</a></span>Einmal machte ich die Bekanntschaft einer größeren Fliege, die nur einen +Flügel hatte und den Rest ihres Lebens am Gestade zu verbringen schien. Ich +beobachtete sie, während ich am Strand lag und rauchte. Sie suchte sich die +Steine aus, die besonders rund, blank und heiß waren, und es schien, als +bevorzugte sie die weißen. Wenn sie eine Weile auf einem solchen gesessen +hatte, faßte sie einen anderen ins Auge und versuchte ihn mit einem +sprungartigen Flug zu erreichen, aber sie landete jedesmal auf irgendeinem +dritten, weil sich leider das Fehlen ihres einen Flügels beim Einhalten der +Richtung bemerkbar machte.</p> + +<p>Jedesmal schaute sie anfänglich etwas verdutzt um sich, ergab sich aber +dann ihrem merkwürdigen Schicksal, immer anderswo landen zu müssen, als sie +gewollt hatte. Mit einem etwas bekümmerten, aber keineswegs gereizten +Ausdruck orientierte sie sich über die ihr bestimmte Umgebung, schließlich +schien die Sonne auch hier, und sie blieb sitzen, im heißen Licht, vor dem +glitzernden Wasser.</p> + +<p>Ich faßte eine gewisse Neigung zu dieser flüchtigen Freundin meiner +einsamen Stunden am Meeresstrand. So sehr viel besser ging es schließlich +im Leben auch mir nicht, und im Grunde kam es uns beiden auf die Sonne an. +Ich erzählte ihr, wie ich es mit dem Dasein hielt, aber da sie nicht auf +mich achtete, warf ich mit kleinen Steinen nach ihr, die lustig über die +runden Brüder ihrer Jahrtausende kollerten und vergnügt klirrten. Die +meisten dieser Steine waren prächtig abgerundet, ich nahm einen von ihnen +in die warme Hand und polierte ihn sorgenvoll. „Du bist noch nicht rund +genug, mein Kleiner“, und ich warf ihn ins Meer zurück, damit ihn die Flut +noch ein paar weitere tausend Jahre lang abschliffe. Es kam mir auf tausend +Jahre nicht an, so wenig wie auf einen Tag. Aber vielleicht würde dieser +Stein mich nicht vergessen, sicherlich war es ihm noch nicht geschehen, daß +einer dieser vergänglichen<span class="pagenum"><a name="Page_41" id="Page_41">[41]</a></span> Menschlein sich seiner annahm und plötzlich +einen solchen Eingriff in seine gemächliche Entwicklung machte.</p> + +<p>Das Meer trug leichte und liebliche Gedanken in meinen Sinn, törichte und +sinnvolle, aber niemals schwere. Seine Gaben waren Traum, Vergessen und +Schlaf, sie stiegen mit der flimmernden, heißen Luft in unbekannte Regionen +empor, und der flüchtige Seewind trug sie von dannen. Die Menschen meines +verflossenen Lebens versanken in einem schimmernden All, in welchem ich +wesenlos, wie sie selbst, dahintrieb, und auch die Liebe wurde zur +Erinnerung.</p> + +<p>Nie aber, daß Langeweile oder Mißmut mich plagten, das Leben war ein +makelloses Gefäß, angefüllt mit dem klaren alten Wein lieblicher +Sinnenfreude und heiterer Daseinslust. Ich begriff die Menschen dieses +Landes und dieser Sonne, die kein anderes Begehren zu bewegen schien, als +das Dasein auf solche Art als seligen Bestand auszukosten und sich dem +selbsttätigen Walten von Erstehen und Vergehen, den vergänglichen +Glücksgütern der Erdenzeit gegenüber wahllos und zufrieden, ohne Bedenken, +anheimzustellen. Was den Unedlen zu einem Anlaß anteillosen Verkommens +wurde, das wurde im verwandten Geist den Edlen zu einer tiefen Offenbarung +tatlosen Versinkens in einer hellseherischen Demut der Selbstbeschränkung.</p> + +<p>Zuweilen zollte ich am Strande dem Tode eine kleine Abschlagszahlung auf +seine künftigen Rechte und schlief ein, aber die Stimme des Meerwassers +ging mit mir in das dunkle, ruhige Land. Die Monotonie seiner frischen +Stimme verwandelte sich in meinen Träumen in einen beredten Glanz von +großer Mannigfaltigkeit, und ich erfuhr Wunder und Sagen vom Gang der Welt, +die ein ganzes Buch füllen würden, aber etwas an der Weisheit des +Meerwassers verhinderte mich daran, so törichte Pläne zu fassen. „Ich<span class="pagenum"><a name="Page_42" id="Page_42">[42]</a></span> sage +es allen,“ rief es gleichmütig, „warum willst du es tun? Niemand wird Dinge +durch Menschen hören, die ihm die Natur nicht vertraut, und ihr, die ihr +nicht einmal euch selbst versteht, wie wollt ihr mich, das Meer, in seinem +heiligen Wesen erfassen?“ Als ich erwachte, sah ich im Abendglanz auf der Silberleiste der Meerflut +groß und nah ein schwarzes Boot im roten Himmelsschein dahinfahren, das von +vier Männern angetrieben wurde, die stehend ruderten, und die mir +gleichfalls schwarz erschienen, weil das Licht hinter ihnen mich gelinde +blendete.</p> + +<p>Vielleicht fuhren sie ins Weite hinaus, vielleicht kehrten sie heim, ich +wußte es von ihnen so wenig wie von mir.</p> + +<hr /> + +<p>Ein bedauernswertes Ereignis dieser Zeit, das den Wert meines Charakters in +den Augen der Einwohner Cannanores ernstlich in Frage stellte, ist mir +lebhaft im Gedächtnis geblieben. Von Jugend auf habe ich den Hang verspürt, +Schmetterlinge und Käfer zu sammeln, es aber leider auf diesem Gebiet +niemals zu Erfolgen gebracht, im Gegenteil begleitete mich stets ein +spürbares Mißgeschick bei solchen Unternehmungen, und es lag nachweislich +kein Segen darauf. Der prächtige Kasten mit einem Glasdeckel, den meine +Eltern mir zur Förderung meiner lehrreichen Neigung schenkten, wurde bald +zu einer Goldgrube billiger Ernährung für eine kleine, lausartige Sorte von +Parasiten, die über meine gesammelten Insekten herfielen und sie +verzehrten. Auf den Rat eines erfahrenen Schulfreundes hin erwarb ich das +prächtige Schutzmittel, das Naphthalin genannt wird, aber die Parasiten +fielen auch über das Naphthalin her, fraßen es auf und gediehen dabei +zusehends. So sah ich die Resultate meiner Bemühungen zuschanden werden bis +auf einen rötlichen Erdfloh, der hoch an einer rostigen Stecknadel hockte +und kaum größer war, als ihr Knopf.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_43" id="Page_43">[43]</a></span>Es wäre sicherlich besser gewesen, wenn ich mir diese Erfahrungen meiner +Jugend auch in Indien zunutze gemacht hätte, anderseits aber wird es jedem +verständlich sein, daß meine alte Leidenschaft bei der außerordentlich +mannigfaltigen und prächtigen Insektenwelt Indiens aufs neue angeregt +wurde. Ich schlug Panjas Einwände in den Wind und ließ in Cannanore +bekanntgeben, daß ich Erwachsenen oder Kindern für jeden Schmetterling oder +Käfer, die mir in meine Niederlassung gebracht würden, den Preis von einer +Anna zu zahlen bereit sei.</p> + +<p>Am Morgen nach dieser Kundgebung weckte mich in aller Frühe ein seltsames +Geräusch vor meinem Hause, das ich anfänglich vergeblich zu erkennen +trachtete, bis ich endlich herausbrachte, daß es ein Volksgemurmel war. +Erschrocken trat ich ans Fenster und erkannte nun eine auffallend geordnete +Reihe von Menschen, Kindern, Greisen, Frauen mit Säuglingen auf den Hüften, +Männern und Jünglingen, auch fehlte es nicht an Bettlern, Straßendirnen und +Landstreichern. Die Reihe machte gehorsam den Bogen des Gartenwegs mit, +schlängelte sich durch die offene Pforte und ging dann auf Cannanore zu. Es +war nicht abzusehen, wie lang sie war; diese Erfahrung blieb mir anfänglich +erspart, wie es das Leben bei harten Schicksalsschlägen seinen Opfern +zuweilen dadurch erleichtert, daß es nicht sofort die ganze Fülle des +Ungemachs offenbart.</p> + +<p>Panja sagte nur: „Sahib, die Leute bringen die Tiere.“</p> + +<p>Ich muß gestehen, daß ich in große Verwirrung geriet und mich nur mühsam +fassen konnte, aber es gelang mir doch, weil ich Panja den Triumph nicht +gönnte, der hinter seinen stillen Augen lauerte, welche schräg und +erwartungsvoll ohne Unterbrechung auf mir ruhten.</p> + +<p>„Hast du kleine Münze genug?“ fragte ich ihn fröhlich, während<span class="pagenum"><a name="Page_44" id="Page_44">[44]</a></span> ich mich +rasch ankleidete. Panja fragte mich ernst, ob ich genug große hätte.</p> + +<p>Da nahm ich Elias an mich, setzte den Korkhelm auf und betrat mutig die +Veranda meines Hauses. Ein beifälliges Murmeln der Erwartung begrüßte mich. +Recht gelegentlich, als läge mir nur daran, ein paar Schritte in der +Frische des Gartens zu tun, trat ich bis an die Pforte und schaute die +Straße nach Cannanore hinab. Die Kette der wartenden Menschen erstreckte +sich weiter, als meine Augen reichten, fern unter dem Dach der wilden +Feigenbäume verlief sie im Laubschatten wie ein schwarzer Kohlestrich, auf +dem roten Latrittweg. Elias zog sich still ins Haus zurück, weil dieser +Anblick ihm neu war, und auf der Veranda empfingen mich wieder Panjas ruhig +abwartende Augen; er hatte einen Liegestuhl für mich herausgetragen.</p> + +<p>Es blieb mir nichts anderes übrig, als zu beginnen. So sandte ich denn +Pascha mit einer Handvoll Rupien zum Wechseln in die Stadt, denn ich +brauchte Panja als Dolmetscher, auch wäre er wahrscheinlich bis zum Abend +ausgeblieben, um mich dadurch am Erfolg meines Unternehmens zu hindern.</p> + +<p>Der erste der zahlreichen Ankömmlinge war ein kleiner dicker Knabe mit +prachtvollen dunklen Augen und völlig nackt. In der festgeschlossenen +kleinen Faust, die er mir mutig hinreckte und die von Schmutz starrte, +entdeckte ich die Staubreste einer kleinen Motte, die völlig zerquetscht +und aufgeweicht war. Ich verabfolgte eine Anna, um nicht mit einem +verneinenden Bescheid zu beginnen, und der kleine nackte Jäger entfernte +sich mit einem glücklichen Satz, ohne daß er wagte, in den Jubel +auszubrechen, der ihm die Brust weitete. Offenbar hatte er bis zuletzt +nicht an den Erfolg dieses Geschäftes geglaubt. Panja sah ihm nach und +sagte boshaft: „Unterwegs wird er sich lausen, und dann schließt er sich +hinten wieder an.“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_45" id="Page_45">[45]</a></span>Der nächste der Wartenden war ein alter Mann, der in der mageren Hand einen +grünen Beutel aus einem großen Blatt emporreckte, das er oben zuhielt. Es +befanden sich weiße Ameisen darin, von denen mein ganzes Haus wimmelte, und +er war mit der Hoffnung herzugetreten, seine Tiere einzeln honoriert zu +bekommen. Ich wies ihn ab, da legte er sich aufs Bitten und begann die +Schicksale seiner Familie zu erzählen, der es in der Tat nicht gut gegangen +zu sein schien; so gab ich zwei Anna, und er entfernte sich mit einem +mißgünstigen Blick auf meine Münzen, nachdem er mir zwei Ameisen +auszuhändigen versucht hatte.</p> + +<p>Ich kann nicht alles aufzählen, was mir an diesem Morgen an Gewürm, +Fliegen, Ungeziefer und Kerbtieren zugetragen worden ist, es gelang mir, +Indiens Reichtum an diesen Geschöpfen zu ermessen. Eine alte Frau brachte +ein Kücken, das von Ratten zur Hälfte aufgefressen worden war und keine +Federn mehr hatte. Sie hoffte, daß ich es meiner Sammlung einverleiben +würde, weil sie keine rechte Vorstellung von meinen Interessen hatte. Ein +Mädchen, blühend wie der sonnige Morgen, in welchem sie schüchtern vor mir +stand, hatte einen wahrhaft schönen Schmetterling von der Größe eines +Singvogels, orangegelb, mit zartestem Lila an den Rändern, aber er war +zwischen ihren Fingern zerdrückt, wie ein Trambahnbillett in einem +Handschuh. Ich betrachtete das Kind und den unschuldigen Glanz seiner +großen Augen, die mir erschienen wie dunkler Samt in braune Seide gebettet. +Jahrtausendalte Träume brachen aus ihnen hervor, ruhig und traurig, Mohn +und Schlaf. Mich überkam ein jäher Wandel meines Empfindens und eine +Traurigkeit; plötzlich ward ich mir der ganzen Nichtigkeit meines Vorhabens +in beschämender Klarheit bewußt. Wie hatte ich dem Irrtum verfallen können, +zu glauben, daß wir den Herrlichkeiten der Natur dadurch auch nur um ein +Geringes näher<span class="pagenum"><a name="Page_46" id="Page_46">[46]</a></span> kommen, daß wir ihre Erzeugnisse unter Glas und in Kästen +bergen. Ich empfand mich plötzlich als vielfacher Mörder, und vor mir +harrte das Heer der blutigen Krieger ihres Lohns. Da gab ich dem Kinde den +Rest des Geldes, das Pascha mir gebracht hatte, und stand auf, um verkünden +zu lassen, daß meine Ansprüche befriedigt seien, und daß ich keiner +weiteren Insekten mehr bedürfte.</p> + + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_47" id="Page_47">[47]</a></span></p> +<h2> +<a name="kap03" id="kap03"></a>Drittes Kapitel<br /> +Die Nacht mit Huc, dem Affen</h2> + + +<p>Eines Morgens stand auf der Veranda meines Hauses in Cannanore ein brauner +Hinduknabe, der einen Affen auf der Schulter trug. Wie lange er schon dort +gestanden hatte, wußte ich nicht, weil die Eingeborenen bescheiden zu +warten pflegen, bis es dem fremden Herrn gefällt, sie anzureden. Auch wenn +sie annehmen, längst gesehen worden zu sein, harren sie geduldig fort, oft +stundenlang, ob es nun auch gefällt, sie zu beachten. Dieser Umstand hat +mir in der ersten Zeit meines indischen Aufenthalts oft einen nicht +gelinden Schreck eingebracht, denn auch wenn ein Diener des Hauses ein +Zimmer betritt, wartet er still in der Nähe des Herrn, bis er angeredet +wird. Es geschah mir in Bitschapur, wo ich zu Anfang meiner Reise inmitten +alter zerfallener Königsschlösser mein Lager aufgeschlagen hatte, daß ich +nächtlicherweile plötzlich am Schreibtisch den Eindruck gewann, es stünde +jemand hinter mir. Solche Befürchtung ist in der Verlassenheit tiefer Nacht +um vieles beängstigender, als die Gewißheit eines jähen, unerwarteten +Zusammentreffens. Ich weiß noch heute genau, daß ich lange nicht wagte, +mich umzuschauen, und als ich es endlich langsam, Zoll um Zoll, tat und +plötzlich den Umriß einer braunen Gestalt, dunkel in dunkel, hinter mir +gewahrte, emporfuhr, als sei es der Böse selber, der mich heimsuchte. Der +Bote hatte, in der festen Annahme, daß ich längst von seiner Gegenwart +Notiz genommen hatte, bescheiden und geduldig auf meine Anrede gewartet. Da +die Hindus den Tritt nackter Füße, selbst auf einer Kokosmatte, deutlich +hören, begreifen sie nicht ohne Schulung, daß unser Ohr an deutlichere +Beweise einer Annäherung gewöhnt ist. Glücklicherweise erschrak damals der +nächtliche Ankömmling so heftig über<span class="pagenum"><a name="Page_48" id="Page_48">[48]</a></span> meinen Schreck, daß mich ein Lachen +befreite und aus meinem Entsetzen riß.</p> + +<p>Eine große Zahl Berichterstatter aus dem heutigen Indien behaupten in +Büchern und Journalen immer wieder, dies Land sei aller Geheimnisse und +Wunder und aller Mystik längst entkleidet. Wahrscheinlich kennen sie von +Indien nur die neumodischen Hotels. Ich habe den poetischen Glanz der Veden +und den Geist Kalidasas überall gefunden und erst im Lande selbst recht +würdigen und fassen gelernt, und der bedauernden Ernüchterung der modernen +Propheten habe ich nur den Kummer entgegenzuhalten, daß meine Kräfte nicht +ausreichen, von den mystischen Herrlichkeiten und dem geheimnisvollen +Zauber aller Erscheinungen ein rechtes Bild zu geben. Wer allerdings die +Wunder Indiens in der Kunst der Taschenspieler sucht und enttäuscht ist, +wenn ihm keine Gelegenheit geboten ist, auf einem frei hängenden Seil +emporklettern zu können, wird seine Erwartungen nicht erfüllt sehen, aber +er wird nicht nur in Indien, sondern überall in der Welt enttäuscht sein, +wo er glaubt, etwas Rechtes erleben zu können, ohne etwas Rechtes zu sein. +Denn das Mystische ist weder das Dunkle und Unklare, noch das phantastisch +Bedrohliche unverständlicher oder geheimnisvoller Vorgänge, sondern es +umschließt, seiner tieferen Bedeutung nach, viel eher die Gewißheit ewiger +Wahrheiten in ihrem Fortwirken jenseits unserer Erkenntnis.</p> + +<p>Jener Knabe nun, den ich vor meinem Hause fand, bot mir seinen Affen zum +Kauf an, ich erfuhr durch Panja sein Anerbieten und den nützlichen Zweck, +der sich für jeden Garteninhaber mit dem Besitz eines Affen verbinde. „Er +holt die Kokosnüsse aus den Palmen“, erklärte mir Panja. Das kleine, +graubraune Tierchen, das etwa die Größe eines Foxterriers hatte, sah mich +von seinem erhöhten Sitz ruhig aus seinen alten Zügen an. Es war an einer +Kette<span class="pagenum"><a name="Page_49" id="Page_49">[49]</a></span> befestigt, deren Ende einen Ring um seine hageren Lenden bildete. Der Knabe erklärte sich bereit, seinen Affen vorzuführen, und in der Tat +zeigte sich das Tier außerordentlich gut unterrichtet. Kaum war er von +seiner Fessel befreit worden, als er mit großer Geschwindigkeit eine Palme +erstieg, eine große Nuß abdrehte und sich geduldig wieder festlegen ließ, +nachdem die Nuß gefallen war, und er, um vieles langsamer, wieder +niederkletterte. Panja verhandelte mit dem Knaben wegen des Kaufpreises, +und während ich, ohne zu verstehen, die beiden beobachtete, gewahrte ich, +daß eine sichtbare Besorgnis das Gesicht des Hinduknaben betrübte. Er +schien begierig und traurig zugleich. „Er will seinen Affen nur vermieten,“ +erklärte Panja, „das kommt daher, daß er ein Dummkopf ist.“</p> + +<p>Mir schienen die Dinge anders zu liegen; ich bemerkte deutlich, daß der +Knabe heißes Verlangen nach der Kaufsumme trug, die er zu erzielen hoffte, +daß er sich aber schwer für alle Zeit von seinem Affen zu trennen +vermochte.</p> + +<p>„Biete ihm fünf Rupien als Kaufsumme“, sagte ich.</p> + +<p>Panja bot eine. Der Knabe zitterte heftig, denn schon diese kleine Summe, +die nach unserem Geld noch nicht zwei Mark ausmacht, bedeutete ihm einen +großen Schatz. Da die Ergriffenheit des Kindes mich deshalb fesselte, weil +ich deutlich zu fühlen glaubte, daß nicht einzig seine Geldgier ihn +bewegte, gab ich Panja ein nicht mißzuverstehendes Zeichen, daß ich +vorübergehend Gehorsam von ihm forderte. Er wußte, daß ich genug +kanaresisch verstand, um ihn kontrollieren zu können, und sank in eine +Haltung gottergebener Verzweiflung zusammen, die er stets einnahm, wenn ich +meinem Untergang entgegenging, ohne seine Hilfsbereitschaft zu beachten. +„Weshalb willst du den Affen nicht verkaufen?“ ließ ich fragen.</p> + +<p>„Ich habe sonst kein Eigentum“, antwortete das Kind.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_50" id="Page_50">[50]</a></span>„Aber wenn ich dir eine große Summe gebe, so kannst du leicht neue Affen +erstehen. Ich biete dir fünf Rupien.“</p> + +<p>Panja verschluckte sich bei der Summe und mußte sie noch einmal sagen.</p> + +<p>Der Knabe zitterte so heftig, daß ich ihn am liebsten in die Arme +geschlossen hätte. Er sagte zögernd:</p> + +<p>„Es ist kein Affe so gut wie Huc. Aber,“ fügte er schnell und mühsam hinzu: +„für diese große Summe will ich ihn dir geben. Du wirst Huc weder schlagen +noch töten, und wenn du erlaubst, werde ich zuweilen kommen und durch das +Gartengitter schauen.“</p> + +<p>„Weshalb verkaufst du ihn, wenn du deinen Affen liebst?“ fragte ich.</p> + +<p>„Soll ich so was wirklich übersetzen?“ fragte Panja.</p> + +<p>Ich sah ihn an, und er übersetzte meine Worte wie ein Automat.</p> + +<p>„Meine Eltern hungern“, sagte das Kind einfach, ohne Klage und ohne +Anklage. Und im Verlauf des Gespräches erfuhr ich eine merkwürdige +Geschichte, die mich lebhaft fesselte. Der Vater dieses Knaben war von der +deutschen Missionsgesellschaft in einer Weberei, die in Cannanore von den +Missionen unterhalten wird, angestellt gewesen, nachdem er sich zum +Christentum bekehrt hatte. Da er sich aber im Verlauf seiner Tätigkeit +wiederholt Diebstähle hatte zuschulden kommen lassen, war er entlassen +worden. Seine Stammesgenossen, die ihn längst als Abtrünnigen betrachtet +hatten, wollten nun, bei seiner Wiederkehr in ihr Bereich, nichts mehr von +ihm wissen, und er war hier wie dort ein Geächteter geworden und in Elend +geraten. Nun begriff ich wohl, daß man in einer Industrie keine Diebe +gebrauchen kann, aber der Gedanke, ob im Tempel eine Weberei am Platze sei, +erfüllte mich nach dieser Erfahrung mit mancherlei Zweifeln. Die Wechsler +und die Priester werden in keinerlei Gotteshaus zum Segen einander dienlich +sein, am wenigsten in einem christlichen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_51" id="Page_51">[51]</a></span>Ich sollte auf diesem Gebiet noch recht unterhaltsame Erfahrungen machen, +und es stand mir noch bevor, einige dieser Gottesboten kennen zu lernen, +sowie auch den Geist und Wert ihres Wesens. Panja mußte nun zu seiner +Bekümmernis mit dem Knaben einen Vertrag abschließen, nach welchem mir das +Recht auf den Affen Huc für zwei Monate zustand, wogegen ich die Summe von +fünf Rupien im voraus als Gebühr entrichtete. Dem Besitzer stand es zu, +seinen Affen zweimal in der Woche zu besuchen und ihn abzuholen, falls ich +früher als in der ausgemachten Frist Cannanore verließ.</p> + +<p>Das Kind eilte glücklich heim, und Panja kündigte mir den Dienst; dies +hatte aber weiter nichts zu bedeuten, denn er tat es oft. Als ich von +seiner Abkehr keine Notiz nahm, blieb er stehen und sah mich an.</p> + +<p>„Sahib,“ begann er, „du wirst in wenigen Wochen ruiniert sein, und was wird +dann aus mir und meiner alten Mutter, meinen Geschwistern, den Schwestern +meiner Mutter und den Reisfeldern am Purrha?“</p> + +<p>Ich erwiderte höflich:</p> + +<p>„Panja, als ich dir vor wenigen Wochen die zehnte Rupie deines Vorschusses +ausbezahlte, sagtest du mir, deine Mutter sei gestorben, und du brauchtest +das Geld für ihre Bestattung.“</p> + +<p>„Es war meine Großmutter,“ sagte Panja, „soll ich dir von ihr erzählen?“</p> + +<p>„Deine Großmutter starb bei unserer Ankunft in Bitschapur.“</p> + +<p>„Du wirfst alles durcheinander,“ sagte Panja traurig, „nur den Vorschuß +behältst du richtig im Gedächtnis.“</p> + +<p>Diesen Tadel meiner Gesinnung zog ich mir deshalb zu, weil Panjas Vorschuß +doppelt so groß war, als ich gewagt hatte, anzuführen, und ich nahm mir +ernstlich vor, künftig ehrlicher zu sein.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_52" id="Page_52">[52]</a></span>Als ich gegen Abend vom Meer heimkehrte, nachdem ich am Strand der +Fischerstadt ein Boot erhandelt hatte, fand ich Huc in meinem Zimmer. Panja +war nirgends aufzutreiben, und Pascha servierte mir schweigend den Reis am +Ausgang zur Veranda. Ich sah seinen Bewegungen und dem gelassenen Schaffen +des Mannes zu. Er nahm die Tonkrüge mit gekochtem Wasser aus ihren +Bambusschaukeln, in denen sie zur Kühlung geschwenkt werden, trug die +Speisen und Früchte ernst und sorgfältig herzu, alles in kleinen Gerichten +und zierlich verwahrt, Früchte des Zimtapfelbaums, Ingwer, geröstete +Pisangfrüchte und Reis mit Curry und Kokossaft. Ich hatte mich damals +längst an die indische Kost gewöhnt, die in ihrer großen Mannigfaltigkeit +wahrhaft kennen zu lernen wenigen vergönnt ist, denn selbst in den +Hinduhotels bemühen sich die Eingeborenen, den Europäern die Speisen auf +deren Art zuzubereiten. Wer den Reichtum der indischen Früchte kennen +gelernt hat und ihre Art seinen Bedürfnissen anzupassen versteht, ist in +Indien wohl daran und wird diese erfrischende und gesunde Ernährungsart +jeder anderen vorziehen und niemals vergessen.</p> + +<p>Als Pascha die Ananas und die Bananen brachte und die ersten Mangofrüchte, +die noch nicht in Malabar gereift waren, sah er Huc, den Affen, neben den +Speisen auf dem Tisch sitzen und erschrak.</p> + +<p>„Ich werde ihn hinausbringen“, sagte er.</p> + +<p>Aber ich erklärte ihm, daß ich mit Huc sprechen müsse, und er ging still +hinaus. Anfänglich hatte der Affe nur geringes Zutrauen zu mir gehabt und +sich in seiner weichlichen Vorsicht immer wieder zurückzuziehen versucht, +aber bald hatte er herausgebracht, daß ich es gut mit ihm meinte, und in +seiner scheinbar so nachlässig abwartenden Art betrachtete er mich und nahm +zögernd mit matter, immer ein wenig hängender Hand, was ich ihm darbot. Er<span class="pagenum"><a name="Page_53" id="Page_53">[53]</a></span> +hatte großes Mißtrauen gegen die Menschen, der Arme, denn einem gefangenen +Affen ist in Indien kein gutes Los beschieden, er muß den Haß und die +Verachtung erleiden, die seinen räuberischen Gefährten gelten. Jeder +Vorübergehende vergnügt sich eine Weile damit, an dem Gefangenen einen Teil +seines Zornes auszulassen, den seine Brüder in der Freiheit mit ihrem +frechen, spöttischen Wesen, in der Sicherheit ihrer Palmenkronen, +heraufbeschworen haben. Am schlimmsten aber setzen die Kinder ihm zu, deren +gedankenlose Grausamkeit in keinem Lande schlimmer ist, als in Indien, da +die Verdorbenheit der Gesinnung und des Blutes schon früh hinzukommt; und +wieviel gilt in Indien das Leben eines Affen, wo kaum das Leben eines +Menschen etwas gilt. Der Knabe, der mir Huc gebracht hatte, bildete in +seiner Stellung zu dem Tier eine Ausnahme.</p> + +<p>Die Abendsonne schien noch. Da ich im Garten eine schmale Bresche in das +Dickicht hatte schlagen lassen, so war nun ein Ausblick auf das Meer +hinüber möglich, aber ich sah nur die Hochebene, hinter der es atmete, +spürte seinen kühlenden Hauch und vernahm sein gedämpftes Dröhnen an den +Felsen. Auf der Höhe der Ebene erblickte ich die Silhouetten zweier Palmen, +deren eine kerzengerade emporstieg, während die andere sich demütig in +einem sanften, ebenmäßigen Bogen zur Seite neigte. Fein und schwarz, wie +mit Kohle gezeichnet, sah ich diese zierlichen Figuren in der Ferne gegen +das Ampelrot des Abendhimmels, sie erhoben sich in der Melodie des Meeres +mitten auf jenem Wege in die Freiheit des Himmels, den meine Augen nun +Abend für Abend nahmen, so lange ich in Cannanore weilte. Lange noch, +nachdem ich die Stadt verlassen hatte, erschien oft dies Bild unter meinen +geschlossenen Lidern und mit ihm die verlorenen und versunkenen Gestalten +meines in<span class="pagenum"><a name="Page_54" id="Page_54">[54]</a></span>dischen Lebens, dessen Herrlichkeit kein irdischer Mund wird +nennen können. Im Getriebe der tobenden Großstädte Europas, mitten im +Straßengetümmel, in erleuchteten Sälen unter schwatzenden und lachenden +Menschen, oder in der einsamen Ruhe meines nächtlichen Arbeitsraums +erscheint mir bisweilen noch dies einfache Bild, und mit ihm ersteht die +große Melodie des Ozeans und der Ruf des Wassers an den dunklen Felsen. Das +unstillbare Heimweh nach der Fremde liegt darin beschlossen und ein großer +Friede.</p> + +<p>Die Nacht sank nieder, aber Huc tat deutlich den Wunsch kund, noch in +meiner Nähe zu verweilen, und ich ließ es zu, da mich ohne Aufhör das +merkwürdig beklemmende Bewußtsein gefangenhielt, daß wir einander in Rede +und Antwort noch vieles schuldig seien. Kein Lebewesen der Schöpfung löst +in so hohem Maße den Hang zur Nachdenklichkeit über sich selbst in uns aus, +wie der Affe. Während ich langsam ein Glas des schweren indischen Palmweins +nach dem andern meiner isolierten Seele gönnte, zog der gewohnte Reigen +meiner Traumgestalten, von Weinlaub bekränzt, an meinen Augen vorüber, und +langsam verlor mein Herz die Kraft des Alltags, um sie gegen eine bessere +und höhere Kraft einzutauschen, die keine irdischen Erweise ihrer Gewalt zu +geben vermag. Während dieser Stunde saß Huc still und nachdenklich vor mir +und betrachtete mich geduldig. Seine merkwürdig zarten, hellgrauen +Augenlider, die an dünnen Guttapercha erinnerten, hoben sich nur selten +über die Hälfte des scheinbar ermüdeten Auges empor, und die dunklen +Greisenhändchen mit den schwarzen Nägeln führten ein schläfriges und +gesondertes Leben, von dem seine Gedanken nichts zu wissen schienen.</p> + +<p>„Huc,“ sagte ich zu ihm, „mein geliehener Affe, der Gang, den das +menschliche Herz antritt, wenn es sich ohne Gesellschaft den beschwingten +Führungen des Weins anvertraut, ist überall in der<span class="pagenum"><a name="Page_55" id="Page_55">[55]</a></span> Welt der gleiche, nur +im Grad voneinander unterschieden, aber in seiner Art wie die Gemeinschaft, +derer alle teilhaftig werden, die sich unter die Segnungen eines Sakraments +stellen. Ist es nicht zuerst, als träten die Sorgen des Alltags einen +stillen Rückzug an, daß unser Gefühl erstaunt und sehr erfreut nach der +Ursache dieser Flucht forscht? Auf der nun begrünten Walstatt ihres +quälenden Aufenthalts erhebt sich der freundliche Engel unserer Hoffnung, +der, ohne unsere Augen zu blenden, in feierlicher Weise das Schönste +unserer Zukunft zur Gewißheit macht, so daß wir unvermerkt und heimlich am +Ziel unserer Wünsche angelangt sind. Aber so ist es mit uns, Huc, an diesem +Ziel wird uns plötzlich traurig zumute, weil es solcher Gestalt Guten, wie +der Wein sie aus uns macht, nicht wohl tut, ohne Verlangen zu sein, es +entsteht uns aus dem erreichten Ziel nicht mehr als ein Ausblick auf ein +neues. Und mit der zugleich schmerzvollen und doch seligen Ahnung, daß es +immer so bleiben wird, erwacht in unserm Herzen das Heimweh nach einem +bleibenden Gewinn.“</p> + +<p>„Prost“, sagte Huc.</p> + +<p>„Du mußt mich jetzt nicht stören“, antwortete ich in jener Bekümmernis, in +die leicht Leute geraten können, die ihre Gedanken viel wichtiger nehmen, +als sie sind, und die deshalb glauben, man wollte sie ablenken, wenn man +ihre Ergriffenheit nicht teilt. „Huc, wir müssen nun sehen, wo dieser Trost +zu finden ist, und in welcher Gestalt er einhergeht. Er taucht aus dem +Grund unseres Glases hervor, aus dem Schatten des Kelchs und wird zum +Bildnis einer Frau auf seinem goldenen Spiegel.</p> + +<p class="poem"> +Alles was wir gern geglaubt<br /> +strahlt aus seinem Grund,<br /> +Jesu schmerzgeneigtes Haupt<br /> +und der Liebsten Mund.“ +</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_56" id="Page_56">[56]</a></span>„Keine Verse, bitte“, sagte Huc.</p> + +<p>„Vergib,“ antwortete ich, „es kommt zuweilen vor, ohne daß man es +beabsichtigt, aber ich begreife, daß die Wesen selten sind, die erkennen +können, daß man die Dinge wahrhaft schön nur in Versen sagen kann. Sieh +nun, Huc, das Bildnis dieser Frau gleicht dem keines dieser Wesen, die wir +kennen, die Schönheit und Milde dieses Angesichts ist niemals in der Welt +zu finden, und darin liegt sein unnennbarer Trost. Aus dem Grund ihrer +Augen erstrahlen das unvergängliche Leben und der irdische Schlaf, und vom +Schlaf steigen liebliche Schleier empor, wie der Duft des Jasmins in der +Sommernacht, und legen sich über unsere Augen, so daß wir in Ruhe +versinken, als hätten wir uns nichts gewünscht, als diese gnädige Ruhe.“</p> + +<p>„Ein Asket bist du also nur,“ antwortete Huc, „weil der Weg dorthin mit +einer Reihe genußreicher Annehmlichkeiten verbunden ist.“ Er fuhr sich +rasch mit der Hand über die schmalen Lippen seines großen Mundes, der wie +in eine dunkle Halbkugel eingeschnitten war, und ließ dann mit +hochgezogenen Brauen die Hand wieder sinken, als habe er sie vergessen. +„Gib einen Schluck her“, fuhr er fort und zog die Schultern hoch, wobei +sein Kopf vorrückte und mir so groß erschien wie ein Menschenkopf. Er trank +vorsichtig, leckte sich umständlich die Lippen und atmete so schmerzvoll +auf, wie nur Menschen aufatmen können.</p> + +<p>Es war eine Weile still zwischen uns, die nächtlichen Geräusche der Natur +drangen gedämpft zu uns herein und das leise, heimliche Sausen der +reisenden Erde. Da legte Huc die welke Hand auf die Gegend seines Herzens +und sagte einfach:</p> + +<p>„Ich bin schwindsüchtig und werde nicht mehr lange leben, ich will dir von +den Wäldern erzählen. Viel kann ich nicht sagen, denn die Schönheit der +Wälder ist so groß, daß die Gedanken und Worte<span class="pagenum"><a name="Page_57" id="Page_57">[57]</a></span> darüber zu Träumen werden, +je näher sie der Wahrheit kommen. Denke nicht, meine Krankheit betrübte +mich, nur armselige Wesen leiden an ihrem Leibe, alle Schmerzen des Körpers +und seine Hinfälligkeit sollte man nur mit einem Lächeln hinnehmen.“</p> + +<p>„Ich bin erstaunt über deine Weisheit, Huc“, sagte ich.</p> + +<p>„Wie hochmütig du sein mußt, um darüber zu erstaunen“, antwortete Huc ohne +Eifer. „Ihr Menschen habt verlernt, in den lebendigen Wesen der Schöpfung +den Schöpfer zu ehren, und ihr überschätzt eure Eigenschaften so sehr, daß +ihr darüber diejenigen aller anderen Wesen belächelt. Aber wir sind alle +auf dem gleichen Wege, und wenn wir Sinne hätten die Zeit zu ermessen und +sie in Vergangenheit und Zukunft zu überschauen vermöchten, würden wir +ehrfürchtiger sein, bescheidener und frömmer. Gib einen Schluck her.“</p> + +<p>Ich reichte ihm das Glas, das er mit beiden Händen nahm und langsam mit +geschlossenen Augen leerte.</p> + +<p>„Alle guten Menschen haben den Hang, den Tieren in ihrem Gehabe und Wesen +zuzuschauen,“ fuhr Huc ruhig fort, „es regt ihre Ahnungen einer zukünftigen +Vollendung in Rührung und ungewissem Glauben an; andere sind schon viel +weiter und lernen es, die Eigenarten der Pflanzen zu bewundern, die, +obgleich sie sich von denen der Tiere unterscheiden, doch nicht weniger +mannigfaltig sind; wann aber werdet ihr das Leben der Steine beachten? Die +Menschen haben die Geduld verloren. Ich habe lange unter ihnen leben müssen +und darunter nicht nur gelitten, wie du meintest, als du mich ausliehst, +sondern ich habe auch gelernt. Ich habe ihre Häuser und Städte kennen +gelernt, bin auf Schiffen die Küste entlang gefahren, so daß die Wälder an +den Ufern mir wie feine blaue Nebelstriche erschienen, sogar eine +Eisenbahnfahrt habe ich gemacht, so daß ich weiß, worauf ihr stolz seid. In +der Gesellschaft<span class="pagenum"><a name="Page_58" id="Page_58">[58]</a></span> mit Menschen habe ich mir meine Krankheit zugezogen, denn +ich habe in Regen und Wind und in der furchtbaren Sonne ohne Schutz auf +meinem Pfahl zubringen müssen, an den ich mit einer Kette angeschlossen +war. Du wirst mein letzter Herr sein. Prost!“</p> + +<p>Ich holte ein zweites Glas für mich herbei und schenkte uns beiden aufs +neue ein. Huc saß still mit seinen alten, nachdenklichen Augen dicht vor +mir auf dem Tisch, so daß unsere Stirnen etwa in gleicher Höhe waren, +zwischen zwei glänzenden Flaschen im Kerzenlicht. Eine Weile spielte er mit +dem farbigen Stanniol, zerriß es und roch daran. Als er es endlich aus den +Händen fallen ließ, als habe er nie Interesse daran bekundet, zweifelte ich +wieder für einen Augenblick an seiner Bedeutung.</p> + +<p>„Du bist doch nur ein Affe“, sagte ich, und raffte mich auf wie aus einem +Traum.</p> + +<p>Huc zog seinen langen Schwanz melancholisch durch die Hand, hielt endlich +das Ende fest und fragte, das runde Maul mit einem Ruck auf mich zustoßend:</p> + +<p>„Wieviel hast du eigentlich schon getrunken?“</p> + +<p>Ich entschuldigte mich beschämt; so war also Huc doch im Recht, wie ich +gleich anfangs angenommen hatte, als er mich von der Schulter seines jungen +Herrn aus mit seinem unbeirrbaren Ernst und seiner versunkenen +Überlegenheit angesehen hatte. „Erzähle von den Wäldern“, bat ich.</p> + +<p>„Ich meine oft,“ begann Huc ruhig, „ich kenne die Wälder erst, seit ich sie +habe verlassen müssen, weil ich mich von jenem Tage an, Stunde für Stunde, +bis tief in meine Träume hinein habe mit ihnen befassen müssen, und darüber +habe ich auch erfahren, daß das Geliebte erst recht unser Eigentum zu +werden scheint, wenn wir es verloren haben. Alles Kleine ist dahingesunken, +und mir ist nur ein einziges strahlendes Bild von herrlicher Freiheit im +Gemüt<span class="pagenum"><a name="Page_59" id="Page_59">[59]</a></span> zurückgeblieben, es ist verwoben mit dem weißen Licht des Mondes +über dem Blätterdach der Bäume, mit dem Spiel des Sonnenscheins im frischen +Grün, mit dem Lied der Nachtigall am Wasser und dem Geruch der Blüten, +deren es so viele gibt, wie unsere Sinne nur immer an Farben und Gestalten +ersinnen können. Du wirst länger leben als ich, so will ich dir die +Sehnsucht nach den Wäldern als Erbteil zurücklassen, bewahre sie.“</p> + +<p>Ich hob mein Glas, um es als Zeichen der Bestätigung aufs neue zu leeren, +aber Huc trank nicht mehr mit. Er schmiegte sich an die eine Flasche, die +nur um weniges kleiner war als er, als könnte ihr buntes Funkeln im +Kerzenschein ihn wärmen, und sprach eintönig und scheinbar ohne +Begeisterung weiter, seine Züge lächelten weder, noch verrieten sie Trauer.</p> + +<p>„Es war an einem Frühlingsmorgen, als ich in Gefangenschaft geriet, meine +Heimat liegt weit von hier, in den Dschungeln von Mangalore, der alten +Priesterstadt am Meer. Ich geriet auf einem Reisfeld in eine Schlinge, die +von den Menschen gelegt worden war, und ergab mich in mein Geschick, als +ich merkte, daß das Hanfseil unzerreißbar war, das sich mir um Arm und +Schultern gelegt hatte. Zwei Knaben schleppten mich in eine armselige +Hütte, die aus Lehmwänden und Palmblättern zwischen den hängenden Wurzeln +eines wilden Feigenbaums errichtet worden war. Es roch nach Sandelholz und +verbranntem Kuhmist und war so dumpf und dunkel, daß ich lange Zeit wenig +erkannte. Als ich nach der ersten Nacht am Morgen erwachte, sah ich den +Sonnenschein auf den Bananenblättern vor dem engen Fenster und dachte an +die Gefährten in der Freiheit, die sich nun, wie einst auch ich, auf den +Wipfeln der Arekapalmen im Morgenwind schaukelten und den Kranichen +zuschauten, die auf den Sandinseln im seichten Wasser des Flusses standen +und fischten. Wenn ich meine Augen schloß, so hörte ich<span class="pagenum"><a name="Page_60" id="Page_60">[60]</a></span> das Wasser +rauschen und die Stimmen der Schilfpflanzen am Ufer. Ich hörte die Lockrufe +der Wildtauben aus den dichten Lauben des Gehölzes dringen und sah den +Panther durch das Ried schleichen, um zu trinken. Er bewegte sich zwischen +den Sonnenspeeren und Schattenstrichen des hohen Schilfs, als spielten +Sonne und Wind mit Schatten und Licht, und niemand erkennt ihn, wenn ihn +sein heiseres Keuchen nicht verrät, oder sein dampfender Atem, der von dem +Blutgeruch seines nächtlichen Raubs schwer ist. Hoch über mir sang der +Milan seinen hellen Jagdruf im Blauen, nach Beute ausspähend, wie von Gold +übergossen schwebte er klein und selig in der kühlen Morgenhöhe, über dem +wilden, grünen Meer des Dschungels. Ich saß Schulter an Schulter mit den +Gefährten in der rötlichen Frühsonne in der Höhe, atmete die herrliche Luft +ein und fühlte die schweigsamen Bewegungen der unzähligen Pflanzen unter +mir, die sich gegen die Sonne emporreckten. Du würdest lernen, das +leidvolle und süße Geräusch der aufbrechenden Blumen zu hören, wenn du mit +mir im Urwald gelebt hättest, du könntest den Duft des ersten Aufbrechens +vom Hauch des Verblühens unterscheiden, und das wollüstige Drängen, das +sehnsüchtige Keimen, und die Hingabe dieser Geduldigen, in der Lust und Not +ihres Frühlings Erzitternden.</p> + +<p>Aber was ist euch Alltäglichen nicht alles wichtig und wie vielerlei +Geringfügiges setzt ihr höher an, als die beschauliche Gemeinschaft mit dem +Leben der großen Natur. Wir Affen gelten bei euch als ein unnützes +gedankenloses Volk, das nichts Gescheites zustande bringt und seinen Tag +vertändelt. Aber wieviel wißt ihr vom Glück unseres freien Daseins in der +Sonne oder im Mondglanz in der weißen, gärenden Nacht, von unserer +Gemeinschaft mit dem unschuldigen Geschick der tausendfältigen Geschöpfe +der Natur? Glaubst du, wir gäben nicht für eine einzige Stunde<span class="pagenum"><a name="Page_61" id="Page_61">[61]</a></span> friedvoller +Gemeinschaft mit den Glücklichen des Waldes den ganzen Tand dahin, um +dessentwillen ihr euch euren hastigen Tag hindurch so wichtig gebärdet? Die +Wahrheit, daß wir euer Wesen nicht haben, schließt uns vom irdischen +Daseinsglück nicht aus, und habt ihr denn in der Zeitlichkeit ein anderes +Ziel als das Glück? Ihr verlacht uns, wenn ihr uns unsere Freiheit genommen +habt, und vergeßt, daß wir ohne sie nichts mehr sind. Nur im Glück lernt +man ein Wesen wahrhaft kennen, denn das Glück ist die Vorbedingung zum +wohlabgewogenen Selbstbewußtsein, und aus dem Selbstbewußtsein kommt alles +Große.“</p> + +<p>„Was ist denn von euch Affen Großes gekommen?“ fragte ich.</p> + +<p>Huc zog die Achsel hoch, und sein Gesicht wurde grau und alt, als wären +Jahrtausende über diese Züge dahingegangen; er bekam etwas von einer +ägyptischen Mumie und zugleich etwas schwermütig Tierhaftes von +unbeschreiblich drohendem Ernst.</p> + +<p>„So kann nur ein Mensch fragen,“ sagte er matt. „Immer noch glaubt ihr, der +Natur etwas hinzufügen zu können, und meint, etwas erschaffen zu müssen, um +bestehen zu bleiben. Euer ewiger Bestand hat nichts zu tun mit euren +Werken, und solange ihr glaubt, euch im Streben Erlösung zu sichern, +beweist ihr nur, daß ihr nicht wißt, was Erlösung ist. Das Große, das dem +rechten Selbstbewußtsein entspringt, ist nicht Werk von Menschenhand, +sondern die Liebe zu allem Erschaffenen der Natur.“</p> + +<p>„Was weißt denn du von Gott, du Affe!“ sagte ich.</p> + +<p>„Es kommt nur darauf an, daß Gott etwas von mir weiß,“ antwortete Huc, „und +er tut es. Unglücklich sind nur diejenigen, derer Gott sich nicht +erinnert.“</p> + +<p>„Das ist wahr, Huc, das ist wahr, ich habe dir unrecht getan, Huc.“</p> + +<p>„Nun fängst du gar an, mir zu glauben,“ entgegnete der Affe<span class="pagenum"><a name="Page_62" id="Page_62">[62]</a></span> melancholisch, +„nichts könnte mich mehr an der Wahrheit meiner Worte irre machen.“</p> + +<p>Huc hatte nun einmal keine gute Meinung von mir, ich weiß nicht, wodurch +ich sein Mißfallen erregte, vielleicht dadurch, daß ich zu viel Palmwein +getrunken hatte.</p> + +<p>„Erzähle von den Wäldern,“ bat ich, „über Gott soll man nicht streiten, +kein Weiser streitet über Gott.“</p> + +<p>„Das wäre für dich ein Grund, es zu tun“, sagte Huc, öffnete sein Maul ein +wenig, so daß ich seine Zähne blinken sah, und es erschien mir plötzlich, +als lauerte eine erschreckende Bosheit hinter seinen Zügen.</p> + +<p>Es ergriff mich über dieser Wahrnehmung ein unbeschreiblicher Zorn, dessen +Ursprung gewiß nicht allein in diesem heimlichen Hohn des Tieres zu suchen +war, sondern vielmehr in jener an Wut grenzenden Beschämung, in welcher man +das Gebäude einer falschen Gotterkenntnis unter den einfältigen +Liebesansprüchen der Natur zusammenbrechen fühlt. In Besinnungslosigkeit +und Verblendung ergriff ich jählings eine der Flaschen, packte sie am Hals +und schwenkte sie hoch durch die Luft, um sie mit einem wuchtigen Schlag +auf Hucs kahlem Schädel zu zerschmettern. Die Scherben stoben in einem +bunten Regen nach allen Seiten auseinander und ich glaubte einen dunklen +Schatten davonhuschen zu sehen, als ich die von einem jähen Licht +geblendeten Augen öffnete.</p> + +<p>Da erkannte ich, daß draußen die Morgensonne auf die Blätter schien, und +daß ich in der Nacht am Tischrand auf meinen Armen eingeschlafen war. +Bestürzt und benommen sah ich mich um, denn das Klirren des Glases lag mir +so deutlich im Ohr, daß kein Zweifel darüber herrschen konnte, daß eine +Flasche zerschlagen war. Da erkannte ich, daß ich im Schlaf ein Glas vom +Tisch gestoßen hatte,<span class="pagenum"><a name="Page_63" id="Page_63">[63]</a></span> am Boden blinkten die Scherben im Morgenlicht, und +vom halbgeöffneten Fenster her wehte es kühl herein und brachte das +Geschrei der Sittiche aus den Mangobäumen mit sich. Ich raffte meine +erstarrten Glieder mühselig auf, eins nach dem andern, und gähnte über die +stille dunkle Weinlache hin, die den Tisch zierte, und in der meine Zigarre +jämmerlich ertrunken war. Immer noch ein wenig betäubt, bückte ich mich +endlich nieder, um Hucs Leiche aufzulesen, aber ich fand den Affen +nirgends. Da fiel mein Blick auf das ungeschlossene Fenster, und mit leisem +Schreck begriff ich Hucs Geschick. Ich trat, nicht ohne einen Anflug von +Altersschwäche, mit geraden Beinen und etwas krampfhaft geschwenkten Armen +auf die Veranda hinaus und richtig fand ich Huc auf dem Gipfel einer +Papeiapalme. Es sah aus, als säße er auf seinen Händen, dabei schaukelte er +sich seelenvergnügt nach besten Kräften, und auf meinen Zuruf hin schaute +er nieder, zog den Kopf zwischen die Schultern und zeigte mir fletschend +die Zähne, als verlachte er mich. Aber bald wurde ich ihm gleichgültig, er +blinzelte in die rote Morgensonne hinein, ließ den Zweig ausschwanken, wie +er wollte, legte den kleinen, klugen Menschenkopf in den Nacken und schloß +vor Lebensseligkeit die Augen.</p> + +<p>Als ich ins Zimmer zurückging, stand Panja in der geöffneten Tür, die Hände +auf dem Rücken, morgenfrisch und ausgeschlafen stand er da, den sauberen +Turban auf dem kohlschwarzen Strähnenhaar, und seine Augen wanderten mit +unaussprechlichem Ausdruck von der umgestoßenen Weinflasche bald zu den +Scherben am Boden, bald über meine arme Gestalt hin, die in der Tat der +Frische und Schwungkraft entbehrte.</p> + +<p>„Sahib…“, sagte er und stemmte die Hände in die Hüften.</p> + +<p>Ich will den Ausdruck seines Gesichts nicht schildern, es ist eine +unangenehme Erinnerung für mich. Nun wird er nach dem Affen<span class="pagenum"><a name="Page_64" id="Page_64">[64]</a></span> fragen, dachte +ich, aber es geschah nicht. Panja war seit dieser Nacht, nach welcher er +Elias allein in meinem Bett gefunden hatte, davon überzeugt, daß selbst er +mir nicht zu helfen in der Lage sei. Er sagte nur in einer ganz +abscheulichen Überlegenheit, die ich ihm nicht vergessen werde:</p> + +<p>„Sahib, es ist ein Fischer draußen, der dir sagen läßt, der Ostwind sei +gekommen, und dein Boot sei für die Meerfahrt bereit.“</p> + + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_65" id="Page_65">[65]</a></span></p> +<h2> +<a name="kap04" id="kap04"></a>Viertes Kapitel<br /> +Am Silbergrab des Watarpatnam +</h2> + + +<p>Es wurde von Tag zu Tag heißer, ich schlief in der Mittagsstunde mit der +Zigarre in der Hängematte ein, erwachte unfroh und matt, und auch die +Bücher blieben oft tagelang, immer die gleiche Seite aufweisend, offen auf +dem Schreibtisch liegen. Mein Entschluß zu reisen, stand fest, ich +studierte die recht unvollständigen Karten, war aber schon entschlossen, +den Weg nach Norden durch die Flußniederungen der Küste zu machen, obgleich +die Ströme noch reich an Wasser waren und das Land teilweise überschwemmt +hatten. Die Offiziere der englischen Garnison, deren einige ich +kennengelernt hatte, rieten mir ab, aber sie verstanden meine Absichten +nicht, und wenn sie des Glaubens waren, daß mir daran gelegen sei, rasch +und bequem voranzukommen, so hatten sie recht. Immerhin hatte ich in etwa +vierzehn Tagen alle Vorbereitungen getroffen, der Ochsenwagen war gedungen, +Proviant für zwei Monate war herbeigeschafft, und eines Morgens brachte mir +ein Knabe die Nachricht, daß in Tschirakal am Seeufer die Boote auf uns +warteten.</p> + +<p>Der Watarpatnam und der Ponani sind, im Norden und Süden Malabars ins Meer +einmündend, die größten Ströme des Landes. Der Watarpatnam bildet, wie die +meisten Flüsse der Westküste, vor seiner Einmündung ein gewaltiges +Seenbecken, in welchem sich die Meerflut durch einen schmalen Ausfluß mit +seinen Wassern verbindet. Die einzelnen Flußmündungen dagegen sind unter +sich, mitsamt ihren Seen durch Kanäle verbunden, die vor der Zeit der +Kämpfe Tippu Sultans mit den Engländern, dieser ebenso umsichtige wie +grausame Fürst anlegen ließ, um den Handel zur Zeit der Monsunstürme, die +die Küste unbefahrbar machen, in den<span class="pagenum"><a name="Page_66" id="Page_66">[66]</a></span> Meerstädten keine Unterbrechung +erleiden zu lassen. Heute, wo der Hauptküstenhandel durch die Dampfschiffe +besorgt wird, ist diese herrliche Wasserstraße durch die Seeniederungen und +den Urwald fast vergessen worden. Die Kanäle sind zum Teil durch die +Anschwemmungen der Regenzeit versandet, oder das leidenschaftliche Wachstum +seiner Ufer hat sie völlig eingesponnen.</p> + +<p>Panja war in bester Laune, seit ich meinen Entschluß kundgetan hatte, die +Stadt zu verlassen, denn er liebte Cannanore nicht und wünschte sich, mit +mir in Gebiete zu kommen, in denen wir allein herrschten. Als er von den +Wegen hörte, die ich zu machen gesonnen war, kratzte er sich froh und +nachdenklich im Nacken und sah mich geistesabwesend von der Seite an; heute +weiß ich, daß er vielleicht manches besser überschaute, was unserer +wartete, als ich, und daß es ihn heimlich erfreute, mich bald in großer +Abhängigkeit von sich zu wissen. Er leitete die Vorbereitungen mit viel +Umsicht, und aus mancher Anschaffung, die er entschlossen und selbständig +machte, gewann ich langsam einen Einblick in die Schwierigkeiten, die es zu +überwinden galt. Er vertauschte meine letzten Lederkoffer mit solchen aus +Eisenblech, und eine Mauer von Blechbüchsen verschwand im Gepäckwagen, er +riet mir, meine Waffen nicht zur Schau zu tragen, sie aber wohl zu rüsten, +da die Mohammedaner uns rudern würden.</p> + +<p>Ich wußte damals noch nicht, wie weit seine Befürchtungen angebracht waren, +aber es war mir bekannt, daß vielerlei Gesindel der Hinduwelt nur deshalb +zum Islam übertritt, um die größeren Freiheiten dieser Lehre zu genießen. +Die Mohammedaner bilden in den Westprovinzen eine entschlossene und geeinte +Gesellschaft, von der England größere Gefahr droht, als von den Anhängern +des Hinduismus, der durch den Kastengeist hundertfältig gespalten und in +die verschiedensten Interessengebiete zergliedert ist.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_67" id="Page_67">[67]</a></span>Sonst verriet unsere Expedition eher die Friedlichkeit, als die Gefahren +des Landes, die nicht von den Menschen kommen, und ich erinnerte mich, +vergleichend, einer anderen Ausfahrt in die Wildnis, die in meiner +Gegenwart für den Sudan ausgerüstet wurde. Damals starrte das bunte Lager +von Waffen und Todesbereitschaft, die glänzenden Riesengestalten der Neger +verbreiteten das heimliche Grauen vor ihren blutdürstigen Brüdern im +Innenlande, und mit den Schwingen der Aasgeier, die den Ausgangsort der +Expedition umkreisten, rauschten in der Luft die Fittiche des Todesengels, +dessen furchtbare Züge die Seuchen Afrikas und den Blutdurst in +Fieberschwüle ausstrahlten. Viel später, als ich längst nach Europa +zurückgekehrt war, erfuhr ich, daß von jener Gesellschaft nicht ein +Einziger in die Heimat zurückgekehrt sei, der letzte Name ist in einem +Krankenhaus von Genua verklungen, in das ein fiebernder Straßenbettler +eingeliefert wurde, der, aller Mittel beraubt, und von einer furchtbaren +Krankheit zerfressen, den Versuch gemacht hatte, seine deutsche Heimat von +Neapel aus zu Fuß zu erreichen.</p> + +<p>Die Gefahren Indiens haben dagegen wenig mit dem Charakter der +Urbevölkerung zu tun, denn seine Menschen sind friedliebend und ergeben, +sie töten nicht und sind seit Jahrtausenden gewohnt, beherrscht zu werden. +Abgesehen von den durch politischen Fanatismus aufgewühlten Leidenschaften +und ihren von Rachgier, Haß und Herrschsucht entfesselten Unbillen, sind +die europäischen Reisenden im größten Teil des Landes vor den Eingeborenen +sicher; gäbe es nicht die Gefahren des Fiebers, der wilden Tiere und der +Pest, so wäre das heutige Indien für die, welche um ihr Leben besorgt sind, +weit weniger gefahrvoll, als die Umgebung unserer europäischen Großstädte +bei Nacht. Indiens Gefahren, seine Einflüsse und geheimnisvollen Mächte +walten in anderen<span class="pagenum"><a name="Page_68" id="Page_68">[68]</a></span> Regionen des Seins, als dort, wo das Messer oder die +Büchse über Wohl und Wehe entscheiden. Indien wird kaum jemand gefährlich +werden, dessen Ansprüche nicht über die Erhaltung seines leiblichen Lebens +hinausgehen, aber sein dämonischer Geist trifft das Mark der Seele dort +inmitten, wo ihr Flug die großen Fragen allen Seins und die Höhen des +Menschenbewußtseins zu erstürmen sucht. Der alte Geist des ewigen +Gottreichs lähmt mit der unfaßbaren Stille seines himmlischen Triumphs +allen zornigen Eifer des Kampfes und der Forschung, alle Jugend im Streit +um die Erkenntnis und die Frische jeder Tat im Geist. Es ist alles gewesen.</p> + + +<p class="poem"> +Erkenntnis ist es, welche Opfer zeitigt,<br /> +Erkenntnis nur vollzieht die heiligen Werke,<br /> +die Götter auch, im Licht, allein verehren<br /> +als Brahman, als das älteste, die Erkenntnis.<br /> +Und wer begreift als Brahman die Erkenntnis,<br /> +und wer sich nicht mehr ab vom Brahman wendet,<br /> +streift schon im Leibe alle Übel von sich,<br /> +und alle Wünsche werden sich erfüllen. +</p> + + +<p>Den Himmelswelten der Upanishad und ihrem Licht ist kein Geistesstrahl +fremd, der ihr aus der Erkenntniswelt unserer Kulturen entgegenbricht, es +gibt nur Einkehr in Gehorsam und Stille oder eine ruhlose Umkehr, und +überall in Indien träumt ihr Friede über all den lebendigen und erstorbenen +Wesen seines Schaffens und Wandelns. Ein altes Sprichwort sagt, daß, wer +ohne Geduld nach Indien ginge, sie dort bald lernte, daß aber jeder, der +mit Geduld gewappnet einzöge, sie dort verlöre. Dieses Wort läßt sich +leicht, auf äußerliche Dinge angewandt, gleichmütig zu den Anekdoten +rechnen, aber sein tieferer Sinn trifft auf das alte Geisteswesen der +Jahrtausende zu, das überall waltet. Auf den Wegen Indiens hockt der Geist +der Menschheit mit grauen Haaren und jungen Augen,<span class="pagenum"><a name="Page_69" id="Page_69">[69]</a></span> mit einem stillen +Triumphlächeln in den Zügen, über seine eingeäscherten Völker und über den +törichten Lichteifer der neuen Geschlechter. Niemand, in dessen Gewissen +der alte Schuldgedanke der Menschheit brennt, kommt an ihm vorüber, nur die +leuchtenden Augen der Kinder sind vor seinem Anblick gefeit und die +erbarmungswürdige Selbstsicherheit der Pharisäer.