summaryrefslogtreecommitdiff
diff options
context:
space:
mode:
-rw-r--r--.gitattributes3
-rw-r--r--24377-8.txt8168
-rw-r--r--24377-8.zipbin0 -> 185806 bytes
-rw-r--r--24377-h.zipbin0 -> 206496 bytes
-rw-r--r--24377-h/24377-h.htm8328
-rw-r--r--24377-h/images/signet.pngbin0 -> 3976 bytes
-rw-r--r--LICENSE.txt11
-rw-r--r--README.md2
8 files changed, 16512 insertions, 0 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes
new file mode 100644
index 0000000..6833f05
--- /dev/null
+++ b/.gitattributes
@@ -0,0 +1,3 @@
+* text=auto
+*.txt text
+*.md text
diff --git a/24377-8.txt b/24377-8.txt
new file mode 100644
index 0000000..067dc33
--- /dev/null
+++ b/24377-8.txt
@@ -0,0 +1,8168 @@
+The Project Gutenberg eBook, Indienfahrt, by Waldemar Bonsels
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+
+
+
+Title: Indienfahrt
+
+
+Author: Waldemar Bonsels
+
+
+
+Release Date: January 20, 2008 [eBook #24377]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK INDIENFAHRT***
+
+
+E-text prepared by Inka Weide, Wolfgang Menges, Juliet Sutherland, and the
+Project Gutenberg Online Distributed Proofreading Team
+(http://www.pgdp.net)
+
+
+
+WALDEMAR BONSELS
+
+INDIENFAHRT
+
+
+
+
+
+
+
+113. bis 123. Tausend
+
+[Illustration: Verlags-Signet]
+
+1920
+
+Verlag der Literarischen Anstalt
+Rütten & Loening
+Frankfurt a. M.
+
+Das Buch ist im Jahre 1912 entstanden.
+Die erste Auflage erschien im Herbst 1916.
+Alle Rechte, besonders das der Übersetzung, vorbehalten.
+Copyright 1916 by Literarische Anstalt Rütten & Loening, Frankfurt a. M.
+Die Einbandzeichnung ist von Walter Tiemann.
+Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig.
+Die schwedische Ausgabe bei C. W. K. Gleerup, Verlag, Lund.
+Die finnische Ausgabe bei Werner Söderström Osakeyhtiö, Porvoo, Suomi.
+Die holländische Ausgabe im Verlag »Patria«, Amersfort.
+
+
+
+
+ INHALTSÜBERSICHT
+
+
+ I. Von Panja, Elias und der Schlange 9
+ II. Cannanore, die Fischer und das Meer 29
+ III. Die Nacht mit Huc, dem Affen 47
+ IV. Am Silbergrab des Watarpatnam 65
+ V. Dschungelleute 80
+ VI. Im Fieber 104
+ VII. In den Bergen 123
+ VIII. Am Thron der Sonne 137
+ IX. Die Herrschaft des Tiers 154
+ X. Sumpftyrannen 168
+ XI. Mangalore 189
+ XII. Von Frauen, Heiligen und Brahminen 207
+ XIII. Das letzte Feuer und der alte Geist 228
+ XIV. Der Heimat zu 246
+
+
+
+
+Erstes Kapitel
+
+Von Panja, Elias und der Schlange
+
+
+Als ich in der gesegneten Provinz Malabar in der Stadt Cannanore anlangte,
+führte mich der Hindu Rameni vor das Haus, das er mir für die Zeit meines
+Aufenthaltes vermieten wollte. Es war nach Art der europäischen Häuser
+Indiens erbaut, einstöckig, mit hohem überhängenden Dach und einer breiten
+Veranda, die die ganze Front entlang lief. Ich erblickte es, nachdem wir
+uns mit vereinten Kräften durch den verwilderten Garten gearbeitet hatten.
+Rameni sagte: »Dies ist mein liebstes Besitztum auf Erden. Ich habe es
+geschont und behütet, und seit sieben Jahren hat kein menschlicher Fuß es
+betreten. Sein letzter Bewohner war Sahib John Ditrey, ein englischer
+Offizier von großer Macht, dem jeder Soldat Gehorsam leistete, der in seine
+Nähe kam. Er war Tag für Tag glücklich unter diesem Dach und wäre es heute
+noch, wenn die Regierung ihn und seine Leute nicht an einen anderen Ort
+verschickt hätte.«
+
+Ich betrachtete die großen, meist leeren Räume, in denen sich eine üppige
+Vegetation entwickelt hatte und in denen eine Tierwelt ihr Dasein fristete,
+deren Mannigfaltigkeit meine Erwartungen aufs höchste steigerte.
+
+»Alle diese Tiere sind arglos,« sagte Rameni freundlich, »sie werden sich
+zum großen Teil wahrscheinlich zurückziehen, denn sie lieben die
+Gesellschaft der Menschen nicht. Aber da du in Begleitung bist, Sahib,
+einen Hund, einen Diener und einen Koch mitgebracht hast, wird dein Gemüt
+von keiner Einsamkeit zernagt werden. Ich gebe Hühner, wenn du willst...«
+
+Rameni beherrschte die englische Sprache in einem Maße, daß ich fühlte, wie
+meine Haare sich unter dem Korkhelm sträubten.
+
+»Auch du bist ein Engländer,« sagte er zu mir, als er eine lange Ruhmrede
+auf Sir John Ditrey, den Offizier, beendet hatte.
+
+Ich sagte ihm, daß ich ein Deutscher sei, und er tröstete mich.
+
+»Ich habe von diesem Land niemals gehört,« sagte er endlich, »aber seine
+Bewohner gelten als freigebig, und wahrscheinlich ist es reicher als das
+britische Reich.«
+
+Da ich ihn verstand, fragte ich nach dem Preis, den er als Miete für seine
+Besitzung fordere. Er sprach darauf so eifrig von anderen Dingen, daß meine
+Befürchtungen an Raum gewannen. Endlich gelang es mir, ihn zu Geständnissen
+zu überreden, und er begann zu rechnen und addierte mit geheimnisvoller
+Ergriffenheit die Verluste zusammen, die ihm in den sieben Jahren
+entstanden waren, in denen sich kein Mieter gefunden hatte. Ich beobachtete
+schweigend ein Volk weißer Ameisen, das die Dielen des Fußbodens und das
+Mauerwerk auf das geschickteste zur Anlage ihrer Ortschaften untergraben
+hatte. Ich werde euch nicht hindern, dachte ich, eure Reiche sollen unter
+meiner Herrschaft zu ungeahnter Blüte gelangen, und ich will euch ein
+weiser Fürst und treuer Gefährte sein. Durch das Palmendickicht am Fenster
+strahlte die Morgensonne, durch grüne Schleier voll zackiger Ornamente. Das
+unfaßliche Bewußtsein jenes Glücks, unter dem ich erzitterte, seit ich den
+Boden Indiens betreten und zum erstenmal den Geruch, die Wärme und das
+Licht dieses Landes eingesogen hatte, sank mir aufs neue ins Herz.
+
+»Fürchte dich nicht, Sahib,« sagte Rameni und zählte an seinen krampfhaft
+gespreizten Fingern, vor Zweifel, Hoffnung und Erwartung beinahe
+fassungslos. Ich sprach von meinem Mut, und er hob die Hand zum zehnten
+Male, um aufs neue die braunen, mageren Finger von rechts nach links
+nebeneinander zu ordnen. Dann vergaß er alles und sprach hastig von der
+Teuerung und den schlechten Reisernten. »Jeder Kuli wird es dir
+bestätigen,« rief er, »soll ich einen rufen?«
+
+»Wieviel forderst du?« sagte ich streng. »Ich habe von einem Haus am Meer
+gehört, das der Kollektor vor Jahren bewohnt haben soll, und das die
+Regierung für einen geringen Preis hergibt.«
+
+Rameni gab sich mit großer Anstrengung einen Ruck und teilte mir mit, daß
+das Haus im Jahre wohl einen Mietwert von hundert Rupien habe, für die
+verlorenen sieben Jahre wolle er mir nur den vierten Teil dieser Summe in
+Rechnung stellen, unter der Bedingung, daß ich ihm für die drei kommenden
+Jahre den vollen Preis vorauszahlte.
+
+Als ich nickte, erblaßte er.
+
+»Sahib,« stammelte er, »verspottest du deinen Diener? Es ist wahr, ich habe
+eine große Forderung gemacht. Vergessen wir die sieben verderblichen Jahre,
+ich werde die Schickung des Himmels verschmerzen, zumal sie vorbei ist.
+Wenn du in der Tat drei Jahre vorausbezahlst, so werde ich dir so lange
+dienen, als ich lebe.«
+
+Ich habe über meine Bereitwilligkeit niemals Reue empfunden und obgleich
+ich nur einige Monate in Cannanore geblieben bin, hat mein geringes Opfer
+sich in der ausgiebigsten Weise belohnt, denn Rameni setzte seine ganze
+Ehre ein, um die Beschämung gutzumachen, die ich ihm ohne meinen Willen
+angetan hatte. Er sandte mir beinahe täglich Eier und Früchte, Fische oder
+Geflügel und widersetzte sich keinem meiner Wünsche, die sich auf
+Einrichtungen oder Veränderungen in Haus und Garten bezogen. Erst als er
+nach Wochen bemerkte, daß ich in einem Glaskasten eine lebende Kobra
+unterhielt, zog er sich von mir zurück, ohne meine Schwelle noch einmal zu
+betreten und ohne meine Hand noch einmal zu berühren. Er vermied es weniger
+aus Furcht und, wie ich zuverlässig weiß, nicht ohne Kummer, sondern weil
+er es nicht mit seinen Überzeugungen vereinigen konnte, eine Gottheit
+gefangenzusetzen, um durch eine Glasscheibe zu beobachten, was sie tat.
+Aber die Zeit unserer Gemeinschaft bis zu dieser Entdeckung gehört zu den
+liebenswürdigsten Erinnerungen meiner indischen Jahre.
+
+Als mein Gepäck auf einem Ochsenwagen vom Hafen herbeigeschafft worden war,
+begann ich die bestgelegenen Zimmer für die Nacht einzurichten, wobei mir
+mein Diener Panja und der Koch zur Hand gingen. Panja warnte mich oft und
+eindringlich, kannte mich damals aber schon gut genug, um zu wissen, daß
+gerade seine Befürchtungen nur zu häufig auf dasselbe hinausliefen, wie
+meine Hoffnungen. Der Koch, ein Sohn aus den Bergen von Südmaratta, der in
+Bombay an den Umgang mit Europäern gewöhnt worden war, widerstand längst
+nicht mehr dem Bösen in mir. Allerdings war ich ihm gleichgültig; er tat
+verschlossen und in stoischer Ruhe seine Pflicht, bestahl mich, wo er
+konnte, und erwartete mit matt gesenkten Lidern meinen Untergang, den er
+jedesmal voraussagte, wenn ich ihn über einer Ungehörigkeit ertappte.
+Trotzdem habe ich immer eine Neigung für diesen eigensinnigen und auf seine
+Art stolzen Mann empfunden, der es nicht über sich brachte, sich vor den
+Europäern zu beugen, und der seinen Haß gegen die Fremden um der Liebe zu
+seiner Heimat willen nährte. Gegen Panjas gefügige Unterwürfigkeit, die
+übrigens keiner niedrigen Gesinnung entsprang, sondern einer kindlichen
+Bewunderung für den Glanz alles Fremden, hob sich der schweigsame
+Widerstand dieses Mannes seltsam würdig ab. Ich nannte ihn Pascha, weil ich
+seinen Namen nicht behalten konnte. Das hätte übrigens niemand gekonnt.
+
+Als ich auf die Veranda hinaustrat, um mich davon zu überzeugen, daß im
+Hause keine Scheibe heil war, hockte Panja auf einer Bücherkiste, rauchte
+und zog meine Hängematte über die Knie.
+
+»Sie ist überall zerrissen«, sagte er, ohne aufzustehen, und ohne, wie er
+es anfangs getan hatte, bei meinem Herannahen in größere Arbeitseile zu
+verfallen. »Sahib, das kommt davon, wenn du eine Hängematte zum Fischen im
+Fluß verwendest.«
+
+»Es war ein ausgezeichneter Gedanke«, entschuldigte ich mich. Aber Panja
+antwortete nur: »Du hast nichts gefangen.«
+
+Ich untersuchte die Fußböden, die überall von den Ameisen untergraben
+waren; die Steinfliesen und Bretter schaukelten fast alle, oder sanken tief
+ein, wenn man darauf trat, ein Sodom und Gomorra dieses Volks vernichtend.
+
+»Wenn du sehen willst, was diese Tiere tun,« sagte Panja spöttisch, »so
+darfst du sie nicht stören. Übrigens sind Ratten im Haus,« fügte er hinzu,
+»und vor dem Tor von Cannanore ist die Pest.«
+
+»So müssen wir Katzen halten«, entschloß ich mich. »Morgen wirst du in die
+Stadt gehen, um welche zu kaufen.«
+
+Panja sah mich mitleidig an: »Wer wird eine Katze bezahlen?« fragte er,
+»überall laufen sie herum. Auch in diesem Hause werden Katzen wohnen.« Er
+meinte die Moschuskatzen, eine kleinere Art, die mir in Malabar viel
+begegnet ist, und die in fast keinem älteren Gebäude fehlt. So beschloß ich
+zu warten. Aber da die Ratte als Trägerin der Pest gilt und diese
+furchtbare Seuche immer noch nicht erlosch, obgleich die eigentliche
+Regenzeit längst vorüber war, handelte es sich darum, vorsichtig zu sein.
+Meistens erlischt die Pest mit dem letzten Regen, zu Beginn des indischen
+Frühlings, da ihr Bazillus nur im Feuchten fortkommt. Mit dem ersten Regen,
+nach der heißen Zeit, taucht sie aufs neue auf.
+
+Übrigens könnte die Darstellung unseres Gesprächs ein falsches Bild meiner
+Stellung zu Panja geben und der Stellung der Europäer zu den dienenden
+Klassen der Hindus überhaupt. Es ist wahr, daß ich Panja, wie überhaupt
+allen Leuten, die mir dienten, viel persönliche Freiheit ließ, aber meine
+Opfer an Autorität oder gar an Selbständigkeit wurden durch eine Gegengabe
+bedankt, die ich immer höher eingeschätzt habe, als jede andere Darbietung,
+und dieses Geschenk bestand in der freimütigen Offenheit des
+Menschenwesens. Die Verwendbarkeit eines Menschen ist der geringste Teil
+seiner Anlagen, die mir Interesse abnötigen, und alle Unterwürfigkeit
+verbindet sich mit Verstellung. Die Art, wie die Engländer die Hindus
+behandeln, verschließt ihre Charaktere und unterdrückt ihr wahres Wesen,
+wenngleich ich ohne Einwand zugebe, daß solche Stellungnahme, wie die ihre,
+das unerläßliche Erfordernis zur Beherrschung des Landes ist. Aber ich bin
+nicht nach Indien gereist, um es zu beherrschen.
+
+Übrigens gab es auch zwischen Panja und mir erregte Szenen im Ringen um die
+Oberhand des Einflusses. Für gewöhnlich endete solch ein Auftritt damit,
+daß ich diesen Sklaven niederschlug. Nun waren allerdings mein Schlag und
+sein Niedersinken zwei Erscheinungen, die in keinerlei Beziehung zueinander
+standen, denn häufig brach er schon zusammen, bevor meine Hand ihn erreicht
+hatte, und im schlimmsten Falle wußte er sich für gewöhnlich immer noch auf
+eine Art zu wenden oder zu schützen, die kaum mehr als eine Deformierung
+seines Turbans oder seiner geölten Haarfrisur zuließ. Trotzdem brach er
+jedesmal zusammen, wälzte sich von einer Ecke des Zimmers in die andere,
+beklagte heulend meine Undankbarkeit und die Folgen seiner Treue. Aber ehe
+der Abend hereinbrach, sorgte er doch dafür, daß die Last solcher
+Verschuldung gegen ihn mir nicht die Nachtruhe raubte.
+
+»Sahib«, sagte er und pflanzte sich kerzengerade vor mir auf, wobei ein
+Stolz und eine Menschenwürde seine Züge verklärten, die in der Tat mein
+Herz mit Dankbarkeit erfüllten. Aber er schien nicht zu wissen, wem er
+beide verdankte. »Sahib, wie konntest du dich so vergessen?« Sein Gesicht
+trug einen Ausdruck so ehrlicher Traurigkeit, daß ich alles eher vermocht
+hätte, als an ihr zu zweifeln. Ich erklärte ihm bescheiden den Umfang
+seines Vergehens und die Bedeutung der Folgen, aber in solchen Fällen
+verstand er nicht genügend englisch, um mich zu verstehen.
+
+»Deine Studien in Hindustani machen keine Fortschritte«, meinte er dann
+etwa betrübt, und wir beide waren froh, ein Gebiet gefunden zu haben, das
+uns wieder auf die Straße unseres gewöhnlichen Verkehrs brachte. Es kamen
+dann Zeiten eines glücklichen Wandels und schönster Gemeinschaft, in denen
+Panjas Selbstentäußerung so weit ging, daß er sogar meinen Whisky
+unverdünnt auf den Tisch brachte, und ich daher genau nachprüfen konnte,
+wieviel er aus der Flasche gestohlen hatte.
+
+Ich war damals im zehnten Monat in Indien, und außer Panja und Pascha war
+noch ein prächtiger Hund die ganze Zeit hindurch mein treuer Begleiter
+gewesen. Er hieß Elias und hatte eben sein erstes Lebensjahr vollendet, so
+daß mir vergönnt gewesen war, seine Erziehung selbst zu leiten und seine
+Entwicklung zu überwachen. Leider ist es bei den Hunden so bestellt, daß
+man bei einem zwei Monate alten Tierchen sehr schwer in der Lage ist, über
+seine Abstammung und seine endgültige Ausgestaltung irgend etwas mit
+Bestimmtheit auszusagen. Aber ich habe immer eine besondere Neigung für
+solche Menschen empfunden, die allen Erscheinungen und Personen die besten
+Seiten abzugewinnen wissen und ihre eigenen Tugenden in andere so lange
+hineinlegen, bis sie eines Schlechteren belehrt werden. Und in der
+Nacheiferung solcher Charaktere ist es mir gelungen, in Elias das Muster
+eines vortrefflichen Tieres zu erblicken. Ich möchte bei der Aufzählung
+seiner Vorzüge nicht in Dingen seiner äußeren Erscheinung steckenbleiben,
+zumal nicht abzusehen ist, ob sich im Laufe der Zeit nicht noch das eine
+oder andere bei ihm verändern wird, aber sicher ist, daß er einen gesunden
+Appetit und einen gesunden Schlaf hat. Er ist außerordentlich vorsichtig
+und begibt sich niemals in Gefahr, auch fällt er keine Fremden an und
+unterdrückt seine Wachsamkeit aufs äußerste, was mir um so willkommener
+ist, als ich oft in aufreibende geistige Arbeit verstrickt bin, bei der
+jedes Gebell mich stören würde. Seine Anhänglichkeit ist so groß, daß er
+sie auf alle Menschen erstreckt, die ihm begegnen, und besonders muß man,
+ohne das Vorurteil einer selbstsüchtigen Hoffnung, den außerordentlichen
+Eigensinn seines Willens rühmen, der die Grundlage des echten Charakters
+ist. Elias läßt sich weder durch Drohungen noch durch Versprechungen dazu
+bringen, die Wünsche anderer, oder die meinen, zu beachten. Er verunreinigt
+weder den Garten noch die Straße und nimmt uns auch, was seine Fütterung
+betrifft, jede Mühe ab, die durch Herzutragen von Nahrung entsteht.
+
+Leider ist es mir bisher nicht gelungen, zwischen ihm und Panja ein
+erträgliches Verhältnis herzustellen. Wahrscheinlich läßt Panja sich als
+Orientale in seinen herkömmlichen Begriffen vom Wesen des Hundes gehen,
+sicher ist, daß ihm jedes tiefere Verständnis für Rasse abgeht.
+
+»Sahib, was ziehst du für ein Schwein ins Haus?« rief er, als ich damals
+den eben erworbenen Elias heimbrachte.
+
+»Er ist bestaubt, und die Schnur hat sich am Hals zugezogen,« sagte ich,
+»warte, bis er gewaschen ist.«
+
+»Willst du ihn waschen?« fragte Panja und verschlang abwechselnd mich und
+Elias mit übergroßen Augen.
+
+»Es ist ein vorzüglich veranlagtes Tier, das uns gute Dienste leisten
+wird«, versicherte ich etwas enttäuscht von dem Empfang, den uns Panja
+bereitete, und mit einem nachdenklichen Blick auf Elias, der die
+Türschwelle bekämpfte und in seinem hilflosen Eifer einen entzückenden
+Anblick unschuldiger Tatkraft bot.
+
+Wenn nicht alle Samenkörner, die ich in Elias' junge Seele legte, zu
+gedeihlicher Entfaltung erblüht sind, so ist sicher Panja schuld daran, der
+seine herabwürdigende Meinung über dieses Tier niemals bekämpft hat. Nach
+meiner Überzeugung verdankt alle pädagogische Einwirkung auf ein
+unerwachtes Gemüt ihren Erfolg der gemeinsamen Mühe aller Hausgenossen.
+Solange Elias keinen Rückhalt an Panja hat, und Panja Elias zur Quelle
+allen Übels macht, werde ich kaum an einem von ihnen die volle Freude
+erleben, die ich mir versprochen habe.
+
+ * * * * *
+
+Der Abend überraschte uns nach diesem ersten Tag in Cannanore. Panja
+stöberte in den Kisten umher, um Kerzen zu finden, und warf alles
+durcheinander, um Ordnung zu schaffen. Die Moskitoschleier für mein Lager
+befanden sich in der größten Kiste zu unterst, da Panja sie bei unserm
+Aufbruch naturgemäß zuerst abgenommen und damit auch am tiefsten vergraben
+hatte.
+
+Ich saß noch lange, nachdem Panja schlief, auf der Veranda meines neuen
+Hauses und wartete auf den Mond und auf die Kühle. Aus den unbeweglichen
+Vorhängen der Bäume, Büsche und Pflanzen des Gartens zog ein schwüler Hauch
+voll betäubender Gerüche, alles blühte, und eine leidenschaftliche
+Lebensfülle drängte sich auf mich ein, um den Weg in mein Blut zu finden.
+Überall entzündete der gewaltige, stille Drang zu überschwenglichem Keimen
+die von den Grillen schallende Luft, die so ruhig war, daß die Flamme
+meiner Kerze nur wie in der Bedrängnis der übersättigten Luft zitterte,
+ohne zu flackern. Aus den Palmwaldungen, irgendwoher aus der Ferne hinter
+dem Garten, klangen die Blasinstrumente der Hindus aus einem Tempelhof,
+untermischt mit einförmigem blechernem Klirren. Man merkte dem begleitenden
+Gesang die zunehmende Trunkenheit der priesterlichen Sänger an.
+
+Wenn ich die Augen schloß, überwältigte mich bei dieser Musik ein Bild aus
+meiner frühesten Kindheit. Ich erinnerte mich, daß ich einmal durch ein
+seltsames Klingen, dem ich nichts von allem Bekannten zu vergleichen
+vermochte, aus dem elterlichen Garten auf die Landstraße gelockt wurde. Es
+schallte fernher, von dort, wo die Chaussee-Linden, die sich beim Dorf
+einander zu nähern schienen, alles in geheimnisvolle Schatten hüllten, und
+ich lief hinaus in die Sonne, die Gartentür blieb hinter mir offen, und ich
+vergaß das Verbot meiner Mutter. Vor einem Bauernhof fand ich im Kranz
+einer hellhaarigen Schar von Dorfkindern zwei große, traurige Männer unter
+einem Baum stehen, mit schwarzen Bärten und in langen Mänteln. Sie bliesen
+diese schreiende Musik auf grauen Säcken und überwältigten mein Herz zum
+ersten und größten Ereignis meiner Kindheit. Ich weiß deutlich, daß ich wie
+in einem Taumel des Bluts Halt suchte, um nicht zur Erde zu sinken. Heute
+begreife ich, daß seit jener Stunde die Ahnung einer schmerzlichen
+Ruhlosigkeit in meiner Seele wach geworden ist, und daß der erste Blick
+meines Geschicks mich segnete. Immer noch gehen die Wünsche meiner Seele
+dieser tierhaften Klage voll ungestümer Lustbegier wie im Banne einer
+Erlöserhoffnung nach. Sie tauschen mir das Nahe und Vertraute gegen das
+Fremde und Ungewisse ein, das Haus gegen die Straße und die Heimat gegen
+die Welt. --
+
+Als ich die Augen öffnete, saß ein großer brauner Nachtfalter auf dem
+kupfernen Griff des Leuchters und sah bestürzt und hilflos in das unfaßbare
+Licht. Nach einer Weile begann er langsam die Flügel zu heben und zu
+senken, und seine Augen voller Angst und unbeweglicher Schwärze füllten
+sich mit dem Lichtwesen des heiligen Feuers. Die Luft trug seine starken
+Flügel leicht, diese Luft, die so schwer in meine Brust einzog und so
+ermüdend auf ihr lastete. Ich bemerkte erst jetzt, daß die Veranda sich
+bevölkert hatte, und daß ein beflügeltes Geschlecht nächtlicher Vagabunden
+bei mir zu Gast gekommen war. Alles drang auf geheimnisvolle Art aus dieser
+grünen Mauer hervor, die mich und mein Haus einschloß. Der Mond mußte
+hinter ihr aufgegangen sein, denn ich unterschied in der warmen
+Pflanzenwand nun hellere und dunklere Flecke, die Ornamente der
+Palmenfächer und die gewaltigen Formen der Bananenblätter, die wie die
+Keulen schlafender Riesen emporragten, oder gebrochen, wie zerrissene Häute
+niederhingen. Den Himmel konnte ich nicht sehen. Da löschte ich mein Licht
+aus, und eine matte, magische Dämmerung erhob sich lautlos um mich her, als
+sei die Welt durch ein grünes Glasmeer vom Licht getrennt. --
+
+ * * * * *
+
+Von allem, was dem Menschen gegeben ist, sind seine Gedanken das
+Herrlichste. Und die Nachtgeborenen, die auf ihrer Reise über die Erde das
+unvergängliche Licht erstreben, werden in der Nacht am lebendigsten, als
+erwachten sie im Dunkeln, wie in heimlicher Angst, zu verdoppelter
+Tatkraft. Ihnen ist nichts verschlossen, der Weg in die Zukunft ist ihnen
+so frei, wie der in die Vergangenheit, und sie dringen in die Geheimnisse
+der versunkenen Geschlechter ein, in die Kelche der Blumen und in den
+Schlafraum der Geliebten. Die kleinen Dinge des Alltags, mit denen sie sich
+beschäftigen, nehmen ihnen die Schwungkraft nicht, das Wesen Gottes zu
+ermessen. Ihr Triumph liegt im Grenzenlosen, und ihr unbewußtes Ziel ist
+die Ewigkeit. Je stärker sie sind, um so mehr streben sie die Ordnung an,
+die Schwester der Erkenntnis, und es ist ihre irdische Arbeit, die
+Zusammenhänge zwischen den versunkenen und den gegenwärtigen Geistern zu
+finden.
+
+Während ich so meinen Besinnungen freie Fahrt ließ, hörte ich merkwürdige
+Geräusche aus dem Hause dringen, bald war es ein Scharren oder Pochen, bald
+rieselte es von den Wänden, oder knisterte im Gebälk. Manchmal unterschied
+ich Tierstimmen, seltsam klagende Laute des Kampfes oder der Liebe. Es war
+schwer zu unterscheiden, ob die Laute von außen oder von innen zu mir
+drangen, aber ich entzündete nach kurzer Zeit mein Licht aufs neue, um den
+Ungewißheiten der nächtlichen Dämmerung zu entgehen. Als ich aufbrach, um
+mich zur Ruhe zu begeben, war der Mond voll aufgegangen; es lockte mich,
+den beschienenen Garten zu betreten, aber die damit verbundenen Gefahren
+waren auf einem fremden und seit langem von Menschen verlassenen Gebiete zu
+groß.
+
+Im Hausgang schlief Panja auf seiner Kokosmatte am Boden, und sein
+Schnarchen beruhigte mich als der einzige vertraute Laut in dieser
+Abgeschiedenheit. Im Hintergrund flüchtete ein niedriger Schatten lautlos
+in eine der geöffneten Türen der Gartenzimmer. Ich erwog es, ihm
+nachzugehen, unterließ es aber. Elias lag auf meinem Bett, als ich eintrat.
+
+Die Holzstäbe an den Fenstern waren morsch und teilweise zerbrochen,
+Scheiben waren nicht mehr vorhanden. Auch hier verhüllte die
+undurchdringliche Pflanzenwand den Ausblick ins Freie und den Zuzug
+frischerer Luft. Der Blütenduft im Raum war berauschend, bald giftig, bald
+süß, die Düfte erschienen mir schwer und greifbar, während der Gesang der
+Grillen betäubend im Mondlicht zunahm.
+
+Ich untersuchte meine Schußwaffe, obgleich ich wußte, daß sie in Ordnung
+war, und rückte mein Lager weit vom Fenster ab. Es stand mir schwer bevor,
+Elias wecken zu müssen, denn es war mir bekannt, daß ihn jede Störung aufs
+tiefste verletzte, und für diese unsichere Nacht wollte ich meinen einzigen
+Gefährten ungern verstimmen. Aber er knurrte nur unwillig und schlief am
+Boden weiter, ohne recht erwacht zu sein. Da ich gezwungen war, das Licht
+bald zu löschen, weil seine Anziehungskraft auf die Insektenwelt zu groß
+ist, lag ich bald unter den Gazevorhängen im grünlichen Dämmerlicht und
+versuchte einzuschlafen.
+
+Draußen wurde es von Viertelstunde zu Viertelstunde lauter und
+leidenschaftlicher; die Lebendigkeit des fremden Getiers teilte sich meinem
+Blut in aufreizender Art mit, und ich fühlte den Augenblick herannahen, in
+welchem man die letzte Hoffnung auf Schlaf fahren läßt. Meine Gedanken
+beschäftigten sich mit den vielerlei Veränderungen und Einrichtungen, die
+für einen dauernden Aufenthalt in diesem Hause notwendig waren. Solche
+Erwägungen verstimmten mich, wie leicht gleichgültige Dinge es tun, die mit
+einem Augenblickszwang an Stelle guter und harmonischer Besinnungen treten.
+Aber allmählich umfaßten meine Gedanken die Gegenstände nicht mehr, mit
+denen sie sich abgaben, die Umrisse verwischten sich, ich hatte unter den
+geschlossenen Lidern noch den unbestimmten Eindruck, als ob es im Zimmer
+heller geworden sei, und das Grillengeschrei verschwamm zu einem schwülen,
+drückenden Luftmeer, in dem ich leblos dahintrieb. Ich versank in Schlaf
+wie in einen Opiumrausch.
+
+Ein weiches Gedräng an meiner Seite ließ mich auffahren, erstarrt blieb ich
+in der Haltung liegen, in die mich mein Erwachen gestürzt hatte, bis ich
+Elias erkannte, der sich mitsamt dem Moskitoschleier unter meine Decke
+verkrochen hatte. Wäre nicht ein schrecklicher Lärm im Zimmer stärker als
+mein Zorn gewesen, so hätte ich sicher meinem unschuldigen Hunde eine ganz
+neue Art des Luftsprungs beigebracht, aber mein Instinkt sagte mir rasch,
+daß das äußerste Entsetzen Elias zu seinem Vorgehen veranlaßt hatte, er
+zitterte heftig, und sein Winseln glich den Lauten der Todesangst. So ließ
+ich ihn gewähren, drückte ihn an mich und forschte nach der Ursache des
+eigentümlichen Lärms, der meinen Schlafraum füllte.
+
+Es war fast hell im Zimmer, da der Mond nun so hoch am Himmel stand, daß
+seine Strahlen durch die Palmenwipfel den Weg ins Haus fanden, aber die
+Lichtflecke am Boden und die blassen Streifen in der Luft verwirrten mein
+Auge anfänglich, bis ich erkannte, daß der Fußboden von einer erregten
+Schar großer Ratten wimmelte, die sich wie zu einem Angriff an der einen
+Seite des Raums gesammelt hatten. Ihnen gegenüber kauerte in der Ecke eine
+Katzenfamilie, kleinere, langhaarige Tiere mit ihren Jungen, und zwischen
+den beiden Parteien lagen getötete Ratten, einige verwundete schleiften
+sich mühsam unter kläglichem Piepen voran, einen Blutstreifen hinter sich
+zurücklassend. Es war deutlich erkennbar, daß die Katzen -- ich zählte
+derer ohne die Jungen etwa vier oder fünf -- sich im Zustande höchster
+Angst und äußerster Bedrängtheit befanden. Sie kämpften einen
+Verzweiflungskampf gegen die Übermacht der Ratten. Ihr drohendes Fauchen
+und Miauen hatte etwas, selbst überlegene Gegner, außerordentlich
+Einschüchterndes, und ihre Gebärden erinnerten mich an die eines gereizten
+Panthers. Es schien eine alte Feindschaft zu sein, die seit langem im
+Bereich dieses Hauses herrschte, und die in dieser Nacht vielleicht zum
+soundsovielten Male blutig ausbrach. Es mag einmal anders gewesen sein,
+vielleicht herrschte vorzeiten das Geschlecht der Katzen ohne Einschränkung
+und als tyrannischer Unterdrücker der Ratten, bis diese zu jener
+Überlegenheit gelangt waren, die mir jetzt über jeden Zweifel erhaben
+schien.
+
+Die Ratten rückten langsam und mit widerwärtigen Lauten des Zorns und der
+Blutgier heran. Das magische Licht und der fast leere Raum, dessen Ecken in
+Dämmerung gehüllt waren, verschob meinen Sinnen auf eigenartige Weise die
+Verhältnisse von Größe und Weite, es kam mir vor, als rückten dunkle
+Ungeheuer zum Kampfe gegeneinander heran, ich selber war kleiner als sie,
+auf einem weit entfernten Berg.
+
+Als die erste Katze, wie es mir erschien, ein alter und erfahrener Kater,
+zur Verteidigung mit einem langen, flachen Satz vorsprang, erschreckte und
+begeisterte mich die Wildheit seiner Bewegung. Der Kater verließ sich im
+Kampfe weniger auf sein Gebiß, als vielmehr auf seine Pranken, die mit
+zäher Geschmeidigkeit und tödlicher Sicherheit dreinhieben. Die Ratten
+stoben anfangs auseinander, als er mitten unter sie sprang, nur eine, die
+von seiner Tatze getroffen worden war, wand sich schreiend neben ihm am
+Boden, ohne daß er sie vollends tötete, oder auch nur noch beachtete. Seine
+glühenden Augen, dicht über dem Boden, waren auf die aufs neue
+heranrückenden Gegner gerichtet. Sie kamen langsam und mit häßlichem
+Kreischen näher, aus welchem sowohl Todesangst als auch äußerste Kampfeswut
+klangen, aber ein erneuter Sprung des Katers mitten unter sie hatte nicht
+mehr die gleiche Wirkung, wie der erste. Die diesmal getroffene Ratte hatte
+sich offenbar an seiner Lippe festgebissen, jedenfalls schlug das Tier, von
+seinen Schmerzen wie von Sinnen, mit ungeheurer Wut planlos um sich, sprang
+hoch empor und wälzte sich am Boden, während immer die eine Ratte, schon
+fast zerfleischt und in Strömen blutend, an seinem Maule festgebissen hing
+und hin und her geschlenkert wurde, hinauf und hinab. Und während ich, von
+Grauen fast atemlos, sah, daß die unheimlichen schattenhaften Gefährten der
+geopferten ersten sich von allen Seiten in der kämpfenden Katze
+festbissen, beobachtete ich sogleich, wie hart an der Wand eine andere
+Rattenschar gegen die in der Ecke zusammengedrängten Katzen vorrückte. Sie
+glitten, eng aneinandergedrängt, wie ein langsamer Schatten dahin, und das
+furchtbare Geschrei des sterbenden Katers mitten im Zimmer begleitete ihren
+gespenstigen Zug wie eine greuliche, herausfordernde Kampfesmusik.
+
+Plötzlich, wie auf einen heimlichen Zuruf hin, stürzte der herannahende
+Schatten blitzschnell auf die zusammengekauerten Katzen, und es entspann
+sich ein zweiter, nicht weniger erhitzter Kampf im Dunkel, der mich um so
+mehr entsetzte, als ich keine Einzelheiten zu erkennen vermochte.
+
+Ein winziges, junges Kätzchen von zärtlichster Anmut flüchtete betroffen,
+und scheinbar die Gefahr kaum ahnend, mit zierlichen Sätzen ins Licht. Zwei
+rasche Schatten folgten ihm, man sah keine Bewegungen an ihnen als einzig
+die des Dahingleitens, und in wenig Augenblicken war das Tierchen zerfetzt.
+Auf den kurzen, jammervollen Angstschrei arbeitete sich die Mutter mit
+verzweifelten Anstrengungen zur Hilfe heran, und zu meinem Entsetzen sah
+ich die schauerlichen Nachtgesellen in ihren Leib verbissen, und sie
+schleppte, vor Schmerzen heulend, wie ich niemals eine Katze habe klagen
+hören, ihre blutdürstigen Mörder mit sich, ohne ihrem Kinde Hilfe bringen
+zu können.
+
+Wäre dieser Kampf nicht gleich darauf auf eine entscheidende Art
+unterbrochen worden, so hätte ich sicher eingegriffen, um ihn endlich zu
+beenden. Ich habe mich später oft gefragt, was mich daran gehindert haben
+mochte, es gleich zu tun. Dem Menschengemüt haftet ein sonderbarer Hang an,
+kämpfenden Tieren zuzuschauen, und der wollüstige Genuß an solch erregenden
+Schauspielen ist nicht nur verwerflicher Art, sondern er muß auch eine
+Achtung vor den selbsttätigen Bewegungen der Natur zur Grundlage haben und
+ein heimliches Bewußtsein für die Wahrheit, daß der Mensch ihrem Walten
+weder etwas nehmen noch hinzufügen kann. Ich entsinne mich, daß ich schon
+als Kind einem Hahnenkampf mit Freude und Genugtuung zuschaute, und daß ich
+sein Ende mit dem erhebenden Gefühl einer Bewunderung und ohne Beschämung
+erwartete. So habe ich als Knabe auch nur schwer begreifen können, daß die
+Menschen Hunde zu trennen suchten, die in eine Beißerei geraten waren, und
+obgleich einem reizenden Affenpinscher, den ich mein eigen nannte und dem
+ich aufrichtig zugetan war, von einem Wolfshund die Kehle durchbissen
+wurde, weiß ich doch gut, daß ich trotz meines Schmerzes dem bösen Sieger
+mit einer Ergriffenheit nachschaute, die geradezu an Anbetung grenzte und
+die mit heftigem Neid auf seinen Lorbeer gemischt war.
+
+In jenem Augenblick nun, als ich, von Entsetzen und Mitleid gepeinigt, in
+den blutigen Kampf der Tiere einzugreifen beschloß und vorsichtig nach
+meiner Schußwaffe tastete, im voraus mit heimlicher Genugtuung die
+furchtbare Wirkung ermessend, die das Krachen eines Schusses auf dem
+nächtlichen Schlachtfeld hervorrufen würde, erklang aus dem dunklen Winkel
+des Raumes, hinter mir, ein Laut, dessen gebieterische Macht stärker war,
+als der feurige Donner aus dem eisernen Mund meiner Waffe. Es war ein
+leises Zischen, das man auch ein trübes Fauchen hätte nennen können und das
+den seltsamen und etwas lächerlichen Lauten zu vergleichen war, mit denen
+bisweilen Gänse mit gesenktem Kopf gegen einen Gegner vorzugehen pflegen.
+Aber die Wirkung dieser klanglosen und widerlich eindringlichen Stimme war
+alles andere als lächerlich, sie war von einer geradezu grauenhaften Macht.
+Ich fühlte mein Blut in den Adern gerinnen, und die Totenstille, die im
+Raume eingetreten war, erhöhte den Schauer meines Entsetzens zu einer
+todesartigen Erstarrung. Es war so still, daß ich mein gehemmtes Blut in
+den Ohren sausen hörte, bis langsam, ganz langsam mein Herz jenes
+furchtbare, dumpfe Hämmern begann, unter dem der Atem stockt und ein
+schmerzhaftes Gefühl des Erstickens einsetzt. Ich sah die Tiere wie dunkle,
+reglose Flecke am Boden, selbst das Todesgeschrei der Verwundeten
+verstummte für eine Weile, nur eine große Ratte, deren Leib völlig
+aufgerissen war, kreiste in einer Lache ihres Blutes am Boden, in ihr
+Eingeweide verwickelt, mitten im Mond, und ihr heiseres Piepen hatte in
+Gemeinschaft mit ihrem scheußlichen Reigen eine fast komische Wirkung
+unbeteiligten und ahnungslosen Eifers.
+
+ »Die Schlange hat gesprochen, unter den heißen Steinen,
+ ihr tauber Gesang schüttet das Herz in Schnee,
+ aus ihrer Stimme brechen die Augen des Todes
+ wie aus den Berggefilden des ewigen Schnees.«
+
+Ich hatte diese Verse in Maratta von einem Fakir gehört und sie mir später
+geben lassen, wobei ich erfuhr, daß sie alter Herkunft sind und einem viel
+gesungenen Liede der Bergvölker der West-Gates entstammen. Nun dachte ich
+in diesem Augenblick zwar nicht an sie, sondern die Verse schienen an mich
+zu denken, sie bemächtigten sich meiner in dieser schrecklichen Lage, und
+mir geschah aufs neue das ergreifende Wunder jener erhabenen Gelassenheit,
+die, in Augenblicken der Angst, wie eine höhere und unbeteiligte Gewalt
+über uns hereinbrechen kann.
+
+Darüber sah ich eine große Schlange herangleiten, ihr schmaler Kopf war
+wohl eine Handbreit über dem Erdboden erhoben, und als er ins Licht kam,
+sah ich die feine Zunge eifrig spielen. Es erschien mir, als lächelte das
+Tier.
+
+Unter meinen Augen begann nun das grausame Spiel der Schlange, das alle
+Völker auf Erden kennen und rühmen oder verfluchen. Keinem anderen Tiere
+ist die geheimnisvolle Macht dieser Wirkung verliehen, die lautlos,
+unerklärbar, und wie aus einer unterirdischen Welt des Bösen stammend,
+daherkommt. Kraft und Mut, oder gute Waffen und kühner Sinn bringen ihrer
+Herrschaft nur selten Gefahr, denn sie hat neben vielen magischen Mitteln
+jenes furchtbare in ihrer Begleitschaft, das auch den Helden wehrlos macht,
+den Ekel. Aber neben ihm und vielem anderen, das ihr Wesen enthält,
+erstrahlt jener dämonische Abglanz aus ihren Regungen, der uns wie eine
+alte Erinnerung an den beständigen Triumph des Bösen anmutet. So ist ihr
+listiges Schleichen mit Weihe gepaart, ihre Schönheit mit Verstecktheit und
+ihre Macht mit Niedrigkeit. Alle Eigenschaften, welche dem Starken Freimut
+verleihen, verbindet sie, wie in einer heimlichen Genugtuung eigennütziger
+Bosheit, mit Falsch. Die Elemente von Wasser, Erde und Luft scheinen bei
+den Bewegungen dieses Körpers ihre unterscheidende Eigenart einzubüßen,
+denn der Gang der Schlange ist dem keines anderen Lebewesens zu
+vergleichen; in ihm ist das einfältige Rieseln des Wassers mit den
+Beschwörungen der Magier verbunden.
+
+Die Schlange umkreiste eine verwundete Ratte, die noch lebte, fuhr aus
+ihrem verschlafenen Tanz, der alle Wesen bannt, jählings zu und begann das
+erbeutete Tier zu verschlingen. Ihre Sorglosigkeit und die überlegene
+Sicherheit ihres Tuns erregte meine Bewunderung in hohem Maße, es war, als
+wäre sie sich keiner Feindschaft bewußt, die ihr etwas anzuhaben vermöchte.
+Das Zimmer blieb still, nur von der Decke rieselte bisweilen ein feiner
+Staub, und die zackigen Lichtornamente am Boden rückten langsam beiseit.
+Die Erde kreist, dachte ich, mit mir, mit dieser Räuberin, mit den kleinen
+Sterbenden und Toten dieses Raumes und mit allen, von denen ich durch ein
+unendliches Meer getrennt bin. Draußen schnarchte Panja, und Elias war an
+meinem Rücken eingeschlafen. So nahm ich vorsichtig vom Kofferrand eine
+der großen indischen Landzigarren, die braun wie Torf und feucht wie Erde
+sind, zündete sie an und wartete auf den Morgen. Meine Gedanken zogen mit
+den Rauchwolken in die grünliche Dämmerung, und ihr Gegenstand war das
+Leben der Menschen und Tiere auf der merkwürdigen Erde.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel
+
+Cannanore, die Fischer und das Meer
+
+
+Ehe die Morgendämmerung hereinbrach, trieb es mich hinaus, um den stillen
+Kampf der roten Morgensonne mit dem grünlichen Silberlicht des Mondes zu
+sehen. Oft sah ich die einsamen, hohen Palmen am Meer auf der einen Seite
+in rote Glut getaucht, während die andere noch die silbernen Wahrzeichen
+des Mondlichts trug, aus dessen kaltem Leuchten sie langsam im Morgenwind
+zu erwachen schienen. In solcher Licht- und Farbenpracht standen sie gegen
+das bewegte Meer, dessen Stimmen den heraufeilenden Tag begrüßten.
+
+Aber ich sollte diesen Morgen nicht zur Freude des herrlichen Anblicks
+gelangen, denn Panja hatte mit mir zu verhandeln.
+
+»Sahib,« rief er, als ich um Wasser bat, »was ist dies für ein Haus, in
+welches du eingezogen bist!«
+
+Ich begann es zu beschreiben, aber er unterbrach mich mitleidig.
+
+»Ich habe die ganze Nacht kein Auge zugemacht!« rief er, und die
+herausfordernde Traurigkeit seiner Augen grenzte geradezu an Mißachtung.
+
+»Sieh, Panja,« sagte ich so freundlich, als es mir möglich war, »ich
+brauche nun Wasser, bedenke die Sitten meines Landes.«
+
+Da führte mich Panja durch den Garten, ohne noch etwas zu sagen, denn er
+verzweifelte offenbar daran, mich anders als durch Tatsachen von der
+Ungerechtigkeit meiner Forderung zu überzeugen.
+
+Die ganze Frische des indischen Frühlingsmorgens umfing uns. Alle Blüten
+strömten von Tau über, ihre Farben leuchteten im ersten Licht, so daß meine
+Augen das Entzücken dieser Pracht nicht zu fassen vermochten, und der
+Geruch von Nässe, Erde und tausend aufbrechenden Blumen ließ mich taumeln
+vor Glück. Auch über Panja kam dieser Rausch, als risse das irdische
+Lebensheimweh der Blühenden seine Seele, wie auch die meine, mit sich
+empor. Er hob die braune Nase in die Luft, lächelte breit in einfältigem
+Behagen und sah sich nach mir um. Mit allen Sinnen sog er die Frische und
+das Licht ein, und sein dunkler, nackter Körper glänzte von Tau.
+
+Als wir am Ende des Gartens, dicht beim Palmendickicht, an der Zisterne
+anlangten, erblickte ich anfänglich nichts als eine turmartige Wildnis von
+Schlinggewächsen, und erst als Panja die Ranken zerteilte, gewahrte ich die
+zum Wasserspiegel niederführende Treppe, die wie in eine unterirdische
+Höhle hinabging. Die zerbröckelten Steinquadern in der Dämmerung waren von
+seltsamen Moosen übergrünt und fast ganz bedeckt, ein kühler Modergeruch
+kam mir entgegen, und Panja, der den Eifer seiner Entrüstung vergessen zu
+haben schien, warnte mich mit einem geflüsterten Wort und sah fast
+ehrfürchtig drein. Sein braunes Gesicht unter dem weißen Turban schaute aus
+einer Wolke halboffener, roter Blüten hervor, die so groß wie Kinderköpfe
+waren. Ein Falter, wie aus blauem Samt, erhob sich schläfrig aus ihrem
+Ampellicht und zog lautlos davon, in die Pflanzenwildnis hinein.
+
+»Du darfst nicht hinabsteigen,« sagte Panja, »überall hockt der Tod im
+halben Licht, hierhin geht er aus dem Tag der Menschen; tritt zurück. Ich
+habe das Wasser gesehen, es ist grün wie sterbendes Laub und von Pflanzen
+bedeckt, es trägt Blumen, die niemals ein Sonnenstrahl getroffen hat und
+die deshalb giftig sind, wie die Schlange und das Fieber, die bei ihnen
+wohnen.« Dann besann er sich plötzlich, seine kindlichen Augen verloren
+ihren andächtigen Ernst und er sagte mit gerunzelter Stirn:
+
+»Solch ein Haus mietest du! Wie lange willst du hier bleiben? Wir reisen
+nach Bitschapur zurück, ich werde alles in die Koffer stecken.«
+
+Auf dem Rückwege trafen wir Pascha, den Koch, der über die Straße kam und
+auf das Haus zuging. Einen roten Tonkrug mit Wasser auf der Schulter,
+schritt er durch die Sonne, die inzwischen aufgegangen war. Aus dem Hause
+drang Holzfeuergeruch. Pascha grüßte mich mit der freien Hand und schritt
+stumm an mir vorüber. Mir war zumute, als sei er stolz auf sein Land und
+auf seine Pflicht, gönnte mir das erste nicht und täte das zweite um seiner
+selbst willen. In seinen großen, samtartigen Augen, unter den langen
+Wimpern, verbarg sich sein Verlangen nach den Bergen. Seine männliche
+Gestalt entzückte mich, ich empfand plötzlich den Namen, den ich ihm
+zugelegt hatte, als lächerlich und wünschte mir, den seinen zu wissen, nur
+um ihn vor mich hinsagen zu können, diesen fremdartigen Namen seines
+fremden Geschlechts aus den Bergen. Mich ergriff aufs neue jene sonderbare
+Traurigkeit, die mich in Indien nie verlassen hat, und die dem menschlichen
+Herzen, allem Unerforschbaren gegenüber, eigentümlich ist.
+
+Panjas empfindsamer Sinn für alle meine Regungen, die sein Interessengebiet
+berührten, ahnte auf seine Weise, daß Paschas wortlose Tätigkeit mir
+wohlgefiel. Er sagte:
+
+»Diese Hunde aus den Felsspalten haben eine Spürnase für alles Genießbare.
+Er wird aber vergessen, das Wasser zu kochen, und morgen hast du Fieber,
+Sahib. Ich werde also nach dem Rechten sehen.«
+
+Er ging ins Haus, und gleich darauf hörte ich Elias klagen. Die
+Sonnenstrahlen wärmten bereits spürbar, obgleich ihr Licht noch rötlich
+war. Der Garten dampfte, und Vogelstimmen, mit den ersten Lauten der
+ausschwirrenden Insekten gepaart, drangen aus der nebligen Morgenschwüle
+des Dickichts. Ich verließ den gärenden Garten und betrat den rötlichen
+Sandweg, der unter uralten wilden Feigenbäumen breit dahinführte, auf
+Cannanore zu, in freierer Luft. Mein Haus lag etwa in der Mitte zwischen
+der Stadt und dem Meere; um die eine oder das andere zu erreichen, mochte
+etwa eine Viertelstunde Wegs zu gehen sein. So entschloß ich mich, die
+Stadt zu einem kurzen Besuche zu betreten, während Pascha den Tee
+bereitete.
+
+Der breite Weg war fast leer, über Cannanore lag ein bläulicher
+Holzfeuerrauch, der aus den Palmen stieg, die Ortschaft war ganz von ihnen
+verborgen, wie die meisten Städte und Dörfer der fruchtbaren malabarischen
+Küste. Es war so still umher, daß ich das Rauschen des Meeres an den Felsen
+vernahm, und das Sonnenlicht war von unfaßbarer Milde und Wohltat. Ein
+Ochsenwagen knatterte langsam heran, die hohen Räder mahlten leise im Sand,
+und ein Hindu hockte auf der Deichsel, dicht zwischen den Schwänzen der
+prächtigen, geduldigen Tiere, sein Kinn zwischen den mageren Knien. Er
+blinzelte scheu zu mir herüber, ohne einen Gruß zu wagen, die gewaltigen
+Hörner der Ochsen schaukelten gemächlich wohl einen Meter lang über den
+blendend weißen Rücken.
+
+Am zerfallenen Stadttor erhob sich zur Rechten und zur Linken eine einsame
+Palme, jene nach rechts, diese ein wenig nach links geneigt und ihre
+Fächerkronen, über den flachen Dächern der Häuser, zeichneten sich dunkel
+und deutlich gegen den klaren Morgenhimmel ab, die Stämme waren von der
+Sonne bemalt, wie mit roter Farbe. Ich sah durch das Tor in die bereits
+belebte Basarstraße, in der die eiligen nackten oder weiß bekleideten
+Gestalten sich zwischen den niedrigen Häusern bewegten und die Händler ihre
+Straßenläden öffneten und ihre Waren ausbreiteten. Der Wächter am Tore
+erhob sich, um sich tief zu verneigen, wobei er sein Gesicht mit den
+Händen bedeckte. Ich beschritt die Basarstraße und empfand die Stille und
+das Erstaunen, die ich hinter mir zurückließ; nur die Brahminen, die graue
+Schnur auf der nackten Brust, gingen stumm und steil an mir vorüber, ohne
+zu grüßen und ohne sich umzuschauen. Ich erblickte schöne Gestalten und
+stolze Gesichter unter ihnen und las aufs neue aus ihren Zügen die ferne
+Verwandtschaft mit den germanischen Völkern unseres Erdteils, deren Wesen
+die Jahrtausende nicht ausgelöscht haben. Sie haben lange das gewaltige
+Reich beherrscht, bis Mohammed seine Fahnen inmitten ihrer Königsschlösser
+aufpflanzte und ihnen langsam mehr und mehr die furchtbare und
+geheimnisvolle Macht erschütterte, die heute nur noch tief im Lande, in
+düsterer Gewalttat und mystischem Dunkel waltet. Bis auch Mohammeds Zeichen
+und die Pracht seiner Könige erblaßte, als das Gebrüll des britischen Löwen
+sich über dem Meer erhob und das Land erfüllte. Als ich mich nach kurzem
+Gang zum Heimweg wandte, sah ich die Umrisse des englischen Forts gegen das
+Meer. Seine Kanonen sind Tag und Nacht auf das Schloß des Hindukönigs, im
+Herzen der Stadt, gerichtet, um es beim ersten Zeichen einer Revolte in
+Trümmer zu legen. Unter dem stummen eisernen Mund, der unerbittlich und
+unveränderbar unter der zornigen Sonne und dem ruhigen Mond auf die Stadt
+schaut, flackern die letzten, schüchternen Reste der alten Königsmacht von
+Cannanore.
+
+ * * * * *
+
+Es war freilich mancherlei in meinem Hause vorzubereiten, bevor ich es zu
+dauerndem Aufenthalt behalten konnte, und beim Tee sprach ich mit Rameni
+und Panja über die Maßnahmen. Rameni hatte seine offenen Schuhe vor meiner
+Tür stehen lassen und versuchte während unserer Unterhaltung vergeblich ein
+erträgliches Verhältnis zu dem Liegestuhl zu finden, den ich für ihn
+aufgerichtet, und den er aus Höflichkeit angenommen hatte. Endlich stand
+er auf und ordnete sein weißes Gewand, aus dem von den Knien ab seine
+mageren braunen Beine schauten.
+
+»Es soll alles nach deinem Willen geschehen, Sahib«, sagte er so
+liebenswürdig, als sein furchtbares Englisch zuließ. Panja verachtete ihn
+so angestrengt, daß ihm der Schweiß ausbrach.
+
+Es war herrlich auf der Veranda. Der Morgen des indischen Frühlings -- es
+war nach unserer Zeitrechnung Ende Oktober -- ist frisch und erquickend,
+erst nach drei oder vier Stunden wird die Sonne wirklich heiß. Panja wurde
+guter Laune, als Rameni gegangen war.
+
+»Wie das Schwein stinkt«, sagte er freundlich. »Er wird dich überall
+betrügen, Sahib. Wenn deine Reichtümer nicht unermeßlich wären, so würde
+dieser Schurke dein Untergang sein. Zuerst werde ich nun die Ameisen
+vernichten, sie fressen alles, was sie finden. Wenn man Whisky zwischen die
+Steinplatten gießt und zündet ihn an, so ist es um die Tiere geschehen. Gib
+eine Flasche, ich werde beginnen, wenn du ans Meer gehst.«
+
+Ich schlug vor, es mit Petroleum zu versuchen, das man sicher in der Stadt
+auftreiben würde.
+
+Panja schüttelte sich.
+
+»Die armen Tiere«, sagte er.
+
+Nach einer Weile rückte eine Schar alter Weiber mit Besen, Eimern und
+Tuchfetzen heran, deren Anblick zuerst den ahnungslosen Elias und dann auch
+mich vertrieb. Nur Panja hielt dem Ansturm dieser wilden Amazonen stand,
+weil ihm daran gelegen war, seine Autorität in Szene zu setzen.
+
+Das Haus war in wenig Tagen derart instand gesetzt, daß ein beschauliches
+Leben voll reicher Eindrücke für mich hätte beginnen können. Auch Panja
+fand sich bald in unsere neue Lebenslage, und es kamen stille, herrliche
+Frühlingstage, die ich nie vergessen werde. Die beständige Sonne weckte
+mich, und meine durch tiefen Schlaf belebten Sinne empfingen die ferne
+Stimme des Meeres, das mich Tag für Tag in sein glitzerndes Bereich
+hinablockte. Die Fischer wurden meine ersten Freunde in Cannanore, und ich
+hatte mich bald daran gewöhnt, ihre Arbeit mit ihnen zu teilen. Es gelang
+mir, ihr anfängliches Mißtrauen zu zerstreuen, und ich lernte von ihnen,
+wie sie von mir.
+
+Wir saßen in der Abenddämmerung bis tief in die Nacht hinein auf den
+schwarzen Uferfelsen, die in geraden, hohen Blöcken weit in die Meerflut
+hineindrangen. Oft mußten wir von einem Steinplateau zum andern springen,
+oder über schmale Holzbretter balancieren, um bis an das äußerste Riff zu
+gelangen, von wo aus die Angeln weit in die See geschleudert wurden. Neben
+uns, zur Rechten und zur Linken, wogte still die ungeheure Wassermasse,
+erst in tiefem, klarem Blau, dann färbte sie sich langsam rot und blendete
+den Blick, bis sie endlich tiefschwarz und drohend auf und ab stieg, so daß
+es erscheinen konnte, als tauchte der Fels in einem unbeweglichen dunklen
+Spiegel auf und nieder. Weit hinter uns donnerte die Brandung, und hinter
+ihr ging über den Palmen der rötliche Mond auf.
+
+Es war in der Hauptsache auf den Fang größerer Fische abgesehen, die
+Angelhaken hatten die Größe eines gekrümmten Kinderfingers und waren mit
+dem Eingeweide erbeuteter Fische umwickelt. Etwa vier bis fünf Meter vom
+Köder entfernt war ein Stückchen leichter Baumborke als Schwimmer an der
+Leine befestigt, und die Angeln wurden über dem Kopf in Kreisform
+geschwenkt, so daß sie bis zu zwanzig Metern weit ins Meer hinaus
+gelangten. Dann hockten die Männer sich nieder und verharrten unbeweglich,
+wie mit dem Fels verwachsen, bis ein leises Rucken am Seil sie vom Erfolg
+ihrer Mühe unterrichtete.
+
+Oft kam das wogende Meer bis hart an unsere nackten Füße, dann wieder sahen
+wir es viele Meter tief unter uns. Selbst in der Nacht erkannten die Leute
+deutlich das Herannahen einer größeren Welle, und ein leiser Zuruf warnte
+mich, damit ich mich am Felsen festhalten möchte. Wenn dann für Augenblicke
+der Steinboden den Blicken entschwand und nichts als das leise brodelnde
+nächtliche Element unter mir kenntlich war, hatte ich anfangs ein dumpfes
+Gefühl der Angst, ja der Todesfurcht zu überwinden, und nur die
+unerschütterliche Gelassenheit meiner Nachbarn sicherte meinen Mut.
+
+Die Männer hielten ihre Leinen niemals fest in den Händen, sondern nur
+leicht zwischen den Fingern, weil es vorkam, daß ein Haifisch anbiß, und
+weil der erste Ruck ihnen hätte verhängnisvoll werden können. In solchem
+Fall, den ich einmal erlebt habe, schreckte ein lauter Zuruf alle empor.
+Ich sah die Leine wie ein Ankerseil in rasender Schnelligkeit ins Meer
+gleiten und wie ihr Ende hastig um einen Felsvorsprung gewickelt wurde. In
+den meisten Fällen war das Gerät dann verloren; zuweilen gelang es aber,
+das Raubtier durch die Felslücken bis auf den Strand zu schleifen, und ich
+erschrak über die Lebenskraft und Wildheit des Gefangenen, der trotz seiner
+Hilflosigkeit einen geradezu einschüchternden Widerspruch gegen seine
+Bändiger an den Tag legte. Man befestigte den Rest der Angelschnur mit
+einem Pflock im Sande, ohne den Haken zu lösen, und ließ das Tier auf dem
+Trockenen sterben, so gut und rasch es konnte. Erst am andern Tage oder
+nach Stunden bemächtigten sich die Frauen alles Verwendbaren von seinem
+glatten Leibe, dessen Fleisch nicht genossen wird.
+
+Gegen Norden zu brachen die dunklen Küstenfelsen jählings ab, und es
+breitete sich, soweit das Auge reichte, die freie Bucht entlang, weißer
+Sand aus. Oft wuchsen Palmen, besonders wenn sie einem kleineren Bach das
+Geleite gaben, bis dicht an den Meeresstrand hinab. Dort sah man, noch nahe
+dem Ort, die bunten Boote der Eingeborenen in Reih und Glied im Sand, und
+weiter hinaus begann eine Stille und Verlassenheit, die wohl dazu angetan
+war, ein empfindsames Herz zu locken.
+
+Dort lag ich oft am Wasser, bohrte mich in den Sand und warf die Lasten
+meiner unnützen Gedanken weit von mir. Es war herrlich, der Stimme des
+Meers zu lauschen, die die ganze Welt zu beherrschen schien, und die endlos
+langen, ebenmäßigen Wogen zu betrachten, welche heranliefen wie sanfte
+Windwellen unter blaßblauer Seide, sich lautlos hoben und sich mit
+jubelndem Erbrausen, in ein weites Lichtband zerbrechend, auf den
+geduldigen Strand warfen. Das ging so lange so fort, wie nur immer die
+Sinne sich in Geduld und Traum hinzugeben vermochten, denn das Meer kennt
+keine Zeit. In seiner Stimme sind weder Hoffnungen noch Verheißungen, keine
+Liebe und kein Drohen, weder Wahrsagungen noch Beschwichtigungen. Das Wesen
+des Meeres hat keine Gemeinschaft mit dem unsrigen, und nichts als ein
+beseligter Unfriede erwacht in uns, wenn wir uns ihm zu nähern trachten,
+nur seine Größe erhebt uns, wie alle großen Formen dem Gemüt eine Ahnung
+künftiger Freiheit vermitteln. Das Meer enthält keine Maßstäbe für unsere
+Rechte oder für unsere Pflichten, wie die Erde sie uns bietet, die uns
+trägt und ernährt und deren Schicksal dem unsrigen verwandt ist. Die
+Dichter haben das Meer selten verstanden, sie haben es nur beschrieben,
+aber wer würde durch sie ein Bild von seiner unermeßlichen Gewalt und
+Freiheit bekommen, wenn er das Meer niemals gesehen hätte? Nur in jenem ins
+Mystische hinüber verblühenden Geiste des großen, gottberauschten
+Schwärmers der Apokalypse leuchtet ein wahrsagerisches Licht vom Wesen des
+Meers auf, als er das Tausendjährige Reich in seinen unendlichen Visionen
+erblickt, und vom Meer sagt, es sei nicht mehr. In dieser Erkenntnis liegt
+eine tiefe Ahnung vom Wesen des Meers, das nicht wie die Erde verflucht
+scheint, und keinem Gericht, keiner Wiederkehr und keinem Wandel
+unterstellt ist.
+
+So hat auch das Meer keineswegs eine Verwandtschaft mit der Seele des
+Menschen, wie manche festgestellt haben, die weder das eine noch die andere
+kennen, und die nur deshalb, weil sie in der Seele etwas Bodenloses
+wittern, auf den Gedanken gekommen sind, sie wäre vielleicht so tief wie
+der Ozean in der Mitte. Das ist ein leichtfertiger Schluß, der schwer zu
+erweisen ist, die einzige Ähnlichkeit zwischen solchen Seelen und dem Meer
+ist die, daß man oft in beiden herumfischt, ohne etwas zu fangen. --
+
+Einmal fand ich am Strand einige große Meerschildkröten, die auf dem Rücken
+lagen und nach Wasser schnappten. Aus den Spuren nackter Füße, die sie wie
+ein in den Sand eingeprägter Lorbeerkranz umgaben, ließ sich leicht
+entnehmen, daß diese Tiere sich nicht freiwillig in solche Lage begeben
+hatten und daß sich ein menschlicher Zweck mit dieser Grausamkeit verband.
+Und richtig sah ich unter den Bäumen einen braunen Hinduknaben flüchten,
+dessen Respekt vor mir so groß war, daß er eine Palme bis an den Wipfel
+erklomm.
+
+Die Schildkröten waren in dieser Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit
+einem langsamen Tode in der unbarmherzigen Sonne ausgesetzt, der um so
+qualvoller war, als sie nicht wie die Fische rasch sterben, wenn sie ihrem
+Element entrissen worden sind, sondern eine zähe Lebensdauer, auch auf dem
+Trockenen, beweisen. In der Tat war auch der Gesichtsausdruck einzelner von
+ihnen bereits sehr verstimmt, anderen hing der merkwürdig häßliche Kopf
+schon leblos nieder, an dem faltigen Hals, der mir wie ein welker, rissiger
+Schlauch erschien. Ich kehrte mit großer Mühe diejenigen um, die mir noch
+regsam genug für eine Fortsetzung ihres Daseins erschienen, aber sie
+taumelten wie betrunken hin und her und fanden das Wasser erst, als ich
+ihnen den Weg wies. Dort schwammen sie rasch und erregt hinaus und tauchten
+sobald als möglich unter, sichtlich im Zweifel darüber, ob dieser Vorgang
+eine Tatsache war, oder nur eine neue greuliche Vorstellung ihrer
+Fieberphantasien im Sonnentod.
+
+Später erfuhr ich, daß die Tiere von den Eingeborenen in diese Lage
+gebracht werden, damit sie sterben, denn sie können sich nicht aus eigenen
+Kräften wieder umkehren. Auf diese Weise gewinnen die Leute das sehr
+begehrte Schildpatt, ohne einen Eingriff in das Leben der Tiere
+vorzunehmen, was ihnen verboten ist und auch ihrer Überzeugung
+widerspricht. Die Tiere sterben auf diese Art durch den Willen der Gottheit
+und werden so nach Vorstellung der Hindus nicht von Menschen getötet;
+offenbar ersieht man aus der Tatsache, daß die Götter die Schildkröten
+nicht wieder umdrehen, ihren Beschluß, sie zum Nutzen der Menschheit
+sterben zu lassen.
+
+Übrigens hatte ich es mit jener Handwerkerkaste in Cannanore endgültig
+verdorben, denn eben jener Knabe, welcher mir Achtung erwies, hatte von
+seinem hohen Versteck aus meine Maßnahmen wahrgenommen und er nahm Anlaß,
+diese Neuigkeit in Cannanore zu verbreiten.
+
+Es gab am Strand vielerlei Krebse und allerhand kleines Meergesindel, mit
+dem ich mich einließ, auch Ratten kamen bisweilen die Bäche herab und
+erkundeten, ob das Meer Tote angeschwemmt oder ausgewühlt hatte. Eine
+bestimmte Kaste in Malabar begräbt ihre Pesttoten am Meer im Sand; zwar
+werden meist die Sandbänke und Inseln gewählt, aber häufig findet man auch
+die Spuren der Gräber an der Küste.
+
+Einmal machte ich die Bekanntschaft einer größeren Fliege, die nur einen
+Flügel hatte und den Rest ihres Lebens am Gestade zu verbringen schien. Ich
+beobachtete sie, während ich am Strand lag und rauchte. Sie suchte sich die
+Steine aus, die besonders rund, blank und heiß waren, und es schien, als
+bevorzugte sie die weißen. Wenn sie eine Weile auf einem solchen gesessen
+hatte, faßte sie einen anderen ins Auge und versuchte ihn mit einem
+sprungartigen Flug zu erreichen, aber sie landete jedesmal auf irgendeinem
+dritten, weil sich leider das Fehlen ihres einen Flügels beim Einhalten der
+Richtung bemerkbar machte.
+
+Jedesmal schaute sie anfänglich etwas verdutzt um sich, ergab sich aber
+dann ihrem merkwürdigen Schicksal, immer anderswo landen zu müssen, als sie
+gewollt hatte. Mit einem etwas bekümmerten, aber keineswegs gereizten
+Ausdruck orientierte sie sich über die ihr bestimmte Umgebung, schließlich
+schien die Sonne auch hier, und sie blieb sitzen, im heißen Licht, vor dem
+glitzernden Wasser.
+
+Ich faßte eine gewisse Neigung zu dieser flüchtigen Freundin meiner
+einsamen Stunden am Meeresstrand. So sehr viel besser ging es schließlich
+im Leben auch mir nicht, und im Grunde kam es uns beiden auf die Sonne an.
+Ich erzählte ihr, wie ich es mit dem Dasein hielt, aber da sie nicht auf
+mich achtete, warf ich mit kleinen Steinen nach ihr, die lustig über die
+runden Brüder ihrer Jahrtausende kollerten und vergnügt klirrten. Die
+meisten dieser Steine waren prächtig abgerundet, ich nahm einen von ihnen
+in die warme Hand und polierte ihn sorgenvoll. »Du bist noch nicht rund
+genug, mein Kleiner«, und ich warf ihn ins Meer zurück, damit ihn die Flut
+noch ein paar weitere tausend Jahre lang abschliffe. Es kam mir auf tausend
+Jahre nicht an, so wenig wie auf einen Tag. Aber vielleicht würde dieser
+Stein mich nicht vergessen, sicherlich war es ihm noch nicht geschehen, daß
+einer dieser vergänglichen Menschlein sich seiner annahm und plötzlich
+einen solchen Eingriff in seine gemächliche Entwicklung machte.
+
+Das Meer trug leichte und liebliche Gedanken in meinen Sinn, törichte und
+sinnvolle, aber niemals schwere. Seine Gaben waren Traum, Vergessen und
+Schlaf, sie stiegen mit der flimmernden, heißen Luft in unbekannte Regionen
+empor, und der flüchtige Seewind trug sie von dannen. Die Menschen meines
+verflossenen Lebens versanken in einem schimmernden All, in welchem ich
+wesenlos, wie sie selbst, dahintrieb, und auch die Liebe wurde zur
+Erinnerung.
+
+Nie aber, daß Langeweile oder Mißmut mich plagten, das Leben war ein
+makelloses Gefäß, angefüllt mit dem klaren alten Wein lieblicher
+Sinnenfreude und heiterer Daseinslust. Ich begriff die Menschen dieses
+Landes und dieser Sonne, die kein anderes Begehren zu bewegen schien, als
+das Dasein auf solche Art als seligen Bestand auszukosten und sich dem
+selbsttätigen Walten von Erstehen und Vergehen, den vergänglichen
+Glücksgütern der Erdenzeit gegenüber wahllos und zufrieden, ohne Bedenken,
+anheimzustellen. Was den Unedlen zu einem Anlaß anteillosen Verkommens
+wurde, das wurde im verwandten Geist den Edlen zu einer tiefen Offenbarung
+tatlosen Versinkens in einer hellseherischen Demut der Selbstbeschränkung.
+
+Zuweilen zollte ich am Strande dem Tode eine kleine Abschlagszahlung auf
+seine künftigen Rechte und schlief ein, aber die Stimme des Meerwassers
+ging mit mir in das dunkle, ruhige Land. Die Monotonie seiner frischen
+Stimme verwandelte sich in meinen Träumen in einen beredten Glanz von
+großer Mannigfaltigkeit, und ich erfuhr Wunder und Sagen vom Gang der Welt,
+die ein ganzes Buch füllen würden, aber etwas an der Weisheit des
+Meerwassers verhinderte mich daran, so törichte Pläne zu fassen. »Ich sage
+es allen,« rief es gleichmütig, »warum willst du es tun? Niemand wird Dinge
+durch Menschen hören, die ihm die Natur nicht vertraut, und ihr, die ihr
+nicht einmal euch selbst versteht, wie wollt ihr mich, das Meer, in seinem
+heiligen Wesen erfassen?« Als ich erwachte, sah ich im Abendglanz auf der
+Silberleiste der Meerflut groß und nah ein schwarzes Boot im roten
+Himmelsschein dahinfahren, das von vier Männern angetrieben wurde, die
+stehend ruderten, und die mir gleichfalls schwarz erschienen, weil das
+Licht hinter ihnen mich gelinde blendete.
+
+Vielleicht fuhren sie ins Weite hinaus, vielleicht kehrten sie heim, ich
+wußte es von ihnen so wenig wie von mir.
+
+ * * * * *
+
+Ein bedauernswertes Ereignis dieser Zeit, das den Wert meines Charakters in
+den Augen der Einwohner Cannanores ernstlich in Frage stellte, ist mir
+lebhaft im Gedächtnis geblieben. Von Jugend auf habe ich den Hang verspürt,
+Schmetterlinge und Käfer zu sammeln, es aber leider auf diesem Gebiet
+niemals zu Erfolgen gebracht, im Gegenteil begleitete mich stets ein
+spürbares Mißgeschick bei solchen Unternehmungen, und es lag nachweislich
+kein Segen darauf. Der prächtige Kasten mit einem Glasdeckel, den meine
+Eltern mir zur Förderung meiner lehrreichen Neigung schenkten, wurde bald
+zu einer Goldgrube billiger Ernährung für eine kleine, lausartige Sorte von
+Parasiten, die über meine gesammelten Insekten herfielen und sie
+verzehrten. Auf den Rat eines erfahrenen Schulfreundes hin erwarb ich das
+prächtige Schutzmittel, das Naphthalin genannt wird, aber die Parasiten
+fielen auch über das Naphthalin her, fraßen es auf und gediehen dabei
+zusehends. So sah ich die Resultate meiner Bemühungen zuschanden werden bis
+auf einen rötlichen Erdfloh, der hoch an einer rostigen Stecknadel hockte
+und kaum größer war, als ihr Knopf.
+
+Es wäre sicherlich besser gewesen, wenn ich mir diese Erfahrungen meiner
+Jugend auch in Indien zunutze gemacht hätte, anderseits aber wird es jedem
+verständlich sein, daß meine alte Leidenschaft bei der außerordentlich
+mannigfaltigen und prächtigen Insektenwelt Indiens aufs neue angeregt
+wurde. Ich schlug Panjas Einwände in den Wind und ließ in Cannanore
+bekanntgeben, daß ich Erwachsenen oder Kindern für jeden Schmetterling oder
+Käfer, die mir in meine Niederlassung gebracht würden, den Preis von einer
+Anna zu zahlen bereit sei.
+
+Am Morgen nach dieser Kundgebung weckte mich in aller Frühe ein seltsames
+Geräusch vor meinem Hause, das ich anfänglich vergeblich zu erkennen
+trachtete, bis ich endlich herausbrachte, daß es ein Volksgemurmel war.
+Erschrocken trat ich ans Fenster und erkannte nun eine auffallend geordnete
+Reihe von Menschen, Kindern, Greisen, Frauen mit Säuglingen auf den Hüften,
+Männern und Jünglingen, auch fehlte es nicht an Bettlern, Straßendirnen und
+Landstreichern. Die Reihe machte gehorsam den Bogen des Gartenwegs mit,
+schlängelte sich durch die offene Pforte und ging dann auf Cannanore zu. Es
+war nicht abzusehen, wie lang sie war; diese Erfahrung blieb mir anfänglich
+erspart, wie es das Leben bei harten Schicksalsschlägen seinen Opfern
+zuweilen dadurch erleichtert, daß es nicht sofort die ganze Fülle des
+Ungemachs offenbart.
+
+Panja sagte nur: »Sahib, die Leute bringen die Tiere.«
+
+Ich muß gestehen, daß ich in große Verwirrung geriet und mich nur mühsam
+fassen konnte, aber es gelang mir doch, weil ich Panja den Triumph nicht
+gönnte, der hinter seinen stillen Augen lauerte, welche schräg und
+erwartungsvoll ohne Unterbrechung auf mir ruhten.
+
+»Hast du kleine Münze genug?« fragte ich ihn fröhlich, während ich mich
+rasch ankleidete. Panja fragte mich ernst, ob ich genug große hätte.
+
+Da nahm ich Elias an mich, setzte den Korkhelm auf und betrat mutig die
+Veranda meines Hauses. Ein beifälliges Murmeln der Erwartung begrüßte mich.
+Recht gelegentlich, als läge mir nur daran, ein paar Schritte in der
+Frische des Gartens zu tun, trat ich bis an die Pforte und schaute die
+Straße nach Cannanore hinab. Die Kette der wartenden Menschen erstreckte
+sich weiter, als meine Augen reichten, fern unter dem Dach der wilden
+Feigenbäume verlief sie im Laubschatten wie ein schwarzer Kohlestrich, auf
+dem roten Latrittweg. Elias zog sich still ins Haus zurück, weil dieser
+Anblick ihm neu war, und auf der Veranda empfingen mich wieder Panjas ruhig
+abwartende Augen; er hatte einen Liegestuhl für mich herausgetragen.
+
+Es blieb mir nichts anderes übrig, als zu beginnen. So sandte ich denn
+Pascha mit einer Handvoll Rupien zum Wechseln in die Stadt, denn ich
+brauchte Panja als Dolmetscher, auch wäre er wahrscheinlich bis zum Abend
+ausgeblieben, um mich dadurch am Erfolg meines Unternehmens zu hindern.
+
+Der erste der zahlreichen Ankömmlinge war ein kleiner dicker Knabe mit
+prachtvollen dunklen Augen und völlig nackt. In der festgeschlossenen
+kleinen Faust, die er mir mutig hinreckte und die von Schmutz starrte,
+entdeckte ich die Staubreste einer kleinen Motte, die völlig zerquetscht
+und aufgeweicht war. Ich verabfolgte eine Anna, um nicht mit einem
+verneinenden Bescheid zu beginnen, und der kleine nackte Jäger entfernte
+sich mit einem glücklichen Satz, ohne daß er wagte, in den Jubel
+auszubrechen, der ihm die Brust weitete. Offenbar hatte er bis zuletzt
+nicht an den Erfolg dieses Geschäftes geglaubt. Panja sah ihm nach und
+sagte boshaft: »Unterwegs wird er sich lausen, und dann schließt er sich
+hinten wieder an.«
+
+Der nächste der Wartenden war ein alter Mann, der in der mageren Hand einen
+grünen Beutel aus einem großen Blatt emporreckte, das er oben zuhielt. Es
+befanden sich weiße Ameisen darin, von denen mein ganzes Haus wimmelte, und
+er war mit der Hoffnung herzugetreten, seine Tiere einzeln honoriert zu
+bekommen. Ich wies ihn ab, da legte er sich aufs Bitten und begann die
+Schicksale seiner Familie zu erzählen, der es in der Tat nicht gut gegangen
+zu sein schien; so gab ich zwei Anna, und er entfernte sich mit einem
+mißgünstigen Blick auf meine Münzen, nachdem er mir zwei Ameisen
+auszuhändigen versucht hatte.
+
+Ich kann nicht alles aufzählen, was mir an diesem Morgen an Gewürm,
+Fliegen, Ungeziefer und Kerbtieren zugetragen worden ist, es gelang mir,
+Indiens Reichtum an diesen Geschöpfen zu ermessen. Eine alte Frau brachte
+ein Kücken, das von Ratten zur Hälfte aufgefressen worden war und keine
+Federn mehr hatte. Sie hoffte, daß ich es meiner Sammlung einverleiben
+würde, weil sie keine rechte Vorstellung von meinen Interessen hatte. Ein
+Mädchen, blühend wie der sonnige Morgen, in welchem sie schüchtern vor mir
+stand, hatte einen wahrhaft schönen Schmetterling von der Größe eines
+Singvogels, orangegelb, mit zartestem Lila an den Rändern, aber er war
+zwischen ihren Fingern zerdrückt, wie ein Trambahnbillett in einem
+Handschuh. Ich betrachtete das Kind und den unschuldigen Glanz seiner
+großen Augen, die mir erschienen wie dunkler Samt in braune Seide gebettet.
+Jahrtausendalte Träume brachen aus ihnen hervor, ruhig und traurig, Mohn
+und Schlaf. Mich überkam ein jäher Wandel meines Empfindens und eine
+Traurigkeit; plötzlich ward ich mir der ganzen Nichtigkeit meines Vorhabens
+in beschämender Klarheit bewußt. Wie hatte ich dem Irrtum verfallen können,
+zu glauben, daß wir den Herrlichkeiten der Natur dadurch auch nur um ein
+Geringes näher kommen, daß wir ihre Erzeugnisse unter Glas und in Kästen
+bergen. Ich empfand mich plötzlich als vielfacher Mörder, und vor mir
+harrte das Heer der blutigen Krieger ihres Lohns. Da gab ich dem Kinde den
+Rest des Geldes, das Pascha mir gebracht hatte, und stand auf, um verkünden
+zu lassen, daß meine Ansprüche befriedigt seien, und daß ich keiner
+weiteren Insekten mehr bedürfte.
+
+
+
+
+Drittes Kapitel
+
+Die Nacht mit Huc, dem Affen
+
+
+Eines Morgens stand auf der Veranda meines Hauses in Cannanore ein brauner
+Hinduknabe, der einen Affen auf der Schulter trug. Wie lange er schon dort
+gestanden hatte, wußte ich nicht, weil die Eingeborenen bescheiden zu
+warten pflegen, bis es dem fremden Herrn gefällt, sie anzureden. Auch wenn
+sie annehmen, längst gesehen worden zu sein, harren sie geduldig fort, oft
+stundenlang, ob es nun auch gefällt, sie zu beachten. Dieser Umstand hat
+mir in der ersten Zeit meines indischen Aufenthalts oft einen nicht
+gelinden Schreck eingebracht, denn auch wenn ein Diener des Hauses ein
+Zimmer betritt, wartet er still in der Nähe des Herrn, bis er angeredet
+wird. Es geschah mir in Bitschapur, wo ich zu Anfang meiner Reise inmitten
+alter zerfallener Königsschlösser mein Lager aufgeschlagen hatte, daß ich
+nächtlicherweile plötzlich am Schreibtisch den Eindruck gewann, es stünde
+jemand hinter mir. Solche Befürchtung ist in der Verlassenheit tiefer Nacht
+um vieles beängstigender, als die Gewißheit eines jähen, unerwarteten
+Zusammentreffens. Ich weiß noch heute genau, daß ich lange nicht wagte,
+mich umzuschauen, und als ich es endlich langsam, Zoll um Zoll, tat und
+plötzlich den Umriß einer braunen Gestalt, dunkel in dunkel, hinter mir
+gewahrte, emporfuhr, als sei es der Böse selber, der mich heimsuchte. Der
+Bote hatte, in der festen Annahme, daß ich längst von seiner Gegenwart
+Notiz genommen hatte, bescheiden und geduldig auf meine Anrede gewartet. Da
+die Hindus den Tritt nackter Füße, selbst auf einer Kokosmatte, deutlich
+hören, begreifen sie nicht ohne Schulung, daß unser Ohr an deutlichere
+Beweise einer Annäherung gewöhnt ist. Glücklicherweise erschrak damals der
+nächtliche Ankömmling so heftig über meinen Schreck, daß mich ein Lachen
+befreite und aus meinem Entsetzen riß.
+
+Eine große Zahl Berichterstatter aus dem heutigen Indien behaupten in
+Büchern und Journalen immer wieder, dies Land sei aller Geheimnisse und
+Wunder und aller Mystik längst entkleidet. Wahrscheinlich kennen sie von
+Indien nur die neumodischen Hotels. Ich habe den poetischen Glanz der Veden
+und den Geist Kalidasas überall gefunden und erst im Lande selbst recht
+würdigen und fassen gelernt, und der bedauernden Ernüchterung der modernen
+Propheten habe ich nur den Kummer entgegenzuhalten, daß meine Kräfte nicht
+ausreichen, von den mystischen Herrlichkeiten und dem geheimnisvollen
+Zauber aller Erscheinungen ein rechtes Bild zu geben. Wer allerdings die
+Wunder Indiens in der Kunst der Taschenspieler sucht und enttäuscht ist,
+wenn ihm keine Gelegenheit geboten ist, auf einem frei hängenden Seil
+emporklettern zu können, wird seine Erwartungen nicht erfüllt sehen, aber
+er wird nicht nur in Indien, sondern überall in der Welt enttäuscht sein,
+wo er glaubt, etwas Rechtes erleben zu können, ohne etwas Rechtes zu sein.
+Denn das Mystische ist weder das Dunkle und Unklare, noch das phantastisch
+Bedrohliche unverständlicher oder geheimnisvoller Vorgänge, sondern es
+umschließt, seiner tieferen Bedeutung nach, viel eher die Gewißheit ewiger
+Wahrheiten in ihrem Fortwirken jenseits unserer Erkenntnis.
+
+Jener Knabe nun, den ich vor meinem Hause fand, bot mir seinen Affen zum
+Kauf an, ich erfuhr durch Panja sein Anerbieten und den nützlichen Zweck,
+der sich für jeden Garteninhaber mit dem Besitz eines Affen verbinde. »Er
+holt die Kokosnüsse aus den Palmen«, erklärte mir Panja. Das kleine,
+graubraune Tierchen, das etwa die Größe eines Foxterriers hatte, sah mich
+von seinem erhöhten Sitz ruhig aus seinen alten Zügen an. Es war an einer
+Kette befestigt, deren Ende einen Ring um seine hageren Lenden bildete.
+Der Knabe erklärte sich bereit, seinen Affen vorzuführen, und in der Tat
+zeigte sich das Tier außerordentlich gut unterrichtet. Kaum war er von
+seiner Fessel befreit worden, als er mit großer Geschwindigkeit eine Palme
+erstieg, eine große Nuß abdrehte und sich geduldig wieder festlegen ließ,
+nachdem die Nuß gefallen war, und er, um vieles langsamer, wieder
+niederkletterte. Panja verhandelte mit dem Knaben wegen des Kaufpreises,
+und während ich, ohne zu verstehen, die beiden beobachtete, gewahrte ich,
+daß eine sichtbare Besorgnis das Gesicht des Hinduknaben betrübte. Er
+schien begierig und traurig zugleich. »Er will seinen Affen nur vermieten,«
+erklärte Panja, »das kommt daher, daß er ein Dummkopf ist.«
+
+Mir schienen die Dinge anders zu liegen; ich bemerkte deutlich, daß der
+Knabe heißes Verlangen nach der Kaufsumme trug, die er zu erzielen hoffte,
+daß er sich aber schwer für alle Zeit von seinem Affen zu trennen
+vermochte.
+
+»Biete ihm fünf Rupien als Kaufsumme«, sagte ich.
+
+Panja bot eine. Der Knabe zitterte heftig, denn schon diese kleine Summe,
+die nach unserem Geld noch nicht zwei Mark ausmacht, bedeutete ihm einen
+großen Schatz. Da die Ergriffenheit des Kindes mich deshalb fesselte, weil
+ich deutlich zu fühlen glaubte, daß nicht einzig seine Geldgier ihn
+bewegte, gab ich Panja ein nicht mißzuverstehendes Zeichen, daß ich
+vorübergehend Gehorsam von ihm forderte. Er wußte, daß ich genug
+kanaresisch verstand, um ihn kontrollieren zu können, und sank in eine
+Haltung gottergebener Verzweiflung zusammen, die er stets einnahm, wenn ich
+meinem Untergang entgegenging, ohne seine Hilfsbereitschaft zu beachten.
+»Weshalb willst du den Affen nicht verkaufen?« ließ ich fragen.
+
+»Ich habe sonst kein Eigentum«, antwortete das Kind.
+
+»Aber wenn ich dir eine große Summe gebe, so kannst du leicht neue Affen
+erstehen. Ich biete dir fünf Rupien.«
+
+Panja verschluckte sich bei der Summe und mußte sie noch einmal sagen.
+
+Der Knabe zitterte so heftig, daß ich ihn am liebsten in die Arme
+geschlossen hätte. Er sagte zögernd:
+
+»Es ist kein Affe so gut wie Huc. Aber,« fügte er schnell und mühsam hinzu:
+»für diese große Summe will ich ihn dir geben. Du wirst Huc weder schlagen
+noch töten, und wenn du erlaubst, werde ich zuweilen kommen und durch das
+Gartengitter schauen.«
+
+»Weshalb verkaufst du ihn, wenn du deinen Affen liebst?« fragte ich.
+
+»Soll ich so was wirklich übersetzen?« fragte Panja.
+
+Ich sah ihn an, und er übersetzte meine Worte wie ein Automat.
+
+»Meine Eltern hungern«, sagte das Kind einfach, ohne Klage und ohne
+Anklage. Und im Verlauf des Gespräches erfuhr ich eine merkwürdige
+Geschichte, die mich lebhaft fesselte. Der Vater dieses Knaben war von der
+deutschen Missionsgesellschaft in einer Weberei, die in Cannanore von den
+Missionen unterhalten wird, angestellt gewesen, nachdem er sich zum
+Christentum bekehrt hatte. Da er sich aber im Verlauf seiner Tätigkeit
+wiederholt Diebstähle hatte zuschulden kommen lassen, war er entlassen
+worden. Seine Stammesgenossen, die ihn längst als Abtrünnigen betrachtet
+hatten, wollten nun, bei seiner Wiederkehr in ihr Bereich, nichts mehr von
+ihm wissen, und er war hier wie dort ein Geächteter geworden und in Elend
+geraten. Nun begriff ich wohl, daß man in einer Industrie keine Diebe
+gebrauchen kann, aber der Gedanke, ob im Tempel eine Weberei am Platze sei,
+erfüllte mich nach dieser Erfahrung mit mancherlei Zweifeln. Die Wechsler
+und die Priester werden in keinerlei Gotteshaus zum Segen einander dienlich
+sein, am wenigsten in einem christlichen.
+
+Ich sollte auf diesem Gebiet noch recht unterhaltsame Erfahrungen machen,
+und es stand mir noch bevor, einige dieser Gottesboten kennen zu lernen,
+sowie auch den Geist und Wert ihres Wesens. Panja mußte nun zu seiner
+Bekümmernis mit dem Knaben einen Vertrag abschließen, nach welchem mir das
+Recht auf den Affen Huc für zwei Monate zustand, wogegen ich die Summe von
+fünf Rupien im voraus als Gebühr entrichtete. Dem Besitzer stand es zu,
+seinen Affen zweimal in der Woche zu besuchen und ihn abzuholen, falls ich
+früher als in der ausgemachten Frist Cannanore verließ.
+
+Das Kind eilte glücklich heim, und Panja kündigte mir den Dienst; dies
+hatte aber weiter nichts zu bedeuten, denn er tat es oft. Als ich von
+seiner Abkehr keine Notiz nahm, blieb er stehen und sah mich an.
+
+»Sahib,« begann er, »du wirst in wenigen Wochen ruiniert sein, und was wird
+dann aus mir und meiner alten Mutter, meinen Geschwistern, den Schwestern
+meiner Mutter und den Reisfeldern am Purrha?«
+
+Ich erwiderte höflich:
+
+»Panja, als ich dir vor wenigen Wochen die zehnte Rupie deines Vorschusses
+ausbezahlte, sagtest du mir, deine Mutter sei gestorben, und du brauchtest
+das Geld für ihre Bestattung.«
+
+»Es war meine Großmutter,« sagte Panja, »soll ich dir von ihr erzählen?«
+
+»Deine Großmutter starb bei unserer Ankunft in Bitschapur.«
+
+»Du wirfst alles durcheinander,« sagte Panja traurig, »nur den Vorschuß
+behältst du richtig im Gedächtnis.«
+
+Diesen Tadel meiner Gesinnung zog ich mir deshalb zu, weil Panjas Vorschuß
+doppelt so groß war, als ich gewagt hatte, anzuführen, und ich nahm mir
+ernstlich vor, künftig ehrlicher zu sein.
+
+Als ich gegen Abend vom Meer heimkehrte, nachdem ich am Strand der
+Fischerstadt ein Boot erhandelt hatte, fand ich Huc in meinem Zimmer. Panja
+war nirgends aufzutreiben, und Pascha servierte mir schweigend den Reis am
+Ausgang zur Veranda. Ich sah seinen Bewegungen und dem gelassenen Schaffen
+des Mannes zu. Er nahm die Tonkrüge mit gekochtem Wasser aus ihren
+Bambusschaukeln, in denen sie zur Kühlung geschwenkt werden, trug die
+Speisen und Früchte ernst und sorgfältig herzu, alles in kleinen Gerichten
+und zierlich verwahrt, Früchte des Zimtapfelbaums, Ingwer, geröstete
+Pisangfrüchte und Reis mit Curry und Kokossaft. Ich hatte mich damals
+längst an die indische Kost gewöhnt, die in ihrer großen Mannigfaltigkeit
+wahrhaft kennen zu lernen wenigen vergönnt ist, denn selbst in den
+Hinduhotels bemühen sich die Eingeborenen, den Europäern die Speisen auf
+deren Art zuzubereiten. Wer den Reichtum der indischen Früchte kennen
+gelernt hat und ihre Art seinen Bedürfnissen anzupassen versteht, ist in
+Indien wohl daran und wird diese erfrischende und gesunde Ernährungsart
+jeder anderen vorziehen und niemals vergessen.
+
+Als Pascha die Ananas und die Bananen brachte und die ersten Mangofrüchte,
+die noch nicht in Malabar gereift waren, sah er Huc, den Affen, neben den
+Speisen auf dem Tisch sitzen und erschrak.
+
+»Ich werde ihn hinausbringen«, sagte er.
+
+Aber ich erklärte ihm, daß ich mit Huc sprechen müsse, und er ging still
+hinaus. Anfänglich hatte der Affe nur geringes Zutrauen zu mir gehabt und
+sich in seiner weichlichen Vorsicht immer wieder zurückzuziehen versucht,
+aber bald hatte er herausgebracht, daß ich es gut mit ihm meinte, und in
+seiner scheinbar so nachlässig abwartenden Art betrachtete er mich und nahm
+zögernd mit matter, immer ein wenig hängender Hand, was ich ihm darbot. Er
+hatte großes Mißtrauen gegen die Menschen, der Arme, denn einem gefangenen
+Affen ist in Indien kein gutes Los beschieden, er muß den Haß und die
+Verachtung erleiden, die seinen räuberischen Gefährten gelten. Jeder
+Vorübergehende vergnügt sich eine Weile damit, an dem Gefangenen einen Teil
+seines Zornes auszulassen, den seine Brüder in der Freiheit mit ihrem
+frechen, spöttischen Wesen, in der Sicherheit ihrer Palmenkronen,
+heraufbeschworen haben. Am schlimmsten aber setzen die Kinder ihm zu, deren
+gedankenlose Grausamkeit in keinem Lande schlimmer ist, als in Indien, da
+die Verdorbenheit der Gesinnung und des Blutes schon früh hinzukommt; und
+wieviel gilt in Indien das Leben eines Affen, wo kaum das Leben eines
+Menschen etwas gilt. Der Knabe, der mir Huc gebracht hatte, bildete in
+seiner Stellung zu dem Tier eine Ausnahme.
+
+Die Abendsonne schien noch. Da ich im Garten eine schmale Bresche in das
+Dickicht hatte schlagen lassen, so war nun ein Ausblick auf das Meer
+hinüber möglich, aber ich sah nur die Hochebene, hinter der es atmete,
+spürte seinen kühlenden Hauch und vernahm sein gedämpftes Dröhnen an den
+Felsen. Auf der Höhe der Ebene erblickte ich die Silhouetten zweier Palmen,
+deren eine kerzengerade emporstieg, während die andere sich demütig in
+einem sanften, ebenmäßigen Bogen zur Seite neigte. Fein und schwarz, wie
+mit Kohle gezeichnet, sah ich diese zierlichen Figuren in der Ferne gegen
+das Ampelrot des Abendhimmels, sie erhoben sich in der Melodie des Meeres
+mitten auf jenem Wege in die Freiheit des Himmels, den meine Augen nun
+Abend für Abend nahmen, so lange ich in Cannanore weilte. Lange noch,
+nachdem ich die Stadt verlassen hatte, erschien oft dies Bild unter meinen
+geschlossenen Lidern und mit ihm die verlorenen und versunkenen Gestalten
+meines indischen Lebens, dessen Herrlichkeit kein irdischer Mund wird
+nennen können. Im Getriebe der tobenden Großstädte Europas, mitten im
+Straßengetümmel, in erleuchteten Sälen unter schwatzenden und lachenden
+Menschen, oder in der einsamen Ruhe meines nächtlichen Arbeitsraums
+erscheint mir bisweilen noch dies einfache Bild, und mit ihm ersteht die
+große Melodie des Ozeans und der Ruf des Wassers an den dunklen Felsen. Das
+unstillbare Heimweh nach der Fremde liegt darin beschlossen und ein großer
+Friede.
+
+Die Nacht sank nieder, aber Huc tat deutlich den Wunsch kund, noch in
+meiner Nähe zu verweilen, und ich ließ es zu, da mich ohne Aufhör das
+merkwürdig beklemmende Bewußtsein gefangenhielt, daß wir einander in Rede
+und Antwort noch vieles schuldig seien. Kein Lebewesen der Schöpfung löst
+in so hohem Maße den Hang zur Nachdenklichkeit über sich selbst in uns aus,
+wie der Affe. Während ich langsam ein Glas des schweren indischen Palmweins
+nach dem andern meiner isolierten Seele gönnte, zog der gewohnte Reigen
+meiner Traumgestalten, von Weinlaub bekränzt, an meinen Augen vorüber, und
+langsam verlor mein Herz die Kraft des Alltags, um sie gegen eine bessere
+und höhere Kraft einzutauschen, die keine irdischen Erweise ihrer Gewalt zu
+geben vermag. Während dieser Stunde saß Huc still und nachdenklich vor mir
+und betrachtete mich geduldig. Seine merkwürdig zarten, hellgrauen
+Augenlider, die an dünnen Guttapercha erinnerten, hoben sich nur selten
+über die Hälfte des scheinbar ermüdeten Auges empor, und die dunklen
+Greisenhändchen mit den schwarzen Nägeln führten ein schläfriges und
+gesondertes Leben, von dem seine Gedanken nichts zu wissen schienen.
+
+»Huc,« sagte ich zu ihm, »mein geliehener Affe, der Gang, den das
+menschliche Herz antritt, wenn es sich ohne Gesellschaft den beschwingten
+Führungen des Weins anvertraut, ist überall in der Welt der gleiche, nur
+im Grad voneinander unterschieden, aber in seiner Art wie die Gemeinschaft,
+derer alle teilhaftig werden, die sich unter die Segnungen eines Sakraments
+stellen. Ist es nicht zuerst, als träten die Sorgen des Alltags einen
+stillen Rückzug an, daß unser Gefühl erstaunt und sehr erfreut nach der
+Ursache dieser Flucht forscht? Auf der nun begrünten Walstatt ihres
+quälenden Aufenthalts erhebt sich der freundliche Engel unserer Hoffnung,
+der, ohne unsere Augen zu blenden, in feierlicher Weise das Schönste
+unserer Zukunft zur Gewißheit macht, so daß wir unvermerkt und heimlich am
+Ziel unserer Wünsche angelangt sind. Aber so ist es mit uns, Huc, an diesem
+Ziel wird uns plötzlich traurig zumute, weil es solcher Gestalt Guten, wie
+der Wein sie aus uns macht, nicht wohl tut, ohne Verlangen zu sein, es
+entsteht uns aus dem erreichten Ziel nicht mehr als ein Ausblick auf ein
+neues. Und mit der zugleich schmerzvollen und doch seligen Ahnung, daß es
+immer so bleiben wird, erwacht in unserm Herzen das Heimweh nach einem
+bleibenden Gewinn.«
+
+»Prost«, sagte Huc.
+
+»Du mußt mich jetzt nicht stören«, antwortete ich in jener Bekümmernis, in
+die leicht Leute geraten können, die ihre Gedanken viel wichtiger nehmen,
+als sie sind, und die deshalb glauben, man wollte sie ablenken, wenn man
+ihre Ergriffenheit nicht teilt. »Huc, wir müssen nun sehen, wo dieser Trost
+zu finden ist, und in welcher Gestalt er einhergeht. Er taucht aus dem
+Grund unseres Glases hervor, aus dem Schatten des Kelchs und wird zum
+Bildnis einer Frau auf seinem goldenen Spiegel.
+
+ Alles was wir gern geglaubt
+ strahlt aus seinem Grund,
+ Jesu schmerzgeneigtes Haupt
+ und der Liebsten Mund.«
+
+»Keine Verse, bitte«, sagte Huc.
+
+»Vergib,« antwortete ich, »es kommt zuweilen vor, ohne daß man es
+beabsichtigt, aber ich begreife, daß die Wesen selten sind, die erkennen
+können, daß man die Dinge wahrhaft schön nur in Versen sagen kann. Sieh
+nun, Huc, das Bildnis dieser Frau gleicht dem keines dieser Wesen, die wir
+kennen, die Schönheit und Milde dieses Angesichts ist niemals in der Welt
+zu finden, und darin liegt sein unnennbarer Trost. Aus dem Grund ihrer
+Augen erstrahlen das unvergängliche Leben und der irdische Schlaf, und vom
+Schlaf steigen liebliche Schleier empor, wie der Duft des Jasmins in der
+Sommernacht, und legen sich über unsere Augen, so daß wir in Ruhe
+versinken, als hätten wir uns nichts gewünscht, als diese gnädige Ruhe.«
+
+»Ein Asket bist du also nur,« antwortete Huc, »weil der Weg dorthin mit
+einer Reihe genußreicher Annehmlichkeiten verbunden ist.« Er fuhr sich
+rasch mit der Hand über die schmalen Lippen seines großen Mundes, der wie
+in eine dunkle Halbkugel eingeschnitten war, und ließ dann mit
+hochgezogenen Brauen die Hand wieder sinken, als habe er sie vergessen.
+»Gib einen Schluck her«, fuhr er fort und zog die Schultern hoch, wobei
+sein Kopf vorrückte und mir so groß erschien wie ein Menschenkopf. Er trank
+vorsichtig, leckte sich umständlich die Lippen und atmete so schmerzvoll
+auf, wie nur Menschen aufatmen können.
+
+Es war eine Weile still zwischen uns, die nächtlichen Geräusche der Natur
+drangen gedämpft zu uns herein und das leise, heimliche Sausen der
+reisenden Erde. Da legte Huc die welke Hand auf die Gegend seines Herzens
+und sagte einfach:
+
+»Ich bin schwindsüchtig und werde nicht mehr lange leben, ich will dir von
+den Wäldern erzählen. Viel kann ich nicht sagen, denn die Schönheit der
+Wälder ist so groß, daß die Gedanken und Worte darüber zu Träumen werden,
+je näher sie der Wahrheit kommen. Denke nicht, meine Krankheit betrübte
+mich, nur armselige Wesen leiden an ihrem Leibe, alle Schmerzen des Körpers
+und seine Hinfälligkeit sollte man nur mit einem Lächeln hinnehmen.«
+
+»Ich bin erstaunt über deine Weisheit, Huc«, sagte ich.
+
+»Wie hochmütig du sein mußt, um darüber zu erstaunen«, antwortete Huc ohne
+Eifer. »Ihr Menschen habt verlernt, in den lebendigen Wesen der Schöpfung
+den Schöpfer zu ehren, und ihr überschätzt eure Eigenschaften so sehr, daß
+ihr darüber diejenigen aller anderen Wesen belächelt. Aber wir sind alle
+auf dem gleichen Wege, und wenn wir Sinne hätten die Zeit zu ermessen und
+sie in Vergangenheit und Zukunft zu überschauen vermöchten, würden wir
+ehrfürchtiger sein, bescheidener und frömmer. Gib einen Schluck her.«
+
+Ich reichte ihm das Glas, das er mit beiden Händen nahm und langsam mit
+geschlossenen Augen leerte.
+
+»Alle guten Menschen haben den Hang, den Tieren in ihrem Gehabe und Wesen
+zuzuschauen,« fuhr Huc ruhig fort, »es regt ihre Ahnungen einer zukünftigen
+Vollendung in Rührung und ungewissem Glauben an; andere sind schon viel
+weiter und lernen es, die Eigenarten der Pflanzen zu bewundern, die,
+obgleich sie sich von denen der Tiere unterscheiden, doch nicht weniger
+mannigfaltig sind; wann aber werdet ihr das Leben der Steine beachten? Die
+Menschen haben die Geduld verloren. Ich habe lange unter ihnen leben müssen
+und darunter nicht nur gelitten, wie du meintest, als du mich ausliehst,
+sondern ich habe auch gelernt. Ich habe ihre Häuser und Städte kennen
+gelernt, bin auf Schiffen die Küste entlang gefahren, so daß die Wälder an
+den Ufern mir wie feine blaue Nebelstriche erschienen, sogar eine
+Eisenbahnfahrt habe ich gemacht, so daß ich weiß, worauf ihr stolz seid. In
+der Gesellschaft mit Menschen habe ich mir meine Krankheit zugezogen, denn
+ich habe in Regen und Wind und in der furchtbaren Sonne ohne Schutz auf
+meinem Pfahl zubringen müssen, an den ich mit einer Kette angeschlossen
+war. Du wirst mein letzter Herr sein. Prost!«
+
+Ich holte ein zweites Glas für mich herbei und schenkte uns beiden aufs
+neue ein. Huc saß still mit seinen alten, nachdenklichen Augen dicht vor
+mir auf dem Tisch, so daß unsere Stirnen etwa in gleicher Höhe waren,
+zwischen zwei glänzenden Flaschen im Kerzenlicht. Eine Weile spielte er mit
+dem farbigen Stanniol, zerriß es und roch daran. Als er es endlich aus den
+Händen fallen ließ, als habe er nie Interesse daran bekundet, zweifelte ich
+wieder für einen Augenblick an seiner Bedeutung.
+
+»Du bist doch nur ein Affe«, sagte ich, und raffte mich auf wie aus einem
+Traum.
+
+Huc zog seinen langen Schwanz melancholisch durch die Hand, hielt endlich
+das Ende fest und fragte, das runde Maul mit einem Ruck auf mich zustoßend:
+
+»Wieviel hast du eigentlich schon getrunken?«
+
+Ich entschuldigte mich beschämt; so war also Huc doch im Recht, wie ich
+gleich anfangs angenommen hatte, als er mich von der Schulter seines jungen
+Herrn aus mit seinem unbeirrbaren Ernst und seiner versunkenen
+Überlegenheit angesehen hatte. »Erzähle von den Wäldern«, bat ich.
+
+»Ich meine oft,« begann Huc ruhig, »ich kenne die Wälder erst, seit ich sie
+habe verlassen müssen, weil ich mich von jenem Tage an, Stunde für Stunde,
+bis tief in meine Träume hinein habe mit ihnen befassen müssen, und darüber
+habe ich auch erfahren, daß das Geliebte erst recht unser Eigentum zu
+werden scheint, wenn wir es verloren haben. Alles Kleine ist dahingesunken,
+und mir ist nur ein einziges strahlendes Bild von herrlicher Freiheit im
+Gemüt zurückgeblieben, es ist verwoben mit dem weißen Licht des Mondes
+über dem Blätterdach der Bäume, mit dem Spiel des Sonnenscheins im frischen
+Grün, mit dem Lied der Nachtigall am Wasser und dem Geruch der Blüten,
+deren es so viele gibt, wie unsere Sinne nur immer an Farben und Gestalten
+ersinnen können. Du wirst länger leben als ich, so will ich dir die
+Sehnsucht nach den Wäldern als Erbteil zurücklassen, bewahre sie.«
+
+Ich hob mein Glas, um es als Zeichen der Bestätigung aufs neue zu leeren,
+aber Huc trank nicht mehr mit. Er schmiegte sich an die eine Flasche, die
+nur um weniges kleiner war als er, als könnte ihr buntes Funkeln im
+Kerzenschein ihn wärmen, und sprach eintönig und scheinbar ohne
+Begeisterung weiter, seine Züge lächelten weder, noch verrieten sie Trauer.
+
+»Es war an einem Frühlingsmorgen, als ich in Gefangenschaft geriet, meine
+Heimat liegt weit von hier, in den Dschungeln von Mangalore, der alten
+Priesterstadt am Meer. Ich geriet auf einem Reisfeld in eine Schlinge, die
+von den Menschen gelegt worden war, und ergab mich in mein Geschick, als
+ich merkte, daß das Hanfseil unzerreißbar war, das sich mir um Arm und
+Schultern gelegt hatte. Zwei Knaben schleppten mich in eine armselige
+Hütte, die aus Lehmwänden und Palmblättern zwischen den hängenden Wurzeln
+eines wilden Feigenbaums errichtet worden war. Es roch nach Sandelholz und
+verbranntem Kuhmist und war so dumpf und dunkel, daß ich lange Zeit wenig
+erkannte. Als ich nach der ersten Nacht am Morgen erwachte, sah ich den
+Sonnenschein auf den Bananenblättern vor dem engen Fenster und dachte an
+die Gefährten in der Freiheit, die sich nun, wie einst auch ich, auf den
+Wipfeln der Arekapalmen im Morgenwind schaukelten und den Kranichen
+zuschauten, die auf den Sandinseln im seichten Wasser des Flusses standen
+und fischten. Wenn ich meine Augen schloß, so hörte ich das Wasser
+rauschen und die Stimmen der Schilfpflanzen am Ufer. Ich hörte die Lockrufe
+der Wildtauben aus den dichten Lauben des Gehölzes dringen und sah den
+Panther durch das Ried schleichen, um zu trinken. Er bewegte sich zwischen
+den Sonnenspeeren und Schattenstrichen des hohen Schilfs, als spielten
+Sonne und Wind mit Schatten und Licht, und niemand erkennt ihn, wenn ihn
+sein heiseres Keuchen nicht verrät, oder sein dampfender Atem, der von dem
+Blutgeruch seines nächtlichen Raubs schwer ist. Hoch über mir sang der
+Milan seinen hellen Jagdruf im Blauen, nach Beute ausspähend, wie von Gold
+übergossen schwebte er klein und selig in der kühlen Morgenhöhe, über dem
+wilden, grünen Meer des Dschungels. Ich saß Schulter an Schulter mit den
+Gefährten in der rötlichen Frühsonne in der Höhe, atmete die herrliche Luft
+ein und fühlte die schweigsamen Bewegungen der unzähligen Pflanzen unter
+mir, die sich gegen die Sonne emporreckten. Du würdest lernen, das
+leidvolle und süße Geräusch der aufbrechenden Blumen zu hören, wenn du mit
+mir im Urwald gelebt hättest, du könntest den Duft des ersten Aufbrechens
+vom Hauch des Verblühens unterscheiden, und das wollüstige Drängen, das
+sehnsüchtige Keimen, und die Hingabe dieser Geduldigen, in der Lust und Not
+ihres Frühlings Erzitternden.
+
+Aber was ist euch Alltäglichen nicht alles wichtig und wie vielerlei
+Geringfügiges setzt ihr höher an, als die beschauliche Gemeinschaft mit dem
+Leben der großen Natur. Wir Affen gelten bei euch als ein unnützes
+gedankenloses Volk, das nichts Gescheites zustande bringt und seinen Tag
+vertändelt. Aber wieviel wißt ihr vom Glück unseres freien Daseins in der
+Sonne oder im Mondglanz in der weißen, gärenden Nacht, von unserer
+Gemeinschaft mit dem unschuldigen Geschick der tausendfältigen Geschöpfe
+der Natur? Glaubst du, wir gäben nicht für eine einzige Stunde friedvoller
+Gemeinschaft mit den Glücklichen des Waldes den ganzen Tand dahin, um
+dessentwillen ihr euch euren hastigen Tag hindurch so wichtig gebärdet? Die
+Wahrheit, daß wir euer Wesen nicht haben, schließt uns vom irdischen
+Daseinsglück nicht aus, und habt ihr denn in der Zeitlichkeit ein anderes
+Ziel als das Glück? Ihr verlacht uns, wenn ihr uns unsere Freiheit genommen
+habt, und vergeßt, daß wir ohne sie nichts mehr sind. Nur im Glück lernt
+man ein Wesen wahrhaft kennen, denn das Glück ist die Vorbedingung zum
+wohlabgewogenen Selbstbewußtsein, und aus dem Selbstbewußtsein kommt alles
+Große.«
+
+»Was ist denn von euch Affen Großes gekommen?« fragte ich.
+
+Huc zog die Achsel hoch, und sein Gesicht wurde grau und alt, als wären
+Jahrtausende über diese Züge dahingegangen; er bekam etwas von einer
+ägyptischen Mumie und zugleich etwas schwermütig Tierhaftes von
+unbeschreiblich drohendem Ernst.
+
+»So kann nur ein Mensch fragen,« sagte er matt. »Immer noch glaubt ihr, der
+Natur etwas hinzufügen zu können, und meint, etwas erschaffen zu müssen, um
+bestehen zu bleiben. Euer ewiger Bestand hat nichts zu tun mit euren
+Werken, und solange ihr glaubt, euch im Streben Erlösung zu sichern,
+beweist ihr nur, daß ihr nicht wißt, was Erlösung ist. Das Große, das dem
+rechten Selbstbewußtsein entspringt, ist nicht Werk von Menschenhand,
+sondern die Liebe zu allem Erschaffenen der Natur.«
+
+»Was weißt denn du von Gott, du Affe!« sagte ich.
+
+»Es kommt nur darauf an, daß Gott etwas von mir weiß,« antwortete Huc, »und
+er tut es. Unglücklich sind nur diejenigen, derer Gott sich nicht
+erinnert.«
+
+»Das ist wahr, Huc, das ist wahr, ich habe dir unrecht getan, Huc.«
+
+»Nun fängst du gar an, mir zu glauben,« entgegnete der Affe melancholisch,
+»nichts könnte mich mehr an der Wahrheit meiner Worte irre machen.«
+
+Huc hatte nun einmal keine gute Meinung von mir, ich weiß nicht, wodurch
+ich sein Mißfallen erregte, vielleicht dadurch, daß ich zu viel Palmwein
+getrunken hatte.
+
+»Erzähle von den Wäldern,« bat ich, »über Gott soll man nicht streiten,
+kein Weiser streitet über Gott.«
+
+»Das wäre für dich ein Grund, es zu tun«, sagte Huc, öffnete sein Maul ein
+wenig, so daß ich seine Zähne blinken sah, und es erschien mir plötzlich,
+als lauerte eine erschreckende Bosheit hinter seinen Zügen.
+
+Es ergriff mich über dieser Wahrnehmung ein unbeschreiblicher Zorn, dessen
+Ursprung gewiß nicht allein in diesem heimlichen Hohn des Tieres zu suchen
+war, sondern vielmehr in jener an Wut grenzenden Beschämung, in welcher man
+das Gebäude einer falschen Gotterkenntnis unter den einfältigen
+Liebesansprüchen der Natur zusammenbrechen fühlt. In Besinnungslosigkeit
+und Verblendung ergriff ich jählings eine der Flaschen, packte sie am Hals
+und schwenkte sie hoch durch die Luft, um sie mit einem wuchtigen Schlag
+auf Hucs kahlem Schädel zu zerschmettern. Die Scherben stoben in einem
+bunten Regen nach allen Seiten auseinander und ich glaubte einen dunklen
+Schatten davonhuschen zu sehen, als ich die von einem jähen Licht
+geblendeten Augen öffnete.
+
+Da erkannte ich, daß draußen die Morgensonne auf die Blätter schien, und
+daß ich in der Nacht am Tischrand auf meinen Armen eingeschlafen war.
+Bestürzt und benommen sah ich mich um, denn das Klirren des Glases lag mir
+so deutlich im Ohr, daß kein Zweifel darüber herrschen konnte, daß eine
+Flasche zerschlagen war. Da erkannte ich, daß ich im Schlaf ein Glas vom
+Tisch gestoßen hatte, am Boden blinkten die Scherben im Morgenlicht, und
+vom halbgeöffneten Fenster her wehte es kühl herein und brachte das
+Geschrei der Sittiche aus den Mangobäumen mit sich. Ich raffte meine
+erstarrten Glieder mühselig auf, eins nach dem andern, und gähnte über die
+stille dunkle Weinlache hin, die den Tisch zierte, und in der meine Zigarre
+jämmerlich ertrunken war. Immer noch ein wenig betäubt, bückte ich mich
+endlich nieder, um Hucs Leiche aufzulesen, aber ich fand den Affen
+nirgends. Da fiel mein Blick auf das ungeschlossene Fenster, und mit leisem
+Schreck begriff ich Hucs Geschick. Ich trat, nicht ohne einen Anflug von
+Altersschwäche, mit geraden Beinen und etwas krampfhaft geschwenkten Armen
+auf die Veranda hinaus und richtig fand ich Huc auf dem Gipfel einer
+Papeiapalme. Es sah aus, als säße er auf seinen Händen, dabei schaukelte er
+sich seelenvergnügt nach besten Kräften, und auf meinen Zuruf hin schaute
+er nieder, zog den Kopf zwischen die Schultern und zeigte mir fletschend
+die Zähne, als verlachte er mich. Aber bald wurde ich ihm gleichgültig, er
+blinzelte in die rote Morgensonne hinein, ließ den Zweig ausschwanken, wie
+er wollte, legte den kleinen, klugen Menschenkopf in den Nacken und schloß
+vor Lebensseligkeit die Augen.
+
+Als ich ins Zimmer zurückging, stand Panja in der geöffneten Tür, die Hände
+auf dem Rücken, morgenfrisch und ausgeschlafen stand er da, den sauberen
+Turban auf dem kohlschwarzen Strähnenhaar, und seine Augen wanderten mit
+unaussprechlichem Ausdruck von der umgestoßenen Weinflasche bald zu den
+Scherben am Boden, bald über meine arme Gestalt hin, die in der Tat der
+Frische und Schwungkraft entbehrte.
+
+»Sahib...«, sagte er und stemmte die Hände in die Hüften.
+
+Ich will den Ausdruck seines Gesichts nicht schildern, es ist eine
+unangenehme Erinnerung für mich. Nun wird er nach dem Affen fragen, dachte
+ich, aber es geschah nicht. Panja war seit dieser Nacht, nach welcher er
+Elias allein in meinem Bett gefunden hatte, davon überzeugt, daß selbst er
+mir nicht zu helfen in der Lage sei. Er sagte nur in einer ganz
+abscheulichen Überlegenheit, die ich ihm nicht vergessen werde:
+
+»Sahib, es ist ein Fischer draußen, der dir sagen läßt, der Ostwind sei
+gekommen, und dein Boot sei für die Meerfahrt bereit.«
+
+
+
+
+Viertes Kapitel
+
+Am Silbergrab des Watarpatnam
+
+
+Es wurde von Tag zu Tag heißer, ich schlief in der Mittagsstunde mit der
+Zigarre in der Hängematte ein, erwachte unfroh und matt, und auch die
+Bücher blieben oft tagelang, immer die gleiche Seite aufweisend, offen auf
+dem Schreibtisch liegen. Mein Entschluß zu reisen, stand fest, ich
+studierte die recht unvollständigen Karten, war aber schon entschlossen,
+den Weg nach Norden durch die Flußniederungen der Küste zu machen, obgleich
+die Ströme noch reich an Wasser waren und das Land teilweise überschwemmt
+hatten. Die Offiziere der englischen Garnison, deren einige ich
+kennengelernt hatte, rieten mir ab, aber sie verstanden meine Absichten
+nicht, und wenn sie des Glaubens waren, daß mir daran gelegen sei, rasch
+und bequem voranzukommen, so hatten sie recht. Immerhin hatte ich in etwa
+vierzehn Tagen alle Vorbereitungen getroffen, der Ochsenwagen war gedungen,
+Proviant für zwei Monate war herbeigeschafft, und eines Morgens brachte mir
+ein Knabe die Nachricht, daß in Tschirakal am Seeufer die Boote auf uns
+warteten.
+
+Der Watarpatnam und der Ponani sind, im Norden und Süden Malabars ins Meer
+einmündend, die größten Ströme des Landes. Der Watarpatnam bildet, wie die
+meisten Flüsse der Westküste, vor seiner Einmündung ein gewaltiges
+Seenbecken, in welchem sich die Meerflut durch einen schmalen Ausfluß mit
+seinen Wassern verbindet. Die einzelnen Flußmündungen dagegen sind unter
+sich, mitsamt ihren Seen durch Kanäle verbunden, die vor der Zeit der
+Kämpfe Tippu Sultans mit den Engländern, dieser ebenso umsichtige wie
+grausame Fürst anlegen ließ, um den Handel zur Zeit der Monsunstürme, die
+die Küste unbefahrbar machen, in den Meerstädten keine Unterbrechung
+erleiden zu lassen. Heute, wo der Hauptküstenhandel durch die Dampfschiffe
+besorgt wird, ist diese herrliche Wasserstraße durch die Seeniederungen und
+den Urwald fast vergessen worden. Die Kanäle sind zum Teil durch die
+Anschwemmungen der Regenzeit versandet, oder das leidenschaftliche Wachstum
+seiner Ufer hat sie völlig eingesponnen.
+
+Panja war in bester Laune, seit ich meinen Entschluß kundgetan hatte, die
+Stadt zu verlassen, denn er liebte Cannanore nicht und wünschte sich, mit
+mir in Gebiete zu kommen, in denen wir allein herrschten. Als er von den
+Wegen hörte, die ich zu machen gesonnen war, kratzte er sich froh und
+nachdenklich im Nacken und sah mich geistesabwesend von der Seite an; heute
+weiß ich, daß er vielleicht manches besser überschaute, was unserer
+wartete, als ich, und daß es ihn heimlich erfreute, mich bald in großer
+Abhängigkeit von sich zu wissen. Er leitete die Vorbereitungen mit viel
+Umsicht, und aus mancher Anschaffung, die er entschlossen und selbständig
+machte, gewann ich langsam einen Einblick in die Schwierigkeiten, die es zu
+überwinden galt. Er vertauschte meine letzten Lederkoffer mit solchen aus
+Eisenblech, und eine Mauer von Blechbüchsen verschwand im Gepäckwagen, er
+riet mir, meine Waffen nicht zur Schau zu tragen, sie aber wohl zu rüsten,
+da die Mohammedaner uns rudern würden.
+
+Ich wußte damals noch nicht, wie weit seine Befürchtungen angebracht waren,
+aber es war mir bekannt, daß vielerlei Gesindel der Hinduwelt nur deshalb
+zum Islam übertritt, um die größeren Freiheiten dieser Lehre zu genießen.
+Die Mohammedaner bilden in den Westprovinzen eine entschlossene und geeinte
+Gesellschaft, von der England größere Gefahr droht, als von den Anhängern
+des Hinduismus, der durch den Kastengeist hundertfältig gespalten und in
+die verschiedensten Interessengebiete zergliedert ist.
+
+Sonst verriet unsere Expedition eher die Friedlichkeit, als die Gefahren
+des Landes, die nicht von den Menschen kommen, und ich erinnerte mich,
+vergleichend, einer anderen Ausfahrt in die Wildnis, die in meiner
+Gegenwart für den Sudan ausgerüstet wurde. Damals starrte das bunte Lager
+von Waffen und Todesbereitschaft, die glänzenden Riesengestalten der Neger
+verbreiteten das heimliche Grauen vor ihren blutdürstigen Brüdern im
+Innenlande, und mit den Schwingen der Aasgeier, die den Ausgangsort der
+Expedition umkreisten, rauschten in der Luft die Fittiche des Todesengels,
+dessen furchtbare Züge die Seuchen Afrikas und den Blutdurst in
+Fieberschwüle ausstrahlten. Viel später, als ich längst nach Europa
+zurückgekehrt war, erfuhr ich, daß von jener Gesellschaft nicht ein
+Einziger in die Heimat zurückgekehrt sei, der letzte Name ist in einem
+Krankenhaus von Genua verklungen, in das ein fiebernder Straßenbettler
+eingeliefert wurde, der, aller Mittel beraubt, und von einer furchtbaren
+Krankheit zerfressen, den Versuch gemacht hatte, seine deutsche Heimat von
+Neapel aus zu Fuß zu erreichen.
+
+Die Gefahren Indiens haben dagegen wenig mit dem Charakter der
+Urbevölkerung zu tun, denn seine Menschen sind friedliebend und ergeben,
+sie töten nicht und sind seit Jahrtausenden gewohnt, beherrscht zu werden.
+Abgesehen von den durch politischen Fanatismus aufgewühlten Leidenschaften
+und ihren von Rachgier, Haß und Herrschsucht entfesselten Unbillen, sind
+die europäischen Reisenden im größten Teil des Landes vor den Eingeborenen
+sicher; gäbe es nicht die Gefahren des Fiebers, der wilden Tiere und der
+Pest, so wäre das heutige Indien für die, welche um ihr Leben besorgt sind,
+weit weniger gefahrvoll, als die Umgebung unserer europäischen Großstädte
+bei Nacht. Indiens Gefahren, seine Einflüsse und geheimnisvollen Mächte
+walten in anderen Regionen des Seins, als dort, wo das Messer oder die
+Büchse über Wohl und Wehe entscheiden. Indien wird kaum jemand gefährlich
+werden, dessen Ansprüche nicht über die Erhaltung seines leiblichen Lebens
+hinausgehen, aber sein dämonischer Geist trifft das Mark der Seele dort
+inmitten, wo ihr Flug die großen Fragen allen Seins und die Höhen des
+Menschenbewußtseins zu erstürmen sucht. Der alte Geist des ewigen
+Gottreichs lähmt mit der unfaßbaren Stille seines himmlischen Triumphs
+allen zornigen Eifer des Kampfes und der Forschung, alle Jugend im Streit
+um die Erkenntnis und die Frische jeder Tat im Geist. Es ist alles gewesen.
+
+ Erkenntnis ist es, welche Opfer zeitigt,
+ Erkenntnis nur vollzieht die heiligen Werke,
+ die Götter auch, im Licht, allein verehren
+ als Brahman, als das älteste, die Erkenntnis.
+ Und wer begreift als Brahman die Erkenntnis,
+ und wer sich nicht mehr ab vom Brahman wendet,
+ streift schon im Leibe alle Übel von sich,
+ und alle Wünsche werden sich erfüllen.
+
+Den Himmelswelten der Upanishad und ihrem Licht ist kein Geistesstrahl
+fremd, der ihr aus der Erkenntniswelt unserer Kulturen entgegenbricht, es
+gibt nur Einkehr in Gehorsam und Stille oder eine ruhlose Umkehr, und
+überall in Indien träumt ihr Friede über all den lebendigen und erstorbenen
+Wesen seines Schaffens und Wandelns. Ein altes Sprichwort sagt, daß, wer
+ohne Geduld nach Indien ginge, sie dort bald lernte, daß aber jeder, der
+mit Geduld gewappnet einzöge, sie dort verlöre. Dieses Wort läßt sich
+leicht, auf äußerliche Dinge angewandt, gleichmütig zu den Anekdoten
+rechnen, aber sein tieferer Sinn trifft auf das alte Geisteswesen der
+Jahrtausende zu, das überall waltet. Auf den Wegen Indiens hockt der Geist
+der Menschheit mit grauen Haaren und jungen Augen, mit einem stillen
+Triumphlächeln in den Zügen, über seine eingeäscherten Völker und über den
+törichten Lichteifer der neuen Geschlechter. Niemand, in dessen Gewissen
+der alte Schuldgedanke der Menschheit brennt, kommt an ihm vorüber, nur die
+leuchtenden Augen der Kinder sind vor seinem Anblick gefeit und die
+erbarmungswürdige Selbstsicherheit der Pharisäer.
+
+Es war zweifellos zum guten Teil mein seltsamer Traum von Huc, dem Affen,
+gewesen, der mich hinaustrieb in die unberührte Natur, die Mutter des
+Glaubens und der Klarheit für alle Aufrichtigen. Wer will ermessen, ob
+unsere Träume unsere Gedanken anzuregen vermögen, wie in einer unschuldigen
+Selbsttätigkeit des Gehirns, die an wunderreiche Offenbarungen erinnert,
+oder ob nur unsere Gedanken unsere Träume zu befruchten vermögen? Damals
+erschien es mir, als läge ein ganz neues Evangelium der Weltanschauung in
+Hucs schlichter Meinung, daß alles Große des Erdendaseins uns allein aus
+unserer Liebe zu allem Erschaffenen der Natur erwachsen könnte. Daneben
+blieb mir der Satz im Sinn: Euer ewiger Bestand hat nichts zu tun mit euren
+Werken, und solange ihr glaubt, euch im Streben Erlösung zu sichern,
+beweist ihr nur, daß ihr nicht wißt, was Erlösung ist.
+
+Solcherlei Gedanken waren es, die mich mit Ruhlosigkeit erfüllten und
+dahintrieben, als gelte es, das Herz des alten Reichs im Rauschen der
+Ströme und Bäume des Landes zu finden, im Himmelsblau über den Wildnissen
+des Dschungels, im Gebaren seiner Geschöpfe, seien es nun Menschen, Tiere
+oder Pflanzen, und in der strahlenden oder gärenden Flut des Sonnenlichts
+über dem jahrtausendalten Wandel und der geduldigen Wiederkehr, die alle
+miteinander in innigstem Verein das Brahman geboren zu haben schienen, als
+höchsten Anspruch und endliche Erfüllung.
+
+So trieben mich die glücklichen Irrtümer meiner Jugend, wie sie Millionen
+vor mir erhöht oder erniedrigt, befreit und gefesselt, gesegnet, verdorben
+oder vernichtet, aber niemals zur vollen Genüge gebracht haben. Aber ihre
+Leiber erbrausen verwandelt als neue Hoffnung und als neuer Glaube in den
+Auferstandenen der Natur, im stürzenden Quell, in schwellenden Früchten
+oder in den Liedern der Singvögel, die in Lichtwellen verwoben, über
+aufbrechende Blüten dahinklingen. Krishnas große Worte vom eigenen Wesen,
+der Glanz der höchsten Gottheit, verführt und leitet uns immer aufs neue zu
+friedlosem Suchen nach Vollendung in uns selbst.
+
+ Ich bin der Weg, der Träger, Fürst und Zeuge,
+ der Freund, die Heimat und die Zufluchtsstätte,
+ Ursprung und Endziel und Bestand der Dinge,
+ bin der Behälter und der ewige Same.
+
+ * * * * *
+
+Die erwachten Hindus standen noch, in der Morgenkühle fröstelnd, in den
+Eingängen ihrer Hütten, als unsere Ochsenwagen Cannanore gegen Norden zu
+verließen. Es war von unaussprechlicher Frische umher, das Leben der
+Menschen hatte noch kaum begonnen, nur die Vogelstimmen begrüßten uns, das
+im Tau funkelnde Morgenlicht, das in unfaßlichem Rot, wie in Farbenflecken,
+im Grün und Braun der Palmen und des Buschwerks und auf der breiten
+Heerstraße lag, die anfänglich sacht emporstieg.
+
+Ich schaute nicht zurück, der rastlose Frohsinn meines erwartungsvollen
+Bluts kämpfte mit der gelinden Traurigkeit des Scheidens, aber ich empfand
+keinen Schmerz, sondern nur die Wehmut derer, die in tausend Hoffnungen
+eine alte Liebe aufgeben, um sie dennoch zu bewahren. Der Postwagen aus den
+Bergen, von Dindumalla, kam uns entgegen, ein schreiender Sturmwind, von
+Trompetengeschmetter begleitet. Vier kleine, abgehetzte Steppenpferdchen,
+die wie in Todesverzweiflung galoppierten, dampften unter der sausenden
+Peitschenschnur ihres Führers, der halb hockend und mit dem Geschrei eines
+geärgerten Affen auf sie einhieb. Ein kleiner, überfüllter Wagen rasselte
+in Sprüngen und Zickzackkurven hinterdrein. Dieser Postwagen hätte keine
+Maus mehr beherbergen können, selbst in den Rahmen der Fenster und auf dem
+gebrechlichen Verdeck hockten die halbnackten Gestalten auf Bündeln und
+Kisten und klammerten sich mit einem Geschrei, das zur Hälfte Ergriffenheit
+und Jubel und zur Hälfte Angst war, aneinander fest. Niemand begriff, aus
+welchen Gründen diese furchtbare Hast ihrer aller Leben gefährdete, man
+schob die Wichtigkeit der Sendung auf die geheimnisvolle Weisheit der
+Behörde, deren halbeuropäische Mischlingsvertreter noch in Cannanore
+schliefen. Eine rötliche Wolke hüllte diese Höllenjagd aus Unfrieden und
+Torheit hinter uns ein.
+
+Panja, welcher neben dem Ochsentreiber, der zugleich Besitzer unserer Wagen
+war, über dem Deichselende kauerte, wandte sich nach mir um, schob die
+Bambusvorhänge zur Seite und unterrichtete mich lakonisch über den Vorfall.
+Er sagte nur: »Wilde Schweine«, und ließ die Bambusmatte wieder fallen. Es
+wurde wieder still umher, die Sonne stieg, die Räder knarrten, und aus den
+Niederungen der Reisfelder rief die Häherdrossel ihre drei melodischen
+Flöttöne.
+
+Nach einer Weile bogen wir von der Heerstraße ab, um einen schmaleren Weg
+einzuschlagen, der schlicht und ohne Baumbestände zwischen frisch
+bewässerten Reisfeldern dahinführte. Die kleinen, weißen Rennochsen griffen
+kräftig aus, so daß unser Wagen fast die Geschwindigkeit eines mäßigen
+Pferdetrabs erreichte. Man reist in den Südprovinzen beider Indien bei
+weitem gesicherter und zuverlässiger mit Ochsen, als mit Pferden, da
+erstere die Hitze besser ertragen und anspruchsloser in der Ernährung
+sind.
+
+Mit dem heraufsteigenden Tage zog der Frohsinn der Menschen bei mir ein,
+die sich jung und sorglos auf der Reise befinden. Auf der Reise sind die
+meisten Menschen besser als in den kleinen Bedrückungen ihrer engen
+Häuslichkeit; mit meiner Erinnerung an meine Reisejahre, die fast meine
+ganze Jugend ausfüllten, verbindet sich für mich die Vorstellung, daß ich
+damals ein bei weitem besserer Mensch war, als heute. Das Reisen läutert
+das Gemüt, denn die Fremde macht bescheiden, und durchaus nicht auf die
+Art, wie es nur die Lumpen sein sollen. Die Achtung vor fremdem Wesen, die
+gerade uns Deutschen so gern als Tadel nachgesagt wird, ist nur dann eine
+Untugend, wenn sie sich mit einer Preisgabe des eigenen Wesens verbindet.
+Dieser Respekt aber vor fremdem Geist und Tun und vor der Lebensart anderer
+wird in allen reicheren Herzen die Tadelsucht und die Selbstüberhebung
+dämpfen, die beiden Grundfehler unserer jungen Generation.
+
+Nicht, daß solcherlei Gedanken mich damals beschäftigten, sie kommen erst
+später, sind meistens zwecklos und dienen nur denen, die sie im Grunde
+nicht brauchen. Denn gute Gedanken werden nur von denen recht verstanden,
+deren Wert darin beruht, daß sie ihre eigenen haben. Nein, mich nahm das
+herrliche Bild des klaren Morgens gefangen, das stille Leben auf den
+fruchtbaren Reisäckern, der Takt der Wassermühlen und die schönen Gestalten
+der arbeitenden Männer und Frauen. Langsam verwilderte das Land mehr und
+mehr, nur einmal noch, als unser Wagen, wie aus einer Laube, aus hohen
+Buschbeständen und Laubwald in ein Stückchen freien Landes ausfuhr,
+breitete sich vor meinen Augen ein dunkler Acker aus, der gepflügt, aber
+noch nicht bewässert worden war, und das schräge Sonnenlicht legte die
+aufgeworfene Erde in Schatten und Licht. Ein reicher Glanz der
+Morgenfrische strahlte über dem dampfenden Land, das duftete und von
+Fruchtbarkeit zu gären schien. Zwei schneeweiße Ochsen vor dem Krummholz,
+das unseren Pflug ersetzt, wurden von einem jungen Manne gelenkt, der außer
+seinem schmalen Lendenschurz nur einen leuchtend roten Turban auf den
+schwarzglänzenden, langen Haaren trug. Ein Palmenwald schloß das Bild im
+Hintergrund ab, und darüber strahlte ein unfaßlich blauer und klarer Himmel
+von seliger Weite.
+
+Am Ende des Feldes waren Mädchen an der Wassermühle beschäftigt, sie
+mochten vierzehn oder fünfzehn Jahre alt sein, waren fast völlig nackt, und
+ihr tiefschwarzes Haar, das von Öl glänzte, hing in einem langen, schmalen
+Knoten in den lichtbraunen Nacken nieder. Sie hantierten eifrig, ihre
+jungen Körper bewegten sich in einem noch unverstandenen Glücksbewußtsein
+kindlicher Freiheit und in jener großzügigen Schamhaftigkeit der
+selbstseligen Natur, die unbegrenzten Frohsinn um sich her verbreitet, und
+sangen einstimmig ein monotones Lied von großer Traurigkeit. Der Fall des
+stürzenden Wassers und ihre Stimmen bewirkten, daß sie das Herannahen des
+Wagens nicht sogleich bemerkten; als sie uns aber erblickten, flüchteten
+sie mit einem hellen Aufschrei hinter die trockenen Schilfwände einer
+kleinen Hütte, wobei sie, wie zwei aufgeschreckte Antilopen, über einen
+kleinen Bach sprangen. Aus der Hütte trat gleich darauf eine
+zusammengeschrumpfte Alte, die uns aus ihren welken Zügen anlächelte und
+uns winkte. Dann nahm der Wald uns auf, der dichter und dichter wurde. Die
+Sonnenstrahlen drangen nur noch in spitzen Speeren bis zu uns herab, es
+wurde dämmerig und schwül, die Bambusdickichte und die hängenden,
+buntverwobenen Teppiche der Lianen verhüllten mehr und mehr den Blick in
+die Schatten des Urwalds.
+
+Niemand schien anfänglich über den Verlauf unseres Unternehmens erfreuter
+als Elias. Die erste Tagesstunde hindurch durchmaß er unseren Weg etwa
+zehnmal, die zweite machte er ihn ungefähr fünfmal und selbst in der
+dritten Stunde, in der es schon empfindlich heiß geworden war, lief er
+immer noch munter kreuz und quer, uns alle an Eifer und Ausdauer
+übertreffend. Erst als wir in den Urwald kamen, wurde er nachdenklicher,
+blieb zuweilen betroffen stehn und suchte die Dämmerung unter den Bäumen
+mit seinen Blicken zu durchdringen, wobei er gewöhnlich das eine Vorderbein
+emporhob und die Pfote im rechten Winkel herabhängen ließ. Seine Ohren
+bewegten sich dabei unablässig, zuweilen sah er mich forschend an, wie in
+Unsicherheit darüber, ob diese Umgebung mir ebensowenig geheuer sei, wie
+ihm.
+
+Übrigens hatte Elias sich auf das prächtigste entwickelt, er trug nun die
+Merkmale eines Wolf- und Schäferhundes nicht minder deutlich, wie die eines
+forschen und geschmeidigen Terriers, jener tüchtigen Rasse, die damals die
+Engländer bevorzugten und pflegten. Seine wollige Behaarung erfreute auch
+verwöhnte Kenner durch ihre Fülle und die Mannigfaltigkeit ihrer Färbung,
+während ein großer Ringelschwanz ihn auf das prächtigste zierte. Da er noch
+ein wenig gewachsen war, so verband er mit seiner Anmut eine gewisse
+Bedrohlichkeit der Erscheinung, die er jedoch wegen der Vortrefflichkeit
+seines Charakters in keiner Weise auszubeuten suchte. Zweifellos floß auch
+vom Blut des sehr beliebten Hühnerhundes ein gut Teil in seinen Adern, denn
+sobald sich ein Geflügel zeigte, verriet Elias einen unbezähmbaren Hang,
+sich dieses Getiers zu bemächtigen, um es zu zerreißen. Hier zeigte er
+einen nachahmungswerten Mut, der so leicht nicht wieder bei einem Hunde
+gefunden werden wird.
+
+ * * * * *
+
+Es begann eine herrliche Zeit! Wie soll ich die leuchtende Klarheit der
+hereinbrechenden Morgen schildern, die in unfaßbarer Beständigkeit
+heraufzogen, den stillen, glühenden Glanz der Tage und den magischen
+Frieden der weißen, gefährlichen Nächte! Von allem, was mir aus dieser Zeit
+der Wanderung durch die Wildnis am tiefsten im Gedächtnis geblieben ist,
+preise ich die Kanufahrt durch die Seen und Kanäle. Ich vergesse die
+Abendstunde niemals, in der unsere Wagen in Tschirakal anlangten, einem
+kleinen Ort an jenem Binnensee, den der Watarpatnam vor seinem Austritt ins
+Meer bildet. Der Ort lag unter Palmen und hob sich weiß, braun und grün von
+der merkwürdig stillen, graublauen Silberwand des großen Wassers ab, als
+wir die Straße zum Hafen niederfuhren. Aus den niedrigen Häusern und
+Palmenhütten stieg blauer Rauch auf, und aus der Dämmerung einer hölzernen
+Tempelpagode drang ein priesterlicher Singsang. Es regte sich kein Windzug,
+die Mattigkeit des Tages lagerte in der Luft, und der bunte Hafen war so
+still wie ein Bild. Ungeheure Laubbäume, unserem Ahorn vergleichbar,
+überschatteten den schmalen Wassereinschnitt, in dem die Kanus ruhig, wie
+eingelassen in erstarrtes Metall, dicht nebeneinander lagen, sie waren zum
+Teil hoch mit grell bemalten Warenballen bepackt, und die Zugänge zu diesem
+Hafen führten eng an den Häusern entlang. Es duftete nach Tee, Gewürzen und
+Früchten, und als unsere Wagen dicht am Rand des Wassers haltmachten, erhob
+sich ein alter Mann, ganz in ein weißes Gewand gehüllt, und begrüßte mich
+im Namen Allahs und des Propheten.
+
+»Bist du der Herr, der das Wasser befahren will, um nach Taliparambu zu
+gelangen?«
+
+Seine Stirn war dicht über den Brauen, wie von einer weißen Binde,
+abgeschnitten, die schwarzen Augen sahen mich sicher und abwägend an. »Gib
+die Geldsumme für die Fahrt, Sahib, wir müssen die Ruderer ablohnen, damit
+sie gehorsam sind.«
+
+Panja trat zwischen uns, absichtlich so, daß der Alte einen gelinden Stoß
+empfing und zurücktreten mußte. Er funkelte Panja zornig an.
+
+»Wer hat dir erlaubt, den Sahib anzureden?« zischte Panja. Ich war erstaunt
+über seine Keckheit. »Tritt zur Seite und zeig' deine Kanus her, ob sie dem
+Herrn genügen, glaubst du, der Sahib wäre gekommen, um mit dir zu
+schwatzen?«
+
+Der Alte schwankte und sah zweifelnd zu mir herüber, aber dann folgte er
+Panja und sagte zögernd:
+
+»Die Kanus sind gut.«
+
+»Das entscheide ich«, sagte Panja kalt.
+
+»Führst du einen großen Herrn durchs Land?« fragte der Alte.
+
+Panja lachte. »Ihr wißt in Tschirakal nicht mehr als die Frösche in euren
+Sümpfen«, sagte er geringschätzig. »Ich habe meine Seide nicht gestohlen.
+Der Kollektor von Mangalore wartet so ungeduldig, daß er einen Boten nach
+dem anderen sendet. Ist kein Bote angekommen?«
+
+Der Alte schüttelte den Kopf und wandte sich scheu nach mir um. Panja
+gefiel mir, und trotz seiner sonstigen kleinen Eitelkeiten empfand ich, daß
+hier sein Vorgehen Gründe hatte. Ich war oft vor den Mohammedanern gewarnt
+worden. Panja kannte sein Land.
+
+Wir besichtigten die Boote eingehend. Es waren etwa acht Meter lange Kanus
+aus Baumstämmen mit langen Auslegern, da sie von stehenden Ruderern
+angetrieben werden, und mit wohlgepflegten Leinendächern, die den mittleren
+Teil beschützten, etwa auf die Art, in der in Deutschland Lastfuhrwerke mit
+Leinen gedeckt sind, straff angespannt und gewölbt. Zwischen dem
+Leinenschirm und dem Bootsrand war ein schmaler Durchblick gelassen, und
+vor dieser Kabine befand sich ein etwa zwei Meter langer Aufenthaltsort für
+kühlere Stunden, in denen der Sonne nicht ausgewichen zu werden brauchte.
+Der Boden war sorgfältig gepolstert und mit sauberen Bambusmatten belegt,
+aber die Boote selbst waren nicht breiter als ein schmales Feldbett.
+
+Panja zeigte sich zufrieden. Ich sah über den See hinaus, der sich rötlich
+färbte.
+
+»Wann kommt der Mond?« fragte Panja.
+
+»Gegen Mitternacht,« antwortete der Alte nachdenklich, »wir werden in der
+Morgendämmerung fahren.«
+
+»Wer will reisen?« fragte Panja gelassen, »du oder der Herr? Wir fahren
+sogleich.«
+
+»Es geht nicht, die Leute sind in Tschirakal weit verstreut und nicht so
+rasch zu finden.«
+
+»Wieviel Ruderer hast du?« fragte Panja, ohne auf den Einwand des Schiffers
+einzugehen.
+
+»Für jedes Boot vier.«
+
+»Es genügen zwei für jedes Boot,« entschied Panja, »das Wasser ist still.«
+
+Der Alte schüttelte den Kopf. »Morgen kommt ihr am offenen Meer vorüber,
+wenn auch nur für eine kurze Zeit, so können doch zwei Männer das Boot
+nicht durch die Brandung rudern.« Diesmal schien der Alte recht zu haben,
+denn Panja fügte sich, aber er forderte, daß die Leute sogleich gerufen und
+in den Booten verteilt würden. Er sagte mir später, daß es besser sei, die
+Ruderer tauschten ihre Meinung über uns zuvor nicht aus, und er setzte
+seinen Willen durch. Unser Gepäck wurde hinübergetragen, die Ochsenwagen
+kehrten noch in dieser Nacht um, und wir fuhren nach kaum einer Stunde
+hinaus, unter den aufgehenden Sternen dahin.
+
+Der Gesang der Ruderer weckte mich. War ich denn eingeschlafen? Ich
+brauchte eine kleine Weile, um zu mir zu kommen, die Luft roch fremd und es
+war kühl, ich hörte das Wasser und taumelte empor in einen sanften
+weißlichen Lichtschein.
+
+Es fiel mich ein stechender Glanz vom Himmel her an, als ich aus der
+Kabine kroch: die Sterne! Unter mir sanken sie in unendliche
+schwarzblinkende Abgründe, totenstill, ohne zu zittern, wie Diamanten auf
+kohlschwarzer Seide. Zwischen den beiden zornigen Lichtwelten, am Firmament
+und in der Totentiefe, schaukelten und schwankten zwei riesige dunkle,
+nackte Körper vor mir hin und her, stießen in das dunkle von Sternen und
+Sternbildern funkelnde All und sangen. Ihre Ruder tauchten in die Flut und
+hoben sich wieder, wie mit fließendem Silber übergossen, sprühend und
+glitzernd troff es nieder, und als ich mich umwandte, sah ich eine schmale
+Silberstraße von solchem Glanz, daß meine Augen geblendet wurden.
+
+Wie ein traurig ertönender Komet mit langem Schweif schoß unser Boot durch
+ein uferloses, von Himmelsfunken flimmerndes Weltall. Ich vermochte
+nirgends Land zu erkennen, wir waren mitten auf dem See, diesem Bett des
+ruhenden Stromes, der, über tausendjährigem Schlamm, zögernd ins Meer
+hinüberglitt. Ich tauchte meine Hand ins Wasser, und sie überzog sich mit
+Silber. Kraftlos sank ich, ohne Erfassen und Begreifen gegen die Wandung
+meines Verdecks, erbebend in übersinnlichem Schwindel vor diesem Wunder der
+Nacht.
+
+Gegen Mitternacht tauchten im Licht des aufgehenden Mondes bläuliche
+Nebelkuppen vor uns auf. Der Mond stand, eine ockerrote Sichel, über dem
+Dschungel. Wir liefen Land an, ich empfand lange Zeit nichts anderes als
+nasse Zweige, die mein Gesicht streiften, hörte die Zurufe der Mohammedaner
+in der feuchten Finsternis, und meine Augen wurden nur selten durch einen
+weißlichen oder rötlichen Schein über mir getroffen. Von solchem
+Hintergrund hoben sich große Blätter oder die Schwerter eines hohen Schilfs
+ab. Einmal schoß mit durchdringendem Klageruf, der noch lange draußen über
+dem Wasser gurgelte, ein großer Sumpfvogel empor.
+
+»Panja!« rief ich.
+
+Da flammte vor mir ein Feuerschein auf, in dem ich eine schmale Sandbank
+erkannte, auf die das Kanu aufgelaufen war. Es öffnete sich darüber ein
+Laubengang, so dicht verwachsen, daß er wie eine grüne Höhle wirkte, mitten
+darin stand Panja in seinem weißen Gewand, hielt eine Fackel hoch und
+winkte mir.
+
+Die Leute mußten einige Stunden ruhen. Es wurde ein Halbkreis von Feuern
+gegen das Land zu angebrannt, nach kurzer Zeit lagen die Männer in tiefem
+Schlaf auf ihren Matten, und Panja hockte mir gegenüber am Feuer und sprach
+leise und erregt ohne Aufhör. Ich merkte ihm die Ruhlosigkeit der
+tropischen Sommernacht an, die Ruderarbeit der Leute hatte eine merkwürdig
+im Blute siedende Erinnerung an wilde Taten in mir zurückgelassen, und es
+lauerte in der gärenden Stille umher eine aufreizende Liebessucht und die
+Ahnung eines hastigen törichten Todes. Es war, als erwartete die
+Daseinsgier und der Lebensdrang der üppig und in stiller Wildheit
+ausbrechenden Pflanzen und Bäume unsere Leiber. Mein Blut pochte in den
+Spitzen der Finger, in den Schläfen und im Halse.
+
+Nach einer Weile brach Panja auf, er wand sich aus trockenen Lianen und
+vermodertem Holz eine Fackel, goß Öl darauf und entzündete sie am Feuer.
+
+»Wohin gehst du, Panja?«
+
+»Zu den Frauen«, sagte er dumpf.
+
+Noch eine Weile sah ich den Schein seiner Fackel rot durch das Dickicht
+schaukeln, er schwenkte sie hoch empor und weit hinter sich, zum Schutz
+gegen die wilden Tiere, im Takt seines raschen, weichen Tritts. Dann blieb
+ich allein am Feuer zurück mit Elias, Pascha schlief im Boot bei den
+Koffern, er hatte seine Matte quer über meinem Eigentum ausgebreitet und
+bewachte es schlafend mit seinem Leibe.
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel
+
+Dschungelleute
+
+
+Panja roch die Dörfer, ehe wir sie erreichten, wenn der Wind seinen
+Forschungen günstig war.
+
+»Es kommt ein Dorf, Sahib,« pflegte er zu sagen, »hier schlagen wir das
+Zelt ein.« Es geschah hauptsächlich deshalb dort, weil wir sicher sein
+konnten, in der Nähe einer Niederlassung frisches Wasser, Reis und Bananen,
+auch Geflügel oder Eier zu bekommen.
+
+Wir hatten viel Umstände und Mühe damit, Träger zu finden, denn einmal
+brauchten wir auch für kleinere Lasten meistens zwei Männer oder Frauen,
+und zum andern wurden die Leute gewöhnlich nach zwei oder drei Tagen von
+Heimweh befallen und liefen zurück, obgleich ich ihnen ihren Lohn erst nach
+der beendeten Frist auszuzahlen pflegte. Sie ließen ihn um so leichter im
+Stich, als sie für gewöhnlich irgend etwas stahlen, was sie reichlich
+entschädigte, ohne mir empfindliche Verluste beizubringen.
+
+Jedesmal, wenn wieder einer unserer Sklaven fehlte, sprach Panja die
+Hoffnung aus, der Panther möchte ihn auf seiner Flucht erwischen, er hoffte
+es herzlos und aufrichtig und wechselte niemals das Raubtier, dem der
+Flüchtling erliegen sollte. Dann blieben wir oft tagelang am Rand der
+Steppe oder mitten in der Dschungelwildnis liegen, ließen die Sonne kommen
+und gehen, rauchten, schliefen und jagten. Ich hatte die genaue
+Orientierung auf der Karte verloren, aber es war nicht wichtig, da ich die
+Breite des Dschungels kannte und der Richtung durch die Sonne und den
+Kompaß gewiß war. Auch zeigten uns die Flüsse, die wir auf schmalen Furten,
+oder in den Kanus der Eingeborenen überquerten, daß wir im wesentlichen die
+Richtung nicht verloren hatten. Und hatte ich denn ein Ziel?
+
+Einer der jungen Träger ist lange bei mir geblieben und er fand nicht
+allein meine, sondern endlich auch Panjas Gunst, was eine große Seltenheit
+war. Er hieß Gurumahu und war ein Jüngling von etwa achtzehn Jahren,
+hochgewachsen und sehr schlank, aber geschmeidig und kräftig. Er war zum
+Islam übergetreten, weil er die größten Hoffnungen auf die Freiheiten
+gesetzt hatte, die sich mit dieser Lehre für sein künftiges Leben
+einstellen sollten, aber leider hinderte sein gutmütiger Charakter ihn
+daran, Gebrauch von ihnen zu machen. Er erzitterte nach wie vor vor den
+Brahminen und änderte seine Lebensgewohnheiten in keiner Weise. Er kam uns
+auf die nicht eben ungewöhnliche Art eines Diebstahls besonders nahe, und
+zwar hatte sein unersättlicher Drang nach Reichtümern ihn auf meine
+Kupferkessel gestürzt.
+
+Gurumahus Diebstahl wurde gottlob zeitig genug entdeckt, denn wir wären in
+nicht geringe Verlegenheit geraten, wenn er mit seiner Beute entkommen
+wäre. In der Hauptsache ist seine Entlarvung Elias zu danken, was
+allerdings von Panja bestritten wurde. Wir hatten damals unser Zelt am Rand
+der Steppe aufgeschlagen, so daß der Ausgang den Blick auf die hüglige
+Ebene zuließ, und ich erwachte vom Knurren des Elias. Da sah ich Gurumahu
+im Mondschein über die Steppe laufen, rechts und links einen unserer
+Kupferkessel in der Hand. Er fraß den Boden mit so riesigen Sprüngen, als
+hinge das Heil seiner Seele von ihrer Länge ab. Ich nahm den Revolver und
+schoß in die Luft, die Kugel hätte ihn ohnehin nicht mehr erreicht, auch
+lag es mir fern, ihn töten zu wollen. Man täte in Indien nicht gut daran,
+so entscheidend vorzugehen, da die Hindus nicht das gleiche Vergnügen am
+Sterben empfinden, wie nach den Berichten der Afrikareisenden die Neger.
+Auch wußte ich, daß der Knall eine nützliche Einwirkung auf das böse
+Gewissen des Räubers ausüben würde, der selbst eine große Schießwaffe
+besaß, auf die ich später noch zu sprechen kommen werde. Gurumahu warf
+sich mit einem gellenden Aufschrei der Länge nach zu Boden, auf das
+Gesicht, und die beiden Kessel rollten, funkelnd im Mond, zu beiden Seiten
+über ihn hinaus ins Steppengras.
+
+Als es hinter ihm still blieb und er keine Verfolger sah, raffte er sich
+langsam auf und begann seine Glieder der Reihe nach zu befühlen. Er fing
+mit den Beinen an, die ihm in dieser Situation wahrscheinlich am
+wichtigsten waren, ging langsam bis zu den Armen empor und gedachte zuletzt
+auch seines Kopfes, der ihm anscheinend, wie alles andere, an seinem Platze
+und in Ordnung vorkam. Dann sprang er auf und lief gebückt, in Sprüngen,
+weiter, ohne die Kupferkessel, die ihm nicht gegönnt waren, noch eines
+Blicks zu würdigen.
+
+Panja holte sie zurück und putzte sie, boshaft wie er war, mit großer
+Ausführlichkeit. »Der Panther wird ihn erwischen«, sagte er und warf
+ärgerlich Reisig ins Feuer. Es verstimmte ihn tief, daß er durch meinen
+Schuß um seine Nachtruhe gebracht worden war. Ich gab im stillen, nicht
+ohne Bedauern, Gurumahu verloren, wenn auch nicht unbedingt auf die Art,
+wie Panja es tat, aber ich sollte mich hierin täuschen, denn er kam am
+andern Tage gegen Mittag in unser Lager geschlichen. Wahrscheinlich hatte
+ihm der Dschungel bei Nacht in seiner Verlassenheit nicht gefallen, oder
+der Currygeruch unserer Reismahlzeit zog ihn an. Panja führte ihn mir
+majestätisch vor, der arme Verbrecher sah aus, als wäre er aus dem Wasser
+gezogen worden.
+
+»Ich werde dich töten«, sagte ich still.
+
+Er sprang ein Meter hoch in die Luft und fiel dann zur Erde nieder.
+
+»Soll ich ihn aufhängen?« fragte Panja so gleichmütig, daß ich darüber die
+ganze Niederträchtigkeit meiner Drohung erkannte. Es ist merkwürdig, wie
+rasch einem eine Ungerechtigkeit auffällt, wenn ein anderer sie sich
+zuschulden kommen läßt.
+
+»Er hat ein ganzes Glas mit Salz gefressen,« berichtete Panja sachlich,
+»vom Whisky will ich schweigen, denn er hat ihn nicht finden können.«
+
+»Hat dich der Hunger hergetrieben? Wo warst du so lange?« fragte ich den
+Übeltäter.
+
+Er hob den Kopf und versuchte meinen Blick auszuhalten, was den
+Eingeborenen der Urbevölkerung sehr schwer ist, wenn es sich um blaue Augen
+handelt, in die sie hineinsehen müssen, und wenn sie selten mit Weißen in
+Berührung kommen. Aber Gurumahu erkannte den Ausdruck meines Gesichts doch
+und begann zu lachen wie ein Kind.
+
+»Du bist freundlich, Herr,« sagte er zögernd und dann mit Überzeugung: »du
+bist nicht klug und gerecht, wie die Engländer. Ich werde deine Kessel
+bewachen, bis ich sterbe.«
+
+»Wenn du sonst nichts tun willst, kannst du dich wieder in die Sümpfe
+scheren«, grollte Panja, aber Guru ließ sich nicht im Genuß seines ihm eben
+erst geschenkten Lebens beeinträchtigen, und als sich die beiden
+entfernten, hörte ich ihn hochmütig zu meinem Diener sagen:
+
+»Hat schon ein Sahib auf dich geschossen, du Abtrünniger? Du bist keine
+Kugel wert, deshalb lebst du und kriechst dem Herrn zwischen den Füßen
+umher, ich aber habe mit ihm gekämpft!«
+
+»Das ist wahr, du Kupferfresser,« sagte Panja, »ich danke dir, daß du ihn
+nicht zerschmettert hast, du Blattlaus!«
+
+Aber Gurumahu blieb von nun an bei uns, wir nannten ihn Guru, weil sein
+Name mir zu lang war, übrigens war es nicht sein einziger, er hatte noch
+eine ganze Reihe wohlklingender Namen, aber auf Gurumahu schien es ihm am
+meisten anzukommen.
+
+ * * * * *
+
+Einmal hatten wir das Herabsinken der Sonne trotz Panjas Vorsicht verpaßt,
+und die Finsternis überraschte uns am sumpfigen Ufer eines Flusses. Guru
+schnupperte in die feuchte Nachtluft hinaus und spähte vom Ufer aus zu den
+gegenüberliegenden Palmenhainen hinüber, und richtig sahen wir nach einer
+Weile ein schwaches Lichtlein aufblinken. Als das Zelt aufgeschlagen worden
+war und die Feuer brannten, hörten wir, wie das Flußwasser von
+Ruderschlägen plätscherte, oberhalb unseres Zeltes verklang das Geräusch,
+und das Dickicht raschelte, aber dann blieb alles still.
+
+»Jetzt haben die Mangroven Augen bekommen,« sagte Panja, »aber es muß ein
+leichtsinniges Volk sein, denn sie fürchten den Panther nicht.«
+
+Auf Elias war in dieser Beziehung kein rechter Verlaß, denn seine
+Gesinnungsart hinderte ihn daran, friedlich sich nähernde Nachtwandler
+durch Gebell zu ängstigen. Hörten wir den Panther in der Nähe des Lagers
+husten, so pflegte Elias sich in den Hintergrund des Zeltes zurückzuziehen,
+nicht etwa, weil er Furcht hatte, sondern weil es ihm dort besser gefiel.
+
+Am Tage hatte ich eine Häherdrossel geschossen, ich rupfte ihr das braune
+Gefieder aus, und das zierliche Köpfchen mit den hellblauen Augenringen
+schlenkerte mit geöffnetem Schnabel über meinem Knie. Gurus Augen fehlten
+nur noch diese hellfarbigen Ringe, um ebenso starr und leblos
+dreinzuschauen wie meine Jagdbeute. Er begriff nicht, daß ich Vögel
+verspeiste, in denen wahrscheinlich die Seele eines Abgeschiedenen
+mitverschlungen wurde. Panja war in dieser Beziehung seiner heimatlichen
+Weltbetrachtung längst entrückt. In den Kupferkesseln siedete das Wasser,
+und eine Unmenge beschwingten Nachtvolks sammelte sich im Feuerschein,
+umschwärmte die Flammen wie farbige Funken, oder glotzte von den Blättern
+aus in dies unfaßbare rote Leben, aus dessen Glut der Tod lockte.
+
+Panja brachte mir freundlich die Reste meines Rasiermessers, das einer
+Taschensäge glich und auch als solche hier und da Verwendung fand. Es war
+in Zeiten betrüblicher Unkenntnis einmal von einem Koch zum Schlachten
+einer Ziege verwendet worden; so rächt es sich, wenn wir Europäer ein
+argloses Volk zu unsern barbarischen Sitten verleiten. Ein Schatten dieses
+Barbarentums lagerte nun seit langem in unsteten Wucherungen um mein Kinn
+und um meine Wangen und wetteiferte an planloser Ausgestaltung mit der
+Pflanzenwelt des Dschungelbodens. Guru hatte in den Pfefferranken bei Tage
+Vogelnester ausgenommen und mir die Eier gebracht, wir kochten aber nur
+die, welche noch nicht piepten. Panja kaute Betel und sah mir zu, er hatte
+viel Sinn dafür, wann eine Arbeit mich selbst vergnügte und wann er sie mir
+abnehmen mußte, auch fühlte er sich in der letzten Zeit in seiner Rolle als
+Reiseführer sichtlich geläutert, und mir schien es, als täte er seine
+Arbeit mit einem ganz neuen Bewußtsein schöner Freiheitlichkeit. Pascha
+putzte Palmenschößlinge, das zarteste und wohlschmeckendste Gemüse, das
+Indien zu bieten hat, aber ein streng verbotenes Gericht, weil das Leben
+der Palme, durch diesen Raub ihres Herzens, zerstört wird. Der weißliche,
+mittlere Trieb des Baumes wird herausgeschnitten, er ist zart wie ganz
+frische Haselnüsse und schmeckt ähnlich; mit Öl und saurem Fruchtsaft
+zubereitet, stellt er einen Salat dar, wie ihn die europäische Küche nicht
+aufzuweisen hat.
+
+»Soll ich die Leute fragen, ob Mangobäume im Dorf stehen?« sagte Guru
+plötzlich.
+
+»Welche Leute?« fragte ich erstaunt.
+
+»Jene dort«, sagte Guru und zeigte vor sich hin.
+
+Da erkannte ich die braunen Gesichter im Feuerschein zwischen den Blättern
+der Mangroven. Ich hatte mich längst daran gewöhnt, daß ich niemals allein
+war, aber ich erschrak jedesmal aufs neue. Erst zählte ich fünf, dann zehn
+und endlich etwa zwanzig große und kleine Gesichter, das ganze Dorf schien
+versammelt.
+
+Ich schickte Guru hinüber, die Gesichter tauchten unter, aber dann begann
+ein immer lebhafteres Geschnatter im Dunkeln, endlich wurde Feuer gemacht,
+und die Ruder polterten im Kanu. Ich hätte gern mit den Leuten gesprochen,
+aber sie waren zu furchtsam, brachten uns jedoch alles, was wir wollten.
+Die Bewohner dieser Landstriche, wie auch die der östlichen Berge
+entstammen der Urbevölkerung und haben sich mit den eingewanderten
+indogermanischen Stämmen kaum vermischt. Ihre Hautfarbe ist fast ganz
+schwarz, und ihre Gesichtszüge ähneln eher denen der Neger, als denen der
+Brahminen. Sie stehen auf einem außerordentlich niedrigen Stande der
+Zivilisation, sind aber arglos und sehr friedsam. Ihre Religion ist
+anscheinend in den primitivsten heidnischen Vorstellungen geblieben, sie
+beten hölzerne Götzen an, und nur hier und da ist ein schwacher Lichtschein
+des Brahman oder der buddhistischen Lehre in ihre Geisteswelt gedrungen.
+Irgendeine der vielen Inkarnationen Brahmas lebt hin und wieder in ihrer
+Vorstellung in entstellter Gestalt fort, ohne daß ihr Sinn lebendig
+geworden ist.
+
+Der Dschungel ernährt sie freigebig in guten Zeiten, sie tragen Pfeffer in
+die kleinen malabarischen Häfen, wo die eingeborenen Gewürzhändler ihn
+ihnen für sehr geringes Entgelt abnehmen. Ihre Nahrung besteht aus
+Früchten, einige fischen sogar, andere sollen auch Fleischkost zu sich
+nehmen, ich habe es aber nie gesehen. Auf den flachgeklopften
+Lehmplätzchen, vor ihren Laubhütten, breiten sie die Pfefferbeeren zum
+Trocknen in der Sonne aus, und man erblickt dort in wohlgeordneten
+Rechtecken den Pfeffer in allen Farbennuancen seines Dörrens am Boden
+ausgebreitet, vom saftigen Grün bis zum tiefsten Schwarz. Ihre
+Hauptbesitztümer sind Kinder. Ich habe niemals so viele kleine Kinder
+gesehen wie in diesen Dörfern, wie Orgelpfeifen standen die schwarzen
+Reihen vor den Hütten, mit kleinen Kugelbäuchlein und Rotznasen, und
+glotzten uns an, wenn wir vorüberkamen.
+
+Dieser Abend und diese Nacht sind mir unvergeßlich geblieben, weil unter
+meinen Augen ein bebendes Lebenslichtlein in der Dschungelnacht erlosch.
+Ich hatte keine Vorstellung, wie weit die Zeit vorgeschritten war, ein
+lauter Ruf weckte mich. Panja fuhr neben mir empor und stieß in der
+Schlaftrunkenheit gegen meine Hängematte, so daß ich fast herausgefallen
+wäre und im ersten Augenblick in ihm einen Feind vermutete. Das Feuer war
+fast erloschen. Panja war mit einem Satz an der glühenden Asche, und ich
+begreife heute noch nicht, wie rasch es ihm gelungen ist, eine Flamme
+emporzuschüren. Der klagende Ruf wiederholte sich laut und nahe beim Feuer
+in der dichten Finsternis, die nun so schwarz wie Kohle war, nur die
+beschienenen Bäume, dicht am Feuer, glommen phantastisch und unwirklich,
+wie Ungeheuer, die mit verschlungenen Gliedmaßen, unter verworrenen
+Laubkränzen, in ein rotstrahlendes Gemach drängen. Pascha rief etwas vom
+zweiten Feuer her, das Guru eifrig schürte. »Was sagt er?« fragte ich
+Panja.
+
+»Eine Frau schreit aus Angst vor dem Tod«, sagte Panja, der noch nicht
+verstanden hatte, um was es sich handelte.
+
+Ich trat aus dem Zelt heraus und erkannte nun im Dickicht schwelende
+Fackeln und die dunklen Gestalten der Wilden. Das Geschrei einer
+Frauenstimme zerriß mein Herz. Ich habe selten wieder etwas so
+Durchdringendes an Schmerz und Verzweiflung gehört. Ein tierischer
+Wehelaut, der doch die erbarmungswürdige Erniedrigung der Menschenseele
+enthielt, fiel mich wie ein nächtliches Gespenst an, und ich mußte mich
+wieder und wieder aufraffen, um nicht in tatlosem Erstarren zu lauschen und
+um nicht meinem Entsetzen zu erliegen.
+
+»Feuer!« brüllte ich, »Licht!«
+
+Eine Wolke gelben Qualms hüllte uns ein, dann flackerte eine hohe, rote
+Säule daraus empor. Guru schrie: »Es ist die Mutter!«
+
+Endlich brachte Panja Ordnung in einen scheu herandrängenden Haufen
+halbnackter Gestalten, die ein dunkles Etwas auf einer Bahre aus Zweigen
+heranstießen. Eine Frau, der das schwarze Haar wild um das Gesicht hing,
+und deren Arme durch die Luft irrten, schrie mir etwas zu. Sie wagte sich
+trotz der großen Erregtheit, die das Ereignis mit sich brachte, das sie zu
+mir geführt hatte, nicht in meine unmittelbare Nähe, aber ich sah nun, daß
+ihr Gesicht von Angst und Hoffnung entstellt war.
+
+Auf den Zweigen lag ein Kind von vielleicht zwölf oder dreizehn Jahren, ein
+Mädchen, dürftig mit einem bunten Kattunfetzen bedeckt, unter dem sich der
+kleine, dunkle Körper wand, und ich hörte einen matten zischenden
+Klagelaut, ein ersticktes Gurgeln, aus dem Knäuel hervordringen.
+
+Guru stöhnte bedauernd und hob sich auf die Zehen als fröre er.
+
+»Die Kobra«, sagte Panja kurz und sah mich an. »Die Mutter hofft, du
+könntest ihrem Kind helfen.«
+
+Mein Herz blutete unter den Blicken der alten Frau, die in ihrem Schmerz
+und ihrer bedürftigen Häßlichkeit unsagbar rührend und bejammernswert vor
+mir stand. Ihre welke Brust hing leblos nieder, und es zitterte und zuckte
+in den Furchen ihres eingefallenen Gesichts. Sie klagte nicht mehr, ihre
+Erwartung hielt sie gefesselt, und ihre Augen, im vorgereckten Angesicht,
+prüften und suchten in meinen Zügen, aus denen sie den Tod oder das Leben
+ihres Kindes glaubte entnehmen zu können, nach meinem Willen.
+
+Das Mädchen war mit den andern Bewohnern des Orts an unser Lager
+geschlichen, um den sonderbaren Mann aus einer fremden Welt zu sehen, die
+jenseits des Meeres lag und unerforschlich war an Geheimnissen und Wundern.
+Und ihr Verlangen nach dem Glanz dieses Neuen, Unfaßbaren hatte sie die
+Vorsicht vergessen lassen, die so not tut im Dschungelland, die man sie von
+Kind auf an gelehrt hatte, und die sie in allen Fällen so klug und sorgsam
+zu beachten gewußt hatte. Nun hatte es im Finstern den kleinen, bösen Stich
+gegeben, den anfänglich das Herz nicht als das furchtbare Verhängnis
+glauben will, obgleich das Blut es ahnt und die Schrecken des jähen
+Dahinsinkens wie dunkle Flügel um die Schläfen brausen. Ein Dorn, ein Dorn
+war es, vom Rand eines Palmblatts, oder vom Zedernbaum..., aber dann kam
+der feine süße Schwindel, der in den Augen beginnt und der den Pulsschlag
+des Herzens so eigen behindert, der zuerst die Hände und langsam alle
+Glieder in trockene, kurze Krämpfe zerrt, als trieben Glassplitter im Blut,
+die die Adern zerrissen. Bis die gräßliche Klage aus der Gewißheit brach:
+
+»Die finstere Königin!«
+
+Diese aus Ehrfurcht vor der Gottheit und aus tiefstem Grauen gemischte
+Wehklage erfüllte die Walddunkelheit.
+
+Es war zu spät. Ich öffnete die Wunde, die nur in einem winzigen,
+schwarzumrandeten Pünktchen am Fuß bestand, aber das Blut floß nicht mehr
+rot und warm, sondern zersetzt und stockend. Wir versuchten es mit Whisky,
+aber das Kind konnte trotz unserer Mühe das scharfe Getränk nicht
+aufnehmen, und die großen brechenden Augen flackerten angstvoll unter den
+Peinigungen ihrer grausamen Bedränger. Feuer hilft nur im ersten
+Augenblick, auch hätte ich es um alles nicht über mich gebracht, auch
+diese neue Marter noch dem kleinen Leib zuzufügen. Laß das Kind sterben,
+rief es in mir, das ist sein letztes, irdisches Recht.
+
+Die Blicke der Mutter marterten mich, ich wandte mich ihr zu in der
+einzigen Barmherzigkeit, welche es für sie in dieser Stunde gab. Sie brach
+mit einem langen Klagelaut zusammen und blieb die ganze Nacht stumm an der
+Leinwand des Zeltes liegen, wie ein dunkles Kleiderbündel.
+
+Als das Kind gestorben war, erschütterte mich, wie mit rauhen Fäusten, die
+bittere Erkenntnis unserer Menschenohnmacht. Wir sind nicht, was wir nach
+unserem besten Verlangen sein könnten, wo ist die Macht, die wir in unserem
+Begehr nach Vollendung ahnen, wo die Hoheit, die unsere Güte sucht, wo
+unser Glaube, der Berge versetzt?
+
+ * * * * *
+
+Düster, lieblich und glühend strichen diese seltsamsten Tage meines Lebens
+dahin. Wir blieben oft tagelang am gleichen Platze, ich vergaß mein Ziel
+und die Zeit. Die grünen Sumpfaugen des Dschungels und das Silberwehen der
+Steppennächte bannten mich, das tiefe Atmen bei geschlossenen Augen
+ersetzte die Gedanken, das Licht wurde zu einer unermüdlichen Gewißheit der
+Lebensfreude und die Nacht zum gestaltlosen Traum. Das gewaltige, stille
+und geduldige Leben der Pflanzen, die die ganze Erde für sich
+beanspruchten, raubte meinem Gemüt langsam das Bewußtsein seiner eigenen
+Rechte, gewiegt von Staunen und erfüllt von fremdem Daseinswillen trieb
+mein Geist wie schlafend dahin, und doch überwach und tief innerlich
+durchglüht von einem heiligen Daseinsglauben. Ich ahnte das
+grünlich-morastige Gift des Waldes, dessen Königin und Göttin mir in ihrer
+ganzen Macht erschienen war, ich sah den Fiebergeist im feuchten Dämmern
+schleichen, aber mein Widerstand war zu einer vagen Hoffnung auf mein
+Glück herabgesunken. Diese gärende, brodelnde Sumpffruchtbarkeit würde auch
+meinen Leib aufnehmen und neu erblühen lassen, wenn sie ihn in ihr Bereich
+saugte. Der Wald war mächtiger als die Menschen. --
+
+Eines Nachts lag ich im Zelt auf einem Laublager, da ich die unsichere
+Nachgiebigkeit der Hängematte nicht mehr ertrug. Guru war am Feuer
+eingeschlafen. Er hockte neben der glühenden Asche vor dem Dreieck des
+Zelteingangs wie ein Geköpfter, den Nacken zwischen den hochgezogenen
+Knien, und seine fast drei Meter lange, uralte Araberflinte überragte ihn
+wie eine halb gesunkene Fahnenstange. Er liebte dieses Gewehr zärtlich und
+trug es meist bei sich, besonders wenn Aussicht vorhanden war, daß wir
+Menschen begegneten. Dabei lebte er in dem festen Glauben, daß diese Waffe
+es ihm niemals antun würde, eines Tages loszugehen. Er war nicht in Gefahr,
+enttäuscht zu werden, denn die Flinte war hundert Jahre alt, hatte sicher
+vom Sudan bis Singapore den ganzen Orient bereist, und es bestand keine
+Möglichkeit, sie zu laden oder gar abzufeuern. Aber Guru wäre mit dieser
+Waffe mitten im Urwald sorglos eingeschlummert, so sicher war er, daß außer
+ihm kein anderes Wesen ähnliche Hoffnungen wie er auf seinen langen
+Talisman setzte.
+
+Wir waren am Tage an Felsausläufer des Gebirges gekommen, in deren
+Schluchten der Dschungel sich aufwärts erstreckte, um sich mehr und mehr zu
+lichten. In den Felsspalten floß klares Wasser, und als wir endlich
+umkehrten, da der Boden zu zerklüftet und verwachsen war, kamen wir an ein
+kleines Dorf von etwa zehn Laubhütten, das Itupah hieß. Unweit dieser
+Niederlassung hatten wir die Zelte aufgeschlagen und die Lagerfeuer
+angezündet. Die Leute waren gekommen, um uns Früchte anzubieten, hatten
+sich aber bald zurückgezogen, da unsere Gerätschaften ihnen allzu magisch
+und gefahrdrohend erschienen waren.
+
+Ich konnte nicht einschlafen. Die Stimmen der wilden Tiere und der Mond
+störten mich. Panja war in das Hindudorf geschlichen, um Liebesabenteuer zu
+bestehen, er benutzte die Aufregung, die meine Gegenwart in Itupah
+hervorgerufen hatte, um darzutun, wie berechtigt sie war. Ein paar Flecke
+Mondlicht lagen am Zelteingang wie Papierschnitzel, und die Grillen füllten
+die Luft mit ihrem Zirpen, als würde feiner Silberdraht gefeilt von vor
+Hast toll gewordenen Sträflingen.
+
+Es raschelte in der Zeltecke, und als ich hinübersah, entdeckte ich ein
+kleines Tier, das ich anfänglich für einen Marder hielt. Es saß totenstill
+da, nachdem meine Bewegung es mißtrauisch gemacht hatte, und sah mich mit
+zwei riesengroßen schwarzen Augen an, die sehr weit vorn und dicht
+beieinander saßen, wie bei einem Affen. Das zierliche Köpfchen war nicht
+viel größer als eine Walnuß in ihrer grünen Schale, und die Färbung des
+Fells erschien mir graubraun, wie bei einem Eichkätzchen im Winter.
+
+Der Kleine gefiel mir außerordentlich, und ich versuchte Anschluß an ihn zu
+gewinnen.
+
+»Treten Sie näher«, sagte ich und pfiff leise ein paar immer gleiche Töne
+in die dämmerige Nachtluft. Das Tierchen rührte sich nicht, und ich sann
+auf ein Anlockungsmittel. Als ich eine Bewegung mit der Hand machte, um ihm
+ein englisches Biskuit anzubieten, das neben mir lag, tat es einen
+lautlosen Ruck, und der Zeltwinkel war leer. Aber nach einer Weile huschte
+es wieder wie ein Schatten durch die Mondflecke, der kleine Fremde war
+wieder da, offenbar wurde er durch seine Neugier geplagt.
+
+Die beiden schwarzen Augenkugeln saugten, weit geöffnet und starr vor
+Erstaunen, meine Erscheinung in sich auf, ich bin noch niemals so
+angeglotzt worden. Der Kleine schien furchtbar aufgeregt vor Begierde,
+herauszubringen, was es für eine Bewandtnis mit mir hatte, und was mich aus
+meinem entlegenen Lande nun gerade in die Nähe der Menschenstadt Itupah und
+dort in die Gegend seiner Behausung geführt haben mochte. Ich hätte es ihm
+nicht sagen können. Aber enttäuschen wollte ich ihn auch nicht.
+
+»Haben Sie Familie?« fragte ich leise.
+
+Fort war er. Die Frage mag für den Beginn einer Bekanntschaft vielleicht
+etwas zudringlich gewesen sein, aber nach einer kurzen Weile kam der Kleine
+doch wieder, diesmal genau an derselben Stelle, zwischen unsern Salzgläsern
+und Panjas Sandalen. Er schien nun bemerkt zu haben, daß meine Worte nicht
+so gefährlich waren, wie er anfänglich angenommen hatte, und kam ein wenig
+näher, um besser glotzen zu können.
+
+Es tat mir leid, daß ich nichts anzubieten hatte, und daß meine
+Gastfreundschaft sein Mißtrauen erregte.
+
+»Es scheint, Sie leben des Nachts,« begann ich vorsichtig, »ich entnehme es
+Ihren Augen und der Tatsache, daß wir uns zu dieser Stunde begegnen. Ich
+bitte Sie darum, keine falschen Schlüsse aus den vielerlei Gerätschaften zu
+ziehen, die Sie hier erblicken, im Grunde bewegt uns lange aufrechte Wesen
+kein anderer Herzensdrang als euch. Es läßt sich so leicht sagen: das
+Glück, im Sonnenschein in der Welt zu sein, die Liebe und der Schlaf.
+Darüber wacht etwas, wie eine unermüdliche Hoffnung, es möchte eines Tages
+alles noch um vieles herrlicher werden. Das spricht auch aus deinen großen
+Nachtaugen; und ist die Begierde, die dich herzutreibt, im Grunde etwas
+anderes, als die meine, die mich veranlaßte, in die Wildnis deiner Heimat
+zu kommen?«
+
+Da antwortete mir ein heller, böser Pfiff, der mir durch Mark und Bein
+ging, und gleich darauf erscholl, als Entgegnung, ein ärgerliches Zischen
+im Laub meines Lagers. Nun galt es, still zu liegen, das wäre ein
+verdrießlicher Abschluß meiner Dschungelfahrt gewesen...
+
+Ich wußte nun, wen ich vor mir hatte, aber bei weitem wichtiger war mir,
+wen ich in meiner unmittelbaren Nähe in den welken Blättern wußte. Das
+kleine Tier vor mir begann sich sanft und sonderbar zu schaukeln und
+brachte dabei hell und stoßweise einen halb gepfiffenen, halb geknarrten
+Ton hervor, der der Gefährtin meines Lagers galt. Nun quoll es dicht unter
+meinen Augen aus dem Reisig hervor, wie das Rinnsal einer dicken, dunklen
+Flüssigkeit und suchte den Ausgang zu gewinnen. Ein kleiner Schatten vom
+Zeltrand her huschte der Schlange blitzschnell nach, und draußen begann für
+eine kurze Weile ein von Fauchen, Zischen und Schnarchen wildbewegtes
+Rascheln und Schleifen. Dann wurde es still, und ich hörte nur die
+Hammerschläge meines Herzens und sah die weißen Papierschnitzel des
+Mondlichts, bis langsam die eintönige Grillenmusik wieder die Nacht
+beherrschte. Mir war, als habe sie geschwiegen, während sich ein Schicksal
+unter den Geschöpfen des Nachtvolks vor meinen Augen abgespielt hatte.
+
+Wie eigenartig unterscheiden sich oft unsere Erwartungen von den
+Erscheinungen selbst! Ich hatte von diesem merkwürdigen Tier oft gehört,
+das in Indien als der ärgste Feind der Schlange gepriesen wird, und das
+sogar oft von den Engländern wie ein Haustier zum Schutz gegen die Kobra
+gehalten werden soll, aber ich hatte mir die Erfüllung meines Wunsches,
+diesem Tier einmal zu begegnen, anders vorgestellt. Was hatte sich mehr
+zugetragen, als ein von wenigen Rufen des Kampfes, der Angst und der
+Lebensgier zerrissenes Huschen und Springen? Schattenhaft, fast unwirklich
+war es geschehen, grau, im Halbdunkel und ohne jene pathetische Gebärde,
+die erst die Erkenntnis langsam dem Ereignis verleiht. Erst die Erinnerung
+erschafft die Gestalten der Helden. War dies alles? Wie wird es uns mit dem
+raschen, kleinen Leben ergehen, das wir in Erwartungen dahinhuschen lassen?
+
+ * * * * *
+
+Oft, wenn ich von unserm Zelt aus mit der Büchse und Elias den Dschungel
+durchschweifte, sah ich vom Flußufer aus die Alligatoren in der Sonne
+liegen. Sie sonnten sich auf den Sandbänken und lagen kreuz und quer
+durcheinander, einmal lagen sogar zwei aufeinander, das war peinlich. Der
+Ausdruck ihrer sehr ausgedehnten Gesichter war in der Regel ungemein
+vergnügt, die winzigen Äuglein funkelten fröhlich, und die riesigen, oft
+weit geöffneten Mäuler zeigten deutlich einen Hang zum Lächeln. Man merkte
+den Tieren an, wie wohl ihren knorpligen Schuppenhäuten die Sonnenglut tat,
+und entschloß sich schwer, etwas Böses von ihnen anzunehmen. Zuweilen
+gluckst etwas in ihren gelben Hälsen, die zart und weich wie Wachs sind.
+
+Ich habe niemals welche gesehen, deren Länge zwei Meter überschritt, ihre
+afrikanischen Geschwister scheinen einem anderen Volksschlag anzugehören
+und mehr Wert auf die Einschüchterung der Menschen zu legen. Zuweilen schoß
+ich auf eine dieser riesigen Eidechsen, aber meine Kugel wirkte nie so
+ausschlaggebend, daß das verwundete Tier nicht noch Zeit gewann, ins Wasser
+zu schnellen. Es kann auch sein, daß ich niemals getroffen habe. Nachdem
+der Donner des Schusses verhallt war, war die Sandbank für gewöhnlich leer.
+Diese Tiere haben eine geradezu verletzend geschwinde Art, sich zu
+empfehlen, sie schießen ins Wasser wie Torpedos, es ist unmöglich, eine
+Bewegung ihrer Beine zu unterscheiden, und es erweckt den Anschein, als
+wären sie an gestrafften Gummibändern mit dem Wasser verbunden und würden
+plötzlich losgelassen. Sie schwimmen prächtig und erinnern in der Flut an
+Hechte, sind aber außerordentlich scheu und werden nur kleinerem Rotwild
+gefährlich, das sie an der Tränke überraschen.
+
+Ich warf ihnen eines Morgens die Überreste einer erlegten Hirschantilope
+zu, von der ich nicht mehr als ein Rückenstück hatte genießen können, und
+die sonst die Sonne oder die Schakale vernichtet hätten, und erschrak über
+die sinnlose Gier dieses Flußgesindels. Es dauerte kaum eine Minute, bis
+der Körper des Tiers in einem dahintreibenden blutigen Schaumbecken, in
+hundert Fetzen zerrissen, verschwunden war. Am Mittag lagen die Ungeheuer
+wieder in der Sonne und lächelten, während der breite, trübe Strom gurgelnd
+dahinzog und den Sonnenschein in mörderischen Lichtpfeilen in die
+schmerzenden Augen schleuderte, die die Dschungeldämmerung verwöhnt hatte.
+
+Einmal saß ich in der Nähe unseres Zeltes in den Rankenverschlingungen der
+Luftwurzeln eines wilden Feigenbaumes in der Morgensonne am Fluß und putzte
+meine Jagdflinte, als es neben mir in den Mangroven raschelte. Als ich mich
+umwandte, sah ich einen kleinen Hinduknaben vor mir stehen, der vor Schreck
+völlig erstarrt war. Seine Augen schienen leblos geworden, wie zwei
+schwarze, runde Spiegel, und sein Mund stand offen. Es war recht
+begreiflich, denn ich hatte gebadet und so viel am Leibe, wie man ohne
+Übertreibung etwa mit nichts bezeichnen kann. Offenbar hatte der Kleine auf
+seinem Morgengang zum Fluß alles andere erwartet, als solch ein weißes
+Ungetüm vorzufinden, das ihn angrinste.
+
+Er zitterte heftig und schluckte, wagte aber keine Bewegung. Dies war
+schlimmer als der Tiger, es war ein furchtbarer Waldspuk. Über und über
+weiß war dies fremde Wesen, das da vor ihm eine unfaßliche blanke Sache
+über den Knien hielt, triefte und glitzerte und Augen hatte, in die man
+nicht hineinschauen konnte, ohne seinen Untergang zu riskieren. Als aber
+dies dampfende Ungeheuer nun plötzlich nieste, entwand sich der gequälten
+kleinen Brust, die ganz mit Entsetzen angefüllt war, ein lauter Jammerruf
+und wahrscheinlich machte der Kleine innerlich einen raschen Strich unter
+sein verflossenes Dasein und beschloß es in seinen Erwartungen endgültig.
+Jedenfalls fiel er zu Boden, preßte sein Gesicht in die Pflanzen und stieß
+wieder und wieder denselben monotonen Klagelaut hervor, in dem er sich
+wahrscheinlich dem besonderen Wohlwollen irgendeines Götzen empfahl.
+
+Es kam mir gar nichts in den Sinn, was ich etwa anstellen könnte, den
+gebrochenen, kleinen Mann zu beruhigen. Wenn ich ihn berührt hätte, so wäre
+er vor Angst gestorben, so ließ ich ihn einstweilen liegen und stellte
+fest, daß sich seine Toilette in einer ähnlichen Etappe der Entwicklung
+befand, wie die meine. Dann verfiel ich darauf, ihm eine arglose und
+sinnvolle Weise vorzupfeifen, die nach meiner Überzeugung etwas
+Beschwichtigendes enthielt, erst wählte ich ein altes Wiegenlied, dann
+einen Choral und endlich »Heil dir im Siegerkranz«.
+
+Das wirkte. Mein Freund drehte das dunkle Köpfchen am Boden so weit, daß er
+mich mit dem einen Auge bis etwa an meine Knie hinauf betrachten konnte.
+Daß ich Menschen fraß, war immer noch sicher für ihn, aber es schien doch,
+als wenn ich es nicht besonders eilig damit hätte. Ich gab ihm nun in
+zurückhaltender Weise zu verstehen, daß er sich erheben sollte, und er
+gehorchte, immer noch am ganzen Körper zitternd, aber sichtlich erstaunt
+darüber, daß ich wie ein vernünftiger Mensch zu sprechen verstand und noch
+dazu in seiner Sprache. Er bestand gewissermaßen nur noch aus Augen, und in
+ihnen brannte nur ein einziger Wunsch, der, sich auf möglichst unauffällige
+Art empfehlen zu dürfen; glotzen ließ sich weit besser aus einem Versteck,
+und was konnte aus dieser Annäherung gutes kommen?
+
+Aber er änderte seine Meinung doch, als ich nach meinen Kleidern tastete
+und ihm eine Kupferanna unter die Augen hielt. Zunächst war sie da, das
+ließ sich begreifen, aber nur langsam dämmerte in seinem Köpfchen der
+Glaube hervor, daß sie ihm gehören sollte. Das war schlechthin unmöglich.
+Als ob er den Wert dieser runden Metallplättchen nicht kannte, die sein
+Vater zuweilen aus den Hafenstädten mitbrachte, wenn er Pfeffer oder
+Ingwerwurzeln hinabgetragen hatte, und mit Hilfe derer man alles erlangen
+konnte, alle Herrlichkeiten der Welt, buntes Tuch, die Süßigkeiten der
+Basarstraße, Reis und Maniokbrot und Macht über alle Knaben des Ortes.
+
+Und so entwischte er ungefressen mit seinem Schatz, nachdem er endlich
+begriffen hatte, daß meine Pläne sich in diesem Opfer erschöpften.
+Vielleicht erinnert er sich meiner zu einer Zeit, wo er ein Jüngling
+geworden ist und zu seiner ersten Kupferanna in den Hafenstädten so manche
+andere verdient, und seine Meinung über uns Weiße geändert haben mag, in
+einem zweifachen Sinn. --
+
+Mehr und mehr empfand ich von Tag zu Tag, daß ein fremder Bestand, der
+nicht festzustellen war, die Beschaffenheit meines Bluts veränderte. Ich
+schob die Schuld, wie man es in solchen Fällen zu tun pflegt, bald auf das
+eine, bald auf das andere, heute schien mir das Trinkwasser der Anlaß zu
+sein, morgen der Tabak, oder eine fremde Frucht, dann wieder verband ich
+meinen Zustand mit meiner Schlaflosigkeit, oder mit der Beschaffenheit
+dieser schwülen, von tausend Düften geheizten Luft. Panja betrachtete mich
+oft lange und besorgt von der Seite, ohne zu wissen, daß ich seine Blicke
+gewahr wurde, und daß sie mich reizten. Ich behandelte ihn ungerecht und
+hart, aber er blieb geduldig und verfiel nicht wie früher in sein
+gekränktes Schmollen. Überhaupt hatte er sich in der letzten Zeit merklich
+geändert, mir war oft, als habe ihn eine neue Verantwortlichkeit über sich
+selbst hinausgehoben, gerade als ob er sich hätte bewähren müssen, um sich
+seiner Kräfte und Tugenden bewußt zu werden. Ich lohnte ihm diesen Wandel
+schlecht, aber ich konnte nicht anders.
+
+Mir war bisweilen, als habe mein Gehirn sich um vieles verkleinert und als
+mache es eigenartige Drehungen und Schwankungen in seiner Schale, wie ein
+schwimmender Ball in einem Wasserglas. Dabei verfiel ich auf alle möglichen
+Heilmittel, nur nicht auf das einzige, das mir hätte helfen können: auf die
+Flucht aus den Niederungen des Dschungels.
+
+War es Morgen, so mußte ich den Mittag erwarten, in welchem die Insekten
+mit einem seligen Brausen, oder die großen Schmetterlinge leicht und
+lautlos von Blüte zu Blüte zogen, durch unwahrscheinlich tiefes Blau oder
+Grün, während die Welt in heißer Fülle verging. Mit dem leisen Unbehagen
+des sinkenden Mittags mußte ich den Abend erwarten und an ihm die Nacht mit
+ihrem Licht und Läuten über schwarzen Tiefen, ihren gurgelnden und
+stöhnenden Stimmen der Raubgier und der Liebeswut und mit ihren blendenden
+Gestirnen. Tag und Nacht waren für mich längst keine Begriffe des Wachens
+oder der Ruhe mehr, sondern wechselnde Züge des indischen Weltenantlitzes,
+magisch ineinander überwogend, wahrsagerisch entstellt.
+
+Ich hatte meine Heimat vergessen. Europa versank in meiner Erinnerung wie
+ein lauter, häßlicher Traum voll unnützer Erregtheit, und ich lächelte
+mitleidig über die Schande, die mir in den kleinen Beteiligtheiten meiner
+hastigen Vergangenheit widerfahren zu sein schien. Wie ein einziger,
+kreischender, grellfarbiger Lebensirrtum erschien mir das Treiben der
+großen Städte, und ich verging und erstand in Schlafen und Wachen wie in
+Frühling und Winter, das Angesicht der Tages- und der Jahreszeiten
+verschmolz miteinander zu einem unbestimmbaren Gefühl des Wandels, und die
+Unschuld der Pflanzen, die mich einhüllten, wie ein lebendiges Gewand, war
+die stärkste Gewalt über meine langsam verschwindende Erkenntniskraft.
+
+Es trieb mich zuweilen aus der Dschungelnacht an den Steppenrand zurück, es
+war ein Verlangen, den offenen Himmel zu sehen und das weite braune
+Hügelland, und es war mir angesichts dieser Helligkeit, als entkleidete
+mich ein lautloser stiller Sturm des Lichts. Oft brachen wir mitten in der
+Nacht auf, nahmen zuweilen den gleichen Weg, den wir am Tage mit Mühe
+durchmessen hatten, und errichteten das Lager an der verlassenen
+Feuerstätte. Mir war, als hätten die Pflanzen mich am Atmen behindert, als
+raubten sie meiner Brust, was ihr zum Leben not tat. Oft ertappte ich mich
+über gereizten und boshaften Blicken auf eine blühende Pflanze, deren
+dargebotene Liebeswut in purpurroten Kelchen mich mit Zorn und Haß und
+zugleich mit hingebender Demut erfüllte.
+
+Langsam war eins meiner Manuskripte und Bücher nach dem andern dem
+nächtlichen Feuer zum Opfer gefallen, ich sah die weißen Blätter in
+hämischer Genugtuung in der Glut welken und fühlte mich freier, wenn die
+verkohlten Rollen zerbröckelten. Nur ein kleines, törichtes Büchlein
+begleitete mich lange noch, ich weiß zuversichtlich, daß ich es nur deshalb
+nicht zerstörte, weil eine merkwürdig verschlungene Ranke aus geprägtem
+Gold den Einband verzierte, ungefällig, sinnlos und aufdringlich, aber es
+tat mir wohl, diesen Linien mit den müden Augen nachzugehen. Einmal
+versuchte ich, mich darauf zu besinnen, wo Nachrichten für mich liegen
+könnten, ich schloß auf Bombay, Goa und Madras, aber ich wußte es nicht
+mehr.
+
+In den Ohren die Muschelstimmen des Chinins, träumte ich oft in der
+totenstillen Mittagsglut mit geschlossenen Augen vom Winter. Immer wieder
+tauchte das gleiche Bild vor mir auf: ein graues Flußtal im Abendnebel, auf
+den Feldern der bläuliche Schnee im sinkenden Tageslicht, und ein eisiger
+Wind über dem pechschwarzen Wasser, auf welchem Eisschollen dahintrieben.
+Sie stießen sich und knarrten und läuteten, auf einigen von ihnen saßen
+Raben und ließen sich mitnehmen. Dann empfand ich die Kälte plötzlich als
+schneidenden Schmerz an Stirn und Wangen, und meine Brust weitete sich, wie
+zerspringend vor Frische. In kalten Schauern schlief ich über solchen
+Visionen zuweilen ein, aber die sinnlosesten Träume raubten meinen Schlaf
+die ersehnte Erquickung.
+
+Eines Nachts träumte mir, ich sei am Meer eingeschlafen, in einer
+Bergschlucht, und plötzlich weckten mich die Stimmen zweier Männer, deren
+Klang eine eigenartige Verwandtschaft mit dem Reden des Meerwassers hatte.
+Ich richtete mich halb empor, stemmte die Ellenbogen in den Sand und sah
+betroffen auf. Die Sonne war ins Meer gesunken und schien aus der Tiefe,
+durch das Wasser. Obgleich sie selbst rötlich glänzte, war doch das Licht
+der Luft grünlich und blaß, und merkwürdige Schattenwellen zogen hindurch,
+wahrscheinlich entstanden sie durch die Uferwogen.
+
+Die beiden Männer standen gerade nebeneinander im Sand, der wie Türkisen
+schimmerte. Sie hatten ihre Arme schlicht und ohne Gebärde an den Körper
+gelegt, und unter ihren leichtgesenkten Stirnen sahen mich ruhige, runde
+Augen von einem gleichmäßigen sehr hellen Blau an, in denen ich keine
+Abzeichnung der Pupillen unterscheiden konnte. Die Färbung ihrer Haut war
+bernsteingelb und ihr Haar weißlich, sie hatten breite, aber hagere
+Schultern, und ihre Hüften waren so schlank und so wenig ausgezeichnet, daß
+man von der Achselhöhle bis an die Fußknöchel hinsah, wie an einer geraden,
+schräg gestellten Leiste. An ihren Schläfen war ein eosinrotes Band
+befestigt, das in einem breiten Fächer auf die linke Schulter herabsank und
+hinter ihr verschwand.
+
+So standen die Zwei, die sonst nicht bekleidet waren, ruhig vor mir in der
+grünlichen Luft mit ihren geheimnisvollen Schattenwellen. Es schien mir,
+als lächelten sie, aber eher neugierig als spöttisch. Endlich begannen sie
+eine Unterhaltung miteinander und versuchten den Anschein zu erwecken, als
+sei ihnen an meiner Beachtung nichts gelegen, aber ich unterschied doch,
+daß sie nur meinetwegen sprachen. Sie lächelten verstohlen und ungefällig
+und sahen bisweilen mit einem raschen Blick zu mir hinüber. Nun wies einer
+von ihnen zu den Felsen einer Schlucht empor, wo sich in halber Höhe der
+Berge ein gleichmäßiger, tiefer Einschnitt im Gestein bemerkbar machte, der
+rundlich ausgehöhlt war.
+
+»Richtig,« antwortete der andere, »das ist unsere alte Meergrenze, die
+letzte, aber wo ist die Grenze der Väter geblieben?«
+
+»Die Gipfel schwemmen gar zu rasch nieder,« lautete die Antwort, »die neue
+Welt wird klein.«
+
+Dann unterschied ich nicht mehr alles, was sie sagten oder meinten, aber
+ich empfand, daß sie von versunkenen Reichen sprachen, deren Kulturstätten
+der Meersand seit undenkbaren Zeiten in tiefen Gründen der Flut vergraben
+hatte, und sie tuschelten davon, daß nun bald die Zeit anbrechen müsse, in
+der der Meerboden und der Erdboden vertauscht werden sollten. Bestürzt
+überfiel mich eine dunkle Ahnung der Reiche, die das Meer verbarg, und ich
+sah sie, nach ihrer Auferstehung, von Sonne, Wind und Regen langsam aus
+ihrer sandigen Hülle brechen. Ich wagte keine Frage, obgleich mein Herz vor
+Begierde brannte, an den Erfahrungen der beiden Menschen teilzunehmen, aber
+es war, als ahnten sie, daß ich die Absicht im Sinn trug, ihnen ihre
+Geheimnisse zu entreißen, denn sie berührten einander die Schultern mit der
+Hand, so daß sie zu einem seltsam schönen Ornament verschmolzen, wandten
+sich dem Wasser zu und schwebten hinein und in die Tiefe, wie durch die
+Luft. Ich sah sie noch einmal, als sie an der Sonne vorüberzogen, die sehr
+tief gesunken war, dann schlief ich ein, in großer Traurigkeit, wie ich sie
+nie gekannt habe, und wie man sie nur im Schlaf empfinden kann.
+
+Ein anderes Mal im Traum schenkte mir irgend jemand ein Kriegsschiff mit
+weiblicher Bedienung, damit ich gegen meine Feinde vorgehen könnte, aber
+ich hatte deren leider nur drei und die lebten auf dem Festlande. So
+entließ ich die Damen, damit diese drei Gegner glücklich würden. Mit den
+Kanonen schoß ich auf Möwen, aber sie schnappten nach den Kugeln, ja, dies
+Geflügel wartete geradezu an der Öffnung der Geschütze, es war ungemein
+ärgerlich. So sah ich ein, daß es hiermit nichts Rechtes werden würde, und
+löste einstweilen spielend eine Reihe von Problemen, die mich früher auf
+ganz unverständliche Art gequält hatten. Dabei brachte ich endgültig
+heraus, daß man zu dererlei Geistesexperimenten am Boden umherkriechen
+mußte, und ich tat es mit Ausdauer und fröhlich.
+
+Als ich aber nach vielerlei Träumen dieser Art, die ich vergessen habe,
+eines Tages mit trockenem Mund und einer scheußlichen Leere hinter der
+Stirn, in der Mittagshitze frierend, am Fußboden, in einem Winkel des
+Zeltes, erwachte, ergab ich mich anteillos den Weisungen Panjas, ließ mich
+in Wolldecken wickeln und erwartete meinen Verbrennungstod in diesen
+phantastischen Feuern meines Bluts und meiner Seele, die von boshaften
+Dämonen geschürt wurden.
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel
+
+Im Fieber
+
+
+In einer ungewissen Stunde, die nicht am Morgen und nicht am Abend war, kam
+ich mit dem bestimmten Bewußtsein zu mir, nach jener denkwürdigen Nacht mit
+Huc, dem Affen, am Morgen gestorben zu sein. Es muß nach dem Tode einen
+seltsamen Halbschlaf der ersterbenden Sinne geben, der uns noch eine
+Zeitlang den Fortgang des Lebens vortäuscht, eine Art Erinnerung des
+Körpers, der sich seinem Verfall noch nicht zu ergeben vermag, in welcher
+die Hoffnung unseres Herzens in einem mitleidigen Spiel den Gang des
+Daseins fortsetzt, nachdem die Seele ihrer Hülle entflohen ist. In jenem
+Stadium mußte mir alles geschehen sein, was ich bis zu diesem Morgen erlebt
+zu haben glaubte; ich lächelte geringschätzig und melancholisch in die
+grauen, sanft erklingenden Sphären hinein, in denen ich dahintrieb.
+Immerhin erfreute es mich, daß mein Bewußtsein nicht völlig erloschen zu
+sein schien, und die Erkenntnis, nun endlich mit Sicherheit zu wissen, daß
+ich gestorben war, beruhigte mich sehr; ich begriff nun deutlich die
+qualvolle Ungewißheit, die über allem gelegen hatte, was mir in der letzten
+Zeit zugestoßen war. War nicht alles wie aus grauen Spiegeln emporgetaucht
+und in anderen wieder versunken, in seltsamem Kreisen und liederlicher
+Gleichgültigkeit gegen die Wirklichkeit? Bei dieser neuen Offenbarung über
+meinen Tod, den ich mir aus einer im Grunde recht kleinlichen
+Lebensängstlichkeit bisher nicht einzugestehen gewagt hatte, entschloß ich
+mich in einer wundervollen Gelassenheit des Gemüts, nun niemand mehr zu
+dienen, als allein der Erinnerung. Es war merkwürdig, daß Panjas Gesicht
+mich dabei störte, das ungewiß und groß, wie ein Wolkenschatten, zuweilen
+über mir erschien, mein Dahinziehen durch das flimmernde All hinderte und
+in sinnloser Aufdringlichkeit in meiner Nähe verharrte. Ich ließ mich nicht
+täuschen, ich erkannte in unzweifelhafter Klarheit, daß der Durst, der
+meinen Körper durchglühte, der Wissensdurst meiner Seele war; er war mein
+einziger Schmerz, und ich pries mich glücklich.
+
+Irgend jemand sprach zu mir; ich beachtete es lange absichtlich nicht, weil
+ich mich nicht von der Überzeugung trennen wollte, daß niemand das Recht
+hat, mit einem Toten zu reden. Merkte denn dies wesenlose Geschöpf immer
+noch nicht, daß Tote andere Interessen haben, als sich mit dem
+vergänglichen Tand abzugeben, der die Lebendigen der ungewöhnlich kleinen
+Erde beschäftigt, die nicht einmal in der Lage ist, sich ruhig zu verhalten
+und in lächerlicher Abhängigkeit von der Sonne umhertanzt? So entschloß ich
+mich endlich, mir Ruhe zu verschaffen, und wandte mich in der prächtigen
+Freiheit des Muts um, den nur Tote haben, um Schweigen zu gebieten. Aber da
+erkannte ich, daß mein Ich neben mir saß und rauchte. Es hatte sich meiner
+Pfeife bemächtigt, meiner Kleider und Schuhe und trug meinen fünfmal
+gewundenen Schlangenring aus Gold mit den Saphiraugen und der
+Brillantenkrone. Ich fand im Augenblick nicht den rechten Ton, denn es ist
+ungewöhnlich schwer, sich im Tode richtig gegen jemand zu benehmen, den man
+im Leben oft hintergangen hat. Mein Ich lächelte mir ermutigend zu, aber
+ich ließ mich nicht irreführen; dies Lächeln kannte ich, man weiß doch,
+womit man andere über sich selbst zu täuschen pflegt, und was hinter seinem
+eigenen Lächeln steckt. Aus irgendeinem Grunde sagte ich rasch und
+ärgerlich:
+
+»Nur keine Philosophie, bitte.«
+
+Mein Ich erwiderte freundlich, daß ihm dererlei völlig fernläge, und daß
+nach der Scheidung, die ich als vor sich gegangen zugeben müßte, überhaupt
+alle Fragen über das Wesen von Sein und Nichtsein aufgehoben wären.
+
+Es war ungemein fesselnd, meine eigene Stimme zu hören, derer sich mein
+Gegenüber bediente; aber irgend etwas am Klang der Stimme ging in kühler
+Sachlichkeit weit über die arme Befangenheit hinaus, in welcher ich mich
+früher dieser Stimme bedient hatte. Dies ärgerte mich empfindlich, denn ich
+erkannte, was ich zu Lebzeiten versäumt hatte.
+
+»Siehst du, was alles in mir gesteckt hat?« fragte ich, aber ich verwand
+meinen Verdruß rasch, denn mein abgeklärtes Ich an meiner Seite hatte etwas
+ungemein Imponierendes.
+
+»Habe ich eigentlich jemals auf einen Menschen einen ähnlichen Eindruck
+gemacht, wie Sie auf mich?« fragte ich.
+
+»Du kannst schon du sagen,« meinte mein Ich recht liebenswürdig und ohne
+kränkendes Wohlwollen, »wir müssen versuchen, uns endlich zu verstehen.«
+
+Das sah ich ein. »Gib wenigstens den Ring her!« bat ich.
+
+Da sah ich, wie ich selbst, an meinem Lager sitzend, meinen Ring vom Finger
+zog, genau auf die gleiche Art, wie ich es zu Lebzeiten getan haben mochte,
+wenn ich ihn irgend jemand auf seinen Wunsch hin zeigte. Ich versuchte, den
+Ring anzustecken, aber mein Finger brach ab. »Verflucht, ist es schon so
+weit mit mir, Sahib?« fragte ich unwirsch. Mein Ich nahm den Finger und
+steckte ihn umständlich in die Tasche, und zwar in die richtige, die ich
+für solcherlei Gegenstände leer zu halten pflegte.
+
+»Sind wir noch in Indien?« fragte ich; aber unmittelbar, nachdem ich diese
+Frage ausgesprochen hatte, überkam mich die Erkenntnis, wie völlig
+belanglos solch ein Umstand für mich war. »Was soll geschehen?« fragte ich
+etwas burschikos, denn ohne einen bestimmten Zweck würde mein Ich sich
+hier kaum niedergelassen haben, so gut glaubte ich mich zu kennen.
+
+Und wirklich erhob sich nun das Ich in meiner Gestalt, zog seinen Rock
+zurecht, trat einmal mit dem Bein nach vorn, um die Hose zu glätten, und
+strich sich über das Haar. Ich wußte schon, daß es sich darum handelte, daß
+ich mein Grab kennen lernen sollte.
+
+»Du darfst dir keine besondere Vorstellung von der Ausstattung machen«,
+hörte ich. »Panja hat dich im Wald verscharrt, kaum tiefer, als deine Arme
+lang sind, und die Waldblumen wachsen über deinen Augen.« Nachdem diese
+Worte verklungen waren, sah ich niemand mehr und empfand nun, daß ich in
+meinem Grabe ruhte. Einen kleinen Augenblick lang huschten mir noch
+Gedanken durch den Sinn, aber dann überwältigte mich eine unbeschreibliche
+Ruhe.
+
+Diese Ruhe vermag kein irdischer Mund zu schildern; es ist mir niemals eine
+Wohltat geschehen, die dieser Ruhe zu vergleichen wäre. Nach einer langen
+und ermüdenden Wanderung voll ungesunder Hast und qualvoller Befürchtungen
+langte ich früher in meinem Leben einmal am Ort meiner Bestimmung an und
+außer einer trostreichen Gewißheit empfing mich ein kühles, weißes Lager in
+einem stillen Raum, dessen Fenster den Blick auf die Berge hinausführten.
+Die wenigen Minuten, in welchen ich meinen übermüdeten Körper vor dem
+Einschlafen auf diesem Lager ruhen fühlte, sind vielleicht entfernt dem
+glücklichen Zustand zu vergleichen, in welchem ich nun im Grabe lag, aber
+man muß sich diese Wohltat bis an die Grenze der Bewußtlosigkeit gesteigert
+denken und wie im friedlichen Rausch einer überirdischen Musik.
+
+Meine Hände waren hoch auf der Brust übereinandergelegt, ohne gefaltet zu
+sein; ich ruhte ganz gerade ausgestreckt, und die schwere Decke der Erde
+war eine glückliche Last; sie lag auf meiner Stirn und auf meinem Gesicht,
+wie die liebevollen Hände einer besorgten Mutter nicht sanfter ruhen
+können. Ich vernahm einen gleichmäßigen, starken Pulsschlag, dessen
+Ursprung ich nicht erkannte, der mich aber mit großer Beruhigung erfüllte.
+So lange unter den lebenden Wesen der Erde noch eines meiner in Liebe
+gedachte, blieb mein Bewußtsein wach, aber ohne qualvolle Erinnerungen; es
+war ein unbeschreiblich erhabenes und freies Lächeln, mit welchem ich der
+irdischen Ereignisse gedachte, ohne mich ihrer recht zu erinnern. So ruht
+das Korn in der winterlichen Erde, es trägt sein Gedenken an den Sommerwind
+und an die Sonne, in der es herangereift ist, wie einen Frühlingstraum
+durch seinen Schlaf. Das Licht, der Regen, das Schwanken in der bewegten
+Luft und der Schnitter sind eine einzige lind durchbebte Ahnung der
+Vergangenheit, die keine Trauer oder kein Gefühl der Verlassenheit
+aufkommen läßt. Denn im dunklen Schlummerland pocht ein herber,
+gleichmäßiger Pulsschlag; ob es die Lichtwellen der Sonne, ob es Tag und
+Nacht sind, oder der Wechsel der Jahrtausende, ist niemals die Sorge eines
+im Erdreich Schlummernden gewesen, denn nun ist der Tod überwunden; man muß
+ihn nur kennen, um zu wissen, wie wesenlos seine Mächte sind, die die armen
+Erdbefangenen als eine so unerhörte Herrschaft feiern. Nun sind tausend
+Jahre wie ein Tag. Ich hatte weder den Wunsch, jemand von denen
+wiederzusehen, die ich geliebt hatte, noch kannte ich Sorge um ihr
+Geschick. Glückseliger konnten die Frommen nicht sein, die Gottes Angesicht
+schauten.
+
+Nach einer unabsehbar langen Zeit, in der ich keinerlei Veränderung spürte,
+schien es mir, als würde es langsam dunkler um mich her und in mir. Nicht
+die Furcht, nun vergessen zu sein, bewegte mich, aber eine laue
+Anteillosigkeit auch an dieser Möglichkeit. Vielleicht war das Laub des
+Waldes dichter und dichter über meiner Ruhestatt niedergesunken, oder die
+Erde kreiste nicht mehr um die Sonne, vielleicht war sie von einem anderen,
+größeren Gestirn aufgenommen, auf welchem der Wechsel der Zeit nach anderen
+Gesetzen vor sich ging. Mehr und mehr verlor ich das Bewußtsein meiner
+selbst, aber ohne darüber in Gram zu sinken; es war mir, als ob der Rest
+meiner Klarheit sich in einem einzigen Fünkchen sammelte, das ähnlich
+glomm, wie die Hoffnung in den Herzen der lebendigen Menschen.
+
+Da bemerkte ich allmählich, in einem heraufdämmernden Zeitraum, den ich
+nicht begrenzen kann, einen sanften Lichtschein über mir, der still anwuchs
+und sich langsam näherte. Er war weißlich, ohne zu glänzen, und erschien
+mir wie ein blasser Strahl von zartem Umriß und langsamem Leben; er senkte
+sich auf die Gegend meines Herzens nieder und ohne einen Schein im Erdreich
+zu verbreiten, glomm er doch in lieblicher Seligkeit, und der unfaßbare
+Zauber einer fernen Erinnerung an die Sonne verband ihn mit meiner
+Zuversicht. Da erkannte ich, daß es der tastende Wurzelkeim einer Pflanze
+war, der sich meiner Brust näherte, und mich ergriff ein tiefer Schauer,
+der nicht Freude noch Hoffnung war, aber man könnte ihn vielleicht mit der
+Ergriffenheit vergleichen, in der die Irdischen bei einer großen
+Erschütterung ihres Gemüts in Tränen ausbrechen, ohne dabei schon Lust oder
+Schmerz zu verspüren. Je näher der bleiche, saugende Mund auf kindlicher
+und frommer Wanderschaft und in gehorsamem Wachstum meiner Brust kam, um so
+mehr verwandelte sich mein erlöschendes Menschbewußtsein in ein seliges
+Allgefühl von erhabener Gestilltheit und froher Bereitschaft zum Vergehen
+in ein unversiegbares Bereich. Da geschah es bald darauf, daß die Wurzel
+der Pflanze in mein Herz eindrang und in einem funkelnden Erklingen, in
+einem von Frische und seliger Wildheit betäubenden Lichtwirbel wurde mein
+Wesen emporgerissen in das warme, leuchtende Brausen der Erdoberfläche.
+
+Über meinem Grab brach eine große Blume auf und öffnete sich gegen die
+himmlische Sonne. --
+
+Nun kam es mit weichen Schritten durch die dichten Lauben des Urwalds
+heran, auf diesen verschlungenen Pfaden, die kaum ein paar Schritt weit zu
+übersehen sind und wie grüne Höhlen wirken; unendlich weich und geschmeidig
+schritt es dahin, von der stolzen Erhobenheit der Gestalt, die unter allen
+Geschöpfen nur die Menschen haben. Es war ein Mädchen, das herankam,
+beinahe noch ein Kind an Jahren. In jener schattigen Lichtung im großen
+Urwald, an welcher unter einem Baum vorzeiten mein Grab gegraben worden
+war, und in welcher nun die frische Blume sich langsam gegen das
+Sonnenlicht kehrte, machte das Mädchen halt und beugte sich nieder. Sie
+trug Lotusblüten im Haar, von sanftem Rot und einen schmalen Gürtel von
+gewundener ockerroter Seide um die zarten Hüften. Ein Hauch von Ambra
+begleitete sie, wie unsichtbare Flügel der Jugend.
+
+Um den Hals trug sie eine zweifache Schnur aus roten Angolaerbsen, und ein
+breiter Goldring, der um ihr Fußgelenk geschmiedet war, funkelte im Tau der
+Bodenpflanzen.
+
+Als ihre Augen mit dem nächtlichen Glanz einer tausend Jahre alten
+Schwermut sich über das frische, helle Blau der kaum erblühten Blume
+neigten, war es, als begegneten einander ein himmlisches Erstrahlen und ein
+irdischer Widerschein. Aber das Mädchen brach die Blume nicht, sondern es
+schien, als erinnere sie sich zuvor einer köstlichen Pflicht, denn ihr
+Angesicht belebte sich unter einer mit Schamhaftigkeit gemischten
+Erwartung. Über die Wurzeln der Bäume dahin, im weichen Erdreich und über
+braunem Laub, floß ein Bach; sein klares Wasser zog rasch und lautlos
+durch Sonnenflecke und Buschschatten. Das Mädchen legte ihre Halsschnur ab
+und hängte sie in kindlicher Fürsorge nachdenklich in die Betelranken, die
+die hängenden Zweige des Baumes mit dem Waldboden verbanden; sie legte
+ihren Gürtel ab und blinzelte fröhlich in das warme Licht. Nur die Blumen,
+die ihr Haar schmückten, ließ sie in der nachtdunklen, glänzenden Fülle
+ruhen, in der sie zum Ruhm ihrer jungen Herrlichkeit verwelken sollten.
+
+Das Wasser wurde unter der Freude ihres lieblichen Körpers beredt; es
+überrieselte wie mit fröhlichem Lachen die helle Bronze dieses Leibes, der
+sich unter den Berührungen der Natur beseligt dehnte und in einer Hingabe
+ohnegleichen seinen Schöpfer lobte, den Schöpfer der Waldriesen, die ihn
+behüteten, der Milliarden Pflanzen und allen Getiers, das gleich ihm im
+duftenden Schatten atmete, und der großen Sonne, die ohne Aufhör goldenes
+Glück zum Wohlergehen der Ihren auf die geduldige Erde sandte.
+
+An einem besonnten Hügel, der weich von Moos gepolstert war, legte das
+Mädchen sich auf den Boden nieder, um in der warmen Luft zu trocknen; sie
+gab sich dem Licht in holder Bedachtlosigkeit preis, denn es gibt vor ihm
+keine Geheimnisse des Körpers oder der Seele, und beide sehnen sich nach
+ihm. Sie schien mit dem Boden zu verschmelzen; der Pulsschlag der Erde
+verband sich mit dem Pochen ihres Bluts, und die Blüten in ihrem Haar
+dufteten noch einmal empor im Verein mit dem sanften Hauch von Müdigkeit,
+der wie ein Lied von ihrem Leib aufstieg. Die Sonnenstrahlen glitten
+spielend über die zierlichen Hügel der kleinen Brüste dahin, über die
+Rundungen der warmen Glieder; hier leuchteten sie auf, dort tauchten sie in
+heimliche Schatten nieder, allmächtiger als der stärkste Beherrscher, der
+sich jemals eine Welt zu eigen gemacht hat, und mit der Anmut eines
+Geliebten, der nach überwundenen Stürmen seine Wohltäterin beglückt.
+
+Wie in reglosem Stolz, erstarrt vor Andacht, sah die grüne Waldherrlichkeit
+auf den ruhenden Triumph der Schöpfung nieder, bis jählings mit hellem
+Flöten ein Vogel im Rankendickicht ein Lied begann, überselig, beinahe
+grell und erschreckend, und aus der Nähe drang eine gejubelte Antwort. Da
+erhob sich das Mädchen, legte bedächtig ihren geringen Schmuck aufs neue an
+und bückte sich über die Blume nieder, in der das Blut meines Leibes
+auferstanden war; sie brach sie und befestigte sie, indem ihre großen Augen
+über dem zitternden Kelch lächelten, in ihrem Gürtel. --
+
+Wie war es doch gewesen? Ach, nun erinnerte ich mich, jene große Blume von
+leuchtendem Blau rief mir alles ins Gedächtnis zurück. Ich kannte dies
+Mädchen und ihre Blume schon längst; es war in einer jener vertanen Nächte
+in Bombay, in einer jener Nächte, die ruhlos und ziellos beginnen und oft
+so trostlos verstreichen, hingegeben an Nichtigkeiten, in denen unsere
+hohen Erwartungen, vom Geist des Weins umhüllt, in grauen Morgenstunden
+versiegen. Aber es gibt keine Hoffnungen, die nicht irgendwo in unserer
+Seele und irgendwo in unserer Zeit mit einem jenem Lächeln verwandten Glanz
+gestillt werden, in dem sie erwachen. Hoffnungen sind den Blüten
+schlummernder Rechte vergleichbar, im Dämmerlicht der Ahnung.
+
+Ich hatte damals in einer Abendstunde das Hotel verlassen, in dem ich schon
+seit Tagen auf einen Dampfer wartete, der mich nach Singapore bringen
+sollte, und war die breite, belebte Straße hinabgeschlendert, ohne
+Ausrüstung für eine bewegte Nacht, ja, ohne eine andere Absicht, als die,
+mich noch für einige Minuten in der kühleren Luft des Abends zu ergehen und
+dem bunten Straßentreiben zuzuschauen. Aber es lag keine Linderung in der
+schwülen Luft, die nach verdunstendem Sprengwasser, nach Pferden und Öl
+duftete, sowohl die freien Atemzüge behinderte, als auch die vernünftigen
+Gedanken. Oft wirkt diese Atmosphäre wie eine Ankündigung des Fiebers,
+verwirrend und zu allerhand Sinnlosigkeiten ermunternd; die Lebensleiden
+der Verlassenheit gären darin, satt von Melancholie; kleine Teufel erheben
+darin die nach Abenteuern lüsternen Narrenköpfe, während der nahende, rote
+Mond den nüchternen Sinn aller Dinge in Schleier legt. --
+
+Ich ließ mich nach einer Weile am Holztischchen eines Straßencafés nieder;
+es erschien mir, als verbürgen mir alle, die mich anschauten, etwas, in
+mitleidiger Überlegenheit. Eine kleine, ganz in ein dunkles Tuch gehüllte
+Straßenbettlerin hielt mir die braune, offene Hand hin, und unter ihrem
+Lächeln verstand ich plötzlich die Nacht.
+
+Nun war es dunkler geworden, als ich weiterschritt. Aus geöffneten Türen
+drang der Schein bunter Lichter; die Straßen wurden enger und die Passanten
+seltener. Ich hörte Schritte herannahen und jählings hinter mir verstummen,
+sobald eine der vermummten Nachtgestalten an mir vorübergegangen war; man
+blieb stehen und sah mir nach, neugierig, oder lüstern auf einen Raub, von
+einer Ahnung der Ruhlosigkeit und Unsicherheit angeweht, die mich
+gefangenhielten und dahintrieben. Einen Augenblick war ich um mein Leben
+besorgt, da ich die Gefährlichkeit dieser Stadtgegend kannte, aber dann war
+mir, als sei dies, mein geliebtes und umsorgtes Leben, eine ganz fremde und
+gleichgültige Sache für mich geworden. Es kam auf ganz andere Dinge an; die
+Nacht forderte ihr Recht, die Nacht der Erde und die meiner unruhigen
+Seele, die nach einem mystischen Tag ihrer Wandlung Verlangen trug.
+
+Die Tür eines Holzhauses stand angelehnt, und als ich sie aufstieß, blickte
+ich in einen schmalen Korridor, der durch eine grünliche Papierampel
+dämmerig erhellt wurde. Zur Rechten und zur Linken der Ampel waren an den
+kahlen Wänden Spiegel angebracht, die das matte, schwebende Gestirn dieses
+stillen Bereichs nach beiden Seiten hin tausendfach in ein magisches All
+hinüberzauberten. Von irgendwoher erklang gedämpft eine klimpernde Musik,
+der einer Mandoline vergleichbar, aber um vieles unbelebter und im Takt oft
+von einem lang anhaltenden Ton unterbrochen, der einer Flöte entstammen
+konnte. Ein schwerer, süßer Geruch drang mir entgegen, wie von gärendem
+Honig und betäubendem Räucherwerk; er quoll aus dem Spalt eines roten
+Vorhangs im Hintergrund, wie aus der Wunde einer überreifen Frucht.
+
+Als ich an diesem Ort eine kleine Weile gestanden und gelauscht hatte,
+öffnete der niedrige Vorhang sich, und eine alte Frau trat zögernd und
+scheinbar überrascht auf mich zu. Sie war welk, und ihr ergrautes Haar
+flimmerte vermodert in dem blaßfarbigen Licht der Papierlaterne über ihrem
+Scheitel, ein gelbes Tuch war wie eine Fahne um ihren Körper geschlungen,
+so daß ihre Schultern und Arme, sowie ihre Beine von den Knien an abwärts
+unbedeckt waren. Nachdem sie sich von ihrer anfänglichen Überraschung
+erholt hatte, lächelte sie mir in feiner, unpersönlicher Herzlichkeit zu,
+die Leuten eignet, die aus Beruf oder Gewohnheit gastfreundlich sind, und
+lud mich, nach einem prüfenden Blick über meine europäische Kleidung ein,
+näherzutreten. Sie sagte ein paar Sätze, die ich nicht verstand, denen aber
+leicht ein Willkomm zu entnehmen war und eine ehrende Begrüßung. Da ich
+ohne Zögern nähertrat, verdoppelte sie ihre Unterwürfigkeit, und ich hatte
+den Eindruck, als kröche sie mir die Stiege hinauf voran, die wir im
+rötlichen Dämmerlicht erklommen; ich sah immer nur ihr Angesicht dicht vor
+meinem, während ihr übriger Körper bereits voraus war. Sie grinste süßlich
+und boshaft; irgendwo bimmelte zaghaft ein Glöcklein; beklommen folgte ich,
+ohne Aufwand von Mut, ohne Umsicht, ja fast ohne rechte Erwartung; was
+geschehen sollte, mochte geschehen. Das Leben wog leicht.
+
+Wir kamen an eine mit buntem Papier bezogene Tür, die die Treppe hart
+abschloß, und die sich lautlos und leicht unter dem Druck der welken Hand
+der alten Frau öffnete.
+
+»Tritt ein, Herr«, sagte sie auf Hindustani und drückte sich an die Wand,
+die nachgab und schwankte; ich hatte den bestimmten Eindruck, daß wir von
+allen Seiten beobachtet wurden. So tappte ich nun vorsichtig voran in das
+von Rauch wie in Nebel getauchte bläuliche Dämmerlicht eines niedrigen
+Raumes, in welchem ich anfänglich, außer dem erlöschenden Mond einer
+stillen Ampel, nur hängende Wandteppiche in mancherlei gedämpften Farben
+und seltsamen Ornamenten zu erkennen glaubte. Es glitzerte mir in matten
+Goldtönen entgegen und ein sanft betäubender Hauch von welkendem Jasmin und
+Opium beengte die Brust.
+
+Ich durchschritt mit meiner Führerin diesen Raum, um in einen zweiten zu
+gelangen, der noch kleiner und finsterer war, und in dem ich zuerst nur ein
+breites Ruhebett erkannte, das mit vielfarbigen Decken und Fellen belegt
+und kaum einen Fuß hoch war. Die Alte verbeugte sich viele Male, nachdem
+ich, wie sie es zu wünschen schien, auf diesem Lager Platz genommen hatte,
+und sagte im Hinausgleiten in gebrochenem Englisch:
+
+»Ich werde Goy für dich holen, Herr, du wirst zufrieden sein.«
+
+Als ich ihr mit zwei zustimmenden Worten zunickte, lachte sie, glücklich
+und stolz darüber, verstanden worden zu sein. O, sie war eine hochgebildete
+Frau, nun hatte sie den Beweis erbracht, und nichts wäre in der Lage
+gewesen, sie zu einer Handlung zu bewegen, die mich an dieser Meinung über
+sie wieder irremachte.
+
+Ich sah mich kaum im Zimmer um, als ich allein war; es mußte alles so sein
+und kommen, wie es für diese Nacht bestimmt war.
+
+Unter einer winzigen grünen Ampel, dicht an der Decke, erblickte ich ein
+rundes Tischchen mit unwahrscheinlich dünnen Beinen, und in einer mit roten
+und blauen Ornamenten ausgelegten Messingschale, die darauf stand, lagen
+trockene, fremdartige Früchte, Tabak, Hanf und Betel. Da meine Augen sich
+bald an das ebenmäßige, sanfte Licht gewöhnt hatten, erblickte ich, als nun
+die Tür sich öffnete, sogleich mit der übersinnlichen Deutlichkeit einer
+Vision das Mädchen, das meinen Raum betrat und vorsichtig die Tür hinter
+sich schloß und verriegelte. Sie trat so gelassen und freundlich auf mich
+zu, als sei ich ihr ein längst vertrauter Gast, und grüßte mich, indem sie
+nach kanaresischer Sitte die Spitzen ihrer Hände an die Stirn legte und
+sich tief verneigte. Sie war völlig nackt unter einem unendlich feinen
+Schleier von rauchfarbenem Seidenflor; ihr schwarzes Haar war mit grauen
+Blumen geschmückt, und ein schmaler Ledergürtel von verblichenem Ockerrot
+legte sich, ohne ihren Körper zu beengen, wie ein Ring aus rostigem Metall
+um ihre Hüften, die, obgleich ich ein Kind vor mir zu haben glaubte, doch
+von weicher Rundung und lieblicher, ebenmäßiger Fülle waren. In diesem
+Gürtel war eine große Blume von hellem Blau befestigt, mit tiefem
+goldbraunem Kelch; sie hob sich fast unwirklich und in seltsam wohltuendem
+Kontrast vom Bronzeton des jungen Körpers ab.
+
+Alles, außer dieser frischen Blume, hatte jene seltsam überzeugende
+Bewußtheit in Farbe, Erscheinung und Bewegung, wie nur eine jahrhundertalte
+Tradition sie verleihen kann, alles außer dieser Blume und dem schmiegsamen
+Mädchenleib.
+
+Ich weiß nicht, ob ich alles verstanden habe, was in dieser denkwürdigen
+Nacht dieses Kind zu mir sagte, wohl aber weiß ich, daß wir einander
+verstanden. Die Ausschließlichkeit, welche das glühende Bereich
+heraufbeschwört, in das der Liebreiz dieses Mädchens mich zog, verbannte
+alle kleinen Einzelinteressen und Begierden, die unser Leben spalten und
+bedrängen, und es gab nur ein Ziel für unser Blut.
+
+»Soll ich tanzen?« fragte Goy, »sage mir, was dir wohltut?«
+
+Sie tanzte unter dem grünlichen Mond der kleinen Ampel, der eine ganze Welt
+bestrahlte. Es war schwül und totenstill in dieser Welt. Ich hörte nur den
+Schlag der weichen Füße auf den Matten, und wenn ich die Augen schloß, so
+fühlte ich den zarten Fuß auf den Herzensquellen meines Lebens tanzen. Mit
+jedem neuen Erwachen meiner Blicke erschien mir Goys erblühter Kinderkörper
+erneut; er blieb mir fremd und wechselte wie eine Landschaft, die der Geist
+im Flug durcheilt. Nun wurde es still, und ihre Frauenaugen lächelten
+erfahren, kindlich und begierig über den meinen:
+
+»Willst du mir nicht befehlen, Herr?« sagte Goy so langsam, daß mir war,
+als stünde mein Herz unter den unausgesprochenen Verheißungen ihrer Bitte
+still, aber doch lauerte hinter ihrer Unterwürfigkeit, ohne Falsch, das
+glückliche Bewußtsein ihrer Herrschaft. Nun hockte sie sanftmütig,
+merkwürdig beschienen vom Ampellicht, wie eine große, goldene Katze vor mir
+auf dem Lager, drehte bedächtig Papyrus, zerbröckelte Tabak und Hanf und,
+als sie Opium hineinmischte, verwandelte sie sich mir plötzlich in eine
+Göttin, die den Schlaf herbeiführt.
+
+Goy war, wie die meisten Frauen des Orients, auf eine Art für die Liebe
+erzogen, die die Folge einer grauenhaften Verwöhntheit ist, aber über allen
+ihren Handlungen lag ein zauberhaftes Glück von einer Unschuld der
+Gesinnung, die wie Keuschheit wirkte. Goy tat ihre Pflicht, und kein
+Gewissen, wie es in unserer Brust wohnt, behinderte ihre geschäftige Treue
+gegen den einzigen Genuß, den sie kannte und austeilte.
+
+Ich rauchte in tiefen, durstigen Zügen und sank mehr und mehr in
+Betäubung. Das Mädchen ließ keinen Augenblick verstreichen, in dem sie sich
+nicht hinzugeben schien; ihr Bild verwandelte sich unaufhörlich; sie gab
+keines ihrer Geheimnisse preis, ohne ein neues ahnen zu lassen.
+
+»Vergiß das Leben«, sagte sie mit sanftem Tadel, scheinbar über mein Zögern
+in milden Schrecken versetzt. »Bin ich nicht schön?«
+
+»Doch, du bist sehr schön, Goy, schöner als alle, die ich gesehen habe.«
+
+»O, nein,« antwortete sie nachdenklich, »die blassen Mädchen sind schöner.«
+Sie schaute mit ihren übergroßen Kinderaugen auf mich hin und lächelte, als
+ich schwieg. Ihre Nägel waren rot bemalt, und ihre Hände, wie ihr ganzer
+Körper waren mit großer Sorgfalt gepflegt.
+
+»Die Menschen legen mit den Kleidern die Lüge nicht ab,« sagte Goy, »ich
+glaube an nichts, als an die Liebe und an die Lust, die durch sie kommt.«
+
+Ich verstand, wie sie ihre Worte meinte, denn sie stand, als sie so sprach,
+innig dargeboten und aufgerichtet vor mir und hob ihre Arme, als ob sie
+eine Schale darreichte. Ihr Haupt verdunkelte die Ampel, so daß ihre
+Gestalt in magischen Lichträndern glomm. Aber ihre Worte bewegten sich in
+meinem Herzen auf eine andere Art, sie nahmen Glanz an und entzündeten sich
+für eine weite Reise.
+
+Goy las in meinen Zügen.
+
+»Vergiß,« sagte sie, »woran mußt du denken? Hier ist weder Zeit, noch Tag
+und Nacht.«
+
+»Und doch, du Geliebte dieser kleinen Ewigkeit, ist nicht das Leben länger
+als die Jugend?«
+
+»Nein,« sagte Goy sicher, und ihr Lächeln hatte etwas unfaßlich
+Überzeugendes, »vielleicht für euch Männer, aber für uns Mädchen nicht.
+Eine alte Frau ist schlimmer als eine ausgepreßte Mangofrucht, mit den
+Gliedern welkt die Hoffnung, denn das Blut verliert seine Stimme, der der
+Gang der Welt gehorcht. Kein Kind wird meine Freude sein.«
+
+»Was kann ich für dich tun, Goy? Nimm alles, was ich habe!«
+
+»Ich nehme nichts«, sagte das Mädchen. »Ich habe niemals etwas genommen.
+Die Alte nimmt. Sage mir, daß ich schön bin und daß ich dich beglückt
+habe.«
+
+»Du bist sehr schön.«
+
+»Du sagst nur das eine, so bist du undankbar, oder du bist von denen, die
+niemals sich selbst vergessen können, als wären sie so wichtig, ach, so
+wichtig!«
+
+Sie kam mir ganz nah und sah mir unter die Augen, dann zog sie gelinde den
+Finger vom Winkel meines Auges über die Wange und um den Mund herum,
+seufzte tief auf, als beklagte sie mich, und nickte.
+
+Ich schloß die Augen. Die feuchte Blüte an ihrem Gürtel näherte sich meinem
+Gesicht, und mir war für einen Augenblick, als legte sie sich kalt auf
+meine Stirn.
+
+»Welche Menschen meinst du?« fragte ich. Mir war, als wiche der bunte
+Rausch, wie Wolken dem Wind weichen, für kurz von mir.
+
+Goy sann nach und lächelte wehmütig, als gäbe sie mich verloren; dann hob
+sie die Hand an meine Stirn, tippte schnell mit der Spitze des Fingers an
+die Schläfen und sagte:
+
+»Das kalte Feuer dort! Es ist stärker als alle anderen Flammen und scheint
+heller. Es kämpft mit der Wärme des Herzens und hat schon viele Herzen
+ausgelöscht. Ihr müßt immer von einem zum andern. Wer alle Hindernisse zu
+seinen Mitteln machen will, verdirbt seine Ruhe, denn die Welt ist voller
+Hindernisse. Wohin willst du? Unsere Weisen lächeln über euch. So komm',
+vergiß!« --
+
+Als ich aus dem Hause trat, fiel mich die Sonne wie ein Raubtier an. Ich
+taumelte und tastete mich an den Häusern entlang voran, bis langsam meine
+Besinnungen zurückkehrten. Ich wußte nicht, wieviel Zeit verstrichen war.
+So muß Lazarus die Welt empfunden haben, als ihn ein Gott ins Leben
+zurückrief. Ich erinnerte mich langsam der Einzelheiten meiner Erlebnisse,
+wie der eines tiefen Traumes. --
+
+Es mag nun wohl gewesen sein, daß eine habgierige Alte mich geführt und ein
+verdorbenes Kind mein Lager geteilt hatte, aber da ich von beiden
+Eigenschaften keine fürchte, so bekümmern sie mich wenig, denn es kam mir
+damals nicht darauf an, wieviel die Dinge in den richterlichen Augen einer
+Weltgerechtigkeit wert sein mochten, sondern es kam mir darauf an, wie sie
+sich in meinen Augen spiegelten.
+
+Das Leben aber trübt die Augen der Menschen mit Träumereien, Scherzen und
+Tränen.
+
+ * * * * *
+
+Langsam empfand ich nun mehr und mehr, daß es einzig noch auf jene
+sonderbare Blume ankam und auf ihr schimmerndes Blau, das sich seltsam
+herrschsüchtig und still vor mir auszudehnen schien. Da war mir, als
+erwachte ich wiederum zu einem neuen Dasein. Eine unendliche Mattigkeit
+beschwerte meine Glieder, und meine Augen waren unsicher und benommen, wie
+befangen von jenem strahlenden Azur meiner Traumblume, die sich nun als
+eine endlose blaue Mauer vor mir ausbreitete. Ich versuchte mit großer
+Anstrengung, diese blaue Mauer zu begreifen. Da sah ich plötzlich, wie
+einen ganz fremden Gegenstand, meine Hand auf meinen Knien liegen,
+abgemagert und ganz weiß. Ich versuchte, sie zu heben, und sie gehorchte
+mir. Die unbeschreiblichen Schauer eines ganz neuen Lebens ließen meine
+Glieder erbeben; sie gingen vom Bewußtsein aus und rieselten wie
+Lichtgarben durch meine Adern, eigensinnigen Funken gleich, heiß und kalt.
+Ich seufzte tief auf und weiß heute noch gut und genau, daß ich laut sagte:
+
+»Es kann das alte Leben nicht sein.«
+
+Da kam Panja um eine weiße Säule geschritten, die sich von der blauen Wand
+abhob, und starrte mich an. Er stand merkwürdig unwirklich da, als schwebte
+er in der Luft. Dies ist ja ein brauner Mann mit einem weißen Turban,
+dachte ich.
+
+»Sahib!« schrie er, als er in meine Augen sah. »Sahib, sprich.«
+
+»Wo sind wir, Panja?« fragte ich matt, »was ist mit der Zeit geschehen,
+Panja?«
+
+Mein Diener starrte mich verständnislos und in einer deutlich in seinem
+Gesicht aufs neue auftauchenden Angst an, aber sie wich mehr und mehr, je
+länger er in meine Augen schaute.
+
+»Sahib, sprich gute Worte«, bat er, zweifelnd und hoffnungsvoll zugleich.
+
+Da kam mir zum Bewußtsein, daß ich meine Frage in deutscher Sprache
+gestellt hatte, und ich wiederholte sie englisch.
+
+An Stelle einer Antwort stieß Panja einen lauten Schrei aus und warf sich
+auf die Knie, indem er die meinen mit seinen Armen bedeckte. Schluchzend
+stammelte er: »Sahib, du wirst leben!«
+
+»Wohin sind wir geraten, Panja? Was ist dort für eine blaue Wand?«
+
+Panja erhob sich mit glücklichem Lachen, trat zur Seite und sagte: »Es ist
+das Meer. Wir sind hoch in den Bergen, du siehst auf das Meer hinab. Wir
+haben dich aus den Sümpfen hinaufgetragen, zwei Tage und zwei Nächte lang,
+ohne zu schlafen und kaum, daß wir geruht haben, bis die leichte Luft kam,
+die Kühle und die Ruhe. Sieh um dich, sieh die Wälder an! Dies ist das
+verlassene Bungalow einer englischen Farm. Wir haben die Affen vertrieben,
+die von ihm Besitz ergriffen hatten«, er stockte und sah mich an. »Ach,
+Sahib, nun bist du erwacht und gesund geworden, der Sinn ist in deine Augen
+und Worte zurückgekehrt und die Freude in meine Brust.«
+
+Ich sah Panja weinen und begriff, daß er die Wahrheit sprach, und daß mein
+Geist aus dem Bereich der Fiebergifte in die Wirklichkeit zurückgekehrt
+war. Da sah ich in einiger Entfernung Guru am Boden hocken und mich
+unverwandt mit seinen großen Nachtaugen anstarren. Es lag etwas in seinen
+Blicken, was ich nie vergessen werde.
+
+Erst nach Tagen erfuhr ich langsam, was sich zugetragen hatte, denn Panja
+verschonte mich mit allem, bis ich danach fragte. Ein großer Teil unseres
+Gepäcks war verloren, da die Leute sich meiner annehmen mußten und keine
+Träger zu bekommen waren. Panja hatte hauptsächlich Proviant mitnehmen
+lassen und die Koffer, von denen er wußte, daß sie meine wertvollsten
+Besitztümer bargen, ebenso meine Waffen und ein Zelt. Zwar waren seit
+gestern Pascha und ein Kuli hinabgestiegen, um zu retten, was noch zu
+finden war, und um Sorge zu tragen, daß alles noch Vorhandene in einem
+Eingeborenendorf untergebracht werden sollte, aber Panja hatte wenig
+Hoffnung und fürchtete, daß die ersten Gewitter hereinbrechen könnten. Er
+saß oft lange schweigend in der Mittagsglut neben meinem Liegestuhl und sah
+den Himmel über dem Meer an und die weite, blaue Fläche, die aus dieser
+Höhe so ebenmäßig erschien, wie eine Platte aus Metall. Zuweilen lag ein
+feiner, grauer Dunst darüber. Aber außer dieser Besorgnis, deren Gewicht
+ich kannte, bedrückte ihn ein anderer Kummer; ich merkte es ihm an, wollte
+aber nicht fragen. Erst als ich meine erste Zigarre anzündete, lächelte
+Panja melancholisch und meinte: »Nun wirst du auch das Schlimmste ertragen,
+da deine Kraft zurückgekehrt ist.«
+
+Elias war vom Panther geholt worden.
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel
+
+In den Bergen
+
+
+Panja prüfte aufs neue das verfallene Haus, in dem ein Raum notdürftig für
+mich hergerichtet worden war, so daß er geschlossen werden konnte, da ich
+die Nacht ohne Feuer verbrachte.
+
+»Willst du bleiben, Sahib, bis die großen Regen kommen?«
+
+Ich wußte, daß dies nicht anging, und daß wir verloren sein würden, wenn
+die ersten Gewitter uns in den Bergen überraschten. Erfolglos versuchte ich
+die Zeit seit unsrer Abreise von Cannanore zu ermessen, es mochten vier,
+fünf oder sechs Monate vergangen sein.
+
+Gurumahu war eines Morgens zu mir gekommen und hatte sich heimwehkrank
+gemeldet. Er trennte sich mit schwerem Herzen von uns, aber wenn er sein
+Dorf vor Anbruch der großen Regen erreichen wollte, so mußte er sich nun
+auf den Weg machen.
+
+Ich schenkte ihm meine verlötete Tropenuhr aus Nickel. Das war gewiß an
+sich kein großes Geschenk, obgleich sie aufgeregt zu ticken verstand und
+bei trockener Witterung sogar ging, aber Guru nahm sie beglückt entgegen.
+Er wird künftig alles aus ihr ersehen, was sein Herz zu wissen begehrt: die
+Jahreszeiten, die Windrichtung und den Gang der Gestirne. --
+
+Oft fehlte es uns am Nötigsten. Panjas besorgte Augen schreckten mich aus
+der Täuschung, in der ich mich dem Glauben hingab, daß die wohltuende, oft
+kühle Luft der Berge und der hochgemute Seelenzustand, wie er Genesende
+erfreut, zu hoffnungsvollem Blick in die Zukunft berechtigten. Unser Gepäck
+war zum größten Teil gerettet, nur unter den Nahrungsmitteln hatten die
+weißen Ameisen auf das furchtbarste gewütet, aber außer Panja und Pascha
+hatte ich nur noch zwei Träger aus Süd-Kanara bei mir, die uns unter
+großem Müheaufwand und oft unter Einsetzung ihres Lebens mit Reis und
+Früchten aus dem nächsten Dschungeldorf versahen. Die dortigen Bewohner
+hatten unsere Abhängigkeit von ihrer Leistung herausgebracht, und meine
+Geldvorräte schmolzen immer mehr zusammen, eine Tatsache, die Panja in
+stille Raserei brachte. Er schwor den Erpressern unten im Grünen Rache und
+versprach mehr als einmal, ihr Dorf in Brand zu stecken; meine
+Gleichgültigkeit führte ihn zu ernstlichen Ermahnungen:
+
+»Sahib, du bist ein großer Herr, und du kannst tun, was du willst, aber du
+tust nichts. Die Tage verstreichen, einer nach dem andern, wie die
+Wasserwogen an der Meeresküste, sie lassen keine Spuren zurück und bringen
+immer das gleiche. Wer lebt so? Als wir in Anandapur waren, hast du die
+Brahminen verlacht, die den ganzen Tag in der Sonne liegen und den
+Tempelreis fressen, der ihr Anrecht ist, aber wie machst nun du es? Früher
+hast du alles in Büchern verzeichnet, was du sahst, und mich oft gefragt,
+aber nun tust du auch das nicht mehr, und die Bücher sind verbrannt.«
+
+Das war Panja ein großer Kummer, denn er wußte, daß auch seiner oft in
+diesen Büchern Erwähnung getan war, und er hatte sich auf den Ruhm
+vorbereitet, der seiner im Okzident, im Lande der Herren, wartete. Ich
+lachte ihn aus; nur was die Gewitter betraf, hatte er recht, und so
+entschloß ich mich eines Tages, den kürzesten Weg nach Mangalore zu nehmen,
+um im Schutz dieser alten, gesicherten Hafenstadt die Regenzeit abzuwarten.
+
+Aber im Herzensgrund ahnte ich bei solchen Vorsätzen, was ich aufgab und
+dahinten ließ, und daß meinem Leben keine Zeit mehr würde gegeben werden,
+die der verstrichenen an Licht und Freiheit glich. Und so kam es, daß sich
+unsere Abreise von Tag zu Tag hinauszögerte, obgleich alle meine Erlebnisse
+in den Bergen sich im Schleier jener dämmerigen Unwahrscheinlichkeit und
+heimlichen Ruhlosigkeit zutrugen, die uns befallen können, wenn wir an
+schöner Stätte den Gedanken des Abschieds schon mit uns umhertragen. --
+
+Da war Gong, ich werde ihn nicht vergessen, wahrscheinlich ist er
+inzwischen gestorben, denn er zählte schon damals nicht mehr zu den
+Jüngsten, und er überwand sein Mißtrauen gegen mich niemals ganz. Er
+gehörte jener Sorte von halbgroßen Affen an, die in Indien nur in den
+Bergen leben, sie sind bedeutungsvoller als ihre Brüder aus dem Dschungel,
+und sie haben andere Eigenschaften, aber keineswegs bessere.
+
+Ich nannte diesen meinen Gefährten der Frühmorgenstunden Gong wegen seiner
+außerordentlich häßlichen Stimme, die so klang, als ob man einen alten,
+rostigen Blechkessel gegen eine Steinmauer würfe. Gottlob sagte er nicht
+viel, aber meine Erscheinung nötigte ihm das größte Interesse ab, offenbar
+hatte er sich in den Kopf gesetzt vor seinem Hinscheiden noch etwas ganz
+Besonderes zu erleben, und sich meine Person ausgewählt, die ihm dazu
+angetan schien und die sich morgens unter den hohen alten Latan- und
+Tamarindenbäumen finden ließ.
+
+Kaum daß die ferne Fläche des Meeres sich im Dämmern silbern färbte, als
+ich auch schon mein Lager verließ, um die kühlsten Stunden nicht zu
+verpassen. Ich sah diesen blassen Himmelsschein wie er sich vor der
+vergitterten Öffnung meines Fensters matt und glanzlos abhob, nur wenig vom
+Licht des Mondes unterschieden und vom ersten Ruf der Raubvögel erfüllt,
+die weit hinter mir, schon in hellerem Licht, um die Felszacken kreisten.
+Nun dauerte es noch etwa eine Stunde, bis die ersten Sonnenstrahlen unser
+Hochland erreichten, zuerst sah ich sie fern auf dem Wasser funkeln, und im
+Osten zeigten die Felszacken goldene Ränder in unendlich freier, weiter
+Höhe gegen den blaßblauen Morgenhimmel emporgereckt. Es gingen ein Glanz
+und eine Stille von ihnen aus, die jeden Morgen aufs neue mein Gemüt
+erfüllten und es bis weit in die Tagesstunden hinein begleiteten, da nichts
+geschah, was ihren Frieden in meiner Seele auszulöschen vermochte. Nur wer
+auf diese Art und unter solchen Bedingungen die Natur aufzunehmen vermag,
+lernt sie begreifen, denn sie erfordert, wie alles Große, unsere
+schrankenlose Hingabe, um sich uns voll zu offenbaren.
+
+In dieser Stunde wartete Gong auf einem der meinem Hause nahe stehenden
+Bäume, meistens auf einem niedrigen dicken Ast. Die eine Hand umklammerte
+allerdings in der Regel, für alle Fälle, einen höheren Zweig, und wenn ich
+meine Büchse bei mir hatte, so konnte anfangs kein Zureden ihn bewegen, zu
+verharren. Ich weiß nicht, auf welche Art er die Bekanntschaft meiner Waffe
+gemacht haben kann, sicher ist, daß die Affen mich weit länger kannten und
+beobachtet hatten, als ich sie.
+
+Seine Gefährten flohen anfänglich in großen Scharen. Es war leicht, sie
+dabei zu beobachten, weil die Bäume in großen Abständen voneinander
+wuchsen, und die Herren sich jedesmal die Mühe machen mußten, erst wieder
+auf den Erdboden herabzusteigen, wenn sie weiterkommen wollten. Gong nun
+machte eines Tages eine Ausnahme, er blieb sitzen, als ich nahte, und ich
+blieb stehen, denn es war mindestens erstaunlich, daß dieser Affe sich
+nicht auf- und davonmachte. Er saß auf einem niedrigen, dicken Ast, hielt
+sich mit allen vier Händen fest, als ob er sich hindern wollte, schließlich
+doch die Flucht zu ergreifen, zitterte und sah mich mit hochgezogenen
+Brauen zugleich neugierig, boshaft und ängstlich an.
+
+Ich habe nun bei Tieren immer zu erkennen geglaubt, daß sie es in der Regel
+erst dann böse mit uns meinen, wenn wir ihnen Anlaß dazu geben. Es mag
+sein, daß diese Anschauung daher kommt, daß ich in meiner Jugend niemals
+schlechte Erfahrungen mit Hunden, Pferden oder Katzen gemacht habe,
+obgleich diese Geschöpfe aus jener Zeit durchaus nicht das gleiche von mir
+behaupten werden, auch mag es daran liegen, daß ich mich nicht im
+Bewußtsein einer Überlegenheit wohlzufühlen vermag. Von allen Empfindungen,
+die die Geselligkeit unter andern Wesen, seien es nun Menschen oder Tiere,
+mit sich bringt, ist mir die der Überlegenheit am peinlichsten; ich habe
+immer gesehen, daß die beschränktesten Menschen sie am ergiebigsten
+auskosteten, wenn sich ihnen einmal Gelegenheit dazu bot. Es liegt im Wesen
+aller Andacht vor dem Lebendigen, daß man sich einschließt, indem man
+Rechte zugesteht, und sie erst dann einfordert, wenn das gemeinsame
+Wohlergehen unserer Leitung bedarf. Von den gewaltigen Lebensstimmen, die
+in der kurzen Wegstrecke des Erdendaseins unser Gemüt erschüttern, ist das
+Seufzen der unterdrückten Kreatur, wie die leitende und klagende Melodie in
+einem brausenden Orgellied, immer das Vernehmlichste gewesen, das mir zu
+Ohren gedrungen ist, und da ich verabscheue, Mitleid zu geben oder zu
+empfangen, ist mir nur der Weg geblieben, in allem Lebendigen einen meinem
+Leben gleichberechtigten Ausdruck der Natur zu erblicken.
+
+Als nun Gong sitzen blieb, ohne mit seinen Gefährten zu flüchten, und ich
+mich ihm langsam näherte, unterschied ich deutlich in seinen Zügen die
+Anspannung eines, der mit Herzklopfen zwischen Angst und Neugier schwankt.
+Darüber aber schien ihm plötzlich einzufallen, daß es noch einen dritten
+Weg gab, und er schlug ihn ein und machte den Versuch, mich dadurch
+einzuschüchtern, daß er mir auf seine Art einen Beweis seiner Waldrechte
+und seiner persönlichen Bedeutung vermittelte. Er zog den Kopf tief
+zwischen die Schultern ein, reckte ihn darauf mit einem Ruck vor und
+schüttelte zugleich den Ast, auf dem er saß, durch ein energisches
+Schaukeln seines ganzen Körpers so wild und angreiferisch, als seine Kraft
+irgend zuließ. Dabei stieß er aus rund gehöhlten Lippen einen Ton hervor,
+der sehr schwer zu schildern ist, von dem man aber dadurch einen Begriff
+bekommen würde, wenn man einen Lampenzylinder fest an die Lippen setzte und
+im Brustton ergrimmtester Überzeugung hineinstieße: »Großer Gott!«
+
+Diese Erfahrung wirkte im ersten Augenblick so komisch auf mich, daß ich
+lachen mußte, und ich schlug auf meine Schenkel und tat es laut. Einen
+Augenblick schaute Gong verdutzt drein, aber dann nahm er meine Gebärde als
+ein Zeichen wohlwollender Annäherung und wiederholte sie, so gut er konnte.
+Seine Augen blieben dabei merkwürdig ernst, und seine Stirn zeigte tiefe
+Falten.
+
+Wir erwiesen uns nun diesmal und künftig unser Verständnis füreinander
+dadurch, daß wir uns nach bestem Vermögen nachahmten, und so belustigend
+wir vielleicht dabei aufeinander gewirkt haben mögen, blieb mir doch eine
+Bekümmernis und eine leichte Melancholie im Sinn, wenn ich bedachte, wie
+groß und unüberbrückbar die Schranke war, die mich von Gong trennte.
+
+Ich habe im Verlauf unserer Bekanntschaft die deutliche Beobachtung
+gemacht, daß Gong sich verstimmt zeigte, wenn ich einmal ausgeblieben war,
+und daß er sich ehrlich über meine kleinen Aufmerksamkeiten freute.
+Vielleicht mag ihn ein ähnlicher Gedanke bei seiner Betrachtung meiner
+Person bewegt haben. Er versuchte zu lernen und zu begreifen, was irgend
+sich für ihn verstehen ließ, und wenn es häufig auch nur bei der äußeren
+Gebärde blieb, so war doch auf beiden Seiten der Wunsch erkennbar, einander
+näherzukommen.
+
+Zwar ließ er mich äußerlich niemals weiter an sich herankommen, als bis
+etwa auf fünf oder sechs Schritte. Sobald ich den Versuch machte, diesen
+Abstand zu verkürzen, hob er mit einem bedauernden Ablehnen die Hand und
+ergriff einen höheren Ast, um mir anzudeuten, welche Folgen mein
+Entgegenkommen haben würde.
+
+Gong hatte im Laufe unserer Bekanntschaft alles gelernt, was sich mit den
+Augen von den Vornahmen eines Menschen begreifen läßt, er hat meinen
+Tropenhut auf dem Schädel gehabt, mein Taschentuch gebraucht, und er weiß
+wozu ein Messer gut ist. Er hat meine Notizbücher durchblättert und in
+meiner Hängematte geschaukelt, und er verstand die Bewegungen des An- und
+Ausziehens eines Rockes so täuschend nachzuahmen, als sei er von alters her
+gewohnt, Kleidung zu tragen.
+
+Oft allerdings begriffen wir einander gar nicht, denn Gong wußte in seiner
+Sucht, mir gleich zu sein, bald kein Maß mehr zu halten, und verstimmte
+mich zuweilen empfindlich durch seine Nachahmungen, so daß ich mir
+lächerlich in meinen Bewegungen vorkam und den bestimmten Eindruck gewann,
+verspottet zu werden. Es mußte nun darüber nachgedacht werden, auf welche
+Art Gong eines Teils seiner Erziehung wieder zu entwöhnen war, denn es
+wurde von Tag zu Tag offenkundiger, daß sowohl er selbst, wie auch seine
+Gefährten, mich nicht mehr ernst nahmen und es an dem Respekt fehlen
+ließen, den ich glaubte beanspruchen zu dürfen. Die Tiere lachten geradezu,
+wenn ich kam. Zuweilen warteten sie morgens in Reih und Glied auf mich, um
+mich bei jeder Gelegenheit auszulachen. Sie stießen sich gegenseitig an, um
+sich aufmerksam zu machen, rieben sich vor Vergnügen die grauen Hände und
+schlugen sich auf die Schenkel, dabei quietschten sie in allen Tonarten,
+mißgönnten sich im nächsten Augenblick ein Glück, das sie einander noch vor
+kaum einer Minute zuerteilt hatten, und fühlten sich bei alledem auf eine
+Art wichtig, die auch bescheidenere Leute, als ich einer bin, ernstlich
+verdrossen hätte.
+
+Ich war nirgends mehr allein, wo immer ich mich aufhielt, und selbst die
+Achtung vor meiner Büchse schwand von Tag zu Tag, da die Herren
+herausgebracht hatten, daß es mir auf Vögel und Rotwild ankam, und daß das
+wichtige Geschlecht der Affen völlig außer Gefahr war, geschädigt zu
+werden. War es mir aber einmal gelungen, irgendein kleineres Tier zu
+erbeuten, so warteten sie, bis ich die Büchse beiseite legte, und kamen
+herzu, wobei sie sich gebärdeten, als hätte ich diesen Erfolg einzig ihnen
+zu verdanken.
+
+Am meisten ärgerte ich mich über ihre Vergeßlichkeit. Es war schändlich,
+wie wichtig sie sich bei einer Sache anstellen konnten, die ihrem
+Gedächtnis gleich darauf entglitt, als wäre sie nie in der Welt gewesen.
+Jeden Augenblick fiel ihnen etwas anderes ein, und immer beanspruchten sie,
+in ihrer neuen Pose völlig ernst genommen zu werden. Ich kam mir
+schließlich so vor, als sei ich in einer fremden Stadt ein zum Amüsement
+der Bürger geduldeter Sonderling, und begann an meiner Tier- und
+Weltbetrachtung ernstlich irrezuwerden.
+
+So klagte ich Panja mein Leid. »Oh,« sagte er, »die Affen! Wer wird sich
+mit den Affen einlassen, Sahib? Aber wenn du nur eine Heuschrecke
+erblickst, so wirst du schon sorgenvoll und redest sie an, und dann tust du
+so, als ob es dir antwortete, das Vieh. Wer aber mit Affen umgeht, hat bald
+den Eindruck, als sei sein eigener Schatten närrisch geworden, und den
+Schatten kann man nicht fangen.«
+
+»Ich will Gong haben«, antwortete ich.
+
+Panja dachte nach. »Ich habe als Kind manchen Affen in der Schlinge
+gefangen, und wenn der Affe, den du haben willst, dich kennt und kein
+Mißtrauen hegt, so kannst du ihn leicht fangen, wenn du ihm zuvor genau
+zeigst, wie man in eine Schlinge geht. Von diesem Kunststück lernt er nur
+die erste Hälfte, und wenn du rasch hinzuspringst, kannst du ihn greifen.
+Aber du mußt ihm mit der linken Hand entgegenkommen und ihn unversehens
+mit der rechten im Genick packen. Die alten Affen beißen, solange sie noch
+Hoffnung haben, entwischen zu können. Später denken sie nach und geben es
+auf.«
+
+Das war ein ausgezeichneter Gedanke. Ich nahm am andern Morgen ein
+haltbares Hanfseil, fettete es ein, und als meine Peiniger mich empfingen,
+begann ich mich auf alle Arten, bald am Arm, bald am Hals, aufzuhängen,
+wobei ich besonders Gongs Aufmerksamkeit zu erregen suchte. Seine Gefährten
+zogen sich betroffen zurück, da meine Maßnahmen ihnen fremd waren, aber
+Gong sah mir nachdenklich zu und wurde ungemein ernst. Als ich glaubte,
+genügsam durch mein Beispiel gewirkt zu haben, öffnete ich die Schlinge,
+soweit als nötig, zog mich zurück und legte mich in einiger Entfernung ins
+Gras, um meiner Genugtuung in aller Ruhe entgegenzusehen.
+
+Aber Gong blieb ruhig auf seinem Ast sitzen und schaute mit hochgezogenen
+Brauen bald die Schlinge an, bald mich. Dann machte er sein böses, rundes
+Maul, stieß den Kopf gegen mich vor, sagte verächtlich »Großer Gott« und
+wandte sich ab, um die Gegend zu betrachten.
+
+Da hörte ich Panja hinter mir lachen und beschloß, ihn sofort zu töten.
+
+»Sahib, dieser Affe kennt die Schlinge, er kennt auch die Menschen, deshalb
+ist er damals so nahe herangekommen.«
+
+»Warum lachst du?« schrie ich. »Wer hat dir erlaubt, zu lachen?«
+
+»Das muß man«, sagte Panja.
+
+Da sah auch ich es ein und lachte mit ihm zusammen.
+
+ * * * * *
+
+Die grüne Wildnis des Dschungels unter mir dampfte in der Frühsonne und
+blieb oft bis Mittag verhüllt, ich begriff nun zuweilen schwer, wie ich es
+dort unten so lange Zeit ertragen hatte, jetzt, da die Klarheit der
+Bergluft kühl um meine Stirn wehte. Nachts kam der Panther bisweilen bis
+auf die Veranda des Hauses, von Hunger aus dem dürren Hügelland in unsere
+Nähe getrieben. Das Wild hatte sich aus der verbrannten Steppe in den
+Dschungel zurückgezogen, und ich begegnete außer Schakalen bald nur noch
+Hyänen, wenn ich mit der Büchse aus den Waldpartien bisweilen des
+Nachmittags über die kahlen Berge zog. Aber immer huschten die Tiere in
+Abständen und außer Schußweite am Horizont dahin. Die graubraunen Schakale,
+die die Farbe des Bodens hatten, reizten mich oft zum Schuß, aber kaum
+hatten die zierlichen Köpfchen mit den hochstehenden Ohren sich gezeigt, so
+schien der Boden sie auch schon wieder verschlungen zu haben.
+
+Nahe bevor wir abreisten, schoß ich meinen ersten Panther. Es war in einer
+klaren Mondnacht, als ich hörte, wie Panja in mein Zimmer drang und mich
+rief. Hinter ihm stand Pascha still und steil im Mond, von unten her ein
+wenig vom Schein des Feuers beleuchtet, das nur schwach am Boden des
+Vorplatzes brannte.
+
+»Sahib,« sagte Panja, »der Panther ist so hungrig, daß er Feuer frißt, wir
+können ihn nicht vertreiben und keinen Schlaf finden.«
+
+Mir war die Nachricht willkommen, ich nahm die Büchse und befahl Panja, das
+Feuer zu löschen. Die Träger waren unterwegs in die Niederungen, um Reis
+und Geflügel zu kaufen, und wurden nicht vor Ablauf des kommenden Tages
+zurückerwartet. Ich lud beide Läufe mit Kugeln und legte den Revolver neben
+mich. Das Fenster enthielt keine Scheiben, sondern war nur mit dicken
+Holzstäben versehen, die Panja zum Teil erneuert hatte, die aber einem
+energischen Eingriff keineswegs standgehalten hätten. Ich stellte mich in
+den Mondschatten, und wir warteten.
+
+Pascha legte sich im Winkel des Raumes zum Schlafen nieder, und ich hörte
+ihn nach kurzer Zeit schnarchen; Panja dagegen blieb dicht an meiner Seite,
+nachdem er sich mit dem längsten Messer bewaffnet hatte, das unser
+Lagerbestand aufwies, und mit einer Wegaxt. Er schüttelte sie wie ein
+Indianerhäuptling und grinste vor Aufregung, dann begann er das Meckern
+einer Ziege so täuschend nachzuahmen, daß mir zum ersten Mal mit ganzer
+Klarheit vor Augen trat, daß wir hier das große Raubtier erwarteten.
+
+Es war vielleicht eine Stunde vergangen, und ich begann bereits die Geduld
+zu verlieren, als plötzlich unter meinen Augen, jenseits des Fensterbretts,
+das Mondlicht erlosch. Ich dachte zuerst an alles andere, merkwürdigerweise
+nur nicht an den Panther, zumal sich nichts mehr rührte, weil das Tier mit
+seinem letzten Schritt Witterung von uns bekommen haben mußte. Und nun
+erkannte ich die große Katze unmittelbar vor mir, niedriger zwar, als sie
+in meiner Vorstellung lebte, und merkwürdig farblos, aber ich unterschied
+deutlich die geschmeidige Belebtheit der schönen Rückenlinie und den
+herrlichen Katzenkopf, der mir mit halb geöffnetem Rachen zugekehrt war. In
+diesem Augenblick brach ein Geräusch aus den zurückgezogenen Lippen hervor,
+das mein Blut erstarren machte, es war ein fauchendes Schnarchen, überlaut
+und von einem Zorn und einer Angst hervorgestoßen, die den Willen bannten.
+Ich erinnerte mich, dieses häßliche und zugleich so überwältigende Fauchen
+in meiner Kindheit im Tiergarten am Käfig des Tigers gehört zu haben, wenn
+der Wärter nahe an den Stäben vorüberschritt. Nun trennte mich allerdings
+auch in diesem Augenblick ein Gitterwerk von dem Raubtier, aber der Grimm
+dieser Stimme erweckte die Vorstellung einer so unmittelbaren Nähe, daß
+auch die stärksten Eisenstäbe kein Vertrauen eingeflößt hätten.
+
+Ich entsinne mich nicht mehr, ob ich die Büchse im Anschlag hatte, oder ob
+ich sie emporriß, jedenfalls zielte ich ohne das geringste Zutrauen zur
+Wirkung meines Geschosses, zwischen die Augen, die ich deutlich
+unterschied, wobei ich mich mehr auf die natürliche Fähigkeit der Arme
+verließ, dem Lauf die notwendige Richtung zu geben, als auf das Visier, und
+drückte, wahrscheinlich viel zu rasch, beide Läufe ab.
+
+Ich hörte ein Geräusch am Boden, als spränge das Tier in diesem Augenblick
+vom Hausdach herunter vor mich hin, gleich darauf zerkrachte wie ein
+Zündholz einer der Fensterstäbe unter einem furchtbaren Tatzenhieb. Dann
+wurde es ruhig vor mir und leer, wir hörten den rollenden Widerhall der
+Schüsse von den Bergen her, sie polterten bellend von Felswand zu Felswand,
+rollten durch die Täler und verhallten endlich fern in der Mondnacht wie
+zwei gehetzte, klagende Brüder auf der Flucht.
+
+Die erste deutliche Empfindung, die mich zu mir brachte, war das Schmerzen
+meiner Hand, mit der ich den Revolver so fest umklammerte, als ob ich mit
+dem ganzen Körper daran hinge. Ich erinnerte mich nicht mehr, ihn ergriffen
+zu haben, lockerte aber nun aufatmend die Finger und gewahrte, daß ich am
+ganzen Körper zitterte wie im Frost. Ich habe später in Kanara und Maisur
+noch manchen Panther erlegt, auf Reisfeldern, in Bäumen auf der Lauer
+liegend und in Felsschluchten, aber nie wieder durchschüttelte mich, selbst
+bei weit größerer Gefahr, ein annähernd so starkes Fieber des Entsetzens
+und der Hilflosigkeit. Ein unzulänglicher Schutz ist oft bei weitem
+beängstigender als die volle Gewißheit einer schrankenlos wirkenden Gefahr,
+und nicht nur, wenn es sich um einen Panther handelt. Es mag hinzukommen,
+daß es in der Tat überwältigend ist, plötzlich zum ersten Mal dieser großen
+Katze Auge in Auge gegenüberzustehen, deren Ankündigung aus geheimnisvoller
+Nachtfinsternis man monatelang vernommen hat, und aus der die Phantasie in
+unablässiger Beschäftigung ein bei weitem schlimmeres Fabelwesen
+erschaffen hat, als der Panther es in Wirklichkeit ist.
+
+Er ist im Grunde sehr scheu und fällt fast niemals Menschen an, selbst
+Kinder nicht, wenn ihn nicht die äußerste Not des Hungers oder die
+Bedrängnisse der Treibjagd nötigen. Im gesättigten Zustande weicht er stets
+der Begegnung mit dem Menschen aus und er mordet nicht mehr, als zur
+Erhaltung seines Daseins erforderlich ist. Alle Hirten, die mir in Malabar
+vom Tiger oder Panther erzählt haben, stimmten in ihrer Erfahrung darin
+überein, daß diese Katzen sich mit dem begnügen, was sie brauchen; unter
+gewöhnlichen Verhältnissen nimmt der Panther eine Ziege aus der Herde,
+schleppt sie davon, sättigt sich und überläßt die Reste seiner Beute
+neidlos den Hyänen, die fast immer in seiner Gefolgschaft zu finden sind,
+und die er nur dann angreift, wenn der äußerste Hunger ihn nötigt.
+
+Vom Tiger gibt es vielerlei widersprechende Geschichten, die aber alle mit
+großer Vorsicht aufgenommen sein wollen, denn die abergläubische Furcht der
+Hindus vor dem Tiger ist so groß, daß kaum einer noch in der Lage ist,
+zwischen Tatsachen und allegorischen Erfindungen zu unterscheiden. Das
+Grauen der Eingeborenen vor dem Tiger ist so nachhaltig, daß sich in vielen
+Provinzen der Begriff des Bösen, des Satans, im Namen mit dem dieses
+Raubtiers deckt, eine Tatsache, die nur verständlich ist, wenn man die
+unerhörte Überlegenheit des Tigers über die dortigen Menschen kennt, die
+fast alle ohne Waffen sind, und deren Laubhütten keinen genügenden Schutz
+gegen einen nächtlichen Überfall bieten. Von vielen Sagen beruht jedenfalls
+die auf Wahrheit, daß Tiger, welche den Genuß des Menschenfleisches kennen,
+selten noch andere Nahrung zu sich nehmen, und solche Exemplare können dem
+Lande ein außerordentlicher Schrecken werden. --
+
+Wir fanden den erlegten Panther in der Morgendämmerung in den Aloën. Der
+Boden umher war zerwühlt und im Todeskampf aufgerissen worden, aber das
+große Tier lag jetzt ruhig, fast friedlich da, ohne Entstellung und ohne
+Spuren eines Todeskampfs. Ich fand nur den Weg der einen Kugel, die hinter
+dem Ohr in den Nacken gedrungen war und den Wirbel zerschmettert hatte. Die
+Augen waren geschlossen, was man sehr selten bei einem erlegten Tier
+findet, und das schön geschnittene Maul, in einem wehmütigen und beinahe
+zärtlichen Ernst, war ein klein wenig geöffnet, wie von einem letzten
+Todesseufzer bewegt.
+
+Seltsam harmonisch, fremdartig und zugleich im Sinn dieses Landes vertraut
+und notwendig, hoben sich die stachligen, blaugrünen Blätter der
+Aloëstauden von der gelben Färbung des Fells ab. Ich vergesse diesen
+Anblick niemals, der sich mir so entscheidend in die Seele einprägte, als
+erfaßte ich zu dieser Stunde zum ersten Mal mit ganzer Inbrunst den
+unnennbaren Begriff Indien, den der Pinsel keines Malers und das Wort
+keines Dichters in seiner ganzen Fülle und Eigenart zu vermitteln vermögen.
+
+Panja war den ganzen Morgen über schweigsam, ein mächtiger Herr der Berge
+war gestorben. Ich trug mich den Tag hindurch mit eigenartigen Gedanken,
+und zuweilen war mir zumut, als sei eine arge und sinnlose Willkür
+geschehen, als habe ich einen Eingriff in die Pracht und Mannigfaltigkeit
+der Schöpfung getan, die mit dem Aussterben der großen Katzen in Indien
+langsam um ihre vollkommensten Resultate geschmälert wird.
+
+
+
+
+Achtes Kapitel
+
+Am Thron der Sonne
+
+
+Nachts, wenn ich nicht einschlafen konnte, weil das Mondlicht wie das
+wahrsagerische Gespenst einer ewigen Todeskühle an den zerbröckelten Mauern
+entlang geisterte, die mich vor den Gefahren der Außenwelt schirmten,
+erwachte in meiner Brust der Wunsch, jene Höhen zu erreichen, auf denen des
+Morgens das rote Gold der aufgehenden Sonne leuchtete. Es verlangte mich
+danach, von jener kühlen, hohen Ruhe aus auf das indische Land jenseits der
+Berge hinabzusehen und angesichts der unermeßlichen, hügligen Weite meine
+Gedanken noch einmal durch jene Tage zu führen, die ich durchlebt hatte,
+bevor ich in Cannanore angelangt war.
+
+Panja riß die Augen auf, als ich mit meinen neuen Plänen herausrückte. Er
+stampfte den Wasserkessel in das Feuer, daß die Funken stoben und
+betrachtete mich eine Weile auf jene Art, die Leute an den Tag zu legen
+pflegen, die aus lauter Hoffnungslosigkeit, jemals überzeugen zu können, am
+Rande der Verzweiflung angelangt sind, und die doch darüber ihren Wunsch zu
+überzeugen nicht verbergen können. Als ich meinen Lebensretter so
+erblickte, im Augenblick aber mehr Verlangen nach dem Tee, als eben nach
+seinem Verständnis trug, mußte ich für eine kurze Weile an eine Schulstunde
+zurückdenken, in der mir von einem ähnlich ergriffenen Männerangesicht
+zugemutet wurde, Pythagoras dadurch gleichzusein, daß ich ihn begriff. Auch
+dort erstickte ein bedauernswerter Zorn in der Hochflut anschwellender
+Ohnmacht, und sprachlos gewordene Verachtung sagte mir an bösem
+Lebensgeschick weit mehr voraus, als ein vereinzeltes Gemüt, mit leisem
+Hang zum Grübeln, ertragen kann.
+
+»Du siehst aus wie Professor Stolzenburg«, sagte ich zu Panja, denn ich
+halte dafür, daß man böse Gedanken guten Leuten gegenüber am besten offen
+ausspricht, damit sich ein Weg zum Ausgleich mit gemeinsamen Kräften suchen
+läßt. Hätte ich das nur in der Schule auch schon gewußt, vielleicht hätte
+der gestrenge Verbitterer so mancher meiner Morgenstunden zwischen zehn und
+elf Uhr mit sich reden lassen.
+
+Panja verschmähte es der Bedeutung meines Vergleichs nachzuforschen, er
+sagte nach einer Weile resigniert:
+
+»Nun, es ist ja gleichgültig, Sahib, ob wir hier oder dort im Wasser
+umkommen.«
+
+Das befestigte meinen Beschluß aufs beste, denn wie alle leichtsinnig und
+zugleich eigensinnig veranlagten Naturen habe ich oft dem Hang in mir
+nachgegeben, jede Latte, die mir zwischen die Füße geworfen worden ist, als
+Sprungbrett zu benutzen. Man muß allerdings springen können, um dererlei
+wagen zu dürfen, das ist wahr, und dieses »Springen-Können« ist im Grunde
+nichts anderes, als das, was die Menschen in der Regel »Glück-Haben«
+nennen. Glück haben gibt es nicht. Das sogenannte Glück ist so eng mit
+Geschicklichkeit verbunden, wie Unglück mit Ungeschick, und diese Wahrheit
+bezieht sich durchaus nicht einzig auf äußere Vorgänge, auch das Unglück
+der Seele ist zuletzt Ungeschick, wenn auch in einem weit höheren Sinn, der
+sein Recht in der Gesetzmäßigkeit des Weltwesens findet.
+
+Ich habe das Panja damals nicht gesagt, er lief hin und her und hantierte
+dergestalt mit den Gegenständen, daß man deutlich wahrnehmen konnte, daß
+keine Zweckmäßigkeit mit seinem Eifer verbunden war. Es ist merkwürdig, daß
+Leute, die ärgerlich geworden sind, so oft dazu neigen, leichtere
+Gegenstände von einem Platz auf den anderen zu stellen, und dann mitunter
+sogar wieder von dem neuen Platz auf den alten zurück. Offenbar liegt es
+daran, daß ihre Gedanken mit den Entschlüssen ähnlich verfahren, und daß
+ein heimlicher Hang existiert, den Körper und die Seele möglichst im
+Einklang miteinander zu erhalten. Ich erinnerte mich bei Panjas nutzloser
+Beschäftigung meines Vaters, wenn er aus irgendeinem Grunde zum Ausdruck
+brachte, daß seine Weltanschauung sich nicht mit der meinen deckte. Leider
+geschah dies gewöhnlich bei den Mittagsmahlzeiten, denn sonst vermied ich
+es nach Kräften, ihm ohne Grund längere Zeit ruhig gegenüberzusitzen, und
+dann sah ich, wie das Messer oder die Gabel, auch das Salzfaß oder der
+Serviettenring bald an die rechte, bald an die linke Seite des Tellers
+wanderten. Leider hatten wir damals Messerschärfer aus Schmirgelstein in
+Gebrauch, runde, schwarze Stäbe von der Länge einer mäßigen Spargel und mit
+einem polierten Handgriff aus Hartholz. Wenn zufällig eine besonders
+wichtige Meinungsäußerung meines Vaters mit dem Transport dieses nützlichen
+Gegenstandes zusammenfiel, so geschah es in der Regel, daß der
+Schmirgelstein zerbrach, denn seine Überlegenheit, selbst dem besten Stahl
+gegenüber, bewährt sich nicht im Kampf mit der Tischplatte.
+
+Dies erhöhte den Verdruß meines Vaters bis an die Grenze bedenklicher
+Einseitigkeit und zog die Laune meiner Mutter in Mitleidenschaft, während
+es meist meinem Selbstbewußtsein einen erheblichen Aufschwung verlieh und
+mir nicht ohne Berechtigung den Gedanken beibrachte, daß mein Charakter in
+den Augen meines Vaters um vieles milder angesehen würde, wenn wir
+Messerschärfer aus gerilltem Stahl in Gebrauch nähmen.
+
+So sagte ich denn Panja meine Ansicht über Messerschärfer, und dieser
+unerwartete Ausdruck meiner Überzeugung brachte ihn so weit zur Besinnung,
+daß ich Tee bekam.
+
+Er trank mit, wie gewöhnlich, hockte mir gegenüber in der Morgensonne und
+rückte melancholisch an seinem Turban. Außer ihm trug er nun schon seit
+Wochen nicht mehr als ein schmales Lendentuch, aber auf seinen schweren
+Turban verzichtete er selbst in der größten Hitze nicht. Es ist wirklich
+recht merkwürdig mit diesem Panja gewesen, je entschiedener sein
+Widerspruch oft zu Anfang war, um so lebhafter wurde sein Eifer für
+gewöhnlich von dem Augenblick an, in dem er merkte, daß ich nicht
+umzustimmen war. In beidem erkannte ich die ehrliche Besorgnis seiner
+Neigung, und ich erinnere mich seiner niemals ohne den Kummer über einen
+der größten Verluste meines Lebens. Die Harmonie unseres Verhältnisses mag
+im Grunde auf seiner Gewißheit beruht haben, daß die Überlegenheit meiner
+Rasse mit der Unerschütterlichkeit eines Naturgesetzes feststand. Das nahm
+seinem Wesen jede Devotion im niedrigen Sinn und machte seine Ergebenheit
+durch eine Demut würdig, die beinahe einen Einschlag von Religiosität
+hatte. Heute bebaut er in Malabar die Reisfelder am Purrha, jenem
+beschatteten Landstrich am Palmenwald, auf dem die Hütte seines Vaters
+stand, und den er aufgeben mußte, um in der Fremde zu dienen, weil seine
+Brüder den Verlockungen der großen Städte in Verschwendung erlegen waren.
+Der Rückkauf dieses Stückchens Land war meine letzte Gabe an ihn, und es
+bedrückt mich, daß ich ihm niemals die Gewißheit habe verschaffen können,
+daß seine Gaben an mich reichere und unvergänglichere Geschenke gewesen
+sind.
+
+Als der Tee getrunken war, sagte er wütend:
+
+»Aber Pascha bleibt hier.«
+
+Er tat immer noch so, als wäre an diese Reise auf keinen Fall zu denken,
+und wahrscheinlich meinte er deshalb nach einer Weile:
+
+»Es sind drei Tage oder Nächte für den Aufstieg nötig, aber in der halben
+Zeit steigen wir ab. Hast du etwa geglaubt, wir brauchten länger?«
+
+Ich hatte es nicht geglaubt.
+
+Panja sah hinauf zu den Gipfeln. Oben flutete alles in Licht, ein nie
+gesehener Glanz verklärte die einsame Ruhe, die kreisenden Adler
+schimmerten, als wären sie aus Gold.
+
+»Alle Träume bleiben lange leicht von der Frische der Höhen«, sagte er
+versunken.
+
+»Panja, höre, nur wer die Schönheit der Erde lieben gelernt hat, hat die
+Erde in seinen kurzen Lebenstagen wahrhaft beherrscht. In diesem Sinn ist
+sie uns von Gott gegeben, so hat er es mit uns gemeint, als er sie uns
+gab.«
+
+Panja lächelte kindlich, in solchen Augenblicken hätte ich ihn in die Arme
+schließen können.
+
+»Dir wird nichts geschehen, Herr«, sagte er still und wie zu sich selbst.
+Ich weiß nicht, ob er bei solcher Zuversicht an Gottes Hilfe glaubte oder
+an seine, gewiß ist, daß ich selten im Leben wieder durch eines Menschen
+Nähe so glücklich geworden bin wie durch die seine. Durch nichts vermag ein
+Mensch uns seine eigenen Kräfte besser zur Verfügung zu stellen, als indem
+er die unseren glaubt.
+
+ * * * * *
+
+So wagten wir vor Anbruch des kommenden Tages den Aufstieg zu zweien, noch
+als die Nacht umher herrschte und über den blauen Zelten der Berge vor uns
+die Sterne leuchteten. Wir schritten im spärlichen Gesang der Grillen durch
+dürres Steppengras unter den hohen Latambäumen dahin, die in weiten
+Abständen voneinander standen. Zuweilen schalt über unseren Köpfen ein
+Affe, den unser Tritt geweckt hatte, oder ein Vogel flog auf mit einem
+lauten Warnruf, der unser Nahen der ahnungslosen Natur verkündete, die an
+diesen Stätten wohl seit undenkbar langer Zeit der Fuß keines Menschen
+betreten hatte. Es war kühl und still, Panja sprach nicht, und ich schritt
+im Traumbann einer so tiefen Einsamkeit dahin, daß mir zuweilen war, als
+sähe ich, wie ein fremder Dritter, uns kleine Zwei durch die riesenhaften,
+graugrünen Wogen der Hügellandschaft dahinschreiten, im Dämmerlicht unter
+den Bäumen und Sternen.
+
+Es war unvorsichtig genug, daß wir den Weg ohne Fackeln machten, denn am
+Morgen ist in dieser Jahreszeit der Panther am kühnsten, wenn er nach
+vergeblichem nächtlichem Raubzug durch die Dämmerung schweift. Aber es war
+so hell unter den Sternen, daß wir das Land weithin übersahen, und ich trug
+die Büchse in der Hand. Panja schritt schweigend neben mir dahin, leichten
+Tritts und mit erhobenen Augen, Kraft und Freude gingen von ihm aus, und
+ich empfand ihn als allen Lebewesen seines Landes zugehörig, und die
+Harmonie seiner Seele teilte sich mir mit, als sei auch ich in der Heimat.
+
+Plötzlich begann er leise zu singen, immer die Augen auf die Höhen
+gerichtet und so versunken in sich selbst, als schritte er allein durch das
+Land. Seine gedämpfte Stimme erinnerte mich, wie auch der eintönige
+Rhythmus seines Liedes, an den Singsang der Priester, deren Tempel in
+Cannanore hinter dem Garten meines Hauses im Grünen lag, und jählings war
+ich aus der freien Höhe und aus der kühlen Luft in die tropische Niederung
+versetzt, so daß mir war, als schlügen die schwülen Dämpfe des
+leidenschaftlichen Wachstums über mir zusammen.
+
+Als ich nach einer Weile die Blicke hob, nachdem wir die letzten
+Baumbestände durchschritten hatten, erschrak ich vor einer zackigen,
+flammend roten Lichtlinie, die den Himmel vor uns, hoch oben, in
+wagerechter Richtung zerteilte. Totenstill und wie aus Farbe zog sich dies
+rote Band längs des Gebirgskamms dahin, hinter den Höhen war die Sonne
+aufgegangen. Ich wandte mich erschüttert um und sah hinter mir das Land
+unter dem besternten Dämmerblau der sinkenden Nacht, fern auf dem Meer
+regte sich ein matter Silberglanz. Wie zwischen zwei Himmeln aus Blut und
+Silber pochte mein entzücktes Herz seinen Lebensschlag auf den weiten,
+grünbraunen Wellen der Erde, unendlich klein und doch die beseligte Quelle
+meiner unfaßbaren Daseinsfreude. Panja warf sich auf die Knie und verbarg
+sein Gesicht in den Händen. --
+
+Eine Stunde, nachdem die Sonne über die Bergzinnen schaute, hörten die
+Bäume fast ganz auf. Wohl sahen wir, sobald wir eine Höhe erklommen hatten,
+zur Rechten oder Linken die dunklen Mauern großer Wälder in der Ferne, aber
+bald wurde uns der Ausblick erschwert, da wir in einer Schlucht, im Bett
+eines eingetrockneten Gebirgsbachs aufwärts klommen. Einen der Berggipfel
+ersteigen zu können, stellte sich bei der Art unserer mangelhaften
+Ausrüstung bald als unausführbar heraus, und so schlug Panja den Versuch
+vor, einen der nächstliegenden Pässe zu besteigen. Wir konnten fast den
+ganzen Morgen hindurch marschieren, denn die Luft war kühl und von einer
+Durchsichtigkeit, gegen die ein wolkenloser deutscher Sommertag wie in
+Nebel gehüllt wirkt. Panjas Fröhlichkeit erleichterte mir jede Strapaze, er
+lachte oft ohne allen erkennbaren Grund, nur aus Überfluß von Daseinskraft
+und glücklich über die Tatsache, in der von himmlischem Blau überdachten
+Welt da zu sein.
+
+Als wir gegen Mittag, um vieles höher, im Schatten eines Felsens Rast
+machten und Panja unser Mahl bereitete, schreckte in nicht allzu weiter
+Entfernung ein dumpfer, anwachsender Donner mich auf. Panja sprang empor
+und spähte mit geschützten Augen in die flimmernden Steppenwogen.
+
+»Die Büffel!« rief er, »sieh die Wolke, die sich den Hang niederwälzt.«
+
+Es war das erstemal, daß ich aus so unmittelbarer Nähe eine Büffelherde
+gewahrte. Sie rollte wie eine dunkle Lawine dahin, und der Erdboden
+dröhnte. Nur für kurz unterschied ich im Vordergrunde einen oder den andern
+der schwer gehörnten schwarzen Köpfe, den Glanz der großen Augen und den
+Fall der Mähnen. Ich schoß nicht, da Panja mir erregt in den Arm fiel, als
+ich die Büchse emporhob, und später erklärte er mir, daß es vorgekommen
+sei, daß der leitende Stier, durch einen Angriff in Schrecken oder Wut
+versetzt, plötzlich die Richtung geändert und gerade auf das Hindernis zu
+genommen habe. Zwar hätten wir einen Schutz auf den Felsen gefunden, aber
+wenn unsere Flucht uns mißlungen wäre, so würden wir zerstampft worden
+sein, da die ganze Herde dem Stier folgt.
+
+»Die Büffel kämpfen mit dem Tiger,« erzählte mir Panja, »selbst die
+gezähmten fürchten ihn nicht, und wenn du mit ihnen das Reisfeld bestellst,
+so wird der Tiger sich hüten, euch anzugreifen. Der Büffel spürt ihn eher
+als du, und es wird dir nicht gelingen, ihn von seinem Standort zu
+verdrängen, denn er wendet sich genau dem Tiger zu, wie eine Fahne, die du
+gegen den Wind trägst. Wenn der Tiger den Sprung wagt, so endet er auf den
+Hörnern, und du bist in Sicherheit, solange du dich hinter dein Tier
+stellst.«
+
+Die Staubwolke verrauchte im tieferen Gelände, und die klare Luft war
+wieder still. Ich schlief kurz nach diesem Vorfall ein, ohne Nahrung zu
+mir genommen zu haben, und Panja weckte mich nicht, denn er kannte die
+ermüdende und gefährliche Kraft der Sonne, deren Strahlen auf den
+Berghöhen nicht anders wirken als im Tal, obgleich die Kühle darüber
+forttäuschen kann. So gilt es in den Bergen, fast mehr noch als im Tal,
+den Kopf und die Schläfen nicht ungeschützt zu lassen, die Sonne hat viele
+tödlich getroffen, die ihre Macht über diesen kälteren Regionen nicht
+geglaubt oder vergessen haben. Mein Korkhelm drückte mich auch keineswegs
+sonderlich, im Gegenteil, er wurde von Tag zu Tag leichter, weil eine
+Schar mottenartiger Parasiten von ihm Besitz ergriffen hatten und ihn
+zugleich bebauten und verzehrten. Bisweilen rieselte ein feines Korkmehl
+nieder, wie ein liebevoller Beweis der Natur, daß sie keinen Menschen in
+völliger Vereinsamung seinen Weg machen läßt. Panja war bereits mit
+allerlei Mitteln gegen diese Tiere ins Feld gezogen, aber sie verließen
+sich auf mich und vermehrten sich um so leidenschaftlicher, je mehr Panja
+sie unterdrückte. --
+
+So geschah es mir, daß ich bald darauf von einem hohen Paß aus einen Blick
+in das weite indische Land hinab gewann, das ich vor meiner Zeit in Malabar
+durchreist hatte. Die ungeheure Hügellandschaft erstreckte sich, wie von
+Urzeiten her gelagert, ohne ein Anzeichen menschlichen Werks, und wie die
+riesenhaften Wogen eines Meeres, das mitten im Sturm in Erstarrung geraten
+war. Die Ebene in weiter Ferne schimmerte lichtgrau und wie die Oberfläche
+eines gewaltigen Sees, ich glaubte winzige Spitzlein und Türmchen in ihr zu
+erkennen, deren Silhouetten nicht anders gegen den Himmel abstachen, als
+sei der Horizont mit feinem Stacheldraht umzäumt.
+
+Wir blieben den Tag über auf der Paßhöhe, unter dem Dach eines schräg
+gesunkenen Felsens gegen die Strahlen der Sonne geschützt, und durch die
+unbeschreibliche Stille der Höhe zogen die Gestalten meiner Erinnerung, wie
+in der Stunde eines Abschieds, unter dem Lied der Adler, noch einmal durch
+meinen Sinn. Geister kamen aus dem Blau zu meinem Geist, Dahingesunkene
+drangen in die Bewußtseinswelt des noch Verweilenden ein, Brüder und Gegner
+in Gesinnung, Hoffnung und Schicksal, Freunde und Feinde in der Welt der
+Lust und Trübsal und des raschen Todes.
+
+Auf jedem Erdteil hat der Tod ein anderes Angesicht, nirgends sind seine
+Züge feierlicher, als bei uns in Europa, ich habe ein wenig verlernt, seine
+pathetische Sonntagsgebärde meiner Heimat zu überschätzen. Es hat noch
+niemand dem Gespenst der Willkür sein Schauriges dadurch genommen, daß er
+es heiligsprach; sicherlich ist die schwerfällig romantische Auffassung vom
+Tode, die in Europa herrscht, eine Folge der Einwirkung der Kirche, die die
+Tatsache des Todes so sehr in das Bereich des Ungeheuerlichen gerückt hat,
+um aus ihrer Einwirkung einen Teil ihrer Autorität zu gewinnen. Uns ist das
+Sterben in der Vorstellung so schwer gemacht, daß sicherlich ein gut Teil
+Gerechter und Ungerechter beim Tode auf das angenehmste enttäuscht sein
+wird.
+
+Sterben ist Pflicht, wie auch das Leben. Es wird ein jeder so leicht oder
+so schwer sterben, als seiner Natur das Leben geworden ist, und wer das
+eine verstanden hat, wird auch das andere können. Die Menschen Indiens
+sterben leichter, selbstverständlicher und gewissermaßen unauffälliger als
+wir, sie überlassen der Gottheit die Sorge für ihr künftiges Ergehen und
+werden den Gedanken schwer erfassen lernen, daß sie selbst in letzter
+Stunde für einen geordneten Abzug verantwortlich sein sollten. Diese
+Auffassung, die christlich genannt wird, entstammt auch keineswegs der
+Überzeugung des unschuldigen Begründers unserer Kirche, sondern vielmehr
+der berechnenden Klugheit ihrer Verwalter.