</p> + +<p>Es war zweifellos zum guten Teil mein seltsamer Traum von Huc, dem Affen, +gewesen, der mich hinaustrieb in die unberührte Natur, die Mutter des +Glaubens und der Klarheit für alle Aufrichtigen. Wer will ermessen, ob +unsere Träume unsere Gedanken anzuregen vermögen, wie in einer unschuldigen +Selbsttätigkeit des Gehirns, die an wunderreiche Offenbarungen erinnert, +oder ob nur unsere Gedanken unsere Träume zu befruchten vermögen? Damals +erschien es mir, als läge ein ganz neues Evangelium der Weltanschauung in +Hucs schlichter Meinung, daß alles Große des Erdendaseins uns allein aus +unserer Liebe zu allem Erschaffenen der Natur erwachsen könnte. Daneben +blieb mir der Satz im Sinn: Euer ewiger Bestand hat nichts zu tun mit euren +Werken, und solange ihr glaubt, euch im Streben Erlösung zu sichern, +beweist ihr nur, daß ihr nicht wißt, was Erlösung ist.</p> + +<p>Solcherlei Gedanken waren es, die mich mit Ruhlosigkeit erfüllten und +dahintrieben, als gelte es, das Herz des alten Reichs im Rauschen der +Ströme und Bäume des Landes zu finden, im Himmelsblau über den Wildnissen +des Dschungels, im Gebaren seiner Geschöpfe, seien es nun Menschen, Tiere +oder Pflanzen, und in der strahlenden oder gärenden Flut des Sonnenlichts +über dem jahrtausendalten Wandel und der geduldigen Wiederkehr, die alle +miteinander in innigstem Verein das Brahman geboren zu haben schienen, als +höchsten Anspruch und endliche Erfüllung.</p> + +<p>So trieben mich die glücklichen Irrtümer meiner Jugend, wie sie<span class="pagenum"><a name="Page_70" id="Page_70">[70]</a></span> Millionen +vor mir erhöht oder erniedrigt, befreit und gefesselt, gesegnet, verdorben +oder vernichtet, aber niemals zur vollen Genüge gebracht haben. Aber ihre +Leiber erbrausen verwandelt als neue Hoffnung und als neuer Glaube in den +Auferstandenen der Natur, im stürzenden Quell, in schwellenden Früchten +oder in den Liedern der Singvögel, die in Lichtwellen verwoben, über +aufbrechende Blüten dahinklingen. Krishnas große Worte vom eigenen Wesen, +der Glanz der höchsten Gottheit, verführt und leitet uns immer aufs neue zu +friedlosem Suchen nach Vollendung in uns selbst.</p> + + +<p class="poem"> +Ich bin der Weg, der Träger, Fürst und Zeuge,<br /> +der Freund, die Heimat und die Zufluchtsstätte,<br /> +Ursprung und Endziel und Bestand der Dinge,<br /> +bin der Behälter und der ewige Same. +</p> + + +<hr /> + +<p>Die erwachten Hindus standen noch, in der Morgenkühle fröstelnd, in den +Eingängen ihrer Hütten, als unsere Ochsenwagen Cannanore gegen Norden zu +verließen. Es war von unaussprechlicher Frische umher, das Leben der +Menschen hatte noch kaum begonnen, nur die Vogelstimmen begrüßten uns, das +im Tau funkelnde Morgenlicht, das in unfaßlichem Rot, wie in Farbenflecken, +im Grün und Braun der Palmen und des Buschwerks und auf der breiten +Heerstraße lag, die anfänglich sacht emporstieg.</p> + +<p>Ich schaute nicht zurück, der rastlose Frohsinn meines erwartungsvollen +Bluts kämpfte mit der gelinden Traurigkeit des Scheidens, aber ich empfand +keinen Schmerz, sondern nur die Wehmut derer, die in tausend Hoffnungen +eine alte Liebe aufgeben, um sie dennoch zu bewahren. Der Postwagen aus den +Bergen, von Dindumalla, kam uns entgegen, ein schreiender Sturmwind, von +Trompetengeschmetter begleitet. Vier kleine, abgehetzte Steppenpferdchen, +die wie in Todesverzweiflung galoppierten, dampften unter<span class="pagenum"><a name="Page_71" id="Page_71">[71]</a></span> der sausenden +Peitschenschnur ihres Führers, der halb hockend und mit dem Geschrei eines +geärgerten Affen auf sie einhieb. Ein kleiner, überfüllter Wagen rasselte +in Sprüngen und Zickzackkurven hinterdrein. Dieser Postwagen hätte keine +Maus mehr beherbergen können, selbst in den Rahmen der Fenster und auf dem +gebrechlichen Verdeck hockten die halbnackten Gestalten auf Bündeln und +Kisten und klammerten sich mit einem Geschrei, das zur Hälfte Ergriffenheit +und Jubel und zur Hälfte Angst war, aneinander fest. Niemand begriff, aus +welchen Gründen diese furchtbare Hast ihrer aller Leben gefährdete, man +schob die Wichtigkeit der Sendung auf die geheimnisvolle Weisheit der +Behörde, deren halbeuropäische Mischlingsvertreter noch in Cannanore +schliefen. Eine rötliche Wolke hüllte diese Höllenjagd aus Unfrieden und +Torheit hinter uns ein.</p> + +<p>Panja, welcher neben dem Ochsentreiber, der zugleich Besitzer unserer Wagen +war, über dem Deichselende kauerte, wandte sich nach mir um, schob die +Bambusvorhänge zur Seite und unterrichtete mich lakonisch über den Vorfall. +Er sagte nur: „Wilde Schweine“, und ließ die Bambusmatte wieder fallen. Es +wurde wieder still umher, die Sonne stieg, die Räder knarrten, und aus den +Niederungen der Reisfelder rief die Häherdrossel ihre drei melodischen +Flöttöne.</p> + +<p>Nach einer Weile bogen wir von der Heerstraße ab, um einen schmaleren Weg +einzuschlagen, der schlicht und ohne Baumbestände zwischen frisch +bewässerten Reisfeldern dahinführte. Die kleinen, weißen Rennochsen griffen +kräftig aus, so daß unser Wagen fast die Geschwindigkeit eines mäßigen +Pferdetrabs erreichte. Man reist in den Südprovinzen beider Indien bei +weitem gesicherter und zuverlässiger mit Ochsen, als mit Pferden, da +erstere die Hitze besser ertragen und anspruchsloser in der Ernährung +sind.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_72" id="Page_72">[72]</a></span>Mit dem heraufsteigenden Tage zog der Frohsinn der Menschen bei mir ein, +die sich jung und sorglos auf der Reise befinden. Auf der Reise sind die +meisten Menschen besser als in den kleinen Bedrückungen ihrer engen +Häuslichkeit; mit meiner Erinnerung an meine Reisejahre, die fast meine +ganze Jugend ausfüllten, verbindet sich für mich die Vorstellung, daß ich +damals ein bei weitem besserer Mensch war, als heute. Das Reisen läutert +das Gemüt, denn die Fremde macht bescheiden, und durchaus nicht auf die +Art, wie es nur die Lumpen sein sollen. Die Achtung vor fremdem Wesen, die +gerade uns Deutschen so gern als Tadel nachgesagt wird, ist nur dann eine +Untugend, wenn sie sich mit einer Preisgabe des eigenen Wesens verbindet. +Dieser Respekt aber vor fremdem Geist und Tun und vor der Lebensart anderer +wird in allen reicheren Herzen die Tadelsucht und die Selbstüberhebung +dämpfen, die beiden Grundfehler unserer jungen Generation.</p> + +<p>Nicht, daß solcherlei Gedanken mich damals beschäftigten, sie kommen erst +später, sind meistens zwecklos und dienen nur denen, die sie im Grunde +nicht brauchen. Denn gute Gedanken werden nur von denen recht verstanden, +deren Wert darin beruht, daß sie ihre eigenen haben. Nein, mich nahm das +herrliche Bild des klaren Morgens gefangen, das stille Leben auf den +fruchtbaren Reisäckern, der Takt der Wassermühlen und die schönen Gestalten +der arbeitenden Männer und Frauen. Langsam verwilderte das Land mehr und +mehr, nur einmal noch, als unser Wagen, wie aus einer Laube, aus hohen +Buschbeständen und Laubwald in ein Stückchen freien Landes ausfuhr, +breitete sich vor meinen Augen ein dunkler Acker aus, der gepflügt, aber +noch nicht bewässert worden war, und das schräge Sonnenlicht legte die +aufgeworfene Erde in Schatten und Licht. Ein reicher Glanz der +Morgenfrische strahlte über dem dampfenden Land, das duftete und von +Fruchtbarkeit zu<span class="pagenum"><a name="Page_73" id="Page_73">[73]</a></span> gären schien. Zwei schneeweiße Ochsen vor dem Krummholz, +das unseren Pflug ersetzt, wurden von einem jungen Manne gelenkt, der außer +seinem schmalen Lendenschurz nur einen leuchtend roten Turban auf den +schwarzglänzenden, langen Haaren trug. Ein Palmenwald schloß das Bild im +Hintergrund ab, und darüber strahlte ein unfaßlich blauer und klarer Himmel +von seliger Weite.</p> + +<p>Am Ende des Feldes waren Mädchen an der Wassermühle beschäftigt, sie +mochten vierzehn oder fünfzehn Jahre alt sein, waren fast völlig nackt, und +ihr tiefschwarzes Haar, das von Öl glänzte, hing in einem langen, schmalen +Knoten in den lichtbraunen Nacken nieder. Sie hantierten eifrig, ihre +jungen Körper bewegten sich in einem noch unverstandenen Glücksbewußtsein +kindlicher Freiheit und in jener großzügigen Schamhaftigkeit der +selbstseligen Natur, die unbegrenzten Frohsinn um sich her verbreitet, und +sangen einstimmig ein monotones Lied von großer Traurigkeit. Der Fall des +stürzenden Wassers und ihre Stimmen bewirkten, daß sie das Herannahen des +Wagens nicht sogleich bemerkten; als sie uns aber erblickten, flüchteten +sie mit einem hellen Aufschrei hinter die trockenen Schilfwände einer +kleinen Hütte, wobei sie, wie zwei aufgeschreckte Antilopen, über einen +kleinen Bach sprangen. Aus der Hütte trat gleich darauf eine +zusammengeschrumpfte Alte, die uns aus ihren welken Zügen anlächelte und +uns winkte. Dann nahm der Wald uns auf, der dichter und dichter wurde. Die +Sonnenstrahlen drangen nur noch in spitzen Speeren bis zu uns herab, es +wurde dämmerig und schwül, die Bambusdickichte und die hängenden, +buntverwobenen Teppiche der Lianen verhüllten mehr und mehr den Blick in +die Schatten des Urwalds.</p> + +<p>Niemand schien anfänglich über den Verlauf unseres Unternehmens erfreuter +als Elias. Die erste Tagesstunde hindurch durchmaß er unseren Weg etwa +zehnmal, die zweite machte er ihn un<span class="pagenum"><a name="Page_74" id="Page_74">[74]</a></span>gefähr fünfmal und selbst in der +dritten Stunde, in der es schon empfindlich heiß geworden war, lief er +immer noch munter kreuz und quer, uns alle an Eifer und Ausdauer +übertreffend. Erst als wir in den Urwald kamen, wurde er nachdenklicher, +blieb zuweilen betroffen stehn und suchte die Dämmerung unter den Bäumen +mit seinen Blicken zu durchdringen, wobei er gewöhnlich das eine Vorderbein +emporhob und die Pfote im rechten Winkel herabhängen ließ. Seine Ohren +bewegten sich dabei unablässig, zuweilen sah er mich forschend an, wie in +Unsicherheit darüber, ob diese Umgebung mir ebensowenig geheuer sei, wie +ihm.</p> + +<p>Übrigens hatte Elias sich auf das prächtigste entwickelt, er trug nun die +Merkmale eines Wolf- und Schäferhundes nicht minder deutlich, wie die eines +forschen und geschmeidigen Terriers, jener tüchtigen Rasse, die damals die +Engländer bevorzugten und pflegten. Seine wollige Behaarung erfreute auch +verwöhnte Kenner durch ihre Fülle und die Mannigfaltigkeit ihrer Färbung, +während ein großer Ringelschwanz ihn auf das prächtigste zierte. Da er noch +ein wenig gewachsen war, so verband er mit seiner Anmut eine gewisse +Bedrohlichkeit der Erscheinung, die er jedoch wegen der Vortrefflichkeit +seines Charakters in keiner Weise auszubeuten suchte. Zweifellos floß auch +vom Blut des sehr beliebten Hühnerhundes ein gut Teil in seinen Adern, denn +sobald sich ein Geflügel zeigte, verriet Elias einen unbezähmbaren Hang, +sich dieses Getiers zu bemächtigen, um es zu zerreißen. Hier zeigte er +einen nachahmungswerten Mut, der so leicht nicht wieder bei einem Hunde +gefunden werden wird.</p> + +<hr /> + +<p>Es begann eine herrliche Zeit! Wie soll ich die leuchtende Klarheit der +hereinbrechenden Morgen schildern, die in unfaßbarer Beständigkeit +heraufzogen, den stillen, glühenden Glanz der Tage<span class="pagenum"><a name="Page_75" id="Page_75">[75]</a></span> und den magischen +Frieden der weißen, gefährlichen Nächte! Von allem, was mir aus dieser Zeit +der Wanderung durch die Wildnis am tiefsten im Gedächtnis geblieben ist, +preise ich die Kanufahrt durch die Seen und Kanäle. Ich vergesse die +Abendstunde niemals, in der unsere Wagen in Tschirakal anlangten, einem +kleinen Ort an jenem Binnensee, den der Watarpatnam vor seinem Austritt ins +Meer bildet. Der Ort lag unter Palmen und hob sich weiß, braun und grün von +der merkwürdig stillen, graublauen Silberwand des großen Wassers ab, als +wir die Straße zum Hafen niederfuhren. Aus den niedrigen Häusern und +Palmenhütten stieg blauer Rauch auf, und aus der Dämmerung einer hölzernen +Tempelpagode drang ein priesterlicher Singsang. Es regte sich kein Windzug, +die Mattigkeit des Tages lagerte in der Luft, und der bunte Hafen war so +still wie ein Bild. Ungeheure Laubbäume, unserem Ahorn vergleichbar, +überschatteten den schmalen Wassereinschnitt, in dem die Kanus ruhig, wie +eingelassen in erstarrtes Metall, dicht nebeneinander lagen, sie waren zum +Teil hoch mit grell bemalten Warenballen bepackt, und die Zugänge zu diesem +Hafen führten eng an den Häusern entlang. Es duftete nach Tee, Gewürzen und +Früchten, und als unsere Wagen dicht am Rand des Wassers haltmachten, erhob +sich ein alter Mann, ganz in ein weißes Gewand gehüllt, und begrüßte mich +im Namen Allahs und des Propheten.</p> + +<p>„Bist du der Herr, der das Wasser befahren will, um nach Taliparambu zu +gelangen?“</p> + +<p>Seine Stirn war dicht über den Brauen, wie von einer weißen Binde, +abgeschnitten, die schwarzen Augen sahen mich sicher und abwägend an. „Gib +die Geldsumme für die Fahrt, Sahib, wir müssen die Ruderer ablohnen, damit +sie gehorsam sind.“</p> + +<p>Panja trat zwischen uns, absichtlich so, daß der Alte einen gelinden Stoß +empfing und zurücktreten mußte. Er funkelte Panja zornig an.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_76" id="Page_76">[76]</a></span>„Wer hat dir erlaubt, den Sahib anzureden?“ zischte Panja. Ich war erstaunt +über seine Keckheit. „Tritt zur Seite und zeig' deine Kanus her, ob sie dem +Herrn genügen, glaubst du, der Sahib wäre gekommen, um mit dir zu +schwatzen?“</p> + +<p>Der Alte schwankte und sah zweifelnd zu mir herüber, aber dann folgte er +Panja und sagte zögernd:</p> + +<p>„Die Kanus sind gut.“</p> + +<p>„Das entscheide ich“, sagte Panja kalt.</p> + +<p>„Führst du einen großen Herrn durchs Land?“ fragte der Alte.</p> + +<p>Panja lachte. „Ihr wißt in Tschirakal nicht mehr als die Frösche in euren +Sümpfen“, sagte er geringschätzig. „Ich habe meine Seide nicht gestohlen. +Der Kollektor von Mangalore wartet so ungeduldig, daß er einen Boten nach +dem anderen sendet. Ist kein Bote angekommen?“</p> + +<p>Der Alte schüttelte den Kopf und wandte sich scheu nach mir um. Panja +gefiel mir, und trotz seiner sonstigen kleinen Eitelkeiten empfand ich, daß +hier sein Vorgehen Gründe hatte. Ich war oft vor den Mohammedanern gewarnt +worden. Panja kannte sein Land.</p> + +<p>Wir besichtigten die Boote eingehend. Es waren etwa acht Meter lange Kanus +aus Baumstämmen mit langen Auslegern, da sie von stehenden Ruderern +angetrieben werden, und mit wohlgepflegten Leinendächern, die den mittleren +Teil beschützten, etwa auf die Art, in der in Deutschland Lastfuhrwerke mit +Leinen gedeckt sind, straff angespannt und gewölbt. Zwischen dem +Leinenschirm und dem Bootsrand war ein schmaler Durchblick gelassen, und +vor dieser Kabine befand sich ein etwa zwei Meter langer Aufenthaltsort für +kühlere Stunden, in denen der Sonne nicht ausgewichen zu werden brauchte. +Der Boden war sorgfältig gepolstert und mit sauberen Bambusmatten belegt, +aber die Boote selbst waren nicht breiter als ein schmales Feldbett.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_77" id="Page_77">[77]</a></span>Panja zeigte sich zufrieden. Ich sah über den See hinaus, der sich rötlich +färbte.</p> + +<p>„Wann kommt der Mond?“ fragte Panja.</p> + +<p>„Gegen Mitternacht,“ antwortete der Alte nachdenklich, „wir werden in der +Morgendämmerung fahren.“</p> + +<p>„Wer will reisen?“ fragte Panja gelassen, „du oder der Herr? Wir fahren +sogleich.“</p> + +<p>„Es geht nicht, die Leute sind in Tschirakal weit verstreut und nicht so +rasch zu finden.“</p> + +<p>„Wieviel Ruderer hast du?“ fragte Panja, ohne auf den Einwand des Schiffers +einzugehen.</p> + +<p>„Für jedes Boot vier.“</p> + +<p>„Es genügen zwei für jedes Boot,“ entschied Panja, „das Wasser ist still.“</p> + +<p>Der Alte schüttelte den Kopf. „Morgen kommt ihr am offenen Meer vorüber, +wenn auch nur für eine kurze Zeit, so können doch zwei Männer das Boot +nicht durch die Brandung rudern.“ Diesmal schien der Alte recht zu haben, +denn Panja fügte sich, aber er forderte, daß die Leute sogleich gerufen und +in den Booten verteilt würden. Er sagte mir später, daß es besser sei, die +Ruderer tauschten ihre Meinung über uns zuvor nicht aus, und er setzte +seinen Willen durch. Unser Gepäck wurde hinübergetragen, die Ochsenwagen +kehrten noch in dieser Nacht um, und wir fuhren nach kaum einer Stunde +hinaus, unter den aufgehenden Sternen dahin.</p> + +<p>Der Gesang der Ruderer weckte mich. War ich denn eingeschlafen? Ich +brauchte eine kleine Weile, um zu mir zu kommen, die Luft roch fremd und es +war kühl, ich hörte das Wasser und taumelte empor in einen sanften +weißlichen Lichtschein.</p> + +<p>Es fiel mich ein stechender Glanz vom Himmel her an, als ich aus<span class="pagenum"><a name="Page_78" id="Page_78">[78]</a></span> der +Kabine kroch: die Sterne! Unter mir sanken sie in unendliche +schwarzblinkende Abgründe, totenstill, ohne zu zittern, wie Diamanten auf +kohlschwarzer Seide. Zwischen den beiden zornigen Lichtwelten, am Firmament +und in der Totentiefe, schaukelten und schwankten zwei riesige dunkle, +nackte Körper vor mir hin und her, stießen in das dunkle von Sternen und +Sternbildern funkelnde All und sangen. Ihre Ruder tauchten in die Flut und +hoben sich wieder, wie mit fließendem Silber übergossen, sprühend und +glitzernd troff es nieder, und als ich mich umwandte, sah ich eine schmale +Silberstraße von solchem Glanz, daß meine Augen geblendet wurden.</p> + +<p>Wie ein traurig ertönender Komet mit langem Schweif schoß unser Boot durch +ein uferloses, von Himmelsfunken flimmerndes Weltall. Ich vermochte +nirgends Land zu erkennen, wir waren mitten auf dem See, diesem Bett des +ruhenden Stromes, der, über tausendjährigem Schlamm, zögernd ins Meer +hinüberglitt. Ich tauchte meine Hand ins Wasser, und sie überzog sich mit +Silber. Kraftlos sank ich, ohne Erfassen und Begreifen gegen die Wandung +meines Verdecks, erbebend in übersinnlichem Schwindel vor diesem Wunder der +Nacht.</p> + +<p>Gegen Mitternacht tauchten im Licht des aufgehenden Mondes bläuliche +Nebelkuppen vor uns auf. Der Mond stand, eine ockerrote Sichel, über dem +Dschungel. Wir liefen Land an, ich empfand lange Zeit nichts anderes als +nasse Zweige, die mein Gesicht streiften, hörte die Zurufe der Mohammedaner +in der feuchten Finsternis, und meine Augen wurden nur selten durch einen +weißlichen oder rötlichen Schein über mir getroffen. Von solchem +Hintergrund hoben sich große Blätter oder die Schwerter eines hohen Schilfs +ab. Einmal schoß mit durchdringendem Klageruf, der noch lange draußen über +dem Wasser gurgelte, ein großer Sumpfvogel empor.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_79" id="Page_79">[79]</a></span>„Panja!“ rief ich.</p> + +<p>Da flammte vor mir ein Feuerschein auf, in dem ich eine schmale Sandbank +erkannte, auf die das Kanu aufgelaufen war. Es öffnete sich darüber ein +Laubengang, so dicht verwachsen, daß er wie eine grüne Höhle wirkte, mitten +darin stand Panja in seinem weißen Gewand, hielt eine Fackel hoch und +winkte mir.</p> + +<p>Die Leute mußten einige Stunden ruhen. Es wurde ein Halbkreis von Feuern +gegen das Land zu angebrannt, nach kurzer Zeit lagen die Männer in tiefem +Schlaf auf ihren Matten, und Panja hockte mir gegenüber am Feuer und sprach +leise und erregt ohne Aufhör. Ich merkte ihm die Ruhlosigkeit der +tropischen Sommernacht an, die Ruderarbeit der Leute hatte eine merkwürdig +im Blute siedende Erinnerung an wilde Taten in mir zurückgelassen, und es +lauerte in der gärenden Stille umher eine aufreizende Liebessucht und die +Ahnung eines hastigen törichten Todes. Es war, als erwartete die +Daseinsgier und der Lebensdrang der üppig und in stiller Wildheit +ausbrechenden Pflanzen und Bäume unsere Leiber. Mein Blut pochte in den +Spitzen der Finger, in den Schläfen und im Halse.</p> + +<p>Nach einer Weile brach Panja auf, er wand sich aus trockenen Lianen und +vermodertem Holz eine Fackel, goß Öl darauf und entzündete sie am Feuer.</p> + +<p>„Wohin gehst du, Panja?“</p> + +<p>„Zu den Frauen“, sagte er dumpf.</p> + +<p>Noch eine Weile sah ich den Schein seiner Fackel rot durch das Dickicht +schaukeln, er schwenkte sie hoch empor und weit hinter sich, zum Schutz +gegen die wilden Tiere, im Takt seines raschen, weichen Tritts. Dann blieb +ich allein am Feuer zurück mit Elias, Pascha schlief im Boot bei den +Koffern, er hatte seine Matte quer über meinem Eigentum ausgebreitet und +bewachte es schlafend mit seinem Leibe.</p> + + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_80" id="Page_80">[80]</a></span></p> +<h2> +<a name="kap05" id="kap05"></a>Fünftes Kapitel<br /> +Dschungelleute +</h2> + + +<p>Panja roch die Dörfer, ehe wir sie erreichten, wenn der Wind seinen +Forschungen günstig war.</p> + +<p>„Es kommt ein Dorf, Sahib,“ pflegte er zu sagen, „hier schlagen wir das +Zelt ein.“ Es geschah hauptsächlich deshalb dort, weil wir sicher sein +konnten, in der Nähe einer Niederlassung frisches Wasser, Reis und Bananen, +auch Geflügel oder Eier zu bekommen.</p> + +<p>Wir hatten viel Umstände und Mühe damit, Träger zu finden, denn einmal +brauchten wir auch für kleinere Lasten meistens zwei Männer oder Frauen, +und zum andern wurden die Leute gewöhnlich nach zwei oder drei Tagen von +Heimweh befallen und liefen zurück, obgleich ich ihnen ihren Lohn erst nach +der beendeten Frist auszuzahlen pflegte. Sie ließen ihn um so leichter im +Stich, als sie für gewöhnlich irgend etwas stahlen, was sie reichlich +entschädigte, ohne mir empfindliche Verluste beizubringen.</p> + +<p>Jedesmal, wenn wieder einer unserer Sklaven fehlte, sprach Panja die +Hoffnung aus, der Panther möchte ihn auf seiner Flucht erwischen, er hoffte +es herzlos und aufrichtig und wechselte niemals das Raubtier, dem der +Flüchtling erliegen sollte. Dann blieben wir oft tagelang am Rand der +Steppe oder mitten in der Dschungelwildnis liegen, ließen die Sonne kommen +und gehen, rauchten, schliefen und jagten. Ich hatte die genaue +Orientierung auf der Karte verloren, aber es war nicht wichtig, da ich die +Breite des Dschungels kannte und der Richtung durch die Sonne und den +Kompaß gewiß war. Auch zeigten uns die Flüsse, die wir auf schmalen Furten, +oder in den Kanus der Eingeborenen überquerten, daß wir im wesentlichen die +Richtung nicht verloren hatten. Und hatte ich denn ein Ziel?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_81" id="Page_81">[81]</a></span>Einer der jungen Träger ist lange bei mir geblieben und er fand nicht +allein meine, sondern endlich auch Panjas Gunst, was eine große Seltenheit +war. Er hieß Gurumahu und war ein Jüngling von etwa achtzehn Jahren, +hochgewachsen und sehr schlank, aber geschmeidig und kräftig. Er war zum +Islam übergetreten, weil er die größten Hoffnungen auf die Freiheiten +gesetzt hatte, die sich mit dieser Lehre für sein künftiges Leben +einstellen sollten, aber leider hinderte sein gutmütiger Charakter ihn +daran, Gebrauch von ihnen zu machen. Er erzitterte nach wie vor vor den +Brahminen und änderte seine Lebensgewohnheiten in keiner Weise. Er kam uns +auf die nicht eben ungewöhnliche Art eines Diebstahls besonders nahe, und +zwar hatte sein unersättlicher Drang nach Reichtümern ihn auf meine +Kupferkessel gestürzt.</p> + +<p>Gurumahus Diebstahl wurde gottlob zeitig genug entdeckt, denn wir wären in +nicht geringe Verlegenheit geraten, wenn er mit seiner Beute entkommen +wäre. In der Hauptsache ist seine Entlarvung Elias zu danken, was +allerdings von Panja bestritten wurde. Wir hatten damals unser Zelt am Rand +der Steppe aufgeschlagen, so daß der Ausgang den Blick auf die hüglige +Ebene zuließ, und ich erwachte vom Knurren des Elias. Da sah ich Gurumahu +im Mondschein über die Steppe laufen, rechts und links einen unserer +Kupferkessel in der Hand. Er fraß den Boden mit so riesigen Sprüngen, als +hinge das Heil seiner Seele von ihrer Länge ab. Ich nahm den Revolver und +schoß in die Luft, die Kugel hätte ihn ohnehin nicht mehr erreicht, auch +lag es mir fern, ihn töten zu wollen. Man täte in Indien nicht gut daran, +so entscheidend vorzugehen, da die Hindus nicht das gleiche Vergnügen am +Sterben empfinden, wie nach den Berichten der Afrikareisenden die Neger. +Auch wußte ich, daß der Knall eine nützliche Einwirkung auf das böse +Gewissen des Räubers ausüben würde, der selbst eine große Schießwaffe +besaß, <span class="pagenum"><a name="Page_82" id="Page_82">[82]</a></span>auf die ich später noch zu sprechen kommen werde. Gurumahu warf +sich mit einem gellenden Aufschrei der Länge nach zu Boden, auf das +Gesicht, und die beiden Kessel rollten, funkelnd im Mond, zu beiden Seiten +über ihn hinaus ins Steppengras.</p> + +<p>Als es hinter ihm still blieb und er keine Verfolger sah, raffte er sich +langsam auf und begann seine Glieder der Reihe nach zu befühlen. Er fing +mit den Beinen an, die ihm in dieser Situation wahrscheinlich am +wichtigsten waren, ging langsam bis zu den Armen empor und gedachte zuletzt +auch seines Kopfes, der ihm anscheinend, wie alles andere, an seinem Platze +und in Ordnung vorkam. Dann sprang er auf und lief gebückt, in Sprüngen, +weiter, ohne die Kupferkessel, die ihm nicht gegönnt waren, noch eines +Blicks zu würdigen.</p> + +<p>Panja holte sie zurück und putzte sie, boshaft wie er war, mit großer +Ausführlichkeit. „Der Panther wird ihn erwischen“, sagte er und warf +ärgerlich Reisig ins Feuer. Es verstimmte ihn tief, daß er durch meinen +Schuß um seine Nachtruhe gebracht worden war. Ich gab im stillen, nicht +ohne Bedauern, Gurumahu verloren, wenn auch nicht unbedingt auf die Art, +wie Panja es tat, aber ich sollte mich hierin täuschen, denn er kam am +andern Tage gegen Mittag in unser Lager geschlichen. Wahrscheinlich hatte +ihm der Dschungel bei Nacht in seiner Verlassenheit nicht gefallen, oder +der Currygeruch unserer Reismahlzeit zog ihn an. Panja führte ihn mir +majestätisch vor, der arme Verbrecher sah aus, als wäre er aus dem Wasser +gezogen worden.</p> + +<p>„Ich werde dich töten“, sagte ich still.</p> + +<p>Er sprang ein Meter hoch in die Luft und fiel dann zur Erde nieder.</p> + +<p>„Soll ich ihn aufhängen?“ fragte Panja so gleichmütig, daß ich darüber die +ganze Niederträchtigkeit meiner Drohung erkannte.<span class="pagenum"><a name="Page_83" id="Page_83">[83]</a></span> Es ist merkwürdig, wie +rasch einem eine Ungerechtigkeit auffällt, wenn ein anderer sie sich +zuschulden kommen läßt.</p> + +<p>„Er hat ein ganzes Glas mit Salz gefressen,“ berichtete Panja sachlich, +„vom Whisky will ich schweigen, denn er hat ihn nicht finden können.“</p> + +<p>„Hat dich der Hunger hergetrieben? Wo warst du so lange?“ fragte ich den +Übeltäter.</p> + +<p>Er hob den Kopf und versuchte meinen Blick auszuhalten, was den +Eingeborenen der Urbevölkerung sehr schwer ist, wenn es sich um blaue Augen +handelt, in die sie hineinsehen müssen, und wenn sie selten mit Weißen in +Berührung kommen. Aber Gurumahu erkannte den Ausdruck meines Gesichts doch +und begann zu lachen wie ein Kind.</p> + +<p>„Du bist freundlich, Herr,“ sagte er zögernd und dann mit Überzeugung: „du +bist nicht klug und gerecht, wie die Engländer. Ich werde deine Kessel +bewachen, bis ich sterbe.“</p> + +<p>„Wenn du sonst nichts tun willst, kannst du dich wieder in die Sümpfe +scheren“, grollte Panja, aber Guru ließ sich nicht im Genuß seines ihm eben +erst geschenkten Lebens beeinträchtigen, und als sich die beiden +entfernten, hörte ich ihn hochmütig zu meinem Diener sagen:</p> + +<p>„Hat schon ein Sahib auf dich geschossen, du Abtrünniger? Du bist keine +Kugel wert, deshalb lebst du und kriechst dem Herrn zwischen den Füßen +umher, ich aber habe mit ihm gekämpft!“</p> + +<p>„Das ist wahr, du Kupferfresser,“ sagte Panja, „ich danke dir, daß du ihn +nicht zerschmettert hast, du Blattlaus!“</p> + +<p>Aber Gurumahu blieb von nun an bei uns, wir nannten ihn Guru, weil sein +Name mir zu lang war, übrigens war es nicht sein einziger, er hatte noch +eine ganze Reihe wohlklingender Namen, aber auf Gurumahu schien es ihm am +meisten anzukommen.</p> + +<hr /> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_84" id="Page_84">[84]</a></span>Einmal hatten wir das Herabsinken der Sonne trotz Panjas Vorsicht verpaßt, +und die Finsternis überraschte uns am sumpfigen Ufer eines Flusses. Guru +schnupperte in die feuchte Nachtluft hinaus und spähte vom Ufer aus zu den +gegenüberliegenden Palmenhainen hinüber, und richtig sahen wir nach einer +Weile ein schwaches Lichtlein aufblinken. Als das Zelt aufgeschlagen worden +war und die Feuer brannten, hörten wir, wie das Flußwasser von +Ruderschlägen plätscherte, oberhalb unseres Zeltes verklang das Geräusch, +und das Dickicht raschelte, aber dann blieb alles still.</p> + +<p>„Jetzt haben die Mangroven Augen bekommen,“ sagte Panja, „aber es muß ein +leichtsinniges Volk sein, denn sie fürchten den Panther nicht.“</p> + +<p>Auf Elias war in dieser Beziehung kein rechter Verlaß, denn seine +Gesinnungsart hinderte ihn daran, friedlich sich nähernde Nachtwandler +durch Gebell zu ängstigen. Hörten wir den Panther in der Nähe des Lagers +husten, so pflegte Elias sich in den Hintergrund des Zeltes zurückzuziehen, +nicht etwa, weil er Furcht hatte, sondern weil es ihm dort besser gefiel.</p> + +<p>Am Tage hatte ich eine Häherdrossel geschossen, ich rupfte ihr das braune +Gefieder aus, und das zierliche Köpfchen mit den hellblauen Augenringen +schlenkerte mit geöffnetem Schnabel über meinem Knie. Gurus Augen fehlten +nur noch diese hellfarbigen Ringe, um ebenso starr und leblos +dreinzuschauen wie meine Jagdbeute. Er begriff nicht, daß ich Vögel +verspeiste, in denen wahrscheinlich die Seele eines Abgeschiedenen +mitverschlungen wurde. Panja war in dieser Beziehung seiner heimatlichen +Weltbetrachtung längst entrückt. In den Kupferkesseln siedete das Wasser, +und eine Unmenge beschwingten Nachtvolks sammelte sich im Feuerschein, +umschwärmte die Flammen wie farbige Funken, oder glotzte<span class="pagenum"><a name="Page_85" id="Page_85">[85]</a></span> von den Blättern +aus in dies unfaßbare rote Leben, aus dessen Glut der Tod lockte.</p> + +<p>Panja brachte mir freundlich die Reste meines Rasiermessers, das einer +Taschensäge glich und auch als solche hier und da Verwendung fand. Es war +in Zeiten betrüblicher Unkenntnis einmal von einem Koch zum Schlachten +einer Ziege verwendet worden; so rächt es sich, wenn wir Europäer ein +argloses Volk zu unsern barbarischen Sitten verleiten. Ein Schatten dieses +Barbarentums lagerte nun seit langem in unsteten Wucherungen um mein Kinn +und um meine Wangen und wetteiferte an planloser Ausgestaltung mit der +Pflanzenwelt des Dschungelbodens. Guru hatte in den Pfefferranken bei Tage +Vogelnester ausgenommen und mir die Eier gebracht, wir kochten aber nur +die, welche noch nicht piepten. Panja kaute Betel und sah mir zu, er hatte +viel Sinn dafür, wann eine Arbeit mich selbst vergnügte und wann er sie mir +abnehmen mußte, auch fühlte er sich in der letzten Zeit in seiner Rolle als +Reiseführer sichtlich geläutert, und mir schien es, als täte er seine +Arbeit mit einem ganz neuen Bewußtsein schöner Freiheitlichkeit. Pascha +putzte Palmenschößlinge, das zarteste und wohlschmeckendste Gemüse, das +Indien zu bieten hat, aber ein streng verbotenes Gericht, weil das Leben +der Palme, durch diesen Raub ihres Herzens, zerstört wird. Der weißliche, +mittlere Trieb des Baumes wird herausgeschnitten, er ist zart wie ganz +frische Haselnüsse und schmeckt ähnlich; mit Öl und saurem Fruchtsaft +zubereitet, stellt er einen Salat dar, wie ihn die europäische Küche nicht +aufzuweisen hat.</p> + +<p>„Soll ich die Leute fragen, ob Mangobäume im Dorf stehen?“ sagte Guru +plötzlich.</p> + +<p>„Welche Leute?“ fragte ich erstaunt.</p> + +<p>„Jene dort“, sagte Guru und zeigte vor sich hin.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_86" id="Page_86">[86]</a></span>Da erkannte ich die braunen Gesichter im Feuerschein zwischen den Blättern +der Mangroven. Ich hatte mich längst daran gewöhnt, daß ich niemals allein +war, aber ich erschrak jedesmal aufs neue. Erst zählte ich fünf, dann zehn +und endlich etwa zwanzig große und kleine Gesichter, das ganze Dorf schien +versammelt.</p> + +<p>Ich schickte Guru hinüber, die Gesichter tauchten unter, aber dann begann +ein immer lebhafteres Geschnatter im Dunkeln, endlich wurde Feuer gemacht, +und die Ruder polterten im Kanu. Ich hätte gern mit den Leuten gesprochen, +aber sie waren zu furchtsam, brachten uns jedoch alles, was wir wollten. +Die Bewohner dieser Landstriche, wie auch die der östlichen Berge +entstammen der Urbevölkerung und haben sich mit den eingewanderten +indogermanischen Stämmen kaum vermischt. Ihre Hautfarbe ist fast ganz +schwarz, und ihre Gesichtszüge ähneln eher denen der Neger, als denen der +Brahminen. Sie stehen auf einem außerordentlich niedrigen Stande der +Zivilisation, sind aber arglos und sehr friedsam. Ihre Religion ist +anscheinend in den primitivsten heidnischen Vorstellungen geblieben, sie +beten hölzerne Götzen an, und nur hier und da ist ein schwacher Lichtschein +des Brahman oder der buddhistischen Lehre in ihre Geisteswelt gedrungen. +Irgendeine der vielen Inkarnationen Brahmas lebt hin und wieder in ihrer +Vorstellung in entstellter Gestalt fort, ohne daß ihr Sinn lebendig +geworden ist.</p> + +<p>Der Dschungel ernährt sie freigebig in guten Zeiten, sie tragen Pfeffer in +die kleinen malabarischen Häfen, wo die eingeborenen Gewürzhändler ihn +ihnen für sehr geringes Entgelt abnehmen. Ihre Nahrung besteht aus +Früchten, einige fischen sogar, andere sollen auch Fleischkost zu sich +nehmen, ich habe es aber nie gesehen. Auf den flachgeklopften +Lehmplätzchen, vor ihren Laubhütten, breiten sie die Pfefferbeeren zum +Trocknen in der Sonne<span class="pagenum"><a name="Page_87" id="Page_87">[87]</a></span> aus, und man erblickt dort in wohlgeordneten +Rechtecken den Pfeffer in allen Farbennuancen seines Dörrens am Boden +ausgebreitet, vom saftigen Grün bis zum tiefsten Schwarz. Ihre +Hauptbesitztümer sind Kinder. Ich habe niemals so viele kleine Kinder +gesehen wie in diesen Dörfern, wie Orgelpfeifen standen die schwarzen +Reihen vor den Hütten, mit kleinen Kugelbäuchlein und Rotznasen, und +glotzten uns an, wenn wir vorüberkamen.</p> + +<p>Dieser Abend und diese Nacht sind mir unvergeßlich geblieben, weil unter +meinen Augen ein bebendes Lebenslichtlein in der Dschungelnacht erlosch. +Ich hatte keine Vorstellung, wie weit die Zeit vorgeschritten war, ein +lauter Ruf weckte mich. Panja fuhr neben mir empor und stieß in der +Schlaftrunkenheit gegen meine Hängematte, so daß ich fast herausgefallen +wäre und im ersten Augenblick in ihm einen Feind vermutete. Das Feuer war +fast erloschen. Panja war mit einem Satz an der glühenden Asche, und ich +begreife heute noch nicht, wie rasch es ihm gelungen ist, eine Flamme +emporzuschüren. Der klagende Ruf wiederholte sich laut und nahe beim Feuer +in der dichten Finsternis, die nun so schwarz wie Kohle war, nur die +beschienenen Bäume, dicht am Feuer, glommen phantastisch und unwirklich, +wie Ungeheuer, die mit verschlungenen Gliedmaßen, unter verworrenen +Laubkränzen, in ein rotstrahlendes Gemach drängen. Pascha rief etwas vom +zweiten Feuer her, das Guru eifrig schürte. „Was sagt er?“ fragte ich +Panja.</p> + +<p>„Eine Frau schreit aus Angst vor dem Tod“, sagte Panja, der noch nicht +verstanden hatte, um was es sich handelte.</p> + +<p>Ich trat aus dem Zelt heraus und erkannte nun im Dickicht schwelende +Fackeln und die dunklen Gestalten der Wilden. Das Geschrei einer +Frauenstimme zerriß mein Herz. Ich habe selten wieder etwas so +Durchdringendes an Schmerz und Verzweiflung ge<span class="pagenum"><a name="Page_88" id="Page_88">[88]</a></span>hört. Ein tierischer +Wehelaut, der doch die erbarmungswürdige Erniedrigung der Menschenseele +enthielt, fiel mich wie ein nächtliches Gespenst an, und ich mußte mich +wieder und wieder aufraffen, um nicht in tatlosem Erstarren zu lauschen und +um nicht meinem Entsetzen zu erliegen.</p> + +<p>„Feuer!“ brüllte ich, „Licht!“</p> + +<p>Eine Wolke gelben Qualms hüllte uns ein, dann flackerte eine hohe, rote +Säule daraus empor. Guru schrie: „Es ist die Mutter!“</p> + +<p>Endlich brachte Panja Ordnung in einen scheu herandrängenden Haufen +halbnackter Gestalten, die ein dunkles Etwas auf einer Bahre aus Zweigen +heranstießen. Eine Frau, der das schwarze Haar wild um das Gesicht hing, +und deren Arme durch die Luft irrten, schrie mir etwas zu. Sie wagte sich +trotz der großen Erregtheit, die das Ereignis mit sich brachte, das sie zu +mir geführt hatte, nicht in meine unmittelbare Nähe, aber ich sah nun, daß +ihr Gesicht von Angst und Hoffnung entstellt war.</p> + +<p>Auf den Zweigen lag ein Kind von vielleicht zwölf oder dreizehn Jahren, ein +Mädchen, dürftig mit einem bunten Kattunfetzen bedeckt, unter dem sich der +kleine, dunkle Körper wand, und ich hörte einen matten zischenden +Klagelaut, ein ersticktes Gurgeln, aus dem Knäuel hervordringen.</p> + +<p>Guru stöhnte bedauernd und hob sich auf die Zehen als fröre er.</p> + +<p>„Die Kobra“, sagte Panja kurz und sah mich an. „Die Mutter hofft, du +könntest ihrem Kind helfen.“</p> + +<p>Mein Herz blutete unter den Blicken der alten Frau, die in ihrem Schmerz +und ihrer bedürftigen Häßlichkeit unsagbar rührend und bejammernswert vor +mir stand. Ihre welke Brust hing leblos nieder, und es zitterte und zuckte +in den Furchen ihres eingefallenen Gesichts. Sie klagte nicht mehr, ihre +Erwartung hielt sie gefesselt, und ihre Augen, im vorgereckten Angesicht, +prüften und suchten<span class="pagenum"><a name="Page_89" id="Page_89">[89]</a></span> in meinen Zügen, aus denen sie den Tod oder das Leben +ihres Kindes glaubte entnehmen zu können, nach meinem Willen.</p> + +<p>Das Mädchen war mit den andern Bewohnern des Orts an unser Lager +geschlichen, um den sonderbaren Mann aus einer fremden Welt zu sehen, die +jenseits des Meeres lag und unerforschlich war an Geheimnissen und Wundern. +Und ihr Verlangen nach dem Glanz dieses Neuen, Unfaßbaren hatte sie die +Vorsicht vergessen lassen, die so not tut im Dschungelland, die man sie von +Kind auf an gelehrt hatte, und die sie in allen Fällen so klug und sorgsam +zu beachten gewußt hatte. Nun hatte es im Finstern den kleinen, bösen Stich +gegeben, den anfänglich das Herz nicht als das furchtbare Verhängnis +glauben will, obgleich das Blut es ahnt und die Schrecken des jähen +Dahinsinkens wie dunkle Flügel um die Schläfen brausen. Ein Dorn, ein Dorn +war es, vom Rand eines Palmblatts, oder vom Zedernbaum…, aber dann kam +der feine süße Schwindel, der in den Augen beginnt und der den Pulsschlag +des Herzens so eigen behindert, der zuerst die Hände und langsam alle +Glieder in trockene, kurze Krämpfe zerrt, als trieben Glassplitter im Blut, +die die Adern zerrissen. Bis die gräßliche Klage aus der Gewißheit brach:</p> + +<p>„Die finstere Königin!“</p> + +<p>Diese aus Ehrfurcht vor der Gottheit und aus tiefstem Grauen gemischte +Wehklage erfüllte die Walddunkelheit.</p> + +<p>Es war zu spät. Ich öffnete die Wunde, die nur in einem winzigen, +schwarzumrandeten Pünktchen am Fuß bestand, aber das Blut floß nicht mehr +rot und warm, sondern zersetzt und stockend. Wir versuchten es mit Whisky, +aber das Kind konnte trotz unserer Mühe das scharfe Getränk nicht +aufnehmen, und die großen brechenden Augen flackerten angstvoll unter den +Peinigungen ihrer grausamen Bedränger. Feuer hilft nur im ersten +Augenblick, auch<span class="pagenum"><a name="Page_90" id="Page_90">[90]</a></span> hätte ich es um alles nicht über mich gebracht, auch +diese neue Marter noch dem kleinen Leib zuzufügen. Laß das Kind sterben, +rief es in mir, das ist sein letztes, irdisches Recht.</p> + +<p>Die Blicke der Mutter marterten mich, ich wandte mich ihr zu in der +einzigen Barmherzigkeit, welche es für sie in dieser Stunde gab. Sie brach +mit einem langen Klagelaut zusammen und blieb die ganze Nacht stumm an der +Leinwand des Zeltes liegen, wie ein dunkles Kleiderbündel.</p> + +<p>Als das Kind gestorben war, erschütterte mich, wie mit rauhen Fäusten, die +bittere Erkenntnis unserer Menschenohnmacht. Wir sind nicht, was wir nach +unserem besten Verlangen sein könnten, wo ist die Macht, die wir in unserem +Begehr nach Vollendung ahnen, wo die Hoheit, die unsere Güte sucht, wo +unser Glaube, der Berge versetzt?</p> + +<hr /> + +<p>Düster, lieblich und glühend strichen diese seltsamsten Tage meines Lebens +dahin. Wir blieben oft tagelang am gleichen Platze, ich vergaß mein Ziel +und die Zeit. Die grünen Sumpfaugen des Dschungels und das Silberwehen der +Steppennächte bannten mich, das tiefe Atmen bei geschlossenen Augen +ersetzte die Gedanken, das Licht wurde zu einer unermüdlichen Gewißheit der +Lebensfreude und die Nacht zum gestaltlosen Traum. Das gewaltige, stille +und geduldige Leben der Pflanzen, die die ganze Erde für sich +beanspruchten, raubte meinem Gemüt langsam das Bewußtsein seiner eigenen +Rechte, gewiegt von Staunen und erfüllt von fremdem Daseinswillen trieb +mein Geist wie schlafend dahin, und doch überwach und tief innerlich +durchglüht von einem heiligen Daseinsglauben. Ich ahnte das +grünlich-morastige Gift des Waldes, dessen Königin und Göttin mir in ihrer +ganzen Macht erschienen war, ich sah den Fiebergeist im feuchten Dämmern +schleichen, aber<span class="pagenum"><a name="Page_91" id="Page_91">[91]</a></span> mein Widerstand war zu einer vagen Hoffnung auf mein +Glück herabgesunken. Diese gärende, brodelnde Sumpffruchtbarkeit würde auch +meinen Leib aufnehmen und neu erblühen lassen, wenn sie ihn in ihr Bereich +saugte. Der Wald war mächtiger als die Menschen. –</p> + +<p>Eines Nachts lag ich im Zelt auf einem Laublager, da ich die unsichere +Nachgiebigkeit der Hängematte nicht mehr ertrug. Guru war am Feuer +eingeschlafen. Er hockte neben der glühenden Asche vor dem Dreieck des +Zelteingangs wie ein Geköpfter, den Nacken zwischen den hochgezogenen +Knien, und seine fast drei Meter lange, uralte Araberflinte überragte ihn +wie eine halb gesunkene Fahnenstange. Er liebte dieses Gewehr zärtlich und +trug es meist bei sich, besonders wenn Aussicht vorhanden war, daß wir +Menschen begegneten. Dabei lebte er in dem festen Glauben, daß diese Waffe +es ihm niemals antun würde, eines Tages loszugehen. Er war nicht in Gefahr, +enttäuscht zu werden, denn die Flinte war hundert Jahre alt, hatte sicher +vom Sudan bis Singapore den ganzen Orient bereist, und es bestand keine +Möglichkeit, sie zu laden oder gar abzufeuern. Aber Guru wäre mit dieser +Waffe mitten im Urwald sorglos eingeschlummert, so sicher war er, daß außer +ihm kein anderes Wesen ähnliche Hoffnungen wie er auf seinen langen +Talisman setzte.</p> + +<p>Wir waren am Tage an Felsausläufer des Gebirges gekommen, in deren +Schluchten der Dschungel sich aufwärts erstreckte, um sich mehr und mehr zu +lichten. In den Felsspalten floß klares Wasser, und als wir endlich +umkehrten, da der Boden zu zerklüftet und verwachsen war, kamen wir an ein +kleines Dorf von etwa zehn Laubhütten, das Itupah hieß. Unweit dieser +Niederlassung hatten wir die Zelte aufgeschlagen und die Lagerfeuer +angezündet. Die Leute waren gekommen, um uns Früchte anzubieten, hatten +sich<span class="pagenum"><a name="Page_92" id="Page_92">[92]</a></span> aber bald zurückgezogen, da unsere Gerätschaften ihnen allzu magisch +und gefahrdrohend erschienen waren.</p> + +<p>Ich konnte nicht einschlafen. Die Stimmen der wilden Tiere und der Mond +störten mich. Panja war in das Hindudorf geschlichen, um Liebesabenteuer zu +bestehen, er benutzte die Aufregung, die meine Gegenwart in Itupah +hervorgerufen hatte, um darzutun, wie berechtigt sie war. Ein paar Flecke +Mondlicht lagen am Zelteingang wie Papierschnitzel, und die Grillen füllten +die Luft mit ihrem Zirpen, als würde feiner Silberdraht gefeilt von vor +Hast toll gewordenen Sträflingen.</p> + +<p>Es raschelte in der Zeltecke, und als ich hinübersah, entdeckte ich ein +kleines Tier, das ich anfänglich für einen Marder hielt. Es saß totenstill +da, nachdem meine Bewegung es mißtrauisch gemacht hatte, und sah mich mit +zwei riesengroßen schwarzen Augen an, die sehr weit vorn und dicht +beieinander saßen, wie bei einem Affen. Das zierliche Köpfchen war nicht +viel größer als eine Walnuß in ihrer grünen Schale, und die Färbung des +Fells erschien mir graubraun, wie bei einem Eichkätzchen im Winter.</p> + +<p>Der Kleine gefiel mir außerordentlich, und ich versuchte Anschluß an ihn zu +gewinnen.</p> + +<p>„Treten Sie näher“, sagte ich und pfiff leise ein paar immer gleiche Töne +in die dämmerige Nachtluft. Das Tierchen rührte sich nicht, und ich sann +auf ein Anlockungsmittel. Als ich eine Bewegung mit der Hand machte, um ihm +ein englisches Biskuit anzubieten, das neben mir lag, tat es einen +lautlosen Ruck, und der Zeltwinkel war leer. Aber nach einer Weile huschte +es wieder wie ein Schatten durch die Mondflecke, der kleine Fremde war +wieder da, offenbar wurde er durch seine Neugier geplagt.</p> + +<p>Die beiden schwarzen Augenkugeln saugten, weit geöffnet und starr vor +Erstaunen, meine Erscheinung in sich auf, ich bin noch<span class="pagenum"><a name="Page_93" id="Page_93">[93]</a></span> niemals so +angeglotzt worden. Der Kleine schien furchtbar aufgeregt vor Begierde, +herauszubringen, was es für eine Bewandtnis mit mir hatte, und was mich aus +meinem entlegenen Lande nun gerade in die Nähe der Menschenstadt Itupah und +dort in die Gegend seiner Behausung geführt haben mochte. Ich hätte es ihm +nicht sagen können. Aber enttäuschen wollte ich ihn auch nicht.</p> + +<p>„Haben Sie Familie?“ fragte ich leise.</p> + +<p>Fort war er. Die Frage mag für den Beginn einer Bekanntschaft vielleicht +etwas zudringlich gewesen sein, aber nach einer kurzen Weile kam der Kleine +doch wieder, diesmal genau an derselben Stelle, zwischen unsern Salzgläsern +und Panjas Sandalen. Er schien nun bemerkt zu haben, daß meine Worte nicht +so gefährlich waren, wie er anfänglich angenommen hatte, und kam ein wenig +näher, um besser glotzen zu können.</p> + +<p>Es tat mir leid, daß ich nichts anzubieten hatte, und daß meine +Gastfreundschaft sein Mißtrauen erregte.</p> + +<p>„Es scheint, Sie leben des Nachts,“ begann ich vorsichtig, „ich entnehme es +Ihren Augen und der Tatsache, daß wir uns zu dieser Stunde begegnen. Ich +bitte Sie darum, keine falschen Schlüsse aus den vielerlei Gerätschaften zu +ziehen, die Sie hier erblicken, im Grunde bewegt uns lange aufrechte Wesen +kein anderer Herzensdrang als euch. Es läßt sich so leicht sagen: das +Glück, im Sonnenschein in der Welt zu sein, die Liebe und der Schlaf. +Darüber wacht etwas, wie eine unermüdliche Hoffnung, es möchte eines Tages +alles noch um vieles herrlicher werden. Das spricht auch aus deinen großen +Nachtaugen; und ist die Begierde, die dich herzutreibt, im Grunde etwas +anderes, als die meine, die mich veranlaßte, in die Wildnis deiner Heimat +zu kommen?“</p> + +<p>Da antwortete mir ein heller, böser Pfiff, der mir durch Mark und Bein +ging, und gleich darauf erscholl, als Entgegnung, ein<span class="pagenum"><a name="Page_94" id="Page_94">[94]</a></span> ärgerliches Zischen +im Laub meines Lagers. Nun galt es, still zu liegen, das wäre ein +verdrießlicher Abschluß meiner Dschungelfahrt gewesen…</p> + +<p>Ich wußte nun, wen ich vor mir hatte, aber bei weitem wichtiger war mir, +wen ich in meiner unmittelbaren Nähe in den welken Blättern wußte. Das +kleine Tier vor mir begann sich sanft und sonderbar zu schaukeln und +brachte dabei hell und stoßweise einen halb gepfiffenen, halb geknarrten +Ton hervor, der der Gefährtin meines Lagers galt. Nun quoll es dicht unter +meinen Augen aus dem Reisig hervor, wie das Rinnsal einer dicken, dunklen +Flüssigkeit und suchte den Ausgang zu gewinnen. Ein kleiner Schatten vom +Zeltrand her huschte der Schlange blitzschnell nach, und draußen begann für +eine kurze Weile ein von Fauchen, Zischen und Schnarchen wildbewegtes +Rascheln und Schleifen. Dann wurde es still, und ich hörte nur die +Hammerschläge meines Herzens und sah die weißen Papierschnitzel des +Mondlichts, bis langsam die eintönige Grillenmusik wieder die Nacht +beherrschte. Mir war, als habe sie geschwiegen, während sich ein Schicksal +unter den Geschöpfen des Nachtvolks vor meinen Augen abgespielt hatte.</p> + +<p>Wie eigenartig unterscheiden sich oft unsere Erwartungen von den +Erscheinungen selbst! Ich hatte von diesem merkwürdigen Tier oft gehört, +das in Indien als der ärgste Feind der Schlange gepriesen wird, und das +sogar oft von den Engländern wie ein Haustier zum Schutz gegen die Kobra +gehalten werden soll, aber ich hatte mir die Erfüllung meines Wunsches, +diesem Tier einmal zu begegnen, anders vorgestellt. Was hatte sich mehr +zugetragen, als ein von wenigen Rufen des Kampfes, der Angst und der +Lebensgier zerrissenes Huschen und Springen? Schattenhaft, fast unwirklich +war es geschehen, grau, im Halbdunkel und ohne jene pathetische Gebärde, +die erst die Erkenntnis langsam dem Ereignis verleiht.<span class="pagenum"><a name="Page_95" id="Page_95">[95]</a></span> Erst die Erinnerung +erschafft die Gestalten der Helden. War dies alles? Wie wird es uns mit dem +raschen, kleinen Leben ergehen, das wir in Erwartungen dahinhuschen lassen?</p> + +<hr /> + +<p>Oft, wenn ich von unserm Zelt aus mit der Büchse und Elias den Dschungel +durchschweifte, sah ich vom Flußufer aus die Alligatoren in der Sonne +liegen. Sie sonnten sich auf den Sandbänken und lagen kreuz und quer +durcheinander, einmal lagen sogar zwei aufeinander, das war peinlich. Der +Ausdruck ihrer sehr ausgedehnten Gesichter war in der Regel ungemein +vergnügt, die winzigen Äuglein funkelten fröhlich, und die riesigen, oft +weit geöffneten Mäuler zeigten deutlich einen Hang zum Lächeln. Man merkte +den Tieren an, wie wohl ihren knorpligen Schuppenhäuten die Sonnenglut tat, +und entschloß sich schwer, etwas Böses von ihnen anzunehmen. Zuweilen +gluckst etwas in ihren gelben Hälsen, die zart und weich wie Wachs sind.</p> + +<p>Ich habe niemals welche gesehen, deren Länge zwei Meter überschritt, ihre +afrikanischen Geschwister scheinen einem anderen Volksschlag anzugehören +und mehr Wert auf die Einschüchterung der Menschen zu legen. Zuweilen schoß +ich auf eine dieser riesigen Eidechsen, aber meine Kugel wirkte nie so +ausschlaggebend, daß das verwundete Tier nicht noch Zeit gewann, ins Wasser +zu schnellen. Es kann auch sein, daß ich niemals getroffen habe. Nachdem +der Donner des Schusses verhallt war, war die Sandbank für gewöhnlich leer. +Diese Tiere haben eine geradezu verletzend geschwinde Art, sich zu +empfehlen, sie schießen ins Wasser wie Torpedos, es ist unmöglich, eine +Bewegung ihrer Beine zu unterscheiden, und es erweckt den Anschein, als +wären sie an gestrafften Gummibändern mit dem Wasser verbunden und würden +plötzlich losgelassen. Sie schwimmen prächtig und erinnern in der Flut an<span class="pagenum"><a name="Page_96" id="Page_96">[96]</a></span> +Hechte, sind aber außerordentlich scheu und werden nur kleinerem Rotwild +gefährlich, das sie an der Tränke überraschen.</p> + +<p>Ich warf ihnen eines Morgens die Überreste einer erlegten Hirschantilope +zu, von der ich nicht mehr als ein Rückenstück hatte genießen können, und +die sonst die Sonne oder die Schakale vernichtet hätten, und erschrak über +die sinnlose Gier dieses Flußgesindels. Es dauerte kaum eine Minute, bis +der Körper des Tiers in einem dahintreibenden blutigen Schaumbecken, in +hundert Fetzen zerrissen, verschwunden war. Am Mittag lagen die Ungeheuer +wieder in der Sonne und lächelten, während der breite, trübe Strom gurgelnd +dahinzog und den Sonnenschein in mörderischen Lichtpfeilen in die +schmerzenden Augen schleuderte, die die Dschungeldämmerung verwöhnt hatte.</p> + +<p>Einmal saß ich in der Nähe unseres Zeltes in den Rankenverschlingungen der +Luftwurzeln eines wilden Feigenbaumes in der Morgensonne am Fluß und putzte +meine Jagdflinte, als es neben mir in den Mangroven raschelte. Als ich mich +umwandte, sah ich einen kleinen Hinduknaben vor mir stehen, der vor Schreck +völlig erstarrt war. Seine Augen schienen leblos geworden, wie zwei +schwarze, runde Spiegel, und sein Mund stand offen. Es war recht +begreiflich, denn ich hatte gebadet und so viel am Leibe, wie man ohne +Übertreibung etwa mit nichts bezeichnen kann. Offenbar hatte der Kleine auf +seinem Morgengang zum Fluß alles andere erwartet, als solch ein weißes +Ungetüm vorzufinden, das ihn angrinste.