+
+Langsam zog die Sonne ihren strahlenden Bogen, und das Land wechselte in
+ihrem Schein. Wann wieder sollen Tage für mich kommen, die in so großer
+Stille dahingehen, dem Gedanken und der Erinnerung geweiht, durchklungen
+vom Kampfruf der Adler? Während ich hinabschaute ins Land, bald umwunden
+vom schwermütigen Weinlaub des Traums, das glühte von Licht, bald in
+wunderbare Klarheit des Äthers getaucht, durchlebte ich noch einmal so
+manches, das ich gesehen und erfahren hatte, als ich das Land zu meinen
+Füßen durchzog. Gegen Nordosten mußte Bitschapur liegen, die alte
+Königsstadt, aus deren Schlösserruinen sich die mächtige Halbkugel erhob,
+die einst ein mohammedanischer Fürst erbaut und ganz mit Gold hatte
+ausschlagen lassen. Sie war gegen die aufgehende Sonne geöffnet, deren
+Licht sich in tausendfachem Glanz darin brach, so daß kein Auge
+hineinzuschauen vermochte, ohne geblendet zu werden. Mitten im Herzen
+dieser Kuppel, unter dem gewölbten Golddach, waren die beiden Thronsessel
+des Maharadscha und des Maharadscha Khunwar, des Königsohns, aufgestellt,
+und in dem zornigen Strahlengefunkel, das das Feuer der Morgensonne
+millionenfach widerspiegelte, empfing der König seine Gäste. So dienten das
+kostbare Blut seiner Berge und das Himmelslicht des neuen Tages seiner
+Herrlichkeit, und die bestürzten Freunde seines Reichs, die im Augenblick
+des Sonnenaufgangs vor seinen Thron geführt wurden, hörten den Gruß des
+Fürsten aus einem Glanz erklingen, der ihre Augen schloß und die Knie zu
+Boden zwang. Es mag gewesen sein, als dienten Himmel und Erde einem
+Allmächtigen, um seine Hoheit unfaßbar zu machen. Zwischen jener Goldkuppel
+und dem Marmorplateau, auf welches die Ankömmlinge geführt wurden, war ein
+tiefer gelegener Garten voll blühender Blumen, wie sie sich in Duft und
+Pracht nur dem tropischen Himmel öffnen, und die Wohlgerüche ihrer Kelche
+gesellten sich dem Glanze.
+
+Der prachtliebende Sultan fiel von der Hand eines stärkeren Königs, der von
+Norden kam und die Stadt zerstörte. Ihre Tore waren bis an die runden Bogen
+der Gewölbe mit Toten angefüllt, und die Zähne des gefallenen Herrn der
+Stadt konnten nicht aus dem elfenbeinernen Griff seines Säbels gelöst
+werden, den er, zerfetzten Leibes, den Feinden nicht hatte überlassen
+wollen. So ist er unter einem Berg seiner gefallenen Getreuen gefunden
+worden, und die Sage erzählt, daß er auch so bestattet worden sei unter
+dem gewaltigen Kuppelbau, den er sich selbst, wie alle Fürsten jener Zeit,
+zu seinen Lebzeiten hat erbauen lassen.
+
+Diese riesenhaften Grabdenkmäler der Stadt überragen noch heute das
+Trümmerfeld von Bitschapur, sie erinnern in ihrer Bauart und Größe an
+Moscheen, auch wird in einigen noch Gottesdienst gehalten, oder sie locken
+Tausende von mohammedanischen Pilgern als Wallfahrtsort aus weiter Umgebung
+in die heilige Stadt der großen Toten. Man erblickt in diesen Bauten
+seltene Steinblöcke eingefügt, deren Entstammung bis heute nicht hat
+aufgeklärt werden können, besonders als Grabsteine sind hier und da
+schwarze, basaltartige Felsstücke verwandt worden, deren Beschaffenheit die
+Gelehrten sich nur dadurch erklären können, daß sie sie unter die
+Meteorsteine einreihen. Die größte dieser Kapellen ist von einer Kuppel
+gedeckt, von deren Galerie der schwindelnde Blick unter sich die beiden
+Grabsteine klein wie Streichholzschächtelchen erblickt, und das Auge ist
+nicht in der Lage, einen Menschen von Angesicht zu erkennen, der sich ihm
+gegenüber auf derselben Galerie befindet, wohl aber versteht er das
+leiseste Wörtlein, das drüben im Flüsterton, gegen die Wand gesprochen,
+fällt, da das Kreisrund des Steingefüges auf wunderbare Art den Schall
+bewahrt und deutlich herumträgt. Man erzählt, daß der Sultan auf solche Art
+die Ergebenheit seiner Minister, die Treue seiner Gäste und die Neigung
+seiner Frauen erprobte, von denen er die einen oder anderen mit ihren
+Vertrauten auf diese Galerie führte und sich, nach herausfordernden Worten,
+wie zufällig von ihnen trennte, um dann Wort für Wort ihre Gedanken am
+verräterisch erklingenden Kreisrund der Galerie zu erlauschen. In banger
+Ehrfurcht vor diesem Wunder zittert das Volk noch heute in der Erinnerung
+an die geheimnisvolle Macht des Toten.
+
+In einem dieser Dome, fast dem größten, fand ich statt der gewohnten zwei
+Grabsteine, die die Leiber des Königs und der Königin bergen und den
+einzigen Inhalt der Gebäude darstellen, deren drei und erfuhr die
+Geschichte dieser seltsamen Ausnahme, in der die Geliebte des Königs neben
+ihm und seiner rechtmäßigen Gattin, der Mutter des Königssohns, beigesetzt
+worden ist. Es geschieht sonst in keinem Fall, da nur die Favoritin, die
+den Erben des Reichs geboren hat, im Tode neben dem Sultan ruht, seine
+übrigen Frauen bleiben rechtlos, sowie auch deren Kinder, so ausgiebig sie
+ihre Macht und ihren Einfluß im Leben angewandt oder mißbraucht haben
+mögen. Aber die Geschichte erzählt, daß der König diese junge Gefährtin
+seines Alters zärtlich liebte, und als er aus einem Kriegszug heimkehrte,
+gelang es den Intrigen der Benachteiligten, Mißtrauen gegen ihre Treue in
+sein Herz zu säen.
+
+Sie beschwor ihre Unschuld, aber die falschen Beweise überzeugten den König
+gegen seinen Glauben. Jedoch im Zwiespalt seiner Empfindungen mag er auf
+den Gedanken gekommen sein, ein Gericht Gottes über Schuld und Unschuld der
+jungen Frau entscheiden zu lassen. Er führte sie auf die hohe Galerie
+seiner vollendeten Grabkirche, über deren niedriges Steingeländer hinab dem
+Blick das Gefüge der großen Steinquadern des Bodens klein, wie die
+Musterung eines Schachbretts, erscheint, und befahl ihr, hinabzuspringen.
+Die Luft verfing sich während des Falls in ihren weiten Gewändern, und sie
+langte unversehrt in der Tiefe an, grüßte hinauf zu ihrem Herrn, der ihr
+mißtraut hatte, und tötete sich mit einem kleinen Dolch, der noch heute in
+der Gegend ihres Herzens hockt. Das Volk nennt sie »die Fremde«, ihr
+Grabstein wird mit heimlicher Scheu erwähnt, es mag dies seinen Grund darin
+haben, daß ihr freiwilliger Tod nach erwiesenem Recht dem Geist der
+orientalischen Weltbetrachtung wunderbar und unerklärlich erscheint.
+
+Der König fiel in Schwermut, und der Gram seiner Reue soll oft in große
+Grausamkeit umgeschlagen sein, seine Rachsucht ist furchtbar gewesen und
+erst durch den Tod gestillt worden, man erzählt, daß er seit jenem Tage,
+nachdem die Verleumder eines gräßlichen Todes gestorben waren,
+allmorgendlich die Schärfe seines krummen Säbels im nackten Rücken des
+Sklaven prüfte, der ihm die Steigbügel seines Pferdes hielt. Sein Bildnis,
+das Händler der Stadt in kunstvollen bunten Kopien aus Wasserfarbe
+feilbieten, zeigt ihn auf einem hohen Samtkissen hockend, das Schwert über
+den Knien und den Blick unter dem roten, mit Edelsteinen geschmückten
+Turban starr und erkaltet in die Weite gerichtet. Seltsam genug meldet die
+Kunde von ihm, daß er, obgleich er niemals in Berührung mit seinem Volke
+gekommen ist und sein Anblick Entsetzen verbreitete, auch kein Mädchen
+seines Landes vor ihm sicher war, doch zugleich geliebt worden sei, wie
+kein anderer Fürst vor oder nach ihm. Seine Krieger sollen für ihn in den
+Tod gegangen sein, als spräche die Sterbenspflicht unter seinem Willen ihre
+Seelen für alle Ewigkeit frei, und seine Widersacher verfielen der
+Volkswut. Es ist dies ein neuer Beweis dafür, wie wenig die
+Volkstümlichkeit eines regierenden Fürsten mit seinen guten Eigenschaften
+zu tun hat, und daß kein Irrtum größer ist als der, daß die Liebe der
+Untertanen und die Nahbarkeit des Herrschers Hand in Hand gehen.
+
+Als ich Bitschapur sah, lag die Stadt voll Toter. Wir kamen in der
+Morgenfrühe auf Pferden an, ohne Kunde davon erhalten zu haben, daß die
+Pest in so furchtbarer Weise in der Stadt wütete. Als wir nahe vor den
+Toren waren, wies mein Begleiter auf die Hügel im Umkreis der Stadt, die
+mit Zelten bedeckt waren, und riet zur Umkehr, aber es bot sich uns keine
+Möglichkeit dazu, da es uns an Wasser und Nahrung gebrach.
+
+Die Lager auf den Höhen unterrichteten uns darüber, daß die Bewohner aus
+der Stadt geflüchtet waren, und so fanden wir nur Tote im Bereich der
+herrlichen Ruinen. Die Pferde zitterten, als uns der erste, widerlich süße
+Hauch der Verwesung entgegenschlug, und Wolken von Aasgeiern erhoben sich
+träge mit häßlichem Geschrei bei jeder Straßenbiegung. Die Leichen lagen in
+den offenen Türen und auf den Gassen, aus leeren Augenhöhlen und
+geschwärzten Angesichtern starrte der Tod uns an, und die Hufe unserer
+Tiere verwickelten sich in den faulenden Schläuchen der menschlichen
+Eingeweide, die die Geier weit über die Wege gezerrt hatten.
+
+Die unbarmherzige Sonne spiegelte im Marmor, ihren stillen Liebeszorn
+bewegte kein Lufthauch, ein paar vergessene Ziegen irrten durch die
+furchtbare Todesöde und den gigantischen Prunk der Vergangenheit. Es war
+eine Hungersnot vorangegangen. Heute noch sehe ich die mageren, dunkeln
+Menschenkörper, geschwärzt vom Gift der Verwesung, gegen weiße Mauern
+gelehnt, über Steintreppen geworfen, oder am rötlichen Boden. Zwei Kinder,
+die einander umschlungen hielten, schienen am Rand eines Tempelteichs
+eingeschlafen zu sein, die Lage ihrer zärtlichen Gestalten verriet weder
+Angst noch Schmerzen, aber die Augen fehlten, und in geschäftigem, frohem
+Eifer bohrte ein grauer Geier seinen Schnabel unter die Stirnen, so daß die
+Köpfchen schaukelten. Als ich mich näherte, hob der Vogel den kahlen Kopf
+mit dem harten Schnabel, und seine gelben Augen sahen mich räuberisch an,
+als ob er Verwunderung darüber empfände, daß ein aufrechter, lebender
+Mensch sein Totenreich betrat.
+
+ * * * * *
+
+Als die Sonne ins Meer gesunken und ihr letztes Licht wie in violettem,
+feuchtem Qualm über dem fernen Wasser zergangen war, brannte Panja ein
+kleines Feuer auf der Berghöhe unter unserem Felsen an, der uns nach zwei
+Seiten hin schützte. Wir mußten mit dem Brennmaterial sparsam umgehen,
+Panja hatte es zum guten Teil unterwegs sammeln und bis zu unserer hohen
+Lagerstätte schleppen müssen.
+
+Die Nacht war totenstill, die ganze Welt schien erstorben, nur ein paar
+große Nachtschmetterlinge besuchten mein Feuer, und ihr Surren zitterte in
+der Luft, bis Panjas Schnarchen sie füllte. Aus weiter Ferne unterschied
+ich Hyänenstimmen und schwaches Bellen der Schakale. Der Sternschein
+tauchte in blassem Dunst der Tiefe glanzlos unter, aber über den Bergkuppen
+und -zacken funkelte das Licht hart und zornig, wie im göttlichen Rausch
+seiner unirdischen Freiheit. Der schmale Mond war erst gegen Mitternacht zu
+erwarten.
+
+Ich schlief nur ganz kurze Zeit, um den Aufgang der Sonne nicht zu
+verpassen, und die Stunden eines einsamen Wachens auf der Höhe, in der
+blauen silbernen Tropennacht sind mein unvergängliches Eigentum geblieben,
+ein feierliches Kleid der Erinnerung, das meine Seele niemals ablegen wird.
+Es ist ihr bannender Zaubermantel gegen die Bedrängnisse des kleinen
+Alltags geworden, das Leben und der Tod wiegen ihr in solcher Hülle leicht,
+und der Gedanke an das Unendliche rückt nahe, wie sich das Bild im
+spiegelnden Wasser dem Knienden nähert.
+
+Ich vergaß in jener Nacht, daß die Erde bewohnt ist, und ich begriff, daß
+wir Menschen unseres Jahrhunderts unser ganzes Wesen zu sehr darauf
+eingestellt haben. Unsere Beziehung zur Natur ist oft nur durch eine Flucht
+vor den Menschen und aus unseren Lebensverhältnissen möglich, und so
+erscheint uns das nur für kurz gegönnt, was uns von Anfang an zum Eigentum
+bestimmt war. Der Satan der neuen Welt entschädigt uns überreichlich für
+die Verluste unserer alten Rechte, und doch werden wir am Ende die
+Betrogenen sein, denn der beste Teil entgeht uns, jener Anteil, der die
+Gelassenheit der Besinnung mit sich bringt, die Ruhe des guten Gedankens
+und den Frieden der Erkenntnis unserer selbst.
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel
+
+Die Herrschaft des Tiers
+
+
+Unendliche Mattigkeit lagerte in der Luft. Wir waren nun den zweiten Morgen
+unterwegs, um Mangalore zu erreichen, und die Ausläufer der
+Dschungelwaldungen deckten uns zu, zwischen ungeheuren Felsschluchten.
+
+Der Abstieg von den Bergen zur Küste ging langsam vonstatten, da wir
+unmöglich länger als die Stunde vor Sonnenaufgang und zwei oder drei
+nachher marschieren konnten. Bisweilen unternahmen wir noch kleine Strecken
+am Abend, aber es wurde wenig vom Wege zurückgelegt, da die anstrengenden
+und umständlichen Vorbereitungen für unser Nachtlager die kühlere Stunde
+vor Aufgang der Nacht beanspruchten.
+
+Eine schmerzende Rastlosigkeit und ein dumpfer Druck in meiner Brust
+machten mir die Weiterreise fast unmöglich. Ich glaubte, nicht atmen zu
+können, und mir war, als zersprengte mein Blut seine Gefäße wie gärender
+Wein. Mich befiel ein Taumel, dem kein Rausch zu vergleichen ist, und ich
+begriff nicht, daß ich monatelang in diesem kochenden Dunst hatte leben
+können, wobei ich allerdings nicht bedachte, daß das Jahr vorgeschritten
+war und die heiße Zeit ihren Höhepunkt erreicht hatte. Die bösen
+Erinnerungen an mein überstandenes Fieber überfielen mich wie Raubtiere;
+ich fürchtete sie mehr als die hungrigen Bestien, die nicht von unserer
+Fährte wichen, und als die Giftschlangen, deren Biß in dieser Zeit am
+gefährlichsten ist und fast unmittelbar tödlich wirkt. Der ganze Urwald
+schien von diesem Gift erfüllt, und die Ermattung seiner Geschöpfe teilte
+sich dem Körper mit, bis tief in die Kammern des Herzens. Mehr als einmal
+verlangte ich gebieterisch, daß der Rückweg in die Berge angetreten würde,
+aber Panja und Pascha, die kaum noch widersprachen, taten in stoischer
+Gelassenheit, was sie für richtig hielten und was es unter den drohenden
+Ereignissen der Natur auch einzig gewesen sein mag.
+
+Ich verlor den Sinn für die Pracht der Gegenden, durch die wir kamen; die
+einzige Hoffnung, die mich aufrecht erhielt, war der Gedanke an das Meer,
+und oft flehte ich, der tödlichen Gefahr zum Trotz, in heimlicher
+Gemeinschaft mit den schmachtenden Geschöpfen der Natur, den Himmel um
+Regen an. Es kam hinzu, daß ich die sichere Orientierung auf der Karte
+völlig verloren hatte, ich wußte mit Bestimmtheit kaum mehr als die
+Himmelsrichtung und mußte mich ganz auf Panja verlassen, dessen Urteil mir
+um so leichtfertiger erschien, je mehr er mich mit falschen Aussichten
+vertröstete. Auch mußten wir oft die Richtung wechseln, da wir uns
+unüberwindbaren Hindernissen gegenübersahen, so daß sich die in der Tat
+zurückgelegte Wegstrecke auf unser ungewisses Ziel zu oft kaum bestimmen
+ließ. Bald fehlte es uns an Nahrung, bald an Wasser, und nur Panjas
+Kenntnissen der vielerlei Früchte des Waldes ist es zu danken, daß wir
+nicht in bittere Not gerieten. Zuweilen fand ich trotz des schmerzenden
+Hungers nicht den Aufwand von Energie, mit der Büchse Umschau zu halten,
+und oft waren die Milch einer Kokosnuß oder eine Ananas meine einzige
+Nahrung für einen Tag.
+
+Aus der Reihe der Entbehrungen und Leiden dieser Tage ist mir ein Eindruck
+geblieben, der sich tief in meine Seele gegraben hat, und dem ich den
+letzten Aufschwung meiner Kraft verdankte. Wir kamen an einem Frühmorgen,
+bevor die Sonne aufgegangen war, in die schmale Felseinmündung zu einer
+Schlucht, die sich bald groß und weit vor unseren Augen öffnete. Es
+herrschte noch jenes seltsame und ergreifende Zwielicht von Mondschein und
+hereinbrechendem Morgenlicht, das ich nur in den Tropen in diesem
+magischen Glanz eines Kampfes um die Herrschaft angetroffen habe. In den
+Ländern des Abendlandes scheint die Nacht dem Tage auszuweichen, ihre
+Gestirne verblassen gelinde, lange bevor die Sonne am Horizont sichtbar
+wird, und der schüchterne Morgenmond, der noch bisweilen zu sehen ist,
+wirkt wie eine verlöschende Erinnerung an die Nacht. Aber in Indien sind
+die Lichter der Nacht mit dem Glanz des hereinbrechenden Tages in einen
+leidenschaftlichen Kampf verstrickt, der seine Zwiespälte der Seele um so
+eindringlicher mitteilt, je mehr die Stille der Lichtwelten ihre Gewalt und
+Beharrlichkeit behauptet.
+
+Die ersten Tierstimmen erwachten um uns her, aber nichts regte sich. Wir
+waren tief im Grünen und krochen und sprangen abwärts in weiten Abständen
+voneinander, von Fels zu Fels, über gestürzte Baumstämme und sumpfige
+Löcher, in denen die Überreste eines Gebirgsbachs faulten. Nach einer Weile
+öffneten sich Bambuswände, und ich gewann für kurze Zeit einen freien Blick
+über die ungeheure Schlucht. Zur Rechten und zur Linken erhoben sich
+gelbliche Felswände, beinahe senkrecht abfallend und fast ohne Vegetation.
+Sie liefen in der Ferne auseinander und ließen einen Blick in die
+dampfende, grauschimmernde Weite zu. Der Dschungel erschien wie eine dicke,
+grüne Decke im Winkel eines riesenhaften Gemachs mit braunen Wänden, und
+der Morgenhimmel darüber war von gläserner Klarheit.
+
+Die westliche der beiden steilen Felswände war bis zur Hälfte wie mit
+dunkelroter Farbe bemalt, gegenüber flimmerte das Mondlicht im Grünen. Ich
+stand, von diesem Bild gebannt, in Betrachtung versunken da. Zugleich mit
+der Hoffnung, daß nun der schwierigste Teil unserer Reise überwunden sein
+möchte, glaubte ich die Wohltat eines leisen, kühleren Windes zu verspüren,
+und meine Augen glitten entzückt über die goldene Glutbahn des
+Morgenlichts an der Felswand dahin.
+
+Auf halber Höhe dieser Wand, etwa dort, wo sie der Sonnenschein teilte,
+lief eine ausgehöhlte Bahn wagerecht durch das Gestein, die man wohl für
+eine alte Meergrenze hätte halten können. Sie wirkte wie ein überdachter
+Weg und mag auch zum großen Teil gangbar gewesen sein, führte an
+halbkuppelartigen Höhlen vorüber und gewährte vereinzelten Zwergpalmen und
+Aloëstauden Halt. Vor der größten dieser Höhlen war ein kleines
+Felsplateau, nicht größer als etwa der Raum, den ein alter Lindenbaum in
+der Mittagssonne zu beschatten vermag, und am Rand dieser Felsplatte in der
+Sonne lag etwas. Ich erinnere mich deutlich, daß, noch bevor der Eindruck,
+der meine Augen fesselte, mir irgend zum Bewußtsein gedrungen war, noch ehe
+ich darüber sann, was dies gelbliche ruhige Etwas sein möchte, ein
+Unterbewußtsein, wie eine ahnungsvolle Ehrfurcht mich bannte. Aber dann
+wußte ich es jählings, wie durch einen lauten Zuruf aufgeklärt, und auch
+ohne daß ich noch Figur und Zeichnung recht unterschied: der Tiger.
+
+Es ist das einzige Mal gewesen, daß ich in Indien einen Tiger in der
+Freiheit erblickt habe. Ich lehnte mich an den Stamm eines Baumes, schloß
+die Augen und öffnete sie wieder und sah hinauf wie einer, der sich von
+seinen Blicken betrogen glaubt. Niemals werde ich die hellbraunen Felswände
+vergessen, das Morgenlicht in der Steinkuppel und vor ihr, wie auf einem
+Marmorsockel als Thron, im Schutze des steinernen Baldachins, die ruhende
+Sphinxfigur des Tigers. Die Entfernung und die Höhe der Felswände ließen
+ihn mir klein erscheinen, aber ich unterschied die Zeichnung des Fells
+deutlich und sah die Pranken nebeneinander ruhen unter dem schrecklichen
+Haupt, das unbeweglich, wie gemeißelt, die geschmeidige Linie des Rückens
+und des breiten Nackens vollendete und dessen Augen in die Weite gerichtet
+schienen. Eine Majestät ohnegleichen ging von diesem glühenden Monument der
+Natur aus.
+
+Es ergriff mich eine Traurigkeit, die ich niemals ganz werde begreifen
+lernen, aber ich weiß, daß meine Hände sich ballten und zitterten. Damals
+erfaßte ich zum ersten Male die Schönheit und Größe der ägyptischen Sphinx,
+dieses gewaltigsten Steinmonuments, das der Geist und die Erkenntnis des
+Menschen jemals im Licht des Anspruchs und der Ehrfurcht erschaffen haben.
+Die Begriffe der Gottheit, der Natur und des Menschseins sind in ihren
+vielfachen Widersprüchen in dieser Gestalt zu einem Kunstwerk vereint,
+welches das Unerbittliche lieblich mit der Hoffnung verbindet, die
+Herrschsucht mit der Anmut, die Gefahr mit der Lust und die Gottheit mit
+dem Spiel. Und keineswegs einzig durch den Abstand, welcher uns von diesem
+Bildwerk scheidet, sondern an sich und für alle Zeiten der Vergangenheit
+und Zukunft stellt die Sphinx das gewaltige Denkmal der Historie dar, jener
+Historie, die über der Gewißheit einer großzügigen Entwicklung jede
+Erinnerung an Einzelheiten und Geschehnisse zu verschmähen scheint und nur
+in erhabenen Merksteinen die Jahrtausende mißt, welche das Menschenherz im
+unveränderbaren Pulsschlag durchpocht.
+
+Der Anblick dieser großen ruhenden Katze in der Sonne, hoch in der
+Felsenfreiheit, über dem unruhig gärenden Bett der vielerlei kleinen
+Geschöpfe und Pflanzen des Dschungels, trug meinen Geist über die Geschicke
+der Zeiten fort, zurück bis an jenen ältesten Stein der
+Menschheitserinnerung. So erschien mir das herrliche Tier in seiner
+Vereinsamung, wie ein später Nachkomme einer versunkenen Zeit, schon im
+schwermütigen Schatten des Abschieds seines starken Geschlechts von der
+Erde der Menschen, denen es mit vielen, längst vergessenen Wesen hat
+weichen müssen.
+
+Aber hier war noch das Reich seiner Herrschaft. In der Morgensonne funkelte
+sein steinerner Thron, und den erwachenden Urwald, tief unter dieser
+königlichen Ruhe, schreckten die Schauer vor solcher Majestät. Arm, müde
+und machtlos schlichen ein paar Menschlein unten durch das schützende Grün,
+und unter ihnen ich, geduldet und eingeschüchtert durch die Herrschaft des
+Tiers.
+
+ * * * * *
+
+Als ich am Abend im Zelt einzuschlafen versuchte, entdeckte ich zwischen
+den Bäumen hindurch an den Himmelslücken einen rötlichen Schein, der nicht
+von unserem Feuer kommen konnte. Ich trat hinaus und prüfte die Weite
+umher, so gut es mir gelang. Der Mond ging erst gegen Morgen auf; ich sah,
+daß der ganze Himmel glutete, und weckte Panja.
+
+»Die Steppen brennen«, sagte er, nachdem er sich umgesehen hatte, und sog
+die Luft durch die Nase ein, aber die windlose Nacht trug keinen
+Brandgeruch bis zu uns. »Die Berge brennen,« wiederholte er schlaftrunken,
+»tausend Tiere sterben, darunter die schädlichen. Die Bergmalabaren zünden
+die Reste an, die die Sonne zurückgelassen hat; oft entstehen die Feuer
+auch, ohne daß jemand weiß, wer sie angelegt hat.«
+
+Der Glutschein nahm zu und verbreitete eine erregende, matte Helligkeit im
+nächtlichen Wald, die Stimmen der Tiere schienen vereinzelter und
+gedämpfter zu klingen, wie in Ehrfurcht vor dem draußen herrschenden
+Element.
+
+»Es heult nicht, das Feuer,« sagte Panja und lauschte, »ruhig schleicht es
+über die Höhen.«
+
+Er legte sich wieder zur Ruhe nieder, es drohte uns keine Gefahr, aber
+mich floh der Schlaf, den ich eben noch ohne Glauben gesucht hatte. Ich sah
+im Geist die roten, wehenden Feuerfahnen über die endlosen graugrünen
+Hügelweiten flattern in der blauen Nacht, und mir war, als hörte ich die
+Stimmen des fliehenden und ereilten Getiers, das im Streit um den Besitz
+der Berge, dem Menschen auf der Walstatt eines unaufhörlichen Kampfes
+erlag. Gegen Morgen würde der Mond durch den Rauch scheinen, bis langsam
+die Sonne die goldenen Kämme der Berge in ihrer Ruhe über dem bewegten Bild
+entzündete; dort oben war es still, die ewigen Kriege waren dort längst
+verrauscht.
+
+In der Schlucht rief ein Uhu, immer lange, wie aus tiefer Brust
+hervorgehauchte Töne, in weiten Abständen voneinander, bald wie in dumpfer
+Daseinsangst, bald wie in Liebesqual. Als der rote Schein zunahm,
+verstummte er, die Felsschlucht schwieg, die dunklen Wände im rötlichen
+Nebel vereinsamten aufs neue, und die verlassene Nacht zog weiter, im
+glühenden Schleier.
+
+Es war eine lautlose Unruhe in der trägen Üppigkeit des verblühten Waldes
+und die Geister der Vermoderten kamen aus der Vergangenheit hinüber in die
+Bereiche meiner Erinnerung und begannen zu mir zu reden. Überall umher
+lagen überwache Sinne in Krankheit, aus Löchern, Höhlen und grünen
+Schlünden starrten die Masken unersättlicher Gier und gereizter Ermattung
+einander an, im steilen Bambus schlief der Wind, hingesunken wie ein von
+giftigen Gasen zum Taumeln gebrachter Falter. Die Ungeduld des Erdbodens,
+an der widrigen Grenze süßlicher Ersticktheit, teilte sich dem Blut der
+Wesen mit, aber nichts half mehr, kein Geschrei und keine Klage, kein Trost
+und keine Wut. Nur im Wasser oder im Feuer war Errettung zu finden. Hatte
+nicht Panja eben noch gesagt, die Steppen entzündeten sich selbst?
+
+Es klagte matt in der belebten Stille, ein Vogel, ein Waldtier oder ein
+sinkender Baum, der sich seufzend in das morastige Bett seiner Entstehung
+neigte. Ich lauschte auf die röchelnden Flüstertöne des Verfalls, in denen
+die Stimmen der Versunkenen meine willenlosen Gedanken in ihr vergessenes
+Bereich zurückführten. Der Geist des Fiebers schillerte mich böse, mit
+grünen Augen, aufs neue an, und ich fühlte mich vom Sterben umhüllt und ihm
+unrettbar preisgegeben. Ich empfand in merkwürdig tauber Verwirrung der
+Verlassenheit, daß ich das Sterben noch nicht gelernt hatte, mich verlangte
+inbrünstig nach Taten, nach Kampf und Anstrengungen, und meine höchste
+Angst bestand im Gedenken an dies laue, erstickende Welken des Bluts, wie
+es umher von mir gefordert wurde.
+
+War es, weil meine Augen am Tage die Hoheit des Dschungelherrschers gesehen
+hatten, daß ich den Mut und die Kraft zum eigenen Lebensrecht nicht mehr
+aufzubringen vermochte? Die Bedrängnisse, in denen sich die Natur befand
+und die sich meinem Gemüt von Stunde zu Stunde eindringlicher und
+überwindender mitteilten, ja, denen ich völlig zu erliegen drohte, weckten
+im Grunde meiner Gedanken ein bohrendes Bewußtsein von Schuld. Welcher
+Empfindende und Verstehende suchte in aller Not nicht zuerst die Schuld in
+der eigenen Brust? Die Erkennenden sind verantwortlich, sie sind es, welche
+in Wahrheit Opfer bringen und welche die Sühne tragen, im Kleinen wie im
+Großen. Hatte ich die Trauer und Größe der alten Herrschergewalt dieses
+Landes nicht erschauernd erblickt und ehrfürchtig auf meine Art erkannt,
+wie ein verächtlicher Eindringling, und im Herzen schuldig aus Hochmut?
+
+Wenn ich die Augen schloß, so war mir, als dränge durch die Erschlaffung
+der verschmachtenden Welt ein Pesthauch von jener Stätte zu mir hinüber, an
+der ich zwischen den bläulichen Stachelarmen der Aloën den gelben Leib des
+toten Panthers gesehen hatte, dann wieder tauchte die beschienene,
+steinerne Kuppel vor meinem Geiste auf, die als ein goldstrahlender
+Baldachin den Thron des Tieres schützte. Der Tiger war berufen, in diesen
+Bereichen zu herrschen, ihn vergifteten die Dünste des Dschungels nicht,
+der Brand der Tropensonne wurde seinem zähen Leib mit den eisernen Strängen
+der Sehnen zur Wohltat, er durchschwamm die reißenden Ströme zu seiner
+Erfrischung, wie im Spiel, und durchschweifte die Steppe tagelang, ohne
+Gefährdung und ohne Bedrängnisse.
+
+Wie in den zugleich bedrückenden und beängstigenden Sinnesschwankungen des
+nahenden Fiebers, die sowohl Verwirrungen als auch die übernatürlichen
+Klarheiten der Vision mit sich bringen, war mir, als könnte unmöglich jene
+Grenze gar zu weit zurückliegen, an welcher der Wechsel der Herrschaft von
+Tier und Mensch über die Erde stattgefunden haben sollte. Als habe sich
+meinen eingeschüchterten Sinnen erwiesen, wie töricht der Menschenhochmut,
+in der leichtfertigen Sicherheit seiner zerbrechlichen Städte, sein
+Machtbereich und seine Herrschaft überschätzt. Und mir war aufs neue, als
+träte der Geist dieses Landes und seiner alten Völker zu mir und überredete
+mein Herz. Ich begriff eine Lehre, die das Tier ehrt, anbetet und niemals
+tötet, deren religiöses Bewußtsein und Bekenntnis eine tiefe Beziehung zum
+Wesen des Tiers ahnen läßt, und die die tatlose Geduld, die ehrfürchtige
+Erwartung und das heilige Harren in demütiger Ergebenheit preist. Wie
+vorzeiten in einer unvergeßlichen Traumnacht ein Affe im Triumph seiner
+überwundenen Gefangenschaft zu mir gesprochen hatte.
+
+Wie aber die ungewisse Neigung zur Ehrfurcht Angst und noch keine
+Beruhigung erzeugt, deren Friede erst mit der eingetretenen Erkenntnis
+hereinbricht, so erschien es mir in heimlichem Erzittern zu dieser Stunde,
+als sei die Herrschaft des Tiers auf der Erde nicht überwunden, sondern als
+bestünde sie noch, wenn auch verborgen und beengt, so doch in ihrer
+ursprünglichen Gewalt und Finsternis.
+
+Mit den ermüdeten Zügen Hucs, des Affen, der mir zu Beginn meiner
+leichtfertigen Fahrt in die überblühten Ruinen des alten Gottreichs
+erschienen war, trat aufs neue der Geist dieser versunkenen Zeit vor mich
+hin, und seine grauen Augen sahen mich an: »Noch herrscht das Tier, hier,
+um dich her, im Rahmen der ihm zugehörigen Natur, in die der Mensch nicht
+weiter eingedrungen ist, als ein Borkenkäfer in einen Baum, dort verborgen
+in der aufrechten Gestalt, unter der weißen Haut, hinter der klugen Stirn
+und den schönen Augen. Vollzieht sich die Wandlung unter dieser Hülle nicht
+immer noch rasch und leicht? Nicht allein auf Schlachtfeldern und im
+Getümmel der entflammten Haufen, auch in stillen Kammern oder auf offenen
+Märkten, unter den Marterpfählen der Heiligen, oder im Schmeicheln der
+süßesten Rede? Noch herrscht das Tier. Die Weisen der Erde erzittern auf
+ihrem Weltpfade unter dem Gebrüll, das um sie her erklingt, wenn sie
+eilend, gerafften Kleids, mit verwundeter Hoffnung ihre Zeit durchmessen.«
+
+Mit feurigen Schritten schlich die Nacht träge dahin, der Himmelsschein der
+brennenden Steppen erlosch allmählich, aber es war, als habe er eine
+vermehrte Hitze zurückgelassen, immer noch war kein Hauch des nahenden
+Morgens zu verspüren. Vergebens forschte ich am Himmel nach dem
+Morgenstern, und mit den düsteren Wetterwolken, die wie böse Ahnungen im
+glühenden All herandrängten, begann neben mir monoton die Stimme meiner
+Angst aufs neue:
+
+»Das Tier herrscht. Wenn der Morgen sich ankündigt, so wird dein Blut
+erloschen sein, du sollst in diesem schwülen, grünen Mantel ersticken.«
+Meine Qual entstand nicht durch den Gedanken an den Tod meines Leibes,
+sondern durch diese düstere Ahnung von der Herrschaft des Tiers und durch
+die Hoffnungslosigkeit, in der ich, am Rande des Wahnsinns, nach einem
+Ausweg suchte, nach einer erlösenden Gewißheit, nach dem Licht der Zukunft.
+Wie der Zweifelnde das Leben seiner Geliebten argwöhnisch nach Beweisen
+ihrer Schuld durchforscht, gegen seinen besseren Willen, ja, fast gegen
+sein Gewissen, so durchforschte mein Geist in diesen Nachtstunden die
+Geschichte der Erde nach den Merkmalen des Tiers, und aufs neue tauchte das
+Bildwerk der Sphinx vor meinen geistigen Augen empor. Es verschmolz mir in
+der alten Erinnerung des Menschenwesens und in der Erinnerung meiner
+eigenen zeitlichen Erlebnisse mit der Erscheinung des ruhenden Tigers an
+der Felsenwand. Es war, als habe diese Erscheinung, von der meine Augen am
+vergangenen Tage betroffen worden waren, im mystischen Zusammenhang mit der
+alten Menschenfurcht und -ehrfurcht, einen erklärenden Lichtschein auch in
+meine Erkenntniswelt geworfen, und in jener Nacht hätten keine menschliche
+Weisheit und keine Überzeugungskraft mich vom Wege meiner Gedanken
+abzubringen vermocht.
+
+In ihm, jenem alten Volke der Ägypter, mußte das Bewußtsein klar gelebt
+haben, daß die Herrschaft des Tiers nicht überwunden war, sie erschufen in
+unfaßbarer organischer Einheit den Katzenleib mit dem Menschenkopf und den
+Menschenleib mit dem Löwenhaupt. Sie erhoben diese Standbilder zu
+Gottheiten, verehrten sie in ihnen und erkannten sich selbst darin.
+
+Während meine Gedanken nach Sicherheit suchten, nach dem entscheidenden
+Gegenwert, nach der Verkündigung der Wahrheit, daß das Tier dennoch
+überwunden sei, schritt auch Johannes an mir vorüber, der den
+göttlich-weisen Heiligen von Golgatha am lautersten geliebt hatte. Auch
+ihn, den, wie keinen, die menschliche Hoheit und der göttliche Triumph
+seines Meisters durchdrungen hatten, schreckte in den verzückten Ahnungen
+eines künftigen Reichs des Menschensohns, das Tier. In seinen letzten
+Visionen, in denen Furcht und Hoffnung das liebende Gemüt im zerrütteten
+Leib zerrissen, erschien ihm das Tier:
+
+»Und ich trat an den Sand des Meers und sah ein Tier aus dem Wasser
+steigen, das hatte sieben Häupter und zehn Hörner und auf seinen Hörnern
+zehn Kronen und auf seinen Häuptern Namen der Lästerung. Und ich sah seiner
+Häupter eines, als wäre es tödlich wund, aber seine tödliche Wunde ward
+heil, und der ganze Erdboden verwunderte sich des Tiers. Und sie beteten
+das Tier an und sprachen: 'Wer ist dem Tiere gleich? Wer kann mit ihm Krieg
+führen?!' Und ihm ward gegeben, zu streiten mit den Heiligen und sie zu
+überwinden, und ihm ward Macht über alle Geschlechter gegeben.« --
+
+Die brodelnde Finsternis des heißen Urwalds umdunkelte meine überwachen
+Sinne, wie im Taumel einer nahenden Ohnmacht, und meine armen Gedanken
+huschten wie blasse Irrlichter darüber hin. Damals war mir der Gedanke an
+meinen nahen Tod zur Gewißheit geworden, und ich weiß zuversichtlich, daß
+ich seinem Schatten niemals näher war. Eine unbeschreibliche Sehnsucht nach
+dem Morgen wachte, wie eine letzte Hoffnung, unverstanden und von düsterer
+Traurigkeit bedrückt, in meinem Herzen, das erstickend in Finsternis und
+Erdschwüle nach Erlösung rief. Ich muß kurz nach diesen letzten
+Erinnerungen in Schlaf gesunken sein, über mir den qualmenden Rachen des
+Tiers.
+
+Aber der Traum, mit welchem ich im Morgenlicht erwachte, war leicht und
+lieblich, als belohnte ein gnädiger Geist die Bedrängnis meiner Gedanken
+mit einer frohen Zusicherung. Es ergeht uns Irdischen oft so, daß sich der
+Wechsel und Ausgleich von Finsternis zum Licht mit dem Wechsel von Schlafen
+und Wachen vollzieht, oder bisweilen wohl auch umgekehrt, als läge die
+Absicht, zu schlichten und zu besänftigen, im natürlichen Wandel unserer
+Zustände. So mag es sich erklären, daß ein heiter verbrachter Tag sich in
+düsteren Traumbildern spiegelt, oder daß die Angesichter der Toten zuweilen
+nach furchtbaren Qualen des Sterbens einen unnennbaren Frieden in ihren
+Zügen tragen.
+
+Ich erinnere mich keines Traums, der meinem Gemüt eine größere Helligkeit
+gebracht hätte, und keine Wohltat ist jener Ruhe zu vergleichen, die mir in
+den Lösungen geschah, die sich wie gnädige Offenbarungen an die Pein meiner
+Angst und meines Zweifels im Schlafe anschlossen. Erkenntnisse, welche uns
+durch Träume vermittelt werden, haben eine seltsame Unschuld der Erfahrung,
+es erscheint oft, als schlössen sie alle jene Irrtümer aus, die das
+bereitwillige Denkvermögen des wachen Gehirns so leicht begeht, in seiner
+Hoffnung, es möchte aus dem Vielerlei ein Viel entstehen, und aus dem
+Mancherlei ein Besonderes. Das Grübeln ist der Feind des Denkens, denn die
+guten Gedanken kommen zu uns wie das Licht oder die Wärme, unversehens, wie
+ein Sonnenblick durch die Schleier der Wolken, oder wie eine Knospe an
+ihrem Strauch im Frühlingsregen aufbricht. So mag der Schlaf ein tätiger
+Freund des Denkens sein, und das oft scherzhaft gebrauchte Wort, daß der
+Herr es den Seinen im Schlafe gibt, hat ebensowohl einen tiefen Sinn, wie
+das uralte Verlangen der Menschen, Träume auf rechte Art deuten zu lernen.
+
+In einem hellen Zug, der auf dunklem Erdgrund allein und deutlich von einem
+klaren Himmelsstrahl beschienen wurde, zogen die Heiligen der Geschichte,
+die das Tier überwunden haben, im Traum an mir vorüber. Die Reihe rückte
+aus unergründbarer Welttiefe, die ganz in Finsternis gebettet war, so hell
+heran, als flösse ein weißer Bach in der Nacht über schwarzen Erdgrund. Und
+jedesmal mit dem Augenblick, in welchem eine Gestalt deutlich erkennbar
+wurde, zerfloß sie in das große Wort ihres wichtigsten Bekenntnisses. Mit
+dem Erklingen dieses Worts aber, das sich wie ein Lichtschein in meine
+Sinne ergoß, versanken das Angesicht und der Name seines Trägers, aber es
+erschien mir, als läge es so im Willen der Heiligen. Im Halbdämmern, das in
+ihrer Nähe herrschte, erkannte ich undeutlich in ihrer Begleitschaft die
+gewaltigen Umrisse gefesselter Tiere. Ich erblickte darunter einen Drachen,
+hundertfach verschlungen und in dunklen, glühenden Farben von großer
+Pracht, das Löwenhaupt der Sechmet, über den lieblichen Mädchenschultern,
+tauchte empor und erlosch, die heilige Schlange, gekrönt, mit geblähtem
+Hals unter dem Gift des Rachens, und das weiße Rind.
+
+Unter den Heiligen kam auch aufs neue jener seltsamste Prophet zu mir, den
+die Religionen der Völker kennen, und dessen Worte über die Macht des Tiers
+mir noch kurz zuvor durch den Sinn gegangen waren, aber seine Erscheinung
+hatte die Gebärde des heimgesuchten Märtyrers seiner Angst verloren. Er war
+der Letzte; mit ihm und dem Wort seiner Gottheit erlosch der strahlende
+Zug:
+
+»Ich bin der Erste und der Letzte. Ich bin der Ursprung des erwählten
+Geschlechts, ein heller Morgenstern.«
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel
+
+Sumpftyrannen
+
+
+Es würde schwer halten, mit Sicherheit über den Zeitraum zu berichten, der
+zwischen den inneren Erlebnissen dieser Nacht lag, in welcher ich dem Tier
+begegnete, und der Morgenstunde, in welcher bald nachher Panjas helle
+jubelnde Stimme mir aus dem Buschwerk entgegendrang. Beim Klang seiner
+lauten Worte überkam mich nach seinen vielerlei Vertröstungen zum erstenmal
+die ganze Zuversicht unserer Befreiung. Ich verstand anfänglich immer nur
+ein Wort, und da er es im Rufen mehr sang als sprach, so unterschied ich
+den Sinn nicht, bis er lachend vor mir stand und zitternd vor Freude
+erklärte, sie seien bis an die Ufer des Kumardary vorgedrungen, des großen
+Stroms von Süd-Kanara, dessen Wasser aus den Bergen von Kurg und Maisur
+zusammenströmen und der bei Uppanangadi in den Netrawati einmündet, an
+dessen Ausfluß in das Meer Mangalore liegt, die Stadt, die unser Ziel war.
+
+»Der Fluß hat noch Wasser genug für die größten Kanus,« rief Panja
+glücklich, »wenn wir Boote aufgetrieben haben, so brauchst du keinen
+Schritt mehr zu machen, bis die Palmen von Mangalore dich beschatten, und
+der Regen mag kommen. Der Fluß trägt uns schnell hinab.«
+
+Seine frohe Gewißheit teilte sich mir anfänglich mit. Nach seinen
+Schilderungen näherten wir uns dem rechten Ufer des Flusses, in einem
+Abstieg genau von Norden nach Süden, hatten sein Bett also im Laufe der
+zurückliegenden Wochen bereits einmal überschritten, wahrscheinlich in den
+heißen Tagen des glücklichen Wanderlebens vor meinem Fieber. Eine
+merkwürdige Ernüchterung überkam mich plötzlich, sie stellte sich in
+Gemeinschaft mit einer neuen Lebenskraft ein, aber zugleich mit einer
+tiefen Verstimmung. Eine veränderte Wirklichkeit rückte heran, mit den
+grauen Bildern der gewohnten Lebensweise, und die tiefere Wirklichkeit des
+Traums wurde darüber schadhaft und unwahr. Ach, gewißlich würde ich die
+Erlebnisse der zurückliegenden Zeit niemals vergessen, aber irgend etwas an
+ihnen schien mir plötzlich seine Inbrunst einbüßen zu müssen; was einst dem
+Ernst meiner Seele heilig war, das würde nun im Schein eines feinen
+Lächelns zurückbleiben. Gewiß, jener schöne Zustand der Vergangenheit war
+einmal groß und wichtig gewesen, aber es war nun nicht mehr der einzige,
+denn die neue Welt würde aufs neue meine Hingabe, wiederum meinen Ernst und
+meine Andacht einfordern.
+
+Damals war es, als ich mir vornahm, niemals über die große Welt meines
+Erlebens zu schreiben oder zu erzählen, sondern mich bei beiden an die
+äußeren Ereignisse zu halten. Ich wandte mich um und sah hinter mich, als
+könnten meine Augen noch einmal alles übersehen, was mich bedrängt und
+erhoben hatte. Aber nur die undurchdringlichen grünen Wände, deren
+Palmengefieder in der Sonne glitzerte, boten sich meinen Augen, keine Spur
+unserer Füße war mehr kenntlich, ich war vergessen in dem Bereich, das ich
+flüchtig durchmessen, nur in der Ahnung begriffen und im eingeschüchterten
+Gemüt geliebt hatte.
+
+Heute, nach Jahren, über die weißen Blätter gebeugt, die meine Gedanken,
+meine Freuden und die Bilder und Farben meiner Erinnerung tragen sollen,
+begreife ich jene Trauer besser. Damals schlug in meiner Brust die Stunde
+der Umkehr, damals fühlte ich, daß ich hätte bleiben sollen, denn es gibt
+keine Berührungen und Umarmungen in der Welt, die an Glück denen der Natur
+zu vergleichen sind, welche unschuldig und großzügig bleiben, und in keinen
+weiß sich die besondere Art unseres Lebensbewußtseins geborgener. Auch
+mögen damals heimliche Erinnerungen an die Hast und Willkür des
+europäischen Treibens in mir erwacht sein, die alles in Begleitschaft und
+zum Ziel haben, was immer Menschenaufgabe sein mag, Glück führen sie nicht
+herbei. Der Zustand des Glücks ist nicht ohne die Ruhe zur Selbstbesinnung
+möglich, denn Selbstbetäubung führt zur Verarmung.
+
+Und doch ergriff mich daneben der Taumel des Neuen, das mich erwartete, und
+ich weiß deutlich, daß mich damals schon eine Ahnung streifte, welcher Art
+meine Erlebnisse sein würden. Lichtwelten und Stürme der Geisteswelt künden
+sich begierigen Seelen so deutlich an, wie Gewitter oder Sonnentage sich in
+der Natur vor ihrem Herannahen zu offenbaren pflegen. Mir war damals für
+einen Augenblick zumut, als sähe ich durch das Buschwerk der
+Dschungelwildnis nieder auf das Meer, erblickte den bläulichen Rauch der
+Hindustadt über dem unruhigen Beet der großen und kleinen, bald geneigten,
+bald kerzengeraden Palmen, und hier und dort das Schimmern einer weißen
+Mauer. Ich sah eine braune, hölzerne Tempelpagode zackig aus dem Grün
+steigen und hinter ihr den blauen Streifen des Ozeans. So sah die Wohnung
+des alten Geistes in meiner Vorstellung aus, und mich verlangte nach keiner
+Begegnung inniger, als nach der mit einem der Söhne dieses Geistes. Wohl
+war ich hier und dort auf meiner Reise mit Brahminen zusammengetroffen,
+aber niemals war ich einem nahe getreten, da die heute zugängigen unter
+diesen Leuten meist in Gewohnheit und Bildung von der Tradition ihres
+Geschlechts gelassen haben, sie sind nicht mehr Priester oder Gelehrte,
+sondern Händler geworden.
+
+Mangalore aber, soviel wußte ich gut, war ein alter und von der neuen Welt
+nur wenig berührter Platz, eine der wenigen größeren Meerstädte der
+Westküste, die weder von der Eisenbahn noch vom Dampfschiffverkehr berührt
+werden und in denen, wie sonst nur tief im Lande, die Herrschaft der
+Priesterkaste noch große Macht ausübte. Es kam hinzu, daß sowohl die
+Jesuiten als auch die Protestanten dort Niederlassungen ihrer kirchlichen
+Einwirkung unterhielten, so daß der Kampf der Geister belebt und heimlich
+in der Stadt wogte.
+
+ * * * * *
+
+In solch geteiltem Zustand meines Empfindens durchmaß ich mit den braunen
+Gefährten meinen letzten Tag im Urwald. Wir erreichten gegen Mittag ein
+kleines Dorf, das nah am Fluß auf einem sanften Hügel lag, und auf das wir
+nur durch das Trompeten eines Elefanten aufmerksam wurden. Den Fluß hatte
+ich den Tag über noch nicht zu Gesicht bekommen, obgleich wir uns an seinem
+sumpfigen Ufer dahinbewegten, nur das Gurgeln und Schnattern von
+Wasservögeln verriet ihn und der morastige Dunst der Luft.
+
+Wir kamen bald auf einen ausgetretenen Pfad, der wie ein braunes Band in
+mancherlei Verschlingungen, tief in Schilfwände eingebettet, dahinführte,
+und trafen dort nach langer Zeit einmal wieder einen Menschen an. Es war
+eine alte Frau, die an einem Stab einen Kupferkessel über der Schulter
+trug, und die bis auf einen Lendenschurz nackt war. Ihre Augenbrauen waren
+mit Henna gefärbt, und sie trug ein dunkles Abzeichen auf die Stirn gemalt,
+das in der Form einer großen Spinne glich.
+
+Als ich ihr winkte, kam sie schüchtern näher, eigentlich blieb sie eher
+stehen und ließ nur zu, daß ich an sie herantrat, dann hob sie die Arme und
+verneigte sich, ihre Gebärde schien anzudeuten, daß sie sich zu jeder
+Dienstleistung bereit erklärte, aber im schlimmsten Fall auch zur Flucht.
+
+Panja schaute in ihren Topf.
+
+»Pfui Teufel,« sagte er würdig, »es hockt eine Kröte darin.«
+
+Er konnte sich nur schwer mit der Alten verständigen, die kein Wort
+hindustani und nur sehr wenig kanaresisch verstand, aber wir erfuhren, daß
+der Ort Schamaji hieß, und daß der König den weißen Herren gnädig gesinnt
+sei und zwei Elefanten besäße, beide männlichen Geschlechts.
+
+»Weiß Gott, was das für ein König ist«, sagte Panja ohne Respekt und sah
+mich mit einer Grimasse an, die mindestens Fragwürdigkeit ausdrückte. Es
+gibt in Malabar und Süd-Kanara eine ganze Reihe kleiner Hindukönige, die
+sich aus ihren städtischen Sitzen, langsam der Macht der Mohammedaner oder
+der Engländer weichend, in die Provinz zurückgezogen haben, um ganz ihrem
+Volke leben zu können, oder besser von ihrem Volke. Es geht ihnen mit ihrer
+Macht ähnlich wie manchem angeblich verkannten Dichter mit seinem Genie,
+beide entwickeln sich in der Ausgeschlossenheit ins Ungeheuerliche, aber
+nur in den Augen ihrer wenig glücklichen Träger. Diese Despoten geistiger
+oder weltlicher Macht haben etwas ungemein Rührendes, und es gehört
+geradezu Hartherzigkeit dazu, sie ihrer Illusion zu berauben. Es verbirgt
+sich soviel Gutmütigkeit hinter der meisten Eitelkeit, daß man lernen
+sollte, sie mit weniger Verachtung zu ertragen, denn der wahrhaft Böse ist
+selten eitel. Diese vereinsamten Gewaltigen ihrer verkannten Herrlichkeit
+sind oft durch einen unvermuteten fremden Glauben an ihre Bedeutung so
+heftig zu erschüttern, daß ihre Hoheit sich in bittere Anklage verwandelt,
+sobald sie einmal nicht bestritten wird.
+
+Trotz dieser Kenntnis beschloß ich, den König von Schamaji so ernst zu
+nehmen, als sei er der Maharadscha von Maisur; die kleinen Geschenke, die
+ich ihm hätte zum Empfang senden können, würden wahrscheinlich keinen
+großen Eindruck auf ihn gemacht haben, denn diese vergessenen Fürsten sind
+oft noch vermögend genug, um sich mit allem erreichbaren Tand zu umgeben,
+den der Handel aus dem Westen einführt. Ich beschloß deshalb, zuerst seine
+Bekanntschaft zu machen, und schickte Pascha mit der Alten, um um eine
+Audienz einzukommen und um die Erlaubnis, mein Zelt bis zum Morgen in der
+Nähe seines Throns aufschlagen zu dürfen. Pascha ging, ernst wie immer und
+ohne erkennen zu lassen, was er von meinem Vorhaben hielt, die Alte
+quietschte vergnügt und schloß sich ihm an, in merkwürdigen Sprüngen, die
+eher auf ihre Rüstigkeit, als auf ihre Würde schließen ließen und die
+sicherlich ihre erbeutete Kröte auf das unangenehmste berührten. Panja
+dagegen erhob Einspruch:
+
+»So darfst du keinen König behandeln, Sahib«, sagte er nachdenklich und
+ohne Eifer. Er schien wirklich besorgt, und ich hatte alles andere
+erwartet, als er fortfuhr: »Er wird sich auf seinen lahmen Elefanten hocken
+und auf dich herabsehen wie auf einen Bettler. Wenn du ihm aber erlaubt
+hättest, dich zu sehen, so würde er dir seinen Elefanten geschickt und sich
+zur Erde geworfen haben, wenn du in seine Residenz eingeritten wärst.«
+
+»Panja, ich will nicht, daß der König mich sieht, sondern ich möchte ihn
+sehen, und zwar so, wie er gesehen sein will und wie er zu leben pflegt.
+Glaubst du, der gebeugte Nacken eines Menschen sei unterhaltsamer, als sein
+erhobenes Gesicht?«
+
+»Das ist der Kummer,« sagte Panja, »du hältst nichts auf deine Würde. Du
+könntest wie ein Fürst durch den Dschungel ziehen und kommst wie ein
+Wandermönch, der überall bitten muß. Es ist schwer, solchem Herrn dienen zu
+müssen. Dies wäre nun wirklich einmal ein König für uns gewesen. Bei
+anderen Königen, die noch Macht und Reichtümer haben, wäre dir ohnehin
+nichts anderes übriggeblieben.«
+
+Er hockte sich bekümmert auf einen Gepäckballen und betrachtete die
+Ameisen, die ihn zu erobern suchten. Im Grunde dachte er gewiß nicht so,
+und er wäre leicht vom Gegenteil zu überzeugen gewesen, es lag ihm nur
+daran, mein Ansehen zu heben und seines in Szene zu setzen, und da sich für
+das letzte gewiß noch Gelegenheit bieten würde, ließ ich ihn in seinem
+Kummer allein.
+
+Sein Schmerz brach noch einmal durch:
+
+»Glaubst du, ich hielte dich für arm oder machtlos, Sahib? Ich weiß alles.
+Aber was hilft ein goldgesticktes Kleid, wenn man es verkehrt anzieht und
+zuknöpft? Wer ehrlich ist, zeigt was er ist.«
+
+»Panja, es ist zu heiß zum Reden, wir wollen ein wenig ruhen, bis der König
+kommt.«
+
+»Nein, du sollst sprechen!«
+
+Als ich schwieg, stampfte er mit dem Fuß.
+
+»Glaubst du, ich sei glücklich, wenn ich recht behalte?« fragte er böse.
+
+»So geht es auch mir,« antwortete ich ihm, »und so ist es mit dem
+goldgestickten Kleid, von dem du gesprochen hast.«
+
+Er schüttelte eifrig den Kopf.
+
+»So kann es nicht sein, denn ich bin dein Diener, du aber bist der Herr und
+mußt recht behalten. Bist du ein Diener des Königs, daß es dich quälen
+könnte, wenn er schweigt, und du fühlst, daß er doch im Grunde recht hat?
+Du läßt ihn sitzen und gehst. Aber ich kann nicht fortgehen.«
+
+»In dem Reiche, in welchem es mir gefällt, gibt es keine Herren und
+Knechte, Panja, sondern nur lebendige Wesen, und das Ziel aller Lebendigen
+ist die Freiheit. Der Wunsch nach rechter Freiheit aber richtet seine Augen
+nicht auf andere, sondern zuerst in die eigene Brust. Auf diese Art braucht
+niemand um sein Recht besorgt zu sein, es fällt jedem sein Teil zu, wenn
+jeder sein Teil erkennt und bewacht.«
+
+»Wenn dein Gott dich das lehrt,« sagte Panja, »so kennt er die Welt nicht
+und weiß nicht, wie es in ihr zugeht.«
+
+»Vielleicht weiß er nicht, wie sie ist, aber er weiß, wie sie sein sollte.«
+
+»So sage mir, was du Freiheit nennst? Wie soll ich dich verstehen?«
+
+»Freiheit beginnt mit der Erkenntnis und dem Willen, daß man sein Handeln
+nicht mehr danach richtet, was man anderen damit antut, sondern danach, was
+man sich selbst zufügt, oder was man um seiner selbst willen unterläßt.
+Nimm an, du schlägst einen Menschen oder ein Tier, das mag zuweilen
+notwendig sein. Du und das fremde Wesen, ihr beide werdet etwas dabei
+empfinden. Es wird dir solange gleichgültig sein, was ein anderer dabei
+fühlt, bis du gelernt hast, zu beachten, was dir selbst dabei durch die
+Seele geht. Hierauf achtzuhaben und sein Handeln danach einzustellen, ist
+der erste Schritt zur Freiheit.«
+
+»Und der letzte?« fragte Panja.
+
+»Der letzte ist der Wille, alles Böse deines Herzens in Liebe zu
+verkehren.«
+
+»Ich weiß nicht, was gut ist und was böse. Alle Menschen denken darüber
+verschieden. Die Brahminen denken anders als ich, du denkst anders als die
+Fakire, die aus den Bergen niedersteigen, und wenn du gar einem Missionar
+begegnest, so denkt er so darüber, daß sich deine Haare sträuben.«
+
+»Das ist nicht wahr, du weißt doch, was böse ist, und du brauchst es nur
+für dich selbst zu wissen. Es ist nicht deine Aufgabe, dem Bösen zu
+begegnen, das dir bei anderen entgegentritt. Für dich selbst aber wirst du
+es wissen.«
+
+»Gut, wenn ich aber keine Liebe habe, Sahib?«
+
+»Dann bist du verloren, Panja, dann kann kein Gott dir zur Freiheit
+verhelfen, der meine nicht und der deine nicht, keiner. Solche Menschen
+sind wahrhaft arm und verloren.«
+
+Panja schien sich mit diesem Resultat einer bescheidenen Reflexion
+zufrieden zu geben, er lächelte vor sich hin, als käme er selbst bei einer
+solchen Lage der Dinge nicht eben schlecht weg. Aber dann begann er sich zu
+kratzen, und ich erkannte, durch den Sonnenschein blinzelnd, daß kein
+äußerlicher Grund für diesen Kraftaufwand vorlag. Er meinte vorsichtig:
+
+»Was du in deinem Kopf ausdenkst, Sahib, ist gar nicht übel, aber wenn es
+herauskommt und man will etwas damit anfangen, so geht es einem ähnlich,
+als wollte man sich Sonnenlicht für die Nacht aufheben. Das Leben ist doch
+anders, das ist die Sache.«
+
+»Es ist dunkel, Panja. Dadurch unterscheidet sich unser Herz von unseren
+Händen, in ihm läßt sich Licht aufheben und bewahren.«
+
+Wäre nicht eine trippelnde Schar kleiner Wilder am Ende des Pfades vom Dorf
+her erschienen, so hätte sich Panja sicher noch einen Einwand ausgedacht,
+jedenfalls behielt er insofern auch ohne Entgegnung recht, als die
+greifbaren Tatsachen des Lebens gebieterisch die Oberhand forderten. Es
+waren vielleicht zwanzig oder dreißig Hindukinder, die in einiger
+Entfernung auf dem schmalen Weg den Versuch machten, immer eins vor dem
+andern zu stehen, da jedes die Absicht mit sich trug, am besten glotzen zu
+können. Dies Bestreben bewirkte, daß das belebte Knäuel sich immer mehr
+näherte, bis endlich die stärksten Knaben vorn waren und die Beine in den
+Boden stemmten, um nicht weiter an uns herangedrängt zu werden. Einige
+kletterten in die Pfefferranken, und die schwarzen Augen sahen über den
+braunen Pausbacken durch die grünen Blätter.
+
+»Eine Botschaft im Kopf einer alten Frau ist wie Reis in einem groben
+Sieb«, sagte Panja und lachte.
+
+»Es war keine junge da, Panja.«
+
+Er sah mich neugierig an und meinte dann:
+
+»Dir ist es gleichgültig, Sahib. Du siehst auf die Frauen meines Landes wie
+ich auf die Gedanken deiner Stirn.«
+
+Ich wunderte mich in der letzten Zeit oft über Panjas Freimut und über den
+vergnügten Eifer, mit dem er vertrauensvoll im Element unserer Beziehung
+umherzuschwimmen begann. Ich empfand darüber große Freude, denn meine Art,
+mich mit ihm einzulassen, hätte bei den meisten Männern seines Volkes und
+seines Standes zu Enttäuschungen geführt.
+
+Panja trat gebieterisch vor die lebenden Resultate der erfolgreichsten
+Bemühung der Einwohner der Königsstadt, aber der Eindruck, den er machte,
+war nicht so groß, als er erwartet hatte. Da kehrte er um, nahm mein Gewehr
+und ging wieder zurück. Jetzt wichen ihm die Kleinen scheu aus, und er
+lächelte befriedigt und hielt eine Ansprache in hindustani, die einen um so
+stärkeren Eindruck machte, als sie nicht verstanden wurde. Er wurde durch
+ein fernes Klirren und Flöten unterbrochen und kam rasch zu mir zurück.
+
+»Der König kommt,« rief er, »wenn er nicht zu neugierig wäre, würde er dich
+wahrscheinlich länger haben warten lassen.«
+
+Die lärmende Musik kam näher, sie spannte seltsam die Erwartung, wie sie
+hinter den grünen Vorhängen des Dickichts heranrückte, und ihr Rhythmus
+erschütterte das Blut geheimnisvoll. Das erste, was ich bald darauf
+erblickte, war der graue Schädel eines riesigen Elefanten und über ihm das
+bunte Kattundach eines etwas schiefen Baldachins, der von drei vergoldeten
+Stangen gehalten wurde und von einer eisernen. Unter dem hellen Dach war
+ein geflochtener Verdeckstuhl aus Rohr kunstvoll befestigt, und auf ihm saß
+der König von Schamaji und spähte mit eifrig bewegtem Kopf nach seinem
+Besuch aus. Acht Diener zur Rechten und Linken des Elefanten trugen Fächer
+aus Pfauenfedern, die an dünnen Bambusstangen befestigt und etwas schadhaft
+waren, ihre vielfarbigen Augen waren zum Teil erblindet, wie auch die
+Gewänder der Gefolgschaft in etwas den Eindruck einer raschen
+Zusammengesuchtheit erweckten. Immerhin entbehrte der Anblick des Zuges
+keineswegs einer gewissen Pracht, besonders die Decken des Elefanten
+gefielen mir wohl und waren, bis auf die faustgroßen, gläsernen Edelsteine,
+wertvoll, von reicher Stickerei und schönem Stoff. Die Musikanten
+schritten, entgegen der gewohnten Art solcher Festzüge, hinter dem
+Elefanten, wahrscheinlich hatte der König ihnen den Vortritt nicht gegönnt,
+und so gruppierten sie sich auch eher neugierig, als eben feierlich, und
+suchten zur Rechten und zur Linken des dicken Ungeheuers soviel als möglich
+von dem Fremden zu erspähen. Hinter ihnen zog in ungeordneten Haufen das
+ganze Dorf heran.
+
+Wir waren bis zu einer Lichtung vorangeschritten, und der König nickte mir
+huldvoll zu, nachdem er den Aufstieg der Musik durch eine Bewegung seiner
+braunen Hand beschwichtigt hatte. Er hieß mich auf englisch in seinem Reich
+willkommen, nachdem er zuvor einen prüfenden Blick auf mein Gepäck geworfen
+hatte. Ich antwortete ihm englisch, und Panja übersetzte meine Worte, denn
+er traute dem König keine weiteren Kenntnisse dieser Sprache zu, und er
+behielt darin recht.
+
+Der König kletterte hierauf mit großem Geschick von seinem Elefanten, wobei
+er so selbstverständlich auf die Schultern seiner Würdenträger trat, als
+bildeten sie eine natürliche Treppe. Durch den Abstand, in welchem er sich
+von mir hielt, deutete er mir an, daß er die abendländische Sitte eines
+Händedrucks zu vermeiden gedächte, und ich sagte ihm einige Höflichkeiten
+über sein Ansehen und über seine Macht, von welchen beiden der Dschungel
+widerklänge. Das gefiel ihm wohl, und so erfuhr ich von ihm, daß er noch
+einen zweiten Elefanten besäße, der aber nicht mitgewollt hätte, daß mir
+der Zutritt in seine Stadt offen stünde, und daß ich mein Zelt im Garten
+seines Schlosses aufschlagen dürfte. Wir standen in einem braun-weißen Ring
+von staunenden Menschen, im Schatten des Elefanten, und sagten uns noch
+eine ganze Weile angenehme Dinge. Endlich fragte der König, was mein Begehr
+sei.
+
+Panja riet mir rasch, eine Regierungspflicht vorzuschützen, aber es
+widerstand mir, und so antwortete ich, daß ich gekommen sei, sein Land und
+seine Stadt zu sehen, von der ich im Abendland gehört hätte. Ich glaube
+nicht, daß Panja dies richtig weitergegeben hat, jedenfalls minderte seine
+Auskunft die Gunst des Königs nicht herab, und er begleitete uns ins Dorf
+zurück, immer bemüht, mir nicht zu nahe zu treten, und außerordentlich
+unhöflich gegen sein Volk.
+
+»Bist du ein Engländer?« fragte der König zögernd, und Panja antwortete,
+bevor ich etwas entgegnen konnte:
+
+»Der Sahib läßt fragen, ob du ein König seist?«
+
+Das wurde verstanden, ich wunderte mich sehr darüber auf wie freundliche
+Art, aber man muß die Kälte und Sicherheit der englischen Beamten im Innern
+Indiens gesehen haben, um zu begreifen, daß diese Gegenfrage keinesfalls
+das gewohnte Maß der englischen Arroganz überschritt. So war ich also ein
+Engländer. Wahrscheinlich hätte die Verkündigung meiner deutschen
+Nationalität keinen größeren Eindruck auf diesen Fürsten gemacht, als wenn
+sich in Berlin ein Neger mit Stolz als zum Stamme der Aschanti gehörig
+ausgibt.
+
+Wir kamen über den Dorfplatz, der, wie mit großen graugrünen Zelten, mit
+wilden Feigenbäumen umstellt war, deren hängende Wurzeln, wie das
+Gitterwerk eines Käfigs, den Ausblick auf die fast ganz im Grün verborgenen
+Hütten anfänglich verdeckten. Das Schloß lag am Ende des Dorfs in einem
+Hain von wilden Zitronenbäumen und Arekapalmen, es war zweistöckig und weiß
+getüncht, von einem hohen Kakteenzaun umgeben, zwischen dem Termitenbauten
+natürliche Befestigungstürmchen bildeten. Die mit Bambusgitterwerk
+verhangenen Fenster schwiegen geheimnisvoll in dem abendlichen
+Sonnenschein, der schräg durch die Palmen drang, nur zuweilen klirrten die
+blanken Stäbchen leise, als rührte sich hinter ihnen die Hand einer
+Neugierigen.
+
+Ich habe nur den Hof des Hauses betreten dürfen und hätte nach dieser
+kurzen Begrüßung den König wahrscheinlich nicht mehr zu Gesicht bekommen,
+wenn nicht ein aufregender Vorfall mein Interesse aufs höchste gespannt und
+meine zur Stunde nicht sonderlich auf äußere Abenteuer gestimmte Seele in
+ein gefahrvolles Ereignis verwickelt hätte.
+
+ * * * * *
+
+Als der rasche Abend niedersank und wir vor unserem Zelt unsere Mahlzeit
+beendet hatten, vernahm ich aus dem Dunkel des Gartens einen klagenden
+Sington von merkwürdig einschmeichelnder und zugleich wehmütiger
+Verlorenheit. So singen zuweilen im Einsamen beschäftigte Menschen vor sich
+hin, die sich für unbeobachtet und unbelauscht halten. Es waren
+langgezogene, wie mit dem schweren Atem hervorgehauchte Töne, nur wenig
+voneinander unterschieden und tierhaft traurig. Sie wiederholten sich immer
+wieder und bemächtigten sich meiner auf eine geradezu dämonisch zwingende
+Art, so daß ich mich getrieben sah, ihnen wider meinen Willen nachzugehen.
+Panja ließ mich auf diesem Streifzug durch den nächtlichen Garten nicht
+allein. Die Sterne schienen hell, und die riesigen Blätter der
+Bananenstauden zur Rechten und zur Linken der schmalen Wege erhoben sich
+wie gestürzte und sinkende Säulen eines heidnischen Bollwerks gegen die
+Macht böser Götter, oder sie hingen zerrissen im Sternenschein nieder, wie
+die Häute zerfetzter Ungeheuer.
+
+»Der König gibt uns Boote,« sagte Panja leise, »aber er erwartet eine
+Bezahlung, die seiner Würde entspricht. Er hat auch Ruderer ausgewählt,
+sogar Bananen, Papaya und Gewürze für den Reis.«
+
+Ich nickte schweigend, wir sprachen nicht über die Töne, die uns lockten.
+Vielleicht setzte Panja voraus, daß ich wußte, um was es sich handelte,
+vielleicht hielt ihn eine ähnliche Scheu von seinen Mitteilungen ab wie
+mich vom Fragen.
+
+Dicht am Kakteenzaun des Gartens erhob sich nach einer Weile schwarz und
+mächtig die hölzerne Pagode eines Tempels, wir sahen in den Hof hinüber,
+was vom königlichen Garten aus möglich war, und erblickten die heilige
+Ziege zwischen den braunen Pfählen des Vorplatzes zum Heiligsten. Es rührte
+sich nichts an der geweihten Stätte, nur ein schwacher, rötlicher
+Lichtschein glomm hinter dem niedrigen dunkeln Türrahmen, als wäre ein
+Vorhang aus zartroter Seide vor dem geheimnisvollen Raum ausgespannt.
+
+Als unsere Schritte sich einem Bambusdickicht näherten, hinter dessen leise
+sirrendem Gefieder der Umriß eines niedrigen Gebäudes sichtbar wurde,
+verstummte der trübe Singsang, ähnlich wie der Grillengesang im hohen Gras
+erlischt, wenn ein nächtlicher Späher herantritt. Wir drangen in die hohen
+Stauden ein, auf einem schmalen, kaum sichtbaren Pfad, über uns hingen die
+Sterne im dünnen Bambusblätterwerk, wie stechende, kleine Ampeln. Hinter
+einer vergitterten Tür, im Schwarzen, erklang ein schwaches Stöhnen, dicht
+an den hölzernen Stäben.
+
+»Wir müssen Licht haben«, sagte ich leise zu Panja.
+
+Dies wäre nur durch eine Fackel möglich gewesen, und ihr Schein hätte uns
+verraten. Wir wären unserem königlichen Gastgeber wohl kaum als sonderlich
+höflich erschienen, wenn er uns darüber ertappt hätte, wie wir sein
+häusliches Bereich nächtlicherweile durchforschten.
+
+»Wenn wir warten, so werden wir sehen lernen«, meinte Panja. Die Sterne
+schienen sehr hell, ich hörte mein Herz klopfen und stand unentschlossen.
+
+»Ist es ein Tier?« fragte ich Panja.
+
+Er sah mich überrascht an, als hätte er mich für unterrichtet gehalten und
+wundere sich nun über meine Frage.
+
+»Ein Tier? Es ist ein Weib, das klagt«, sagte er. »Vielleicht hat die Liebe
+sie verwundet, vielleicht erleidet sie eine Strafe.«
+
+Ein trüber Dunst, der den Atem benahm, schlug mir entgegen, als ich nun
+nahe an das Holzgitter herantrat. Meine Furcht war jenem gedankenlosen Mut
+der Empörung gewichen, der mit Panjas Worten in mir erwachen mußte. Ich
+hielt mich seitlich, um den schwachen Lichtschein auf die dunkle Öffnung
+fallen zu lassen. Das niedrige Häuschen war gemauert und glich einem
+vernachlässigten Stall.
+
+»Wer ist dort?« fragte ich auf kanaresisch. Panja stand dicht hinter mir.
+Da sah ich nach einer kurzen Weile bedrängten Wartens ein schmales
+Menschengesicht, merkwürdig farblos und von kranker Blässe, zwischen zwei
+Stäben des Gitters erscheinen. Rechts und links von dem schwarzen Haar, das
+gelöst niedersank, erblickte ich die erschreckend mageren Finger der Hände,
+die in der Höhe der Augen je einen Stab umklammerten. Diese Erscheinung war
+im nächtlichen Licht so grauenhaft in ihrer Verdammnis, als tauchte das
+Gesicht einer längst Verstorbenen aus der Gruft empor. Die großen dunklen
+Augen saugten die Nacht auf und gaben sie in lähmender Stille zurück. Mir
+war, als erlösche mein Herz, und ich taumelte und ergriff Panjas Arm.
+
+»Komm, Sahib,« sagte er, »wenn sie krank ist, so schleicht die Seuche in
+deine Glieder.«
+
+»Ist sie krank?«
+
+»Ich weiß es nicht«, sagte er zögernd.
+
+»Du weißt es doch«, schrie ich, die Zähne aufeinander gepreßt.
+
+Panja erschrak.
+
+»Ich weiß nur, Herr, daß untreue Frauen in diesem Lande auf solche Art
+bestraft werden, aber es ist möglich, daß sie erkrankt ist.«
+
+Mich verließ der Rest meiner natürlichen Besinnung, ich packte einen der
+Holzstäbe des Gitters mit beiden Fäusten, stemmte den Fuß gegen die
+Bodenmauer und setzte jenen großen Aufwand entfesselter Kraft ein, den die
+höchste Empörung uns verleihen kann, aber meine Bemühung war vergebens, da
+die Stäbe aus Bambus waren.
+
+Panja zog mich zurück. Ich entsinne mich nicht, daß er mich jemals vorher
+berührt hat, und mehr diese Kühnheit als seine Absicht brachten mich zur
+einsichtvolleren Betrachtung der Lage, die zweifellos recht schwierig war,
+wenn ich erwog, daß ich auf jeden Fall alles einsetzen wollte, dieser
+Unglücklichen ihr Geschick zu erleichtern, und mich zum andern die
+Angelegenheit durchaus nichts anging. Der König würde mir einen
+eigenmächtigen Eingriff in seine Rechte niemals verzeihen, und wenn seine
+Machtbefugnisse auch keinesfalls so groß waren, wie er wähnte und vorgab,
+so hatte ich andererseits nicht den Rückhalt, den er bei mir vermutete. Die
+Engländer pflegen die Gebräuche und die persönlichen Gewohnheiten der
+vornehmen Hindus, wie auch die der Brahminen auf das zurückhaltendste zu
+respektieren, weil sie erkannt haben, daß sie durch die Unterschiede der
+Sitten, welche die einzelnen Kasten auszeichnen, das Land um so leichter
+beherrschen. So gering ihre Zahl im Vergleich zu den Eingeborenen ist, so
+groß ist sie als eine einzige geschlossene Gesellschaft, selbst der
+mächtigsten Kaste gegenüber.
+
+So mußte ich wohl bedenken, daß ich keinen Schutz bei einer Regierung
+finden würde, deren Verwaltungstendenz einen Eingriff, wie den von mir
+geplanten, verurteilte, am wenigsten vielleicht als Deutscher. Gerade
+damals war England noch nicht über Deutschlands Kräfte und Rechte
+unterrichtet, und man hielt in London das erste energische Vorgehen der
+Deutschen in überseeischen Ländern nur für anmaßend.
+
+Trotzdem stand mein Entschluß fest, meinen Wunsch zur Geltung zu bringen,
+und ich nahm mir vor, Panja in der Morgenfrühe zum König zu senden und ihn
+um eine besondere Unterredung zu bitten. Es ist seltsam, wieviel leichter
+wir grausame oder ungerechte Handlungen begehen, als bei anderen dulden
+können. Der Gedanke an das Elend dieser eingekerkerten Frau überschüttete
+mich in einer schlaflosen Nacht in der Schwüle unter dem Moskitovorhang mit
+einem heißen Schauer der Empörung nach dem andern. Im kurzen Eindämmern
+eines qualvollen Halbschlafs erschien das wächserne braune Frauengesicht
+vor mir in glühendem Nebel, und die klagenden Singtöne ihrer ersterbenden
+Stimme füllten die von Unheil und nahenden Ungewittern schwangere
+Nachtluft.
+
+ * * * * *
+
+Ich erhob mich mit dem ersten Morgengrauen in einem ins Schmerzhafte
+gesteigerten Verlangen danach, endlich das Meer, die Weite, den Widerschein
+der Befreitheit zu erblicken. Mir war, als hätten die grünen Wände meine
+Augen, ja alle Sinne abgestumpft und bis zur äußersten Gereiztheit
+eingezwängt, ich fühlte mich schuldig und am Ersticken. In diesem Zustand
+mag der Eigensinn eines Gedankens um so ausschweifender und zäher Gewalt
+gewinnen, es war zweifellos eine gesteigerte Wut, in der ich bald darauf
+dem König gegenübertrat. Es kam mir wenig auf die Folgen meiner
+Handlungsweise an, und dieser Verfassung mag ich mehr an Erfolg verdankt
+haben, als ich vielleicht einem überlegten Vorgehen zu danken gehabt hätte.
+
+»Du hältst ein Weib in deinem Garten gefangen«, sagte ich barsch. »Es ist
+eines mächtigen Fürsten unwürdig, so gegen ein hilfloses Wesen vorzugehen.
+Ich verlange, daß du ihr sogleich ihre Freiheit zurückgibst. Mehr nicht,
+aber das. Tu es gleich!«
+
+Nach einem betroffenen Aufblick kam eine große Geschmeidigkeit in das Wesen
+des Hindufürsten, eigensinnig und zugleich unterwürfig und von einer
+Ausdauer im Umständlichen, die auch den größten Langmut ermüdet hätte.
+Panja war sehr ernst und übersetzte jedes Wort aufs genaueste, ich fühlte,
+daß er nicht wagte, in dieser Situation eine Verantwortlichkeit zu
+übernehmen.
+
+»Ich sehe, daß du mir nicht zu Willen bist,« ließ ich dem König antworten,
+»so erinnere ich dich an das Gesetz der Regierung, das verbietet zu töten
+und das den Mord mit Tod bestraft.«
+
+Der König erblaßte und seine Lippen zitterten leicht, aber er blieb
+freundlich und herbeilassend und versuchte mich zu überzeugen, daß es sich
+um eine leichte Strafe handelte, die zu verhängen sein gutes Recht sei.
+Auch sei mir das Vergehen dieser Frau unbekannt. Er wüßte von der Strenge
+der Engländer, aber zugleich habe er bisher niemals Grund gehabt, an ihrer
+Gerechtigkeit zu zweifeln, und er würde eher glauben, daß ein ungerechter
+Mann kein Engländer sei, als er einem Engländer eine Ungerechtigkeit
+zutraue.
+
+Ich begriff aufs neue die Schlauheit und Zähigkeit dieser Menschen, ihre
+Beharrlichkeit und die List, mit der sie ihre kleinsten Zweifel zu Waffen
+machen, ohne eine nachweisbare Kränkung damit zu verbinden. Billigerweise
+blieb mir kein anderer Ausweg, als nachzugeben, bevor ich nicht die Rechte
+zu einer Prüfung erbracht, oder die Gründe für die Bestrafung der
+Eingekerkerten angehört hatte. Aber die kleine Enge, in die ich getrieben
+worden war, machte mich nicht vorsichtig, sondern zornig, und so rief ich
+böse: »Wenn die Engländer ihre Gerechtigkeit von den indischen Königen
+gelernt hätten, so säßest du hinter jenen Stäben, noch ehe ich nach Bombay
+zurückgekehrt wäre.«
+
+Es ist sonst nicht meine Art, Königen auf so unhöfliche Weise zu begegnen,
+aber nach dem Anfang, den ich gemacht hatte, blieb mir nur dieser Weg
+übrig, denn mir ist die Klugheit fremd, die ihre Zelte auf der Walstatt
+errichtet, auf welcher ein hochherziger Vorsatz von Furcht überwältigt
+worden ist. Ich sah Panja an, daß er meine Antwort für richtig hielt, er
+trat vor und sagte ruhig:
+
+»Die Beine der Gefangenen sind bis an die Knie hinauf von den Ameisen
+zerfressen.«
+
+Der König gab ihm keine Antwort, er sah vor sich nieder, als ginge ihn dies
+alles plötzlich nichts mehr an, und zum erstenmal schlich, über dieser
+neuen Gebärde meines Gegners, eine graue Furcht in mein Herz. Ich fühlte,
+daß er den Gebrauch von Waffen erwog, denen keine Gesinnung gewachsen ist;
+dies war die Stille, in der das Böse, zum äußersten getrieben, das Niedrige
+beschwört.
+
+»Ich werde die Gefangene freigeben, Sahib Kollektor«, sagte er ruhig und
+trat zurück.
+
+Dieser Titel war mir gewiß nicht aufrichtigen Herzens zugelegt, denn der
+englische Kollektor ist der höchste Regierungsbeamte des Bezirks und würde
+sicherlich nicht in meinem Aufzug durch die vergessene Wildnis des
+Dschungels von Kanara reisen. Ich wußte dies wohl, und nicht nur der
+lauernde Blick des Königs unterrichtete mich über die Tücke dieses
+Angriffs.
+
+»Wenn der Kollektor hätte kommen wollen, so wäre ich nicht selbst
+gegangen«, sagte ich frech. Es kam mir nun durchaus nicht mehr darauf an,
+etwas anderes zu geben, als gute Antworten. Ich forderte die Entgegnung des
+Königs mit ruhigen Augen heraus, und sicherlich hat ihre Farbe ihn mehr
+bedrängt als meine Anmaßung. Er sah mich nur einmal rasch und voll
+unterdrückten Hasses an. Das dunkle Gift der Dschungelnacht blinkte in
+seinen müden Samtaugen auf, die Bosheit der Fremde und der ganze Rassenhaß
+eines unterdrückten Volks.
+
+Ich hielt es für angebracht, mich vorderhand mit diesem Zugeständnis zu
+begnügen und abzuwarten, welche weitere Wirkung meine Forderung haben
+würde. So verabschiedete ich mich vom König, wobei wir uns beide beflissen
+zeigten, so gnädig als möglich zu erscheinen. Ich ließ das Zelt abbrechen
+und alles zur Abfahrt vorbereiten, nahm mir aber fest vor, das Boot nicht
+eher zu betreten, als bis ich das Resultat meiner Bemühung gesehen hatte.
+Es blieb mir kaum recht Zeit zu überlegen, ob ein Erfolg oder ein Mißerfolg
+größere Schwierigkeiten für mich mit sich bringen würde, denn noch ehe die
+letzten Eisenkoffer geschlossen waren, brachten zwei Diener des Königs
+seine Gefangene zu uns. Die junge Frau war in ein weißes Tuch gehüllt und
+schritt langsam und mühselig dahin, ich sah kaum mehr als ihre Augen, als
+sie vor mir stand, und die flackernde Furcht darin machte mich ratlos.
+
+Panja versuchte mit ihr zu sprechen, und nach langer Mühe gelang es ihm,
+ihr verständlich zu machen, daß sie uns ihre Befreiung aus ihrer Lage
+verdankte, und daß es ihr anheimgestellt sei, zu gehen, wohin es ihr
+beliebte.
+
+Sie ließ sich stumm am Boden nieder, wahrscheinlich aus Erschöpfung, und
+schloß immer wieder für lange ihre Augen, die des Lichts entwöhnt waren.
+Kein Zeichen von Dank oder Freude belohnte uns, bis sie endlich, nachdem
+ich mich zurückgezogen hatte, Panja fragte, ob sie den fremden Sahib
+begleiten müsse.
+
+Panja will ihr gesagt haben, daß wir nichts von ihr forderten oder
+erwarteten, er hat ihr die Freiheit so verlockend geschildert, als sie ihm
+nur immer erschienen sein mag. Nach einer kleinen Weile kam er zu mir und
+sagte ohne Triumph oder Parteinahme, aber ehrlich bestürzt:
+
+»Sahib, die junge Frau bittet dich, sie zurückkehren zu lassen.«
+
+»In ihr Gefängnis?«
+
+»Ja, Herr. Sie hat die Hände auf ihr Herz gelegt und den Namen des Königs
+genannt.« --
+
+Eine Stunde darauf stießen unsere Boote vom Landungsplatz des Dorfes
+Schamaji aus in die lauen Strudel des Kumardary, der uns träge und still
+nach Westen trug, auf das Meer zu. Der Liebe lassen sich keine
+Liebesdienste erweisen, sie ist in ihrem Fortgang selbständiger und
+beharrlicher als jedes andere menschliche Gefühl, und ihre Sicherheit ist
+höheren Ursprungs als die Vernunft.
+
+
+
+
+Elftes Kapitel
+
+Mangalore
+
+
+Die merkwürdige Tatsache unseres irdischen Daseins ist mir immer in den
+Augenblicken des Erwachens am wunderbarsten erschienen. Wenn sich unsere
+Sinne, unter dem Glanz der Morgensonne oder durch das Lied eines Vogels im
+Licht erweckt, aufs neue zum Bewußtsein zusammenfinden, so bricht über das
+Herz bisweilen wie ein Schauer von Glück und Erstaunen die Gewißheit
+herein, am Leben zu sein, noch nach Unzähligen, die versunken sind, und
+nach Ungezählten, die kommen werden, auf der beschienenen Oberfläche der
+Erde ein lebendiger Mensch zu sein. Ich wurde mir dieses freudigen
+Erstaunens in keiner Stunde stärker bewußt, als an jenem Morgen, an dem ich
+im Boot auf dem Fluß erwachte. Am Abend vorher hatten wir einen toten Arm
+des versandeten Stroms gefunden, in dem das Wasser, still wie in einem See,
+unter einer grünen Decke wunderlicher Sumpfpflanzen lag, und da keine
+Möglichkeit bestand, die Boote durch den Morast der Ufer an festes Land zu
+ziehen, hatte Panja geraten, auf dem Wasser zu übernachten. Es war mir
+gegen Morgen entgangen, daß das Boot, in welchem ich schlief, wieder in die
+Strömung gestoßen wurde, und so erwachte ich erst, als schon die Sonne
+schien, und der leise Gesang des Wassers traf meine leicht bestürzten
+Sinne. Ich erinnerte mich nur langsam der Lage, und sogar meine Lebenszeit
+hatte sich mir für Augenblicke verwischt. In einem von aller Zeitrechnung
+befreiten Aufstieg meines Bewußtseins wurde mir nur eines zur Gewißheit:
+Die Sonne scheint auf die Erde, in den Bäumen rufen lebendige Geschöpfe und
+du selbst lebst.
+
+Solche Augenblicke erscheinen uns oft in späterem Gedenken daran sehr
+bedeutungsvoll, da sie mit dem Abstand wachsen, und weil die Erinnerung
+die Geschehnisse nicht nach ihrer Dauer und ihrem Wert zu bewahren pflegt,
+sondern nach dem Maße ihrer Eindringlichkeit. Und ob ein Erlebnis uns im
+Gedächtnis zurückbleibt, hängt wenig von seiner erkennbaren Bedeutung ab.
+Vielmehr sind es zumeist so unscheinbare, ja oft geradezu kleinliche
+Begebenheiten, welche unsere Erinnerung unauslöschbar bewahrt, daß wir ihr
+nur ein Lächeln gönnen, ohne zu begreifen, daß ihre Kräfte ein eigenes
+sittliches Reich darstellen, dessen mystische Eigenart unserem Willen in
+keiner Weise untergeordnet ist. »Wenn Gottes Augen, welche ohne Aufhör die
+Regionen seiner Schöpfung durchschweifen, unser Dasein treffen, so bleibt
+der Augenblick in unserer Erinnerung für immer haften«, sagte einmal ein
+buddhistischer Mönch aus Kaschmir zu mir, der Malabar auf der Suche nach
+einem heiligen Baum mit grauen Blüten durchwanderte. So werden die
+Lebensstunden, welche wir für groß gehalten haben, oft abhängige Kindlein
+kleiner Einzelfälle, an die sie sich lehnen müssen, um nicht im Dunkel zu
+versinken. --
+
+Ich richtete mich im Boot auf und sah die Ufer gleiten, sie waren so dicht
+umwachsen, daß es erschien, als wären wir zwischen zerbröckelten grünen
+Mauern auf stiller, eiliger Flucht, zwischen Wänden, die bald
+auseinanderwichen, bald aufeinander zurückten. Das unsterbliche
+Himmelsblau, unwirklich in seiner funkelnden Farbstille, spannte sich
+darüber aus, und bisweilen schossen die blendenden Strahlen der Morgensonne
+in meine Augen und schlossen sie.
+
+Der zurückliegende Tag war voller Beschwerden gewesen, und wir hatten
+Uppanangadi nur mit Mühe erreicht, ohne die Stadt angeschaut und ohne
+länger Rast gemacht zu haben, als es aus Rücksicht gegen die Ruderer
+notwendig war. Ihre Tätigkeit bestand zu Anfang unserer Fahrt mehr im
+Steuern als im Rudern, sie taten es stehend, und indem sie, je nach der
+Richtung, die eingehalten werden mußte, ihr Ruder zur Rechten oder Linken
+des Kanus ins Wasser tauchten. Dies geschah mit großem Geschick und
+unterhielt mich lange. Es war häufig vorgekommen, während wir noch auf dem
+Kumardary schwammen, daß die Boote sich auf Sandbänken festfuhren, wir
+mußten dann ins Wasser und sie mit vereinten Kräften wieder flott machen.
+Bisweilen kreisten wir sanft, aber recht ausdauernd, in tiefen Kesseln oder
+glitten niedrige Fälle nieder, eine Beschäftigung, an die sich meine Sinne
+gewöhnen mußten, weil die Vorstellung etwas durchaus Erschreckendes hatte,
+dort zu kentern und vom trüben Wasser an die sumpfigen Ufer getrieben zu
+werden, oder in Stromschnellen und tiefen Wirbeln mit den Alligatoren in
+nahe Berührung zu kommen.
+
+Nachts war es am schönsten. Zwar fuhren wir nachts nur die Stromstrecke vor
+der Stadt Uppanangadi bis an die hölzernen Landungsstege des Orts, aber die
+wandernden Fackeln im Dunkel der Ufer, die wie riesige Leuchtkäfer
+aussahen, erregten die Phantasie geheimnisvoll und unterrichteten uns
+darüber, daß wir uns bewohnteren Gegenden näherten.
+
+Je weiter wir nun den Netrawati hinabtrieben, um so gemächlicher zog die
+Flut, und die Arbeit der Ruderer setzte ein. Bei Krümmungen des Stroms
+verloren wir oft das zweite Boot für lange aus den Augen, aber es lag kein
+Grund zur Besorgnis vor, denn Pascha, der unser Gepäck im andern Kanu
+bewachte, genoß jenen Respekt bei den Leuten, der schweigsamen Menschen
+leicht zufällt, die, ohne unhöflich zu erscheinen, niemals ein Lächeln und
+selten eine Frage erwidern. Meine Träger waren in Schamaji von Panja
+entlassen worden, ich langte nach dreitägiger Fahrt, in Begleitung von
+Panja und Pascha, in Mangalore an, die Kanus kehrten im Hafen um, ohne daß
+die Leute aus Schamaji das Ufer betreten hatten. Sie leben in keinem guten
+Einvernehmen mit den Küstenvölkern, die sie für abtrünnig und
+fremdenfreundlich halten.
+
+Die letzten Stunden war unser Boot langsam durch trübes, stehendes Wasser
+gerudert worden. Die Vegetation nahm immer mehr ab, Reisfelder wechselten
+mit sumpfigen Einöden, auf denen böse, stille Lachen spiegelten, von
+schweren Dünsten umlagert und von Menschen und Tieren verlassen. Dort
+schlief die Pest ihren Sommerschlaf, um mit den ersten Regen wieder zu
+erwachen. Es war so drückend heiß, daß das Atmen zur qualvollen Mühe wurde,
+die Ruderer arbeiteten zuletzt wie in einer dumpfen Betäubung, und die
+Stimmen des trüben Wassers erloschen oft ganz. Der Fluß teilte sich in
+vielerlei breite und schmale Kanäle, aus den Palmen am Ufer ragte der rote
+Schornstein der deutschen Ziegelei.
+
+Wir durchfuhren die ganze Stadt bis zum Meerhafen, der am Ort unserer
+Ankunft kahl und öde, durch eine Sandbank gegen das Meer geschützt, lag,
+und die Dünste der See, ohne Leben und Frische, enttäuschten mich bitter.
+Von der Stadt hatten wir so gut wie nichts gesehen, sie liegt ganz im
+Palmengrün auf drei sanften Hügeln. Nun aber erblickte ich die Häuser des
+Hafens, schlechte zerfressene Steinbauten, unfreundlich und verlottert, in
+jener ganzen Roheit und erbärmlichen Charakterlosigkeit, wie man sie oft in
+orientalischen Häfen findet, deren Tradition längst zerstört und deren neue
+Gewohnheiten und Einrichtungen dem Geist einer flachen und räuberischen
+Geschäftigkeit dienen. Ein paar alte, große Segelboote mit hohem Bug und
+breitem Deck lagen kreuz und quer, bald halb im Wasser, bald eingesunken in
+schmutzigen Sand. Es war fast menschenleer, nur auf einer kleinen
+Dampfschaluppe kauerte ein Hindu im Schatten und rauchte. Er spähte
+neugierig nach uns aus; als ich mich im Boot erhob, sprang er empor, rief
+gellend und überlaut ein paar Worte über den Damm gegen die trüben Fenster
+eines bemalten Hauses. Sein kleines Schiffchen vermittelt den
+Personenverkehr zwischen der Küste und den Hochseedampfern, die einige
+Kilometer vom Land entfernt Anker werfen, um für zwei oder drei Stunden auf
+Passagiere zu warten. Der Hafen von Mangalore selbst ist für den Verkehr
+größerer Dampfschiffe nicht geeignet.
+
+ * * * * *
+
+Die ersten Eindrücke, die ich von Mangalore empfing, boten sich mir um so
+abstoßender dar, als ich nach der Lebensweise der zurückliegenden Zeit
+alles mit der großzügigen Einfachheit der unberührten Natur zu vergleichen
+genötigt war. Es kam hinzu, daß die Stadt in einem dumpfen Schlaf der
+Erwartung lag und mir überall Trägheit, Verfall und Teilnahmlosigkeit
+begegneten. Der vernachlässigte Hindugasthof, in dem ich meine ersten Tage
+zuzubringen genötigt war, ermutigte meine Unternehmungslust in keiner
+Weise, und das qualvolle Harren auf die ersten Gewitter nahm allen und
+endlich auch mir den Rest wohlbestellter Daseinsfreude. Als Mangalore nach
+wenig Monaten im Glanz der Frühlingssonne seine bunte Auferstehung feierte,
+glaubte ich die Stadt nicht wiederzuerkennen. Die Unterschiede zwischen
+unserem deutschen Sommer und Winter sind in ihrer Einwirkung auf das
+Befinden und die Lebensgewohnheiten der Menschen bei weitem nicht so
+bedeutungsvoll, wie der Wechsel der Jahreszeiten in den Tropen. Die Meinung
+von dem Gleichmaß und der steten Sommerlichkeit der Witterung in diesen
+Zonen, entstammt der mangelhaften Kenntnis oberflächlicher Passanten oder
+einer falschen Vorstellung; wer das tropische Jahr von Beginn bis zu Ende
+in der Nähe des Äquators durchlebt hat und die Menschen in Leid und Freude
+seines Wechsels beobachtet hat, wird dagegen die Unterschiede unserer
+Jahreszeiten in den gemäßigten Zonen als unerheblich empfinden.
+
+Später lernte ich vieles in Mangalore verstehen, das ich anfangs mit
+Geringschätzung übergangen hatte, manches lieben, das mir zuerst fremd und
+abstoßend entgegentrat, und ich schied mit der Gewißheit aus der Stadt, daß
+kein bewohnter Ort der Welt an paradiesischer Schönheit und Versunkenheit
+sich mit Mangalore zu messen vermöchte. Wir erlangen in unseren kurzen
+Lebenstagen niemals das Maß von Erfahrung fremden Erscheinungen gegenüber,
+das uns ermöglichte nach dem ersten Eindruck gerecht auf den allgemeinen
+Wert zu schließen.
+
+ * * * * *
+
+In einem unbeschreiblichen Zustand von Gereiztheit entschloß ich mich am
+dritten Tage meines Aufenthaltes kurzer Hand den englischen Kollektor
+aufzusuchen, um endlich Gewißheit über die Möglichkeit eines längeren
+Aufenthalts, über die Wohnungsverhältnisse und die Lebensbedingungen zu
+erhalten.
+
+Die Leute drückten sich überall in einer mir völlig unverständlichen Angst
+um offene Antworten herum, bald fürchteten sie, es mit der Regierung zu
+verderben, bald mit den Priestern, selbst meine Opfer an Geld machten mir
+nur den Pöbel gefügig.
+
+Das Bungalow des Beamten lag herrlich auf einem beschatteten Hügel und
+erinnerte mich an einen alten Herrensitz. Der Garten war aufs beste
+gepflegt, die Amtsräume sauber, kühl und groß. Im Vorzimmer saß ein
+Mischling in weißer, halbeuropäischer Kleidung an einem großen Schreibtisch
+und stellte sich ungemein beschäftigt. Ich war zu Anfang so bescheiden, als
+meine Nerven irgend zuließen, aber die gedankenlose Einbildung dieses
+Sklaven auf seine Beziehungen zu einer Kultur, die er nicht verstand,
+brachte mich auf. Ich hätte mich sicher beherrscht, wenn Panja nicht an
+meiner Seite gewesen wäre.
+
+»Stehn Sie auf, wenn ich rede«, sagte ich.
+
+Mein Blut kochte. Es bedarf in der Tat nur eines sehr geringen Grades von
+Erregtheit, um in dieser Zeit das ohnehin vor dem Sieden stehende Blut zum
+Überschäumen zu bringen.
+
+Der Schreiber erhob sich träge, als hätte er Blei in den Knien, aber sein
+frecher, erstaunter Blick entzündete mir Feuer in den Händen, und noch ehe
+er ganz auf seinen dürren, braunen Beinen stand, schallte eine Ohrfeige
+durch den würdigen Raum, die ich wie einen kalten Wasserguß genoß. Ihn mag
+sie anders berührt haben. Er drehte sich einmal um sich selbst, sein
+Strohsessel machte es ihm in bureaukratischer Ergebenheit dienstbeflissen
+nach, und, auf der verschonten Wange erbleichend, rang er vergeblich nach
+Fassung. Die dunklere Linie seiner Abstammung besann sich auf die Gasse.
+
+»Ich wünsche den Kollektor zu sprechen«, sagte ich freundlich. Es ging mir
+um vieles besser, aber ich bin lange Zeit nicht fähig gewesen mir die
+Rauheit dieser Handlung voll erklären zu können. Sicherlich hing diese
+bedachtlose Aufwallung und mein Mangel an Beherrschung mit der Verwöhntheit
+zusammen, in der ich fast ein halbes Jahr lang nur unter Menschen
+zugebracht hatte, bei denen selbst auch nur ein Gedanke an
+Gleichberechtigtheit niemals aufgekommen war, so daß mir der erkennbare
+Widerstand dieses Menschen weit mehr als Überhebung erscheinen mußte, als
+er es in der Tat gewesen sein mag.
+
+Der in zweierlei Hinsicht arg betroffene Mann begann den Kampf um seine
+beleidigte Beamtenehre erst, nachdem er einen Abstand von etwa vier Metern
+und einen Tisch aus gebeiztem Hartholz zwischen sich und mich gebracht
+hatte. Alles an ihm war Empörung, sogar sein geöltes Haar, von dessen
+glänzender Frisur das graue Leinenkäppchen sich entfernt hatte, schien mir
+vor Entrüstung zu funkeln.
+
+Ich nahm für alle Fälle ein schwarzes Kästchen aus Ebenholz vom Tisch, in
+dem Stahlfedern, ein Radiergummi und Kupferannas mit dem Anstand geordnet
+waren, mit dem eine Prinzessin Juwelen verwahrt. Dabei war ich entschlossen
+das erste unehrerbietige Wort dadurch zu erwidern, daß ich dies Kästchen
+als Wurfgeschoß verwandte. Ich habe einmal davon gehört, daß Bauern, deren
+Felder unter anhaltender Hitze in Gefahr sind zu verdorren, den Regen durch
+Kanonenschüsse herbeizulocken suchen. Eine ganz ähnliche Hoffnung muß mich
+damals bewegt haben, und ein verwandter Glaube. Aber es kam zu keinem Wort
+und keinem Gewaltakt mehr zwischen mir und meinem Widersacher, weil die Tür
+sich öffnete und mit kühlen Augen und wohlrasiertem Antlitz der englische
+Beamte im Rahmen erschien und seinen Blick gelassen bald von mir zu seinem
+Sklaven und bald wieder zurück wandern ließ.
+
+Der Abstand, in dem wir uns voneinander befanden, der Tisch zwischen uns,
+die an die Wange gelegte Hand des Schreibers und meine streitsüchtige
+Haltung mögen den Beherrscher Süd-Kanaras genugsam darüber unterrichtet
+haben, was etwa vor sich gegangen sein mochte. Die im Tropendienst und an
+ausgesetzten Posten bewährten, gebildeten Engländer haben eine
+bewunderungswerte Besonnenheit in allen ungewöhnlichen Lagen und verstehen
+es ausgezeichnet, die Dinge zunächst einmal so zu nehmen, wie sie sind,
+ohne vorschnell kundzutun, wie sie nach ihrer Meinung sein sollten. Das
+zeugt mindestens von großem Selbstbewußtsein. Und so wandte der Beamte sich
+mir ruhig zu und fragte höflich, ob er in der Lage sei, durch seine
+Einmischung diese Situation harmonischer zu gestalten. Dabei wies er ohne
+weitere Frage auf die geöffnete Tür zu seinem Zimmer und ich trat ein, ohne
+ein Wort der Beschwerde, denn ich merkte, daß dies in Gegenwart eines
+Untergebenen nicht erwünscht sei. Ich sah mich gleich darauf in einem
+bequemen Korbsessel einem Manne von etwa fünfzig Jahren gegenüber, dessen
+starke, wohlbestellte Gestalt, dessen kluges und zugleich wohlwollendes
+Gesicht mir das unbedingteste Vertrauen einflößten, und da ich etwa dreißig
+Jahre jünger war als er, wurde es mir leicht, ihn zu bitten, die
+ungewöhnliche Art meiner Einführung nicht als Mißachtung gegen die
+englische Regierung oder gegen seine Person anzusehen. Als ich ihm meinen
+Namen nannte, sagte er mir kühl den seinen und fragte mich, ob ich
+Engländer sei.
+
+Wie wichtig den Vertretern dieser Nation diese an sich so unschuldige
+Tatsache erscheint! Auf meine Antwort hin glitt ein kleiner Schatten von
+Unwillen über seine Stirn und er fragte mich, ob ich der deutschen Mission
+in Mangalore zugehörte.
+
+»Schließen Sie das aus der Behandlung, die ich Ihrem Schreiber angedeihen
+ließ?« fragte ich.
+
+Er lächelte und schüttelte den Kopf, schien aber ohne weitere Erklärung aus
+der Art meiner Antwort zu ersehen, daß ich seine Frage damit verneinte, und
+dann wartete er. Als ich sprach, musterte er mich unauffällig, und ohne daß
+sich auch nur ein Schatten von Kritik in seinen Zügen zeigte. Nach seinem
+Ausdruck zu schließen, hätte ich selbst und meine Erzählung ihm ebensogut
+unausstehlich wie angenehm, oder völlig gleichgültig sein können. Bei einer
+Pause, die ich machte, setzte er eine kleine Tischglocke in Bewegung und
+gab einem eintretenden Diener einen Befehl, und gleich darauf pflanzte ein
+stilles, braunes Wesen ein Tablett zwischen uns auf, das Whisky, Sodawasser
+und -- Eis trug.
+
+Mein Herz schlug in Empfindungen, wie sie nicht zärtlicher für einen Vater
+hätten sein können, und dies Gefühl wurde noch durch die einfache Warnung
+des Kollektors erhöht, als er mich bat, mit dem Trinken vorsichtig zu
+sein, da ich wahrscheinlich in Schamaji kein Eis vorgefunden hätte. Die
+Geschichte mit dem König hatte ihm gefallen, nach einer Weile meinte er:
+
+»Als ich vor Jahren meinen ersten tropischen Sommer erlebte, wurde ich
+nahezu ein Mörder, im zweiten ein Verzweifelter und erst im dritten begann
+ich wieder einem Engländer zu ähneln. Sie brauchen sich deshalb nicht
+besorgt zu zeigen, wenn Ihre Besinnung sie für Augenblicke verlassen hat,
+die Geduld verliert man in Indien zuerst, dann gewöhnlich den Verstand. Nur
+wenige finden beides wieder, aber diese pflegen sie dann auch zu brauchen.«
+
+Ich erfuhr damals, was ich in meiner Angelegenheit wissen wollte, und
+brauchte dabei nur wenig zu fragen.
+
+Im Amtszimmer des Kollektors fiel auch in späteren Tagen zuerst der Name
+Mangesche Raos, des Brahminen. Bei diesem Klang und beim Anhören der kurz
+und ohne tieferes Verständnis vorgetragenen Lebensgeschichte dieses Mannes,
+empfand ich deutlich eine Beziehung, die weit über Neugierde oder Interesse
+hinausging. Der Beamte erzählte mir nach und nach folgendes, anknüpfend an
+meine Bitte, mir in Mangalore unter den gebildeten Brahminen eine
+Persönlichkeit zu nennen, mit der ich nutzbringenden Umgang pflegen könnte,
+und nachdem unsere Beziehung zu einiger Freundschaftlichkeit erprobt war:
+
+»Mangesche Rao ist unter den jüngeren Brahminen Mangalores, ja Süd-Kanaras,
+einer der bekanntesten, und zweifellos auch einer der klügsten. Über seine
+Gesinnung kann ich keinen Aufschluß geben, da seine Interessengebiete die
+unseren nur politisch berühren, und kaum eine andere Leidenschaft verhüllt
+den Charakter des Gegners vor dem Gegner mehr, als eben eine solcher Art.
+Der Mann hat uns viel zu schaffen gemacht und nur deshalb, weil er das
+Verständnis und die Teilnahme seiner Kastengenossen nicht einmütig
+gefunden hat, ist er uns nicht gefährlich geworden. Da er die Universität
+von Madras besucht hat und so weit akademisch gebildet ist, als die
+englischen Hochschulen in Indien es ermöglichen, hat er naturgemäß das
+Vertrauen seiner Kaste verloren, dagegen lange das unsere besessen, im
+Grunde allerdings niemals mein persönliches. Ich war als Vertreter der
+Regierung verpflichtet, ihn so weit zu fördern, als er uns nützte, wenn er
+mir aber, was damals oft geschah, in jenem Sessel gegenübersaß, den nun Sie
+einnehmen, so bin ich niemals ein Gefühl heimlicher Scheu vor der seltsamen
+Undurchdringlichkeit seines Wesens losgeworden. Er erreichte bald einen
+führenden Posten am hiesigen englischen College, man sah ihn unter den
+Jesuiten, in geheimen Versammlungen seiner Stammesgenossen und sogar im
+Lager der protestantischen Mission. Ich habe nie in Erfahrung bringen
+können, ob ihm die Sympathie, die er überall zu erwecken schien, aufrichtig
+entgegengebracht, oder ob sie ihm gezeigt worden ist, weil man ihn
+fürchtete.
+
+Vor einem halben Jahre ist er entlassen worden. Ich habe nicht gewagt,
+weiter gegen ihn vorzugehen, weil ich inzwischen erfahren habe, daß sein
+Einfluß groß ist, und wahrscheinlich auch sein Anhang, wenn auch nicht eben
+in der Provinz, so doch im ganzen Reich. Wir müssen uns wohl hüten, in
+diesem Lande die Strafe als Vergeltung oder Rache aufzufassen, vielmehr
+dürfen wir in solchen Fällen durchaus nur so weit vorgehen, als unsere
+Gegner unter ihr machtloser werden. Es hatte sich folgendes ereignet. Ein
+Jesuitenpater des hiesigen Klosters ließ sich eines Tages bei mir melden,
+und brachte mir ein kleines, in Malayalam verfaßtes Schulbüchlein, wie sie
+hier überall in den Regierungs- und Missionsschulen nach Form und
+Aufmachung Verwendung finden. Ich will Ihnen das Buch zeigen.«
+
+Er erhob sich und schritt im Nebenraum auf einen eisernen Schrank zu, dem
+er nach einigem Suchen unter Akten und Papieren ein graues, heftartiges
+Büchlein entnahm und vor mich hinlegte. Es war schmal und an drei Seiten
+beschnitten, nüchtern und sachlich von Gewand und wies in der
+traditionellen Anordnung eines Lehrbuchs einen Titel auf und unten die
+Abzeichen der Druckerei der Jesuiten, die für ihre Propaganda eine
+Druckerei mit mehr als zehn verschiedenen Schriftzeichen der
+Eingeborenensprachen unterhalten. Der Kollektor übersetzte mir den Titel:
+»Ein Lehrbuch der vergleichenden Sprachwissenschaft über den Zusammenhang
+der Südindischen Dialekte mit dem Sanskrit. Bearbeitet von Mangesche Rao,
+Lehrer am englischen College zu Mangalore, gedruckt in der Offizin der S.
+J. daselbst.«
+
+Der Titel und die ersten zehn Seiten des unscheinbaren Heftes wurden in
+kurzen Vergleichen seiner Aufschrift gerecht, dann aber folgte eine mit
+großem Verstand und agitatorischer Inbrunst verfaßte Kritik der englischen
+Regierung in den Südprovinzen, die um so aufreizender wirkte, als sie
+sachlich war und eingehende Kenntnis verriet, ohne daß etwa ein
+Landesverrat nachzuweisen war. Ich habe mir diese Abhandlung später von
+Panja im einzelnen übersetzen lassen.
+
+Der Beamte fuhr fort: »Der Pater erzählte mir, daß ein Zufall zur
+Entdeckung dieses Mißbrauchs ihrer Druckerei geführt habe, er lehnte die
+Verantwortung seines Ordens der Regierung gegenüber mit diesem
+Eingeständnis ab, und teilte mir mit, daß die bestochenen Leute entlassen
+seien. Auf meine Bitte, mir seinen Verdacht zu nennen, wen er für den
+Verfasser dieser Broschüre hielte, erwiderte er in großer Höflichkeit, daß
+wohl ein solcher Verdacht bestünde, daß es aber nicht zu den Absichten und
+Gewohnheiten seines Ordens gehöre, über Verbrechen Meinungen auszutauschen,
+die nicht klar zu begründen seien. Es war augenscheinlich: die Leute hatten
+Furcht, Furcht, wie hier alle haben, die nicht dem interesselosen Pöbel
+angehören. Es ist allzuoft vorgekommen, daß die eifrigsten Führer einer
+Partei an einem Morgen, gekrümmt vom Gift ihrer Gegner, tot in ihren
+Häusern aufgefunden wurden. So war es an mir, Mut zu zeigen, aber alle
+unbedachte Art von Kühnheit, die nicht von höchster Vorsicht geleitet ist,
+hat hierzulande nur den Wert einer eiteln Knabenposse. Mir wurde, noch ehe
+ich eine Verhandlung eingeleitet hatte, sehr unverblümt deutlich gemacht,
+daß ich im Falle eines unbesonnenen Eingriffs nicht mit einem
+leichtsinnigen Verbrecher, sondern mit einer mächtigen Partei des ganzen
+indischen Reiches zu kämpfen hätte. Das steht mir weder zu, noch garantiert
+die Tragweite meiner Stellung mir auch nur geringen Erfolg. Ich gab den
+Fall an die Regierung weiter.
+
+Naturgemäß ging es nicht an, hier nur Vorsicht und sonst nichts erkennen zu
+lassen. So ließ ich Mangesche Rao zu mir bitten. Diese Begegnung vergesse
+ich niemals. Zunächst ließ der Brahmine mir sagen, daß ihm ein späterer Tag
+zu einer Begegnung lieber sei. Ich war betroffen, da ich daraus entweder
+auf völlige Unbefangenheit, oder auf einen Fluchtversuch schließen mußte,
+und so ließ ich ihn überwachen, ohne ihn zu drängen. Ich weiß heute, daß er
+diese Überwachung, die er sofort merkte, absichtlich durch sein Zögern
+heraufbeschworen hatte, um zu erfahren, ob es sich um etwas Bedeutsames
+handelte. So kam er am nächsten Tage, und war auf alles gefaßt.
+
+Ich gab ihm, mitten in einer gleichgültigen Unterhaltung, unversehens das
+Buch.
+
+Er nahm es, warf einen Blick darauf und sagte höflich:
+
+»Ich will es prüfen, sobald ich Zeit finde.«
+
+»Es ist von Ihnen«, sagte ich.
+
+»Ja«, antwortete er ruhig, als habe ich alles andere gesagt, »es geschieht
+bald.«
+
+»Dies Buch trägt Ihren Namen als Verfasser«, fuhr ich fort, und ich
+gestehe, innerlich unsicher und aufgebracht.
+
+Mangesche Rao sah mich an, als erwartete er bestimmt, ich würde fortfahren,
+in jener vermeintlichen Sache zu sprechen, die durchaus nichts mit dem
+kleinen Heft zu tun hatte, das er gleichgültig zwischen den Fingern drehte.
+Endlich folgte er meinen Augen und, scheinbar erst jetzt aufmerksam
+geworden, begann er in dem Heft zu blättern und durchaus nicht, wie es
+zweifellos jeder andere getan hätte, in den harmlosen ersten Seiten,
+sondern mitten in dem verräterischen Angriff auf die Regierung.
+
+Er sah einen Augenblick auf, fragte höflich und mit ein wenig gerunzelten
+Brauen, »Sie erlauben?« und las weiter. Nach einer Weile wandte er die
+Einbanddecke, betrachtete wieder den Titel, verglich, lächelte befangen und
+fuhr fort zu lesen. Der Mann hat es fertig gebracht, eine Viertelstunde
+lang unter meinen Augen seinen eigenen Text zu lesen, nicht etwa mit
+Anzeichen des Erstaunens oder der Empörung, sondern ohne Anzeichen. Und ich
+habe die ganze Verhandlung hindurch sicherlich eher als er den Anschein des
+Geprüften erweckt. Nun, ich blieb geduldig, mir dessen bewußt, daß er
+innerlich gelassen den Grund meiner Geduld erwog. Als er aber nach einer
+guten Weile mit einem amüsierten Lächeln aufsah, den Kopf schüttelte und
+begann, mir einen ganz sonderlich treffenden und zugleich boshaften Absatz
+vorzulesen, brauchte ich meine ganze Beherrschung, um dieses Lächeln zu
+erwidern. Er legte das Heft nachdenklich hin und meinte besorgt und mit
+erhobenen Brauen:
+
+»Das ist nicht angenehm für uns.«
+
+»Haben Sie einen Verdacht, wer der Verfasser sein könnte?«
+
+Mangesche Rao antwortete nicht und ich sah mich genötigt, fortzufahren:
+
+»Wie mag Ihr Name auf dies Heft gekommen sein?«
+
+Der Brahmine beantwortete meine erste Frage, nachdem er mich zuvor kurz
+angesehen hatte, als wollte er zu meiner zweiten sagen: War das nicht ein
+wenig plump geforscht?
+
+»Ich habe keinen Verdacht. Was mich am meisten überrascht, ist die
+Tatsache, daß die Jesuiten ihre Befugnisse so gedankenlos in den Dienst
+einer Sache stellen, welche der Regierung schadet, die sie schützt.«
+
+Es blieb mir nichts anderes mehr übrig, als nun entweder meinen Argwohn
+gegen den Brahminen auszusprechen, oder die Unterhaltung abzubrechen, aber
+das erste durfte ich nicht ohne Beweis, dem ein Eingriff folgte, und das
+zweite wollte ich nicht. So wählte ich noch einmal einen Mittelweg,
+obgleich ich die Ergebnislosigkeit meines Vorgehens wußte.
+
+»Wie mag der Verfasser gerade auf Ihren Namen gekommen sein?« fragte ich
+mich laut.
+
+Mangesche Rao meinte, daß, nach dem flüchtigen Eindruck, den er nach der
+Lektüre empfangen hätte, ihn dieser Mißbrauch, bei parteiloser Betrachtung
+des Bildungsgrades, der aus der Arbeit spräche, wenigstens nicht eben
+bloßstellte, aber dann fügte er ernst hinzu:
+
+»Der Gedanke lag nahe. Wurde das Buch schon in Mangalore gedruckt, so
+wählte man am besten als Deckung den Namen eines Lehrers vom hiesigen
+englischen College. Es wird eher deshalb geschehen sein, weil es galt, die
+Jesuiten zu täuschen, als aus Gründen einer anderen Vorsicht.«
+
+»Man hätte auch einen englischen Namen nehmen können.«
+
+Mangesche Rao betrachtete den Titel, dann erwiderte er mir mit bescheidenem
+Kopfneigen:
+
+»Das wäre nicht klug gewesen, denn jeder in Indien, der lesen kann, weiß,
+daß ein Engländer nur selten etwas von fremden Sprachen versteht.« Nun, ich
+schluckte auch dies noch und begriff, daß ich einen falschen Weg
+eingeschlagen hatte. Als das Meisterlichste dieser diplomatischen
+Sicherheit meines Gegners erschien mir seine von jedem, auch dem kleinsten
+Triumph völlig freie Art der Verabschiedung. Er ging still und ein wenig
+beklommen, als wäre ihm langsam klar geworden, daß diese seltsame
+Entdeckung ihm doch unangenehmer werden könnte, als er zu Anfang geglaubt
+hatte. Ich hatte damals bereits Beweise in Händen, die ich weitergab; es
+ist über jeden Zweifel erhaben, daß Mangesche Rao der Verfasser dieses
+Pamphlets ist, er hat es mir später, nicht ohne Hohn, auf eine Art
+eingestanden, die nur mich, mich aber gründlich überzeugt hat. Die
+Regierung verfügte in höflicher Zurückhaltung seinen vorübergehenden
+Rücktritt von seinem Posten, mit der Begründung, daß zwar kein Verdacht
+gegen ihn vorläge, daß jedoch sein Name auf eine Art bloßgestellt sei, die
+diese Verfügung für kurze Zeit notwendig mache.«
+
+So lautete, aus Einzelheiten zusammengesetzt, die ich nach und nach erfuhr,
+die Geschichte des Brahminen Mangesche Rao, und meine Erwartungen waren
+gespannt, als Wochen darauf der Tag kam, an welchem ich seine Bekanntschaft
+machen sollte.
+
+ * * * * *
+
+Inzwischen hatten die großen Regen eingesetzt. Es war mir gelungen am Hang
+einer bewaldeten Anhöhe den Flügel eines schönen Hauses zu mieten, mit
+großen Zimmern und einer breiten Veranda, die ganz von Buschwerk umschattet
+war, aber einen Ausblick auf eine herrliche Allee von Platanen eröffnete,
+die auf ein altes Stadttor führte.
+
+Die niederbrechenden Wassermengen und die furchtbaren Unwetter, die die
+Regenzeit einleiten, verbannten mich lange in meine weißen Räume, in denen
+ich wie in einer ununterbrochen mißhandelten Trommel hauste, zwischen
+Wasserwänden, deren matte Silberströme lau und klatschend vor den Scheiben
+niederdonnerten. Nachts flackerte das All in bengalischen Flammenkränzen,
+die Ketten der Blitze knatterten, und oft betäubten die Donnerschläge alle
+Empfindung, bis zuletzt auch die Furcht in einer dumpfen Ergebenheit
+versank, in welcher alle Geschöpfe verharrten, wie in den Flammenzeichen
+des Jüngsten Gerichts, während im Umkreis entzündete Häuser und Bäume
+aufleuchteten und erloschen. Es ging wochenlang so fort, ohne abzukühlen,
+unter den undurchdringlichen, nahen Wolkenmassen konnten die schwülen
+Dünste der monatelang durchglühten Erde nicht aufsteigen. Die Lungen
+stießen die von Feuchtigkeit und Wärme übersättigte Luft, wie unter den
+trüben Scheiben eines überhitzten Treibhauses aus und ein, und langsam
+erlosch die letzte Lebenskraft.
+
+Draußen aber begann ein Wachstum von beängstigender Gewalt. Nach sieben
+Tagen drang kein Lichtstrahl mehr in meine Räume, und Panja arbeitete mit
+der Axt im spritzenden Saft. Die blauen Feuer der Blitze zeichneten
+nächtlicherweile ein kohlschwarzes Blättergewebe, wie ein wirres,
+flackerndes Gitterwerk, vor die Scheiben meiner Fenster, und es war mir
+unbegreiflich, an den ersten stilleren Tagen, die Stadt Mangalore noch an
+ihrem Platz zu finden.
+
+Langsam wurde es unter dem andauernden Regen von Tag zu Tag kühler. Niemand
+beschreibt die Befreitheit und das Glück meiner Sinne, als mich nach langer
+Zeit zum ersten Mal die Sonne im Palmengrün weckte. Es ging aufs neue dem
+indischen Frühling entgegen, und die von Entzücken und tausend Düften
+geschwellte Brust wußte ihren Jubel nicht zu bergen.
+
+Mangalore brach auf vor meinen Augen, wie eine wunderbare, fremde Blume,
+bunt und üppig, geheimnisvoll-verschwiegen, von giftig-süßer Lebensgier.
+Ihr Duft brachte Vergessen mit sich, ihr Klang unnennbare Träume von der
+Mannigfaltigkeit der Welt, und ihre Farben berauschten die Sinne bis zur
+Verzücktheit. Über das hölzerne Geländer der Veranda brach wie eine grüne
+Schlange eine Schlingpflanze, öffnete über Nacht blaue Blumen von der Größe
+eines Kinderköpfchens, mit einem gelben, gierigen Auge, das am Tage die
+Falter lockte und sich am Abend schloß. Der Jasmin betäubte mich bis zum
+Taumeln, die schnarrende Klage der Kröte mischte sich melancholisch und
+liebesselig in die metallische Klarheit des Nachtigallenlieds, und im Mond
+blühten die Lotusblumen auf den schwarzen Spiegeln der Brunnen und Sümpfe
+auf.
+
+Die braunen Menschen in weißen Gewändern im Grünen, lautlos auf rötlichen
+Wegen dahinschreitend, bewegten sich auf ihrem gesegneten Erdland wie
+unnahbare Gestalten eines Märchens, erdacht, längst bevor die Wiege unseres
+Volks, unter Eichen im fernen Westen, von den ältesten Sagen umklungen
+wurde. Und mit allen Wohltaten solcher Schönheit trat, wie ein Jüngling aus
+einer tauglitzernden Wiese, der Schlaf wieder an mein Lager und mit ihm das
+glückliche Bewußtsein von Gesundheit, von Kraft und fröhlichen
+Daseinsrechten.
+
+
+
+
+Zwölftes Kapitel
+
+Von Frauen, Heiligen und Brahminen
+
+
+So waren die Eindrücke, die ich in den ersten Monaten meines Aufenthalts in
+Mangalore erhielt, außerordentlich bunt und mannigfach, und so eifrig ich
+nach dem Sinn der Erscheinungen forschte, so verwirrte mich das meiste
+eher, als daß es mein Verständnis förderte. Aber wie der glückliche Zustand
+fröhlichen Wohlbefindens, besonders in der Jugend, eher zu gedankenloser
+Hingabe, als zu hingebenden Gedanken führt, so ließ ich die farbigen Bilder
+an meinen Augen vorüberziehen, wie ein munterer Wanderer die wechselnde
+Landschaft, und wenig von allem sank in mein Herz, bis zu jenem Tage, an
+dem Mangesche Rao mein Haus betrat.
+
+Panjas Übermut verführte mich oft zu frohsinniger Oberflächlichkeit, wir
+bummelten am Hafen umher, der sich von Tag zu Tag mehr belebte, ließen uns
+zur Jagd auf Sumpfvögel die Flußarme emporrudern, die etwa um das Zehnfache
+breiter erschienen, als am Tage unserer Ankunft, wagten hier unser Leben
+und dort unser Geld und vergaßen miteinander, daß es in der Welt noch etwas
+anderes gab, als diese grüne, blühende Wildnis und diese bunte Stadt.
+
+Vor den Tempeln und der Basarstraße gab es Feste heidnischen
+Götzendienstes, am Hafen Schlägereien zwischen mohammedanischen Hindus und
+den Negern, die in großen Seglern von Arabien kamen, um Gewürze
+einzutauschen. Es war ergötzlich, dem bald trägen, bald ausschweifenden
+Leben des Hafens beizuwohnen, in beschaulicher Tatlosigkeit der englischen
+Regierung und dem lieben Gott die Sorge für das eigene und fremde
+Wohlergehen überlassend. Ich schloß Freundschaft mit Negern, Elefanten und
+Königen, von denen allen es in Mangalore ein gut Teil gibt. Der Frühling
+spendete uns Rausch, Vergessen und Andacht, der durchsonnte Lebensstrom,
+der die ganze Stadt überflutete, riß uns mit sich fort.
+
+Eingehüllt in die Geheimnisse der Fremde, wieder erlöst durch die
+himmlische Klarheit der Sonne und geleitet von der unermüdlichen Lebenslust
+der Jugend, flossen meine Tage dahin. Meine letzten Bücher wurden ein Raub
+der Insekten, meine Gedanken eine Beute der Träume, und selbst meine
+Zukunftshoffnungen fielen für lange dem sanften Rausch so vergänglicher wie
+überwältigender Genüsse zum Opfer. Ich erwachte unter dem Glitzern der
+Sonnenspeere, die durch die Blumen und Palmengefieder in mein Zimmer
+sanken, unter dem Duft des Tees, den Panja mir an mein Lager brachte, und
+meine erste Erwartung galt der grünlichen feuchten Landzigarre, die, dick
+und lang wie ein Treibhausspargel, aus besten Blättern gewickelt worden
+war. Der goldene Tag zog herum bei Schmetterlingsjagden oder Kahnfahrten,
+am frischen Meer oder im tiefen Schatten des Palmendickichts, zwischen
+weisen und närrischen Menschen oder Tieren, zu Pferd oder zu Fuß verbracht,
+und immer in jener unnennbaren Erhobenheit, die das Bewußtsein einträgt,
+von allen geachtet oder gefürchtet, sicherlich aber für etwas ganz
+Außerordentliches angesehen zu werden. Bis der kühle Abend niedersank, mit
+dem Gesang der Menschen, dem gespenstig wandernden Licht der großen
+Leuchtkäfer, den Lauten der liebesseligen Tiere, und ob ich die weißen
+Nächte im Schein des gewaltigen Monds allein zubrachte oder nicht, werde
+ich nicht sagen, denn es gibt zu viele Menschen, die solcherlei Erwägungen
+in ernstliche Besorgnis wirft, und man soll niemand Sorge bereiten, am
+wenigsten durch die Erinnerung an eigene Freuden.
+
+Auf diesem so ausgedehnten Gebiet muß Panja in ernstliche Bedrängnisse
+geraten sein, eines Morgens schüttete er mir sein Herz aus. Das hatte
+einen ganz besonderen Grund, und der Anlaß waren zwei lange Schrammen, die
+vom Auge über seine Wange niederliefen, und deren Ursprung sich um so
+leichter erraten ließ, als er die Nacht über fort gewesen war.
+
+Als er sah, daß ich sein Gesicht musterte, während er das Frühstück
+bereitete, meinte er bedauernd:
+
+»Diese Dornen, Sahib! Man weiß nicht, wie man ihnen im Dunkeln entgehen
+soll, es ist Zeit, daß ich im Garten wieder Platz schaffe.« Und wir klagten
+eine Weile miteinander über die Dornen.
+
+»Zuweilen sitzen zwei nebeneinander,« sagte ich, »ähnlich wie die
+Fingernägel einer Hand.«
+
+Panja musterte mich mißtrauisch, aber da ich ernst blieb, meinte er
+zögernd:
+
+»Ja, auch das, es kommt allerlei vor.« Aber dann mußte er doch ein Lächeln
+gewahr geworden sein, denn er sprang ärgerlich auf, stampfte mit dem Fuß
+und rief:
+
+»Also weißt du es, Sahib! Gut, aber was wird dadurch besser? Ist es schön
+von dir, jemand zu verhöhnen, der ohnehin Undank geerntet hat?«
+
+Ich beruhigte ihn und sprach ihm Trost ein, er war ernstlich erbittert und
+weit davon entfernt, auch nur einen Schatten von Schuld an diesem Unheil
+bei sich zu suchen. Da wurde er melancholisch, wie gutmütige Leute mit
+bösem Gewissen es leicht werden, wenn man ihr Verbrechen auf andere
+schiebt.
+
+»Kratzen die Frauen deines Landes auch?« fragte er, da er mein bewiesenes
+Verständnis aus meinen Erfahrungen ableitete.
+
+»Und wie, Panja! Sich und andere.«
+
+»Spotte nicht,« bat er, »dies sind ernste Dinge, und wenn ich auf den
+Schlaf warte, so muß ich viel darüber nachdenken.« Und er blinzelte in die
+Morgensonne, die grünes Feuer im Palmengitter entzündete, und spiegelte
+sich dann gedankenvoll in einer runden Kupferkanne, die ihm sein Bild
+ähnlich zurückgegeben haben mag, wie die Welt seiner Gedanken in seinem
+Kopf aussah.
+
+»Warum heiratest du nicht?« fragte ich ihn. Es war einen Augenblick still.
+Das Geschrei der Handelsleute und Ausrufer von der Basarstraße klang zu uns
+herüber, und die Zweige im Gebüsch schaukelten unter dem Morgenspaziergang
+irgendeines größeren Tiers.
+
+»Vielleicht ein Affe«, meinte Panja. Man sah, er dachte an etwas anderes.
+»Gut,« brach er plötzlich eifrig los, »ich heirate, aber was dann? Es ist
+nicht verlockend, zu wissen, was einen auf dem Nachtlager erwartet, solange
+man jung ist. Zur Liebe gehören die Neugierde und die Gefahr, die erlaubte
+Liebe ist wie ein gefangener Vogel.«
+
+Ich beschloß, ein wenig ernster zu werden, und sagte deshalb leichthin:
+
+»Wenn es nur das gäbe, was du jetzt Liebe nennst, Panja, so hättest du
+recht, aber es kann vorkommen, daß das Herz sich überall wie ein gefangener
+Vogel vorkommt, nur nicht dort, wo eine bestimmte Frau wartet.«
+
+Panja dachte nach. »Es kommt vor, Sahib, aber es geht vorüber.«
+
+»Vielleicht kommt dafür etwas anderes?«
+
+»Was sollte kommen, Sahib?«
+
+»Vielleicht ein Sohn.«
+
+»O Gott,« sagte Panja betroffen, »wer denkt gleich an das Schlimmste!? Aber
+auch, wenn ich mich darüber freuen sollte, so kann ich doch nicht an einen
+Sohn denken, wenn ich keinen habe.«
+
+»Ist das Vergessen schöner oder die Erinnerung, Panja? Sieh um dich in der
+Natur, wohin du willst, und unter den Menschen, immer geht die Liebe mit
+der Erinnerung und das Laster mit dem Vergessen. Ist nicht ein Kind die
+schönste Erinnerung an die Liebe und der lieblichste Begleiter auf dem Wege
+vom Sommer zum Herbst?«
+
+Panja rückte an seinem Turban und kratzte sich umständlich, was immer ein
+Beweis war, daß etwas über seine Sinnenwelt hinaus in sein Herz gesunken
+war, aber es blieb in der Regel sein einziges Zugeständnis an mich.
+
+»Ich bin kein Brahmine,« sagte er endlich, »warum soll ich also nachdenken?
+Du hast nur deshalb schöne Gedanken, Sahib, weil du die Frauen nicht
+kennst. Wenn du einmal ein Weib genommen hast, so werden die guten Gedanken
+ausbleiben.«
+
+Ich mußte lachen, und Panja triumphierte. Nun war er es, der mich belehrte.
+
+»Vielleicht sind die Frauen deines Landes anders, Sahib, aber
+wahrscheinlich ist es mit den Frauen wie mit der Palme, überall in der Welt
+ist sie dieselbe. Hast du niemals gemerkt, daß sie im Grunde alle dumm
+sind? Du kannst es daran sehen, daß sie sich in gleichem Maße vor einem
+Tiger fürchten wie vor einer Maus, denn nicht einmal zwischen diesen beiden
+Tieren können sie den Unterschied herausbringen. So kennen sie auch bei den
+Männern keine Unterschiede, und als der beste erscheint ihnen immer der,
+den sie lieben.«
+
+»Ist das nicht ein Vorzug?«
+
+Aber Panja ließ sich nicht ablenken: »Sagst du etwas recht Dummes, so
+reißen sie die Augen auf und strahlen, nur weil es vielleicht auf das
+Gleichgültigste der Welt zutrifft; sagst du aber etwas Gescheites, was alle
+Klugen bewundern würden, so vergessen sie es sofort, nur, weil sie es nicht
+in ihr Haar stecken können. Oh, was kann nicht alles geschehen! Mit der
+Zeit wird vielleicht deine Liebe abnehmen, und du kehrst zu vernünftigen
+Gedanken zurück, aber dann nimmt die ihre genau in dem Maße zu, wie sie dir
+gleichgültig wird. Sie behängt dich mit allem, was sie ausdenkt oder
+findet, wie einen wundertätigen Götzen, bis du anfängst, selbst so
+Ungeheuerliches von dir zu glauben, daß du ein Gespött der Männer wirst.
+Wie aber ist es erst, wenn dein Herz an dem ihren hängen bleibt, und dein
+Eifer und deine Mühe machen sie kälter und kälter? Gib du selbst alles, was
+du hast, und ohne Rückhalt dich selbst, sofort fängt sie an, nach anderen
+Männern Ausschau zu halten. Die Seele solcher Frauen ist wie eine Grube,
+die kleiner wird, je mehr man hinzutut, und das Elend in deinem Hause nimmt
+kein Ende. Ach, du weißt nicht, wie es selbst den Braven ergeht! Du hast
+einmal gesagt, durch Geben wird niemand arm, aber alles, was einem
+herzlosen Weib gegeben wird, ist verloren.«
+
+»Das ist vielleicht richtig, Panja,« unterbrach ich seinen Eifer, »aber
+nicht alle Frauen sind herzlos.«
+
+»O Sahib, solange du lieben mußt, ist in deinen Augen alles schön, was du
+an einer Frau erblickst,« entgegnete Panja überzeugt, »und das Böse an ihr
+entfacht nur den Eifer deiner Gunst.«
+
+So fuhr Panja fort, mir noch lange die irdische Misere der Herzen zu
+schildern, die lieben, oder die es wollen, ohne es zu können, oder müssen,
+ohne es zu wollen. Ich antwortete ihm wenig, aber es wurde mir deutlich,
+wie viele Männer unserer Zeit und unseres Landes über eine ähnliche
+Betrachtung der Frau niemals hinausgekommen sind. Hatte Panjas Anschauung
+auch zweifellos die heitere Beigabe einer kindlichen Auffassung, so lag ihr
+doch ein Urteil zugrunde, das mir, im nachdenklichen Sinn bewegt, nur allzu
+vertraut war. Wenn ich ihm nur beiläufig widersprach, so bedachte ich bei
+meiner Zurückhaltung seine Jugend und die Tatsache, daß die meisten Männer
+erst durch die Erfahrung belehrt werden, und daß niemandes Erlebnisse
+größer sind als er selbst. Auch dient eine solche oder ähnliche
+Betrachtungsart gutmütigen Jünglingen zu einer Vorsicht, die dem Grade
+ihrer Widerstandskraft angepaßt sein mag.
+
+Aber im Grunde ist es nicht gut, in solchen Anschauungen allzu lange ein
+Kind zu bleiben, und ich habe die Männer selten sonderlich ernst zu nehmen
+vermocht, die der Frau die selbständigen Kräfte des Gemüts nur deshalb
+absprachen, weil sie anderer Art als die des Mannes sind; denn nur
+Oberflächliche rechnen Verborgenes leichtfertig dem Fehlenden zu. Auch
+bleibt es hinreichend lächerlich, Eigenschaften der Frau zu tadeln, die wir
+nicht genug loben können, solange ihre Wirkung uns selbst zugute kommt. Je
+eher das Gemüts- und Geistesleben einer Frau im Zusammenhang mit ihren
+Eigenschaften einen Charakter darstellt, um so sicherer wird sie auch ohne
+äußere Erfahrung die Wahl treffen, die ihrem Werte entspricht. Dieser Wert
+aber wird sich, nach ihrer Entscheidung, nicht in ihrer Fähigkeit zeigen,
+die Männer gerecht miteinander vergleichen zu können, sondern in ihrer
+Beständigkeit.
+
+So ging mancher Morgen in nachdenklicher Plauderei und gedankenlosem Spiel
+mit Nichtigkeiten herum, die Sonne begann uns Irdische dieser gesegneten
+Zone langsam wieder an Beständigkeit zu übertreffen, an Treue und Kraft.
+Wie es manchen auf der Reise ergehen mag, so verlangte es auch mich, im
+Übermaß der sonntäglichen Freiheit, nun oft nach der herben Sicherheit
+jener höheren Freiheit im Geist, die uns bei ganzer Anspannung unserer
+besten Kräfte vergönnt ist. Aber dies Klima erlaubt unserem Blut nicht den
+Ernst unserer Rasse, nicht den Eigensinn zur Tätigkeit, der ihr
+eigentümlich ist, und am wenigsten die Neigung zu beständiger Arbeit.
+Ungezählte unseres Volkes sind, solange die Geschichte es kennt, den
+Verführungen der südlichen Sonne erlegen, fast unvermerkt, unheilbar der
+Süßigkeit des tatenlosen Genusses verfallen, und erst nach eingebüßter
+Lebenskraft zu jenem Heimweh aufgeschreckt, das im Glanz der weichen Tage
+zu einer wollüstigen Wehmut herabgesunken war.
+
+Oft, wenn ich am Meeresstrand unter schattigen Bäumen lag und Traum und
+Wille sich im Blau des Himmels und des Wassers schaukelten, gedachte ich
+Homers und seines Helden, der, an den Mastbaum seines Schiffes gefesselt,
+mit empfänglichen Sinnen, machtlos und zerrissen von Verlangen, an dem
+gepriesenen Eiland vorüberfuhr, erkennend und durch den Geist gefeit, vom
+Verstand gemeistert, der älter war als sein Verlangen, hingegeben und
+beherrscht. Oft beneidete ich ihn, oft bedauerte ich ihn, wie einen, den
+die Kälte seines Geistes vom Altar beseligter Hingabe verbannt hat. Aber in
+meinen Träumen erschienen mir die singenden Frauen, und ich ahnte unter dem
+Glanz ihrer lockenden Leiber die tödliche Kraft ihrer mörderischen Krallen.
+
+Es trieb mich, bei innerer Ruhlosigkeit, äußerlich von einem zum andern,
+ich versuchte zu arbeiten, verbrannte aber bald nach den armen Anfängen die
+untüchtigen Versuche, die Herrlichkeit um mich her in Worten und Gestalten
+zu bannen. Entzündete die Sonne ihr grüngoldenes Morgenfeuer in den
+Büschen, die meine Fenster einhüllten, so tauchten meine Sinne in der
+Ahnung einer Vollkommenheit unter, die jedes Menschenwerk zu nichtigem und
+vergänglichem Tand herabsetzte, es gab nur Befreitheit in andächtiger
+Hingabe.
+
+Panja beobachtete mich sorgenvoll, und eines Tages meinte er:
+
+»Sahib, weshalb verbrennst du dein Papier nicht, bevor du es beschreibst?«
+
+Nun, das ärgerte mich. Zu solcher Frage hat ein Diener kein Recht.
+
+»Dummkopf,« sagte ich, »weißt du nicht, daß man Gedanken auf ein Blatt
+Papier niederschreiben kann, und daß, wenn beide zugleich verbrannt werden,
+der Gedanke als Rauch in die Köpfe von Menschen zieht, die wir von unserer
+Meinung überzeugen wollen?«
+
+Panja riß die Augen auf und schwieg andächtig. Er hatte es noch nicht
+gewußt. Nach einiger Zeit ertappte ich ihn darüber, daß er im Garten unter
+merkwürdigen Sprüngen einen Brief verbrannte, und entfernte mich mit der
+Genugtuung, daß enttäuschte Hoffnungen ihn für seine unbotmäßige Frage
+strafen würden.
+
+Auch mit den Vertretern der deutschen Mission in Mangalore kam ich flüchtig
+in Berührung, es sind tätige und ernste Leute, die in kleinen Industrien
+die übergetretenen Eingeborenen beschäftigen und den Geisteskampf mit den
+gebildeten Repräsentanten des Hinduismus nur vereinzelt und immer erfolglos
+wagen. Es fehlt ihnen an Bildung und Kenntnis und vor allem an Achtung vor
+dem Brahman oder der Lehre Buddhas, und der einfältige Glaube, es hier mit
+»finsterem Heidentum« zu tun zu haben, ist der beste Weg zur gründlichen
+Erfolglosigkeit. Ich habe kuriose Leute unter diesen Missionaren und
+Missionsfrauen angetroffen. Was sie einem feineren Anspruch immer wieder
+fatal macht, ist ihre bewußte Beschränkung und Ausschließlichkeit in einer
+Weltbetrachtung, deren wirkende Kraft unerprobt bleibt. Es ist leicht,
+recht zu behalten, wenn man nur sich selbst oder Meinungsgenossen hört, und
+das Lächerliche solcher Erscheinungen beruht darauf, daß ihre Einfalt mit
+Großartigkeit verbunden ist und ihre Behutsamkeit mit Mangel an Takt.
+
+Ein bezeichnendes Merkmal, woran solche Leute im Fall eines Zweifels bald
+zu erkennen sind, ist ihre Fähigkeit, über alle Dinge mitzureden, sie zu
+beurteilen oder einzuschätzen, ohne daß sie sich je die Mühe gemacht
+hätten, sie auch zu verstehen. Naturgemäß verbindet sich mit einem solchen
+Standpunkt der Weltbetrachtung eine besondere Vorliebe für die Kehrseite
+der Dinge, die sich überall, wie auch beim Menschen, leichter kenntlich,
+übersichtlicher und ohne komplizierten Ausdruck oder vielseitige
+Linienführung darbietet. Und so findet man auch in der Regel, daß das
+Selbstbewußtsein dieser Menschen sich daran aufzurichten pflegt, daß sie
+die Schattenseiten anders gesinnter Brüder oder fernliegender Dinge zuerst,
+oder gar ausschließlich entdecken, und da es leichter ist, etwas zu tadeln,
+als etwas zu begreifen, so findet dieses Selbstbewußtsein fast stündlich
+Nahrung und entwickelt sich auf das prächtigste. Panja meinte einmal,
+nachdem wir unsere ersten Bekanntschaften hinter uns hatten:
+
+»Diese Herren sind wie der König von Schamaji, immer herrschen sie, aber
+man weiß nicht, warum oder über wen.«
+
+Wahrhaft Bescheidene fordern nicht heimlich den Dank für ihre
+Beschaffenheit ein, und es ist immer ein wenig peinlich, wenn Dienstboten
+sich deshalb für etwas Besonderes halten, weil ihre Herrschaft etwas Großes
+geleistet hat. Trotzdem ist mir ein Beweis inniger Glaubenskraft erbracht
+worden, und da ich durch die bezeichnenden Worte, welche ich über diese
+Leute vorangeschickt habe, ungern in den verpönten Ruhm kommen möchte, auf
+der Bank der Spötter zu sitzen, will ich die Geschichte so folgen lassen,
+wie ich sie gehört habe:
+
+In einer Gebetsversammlung dieser kleinen christlichen Gemeinde erhob sich
+jüngst eine Missionsfrau, die aus den dunkleren Provinzen des im übrigen so
+gesegneten Königreichs Württemberg stammte und die in ihrer Beziehung zur
+Einfalt in der Gottesfurcht etwas geradezu Außerordentliches leistete. Sie
+sagte nach kurzem Gebet, das in solchen Versammlungen laut und allgemein
+verrichtet zu werden pflegt, daß es Gott dem Herrn in seinem
+unerforschlichen Ratschluß gefallen habe, ihre neben ihr sitzende, bereits
+erwachsene Tochter Helene mit einem Bandwurm zu schlagen. Darauf forderte
+sie die Gemeinde in bekümmertem Werben von geneigter Stirn inständig auf,
+Gott mit ihr und ihrem Kinde gemeinsam um das Ausscheiden des unangenehmen
+Parasiten anzuflehen. Ihrem Ersuchen wurde bereitwillig stattgegeben, und
+Männer und Frauen der Versammlung beschäftigten sich eine angemessene
+Zeitlang vor Gottes Augen in inniger Fürbitte mit dem Bandwurm der jungen
+Dame und mit der Laufbahn, welche für die Zukunft dieses merkwürdigen Tiers
+erhofft wurde.
+
+Am Schluß der Versammlung erklärte eine freundliche Beisitzerin im Saale,
+daß sich in ihren Privatbeständen ein wirkungsvolles Mittel befände, dem
+auch ein energischer Bandwurm nicht zu widerstehen in der Lage sei, und
+dieses Medikament wurde mit Dank angenommen. Schon in der nächsten
+Zusammenkunft konnte die Mutter der aufhorchenden Gemeinde die Mitteilung
+machen, auf wie wunderbare Art die Kraft der gemeinsamen Fürbitte bei ihrer
+Tochter gewirkt habe. Sie erzählte mit bewegter Stimme den Versammelten,
+daß der Bandwurm gekommen sei, augenscheinlich im bereits entschlafenen
+Zustande, daß sich aber ein großer Frieden in seinen Zügen ausgedrückt
+habe. --
+
+Daß Gottes Hand sichtbar über dem Wohlergehen dieser opferfreudigen Leute
+waltet, geht auch aus einer anderen, nicht weniger eigenartigen Geschichte
+hervor, die mir in Mangalore von einem sehr erfahrenen und im Heidendienst
+erprobten Manne erzählt worden ist. Als sich dieser Herr zu Beginn seiner
+Laufbahn an einem schönen Abend auf der Veranda seines Hauses aufhielt,
+erblickte er plötzlich einen Tiger, der die Treppe vom Garten emporkam.