</p> + +<p>Er zitterte heftig und schluckte, wagte aber keine Bewegung. Dies war +schlimmer als der Tiger, es war ein furchtbarer Waldspuk. Über und über +weiß war dies fremde Wesen, das da vor ihm eine unfaßliche blanke Sache +über den Knien hielt, triefte und glitzerte und Augen hatte, in die man +nicht hineinschauen konnte, ohne seinen Untergang zu riskieren. Als aber +dies dampfende Unge<span class="pagenum"><a name="Page_97" id="Page_97">[97]</a></span>heuer nun plötzlich nieste, entwand sich der gequälten +kleinen Brust, die ganz mit Entsetzen angefüllt war, ein lauter Jammerruf +und wahrscheinlich machte der Kleine innerlich einen raschen Strich unter +sein verflossenes Dasein und beschloß es in seinen Erwartungen endgültig. +Jedenfalls fiel er zu Boden, preßte sein Gesicht in die Pflanzen und stieß +wieder und wieder denselben monotonen Klagelaut hervor, in dem er sich +wahrscheinlich dem besonderen Wohlwollen irgendeines Götzen empfahl.</p> + +<p>Es kam mir gar nichts in den Sinn, was ich etwa anstellen könnte, den +gebrochenen, kleinen Mann zu beruhigen. Wenn ich ihn berührt hätte, so wäre +er vor Angst gestorben, so ließ ich ihn einstweilen liegen und stellte +fest, daß sich seine Toilette in einer ähnlichen Etappe der Entwicklung +befand, wie die meine. Dann verfiel ich darauf, ihm eine arglose und +sinnvolle Weise vorzupfeifen, die nach meiner Überzeugung etwas +Beschwichtigendes enthielt, erst wählte ich ein altes Wiegenlied, dann +einen Choral und endlich „Heil dir im Siegerkranz“.</p> + +<p>Das wirkte. Mein Freund drehte das dunkle Köpfchen am Boden so weit, daß er +mich mit dem einen Auge bis etwa an meine Knie hinauf betrachten konnte. +Daß ich Menschen fraß, war immer noch sicher für ihn, aber es schien doch, +als wenn ich es nicht besonders eilig damit hätte. Ich gab ihm nun in +zurückhaltender Weise zu verstehen, daß er sich erheben sollte, und er +gehorchte, immer noch am ganzen Körper zitternd, aber sichtlich erstaunt +darüber, daß ich wie ein vernünftiger Mensch zu sprechen verstand und noch +dazu in seiner Sprache. Er bestand gewissermaßen nur noch aus Augen, und in +ihnen brannte nur ein einziger Wunsch, der, sich auf möglichst unauffällige +Art empfehlen zu dürfen; glotzen ließ sich weit besser aus einem Versteck, +und was konnte aus dieser Annäherung gutes kommen?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_98" id="Page_98">[98]</a></span>Aber er änderte seine Meinung doch, als ich nach meinen Kleidern tastete +und ihm eine Kupferanna unter die Augen hielt. Zunächst war sie da, das +ließ sich begreifen, aber nur langsam dämmerte in seinem Köpfchen der +Glaube hervor, daß sie ihm gehören sollte. Das war schlechthin unmöglich. +Als ob er den Wert dieser runden Metallplättchen nicht kannte, die sein +Vater zuweilen aus den Hafenstädten mitbrachte, wenn er Pfeffer oder +Ingwerwurzeln hinabgetragen hatte, und mit Hilfe derer man alles erlangen +konnte, alle Herrlichkeiten der Welt, buntes Tuch, die Süßigkeiten der +Basarstraße, Reis und Maniokbrot und Macht über alle Knaben des Ortes.</p> + +<p>Und so entwischte er ungefressen mit seinem Schatz, nachdem er endlich +begriffen hatte, daß meine Pläne sich in diesem Opfer erschöpften. +Vielleicht erinnert er sich meiner zu einer Zeit, wo er ein Jüngling +geworden ist und zu seiner ersten Kupferanna in den Hafenstädten so manche +andere verdient, und seine Meinung über uns Weiße geändert haben mag, in +einem zweifachen Sinn. –</p> + +<p>Mehr und mehr empfand ich von Tag zu Tag, daß ein fremder Bestand, der +nicht festzustellen war, die Beschaffenheit meines Bluts veränderte. Ich +schob die Schuld, wie man es in solchen Fällen zu tun pflegt, bald auf das +eine, bald auf das andere, heute schien mir das Trinkwasser der Anlaß zu +sein, morgen der Tabak, oder eine fremde Frucht, dann wieder verband ich +meinen Zustand mit meiner Schlaflosigkeit, oder mit der Beschaffenheit +dieser schwülen, von tausend Düften geheizten Luft. Panja betrachtete mich +oft lange und besorgt von der Seite, ohne zu wissen, daß ich seine Blicke +gewahr wurde, und daß sie mich reizten. Ich behandelte ihn ungerecht und +hart, aber er blieb geduldig und verfiel nicht wie früher in sein +gekränktes Schmollen. Überhaupt hatte er sich in der letzten Zeit merklich +geändert, mir war oft, als habe ihn eine neue<span class="pagenum"><a name="Page_99" id="Page_99">[99]</a></span> Verantwortlichkeit über sich +selbst hinausgehoben, gerade als ob er sich hätte bewähren müssen, um sich +seiner Kräfte und Tugenden bewußt zu werden. Ich lohnte ihm diesen Wandel +schlecht, aber ich konnte nicht anders.</p> + +<p>Mir war bisweilen, als habe mein Gehirn sich um vieles verkleinert und als +mache es eigenartige Drehungen und Schwankungen in seiner Schale, wie ein +schwimmender Ball in einem Wasserglas. Dabei verfiel ich auf alle möglichen +Heilmittel, nur nicht auf das einzige, das mir hätte helfen können: auf die +Flucht aus den Niederungen des Dschungels.</p> + +<p>War es Morgen, so mußte ich den Mittag erwarten, in welchem die Insekten +mit einem seligen Brausen, oder die großen Schmetterlinge leicht und +lautlos von Blüte zu Blüte zogen, durch unwahrscheinlich tiefes Blau oder +Grün, während die Welt in heißer Fülle verging. Mit dem leisen Unbehagen +des sinkenden Mittags mußte ich den Abend erwarten und an ihm die Nacht mit +ihrem Licht und Läuten über schwarzen Tiefen, ihren gurgelnden und +stöhnenden Stimmen der Raubgier und der Liebeswut und mit ihren blendenden +Gestirnen. Tag und Nacht waren für mich längst keine Begriffe des Wachens +oder der Ruhe mehr, sondern wechselnde Züge des indischen Weltenantlitzes, +magisch ineinander überwogend, wahrsagerisch entstellt.</p> + +<p>Ich hatte meine Heimat vergessen. Europa versank in meiner Erinnerung wie +ein lauter, häßlicher Traum voll unnützer Erregtheit, und ich lächelte +mitleidig über die Schande, die mir in den kleinen Beteiligtheiten meiner +hastigen Vergangenheit widerfahren zu sein schien. Wie ein einziger, +kreischender, grellfarbiger Lebensirrtum erschien mir das Treiben der +großen Städte, und ich verging und erstand in Schlafen und Wachen wie in +Frühling und Winter, das Angesicht der Tages- und der Jahreszeiten +verschmolz miteinander<span class="pagenum"><a name="Page_100" id="Page_100">[100]</a></span> zu einem unbestimmbaren Gefühl des Wandels, und die +Unschuld der Pflanzen, die mich einhüllten, wie ein lebendiges Gewand, war +die stärkste Gewalt über meine langsam verschwindende Erkenntniskraft.</p> + +<p>Es trieb mich zuweilen aus der Dschungelnacht an den Steppenrand zurück, es +war ein Verlangen, den offenen Himmel zu sehen und das weite braune +Hügelland, und es war mir angesichts dieser Helligkeit, als entkleidete +mich ein lautloser stiller Sturm des Lichts. Oft brachen wir mitten in der +Nacht auf, nahmen zuweilen den gleichen Weg, den wir am Tage mit Mühe +durchmessen hatten, und errichteten das Lager an der verlassenen +Feuerstätte. Mir war, als hätten die Pflanzen mich am Atmen behindert, als +raubten sie meiner Brust, was ihr zum Leben not tat. Oft ertappte ich mich +über gereizten und boshaften Blicken auf eine blühende Pflanze, deren +dargebotene Liebeswut in purpurroten Kelchen mich mit Zorn und Haß und +zugleich mit hingebender Demut erfüllte.</p> + +<p>Langsam war eins meiner Manuskripte und Bücher nach dem andern dem +nächtlichen Feuer zum Opfer gefallen, ich sah die weißen Blätter in +hämischer Genugtuung in der Glut welken und fühlte mich freier, wenn die +verkohlten Rollen zerbröckelten. Nur ein kleines, törichtes Büchlein +begleitete mich lange noch, ich weiß zuversichtlich, daß ich es nur deshalb +nicht zerstörte, weil eine merkwürdig verschlungene Ranke aus geprägtem +Gold den Einband verzierte, ungefällig, sinnlos und aufdringlich, aber es +tat mir wohl, diesen Linien mit den müden Augen nachzugehen. Einmal +versuchte ich, mich darauf zu besinnen, wo Nachrichten für mich liegen +könnten, ich schloß auf Bombay, Goa und Madras, aber ich wußte es nicht +mehr.</p> + +<p>In den Ohren die Muschelstimmen des Chinins, träumte ich oft in der +totenstillen Mittagsglut mit geschlossenen Augen vom Winter.<span class="pagenum"><a name="Page_101" id="Page_101">[101]</a></span> Immer wieder +tauchte das gleiche Bild vor mir auf: ein graues Flußtal im Abendnebel, auf +den Feldern der bläuliche Schnee im sinkenden Tageslicht, und ein eisiger +Wind über dem pechschwarzen Wasser, auf welchem Eisschollen dahintrieben. +Sie stießen sich und knarrten und läuteten, auf einigen von ihnen saßen +Raben und ließen sich mitnehmen. Dann empfand ich die Kälte plötzlich als +schneidenden Schmerz an Stirn und Wangen, und meine Brust weitete sich, wie +zerspringend vor Frische. In kalten Schauern schlief ich über solchen +Visionen zuweilen ein, aber die sinnlosesten Träume raubten meinen Schlaf +die ersehnte Erquickung.</p> + +<p>Eines Nachts träumte mir, ich sei am Meer eingeschlafen, in einer +Bergschlucht, und plötzlich weckten mich die Stimmen zweier Männer, deren +Klang eine eigenartige Verwandtschaft mit dem Reden des Meerwassers hatte. +Ich richtete mich halb empor, stemmte die Ellenbogen in den Sand und sah +betroffen auf. Die Sonne war ins Meer gesunken und schien aus der Tiefe, +durch das Wasser. Obgleich sie selbst rötlich glänzte, war doch das Licht +der Luft grünlich und blaß, und merkwürdige Schattenwellen zogen hindurch, +wahrscheinlich entstanden sie durch die Uferwogen.</p> + +<p>Die beiden Männer standen gerade nebeneinander im Sand, der wie Türkisen +schimmerte. Sie hatten ihre Arme schlicht und ohne Gebärde an den Körper +gelegt, und unter ihren leichtgesenkten Stirnen sahen mich ruhige, runde +Augen von einem gleichmäßigen sehr hellen Blau an, in denen ich keine +Abzeichnung der Pupillen unterscheiden konnte. Die Färbung ihrer Haut war +bernsteingelb und ihr Haar weißlich, sie hatten breite, aber hagere +Schultern, und ihre Hüften waren so schlank und so wenig ausgezeichnet, daß +man von der Achselhöhle bis an die Fußknöchel hinsah, wie an einer geraden, +schräg gestellten Leiste. An ihren Schläfen war ein<span class="pagenum"><a name="Page_102" id="Page_102">[102]</a></span> eosinrotes Band +befestigt, das in einem breiten Fächer auf die linke Schulter herabsank und +hinter ihr verschwand.</p> + +<p>So standen die Zwei, die sonst nicht bekleidet waren, ruhig vor mir in der +grünlichen Luft mit ihren geheimnisvollen Schattenwellen. Es schien mir, +als lächelten sie, aber eher neugierig als spöttisch. Endlich begannen sie +eine Unterhaltung miteinander und versuchten den Anschein zu erwecken, als +sei ihnen an meiner Beachtung nichts gelegen, aber ich unterschied doch, +daß sie nur meinetwegen sprachen. Sie lächelten verstohlen und ungefällig +und sahen bisweilen mit einem raschen Blick zu mir hinüber. Nun wies einer +von ihnen zu den Felsen einer Schlucht empor, wo sich in halber Höhe der +Berge ein gleichmäßiger, tiefer Einschnitt im Gestein bemerkbar machte, der +rundlich ausgehöhlt war.</p> + +<p>„Richtig,“ antwortete der andere, „das ist unsere alte Meergrenze, die +letzte, aber wo ist die Grenze der Väter geblieben?“</p> + +<p>„Die Gipfel schwemmen gar zu rasch nieder,“ lautete die Antwort, „die neue +Welt wird klein.“</p> + +<p>Dann unterschied ich nicht mehr alles, was sie sagten oder meinten, aber +ich empfand, daß sie von versunkenen Reichen sprachen, deren Kulturstätten +der Meersand seit undenkbaren Zeiten in tiefen Gründen der Flut vergraben +hatte, und sie tuschelten davon, daß nun bald die Zeit anbrechen müsse, in +der der Meerboden und der Erdboden vertauscht werden sollten. Bestürzt +überfiel mich eine dunkle Ahnung der Reiche, die das Meer verbarg, und ich +sah sie, nach ihrer Auferstehung, von Sonne, Wind und Regen langsam aus +ihrer sandigen Hülle brechen. Ich wagte keine Frage, obgleich mein Herz vor +Begierde brannte, an den Erfahrungen der beiden Menschen teilzunehmen, aber +es war, als ahnten sie, daß ich die Absicht im Sinn trug, ihnen ihre +Geheimnisse zu entreißen, denn sie berührten einander die Schultern mit der +Hand, so daß sie zu<span class="pagenum"><a name="Page_103" id="Page_103">[103]</a></span> einem seltsam schönen Ornament verschmolzen, wandten +sich dem Wasser zu und schwebten hinein und in die Tiefe, wie durch die +Luft. Ich sah sie noch einmal, als sie an der Sonne vorüberzogen, die sehr +tief gesunken war, dann schlief ich ein, in großer Traurigkeit, wie ich sie +nie gekannt habe, und wie man sie nur im Schlaf empfinden kann.</p> + +<p>Ein anderes Mal im Traum schenkte mir irgend jemand ein Kriegsschiff mit +weiblicher Bedienung, damit ich gegen meine Feinde vorgehen könnte, aber +ich hatte deren leider nur drei und die lebten auf dem Festlande. So +entließ ich die Damen, damit diese drei Gegner glücklich würden. Mit den +Kanonen schoß ich auf Möwen, aber sie schnappten nach den Kugeln, ja, dies +Geflügel wartete geradezu an der Öffnung der Geschütze, es war ungemein +ärgerlich. So sah ich ein, daß es hiermit nichts Rechtes werden würde, und +löste einstweilen spielend eine Reihe von Problemen, die mich früher auf +ganz unverständliche Art gequält hatten. Dabei brachte ich endgültig +heraus, daß man zu dererlei Geistesexperimenten am Boden umherkriechen +mußte, und ich tat es mit Ausdauer und fröhlich.</p> + +<p>Als ich aber nach vielerlei Träumen dieser Art, die ich vergessen habe, +eines Tages mit trockenem Mund und einer scheußlichen Leere hinter der +Stirn, in der Mittagshitze frierend, am Fußboden, in einem Winkel des +Zeltes, erwachte, ergab ich mich anteillos den Weisungen Panjas, ließ mich +in Wolldecken wickeln und erwartete meinen Verbrennungstod in diesen +phantastischen Feuern meines Bluts und meiner Seele, die von boshaften +Dämonen geschürt wurden.</p> + + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_104" id="Page_104">[104]</a></span></p> +<h2> +<a name="kap06" id="kap06"></a>Sechstes Kapitel<br /> +Im Fieber +</h2> + + +<p>In einer ungewissen Stunde, die nicht am Morgen und nicht am Abend war, kam +ich mit dem bestimmten Bewußtsein zu mir, nach jener denkwürdigen Nacht mit +Huc, dem Affen, am Morgen gestorben zu sein. Es muß nach dem Tode einen +seltsamen Halbschlaf der ersterbenden Sinne geben, der uns noch eine +Zeitlang den Fortgang des Lebens vortäuscht, eine Art Erinnerung des +Körpers, der sich seinem Verfall noch nicht zu ergeben vermag, in welcher +die Hoffnung unseres Herzens in einem mitleidigen Spiel den Gang des +Daseins fortsetzt, nachdem die Seele ihrer Hülle entflohen ist. In jenem +Stadium mußte mir alles geschehen sein, was ich bis zu diesem Morgen erlebt +zu haben glaubte; ich lächelte geringschätzig und melancholisch in die +grauen, sanft erklingenden Sphären hinein, in denen ich dahintrieb. +Immerhin erfreute es mich, daß mein Bewußtsein nicht völlig erloschen zu +sein schien, und die Erkenntnis, nun endlich mit Sicherheit zu wissen, daß +ich gestorben war, beruhigte mich sehr; ich begriff nun deutlich die +qualvolle Ungewißheit, die über allem gelegen hatte, was mir in der letzten +Zeit zugestoßen war. War nicht alles wie aus grauen Spiegeln emporgetaucht +und in anderen wieder versunken, in seltsamem Kreisen und liederlicher +Gleichgültigkeit gegen die Wirklichkeit? Bei dieser neuen Offenbarung über +meinen Tod, den ich mir aus einer im Grunde recht kleinlichen +Lebensängstlichkeit bisher nicht einzugestehen gewagt hatte, entschloß ich +mich in einer wundervollen Gelassenheit des Gemüts, nun niemand mehr zu +dienen, als allein der Erinnerung. Es war merkwürdig, daß Panjas Gesicht +mich dabei störte, das ungewiß und groß, wie ein Wolkenschatten, zuweilen +über mir erschien, mein<span class="pagenum"><a name="Page_105" id="Page_105">[105]</a></span> Dahinziehen durch das flimmernde All hinderte und +in sinnloser Aufdringlichkeit in meiner Nähe verharrte. Ich ließ mich nicht +täuschen, ich erkannte in unzweifelhafter Klarheit, daß der Durst, der +meinen Körper durchglühte, der Wissensdurst meiner Seele war; er war mein +einziger Schmerz, und ich pries mich glücklich.</p> + +<p>Irgend jemand sprach zu mir; ich beachtete es lange absichtlich nicht, weil +ich mich nicht von der Überzeugung trennen wollte, daß niemand das Recht +hat, mit einem Toten zu reden. Merkte denn dies wesenlose Geschöpf immer +noch nicht, daß Tote andere Interessen haben, als sich mit dem +vergänglichen Tand abzugeben, der die Lebendigen der ungewöhnlich kleinen +Erde beschäftigt, die nicht einmal in der Lage ist, sich ruhig zu verhalten +und in lächerlicher Abhängigkeit von der Sonne umhertanzt? So entschloß ich +mich endlich, mir Ruhe zu verschaffen, und wandte mich in der prächtigen +Freiheit des Muts um, den nur Tote haben, um Schweigen zu gebieten. Aber da +erkannte ich, daß mein Ich neben mir saß und rauchte. Es hatte sich meiner +Pfeife bemächtigt, meiner Kleider und Schuhe und trug meinen fünfmal +gewundenen Schlangenring aus Gold mit den Saphiraugen und der +Brillantenkrone. Ich fand im Augenblick nicht den rechten Ton, denn es ist +ungewöhnlich schwer, sich im Tode richtig gegen jemand zu benehmen, den man +im Leben oft hintergangen hat. Mein Ich lächelte mir ermutigend zu, aber +ich ließ mich nicht irreführen; dies Lächeln kannte ich, man weiß doch, +womit man andere über sich selbst zu täuschen pflegt, und was hinter seinem +eigenen Lächeln steckt. Aus irgendeinem Grunde sagte ich rasch und +ärgerlich:</p> + +<p>„Nur keine Philosophie, bitte.“</p> + +<p>Mein Ich erwiderte freundlich, daß ihm dererlei völlig fernläge, und daß +nach der Scheidung, die ich als vor sich gegangen zugeben<span class="pagenum"><a name="Page_106" id="Page_106">[106]</a></span> müßte, überhaupt +alle Fragen über das Wesen von Sein und Nichtsein aufgehoben wären.</p> + +<p>Es war ungemein fesselnd, meine eigene Stimme zu hören, derer sich mein +Gegenüber bediente; aber irgend etwas am Klang der Stimme ging in kühler +Sachlichkeit weit über die arme Befangenheit hinaus, in welcher ich mich +früher dieser Stimme bedient hatte. Dies ärgerte mich empfindlich, denn ich +erkannte, was ich zu Lebzeiten versäumt hatte.</p> + +<p>„Siehst du, was alles in mir gesteckt hat?“ fragte ich, aber ich verwand +meinen Verdruß rasch, denn mein abgeklärtes Ich an meiner Seite hatte etwas +ungemein Imponierendes.</p> + +<p>„Habe ich eigentlich jemals auf einen Menschen einen ähnlichen Eindruck +gemacht, wie Sie auf mich?“ fragte ich.</p> + +<p>„Du kannst schon du sagen,“ meinte mein Ich recht liebenswürdig und ohne +kränkendes Wohlwollen, „wir müssen versuchen, uns endlich zu verstehen.“</p> + +<p>Das sah ich ein. „Gib wenigstens den Ring her!“ bat ich.</p> + +<p>Da sah ich, wie ich selbst, an meinem Lager sitzend, meinen Ring vom Finger +zog, genau auf die gleiche Art, wie ich es zu Lebzeiten getan haben mochte, +wenn ich ihn irgend jemand auf seinen Wunsch hin zeigte. Ich versuchte, den +Ring anzustecken, aber mein Finger brach ab. „Verflucht, ist es schon so +weit mit mir, Sahib?“ fragte ich unwirsch. Mein Ich nahm den Finger und +steckte ihn umständlich in die Tasche, und zwar in die richtige, die ich +für solcherlei Gegenstände leer zu halten pflegte.</p> + +<p>„Sind wir noch in Indien?“ fragte ich; aber unmittelbar, nachdem ich diese +Frage ausgesprochen hatte, überkam mich die Erkenntnis, wie völlig +belanglos solch ein Umstand für mich war. „Was soll geschehen?“ fragte ich +etwas burschikos, denn ohne einen bestimm<span class="pagenum"><a name="Page_107" id="Page_107">[107]</a></span>ten Zweck würde mein Ich sich +hier kaum niedergelassen haben, so gut glaubte ich mich zu kennen.</p> + +<p>Und wirklich erhob sich nun das Ich in meiner Gestalt, zog seinen Rock +zurecht, trat einmal mit dem Bein nach vorn, um die Hose zu glätten, und +strich sich über das Haar. Ich wußte schon, daß es sich darum handelte, daß +ich mein Grab kennen lernen sollte.</p> + +<p>„Du darfst dir keine besondere Vorstellung von der Ausstattung machen“, +hörte ich. „Panja hat dich im Wald verscharrt, kaum tiefer, als deine Arme +lang sind, und die Waldblumen wachsen über deinen Augen.“ Nachdem diese +Worte verklungen waren, sah ich niemand mehr und empfand nun, daß ich in +meinem Grabe ruhte. Einen kleinen Augenblick lang huschten mir noch +Gedanken durch den Sinn, aber dann überwältigte mich eine unbeschreibliche +Ruhe.</p> + +<p>Diese Ruhe vermag kein irdischer Mund zu schildern; es ist mir niemals eine +Wohltat geschehen, die dieser Ruhe zu vergleichen wäre. Nach einer langen +und ermüdenden Wanderung voll ungesunder Hast und qualvoller Befürchtungen +langte ich früher in meinem Leben einmal am Ort meiner Bestimmung an und +außer einer trostreichen Gewißheit empfing mich ein kühles, weißes Lager in +einem stillen Raum, dessen Fenster den Blick auf die Berge hinausführten. +Die wenigen Minuten, in welchen ich meinen übermüdeten Körper vor dem +Einschlafen auf diesem Lager ruhen fühlte, sind vielleicht entfernt dem +glücklichen Zustand zu vergleichen, in welchem ich nun im Grabe lag, aber +man muß sich diese Wohltat bis an die Grenze der Bewußtlosigkeit gesteigert +denken und wie im friedlichen Rausch einer überirdischen Musik.</p> + +<p>Meine Hände waren hoch auf der Brust übereinandergelegt, ohne gefaltet zu +sein; ich ruhte ganz gerade ausgestreckt, und die schwere Decke der Erde +war eine glückliche Last; sie lag auf meiner Stirn<span class="pagenum"><a name="Page_108" id="Page_108">[108]</a></span> und auf meinem Gesicht, +wie die liebevollen Hände einer besorgten Mutter nicht sanfter ruhen +können. Ich vernahm einen gleichmäßigen, starken Pulsschlag, dessen +Ursprung ich nicht erkannte, der mich aber mit großer Beruhigung erfüllte. +So lange unter den lebenden Wesen der Erde noch eines meiner in Liebe +gedachte, blieb mein Bewußtsein wach, aber ohne qualvolle Erinnerungen; es +war ein unbeschreiblich erhabenes und freies Lächeln, mit welchem ich der +irdischen Ereignisse gedachte, ohne mich ihrer recht zu erinnern. So ruht +das Korn in der winterlichen Erde, es trägt sein Gedenken an den Sommerwind +und an die Sonne, in der es herangereift ist, wie einen Frühlingstraum +durch seinen Schlaf. Das Licht, der Regen, das Schwanken in der bewegten +Luft und der Schnitter sind eine einzige lind durchbebte Ahnung der +Vergangenheit, die keine Trauer oder kein Gefühl der Verlassenheit +aufkommen läßt. Denn im dunklen Schlummerland pocht ein herber, +gleichmäßiger Pulsschlag; ob es die Lichtwellen der Sonne, ob es Tag und +Nacht sind, oder der Wechsel der Jahrtausende, ist niemals die Sorge eines +im Erdreich Schlummernden gewesen, denn nun ist der Tod überwunden; man muß +ihn nur kennen, um zu wissen, wie wesenlos seine Mächte sind, die die armen +Erdbefangenen als eine so unerhörte Herrschaft feiern. Nun sind tausend +Jahre wie ein Tag. Ich hatte weder den Wunsch, jemand von denen +wiederzusehen, die ich geliebt hatte, noch kannte ich Sorge um ihr +Geschick. Glückseliger konnten die Frommen nicht sein, die Gottes Angesicht +schauten.</p> + +<p>Nach einer unabsehbar langen Zeit, in der ich keinerlei Veränderung spürte, +schien es mir, als würde es langsam dunkler um mich her und in mir. Nicht +die Furcht, nun vergessen zu sein, bewegte mich, aber eine laue +Anteillosigkeit auch an dieser Möglichkeit. Vielleicht war das Laub des +Waldes dichter und dichter über mei<span class="pagenum"><a name="Page_109" id="Page_109">[109]</a></span>ner Ruhestatt niedergesunken, oder die +Erde kreiste nicht mehr um die Sonne, vielleicht war sie von einem anderen, +größeren Gestirn aufgenommen, auf welchem der Wechsel der Zeit nach anderen +Gesetzen vor sich ging. Mehr und mehr verlor ich das Bewußtsein meiner +selbst, aber ohne darüber in Gram zu sinken; es war mir, als ob der Rest +meiner Klarheit sich in einem einzigen Fünkchen sammelte, das ähnlich +glomm, wie die Hoffnung in den Herzen der lebendigen Menschen.</p> + +<p>Da bemerkte ich allmählich, in einem heraufdämmernden Zeitraum, den ich +nicht begrenzen kann, einen sanften Lichtschein über mir, der still anwuchs +und sich langsam näherte. Er war weißlich, ohne zu glänzen, und erschien +mir wie ein blasser Strahl von zartem Umriß und langsamem Leben; er senkte +sich auf die Gegend meines Herzens nieder und ohne einen Schein im Erdreich +zu verbreiten, glomm er doch in lieblicher Seligkeit, und der unfaßbare +Zauber einer fernen Erinnerung an die Sonne verband ihn mit meiner +Zuversicht. Da erkannte ich, daß es der tastende Wurzelkeim einer Pflanze +war, der sich meiner Brust näherte, und mich ergriff ein tiefer Schauer, +der nicht Freude noch Hoffnung war, aber man könnte ihn vielleicht mit der +Ergriffenheit vergleichen, in der die Irdischen bei einer großen +Erschütterung ihres Gemüts in Tränen ausbrechen, ohne dabei schon Lust oder +Schmerz zu verspüren. Je näher der bleiche, saugende Mund auf kindlicher +und frommer Wanderschaft und in gehorsamem Wachstum meiner Brust kam, um so +mehr verwandelte sich mein erlöschendes Menschbewußtsein in ein seliges +Allgefühl von erhabener Gestilltheit und froher Bereitschaft zum Vergehen +in ein unversiegbares Bereich. Da geschah es bald darauf, daß die Wurzel +der Pflanze in mein Herz eindrang und in einem funkelnden Erklingen, in +einem von Frische und seliger Wildheit betäubenden Lichtwirbel wurde mein +Wesen<span class="pagenum"><a name="Page_110" id="Page_110">[110]</a></span> emporgerissen in das warme, leuchtende Brausen der Erdoberfläche.</p> + +<p>Über meinem Grab brach eine große Blume auf und öffnete sich gegen die +himmlische Sonne. –</p> + +<p>Nun kam es mit weichen Schritten durch die dichten Lauben des Urwalds +heran, auf diesen verschlungenen Pfaden, die kaum ein paar Schritt weit zu +übersehen sind und wie grüne Höhlen wirken; unendlich weich und geschmeidig +schritt es dahin, von der stolzen Erhobenheit der Gestalt, die unter allen +Geschöpfen nur die Menschen haben. Es war ein Mädchen, das herankam, +beinahe noch ein Kind an Jahren. In jener schattigen Lichtung im großen +Urwald, an welcher unter einem Baum vorzeiten mein Grab gegraben worden +war, und in welcher nun die frische Blume sich langsam gegen das +Sonnenlicht kehrte, machte das Mädchen halt und beugte sich nieder. Sie +trug Lotusblüten im Haar, von sanftem Rot und einen schmalen Gürtel von +gewundener ockerroter Seide um die zarten Hüften. Ein Hauch von Ambra +begleitete sie, wie unsichtbare Flügel der Jugend.</p> + +<p>Um den Hals trug sie eine zweifache Schnur aus roten Angolaerbsen, und ein +breiter Goldring, der um ihr Fußgelenk geschmiedet war, funkelte im Tau der +Bodenpflanzen.</p> + +<p>Als ihre Augen mit dem nächtlichen Glanz einer tausend Jahre alten +Schwermut sich über das frische, helle Blau der kaum erblühten Blume +neigten, war es, als begegneten einander ein himmlisches Erstrahlen und ein +irdischer Widerschein. Aber das Mädchen brach die Blume nicht, sondern es +schien, als erinnere sie sich zuvor einer köstlichen Pflicht, denn ihr +Angesicht belebte sich unter einer mit Schamhaftigkeit gemischten +Erwartung. Über die Wurzeln der Bäume dahin, im weichen Erdreich und über +braunem Laub, floß ein Bach; sein klares Wasser zog rasch und lautlos +durch<span class="pagenum"><a name="Page_111" id="Page_111">[111]</a></span> Sonnenflecke und Buschschatten. Das Mädchen legte ihre Halsschnur ab +und hängte sie in kindlicher Fürsorge nachdenklich in die Betelranken, die +die hängenden Zweige des Baumes mit dem Waldboden verbanden; sie legte +ihren Gürtel ab und blinzelte fröhlich in das warme Licht. Nur die Blumen, +die ihr Haar schmückten, ließ sie in der nachtdunklen, glänzenden Fülle +ruhen, in der sie zum Ruhm ihrer jungen Herrlichkeit verwelken sollten.</p> + +<p>Das Wasser wurde unter der Freude ihres lieblichen Körpers beredt; es +überrieselte wie mit fröhlichem Lachen die helle Bronze dieses Leibes, der +sich unter den Berührungen der Natur beseligt dehnte und in einer Hingabe +ohnegleichen seinen Schöpfer lobte, den Schöpfer der Waldriesen, die ihn +behüteten, der Milliarden Pflanzen und allen Getiers, das gleich ihm im +duftenden Schatten atmete, und der großen Sonne, die ohne Aufhör goldenes +Glück zum Wohlergehen der Ihren auf die geduldige Erde sandte.</p> + +<p>An einem besonnten Hügel, der weich von Moos gepolstert war, legte das +Mädchen sich auf den Boden nieder, um in der warmen Luft zu trocknen; sie +gab sich dem Licht in holder Bedachtlosigkeit preis, denn es gibt vor ihm +keine Geheimnisse des Körpers oder der Seele, und beide sehnen sich nach +ihm. Sie schien mit dem Boden zu verschmelzen; der Pulsschlag der Erde +verband sich mit dem Pochen ihres Bluts, und die Blüten in ihrem Haar +dufteten noch einmal empor im Verein mit dem sanften Hauch von Müdigkeit, +der wie ein Lied von ihrem Leib aufstieg. Die Sonnenstrahlen glitten +spielend über die zierlichen Hügel der kleinen Brüste dahin, über die +Rundungen der warmen Glieder; hier leuchteten sie auf, dort tauchten sie in +heimliche Schatten nieder, allmächtiger als der stärkste Beherrscher, der +sich jemals eine Welt zu eigen gemacht hat, und mit der Anmut eines +Geliebten, der nach überwundenen Stürmen seine Wohltäterin beglückt.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_112" id="Page_112">[112]</a></span>Wie in reglosem Stolz, erstarrt vor Andacht, sah die grüne Waldherrlichkeit +auf den ruhenden Triumph der Schöpfung nieder, bis jählings mit hellem +Flöten ein Vogel im Rankendickicht ein Lied begann, überselig, beinahe +grell und erschreckend, und aus der Nähe drang eine gejubelte Antwort. Da +erhob sich das Mädchen, legte bedächtig ihren geringen Schmuck aufs neue an +und bückte sich über die Blume nieder, in der das Blut meines Leibes +auferstanden war; sie brach sie und befestigte sie, indem ihre großen Augen +über dem zitternden Kelch lächelten, in ihrem Gürtel. –</p> + +<p>Wie war es doch gewesen? Ach, nun erinnerte ich mich, jene große Blume von +leuchtendem Blau rief mir alles ins Gedächtnis zurück. Ich kannte dies +Mädchen und ihre Blume schon längst; es war in einer jener vertanen Nächte +in Bombay, in einer jener Nächte, die ruhlos und ziellos beginnen und oft +so trostlos verstreichen, hingegeben an Nichtigkeiten, in denen unsere +hohen Erwartungen, vom Geist des Weins umhüllt, in grauen Morgenstunden +versiegen. Aber es gibt keine Hoffnungen, die nicht irgendwo in unserer +Seele und irgendwo in unserer Zeit mit einem jenem Lächeln verwandten Glanz +gestillt werden, in dem sie erwachen. Hoffnungen sind den Blüten +schlummernder Rechte vergleichbar, im Dämmerlicht der Ahnung.</p> + +<p>Ich hatte damals in einer Abendstunde das Hotel verlassen, in dem ich schon +seit Tagen auf einen Dampfer wartete, der mich nach Singapore bringen +sollte, und war die breite, belebte Straße hinabgeschlendert, ohne +Ausrüstung für eine bewegte Nacht, ja, ohne eine andere Absicht, als die, +mich noch für einige Minuten in der kühleren Luft des Abends zu ergehen und +dem bunten Straßentreiben zuzuschauen. Aber es lag keine Linderung in der +schwülen Luft, die nach verdunstendem Sprengwasser, nach Pferden und Öl +duftete, sowohl die freien Atemzüge behinderte, als auch die<span class="pagenum"><a name="Page_113" id="Page_113">[113]</a></span> vernünftigen +Gedanken. Oft wirkt diese Atmosphäre wie eine Ankündigung des Fiebers, +verwirrend und zu allerhand Sinnlosigkeiten ermunternd; die Lebensleiden +der Verlassenheit gären darin, satt von Melancholie; kleine Teufel erheben +darin die nach Abenteuern lüsternen Narrenköpfe, während der nahende, rote +Mond den nüchternen Sinn aller Dinge in Schleier legt. –</p> + +<p>Ich ließ mich nach einer Weile am Holztischchen eines Straßencafés nieder; +es erschien mir, als verbürgen mir alle, die mich anschauten, etwas, in +mitleidiger Überlegenheit. Eine kleine, ganz in ein dunkles Tuch gehüllte +Straßenbettlerin hielt mir die braune, offene Hand hin, und unter ihrem +Lächeln verstand ich plötzlich die Nacht.</p> + +<p>Nun war es dunkler geworden, als ich weiterschritt. Aus geöffneten Türen +drang der Schein bunter Lichter; die Straßen wurden enger und die Passanten +seltener. Ich hörte Schritte herannahen und jählings hinter mir verstummen, +sobald eine der vermummten Nachtgestalten an mir vorübergegangen war; man +blieb stehen und sah mir nach, neugierig, oder lüstern auf einen Raub, von +einer Ahnung der Ruhlosigkeit und Unsicherheit angeweht, die mich +gefangenhielten und dahintrieben. Einen Augenblick war ich um mein Leben +besorgt, da ich die Gefährlichkeit dieser Stadtgegend kannte, aber dann war +mir, als sei dies, mein geliebtes und umsorgtes Leben, eine ganz fremde und +gleichgültige Sache für mich geworden. Es kam auf ganz andere Dinge an; die +Nacht forderte ihr Recht, die Nacht der Erde und die meiner unruhigen +Seele, die nach einem mystischen Tag ihrer Wandlung Verlangen trug.</p> + +<p>Die Tür eines Holzhauses stand angelehnt, und als ich sie aufstieß, blickte +ich in einen schmalen Korridor, der durch eine grünliche Papierampel +dämmerig erhellt wurde. Zur Rechten und zur Linken der Ampel waren an den +kahlen Wänden Spiegel ange<span class="pagenum"><a name="Page_114" id="Page_114">[114]</a></span>bracht, die das matte, schwebende Gestirn dieses +stillen Bereichs nach beiden Seiten hin tausendfach in ein magisches All +hinüberzauberten. Von irgendwoher erklang gedämpft eine klimpernde Musik, +der einer Mandoline vergleichbar, aber um vieles unbelebter und im Takt oft +von einem lang anhaltenden Ton unterbrochen, der einer Flöte entstammen +konnte. Ein schwerer, süßer Geruch drang mir entgegen, wie von gärendem +Honig und betäubendem Räucherwerk; er quoll aus dem Spalt eines roten +Vorhangs im Hintergrund, wie aus der Wunde einer überreifen Frucht.</p> + +<p>Als ich an diesem Ort eine kleine Weile gestanden und gelauscht hatte, +öffnete der niedrige Vorhang sich, und eine alte Frau trat zögernd und +scheinbar überrascht auf mich zu. Sie war welk, und ihr ergrautes Haar +flimmerte vermodert in dem blaßfarbigen Licht der Papierlaterne über ihrem +Scheitel, ein gelbes Tuch war wie eine Fahne um ihren Körper geschlungen, +so daß ihre Schultern und Arme, sowie ihre Beine von den Knien an abwärts +unbedeckt waren. Nachdem sie sich von ihrer anfänglichen Überraschung +erholt hatte, lächelte sie mir in feiner, unpersönlicher Herzlichkeit zu, +die Leuten eignet, die aus Beruf oder Gewohnheit gastfreundlich sind, und +lud mich, nach einem prüfenden Blick über meine europäische Kleidung ein, +näherzutreten. Sie sagte ein paar Sätze, die ich nicht verstand, denen aber +leicht ein Willkomm zu entnehmen war und eine ehrende Begrüßung. Da ich +ohne Zögern nähertrat, verdoppelte sie ihre Unterwürfigkeit, und ich hatte +den Eindruck, als kröche sie mir die Stiege hinauf voran, die wir im +rötlichen Dämmerlicht erklommen; ich sah immer nur ihr Angesicht dicht vor +meinem, während ihr übriger Körper bereits voraus war. Sie grinste süßlich +und boshaft; irgendwo bimmelte zaghaft ein Glöcklein; beklommen folgte ich, +ohne Aufwand<span class="pagenum"><a name="Page_115" id="Page_115">[115]</a></span> von Mut, ohne Umsicht, ja fast ohne rechte Erwartung; was +geschehen sollte, mochte geschehen. Das Leben wog leicht.</p> + +<p>Wir kamen an eine mit buntem Papier bezogene Tür, die die Treppe hart +abschloß, und die sich lautlos und leicht unter dem Druck der welken Hand +der alten Frau öffnete.</p> + +<p>„Tritt ein, Herr“, sagte sie auf Hindustani und drückte sich an die Wand, +die nachgab und schwankte; ich hatte den bestimmten Eindruck, daß wir von +allen Seiten beobachtet wurden. So tappte ich nun vorsichtig voran in das +von Rauch wie in Nebel getauchte bläuliche Dämmerlicht eines niedrigen +Raumes, in welchem ich anfänglich, außer dem erlöschenden Mond einer +stillen Ampel, nur hängende Wandteppiche in mancherlei gedämpften Farben +und seltsamen Ornamenten zu erkennen glaubte. Es glitzerte mir in matten +Goldtönen entgegen und ein sanft betäubender Hauch von welkendem Jasmin und +Opium beengte die Brust.</p> + +<p>Ich durchschritt mit meiner Führerin diesen Raum, um in einen zweiten zu +gelangen, der noch kleiner und finsterer war, und in dem ich zuerst nur ein +breites Ruhebett erkannte, das mit vielfarbigen Decken und Fellen belegt +und kaum einen Fuß hoch war. Die Alte verbeugte sich viele Male, nachdem +ich, wie sie es zu wünschen schien, auf diesem Lager Platz genommen hatte, +und sagte im Hinausgleiten in gebrochenem Englisch:</p> + +<p>„Ich werde Goy für dich holen, Herr, du wirst zufrieden sein.“</p> + +<p>Als ich ihr mit zwei zustimmenden Worten zunickte, lachte sie, glücklich +und stolz darüber, verstanden worden zu sein. O, sie war eine hochgebildete +Frau, nun hatte sie den Beweis erbracht, und nichts wäre in der Lage +gewesen, sie zu einer Handlung zu bewegen, die mich an dieser Meinung über +sie wieder irremachte.</p> + +<p>Ich sah mich kaum im Zimmer um, als ich allein war; es mußte alles so sein +und kommen, wie es für diese Nacht bestimmt war.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_116" id="Page_116">[116]</a></span>Unter einer winzigen grünen Ampel, dicht an der Decke, erblickte ich ein +rundes Tischchen mit unwahrscheinlich dünnen Beinen, und in einer mit roten +und blauen Ornamenten ausgelegten Messingschale, die darauf stand, lagen +trockene, fremdartige Früchte, Tabak, Hanf und Betel. Da meine Augen sich +bald an das ebenmäßige, sanfte Licht gewöhnt hatten, erblickte ich, als nun +die Tür sich öffnete, sogleich mit der übersinnlichen Deutlichkeit einer +Vision das Mädchen, das meinen Raum betrat und vorsichtig die Tür hinter +sich schloß und verriegelte. Sie trat so gelassen und freundlich auf mich +zu, als sei ich ihr ein längst vertrauter Gast, und grüßte mich, indem sie +nach kanaresischer Sitte die Spitzen ihrer Hände an die Stirn legte und +sich tief verneigte. Sie war völlig nackt unter einem unendlich feinen +Schleier von rauchfarbenem Seidenflor; ihr schwarzes Haar war mit grauen +Blumen geschmückt, und ein schmaler Ledergürtel von verblichenem Ockerrot +legte sich, ohne ihren Körper zu beengen, wie ein Ring aus rostigem Metall +um ihre Hüften, die, obgleich ich ein Kind vor mir zu haben glaubte, doch +von weicher Rundung und lieblicher, ebenmäßiger Fülle waren. In diesem +Gürtel war eine große Blume von hellem Blau befestigt, mit tiefem +goldbraunem Kelch; sie hob sich fast unwirklich und in seltsam wohltuendem +Kontrast vom Bronzeton des jungen Körpers ab.</p> + +<p>Alles, außer dieser frischen Blume, hatte jene seltsam überzeugende +Bewußtheit in Farbe, Erscheinung und Bewegung, wie nur eine jahrhundertalte +Tradition sie verleihen kann, alles außer dieser Blume und dem schmiegsamen +Mädchenleib.</p> + +<p>Ich weiß nicht, ob ich alles verstanden habe, was in dieser denkwürdigen +Nacht dieses Kind zu mir sagte, wohl aber weiß ich, daß wir einander +verstanden. Die Ausschließlichkeit, welche das glühende Bereich +heraufbeschwört, in das der Liebreiz dieses Mäd<span class="pagenum"><a name="Page_117" id="Page_117">[117]</a></span>chens mich zog, verbannte +alle kleinen Einzelinteressen und Begierden, die unser Leben spalten und +bedrängen, und es gab nur ein Ziel für unser Blut.</p> + +<p>„Soll ich tanzen?“ fragte Goy, „sage mir, was dir wohltut?“</p> + +<p>Sie tanzte unter dem grünlichen Mond der kleinen Ampel, der eine ganze Welt +bestrahlte. Es war schwül und totenstill in dieser Welt. Ich hörte nur den +Schlag der weichen Füße auf den Matten, und wenn ich die Augen schloß, so +fühlte ich den zarten Fuß auf den Herzensquellen meines Lebens tanzen. Mit +jedem neuen Erwachen meiner Blicke erschien mir Goys erblühter Kinderkörper +erneut; er blieb mir fremd und wechselte wie eine Landschaft, die der Geist +im Flug durcheilt. Nun wurde es still, und ihre Frauenaugen lächelten +erfahren, kindlich und begierig über den meinen:</p> + +<p>„Willst du mir nicht befehlen, Herr?“ sagte Goy so langsam, daß mir war, +als stünde mein Herz unter den unausgesprochenen Verheißungen ihrer Bitte +still, aber doch lauerte hinter ihrer Unterwürfigkeit, ohne Falsch, das +glückliche Bewußtsein ihrer Herrschaft. Nun hockte sie sanftmütig, +merkwürdig beschienen vom Ampellicht, wie eine große, goldene Katze vor mir +auf dem Lager, drehte bedächtig Papyrus, zerbröckelte Tabak und Hanf und, +als sie Opium hineinmischte, verwandelte sie sich mir plötzlich in eine +Göttin, die den Schlaf herbeiführt.</p> + +<p>Goy war, wie die meisten Frauen des Orients, auf eine Art für die Liebe +erzogen, die die Folge einer grauenhaften Verwöhntheit ist, aber über allen +ihren Handlungen lag ein zauberhaftes Glück von einer Unschuld der +Gesinnung, die wie Keuschheit wirkte. Goy tat ihre Pflicht, und kein +Gewissen, wie es in unserer Brust wohnt, behinderte ihre geschäftige Treue +gegen den einzigen Genuß, den sie kannte und austeilte.</p> + +<p>Ich rauchte in tiefen, durstigen Zügen und sank mehr und mehr in<span class="pagenum"><a name="Page_118" id="Page_118">[118]</a></span> +Betäubung. Das Mädchen ließ keinen Augenblick verstreichen, in dem sie sich +nicht hinzugeben schien; ihr Bild verwandelte sich unaufhörlich; sie gab +keines ihrer Geheimnisse preis, ohne ein neues ahnen zu lassen.</p> + +<p>„Vergiß das Leben“, sagte sie mit sanftem Tadel, scheinbar über mein Zögern +in milden Schrecken versetzt. „Bin ich nicht schön?“</p> + +<p>„Doch, du bist sehr schön, Goy, schöner als alle, die ich gesehen habe.“</p> + +<p>„O, nein,“ antwortete sie nachdenklich, „die blassen Mädchen sind schöner.“ +Sie schaute mit ihren übergroßen Kinderaugen auf mich hin und lächelte, als +ich schwieg. Ihre Nägel waren rot bemalt, und ihre Hände, wie ihr ganzer +Körper waren mit großer Sorgfalt gepflegt.</p> + +<p>„Die Menschen legen mit den Kleidern die Lüge nicht ab,“ sagte Goy, „ich +glaube an nichts, als an die Liebe und an die Lust, die durch sie kommt.“</p> + +<p>Ich verstand, wie sie ihre Worte meinte, denn sie stand, als sie so sprach, +innig dargeboten und aufgerichtet vor mir und hob ihre Arme, als ob sie +eine Schale darreichte. Ihr Haupt verdunkelte die Ampel, so daß ihre +Gestalt in magischen Lichträndern glomm. Aber ihre Worte bewegten sich in +meinem Herzen auf eine andere Art, sie nahmen Glanz an und entzündeten sich +für eine weite Reise.</p> + +<p>Goy las in meinen Zügen.</p> + +<p>„Vergiß,“ sagte sie, „woran mußt du denken? Hier ist weder Zeit, noch Tag +und Nacht.“</p> + +<p>„Und doch, du Geliebte dieser kleinen Ewigkeit, ist nicht das Leben länger +als die Jugend?“</p> + +<p>„Nein,“ sagte Goy sicher, und ihr Lächeln hatte etwas unfaßlich<span class="pagenum"><a name="Page_119" id="Page_119">[119]</a></span> +Überzeugendes, „vielleicht für euch Männer, aber für uns Mädchen nicht. +Eine alte Frau ist schlimmer als eine ausgepreßte Mangofrucht, mit den +Gliedern welkt die Hoffnung, denn das Blut verliert seine Stimme, der der +Gang der Welt gehorcht. Kein Kind wird meine Freude sein.“</p> + +<p>„Was kann ich für dich tun, Goy? Nimm alles, was ich habe!“</p> + +<p>„Ich nehme nichts“, sagte das Mädchen. „Ich habe niemals etwas genommen. +Die Alte nimmt. Sage mir, daß ich schön bin und daß ich dich beglückt +habe.“</p> + +<p>„Du bist sehr schön.“</p> + +<p>„Du sagst nur das eine, so bist du undankbar, oder du bist von denen, die +niemals sich selbst vergessen können, als wären sie so wichtig, ach, so +wichtig!“</p> + +<p>Sie kam mir ganz nah und sah mir unter die Augen, dann zog sie gelinde den +Finger vom Winkel meines Auges über die Wange und um den Mund herum, +seufzte tief auf, als beklagte sie mich, und nickte.</p> + +<p>Ich schloß die Augen. Die feuchte Blüte an ihrem Gürtel näherte sich meinem +Gesicht, und mir war für einen Augenblick, als legte sie sich kalt auf +meine Stirn.</p> + +<p>„Welche Menschen meinst du?“ fragte ich. Mir war, als wiche der bunte +Rausch, wie Wolken dem Wind weichen, für kurz von mir.</p> + +<p>Goy sann nach und lächelte wehmütig, als gäbe sie mich verloren; dann hob +sie die Hand an meine Stirn, tippte schnell mit der Spitze des Fingers an +die Schläfen und sagte:</p> + +<p>„Das kalte Feuer dort! Es ist stärker als alle anderen Flammen und scheint +heller. Es kämpft mit der Wärme des Herzens und hat schon viele Herzen +ausgelöscht. Ihr müßt immer von einem zum andern. Wer alle Hindernisse zu +seinen Mitteln machen will, verdirbt seine Ruhe, denn die Welt ist voller +Hindernisse. Wohin willst du?<span class="pagenum"><a name="Page_120" id="Page_120">[120]</a></span> Unsere Weisen lächeln über euch. So komm', +vergiß!“ –</p> + +<p>Als ich aus dem Hause trat, fiel mich die Sonne wie ein Raubtier an. Ich +taumelte und tastete mich an den Häusern entlang voran, bis langsam meine +Besinnungen zurückkehrten. Ich wußte nicht, wieviel Zeit verstrichen war. +So muß Lazarus die Welt empfunden haben, als ihn ein Gott ins Leben +zurückrief. Ich erinnerte mich langsam der Einzelheiten meiner Erlebnisse, +wie der eines tiefen Traumes. –</p> + +<p>Es mag nun wohl gewesen sein, daß eine habgierige Alte mich geführt und ein +verdorbenes Kind mein Lager geteilt hatte, aber da ich von beiden +Eigenschaften keine fürchte, so bekümmern sie mich wenig, denn es kam mir +damals nicht darauf an, wieviel die Dinge in den richterlichen Augen einer +Weltgerechtigkeit wert sein mochten, sondern es kam mir darauf an, wie sie +sich in meinen Augen spiegelten.</p> + +<p>Das Leben aber trübt die Augen der Menschen mit Träumereien, Scherzen und +Tränen.</p> + +<hr /> + +<p>Langsam empfand ich nun mehr und mehr, daß es einzig noch auf jene +sonderbare Blume ankam und auf ihr schimmerndes Blau, das sich seltsam +herrschsüchtig und still vor mir auszudehnen schien. Da war mir, als +erwachte ich wiederum zu einem neuen Dasein. Eine unendliche Mattigkeit +beschwerte meine Glieder, und meine Augen waren unsicher und benommen, wie +befangen von jenem strahlenden Azur meiner Traumblume, die sich nun als +eine endlose blaue Mauer vor mir ausbreitete. Ich versuchte mit großer +Anstrengung, diese blaue Mauer zu begreifen. Da sah ich plötzlich, wie +einen ganz fremden Gegenstand, meine Hand auf meinen Knien liegen, +abgemagert und ganz weiß. Ich versuchte, sie zu heben, und sie gehorchte +mir. Die unbeschreiblichen Schauer eines<span class="pagenum"><a name="Page_121" id="Page_121">[121]</a></span> ganz neuen Lebens ließen meine +Glieder erbeben; sie gingen vom Bewußtsein aus und rieselten wie +Lichtgarben durch meine Adern, eigensinnigen Funken gleich, heiß und kalt. +Ich seufzte tief auf und weiß heute noch gut und genau, daß ich laut sagte:</p> + +<p>„Es kann das alte Leben nicht sein.“</p> + +<p>Da kam Panja um eine weiße Säule geschritten, die sich von der blauen Wand +abhob, und starrte mich an. Er stand merkwürdig unwirklich da, als schwebte +er in der Luft. Dies ist ja ein brauner Mann mit einem weißen Turban, +dachte ich.</p> + +<p>„Sahib!“ schrie er, als er in meine Augen sah. „Sahib, sprich.“</p> + +<p>„Wo sind wir, Panja?“ fragte ich matt, „was ist mit der Zeit geschehen, +Panja?“</p> + +<p>Mein Diener starrte mich verständnislos und in einer deutlich in seinem +Gesicht aufs neue auftauchenden Angst an, aber sie wich mehr und mehr, je +länger er in meine Augen schaute.</p> + +<p>„Sahib, sprich gute Worte“, bat er, zweifelnd und hoffnungsvoll zugleich.</p> + +<p>Da kam mir zum Bewußtsein, daß ich meine Frage in deutscher Sprache +gestellt hatte, und ich wiederholte sie englisch.</p> + +<p>An Stelle einer Antwort stieß Panja einen lauten Schrei aus und warf sich +auf die Knie, indem er die meinen mit seinen Armen bedeckte. Schluchzend +stammelte er: „Sahib, du wirst leben!“</p> + +<p>„Wohin sind wir geraten, Panja? Was ist dort für eine blaue Wand?“</p> + +<p>Panja erhob sich mit glücklichem Lachen, trat zur Seite und sagte: „Es ist +das Meer. Wir sind hoch in den Bergen, du siehst auf das Meer hinab. Wir +haben dich aus den Sümpfen hinaufgetragen, zwei Tage und zwei Nächte lang, +ohne zu schlafen und kaum, daß wir geruht haben, bis die leichte Luft kam, +die Kühle und die Ruhe. Sieh um dich, sieh die Wälder an! Dies ist das +verlassene Bungalow<span class="pagenum"><a name="Page_122" id="Page_122">[122]</a></span> einer englischen Farm. Wir haben die Affen vertrieben, +die von ihm Besitz ergriffen hatten“, er stockte und sah mich an. „Ach, +Sahib, nun bist du erwacht und gesund geworden, der Sinn ist in deine Augen +und Worte zurückgekehrt und die Freude in meine Brust.“</p> + +<p>Ich sah Panja weinen und begriff, daß er die Wahrheit sprach, und daß mein +Geist aus dem Bereich der Fiebergifte in die Wirklichkeit zurückgekehrt +war. Da sah ich in einiger Entfernung Guru am Boden hocken und mich +unverwandt mit seinen großen Nachtaugen anstarren. Es lag etwas in seinen +Blicken, was ich nie vergessen werde.</p> + +<p>Erst nach Tagen erfuhr ich langsam, was sich zugetragen hatte, denn Panja +verschonte mich mit allem, bis ich danach fragte. Ein großer Teil unseres +Gepäcks war verloren, da die Leute sich meiner annehmen mußten und keine +Träger zu bekommen waren. Panja hatte hauptsächlich Proviant mitnehmen +lassen und die Koffer, von denen er wußte, daß sie meine wertvollsten +Besitztümer bargen, ebenso meine Waffen und ein Zelt. Zwar waren seit +gestern Pascha und ein Kuli hinabgestiegen, um zu retten, was noch zu +finden war, und um Sorge zu tragen, daß alles noch Vorhandene in einem +Eingeborenendorf untergebracht werden sollte, aber Panja hatte wenig +Hoffnung und fürchtete, daß die ersten Gewitter hereinbrechen könnten. Er +saß oft lange schweigend in der Mittagsglut neben meinem Liegestuhl und sah +den Himmel über dem Meer an und die weite, blaue Fläche, die aus dieser +Höhe so ebenmäßig erschien, wie eine Platte aus Metall. Zuweilen lag ein +feiner, grauer Dunst darüber. Aber außer dieser Besorgnis, deren Gewicht +ich kannte, bedrückte ihn ein anderer Kummer; ich merkte es ihm an, wollte +aber nicht fragen. Erst als ich meine erste Zigarre anzündete, lächelte +Panja melancholisch und meinte: „Nun wirst du auch das Schlimmste ertragen, +da deine Kraft zurückgekehrt ist.“</p> + +<p>Elias war vom Panther geholt worden.</p> + + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_123" id="Page_123">[123]</a></span></p> +<h2> +<a name="kap07" id="kap07"></a>Siebentes Kapitel<br /> +In den Bergen +</h2> + + +<p>Panja prüfte aufs neue das verfallene Haus, in dem ein Raum notdürftig für +mich hergerichtet worden war, so daß er geschlossen werden konnte, da ich +die Nacht ohne Feuer verbrachte.</p> + +<p>„Willst du bleiben, Sahib, bis die großen Regen kommen?“</p> + +<p>Ich wußte, daß dies nicht anging, und daß wir verloren sein würden, wenn +die ersten Gewitter uns in den Bergen überraschten. Erfolglos versuchte ich +die Zeit seit unsrer Abreise von Cannanore zu ermessen, es mochten vier, +fünf oder sechs Monate vergangen sein.</p> + +<p>Gurumahu war eines Morgens zu mir gekommen und hatte sich heimwehkrank +gemeldet. Er trennte sich mit schwerem Herzen von uns, aber wenn er sein +Dorf vor Anbruch der großen Regen erreichen wollte, so mußte er sich nun +auf den Weg machen.</p> + +<p>Ich schenkte ihm meine verlötete Tropenuhr aus Nickel. Das war gewiß an +sich kein großes Geschenk, obgleich sie aufgeregt zu ticken verstand und +bei trockener Witterung sogar ging, aber Guru nahm sie beglückt entgegen. +Er wird künftig alles aus ihr ersehen, was sein Herz zu wissen begehrt: die +Jahreszeiten, die Windrichtung und den Gang der Gestirne. –</p> + +<p>Oft fehlte es uns am Nötigsten. Panjas besorgte Augen schreckten mich aus +der Täuschung, in der ich mich dem Glauben hingab, daß die wohltuende, oft +kühle Luft der Berge und der hochgemute Seelenzustand, wie er Genesende +erfreut, zu hoffnungsvollem Blick in die Zukunft berechtigten. Unser Gepäck +war zum größten Teil gerettet, nur unter den Nahrungsmitteln hatten die +weißen Ameisen auf das furchtbarste gewütet, aber außer Panja und Pascha +hatte ich nur noch zwei Träger aus Süd-Kanara bei mir, die uns<span class="pagenum"><a name="Page_124" id="Page_124">[124]</a></span> unter +großem Müheaufwand und oft unter Einsetzung ihres Lebens mit Reis und +Früchten aus dem nächsten Dschungeldorf versahen. Die dortigen Bewohner +hatten unsere Abhängigkeit von ihrer Leistung herausgebracht, und meine +Geldvorräte schmolzen immer mehr zusammen, eine Tatsache, die Panja in +stille Raserei brachte. Er schwor den Erpressern unten im Grünen Rache und +versprach mehr als einmal, ihr Dorf in Brand zu stecken; meine +Gleichgültigkeit führte ihn zu ernstlichen Ermahnungen:</p> + +<p>„Sahib, du bist ein großer Herr, und du kannst tun, was du willst, aber du +tust nichts. Die Tage verstreichen, einer nach dem andern, wie die +Wasserwogen an der Meeresküste, sie lassen keine Spuren zurück und bringen +immer das gleiche. Wer lebt so? Als wir in Anandapur waren, hast du die +Brahminen verlacht, die den ganzen Tag in der Sonne liegen und den +Tempelreis fressen, der ihr Anrecht ist, aber wie machst nun du es? Früher +hast du alles in Büchern verzeichnet, was du sahst, und mich oft gefragt, +aber nun tust du auch das nicht mehr, und die Bücher sind verbrannt.