+Gott gab dem bestürzten Manne jedoch rechtzeitig einen guten Gedanken ein,
+der zur Errettung führte. Auf der Terrasse stand zum Glück, von der letzten
+Kinderlehre im Freien her, noch das Harmonium, ein besonders in
+pietistischen Glaubenskreisen recht beliebtes Erbauungsinstrument, das auch
+in indischen Missionen hier und da Verwendung findet, obgleich es den
+Einwirkungen des Klimas nur selten zu widerstehen vermag. Auf dieses
+Instrument stürzte sich der beklommene Mann und begann, in zuversichtlichem
+Glauben an seine Aussichten, den bekannten schönen Choral zu spielen:
+
+ Wie soll ich dich empfangen
+ Und wie begegn' ich dir?
+
+Der Tiger soll sich sofort entfernt haben, um den Schutz der Wildnis
+aufzusuchen.
+
+ * * * * *
+
+Eines Nachmittags, als ein Händler aus Kaschmir seine bunten Messingvasen
+und Stickereien auf meiner Veranda zur Schau ausbreitete, kam ein Bote aus
+der Stadt und blieb nach Art der eingeborenen Diener bescheiden am Aufgang
+zur Treppe stehen, eine Anrede erwartend. Es kamen zu vielerlei kleine
+Nachrichten für Panja oder den Koch, als daß ich den Fremden sonderlich
+beachtete, er räusperte sich nach einer Weile dezent, und als ich
+hinübersah, legte er die Hand an die Stirn und verneigte sich zum zweiten
+Male. So ging es mich an, und ich winkte ihm.
+
+»Du kommst mir gelegen,« sagte ich, »wie viel Wert hat nach deiner Meinung
+dieser mit Gold bemalte Vorhang, du bist unparteiisch, sag' es mir.«
+
+Der Fremde prüfte das Tuch und die Arbeit aufmerksam, mir schien aber, als
+besänne er sich dabei auf einen Ausweg, zugleich meiner und der Forderung
+des Händlers gerecht zu werden. Dann sagte er:
+
+»Ich kenne den Wert dieser Arbeiten nicht genau, aber ich kenne Dewan
+Chundar, den Kaufmann, der dich bedient, und weiß, daß er gerecht und
+vorsichtig ist.«
+
+»Wenn er es nicht wäre, so könnte er es von dir lernen«, sagte ich. Die
+Antwort gefiel mir, und ich betrachtete den Ankömmling genauer. Seine
+Gewandung war sorgfältig und gut und ohne Anlehnung an die europäische
+Kleidung, der rote Turban war aus Seide, das weiße Hüftentuch breit gelegt,
+und es reichte, wie eine weite Pumphose, bis an die Knie, ein kurzes
+Jäckchen aus dunklem Tuch, wie es die Perser in Bombay tragen, verhüllte
+Brust und Arme.
+
+»Und du selbst? Was führt dich zu mir?«
+
+»Mein Herr bittet dich, ihn morgen um diese Stunde zu erwarten, er dankt
+dem fremden Sahib für seine Bitte.«
+
+»Du dienst dem Brahminen Mangesche Rao?«
+
+»Mein Herr ist Bahadur Mangesche Rao.«
+
+Der stille Sklave erhielt eine Silberrupie, mein Herz schlug vor freudiger
+Überraschung. Eigentlich ohne rechte Hoffnung auf den Erfolg meiner Mühe
+war ich dem Rat des Kollektors gefolgt und hatte den Brahminen in einem
+Brief angegangen, ob er willens sei, mir Unterricht im Sanskrit und in der
+Geschichte seines Landes zu geben. Mir war in den letzten Wochen zumut
+gewesen, als müßte ich mir durch meine leichtfertigen Umtriebe in der Stadt
+das Vertrauen dieses ernsten Politikers und Diplomaten verscherzt haben,
+denn ich fiel auf, da ich mich sowohl anders als die Engländer benahm, als
+auch die Gebräuche der Missionare nicht eben zum Vorbild wählte. Sonst gab
+es wenig Europäer in Mangalore. Panja hatte mir allerlei Lustiges über die
+Bilder berichtet, die man sich im Volk von mir machte, ich galt hier als
+verkappter Spion der englischen Regierung, dort als Perlenhändler und im
+niedern Volk als Zauberer, weil ich einmal mit einem Taschenkünstler in
+Konkurrenz getreten war, der noch niemals ein Spiel französischer Karten
+gesehen hatte und von der Volte so wenig verstand, wie ich vom
+Schlangenbändigen.
+
+Nun, es erschien, als habe der Brahmine weiter nicht Anstoß an meinem Ruf
+genommen. Der Händler erhielt den geforderten Preis und benutzte den Rest
+des Tages zum gemächlichen Einpacken seiner Schätze, offenbar hatte das
+Geschäft, das er mit mir gemacht hatte, ihm ermöglicht, sich für einige
+Wochen ins Privatleben zurückzuziehen. Ich rief nach Panja.
+
+»Ich weiß schon,« sagte er kalt, »du ziehst Verbrecher ins Haus. In kurzer
+Zeit werden wir alle drei gehängt werden.«
+
+»Woher weißt du denn, wer kommt?«
+
+»Du hast es mir ja selbst gesagt, Sahib.«
+
+Ich war überzeugt, es nicht getan zu haben, konnte aber nicht für mich
+bürgen. Die Tatsache, mich bis ins kleinste beobachtet zu finden,
+überraschte mich immer wieder, aber Neugierde ist die heiligste Pflicht
+eines indischen Dieners, und es erscheint einem oft, als stünden
+Todesstrafen auf Verschwiegenheit. Sicher war, daß Panja diesem Besuch
+ungern entgegensah, er häufte alles an Schmähungen und Verdächtigungen an,
+was er aus einem zweitausendjährigen Ruf dieser Kaste nur immer in
+Erfahrung gebracht hatte. Trotzdem gewahrte ich deutlich eine Scheu, jene
+alte Achtung, die allen Kasten den Brahminen gegenüber eigentümlich ist,
+und die kein Haß und keine Furcht verdrängt haben.
+
+Mangesche Rao kam am nächsten Tage mit großer Pünktlichkeit genau zur
+angegebenen Stunde. Er ritt durch das Gartentor ein, bis dicht vor die
+Holztreppe der Veranda. Der Diener, der sein Pferd am Zügel führte, diesmal
+ein anderer, meldete seinen Herrn durch einen gedämpften Zuruf an, der mir
+in seiner seltsamen Feierlichkeit und seinem eindringlichen Pathos
+unauslöschlich im Gedächtnis geblieben ist. Panja erschien, ernst und
+würdevoll.
+
+Der Brahmine schritt die Treppe erst empor, als ich ihm in der Tür
+entgegentrat, er reichte mir nach europäischer Sitte die Hand, das einzige,
+was mich außer seiner Erscheinung in seinen Gewohnheiten an seine Kaste
+mahnte, war die eigentümliche rituale Vorsicht, mit der er seine Schuhe an
+der Schwelle der Tür ablegte, um das fremde Haus mit nackten Füßen zu
+betreten. Er bückte sich dabei nicht, die safranroten sandalenartigen
+Schuhe blieben zurück, wie durch einen Zauberspruch von den Füßen gelöst.
+
+Wahrscheinlich wird mein Gast sich keine Vorstellung von dem Eindruck
+gemacht haben, den seine Erscheinung von den ersten Augenblicken an auf
+mich machte. So groß das Selbstbewußtsein eines Menschen sein mag, der sich
+seines Werts bewußt ist, immer wird ihn vom unbedingten Glauben seiner
+Wirkung die Erkenntnis abhalten, daß ein anderer nur so viel würdigen kann,
+als er beansprucht, und in dieser Hinsicht lag für den Brahminen gewiß kein
+Grund vor, von mir ein besonderes Erfassen seiner Vorzüge anzunehmen. Ich
+war überrascht, wie jung er wirkte, als ich sein Alter erfuhr. Nicht allein
+sein sorgfältig rasiertes und sehr schmales Gesicht ließ darüber in
+Zweifel, sondern vor allem seine ungewöhnlich schlanke Gestalt und die
+Anmut seiner Bewegung, die allerdings weit von jeder Gefallsucht entfernt
+war. Als seine Augen, dunkel aus dem hellen Braun des Gesichts, unter dem
+gelben Seidenturban hervor, zum ersten Male in die meinen sahen, erfaßte
+mich wie ein Taumel von Begierde, Befriedigung und Stolz eine Ahnung vom
+Geist der Jahrtausende, die ihrem späten Sohn den Glanz ihrer Kultur wie
+einen Kranz um die Schläfen gelegt zu haben schienen. Etwas vom Zauber
+jener Träume meiner Jugend, die unter dem Namen Indien in mir erwacht
+waren, beglückte mich, und mir erschien, als stünde ich erst heute
+wahrhaft vor den Toren seiner Geheimnisse.
+
+Die fremden Augen sahen mich bei den ersten Worten unserer Unterhaltung an,
+als läge dem Sinn dieses Mannes nichts so fern, als mich zu prüfen. Es ist
+das erstemal gewesen, daß diese Bescheidenheit der Überlegenheit mir
+wohltat, ich begriff, wie viel Unsicherheit, wie viel Abwehr und falsche
+Besorgnis in jenem Prüfen liegt, mit dem wir in den meisten Fällen einer
+neuen Bekanntschaft beginnen oder empfangen werden. Diese Unbeteiligtheit
+der Augen wirkte höflich und verbreitete eine Gelassenheit, als gäbe es in
+der Welt nichts Natürlicheres, als unsere Zusammenkunft. Ich dachte an die
+Erzählung des Kollektors und mußte über seinen Eifer lächeln, mit dem er
+sich bemüht hatte, mir ein Bild dieses Mannes zu entwerfen, ich begriff, wo
+die Besorgnis des Engländers ihren Ursprung hatte, und war über nichts so
+glücklich, als daß kein politisches Interesse den Brahminen und mich
+zusammengeführt hatte.
+
+So mag es gekommen sein, daß ich ohne Rückhalt, ohne kleinliche Vorsicht
+und in heiterer Offenheit zu diesem Manne sprach, und er schien rasch zu
+bemerken, daß ich nichts zu verlieren fürchtete, als seine persönliche
+Achtung. Es war erstaunlich, wie richtig er aus den Äußerungen meines
+Temperaments auf meine Gesinnung schloß. Offenbar hatte er, ohne falsch
+oder auch nur vorsichtig zu erscheinen, schon nach der ersten halben Stunde
+unserer Unterhaltung eine ganze Reihe heimlicher Prüfungen vorgenommen,
+deren Resultat den Rest seiner Befürchtungen zerstreute. Wir sprachen von
+der englischen Regierung, er lobte ihre Umsicht, die Rede kam auf die
+deutsche Mission und Mangesche Rao sagte, höflich gegen mich, als den
+Landsmann ihrer Vertreter, das Beste über diese Leute, was sich über sie
+sagen ließ.
+
+Ich war jung genug, nicht ohne weiteres zu dulden, daß ich mit diesen
+Propheten der heiligen Einfalt zusammen das Deutsche Reich in Indien
+repräsentieren sollte, und sagte:
+
+»Die Leute sind einfältig.«
+
+»Das schließt ihre Aufrichtigkeit nicht aus«, meinte Mangesche Rao, doch
+ich konnte mich nicht enthalten, hinzuzufügen:
+
+»Sie müssen Ihnen wenig schaden, da Sie so nachsichtig sind.«
+
+Mangesche Rao lächelte, meine Unvorsichtigkeit schien ihm wohlzutun, und so
+bemerkte er leichthin:
+
+»Wir begegnen einander nur auf Gebieten, die wir ihnen überlassen.«
+
+Seine Meinung über die Jesuiten unterschied sich wesentlich von der über
+die protestantische Mission, und aus den Ansprüchen, die er durch die
+Wirksamkeit und Eigenart dieses Ordens befriedigt sah, merkte ich rasch,
+wie wenig ihm alles galt, was nicht im Geistigen zu suchen war.
+
+Aus keiner Einzelheit, die unsere Unterhaltung berührte, war bisher zu
+entnehmen, daß mein Gast sich auch nur beiläufig um Politik bekümmerte, ja
+auch nur das kleinste Interesse am Ergehen des Landes, an seiner
+wirtschaftlichen oder sozialen Lage nahm. Ich war vorübergehend in Zweifel,
+ob sich der Kollektor nicht mit seiner Annahme im Irrtum befand und die
+Unschuld seines vermeintlichen Gegners für höchste Verstellungskunst
+gehalten hatte.
+
+Die Sonne trieb ihr buntes Spiel im ruhigen Raum, der Besuch saß im
+gedämpften Licht, und sein Anblick erfüllte mich mit der stolzen Freude des
+Gastgebers einem ungewöhnlichen Fremden gegenüber. Der blaue Vorhang, den
+ich am Tage vorher erstanden hatte, schmückte die Wand meines Zimmers als
+Hintergrund, und die Schultern, das glänzende schwarze Haar und das
+gedämpfte Seidengelb vom Turban Mangesche Raos hoben sich unwirklich und
+fremdartig davon ab, mir erschien der Anblick zuweilen wie ein Bild aus der
+Märchenwelt von TausendundeineNacht. Panja, lautlos und vorsichtig, brachte
+Tee und Tabak, ich war nicht wenig darüber erstaunt, als ich sah, wie tief
+und feierlich er den Brahminen begrüßte, der durch einen Blick dankte, ohne
+auch nur die Stirn zu neigen.
+
+Es schien dem Gast nach einer Weile in Frage und Antwort doch zu hastig zu
+gehen. Die vornehmen Inder verkehren mit den Europäern in außerordentlich
+gesetzter Weise und haben sich in ihrem Umgang mit den Herren ihres Landes
+daran gewöhnt, das Wort als ein Mittel zu betrachten, um die Gedanken zu
+verbergen. Diese Kunst haben sie gewiß nicht erst in ihren Kämpfen mit den
+mohammedanischen oder englischen Eroberern gelernt, aber sie sind zu oft
+getäuscht worden, um nicht mißtrauisch zu sein, bis zur Verstecktheit. Wie
+ich Mangesche Rao später kennen lernte, lag seiner Natur der Freimut näher
+als die Verstellung, aber zu Beginn unserer Bekanntschaft prüfte er meine
+Äußerungen wieder und wieder darauf hin, was sie hinter ihrem Wortlaut
+bedeuten möchten, oder was darüber hinaus. Das ließ ihn oft zögern oder
+schweigen, und ich erkannte bald, daß mein bestes Mittel, ihn rascher zu
+Vertrauen zu gewinnen, sicherlich eine gewisse Gleichgültigkeit gegen jede
+Vorsicht war. Aber welcher Vorsichtige erwägt nicht, selbst vor der
+arglosen Gebärde einer Preisgabe, die Möglichkeit eines Mittels zu
+verborgenem Zweck? Mangesche Rao wählte geschickt einen Weg, der ihm
+Gelegenheit zu beiläufigem Beobachten und Schweigen gab, er nahm vom
+Nebentisch ein Schachbrett und begann, wie in Gedanken und scheinbar
+unbeteiligt, die Figuren zu ordnen.
+
+Das Spiel, das sich alsbald zwischen uns ergab, war sehr erheiternd für
+mich, aber es dauerte nur kurze Zeit. Der Brahmine sagte mir nach dem
+vierten Zuge, den ich machte, mit höflichem Bedauern mein unvermeidliches
+Geschick voraus und fragte mich, auf welchem Feld des Bretts mein König am
+liebsten seinen Untergang erlebte. Ich gab es an, und der hölzerne Fürst
+rutschte, eine Weile von eigenen und fremden Kriegern bedrängt, wie ein
+gescholtener Kuli hin und her, bis er seine unrühmliche Herrschaft, von
+einem feindlichen Bauern aus dem Hinterhalt überfallen, auf jenem Felde
+aufgab, das ich bestimmt hatte.
+
+»Dem geht es ähnlich unter Ihrem Verstand wie dem englischen Kollektor«,
+sagte ich und lachte.
+
+Ohne Besinnen antwortete mir Mangesche Rao:
+
+»Überschätzen Sie die kleine Arbeit nicht, die dem Beamten zu schaffen
+macht, ich hoffe, das alles einmal wirkungsvoller zu sagen.«
+
+»Also Sie haben es geschrieben und geben es ohne weiteres zu?«
+
+»Was ich unter vier Augen zugebe, kann ich unter sechs ohne Mühe
+widerrufen. Aber glauben Sie, daß mir von einer Regierung Gefahr droht, die
+nicht den Mut hat, unumwunden zu fragen, aus Furcht eine Antwort zu
+erhalten, die sie zu einem Eingriff zwänge? Mich schützt nicht meine
+Geschicklichkeit, sie war zur Hälfte Nachsicht gegen die Persönlichkeit
+dessen, der sie nicht zu übertreffen vermochte; was mich schützt, sind die
+Macht und der Wille der Gleichgesinnten im Reich.«
+
+»So wissen Sie auch, daß ich zuweilen ein Gast des Kollektors war?« fragte
+ich, aufs höchste angeregt.
+
+Mangesche Rao nickte. »Es ist leichter für uns, in Mangalore einen Europäer
+zu beobachten, als umgekehrt. Zu Anfang habe ich den Gedanken erwogen, Sie
+möchten mich im Interesse der englischen Regierung zu sich geladen haben,
+deshalb bin ich gekommen. Aber dieser Gedanke war falsch.«
+
+»Was bürgt Ihnen dafür?«
+
+»Ihr Bemühen, arglos zu erscheinen,« sagte der Brahmine und lächelte, »auf
+diese Art versuchen es nur Leute, die es sind.«
+
+Ich lachte, und da er ernst blieb, fragte ich:
+
+»Und wenn ich nun, Ihrer Meinung zum Trotz, vielleicht nur aus
+gleichgültigem Unterhaltungsbedürfnis, dem Kollektor Ihr Geständnis
+erzählte?«
+
+»Sie würden sich weder Dank erwerben, noch Schaden tun«, meinte der
+Brahmine, ohne ein Anzeichen von besonderem Interesse. »Es ist niemandem
+wichtig, Dinge zum zehnten Mal zu hören, die er weiß.«
+
+Der Tag verlief damit, daß ich Mangesche Rao meine in seinem Lande
+verbrachten Tage von Anfang bis zu Ende erzählte. Ich sprach nicht nur von
+Ereignissen, sondern auch von den Empfindungen, welche mich bewogen hatten,
+sie zu suchen. Er hörte mir mit ruhigen Augen zu, warf hier und da eine
+Frage ein, die mir sein Verständnis erwies und mich zu immer größerem
+Freimut bewegte. So gestand ich ihm endlich auch den Grund ein, aus welchem
+ich ihn gebeten hatte mein Haus aufzusuchen, und seine Freude war nicht
+ohne Stolz, als er mir auf seine vornehme Art versicherte, das Beste seines
+geistigen Eigentums sei so weit das meine, als ich Verlangen danach trüge.
+
+»Ich begreife den Geist, der Sie in die Welt hinaustreibt,« sagte er zum
+Abschied zu mir. »Immer erfaßt bei allen Völkern Einzelne diese
+Rastlosigkeit, sie finden nirgend Ruhe und mischen die Welt. Mit ihnen
+gehen Segen oder Unsegen, und diese entstehen nach dem Maße des Werts
+solcher Menschen. Die Einen treibt ihre ungebändigte Fülle hinaus, die
+Anderen ihre Leere. Die letzteren glauben bereichert zurückzukehren, aber
+sie lassen überall nur Unordnung und Verwirrung zurück, auch bringen sie
+in Wahrheit nichts heim, denn in leeren Köpfen ist am wenigsten Platz. Die
+Reichen aber geben, indem sie suchen, und der Notstand ihrer Wanderung
+gereicht oft denen zum Nutzen, die ihnen begegnen.«
+
+
+
+
+Dreizehntes Kapitel
+
+Das letzte Feuer und der alte Geist
+
+
+Es war damals noch die Zeit des »Prabuddha Bhârata«, des erwachten Indiens.
+Die Ausläufer des großen Geistesstromes hatten weit über das Land hin die
+Gemüter zu neuem Glauben an eine Einigung der Völker unter dem Licht der
+urväterlichen Religion befruchtet. Die Wirkung Brahma-Samajs, der die
+Veden, besonders aber die Upanishads im Sinn eines geklärten Theismus
+auslegte, hatte über die Finsternis des Götzendienstes und Aberglaubens
+hin, den Versuch einer sozialen Reform hervorzurufen, die mit Raghunatha
+Rao einsetzte und sich in eigensinnigen Kämpfen zuerst gegen den
+Kastengeist wandte. Der Name Swâmi Vivekânandas klang wie ein heller
+Weckruf durch das schlafende, unterdrückte Land, aber die schwelende Flamme
+dieser neuen Wahrheit schlug niemals zum vollen Glauben an die Freiheit
+empor.
+
+Es folgten diesen Propheten der Erhebung andere. Die verschiedenen
+Richtungen der Auffassung zerteilten ihre Anhänger zu Parteien, und was im
+Sinn einer Einigung zu einer neubelebten Landesreligion begonnen hatte,
+artete in Parteigezänk aus, und als gar europäische Agitatoren sich der
+großen Sache annahmen, wuchs das Mißtrauen der Menge. Der Gedankenstrom
+geriet hier in buddhistische Geistesbahnen, dort in den Einfluß
+christlicher Ideen, und die englische Politik, sich dessen wohl bewußt, daß
+die Macht ihrer Einigkeit von der Zersplitterung der feindlichen Parteien
+abhing, verwertete die verschiedenen Regungen geschickt zu ihrem Vorteil
+und spielte sie gegeneinander aus.
+
+Dadurch ergab sich naturgemäß, daß die zu Beginn dem Aufbau einer erneuten
+Landeskirche zugedachten Reformen mehr und mehr ein politisches Gepräge
+bekamen, die fanatischsten Anhänger der erneuten Religion sahen in ihr
+bald ein Mittel zur Befreiung des Landes von der englischen Herrschaft, und
+mit diesem Umschwung war das Herz der Sache tödlich verwundet, und ihre
+Kraft versickerte im Vielerlei einer von Tendenz und Leidenschaft erfüllten
+nationalen Bestrebung.
+
+Ich erfuhr von diesen Dingen zum ersten Mal durch den Brahminen Mangesche
+Rao, dessen aufrichtiger Glaube an die Möglichkeit eines geeinten Indiens
+mich hinriß, wie auch sein Haß gegen England, welche beide im Verlauf
+unserer Beziehung immer unverhohlener zutage traten. Ich gewann Mangesche
+Raos Vertrauen in dem Maße, als er an meine Anteilnahme glauben lernte, und
+wenn er auch, mehr einem Prinzip als eben einer Befürchtung folgend, alle
+praktischen Einzelheiten vor mir geheimhielt, so gewann ich doch bald einen
+allgemeinen Einblick in das Interessengebiet des politisch kämpfenden
+Indiens.
+
+Er setzte voraus, daß seine Ideen mir wertvoller waren, als seine Mittel,
+sie zu realisieren, und überließ mir den Schluß vom Gedanken auf die
+Möglichkeiten zur Tat. Die Liebe zu seinem Lande begeisterte mich, seine
+Hoffnung war heiß und jugendlicher Art und stand in einem seltsamen
+Gegensatz zur Gelassenheit und Beherrschung des Wesens, die er zur Schau
+trug. Ich lernte ihn um der glühenden Hingabe willen lieben, in welcher er
+sich einer Sache opferte, deren Bedeutung und Aussichten ich damals nicht
+zu übersehen in der Lage war. Sicher ist, daß ich leicht bei meiner raschen
+Anteilnahme in Dinge hätte verwickelt werden können, die mir verhängnisvoll
+geworden wären.
+
+Aber was der Brahmine aus seiner reichen Welt großer Ideen in einen
+politischen Kampf hinübernahm, hing so eng mit seiner Jugend zusammen, wie
+sein Eifer mit seiner Hoffnung. Im Grunde war er so wenig Politiker, wie
+die Fragen nach Mein und Dein ihn lange in ihrem zänkischen Bereich hätten
+fesseln können. Die priesterliche Tradition seines Stammes, die tief in
+seinem Blute lebte, zog ihn immer wieder in ihre beschauliche Stille
+zurück, und im Grunde lockte die Erkenntnis ihn mächtiger, als der Kampf um
+den äußeren Glanz der Welt.
+
+Die Bekanntschaft und mein immer mehr zunehmender Umgang mit ihm
+veränderten meine Lebensweise und meine Betrachtungsart der Welt, die mich
+umgab. Ich strich nun oft allein und nachdenklich durch den belebten Basar
+und am Dunkel der Tempeleingänge vorüber, deren gelbe Messingplatten am
+alten, von unzähligen Händen und Füßen dunkelpolierten Holz, geheimnisvoll
+aufblinkten, wie die Riegel zu Höhlen voll ungeahnter Wunder. Ich achtete
+mit neuem Verständnis auf die vielerlei Abzeichen auf den Stirnen der
+Inder, die bald mit Ruß oder Asche, bald mit Henna gemalt waren, und
+lernte die Kasten voneinander unterscheiden.
+
+Wenn die Trommeln und Pfeifen und der wahrsagerische Gong im Dämmern der
+Tempelhöfe erklangen, kamen mir die Worte Mangesche Raos über den Sinn der
+einzelnen Zeremonien neu belebt ins Gedächtnis, und gemeinsam mit seiner
+Hoffnung erwachte der Wunsch in mir, der alte Geist möchte sich einst von
+den Schlacken dieser heidnischen Entstellungen zu seiner ehemaligen
+Freiheit erlösen.
+
+Einmal waren wir weit über die Stadt hinaus am Meer dahingeschritten, unter
+der geraden Palmenallee, und ich sah die nackten Hindus, braun im
+Sonnenlicht glänzend, im flachen Wasser fischen, unser Gespräch war bald,
+wie schon so oft, von weltlichen Dingen der Politik auf religiöse Fragen
+gekommen, und vielleicht in der Hoffnung, einmal klar und bestimmt den Sinn
+des Hinduismus zu erfassen, fragte ich Mangesche Rao:
+
+»Was ist das Brahman? Ich höre Gedanken von tiefem Sinn, Weisheit voller
+Schönheiten, Erlösungsgedanken voll hellen Befreiungsglaubens, aber über
+dem Begriff des Brahman selbst schwebt ein mystisches Dunkel.«
+
+Da antwortete mir der Brahmine:
+
+»Das Wesen des Göttlichen kann ein Herz nur empfinden, aber ich will Ihnen
+so antworten, wie die ältesten Priester der Veden es gedeutet haben. Nach
+ihnen ist das Brahman das Licht des Geistes und die Seligkeit ohne Leid.
+Das Brahman ist die Freude, das uranfängliche Wissen, eine unterschiedslose
+Masse von Erkenntnis, aus Seligkeit bestehend, zugängig durch das
+Bewußtsein, mit höchster Einsicht ausgestattet.«
+
+Wie nah lag nach dieser herrlichen Darlegung die Frage nach der
+Möglichkeit, auf die ein Herz dieses Heils teilhaftig werden könnte.
+Mangesche Rao dachte eine Weile nach, dann sagte er:
+
+»Ich will Ihnen eins der Distichen aus dem Atmabodha nennen, das vielleicht
+Ihre Frage nicht so beantwortet, wie sie gestellt ist, das aber die rechte
+Entgegnung auf eine recht gefaßte Frage wäre:
+
+ Der Fromme, der des rechten Wissens kundig,
+ erschaut es mit dem Auge der Erkenntnis,
+ daß in ihm selbst beruht das ganze Weltall,
+ und daß er selbst das Eine ist und alles.
+ Wie eine Eisenkugel, die durchglüht ist
+ vom Feuer, so durchdringt das Brahman
+ das ganze All im Innern und von außen
+ mit seinem Licht, indem es selbst erstrahlt.«
+
+Er sprach leise und feierlich. Mir war, als erinnere sich ein
+tausendjähriges Geisterreich seines versinkenden Lichts, und zum ersten Mal
+überkam mich mit dunkler Gewalt die Trauer um das verlorene Indien. Ich
+begriff in heimlicher Beängstigung die Vergeblichkeit des Kampfes, in
+welchen dieser Mann neben mir, wie in sein Schicksal, verstrickt war, und
+mein Verlangen schwankte unruhig zwischen dem Wert der alten und der neuen
+Welt. Mangesche Rao schien meine Gedanken zu ahnen, denn nach einer Weile
+des Schweigens meinte er in leichterem, fast geschäftigem Tone:
+
+»Es ist niederdrückend, erkennen zu müssen, daß alles, was wir unter großen
+Opfern zur Wohlfahrt des geknechteten Volks errungen haben, immer wieder
+zum Anlaß seines Mißtrauens wird. Als ich mich entschloß, die Hochschule in
+Madras zu besuchen, wurde ich aus der Gemeinschaft meiner Kaste
+ausgestoßen, und als ich mit Erfolg um eine einflußreiche Stellung unter
+den Feinden rang, verlor ich das letzte Zutrauen im engsten Kreis meiner
+Freunde. Und doch haben wir Inder keinen anderen Weg, den Kampf mit England
+aufzunehmen. Heute unterdrückt in Indien noch die politische Macht die
+Freiheit des Geistes, aber es wird bald so weit kommen, daß auch hier, wie
+überall in der Welt, der Geist die Herrschaft antritt. Damit wird Englands
+Niedergang in Indien beginnen. Die Einsichtigen wissen es, und es beginnt
+bereits eine starke Strömung, die uns die eingeräumten Rechte wieder zu
+schmälern sucht, denn England fühlt, wo es uns gewachsen ist und wo nicht.
+Aber wie bitter ist es, in solchem Kampf erfahren zu müssen, daß unsere
+eigenen Landsleute, deren Wohl unsere Mühe gilt, sich gegen uns wenden.«
+
+Ich habe später oft an diese Worte denken müssen, als das Geschick meines
+Freundes sich erfüllt hatte, ich erinnerte mich ihrer, wie einer
+ausgesprochenen Ahnung seines Verhängnisses.
+
+Zwischen den Palmen glitzerte das farbige Meer. Wir kamen an den
+Verbrennungsstätten für die Toten vorüber. Ein Holzstoß war für den
+hereinbrechenden Abend geschichtet, und der Tote lag, mit kunstvoll
+gebrochenen Gliedern, fast rechteckig gefügt, nackt auf dem kleinen
+Scheiterhaufen. Zahllose Aschenstätten umher verrieten die Feiern der
+vergangenen Tage, und plötzlich erinnerte ich mich jenes merkwürdig
+quälenden Brandgeruchs an manchen Abenden. Im Qualm des verbrannten
+Fleisches stiegen die Seelen ins Nirwana empor. Ich sah Mangesche Rao an.
+Hinter dieser ruhigen Stirn brannte die furchtbare Hoffnung, daß bald der
+Aufstand durch die Gassen heulen würde.
+
+Ein aussätziger Bettler kroch auf allen Vieren über den roten Weg auf uns
+zu, er hatte sich im Dickicht verborgen gehalten, um den Steinen seiner
+Verfolger zu entgehen, nun bellte er heiser und drehte den Kopf mit den
+zerstörten Wangen, wie vom Irrsinn seiner Qual genarrt. Am Strand hatten
+die Raben sich gesammelt, ihr Geschrei beunruhigte die sonnentrunkene
+Stille. Ich sah fort, als ich den von allem Fleisch entblößten Brustkorb
+eines Menschen erkannte.
+
+»Die Pest und die Blattern haben ihren Einzug gehalten«, sagte Mangesche
+Rao. Er sprach auf dem Rückweg kein Wort mehr. Vielleicht war ihm, wie auch
+mir, bedrohlich durch den Sinn gezogen, wie vielerlei Feinde sein Land
+belagerten und zersetzten, Feinde, gegen die kein Kampf von Nutzen war. Es
+waren jene Opfer des Lebendigen, die sich mit dem Alter und der Müdigkeit
+eines Volkes einstellen, der Verfall der Sitte, das Laster, das Elend und
+die schleichenden Seuchen. --
+
+ * * * * *
+
+Panja hielt es immer noch für nötig, mich zu warnen, und vom Standpunkt
+seiner Betrachtungsweise hatte er recht. Ich beruhigte ihn nach Kräften,
+obgleich seine Besorgnisse in diesem Fall eher seiner Eifersucht, als
+seiner Fürsorge entstammen mochten.
+
+»Die Engländer fürchten meinen Freund, Panja. Das Schlimmste, was ihm
+geschehen kann, wird seine Verbannung sein, und wenn auch mich dies Unheil
+träfe, so käme es nur mit meinen Absichten zusammen, und wir führen
+vielleicht auf Staatskosten nach Bombay statt auf eigene.«
+
+Panja wandte sich ohne Erregung, fast traurig ab.
+
+»Du kennst das Land nicht, Herr. Wer spricht von einer Gefahr, die dir oder
+dem Brahminen von England drohen könnte? Weißt du nicht, daß Mangesche Rao
+unter den Priestern seiner Kaste so verhaßt ist, wie die Hyäne unter den
+Schakalen? Ihre Waffen ersticken den Schrei im Halse, unter dem
+Palmendickicht ist Finsternis, in die kein Richter schaut. Man sagt von der
+Kobra, daß man sie erst erblickt, nachdem der Tod einem die Augen geöffnet
+hat, und die Kaste dieser Priesterlichen nennt diese Schlange heilig.«
+
+»Was meinst du denn, Panja?«
+
+Ich fragte angeregt, denn wenn dieser merkwürdige und kindliche Freund
+meiner indischen Tage nicht in Eifer geriet, so war ihm sicherlich zu
+glauben. Ich wußte längst, daß sein anfänglicher Haß gegen Mangesche Rao
+sich in heimliche Neigung verkehrt hatte, eine Wandlung, die seine
+Eifersucht nicht ausschloß, die mich aber aufmerksamer auf seine
+Besorgnisse machte.
+
+»Ich weiß es nicht,« antwortete er, »warum aber begibst du dich in Gefahr?
+Wer würde dich schützen? Einem Engländer darfst du nur so lange trauen, wie
+du ihm Vorteile bietest, und wenn du mit seinen Feinden umgehst, kann er
+dich nicht für seinen Freund halten. Mangesche Rao steht in der Mitte, die
+keinen Halt gewährt, sowohl die Priester als auch die Regierung halten ihn
+für einen Verräter, denn im Kampf um das Land schaut niemand eines Menschen
+Herz an, wie du es tust.«
+
+»Panja, die Freuden des Daseins, welche sich allen ohne Gefahr bieten, sind
+mir gleichgültig. Was ich empfange, ist meinen geringen Einsatz wert.«
+
+»Ich spreche nicht so, weil ich dich verlassen will«, antwortete Panja
+einfach. Ich hatte ihn lange nicht mehr so ernst gesehen, und nachdenklich
+erwog ich meine Lage.
+
+ * * * * *
+
+Mangesche Rao kam in den letzten Wochen seltener. Es lag eine aufreibende
+Spannung in der Luft, die um so drückender wirkte, als sich ihre Ursache
+beharrlich verbarg, aber die Stimmung meines neuen Freundes schlug in
+Stunden unseres Beisammenseins oft in heitere Unbefangenheit um. Er vergaß
+über unseren vielerlei Gesprächen die verantwortungsvollen Lasten, die
+seine freiwillige Pflicht ihm auflud. Eines Abends brachte sein Diener, der
+ihn begleitete, das Fell eines siamesischen Panthers mit, das mir Mangesche
+Rao zum Geschenk machte. Er wollte, daß ich ein Andenken von ihm annehmen
+sollte, und mir war für einen Augenblick, als handelte es sich um einen
+Abschied. Meine Augen ruhten den Abend hindurch oft auf dem tiefen Schwarz
+des herrlichen Fells, mit tausend Erinnerungen an die Wildnis stieg der
+Gedanke an die Nacht in meiner Seele empor, an die Nacht Indiens und an die
+Herrschaft des Tiers.
+
+An jenem Abend, wir hatten uns zur Nachtstunde auf die Veranda begeben, kam
+unser Gespräch auf die Weltliteratur und ihre größten Vertreter. Eine
+bewegte Wolke geflügelten Nachtvolks sammelte sich im Schein der Lampe, und
+bald sah die Tischplatte wie ein Schlachtfeld nach einem wilden Treffen
+aus. Die geheimnisvolle Nacht erklang im tropischen Liebesfieber ihrer
+unzähligen Geschöpfe, und der Mond glitzerte weiß in den blanken Blättern.
+
+Es berührte mich seltsam genug, daß Goethes Name, durch Meere und Welten
+von seiner deutschen Heimat getrennt, so selbstverständlich erklang, als
+sei er längst geistiges Eigentum der ganzen bewohnten Erde. Die Meinung des
+Brahminen über das große Werk seines Lebens, die er meiner jugendlichen
+Begeisterung entgegenhielt, war eigenartig genug, um mir für immer in
+Erinnerung zu bleiben.
+
+»Goethe,« sagte Mangesche Rao, »ist so sehr der Erzieher des deutschen
+Volks in Gesinnung und Anspruch geworden, daß es Ihren Landsleuten sehr
+schwer fallen muß, seine Bedeutung über die pädagogische Einwirkung hinaus
+gerecht einzuschätzen, da die meisten wie mit seinen Augen auf ihn blicken,
+und die überragende Autorität seiner Erscheinung knüpft an keine Tradition
+an, die einen Maßstab bieten könnte. Zuletzt wird er, wie alle Großen, nach
+dem Umfang seiner Gestaltungskraft eingereiht werden, und in dieser
+Hinsicht erscheint uns Friedrich Schiller als der größere Meister.«
+
+Wir kamen auf Dante zu sprechen, dessen hohen, sittlichen Anspruch er pries
+und den er über alles liebte, auf Shakespeare und endlich auf Kalidasa,
+dessen Sakuntala er weit über alles stellte, was der große Engländer jemals
+empfunden, gedacht und gestaltet hat.
+
+Die Art seiner Betrachtungsweise und die Ansprüche in seinen Begründungen
+gaben mir ein merkwürdig neues und allgemeines Bild. Ich mußte mit
+heimlichem Lächeln an alle die »Großen« denken, welche die Generation
+unserer Väter, und mit ihr wir selbst in unserer Jugend, so bereitwillig
+neben bedeutsame Geister gestellt haben.
+
+Panja war am anderen Tage sehr glücklich, als ich ihm mitteilte, daß ich
+mit Mangesche Rao eine Reise ins Land verabredet hatte, an der auch er
+teilnehmen sollte, und die einige Tage währen und uns in die Nähe von
+Barkur und zu den Wasserfällen des Shita führen würde.
+
+ * * * * *
+
+Ich saß mit Mangesche Rao am Feuer, am Rand des Urwalds in der unendlichen
+Nacht. Die Steppe klagte, und ihre Stimmen bewegten mein Gemüt zu Begierde
+und Trauer. Ich habe die Sterne selten wieder so hell gesehen, wie in
+dieser denkwürdigen Nacht, die mir um vieler Gedanken willen, die der
+schweigsame Mann aussprach, unvergeßlich geblieben ist. Panja schlief
+damals schon im Zelt, was er eigentlich stets tat, wenn er sich für
+abkömmlich hielt, und aus dem Schattendunkel des Dschungelwalds erklang in
+der Nähe unseres Feuers das Grasraufen der weidenden Ochsen und das
+Schnauben ihrer Nüstern am Boden. Der Mond war noch nicht aufgegangen; aber
+es war hell in der Weite, unter den Sternen.
+
+Mangesche Rao hatte nach der Abendmahlzeit schweigend die selbstgerollte
+Zigarette durch die hohle Hand geraucht, und wir hätten uns gewiß in dieser
+Nacht, wie in so mancher anderen, ohne viel Worte zur Ruhe gelegt, wenn uns
+nicht ein eigenartiger Vorfall aufgeschreckt hätte. Einer der grasenden
+Ochsen, der sein Geschirr noch zum Teil trug, begann plötzlich sich auf
+eigentümliche Art zu schütteln. Mir erschien dies Geräusch erst dadurch
+ungewöhnlich, daß Mangesche Rao plötzlich rasch hintereinander zwei Hände
+voll Reisig auf das Feuer warf, so daß eine hohe Flammensäule in die Nacht
+emporstieg, unter deren Schein die blaue Weltweite für kurze Zeit in
+Finsternis zu versinken schien und die nähere Umgebung aufleuchtete wie ein
+rotes Gemach. Er stand auf und schritt vorsichtig auf das Tier zu, die
+hängende Büchse, am Lauf gefaßt, wie er es stets tat, lauernd hinter sich
+herziehend, und ich folgte ihm mit der meinen. Es gibt wenig Gefahren in
+Indien, die man deutlich nahen sieht und denen man ruhig entgegentreten
+kann, dieses Abwartende und gebärdelos Hereinbrechende eines Verhängnisses
+macht einen Teil des großen Grauens aus, das niemanden in der indischen
+Wildnis verläßt, dessen Sinne diesen Ahnungen erschlossen sind. Wie wenig
+das einzelne Ereignis, das mein Leben oder das meiner Freunde gefährdet
+hat, es im Grunde war, das mich erschütterte, sondern wie vielmehr es die
+Ungewißheit seiner unfaßbaren Annäherung war, geht mir daraus hervor, daß
+heute noch eine Palmengruppe oder der schwüle Luftzug eines Treibhauses
+mich aufs tiefste entsetzen können. Mit der gefiederten Gestalt des harten
+Grüns eines Palmblattes ist mir dauernd eine Ahnung des Todes verknüpft,
+während ich den Bewegungen einer Schlange ohne andere Ergriffenheit
+zuzuschauen vermag, als in der, welche ihre Schönheit und Eigenart
+auslösen. Nach einer Begegnung mit einem mohammedanischen Hindu in einer
+engen Gasse von Bombay, der einen Schuß auf mich abfeuerte, ist mir weder
+vor den Männern seines Volkes noch vor einer Schußwaffe auch nur ein
+Schatten von Besorgnis verblieben, aber noch jahrelang hat mich der kaum
+hörbare Klang nackter Füße auf einem Steinboden entsetzt. Ich erinnere mich
+von diesem Geschehnis kaum an etwas empfindsamer, als an dieses dumpfe,
+leise »Tapp-Tapp«, mit dem es hinter mir begann.
+
+Und so hätte auch in dieser Nacht am Steppenrand die Gewißheit, daß etwa
+ein Panther unser Lager umschliche, mich nicht so erregen können, wie die
+zweiflerische Vorstellung bald von etwas Nichtigem, bald von
+Ungeheuerlichem. Mag es ein jeder nennen, wie er will, wir fanden unseren
+Ochsen in einem seltsamen Erstarrungskrampf, er zitterte so heftig, daß
+sein Geschirr unaufhörlich klirrte, und war nicht zu bewegen, in die Nähe
+des Feuers zu gehen, in dessen Schein wir nach der Ursache seiner Plage
+hätten forschen können. Plötzlich sagte Mangesche Rao zu mir, daß ich
+stillstehen und keinen Fuß rühren solle, aber ich kam nicht zur Befolgung
+seines Ratschlags, weil das gewaltige Tier lautlos umsank und am Boden in
+furchtbaren Verrenkungen und unter keuchendem Schnauben verendete. Das
+Feuer war wieder auf ein bescheidenes Flämmchen zurückgebrannt, und ich sah
+den weißen Koloß des toten Tiers im Sternenlicht im Gras liegen und hinter
+ihm die unendliche Weite des blauen Steppenlandes.
+
+Der Brahmine schien die Ursache dieses plötzlichen Todes zu wissen, denn er
+suchte mit Aufmerksamkeit und bewußt wie nach der Bestätigung einer
+feststehenden Annahme. Endlich brannte er einen größeren Span am Lagerfeuer
+an und zeigte mir im Licht der rauchenden Flamme ein winziges, dunkel
+umrandetes Löchlein am Maul des verendeten Tiers.
+
+»Hier ist die Ursache,« sagte er langsam in einer Wichtigkeit, die nichts
+als Ergriffenheit war, »es ist der Stich der Kobra. Ich glaube, daß das
+grasende Tier die Schlange im Gras aufgestört hat.«
+
+Es faßte mich ein Schauer, dessen nachhaltige Einwirkung ich damals kaum
+recht zu begreifen vermochte, aber ob hier ein Mensch oder ein Tier dem
+Gift erlegen war, schien mir angesichts des verdorbenen Lebens zu meinen
+Füßen ohne entscheidende Bedeutung. Mich erfaßte die Ehrfurcht vor der
+Kobra aufs neue, und das Angesicht Mangesche Raos spiegelte in seinem Ernst
+diese Ehrfurcht wieder, wie eine uralte Erinnerung seines Geschlechts an
+eine erhabene Gottheit, die keine Aufklärung hatte beeinträchtigen können.
+
+Durch dieses Erlebnis mag es gekommen sein, daß unser Gespräch
+vorübergehend den Gedanken und Begriff des Todes streifte, und was mir
+daraus unauslöschlich im Gedächtnis geblieben ist, will ich erzählen. Nach
+einer Weile saßen wir wieder am Feuer, das in dieser Nacht nicht mehr
+erlosch. Eine seltsame Ruhlosigkeit war über den gelassenen Mann gekommen,
+es stimmte mich wehmütig, ihn im inneren Kampf zwischen seinen klugen
+Gedanken und der seinem Blute innewohnenden Tradition der Weltbetrachtung
+seiner Priesterkaste zu wissen. Noch heute sehe ich seine aufrechtsitzende
+Gestalt so deutlich vor mir, wie keine Worte sie dem Bewußtsein eines
+anderen zuzutragen vermögen, den rot beschienenen Seidenturban über der
+Stirn und den bedächtigen Augen, seine schmalen, fast zierlichen Schultern
+und den gesenkten Kopf, der beim Sprechen eine Haltung einnahm, als suchten
+die Augen die Gedanken von den Händen zu lesen, die auf den Knien ruhten.
+Zuweilen hob er eine der mageren hellbraunen Hände, wenn es ihm galt, einem
+Wort besonderes Gewicht zu verschaffen. Ich habe niemals im Leben wieder
+mit einem Menschen im Eifer und mit Leidenschaft über wichtige Fragen
+unserer Seele gesprochen, der mit so viel Gelassenheit und so feinem
+Anstand sein Gegenüber ausreden ließ. Einmal sagte er mir: »Sie müssen
+einem Gegner Ihrer Betrachtungsart sein Amt nicht dadurch erleichtern, daß
+Sie ihn unterbrechen, dadurch nehmen Sie ihm oft die Gelegenheit, zu
+erweisen, wie wenig er zu sagen hat.« Überhaupt war sein Spott von
+merkwürdiger Umständlichkeit der Darbietung, und seine schärfsten Bosheiten
+sagte er freundlich. Er genoß niemals den Triumph seiner Überlegenheit
+sichtbar und sprach am eifrigsten, wenn sein Gegner eine Niederlage zu
+verwinden hatte. Wahrhaft empfindlich aber konnte seine Art zu schweigen
+auf Gemüter wirken, die empfanden, daß er damit darauf verzichtete, zu
+überzeugen, und weshalb.
+
+In Mangalore besuchte ich ihn eines Tages, als er vor seinem Hause auf dem
+Lehmboden im Palmschatten mit einem Pater der Jesuitenniederlassung Schach
+spielte. Gewiß unterhielt er sich dadurch, daß er spielte, aber er gewann
+nach der Meinung seines Partners zugleich dadurch, daß er sich unterhielt.
+Als der Pater ihm vorwarf, daß er ein Gespräch führte, um ihn abzulenken,
+wurde eine neue Partie ausgemacht, unter der Bedingung, daß während des
+Spiels kein Wort fallen sollte. Der Ordensbruder konnte sich, in etlichem
+Verdruß nach seiner Niederlage, nicht enthalten, hinzuzufügen: »Wenn es
+Ihnen möglich ist, so lange zu schweigen.«
+
+Mangesche Rao antwortete nicht, sondern ordnete die Figuren. Nach wenigen
+Zügen verlor sein Gegner die Dame und gab das Spiel auf, worauf Mangesche
+Rao bescheiden sagte: »Ich habe sie nur genommen, weil es unhöflich gewesen
+wäre, in Gegenwart einer Dame so lange zu schweigen.« --
+
+In jener Nacht nun sprach ich vom Tode, anfänglich im leichtfertigen
+Übereifer meiner Ergriffenheit und bewegt von der romantischen
+Betrachtungsart meiner Jugend. Mangesche Rao hörte mir zu und sagte
+endlich:
+
+»Hören Sie die hungernden Hyänen in der Steppe heulen?«
+
+Ich gab es ihm, ein wenig ernüchtert, zu, und er meinte, ohne
+Nachdenklichkeit, die nur diejenigen zur Schau tragen, die ihren Gedanken
+nicht trauen: »Welch einen Festtag hat der Tod den Hyänen beschert. Sie
+finden das tote Tier, wenn wir unsern Lagerplatz verlassen haben, um
+weiterzuziehen.« Und er fuhr fort: »Ich habe den Tod verstehen gelernt, als
+ich als Jüngling an einem Tag im Sommer vor das Stadttor ging, von
+unliebsamen Gedanken gepeinigt und die Bedrängnisse einer tödlichen
+Krankheit im Blut. Ich durchschritt mühsam, mich im Fieber dahinschleppend,
+ein Trümmerfeld im Steppengras, das von der Sonne so trocken war, daß es
+knisterte. Da überraschte mich ein sonderbares Blinken zwischen den
+Steinquadern im Sonnenlicht, und ich traute meinen Augen kaum, als ich eine
+funkelnde Schlange im Sande liegen sah. Die Hitze flimmerte über den
+herrlichen Farben ihrer Haut, die vom zornigen Blitzen des Diamanten bis
+zum stillen Glühen der Rubinen alle Farben des gebrochenen Sonnenstrahls zu
+enthalten schien. Die Pracht und Lebensfülle dieses blendenden Anblicks
+entzückte mich in so hohem Maße, daß ich begierig einen Schritt nähertrat.
+Aber da geschah ein erregtes Brausen, die leuchtende Schönheit des sanft
+geringelten Körpers zu meinen Füßen erhob sich als eine bunte Schar
+beflügelter Insekten in das warme Licht der Luft empor, und vor mir lagen
+die verwesenden Überreste einer kleinen Steppenschlange, in denen ich die
+zarten Rippen zwischen der zerfressenen grauen Haut deutlich unterschied,
+und der süßliche und widerwärtige Hauch der Zersetzung strömte mir
+entgegen.«
+
+Das Lagerfeuer zwischen uns züngelte in matten Flämmchen in den irdischen
+Saal der Sterne ins Blau empor, und ich fühlte mein Herz unter dem Wunder
+erzittern, in welchem es zu begreifen scheint, ohne daß die Gedanken seiner
+herrlichen Freiheit folgen können.
+
+»Ich fühle die Wahrheit, die in diesem Gleichnis liegt, wie Sie sie damals
+empfunden haben mögen,« sagte ich, »aber ich vermag so wenig wie zuvor
+meine Gedanken über den Tod zu einer Gewißheit der Erkenntnis zu ordnen.«
+
+»Es war jener letzte Schritt auf die Schlange zu, den Sie mit Ihrer
+Gewißheit meinen«, sagte der Brahmine. »Wenn Sie mir sagen können, wo das
+Leben aufhört, und wo der Tod beginnt, so will ich Ihnen den Tod erklären.
+Wollen Sie bei den Pflanzen nach dieser Grenze suchen, bei den Menschen,
+bei den Steinen oder bei den Tieren? Ich sehe die Erneuerung aller
+hinfälligen Gestalt in der Natur, wohin ich blicke. Bis zur Bildung der
+Kristalle im Gestein erblicke ich Leben und in der mathematischen Ordnung
+solcher Erstarrung, die sowohl gedankenvoll zu sein scheint, als sie schön
+ist, glaube ich die Gesetze zu erkennen, nach denen ich atme, mich bewege
+oder Lust und Sorge erleide. Tod ist eine vage Annahme, die unsere Sinne um
+der Beschränkung ihrer Zeitbegriffe willen aufzustellen genötigt sind. Und
+was unsere Bewußtheit betrifft, so liegt ihr der Glaube an den Tod um so
+ferner, je eingeschlossener in die Allgemeinheit alles Lebendigen wir uns
+sehen oder fühlen. Und doch ist es mit dem Tode wie mit der Wahrheit, sie
+lassen sich sicherer empfinden als jedes andere Element der lebendigen
+Seele, aber sie lassen sich nicht erklären. Es wird immer zwei Arten von
+Menschen geben, die einen nehmen den Tod als Pflicht des eigenen Wesens,
+die anderen als die Willkür einer fremden Macht. Eure Kirche lehrt den Tod
+als Sold der Schuld, aber euer Gott starb ihn als freie Pflicht.«
+
+»So rechnen Sie Christus den Ihren zu?« fragte ich. »Sie glauben seine
+Lebensweise und sein Gedankenreich der Ideenwelt Ihrer Gottheit einreihen
+zu können?«
+
+Mangesche Rao antwortete mir:
+
+»Ich vermag es so weit, als der Sinn aller irdischen Religionen, oder
+besser, die Religiosität aller Irdischen, aus einer gleichen Quelle des
+Anspruchs und der Hoffnung fließt, nicht aber so weit, als es die Lehre
+unserer Kirchen betrifft. Die Gedanken Christi sind größer als unsere
+Gedanken und führen weiter. Es ist viel über die Unterschiede und über die
+Ähnlichkeiten der christlichen Religion und der Religion unseres Volkes
+nachgedacht worden, aber die meisten Vergleiche sind deshalb bedeutungslos,
+weil es schwerhält, zwei Erscheinungen erfolgreich miteinander zu
+vergleichen, die im Wesen voneinander verschieden sind, denn das Brahman
+ist Philosophie, aber die Weisheit Christi ist praktische Lehre. Menschen,
+welche das Wesentliche der Erscheinungen schwer festzustellen und
+nachzuempfinden vermögen, lieben es besonders von unwesentlichen
+Begleiterscheinungen aus zu vergleichen und gegen einander abzuschätzen. In
+den meisten Fällen liegt solchen Bemühungen keine andere Absicht zugrunde,
+als die, den einen Wert auf Kosten des anderen herabzusetzen. So hart
+solche Behauptung klingen mag, so wenig werde ich sie einschränken, denn es
+ist den meisten Menschen, die Begreifen über Empfinden setzen, oder
+Verstehen über Glauben, eigentümlich, daß sie auch Verkleinern über
+Vergrößern setzen. So erscheint es mir auch gleichgültig, ob etwa Christus
+die Weisheit der Alten gekannt hat oder nicht. Große Gedanken sind niemals
+jung, so wenig, wie sie alt werden, und sie gleichen einander im Wesen, wie
+die höchsten Spitzen der Berge im Schnee einander ähnlich sind. Je
+niedriger das Auge sucht, um so mehr Unterschiede wird es finden; der Pöbel
+ist am buntesten und nur im Elend einig. Aber das Ziel ist, in der Freude
+einig zu sein.«
+
+Ich war über diese Worte sehr überrascht und beglückt. Weniger in der
+Absicht, zu widersprechen, als vielmehr in dem lebhaften Wunsche, die
+Betrachtungsweise Mangesche Raos um so besser zu erfahren, sagte ich:
+
+»Aber wie furchtbar ist die Wirkung der Lehre Christi auf das
+Menschengeschlecht gewesen. Sollte man nicht mehr als an jedem anderen
+Bekenntnis am Christentum verzweifeln, wenn man seine blutige Einwirkung
+auf die Geschicke der Völker übersieht?«
+
+»Wer übersieht diese Wirkung denn?« fragte Mangesche Rao. »Was Sie als
+Resultat dieser Lehre hinstellen, erscheint uns wie ihr erster Beginn. Ich
+möchte das furchtbare und blutige Ringen der Menschen um den Sinn des
+Christentums eher die Geburtswehen dieser Lehre als ihr Resultat nennen.
+Diese Lehre ist sehr jung und noch kaum recht verbreitet. Ist man nicht
+ohne Mühe befähigt, sogar noch ihren äußeren Weg auf der Landkarte
+nachzuzeichnen, wie sie von Asien über Griechenland und Rom in das Herz
+Europas einzog, als wäre sie diesen Weg erst gestern gegangen? Und der Teil
+der Erde, welcher ihre Bekenner trägt, ist nicht größer, als daß wir ihn
+mit der Masse des Himalaja mit seinen Menschen, Städten und Kirchen
+verschütten könnten. Wenn die Zeit von Christi Hinscheiden bis heute noch
+dreimal vergangen ist, wird sein großer Geist sich aus dem engen Mantel der
+Kirche geschält haben und weit mehr zum Element der Geister geworden sein.«
+
+Die Sonne ging über der Steppe auf, es schien, als würde sie aus Gründen
+ewiger Gluten emporgeschleudert, und begann ihren Weg über das Erdreich zum
+ungezählten Male, in unfaßbarem Triumph einer jauchzenden Herrschsucht. Das
+Geschrei der Tiere im Urwald erklang ohrenbetäubend und das lärmende
+Erwachen der Natur vertrieb den letzten Gedanken an Schlaf aus meinem Blut.
+Ich trennte mich von meinem Gefährten, nahm die Büchse und ging in die
+Steppe hinaus, den dampfenden, tobenden Dschungel hinter mir lassend. Und
+in den Flammen, die läuternd emporsteigen, wenn die Jugend und der Morgen
+einander begegnen, kamen mir die Worte Christi in den Sinn: »Solchen
+Glauben habe ich in Israel nicht gefunden.«
+
+
+
+
+Vierzehntes Kapitel
+
+Der Heimat zu
+
+
+Wir waren kaum einige Tage wieder in Mangalore angelangt, als eine
+Nachricht die Stadt durchlief, die die Gemüter in hohem Maße bewegte. Es
+war über Nacht eine Abteilung englischer Soldaten angelangt, angeblich
+verschlagen auf einer Felddienstübung, bei einer Inspektionsreise durch die
+Provinz, wie sie zuweilen unternommen werden. Aber niemand schenkte dieser
+arglosen Auslegung Glauben, die widersprechendsten Gerüchte durchflogen die
+Stadt, und man sah überall in der Basarstraße und auf den Plätzen
+Gleichgesinnte in feierlichen Gruppen versammelt. Nur der Straßenpöbel
+trollte unbekümmert um Rechte und Pflichten einer gleichgültigen Regierung
+seine gewohnten Straßen, und die Händler versprachen sich gute Tage, als
+die leuchtend roten Jacken der Soldaten im bunten Bild des Basarlebens
+auftauchten.
+
+Sie schritten, wie es damals Vorschrift war immer zu vieren, gemächlich
+dahin, bestaunten die unverstandenen Eigentümlichkeiten der fremden Stadt,
+hielten sich hier ein wenig auf, amüsierten sich dort auf ungezwungene
+Weise und erweckten im allgemeinen den Anschein von Arglosigkeit, so daß
+ich den heimlichen Befürchtungen und mancherlei törichten Gerüchten wenig
+Achtung schenkte.
+
+Mangesche Rao ließ sich nicht bei mir sehen. Ich war nicht wenig erstaunt,
+als ich ihn nach einigen Tagen im Wagen des englischen Oberst erblickte, zu
+seiner Linken aber Seite an Seite mit ihm, die ruhigen Züge ohne jedes
+Zeichen einer Beteiligtheit oder auch nur einer Bewegung unter dem gelben
+Seidenturban, den ich so gut kannte. Der englische Offizier sprach lebhaft
+und gestikulierte eher vergnügt als erregt, alles erweckte deutlich den
+Anschein einer gelegentlichen Begegnung. Ich ritt an seinem Wagen vorüber,
+er erwiderte meinen Gruß gemessen.
+
+Aber seltsam, seit diesem Zusammentreffen war es um meine Ruhe geschehen,
+obgleich bei vernünftigen Erwägungen gerade das Gegenteil hätte der Fall
+sein müssen. Aber ganz abgesehen davon, daß kein Land sich weniger als
+Indien dazu eignet, eine politische Macht in energischer Offenheit und
+schneidiger Entschiedenheit zu dokumentieren, war dieser fast freundliche
+englische Besuch mir plötzlich verdächtig und um so gefährlicher
+erschienen, je mehr er sein Ansehen und seine Bedeutung zu verbergen
+trachtete. Nichts erweckt in tiefer Beunruhigung stärker das Gefühl der
+Unsicherheit, als dies leise schleichende Indien. Plötzlich war mir, als
+gingen alle Wesen und Menschen in falschen Gesichtern umher, ich mißtraute
+bald dem Brahminen, den ich liebte, bald Panja, bald meinen eigenen Sinnen,
+es verlangte mich danach, aus den Verwicklungen einer Interessenwelt
+entlassen zu werden, die ich nicht übersah, weil es mir an Hingabe fehlte,
+und in die ich doch eingeschlossen war, weil meine Liebe zu Mangesche Rao
+mich fesselte. Und so begrüßte ich die seltsame Gelegenheit, mich
+beteiligen zu können, die sich mir kurz darauf eröffnete, mit großer Freude
+und erachtete die Gefahr um der Befreitheit willen gering, die sich
+einstellte, wie mit einem Entschluß nach langem Zweifel.
+
+So viel erschien mir nach den letzten Erfahrungen sicher, daß der Brahmine
+weit höher eingeschätzt und viel ernster genommen wurde, als er selbst es
+mir oder andern jemals zu erkennen gegeben hatte. Diese Erfahrung erfüllte
+mich mit Bewunderung und heimlichem Stolz, und solche Empfindungen mögen
+viel dazu beigetragen haben, daß ich in fast gedankenloser Bereitwilligkeit
+auf seinen Wunsch einging, den ersten und einzigen, den er jemals vor mir
+ausgesprochen hat.
+
+Es war in einer mondlosen Nacht gegen zwei Uhr, als Panja mich durch sein
+vorsichtiges Räuspern neben meinem Bett weckte. Er hatte immer noch die
+alte zurückhaltende Art der Ankündigung und war besonders zartfühlend, wenn
+er mich aus dem Schlafe rief, denn er wußte, daß dieser Vorgang, mehr als
+alle andern, das Heer meiner schlechten Eigenschaften entfesselte. Es war
+so dunkel, daß ich nur das finstere Dreieck im helleren, zurückgeschlagenen
+Moskitovorhang unterschied. Ich erkannte niemand.
+
+»Mach' Licht!« rief ich, da ich Panjas Gegenwart vermutete. »Weshalb kommst
+du?«
+
+»Es soll kein Licht gemacht werden, Sahib, steh auf, ein Fremder ist da,
+der dich sprechen will, er sagt, der Brahmine Mangesche Rao schicke ihn.«
+
+Es war Mangesche Rao selbst. Panja hatte mir geraten, auf keinen Fall zur
+Nacht einen Besuch zu empfangen, der forderte, daß kein Licht angezündet
+würde, aber ich dachte mir, schließlich sieht mein Gegner auch nicht viel
+mehr von mir, als ich von ihm, und der Name meines Freundes machte mich
+gefügig. Der Brahmine war seltsam durch eine ungewohnte Kleidung entstellt,
+ich schickte auf seinen Wunsch Panja hinaus.
+
+Wir saßen uns gegenüber, ein matter Schein von den Sternen beleuchtete das
+Bereich der Fenster spärlich, ich glaubte nun, da ich Mangesche Raos
+Gesicht zu unterscheiden vermochte, zu erkennen, daß es schmaler und bleich
+war, aber es mochte vom unsicheren Nachtlicht herrühren. Mir schien, als
+ränge er innerlich mit dem Entschluß zu einem Bekenntnis, einem Wunsch,
+über die Mühe der zurückliegenden Tage ein Wort der Klage zu äußern, aber
+es geschah von alledem nichts. Er sagte nach einer Weile des Schweigens, in
+der ich Gelegenheit hatte, die merkwürdige Entstellung zu betrachten, die
+seine nächtliche Kleidung herbeiführte, ruhig und unmittelbar:
+
+»Morgen werden die Soldaten der Regierung in Ihrem Hause nach Dokumenten
+einer Verschwörung suchen, die über das ganze Land hin verbreitet sein
+soll, und deren Anhänger sie auch in Mangalore vermutet. Ich stehe, wie Sie
+wissen, im Verdacht, ein Gesinnungsgefährte der Unzufriedenen zu sein, und
+da ich oft in Ihrem Hause ein und aus gegangen bin, bringt man Ihre Person
+in Beziehung zu meinen Interessen.«
+
+»Eine Verschwörung?« fragte ich erschrocken.
+
+Mangesche Rao wartete, ob ich noch etwas hinzufügen würde, aber mir fiel im
+Augenblick nichts ein, diese nächtliche Begegnung, die Aussichten für den
+nächsten Tag und jene Enthüllung nun verwirrten mich in gleichem Maße, wie
+sie mich anregten. Wie anders die Dinge vor der Entscheidung als in
+romantischer Entfernung aussahen.
+
+»Verschwörungen gibt es hierzulande beinahe täglich«, sagte Mangesche Rao
+langsam, und als dächte er an andere Dinge. »Sie werden entdeckt und
+vereitelt; und wenn sie nicht entdeckt werden, so brechen sie deshalb auch
+noch nicht aus. Die englischen Beamten brauchen Unterhaltung und ein Feld
+für ihren Eifer. Uns geht es ähnlich.«
+
+Er wandte sich ab wie in heimlichen Zweifeln und sah mit einem traurigen
+Ausdruck in die dämmerige Nacht hinaus. Man hörte die Grillen feilen, ein
+paar Sterne hingen wie Funken im Gefieder der Papayakronen.
+
+»Leider habe ich ein gutes Gewissen«, sagte ich. Seltsamer und fremder war
+mir dies Land nie erschienen. Ich kannte die zurückhaltende Art des
+Brahminen genügsam, um zu wissen, daß er weit mehr verbarg, als er erkennen
+ließ, auch hätten keine Worte mich so entscheidend von der Wichtigkeit
+seiner Angelegenheit und vom Stand der Dinge überzeugen können, als sein
+nächtlicher Besuch es tat.
+
+Es waren an diesem Tage noch kurze Regenschauer gefallen, es drang kühl
+durch die Stäbe der offenen Fenster zu uns herein und zog mit Duft und
+feinem Klingen bis in die dunklen Ecken des Zimmers. Mir war, als träumte
+ich.
+
+»Was kann ich tun?« fragte ich.
+
+Mangesche Rao öffnete sein Gewand über der Brust und entnahm ihm einige
+verschnürte Päckchen, die Papiere zu enthalten schienen oder Briefe, ich
+sah es undeutlich, jedoch war die Verpackung derart, daß man leicht auf
+solcherlei Dinge schließen konnte.
+
+»Wollen Sie diese Schriftstücke in Ihrem Hause verbergen?« fragte er
+gleichmütig.
+
+Ich bejahte seine Frage ohne Besinnen, im Augenblick nur in schnellen
+Erwägungen damit beschäftigt, welcher Ort meiner Wohnung oder meines
+Gartens am geeignetsten sein möchte. Es kam mir keinen Augenblick in den
+Sinn, daß es in Mangalore Verstecke genug für eine Handvoll verdächtiger
+Papiere geben mußte, und der Gedanke, etwa mißbraucht zu werden, lag mir so
+fern, wie ich tief durchdrungen war vom Charakter und Wert des Mannes, der
+mich bat.
+
+Später habe ich oft daran denken müssen, welche Empfindungen in der Seele
+eines jungen Menschen Entschlüsse ähnlicher Art zu zeitigen vermögen, und
+wie selten die Gesinnung eines auf solche Weise Bereitwilligen im Grunde
+mitzuspielen braucht. Es mag sich so mancher, der durch einen raschen
+Entschluß, den vielleicht die gedankenlose Erbötigkeit eines Augenblicks
+mit sich gebracht hat, um die Freiheit seiner ganzen Jugend und um den
+Preis seines tätigen Lebens gebracht haben.
+
+Ich griff nach dem Päckchen. »Verlassen Sie sich auf mich«, sagte ich.
+Darüber kam mir in den Sinn, daß mein Freund mir soeben noch mitgeteilt
+hatte, daß ich morgen mit einer Haussuchung zu rechnen hätte, und ich
+stellte eine Frage, um diese seltsamen Zusammenhänge aufgeklärt zu sehen.
+
+»Ich möchte, daß diese Schriftstücke bei Ihnen gefunden werden«, sagte
+Mangesche Rao. Er sprach leise und vorgeneigt, aber ohne Eifer und ohne den
+Wunsch, mir seine Verfügung dadurch geheimnisvoller zu machen. Wer in
+Indien eigene und gefahrvolle Interessenwege beschreitet, weiß, daß nicht
+nur die Wände Lauscher verbergen, sondern daß auch von der Nacht, den
+Frauen und dem besten Freunde Gefahr drohen kann. Ich ahnte seine Besorgnis
+und sagte:
+
+»Mein Diener ist zuverlässig.«
+
+Mangesche Rao schüttelte den Kopf. »Er ist ein Kind«, sagte er. »Gesinnung
+und Aufrichtigkeit ohne Schlauheit sind wie Verräter für jeden bei uns,
+welcher die Mittel seiner Feinde kennt. Sie müssen aus einem Lande stammen,
+in welchem der Freimut und die Kraft neben der Kühnheit als hoher Ruhm
+gelten, sie mögen zur Ehre eines freien Volkes gehören, dies Volk hat seine
+Freiheit fast vergessen.«
+
+Irgend etwas überwältigte mich nach diesen Worten zu einer Traurigkeit, in
+welcher ich zum ersten Mal die Liebe meines Herzens zu diesem Manne in
+ihrer ganzen Tiefe empfand, und ich hätte ihn inständig bitten mögen, von
+diesem fruchtlosen und bösen Kampf zu lassen. Mir wurde klar, daß sein
+Wesen bei aller Kraft seines Geistes den Waffen seiner Gegner nicht
+gewachsen war, denn den Hochgesinnten überwältigt im Kampf mit der
+Niedrigkeit zuletzt der Ekel, aber ich schwieg aus Ehrfurcht vor dem Feuer,
+das in seiner Seele brannte.
+
+Mangesche Rao fuhr fort: »Machen Sie es den Suchenden nicht gar zu leicht,
+aber tragen Sie Sorge, daß sie die Papiere auf jeden Fall finden. Sollte
+der Zufall, der so gerne dort zu spielen liebt, wo die Absicht am
+deutlichsten ist, den Erfolg der Engländer vereiteln, so verraten Sie die
+Dokumente dadurch, daß Sie sie, scheinbar ungeschickt, zu verstecken
+trachten, während noch gesucht wird.«
+
+Er brach plötzlich ab und wartete wie auf einen Einwand, aber ich sprach
+das Mißtrauen oder die Besorgnisse nicht aus, die er bei mir zu vermuten
+schien, weil kein Argwohn gegen den Freund in meinem Herzen war, und weil
+ich wußte, daß er niemals etwas von mir fordern würde, das ihm diente,
+indem es mich schädigte. So erklärte er mir die Absicht, die er mit dieser
+Maßnahme verfolgte:
+
+»Unsere Zeit ist noch nicht gekommen,« sagte er einfach, »die Funde, welche
+in Ihrem Hause gemacht werden, sind argloser Natur, aber immerhin
+bezeichnend genug, um als eine wichtige Entdeckung gelten zu können. Der
+Verdacht wird durch diese Dokumente abgelenkt und die Spur verwischt
+werden, man wird ihren Inhalt dankbar als Resultat der Untersuchung
+betrachten und an ihm die Eigenart und den Umfang jener Umtriebe messen,
+die Verdacht erregt haben. Einige unserer Freunde werden bloßgestellt, aber
+sie sind bereit, der Sache das Opfer zu bringen, das in der Verbüßung einer
+geringen Strafe besteht. Zuletzt wird man nicht viel mehr in Erfahrung
+gebracht haben, als ohnehin schon bekannt ist.«
+
+»Sie sagen mir viel«, antwortete ich dankbar und voller Bewunderung für das
+Geschick dieses Plans.
+
+»Ihr Vertrauen verdient das meine«, sagte Mangesche Rao einfach, und ein
+warmer Blick, der das kühle Maß dieser stets so beherrschten Züge
+durchbrach, traf meine Augen kurz und traurig.
+
+Ich fragte noch, wie ich mich einem Verhör gegenüber zu verhalten hätte,
+welches danach forschte, wie die Papiere in mein Haus gekommen seien.
+
+»Nennen Sie meinen Namen«, entschied Mangesche Rao.
+
+»Und wenn Sie selbst eine Strafe trifft?«
+
+»Man wird es nicht wagen und sich an die halten, welche wir vorgeschoben
+haben, aber besser wäre es, man wagte es, weil meine Bestrafung mir das
+Vertrauen derer sichern würde, für welche ich sie trage. Je mehr die
+Regierung mich schont, um so eher werden die Brahminen von Mangalore mich
+für einen Abtrünnigen halten. Meine Offenheit gegen die Priesterkasten
+selbst würde Verräter im eigenen Lager erwecken, meine Vorsicht dagegen
+macht sie mißtrauisch. Es ist schwer, im dunkeln Wald einen geraden Weg zu
+gehen.«
+
+ * * * * *
+
+Strahlend stieg ein neuer Tag über Mangalore empor. Ich ritt, schon bevor
+die Sonne die Spitzen der braunen Pagoden färbte, durch die sumpfigen
+Mangroven-Dickichte der Flußniederungen, von Panja begleitet, der wie in
+einer Ahnung der hereinbrechenden Ereignisse nicht von meiner Seite wich.
+Eine seltsame Fremdheit lag in meinen Augen über der Landschaft, ihren
+Tieren und Pflanzen und über allen Dingen. Als ich nahe bei einem hölzernen
+Lagerschuppen ein Boot im dunklen Wasser erblickte, auf dem ein Hindu
+fröstelnd in der Morgenkühle hockte und, noch benommen vom Schlaf, in die
+grünschimmernde Weite starrte, kam mir jener Tag in den Sinn, an welchem
+ich zu Beginn meiner Dschungelfahrt in Tschirakal am Watarpatnamsee
+angelangt war und Panja mit den Mohammedanern um den Preis der Kanus
+stritt.
+
+Die Erlebnisse und die Bilder meiner Reise zogen mit dem heraufsteigenden
+Tag durch meine Erinnerung, mit ihrem Glanz und ihren Sorgen und ihrem nie
+ruhenden Wunsch meines Herzens es möchte in diesem Lande Heimatrechte und
+jene Beziehungen erwerben, die Vertrautheit zur Liebe führen. Huc, der Affe
+meines Traums, saß wieder mit alten Augen vor mir, wahrsagerisch und weise,
+von jenen Hoffnungen der seufzenden Kreatur ermüdet, die so alt sind wie
+die Schicksale der Erde.
+
+Waren es die Unrast, der Haß und die Erbitterung der neuen Menschen meiner
+Erfahrung und ihre kleinen und doch so wichtigen Interessen, die mir den
+Glauben an die Harmonie zerstörten, welche die unberührte Natur und das
+große Meer mir vermittelt hatten? Nie kam ich mir verirrter vor in dieser
+Welt des Wirkens, als an jenem Morgen, und am liebsten hätte ich alles
+dahinten gelassen, um aufs neue in die grünen Schatten der durchklungenen
+Wildnis zu ziehen, die die Sicherheit und den Wohlstand des armen Daseins
+gefährden mochte, die aber den Weg der Seele zu jenem Erkennen bereitete,
+das allein Frieden bringen kann.
+
+Aber mein Verlangen erschien mir bald darauf wie ein Hang zur Flucht, als
+warteten Pflichten und Aufgaben meiner in einem anderen Land, in einem
+Bereich, dessen Kräften und Zielen ich durch Abstammung und Überlieferung
+verbunden war, und zum ersten Mal seit Jahren wandten sich meine inneren
+Augen über das Meer hin der Heimat zu. Ich dachte daran, daß der Mann, dem
+nun seit lange meine tiefste Teilnahme gehörte, wie in einem wehmütigen
+Bewußtsein des Untergangs seines eigenen Geschlechts und seiner Rasse, den
+nahen Ruhm und die Hoffnung der meinen ahnungsvoll ausgesprochen hatte, und
+ich fühlte die Kraft seines Glaubens wie ein Vermächtnis im Gewissen
+glühen. --
+
+Die Ereignisse des Tages verliefen ähnlich, wie ich sie nach Mangesche Raos
+Worten erwarten mußte. Gegen Mittag meldete sich ein junger Offizier, der
+in Begleitung von drei Soldaten kam, bei mir an. Er nahm seine Pflicht
+ungemein wichtig, er versuchte den Anschein zu erwecken, als sei er der
+König von England, und ich beantwortete seinen pathetischen Erlaß damit,
+daß ich ihm mein Taschenmesser aushändigte, als habe er meinen Degen
+gefordert. Er mußte lachen und schien sich darauf zu besinnen, daß ein
+Privatmann kein Rekrut und ein Deutscher kein englischer Untertan ist, auch
+erinnerte ich ihn daran, daß ein Verdacht kein Beweis und ich selbst kein
+verdächtiges Dokument sei.
+
+Sein Selbstbewußtsein uniformierte sich wieder, als die Papiere gefunden
+wurden, und auf sein Ersuchen begleitete ich ihn im Ochsenwagen zum
+Regierungsgebäude. Er war unterwegs höflich, still und sehr ernst, und ich
+freute mich heimlich des gelungenen Plans meines Freundes. Übrigens sah
+nach diesem öffentlichen Eingriff in die Privatrechte einer Reihe der
+Einwohner Mangalores das militärische Aufgebot plötzlich um vieles
+gewichtiger aus. Von den Fenstern des Regierungsgebäudes aus erblickte ich
+draußen auf dem Meere den niedrigen eckigen Umriß eines Kanonenbootes, das
+schwarz und drohend im stillen Blau schwamm, wie mit Kohle gezeichnet. Der
+unfreundliche Hof des Gebäudes wimmelte von Soldaten. Einen Augenblick
+überkam mich ein Gefühl heißer Besorgnis um Mangesche Raos Geschick. Die
+nächstliegenden Eindrücke sind besonders dann die stärksten, wenn man die
+Aussichten der Parteien nicht übersieht. Panjas totenblasses Gesicht ging
+mir wie ein Gespenst nach, er war wie versteinert am Gartentor
+zurückgeblieben, ich wußte nicht, ob er meinen Befehl verstanden hatte,
+mich am Abend zu erwarten, und ich fürchtete ernstlich, er würde irgend
+eine heldenmütige Dummheit begehen.
+
+Nach einer zweistündigen Wartezeit, in welcher ich eine treuherzige
+Schildwache mit einer Reihe der furchtbarsten Dschungelmärchen in ihrem
+Glauben an Hexen und böse Geister bestärkte und sie mit Zigaretten wieder
+beruhigte, erschien der Kollektor und verbürgte sich dem englischen Oberst
+gegenüber, der ihn begleitete, für meine Unschuld. Es mußte wohl eine
+ausführlichere Verhandlung über mich vorangegangen sein, der Beamte
+entschuldigte sich höflich aber etwas gereizt bei mir, offenbar erinnerte
+er sich dessen, daß ich die Bekanntschaft Mangesche Raos seiner Vermittlung
+verdankte, und daß ich mich seit jenen Tagen nicht gut zu einem
+gefährlichen Umstürzler hatte auswachsen können. Es schien mir zudem aus
+allem hervorzugehen, daß man den Brahminen zu schonen wünschte. Ein Rekrut
+machte sich auf den Weg, mein Pferd zu holen, und ich wurde etwas herzlos
+und beiläufig verabschiedet. Man war offenbar beschäftigt.
+
+Panja empfing mich glücklich und stolz, mir war, als schämte er sich seiner
+Ängste, nun er mich wohlbehalten in unserm Hause wiedersah, aber weder
+seine Freude noch die eigene Erleichterung ließen mich aufatmen. Es trieb
+mich den Rest des Tages hindurch in großer Unruhe von einem zum andern,
+nichts wollte mir gelingen, nichts beschäftigte mich ernstlich, ich wartete
+und wußte nicht worauf.
+
+Gegen Abend schickte ich Panja zu Mangesche Rao. Er traf ihn nicht in
+seinem Hause an, aber ich erfuhr wenigstens, daß er auf freiem Fuß belassen
+worden war, ohne daß ich mich nun für eine Genugtuung oder für eine neue
+Besorgnis entschließen konnte.
+
+Aus diesen bedrängenden Stunden ist mir ein kleiner Vorfall ohne Bedeutung
+so lebhaft im Gedächtnis geblieben, als habe meine Sorge sich einzig um ihn
+gedreht. In der kurzen Dämmerung, als schon der Mond leuchtete, und ich mit
+meiner Zigarre im Liegestuhl auf der Veranda weilte, sah ich einen
+beweglichen Schatten am Gartentor. Ich beobachtete ihn eine Weile, ohne ihm
+Gewicht beizumessen, endlich rief ich Panja, der hinausging und gleich
+darauf ein Kind zu mir brachte, das mich mit stillen Augen betrachtete und
+lange kein Wort wagte. Es war ein Mädchen von etwa dreizehn Jahren, mit
+einem rötlichen Kittel bekleidet, mit offenem Haar und seiner
+Gesichtsbildung nach den niederen Kasten angehörig. Mit Panjas Hilfe erfuhr
+ich bald die Geschichte und die Bitte meines späten Gastes, und mit einem
+heimlichen Schauer sah ich das junge Wesen plötzlich mit ganz anderen Augen
+an, als ich wußte, daß es vor einigen Tagen Mutter geworden war. Man muß
+erfahren haben, wie gewöhnlich solche Fälle im tropischen Indien sind, um
+solcher Aussage ohne weiteres Glauben zu schenken. Die junge Mutter kam aus
+einem Dorfe im Flußtal und bat mich um Schutz. Es handelte sich offenbar um
+eine Verwechslung meines Hauses mit der Missionsniederlassung.
+
+»Es ist die Nacht der freien Liebe in ihrem Ort«, erklärte mir Panja.
+»Einmal im Frühling muß dort in ihrer Kaste jede Frau und jedes Mädchen
+jedem Manne angehören, der sie begehrt, das ganze Dorf heult und wimmert
+die Nacht hindurch, wie ein Sumpf mit Ertrinkenden, die zu ewiger Wollust
+verdammt sind. Es dauert, bis die Sonne am Erdrand erscheint, dann wird es
+still, und den Tag hindurch schlafen die Menschen. Das Kind ist aus Furcht
+geflohen.«
+
+Panja führte die junge Mutter in die Missionsschule hinunter, ich blieb mit
+den Grillen allein in der weißschillernden Nacht, der letzten in Indien, an
+die ich klare Erinnerungen habe, denn am Morgen des hereinbrechenden neuen
+Tages stand ich vor der Leiche Mangesche Raos.
+
+ * * * * *
+
+Ich weiß, daß ich im Morgengrauen aufs Pferd stieg, im Reiten meinen Rock
+knöpfte und mir dessen bewußt wurde, daß ich den Korkhelm vergessen hatte.
+Darüber kam mir in den Sinn, daß ich bei meiner Rückkehr den Schatten
+aufsuchen müßte, und hörte Panjas fremde Stimme, der mit meinem Pferd
+sprach, das er laufend am Zügel führte. Er schrie einen Ochsenkarren an,
+der uns in der Nähe des Stadttors den Weg versperrte, und ich sah einen
+kleinen gekrümmten Mann, der ängstlich und mit bösen, unterwürfigen Augen
+seine Tiere in den Graben zerrte. Er hatte Maisschößlinge geladen und trat
+mit seinem nackten Fuß aufgeregt in die Weichen der schwerfälligen Ochsen.
+Hatte diese selbe Stimme Panjas nicht eben noch geschrien: Die Brahminen
+haben Mangesche Rao vergiftet?
+
+Es war noch nicht ganz hell im Haus des Toten. Der festgetretene Lehmboden
+vor der Veranda glänzte feucht, am Zaun waren weiße Ziegen angebunden, und
+die Palmenwedel sirrten im Morgenwind. Ich vernahm eine Stimme, die
+merkwürdig gleichförmig klagte, immer in demselben Tonfall, die hellen
+Seufzer folgten einander mit dem ausgestoßenen Atem, und mein erster
+Gedanke war: So ist er nicht tot, ich werde ihn noch lebend finden.
+
+An der Tür zum Totenzimmer flüchteten einige dunkle Gestalten, ich sah im
+Raum, dicht am Fenster, ein niedriges Lager, auf das das Morgenlicht fiel,
+grünlich und blaß, wie aus einem erlöschenden Scheinwerfer. Unter einem
+weißen Tuch erkannte ich undeutlich die Umrisse einer gekrümmten Gestalt,
+eine zur Faust verkrampfte Hand sah seitlich aus den Falten hervor und
+reckte sich, wächsern gefärbt, ein wenig aufwärts gebogen, in den fahlen
+Glanz des nahenden Tags empor.
+
+Ich schlug das Tuch zurück und ließ es sogleich wieder über das entstellte
+Gesicht zurückfallen. Das höllische Gift, dem der Brahmine erlegen war,
+verrät sich selbst unzweifelhaft durch seine Wirkung und zugleich die
+heimtückische Macht derer, die es im Namen ihrer zu hämischen Götzen
+herabgesunkenen Gottheit mischen.
+
+Als ich mich abwandte, begegnete ich Panjas Augen, und als er mein Gesicht
+sah, warf er sich zur Erde, als habe eine Faust ihn niedergeschlagen, und
+brach in ein Geheul aus wie ein Tier. --
+
+Auf der Basarstraße hatte das bunte Leben des neuen Tages begonnen, die
+braunen, nackten Gestalten unter den farbigen Turbanen eilten in gewohnter
+Weise dahin, geschäftig oder lässig, bald von Lasten gebeugt, bald steif
+und würdig im vertrauten Müßiggang. Ein mohammedanischer Händler, dem ich
+seit langem schon versprochen hatte, ein Bündel Ingwerwurzeln abzukaufen,
+die ich mitnehmen wollte, verfolgte mich lange. Am Tempelteich, in dem eine
+weiße Mauer sich spiegelte, predigte ein fremder Pilger. Es roch nach
+verdunstendem Sprengwasser und Ochsen, die Sonne schien, die vereinzelten
+Palmen hoben sich schräg und still über den Lärm der Straße und über die
+weißen, flachen Dächer der Häuser. Es begann warm zu werden.
+
+Als wir die hohe Palmenallee erreichten, die am Meer dahinführt, und die
+Geräusche der Stadt im eintönigen Rauschen des Wassers verklangen, gab ich
+Panja mein Pferd und schritt allein weiter. Eine Müdigkeit, die Leib und
+Seele wie ein bitterer Strom durchdrang, ließ mich nach einer Weile
+innehalten, und ich lehnte mich an den Stamm eines Baums und schloß die
+Augen.
+
+Da sah ich im Abendfrieden ein Dorf meiner deutschen Heimat. Der Holunder
+blühte am Zaun, es hatte geregnet, und die Luft war kühl und feucht. Hoch
+auf dem Giebel eines Bauernhauses sang eine Amsel in der letzten Sonne, und
+die klare Süßigkeit ihrer Stimme erfüllte das ruhige Land mit Glück.
+
+
+ Ende
+
+
+
+
+Im Verlag von Rütten & Loening in Frankfurt a. M. erschien
+
+ Waldemar Bonsels
+ Menschenwege
+ Aus den Notizen eines Vagabunden
+
+ 75. Tausend
+
+
+Aus Urteilen der Presse:
+
+Als Dichtungen, mit sokratischer Methode gewertet, sind diese sieben
+Kapitel des Waldemar Bonsels das Reinste, Klingendste, Gewählteste, was mir
+seit langem begegnete. Eine Keuschheit des Geistes ist in diesen
+Begegnungen, eine Zucht des Worts, eine Regie der Führung, die uns aus
+jeder Bedrängnis der Gegenwart in das Lichtgebäude eines geruhsam
+betrachtenden Willens führt.
+
+ »Tägliche Rundschau«, Berlin
+
+
+Waldemar Bonsels ist der tiefgründige Denker und künstlerisch reife
+Gestalter, der Dichter mit der umfassenden Menschenliebe und Wortführer für
+eine neue, auf voraussetzungsloser Güte aufgebaute Weltordnung. Zu der
+Weisheit und Liebe, die sein neues Buch: »Menschenwege, aus den Notizen
+eines Vagabunden« ausströmt, gesellt sich als weiteres Geschenk die
+wahrhaft adelige Form der Sprache, in die der Dichter den Reichtum seiner
+Gedanken gefaßt hat.
+
+Gerade in unserer haßerfüllten und ungerechten Zeit, die so viel
+Schmerzliches und Bitteres über uns gebracht hat, wirkt ein so ganz aus
+Seelengüte, Milde und feierlichem Ernst gestimmtes Werk wie eine
+Offenbarung, in der wir den tieferen Sinn unseres Lebens wie eine
+Verheißung von neuem erkennen.
+
+ »Straßburger Post«
+
+
+Eine Vertiefung des Geistigen, eine Verinnerlichung des Seelischen und eine
+Umhüllung des Ganzen mit einer Atmosphäre des mystisch Reinen und Frohen,
+eines ins Höchste gerichteten Sinnes, spricht aus dieser Dichtung, daß es
+sie schädigen hieße, wollte man versuchen, die Linien nachzuziehen. Es ist
+eine über alle dogmatischen Satzungen erhobene, freie Religiosität, die als
+einziges Ziel das Unvergängliche hat, um das sich seit Anbeginn der Kosmos
+mit seinen Menschlein bewegt: Gott.
+
+ »Frankfurter Zeitung«
+
+
+Über aller Wirklichkeit der bunten Lebensgeschehnisse dieses Buches steht
+leuchtend die Wahrheit, die der Dichter in prophetischem Geiste verkündet.
+Seine neue Betrachtung der Welt erwächst allein aus dem Glauben an eine
+reine Menschlichkeit. Dieser Vagabund ist die Verkörperung der Sehnsucht
+der neuen Jugend.
+
+ »Hannoverscher Courier«
+
+
+
+
+Urteile der Presse über:
+
+ Waldemar Bonsels
+ Indienfahrt
+
+Ich gestehe offen, daß mir noch niemals ein so formvollendetes,
+künstlerisch durchdachtes und von Schönheit überquellendes Buch unter die
+Augen gekommen ist.
+
+ »Der Bund«, Bern
+
+
+Waldemar Bonsels' Buch ist nicht nur das Schönste, was ich je über Indien
+gelesen habe, auch ohne Rücksicht auf den Gegenstand muß ich es zu den
+wenigen großen Kunstwerken der Literatur der Gegenwart zählen, die an sich
+vollkommen sind. In meiner tiefen Ergriffenheit möchte ich auf dieses Buch
+alle die Lobsprüche häufen, wie sie schlagwortartig bei Anerkennungen
+wiederkehren.
+
+ »Die Hilfe«, Berlin
+
+
+Es ist unmöglich, die Glut dieses Buchs aus Rausch, Fieber, Weisheit und
+Liebe zu zergliedern! Das Erlebnis Indien ist für Waldemar Bonsels das
+Erlebnis der Natur ohne Konventionen, ohne Zivilisation, ohne
+Mechanisierung des Lebens. Der Dichter durchstreift den Dschungel, immer
+auf der Suche nach reiner ungetrübter Natur, voll Qual und Lust, voll Größe
+und Einsamkeit. So wird der Leser vom stofflichen Reiz, vom Interessanten
+zur Philosophie, zur Betrachtung, zum Miterleben einer Dichtung geleitet,
+deren Gegenstand ein wirkliches Land ist, und aus einer Summe von
+Eindrücken wird ein phantastisches, großartiges und kühnes Gemälde des
+Lebens, wie es überall aus Gott fließt und zu seinem Urgrund zurückflutet.
+
+ »März«, München
+
+
+Bonsels zeigt _sein_ Indien, das Indien eines Menschen, der mit durstiger
+Seele durch die Wälder und Berge zieht. So, aus dem Persönlichen heraus,
+erwacht dieses Land mit einer Lebendigkeit vor unseren Augen, als stünden
+wir selber auf seiner Erde, als quölle der Dunst seiner Frühe und die Glut
+indischen Mittags vor uns aus dem Boden mit all seinen Gefahren und
+mystischen Verlockungen. Mir scheint dies wirklich die einzige Methode zu
+sein, mit der ein Land deskriptiv zu erfassen ist. Man darf nicht mit der
+Kamera und dem Lot auf solch eine Reise gehen, sondern mit einer Seele;
+einer Seele, die hell sein muß wie ein Spiegel, der die Sonne aufnimmt und
+widerstrahlt aus der Begrenztheit seiner Dinghaftigkeit in die
+Unbegrenztheit seelischen Erlebnisses.
+
+ »Berliner Tageblatt«
+
+
+
+
+Im Verlag von Schuster & Loeffler in Berlin erschienen:
+
+ Waldemar Bonsels
+ Die Biene Maja und ihre Abenteuer
+
+ 315. Auflage
+
+
+Gebt dieses Buch euren Kindern; es ist ein herrliches Buch!
+
+ »Die deutsche Frau«, Berlin
+
+
+Es ist das Werk eines Dichters und Sehers, der eine große Offenbarung über
+das tiefste Wesen der Dinge zu verkünden hat.
+
+ »Straßburger Post«
+
+
+
+
+ Waldemar Bonsels
+ Das Anjekind
+ Eine Erzählung
+
+ 49. Auflage
+
+In diesem Buche schlägt das Herz einer dichterischen Wahrhaftigkeit, das zu
+schlagen nie aufhören wird. Es ist ein Einklang zwischen Natur und Mensch
+dargestellt, wie er ergreifender kaum gedacht werden kann.
+
+ »Hannoverscher Courier«
+
+
+
+
+ Waldemar Bonsels
+ Himmelsvolk
+ Ein Buch von Blumen, Tieren und Gott
+
+ 240. Auflage
+
+Dies zarte, berauschende Buch ist ein Buch des Kämpfens, des Sieges und des
+Untergangs. Alle Entwicklungen des Buches, sein inneres Ereignis, wird
+dargestellt in Unterhaltungen mit Blumen, in Gesprächen von Tieren, deren
+Ernst von einer kaum glaubbaren, niegekannten Heiterkeit getragen ist.
+Jedes Wort aber scheint hingeschrieben in großer Leidenschaft, tief erfühlt
+und in dem Willen, durch sein Werk beizutragen zu einer kommenden,
+reineren, alles auf das Erleben stellenden, um Gott wissenden Menschheit.
+
+ »Berliner Börsen-Courier«
+
+
+
+
+Im Verlag von Schuster & Loeffler in Berlin erschienen:
+
+ Waldemar Bonsels
+ Wartalun
+ Eine Schloßgeschichte
+
+ 56. Auflage
+
+...das ist der Sinn des Geschehens zu Wartalun, einer Geschichte von so
+hohem dichterischen Gewicht, daß ich sie nach den Maßen anderer Romane
+nicht messen möchte. Der sie schuf, ist ein großer Künstler, wer sie liest,
+empfängt eines der schönsten, um Natur- und Menschengeheimnis gewebten
+Gedichte. Es klingt wie Urweltrauschen durch dies Buch, Winde, Bäume,
+Tiere, die Erde selbst scheint zu reden, und das Tun der Irdischen ist wie
+ein Glied der großen unendlichen Kette, die alles Leben bewegt.
+
+ »München-Augsb. Abendzeitung«
+
+
+
+
+ Waldemar Bonsels
+ Der Tiefste Traum
+ Eine Erzählung
+
+ 46. Auflage
+
+Ein Stimmungszauber geht von dem Buche aus, der die Sinne mit lockender
+Gewalt zur innigsten Anteilnahme zwingt. Der eigenartige Zauber liegt auf
+der rein menschlichen Seite des tiefen Problems, und die ganze Entwicklung
+der beiden Charaktere ist einzig darauf gerichtet, alles in eine ungemein
+vertiefte und goldverklärte Harmonie ausklingen zu lassen.
+
+ »Generalanzeiger für Elberfeld«
+
+
+
+
+ Waldemar Bonsels
+ Don Juan
+ Eine epische Dichtung
+
+ 7. Tausend
+
+ Erschienen 1919
+
+
+
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Anmerkung: Gegenüber dem Originaltext wurden folgende
+Änderungen vorgenommen:
+
+ Buchseite 132: »kühl um seine Stirn wehte«
+ wurde geändert in: »kühl um meine Stirn wehte«.
+ Buchseite 134: »Maisor« wurde geändert in »Maisur«.
+ Buchseite 154: »Mangolore« wurde geändert in »Mangalore«.
+ Buchseite 168: »Upanangadi« wurde geändert in »Uppanangadi«.
+ Buchseite 191: »Kumadary« wurde geändert in »Kumardary«.
+ Buchseite 199: »Malealym« wurde geändert in »Malayalam«.
+ Buchseite 224: »Indier« wurde geändert in »Inder«.
+ Buchseite 230: »Indier« wurde geändert in »Inder«.
+
+ Ein neuer Absatz wurde begonnen:
+ Buchseite 54: vor »Die Nacht sank nieder«
+ 76: vor »Wir besichtigten die Boote«
+ 78: vor »Gegen Mitternacht«
+ 80: vor »Wir hatten viel Umstände«
+ 119: vor »Goy sann nach«
+ 122: vor »Ich sah Panja weinen«
+ 122: vor »Erst nach Tagen«
+ 132: vor »Mir war die Nachricht willkommen«
+ 185: vor »Ich begriff aufs neue«
+ 199: vor »Er erhob sich«
+ 223: vor »Die Sonne trieb ihr buntes Spiel«
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK INDIENFAHRT***
+
+
+******* This file should be named 24377-8.txt or 24377-8.zip *******
+
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
+http://www.gutenberg.org/dirs/2/4/3/7/24377
+
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+http://www.gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://www.gutenberg.org/about/contact
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit:
+http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
diff --git a/24377-8.zip b/24377-8.zip
new file mode 100644
index 0000000..a31b53f
--- /dev/null
+++ b/24377-8.zip
Binary files differ
diff --git a/24377-h.zip b/24377-h.zip
new file mode 100644
index 0000000..3c1becd
--- /dev/null
+++ b/24377-h.zip
Binary files differ
diff --git a/24377-h/24377-h.htm b/24377-h/24377-h.htm
new file mode 100644
index 0000000..1b0f85f
--- /dev/null
+++ b/24377-h/24377-h.htm
@@ -0,0 +1,8328 @@
+<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN"
+ "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd">
+<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml">
+<head>
+<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html; charset=ISO-8859-1" />
+<title>The Project Gutenberg eBook of Indienfahrt, by Waldemar Bonsels</title>
+ <style type="text/css">
+/*<![CDATA[ XML blockout */
+<!--
+ body {margin-left: 15%;
+ margin-right: 15%;
+ }
+
+ h1,h2,h3 {text-align: center; clear: both;}
+
+ h1 {line-height: 2em; margin-top: 3em; margin-bottom: 3em;}
+
+ h1.pg {line-height: 1em; margin-top: 0em; margin-bottom: 0em;}
+
+ h2 {margin-top: 3em; margin-bottom: 2em;}
+
+ hr {width: 33%;
+ margin-top: 3em;
+ margin-bottom: 3em;
+ margin-left: auto;
+ margin-right: auto;
+ clear: both;
+ }
+
+ p {line-height: 1.5em;
+ margin-top: 1em;
+ margin-bottom: 1em;
+ font-weight: normal;
+ text-align: justify;
+ }
+
+ .big {font-size: 140%;}
+
+ .center {text-align: center;}
+
+ .figcenter {margin: auto; text-align: center;}
+
+ .invisible {visibility: hidden;}
+
+ .nowrap {white-space: nowrap;}
+
+ .pagenum {position: absolute; right: 3%; font-size: 90%;
+ font-weight: normal; font-style: normal; text-align: right;
+ text-indent: 0em;
+ }
+
+ .poem {margin-left: 3em; text-align: left;}
+
+ .ppnote {background-color: #EEE; color: #000; padding: 10px;
+ font-family: sans-serif; font-size: 90%; border: thin solid #999;
+ margin-top: 6em; margin-bottom: 3em;
+ }
+
+ .right {text-align: right; margin-bottom: 3em;}
+
+ .small {font-size: 60%;}
+
+ .title {text-align: center; font-weight: bold; line-height: 2em; margin-top: 0em; margin-bottom: 3em;}
+
+ hr.full { width: 100%;
+ margin-top: 3em;
+ margin-bottom: 0em;
+ margin-left: auto;
+ margin-right: auto;
+ height: 4px;
+ border-width: 4px 0 0 0; /* remove all borders except the top one */
+ border-style: solid;
+ border-color: #000000;
+ clear: both; }
+ pre {font-size: 85%;}
+ // -->
+ /* XML end ]]>*/
+ </style>
+</head>
+<body>
+<h1 class="pg">The Project Gutenberg eBook, Indienfahrt, by Waldemar Bonsels</h1>
+<pre>
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at <a href = "http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a></pre>
+<p>Title: Indienfahrt</p>
+<p>Author: Waldemar Bonsels</p>
+<p>Release Date: January 20, 2008 [eBook #24377]</p>
+<p>Language: German</p>
+<p>Character set encoding: ISO-8859-1</p>
+<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK INDIENFAHRT***</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>E-text prepared by<br />
+ Inka Weide, Wolfgang Menges, Juliet Sutherland,<br />
+ and the Project Gutenberg Online Distributed Proofreading Team<br />
+ (http://www.pgdp.net)</h3>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="full" />
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p class="title big">
+Waldemar Bonsels
+</p>
+
+<h1>
+Indienfahrt
+</h1>
+
+<p class="title small">
+113. bis 123. Tausend
+</p>
+
+<div class="figcenter">
+<img src="images/signet.png" width="196" height="182" alt="Verlags-Signet" title="" />
+</div>
+
+<p class="title">
+1920<br />
+<span class="small">Verlag der Literarischen Anstalt<br />
+R&uuml;tten &amp; Loening<br />
+Frankfurt a. M.</span><br />
+</p>
+
+<p class="title small">
+Das Buch ist im Jahre 1912 entstanden.<br />
+Die erste Auflage erschien im Herbst 1916.<br />
+Alle Rechte, besonders das der &Uuml;bersetzung, vorbehalten.<br />
+Copyright 1916 by Literarische Anstalt R&uuml;tten &amp; Loening, Frankfurt a. M.<br />
+Die Einbandzeichnung ist von Walter Tiemann.<br />
+Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig.<br />
+Die schwedische Ausgabe bei C. W. K. Gleerup, Verlag, Lund.<br />
+Die finnische Ausgabe bei Werner S&ouml;derstr&ouml;m Osakeyhti&ouml;, Porvoo, Suomi.<br />
+Die holl&auml;ndische Ausgabe im Verlag &bdquo;Patria&ldquo;, Amersfort.
+</p>
+
+<hr />
+
+<h2>
+INHALTS&Uuml;BERSICHT
+</h2>
+
+<table border="0" style="margin-left:auto; margin-right:auto; margin-top:0em; margin-bottom:0em; line-height:2em;" summary="Inhalts&uuml;bersicht">
+ <col style="width:10%;" />
+ <col style="width:70%;" />
+ <col style="width:20%;" />
+<tr><td class="right">I.</td><td class="nowrap"><a href="#kap01">Von Panja, Elias und der Schlange</a></td><td class="right">9</td></tr>
+<tr><td class="right">II.</td><td class="nowrap"><a href="#kap02">Cannanore, die Fischer und das Meer</a></td><td class="right">29</td></tr>
+<tr><td class="right">III.</td><td class="nowrap"><a href="#kap03">Die Nacht mit Huc, dem Affen</a></td><td class="right">47</td></tr>
+<tr><td class="right">IV.</td><td class="nowrap"><a href="#kap04">Am Silbergrab des Watarpatnam</a></td><td class="right">65</td></tr>
+<tr><td class="right">V.</td><td class="nowrap"><a href="#kap05">Dschungelleute</a></td><td class="right">80</td></tr>
+<tr><td class="right">VI.</td><td class="nowrap"><a href="#kap06">Im Fieber</a></td><td class="right">104</td></tr>
+<tr><td class="right">VII.</td><td class="nowrap"><a href="#kap07">In den Bergen</a></td><td class="right">123</td></tr>
+<tr><td class="right">VIII.</td><td class="nowrap"><a href="#kap08">Am Thron der Sonne</a></td><td class="right">137</td></tr>
+<tr><td class="right">IX.</td><td class="nowrap"><a href="#kap09">Die Herrschaft des Tiers</a></td><td class="right">154</td></tr>
+<tr><td class="right">X.</td><td class="nowrap"><a href="#kap10">Sumpftyrannen</a></td><td class="right">168</td></tr>
+<tr><td class="right">XI.</td><td class="nowrap"><a href="#kap11">Mangalore</a></td><td class="right">189</td></tr>
+<tr><td class="right">XII.</td><td class="nowrap"><a href="#kap12">Von Frauen, Heiligen und Brahminen</a></td><td class="right">207</td></tr>
+<tr><td class="right">XIII.</td><td class="nowrap"><a href="#kap13">Das letzte Feuer und der alte Geist</a></td><td class="right">228</td></tr>
+<tr><td class="right">XIV.</td><td class="nowrap"><a href="#kap14">Der Heimat zu</a></td><td class="right">246</td></tr>
+</table>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_9" id="Page_9">[9]</a></span></p>
+<h2>
+<a name="kap01" id="kap01"></a>Erstes Kapitel<br />
+Von Panja, Elias und der Schlange
+</h2>
+
+
+<p>Als ich in der gesegneten Provinz Malabar in der Stadt Cannanore anlangte,
+f&uuml;hrte mich der Hindu Rameni vor das Haus, das er mir f&uuml;r die Zeit meines
+Aufenthaltes vermieten wollte. Es war nach Art der europ&auml;ischen H&auml;user
+Indiens erbaut, einst&ouml;ckig, mit hohem &uuml;berh&auml;ngenden Dach und einer breiten
+Veranda, die die ganze Front entlang lief. Ich erblickte es, nachdem wir
+uns mit vereinten Kr&auml;ften durch den verwilderten Garten gearbeitet hatten.
+Rameni sagte: &bdquo;Dies ist mein liebstes Besitztum auf Erden. Ich habe es
+geschont und beh&uuml;tet, und seit sieben Jahren hat kein menschlicher Fu&szlig; es
+betreten. Sein letzter Bewohner war Sahib John Ditrey, ein englischer
+Offizier von gro&szlig;er Macht, dem jeder Soldat Gehorsam leistete, der in seine
+N&auml;he kam. Er war Tag f&uuml;r Tag gl&uuml;cklich unter diesem Dach und w&auml;re es heute
+noch, wenn die Regierung ihn und seine Leute nicht an einen anderen Ort
+verschickt h&auml;tte.&ldquo;</p>
+
+<p>Ich betrachtete die gro&szlig;en, meist leeren R&auml;ume, in denen sich eine &uuml;ppige
+Vegetation entwickelt hatte und in denen eine Tierwelt ihr Dasein fristete,
+deren Mannigfaltigkeit meine Erwartungen aufs h&ouml;chste steigerte.</p>
+
+<p>&bdquo;Alle diese Tiere sind arglos,&ldquo; sagte Rameni freundlich, &bdquo;sie werden sich
+zum gro&szlig;en Teil wahrscheinlich zur&uuml;ckziehen, denn sie lieben die
+Gesellschaft der Menschen nicht. Aber da du in Begleitung bist, Sahib,
+einen Hund, einen Diener und einen Koch mitgebracht hast, wird dein Gem&uuml;t
+von keiner Einsamkeit zernagt werden. Ich gebe H&uuml;hner, wenn du willst&hellip;&ldquo;</p>
+
+<p>Rameni beherrschte die englische Sprache in einem Ma&szlig;e, da&szlig; ich f&uuml;hlte, wie
+meine Haare sich unter dem Korkhelm str&auml;ubten.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_10" id="Page_10">[10]</a></span>&bdquo;Auch du bist ein Engl&auml;nder,&ldquo; sagte er zu mir, als er eine lange Ruhmrede
+auf Sir John Ditrey, den Offizier, beendet hatte.</p>
+
+<p>Ich sagte ihm, da&szlig; ich ein Deutscher sei, und er tr&ouml;stete mich.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich habe von diesem Land niemals geh&ouml;rt,&ldquo; sagte er endlich, &bdquo;aber seine
+Bewohner gelten als freigebig, und wahrscheinlich ist es reicher als das
+britische Reich.&ldquo;</p>
+
+<p>Da ich ihn verstand, fragte ich nach dem Preis, den er als Miete f&uuml;r seine
+Besitzung fordere. Er sprach darauf so eifrig von anderen Dingen, da&szlig; meine
+Bef&uuml;rchtungen an Raum gewannen. Endlich gelang es mir, ihn zu Gest&auml;ndnissen
+zu &uuml;berreden, und er begann zu rechnen und addierte mit geheimnisvoller
+Ergriffenheit die Verluste zusammen, die ihm in den sieben Jahren
+entstanden waren, in denen sich kein Mieter gefunden hatte. Ich beobachtete
+schweigend ein Volk wei&szlig;er Ameisen, das die Dielen des Fu&szlig;bodens und das
+Mauerwerk auf das geschickteste zur Anlage ihrer Ortschaften untergraben
+hatte. Ich werde euch nicht hindern, dachte ich, eure Reiche sollen unter
+meiner Herrschaft zu ungeahnter Bl&uuml;te gelangen, und ich will euch ein
+weiser F&uuml;rst und treuer Gef&auml;hrte sein. Durch das Palmendickicht am Fenster
+strahlte die Morgensonne, durch gr&uuml;ne Schleier voll zackiger Ornamente. Das
+unfa&szlig;liche Bewu&szlig;tsein jenes Gl&uuml;cks, unter dem ich erzitterte, seit ich den
+Boden Indiens betreten und zum erstenmal den Geruch, die W&auml;rme und das
+Licht dieses Landes eingesogen hatte, sank mir aufs neue ins Herz.</p>
+
+<p>&bdquo;F&uuml;rchte dich nicht, Sahib,&ldquo; sagte Rameni und z&auml;hlte an seinen krampfhaft
+gespreizten Fingern, vor Zweifel, Hoffnung und Erwartung beinahe
+fassungslos. Ich sprach von meinem Mut, und er hob die Hand zum zehnten
+Male, um aufs neue die braunen, mageren Finger von rechts nach links
+nebeneinander zu ordnen. Dann verga&szlig; er alles und sprach hastig von der
+Teuerung und den<span class="pagenum"><a name="Page_11" id="Page_11">[11]</a></span> schlechten Reisernten. &bdquo;Jeder Kuli wird es dir
+best&auml;tigen,&ldquo; rief er, &bdquo;soll ich einen rufen?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Wieviel forderst du?&ldquo; sagte ich streng. &bdquo;Ich habe von einem Haus am Meer
+geh&ouml;rt, das der Kollektor vor Jahren bewohnt haben soll, und das die
+Regierung f&uuml;r einen geringen Preis hergibt.&ldquo;</p>
+
+<p>Rameni gab sich mit gro&szlig;er Anstrengung einen Ruck und teilte mir mit, da&szlig;
+das Haus im Jahre wohl einen Mietwert von hundert Rupien habe, f&uuml;r die
+verlorenen sieben Jahre wolle er mir nur den vierten Teil dieser Summe in
+Rechnung stellen, unter der Bedingung, da&szlig; ich ihm f&uuml;r die drei kommenden
+Jahre den vollen Preis vorauszahlte.</p>
+
+<p>Als ich nickte, erbla&szlig;te er.</p>
+
+<p>&bdquo;Sahib,&ldquo; stammelte er, &bdquo;verspottest du deinen Diener? Es ist wahr, ich habe
+eine gro&szlig;e Forderung gemacht. Vergessen wir die sieben verderblichen Jahre,
+ich werde die Schickung des Himmels verschmerzen, zumal sie vorbei ist.
+Wenn du in der Tat drei Jahre vorausbezahlst, so werde ich dir so lange
+dienen, als ich lebe.&ldquo;</p>
+
+<p>Ich habe &uuml;ber meine Bereitwilligkeit niemals Reue empfunden und obgleich
+ich nur einige Monate in Cannanore geblieben bin, hat mein geringes Opfer
+sich in der ausgiebigsten Weise belohnt, denn Rameni setzte seine ganze
+Ehre ein, um die Besch&auml;mung gutzumachen, die ich ihm ohne meinen Willen
+angetan hatte. Er sandte mir beinahe t&auml;glich Eier und Fr&uuml;chte, Fische oder
+Gefl&uuml;gel und widersetzte sich keinem meiner W&uuml;nsche, die sich auf
+Einrichtungen oder Ver&auml;nderungen in Haus und Garten bezogen. Erst als er
+nach Wochen bemerkte, da&szlig; ich in einem Glaskasten eine lebende Kobra
+unterhielt, zog er sich von mir zur&uuml;ck, ohne meine Schwelle noch einmal zu
+betreten und ohne meine Hand noch einmal zu ber&uuml;hren. Er vermied es weniger
+aus Furcht und, wie ich zuverl&auml;ssig wei&szlig;, nicht ohne Kummer, sondern weil
+er es nicht<span class="pagenum"><a name="Page_12" id="Page_12">[12]</a></span> mit seinen &Uuml;berzeugungen vereinigen konnte, eine Gottheit
+gefangenzusetzen, um durch eine Glasscheibe zu beobachten, was sie tat.
+Aber die Zeit unserer Gemeinschaft bis zu dieser Entdeckung geh&ouml;rt zu den
+liebensw&uuml;rdigsten Erinnerungen meiner indischen Jahre.</p>
+
+<p>Als mein Gep&auml;ck auf einem Ochsenwagen vom Hafen herbeigeschafft worden war,
+begann ich die bestgelegenen Zimmer f&uuml;r die Nacht einzurichten, wobei mir
+mein Diener Panja und der Koch zur Hand gingen. Panja warnte mich oft und
+eindringlich, kannte mich damals aber schon gut genug, um zu wissen, da&szlig;
+gerade seine Bef&uuml;rchtungen nur zu h&auml;ufig auf dasselbe hinausliefen, wie
+meine Hoffnungen. Der Koch, ein Sohn aus den Bergen von S&uuml;dmaratta, der in
+Bombay an den Umgang mit Europ&auml;ern gew&ouml;hnt worden war, widerstand l&auml;ngst
+nicht mehr dem B&ouml;sen in mir. Allerdings war ich ihm gleichg&uuml;ltig; er tat
+verschlossen und in stoischer Ruhe seine Pflicht, bestahl mich, wo er
+konnte, und erwartete mit matt gesenkten Lidern meinen Untergang, den er
+jedesmal voraussagte, wenn ich ihn &uuml;ber einer Ungeh&ouml;rigkeit ertappte.
+Trotzdem habe ich immer eine Neigung f&uuml;r diesen eigensinnigen und auf seine
+Art stolzen Mann empfunden, der es nicht &uuml;ber sich brachte, sich vor den
+Europ&auml;ern zu beugen, und der seinen Ha&szlig; gegen die Fremden um der Liebe zu
+seiner Heimat willen n&auml;hrte. Gegen Panjas gef&uuml;gige Unterw&uuml;rfigkeit, die
+&uuml;brigens keiner niedrigen Gesinnung entsprang, sondern einer kindlichen
+Bewunderung f&uuml;r den Glanz alles Fremden, hob sich der schweigsame
+Widerstand dieses Mannes seltsam w&uuml;rdig ab. Ich nannte ihn Pascha, weil ich
+seinen Namen nicht behalten konnte. Das h&auml;tte &uuml;brigens niemand gekonnt.</p>
+
+<p>Als ich auf die Veranda hinaustrat, um mich davon zu &uuml;berzeugen, da&szlig; im
+Hause keine Scheibe heil war, hockte Panja<span class="pagenum"><a name="Page_13" id="Page_13">[13]</a></span> auf einer B&uuml;cherkiste, rauchte
+und zog meine H&auml;ngematte &uuml;ber die Knie.</p>
+
+<p>&bdquo;Sie ist &uuml;berall zerrissen&ldquo;, sagte er, ohne aufzustehen, und ohne, wie er
+es anfangs getan hatte, bei meinem Herannahen in gr&ouml;&szlig;ere Arbeitseile zu
+verfallen. &bdquo;Sahib, das kommt davon, wenn du eine H&auml;ngematte zum Fischen im
+Flu&szlig; verwendest.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Es war ein ausgezeichneter Gedanke&ldquo;, entschuldigte ich mich. Aber Panja
+antwortete nur: &bdquo;Du hast nichts gefangen.&ldquo;</p>
+
+<p>Ich untersuchte die Fu&szlig;b&ouml;den, die &uuml;berall von den Ameisen untergraben
+waren; die Steinfliesen und Bretter schaukelten fast alle, oder sanken tief
+ein, wenn man darauf trat, ein Sodom und Gomorra dieses Volks vernichtend.</p>
+
+<p>&bdquo;Wenn du sehen willst, was diese Tiere tun,&ldquo; sagte Panja sp&ouml;ttisch, &bdquo;so
+darfst du sie nicht st&ouml;ren. &Uuml;brigens sind Ratten im Haus,&ldquo; f&uuml;gte er hinzu,
+&bdquo;und vor dem Tor von Cannanore ist die Pest.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;So m&uuml;ssen wir Katzen halten&ldquo;, entschlo&szlig; ich mich. &bdquo;Morgen wirst du in die
+Stadt gehen, um welche zu kaufen.&ldquo;</p>
+
+<p>Panja sah mich mitleidig an: &bdquo;Wer wird eine Katze bezahlen?&ldquo; fragte er,
+&bdquo;&uuml;berall laufen sie herum. Auch in diesem Hause werden Katzen wohnen.&ldquo; Er
+meinte die Moschuskatzen, eine kleinere Art, die mir in Malabar viel
+begegnet ist, und die in fast keinem &auml;lteren Geb&auml;ude fehlt. So beschlo&szlig; ich
+zu warten. Aber da die Ratte als Tr&auml;gerin der Pest gilt und diese
+furchtbare Seuche immer noch nicht erlosch, obgleich die eigentliche
+Regenzeit l&auml;ngst vor&uuml;ber war, handelte es sich darum, vorsichtig zu sein.
+Meistens erlischt die Pest mit dem letzten Regen, zu Beginn des indischen
+Fr&uuml;hlings, da ihr Bazillus nur im Feuchten fortkommt. Mit dem ersten Regen,
+nach der hei&szlig;en Zeit, taucht sie aufs neue auf.</p>
+
+<p>&Uuml;brigens k&ouml;nnte die Darstellung unseres Gespr&auml;chs ein falsches Bild meiner
+Stellung zu Panja geben und der Stellung der Euro<span class="pagenum"><a name="Page_14" id="Page_14">[14]</a></span>p&auml;er zu den dienenden
+Klassen der Hindus &uuml;berhaupt. Es ist wahr, da&szlig; ich Panja, wie &uuml;berhaupt
+allen Leuten, die mir dienten, viel pers&ouml;nliche Freiheit lie&szlig;, aber meine
+Opfer an Autorit&auml;t oder gar an Selbst&auml;ndigkeit wurden durch eine Gegengabe
+bedankt, die ich immer h&ouml;her eingesch&auml;tzt habe, als jede andere Darbietung,
+und dieses Geschenk bestand in der freim&uuml;tigen Offenheit des
+Menschenwesens. Die Verwendbarkeit eines Menschen ist der geringste Teil
+seiner Anlagen, die mir Interesse abn&ouml;tigen, und alle Unterw&uuml;rfigkeit
+verbindet sich mit Verstellung. Die Art, wie die Engl&auml;nder die Hindus
+behandeln, verschlie&szlig;t ihre Charaktere und unterdr&uuml;ckt ihr wahres Wesen,
+wenngleich ich ohne Einwand zugebe, da&szlig; solche Stellungnahme, wie die ihre,
+das unerl&auml;&szlig;liche Erfordernis zur Beherrschung des Landes ist. Aber ich bin
+nicht nach Indien gereist, um es zu beherrschen.</p>
+
+<p>&Uuml;brigens gab es auch zwischen Panja und mir erregte Szenen im Ringen um die
+Oberhand des Einflusses. F&uuml;r gew&ouml;hnlich endete solch ein Auftritt damit,
+da&szlig; ich diesen Sklaven niederschlug. Nun waren allerdings mein Schlag und
+sein Niedersinken zwei Erscheinungen, die in keinerlei Beziehung zueinander
+standen, denn h&auml;ufig brach er schon zusammen, bevor meine Hand ihn erreicht
+hatte, und im schlimmsten Falle wu&szlig;te er sich f&uuml;r gew&ouml;hnlich immer noch auf
+eine Art zu wenden oder zu sch&uuml;tzen, die kaum mehr als eine Deformierung
+seines Turbans oder seiner ge&ouml;lten Haarfrisur zulie&szlig;. Trotzdem brach er
+jedesmal zusammen, w&auml;lzte sich von einer Ecke des Zimmers in die andere,
+beklagte heulend meine Undankbarkeit und die Folgen seiner Treue. Aber ehe
+der Abend hereinbrach, sorgte er doch daf&uuml;r, da&szlig; die Last solcher
+Verschuldung gegen ihn mir nicht die Nachtruhe raubte.</p>
+
+<p>&bdquo;Sahib&ldquo;, sagte er und pflanzte sich kerzengerade vor mir auf, wobei ein
+Stolz und eine Menschenw&uuml;rde seine Z&uuml;ge verkl&auml;rten, die in<span class="pagenum"><a name="Page_15" id="Page_15">[15]</a></span> der Tat mein
+Herz mit Dankbarkeit erf&uuml;llten. Aber er schien nicht zu wissen, wem er
+beide verdankte. &bdquo;Sahib, wie konntest du dich so vergessen?&ldquo; Sein Gesicht
+trug einen Ausdruck so ehrlicher Traurigkeit, da&szlig; ich alles eher vermocht
+h&auml;tte, als an ihr zu zweifeln. Ich erkl&auml;rte ihm bescheiden den Umfang
+seines Vergehens und die Bedeutung der Folgen, aber in solchen F&auml;llen
+verstand er nicht gen&uuml;gend englisch, um mich zu verstehen.</p>
+
+<p>&bdquo;Deine Studien in Hindustani machen keine Fortschritte&ldquo;, meinte er dann
+etwa betr&uuml;bt, und wir beide waren froh, ein Gebiet gefunden zu haben, das
+uns wieder auf die Stra&szlig;e unseres gew&ouml;hnlichen Verkehrs brachte. Es kamen
+dann Zeiten eines gl&uuml;cklichen Wandels und sch&ouml;nster Gemeinschaft, in denen
+Panjas Selbstent&auml;u&szlig;erung so weit ging, da&szlig; er sogar meinen Whisky
+unverd&uuml;nnt auf den Tisch brachte, und ich daher genau nachpr&uuml;fen konnte,
+wieviel er aus der Flasche gestohlen hatte.</p>
+
+<p>Ich war damals im zehnten Monat in Indien, und au&szlig;er Panja und Pascha war
+noch ein pr&auml;chtiger Hund die ganze Zeit hindurch mein treuer Begleiter
+gewesen. Er hie&szlig; Elias und hatte eben sein erstes Lebensjahr vollendet, so
+da&szlig; mir verg&ouml;nnt gewesen war, seine Erziehung selbst zu leiten und seine
+Entwicklung zu &uuml;berwachen. Leider ist es bei den Hunden so bestellt, da&szlig;
+man bei einem zwei Monate alten Tierchen sehr schwer in der Lage ist, &uuml;ber
+seine Abstammung und seine endg&uuml;ltige Ausgestaltung irgend etwas mit
+Bestimmtheit auszusagen. Aber ich habe immer eine besondere Neigung f&uuml;r
+solche Menschen empfunden, die allen Erscheinungen und Personen die besten
+Seiten abzugewinnen wissen und ihre eigenen Tugenden in andere so lange
+hineinlegen, bis sie eines Schlechteren belehrt werden. Und in der
+Nacheiferung solcher Charaktere ist es mir gelungen, in Elias das Muster
+eines vortrefflichen Tieres zu erblicken. Ich m&ouml;chte bei der Aufz&auml;hlung<span class="pagenum"><a name="Page_16" id="Page_16">[16]</a></span>
+seiner Vorz&uuml;ge nicht in Dingen seiner &auml;u&szlig;eren Erscheinung steckenbleiben,
+zumal nicht abzusehen ist, ob sich im Laufe der Zeit nicht noch das eine
+oder andere bei ihm ver&auml;ndern wird, aber sicher ist, da&szlig; er einen gesunden
+Appetit und einen gesunden Schlaf hat. Er ist au&szlig;erordentlich vorsichtig
+und begibt sich niemals in Gefahr, auch f&auml;llt er keine Fremden an und
+unterdr&uuml;ckt seine Wachsamkeit aufs &auml;u&szlig;erste, was mir um so willkommener
+ist, als ich oft in aufreibende geistige Arbeit verstrickt bin, bei der
+jedes Gebell mich st&ouml;ren w&uuml;rde. Seine Anh&auml;nglichkeit ist so gro&szlig;, da&szlig; er
+sie auf alle Menschen erstreckt, die ihm begegnen, und besonders mu&szlig; man,
+ohne das Vorurteil einer selbsts&uuml;chtigen Hoffnung, den au&szlig;erordentlichen
+Eigensinn seines Willens r&uuml;hmen, der die Grundlage des echten Charakters
+ist. Elias l&auml;&szlig;t sich weder durch Drohungen noch durch Versprechungen dazu
+bringen, die W&uuml;nsche anderer, oder die meinen, zu beachten. Er verunreinigt
+weder den Garten noch die Stra&szlig;e und nimmt uns auch, was seine F&uuml;tterung
+betrifft, jede M&uuml;he ab, die durch Herzutragen von Nahrung entsteht.</p>
+
+<p>Leider ist es mir bisher nicht gelungen, zwischen ihm und Panja ein
+ertr&auml;gliches Verh&auml;ltnis herzustellen. Wahrscheinlich l&auml;&szlig;t Panja sich als
+Orientale in seinen herk&ouml;mmlichen Begriffen vom Wesen des Hundes gehen,
+sicher ist, da&szlig; ihm jedes tiefere Verst&auml;ndnis f&uuml;r Rasse abgeht.</p>
+
+<p>&bdquo;Sahib, was ziehst du f&uuml;r ein Schwein ins Haus?&ldquo; rief er, als ich damals
+den eben erworbenen Elias heimbrachte.</p>
+
+<p>&bdquo;Er ist bestaubt, und die Schnur hat sich am Hals zugezogen,&ldquo; sagte ich,
+&bdquo;warte, bis er gewaschen ist.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Willst du ihn waschen?&ldquo; fragte Panja und verschlang abwechselnd mich und
+Elias mit &uuml;bergro&szlig;en Augen.</p>
+
+<p>&bdquo;Es ist ein vorz&uuml;glich veranlagtes Tier, das uns gute Dienste<span class="pagenum"><a name="Page_17" id="Page_17">[17]</a></span> leisten
+wird&ldquo;, versicherte ich etwas entt&auml;uscht von dem Empfang, den uns Panja
+bereitete, und mit einem nachdenklichen Blick auf Elias, der die
+T&uuml;rschwelle bek&auml;mpfte und in seinem hilflosen Eifer einen entz&uuml;ckenden
+Anblick unschuldiger Tatkraft bot.</p>
+
+<p>Wenn nicht alle Samenk&ouml;rner, die ich in Elias' junge Seele legte, zu
+gedeihlicher Entfaltung erbl&uuml;ht sind, so ist sicher Panja schuld daran, der
+seine herabw&uuml;rdigende Meinung &uuml;ber dieses Tier niemals bek&auml;mpft hat. Nach
+meiner &Uuml;berzeugung verdankt alle p&auml;dagogische Einwirkung auf ein
+unerwachtes Gem&uuml;t ihren Erfolg der gemeinsamen M&uuml;he aller Hausgenossen.
+Solange Elias keinen R&uuml;ckhalt an Panja hat, und Panja Elias zur Quelle
+allen &Uuml;bels macht, werde ich kaum an einem von ihnen die volle Freude
+erleben, die ich mir versprochen habe.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Der Abend &uuml;berraschte uns nach diesem ersten Tag in Cannanore. Panja
+st&ouml;berte in den Kisten umher, um Kerzen zu finden, und warf alles
+durcheinander, um Ordnung zu schaffen. Die Moskitoschleier f&uuml;r mein Lager
+befanden sich in der gr&ouml;&szlig;ten Kiste zu unterst, da Panja sie bei unserm
+Aufbruch naturgem&auml;&szlig; zuerst abgenommen und damit auch am tiefsten vergraben
+hatte.</p>
+
+<p>Ich sa&szlig; noch lange, nachdem Panja schlief, auf der Veranda meines neuen
+Hauses und wartete auf den Mond und auf die K&uuml;hle. Aus den unbeweglichen
+Vorh&auml;ngen der B&auml;ume, B&uuml;sche und Pflanzen des Gartens zog ein schw&uuml;ler Hauch
+voll bet&auml;ubender Ger&uuml;che, alles bl&uuml;hte, und eine leidenschaftliche
+Lebensf&uuml;lle dr&auml;ngte sich auf mich ein, um den Weg in mein Blut zu finden.
+&Uuml;berall entz&uuml;ndete der gewaltige, stille Drang zu &uuml;berschwenglichem Keimen
+die von den Grillen schallende Luft, die so ruhig war, da&szlig; die Flamme
+meiner Kerze nur wie in der Bedr&auml;ngnis der &uuml;bers&auml;ttigten Luft zitterte,
+ohne zu flackern. Aus den Palmwaldungen, irgend<span class="pagenum"><a name="Page_18" id="Page_18">[18]</a></span>woher aus der Ferne hinter
+dem Garten, klangen die Blasinstrumente der Hindus aus einem Tempelhof,
+untermischt mit einf&ouml;rmigem blechernem Klirren. Man merkte dem begleitenden
+Gesang die zunehmende Trunkenheit der priesterlichen S&auml;nger an.</p>
+
+<p>Wenn ich die Augen schlo&szlig;, &uuml;berw&auml;ltigte mich bei dieser Musik ein Bild aus
+meiner fr&uuml;hesten Kindheit. Ich erinnerte mich, da&szlig; ich einmal durch ein
+seltsames Klingen, dem ich nichts von allem Bekannten zu vergleichen
+vermochte, aus dem elterlichen Garten auf die Landstra&szlig;e gelockt wurde. Es
+schallte fernher, von dort, wo die Chaussee-Linden, die sich beim Dorf
+einander zu n&auml;hern schienen, alles in geheimnisvolle Schatten h&uuml;llten, und
+ich lief hinaus in die Sonne, die Gartent&uuml;r blieb hinter mir offen, und ich
+verga&szlig; das Verbot meiner Mutter. Vor einem Bauernhof fand ich im Kranz
+einer hellhaarigen Schar von Dorfkindern zwei gro&szlig;e, traurige M&auml;nner unter
+einem Baum stehen, mit schwarzen B&auml;rten und in langen M&auml;nteln. Sie bliesen
+diese schreiende Musik auf grauen S&auml;cken und &uuml;berw&auml;ltigten mein Herz zum
+ersten und gr&ouml;&szlig;ten Ereignis meiner Kindheit. Ich wei&szlig; deutlich, da&szlig; ich wie
+in einem Taumel des Bluts Halt suchte, um nicht zur Erde zu sinken. Heute
+begreife ich, da&szlig; seit jener Stunde die Ahnung einer schmerzlichen
+Ruhlosigkeit in meiner Seele wach geworden ist, und da&szlig; der erste Blick
+meines Geschicks mich segnete. Immer noch gehen die W&uuml;nsche meiner Seele
+dieser tierhaften Klage voll ungest&uuml;mer Lustbegier wie im Banne einer
+Erl&ouml;serhoffnung nach. Sie tauschen mir das Nahe und Vertraute gegen das
+Fremde und Ungewisse ein, das Haus gegen die Stra&szlig;e und die Heimat gegen
+die Welt.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Als ich die Augen &ouml;ffnete, sa&szlig; ein gro&szlig;er brauner Nachtfalter auf dem
+kupfernen Griff des Leuchters und sah best&uuml;rzt und hilflos in das unfa&szlig;bare
+Licht. Nach einer Weile begann er langsam die Fl&uuml;gel zu heben und zu
+senken, und seine Augen voller Angst und<span class="pagenum"><a name="Page_19" id="Page_19">[19]</a></span> unbeweglicher Schw&auml;rze f&uuml;llten
+sich mit dem Lichtwesen des heiligen Feuers. Die Luft trug seine starken
+Fl&uuml;gel leicht, diese Luft, die so schwer in meine Brust einzog und so
+erm&uuml;dend auf ihr lastete. Ich bemerkte erst jetzt, da&szlig; die Veranda sich
+bev&ouml;lkert hatte, und da&szlig; ein befl&uuml;geltes Geschlecht n&auml;chtlicher Vagabunden
+bei mir zu Gast gekommen war. Alles drang auf geheimnisvolle Art aus dieser
+gr&uuml;nen Mauer hervor, die mich und mein Haus einschlo&szlig;. Der Mond mu&szlig;te
+hinter ihr aufgegangen sein, denn ich unterschied in der warmen
+Pflanzenwand nun hellere und dunklere Flecke, die Ornamente der
+Palmenf&auml;cher und die gewaltigen Formen der Bananenbl&auml;tter, die wie die
+Keulen schlafender Riesen emporragten, oder gebrochen, wie zerrissene H&auml;ute
+niederhingen. Den Himmel konnte ich nicht sehen. Da l&ouml;schte ich mein Licht
+aus, und eine matte, magische D&auml;mmerung erhob sich lautlos um mich her, als
+sei die Welt durch ein gr&uuml;nes Glasmeer vom Licht getrennt.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<hr />
+
+<p>Von allem, was dem Menschen gegeben ist, sind seine Gedanken das
+Herrlichste. Und die Nachtgeborenen, die auf ihrer Reise &uuml;ber die Erde das
+unverg&auml;ngliche Licht erstreben, werden in der Nacht am lebendigsten, als
+erwachten sie im Dunkeln, wie in heimlicher Angst, zu verdoppelter
+Tatkraft. Ihnen ist nichts verschlossen, der Weg in die Zukunft ist ihnen
+so frei, wie der in die Vergangenheit, und sie dringen in die Geheimnisse
+der versunkenen Geschlechter ein, in die Kelche der Blumen und in den
+Schlafraum der Geliebten. Die kleinen Dinge des Alltags, mit denen sie sich
+besch&auml;ftigen, nehmen ihnen die Schwungkraft nicht, das Wesen Gottes zu
+ermessen. Ihr Triumph liegt im Grenzenlosen, und ihr unbewu&szlig;tes Ziel ist
+die Ewigkeit. Je st&auml;rker sie sind, um so mehr streben sie die Ordnung an,
+die Schwester der Erkenntnis, und es ist ihre irdische<span class="pagenum"><a name="Page_20" id="Page_20">[20]</a></span> Arbeit, die
+Zusammenh&auml;nge zwischen den versunkenen und den gegenw&auml;rtigen Geistern zu
+finden.</p>
+
+<p>W&auml;hrend ich so meinen Besinnungen freie Fahrt lie&szlig;, h&ouml;rte ich merkw&uuml;rdige
+Ger&auml;usche aus dem Hause dringen, bald war es ein Scharren oder Pochen, bald
+rieselte es von den W&auml;nden, oder knisterte im Geb&auml;lk. Manchmal unterschied
+ich Tierstimmen, seltsam klagende Laute des Kampfes oder der Liebe. Es war
+schwer zu unterscheiden, ob die Laute von au&szlig;en oder von innen zu mir
+drangen, aber ich entz&uuml;ndete nach kurzer Zeit mein Licht aufs neue, um den
+Ungewi&szlig;heiten der n&auml;chtlichen D&auml;mmerung zu entgehen. Als ich aufbrach, um
+mich zur Ruhe zu begeben, war der Mond voll aufgegangen; es lockte mich,
+den beschienenen Garten zu betreten, aber die damit verbundenen Gefahren
+waren auf einem fremden und seit langem von Menschen verlassenen Gebiete zu
+gro&szlig;.</p>
+
+<p>Im Hausgang schlief Panja auf seiner Kokosmatte am Boden, und sein
+Schnarchen beruhigte mich als der einzige vertraute Laut in dieser
+Abgeschiedenheit. Im Hintergrund fl&uuml;chtete ein niedriger Schatten lautlos
+in eine der ge&ouml;ffneten T&uuml;ren der Gartenzimmer. Ich erwog es, ihm
+nachzugehen, unterlie&szlig; es aber. Elias lag auf meinem Bett, als ich eintrat.</p>
+
+<p>Die Holzst&auml;be an den Fenstern waren morsch und teilweise zerbrochen,
+Scheiben waren nicht mehr vorhanden. Auch hier verh&uuml;llte die
+undurchdringliche Pflanzenwand den Ausblick ins Freie und den Zuzug
+frischerer Luft. Der Bl&uuml;tenduft im Raum war berauschend, bald giftig, bald
+s&uuml;&szlig;, die D&uuml;fte erschienen mir schwer und greifbar, w&auml;hrend der Gesang der
+Grillen bet&auml;ubend im Mondlicht zunahm.</p>
+
+<p>Ich untersuchte meine Schu&szlig;waffe, obgleich ich wu&szlig;te, da&szlig; sie in Ordnung
+war, und r&uuml;ckte mein Lager weit vom Fenster ab. Es<span class="pagenum"><a name="Page_21" id="Page_21">[21]</a></span> stand mir schwer bevor,
+Elias wecken zu m&uuml;ssen, denn es war mir bekannt, da&szlig; ihn jede St&ouml;rung aufs
+tiefste verletzte, und f&uuml;r diese unsichere Nacht wollte ich meinen einzigen
+Gef&auml;hrten ungern verstimmen. Aber er knurrte nur unwillig und schlief am
+Boden weiter, ohne recht erwacht zu sein. Da ich gezwungen war, das Licht
+bald zu l&ouml;schen, weil seine Anziehungskraft auf die Insektenwelt zu gro&szlig;
+ist, lag ich bald unter den Gazevorh&auml;ngen im gr&uuml;nlichen D&auml;mmerlicht und
+versuchte einzuschlafen.</p>
+
+<p>Drau&szlig;en wurde es von Viertelstunde zu Viertelstunde lauter und
+leidenschaftlicher; die Lebendigkeit des fremden Getiers teilte sich meinem
+Blut in aufreizender Art mit, und ich f&uuml;hlte den Augenblick herannahen, in
+welchem man die letzte Hoffnung auf Schlaf fahren l&auml;&szlig;t. Meine Gedanken
+besch&auml;ftigten sich mit den vielerlei Ver&auml;nderungen und Einrichtungen, die
+f&uuml;r einen dauernden Aufenthalt in diesem Hause notwendig waren. Solche
+Erw&auml;gungen verstimmten mich, wie leicht gleichg&uuml;ltige Dinge es tun, die mit
+einem Augenblickszwang an Stelle guter und harmonischer Besinnungen treten.
+Aber allm&auml;hlich umfa&szlig;ten meine Gedanken die Gegenst&auml;nde nicht mehr, mit
+denen sie sich abgaben, die Umrisse verwischten sich, ich hatte unter den
+geschlossenen Lidern noch den unbestimmten Eindruck, als ob es im Zimmer
+heller geworden sei, und das Grillengeschrei verschwamm zu einem schw&uuml;len,
+dr&uuml;ckenden Luftmeer, in dem ich leblos dahintrieb. Ich versank in Schlaf
+wie in einen Opiumrausch.</p>
+
+<p>Ein weiches Gedr&auml;ng an meiner Seite lie&szlig; mich auffahren, erstarrt blieb ich
+in der Haltung liegen, in die mich mein Erwachen gest&uuml;rzt hatte, bis ich
+Elias erkannte, der sich mitsamt dem Moskitoschleier unter meine Decke
+verkrochen hatte. W&auml;re nicht ein schrecklicher L&auml;rm im Zimmer st&auml;rker als
+mein Zorn gewesen, so h&auml;tte ich sicher meinem unschuldigen Hunde eine ganz
+neue Art<span class="pagenum"><a name="Page_22" id="Page_22">[22]</a></span> des Luftsprungs beigebracht, aber mein Instinkt sagte mir rasch,
+da&szlig; das &auml;u&szlig;erste Entsetzen Elias zu seinem Vorgehen veranla&szlig;t hatte, er
+zitterte heftig, und sein Winseln glich den Lauten der Todesangst. So lie&szlig;
+ich ihn gew&auml;hren, dr&uuml;ckte ihn an mich und forschte nach der Ursache des
+eigent&uuml;mlichen L&auml;rms, der meinen Schlafraum f&uuml;llte.</p>
+
+<p>Es war fast hell im Zimmer, da der Mond nun so hoch am Himmel stand, da&szlig;
+seine Strahlen durch die Palmenwipfel den Weg ins Haus fanden, aber die
+Lichtflecke am Boden und die blassen Streifen in der Luft verwirrten mein
+Auge anf&auml;nglich, bis ich erkannte, da&szlig; der Fu&szlig;boden von einer erregten
+Schar gro&szlig;er Ratten wimmelte, die sich wie zu einem Angriff an der einen
+Seite des Raums gesammelt hatten. Ihnen gegen&uuml;ber kauerte in der Ecke eine
+Katzenfamilie, kleinere, langhaarige Tiere mit ihren Jungen, und zwischen
+den beiden Parteien lagen get&ouml;tete Ratten, einige verwundete schleiften
+sich m&uuml;hsam unter kl&auml;glichem Piepen voran, einen Blutstreifen hinter sich
+zur&uuml;cklassend. Es war deutlich erkennbar, da&szlig; die Katzen&nbsp;&ndash; ich z&auml;hlte
+derer ohne die Jungen etwa vier oder f&uuml;nf&nbsp;&ndash; sich im Zustande h&ouml;chster
+Angst und &auml;u&szlig;erster Bedr&auml;ngtheit befanden. Sie k&auml;mpften einen
+Verzweiflungskampf gegen die &Uuml;bermacht der Ratten. Ihr drohendes Fauchen
+und Miauen hatte etwas, selbst &uuml;berlegene Gegner, au&szlig;erordentlich
+Einsch&uuml;chterndes, und ihre Geb&auml;rden erinnerten mich an die eines gereizten
+Panthers. Es schien eine alte Feindschaft zu sein, die seit langem im
+Bereich dieses Hauses herrschte, und die in dieser Nacht vielleicht zum
+soundsovielten Male blutig ausbrach. Es mag einmal anders gewesen sein,
+vielleicht herrschte vorzeiten das Geschlecht der Katzen ohne Einschr&auml;nkung
+und als tyrannischer Unterdr&uuml;cker der Ratten, bis diese zu jener
+&Uuml;berlegenheit gelangt waren, die mir jetzt &uuml;ber jeden Zweifel erhaben
+schien.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_23" id="Page_23">[23]</a></span>Die Ratten r&uuml;ckten langsam und mit widerw&auml;rtigen Lauten des Zorns und der
+Blutgier heran. Das magische Licht und der fast leere Raum, dessen Ecken in
+D&auml;mmerung geh&uuml;llt waren, verschob meinen Sinnen auf eigenartige Weise die
+Verh&auml;ltnisse von Gr&ouml;&szlig;e und Weite, es kam mir vor, als r&uuml;ckten dunkle
+Ungeheuer zum Kampfe gegeneinander heran, ich selber war kleiner als sie,
+auf einem weit entfernten Berg.</p>
+
+<p>Als die erste Katze, wie es mir erschien, ein alter und erfahrener Kater,
+zur Verteidigung mit einem langen, flachen Satz vorsprang, erschreckte und
+begeisterte mich die Wildheit seiner Bewegung. Der Kater verlie&szlig; sich im
+Kampfe weniger auf sein Gebi&szlig;, als vielmehr auf seine Pranken, die mit
+z&auml;her Geschmeidigkeit und t&ouml;dlicher Sicherheit dreinhieben. Die Ratten
+stoben anfangs auseinander, als er mitten unter sie sprang, nur eine, die
+von seiner Tatze getroffen worden war, wand sich schreiend neben ihm am
+Boden, ohne da&szlig; er sie vollends t&ouml;tete, oder auch nur noch beachtete. Seine
+gl&uuml;henden Augen, dicht &uuml;ber dem Boden, waren auf die aufs neue
+heranr&uuml;ckenden Gegner gerichtet. Sie kamen langsam und mit h&auml;&szlig;lichem
+Kreischen n&auml;her, aus welchem sowohl Todesangst als auch &auml;u&szlig;erste Kampfeswut
+klangen, aber ein erneuter Sprung des Katers mitten unter sie hatte nicht
+mehr die gleiche Wirkung, wie der erste. Die diesmal getroffene Ratte hatte
+sich offenbar an seiner Lippe festgebissen, jedenfalls schlug das Tier, von
+seinen Schmerzen wie von Sinnen, mit ungeheurer Wut planlos um sich, sprang
+hoch empor und w&auml;lzte sich am Boden, w&auml;hrend immer die eine Ratte, schon
+fast zerfleischt und in Str&ouml;men blutend, an seinem Maule festgebissen hing
+und hin und her geschlenkert wurde, hinauf und hinab. Und w&auml;hrend ich, von
+Grauen fast atemlos, sah, da&szlig; die unheimlichen schattenhaften Gef&auml;hrten der
+geopferten ersten sich von allen Seiten in der k&auml;mpfenden Katze<span class="pagenum"><a name="Page_24" id="Page_24">[24]</a></span>
+festbissen, beobachtete ich sogleich, wie hart an der Wand eine andere
+Rattenschar gegen die in der Ecke zusammengedr&auml;ngten Katzen vorr&uuml;ckte. Sie
+glitten, eng aneinandergedr&auml;ngt, wie ein langsamer Schatten dahin, und das
+furchtbare Geschrei des sterbenden Katers mitten im Zimmer begleitete ihren
+gespenstigen Zug wie eine greuliche, herausfordernde Kampfesmusik.</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich, wie auf einen heimlichen Zuruf hin, st&uuml;rzte der herannahende
+Schatten blitzschnell auf die zusammengekauerten Katzen, und es entspann
+sich ein zweiter, nicht weniger erhitzter Kampf im Dunkel, der mich um so
+mehr entsetzte, als ich keine Einzelheiten zu erkennen vermochte.</p>
+
+<p>Ein winziges, junges K&auml;tzchen von z&auml;rtlichster Anmut fl&uuml;chtete betroffen,
+und scheinbar die Gefahr kaum ahnend, mit zierlichen S&auml;tzen ins Licht. Zwei
+rasche Schatten folgten ihm, man sah keine Bewegungen an ihnen als einzig
+die des Dahingleitens, und in wenig Augenblicken war das Tierchen zerfetzt.
+Auf den kurzen, jammervollen Angstschrei arbeitete sich die Mutter mit
+verzweifelten Anstrengungen zur Hilfe heran, und zu meinem Entsetzen sah
+ich die schauerlichen Nachtgesellen in ihren Leib verbissen, und sie
+schleppte, vor Schmerzen heulend, wie ich niemals eine Katze habe klagen
+h&ouml;ren, ihre blutd&uuml;rstigen M&ouml;rder mit sich, ohne ihrem Kinde Hilfe bringen
+zu k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>W&auml;re dieser Kampf nicht gleich darauf auf eine entscheidende Art
+unterbrochen worden, so h&auml;tte ich sicher eingegriffen, um ihn endlich zu
+beenden. Ich habe mich sp&auml;ter oft gefragt, was mich daran gehindert haben
+mochte, es gleich zu tun. Dem Menschengem&uuml;t haftet ein sonderbarer Hang an,
+k&auml;mpfenden Tieren zuzuschauen, und der woll&uuml;stige Genu&szlig; an solch erregenden
+Schauspielen ist nicht nur verwerflicher Art, sondern er mu&szlig; auch eine
+Achtung vor den selbstt&auml;tigen Bewegungen der Natur zur Grundlage haben<span class="pagenum"><a name="Page_25" id="Page_25">[25]</a></span> und
+ein heimliches Bewu&szlig;tsein f&uuml;r die Wahrheit, da&szlig; der Mensch ihrem Walten
+weder etwas nehmen noch hinzuf&uuml;gen kann. Ich entsinne mich, da&szlig; ich schon
+als Kind einem Hahnenkampf mit Freude und Genugtuung zuschaute, und da&szlig; ich
+sein Ende mit dem erhebenden Gef&uuml;hl einer Bewunderung und ohne Besch&auml;mung
+erwartete. So habe ich als Knabe auch nur schwer begreifen k&ouml;nnen, da&szlig; die
+Menschen Hunde zu trennen suchten, die in eine Bei&szlig;erei geraten waren, und
+obgleich einem reizenden Affenpinscher, den ich mein eigen nannte und dem
+ich aufrichtig zugetan war, von einem Wolfshund die Kehle durchbissen
+wurde, wei&szlig; ich doch gut, da&szlig; ich trotz meines Schmerzes dem b&ouml;sen Sieger
+mit einer Ergriffenheit nachschaute, die geradezu an Anbetung grenzte und
+die mit heftigem Neid auf seinen Lorbeer gemischt war.</p>
+
+<p>In jenem Augenblick nun, als ich, von Entsetzen und Mitleid gepeinigt, in
+den blutigen Kampf der Tiere einzugreifen beschlo&szlig; und vorsichtig nach
+meiner Schu&szlig;waffe tastete, im voraus mit heimlicher Genugtuung die
+furchtbare Wirkung ermessend, die das Krachen eines Schusses auf dem
+n&auml;chtlichen Schlachtfeld hervorrufen w&uuml;rde, erklang aus dem dunklen Winkel
+des Raumes, hinter mir, ein Laut, dessen gebieterische Macht st&auml;rker war,
+als der feurige Donner aus dem eisernen Mund meiner Waffe. Es war ein
+leises Zischen, das man auch ein tr&uuml;bes Fauchen h&auml;tte nennen k&ouml;nnen und das
+den seltsamen und etwas l&auml;cherlichen Lauten zu vergleichen war, mit denen
+bisweilen G&auml;nse mit gesenktem Kopf gegen einen Gegner vorzugehen pflegen.
+Aber die Wirkung dieser klanglosen und widerlich eindringlichen Stimme war
+alles andere als l&auml;cherlich, sie war von einer geradezu grauenhaften Macht.
+Ich f&uuml;hlte mein Blut in den Adern gerinnen, und die Totenstille, die im
+Raume eingetreten war, erh&ouml;hte den Schauer meines Entsetzens zu einer
+todesartigen Erstarrung. Es war so still, da&szlig; ich mein ge<span class="pagenum"><a name="Page_26" id="Page_26">[26]</a></span>hemmtes Blut in
+den Ohren sausen h&ouml;rte, bis langsam, ganz langsam mein Herz jenes
+furchtbare, dumpfe H&auml;mmern begann, unter dem der Atem stockt und ein
+schmerzhaftes Gef&uuml;hl des Erstickens einsetzt. Ich sah die Tiere wie dunkle,
+reglose Flecke am Boden, selbst das Todesgeschrei der Verwundeten
+verstummte f&uuml;r eine Weile, nur eine gro&szlig;e Ratte, deren Leib v&ouml;llig
+aufgerissen war, kreiste in einer Lache ihres Blutes am Boden, in ihr
+Eingeweide verwickelt, mitten im Mond, und ihr heiseres Piepen hatte in
+Gemeinschaft mit ihrem scheu&szlig;lichen Reigen eine fast komische Wirkung
+unbeteiligten und ahnungslosen Eifers.</p>
+
+
+<p class="poem">
+&bdquo;Die Schlange hat gesprochen, unter den hei&szlig;en Steinen,<br />
+ihr tauber Gesang sch&uuml;ttet das Herz in Schnee,<br />
+aus ihrer Stimme brechen die Augen des Todes<br />
+wie aus den Berggefilden des ewigen Schnees.&ldquo;
+</p>
+
+
+<p>Ich hatte diese Verse in Maratta von einem Fakir geh&ouml;rt und sie mir sp&auml;ter
+geben lassen, wobei ich erfuhr, da&szlig; sie alter Herkunft sind und einem viel
+gesungenen Liede der Bergv&ouml;lker der West-Gates entstammen. Nun dachte ich
+in diesem Augenblick zwar nicht an sie, sondern die Verse schienen an mich
+zu denken, sie bem&auml;chtigten sich meiner in dieser schrecklichen Lage, und
+mir geschah aufs neue das ergreifende Wunder jener erhabenen Gelassenheit,
+die, in Augenblicken der Angst, wie eine h&ouml;here und unbeteiligte Gewalt
+&uuml;ber uns hereinbrechen kann.</p>
+
+<p>Dar&uuml;ber sah ich eine gro&szlig;e Schlange herangleiten, ihr schmaler Kopf war
+wohl eine Handbreit &uuml;ber dem Erdboden erhoben, und als er ins Licht kam,
+sah ich die feine Zunge eifrig spielen. Es erschien mir, als l&auml;chelte das
+Tier.</p>
+
+<p>Unter meinen Augen begann nun das grausame Spiel der Schlange, das alle
+V&ouml;lker auf Erden kennen und r&uuml;hmen oder verfluchen. Keinem anderen Tiere
+ist die geheimnisvolle Macht dieser Wir<span class="pagenum"><a name="Page_27" id="Page_27">[27]</a></span>kung verliehen, die lautlos,
+unerkl&auml;rbar, und wie aus einer unterirdischen Welt des B&ouml;sen stammend,
+daherkommt. Kraft und Mut, oder gute Waffen und k&uuml;hner Sinn bringen ihrer
+Herrschaft nur selten Gefahr, denn sie hat neben vielen magischen Mitteln
+jenes furchtbare in ihrer Begleitschaft, das auch den Helden wehrlos macht,
+den Ekel. Aber neben ihm und vielem anderen, das ihr Wesen enth&auml;lt,
+erstrahlt jener d&auml;monische Abglanz aus ihren Regungen, der uns wie eine
+alte Erinnerung an den best&auml;ndigen Triumph des B&ouml;sen anmutet. So ist ihr
+listiges Schleichen mit Weihe gepaart, ihre Sch&ouml;nheit mit Verstecktheit und
+ihre Macht mit Niedrigkeit. Alle Eigenschaften, welche dem Starken Freimut
+verleihen, verbindet sie, wie in einer heimlichen Genugtuung eigenn&uuml;tziger
+Bosheit, mit Falsch. Die Elemente von Wasser, Erde und Luft scheinen bei
+den Bewegungen dieses K&ouml;rpers ihre unterscheidende Eigenart einzub&uuml;&szlig;en,
+denn der Gang der Schlange ist dem keines anderen Lebewesens zu
+vergleichen; in ihm ist das einf&auml;ltige Rieseln des Wassers mit den
+Beschw&ouml;rungen der Magier verbunden.</p>
+
+<p>Die Schlange umkreiste eine verwundete Ratte, die noch lebte, fuhr aus
+ihrem verschlafenen Tanz, der alle Wesen bannt, j&auml;hlings zu und begann das
+erbeutete Tier zu verschlingen. Ihre Sorglosigkeit und die &uuml;berlegene
+Sicherheit ihres Tuns erregte meine Bewunderung in hohem Ma&szlig;e, es war, als
+w&auml;re sie sich keiner Feindschaft bewu&szlig;t, die ihr etwas anzuhaben verm&ouml;chte.
+Das Zimmer blieb still, nur von der Decke rieselte bisweilen ein feiner
+Staub, und die zackigen Lichtornamente am Boden r&uuml;ckten langsam beiseit.
+Die Erde kreist, dachte ich, mit mir, mit dieser R&auml;uberin, mit den kleinen
+Sterbenden und Toten dieses Raumes und mit allen, von denen ich durch ein
+unendliches Meer getrennt bin. Drau&szlig;en schnarchte Panja, und Elias war an
+meinem R&uuml;cken ein<span class="pagenum"><a name="Page_28" id="Page_28">[28]</a></span>geschlafen. So nahm ich vorsichtig vom Kofferrand eine
+der gro&szlig;en indischen Landzigarren, die braun wie Torf und feucht wie Erde
+sind, z&uuml;ndete sie an und wartete auf den Morgen. Meine Gedanken zogen mit
+den Rauchwolken in die gr&uuml;nliche D&auml;mmerung, und ihr Gegenstand war das
+Leben der Menschen und Tiere auf der merkw&uuml;rdigen Erde.</p>
+
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_29" id="Page_29">[29]</a></span></p>
+<h2>
+<a name="kap02" id="kap02"></a>Zweites Kapitel<br />
+Cannanore, die Fischer und das Meer
+</h2>
+
+
+<p>Ehe die Morgend&auml;mmerung hereinbrach, trieb es mich hinaus, um den stillen
+Kampf der roten Morgensonne mit dem gr&uuml;nlichen Silberlicht des Mondes zu
+sehen. Oft sah ich die einsamen, hohen Palmen am Meer auf der einen Seite
+in rote Glut getaucht, w&auml;hrend die andere noch die silbernen Wahrzeichen
+des Mondlichts trug, aus dessen kaltem Leuchten sie langsam im Morgenwind
+zu erwachen schienen. In solcher Licht- und Farbenpracht standen sie gegen
+das bewegte Meer, dessen Stimmen den heraufeilenden Tag begr&uuml;&szlig;ten.</p>
+
+<p>Aber ich sollte diesen Morgen nicht zur Freude des herrlichen Anblicks
+gelangen, denn Panja hatte mit mir zu verhandeln.</p>
+
+<p>&bdquo;Sahib,&ldquo; rief er, als ich um Wasser bat, &bdquo;was ist dies f&uuml;r ein Haus, in
+welches du eingezogen bist!&ldquo;</p>
+
+<p>Ich begann es zu beschreiben, aber er unterbrach mich mitleidig.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich habe die ganze Nacht kein Auge zugemacht!&ldquo; rief er, und die
+herausfordernde Traurigkeit seiner Augen grenzte geradezu an Mi&szlig;achtung.</p>
+
+<p>&bdquo;Sieh, Panja,&ldquo; sagte ich so freundlich, als es mir m&ouml;glich war, &bdquo;ich
+brauche nun Wasser, bedenke die Sitten meines Landes.&ldquo;</p>
+
+<p>Da f&uuml;hrte mich Panja durch den Garten, ohne noch etwas zu sagen, denn er
+verzweifelte offenbar daran, mich anders als durch Tatsachen von der
+Ungerechtigkeit meiner Forderung zu &uuml;berzeugen.</p>
+
+<p>Die ganze Frische des indischen Fr&uuml;hlingsmorgens umfing uns. Alle Bl&uuml;ten
+str&ouml;mten von Tau &uuml;ber, ihre Farben leuchteten im ersten Licht, so da&szlig; meine
+Augen das Entz&uuml;cken dieser Pracht nicht zu fassen vermochten, und der
+Geruch von N&auml;sse, Erde und<span class="pagenum"><a name="Page_30" id="Page_30">[30]</a></span> tausend aufbrechenden Blumen lie&szlig; mich taumeln
+vor Gl&uuml;ck. Auch &uuml;ber Panja kam dieser Rausch, als risse das irdische
+Lebensheimweh der Bl&uuml;henden seine Seele, wie auch die meine, mit sich
+empor. Er hob die braune Nase in die Luft, l&auml;chelte breit in einf&auml;ltigem
+Behagen und sah sich nach mir um. Mit allen Sinnen sog er die Frische und
+das Licht ein, und sein dunkler, nackter K&ouml;rper gl&auml;nzte von Tau.</p>
+
+<p>Als wir am Ende des Gartens, dicht beim Palmendickicht, an der Zisterne
+anlangten, erblickte ich anf&auml;nglich nichts als eine turmartige Wildnis von
+Schlinggew&auml;chsen, und erst als Panja die Ranken zerteilte, gewahrte ich die
+zum Wasserspiegel niederf&uuml;hrende Treppe, die wie in eine unterirdische
+H&ouml;hle hinabging. Die zerbr&ouml;ckelten Steinquadern in der D&auml;mmerung waren von
+seltsamen Moosen &uuml;bergr&uuml;nt und fast ganz bedeckt, ein k&uuml;hler Modergeruch
+kam mir entgegen, und Panja, der den Eifer seiner Entr&uuml;stung vergessen zu
+haben schien, warnte mich mit einem gefl&uuml;sterten Wort und sah fast
+ehrf&uuml;rchtig drein. Sein braunes Gesicht unter dem wei&szlig;en Turban schaute aus
+einer Wolke halboffener, roter Bl&uuml;ten hervor, die so gro&szlig; wie Kinderk&ouml;pfe
+waren. Ein Falter, wie aus blauem Samt, erhob sich schl&auml;frig aus ihrem
+Ampellicht und zog lautlos davon, in die Pflanzenwildnis hinein.</p>
+
+<p>&bdquo;Du darfst nicht hinabsteigen,&ldquo; sagte Panja, &bdquo;&uuml;berall hockt der Tod im
+halben Licht, hierhin geht er aus dem Tag der Menschen; tritt zur&uuml;ck. Ich
+habe das Wasser gesehen, es ist gr&uuml;n wie sterbendes Laub und von Pflanzen
+bedeckt, es tr&auml;gt Blumen, die niemals ein Sonnenstrahl getroffen hat und
+die deshalb giftig sind, wie die Schlange und das Fieber, die bei ihnen
+wohnen.&ldquo; Dann besann er sich pl&ouml;tzlich, seine kindlichen Augen verloren
+ihren and&auml;chtigen Ernst und er sagte mit gerunzelter Stirn:</p>
+
+<p>&bdquo;Solch ein Haus mietest du! Wie lange willst du hier bleiben? Wir<span class="pagenum"><a name="Page_31" id="Page_31">[31]</a></span> reisen
+nach Bitschapur zur&uuml;ck, ich werde alles in die Koffer stecken.&ldquo;</p>
+
+<p>Auf dem R&uuml;ckwege trafen wir Pascha, den Koch, der &uuml;ber die Stra&szlig;e kam und
+auf das Haus zuging. Einen roten Tonkrug mit Wasser auf der Schulter,
+schritt er durch die Sonne, die inzwischen aufgegangen war. Aus dem Hause
+drang Holzfeuergeruch. Pascha gr&uuml;&szlig;te mich mit der freien Hand und schritt
+stumm an mir vor&uuml;ber. Mir war zumute, als sei er stolz auf sein Land und
+auf seine Pflicht, g&ouml;nnte mir das erste nicht und t&auml;te das zweite um seiner
+selbst willen. In seinen gro&szlig;en, samtartigen Augen, unter den langen
+Wimpern, verbarg sich sein Verlangen nach den Bergen. Seine m&auml;nnliche
+Gestalt entz&uuml;ckte mich, ich empfand pl&ouml;tzlich den Namen, den ich ihm
+zugelegt hatte, als l&auml;cherlich und w&uuml;nschte mir, den seinen zu wissen, nur
+um ihn vor mich hinsagen zu k&ouml;nnen, diesen fremdartigen Namen seines
+fremden Geschlechts aus den Bergen. Mich ergriff aufs neue jene sonderbare
+Traurigkeit, die mich in Indien nie verlassen hat, und die dem menschlichen
+Herzen, allem Unerforschbaren gegen&uuml;ber, eigent&uuml;mlich ist.</p>
+
+<p>Panjas empfindsamer Sinn f&uuml;r alle meine Regungen, die sein Interessengebiet
+ber&uuml;hrten, ahnte auf seine Weise, da&szlig; Paschas wortlose T&auml;tigkeit mir
+wohlgefiel. Er sagte:</p>
+
+<p>&bdquo;Diese Hunde aus den Felsspalten haben eine Sp&uuml;rnase f&uuml;r alles Genie&szlig;bare.
+Er wird aber vergessen, das Wasser zu kochen, und morgen hast du Fieber,
+Sahib. Ich werde also nach dem Rechten sehen.&ldquo;</p>
+
+<p>Er ging ins Haus, und gleich darauf h&ouml;rte ich Elias klagen. Die
+Sonnenstrahlen w&auml;rmten bereits sp&uuml;rbar, obgleich ihr Licht noch r&ouml;tlich
+war. Der Garten dampfte, und Vogelstimmen, mit den ersten Lauten der
+ausschwirrenden Insekten gepaart, drangen aus der<span class="pagenum"><a name="Page_32" id="Page_32">[32]</a></span> nebligen Morgenschw&uuml;le
+des Dickichts. Ich verlie&szlig; den g&auml;renden Garten und betrat den r&ouml;tlichen
+Sandweg, der unter uralten wilden Feigenb&auml;umen breit dahinf&uuml;hrte, auf
+Cannanore zu, in freierer Luft. Mein Haus lag etwa in der Mitte zwischen
+der Stadt und dem Meere; um die eine oder das andere zu erreichen, mochte
+etwa eine Viertelstunde Wegs zu gehen sein. So entschlo&szlig; ich mich, die
+Stadt zu einem kurzen Besuche zu betreten, w&auml;hrend Pascha den Tee
+bereitete.</p>
+
+<p>Der breite Weg war fast leer, &uuml;ber Cannanore lag ein bl&auml;ulicher
+Holzfeuerrauch, der aus den Palmen stieg, die Ortschaft war ganz von ihnen
+verborgen, wie die meisten St&auml;dte und D&ouml;rfer der fruchtbaren malabarischen
+K&uuml;ste. Es war so still umher, da&szlig; ich das Rauschen des Meeres an den Felsen
+vernahm, und das Sonnenlicht war von unfa&szlig;barer Milde und Wohltat. Ein
+Ochsenwagen knatterte langsam heran, die hohen R&auml;der mahlten leise im Sand,
+und ein Hindu hockte auf der Deichsel, dicht zwischen den Schw&auml;nzen der
+pr&auml;chtigen, geduldigen Tiere, sein Kinn zwischen den mageren Knien. Er
+blinzelte scheu zu mir her&uuml;ber, ohne einen Gru&szlig; zu wagen, die gewaltigen
+H&ouml;rner der Ochsen schaukelten gem&auml;chlich wohl einen Meter lang &uuml;ber den
+blendend wei&szlig;en R&uuml;cken.</p>
+
+<p>Am zerfallenen Stadttor erhob sich zur Rechten und zur Linken eine einsame
+Palme, jene nach rechts, diese ein wenig nach links geneigt und ihre
+F&auml;cherkronen, &uuml;ber den flachen D&auml;chern der H&auml;user, zeichneten sich dunkel
+und deutlich gegen den klaren Morgenhimmel ab, die St&auml;mme waren von der
+Sonne bemalt, wie mit roter Farbe. Ich sah durch das Tor in die bereits
+belebte Basarstra&szlig;e, in der die eiligen nackten oder wei&szlig; bekleideten
+Gestalten sich zwischen den niedrigen H&auml;usern bewegten und die H&auml;ndler ihre
+Stra&szlig;enl&auml;den &ouml;ffneten und ihre Waren ausbreiteten. Der W&auml;chter am Tore
+erhob sich, um sich tief zu verneigen, wobei er<span class="pagenum"><a name="Page_33" id="Page_33">[33]</a></span> sein Gesicht mit den
+H&auml;nden bedeckte. Ich beschritt die Basarstra&szlig;e und empfand die Stille und
+das Erstaunen, die ich hinter mir zur&uuml;cklie&szlig;; nur die Brahminen, die graue
+Schnur auf der nackten Brust, gingen stumm und steil an mir vor&uuml;ber, ohne
+zu gr&uuml;&szlig;en und ohne sich umzuschauen. Ich erblickte sch&ouml;ne Gestalten und
+stolze Gesichter unter ihnen und las aufs neue aus ihren Z&uuml;gen die ferne
+Verwandtschaft mit den germanischen V&ouml;lkern unseres Erdteils, deren Wesen
+die Jahrtausende nicht ausgel&ouml;scht haben. Sie haben lange das gewaltige
+Reich beherrscht, bis Mohammed seine Fahnen inmitten ihrer K&ouml;nigsschl&ouml;sser
+aufpflanzte und ihnen langsam mehr und mehr die furchtbare und
+geheimnisvolle Macht ersch&uuml;tterte, die heute nur noch tief im Lande, in
+d&uuml;sterer Gewalttat und mystischem Dunkel waltet. Bis auch Mohammeds Zeichen
+und die Pracht seiner K&ouml;nige erbla&szlig;te, als das Gebr&uuml;ll des britischen L&ouml;wen
+sich &uuml;ber dem Meer erhob und das Land erf&uuml;llte. Als ich mich nach kurzem
+Gang zum Heimweg wandte, sah ich die Umrisse des englischen Forts gegen das
+Meer. Seine Kanonen sind Tag und Nacht auf das Schlo&szlig; des Hinduk&ouml;nigs, im
+Herzen der Stadt, gerichtet, um es beim ersten Zeichen einer Revolte in
+Tr&uuml;mmer zu legen. Unter dem stummen eisernen Mund, der unerbittlich und
+unver&auml;nderbar unter der zornigen Sonne und dem ruhigen Mond auf die Stadt
+schaut, flackern die letzten, sch&uuml;chternen Reste der alten K&ouml;nigsmacht von
+Cannanore.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Es war freilich mancherlei in meinem Hause vorzubereiten, bevor ich es zu
+dauerndem Aufenthalt behalten konnte, und beim Tee sprach ich mit Rameni
+und Panja &uuml;ber die Ma&szlig;nahmen. Rameni hatte seine offenen Schuhe vor meiner
+T&uuml;r stehen lassen und versuchte w&auml;hrend unserer Unterhaltung vergeblich ein
+ertr&auml;gliches Verh&auml;ltnis zu dem Liegestuhl zu finden, den ich f&uuml;r ihn
+aufge<span class="pagenum"><a name="Page_34" id="Page_34">[34]</a></span>richtet, und den er aus H&ouml;flichkeit angenommen hatte. Endlich stand
+er auf und ordnete sein wei&szlig;es Gewand, aus dem von den Knien ab seine
+mageren braunen Beine schauten.</p>
+
+<p>&bdquo;Es soll alles nach deinem Willen geschehen, Sahib&ldquo;, sagte er so
+liebensw&uuml;rdig, als sein furchtbares Englisch zulie&szlig;. Panja verachtete ihn
+so angestrengt, da&szlig; ihm der Schwei&szlig; ausbrach.</p>
+
+<p>Es war herrlich auf der Veranda. Der Morgen des indischen Fr&uuml;hlings&nbsp;&ndash; es
+war nach unserer Zeitrechnung Ende Oktober&nbsp;&ndash; ist frisch und erquickend,
+erst nach drei oder vier Stunden wird die Sonne wirklich hei&szlig;. Panja wurde
+guter Laune, als Rameni gegangen war.</p>
+
+<p>&bdquo;Wie das Schwein stinkt&ldquo;, sagte er freundlich. &bdquo;Er wird dich &uuml;berall
+betr&uuml;gen, Sahib. Wenn deine Reicht&uuml;mer nicht unerme&szlig;lich w&auml;ren, so w&uuml;rde
+dieser Schurke dein Untergang sein. Zuerst werde ich nun die Ameisen
+vernichten, sie fressen alles, was sie finden. Wenn man Whisky zwischen die
+Steinplatten gie&szlig;t und z&uuml;ndet ihn an, so ist es um die Tiere geschehen. Gib
+eine Flasche, ich werde beginnen, wenn du ans Meer gehst.&ldquo;</p>
+
+<p>Ich schlug vor, es mit Petroleum zu versuchen, das man sicher in der Stadt
+auftreiben w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Panja sch&uuml;ttelte sich.</p>
+
+<p>&bdquo;Die armen Tiere&ldquo;, sagte er.</p>
+
+<p>Nach einer Weile r&uuml;ckte eine Schar alter Weiber mit Besen, Eimern und
+Tuchfetzen heran, deren Anblick zuerst den ahnungslosen Elias und dann auch
+mich vertrieb. Nur Panja hielt dem Ansturm dieser wilden Amazonen stand,
+weil ihm daran gelegen war, seine Autorit&auml;t in Szene zu setzen.</p>
+
+<p>Das Haus war in wenig Tagen derart instand gesetzt, da&szlig; ein beschauliches
+Leben voll reicher Eindr&uuml;cke f&uuml;r mich h&auml;tte beginnen k&ouml;nnen. Auch Panja
+fand sich bald in unsere neue Lebenslage,<span class="pagenum"><a name="Page_35" id="Page_35">[35]</a></span> und es kamen stille, herrliche
+Fr&uuml;hlingstage, die ich nie vergessen werde. Die best&auml;ndige Sonne weckte
+mich, und meine durch tiefen Schlaf belebten Sinne empfingen die ferne
+Stimme des Meeres, das mich Tag f&uuml;r Tag in sein glitzerndes Bereich
+hinablockte. Die Fischer wurden meine ersten Freunde in Cannanore, und ich
+hatte mich bald daran gew&ouml;hnt, ihre Arbeit mit ihnen zu teilen. Es gelang
+mir, ihr anf&auml;ngliches Mi&szlig;trauen zu zerstreuen, und ich lernte von ihnen,
+wie sie von mir.</p>
+
+<p>Wir sa&szlig;en in der Abendd&auml;mmerung bis tief in die Nacht hinein auf den
+schwarzen Uferfelsen, die in geraden, hohen Bl&ouml;cken weit in die Meerflut
+hineindrangen. Oft mu&szlig;ten wir von einem Steinplateau zum andern springen,
+oder &uuml;ber schmale Holzbretter balancieren, um bis an das &auml;u&szlig;erste Riff zu
+gelangen, von wo aus die Angeln weit in die See geschleudert wurden. Neben
+uns, zur Rechten und zur Linken, wogte still die ungeheure Wassermasse,
+erst in tiefem, klarem Blau, dann f&auml;rbte sie sich langsam rot und blendete
+den Blick, bis sie endlich tiefschwarz und drohend auf und ab stieg, so da&szlig;
+es erscheinen konnte, als tauchte der Fels in einem unbeweglichen dunklen
+Spiegel auf und nieder. Weit hinter uns donnerte die Brandung, und hinter
+ihr ging &uuml;ber den Palmen der r&ouml;tliche Mond auf.</p>
+
+<p>Es war in der Hauptsache auf den Fang gr&ouml;&szlig;erer Fische abgesehen, die
+Angelhaken hatten die Gr&ouml;&szlig;e eines gekr&uuml;mmten Kinderfingers und waren mit
+dem Eingeweide erbeuteter Fische umwickelt. Etwa vier bis f&uuml;nf Meter vom
+K&ouml;der entfernt war ein St&uuml;ckchen leichter Baumborke als Schwimmer an der
+Leine befestigt, und die Angeln wurden &uuml;ber dem Kopf in Kreisform
+geschwenkt, so da&szlig; sie bis zu zwanzig Metern weit ins Meer hinaus
+gelangten. Dann hockten die M&auml;nner sich nieder und verharrten unbeweglich,
+wie mit dem Fels verwachsen, bis ein leises Rucken am Seil sie vom Erfolg
+ihrer M&uuml;he unterrichtete.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_36" id="Page_36">[36]</a></span>Oft kam das wogende Meer bis hart an unsere nackten F&uuml;&szlig;e, dann wieder sahen
+wir es viele Meter tief unter uns. Selbst in der Nacht erkannten die Leute
+deutlich das Herannahen einer gr&ouml;&szlig;eren Welle, und ein leiser Zuruf warnte
+mich, damit ich mich am Felsen festhalten m&ouml;chte. Wenn dann f&uuml;r Augenblicke
+der Steinboden den Blicken entschwand und nichts als das leise brodelnde
+n&auml;chtliche Element unter mir kenntlich war, hatte ich anfangs ein dumpfes
+Gef&uuml;hl der Angst, ja der Todesfurcht zu &uuml;berwinden, und nur die
+unersch&uuml;tterliche Gelassenheit meiner Nachbarn sicherte meinen Mut.</p>
+
+<p>Die M&auml;nner hielten ihre Leinen niemals fest in den H&auml;nden, sondern nur
+leicht zwischen den Fingern, weil es vorkam, da&szlig; ein Haifisch anbi&szlig;, und
+weil der erste Ruck ihnen h&auml;tte verh&auml;ngnisvoll werden k&ouml;nnen. In solchem
+Fall, den ich einmal erlebt habe, schreckte ein lauter Zuruf alle empor.
+Ich sah die Leine wie ein Ankerseil in rasender Schnelligkeit ins Meer
+gleiten und wie ihr Ende hastig um einen Felsvorsprung gewickelt wurde. In
+den meisten F&auml;llen war das Ger&auml;t dann verloren; zuweilen gelang es aber,
+das Raubtier durch die Felsl&uuml;cken bis auf den Strand zu schleifen, und ich
+erschrak &uuml;ber die Lebenskraft und Wildheit des Gefangenen, der trotz seiner
+Hilflosigkeit einen geradezu einsch&uuml;chternden Widerspruch gegen seine
+B&auml;ndiger an den Tag legte. Man befestigte den Rest der Angelschnur mit
+einem Pflock im Sande, ohne den Haken zu l&ouml;sen, und lie&szlig; das Tier auf dem
+Trockenen sterben, so gut und rasch es konnte. Erst am andern Tage oder
+nach Stunden bem&auml;chtigten sich die Frauen alles Verwendbaren von seinem
+glatten Leibe, dessen Fleisch nicht genossen wird.</p>
+
+<p>Gegen Norden zu brachen die dunklen K&uuml;stenfelsen j&auml;hlings ab, und es
+breitete sich, soweit das Auge reichte, die freie Bucht entlang, wei&szlig;er
+Sand aus. Oft wuchsen Palmen, besonders wenn sie<span class="pagenum"><a name="Page_37" id="Page_37">[37]</a></span> einem kleineren Bach das
+Geleite gaben, bis dicht an den Meeresstrand hinab. Dort sah man, noch nahe
+dem Ort, die bunten Boote der Eingeborenen in Reih und Glied im Sand, und
+weiter hinaus begann eine Stille und Verlassenheit, die wohl dazu angetan
+war, ein empfindsames Herz zu locken.</p>
+
+<p>Dort lag ich oft am Wasser, bohrte mich in den Sand und warf die Lasten
+meiner unn&uuml;tzen Gedanken weit von mir. Es war herrlich, der Stimme des
+Meers zu lauschen, die die ganze Welt zu beherrschen schien, und die endlos
+langen, ebenm&auml;&szlig;igen Wogen zu betrachten, welche heranliefen wie sanfte
+Windwellen unter bla&szlig;blauer Seide, sich lautlos hoben und sich mit
+jubelndem Erbrausen, in ein weites Lichtband zerbrechend, auf den
+geduldigen Strand warfen. Das ging so lange so fort, wie nur immer die
+Sinne sich in Geduld und Traum hinzugeben vermochten, denn das Meer kennt
+keine Zeit. In seiner Stimme sind weder Hoffnungen noch Verhei&szlig;ungen, keine
+Liebe und kein Drohen, weder Wahrsagungen noch Beschwichtigungen. Das Wesen
+des Meeres hat keine Gemeinschaft mit dem unsrigen, und nichts als ein
+beseligter Unfriede erwacht in uns, wenn wir uns ihm zu n&auml;hern trachten,
+nur seine Gr&ouml;&szlig;e erhebt uns, wie alle gro&szlig;en Formen dem Gem&uuml;t eine Ahnung
+k&uuml;nftiger Freiheit vermitteln. Das Meer enth&auml;lt keine Ma&szlig;st&auml;be f&uuml;r unsere
+Rechte oder f&uuml;r unsere Pflichten, wie die Erde sie uns bietet, die uns
+tr&auml;gt und ern&auml;hrt und deren Schicksal dem unsrigen verwandt ist. Die
+Dichter haben das Meer selten verstanden, sie haben es nur beschrieben,
+aber wer w&uuml;rde durch sie ein Bild von seiner unerme&szlig;lichen Gewalt und
+Freiheit bekommen, wenn er das Meer niemals gesehen h&auml;tte? Nur in jenem ins
+Mystische hin&uuml;ber verbl&uuml;henden Geiste des gro&szlig;en, gottberauschten
+Schw&auml;rmers der Apokalypse leuchtet ein wahrsagerisches Licht vom Wesen des
+Meers auf, als er das Tausendj&auml;hrige Reich in seinen<span class="pagenum"><a name="Page_38" id="Page_38">[38]</a></span> unendlichen Visionen
+erblickt, und vom Meer sagt, es sei nicht mehr. In dieser Erkenntnis liegt
+eine tiefe Ahnung vom Wesen des Meers, das nicht wie die Erde verflucht
+scheint, und keinem Gericht, keiner Wiederkehr und keinem Wandel
+unterstellt ist.</p>
+
+<p>So hat auch das Meer keineswegs eine Verwandtschaft mit der Seele des
+Menschen, wie manche festgestellt haben, die weder das eine noch die andere
+kennen, und die nur deshalb, weil sie in der Seele etwas Bodenloses
+wittern, auf den Gedanken gekommen sind, sie w&auml;re vielleicht so tief wie
+der Ozean in der Mitte. Das ist ein leichtfertiger Schlu&szlig;, der schwer zu
+erweisen ist, die einzige &Auml;hnlichkeit zwischen solchen Seelen und dem Meer
+ist die, da&szlig; man oft in beiden herumfischt, ohne etwas zu fangen.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Einmal fand ich am Strand einige gro&szlig;e Meerschildkr&ouml;ten, die auf dem R&uuml;cken
+lagen und nach Wasser schnappten. Aus den Spuren nackter F&uuml;&szlig;e, die sie wie
+ein in den Sand eingepr&auml;gter Lorbeerkranz umgaben, lie&szlig; sich leicht
+entnehmen, da&szlig; diese Tiere sich nicht freiwillig in solche Lage begeben
+hatten und da&szlig; sich ein menschlicher Zweck mit dieser Grausamkeit verband.
+Und richtig sah ich unter den B&auml;umen einen braunen Hinduknaben fl&uuml;chten,
+dessen Respekt vor mir so gro&szlig; war, da&szlig; er eine Palme bis an den Wipfel
+erklomm.</p>
+
+<p>Die Schildkr&ouml;ten waren in dieser Einschr&auml;nkung ihrer Bewegungsfreiheit
+einem langsamen Tode in der unbarmherzigen Sonne ausgesetzt, der um so
+qualvoller war, als sie nicht wie die Fische rasch sterben, wenn sie ihrem
+Element entrissen worden sind, sondern eine z&auml;he Lebensdauer, auch auf dem
+Trockenen, beweisen. In der Tat war auch der Gesichtsausdruck einzelner von
+ihnen bereits sehr verstimmt, anderen hing der merkw&uuml;rdig h&auml;&szlig;liche Kopf
+schon leblos nieder, an dem faltigen Hals, der mir wie ein welker, rissiger
+Schlauch erschien. Ich kehrte mit gro&szlig;er M&uuml;he diejenigen<span class="pagenum"><a name="Page_39" id="Page_39">[39]</a></span> um, die mir noch
+regsam genug f&uuml;r eine Fortsetzung ihres Daseins erschienen, aber sie
+taumelten wie betrunken hin und her und fanden das Wasser erst, als ich
+ihnen den Weg wies. Dort schwammen sie rasch und erregt hinaus und tauchten
+sobald als m&ouml;glich unter, sichtlich im Zweifel dar&uuml;ber, ob dieser Vorgang
+eine Tatsache war, oder nur eine neue greuliche Vorstellung ihrer
+Fieberphantasien im Sonnentod.</p>
+
+<p>Sp&auml;ter erfuhr ich, da&szlig; die Tiere von den Eingeborenen in diese Lage
+gebracht werden, damit sie sterben, denn sie k&ouml;nnen sich nicht aus eigenen
+Kr&auml;ften wieder umkehren. Auf diese Weise gewinnen die Leute das sehr
+begehrte Schildpatt, ohne einen Eingriff in das Leben der Tiere
+vorzunehmen, was ihnen verboten ist und auch ihrer &Uuml;berzeugung
+widerspricht. Die Tiere sterben auf diese Art durch den Willen der Gottheit
+und werden so nach Vorstellung der Hindus nicht von Menschen get&ouml;tet;
+offenbar ersieht man aus der Tatsache, da&szlig; die G&ouml;tter die Schildkr&ouml;ten
+nicht wieder umdrehen, ihren Beschlu&szlig;, sie zum Nutzen der Menschheit
+sterben zu lassen.</p>
+
+<p>&Uuml;brigens hatte ich es mit jener Handwerkerkaste in Cannanore endg&uuml;ltig
+verdorben, denn eben jener Knabe, welcher mir Achtung erwies, hatte von
+seinem hohen Versteck aus meine Ma&szlig;nahmen wahrgenommen und er nahm Anla&szlig;,
+diese Neuigkeit in Cannanore zu verbreiten.</p>
+
+<p>Es gab am Strand vielerlei Krebse und allerhand kleines Meergesindel, mit
+dem ich mich einlie&szlig;, auch Ratten kamen bisweilen die B&auml;che herab und
+erkundeten, ob das Meer Tote angeschwemmt oder ausgew&uuml;hlt hatte. Eine
+bestimmte Kaste in Malabar begr&auml;bt ihre Pesttoten am Meer im Sand; zwar
+werden meist die Sandb&auml;nke und Inseln gew&auml;hlt, aber h&auml;ufig findet man auch
+die Spuren der Gr&auml;ber an der K&uuml;ste.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_40" id="Page_40">[40]</a></span>Einmal machte ich die Bekanntschaft einer gr&ouml;&szlig;eren Fliege, die nur einen
+Fl&uuml;gel hatte und den Rest ihres Lebens am Gestade zu verbringen schien. Ich
+beobachtete sie, w&auml;hrend ich am Strand lag und rauchte. Sie suchte sich die
+Steine aus, die besonders rund, blank und hei&szlig; waren, und es schien, als
+bevorzugte sie die wei&szlig;en. Wenn sie eine Weile auf einem solchen gesessen
+hatte, fa&szlig;te sie einen anderen ins Auge und versuchte ihn mit einem
+sprungartigen Flug zu erreichen, aber sie landete jedesmal auf irgendeinem
+dritten, weil sich leider das Fehlen ihres einen Fl&uuml;gels beim Einhalten der
+Richtung bemerkbar machte.</p>
+
+<p>Jedesmal schaute sie anf&auml;nglich etwas verdutzt um sich, ergab sich aber
+dann ihrem merkw&uuml;rdigen Schicksal, immer anderswo landen zu m&uuml;ssen, als sie
+gewollt hatte. Mit einem etwas bek&uuml;mmerten, aber keineswegs gereizten
+Ausdruck orientierte sie sich &uuml;ber die ihr bestimmte Umgebung, schlie&szlig;lich
+schien die Sonne auch hier, und sie blieb sitzen, im hei&szlig;en Licht, vor dem
+glitzernden Wasser.</p>
+
+<p>Ich fa&szlig;te eine gewisse Neigung zu dieser fl&uuml;chtigen Freundin meiner
+einsamen Stunden am Meeresstrand. So sehr viel besser ging es schlie&szlig;lich
+im Leben auch mir nicht, und im Grunde kam es uns beiden auf die Sonne an.
+Ich erz&auml;hlte ihr, wie ich es mit dem Dasein hielt, aber da sie nicht auf
+mich achtete, warf ich mit kleinen Steinen nach ihr, die lustig &uuml;ber die
+runden Br&uuml;der ihrer Jahrtausende kollerten und vergn&uuml;gt klirrten. Die
+meisten dieser Steine waren pr&auml;chtig abgerundet, ich nahm einen von ihnen
+in die warme Hand und polierte ihn sorgenvoll. &bdquo;Du bist noch nicht rund
+genug, mein Kleiner&ldquo;, und ich warf ihn ins Meer zur&uuml;ck, damit ihn die Flut
+noch ein paar weitere tausend Jahre lang abschliffe. Es kam mir auf tausend
+Jahre nicht an, so wenig wie auf einen Tag. Aber vielleicht w&uuml;rde dieser
+Stein mich nicht vergessen, sicherlich war es ihm noch nicht geschehen, da&szlig;
+einer dieser verg&auml;nglichen<span class="pagenum"><a name="Page_41" id="Page_41">[41]</a></span> Menschlein sich seiner annahm und pl&ouml;tzlich
+einen solchen Eingriff in seine gem&auml;chliche Entwicklung machte.</p>
+
+<p>Das Meer trug leichte und liebliche Gedanken in meinen Sinn, t&ouml;richte und
+sinnvolle, aber niemals schwere. Seine Gaben waren Traum, Vergessen und
+Schlaf, sie stiegen mit der flimmernden, hei&szlig;en Luft in unbekannte Regionen
+empor, und der fl&uuml;chtige Seewind trug sie von dannen. Die Menschen meines
+verflossenen Lebens versanken in einem schimmernden All, in welchem ich
+wesenlos, wie sie selbst, dahintrieb, und auch die Liebe wurde zur
+Erinnerung.</p>
+
+<p>Nie aber, da&szlig; Langeweile oder Mi&szlig;mut mich plagten, das Leben war ein
+makelloses Gef&auml;&szlig;, angef&uuml;llt mit dem klaren alten Wein lieblicher
+Sinnenfreude und heiterer Daseinslust. Ich begriff die Menschen dieses
+Landes und dieser Sonne, die kein anderes Begehren zu bewegen schien, als
+das Dasein auf solche Art als seligen Bestand auszukosten und sich dem
+selbstt&auml;tigen Walten von Erstehen und Vergehen, den verg&auml;nglichen
+Gl&uuml;cksg&uuml;tern der Erdenzeit gegen&uuml;ber wahllos und zufrieden, ohne Bedenken,
+anheimzustellen. Was den Unedlen zu einem Anla&szlig; anteillosen Verkommens
+wurde, das wurde im verwandten Geist den Edlen zu einer tiefen Offenbarung
+tatlosen Versinkens in einer hellseherischen Demut der Selbstbeschr&auml;nkung.</p>
+
+<p>Zuweilen zollte ich am Strande dem Tode eine kleine Abschlagszahlung auf
+seine k&uuml;nftigen Rechte und schlief ein, aber die Stimme des Meerwassers
+ging mit mir in das dunkle, ruhige Land. Die Monotonie seiner frischen
+Stimme verwandelte sich in meinen Tr&auml;umen in einen beredten Glanz von
+gro&szlig;er Mannigfaltigkeit, und ich erfuhr Wunder und Sagen vom Gang der Welt,
+die ein ganzes Buch f&uuml;llen w&uuml;rden, aber etwas an der Weisheit des
+Meerwassers verhinderte mich daran, so t&ouml;richte Pl&auml;ne zu fassen. &bdquo;Ich<span class="pagenum"><a name="Page_42" id="Page_42">[42]</a></span> sage
+es allen,&ldquo; rief es gleichm&uuml;tig, &bdquo;warum willst du es tun? Niemand wird Dinge
+durch Menschen h&ouml;ren, die ihm die Natur nicht vertraut, und ihr, die ihr
+nicht einmal euch selbst versteht, wie wollt ihr mich, das Meer, in seinem
+heiligen Wesen erfassen?&ldquo; Als ich erwachte, sah ich im Abendglanz auf der Silberleiste der Meerflut
+gro&szlig; und nah ein schwarzes Boot im roten Himmelsschein dahinfahren, das von
+vier M&auml;nnern angetrieben wurde, die stehend ruderten, und die mir
+gleichfalls schwarz erschienen, weil das Licht hinter ihnen mich gelinde
+blendete.</p>
+
+<p>Vielleicht fuhren sie ins Weite hinaus, vielleicht kehrten sie heim, ich
+wu&szlig;te es von ihnen so wenig wie von mir.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Ein bedauernswertes Ereignis dieser Zeit, das den Wert meines Charakters in
+den Augen der Einwohner Cannanores ernstlich in Frage stellte, ist mir
+lebhaft im Ged&auml;chtnis geblieben. Von Jugend auf habe ich den Hang versp&uuml;rt,
+Schmetterlinge und K&auml;fer zu sammeln, es aber leider auf diesem Gebiet
+niemals zu Erfolgen gebracht, im Gegenteil begleitete mich stets ein
+sp&uuml;rbares Mi&szlig;geschick bei solchen Unternehmungen, und es lag nachweislich
+kein Segen darauf. Der pr&auml;chtige Kasten mit einem Glasdeckel, den meine
+Eltern mir zur F&ouml;rderung meiner lehrreichen Neigung schenkten, wurde bald
+zu einer Goldgrube billiger Ern&auml;hrung f&uuml;r eine kleine, lausartige Sorte von
+Parasiten, die &uuml;ber meine gesammelten Insekten herfielen und sie
+verzehrten. Auf den Rat eines erfahrenen Schulfreundes hin erwarb ich das
+pr&auml;chtige Schutzmittel, das Naphthalin genannt wird, aber die Parasiten
+fielen auch &uuml;ber das Naphthalin her, fra&szlig;en es auf und gediehen dabei
+zusehends. So sah ich die Resultate meiner Bem&uuml;hungen zuschanden werden bis
+auf einen r&ouml;tlichen Erdfloh, der hoch an einer rostigen Stecknadel hockte
+und kaum gr&ouml;&szlig;er war, als ihr Knopf.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_43" id="Page_43">[43]</a></span>Es w&auml;re sicherlich besser gewesen, wenn ich mir diese Erfahrungen meiner
+Jugend auch in Indien zunutze gemacht h&auml;tte, anderseits aber wird es jedem
+verst&auml;ndlich sein, da&szlig; meine alte Leidenschaft bei der au&szlig;erordentlich
+mannigfaltigen und pr&auml;chtigen Insektenwelt Indiens aufs neue angeregt
+wurde. Ich schlug Panjas Einw&auml;nde in den Wind und lie&szlig; in Cannanore
+bekanntgeben, da&szlig; ich Erwachsenen oder Kindern f&uuml;r jeden Schmetterling oder
+K&auml;fer, die mir in meine Niederlassung gebracht w&uuml;rden, den Preis von einer
+Anna zu zahlen bereit sei.</p>
+
+<p>Am Morgen nach dieser Kundgebung weckte mich in aller Fr&uuml;he ein seltsames
+Ger&auml;usch vor meinem Hause, das ich anf&auml;nglich vergeblich zu erkennen
+trachtete, bis ich endlich herausbrachte, da&szlig; es ein Volksgemurmel war.
+Erschrocken trat ich ans Fenster und erkannte nun eine auffallend geordnete
+Reihe von Menschen, Kindern, Greisen, Frauen mit S&auml;uglingen auf den H&uuml;ften,
+M&auml;nnern und J&uuml;nglingen, auch fehlte es nicht an Bettlern, Stra&szlig;endirnen und
+Landstreichern. Die Reihe machte gehorsam den Bogen des Gartenwegs mit,
+schl&auml;ngelte sich durch die offene Pforte und ging dann auf Cannanore zu. Es
+war nicht abzusehen, wie lang sie war; diese Erfahrung blieb mir anf&auml;nglich
+erspart, wie es das Leben bei harten Schicksalsschl&auml;gen seinen Opfern
+zuweilen dadurch erleichtert, da&szlig; es nicht sofort die ganze F&uuml;lle des
+Ungemachs offenbart.</p>
+
+<p>Panja sagte nur: &bdquo;Sahib, die Leute bringen die Tiere.&ldquo;</p>
+
+<p>Ich mu&szlig; gestehen, da&szlig; ich in gro&szlig;e Verwirrung geriet und mich nur m&uuml;hsam
+fassen konnte, aber es gelang mir doch, weil ich Panja den Triumph nicht
+g&ouml;nnte, der hinter seinen stillen Augen lauerte, welche schr&auml;g und
+erwartungsvoll ohne Unterbrechung auf mir ruhten.</p>
+
+<p>&bdquo;Hast du kleine M&uuml;nze genug?&ldquo; fragte ich ihn fr&ouml;hlich, w&auml;hrend<span class="pagenum"><a name="Page_44" id="Page_44">[44]</a></span> ich mich
+rasch ankleidete. Panja fragte mich ernst, ob ich genug gro&szlig;e h&auml;tte.</p>
+
+<p>Da nahm ich Elias an mich, setzte den Korkhelm auf und betrat mutig die
+Veranda meines Hauses. Ein beif&auml;lliges Murmeln der Erwartung begr&uuml;&szlig;te mich.
+Recht gelegentlich, als l&auml;ge mir nur daran, ein paar Schritte in der
+Frische des Gartens zu tun, trat ich bis an die Pforte und schaute die
+Stra&szlig;e nach Cannanore hinab. Die Kette der wartenden Menschen erstreckte
+sich weiter, als meine Augen reichten, fern unter dem Dach der wilden
+Feigenb&auml;ume verlief sie im Laubschatten wie ein schwarzer Kohlestrich, auf
+dem roten Latrittweg. Elias zog sich still ins Haus zur&uuml;ck, weil dieser
+Anblick ihm neu war, und auf der Veranda empfingen mich wieder Panjas ruhig
+abwartende Augen; er hatte einen Liegestuhl f&uuml;r mich herausgetragen.</p>
+
+<p>Es blieb mir nichts anderes &uuml;brig, als zu beginnen. So sandte ich denn
+Pascha mit einer Handvoll Rupien zum Wechseln in die Stadt, denn ich
+brauchte Panja als Dolmetscher, auch w&auml;re er wahrscheinlich bis zum Abend
+ausgeblieben, um mich dadurch am Erfolg meines Unternehmens zu hindern.</p>
+
+<p>Der erste der zahlreichen Ank&ouml;mmlinge war ein kleiner dicker Knabe mit
+prachtvollen dunklen Augen und v&ouml;llig nackt. In der festgeschlossenen
+kleinen Faust, die er mir mutig hinreckte und die von Schmutz starrte,
+entdeckte ich die Staubreste einer kleinen Motte, die v&ouml;llig zerquetscht
+und aufgeweicht war. Ich verabfolgte eine Anna, um nicht mit einem
+verneinenden Bescheid zu beginnen, und der kleine nackte J&auml;ger entfernte
+sich mit einem gl&uuml;cklichen Satz, ohne da&szlig; er wagte, in den Jubel
+auszubrechen, der ihm die Brust weitete. Offenbar hatte er bis zuletzt
+nicht an den Erfolg dieses Gesch&auml;ftes geglaubt. Panja sah ihm nach und
+sagte boshaft: &bdquo;Unterwegs wird er sich lausen, und dann schlie&szlig;t er sich
+hinten wieder an.&ldquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_45" id="Page_45">[45]</a></span>Der n&auml;chste der Wartenden war ein alter Mann, der in der mageren Hand einen
+gr&uuml;nen Beutel aus einem gro&szlig;en Blatt emporreckte, das er oben zuhielt. Es
+befanden sich wei&szlig;e Ameisen darin, von denen mein ganzes Haus wimmelte, und
+er war mit der Hoffnung herzugetreten, seine Tiere einzeln honoriert zu
+bekommen. Ich wies ihn ab, da legte er sich aufs Bitten und begann die
+Schicksale seiner Familie zu erz&auml;hlen, der es in der Tat nicht gut gegangen
+zu sein schien; so gab ich zwei Anna, und er entfernte sich mit einem
+mi&szlig;g&uuml;nstigen Blick auf meine M&uuml;nzen, nachdem er mir zwei Ameisen
+auszuh&auml;ndigen versucht hatte.</p>
+
+<p>Ich kann nicht alles aufz&auml;hlen, was mir an diesem Morgen an Gew&uuml;rm,
+Fliegen, Ungeziefer und Kerbtieren zugetragen worden ist, es gelang mir,
+Indiens Reichtum an diesen Gesch&ouml;pfen zu ermessen. Eine alte Frau brachte
+ein K&uuml;cken, das von Ratten zur H&auml;lfte aufgefressen worden war und keine
+Federn mehr hatte. Sie hoffte, da&szlig; ich es meiner Sammlung einverleiben
+w&uuml;rde, weil sie keine rechte Vorstellung von meinen Interessen hatte. Ein
+M&auml;dchen, bl&uuml;hend wie der sonnige Morgen, in welchem sie sch&uuml;chtern vor mir
+stand, hatte einen wahrhaft sch&ouml;nen Schmetterling von der Gr&ouml;&szlig;e eines
+Singvogels, orangegelb, mit zartestem Lila an den R&auml;ndern, aber er war
+zwischen ihren Fingern zerdr&uuml;ckt, wie ein Trambahnbillett in einem
+Handschuh. Ich betrachtete das Kind und den unschuldigen Glanz seiner
+gro&szlig;en Augen, die mir erschienen wie dunkler Samt in braune Seide gebettet.
+Jahrtausendalte Tr&auml;ume brachen aus ihnen hervor, ruhig und traurig, Mohn
+und Schlaf. Mich &uuml;berkam ein j&auml;her Wandel meines Empfindens und eine
+Traurigkeit; pl&ouml;tzlich ward ich mir der ganzen Nichtigkeit meines Vorhabens
+in besch&auml;mender Klarheit bewu&szlig;t. Wie hatte ich dem Irrtum verfallen k&ouml;nnen,
+zu glauben, da&szlig; wir den Herrlichkeiten der Natur dadurch auch nur um ein
+Geringes n&auml;her<span class="pagenum"><a name="Page_46" id="Page_46">[46]</a></span> kommen, da&szlig; wir ihre Erzeugnisse unter Glas und in K&auml;sten
+bergen. Ich empfand mich pl&ouml;tzlich als vielfacher M&ouml;rder, und vor mir
+harrte das Heer der blutigen Krieger ihres Lohns. Da gab ich dem Kinde den
+Rest des Geldes, das Pascha mir gebracht hatte, und stand auf, um verk&uuml;nden
+zu lassen, da&szlig; meine Anspr&uuml;che befriedigt seien, und da&szlig; ich keiner
+weiteren Insekten mehr bed&uuml;rfte.</p>
+
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_47" id="Page_47">[47]</a></span></p>
+<h2>
+<a name="kap03" id="kap03"></a>Drittes Kapitel<br />
+Die Nacht mit Huc, dem Affen</h2>
+
+
+<p>Eines Morgens stand auf der Veranda meines Hauses in Cannanore ein brauner
+Hinduknabe, der einen Affen auf der Schulter trug. Wie lange er schon dort
+gestanden hatte, wu&szlig;te ich nicht, weil die Eingeborenen bescheiden zu
+warten pflegen, bis es dem fremden Herrn gef&auml;llt, sie anzureden. Auch wenn
+sie annehmen, l&auml;ngst gesehen worden zu sein, harren sie geduldig fort, oft
+stundenlang, ob es nun auch gef&auml;llt, sie zu beachten. Dieser Umstand hat
+mir in der ersten Zeit meines indischen Aufenthalts oft einen nicht
+gelinden Schreck eingebracht, denn auch wenn ein Diener des Hauses ein
+Zimmer betritt, wartet er still in der N&auml;he des Herrn, bis er angeredet
+wird. Es geschah mir in Bitschapur, wo ich zu Anfang meiner Reise inmitten
+alter zerfallener K&ouml;nigsschl&ouml;sser mein Lager aufgeschlagen hatte, da&szlig; ich
+n&auml;chtlicherweile pl&ouml;tzlich am Schreibtisch den Eindruck gewann, es st&uuml;nde
+jemand hinter mir. Solche Bef&uuml;rchtung ist in der Verlassenheit tiefer Nacht
+um vieles be&auml;ngstigender, als die Gewi&szlig;heit eines j&auml;hen, unerwarteten
+Zusammentreffens. Ich wei&szlig; noch heute genau, da&szlig; ich lange nicht wagte,
+mich umzuschauen, und als ich es endlich langsam, Zoll um Zoll, tat und
+pl&ouml;tzlich den Umri&szlig; einer braunen Gestalt, dunkel in dunkel, hinter mir
+gewahrte, emporfuhr, als sei es der B&ouml;se selber, der mich heimsuchte. Der
+Bote hatte, in der festen Annahme, da&szlig; ich l&auml;ngst von seiner Gegenwart
+Notiz genommen hatte, bescheiden und geduldig auf meine Anrede gewartet. Da
+die Hindus den Tritt nackter F&uuml;&szlig;e, selbst auf einer Kokosmatte, deutlich
+h&ouml;ren, begreifen sie nicht ohne Schulung, da&szlig; unser Ohr an deutlichere
+Beweise einer Ann&auml;herung gew&ouml;hnt ist. Gl&uuml;cklicherweise erschrak damals der
+n&auml;chtliche Ank&ouml;mmling so heftig &uuml;ber<span class="pagenum"><a name="Page_48" id="Page_48">[48]</a></span> meinen Schreck, da&szlig; mich ein Lachen
+befreite und aus meinem Entsetzen ri&szlig;.</p>
+
+<p>Eine gro&szlig;e Zahl Berichterstatter aus dem heutigen Indien behaupten in
+B&uuml;chern und Journalen immer wieder, dies Land sei aller Geheimnisse und
+Wunder und aller Mystik l&auml;ngst entkleidet. Wahrscheinlich kennen sie von
+Indien nur die neumodischen Hotels. Ich habe den poetischen Glanz der Veden
+und den Geist Kalidasas &uuml;berall gefunden und erst im Lande selbst recht
+w&uuml;rdigen und fassen gelernt, und der bedauernden Ern&uuml;chterung der modernen
+Propheten habe ich nur den Kummer entgegenzuhalten, da&szlig; meine Kr&auml;fte nicht
+ausreichen, von den mystischen Herrlichkeiten und dem geheimnisvollen
+Zauber aller Erscheinungen ein rechtes Bild zu geben. Wer allerdings die
+Wunder Indiens in der Kunst der Taschenspieler sucht und entt&auml;uscht ist,
+wenn ihm keine Gelegenheit geboten ist, auf einem frei h&auml;ngenden Seil
+emporklettern zu k&ouml;nnen, wird seine Erwartungen nicht erf&uuml;llt sehen, aber
+er wird nicht nur in Indien, sondern &uuml;berall in der Welt entt&auml;uscht sein,
+wo er glaubt, etwas Rechtes erleben zu k&ouml;nnen, ohne etwas Rechtes zu sein.
+Denn das Mystische ist weder das Dunkle und Unklare, noch das phantastisch
+Bedrohliche unverst&auml;ndlicher oder geheimnisvoller Vorg&auml;nge, sondern es
+umschlie&szlig;t, seiner tieferen Bedeutung nach, viel eher die Gewi&szlig;heit ewiger
+Wahrheiten in ihrem Fortwirken jenseits unserer Erkenntnis.</p>
+
+<p>Jener Knabe nun, den ich vor meinem Hause fand, bot mir seinen Affen zum
+Kauf an, ich erfuhr durch Panja sein Anerbieten und den n&uuml;tzlichen Zweck,
+der sich f&uuml;r jeden Garteninhaber mit dem Besitz eines Affen verbinde. &bdquo;Er
+holt die Kokosn&uuml;sse aus den Palmen&ldquo;, erkl&auml;rte mir Panja. Das kleine,
+graubraune Tierchen, das etwa die Gr&ouml;&szlig;e eines Foxterriers hatte, sah mich
+von seinem erh&ouml;hten Sitz ruhig aus seinen alten Z&uuml;gen an. Es war an einer
+Kette<span class="pagenum"><a name="Page_49" id="Page_49">[49]</a></span> befestigt, deren Ende einen Ring um seine hageren Lenden bildete. Der Knabe erkl&auml;rte sich bereit, seinen Affen vorzuf&uuml;hren, und in der Tat
+zeigte sich das Tier au&szlig;erordentlich gut unterrichtet. Kaum war er von
+seiner Fessel befreit worden, als er mit gro&szlig;er Geschwindigkeit eine Palme
+erstieg, eine gro&szlig;e Nu&szlig; abdrehte und sich geduldig wieder festlegen lie&szlig;,
+nachdem die Nu&szlig; gefallen war, und er, um vieles langsamer, wieder
+niederkletterte. Panja verhandelte mit dem Knaben wegen des Kaufpreises,
+und w&auml;hrend ich, ohne zu verstehen, die beiden beobachtete, gewahrte ich,
+da&szlig; eine sichtbare Besorgnis das Gesicht des Hinduknaben betr&uuml;bte. Er
+schien begierig und traurig zugleich. &bdquo;Er will seinen Affen nur vermieten,&ldquo;
+erkl&auml;rte Panja, &bdquo;das kommt daher, da&szlig; er ein Dummkopf ist.&ldquo;</p>
+
+<p>Mir schienen die Dinge anders zu liegen; ich bemerkte deutlich, da&szlig; der
+Knabe hei&szlig;es Verlangen nach der Kaufsumme trug, die er zu erzielen hoffte,
+da&szlig; er sich aber schwer f&uuml;r alle Zeit von seinem Affen zu trennen
+vermochte.</p>
+
+<p>&bdquo;Biete ihm f&uuml;nf Rupien als Kaufsumme&ldquo;, sagte ich.</p>
+
+<p>Panja bot eine. Der Knabe zitterte heftig, denn schon diese kleine Summe,
+die nach unserem Geld noch nicht zwei Mark ausmacht, bedeutete ihm einen
+gro&szlig;en Schatz. Da die Ergriffenheit des Kindes mich deshalb fesselte, weil
+ich deutlich zu f&uuml;hlen glaubte, da&szlig; nicht einzig seine Geldgier ihn
+bewegte, gab ich Panja ein nicht mi&szlig;zuverstehendes Zeichen, da&szlig; ich
+vor&uuml;bergehend Gehorsam von ihm forderte. Er wu&szlig;te, da&szlig; ich genug
+kanaresisch verstand, um ihn kontrollieren zu k&ouml;nnen, und sank in eine
+Haltung gottergebener Verzweiflung zusammen, die er stets einnahm, wenn ich
+meinem Untergang entgegenging, ohne seine Hilfsbereitschaft zu beachten.
+&bdquo;Weshalb willst du den Affen nicht verkaufen?&ldquo; lie&szlig; ich fragen.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich habe sonst kein Eigentum&ldquo;, antwortete das Kind.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_50" id="Page_50">[50]</a></span>&bdquo;Aber wenn ich dir eine gro&szlig;e Summe gebe, so kannst du leicht neue Affen
+erstehen. Ich biete dir f&uuml;nf Rupien.&ldquo;</p>
+
+<p>Panja verschluckte sich bei der Summe und mu&szlig;te sie noch einmal sagen.</p>
+
+<p>Der Knabe zitterte so heftig, da&szlig; ich ihn am liebsten in die Arme
+geschlossen h&auml;tte. Er sagte z&ouml;gernd:</p>
+
+<p>&bdquo;Es ist kein Affe so gut wie Huc. Aber,&ldquo; f&uuml;gte er schnell und m&uuml;hsam hinzu:
+&bdquo;f&uuml;r diese gro&szlig;e Summe will ich ihn dir geben. Du wirst Huc weder schlagen
+noch t&ouml;ten, und wenn du erlaubst, werde ich zuweilen kommen und durch das
+Gartengitter schauen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Weshalb verkaufst du ihn, wenn du deinen Affen liebst?&ldquo; fragte ich.</p>
+
+<p>&bdquo;Soll ich so was wirklich &uuml;bersetzen?&ldquo; fragte Panja.</p>
+
+<p>Ich sah ihn an, und er &uuml;bersetzte meine Worte wie ein Automat.</p>
+
+<p>&bdquo;Meine Eltern hungern&ldquo;, sagte das Kind einfach, ohne Klage und ohne
+Anklage. Und im Verlauf des Gespr&auml;ches erfuhr ich eine merkw&uuml;rdige
+Geschichte, die mich lebhaft fesselte. Der Vater dieses Knaben war von der
+deutschen Missionsgesellschaft in einer Weberei, die in Cannanore von den
+Missionen unterhalten wird, angestellt gewesen, nachdem er sich zum
+Christentum bekehrt hatte. Da er sich aber im Verlauf seiner T&auml;tigkeit
+wiederholt Diebst&auml;hle hatte zuschulden kommen lassen, war er entlassen
+worden. Seine Stammesgenossen, die ihn l&auml;ngst als Abtr&uuml;nnigen betrachtet
+hatten, wollten nun, bei seiner Wiederkehr in ihr Bereich, nichts mehr von
+ihm wissen, und er war hier wie dort ein Ge&auml;chteter geworden und in Elend
+geraten. Nun begriff ich wohl, da&szlig; man in einer Industrie keine Diebe
+gebrauchen kann, aber der Gedanke, ob im Tempel eine Weberei am Platze sei,
+erf&uuml;llte mich nach dieser Erfahrung mit mancherlei Zweifeln. Die Wechsler
+und die Priester werden in keinerlei Gotteshaus zum Segen einander dienlich
+sein, am wenigsten in einem christlichen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_51" id="Page_51">[51]</a></span>Ich sollte auf diesem Gebiet noch recht unterhaltsame Erfahrungen machen,
+und es stand mir noch bevor, einige dieser Gottesboten kennen zu lernen,
+sowie auch den Geist und Wert ihres Wesens. Panja mu&szlig;te nun zu seiner
+Bek&uuml;mmernis mit dem Knaben einen Vertrag abschlie&szlig;en, nach welchem mir das
+Recht auf den Affen Huc f&uuml;r zwei Monate zustand, wogegen ich die Summe von
+f&uuml;nf Rupien im voraus als Geb&uuml;hr entrichtete. Dem Besitzer stand es zu,
+seinen Affen zweimal in der Woche zu besuchen und ihn abzuholen, falls ich
+fr&uuml;her als in der ausgemachten Frist Cannanore verlie&szlig;.</p>
+
+<p>Das Kind eilte gl&uuml;cklich heim, und Panja k&uuml;ndigte mir den Dienst; dies
+hatte aber weiter nichts zu bedeuten, denn er tat es oft. Als ich von
+seiner Abkehr keine Notiz nahm, blieb er stehen und sah mich an.</p>
+
+<p>&bdquo;Sahib,&ldquo; begann er, &bdquo;du wirst in wenigen Wochen ruiniert sein, und was wird
+dann aus mir und meiner alten Mutter, meinen Geschwistern, den Schwestern
+meiner Mutter und den Reisfeldern am Purrha?&ldquo;</p>
+
+<p>Ich erwiderte h&ouml;flich:</p>
+
+<p>&bdquo;Panja, als ich dir vor wenigen Wochen die zehnte Rupie deines Vorschusses
+ausbezahlte, sagtest du mir, deine Mutter sei gestorben, und du brauchtest
+das Geld f&uuml;r ihre Bestattung.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Es war meine Gro&szlig;mutter,&ldquo; sagte Panja, &bdquo;soll ich dir von ihr erz&auml;hlen?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Deine Gro&szlig;mutter starb bei unserer Ankunft in Bitschapur.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Du wirfst alles durcheinander,&ldquo; sagte Panja traurig, &bdquo;nur den Vorschu&szlig;
+beh&auml;ltst du richtig im Ged&auml;chtnis.&ldquo;</p>
+
+<p>Diesen Tadel meiner Gesinnung zog ich mir deshalb zu, weil Panjas Vorschu&szlig;
+doppelt so gro&szlig; war, als ich gewagt hatte, anzuf&uuml;hren, und ich nahm mir
+ernstlich vor, k&uuml;nftig ehrlicher zu sein.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_52" id="Page_52">[52]</a></span>Als ich gegen Abend vom Meer heimkehrte, nachdem ich am Strand der
+Fischerstadt ein Boot erhandelt hatte, fand ich Huc in meinem Zimmer. Panja
+war nirgends aufzutreiben, und Pascha servierte mir schweigend den Reis am
+Ausgang zur Veranda. Ich sah seinen Bewegungen und dem gelassenen Schaffen
+des Mannes zu. Er nahm die Tonkr&uuml;ge mit gekochtem Wasser aus ihren
+Bambusschaukeln, in denen sie zur K&uuml;hlung geschwenkt werden, trug die
+Speisen und Fr&uuml;chte ernst und sorgf&auml;ltig herzu, alles in kleinen Gerichten
+und zierlich verwahrt, Fr&uuml;chte des Zimtapfelbaums, Ingwer, ger&ouml;stete
+Pisangfr&uuml;chte und Reis mit Curry und Kokossaft. Ich hatte mich damals
+l&auml;ngst an die indische Kost gew&ouml;hnt, die in ihrer gro&szlig;en Mannigfaltigkeit
+wahrhaft kennen zu lernen wenigen verg&ouml;nnt ist, denn selbst in den
+Hinduhotels bem&uuml;hen sich die Eingeborenen, den Europ&auml;ern die Speisen auf
+deren Art zuzubereiten. Wer den Reichtum der indischen Fr&uuml;chte kennen
+gelernt hat und ihre Art seinen Bed&uuml;rfnissen anzupassen versteht, ist in
+Indien wohl daran und wird diese erfrischende und gesunde Ern&auml;hrungsart
+jeder anderen vorziehen und niemals vergessen.</p>
+
+<p>Als Pascha die Ananas und die Bananen brachte und die ersten Mangofr&uuml;chte,
+die noch nicht in Malabar gereift waren, sah er Huc, den Affen, neben den
+Speisen auf dem Tisch sitzen und erschrak.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich werde ihn hinausbringen&ldquo;, sagte er.</p>
+
+<p>Aber ich erkl&auml;rte ihm, da&szlig; ich mit Huc sprechen m&uuml;sse, und er ging still
+hinaus. Anf&auml;nglich hatte der Affe nur geringes Zutrauen zu mir gehabt und
+sich in seiner weichlichen Vorsicht immer wieder zur&uuml;ckzuziehen versucht,
+aber bald hatte er herausgebracht, da&szlig; ich es gut mit ihm meinte, und in
+seiner scheinbar so nachl&auml;ssig abwartenden Art betrachtete er mich und nahm
+z&ouml;gernd mit matter, immer ein wenig h&auml;ngender Hand, was ich ihm darbot. Er<span class="pagenum"><a name="Page_53" id="Page_53">[53]</a></span>
+hatte gro&szlig;es Mi&szlig;trauen gegen die Menschen, der Arme, denn einem gefangenen
+Affen ist in Indien kein gutes Los beschieden, er mu&szlig; den Ha&szlig; und die
+Verachtung erleiden, die seinen r&auml;uberischen Gef&auml;hrten gelten. Jeder
+Vor&uuml;bergehende vergn&uuml;gt sich eine Weile damit, an dem Gefangenen einen Teil
+seines Zornes auszulassen, den seine Br&uuml;der in der Freiheit mit ihrem
+frechen, sp&ouml;ttischen Wesen, in der Sicherheit ihrer Palmenkronen,
+heraufbeschworen haben. Am schlimmsten aber setzen die Kinder ihm zu, deren
+gedankenlose Grausamkeit in keinem Lande schlimmer ist, als in Indien, da
+die Verdorbenheit der Gesinnung und des Blutes schon fr&uuml;h hinzukommt; und
+wieviel gilt in Indien das Leben eines Affen, wo kaum das Leben eines
+Menschen etwas gilt. Der Knabe, der mir Huc gebracht hatte, bildete in
+seiner Stellung zu dem Tier eine Ausnahme.</p>
+
+<p>Die Abendsonne schien noch. Da ich im Garten eine schmale Bresche in das
+Dickicht hatte schlagen lassen, so war nun ein Ausblick auf das Meer
+hin&uuml;ber m&ouml;glich, aber ich sah nur die Hochebene, hinter der es atmete,
+sp&uuml;rte seinen k&uuml;hlenden Hauch und vernahm sein ged&auml;mpftes Dr&ouml;hnen an den
+Felsen. Auf der H&ouml;he der Ebene erblickte ich die Silhouetten zweier Palmen,
+deren eine kerzengerade emporstieg, w&auml;hrend die andere sich dem&uuml;tig in
+einem sanften, ebenm&auml;&szlig;igen Bogen zur Seite neigte. Fein und schwarz, wie
+mit Kohle gezeichnet, sah ich diese zierlichen Figuren in der Ferne gegen
+das Ampelrot des Abendhimmels, sie erhoben sich in der Melodie des Meeres
+mitten auf jenem Wege in die Freiheit des Himmels, den meine Augen nun
+Abend f&uuml;r Abend nahmen, so lange ich in Cannanore weilte. Lange noch,
+nachdem ich die Stadt verlassen hatte, erschien oft dies Bild unter meinen
+geschlossenen Lidern und mit ihm die verlorenen und versunkenen Gestalten
+meines in<span class="pagenum"><a name="Page_54" id="Page_54">[54]</a></span>dischen Lebens, dessen Herrlichkeit kein irdischer Mund wird
+nennen k&ouml;nnen. Im Getriebe der tobenden Gro&szlig;st&auml;dte Europas, mitten im
+Stra&szlig;enget&uuml;mmel, in erleuchteten S&auml;len unter schwatzenden und lachenden
+Menschen, oder in der einsamen Ruhe meines n&auml;chtlichen Arbeitsraums
+erscheint mir bisweilen noch dies einfache Bild, und mit ihm ersteht die
+gro&szlig;e Melodie des Ozeans und der Ruf des Wassers an den dunklen Felsen. Das
+unstillbare Heimweh nach der Fremde liegt darin beschlossen und ein gro&szlig;er
+Friede.</p>
+
+<p>Die Nacht sank nieder, aber Huc tat deutlich den Wunsch kund, noch in
+meiner N&auml;he zu verweilen, und ich lie&szlig; es zu, da mich ohne Aufh&ouml;r das
+merkw&uuml;rdig beklemmende Bewu&szlig;tsein gefangenhielt, da&szlig; wir einander in Rede
+und Antwort noch vieles schuldig seien. Kein Lebewesen der Sch&ouml;pfung l&ouml;st
+in so hohem Ma&szlig;e den Hang zur Nachdenklichkeit &uuml;ber sich selbst in uns aus,
+wie der Affe. W&auml;hrend ich langsam ein Glas des schweren indischen Palmweins
+nach dem andern meiner isolierten Seele g&ouml;nnte, zog der gewohnte Reigen
+meiner Traumgestalten, von Weinlaub bekr&auml;nzt, an meinen Augen vor&uuml;ber, und
+langsam verlor mein Herz die Kraft des Alltags, um sie gegen eine bessere
+und h&ouml;here Kraft einzutauschen, die keine irdischen Erweise ihrer Gewalt zu
+geben vermag. W&auml;hrend dieser Stunde sa&szlig; Huc still und nachdenklich vor mir
+und betrachtete mich geduldig. Seine merkw&uuml;rdig zarten, hellgrauen
+Augenlider, die an d&uuml;nnen Guttapercha erinnerten, hoben sich nur selten
+&uuml;ber die H&auml;lfte des scheinbar erm&uuml;deten Auges empor, und die dunklen
+Greisenh&auml;ndchen mit den schwarzen N&auml;geln f&uuml;hrten ein schl&auml;friges und
+gesondertes Leben, von dem seine Gedanken nichts zu wissen schienen.</p>
+
+<p>&bdquo;Huc,&ldquo; sagte ich zu ihm, &bdquo;mein geliehener Affe, der Gang, den das
+menschliche Herz antritt, wenn es sich ohne Gesellschaft den beschwingten
+F&uuml;hrungen des Weins anvertraut, ist &uuml;berall in der<span class="pagenum"><a name="Page_55" id="Page_55">[55]</a></span> Welt der gleiche, nur
+im Grad voneinander unterschieden, aber in seiner Art wie die Gemeinschaft,
+derer alle teilhaftig werden, die sich unter die Segnungen eines Sakraments
+stellen. Ist es nicht zuerst, als tr&auml;ten die Sorgen des Alltags einen
+stillen R&uuml;ckzug an, da&szlig; unser Gef&uuml;hl erstaunt und sehr erfreut nach der
+Ursache dieser Flucht forscht? Auf der nun begr&uuml;nten Walstatt ihres
+qu&auml;lenden Aufenthalts erhebt sich der freundliche Engel unserer Hoffnung,
+der, ohne unsere Augen zu blenden, in feierlicher Weise das Sch&ouml;nste
+unserer Zukunft zur Gewi&szlig;heit macht, so da&szlig; wir unvermerkt und heimlich am
+Ziel unserer W&uuml;nsche angelangt sind. Aber so ist es mit uns, Huc, an diesem
+Ziel wird uns pl&ouml;tzlich traurig zumute, weil es solcher Gestalt Guten, wie
+der Wein sie aus uns macht, nicht wohl tut, ohne Verlangen zu sein, es
+entsteht uns aus dem erreichten Ziel nicht mehr als ein Ausblick auf ein
+neues. Und mit der zugleich schmerzvollen und doch seligen Ahnung, da&szlig; es
+immer so bleiben wird, erwacht in unserm Herzen das Heimweh nach einem
+bleibenden Gewinn.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Prost&ldquo;, sagte Huc.</p>
+
+<p>&bdquo;Du mu&szlig;t mich jetzt nicht st&ouml;ren&ldquo;, antwortete ich in jener Bek&uuml;mmernis, in
+die leicht Leute geraten k&ouml;nnen, die ihre Gedanken viel wichtiger nehmen,
+als sie sind, und die deshalb glauben, man wollte sie ablenken, wenn man
+ihre Ergriffenheit nicht teilt. &bdquo;Huc, wir m&uuml;ssen nun sehen, wo dieser Trost
+zu finden ist, und in welcher Gestalt er einhergeht. Er taucht aus dem
+Grund unseres Glases hervor, aus dem Schatten des Kelchs und wird zum
+Bildnis einer Frau auf seinem goldenen Spiegel.</p>
+
+<p class="poem">
+Alles was wir gern geglaubt<br />
+strahlt aus seinem Grund,<br />
+Jesu schmerzgeneigtes Haupt<br />
+und der Liebsten Mund.&ldquo;
+</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_56" id="Page_56">[56]</a></span>&bdquo;Keine Verse, bitte&ldquo;, sagte Huc.</p>
+
+<p>&bdquo;Vergib,&ldquo; antwortete ich, &bdquo;es kommt zuweilen vor, ohne da&szlig; man es
+beabsichtigt, aber ich begreife, da&szlig; die Wesen selten sind, die erkennen
+k&ouml;nnen, da&szlig; man die Dinge wahrhaft sch&ouml;n nur in Versen sagen kann. Sieh
+nun, Huc, das Bildnis dieser Frau gleicht dem keines dieser Wesen, die wir
+kennen, die Sch&ouml;nheit und Milde dieses Angesichts ist niemals in der Welt
+zu finden, und darin liegt sein unnennbarer Trost. Aus dem Grund ihrer
+Augen erstrahlen das unverg&auml;ngliche Leben und der irdische Schlaf, und vom
+Schlaf steigen liebliche Schleier empor, wie der Duft des Jasmins in der
+Sommernacht, und legen sich &uuml;ber unsere Augen, so da&szlig; wir in Ruhe
+versinken, als h&auml;tten wir uns nichts gew&uuml;nscht, als diese gn&auml;dige Ruhe.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ein Asket bist du also nur,&ldquo; antwortete Huc, &bdquo;weil der Weg dorthin mit
+einer Reihe genu&szlig;reicher Annehmlichkeiten verbunden ist.&ldquo; Er fuhr sich
+rasch mit der Hand &uuml;ber die schmalen Lippen seines gro&szlig;en Mundes, der wie
+in eine dunkle Halbkugel eingeschnitten war, und lie&szlig; dann mit
+hochgezogenen Brauen die Hand wieder sinken, als habe er sie vergessen.
+&bdquo;Gib einen Schluck her&ldquo;, fuhr er fort und zog die Schultern hoch, wobei
+sein Kopf vorr&uuml;ckte und mir so gro&szlig; erschien wie ein Menschenkopf. Er trank
+vorsichtig, leckte sich umst&auml;ndlich die Lippen und atmete so schmerzvoll
+auf, wie nur Menschen aufatmen k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Es war eine Weile still zwischen uns, die n&auml;chtlichen Ger&auml;usche der Natur
+drangen ged&auml;mpft zu uns herein und das leise, heimliche Sausen der
+reisenden Erde. Da legte Huc die welke Hand auf die Gegend seines Herzens
+und sagte einfach:</p>
+
+<p>&bdquo;Ich bin schwinds&uuml;chtig und werde nicht mehr lange leben, ich will dir von
+den W&auml;ldern erz&auml;hlen. Viel kann ich nicht sagen, denn die Sch&ouml;nheit der
+W&auml;lder ist so gro&szlig;, da&szlig; die Gedanken und Worte<span class="pagenum"><a name="Page_57" id="Page_57">[57]</a></span> dar&uuml;ber zu Tr&auml;umen werden,
+je n&auml;her sie der Wahrheit kommen. Denke nicht, meine Krankheit betr&uuml;bte
+mich, nur armselige Wesen leiden an ihrem Leibe, alle Schmerzen des K&ouml;rpers
+und seine Hinf&auml;lligkeit sollte man nur mit einem L&auml;cheln hinnehmen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich bin erstaunt &uuml;ber deine Weisheit, Huc&ldquo;, sagte ich.</p>
+
+<p>&bdquo;Wie hochm&uuml;tig du sein mu&szlig;t, um dar&uuml;ber zu erstaunen&ldquo;, antwortete Huc ohne
+Eifer. &bdquo;Ihr Menschen habt verlernt, in den lebendigen Wesen der Sch&ouml;pfung
+den Sch&ouml;pfer zu ehren, und ihr &uuml;bersch&auml;tzt eure Eigenschaften so sehr, da&szlig;
+ihr dar&uuml;ber diejenigen aller anderen Wesen bel&auml;chelt. Aber wir sind alle
+auf dem gleichen Wege, und wenn wir Sinne h&auml;tten die Zeit zu ermessen und
+sie in Vergangenheit und Zukunft zu &uuml;berschauen verm&ouml;chten, w&uuml;rden wir
+ehrf&uuml;rchtiger sein, bescheidener und fr&ouml;mmer. Gib einen Schluck her.&ldquo;</p>
+
+<p>Ich reichte ihm das Glas, das er mit beiden H&auml;nden nahm und langsam mit
+geschlossenen Augen leerte.</p>
+
+<p>&bdquo;Alle guten Menschen haben den Hang, den Tieren in ihrem Gehabe und Wesen
+zuzuschauen,&ldquo; fuhr Huc ruhig fort, &bdquo;es regt ihre Ahnungen einer zuk&uuml;nftigen
+Vollendung in R&uuml;hrung und ungewissem Glauben an; andere sind schon viel
+weiter und lernen es, die Eigenarten der Pflanzen zu bewundern, die,
+obgleich sie sich von denen der Tiere unterscheiden, doch nicht weniger
+mannigfaltig sind; wann aber werdet ihr das Leben der Steine beachten? Die
+Menschen haben die Geduld verloren. Ich habe lange unter ihnen leben m&uuml;ssen
+und darunter nicht nur gelitten, wie du meintest, als du mich ausliehst,
+sondern ich habe auch gelernt. Ich habe ihre H&auml;user und St&auml;dte kennen
+gelernt, bin auf Schiffen die K&uuml;ste entlang gefahren, so da&szlig; die W&auml;lder an
+den Ufern mir wie feine blaue Nebelstriche erschienen, sogar eine
+Eisenbahnfahrt habe ich gemacht, so da&szlig; ich wei&szlig;, worauf ihr stolz seid. In
+der Gesellschaft<span class="pagenum"><a name="Page_58" id="Page_58">[58]</a></span> mit Menschen habe ich mir meine Krankheit zugezogen, denn
+ich habe in Regen und Wind und in der furchtbaren Sonne ohne Schutz auf
+meinem Pfahl zubringen m&uuml;ssen, an den ich mit einer Kette angeschlossen
+war. Du wirst mein letzter Herr sein. Prost!&ldquo;</p>
+
+<p>Ich holte ein zweites Glas f&uuml;r mich herbei und schenkte uns beiden aufs
+neue ein. Huc sa&szlig; still mit seinen alten, nachdenklichen Augen dicht vor
+mir auf dem Tisch, so da&szlig; unsere Stirnen etwa in gleicher H&ouml;he waren,
+zwischen zwei gl&auml;nzenden Flaschen im Kerzenlicht. Eine Weile spielte er mit
+dem farbigen Stanniol, zerri&szlig; es und roch daran. Als er es endlich aus den
+H&auml;nden fallen lie&szlig;, als habe er nie Interesse daran bekundet, zweifelte ich
+wieder f&uuml;r einen Augenblick an seiner Bedeutung.</p>
+
+<p>&bdquo;Du bist doch nur ein Affe&ldquo;, sagte ich, und raffte mich auf wie aus einem
+Traum.</p>
+
+<p>Huc zog seinen langen Schwanz melancholisch durch die Hand, hielt endlich
+das Ende fest und fragte, das runde Maul mit einem Ruck auf mich zusto&szlig;end:</p>
+
+<p>&bdquo;Wieviel hast du eigentlich schon getrunken?&ldquo;</p>
+
+<p>Ich entschuldigte mich besch&auml;mt; so war also Huc doch im Recht, wie ich
+gleich anfangs angenommen hatte, als er mich von der Schulter seines jungen
+Herrn aus mit seinem unbeirrbaren Ernst und seiner versunkenen
+&Uuml;berlegenheit angesehen hatte. &bdquo;Erz&auml;hle von den W&auml;ldern&ldquo;, bat ich.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich meine oft,&ldquo; begann Huc ruhig, &bdquo;ich kenne die W&auml;lder erst, seit ich sie
+habe verlassen m&uuml;ssen, weil ich mich von jenem Tage an, Stunde f&uuml;r Stunde,
+bis tief in meine Tr&auml;ume hinein habe mit ihnen befassen m&uuml;ssen, und dar&uuml;ber
+habe ich auch erfahren, da&szlig; das Geliebte erst recht unser Eigentum zu
+werden scheint, wenn wir es verloren haben. Alles Kleine ist dahingesunken,
+und mir ist nur ein einziges strahlendes Bild von herrlicher Freiheit im
+Gem&uuml;t<span class="pagenum"><a name="Page_59" id="Page_59">[59]</a></span> zur&uuml;ckgeblieben, es ist verwoben mit dem wei&szlig;en Licht des Mondes
+&uuml;ber dem Bl&auml;tterdach der B&auml;ume, mit dem Spiel des Sonnenscheins im frischen
+Gr&uuml;n, mit dem Lied der Nachtigall am Wasser und dem Geruch der Bl&uuml;ten,
+deren es so viele gibt, wie unsere Sinne nur immer an Farben und Gestalten
+ersinnen k&ouml;nnen. Du wirst l&auml;nger leben als ich, so will ich dir die
+Sehnsucht nach den W&auml;ldern als Erbteil zur&uuml;cklassen, bewahre sie.&ldquo;</p>
+
+<p>Ich hob mein Glas, um es als Zeichen der Best&auml;tigung aufs neue zu leeren,
+aber Huc trank nicht mehr mit. Er schmiegte sich an die eine Flasche, die
+nur um weniges kleiner war als er, als k&ouml;nnte ihr buntes Funkeln im
+Kerzenschein ihn w&auml;rmen, und sprach eint&ouml;nig und scheinbar ohne
+Begeisterung weiter, seine Z&uuml;ge l&auml;chelten weder, noch verrieten sie Trauer.</p>
+
+<p>&bdquo;Es war an einem Fr&uuml;hlingsmorgen, als ich in Gefangenschaft geriet, meine
+Heimat liegt weit von hier, in den Dschungeln von Mangalore, der alten
+Priesterstadt am Meer. Ich geriet auf einem Reisfeld in eine Schlinge, die
+von den Menschen gelegt worden war, und ergab mich in mein Geschick, als
+ich merkte, da&szlig; das Hanfseil unzerrei&szlig;bar war, das sich mir um Arm und
+Schultern gelegt hatte. Zwei Knaben schleppten mich in eine armselige
+H&uuml;tte, die aus Lehmw&auml;nden und Palmbl&auml;ttern zwischen den h&auml;ngenden Wurzeln
+eines wilden Feigenbaums errichtet worden war. Es roch nach Sandelholz und
+verbranntem Kuhmist und war so dumpf und dunkel, da&szlig; ich lange Zeit wenig
+erkannte. Als ich nach der ersten Nacht am Morgen erwachte, sah ich den
+Sonnenschein auf den Bananenbl&auml;ttern vor dem engen Fenster und dachte an
+die Gef&auml;hrten in der Freiheit, die sich nun, wie einst auch ich, auf den
+Wipfeln der Arekapalmen im Morgenwind schaukelten und den Kranichen
+zuschauten, die auf den Sandinseln im seichten Wasser des Flusses standen
+und fischten. Wenn ich meine Augen schlo&szlig;, so h&ouml;rte ich<span class="pagenum"><a name="Page_60" id="Page_60">[60]</a></span> das Wasser
+rauschen und die Stimmen der Schilfpflanzen am Ufer. Ich h&ouml;rte die Lockrufe
+der Wildtauben aus den dichten Lauben des Geh&ouml;lzes dringen und sah den
+Panther durch das Ried schleichen, um zu trinken. Er bewegte sich zwischen
+den Sonnenspeeren und Schattenstrichen des hohen Schilfs, als spielten
+Sonne und Wind mit Schatten und Licht, und niemand erkennt ihn, wenn ihn
+sein heiseres Keuchen nicht verr&auml;t, oder sein dampfender Atem, der von dem
+Blutgeruch seines n&auml;chtlichen Raubs schwer ist. Hoch &uuml;ber mir sang der
+Milan seinen hellen Jagdruf im Blauen, nach Beute aussp&auml;hend, wie von Gold
+&uuml;bergossen schwebte er klein und selig in der k&uuml;hlen Morgenh&ouml;he, &uuml;ber dem
+wilden, gr&uuml;nen Meer des Dschungels. Ich sa&szlig; Schulter an Schulter mit den
+Gef&auml;hrten in der r&ouml;tlichen Fr&uuml;hsonne in der H&ouml;he, atmete die herrliche Luft
+ein und f&uuml;hlte die schweigsamen Bewegungen der unz&auml;hligen Pflanzen unter
+mir, die sich gegen die Sonne emporreckten. Du w&uuml;rdest lernen, das
+leidvolle und s&uuml;&szlig;e Ger&auml;usch der aufbrechenden Blumen zu h&ouml;ren, wenn du mit
+mir im Urwald gelebt h&auml;ttest, du k&ouml;nntest den Duft des ersten Aufbrechens
+vom Hauch des Verbl&uuml;hens unterscheiden, und das woll&uuml;stige Dr&auml;ngen, das
+sehns&uuml;chtige Keimen, und die Hingabe dieser Geduldigen, in der Lust und Not
+ihres Fr&uuml;hlings Erzitternden.</p>
+
+<p>Aber was ist euch Allt&auml;glichen nicht alles wichtig und wie vielerlei
+Geringf&uuml;giges setzt ihr h&ouml;her an, als die beschauliche Gemeinschaft mit dem
+Leben der gro&szlig;en Natur. Wir Affen gelten bei euch als ein unn&uuml;tzes
+gedankenloses Volk, das nichts Gescheites zustande bringt und seinen Tag
+vert&auml;ndelt. Aber wieviel wi&szlig;t ihr vom Gl&uuml;ck unseres freien Daseins in der
+Sonne oder im Mondglanz in der wei&szlig;en, g&auml;renden Nacht, von unserer
+Gemeinschaft mit dem unschuldigen Geschick der tausendf&auml;ltigen Gesch&ouml;pfe
+der Natur? Glaubst du, wir g&auml;ben nicht f&uuml;r eine einzige Stunde<span class="pagenum"><a name="Page_61" id="Page_61">[61]</a></span> friedvoller
+Gemeinschaft mit den Gl&uuml;cklichen des Waldes den ganzen Tand dahin, um
+dessentwillen ihr euch euren hastigen Tag hindurch so wichtig geb&auml;rdet? Die
+Wahrheit, da&szlig; wir euer Wesen nicht haben, schlie&szlig;t uns vom irdischen
+Daseinsgl&uuml;ck nicht aus, und habt ihr denn in der Zeitlichkeit ein anderes
+Ziel als das Gl&uuml;ck? Ihr verlacht uns, wenn ihr uns unsere Freiheit genommen
+habt, und verge&szlig;t, da&szlig; wir ohne sie nichts mehr sind. Nur im Gl&uuml;ck lernt
+man ein Wesen wahrhaft kennen, denn das Gl&uuml;ck ist die Vorbedingung zum
+wohlabgewogenen Selbstbewu&szlig;tsein, und aus dem Selbstbewu&szlig;tsein kommt alles
+Gro&szlig;e.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Was ist denn von euch Affen Gro&szlig;es gekommen?&ldquo; fragte ich.</p>
+
+<p>Huc zog die Achsel hoch, und sein Gesicht wurde grau und alt, als w&auml;ren
+Jahrtausende &uuml;ber diese Z&uuml;ge dahingegangen; er bekam etwas von einer
+&auml;gyptischen Mumie und zugleich etwas schwerm&uuml;tig Tierhaftes von
+unbeschreiblich drohendem Ernst.</p>
+
+<p>&bdquo;So kann nur ein Mensch fragen,&ldquo; sagte er matt. &bdquo;Immer noch glaubt ihr, der
+Natur etwas hinzuf&uuml;gen zu k&ouml;nnen, und meint, etwas erschaffen zu m&uuml;ssen, um
+bestehen zu bleiben. Euer ewiger Bestand hat nichts zu tun mit euren
+Werken, und solange ihr glaubt, euch im Streben Erl&ouml;sung zu sichern,
+beweist ihr nur, da&szlig; ihr nicht wi&szlig;t, was Erl&ouml;sung ist. Das Gro&szlig;e, das dem
+rechten Selbstbewu&szlig;tsein entspringt, ist nicht Werk von Menschenhand,
+sondern die Liebe zu allem Erschaffenen der Natur.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Was wei&szlig;t denn du von Gott, du Affe!&ldquo; sagte ich.</p>
+
+<p>&bdquo;Es kommt nur darauf an, da&szlig; Gott etwas von mir wei&szlig;,&ldquo; antwortete Huc, &bdquo;und
+er tut es. Ungl&uuml;cklich sind nur diejenigen, derer Gott sich nicht
+erinnert.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Das ist wahr, Huc, das ist wahr, ich habe dir unrecht getan, Huc.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nun f&auml;ngst du gar an, mir zu glauben,&ldquo; entgegnete der Affe<span class="pagenum"><a name="Page_62" id="Page_62">[62]</a></span> melancholisch,
+&bdquo;nichts k&ouml;nnte mich mehr an der Wahrheit meiner Worte irre machen.&ldquo;</p>
+
+<p>Huc hatte nun einmal keine gute Meinung von mir, ich wei&szlig; nicht, wodurch
+ich sein Mi&szlig;fallen erregte, vielleicht dadurch, da&szlig; ich zu viel Palmwein
+getrunken hatte.</p>
+
+<p>&bdquo;Erz&auml;hle von den W&auml;ldern,&ldquo; bat ich, &bdquo;&uuml;ber Gott soll man nicht streiten,
+kein Weiser streitet &uuml;ber Gott.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Das w&auml;re f&uuml;r dich ein Grund, es zu tun&ldquo;, sagte Huc, &ouml;ffnete sein Maul ein
+wenig, so da&szlig; ich seine Z&auml;hne blinken sah, und es erschien mir pl&ouml;tzlich,
+als lauerte eine erschreckende Bosheit hinter seinen Z&uuml;gen.</p>
+
+<p>Es ergriff mich &uuml;ber dieser Wahrnehmung ein unbeschreiblicher Zorn, dessen
+Ursprung gewi&szlig; nicht allein in diesem heimlichen Hohn des Tieres zu suchen
+war, sondern vielmehr in jener an Wut grenzenden Besch&auml;mung, in welcher man
+das Geb&auml;ude einer falschen Gotterkenntnis unter den einf&auml;ltigen
+Liebesanspr&uuml;chen der Natur zusammenbrechen f&uuml;hlt. In Besinnungslosigkeit
+und Verblendung ergriff ich j&auml;hlings eine der Flaschen, packte sie am Hals
+und schwenkte sie hoch durch die Luft, um sie mit einem wuchtigen Schlag
+auf Hucs kahlem Sch&auml;del zu zerschmettern. Die Scherben stoben in einem
+bunten Regen nach allen Seiten auseinander und ich glaubte einen dunklen
+Schatten davonhuschen zu sehen, als ich die von einem j&auml;hen Licht
+geblendeten Augen &ouml;ffnete.</p>
+
+<p>Da erkannte ich, da&szlig; drau&szlig;en die Morgensonne auf die Bl&auml;tter schien, und
+da&szlig; ich in der Nacht am Tischrand auf meinen Armen eingeschlafen war.
+Best&uuml;rzt und benommen sah ich mich um, denn das Klirren des Glases lag mir
+so deutlich im Ohr, da&szlig; kein Zweifel dar&uuml;ber herrschen konnte, da&szlig; eine
+Flasche zerschlagen war. Da erkannte ich, da&szlig; ich im Schlaf ein Glas vom
+Tisch gesto&szlig;en hatte,<span class="pagenum"><a name="Page_63" id="Page_63">[63]</a></span> am Boden blinkten die Scherben im Morgenlicht, und
+vom halbge&ouml;ffneten Fenster her wehte es k&uuml;hl herein und brachte das
+Geschrei der Sittiche aus den Mangob&auml;umen mit sich. Ich raffte meine
+erstarrten Glieder m&uuml;hselig auf, eins nach dem andern, und g&auml;hnte &uuml;ber die
+stille dunkle Weinlache hin, die den Tisch zierte, und in der meine Zigarre
+j&auml;mmerlich ertrunken war. Immer noch ein wenig bet&auml;ubt, b&uuml;ckte ich mich
+endlich nieder, um Hucs Leiche aufzulesen, aber ich fand den Affen
+nirgends. Da fiel mein Blick auf das ungeschlossene Fenster, und mit leisem
+Schreck begriff ich Hucs Geschick. Ich trat, nicht ohne einen Anflug von
+Altersschw&auml;che, mit geraden Beinen und etwas krampfhaft geschwenkten Armen
+auf die Veranda hinaus und richtig fand ich Huc auf dem Gipfel einer
+Papeiapalme. Es sah aus, als s&auml;&szlig;e er auf seinen H&auml;nden, dabei schaukelte er
+sich seelenvergn&uuml;gt nach besten Kr&auml;ften, und auf meinen Zuruf hin schaute
+er nieder, zog den Kopf zwischen die Schultern und zeigte mir fletschend
+die Z&auml;hne, als verlachte er mich. Aber bald wurde ich ihm gleichg&uuml;ltig, er
+blinzelte in die rote Morgensonne hinein, lie&szlig; den Zweig ausschwanken, wie
+er wollte, legte den kleinen, klugen Menschenkopf in den Nacken und schlo&szlig;
+vor Lebensseligkeit die Augen.</p>
+
+<p>Als ich ins Zimmer zur&uuml;ckging, stand Panja in der ge&ouml;ffneten T&uuml;r, die H&auml;nde
+auf dem R&uuml;cken, morgenfrisch und ausgeschlafen stand er da, den sauberen
+Turban auf dem kohlschwarzen Str&auml;hnenhaar, und seine Augen wanderten mit
+unaussprechlichem Ausdruck von der umgesto&szlig;enen Weinflasche bald zu den
+Scherben am Boden, bald &uuml;ber meine arme Gestalt hin, die in der Tat der
+Frische und Schwungkraft entbehrte.</p>
+
+<p>&bdquo;Sahib&hellip;&ldquo;, sagte er und stemmte die H&auml;nde in die H&uuml;ften.</p>
+
+<p>Ich will den Ausdruck seines Gesichts nicht schildern, es ist eine
+unangenehme Erinnerung f&uuml;r mich. Nun wird er nach dem Affen<span class="pagenum"><a name="Page_64" id="Page_64">[64]</a></span> fragen, dachte
+ich, aber es geschah nicht. Panja war seit dieser Nacht, nach welcher er
+Elias allein in meinem Bett gefunden hatte, davon &uuml;berzeugt, da&szlig; selbst er
+mir nicht zu helfen in der Lage sei. Er sagte nur in einer ganz
+abscheulichen &Uuml;berlegenheit, die ich ihm nicht vergessen werde:</p>
+
+<p>&bdquo;Sahib, es ist ein Fischer drau&szlig;en, der dir sagen l&auml;&szlig;t, der Ostwind sei
+gekommen, und dein Boot sei f&uuml;r die Meerfahrt bereit.&ldquo;</p>
+
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_65" id="Page_65">[65]</a></span></p>
+<h2>
+<a name="kap04" id="kap04"></a>Viertes Kapitel<br />
+Am Silbergrab des Watarpatnam
+</h2>
+
+
+<p>Es wurde von Tag zu Tag hei&szlig;er, ich schlief in der Mittagsstunde mit der
+Zigarre in der H&auml;ngematte ein, erwachte unfroh und matt, und auch die
+B&uuml;cher blieben oft tagelang, immer die gleiche Seite aufweisend, offen auf
+dem Schreibtisch liegen. Mein Entschlu&szlig; zu reisen, stand fest, ich
+studierte die recht unvollst&auml;ndigen Karten, war aber schon entschlossen,
+den Weg nach Norden durch die Flu&szlig;niederungen der K&uuml;ste zu machen, obgleich
+die Str&ouml;me noch reich an Wasser waren und das Land teilweise &uuml;berschwemmt
+hatten. Die Offiziere der englischen Garnison, deren einige ich
+kennengelernt hatte, rieten mir ab, aber sie verstanden meine Absichten
+nicht, und wenn sie des Glaubens waren, da&szlig; mir daran gelegen sei, rasch
+und bequem voranzukommen, so hatten sie recht. Immerhin hatte ich in etwa
+vierzehn Tagen alle Vorbereitungen getroffen, der Ochsenwagen war gedungen,
+Proviant f&uuml;r zwei Monate war herbeigeschafft, und eines Morgens brachte mir
+ein Knabe die Nachricht, da&szlig; in Tschirakal am Seeufer die Boote auf uns
+warteten.</p>
+
+<p>Der Watarpatnam und der Ponani sind, im Norden und S&uuml;den Malabars ins Meer
+einm&uuml;ndend, die gr&ouml;&szlig;ten Str&ouml;me des Landes. Der Watarpatnam bildet, wie die
+meisten Fl&uuml;sse der Westk&uuml;ste, vor seiner Einm&uuml;ndung ein gewaltiges
+Seenbecken, in welchem sich die Meerflut durch einen schmalen Ausflu&szlig; mit
+seinen Wassern verbindet. Die einzelnen Flu&szlig;m&uuml;ndungen dagegen sind unter
+sich, mitsamt ihren Seen durch Kan&auml;le verbunden, die vor der Zeit der
+K&auml;mpfe Tippu Sultans mit den Engl&auml;ndern, dieser ebenso umsichtige wie
+grausame F&uuml;rst anlegen lie&szlig;, um den Handel zur Zeit der Monsunst&uuml;rme, die
+die K&uuml;ste unbefahrbar machen, in den<span class="pagenum"><a name="Page_66" id="Page_66">[66]</a></span> Meerst&auml;dten keine Unterbrechung
+erleiden zu lassen. Heute, wo der Hauptk&uuml;stenhandel durch die Dampfschiffe
+besorgt wird, ist diese herrliche Wasserstra&szlig;e durch die Seeniederungen und
+den Urwald fast vergessen worden. Die Kan&auml;le sind zum Teil durch die
+Anschwemmungen der Regenzeit versandet, oder das leidenschaftliche Wachstum
+seiner Ufer hat sie v&ouml;llig eingesponnen.</p>
+
+<p>Panja war in bester Laune, seit ich meinen Entschlu&szlig; kundgetan hatte, die
+Stadt zu verlassen, denn er liebte Cannanore nicht und w&uuml;nschte sich, mit
+mir in Gebiete zu kommen, in denen wir allein herrschten. Als er von den
+Wegen h&ouml;rte, die ich zu machen gesonnen war, kratzte er sich froh und
+nachdenklich im Nacken und sah mich geistesabwesend von der Seite an; heute
+wei&szlig; ich, da&szlig; er vielleicht manches besser &uuml;berschaute, was unserer
+wartete, als ich, und da&szlig; es ihn heimlich erfreute, mich bald in gro&szlig;er
+Abh&auml;ngigkeit von sich zu wissen. Er leitete die Vorbereitungen mit viel
+Umsicht, und aus mancher Anschaffung, die er entschlossen und selbst&auml;ndig
+machte, gewann ich langsam einen Einblick in die Schwierigkeiten, die es zu
+&uuml;berwinden galt. Er vertauschte meine letzten Lederkoffer mit solchen aus
+Eisenblech, und eine Mauer von Blechb&uuml;chsen verschwand im Gep&auml;ckwagen, er
+riet mir, meine Waffen nicht zur Schau zu tragen, sie aber wohl zu r&uuml;sten,
+da die Mohammedaner uns rudern w&uuml;rden.</p>
+
+<p>Ich wu&szlig;te damals noch nicht, wie weit seine Bef&uuml;rchtungen angebracht waren,
+aber es war mir bekannt, da&szlig; vielerlei Gesindel der Hinduwelt nur deshalb
+zum Islam &uuml;bertritt, um die gr&ouml;&szlig;eren Freiheiten dieser Lehre zu genie&szlig;en.
+Die Mohammedaner bilden in den Westprovinzen eine entschlossene und geeinte
+Gesellschaft, von der England gr&ouml;&szlig;ere Gefahr droht, als von den Anh&auml;ngern
+des Hinduismus, der durch den Kastengeist hundertf&auml;ltig gespalten und in
+die verschiedensten Interessengebiete zergliedert ist.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_67" id="Page_67">[67]</a></span>Sonst verriet unsere Expedition eher die Friedlichkeit, als die Gefahren
+des Landes, die nicht von den Menschen kommen, und ich erinnerte mich,
+vergleichend, einer anderen Ausfahrt in die Wildnis, die in meiner
+Gegenwart f&uuml;r den Sudan ausger&uuml;stet wurde. Damals starrte das bunte Lager
+von Waffen und Todesbereitschaft, die gl&auml;nzenden Riesengestalten der Neger
+verbreiteten das heimliche Grauen vor ihren blutd&uuml;rstigen Br&uuml;dern im
+Innenlande, und mit den Schwingen der Aasgeier, die den Ausgangsort der
+Expedition umkreisten, rauschten in der Luft die Fittiche des Todesengels,
+dessen furchtbare Z&uuml;ge die Seuchen Afrikas und den Blutdurst in
+Fieberschw&uuml;le ausstrahlten. Viel sp&auml;ter, als ich l&auml;ngst nach Europa
+zur&uuml;ckgekehrt war, erfuhr ich, da&szlig; von jener Gesellschaft nicht ein
+Einziger in die Heimat zur&uuml;ckgekehrt sei, der letzte Name ist in einem
+Krankenhaus von Genua verklungen, in das ein fiebernder Stra&szlig;enbettler
+eingeliefert wurde, der, aller Mittel beraubt, und von einer furchtbaren
+Krankheit zerfressen, den Versuch gemacht hatte, seine deutsche Heimat von
+Neapel aus zu Fu&szlig; zu erreichen.</p>
+
+<p>Die Gefahren Indiens haben dagegen wenig mit dem Charakter der
+Urbev&ouml;lkerung zu tun, denn seine Menschen sind friedliebend und ergeben,
+sie t&ouml;ten nicht und sind seit Jahrtausenden gewohnt, beherrscht zu werden.
+Abgesehen von den durch politischen Fanatismus aufgew&uuml;hlten Leidenschaften
+und ihren von Rachgier, Ha&szlig; und Herrschsucht entfesselten Unbillen, sind
+die europ&auml;ischen Reisenden im gr&ouml;&szlig;ten Teil des Landes vor den Eingeborenen
+sicher; g&auml;be es nicht die Gefahren des Fiebers, der wilden Tiere und der
+Pest, so w&auml;re das heutige Indien f&uuml;r die, welche um ihr Leben besorgt sind,
+weit weniger gefahrvoll, als die Umgebung unserer europ&auml;ischen Gro&szlig;st&auml;dte
+bei Nacht. Indiens Gefahren, seine Einfl&uuml;sse und geheimnisvollen M&auml;chte
+walten in anderen<span class="pagenum"><a name="Page_68" id="Page_68">[68]</a></span> Regionen des Seins, als dort, wo das Messer oder die
+B&uuml;chse &uuml;ber Wohl und Wehe entscheiden. Indien wird kaum jemand gef&auml;hrlich
+werden, dessen Anspr&uuml;che nicht &uuml;ber die Erhaltung seines leiblichen Lebens
+hinausgehen, aber sein d&auml;monischer Geist trifft das Mark der Seele dort
+inmitten, wo ihr Flug die gro&szlig;en Fragen allen Seins und die H&ouml;hen des
+Menschenbewu&szlig;tseins zu erst&uuml;rmen sucht. Der alte Geist des ewigen
+Gottreichs l&auml;hmt mit der unfa&szlig;baren Stille seines himmlischen Triumphs
+allen zornigen Eifer des Kampfes und der Forschung, alle Jugend im Streit
+um die Erkenntnis und die Frische jeder Tat im Geist. Es ist alles gewesen.</p>
+
+
+<p class="poem">
+Erkenntnis ist es, welche Opfer zeitigt,<br />
+Erkenntnis nur vollzieht die heiligen Werke,<br />
+die G&ouml;tter auch, im Licht, allein verehren<br />
+als Brahman, als das &auml;lteste, die Erkenntnis.<br />
+Und wer begreift als Brahman die Erkenntnis,<br />
+und wer sich nicht mehr ab vom Brahman wendet,<br />
+streift schon im Leibe alle &Uuml;bel von sich,<br />
+und alle W&uuml;nsche werden sich erf&uuml;llen.
+</p>
+
+
+<p>Den Himmelswelten der Upanishad und ihrem Licht ist kein Geistesstrahl
+fremd, der ihr aus der Erkenntniswelt unserer Kulturen entgegenbricht, es
+gibt nur Einkehr in Gehorsam und Stille oder eine ruhlose Umkehr, und
+&uuml;berall in Indien tr&auml;umt ihr Friede &uuml;ber all den lebendigen und erstorbenen
+Wesen seines Schaffens und Wandelns. Ein altes Sprichwort sagt, da&szlig;, wer
+ohne Geduld nach Indien ginge, sie dort bald lernte, da&szlig; aber jeder, der
+mit Geduld gewappnet einz&ouml;ge, sie dort verl&ouml;re. Dieses Wort l&auml;&szlig;t sich
+leicht, auf &auml;u&szlig;erliche Dinge angewandt, gleichm&uuml;tig zu den Anekdoten
+rechnen, aber sein tieferer Sinn trifft auf das alte Geisteswesen der
+Jahrtausende zu, das &uuml;berall waltet. Auf den Wegen Indiens hockt der Geist
+der Menschheit mit grauen Haaren und jungen Augen,<span class="pagenum"><a name="Page_69" id="Page_69">[69]</a></span> mit einem stillen
+Triumphl&auml;cheln in den Z&uuml;gen, &uuml;ber seine einge&auml;scherten V&ouml;lker und &uuml;ber den
+t&ouml;richten Lichteifer der neuen Geschlechter. Niemand, in dessen Gewissen
+der alte Schuldgedanke der Menschheit brennt, kommt an ihm vor&uuml;ber, nur die
+leuchtenden Augen der Kinder sind vor seinem Anblick gefeit und die
+erbarmungsw&uuml;rdige Selbstsicherheit der Pharis&auml;er.</p>
+
+<p>Es war zweifellos zum guten Teil mein seltsamer Traum von Huc, dem Affen,
+gewesen, der mich hinaustrieb in die unber&uuml;hrte Natur, die Mutter des
+Glaubens und der Klarheit f&uuml;r alle Aufrichtigen. Wer will ermessen, ob
+unsere Tr&auml;ume unsere Gedanken anzuregen verm&ouml;gen, wie in einer unschuldigen
+Selbstt&auml;tigkeit des Gehirns, die an wunderreiche Offenbarungen erinnert,
+oder ob nur unsere Gedanken unsere Tr&auml;ume zu befruchten verm&ouml;gen? Damals
+erschien es mir, als l&auml;ge ein ganz neues Evangelium der Weltanschauung in
+Hucs schlichter Meinung, da&szlig; alles Gro&szlig;e des Erdendaseins uns allein aus
+unserer Liebe zu allem Erschaffenen der Natur erwachsen k&ouml;nnte. Daneben
+blieb mir der Satz im Sinn: Euer ewiger Bestand hat nichts zu tun mit euren
+Werken, und solange ihr glaubt, euch im Streben Erl&ouml;sung zu sichern,
+beweist ihr nur, da&szlig; ihr nicht wi&szlig;t, was Erl&ouml;sung ist.</p>
+
+<p>Solcherlei Gedanken waren es, die mich mit Ruhlosigkeit erf&uuml;llten und
+dahintrieben, als gelte es, das Herz des alten Reichs im Rauschen der
+Str&ouml;me und B&auml;ume des Landes zu finden, im Himmelsblau &uuml;ber den Wildnissen
+des Dschungels, im Gebaren seiner Gesch&ouml;pfe, seien es nun Menschen, Tiere
+oder Pflanzen, und in der strahlenden oder g&auml;renden Flut des Sonnenlichts
+&uuml;ber dem jahrtausendalten Wandel und der geduldigen Wiederkehr, die alle
+miteinander in innigstem Verein das Brahman geboren zu haben schienen, als
+h&ouml;chsten Anspruch und endliche Erf&uuml;llung.</p>
+
+<p>So trieben mich die gl&uuml;cklichen Irrt&uuml;mer meiner Jugend, wie sie<span class="pagenum"><a name="Page_70" id="Page_70">[70]</a></span> Millionen
+vor mir erh&ouml;ht oder erniedrigt, befreit und gefesselt, gesegnet, verdorben
+oder vernichtet, aber niemals zur vollen Gen&uuml;ge gebracht haben. Aber ihre
+Leiber erbrausen verwandelt als neue Hoffnung und als neuer Glaube in den
+Auferstandenen der Natur, im st&uuml;rzenden Quell, in schwellenden Fr&uuml;chten
+oder in den Liedern der Singv&ouml;gel, die in Lichtwellen verwoben, &uuml;ber
+aufbrechende Bl&uuml;ten dahinklingen. Krishnas gro&szlig;e Worte vom eigenen Wesen,
+der Glanz der h&ouml;chsten Gottheit, verf&uuml;hrt und leitet uns immer aufs neue zu
+friedlosem Suchen nach Vollendung in uns selbst.</p>
+
+
+<p class="poem">
+Ich bin der Weg, der Tr&auml;ger, F&uuml;rst und Zeuge,<br />
+der Freund, die Heimat und die Zufluchtsst&auml;tte,<br />
+Ursprung und Endziel und Bestand der Dinge,<br />
+bin der Beh&auml;lter und der ewige Same.
+</p>
+
+
+<hr />
+
+<p>Die erwachten Hindus standen noch, in der Morgenk&uuml;hle fr&ouml;stelnd, in den
+Eing&auml;ngen ihrer H&uuml;tten, als unsere Ochsenwagen Cannanore gegen Norden zu
+verlie&szlig;en. Es war von unaussprechlicher Frische umher, das Leben der
+Menschen hatte noch kaum begonnen, nur die Vogelstimmen begr&uuml;&szlig;ten uns, das
+im Tau funkelnde Morgenlicht, das in unfa&szlig;lichem Rot, wie in Farbenflecken,
+im Gr&uuml;n und Braun der Palmen und des Buschwerks und auf der breiten
+Heerstra&szlig;e lag, die anf&auml;nglich sacht emporstieg.</p>
+
+<p>Ich schaute nicht zur&uuml;ck, der rastlose Frohsinn meines erwartungsvollen
+Bluts k&auml;mpfte mit der gelinden Traurigkeit des Scheidens, aber ich empfand
+keinen Schmerz, sondern nur die Wehmut derer, die in tausend Hoffnungen
+eine alte Liebe aufgeben, um sie dennoch zu bewahren. Der Postwagen aus den
+Bergen, von Dindumalla, kam uns entgegen, ein schreiender Sturmwind, von
+Trompetengeschmetter begleitet. Vier kleine, abgehetzte Steppenpferdchen,
+die wie in Todesverzweiflung galoppierten, dampften unter<span class="pagenum"><a name="Page_71" id="Page_71">[71]</a></span> der sausenden
+Peitschenschnur ihres F&uuml;hrers, der halb hockend und mit dem Geschrei eines
+ge&auml;rgerten Affen auf sie einhieb. Ein kleiner, &uuml;berf&uuml;llter Wagen rasselte
+in Spr&uuml;ngen und Zickzackkurven hinterdrein. Dieser Postwagen h&auml;tte keine
+Maus mehr beherbergen k&ouml;nnen, selbst in den Rahmen der Fenster und auf dem
+gebrechlichen Verdeck hockten die halbnackten Gestalten auf B&uuml;ndeln und
+Kisten und klammerten sich mit einem Geschrei, das zur H&auml;lfte Ergriffenheit
+und Jubel und zur H&auml;lfte Angst war, aneinander fest. Niemand begriff, aus
+welchen Gr&uuml;nden diese furchtbare Hast ihrer aller Leben gef&auml;hrdete, man
+schob die Wichtigkeit der Sendung auf die geheimnisvolle Weisheit der
+Beh&ouml;rde, deren halbeurop&auml;ische Mischlingsvertreter noch in Cannanore
+schliefen. Eine r&ouml;tliche Wolke h&uuml;llte diese H&ouml;llenjagd aus Unfrieden und
+Torheit hinter uns ein.</p>
+
+<p>Panja, welcher neben dem Ochsentreiber, der zugleich Besitzer unserer Wagen
+war, &uuml;ber dem Deichselende kauerte, wandte sich nach mir um, schob die
+Bambusvorh&auml;nge zur Seite und unterrichtete mich lakonisch &uuml;ber den Vorfall.
+Er sagte nur: &bdquo;Wilde Schweine&ldquo;, und lie&szlig; die Bambusmatte wieder fallen. Es
+wurde wieder still umher, die Sonne stieg, die R&auml;der knarrten, und aus den
+Niederungen der Reisfelder rief die H&auml;herdrossel ihre drei melodischen
+Fl&ouml;tt&ouml;ne.</p>
+
+<p>Nach einer Weile bogen wir von der Heerstra&szlig;e ab, um einen schmaleren Weg
+einzuschlagen, der schlicht und ohne Baumbest&auml;nde zwischen frisch
+bew&auml;sserten Reisfeldern dahinf&uuml;hrte. Die kleinen, wei&szlig;en Rennochsen griffen
+kr&auml;ftig aus, so da&szlig; unser Wagen fast die Geschwindigkeit eines m&auml;&szlig;igen
+Pferdetrabs erreichte. Man reist in den S&uuml;dprovinzen beider Indien bei
+weitem gesicherter und zuverl&auml;ssiger mit Ochsen, als mit Pferden, da
+erstere die Hitze besser ertragen und anspruchsloser in der Ern&auml;hrung
+sind.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_72" id="Page_72">[72]</a></span>Mit dem heraufsteigenden Tage zog der Frohsinn der Menschen bei mir ein,
+die sich jung und sorglos auf der Reise befinden. Auf der Reise sind die
+meisten Menschen besser als in den kleinen Bedr&uuml;ckungen ihrer engen
+H&auml;uslichkeit; mit meiner Erinnerung an meine Reisejahre, die fast meine
+ganze Jugend ausf&uuml;llten, verbindet sich f&uuml;r mich die Vorstellung, da&szlig; ich
+damals ein bei weitem besserer Mensch war, als heute. Das Reisen l&auml;utert
+das Gem&uuml;t, denn die Fremde macht bescheiden, und durchaus nicht auf die
+Art, wie es nur die Lumpen sein sollen. Die Achtung vor fremdem Wesen, die
+gerade uns Deutschen so gern als Tadel nachgesagt wird, ist nur dann eine
+Untugend, wenn sie sich mit einer Preisgabe des eigenen Wesens verbindet.
+Dieser Respekt aber vor fremdem Geist und Tun und vor der Lebensart anderer
+wird in allen reicheren Herzen die Tadelsucht und die Selbst&uuml;berhebung
+d&auml;mpfen, die beiden Grundfehler unserer jungen Generation.</p>
+
+<p>Nicht, da&szlig; solcherlei Gedanken mich damals besch&auml;ftigten, sie kommen erst
+sp&auml;ter, sind meistens zwecklos und dienen nur denen, die sie im Grunde
+nicht brauchen. Denn gute Gedanken werden nur von denen recht verstanden,
+deren Wert darin beruht, da&szlig; sie ihre eigenen haben. Nein, mich nahm das
+herrliche Bild des klaren Morgens gefangen, das stille Leben auf den
+fruchtbaren Reis&auml;ckern, der Takt der Wasserm&uuml;hlen und die sch&ouml;nen Gestalten
+der arbeitenden M&auml;nner und Frauen. Langsam verwilderte das Land mehr und
+mehr, nur einmal noch, als unser Wagen, wie aus einer Laube, aus hohen
+Buschbest&auml;nden und Laubwald in ein St&uuml;ckchen freien Landes ausfuhr,
+breitete sich vor meinen Augen ein dunkler Acker aus, der gepfl&uuml;gt, aber
+noch nicht bew&auml;ssert worden war, und das schr&auml;ge Sonnenlicht legte die
+aufgeworfene Erde in Schatten und Licht. Ein reicher Glanz der
+Morgenfrische strahlte &uuml;ber dem dampfenden Land, das duftete und von
+Fruchtbarkeit zu<span class="pagenum"><a name="Page_73" id="Page_73">[73]</a></span> g&auml;ren schien. Zwei schneewei&szlig;e Ochsen vor dem Krummholz,
+das unseren Pflug ersetzt, wurden von einem jungen Manne gelenkt, der au&szlig;er
+seinem schmalen Lendenschurz nur einen leuchtend roten Turban auf den
+schwarzgl&auml;nzenden, langen Haaren trug. Ein Palmenwald schlo&szlig; das Bild im
+Hintergrund ab, und dar&uuml;ber strahlte ein unfa&szlig;lich blauer und klarer Himmel
+von seliger Weite.</p>
+
+<p>Am Ende des Feldes waren M&auml;dchen an der Wasserm&uuml;hle besch&auml;ftigt, sie
+mochten vierzehn oder f&uuml;nfzehn Jahre alt sein, waren fast v&ouml;llig nackt, und
+ihr tiefschwarzes Haar, das von &Ouml;l gl&auml;nzte, hing in einem langen, schmalen
+Knoten in den lichtbraunen Nacken nieder. Sie hantierten eifrig, ihre
+jungen K&ouml;rper bewegten sich in einem noch unverstandenen Gl&uuml;cksbewu&szlig;tsein
+kindlicher Freiheit und in jener gro&szlig;z&uuml;gigen Schamhaftigkeit der
+selbstseligen Natur, die unbegrenzten Frohsinn um sich her verbreitet, und
+sangen einstimmig ein monotones Lied von gro&szlig;er Traurigkeit. Der Fall des
+st&uuml;rzenden Wassers und ihre Stimmen bewirkten, da&szlig; sie das Herannahen des
+Wagens nicht sogleich bemerkten; als sie uns aber erblickten, fl&uuml;chteten
+sie mit einem hellen Aufschrei hinter die trockenen Schilfw&auml;nde einer
+kleinen H&uuml;tte, wobei sie, wie zwei aufgeschreckte Antilopen, &uuml;ber einen
+kleinen Bach sprangen. Aus der H&uuml;tte trat gleich darauf eine
+zusammengeschrumpfte Alte, die uns aus ihren welken Z&uuml;gen anl&auml;chelte und
+uns winkte. Dann nahm der Wald uns auf, der dichter und dichter wurde. Die
+Sonnenstrahlen drangen nur noch in spitzen Speeren bis zu uns herab, es
+wurde d&auml;mmerig und schw&uuml;l, die Bambusdickichte und die h&auml;ngenden,
+buntverwobenen Teppiche der Lianen verh&uuml;llten mehr und mehr den Blick in
+die Schatten des Urwalds.</p>
+
+<p>Niemand schien anf&auml;nglich &uuml;ber den Verlauf unseres Unternehmens erfreuter
+als Elias. Die erste Tagesstunde hindurch durchma&szlig; er unseren Weg etwa
+zehnmal, die zweite machte er ihn un<span class="pagenum"><a name="Page_74" id="Page_74">[74]</a></span>gef&auml;hr f&uuml;nfmal und selbst in der
+dritten Stunde, in der es schon empfindlich hei&szlig; geworden war, lief er
+immer noch munter kreuz und quer, uns alle an Eifer und Ausdauer
+&uuml;bertreffend. Erst als wir in den Urwald kamen, wurde er nachdenklicher,
+blieb zuweilen betroffen stehn und suchte die D&auml;mmerung unter den B&auml;umen
+mit seinen Blicken zu durchdringen, wobei er gew&ouml;hnlich das eine Vorderbein
+emporhob und die Pfote im rechten Winkel herabh&auml;ngen lie&szlig;. Seine Ohren
+bewegten sich dabei unabl&auml;ssig, zuweilen sah er mich forschend an, wie in
+Unsicherheit dar&uuml;ber, ob diese Umgebung mir ebensowenig geheuer sei, wie
+ihm.</p>
+
+<p>&Uuml;brigens hatte Elias sich auf das pr&auml;chtigste entwickelt, er trug nun die
+Merkmale eines Wolf- und Sch&auml;ferhundes nicht minder deutlich, wie die eines
+forschen und geschmeidigen Terriers, jener t&uuml;chtigen Rasse, die damals die
+Engl&auml;nder bevorzugten und pflegten. Seine wollige Behaarung erfreute auch
+verw&ouml;hnte Kenner durch ihre F&uuml;lle und die Mannigfaltigkeit ihrer F&auml;rbung,
+w&auml;hrend ein gro&szlig;er Ringelschwanz ihn auf das pr&auml;chtigste zierte. Da er noch
+ein wenig gewachsen war, so verband er mit seiner Anmut eine gewisse
+Bedrohlichkeit der Erscheinung, die er jedoch wegen der Vortrefflichkeit
+seines Charakters in keiner Weise auszubeuten suchte. Zweifellos flo&szlig; auch
+vom Blut des sehr beliebten H&uuml;hnerhundes ein gut Teil in seinen Adern, denn
+sobald sich ein Gefl&uuml;gel zeigte, verriet Elias einen unbez&auml;hmbaren Hang,
+sich dieses Getiers zu bem&auml;chtigen, um es zu zerrei&szlig;en. Hier zeigte er
+einen nachahmungswerten Mut, der so leicht nicht wieder bei einem Hunde
+gefunden werden wird.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Es begann eine herrliche Zeit! Wie soll ich die leuchtende Klarheit der
+hereinbrechenden Morgen schildern, die in unfa&szlig;barer Best&auml;ndigkeit
+heraufzogen, den stillen, gl&uuml;henden Glanz der Tage<span class="pagenum"><a name="Page_75" id="Page_75">[75]</a></span> und den magischen
+Frieden der wei&szlig;en, gef&auml;hrlichen N&auml;chte! Von allem, was mir aus dieser Zeit
+der Wanderung durch die Wildnis am tiefsten im Ged&auml;chtnis geblieben ist,
+preise ich die Kanufahrt durch die Seen und Kan&auml;le. Ich vergesse die
+Abendstunde niemals, in der unsere Wagen in Tschirakal anlangten, einem
+kleinen Ort an jenem Binnensee, den der Watarpatnam vor seinem Austritt ins
+Meer bildet. Der Ort lag unter Palmen und hob sich wei&szlig;, braun und gr&uuml;n von
+der merkw&uuml;rdig stillen, graublauen Silberwand des gro&szlig;en Wassers ab, als
+wir die Stra&szlig;e zum Hafen niederfuhren. Aus den niedrigen H&auml;usern und
+Palmenh&uuml;tten stieg blauer Rauch auf, und aus der D&auml;mmerung einer h&ouml;lzernen
+Tempelpagode drang ein priesterlicher Singsang. Es regte sich kein Windzug,
+die Mattigkeit des Tages lagerte in der Luft, und der bunte Hafen war so
+still wie ein Bild. Ungeheure Laubb&auml;ume, unserem Ahorn vergleichbar,
+&uuml;berschatteten den schmalen Wassereinschnitt, in dem die Kanus ruhig, wie
+eingelassen in erstarrtes Metall, dicht nebeneinander lagen, sie waren zum
+Teil hoch mit grell bemalten Warenballen bepackt, und die Zug&auml;nge zu diesem
+Hafen f&uuml;hrten eng an den H&auml;usern entlang. Es duftete nach Tee, Gew&uuml;rzen und
+Fr&uuml;chten, und als unsere Wagen dicht am Rand des Wassers haltmachten, erhob
+sich ein alter Mann, ganz in ein wei&szlig;es Gewand geh&uuml;llt, und begr&uuml;&szlig;te mich
+im Namen Allahs und des Propheten.</p>
+
+<p>&bdquo;Bist du der Herr, der das Wasser befahren will, um nach Taliparambu zu
+gelangen?&ldquo;</p>
+
+<p>Seine Stirn war dicht &uuml;ber den Brauen, wie von einer wei&szlig;en Binde,
+abgeschnitten, die schwarzen Augen sahen mich sicher und abw&auml;gend an. &bdquo;Gib
+die Geldsumme f&uuml;r die Fahrt, Sahib, wir m&uuml;ssen die Ruderer ablohnen, damit
+sie gehorsam sind.&ldquo;</p>
+
+<p>Panja trat zwischen uns, absichtlich so, da&szlig; der Alte einen gelinden Sto&szlig;
+empfing und zur&uuml;cktreten mu&szlig;te. Er funkelte Panja zornig an.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_76" id="Page_76">[76]</a></span>&bdquo;Wer hat dir erlaubt, den Sahib anzureden?&ldquo; zischte Panja. Ich war erstaunt
+&uuml;ber seine Keckheit. &bdquo;Tritt zur Seite und zeig' deine Kanus her, ob sie dem
+Herrn gen&uuml;gen, glaubst du, der Sahib w&auml;re gekommen, um mit dir zu
+schwatzen?&ldquo;</p>
+
+<p>Der Alte schwankte und sah zweifelnd zu mir her&uuml;ber, aber dann folgte er
+Panja und sagte z&ouml;gernd:</p>
+
+<p>&bdquo;Die Kanus sind gut.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Das entscheide ich&ldquo;, sagte Panja kalt.</p>
+
+<p>&bdquo;F&uuml;hrst du einen gro&szlig;en Herrn durchs Land?&ldquo; fragte der Alte.</p>
+
+<p>Panja lachte. &bdquo;Ihr wi&szlig;t in Tschirakal nicht mehr als die Fr&ouml;sche in euren
+S&uuml;mpfen&ldquo;, sagte er geringsch&auml;tzig. &bdquo;Ich habe meine Seide nicht gestohlen.
+Der Kollektor von Mangalore wartet so ungeduldig, da&szlig; er einen Boten nach
+dem anderen sendet. Ist kein Bote angekommen?&ldquo;</p>
+
+<p>Der Alte sch&uuml;ttelte den Kopf und wandte sich scheu nach mir um. Panja
+gefiel mir, und trotz seiner sonstigen kleinen Eitelkeiten empfand ich, da&szlig;
+hier sein Vorgehen Gr&uuml;nde hatte. Ich war oft vor den Mohammedanern gewarnt
+worden. Panja kannte sein Land.</p>
+
+<p>Wir besichtigten die Boote eingehend. Es waren etwa acht Meter lange Kanus
+aus Baumst&auml;mmen mit langen Auslegern, da sie von stehenden Ruderern
+angetrieben werden, und mit wohlgepflegten Leinend&auml;chern, die den mittleren
+Teil besch&uuml;tzten, etwa auf die Art, in der in Deutschland Lastfuhrwerke mit
+Leinen gedeckt sind, straff angespannt und gew&ouml;lbt. Zwischen dem
+Leinenschirm und dem Bootsrand war ein schmaler Durchblick gelassen, und
+vor dieser Kabine befand sich ein etwa zwei Meter langer Aufenthaltsort f&uuml;r
+k&uuml;hlere Stunden, in denen der Sonne nicht ausgewichen zu werden brauchte.
+Der Boden war sorgf&auml;ltig gepolstert und mit sauberen Bambusmatten belegt,
+aber die Boote selbst waren nicht breiter als ein schmales Feldbett.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_77" id="Page_77">[77]</a></span>Panja zeigte sich zufrieden. Ich sah &uuml;ber den See hinaus, der sich r&ouml;tlich
+f&auml;rbte.</p>
+
+<p>&bdquo;Wann kommt der Mond?&ldquo; fragte Panja.</p>
+
+<p>&bdquo;Gegen Mitternacht,&ldquo; antwortete der Alte nachdenklich, &bdquo;wir werden in der
+Morgend&auml;mmerung fahren.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Wer will reisen?&ldquo; fragte Panja gelassen, &bdquo;du oder der Herr? Wir fahren
+sogleich.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Es geht nicht, die Leute sind in Tschirakal weit verstreut und nicht so
+rasch zu finden.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Wieviel Ruderer hast du?&ldquo; fragte Panja, ohne auf den Einwand des Schiffers
+einzugehen.</p>
+
+<p>&bdquo;F&uuml;r jedes Boot vier.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Es gen&uuml;gen zwei f&uuml;r jedes Boot,&ldquo; entschied Panja, &bdquo;das Wasser ist still.&ldquo;</p>
+
+<p>Der Alte sch&uuml;ttelte den Kopf. &bdquo;Morgen kommt ihr am offenen Meer vor&uuml;ber,
+wenn auch nur f&uuml;r eine kurze Zeit, so k&ouml;nnen doch zwei M&auml;nner das Boot
+nicht durch die Brandung rudern.&ldquo; Diesmal schien der Alte recht zu haben,
+denn Panja f&uuml;gte sich, aber er forderte, da&szlig; die Leute sogleich gerufen und
+in den Booten verteilt w&uuml;rden. Er sagte mir sp&auml;ter, da&szlig; es besser sei, die
+Ruderer tauschten ihre Meinung &uuml;ber uns zuvor nicht aus, und er setzte
+seinen Willen durch. Unser Gep&auml;ck wurde hin&uuml;bergetragen, die Ochsenwagen
+kehrten noch in dieser Nacht um, und wir fuhren nach kaum einer Stunde
+hinaus, unter den aufgehenden Sternen dahin.</p>
+
+<p>Der Gesang der Ruderer weckte mich. War ich denn eingeschlafen? Ich
+brauchte eine kleine Weile, um zu mir zu kommen, die Luft roch fremd und es
+war k&uuml;hl, ich h&ouml;rte das Wasser und taumelte empor in einen sanften
+wei&szlig;lichen Lichtschein.</p>
+
+<p>Es fiel mich ein stechender Glanz vom Himmel her an, als ich aus<span class="pagenum"><a name="Page_78" id="Page_78">[78]</a></span> der
+Kabine kroch: die Sterne! Unter mir sanken sie in unendliche
+schwarzblinkende Abgr&uuml;nde, totenstill, ohne zu zittern, wie Diamanten auf
+kohlschwarzer Seide. Zwischen den beiden zornigen Lichtwelten, am Firmament
+und in der Totentiefe, schaukelten und schwankten zwei riesige dunkle,
+nackte K&ouml;rper vor mir hin und her, stie&szlig;en in das dunkle von Sternen und
+Sternbildern funkelnde All und sangen. Ihre Ruder tauchten in die Flut und
+hoben sich wieder, wie mit flie&szlig;endem Silber &uuml;bergossen, spr&uuml;hend und
+glitzernd troff es nieder, und als ich mich umwandte, sah ich eine schmale
+Silberstra&szlig;e von solchem Glanz, da&szlig; meine Augen geblendet wurden.</p>
+
+<p>Wie ein traurig ert&ouml;nender Komet mit langem Schweif scho&szlig; unser Boot durch
+ein uferloses, von Himmelsfunken flimmerndes Weltall. Ich vermochte
+nirgends Land zu erkennen, wir waren mitten auf dem See, diesem Bett des
+ruhenden Stromes, der, &uuml;ber tausendj&auml;hrigem Schlamm, z&ouml;gernd ins Meer
+hin&uuml;berglitt. Ich tauchte meine Hand ins Wasser, und sie &uuml;berzog sich mit
+Silber. Kraftlos sank ich, ohne Erfassen und Begreifen gegen die Wandung
+meines Verdecks, erbebend in &uuml;bersinnlichem Schwindel vor diesem Wunder der
+Nacht.</p>
+
+<p>Gegen Mitternacht tauchten im Licht des aufgehenden Mondes bl&auml;uliche
+Nebelkuppen vor uns auf. Der Mond stand, eine ockerrote Sichel, &uuml;ber dem
+Dschungel. Wir liefen Land an, ich empfand lange Zeit nichts anderes als
+nasse Zweige, die mein Gesicht streiften, h&ouml;rte die Zurufe der Mohammedaner
+in der feuchten Finsternis, und meine Augen wurden nur selten durch einen
+wei&szlig;lichen oder r&ouml;tlichen Schein &uuml;ber mir getroffen. Von solchem
+Hintergrund hoben sich gro&szlig;e Bl&auml;tter oder die Schwerter eines hohen Schilfs
+ab. Einmal scho&szlig; mit durchdringendem Klageruf, der noch lange drau&szlig;en &uuml;ber
+dem Wasser gurgelte, ein gro&szlig;er Sumpfvogel empor.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_79" id="Page_79">[79]</a></span>&bdquo;Panja!&ldquo; rief ich.</p>
+
+<p>Da flammte vor mir ein Feuerschein auf, in dem ich eine schmale Sandbank
+erkannte, auf die das Kanu aufgelaufen war. Es &ouml;ffnete sich dar&uuml;ber ein
+Laubengang, so dicht verwachsen, da&szlig; er wie eine gr&uuml;ne H&ouml;hle wirkte, mitten
+darin stand Panja in seinem wei&szlig;en Gewand, hielt eine Fackel hoch und
+winkte mir.</p>
+
+<p>Die Leute mu&szlig;ten einige Stunden ruhen. Es wurde ein Halbkreis von Feuern
+gegen das Land zu angebrannt, nach kurzer Zeit lagen die M&auml;nner in tiefem
+Schlaf auf ihren Matten, und Panja hockte mir gegen&uuml;ber am Feuer und sprach
+leise und erregt ohne Aufh&ouml;r. Ich merkte ihm die Ruhlosigkeit der
+tropischen Sommernacht an, die Ruderarbeit der Leute hatte eine merkw&uuml;rdig
+im Blute siedende Erinnerung an wilde Taten in mir zur&uuml;ckgelassen, und es
+lauerte in der g&auml;renden Stille umher eine aufreizende Liebessucht und die
+Ahnung eines hastigen t&ouml;richten Todes. Es war, als erwartete die
+Daseinsgier und der Lebensdrang der &uuml;ppig und in stiller Wildheit
+ausbrechenden Pflanzen und B&auml;ume unsere Leiber. Mein Blut pochte in den
+Spitzen der Finger, in den Schl&auml;fen und im Halse.</p>
+
+<p>Nach einer Weile brach Panja auf, er wand sich aus trockenen Lianen und
+vermodertem Holz eine Fackel, go&szlig; &Ouml;l darauf und entz&uuml;ndete sie am Feuer.</p>
+
+<p>&bdquo;Wohin gehst du, Panja?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Zu den Frauen&ldquo;, sagte er dumpf.</p>
+
+<p>Noch eine Weile sah ich den Schein seiner Fackel rot durch das Dickicht
+schaukeln, er schwenkte sie hoch empor und weit hinter sich, zum Schutz
+gegen die wilden Tiere, im Takt seines raschen, weichen Tritts. Dann blieb
+ich allein am Feuer zur&uuml;ck mit Elias, Pascha schlief im Boot bei den
+Koffern, er hatte seine Matte quer &uuml;ber meinem Eigentum ausgebreitet und
+bewachte es schlafend mit seinem Leibe.</p>
+
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_80" id="Page_80">[80]</a></span></p>
+<h2>
+<a name="kap05" id="kap05"></a>F&uuml;nftes Kapitel<br />
+Dschungelleute
+</h2>
+
+
+<p>Panja roch die D&ouml;rfer, ehe wir sie erreichten, wenn der Wind seinen
+Forschungen g&uuml;nstig war.</p>
+
+<p>&bdquo;Es kommt ein Dorf, Sahib,&ldquo; pflegte er zu sagen, &bdquo;hier schlagen wir das
+Zelt ein.&ldquo; Es geschah haupts&auml;chlich deshalb dort, weil wir sicher sein
+konnten, in der N&auml;he einer Niederlassung frisches Wasser, Reis und Bananen,
+auch Gefl&uuml;gel oder Eier zu bekommen.</p>
+
+<p>Wir hatten viel Umst&auml;nde und M&uuml;he damit, Tr&auml;ger zu finden, denn einmal
+brauchten wir auch f&uuml;r kleinere Lasten meistens zwei M&auml;nner oder Frauen,
+und zum andern wurden die Leute gew&ouml;hnlich nach zwei oder drei Tagen von
+Heimweh befallen und liefen zur&uuml;ck, obgleich ich ihnen ihren Lohn erst nach
+der beendeten Frist auszuzahlen pflegte. Sie lie&szlig;en ihn um so leichter im
+Stich, als sie f&uuml;r gew&ouml;hnlich irgend etwas stahlen, was sie reichlich
+entsch&auml;digte, ohne mir empfindliche Verluste beizubringen.</p>
+
+<p>Jedesmal, wenn wieder einer unserer Sklaven fehlte, sprach Panja die
+Hoffnung aus, der Panther m&ouml;chte ihn auf seiner Flucht erwischen, er hoffte
+es herzlos und aufrichtig und wechselte niemals das Raubtier, dem der
+Fl&uuml;chtling erliegen sollte. Dann blieben wir oft tagelang am Rand der
+Steppe oder mitten in der Dschungelwildnis liegen, lie&szlig;en die Sonne kommen
+und gehen, rauchten, schliefen und jagten. Ich hatte die genaue
+Orientierung auf der Karte verloren, aber es war nicht wichtig, da ich die
+Breite des Dschungels kannte und der Richtung durch die Sonne und den
+Kompa&szlig; gewi&szlig; war. Auch zeigten uns die Fl&uuml;sse, die wir auf schmalen Furten,
+oder in den Kanus der Eingeborenen &uuml;berquerten, da&szlig; wir im wesentlichen die
+Richtung nicht verloren hatten. Und hatte ich denn ein Ziel?</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_81" id="Page_81">[81]</a></span>Einer der jungen Tr&auml;ger ist lange bei mir geblieben und er fand nicht
+allein meine, sondern endlich auch Panjas Gunst, was eine gro&szlig;e Seltenheit
+war. Er hie&szlig; Gurumahu und war ein J&uuml;ngling von etwa achtzehn Jahren,
+hochgewachsen und sehr schlank, aber geschmeidig und kr&auml;ftig. Er war zum
+Islam &uuml;bergetreten, weil er die gr&ouml;&szlig;ten Hoffnungen auf die Freiheiten
+gesetzt hatte, die sich mit dieser Lehre f&uuml;r sein k&uuml;nftiges Leben
+einstellen sollten, aber leider hinderte sein gutm&uuml;tiger Charakter ihn
+daran, Gebrauch von ihnen zu machen. Er erzitterte nach wie vor vor den
+Brahminen und &auml;nderte seine Lebensgewohnheiten in keiner Weise. Er kam uns
+auf die nicht eben ungew&ouml;hnliche Art eines Diebstahls besonders nahe, und
+zwar hatte sein uners&auml;ttlicher Drang nach Reicht&uuml;mern ihn auf meine
+Kupferkessel gest&uuml;rzt.</p>
+
+<p>Gurumahus Diebstahl wurde gottlob zeitig genug entdeckt, denn wir w&auml;ren in
+nicht geringe Verlegenheit geraten, wenn er mit seiner Beute entkommen
+w&auml;re. In der Hauptsache ist seine Entlarvung Elias zu danken, was
+allerdings von Panja bestritten wurde. Wir hatten damals unser Zelt am Rand
+der Steppe aufgeschlagen, so da&szlig; der Ausgang den Blick auf die h&uuml;glige
+Ebene zulie&szlig;, und ich erwachte vom Knurren des Elias. Da sah ich Gurumahu
+im Mondschein &uuml;ber die Steppe laufen, rechts und links einen unserer
+Kupferkessel in der Hand. Er fra&szlig; den Boden mit so riesigen Spr&uuml;ngen, als
+hinge das Heil seiner Seele von ihrer L&auml;nge ab. Ich nahm den Revolver und
+scho&szlig; in die Luft, die Kugel h&auml;tte ihn ohnehin nicht mehr erreicht, auch
+lag es mir fern, ihn t&ouml;ten zu wollen. Man t&auml;te in Indien nicht gut daran,
+so entscheidend vorzugehen, da die Hindus nicht das gleiche Vergn&uuml;gen am
+Sterben empfinden, wie nach den Berichten der Afrikareisenden die Neger.