“</p> + +<p>Das war Panja ein großer Kummer, denn er wußte, daß auch seiner oft in +diesen Büchern Erwähnung getan war, und er hatte sich auf den Ruhm +vorbereitet, der seiner im Okzident, im Lande der Herren, wartete. Ich +lachte ihn aus; nur was die Gewitter betraf, hatte er recht, und so +entschloß ich mich eines Tages, den kürzesten Weg nach Mangalore zu nehmen, +um im Schutz dieser alten, gesicherten Hafenstadt die Regenzeit abzuwarten.</p> + +<p>Aber im Herzensgrund ahnte ich bei solchen Vorsätzen, was ich aufgab und +dahinten ließ, und daß meinem Leben keine Zeit mehr würde gegeben werden, +die der verstrichenen an Licht und Freiheit glich. Und so kam es, daß sich +unsere Abreise von Tag zu Tag hinauszögerte, obgleich alle meine Erlebnisse +in den Bergen sich im Schleier jener dämmerigen Unwahrscheinlichkeit und +heim<span class="pagenum"><a name="Page_125" id="Page_125">[125]</a></span>lichen Ruhlosigkeit zutrugen, die uns befallen können, wenn wir an +schöner Stätte den Gedanken des Abschieds schon mit uns umhertragen. –</p> + +<p>Da war Gong, ich werde ihn nicht vergessen, wahrscheinlich ist er +inzwischen gestorben, denn er zählte schon damals nicht mehr zu den +Jüngsten, und er überwand sein Mißtrauen gegen mich niemals ganz. Er +gehörte jener Sorte von halbgroßen Affen an, die in Indien nur in den +Bergen leben, sie sind bedeutungsvoller als ihre Brüder aus dem Dschungel, +und sie haben andere Eigenschaften, aber keineswegs bessere.</p> + +<p>Ich nannte diesen meinen Gefährten der Frühmorgenstunden Gong wegen seiner +außerordentlich häßlichen Stimme, die so klang, als ob man einen alten, +rostigen Blechkessel gegen eine Steinmauer würfe. Gottlob sagte er nicht +viel, aber meine Erscheinung nötigte ihm das größte Interesse ab, offenbar +hatte er sich in den Kopf gesetzt vor seinem Hinscheiden noch etwas ganz +Besonderes zu erleben, und sich meine Person ausgewählt, die ihm dazu +angetan schien und die sich morgens unter den hohen alten Latan- und +Tamarindenbäumen finden ließ.</p> + +<p>Kaum daß die ferne Fläche des Meeres sich im Dämmern silbern färbte, als +ich auch schon mein Lager verließ, um die kühlsten Stunden nicht zu +verpassen. Ich sah diesen blassen Himmelsschein wie er sich vor der +vergitterten Öffnung meines Fensters matt und glanzlos abhob, nur wenig vom +Licht des Mondes unterschieden und vom ersten Ruf der Raubvögel erfüllt, +die weit hinter mir, schon in hellerem Licht, um die Felszacken kreisten. +Nun dauerte es noch etwa eine Stunde, bis die ersten Sonnenstrahlen unser +Hochland erreichten, zuerst sah ich sie fern auf dem Wasser funkeln, und im +Osten zeigten die Felszacken goldene Ränder in unendlich freier, weiter +Höhe gegen den blaßblauen Morgenhimmel empor<span class="pagenum"><a name="Page_126" id="Page_126">[126]</a></span>gereckt. Es gingen ein Glanz +und eine Stille von ihnen aus, die jeden Morgen aufs neue mein Gemüt +erfüllten und es bis weit in die Tagesstunden hinein begleiteten, da nichts +geschah, was ihren Frieden in meiner Seele auszulöschen vermochte. Nur wer +auf diese Art und unter solchen Bedingungen die Natur aufzunehmen vermag, +lernt sie begreifen, denn sie erfordert, wie alles Große, unsere +schrankenlose Hingabe, um sich uns voll zu offenbaren.</p> + +<p>In dieser Stunde wartete Gong auf einem der meinem Hause nahe stehenden +Bäume, meistens auf einem niedrigen dicken Ast. Die eine Hand umklammerte +allerdings in der Regel, für alle Fälle, einen höheren Zweig, und wenn ich +meine Büchse bei mir hatte, so konnte anfangs kein Zureden ihn bewegen, zu +verharren. Ich weiß nicht, auf welche Art er die Bekanntschaft meiner Waffe +gemacht haben kann, sicher ist, daß die Affen mich weit länger kannten und +beobachtet hatten, als ich sie.</p> + +<p>Seine Gefährten flohen anfänglich in großen Scharen. Es war leicht, sie +dabei zu beobachten, weil die Bäume in großen Abständen voneinander +wuchsen, und die Herren sich jedesmal die Mühe machen mußten, erst wieder +auf den Erdboden herabzusteigen, wenn sie weiterkommen wollten. Gong nun +machte eines Tages eine Ausnahme, er blieb sitzen, als ich nahte, und ich +blieb stehen, denn es war mindestens erstaunlich, daß dieser Affe sich +nicht auf- und davonmachte. Er saß auf einem niedrigen, dicken Ast, hielt +sich mit allen vier Händen fest, als ob er sich hindern wollte, schließlich +doch die Flucht zu ergreifen, zitterte und sah mich mit hochgezogenen +Brauen zugleich neugierig, boshaft und ängstlich an.</p> + +<p>Ich habe nun bei Tieren immer zu erkennen geglaubt, daß sie es in der Regel +erst dann böse mit uns meinen, wenn wir ihnen Anlaß dazu geben. Es mag +sein, daß diese Anschauung daher kommt, daß ich in meiner Jugend niemals +schlechte Erfahrungen mit Hun<span class="pagenum"><a name="Page_127" id="Page_127">[127]</a></span>den, Pferden oder Katzen gemacht habe, +obgleich diese Geschöpfe aus jener Zeit durchaus nicht das gleiche von mir +behaupten werden, auch mag es daran liegen, daß ich mich nicht im +Bewußtsein einer Überlegenheit wohlzufühlen vermag. Von allen Empfindungen, +die die Geselligkeit unter andern Wesen, seien es nun Menschen oder Tiere, +mit sich bringt, ist mir die der Überlegenheit am peinlichsten; ich habe +immer gesehen, daß die beschränktesten Menschen sie am ergiebigsten +auskosteten, wenn sich ihnen einmal Gelegenheit dazu bot. Es liegt im Wesen +aller Andacht vor dem Lebendigen, daß man sich einschließt, indem man +Rechte zugesteht, und sie erst dann einfordert, wenn das gemeinsame +Wohlergehen unserer Leitung bedarf. Von den gewaltigen Lebensstimmen, die +in der kurzen Wegstrecke des Erdendaseins unser Gemüt erschüttern, ist das +Seufzen der unterdrückten Kreatur, wie die leitende und klagende Melodie in +einem brausenden Orgellied, immer das Vernehmlichste gewesen, das mir zu +Ohren gedrungen ist, und da ich verabscheue, Mitleid zu geben oder zu +empfangen, ist mir nur der Weg geblieben, in allem Lebendigen einen meinem +Leben gleichberechtigten Ausdruck der Natur zu erblicken.</p> + +<p>Als nun Gong sitzen blieb, ohne mit seinen Gefährten zu flüchten, und ich +mich ihm langsam näherte, unterschied ich deutlich in seinen Zügen die +Anspannung eines, der mit Herzklopfen zwischen Angst und Neugier schwankt. +Darüber aber schien ihm plötzlich einzufallen, daß es noch einen dritten +Weg gab, und er schlug ihn ein und machte den Versuch, mich dadurch +einzuschüchtern, daß er mir auf seine Art einen Beweis seiner Waldrechte +und seiner persönlichen Bedeutung vermittelte. Er zog den Kopf tief +zwischen die Schultern ein, reckte ihn darauf mit einem Ruck vor und +schüttelte zugleich den Ast, auf dem er saß, durch<span class="pagenum"><a name="Page_128" id="Page_128">[128]</a></span> ein energisches +Schaukeln seines ganzen Körpers so wild und angreiferisch, als seine Kraft +irgend zuließ. Dabei stieß er aus rund gehöhlten Lippen einen Ton hervor, +der sehr schwer zu schildern ist, von dem man aber dadurch einen Begriff +bekommen würde, wenn man einen Lampenzylinder fest an die Lippen setzte und +im Brustton ergrimmtester Überzeugung hineinstieße: „Großer Gott!“</p> + +<p>Diese Erfahrung wirkte im ersten Augenblick so komisch auf mich, daß ich +lachen mußte, und ich schlug auf meine Schenkel und tat es laut. Einen +Augenblick schaute Gong verdutzt drein, aber dann nahm er meine Gebärde als +ein Zeichen wohlwollender Annäherung und wiederholte sie, so gut er konnte. +Seine Augen blieben dabei merkwürdig ernst, und seine Stirn zeigte tiefe +Falten.</p> + +<p>Wir erwiesen uns nun diesmal und künftig unser Verständnis füreinander +dadurch, daß wir uns nach bestem Vermögen nachahmten, und so belustigend +wir vielleicht dabei aufeinander gewirkt haben mögen, blieb mir doch eine +Bekümmernis und eine leichte Melancholie im Sinn, wenn ich bedachte, wie +groß und unüberbrückbar die Schranke war, die mich von Gong trennte.</p> + +<p>Ich habe im Verlauf unserer Bekanntschaft die deutliche Beobachtung +gemacht, daß Gong sich verstimmt zeigte, wenn ich einmal ausgeblieben war, +und daß er sich ehrlich über meine kleinen Aufmerksamkeiten freute. +Vielleicht mag ihn ein ähnlicher Gedanke bei seiner Betrachtung meiner +Person bewegt haben. Er versuchte zu lernen und zu begreifen, was irgend +sich für ihn verstehen ließ, und wenn es häufig auch nur bei der äußeren +Gebärde blieb, so war doch auf beiden Seiten der Wunsch erkennbar, einander +näherzukommen.</p> + +<p>Zwar ließ er mich äußerlich niemals weiter an sich herankommen, als bis +etwa auf fünf oder sechs Schritte. Sobald ich den Versuch<span class="pagenum"><a name="Page_129" id="Page_129">[129]</a></span> machte, diesen +Abstand zu verkürzen, hob er mit einem bedauernden Ablehnen die Hand und +ergriff einen höheren Ast, um mir anzudeuten, welche Folgen mein +Entgegenkommen haben würde.</p> + +<p>Gong hatte im Laufe unserer Bekanntschaft alles gelernt, was sich mit den +Augen von den Vornahmen eines Menschen begreifen läßt, er hat meinen +Tropenhut auf dem Schädel gehabt, mein Taschentuch gebraucht, und er weiß +wozu ein Messer gut ist. Er hat meine Notizbücher durchblättert und in +meiner Hängematte geschaukelt, und er verstand die Bewegungen des An- und +Ausziehens eines Rockes so täuschend nachzuahmen, als sei er von alters her +gewohnt, Kleidung zu tragen.</p> + +<p>Oft allerdings begriffen wir einander gar nicht, denn Gong wußte in seiner +Sucht, mir gleich zu sein, bald kein Maß mehr zu halten, und verstimmte +mich zuweilen empfindlich durch seine Nachahmungen, so daß ich mir +lächerlich in meinen Bewegungen vorkam und den bestimmten Eindruck gewann, +verspottet zu werden. Es mußte nun darüber nachgedacht werden, auf welche +Art Gong eines Teils seiner Erziehung wieder zu entwöhnen war, denn es +wurde von Tag zu Tag offenkundiger, daß sowohl er selbst, wie auch seine +Gefährten, mich nicht mehr ernst nahmen und es an dem Respekt fehlen +ließen, den ich glaubte beanspruchen zu dürfen. Die Tiere lachten geradezu, +wenn ich kam. Zuweilen warteten sie morgens in Reih und Glied auf mich, um +mich bei jeder Gelegenheit auszulachen. Sie stießen sich gegenseitig an, um +sich aufmerksam zu machen, rieben sich vor Vergnügen die grauen Hände und +schlugen sich auf die Schenkel, dabei quietschten sie in allen Tonarten, +mißgönnten sich im nächsten Augenblick ein Glück, das sie einander noch vor +kaum einer Minute zuerteilt hatten, und fühlten sich bei alledem auf eine +Art wichtig, die auch bescheidenere Leute, als ich einer bin, ernstlich +verdrossen hätte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_130" id="Page_130">[130]</a></span>Ich war nirgends mehr allein, wo immer ich mich aufhielt, und selbst die +Achtung vor meiner Büchse schwand von Tag zu Tag, da die Herren +herausgebracht hatten, daß es mir auf Vögel und Rotwild ankam, und daß das +wichtige Geschlecht der Affen völlig außer Gefahr war, geschädigt zu +werden. War es mir aber einmal gelungen, irgendein kleineres Tier zu +erbeuten, so warteten sie, bis ich die Büchse beiseite legte, und kamen +herzu, wobei sie sich gebärdeten, als hätte ich diesen Erfolg einzig ihnen +zu verdanken.</p> + +<p>Am meisten ärgerte ich mich über ihre Vergeßlichkeit. Es war schändlich, +wie wichtig sie sich bei einer Sache anstellen konnten, die ihrem +Gedächtnis gleich darauf entglitt, als wäre sie nie in der Welt gewesen. +Jeden Augenblick fiel ihnen etwas anderes ein, und immer beanspruchten sie, +in ihrer neuen Pose völlig ernst genommen zu werden. Ich kam mir +schließlich so vor, als sei ich in einer fremden Stadt ein zum Amüsement +der Bürger geduldeter Sonderling, und begann an meiner Tier- und +Weltbetrachtung ernstlich irrezuwerden.</p> + +<p>So klagte ich Panja mein Leid. „Oh,“ sagte er, „die Affen! Wer wird sich +mit den Affen einlassen, Sahib? Aber wenn du nur eine Heuschrecke +erblickst, so wirst du schon sorgenvoll und redest sie an, und dann tust du +so, als ob es dir antwortete, das Vieh. Wer aber mit Affen umgeht, hat bald +den Eindruck, als sei sein eigener Schatten närrisch geworden, und den +Schatten kann man nicht fangen.“</p> + +<p>„Ich will Gong haben“, antwortete ich.</p> + +<p>Panja dachte nach. „Ich habe als Kind manchen Affen in der Schlinge +gefangen, und wenn der Affe, den du haben willst, dich kennt und kein +Mißtrauen hegt, so kannst du ihn leicht fangen, wenn du ihm zuvor genau +zeigst, wie man in eine Schlinge geht. Von diesem Kunststück lernt er nur +die erste Hälfte, und wenn du rasch hinzuspringst, kannst du ihn greifen. +Aber du mußt ihm mit<span class="pagenum"><a name="Page_131" id="Page_131">[131]</a></span> der linken Hand entgegenkommen und ihn unversehens +mit der rechten im Genick packen. Die alten Affen beißen, solange sie noch +Hoffnung haben, entwischen zu können. Später denken sie nach und geben es +auf.“</p> + +<p>Das war ein ausgezeichneter Gedanke. Ich nahm am andern Morgen ein +haltbares Hanfseil, fettete es ein, und als meine Peiniger mich empfingen, +begann ich mich auf alle Arten, bald am Arm, bald am Hals, aufzuhängen, +wobei ich besonders Gongs Aufmerksamkeit zu erregen suchte. Seine Gefährten +zogen sich betroffen zurück, da meine Maßnahmen ihnen fremd waren, aber +Gong sah mir nachdenklich zu und wurde ungemein ernst. Als ich glaubte, +genügsam durch mein Beispiel gewirkt zu haben, öffnete ich die Schlinge, +soweit als nötig, zog mich zurück und legte mich in einiger Entfernung ins +Gras, um meiner Genugtuung in aller Ruhe entgegenzusehen.</p> + +<p>Aber Gong blieb ruhig auf seinem Ast sitzen und schaute mit hochgezogenen +Brauen bald die Schlinge an, bald mich. Dann machte er sein böses, rundes +Maul, stieß den Kopf gegen mich vor, sagte verächtlich „Großer Gott“ und +wandte sich ab, um die Gegend zu betrachten.</p> + +<p>Da hörte ich Panja hinter mir lachen und beschloß, ihn sofort zu töten.</p> + +<p>„Sahib, dieser Affe kennt die Schlinge, er kennt auch die Menschen, deshalb +ist er damals so nahe herangekommen.“</p> + +<p>„Warum lachst du?“ schrie ich. „Wer hat dir erlaubt, zu lachen?“</p> + +<p>„Das muß man“, sagte Panja.</p> + +<p>Da sah auch ich es ein und lachte mit ihm zusammen.</p> + +<hr /> + +<p>Die grüne Wildnis des Dschungels unter mir dampfte in der Frühsonne und +blieb oft bis Mittag verhüllt, ich begriff nun zuweilen<span class="pagenum"><a name="Page_132" id="Page_132">[132]</a></span> schwer, wie ich es +dort unten so lange Zeit ertragen hatte, jetzt, da die Klarheit der +Bergluft kühl um meine Stirn wehte. Nachts kam der Panther bisweilen bis +auf die Veranda des Hauses, von Hunger aus dem dürren Hügelland in unsere +Nähe getrieben. Das Wild hatte sich aus der verbrannten Steppe in den +Dschungel zurückgezogen, und ich begegnete außer Schakalen bald nur noch +Hyänen, wenn ich mit der Büchse aus den Waldpartien bisweilen des +Nachmittags über die kahlen Berge zog. Aber immer huschten die Tiere in +Abständen und außer Schußweite am Horizont dahin. Die graubraunen Schakale, +die die Farbe des Bodens hatten, reizten mich oft zum Schuß, aber kaum +hatten die zierlichen Köpfchen mit den hochstehenden Ohren sich gezeigt, so +schien der Boden sie auch schon wieder verschlungen zu haben.</p> + +<p>Nahe bevor wir abreisten, schoß ich meinen ersten Panther. Es war in einer +klaren Mondnacht, als ich hörte, wie Panja in mein Zimmer drang und mich +rief. Hinter ihm stand Pascha still und steil im Mond, von unten her ein +wenig vom Schein des Feuers beleuchtet, das nur schwach am Boden des +Vorplatzes brannte.</p> + +<p>„Sahib,“ sagte Panja, „der Panther ist so hungrig, daß er Feuer frißt, wir +können ihn nicht vertreiben und keinen Schlaf finden.“</p> + +<p>Mir war die Nachricht willkommen, ich nahm die Büchse und befahl Panja, das +Feuer zu löschen. Die Träger waren unterwegs in die Niederungen, um Reis +und Geflügel zu kaufen, und wurden nicht vor Ablauf des kommenden Tages +zurückerwartet. Ich lud beide Läufe mit Kugeln und legte den Revolver neben +mich. Das Fenster enthielt keine Scheiben, sondern war nur mit dicken +Holzstäben versehen, die Panja zum Teil erneuert hatte, die aber einem +energischen Eingriff keineswegs standgehalten hätten. Ich stellte mich in +den Mondschatten, und wir warteten.</p> + +<p>Pascha legte sich im Winkel des Raumes zum Schlafen nieder, und<span class="pagenum"><a name="Page_133" id="Page_133">[133]</a></span> ich hörte +ihn nach kurzer Zeit schnarchen; Panja dagegen blieb dicht an meiner Seite, +nachdem er sich mit dem längsten Messer bewaffnet hatte, das unser +Lagerbestand aufwies, und mit einer Wegaxt. Er schüttelte sie wie ein +Indianerhäuptling und grinste vor Aufregung, dann begann er das Meckern +einer Ziege so täuschend nachzuahmen, daß mir zum ersten Mal mit ganzer +Klarheit vor Augen trat, daß wir hier das große Raubtier erwarteten.</p> + +<p>Es war vielleicht eine Stunde vergangen, und ich begann bereits die Geduld +zu verlieren, als plötzlich unter meinen Augen, jenseits des Fensterbretts, +das Mondlicht erlosch. Ich dachte zuerst an alles andere, merkwürdigerweise +nur nicht an den Panther, zumal sich nichts mehr rührte, weil das Tier mit +seinem letzten Schritt Witterung von uns bekommen haben mußte. Und nun +erkannte ich die große Katze unmittelbar vor mir, niedriger zwar, als sie +in meiner Vorstellung lebte, und merkwürdig farblos, aber ich unterschied +deutlich die geschmeidige Belebtheit der schönen Rückenlinie und den +herrlichen Katzenkopf, der mir mit halb geöffnetem Rachen zugekehrt war. In +diesem Augenblick brach ein Geräusch aus den zurückgezogenen Lippen hervor, +das mein Blut erstarren machte, es war ein fauchendes Schnarchen, überlaut +und von einem Zorn und einer Angst hervorgestoßen, die den Willen bannten. +Ich erinnerte mich, dieses häßliche und zugleich so überwältigende Fauchen +in meiner Kindheit im Tiergarten am Käfig des Tigers gehört zu haben, wenn +der Wärter nahe an den Stäben vorüberschritt. Nun trennte mich allerdings +auch in diesem Augenblick ein Gitterwerk von dem Raubtier, aber der Grimm +dieser Stimme erweckte die Vorstellung einer so unmittelbaren Nähe, daß +auch die stärksten Eisenstäbe kein Vertrauen eingeflößt hätten.</p> + +<p>Ich entsinne mich nicht mehr, ob ich die Büchse im Anschlag hatte, oder ob +ich sie emporriß, jedenfalls zielte ich ohne das geringste<span class="pagenum"><a name="Page_134" id="Page_134">[134]</a></span> Zutrauen zur +Wirkung meines Geschosses, zwischen die Augen, die ich deutlich +unterschied, wobei ich mich mehr auf die natürliche Fähigkeit der Arme +verließ, dem Lauf die notwendige Richtung zu geben, als auf das Visier, und +drückte, wahrscheinlich viel zu rasch, beide Läufe ab.</p> + +<p>Ich hörte ein Geräusch am Boden, als spränge das Tier in diesem Augenblick +vom Hausdach herunter vor mich hin, gleich darauf zerkrachte wie ein +Zündholz einer der Fensterstäbe unter einem furchtbaren Tatzenhieb. Dann +wurde es ruhig vor mir und leer, wir hörten den rollenden Widerhall der +Schüsse von den Bergen her, sie polterten bellend von Felswand zu Felswand, +rollten durch die Täler und verhallten endlich fern in der Mondnacht wie +zwei gehetzte, klagende Brüder auf der Flucht.</p> + +<p>Die erste deutliche Empfindung, die mich zu mir brachte, war das Schmerzen +meiner Hand, mit der ich den Revolver so fest umklammerte, als ob ich mit +dem ganzen Körper daran hinge. Ich erinnerte mich nicht mehr, ihn ergriffen +zu haben, lockerte aber nun aufatmend die Finger und gewahrte, daß ich am +ganzen Körper zitterte wie im Frost. Ich habe später in Kanara und Maisur +noch manchen Panther erlegt, auf Reisfeldern, in Bäumen auf der Lauer +liegend und in Felsschluchten, aber nie wieder durchschüttelte mich, selbst +bei weit größerer Gefahr, ein annähernd so starkes Fieber des Entsetzens +und der Hilflosigkeit. Ein unzulänglicher Schutz ist oft bei weitem +beängstigender als die volle Gewißheit einer schrankenlos wirkenden Gefahr, +und nicht nur, wenn es sich um einen Panther handelt. Es mag hinzukommen, +daß es in der Tat überwältigend ist, plötzlich zum ersten Mal dieser großen +Katze Auge in Auge gegenüberzustehen, deren Ankündigung aus geheimnisvoller +Nachtfinsternis man monatelang vernommen hat, und aus der die Phantasie in +unablässiger Beschäftigung ein bei<span class="pagenum"><a name="Page_135" id="Page_135">[135]</a></span> weitem schlimmeres Fabelwesen +erschaffen hat, als der Panther es in Wirklichkeit ist.</p> + +<p>Er ist im Grunde sehr scheu und fällt fast niemals Menschen an, selbst +Kinder nicht, wenn ihn nicht die äußerste Not des Hungers oder die +Bedrängnisse der Treibjagd nötigen. Im gesättigten Zustande weicht er stets +der Begegnung mit dem Menschen aus und er mordet nicht mehr, als zur +Erhaltung seines Daseins erforderlich ist. Alle Hirten, die mir in Malabar +vom Tiger oder Panther erzählt haben, stimmten in ihrer Erfahrung darin +überein, daß diese Katzen sich mit dem begnügen, was sie brauchen; unter +gewöhnlichen Verhältnissen nimmt der Panther eine Ziege aus der Herde, +schleppt sie davon, sättigt sich und überläßt die Reste seiner Beute +neidlos den Hyänen, die fast immer in seiner Gefolgschaft zu finden sind, +und die er nur dann angreift, wenn der äußerste Hunger ihn nötigt.</p> + +<p>Vom Tiger gibt es vielerlei widersprechende Geschichten, die aber alle mit +großer Vorsicht aufgenommen sein wollen, denn die abergläubische Furcht der +Hindus vor dem Tiger ist so groß, daß kaum einer noch in der Lage ist, +zwischen Tatsachen und allegorischen Erfindungen zu unterscheiden. Das +Grauen der Eingeborenen vor dem Tiger ist so nachhaltig, daß sich in vielen +Provinzen der Begriff des Bösen, des Satans, im Namen mit dem dieses +Raubtiers deckt, eine Tatsache, die nur verständlich ist, wenn man die +unerhörte Überlegenheit des Tigers über die dortigen Menschen kennt, die +fast alle ohne Waffen sind, und deren Laubhütten keinen genügenden Schutz +gegen einen nächtlichen Überfall bieten. Von vielen Sagen beruht jedenfalls +die auf Wahrheit, daß Tiger, welche den Genuß des Menschenfleisches kennen, +selten noch andere Nahrung zu sich nehmen, und solche Exemplare können dem +Lande ein außerordentlicher Schrecken werden. –</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_136" id="Page_136">[136]</a></span>Wir fanden den erlegten Panther in der Morgendämmerung in den Aloën. Der +Boden umher war zerwühlt und im Todeskampf aufgerissen worden, aber das +große Tier lag jetzt ruhig, fast friedlich da, ohne Entstellung und ohne +Spuren eines Todeskampfs. Ich fand nur den Weg der einen Kugel, die hinter +dem Ohr in den Nacken gedrungen war und den Wirbel zerschmettert hatte. Die +Augen waren geschlossen, was man sehr selten bei einem erlegten Tier +findet, und das schön geschnittene Maul, in einem wehmütigen und beinahe +zärtlichen Ernst, war ein klein wenig geöffnet, wie von einem letzten +Todesseufzer bewegt.</p> + +<p>Seltsam harmonisch, fremdartig und zugleich im Sinn dieses Landes vertraut +und notwendig, hoben sich die stachligen, blaugrünen Blätter der +Aloëstauden von der gelben Färbung des Fells ab. Ich vergesse diesen +Anblick niemals, der sich mir so entscheidend in die Seele einprägte, als +erfaßte ich zu dieser Stunde zum ersten Mal mit ganzer Inbrunst den +unnennbaren Begriff Indien, den der Pinsel keines Malers und das Wort +keines Dichters in seiner ganzen Fülle und Eigenart zu vermitteln vermögen.</p> + +<p>Panja war den ganzen Morgen über schweigsam, ein mächtiger Herr der Berge +war gestorben. Ich trug mich den Tag hindurch mit eigenartigen Gedanken, +und zuweilen war mir zumut, als sei eine arge und sinnlose Willkür +geschehen, als habe ich einen Eingriff in die Pracht und Mannigfaltigkeit +der Schöpfung getan, die mit dem Aussterben der großen Katzen in Indien +langsam um ihre vollkommensten Resultate geschmälert wird.</p> + + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_137" id="Page_137">[137]</a></span></p> +<h2> +<a name="kap08" id="kap08"></a>Achtes Kapitel<br /> +Am Thron der Sonne +</h2> + + +<p>Nachts, wenn ich nicht einschlafen konnte, weil das Mondlicht wie das +wahrsagerische Gespenst einer ewigen Todeskühle an den zerbröckelten Mauern +entlang geisterte, die mich vor den Gefahren der Außenwelt schirmten, +erwachte in meiner Brust der Wunsch, jene Höhen zu erreichen, auf denen des +Morgens das rote Gold der aufgehenden Sonne leuchtete. Es verlangte mich +danach, von jener kühlen, hohen Ruhe aus auf das indische Land jenseits der +Berge hinabzusehen und angesichts der unermeßlichen, hügligen Weite meine +Gedanken noch einmal durch jene Tage zu führen, die ich durchlebt hatte, +bevor ich in Cannanore angelangt war.</p> + +<p>Panja riß die Augen auf, als ich mit meinen neuen Plänen herausrückte. Er +stampfte den Wasserkessel in das Feuer, daß die Funken stoben und +betrachtete mich eine Weile auf jene Art, die Leute an den Tag zu legen +pflegen, die aus lauter Hoffnungslosigkeit, jemals überzeugen zu können, am +Rande der Verzweiflung angelangt sind, und die doch darüber ihren Wunsch zu +überzeugen nicht verbergen können. Als ich meinen Lebensretter so +erblickte, im Augenblick aber mehr Verlangen nach dem Tee, als eben nach +seinem Verständnis trug, mußte ich für eine kurze Weile an eine Schulstunde +zurückdenken, in der mir von einem ähnlich ergriffenen Männerangesicht +zugemutet wurde, Pythagoras dadurch gleichzusein, daß ich ihn begriff. Auch +dort erstickte ein bedauernswerter Zorn in der Hochflut anschwellender +Ohnmacht, und sprachlos gewordene Verachtung sagte mir an bösem +Lebensgeschick weit mehr voraus, als ein vereinzeltes Gemüt, mit leisem +Hang zum Grübeln, ertragen kann.</p> + +<p>„Du siehst aus wie Professor Stolzenburg“, sagte ich zu Panja,<span class="pagenum"><a name="Page_138" id="Page_138">[138]</a></span> denn ich +halte dafür, daß man böse Gedanken guten Leuten gegenüber am besten offen +ausspricht, damit sich ein Weg zum Ausgleich mit gemeinsamen Kräften suchen +läßt. Hätte ich das nur in der Schule auch schon gewußt, vielleicht hätte +der gestrenge Verbitterer so mancher meiner Morgenstunden zwischen zehn und +elf Uhr mit sich reden lassen.</p> + +<p>Panja verschmähte es der Bedeutung meines Vergleichs nachzuforschen, er +sagte nach einer Weile resigniert:</p> + +<p>„Nun, es ist ja gleichgültig, Sahib, ob wir hier oder dort im Wasser +umkommen.“</p> + +<p>Das befestigte meinen Beschluß aufs beste, denn wie alle leichtsinnig und +zugleich eigensinnig veranlagten Naturen habe ich oft dem Hang in mir +nachgegeben, jede Latte, die mir zwischen die Füße geworfen worden ist, als +Sprungbrett zu benutzen. Man muß allerdings springen können, um dererlei +wagen zu dürfen, das ist wahr, und dieses „Springen-Können“ ist im Grunde +nichts anderes, als das, was die Menschen in der Regel „Glück-Haben“ +nennen. Glück haben gibt es nicht. Das sogenannte Glück ist so eng mit +Geschicklichkeit verbunden, wie Unglück mit Ungeschick, und diese Wahrheit +bezieht sich durchaus nicht einzig auf äußere Vorgänge, auch das Unglück +der Seele ist zuletzt Ungeschick, wenn auch in einem weit höheren Sinn, der +sein Recht in der Gesetzmäßigkeit des Weltwesens findet.</p> + +<p>Ich habe das Panja damals nicht gesagt, er lief hin und her und hantierte +dergestalt mit den Gegenständen, daß man deutlich wahrnehmen konnte, daß +keine Zweckmäßigkeit mit seinem Eifer verbunden war. Es ist merkwürdig, daß +Leute, die ärgerlich geworden sind, so oft dazu neigen, leichtere +Gegenstände von einem Platz auf den anderen zu stellen, und dann mitunter +sogar wieder von dem neuen Platz auf den alten zurück. Offenbar liegt<span class="pagenum"><a name="Page_139" id="Page_139">[139]</a></span> es +daran, daß ihre Gedanken mit den Entschlüssen ähnlich verfahren, und daß +ein heimlicher Hang existiert, den Körper und die Seele möglichst im +Einklang miteinander zu erhalten. Ich erinnerte mich bei Panjas nutzloser +Beschäftigung meines Vaters, wenn er aus irgendeinem Grunde zum Ausdruck +brachte, daß seine Weltanschauung sich nicht mit der meinen deckte. Leider +geschah dies gewöhnlich bei den Mittagsmahlzeiten, denn sonst vermied ich +es nach Kräften, ihm ohne Grund längere Zeit ruhig gegenüberzusitzen, und +dann sah ich, wie das Messer oder die Gabel, auch das Salzfaß oder der +Serviettenring bald an die rechte, bald an die linke Seite des Tellers +wanderten. Leider hatten wir damals Messerschärfer aus Schmirgelstein in +Gebrauch, runde, schwarze Stäbe von der Länge einer mäßigen Spargel und mit +einem polierten Handgriff aus Hartholz. Wenn zufällig eine besonders +wichtige Meinungsäußerung meines Vaters mit dem Transport dieses nützlichen +Gegenstandes zusammenfiel, so geschah es in der Regel, daß der +Schmirgelstein zerbrach, denn seine Überlegenheit, selbst dem besten Stahl +gegenüber, bewährt sich nicht im Kampf mit der Tischplatte.</p> + +<p>Dies erhöhte den Verdruß meines Vaters bis an die Grenze bedenklicher +Einseitigkeit und zog die Laune meiner Mutter in Mitleidenschaft, während +es meist meinem Selbstbewußtsein einen erheblichen Aufschwung verlieh und +mir nicht ohne Berechtigung den Gedanken beibrachte, daß mein Charakter in +den Augen meines Vaters um vieles milder angesehen würde, wenn wir +Messerschärfer aus gerilltem Stahl in Gebrauch nähmen.</p> + +<p>So sagte ich denn Panja meine Ansicht über Messerschärfer, und dieser +unerwartete Ausdruck meiner Überzeugung brachte ihn so weit zur Besinnung, +daß ich Tee bekam.</p> + +<p>Er trank mit, wie gewöhnlich, hockte mir gegenüber in der Mor<span class="pagenum"><a name="Page_140" id="Page_140">[140]</a></span>gensonne und +rückte melancholisch an seinem Turban. Außer ihm trug er nun schon seit +Wochen nicht mehr als ein schmales Lendentuch, aber auf seinen schweren +Turban verzichtete er selbst in der größten Hitze nicht. Es ist wirklich +recht merkwürdig mit diesem Panja gewesen, je entschiedener sein +Widerspruch oft zu Anfang war, um so lebhafter wurde sein Eifer für +gewöhnlich von dem Augenblick an, in dem er merkte, daß ich nicht +umzustimmen war. In beidem erkannte ich die ehrliche Besorgnis seiner +Neigung, und ich erinnere mich seiner niemals ohne den Kummer über einen +der größten Verluste meines Lebens. Die Harmonie unseres Verhältnisses mag +im Grunde auf seiner Gewißheit beruht haben, daß die Überlegenheit meiner +Rasse mit der Unerschütterlichkeit eines Naturgesetzes feststand. Das nahm +seinem Wesen jede Devotion im niedrigen Sinn und machte seine Ergebenheit +durch eine Demut würdig, die beinahe einen Einschlag von Religiosität +hatte. Heute bebaut er in Malabar die Reisfelder am Purrha, jenem +beschatteten Landstrich am Palmenwald, auf dem die Hütte seines Vaters +stand, und den er aufgeben mußte, um in der Fremde zu dienen, weil seine +Brüder den Verlockungen der großen Städte in Verschwendung erlegen waren. +Der Rückkauf dieses Stückchens Land war meine letzte Gabe an ihn, und es +bedrückt mich, daß ich ihm niemals die Gewißheit habe verschaffen können, +daß seine Gaben an mich reichere und unvergänglichere Geschenke gewesen +sind.</p> + +<p>Als der Tee getrunken war, sagte er wütend:</p> + +<p>„Aber Pascha bleibt hier.“</p> + +<p>Er tat immer noch so, als wäre an diese Reise auf keinen Fall zu denken, +und wahrscheinlich meinte er deshalb nach einer Weile:</p> + +<p>„Es sind drei Tage oder Nächte für den Aufstieg nötig, aber in der halben +Zeit steigen wir ab. Hast du etwa geglaubt, wir brauchten länger?“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_141" id="Page_141">[141]</a></span>Ich hatte es nicht geglaubt.</p> + +<p>Panja sah hinauf zu den Gipfeln. Oben flutete alles in Licht, ein nie +gesehener Glanz verklärte die einsame Ruhe, die kreisenden Adler +schimmerten, als wären sie aus Gold.</p> + +<p>„Alle Träume bleiben lange leicht von der Frische der Höhen“, sagte er +versunken.</p> + +<p>„Panja, höre, nur wer die Schönheit der Erde lieben gelernt hat, hat die +Erde in seinen kurzen Lebenstagen wahrhaft beherrscht. In diesem Sinn ist +sie uns von Gott gegeben, so hat er es mit uns gemeint, als er sie uns +gab.“</p> + +<p>Panja lächelte kindlich, in solchen Augenblicken hätte ich ihn in die Arme +schließen können.</p> + +<p>„Dir wird nichts geschehen, Herr“, sagte er still und wie zu sich selbst. +Ich weiß nicht, ob er bei solcher Zuversicht an Gottes Hilfe glaubte oder +an seine, gewiß ist, daß ich selten im Leben wieder durch eines Menschen +Nähe so glücklich geworden bin wie durch die seine. Durch nichts vermag ein +Mensch uns seine eigenen Kräfte besser zur Verfügung zu stellen, als indem +er die unseren glaubt.</p> + +<hr /> + +<p>So wagten wir vor Anbruch des kommenden Tages den Aufstieg zu zweien, noch +als die Nacht umher herrschte und über den blauen Zelten der Berge vor uns +die Sterne leuchteten. Wir schritten im spärlichen Gesang der Grillen durch +dürres Steppengras unter den hohen Latambäumen dahin, die in weiten +Abständen voneinander standen. Zuweilen schalt über unseren Köpfen ein +Affe, den unser Tritt geweckt hatte, oder ein Vogel flog auf mit einem +lauten Warnruf, der unser Nahen der ahnungslosen Natur verkündete, die an +diesen Stätten wohl seit undenkbar langer Zeit der Fuß keines Menschen +betreten hatte. Es war kühl und still, Panja<span class="pagenum"><a name="Page_142" id="Page_142">[142]</a></span> sprach nicht, und ich schritt +im Traumbann einer so tiefen Einsamkeit dahin, daß mir zuweilen war, als +sähe ich, wie ein fremder Dritter, uns kleine Zwei durch die riesenhaften, +graugrünen Wogen der Hügellandschaft dahinschreiten, im Dämmerlicht unter +den Bäumen und Sternen.</p> + +<p>Es war unvorsichtig genug, daß wir den Weg ohne Fackeln machten, denn am +Morgen ist in dieser Jahreszeit der Panther am kühnsten, wenn er nach +vergeblichem nächtlichem Raubzug durch die Dämmerung schweift. Aber es war +so hell unter den Sternen, daß wir das Land weithin übersahen, und ich trug +die Büchse in der Hand. Panja schritt schweigend neben mir dahin, leichten +Tritts und mit erhobenen Augen, Kraft und Freude gingen von ihm aus, und +ich empfand ihn als allen Lebewesen seines Landes zugehörig, und die +Harmonie seiner Seele teilte sich mir mit, als sei auch ich in der Heimat.</p> + +<p>Plötzlich begann er leise zu singen, immer die Augen auf die Höhen +gerichtet und so versunken in sich selbst, als schritte er allein durch das +Land. Seine gedämpfte Stimme erinnerte mich, wie auch der eintönige +Rhythmus seines Liedes, an den Singsang der Priester, deren Tempel in +Cannanore hinter dem Garten meines Hauses im Grünen lag, und jählings war +ich aus der freien Höhe und aus der kühlen Luft in die tropische Niederung +versetzt, so daß mir war, als schlügen die schwülen Dämpfe des +leidenschaftlichen Wachstums über mir zusammen.</p> + +<p>Als ich nach einer Weile die Blicke hob, nachdem wir die letzten +Baumbestände durchschritten hatten, erschrak ich vor einer zackigen, +flammend roten Lichtlinie, die den Himmel vor uns, hoch oben, in +wagerechter Richtung zerteilte. Totenstill und wie aus Farbe zog sich dies +rote Band längs des Gebirgskamms dahin, hinter den Höhen war die Sonne +aufgegangen. Ich wandte mich er<span class="pagenum"><a name="Page_143" id="Page_143">[143]</a></span>schüttert um und sah hinter mir das Land +unter dem besternten Dämmerblau der sinkenden Nacht, fern auf dem Meer +regte sich ein matter Silberglanz. Wie zwischen zwei Himmeln aus Blut und +Silber pochte mein entzücktes Herz seinen Lebensschlag auf den weiten, +grünbraunen Wellen der Erde, unendlich klein und doch die beseligte Quelle +meiner unfaßbaren Daseinsfreude. Panja warf sich auf die Knie und verbarg +sein Gesicht in den Händen. –</p> + +<p>Eine Stunde, nachdem die Sonne über die Bergzinnen schaute, hörten die +Bäume fast ganz auf. Wohl sahen wir, sobald wir eine Höhe erklommen hatten, +zur Rechten oder Linken die dunklen Mauern großer Wälder in der Ferne, aber +bald wurde uns der Ausblick erschwert, da wir in einer Schlucht, im Bett +eines eingetrockneten Gebirgsbachs aufwärts klommen. Einen der Berggipfel +ersteigen zu können, stellte sich bei der Art unserer mangelhaften +Ausrüstung bald als unausführbar heraus, und so schlug Panja den Versuch +vor, einen der nächstliegenden Pässe zu besteigen. Wir konnten fast den +ganzen Morgen hindurch marschieren, denn die Luft war kühl und von einer +Durchsichtigkeit, gegen die ein wolkenloser deutscher Sommertag wie in +Nebel gehüllt wirkt. Panjas Fröhlichkeit erleichterte mir jede Strapaze, er +lachte oft ohne allen erkennbaren Grund, nur aus Überfluß von Daseinskraft +und glücklich über die Tatsache, in der von himmlischem Blau überdachten +Welt da zu sein.</p> + +<p>Als wir gegen Mittag, um vieles höher, im Schatten eines Felsens Rast +machten und Panja unser Mahl bereitete, schreckte in nicht allzu weiter +Entfernung ein dumpfer, anwachsender Donner mich auf. Panja sprang empor +und spähte mit geschützten Augen in die flimmernden Steppenwogen.</p> + +<p>„Die Büffel!“ rief er, „sieh die Wolke, die sich den Hang niederwälzt.“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_144" id="Page_144">[144]</a></span>Es war das erstemal, daß ich aus so unmittelbarer Nähe eine Büffelherde +gewahrte. Sie rollte wie eine dunkle Lawine dahin, und der Erdboden +dröhnte. Nur für kurz unterschied ich im Vordergrunde einen oder den andern +der schwer gehörnten schwarzen Köpfe, den Glanz der großen Augen und den +Fall der Mähnen. Ich schoß nicht, da Panja mir erregt in den Arm fiel, als +ich die Büchse emporhob, und später erklärte er mir, daß es vorgekommen +sei, daß der leitende Stier, durch einen Angriff in Schrecken oder Wut +versetzt, plötzlich die Richtung geändert und gerade auf das Hindernis zu +genommen habe. Zwar hätten wir einen Schutz auf den Felsen gefunden, aber +wenn unsere Flucht uns mißlungen wäre, so würden wir zerstampft worden +sein, da die ganze Herde dem Stier folgt.</p> + +<p>„Die Büffel kämpfen mit dem Tiger,“ erzählte mir Panja, „selbst die +gezähmten fürchten ihn nicht, und wenn du mit ihnen das Reisfeld bestellst, +so wird der Tiger sich hüten, euch anzugreifen. Der Büffel spürt ihn eher +als du, und es wird dir nicht gelingen, ihn von seinem Standort zu +verdrängen, denn er wendet sich genau dem Tiger zu, wie eine Fahne, die du +gegen den Wind trägst. Wenn der Tiger den Sprung wagt, so endet er auf den +Hörnern, und du bist in Sicherheit, solange du dich hinter dein Tier +stellst.“</p> + +<p>Die Staubwolke verrauchte im tieferen Gelände, und die klare Luft war +wieder still. Ich schlief kurz nach diesem Vorfall ein, ohne Nahrung zu +mir genommen zu haben, und Panja weckte mich nicht, denn er kannte die +ermüdende und gefährliche Kraft der Sonne, deren Strahlen auf den +Berghöhen nicht anders wirken als im Tal, obgleich die Kühle darüber +forttäuschen kann. So gilt es in den Bergen, fast mehr noch als im Tal, +den Kopf und die Schläfen nicht ungeschützt zu lassen, die Sonne hat viele +tödlich getroffen, die ihre Macht über diesen kälteren Regionen nicht +geglaubt oder ver<span class="pagenum"><a name="Page_145" id="Page_145">[145]</a></span>gessen haben. Mein Korkhelm drückte mich auch keineswegs +sonderlich, im Gegenteil, er wurde von Tag zu Tag leichter, weil eine +Schar mottenartiger Parasiten von ihm Besitz ergriffen hatten und ihn +zugleich bebauten und verzehrten. Bisweilen rieselte ein feines Korkmehl +nieder, wie ein liebevoller Beweis der Natur, daß sie keinen Menschen in +völliger Vereinsamung seinen Weg machen läßt. Panja war bereits mit +allerlei Mitteln gegen diese Tiere ins Feld gezogen, aber sie verließen +sich auf mich und vermehrten sich um so leidenschaftlicher, je mehr Panja +sie unterdrückte. –</p> + +<p>So geschah es mir, daß ich bald darauf von einem hohen Paß aus einen Blick +in das weite indische Land hinab gewann, das ich vor meiner Zeit in Malabar +durchreist hatte. Die ungeheure Hügellandschaft erstreckte sich, wie von +Urzeiten her gelagert, ohne ein Anzeichen menschlichen Werks, und wie die +riesenhaften Wogen eines Meeres, das mitten im Sturm in Erstarrung geraten +war. Die Ebene in weiter Ferne schimmerte lichtgrau und wie die Oberfläche +eines gewaltigen Sees, ich glaubte winzige Spitzlein und Türmchen in ihr zu +erkennen, deren Silhouetten nicht anders gegen den Himmel abstachen, als +sei der Horizont mit feinem Stacheldraht umzäumt.</p> + +<p>Wir blieben den Tag über auf der Paßhöhe, unter dem Dach eines schräg +gesunkenen Felsens gegen die Strahlen der Sonne geschützt, und durch die +unbeschreibliche Stille der Höhe zogen die Gestalten meiner Erinnerung, wie +in der Stunde eines Abschieds, unter dem Lied der Adler, noch einmal durch +meinen Sinn. Geister kamen aus dem Blau zu meinem Geist, Dahingesunkene +drangen in die Bewußtseinswelt des noch Verweilenden ein, Brüder und Gegner +in Gesinnung, Hoffnung und Schicksal, Freunde und Feinde in der Welt der +Lust und Trübsal und des raschen Todes.</p> + +<p>Auf jedem Erdteil hat der Tod ein anderes Angesicht, nirgends sind<span class="pagenum"><a name="Page_146" id="Page_146">[146]</a></span> seine +Züge feierlicher, als bei uns in Europa, ich habe ein wenig verlernt, seine +pathetische Sonntagsgebärde meiner Heimat zu überschätzen. Es hat noch +niemand dem Gespenst der Willkür sein Schauriges dadurch genommen, daß er +es heiligsprach; sicherlich ist die schwerfällig romantische Auffassung vom +Tode, die in Europa herrscht, eine Folge der Einwirkung der Kirche, die die +Tatsache des Todes so sehr in das Bereich des Ungeheuerlichen gerückt hat, +um aus ihrer Einwirkung einen Teil ihrer Autorität zu gewinnen. Uns ist das +Sterben in der Vorstellung so schwer gemacht, daß sicherlich ein gut Teil +Gerechter und Ungerechter beim Tode auf das angenehmste enttäuscht sein +wird.</p> + +<p>Sterben ist Pflicht, wie auch das Leben. Es wird ein jeder so leicht oder +so schwer sterben, als seiner Natur das Leben geworden ist, und wer das +eine verstanden hat, wird auch das andere können. Die Menschen Indiens +sterben leichter, selbstverständlicher und gewissermaßen unauffälliger als +wir, sie überlassen der Gottheit die Sorge für ihr künftiges Ergehen und +werden den Gedanken schwer erfassen lernen, daß sie selbst in letzter +Stunde für einen geordneten Abzug verantwortlich sein sollten. Diese +Auffassung, die christlich genannt wird, entstammt auch keineswegs der +Überzeugung des unschuldigen Begründers unserer Kirche, sondern vielmehr +der berechnenden Klugheit ihrer Verwalter.</p> + +<p>Langsam zog die Sonne ihren strahlenden Bogen, und das Land wechselte in +ihrem Schein. Wann wieder sollen Tage für mich kommen, die in so großer +Stille dahingehen, dem Gedanken und der Erinnerung geweiht, durchklungen +vom Kampfruf der Adler? Während ich hinabschaute ins Land, bald umwunden +vom schwermütigen Weinlaub des Traums, das glühte von Licht, bald in +wunderbare Klarheit des Äthers getaucht, durchlebte ich noch einmal so +manches, das ich gesehen und erfahren hatte, als ich das Land<span class="pagenum"><a name="Page_147" id="Page_147">[147]</a></span> zu meinen +Füßen durchzog. Gegen Nordosten mußte Bitschapur liegen, die alte +Königsstadt, aus deren Schlösserruinen sich die mächtige Halbkugel erhob, +die einst ein mohammedanischer Fürst erbaut und ganz mit Gold hatte +ausschlagen lassen. Sie war gegen die aufgehende Sonne geöffnet, deren +Licht sich in tausendfachem Glanz darin brach, so daß kein Auge +hineinzuschauen vermochte, ohne geblendet zu werden. Mitten im Herzen +dieser Kuppel, unter dem gewölbten Golddach, waren die beiden Thronsessel +des Maharadscha und des Maharadscha Khunwar, des Königsohns, aufgestellt, +und in dem zornigen Strahlengefunkel, das das Feuer der Morgensonne +millionenfach widerspiegelte, empfing der König seine Gäste. So dienten das +kostbare Blut seiner Berge und das Himmelslicht des neuen Tages seiner +Herrlichkeit, und die bestürzten Freunde seines Reichs, die im Augenblick +des Sonnenaufgangs vor seinen Thron geführt wurden, hörten den Gruß des +Fürsten aus einem Glanz erklingen, der ihre Augen schloß und die Knie zu +Boden zwang. Es mag gewesen sein, als dienten Himmel und Erde einem +Allmächtigen, um seine Hoheit unfaßbar zu machen. Zwischen jener Goldkuppel +und dem Marmorplateau, auf welches die Ankömmlinge geführt wurden, war ein +tiefer gelegener Garten voll blühender Blumen, wie sie sich in Duft und +Pracht nur dem tropischen Himmel öffnen, und die Wohlgerüche ihrer Kelche +gesellten sich dem Glanze.</p> + +<p>Der prachtliebende Sultan fiel von der Hand eines stärkeren Königs, der von +Norden kam und die Stadt zerstörte. Ihre Tore waren bis an die runden Bogen +der Gewölbe mit Toten angefüllt, und die Zähne des gefallenen Herrn der +Stadt konnten nicht aus dem elfenbeinernen Griff seines Säbels gelöst +werden, den er, zerfetzten Leibes, den Feinden nicht hatte überlassen +wollen. So ist er unter einem Berg seiner gefallenen Getreuen gefunden +worden, und die<span class="pagenum"><a name="Page_148" id="Page_148">[148]</a></span> Sage erzählt, daß er auch so bestattet worden sei unter +dem gewaltigen Kuppelbau, den er sich selbst, wie alle Fürsten jener Zeit, +zu seinen Lebzeiten hat erbauen lassen.</p> + +<p>Diese riesenhaften Grabdenkmäler der Stadt überragen noch heute das +Trümmerfeld von Bitschapur, sie erinnern in ihrer Bauart und Größe an +Moscheen, auch wird in einigen noch Gottesdienst gehalten, oder sie locken +Tausende von mohammedanischen Pilgern als Wallfahrtsort aus weiter Umgebung +in die heilige Stadt der großen Toten. Man erblickt in diesen Bauten +seltene Steinblöcke eingefügt, deren Entstammung bis heute nicht hat +aufgeklärt werden können, besonders als Grabsteine sind hier und da +schwarze, basaltartige Felsstücke verwandt worden, deren Beschaffenheit die +Gelehrten sich nur dadurch erklären können, daß sie sie unter die +Meteorsteine einreihen. Die größte dieser Kapellen ist von einer Kuppel +gedeckt, von deren Galerie der schwindelnde Blick unter sich die beiden +Grabsteine klein wie Streichholzschächtelchen erblickt, und das Auge ist +nicht in der Lage, einen Menschen von Angesicht zu erkennen, der sich ihm +gegenüber auf derselben Galerie befindet, wohl aber versteht er das +leiseste Wörtlein, das drüben im Flüsterton, gegen die Wand gesprochen, +fällt, da das Kreisrund des Steingefüges auf wunderbare Art den Schall +bewahrt und deutlich herumträgt. Man erzählt, daß der Sultan auf solche Art +die Ergebenheit seiner Minister, die Treue seiner Gäste und die Neigung +seiner Frauen erprobte, von denen er die einen oder anderen mit ihren +Vertrauten auf diese Galerie führte und sich, nach herausfordernden Worten, +wie zufällig von ihnen trennte, um dann Wort für Wort ihre Gedanken am +verräterisch erklingenden Kreisrund der Galerie zu erlauschen. In banger +Ehrfurcht vor diesem Wunder zittert das Volk noch heute in der Erinnerung +an die geheimnisvolle Macht des Toten.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_149" id="Page_149">[149]</a></span>In einem dieser Dome, fast dem größten, fand ich statt der gewohnten zwei +Grabsteine, die die Leiber des Königs und der Königin bergen und den +einzigen Inhalt der Gebäude darstellen, deren drei und erfuhr die +Geschichte dieser seltsamen Ausnahme, in der die Geliebte des Königs neben +ihm und seiner rechtmäßigen Gattin, der Mutter des Königssohns, beigesetzt +worden ist. Es geschieht sonst in keinem Fall, da nur die Favoritin, die +den Erben des Reichs geboren hat, im Tode neben dem Sultan ruht, seine +übrigen Frauen bleiben rechtlos, sowie auch deren Kinder, so ausgiebig sie +ihre Macht und ihren Einfluß im Leben angewandt oder mißbraucht haben +mögen. Aber die Geschichte erzählt, daß der König diese junge Gefährtin +seines Alters zärtlich liebte, und als er aus einem Kriegszug heimkehrte, +gelang es den Intrigen der Benachteiligten, Mißtrauen gegen ihre Treue in +sein Herz zu säen.</p> + +<p>Sie beschwor ihre Unschuld, aber die falschen Beweise überzeugten den König +gegen seinen Glauben. Jedoch im Zwiespalt seiner Empfindungen mag er auf +den Gedanken gekommen sein, ein Gericht Gottes über Schuld und Unschuld der +jungen Frau entscheiden zu lassen. Er führte sie auf die hohe Galerie +seiner vollendeten Grabkirche, über deren niedriges Steingeländer hinab dem +Blick das Gefüge der großen Steinquadern des Bodens klein, wie die +Musterung eines Schachbretts, erscheint, und befahl ihr, hinabzuspringen. +Die Luft verfing sich während des Falls in ihren weiten Gewändern, und sie +langte unversehrt in der Tiefe an, grüßte hinauf zu ihrem Herrn, der ihr +mißtraut hatte, und tötete sich mit einem kleinen Dolch, der noch heute in +der Gegend ihres Herzens hockt. Das Volk nennt sie „die Fremde“, ihr +Grabstein wird mit heimlicher Scheu erwähnt, es mag dies seinen Grund darin +haben, daß ihr freiwilliger Tod nach erwiesenem Recht dem Geist<span class="pagenum"><a name="Page_150" id="Page_150">[150]</a></span> der +orientalischen Weltbetrachtung wunderbar und unerklärlich erscheint.</p> + +<p>Der König fiel in Schwermut, und der Gram seiner Reue soll oft in große +Grausamkeit umgeschlagen sein, seine Rachsucht ist furchtbar gewesen und +erst durch den Tod gestillt worden, man erzählt, daß er seit jenem Tage, +nachdem die Verleumder eines gräßlichen Todes gestorben waren, +allmorgendlich die Schärfe seines krummen Säbels im nackten Rücken des +Sklaven prüfte, der ihm die Steigbügel seines Pferdes hielt. Sein Bildnis, +das Händler der Stadt in kunstvollen bunten Kopien aus Wasserfarbe +feilbieten, zeigt ihn auf einem hohen Samtkissen hockend, das Schwert über +den Knien und den Blick unter dem roten, mit Edelsteinen geschmückten +Turban starr und erkaltet in die Weite gerichtet. Seltsam genug meldet die +Kunde von ihm, daß er, obgleich er niemals in Berührung mit seinem Volke +gekommen ist und sein Anblick Entsetzen verbreitete, auch kein Mädchen +seines Landes vor ihm sicher war, doch zugleich geliebt worden sei, wie +kein anderer Fürst vor oder nach ihm. Seine Krieger sollen für ihn in den +Tod gegangen sein, als spräche die Sterbenspflicht unter seinem Willen ihre +Seelen für alle Ewigkeit frei, und seine Widersacher verfielen der +Volkswut. Es ist dies ein neuer Beweis dafür, wie wenig die +Volkstümlichkeit eines regierenden Fürsten mit seinen guten Eigenschaften +zu tun hat, und daß kein Irrtum größer ist als der, daß die Liebe der +Untertanen und die Nahbarkeit des Herrschers Hand in Hand gehen.</p> + +<p>Als ich Bitschapur sah, lag die Stadt voll Toter. Wir kamen in der +Morgenfrühe auf Pferden an, ohne Kunde davon erhalten zu haben, daß die +Pest in so furchtbarer Weise in der Stadt wütete. Als wir nahe vor den +Toren waren, wies mein Begleiter auf die Hügel im Umkreis der Stadt, die +mit Zelten bedeckt waren, und riet zur Um<span class="pagenum"><a name="Page_151" id="Page_151">[151]</a></span>kehr, aber es bot sich uns keine +Möglichkeit dazu, da es uns an Wasser und Nahrung gebrach.</p> + +<p>Die Lager auf den Höhen unterrichteten uns darüber, daß die Bewohner aus +der Stadt geflüchtet waren, und so fanden wir nur Tote im Bereich der +herrlichen Ruinen. Die Pferde zitterten, als uns der erste, widerlich süße +Hauch der Verwesung entgegenschlug, und Wolken von Aasgeiern erhoben sich +träge mit häßlichem Geschrei bei jeder Straßenbiegung. Die Leichen lagen in +den offenen Türen und auf den Gassen, aus leeren Augenhöhlen und +geschwärzten Angesichtern starrte der Tod uns an, und die Hufe unserer +Tiere verwickelten sich in den faulenden Schläuchen der menschlichen +Eingeweide, die die Geier weit über die Wege gezerrt hatten.</p> + +<p>Die unbarmherzige Sonne spiegelte im Marmor, ihren stillen Liebeszorn +bewegte kein Lufthauch, ein paar vergessene Ziegen irrten durch die +furchtbare Todesöde und den gigantischen Prunk der Vergangenheit. Es war +eine Hungersnot vorangegangen. Heute noch sehe ich die mageren, dunkeln +Menschenkörper, geschwärzt vom Gift der Verwesung, gegen weiße Mauern +gelehnt, über Steintreppen geworfen, oder am rötlichen Boden. Zwei Kinder, +die einander umschlungen hielten, schienen am Rand eines Tempelteichs +eingeschlafen zu sein, die Lage ihrer zärtlichen Gestalten verriet weder +Angst noch Schmerzen, aber die Augen fehlten, und in geschäftigem, frohem +Eifer bohrte ein grauer Geier seinen Schnabel unter die Stirnen, so daß die +Köpfchen schaukelten. Als ich mich näherte, hob der Vogel den kahlen Kopf +mit dem harten Schnabel, und seine gelben Augen sahen mich räuberisch an, +als ob er Verwunderung darüber empfände, daß ein aufrechter, lebender +Mensch sein Totenreich betrat.</p> + +<hr /> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_152" id="Page_152">[152]</a></span>Als die Sonne ins Meer gesunken und ihr letztes Licht wie in violettem, +feuchtem Qualm über dem fernen Wasser zergangen war, brannte Panja ein +kleines Feuer auf der Berghöhe unter unserem Felsen an, der uns nach zwei +Seiten hin schützte. Wir mußten mit dem Brennmaterial sparsam umgehen, +Panja hatte es zum guten Teil unterwegs sammeln und bis zu unserer hohen +Lagerstätte schleppen müssen.</p> + +<p>Die Nacht war totenstill, die ganze Welt schien erstorben, nur ein paar +große Nachtschmetterlinge besuchten mein Feuer, und ihr Surren zitterte in +der Luft, bis Panjas Schnarchen sie füllte. Aus weiter Ferne unterschied +ich Hyänenstimmen und schwaches Bellen der Schakale. Der Sternschein +tauchte in blassem Dunst der Tiefe glanzlos unter, aber über den Bergkuppen +und -zacken funkelte das Licht hart und zornig, wie im göttlichen Rausch +seiner unirdischen Freiheit. Der schmale Mond war erst gegen Mitternacht zu +erwarten.</p> + +<p>Ich schlief nur ganz kurze Zeit, um den Aufgang der Sonne nicht zu +verpassen, und die Stunden eines einsamen Wachens auf der Höhe, in der +blauen silbernen Tropennacht sind mein unvergängliches Eigentum geblieben, +ein feierliches Kleid der Erinnerung, das meine Seele niemals ablegen wird. +Es ist ihr bannender Zaubermantel gegen die Bedrängnisse des kleinen +Alltags geworden, das Leben und der Tod wiegen ihr in solcher Hülle leicht, +und der Gedanke an das Unendliche rückt nahe, wie sich das Bild im +spiegelnden Wasser dem Knienden nähert.</p> + +<p>Ich vergaß in jener Nacht, daß die Erde bewohnt ist, und ich begriff, daß +wir Menschen unseres Jahrhunderts unser ganzes Wesen zu sehr darauf +eingestellt haben. Unsere Beziehung zur Natur ist oft nur durch eine Flucht +vor den Menschen und aus unseren Lebensverhältnissen möglich, und so +erscheint uns das nur für<span class="pagenum"><a name="Page_153" id="Page_153">[153]</a></span> kurz gegönnt, was uns von Anfang an zum Eigentum +bestimmt war. Der Satan der neuen Welt entschädigt uns überreichlich für +die Verluste unserer alten Rechte, und doch werden wir am Ende die +Betrogenen sein, denn der beste Teil entgeht uns, jener Anteil, der die +Gelassenheit der Besinnung mit sich bringt, die Ruhe des guten Gedankens +und den Frieden der Erkenntnis unserer selbst.</p> + + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_154" id="Page_154">[154]</a></span></p> +<h2> +<a name="kap09" id="kap09"></a>Neuntes Kapitel<br /> +Die Herrschaft des Tiers +</h2> + + +<p>Unendliche Mattigkeit lagerte in der Luft. Wir waren nun den zweiten Morgen +unterwegs, um Mangalore zu erreichen, und die Ausläufer der +Dschungelwaldungen deckten uns zu, zwischen ungeheuren Felsschluchten.</p> + +<p>Der Abstieg von den Bergen zur Küste ging langsam vonstatten, da wir +unmöglich länger als die Stunde vor Sonnenaufgang und zwei oder drei +nachher marschieren konnten. Bisweilen unternahmen wir noch kleine Strecken +am Abend, aber es wurde wenig vom Wege zurückgelegt, da die anstrengenden +und umständlichen Vorbereitungen für unser Nachtlager die kühlere Stunde +vor Aufgang der Nacht beanspruchten.</p> + +<p>Eine schmerzende Rastlosigkeit und ein dumpfer Druck in meiner Brust +machten mir die Weiterreise fast unmöglich. Ich glaubte, nicht atmen zu +können, und mir war, als zersprengte mein Blut seine Gefäße wie gärender +Wein. Mich befiel ein Taumel, dem kein Rausch zu vergleichen ist, und ich +begriff nicht, daß ich monatelang in diesem kochenden Dunst hatte leben +können, wobei ich allerdings nicht bedachte, daß das Jahr vorgeschritten +war und die heiße Zeit ihren Höhepunkt erreicht hatte. Die bösen +Erinnerungen an mein überstandenes Fieber überfielen mich wie Raubtiere; +ich fürchtete sie mehr als die hungrigen Bestien, die nicht von unserer +Fährte wichen, und als die Giftschlangen, deren Biß in dieser Zeit am +gefährlichsten ist und fast unmittelbar tödlich wirkt. Der ganze Urwald +schien von diesem Gift erfüllt, und die Ermattung seiner Geschöpfe teilte +sich dem Körper mit, bis tief in die Kammern des Herzens. Mehr als einmal +verlangte ich gebieterisch, daß der Rückweg in die Berge angetreten würde,<span class="pagenum"><a name="Page_155" id="Page_155">[155]</a></span> +aber Panja und Pascha, die kaum noch widersprachen, taten in stoischer +Gelassenheit, was sie für richtig hielten und was es unter den drohenden +Ereignissen der Natur auch einzig gewesen sein mag.</p> + +<p>Ich verlor den Sinn für die Pracht der Gegenden, durch die wir kamen; die +einzige Hoffnung, die mich aufrecht erhielt, war der Gedanke an das Meer, +und oft flehte ich, der tödlichen Gefahr zum Trotz, in heimlicher +Gemeinschaft mit den schmachtenden Geschöpfen der Natur, den Himmel um +Regen an. Es kam hinzu, daß ich die sichere Orientierung auf der Karte +völlig verloren hatte, ich wußte mit Bestimmtheit kaum mehr als die +Himmelsrichtung und mußte mich ganz auf Panja verlassen, dessen Urteil mir +um so leichtfertiger erschien, je mehr er mich mit falschen Aussichten +vertröstete. Auch mußten wir oft die Richtung wechseln, da wir uns +unüberwindbaren Hindernissen gegenübersahen, so daß sich die in der Tat +zurückgelegte Wegstrecke auf unser ungewisses Ziel zu oft kaum bestimmen +ließ. Bald fehlte es uns an Nahrung, bald an Wasser, und nur Panjas +Kenntnissen der vielerlei Früchte des Waldes ist es zu danken, daß wir +nicht in bittere Not gerieten. Zuweilen fand ich trotz des schmerzenden +Hungers nicht den Aufwand von Energie, mit der Büchse Umschau zu halten, +und oft waren die Milch einer Kokosnuß oder eine Ananas meine einzige +Nahrung für einen Tag.</p> + +<p>Aus der Reihe der Entbehrungen und Leiden dieser Tage ist mir ein Eindruck +geblieben, der sich tief in meine Seele gegraben hat, und dem ich den +letzten Aufschwung meiner Kraft verdankte. Wir kamen an einem Frühmorgen, +bevor die Sonne aufgegangen war, in die schmale Felseinmündung zu einer +Schlucht, die sich bald groß und weit vor unseren Augen öffnete. Es +herrschte noch jenes seltsame und ergreifende Zwielicht von Mondschein und +herein<span class="pagenum"><a name="Page_156" id="Page_156">[156]</a></span>brechendem Morgenlicht, das ich nur in den Tropen in diesem +magischen Glanz eines Kampfes um die Herrschaft angetroffen habe. In den +Ländern des Abendlandes scheint die Nacht dem Tage auszuweichen, ihre +Gestirne verblassen gelinde, lange bevor die Sonne am Horizont sichtbar +wird, und der schüchterne Morgenmond, der noch bisweilen zu sehen ist, +wirkt wie eine verlöschende Erinnerung an die Nacht. Aber in Indien sind +die Lichter der Nacht mit dem Glanz des hereinbrechenden Tages in einen +leidenschaftlichen Kampf verstrickt, der seine Zwiespälte der Seele um so +eindringlicher mitteilt, je mehr die Stille der Lichtwelten ihre Gewalt und +Beharrlichkeit behauptet.</p> + +<p>Die ersten Tierstimmen erwachten um uns her, aber nichts regte sich. Wir +waren tief im Grünen und krochen und sprangen abwärts in weiten Abständen +voneinander, von Fels zu Fels, über gestürzte Baumstämme und sumpfige +Löcher, in denen die Überreste eines Gebirgsbachs faulten. Nach einer Weile +öffneten sich Bambuswände, und ich gewann für kurze Zeit einen freien Blick +über die ungeheure Schlucht. Zur Rechten und zur Linken erhoben sich +gelbliche Felswände, beinahe senkrecht abfallend und fast ohne Vegetation. +Sie liefen in der Ferne auseinander und ließen einen Blick in die +dampfende, grauschimmernde Weite zu. Der Dschungel erschien wie eine dicke, +grüne Decke im Winkel eines riesenhaften Gemachs mit braunen Wänden, und +der Morgenhimmel darüber war von gläserner Klarheit.</p> + +<p>Die westliche der beiden steilen Felswände war bis zur Hälfte wie mit +dunkelroter Farbe bemalt, gegenüber flimmerte das Mondlicht im Grünen. Ich +stand, von diesem Bild gebannt, in Betrachtung versunken da. Zugleich mit +der Hoffnung, daß nun der schwierigste Teil unserer Reise überwunden sein +möchte, glaubte ich die Wohltat eines leisen, kühleren Windes zu verspüren, +und<span class="pagenum"><a name="Page_157" id="Page_157">[157]</a></span> meine Augen glitten entzückt über die goldene Glutbahn des +Morgenlichts an der Felswand dahin.</p> + +<p>Auf halber Höhe dieser Wand, etwa dort, wo sie der Sonnenschein teilte, +lief eine ausgehöhlte Bahn wagerecht durch das Gestein, die man wohl für +eine alte Meergrenze hätte halten können. Sie wirkte wie ein überdachter +Weg und mag auch zum großen Teil gangbar gewesen sein, führte an +halbkuppelartigen Höhlen vorüber und gewährte vereinzelten Zwergpalmen und +Aloëstauden Halt. Vor der größten dieser Höhlen war ein kleines +Felsplateau, nicht größer als etwa der Raum, den ein alter Lindenbaum in +der Mittagssonne zu beschatten vermag, und am Rand dieser Felsplatte in der +Sonne lag etwas. Ich erinnere mich deutlich, daß, noch bevor der Eindruck, +der meine Augen fesselte, mir irgend zum Bewußtsein gedrungen war, noch ehe +ich darüber sann, was dies gelbliche ruhige Etwas sein möchte, ein +Unterbewußtsein, wie eine ahnungsvolle Ehrfurcht mich bannte. Aber dann +wußte ich es jählings, wie durch einen lauten Zuruf aufgeklärt, und auch +ohne daß ich noch Figur und Zeichnung recht unterschied: der Tiger.</p> + +<p>Es ist das einzige Mal gewesen, daß ich in Indien einen Tiger in der +Freiheit erblickt habe. Ich lehnte mich an den Stamm eines Baumes, schloß +die Augen und öffnete sie wieder und sah hinauf wie einer, der sich von +seinen Blicken betrogen glaubt. Niemals werde ich die hellbraunen Felswände +vergessen, das Morgenlicht in der Steinkuppel und vor ihr, wie auf einem +Marmorsockel als Thron, im Schutze des steinernen Baldachins, die ruhende +Sphinxfigur des Tigers. Die Entfernung und die Höhe der Felswände ließen +ihn mir klein erscheinen, aber ich unterschied die Zeichnung des Fells +deutlich und sah die Pranken nebeneinander ruhen unter dem schrecklichen +Haupt, das unbeweglich, wie gemeißelt, die geschmeidige Linie des Rückens +und des breiten Nackens vollendete<span class="pagenum"><a name="Page_158" id="Page_158">[158]</a></span> und dessen Augen in die Weite gerichtet +schienen. Eine Majestät ohnegleichen ging von diesem glühenden Monument der +Natur aus.</p> + +<p>Es ergriff mich eine Traurigkeit, die ich niemals ganz werde begreifen +lernen, aber ich weiß, daß meine Hände sich ballten und zitterten. Damals +erfaßte ich zum ersten Male die Schönheit und Größe der ägyptischen Sphinx, +dieses gewaltigsten Steinmonuments, das der Geist und die Erkenntnis des +Menschen jemals im Licht des Anspruchs und der Ehrfurcht erschaffen haben. +Die Begriffe der Gottheit, der Natur und des Menschseins sind in ihren +vielfachen Widersprüchen in dieser Gestalt zu einem Kunstwerk vereint, +welches das Unerbittliche lieblich mit der Hoffnung verbindet, die +Herrschsucht mit der Anmut, die Gefahr mit der Lust und die Gottheit mit +dem Spiel. Und keineswegs einzig durch den Abstand, welcher uns von diesem +Bildwerk scheidet, sondern an sich und für alle Zeiten der Vergangenheit +und Zukunft stellt die Sphinx das gewaltige Denkmal der Historie dar, jener +Historie, die über der Gewißheit einer großzügigen Entwicklung jede +Erinnerung an Einzelheiten und Geschehnisse zu verschmähen scheint und nur +in erhabenen Merksteinen die Jahrtausende mißt, welche das Menschenherz im +unveränderbaren Pulsschlag durchpocht.</p> + +<p>Der Anblick dieser großen ruhenden Katze in der Sonne, hoch in der +Felsenfreiheit, über dem unruhig gärenden Bett der vielerlei kleinen +Geschöpfe und Pflanzen des Dschungels, trug meinen Geist über die Geschicke +der Zeiten fort, zurück bis an jenen ältesten Stein der +Menschheitserinnerung. So erschien mir das herrliche Tier in seiner +Vereinsamung, wie ein später Nachkomme einer versunkenen Zeit, schon im +schwermütigen Schatten des Abschieds seines starken Geschlechts von der +Erde der Menschen,<span class="pagenum"><a name="Page_159" id="Page_159">[159]</a></span> denen es mit vielen, längst vergessenen Wesen hat +weichen müssen.</p> + +<p>Aber hier war noch das Reich seiner Herrschaft. In der Morgensonne funkelte +sein steinerner Thron, und den erwachenden Urwald, tief unter dieser +königlichen Ruhe, schreckten die Schauer vor solcher Majestät. Arm, müde +und machtlos schlichen ein paar Menschlein unten durch das schützende Grün, +und unter ihnen ich, geduldet und eingeschüchtert durch die Herrschaft des +Tiers.</p> + +<hr /> + +<p>Als ich am Abend im Zelt einzuschlafen versuchte, entdeckte ich zwischen +den Bäumen hindurch an den Himmelslücken einen rötlichen Schein, der nicht +von unserem Feuer kommen konnte. Ich trat hinaus und prüfte die Weite +umher, so gut es mir gelang. Der Mond ging erst gegen Morgen auf; ich sah, +daß der ganze Himmel glutete, und weckte Panja.</p> + +<p>„Die Steppen brennen“, sagte er, nachdem er sich umgesehen hatte, und sog +die Luft durch die Nase ein, aber die windlose Nacht trug keinen +Brandgeruch bis zu uns. „Die Berge brennen,“ wiederholte er schlaftrunken, +„tausend Tiere sterben, darunter die schädlichen. Die Bergmalabaren zünden +die Reste an, die die Sonne zurückgelassen hat; oft entstehen die Feuer +auch, ohne daß jemand weiß, wer sie angelegt hat.“</p> + +<p>Der Glutschein nahm zu und verbreitete eine erregende, matte Helligkeit im +nächtlichen Wald, die Stimmen der Tiere schienen vereinzelter und +gedämpfter zu klingen, wie in Ehrfurcht vor dem draußen herrschenden +Element.</p> + +<p>„Es heult nicht, das Feuer,“ sagte Panja und lauschte, „ruhig schleicht es +über die Höhen.“</p> + +<p>Er legte sich wieder zur Ruhe nieder, es drohte uns keine Gefahr,<span class="pagenum"><a name="Page_160" id="Page_160">[160]</a></span> aber +mich floh der Schlaf, den ich eben noch ohne Glauben gesucht hatte. Ich sah +im Geist die roten, wehenden Feuerfahnen über die endlosen graugrünen +Hügelweiten flattern in der blauen Nacht, und mir war, als hörte ich die +Stimmen des fliehenden und ereilten Getiers, das im Streit um den Besitz +der Berge, dem Menschen auf der Walstatt eines unaufhörlichen Kampfes +erlag. Gegen Morgen würde der Mond durch den Rauch scheinen, bis langsam +die Sonne die goldenen Kämme der Berge in ihrer Ruhe über dem bewegten Bild +entzündete; dort oben war es still, die ewigen Kriege waren dort längst +verrauscht.</p> + +<p>In der Schlucht rief ein Uhu, immer lange, wie aus tiefer Brust +hervorgehauchte Töne, in weiten Abständen voneinander, bald wie in dumpfer +Daseinsangst, bald wie in Liebesqual. Als der rote Schein zunahm, +verstummte er, die Felsschlucht schwieg, die dunklen Wände im rötlichen +Nebel vereinsamten aufs neue, und die verlassene Nacht zog weiter, im +glühenden Schleier.</p> + +<p>Es war eine lautlose Unruhe in der trägen Üppigkeit des verblühten Waldes +und die Geister der Vermoderten kamen aus der Vergangenheit hinüber in die +Bereiche meiner Erinnerung und begannen zu mir zu reden. Überall umher +lagen überwache Sinne in Krankheit, aus Löchern, Höhlen und grünen +Schlünden starrten die Masken unersättlicher Gier und gereizter Ermattung +einander an, im steilen Bambus schlief der Wind, hingesunken wie ein von +giftigen Gasen zum Taumeln gebrachter Falter. Die Ungeduld des Erdbodens, +an der widrigen Grenze süßlicher Ersticktheit, teilte sich dem Blut der +Wesen mit, aber nichts half mehr, kein Geschrei und keine Klage, kein Trost +und keine Wut. Nur im Wasser oder im Feuer war Errettung zu finden. Hatte +nicht Panja eben noch gesagt, die Steppen entzündeten sich selbst?</p> + +<p>Es klagte matt in der belebten Stille, ein Vogel, ein Waldtier oder<span class="pagenum"><a name="Page_161" id="Page_161">[161]</a></span> ein +sinkender Baum, der sich seufzend in das morastige Bett seiner Entstehung +neigte. Ich lauschte auf die röchelnden Flüstertöne des Verfalls, in denen +die Stimmen der Versunkenen meine willenlosen Gedanken in ihr vergessenes +Bereich zurückführten. Der Geist des Fiebers schillerte mich böse, mit +grünen Augen, aufs neue an, und ich fühlte mich vom Sterben umhüllt und ihm +unrettbar preisgegeben. Ich empfand in merkwürdig tauber Verwirrung der +Verlassenheit, daß ich das Sterben noch nicht gelernt hatte, mich verlangte +inbrünstig nach Taten, nach Kampf und Anstrengungen, und meine höchste +Angst bestand im Gedenken an dies laue, erstickende Welken des Bluts, wie +es umher von mir gefordert wurde.</p> + +<p>War es, weil meine Augen am Tage die Hoheit des Dschungelherrschers gesehen +hatten, daß ich den Mut und die Kraft zum eigenen Lebensrecht nicht mehr +aufzubringen vermochte? Die Bedrängnisse, in denen sich die Natur befand +und die sich meinem Gemüt von Stunde zu Stunde eindringlicher und +überwindender mitteilten, ja, denen ich völlig zu erliegen drohte, weckten +im Grunde meiner Gedanken ein bohrendes Bewußtsein von Schuld. Welcher +Empfindende und Verstehende suchte in aller Not nicht zuerst die Schuld in +der eigenen Brust? Die Erkennenden sind verantwortlich, sie sind es, welche +in Wahrheit Opfer bringen und welche die Sühne tragen, im Kleinen wie im +Großen. Hatte ich die Trauer und Größe der alten Herrschergewalt dieses +Landes nicht erschauernd erblickt und ehrfürchtig auf meine Art erkannt, +wie ein verächtlicher Eindringling, und im Herzen schuldig aus Hochmut?</p> + +<p>Wenn ich die Augen schloß, so war mir, als dränge durch die Erschlaffung +der verschmachtenden Welt ein Pesthauch von jener Stätte zu mir hinüber, an +der ich zwischen den bläulichen Stachel<span class="pagenum"><a name="Page_162" id="Page_162">[162]</a></span>armen der Aloën den gelben Leib des +toten Panthers gesehen hatte, dann wieder tauchte die beschienene, +steinerne Kuppel vor meinem Geiste auf, die als ein goldstrahlender +Baldachin den Thron des Tieres schützte. Der Tiger war berufen, in diesen +Bereichen zu herrschen, ihn vergifteten die Dünste des Dschungels nicht, +der Brand der Tropensonne wurde seinem zähen Leib mit den eisernen Strängen +der Sehnen zur Wohltat, er durchschwamm die reißenden Ströme zu seiner +Erfrischung, wie im Spiel, und durchschweifte die Steppe tagelang, ohne +Gefährdung und ohne Bedrängnisse.</p> + +<p>Wie in den zugleich bedrückenden und beängstigenden Sinnesschwankungen des +nahenden Fiebers, die sowohl Verwirrungen als auch die übernatürlichen +Klarheiten der Vision mit sich bringen, war mir, als könnte unmöglich jene +Grenze gar zu weit zurückliegen, an welcher der Wechsel der Herrschaft von +Tier und Mensch über die Erde stattgefunden haben sollte. Als habe sich +meinen eingeschüchterten Sinnen erwiesen, wie töricht der Menschenhochmut, +in der leichtfertigen Sicherheit seiner zerbrechlichen Städte, sein +Machtbereich und seine Herrschaft überschätzt. Und mir war aufs neue, als +träte der Geist dieses Landes und seiner alten Völker zu mir und überredete +mein Herz. Ich begriff eine Lehre, die das Tier ehrt, anbetet und niemals +tötet, deren religiöses Bewußtsein und Bekenntnis eine tiefe Beziehung zum +Wesen des Tiers ahnen läßt, und die die tatlose Geduld, die ehrfürchtige +Erwartung und das heilige Harren in demütiger Ergebenheit preist. Wie +vorzeiten in einer unvergeßlichen Traumnacht ein Affe im Triumph seiner +überwundenen Gefangenschaft zu mir gesprochen hatte.</p> + +<p>Wie aber die ungewisse Neigung zur Ehrfurcht Angst und noch keine +Beruhigung erzeugt, deren Friede erst mit der eingetretenen Erkenntnis +hereinbricht, so erschien es mir in heimlichem Erzit<span class="pagenum"><a name="Page_163" id="Page_163">[163]</a></span>tern zu dieser Stunde, +als sei die Herrschaft des Tiers auf der Erde nicht überwunden, sondern als +bestünde sie noch, wenn auch verborgen und beengt, so doch in ihrer +ursprünglichen Gewalt und Finsternis.</p> + +<p>Mit den ermüdeten Zügen Hucs, des Affen, der mir zu Beginn meiner +leichtfertigen Fahrt in die überblühten Ruinen des alten Gottreichs +erschienen war, trat aufs neue der Geist dieser versunkenen Zeit vor mich +hin, und seine grauen Augen sahen mich an: „Noch herrscht das Tier, hier, +um dich her, im Rahmen der ihm zugehörigen Natur, in die der Mensch nicht +weiter eingedrungen ist, als ein Borkenkäfer in einen Baum, dort verborgen +in der aufrechten Gestalt, unter der weißen Haut, hinter der klugen Stirn +und den schönen Augen. Vollzieht sich die Wandlung unter dieser Hülle nicht +immer noch rasch und leicht? Nicht allein auf Schlachtfeldern und im +Getümmel der entflammten Haufen, auch in stillen Kammern oder auf offenen +Märkten, unter den Marterpfählen der Heiligen, oder im Schmeicheln der +süßesten Rede? Noch herrscht das Tier. Die Weisen der Erde erzittern auf +ihrem Weltpfade unter dem Gebrüll, das um sie her erklingt, wenn sie +eilend, gerafften Kleids, mit verwundeter Hoffnung ihre Zeit durchmessen.“</p> + +<p>Mit feurigen Schritten schlich die Nacht träge dahin, der Himmelsschein der +brennenden Steppen erlosch allmählich, aber es war, als habe er eine +vermehrte Hitze zurückgelassen, immer noch war kein Hauch des nahenden +Morgens zu verspüren. Vergebens forschte ich am Himmel nach dem +Morgenstern, und mit den düsteren Wetterwolken, die wie böse Ahnungen im +glühenden All herandrängten, begann neben mir monoton die Stimme meiner +Angst aufs neue:</p> + +<p>„Das Tier herrscht. Wenn der Morgen sich ankündigt, so wird<span class="pagenum"><a name="Page_164" id="Page_164">[164]</a></span> dein Blut +erloschen sein, du sollst in diesem schwülen, grünen Mantel ersticken.“ +Meine Qual entstand nicht durch den Gedanken an den Tod meines Leibes, +sondern durch diese düstere Ahnung von der Herrschaft des Tiers und durch +die Hoffnungslosigkeit, in der ich, am Rande des Wahnsinns, nach einem +Ausweg suchte, nach einer erlösenden Gewißheit, nach dem Licht der Zukunft. +Wie der Zweifelnde das Leben seiner Geliebten argwöhnisch nach Beweisen +ihrer Schuld durchforscht, gegen seinen besseren Willen, ja, fast gegen +sein Gewissen, so durchforschte mein Geist in diesen Nachtstunden die +Geschichte der Erde nach den Merkmalen des Tiers, und aufs neue tauchte das +Bildwerk der Sphinx vor meinen geistigen Augen empor. Es verschmolz mir in +der alten Erinnerung des Menschenwesens und in der Erinnerung meiner +eigenen zeitlichen Erlebnisse mit der Erscheinung des ruhenden Tigers an +der Felsenwand. Es war, als habe diese Erscheinung, von der meine Augen am +vergangenen Tage betroffen worden waren, im mystischen Zusammenhang mit der +alten Menschenfurcht und -ehrfurcht, einen erklärenden Lichtschein auch in +meine Erkenntniswelt geworfen, und in jener Nacht hätten keine menschliche +Weisheit und keine Überzeugungskraft mich vom Wege meiner Gedanken +abzubringen vermocht.</p> + +<p>In ihm, jenem alten Volke der Ägypter, mußte das Bewußtsein klar gelebt +haben, daß die Herrschaft des Tiers nicht überwunden war, sie erschufen in +unfaßbarer organischer Einheit den Katzenleib mit dem Menschenkopf und den +Menschenleib mit dem Löwenhaupt. Sie erhoben diese Standbilder zu +Gottheiten, verehrten sie in ihnen und erkannten sich selbst darin.</p> + +<p>Während meine Gedanken nach Sicherheit suchten, nach dem entscheidenden +Gegenwert, nach der Verkündigung der Wahrheit, daß das Tier dennoch +überwunden sei, schritt auch Johannes an<span class="pagenum"><a name="Page_165" id="Page_165">[165]</a></span> mir vorüber, der den +göttlich-weisen Heiligen von Golgatha am lautersten geliebt hatte. Auch +ihn, den, wie keinen, die menschliche Hoheit und der göttliche Triumph +seines Meisters durchdrungen hatten, schreckte in den verzückten Ahnungen +eines künftigen Reichs des Menschensohns, das Tier. In seinen letzten +Visionen, in denen Furcht und Hoffnung das liebende Gemüt im zerrütteten +Leib zerrissen, erschien ihm das Tier:</p> + +<p>„Und ich trat an den Sand des Meers und sah ein Tier aus dem Wasser +steigen, das hatte sieben Häupter und zehn Hörner und auf seinen Hörnern +zehn Kronen und auf seinen Häuptern Namen der Lästerung. Und ich sah seiner +Häupter eines, als wäre es tödlich wund, aber seine tödliche Wunde ward +heil, und der ganze Erdboden verwunderte sich des Tiers. Und sie beteten +das Tier an und sprachen: 'Wer ist dem Tiere gleich? Wer kann mit ihm Krieg +führen?!' Und ihm ward gegeben, zu streiten mit den Heiligen und sie zu +überwinden, und ihm ward Macht über alle Geschlechter gegeben.“ –</p> + +<p>Die brodelnde Finsternis des heißen Urwalds umdunkelte meine überwachen +Sinne, wie im Taumel einer nahenden Ohnmacht, und meine armen Gedanken +huschten wie blasse Irrlichter darüber hin. Damals war mir der Gedanke an +meinen nahen Tod zur Gewißheit geworden, und ich weiß zuversichtlich, daß +ich seinem Schatten niemals näher war. Eine unbeschreibliche Sehnsucht nach +dem Morgen wachte, wie eine letzte Hoffnung, unverstanden und von düsterer +Traurigkeit bedrückt, in meinem Herzen, das erstickend in Finsternis und +Erdschwüle nach Erlösung rief. Ich muß kurz nach diesen letzten +Erinnerungen in Schlaf gesunken sein, über mir den qualmenden Rachen des +Tiers.</p> + +<p>Aber der Traum, mit welchem ich im Morgenlicht erwachte, war leicht und +lieblich, als belohnte ein gnädiger Geist die Bedrängnis<span class="pagenum"><a name="Page_166" id="Page_166">[166]</a></span> meiner Gedanken +mit einer frohen Zusicherung. Es ergeht uns Irdischen oft so, daß sich der +Wechsel und Ausgleich von Finsternis zum Licht mit dem Wechsel von Schlafen +und Wachen vollzieht, oder bisweilen wohl auch umgekehrt, als läge die +Absicht, zu schlichten und zu besänftigen, im natürlichen Wandel unserer +Zustände. So mag es sich erklären, daß ein heiter verbrachter Tag sich in +düsteren Traumbildern spiegelt, oder daß die Angesichter der Toten zuweilen +nach furchtbaren Qualen des Sterbens einen unnennbaren Frieden in ihren +Zügen tragen.</p> + +<p>Ich erinnere mich keines Traums, der meinem Gemüt eine größere Helligkeit +gebracht hätte, und keine Wohltat ist jener Ruhe zu vergleichen, die mir in +den Lösungen geschah, die sich wie gnädige Offenbarungen an die Pein meiner +Angst und meines Zweifels im Schlafe anschlossen. Erkenntnisse, welche uns +durch Träume vermittelt werden, haben eine seltsame Unschuld der Erfahrung, +es erscheint oft, als schlössen sie alle jene Irrtümer aus, die das +bereitwillige Denkvermögen des wachen Gehirns so leicht begeht, in seiner +Hoffnung, es möchte aus dem Vielerlei ein Viel entstehen, und aus dem +Mancherlei ein Besonderes. Das Grübeln ist der Feind des Denkens, denn die +guten Gedanken kommen zu uns wie das Licht oder die Wärme, unversehens, wie +ein Sonnenblick durch die Schleier der Wolken, oder wie eine Knospe an +ihrem Strauch im Frühlingsregen aufbricht. So mag der Schlaf ein tätiger +Freund des Denkens sein, und das oft scherzhaft gebrauchte Wort, daß der +Herr es den Seinen im Schlafe gibt, hat ebensowohl einen tiefen Sinn, wie +das uralte Verlangen der Menschen, Träume auf rechte Art deuten zu lernen.</p> + +<p>In einem hellen Zug, der auf dunklem Erdgrund allein und deutlich von einem +klaren Himmelsstrahl beschienen wurde, zogen die Heiligen der Geschichte, +die das Tier überwunden haben, im<span class="pagenum"><a name="Page_167" id="Page_167">[167]</a></span> Traum an mir vorüber. Die Reihe rückte +aus unergründbarer Welttiefe, die ganz in Finsternis gebettet war, so hell +heran, als flösse ein weißer Bach in der Nacht über schwarzen Erdgrund. Und +jedesmal mit dem Augenblick, in welchem eine Gestalt deutlich erkennbar +wurde, zerfloß sie in das große Wort ihres wichtigsten Bekenntnisses. Mit +dem Erklingen dieses Worts aber, das sich wie ein Lichtschein in meine +Sinne ergoß, versanken das Angesicht und der Name seines Trägers, aber es +erschien mir, als läge es so im Willen der Heiligen. Im Halbdämmern, das in +ihrer Nähe herrschte, erkannte ich undeutlich in ihrer Begleitschaft die +gewaltigen Umrisse gefesselter Tiere. Ich erblickte darunter einen Drachen, +hundertfach verschlungen und in dunklen, glühenden Farben von großer +Pracht, das Löwenhaupt der Sechmet, über den lieblichen Mädchenschultern, +tauchte empor und erlosch, die heilige Schlange, gekrönt, mit geblähtem +Hals unter dem Gift des Rachens, und das weiße Rind.</p> + +<p>Unter den Heiligen kam auch aufs neue jener seltsamste Prophet zu mir, den +die Religionen der Völker kennen, und dessen Worte über die Macht des Tiers +mir noch kurz zuvor durch den Sinn gegangen waren, aber seine Erscheinung +hatte die Gebärde des heimgesuchten Märtyrers seiner Angst verloren. Er war +der Letzte; mit ihm und dem Wort seiner Gottheit erlosch der strahlende +Zug:</p> + +<p>„Ich bin der Erste und der Letzte. Ich bin der Ursprung des erwählten +Geschlechts, ein heller Morgenstern.“</p> + + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_168" id="Page_168">[168]</a></span></p> +<h2> +<a name="kap10" id="kap10"></a>Zehntes Kapitel<br /> +Sumpftyrannen +</h2> + + +<p>Es würde schwer halten, mit Sicherheit über den Zeitraum zu berichten, der +zwischen den inneren Erlebnissen dieser Nacht lag, in welcher ich dem Tier +begegnete, und der Morgenstunde, in welcher bald nachher Panjas helle +jubelnde Stimme mir aus dem Buschwerk entgegendrang. Beim Klang seiner +lauten Worte überkam mich nach seinen vielerlei Vertröstungen zum erstenmal +die ganze Zuversicht unserer Befreiung. Ich verstand anfänglich immer nur +ein Wort, und da er es im Rufen mehr sang als sprach, so unterschied ich +den Sinn nicht, bis er lachend vor mir stand und zitternd vor Freude +erklärte, sie seien bis an die Ufer des Kumardary vorgedrungen, des großen +Stroms von Süd-Kanara, dessen Wasser aus den Bergen von Kurg und Maisur +zusammenströmen und der bei Uppanangadi in den Netrawati einmündet, an +dessen Ausfluß in das Meer Mangalore liegt, die Stadt, die unser Ziel war.</p> + +<p>„Der Fluß hat noch Wasser genug für die größten Kanus,“ rief Panja +glücklich, „wenn wir Boote aufgetrieben haben, so brauchst du keinen +Schritt mehr zu machen, bis die Palmen von Mangalore dich beschatten, und +der Regen mag kommen. Der Fluß trägt uns schnell hinab.“</p> + +<p>Seine frohe Gewißheit teilte sich mir anfänglich mit. Nach seinen +Schilderungen näherten wir uns dem rechten Ufer des Flusses, in einem +Abstieg genau von Norden nach Süden, hatten sein Bett also im Laufe der +zurückliegenden Wochen bereits einmal überschritten, wahrscheinlich in den +heißen Tagen des glücklichen Wanderlebens vor meinem Fieber. Eine +merkwürdige Ernüchterung überkam mich plötzlich, sie stellte sich in +Gemeinschaft mit<span class="pagenum"><a name="Page_169" id="Page_169">[169]</a></span> einer neuen Lebenskraft ein, aber zugleich mit einer +tiefen Verstimmung. Eine veränderte Wirklichkeit rückte heran, mit den +grauen Bildern der gewohnten Lebensweise, und die tiefere Wirklichkeit des +Traums wurde darüber schadhaft und unwahr. Ach, gewißlich würde ich die +Erlebnisse der zurückliegenden Zeit niemals vergessen, aber irgend etwas an +ihnen schien mir plötzlich seine Inbrunst einbüßen zu müssen; was einst dem +Ernst meiner Seele heilig war, das würde nun im Schein eines feinen +Lächelns zurückbleiben. Gewiß, jener schöne Zustand der Vergangenheit war +einmal groß und wichtig gewesen, aber es war nun nicht mehr der einzige, +denn die neue Welt würde aufs neue meine Hingabe, wiederum meinen Ernst und +meine Andacht einfordern.</p> + +<p>Damals war es, als ich mir vornahm, niemals über die große Welt meines +Erlebens zu schreiben oder zu erzählen, sondern mich bei beiden an die +äußeren Ereignisse zu halten. Ich wandte mich um und sah hinter mich, als +könnten meine Augen noch einmal alles übersehen, was mich bedrängt und +erhoben hatte. Aber nur die undurchdringlichen grünen Wände, deren +Palmengefieder in der Sonne glitzerte, boten sich meinen Augen, keine Spur +unserer Füße war mehr kenntlich, ich war vergessen in dem Bereich, das ich +flüchtig durchmessen, nur in der Ahnung begriffen und im eingeschüchterten +Gemüt geliebt hatte.</p> + +<p>Heute, nach Jahren, über die weißen Blätter gebeugt, die meine Gedanken, +meine Freuden und die Bilder und Farben meiner Erinnerung tragen sollen, +begreife ich jene Trauer besser. Damals schlug in meiner Brust die Stunde +der Umkehr, damals fühlte ich, daß ich hätte bleiben sollen, denn es gibt +keine Berührungen und Umarmungen in der Welt, die an Glück denen der Natur +zu vergleichen sind, welche unschuldig und großzügig bleiben, und in keinen +weiß sich die besondere Art unseres Lebensbewußtseins<span class="pagenum"><a name="Page_170" id="Page_170">[170]</a></span> geborgener. Auch +mögen damals heimliche Erinnerungen an die Hast und Willkür des +europäischen Treibens in mir erwacht sein, die alles in Begleitschaft und +zum Ziel haben, was immer Menschenaufgabe sein mag, Glück führen sie nicht +herbei. Der Zustand des Glücks ist nicht ohne die Ruhe zur Selbstbesinnung +möglich, denn Selbstbetäubung führt zur Verarmung.</p> + +<p>Und doch ergriff mich daneben der Taumel des Neuen, das mich erwartete, und +ich weiß deutlich, daß mich damals schon eine Ahnung streifte, welcher Art +meine Erlebnisse sein würden. Lichtwelten und Stürme der Geisteswelt künden +sich begierigen Seelen so deutlich an, wie Gewitter oder Sonnentage sich in +der Natur vor ihrem Herannahen zu offenbaren pflegen. Mir war damals für +einen Augenblick zumut, als sähe ich durch das Buschwerk der +Dschungelwildnis nieder auf das Meer, erblickte den bläulichen Rauch der +Hindustadt über dem unruhigen Beet der großen und kleinen, bald geneigten, +bald kerzengeraden Palmen, und hier und dort das Schimmern einer weißen +Mauer. Ich sah eine braune, hölzerne Tempelpagode zackig aus dem Grün +steigen und hinter ihr den blauen Streifen des Ozeans. So sah die Wohnung +des alten Geistes in meiner Vorstellung aus, und mich verlangte nach keiner +Begegnung inniger, als nach der mit einem der Söhne dieses Geistes. Wohl +war ich hier und dort auf meiner Reise mit Brahminen zusammengetroffen, +aber niemals war ich einem nahe getreten, da die heute zugängigen unter +diesen Leuten meist in Gewohnheit und Bildung von der Tradition ihres +Geschlechts gelassen haben, sie sind nicht mehr Priester oder Gelehrte, +sondern Händler geworden.</p> + +<p>Mangalore aber, soviel wußte ich gut, war ein alter und von der neuen Welt +nur wenig berührter Platz, eine der wenigen größeren Meerstädte der +Westküste, die weder von der Eisenbahn noch vom<span class="pagenum"><a name="Page_171" id="Page_171">[171]</a></span> Dampfschiffverkehr berührt +werden und in denen, wie sonst nur tief im Lande, die Herrschaft der +Priesterkaste noch große Macht ausübte. Es kam hinzu, daß sowohl die +Jesuiten als auch die Protestanten dort Niederlassungen ihrer kirchlichen +Einwirkung unterhielten, so daß der Kampf der Geister belebt und heimlich +in der Stadt wogte.</p> + +<hr /> + +<p>In solch geteiltem Zustand meines Empfindens durchmaß ich mit den braunen +Gefährten meinen letzten Tag im Urwald. Wir erreichten gegen Mittag ein +kleines Dorf, das nah am Fluß auf einem sanften Hügel lag, und auf das wir +nur durch das Trompeten eines Elefanten aufmerksam wurden. Den Fluß hatte +ich den Tag über noch nicht zu Gesicht bekommen, obgleich wir uns an seinem +sumpfigen Ufer dahinbewegten, nur das Gurgeln und Schnattern von +Wasservögeln verriet ihn und der morastige Dunst der Luft.</p> + +<p>Wir kamen bald auf einen ausgetretenen Pfad, der wie ein braunes Band in +mancherlei Verschlingungen, tief in Schilfwände eingebettet, dahinführte, +und trafen dort nach langer Zeit einmal wieder einen Menschen an. Es war +eine alte Frau, die an einem Stab einen Kupferkessel über der Schulter +trug, und die bis auf einen Lendenschurz nackt war. Ihre Augenbrauen waren +mit Henna gefärbt, und sie trug ein dunkles Abzeichen auf die Stirn gemalt, +das in der Form einer großen Spinne glich.</p> + +<p>Als ich ihr winkte, kam sie schüchtern näher, eigentlich blieb sie eher +stehen und ließ nur zu, daß ich an sie herantrat, dann hob sie die Arme und +verneigte sich, ihre Gebärde schien anzudeuten, daß sie sich zu jeder +Dienstleistung bereit erklärte, aber im schlimmsten Fall auch zur Flucht.</p> + +<p>Panja schaute in ihren Topf.</p> + +<p>„Pfui Teufel,“ sagte er würdig, „es hockt eine Kröte darin.“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_172" id="Page_172">[172]</a></span>Er konnte sich nur schwer mit der Alten verständigen, die kein Wort +hindustani und nur sehr wenig kanaresisch verstand, aber wir erfuhren, daß +der Ort Schamaji hieß, und daß der König den weißen Herren gnädig gesinnt +sei und zwei Elefanten besäße, beide männlichen Geschlechts.</p> + +<p>„Weiß Gott, was das für ein König ist“, sagte Panja ohne Respekt und sah +mich mit einer Grimasse an, die mindestens Fragwürdigkeit ausdrückte. Es +gibt in Malabar und Süd-Kanara eine ganze Reihe kleiner Hindukönige, die +sich aus ihren städtischen Sitzen, langsam der Macht der Mohammedaner oder +der Engländer weichend, in die Provinz zurückgezogen haben, um ganz ihrem +Volke leben zu können, oder besser von ihrem Volke. Es geht ihnen mit ihrer +Macht ähnlich wie manchem angeblich verkannten Dichter mit seinem Genie, +beide entwickeln sich in der Ausgeschlossenheit ins Ungeheuerliche, aber +nur in den Augen ihrer wenig glücklichen Träger. Diese Despoten geistiger +oder weltlicher Macht haben etwas ungemein Rührendes, und es gehört +geradezu Hartherzigkeit dazu, sie ihrer Illusion zu berauben. Es verbirgt +sich soviel Gutmütigkeit hinter der meisten Eitelkeit, daß man lernen +sollte, sie mit weniger Verachtung zu ertragen, denn der wahrhaft Böse ist +selten eitel. Diese vereinsamten Gewaltigen ihrer verkannten Herrlichkeit +sind oft durch einen unvermuteten fremden Glauben an ihre Bedeutung so +heftig zu erschüttern, daß ihre Hoheit sich in bittere Anklage verwandelt, +sobald sie einmal nicht bestritten wird.</p> + +<p>Trotz dieser Kenntnis beschloß ich, den König von Schamaji so ernst zu +nehmen, als sei er der Maharadscha von Maisur; die kleinen Geschenke, die +ich ihm hätte zum Empfang senden können, würden wahrscheinlich keinen +großen Eindruck auf ihn gemacht haben, denn diese vergessenen Fürsten sind +oft noch vermögend<span class="pagenum"><a name="Page_173" id="Page_173">[173]</a></span> genug, um sich mit allem erreichbaren Tand zu umgeben, +den der Handel aus dem Westen einführt. Ich beschloß deshalb, zuerst seine +Bekanntschaft zu machen, und schickte Pascha mit der Alten, um um eine +Audienz einzukommen und um die Erlaubnis, mein Zelt bis zum Morgen in der +Nähe seines Throns aufschlagen zu dürfen. Pascha ging, ernst wie immer und +ohne erkennen zu lassen, was er von meinem Vorhaben hielt, die Alte +quietschte vergnügt und schloß sich ihm an, in merkwürdigen Sprüngen, die +eher auf ihre Rüstigkeit, als auf ihre Würde schließen ließen und die +sicherlich ihre erbeutete Kröte auf das unangenehmste berührten. Panja +dagegen erhob Einspruch:</p> + +<p>„So darfst du keinen König behandeln, Sahib“, sagte er nachdenklich und +ohne Eifer. Er schien wirklich besorgt, und ich hatte alles andere +erwartet, als er fortfuhr: „Er wird sich auf seinen lahmen Elefanten hocken +und auf dich herabsehen wie auf einen Bettler. Wenn du ihm aber erlaubt +hättest, dich zu sehen, so würde er dir seinen Elefanten geschickt und sich +zur Erde geworfen haben, wenn du in seine Residenz eingeritten wärst.“</p> + +<p>„Panja, ich will nicht, daß der König mich sieht, sondern ich möchte ihn +sehen, und zwar so, wie er gesehen sein will und wie er zu leben pflegt. +Glaubst du, der gebeugte Nacken eines Menschen sei unterhaltsamer, als sein +erhobenes Gesicht?“</p> + +<p>„Das ist der Kummer,“ sagte Panja, „du hältst nichts auf deine Würde. Du +könntest wie ein Fürst durch den Dschungel ziehen und kommst wie ein +Wandermönch, der überall bitten muß. Es ist schwer, solchem Herrn dienen zu +müssen. Dies wäre nun wirklich einmal ein König für uns gewesen. Bei +anderen Königen, die noch Macht und Reichtümer haben, wäre dir ohnehin +nichts anderes übriggeblieben.“</p> + +<p>Er hockte sich bekümmert auf einen Gepäckballen und betrachtete<span class="pagenum"><a name="Page_174" id="Page_174">[174]</a></span> die +Ameisen, die ihn zu erobern suchten. Im Grunde dachte er gewiß nicht so, +und er wäre leicht vom Gegenteil zu überzeugen gewesen, es lag ihm nur +daran, mein Ansehen zu heben und seines in Szene zu setzen, und da sich für +das letzte gewiß noch Gelegenheit bieten würde, ließ ich ihn in seinem +Kummer allein.</p> + +<p>Sein Schmerz brach noch einmal durch:</p> + +<p>„Glaubst du, ich hielte dich für arm oder machtlos, Sahib? Ich weiß alles. +Aber was hilft ein goldgesticktes Kleid, wenn man es verkehrt anzieht und +zuknöpft? Wer ehrlich ist, zeigt was er ist.“</p> + +<p>„Panja, es ist zu heiß zum Reden, wir wollen ein wenig ruhen, bis der König +kommt.“</p> + +<p>„Nein, du sollst sprechen!“</p> + +<p>Als ich schwieg, stampfte er mit dem Fuß.</p> + +<p>„Glaubst du, ich sei glücklich, wenn ich recht behalte?“ fragte er böse.</p> + +<p>„So geht es auch mir,“ antwortete ich ihm, „und so ist es mit dem +goldgestickten Kleid, von dem du gesprochen hast.“</p> + +<p>Er schüttelte eifrig den Kopf.</p> + +<p>„So kann es nicht sein, denn ich bin dein Diener, du aber bist der Herr und +mußt recht behalten. Bist du ein Diener des Königs, daß es dich quälen +könnte, wenn er schweigt, und du fühlst, daß er doch im Grunde recht hat? +Du läßt ihn sitzen und gehst. Aber ich kann nicht fortgehen.“</p> + +<p>„In dem Reiche, in welchem es mir gefällt, gibt es keine Herren und +Knechte, Panja, sondern nur lebendige Wesen, und das Ziel aller Lebendigen +ist die Freiheit. Der Wunsch nach rechter Freiheit aber richtet seine Augen +nicht auf andere, sondern zuerst in die eigene Brust. Auf diese Art braucht +niemand um sein Recht besorgt zu sein, es fällt jedem sein Teil zu, wenn +jeder sein Teil erkennt und bewacht.“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_175" id="Page_175">[175]</a></span>„Wenn dein Gott dich das lehrt,“ sagte Panja, „so kennt er die Welt nicht +und weiß nicht, wie es in ihr zugeht.“</p> + +<p>„Vielleicht weiß er nicht, wie sie ist, aber er weiß, wie sie sein sollte.“</p> + +<p>„So sage mir, was du Freiheit nennst? Wie soll ich dich verstehen?“</p> + +<p>„Freiheit beginnt mit der Erkenntnis und dem Willen, daß man sein Handeln +nicht mehr danach richtet, was man anderen damit antut, sondern danach, was +man sich selbst zufügt, oder was man um seiner selbst willen unterläßt. +Nimm an, du schlägst einen Menschen oder ein Tier, das mag zuweilen +notwendig sein. Du und das fremde Wesen, ihr beide werdet etwas dabei +empfinden. Es wird dir solange gleichgültig sein, was ein anderer dabei +fühlt, bis du gelernt hast, zu beachten, was dir selbst dabei durch die +Seele geht. Hierauf achtzuhaben und sein Handeln danach einzustellen, ist +der erste Schritt zur Freiheit.“</p> + +<p>„Und der letzte?“ fragte Panja.</p> + +<p>„Der letzte ist der Wille, alles Böse deines Herzens in Liebe zu +verkehren.“</p> + +<p>„Ich weiß nicht, was gut ist und was böse. Alle Menschen denken darüber +verschieden. Die Brahminen denken anders als ich, du denkst anders als die +Fakire, die aus den Bergen niedersteigen, und wenn du gar einem Missionar +begegnest, so denkt er so darüber, daß sich deine Haare sträuben.“</p> + +<p>„Das ist nicht wahr, du weißt doch, was böse ist, und du brauchst es nur +für dich selbst zu wissen. Es ist nicht deine Aufgabe, dem Bösen zu +begegnen, das dir bei anderen entgegentritt. Für dich selbst aber wirst du +es wissen.“</p> + +<p>„Gut, wenn ich aber keine Liebe habe, Sahib?“</p> + +<p>„Dann bist du verloren, Panja, dann kann kein Gott dir zur Frei<span class="pagenum"><a name="Page_176" id="Page_176">[176]</a></span>heit +verhelfen, der meine nicht und der deine nicht, keiner. Solche Menschen +sind wahrhaft arm und verloren.“</p> + +<p>Panja schien sich mit diesem Resultat einer bescheidenen Reflexion +zufrieden zu geben, er lächelte vor sich hin, als käme er selbst bei einer +solchen Lage der Dinge nicht eben schlecht weg. Aber dann begann er sich zu +kratzen, und ich erkannte, durch den Sonnenschein blinzelnd, daß kein +äußerlicher Grund für diesen Kraftaufwand vorlag. Er meinte vorsichtig:</p> + +<p>„Was du in deinem Kopf ausdenkst, Sahib, ist gar nicht übel, aber wenn es +herauskommt und man will etwas damit anfangen, so geht es einem ähnlich, +als wollte man sich Sonnenlicht für die Nacht aufheben. Das Leben ist doch +anders, das ist die Sache.“</p> + +<p>„Es ist dunkel, Panja. Dadurch unterscheidet sich unser Herz von unseren +Händen, in ihm läßt sich Licht aufheben und bewahren.“</p> + +<p>Wäre nicht eine trippelnde Schar kleiner Wilder am Ende des Pfades vom Dorf +her erschienen, so hätte sich Panja sicher noch einen Einwand ausgedacht, +jedenfalls behielt er insofern auch ohne Entgegnung recht, als die +greifbaren Tatsachen des Lebens gebieterisch die Oberhand forderten. Es +waren vielleicht zwanzig oder dreißig Hindukinder, die in einiger +Entfernung auf dem schmalen Weg den Versuch machten, immer eins vor dem +andern zu stehen, da jedes die Absicht mit sich trug, am besten glotzen zu +können. Dies Bestreben bewirkte, daß das belebte Knäuel sich immer mehr +näherte, bis endlich die stärksten Knaben vorn waren und die Beine in den +Boden stemmten, um nicht weiter an uns herangedrängt zu werden. Einige +kletterten in die Pfefferranken, und die schwarzen Augen sahen über den +braunen Pausbacken durch die grünen Blätter.</p> + +<p>„Eine Botschaft im Kopf einer alten Frau ist wie Reis in einem groben +Sieb“, sagte Panja und lachte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_177" id="Page_177">[177]</a></span>„Es war keine junge da, Panja.“</p> + +<p>Er sah mich neugierig an und meinte dann:</p> + +<p>„Dir ist es gleichgültig, Sahib. Du siehst auf die Frauen meines Landes wie +ich auf die Gedanken deiner Stirn.“</p> + +<p>Ich wunderte mich in der letzten Zeit oft über Panjas Freimut und über den +vergnügten Eifer, mit dem er vertrauensvoll im Element unserer Beziehung +umherzuschwimmen begann. Ich empfand darüber große Freude, denn meine Art, +mich mit ihm einzulassen, hätte bei den meisten Männern seines Volkes und +seines Standes zu Enttäuschungen geführt.</p> + +<p>Panja trat gebieterisch vor die lebenden Resultate der erfolgreichsten +Bemühung der Einwohner der Königsstadt, aber der Eindruck, den er machte, +war nicht so groß, als er erwartet hatte. Da kehrte er um, nahm mein Gewehr +und ging wieder zurück. Jetzt wichen ihm die Kleinen scheu aus, und er +lächelte befriedigt und hielt eine Ansprache in hindustani, die einen um so +stärkeren Eindruck machte, als sie nicht verstanden wurde. Er wurde durch +ein fernes Klirren und Flöten unterbrochen und kam rasch zu mir zurück.</p> + +<p>„Der König kommt,“ rief er, „wenn er nicht zu neugierig wäre, würde er dich +wahrscheinlich länger haben warten lassen.“</p> + +<p>Die lärmende Musik kam näher, sie spannte seltsam die Erwartung, wie sie +hinter den grünen Vorhängen des Dickichts heranrückte, und ihr Rhythmus +erschütterte das Blut geheimnisvoll. Das erste, was ich bald darauf +erblickte, war der graue Schädel eines riesigen Elefanten und über ihm das +bunte Kattundach eines etwas schiefen Baldachins, der von drei vergoldeten +Stangen gehalten wurde und von einer eisernen. Unter dem hellen Dach war +ein geflochtener Verdeckstuhl aus Rohr kunstvoll befestigt, und auf ihm saß +der König von Schamaji und spähte mit eifrig bewegtem Kopf nach seinem +Besuch aus. Acht Diener zur Rechten und Linken des Ele<span class="pagenum"><a name="Page_178" id="Page_178">[178]</a></span>fanten trugen Fächer +aus Pfauenfedern, die an dünnen Bambusstangen befestigt und etwas schadhaft +waren, ihre vielfarbigen Augen waren zum Teil erblindet, wie auch die +Gewänder der Gefolgschaft in etwas den Eindruck einer raschen +Zusammengesuchtheit erweckten. Immerhin entbehrte der Anblick des Zuges +keineswegs einer gewissen Pracht, besonders die Decken des Elefanten +gefielen mir wohl und waren, bis auf die faustgroßen, gläsernen Edelsteine, +wertvoll, von reicher Stickerei und schönem Stoff. Die Musikanten +schritten, entgegen der gewohnten Art solcher Festzüge, hinter dem +Elefanten, wahrscheinlich hatte der König ihnen den Vortritt nicht gegönnt, +und so gruppierten sie sich auch eher neugierig, als eben feierlich, und +suchten zur Rechten und zur Linken des dicken Ungeheuers soviel als möglich +von dem Fremden zu erspähen. Hinter ihnen zog in ungeordneten Haufen das +ganze Dorf heran.</p> + +<p>Wir waren bis zu einer Lichtung vorangeschritten, und der König nickte mir +huldvoll zu, nachdem er den Aufstieg der Musik durch eine Bewegung seiner +braunen Hand beschwichtigt hatte. Er hieß mich auf englisch in seinem Reich +willkommen, nachdem er zuvor einen prüfenden Blick auf mein Gepäck geworfen +hatte. Ich antwortete ihm englisch, und Panja übersetzte meine Worte, denn +er traute dem König keine weiteren Kenntnisse dieser Sprache zu, und er +behielt darin recht.</p> + +<p>Der König kletterte hierauf mit großem Geschick von seinem Elefanten, wobei +er so selbstverständlich auf die Schultern seiner Würdenträger trat, als +bildeten sie eine natürliche Treppe. Durch den Abstand, in welchem er sich +von mir hielt, deutete er mir an, daß er die abendländische Sitte eines +Händedrucks zu vermeiden gedächte, und ich sagte ihm einige Höflichkeiten +über sein Ansehen und über seine Macht, von welchen beiden der Dschungel<span class="pagenum"><a name="Page_179" id="Page_179">[179]</a></span> +widerklänge. Das gefiel ihm wohl, und so erfuhr ich von ihm, daß er noch +einen zweiten Elefanten besäße, der aber nicht mitgewollt hätte, daß mir +der Zutritt in seine Stadt offen stünde, und daß ich mein Zelt im Garten +seines Schlosses aufschlagen dürfte. Wir standen in einem braun-weißen Ring +von staunenden Menschen, im Schatten des Elefanten, und sagten uns noch +eine ganze Weile angenehme Dinge. Endlich fragte der König, was mein Begehr +sei.</p> + +<p>Panja riet mir rasch, eine Regierungspflicht vorzuschützen, aber es +widerstand mir, und so antwortete ich, daß ich gekommen sei, sein Land und +seine Stadt zu sehen, von der ich im Abendland gehört hätte. Ich glaube +nicht, daß Panja dies richtig weitergegeben hat, jedenfalls minderte seine +Auskunft die Gunst des Königs nicht herab, und er begleitete uns ins Dorf +zurück, immer bemüht, mir nicht zu nahe zu treten, und außerordentlich +unhöflich gegen sein Volk.</p> + +<p>„Bist du ein Engländer?“ fragte der König zögernd, und Panja antwortete, +bevor ich etwas entgegnen konnte:</p> + +<p>„Der Sahib läßt fragen, ob du ein König seist?“</p> + +<p>Das wurde verstanden, ich wunderte mich sehr darüber auf wie freundliche +Art, aber man muß die Kälte und Sicherheit der englischen Beamten im Innern +Indiens gesehen haben, um zu begreifen, daß diese Gegenfrage keinesfalls +das gewohnte Maß der englischen Arroganz überschritt. So war ich also ein +Engländer. Wahrscheinlich hätte die Verkündigung meiner deutschen +Nationalität keinen größeren Eindruck auf diesen Fürsten gemacht, als wenn +sich in Berlin ein Neger mit Stolz als zum Stamme der Aschanti gehörig +ausgibt.</p> + +<p>Wir kamen über den Dorfplatz, der, wie mit großen graugrünen Zelten, mit +wilden Feigenbäumen umstellt war, deren hängende<span class="pagenum"><a name="Page_180" id="Page_180">[180]</a></span> Wurzeln, wie das +Gitterwerk eines Käfigs, den Ausblick auf die fast ganz im Grün verborgenen +Hütten anfänglich verdeckten. Das Schloß lag am Ende des Dorfs in einem +Hain von wilden Zitronenbäumen und Arekapalmen, es war zweistöckig und weiß +getüncht, von einem hohen Kakteenzaun umgeben, zwischen dem Termitenbauten +natürliche Befestigungstürmchen bildeten. Die mit Bambusgitterwerk +verhangenen Fenster schwiegen geheimnisvoll in dem abendlichen +Sonnenschein, der schräg durch die Palmen drang, nur zuweilen klirrten die +blanken Stäbchen leise, als rührte sich hinter ihnen die Hand einer +Neugierigen.</p> + +<p>Ich habe nur den Hof des Hauses betreten dürfen und hätte nach dieser +kurzen Begrüßung den König wahrscheinlich nicht mehr zu Gesicht bekommen, +wenn nicht ein aufregender Vorfall mein Interesse aufs höchste gespannt und +meine zur Stunde nicht sonderlich auf äußere Abenteuer gestimmte Seele in +ein gefahrvolles Ereignis verwickelt hätte.