+Auch wu&szlig;te ich, da&szlig; der Knall eine n&uuml;tzliche Einwirkung auf das b&ouml;se
+Gewissen des R&auml;ubers aus&uuml;ben w&uuml;rde, der selbst eine gro&szlig;e Schie&szlig;waffe
+besa&szlig;, <span class="pagenum"><a name="Page_82" id="Page_82">[82]</a></span>auf die ich sp&auml;ter noch zu sprechen kommen werde. Gurumahu warf
+sich mit einem gellenden Aufschrei der L&auml;nge nach zu Boden, auf das
+Gesicht, und die beiden Kessel rollten, funkelnd im Mond, zu beiden Seiten
+&uuml;ber ihn hinaus ins Steppengras.</p>
+
+<p>Als es hinter ihm still blieb und er keine Verfolger sah, raffte er sich
+langsam auf und begann seine Glieder der Reihe nach zu bef&uuml;hlen. Er fing
+mit den Beinen an, die ihm in dieser Situation wahrscheinlich am
+wichtigsten waren, ging langsam bis zu den Armen empor und gedachte zuletzt
+auch seines Kopfes, der ihm anscheinend, wie alles andere, an seinem Platze
+und in Ordnung vorkam. Dann sprang er auf und lief geb&uuml;ckt, in Spr&uuml;ngen,
+weiter, ohne die Kupferkessel, die ihm nicht geg&ouml;nnt waren, noch eines
+Blicks zu w&uuml;rdigen.</p>
+
+<p>Panja holte sie zur&uuml;ck und putzte sie, boshaft wie er war, mit gro&szlig;er
+Ausf&uuml;hrlichkeit. &bdquo;Der Panther wird ihn erwischen&ldquo;, sagte er und warf
+&auml;rgerlich Reisig ins Feuer. Es verstimmte ihn tief, da&szlig; er durch meinen
+Schu&szlig; um seine Nachtruhe gebracht worden war. Ich gab im stillen, nicht
+ohne Bedauern, Gurumahu verloren, wenn auch nicht unbedingt auf die Art,
+wie Panja es tat, aber ich sollte mich hierin t&auml;uschen, denn er kam am
+andern Tage gegen Mittag in unser Lager geschlichen. Wahrscheinlich hatte
+ihm der Dschungel bei Nacht in seiner Verlassenheit nicht gefallen, oder
+der Currygeruch unserer Reismahlzeit zog ihn an. Panja f&uuml;hrte ihn mir
+majest&auml;tisch vor, der arme Verbrecher sah aus, als w&auml;re er aus dem Wasser
+gezogen worden.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich werde dich t&ouml;ten&ldquo;, sagte ich still.</p>
+
+<p>Er sprang ein Meter hoch in die Luft und fiel dann zur Erde nieder.</p>
+
+<p>&bdquo;Soll ich ihn aufh&auml;ngen?&ldquo; fragte Panja so gleichm&uuml;tig, da&szlig; ich dar&uuml;ber die
+ganze Niedertr&auml;chtigkeit meiner Drohung erkannte.<span class="pagenum"><a name="Page_83" id="Page_83">[83]</a></span> Es ist merkw&uuml;rdig, wie
+rasch einem eine Ungerechtigkeit auff&auml;llt, wenn ein anderer sie sich
+zuschulden kommen l&auml;&szlig;t.</p>
+
+<p>&bdquo;Er hat ein ganzes Glas mit Salz gefressen,&ldquo; berichtete Panja sachlich,
+&bdquo;vom Whisky will ich schweigen, denn er hat ihn nicht finden k&ouml;nnen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Hat dich der Hunger hergetrieben? Wo warst du so lange?&ldquo; fragte ich den
+&Uuml;belt&auml;ter.</p>
+
+<p>Er hob den Kopf und versuchte meinen Blick auszuhalten, was den
+Eingeborenen der Urbev&ouml;lkerung sehr schwer ist, wenn es sich um blaue Augen
+handelt, in die sie hineinsehen m&uuml;ssen, und wenn sie selten mit Wei&szlig;en in
+Ber&uuml;hrung kommen. Aber Gurumahu erkannte den Ausdruck meines Gesichts doch
+und begann zu lachen wie ein Kind.</p>
+
+<p>&bdquo;Du bist freundlich, Herr,&ldquo; sagte er z&ouml;gernd und dann mit &Uuml;berzeugung: &bdquo;du
+bist nicht klug und gerecht, wie die Engl&auml;nder. Ich werde deine Kessel
+bewachen, bis ich sterbe.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Wenn du sonst nichts tun willst, kannst du dich wieder in die S&uuml;mpfe
+scheren&ldquo;, grollte Panja, aber Guru lie&szlig; sich nicht im Genu&szlig; seines ihm eben
+erst geschenkten Lebens beeintr&auml;chtigen, und als sich die beiden
+entfernten, h&ouml;rte ich ihn hochm&uuml;tig zu meinem Diener sagen:</p>
+
+<p>&bdquo;Hat schon ein Sahib auf dich geschossen, du Abtr&uuml;nniger? Du bist keine
+Kugel wert, deshalb lebst du und kriechst dem Herrn zwischen den F&uuml;&szlig;en
+umher, ich aber habe mit ihm gek&auml;mpft!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Das ist wahr, du Kupferfresser,&ldquo; sagte Panja, &bdquo;ich danke dir, da&szlig; du ihn
+nicht zerschmettert hast, du Blattlaus!&ldquo;</p>
+
+<p>Aber Gurumahu blieb von nun an bei uns, wir nannten ihn Guru, weil sein
+Name mir zu lang war, &uuml;brigens war es nicht sein einziger, er hatte noch
+eine ganze Reihe wohlklingender Namen, aber auf Gurumahu schien es ihm am
+meisten anzukommen.</p>
+
+<hr />
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_84" id="Page_84">[84]</a></span>Einmal hatten wir das Herabsinken der Sonne trotz Panjas Vorsicht verpa&szlig;t,
+und die Finsternis &uuml;berraschte uns am sumpfigen Ufer eines Flusses. Guru
+schnupperte in die feuchte Nachtluft hinaus und sp&auml;hte vom Ufer aus zu den
+gegen&uuml;berliegenden Palmenhainen hin&uuml;ber, und richtig sahen wir nach einer
+Weile ein schwaches Lichtlein aufblinken. Als das Zelt aufgeschlagen worden
+war und die Feuer brannten, h&ouml;rten wir, wie das Flu&szlig;wasser von
+Ruderschl&auml;gen pl&auml;tscherte, oberhalb unseres Zeltes verklang das Ger&auml;usch,
+und das Dickicht raschelte, aber dann blieb alles still.</p>
+
+<p>&bdquo;Jetzt haben die Mangroven Augen bekommen,&ldquo; sagte Panja, &bdquo;aber es mu&szlig; ein
+leichtsinniges Volk sein, denn sie f&uuml;rchten den Panther nicht.&ldquo;</p>
+
+<p>Auf Elias war in dieser Beziehung kein rechter Verla&szlig;, denn seine
+Gesinnungsart hinderte ihn daran, friedlich sich n&auml;hernde Nachtwandler
+durch Gebell zu &auml;ngstigen. H&ouml;rten wir den Panther in der N&auml;he des Lagers
+husten, so pflegte Elias sich in den Hintergrund des Zeltes zur&uuml;ckzuziehen,
+nicht etwa, weil er Furcht hatte, sondern weil es ihm dort besser gefiel.</p>
+
+<p>Am Tage hatte ich eine H&auml;herdrossel geschossen, ich rupfte ihr das braune
+Gefieder aus, und das zierliche K&ouml;pfchen mit den hellblauen Augenringen
+schlenkerte mit ge&ouml;ffnetem Schnabel &uuml;ber meinem Knie. Gurus Augen fehlten
+nur noch diese hellfarbigen Ringe, um ebenso starr und leblos
+dreinzuschauen wie meine Jagdbeute. Er begriff nicht, da&szlig; ich V&ouml;gel
+verspeiste, in denen wahrscheinlich die Seele eines Abgeschiedenen
+mitverschlungen wurde. Panja war in dieser Beziehung seiner heimatlichen
+Weltbetrachtung l&auml;ngst entr&uuml;ckt. In den Kupferkesseln siedete das Wasser,
+und eine Unmenge beschwingten Nachtvolks sammelte sich im Feuerschein,
+umschw&auml;rmte die Flammen wie farbige Funken, oder glotzte<span class="pagenum"><a name="Page_85" id="Page_85">[85]</a></span> von den Bl&auml;ttern
+aus in dies unfa&szlig;bare rote Leben, aus dessen Glut der Tod lockte.</p>
+
+<p>Panja brachte mir freundlich die Reste meines Rasiermessers, das einer
+Taschens&auml;ge glich und auch als solche hier und da Verwendung fand. Es war
+in Zeiten betr&uuml;blicher Unkenntnis einmal von einem Koch zum Schlachten
+einer Ziege verwendet worden; so r&auml;cht es sich, wenn wir Europ&auml;er ein
+argloses Volk zu unsern barbarischen Sitten verleiten. Ein Schatten dieses
+Barbarentums lagerte nun seit langem in unsteten Wucherungen um mein Kinn
+und um meine Wangen und wetteiferte an planloser Ausgestaltung mit der
+Pflanzenwelt des Dschungelbodens. Guru hatte in den Pfefferranken bei Tage
+Vogelnester ausgenommen und mir die Eier gebracht, wir kochten aber nur
+die, welche noch nicht piepten. Panja kaute Betel und sah mir zu, er hatte
+viel Sinn daf&uuml;r, wann eine Arbeit mich selbst vergn&uuml;gte und wann er sie mir
+abnehmen mu&szlig;te, auch f&uuml;hlte er sich in der letzten Zeit in seiner Rolle als
+Reisef&uuml;hrer sichtlich gel&auml;utert, und mir schien es, als t&auml;te er seine
+Arbeit mit einem ganz neuen Bewu&szlig;tsein sch&ouml;ner Freiheitlichkeit. Pascha
+putzte Palmensch&ouml;&szlig;linge, das zarteste und wohlschmeckendste Gem&uuml;se, das
+Indien zu bieten hat, aber ein streng verbotenes Gericht, weil das Leben
+der Palme, durch diesen Raub ihres Herzens, zerst&ouml;rt wird. Der wei&szlig;liche,
+mittlere Trieb des Baumes wird herausgeschnitten, er ist zart wie ganz
+frische Haseln&uuml;sse und schmeckt &auml;hnlich; mit &Ouml;l und saurem Fruchtsaft
+zubereitet, stellt er einen Salat dar, wie ihn die europ&auml;ische K&uuml;che nicht
+aufzuweisen hat.</p>
+
+<p>&bdquo;Soll ich die Leute fragen, ob Mangob&auml;ume im Dorf stehen?&ldquo; sagte Guru
+pl&ouml;tzlich.</p>
+
+<p>&bdquo;Welche Leute?&ldquo; fragte ich erstaunt.</p>
+
+<p>&bdquo;Jene dort&ldquo;, sagte Guru und zeigte vor sich hin.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_86" id="Page_86">[86]</a></span>Da erkannte ich die braunen Gesichter im Feuerschein zwischen den Bl&auml;ttern
+der Mangroven. Ich hatte mich l&auml;ngst daran gew&ouml;hnt, da&szlig; ich niemals allein
+war, aber ich erschrak jedesmal aufs neue. Erst z&auml;hlte ich f&uuml;nf, dann zehn
+und endlich etwa zwanzig gro&szlig;e und kleine Gesichter, das ganze Dorf schien
+versammelt.</p>
+
+<p>Ich schickte Guru hin&uuml;ber, die Gesichter tauchten unter, aber dann begann
+ein immer lebhafteres Geschnatter im Dunkeln, endlich wurde Feuer gemacht,
+und die Ruder polterten im Kanu. Ich h&auml;tte gern mit den Leuten gesprochen,
+aber sie waren zu furchtsam, brachten uns jedoch alles, was wir wollten.
+Die Bewohner dieser Landstriche, wie auch die der &ouml;stlichen Berge
+entstammen der Urbev&ouml;lkerung und haben sich mit den eingewanderten
+indogermanischen St&auml;mmen kaum vermischt. Ihre Hautfarbe ist fast ganz
+schwarz, und ihre Gesichtsz&uuml;ge &auml;hneln eher denen der Neger, als denen der
+Brahminen. Sie stehen auf einem au&szlig;erordentlich niedrigen Stande der
+Zivilisation, sind aber arglos und sehr friedsam. Ihre Religion ist
+anscheinend in den primitivsten heidnischen Vorstellungen geblieben, sie
+beten h&ouml;lzerne G&ouml;tzen an, und nur hier und da ist ein schwacher Lichtschein
+des Brahman oder der buddhistischen Lehre in ihre Geisteswelt gedrungen.
+Irgendeine der vielen Inkarnationen Brahmas lebt hin und wieder in ihrer
+Vorstellung in entstellter Gestalt fort, ohne da&szlig; ihr Sinn lebendig
+geworden ist.</p>
+
+<p>Der Dschungel ern&auml;hrt sie freigebig in guten Zeiten, sie tragen Pfeffer in
+die kleinen malabarischen H&auml;fen, wo die eingeborenen Gew&uuml;rzh&auml;ndler ihn
+ihnen f&uuml;r sehr geringes Entgelt abnehmen. Ihre Nahrung besteht aus
+Fr&uuml;chten, einige fischen sogar, andere sollen auch Fleischkost zu sich
+nehmen, ich habe es aber nie gesehen. Auf den flachgeklopften
+Lehmpl&auml;tzchen, vor ihren Laubh&uuml;tten, breiten sie die Pfefferbeeren zum
+Trocknen in der Sonne<span class="pagenum"><a name="Page_87" id="Page_87">[87]</a></span> aus, und man erblickt dort in wohlgeordneten
+Rechtecken den Pfeffer in allen Farbennuancen seines D&ouml;rrens am Boden
+ausgebreitet, vom saftigen Gr&uuml;n bis zum tiefsten Schwarz. Ihre
+Hauptbesitzt&uuml;mer sind Kinder. Ich habe niemals so viele kleine Kinder
+gesehen wie in diesen D&ouml;rfern, wie Orgelpfeifen standen die schwarzen
+Reihen vor den H&uuml;tten, mit kleinen Kugelb&auml;uchlein und Rotznasen, und
+glotzten uns an, wenn wir vor&uuml;berkamen.</p>
+
+<p>Dieser Abend und diese Nacht sind mir unverge&szlig;lich geblieben, weil unter
+meinen Augen ein bebendes Lebenslichtlein in der Dschungelnacht erlosch.
+Ich hatte keine Vorstellung, wie weit die Zeit vorgeschritten war, ein
+lauter Ruf weckte mich. Panja fuhr neben mir empor und stie&szlig; in der
+Schlaftrunkenheit gegen meine H&auml;ngematte, so da&szlig; ich fast herausgefallen
+w&auml;re und im ersten Augenblick in ihm einen Feind vermutete. Das Feuer war
+fast erloschen. Panja war mit einem Satz an der gl&uuml;henden Asche, und ich
+begreife heute noch nicht, wie rasch es ihm gelungen ist, eine Flamme
+emporzusch&uuml;ren. Der klagende Ruf wiederholte sich laut und nahe beim Feuer
+in der dichten Finsternis, die nun so schwarz wie Kohle war, nur die
+beschienenen B&auml;ume, dicht am Feuer, glommen phantastisch und unwirklich,
+wie Ungeheuer, die mit verschlungenen Gliedma&szlig;en, unter verworrenen
+Laubkr&auml;nzen, in ein rotstrahlendes Gemach dr&auml;ngen. Pascha rief etwas vom
+zweiten Feuer her, das Guru eifrig sch&uuml;rte. &bdquo;Was sagt er?&ldquo; fragte ich
+Panja.</p>
+
+<p>&bdquo;Eine Frau schreit aus Angst vor dem Tod&ldquo;, sagte Panja, der noch nicht
+verstanden hatte, um was es sich handelte.</p>
+
+<p>Ich trat aus dem Zelt heraus und erkannte nun im Dickicht schwelende
+Fackeln und die dunklen Gestalten der Wilden. Das Geschrei einer
+Frauenstimme zerri&szlig; mein Herz. Ich habe selten wieder etwas so
+Durchdringendes an Schmerz und Verzweiflung ge<span class="pagenum"><a name="Page_88" id="Page_88">[88]</a></span>h&ouml;rt. Ein tierischer
+Wehelaut, der doch die erbarmungsw&uuml;rdige Erniedrigung der Menschenseele
+enthielt, fiel mich wie ein n&auml;chtliches Gespenst an, und ich mu&szlig;te mich
+wieder und wieder aufraffen, um nicht in tatlosem Erstarren zu lauschen und
+um nicht meinem Entsetzen zu erliegen.</p>
+
+<p>&bdquo;Feuer!&ldquo; br&uuml;llte ich, &bdquo;Licht!&ldquo;</p>
+
+<p>Eine Wolke gelben Qualms h&uuml;llte uns ein, dann flackerte eine hohe, rote
+S&auml;ule daraus empor. Guru schrie: &bdquo;Es ist die Mutter!&ldquo;</p>
+
+<p>Endlich brachte Panja Ordnung in einen scheu herandr&auml;ngenden Haufen
+halbnackter Gestalten, die ein dunkles Etwas auf einer Bahre aus Zweigen
+heranstie&szlig;en. Eine Frau, der das schwarze Haar wild um das Gesicht hing,
+und deren Arme durch die Luft irrten, schrie mir etwas zu. Sie wagte sich
+trotz der gro&szlig;en Erregtheit, die das Ereignis mit sich brachte, das sie zu
+mir gef&uuml;hrt hatte, nicht in meine unmittelbare N&auml;he, aber ich sah nun, da&szlig;
+ihr Gesicht von Angst und Hoffnung entstellt war.</p>
+
+<p>Auf den Zweigen lag ein Kind von vielleicht zw&ouml;lf oder dreizehn Jahren, ein
+M&auml;dchen, d&uuml;rftig mit einem bunten Kattunfetzen bedeckt, unter dem sich der
+kleine, dunkle K&ouml;rper wand, und ich h&ouml;rte einen matten zischenden
+Klagelaut, ein ersticktes Gurgeln, aus dem Kn&auml;uel hervordringen.</p>
+
+<p>Guru st&ouml;hnte bedauernd und hob sich auf die Zehen als fr&ouml;re er.</p>
+
+<p>&bdquo;Die Kobra&ldquo;, sagte Panja kurz und sah mich an. &bdquo;Die Mutter hofft, du
+k&ouml;nntest ihrem Kind helfen.&ldquo;</p>
+
+<p>Mein Herz blutete unter den Blicken der alten Frau, die in ihrem Schmerz
+und ihrer bed&uuml;rftigen H&auml;&szlig;lichkeit unsagbar r&uuml;hrend und bejammernswert vor
+mir stand. Ihre welke Brust hing leblos nieder, und es zitterte und zuckte
+in den Furchen ihres eingefallenen Gesichts. Sie klagte nicht mehr, ihre
+Erwartung hielt sie gefesselt, und ihre Augen, im vorgereckten Angesicht,
+pr&uuml;ften und suchten<span class="pagenum"><a name="Page_89" id="Page_89">[89]</a></span> in meinen Z&uuml;gen, aus denen sie den Tod oder das Leben
+ihres Kindes glaubte entnehmen zu k&ouml;nnen, nach meinem Willen.</p>
+
+<p>Das M&auml;dchen war mit den andern Bewohnern des Orts an unser Lager
+geschlichen, um den sonderbaren Mann aus einer fremden Welt zu sehen, die
+jenseits des Meeres lag und unerforschlich war an Geheimnissen und Wundern.
+Und ihr Verlangen nach dem Glanz dieses Neuen, Unfa&szlig;baren hatte sie die
+Vorsicht vergessen lassen, die so not tut im Dschungelland, die man sie von
+Kind auf an gelehrt hatte, und die sie in allen F&auml;llen so klug und sorgsam
+zu beachten gewu&szlig;t hatte. Nun hatte es im Finstern den kleinen, b&ouml;sen Stich
+gegeben, den anf&auml;nglich das Herz nicht als das furchtbare Verh&auml;ngnis
+glauben will, obgleich das Blut es ahnt und die Schrecken des j&auml;hen
+Dahinsinkens wie dunkle Fl&uuml;gel um die Schl&auml;fen brausen. Ein Dorn, ein Dorn
+war es, vom Rand eines Palmblatts, oder vom Zedernbaum&hellip;, aber dann kam
+der feine s&uuml;&szlig;e Schwindel, der in den Augen beginnt und der den Pulsschlag
+des Herzens so eigen behindert, der zuerst die H&auml;nde und langsam alle
+Glieder in trockene, kurze Kr&auml;mpfe zerrt, als trieben Glassplitter im Blut,
+die die Adern zerrissen. Bis die gr&auml;&szlig;liche Klage aus der Gewi&szlig;heit brach:</p>
+
+<p>&bdquo;Die finstere K&ouml;nigin!&ldquo;</p>
+
+<p>Diese aus Ehrfurcht vor der Gottheit und aus tiefstem Grauen gemischte
+Wehklage erf&uuml;llte die Walddunkelheit.</p>
+
+<p>Es war zu sp&auml;t. Ich &ouml;ffnete die Wunde, die nur in einem winzigen,
+schwarzumrandeten P&uuml;nktchen am Fu&szlig; bestand, aber das Blut flo&szlig; nicht mehr
+rot und warm, sondern zersetzt und stockend. Wir versuchten es mit Whisky,
+aber das Kind konnte trotz unserer M&uuml;he das scharfe Getr&auml;nk nicht
+aufnehmen, und die gro&szlig;en brechenden Augen flackerten angstvoll unter den
+Peinigungen ihrer grausamen Bedr&auml;nger. Feuer hilft nur im ersten
+Augenblick, auch<span class="pagenum"><a name="Page_90" id="Page_90">[90]</a></span> h&auml;tte ich es um alles nicht &uuml;ber mich gebracht, auch
+diese neue Marter noch dem kleinen Leib zuzuf&uuml;gen. La&szlig; das Kind sterben,
+rief es in mir, das ist sein letztes, irdisches Recht.</p>
+
+<p>Die Blicke der Mutter marterten mich, ich wandte mich ihr zu in der
+einzigen Barmherzigkeit, welche es f&uuml;r sie in dieser Stunde gab. Sie brach
+mit einem langen Klagelaut zusammen und blieb die ganze Nacht stumm an der
+Leinwand des Zeltes liegen, wie ein dunkles Kleiderb&uuml;ndel.</p>
+
+<p>Als das Kind gestorben war, ersch&uuml;tterte mich, wie mit rauhen F&auml;usten, die
+bittere Erkenntnis unserer Menschenohnmacht. Wir sind nicht, was wir nach
+unserem besten Verlangen sein k&ouml;nnten, wo ist die Macht, die wir in unserem
+Begehr nach Vollendung ahnen, wo die Hoheit, die unsere G&uuml;te sucht, wo
+unser Glaube, der Berge versetzt?</p>
+
+<hr />
+
+<p>D&uuml;ster, lieblich und gl&uuml;hend strichen diese seltsamsten Tage meines Lebens
+dahin. Wir blieben oft tagelang am gleichen Platze, ich verga&szlig; mein Ziel
+und die Zeit. Die gr&uuml;nen Sumpfaugen des Dschungels und das Silberwehen der
+Steppenn&auml;chte bannten mich, das tiefe Atmen bei geschlossenen Augen
+ersetzte die Gedanken, das Licht wurde zu einer unerm&uuml;dlichen Gewi&szlig;heit der
+Lebensfreude und die Nacht zum gestaltlosen Traum. Das gewaltige, stille
+und geduldige Leben der Pflanzen, die die ganze Erde f&uuml;r sich
+beanspruchten, raubte meinem Gem&uuml;t langsam das Bewu&szlig;tsein seiner eigenen
+Rechte, gewiegt von Staunen und erf&uuml;llt von fremdem Daseinswillen trieb
+mein Geist wie schlafend dahin, und doch &uuml;berwach und tief innerlich
+durchgl&uuml;ht von einem heiligen Daseinsglauben. Ich ahnte das
+gr&uuml;nlich-morastige Gift des Waldes, dessen K&ouml;nigin und G&ouml;ttin mir in ihrer
+ganzen Macht erschienen war, ich sah den Fiebergeist im feuchten D&auml;mmern
+schleichen, aber<span class="pagenum"><a name="Page_91" id="Page_91">[91]</a></span> mein Widerstand war zu einer vagen Hoffnung auf mein
+Gl&uuml;ck herabgesunken. Diese g&auml;rende, brodelnde Sumpffruchtbarkeit w&uuml;rde auch
+meinen Leib aufnehmen und neu erbl&uuml;hen lassen, wenn sie ihn in ihr Bereich
+saugte. Der Wald war m&auml;chtiger als die Menschen.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Eines Nachts lag ich im Zelt auf einem Laublager, da ich die unsichere
+Nachgiebigkeit der H&auml;ngematte nicht mehr ertrug. Guru war am Feuer
+eingeschlafen. Er hockte neben der gl&uuml;henden Asche vor dem Dreieck des
+Zelteingangs wie ein Gek&ouml;pfter, den Nacken zwischen den hochgezogenen
+Knien, und seine fast drei Meter lange, uralte Araberflinte &uuml;berragte ihn
+wie eine halb gesunkene Fahnenstange. Er liebte dieses Gewehr z&auml;rtlich und
+trug es meist bei sich, besonders wenn Aussicht vorhanden war, da&szlig; wir
+Menschen begegneten. Dabei lebte er in dem festen Glauben, da&szlig; diese Waffe
+es ihm niemals antun w&uuml;rde, eines Tages loszugehen. Er war nicht in Gefahr,
+entt&auml;uscht zu werden, denn die Flinte war hundert Jahre alt, hatte sicher
+vom Sudan bis Singapore den ganzen Orient bereist, und es bestand keine
+M&ouml;glichkeit, sie zu laden oder gar abzufeuern. Aber Guru w&auml;re mit dieser
+Waffe mitten im Urwald sorglos eingeschlummert, so sicher war er, da&szlig; au&szlig;er
+ihm kein anderes Wesen &auml;hnliche Hoffnungen wie er auf seinen langen
+Talisman setzte.</p>
+
+<p>Wir waren am Tage an Felsausl&auml;ufer des Gebirges gekommen, in deren
+Schluchten der Dschungel sich aufw&auml;rts erstreckte, um sich mehr und mehr zu
+lichten. In den Felsspalten flo&szlig; klares Wasser, und als wir endlich
+umkehrten, da der Boden zu zerkl&uuml;ftet und verwachsen war, kamen wir an ein
+kleines Dorf von etwa zehn Laubh&uuml;tten, das Itupah hie&szlig;. Unweit dieser
+Niederlassung hatten wir die Zelte aufgeschlagen und die Lagerfeuer
+angez&uuml;ndet. Die Leute waren gekommen, um uns Fr&uuml;chte anzubieten, hatten
+sich<span class="pagenum"><a name="Page_92" id="Page_92">[92]</a></span> aber bald zur&uuml;ckgezogen, da unsere Ger&auml;tschaften ihnen allzu magisch
+und gefahrdrohend erschienen waren.</p>
+
+<p>Ich konnte nicht einschlafen. Die Stimmen der wilden Tiere und der Mond
+st&ouml;rten mich. Panja war in das Hindudorf geschlichen, um Liebesabenteuer zu
+bestehen, er benutzte die Aufregung, die meine Gegenwart in Itupah
+hervorgerufen hatte, um darzutun, wie berechtigt sie war. Ein paar Flecke
+Mondlicht lagen am Zelteingang wie Papierschnitzel, und die Grillen f&uuml;llten
+die Luft mit ihrem Zirpen, als w&uuml;rde feiner Silberdraht gefeilt von vor
+Hast toll gewordenen Str&auml;flingen.</p>
+
+<p>Es raschelte in der Zeltecke, und als ich hin&uuml;bersah, entdeckte ich ein
+kleines Tier, das ich anf&auml;nglich f&uuml;r einen Marder hielt. Es sa&szlig; totenstill
+da, nachdem meine Bewegung es mi&szlig;trauisch gemacht hatte, und sah mich mit
+zwei riesengro&szlig;en schwarzen Augen an, die sehr weit vorn und dicht
+beieinander sa&szlig;en, wie bei einem Affen. Das zierliche K&ouml;pfchen war nicht
+viel gr&ouml;&szlig;er als eine Walnu&szlig; in ihrer gr&uuml;nen Schale, und die F&auml;rbung des
+Fells erschien mir graubraun, wie bei einem Eichk&auml;tzchen im Winter.</p>
+
+<p>Der Kleine gefiel mir au&szlig;erordentlich, und ich versuchte Anschlu&szlig; an ihn zu
+gewinnen.</p>
+
+<p>&bdquo;Treten Sie n&auml;her&ldquo;, sagte ich und pfiff leise ein paar immer gleiche T&ouml;ne
+in die d&auml;mmerige Nachtluft. Das Tierchen r&uuml;hrte sich nicht, und ich sann
+auf ein Anlockungsmittel. Als ich eine Bewegung mit der Hand machte, um ihm
+ein englisches Biskuit anzubieten, das neben mir lag, tat es einen
+lautlosen Ruck, und der Zeltwinkel war leer. Aber nach einer Weile huschte
+es wieder wie ein Schatten durch die Mondflecke, der kleine Fremde war
+wieder da, offenbar wurde er durch seine Neugier geplagt.</p>
+
+<p>Die beiden schwarzen Augenkugeln saugten, weit ge&ouml;ffnet und starr vor
+Erstaunen, meine Erscheinung in sich auf, ich bin noch<span class="pagenum"><a name="Page_93" id="Page_93">[93]</a></span> niemals so
+angeglotzt worden. Der Kleine schien furchtbar aufgeregt vor Begierde,
+herauszubringen, was es f&uuml;r eine Bewandtnis mit mir hatte, und was mich aus
+meinem entlegenen Lande nun gerade in die N&auml;he der Menschenstadt Itupah und
+dort in die Gegend seiner Behausung gef&uuml;hrt haben mochte. Ich h&auml;tte es ihm
+nicht sagen k&ouml;nnen. Aber entt&auml;uschen wollte ich ihn auch nicht.</p>
+
+<p>&bdquo;Haben Sie Familie?&ldquo; fragte ich leise.</p>
+
+<p>Fort war er. Die Frage mag f&uuml;r den Beginn einer Bekanntschaft vielleicht
+etwas zudringlich gewesen sein, aber nach einer kurzen Weile kam der Kleine
+doch wieder, diesmal genau an derselben Stelle, zwischen unsern Salzgl&auml;sern
+und Panjas Sandalen. Er schien nun bemerkt zu haben, da&szlig; meine Worte nicht
+so gef&auml;hrlich waren, wie er anf&auml;nglich angenommen hatte, und kam ein wenig
+n&auml;her, um besser glotzen zu k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Es tat mir leid, da&szlig; ich nichts anzubieten hatte, und da&szlig; meine
+Gastfreundschaft sein Mi&szlig;trauen erregte.</p>
+
+<p>&bdquo;Es scheint, Sie leben des Nachts,&ldquo; begann ich vorsichtig, &bdquo;ich entnehme es
+Ihren Augen und der Tatsache, da&szlig; wir uns zu dieser Stunde begegnen. Ich
+bitte Sie darum, keine falschen Schl&uuml;sse aus den vielerlei Ger&auml;tschaften zu
+ziehen, die Sie hier erblicken, im Grunde bewegt uns lange aufrechte Wesen
+kein anderer Herzensdrang als euch. Es l&auml;&szlig;t sich so leicht sagen: das
+Gl&uuml;ck, im Sonnenschein in der Welt zu sein, die Liebe und der Schlaf.
+Dar&uuml;ber wacht etwas, wie eine unerm&uuml;dliche Hoffnung, es m&ouml;chte eines Tages
+alles noch um vieles herrlicher werden. Das spricht auch aus deinen gro&szlig;en
+Nachtaugen; und ist die Begierde, die dich herzutreibt, im Grunde etwas
+anderes, als die meine, die mich veranla&szlig;te, in die Wildnis deiner Heimat
+zu kommen?&ldquo;</p>
+
+<p>Da antwortete mir ein heller, b&ouml;ser Pfiff, der mir durch Mark und Bein
+ging, und gleich darauf erscholl, als Entgegnung, ein<span class="pagenum"><a name="Page_94" id="Page_94">[94]</a></span> &auml;rgerliches Zischen
+im Laub meines Lagers. Nun galt es, still zu liegen, das w&auml;re ein
+verdrie&szlig;licher Abschlu&szlig; meiner Dschungelfahrt gewesen&hellip;</p>
+
+<p>Ich wu&szlig;te nun, wen ich vor mir hatte, aber bei weitem wichtiger war mir,
+wen ich in meiner unmittelbaren N&auml;he in den welken Bl&auml;ttern wu&szlig;te. Das
+kleine Tier vor mir begann sich sanft und sonderbar zu schaukeln und
+brachte dabei hell und sto&szlig;weise einen halb gepfiffenen, halb geknarrten
+Ton hervor, der der Gef&auml;hrtin meines Lagers galt. Nun quoll es dicht unter
+meinen Augen aus dem Reisig hervor, wie das Rinnsal einer dicken, dunklen
+Fl&uuml;ssigkeit und suchte den Ausgang zu gewinnen. Ein kleiner Schatten vom
+Zeltrand her huschte der Schlange blitzschnell nach, und drau&szlig;en begann f&uuml;r
+eine kurze Weile ein von Fauchen, Zischen und Schnarchen wildbewegtes
+Rascheln und Schleifen. Dann wurde es still, und ich h&ouml;rte nur die
+Hammerschl&auml;ge meines Herzens und sah die wei&szlig;en Papierschnitzel des
+Mondlichts, bis langsam die eint&ouml;nige Grillenmusik wieder die Nacht
+beherrschte. Mir war, als habe sie geschwiegen, w&auml;hrend sich ein Schicksal
+unter den Gesch&ouml;pfen des Nachtvolks vor meinen Augen abgespielt hatte.</p>
+
+<p>Wie eigenartig unterscheiden sich oft unsere Erwartungen von den
+Erscheinungen selbst! Ich hatte von diesem merkw&uuml;rdigen Tier oft geh&ouml;rt,
+das in Indien als der &auml;rgste Feind der Schlange gepriesen wird, und das
+sogar oft von den Engl&auml;ndern wie ein Haustier zum Schutz gegen die Kobra
+gehalten werden soll, aber ich hatte mir die Erf&uuml;llung meines Wunsches,
+diesem Tier einmal zu begegnen, anders vorgestellt. Was hatte sich mehr
+zugetragen, als ein von wenigen Rufen des Kampfes, der Angst und der
+Lebensgier zerrissenes Huschen und Springen? Schattenhaft, fast unwirklich
+war es geschehen, grau, im Halbdunkel und ohne jene pathetische Geb&auml;rde,
+die erst die Erkenntnis langsam dem Ereignis verleiht.<span class="pagenum"><a name="Page_95" id="Page_95">[95]</a></span> Erst die Erinnerung
+erschafft die Gestalten der Helden. War dies alles? Wie wird es uns mit dem
+raschen, kleinen Leben ergehen, das wir in Erwartungen dahinhuschen lassen?</p>
+
+<hr />
+
+<p>Oft, wenn ich von unserm Zelt aus mit der B&uuml;chse und Elias den Dschungel
+durchschweifte, sah ich vom Flu&szlig;ufer aus die Alligatoren in der Sonne
+liegen. Sie sonnten sich auf den Sandb&auml;nken und lagen kreuz und quer
+durcheinander, einmal lagen sogar zwei aufeinander, das war peinlich. Der
+Ausdruck ihrer sehr ausgedehnten Gesichter war in der Regel ungemein
+vergn&uuml;gt, die winzigen &Auml;uglein funkelten fr&ouml;hlich, und die riesigen, oft
+weit ge&ouml;ffneten M&auml;uler zeigten deutlich einen Hang zum L&auml;cheln. Man merkte
+den Tieren an, wie wohl ihren knorpligen Schuppenh&auml;uten die Sonnenglut tat,
+und entschlo&szlig; sich schwer, etwas B&ouml;ses von ihnen anzunehmen. Zuweilen
+gluckst etwas in ihren gelben H&auml;lsen, die zart und weich wie Wachs sind.</p>
+
+<p>Ich habe niemals welche gesehen, deren L&auml;nge zwei Meter &uuml;berschritt, ihre
+afrikanischen Geschwister scheinen einem anderen Volksschlag anzugeh&ouml;ren
+und mehr Wert auf die Einsch&uuml;chterung der Menschen zu legen. Zuweilen scho&szlig;
+ich auf eine dieser riesigen Eidechsen, aber meine Kugel wirkte nie so
+ausschlaggebend, da&szlig; das verwundete Tier nicht noch Zeit gewann, ins Wasser
+zu schnellen. Es kann auch sein, da&szlig; ich niemals getroffen habe. Nachdem
+der Donner des Schusses verhallt war, war die Sandbank f&uuml;r gew&ouml;hnlich leer.
+Diese Tiere haben eine geradezu verletzend geschwinde Art, sich zu
+empfehlen, sie schie&szlig;en ins Wasser wie Torpedos, es ist unm&ouml;glich, eine
+Bewegung ihrer Beine zu unterscheiden, und es erweckt den Anschein, als
+w&auml;ren sie an gestrafften Gummib&auml;ndern mit dem Wasser verbunden und w&uuml;rden
+pl&ouml;tzlich losgelassen. Sie schwimmen pr&auml;chtig und erinnern in der Flut an<span class="pagenum"><a name="Page_96" id="Page_96">[96]</a></span>
+Hechte, sind aber au&szlig;erordentlich scheu und werden nur kleinerem Rotwild
+gef&auml;hrlich, das sie an der Tr&auml;nke &uuml;berraschen.</p>
+
+<p>Ich warf ihnen eines Morgens die &Uuml;berreste einer erlegten Hirschantilope
+zu, von der ich nicht mehr als ein R&uuml;ckenst&uuml;ck hatte genie&szlig;en k&ouml;nnen, und
+die sonst die Sonne oder die Schakale vernichtet h&auml;tten, und erschrak &uuml;ber
+die sinnlose Gier dieses Flu&szlig;gesindels. Es dauerte kaum eine Minute, bis
+der K&ouml;rper des Tiers in einem dahintreibenden blutigen Schaumbecken, in
+hundert Fetzen zerrissen, verschwunden war. Am Mittag lagen die Ungeheuer
+wieder in der Sonne und l&auml;chelten, w&auml;hrend der breite, tr&uuml;be Strom gurgelnd
+dahinzog und den Sonnenschein in m&ouml;rderischen Lichtpfeilen in die
+schmerzenden Augen schleuderte, die die Dschungeld&auml;mmerung verw&ouml;hnt hatte.</p>
+
+<p>Einmal sa&szlig; ich in der N&auml;he unseres Zeltes in den Rankenverschlingungen der
+Luftwurzeln eines wilden Feigenbaumes in der Morgensonne am Flu&szlig; und putzte
+meine Jagdflinte, als es neben mir in den Mangroven raschelte. Als ich mich
+umwandte, sah ich einen kleinen Hinduknaben vor mir stehen, der vor Schreck
+v&ouml;llig erstarrt war. Seine Augen schienen leblos geworden, wie zwei
+schwarze, runde Spiegel, und sein Mund stand offen. Es war recht
+begreiflich, denn ich hatte gebadet und so viel am Leibe, wie man ohne
+&Uuml;bertreibung etwa mit nichts bezeichnen kann. Offenbar hatte der Kleine auf
+seinem Morgengang zum Flu&szlig; alles andere erwartet, als solch ein wei&szlig;es
+Unget&uuml;m vorzufinden, das ihn angrinste.</p>
+
+<p>Er zitterte heftig und schluckte, wagte aber keine Bewegung. Dies war
+schlimmer als der Tiger, es war ein furchtbarer Waldspuk. &Uuml;ber und &uuml;ber
+wei&szlig; war dies fremde Wesen, das da vor ihm eine unfa&szlig;liche blanke Sache
+&uuml;ber den Knien hielt, triefte und glitzerte und Augen hatte, in die man
+nicht hineinschauen konnte, ohne seinen Untergang zu riskieren. Als aber
+dies dampfende Unge<span class="pagenum"><a name="Page_97" id="Page_97">[97]</a></span>heuer nun pl&ouml;tzlich nieste, entwand sich der gequ&auml;lten
+kleinen Brust, die ganz mit Entsetzen angef&uuml;llt war, ein lauter Jammerruf
+und wahrscheinlich machte der Kleine innerlich einen raschen Strich unter
+sein verflossenes Dasein und beschlo&szlig; es in seinen Erwartungen endg&uuml;ltig.
+Jedenfalls fiel er zu Boden, pre&szlig;te sein Gesicht in die Pflanzen und stie&szlig;
+wieder und wieder denselben monotonen Klagelaut hervor, in dem er sich
+wahrscheinlich dem besonderen Wohlwollen irgendeines G&ouml;tzen empfahl.</p>
+
+<p>Es kam mir gar nichts in den Sinn, was ich etwa anstellen k&ouml;nnte, den
+gebrochenen, kleinen Mann zu beruhigen. Wenn ich ihn ber&uuml;hrt h&auml;tte, so w&auml;re
+er vor Angst gestorben, so lie&szlig; ich ihn einstweilen liegen und stellte
+fest, da&szlig; sich seine Toilette in einer &auml;hnlichen Etappe der Entwicklung
+befand, wie die meine. Dann verfiel ich darauf, ihm eine arglose und
+sinnvolle Weise vorzupfeifen, die nach meiner &Uuml;berzeugung etwas
+Beschwichtigendes enthielt, erst w&auml;hlte ich ein altes Wiegenlied, dann
+einen Choral und endlich &bdquo;Heil dir im Siegerkranz&ldquo;.</p>
+
+<p>Das wirkte. Mein Freund drehte das dunkle K&ouml;pfchen am Boden so weit, da&szlig; er
+mich mit dem einen Auge bis etwa an meine Knie hinauf betrachten konnte.
+Da&szlig; ich Menschen fra&szlig;, war immer noch sicher f&uuml;r ihn, aber es schien doch,
+als wenn ich es nicht besonders eilig damit h&auml;tte. Ich gab ihm nun in
+zur&uuml;ckhaltender Weise zu verstehen, da&szlig; er sich erheben sollte, und er
+gehorchte, immer noch am ganzen K&ouml;rper zitternd, aber sichtlich erstaunt
+dar&uuml;ber, da&szlig; ich wie ein vern&uuml;nftiger Mensch zu sprechen verstand und noch
+dazu in seiner Sprache. Er bestand gewisserma&szlig;en nur noch aus Augen, und in
+ihnen brannte nur ein einziger Wunsch, der, sich auf m&ouml;glichst unauff&auml;llige
+Art empfehlen zu d&uuml;rfen; glotzen lie&szlig; sich weit besser aus einem Versteck,
+und was konnte aus dieser Ann&auml;herung gutes kommen?</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_98" id="Page_98">[98]</a></span>Aber er &auml;nderte seine Meinung doch, als ich nach meinen Kleidern tastete
+und ihm eine Kupferanna unter die Augen hielt. Zun&auml;chst war sie da, das
+lie&szlig; sich begreifen, aber nur langsam d&auml;mmerte in seinem K&ouml;pfchen der
+Glaube hervor, da&szlig; sie ihm geh&ouml;ren sollte. Das war schlechthin unm&ouml;glich.
+Als ob er den Wert dieser runden Metallpl&auml;ttchen nicht kannte, die sein
+Vater zuweilen aus den Hafenst&auml;dten mitbrachte, wenn er Pfeffer oder
+Ingwerwurzeln hinabgetragen hatte, und mit Hilfe derer man alles erlangen
+konnte, alle Herrlichkeiten der Welt, buntes Tuch, die S&uuml;&szlig;igkeiten der
+Basarstra&szlig;e, Reis und Maniokbrot und Macht &uuml;ber alle Knaben des Ortes.</p>
+
+<p>Und so entwischte er ungefressen mit seinem Schatz, nachdem er endlich
+begriffen hatte, da&szlig; meine Pl&auml;ne sich in diesem Opfer ersch&ouml;pften.
+Vielleicht erinnert er sich meiner zu einer Zeit, wo er ein J&uuml;ngling
+geworden ist und zu seiner ersten Kupferanna in den Hafenst&auml;dten so manche
+andere verdient, und seine Meinung &uuml;ber uns Wei&szlig;e ge&auml;ndert haben mag, in
+einem zweifachen Sinn.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Mehr und mehr empfand ich von Tag zu Tag, da&szlig; ein fremder Bestand, der
+nicht festzustellen war, die Beschaffenheit meines Bluts ver&auml;nderte. Ich
+schob die Schuld, wie man es in solchen F&auml;llen zu tun pflegt, bald auf das
+eine, bald auf das andere, heute schien mir das Trinkwasser der Anla&szlig; zu
+sein, morgen der Tabak, oder eine fremde Frucht, dann wieder verband ich
+meinen Zustand mit meiner Schlaflosigkeit, oder mit der Beschaffenheit
+dieser schw&uuml;len, von tausend D&uuml;ften geheizten Luft. Panja betrachtete mich
+oft lange und besorgt von der Seite, ohne zu wissen, da&szlig; ich seine Blicke
+gewahr wurde, und da&szlig; sie mich reizten. Ich behandelte ihn ungerecht und
+hart, aber er blieb geduldig und verfiel nicht wie fr&uuml;her in sein
+gekr&auml;nktes Schmollen. &Uuml;berhaupt hatte er sich in der letzten Zeit merklich
+ge&auml;ndert, mir war oft, als habe ihn eine neue<span class="pagenum"><a name="Page_99" id="Page_99">[99]</a></span> Verantwortlichkeit &uuml;ber sich
+selbst hinausgehoben, gerade als ob er sich h&auml;tte bew&auml;hren m&uuml;ssen, um sich
+seiner Kr&auml;fte und Tugenden bewu&szlig;t zu werden. Ich lohnte ihm diesen Wandel
+schlecht, aber ich konnte nicht anders.</p>
+
+<p>Mir war bisweilen, als habe mein Gehirn sich um vieles verkleinert und als
+mache es eigenartige Drehungen und Schwankungen in seiner Schale, wie ein
+schwimmender Ball in einem Wasserglas. Dabei verfiel ich auf alle m&ouml;glichen
+Heilmittel, nur nicht auf das einzige, das mir h&auml;tte helfen k&ouml;nnen: auf die
+Flucht aus den Niederungen des Dschungels.</p>
+
+<p>War es Morgen, so mu&szlig;te ich den Mittag erwarten, in welchem die Insekten
+mit einem seligen Brausen, oder die gro&szlig;en Schmetterlinge leicht und
+lautlos von Bl&uuml;te zu Bl&uuml;te zogen, durch unwahrscheinlich tiefes Blau oder
+Gr&uuml;n, w&auml;hrend die Welt in hei&szlig;er F&uuml;lle verging. Mit dem leisen Unbehagen
+des sinkenden Mittags mu&szlig;te ich den Abend erwarten und an ihm die Nacht mit
+ihrem Licht und L&auml;uten &uuml;ber schwarzen Tiefen, ihren gurgelnden und
+st&ouml;hnenden Stimmen der Raubgier und der Liebeswut und mit ihren blendenden
+Gestirnen. Tag und Nacht waren f&uuml;r mich l&auml;ngst keine Begriffe des Wachens
+oder der Ruhe mehr, sondern wechselnde Z&uuml;ge des indischen Weltenantlitzes,
+magisch ineinander &uuml;berwogend, wahrsagerisch entstellt.</p>
+
+<p>Ich hatte meine Heimat vergessen. Europa versank in meiner Erinnerung wie
+ein lauter, h&auml;&szlig;licher Traum voll unn&uuml;tzer Erregtheit, und ich l&auml;chelte
+mitleidig &uuml;ber die Schande, die mir in den kleinen Beteiligtheiten meiner
+hastigen Vergangenheit widerfahren zu sein schien. Wie ein einziger,
+kreischender, grellfarbiger Lebensirrtum erschien mir das Treiben der
+gro&szlig;en St&auml;dte, und ich verging und erstand in Schlafen und Wachen wie in
+Fr&uuml;hling und Winter, das Angesicht der Tages- und der Jahreszeiten
+verschmolz miteinander<span class="pagenum"><a name="Page_100" id="Page_100">[100]</a></span> zu einem unbestimmbaren Gef&uuml;hl des Wandels, und die
+Unschuld der Pflanzen, die mich einh&uuml;llten, wie ein lebendiges Gewand, war
+die st&auml;rkste Gewalt &uuml;ber meine langsam verschwindende Erkenntniskraft.</p>
+
+<p>Es trieb mich zuweilen aus der Dschungelnacht an den Steppenrand zur&uuml;ck, es
+war ein Verlangen, den offenen Himmel zu sehen und das weite braune
+H&uuml;gelland, und es war mir angesichts dieser Helligkeit, als entkleidete
+mich ein lautloser stiller Sturm des Lichts. Oft brachen wir mitten in der
+Nacht auf, nahmen zuweilen den gleichen Weg, den wir am Tage mit M&uuml;he
+durchmessen hatten, und errichteten das Lager an der verlassenen
+Feuerst&auml;tte. Mir war, als h&auml;tten die Pflanzen mich am Atmen behindert, als
+raubten sie meiner Brust, was ihr zum Leben not tat. Oft ertappte ich mich
+&uuml;ber gereizten und boshaften Blicken auf eine bl&uuml;hende Pflanze, deren
+dargebotene Liebeswut in purpurroten Kelchen mich mit Zorn und Ha&szlig; und
+zugleich mit hingebender Demut erf&uuml;llte.</p>
+
+<p>Langsam war eins meiner Manuskripte und B&uuml;cher nach dem andern dem
+n&auml;chtlichen Feuer zum Opfer gefallen, ich sah die wei&szlig;en Bl&auml;tter in
+h&auml;mischer Genugtuung in der Glut welken und f&uuml;hlte mich freier, wenn die
+verkohlten Rollen zerbr&ouml;ckelten. Nur ein kleines, t&ouml;richtes B&uuml;chlein
+begleitete mich lange noch, ich wei&szlig; zuversichtlich, da&szlig; ich es nur deshalb
+nicht zerst&ouml;rte, weil eine merkw&uuml;rdig verschlungene Ranke aus gepr&auml;gtem
+Gold den Einband verzierte, ungef&auml;llig, sinnlos und aufdringlich, aber es
+tat mir wohl, diesen Linien mit den m&uuml;den Augen nachzugehen. Einmal
+versuchte ich, mich darauf zu besinnen, wo Nachrichten f&uuml;r mich liegen
+k&ouml;nnten, ich schlo&szlig; auf Bombay, Goa und Madras, aber ich wu&szlig;te es nicht
+mehr.</p>
+
+<p>In den Ohren die Muschelstimmen des Chinins, tr&auml;umte ich oft in der
+totenstillen Mittagsglut mit geschlossenen Augen vom Winter.<span class="pagenum"><a name="Page_101" id="Page_101">[101]</a></span> Immer wieder
+tauchte das gleiche Bild vor mir auf: ein graues Flu&szlig;tal im Abendnebel, auf
+den Feldern der bl&auml;uliche Schnee im sinkenden Tageslicht, und ein eisiger
+Wind &uuml;ber dem pechschwarzen Wasser, auf welchem Eisschollen dahintrieben.
+Sie stie&szlig;en sich und knarrten und l&auml;uteten, auf einigen von ihnen sa&szlig;en
+Raben und lie&szlig;en sich mitnehmen. Dann empfand ich die K&auml;lte pl&ouml;tzlich als
+schneidenden Schmerz an Stirn und Wangen, und meine Brust weitete sich, wie
+zerspringend vor Frische. In kalten Schauern schlief ich &uuml;ber solchen
+Visionen zuweilen ein, aber die sinnlosesten Tr&auml;ume raubten meinen Schlaf
+die ersehnte Erquickung.</p>
+
+<p>Eines Nachts tr&auml;umte mir, ich sei am Meer eingeschlafen, in einer
+Bergschlucht, und pl&ouml;tzlich weckten mich die Stimmen zweier M&auml;nner, deren
+Klang eine eigenartige Verwandtschaft mit dem Reden des Meerwassers hatte.
+Ich richtete mich halb empor, stemmte die Ellenbogen in den Sand und sah
+betroffen auf. Die Sonne war ins Meer gesunken und schien aus der Tiefe,
+durch das Wasser. Obgleich sie selbst r&ouml;tlich gl&auml;nzte, war doch das Licht
+der Luft gr&uuml;nlich und bla&szlig;, und merkw&uuml;rdige Schattenwellen zogen hindurch,
+wahrscheinlich entstanden sie durch die Uferwogen.</p>
+
+<p>Die beiden M&auml;nner standen gerade nebeneinander im Sand, der wie T&uuml;rkisen
+schimmerte. Sie hatten ihre Arme schlicht und ohne Geb&auml;rde an den K&ouml;rper
+gelegt, und unter ihren leichtgesenkten Stirnen sahen mich ruhige, runde
+Augen von einem gleichm&auml;&szlig;igen sehr hellen Blau an, in denen ich keine
+Abzeichnung der Pupillen unterscheiden konnte. Die F&auml;rbung ihrer Haut war
+bernsteingelb und ihr Haar wei&szlig;lich, sie hatten breite, aber hagere
+Schultern, und ihre H&uuml;ften waren so schlank und so wenig ausgezeichnet, da&szlig;
+man von der Achselh&ouml;hle bis an die Fu&szlig;kn&ouml;chel hinsah, wie an einer geraden,
+schr&auml;g gestellten Leiste. An ihren Schl&auml;fen war ein<span class="pagenum"><a name="Page_102" id="Page_102">[102]</a></span> eosinrotes Band
+befestigt, das in einem breiten F&auml;cher auf die linke Schulter herabsank und
+hinter ihr verschwand.</p>
+
+<p>So standen die Zwei, die sonst nicht bekleidet waren, ruhig vor mir in der
+gr&uuml;nlichen Luft mit ihren geheimnisvollen Schattenwellen. Es schien mir,
+als l&auml;chelten sie, aber eher neugierig als sp&ouml;ttisch. Endlich begannen sie
+eine Unterhaltung miteinander und versuchten den Anschein zu erwecken, als
+sei ihnen an meiner Beachtung nichts gelegen, aber ich unterschied doch,
+da&szlig; sie nur meinetwegen sprachen. Sie l&auml;chelten verstohlen und ungef&auml;llig
+und sahen bisweilen mit einem raschen Blick zu mir hin&uuml;ber. Nun wies einer
+von ihnen zu den Felsen einer Schlucht empor, wo sich in halber H&ouml;he der
+Berge ein gleichm&auml;&szlig;iger, tiefer Einschnitt im Gestein bemerkbar machte, der
+rundlich ausgeh&ouml;hlt war.</p>
+
+<p>&bdquo;Richtig,&ldquo; antwortete der andere, &bdquo;das ist unsere alte Meergrenze, die
+letzte, aber wo ist die Grenze der V&auml;ter geblieben?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Die Gipfel schwemmen gar zu rasch nieder,&ldquo; lautete die Antwort, &bdquo;die neue
+Welt wird klein.&ldquo;</p>
+
+<p>Dann unterschied ich nicht mehr alles, was sie sagten oder meinten, aber
+ich empfand, da&szlig; sie von versunkenen Reichen sprachen, deren Kulturst&auml;tten
+der Meersand seit undenkbaren Zeiten in tiefen Gr&uuml;nden der Flut vergraben
+hatte, und sie tuschelten davon, da&szlig; nun bald die Zeit anbrechen m&uuml;sse, in
+der der Meerboden und der Erdboden vertauscht werden sollten. Best&uuml;rzt
+&uuml;berfiel mich eine dunkle Ahnung der Reiche, die das Meer verbarg, und ich
+sah sie, nach ihrer Auferstehung, von Sonne, Wind und Regen langsam aus
+ihrer sandigen H&uuml;lle brechen. Ich wagte keine Frage, obgleich mein Herz vor
+Begierde brannte, an den Erfahrungen der beiden Menschen teilzunehmen, aber
+es war, als ahnten sie, da&szlig; ich die Absicht im Sinn trug, ihnen ihre
+Geheimnisse zu entrei&szlig;en, denn sie ber&uuml;hrten einander die Schultern mit der
+Hand, so da&szlig; sie zu<span class="pagenum"><a name="Page_103" id="Page_103">[103]</a></span> einem seltsam sch&ouml;nen Ornament verschmolzen, wandten
+sich dem Wasser zu und schwebten hinein und in die Tiefe, wie durch die
+Luft. Ich sah sie noch einmal, als sie an der Sonne vor&uuml;berzogen, die sehr
+tief gesunken war, dann schlief ich ein, in gro&szlig;er Traurigkeit, wie ich sie
+nie gekannt habe, und wie man sie nur im Schlaf empfinden kann.</p>
+
+<p>Ein anderes Mal im Traum schenkte mir irgend jemand ein Kriegsschiff mit
+weiblicher Bedienung, damit ich gegen meine Feinde vorgehen k&ouml;nnte, aber
+ich hatte deren leider nur drei und die lebten auf dem Festlande. So
+entlie&szlig; ich die Damen, damit diese drei Gegner gl&uuml;cklich w&uuml;rden. Mit den
+Kanonen scho&szlig; ich auf M&ouml;wen, aber sie schnappten nach den Kugeln, ja, dies
+Gefl&uuml;gel wartete geradezu an der &Ouml;ffnung der Gesch&uuml;tze, es war ungemein
+&auml;rgerlich. So sah ich ein, da&szlig; es hiermit nichts Rechtes werden w&uuml;rde, und
+l&ouml;ste einstweilen spielend eine Reihe von Problemen, die mich fr&uuml;her auf
+ganz unverst&auml;ndliche Art gequ&auml;lt hatten. Dabei brachte ich endg&uuml;ltig
+heraus, da&szlig; man zu dererlei Geistesexperimenten am Boden umherkriechen
+mu&szlig;te, und ich tat es mit Ausdauer und fr&ouml;hlich.</p>
+
+<p>Als ich aber nach vielerlei Tr&auml;umen dieser Art, die ich vergessen habe,
+eines Tages mit trockenem Mund und einer scheu&szlig;lichen Leere hinter der
+Stirn, in der Mittagshitze frierend, am Fu&szlig;boden, in einem Winkel des
+Zeltes, erwachte, ergab ich mich anteillos den Weisungen Panjas, lie&szlig; mich
+in Wolldecken wickeln und erwartete meinen Verbrennungstod in diesen
+phantastischen Feuern meines Bluts und meiner Seele, die von boshaften
+D&auml;monen gesch&uuml;rt wurden.</p>
+
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_104" id="Page_104">[104]</a></span></p>
+<h2>
+<a name="kap06" id="kap06"></a>Sechstes Kapitel<br />
+Im Fieber
+</h2>
+
+
+<p>In einer ungewissen Stunde, die nicht am Morgen und nicht am Abend war, kam
+ich mit dem bestimmten Bewu&szlig;tsein zu mir, nach jener denkw&uuml;rdigen Nacht mit
+Huc, dem Affen, am Morgen gestorben zu sein. Es mu&szlig; nach dem Tode einen
+seltsamen Halbschlaf der ersterbenden Sinne geben, der uns noch eine
+Zeitlang den Fortgang des Lebens vort&auml;uscht, eine Art Erinnerung des
+K&ouml;rpers, der sich seinem Verfall noch nicht zu ergeben vermag, in welcher
+die Hoffnung unseres Herzens in einem mitleidigen Spiel den Gang des
+Daseins fortsetzt, nachdem die Seele ihrer H&uuml;lle entflohen ist. In jenem
+Stadium mu&szlig;te mir alles geschehen sein, was ich bis zu diesem Morgen erlebt
+zu haben glaubte; ich l&auml;chelte geringsch&auml;tzig und melancholisch in die
+grauen, sanft erklingenden Sph&auml;ren hinein, in denen ich dahintrieb.
+Immerhin erfreute es mich, da&szlig; mein Bewu&szlig;tsein nicht v&ouml;llig erloschen zu
+sein schien, und die Erkenntnis, nun endlich mit Sicherheit zu wissen, da&szlig;
+ich gestorben war, beruhigte mich sehr; ich begriff nun deutlich die
+qualvolle Ungewi&szlig;heit, die &uuml;ber allem gelegen hatte, was mir in der letzten
+Zeit zugesto&szlig;en war. War nicht alles wie aus grauen Spiegeln emporgetaucht
+und in anderen wieder versunken, in seltsamem Kreisen und liederlicher
+Gleichg&uuml;ltigkeit gegen die Wirklichkeit? Bei dieser neuen Offenbarung &uuml;ber
+meinen Tod, den ich mir aus einer im Grunde recht kleinlichen
+Lebens&auml;ngstlichkeit bisher nicht einzugestehen gewagt hatte, entschlo&szlig; ich
+mich in einer wundervollen Gelassenheit des Gem&uuml;ts, nun niemand mehr zu
+dienen, als allein der Erinnerung. Es war merkw&uuml;rdig, da&szlig; Panjas Gesicht
+mich dabei st&ouml;rte, das ungewi&szlig; und gro&szlig;, wie ein Wolkenschatten, zuweilen
+&uuml;ber mir erschien, mein<span class="pagenum"><a name="Page_105" id="Page_105">[105]</a></span> Dahinziehen durch das flimmernde All hinderte und
+in sinnloser Aufdringlichkeit in meiner N&auml;he verharrte. Ich lie&szlig; mich nicht
+t&auml;uschen, ich erkannte in unzweifelhafter Klarheit, da&szlig; der Durst, der
+meinen K&ouml;rper durchgl&uuml;hte, der Wissensdurst meiner Seele war; er war mein
+einziger Schmerz, und ich pries mich gl&uuml;cklich.</p>
+
+<p>Irgend jemand sprach zu mir; ich beachtete es lange absichtlich nicht, weil
+ich mich nicht von der &Uuml;berzeugung trennen wollte, da&szlig; niemand das Recht
+hat, mit einem Toten zu reden. Merkte denn dies wesenlose Gesch&ouml;pf immer
+noch nicht, da&szlig; Tote andere Interessen haben, als sich mit dem
+verg&auml;nglichen Tand abzugeben, der die Lebendigen der ungew&ouml;hnlich kleinen
+Erde besch&auml;ftigt, die nicht einmal in der Lage ist, sich ruhig zu verhalten
+und in l&auml;cherlicher Abh&auml;ngigkeit von der Sonne umhertanzt? So entschlo&szlig; ich
+mich endlich, mir Ruhe zu verschaffen, und wandte mich in der pr&auml;chtigen
+Freiheit des Muts um, den nur Tote haben, um Schweigen zu gebieten. Aber da
+erkannte ich, da&szlig; mein Ich neben mir sa&szlig; und rauchte. Es hatte sich meiner
+Pfeife bem&auml;chtigt, meiner Kleider und Schuhe und trug meinen f&uuml;nfmal
+gewundenen Schlangenring aus Gold mit den Saphiraugen und der
+Brillantenkrone. Ich fand im Augenblick nicht den rechten Ton, denn es ist
+ungew&ouml;hnlich schwer, sich im Tode richtig gegen jemand zu benehmen, den man
+im Leben oft hintergangen hat. Mein Ich l&auml;chelte mir ermutigend zu, aber
+ich lie&szlig; mich nicht irref&uuml;hren; dies L&auml;cheln kannte ich, man wei&szlig; doch,
+womit man andere &uuml;ber sich selbst zu t&auml;uschen pflegt, und was hinter seinem
+eigenen L&auml;cheln steckt. Aus irgendeinem Grunde sagte ich rasch und
+&auml;rgerlich:</p>
+
+<p>&bdquo;Nur keine Philosophie, bitte.&ldquo;</p>
+
+<p>Mein Ich erwiderte freundlich, da&szlig; ihm dererlei v&ouml;llig fernl&auml;ge, und da&szlig;
+nach der Scheidung, die ich als vor sich gegangen zugeben<span class="pagenum"><a name="Page_106" id="Page_106">[106]</a></span> m&uuml;&szlig;te, &uuml;berhaupt
+alle Fragen &uuml;ber das Wesen von Sein und Nichtsein aufgehoben w&auml;ren.</p>
+
+<p>Es war ungemein fesselnd, meine eigene Stimme zu h&ouml;ren, derer sich mein
+Gegen&uuml;ber bediente; aber irgend etwas am Klang der Stimme ging in k&uuml;hler
+Sachlichkeit weit &uuml;ber die arme Befangenheit hinaus, in welcher ich mich
+fr&uuml;her dieser Stimme bedient hatte. Dies &auml;rgerte mich empfindlich, denn ich
+erkannte, was ich zu Lebzeiten vers&auml;umt hatte.</p>
+
+<p>&bdquo;Siehst du, was alles in mir gesteckt hat?&ldquo; fragte ich, aber ich verwand
+meinen Verdru&szlig; rasch, denn mein abgekl&auml;rtes Ich an meiner Seite hatte etwas
+ungemein Imponierendes.</p>
+
+<p>&bdquo;Habe ich eigentlich jemals auf einen Menschen einen &auml;hnlichen Eindruck
+gemacht, wie Sie auf mich?&ldquo; fragte ich.</p>
+
+<p>&bdquo;Du kannst schon du sagen,&ldquo; meinte mein Ich recht liebensw&uuml;rdig und ohne
+kr&auml;nkendes Wohlwollen, &bdquo;wir m&uuml;ssen versuchen, uns endlich zu verstehen.&ldquo;</p>
+
+<p>Das sah ich ein. &bdquo;Gib wenigstens den Ring her!&ldquo; bat ich.</p>
+
+<p>Da sah ich, wie ich selbst, an meinem Lager sitzend, meinen Ring vom Finger
+zog, genau auf die gleiche Art, wie ich es zu Lebzeiten getan haben mochte,
+wenn ich ihn irgend jemand auf seinen Wunsch hin zeigte. Ich versuchte, den
+Ring anzustecken, aber mein Finger brach ab. &bdquo;Verflucht, ist es schon so
+weit mit mir, Sahib?&ldquo; fragte ich unwirsch. Mein Ich nahm den Finger und
+steckte ihn umst&auml;ndlich in die Tasche, und zwar in die richtige, die ich
+f&uuml;r solcherlei Gegenst&auml;nde leer zu halten pflegte.</p>
+
+<p>&bdquo;Sind wir noch in Indien?&ldquo; fragte ich; aber unmittelbar, nachdem ich diese
+Frage ausgesprochen hatte, &uuml;berkam mich die Erkenntnis, wie v&ouml;llig
+belanglos solch ein Umstand f&uuml;r mich war. &bdquo;Was soll geschehen?&ldquo; fragte ich
+etwas burschikos, denn ohne einen bestimm<span class="pagenum"><a name="Page_107" id="Page_107">[107]</a></span>ten Zweck w&uuml;rde mein Ich sich
+hier kaum niedergelassen haben, so gut glaubte ich mich zu kennen.</p>
+
+<p>Und wirklich erhob sich nun das Ich in meiner Gestalt, zog seinen Rock
+zurecht, trat einmal mit dem Bein nach vorn, um die Hose zu gl&auml;tten, und
+strich sich &uuml;ber das Haar. Ich wu&szlig;te schon, da&szlig; es sich darum handelte, da&szlig;
+ich mein Grab kennen lernen sollte.</p>
+
+<p>&bdquo;Du darfst dir keine besondere Vorstellung von der Ausstattung machen&ldquo;,
+h&ouml;rte ich. &bdquo;Panja hat dich im Wald verscharrt, kaum tiefer, als deine Arme
+lang sind, und die Waldblumen wachsen &uuml;ber deinen Augen.&ldquo; Nachdem diese
+Worte verklungen waren, sah ich niemand mehr und empfand nun, da&szlig; ich in
+meinem Grabe ruhte. Einen kleinen Augenblick lang huschten mir noch
+Gedanken durch den Sinn, aber dann &uuml;berw&auml;ltigte mich eine unbeschreibliche
+Ruhe.</p>
+
+<p>Diese Ruhe vermag kein irdischer Mund zu schildern; es ist mir niemals eine
+Wohltat geschehen, die dieser Ruhe zu vergleichen w&auml;re. Nach einer langen
+und erm&uuml;denden Wanderung voll ungesunder Hast und qualvoller Bef&uuml;rchtungen
+langte ich fr&uuml;her in meinem Leben einmal am Ort meiner Bestimmung an und
+au&szlig;er einer trostreichen Gewi&szlig;heit empfing mich ein k&uuml;hles, wei&szlig;es Lager in
+einem stillen Raum, dessen Fenster den Blick auf die Berge hinausf&uuml;hrten.
+Die wenigen Minuten, in welchen ich meinen &uuml;berm&uuml;deten K&ouml;rper vor dem
+Einschlafen auf diesem Lager ruhen f&uuml;hlte, sind vielleicht entfernt dem
+gl&uuml;cklichen Zustand zu vergleichen, in welchem ich nun im Grabe lag, aber
+man mu&szlig; sich diese Wohltat bis an die Grenze der Bewu&szlig;tlosigkeit gesteigert
+denken und wie im friedlichen Rausch einer &uuml;berirdischen Musik.</p>
+
+<p>Meine H&auml;nde waren hoch auf der Brust &uuml;bereinandergelegt, ohne gefaltet zu
+sein; ich ruhte ganz gerade ausgestreckt, und die schwere Decke der Erde
+war eine gl&uuml;ckliche Last; sie lag auf meiner Stirn<span class="pagenum"><a name="Page_108" id="Page_108">[108]</a></span> und auf meinem Gesicht,
+wie die liebevollen H&auml;nde einer besorgten Mutter nicht sanfter ruhen
+k&ouml;nnen. Ich vernahm einen gleichm&auml;&szlig;igen, starken Pulsschlag, dessen
+Ursprung ich nicht erkannte, der mich aber mit gro&szlig;er Beruhigung erf&uuml;llte.
+So lange unter den lebenden Wesen der Erde noch eines meiner in Liebe
+gedachte, blieb mein Bewu&szlig;tsein wach, aber ohne qualvolle Erinnerungen; es
+war ein unbeschreiblich erhabenes und freies L&auml;cheln, mit welchem ich der
+irdischen Ereignisse gedachte, ohne mich ihrer recht zu erinnern. So ruht
+das Korn in der winterlichen Erde, es tr&auml;gt sein Gedenken an den Sommerwind
+und an die Sonne, in der es herangereift ist, wie einen Fr&uuml;hlingstraum
+durch seinen Schlaf. Das Licht, der Regen, das Schwanken in der bewegten
+Luft und der Schnitter sind eine einzige lind durchbebte Ahnung der
+Vergangenheit, die keine Trauer oder kein Gef&uuml;hl der Verlassenheit
+aufkommen l&auml;&szlig;t. Denn im dunklen Schlummerland pocht ein herber,
+gleichm&auml;&szlig;iger Pulsschlag; ob es die Lichtwellen der Sonne, ob es Tag und
+Nacht sind, oder der Wechsel der Jahrtausende, ist niemals die Sorge eines
+im Erdreich Schlummernden gewesen, denn nun ist der Tod &uuml;berwunden; man mu&szlig;
+ihn nur kennen, um zu wissen, wie wesenlos seine M&auml;chte sind, die die armen
+Erdbefangenen als eine so unerh&ouml;rte Herrschaft feiern. Nun sind tausend
+Jahre wie ein Tag. Ich hatte weder den Wunsch, jemand von denen
+wiederzusehen, die ich geliebt hatte, noch kannte ich Sorge um ihr
+Geschick. Gl&uuml;ckseliger konnten die Frommen nicht sein, die Gottes Angesicht
+schauten.</p>
+
+<p>Nach einer unabsehbar langen Zeit, in der ich keinerlei Ver&auml;nderung sp&uuml;rte,
+schien es mir, als w&uuml;rde es langsam dunkler um mich her und in mir. Nicht
+die Furcht, nun vergessen zu sein, bewegte mich, aber eine laue
+Anteillosigkeit auch an dieser M&ouml;glichkeit. Vielleicht war das Laub des
+Waldes dichter und dichter &uuml;ber mei<span class="pagenum"><a name="Page_109" id="Page_109">[109]</a></span>ner Ruhestatt niedergesunken, oder die
+Erde kreiste nicht mehr um die Sonne, vielleicht war sie von einem anderen,
+gr&ouml;&szlig;eren Gestirn aufgenommen, auf welchem der Wechsel der Zeit nach anderen
+Gesetzen vor sich ging. Mehr und mehr verlor ich das Bewu&szlig;tsein meiner
+selbst, aber ohne dar&uuml;ber in Gram zu sinken; es war mir, als ob der Rest
+meiner Klarheit sich in einem einzigen F&uuml;nkchen sammelte, das &auml;hnlich
+glomm, wie die Hoffnung in den Herzen der lebendigen Menschen.</p>
+
+<p>Da bemerkte ich allm&auml;hlich, in einem heraufd&auml;mmernden Zeitraum, den ich
+nicht begrenzen kann, einen sanften Lichtschein &uuml;ber mir, der still anwuchs
+und sich langsam n&auml;herte. Er war wei&szlig;lich, ohne zu gl&auml;nzen, und erschien
+mir wie ein blasser Strahl von zartem Umri&szlig; und langsamem Leben; er senkte
+sich auf die Gegend meines Herzens nieder und ohne einen Schein im Erdreich
+zu verbreiten, glomm er doch in lieblicher Seligkeit, und der unfa&szlig;bare
+Zauber einer fernen Erinnerung an die Sonne verband ihn mit meiner
+Zuversicht. Da erkannte ich, da&szlig; es der tastende Wurzelkeim einer Pflanze
+war, der sich meiner Brust n&auml;herte, und mich ergriff ein tiefer Schauer,
+der nicht Freude noch Hoffnung war, aber man k&ouml;nnte ihn vielleicht mit der
+Ergriffenheit vergleichen, in der die Irdischen bei einer gro&szlig;en
+Ersch&uuml;tterung ihres Gem&uuml;ts in Tr&auml;nen ausbrechen, ohne dabei schon Lust oder
+Schmerz zu versp&uuml;ren. Je n&auml;her der bleiche, saugende Mund auf kindlicher
+und frommer Wanderschaft und in gehorsamem Wachstum meiner Brust kam, um so
+mehr verwandelte sich mein erl&ouml;schendes Menschbewu&szlig;tsein in ein seliges
+Allgef&uuml;hl von erhabener Gestilltheit und froher Bereitschaft zum Vergehen
+in ein unversiegbares Bereich. Da geschah es bald darauf, da&szlig; die Wurzel
+der Pflanze in mein Herz eindrang und in einem funkelnden Erklingen, in
+einem von Frische und seliger Wildheit bet&auml;ubenden Lichtwirbel wurde mein
+Wesen<span class="pagenum"><a name="Page_110" id="Page_110">[110]</a></span> emporgerissen in das warme, leuchtende Brausen der Erdoberfl&auml;che.</p>
+
+<p>&Uuml;ber meinem Grab brach eine gro&szlig;e Blume auf und &ouml;ffnete sich gegen die
+himmlische Sonne.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Nun kam es mit weichen Schritten durch die dichten Lauben des Urwalds
+heran, auf diesen verschlungenen Pfaden, die kaum ein paar Schritt weit zu
+&uuml;bersehen sind und wie gr&uuml;ne H&ouml;hlen wirken; unendlich weich und geschmeidig
+schritt es dahin, von der stolzen Erhobenheit der Gestalt, die unter allen
+Gesch&ouml;pfen nur die Menschen haben. Es war ein M&auml;dchen, das herankam,
+beinahe noch ein Kind an Jahren. In jener schattigen Lichtung im gro&szlig;en
+Urwald, an welcher unter einem Baum vorzeiten mein Grab gegraben worden
+war, und in welcher nun die frische Blume sich langsam gegen das
+Sonnenlicht kehrte, machte das M&auml;dchen halt und beugte sich nieder. Sie
+trug Lotusbl&uuml;ten im Haar, von sanftem Rot und einen schmalen G&uuml;rtel von
+gewundener ockerroter Seide um die zarten H&uuml;ften. Ein Hauch von Ambra
+begleitete sie, wie unsichtbare Fl&uuml;gel der Jugend.</p>
+
+<p>Um den Hals trug sie eine zweifache Schnur aus roten Angolaerbsen, und ein
+breiter Goldring, der um ihr Fu&szlig;gelenk geschmiedet war, funkelte im Tau der
+Bodenpflanzen.</p>
+
+<p>Als ihre Augen mit dem n&auml;chtlichen Glanz einer tausend Jahre alten
+Schwermut sich &uuml;ber das frische, helle Blau der kaum erbl&uuml;hten Blume
+neigten, war es, als begegneten einander ein himmlisches Erstrahlen und ein
+irdischer Widerschein. Aber das M&auml;dchen brach die Blume nicht, sondern es
+schien, als erinnere sie sich zuvor einer k&ouml;stlichen Pflicht, denn ihr
+Angesicht belebte sich unter einer mit Schamhaftigkeit gemischten
+Erwartung. &Uuml;ber die Wurzeln der B&auml;ume dahin, im weichen Erdreich und &uuml;ber
+braunem Laub, flo&szlig; ein Bach; sein klares Wasser zog rasch und lautlos
+durch<span class="pagenum"><a name="Page_111" id="Page_111">[111]</a></span> Sonnenflecke und Buschschatten. Das M&auml;dchen legte ihre Halsschnur ab
+und h&auml;ngte sie in kindlicher F&uuml;rsorge nachdenklich in die Betelranken, die
+die h&auml;ngenden Zweige des Baumes mit dem Waldboden verbanden; sie legte
+ihren G&uuml;rtel ab und blinzelte fr&ouml;hlich in das warme Licht. Nur die Blumen,
+die ihr Haar schm&uuml;ckten, lie&szlig; sie in der nachtdunklen, gl&auml;nzenden F&uuml;lle
+ruhen, in der sie zum Ruhm ihrer jungen Herrlichkeit verwelken sollten.</p>
+
+<p>Das Wasser wurde unter der Freude ihres lieblichen K&ouml;rpers beredt; es
+&uuml;berrieselte wie mit fr&ouml;hlichem Lachen die helle Bronze dieses Leibes, der
+sich unter den Ber&uuml;hrungen der Natur beseligt dehnte und in einer Hingabe
+ohnegleichen seinen Sch&ouml;pfer lobte, den Sch&ouml;pfer der Waldriesen, die ihn
+beh&uuml;teten, der Milliarden Pflanzen und allen Getiers, das gleich ihm im
+duftenden Schatten atmete, und der gro&szlig;en Sonne, die ohne Aufh&ouml;r goldenes
+Gl&uuml;ck zum Wohlergehen der Ihren auf die geduldige Erde sandte.</p>
+
+<p>An einem besonnten H&uuml;gel, der weich von Moos gepolstert war, legte das
+M&auml;dchen sich auf den Boden nieder, um in der warmen Luft zu trocknen; sie
+gab sich dem Licht in holder Bedachtlosigkeit preis, denn es gibt vor ihm
+keine Geheimnisse des K&ouml;rpers oder der Seele, und beide sehnen sich nach
+ihm. Sie schien mit dem Boden zu verschmelzen; der Pulsschlag der Erde
+verband sich mit dem Pochen ihres Bluts, und die Bl&uuml;ten in ihrem Haar
+dufteten noch einmal empor im Verein mit dem sanften Hauch von M&uuml;digkeit,
+der wie ein Lied von ihrem Leib aufstieg. Die Sonnenstrahlen glitten
+spielend &uuml;ber die zierlichen H&uuml;gel der kleinen Br&uuml;ste dahin, &uuml;ber die
+Rundungen der warmen Glieder; hier leuchteten sie auf, dort tauchten sie in
+heimliche Schatten nieder, allm&auml;chtiger als der st&auml;rkste Beherrscher, der
+sich jemals eine Welt zu eigen gemacht hat, und mit der Anmut eines
+Geliebten, der nach &uuml;berwundenen St&uuml;rmen seine Wohlt&auml;terin begl&uuml;ckt.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_112" id="Page_112">[112]</a></span>Wie in reglosem Stolz, erstarrt vor Andacht, sah die gr&uuml;ne Waldherrlichkeit
+auf den ruhenden Triumph der Sch&ouml;pfung nieder, bis j&auml;hlings mit hellem
+Fl&ouml;ten ein Vogel im Rankendickicht ein Lied begann, &uuml;berselig, beinahe
+grell und erschreckend, und aus der N&auml;he drang eine gejubelte Antwort. Da
+erhob sich das M&auml;dchen, legte bed&auml;chtig ihren geringen Schmuck aufs neue an
+und b&uuml;ckte sich &uuml;ber die Blume nieder, in der das Blut meines Leibes
+auferstanden war; sie brach sie und befestigte sie, indem ihre gro&szlig;en Augen
+&uuml;ber dem zitternden Kelch l&auml;chelten, in ihrem G&uuml;rtel.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Wie war es doch gewesen? Ach, nun erinnerte ich mich, jene gro&szlig;e Blume von
+leuchtendem Blau rief mir alles ins Ged&auml;chtnis zur&uuml;ck. Ich kannte dies
+M&auml;dchen und ihre Blume schon l&auml;ngst; es war in einer jener vertanen N&auml;chte
+in Bombay, in einer jener N&auml;chte, die ruhlos und ziellos beginnen und oft
+so trostlos verstreichen, hingegeben an Nichtigkeiten, in denen unsere
+hohen Erwartungen, vom Geist des Weins umh&uuml;llt, in grauen Morgenstunden
+versiegen. Aber es gibt keine Hoffnungen, die nicht irgendwo in unserer
+Seele und irgendwo in unserer Zeit mit einem jenem L&auml;cheln verwandten Glanz
+gestillt werden, in dem sie erwachen. Hoffnungen sind den Bl&uuml;ten
+schlummernder Rechte vergleichbar, im D&auml;mmerlicht der Ahnung.</p>
+
+<p>Ich hatte damals in einer Abendstunde das Hotel verlassen, in dem ich schon
+seit Tagen auf einen Dampfer wartete, der mich nach Singapore bringen
+sollte, und war die breite, belebte Stra&szlig;e hinabgeschlendert, ohne
+Ausr&uuml;stung f&uuml;r eine bewegte Nacht, ja, ohne eine andere Absicht, als die,
+mich noch f&uuml;r einige Minuten in der k&uuml;hleren Luft des Abends zu ergehen und
+dem bunten Stra&szlig;entreiben zuzuschauen. Aber es lag keine Linderung in der
+schw&uuml;len Luft, die nach verdunstendem Sprengwasser, nach Pferden und &Ouml;l
+duftete, sowohl die freien Atemz&uuml;ge behinderte, als auch die<span class="pagenum"><a name="Page_113" id="Page_113">[113]</a></span> vern&uuml;nftigen
+Gedanken. Oft wirkt diese Atmosph&auml;re wie eine Ank&uuml;ndigung des Fiebers,
+verwirrend und zu allerhand Sinnlosigkeiten ermunternd; die Lebensleiden
+der Verlassenheit g&auml;ren darin, satt von Melancholie; kleine Teufel erheben
+darin die nach Abenteuern l&uuml;sternen Narrenk&ouml;pfe, w&auml;hrend der nahende, rote
+Mond den n&uuml;chternen Sinn aller Dinge in Schleier legt.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Ich lie&szlig; mich nach einer Weile am Holztischchen eines Stra&szlig;encaf&eacute;s nieder;
+es erschien mir, als verb&uuml;rgen mir alle, die mich anschauten, etwas, in
+mitleidiger &Uuml;berlegenheit. Eine kleine, ganz in ein dunkles Tuch geh&uuml;llte
+Stra&szlig;enbettlerin hielt mir die braune, offene Hand hin, und unter ihrem
+L&auml;cheln verstand ich pl&ouml;tzlich die Nacht.</p>
+
+<p>Nun war es dunkler geworden, als ich weiterschritt. Aus ge&ouml;ffneten T&uuml;ren
+drang der Schein bunter Lichter; die Stra&szlig;en wurden enger und die Passanten
+seltener. Ich h&ouml;rte Schritte herannahen und j&auml;hlings hinter mir verstummen,
+sobald eine der vermummten Nachtgestalten an mir vor&uuml;bergegangen war; man
+blieb stehen und sah mir nach, neugierig, oder l&uuml;stern auf einen Raub, von
+einer Ahnung der Ruhlosigkeit und Unsicherheit angeweht, die mich
+gefangenhielten und dahintrieben. Einen Augenblick war ich um mein Leben
+besorgt, da ich die Gef&auml;hrlichkeit dieser Stadtgegend kannte, aber dann war
+mir, als sei dies, mein geliebtes und umsorgtes Leben, eine ganz fremde und
+gleichg&uuml;ltige Sache f&uuml;r mich geworden. Es kam auf ganz andere Dinge an; die
+Nacht forderte ihr Recht, die Nacht der Erde und die meiner unruhigen
+Seele, die nach einem mystischen Tag ihrer Wandlung Verlangen trug.</p>
+
+<p>Die T&uuml;r eines Holzhauses stand angelehnt, und als ich sie aufstie&szlig;, blickte
+ich in einen schmalen Korridor, der durch eine gr&uuml;nliche Papierampel
+d&auml;mmerig erhellt wurde. Zur Rechten und zur Linken der Ampel waren an den
+kahlen W&auml;nden Spiegel ange<span class="pagenum"><a name="Page_114" id="Page_114">[114]</a></span>bracht, die das matte, schwebende Gestirn dieses
+stillen Bereichs nach beiden Seiten hin tausendfach in ein magisches All
+hin&uuml;berzauberten. Von irgendwoher erklang ged&auml;mpft eine klimpernde Musik,
+der einer Mandoline vergleichbar, aber um vieles unbelebter und im Takt oft
+von einem lang anhaltenden Ton unterbrochen, der einer Fl&ouml;te entstammen
+konnte. Ein schwerer, s&uuml;&szlig;er Geruch drang mir entgegen, wie von g&auml;rendem
+Honig und bet&auml;ubendem R&auml;ucherwerk; er quoll aus dem Spalt eines roten
+Vorhangs im Hintergrund, wie aus der Wunde einer &uuml;berreifen Frucht.</p>
+
+<p>Als ich an diesem Ort eine kleine Weile gestanden und gelauscht hatte,
+&ouml;ffnete der niedrige Vorhang sich, und eine alte Frau trat z&ouml;gernd und
+scheinbar &uuml;berrascht auf mich zu. Sie war welk, und ihr ergrautes Haar
+flimmerte vermodert in dem bla&szlig;farbigen Licht der Papierlaterne &uuml;ber ihrem
+Scheitel, ein gelbes Tuch war wie eine Fahne um ihren K&ouml;rper geschlungen,
+so da&szlig; ihre Schultern und Arme, sowie ihre Beine von den Knien an abw&auml;rts
+unbedeckt waren. Nachdem sie sich von ihrer anf&auml;nglichen &Uuml;berraschung
+erholt hatte, l&auml;chelte sie mir in feiner, unpers&ouml;nlicher Herzlichkeit zu,
+die Leuten eignet, die aus Beruf oder Gewohnheit gastfreundlich sind, und
+lud mich, nach einem pr&uuml;fenden Blick &uuml;ber meine europ&auml;ische Kleidung ein,
+n&auml;herzutreten. Sie sagte ein paar S&auml;tze, die ich nicht verstand, denen aber
+leicht ein Willkomm zu entnehmen war und eine ehrende Begr&uuml;&szlig;ung. Da ich
+ohne Z&ouml;gern n&auml;hertrat, verdoppelte sie ihre Unterw&uuml;rfigkeit, und ich hatte
+den Eindruck, als kr&ouml;che sie mir die Stiege hinauf voran, die wir im
+r&ouml;tlichen D&auml;mmerlicht erklommen; ich sah immer nur ihr Angesicht dicht vor
+meinem, w&auml;hrend ihr &uuml;briger K&ouml;rper bereits voraus war. Sie grinste s&uuml;&szlig;lich
+und boshaft; irgendwo bimmelte zaghaft ein Gl&ouml;cklein; beklommen folgte ich,
+ohne Aufwand<span class="pagenum"><a name="Page_115" id="Page_115">[115]</a></span> von Mut, ohne Umsicht, ja fast ohne rechte Erwartung; was
+geschehen sollte, mochte geschehen. Das Leben wog leicht.</p>
+
+<p>Wir kamen an eine mit buntem Papier bezogene T&uuml;r, die die Treppe hart
+abschlo&szlig;, und die sich lautlos und leicht unter dem Druck der welken Hand
+der alten Frau &ouml;ffnete.</p>
+
+<p>&bdquo;Tritt ein, Herr&ldquo;, sagte sie auf Hindustani und dr&uuml;ckte sich an die Wand,
+die nachgab und schwankte; ich hatte den bestimmten Eindruck, da&szlig; wir von
+allen Seiten beobachtet wurden. So tappte ich nun vorsichtig voran in das
+von Rauch wie in Nebel getauchte bl&auml;uliche D&auml;mmerlicht eines niedrigen
+Raumes, in welchem ich anf&auml;nglich, au&szlig;er dem erl&ouml;schenden Mond einer
+stillen Ampel, nur h&auml;ngende Wandteppiche in mancherlei ged&auml;mpften Farben
+und seltsamen Ornamenten zu erkennen glaubte. Es glitzerte mir in matten
+Goldt&ouml;nen entgegen und ein sanft bet&auml;ubender Hauch von welkendem Jasmin und
+Opium beengte die Brust.</p>
+
+<p>Ich durchschritt mit meiner F&uuml;hrerin diesen Raum, um in einen zweiten zu
+gelangen, der noch kleiner und finsterer war, und in dem ich zuerst nur ein
+breites Ruhebett erkannte, das mit vielfarbigen Decken und Fellen belegt
+und kaum einen Fu&szlig; hoch war. Die Alte verbeugte sich viele Male, nachdem
+ich, wie sie es zu w&uuml;nschen schien, auf diesem Lager Platz genommen hatte,
+und sagte im Hinausgleiten in gebrochenem Englisch:</p>
+
+<p>&bdquo;Ich werde Goy f&uuml;r dich holen, Herr, du wirst zufrieden sein.&ldquo;</p>
+
+<p>Als ich ihr mit zwei zustimmenden Worten zunickte, lachte sie, gl&uuml;cklich
+und stolz dar&uuml;ber, verstanden worden zu sein. O, sie war eine hochgebildete
+Frau, nun hatte sie den Beweis erbracht, und nichts w&auml;re in der Lage
+gewesen, sie zu einer Handlung zu bewegen, die mich an dieser Meinung &uuml;ber
+sie wieder irremachte.</p>
+
+<p>Ich sah mich kaum im Zimmer um, als ich allein war; es mu&szlig;te alles so sein
+und kommen, wie es f&uuml;r diese Nacht bestimmt war.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_116" id="Page_116">[116]</a></span>Unter einer winzigen gr&uuml;nen Ampel, dicht an der Decke, erblickte ich ein
+rundes Tischchen mit unwahrscheinlich d&uuml;nnen Beinen, und in einer mit roten
+und blauen Ornamenten ausgelegten Messingschale, die darauf stand, lagen
+trockene, fremdartige Fr&uuml;chte, Tabak, Hanf und Betel. Da meine Augen sich
+bald an das ebenm&auml;&szlig;ige, sanfte Licht gew&ouml;hnt hatten, erblickte ich, als nun
+die T&uuml;r sich &ouml;ffnete, sogleich mit der &uuml;bersinnlichen Deutlichkeit einer
+Vision das M&auml;dchen, das meinen Raum betrat und vorsichtig die T&uuml;r hinter
+sich schlo&szlig; und verriegelte. Sie trat so gelassen und freundlich auf mich
+zu, als sei ich ihr ein l&auml;ngst vertrauter Gast, und gr&uuml;&szlig;te mich, indem sie
+nach kanaresischer Sitte die Spitzen ihrer H&auml;nde an die Stirn legte und
+sich tief verneigte. Sie war v&ouml;llig nackt unter einem unendlich feinen
+Schleier von rauchfarbenem Seidenflor; ihr schwarzes Haar war mit grauen
+Blumen geschm&uuml;ckt, und ein schmaler Lederg&uuml;rtel von verblichenem Ockerrot
+legte sich, ohne ihren K&ouml;rper zu beengen, wie ein Ring aus rostigem Metall
+um ihre H&uuml;ften, die, obgleich ich ein Kind vor mir zu haben glaubte, doch
+von weicher Rundung und lieblicher, ebenm&auml;&szlig;iger F&uuml;lle waren. In diesem
+G&uuml;rtel war eine gro&szlig;e Blume von hellem Blau befestigt, mit tiefem
+goldbraunem Kelch; sie hob sich fast unwirklich und in seltsam wohltuendem
+Kontrast vom Bronzeton des jungen K&ouml;rpers ab.</p>
+
+<p>Alles, au&szlig;er dieser frischen Blume, hatte jene seltsam &uuml;berzeugende
+Bewu&szlig;theit in Farbe, Erscheinung und Bewegung, wie nur eine jahrhundertalte
+Tradition sie verleihen kann, alles au&szlig;er dieser Blume und dem schmiegsamen
+M&auml;dchenleib.</p>
+
+<p>Ich wei&szlig; nicht, ob ich alles verstanden habe, was in dieser denkw&uuml;rdigen
+Nacht dieses Kind zu mir sagte, wohl aber wei&szlig; ich, da&szlig; wir einander
+verstanden. Die Ausschlie&szlig;lichkeit, welche das gl&uuml;hende Bereich
+heraufbeschw&ouml;rt, in das der Liebreiz dieses M&auml;d<span class="pagenum"><a name="Page_117" id="Page_117">[117]</a></span>chens mich zog, verbannte
+alle kleinen Einzelinteressen und Begierden, die unser Leben spalten und
+bedr&auml;ngen, und es gab nur ein Ziel f&uuml;r unser Blut.</p>
+
+<p>&bdquo;Soll ich tanzen?&ldquo; fragte Goy, &bdquo;sage mir, was dir wohltut?&ldquo;</p>
+
+<p>Sie tanzte unter dem gr&uuml;nlichen Mond der kleinen Ampel, der eine ganze Welt
+bestrahlte. Es war schw&uuml;l und totenstill in dieser Welt. Ich h&ouml;rte nur den
+Schlag der weichen F&uuml;&szlig;e auf den Matten, und wenn ich die Augen schlo&szlig;, so
+f&uuml;hlte ich den zarten Fu&szlig; auf den Herzensquellen meines Lebens tanzen. Mit
+jedem neuen Erwachen meiner Blicke erschien mir Goys erbl&uuml;hter Kinderk&ouml;rper
+erneut; er blieb mir fremd und wechselte wie eine Landschaft, die der Geist
+im Flug durcheilt. Nun wurde es still, und ihre Frauenaugen l&auml;chelten
+erfahren, kindlich und begierig &uuml;ber den meinen:</p>
+
+<p>&bdquo;Willst du mir nicht befehlen, Herr?&ldquo; sagte Goy so langsam, da&szlig; mir war,
+als st&uuml;nde mein Herz unter den unausgesprochenen Verhei&szlig;ungen ihrer Bitte
+still, aber doch lauerte hinter ihrer Unterw&uuml;rfigkeit, ohne Falsch, das
+gl&uuml;ckliche Bewu&szlig;tsein ihrer Herrschaft. Nun hockte sie sanftm&uuml;tig,
+merkw&uuml;rdig beschienen vom Ampellicht, wie eine gro&szlig;e, goldene Katze vor mir
+auf dem Lager, drehte bed&auml;chtig Papyrus, zerbr&ouml;ckelte Tabak und Hanf und,
+als sie Opium hineinmischte, verwandelte sie sich mir pl&ouml;tzlich in eine
+G&ouml;ttin, die den Schlaf herbeif&uuml;hrt.</p>
+
+<p>Goy war, wie die meisten Frauen des Orients, auf eine Art f&uuml;r die Liebe
+erzogen, die die Folge einer grauenhaften Verw&ouml;hntheit ist, aber &uuml;ber allen
+ihren Handlungen lag ein zauberhaftes Gl&uuml;ck von einer Unschuld der
+Gesinnung, die wie Keuschheit wirkte. Goy tat ihre Pflicht, und kein
+Gewissen, wie es in unserer Brust wohnt, behinderte ihre gesch&auml;ftige Treue
+gegen den einzigen Genu&szlig;, den sie kannte und austeilte.</p>
+
+<p>Ich rauchte in tiefen, durstigen Z&uuml;gen und sank mehr und mehr in<span class="pagenum"><a name="Page_118" id="Page_118">[118]</a></span>
+Bet&auml;ubung. Das M&auml;dchen lie&szlig; keinen Augenblick verstreichen, in dem sie sich
+nicht hinzugeben schien; ihr Bild verwandelte sich unaufh&ouml;rlich; sie gab
+keines ihrer Geheimnisse preis, ohne ein neues ahnen zu lassen.</p>
+
+<p>&bdquo;Vergi&szlig; das Leben&ldquo;, sagte sie mit sanftem Tadel, scheinbar &uuml;ber mein Z&ouml;gern
+in milden Schrecken versetzt. &bdquo;Bin ich nicht sch&ouml;n?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Doch, du bist sehr sch&ouml;n, Goy, sch&ouml;ner als alle, die ich gesehen habe.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O, nein,&ldquo; antwortete sie nachdenklich, &bdquo;die blassen M&auml;dchen sind sch&ouml;ner.&ldquo;
+Sie schaute mit ihren &uuml;bergro&szlig;en Kinderaugen auf mich hin und l&auml;chelte, als
+ich schwieg. Ihre N&auml;gel waren rot bemalt, und ihre H&auml;nde, wie ihr ganzer
+K&ouml;rper waren mit gro&szlig;er Sorgfalt gepflegt.</p>
+
+<p>&bdquo;Die Menschen legen mit den Kleidern die L&uuml;ge nicht ab,&ldquo; sagte Goy, &bdquo;ich
+glaube an nichts, als an die Liebe und an die Lust, die durch sie kommt.&ldquo;</p>
+
+<p>Ich verstand, wie sie ihre Worte meinte, denn sie stand, als sie so sprach,
+innig dargeboten und aufgerichtet vor mir und hob ihre Arme, als ob sie
+eine Schale darreichte. Ihr Haupt verdunkelte die Ampel, so da&szlig; ihre
+Gestalt in magischen Lichtr&auml;ndern glomm. Aber ihre Worte bewegten sich in
+meinem Herzen auf eine andere Art, sie nahmen Glanz an und entz&uuml;ndeten sich
+f&uuml;r eine weite Reise.</p>
+
+<p>Goy las in meinen Z&uuml;gen.</p>
+
+<p>&bdquo;Vergi&szlig;,&ldquo; sagte sie, &bdquo;woran mu&szlig;t du denken? Hier ist weder Zeit, noch Tag
+und Nacht.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Und doch, du Geliebte dieser kleinen Ewigkeit, ist nicht das Leben l&auml;nger
+als die Jugend?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nein,&ldquo; sagte Goy sicher, und ihr L&auml;cheln hatte etwas unfa&szlig;lich<span class="pagenum"><a name="Page_119" id="Page_119">[119]</a></span>
+&Uuml;berzeugendes, &bdquo;vielleicht f&uuml;r euch M&auml;nner, aber f&uuml;r uns M&auml;dchen nicht.
+Eine alte Frau ist schlimmer als eine ausgepre&szlig;te Mangofrucht, mit den
+Gliedern welkt die Hoffnung, denn das Blut verliert seine Stimme, der der
+Gang der Welt gehorcht. Kein Kind wird meine Freude sein.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Was kann ich f&uuml;r dich tun, Goy? Nimm alles, was ich habe!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich nehme nichts&ldquo;, sagte das M&auml;dchen. &bdquo;Ich habe niemals etwas genommen.
+Die Alte nimmt. Sage mir, da&szlig; ich sch&ouml;n bin und da&szlig; ich dich begl&uuml;ckt
+habe.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Du bist sehr sch&ouml;n.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Du sagst nur das eine, so bist du undankbar, oder du bist von denen, die
+niemals sich selbst vergessen k&ouml;nnen, als w&auml;ren sie so wichtig, ach, so
+wichtig!&ldquo;</p>
+
+<p>Sie kam mir ganz nah und sah mir unter die Augen, dann zog sie gelinde den
+Finger vom Winkel meines Auges &uuml;ber die Wange und um den Mund herum,
+seufzte tief auf, als beklagte sie mich, und nickte.</p>
+
+<p>Ich schlo&szlig; die Augen. Die feuchte Bl&uuml;te an ihrem G&uuml;rtel n&auml;herte sich meinem
+Gesicht, und mir war f&uuml;r einen Augenblick, als legte sie sich kalt auf
+meine Stirn.</p>
+
+<p>&bdquo;Welche Menschen meinst du?&ldquo; fragte ich. Mir war, als wiche der bunte
+Rausch, wie Wolken dem Wind weichen, f&uuml;r kurz von mir.</p>
+
+<p>Goy sann nach und l&auml;chelte wehm&uuml;tig, als g&auml;be sie mich verloren; dann hob
+sie die Hand an meine Stirn, tippte schnell mit der Spitze des Fingers an
+die Schl&auml;fen und sagte:</p>
+
+<p>&bdquo;Das kalte Feuer dort! Es ist st&auml;rker als alle anderen Flammen und scheint
+heller. Es k&auml;mpft mit der W&auml;rme des Herzens und hat schon viele Herzen
+ausgel&ouml;scht. Ihr m&uuml;&szlig;t immer von einem zum andern. Wer alle Hindernisse zu
+seinen Mitteln machen will, verdirbt seine Ruhe, denn die Welt ist voller
+Hindernisse. Wohin willst du?<span class="pagenum"><a name="Page_120" id="Page_120">[120]</a></span> Unsere Weisen l&auml;cheln &uuml;ber euch. So komm',
+vergi&szlig;!&ldquo;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Als ich aus dem Hause trat, fiel mich die Sonne wie ein Raubtier an. Ich
+taumelte und tastete mich an den H&auml;usern entlang voran, bis langsam meine
+Besinnungen zur&uuml;ckkehrten. Ich wu&szlig;te nicht, wieviel Zeit verstrichen war.
+So mu&szlig; Lazarus die Welt empfunden haben, als ihn ein Gott ins Leben
+zur&uuml;ckrief. Ich erinnerte mich langsam der Einzelheiten meiner Erlebnisse,
+wie der eines tiefen Traumes.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Es mag nun wohl gewesen sein, da&szlig; eine habgierige Alte mich gef&uuml;hrt und ein
+verdorbenes Kind mein Lager geteilt hatte, aber da ich von beiden
+Eigenschaften keine f&uuml;rchte, so bek&uuml;mmern sie mich wenig, denn es kam mir
+damals nicht darauf an, wieviel die Dinge in den richterlichen Augen einer
+Weltgerechtigkeit wert sein mochten, sondern es kam mir darauf an, wie sie
+sich in meinen Augen spiegelten.</p>
+
+<p>Das Leben aber tr&uuml;bt die Augen der Menschen mit Tr&auml;umereien, Scherzen und
+Tr&auml;nen.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Langsam empfand ich nun mehr und mehr, da&szlig; es einzig noch auf jene
+sonderbare Blume ankam und auf ihr schimmerndes Blau, das sich seltsam
+herrschs&uuml;chtig und still vor mir auszudehnen schien. Da war mir, als
+erwachte ich wiederum zu einem neuen Dasein. Eine unendliche Mattigkeit
+beschwerte meine Glieder, und meine Augen waren unsicher und benommen, wie
+befangen von jenem strahlenden Azur meiner Traumblume, die sich nun als
+eine endlose blaue Mauer vor mir ausbreitete. Ich versuchte mit gro&szlig;er
+Anstrengung, diese blaue Mauer zu begreifen. Da sah ich pl&ouml;tzlich, wie
+einen ganz fremden Gegenstand, meine Hand auf meinen Knien liegen,
+abgemagert und ganz wei&szlig;. Ich versuchte, sie zu heben, und sie gehorchte
+mir. Die unbeschreiblichen Schauer eines<span class="pagenum"><a name="Page_121" id="Page_121">[121]</a></span> ganz neuen Lebens lie&szlig;en meine
+Glieder erbeben; sie gingen vom Bewu&szlig;tsein aus und rieselten wie
+Lichtgarben durch meine Adern, eigensinnigen Funken gleich, hei&szlig; und kalt.
+Ich seufzte tief auf und wei&szlig; heute noch gut und genau, da&szlig; ich laut sagte:</p>
+
+<p>&bdquo;Es kann das alte Leben nicht sein.&ldquo;</p>
+
+<p>Da kam Panja um eine wei&szlig;e S&auml;ule geschritten, die sich von der blauen Wand
+abhob, und starrte mich an. Er stand merkw&uuml;rdig unwirklich da, als schwebte
+er in der Luft. Dies ist ja ein brauner Mann mit einem wei&szlig;en Turban,
+dachte ich.</p>
+
+<p>&bdquo;Sahib!&ldquo; schrie er, als er in meine Augen sah. &bdquo;Sahib, sprich.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Wo sind wir, Panja?&ldquo; fragte ich matt, &bdquo;was ist mit der Zeit geschehen,
+Panja?&ldquo;</p>
+
+<p>Mein Diener starrte mich verst&auml;ndnislos und in einer deutlich in seinem
+Gesicht aufs neue auftauchenden Angst an, aber sie wich mehr und mehr, je
+l&auml;nger er in meine Augen schaute.</p>
+
+<p>&bdquo;Sahib, sprich gute Worte&ldquo;, bat er, zweifelnd und hoffnungsvoll zugleich.</p>
+
+<p>Da kam mir zum Bewu&szlig;tsein, da&szlig; ich meine Frage in deutscher Sprache
+gestellt hatte, und ich wiederholte sie englisch.</p>
+
+<p>An Stelle einer Antwort stie&szlig; Panja einen lauten Schrei aus und warf sich
+auf die Knie, indem er die meinen mit seinen Armen bedeckte. Schluchzend
+stammelte er: &bdquo;Sahib, du wirst leben!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Wohin sind wir geraten, Panja? Was ist dort f&uuml;r eine blaue Wand?&ldquo;</p>
+
+<p>Panja erhob sich mit gl&uuml;cklichem Lachen, trat zur Seite und sagte: &bdquo;Es ist
+das Meer. Wir sind hoch in den Bergen, du siehst auf das Meer hinab. Wir
+haben dich aus den S&uuml;mpfen hinaufgetragen, zwei Tage und zwei N&auml;chte lang,
+ohne zu schlafen und kaum, da&szlig; wir geruht haben, bis die leichte Luft kam,
+die K&uuml;hle und die Ruhe. Sieh um dich, sieh die W&auml;lder an! Dies ist das
+verlassene Bungalow<span class="pagenum"><a name="Page_122" id="Page_122">[122]</a></span> einer englischen Farm. Wir haben die Affen vertrieben,
+die von ihm Besitz ergriffen hatten&ldquo;, er stockte und sah mich an. &bdquo;Ach,
+Sahib, nun bist du erwacht und gesund geworden, der Sinn ist in deine Augen
+und Worte zur&uuml;ckgekehrt und die Freude in meine Brust.&ldquo;</p>
+
+<p>Ich sah Panja weinen und begriff, da&szlig; er die Wahrheit sprach, und da&szlig; mein
+Geist aus dem Bereich der Fiebergifte in die Wirklichkeit zur&uuml;ckgekehrt
+war. Da sah ich in einiger Entfernung Guru am Boden hocken und mich
+unverwandt mit seinen gro&szlig;en Nachtaugen anstarren. Es lag etwas in seinen
+Blicken, was ich nie vergessen werde.</p>
+
+<p>Erst nach Tagen erfuhr ich langsam, was sich zugetragen hatte, denn Panja
+verschonte mich mit allem, bis ich danach fragte. Ein gro&szlig;er Teil unseres
+Gep&auml;cks war verloren, da die Leute sich meiner annehmen mu&szlig;ten und keine
+Tr&auml;ger zu bekommen waren. Panja hatte haupts&auml;chlich Proviant mitnehmen
+lassen und die Koffer, von denen er wu&szlig;te, da&szlig; sie meine wertvollsten
+Besitzt&uuml;mer bargen, ebenso meine Waffen und ein Zelt. Zwar waren seit
+gestern Pascha und ein Kuli hinabgestiegen, um zu retten, was noch zu
+finden war, und um Sorge zu tragen, da&szlig; alles noch Vorhandene in einem
+Eingeborenendorf untergebracht werden sollte, aber Panja hatte wenig
+Hoffnung und f&uuml;rchtete, da&szlig; die ersten Gewitter hereinbrechen k&ouml;nnten. Er
+sa&szlig; oft lange schweigend in der Mittagsglut neben meinem Liegestuhl und sah
+den Himmel &uuml;ber dem Meer an und die weite, blaue Fl&auml;che, die aus dieser
+H&ouml;he so ebenm&auml;&szlig;ig erschien, wie eine Platte aus Metall. Zuweilen lag ein
+feiner, grauer Dunst dar&uuml;ber. Aber au&szlig;er dieser Besorgnis, deren Gewicht
+ich kannte, bedr&uuml;ckte ihn ein anderer Kummer; ich merkte es ihm an, wollte
+aber nicht fragen. Erst als ich meine erste Zigarre anz&uuml;ndete, l&auml;chelte
+Panja melancholisch und meinte: &bdquo;Nun wirst du auch das Schlimmste ertragen,
+da deine Kraft zur&uuml;ckgekehrt ist.&ldquo;</p>
+
+<p>Elias war vom Panther geholt worden.</p>
+
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_123" id="Page_123">[123]</a></span></p>
+<h2>
+<a name="kap07" id="kap07"></a>Siebentes Kapitel<br />
+In den Bergen
+</h2>
+
+
+<p>Panja pr&uuml;fte aufs neue das verfallene Haus, in dem ein Raum notd&uuml;rftig f&uuml;r
+mich hergerichtet worden war, so da&szlig; er geschlossen werden konnte, da ich
+die Nacht ohne Feuer verbrachte.</p>
+
+<p>&bdquo;Willst du bleiben, Sahib, bis die gro&szlig;en Regen kommen?&ldquo;</p>
+
+<p>Ich wu&szlig;te, da&szlig; dies nicht anging, und da&szlig; wir verloren sein w&uuml;rden, wenn
+die ersten Gewitter uns in den Bergen &uuml;berraschten. Erfolglos versuchte ich
+die Zeit seit unsrer Abreise von Cannanore zu ermessen, es mochten vier,
+f&uuml;nf oder sechs Monate vergangen sein.</p>
+
+<p>Gurumahu war eines Morgens zu mir gekommen und hatte sich heimwehkrank
+gemeldet. Er trennte sich mit schwerem Herzen von uns, aber wenn er sein
+Dorf vor Anbruch der gro&szlig;en Regen erreichen wollte, so mu&szlig;te er sich nun
+auf den Weg machen.</p>
+
+<p>Ich schenkte ihm meine verl&ouml;tete Tropenuhr aus Nickel. Das war gewi&szlig; an
+sich kein gro&szlig;es Geschenk, obgleich sie aufgeregt zu ticken verstand und
+bei trockener Witterung sogar ging, aber Guru nahm sie begl&uuml;ckt entgegen.
+Er wird k&uuml;nftig alles aus ihr ersehen, was sein Herz zu wissen begehrt: die
+Jahreszeiten, die Windrichtung und den Gang der Gestirne.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Oft fehlte es uns am N&ouml;tigsten. Panjas besorgte Augen schreckten mich aus
+der T&auml;uschung, in der ich mich dem Glauben hingab, da&szlig; die wohltuende, oft
+k&uuml;hle Luft der Berge und der hochgemute Seelenzustand, wie er Genesende
+erfreut, zu hoffnungsvollem Blick in die Zukunft berechtigten. Unser Gep&auml;ck
+war zum gr&ouml;&szlig;ten Teil gerettet, nur unter den Nahrungsmitteln hatten die
+wei&szlig;en Ameisen auf das furchtbarste gew&uuml;tet, aber au&szlig;er Panja und Pascha
+hatte ich nur noch zwei Tr&auml;ger aus S&uuml;d-Kanara bei mir, die uns<span class="pagenum"><a name="Page_124" id="Page_124">[124]</a></span> unter
+gro&szlig;em M&uuml;heaufwand und oft unter Einsetzung ihres Lebens mit Reis und
+Fr&uuml;chten aus dem n&auml;chsten Dschungeldorf versahen. Die dortigen Bewohner
+hatten unsere Abh&auml;ngigkeit von ihrer Leistung herausgebracht, und meine
+Geldvorr&auml;te schmolzen immer mehr zusammen, eine Tatsache, die Panja in
+stille Raserei brachte. Er schwor den Erpressern unten im Gr&uuml;nen Rache und
+versprach mehr als einmal, ihr Dorf in Brand zu stecken; meine
+Gleichg&uuml;ltigkeit f&uuml;hrte ihn zu ernstlichen Ermahnungen:</p>
+
+<p>&bdquo;Sahib, du bist ein gro&szlig;er Herr, und du kannst tun, was du willst, aber du
+tust nichts. Die Tage verstreichen, einer nach dem andern, wie die
+Wasserwogen an der Meeresk&uuml;ste, sie lassen keine Spuren zur&uuml;ck und bringen
+immer das gleiche. Wer lebt so? Als wir in Anandapur waren, hast du die
+Brahminen verlacht, die den ganzen Tag in der Sonne liegen und den
+Tempelreis fressen, der ihr Anrecht ist, aber wie machst nun du es? Fr&uuml;her
+hast du alles in B&uuml;chern verzeichnet, was du sahst, und mich oft gefragt,
+aber nun tust du auch das nicht mehr, und die B&uuml;cher sind verbrannt.&ldquo;</p>
+
+<p>Das war Panja ein gro&szlig;er Kummer, denn er wu&szlig;te, da&szlig; auch seiner oft in
+diesen B&uuml;chern Erw&auml;hnung getan war, und er hatte sich auf den Ruhm
+vorbereitet, der seiner im Okzident, im Lande der Herren, wartete. Ich
+lachte ihn aus; nur was die Gewitter betraf, hatte er recht, und so
+entschlo&szlig; ich mich eines Tages, den k&uuml;rzesten Weg nach Mangalore zu nehmen,
+um im Schutz dieser alten, gesicherten Hafenstadt die Regenzeit abzuwarten.</p>
+
+<p>Aber im Herzensgrund ahnte ich bei solchen Vors&auml;tzen, was ich aufgab und
+dahinten lie&szlig;, und da&szlig; meinem Leben keine Zeit mehr w&uuml;rde gegeben werden,
+die der verstrichenen an Licht und Freiheit glich. Und so kam es, da&szlig; sich
+unsere Abreise von Tag zu Tag hinausz&ouml;gerte, obgleich alle meine Erlebnisse
+in den Bergen sich im Schleier jener d&auml;mmerigen Unwahrscheinlichkeit und
+heim<span class="pagenum"><a name="Page_125" id="Page_125">[125]</a></span>lichen Ruhlosigkeit zutrugen, die uns befallen k&ouml;nnen, wenn wir an
+sch&ouml;ner St&auml;tte den Gedanken des Abschieds schon mit uns umhertragen.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Da war Gong, ich werde ihn nicht vergessen, wahrscheinlich ist er
+inzwischen gestorben, denn er z&auml;hlte schon damals nicht mehr zu den
+J&uuml;ngsten, und er &uuml;berwand sein Mi&szlig;trauen gegen mich niemals ganz. Er
+geh&ouml;rte jener Sorte von halbgro&szlig;en Affen an, die in Indien nur in den
+Bergen leben, sie sind bedeutungsvoller als ihre Br&uuml;der aus dem Dschungel,
+und sie haben andere Eigenschaften, aber keineswegs bessere.</p>
+
+<p>Ich nannte diesen meinen Gef&auml;hrten der Fr&uuml;hmorgenstunden Gong wegen seiner
+au&szlig;erordentlich h&auml;&szlig;lichen Stimme, die so klang, als ob man einen alten,
+rostigen Blechkessel gegen eine Steinmauer w&uuml;rfe. Gottlob sagte er nicht
+viel, aber meine Erscheinung n&ouml;tigte ihm das gr&ouml;&szlig;te Interesse ab, offenbar
+hatte er sich in den Kopf gesetzt vor seinem Hinscheiden noch etwas ganz
+Besonderes zu erleben, und sich meine Person ausgew&auml;hlt, die ihm dazu
+angetan schien und die sich morgens unter den hohen alten Latan- und
+Tamarindenb&auml;umen finden lie&szlig;.</p>
+
+<p>Kaum da&szlig; die ferne Fl&auml;che des Meeres sich im D&auml;mmern silbern f&auml;rbte, als
+ich auch schon mein Lager verlie&szlig;, um die k&uuml;hlsten Stunden nicht zu
+verpassen. Ich sah diesen blassen Himmelsschein wie er sich vor der
+vergitterten &Ouml;ffnung meines Fensters matt und glanzlos abhob, nur wenig vom
+Licht des Mondes unterschieden und vom ersten Ruf der Raubv&ouml;gel erf&uuml;llt,
+die weit hinter mir, schon in hellerem Licht, um die Felszacken kreisten.
+Nun dauerte es noch etwa eine Stunde, bis die ersten Sonnenstrahlen unser
+Hochland erreichten, zuerst sah ich sie fern auf dem Wasser funkeln, und im
+Osten zeigten die Felszacken goldene R&auml;nder in unendlich freier, weiter
+H&ouml;he gegen den bla&szlig;blauen Morgenhimmel empor<span class="pagenum"><a name="Page_126" id="Page_126">[126]</a></span>gereckt. Es gingen ein Glanz
+und eine Stille von ihnen aus, die jeden Morgen aufs neue mein Gem&uuml;t
+erf&uuml;llten und es bis weit in die Tagesstunden hinein begleiteten, da nichts
+geschah, was ihren Frieden in meiner Seele auszul&ouml;schen vermochte. Nur wer
+auf diese Art und unter solchen Bedingungen die Natur aufzunehmen vermag,
+lernt sie begreifen, denn sie erfordert, wie alles Gro&szlig;e, unsere
+schrankenlose Hingabe, um sich uns voll zu offenbaren.</p>
+
+<p>In dieser Stunde wartete Gong auf einem der meinem Hause nahe stehenden
+B&auml;ume, meistens auf einem niedrigen dicken Ast. Die eine Hand umklammerte
+allerdings in der Regel, f&uuml;r alle F&auml;lle, einen h&ouml;heren Zweig, und wenn ich
+meine B&uuml;chse bei mir hatte, so konnte anfangs kein Zureden ihn bewegen, zu
+verharren. Ich wei&szlig; nicht, auf welche Art er die Bekanntschaft meiner Waffe
+gemacht haben kann, sicher ist, da&szlig; die Affen mich weit l&auml;nger kannten und
+beobachtet hatten, als ich sie.</p>
+
+<p>Seine Gef&auml;hrten flohen anf&auml;nglich in gro&szlig;en Scharen. Es war leicht, sie
+dabei zu beobachten, weil die B&auml;ume in gro&szlig;en Abst&auml;nden voneinander
+wuchsen, und die Herren sich jedesmal die M&uuml;he machen mu&szlig;ten, erst wieder
+auf den Erdboden herabzusteigen, wenn sie weiterkommen wollten. Gong nun
+machte eines Tages eine Ausnahme, er blieb sitzen, als ich nahte, und ich
+blieb stehen, denn es war mindestens erstaunlich, da&szlig; dieser Affe sich
+nicht auf- und davonmachte. Er sa&szlig; auf einem niedrigen, dicken Ast, hielt
+sich mit allen vier H&auml;nden fest, als ob er sich hindern wollte, schlie&szlig;lich
+doch die Flucht zu ergreifen, zitterte und sah mich mit hochgezogenen
+Brauen zugleich neugierig, boshaft und &auml;ngstlich an.</p>
+
+<p>Ich habe nun bei Tieren immer zu erkennen geglaubt, da&szlig; sie es in der Regel
+erst dann b&ouml;se mit uns meinen, wenn wir ihnen Anla&szlig; dazu geben. Es mag
+sein, da&szlig; diese Anschauung daher kommt, da&szlig; ich in meiner Jugend niemals
+schlechte Erfahrungen mit Hun<span class="pagenum"><a name="Page_127" id="Page_127">[127]</a></span>den, Pferden oder Katzen gemacht habe,
+obgleich diese Gesch&ouml;pfe aus jener Zeit durchaus nicht das gleiche von mir
+behaupten werden, auch mag es daran liegen, da&szlig; ich mich nicht im
+Bewu&szlig;tsein einer &Uuml;berlegenheit wohlzuf&uuml;hlen vermag. Von allen Empfindungen,
+die die Geselligkeit unter andern Wesen, seien es nun Menschen oder Tiere,
+mit sich bringt, ist mir die der &Uuml;berlegenheit am peinlichsten; ich habe
+immer gesehen, da&szlig; die beschr&auml;nktesten Menschen sie am ergiebigsten
+auskosteten, wenn sich ihnen einmal Gelegenheit dazu bot. Es liegt im Wesen
+aller Andacht vor dem Lebendigen, da&szlig; man sich einschlie&szlig;t, indem man
+Rechte zugesteht, und sie erst dann einfordert, wenn das gemeinsame
+Wohlergehen unserer Leitung bedarf. Von den gewaltigen Lebensstimmen, die
+in der kurzen Wegstrecke des Erdendaseins unser Gem&uuml;t ersch&uuml;ttern, ist das
+Seufzen der unterdr&uuml;ckten Kreatur, wie die leitende und klagende Melodie in
+einem brausenden Orgellied, immer das Vernehmlichste gewesen, das mir zu
+Ohren gedrungen ist, und da ich verabscheue, Mitleid zu geben oder zu
+empfangen, ist mir nur der Weg geblieben, in allem Lebendigen einen meinem
+Leben gleichberechtigten Ausdruck der Natur zu erblicken.</p>
+
+<p>Als nun Gong sitzen blieb, ohne mit seinen Gef&auml;hrten zu fl&uuml;chten, und ich
+mich ihm langsam n&auml;herte, unterschied ich deutlich in seinen Z&uuml;gen die
+Anspannung eines, der mit Herzklopfen zwischen Angst und Neugier schwankt.
+Dar&uuml;ber aber schien ihm pl&ouml;tzlich einzufallen, da&szlig; es noch einen dritten
+Weg gab, und er schlug ihn ein und machte den Versuch, mich dadurch
+einzusch&uuml;chtern, da&szlig; er mir auf seine Art einen Beweis seiner Waldrechte
+und seiner pers&ouml;nlichen Bedeutung vermittelte. Er zog den Kopf tief
+zwischen die Schultern ein, reckte ihn darauf mit einem Ruck vor und
+sch&uuml;ttelte zugleich den Ast, auf dem er sa&szlig;, durch<span class="pagenum"><a name="Page_128" id="Page_128">[128]</a></span> ein energisches
+Schaukeln seines ganzen K&ouml;rpers so wild und angreiferisch, als seine Kraft
+irgend zulie&szlig;. Dabei stie&szlig; er aus rund geh&ouml;hlten Lippen einen Ton hervor,
+der sehr schwer zu schildern ist, von dem man aber dadurch einen Begriff
+bekommen w&uuml;rde, wenn man einen Lampenzylinder fest an die Lippen setzte und
+im Brustton ergrimmtester &Uuml;berzeugung hineinstie&szlig;e: &bdquo;Gro&szlig;er Gott!&ldquo;</p>
+
+<p>Diese Erfahrung wirkte im ersten Augenblick so komisch auf mich, da&szlig; ich
+lachen mu&szlig;te, und ich schlug auf meine Schenkel und tat es laut. Einen
+Augenblick schaute Gong verdutzt drein, aber dann nahm er meine Geb&auml;rde als
+ein Zeichen wohlwollender Ann&auml;herung und wiederholte sie, so gut er konnte.
+Seine Augen blieben dabei merkw&uuml;rdig ernst, und seine Stirn zeigte tiefe
+Falten.</p>
+
+<p>Wir erwiesen uns nun diesmal und k&uuml;nftig unser Verst&auml;ndnis f&uuml;reinander
+dadurch, da&szlig; wir uns nach bestem Verm&ouml;gen nachahmten, und so belustigend
+wir vielleicht dabei aufeinander gewirkt haben m&ouml;gen, blieb mir doch eine
+Bek&uuml;mmernis und eine leichte Melancholie im Sinn, wenn ich bedachte, wie
+gro&szlig; und un&uuml;berbr&uuml;ckbar die Schranke war, die mich von Gong trennte.</p>
+
+<p>Ich habe im Verlauf unserer Bekanntschaft die deutliche Beobachtung
+gemacht, da&szlig; Gong sich verstimmt zeigte, wenn ich einmal ausgeblieben war,
+und da&szlig; er sich ehrlich &uuml;ber meine kleinen Aufmerksamkeiten freute.
+Vielleicht mag ihn ein &auml;hnlicher Gedanke bei seiner Betrachtung meiner
+Person bewegt haben. Er versuchte zu lernen und zu begreifen, was irgend
+sich f&uuml;r ihn verstehen lie&szlig;, und wenn es h&auml;ufig auch nur bei der &auml;u&szlig;eren
+Geb&auml;rde blieb, so war doch auf beiden Seiten der Wunsch erkennbar, einander
+n&auml;herzukommen.</p>
+
+<p>Zwar lie&szlig; er mich &auml;u&szlig;erlich niemals weiter an sich herankommen, als bis
+etwa auf f&uuml;nf oder sechs Schritte. Sobald ich den Versuch<span class="pagenum"><a name="Page_129" id="Page_129">[129]</a></span> machte, diesen
+Abstand zu verk&uuml;rzen, hob er mit einem bedauernden Ablehnen die Hand und
+ergriff einen h&ouml;heren Ast, um mir anzudeuten, welche Folgen mein
+Entgegenkommen haben w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Gong hatte im Laufe unserer Bekanntschaft alles gelernt, was sich mit den
+Augen von den Vornahmen eines Menschen begreifen l&auml;&szlig;t, er hat meinen
+Tropenhut auf dem Sch&auml;del gehabt, mein Taschentuch gebraucht, und er wei&szlig;
+wozu ein Messer gut ist. Er hat meine Notizb&uuml;cher durchbl&auml;ttert und in
+meiner H&auml;ngematte geschaukelt, und er verstand die Bewegungen des An- und
+Ausziehens eines Rockes so t&auml;uschend nachzuahmen, als sei er von alters her
+gewohnt, Kleidung zu tragen.</p>
+
+<p>Oft allerdings begriffen wir einander gar nicht, denn Gong wu&szlig;te in seiner
+Sucht, mir gleich zu sein, bald kein Ma&szlig; mehr zu halten, und verstimmte
+mich zuweilen empfindlich durch seine Nachahmungen, so da&szlig; ich mir
+l&auml;cherlich in meinen Bewegungen vorkam und den bestimmten Eindruck gewann,
+verspottet zu werden. Es mu&szlig;te nun dar&uuml;ber nachgedacht werden, auf welche
+Art Gong eines Teils seiner Erziehung wieder zu entw&ouml;hnen war, denn es
+wurde von Tag zu Tag offenkundiger, da&szlig; sowohl er selbst, wie auch seine
+Gef&auml;hrten, mich nicht mehr ernst nahmen und es an dem Respekt fehlen
+lie&szlig;en, den ich glaubte beanspruchen zu d&uuml;rfen. Die Tiere lachten geradezu,
+wenn ich kam. Zuweilen warteten sie morgens in Reih und Glied auf mich, um
+mich bei jeder Gelegenheit auszulachen. Sie stie&szlig;en sich gegenseitig an, um
+sich aufmerksam zu machen, rieben sich vor Vergn&uuml;gen die grauen H&auml;nde und
+schlugen sich auf die Schenkel, dabei quietschten sie in allen Tonarten,
+mi&szlig;g&ouml;nnten sich im n&auml;chsten Augenblick ein Gl&uuml;ck, das sie einander noch vor
+kaum einer Minute zuerteilt hatten, und f&uuml;hlten sich bei alledem auf eine
+Art wichtig, die auch bescheidenere Leute, als ich einer bin, ernstlich
+verdrossen h&auml;tte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_130" id="Page_130">[130]</a></span>Ich war nirgends mehr allein, wo immer ich mich aufhielt, und selbst die
+Achtung vor meiner B&uuml;chse schwand von Tag zu Tag, da die Herren
+herausgebracht hatten, da&szlig; es mir auf V&ouml;gel und Rotwild ankam, und da&szlig; das
+wichtige Geschlecht der Affen v&ouml;llig au&szlig;er Gefahr war, gesch&auml;digt zu
+werden. War es mir aber einmal gelungen, irgendein kleineres Tier zu
+erbeuten, so warteten sie, bis ich die B&uuml;chse beiseite legte, und kamen
+herzu, wobei sie sich geb&auml;rdeten, als h&auml;tte ich diesen Erfolg einzig ihnen
+zu verdanken.</p>
+
+<p>Am meisten &auml;rgerte ich mich &uuml;ber ihre Verge&szlig;lichkeit. Es war sch&auml;ndlich,
+wie wichtig sie sich bei einer Sache anstellen konnten, die ihrem
+Ged&auml;chtnis gleich darauf entglitt, als w&auml;re sie nie in der Welt gewesen.
+Jeden Augenblick fiel ihnen etwas anderes ein, und immer beanspruchten sie,
+in ihrer neuen Pose v&ouml;llig ernst genommen zu werden. Ich kam mir
+schlie&szlig;lich so vor, als sei ich in einer fremden Stadt ein zum Am&uuml;sement
+der B&uuml;rger geduldeter Sonderling, und begann an meiner Tier- und
+Weltbetrachtung ernstlich irrezuwerden.</p>
+
+<p>So klagte ich Panja mein Leid. &bdquo;Oh,&ldquo; sagte er, &bdquo;die Affen! Wer wird sich
+mit den Affen einlassen, Sahib? Aber wenn du nur eine Heuschrecke
+erblickst, so wirst du schon sorgenvoll und redest sie an, und dann tust du
+so, als ob es dir antwortete, das Vieh. Wer aber mit Affen umgeht, hat bald
+den Eindruck, als sei sein eigener Schatten n&auml;rrisch geworden, und den
+Schatten kann man nicht fangen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich will Gong haben&ldquo;, antwortete ich.</p>
+
+<p>Panja dachte nach. &bdquo;Ich habe als Kind manchen Affen in der Schlinge
+gefangen, und wenn der Affe, den du haben willst, dich kennt und kein
+Mi&szlig;trauen hegt, so kannst du ihn leicht fangen, wenn du ihm zuvor genau
+zeigst, wie man in eine Schlinge geht. Von diesem Kunstst&uuml;ck lernt er nur
+die erste H&auml;lfte, und wenn du rasch hinzuspringst, kannst du ihn greifen.
+Aber du mu&szlig;t ihm mit<span class="pagenum"><a name="Page_131" id="Page_131">[131]</a></span> der linken Hand entgegenkommen und ihn unversehens
+mit der rechten im Genick packen. Die alten Affen bei&szlig;en, solange sie noch
+Hoffnung haben, entwischen zu k&ouml;nnen. Sp&auml;ter denken sie nach und geben es
+auf.&ldquo;</p>
+
+<p>Das war ein ausgezeichneter Gedanke. Ich nahm am andern Morgen ein
+haltbares Hanfseil, fettete es ein, und als meine Peiniger mich empfingen,
+begann ich mich auf alle Arten, bald am Arm, bald am Hals, aufzuh&auml;ngen,
+wobei ich besonders Gongs Aufmerksamkeit zu erregen suchte. Seine Gef&auml;hrten
+zogen sich betroffen zur&uuml;ck, da meine Ma&szlig;nahmen ihnen fremd waren, aber
+Gong sah mir nachdenklich zu und wurde ungemein ernst. Als ich glaubte,
+gen&uuml;gsam durch mein Beispiel gewirkt zu haben, &ouml;ffnete ich die Schlinge,
+soweit als n&ouml;tig, zog mich zur&uuml;ck und legte mich in einiger Entfernung ins
+Gras, um meiner Genugtuung in aller Ruhe entgegenzusehen.</p>
+
+<p>Aber Gong blieb ruhig auf seinem Ast sitzen und schaute mit hochgezogenen
+Brauen bald die Schlinge an, bald mich. Dann machte er sein b&ouml;ses, rundes
+Maul, stie&szlig; den Kopf gegen mich vor, sagte ver&auml;chtlich &bdquo;Gro&szlig;er Gott&ldquo; und
+wandte sich ab, um die Gegend zu betrachten.</p>
+
+<p>Da h&ouml;rte ich Panja hinter mir lachen und beschlo&szlig;, ihn sofort zu t&ouml;ten.</p>
+
+<p>&bdquo;Sahib, dieser Affe kennt die Schlinge, er kennt auch die Menschen, deshalb
+ist er damals so nahe herangekommen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Warum lachst du?&ldquo; schrie ich. &bdquo;Wer hat dir erlaubt, zu lachen?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Das mu&szlig; man&ldquo;, sagte Panja.</p>
+
+<p>Da sah auch ich es ein und lachte mit ihm zusammen.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Die gr&uuml;ne Wildnis des Dschungels unter mir dampfte in der Fr&uuml;hsonne und
+blieb oft bis Mittag verh&uuml;llt, ich begriff nun zuweilen<span class="pagenum"><a name="Page_132" id="Page_132">[132]</a></span> schwer, wie ich es
+dort unten so lange Zeit ertragen hatte, jetzt, da die Klarheit der
+Bergluft k&uuml;hl um meine Stirn wehte. Nachts kam der Panther bisweilen bis
+auf die Veranda des Hauses, von Hunger aus dem d&uuml;rren H&uuml;gelland in unsere
+N&auml;he getrieben. Das Wild hatte sich aus der verbrannten Steppe in den
+Dschungel zur&uuml;ckgezogen, und ich begegnete au&szlig;er Schakalen bald nur noch
+Hy&auml;nen, wenn ich mit der B&uuml;chse aus den Waldpartien bisweilen des
+Nachmittags &uuml;ber die kahlen Berge zog. Aber immer huschten die Tiere in
+Abst&auml;nden und au&szlig;er Schu&szlig;weite am Horizont dahin. Die graubraunen Schakale,
+die die Farbe des Bodens hatten, reizten mich oft zum Schu&szlig;, aber kaum
+hatten die zierlichen K&ouml;pfchen mit den hochstehenden Ohren sich gezeigt, so
+schien der Boden sie auch schon wieder verschlungen zu haben.</p>
+
+<p>Nahe bevor wir abreisten, scho&szlig; ich meinen ersten Panther. Es war in einer
+klaren Mondnacht, als ich h&ouml;rte, wie Panja in mein Zimmer drang und mich
+rief. Hinter ihm stand Pascha still und steil im Mond, von unten her ein
+wenig vom Schein des Feuers beleuchtet, das nur schwach am Boden des
+Vorplatzes brannte.</p>
+
+<p>&bdquo;Sahib,&ldquo; sagte Panja, &bdquo;der Panther ist so hungrig, da&szlig; er Feuer fri&szlig;t, wir
+k&ouml;nnen ihn nicht vertreiben und keinen Schlaf finden.&ldquo;</p>
+
+<p>Mir war die Nachricht willkommen, ich nahm die B&uuml;chse und befahl Panja, das
+Feuer zu l&ouml;schen. Die Tr&auml;ger waren unterwegs in die Niederungen, um Reis
+und Gefl&uuml;gel zu kaufen, und wurden nicht vor Ablauf des kommenden Tages
+zur&uuml;ckerwartet. Ich lud beide L&auml;ufe mit Kugeln und legte den Revolver neben
+mich. Das Fenster enthielt keine Scheiben, sondern war nur mit dicken
+Holzst&auml;ben versehen, die Panja zum Teil erneuert hatte, die aber einem
+energischen Eingriff keineswegs standgehalten h&auml;tten. Ich stellte mich in
+den Mondschatten, und wir warteten.</p>
+
+<p>Pascha legte sich im Winkel des Raumes zum Schlafen nieder, und<span class="pagenum"><a name="Page_133" id="Page_133">[133]</a></span> ich h&ouml;rte
+ihn nach kurzer Zeit schnarchen; Panja dagegen blieb dicht an meiner Seite,
+nachdem er sich mit dem l&auml;ngsten Messer bewaffnet hatte, das unser
+Lagerbestand aufwies, und mit einer Wegaxt. Er sch&uuml;ttelte sie wie ein
+Indianerh&auml;uptling und grinste vor Aufregung, dann begann er das Meckern
+einer Ziege so t&auml;uschend nachzuahmen, da&szlig; mir zum ersten Mal mit ganzer
+Klarheit vor Augen trat, da&szlig; wir hier das gro&szlig;e Raubtier erwarteten.</p>
+
+<p>Es war vielleicht eine Stunde vergangen, und ich begann bereits die Geduld
+zu verlieren, als pl&ouml;tzlich unter meinen Augen, jenseits des Fensterbretts,
+das Mondlicht erlosch. Ich dachte zuerst an alles andere, merkw&uuml;rdigerweise
+nur nicht an den Panther, zumal sich nichts mehr r&uuml;hrte, weil das Tier mit
+seinem letzten Schritt Witterung von uns bekommen haben mu&szlig;te. Und nun
+erkannte ich die gro&szlig;e Katze unmittelbar vor mir, niedriger zwar, als sie
+in meiner Vorstellung lebte, und merkw&uuml;rdig farblos, aber ich unterschied
+deutlich die geschmeidige Belebtheit der sch&ouml;nen R&uuml;ckenlinie und den
+herrlichen Katzenkopf, der mir mit halb ge&ouml;ffnetem Rachen zugekehrt war. In
+diesem Augenblick brach ein Ger&auml;usch aus den zur&uuml;ckgezogenen Lippen hervor,
+das mein Blut erstarren machte, es war ein fauchendes Schnarchen, &uuml;berlaut
+und von einem Zorn und einer Angst hervorgesto&szlig;en, die den Willen bannten.
+Ich erinnerte mich, dieses h&auml;&szlig;liche und zugleich so &uuml;berw&auml;ltigende Fauchen
+in meiner Kindheit im Tiergarten am K&auml;fig des Tigers geh&ouml;rt zu haben, wenn
+der W&auml;rter nahe an den St&auml;ben vor&uuml;berschritt. Nun trennte mich allerdings
+auch in diesem Augenblick ein Gitterwerk von dem Raubtier, aber der Grimm
+dieser Stimme erweckte die Vorstellung einer so unmittelbaren N&auml;he, da&szlig;
+auch die st&auml;rksten Eisenst&auml;be kein Vertrauen eingefl&ouml;&szlig;t h&auml;tten.</p>
+
+<p>Ich entsinne mich nicht mehr, ob ich die B&uuml;chse im Anschlag hatte, oder ob
+ich sie emporri&szlig;, jedenfalls zielte ich ohne das geringste<span class="pagenum"><a name="Page_134" id="Page_134">[134]</a></span> Zutrauen zur
+Wirkung meines Geschosses, zwischen die Augen, die ich deutlich
+unterschied, wobei ich mich mehr auf die nat&uuml;rliche F&auml;higkeit der Arme
+verlie&szlig;, dem Lauf die notwendige Richtung zu geben, als auf das Visier, und
+dr&uuml;ckte, wahrscheinlich viel zu rasch, beide L&auml;ufe ab.</p>
+
+<p>Ich h&ouml;rte ein Ger&auml;usch am Boden, als spr&auml;nge das Tier in diesem Augenblick
+vom Hausdach herunter vor mich hin, gleich darauf zerkrachte wie ein
+Z&uuml;ndholz einer der Fensterst&auml;be unter einem furchtbaren Tatzenhieb. Dann
+wurde es ruhig vor mir und leer, wir h&ouml;rten den rollenden Widerhall der
+Sch&uuml;sse von den Bergen her, sie polterten bellend von Felswand zu Felswand,
+rollten durch die T&auml;ler und verhallten endlich fern in der Mondnacht wie
+zwei gehetzte, klagende Br&uuml;der auf der Flucht.</p>
+
+<p>Die erste deutliche Empfindung, die mich zu mir brachte, war das Schmerzen
+meiner Hand, mit der ich den Revolver so fest umklammerte, als ob ich mit
+dem ganzen K&ouml;rper daran hinge. Ich erinnerte mich nicht mehr, ihn ergriffen
+zu haben, lockerte aber nun aufatmend die Finger und gewahrte, da&szlig; ich am
+ganzen K&ouml;rper zitterte wie im Frost. Ich habe sp&auml;ter in Kanara und Maisur
+noch manchen Panther erlegt, auf Reisfeldern, in B&auml;umen auf der Lauer
+liegend und in Felsschluchten, aber nie wieder durchsch&uuml;ttelte mich, selbst
+bei weit gr&ouml;&szlig;erer Gefahr, ein ann&auml;hernd so starkes Fieber des Entsetzens
+und der Hilflosigkeit. Ein unzul&auml;nglicher Schutz ist oft bei weitem
+be&auml;ngstigender als die volle Gewi&szlig;heit einer schrankenlos wirkenden Gefahr,
+und nicht nur, wenn es sich um einen Panther handelt. Es mag hinzukommen,
+da&szlig; es in der Tat &uuml;berw&auml;ltigend ist, pl&ouml;tzlich zum ersten Mal dieser gro&szlig;en
+Katze Auge in Auge gegen&uuml;berzustehen, deren Ank&uuml;ndigung aus geheimnisvoller
+Nachtfinsternis man monatelang vernommen hat, und aus der die Phantasie in
+unabl&auml;ssiger Besch&auml;ftigung ein bei<span class="pagenum"><a name="Page_135" id="Page_135">[135]</a></span> weitem schlimmeres Fabelwesen
+erschaffen hat, als der Panther es in Wirklichkeit ist.</p>
+
+<p>Er ist im Grunde sehr scheu und f&auml;llt fast niemals Menschen an, selbst
+Kinder nicht, wenn ihn nicht die &auml;u&szlig;erste Not des Hungers oder die
+Bedr&auml;ngnisse der Treibjagd n&ouml;tigen. Im ges&auml;ttigten Zustande weicht er stets
+der Begegnung mit dem Menschen aus und er mordet nicht mehr, als zur
+Erhaltung seines Daseins erforderlich ist. Alle Hirten, die mir in Malabar
+vom Tiger oder Panther erz&auml;hlt haben, stimmten in ihrer Erfahrung darin
+&uuml;berein, da&szlig; diese Katzen sich mit dem begn&uuml;gen, was sie brauchen; unter
+gew&ouml;hnlichen Verh&auml;ltnissen nimmt der Panther eine Ziege aus der Herde,
+schleppt sie davon, s&auml;ttigt sich und &uuml;berl&auml;&szlig;t die Reste seiner Beute
+neidlos den Hy&auml;nen, die fast immer in seiner Gefolgschaft zu finden sind,
+und die er nur dann angreift, wenn der &auml;u&szlig;erste Hunger ihn n&ouml;tigt.</p>
+
+<p>Vom Tiger gibt es vielerlei widersprechende Geschichten, die aber alle mit
+gro&szlig;er Vorsicht aufgenommen sein wollen, denn die abergl&auml;ubische Furcht der
+Hindus vor dem Tiger ist so gro&szlig;, da&szlig; kaum einer noch in der Lage ist,
+zwischen Tatsachen und allegorischen Erfindungen zu unterscheiden. Das
+Grauen der Eingeborenen vor dem Tiger ist so nachhaltig, da&szlig; sich in vielen
+Provinzen der Begriff des B&ouml;sen, des Satans, im Namen mit dem dieses
+Raubtiers deckt, eine Tatsache, die nur verst&auml;ndlich ist, wenn man die
+unerh&ouml;rte &Uuml;berlegenheit des Tigers &uuml;ber die dortigen Menschen kennt, die
+fast alle ohne Waffen sind, und deren Laubh&uuml;tten keinen gen&uuml;genden Schutz
+gegen einen n&auml;chtlichen &Uuml;berfall bieten. Von vielen Sagen beruht jedenfalls
+die auf Wahrheit, da&szlig; Tiger, welche den Genu&szlig; des Menschenfleisches kennen,
+selten noch andere Nahrung zu sich nehmen, und solche Exemplare k&ouml;nnen dem
+Lande ein au&szlig;erordentlicher Schrecken werden.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_136" id="Page_136">[136]</a></span>Wir fanden den erlegten Panther in der Morgend&auml;mmerung in den Alo&euml;n. Der
+Boden umher war zerw&uuml;hlt und im Todeskampf aufgerissen worden, aber das
+gro&szlig;e Tier lag jetzt ruhig, fast friedlich da, ohne Entstellung und ohne
+Spuren eines Todeskampfs. Ich fand nur den Weg der einen Kugel, die hinter
+dem Ohr in den Nacken gedrungen war und den Wirbel zerschmettert hatte. Die
+Augen waren geschlossen, was man sehr selten bei einem erlegten Tier
+findet, und das sch&ouml;n geschnittene Maul, in einem wehm&uuml;tigen und beinahe
+z&auml;rtlichen Ernst, war ein klein wenig ge&ouml;ffnet, wie von einem letzten
+Todesseufzer bewegt.</p>
+
+<p>Seltsam harmonisch, fremdartig und zugleich im Sinn dieses Landes vertraut
+und notwendig, hoben sich die stachligen, blaugr&uuml;nen Bl&auml;tter der
+Alo&euml;stauden von der gelben F&auml;rbung des Fells ab. Ich vergesse diesen
+Anblick niemals, der sich mir so entscheidend in die Seele einpr&auml;gte, als
+erfa&szlig;te ich zu dieser Stunde zum ersten Mal mit ganzer Inbrunst den
+unnennbaren Begriff Indien, den der Pinsel keines Malers und das Wort
+keines Dichters in seiner ganzen F&uuml;lle und Eigenart zu vermitteln verm&ouml;gen.</p>
+
+<p>Panja war den ganzen Morgen &uuml;ber schweigsam, ein m&auml;chtiger Herr der Berge
+war gestorben. Ich trug mich den Tag hindurch mit eigenartigen Gedanken,
+und zuweilen war mir zumut, als sei eine arge und sinnlose Willk&uuml;r
+geschehen, als habe ich einen Eingriff in die Pracht und Mannigfaltigkeit
+der Sch&ouml;pfung getan, die mit dem Aussterben der gro&szlig;en Katzen in Indien
+langsam um ihre vollkommensten Resultate geschm&auml;lert wird.</p>
+
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_137" id="Page_137">[137]</a></span></p>
+<h2>
+<a name="kap08" id="kap08"></a>Achtes Kapitel<br />
+Am Thron der Sonne
+</h2>
+
+
+<p>Nachts, wenn ich nicht einschlafen konnte, weil das Mondlicht wie das
+wahrsagerische Gespenst einer ewigen Todesk&uuml;hle an den zerbr&ouml;ckelten Mauern
+entlang geisterte, die mich vor den Gefahren der Au&szlig;enwelt schirmten,
+erwachte in meiner Brust der Wunsch, jene H&ouml;hen zu erreichen, auf denen des
+Morgens das rote Gold der aufgehenden Sonne leuchtete. Es verlangte mich
+danach, von jener k&uuml;hlen, hohen Ruhe aus auf das indische Land jenseits der
+Berge hinabzusehen und angesichts der unerme&szlig;lichen, h&uuml;gligen Weite meine
+Gedanken noch einmal durch jene Tage zu f&uuml;hren, die ich durchlebt hatte,
+bevor ich in Cannanore angelangt war.</p>
+
+<p>Panja ri&szlig; die Augen auf, als ich mit meinen neuen Pl&auml;nen herausr&uuml;ckte. Er
+stampfte den Wasserkessel in das Feuer, da&szlig; die Funken stoben und
+betrachtete mich eine Weile auf jene Art, die Leute an den Tag zu legen
+pflegen, die aus lauter Hoffnungslosigkeit, jemals &uuml;berzeugen zu k&ouml;nnen, am
+Rande der Verzweiflung angelangt sind, und die doch dar&uuml;ber ihren Wunsch zu
+&uuml;berzeugen nicht verbergen k&ouml;nnen. Als ich meinen Lebensretter so
+erblickte, im Augenblick aber mehr Verlangen nach dem Tee, als eben nach
+seinem Verst&auml;ndnis trug, mu&szlig;te ich f&uuml;r eine kurze Weile an eine Schulstunde
+zur&uuml;ckdenken, in der mir von einem &auml;hnlich ergriffenen M&auml;nnerangesicht
+zugemutet wurde, Pythagoras dadurch gleichzusein, da&szlig; ich ihn begriff. Auch
+dort erstickte ein bedauernswerter Zorn in der Hochflut anschwellender
+Ohnmacht, und sprachlos gewordene Verachtung sagte mir an b&ouml;sem
+Lebensgeschick weit mehr voraus, als ein vereinzeltes Gem&uuml;t, mit leisem
+Hang zum Gr&uuml;beln, ertragen kann.</p>
+
+<p>&bdquo;Du siehst aus wie Professor Stolzenburg&ldquo;, sagte ich zu Panja,<span class="pagenum"><a name="Page_138" id="Page_138">[138]</a></span> denn ich
+halte daf&uuml;r, da&szlig; man b&ouml;se Gedanken guten Leuten gegen&uuml;ber am besten offen
+ausspricht, damit sich ein Weg zum Ausgleich mit gemeinsamen Kr&auml;ften suchen
+l&auml;&szlig;t. H&auml;tte ich das nur in der Schule auch schon gewu&szlig;t, vielleicht h&auml;tte
+der gestrenge Verbitterer so mancher meiner Morgenstunden zwischen zehn und
+elf Uhr mit sich reden lassen.</p>
+
+<p>Panja verschm&auml;hte es der Bedeutung meines Vergleichs nachzuforschen, er
+sagte nach einer Weile resigniert:</p>
+
+<p>&bdquo;Nun, es ist ja gleichg&uuml;ltig, Sahib, ob wir hier oder dort im Wasser
+umkommen.&ldquo;</p>
+
+<p>Das befestigte meinen Beschlu&szlig; aufs beste, denn wie alle leichtsinnig und
+zugleich eigensinnig veranlagten Naturen habe ich oft dem Hang in mir
+nachgegeben, jede Latte, die mir zwischen die F&uuml;&szlig;e geworfen worden ist, als
+Sprungbrett zu benutzen. Man mu&szlig; allerdings springen k&ouml;nnen, um dererlei
+wagen zu d&uuml;rfen, das ist wahr, und dieses &bdquo;Springen-K&ouml;nnen&ldquo; ist im Grunde
+nichts anderes, als das, was die Menschen in der Regel &bdquo;Gl&uuml;ck-Haben&ldquo;
+nennen. Gl&uuml;ck haben gibt es nicht. Das sogenannte Gl&uuml;ck ist so eng mit
+Geschicklichkeit verbunden, wie Ungl&uuml;ck mit Ungeschick, und diese Wahrheit
+bezieht sich durchaus nicht einzig auf &auml;u&szlig;ere Vorg&auml;nge, auch das Ungl&uuml;ck
+der Seele ist zuletzt Ungeschick, wenn auch in einem weit h&ouml;heren Sinn, der
+sein Recht in der Gesetzm&auml;&szlig;igkeit des Weltwesens findet.</p>
+
+<p>Ich habe das Panja damals nicht gesagt, er lief hin und her und hantierte
+dergestalt mit den Gegenst&auml;nden, da&szlig; man deutlich wahrnehmen konnte, da&szlig;
+keine Zweckm&auml;&szlig;igkeit mit seinem Eifer verbunden war. Es ist merkw&uuml;rdig, da&szlig;
+Leute, die &auml;rgerlich geworden sind, so oft dazu neigen, leichtere
+Gegenst&auml;nde von einem Platz auf den anderen zu stellen, und dann mitunter
+sogar wieder von dem neuen Platz auf den alten zur&uuml;ck. Offenbar liegt<span class="pagenum"><a name="Page_139" id="Page_139">[139]</a></span> es
+daran, da&szlig; ihre Gedanken mit den Entschl&uuml;ssen &auml;hnlich verfahren, und da&szlig;
+ein heimlicher Hang existiert, den K&ouml;rper und die Seele m&ouml;glichst im
+Einklang miteinander zu erhalten. Ich erinnerte mich bei Panjas nutzloser
+Besch&auml;ftigung meines Vaters, wenn er aus irgendeinem Grunde zum Ausdruck
+brachte, da&szlig; seine Weltanschauung sich nicht mit der meinen deckte. Leider
+geschah dies gew&ouml;hnlich bei den Mittagsmahlzeiten, denn sonst vermied ich
+es nach Kr&auml;ften, ihm ohne Grund l&auml;ngere Zeit ruhig gegen&uuml;berzusitzen, und
+dann sah ich, wie das Messer oder die Gabel, auch das Salzfa&szlig; oder der
+Serviettenring bald an die rechte, bald an die linke Seite des Tellers
+wanderten. Leider hatten wir damals Messersch&auml;rfer aus Schmirgelstein in
+Gebrauch, runde, schwarze St&auml;be von der L&auml;nge einer m&auml;&szlig;igen Spargel und mit
+einem polierten Handgriff aus Hartholz. Wenn zuf&auml;llig eine besonders
+wichtige Meinungs&auml;u&szlig;erung meines Vaters mit dem Transport dieses n&uuml;tzlichen
+Gegenstandes zusammenfiel, so geschah es in der Regel, da&szlig; der
+Schmirgelstein zerbrach, denn seine &Uuml;berlegenheit, selbst dem besten Stahl
+gegen&uuml;ber, bew&auml;hrt sich nicht im Kampf mit der Tischplatte.</p>
+
+<p>Dies erh&ouml;hte den Verdru&szlig; meines Vaters bis an die Grenze bedenklicher
+Einseitigkeit und zog die Laune meiner Mutter in Mitleidenschaft, w&auml;hrend
+es meist meinem Selbstbewu&szlig;tsein einen erheblichen Aufschwung verlieh und
+mir nicht ohne Berechtigung den Gedanken beibrachte, da&szlig; mein Charakter in
+den Augen meines Vaters um vieles milder angesehen w&uuml;rde, wenn wir
+Messersch&auml;rfer aus gerilltem Stahl in Gebrauch n&auml;hmen.</p>
+
+<p>So sagte ich denn Panja meine Ansicht &uuml;ber Messersch&auml;rfer, und dieser
+unerwartete Ausdruck meiner &Uuml;berzeugung brachte ihn so weit zur Besinnung,
+da&szlig; ich Tee bekam.</p>
+
+<p>Er trank mit, wie gew&ouml;hnlich, hockte mir gegen&uuml;ber in der Mor<span class="pagenum"><a name="Page_140" id="Page_140">[140]</a></span>gensonne und
+r&uuml;ckte melancholisch an seinem Turban. Au&szlig;er ihm trug er nun schon seit
+Wochen nicht mehr als ein schmales Lendentuch, aber auf seinen schweren
+Turban verzichtete er selbst in der gr&ouml;&szlig;ten Hitze nicht. Es ist wirklich
+recht merkw&uuml;rdig mit diesem Panja gewesen, je entschiedener sein
+Widerspruch oft zu Anfang war, um so lebhafter wurde sein Eifer f&uuml;r
+gew&ouml;hnlich von dem Augenblick an, in dem er merkte, da&szlig; ich nicht
+umzustimmen war. In beidem erkannte ich die ehrliche Besorgnis seiner
+Neigung, und ich erinnere mich seiner niemals ohne den Kummer &uuml;ber einen
+der gr&ouml;&szlig;ten Verluste meines Lebens. Die Harmonie unseres Verh&auml;ltnisses mag
+im Grunde auf seiner Gewi&szlig;heit beruht haben, da&szlig; die &Uuml;berlegenheit meiner
+Rasse mit der Unersch&uuml;tterlichkeit eines Naturgesetzes feststand. Das nahm
+seinem Wesen jede Devotion im niedrigen Sinn und machte seine Ergebenheit
+durch eine Demut w&uuml;rdig, die beinahe einen Einschlag von Religiosit&auml;t
+hatte. Heute bebaut er in Malabar die Reisfelder am Purrha, jenem
+beschatteten Landstrich am Palmenwald, auf dem die H&uuml;tte seines Vaters
+stand, und den er aufgeben mu&szlig;te, um in der Fremde zu dienen, weil seine
+Br&uuml;der den Verlockungen der gro&szlig;en St&auml;dte in Verschwendung erlegen waren.