</p> + +<hr /> + +<p>Als der rasche Abend niedersank und wir vor unserem Zelt unsere Mahlzeit +beendet hatten, vernahm ich aus dem Dunkel des Gartens einen klagenden +Sington von merkwürdig einschmeichelnder und zugleich wehmütiger +Verlorenheit. So singen zuweilen im Einsamen beschäftigte Menschen vor sich +hin, die sich für unbeobachtet und unbelauscht halten. Es waren +langgezogene, wie mit dem schweren Atem hervorgehauchte Töne, nur wenig +voneinander unterschieden und tierhaft traurig. Sie wiederholten sich immer +wieder und bemächtigten sich meiner auf eine geradezu dämonisch zwingende +Art, so daß ich mich getrieben sah, ihnen wider meinen Willen nachzugehen. +Panja ließ mich auf diesem Streifzug durch den nächtlichen Garten nicht +allein. Die Sterne schienen hell, und die riesigen Blätter der +Bananenstauden zur Rechten und zur Lin<span class="pagenum"><a name="Page_181" id="Page_181">[181]</a></span>ken der schmalen Wege erhoben sich +wie gestürzte und sinkende Säulen eines heidnischen Bollwerks gegen die +Macht böser Götter, oder sie hingen zerrissen im Sternenschein nieder, wie +die Häute zerfetzter Ungeheuer.</p> + +<p>„Der König gibt uns Boote,“ sagte Panja leise, „aber er erwartet eine +Bezahlung, die seiner Würde entspricht. Er hat auch Ruderer ausgewählt, +sogar Bananen, Papaya und Gewürze für den Reis.“</p> + +<p>Ich nickte schweigend, wir sprachen nicht über die Töne, die uns lockten. +Vielleicht setzte Panja voraus, daß ich wußte, um was es sich handelte, +vielleicht hielt ihn eine ähnliche Scheu von seinen Mitteilungen ab wie +mich vom Fragen.</p> + +<p>Dicht am Kakteenzaun des Gartens erhob sich nach einer Weile schwarz und +mächtig die hölzerne Pagode eines Tempels, wir sahen in den Hof hinüber, +was vom königlichen Garten aus möglich war, und erblickten die heilige +Ziege zwischen den braunen Pfählen des Vorplatzes zum Heiligsten. Es rührte +sich nichts an der geweihten Stätte, nur ein schwacher, rötlicher +Lichtschein glomm hinter dem niedrigen dunkeln Türrahmen, als wäre ein +Vorhang aus zartroter Seide vor dem geheimnisvollen Raum ausgespannt.</p> + +<p>Als unsere Schritte sich einem Bambusdickicht näherten, hinter dessen leise +sirrendem Gefieder der Umriß eines niedrigen Gebäudes sichtbar wurde, +verstummte der trübe Singsang, ähnlich wie der Grillengesang im hohen Gras +erlischt, wenn ein nächtlicher Späher herantritt. Wir drangen in die hohen +Stauden ein, auf einem schmalen, kaum sichtbaren Pfad, über uns hingen die +Sterne im dünnen Bambusblätterwerk, wie stechende, kleine Ampeln. Hinter +einer vergitterten Tür, im Schwarzen, erklang ein schwaches Stöhnen, dicht +an den hölzernen Stäben.</p> + +<p>„Wir müssen Licht haben“, sagte ich leise zu Panja.</p> + +<p>Dies wäre nur durch eine Fackel möglich gewesen, und ihr Schein<span class="pagenum"><a name="Page_182" id="Page_182">[182]</a></span> hätte uns +verraten. Wir wären unserem königlichen Gastgeber wohl kaum als sonderlich +höflich erschienen, wenn er uns darüber ertappt hätte, wie wir sein +häusliches Bereich nächtlicherweile durchforschten.</p> + +<p>„Wenn wir warten, so werden wir sehen lernen“, meinte Panja. Die Sterne +schienen sehr hell, ich hörte mein Herz klopfen und stand unentschlossen.</p> + +<p>„Ist es ein Tier?“ fragte ich Panja.</p> + +<p>Er sah mich überrascht an, als hätte er mich für unterrichtet gehalten und +wundere sich nun über meine Frage.</p> + +<p>„Ein Tier? Es ist ein Weib, das klagt“, sagte er. „Vielleicht hat die Liebe +sie verwundet, vielleicht erleidet sie eine Strafe.“</p> + +<p>Ein trüber Dunst, der den Atem benahm, schlug mir entgegen, als ich nun +nahe an das Holzgitter herantrat. Meine Furcht war jenem gedankenlosen Mut +der Empörung gewichen, der mit Panjas Worten in mir erwachen mußte. Ich +hielt mich seitlich, um den schwachen Lichtschein auf die dunkle Öffnung +fallen zu lassen. Das niedrige Häuschen war gemauert und glich einem +vernachlässigten Stall.</p> + +<p>„Wer ist dort?“ fragte ich auf kanaresisch. Panja stand dicht hinter mir. +Da sah ich nach einer kurzen Weile bedrängten Wartens ein schmales +Menschengesicht, merkwürdig farblos und von kranker Blässe, zwischen zwei +Stäben des Gitters erscheinen. Rechts und links von dem schwarzen Haar, das +gelöst niedersank, erblickte ich die erschreckend mageren Finger der Hände, +die in der Höhe der Augen je einen Stab umklammerten. Diese Erscheinung war +im nächtlichen Licht so grauenhaft in ihrer Verdammnis, als tauchte das +Gesicht einer längst Verstorbenen aus der Gruft empor. Die großen dunklen +Augen saugten die Nacht auf und gaben sie in lähmender Stille zurück. Mir +war, als erlösche mein Herz, und ich taumelte und ergriff Panjas Arm.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_183" id="Page_183">[183]</a></span>„Komm, Sahib,“ sagte er, „wenn sie krank ist, so schleicht die Seuche in +deine Glieder.“</p> + +<p>„Ist sie krank?“</p> + +<p>„Ich weiß es nicht“, sagte er zögernd.</p> + +<p>„Du weißt es doch“, schrie ich, die Zähne aufeinander gepreßt.</p> + +<p>Panja erschrak.</p> + +<p>„Ich weiß nur, Herr, daß untreue Frauen in diesem Lande auf solche Art +bestraft werden, aber es ist möglich, daß sie erkrankt ist.“</p> + +<p>Mich verließ der Rest meiner natürlichen Besinnung, ich packte einen der +Holzstäbe des Gitters mit beiden Fäusten, stemmte den Fuß gegen die +Bodenmauer und setzte jenen großen Aufwand entfesselter Kraft ein, den die +höchste Empörung uns verleihen kann, aber meine Bemühung war vergebens, da +die Stäbe aus Bambus waren.</p> + +<p>Panja zog mich zurück. Ich entsinne mich nicht, daß er mich jemals vorher +berührt hat, und mehr diese Kühnheit als seine Absicht brachten mich zur +einsichtvolleren Betrachtung der Lage, die zweifellos recht schwierig war, +wenn ich erwog, daß ich auf jeden Fall alles einsetzen wollte, dieser +Unglücklichen ihr Geschick zu erleichtern, und mich zum andern die +Angelegenheit durchaus nichts anging. Der König würde mir einen +eigenmächtigen Eingriff in seine Rechte niemals verzeihen, und wenn seine +Machtbefugnisse auch keinesfalls so groß waren, wie er wähnte und vorgab, +so hatte ich andererseits nicht den Rückhalt, den er bei mir vermutete. Die +Engländer pflegen die Gebräuche und die persönlichen Gewohnheiten der +vornehmen Hindus, wie auch die der Brahminen auf das zurückhaltendste zu +respektieren, weil sie erkannt haben, daß sie durch die Unterschiede der +Sitten, welche die einzelnen Kasten auszeichnen, das Land um so leichter +beherrschen.<span class="pagenum"><a name="Page_184" id="Page_184">[184]</a></span> So gering ihre Zahl im Vergleich zu den Eingeborenen ist, so +groß ist sie als eine einzige geschlossene Gesellschaft, selbst der +mächtigsten Kaste gegenüber.</p> + +<p>So mußte ich wohl bedenken, daß ich keinen Schutz bei einer Regierung +finden würde, deren Verwaltungstendenz einen Eingriff, wie den von mir +geplanten, verurteilte, am wenigsten vielleicht als Deutscher. Gerade +damals war England noch nicht über Deutschlands Kräfte und Rechte +unterrichtet, und man hielt in London das erste energische Vorgehen der +Deutschen in überseeischen Ländern nur für anmaßend.</p> + +<p>Trotzdem stand mein Entschluß fest, meinen Wunsch zur Geltung zu bringen, +und ich nahm mir vor, Panja in der Morgenfrühe zum König zu senden und ihn +um eine besondere Unterredung zu bitten. Es ist seltsam, wieviel leichter +wir grausame oder ungerechte Handlungen begehen, als bei anderen dulden +können. Der Gedanke an das Elend dieser eingekerkerten Frau überschüttete +mich in einer schlaflosen Nacht in der Schwüle unter dem Moskitovorhang mit +einem heißen Schauer der Empörung nach dem andern. Im kurzen Eindämmern +eines qualvollen Halbschlafs erschien das wächserne braune Frauengesicht +vor mir in glühendem Nebel, und die klagenden Singtöne ihrer ersterbenden +Stimme füllten die von Unheil und nahenden Ungewittern schwangere +Nachtluft.</p> + +<hr /> + +<p>Ich erhob mich mit dem ersten Morgengrauen in einem ins Schmerzhafte +gesteigerten Verlangen danach, endlich das Meer, die Weite, den Widerschein +der Befreitheit zu erblicken. Mir war, als hätten die grünen Wände meine +Augen, ja alle Sinne abgestumpft und bis zur äußersten Gereiztheit +eingezwängt, ich fühlte mich schuldig und am Ersticken. In diesem Zustand +mag der Eigen<span class="pagenum"><a name="Page_185" id="Page_185">[185]</a></span>sinn eines Gedankens um so ausschweifender und zäher Gewalt +gewinnen, es war zweifellos eine gesteigerte Wut, in der ich bald darauf +dem König gegenübertrat. Es kam mir wenig auf die Folgen meiner +Handlungsweise an, und dieser Verfassung mag ich mehr an Erfolg verdankt +haben, als ich vielleicht einem überlegten Vorgehen zu danken gehabt hätte.</p> + +<p>„Du hältst ein Weib in deinem Garten gefangen“, sagte ich barsch. „Es ist +eines mächtigen Fürsten unwürdig, so gegen ein hilfloses Wesen vorzugehen. +Ich verlange, daß du ihr sogleich ihre Freiheit zurückgibst. Mehr nicht, +aber das. Tu es gleich!“</p> + +<p>Nach einem betroffenen Aufblick kam eine große Geschmeidigkeit in das Wesen +des Hindufürsten, eigensinnig und zugleich unterwürfig und von einer +Ausdauer im Umständlichen, die auch den größten Langmut ermüdet hätte. +Panja war sehr ernst und übersetzte jedes Wort aufs genaueste, ich fühlte, +daß er nicht wagte, in dieser Situation eine Verantwortlichkeit zu +übernehmen.</p> + +<p>„Ich sehe, daß du mir nicht zu Willen bist,“ ließ ich dem König antworten, +„so erinnere ich dich an das Gesetz der Regierung, das verbietet zu töten +und das den Mord mit Tod bestraft.“</p> + +<p>Der König erblaßte und seine Lippen zitterten leicht, aber er blieb +freundlich und herbeilassend und versuchte mich zu überzeugen, daß es sich +um eine leichte Strafe handelte, die zu verhängen sein gutes Recht sei. +Auch sei mir das Vergehen dieser Frau unbekannt. Er wüßte von der Strenge +der Engländer, aber zugleich habe er bisher niemals Grund gehabt, an ihrer +Gerechtigkeit zu zweifeln, und er würde eher glauben, daß ein ungerechter +Mann kein Engländer sei, als er einem Engländer eine Ungerechtigkeit +zutraue.</p> + +<p>Ich begriff aufs neue die Schlauheit und Zähigkeit dieser Menschen, ihre +Beharrlichkeit und die List, mit der sie ihre kleinsten Zweifel zu Waffen +machen, ohne eine nachweisbare Kränkung da<span class="pagenum"><a name="Page_186" id="Page_186">[186]</a></span>mit zu verbinden. Billigerweise +blieb mir kein anderer Ausweg, als nachzugeben, bevor ich nicht die Rechte +zu einer Prüfung erbracht, oder die Gründe für die Bestrafung der +Eingekerkerten angehört hatte. Aber die kleine Enge, in die ich getrieben +worden war, machte mich nicht vorsichtig, sondern zornig, und so rief ich +böse: „Wenn die Engländer ihre Gerechtigkeit von den indischen Königen +gelernt hätten, so säßest du hinter jenen Stäben, noch ehe ich nach Bombay +zurückgekehrt wäre.“</p> + +<p>Es ist sonst nicht meine Art, Königen auf so unhöfliche Weise zu begegnen, +aber nach dem Anfang, den ich gemacht hatte, blieb mir nur dieser Weg +übrig, denn mir ist die Klugheit fremd, die ihre Zelte auf der Walstatt +errichtet, auf welcher ein hochherziger Vorsatz von Furcht überwältigt +worden ist. Ich sah Panja an, daß er meine Antwort für richtig hielt, er +trat vor und sagte ruhig:</p> + +<p>„Die Beine der Gefangenen sind bis an die Knie hinauf von den Ameisen +zerfressen.“</p> + +<p>Der König gab ihm keine Antwort, er sah vor sich nieder, als ginge ihn dies +alles plötzlich nichts mehr an, und zum erstenmal schlich, über dieser +neuen Gebärde meines Gegners, eine graue Furcht in mein Herz. Ich fühlte, +daß er den Gebrauch von Waffen erwog, denen keine Gesinnung gewachsen ist; +dies war die Stille, in der das Böse, zum äußersten getrieben, das Niedrige +beschwört.</p> + +<p>„Ich werde die Gefangene freigeben, Sahib Kollektor“, sagte er ruhig und +trat zurück.</p> + +<p>Dieser Titel war mir gewiß nicht aufrichtigen Herzens zugelegt, denn der +englische Kollektor ist der höchste Regierungsbeamte des Bezirks und würde +sicherlich nicht in meinem Aufzug durch die vergessene Wildnis des +Dschungels von Kanara reisen. Ich wußte dies wohl, und nicht nur der +lauernde Blick des Königs unterrichtete mich über die Tücke dieses +Angriffs.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_187" id="Page_187">[187]</a></span>„Wenn der Kollektor hätte kommen wollen, so wäre ich nicht selbst +gegangen“, sagte ich frech. Es kam mir nun durchaus nicht mehr darauf an, +etwas anderes zu geben, als gute Antworten. Ich forderte die Entgegnung des +Königs mit ruhigen Augen heraus, und sicherlich hat ihre Farbe ihn mehr +bedrängt als meine Anmaßung. Er sah mich nur einmal rasch und voll +unterdrückten Hasses an. Das dunkle Gift der Dschungelnacht blinkte in +seinen müden Samtaugen auf, die Bosheit der Fremde und der ganze Rassenhaß +eines unterdrückten Volks.</p> + +<p>Ich hielt es für angebracht, mich vorderhand mit diesem Zugeständnis zu +begnügen und abzuwarten, welche weitere Wirkung meine Forderung haben +würde. So verabschiedete ich mich vom König, wobei wir uns beide beflissen +zeigten, so gnädig als möglich zu erscheinen. Ich ließ das Zelt abbrechen +und alles zur Abfahrt vorbereiten, nahm mir aber fest vor, das Boot nicht +eher zu betreten, als bis ich das Resultat meiner Bemühung gesehen hatte. +Es blieb mir kaum recht Zeit zu überlegen, ob ein Erfolg oder ein Mißerfolg +größere Schwierigkeiten für mich mit sich bringen würde, denn noch ehe die +letzten Eisenkoffer geschlossen waren, brachten zwei Diener des Königs +seine Gefangene zu uns. Die junge Frau war in ein weißes Tuch gehüllt und +schritt langsam und mühselig dahin, ich sah kaum mehr als ihre Augen, als +sie vor mir stand, und die flackernde Furcht darin machte mich ratlos.</p> + +<p>Panja versuchte mit ihr zu sprechen, und nach langer Mühe gelang es ihm, +ihr verständlich zu machen, daß sie uns ihre Befreiung aus ihrer Lage +verdankte, und daß es ihr anheimgestellt sei, zu gehen, wohin es ihr +beliebte.</p> + +<p>Sie ließ sich stumm am Boden nieder, wahrscheinlich aus Erschöpfung, und +schloß immer wieder für lange ihre Augen, die des Lichts entwöhnt waren. +Kein Zeichen von Dank oder Freude be<span class="pagenum"><a name="Page_188" id="Page_188">[188]</a></span>lohnte uns, bis sie endlich, nachdem +ich mich zurückgezogen hatte, Panja fragte, ob sie den fremden Sahib +begleiten müsse.</p> + +<p>Panja will ihr gesagt haben, daß wir nichts von ihr forderten oder +erwarteten, er hat ihr die Freiheit so verlockend geschildert, als sie ihm +nur immer erschienen sein mag. Nach einer kleinen Weile kam er zu mir und +sagte ohne Triumph oder Parteinahme, aber ehrlich bestürzt:</p> + +<p>„Sahib, die junge Frau bittet dich, sie zurückkehren zu lassen.“</p> + +<p>„In ihr Gefängnis?“</p> + +<p>„Ja, Herr. Sie hat die Hände auf ihr Herz gelegt und den Namen des Königs +genannt.“ –</p> + +<p>Eine Stunde darauf stießen unsere Boote vom Landungsplatz des Dorfes +Schamaji aus in die lauen Strudel des Kumardary, der uns träge und still +nach Westen trug, auf das Meer zu. Der Liebe lassen sich keine +Liebesdienste erweisen, sie ist in ihrem Fortgang selbständiger und +beharrlicher als jedes andere menschliche Gefühl, und ihre Sicherheit ist +höheren Ursprungs als die Vernunft.</p> + + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_189" id="Page_189">[189]</a></span></p> +<h2> +<a name="kap11" id="kap11"></a>Elftes Kapitel<br /> +Mangalore +</h2> + + +<p>Die merkwürdige Tatsache unseres irdischen Daseins ist mir immer in den +Augenblicken des Erwachens am wunderbarsten erschienen. Wenn sich unsere +Sinne, unter dem Glanz der Morgensonne oder durch das Lied eines Vogels im +Licht erweckt, aufs neue zum Bewußtsein zusammenfinden, so bricht über das +Herz bisweilen wie ein Schauer von Glück und Erstaunen die Gewißheit +herein, am Leben zu sein, noch nach Unzähligen, die versunken sind, und +nach Ungezählten, die kommen werden, auf der beschienenen Oberfläche der +Erde ein lebendiger Mensch zu sein. Ich wurde mir dieses freudigen +Erstaunens in keiner Stunde stärker bewußt, als an jenem Morgen, an dem ich +im Boot auf dem Fluß erwachte. Am Abend vorher hatten wir einen toten Arm +des versandeten Stroms gefunden, in dem das Wasser, still wie in einem See, +unter einer grünen Decke wunderlicher Sumpfpflanzen lag, und da keine +Möglichkeit bestand, die Boote durch den Morast der Ufer an festes Land zu +ziehen, hatte Panja geraten, auf dem Wasser zu übernachten. Es war mir +gegen Morgen entgangen, daß das Boot, in welchem ich schlief, wieder in die +Strömung gestoßen wurde, und so erwachte ich erst, als schon die Sonne +schien, und der leise Gesang des Wassers traf meine leicht bestürzten +Sinne. Ich erinnerte mich nur langsam der Lage, und sogar meine Lebenszeit +hatte sich mir für Augenblicke verwischt. In einem von aller Zeitrechnung +befreiten Aufstieg meines Bewußtseins wurde mir nur eines zur Gewißheit: +Die Sonne scheint auf die Erde, in den Bäumen rufen lebendige Geschöpfe und +du selbst lebst.</p> + +<p>Solche Augenblicke erscheinen uns oft in späterem Gedenken daran sehr +bedeutungsvoll, da sie mit dem Abstand wachsen, und weil<span class="pagenum"><a name="Page_190" id="Page_190">[190]</a></span> die Erinnerung +die Geschehnisse nicht nach ihrer Dauer und ihrem Wert zu bewahren pflegt, +sondern nach dem Maße ihrer Eindringlichkeit. Und ob ein Erlebnis uns im +Gedächtnis zurückbleibt, hängt wenig von seiner erkennbaren Bedeutung ab. +Vielmehr sind es zumeist so unscheinbare, ja oft geradezu kleinliche +Begebenheiten, welche unsere Erinnerung unauslöschbar bewahrt, daß wir ihr +nur ein Lächeln gönnen, ohne zu begreifen, daß ihre Kräfte ein eigenes +sittliches Reich darstellen, dessen mystische Eigenart unserem Willen in +keiner Weise untergeordnet ist. „Wenn Gottes Augen, welche ohne Aufhör die +Regionen seiner Schöpfung durchschweifen, unser Dasein treffen, so bleibt +der Augenblick in unserer Erinnerung für immer haften“, sagte einmal ein +buddhistischer Mönch aus Kaschmir zu mir, der Malabar auf der Suche nach +einem heiligen Baum mit grauen Blüten durchwanderte. So werden die +Lebensstunden, welche wir für groß gehalten haben, oft abhängige Kindlein +kleiner Einzelfälle, an die sie sich lehnen müssen, um nicht im Dunkel zu +versinken. –</p> + +<p>Ich richtete mich im Boot auf und sah die Ufer gleiten, sie waren so dicht +umwachsen, daß es erschien, als wären wir zwischen zerbröckelten grünen +Mauern auf stiller, eiliger Flucht, zwischen Wänden, die bald +auseinanderwichen, bald aufeinander zurückten. Das unsterbliche +Himmelsblau, unwirklich in seiner funkelnden Farbstille, spannte sich +darüber aus, und bisweilen schossen die blendenden Strahlen der Morgensonne +in meine Augen und schlossen sie.</p> + +<p>Der zurückliegende Tag war voller Beschwerden gewesen, und wir hatten +Uppanangadi nur mit Mühe erreicht, ohne die Stadt angeschaut und ohne +länger Rast gemacht zu haben, als es aus Rücksicht gegen die Ruderer +notwendig war. Ihre Tätigkeit bestand zu Anfang unserer Fahrt mehr im +Steuern als im Rudern, sie taten es<span class="pagenum"><a name="Page_191" id="Page_191">[191]</a></span> stehend, und indem sie, je nach der +Richtung, die eingehalten werden mußte, ihr Ruder zur Rechten oder Linken +des Kanus ins Wasser tauchten. Dies geschah mit großem Geschick und +unterhielt mich lange. Es war häufig vorgekommen, während wir noch auf dem +Kumardary schwammen, daß die Boote sich auf Sandbänken festfuhren, wir +mußten dann ins Wasser und sie mit vereinten Kräften wieder flott machen. +Bisweilen kreisten wir sanft, aber recht ausdauernd, in tiefen Kesseln oder +glitten niedrige Fälle nieder, eine Beschäftigung, an die sich meine Sinne +gewöhnen mußten, weil die Vorstellung etwas durchaus Erschreckendes hatte, +dort zu kentern und vom trüben Wasser an die sumpfigen Ufer getrieben zu +werden, oder in Stromschnellen und tiefen Wirbeln mit den Alligatoren in +nahe Berührung zu kommen.</p> + +<p>Nachts war es am schönsten. Zwar fuhren wir nachts nur die Stromstrecke vor +der Stadt Uppanangadi bis an die hölzernen Landungsstege des Orts, aber die +wandernden Fackeln im Dunkel der Ufer, die wie riesige Leuchtkäfer +aussahen, erregten die Phantasie geheimnisvoll und unterrichteten uns +darüber, daß wir uns bewohnteren Gegenden näherten.</p> + +<p>Je weiter wir nun den Netrawati hinabtrieben, um so gemächlicher zog die +Flut, und die Arbeit der Ruderer setzte ein. Bei Krümmungen des Stroms +verloren wir oft das zweite Boot für lange aus den Augen, aber es lag kein +Grund zur Besorgnis vor, denn Pascha, der unser Gepäck im andern Kanu +bewachte, genoß jenen Respekt bei den Leuten, der schweigsamen Menschen +leicht zufällt, die, ohne unhöflich zu erscheinen, niemals ein Lächeln und +selten eine Frage erwidern. Meine Träger waren in Schamaji von Panja +entlassen worden, ich langte nach dreitägiger Fahrt, in Begleitung von +Panja und Pascha, in Mangalore an, die Kanus kehrten im Hafen um, ohne daß +die Leute aus Schamaji das Ufer betreten<span class="pagenum"><a name="Page_192" id="Page_192">[192]</a></span> hatten. Sie leben in keinem guten +Einvernehmen mit den Küstenvölkern, die sie für abtrünnig und +fremdenfreundlich halten.</p> + +<p>Die letzten Stunden war unser Boot langsam durch trübes, stehendes Wasser +gerudert worden. Die Vegetation nahm immer mehr ab, Reisfelder wechselten +mit sumpfigen Einöden, auf denen böse, stille Lachen spiegelten, von +schweren Dünsten umlagert und von Menschen und Tieren verlassen. Dort +schlief die Pest ihren Sommerschlaf, um mit den ersten Regen wieder zu +erwachen. Es war so drückend heiß, daß das Atmen zur qualvollen Mühe wurde, +die Ruderer arbeiteten zuletzt wie in einer dumpfen Betäubung, und die +Stimmen des trüben Wassers erloschen oft ganz. Der Fluß teilte sich in +vielerlei breite und schmale Kanäle, aus den Palmen am Ufer ragte der rote +Schornstein der deutschen Ziegelei.</p> + +<p>Wir durchfuhren die ganze Stadt bis zum Meerhafen, der am Ort unserer +Ankunft kahl und öde, durch eine Sandbank gegen das Meer geschützt, lag, +und die Dünste der See, ohne Leben und Frische, enttäuschten mich bitter. +Von der Stadt hatten wir so gut wie nichts gesehen, sie liegt ganz im +Palmengrün auf drei sanften Hügeln. Nun aber erblickte ich die Häuser des +Hafens, schlechte zerfressene Steinbauten, unfreundlich und verlottert, in +jener ganzen Roheit und erbärmlichen Charakterlosigkeit, wie man sie oft in +orientalischen Häfen findet, deren Tradition längst zerstört und deren neue +Gewohnheiten und Einrichtungen dem Geist einer flachen und räuberischen +Geschäftigkeit dienen. Ein paar alte, große Segelboote mit hohem Bug und +breitem Deck lagen kreuz und quer, bald halb im Wasser, bald eingesunken in +schmutzigen Sand. Es war fast menschenleer, nur auf einer kleinen +Dampfschaluppe kauerte ein Hindu im Schatten und rauchte. Er spähte +neugierig nach uns aus; als ich mich im Boot erhob, sprang er empor, rief +gellend und überlaut ein paar Worte über den Damm<span class="pagenum"><a name="Page_193" id="Page_193">[193]</a></span> gegen die trüben Fenster +eines bemalten Hauses. Sein kleines Schiffchen vermittelt den +Personenverkehr zwischen der Küste und den Hochseedampfern, die einige +Kilometer vom Land entfernt Anker werfen, um für zwei oder drei Stunden auf +Passagiere zu warten. Der Hafen von Mangalore selbst ist für den Verkehr +größerer Dampfschiffe nicht geeignet.</p> + +<hr /> + +<p>Die ersten Eindrücke, die ich von Mangalore empfing, boten sich mir um so +abstoßender dar, als ich nach der Lebensweise der zurückliegenden Zeit +alles mit der großzügigen Einfachheit der unberührten Natur zu vergleichen +genötigt war. Es kam hinzu, daß die Stadt in einem dumpfen Schlaf der +Erwartung lag und mir überall Trägheit, Verfall und Teilnahmlosigkeit +begegneten. Der vernachlässigte Hindugasthof, in dem ich meine ersten Tage +zuzubringen genötigt war, ermutigte meine Unternehmungslust in keiner +Weise, und das qualvolle Harren auf die ersten Gewitter nahm allen und +endlich auch mir den Rest wohlbestellter Daseinsfreude. Als Mangalore nach wenig Monaten im Glanz der Frühlingssonne seine bunte +Auferstehung feierte, glaubte ich die Stadt nicht wiederzuerkennen. Die +Unterschiede zwischen unserem deutschen Sommer und Winter sind in ihrer +Einwirkung auf das Befinden und die Lebensgewohnheiten der Menschen bei +weitem nicht so bedeutungsvoll, wie der Wechsel der Jahreszeiten in den +Tropen. Die Meinung von dem Gleichmaß und der steten Sommerlichkeit der +Witterung in diesen Zonen, entstammt der mangelhaften Kenntnis +oberflächlicher Passanten oder einer falschen Vorstellung; wer das +tropische Jahr von Beginn bis zu Ende in der Nähe des Äquators durchlebt +hat und die Menschen in Leid und Freude seines Wechsels beobachtet hat, +wird dagegen die Unterschiede unserer Jahreszeiten in den gemäßigten Zonen +als unerheblich empfinden.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_194" id="Page_194">[194]</a></span>Später lernte ich vieles in Mangalore verstehen, das ich anfangs mit +Geringschätzung übergangen hatte, manches lieben, das mir zuerst fremd und +abstoßend entgegentrat, und ich schied mit der Gewißheit aus der Stadt, daß +kein bewohnter Ort der Welt an paradiesischer Schönheit und Versunkenheit +sich mit Mangalore zu messen vermöchte. Wir erlangen in unseren kurzen +Lebenstagen niemals das Maß von Erfahrung fremden Erscheinungen gegenüber, +das uns ermöglichte nach dem ersten Eindruck gerecht auf den allgemeinen +Wert zu schließen.</p> + +<hr /> + +<p>In einem unbeschreiblichen Zustand von Gereiztheit entschloß ich mich am +dritten Tage meines Aufenthaltes kurzer Hand den englischen Kollektor +aufzusuchen, um endlich Gewißheit über die Möglichkeit eines längeren +Aufenthalts, über die Wohnungsverhältnisse und die Lebensbedingungen zu +erhalten.</p> + +<p>Die Leute drückten sich überall in einer mir völlig unverständlichen Angst +um offene Antworten herum, bald fürchteten sie, es mit der Regierung zu +verderben, bald mit den Priestern, selbst meine Opfer an Geld machten mir +nur den Pöbel gefügig.</p> + +<p>Das Bungalow des Beamten lag herrlich auf einem beschatteten Hügel und +erinnerte mich an einen alten Herrensitz. Der Garten war aufs beste +gepflegt, die Amtsräume sauber, kühl und groß. Im Vorzimmer saß ein +Mischling in weißer, halbeuropäischer Kleidung an einem großen Schreibtisch +und stellte sich ungemein beschäftigt. Ich war zu Anfang so bescheiden, als +meine Nerven irgend zuließen, aber die gedankenlose Einbildung dieses +Sklaven auf seine Beziehungen zu einer Kultur, die er nicht verstand, +brachte mich auf. Ich hätte mich sicher beherrscht, wenn Panja nicht an +meiner Seite gewesen wäre.</p> + +<p>„Stehn Sie auf, wenn ich rede“, sagte ich.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_195" id="Page_195">[195]</a></span>Mein Blut kochte. Es bedarf in der Tat nur eines sehr geringen Grades von +Erregtheit, um in dieser Zeit das ohnehin vor dem Sieden stehende Blut zum +Überschäumen zu bringen.</p> + +<p>Der Schreiber erhob sich träge, als hätte er Blei in den Knien, aber sein +frecher, erstaunter Blick entzündete mir Feuer in den Händen, und noch ehe +er ganz auf seinen dürren, braunen Beinen stand, schallte eine Ohrfeige +durch den würdigen Raum, die ich wie einen kalten Wasserguß genoß. Ihn mag +sie anders berührt haben. Er drehte sich einmal um sich selbst, sein +Strohsessel machte es ihm in bureaukratischer Ergebenheit dienstbeflissen +nach, und, auf der verschonten Wange erbleichend, rang er vergeblich nach +Fassung. Die dunklere Linie seiner Abstammung besann sich auf die Gasse.</p> + +<p>„Ich wünsche den Kollektor zu sprechen“, sagte ich freundlich. Es ging mir +um vieles besser, aber ich bin lange Zeit nicht fähig gewesen mir die +Rauheit dieser Handlung voll erklären zu können. Sicherlich hing diese +bedachtlose Aufwallung und mein Mangel an Beherrschung mit der Verwöhntheit +zusammen, in der ich fast ein halbes Jahr lang nur unter Menschen +zugebracht hatte, bei denen selbst auch nur ein Gedanke an +Gleichberechtigtheit niemals aufgekommen war, so daß mir der erkennbare +Widerstand dieses Menschen weit mehr als Überhebung erscheinen mußte, als +er es in der Tat gewesen sein mag.</p> + +<p>Der in zweierlei Hinsicht arg betroffene Mann begann den Kampf um seine +beleidigte Beamtenehre erst, nachdem er einen Abstand von etwa vier Metern +und einen Tisch aus gebeiztem Hartholz zwischen sich und mich gebracht +hatte. Alles an ihm war Empörung, sogar sein geöltes Haar, von dessen +glänzender Frisur das graue Leinenkäppchen sich entfernt hatte, schien mir +vor Entrüstung zu funkeln.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_196" id="Page_196">[196]</a></span>Ich nahm für alle Fälle ein schwarzes Kästchen aus Ebenholz vom Tisch, in +dem Stahlfedern, ein Radiergummi und Kupferannas mit dem Anstand geordnet +waren, mit dem eine Prinzessin Juwelen verwahrt. Dabei war ich entschlossen +das erste unehrerbietige Wort dadurch zu erwidern, daß ich dies Kästchen +als Wurfgeschoß verwandte. Ich habe einmal davon gehört, daß Bauern, deren +Felder unter anhaltender Hitze in Gefahr sind zu verdorren, den Regen durch +Kanonenschüsse herbeizulocken suchen. Eine ganz ähnliche Hoffnung muß mich +damals bewegt haben, und ein verwandter Glaube. Aber es kam zu keinem Wort +und keinem Gewaltakt mehr zwischen mir und meinem Widersacher, weil die Tür +sich öffnete und mit kühlen Augen und wohlrasiertem Antlitz der englische +Beamte im Rahmen erschien und seinen Blick gelassen bald von mir zu seinem +Sklaven und bald wieder zurück wandern ließ.</p> + +<p>Der Abstand, in dem wir uns voneinander befanden, der Tisch zwischen uns, +die an die Wange gelegte Hand des Schreibers und meine streitsüchtige +Haltung mögen den Beherrscher Süd-Kanaras genugsam darüber unterrichtet +haben, was etwa vor sich gegangen sein mochte. Die im Tropendienst und an +ausgesetzten Posten bewährten, gebildeten Engländer haben eine +bewunderungswerte Besonnenheit in allen ungewöhnlichen Lagen und verstehen +es ausgezeichnet, die Dinge zunächst einmal so zu nehmen, wie sie sind, +ohne vorschnell kundzutun, wie sie nach ihrer Meinung sein sollten. Das +zeugt mindestens von großem Selbstbewußtsein. Und so wandte der Beamte sich +mir ruhig zu und fragte höflich, ob er in der Lage sei, durch seine +Einmischung diese Situation harmonischer zu gestalten. Dabei wies er ohne +weitere Frage auf die geöffnete Tür zu seinem Zimmer und ich trat ein, ohne +ein Wort der Beschwerde, denn ich merkte, daß dies in Gegenwart eines +Unter<span class="pagenum"><a name="Page_197" id="Page_197">[197]</a></span>gebenen nicht erwünscht sei. Ich sah mich gleich darauf in einem +bequemen Korbsessel einem Manne von etwa fünfzig Jahren gegenüber, dessen +starke, wohlbestellte Gestalt, dessen kluges und zugleich wohlwollendes +Gesicht mir das unbedingteste Vertrauen einflößten, und da ich etwa dreißig +Jahre jünger war als er, wurde es mir leicht, ihn zu bitten, die +ungewöhnliche Art meiner Einführung nicht als Mißachtung gegen die +englische Regierung oder gegen seine Person anzusehen. Als ich ihm meinen +Namen nannte, sagte er mir kühl den seinen und fragte mich, ob ich +Engländer sei.</p> + +<p>Wie wichtig den Vertretern dieser Nation diese an sich so unschuldige +Tatsache erscheint! Auf meine Antwort hin glitt ein kleiner Schatten von +Unwillen über seine Stirn und er fragte mich, ob ich der deutschen Mission +in Mangalore zugehörte.</p> + +<p>„Schließen Sie das aus der Behandlung, die ich Ihrem Schreiber angedeihen +ließ?“ fragte ich.</p> + +<p>Er lächelte und schüttelte den Kopf, schien aber ohne weitere Erklärung aus +der Art meiner Antwort zu ersehen, daß ich seine Frage damit verneinte, und +dann wartete er. Als ich sprach, musterte er mich unauffällig, und ohne daß +sich auch nur ein Schatten von Kritik in seinen Zügen zeigte. Nach seinem +Ausdruck zu schließen, hätte ich selbst und meine Erzählung ihm ebensogut +unausstehlich wie angenehm, oder völlig gleichgültig sein können. Bei einer +Pause, die ich machte, setzte er eine kleine Tischglocke in Bewegung und +gab einem eintretenden Diener einen Befehl, und gleich darauf pflanzte ein +stilles, braunes Wesen ein Tablett zwischen uns auf, das Whisky, Sodawasser +und – Eis trug.</p> + +<p>Mein Herz schlug in Empfindungen, wie sie nicht zärtlicher für einen Vater +hätten sein können, und dies Gefühl wurde noch durch die einfache Warnung +des Kollektors erhöht, als er mich bat, mit<span class="pagenum"><a name="Page_198" id="Page_198">[198]</a></span> dem Trinken vorsichtig zu +sein, da ich wahrscheinlich in Schamaji kein Eis vorgefunden hätte. Die +Geschichte mit dem König hatte ihm gefallen, nach einer Weile meinte er:</p> + +<p>„Als ich vor Jahren meinen ersten tropischen Sommer erlebte, wurde ich +nahezu ein Mörder, im zweiten ein Verzweifelter und erst im dritten begann +ich wieder einem Engländer zu ähneln. Sie brauchen sich deshalb nicht +besorgt zu zeigen, wenn Ihre Besinnung sie für Augenblicke verlassen hat, +die Geduld verliert man in Indien zuerst, dann gewöhnlich den Verstand. Nur +wenige finden beides wieder, aber diese pflegen sie dann auch zu brauchen.“</p> + +<p>Ich erfuhr damals, was ich in meiner Angelegenheit wissen wollte, und +brauchte dabei nur wenig zu fragen.</p> + +<p>Im Amtszimmer des Kollektors fiel auch in späteren Tagen zuerst der Name +Mangesche Raos, des Brahminen. Bei diesem Klang und beim Anhören der kurz +und ohne tieferes Verständnis vorgetragenen Lebensgeschichte dieses Mannes, +empfand ich deutlich eine Beziehung, die weit über Neugierde oder Interesse +hinausging. Der Beamte erzählte mir nach und nach folgendes, anknüpfend an +meine Bitte, mir in Mangalore unter den gebildeten Brahminen eine +Persönlichkeit zu nennen, mit der ich nutzbringenden Umgang pflegen könnte, +und nachdem unsere Beziehung zu einiger Freundschaftlichkeit erprobt war:</p> + +<p>„Mangesche Rao ist unter den jüngeren Brahminen Mangalores, ja Süd-Kanaras, +einer der bekanntesten, und zweifellos auch einer der klügsten. Über seine +Gesinnung kann ich keinen Aufschluß geben, da seine Interessengebiete die +unseren nur politisch berühren, und kaum eine andere Leidenschaft verhüllt +den Charakter des Gegners vor dem Gegner mehr, als eben eine solcher Art. +Der Mann hat uns viel zu schaffen gemacht und nur deshalb, weil er das +Verständnis und die Teilnahme seiner Kastengenossen nicht<span class="pagenum"><a name="Page_199" id="Page_199">[199]</a></span> einmütig +gefunden hat, ist er uns nicht gefährlich geworden. Da er die Universität +von Madras besucht hat und so weit akademisch gebildet ist, als die +englischen Hochschulen in Indien es ermöglichen, hat er naturgemäß das +Vertrauen seiner Kaste verloren, dagegen lange das unsere besessen, im +Grunde allerdings niemals mein persönliches. Ich war als Vertreter der +Regierung verpflichtet, ihn so weit zu fördern, als er uns nützte, wenn er +mir aber, was damals oft geschah, in jenem Sessel gegenübersaß, den nun Sie +einnehmen, so bin ich niemals ein Gefühl heimlicher Scheu vor der seltsamen +Undurchdringlichkeit seines Wesens losgeworden. Er erreichte bald einen +führenden Posten am hiesigen englischen College, man sah ihn unter den +Jesuiten, in geheimen Versammlungen seiner Stammesgenossen und sogar im +Lager der protestantischen Mission. Ich habe nie in Erfahrung bringen +können, ob ihm die Sympathie, die er überall zu erwecken schien, aufrichtig +entgegengebracht, oder ob sie ihm gezeigt worden ist, weil man ihn +fürchtete.</p> + +<p>Vor einem halben Jahre ist er entlassen worden. Ich habe nicht gewagt, +weiter gegen ihn vorzugehen, weil ich inzwischen erfahren habe, daß sein +Einfluß groß ist, und wahrscheinlich auch sein Anhang, wenn auch nicht eben +in der Provinz, so doch im ganzen Reich. Wir müssen uns wohl hüten, in +diesem Lande die Strafe als Vergeltung oder Rache aufzufassen, vielmehr +dürfen wir in solchen Fällen durchaus nur so weit vorgehen, als unsere +Gegner unter ihr machtloser werden. Es hatte sich folgendes ereignet. Ein +Jesuitenpater des hiesigen Klosters ließ sich eines Tages bei mir melden, +und brachte mir ein kleines, in Malayalam verfaßtes Schulbüchlein, wie sie +hier überall in den Regierungs- und Missionsschulen nach Form und +Aufmachung Verwendung finden. Ich will Ihnen das Buch zeigen.“</p> + +<p>Er erhob sich und schritt im Nebenraum auf einen eisernen Schrank zu, dem +er nach einigem Suchen unter Akten und Papieren ein<span class="pagenum"><a name="Page_200" id="Page_200">[200]</a></span> graues, heftartiges +Büchlein entnahm und vor mich hinlegte. Es war schmal und an drei Seiten +beschnitten, nüchtern und sachlich von Gewand und wies in der +traditionellen Anordnung eines Lehrbuchs einen Titel auf und unten die +Abzeichen der Druckerei der Jesuiten, die für ihre Propaganda eine +Druckerei mit mehr als zehn verschiedenen Schriftzeichen der +Eingeborenensprachen unterhalten. Der Kollektor übersetzte mir den Titel: +„Ein Lehrbuch der vergleichenden Sprachwissenschaft über den Zusammenhang +der Südindischen Dialekte mit dem Sanskrit. Bearbeitet von Mangesche Rao, +Lehrer am englischen College zu Mangalore, gedruckt in der Offizin der S. +J. daselbst.“</p> + +<p>Der Titel und die ersten zehn Seiten des unscheinbaren Heftes wurden in +kurzen Vergleichen seiner Aufschrift gerecht, dann aber folgte eine mit +großem Verstand und agitatorischer Inbrunst verfaßte Kritik der englischen +Regierung in den Südprovinzen, die um so aufreizender wirkte, als sie +sachlich war und eingehende Kenntnis verriet, ohne daß etwa ein +Landesverrat nachzuweisen war. Ich habe mir diese Abhandlung später von +Panja im einzelnen übersetzen lassen.</p> + +<p>Der Beamte fuhr fort: „Der Pater erzählte mir, daß ein Zufall zur +Entdeckung dieses Mißbrauchs ihrer Druckerei geführt habe, er lehnte die +Verantwortung seines Ordens der Regierung gegenüber mit diesem +Eingeständnis ab, und teilte mir mit, daß die bestochenen Leute entlassen +seien. Auf meine Bitte, mir seinen Verdacht zu nennen, wen er für den +Verfasser dieser Broschüre hielte, erwiderte er in großer Höflichkeit, daß +wohl ein solcher Verdacht bestünde, daß es aber nicht zu den Absichten und +Gewohnheiten seines Ordens gehöre, über Verbrechen Meinungen auszutauschen, +die nicht klar zu begründen seien. Es war augenscheinlich: die Leute hatten +Furcht, Furcht, wie hier alle haben, die nicht dem<span class="pagenum"><a name="Page_201" id="Page_201">[201]</a></span> interesselosen Pöbel +angehören. Es ist allzuoft vorgekommen, daß die eifrigsten Führer einer +Partei an einem Morgen, gekrümmt vom Gift ihrer Gegner, tot in ihren +Häusern aufgefunden wurden. So war es an mir, Mut zu zeigen, aber alle +unbedachte Art von Kühnheit, die nicht von höchster Vorsicht geleitet ist, +hat hierzulande nur den Wert einer eiteln Knabenposse. Mir wurde, noch ehe +ich eine Verhandlung eingeleitet hatte, sehr unverblümt deutlich gemacht, +daß ich im Falle eines unbesonnenen Eingriffs nicht mit einem +leichtsinnigen Verbrecher, sondern mit einer mächtigen Partei des ganzen +indischen Reiches zu kämpfen hätte. Das steht mir weder zu, noch garantiert +die Tragweite meiner Stellung mir auch nur geringen Erfolg. Ich gab den +Fall an die Regierung weiter.</p> + +<p>Naturgemäß ging es nicht an, hier nur Vorsicht und sonst nichts erkennen zu +lassen. So ließ ich Mangesche Rao zu mir bitten. Diese Begegnung vergesse +ich niemals. Zunächst ließ der Brahmine mir sagen, daß ihm ein späterer Tag +zu einer Begegnung lieber sei. Ich war betroffen, da ich daraus entweder +auf völlige Unbefangenheit, oder auf einen Fluchtversuch schließen mußte, +und so ließ ich ihn überwachen, ohne ihn zu drängen. Ich weiß heute, daß er +diese Überwachung, die er sofort merkte, absichtlich durch sein Zögern +heraufbeschworen hatte, um zu erfahren, ob es sich um etwas Bedeutsames +handelte. So kam er am nächsten Tage, und war auf alles gefaßt.</p> + +<p>Ich gab ihm, mitten in einer gleichgültigen Unterhaltung, unversehens das +Buch.</p> + +<p>Er nahm es, warf einen Blick darauf und sagte höflich:</p> + +<p>„Ich will es prüfen, sobald ich Zeit finde.“</p> + +<p>„Es ist von Ihnen“, sagte ich.</p> + +<p>„Ja“, antwortete er ruhig, als habe ich alles andere gesagt, „es geschieht +bald.“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_202" id="Page_202">[202]</a></span>„Dies Buch trägt Ihren Namen als Verfasser“, fuhr ich fort, und ich +gestehe, innerlich unsicher und aufgebracht.</p> + +<p>Mangesche Rao sah mich an, als erwartete er bestimmt, ich würde fortfahren, +in jener vermeintlichen Sache zu sprechen, die durchaus nichts mit dem +kleinen Heft zu tun hatte, das er gleichgültig zwischen den Fingern drehte. +Endlich folgte er meinen Augen und, scheinbar erst jetzt aufmerksam +geworden, begann er in dem Heft zu blättern und durchaus nicht, wie es +zweifellos jeder andere getan hätte, in den harmlosen ersten Seiten, +sondern mitten in dem verräterischen Angriff auf die Regierung.</p> + +<p>Er sah einen Augenblick auf, fragte höflich und mit ein wenig gerunzelten +Brauen, „Sie erlauben?“ und las weiter. Nach einer Weile wandte er die +Einbanddecke, betrachtete wieder den Titel, verglich, lächelte befangen und +fuhr fort zu lesen. Der Mann hat es fertig gebracht, eine Viertelstunde +lang unter meinen Augen seinen eigenen Text zu lesen, nicht etwa mit +Anzeichen des Erstaunens oder der Empörung, sondern ohne Anzeichen. Und ich +habe die ganze Verhandlung hindurch sicherlich eher als er den Anschein des +Geprüften erweckt. Nun, ich blieb geduldig, mir dessen bewußt, daß er +innerlich gelassen den Grund meiner Geduld erwog. Als er aber nach einer +guten Weile mit einem amüsierten Lächeln aufsah, den Kopf schüttelte und +begann, mir einen ganz sonderlich treffenden und zugleich boshaften Absatz +vorzulesen, brauchte ich meine ganze Beherrschung, um dieses Lächeln zu +erwidern. Er legte das Heft nachdenklich hin und meinte besorgt und mit +erhobenen Brauen:</p> + +<p>„Das ist nicht angenehm für uns.“</p> + +<p>„Haben Sie einen Verdacht, wer der Verfasser sein könnte?“</p> + +<p>Mangesche Rao antwortete nicht und ich sah mich genötigt, fortzufahren:</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_203" id="Page_203">[203]</a></span>„Wie mag Ihr Name auf dies Heft gekommen sein?“</p> + +<p>Der Brahmine beantwortete meine erste Frage, nachdem er mich zuvor kurz +angesehen hatte, als wollte er zu meiner zweiten sagen: War das nicht ein +wenig plump geforscht?</p> + +<p>„Ich habe keinen Verdacht. Was mich am meisten überrascht, ist die +Tatsache, daß die Jesuiten ihre Befugnisse so gedankenlos in den Dienst +einer Sache stellen, welche der Regierung schadet, die sie schützt.“</p> + +<p>Es blieb mir nichts anderes mehr übrig, als nun entweder meinen Argwohn +gegen den Brahminen auszusprechen, oder die Unterhaltung abzubrechen, aber +das erste durfte ich nicht ohne Beweis, dem ein Eingriff folgte, und das +zweite wollte ich nicht. So wählte ich noch einmal einen Mittelweg, +obgleich ich die Ergebnislosigkeit meines Vorgehens wußte.</p> + +<p>„Wie mag der Verfasser gerade auf Ihren Namen gekommen sein?“ fragte ich +mich laut.</p> + +<p>Mangesche Rao meinte, daß, nach dem flüchtigen Eindruck, den er nach der +Lektüre empfangen hätte, ihn dieser Mißbrauch, bei parteiloser Betrachtung +des Bildungsgrades, der aus der Arbeit spräche, wenigstens nicht eben +bloßstellte, aber dann fügte er ernst hinzu:</p> + +<p>„Der Gedanke lag nahe. Wurde das Buch schon in Mangalore gedruckt, so +wählte man am besten als Deckung den Namen eines Lehrers vom hiesigen +englischen College. Es wird eher deshalb geschehen sein, weil es galt, die +Jesuiten zu täuschen, als aus Gründen einer anderen Vorsicht.“</p> + +<p>„Man hätte auch einen englischen Namen nehmen können.“</p> + +<p>Mangesche Rao betrachtete den Titel, dann erwiderte er mir mit bescheidenem +Kopfneigen:</p> + +<p>„Das wäre nicht klug gewesen, denn jeder in Indien, der lesen kann,<span class="pagenum"><a name="Page_204" id="Page_204">[204]</a></span> weiß, +daß ein Engländer nur selten etwas von fremden Sprachen versteht.“ Nun, ich +schluckte auch dies noch und begriff, daß ich einen falschen Weg +eingeschlagen hatte. Als das Meisterlichste dieser diplomatischen +Sicherheit meines Gegners erschien mir seine von jedem, auch dem kleinsten +Triumph völlig freie Art der Verabschiedung. Er ging still und ein wenig +beklommen, als wäre ihm langsam klar geworden, daß diese seltsame +Entdeckung ihm doch unangenehmer werden könnte, als er zu Anfang geglaubt +hatte. Ich hatte damals bereits Beweise in Händen, die ich weitergab; es +ist über jeden Zweifel erhaben, daß Mangesche Rao der Verfasser dieses +Pamphlets ist, er hat es mir später, nicht ohne Hohn, auf eine Art +eingestanden, die nur mich, mich aber gründlich überzeugt hat. Die +Regierung verfügte in höflicher Zurückhaltung seinen vorübergehenden +Rücktritt von seinem Posten, mit der Begründung, daß zwar kein Verdacht +gegen ihn vorläge, daß jedoch sein Name auf eine Art bloßgestellt sei, die +diese Verfügung für kurze Zeit notwendig mache.“</p> + +<p>So lautete, aus Einzelheiten zusammengesetzt, die ich nach und nach erfuhr, +die Geschichte des Brahminen Mangesche Rao, und meine Erwartungen waren +gespannt, als Wochen darauf der Tag kam, an welchem ich seine Bekanntschaft +machen sollte.</p> + +<hr /> + +<p>Inzwischen hatten die großen Regen eingesetzt. Es war mir gelungen am Hang +einer bewaldeten Anhöhe den Flügel eines schönen Hauses zu mieten, mit +großen Zimmern und einer breiten Veranda, die ganz von Buschwerk umschattet +war, aber einen Ausblick auf eine herrliche Allee von Platanen eröffnete, +die auf ein altes Stadttor führte.</p> + +<p>Die niederbrechenden Wassermengen und die furchtbaren Unwetter, die die +Regenzeit einleiten, verbannten mich lange in meine<span class="pagenum"><a name="Page_205" id="Page_205">[205]</a></span> weißen Räume, in denen +ich wie in einer ununterbrochen mißhandelten Trommel hauste, zwischen +Wasserwänden, deren matte Silberströme lau und klatschend vor den Scheiben +niederdonnerten. Nachts flackerte das All in bengalischen Flammenkränzen, +die Ketten der Blitze knatterten, und oft betäubten die Donnerschläge alle +Empfindung, bis zuletzt auch die Furcht in einer dumpfen Ergebenheit +versank, in welcher alle Geschöpfe verharrten, wie in den Flammenzeichen +des Jüngsten Gerichts, während im Umkreis entzündete Häuser und Bäume +aufleuchteten und erloschen. Es ging wochenlang so fort, ohne abzukühlen, +unter den undurchdringlichen, nahen Wolkenmassen konnten die schwülen +Dünste der monatelang durchglühten Erde nicht aufsteigen. Die Lungen +stießen die von Feuchtigkeit und Wärme übersättigte Luft, wie unter den +trüben Scheiben eines überhitzten Treibhauses aus und ein, und langsam +erlosch die letzte Lebenskraft.</p> + +<p>Draußen aber begann ein Wachstum von beängstigender Gewalt. Nach sieben +Tagen drang kein Lichtstrahl mehr in meine Räume, und Panja arbeitete mit +der Axt im spritzenden Saft. Die blauen Feuer der Blitze zeichneten +nächtlicherweile ein kohlschwarzes Blättergewebe, wie ein wirres, +flackerndes Gitterwerk, vor die Scheiben meiner Fenster, und es war mir +unbegreiflich, an den ersten stilleren Tagen, die Stadt Mangalore noch an +ihrem Platz zu finden.</p> + +<p>Langsam wurde es unter dem andauernden Regen von Tag zu Tag kühler. Niemand +beschreibt die Befreitheit und das Glück meiner Sinne, als mich nach langer +Zeit zum ersten Mal die Sonne im Palmengrün weckte. Es ging aufs neue dem +indischen Frühling entgegen, und die von Entzücken und tausend Düften +geschwellte Brust wußte ihren Jubel nicht zu bergen.</p> + +<p>Mangalore brach auf vor meinen Augen, wie eine wunderbare,<span class="pagenum"><a name="Page_206" id="Page_206">[206]</a></span> fremde Blume, +bunt und üppig, geheimnisvoll-verschwiegen, von giftig-süßer Lebensgier. +Ihr Duft brachte Vergessen mit sich, ihr Klang unnennbare Träume von der +Mannigfaltigkeit der Welt, und ihre Farben berauschten die Sinne bis zur +Verzücktheit. Über das hölzerne Geländer der Veranda brach wie eine grüne +Schlange eine Schlingpflanze, öffnete über Nacht blaue Blumen von der Größe +eines Kinderköpfchens, mit einem gelben, gierigen Auge, das am Tage die +Falter lockte und sich am Abend schloß. Der Jasmin betäubte mich bis zum +Taumeln, die schnarrende Klage der Kröte mischte sich melancholisch und +liebesselig in die metallische Klarheit des Nachtigallenlieds, und im Mond +blühten die Lotusblumen auf den schwarzen Spiegeln der Brunnen und Sümpfe +auf.</p> + +<p>Die braunen Menschen in weißen Gewändern im Grünen, lautlos auf rötlichen +Wegen dahinschreitend, bewegten sich auf ihrem gesegneten Erdland wie +unnahbare Gestalten eines Märchens, erdacht, längst bevor die Wiege unseres +Volks, unter Eichen im fernen Westen, von den ältesten Sagen umklungen +wurde. Und mit allen Wohltaten solcher Schönheit trat, wie ein Jüngling aus +einer tauglitzernden Wiese, der Schlaf wieder an mein Lager und mit ihm das +glückliche Bewußtsein von Gesundheit, von Kraft und fröhlichen +Daseinsrechten.</p> + + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_207" id="Page_207">[207]</a></span></p> +<h2> +<a name="kap12" id="kap12"></a>Zwölftes Kapitel<br /> +Von Frauen, Heiligen und Brahminen +</h2> + + +<p>So waren die Eindrücke, die ich in den ersten Monaten meines Aufenthalts in +Mangalore erhielt, außerordentlich bunt und mannigfach, und so eifrig ich +nach dem Sinn der Erscheinungen forschte, so verwirrte mich das meiste +eher, als daß es mein Verständnis förderte. Aber wie der glückliche Zustand +fröhlichen Wohlbefindens, besonders in der Jugend, eher zu gedankenloser +Hingabe, als zu hingebenden Gedanken führt, so ließ ich die farbigen Bilder +an meinen Augen vorüberziehen, wie ein munterer Wanderer die wechselnde +Landschaft, und wenig von allem sank in mein Herz, bis zu jenem Tage, an +dem Mangesche Rao mein Haus betrat.</p> + +<p>Panjas Übermut verführte mich oft zu frohsinniger Oberflächlichkeit, wir +bummelten am Hafen umher, der sich von Tag zu Tag mehr belebte, ließen uns +zur Jagd auf Sumpfvögel die Flußarme emporrudern, die etwa um das Zehnfache +breiter erschienen, als am Tage unserer Ankunft, wagten hier unser Leben +und dort unser Geld und vergaßen miteinander, daß es in der Welt noch etwas +anderes gab, als diese grüne, blühende Wildnis und diese bunte Stadt.</p> + +<p>Vor den Tempeln und der Basarstraße gab es Feste heidnischen +Götzendienstes, am Hafen Schlägereien zwischen mohammedanischen Hindus und +den Negern, die in großen Seglern von Arabien kamen, um Gewürze +einzutauschen. Es war ergötzlich, dem bald trägen, bald ausschweifenden +Leben des Hafens beizuwohnen, in beschaulicher Tatlosigkeit der englischen +Regierung und dem lieben Gott die Sorge für das eigene und fremde +Wohlergehen überlassend. Ich schloß Freundschaft mit Negern, Elefanten und +Königen, von denen allen es in Mangalore ein gut Teil gibt. Der<span class="pagenum"><a name="Page_208" id="Page_208">[208]</a></span> Frühling +spendete uns Rausch, Vergessen und Andacht, der durchsonnte Lebensstrom, +der die ganze Stadt überflutete, riß uns mit sich fort.</p> + +<p>Eingehüllt in die Geheimnisse der Fremde, wieder erlöst durch die +himmlische Klarheit der Sonne und geleitet von der unermüdlichen Lebenslust +der Jugend, flossen meine Tage dahin. Meine letzten Bücher wurden ein Raub +der Insekten, meine Gedanken eine Beute der Träume, und selbst meine +Zukunftshoffnungen fielen für lange dem sanften Rausch so vergänglicher wie +überwältigender Genüsse zum Opfer. Ich erwachte unter dem Glitzern der +Sonnenspeere, die durch die Blumen und Palmengefieder in mein Zimmer +sanken, unter dem Duft des Tees, den Panja mir an mein Lager brachte, und +meine erste Erwartung galt der grünlichen feuchten Landzigarre, die, dick +und lang wie ein Treibhausspargel, aus besten Blättern gewickelt worden +war. Der goldene Tag zog herum bei Schmetterlingsjagden oder Kahnfahrten, +am frischen Meer oder im tiefen Schatten des Palmendickichts, zwischen +weisen und närrischen Menschen oder Tieren, zu Pferd oder zu Fuß verbracht, +und immer in jener unnennbaren Erhobenheit, die das Bewußtsein einträgt, +von allen geachtet oder gefürchtet, sicherlich aber für etwas ganz +Außerordentliches angesehen zu werden. Bis der kühle Abend niedersank, mit +dem Gesang der Menschen, dem gespenstig wandernden Licht der großen +Leuchtkäfer, den Lauten der liebesseligen Tiere, und ob ich die weißen +Nächte im Schein des gewaltigen Monds allein zubrachte oder nicht, werde +ich nicht sagen, denn es gibt zu viele Menschen, die solcherlei Erwägungen +in ernstliche Besorgnis wirft, und man soll niemand Sorge bereiten, am +wenigsten durch die Erinnerung an eigene Freuden.</p> + +<p>Auf diesem so ausgedehnten Gebiet muß Panja in ernstliche Bedrängnisse +geraten sein, eines Morgens schüttete er mir sein Herz<span class="pagenum"><a name="Page_209" id="Page_209">[209]</a></span> aus. Das hatte +einen ganz besonderen Grund, und der Anlaß waren zwei lange Schrammen, die +vom Auge über seine Wange niederliefen, und deren Ursprung sich um so +leichter erraten ließ, als er die Nacht über fort gewesen war.</p> + +<p>Als er sah, daß ich sein Gesicht musterte, während er das Frühstück +bereitete, meinte er bedauernd:</p> + +<p>„Diese Dornen, Sahib! Man weiß nicht, wie man ihnen im Dunkeln entgehen +soll, es ist Zeit, daß ich im Garten wieder Platz schaffe.“ Und wir klagten +eine Weile miteinander über die Dornen.</p> + +<p>„Zuweilen sitzen zwei nebeneinander,“ sagte ich, „ähnlich wie die +Fingernägel einer Hand.“</p> + +<p>Panja musterte mich mißtrauisch, aber da ich ernst blieb, meinte er +zögernd:</p> + +<p>„Ja, auch das, es kommt allerlei vor.“ Aber dann mußte er doch ein Lächeln +gewahr geworden sein, denn er sprang ärgerlich auf, stampfte mit dem Fuß +und rief:</p> + +<p>„Also weißt du es, Sahib! Gut, aber was wird dadurch besser? Ist es schön +von dir, jemand zu verhöhnen, der ohnehin Undank geerntet hat?“</p> + +<p>Ich beruhigte ihn und sprach ihm Trost ein, er war ernstlich erbittert und +weit davon entfernt, auch nur einen Schatten von Schuld an diesem Unheil +bei sich zu suchen. Da wurde er melancholisch, wie gutmütige Leute mit +bösem Gewissen es leicht werden, wenn man ihr Verbrechen auf andere +schiebt.</p> + +<p>„Kratzen die Frauen deines Landes auch?“ fragte er, da er mein bewiesenes +Verständnis aus meinen Erfahrungen ableitete.</p> + +<p>„Und wie, Panja! Sich und andere.“</p> + +<p>„Spotte nicht,“ bat er, „dies sind ernste Dinge, und wenn ich auf den +Schlaf warte, so muß ich viel darüber nachdenken.“ Und er<span class="pagenum"><a name="Page_210" id="Page_210">[210]</a></span> blinzelte in die +Morgensonne, die grünes Feuer im Palmengitter entzündete, und spiegelte +sich dann gedankenvoll in einer runden Kupferkanne, die ihm sein Bild +ähnlich zurückgegeben haben mag, wie die Welt seiner Gedanken in seinem +Kopf aussah.</p> + +<p>„Warum heiratest du nicht?“ fragte ich ihn. Es war einen Augenblick still. +Das Geschrei der Handelsleute und Ausrufer von der Basarstraße klang zu uns +herüber, und die Zweige im Gebüsch schaukelten unter dem Morgenspaziergang +irgendeines größeren Tiers.</p> + +<p>„Vielleicht ein Affe“, meinte Panja. Man sah, er dachte an etwas anderes. +„Gut,“ brach er plötzlich eifrig los, „ich heirate, aber was dann? Es ist +nicht verlockend, zu wissen, was einen auf dem Nachtlager erwartet, solange +man jung ist. Zur Liebe gehören die Neugierde und die Gefahr, die erlaubte +Liebe ist wie ein gefangener Vogel.“</p> + +<p>Ich beschloß, ein wenig ernster zu werden, und sagte deshalb leichthin:</p> + +<p>„Wenn es nur das gäbe, was du jetzt Liebe nennst, Panja, so hättest du +recht, aber es kann vorkommen, daß das Herz sich überall wie ein gefangener +Vogel vorkommt, nur nicht dort, wo eine bestimmte Frau wartet.“</p> + +<p>Panja dachte nach. „Es kommt vor, Sahib, aber es geht vorüber.“</p> + +<p>„Vielleicht kommt dafür etwas anderes?“</p> + +<p>„Was sollte kommen, Sahib?“</p> + +<p>„Vielleicht ein Sohn.“</p> + +<p>„O Gott,“ sagte Panja betroffen, „wer denkt gleich an das Schlimmste!? Aber +auch, wenn ich mich darüber freuen sollte, so kann ich doch nicht an einen +Sohn denken, wenn ich keinen habe.“</p> + +<p>„Ist das Vergessen schöner oder die Erinnerung, Panja? Sieh um dich in der +Natur, wohin du willst, und unter den Menschen,<span class="pagenum"><a name="Page_211" id="Page_211">[211]</a></span> immer geht die Liebe mit +der Erinnerung und das Laster mit dem Vergessen. Ist nicht ein Kind die +schönste Erinnerung an die Liebe und der lieblichste Begleiter auf dem Wege +vom Sommer zum Herbst?“</p> + +<p>Panja rückte an seinem Turban und kratzte sich umständlich, was immer ein +Beweis war, daß etwas über seine Sinnenwelt hinaus in sein Herz gesunken +war, aber es blieb in der Regel sein einziges Zugeständnis an mich.</p> + +<p>„Ich bin kein Brahmine,“ sagte er endlich, „warum soll ich also nachdenken? +Du hast nur deshalb schöne Gedanken, Sahib, weil du die Frauen nicht +kennst. Wenn du einmal ein Weib genommen hast, so werden die guten Gedanken +ausbleiben.“</p> + +<p>Ich mußte lachen, und Panja triumphierte. Nun war er es, der mich belehrte.</p> + +<p>„Vielleicht sind die Frauen deines Landes anders, Sahib, aber +wahrscheinlich ist es mit den Frauen wie mit der Palme, überall in der Welt +ist sie dieselbe. Hast du niemals gemerkt, daß sie im Grunde alle dumm +sind? Du kannst es daran sehen, daß sie sich in gleichem Maße vor einem +Tiger fürchten wie vor einer Maus, denn nicht einmal zwischen diesen beiden +Tieren können sie den Unterschied herausbringen. So kennen sie auch bei den +Männern keine Unterschiede, und als der beste erscheint ihnen immer der, +den sie lieben.“</p> + +<p>„Ist das nicht ein Vorzug?“</p> + +<p>Aber Panja ließ sich nicht ablenken: „Sagst du etwas recht Dummes, so +reißen sie die Augen auf und strahlen, nur weil es vielleicht auf das +Gleichgültigste der Welt zutrifft; sagst du aber etwas Gescheites, was alle +Klugen bewundern würden, so vergessen sie es sofort, nur, weil sie es nicht +in ihr Haar stecken können. Oh, was kann nicht alles geschehen! Mit der +Zeit wird vielleicht deine Liebe ab<span class="pagenum"><a name="Page_212" id="Page_212">[212]</a></span>nehmen, und du kehrst zu vernünftigen +Gedanken zurück, aber dann nimmt die ihre genau in dem Maße zu, wie sie dir +gleichgültig wird. Sie behängt dich mit allem, was sie ausdenkt oder +findet, wie einen wundertätigen Götzen, bis du anfängst, selbst so +Ungeheuerliches von dir zu glauben, daß du ein Gespött der Männer wirst. +Wie aber ist es erst, wenn dein Herz an dem ihren hängen bleibt, und dein +Eifer und deine Mühe machen sie kälter und kälter? Gib du selbst alles, was +du hast, und ohne Rückhalt dich selbst, sofort fängt sie an, nach anderen +Männern Ausschau zu halten. Die Seele solcher Frauen ist wie eine Grube, +die kleiner wird, je mehr man hinzutut, und das Elend in deinem Hause nimmt +kein Ende. Ach, du weißt nicht, wie es selbst den Braven ergeht! Du hast +einmal gesagt, durch Geben wird niemand arm, aber alles, was einem +herzlosen Weib gegeben wird, ist verloren.“</p> + +<p>„Das ist vielleicht richtig, Panja,“ unterbrach ich seinen Eifer, „aber +nicht alle Frauen sind herzlos.“</p> + +<p>„O Sahib, solange du lieben mußt, ist in deinen Augen alles schön, was du +an einer Frau erblickst,“ entgegnete Panja überzeugt, „und das Böse an ihr +entfacht nur den Eifer deiner Gunst.“</p> + +<p>So fuhr Panja fort, mir noch lange die irdische Misere der Herzen zu +schildern, die lieben, oder die es wollen, ohne es zu können, oder müssen, +ohne es zu wollen. Ich antwortete ihm wenig, aber es wurde mir deutlich, +wie viele Männer unserer Zeit und unseres Landes über eine ähnliche +Betrachtung der Frau niemals hinausgekommen sind. Hatte Panjas Anschauung +auch zweifellos die heitere Beigabe einer kindlichen Auffassung, so lag ihr +doch ein Urteil zugrunde, das mir, im nachdenklichen Sinn bewegt, nur allzu +vertraut war. Wenn ich ihm nur beiläufig widersprach, so bedachte ich bei +meiner Zurückhaltung seine Jugend und die Tatsache, daß die meisten Männer +erst durch die Erfahrung belehrt werden, und<span class="pagenum"><a name="Page_213" id="Page_213">[213]</a></span> daß niemandes Erlebnisse +größer sind als er selbst. Auch dient eine solche oder ähnliche +Betrachtungsart gutmütigen Jünglingen zu einer Vorsicht, die dem Grade +ihrer Widerstandskraft angepaßt sein mag.</p> + +<p>Aber im Grunde ist es nicht gut, in solchen Anschauungen allzu lange ein +Kind zu bleiben, und ich habe die Männer selten sonderlich ernst zu nehmen +vermocht, die der Frau die selbständigen Kräfte des Gemüts nur deshalb +absprachen, weil sie anderer Art als die des Mannes sind; denn nur +Oberflächliche rechnen Verborgenes leichtfertig dem Fehlenden zu. Auch +bleibt es hinreichend lächerlich, Eigenschaften der Frau zu tadeln, die wir +nicht genug loben können, solange ihre Wirkung uns selbst zugute kommt. Je +eher das Gemüts- und Geistesleben einer Frau im Zusammenhang mit ihren +Eigenschaften einen Charakter darstellt, um so sicherer wird sie auch ohne +äußere Erfahrung die Wahl treffen, die ihrem Werte entspricht. Dieser Wert +aber wird sich, nach ihrer Entscheidung, nicht in ihrer Fähigkeit zeigen, +die Männer gerecht miteinander vergleichen zu können, sondern in ihrer +Beständigkeit.</p> + +<p>So ging mancher Morgen in nachdenklicher Plauderei und gedankenlosem Spiel +mit Nichtigkeiten herum, die Sonne begann uns Irdische dieser gesegneten +Zone langsam wieder an Beständigkeit zu übertreffen, an Treue und Kraft. +Wie es manchen auf der Reise ergehen mag, so verlangte es auch mich, im +Übermaß der sonntäglichen Freiheit, nun oft nach der herben Sicherheit +jener höheren Freiheit im Geist, die uns bei ganzer Anspannung unserer +besten Kräfte vergönnt ist. Aber dies Klima erlaubt unserem Blut nicht den +Ernst unserer Rasse, nicht den Eigensinn zur Tätigkeit, der ihr +eigentümlich ist, und am wenigsten die Neigung zu beständiger Arbeit. +Ungezählte unseres Volkes sind, solange die Geschichte es kennt, den +Verführungen der südlichen Sonne er<span class="pagenum"><a name="Page_214" id="Page_214">[214]</a></span>legen, fast unvermerkt, unheilbar der +Süßigkeit des tatenlosen Genusses verfallen, und erst nach eingebüßter +Lebenskraft zu jenem Heimweh aufgeschreckt, das im Glanz der weichen Tage +zu einer wollüstigen Wehmut herabgesunken war.</p> + +<p>Oft, wenn ich am Meeresstrand unter schattigen Bäumen lag und Traum und +Wille sich im Blau des Himmels und des Wassers schaukelten, gedachte ich +Homers und seines Helden, der, an den Mastbaum seines Schiffes gefesselt, +mit empfänglichen Sinnen, machtlos und zerrissen von Verlangen, an dem +gepriesenen Eiland vorüberfuhr, erkennend und durch den Geist gefeit, vom +Verstand gemeistert, der älter war als sein Verlangen, hingegeben und +beherrscht. Oft beneidete ich ihn, oft bedauerte ich ihn, wie einen, den +die Kälte seines Geistes vom Altar beseligter Hingabe verbannt hat. Aber in +meinen Träumen erschienen mir die singenden Frauen, und ich ahnte unter dem +Glanz ihrer lockenden Leiber die tödliche Kraft ihrer mörderischen Krallen.</p> + +<p>Es trieb mich, bei innerer Ruhlosigkeit, äußerlich von einem zum andern, +ich versuchte zu arbeiten, verbrannte aber bald nach den armen Anfängen die +untüchtigen Versuche, die Herrlichkeit um mich her in Worten und Gestalten +zu bannen. Entzündete die Sonne ihr grüngoldenes Morgenfeuer in den +Büschen, die meine Fenster einhüllten, so tauchten meine Sinne in der +Ahnung einer Vollkommenheit unter, die jedes Menschenwerk zu nichtigem und +vergänglichem Tand herabsetzte, es gab nur Befreitheit in andächtiger +Hingabe.</p> + +<p>Panja beobachtete mich sorgenvoll, und eines Tages meinte er:</p> + +<p>„Sahib, weshalb verbrennst du dein Papier nicht, bevor du es beschreibst?“</p> + +<p>Nun, das ärgerte mich. Zu solcher Frage hat ein Diener kein Recht.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_215" id="Page_215">[215]</a></span>„Dummkopf,“ sagte ich, „weißt du nicht, daß man Gedanken auf ein Blatt +Papier niederschreiben kann, und daß, wenn beide zugleich verbrannt werden, +der Gedanke als Rauch in die Köpfe von Menschen zieht, die wir von unserer +Meinung überzeugen wollen?“</p> + +<p>Panja riß die Augen auf und schwieg andächtig. Er hatte es noch nicht +gewußt. Nach einiger Zeit ertappte ich ihn darüber, daß er im Garten unter +merkwürdigen Sprüngen einen Brief verbrannte, und entfernte mich mit der +Genugtuung, daß enttäuschte Hoffnungen ihn für seine unbotmäßige Frage +strafen würden.</p> + +<p>Auch mit den Vertretern der deutschen Mission in Mangalore kam ich flüchtig +in Berührung, es sind tätige und ernste Leute, die in kleinen Industrien +die übergetretenen Eingeborenen beschäftigen und den Geisteskampf mit den +gebildeten Repräsentanten des Hinduismus nur vereinzelt und immer erfolglos +wagen. Es fehlt ihnen an Bildung und Kenntnis und vor allem an Achtung vor +dem Brahman oder der Lehre Buddhas, und der einfältige Glaube, es hier mit +„finsterem Heidentum“ zu tun zu haben, ist der beste Weg zur gründlichen +Erfolglosigkeit. Ich habe kuriose Leute unter diesen Missionaren und +Missionsfrauen angetroffen. Was sie einem feineren Anspruch immer wieder +fatal macht, ist ihre bewußte Beschränkung und Ausschließlichkeit in einer +Weltbetrachtung, deren wirkende Kraft unerprobt bleibt. Es ist leicht, +recht zu behalten, wenn man nur sich selbst oder Meinungsgenossen hört, und +das Lächerliche solcher Erscheinungen beruht darauf, daß ihre Einfalt mit +Großartigkeit verbunden ist und ihre Behutsamkeit mit Mangel an Takt.</p> + +<p>Ein bezeichnendes Merkmal, woran solche Leute im Fall eines Zweifels bald +zu erkennen sind, ist ihre Fähigkeit, über alle Dinge mitzureden, sie zu +beurteilen oder einzuschätzen, ohne daß sie sich<span class="pagenum"><a name="Page_216" id="Page_216">[216]</a></span> je die Mühe gemacht +hätten, sie auch zu verstehen. Naturgemäß verbindet sich mit einem solchen +Standpunkt der Weltbetrachtung eine besondere Vorliebe für die Kehrseite +der Dinge, die sich überall, wie auch beim Menschen, leichter kenntlich, +übersichtlicher und ohne komplizierten Ausdruck oder vielseitige +Linienführung darbietet. Und so findet man auch in der Regel, daß das +Selbstbewußtsein dieser Menschen sich daran aufzurichten pflegt, daß sie +die Schattenseiten anders gesinnter Brüder oder fernliegender Dinge zuerst, +oder gar ausschließlich entdecken, und da es leichter ist, etwas zu tadeln, +als etwas zu begreifen, so findet dieses Selbstbewußtsein fast stündlich +Nahrung und entwickelt sich auf das prächtigste. Panja meinte einmal, +nachdem wir unsere ersten Bekanntschaften hinter uns hatten:</p> + +<p>„Diese Herren sind wie der König von Schamaji, immer herrschen sie, aber +man weiß nicht, warum oder über wen.“</p> + +<p>Wahrhaft Bescheidene fordern nicht heimlich den Dank für ihre +Beschaffenheit ein, und es ist immer ein wenig peinlich, wenn Dienstboten +sich deshalb für etwas Besonderes halten, weil ihre Herrschaft etwas Großes +geleistet hat. Trotzdem ist mir ein Beweis inniger Glaubenskraft erbracht +worden, und da ich durch die bezeichnenden Worte, welche ich über diese +Leute vorangeschickt habe, ungern in den verpönten Ruhm kommen möchte, auf +der Bank der Spötter zu sitzen, will ich die Geschichte so folgen lassen, +wie ich sie gehört habe:</p> + +<p>In einer Gebetsversammlung dieser kleinen christlichen Gemeinde erhob sich +jüngst eine Missionsfrau, die aus den dunkleren Provinzen des im übrigen so +gesegneten Königreichs Württemberg stammte und die in ihrer Beziehung zur +Einfalt in der Gottesfurcht etwas geradezu Außerordentliches leistete. Sie +sagte nach kurzem Gebet, das in solchen Versammlungen laut und allgemein<span class="pagenum"><a name="Page_217" id="Page_217">[217]</a></span> +verrichtet zu werden pflegt, daß es Gott dem Herrn in seinem +unerforschlichen Ratschluß gefallen habe, ihre neben ihr sitzende, bereits +erwachsene Tochter Helene mit einem Bandwurm zu schlagen. Darauf forderte +sie die Gemeinde in bekümmertem Werben von geneigter Stirn inständig auf, +Gott mit ihr und ihrem Kinde gemeinsam um das Ausscheiden des unangenehmen +Parasiten anzuflehen. Ihrem Ersuchen wurde bereitwillig stattgegeben, und +Männer und Frauen der Versammlung beschäftigten sich eine angemessene +Zeitlang vor Gottes Augen in inniger Fürbitte mit dem Bandwurm der jungen +Dame und mit der Laufbahn, welche für die Zukunft dieses merkwürdigen Tiers +erhofft wurde.</p> + +<p>Am Schluß der Versammlung erklärte eine freundliche Beisitzerin im Saale, +daß sich in ihren Privatbeständen ein wirkungsvolles Mittel befände, dem +auch ein energischer Bandwurm nicht zu widerstehen in der Lage sei, und +dieses Medikament wurde mit Dank angenommen. Schon in der nächsten +Zusammenkunft konnte die Mutter der aufhorchenden Gemeinde die Mitteilung +machen, auf wie wunderbare Art die Kraft der gemeinsamen Fürbitte bei ihrer +Tochter gewirkt habe. Sie erzählte mit bewegter Stimme den Versammelten, +daß der Bandwurm gekommen sei, augenscheinlich im bereits entschlafenen +Zustande, daß sich aber ein großer Frieden in seinen Zügen ausgedrückt +habe. –</p> + +<p>Daß Gottes Hand sichtbar über dem Wohlergehen dieser opferfreudigen Leute +waltet, geht auch aus einer anderen, nicht weniger eigenartigen Geschichte +hervor, die mir in Mangalore von einem sehr erfahrenen und im Heidendienst +erprobten Manne erzählt worden ist. Als sich dieser Herr zu Beginn seiner +Laufbahn an einem schönen Abend auf der Veranda seines Hauses aufhielt, +erblickte er plötzlich einen Tiger, der die Treppe vom Garten emporkam. +Gott gab dem bestürzten Manne jedoch rechtzeitig einen guten Ge<span class="pagenum"><a name="Page_218" id="Page_218">[218]</a></span>danken ein, +der zur Errettung führte. Auf der Terrasse stand zum Glück, von der letzten +Kinderlehre im Freien her, noch das Harmonium, ein besonders in +pietistischen Glaubenskreisen recht beliebtes Erbauungsinstrument, das auch +in indischen Missionen hier und da Verwendung findet, obgleich es den +Einwirkungen des Klimas nur selten zu widerstehen vermag. Auf dieses +Instrument stürzte sich der beklommene Mann und begann, in zuversichtlichem +Glauben an seine Aussichten, den bekannten schönen Choral zu spielen:</p> + + +<p class="poem"> +Wie soll ich dich empfangen<br /> +Und wie begegn' ich dir? +</p> + + +<p>Der Tiger soll sich sofort entfernt haben, um den Schutz der Wildnis +aufzusuchen.</p> + +<hr /> + +<p>Eines Nachmittags, als ein Händler aus Kaschmir seine bunten Messingvasen +und Stickereien auf meiner Veranda zur Schau ausbreitete, kam ein Bote aus +der Stadt und blieb nach Art der eingeborenen Diener bescheiden am Aufgang +zur Treppe stehen, eine Anrede erwartend. Es kamen zu vielerlei kleine +Nachrichten für Panja oder den Koch, als daß ich den Fremden sonderlich +beachtete, er räusperte sich nach einer Weile dezent, und als ich +hinübersah, legte er die Hand an die Stirn und verneigte sich zum zweiten +Male. So ging es mich an, und ich winkte ihm.</p> + +<p>„Du kommst mir gelegen,“ sagte ich, „wie viel Wert hat nach deiner Meinung +dieser mit Gold bemalte Vorhang, du bist unparteiisch, sag' es mir.“</p> + +<p>Der Fremde prüfte das Tuch und die Arbeit aufmerksam, mir schien aber, als +besänne er sich dabei auf einen Ausweg, zugleich meiner und der Forderung +des Händlers gerecht zu werden. Dann sagte er:</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_219" id="Page_219">[219]</a></span>„Ich kenne den Wert dieser Arbeiten nicht genau, aber ich kenne Dewan +Chundar, den Kaufmann, der dich bedient, und weiß, daß er gerecht und +vorsichtig ist.“</p> + +<p>„Wenn er es nicht wäre, so könnte er es von dir lernen“, sagte ich. Die +Antwort gefiel mir, und ich betrachtete den Ankömmling genauer. Seine +Gewandung war sorgfältig und gut und ohne Anlehnung an die europäische +Kleidung, der rote Turban war aus Seide, das weiße Hüftentuch breit gelegt, +und es reichte, wie eine weite Pumphose, bis an die Knie, ein kurzes +Jäckchen aus dunklem Tuch, wie es die Perser in Bombay tragen, verhüllte +Brust und Arme.</p> + +<p>„Und du selbst? Was führt dich zu mir?“</p> + +<p>„Mein Herr bittet dich, ihn morgen um diese Stunde zu erwarten, er dankt +dem fremden Sahib für seine Bitte.“</p> + +<p>„Du dienst dem Brahminen Mangesche Rao?“</p> + +<p>„Mein Herr ist Bahadur Mangesche Rao.“</p> + +<p>Der stille Sklave erhielt eine Silberrupie, mein Herz schlug vor freudiger +Überraschung. Eigentlich ohne rechte Hoffnung auf den Erfolg meiner Mühe +war ich dem Rat des Kollektors gefolgt und hatte den Brahminen in einem +Brief angegangen, ob er willens sei, mir Unterricht im Sanskrit und in der +Geschichte seines Landes zu geben. Mir war in den letzten Wochen zumut +gewesen, als müßte ich mir durch meine leichtfertigen Umtriebe in der Stadt +das Vertrauen dieses ernsten Politikers und Diplomaten verscherzt haben, +denn ich fiel auf, da ich mich sowohl anders als die Engländer benahm, als +auch die Gebräuche der Missionare nicht eben zum Vorbild wählte. Sonst gab +es wenig Europäer in Mangalore. Panja hatte mir allerlei Lustiges über die +Bilder berichtet, die man sich im Volk von mir machte, ich galt hier als +verkappter Spion der englischen Regierung, dort als Perlenhändler und im +niedern Volk<span class="pagenum"><a name="Page_220" id="Page_220">[220]</a></span> als Zauberer, weil ich einmal mit einem Taschenkünstler in +Konkurrenz getreten war, der noch niemals ein Spiel französischer Karten +gesehen hatte und von der Volte so wenig verstand, wie ich vom +Schlangenbändigen.</p> + +<p>Nun, es erschien, als habe der Brahmine weiter nicht Anstoß an meinem Ruf +genommen. Der Händler erhielt den geforderten Preis und benutzte den Rest +des Tages zum gemächlichen Einpacken seiner Schätze, offenbar hatte das +Geschäft, das er mit mir gemacht hatte, ihm ermöglicht, sich für einige +Wochen ins Privatleben zurückzuziehen. Ich rief nach Panja.</p> + +<p>„Ich weiß schon,“ sagte er kalt, „du ziehst Verbrecher ins Haus. In kurzer +Zeit werden wir alle drei gehängt werden.“</p> + +<p>„Woher weißt du denn, wer kommt?“</p> + +<p>„Du hast es mir ja selbst gesagt, Sahib.“</p> + +<p>Ich war überzeugt, es nicht getan zu haben, konnte aber nicht für mich +bürgen. Die Tatsache, mich bis ins kleinste beobachtet zu finden, +überraschte mich immer wieder, aber Neugierde ist die heiligste Pflicht +eines indischen Dieners, und es erscheint einem oft, als stünden +Todesstrafen auf Verschwiegenheit. Sicher war, daß Panja diesem Besuch +ungern entgegensah, er häufte alles an Schmähungen und Verdächtigungen an, +was er aus einem zweitausendjährigen Ruf dieser Kaste nur immer in +Erfahrung gebracht hatte. Trotzdem gewahrte ich deutlich eine Scheu, jene +alte Achtung, die allen Kasten den Brahminen gegenüber eigentümlich ist, +und die kein Haß und keine Furcht verdrängt haben.</p> + +<p>Mangesche Rao kam am nächsten Tage mit großer Pünktlichkeit genau zur +angegebenen Stunde. Er ritt durch das Gartentor ein, bis dicht vor die +Holztreppe der Veranda. Der Diener, der sein Pferd am Zügel führte, diesmal +ein anderer, meldete seinen Herrn durch einen gedämpften Zuruf an, der mir +in seiner seltsamen<span class="pagenum"><a name="Page_221" id="Page_221">[221]</a></span> Feierlichkeit und seinem eindringlichen Pathos +unauslöschlich im Gedächtnis geblieben ist. Panja erschien, ernst und +würdevoll.</p> + +<p>Der Brahmine schritt die Treppe erst empor, als ich ihm in der Tür +entgegentrat, er reichte mir nach europäischer Sitte die Hand, das einzige, +was mich außer seiner Erscheinung in seinen Gewohnheiten an seine Kaste +mahnte, war die eigentümliche rituale Vorsicht, mit der er seine Schuhe an +der Schwelle der Tür ablegte, um das fremde Haus mit nackten Füßen zu +betreten. Er bückte sich dabei nicht, die safranroten sandalenartigen +Schuhe blieben zurück, wie durch einen Zauberspruch von den Füßen gelöst.</p> + +<p>Wahrscheinlich wird mein Gast sich keine Vorstellung von dem Eindruck +gemacht haben, den seine Erscheinung von den ersten Augenblicken an auf +mich machte. So groß das Selbstbewußtsein eines Menschen sein mag, der sich +seines Werts bewußt ist, immer wird ihn vom unbedingten Glauben seiner +Wirkung die Erkenntnis abhalten, daß ein anderer nur so viel würdigen kann, +als er beansprucht, und in dieser Hinsicht lag für den Brahminen gewiß kein +Grund vor, von mir ein besonderes Erfassen seiner Vorzüge anzunehmen. Ich +war überrascht, wie jung er wirkte, als ich sein Alter erfuhr. Nicht allein +sein sorgfältig rasiertes und sehr schmales Gesicht ließ darüber in +Zweifel, sondern vor allem seine ungewöhnlich schlanke Gestalt und die +Anmut seiner Bewegung, die allerdings weit von jeder Gefallsucht entfernt +war. Als seine Augen, dunkel aus dem hellen Braun des Gesichts, unter dem +gelben Seidenturban hervor, zum ersten Male in die meinen sahen, erfaßte +mich wie ein Taumel von Begierde, Befriedigung und Stolz eine Ahnung vom +Geist der Jahrtausende, die ihrem späten Sohn den Glanz ihrer Kultur wie +einen Kranz um die Schläfen gelegt zu haben schienen. Etwas vom Zauber +jener Träume meiner Jugend, die unter dem Namen Indien in mir erwacht +waren, beglückte mich, und mir er<span class="pagenum"><a name="Page_222" id="Page_222">[222]</a></span>schien, als stünde ich erst heute +wahrhaft vor den Toren seiner Geheimnisse.</p> + +<p>Die fremden Augen sahen mich bei den ersten Worten unserer Unterhaltung an, +als läge dem Sinn dieses Mannes nichts so fern, als mich zu prüfen. Es ist +das erstemal gewesen, daß diese Bescheidenheit der Überlegenheit mir +wohltat, ich begriff, wie viel Unsicherheit, wie viel Abwehr und falsche +Besorgnis in jenem Prüfen liegt, mit dem wir in den meisten Fällen einer +neuen Bekanntschaft beginnen oder empfangen werden. Diese Unbeteiligtheit +der Augen wirkte höflich und verbreitete eine Gelassenheit, als gäbe es in +der Welt nichts Natürlicheres, als unsere Zusammenkunft. Ich dachte an die +Erzählung des Kollektors und mußte über seinen Eifer lächeln, mit dem er +sich bemüht hatte, mir ein Bild dieses Mannes zu entwerfen, ich begriff, wo +die Besorgnis des Engländers ihren Ursprung hatte, und war über nichts so +glücklich, als daß kein politisches Interesse den Brahminen und mich +zusammengeführt hatte.</p> + +<p>So mag es gekommen sein, daß ich ohne Rückhalt, ohne kleinliche Vorsicht +und in heiterer Offenheit zu diesem Manne sprach, und er schien rasch zu +bemerken, daß ich nichts zu verlieren fürchtete, als seine persönliche +Achtung. Es war erstaunlich, wie richtig er aus den Äußerungen meines +Temperaments auf meine Gesinnung schloß. Offenbar hatte er, ohne falsch +oder auch nur vorsichtig zu erscheinen, schon nach der ersten halben Stunde +unserer Unterhaltung eine ganze Reihe heimlicher Prüfungen vorgenommen, +deren Resultat den Rest seiner Befürchtungen zerstreute. Wir sprachen von +der englischen Regierung, er lobte ihre Umsicht, die Rede kam auf die +deutsche Mission und Mangesche Rao sagte, höflich gegen mich, als den +Landsmann ihrer Vertreter, das Beste über diese Leute, was sich über sie +sagen ließ.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_223" id="Page_223">[223]</a></span>Ich war jung genug, nicht ohne weiteres zu dulden, daß ich mit diesen +Propheten der heiligen Einfalt zusammen das Deutsche Reich in Indien +repräsentieren sollte, und sagte:</p> + +<p>„Die Leute sind einfältig.“</p> + +<p>„Das schließt ihre Aufrichtigkeit nicht aus“, meinte Mangesche Rao, doch +ich konnte mich nicht enthalten, hinzuzufügen:</p> + +<p>„Sie müssen Ihnen wenig schaden, da Sie so nachsichtig sind.“</p> + +<p>Mangesche Rao lächelte, meine Unvorsichtigkeit schien ihm wohlzutun, und so +bemerkte er leichthin:</p> + +<p>„Wir begegnen einander nur auf Gebieten, die wir ihnen überlassen.“</p> + +<p>Seine Meinung über die Jesuiten unterschied sich wesentlich von der über +die protestantische Mission, und aus den Ansprüchen, die er durch die +Wirksamkeit und Eigenart dieses Ordens befriedigt sah, merkte ich rasch, +wie wenig ihm alles galt, was nicht im Geistigen zu suchen war.</p> + +<p>Aus keiner Einzelheit, die unsere Unterhaltung berührte, war bisher zu +entnehmen, daß mein Gast sich auch nur beiläufig um Politik bekümmerte, ja +auch nur das kleinste Interesse am Ergehen des Landes, an seiner +wirtschaftlichen oder sozialen Lage nahm. Ich war vorübergehend in Zweifel, +ob sich der Kollektor nicht mit seiner Annahme im Irrtum befand und die +Unschuld seines vermeintlichen Gegners für höchste Verstellungskunst +gehalten hatte.</p> + +<p>Die Sonne trieb ihr buntes Spiel im ruhigen Raum, der Besuch saß im +gedämpften Licht, und sein Anblick erfüllte mich mit der stolzen Freude des +Gastgebers einem ungewöhnlichen Fremden gegenüber. Der blaue Vorhang, den +ich am Tage vorher erstanden hatte, schmückte die Wand meines Zimmers als +Hintergrund, und die Schultern, das glänzende schwarze Haar und das +gedämpfte Seidengelb vom Turban Mangesche Raos hoben sich unwirklich<span class="pagenum"><a name="Page_224" id="Page_224">[224]</a></span> und +fremdartig davon ab, mir erschien der Anblick zuweilen wie ein Bild aus der +Märchenwelt von TausendundeineNacht. Panja, lautlos und vorsichtig, brachte +Tee und Tabak, ich war nicht wenig darüber erstaunt, als ich sah, wie tief +und feierlich er den Brahminen begrüßte, der durch einen Blick dankte, ohne +auch nur die Stirn zu neigen.</p> + +<p>Es schien dem Gast nach einer Weile in Frage und Antwort doch zu hastig zu +gehen. Die vornehmen Inder verkehren mit den Europäern in außerordentlich +gesetzter Weise und haben sich in ihrem Umgang mit den Herren ihres Landes +daran gewöhnt, das Wort als ein Mittel zu betrachten, um die Gedanken zu +verbergen. Diese Kunst haben sie gewiß nicht erst in ihren Kämpfen mit den +mohammedanischen oder englischen Eroberern gelernt, aber sie sind zu oft +getäuscht worden, um nicht mißtrauisch zu sein, bis zur Verstecktheit. Wie +ich Mangesche Rao später kennen lernte, lag seiner Natur der Freimut näher +als die Verstellung, aber zu Beginn unserer Bekanntschaft prüfte er meine +Äußerungen wieder und wieder darauf hin, was sie hinter ihrem Wortlaut +bedeuten möchten, oder was darüber hinaus. Das ließ ihn oft zögern oder +schweigen, und ich erkannte bald, daß mein bestes Mittel, ihn rascher zu +Vertrauen zu gewinnen, sicherlich eine gewisse Gleichgültigkeit gegen jede +Vorsicht war. Aber welcher Vorsichtige erwägt nicht, selbst vor der +arglosen Gebärde einer Preisgabe, die Möglichkeit eines Mittels zu +verborgenem Zweck? Mangesche Rao wählte geschickt einen Weg, der ihm +Gelegenheit zu beiläufigem Beobachten und Schweigen gab, er nahm vom +Nebentisch ein Schachbrett und begann, wie in Gedanken und scheinbar +unbeteiligt, die Figuren zu ordnen.</p> + +<p>Das Spiel, das sich alsbald zwischen uns ergab, war sehr erheiternd für +mich, aber es dauerte nur kurze Zeit. Der Brahmine sagte mir<span class="pagenum"><a name="Page_225" id="Page_225">[225]</a></span> nach dem +vierten Zuge, den ich machte, mit höflichem Bedauern mein unvermeidliches +Geschick voraus und fragte mich, auf welchem Feld des Bretts mein König am +liebsten seinen Untergang erlebte. Ich gab es an, und der hölzerne Fürst +rutschte, eine Weile von eigenen und fremden Kriegern bedrängt, wie ein +gescholtener Kuli hin und her, bis er seine unrühmliche Herrschaft, von +einem feindlichen Bauern aus dem Hinterhalt überfallen, auf jenem Felde +aufgab, das ich bestimmt hatte.</p> + +<p>„Dem geht es ähnlich unter Ihrem Verstand wie dem englischen Kollektor“, +sagte ich und lachte.</p> + +<p>Ohne Besinnen antwortete mir Mangesche Rao:</p> + +<p>„Überschätzen Sie die kleine Arbeit nicht, die dem Beamten zu schaffen +macht, ich hoffe, das alles einmal wirkungsvoller zu sagen.“</p> + +<p>„Also Sie haben es geschrieben und geben es ohne weiteres zu?“</p> + +<p>„Was ich unter vier Augen zugebe, kann ich unter sechs ohne Mühe +widerrufen. Aber glauben Sie, daß mir von einer Regierung Gefahr droht, die +nicht den Mut hat, unumwunden zu fragen, aus Furcht eine Antwort zu +erhalten, die sie zu einem Eingriff zwänge? Mich schützt nicht meine +Geschicklichkeit, sie war zur Hälfte Nachsicht gegen die Persönlichkeit +dessen, der sie nicht zu übertreffen vermochte; was mich schützt, sind die +Macht und der Wille der Gleichgesinnten im Reich.“</p> + +<p>„So wissen Sie auch, daß ich zuweilen ein Gast des Kollektors war?“ fragte +ich, aufs höchste angeregt.</p> + +<p>Mangesche Rao nickte. „Es ist leichter für uns, in Mangalore einen Europäer +zu beobachten, als umgekehrt. Zu Anfang habe ich den Gedanken erwogen, Sie +möchten mich im Interesse der englischen Regierung zu sich geladen haben, +deshalb bin ich gekommen. Aber dieser Gedanke war falsch.“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_226" id="Page_226">[226]</a></span>„Was bürgt Ihnen dafür?“</p> + +<p>„Ihr Bemühen, arglos zu erscheinen,“ sagte der Brahmine und lächelte, „auf +diese Art versuchen es nur Leute, die es sind.“</p> + +<p>Ich lachte, und da er ernst blieb, fragte ich:</p> + +<p>„Und wenn ich nun, Ihrer Meinung zum Trotz, vielleicht nur aus +gleichgültigem Unterhaltungsbedürfnis, dem Kollektor Ihr Geständnis +erzählte?“</p> + +<p>„Sie würden sich weder Dank erwerben, noch Schaden tun“, meinte der +Brahmine, ohne ein Anzeichen von besonderem Interesse. „Es ist niemandem +wichtig, Dinge zum zehnten Mal zu hören, die er weiß.“</p> + +<p>Der Tag verlief damit, daß ich Mangesche Rao meine in seinem Lande +verbrachten Tage von Anfang bis zu Ende erzählte. Ich sprach nicht nur von +Ereignissen, sondern auch von den Empfindungen, welche mich bewogen hatten, +sie zu suchen. Er hörte mir mit ruhigen Augen zu, warf hier und da eine +Frage ein, die mir sein Verständnis erwies und mich zu immer größerem +Freimut bewegte. So gestand ich ihm endlich auch den Grund ein, aus welchem +ich ihn gebeten hatte mein Haus aufzusuchen, und seine Freude war nicht +ohne Stolz, als er mir auf seine vornehme Art versicherte, das Beste seines +geistigen Eigentums sei so weit das meine, als ich Verlangen danach trüge.</p> + +<p>„Ich begreife den Geist, der Sie in die Welt hinaustreibt,“ sagte er zum +Abschied zu mir. „Immer erfaßt bei allen Völkern Einzelne diese +Rastlosigkeit, sie finden nirgend Ruhe und mischen die Welt. Mit ihnen +gehen Segen oder Unsegen, und diese entstehen nach dem Maße des Werts +solcher Menschen. Die Einen treibt ihre ungebändigte Fülle hinaus, die +Anderen ihre Leere. Die letzteren glauben bereichert zurückzukehren, aber +sie lassen überall nur Un<span class="pagenum"><a name="Page_227" id="Page_227">[227]</a></span>ordnung und Verwirrung zurück, auch bringen sie +in Wahrheit nichts heim, denn in leeren Köpfen ist am wenigsten Platz. Die +Reichen aber geben, indem sie suchen, und der Notstand ihrer Wanderung +gereicht oft denen zum Nutzen, die ihnen begegnen.“</p> + + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_228" id="Page_228">[228]</a></span></p> +<h2> +<a name="kap13" id="kap13"></a>Dreizehntes Kapitel<br /> +Das letzte Feuer und der alte Geist +</h2> + + +<p>Es war damals noch die Zeit des „Prabuddha Bhârata“, des erwachten Indiens. +Die Ausläufer des großen Geistesstromes hatten weit über das Land hin die +Gemüter zu neuem Glauben an eine Einigung der Völker unter dem Licht der +urväterlichen Religion befruchtet. Die Wirkung Brahma-Samajs, der die +Veden, besonders aber die Upanishads im Sinn eines geklärten Theismus +auslegte, hatte über die Finsternis des Götzendienstes und Aberglaubens +hin, den Versuch einer sozialen Reform hervorzurufen, die mit Raghunatha +Rao einsetzte und sich in eigensinnigen Kämpfen zuerst gegen den +Kastengeist wandte. Der Name Swâmi Vivekânandas klang wie ein heller +Weckruf durch das schlafende, unterdrückte Land, aber die schwelende Flamme +dieser neuen Wahrheit schlug niemals zum vollen Glauben an die Freiheit +empor.</p> + +<p>Es folgten diesen Propheten der Erhebung andere. Die verschiedenen +Richtungen der Auffassung zerteilten ihre Anhänger zu Parteien, und was im +Sinn einer Einigung zu einer neubelebten Landesreligion begonnen hatte, +artete in Parteigezänk aus, und als gar europäische Agitatoren sich der +großen Sache annahmen, wuchs das Mißtrauen der Menge. Der Gedankenstrom +geriet hier in buddhistische Geistesbahnen, dort in den Einfluß +christlicher Ideen, und die englische Politik, sich dessen wohl bewußt, daß +die Macht ihrer Einigkeit von der Zersplitterung der feindlichen Parteien +abhing, verwertete die verschiedenen Regungen geschickt zu ihrem Vorteil +und spielte sie gegeneinander aus.</p> + +<p>Dadurch ergab sich naturgemäß, daß die zu Beginn dem Aufbau einer erneuten +Landeskirche zugedachten Reformen mehr und mehr ein politisches Gepräge +bekamen, die fanatischsten Anhänger<span class="pagenum"><a name="Page_229" id="Page_229">[229]</a></span> der erneuten Religion sahen in ihr +bald ein Mittel zur Befreiung des Landes von der englischen Herrschaft, und +mit diesem Umschwung war das Herz der Sache tödlich verwundet, und ihre +Kraft versickerte im Vielerlei einer von Tendenz und Leidenschaft erfüllten +nationalen Bestrebung.</p> + +<p>Ich erfuhr von diesen Dingen zum ersten Mal durch den Brahminen Mangesche +Rao, dessen aufrichtiger Glaube an die Möglichkeit eines geeinten Indiens +mich hinriß, wie auch sein Haß gegen England, welche beide im Verlauf +unserer Beziehung immer unverhohlener zutage traten. Ich gewann Mangesche +Raos Vertrauen in dem Maße, als er an meine Anteilnahme glauben lernte, und +wenn er auch, mehr einem Prinzip als eben einer Befürchtung folgend, alle +praktischen Einzelheiten vor mir geheimhielt, so gewann ich doch bald einen +allgemeinen Einblick in das Interessengebiet des politisch kämpfenden +Indiens.</p> + +<p>Er setzte voraus, daß seine Ideen mir wertvoller waren, als seine Mittel, +sie zu realisieren, und überließ mir den Schluß vom Gedanken auf die +Möglichkeiten zur Tat. Die Liebe zu seinem Lande begeisterte mich, seine +Hoffnung war heiß und jugendlicher Art und stand in einem seltsamen +Gegensatz zur Gelassenheit und Beherrschung des Wesens, die er zur Schau +trug. Ich lernte ihn um der glühenden Hingabe willen lieben, in welcher er +sich einer Sache opferte, deren Bedeutung und Aussichten ich damals nicht +zu übersehen in der Lage war. Sicher ist, daß ich leicht bei meiner raschen +Anteilnahme in Dinge hätte verwickelt werden können, die mir verhängnisvoll +geworden wären.</p> + +<p>Aber was der Brahmine aus seiner reichen Welt großer Ideen in einen +politischen Kampf hinübernahm, hing so eng mit seiner Jugend zusammen, wie +sein Eifer mit seiner Hoffnung. Im Grunde war er so wenig Politiker, wie +die Fragen nach Mein und Dein ihn<span class="pagenum"><a name="Page_230" id="Page_230">[230]</a></span> lange in ihrem zänkischen Bereich hätten +fesseln können. Die priesterliche Tradition seines Stammes, die tief in +seinem Blute lebte, zog ihn immer wieder in ihre beschauliche Stille +zurück, und im Grunde lockte die Erkenntnis ihn mächtiger, als der Kampf um +den äußeren Glanz der Welt.</p> + +<p>Die Bekanntschaft und mein immer mehr zunehmender Umgang mit ihm +veränderten meine Lebensweise und meine Betrachtungsart der Welt, die mich +umgab. Ich strich nun oft allein und nachdenklich durch den belebten Basar +und am Dunkel der Tempeleingänge vorüber, deren gelbe Messingplatten am +alten, von unzähligen Händen und Füßen dunkelpolierten Holz, geheimnisvoll +aufblinkten, wie die Riegel zu Höhlen voll ungeahnter Wunder. Ich achtete +mit neuem Verständnis auf die vielerlei Abzeichen auf den Stirnen der +Inder, die bald mit Ruß oder Asche, bald mit Henna gemalt waren, und +lernte die Kasten voneinander unterscheiden.</p> + +<p>Wenn die Trommeln und Pfeifen und der wahrsagerische Gong im Dämmern der +Tempelhöfe erklangen, kamen mir die Worte Mangesche Raos über den Sinn der +einzelnen Zeremonien neu belebt ins Gedächtnis, und gemeinsam mit seiner +Hoffnung erwachte der Wunsch in mir, der alte Geist möchte sich einst von +den Schlacken dieser heidnischen Entstellungen zu seiner ehemaligen +Freiheit erlösen.</p> + +<p>Einmal waren wir weit über die Stadt hinaus am Meer dahingeschritten, unter +der geraden Palmenallee, und ich sah die nackten Hindus, braun im +Sonnenlicht glänzend, im flachen Wasser fischen, unser Gespräch war bald, +wie schon so oft, von weltlichen Dingen der Politik auf religiöse Fragen +gekommen, und vielleicht in der Hoffnung, einmal klar und bestimmt den Sinn +des Hinduismus zu erfassen, fragte ich Mangesche Rao:</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_231" id="Page_231">[231]</a></span>„Was ist das Brahman? Ich höre Gedanken von tiefem Sinn, Weisheit voller +Schönheiten, Erlösungsgedanken voll hellen Befreiungsglaubens, aber über +dem Begriff des Brahman selbst schwebt ein mystisches Dunkel.“</p> + +<p>Da antwortete mir der Brahmine:</p> + +<p>„Das Wesen des Göttlichen kann ein Herz nur empfinden, aber ich will Ihnen +so antworten, wie die ältesten Priester der Veden es gedeutet haben. Nach +ihnen ist das Brahman das Licht des Geistes und die Seligkeit ohne Leid. +Das Brahman ist die Freude, das uranfängliche Wissen, eine unterschiedslose +Masse von Erkenntnis, aus Seligkeit bestehend, zugängig durch das +Bewußtsein, mit höchster Einsicht ausgestattet.“</p> + +<p>Wie nah lag nach dieser herrlichen Darlegung die Frage nach der +Möglichkeit, auf die ein Herz dieses Heils teilhaftig werden könnte. +Mangesche Rao dachte eine Weile nach, dann sagte er:</p> + +<p>„Ich will Ihnen eins der Distichen aus dem Atmabodha nennen, das vielleicht +Ihre Frage nicht so beantwortet, wie sie gestellt ist, das aber die rechte +Entgegnung auf eine recht gefaßte Frage wäre:</p> + + +<p class="poem"> +Der Fromme, der des rechten Wissens kundig,<br /> +erschaut es mit dem Auge der Erkenntnis,<br /> +daß in ihm selbst beruht das ganze Weltall,<br /> +und daß er selbst das Eine ist und alles.<br /> +Wie eine Eisenkugel, die durchglüht ist<br /> +vom Feuer, so durchdringt das Brahman<br /> +das ganze All im Innern und von außen<br /> +mit seinem Licht, indem es selbst erstrahlt.“ +</p> + + +<p>Er sprach leise und feierlich. Mir war, als erinnere sich ein +tausendjähriges Geisterreich seines versinkenden Lichts, und zum ersten Mal +überkam mich mit dunkler Gewalt die Trauer um das ver<span class="pagenum"><a name="Page_232" id="Page_232">[232]</a></span>lorene Indien. Ich +begriff in heimlicher Beängstigung die Vergeblichkeit des Kampfes, in +welchen dieser Mann neben mir, wie in sein Schicksal, verstrickt war, und +mein Verlangen schwankte unruhig zwischen dem Wert der alten und der neuen +Welt. Mangesche Rao schien meine Gedanken zu ahnen, denn nach einer Weile +des Schweigens meinte er in leichterem, fast geschäftigem Tone:</p> + +<p>„Es ist niederdrückend, erkennen zu müssen, daß alles, was wir unter großen +Opfern zur Wohlfahrt des geknechteten Volks errungen haben, immer wieder +zum Anlaß seines Mißtrauens wird. Als ich mich entschloß, die Hochschule in +Madras zu besuchen, wurde ich aus der Gemeinschaft meiner Kaste +ausgestoßen, und als ich mit Erfolg um eine einflußreiche Stellung unter +den Feinden rang, verlor ich das letzte Zutrauen im engsten Kreis meiner +Freunde. Und doch haben wir Inder keinen anderen Weg, den Kampf mit England +aufzunehmen. Heute unterdrückt in Indien noch die politische Macht die +Freiheit des Geistes, aber es wird bald so weit kommen, daß auch hier, wie +überall in der Welt, der Geist die Herrschaft antritt. Damit wird Englands +Niedergang in Indien beginnen. Die Einsichtigen wissen es, und es beginnt +bereits eine starke Strömung, die uns die eingeräumten Rechte wieder zu +schmälern sucht, denn England fühlt, wo es uns gewachsen ist und wo nicht. +Aber wie bitter ist es, in solchem Kampf erfahren zu müssen, daß unsere +eigenen Landsleute, deren Wohl unsere Mühe gilt, sich gegen uns wenden.“</p> + +<p>Ich habe später oft an diese Worte denken müssen, als das Geschick meines +Freundes sich erfüllt hatte, ich erinnerte mich ihrer, wie einer +ausgesprochenen Ahnung seines Verhängnisses.</p> + +<p>Zwischen den Palmen glitzerte das farbige Meer. Wir kamen an den +Verbrennungsstätten für die Toten vorüber. Ein Holzstoß war für den +hereinbrechenden Abend geschichtet, und der Tote lag, mit<span class="pagenum"><a name="Page_233" id="Page_233">[233]</a></span> kunstvoll +gebrochenen Gliedern, fast rechteckig gefügt, nackt auf dem kleinen +Scheiterhaufen. Zahllose Aschenstätten umher verrieten die Feiern der +vergangenen Tage, und plötzlich erinnerte ich mich jenes merkwürdig +quälenden Brandgeruchs an manchen Abenden. Im Qualm des verbrannten +Fleisches stiegen die Seelen ins Nirwana empor. Ich sah Mangesche Rao an. +Hinter dieser ruhigen Stirn brannte die furchtbare Hoffnung, daß bald der +Aufstand durch die Gassen heulen würde.</p> + +<p>Ein aussätziger Bettler kroch auf allen Vieren über den roten Weg auf uns +zu, er hatte sich im Dickicht verborgen gehalten, um den Steinen seiner +Verfolger zu entgehen, nun bellte er heiser und drehte den Kopf mit den +zerstörten Wangen, wie vom Irrsinn seiner Qual genarrt. Am Strand hatten +die Raben sich gesammelt, ihr Geschrei beunruhigte die sonnentrunkene +Stille. Ich sah fort, als ich den von allem Fleisch entblößten Brustkorb +eines Menschen erkannte.</p> + +<p>„Die Pest und die Blattern haben ihren Einzug gehalten“, sagte Mangesche +Rao. Er sprach auf dem Rückweg kein Wort mehr. Vielleicht war ihm, wie auch +mir, bedrohlich durch den Sinn gezogen, wie vielerlei Feinde sein Land +belagerten und zersetzten, Feinde, gegen die kein Kampf von Nutzen war. Es +waren jene Opfer des Lebendigen, die sich mit dem Alter und der Müdigkeit +eines Volkes einstellen, der Verfall der Sitte, das Laster, das Elend und +die schleichenden Seuchen. –</p> + +<hr /> + +<p>Panja hielt es immer noch für nötig, mich zu warnen, und vom Standpunkt +seiner Betrachtungsweise hatte er recht. Ich beruhigte ihn nach Kräften, +obgleich seine Besorgnisse in diesem Fall eher seiner Eifersucht, als +seiner Fürsorge entstammen mochten.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_234" id="Page_234">[234]</a></span>„Die Engländer fürchten meinen Freund, Panja. Das Schlimmste, was ihm +geschehen kann, wird seine Verbannung sein, und wenn auch mich dies Unheil +träfe, so käme es nur mit meinen Absichten zusammen, und wir führen +vielleicht auf Staatskosten nach Bombay statt auf eigene.“</p> + +<p>Panja wandte sich ohne Erregung, fast traurig ab.</p> + +<p>„Du kennst das Land nicht, Herr. Wer spricht von einer Gefahr, die dir oder +dem Brahminen von England drohen könnte? Weißt du nicht, daß Mangesche Rao +unter den Priestern seiner Kaste so verhaßt ist, wie die Hyäne unter den +Schakalen? Ihre Waffen ersticken den Schrei im Halse, unter dem +Palmendickicht ist Finsternis, in die kein Richter schaut. Man sagt von der +Kobra, daß man sie erst erblickt, nachdem der Tod einem die Augen geöffnet +hat, und die Kaste dieser Priesterlichen nennt diese Schlange heilig.“</p> + +<p>„Was meinst du denn, Panja?“</p> + +<p>Ich fragte angeregt, denn wenn dieser merkwürdige und kindliche Freund +meiner indischen Tage nicht in Eifer geriet, so war ihm sicherlich zu +glauben. Ich wußte längst, daß sein anfänglicher Haß gegen Mangesche Rao +sich in heimliche Neigung verkehrt hatte, eine Wandlung, die seine +Eifersucht nicht ausschloß, die mich aber aufmerksamer auf seine +Besorgnisse machte.</p> + +<p>„Ich weiß es nicht,“ antwortete er, „warum aber begibst du dich in Gefahr? +Wer würde dich schützen? Einem Engländer darfst du nur so lange trauen, wie +du ihm Vorteile bietest, und wenn du mit seinen Feinden umgehst, kann er +dich nicht für seinen Freund halten. Mangesche Rao steht in der Mitte, die +keinen Halt gewährt, sowohl die Priester als auch die Regierung halten ihn +für einen Verräter, denn im Kampf um das Land schaut niemand eines Menschen +Herz an, wie du es tust.“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_235" id="Page_235">[235]</a></span>„Panja, die Freuden des Daseins, welche sich allen ohne Gefahr bieten, sind +mir gleichgültig. Was ich empfange, ist meinen geringen Einsatz wert.“</p> + +<p>„Ich spreche nicht so, weil ich dich verlassen will“, antwortete Panja +einfach. Ich hatte ihn lange nicht mehr so ernst gesehen, und nachdenklich +erwog ich meine Lage.</p> + +<hr /> + +<p>Mangesche Rao kam in den letzten Wochen seltener. Es lag eine aufreibende +Spannung in der Luft, die um so drückender wirkte, als sich ihre Ursache +beharrlich verbarg, aber die Stimmung meines neuen Freundes schlug in +Stunden unseres Beisammenseins oft in heitere Unbefangenheit um. Er vergaß +über unseren vielerlei Gesprächen die verantwortungsvollen Lasten, die +seine freiwillige Pflicht ihm auflud. Eines Abends brachte sein Diener, der +ihn begleitete, das Fell eines siamesischen Panthers mit, das mir Mangesche +Rao zum Geschenk machte. Er wollte, daß ich ein Andenken von ihm annehmen +sollte, und mir war für einen Augenblick, als handelte es sich um einen +Abschied. Meine Augen ruhten den Abend hindurch oft auf dem tiefen Schwarz +des herrlichen Fells, mit tausend Erinnerungen an die Wildnis stieg der +Gedanke an die Nacht in meiner Seele empor, an die Nacht Indiens und an die +Herrschaft des Tiers.</p> + +<p>An jenem Abend, wir hatten uns zur Nachtstunde auf die Veranda begeben, kam +unser Gespräch auf die Weltliteratur und ihre größten Vertreter. Eine +bewegte Wolke geflügelten Nachtvolks sammelte sich im Schein der Lampe, und +bald sah die Tischplatte wie ein Schlachtfeld nach einem wilden Treffen +aus. Die geheimnisvolle Nacht erklang im tropischen Liebesfieber ihrer +unzähligen Geschöpfe, und der Mond glitzerte weiß in den blanken Blättern.</p> + +<p>Es berührte mich seltsam genug, daß Goethes Name, durch Meere<span class="pagenum"><a name="Page_236" id="Page_236">[236]</a></span> und Welten +von seiner deutschen Heimat getrennt, so selbstverständlich erklang, als +sei er längst geistiges Eigentum der ganzen bewohnten Erde. Die Meinung des +Brahminen über das große Werk seines Lebens, die er meiner jugendlichen +Begeisterung entgegenhielt, war eigenartig genug, um mir für immer in +Erinnerung zu bleiben.</p> + +<p>„Goethe,“ sagte Mangesche Rao, „ist so sehr der Erzieher des deutschen +Volks in Gesinnung und Anspruch geworden, daß es Ihren Landsleuten sehr +schwer fallen muß, seine Bedeutung über die pädagogische Einwirkung hinaus +gerecht einzuschätzen, da die meisten wie mit seinen Augen auf ihn blicken, +und die überragende Autorität seiner Erscheinung knüpft an keine Tradition +an, die einen Maßstab bieten könnte. Zuletzt wird er, wie alle Großen, nach +dem Umfang seiner Gestaltungskraft eingereiht werden, und in dieser +Hinsicht erscheint uns Friedrich Schiller als der größere Meister.“</p> + +<p>Wir kamen auf Dante zu sprechen, dessen hohen, sittlichen Anspruch er pries +und den er über alles liebte, auf Shakespeare und endlich auf Kalidasa, +dessen Sakuntala er weit über alles stellte, was der große Engländer jemals +empfunden, gedacht und gestaltet hat.</p> + +<p>Die Art seiner Betrachtungsweise und die Ansprüche in seinen Begründungen +gaben mir ein merkwürdig neues und allgemeines Bild. Ich mußte mit +heimlichem Lächeln an alle die „Großen“ denken, welche die Generation +unserer Väter, und mit ihr wir selbst in unserer Jugend, so bereitwillig +neben bedeutsame Geister gestellt haben.</p> + +<p>Panja war am anderen Tage sehr glücklich, als ich ihm mitteilte, daß ich +mit Mangesche Rao eine Reise ins Land verabredet hatte, an der auch er +teilnehmen sollte, und die einige Tage währen<span class="pagenum"><a name="Page_237" id="Page_237">[237]</a></span> und uns in die Nähe von +Barkur und zu den Wasserfällen des Shita führen würde.</p> + +<hr /> + +<p>Ich saß mit Mangesche Rao am Feuer, am Rand des Urwalds in der unendlichen +Nacht. Die Steppe klagte, und ihre Stimmen bewegten mein Gemüt zu Begierde +und Trauer. Ich habe die Sterne selten wieder so hell gesehen, wie in +dieser denkwürdigen Nacht, die mir um vieler Gedanken willen, die der +schweigsame Mann aussprach, unvergeßlich geblieben ist. Panja schlief +damals schon im Zelt, was er eigentlich stets tat, wenn er sich für +abkömmlich hielt, und aus dem Schattendunkel des Dschungelwalds erklang in +der Nähe unseres Feuers das Grasraufen der weidenden Ochsen und das +Schnauben ihrer Nüstern am Boden. Der Mond war noch nicht aufgegangen; aber +es war hell in der Weite, unter den Sternen.