+Der R&uuml;ckkauf dieses St&uuml;ckchens Land war meine letzte Gabe an ihn, und es
+bedr&uuml;ckt mich, da&szlig; ich ihm niemals die Gewi&szlig;heit habe verschaffen k&ouml;nnen,
+da&szlig; seine Gaben an mich reichere und unverg&auml;nglichere Geschenke gewesen
+sind.</p>
+
+<p>Als der Tee getrunken war, sagte er w&uuml;tend:</p>
+
+<p>&bdquo;Aber Pascha bleibt hier.&ldquo;</p>
+
+<p>Er tat immer noch so, als w&auml;re an diese Reise auf keinen Fall zu denken,
+und wahrscheinlich meinte er deshalb nach einer Weile:</p>
+
+<p>&bdquo;Es sind drei Tage oder N&auml;chte f&uuml;r den Aufstieg n&ouml;tig, aber in der halben
+Zeit steigen wir ab. Hast du etwa geglaubt, wir brauchten l&auml;nger?&ldquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_141" id="Page_141">[141]</a></span>Ich hatte es nicht geglaubt.</p>
+
+<p>Panja sah hinauf zu den Gipfeln. Oben flutete alles in Licht, ein nie
+gesehener Glanz verkl&auml;rte die einsame Ruhe, die kreisenden Adler
+schimmerten, als w&auml;ren sie aus Gold.</p>
+
+<p>&bdquo;Alle Tr&auml;ume bleiben lange leicht von der Frische der H&ouml;hen&ldquo;, sagte er
+versunken.</p>
+
+<p>&bdquo;Panja, h&ouml;re, nur wer die Sch&ouml;nheit der Erde lieben gelernt hat, hat die
+Erde in seinen kurzen Lebenstagen wahrhaft beherrscht. In diesem Sinn ist
+sie uns von Gott gegeben, so hat er es mit uns gemeint, als er sie uns
+gab.&ldquo;</p>
+
+<p>Panja l&auml;chelte kindlich, in solchen Augenblicken h&auml;tte ich ihn in die Arme
+schlie&szlig;en k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>&bdquo;Dir wird nichts geschehen, Herr&ldquo;, sagte er still und wie zu sich selbst.
+Ich wei&szlig; nicht, ob er bei solcher Zuversicht an Gottes Hilfe glaubte oder
+an seine, gewi&szlig; ist, da&szlig; ich selten im Leben wieder durch eines Menschen
+N&auml;he so gl&uuml;cklich geworden bin wie durch die seine. Durch nichts vermag ein
+Mensch uns seine eigenen Kr&auml;fte besser zur Verf&uuml;gung zu stellen, als indem
+er die unseren glaubt.</p>
+
+<hr />
+
+<p>So wagten wir vor Anbruch des kommenden Tages den Aufstieg zu zweien, noch
+als die Nacht umher herrschte und &uuml;ber den blauen Zelten der Berge vor uns
+die Sterne leuchteten. Wir schritten im sp&auml;rlichen Gesang der Grillen durch
+d&uuml;rres Steppengras unter den hohen Latamb&auml;umen dahin, die in weiten
+Abst&auml;nden voneinander standen. Zuweilen schalt &uuml;ber unseren K&ouml;pfen ein
+Affe, den unser Tritt geweckt hatte, oder ein Vogel flog auf mit einem
+lauten Warnruf, der unser Nahen der ahnungslosen Natur verk&uuml;ndete, die an
+diesen St&auml;tten wohl seit undenkbar langer Zeit der Fu&szlig; keines Menschen
+betreten hatte. Es war k&uuml;hl und still, Panja<span class="pagenum"><a name="Page_142" id="Page_142">[142]</a></span> sprach nicht, und ich schritt
+im Traumbann einer so tiefen Einsamkeit dahin, da&szlig; mir zuweilen war, als
+s&auml;he ich, wie ein fremder Dritter, uns kleine Zwei durch die riesenhaften,
+graugr&uuml;nen Wogen der H&uuml;gellandschaft dahinschreiten, im D&auml;mmerlicht unter
+den B&auml;umen und Sternen.</p>
+
+<p>Es war unvorsichtig genug, da&szlig; wir den Weg ohne Fackeln machten, denn am
+Morgen ist in dieser Jahreszeit der Panther am k&uuml;hnsten, wenn er nach
+vergeblichem n&auml;chtlichem Raubzug durch die D&auml;mmerung schweift. Aber es war
+so hell unter den Sternen, da&szlig; wir das Land weithin &uuml;bersahen, und ich trug
+die B&uuml;chse in der Hand. Panja schritt schweigend neben mir dahin, leichten
+Tritts und mit erhobenen Augen, Kraft und Freude gingen von ihm aus, und
+ich empfand ihn als allen Lebewesen seines Landes zugeh&ouml;rig, und die
+Harmonie seiner Seele teilte sich mir mit, als sei auch ich in der Heimat.</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich begann er leise zu singen, immer die Augen auf die H&ouml;hen
+gerichtet und so versunken in sich selbst, als schritte er allein durch das
+Land. Seine ged&auml;mpfte Stimme erinnerte mich, wie auch der eint&ouml;nige
+Rhythmus seines Liedes, an den Singsang der Priester, deren Tempel in
+Cannanore hinter dem Garten meines Hauses im Gr&uuml;nen lag, und j&auml;hlings war
+ich aus der freien H&ouml;he und aus der k&uuml;hlen Luft in die tropische Niederung
+versetzt, so da&szlig; mir war, als schl&uuml;gen die schw&uuml;len D&auml;mpfe des
+leidenschaftlichen Wachstums &uuml;ber mir zusammen.</p>
+
+<p>Als ich nach einer Weile die Blicke hob, nachdem wir die letzten
+Baumbest&auml;nde durchschritten hatten, erschrak ich vor einer zackigen,
+flammend roten Lichtlinie, die den Himmel vor uns, hoch oben, in
+wagerechter Richtung zerteilte. Totenstill und wie aus Farbe zog sich dies
+rote Band l&auml;ngs des Gebirgskamms dahin, hinter den H&ouml;hen war die Sonne
+aufgegangen. Ich wandte mich er<span class="pagenum"><a name="Page_143" id="Page_143">[143]</a></span>sch&uuml;ttert um und sah hinter mir das Land
+unter dem besternten D&auml;mmerblau der sinkenden Nacht, fern auf dem Meer
+regte sich ein matter Silberglanz. Wie zwischen zwei Himmeln aus Blut und
+Silber pochte mein entz&uuml;cktes Herz seinen Lebensschlag auf den weiten,
+gr&uuml;nbraunen Wellen der Erde, unendlich klein und doch die beseligte Quelle
+meiner unfa&szlig;baren Daseinsfreude. Panja warf sich auf die Knie und verbarg
+sein Gesicht in den H&auml;nden.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Eine Stunde, nachdem die Sonne &uuml;ber die Bergzinnen schaute, h&ouml;rten die
+B&auml;ume fast ganz auf. Wohl sahen wir, sobald wir eine H&ouml;he erklommen hatten,
+zur Rechten oder Linken die dunklen Mauern gro&szlig;er W&auml;lder in der Ferne, aber
+bald wurde uns der Ausblick erschwert, da wir in einer Schlucht, im Bett
+eines eingetrockneten Gebirgsbachs aufw&auml;rts klommen. Einen der Berggipfel
+ersteigen zu k&ouml;nnen, stellte sich bei der Art unserer mangelhaften
+Ausr&uuml;stung bald als unausf&uuml;hrbar heraus, und so schlug Panja den Versuch
+vor, einen der n&auml;chstliegenden P&auml;sse zu besteigen. Wir konnten fast den
+ganzen Morgen hindurch marschieren, denn die Luft war k&uuml;hl und von einer
+Durchsichtigkeit, gegen die ein wolkenloser deutscher Sommertag wie in
+Nebel geh&uuml;llt wirkt. Panjas Fr&ouml;hlichkeit erleichterte mir jede Strapaze, er
+lachte oft ohne allen erkennbaren Grund, nur aus &Uuml;berflu&szlig; von Daseinskraft
+und gl&uuml;cklich &uuml;ber die Tatsache, in der von himmlischem Blau &uuml;berdachten
+Welt da zu sein.</p>
+
+<p>Als wir gegen Mittag, um vieles h&ouml;her, im Schatten eines Felsens Rast
+machten und Panja unser Mahl bereitete, schreckte in nicht allzu weiter
+Entfernung ein dumpfer, anwachsender Donner mich auf. Panja sprang empor
+und sp&auml;hte mit gesch&uuml;tzten Augen in die flimmernden Steppenwogen.</p>
+
+<p>&bdquo;Die B&uuml;ffel!&ldquo; rief er, &bdquo;sieh die Wolke, die sich den Hang niederw&auml;lzt.&ldquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_144" id="Page_144">[144]</a></span>Es war das erstemal, da&szlig; ich aus so unmittelbarer N&auml;he eine B&uuml;ffelherde
+gewahrte. Sie rollte wie eine dunkle Lawine dahin, und der Erdboden
+dr&ouml;hnte. Nur f&uuml;r kurz unterschied ich im Vordergrunde einen oder den andern
+der schwer geh&ouml;rnten schwarzen K&ouml;pfe, den Glanz der gro&szlig;en Augen und den
+Fall der M&auml;hnen. Ich scho&szlig; nicht, da Panja mir erregt in den Arm fiel, als
+ich die B&uuml;chse emporhob, und sp&auml;ter erkl&auml;rte er mir, da&szlig; es vorgekommen
+sei, da&szlig; der leitende Stier, durch einen Angriff in Schrecken oder Wut
+versetzt, pl&ouml;tzlich die Richtung ge&auml;ndert und gerade auf das Hindernis zu
+genommen habe. Zwar h&auml;tten wir einen Schutz auf den Felsen gefunden, aber
+wenn unsere Flucht uns mi&szlig;lungen w&auml;re, so w&uuml;rden wir zerstampft worden
+sein, da die ganze Herde dem Stier folgt.</p>
+
+<p>&bdquo;Die B&uuml;ffel k&auml;mpfen mit dem Tiger,&ldquo; erz&auml;hlte mir Panja, &bdquo;selbst die
+gez&auml;hmten f&uuml;rchten ihn nicht, und wenn du mit ihnen das Reisfeld bestellst,
+so wird der Tiger sich h&uuml;ten, euch anzugreifen. Der B&uuml;ffel sp&uuml;rt ihn eher
+als du, und es wird dir nicht gelingen, ihn von seinem Standort zu
+verdr&auml;ngen, denn er wendet sich genau dem Tiger zu, wie eine Fahne, die du
+gegen den Wind tr&auml;gst. Wenn der Tiger den Sprung wagt, so endet er auf den
+H&ouml;rnern, und du bist in Sicherheit, solange du dich hinter dein Tier
+stellst.&ldquo;</p>
+
+<p>Die Staubwolke verrauchte im tieferen Gel&auml;nde, und die klare Luft war
+wieder still. Ich schlief kurz nach diesem Vorfall ein, ohne Nahrung zu
+mir genommen zu haben, und Panja weckte mich nicht, denn er kannte die
+erm&uuml;dende und gef&auml;hrliche Kraft der Sonne, deren Strahlen auf den
+Bergh&ouml;hen nicht anders wirken als im Tal, obgleich die K&uuml;hle dar&uuml;ber
+fortt&auml;uschen kann. So gilt es in den Bergen, fast mehr noch als im Tal,
+den Kopf und die Schl&auml;fen nicht ungesch&uuml;tzt zu lassen, die Sonne hat viele
+t&ouml;dlich getroffen, die ihre Macht &uuml;ber diesen k&auml;lteren Regionen nicht
+geglaubt oder ver<span class="pagenum"><a name="Page_145" id="Page_145">[145]</a></span>gessen haben. Mein Korkhelm dr&uuml;ckte mich auch keineswegs
+sonderlich, im Gegenteil, er wurde von Tag zu Tag leichter, weil eine
+Schar mottenartiger Parasiten von ihm Besitz ergriffen hatten und ihn
+zugleich bebauten und verzehrten. Bisweilen rieselte ein feines Korkmehl
+nieder, wie ein liebevoller Beweis der Natur, da&szlig; sie keinen Menschen in
+v&ouml;lliger Vereinsamung seinen Weg machen l&auml;&szlig;t. Panja war bereits mit
+allerlei Mitteln gegen diese Tiere ins Feld gezogen, aber sie verlie&szlig;en
+sich auf mich und vermehrten sich um so leidenschaftlicher, je mehr Panja
+sie unterdr&uuml;ckte.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>So geschah es mir, da&szlig; ich bald darauf von einem hohen Pa&szlig; aus einen Blick
+in das weite indische Land hinab gewann, das ich vor meiner Zeit in Malabar
+durchreist hatte. Die ungeheure H&uuml;gellandschaft erstreckte sich, wie von
+Urzeiten her gelagert, ohne ein Anzeichen menschlichen Werks, und wie die
+riesenhaften Wogen eines Meeres, das mitten im Sturm in Erstarrung geraten
+war. Die Ebene in weiter Ferne schimmerte lichtgrau und wie die Oberfl&auml;che
+eines gewaltigen Sees, ich glaubte winzige Spitzlein und T&uuml;rmchen in ihr zu
+erkennen, deren Silhouetten nicht anders gegen den Himmel abstachen, als
+sei der Horizont mit feinem Stacheldraht umz&auml;umt.</p>
+
+<p>Wir blieben den Tag &uuml;ber auf der Pa&szlig;h&ouml;he, unter dem Dach eines schr&auml;g
+gesunkenen Felsens gegen die Strahlen der Sonne gesch&uuml;tzt, und durch die
+unbeschreibliche Stille der H&ouml;he zogen die Gestalten meiner Erinnerung, wie
+in der Stunde eines Abschieds, unter dem Lied der Adler, noch einmal durch
+meinen Sinn. Geister kamen aus dem Blau zu meinem Geist, Dahingesunkene
+drangen in die Bewu&szlig;tseinswelt des noch Verweilenden ein, Br&uuml;der und Gegner
+in Gesinnung, Hoffnung und Schicksal, Freunde und Feinde in der Welt der
+Lust und Tr&uuml;bsal und des raschen Todes.</p>
+
+<p>Auf jedem Erdteil hat der Tod ein anderes Angesicht, nirgends sind<span class="pagenum"><a name="Page_146" id="Page_146">[146]</a></span> seine
+Z&uuml;ge feierlicher, als bei uns in Europa, ich habe ein wenig verlernt, seine
+pathetische Sonntagsgeb&auml;rde meiner Heimat zu &uuml;bersch&auml;tzen. Es hat noch
+niemand dem Gespenst der Willk&uuml;r sein Schauriges dadurch genommen, da&szlig; er
+es heiligsprach; sicherlich ist die schwerf&auml;llig romantische Auffassung vom
+Tode, die in Europa herrscht, eine Folge der Einwirkung der Kirche, die die
+Tatsache des Todes so sehr in das Bereich des Ungeheuerlichen ger&uuml;ckt hat,
+um aus ihrer Einwirkung einen Teil ihrer Autorit&auml;t zu gewinnen. Uns ist das
+Sterben in der Vorstellung so schwer gemacht, da&szlig; sicherlich ein gut Teil
+Gerechter und Ungerechter beim Tode auf das angenehmste entt&auml;uscht sein
+wird.</p>
+
+<p>Sterben ist Pflicht, wie auch das Leben. Es wird ein jeder so leicht oder
+so schwer sterben, als seiner Natur das Leben geworden ist, und wer das
+eine verstanden hat, wird auch das andere k&ouml;nnen. Die Menschen Indiens
+sterben leichter, selbstverst&auml;ndlicher und gewisserma&szlig;en unauff&auml;lliger als
+wir, sie &uuml;berlassen der Gottheit die Sorge f&uuml;r ihr k&uuml;nftiges Ergehen und
+werden den Gedanken schwer erfassen lernen, da&szlig; sie selbst in letzter
+Stunde f&uuml;r einen geordneten Abzug verantwortlich sein sollten. Diese
+Auffassung, die christlich genannt wird, entstammt auch keineswegs der
+&Uuml;berzeugung des unschuldigen Begr&uuml;nders unserer Kirche, sondern vielmehr
+der berechnenden Klugheit ihrer Verwalter.</p>
+
+<p>Langsam zog die Sonne ihren strahlenden Bogen, und das Land wechselte in
+ihrem Schein. Wann wieder sollen Tage f&uuml;r mich kommen, die in so gro&szlig;er
+Stille dahingehen, dem Gedanken und der Erinnerung geweiht, durchklungen
+vom Kampfruf der Adler? W&auml;hrend ich hinabschaute ins Land, bald umwunden
+vom schwerm&uuml;tigen Weinlaub des Traums, das gl&uuml;hte von Licht, bald in
+wunderbare Klarheit des &Auml;thers getaucht, durchlebte ich noch einmal so
+manches, das ich gesehen und erfahren hatte, als ich das Land<span class="pagenum"><a name="Page_147" id="Page_147">[147]</a></span> zu meinen
+F&uuml;&szlig;en durchzog. Gegen Nordosten mu&szlig;te Bitschapur liegen, die alte
+K&ouml;nigsstadt, aus deren Schl&ouml;sserruinen sich die m&auml;chtige Halbkugel erhob,
+die einst ein mohammedanischer F&uuml;rst erbaut und ganz mit Gold hatte
+ausschlagen lassen. Sie war gegen die aufgehende Sonne ge&ouml;ffnet, deren
+Licht sich in tausendfachem Glanz darin brach, so da&szlig; kein Auge
+hineinzuschauen vermochte, ohne geblendet zu werden. Mitten im Herzen
+dieser Kuppel, unter dem gew&ouml;lbten Golddach, waren die beiden Thronsessel
+des Maharadscha und des Maharadscha Khunwar, des K&ouml;nigsohns, aufgestellt,
+und in dem zornigen Strahlengefunkel, das das Feuer der Morgensonne
+millionenfach widerspiegelte, empfing der K&ouml;nig seine G&auml;ste. So dienten das
+kostbare Blut seiner Berge und das Himmelslicht des neuen Tages seiner
+Herrlichkeit, und die best&uuml;rzten Freunde seines Reichs, die im Augenblick
+des Sonnenaufgangs vor seinen Thron gef&uuml;hrt wurden, h&ouml;rten den Gru&szlig; des
+F&uuml;rsten aus einem Glanz erklingen, der ihre Augen schlo&szlig; und die Knie zu
+Boden zwang. Es mag gewesen sein, als dienten Himmel und Erde einem
+Allm&auml;chtigen, um seine Hoheit unfa&szlig;bar zu machen. Zwischen jener Goldkuppel
+und dem Marmorplateau, auf welches die Ank&ouml;mmlinge gef&uuml;hrt wurden, war ein
+tiefer gelegener Garten voll bl&uuml;hender Blumen, wie sie sich in Duft und
+Pracht nur dem tropischen Himmel &ouml;ffnen, und die Wohlger&uuml;che ihrer Kelche
+gesellten sich dem Glanze.</p>
+
+<p>Der prachtliebende Sultan fiel von der Hand eines st&auml;rkeren K&ouml;nigs, der von
+Norden kam und die Stadt zerst&ouml;rte. Ihre Tore waren bis an die runden Bogen
+der Gew&ouml;lbe mit Toten angef&uuml;llt, und die Z&auml;hne des gefallenen Herrn der
+Stadt konnten nicht aus dem elfenbeinernen Griff seines S&auml;bels gel&ouml;st
+werden, den er, zerfetzten Leibes, den Feinden nicht hatte &uuml;berlassen
+wollen. So ist er unter einem Berg seiner gefallenen Getreuen gefunden
+worden, und die<span class="pagenum"><a name="Page_148" id="Page_148">[148]</a></span> Sage erz&auml;hlt, da&szlig; er auch so bestattet worden sei unter
+dem gewaltigen Kuppelbau, den er sich selbst, wie alle F&uuml;rsten jener Zeit,
+zu seinen Lebzeiten hat erbauen lassen.</p>
+
+<p>Diese riesenhaften Grabdenkm&auml;ler der Stadt &uuml;berragen noch heute das
+Tr&uuml;mmerfeld von Bitschapur, sie erinnern in ihrer Bauart und Gr&ouml;&szlig;e an
+Moscheen, auch wird in einigen noch Gottesdienst gehalten, oder sie locken
+Tausende von mohammedanischen Pilgern als Wallfahrtsort aus weiter Umgebung
+in die heilige Stadt der gro&szlig;en Toten. Man erblickt in diesen Bauten
+seltene Steinbl&ouml;cke eingef&uuml;gt, deren Entstammung bis heute nicht hat
+aufgekl&auml;rt werden k&ouml;nnen, besonders als Grabsteine sind hier und da
+schwarze, basaltartige Felsst&uuml;cke verwandt worden, deren Beschaffenheit die
+Gelehrten sich nur dadurch erkl&auml;ren k&ouml;nnen, da&szlig; sie sie unter die
+Meteorsteine einreihen. Die gr&ouml;&szlig;te dieser Kapellen ist von einer Kuppel
+gedeckt, von deren Galerie der schwindelnde Blick unter sich die beiden
+Grabsteine klein wie Streichholzsch&auml;chtelchen erblickt, und das Auge ist
+nicht in der Lage, einen Menschen von Angesicht zu erkennen, der sich ihm
+gegen&uuml;ber auf derselben Galerie befindet, wohl aber versteht er das
+leiseste W&ouml;rtlein, das dr&uuml;ben im Fl&uuml;sterton, gegen die Wand gesprochen,
+f&auml;llt, da das Kreisrund des Steingef&uuml;ges auf wunderbare Art den Schall
+bewahrt und deutlich herumtr&auml;gt. Man erz&auml;hlt, da&szlig; der Sultan auf solche Art
+die Ergebenheit seiner Minister, die Treue seiner G&auml;ste und die Neigung
+seiner Frauen erprobte, von denen er die einen oder anderen mit ihren
+Vertrauten auf diese Galerie f&uuml;hrte und sich, nach herausfordernden Worten,
+wie zuf&auml;llig von ihnen trennte, um dann Wort f&uuml;r Wort ihre Gedanken am
+verr&auml;terisch erklingenden Kreisrund der Galerie zu erlauschen. In banger
+Ehrfurcht vor diesem Wunder zittert das Volk noch heute in der Erinnerung
+an die geheimnisvolle Macht des Toten.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_149" id="Page_149">[149]</a></span>In einem dieser Dome, fast dem gr&ouml;&szlig;ten, fand ich statt der gewohnten zwei
+Grabsteine, die die Leiber des K&ouml;nigs und der K&ouml;nigin bergen und den
+einzigen Inhalt der Geb&auml;ude darstellen, deren drei und erfuhr die
+Geschichte dieser seltsamen Ausnahme, in der die Geliebte des K&ouml;nigs neben
+ihm und seiner rechtm&auml;&szlig;igen Gattin, der Mutter des K&ouml;nigssohns, beigesetzt
+worden ist. Es geschieht sonst in keinem Fall, da nur die Favoritin, die
+den Erben des Reichs geboren hat, im Tode neben dem Sultan ruht, seine
+&uuml;brigen Frauen bleiben rechtlos, sowie auch deren Kinder, so ausgiebig sie
+ihre Macht und ihren Einflu&szlig; im Leben angewandt oder mi&szlig;braucht haben
+m&ouml;gen. Aber die Geschichte erz&auml;hlt, da&szlig; der K&ouml;nig diese junge Gef&auml;hrtin
+seines Alters z&auml;rtlich liebte, und als er aus einem Kriegszug heimkehrte,
+gelang es den Intrigen der Benachteiligten, Mi&szlig;trauen gegen ihre Treue in
+sein Herz zu s&auml;en.</p>
+
+<p>Sie beschwor ihre Unschuld, aber die falschen Beweise &uuml;berzeugten den K&ouml;nig
+gegen seinen Glauben. Jedoch im Zwiespalt seiner Empfindungen mag er auf
+den Gedanken gekommen sein, ein Gericht Gottes &uuml;ber Schuld und Unschuld der
+jungen Frau entscheiden zu lassen. Er f&uuml;hrte sie auf die hohe Galerie
+seiner vollendeten Grabkirche, &uuml;ber deren niedriges Steingel&auml;nder hinab dem
+Blick das Gef&uuml;ge der gro&szlig;en Steinquadern des Bodens klein, wie die
+Musterung eines Schachbretts, erscheint, und befahl ihr, hinabzuspringen.
+Die Luft verfing sich w&auml;hrend des Falls in ihren weiten Gew&auml;ndern, und sie
+langte unversehrt in der Tiefe an, gr&uuml;&szlig;te hinauf zu ihrem Herrn, der ihr
+mi&szlig;traut hatte, und t&ouml;tete sich mit einem kleinen Dolch, der noch heute in
+der Gegend ihres Herzens hockt. Das Volk nennt sie &bdquo;die Fremde&ldquo;, ihr
+Grabstein wird mit heimlicher Scheu erw&auml;hnt, es mag dies seinen Grund darin
+haben, da&szlig; ihr freiwilliger Tod nach erwiesenem Recht dem Geist<span class="pagenum"><a name="Page_150" id="Page_150">[150]</a></span> der
+orientalischen Weltbetrachtung wunderbar und unerkl&auml;rlich erscheint.</p>
+
+<p>Der K&ouml;nig fiel in Schwermut, und der Gram seiner Reue soll oft in gro&szlig;e
+Grausamkeit umgeschlagen sein, seine Rachsucht ist furchtbar gewesen und
+erst durch den Tod gestillt worden, man erz&auml;hlt, da&szlig; er seit jenem Tage,
+nachdem die Verleumder eines gr&auml;&szlig;lichen Todes gestorben waren,
+allmorgendlich die Sch&auml;rfe seines krummen S&auml;bels im nackten R&uuml;cken des
+Sklaven pr&uuml;fte, der ihm die Steigb&uuml;gel seines Pferdes hielt. Sein Bildnis,
+das H&auml;ndler der Stadt in kunstvollen bunten Kopien aus Wasserfarbe
+feilbieten, zeigt ihn auf einem hohen Samtkissen hockend, das Schwert &uuml;ber
+den Knien und den Blick unter dem roten, mit Edelsteinen geschm&uuml;ckten
+Turban starr und erkaltet in die Weite gerichtet. Seltsam genug meldet die
+Kunde von ihm, da&szlig; er, obgleich er niemals in Ber&uuml;hrung mit seinem Volke
+gekommen ist und sein Anblick Entsetzen verbreitete, auch kein M&auml;dchen
+seines Landes vor ihm sicher war, doch zugleich geliebt worden sei, wie
+kein anderer F&uuml;rst vor oder nach ihm. Seine Krieger sollen f&uuml;r ihn in den
+Tod gegangen sein, als spr&auml;che die Sterbenspflicht unter seinem Willen ihre
+Seelen f&uuml;r alle Ewigkeit frei, und seine Widersacher verfielen der
+Volkswut. Es ist dies ein neuer Beweis daf&uuml;r, wie wenig die
+Volkst&uuml;mlichkeit eines regierenden F&uuml;rsten mit seinen guten Eigenschaften
+zu tun hat, und da&szlig; kein Irrtum gr&ouml;&szlig;er ist als der, da&szlig; die Liebe der
+Untertanen und die Nahbarkeit des Herrschers Hand in Hand gehen.</p>
+
+<p>Als ich Bitschapur sah, lag die Stadt voll Toter. Wir kamen in der
+Morgenfr&uuml;he auf Pferden an, ohne Kunde davon erhalten zu haben, da&szlig; die
+Pest in so furchtbarer Weise in der Stadt w&uuml;tete. Als wir nahe vor den
+Toren waren, wies mein Begleiter auf die H&uuml;gel im Umkreis der Stadt, die
+mit Zelten bedeckt waren, und riet zur Um<span class="pagenum"><a name="Page_151" id="Page_151">[151]</a></span>kehr, aber es bot sich uns keine
+M&ouml;glichkeit dazu, da es uns an Wasser und Nahrung gebrach.</p>
+
+<p>Die Lager auf den H&ouml;hen unterrichteten uns dar&uuml;ber, da&szlig; die Bewohner aus
+der Stadt gefl&uuml;chtet waren, und so fanden wir nur Tote im Bereich der
+herrlichen Ruinen. Die Pferde zitterten, als uns der erste, widerlich s&uuml;&szlig;e
+Hauch der Verwesung entgegenschlug, und Wolken von Aasgeiern erhoben sich
+tr&auml;ge mit h&auml;&szlig;lichem Geschrei bei jeder Stra&szlig;enbiegung. Die Leichen lagen in
+den offenen T&uuml;ren und auf den Gassen, aus leeren Augenh&ouml;hlen und
+geschw&auml;rzten Angesichtern starrte der Tod uns an, und die Hufe unserer
+Tiere verwickelten sich in den faulenden Schl&auml;uchen der menschlichen
+Eingeweide, die die Geier weit &uuml;ber die Wege gezerrt hatten.</p>
+
+<p>Die unbarmherzige Sonne spiegelte im Marmor, ihren stillen Liebeszorn
+bewegte kein Lufthauch, ein paar vergessene Ziegen irrten durch die
+furchtbare Todes&ouml;de und den gigantischen Prunk der Vergangenheit. Es war
+eine Hungersnot vorangegangen. Heute noch sehe ich die mageren, dunkeln
+Menschenk&ouml;rper, geschw&auml;rzt vom Gift der Verwesung, gegen wei&szlig;e Mauern
+gelehnt, &uuml;ber Steintreppen geworfen, oder am r&ouml;tlichen Boden. Zwei Kinder,
+die einander umschlungen hielten, schienen am Rand eines Tempelteichs
+eingeschlafen zu sein, die Lage ihrer z&auml;rtlichen Gestalten verriet weder
+Angst noch Schmerzen, aber die Augen fehlten, und in gesch&auml;ftigem, frohem
+Eifer bohrte ein grauer Geier seinen Schnabel unter die Stirnen, so da&szlig; die
+K&ouml;pfchen schaukelten. Als ich mich n&auml;herte, hob der Vogel den kahlen Kopf
+mit dem harten Schnabel, und seine gelben Augen sahen mich r&auml;uberisch an,
+als ob er Verwunderung dar&uuml;ber empf&auml;nde, da&szlig; ein aufrechter, lebender
+Mensch sein Totenreich betrat.</p>
+
+<hr />
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_152" id="Page_152">[152]</a></span>Als die Sonne ins Meer gesunken und ihr letztes Licht wie in violettem,
+feuchtem Qualm &uuml;ber dem fernen Wasser zergangen war, brannte Panja ein
+kleines Feuer auf der Bergh&ouml;he unter unserem Felsen an, der uns nach zwei
+Seiten hin sch&uuml;tzte. Wir mu&szlig;ten mit dem Brennmaterial sparsam umgehen,
+Panja hatte es zum guten Teil unterwegs sammeln und bis zu unserer hohen
+Lagerst&auml;tte schleppen m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>Die Nacht war totenstill, die ganze Welt schien erstorben, nur ein paar
+gro&szlig;e Nachtschmetterlinge besuchten mein Feuer, und ihr Surren zitterte in
+der Luft, bis Panjas Schnarchen sie f&uuml;llte. Aus weiter Ferne unterschied
+ich Hy&auml;nenstimmen und schwaches Bellen der Schakale. Der Sternschein
+tauchte in blassem Dunst der Tiefe glanzlos unter, aber &uuml;ber den Bergkuppen
+und -zacken funkelte das Licht hart und zornig, wie im g&ouml;ttlichen Rausch
+seiner unirdischen Freiheit. Der schmale Mond war erst gegen Mitternacht zu
+erwarten.</p>
+
+<p>Ich schlief nur ganz kurze Zeit, um den Aufgang der Sonne nicht zu
+verpassen, und die Stunden eines einsamen Wachens auf der H&ouml;he, in der
+blauen silbernen Tropennacht sind mein unverg&auml;ngliches Eigentum geblieben,
+ein feierliches Kleid der Erinnerung, das meine Seele niemals ablegen wird.
+Es ist ihr bannender Zaubermantel gegen die Bedr&auml;ngnisse des kleinen
+Alltags geworden, das Leben und der Tod wiegen ihr in solcher H&uuml;lle leicht,
+und der Gedanke an das Unendliche r&uuml;ckt nahe, wie sich das Bild im
+spiegelnden Wasser dem Knienden n&auml;hert.</p>
+
+<p>Ich verga&szlig; in jener Nacht, da&szlig; die Erde bewohnt ist, und ich begriff, da&szlig;
+wir Menschen unseres Jahrhunderts unser ganzes Wesen zu sehr darauf
+eingestellt haben. Unsere Beziehung zur Natur ist oft nur durch eine Flucht
+vor den Menschen und aus unseren Lebensverh&auml;ltnissen m&ouml;glich, und so
+erscheint uns das nur f&uuml;r<span class="pagenum"><a name="Page_153" id="Page_153">[153]</a></span> kurz geg&ouml;nnt, was uns von Anfang an zum Eigentum
+bestimmt war. Der Satan der neuen Welt entsch&auml;digt uns &uuml;berreichlich f&uuml;r
+die Verluste unserer alten Rechte, und doch werden wir am Ende die
+Betrogenen sein, denn der beste Teil entgeht uns, jener Anteil, der die
+Gelassenheit der Besinnung mit sich bringt, die Ruhe des guten Gedankens
+und den Frieden der Erkenntnis unserer selbst.</p>
+
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_154" id="Page_154">[154]</a></span></p>
+<h2>
+<a name="kap09" id="kap09"></a>Neuntes Kapitel<br />
+Die Herrschaft des Tiers
+</h2>
+
+
+<p>Unendliche Mattigkeit lagerte in der Luft. Wir waren nun den zweiten Morgen
+unterwegs, um Mangalore zu erreichen, und die Ausl&auml;ufer der
+Dschungelwaldungen deckten uns zu, zwischen ungeheuren Felsschluchten.</p>
+
+<p>Der Abstieg von den Bergen zur K&uuml;ste ging langsam vonstatten, da wir
+unm&ouml;glich l&auml;nger als die Stunde vor Sonnenaufgang und zwei oder drei
+nachher marschieren konnten. Bisweilen unternahmen wir noch kleine Strecken
+am Abend, aber es wurde wenig vom Wege zur&uuml;ckgelegt, da die anstrengenden
+und umst&auml;ndlichen Vorbereitungen f&uuml;r unser Nachtlager die k&uuml;hlere Stunde
+vor Aufgang der Nacht beanspruchten.</p>
+
+<p>Eine schmerzende Rastlosigkeit und ein dumpfer Druck in meiner Brust
+machten mir die Weiterreise fast unm&ouml;glich. Ich glaubte, nicht atmen zu
+k&ouml;nnen, und mir war, als zersprengte mein Blut seine Gef&auml;&szlig;e wie g&auml;render
+Wein. Mich befiel ein Taumel, dem kein Rausch zu vergleichen ist, und ich
+begriff nicht, da&szlig; ich monatelang in diesem kochenden Dunst hatte leben
+k&ouml;nnen, wobei ich allerdings nicht bedachte, da&szlig; das Jahr vorgeschritten
+war und die hei&szlig;e Zeit ihren H&ouml;hepunkt erreicht hatte. Die b&ouml;sen
+Erinnerungen an mein &uuml;berstandenes Fieber &uuml;berfielen mich wie Raubtiere;
+ich f&uuml;rchtete sie mehr als die hungrigen Bestien, die nicht von unserer
+F&auml;hrte wichen, und als die Giftschlangen, deren Bi&szlig; in dieser Zeit am
+gef&auml;hrlichsten ist und fast unmittelbar t&ouml;dlich wirkt. Der ganze Urwald
+schien von diesem Gift erf&uuml;llt, und die Ermattung seiner Gesch&ouml;pfe teilte
+sich dem K&ouml;rper mit, bis tief in die Kammern des Herzens. Mehr als einmal
+verlangte ich gebieterisch, da&szlig; der R&uuml;ckweg in die Berge angetreten w&uuml;rde,<span class="pagenum"><a name="Page_155" id="Page_155">[155]</a></span>
+aber Panja und Pascha, die kaum noch widersprachen, taten in stoischer
+Gelassenheit, was sie f&uuml;r richtig hielten und was es unter den drohenden
+Ereignissen der Natur auch einzig gewesen sein mag.</p>
+
+<p>Ich verlor den Sinn f&uuml;r die Pracht der Gegenden, durch die wir kamen; die
+einzige Hoffnung, die mich aufrecht erhielt, war der Gedanke an das Meer,
+und oft flehte ich, der t&ouml;dlichen Gefahr zum Trotz, in heimlicher
+Gemeinschaft mit den schmachtenden Gesch&ouml;pfen der Natur, den Himmel um
+Regen an. Es kam hinzu, da&szlig; ich die sichere Orientierung auf der Karte
+v&ouml;llig verloren hatte, ich wu&szlig;te mit Bestimmtheit kaum mehr als die
+Himmelsrichtung und mu&szlig;te mich ganz auf Panja verlassen, dessen Urteil mir
+um so leichtfertiger erschien, je mehr er mich mit falschen Aussichten
+vertr&ouml;stete. Auch mu&szlig;ten wir oft die Richtung wechseln, da wir uns
+un&uuml;berwindbaren Hindernissen gegen&uuml;bersahen, so da&szlig; sich die in der Tat
+zur&uuml;ckgelegte Wegstrecke auf unser ungewisses Ziel zu oft kaum bestimmen
+lie&szlig;. Bald fehlte es uns an Nahrung, bald an Wasser, und nur Panjas
+Kenntnissen der vielerlei Fr&uuml;chte des Waldes ist es zu danken, da&szlig; wir
+nicht in bittere Not gerieten. Zuweilen fand ich trotz des schmerzenden
+Hungers nicht den Aufwand von Energie, mit der B&uuml;chse Umschau zu halten,
+und oft waren die Milch einer Kokosnu&szlig; oder eine Ananas meine einzige
+Nahrung f&uuml;r einen Tag.</p>
+
+<p>Aus der Reihe der Entbehrungen und Leiden dieser Tage ist mir ein Eindruck
+geblieben, der sich tief in meine Seele gegraben hat, und dem ich den
+letzten Aufschwung meiner Kraft verdankte. Wir kamen an einem Fr&uuml;hmorgen,
+bevor die Sonne aufgegangen war, in die schmale Felseinm&uuml;ndung zu einer
+Schlucht, die sich bald gro&szlig; und weit vor unseren Augen &ouml;ffnete. Es
+herrschte noch jenes seltsame und ergreifende Zwielicht von Mondschein und
+herein<span class="pagenum"><a name="Page_156" id="Page_156">[156]</a></span>brechendem Morgenlicht, das ich nur in den Tropen in diesem
+magischen Glanz eines Kampfes um die Herrschaft angetroffen habe. In den
+L&auml;ndern des Abendlandes scheint die Nacht dem Tage auszuweichen, ihre
+Gestirne verblassen gelinde, lange bevor die Sonne am Horizont sichtbar
+wird, und der sch&uuml;chterne Morgenmond, der noch bisweilen zu sehen ist,
+wirkt wie eine verl&ouml;schende Erinnerung an die Nacht. Aber in Indien sind
+die Lichter der Nacht mit dem Glanz des hereinbrechenden Tages in einen
+leidenschaftlichen Kampf verstrickt, der seine Zwiesp&auml;lte der Seele um so
+eindringlicher mitteilt, je mehr die Stille der Lichtwelten ihre Gewalt und
+Beharrlichkeit behauptet.</p>
+
+<p>Die ersten Tierstimmen erwachten um uns her, aber nichts regte sich. Wir
+waren tief im Gr&uuml;nen und krochen und sprangen abw&auml;rts in weiten Abst&auml;nden
+voneinander, von Fels zu Fels, &uuml;ber gest&uuml;rzte Baumst&auml;mme und sumpfige
+L&ouml;cher, in denen die &Uuml;berreste eines Gebirgsbachs faulten. Nach einer Weile
+&ouml;ffneten sich Bambusw&auml;nde, und ich gewann f&uuml;r kurze Zeit einen freien Blick
+&uuml;ber die ungeheure Schlucht. Zur Rechten und zur Linken erhoben sich
+gelbliche Felsw&auml;nde, beinahe senkrecht abfallend und fast ohne Vegetation.
+Sie liefen in der Ferne auseinander und lie&szlig;en einen Blick in die
+dampfende, grauschimmernde Weite zu. Der Dschungel erschien wie eine dicke,
+gr&uuml;ne Decke im Winkel eines riesenhaften Gemachs mit braunen W&auml;nden, und
+der Morgenhimmel dar&uuml;ber war von gl&auml;serner Klarheit.</p>
+
+<p>Die westliche der beiden steilen Felsw&auml;nde war bis zur H&auml;lfte wie mit
+dunkelroter Farbe bemalt, gegen&uuml;ber flimmerte das Mondlicht im Gr&uuml;nen. Ich
+stand, von diesem Bild gebannt, in Betrachtung versunken da. Zugleich mit
+der Hoffnung, da&szlig; nun der schwierigste Teil unserer Reise &uuml;berwunden sein
+m&ouml;chte, glaubte ich die Wohltat eines leisen, k&uuml;hleren Windes zu versp&uuml;ren,
+und<span class="pagenum"><a name="Page_157" id="Page_157">[157]</a></span> meine Augen glitten entz&uuml;ckt &uuml;ber die goldene Glutbahn des
+Morgenlichts an der Felswand dahin.</p>
+
+<p>Auf halber H&ouml;he dieser Wand, etwa dort, wo sie der Sonnenschein teilte,
+lief eine ausgeh&ouml;hlte Bahn wagerecht durch das Gestein, die man wohl f&uuml;r
+eine alte Meergrenze h&auml;tte halten k&ouml;nnen. Sie wirkte wie ein &uuml;berdachter
+Weg und mag auch zum gro&szlig;en Teil gangbar gewesen sein, f&uuml;hrte an
+halbkuppelartigen H&ouml;hlen vor&uuml;ber und gew&auml;hrte vereinzelten Zwergpalmen und
+Alo&euml;stauden Halt. Vor der gr&ouml;&szlig;ten dieser H&ouml;hlen war ein kleines
+Felsplateau, nicht gr&ouml;&szlig;er als etwa der Raum, den ein alter Lindenbaum in
+der Mittagssonne zu beschatten vermag, und am Rand dieser Felsplatte in der
+Sonne lag etwas. Ich erinnere mich deutlich, da&szlig;, noch bevor der Eindruck,
+der meine Augen fesselte, mir irgend zum Bewu&szlig;tsein gedrungen war, noch ehe
+ich dar&uuml;ber sann, was dies gelbliche ruhige Etwas sein m&ouml;chte, ein
+Unterbewu&szlig;tsein, wie eine ahnungsvolle Ehrfurcht mich bannte. Aber dann
+wu&szlig;te ich es j&auml;hlings, wie durch einen lauten Zuruf aufgekl&auml;rt, und auch
+ohne da&szlig; ich noch Figur und Zeichnung recht unterschied: der Tiger.</p>
+
+<p>Es ist das einzige Mal gewesen, da&szlig; ich in Indien einen Tiger in der
+Freiheit erblickt habe. Ich lehnte mich an den Stamm eines Baumes, schlo&szlig;
+die Augen und &ouml;ffnete sie wieder und sah hinauf wie einer, der sich von
+seinen Blicken betrogen glaubt. Niemals werde ich die hellbraunen Felsw&auml;nde
+vergessen, das Morgenlicht in der Steinkuppel und vor ihr, wie auf einem
+Marmorsockel als Thron, im Schutze des steinernen Baldachins, die ruhende
+Sphinxfigur des Tigers. Die Entfernung und die H&ouml;he der Felsw&auml;nde lie&szlig;en
+ihn mir klein erscheinen, aber ich unterschied die Zeichnung des Fells
+deutlich und sah die Pranken nebeneinander ruhen unter dem schrecklichen
+Haupt, das unbeweglich, wie gemei&szlig;elt, die geschmeidige Linie des R&uuml;ckens
+und des breiten Nackens vollendete<span class="pagenum"><a name="Page_158" id="Page_158">[158]</a></span> und dessen Augen in die Weite gerichtet
+schienen. Eine Majest&auml;t ohnegleichen ging von diesem gl&uuml;henden Monument der
+Natur aus.</p>
+
+<p>Es ergriff mich eine Traurigkeit, die ich niemals ganz werde begreifen
+lernen, aber ich wei&szlig;, da&szlig; meine H&auml;nde sich ballten und zitterten. Damals
+erfa&szlig;te ich zum ersten Male die Sch&ouml;nheit und Gr&ouml;&szlig;e der &auml;gyptischen Sphinx,
+dieses gewaltigsten Steinmonuments, das der Geist und die Erkenntnis des
+Menschen jemals im Licht des Anspruchs und der Ehrfurcht erschaffen haben.
+Die Begriffe der Gottheit, der Natur und des Menschseins sind in ihren
+vielfachen Widerspr&uuml;chen in dieser Gestalt zu einem Kunstwerk vereint,
+welches das Unerbittliche lieblich mit der Hoffnung verbindet, die
+Herrschsucht mit der Anmut, die Gefahr mit der Lust und die Gottheit mit
+dem Spiel. Und keineswegs einzig durch den Abstand, welcher uns von diesem
+Bildwerk scheidet, sondern an sich und f&uuml;r alle Zeiten der Vergangenheit
+und Zukunft stellt die Sphinx das gewaltige Denkmal der Historie dar, jener
+Historie, die &uuml;ber der Gewi&szlig;heit einer gro&szlig;z&uuml;gigen Entwicklung jede
+Erinnerung an Einzelheiten und Geschehnisse zu verschm&auml;hen scheint und nur
+in erhabenen Merksteinen die Jahrtausende mi&szlig;t, welche das Menschenherz im
+unver&auml;nderbaren Pulsschlag durchpocht.</p>
+
+<p>Der Anblick dieser gro&szlig;en ruhenden Katze in der Sonne, hoch in der
+Felsenfreiheit, &uuml;ber dem unruhig g&auml;renden Bett der vielerlei kleinen
+Gesch&ouml;pfe und Pflanzen des Dschungels, trug meinen Geist &uuml;ber die Geschicke
+der Zeiten fort, zur&uuml;ck bis an jenen &auml;ltesten Stein der
+Menschheitserinnerung. So erschien mir das herrliche Tier in seiner
+Vereinsamung, wie ein sp&auml;ter Nachkomme einer versunkenen Zeit, schon im
+schwerm&uuml;tigen Schatten des Abschieds seines starken Geschlechts von der
+Erde der Menschen,<span class="pagenum"><a name="Page_159" id="Page_159">[159]</a></span> denen es mit vielen, l&auml;ngst vergessenen Wesen hat
+weichen m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>Aber hier war noch das Reich seiner Herrschaft. In der Morgensonne funkelte
+sein steinerner Thron, und den erwachenden Urwald, tief unter dieser
+k&ouml;niglichen Ruhe, schreckten die Schauer vor solcher Majest&auml;t. Arm, m&uuml;de
+und machtlos schlichen ein paar Menschlein unten durch das sch&uuml;tzende Gr&uuml;n,
+und unter ihnen ich, geduldet und eingesch&uuml;chtert durch die Herrschaft des
+Tiers.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Als ich am Abend im Zelt einzuschlafen versuchte, entdeckte ich zwischen
+den B&auml;umen hindurch an den Himmelsl&uuml;cken einen r&ouml;tlichen Schein, der nicht
+von unserem Feuer kommen konnte. Ich trat hinaus und pr&uuml;fte die Weite
+umher, so gut es mir gelang. Der Mond ging erst gegen Morgen auf; ich sah,
+da&szlig; der ganze Himmel glutete, und weckte Panja.</p>
+
+<p>&bdquo;Die Steppen brennen&ldquo;, sagte er, nachdem er sich umgesehen hatte, und sog
+die Luft durch die Nase ein, aber die windlose Nacht trug keinen
+Brandgeruch bis zu uns. &bdquo;Die Berge brennen,&ldquo; wiederholte er schlaftrunken,
+&bdquo;tausend Tiere sterben, darunter die sch&auml;dlichen. Die Bergmalabaren z&uuml;nden
+die Reste an, die die Sonne zur&uuml;ckgelassen hat; oft entstehen die Feuer
+auch, ohne da&szlig; jemand wei&szlig;, wer sie angelegt hat.&ldquo;</p>
+
+<p>Der Glutschein nahm zu und verbreitete eine erregende, matte Helligkeit im
+n&auml;chtlichen Wald, die Stimmen der Tiere schienen vereinzelter und
+ged&auml;mpfter zu klingen, wie in Ehrfurcht vor dem drau&szlig;en herrschenden
+Element.</p>
+
+<p>&bdquo;Es heult nicht, das Feuer,&ldquo; sagte Panja und lauschte, &bdquo;ruhig schleicht es
+&uuml;ber die H&ouml;hen.&ldquo;</p>
+
+<p>Er legte sich wieder zur Ruhe nieder, es drohte uns keine Gefahr,<span class="pagenum"><a name="Page_160" id="Page_160">[160]</a></span> aber
+mich floh der Schlaf, den ich eben noch ohne Glauben gesucht hatte. Ich sah
+im Geist die roten, wehenden Feuerfahnen &uuml;ber die endlosen graugr&uuml;nen
+H&uuml;gelweiten flattern in der blauen Nacht, und mir war, als h&ouml;rte ich die
+Stimmen des fliehenden und ereilten Getiers, das im Streit um den Besitz
+der Berge, dem Menschen auf der Walstatt eines unaufh&ouml;rlichen Kampfes
+erlag. Gegen Morgen w&uuml;rde der Mond durch den Rauch scheinen, bis langsam
+die Sonne die goldenen K&auml;mme der Berge in ihrer Ruhe &uuml;ber dem bewegten Bild
+entz&uuml;ndete; dort oben war es still, die ewigen Kriege waren dort l&auml;ngst
+verrauscht.</p>
+
+<p>In der Schlucht rief ein Uhu, immer lange, wie aus tiefer Brust
+hervorgehauchte T&ouml;ne, in weiten Abst&auml;nden voneinander, bald wie in dumpfer
+Daseinsangst, bald wie in Liebesqual. Als der rote Schein zunahm,
+verstummte er, die Felsschlucht schwieg, die dunklen W&auml;nde im r&ouml;tlichen
+Nebel vereinsamten aufs neue, und die verlassene Nacht zog weiter, im
+gl&uuml;henden Schleier.</p>
+
+<p>Es war eine lautlose Unruhe in der tr&auml;gen &Uuml;ppigkeit des verbl&uuml;hten Waldes
+und die Geister der Vermoderten kamen aus der Vergangenheit hin&uuml;ber in die
+Bereiche meiner Erinnerung und begannen zu mir zu reden. &Uuml;berall umher
+lagen &uuml;berwache Sinne in Krankheit, aus L&ouml;chern, H&ouml;hlen und gr&uuml;nen
+Schl&uuml;nden starrten die Masken uners&auml;ttlicher Gier und gereizter Ermattung
+einander an, im steilen Bambus schlief der Wind, hingesunken wie ein von
+giftigen Gasen zum Taumeln gebrachter Falter. Die Ungeduld des Erdbodens,
+an der widrigen Grenze s&uuml;&szlig;licher Ersticktheit, teilte sich dem Blut der
+Wesen mit, aber nichts half mehr, kein Geschrei und keine Klage, kein Trost
+und keine Wut. Nur im Wasser oder im Feuer war Errettung zu finden. Hatte
+nicht Panja eben noch gesagt, die Steppen entz&uuml;ndeten sich selbst?</p>
+
+<p>Es klagte matt in der belebten Stille, ein Vogel, ein Waldtier oder<span class="pagenum"><a name="Page_161" id="Page_161">[161]</a></span> ein
+sinkender Baum, der sich seufzend in das morastige Bett seiner Entstehung
+neigte. Ich lauschte auf die r&ouml;chelnden Fl&uuml;stert&ouml;ne des Verfalls, in denen
+die Stimmen der Versunkenen meine willenlosen Gedanken in ihr vergessenes
+Bereich zur&uuml;ckf&uuml;hrten. Der Geist des Fiebers schillerte mich b&ouml;se, mit
+gr&uuml;nen Augen, aufs neue an, und ich f&uuml;hlte mich vom Sterben umh&uuml;llt und ihm
+unrettbar preisgegeben. Ich empfand in merkw&uuml;rdig tauber Verwirrung der
+Verlassenheit, da&szlig; ich das Sterben noch nicht gelernt hatte, mich verlangte
+inbr&uuml;nstig nach Taten, nach Kampf und Anstrengungen, und meine h&ouml;chste
+Angst bestand im Gedenken an dies laue, erstickende Welken des Bluts, wie
+es umher von mir gefordert wurde.</p>
+
+<p>War es, weil meine Augen am Tage die Hoheit des Dschungelherrschers gesehen
+hatten, da&szlig; ich den Mut und die Kraft zum eigenen Lebensrecht nicht mehr
+aufzubringen vermochte? Die Bedr&auml;ngnisse, in denen sich die Natur befand
+und die sich meinem Gem&uuml;t von Stunde zu Stunde eindringlicher und
+&uuml;berwindender mitteilten, ja, denen ich v&ouml;llig zu erliegen drohte, weckten
+im Grunde meiner Gedanken ein bohrendes Bewu&szlig;tsein von Schuld. Welcher
+Empfindende und Verstehende suchte in aller Not nicht zuerst die Schuld in
+der eigenen Brust? Die Erkennenden sind verantwortlich, sie sind es, welche
+in Wahrheit Opfer bringen und welche die S&uuml;hne tragen, im Kleinen wie im
+Gro&szlig;en. Hatte ich die Trauer und Gr&ouml;&szlig;e der alten Herrschergewalt dieses
+Landes nicht erschauernd erblickt und ehrf&uuml;rchtig auf meine Art erkannt,
+wie ein ver&auml;chtlicher Eindringling, und im Herzen schuldig aus Hochmut?</p>
+
+<p>Wenn ich die Augen schlo&szlig;, so war mir, als dr&auml;nge durch die Erschlaffung
+der verschmachtenden Welt ein Pesthauch von jener St&auml;tte zu mir hin&uuml;ber, an
+der ich zwischen den bl&auml;ulichen Stachel<span class="pagenum"><a name="Page_162" id="Page_162">[162]</a></span>armen der Alo&euml;n den gelben Leib des
+toten Panthers gesehen hatte, dann wieder tauchte die beschienene,
+steinerne Kuppel vor meinem Geiste auf, die als ein goldstrahlender
+Baldachin den Thron des Tieres sch&uuml;tzte. Der Tiger war berufen, in diesen
+Bereichen zu herrschen, ihn vergifteten die D&uuml;nste des Dschungels nicht,
+der Brand der Tropensonne wurde seinem z&auml;hen Leib mit den eisernen Str&auml;ngen
+der Sehnen zur Wohltat, er durchschwamm die rei&szlig;enden Str&ouml;me zu seiner
+Erfrischung, wie im Spiel, und durchschweifte die Steppe tagelang, ohne
+Gef&auml;hrdung und ohne Bedr&auml;ngnisse.</p>
+
+<p>Wie in den zugleich bedr&uuml;ckenden und be&auml;ngstigenden Sinnesschwankungen des
+nahenden Fiebers, die sowohl Verwirrungen als auch die &uuml;bernat&uuml;rlichen
+Klarheiten der Vision mit sich bringen, war mir, als k&ouml;nnte unm&ouml;glich jene
+Grenze gar zu weit zur&uuml;ckliegen, an welcher der Wechsel der Herrschaft von
+Tier und Mensch &uuml;ber die Erde stattgefunden haben sollte. Als habe sich
+meinen eingesch&uuml;chterten Sinnen erwiesen, wie t&ouml;richt der Menschenhochmut,
+in der leichtfertigen Sicherheit seiner zerbrechlichen St&auml;dte, sein
+Machtbereich und seine Herrschaft &uuml;bersch&auml;tzt. Und mir war aufs neue, als
+tr&auml;te der Geist dieses Landes und seiner alten V&ouml;lker zu mir und &uuml;berredete
+mein Herz. Ich begriff eine Lehre, die das Tier ehrt, anbetet und niemals
+t&ouml;tet, deren religi&ouml;ses Bewu&szlig;tsein und Bekenntnis eine tiefe Beziehung zum
+Wesen des Tiers ahnen l&auml;&szlig;t, und die die tatlose Geduld, die ehrf&uuml;rchtige
+Erwartung und das heilige Harren in dem&uuml;tiger Ergebenheit preist. Wie
+vorzeiten in einer unverge&szlig;lichen Traumnacht ein Affe im Triumph seiner
+&uuml;berwundenen Gefangenschaft zu mir gesprochen hatte.</p>
+
+<p>Wie aber die ungewisse Neigung zur Ehrfurcht Angst und noch keine
+Beruhigung erzeugt, deren Friede erst mit der eingetretenen Erkenntnis
+hereinbricht, so erschien es mir in heimlichem Erzit<span class="pagenum"><a name="Page_163" id="Page_163">[163]</a></span>tern zu dieser Stunde,
+als sei die Herrschaft des Tiers auf der Erde nicht &uuml;berwunden, sondern als
+best&uuml;nde sie noch, wenn auch verborgen und beengt, so doch in ihrer
+urspr&uuml;nglichen Gewalt und Finsternis.</p>
+
+<p>Mit den erm&uuml;deten Z&uuml;gen Hucs, des Affen, der mir zu Beginn meiner
+leichtfertigen Fahrt in die &uuml;berbl&uuml;hten Ruinen des alten Gottreichs
+erschienen war, trat aufs neue der Geist dieser versunkenen Zeit vor mich
+hin, und seine grauen Augen sahen mich an: &bdquo;Noch herrscht das Tier, hier,
+um dich her, im Rahmen der ihm zugeh&ouml;rigen Natur, in die der Mensch nicht
+weiter eingedrungen ist, als ein Borkenk&auml;fer in einen Baum, dort verborgen
+in der aufrechten Gestalt, unter der wei&szlig;en Haut, hinter der klugen Stirn
+und den sch&ouml;nen Augen. Vollzieht sich die Wandlung unter dieser H&uuml;lle nicht
+immer noch rasch und leicht? Nicht allein auf Schlachtfeldern und im
+Get&uuml;mmel der entflammten Haufen, auch in stillen Kammern oder auf offenen
+M&auml;rkten, unter den Marterpf&auml;hlen der Heiligen, oder im Schmeicheln der
+s&uuml;&szlig;esten Rede? Noch herrscht das Tier. Die Weisen der Erde erzittern auf
+ihrem Weltpfade unter dem Gebr&uuml;ll, das um sie her erklingt, wenn sie
+eilend, gerafften Kleids, mit verwundeter Hoffnung ihre Zeit durchmessen.&ldquo;</p>
+
+<p>Mit feurigen Schritten schlich die Nacht tr&auml;ge dahin, der Himmelsschein der
+brennenden Steppen erlosch allm&auml;hlich, aber es war, als habe er eine
+vermehrte Hitze zur&uuml;ckgelassen, immer noch war kein Hauch des nahenden
+Morgens zu versp&uuml;ren. Vergebens forschte ich am Himmel nach dem
+Morgenstern, und mit den d&uuml;steren Wetterwolken, die wie b&ouml;se Ahnungen im
+gl&uuml;henden All herandr&auml;ngten, begann neben mir monoton die Stimme meiner
+Angst aufs neue:</p>
+
+<p>&bdquo;Das Tier herrscht. Wenn der Morgen sich ank&uuml;ndigt, so wird<span class="pagenum"><a name="Page_164" id="Page_164">[164]</a></span> dein Blut
+erloschen sein, du sollst in diesem schw&uuml;len, gr&uuml;nen Mantel ersticken.&ldquo;
+Meine Qual entstand nicht durch den Gedanken an den Tod meines Leibes,
+sondern durch diese d&uuml;stere Ahnung von der Herrschaft des Tiers und durch
+die Hoffnungslosigkeit, in der ich, am Rande des Wahnsinns, nach einem
+Ausweg suchte, nach einer erl&ouml;senden Gewi&szlig;heit, nach dem Licht der Zukunft.
+Wie der Zweifelnde das Leben seiner Geliebten argw&ouml;hnisch nach Beweisen
+ihrer Schuld durchforscht, gegen seinen besseren Willen, ja, fast gegen
+sein Gewissen, so durchforschte mein Geist in diesen Nachtstunden die
+Geschichte der Erde nach den Merkmalen des Tiers, und aufs neue tauchte das
+Bildwerk der Sphinx vor meinen geistigen Augen empor. Es verschmolz mir in
+der alten Erinnerung des Menschenwesens und in der Erinnerung meiner
+eigenen zeitlichen Erlebnisse mit der Erscheinung des ruhenden Tigers an
+der Felsenwand. Es war, als habe diese Erscheinung, von der meine Augen am
+vergangenen Tage betroffen worden waren, im mystischen Zusammenhang mit der
+alten Menschenfurcht und -ehrfurcht, einen erkl&auml;renden Lichtschein auch in
+meine Erkenntniswelt geworfen, und in jener Nacht h&auml;tten keine menschliche
+Weisheit und keine &Uuml;berzeugungskraft mich vom Wege meiner Gedanken
+abzubringen vermocht.</p>
+
+<p>In ihm, jenem alten Volke der &Auml;gypter, mu&szlig;te das Bewu&szlig;tsein klar gelebt
+haben, da&szlig; die Herrschaft des Tiers nicht &uuml;berwunden war, sie erschufen in
+unfa&szlig;barer organischer Einheit den Katzenleib mit dem Menschenkopf und den
+Menschenleib mit dem L&ouml;wenhaupt. Sie erhoben diese Standbilder zu
+Gottheiten, verehrten sie in ihnen und erkannten sich selbst darin.</p>
+
+<p>W&auml;hrend meine Gedanken nach Sicherheit suchten, nach dem entscheidenden
+Gegenwert, nach der Verk&uuml;ndigung der Wahrheit, da&szlig; das Tier dennoch
+&uuml;berwunden sei, schritt auch Johannes an<span class="pagenum"><a name="Page_165" id="Page_165">[165]</a></span> mir vor&uuml;ber, der den
+g&ouml;ttlich-weisen Heiligen von Golgatha am lautersten geliebt hatte. Auch
+ihn, den, wie keinen, die menschliche Hoheit und der g&ouml;ttliche Triumph
+seines Meisters durchdrungen hatten, schreckte in den verz&uuml;ckten Ahnungen
+eines k&uuml;nftigen Reichs des Menschensohns, das Tier. In seinen letzten
+Visionen, in denen Furcht und Hoffnung das liebende Gem&uuml;t im zerr&uuml;tteten
+Leib zerrissen, erschien ihm das Tier:</p>
+
+<p>&bdquo;Und ich trat an den Sand des Meers und sah ein Tier aus dem Wasser
+steigen, das hatte sieben H&auml;upter und zehn H&ouml;rner und auf seinen H&ouml;rnern
+zehn Kronen und auf seinen H&auml;uptern Namen der L&auml;sterung. Und ich sah seiner
+H&auml;upter eines, als w&auml;re es t&ouml;dlich wund, aber seine t&ouml;dliche Wunde ward
+heil, und der ganze Erdboden verwunderte sich des Tiers. Und sie beteten
+das Tier an und sprachen: 'Wer ist dem Tiere gleich? Wer kann mit ihm Krieg
+f&uuml;hren?!' Und ihm ward gegeben, zu streiten mit den Heiligen und sie zu
+&uuml;berwinden, und ihm ward Macht &uuml;ber alle Geschlechter gegeben.&ldquo;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Die brodelnde Finsternis des hei&szlig;en Urwalds umdunkelte meine &uuml;berwachen
+Sinne, wie im Taumel einer nahenden Ohnmacht, und meine armen Gedanken
+huschten wie blasse Irrlichter dar&uuml;ber hin. Damals war mir der Gedanke an
+meinen nahen Tod zur Gewi&szlig;heit geworden, und ich wei&szlig; zuversichtlich, da&szlig;
+ich seinem Schatten niemals n&auml;her war. Eine unbeschreibliche Sehnsucht nach
+dem Morgen wachte, wie eine letzte Hoffnung, unverstanden und von d&uuml;sterer
+Traurigkeit bedr&uuml;ckt, in meinem Herzen, das erstickend in Finsternis und
+Erdschw&uuml;le nach Erl&ouml;sung rief. Ich mu&szlig; kurz nach diesen letzten
+Erinnerungen in Schlaf gesunken sein, &uuml;ber mir den qualmenden Rachen des
+Tiers.</p>
+
+<p>Aber der Traum, mit welchem ich im Morgenlicht erwachte, war leicht und
+lieblich, als belohnte ein gn&auml;diger Geist die Bedr&auml;ngnis<span class="pagenum"><a name="Page_166" id="Page_166">[166]</a></span> meiner Gedanken
+mit einer frohen Zusicherung. Es ergeht uns Irdischen oft so, da&szlig; sich der
+Wechsel und Ausgleich von Finsternis zum Licht mit dem Wechsel von Schlafen
+und Wachen vollzieht, oder bisweilen wohl auch umgekehrt, als l&auml;ge die
+Absicht, zu schlichten und zu bes&auml;nftigen, im nat&uuml;rlichen Wandel unserer
+Zust&auml;nde. So mag es sich erkl&auml;ren, da&szlig; ein heiter verbrachter Tag sich in
+d&uuml;steren Traumbildern spiegelt, oder da&szlig; die Angesichter der Toten zuweilen
+nach furchtbaren Qualen des Sterbens einen unnennbaren Frieden in ihren
+Z&uuml;gen tragen.</p>
+
+<p>Ich erinnere mich keines Traums, der meinem Gem&uuml;t eine gr&ouml;&szlig;ere Helligkeit
+gebracht h&auml;tte, und keine Wohltat ist jener Ruhe zu vergleichen, die mir in
+den L&ouml;sungen geschah, die sich wie gn&auml;dige Offenbarungen an die Pein meiner
+Angst und meines Zweifels im Schlafe anschlossen. Erkenntnisse, welche uns
+durch Tr&auml;ume vermittelt werden, haben eine seltsame Unschuld der Erfahrung,
+es erscheint oft, als schl&ouml;ssen sie alle jene Irrt&uuml;mer aus, die das
+bereitwillige Denkverm&ouml;gen des wachen Gehirns so leicht begeht, in seiner
+Hoffnung, es m&ouml;chte aus dem Vielerlei ein Viel entstehen, und aus dem
+Mancherlei ein Besonderes. Das Gr&uuml;beln ist der Feind des Denkens, denn die
+guten Gedanken kommen zu uns wie das Licht oder die W&auml;rme, unversehens, wie
+ein Sonnenblick durch die Schleier der Wolken, oder wie eine Knospe an
+ihrem Strauch im Fr&uuml;hlingsregen aufbricht. So mag der Schlaf ein t&auml;tiger
+Freund des Denkens sein, und das oft scherzhaft gebrauchte Wort, da&szlig; der
+Herr es den Seinen im Schlafe gibt, hat ebensowohl einen tiefen Sinn, wie
+das uralte Verlangen der Menschen, Tr&auml;ume auf rechte Art deuten zu lernen.</p>
+
+<p>In einem hellen Zug, der auf dunklem Erdgrund allein und deutlich von einem
+klaren Himmelsstrahl beschienen wurde, zogen die Heiligen der Geschichte,
+die das Tier &uuml;berwunden haben, im<span class="pagenum"><a name="Page_167" id="Page_167">[167]</a></span> Traum an mir vor&uuml;ber. Die Reihe r&uuml;ckte
+aus unergr&uuml;ndbarer Welttiefe, die ganz in Finsternis gebettet war, so hell
+heran, als fl&ouml;sse ein wei&szlig;er Bach in der Nacht &uuml;ber schwarzen Erdgrund. Und
+jedesmal mit dem Augenblick, in welchem eine Gestalt deutlich erkennbar
+wurde, zerflo&szlig; sie in das gro&szlig;e Wort ihres wichtigsten Bekenntnisses. Mit
+dem Erklingen dieses Worts aber, das sich wie ein Lichtschein in meine
+Sinne ergo&szlig;, versanken das Angesicht und der Name seines Tr&auml;gers, aber es
+erschien mir, als l&auml;ge es so im Willen der Heiligen. Im Halbd&auml;mmern, das in
+ihrer N&auml;he herrschte, erkannte ich undeutlich in ihrer Begleitschaft die
+gewaltigen Umrisse gefesselter Tiere. Ich erblickte darunter einen Drachen,
+hundertfach verschlungen und in dunklen, gl&uuml;henden Farben von gro&szlig;er
+Pracht, das L&ouml;wenhaupt der Sechmet, &uuml;ber den lieblichen M&auml;dchenschultern,
+tauchte empor und erlosch, die heilige Schlange, gekr&ouml;nt, mit gebl&auml;htem
+Hals unter dem Gift des Rachens, und das wei&szlig;e Rind.</p>
+
+<p>Unter den Heiligen kam auch aufs neue jener seltsamste Prophet zu mir, den
+die Religionen der V&ouml;lker kennen, und dessen Worte &uuml;ber die Macht des Tiers
+mir noch kurz zuvor durch den Sinn gegangen waren, aber seine Erscheinung
+hatte die Geb&auml;rde des heimgesuchten M&auml;rtyrers seiner Angst verloren. Er war
+der Letzte; mit ihm und dem Wort seiner Gottheit erlosch der strahlende
+Zug:</p>
+
+<p>&bdquo;Ich bin der Erste und der Letzte. Ich bin der Ursprung des erw&auml;hlten
+Geschlechts, ein heller Morgenstern.&ldquo;</p>
+
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_168" id="Page_168">[168]</a></span></p>
+<h2>
+<a name="kap10" id="kap10"></a>Zehntes Kapitel<br />
+Sumpftyrannen
+</h2>
+
+
+<p>Es w&uuml;rde schwer halten, mit Sicherheit &uuml;ber den Zeitraum zu berichten, der
+zwischen den inneren Erlebnissen dieser Nacht lag, in welcher ich dem Tier
+begegnete, und der Morgenstunde, in welcher bald nachher Panjas helle
+jubelnde Stimme mir aus dem Buschwerk entgegendrang. Beim Klang seiner
+lauten Worte &uuml;berkam mich nach seinen vielerlei Vertr&ouml;stungen zum erstenmal
+die ganze Zuversicht unserer Befreiung. Ich verstand anf&auml;nglich immer nur
+ein Wort, und da er es im Rufen mehr sang als sprach, so unterschied ich
+den Sinn nicht, bis er lachend vor mir stand und zitternd vor Freude
+erkl&auml;rte, sie seien bis an die Ufer des Kumardary vorgedrungen, des gro&szlig;en
+Stroms von S&uuml;d-Kanara, dessen Wasser aus den Bergen von Kurg und Maisur
+zusammenstr&ouml;men und der bei Uppanangadi in den Netrawati einm&uuml;ndet, an
+dessen Ausflu&szlig; in das Meer Mangalore liegt, die Stadt, die unser Ziel war.</p>
+
+<p>&bdquo;Der Flu&szlig; hat noch Wasser genug f&uuml;r die gr&ouml;&szlig;ten Kanus,&ldquo; rief Panja
+gl&uuml;cklich, &bdquo;wenn wir Boote aufgetrieben haben, so brauchst du keinen
+Schritt mehr zu machen, bis die Palmen von Mangalore dich beschatten, und
+der Regen mag kommen. Der Flu&szlig; tr&auml;gt uns schnell hinab.&ldquo;</p>
+
+<p>Seine frohe Gewi&szlig;heit teilte sich mir anf&auml;nglich mit. Nach seinen
+Schilderungen n&auml;herten wir uns dem rechten Ufer des Flusses, in einem
+Abstieg genau von Norden nach S&uuml;den, hatten sein Bett also im Laufe der
+zur&uuml;ckliegenden Wochen bereits einmal &uuml;berschritten, wahrscheinlich in den
+hei&szlig;en Tagen des gl&uuml;cklichen Wanderlebens vor meinem Fieber. Eine
+merkw&uuml;rdige Ern&uuml;chterung &uuml;berkam mich pl&ouml;tzlich, sie stellte sich in
+Gemeinschaft mit<span class="pagenum"><a name="Page_169" id="Page_169">[169]</a></span> einer neuen Lebenskraft ein, aber zugleich mit einer
+tiefen Verstimmung. Eine ver&auml;nderte Wirklichkeit r&uuml;ckte heran, mit den
+grauen Bildern der gewohnten Lebensweise, und die tiefere Wirklichkeit des
+Traums wurde dar&uuml;ber schadhaft und unwahr. Ach, gewi&szlig;lich w&uuml;rde ich die
+Erlebnisse der zur&uuml;ckliegenden Zeit niemals vergessen, aber irgend etwas an
+ihnen schien mir pl&ouml;tzlich seine Inbrunst einb&uuml;&szlig;en zu m&uuml;ssen; was einst dem
+Ernst meiner Seele heilig war, das w&uuml;rde nun im Schein eines feinen
+L&auml;chelns zur&uuml;ckbleiben. Gewi&szlig;, jener sch&ouml;ne Zustand der Vergangenheit war
+einmal gro&szlig; und wichtig gewesen, aber es war nun nicht mehr der einzige,
+denn die neue Welt w&uuml;rde aufs neue meine Hingabe, wiederum meinen Ernst und
+meine Andacht einfordern.</p>
+
+<p>Damals war es, als ich mir vornahm, niemals &uuml;ber die gro&szlig;e Welt meines
+Erlebens zu schreiben oder zu erz&auml;hlen, sondern mich bei beiden an die
+&auml;u&szlig;eren Ereignisse zu halten. Ich wandte mich um und sah hinter mich, als
+k&ouml;nnten meine Augen noch einmal alles &uuml;bersehen, was mich bedr&auml;ngt und
+erhoben hatte. Aber nur die undurchdringlichen gr&uuml;nen W&auml;nde, deren
+Palmengefieder in der Sonne glitzerte, boten sich meinen Augen, keine Spur
+unserer F&uuml;&szlig;e war mehr kenntlich, ich war vergessen in dem Bereich, das ich
+fl&uuml;chtig durchmessen, nur in der Ahnung begriffen und im eingesch&uuml;chterten
+Gem&uuml;t geliebt hatte.</p>
+
+<p>Heute, nach Jahren, &uuml;ber die wei&szlig;en Bl&auml;tter gebeugt, die meine Gedanken,
+meine Freuden und die Bilder und Farben meiner Erinnerung tragen sollen,
+begreife ich jene Trauer besser. Damals schlug in meiner Brust die Stunde
+der Umkehr, damals f&uuml;hlte ich, da&szlig; ich h&auml;tte bleiben sollen, denn es gibt
+keine Ber&uuml;hrungen und Umarmungen in der Welt, die an Gl&uuml;ck denen der Natur
+zu vergleichen sind, welche unschuldig und gro&szlig;z&uuml;gig bleiben, und in keinen
+wei&szlig; sich die besondere Art unseres Lebensbewu&szlig;tseins<span class="pagenum"><a name="Page_170" id="Page_170">[170]</a></span> geborgener. Auch
+m&ouml;gen damals heimliche Erinnerungen an die Hast und Willk&uuml;r des
+europ&auml;ischen Treibens in mir erwacht sein, die alles in Begleitschaft und
+zum Ziel haben, was immer Menschenaufgabe sein mag, Gl&uuml;ck f&uuml;hren sie nicht
+herbei. Der Zustand des Gl&uuml;cks ist nicht ohne die Ruhe zur Selbstbesinnung
+m&ouml;glich, denn Selbstbet&auml;ubung f&uuml;hrt zur Verarmung.</p>
+
+<p>Und doch ergriff mich daneben der Taumel des Neuen, das mich erwartete, und
+ich wei&szlig; deutlich, da&szlig; mich damals schon eine Ahnung streifte, welcher Art
+meine Erlebnisse sein w&uuml;rden. Lichtwelten und St&uuml;rme der Geisteswelt k&uuml;nden
+sich begierigen Seelen so deutlich an, wie Gewitter oder Sonnentage sich in
+der Natur vor ihrem Herannahen zu offenbaren pflegen. Mir war damals f&uuml;r
+einen Augenblick zumut, als s&auml;he ich durch das Buschwerk der
+Dschungelwildnis nieder auf das Meer, erblickte den bl&auml;ulichen Rauch der
+Hindustadt &uuml;ber dem unruhigen Beet der gro&szlig;en und kleinen, bald geneigten,
+bald kerzengeraden Palmen, und hier und dort das Schimmern einer wei&szlig;en
+Mauer. Ich sah eine braune, h&ouml;lzerne Tempelpagode zackig aus dem Gr&uuml;n
+steigen und hinter ihr den blauen Streifen des Ozeans. So sah die Wohnung
+des alten Geistes in meiner Vorstellung aus, und mich verlangte nach keiner
+Begegnung inniger, als nach der mit einem der S&ouml;hne dieses Geistes. Wohl
+war ich hier und dort auf meiner Reise mit Brahminen zusammengetroffen,
+aber niemals war ich einem nahe getreten, da die heute zug&auml;ngigen unter
+diesen Leuten meist in Gewohnheit und Bildung von der Tradition ihres
+Geschlechts gelassen haben, sie sind nicht mehr Priester oder Gelehrte,
+sondern H&auml;ndler geworden.</p>
+
+<p>Mangalore aber, soviel wu&szlig;te ich gut, war ein alter und von der neuen Welt
+nur wenig ber&uuml;hrter Platz, eine der wenigen gr&ouml;&szlig;eren Meerst&auml;dte der
+Westk&uuml;ste, die weder von der Eisenbahn noch vom<span class="pagenum"><a name="Page_171" id="Page_171">[171]</a></span> Dampfschiffverkehr ber&uuml;hrt
+werden und in denen, wie sonst nur tief im Lande, die Herrschaft der
+Priesterkaste noch gro&szlig;e Macht aus&uuml;bte. Es kam hinzu, da&szlig; sowohl die
+Jesuiten als auch die Protestanten dort Niederlassungen ihrer kirchlichen
+Einwirkung unterhielten, so da&szlig; der Kampf der Geister belebt und heimlich
+in der Stadt wogte.</p>
+
+<hr />
+
+<p>In solch geteiltem Zustand meines Empfindens durchma&szlig; ich mit den braunen
+Gef&auml;hrten meinen letzten Tag im Urwald. Wir erreichten gegen Mittag ein
+kleines Dorf, das nah am Flu&szlig; auf einem sanften H&uuml;gel lag, und auf das wir
+nur durch das Trompeten eines Elefanten aufmerksam wurden. Den Flu&szlig; hatte
+ich den Tag &uuml;ber noch nicht zu Gesicht bekommen, obgleich wir uns an seinem
+sumpfigen Ufer dahinbewegten, nur das Gurgeln und Schnattern von
+Wasserv&ouml;geln verriet ihn und der morastige Dunst der Luft.</p>
+
+<p>Wir kamen bald auf einen ausgetretenen Pfad, der wie ein braunes Band in
+mancherlei Verschlingungen, tief in Schilfw&auml;nde eingebettet, dahinf&uuml;hrte,
+und trafen dort nach langer Zeit einmal wieder einen Menschen an. Es war
+eine alte Frau, die an einem Stab einen Kupferkessel &uuml;ber der Schulter
+trug, und die bis auf einen Lendenschurz nackt war. Ihre Augenbrauen waren
+mit Henna gef&auml;rbt, und sie trug ein dunkles Abzeichen auf die Stirn gemalt,
+das in der Form einer gro&szlig;en Spinne glich.</p>
+
+<p>Als ich ihr winkte, kam sie sch&uuml;chtern n&auml;her, eigentlich blieb sie eher
+stehen und lie&szlig; nur zu, da&szlig; ich an sie herantrat, dann hob sie die Arme und
+verneigte sich, ihre Geb&auml;rde schien anzudeuten, da&szlig; sie sich zu jeder
+Dienstleistung bereit erkl&auml;rte, aber im schlimmsten Fall auch zur Flucht.</p>
+
+<p>Panja schaute in ihren Topf.</p>
+
+<p>&bdquo;Pfui Teufel,&ldquo; sagte er w&uuml;rdig, &bdquo;es hockt eine Kr&ouml;te darin.&ldquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_172" id="Page_172">[172]</a></span>Er konnte sich nur schwer mit der Alten verst&auml;ndigen, die kein Wort
+hindustani und nur sehr wenig kanaresisch verstand, aber wir erfuhren, da&szlig;
+der Ort Schamaji hie&szlig;, und da&szlig; der K&ouml;nig den wei&szlig;en Herren gn&auml;dig gesinnt
+sei und zwei Elefanten bes&auml;&szlig;e, beide m&auml;nnlichen Geschlechts.</p>
+
+<p>&bdquo;Wei&szlig; Gott, was das f&uuml;r ein K&ouml;nig ist&ldquo;, sagte Panja ohne Respekt und sah
+mich mit einer Grimasse an, die mindestens Fragw&uuml;rdigkeit ausdr&uuml;ckte. Es
+gibt in Malabar und S&uuml;d-Kanara eine ganze Reihe kleiner Hinduk&ouml;nige, die
+sich aus ihren st&auml;dtischen Sitzen, langsam der Macht der Mohammedaner oder
+der Engl&auml;nder weichend, in die Provinz zur&uuml;ckgezogen haben, um ganz ihrem
+Volke leben zu k&ouml;nnen, oder besser von ihrem Volke. Es geht ihnen mit ihrer
+Macht &auml;hnlich wie manchem angeblich verkannten Dichter mit seinem Genie,
+beide entwickeln sich in der Ausgeschlossenheit ins Ungeheuerliche, aber
+nur in den Augen ihrer wenig gl&uuml;cklichen Tr&auml;ger. Diese Despoten geistiger
+oder weltlicher Macht haben etwas ungemein R&uuml;hrendes, und es geh&ouml;rt
+geradezu Hartherzigkeit dazu, sie ihrer Illusion zu berauben. Es verbirgt
+sich soviel Gutm&uuml;tigkeit hinter der meisten Eitelkeit, da&szlig; man lernen
+sollte, sie mit weniger Verachtung zu ertragen, denn der wahrhaft B&ouml;se ist
+selten eitel. Diese vereinsamten Gewaltigen ihrer verkannten Herrlichkeit
+sind oft durch einen unvermuteten fremden Glauben an ihre Bedeutung so
+heftig zu ersch&uuml;ttern, da&szlig; ihre Hoheit sich in bittere Anklage verwandelt,
+sobald sie einmal nicht bestritten wird.</p>
+
+<p>Trotz dieser Kenntnis beschlo&szlig; ich, den K&ouml;nig von Schamaji so ernst zu
+nehmen, als sei er der Maharadscha von Maisur; die kleinen Geschenke, die
+ich ihm h&auml;tte zum Empfang senden k&ouml;nnen, w&uuml;rden wahrscheinlich keinen
+gro&szlig;en Eindruck auf ihn gemacht haben, denn diese vergessenen F&uuml;rsten sind
+oft noch verm&ouml;gend<span class="pagenum"><a name="Page_173" id="Page_173">[173]</a></span> genug, um sich mit allem erreichbaren Tand zu umgeben,
+den der Handel aus dem Westen einf&uuml;hrt. Ich beschlo&szlig; deshalb, zuerst seine
+Bekanntschaft zu machen, und schickte Pascha mit der Alten, um um eine
+Audienz einzukommen und um die Erlaubnis, mein Zelt bis zum Morgen in der
+N&auml;he seines Throns aufschlagen zu d&uuml;rfen. Pascha ging, ernst wie immer und
+ohne erkennen zu lassen, was er von meinem Vorhaben hielt, die Alte
+quietschte vergn&uuml;gt und schlo&szlig; sich ihm an, in merkw&uuml;rdigen Spr&uuml;ngen, die
+eher auf ihre R&uuml;stigkeit, als auf ihre W&uuml;rde schlie&szlig;en lie&szlig;en und die
+sicherlich ihre erbeutete Kr&ouml;te auf das unangenehmste ber&uuml;hrten. Panja
+dagegen erhob Einspruch:</p>
+
+<p>&bdquo;So darfst du keinen K&ouml;nig behandeln, Sahib&ldquo;, sagte er nachdenklich und
+ohne Eifer. Er schien wirklich besorgt, und ich hatte alles andere
+erwartet, als er fortfuhr: &bdquo;Er wird sich auf seinen lahmen Elefanten hocken
+und auf dich herabsehen wie auf einen Bettler. Wenn du ihm aber erlaubt
+h&auml;ttest, dich zu sehen, so w&uuml;rde er dir seinen Elefanten geschickt und sich
+zur Erde geworfen haben, wenn du in seine Residenz eingeritten w&auml;rst.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Panja, ich will nicht, da&szlig; der K&ouml;nig mich sieht, sondern ich m&ouml;chte ihn
+sehen, und zwar so, wie er gesehen sein will und wie er zu leben pflegt.
+Glaubst du, der gebeugte Nacken eines Menschen sei unterhaltsamer, als sein
+erhobenes Gesicht?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Das ist der Kummer,&ldquo; sagte Panja, &bdquo;du h&auml;ltst nichts auf deine W&uuml;rde. Du
+k&ouml;nntest wie ein F&uuml;rst durch den Dschungel ziehen und kommst wie ein
+Wanderm&ouml;nch, der &uuml;berall bitten mu&szlig;. Es ist schwer, solchem Herrn dienen zu
+m&uuml;ssen. Dies w&auml;re nun wirklich einmal ein K&ouml;nig f&uuml;r uns gewesen. Bei
+anderen K&ouml;nigen, die noch Macht und Reicht&uuml;mer haben, w&auml;re dir ohnehin
+nichts anderes &uuml;briggeblieben.&ldquo;</p>
+
+<p>Er hockte sich bek&uuml;mmert auf einen Gep&auml;ckballen und betrachtete<span class="pagenum"><a name="Page_174" id="Page_174">[174]</a></span> die
+Ameisen, die ihn zu erobern suchten. Im Grunde dachte er gewi&szlig; nicht so,
+und er w&auml;re leicht vom Gegenteil zu &uuml;berzeugen gewesen, es lag ihm nur
+daran, mein Ansehen zu heben und seines in Szene zu setzen, und da sich f&uuml;r
+das letzte gewi&szlig; noch Gelegenheit bieten w&uuml;rde, lie&szlig; ich ihn in seinem
+Kummer allein.</p>
+
+<p>Sein Schmerz brach noch einmal durch:</p>
+
+<p>&bdquo;Glaubst du, ich hielte dich f&uuml;r arm oder machtlos, Sahib? Ich wei&szlig; alles.
+Aber was hilft ein goldgesticktes Kleid, wenn man es verkehrt anzieht und
+zukn&ouml;pft? Wer ehrlich ist, zeigt was er ist.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Panja, es ist zu hei&szlig; zum Reden, wir wollen ein wenig ruhen, bis der K&ouml;nig
+kommt.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nein, du sollst sprechen!&ldquo;</p>
+
+<p>Als ich schwieg, stampfte er mit dem Fu&szlig;.</p>
+
+<p>&bdquo;Glaubst du, ich sei gl&uuml;cklich, wenn ich recht behalte?&ldquo; fragte er b&ouml;se.</p>
+
+<p>&bdquo;So geht es auch mir,&ldquo; antwortete ich ihm, &bdquo;und so ist es mit dem
+goldgestickten Kleid, von dem du gesprochen hast.&ldquo;</p>
+
+<p>Er sch&uuml;ttelte eifrig den Kopf.</p>
+
+<p>&bdquo;So kann es nicht sein, denn ich bin dein Diener, du aber bist der Herr und
+mu&szlig;t recht behalten. Bist du ein Diener des K&ouml;nigs, da&szlig; es dich qu&auml;len
+k&ouml;nnte, wenn er schweigt, und du f&uuml;hlst, da&szlig; er doch im Grunde recht hat?
+Du l&auml;&szlig;t ihn sitzen und gehst. Aber ich kann nicht fortgehen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;In dem Reiche, in welchem es mir gef&auml;llt, gibt es keine Herren und
+Knechte, Panja, sondern nur lebendige Wesen, und das Ziel aller Lebendigen
+ist die Freiheit. Der Wunsch nach rechter Freiheit aber richtet seine Augen
+nicht auf andere, sondern zuerst in die eigene Brust. Auf diese Art braucht
+niemand um sein Recht besorgt zu sein, es f&auml;llt jedem sein Teil zu, wenn
+jeder sein Teil erkennt und bewacht.&ldquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_175" id="Page_175">[175]</a></span>&bdquo;Wenn dein Gott dich das lehrt,&ldquo; sagte Panja, &bdquo;so kennt er die Welt nicht
+und wei&szlig; nicht, wie es in ihr zugeht.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Vielleicht wei&szlig; er nicht, wie sie ist, aber er wei&szlig;, wie sie sein sollte.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;So sage mir, was du Freiheit nennst? Wie soll ich dich verstehen?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Freiheit beginnt mit der Erkenntnis und dem Willen, da&szlig; man sein Handeln
+nicht mehr danach richtet, was man anderen damit antut, sondern danach, was
+man sich selbst zuf&uuml;gt, oder was man um seiner selbst willen unterl&auml;&szlig;t.
+Nimm an, du schl&auml;gst einen Menschen oder ein Tier, das mag zuweilen
+notwendig sein. Du und das fremde Wesen, ihr beide werdet etwas dabei
+empfinden. Es wird dir solange gleichg&uuml;ltig sein, was ein anderer dabei
+f&uuml;hlt, bis du gelernt hast, zu beachten, was dir selbst dabei durch die
+Seele geht. Hierauf achtzuhaben und sein Handeln danach einzustellen, ist
+der erste Schritt zur Freiheit.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Und der letzte?&ldquo; fragte Panja.</p>
+
+<p>&bdquo;Der letzte ist der Wille, alles B&ouml;se deines Herzens in Liebe zu
+verkehren.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich wei&szlig; nicht, was gut ist und was b&ouml;se. Alle Menschen denken dar&uuml;ber
+verschieden. Die Brahminen denken anders als ich, du denkst anders als die
+Fakire, die aus den Bergen niedersteigen, und wenn du gar einem Missionar
+begegnest, so denkt er so dar&uuml;ber, da&szlig; sich deine Haare str&auml;uben.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Das ist nicht wahr, du wei&szlig;t doch, was b&ouml;se ist, und du brauchst es nur
+f&uuml;r dich selbst zu wissen. Es ist nicht deine Aufgabe, dem B&ouml;sen zu
+begegnen, das dir bei anderen entgegentritt. F&uuml;r dich selbst aber wirst du
+es wissen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Gut, wenn ich aber keine Liebe habe, Sahib?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Dann bist du verloren, Panja, dann kann kein Gott dir zur Frei<span class="pagenum"><a name="Page_176" id="Page_176">[176]</a></span>heit
+verhelfen, der meine nicht und der deine nicht, keiner. Solche Menschen
+sind wahrhaft arm und verloren.&ldquo;</p>
+
+<p>Panja schien sich mit diesem Resultat einer bescheidenen Reflexion
+zufrieden zu geben, er l&auml;chelte vor sich hin, als k&auml;me er selbst bei einer
+solchen Lage der Dinge nicht eben schlecht weg. Aber dann begann er sich zu
+kratzen, und ich erkannte, durch den Sonnenschein blinzelnd, da&szlig; kein
+&auml;u&szlig;erlicher Grund f&uuml;r diesen Kraftaufwand vorlag. Er meinte vorsichtig:</p>
+
+<p>&bdquo;Was du in deinem Kopf ausdenkst, Sahib, ist gar nicht &uuml;bel, aber wenn es
+herauskommt und man will etwas damit anfangen, so geht es einem &auml;hnlich,
+als wollte man sich Sonnenlicht f&uuml;r die Nacht aufheben. Das Leben ist doch
+anders, das ist die Sache.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Es ist dunkel, Panja. Dadurch unterscheidet sich unser Herz von unseren
+H&auml;nden, in ihm l&auml;&szlig;t sich Licht aufheben und bewahren.&ldquo;</p>
+
+<p>W&auml;re nicht eine trippelnde Schar kleiner Wilder am Ende des Pfades vom Dorf
+her erschienen, so h&auml;tte sich Panja sicher noch einen Einwand ausgedacht,
+jedenfalls behielt er insofern auch ohne Entgegnung recht, als die
+greifbaren Tatsachen des Lebens gebieterisch die Oberhand forderten. Es
+waren vielleicht zwanzig oder drei&szlig;ig Hindukinder, die in einiger
+Entfernung auf dem schmalen Weg den Versuch machten, immer eins vor dem
+andern zu stehen, da jedes die Absicht mit sich trug, am besten glotzen zu
+k&ouml;nnen. Dies Bestreben bewirkte, da&szlig; das belebte Kn&auml;uel sich immer mehr
+n&auml;herte, bis endlich die st&auml;rksten Knaben vorn waren und die Beine in den
+Boden stemmten, um nicht weiter an uns herangedr&auml;ngt zu werden. Einige
+kletterten in die Pfefferranken, und die schwarzen Augen sahen &uuml;ber den
+braunen Pausbacken durch die gr&uuml;nen Bl&auml;tter.</p>
+
+<p>&bdquo;Eine Botschaft im Kopf einer alten Frau ist wie Reis in einem groben
+Sieb&ldquo;, sagte Panja und lachte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_177" id="Page_177">[177]</a></span>&bdquo;Es war keine junge da, Panja.&ldquo;</p>
+
+<p>Er sah mich neugierig an und meinte dann:</p>
+
+<p>&bdquo;Dir ist es gleichg&uuml;ltig, Sahib. Du siehst auf die Frauen meines Landes wie
+ich auf die Gedanken deiner Stirn.&ldquo;</p>
+
+<p>Ich wunderte mich in der letzten Zeit oft &uuml;ber Panjas Freimut und &uuml;ber den
+vergn&uuml;gten Eifer, mit dem er vertrauensvoll im Element unserer Beziehung
+umherzuschwimmen begann. Ich empfand dar&uuml;ber gro&szlig;e Freude, denn meine Art,
+mich mit ihm einzulassen, h&auml;tte bei den meisten M&auml;nnern seines Volkes und
+seines Standes zu Entt&auml;uschungen gef&uuml;hrt.</p>
+
+<p>Panja trat gebieterisch vor die lebenden Resultate der erfolgreichsten
+Bem&uuml;hung der Einwohner der K&ouml;nigsstadt, aber der Eindruck, den er machte,
+war nicht so gro&szlig;, als er erwartet hatte. Da kehrte er um, nahm mein Gewehr
+und ging wieder zur&uuml;ck. Jetzt wichen ihm die Kleinen scheu aus, und er
+l&auml;chelte befriedigt und hielt eine Ansprache in hindustani, die einen um so
+st&auml;rkeren Eindruck machte, als sie nicht verstanden wurde. Er wurde durch
+ein fernes Klirren und Fl&ouml;ten unterbrochen und kam rasch zu mir zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&bdquo;Der K&ouml;nig kommt,&ldquo; rief er, &bdquo;wenn er nicht zu neugierig w&auml;re, w&uuml;rde er dich
+wahrscheinlich l&auml;nger haben warten lassen.&ldquo;</p>
+
+<p>Die l&auml;rmende Musik kam n&auml;her, sie spannte seltsam die Erwartung, wie sie
+hinter den gr&uuml;nen Vorh&auml;ngen des Dickichts heranr&uuml;ckte, und ihr Rhythmus
+ersch&uuml;tterte das Blut geheimnisvoll. Das erste, was ich bald darauf
+erblickte, war der graue Sch&auml;del eines riesigen Elefanten und &uuml;ber ihm das
+bunte Kattundach eines etwas schiefen Baldachins, der von drei vergoldeten
+Stangen gehalten wurde und von einer eisernen. Unter dem hellen Dach war
+ein geflochtener Verdeckstuhl aus Rohr kunstvoll befestigt, und auf ihm sa&szlig;
+der K&ouml;nig von Schamaji und sp&auml;hte mit eifrig bewegtem Kopf nach seinem
+Besuch aus. Acht Diener zur Rechten und Linken des Ele<span class="pagenum"><a name="Page_178" id="Page_178">[178]</a></span>fanten trugen F&auml;cher
+aus Pfauenfedern, die an d&uuml;nnen Bambusstangen befestigt und etwas schadhaft
+waren, ihre vielfarbigen Augen waren zum Teil erblindet, wie auch die
+Gew&auml;nder der Gefolgschaft in etwas den Eindruck einer raschen
+Zusammengesuchtheit erweckten. Immerhin entbehrte der Anblick des Zuges
+keineswegs einer gewissen Pracht, besonders die Decken des Elefanten
+gefielen mir wohl und waren, bis auf die faustgro&szlig;en, gl&auml;sernen Edelsteine,
+wertvoll, von reicher Stickerei und sch&ouml;nem Stoff. Die Musikanten
+schritten, entgegen der gewohnten Art solcher Festz&uuml;ge, hinter dem
+Elefanten, wahrscheinlich hatte der K&ouml;nig ihnen den Vortritt nicht geg&ouml;nnt,
+und so gruppierten sie sich auch eher neugierig, als eben feierlich, und
+suchten zur Rechten und zur Linken des dicken Ungeheuers soviel als m&ouml;glich
+von dem Fremden zu ersp&auml;hen. Hinter ihnen zog in ungeordneten Haufen das
+ganze Dorf heran.</p>
+
+<p>Wir waren bis zu einer Lichtung vorangeschritten, und der K&ouml;nig nickte mir
+huldvoll zu, nachdem er den Aufstieg der Musik durch eine Bewegung seiner
+braunen Hand beschwichtigt hatte. Er hie&szlig; mich auf englisch in seinem Reich
+willkommen, nachdem er zuvor einen pr&uuml;fenden Blick auf mein Gep&auml;ck geworfen
+hatte. Ich antwortete ihm englisch, und Panja &uuml;bersetzte meine Worte, denn
+er traute dem K&ouml;nig keine weiteren Kenntnisse dieser Sprache zu, und er
+behielt darin recht.</p>
+
+<p>Der K&ouml;nig kletterte hierauf mit gro&szlig;em Geschick von seinem Elefanten, wobei
+er so selbstverst&auml;ndlich auf die Schultern seiner W&uuml;rdentr&auml;ger trat, als
+bildeten sie eine nat&uuml;rliche Treppe. Durch den Abstand, in welchem er sich
+von mir hielt, deutete er mir an, da&szlig; er die abendl&auml;ndische Sitte eines
+H&auml;ndedrucks zu vermeiden ged&auml;chte, und ich sagte ihm einige H&ouml;flichkeiten
+&uuml;ber sein Ansehen und &uuml;ber seine Macht, von welchen beiden der Dschungel<span class="pagenum"><a name="Page_179" id="Page_179">[179]</a></span>
+widerkl&auml;nge. Das gefiel ihm wohl, und so erfuhr ich von ihm, da&szlig; er noch
+einen zweiten Elefanten bes&auml;&szlig;e, der aber nicht mitgewollt h&auml;tte, da&szlig; mir
+der Zutritt in seine Stadt offen st&uuml;nde, und da&szlig; ich mein Zelt im Garten
+seines Schlosses aufschlagen d&uuml;rfte. Wir standen in einem braun-wei&szlig;en Ring
+von staunenden Menschen, im Schatten des Elefanten, und sagten uns noch
+eine ganze Weile angenehme Dinge. Endlich fragte der K&ouml;nig, was mein Begehr
+sei.</p>
+
+<p>Panja riet mir rasch, eine Regierungspflicht vorzusch&uuml;tzen, aber es
+widerstand mir, und so antwortete ich, da&szlig; ich gekommen sei, sein Land und
+seine Stadt zu sehen, von der ich im Abendland geh&ouml;rt h&auml;tte. Ich glaube
+nicht, da&szlig; Panja dies richtig weitergegeben hat, jedenfalls minderte seine
+Auskunft die Gunst des K&ouml;nigs nicht herab, und er begleitete uns ins Dorf
+zur&uuml;ck, immer bem&uuml;ht, mir nicht zu nahe zu treten, und au&szlig;erordentlich
+unh&ouml;flich gegen sein Volk.</p>
+
+<p>&bdquo;Bist du ein Engl&auml;nder?&ldquo; fragte der K&ouml;nig z&ouml;gernd, und Panja antwortete,
+bevor ich etwas entgegnen konnte:</p>
+
+<p>&bdquo;Der Sahib l&auml;&szlig;t fragen, ob du ein K&ouml;nig seist?&ldquo;</p>
+
+<p>Das wurde verstanden, ich wunderte mich sehr dar&uuml;ber auf wie freundliche
+Art, aber man mu&szlig; die K&auml;lte und Sicherheit der englischen Beamten im Innern
+Indiens gesehen haben, um zu begreifen, da&szlig; diese Gegenfrage keinesfalls
+das gewohnte Ma&szlig; der englischen Arroganz &uuml;berschritt. So war ich also ein
+Engl&auml;nder. Wahrscheinlich h&auml;tte die Verk&uuml;ndigung meiner deutschen
+Nationalit&auml;t keinen gr&ouml;&szlig;eren Eindruck auf diesen F&uuml;rsten gemacht, als wenn
+sich in Berlin ein Neger mit Stolz als zum Stamme der Aschanti geh&ouml;rig
+ausgibt.</p>
+
+<p>Wir kamen &uuml;ber den Dorfplatz, der, wie mit gro&szlig;en graugr&uuml;nen Zelten, mit
+wilden Feigenb&auml;umen umstellt war, deren h&auml;ngende<span class="pagenum"><a name="Page_180" id="Page_180">[180]</a></span> Wurzeln, wie das
+Gitterwerk eines K&auml;figs, den Ausblick auf die fast ganz im Gr&uuml;n verborgenen
+H&uuml;tten anf&auml;nglich verdeckten. Das Schlo&szlig; lag am Ende des Dorfs in einem
+Hain von wilden Zitronenb&auml;umen und Arekapalmen, es war zweist&ouml;ckig und wei&szlig;
+get&uuml;ncht, von einem hohen Kakteenzaun umgeben, zwischen dem Termitenbauten
+nat&uuml;rliche Befestigungst&uuml;rmchen bildeten. Die mit Bambusgitterwerk
+verhangenen Fenster schwiegen geheimnisvoll in dem abendlichen
+Sonnenschein, der schr&auml;g durch die Palmen drang, nur zuweilen klirrten die
+blanken St&auml;bchen leise, als r&uuml;hrte sich hinter ihnen die Hand einer
+Neugierigen.</p>
+
+<p>Ich habe nur den Hof des Hauses betreten d&uuml;rfen und h&auml;tte nach dieser
+kurzen Begr&uuml;&szlig;ung den K&ouml;nig wahrscheinlich nicht mehr zu Gesicht bekommen,
+wenn nicht ein aufregender Vorfall mein Interesse aufs h&ouml;chste gespannt und
+meine zur Stunde nicht sonderlich auf &auml;u&szlig;ere Abenteuer gestimmte Seele in
+ein gefahrvolles Ereignis verwickelt h&auml;tte.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Als der rasche Abend niedersank und wir vor unserem Zelt unsere Mahlzeit
+beendet hatten, vernahm ich aus dem Dunkel des Gartens einen klagenden
+Sington von merkw&uuml;rdig einschmeichelnder und zugleich wehm&uuml;tiger
+Verlorenheit. So singen zuweilen im Einsamen besch&auml;ftigte Menschen vor sich
+hin, die sich f&uuml;r unbeobachtet und unbelauscht halten. Es waren
+langgezogene, wie mit dem schweren Atem hervorgehauchte T&ouml;ne, nur wenig
+voneinander unterschieden und tierhaft traurig. Sie wiederholten sich immer
+wieder und bem&auml;chtigten sich meiner auf eine geradezu d&auml;monisch zwingende
+Art, so da&szlig; ich mich getrieben sah, ihnen wider meinen Willen nachzugehen.
+Panja lie&szlig; mich auf diesem Streifzug durch den n&auml;chtlichen Garten nicht
+allein. Die Sterne schienen hell, und die riesigen Bl&auml;tter der
+Bananenstauden zur Rechten und zur Lin<span class="pagenum"><a name="Page_181" id="Page_181">[181]</a></span>ken der schmalen Wege erhoben sich
+wie gest&uuml;rzte und sinkende S&auml;ulen eines heidnischen Bollwerks gegen die
+Macht b&ouml;ser G&ouml;tter, oder sie hingen zerrissen im Sternenschein nieder, wie
+die H&auml;ute zerfetzter Ungeheuer.</p>
+
+<p>&bdquo;Der K&ouml;nig gibt uns Boote,&ldquo; sagte Panja leise, &bdquo;aber er erwartet eine
+Bezahlung, die seiner W&uuml;rde entspricht. Er hat auch Ruderer ausgew&auml;hlt,
+sogar Bananen, Papaya und Gew&uuml;rze f&uuml;r den Reis.&ldquo;</p>
+
+<p>Ich nickte schweigend, wir sprachen nicht &uuml;ber die T&ouml;ne, die uns lockten.
+Vielleicht setzte Panja voraus, da&szlig; ich wu&szlig;te, um was es sich handelte,
+vielleicht hielt ihn eine &auml;hnliche Scheu von seinen Mitteilungen ab wie
+mich vom Fragen.</p>
+
+<p>Dicht am Kakteenzaun des Gartens erhob sich nach einer Weile schwarz und
+m&auml;chtig die h&ouml;lzerne Pagode eines Tempels, wir sahen in den Hof hin&uuml;ber,
+was vom k&ouml;niglichen Garten aus m&ouml;glich war, und erblickten die heilige
+Ziege zwischen den braunen Pf&auml;hlen des Vorplatzes zum Heiligsten. Es r&uuml;hrte
+sich nichts an der geweihten St&auml;tte, nur ein schwacher, r&ouml;tlicher
+Lichtschein glomm hinter dem niedrigen dunkeln T&uuml;rrahmen, als w&auml;re ein
+Vorhang aus zartroter Seide vor dem geheimnisvollen Raum ausgespannt.</p>
+
+<p>Als unsere Schritte sich einem Bambusdickicht n&auml;herten, hinter dessen leise
+sirrendem Gefieder der Umri&szlig; eines niedrigen Geb&auml;udes sichtbar wurde,
+verstummte der tr&uuml;be Singsang, &auml;hnlich wie der Grillengesang im hohen Gras
+erlischt, wenn ein n&auml;chtlicher Sp&auml;her herantritt. Wir drangen in die hohen
+Stauden ein, auf einem schmalen, kaum sichtbaren Pfad, &uuml;ber uns hingen die
+Sterne im d&uuml;nnen Bambusbl&auml;tterwerk, wie stechende, kleine Ampeln. Hinter
+einer vergitterten T&uuml;r, im Schwarzen, erklang ein schwaches St&ouml;hnen, dicht
+an den h&ouml;lzernen St&auml;ben.</p>
+
+<p>&bdquo;Wir m&uuml;ssen Licht haben&ldquo;, sagte ich leise zu Panja.</p>
+
+<p>Dies w&auml;re nur durch eine Fackel m&ouml;glich gewesen, und ihr Schein<span class="pagenum"><a name="Page_182" id="Page_182">[182]</a></span> h&auml;tte uns
+verraten. Wir w&auml;ren unserem k&ouml;niglichen Gastgeber wohl kaum als sonderlich
+h&ouml;flich erschienen, wenn er uns dar&uuml;ber ertappt h&auml;tte, wie wir sein
+h&auml;usliches Bereich n&auml;chtlicherweile durchforschten.</p>
+
+<p>&bdquo;Wenn wir warten, so werden wir sehen lernen&ldquo;, meinte Panja. Die Sterne
+schienen sehr hell, ich h&ouml;rte mein Herz klopfen und stand unentschlossen.</p>
+
+<p>&bdquo;Ist es ein Tier?&ldquo; fragte ich Panja.</p>
+
+<p>Er sah mich &uuml;berrascht an, als h&auml;tte er mich f&uuml;r unterrichtet gehalten und
+wundere sich nun &uuml;ber meine Frage.</p>
+
+<p>&bdquo;Ein Tier? Es ist ein Weib, das klagt&ldquo;, sagte er. &bdquo;Vielleicht hat die Liebe
+sie verwundet, vielleicht erleidet sie eine Strafe.&ldquo;</p>
+
+<p>Ein tr&uuml;ber Dunst, der den Atem benahm, schlug mir entgegen, als ich nun
+nahe an das Holzgitter herantrat. Meine Furcht war jenem gedankenlosen Mut
+der Emp&ouml;rung gewichen, der mit Panjas Worten in mir erwachen mu&szlig;te. Ich
+hielt mich seitlich, um den schwachen Lichtschein auf die dunkle &Ouml;ffnung
+fallen zu lassen. Das niedrige H&auml;uschen war gemauert und glich einem
+vernachl&auml;ssigten Stall.</p>
+
+<p>&bdquo;Wer ist dort?&ldquo; fragte ich auf kanaresisch. Panja stand dicht hinter mir.
+Da sah ich nach einer kurzen Weile bedr&auml;ngten Wartens ein schmales
+Menschengesicht, merkw&uuml;rdig farblos und von kranker Bl&auml;sse, zwischen zwei
+St&auml;ben des Gitters erscheinen. Rechts und links von dem schwarzen Haar, das
+gel&ouml;st niedersank, erblickte ich die erschreckend mageren Finger der H&auml;nde,
+die in der H&ouml;he der Augen je einen Stab umklammerten. Diese Erscheinung war
+im n&auml;chtlichen Licht so grauenhaft in ihrer Verdammnis, als tauchte das
+Gesicht einer l&auml;ngst Verstorbenen aus der Gruft empor. Die gro&szlig;en dunklen
+Augen saugten die Nacht auf und gaben sie in l&auml;hmender Stille zur&uuml;ck. Mir
+war, als erl&ouml;sche mein Herz, und ich taumelte und ergriff Panjas Arm.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_183" id="Page_183">[183]</a></span>&bdquo;Komm, Sahib,&ldquo; sagte er, &bdquo;wenn sie krank ist, so schleicht die Seuche in
+deine Glieder.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ist sie krank?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich wei&szlig; es nicht&ldquo;, sagte er z&ouml;gernd.</p>
+
+<p>&bdquo;Du wei&szlig;t es doch&ldquo;, schrie ich, die Z&auml;hne aufeinander gepre&szlig;t.</p>
+
+<p>Panja erschrak.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich wei&szlig; nur, Herr, da&szlig; untreue Frauen in diesem Lande auf solche Art
+bestraft werden, aber es ist m&ouml;glich, da&szlig; sie erkrankt ist.&ldquo;</p>
+
+<p>Mich verlie&szlig; der Rest meiner nat&uuml;rlichen Besinnung, ich packte einen der
+Holzst&auml;be des Gitters mit beiden F&auml;usten, stemmte den Fu&szlig; gegen die
+Bodenmauer und setzte jenen gro&szlig;en Aufwand entfesselter Kraft ein, den die
+h&ouml;chste Emp&ouml;rung uns verleihen kann, aber meine Bem&uuml;hung war vergebens, da
+die St&auml;be aus Bambus waren.</p>
+
+<p>Panja zog mich zur&uuml;ck. Ich entsinne mich nicht, da&szlig; er mich jemals vorher
+ber&uuml;hrt hat, und mehr diese K&uuml;hnheit als seine Absicht brachten mich zur
+einsichtvolleren Betrachtung der Lage, die zweifellos recht schwierig war,
+wenn ich erwog, da&szlig; ich auf jeden Fall alles einsetzen wollte, dieser
+Ungl&uuml;cklichen ihr Geschick zu erleichtern, und mich zum andern die
+Angelegenheit durchaus nichts anging. Der K&ouml;nig w&uuml;rde mir einen
+eigenm&auml;chtigen Eingriff in seine Rechte niemals verzeihen, und wenn seine
+Machtbefugnisse auch keinesfalls so gro&szlig; waren, wie er w&auml;hnte und vorgab,
+so hatte ich andererseits nicht den R&uuml;ckhalt, den er bei mir vermutete. Die
+Engl&auml;nder pflegen die Gebr&auml;uche und die pers&ouml;nlichen Gewohnheiten der
+vornehmen Hindus, wie auch die der Brahminen auf das zur&uuml;ckhaltendste zu
+respektieren, weil sie erkannt haben, da&szlig; sie durch die Unterschiede der
+Sitten, welche die einzelnen Kasten auszeichnen, das Land um so leichter
+beherrschen.<span class="pagenum"><a name="Page_184" id="Page_184">[184]</a></span> So gering ihre Zahl im Vergleich zu den Eingeborenen ist, so
+gro&szlig; ist sie als eine einzige geschlossene Gesellschaft, selbst der
+m&auml;chtigsten Kaste gegen&uuml;ber.</p>
+
+<p>So mu&szlig;te ich wohl bedenken, da&szlig; ich keinen Schutz bei einer Regierung
+finden w&uuml;rde, deren Verwaltungstendenz einen Eingriff, wie den von mir
+geplanten, verurteilte, am wenigsten vielleicht als Deutscher. Gerade
+damals war England noch nicht &uuml;ber Deutschlands Kr&auml;fte und Rechte
+unterrichtet, und man hielt in London das erste energische Vorgehen der
+Deutschen in &uuml;berseeischen L&auml;ndern nur f&uuml;r anma&szlig;end.</p>
+
+<p>Trotzdem stand mein Entschlu&szlig; fest, meinen Wunsch zur Geltung zu bringen,
+und ich nahm mir vor, Panja in der Morgenfr&uuml;he zum K&ouml;nig zu senden und ihn
+um eine besondere Unterredung zu bitten. Es ist seltsam, wieviel leichter
+wir grausame oder ungerechte Handlungen begehen, als bei anderen dulden
+k&ouml;nnen. Der Gedanke an das Elend dieser eingekerkerten Frau &uuml;bersch&uuml;ttete
+mich in einer schlaflosen Nacht in der Schw&uuml;le unter dem Moskitovorhang mit
+einem hei&szlig;en Schauer der Emp&ouml;rung nach dem andern. Im kurzen Eind&auml;mmern
+eines qualvollen Halbschlafs erschien das w&auml;chserne braune Frauengesicht
+vor mir in gl&uuml;hendem Nebel, und die klagenden Singt&ouml;ne ihrer ersterbenden
+Stimme f&uuml;llten die von Unheil und nahenden Ungewittern schwangere
+Nachtluft.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Ich erhob mich mit dem ersten Morgengrauen in einem ins Schmerzhafte
+gesteigerten Verlangen danach, endlich das Meer, die Weite, den Widerschein
+der Befreitheit zu erblicken. Mir war, als h&auml;tten die gr&uuml;nen W&auml;nde meine
+Augen, ja alle Sinne abgestumpft und bis zur &auml;u&szlig;ersten Gereiztheit
+eingezw&auml;ngt, ich f&uuml;hlte mich schuldig und am Ersticken. In diesem Zustand
+mag der Eigen<span class="pagenum"><a name="Page_185" id="Page_185">[185]</a></span>sinn eines Gedankens um so ausschweifender und z&auml;her Gewalt
+gewinnen, es war zweifellos eine gesteigerte Wut, in der ich bald darauf
+dem K&ouml;nig gegen&uuml;bertrat. Es kam mir wenig auf die Folgen meiner
+Handlungsweise an, und dieser Verfassung mag ich mehr an Erfolg verdankt
+haben, als ich vielleicht einem &uuml;berlegten Vorgehen zu danken gehabt h&auml;tte.</p>
+
+<p>&bdquo;Du h&auml;ltst ein Weib in deinem Garten gefangen&ldquo;, sagte ich barsch. &bdquo;Es ist
+eines m&auml;chtigen F&uuml;rsten unw&uuml;rdig, so gegen ein hilfloses Wesen vorzugehen.
+Ich verlange, da&szlig; du ihr sogleich ihre Freiheit zur&uuml;ckgibst. Mehr nicht,
+aber das. Tu es gleich!&ldquo;</p>
+
+<p>Nach einem betroffenen Aufblick kam eine gro&szlig;e Geschmeidigkeit in das Wesen
+des Hinduf&uuml;rsten, eigensinnig und zugleich unterw&uuml;rfig und von einer
+Ausdauer im Umst&auml;ndlichen, die auch den gr&ouml;&szlig;ten Langmut erm&uuml;det h&auml;tte.
+Panja war sehr ernst und &uuml;bersetzte jedes Wort aufs genaueste, ich f&uuml;hlte,
+da&szlig; er nicht wagte, in dieser Situation eine Verantwortlichkeit zu
+&uuml;bernehmen.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich sehe, da&szlig; du mir nicht zu Willen bist,&ldquo; lie&szlig; ich dem K&ouml;nig antworten,
+&bdquo;so erinnere ich dich an das Gesetz der Regierung, das verbietet zu t&ouml;ten
+und das den Mord mit Tod bestraft.&ldquo;</p>
+
+<p>Der K&ouml;nig erbla&szlig;te und seine Lippen zitterten leicht, aber er blieb
+freundlich und herbeilassend und versuchte mich zu &uuml;berzeugen, da&szlig; es sich
+um eine leichte Strafe handelte, die zu verh&auml;ngen sein gutes Recht sei.
+Auch sei mir das Vergehen dieser Frau unbekannt. Er w&uuml;&szlig;te von der Strenge
+der Engl&auml;nder, aber zugleich habe er bisher niemals Grund gehabt, an ihrer
+Gerechtigkeit zu zweifeln, und er w&uuml;rde eher glauben, da&szlig; ein ungerechter
+Mann kein Engl&auml;nder sei, als er einem Engl&auml;nder eine Ungerechtigkeit
+zutraue.</p>
+
+<p>Ich begriff aufs neue die Schlauheit und Z&auml;higkeit dieser Menschen, ihre
+Beharrlichkeit und die List, mit der sie ihre kleinsten Zweifel zu Waffen
+machen, ohne eine nachweisbare Kr&auml;nkung da<span class="pagenum"><a name="Page_186" id="Page_186">[186]</a></span>mit zu verbinden. Billigerweise
+blieb mir kein anderer Ausweg, als nachzugeben, bevor ich nicht die Rechte
+zu einer Pr&uuml;fung erbracht, oder die Gr&uuml;nde f&uuml;r die Bestrafung der
+Eingekerkerten angeh&ouml;rt hatte. Aber die kleine Enge, in die ich getrieben
+worden war, machte mich nicht vorsichtig, sondern zornig, und so rief ich
+b&ouml;se: &bdquo;Wenn die Engl&auml;nder ihre Gerechtigkeit von den indischen K&ouml;nigen
+gelernt h&auml;tten, so s&auml;&szlig;est du hinter jenen St&auml;ben, noch ehe ich nach Bombay
+zur&uuml;ckgekehrt w&auml;re.&ldquo;</p>
+
+<p>Es ist sonst nicht meine Art, K&ouml;nigen auf so unh&ouml;fliche Weise zu begegnen,
+aber nach dem Anfang, den ich gemacht hatte, blieb mir nur dieser Weg
+&uuml;brig, denn mir ist die Klugheit fremd, die ihre Zelte auf der Walstatt
+errichtet, auf welcher ein hochherziger Vorsatz von Furcht &uuml;berw&auml;ltigt
+worden ist. Ich sah Panja an, da&szlig; er meine Antwort f&uuml;r richtig hielt, er
+trat vor und sagte ruhig:</p>
+
+<p>&bdquo;Die Beine der Gefangenen sind bis an die Knie hinauf von den Ameisen
+zerfressen.&ldquo;</p>
+
+<p>Der K&ouml;nig gab ihm keine Antwort, er sah vor sich nieder, als ginge ihn dies
+alles pl&ouml;tzlich nichts mehr an, und zum erstenmal schlich, &uuml;ber dieser
+neuen Geb&auml;rde meines Gegners, eine graue Furcht in mein Herz. Ich f&uuml;hlte,
+da&szlig; er den Gebrauch von Waffen erwog, denen keine Gesinnung gewachsen ist;
+dies war die Stille, in der das B&ouml;se, zum &auml;u&szlig;ersten getrieben, das Niedrige
+beschw&ouml;rt.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich werde die Gefangene freigeben, Sahib Kollektor&ldquo;, sagte er ruhig und
+trat zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Dieser Titel war mir gewi&szlig; nicht aufrichtigen Herzens zugelegt, denn der
+englische Kollektor ist der h&ouml;chste Regierungsbeamte des Bezirks und w&uuml;rde
+sicherlich nicht in meinem Aufzug durch die vergessene Wildnis des
+Dschungels von Kanara reisen. Ich wu&szlig;te dies wohl, und nicht nur der
+lauernde Blick des K&ouml;nigs unterrichtete mich &uuml;ber die T&uuml;cke dieses
+Angriffs.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_187" id="Page_187">[187]</a></span>&bdquo;Wenn der Kollektor h&auml;tte kommen wollen, so w&auml;re ich nicht selbst
+gegangen&ldquo;, sagte ich frech. Es kam mir nun durchaus nicht mehr darauf an,
+etwas anderes zu geben, als gute Antworten. Ich forderte die Entgegnung des
+K&ouml;nigs mit ruhigen Augen heraus, und sicherlich hat ihre Farbe ihn mehr
+bedr&auml;ngt als meine Anma&szlig;ung. Er sah mich nur einmal rasch und voll
+unterdr&uuml;ckten Hasses an. Das dunkle Gift der Dschungelnacht blinkte in
+seinen m&uuml;den Samtaugen auf, die Bosheit der Fremde und der ganze Rassenha&szlig;
+eines unterdr&uuml;ckten Volks.</p>
+
+<p>Ich hielt es f&uuml;r angebracht, mich vorderhand mit diesem Zugest&auml;ndnis zu
+begn&uuml;gen und abzuwarten, welche weitere Wirkung meine Forderung haben
+w&uuml;rde. So verabschiedete ich mich vom K&ouml;nig, wobei wir uns beide beflissen
+zeigten, so gn&auml;dig als m&ouml;glich zu erscheinen. Ich lie&szlig; das Zelt abbrechen
+und alles zur Abfahrt vorbereiten, nahm mir aber fest vor, das Boot nicht
+eher zu betreten, als bis ich das Resultat meiner Bem&uuml;hung gesehen hatte.
+Es blieb mir kaum recht Zeit zu &uuml;berlegen, ob ein Erfolg oder ein Mi&szlig;erfolg
+gr&ouml;&szlig;ere Schwierigkeiten f&uuml;r mich mit sich bringen w&uuml;rde, denn noch ehe die
+letzten Eisenkoffer geschlossen waren, brachten zwei Diener des K&ouml;nigs
+seine Gefangene zu uns. Die junge Frau war in ein wei&szlig;es Tuch geh&uuml;llt und
+schritt langsam und m&uuml;hselig dahin, ich sah kaum mehr als ihre Augen, als
+sie vor mir stand, und die flackernde Furcht darin machte mich ratlos.</p>
+
+<p>Panja versuchte mit ihr zu sprechen, und nach langer M&uuml;he gelang es ihm,
+ihr verst&auml;ndlich zu machen, da&szlig; sie uns ihre Befreiung aus ihrer Lage
+verdankte, und da&szlig; es ihr anheimgestellt sei, zu gehen, wohin es ihr
+beliebte.</p>
+
+<p>Sie lie&szlig; sich stumm am Boden nieder, wahrscheinlich aus Ersch&ouml;pfung, und
+schlo&szlig; immer wieder f&uuml;r lange ihre Augen, die des Lichts entw&ouml;hnt waren.
+Kein Zeichen von Dank oder Freude be<span class="pagenum"><a name="Page_188" id="Page_188">[188]</a></span>lohnte uns, bis sie endlich, nachdem
+ich mich zur&uuml;ckgezogen hatte, Panja fragte, ob sie den fremden Sahib
+begleiten m&uuml;sse.</p>
+
+<p>Panja will ihr gesagt haben, da&szlig; wir nichts von ihr forderten oder
+erwarteten, er hat ihr die Freiheit so verlockend geschildert, als sie ihm
+nur immer erschienen sein mag. Nach einer kleinen Weile kam er zu mir und
+sagte ohne Triumph oder Parteinahme, aber ehrlich best&uuml;rzt:</p>
+
+<p>&bdquo;Sahib, die junge Frau bittet dich, sie zur&uuml;ckkehren zu lassen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;In ihr Gef&auml;ngnis?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, Herr. Sie hat die H&auml;nde auf ihr Herz gelegt und den Namen des K&ouml;nigs
+genannt.&ldquo;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Eine Stunde darauf stie&szlig;en unsere Boote vom Landungsplatz des Dorfes
+Schamaji aus in die lauen Strudel des Kumardary, der uns tr&auml;ge und still
+nach Westen trug, auf das Meer zu. Der Liebe lassen sich keine
+Liebesdienste erweisen, sie ist in ihrem Fortgang selbst&auml;ndiger und
+beharrlicher als jedes andere menschliche Gef&uuml;hl, und ihre Sicherheit ist
+h&ouml;heren Ursprungs als die Vernunft.</p>
+
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_189" id="Page_189">[189]</a></span></p>
+<h2>
+<a name="kap11" id="kap11"></a>Elftes Kapitel<br />
+Mangalore
+</h2>
+
+
+<p>Die merkw&uuml;rdige Tatsache unseres irdischen Daseins ist mir immer in den
+Augenblicken des Erwachens am wunderbarsten erschienen. Wenn sich unsere
+Sinne, unter dem Glanz der Morgensonne oder durch das Lied eines Vogels im
+Licht erweckt, aufs neue zum Bewu&szlig;tsein zusammenfinden, so bricht &uuml;ber das
+Herz bisweilen wie ein Schauer von Gl&uuml;ck und Erstaunen die Gewi&szlig;heit
+herein, am Leben zu sein, noch nach Unz&auml;hligen, die versunken sind, und
+nach Ungez&auml;hlten, die kommen werden, auf der beschienenen Oberfl&auml;che der
+Erde ein lebendiger Mensch zu sein. Ich wurde mir dieses freudigen
+Erstaunens in keiner Stunde st&auml;rker bewu&szlig;t, als an jenem Morgen, an dem ich
+im Boot auf dem Flu&szlig; erwachte. Am Abend vorher hatten wir einen toten Arm
+des versandeten Stroms gefunden, in dem das Wasser, still wie in einem See,
+unter einer gr&uuml;nen Decke wunderlicher Sumpfpflanzen lag, und da keine
+M&ouml;glichkeit bestand, die Boote durch den Morast der Ufer an festes Land zu
+ziehen, hatte Panja geraten, auf dem Wasser zu &uuml;bernachten. Es war mir
+gegen Morgen entgangen, da&szlig; das Boot, in welchem ich schlief, wieder in die
+Str&ouml;mung gesto&szlig;en wurde, und so erwachte ich erst, als schon die Sonne
+schien, und der leise Gesang des Wassers traf meine leicht best&uuml;rzten
+Sinne. Ich erinnerte mich nur langsam der Lage, und sogar meine Lebenszeit
+hatte sich mir f&uuml;r Augenblicke verwischt. In einem von aller Zeitrechnung
+befreiten Aufstieg meines Bewu&szlig;tseins wurde mir nur eines zur Gewi&szlig;heit:
+Die Sonne scheint auf die Erde, in den B&auml;umen rufen lebendige Gesch&ouml;pfe und
+du selbst lebst.</p>
+
+<p>Solche Augenblicke erscheinen uns oft in sp&auml;terem Gedenken daran sehr
+bedeutungsvoll, da sie mit dem Abstand wachsen, und weil<span class="pagenum"><a name="Page_190" id="Page_190">[190]</a></span> die Erinnerung
+die Geschehnisse nicht nach ihrer Dauer und ihrem Wert zu bewahren pflegt,
+sondern nach dem Ma&szlig;e ihrer Eindringlichkeit. Und ob ein Erlebnis uns im
+Ged&auml;chtnis zur&uuml;ckbleibt, h&auml;ngt wenig von seiner erkennbaren Bedeutung ab.
+Vielmehr sind es zumeist so unscheinbare, ja oft geradezu kleinliche
+Begebenheiten, welche unsere Erinnerung unausl&ouml;schbar bewahrt, da&szlig; wir ihr
+nur ein L&auml;cheln g&ouml;nnen, ohne zu begreifen, da&szlig; ihre Kr&auml;fte ein eigenes
+sittliches Reich darstellen, dessen mystische Eigenart unserem Willen in
+keiner Weise untergeordnet ist. &bdquo;Wenn Gottes Augen, welche ohne Aufh&ouml;r die
+Regionen seiner Sch&ouml;pfung durchschweifen, unser Dasein treffen, so bleibt
+der Augenblick in unserer Erinnerung f&uuml;r immer haften&ldquo;, sagte einmal ein
+buddhistischer M&ouml;nch aus Kaschmir zu mir, der Malabar auf der Suche nach
+einem heiligen Baum mit grauen Bl&uuml;ten durchwanderte. So werden die
+Lebensstunden, welche wir f&uuml;r gro&szlig; gehalten haben, oft abh&auml;ngige Kindlein
+kleiner Einzelf&auml;lle, an die sie sich lehnen m&uuml;ssen, um nicht im Dunkel zu
+versinken.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Ich richtete mich im Boot auf und sah die Ufer gleiten, sie waren so dicht
+umwachsen, da&szlig; es erschien, als w&auml;ren wir zwischen zerbr&ouml;ckelten gr&uuml;nen
+Mauern auf stiller, eiliger Flucht, zwischen W&auml;nden, die bald
+auseinanderwichen, bald aufeinander zur&uuml;ckten. Das unsterbliche
+Himmelsblau, unwirklich in seiner funkelnden Farbstille, spannte sich
+dar&uuml;ber aus, und bisweilen schossen die blendenden Strahlen der Morgensonne
+in meine Augen und schlossen sie.</p>
+
+<p>Der zur&uuml;ckliegende Tag war voller Beschwerden gewesen, und wir hatten
+Uppanangadi nur mit M&uuml;he erreicht, ohne die Stadt angeschaut und ohne
+l&auml;nger Rast gemacht zu haben, als es aus R&uuml;cksicht gegen die Ruderer
+notwendig war. Ihre T&auml;tigkeit bestand zu Anfang unserer Fahrt mehr im
+Steuern als im Rudern, sie taten es<span class="pagenum"><a name="Page_191" id="Page_191">[191]</a></span> stehend, und indem sie, je nach der
+Richtung, die eingehalten werden mu&szlig;te, ihr Ruder zur Rechten oder Linken
+des Kanus ins Wasser tauchten. Dies geschah mit gro&szlig;em Geschick und
+unterhielt mich lange. Es war h&auml;ufig vorgekommen, w&auml;hrend wir noch auf dem
+Kumardary schwammen, da&szlig; die Boote sich auf Sandb&auml;nken festfuhren, wir
+mu&szlig;ten dann ins Wasser und sie mit vereinten Kr&auml;ften wieder flott machen.
+Bisweilen kreisten wir sanft, aber recht ausdauernd, in tiefen Kesseln oder
+glitten niedrige F&auml;lle nieder, eine Besch&auml;ftigung, an die sich meine Sinne
+gew&ouml;hnen mu&szlig;ten, weil die Vorstellung etwas durchaus Erschreckendes hatte,
+dort zu kentern und vom tr&uuml;ben Wasser an die sumpfigen Ufer getrieben zu
+werden, oder in Stromschnellen und tiefen Wirbeln mit den Alligatoren in
+nahe Ber&uuml;hrung zu kommen.</p>
+
+<p>Nachts war es am sch&ouml;nsten. Zwar fuhren wir nachts nur die Stromstrecke vor
+der Stadt Uppanangadi bis an die h&ouml;lzernen Landungsstege des Orts, aber die
+wandernden Fackeln im Dunkel der Ufer, die wie riesige Leuchtk&auml;fer
+aussahen, erregten die Phantasie geheimnisvoll und unterrichteten uns
+dar&uuml;ber, da&szlig; wir uns bewohnteren Gegenden n&auml;herten.</p>
+
+<p>Je weiter wir nun den Netrawati hinabtrieben, um so gem&auml;chlicher zog die
+Flut, und die Arbeit der Ruderer setzte ein. Bei Kr&uuml;mmungen des Stroms
+verloren wir oft das zweite Boot f&uuml;r lange aus den Augen, aber es lag kein
+Grund zur Besorgnis vor, denn Pascha, der unser Gep&auml;ck im andern Kanu
+bewachte, geno&szlig; jenen Respekt bei den Leuten, der schweigsamen Menschen
+leicht zuf&auml;llt, die, ohne unh&ouml;flich zu erscheinen, niemals ein L&auml;cheln und
+selten eine Frage erwidern. Meine Tr&auml;ger waren in Schamaji von Panja
+entlassen worden, ich langte nach dreit&auml;giger Fahrt, in Begleitung von
+Panja und Pascha, in Mangalore an, die Kanus kehrten im Hafen um, ohne da&szlig;
+die Leute aus Schamaji das Ufer betreten<span class="pagenum"><a name="Page_192" id="Page_192">[192]</a></span> hatten. Sie leben in keinem guten
+Einvernehmen mit den K&uuml;stenv&ouml;lkern, die sie f&uuml;r abtr&uuml;nnig und
+fremdenfreundlich halten.</p>
+
+<p>Die letzten Stunden war unser Boot langsam durch tr&uuml;bes, stehendes Wasser
+gerudert worden. Die Vegetation nahm immer mehr ab, Reisfelder wechselten
+mit sumpfigen Ein&ouml;den, auf denen b&ouml;se, stille Lachen spiegelten, von
+schweren D&uuml;nsten umlagert und von Menschen und Tieren verlassen. Dort
+schlief die Pest ihren Sommerschlaf, um mit den ersten Regen wieder zu
+erwachen. Es war so dr&uuml;ckend hei&szlig;, da&szlig; das Atmen zur qualvollen M&uuml;he wurde,
+die Ruderer arbeiteten zuletzt wie in einer dumpfen Bet&auml;ubung, und die
+Stimmen des tr&uuml;ben Wassers erloschen oft ganz. Der Flu&szlig; teilte sich in
+vielerlei breite und schmale Kan&auml;le, aus den Palmen am Ufer ragte der rote
+Schornstein der deutschen Ziegelei.</p>
+
+<p>Wir durchfuhren die ganze Stadt bis zum Meerhafen, der am Ort unserer
+Ankunft kahl und &ouml;de, durch eine Sandbank gegen das Meer gesch&uuml;tzt, lag,
+und die D&uuml;nste der See, ohne Leben und Frische, entt&auml;uschten mich bitter.
+Von der Stadt hatten wir so gut wie nichts gesehen, sie liegt ganz im
+Palmengr&uuml;n auf drei sanften H&uuml;geln. Nun aber erblickte ich die H&auml;user des
+Hafens, schlechte zerfressene Steinbauten, unfreundlich und verlottert, in
+jener ganzen Roheit und erb&auml;rmlichen Charakterlosigkeit, wie man sie oft in
+orientalischen H&auml;fen findet, deren Tradition l&auml;ngst zerst&ouml;rt und deren neue
+Gewohnheiten und Einrichtungen dem Geist einer flachen und r&auml;uberischen
+Gesch&auml;ftigkeit dienen. Ein paar alte, gro&szlig;e Segelboote mit hohem Bug und
+breitem Deck lagen kreuz und quer, bald halb im Wasser, bald eingesunken in
+schmutzigen Sand. Es war fast menschenleer, nur auf einer kleinen
+Dampfschaluppe kauerte ein Hindu im Schatten und rauchte. Er sp&auml;hte
+neugierig nach uns aus; als ich mich im Boot erhob, sprang er empor, rief
+gellend und &uuml;berlaut ein paar Worte &uuml;ber den Damm<span class="pagenum"><a name="Page_193" id="Page_193">[193]</a></span> gegen die tr&uuml;ben Fenster
+eines bemalten Hauses. Sein kleines Schiffchen vermittelt den
+Personenverkehr zwischen der K&uuml;ste und den Hochseedampfern, die einige
+Kilometer vom Land entfernt Anker werfen, um f&uuml;r zwei oder drei Stunden auf
+Passagiere zu warten. Der Hafen von Mangalore selbst ist f&uuml;r den Verkehr
+gr&ouml;&szlig;erer Dampfschiffe nicht geeignet.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Die ersten Eindr&uuml;cke, die ich von Mangalore empfing, boten sich mir um so
+absto&szlig;ender dar, als ich nach der Lebensweise der zur&uuml;ckliegenden Zeit
+alles mit der gro&szlig;z&uuml;gigen Einfachheit der unber&uuml;hrten Natur zu vergleichen
+gen&ouml;tigt war. Es kam hinzu, da&szlig; die Stadt in einem dumpfen Schlaf der
+Erwartung lag und mir &uuml;berall Tr&auml;gheit, Verfall und Teilnahmlosigkeit
+begegneten. Der vernachl&auml;ssigte Hindugasthof, in dem ich meine ersten Tage
+zuzubringen gen&ouml;tigt war, ermutigte meine Unternehmungslust in keiner
+Weise, und das qualvolle Harren auf die ersten Gewitter nahm allen und
+endlich auch mir den Rest wohlbestellter Daseinsfreude. Als Mangalore nach wenig Monaten im Glanz der Fr&uuml;hlingssonne seine bunte
+Auferstehung feierte, glaubte ich die Stadt nicht wiederzuerkennen. Die
+Unterschiede zwischen unserem deutschen Sommer und Winter sind in ihrer
+Einwirkung auf das Befinden und die Lebensgewohnheiten der Menschen bei
+weitem nicht so bedeutungsvoll, wie der Wechsel der Jahreszeiten in den
+Tropen. Die Meinung von dem Gleichma&szlig; und der steten Sommerlichkeit der
+Witterung in diesen Zonen, entstammt der mangelhaften Kenntnis
+oberfl&auml;chlicher Passanten oder einer falschen Vorstellung; wer das
+tropische Jahr von Beginn bis zu Ende in der N&auml;he des &Auml;quators durchlebt
+hat und die Menschen in Leid und Freude seines Wechsels beobachtet hat,
+wird dagegen die Unterschiede unserer Jahreszeiten in den gem&auml;&szlig;igten Zonen
+als unerheblich empfinden.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_194" id="Page_194">[194]</a></span>Sp&auml;ter lernte ich vieles in Mangalore verstehen, das ich anfangs mit
+Geringsch&auml;tzung &uuml;bergangen hatte, manches lieben, das mir zuerst fremd und
+absto&szlig;end entgegentrat, und ich schied mit der Gewi&szlig;heit aus der Stadt, da&szlig;
+kein bewohnter Ort der Welt an paradiesischer Sch&ouml;nheit und Versunkenheit
+sich mit Mangalore zu messen verm&ouml;chte. Wir erlangen in unseren kurzen
+Lebenstagen niemals das Ma&szlig; von Erfahrung fremden Erscheinungen gegen&uuml;ber,
+das uns erm&ouml;glichte nach dem ersten Eindruck gerecht auf den allgemeinen
+Wert zu schlie&szlig;en.</p>
+
+<hr />
+
+<p>In einem unbeschreiblichen Zustand von Gereiztheit entschlo&szlig; ich mich am
+dritten Tage meines Aufenthaltes kurzer Hand den englischen Kollektor
+aufzusuchen, um endlich Gewi&szlig;heit &uuml;ber die M&ouml;glichkeit eines l&auml;ngeren
+Aufenthalts, &uuml;ber die Wohnungsverh&auml;ltnisse und die Lebensbedingungen zu
+erhalten.</p>
+
+<p>Die Leute dr&uuml;ckten sich &uuml;berall in einer mir v&ouml;llig unverst&auml;ndlichen Angst
+um offene Antworten herum, bald f&uuml;rchteten sie, es mit der Regierung zu
+verderben, bald mit den Priestern, selbst meine Opfer an Geld machten mir
+nur den P&ouml;bel gef&uuml;gig.</p>
+
+<p>Das Bungalow des Beamten lag herrlich auf einem beschatteten H&uuml;gel und
+erinnerte mich an einen alten Herrensitz. Der Garten war aufs beste
+gepflegt, die Amtsr&auml;ume sauber, k&uuml;hl und gro&szlig;. Im Vorzimmer sa&szlig; ein
+Mischling in wei&szlig;er, halbeurop&auml;ischer Kleidung an einem gro&szlig;en Schreibtisch
+und stellte sich ungemein besch&auml;ftigt. Ich war zu Anfang so bescheiden, als
+meine Nerven irgend zulie&szlig;en, aber die gedankenlose Einbildung dieses
+Sklaven auf seine Beziehungen zu einer Kultur, die er nicht verstand,
+brachte mich auf. Ich h&auml;tte mich sicher beherrscht, wenn Panja nicht an
+meiner Seite gewesen w&auml;re.</p>
+
+<p>&bdquo;Stehn Sie auf, wenn ich rede&ldquo;, sagte ich.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_195" id="Page_195">[195]</a></span>Mein Blut kochte. Es bedarf in der Tat nur eines sehr geringen Grades von
+Erregtheit, um in dieser Zeit das ohnehin vor dem Sieden stehende Blut zum
+&Uuml;bersch&auml;umen zu bringen.</p>
+
+<p>Der Schreiber erhob sich tr&auml;ge, als h&auml;tte er Blei in den Knien, aber sein
+frecher, erstaunter Blick entz&uuml;ndete mir Feuer in den H&auml;nden, und noch ehe
+er ganz auf seinen d&uuml;rren, braunen Beinen stand, schallte eine Ohrfeige
+durch den w&uuml;rdigen Raum, die ich wie einen kalten Wassergu&szlig; geno&szlig;. Ihn mag
+sie anders ber&uuml;hrt haben. Er drehte sich einmal um sich selbst, sein
+Strohsessel machte es ihm in bureaukratischer Ergebenheit dienstbeflissen
+nach, und, auf der verschonten Wange erbleichend, rang er vergeblich nach
+Fassung. Die dunklere Linie seiner Abstammung besann sich auf die Gasse.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich w&uuml;nsche den Kollektor zu sprechen&ldquo;, sagte ich freundlich. Es ging mir
+um vieles besser, aber ich bin lange Zeit nicht f&auml;hig gewesen mir die
+Rauheit dieser Handlung voll erkl&auml;ren zu k&ouml;nnen. Sicherlich hing diese
+bedachtlose Aufwallung und mein Mangel an Beherrschung mit der Verw&ouml;hntheit
+zusammen, in der ich fast ein halbes Jahr lang nur unter Menschen
+zugebracht hatte, bei denen selbst auch nur ein Gedanke an
+Gleichberechtigtheit niemals aufgekommen war, so da&szlig; mir der erkennbare
+Widerstand dieses Menschen weit mehr als &Uuml;berhebung erscheinen mu&szlig;te, als
+er es in der Tat gewesen sein mag.</p>
+
+<p>Der in zweierlei Hinsicht arg betroffene Mann begann den Kampf um seine
+beleidigte Beamtenehre erst, nachdem er einen Abstand von etwa vier Metern
+und einen Tisch aus gebeiztem Hartholz zwischen sich und mich gebracht
+hatte. Alles an ihm war Emp&ouml;rung, sogar sein ge&ouml;ltes Haar, von dessen
+gl&auml;nzender Frisur das graue Leinenk&auml;ppchen sich entfernt hatte, schien mir
+vor Entr&uuml;stung zu funkeln.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_196" id="Page_196">[196]</a></span>Ich nahm f&uuml;r alle F&auml;lle ein schwarzes K&auml;stchen aus Ebenholz vom Tisch, in
+dem Stahlfedern, ein Radiergummi und Kupferannas mit dem Anstand geordnet
+waren, mit dem eine Prinzessin Juwelen verwahrt. Dabei war ich entschlossen
+das erste unehrerbietige Wort dadurch zu erwidern, da&szlig; ich dies K&auml;stchen
+als Wurfgescho&szlig; verwandte. Ich habe einmal davon geh&ouml;rt, da&szlig; Bauern, deren
+Felder unter anhaltender Hitze in Gefahr sind zu verdorren, den Regen durch
+Kanonensch&uuml;sse herbeizulocken suchen. Eine ganz &auml;hnliche Hoffnung mu&szlig; mich
+damals bewegt haben, und ein verwandter Glaube. Aber es kam zu keinem Wort
+und keinem Gewaltakt mehr zwischen mir und meinem Widersacher, weil die T&uuml;r
+sich &ouml;ffnete und mit k&uuml;hlen Augen und wohlrasiertem Antlitz der englische
+Beamte im Rahmen erschien und seinen Blick gelassen bald von mir zu seinem
+Sklaven und bald wieder zur&uuml;ck wandern lie&szlig;.</p>
+
+<p>Der Abstand, in dem wir uns voneinander befanden, der Tisch zwischen uns,
+die an die Wange gelegte Hand des Schreibers und meine streits&uuml;chtige
+Haltung m&ouml;gen den Beherrscher S&uuml;d-Kanaras genugsam dar&uuml;ber unterrichtet
+haben, was etwa vor sich gegangen sein mochte. Die im Tropendienst und an
+ausgesetzten Posten bew&auml;hrten, gebildeten Engl&auml;nder haben eine
+bewunderungswerte Besonnenheit in allen ungew&ouml;hnlichen Lagen und verstehen
+es ausgezeichnet, die Dinge zun&auml;chst einmal so zu nehmen, wie sie sind,
+ohne vorschnell kundzutun, wie sie nach ihrer Meinung sein sollten. Das
+zeugt mindestens von gro&szlig;em Selbstbewu&szlig;tsein. Und so wandte der Beamte sich
+mir ruhig zu und fragte h&ouml;flich, ob er in der Lage sei, durch seine
+Einmischung diese Situation harmonischer zu gestalten. Dabei wies er ohne
+weitere Frage auf die ge&ouml;ffnete T&uuml;r zu seinem Zimmer und ich trat ein, ohne
+ein Wort der Beschwerde, denn ich merkte, da&szlig; dies in Gegenwart eines
+Unter<span class="pagenum"><a name="Page_197" id="Page_197">[197]</a></span>gebenen nicht erw&uuml;nscht sei. Ich sah mich gleich darauf in einem
+bequemen Korbsessel einem Manne von etwa f&uuml;nfzig Jahren gegen&uuml;ber, dessen
+starke, wohlbestellte Gestalt, dessen kluges und zugleich wohlwollendes
+Gesicht mir das unbedingteste Vertrauen einfl&ouml;&szlig;ten, und da ich etwa drei&szlig;ig
+Jahre j&uuml;nger war als er, wurde es mir leicht, ihn zu bitten, die
+ungew&ouml;hnliche Art meiner Einf&uuml;hrung nicht als Mi&szlig;achtung gegen die
+englische Regierung oder gegen seine Person anzusehen. Als ich ihm meinen
+Namen nannte, sagte er mir k&uuml;hl den seinen und fragte mich, ob ich
+Engl&auml;nder sei.</p>
+
+<p>Wie wichtig den Vertretern dieser Nation diese an sich so unschuldige
+Tatsache erscheint! Auf meine Antwort hin glitt ein kleiner Schatten von
+Unwillen &uuml;ber seine Stirn und er fragte mich, ob ich der deutschen Mission
+in Mangalore zugeh&ouml;rte.</p>
+
+<p>&bdquo;Schlie&szlig;en Sie das aus der Behandlung, die ich Ihrem Schreiber angedeihen
+lie&szlig;?&ldquo; fragte ich.</p>
+
+<p>Er l&auml;chelte und sch&uuml;ttelte den Kopf, schien aber ohne weitere Erkl&auml;rung aus
+der Art meiner Antwort zu ersehen, da&szlig; ich seine Frage damit verneinte, und
+dann wartete er. Als ich sprach, musterte er mich unauff&auml;llig, und ohne da&szlig;
+sich auch nur ein Schatten von Kritik in seinen Z&uuml;gen zeigte. Nach seinem
+Ausdruck zu schlie&szlig;en, h&auml;tte ich selbst und meine Erz&auml;hlung ihm ebensogut
+unausstehlich wie angenehm, oder v&ouml;llig gleichg&uuml;ltig sein k&ouml;nnen. Bei einer
+Pause, die ich machte, setzte er eine kleine Tischglocke in Bewegung und
+gab einem eintretenden Diener einen Befehl, und gleich darauf pflanzte ein
+stilles, braunes Wesen ein Tablett zwischen uns auf, das Whisky, Sodawasser
+und&nbsp;&ndash; Eis trug.</p>
+
+<p>Mein Herz schlug in Empfindungen, wie sie nicht z&auml;rtlicher f&uuml;r einen Vater
+h&auml;tten sein k&ouml;nnen, und dies Gef&uuml;hl wurde noch durch die einfache Warnung
+des Kollektors erh&ouml;ht, als er mich bat, mit<span class="pagenum"><a name="Page_198" id="Page_198">[198]</a></span> dem Trinken vorsichtig zu
+sein, da ich wahrscheinlich in Schamaji kein Eis vorgefunden h&auml;tte. Die
+Geschichte mit dem K&ouml;nig hatte ihm gefallen, nach einer Weile meinte er:</p>
+
+<p>&bdquo;Als ich vor Jahren meinen ersten tropischen Sommer erlebte, wurde ich
+nahezu ein M&ouml;rder, im zweiten ein Verzweifelter und erst im dritten begann
+ich wieder einem Engl&auml;nder zu &auml;hneln. Sie brauchen sich deshalb nicht
+besorgt zu zeigen, wenn Ihre Besinnung sie f&uuml;r Augenblicke verlassen hat,
+die Geduld verliert man in Indien zuerst, dann gew&ouml;hnlich den Verstand. Nur
+wenige finden beides wieder, aber diese pflegen sie dann auch zu brauchen.&ldquo;</p>
+
+<p>Ich erfuhr damals, was ich in meiner Angelegenheit wissen wollte, und
+brauchte dabei nur wenig zu fragen.</p>
+
+<p>Im Amtszimmer des Kollektors fiel auch in sp&auml;teren Tagen zuerst der Name
+Mangesche Raos, des Brahminen. Bei diesem Klang und beim Anh&ouml;ren der kurz
+und ohne tieferes Verst&auml;ndnis vorgetragenen Lebensgeschichte dieses Mannes,
+empfand ich deutlich eine Beziehung, die weit &uuml;ber Neugierde oder Interesse
+hinausging. Der Beamte erz&auml;hlte mir nach und nach folgendes, ankn&uuml;pfend an
+meine Bitte, mir in Mangalore unter den gebildeten Brahminen eine
+Pers&ouml;nlichkeit zu nennen, mit der ich nutzbringenden Umgang pflegen k&ouml;nnte,
+und nachdem unsere Beziehung zu einiger Freundschaftlichkeit erprobt war:</p>
+
+<p>&bdquo;Mangesche Rao ist unter den j&uuml;ngeren Brahminen Mangalores, ja S&uuml;d-Kanaras,
+einer der bekanntesten, und zweifellos auch einer der kl&uuml;gsten. &Uuml;ber seine
+Gesinnung kann ich keinen Aufschlu&szlig; geben, da seine Interessengebiete die
+unseren nur politisch ber&uuml;hren, und kaum eine andere Leidenschaft verh&uuml;llt
+den Charakter des Gegners vor dem Gegner mehr, als eben eine solcher Art.