</p> + +<p>Mangesche Rao hatte nach der Abendmahlzeit schweigend die selbstgerollte +Zigarette durch die hohle Hand geraucht, und wir hätten uns gewiß in dieser +Nacht, wie in so mancher anderen, ohne viel Worte zur Ruhe gelegt, wenn uns +nicht ein eigenartiger Vorfall aufgeschreckt hätte. Einer der grasenden +Ochsen, der sein Geschirr noch zum Teil trug, begann plötzlich sich auf +eigentümliche Art zu schütteln. Mir erschien dies Geräusch erst dadurch +ungewöhnlich, daß Mangesche Rao plötzlich rasch hintereinander zwei Hände +voll Reisig auf das Feuer warf, so daß eine hohe Flammensäule in die Nacht +emporstieg, unter deren Schein die blaue Weltweite für kurze Zeit in +Finsternis zu versinken schien und die nähere Umgebung aufleuchtete wie ein +rotes Gemach. Er stand auf und schritt vorsichtig auf das Tier zu, die +hängende Büchse, am Lauf gefaßt, wie er es stets tat, lauernd hinter sich +herziehend, und ich folgte ihm mit der meinen. Es gibt wenig Gefahren in +Indien, die man deutlich nahen sieht und denen man ruhig entgegentreten<span class="pagenum"><a name="Page_238" id="Page_238">[238]</a></span> +kann, dieses Abwartende und gebärdelos Hereinbrechende eines Verhängnisses +macht einen Teil des großen Grauens aus, das niemanden in der indischen +Wildnis verläßt, dessen Sinne diesen Ahnungen erschlossen sind. Wie wenig +das einzelne Ereignis, das mein Leben oder das meiner Freunde gefährdet +hat, es im Grunde war, das mich erschütterte, sondern wie vielmehr es die +Ungewißheit seiner unfaßbaren Annäherung war, geht mir daraus hervor, daß +heute noch eine Palmengruppe oder der schwüle Luftzug eines Treibhauses +mich aufs tiefste entsetzen können. Mit der gefiederten Gestalt des harten +Grüns eines Palmblattes ist mir dauernd eine Ahnung des Todes verknüpft, +während ich den Bewegungen einer Schlange ohne andere Ergriffenheit +zuzuschauen vermag, als in der, welche ihre Schönheit und Eigenart +auslösen. Nach einer Begegnung mit einem mohammedanischen Hindu in einer +engen Gasse von Bombay, der einen Schuß auf mich abfeuerte, ist mir weder +vor den Männern seines Volkes noch vor einer Schußwaffe auch nur ein +Schatten von Besorgnis verblieben, aber noch jahrelang hat mich der kaum +hörbare Klang nackter Füße auf einem Steinboden entsetzt. Ich erinnere mich +von diesem Geschehnis kaum an etwas empfindsamer, als an dieses dumpfe, +leise „Tapp-Tapp“, mit dem es hinter mir begann.</p> + +<p>Und so hätte auch in dieser Nacht am Steppenrand die Gewißheit, daß etwa +ein Panther unser Lager umschliche, mich nicht so erregen können, wie die +zweiflerische Vorstellung bald von etwas Nichtigem, bald von +Ungeheuerlichem. Mag es ein jeder nennen, wie er will, wir fanden unseren +Ochsen in einem seltsamen Erstarrungskrampf, er zitterte so heftig, daß +sein Geschirr unaufhörlich klirrte, und war nicht zu bewegen, in die Nähe +des Feuers zu gehen, in dessen Schein wir nach der Ursache seiner Plage +hätten forschen können. Plötzlich sagte Mangesche Rao zu mir, daß ich<span class="pagenum"><a name="Page_239" id="Page_239">[239]</a></span> +stillstehen und keinen Fuß rühren solle, aber ich kam nicht zur Befolgung +seines Ratschlags, weil das gewaltige Tier lautlos umsank und am Boden in +furchtbaren Verrenkungen und unter keuchendem Schnauben verendete. Das +Feuer war wieder auf ein bescheidenes Flämmchen zurückgebrannt, und ich sah +den weißen Koloß des toten Tiers im Sternenlicht im Gras liegen und hinter +ihm die unendliche Weite des blauen Steppenlandes.</p> + +<p>Der Brahmine schien die Ursache dieses plötzlichen Todes zu wissen, denn er +suchte mit Aufmerksamkeit und bewußt wie nach der Bestätigung einer +feststehenden Annahme. Endlich brannte er einen größeren Span am Lagerfeuer +an und zeigte mir im Licht der rauchenden Flamme ein winziges, dunkel +umrandetes Löchlein am Maul des verendeten Tiers.</p> + +<p>„Hier ist die Ursache,“ sagte er langsam in einer Wichtigkeit, die nichts +als Ergriffenheit war, „es ist der Stich der Kobra. Ich glaube, daß das +grasende Tier die Schlange im Gras aufgestört hat.“</p> + +<p>Es faßte mich ein Schauer, dessen nachhaltige Einwirkung ich damals kaum +recht zu begreifen vermochte, aber ob hier ein Mensch oder ein Tier dem +Gift erlegen war, schien mir angesichts des verdorbenen Lebens zu meinen +Füßen ohne entscheidende Bedeutung. Mich erfaßte die Ehrfurcht vor der +Kobra aufs neue, und das Angesicht Mangesche Raos spiegelte in seinem Ernst +diese Ehrfurcht wieder, wie eine uralte Erinnerung seines Geschlechts an +eine erhabene Gottheit, die keine Aufklärung hatte beeinträchtigen können.</p> + +<p>Durch dieses Erlebnis mag es gekommen sein, daß unser Gespräch +vorübergehend den Gedanken und Begriff des Todes streifte, und was mir +daraus unauslöschlich im Gedächtnis geblieben ist, will ich erzählen. Nach +einer Weile saßen wir wieder am Feuer, das in dieser Nacht nicht mehr +erlosch. Eine seltsame Ruhlosigkeit war<span class="pagenum"><a name="Page_240" id="Page_240">[240]</a></span> über den gelassenen Mann gekommen, +es stimmte mich wehmütig, ihn im inneren Kampf zwischen seinen klugen +Gedanken und der seinem Blute innewohnenden Tradition der Weltbetrachtung +seiner Priesterkaste zu wissen. Noch heute sehe ich seine aufrechtsitzende +Gestalt so deutlich vor mir, wie keine Worte sie dem Bewußtsein eines +anderen zuzutragen vermögen, den rot beschienenen Seidenturban über der +Stirn und den bedächtigen Augen, seine schmalen, fast zierlichen Schultern +und den gesenkten Kopf, der beim Sprechen eine Haltung einnahm, als suchten +die Augen die Gedanken von den Händen zu lesen, die auf den Knien ruhten. +Zuweilen hob er eine der mageren hellbraunen Hände, wenn es ihm galt, einem +Wort besonderes Gewicht zu verschaffen. Ich habe niemals im Leben wieder +mit einem Menschen im Eifer und mit Leidenschaft über wichtige Fragen +unserer Seele gesprochen, der mit so viel Gelassenheit und so feinem +Anstand sein Gegenüber ausreden ließ. Einmal sagte er mir: „Sie müssen +einem Gegner Ihrer Betrachtungsart sein Amt nicht dadurch erleichtern, daß +Sie ihn unterbrechen, dadurch nehmen Sie ihm oft die Gelegenheit, zu +erweisen, wie wenig er zu sagen hat.“ Überhaupt war sein Spott von +merkwürdiger Umständlichkeit der Darbietung, und seine schärfsten Bosheiten +sagte er freundlich. Er genoß niemals den Triumph seiner Überlegenheit +sichtbar und sprach am eifrigsten, wenn sein Gegner eine Niederlage zu +verwinden hatte. Wahrhaft empfindlich aber konnte seine Art zu schweigen +auf Gemüter wirken, die empfanden, daß er damit darauf verzichtete, zu +überzeugen, und weshalb.</p> + +<p>In Mangalore besuchte ich ihn eines Tages, als er vor seinem Hause auf dem +Lehmboden im Palmschatten mit einem Pater der Jesuitenniederlassung Schach +spielte. Gewiß unterhielt er sich dadurch, daß er spielte, aber er gewann +nach der Meinung seines<span class="pagenum"><a name="Page_241" id="Page_241">[241]</a></span> Partners zugleich dadurch, daß er sich unterhielt. +Als der Pater ihm vorwarf, daß er ein Gespräch führte, um ihn abzulenken, +wurde eine neue Partie ausgemacht, unter der Bedingung, daß während des +Spiels kein Wort fallen sollte. Der Ordensbruder konnte sich, in etlichem +Verdruß nach seiner Niederlage, nicht enthalten, hinzuzufügen: „Wenn es +Ihnen möglich ist, so lange zu schweigen.“</p> + +<p>Mangesche Rao antwortete nicht, sondern ordnete die Figuren. Nach wenigen +Zügen verlor sein Gegner die Dame und gab das Spiel auf, worauf Mangesche +Rao bescheiden sagte: „Ich habe sie nur genommen, weil es unhöflich gewesen +wäre, in Gegenwart einer Dame so lange zu schweigen.“ –</p> + +<p>In jener Nacht nun sprach ich vom Tode, anfänglich im leichtfertigen +Übereifer meiner Ergriffenheit und bewegt von der romantischen +Betrachtungsart meiner Jugend. Mangesche Rao hörte mir zu und sagte +endlich:</p> + +<p>„Hören Sie die hungernden Hyänen in der Steppe heulen?“</p> + +<p>Ich gab es ihm, ein wenig ernüchtert, zu, und er meinte, ohne +Nachdenklichkeit, die nur diejenigen zur Schau tragen, die ihren Gedanken +nicht trauen: „Welch einen Festtag hat der Tod den Hyänen beschert. Sie +finden das tote Tier, wenn wir unsern Lagerplatz verlassen haben, um +weiterzuziehen.“ Und er fuhr fort: „Ich habe den Tod verstehen gelernt, als +ich als Jüngling an einem Tag im Sommer vor das Stadttor ging, von +unliebsamen Gedanken gepeinigt und die Bedrängnisse einer tödlichen +Krankheit im Blut. Ich durchschritt mühsam, mich im Fieber dahinschleppend, +ein Trümmerfeld im Steppengras, das von der Sonne so trocken war, daß es +knisterte. Da überraschte mich ein sonderbares Blinken zwischen den +Steinquadern im Sonnenlicht, und ich traute meinen Augen kaum, als ich eine +funkelnde Schlange im Sande liegen sah. Die Hitze flimmerte über den +herrlichen Farben ihrer Haut, die<span class="pagenum"><a name="Page_242" id="Page_242">[242]</a></span> vom zornigen Blitzen des Diamanten bis +zum stillen Glühen der Rubinen alle Farben des gebrochenen Sonnenstrahls zu +enthalten schien. Die Pracht und Lebensfülle dieses blendenden Anblicks +entzückte mich in so hohem Maße, daß ich begierig einen Schritt nähertrat. +Aber da geschah ein erregtes Brausen, die leuchtende Schönheit des sanft +geringelten Körpers zu meinen Füßen erhob sich als eine bunte Schar +beflügelter Insekten in das warme Licht der Luft empor, und vor mir lagen +die verwesenden Überreste einer kleinen Steppenschlange, in denen ich die +zarten Rippen zwischen der zerfressenen grauen Haut deutlich unterschied, +und der süßliche und widerwärtige Hauch der Zersetzung strömte mir +entgegen.“</p> + +<p>Das Lagerfeuer zwischen uns züngelte in matten Flämmchen in den irdischen +Saal der Sterne ins Blau empor, und ich fühlte mein Herz unter dem Wunder +erzittern, in welchem es zu begreifen scheint, ohne daß die Gedanken seiner +herrlichen Freiheit folgen können.</p> + +<p>„Ich fühle die Wahrheit, die in diesem Gleichnis liegt, wie Sie sie damals +empfunden haben mögen,“ sagte ich, „aber ich vermag so wenig wie zuvor +meine Gedanken über den Tod zu einer Gewißheit der Erkenntnis zu ordnen.“</p> + +<p>„Es war jener letzte Schritt auf die Schlange zu, den Sie mit Ihrer +Gewißheit meinen“, sagte der Brahmine. „Wenn Sie mir sagen können, wo das +Leben aufhört, und wo der Tod beginnt, so will ich Ihnen den Tod erklären. +Wollen Sie bei den Pflanzen nach dieser Grenze suchen, bei den Menschen, +bei den Steinen oder bei den Tieren? Ich sehe die Erneuerung aller +hinfälligen Gestalt in der Natur, wohin ich blicke. Bis zur Bildung der +Kristalle im Gestein erblicke ich Leben und in der mathematischen Ordnung +solcher Erstarrung, die sowohl gedankenvoll zu sein scheint, als sie schön<span class="pagenum"><a name="Page_243" id="Page_243">[243]</a></span> +ist, glaube ich die Gesetze zu erkennen, nach denen ich atme, mich bewege +oder Lust und Sorge erleide. Tod ist eine vage Annahme, die unsere Sinne um +der Beschränkung ihrer Zeitbegriffe willen aufzustellen genötigt sind. Und +was unsere Bewußtheit betrifft, so liegt ihr der Glaube an den Tod um so +ferner, je eingeschlossener in die Allgemeinheit alles Lebendigen wir uns +sehen oder fühlen. Und doch ist es mit dem Tode wie mit der Wahrheit, sie +lassen sich sicherer empfinden als jedes andere Element der lebendigen +Seele, aber sie lassen sich nicht erklären. Es wird immer zwei Arten von +Menschen geben, die einen nehmen den Tod als Pflicht des eigenen Wesens, +die anderen als die Willkür einer fremden Macht. Eure Kirche lehrt den Tod +als Sold der Schuld, aber euer Gott starb ihn als freie Pflicht.“</p> + +<p>„So rechnen Sie Christus den Ihren zu?“ fragte ich. „Sie glauben seine +Lebensweise und sein Gedankenreich der Ideenwelt Ihrer Gottheit einreihen +zu können?“</p> + +<p>Mangesche Rao antwortete mir:</p> + +<p>„Ich vermag es so weit, als der Sinn aller irdischen Religionen, oder +besser, die Religiosität aller Irdischen, aus einer gleichen Quelle des +Anspruchs und der Hoffnung fließt, nicht aber so weit, als es die Lehre +unserer Kirchen betrifft. Die Gedanken Christi sind größer als unsere +Gedanken und führen weiter. Es ist viel über die Unterschiede und über die +Ähnlichkeiten der christlichen Religion und der Religion unseres Volkes +nachgedacht worden, aber die meisten Vergleiche sind deshalb bedeutungslos, +weil es schwerhält, zwei Erscheinungen erfolgreich miteinander zu +vergleichen, die im Wesen voneinander verschieden sind, denn das Brahman +ist Philosophie, aber die Weisheit Christi ist praktische Lehre. Menschen, +welche das Wesentliche der Erscheinungen schwer festzustellen und +nachzuempfinden vermögen, lieben es besonders von<span class="pagenum"><a name="Page_244" id="Page_244">[244]</a></span> unwesentlichen +Begleiterscheinungen aus zu vergleichen und gegen einander abzuschätzen. In +den meisten Fällen liegt solchen Bemühungen keine andere Absicht zugrunde, +als die, den einen Wert auf Kosten des anderen herabzusetzen. So hart +solche Behauptung klingen mag, so wenig werde ich sie einschränken, denn es +ist den meisten Menschen, die Begreifen über Empfinden setzen, oder +Verstehen über Glauben, eigentümlich, daß sie auch Verkleinern über +Vergrößern setzen. So erscheint es mir auch gleichgültig, ob etwa Christus +die Weisheit der Alten gekannt hat oder nicht. Große Gedanken sind niemals +jung, so wenig, wie sie alt werden, und sie gleichen einander im Wesen, wie +die höchsten Spitzen der Berge im Schnee einander ähnlich sind. Je +niedriger das Auge sucht, um so mehr Unterschiede wird es finden; der Pöbel +ist am buntesten und nur im Elend einig. Aber das Ziel ist, in der Freude +einig zu sein.“</p> + +<p>Ich war über diese Worte sehr überrascht und beglückt. Weniger in der +Absicht, zu widersprechen, als vielmehr in dem lebhaften Wunsche, die +Betrachtungsweise Mangesche Raos um so besser zu erfahren, sagte ich:</p> + +<p>„Aber wie furchtbar ist die Wirkung der Lehre Christi auf das +Menschengeschlecht gewesen. Sollte man nicht mehr als an jedem anderen +Bekenntnis am Christentum verzweifeln, wenn man seine blutige Einwirkung +auf die Geschicke der Völker übersieht?“</p> + +<p>„Wer übersieht diese Wirkung denn?“ fragte Mangesche Rao. „Was Sie als +Resultat dieser Lehre hinstellen, erscheint uns wie ihr erster Beginn. Ich +möchte das furchtbare und blutige Ringen der Menschen um den Sinn des +Christentums eher die Geburtswehen dieser Lehre als ihr Resultat nennen. +Diese Lehre ist sehr jung und noch kaum recht verbreitet. Ist man nicht +ohne Mühe befähigt, sogar noch ihren äußeren Weg auf der Landkarte +nachzuzeichnen,<span class="pagenum"><a name="Page_245" id="Page_245">[245]</a></span> wie sie von Asien über Griechenland und Rom in das Herz +Europas einzog, als wäre sie diesen Weg erst gestern gegangen? Und der Teil +der Erde, welcher ihre Bekenner trägt, ist nicht größer, als daß wir ihn +mit der Masse des Himalaja mit seinen Menschen, Städten und Kirchen +verschütten könnten. Wenn die Zeit von Christi Hinscheiden bis heute noch +dreimal vergangen ist, wird sein großer Geist sich aus dem engen Mantel der +Kirche geschält haben und weit mehr zum Element der Geister geworden sein.“</p> + +<p>Die Sonne ging über der Steppe auf, es schien, als würde sie aus Gründen +ewiger Gluten emporgeschleudert, und begann ihren Weg über das Erdreich zum +ungezählten Male, in unfaßbarem Triumph einer jauchzenden Herrschsucht. Das +Geschrei der Tiere im Urwald erklang ohrenbetäubend und das lärmende +Erwachen der Natur vertrieb den letzten Gedanken an Schlaf aus meinem Blut. +Ich trennte mich von meinem Gefährten, nahm die Büchse und ging in die +Steppe hinaus, den dampfenden, tobenden Dschungel hinter mir lassend. Und +in den Flammen, die läuternd emporsteigen, wenn die Jugend und der Morgen +einander begegnen, kamen mir die Worte Christi in den Sinn: „Solchen +Glauben habe ich in Israel nicht gefunden.“</p> + + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_246" id="Page_246">[246]</a></span></p> +<h2> +<a name="kap14" id="kap14"></a>Vierzehntes Kapitel<br /> +Der Heimat zu +</h2> + + +<p>Wir waren kaum einige Tage wieder in Mangalore angelangt, als eine +Nachricht die Stadt durchlief, die die Gemüter in hohem Maße bewegte. Es +war über Nacht eine Abteilung englischer Soldaten angelangt, angeblich +verschlagen auf einer Felddienstübung, bei einer Inspektionsreise durch die +Provinz, wie sie zuweilen unternommen werden. Aber niemand schenkte dieser +arglosen Auslegung Glauben, die widersprechendsten Gerüchte durchflogen die +Stadt, und man sah überall in der Basarstraße und auf den Plätzen +Gleichgesinnte in feierlichen Gruppen versammelt. Nur der Straßenpöbel +trollte unbekümmert um Rechte und Pflichten einer gleichgültigen Regierung +seine gewohnten Straßen, und die Händler versprachen sich gute Tage, als +die leuchtend roten Jacken der Soldaten im bunten Bild des Basarlebens +auftauchten.</p> + +<p>Sie schritten, wie es damals Vorschrift war immer zu vieren, gemächlich +dahin, bestaunten die unverstandenen Eigentümlichkeiten der fremden Stadt, +hielten sich hier ein wenig auf, amüsierten sich dort auf ungezwungene +Weise und erweckten im allgemeinen den Anschein von Arglosigkeit, so daß +ich den heimlichen Befürchtungen und mancherlei törichten Gerüchten wenig +Achtung schenkte.</p> + +<p>Mangesche Rao ließ sich nicht bei mir sehen. Ich war nicht wenig erstaunt, +als ich ihn nach einigen Tagen im Wagen des englischen Oberst erblickte, zu +seiner Linken aber Seite an Seite mit ihm, die ruhigen Züge ohne jedes +Zeichen einer Beteiligtheit oder auch nur einer Bewegung unter dem gelben +Seidenturban, den ich so gut kannte. Der englische Offizier sprach lebhaft +und gestikulierte eher vergnügt als erregt, alles erweckte deutlich den +Anschein<span class="pagenum"><a name="Page_247" id="Page_247">[247]</a></span> einer gelegentlichen Begegnung. Ich ritt an seinem Wagen vorüber, +er erwiderte meinen Gruß gemessen.</p> + +<p>Aber seltsam, seit diesem Zusammentreffen war es um meine Ruhe geschehen, +obgleich bei vernünftigen Erwägungen gerade das Gegenteil hätte der Fall +sein müssen. Aber ganz abgesehen davon, daß kein Land sich weniger als +Indien dazu eignet, eine politische Macht in energischer Offenheit und +schneidiger Entschiedenheit zu dokumentieren, war dieser fast freundliche +englische Besuch mir plötzlich verdächtig und um so gefährlicher +erschienen, je mehr er sein Ansehen und seine Bedeutung zu verbergen +trachtete. Nichts erweckt in tiefer Beunruhigung stärker das Gefühl der +Unsicherheit, als dies leise schleichende Indien. Plötzlich war mir, als +gingen alle Wesen und Menschen in falschen Gesichtern umher, ich mißtraute +bald dem Brahminen, den ich liebte, bald Panja, bald meinen eigenen Sinnen, +es verlangte mich danach, aus den Verwicklungen einer Interessenwelt +entlassen zu werden, die ich nicht übersah, weil es mir an Hingabe fehlte, +und in die ich doch eingeschlossen war, weil meine Liebe zu Mangesche Rao +mich fesselte. Und so begrüßte ich die seltsame Gelegenheit, mich +beteiligen zu können, die sich mir kurz darauf eröffnete, mit großer Freude +und erachtete die Gefahr um der Befreitheit willen gering, die sich +einstellte, wie mit einem Entschluß nach langem Zweifel.</p> + +<p>So viel erschien mir nach den letzten Erfahrungen sicher, daß der Brahmine +weit höher eingeschätzt und viel ernster genommen wurde, als er selbst es +mir oder andern jemals zu erkennen gegeben hatte. Diese Erfahrung erfüllte +mich mit Bewunderung und heimlichem Stolz, und solche Empfindungen mögen +viel dazu beigetragen haben, daß ich in fast gedankenloser Bereitwilligkeit +auf seinen Wunsch einging, den ersten und einzigen, den er jemals vor mir +ausgesprochen hat.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_248" id="Page_248">[248]</a></span>Es war in einer mondlosen Nacht gegen zwei Uhr, als Panja mich durch sein +vorsichtiges Räuspern neben meinem Bett weckte. Er hatte immer noch die +alte zurückhaltende Art der Ankündigung und war besonders zartfühlend, wenn +er mich aus dem Schlafe rief, denn er wußte, daß dieser Vorgang, mehr als +alle andern, das Heer meiner schlechten Eigenschaften entfesselte. Es war +so dunkel, daß ich nur das finstere Dreieck im helleren, zurückgeschlagenen +Moskitovorhang unterschied. Ich erkannte niemand.</p> + +<p>„Mach' Licht!“ rief ich, da ich Panjas Gegenwart vermutete. „Weshalb kommst +du?“</p> + +<p>„Es soll kein Licht gemacht werden, Sahib, steh auf, ein Fremder ist da, +der dich sprechen will, er sagt, der Brahmine Mangesche Rao schicke ihn.“</p> + +<p>Es war Mangesche Rao selbst. Panja hatte mir geraten, auf keinen Fall zur +Nacht einen Besuch zu empfangen, der forderte, daß kein Licht angezündet +würde, aber ich dachte mir, schließlich sieht mein Gegner auch nicht viel +mehr von mir, als ich von ihm, und der Name meines Freundes machte mich +gefügig. Der Brahmine war seltsam durch eine ungewohnte Kleidung entstellt, +ich schickte auf seinen Wunsch Panja hinaus.</p> + +<p>Wir saßen uns gegenüber, ein matter Schein von den Sternen beleuchtete das +Bereich der Fenster spärlich, ich glaubte nun, da ich Mangesche Raos +Gesicht zu unterscheiden vermochte, zu erkennen, daß es schmaler und bleich +war, aber es mochte vom unsicheren Nachtlicht herrühren. Mir schien, als +ränge er innerlich mit dem Entschluß zu einem Bekenntnis, einem Wunsch, +über die Mühe der zurückliegenden Tage ein Wort der Klage zu äußern, aber +es geschah von alledem nichts. Er sagte nach einer Weile des Schweigens, in +der ich Gelegenheit hatte, die merkwürdige Entstellung<span class="pagenum"><a name="Page_249" id="Page_249">[249]</a></span> zu betrachten, die +seine nächtliche Kleidung herbeiführte, ruhig und unmittelbar:</p> + +<p>„Morgen werden die Soldaten der Regierung in Ihrem Hause nach Dokumenten +einer Verschwörung suchen, die über das ganze Land hin verbreitet sein +soll, und deren Anhänger sie auch in Mangalore vermutet. Ich stehe, wie Sie +wissen, im Verdacht, ein Gesinnungsgefährte der Unzufriedenen zu sein, und +da ich oft in Ihrem Hause ein und aus gegangen bin, bringt man Ihre Person +in Beziehung zu meinen Interessen.“</p> + +<p>„Eine Verschwörung?“ fragte ich erschrocken.</p> + +<p>Mangesche Rao wartete, ob ich noch etwas hinzufügen würde, aber mir fiel im +Augenblick nichts ein, diese nächtliche Begegnung, die Aussichten für den +nächsten Tag und jene Enthüllung nun verwirrten mich in gleichem Maße, wie +sie mich anregten. Wie anders die Dinge vor der Entscheidung als in +romantischer Entfernung aussahen.</p> + +<p>„Verschwörungen gibt es hierzulande beinahe täglich“, sagte Mangesche Rao +langsam, und als dächte er an andere Dinge. „Sie werden entdeckt und +vereitelt; und wenn sie nicht entdeckt werden, so brechen sie deshalb auch +noch nicht aus. Die englischen Beamten brauchen Unterhaltung und ein Feld +für ihren Eifer. Uns geht es ähnlich.“</p> + +<p>Er wandte sich ab wie in heimlichen Zweifeln und sah mit einem traurigen +Ausdruck in die dämmerige Nacht hinaus. Man hörte die Grillen feilen, ein +paar Sterne hingen wie Funken im Gefieder der Papayakronen.</p> + +<p>„Leider habe ich ein gutes Gewissen“, sagte ich. Seltsamer und fremder war +mir dies Land nie erschienen. Ich kannte die zurückhaltende Art des +Brahminen genügsam, um zu wissen, daß er weit mehr verbarg, als er erkennen +ließ, auch hätten keine Worte mich<span class="pagenum"><a name="Page_250" id="Page_250">[250]</a></span> so entscheidend von der Wichtigkeit +seiner Angelegenheit und vom Stand der Dinge überzeugen können, als sein +nächtlicher Besuch es tat.</p> + +<p>Es waren an diesem Tage noch kurze Regenschauer gefallen, es drang kühl +durch die Stäbe der offenen Fenster zu uns herein und zog mit Duft und +feinem Klingen bis in die dunklen Ecken des Zimmers. Mir war, als träumte +ich.</p> + +<p>„Was kann ich tun?“ fragte ich.</p> + +<p>Mangesche Rao öffnete sein Gewand über der Brust und entnahm ihm einige +verschnürte Päckchen, die Papiere zu enthalten schienen oder Briefe, ich +sah es undeutlich, jedoch war die Verpackung derart, daß man leicht auf +solcherlei Dinge schließen konnte.</p> + +<p>„Wollen Sie diese Schriftstücke in Ihrem Hause verbergen?“ fragte er +gleichmütig.</p> + +<p>Ich bejahte seine Frage ohne Besinnen, im Augenblick nur in schnellen +Erwägungen damit beschäftigt, welcher Ort meiner Wohnung oder meines +Gartens am geeignetsten sein möchte. Es kam mir keinen Augenblick in den +Sinn, daß es in Mangalore Verstecke genug für eine Handvoll verdächtiger +Papiere geben mußte, und der Gedanke, etwa mißbraucht zu werden, lag mir so +fern, wie ich tief durchdrungen war vom Charakter und Wert des Mannes, der +mich bat.</p> + +<p>Später habe ich oft daran denken müssen, welche Empfindungen in der Seele +eines jungen Menschen Entschlüsse ähnlicher Art zu zeitigen vermögen, und +wie selten die Gesinnung eines auf solche Weise Bereitwilligen im Grunde +mitzuspielen braucht. Es mag sich so mancher, der durch einen raschen +Entschluß, den vielleicht die gedankenlose Erbötigkeit eines Augenblicks +mit sich gebracht hat, um die Freiheit seiner ganzen Jugend und um den +Preis seines tätigen Lebens gebracht haben.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_251" id="Page_251">[251]</a></span>Ich griff nach dem Päckchen. „Verlassen Sie sich auf mich“, sagte ich. +Darüber kam mir in den Sinn, daß mein Freund mir soeben noch mitgeteilt +hatte, daß ich morgen mit einer Haussuchung zu rechnen hätte, und ich +stellte eine Frage, um diese seltsamen Zusammenhänge aufgeklärt zu sehen.</p> + +<p>„Ich möchte, daß diese Schriftstücke bei Ihnen gefunden werden“, sagte +Mangesche Rao. Er sprach leise und vorgeneigt, aber ohne Eifer und ohne den +Wunsch, mir seine Verfügung dadurch geheimnisvoller zu machen. Wer in +Indien eigene und gefahrvolle Interessenwege beschreitet, weiß, daß nicht +nur die Wände Lauscher verbergen, sondern daß auch von der Nacht, den +Frauen und dem besten Freunde Gefahr drohen kann. Ich ahnte seine Besorgnis +und sagte:</p> + +<p>„Mein Diener ist zuverlässig.“</p> + +<p>Mangesche Rao schüttelte den Kopf. „Er ist ein Kind“, sagte er. „Gesinnung +und Aufrichtigkeit ohne Schlauheit sind wie Verräter für jeden bei uns, +welcher die Mittel seiner Feinde kennt. Sie müssen aus einem Lande stammen, +in welchem der Freimut und die Kraft neben der Kühnheit als hoher Ruhm +gelten, sie mögen zur Ehre eines freien Volkes gehören, dies Volk hat seine +Freiheit fast vergessen.“</p> + +<p>Irgend etwas überwältigte mich nach diesen Worten zu einer Traurigkeit, in +welcher ich zum ersten Mal die Liebe meines Herzens zu diesem Manne in +ihrer ganzen Tiefe empfand, und ich hätte ihn inständig bitten mögen, von +diesem fruchtlosen und bösen Kampf zu lassen. Mir wurde klar, daß sein +Wesen bei aller Kraft seines Geistes den Waffen seiner Gegner nicht +gewachsen war, denn den Hochgesinnten überwältigt im Kampf mit der +Niedrigkeit zuletzt der Ekel, aber ich schwieg aus Ehrfurcht vor dem Feuer, +das in seiner Seele brannte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_252" id="Page_252">[252]</a></span>Mangesche Rao fuhr fort: „Machen Sie es den Suchenden nicht gar zu leicht, +aber tragen Sie Sorge, daß sie die Papiere auf jeden Fall finden. Sollte +der Zufall, der so gerne dort zu spielen liebt, wo die Absicht am +deutlichsten ist, den Erfolg der Engländer vereiteln, so verraten Sie die +Dokumente dadurch, daß Sie sie, scheinbar ungeschickt, zu verstecken +trachten, während noch gesucht wird.“</p> + +<p>Er brach plötzlich ab und wartete wie auf einen Einwand, aber ich sprach +das Mißtrauen oder die Besorgnisse nicht aus, die er bei mir zu vermuten +schien, weil kein Argwohn gegen den Freund in meinem Herzen war, und weil +ich wußte, daß er niemals etwas von mir fordern würde, das ihm diente, +indem es mich schädigte. So erklärte er mir die Absicht, die er mit dieser +Maßnahme verfolgte:</p> + +<p>„Unsere Zeit ist noch nicht gekommen,“ sagte er einfach, „die Funde, welche +in Ihrem Hause gemacht werden, sind argloser Natur, aber immerhin +bezeichnend genug, um als eine wichtige Entdeckung gelten zu können. Der +Verdacht wird durch diese Dokumente abgelenkt und die Spur verwischt +werden, man wird ihren Inhalt dankbar als Resultat der Untersuchung +betrachten und an ihm die Eigenart und den Umfang jener Umtriebe messen, +die Verdacht erregt haben. Einige unserer Freunde werden bloßgestellt, aber +sie sind bereit, der Sache das Opfer zu bringen, das in der Verbüßung einer +geringen Strafe besteht. Zuletzt wird man nicht viel mehr in Erfahrung +gebracht haben, als ohnehin schon bekannt ist.“</p> + +<p>„Sie sagen mir viel“, antwortete ich dankbar und voller Bewunderung für das +Geschick dieses Plans.</p> + +<p>„Ihr Vertrauen verdient das meine“, sagte Mangesche Rao einfach, und ein +warmer Blick, der das kühle Maß dieser stets so beherrschten Züge +durchbrach, traf meine Augen kurz und traurig.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_253" id="Page_253">[253]</a></span>Ich fragte noch, wie ich mich einem Verhör gegenüber zu verhalten hätte, +welches danach forschte, wie die Papiere in mein Haus gekommen seien.</p> + +<p>„Nennen Sie meinen Namen“, entschied Mangesche Rao.</p> + +<p>„Und wenn Sie selbst eine Strafe trifft?“</p> + +<p>„Man wird es nicht wagen und sich an die halten, welche wir vorgeschoben +haben, aber besser wäre es, man wagte es, weil meine Bestrafung mir das +Vertrauen derer sichern würde, für welche ich sie trage. Je mehr die +Regierung mich schont, um so eher werden die Brahminen von Mangalore mich +für einen Abtrünnigen halten. Meine Offenheit gegen die Priesterkasten +selbst würde Verräter im eigenen Lager erwecken, meine Vorsicht dagegen +macht sie mißtrauisch. Es ist schwer, im dunkeln Wald einen geraden Weg zu +gehen.“</p> + +<hr /> + +<p>Strahlend stieg ein neuer Tag über Mangalore empor. Ich ritt, schon bevor +die Sonne die Spitzen der braunen Pagoden färbte, durch die sumpfigen +Mangroven-Dickichte der Flußniederungen, von Panja begleitet, der wie in +einer Ahnung der hereinbrechenden Ereignisse nicht von meiner Seite wich. +Eine seltsame Fremdheit lag in meinen Augen über der Landschaft, ihren +Tieren und Pflanzen und über allen Dingen. Als ich nahe bei einem hölzernen +Lagerschuppen ein Boot im dunklen Wasser erblickte, auf dem ein Hindu +fröstelnd in der Morgenkühle hockte und, noch benommen vom Schlaf, in die +grünschimmernde Weite starrte, kam mir jener Tag in den Sinn, an welchem +ich zu Beginn meiner Dschungelfahrt in Tschirakal am Watarpatnamsee +angelangt war und Panja mit den Mohammedanern um den Preis der Kanus +stritt.</p> + +<p>Die Erlebnisse und die Bilder meiner Reise zogen mit dem heraufsteigenden +Tag durch meine Erinnerung, mit ihrem Glanz und<span class="pagenum"><a name="Page_254" id="Page_254">[254]</a></span> ihren Sorgen und ihrem nie +ruhenden Wunsch meines Herzens es möchte in diesem Lande Heimatrechte und +jene Beziehungen erwerben, die Vertrautheit zur Liebe führen. Huc, der Affe +meines Traums, saß wieder mit alten Augen vor mir, wahrsagerisch und weise, +von jenen Hoffnungen der seufzenden Kreatur ermüdet, die so alt sind wie +die Schicksale der Erde.</p> + +<p>Waren es die Unrast, der Haß und die Erbitterung der neuen Menschen meiner +Erfahrung und ihre kleinen und doch so wichtigen Interessen, die mir den +Glauben an die Harmonie zerstörten, welche die unberührte Natur und das +große Meer mir vermittelt hatten? Nie kam ich mir verirrter vor in dieser +Welt des Wirkens, als an jenem Morgen, und am liebsten hätte ich alles +dahinten gelassen, um aufs neue in die grünen Schatten der durchklungenen +Wildnis zu ziehen, die die Sicherheit und den Wohlstand des armen Daseins +gefährden mochte, die aber den Weg der Seele zu jenem Erkennen bereitete, +das allein Frieden bringen kann.</p> + +<p>Aber mein Verlangen erschien mir bald darauf wie ein Hang zur Flucht, als +warteten Pflichten und Aufgaben meiner in einem anderen Land, in einem +Bereich, dessen Kräften und Zielen ich durch Abstammung und Überlieferung +verbunden war, und zum ersten Mal seit Jahren wandten sich meine inneren +Augen über das Meer hin der Heimat zu. Ich dachte daran, daß der Mann, dem +nun seit lange meine tiefste Teilnahme gehörte, wie in einem wehmütigen +Bewußtsein des Untergangs seines eigenen Geschlechts und seiner Rasse, den +nahen Ruhm und die Hoffnung der meinen ahnungsvoll ausgesprochen hatte, und +ich fühlte die Kraft seines Glaubens wie ein Vermächtnis im Gewissen +glühen. –</p> + +<p>Die Ereignisse des Tages verliefen ähnlich, wie ich sie nach Mangesche Raos +Worten erwarten mußte. Gegen Mittag meldete sich ein junger Offizier, der +in Begleitung von drei Soldaten kam, bei<span class="pagenum"><a name="Page_255" id="Page_255">[255]</a></span> mir an. Er nahm seine Pflicht +ungemein wichtig, er versuchte den Anschein zu erwecken, als sei er der +König von England, und ich beantwortete seinen pathetischen Erlaß damit, +daß ich ihm mein Taschenmesser aushändigte, als habe er meinen Degen +gefordert. Er mußte lachen und schien sich darauf zu besinnen, daß ein +Privatmann kein Rekrut und ein Deutscher kein englischer Untertan ist, auch +erinnerte ich ihn daran, daß ein Verdacht kein Beweis und ich selbst kein +verdächtiges Dokument sei.</p> + +<p>Sein Selbstbewußtsein uniformierte sich wieder, als die Papiere gefunden +wurden, und auf sein Ersuchen begleitete ich ihn im Ochsenwagen zum +Regierungsgebäude. Er war unterwegs höflich, still und sehr ernst, und ich +freute mich heimlich des gelungenen Plans meines Freundes. Übrigens sah +nach diesem öffentlichen Eingriff in die Privatrechte einer Reihe der +Einwohner Mangalores das militärische Aufgebot plötzlich um vieles +gewichtiger aus. Von den Fenstern des Regierungsgebäudes aus erblickte ich +draußen auf dem Meere den niedrigen eckigen Umriß eines Kanonenbootes, das +schwarz und drohend im stillen Blau schwamm, wie mit Kohle gezeichnet. Der +unfreundliche Hof des Gebäudes wimmelte von Soldaten. Einen Augenblick +überkam mich ein Gefühl heißer Besorgnis um Mangesche Raos Geschick. Die +nächstliegenden Eindrücke sind besonders dann die stärksten, wenn man die +Aussichten der Parteien nicht übersieht. Panjas totenblasses Gesicht ging +mir wie ein Gespenst nach, er war wie versteinert am Gartentor +zurückgeblieben, ich wußte nicht, ob er meinen Befehl verstanden hatte, +mich am Abend zu erwarten, und ich fürchtete ernstlich, er würde irgend +eine heldenmütige Dummheit begehen.</p> + +<p>Nach einer zweistündigen Wartezeit, in welcher ich eine treuherzige +Schildwache mit einer Reihe der furchtbarsten Dschungelmärchen in ihrem +Glauben an Hexen und böse Geister bestärkte und sie mit<span class="pagenum"><a name="Page_256" id="Page_256">[256]</a></span> Zigaretten wieder +beruhigte, erschien der Kollektor und verbürgte sich dem englischen Oberst +gegenüber, der ihn begleitete, für meine Unschuld. Es mußte wohl eine +ausführlichere Verhandlung über mich vorangegangen sein, der Beamte +entschuldigte sich höflich aber etwas gereizt bei mir, offenbar erinnerte +er sich dessen, daß ich die Bekanntschaft Mangesche Raos seiner Vermittlung +verdankte, und daß ich mich seit jenen Tagen nicht gut zu einem +gefährlichen Umstürzler hatte auswachsen können. Es schien mir zudem aus +allem hervorzugehen, daß man den Brahminen zu schonen wünschte. Ein Rekrut +machte sich auf den Weg, mein Pferd zu holen, und ich wurde etwas herzlos +und beiläufig verabschiedet. Man war offenbar beschäftigt.</p> + +<p>Panja empfing mich glücklich und stolz, mir war, als schämte er sich seiner +Ängste, nun er mich wohlbehalten in unserm Hause wiedersah, aber weder +seine Freude noch die eigene Erleichterung ließen mich aufatmen. Es trieb +mich den Rest des Tages hindurch in großer Unruhe von einem zum andern, +nichts wollte mir gelingen, nichts beschäftigte mich ernstlich, ich wartete +und wußte nicht worauf.</p> + +<p>Gegen Abend schickte ich Panja zu Mangesche Rao. Er traf ihn nicht in +seinem Hause an, aber ich erfuhr wenigstens, daß er auf freiem Fuß belassen +worden war, ohne daß ich mich nun für eine Genugtuung oder für eine neue +Besorgnis entschließen konnte.</p> + +<p>Aus diesen bedrängenden Stunden ist mir ein kleiner Vorfall ohne Bedeutung +so lebhaft im Gedächtnis geblieben, als habe meine Sorge sich einzig um ihn +gedreht. In der kurzen Dämmerung, als schon der Mond leuchtete, und ich mit +meiner Zigarre im Liegestuhl auf der Veranda weilte, sah ich einen +beweglichen Schatten am Gartentor. Ich beobachtete ihn eine Weile, ohne ihm +Gewicht beizumessen, endlich rief ich Panja, der hinausging und gleich<span class="pagenum"><a name="Page_257" id="Page_257">[257]</a></span> +darauf ein Kind zu mir brachte, das mich mit stillen Augen betrachtete und +lange kein Wort wagte. Es war ein Mädchen von etwa dreizehn Jahren, mit +einem rötlichen Kittel bekleidet, mit offenem Haar und seiner +Gesichtsbildung nach den niederen Kasten angehörig. Mit Panjas Hilfe erfuhr +ich bald die Geschichte und die Bitte meines späten Gastes, und mit einem +heimlichen Schauer sah ich das junge Wesen plötzlich mit ganz anderen Augen +an, als ich wußte, daß es vor einigen Tagen Mutter geworden war. Man muß +erfahren haben, wie gewöhnlich solche Fälle im tropischen Indien sind, um +solcher Aussage ohne weiteres Glauben zu schenken. Die junge Mutter kam aus +einem Dorfe im Flußtal und bat mich um Schutz. Es handelte sich offenbar um +eine Verwechslung meines Hauses mit der Missionsniederlassung.</p> + +<p>„Es ist die Nacht der freien Liebe in ihrem Ort“, erklärte mir Panja. +„Einmal im Frühling muß dort in ihrer Kaste jede Frau und jedes Mädchen +jedem Manne angehören, der sie begehrt, das ganze Dorf heult und wimmert +die Nacht hindurch, wie ein Sumpf mit Ertrinkenden, die zu ewiger Wollust +verdammt sind. Es dauert, bis die Sonne am Erdrand erscheint, dann wird es +still, und den Tag hindurch schlafen die Menschen. Das Kind ist aus Furcht +geflohen.“</p> + +<p>Panja führte die junge Mutter in die Missionsschule hinunter, ich blieb mit +den Grillen allein in der weißschillernden Nacht, der letzten in Indien, an +die ich klare Erinnerungen habe, denn am Morgen des hereinbrechenden neuen +Tages stand ich vor der Leiche Mangesche Raos.</p> + +<hr /> + +<p>Ich weiß, daß ich im Morgengrauen aufs Pferd stieg, im Reiten meinen Rock +knöpfte und mir dessen bewußt wurde, daß ich den Korkhelm vergessen hatte. +Darüber kam mir in den Sinn, daß ich<span class="pagenum"><a name="Page_258" id="Page_258">[258]</a></span> bei meiner Rückkehr den Schatten +aufsuchen müßte, und hörte Panjas fremde Stimme, der mit meinem Pferd +sprach, das er laufend am Zügel führte. Er schrie einen Ochsenkarren an, +der uns in der Nähe des Stadttors den Weg versperrte, und ich sah einen +kleinen gekrümmten Mann, der ängstlich und mit bösen, unterwürfigen Augen +seine Tiere in den Graben zerrte. Er hatte Maisschößlinge geladen und trat +mit seinem nackten Fuß aufgeregt in die Weichen der schwerfälligen Ochsen. +Hatte diese selbe Stimme Panjas nicht eben noch geschrien: Die Brahminen +haben Mangesche Rao vergiftet?</p> + +<p>Es war noch nicht ganz hell im Haus des Toten. Der festgetretene Lehmboden +vor der Veranda glänzte feucht, am Zaun waren weiße Ziegen angebunden, und +die Palmenwedel sirrten im Morgenwind. Ich vernahm eine Stimme, die +merkwürdig gleichförmig klagte, immer in demselben Tonfall, die hellen +Seufzer folgten einander mit dem ausgestoßenen Atem, und mein erster +Gedanke war: So ist er nicht tot, ich werde ihn noch lebend finden.</p> + +<p>An der Tür zum Totenzimmer flüchteten einige dunkle Gestalten, ich sah im +Raum, dicht am Fenster, ein niedriges Lager, auf das das Morgenlicht fiel, +grünlich und blaß, wie aus einem erlöschenden Scheinwerfer. Unter einem +weißen Tuch erkannte ich undeutlich die Umrisse einer gekrümmten Gestalt, +eine zur Faust verkrampfte Hand sah seitlich aus den Falten hervor und +reckte sich, wächsern gefärbt, ein wenig aufwärts gebogen, in den fahlen +Glanz des nahenden Tags empor.</p> + +<p>Ich schlug das Tuch zurück und ließ es sogleich wieder über das entstellte +Gesicht zurückfallen. Das höllische Gift, dem der Brahmine erlegen war, +verrät sich selbst unzweifelhaft durch seine Wirkung und zugleich die +heimtückische Macht derer, die es im Namen ihrer zu hämischen Götzen +herabgesunkenen Gottheit mischen.</p> + +<p>Als ich mich abwandte, begegnete ich Panjas Augen, und als er mein Gesicht +sah, warf er sich zur Erde, als habe eine Faust ihn niedergeschlagen, und +brach in ein Geheul aus wie ein Tier. –</p> + +<p>Auf der Basarstraße hatte das bunte Leben des neuen Tages begonnen, die +braunen, nackten Gestalten unter den farbigen Turbanen eilten in gewohnter +Weise dahin, geschäftig oder lässig, bald von Lasten gebeugt, bald steif +und würdig im vertrauten Müßiggang. Ein mohammedanischer Händler, dem ich +seit langem schon versprochen hatte, ein Bündel Ingwerwurzeln abzukaufen, +die ich mitnehmen wollte, verfolgte mich lange. Am Tempelteich, in dem eine +weiße Mauer sich spiegelte, predigte ein fremder Pilger. Es roch nach +verdunstendem Sprengwasser und Ochsen, die Sonne schien, die vereinzelten +Palmen hoben sich schräg und still über den Lärm der Straße und über die +weißen, flachen Dächer der Häuser. Es begann warm zu werden.</p> + +<p>Als wir die hohe Palmenallee erreichten, die am Meer dahinführt, und die +Geräusche der Stadt im eintönigen Rauschen des Wassers verklangen, gab ich +Panja mein Pferd und schritt allein weiter. Eine Müdigkeit, die Leib und +Seele wie ein bitterer Strom durchdrang, ließ mich nach einer Weile +innehalten, und ich lehnte mich an den Stamm eines Baums und schloß die +Augen.</p> + +<p>Da sah ich im Abendfrieden ein Dorf meiner deutschen Heimat. Der Holunder +blühte am Zaun, es hatte geregnet, und die Luft war kühl und feucht. Hoch +auf dem Giebel eines Bauernhauses sang eine Amsel in der letzten Sonne, und +die klare Süßigkeit ihrer Stimme erfüllte das ruhige Land mit Glück.</p> + +<p class="title big" style="margin-bottom:3em"> +Ende +</p> + +<hr style="width: 100%; margin-bottom:6em" /> + + + + +<p class="title" style="margin-top:1em"> +<span class="small">Im Verlag von Rütten & Loening in Frankfurt a. M. erschien</span><br /> +Waldemar Bonsels<br /> +<span class="big">Menschenwege</span><br /> +Aus den Notizen eines Vagabunden<br /> +<span class="small">75. Tausend</span><br /> +Aus Urteilen der Presse: +</p> + +<p>Als Dichtungen, mit sokratischer Methode gewertet, sind diese sieben +Kapitel des Waldemar Bonsels das Reinste, Klingendste, Gewählteste, was mir +seit langem begegnete. Eine Keuschheit des Geistes ist in diesen +Begegnungen, eine Zucht des Worts, eine Regie der Führung, die uns aus +jeder Bedrängnis der Gegenwart in das Lichtgebäude eines geruhsam +betrachtenden Willens führt.</p> + +<p class="right">„Tägliche Rundschau“, Berlin<br /></p> + + +<p>Waldemar Bonsels ist der tiefgründige Denker und künstlerisch reife +Gestalter, der Dichter mit der umfassenden Menschenliebe und Wortführer für +eine neue, auf voraussetzungsloser Güte aufgebaute Weltordnung. Zu der +Weisheit und Liebe, die sein neues Buch: „Menschenwege, aus den Notizen +eines Vagabunden“ ausströmt, gesellt sich als weiteres Geschenk die +wahrhaft adelige Form der Sprache, in die der Dichter den Reichtum seiner +Gedanken gefaßt hat.</p> + +<p>Gerade in unserer haßerfüllten und ungerechten Zeit, die so viel +Schmerzliches und Bitteres über uns gebracht hat, wirkt ein so ganz aus +Seelengüte, Milde und feierlichem Ernst gestimmtes Werk wie eine +Offenbarung, in der wir den tieferen Sinn unseres Lebens wie eine +Verheißung von neuem erkennen.</p> + +<p class="right">„Straßburger Post“</p> + + +<p>Eine Vertiefung des Geistigen, eine Verinnerlichung des Seelischen und eine +Umhüllung des Ganzen mit einer Atmosphäre des mystisch Reinen und Frohen, +eines ins Höchste gerichteten Sinnes, spricht aus dieser Dichtung, daß es +sie schädigen hieße, wollte man versuchen, die Linien nachzuziehen. Es ist +eine über alle dogmatischen Satzungen erhobene, freie Religiosität, die als +einziges Ziel das Unvergängliche hat, um das sich seit Anbeginn der Kosmos +mit seinen Menschlein bewegt: Gott.</p> + +<p class="right">„Frankfurter Zeitung“</p> + + +<p>Über aller Wirklichkeit der bunten Lebensgeschehnisse dieses Buches steht +leuchtend die Wahrheit, die der Dichter in prophetischem Geiste verkündet. +Seine neue Betrachtung der Welt erwächst allein aus dem Glauben an eine +reine Menschlichkeit. Dieser Vagabund ist die Verkörperung der Sehnsucht +der neuen Jugend.</p> + +<p class="right">„Hannoverscher Courier“</p> + +<hr style="width: 100%;" /> + + + + +<p class="title"> +<span class="small">Urteile der Presse über:</span><br /> +Waldemar Bonsels<br /> +<span class="big">Indienfahrt</span> +</p> + +<p>Ich gestehe offen, daß mir noch niemals ein so formvollendetes, +künstlerisch durchdachtes und von Schönheit überquellendes Buch unter die +Augen gekommen ist.</p> + +<p class="right">„Der Bund“, Bern</p> + + +<p>Waldemar Bonsels' Buch ist nicht nur das Schönste, was ich je über Indien +gelesen habe, auch ohne Rücksicht auf den Gegenstand muß ich es zu den +wenigen großen Kunstwerken der Literatur der Gegenwart zählen, die an sich +vollkommen sind. In meiner tiefen Ergriffenheit möchte ich auf dieses Buch +alle die Lobsprüche häufen, wie sie schlagwortartig bei Anerkennungen +wiederkehren.</p> + +<p class="right">„Die Hilfe“, Berlin</p> + + +<p>Es ist unmöglich, die Glut dieses Buchs aus Rausch, Fieber, Weisheit und +Liebe zu zergliedern! Das Erlebnis Indien ist für Waldemar Bonsels das +Erlebnis der Natur ohne Konventionen, ohne Zivilisation, ohne +Mechanisierung des Lebens. Der Dichter durchstreift den Dschungel, immer +auf der Suche nach reiner ungetrübter Natur, voll Qual und Lust, voll Größe +und Einsamkeit. So wird der Leser vom stofflichen Reiz, vom Interessanten +zur Philosophie, zur Betrachtung, zum Miterleben einer Dichtung geleitet, +deren Gegenstand ein wirkliches Land ist, und aus einer Summe von +Eindrücken wird ein phantastisches, großartiges und kühnes Gemälde des +Lebens, wie es überall aus Gott fließt und zu seinem Urgrund zurückflutet.</p> + +<p class="right">„März“, München</p> + + +<p>Bonsels zeigt <i>sein</i> Indien, das Indien eines Menschen, der mit durstiger +Seele durch die Wälder und Berge zieht. So, aus dem Persönlichen heraus, +erwacht dieses Land mit einer Lebendigkeit vor unseren Augen, als stünden +wir selber auf seiner Erde, als quölle der Dunst seiner Frühe und die Glut +indischen Mittags vor uns aus dem Boden mit all seinen Gefahren und +mystischen Verlockungen. Mir scheint dies wirklich die einzige Methode zu +sein, mit der ein Land deskriptiv zu erfassen ist. Man darf nicht mit der +Kamera und dem Lot auf solch eine Reise gehen, sondern mit einer Seele; +einer Seele, die hell sein muß wie ein Spiegel, der die Sonne aufnimmt und +widerstrahlt aus der Begrenztheit seiner Dinghaftigkeit in die +Unbegrenztheit seelischen Erlebnisses.</p> + +<p class="right">„Berliner Tageblatt“</p> + +<hr style="width: 100%;" /> + + + + +<p class="title"> +<span class="small">Im Verlag von Schuster & Loeffler in Berlin erschienen:</span><br /> +Waldemar Bonsels<br /> +<span class="big">Die Biene Maja und ihre Abenteuer</span><br /> +<span class="small">315. Auflage</span> +</p> + +<p>Gebt dieses Buch euren Kindern; es ist ein herrliches Buch!</p> + +<p class="right">„Die deutsche Frau“, Berlin</p> + + +<p>Es ist das Werk eines Dichters und Sehers, der eine große Offenbarung über +das tiefste Wesen der Dinge zu verkünden hat.</p> + +<p class="right">„Straßburger Post“</p> + + + +<p class="title"> +Waldemar Bonsels<br /> +<span class="big">Das Anjekind</span><br /> +Eine Erzählung<br /> +<span class="small">49. Auflage</span> +</p> + +<p>In diesem Buche schlägt das Herz einer dichterischen Wahrhaftigkeit, das zu +schlagen nie aufhören wird. Es ist ein Einklang zwischen Natur und Mensch +dargestellt, wie er ergreifender kaum gedacht werden kann.</p> + +<p class="right">„Hannoverscher Courier“</p> + + + +<p class="title"> +Waldemar Bonsels<br /> +<span class="big">Himmelsvolk</span><br /> +Ein Buch von Blumen, Tieren und Gott<br /> +<span class="small">240. Auflage</span> +</p> + +<p>Dies zarte, berauschende Buch ist ein Buch des Kämpfens, des Sieges und des +Untergangs. Alle Entwicklungen des Buches, sein inneres Ereignis, wird +dargestellt in Unterhaltungen mit Blumen, in Gesprächen von Tieren, deren +Ernst von einer kaum glaubbaren, niegekannten Heiterkeit getragen ist. +Jedes Wort aber scheint hingeschrieben in großer Leidenschaft, tief erfühlt +und in dem Willen, durch sein Werk beizutragen zu einer kommenden, +reineren, alles auf das Erleben stellenden, um Gott wissenden Menschheit.</p> + +<p class="right">„Berliner Börsen-Courier“</p> + +<hr style="width: 100%;" /> + + + + +<p class="title"> +<span class="small">Im Verlag von Schuster & Loeffler in Berlin erschienen:</span><br /> +Waldemar Bonsels<br /> +<span class="big">Wartalun</span><br /> +Eine Schloßgeschichte<br /> +<span class="small">56. Auflage</span> +</p> + +<p>…das ist der Sinn des Geschehens zu Wartalun, einer Geschichte von so +hohem dichterischen Gewicht, daß ich sie nach den Maßen anderer Romane +nicht messen möchte. Der sie schuf, ist ein großer Künstler, wer sie liest, +empfängt eines der schönsten, um Natur- und Menschengeheimnis gewebten +Gedichte. Es klingt wie Urweltrauschen durch dies Buch, Winde, Bäume, +Tiere, die Erde selbst scheint zu reden, und das Tun der Irdischen ist wie +ein Glied der großen unendlichen Kette, die alles Leben bewegt.</p> + +<p class="right">„München-Augsb. Abendzeitung“</p> + + +<p class="title"> +Waldemar Bonsels<br /> +<span class="big">Der Tiefste Traum</span><br /> +Eine Erzählung<br /> +<span class="small">46. Auflage</span> +</p> + +<p>Ein Stimmungszauber geht von dem Buche aus, der die Sinne mit lockender +Gewalt zur innigsten Anteilnahme zwingt. Der eigenartige Zauber liegt auf +der rein menschlichen Seite des tiefen Problems, und die ganze Entwicklung +der beiden Charaktere ist einzig darauf gerichtet, alles in eine ungemein +vertiefte und goldverklärte Harmonie ausklingen zu lassen.</p> + +<p class="right">„Generalanzeiger für Elberfeld“</p> + + +<p class="title"> +Waldemar Bonsels<br /> +<span class="big">Don Juan</span><br /> +Eine epische Dichtung<br /> +<span class="small">7. Tausend<br /> +Erschienen 1919</span> +</p> + + + + +<div class="ppnote"> + +<p><b>Anmerkung:</b> Gegenüber dem Originaltext wurden folgende Änderungen vorgenommen:</p> + +<p>Buchseite 132: „kühl um seine Stirn wehte“ wurde geändert in: „kühl um meine Stirn wehte“.<br /> +Buchseite 134: „Maisor“ wurde geändert in „Maisur“.<br /> +Buchseite 154: „Mangolore“ wurde geändert in „Mangalore“.<br /> +Buchseite 168: „Upanangadi“ wurde geändert in „Uppanangadi“.<br /> +Buchseite 191: „Kumadary“ wurde geändert in „Kumardary“.<br /> +Buchseite 199: „Malealym“ wurde geändert in „Malayalam“.<br /> +Buchseite 224: „Indier“ wurde geändert in „Inder“.<br /> +Buchseite 230: „Indier“ wurde geändert in „Inder“.</p> + +<p>Ein neuer Absatz wurde begonnen:</p> + +<p>Buchseite 54: vor „Die Nacht sank nieder“<br /> +<span class="invisible">Buchseite</span> 76: vor „Wir besichtigten die Boote“<br /> +<span class="invisible">Buchseite</span> 78: vor „Gegen Mitternacht“<br /> +<span class="invisible">Buchseite</span> 80: vor „Wir hatten viel Umstände“<br /> +<span class="invisible">Buchseite</span> 119: vor „Goy sann nach“<br /> +<span class="invisible">Buchseite</span> 122: vor „Ich sah Panja weinen“<br /> +<span class="invisible">Buchseite</span> 122: vor „Erst nach Tagen“<br /> +<span class="invisible">Buchseite</span> 132: vor „Mir war die Nachricht willkommen“<br /> +<span class="invisible">Buchseite</span> 185: vor „Ich begriff aufs neue“<br /> +<span class="invisible">Buchseite</span> 199: vor „Er erhob sich“<br /> +<span class="invisible">Buchseite</span> 223: vor „Die Sonne trieb ihr buntes Spiel“</p> + +</div> + +<hr class="full" /> +<p>***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK INDIENFAHRT***</p> +<p>******* This file should be named 24377-h.txt or 24377-h.zip *******</p> +<p>This and all associated files of various formats will be found in:<br /> +<a href="http://www.gutenberg.org/dirs/2/4/3/7/24377">http://www.gutenberg.org/2/4/3/7/24377</a></p> +<p>Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed.</p> + +<p>Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://www.gutenberg.org/about/contact + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's +eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII, +compressed (zipped), HTML and others. + +Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over +the old filename and etext number. 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For +example an eBook of filename 10234 would be found at: + +http://www.gutenberg.org/dirs/1/0/2/3/10234 + +or filename 24689 would be found at: +http://www.gutenberg.org/dirs/2/4/6/8/24689 + +An alternative method of locating eBooks: +<a href="http://www.gutenberg.org/dirs/GUTINDEX.ALL">http://www.gutenberg.org/dirs/GUTINDEX.ALL</a> + +*** END: FULL LICENSE *** +</pre> +</body> +</html> diff --git a/24377-h/images/signet.png b/24377-h/images/signet.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..463129d --- /dev/null +++ b/24377-h/images/signet.png diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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