+Der Mann hat uns viel zu schaffen gemacht und nur deshalb, weil er das
+Verst&auml;ndnis und die Teilnahme seiner Kastengenossen nicht<span class="pagenum"><a name="Page_199" id="Page_199">[199]</a></span> einm&uuml;tig
+gefunden hat, ist er uns nicht gef&auml;hrlich geworden. Da er die Universit&auml;t
+von Madras besucht hat und so weit akademisch gebildet ist, als die
+englischen Hochschulen in Indien es erm&ouml;glichen, hat er naturgem&auml;&szlig; das
+Vertrauen seiner Kaste verloren, dagegen lange das unsere besessen, im
+Grunde allerdings niemals mein pers&ouml;nliches. Ich war als Vertreter der
+Regierung verpflichtet, ihn so weit zu f&ouml;rdern, als er uns n&uuml;tzte, wenn er
+mir aber, was damals oft geschah, in jenem Sessel gegen&uuml;bersa&szlig;, den nun Sie
+einnehmen, so bin ich niemals ein Gef&uuml;hl heimlicher Scheu vor der seltsamen
+Undurchdringlichkeit seines Wesens losgeworden. Er erreichte bald einen
+f&uuml;hrenden Posten am hiesigen englischen College, man sah ihn unter den
+Jesuiten, in geheimen Versammlungen seiner Stammesgenossen und sogar im
+Lager der protestantischen Mission. Ich habe nie in Erfahrung bringen
+k&ouml;nnen, ob ihm die Sympathie, die er &uuml;berall zu erwecken schien, aufrichtig
+entgegengebracht, oder ob sie ihm gezeigt worden ist, weil man ihn
+f&uuml;rchtete.</p>
+
+<p>Vor einem halben Jahre ist er entlassen worden. Ich habe nicht gewagt,
+weiter gegen ihn vorzugehen, weil ich inzwischen erfahren habe, da&szlig; sein
+Einflu&szlig; gro&szlig; ist, und wahrscheinlich auch sein Anhang, wenn auch nicht eben
+in der Provinz, so doch im ganzen Reich. Wir m&uuml;ssen uns wohl h&uuml;ten, in
+diesem Lande die Strafe als Vergeltung oder Rache aufzufassen, vielmehr
+d&uuml;rfen wir in solchen F&auml;llen durchaus nur so weit vorgehen, als unsere
+Gegner unter ihr machtloser werden. Es hatte sich folgendes ereignet. Ein
+Jesuitenpater des hiesigen Klosters lie&szlig; sich eines Tages bei mir melden,
+und brachte mir ein kleines, in Malayalam verfa&szlig;tes Schulb&uuml;chlein, wie sie
+hier &uuml;berall in den Regierungs- und Missionsschulen nach Form und
+Aufmachung Verwendung finden. Ich will Ihnen das Buch zeigen.&ldquo;</p>
+
+<p>Er erhob sich und schritt im Nebenraum auf einen eisernen Schrank zu, dem
+er nach einigem Suchen unter Akten und Papieren ein<span class="pagenum"><a name="Page_200" id="Page_200">[200]</a></span> graues, heftartiges
+B&uuml;chlein entnahm und vor mich hinlegte. Es war schmal und an drei Seiten
+beschnitten, n&uuml;chtern und sachlich von Gewand und wies in der
+traditionellen Anordnung eines Lehrbuchs einen Titel auf und unten die
+Abzeichen der Druckerei der Jesuiten, die f&uuml;r ihre Propaganda eine
+Druckerei mit mehr als zehn verschiedenen Schriftzeichen der
+Eingeborenensprachen unterhalten. Der Kollektor &uuml;bersetzte mir den Titel:
+&bdquo;Ein Lehrbuch der vergleichenden Sprachwissenschaft &uuml;ber den Zusammenhang
+der S&uuml;dindischen Dialekte mit dem Sanskrit. Bearbeitet von Mangesche Rao,
+Lehrer am englischen College zu Mangalore, gedruckt in der Offizin der S.
+J. daselbst.&ldquo;</p>
+
+<p>Der Titel und die ersten zehn Seiten des unscheinbaren Heftes wurden in
+kurzen Vergleichen seiner Aufschrift gerecht, dann aber folgte eine mit
+gro&szlig;em Verstand und agitatorischer Inbrunst verfa&szlig;te Kritik der englischen
+Regierung in den S&uuml;dprovinzen, die um so aufreizender wirkte, als sie
+sachlich war und eingehende Kenntnis verriet, ohne da&szlig; etwa ein
+Landesverrat nachzuweisen war. Ich habe mir diese Abhandlung sp&auml;ter von
+Panja im einzelnen &uuml;bersetzen lassen.</p>
+
+<p>Der Beamte fuhr fort: &bdquo;Der Pater erz&auml;hlte mir, da&szlig; ein Zufall zur
+Entdeckung dieses Mi&szlig;brauchs ihrer Druckerei gef&uuml;hrt habe, er lehnte die
+Verantwortung seines Ordens der Regierung gegen&uuml;ber mit diesem
+Eingest&auml;ndnis ab, und teilte mir mit, da&szlig; die bestochenen Leute entlassen
+seien. Auf meine Bitte, mir seinen Verdacht zu nennen, wen er f&uuml;r den
+Verfasser dieser Brosch&uuml;re hielte, erwiderte er in gro&szlig;er H&ouml;flichkeit, da&szlig;
+wohl ein solcher Verdacht best&uuml;nde, da&szlig; es aber nicht zu den Absichten und
+Gewohnheiten seines Ordens geh&ouml;re, &uuml;ber Verbrechen Meinungen auszutauschen,
+die nicht klar zu begr&uuml;nden seien. Es war augenscheinlich: die Leute hatten
+Furcht, Furcht, wie hier alle haben, die nicht dem<span class="pagenum"><a name="Page_201" id="Page_201">[201]</a></span> interesselosen P&ouml;bel
+angeh&ouml;ren. Es ist allzuoft vorgekommen, da&szlig; die eifrigsten F&uuml;hrer einer
+Partei an einem Morgen, gekr&uuml;mmt vom Gift ihrer Gegner, tot in ihren
+H&auml;usern aufgefunden wurden. So war es an mir, Mut zu zeigen, aber alle
+unbedachte Art von K&uuml;hnheit, die nicht von h&ouml;chster Vorsicht geleitet ist,
+hat hierzulande nur den Wert einer eiteln Knabenposse. Mir wurde, noch ehe
+ich eine Verhandlung eingeleitet hatte, sehr unverbl&uuml;mt deutlich gemacht,
+da&szlig; ich im Falle eines unbesonnenen Eingriffs nicht mit einem
+leichtsinnigen Verbrecher, sondern mit einer m&auml;chtigen Partei des ganzen
+indischen Reiches zu k&auml;mpfen h&auml;tte. Das steht mir weder zu, noch garantiert
+die Tragweite meiner Stellung mir auch nur geringen Erfolg. Ich gab den
+Fall an die Regierung weiter.</p>
+
+<p>Naturgem&auml;&szlig; ging es nicht an, hier nur Vorsicht und sonst nichts erkennen zu
+lassen. So lie&szlig; ich Mangesche Rao zu mir bitten. Diese Begegnung vergesse
+ich niemals. Zun&auml;chst lie&szlig; der Brahmine mir sagen, da&szlig; ihm ein sp&auml;terer Tag
+zu einer Begegnung lieber sei. Ich war betroffen, da ich daraus entweder
+auf v&ouml;llige Unbefangenheit, oder auf einen Fluchtversuch schlie&szlig;en mu&szlig;te,
+und so lie&szlig; ich ihn &uuml;berwachen, ohne ihn zu dr&auml;ngen. Ich wei&szlig; heute, da&szlig; er
+diese &Uuml;berwachung, die er sofort merkte, absichtlich durch sein Z&ouml;gern
+heraufbeschworen hatte, um zu erfahren, ob es sich um etwas Bedeutsames
+handelte. So kam er am n&auml;chsten Tage, und war auf alles gefa&szlig;t.</p>
+
+<p>Ich gab ihm, mitten in einer gleichg&uuml;ltigen Unterhaltung, unversehens das
+Buch.</p>
+
+<p>Er nahm es, warf einen Blick darauf und sagte h&ouml;flich:</p>
+
+<p>&bdquo;Ich will es pr&uuml;fen, sobald ich Zeit finde.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Es ist von Ihnen&ldquo;, sagte ich.</p>
+
+<p>&bdquo;Ja&ldquo;, antwortete er ruhig, als habe ich alles andere gesagt, &bdquo;es geschieht
+bald.&ldquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_202" id="Page_202">[202]</a></span>&bdquo;Dies Buch tr&auml;gt Ihren Namen als Verfasser&ldquo;, fuhr ich fort, und ich
+gestehe, innerlich unsicher und aufgebracht.</p>
+
+<p>Mangesche Rao sah mich an, als erwartete er bestimmt, ich w&uuml;rde fortfahren,
+in jener vermeintlichen Sache zu sprechen, die durchaus nichts mit dem
+kleinen Heft zu tun hatte, das er gleichg&uuml;ltig zwischen den Fingern drehte.
+Endlich folgte er meinen Augen und, scheinbar erst jetzt aufmerksam
+geworden, begann er in dem Heft zu bl&auml;ttern und durchaus nicht, wie es
+zweifellos jeder andere getan h&auml;tte, in den harmlosen ersten Seiten,
+sondern mitten in dem verr&auml;terischen Angriff auf die Regierung.</p>
+
+<p>Er sah einen Augenblick auf, fragte h&ouml;flich und mit ein wenig gerunzelten
+Brauen, &bdquo;Sie erlauben?&ldquo; und las weiter. Nach einer Weile wandte er die
+Einbanddecke, betrachtete wieder den Titel, verglich, l&auml;chelte befangen und
+fuhr fort zu lesen. Der Mann hat es fertig gebracht, eine Viertelstunde
+lang unter meinen Augen seinen eigenen Text zu lesen, nicht etwa mit
+Anzeichen des Erstaunens oder der Emp&ouml;rung, sondern ohne Anzeichen. Und ich
+habe die ganze Verhandlung hindurch sicherlich eher als er den Anschein des
+Gepr&uuml;ften erweckt. Nun, ich blieb geduldig, mir dessen bewu&szlig;t, da&szlig; er
+innerlich gelassen den Grund meiner Geduld erwog. Als er aber nach einer
+guten Weile mit einem am&uuml;sierten L&auml;cheln aufsah, den Kopf sch&uuml;ttelte und
+begann, mir einen ganz sonderlich treffenden und zugleich boshaften Absatz
+vorzulesen, brauchte ich meine ganze Beherrschung, um dieses L&auml;cheln zu
+erwidern. Er legte das Heft nachdenklich hin und meinte besorgt und mit
+erhobenen Brauen:</p>
+
+<p>&bdquo;Das ist nicht angenehm f&uuml;r uns.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Haben Sie einen Verdacht, wer der Verfasser sein k&ouml;nnte?&ldquo;</p>
+
+<p>Mangesche Rao antwortete nicht und ich sah mich gen&ouml;tigt, fortzufahren:</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_203" id="Page_203">[203]</a></span>&bdquo;Wie mag Ihr Name auf dies Heft gekommen sein?&ldquo;</p>
+
+<p>Der Brahmine beantwortete meine erste Frage, nachdem er mich zuvor kurz
+angesehen hatte, als wollte er zu meiner zweiten sagen: War das nicht ein
+wenig plump geforscht?</p>
+
+<p>&bdquo;Ich habe keinen Verdacht. Was mich am meisten &uuml;berrascht, ist die
+Tatsache, da&szlig; die Jesuiten ihre Befugnisse so gedankenlos in den Dienst
+einer Sache stellen, welche der Regierung schadet, die sie sch&uuml;tzt.&ldquo;</p>
+
+<p>Es blieb mir nichts anderes mehr &uuml;brig, als nun entweder meinen Argwohn
+gegen den Brahminen auszusprechen, oder die Unterhaltung abzubrechen, aber
+das erste durfte ich nicht ohne Beweis, dem ein Eingriff folgte, und das
+zweite wollte ich nicht. So w&auml;hlte ich noch einmal einen Mittelweg,
+obgleich ich die Ergebnislosigkeit meines Vorgehens wu&szlig;te.</p>
+
+<p>&bdquo;Wie mag der Verfasser gerade auf Ihren Namen gekommen sein?&ldquo; fragte ich
+mich laut.</p>
+
+<p>Mangesche Rao meinte, da&szlig;, nach dem fl&uuml;chtigen Eindruck, den er nach der
+Lekt&uuml;re empfangen h&auml;tte, ihn dieser Mi&szlig;brauch, bei parteiloser Betrachtung
+des Bildungsgrades, der aus der Arbeit spr&auml;che, wenigstens nicht eben
+blo&szlig;stellte, aber dann f&uuml;gte er ernst hinzu:</p>
+
+<p>&bdquo;Der Gedanke lag nahe. Wurde das Buch schon in Mangalore gedruckt, so
+w&auml;hlte man am besten als Deckung den Namen eines Lehrers vom hiesigen
+englischen College. Es wird eher deshalb geschehen sein, weil es galt, die
+Jesuiten zu t&auml;uschen, als aus Gr&uuml;nden einer anderen Vorsicht.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Man h&auml;tte auch einen englischen Namen nehmen k&ouml;nnen.&ldquo;</p>
+
+<p>Mangesche Rao betrachtete den Titel, dann erwiderte er mir mit bescheidenem
+Kopfneigen:</p>
+
+<p>&bdquo;Das w&auml;re nicht klug gewesen, denn jeder in Indien, der lesen kann,<span class="pagenum"><a name="Page_204" id="Page_204">[204]</a></span> wei&szlig;,
+da&szlig; ein Engl&auml;nder nur selten etwas von fremden Sprachen versteht.&ldquo; Nun, ich
+schluckte auch dies noch und begriff, da&szlig; ich einen falschen Weg
+eingeschlagen hatte. Als das Meisterlichste dieser diplomatischen
+Sicherheit meines Gegners erschien mir seine von jedem, auch dem kleinsten
+Triumph v&ouml;llig freie Art der Verabschiedung. Er ging still und ein wenig
+beklommen, als w&auml;re ihm langsam klar geworden, da&szlig; diese seltsame
+Entdeckung ihm doch unangenehmer werden k&ouml;nnte, als er zu Anfang geglaubt
+hatte. Ich hatte damals bereits Beweise in H&auml;nden, die ich weitergab; es
+ist &uuml;ber jeden Zweifel erhaben, da&szlig; Mangesche Rao der Verfasser dieses
+Pamphlets ist, er hat es mir sp&auml;ter, nicht ohne Hohn, auf eine Art
+eingestanden, die nur mich, mich aber gr&uuml;ndlich &uuml;berzeugt hat. Die
+Regierung verf&uuml;gte in h&ouml;flicher Zur&uuml;ckhaltung seinen vor&uuml;bergehenden
+R&uuml;cktritt von seinem Posten, mit der Begr&uuml;ndung, da&szlig; zwar kein Verdacht
+gegen ihn vorl&auml;ge, da&szlig; jedoch sein Name auf eine Art blo&szlig;gestellt sei, die
+diese Verf&uuml;gung f&uuml;r kurze Zeit notwendig mache.&ldquo;</p>
+
+<p>So lautete, aus Einzelheiten zusammengesetzt, die ich nach und nach erfuhr,
+die Geschichte des Brahminen Mangesche Rao, und meine Erwartungen waren
+gespannt, als Wochen darauf der Tag kam, an welchem ich seine Bekanntschaft
+machen sollte.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Inzwischen hatten die gro&szlig;en Regen eingesetzt. Es war mir gelungen am Hang
+einer bewaldeten Anh&ouml;he den Fl&uuml;gel eines sch&ouml;nen Hauses zu mieten, mit
+gro&szlig;en Zimmern und einer breiten Veranda, die ganz von Buschwerk umschattet
+war, aber einen Ausblick auf eine herrliche Allee von Platanen er&ouml;ffnete,
+die auf ein altes Stadttor f&uuml;hrte.</p>
+
+<p>Die niederbrechenden Wassermengen und die furchtbaren Unwetter, die die
+Regenzeit einleiten, verbannten mich lange in meine<span class="pagenum"><a name="Page_205" id="Page_205">[205]</a></span> wei&szlig;en R&auml;ume, in denen
+ich wie in einer ununterbrochen mi&szlig;handelten Trommel hauste, zwischen
+Wasserw&auml;nden, deren matte Silberstr&ouml;me lau und klatschend vor den Scheiben
+niederdonnerten. Nachts flackerte das All in bengalischen Flammenkr&auml;nzen,
+die Ketten der Blitze knatterten, und oft bet&auml;ubten die Donnerschl&auml;ge alle
+Empfindung, bis zuletzt auch die Furcht in einer dumpfen Ergebenheit
+versank, in welcher alle Gesch&ouml;pfe verharrten, wie in den Flammenzeichen
+des J&uuml;ngsten Gerichts, w&auml;hrend im Umkreis entz&uuml;ndete H&auml;user und B&auml;ume
+aufleuchteten und erloschen. Es ging wochenlang so fort, ohne abzuk&uuml;hlen,
+unter den undurchdringlichen, nahen Wolkenmassen konnten die schw&uuml;len
+D&uuml;nste der monatelang durchgl&uuml;hten Erde nicht aufsteigen. Die Lungen
+stie&szlig;en die von Feuchtigkeit und W&auml;rme &uuml;bers&auml;ttigte Luft, wie unter den
+tr&uuml;ben Scheiben eines &uuml;berhitzten Treibhauses aus und ein, und langsam
+erlosch die letzte Lebenskraft.</p>
+
+<p>Drau&szlig;en aber begann ein Wachstum von be&auml;ngstigender Gewalt. Nach sieben
+Tagen drang kein Lichtstrahl mehr in meine R&auml;ume, und Panja arbeitete mit
+der Axt im spritzenden Saft. Die blauen Feuer der Blitze zeichneten
+n&auml;chtlicherweile ein kohlschwarzes Bl&auml;ttergewebe, wie ein wirres,
+flackerndes Gitterwerk, vor die Scheiben meiner Fenster, und es war mir
+unbegreiflich, an den ersten stilleren Tagen, die Stadt Mangalore noch an
+ihrem Platz zu finden.</p>
+
+<p>Langsam wurde es unter dem andauernden Regen von Tag zu Tag k&uuml;hler. Niemand
+beschreibt die Befreitheit und das Gl&uuml;ck meiner Sinne, als mich nach langer
+Zeit zum ersten Mal die Sonne im Palmengr&uuml;n weckte. Es ging aufs neue dem
+indischen Fr&uuml;hling entgegen, und die von Entz&uuml;cken und tausend D&uuml;ften
+geschwellte Brust wu&szlig;te ihren Jubel nicht zu bergen.</p>
+
+<p>Mangalore brach auf vor meinen Augen, wie eine wunderbare,<span class="pagenum"><a name="Page_206" id="Page_206">[206]</a></span> fremde Blume,
+bunt und &uuml;ppig, geheimnisvoll-verschwiegen, von giftig-s&uuml;&szlig;er Lebensgier.
+Ihr Duft brachte Vergessen mit sich, ihr Klang unnennbare Tr&auml;ume von der
+Mannigfaltigkeit der Welt, und ihre Farben berauschten die Sinne bis zur
+Verz&uuml;cktheit. &Uuml;ber das h&ouml;lzerne Gel&auml;nder der Veranda brach wie eine gr&uuml;ne
+Schlange eine Schlingpflanze, &ouml;ffnete &uuml;ber Nacht blaue Blumen von der Gr&ouml;&szlig;e
+eines Kinderk&ouml;pfchens, mit einem gelben, gierigen Auge, das am Tage die
+Falter lockte und sich am Abend schlo&szlig;. Der Jasmin bet&auml;ubte mich bis zum
+Taumeln, die schnarrende Klage der Kr&ouml;te mischte sich melancholisch und
+liebesselig in die metallische Klarheit des Nachtigallenlieds, und im Mond
+bl&uuml;hten die Lotusblumen auf den schwarzen Spiegeln der Brunnen und S&uuml;mpfe
+auf.</p>
+
+<p>Die braunen Menschen in wei&szlig;en Gew&auml;ndern im Gr&uuml;nen, lautlos auf r&ouml;tlichen
+Wegen dahinschreitend, bewegten sich auf ihrem gesegneten Erdland wie
+unnahbare Gestalten eines M&auml;rchens, erdacht, l&auml;ngst bevor die Wiege unseres
+Volks, unter Eichen im fernen Westen, von den &auml;ltesten Sagen umklungen
+wurde. Und mit allen Wohltaten solcher Sch&ouml;nheit trat, wie ein J&uuml;ngling aus
+einer tauglitzernden Wiese, der Schlaf wieder an mein Lager und mit ihm das
+gl&uuml;ckliche Bewu&szlig;tsein von Gesundheit, von Kraft und fr&ouml;hlichen
+Daseinsrechten.</p>
+
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_207" id="Page_207">[207]</a></span></p>
+<h2>
+<a name="kap12" id="kap12"></a>Zw&ouml;lftes Kapitel<br />
+Von Frauen, Heiligen und Brahminen
+</h2>
+
+
+<p>So waren die Eindr&uuml;cke, die ich in den ersten Monaten meines Aufenthalts in
+Mangalore erhielt, au&szlig;erordentlich bunt und mannigfach, und so eifrig ich
+nach dem Sinn der Erscheinungen forschte, so verwirrte mich das meiste
+eher, als da&szlig; es mein Verst&auml;ndnis f&ouml;rderte. Aber wie der gl&uuml;ckliche Zustand
+fr&ouml;hlichen Wohlbefindens, besonders in der Jugend, eher zu gedankenloser
+Hingabe, als zu hingebenden Gedanken f&uuml;hrt, so lie&szlig; ich die farbigen Bilder
+an meinen Augen vor&uuml;berziehen, wie ein munterer Wanderer die wechselnde
+Landschaft, und wenig von allem sank in mein Herz, bis zu jenem Tage, an
+dem Mangesche Rao mein Haus betrat.</p>
+
+<p>Panjas &Uuml;bermut verf&uuml;hrte mich oft zu frohsinniger Oberfl&auml;chlichkeit, wir
+bummelten am Hafen umher, der sich von Tag zu Tag mehr belebte, lie&szlig;en uns
+zur Jagd auf Sumpfv&ouml;gel die Flu&szlig;arme emporrudern, die etwa um das Zehnfache
+breiter erschienen, als am Tage unserer Ankunft, wagten hier unser Leben
+und dort unser Geld und verga&szlig;en miteinander, da&szlig; es in der Welt noch etwas
+anderes gab, als diese gr&uuml;ne, bl&uuml;hende Wildnis und diese bunte Stadt.</p>
+
+<p>Vor den Tempeln und der Basarstra&szlig;e gab es Feste heidnischen
+G&ouml;tzendienstes, am Hafen Schl&auml;gereien zwischen mohammedanischen Hindus und
+den Negern, die in gro&szlig;en Seglern von Arabien kamen, um Gew&uuml;rze
+einzutauschen. Es war erg&ouml;tzlich, dem bald tr&auml;gen, bald ausschweifenden
+Leben des Hafens beizuwohnen, in beschaulicher Tatlosigkeit der englischen
+Regierung und dem lieben Gott die Sorge f&uuml;r das eigene und fremde
+Wohlergehen &uuml;berlassend. Ich schlo&szlig; Freundschaft mit Negern, Elefanten und
+K&ouml;nigen, von denen allen es in Mangalore ein gut Teil gibt. Der<span class="pagenum"><a name="Page_208" id="Page_208">[208]</a></span> Fr&uuml;hling
+spendete uns Rausch, Vergessen und Andacht, der durchsonnte Lebensstrom,
+der die ganze Stadt &uuml;berflutete, ri&szlig; uns mit sich fort.</p>
+
+<p>Eingeh&uuml;llt in die Geheimnisse der Fremde, wieder erl&ouml;st durch die
+himmlische Klarheit der Sonne und geleitet von der unerm&uuml;dlichen Lebenslust
+der Jugend, flossen meine Tage dahin. Meine letzten B&uuml;cher wurden ein Raub
+der Insekten, meine Gedanken eine Beute der Tr&auml;ume, und selbst meine
+Zukunftshoffnungen fielen f&uuml;r lange dem sanften Rausch so verg&auml;nglicher wie
+&uuml;berw&auml;ltigender Gen&uuml;sse zum Opfer. Ich erwachte unter dem Glitzern der
+Sonnenspeere, die durch die Blumen und Palmengefieder in mein Zimmer
+sanken, unter dem Duft des Tees, den Panja mir an mein Lager brachte, und
+meine erste Erwartung galt der gr&uuml;nlichen feuchten Landzigarre, die, dick
+und lang wie ein Treibhausspargel, aus besten Bl&auml;ttern gewickelt worden
+war. Der goldene Tag zog herum bei Schmetterlingsjagden oder Kahnfahrten,
+am frischen Meer oder im tiefen Schatten des Palmendickichts, zwischen
+weisen und n&auml;rrischen Menschen oder Tieren, zu Pferd oder zu Fu&szlig; verbracht,
+und immer in jener unnennbaren Erhobenheit, die das Bewu&szlig;tsein eintr&auml;gt,
+von allen geachtet oder gef&uuml;rchtet, sicherlich aber f&uuml;r etwas ganz
+Au&szlig;erordentliches angesehen zu werden. Bis der k&uuml;hle Abend niedersank, mit
+dem Gesang der Menschen, dem gespenstig wandernden Licht der gro&szlig;en
+Leuchtk&auml;fer, den Lauten der liebesseligen Tiere, und ob ich die wei&szlig;en
+N&auml;chte im Schein des gewaltigen Monds allein zubrachte oder nicht, werde
+ich nicht sagen, denn es gibt zu viele Menschen, die solcherlei Erw&auml;gungen
+in ernstliche Besorgnis wirft, und man soll niemand Sorge bereiten, am
+wenigsten durch die Erinnerung an eigene Freuden.</p>
+
+<p>Auf diesem so ausgedehnten Gebiet mu&szlig; Panja in ernstliche Bedr&auml;ngnisse
+geraten sein, eines Morgens sch&uuml;ttete er mir sein Herz<span class="pagenum"><a name="Page_209" id="Page_209">[209]</a></span> aus. Das hatte
+einen ganz besonderen Grund, und der Anla&szlig; waren zwei lange Schrammen, die
+vom Auge &uuml;ber seine Wange niederliefen, und deren Ursprung sich um so
+leichter erraten lie&szlig;, als er die Nacht &uuml;ber fort gewesen war.</p>
+
+<p>Als er sah, da&szlig; ich sein Gesicht musterte, w&auml;hrend er das Fr&uuml;hst&uuml;ck
+bereitete, meinte er bedauernd:</p>
+
+<p>&bdquo;Diese Dornen, Sahib! Man wei&szlig; nicht, wie man ihnen im Dunkeln entgehen
+soll, es ist Zeit, da&szlig; ich im Garten wieder Platz schaffe.&ldquo; Und wir klagten
+eine Weile miteinander &uuml;ber die Dornen.</p>
+
+<p>&bdquo;Zuweilen sitzen zwei nebeneinander,&ldquo; sagte ich, &bdquo;&auml;hnlich wie die
+Fingern&auml;gel einer Hand.&ldquo;</p>
+
+<p>Panja musterte mich mi&szlig;trauisch, aber da ich ernst blieb, meinte er
+z&ouml;gernd:</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, auch das, es kommt allerlei vor.&ldquo; Aber dann mu&szlig;te er doch ein L&auml;cheln
+gewahr geworden sein, denn er sprang &auml;rgerlich auf, stampfte mit dem Fu&szlig;
+und rief:</p>
+
+<p>&bdquo;Also wei&szlig;t du es, Sahib! Gut, aber was wird dadurch besser? Ist es sch&ouml;n
+von dir, jemand zu verh&ouml;hnen, der ohnehin Undank geerntet hat?&ldquo;</p>
+
+<p>Ich beruhigte ihn und sprach ihm Trost ein, er war ernstlich erbittert und
+weit davon entfernt, auch nur einen Schatten von Schuld an diesem Unheil
+bei sich zu suchen. Da wurde er melancholisch, wie gutm&uuml;tige Leute mit
+b&ouml;sem Gewissen es leicht werden, wenn man ihr Verbrechen auf andere
+schiebt.</p>
+
+<p>&bdquo;Kratzen die Frauen deines Landes auch?&ldquo; fragte er, da er mein bewiesenes
+Verst&auml;ndnis aus meinen Erfahrungen ableitete.</p>
+
+<p>&bdquo;Und wie, Panja! Sich und andere.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Spotte nicht,&ldquo; bat er, &bdquo;dies sind ernste Dinge, und wenn ich auf den
+Schlaf warte, so mu&szlig; ich viel dar&uuml;ber nachdenken.&ldquo; Und er<span class="pagenum"><a name="Page_210" id="Page_210">[210]</a></span> blinzelte in die
+Morgensonne, die gr&uuml;nes Feuer im Palmengitter entz&uuml;ndete, und spiegelte
+sich dann gedankenvoll in einer runden Kupferkanne, die ihm sein Bild
+&auml;hnlich zur&uuml;ckgegeben haben mag, wie die Welt seiner Gedanken in seinem
+Kopf aussah.</p>
+
+<p>&bdquo;Warum heiratest du nicht?&ldquo; fragte ich ihn. Es war einen Augenblick still.
+Das Geschrei der Handelsleute und Ausrufer von der Basarstra&szlig;e klang zu uns
+her&uuml;ber, und die Zweige im Geb&uuml;sch schaukelten unter dem Morgenspaziergang
+irgendeines gr&ouml;&szlig;eren Tiers.</p>
+
+<p>&bdquo;Vielleicht ein Affe&ldquo;, meinte Panja. Man sah, er dachte an etwas anderes.
+&bdquo;Gut,&ldquo; brach er pl&ouml;tzlich eifrig los, &bdquo;ich heirate, aber was dann? Es ist
+nicht verlockend, zu wissen, was einen auf dem Nachtlager erwartet, solange
+man jung ist. Zur Liebe geh&ouml;ren die Neugierde und die Gefahr, die erlaubte
+Liebe ist wie ein gefangener Vogel.&ldquo;</p>
+
+<p>Ich beschlo&szlig;, ein wenig ernster zu werden, und sagte deshalb leichthin:</p>
+
+<p>&bdquo;Wenn es nur das g&auml;be, was du jetzt Liebe nennst, Panja, so h&auml;ttest du
+recht, aber es kann vorkommen, da&szlig; das Herz sich &uuml;berall wie ein gefangener
+Vogel vorkommt, nur nicht dort, wo eine bestimmte Frau wartet.&ldquo;</p>
+
+<p>Panja dachte nach. &bdquo;Es kommt vor, Sahib, aber es geht vor&uuml;ber.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Vielleicht kommt daf&uuml;r etwas anderes?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Was sollte kommen, Sahib?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Vielleicht ein Sohn.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O Gott,&ldquo; sagte Panja betroffen, &bdquo;wer denkt gleich an das Schlimmste!? Aber
+auch, wenn ich mich dar&uuml;ber freuen sollte, so kann ich doch nicht an einen
+Sohn denken, wenn ich keinen habe.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ist das Vergessen sch&ouml;ner oder die Erinnerung, Panja? Sieh um dich in der
+Natur, wohin du willst, und unter den Menschen,<span class="pagenum"><a name="Page_211" id="Page_211">[211]</a></span> immer geht die Liebe mit
+der Erinnerung und das Laster mit dem Vergessen. Ist nicht ein Kind die
+sch&ouml;nste Erinnerung an die Liebe und der lieblichste Begleiter auf dem Wege
+vom Sommer zum Herbst?&ldquo;</p>
+
+<p>Panja r&uuml;ckte an seinem Turban und kratzte sich umst&auml;ndlich, was immer ein
+Beweis war, da&szlig; etwas &uuml;ber seine Sinnenwelt hinaus in sein Herz gesunken
+war, aber es blieb in der Regel sein einziges Zugest&auml;ndnis an mich.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich bin kein Brahmine,&ldquo; sagte er endlich, &bdquo;warum soll ich also nachdenken?
+Du hast nur deshalb sch&ouml;ne Gedanken, Sahib, weil du die Frauen nicht
+kennst. Wenn du einmal ein Weib genommen hast, so werden die guten Gedanken
+ausbleiben.&ldquo;</p>
+
+<p>Ich mu&szlig;te lachen, und Panja triumphierte. Nun war er es, der mich belehrte.</p>
+
+<p>&bdquo;Vielleicht sind die Frauen deines Landes anders, Sahib, aber
+wahrscheinlich ist es mit den Frauen wie mit der Palme, &uuml;berall in der Welt
+ist sie dieselbe. Hast du niemals gemerkt, da&szlig; sie im Grunde alle dumm
+sind? Du kannst es daran sehen, da&szlig; sie sich in gleichem Ma&szlig;e vor einem
+Tiger f&uuml;rchten wie vor einer Maus, denn nicht einmal zwischen diesen beiden
+Tieren k&ouml;nnen sie den Unterschied herausbringen. So kennen sie auch bei den
+M&auml;nnern keine Unterschiede, und als der beste erscheint ihnen immer der,
+den sie lieben.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ist das nicht ein Vorzug?&ldquo;</p>
+
+<p>Aber Panja lie&szlig; sich nicht ablenken: &bdquo;Sagst du etwas recht Dummes, so
+rei&szlig;en sie die Augen auf und strahlen, nur weil es vielleicht auf das
+Gleichg&uuml;ltigste der Welt zutrifft; sagst du aber etwas Gescheites, was alle
+Klugen bewundern w&uuml;rden, so vergessen sie es sofort, nur, weil sie es nicht
+in ihr Haar stecken k&ouml;nnen. Oh, was kann nicht alles geschehen! Mit der
+Zeit wird vielleicht deine Liebe ab<span class="pagenum"><a name="Page_212" id="Page_212">[212]</a></span>nehmen, und du kehrst zu vern&uuml;nftigen
+Gedanken zur&uuml;ck, aber dann nimmt die ihre genau in dem Ma&szlig;e zu, wie sie dir
+gleichg&uuml;ltig wird. Sie beh&auml;ngt dich mit allem, was sie ausdenkt oder
+findet, wie einen wundert&auml;tigen G&ouml;tzen, bis du anf&auml;ngst, selbst so
+Ungeheuerliches von dir zu glauben, da&szlig; du ein Gesp&ouml;tt der M&auml;nner wirst.
+Wie aber ist es erst, wenn dein Herz an dem ihren h&auml;ngen bleibt, und dein
+Eifer und deine M&uuml;he machen sie k&auml;lter und k&auml;lter? Gib du selbst alles, was
+du hast, und ohne R&uuml;ckhalt dich selbst, sofort f&auml;ngt sie an, nach anderen
+M&auml;nnern Ausschau zu halten. Die Seele solcher Frauen ist wie eine Grube,
+die kleiner wird, je mehr man hinzutut, und das Elend in deinem Hause nimmt
+kein Ende. Ach, du wei&szlig;t nicht, wie es selbst den Braven ergeht! Du hast
+einmal gesagt, durch Geben wird niemand arm, aber alles, was einem
+herzlosen Weib gegeben wird, ist verloren.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Das ist vielleicht richtig, Panja,&ldquo; unterbrach ich seinen Eifer, &bdquo;aber
+nicht alle Frauen sind herzlos.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O Sahib, solange du lieben mu&szlig;t, ist in deinen Augen alles sch&ouml;n, was du
+an einer Frau erblickst,&ldquo; entgegnete Panja &uuml;berzeugt, &bdquo;und das B&ouml;se an ihr
+entfacht nur den Eifer deiner Gunst.&ldquo;</p>
+
+<p>So fuhr Panja fort, mir noch lange die irdische Misere der Herzen zu
+schildern, die lieben, oder die es wollen, ohne es zu k&ouml;nnen, oder m&uuml;ssen,
+ohne es zu wollen. Ich antwortete ihm wenig, aber es wurde mir deutlich,
+wie viele M&auml;nner unserer Zeit und unseres Landes &uuml;ber eine &auml;hnliche
+Betrachtung der Frau niemals hinausgekommen sind. Hatte Panjas Anschauung
+auch zweifellos die heitere Beigabe einer kindlichen Auffassung, so lag ihr
+doch ein Urteil zugrunde, das mir, im nachdenklichen Sinn bewegt, nur allzu
+vertraut war. Wenn ich ihm nur beil&auml;ufig widersprach, so bedachte ich bei
+meiner Zur&uuml;ckhaltung seine Jugend und die Tatsache, da&szlig; die meisten M&auml;nner
+erst durch die Erfahrung belehrt werden, und<span class="pagenum"><a name="Page_213" id="Page_213">[213]</a></span> da&szlig; niemandes Erlebnisse
+gr&ouml;&szlig;er sind als er selbst. Auch dient eine solche oder &auml;hnliche
+Betrachtungsart gutm&uuml;tigen J&uuml;nglingen zu einer Vorsicht, die dem Grade
+ihrer Widerstandskraft angepa&szlig;t sein mag.</p>
+
+<p>Aber im Grunde ist es nicht gut, in solchen Anschauungen allzu lange ein
+Kind zu bleiben, und ich habe die M&auml;nner selten sonderlich ernst zu nehmen
+vermocht, die der Frau die selbst&auml;ndigen Kr&auml;fte des Gem&uuml;ts nur deshalb
+absprachen, weil sie anderer Art als die des Mannes sind; denn nur
+Oberfl&auml;chliche rechnen Verborgenes leichtfertig dem Fehlenden zu. Auch
+bleibt es hinreichend l&auml;cherlich, Eigenschaften der Frau zu tadeln, die wir
+nicht genug loben k&ouml;nnen, solange ihre Wirkung uns selbst zugute kommt. Je
+eher das Gem&uuml;ts- und Geistesleben einer Frau im Zusammenhang mit ihren
+Eigenschaften einen Charakter darstellt, um so sicherer wird sie auch ohne
+&auml;u&szlig;ere Erfahrung die Wahl treffen, die ihrem Werte entspricht. Dieser Wert
+aber wird sich, nach ihrer Entscheidung, nicht in ihrer F&auml;higkeit zeigen,
+die M&auml;nner gerecht miteinander vergleichen zu k&ouml;nnen, sondern in ihrer
+Best&auml;ndigkeit.</p>
+
+<p>So ging mancher Morgen in nachdenklicher Plauderei und gedankenlosem Spiel
+mit Nichtigkeiten herum, die Sonne begann uns Irdische dieser gesegneten
+Zone langsam wieder an Best&auml;ndigkeit zu &uuml;bertreffen, an Treue und Kraft.
+Wie es manchen auf der Reise ergehen mag, so verlangte es auch mich, im
+&Uuml;berma&szlig; der sonnt&auml;glichen Freiheit, nun oft nach der herben Sicherheit
+jener h&ouml;heren Freiheit im Geist, die uns bei ganzer Anspannung unserer
+besten Kr&auml;fte verg&ouml;nnt ist. Aber dies Klima erlaubt unserem Blut nicht den
+Ernst unserer Rasse, nicht den Eigensinn zur T&auml;tigkeit, der ihr
+eigent&uuml;mlich ist, und am wenigsten die Neigung zu best&auml;ndiger Arbeit.
+Ungez&auml;hlte unseres Volkes sind, solange die Geschichte es kennt, den
+Verf&uuml;hrungen der s&uuml;dlichen Sonne er<span class="pagenum"><a name="Page_214" id="Page_214">[214]</a></span>legen, fast unvermerkt, unheilbar der
+S&uuml;&szlig;igkeit des tatenlosen Genusses verfallen, und erst nach eingeb&uuml;&szlig;ter
+Lebenskraft zu jenem Heimweh aufgeschreckt, das im Glanz der weichen Tage
+zu einer woll&uuml;stigen Wehmut herabgesunken war.</p>
+
+<p>Oft, wenn ich am Meeresstrand unter schattigen B&auml;umen lag und Traum und
+Wille sich im Blau des Himmels und des Wassers schaukelten, gedachte ich
+Homers und seines Helden, der, an den Mastbaum seines Schiffes gefesselt,
+mit empf&auml;nglichen Sinnen, machtlos und zerrissen von Verlangen, an dem
+gepriesenen Eiland vor&uuml;berfuhr, erkennend und durch den Geist gefeit, vom
+Verstand gemeistert, der &auml;lter war als sein Verlangen, hingegeben und
+beherrscht. Oft beneidete ich ihn, oft bedauerte ich ihn, wie einen, den
+die K&auml;lte seines Geistes vom Altar beseligter Hingabe verbannt hat. Aber in
+meinen Tr&auml;umen erschienen mir die singenden Frauen, und ich ahnte unter dem
+Glanz ihrer lockenden Leiber die t&ouml;dliche Kraft ihrer m&ouml;rderischen Krallen.</p>
+
+<p>Es trieb mich, bei innerer Ruhlosigkeit, &auml;u&szlig;erlich von einem zum andern,
+ich versuchte zu arbeiten, verbrannte aber bald nach den armen Anf&auml;ngen die
+unt&uuml;chtigen Versuche, die Herrlichkeit um mich her in Worten und Gestalten
+zu bannen. Entz&uuml;ndete die Sonne ihr gr&uuml;ngoldenes Morgenfeuer in den
+B&uuml;schen, die meine Fenster einh&uuml;llten, so tauchten meine Sinne in der
+Ahnung einer Vollkommenheit unter, die jedes Menschenwerk zu nichtigem und
+verg&auml;nglichem Tand herabsetzte, es gab nur Befreitheit in and&auml;chtiger
+Hingabe.</p>
+
+<p>Panja beobachtete mich sorgenvoll, und eines Tages meinte er:</p>
+
+<p>&bdquo;Sahib, weshalb verbrennst du dein Papier nicht, bevor du es beschreibst?&ldquo;</p>
+
+<p>Nun, das &auml;rgerte mich. Zu solcher Frage hat ein Diener kein Recht.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_215" id="Page_215">[215]</a></span>&bdquo;Dummkopf,&ldquo; sagte ich, &bdquo;wei&szlig;t du nicht, da&szlig; man Gedanken auf ein Blatt
+Papier niederschreiben kann, und da&szlig;, wenn beide zugleich verbrannt werden,
+der Gedanke als Rauch in die K&ouml;pfe von Menschen zieht, die wir von unserer
+Meinung &uuml;berzeugen wollen?&ldquo;</p>
+
+<p>Panja ri&szlig; die Augen auf und schwieg and&auml;chtig. Er hatte es noch nicht
+gewu&szlig;t. Nach einiger Zeit ertappte ich ihn dar&uuml;ber, da&szlig; er im Garten unter
+merkw&uuml;rdigen Spr&uuml;ngen einen Brief verbrannte, und entfernte mich mit der
+Genugtuung, da&szlig; entt&auml;uschte Hoffnungen ihn f&uuml;r seine unbotm&auml;&szlig;ige Frage
+strafen w&uuml;rden.</p>
+
+<p>Auch mit den Vertretern der deutschen Mission in Mangalore kam ich fl&uuml;chtig
+in Ber&uuml;hrung, es sind t&auml;tige und ernste Leute, die in kleinen Industrien
+die &uuml;bergetretenen Eingeborenen besch&auml;ftigen und den Geisteskampf mit den
+gebildeten Repr&auml;sentanten des Hinduismus nur vereinzelt und immer erfolglos
+wagen. Es fehlt ihnen an Bildung und Kenntnis und vor allem an Achtung vor
+dem Brahman oder der Lehre Buddhas, und der einf&auml;ltige Glaube, es hier mit
+&bdquo;finsterem Heidentum&ldquo; zu tun zu haben, ist der beste Weg zur gr&uuml;ndlichen
+Erfolglosigkeit. Ich habe kuriose Leute unter diesen Missionaren und
+Missionsfrauen angetroffen. Was sie einem feineren Anspruch immer wieder
+fatal macht, ist ihre bewu&szlig;te Beschr&auml;nkung und Ausschlie&szlig;lichkeit in einer
+Weltbetrachtung, deren wirkende Kraft unerprobt bleibt. Es ist leicht,
+recht zu behalten, wenn man nur sich selbst oder Meinungsgenossen h&ouml;rt, und
+das L&auml;cherliche solcher Erscheinungen beruht darauf, da&szlig; ihre Einfalt mit
+Gro&szlig;artigkeit verbunden ist und ihre Behutsamkeit mit Mangel an Takt.</p>
+
+<p>Ein bezeichnendes Merkmal, woran solche Leute im Fall eines Zweifels bald
+zu erkennen sind, ist ihre F&auml;higkeit, &uuml;ber alle Dinge mitzureden, sie zu
+beurteilen oder einzusch&auml;tzen, ohne da&szlig; sie sich<span class="pagenum"><a name="Page_216" id="Page_216">[216]</a></span> je die M&uuml;he gemacht
+h&auml;tten, sie auch zu verstehen. Naturgem&auml;&szlig; verbindet sich mit einem solchen
+Standpunkt der Weltbetrachtung eine besondere Vorliebe f&uuml;r die Kehrseite
+der Dinge, die sich &uuml;berall, wie auch beim Menschen, leichter kenntlich,
+&uuml;bersichtlicher und ohne komplizierten Ausdruck oder vielseitige
+Linienf&uuml;hrung darbietet. Und so findet man auch in der Regel, da&szlig; das
+Selbstbewu&szlig;tsein dieser Menschen sich daran aufzurichten pflegt, da&szlig; sie
+die Schattenseiten anders gesinnter Br&uuml;der oder fernliegender Dinge zuerst,
+oder gar ausschlie&szlig;lich entdecken, und da es leichter ist, etwas zu tadeln,
+als etwas zu begreifen, so findet dieses Selbstbewu&szlig;tsein fast st&uuml;ndlich
+Nahrung und entwickelt sich auf das pr&auml;chtigste. Panja meinte einmal,
+nachdem wir unsere ersten Bekanntschaften hinter uns hatten:</p>
+
+<p>&bdquo;Diese Herren sind wie der K&ouml;nig von Schamaji, immer herrschen sie, aber
+man wei&szlig; nicht, warum oder &uuml;ber wen.&ldquo;</p>
+
+<p>Wahrhaft Bescheidene fordern nicht heimlich den Dank f&uuml;r ihre
+Beschaffenheit ein, und es ist immer ein wenig peinlich, wenn Dienstboten
+sich deshalb f&uuml;r etwas Besonderes halten, weil ihre Herrschaft etwas Gro&szlig;es
+geleistet hat. Trotzdem ist mir ein Beweis inniger Glaubenskraft erbracht
+worden, und da ich durch die bezeichnenden Worte, welche ich &uuml;ber diese
+Leute vorangeschickt habe, ungern in den verp&ouml;nten Ruhm kommen m&ouml;chte, auf
+der Bank der Sp&ouml;tter zu sitzen, will ich die Geschichte so folgen lassen,
+wie ich sie geh&ouml;rt habe:</p>
+
+<p>In einer Gebetsversammlung dieser kleinen christlichen Gemeinde erhob sich
+j&uuml;ngst eine Missionsfrau, die aus den dunkleren Provinzen des im &uuml;brigen so
+gesegneten K&ouml;nigreichs W&uuml;rttemberg stammte und die in ihrer Beziehung zur
+Einfalt in der Gottesfurcht etwas geradezu Au&szlig;erordentliches leistete. Sie
+sagte nach kurzem Gebet, das in solchen Versammlungen laut und allgemein<span class="pagenum"><a name="Page_217" id="Page_217">[217]</a></span>
+verrichtet zu werden pflegt, da&szlig; es Gott dem Herrn in seinem
+unerforschlichen Ratschlu&szlig; gefallen habe, ihre neben ihr sitzende, bereits
+erwachsene Tochter Helene mit einem Bandwurm zu schlagen. Darauf forderte
+sie die Gemeinde in bek&uuml;mmertem Werben von geneigter Stirn inst&auml;ndig auf,
+Gott mit ihr und ihrem Kinde gemeinsam um das Ausscheiden des unangenehmen
+Parasiten anzuflehen. Ihrem Ersuchen wurde bereitwillig stattgegeben, und
+M&auml;nner und Frauen der Versammlung besch&auml;ftigten sich eine angemessene
+Zeitlang vor Gottes Augen in inniger F&uuml;rbitte mit dem Bandwurm der jungen
+Dame und mit der Laufbahn, welche f&uuml;r die Zukunft dieses merkw&uuml;rdigen Tiers
+erhofft wurde.</p>
+
+<p>Am Schlu&szlig; der Versammlung erkl&auml;rte eine freundliche Beisitzerin im Saale,
+da&szlig; sich in ihren Privatbest&auml;nden ein wirkungsvolles Mittel bef&auml;nde, dem
+auch ein energischer Bandwurm nicht zu widerstehen in der Lage sei, und
+dieses Medikament wurde mit Dank angenommen. Schon in der n&auml;chsten
+Zusammenkunft konnte die Mutter der aufhorchenden Gemeinde die Mitteilung
+machen, auf wie wunderbare Art die Kraft der gemeinsamen F&uuml;rbitte bei ihrer
+Tochter gewirkt habe. Sie erz&auml;hlte mit bewegter Stimme den Versammelten,
+da&szlig; der Bandwurm gekommen sei, augenscheinlich im bereits entschlafenen
+Zustande, da&szlig; sich aber ein gro&szlig;er Frieden in seinen Z&uuml;gen ausgedr&uuml;ckt
+habe.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Da&szlig; Gottes Hand sichtbar &uuml;ber dem Wohlergehen dieser opferfreudigen Leute
+waltet, geht auch aus einer anderen, nicht weniger eigenartigen Geschichte
+hervor, die mir in Mangalore von einem sehr erfahrenen und im Heidendienst
+erprobten Manne erz&auml;hlt worden ist. Als sich dieser Herr zu Beginn seiner
+Laufbahn an einem sch&ouml;nen Abend auf der Veranda seines Hauses aufhielt,
+erblickte er pl&ouml;tzlich einen Tiger, der die Treppe vom Garten emporkam.
+Gott gab dem best&uuml;rzten Manne jedoch rechtzeitig einen guten Ge<span class="pagenum"><a name="Page_218" id="Page_218">[218]</a></span>danken ein,
+der zur Errettung f&uuml;hrte. Auf der Terrasse stand zum Gl&uuml;ck, von der letzten
+Kinderlehre im Freien her, noch das Harmonium, ein besonders in
+pietistischen Glaubenskreisen recht beliebtes Erbauungsinstrument, das auch
+in indischen Missionen hier und da Verwendung findet, obgleich es den
+Einwirkungen des Klimas nur selten zu widerstehen vermag. Auf dieses
+Instrument st&uuml;rzte sich der beklommene Mann und begann, in zuversichtlichem
+Glauben an seine Aussichten, den bekannten sch&ouml;nen Choral zu spielen:</p>
+
+
+<p class="poem">
+Wie soll ich dich empfangen<br />
+Und wie begegn' ich dir?
+</p>
+
+
+<p>Der Tiger soll sich sofort entfernt haben, um den Schutz der Wildnis
+aufzusuchen.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Eines Nachmittags, als ein H&auml;ndler aus Kaschmir seine bunten Messingvasen
+und Stickereien auf meiner Veranda zur Schau ausbreitete, kam ein Bote aus
+der Stadt und blieb nach Art der eingeborenen Diener bescheiden am Aufgang
+zur Treppe stehen, eine Anrede erwartend. Es kamen zu vielerlei kleine
+Nachrichten f&uuml;r Panja oder den Koch, als da&szlig; ich den Fremden sonderlich
+beachtete, er r&auml;usperte sich nach einer Weile dezent, und als ich
+hin&uuml;bersah, legte er die Hand an die Stirn und verneigte sich zum zweiten
+Male. So ging es mich an, und ich winkte ihm.</p>
+
+<p>&bdquo;Du kommst mir gelegen,&ldquo; sagte ich, &bdquo;wie viel Wert hat nach deiner Meinung
+dieser mit Gold bemalte Vorhang, du bist unparteiisch, sag' es mir.&ldquo;</p>
+
+<p>Der Fremde pr&uuml;fte das Tuch und die Arbeit aufmerksam, mir schien aber, als
+bes&auml;nne er sich dabei auf einen Ausweg, zugleich meiner und der Forderung
+des H&auml;ndlers gerecht zu werden. Dann sagte er:</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_219" id="Page_219">[219]</a></span>&bdquo;Ich kenne den Wert dieser Arbeiten nicht genau, aber ich kenne Dewan
+Chundar, den Kaufmann, der dich bedient, und wei&szlig;, da&szlig; er gerecht und
+vorsichtig ist.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Wenn er es nicht w&auml;re, so k&ouml;nnte er es von dir lernen&ldquo;, sagte ich. Die
+Antwort gefiel mir, und ich betrachtete den Ank&ouml;mmling genauer. Seine
+Gewandung war sorgf&auml;ltig und gut und ohne Anlehnung an die europ&auml;ische
+Kleidung, der rote Turban war aus Seide, das wei&szlig;e H&uuml;ftentuch breit gelegt,
+und es reichte, wie eine weite Pumphose, bis an die Knie, ein kurzes
+J&auml;ckchen aus dunklem Tuch, wie es die Perser in Bombay tragen, verh&uuml;llte
+Brust und Arme.</p>
+
+<p>&bdquo;Und du selbst? Was f&uuml;hrt dich zu mir?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Mein Herr bittet dich, ihn morgen um diese Stunde zu erwarten, er dankt
+dem fremden Sahib f&uuml;r seine Bitte.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Du dienst dem Brahminen Mangesche Rao?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Mein Herr ist Bahadur Mangesche Rao.&ldquo;</p>
+
+<p>Der stille Sklave erhielt eine Silberrupie, mein Herz schlug vor freudiger
+&Uuml;berraschung. Eigentlich ohne rechte Hoffnung auf den Erfolg meiner M&uuml;he
+war ich dem Rat des Kollektors gefolgt und hatte den Brahminen in einem
+Brief angegangen, ob er willens sei, mir Unterricht im Sanskrit und in der
+Geschichte seines Landes zu geben. Mir war in den letzten Wochen zumut
+gewesen, als m&uuml;&szlig;te ich mir durch meine leichtfertigen Umtriebe in der Stadt
+das Vertrauen dieses ernsten Politikers und Diplomaten verscherzt haben,
+denn ich fiel auf, da ich mich sowohl anders als die Engl&auml;nder benahm, als
+auch die Gebr&auml;uche der Missionare nicht eben zum Vorbild w&auml;hlte. Sonst gab
+es wenig Europ&auml;er in Mangalore. Panja hatte mir allerlei Lustiges &uuml;ber die
+Bilder berichtet, die man sich im Volk von mir machte, ich galt hier als
+verkappter Spion der englischen Regierung, dort als Perlenh&auml;ndler und im
+niedern Volk<span class="pagenum"><a name="Page_220" id="Page_220">[220]</a></span> als Zauberer, weil ich einmal mit einem Taschenk&uuml;nstler in
+Konkurrenz getreten war, der noch niemals ein Spiel franz&ouml;sischer Karten
+gesehen hatte und von der Volte so wenig verstand, wie ich vom
+Schlangenb&auml;ndigen.</p>
+
+<p>Nun, es erschien, als habe der Brahmine weiter nicht Ansto&szlig; an meinem Ruf
+genommen. Der H&auml;ndler erhielt den geforderten Preis und benutzte den Rest
+des Tages zum gem&auml;chlichen Einpacken seiner Sch&auml;tze, offenbar hatte das
+Gesch&auml;ft, das er mit mir gemacht hatte, ihm erm&ouml;glicht, sich f&uuml;r einige
+Wochen ins Privatleben zur&uuml;ckzuziehen. Ich rief nach Panja.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich wei&szlig; schon,&ldquo; sagte er kalt, &bdquo;du ziehst Verbrecher ins Haus. In kurzer
+Zeit werden wir alle drei geh&auml;ngt werden.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Woher wei&szlig;t du denn, wer kommt?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Du hast es mir ja selbst gesagt, Sahib.&ldquo;</p>
+
+<p>Ich war &uuml;berzeugt, es nicht getan zu haben, konnte aber nicht f&uuml;r mich
+b&uuml;rgen. Die Tatsache, mich bis ins kleinste beobachtet zu finden,
+&uuml;berraschte mich immer wieder, aber Neugierde ist die heiligste Pflicht
+eines indischen Dieners, und es erscheint einem oft, als st&uuml;nden
+Todesstrafen auf Verschwiegenheit. Sicher war, da&szlig; Panja diesem Besuch
+ungern entgegensah, er h&auml;ufte alles an Schm&auml;hungen und Verd&auml;chtigungen an,
+was er aus einem zweitausendj&auml;hrigen Ruf dieser Kaste nur immer in
+Erfahrung gebracht hatte. Trotzdem gewahrte ich deutlich eine Scheu, jene
+alte Achtung, die allen Kasten den Brahminen gegen&uuml;ber eigent&uuml;mlich ist,
+und die kein Ha&szlig; und keine Furcht verdr&auml;ngt haben.</p>
+
+<p>Mangesche Rao kam am n&auml;chsten Tage mit gro&szlig;er P&uuml;nktlichkeit genau zur
+angegebenen Stunde. Er ritt durch das Gartentor ein, bis dicht vor die
+Holztreppe der Veranda. Der Diener, der sein Pferd am Z&uuml;gel f&uuml;hrte, diesmal
+ein anderer, meldete seinen Herrn durch einen ged&auml;mpften Zuruf an, der mir
+in seiner seltsamen<span class="pagenum"><a name="Page_221" id="Page_221">[221]</a></span> Feierlichkeit und seinem eindringlichen Pathos
+unausl&ouml;schlich im Ged&auml;chtnis geblieben ist. Panja erschien, ernst und
+w&uuml;rdevoll.</p>
+
+<p>Der Brahmine schritt die Treppe erst empor, als ich ihm in der T&uuml;r
+entgegentrat, er reichte mir nach europ&auml;ischer Sitte die Hand, das einzige,
+was mich au&szlig;er seiner Erscheinung in seinen Gewohnheiten an seine Kaste
+mahnte, war die eigent&uuml;mliche rituale Vorsicht, mit der er seine Schuhe an
+der Schwelle der T&uuml;r ablegte, um das fremde Haus mit nackten F&uuml;&szlig;en zu
+betreten. Er b&uuml;ckte sich dabei nicht, die safranroten sandalenartigen
+Schuhe blieben zur&uuml;ck, wie durch einen Zauberspruch von den F&uuml;&szlig;en gel&ouml;st.</p>
+
+<p>Wahrscheinlich wird mein Gast sich keine Vorstellung von dem Eindruck
+gemacht haben, den seine Erscheinung von den ersten Augenblicken an auf
+mich machte. So gro&szlig; das Selbstbewu&szlig;tsein eines Menschen sein mag, der sich
+seines Werts bewu&szlig;t ist, immer wird ihn vom unbedingten Glauben seiner
+Wirkung die Erkenntnis abhalten, da&szlig; ein anderer nur so viel w&uuml;rdigen kann,
+als er beansprucht, und in dieser Hinsicht lag f&uuml;r den Brahminen gewi&szlig; kein
+Grund vor, von mir ein besonderes Erfassen seiner Vorz&uuml;ge anzunehmen. Ich
+war &uuml;berrascht, wie jung er wirkte, als ich sein Alter erfuhr. Nicht allein
+sein sorgf&auml;ltig rasiertes und sehr schmales Gesicht lie&szlig; dar&uuml;ber in
+Zweifel, sondern vor allem seine ungew&ouml;hnlich schlanke Gestalt und die
+Anmut seiner Bewegung, die allerdings weit von jeder Gefallsucht entfernt
+war. Als seine Augen, dunkel aus dem hellen Braun des Gesichts, unter dem
+gelben Seidenturban hervor, zum ersten Male in die meinen sahen, erfa&szlig;te
+mich wie ein Taumel von Begierde, Befriedigung und Stolz eine Ahnung vom
+Geist der Jahrtausende, die ihrem sp&auml;ten Sohn den Glanz ihrer Kultur wie
+einen Kranz um die Schl&auml;fen gelegt zu haben schienen. Etwas vom Zauber
+jener Tr&auml;ume meiner Jugend, die unter dem Namen Indien in mir erwacht
+waren, begl&uuml;ckte mich, und mir er<span class="pagenum"><a name="Page_222" id="Page_222">[222]</a></span>schien, als st&uuml;nde ich erst heute
+wahrhaft vor den Toren seiner Geheimnisse.</p>
+
+<p>Die fremden Augen sahen mich bei den ersten Worten unserer Unterhaltung an,
+als l&auml;ge dem Sinn dieses Mannes nichts so fern, als mich zu pr&uuml;fen. Es ist
+das erstemal gewesen, da&szlig; diese Bescheidenheit der &Uuml;berlegenheit mir
+wohltat, ich begriff, wie viel Unsicherheit, wie viel Abwehr und falsche
+Besorgnis in jenem Pr&uuml;fen liegt, mit dem wir in den meisten F&auml;llen einer
+neuen Bekanntschaft beginnen oder empfangen werden. Diese Unbeteiligtheit
+der Augen wirkte h&ouml;flich und verbreitete eine Gelassenheit, als g&auml;be es in
+der Welt nichts Nat&uuml;rlicheres, als unsere Zusammenkunft. Ich dachte an die
+Erz&auml;hlung des Kollektors und mu&szlig;te &uuml;ber seinen Eifer l&auml;cheln, mit dem er
+sich bem&uuml;ht hatte, mir ein Bild dieses Mannes zu entwerfen, ich begriff, wo
+die Besorgnis des Engl&auml;nders ihren Ursprung hatte, und war &uuml;ber nichts so
+gl&uuml;cklich, als da&szlig; kein politisches Interesse den Brahminen und mich
+zusammengef&uuml;hrt hatte.</p>
+
+<p>So mag es gekommen sein, da&szlig; ich ohne R&uuml;ckhalt, ohne kleinliche Vorsicht
+und in heiterer Offenheit zu diesem Manne sprach, und er schien rasch zu
+bemerken, da&szlig; ich nichts zu verlieren f&uuml;rchtete, als seine pers&ouml;nliche
+Achtung. Es war erstaunlich, wie richtig er aus den &Auml;u&szlig;erungen meines
+Temperaments auf meine Gesinnung schlo&szlig;. Offenbar hatte er, ohne falsch
+oder auch nur vorsichtig zu erscheinen, schon nach der ersten halben Stunde
+unserer Unterhaltung eine ganze Reihe heimlicher Pr&uuml;fungen vorgenommen,
+deren Resultat den Rest seiner Bef&uuml;rchtungen zerstreute. Wir sprachen von
+der englischen Regierung, er lobte ihre Umsicht, die Rede kam auf die
+deutsche Mission und Mangesche Rao sagte, h&ouml;flich gegen mich, als den
+Landsmann ihrer Vertreter, das Beste &uuml;ber diese Leute, was sich &uuml;ber sie
+sagen lie&szlig;.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_223" id="Page_223">[223]</a></span>Ich war jung genug, nicht ohne weiteres zu dulden, da&szlig; ich mit diesen
+Propheten der heiligen Einfalt zusammen das Deutsche Reich in Indien
+repr&auml;sentieren sollte, und sagte:</p>
+
+<p>&bdquo;Die Leute sind einf&auml;ltig.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Das schlie&szlig;t ihre Aufrichtigkeit nicht aus&ldquo;, meinte Mangesche Rao, doch
+ich konnte mich nicht enthalten, hinzuzuf&uuml;gen:</p>
+
+<p>&bdquo;Sie m&uuml;ssen Ihnen wenig schaden, da Sie so nachsichtig sind.&ldquo;</p>
+
+<p>Mangesche Rao l&auml;chelte, meine Unvorsichtigkeit schien ihm wohlzutun, und so
+bemerkte er leichthin:</p>
+
+<p>&bdquo;Wir begegnen einander nur auf Gebieten, die wir ihnen &uuml;berlassen.&ldquo;</p>
+
+<p>Seine Meinung &uuml;ber die Jesuiten unterschied sich wesentlich von der &uuml;ber
+die protestantische Mission, und aus den Anspr&uuml;chen, die er durch die
+Wirksamkeit und Eigenart dieses Ordens befriedigt sah, merkte ich rasch,
+wie wenig ihm alles galt, was nicht im Geistigen zu suchen war.</p>
+
+<p>Aus keiner Einzelheit, die unsere Unterhaltung ber&uuml;hrte, war bisher zu
+entnehmen, da&szlig; mein Gast sich auch nur beil&auml;ufig um Politik bek&uuml;mmerte, ja
+auch nur das kleinste Interesse am Ergehen des Landes, an seiner
+wirtschaftlichen oder sozialen Lage nahm. Ich war vor&uuml;bergehend in Zweifel,
+ob sich der Kollektor nicht mit seiner Annahme im Irrtum befand und die
+Unschuld seines vermeintlichen Gegners f&uuml;r h&ouml;chste Verstellungskunst
+gehalten hatte.</p>
+
+<p>Die Sonne trieb ihr buntes Spiel im ruhigen Raum, der Besuch sa&szlig; im
+ged&auml;mpften Licht, und sein Anblick erf&uuml;llte mich mit der stolzen Freude des
+Gastgebers einem ungew&ouml;hnlichen Fremden gegen&uuml;ber. Der blaue Vorhang, den
+ich am Tage vorher erstanden hatte, schm&uuml;ckte die Wand meines Zimmers als
+Hintergrund, und die Schultern, das gl&auml;nzende schwarze Haar und das
+ged&auml;mpfte Seidengelb vom Turban Mangesche Raos hoben sich unwirklich<span class="pagenum"><a name="Page_224" id="Page_224">[224]</a></span> und
+fremdartig davon ab, mir erschien der Anblick zuweilen wie ein Bild aus der
+M&auml;rchenwelt von TausendundeineNacht. Panja, lautlos und vorsichtig, brachte
+Tee und Tabak, ich war nicht wenig dar&uuml;ber erstaunt, als ich sah, wie tief
+und feierlich er den Brahminen begr&uuml;&szlig;te, der durch einen Blick dankte, ohne
+auch nur die Stirn zu neigen.</p>
+
+<p>Es schien dem Gast nach einer Weile in Frage und Antwort doch zu hastig zu
+gehen. Die vornehmen Inder verkehren mit den Europ&auml;ern in au&szlig;erordentlich
+gesetzter Weise und haben sich in ihrem Umgang mit den Herren ihres Landes
+daran gew&ouml;hnt, das Wort als ein Mittel zu betrachten, um die Gedanken zu
+verbergen. Diese Kunst haben sie gewi&szlig; nicht erst in ihren K&auml;mpfen mit den
+mohammedanischen oder englischen Eroberern gelernt, aber sie sind zu oft
+get&auml;uscht worden, um nicht mi&szlig;trauisch zu sein, bis zur Verstecktheit. Wie
+ich Mangesche Rao sp&auml;ter kennen lernte, lag seiner Natur der Freimut n&auml;her
+als die Verstellung, aber zu Beginn unserer Bekanntschaft pr&uuml;fte er meine
+&Auml;u&szlig;erungen wieder und wieder darauf hin, was sie hinter ihrem Wortlaut
+bedeuten m&ouml;chten, oder was dar&uuml;ber hinaus. Das lie&szlig; ihn oft z&ouml;gern oder
+schweigen, und ich erkannte bald, da&szlig; mein bestes Mittel, ihn rascher zu
+Vertrauen zu gewinnen, sicherlich eine gewisse Gleichg&uuml;ltigkeit gegen jede
+Vorsicht war. Aber welcher Vorsichtige erw&auml;gt nicht, selbst vor der
+arglosen Geb&auml;rde einer Preisgabe, die M&ouml;glichkeit eines Mittels zu
+verborgenem Zweck? Mangesche Rao w&auml;hlte geschickt einen Weg, der ihm
+Gelegenheit zu beil&auml;ufigem Beobachten und Schweigen gab, er nahm vom
+Nebentisch ein Schachbrett und begann, wie in Gedanken und scheinbar
+unbeteiligt, die Figuren zu ordnen.</p>
+
+<p>Das Spiel, das sich alsbald zwischen uns ergab, war sehr erheiternd f&uuml;r
+mich, aber es dauerte nur kurze Zeit. Der Brahmine sagte mir<span class="pagenum"><a name="Page_225" id="Page_225">[225]</a></span> nach dem
+vierten Zuge, den ich machte, mit h&ouml;flichem Bedauern mein unvermeidliches
+Geschick voraus und fragte mich, auf welchem Feld des Bretts mein K&ouml;nig am
+liebsten seinen Untergang erlebte. Ich gab es an, und der h&ouml;lzerne F&uuml;rst
+rutschte, eine Weile von eigenen und fremden Kriegern bedr&auml;ngt, wie ein
+gescholtener Kuli hin und her, bis er seine unr&uuml;hmliche Herrschaft, von
+einem feindlichen Bauern aus dem Hinterhalt &uuml;berfallen, auf jenem Felde
+aufgab, das ich bestimmt hatte.</p>
+
+<p>&bdquo;Dem geht es &auml;hnlich unter Ihrem Verstand wie dem englischen Kollektor&ldquo;,
+sagte ich und lachte.</p>
+
+<p>Ohne Besinnen antwortete mir Mangesche Rao:</p>
+
+<p>&bdquo;&Uuml;bersch&auml;tzen Sie die kleine Arbeit nicht, die dem Beamten zu schaffen
+macht, ich hoffe, das alles einmal wirkungsvoller zu sagen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Also Sie haben es geschrieben und geben es ohne weiteres zu?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Was ich unter vier Augen zugebe, kann ich unter sechs ohne M&uuml;he
+widerrufen. Aber glauben Sie, da&szlig; mir von einer Regierung Gefahr droht, die
+nicht den Mut hat, unumwunden zu fragen, aus Furcht eine Antwort zu
+erhalten, die sie zu einem Eingriff zw&auml;nge? Mich sch&uuml;tzt nicht meine
+Geschicklichkeit, sie war zur H&auml;lfte Nachsicht gegen die Pers&ouml;nlichkeit
+dessen, der sie nicht zu &uuml;bertreffen vermochte; was mich sch&uuml;tzt, sind die
+Macht und der Wille der Gleichgesinnten im Reich.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;So wissen Sie auch, da&szlig; ich zuweilen ein Gast des Kollektors war?&ldquo; fragte
+ich, aufs h&ouml;chste angeregt.</p>
+
+<p>Mangesche Rao nickte. &bdquo;Es ist leichter f&uuml;r uns, in Mangalore einen Europ&auml;er
+zu beobachten, als umgekehrt. Zu Anfang habe ich den Gedanken erwogen, Sie
+m&ouml;chten mich im Interesse der englischen Regierung zu sich geladen haben,
+deshalb bin ich gekommen. Aber dieser Gedanke war falsch.&ldquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_226" id="Page_226">[226]</a></span>&bdquo;Was b&uuml;rgt Ihnen daf&uuml;r?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ihr Bem&uuml;hen, arglos zu erscheinen,&ldquo; sagte der Brahmine und l&auml;chelte, &bdquo;auf
+diese Art versuchen es nur Leute, die es sind.&ldquo;</p>
+
+<p>Ich lachte, und da er ernst blieb, fragte ich:</p>
+
+<p>&bdquo;Und wenn ich nun, Ihrer Meinung zum Trotz, vielleicht nur aus
+gleichg&uuml;ltigem Unterhaltungsbed&uuml;rfnis, dem Kollektor Ihr Gest&auml;ndnis
+erz&auml;hlte?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Sie w&uuml;rden sich weder Dank erwerben, noch Schaden tun&ldquo;, meinte der
+Brahmine, ohne ein Anzeichen von besonderem Interesse. &bdquo;Es ist niemandem
+wichtig, Dinge zum zehnten Mal zu h&ouml;ren, die er wei&szlig;.&ldquo;</p>
+
+<p>Der Tag verlief damit, da&szlig; ich Mangesche Rao meine in seinem Lande
+verbrachten Tage von Anfang bis zu Ende erz&auml;hlte. Ich sprach nicht nur von
+Ereignissen, sondern auch von den Empfindungen, welche mich bewogen hatten,
+sie zu suchen. Er h&ouml;rte mir mit ruhigen Augen zu, warf hier und da eine
+Frage ein, die mir sein Verst&auml;ndnis erwies und mich zu immer gr&ouml;&szlig;erem
+Freimut bewegte. So gestand ich ihm endlich auch den Grund ein, aus welchem
+ich ihn gebeten hatte mein Haus aufzusuchen, und seine Freude war nicht
+ohne Stolz, als er mir auf seine vornehme Art versicherte, das Beste seines
+geistigen Eigentums sei so weit das meine, als ich Verlangen danach tr&uuml;ge.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich begreife den Geist, der Sie in die Welt hinaustreibt,&ldquo; sagte er zum
+Abschied zu mir. &bdquo;Immer erfa&szlig;t bei allen V&ouml;lkern Einzelne diese
+Rastlosigkeit, sie finden nirgend Ruhe und mischen die Welt. Mit ihnen
+gehen Segen oder Unsegen, und diese entstehen nach dem Ma&szlig;e des Werts
+solcher Menschen. Die Einen treibt ihre ungeb&auml;ndigte F&uuml;lle hinaus, die
+Anderen ihre Leere. Die letzteren glauben bereichert zur&uuml;ckzukehren, aber
+sie lassen &uuml;berall nur Un<span class="pagenum"><a name="Page_227" id="Page_227">[227]</a></span>ordnung und Verwirrung zur&uuml;ck, auch bringen sie
+in Wahrheit nichts heim, denn in leeren K&ouml;pfen ist am wenigsten Platz. Die
+Reichen aber geben, indem sie suchen, und der Notstand ihrer Wanderung
+gereicht oft denen zum Nutzen, die ihnen begegnen.&ldquo;</p>
+
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_228" id="Page_228">[228]</a></span></p>
+<h2>
+<a name="kap13" id="kap13"></a>Dreizehntes Kapitel<br />
+Das letzte Feuer und der alte Geist
+</h2>
+
+
+<p>Es war damals noch die Zeit des &bdquo;Prabuddha Bh&acirc;rata&ldquo;, des erwachten Indiens.
+Die Ausl&auml;ufer des gro&szlig;en Geistesstromes hatten weit &uuml;ber das Land hin die
+Gem&uuml;ter zu neuem Glauben an eine Einigung der V&ouml;lker unter dem Licht der
+urv&auml;terlichen Religion befruchtet. Die Wirkung Brahma-Samajs, der die
+Veden, besonders aber die Upanishads im Sinn eines gekl&auml;rten Theismus
+auslegte, hatte &uuml;ber die Finsternis des G&ouml;tzendienstes und Aberglaubens
+hin, den Versuch einer sozialen Reform hervorzurufen, die mit Raghunatha
+Rao einsetzte und sich in eigensinnigen K&auml;mpfen zuerst gegen den
+Kastengeist wandte. Der Name Sw&acirc;mi Vivek&acirc;nandas klang wie ein heller
+Weckruf durch das schlafende, unterdr&uuml;ckte Land, aber die schwelende Flamme
+dieser neuen Wahrheit schlug niemals zum vollen Glauben an die Freiheit
+empor.</p>
+
+<p>Es folgten diesen Propheten der Erhebung andere. Die verschiedenen
+Richtungen der Auffassung zerteilten ihre Anh&auml;nger zu Parteien, und was im
+Sinn einer Einigung zu einer neubelebten Landesreligion begonnen hatte,
+artete in Parteigez&auml;nk aus, und als gar europ&auml;ische Agitatoren sich der
+gro&szlig;en Sache annahmen, wuchs das Mi&szlig;trauen der Menge. Der Gedankenstrom
+geriet hier in buddhistische Geistesbahnen, dort in den Einflu&szlig;
+christlicher Ideen, und die englische Politik, sich dessen wohl bewu&szlig;t, da&szlig;
+die Macht ihrer Einigkeit von der Zersplitterung der feindlichen Parteien
+abhing, verwertete die verschiedenen Regungen geschickt zu ihrem Vorteil
+und spielte sie gegeneinander aus.</p>
+
+<p>Dadurch ergab sich naturgem&auml;&szlig;, da&szlig; die zu Beginn dem Aufbau einer erneuten
+Landeskirche zugedachten Reformen mehr und mehr ein politisches Gepr&auml;ge
+bekamen, die fanatischsten Anh&auml;nger<span class="pagenum"><a name="Page_229" id="Page_229">[229]</a></span> der erneuten Religion sahen in ihr
+bald ein Mittel zur Befreiung des Landes von der englischen Herrschaft, und
+mit diesem Umschwung war das Herz der Sache t&ouml;dlich verwundet, und ihre
+Kraft versickerte im Vielerlei einer von Tendenz und Leidenschaft erf&uuml;llten
+nationalen Bestrebung.</p>
+
+<p>Ich erfuhr von diesen Dingen zum ersten Mal durch den Brahminen Mangesche
+Rao, dessen aufrichtiger Glaube an die M&ouml;glichkeit eines geeinten Indiens
+mich hinri&szlig;, wie auch sein Ha&szlig; gegen England, welche beide im Verlauf
+unserer Beziehung immer unverhohlener zutage traten. Ich gewann Mangesche
+Raos Vertrauen in dem Ma&szlig;e, als er an meine Anteilnahme glauben lernte, und
+wenn er auch, mehr einem Prinzip als eben einer Bef&uuml;rchtung folgend, alle
+praktischen Einzelheiten vor mir geheimhielt, so gewann ich doch bald einen
+allgemeinen Einblick in das Interessengebiet des politisch k&auml;mpfenden
+Indiens.</p>
+
+<p>Er setzte voraus, da&szlig; seine Ideen mir wertvoller waren, als seine Mittel,
+sie zu realisieren, und &uuml;berlie&szlig; mir den Schlu&szlig; vom Gedanken auf die
+M&ouml;glichkeiten zur Tat. Die Liebe zu seinem Lande begeisterte mich, seine
+Hoffnung war hei&szlig; und jugendlicher Art und stand in einem seltsamen
+Gegensatz zur Gelassenheit und Beherrschung des Wesens, die er zur Schau
+trug. Ich lernte ihn um der gl&uuml;henden Hingabe willen lieben, in welcher er
+sich einer Sache opferte, deren Bedeutung und Aussichten ich damals nicht
+zu &uuml;bersehen in der Lage war. Sicher ist, da&szlig; ich leicht bei meiner raschen
+Anteilnahme in Dinge h&auml;tte verwickelt werden k&ouml;nnen, die mir verh&auml;ngnisvoll
+geworden w&auml;ren.</p>
+
+<p>Aber was der Brahmine aus seiner reichen Welt gro&szlig;er Ideen in einen
+politischen Kampf hin&uuml;bernahm, hing so eng mit seiner Jugend zusammen, wie
+sein Eifer mit seiner Hoffnung. Im Grunde war er so wenig Politiker, wie
+die Fragen nach Mein und Dein ihn<span class="pagenum"><a name="Page_230" id="Page_230">[230]</a></span> lange in ihrem z&auml;nkischen Bereich h&auml;tten
+fesseln k&ouml;nnen. Die priesterliche Tradition seines Stammes, die tief in
+seinem Blute lebte, zog ihn immer wieder in ihre beschauliche Stille
+zur&uuml;ck, und im Grunde lockte die Erkenntnis ihn m&auml;chtiger, als der Kampf um
+den &auml;u&szlig;eren Glanz der Welt.</p>
+
+<p>Die Bekanntschaft und mein immer mehr zunehmender Umgang mit ihm
+ver&auml;nderten meine Lebensweise und meine Betrachtungsart der Welt, die mich
+umgab. Ich strich nun oft allein und nachdenklich durch den belebten Basar
+und am Dunkel der Tempeleing&auml;nge vor&uuml;ber, deren gelbe Messingplatten am
+alten, von unz&auml;hligen H&auml;nden und F&uuml;&szlig;en dunkelpolierten Holz, geheimnisvoll
+aufblinkten, wie die Riegel zu H&ouml;hlen voll ungeahnter Wunder. Ich achtete
+mit neuem Verst&auml;ndnis auf die vielerlei Abzeichen auf den Stirnen der
+Inder, die bald mit Ru&szlig; oder Asche, bald mit Henna gemalt waren, und
+lernte die Kasten voneinander unterscheiden.</p>
+
+<p>Wenn die Trommeln und Pfeifen und der wahrsagerische Gong im D&auml;mmern der
+Tempelh&ouml;fe erklangen, kamen mir die Worte Mangesche Raos &uuml;ber den Sinn der
+einzelnen Zeremonien neu belebt ins Ged&auml;chtnis, und gemeinsam mit seiner
+Hoffnung erwachte der Wunsch in mir, der alte Geist m&ouml;chte sich einst von
+den Schlacken dieser heidnischen Entstellungen zu seiner ehemaligen
+Freiheit erl&ouml;sen.</p>
+
+<p>Einmal waren wir weit &uuml;ber die Stadt hinaus am Meer dahingeschritten, unter
+der geraden Palmenallee, und ich sah die nackten Hindus, braun im
+Sonnenlicht gl&auml;nzend, im flachen Wasser fischen, unser Gespr&auml;ch war bald,
+wie schon so oft, von weltlichen Dingen der Politik auf religi&ouml;se Fragen
+gekommen, und vielleicht in der Hoffnung, einmal klar und bestimmt den Sinn
+des Hinduismus zu erfassen, fragte ich Mangesche Rao:</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_231" id="Page_231">[231]</a></span>&bdquo;Was ist das Brahman? Ich h&ouml;re Gedanken von tiefem Sinn, Weisheit voller
+Sch&ouml;nheiten, Erl&ouml;sungsgedanken voll hellen Befreiungsglaubens, aber &uuml;ber
+dem Begriff des Brahman selbst schwebt ein mystisches Dunkel.&ldquo;</p>
+
+<p>Da antwortete mir der Brahmine:</p>
+
+<p>&bdquo;Das Wesen des G&ouml;ttlichen kann ein Herz nur empfinden, aber ich will Ihnen
+so antworten, wie die &auml;ltesten Priester der Veden es gedeutet haben. Nach
+ihnen ist das Brahman das Licht des Geistes und die Seligkeit ohne Leid.
+Das Brahman ist die Freude, das uranf&auml;ngliche Wissen, eine unterschiedslose
+Masse von Erkenntnis, aus Seligkeit bestehend, zug&auml;ngig durch das
+Bewu&szlig;tsein, mit h&ouml;chster Einsicht ausgestattet.&ldquo;</p>
+
+<p>Wie nah lag nach dieser herrlichen Darlegung die Frage nach der
+M&ouml;glichkeit, auf die ein Herz dieses Heils teilhaftig werden k&ouml;nnte.
+Mangesche Rao dachte eine Weile nach, dann sagte er:</p>
+
+<p>&bdquo;Ich will Ihnen eins der Distichen aus dem Atmabodha nennen, das vielleicht
+Ihre Frage nicht so beantwortet, wie sie gestellt ist, das aber die rechte
+Entgegnung auf eine recht gefa&szlig;te Frage w&auml;re:</p>
+
+
+<p class="poem">
+Der Fromme, der des rechten Wissens kundig,<br />
+erschaut es mit dem Auge der Erkenntnis,<br />
+da&szlig; in ihm selbst beruht das ganze Weltall,<br />
+und da&szlig; er selbst das Eine ist und alles.<br />
+Wie eine Eisenkugel, die durchgl&uuml;ht ist<br />
+vom Feuer, so durchdringt das Brahman<br />
+das ganze All im Innern und von au&szlig;en<br />
+mit seinem Licht, indem es selbst erstrahlt.&ldquo;
+</p>
+
+
+<p>Er sprach leise und feierlich. Mir war, als erinnere sich ein
+tausendj&auml;hriges Geisterreich seines versinkenden Lichts, und zum ersten Mal
+&uuml;berkam mich mit dunkler Gewalt die Trauer um das ver<span class="pagenum"><a name="Page_232" id="Page_232">[232]</a></span>lorene Indien. Ich
+begriff in heimlicher Be&auml;ngstigung die Vergeblichkeit des Kampfes, in
+welchen dieser Mann neben mir, wie in sein Schicksal, verstrickt war, und
+mein Verlangen schwankte unruhig zwischen dem Wert der alten und der neuen
+Welt. Mangesche Rao schien meine Gedanken zu ahnen, denn nach einer Weile
+des Schweigens meinte er in leichterem, fast gesch&auml;ftigem Tone:</p>
+
+<p>&bdquo;Es ist niederdr&uuml;ckend, erkennen zu m&uuml;ssen, da&szlig; alles, was wir unter gro&szlig;en
+Opfern zur Wohlfahrt des geknechteten Volks errungen haben, immer wieder
+zum Anla&szlig; seines Mi&szlig;trauens wird. Als ich mich entschlo&szlig;, die Hochschule in
+Madras zu besuchen, wurde ich aus der Gemeinschaft meiner Kaste
+ausgesto&szlig;en, und als ich mit Erfolg um eine einflu&szlig;reiche Stellung unter
+den Feinden rang, verlor ich das letzte Zutrauen im engsten Kreis meiner
+Freunde. Und doch haben wir Inder keinen anderen Weg, den Kampf mit England
+aufzunehmen. Heute unterdr&uuml;ckt in Indien noch die politische Macht die
+Freiheit des Geistes, aber es wird bald so weit kommen, da&szlig; auch hier, wie
+&uuml;berall in der Welt, der Geist die Herrschaft antritt. Damit wird Englands
+Niedergang in Indien beginnen. Die Einsichtigen wissen es, und es beginnt
+bereits eine starke Str&ouml;mung, die uns die einger&auml;umten Rechte wieder zu
+schm&auml;lern sucht, denn England f&uuml;hlt, wo es uns gewachsen ist und wo nicht.
+Aber wie bitter ist es, in solchem Kampf erfahren zu m&uuml;ssen, da&szlig; unsere
+eigenen Landsleute, deren Wohl unsere M&uuml;he gilt, sich gegen uns wenden.&ldquo;</p>
+
+<p>Ich habe sp&auml;ter oft an diese Worte denken m&uuml;ssen, als das Geschick meines
+Freundes sich erf&uuml;llt hatte, ich erinnerte mich ihrer, wie einer
+ausgesprochenen Ahnung seines Verh&auml;ngnisses.</p>
+
+<p>Zwischen den Palmen glitzerte das farbige Meer. Wir kamen an den
+Verbrennungsst&auml;tten f&uuml;r die Toten vor&uuml;ber. Ein Holzsto&szlig; war f&uuml;r den
+hereinbrechenden Abend geschichtet, und der Tote lag, mit<span class="pagenum"><a name="Page_233" id="Page_233">[233]</a></span> kunstvoll
+gebrochenen Gliedern, fast rechteckig gef&uuml;gt, nackt auf dem kleinen
+Scheiterhaufen. Zahllose Aschenst&auml;tten umher verrieten die Feiern der
+vergangenen Tage, und pl&ouml;tzlich erinnerte ich mich jenes merkw&uuml;rdig
+qu&auml;lenden Brandgeruchs an manchen Abenden. Im Qualm des verbrannten
+Fleisches stiegen die Seelen ins Nirwana empor. Ich sah Mangesche Rao an.
+Hinter dieser ruhigen Stirn brannte die furchtbare Hoffnung, da&szlig; bald der
+Aufstand durch die Gassen heulen w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Ein auss&auml;tziger Bettler kroch auf allen Vieren &uuml;ber den roten Weg auf uns
+zu, er hatte sich im Dickicht verborgen gehalten, um den Steinen seiner
+Verfolger zu entgehen, nun bellte er heiser und drehte den Kopf mit den
+zerst&ouml;rten Wangen, wie vom Irrsinn seiner Qual genarrt. Am Strand hatten
+die Raben sich gesammelt, ihr Geschrei beunruhigte die sonnentrunkene
+Stille. Ich sah fort, als ich den von allem Fleisch entbl&ouml;&szlig;ten Brustkorb
+eines Menschen erkannte.</p>
+
+<p>&bdquo;Die Pest und die Blattern haben ihren Einzug gehalten&ldquo;, sagte Mangesche
+Rao. Er sprach auf dem R&uuml;ckweg kein Wort mehr. Vielleicht war ihm, wie auch
+mir, bedrohlich durch den Sinn gezogen, wie vielerlei Feinde sein Land
+belagerten und zersetzten, Feinde, gegen die kein Kampf von Nutzen war. Es
+waren jene Opfer des Lebendigen, die sich mit dem Alter und der M&uuml;digkeit
+eines Volkes einstellen, der Verfall der Sitte, das Laster, das Elend und
+die schleichenden Seuchen.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<hr />
+
+<p>Panja hielt es immer noch f&uuml;r n&ouml;tig, mich zu warnen, und vom Standpunkt
+seiner Betrachtungsweise hatte er recht. Ich beruhigte ihn nach Kr&auml;ften,
+obgleich seine Besorgnisse in diesem Fall eher seiner Eifersucht, als
+seiner F&uuml;rsorge entstammen mochten.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_234" id="Page_234">[234]</a></span>&bdquo;Die Engl&auml;nder f&uuml;rchten meinen Freund, Panja. Das Schlimmste, was ihm
+geschehen kann, wird seine Verbannung sein, und wenn auch mich dies Unheil
+tr&auml;fe, so k&auml;me es nur mit meinen Absichten zusammen, und wir f&uuml;hren
+vielleicht auf Staatskosten nach Bombay statt auf eigene.&ldquo;</p>
+
+<p>Panja wandte sich ohne Erregung, fast traurig ab.</p>
+
+<p>&bdquo;Du kennst das Land nicht, Herr. Wer spricht von einer Gefahr, die dir oder
+dem Brahminen von England drohen k&ouml;nnte? Wei&szlig;t du nicht, da&szlig; Mangesche Rao
+unter den Priestern seiner Kaste so verha&szlig;t ist, wie die Hy&auml;ne unter den
+Schakalen? Ihre Waffen ersticken den Schrei im Halse, unter dem
+Palmendickicht ist Finsternis, in die kein Richter schaut. Man sagt von der
+Kobra, da&szlig; man sie erst erblickt, nachdem der Tod einem die Augen ge&ouml;ffnet
+hat, und die Kaste dieser Priesterlichen nennt diese Schlange heilig.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Was meinst du denn, Panja?&ldquo;</p>
+
+<p>Ich fragte angeregt, denn wenn dieser merkw&uuml;rdige und kindliche Freund
+meiner indischen Tage nicht in Eifer geriet, so war ihm sicherlich zu
+glauben. Ich wu&szlig;te l&auml;ngst, da&szlig; sein anf&auml;nglicher Ha&szlig; gegen Mangesche Rao
+sich in heimliche Neigung verkehrt hatte, eine Wandlung, die seine
+Eifersucht nicht ausschlo&szlig;, die mich aber aufmerksamer auf seine
+Besorgnisse machte.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich wei&szlig; es nicht,&ldquo; antwortete er, &bdquo;warum aber begibst du dich in Gefahr?
+Wer w&uuml;rde dich sch&uuml;tzen? Einem Engl&auml;nder darfst du nur so lange trauen, wie
+du ihm Vorteile bietest, und wenn du mit seinen Feinden umgehst, kann er
+dich nicht f&uuml;r seinen Freund halten. Mangesche Rao steht in der Mitte, die
+keinen Halt gew&auml;hrt, sowohl die Priester als auch die Regierung halten ihn
+f&uuml;r einen Verr&auml;ter, denn im Kampf um das Land schaut niemand eines Menschen
+Herz an, wie du es tust.&ldquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_235" id="Page_235">[235]</a></span>&bdquo;Panja, die Freuden des Daseins, welche sich allen ohne Gefahr bieten, sind
+mir gleichg&uuml;ltig. Was ich empfange, ist meinen geringen Einsatz wert.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich spreche nicht so, weil ich dich verlassen will&ldquo;, antwortete Panja
+einfach. Ich hatte ihn lange nicht mehr so ernst gesehen, und nachdenklich
+erwog ich meine Lage.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Mangesche Rao kam in den letzten Wochen seltener. Es lag eine aufreibende
+Spannung in der Luft, die um so dr&uuml;ckender wirkte, als sich ihre Ursache
+beharrlich verbarg, aber die Stimmung meines neuen Freundes schlug in
+Stunden unseres Beisammenseins oft in heitere Unbefangenheit um. Er verga&szlig;
+&uuml;ber unseren vielerlei Gespr&auml;chen die verantwortungsvollen Lasten, die
+seine freiwillige Pflicht ihm auflud. Eines Abends brachte sein Diener, der
+ihn begleitete, das Fell eines siamesischen Panthers mit, das mir Mangesche
+Rao zum Geschenk machte. Er wollte, da&szlig; ich ein Andenken von ihm annehmen
+sollte, und mir war f&uuml;r einen Augenblick, als handelte es sich um einen
+Abschied. Meine Augen ruhten den Abend hindurch oft auf dem tiefen Schwarz
+des herrlichen Fells, mit tausend Erinnerungen an die Wildnis stieg der
+Gedanke an die Nacht in meiner Seele empor, an die Nacht Indiens und an die
+Herrschaft des Tiers.</p>
+
+<p>An jenem Abend, wir hatten uns zur Nachtstunde auf die Veranda begeben, kam
+unser Gespr&auml;ch auf die Weltliteratur und ihre gr&ouml;&szlig;ten Vertreter. Eine
+bewegte Wolke gefl&uuml;gelten Nachtvolks sammelte sich im Schein der Lampe, und
+bald sah die Tischplatte wie ein Schlachtfeld nach einem wilden Treffen
+aus. Die geheimnisvolle Nacht erklang im tropischen Liebesfieber ihrer
+unz&auml;hligen Gesch&ouml;pfe, und der Mond glitzerte wei&szlig; in den blanken Bl&auml;ttern.</p>
+
+<p>Es ber&uuml;hrte mich seltsam genug, da&szlig; Goethes Name, durch Meere<span class="pagenum"><a name="Page_236" id="Page_236">[236]</a></span> und Welten
+von seiner deutschen Heimat getrennt, so selbstverst&auml;ndlich erklang, als
+sei er l&auml;ngst geistiges Eigentum der ganzen bewohnten Erde. Die Meinung des
+Brahminen &uuml;ber das gro&szlig;e Werk seines Lebens, die er meiner jugendlichen
+Begeisterung entgegenhielt, war eigenartig genug, um mir f&uuml;r immer in
+Erinnerung zu bleiben.</p>
+
+<p>&bdquo;Goethe,&ldquo; sagte Mangesche Rao, &bdquo;ist so sehr der Erzieher des deutschen
+Volks in Gesinnung und Anspruch geworden, da&szlig; es Ihren Landsleuten sehr
+schwer fallen mu&szlig;, seine Bedeutung &uuml;ber die p&auml;dagogische Einwirkung hinaus
+gerecht einzusch&auml;tzen, da die meisten wie mit seinen Augen auf ihn blicken,
+und die &uuml;berragende Autorit&auml;t seiner Erscheinung kn&uuml;pft an keine Tradition
+an, die einen Ma&szlig;stab bieten k&ouml;nnte. Zuletzt wird er, wie alle Gro&szlig;en, nach
+dem Umfang seiner Gestaltungskraft eingereiht werden, und in dieser
+Hinsicht erscheint uns Friedrich Schiller als der gr&ouml;&szlig;ere Meister.&ldquo;</p>
+
+<p>Wir kamen auf Dante zu sprechen, dessen hohen, sittlichen Anspruch er pries
+und den er &uuml;ber alles liebte, auf Shakespeare und endlich auf Kalidasa,
+dessen Sakuntala er weit &uuml;ber alles stellte, was der gro&szlig;e Engl&auml;nder jemals
+empfunden, gedacht und gestaltet hat.</p>
+
+<p>Die Art seiner Betrachtungsweise und die Anspr&uuml;che in seinen Begr&uuml;ndungen
+gaben mir ein merkw&uuml;rdig neues und allgemeines Bild. Ich mu&szlig;te mit
+heimlichem L&auml;cheln an alle die &bdquo;Gro&szlig;en&ldquo; denken, welche die Generation
+unserer V&auml;ter, und mit ihr wir selbst in unserer Jugend, so bereitwillig
+neben bedeutsame Geister gestellt haben.</p>
+
+<p>Panja war am anderen Tage sehr gl&uuml;cklich, als ich ihm mitteilte, da&szlig; ich
+mit Mangesche Rao eine Reise ins Land verabredet hatte, an der auch er
+teilnehmen sollte, und die einige Tage w&auml;hren<span class="pagenum"><a name="Page_237" id="Page_237">[237]</a></span> und uns in die N&auml;he von
+Barkur und zu den Wasserf&auml;llen des Shita f&uuml;hren w&uuml;rde.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Ich sa&szlig; mit Mangesche Rao am Feuer, am Rand des Urwalds in der unendlichen
+Nacht. Die Steppe klagte, und ihre Stimmen bewegten mein Gem&uuml;t zu Begierde
+und Trauer. Ich habe die Sterne selten wieder so hell gesehen, wie in
+dieser denkw&uuml;rdigen Nacht, die mir um vieler Gedanken willen, die der
+schweigsame Mann aussprach, unverge&szlig;lich geblieben ist. Panja schlief
+damals schon im Zelt, was er eigentlich stets tat, wenn er sich f&uuml;r
+abk&ouml;mmlich hielt, und aus dem Schattendunkel des Dschungelwalds erklang in
+der N&auml;he unseres Feuers das Grasraufen der weidenden Ochsen und das
+Schnauben ihrer N&uuml;stern am Boden. Der Mond war noch nicht aufgegangen; aber
+es war hell in der Weite, unter den Sternen.</p>
+
+<p>Mangesche Rao hatte nach der Abendmahlzeit schweigend die selbstgerollte
+Zigarette durch die hohle Hand geraucht, und wir h&auml;tten uns gewi&szlig; in dieser
+Nacht, wie in so mancher anderen, ohne viel Worte zur Ruhe gelegt, wenn uns
+nicht ein eigenartiger Vorfall aufgeschreckt h&auml;tte. Einer der grasenden
+Ochsen, der sein Geschirr noch zum Teil trug, begann pl&ouml;tzlich sich auf
+eigent&uuml;mliche Art zu sch&uuml;tteln. Mir erschien dies Ger&auml;usch erst dadurch
+ungew&ouml;hnlich, da&szlig; Mangesche Rao pl&ouml;tzlich rasch hintereinander zwei H&auml;nde
+voll Reisig auf das Feuer warf, so da&szlig; eine hohe Flammens&auml;ule in die Nacht
+emporstieg, unter deren Schein die blaue Weltweite f&uuml;r kurze Zeit in
+Finsternis zu versinken schien und die n&auml;here Umgebung aufleuchtete wie ein
+rotes Gemach. Er stand auf und schritt vorsichtig auf das Tier zu, die
+h&auml;ngende B&uuml;chse, am Lauf gefa&szlig;t, wie er es stets tat, lauernd hinter sich
+herziehend, und ich folgte ihm mit der meinen. Es gibt wenig Gefahren in
+Indien, die man deutlich nahen sieht und denen man ruhig entgegentreten<span class="pagenum"><a name="Page_238" id="Page_238">[238]</a></span>
+kann, dieses Abwartende und geb&auml;rdelos Hereinbrechende eines Verh&auml;ngnisses
+macht einen Teil des gro&szlig;en Grauens aus, das niemanden in der indischen
+Wildnis verl&auml;&szlig;t, dessen Sinne diesen Ahnungen erschlossen sind. Wie wenig
+das einzelne Ereignis, das mein Leben oder das meiner Freunde gef&auml;hrdet
+hat, es im Grunde war, das mich ersch&uuml;tterte, sondern wie vielmehr es die
+Ungewi&szlig;heit seiner unfa&szlig;baren Ann&auml;herung war, geht mir daraus hervor, da&szlig;
+heute noch eine Palmengruppe oder der schw&uuml;le Luftzug eines Treibhauses
+mich aufs tiefste entsetzen k&ouml;nnen. Mit der gefiederten Gestalt des harten
+Gr&uuml;ns eines Palmblattes ist mir dauernd eine Ahnung des Todes verkn&uuml;pft,
+w&auml;hrend ich den Bewegungen einer Schlange ohne andere Ergriffenheit
+zuzuschauen vermag, als in der, welche ihre Sch&ouml;nheit und Eigenart
+ausl&ouml;sen. Nach einer Begegnung mit einem mohammedanischen Hindu in einer
+engen Gasse von Bombay, der einen Schu&szlig; auf mich abfeuerte, ist mir weder
+vor den M&auml;nnern seines Volkes noch vor einer Schu&szlig;waffe auch nur ein
+Schatten von Besorgnis verblieben, aber noch jahrelang hat mich der kaum
+h&ouml;rbare Klang nackter F&uuml;&szlig;e auf einem Steinboden entsetzt. Ich erinnere mich
+von diesem Geschehnis kaum an etwas empfindsamer, als an dieses dumpfe,
+leise &bdquo;Tapp-Tapp&ldquo;, mit dem es hinter mir begann.</p>
+
+<p>Und so h&auml;tte auch in dieser Nacht am Steppenrand die Gewi&szlig;heit, da&szlig; etwa
+ein Panther unser Lager umschliche, mich nicht so erregen k&ouml;nnen, wie die
+zweiflerische Vorstellung bald von etwas Nichtigem, bald von
+Ungeheuerlichem. Mag es ein jeder nennen, wie er will, wir fanden unseren
+Ochsen in einem seltsamen Erstarrungskrampf, er zitterte so heftig, da&szlig;
+sein Geschirr unaufh&ouml;rlich klirrte, und war nicht zu bewegen, in die N&auml;he
+des Feuers zu gehen, in dessen Schein wir nach der Ursache seiner Plage
+h&auml;tten forschen k&ouml;nnen. Pl&ouml;tzlich sagte Mangesche Rao zu mir, da&szlig; ich<span class="pagenum"><a name="Page_239" id="Page_239">[239]</a></span>
+stillstehen und keinen Fu&szlig; r&uuml;hren solle, aber ich kam nicht zur Befolgung
+seines Ratschlags, weil das gewaltige Tier lautlos umsank und am Boden in
+furchtbaren Verrenkungen und unter keuchendem Schnauben verendete. Das
+Feuer war wieder auf ein bescheidenes Fl&auml;mmchen zur&uuml;ckgebrannt, und ich sah
+den wei&szlig;en Kolo&szlig; des toten Tiers im Sternenlicht im Gras liegen und hinter
+ihm die unendliche Weite des blauen Steppenlandes.</p>
+
+<p>Der Brahmine schien die Ursache dieses pl&ouml;tzlichen Todes zu wissen, denn er
+suchte mit Aufmerksamkeit und bewu&szlig;t wie nach der Best&auml;tigung einer
+feststehenden Annahme. Endlich brannte er einen gr&ouml;&szlig;eren Span am Lagerfeuer
+an und zeigte mir im Licht der rauchenden Flamme ein winziges, dunkel
+umrandetes L&ouml;chlein am Maul des verendeten Tiers.</p>
+
+<p>&bdquo;Hier ist die Ursache,&ldquo; sagte er langsam in einer Wichtigkeit, die nichts
+als Ergriffenheit war, &bdquo;es ist der Stich der Kobra. Ich glaube, da&szlig; das
+grasende Tier die Schlange im Gras aufgest&ouml;rt hat.&ldquo;</p>
+
+<p>Es fa&szlig;te mich ein Schauer, dessen nachhaltige Einwirkung ich damals kaum
+recht zu begreifen vermochte, aber ob hier ein Mensch oder ein Tier dem
+Gift erlegen war, schien mir angesichts des verdorbenen Lebens zu meinen
+F&uuml;&szlig;en ohne entscheidende Bedeutung. Mich erfa&szlig;te die Ehrfurcht vor der
+Kobra aufs neue, und das Angesicht Mangesche Raos spiegelte in seinem Ernst
+diese Ehrfurcht wieder, wie eine uralte Erinnerung seines Geschlechts an
+eine erhabene Gottheit, die keine Aufkl&auml;rung hatte beeintr&auml;chtigen k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Durch dieses Erlebnis mag es gekommen sein, da&szlig; unser Gespr&auml;ch
+vor&uuml;bergehend den Gedanken und Begriff des Todes streifte, und was mir
+daraus unausl&ouml;schlich im Ged&auml;chtnis geblieben ist, will ich erz&auml;hlen. Nach
+einer Weile sa&szlig;en wir wieder am Feuer, das in dieser Nacht nicht mehr
+erlosch. Eine seltsame Ruhlosigkeit war<span class="pagenum"><a name="Page_240" id="Page_240">[240]</a></span> &uuml;ber den gelassenen Mann gekommen,
+es stimmte mich wehm&uuml;tig, ihn im inneren Kampf zwischen seinen klugen
+Gedanken und der seinem Blute innewohnenden Tradition der Weltbetrachtung
+seiner Priesterkaste zu wissen. Noch heute sehe ich seine aufrechtsitzende
+Gestalt so deutlich vor mir, wie keine Worte sie dem Bewu&szlig;tsein eines
+anderen zuzutragen verm&ouml;gen, den rot beschienenen Seidenturban &uuml;ber der
+Stirn und den bed&auml;chtigen Augen, seine schmalen, fast zierlichen Schultern
+und den gesenkten Kopf, der beim Sprechen eine Haltung einnahm, als suchten
+die Augen die Gedanken von den H&auml;nden zu lesen, die auf den Knien ruhten.
+Zuweilen hob er eine der mageren hellbraunen H&auml;nde, wenn es ihm galt, einem
+Wort besonderes Gewicht zu verschaffen. Ich habe niemals im Leben wieder
+mit einem Menschen im Eifer und mit Leidenschaft &uuml;ber wichtige Fragen
+unserer Seele gesprochen, der mit so viel Gelassenheit und so feinem
+Anstand sein Gegen&uuml;ber ausreden lie&szlig;. Einmal sagte er mir: &bdquo;Sie m&uuml;ssen
+einem Gegner Ihrer Betrachtungsart sein Amt nicht dadurch erleichtern, da&szlig;
+Sie ihn unterbrechen, dadurch nehmen Sie ihm oft die Gelegenheit, zu
+erweisen, wie wenig er zu sagen hat.&ldquo; &Uuml;berhaupt war sein Spott von
+merkw&uuml;rdiger Umst&auml;ndlichkeit der Darbietung, und seine sch&auml;rfsten Bosheiten
+sagte er freundlich. Er geno&szlig; niemals den Triumph seiner &Uuml;berlegenheit
+sichtbar und sprach am eifrigsten, wenn sein Gegner eine Niederlage zu
+verwinden hatte. Wahrhaft empfindlich aber konnte seine Art zu schweigen
+auf Gem&uuml;ter wirken, die empfanden, da&szlig; er damit darauf verzichtete, zu
+&uuml;berzeugen, und weshalb.</p>
+
+<p>In Mangalore besuchte ich ihn eines Tages, als er vor seinem Hause auf dem
+Lehmboden im Palmschatten mit einem Pater der Jesuitenniederlassung Schach
+spielte. Gewi&szlig; unterhielt er sich dadurch, da&szlig; er spielte, aber er gewann
+nach der Meinung seines<span class="pagenum"><a name="Page_241" id="Page_241">[241]</a></span> Partners zugleich dadurch, da&szlig; er sich unterhielt.
+Als der Pater ihm vorwarf, da&szlig; er ein Gespr&auml;ch f&uuml;hrte, um ihn abzulenken,
+wurde eine neue Partie ausgemacht, unter der Bedingung, da&szlig; w&auml;hrend des
+Spiels kein Wort fallen sollte. Der Ordensbruder konnte sich, in etlichem
+Verdru&szlig; nach seiner Niederlage, nicht enthalten, hinzuzuf&uuml;gen: &bdquo;Wenn es
+Ihnen m&ouml;glich ist, so lange zu schweigen.&ldquo;</p>
+
+<p>Mangesche Rao antwortete nicht, sondern ordnete die Figuren. Nach wenigen
+Z&uuml;gen verlor sein Gegner die Dame und gab das Spiel auf, worauf Mangesche
+Rao bescheiden sagte: &bdquo;Ich habe sie nur genommen, weil es unh&ouml;flich gewesen
+w&auml;re, in Gegenwart einer Dame so lange zu schweigen.&ldquo;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>In jener Nacht nun sprach ich vom Tode, anf&auml;nglich im leichtfertigen
+&Uuml;bereifer meiner Ergriffenheit und bewegt von der romantischen
+Betrachtungsart meiner Jugend. Mangesche Rao h&ouml;rte mir zu und sagte
+endlich:</p>
+
+<p>&bdquo;H&ouml;ren Sie die hungernden Hy&auml;nen in der Steppe heulen?&ldquo;</p>
+
+<p>Ich gab es ihm, ein wenig ern&uuml;chtert, zu, und er meinte, ohne
+Nachdenklichkeit, die nur diejenigen zur Schau tragen, die ihren Gedanken
+nicht trauen: &bdquo;Welch einen Festtag hat der Tod den Hy&auml;nen beschert. Sie
+finden das tote Tier, wenn wir unsern Lagerplatz verlassen haben, um
+weiterzuziehen.&ldquo; Und er fuhr fort: &bdquo;Ich habe den Tod verstehen gelernt, als
+ich als J&uuml;ngling an einem Tag im Sommer vor das Stadttor ging, von
+unliebsamen Gedanken gepeinigt und die Bedr&auml;ngnisse einer t&ouml;dlichen
+Krankheit im Blut. Ich durchschritt m&uuml;hsam, mich im Fieber dahinschleppend,
+ein Tr&uuml;mmerfeld im Steppengras, das von der Sonne so trocken war, da&szlig; es
+knisterte. Da &uuml;berraschte mich ein sonderbares Blinken zwischen den
+Steinquadern im Sonnenlicht, und ich traute meinen Augen kaum, als ich eine
+funkelnde Schlange im Sande liegen sah. Die Hitze flimmerte &uuml;ber den
+herrlichen Farben ihrer Haut, die<span class="pagenum"><a name="Page_242" id="Page_242">[242]</a></span> vom zornigen Blitzen des Diamanten bis
+zum stillen Gl&uuml;hen der Rubinen alle Farben des gebrochenen Sonnenstrahls zu
+enthalten schien. Die Pracht und Lebensf&uuml;lle dieses blendenden Anblicks
+entz&uuml;ckte mich in so hohem Ma&szlig;e, da&szlig; ich begierig einen Schritt n&auml;hertrat.
+Aber da geschah ein erregtes Brausen, die leuchtende Sch&ouml;nheit des sanft
+geringelten K&ouml;rpers zu meinen F&uuml;&szlig;en erhob sich als eine bunte Schar
+befl&uuml;gelter Insekten in das warme Licht der Luft empor, und vor mir lagen
+die verwesenden &Uuml;berreste einer kleinen Steppenschlange, in denen ich die
+zarten Rippen zwischen der zerfressenen grauen Haut deutlich unterschied,
+und der s&uuml;&szlig;liche und widerw&auml;rtige Hauch der Zersetzung str&ouml;mte mir
+entgegen.&ldquo;</p>
+
+<p>Das Lagerfeuer zwischen uns z&uuml;ngelte in matten Fl&auml;mmchen in den irdischen
+Saal der Sterne ins Blau empor, und ich f&uuml;hlte mein Herz unter dem Wunder
+erzittern, in welchem es zu begreifen scheint, ohne da&szlig; die Gedanken seiner
+herrlichen Freiheit folgen k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich f&uuml;hle die Wahrheit, die in diesem Gleichnis liegt, wie Sie sie damals
+empfunden haben m&ouml;gen,&ldquo; sagte ich, &bdquo;aber ich vermag so wenig wie zuvor
+meine Gedanken &uuml;ber den Tod zu einer Gewi&szlig;heit der Erkenntnis zu ordnen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Es war jener letzte Schritt auf die Schlange zu, den Sie mit Ihrer
+Gewi&szlig;heit meinen&ldquo;, sagte der Brahmine. &bdquo;Wenn Sie mir sagen k&ouml;nnen, wo das
+Leben aufh&ouml;rt, und wo der Tod beginnt, so will ich Ihnen den Tod erkl&auml;ren.
+Wollen Sie bei den Pflanzen nach dieser Grenze suchen, bei den Menschen,
+bei den Steinen oder bei den Tieren? Ich sehe die Erneuerung aller
+hinf&auml;lligen Gestalt in der Natur, wohin ich blicke. Bis zur Bildung der
+Kristalle im Gestein erblicke ich Leben und in der mathematischen Ordnung
+solcher Erstarrung, die sowohl gedankenvoll zu sein scheint, als sie sch&ouml;n<span class="pagenum"><a name="Page_243" id="Page_243">[243]</a></span>
+ist, glaube ich die Gesetze zu erkennen, nach denen ich atme, mich bewege
+oder Lust und Sorge erleide. Tod ist eine vage Annahme, die unsere Sinne um
+der Beschr&auml;nkung ihrer Zeitbegriffe willen aufzustellen gen&ouml;tigt sind. Und
+was unsere Bewu&szlig;theit betrifft, so liegt ihr der Glaube an den Tod um so
+ferner, je eingeschlossener in die Allgemeinheit alles Lebendigen wir uns
+sehen oder f&uuml;hlen. Und doch ist es mit dem Tode wie mit der Wahrheit, sie
+lassen sich sicherer empfinden als jedes andere Element der lebendigen
+Seele, aber sie lassen sich nicht erkl&auml;ren. Es wird immer zwei Arten von
+Menschen geben, die einen nehmen den Tod als Pflicht des eigenen Wesens,
+die anderen als die Willk&uuml;r einer fremden Macht. Eure Kirche lehrt den Tod
+als Sold der Schuld, aber euer Gott starb ihn als freie Pflicht.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;So rechnen Sie Christus den Ihren zu?&ldquo; fragte ich. &bdquo;Sie glauben seine
+Lebensweise und sein Gedankenreich der Ideenwelt Ihrer Gottheit einreihen
+zu k&ouml;nnen?&ldquo;</p>
+
+<p>Mangesche Rao antwortete mir:</p>
+
+<p>&bdquo;Ich vermag es so weit, als der Sinn aller irdischen Religionen, oder
+besser, die Religiosit&auml;t aller Irdischen, aus einer gleichen Quelle des
+Anspruchs und der Hoffnung flie&szlig;t, nicht aber so weit, als es die Lehre
+unserer Kirchen betrifft. Die Gedanken Christi sind gr&ouml;&szlig;er als unsere
+Gedanken und f&uuml;hren weiter. Es ist viel &uuml;ber die Unterschiede und &uuml;ber die
+&Auml;hnlichkeiten der christlichen Religion und der Religion unseres Volkes
+nachgedacht worden, aber die meisten Vergleiche sind deshalb bedeutungslos,
+weil es schwerh&auml;lt, zwei Erscheinungen erfolgreich miteinander zu
+vergleichen, die im Wesen voneinander verschieden sind, denn das Brahman
+ist Philosophie, aber die Weisheit Christi ist praktische Lehre. Menschen,
+welche das Wesentliche der Erscheinungen schwer festzustellen und
+nachzuempfinden verm&ouml;gen, lieben es besonders von<span class="pagenum"><a name="Page_244" id="Page_244">[244]</a></span> unwesentlichen
+Begleiterscheinungen aus zu vergleichen und gegen einander abzusch&auml;tzen. In
+den meisten F&auml;llen liegt solchen Bem&uuml;hungen keine andere Absicht zugrunde,
+als die, den einen Wert auf Kosten des anderen herabzusetzen. So hart
+solche Behauptung klingen mag, so wenig werde ich sie einschr&auml;nken, denn es
+ist den meisten Menschen, die Begreifen &uuml;ber Empfinden setzen, oder
+Verstehen &uuml;ber Glauben, eigent&uuml;mlich, da&szlig; sie auch Verkleinern &uuml;ber
+Vergr&ouml;&szlig;ern setzen. So erscheint es mir auch gleichg&uuml;ltig, ob etwa Christus
+die Weisheit der Alten gekannt hat oder nicht. Gro&szlig;e Gedanken sind niemals
+jung, so wenig, wie sie alt werden, und sie gleichen einander im Wesen, wie
+die h&ouml;chsten Spitzen der Berge im Schnee einander &auml;hnlich sind. Je
+niedriger das Auge sucht, um so mehr Unterschiede wird es finden; der P&ouml;bel
+ist am buntesten und nur im Elend einig. Aber das Ziel ist, in der Freude
+einig zu sein.&ldquo;</p>
+
+<p>Ich war &uuml;ber diese Worte sehr &uuml;berrascht und begl&uuml;ckt. Weniger in der
+Absicht, zu widersprechen, als vielmehr in dem lebhaften Wunsche, die
+Betrachtungsweise Mangesche Raos um so besser zu erfahren, sagte ich:</p>
+
+<p>&bdquo;Aber wie furchtbar ist die Wirkung der Lehre Christi auf das
+Menschengeschlecht gewesen. Sollte man nicht mehr als an jedem anderen
+Bekenntnis am Christentum verzweifeln, wenn man seine blutige Einwirkung
+auf die Geschicke der V&ouml;lker &uuml;bersieht?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Wer &uuml;bersieht diese Wirkung denn?&ldquo; fragte Mangesche Rao. &bdquo;Was Sie als
+Resultat dieser Lehre hinstellen, erscheint uns wie ihr erster Beginn. Ich
+m&ouml;chte das furchtbare und blutige Ringen der Menschen um den Sinn des
+Christentums eher die Geburtswehen dieser Lehre als ihr Resultat nennen.
+Diese Lehre ist sehr jung und noch kaum recht verbreitet. Ist man nicht
+ohne M&uuml;he bef&auml;higt, sogar noch ihren &auml;u&szlig;eren Weg auf der Landkarte
+nachzuzeichnen,<span class="pagenum"><a name="Page_245" id="Page_245">[245]</a></span> wie sie von Asien &uuml;ber Griechenland und Rom in das Herz
+Europas einzog, als w&auml;re sie diesen Weg erst gestern gegangen? Und der Teil
+der Erde, welcher ihre Bekenner tr&auml;gt, ist nicht gr&ouml;&szlig;er, als da&szlig; wir ihn
+mit der Masse des Himalaja mit seinen Menschen, St&auml;dten und Kirchen
+versch&uuml;tten k&ouml;nnten. Wenn die Zeit von Christi Hinscheiden bis heute noch
+dreimal vergangen ist, wird sein gro&szlig;er Geist sich aus dem engen Mantel der
+Kirche gesch&auml;lt haben und weit mehr zum Element der Geister geworden sein.&ldquo;</p>
+
+<p>Die Sonne ging &uuml;ber der Steppe auf, es schien, als w&uuml;rde sie aus Gr&uuml;nden
+ewiger Gluten emporgeschleudert, und begann ihren Weg &uuml;ber das Erdreich zum
+ungez&auml;hlten Male, in unfa&szlig;barem Triumph einer jauchzenden Herrschsucht. Das
+Geschrei der Tiere im Urwald erklang ohrenbet&auml;ubend und das l&auml;rmende
+Erwachen der Natur vertrieb den letzten Gedanken an Schlaf aus meinem Blut.
+Ich trennte mich von meinem Gef&auml;hrten, nahm die B&uuml;chse und ging in die
+Steppe hinaus, den dampfenden, tobenden Dschungel hinter mir lassend. Und
+in den Flammen, die l&auml;uternd emporsteigen, wenn die Jugend und der Morgen
+einander begegnen, kamen mir die Worte Christi in den Sinn: &bdquo;Solchen
+Glauben habe ich in Israel nicht gefunden.&ldquo;</p>
+
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_246" id="Page_246">[246]</a></span></p>
+<h2>
+<a name="kap14" id="kap14"></a>Vierzehntes Kapitel<br />
+Der Heimat zu
+</h2>
+
+
+<p>Wir waren kaum einige Tage wieder in Mangalore angelangt, als eine
+Nachricht die Stadt durchlief, die die Gem&uuml;ter in hohem Ma&szlig;e bewegte. Es
+war &uuml;ber Nacht eine Abteilung englischer Soldaten angelangt, angeblich
+verschlagen auf einer Felddienst&uuml;bung, bei einer Inspektionsreise durch die
+Provinz, wie sie zuweilen unternommen werden. Aber niemand schenkte dieser
+arglosen Auslegung Glauben, die widersprechendsten Ger&uuml;chte durchflogen die
+Stadt, und man sah &uuml;berall in der Basarstra&szlig;e und auf den Pl&auml;tzen
+Gleichgesinnte in feierlichen Gruppen versammelt. Nur der Stra&szlig;enp&ouml;bel
+trollte unbek&uuml;mmert um Rechte und Pflichten einer gleichg&uuml;ltigen Regierung
+seine gewohnten Stra&szlig;en, und die H&auml;ndler versprachen sich gute Tage, als
+die leuchtend roten Jacken der Soldaten im bunten Bild des Basarlebens
+auftauchten.</p>
+
+<p>Sie schritten, wie es damals Vorschrift war immer zu vieren, gem&auml;chlich
+dahin, bestaunten die unverstandenen Eigent&uuml;mlichkeiten der fremden Stadt,
+hielten sich hier ein wenig auf, am&uuml;sierten sich dort auf ungezwungene
+Weise und erweckten im allgemeinen den Anschein von Arglosigkeit, so da&szlig;
+ich den heimlichen Bef&uuml;rchtungen und mancherlei t&ouml;richten Ger&uuml;chten wenig
+Achtung schenkte.</p>
+
+<p>Mangesche Rao lie&szlig; sich nicht bei mir sehen. Ich war nicht wenig erstaunt,
+als ich ihn nach einigen Tagen im Wagen des englischen Oberst erblickte, zu
+seiner Linken aber Seite an Seite mit ihm, die ruhigen Z&uuml;ge ohne jedes
+Zeichen einer Beteiligtheit oder auch nur einer Bewegung unter dem gelben
+Seidenturban, den ich so gut kannte. Der englische Offizier sprach lebhaft
+und gestikulierte eher vergn&uuml;gt als erregt, alles erweckte deutlich den
+Anschein<span class="pagenum"><a name="Page_247" id="Page_247">[247]</a></span> einer gelegentlichen Begegnung. Ich ritt an seinem Wagen vor&uuml;ber,
+er erwiderte meinen Gru&szlig; gemessen.</p>
+
+<p>Aber seltsam, seit diesem Zusammentreffen war es um meine Ruhe geschehen,
+obgleich bei vern&uuml;nftigen Erw&auml;gungen gerade das Gegenteil h&auml;tte der Fall
+sein m&uuml;ssen. Aber ganz abgesehen davon, da&szlig; kein Land sich weniger als
+Indien dazu eignet, eine politische Macht in energischer Offenheit und
+schneidiger Entschiedenheit zu dokumentieren, war dieser fast freundliche
+englische Besuch mir pl&ouml;tzlich verd&auml;chtig und um so gef&auml;hrlicher
+erschienen, je mehr er sein Ansehen und seine Bedeutung zu verbergen
+trachtete. Nichts erweckt in tiefer Beunruhigung st&auml;rker das Gef&uuml;hl der
+Unsicherheit, als dies leise schleichende Indien. Pl&ouml;tzlich war mir, als
+gingen alle Wesen und Menschen in falschen Gesichtern umher, ich mi&szlig;traute
+bald dem Brahminen, den ich liebte, bald Panja, bald meinen eigenen Sinnen,
+es verlangte mich danach, aus den Verwicklungen einer Interessenwelt
+entlassen zu werden, die ich nicht &uuml;bersah, weil es mir an Hingabe fehlte,
+und in die ich doch eingeschlossen war, weil meine Liebe zu Mangesche Rao
+mich fesselte. Und so begr&uuml;&szlig;te ich die seltsame Gelegenheit, mich
+beteiligen zu k&ouml;nnen, die sich mir kurz darauf er&ouml;ffnete, mit gro&szlig;er Freude
+und erachtete die Gefahr um der Befreitheit willen gering, die sich
+einstellte, wie mit einem Entschlu&szlig; nach langem Zweifel.</p>
+
+<p>So viel erschien mir nach den letzten Erfahrungen sicher, da&szlig; der Brahmine
+weit h&ouml;her eingesch&auml;tzt und viel ernster genommen wurde, als er selbst es
+mir oder andern jemals zu erkennen gegeben hatte. Diese Erfahrung erf&uuml;llte
+mich mit Bewunderung und heimlichem Stolz, und solche Empfindungen m&ouml;gen
+viel dazu beigetragen haben, da&szlig; ich in fast gedankenloser Bereitwilligkeit
+auf seinen Wunsch einging, den ersten und einzigen, den er jemals vor mir
+ausgesprochen hat.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_248" id="Page_248">[248]</a></span>Es war in einer mondlosen Nacht gegen zwei Uhr, als Panja mich durch sein
+vorsichtiges R&auml;uspern neben meinem Bett weckte. Er hatte immer noch die
+alte zur&uuml;ckhaltende Art der Ank&uuml;ndigung und war besonders zartf&uuml;hlend, wenn
+er mich aus dem Schlafe rief, denn er wu&szlig;te, da&szlig; dieser Vorgang, mehr als
+alle andern, das Heer meiner schlechten Eigenschaften entfesselte. Es war
+so dunkel, da&szlig; ich nur das finstere Dreieck im helleren, zur&uuml;ckgeschlagenen
+Moskitovorhang unterschied. Ich erkannte niemand.</p>
+
+<p>&bdquo;Mach' Licht!&ldquo; rief ich, da ich Panjas Gegenwart vermutete. &bdquo;Weshalb kommst
+du?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Es soll kein Licht gemacht werden, Sahib, steh auf, ein Fremder ist da,
+der dich sprechen will, er sagt, der Brahmine Mangesche Rao schicke ihn.&ldquo;</p>
+
+<p>Es war Mangesche Rao selbst. Panja hatte mir geraten, auf keinen Fall zur
+Nacht einen Besuch zu empfangen, der forderte, da&szlig; kein Licht angez&uuml;ndet
+w&uuml;rde, aber ich dachte mir, schlie&szlig;lich sieht mein Gegner auch nicht viel
+mehr von mir, als ich von ihm, und der Name meines Freundes machte mich
+gef&uuml;gig. Der Brahmine war seltsam durch eine ungewohnte Kleidung entstellt,
+ich schickte auf seinen Wunsch Panja hinaus.</p>
+
+<p>Wir sa&szlig;en uns gegen&uuml;ber, ein matter Schein von den Sternen beleuchtete das
+Bereich der Fenster sp&auml;rlich, ich glaubte nun, da ich Mangesche Raos
+Gesicht zu unterscheiden vermochte, zu erkennen, da&szlig; es schmaler und bleich
+war, aber es mochte vom unsicheren Nachtlicht herr&uuml;hren. Mir schien, als
+r&auml;nge er innerlich mit dem Entschlu&szlig; zu einem Bekenntnis, einem Wunsch,
+&uuml;ber die M&uuml;he der zur&uuml;ckliegenden Tage ein Wort der Klage zu &auml;u&szlig;ern, aber
+es geschah von alledem nichts. Er sagte nach einer Weile des Schweigens, in
+der ich Gelegenheit hatte, die merkw&uuml;rdige Entstellung<span class="pagenum"><a name="Page_249" id="Page_249">[249]</a></span> zu betrachten, die
+seine n&auml;chtliche Kleidung herbeif&uuml;hrte, ruhig und unmittelbar:</p>
+
+<p>&bdquo;Morgen werden die Soldaten der Regierung in Ihrem Hause nach Dokumenten
+einer Verschw&ouml;rung suchen, die &uuml;ber das ganze Land hin verbreitet sein
+soll, und deren Anh&auml;nger sie auch in Mangalore vermutet. Ich stehe, wie Sie
+wissen, im Verdacht, ein Gesinnungsgef&auml;hrte der Unzufriedenen zu sein, und
+da ich oft in Ihrem Hause ein und aus gegangen bin, bringt man Ihre Person
+in Beziehung zu meinen Interessen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Eine Verschw&ouml;rung?&ldquo; fragte ich erschrocken.</p>
+
+<p>Mangesche Rao wartete, ob ich noch etwas hinzuf&uuml;gen w&uuml;rde, aber mir fiel im
+Augenblick nichts ein, diese n&auml;chtliche Begegnung, die Aussichten f&uuml;r den
+n&auml;chsten Tag und jene Enth&uuml;llung nun verwirrten mich in gleichem Ma&szlig;e, wie
+sie mich anregten. Wie anders die Dinge vor der Entscheidung als in
+romantischer Entfernung aussahen.</p>
+
+<p>&bdquo;Verschw&ouml;rungen gibt es hierzulande beinahe t&auml;glich&ldquo;, sagte Mangesche Rao
+langsam, und als d&auml;chte er an andere Dinge. &bdquo;Sie werden entdeckt und
+vereitelt; und wenn sie nicht entdeckt werden, so brechen sie deshalb auch
+noch nicht aus. Die englischen Beamten brauchen Unterhaltung und ein Feld
+f&uuml;r ihren Eifer. Uns geht es &auml;hnlich.&ldquo;</p>
+
+<p>Er wandte sich ab wie in heimlichen Zweifeln und sah mit einem traurigen
+Ausdruck in die d&auml;mmerige Nacht hinaus. Man h&ouml;rte die Grillen feilen, ein
+paar Sterne hingen wie Funken im Gefieder der Papayakronen.</p>
+
+<p>&bdquo;Leider habe ich ein gutes Gewissen&ldquo;, sagte ich. Seltsamer und fremder war
+mir dies Land nie erschienen. Ich kannte die zur&uuml;ckhaltende Art des
+Brahminen gen&uuml;gsam, um zu wissen, da&szlig; er weit mehr verbarg, als er erkennen
+lie&szlig;, auch h&auml;tten keine Worte mich<span class="pagenum"><a name="Page_250" id="Page_250">[250]</a></span> so entscheidend von der Wichtigkeit
+seiner Angelegenheit und vom Stand der Dinge &uuml;berzeugen k&ouml;nnen, als sein
+n&auml;chtlicher Besuch es tat.</p>
+
+<p>Es waren an diesem Tage noch kurze Regenschauer gefallen, es drang k&uuml;hl
+durch die St&auml;be der offenen Fenster zu uns herein und zog mit Duft und
+feinem Klingen bis in die dunklen Ecken des Zimmers. Mir war, als tr&auml;umte
+ich.</p>
+
+<p>&bdquo;Was kann ich tun?&ldquo; fragte ich.</p>
+
+<p>Mangesche Rao &ouml;ffnete sein Gewand &uuml;ber der Brust und entnahm ihm einige
+verschn&uuml;rte P&auml;ckchen, die Papiere zu enthalten schienen oder Briefe, ich
+sah es undeutlich, jedoch war die Verpackung derart, da&szlig; man leicht auf
+solcherlei Dinge schlie&szlig;en konnte.</p>
+
+<p>&bdquo;Wollen Sie diese Schriftst&uuml;cke in Ihrem Hause verbergen?&ldquo; fragte er
+gleichm&uuml;tig.</p>
+
+<p>Ich bejahte seine Frage ohne Besinnen, im Augenblick nur in schnellen
+Erw&auml;gungen damit besch&auml;ftigt, welcher Ort meiner Wohnung oder meines
+Gartens am geeignetsten sein m&ouml;chte. Es kam mir keinen Augenblick in den
+Sinn, da&szlig; es in Mangalore Verstecke genug f&uuml;r eine Handvoll verd&auml;chtiger
+Papiere geben mu&szlig;te, und der Gedanke, etwa mi&szlig;braucht zu werden, lag mir so
+fern, wie ich tief durchdrungen war vom Charakter und Wert des Mannes, der
+mich bat.</p>
+
+<p>Sp&auml;ter habe ich oft daran denken m&uuml;ssen, welche Empfindungen in der Seele
+eines jungen Menschen Entschl&uuml;sse &auml;hnlicher Art zu zeitigen verm&ouml;gen, und
+wie selten die Gesinnung eines auf solche Weise Bereitwilligen im Grunde
+mitzuspielen braucht. Es mag sich so mancher, der durch einen raschen
+Entschlu&szlig;, den vielleicht die gedankenlose Erb&ouml;tigkeit eines Augenblicks
+mit sich gebracht hat, um die Freiheit seiner ganzen Jugend und um den
+Preis seines t&auml;tigen Lebens gebracht haben.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_251" id="Page_251">[251]</a></span>Ich griff nach dem P&auml;ckchen. &bdquo;Verlassen Sie sich auf mich&ldquo;, sagte ich.
+Dar&uuml;ber kam mir in den Sinn, da&szlig; mein Freund mir soeben noch mitgeteilt
+hatte, da&szlig; ich morgen mit einer Haussuchung zu rechnen h&auml;tte, und ich
+stellte eine Frage, um diese seltsamen Zusammenh&auml;nge aufgekl&auml;rt zu sehen.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich m&ouml;chte, da&szlig; diese Schriftst&uuml;cke bei Ihnen gefunden werden&ldquo;, sagte
+Mangesche Rao. Er sprach leise und vorgeneigt, aber ohne Eifer und ohne den
+Wunsch, mir seine Verf&uuml;gung dadurch geheimnisvoller zu machen. Wer in
+Indien eigene und gefahrvolle Interessenwege beschreitet, wei&szlig;, da&szlig; nicht
+nur die W&auml;nde Lauscher verbergen, sondern da&szlig; auch von der Nacht, den
+Frauen und dem besten Freunde Gefahr drohen kann. Ich ahnte seine Besorgnis
+und sagte:</p>
+
+<p>&bdquo;Mein Diener ist zuverl&auml;ssig.&ldquo;</p>
+
+<p>Mangesche Rao sch&uuml;ttelte den Kopf. &bdquo;Er ist ein Kind&ldquo;, sagte er. &bdquo;Gesinnung
+und Aufrichtigkeit ohne Schlauheit sind wie Verr&auml;ter f&uuml;r jeden bei uns,
+welcher die Mittel seiner Feinde kennt. Sie m&uuml;ssen aus einem Lande stammen,
+in welchem der Freimut und die Kraft neben der K&uuml;hnheit als hoher Ruhm
+gelten, sie m&ouml;gen zur Ehre eines freien Volkes geh&ouml;ren, dies Volk hat seine
+Freiheit fast vergessen.&ldquo;</p>
+
+<p>Irgend etwas &uuml;berw&auml;ltigte mich nach diesen Worten zu einer Traurigkeit, in
+welcher ich zum ersten Mal die Liebe meines Herzens zu diesem Manne in
+ihrer ganzen Tiefe empfand, und ich h&auml;tte ihn inst&auml;ndig bitten m&ouml;gen, von
+diesem fruchtlosen und b&ouml;sen Kampf zu lassen. Mir wurde klar, da&szlig; sein
+Wesen bei aller Kraft seines Geistes den Waffen seiner Gegner nicht
+gewachsen war, denn den Hochgesinnten &uuml;berw&auml;ltigt im Kampf mit der
+Niedrigkeit zuletzt der Ekel, aber ich schwieg aus Ehrfurcht vor dem Feuer,
+das in seiner Seele brannte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_252" id="Page_252">[252]</a></span>Mangesche Rao fuhr fort: &bdquo;Machen Sie es den Suchenden nicht gar zu leicht,
+aber tragen Sie Sorge, da&szlig; sie die Papiere auf jeden Fall finden. Sollte
+der Zufall, der so gerne dort zu spielen liebt, wo die Absicht am
+deutlichsten ist, den Erfolg der Engl&auml;nder vereiteln, so verraten Sie die
+Dokumente dadurch, da&szlig; Sie sie, scheinbar ungeschickt, zu verstecken
+trachten, w&auml;hrend noch gesucht wird.&ldquo;</p>
+
+<p>Er brach pl&ouml;tzlich ab und wartete wie auf einen Einwand, aber ich sprach
+das Mi&szlig;trauen oder die Besorgnisse nicht aus, die er bei mir zu vermuten
+schien, weil kein Argwohn gegen den Freund in meinem Herzen war, und weil
+ich wu&szlig;te, da&szlig; er niemals etwas von mir fordern w&uuml;rde, das ihm diente,
+indem es mich sch&auml;digte. So erkl&auml;rte er mir die Absicht, die er mit dieser
+Ma&szlig;nahme verfolgte:</p>
+
+<p>&bdquo;Unsere Zeit ist noch nicht gekommen,&ldquo; sagte er einfach, &bdquo;die Funde, welche
+in Ihrem Hause gemacht werden, sind argloser Natur, aber immerhin
+bezeichnend genug, um als eine wichtige Entdeckung gelten zu k&ouml;nnen. Der
+Verdacht wird durch diese Dokumente abgelenkt und die Spur verwischt
+werden, man wird ihren Inhalt dankbar als Resultat der Untersuchung
+betrachten und an ihm die Eigenart und den Umfang jener Umtriebe messen,
+die Verdacht erregt haben. Einige unserer Freunde werden blo&szlig;gestellt, aber
+sie sind bereit, der Sache das Opfer zu bringen, das in der Verb&uuml;&szlig;ung einer
+geringen Strafe besteht. Zuletzt wird man nicht viel mehr in Erfahrung
+gebracht haben, als ohnehin schon bekannt ist.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Sie sagen mir viel&ldquo;, antwortete ich dankbar und voller Bewunderung f&uuml;r das
+Geschick dieses Plans.</p>
+
+<p>&bdquo;Ihr Vertrauen verdient das meine&ldquo;, sagte Mangesche Rao einfach, und ein
+warmer Blick, der das k&uuml;hle Ma&szlig; dieser stets so beherrschten Z&uuml;ge
+durchbrach, traf meine Augen kurz und traurig.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_253" id="Page_253">[253]</a></span>Ich fragte noch, wie ich mich einem Verh&ouml;r gegen&uuml;ber zu verhalten h&auml;tte,
+welches danach forschte, wie die Papiere in mein Haus gekommen seien.</p>
+
+<p>&bdquo;Nennen Sie meinen Namen&ldquo;, entschied Mangesche Rao.</p>
+
+<p>&bdquo;Und wenn Sie selbst eine Strafe trifft?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Man wird es nicht wagen und sich an die halten, welche wir vorgeschoben
+haben, aber besser w&auml;re es, man wagte es, weil meine Bestrafung mir das
+Vertrauen derer sichern w&uuml;rde, f&uuml;r welche ich sie trage. Je mehr die
+Regierung mich schont, um so eher werden die Brahminen von Mangalore mich
+f&uuml;r einen Abtr&uuml;nnigen halten. Meine Offenheit gegen die Priesterkasten
+selbst w&uuml;rde Verr&auml;ter im eigenen Lager erwecken, meine Vorsicht dagegen
+macht sie mi&szlig;trauisch. Es ist schwer, im dunkeln Wald einen geraden Weg zu
+gehen.&ldquo;</p>
+
+<hr />
+
+<p>Strahlend stieg ein neuer Tag &uuml;ber Mangalore empor. Ich ritt, schon bevor
+die Sonne die Spitzen der braunen Pagoden f&auml;rbte, durch die sumpfigen
+Mangroven-Dickichte der Flu&szlig;niederungen, von Panja begleitet, der wie in
+einer Ahnung der hereinbrechenden Ereignisse nicht von meiner Seite wich.
+Eine seltsame Fremdheit lag in meinen Augen &uuml;ber der Landschaft, ihren
+Tieren und Pflanzen und &uuml;ber allen Dingen. Als ich nahe bei einem h&ouml;lzernen
+Lagerschuppen ein Boot im dunklen Wasser erblickte, auf dem ein Hindu
+fr&ouml;stelnd in der Morgenk&uuml;hle hockte und, noch benommen vom Schlaf, in die
+gr&uuml;nschimmernde Weite starrte, kam mir jener Tag in den Sinn, an welchem
+ich zu Beginn meiner Dschungelfahrt in Tschirakal am Watarpatnamsee
+angelangt war und Panja mit den Mohammedanern um den Preis der Kanus
+stritt.</p>
+
+<p>Die Erlebnisse und die Bilder meiner Reise zogen mit dem heraufsteigenden
+Tag durch meine Erinnerung, mit ihrem Glanz und<span class="pagenum"><a name="Page_254" id="Page_254">[254]</a></span> ihren Sorgen und ihrem nie
+ruhenden Wunsch meines Herzens es m&ouml;chte in diesem Lande Heimatrechte und
+jene Beziehungen erwerben, die Vertrautheit zur Liebe f&uuml;hren. Huc, der Affe
+meines Traums, sa&szlig; wieder mit alten Augen vor mir, wahrsagerisch und weise,
+von jenen Hoffnungen der seufzenden Kreatur erm&uuml;det, die so alt sind wie
+die Schicksale der Erde.</p>
+
+<p>Waren es die Unrast, der Ha&szlig; und die Erbitterung der neuen Menschen meiner
+Erfahrung und ihre kleinen und doch so wichtigen Interessen, die mir den
+Glauben an die Harmonie zerst&ouml;rten, welche die unber&uuml;hrte Natur und das
+gro&szlig;e Meer mir vermittelt hatten? Nie kam ich mir verirrter vor in dieser
+Welt des Wirkens, als an jenem Morgen, und am liebsten h&auml;tte ich alles
+dahinten gelassen, um aufs neue in die gr&uuml;nen Schatten der durchklungenen
+Wildnis zu ziehen, die die Sicherheit und den Wohlstand des armen Daseins
+gef&auml;hrden mochte, die aber den Weg der Seele zu jenem Erkennen bereitete,
+das allein Frieden bringen kann.</p>
+
+<p>Aber mein Verlangen erschien mir bald darauf wie ein Hang zur Flucht, als
+warteten Pflichten und Aufgaben meiner in einem anderen Land, in einem
+Bereich, dessen Kr&auml;ften und Zielen ich durch Abstammung und &Uuml;berlieferung
+verbunden war, und zum ersten Mal seit Jahren wandten sich meine inneren
+Augen &uuml;ber das Meer hin der Heimat zu. Ich dachte daran, da&szlig; der Mann, dem
+nun seit lange meine tiefste Teilnahme geh&ouml;rte, wie in einem wehm&uuml;tigen
+Bewu&szlig;tsein des Untergangs seines eigenen Geschlechts und seiner Rasse, den
+nahen Ruhm und die Hoffnung der meinen ahnungsvoll ausgesprochen hatte, und
+ich f&uuml;hlte die Kraft seines Glaubens wie ein Verm&auml;chtnis im Gewissen
+gl&uuml;hen.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Die Ereignisse des Tages verliefen &auml;hnlich, wie ich sie nach Mangesche Raos
+Worten erwarten mu&szlig;te. Gegen Mittag meldete sich ein junger Offizier, der
+in Begleitung von drei Soldaten kam, bei<span class="pagenum"><a name="Page_255" id="Page_255">[255]</a></span> mir an. Er nahm seine Pflicht
+ungemein wichtig, er versuchte den Anschein zu erwecken, als sei er der
+K&ouml;nig von England, und ich beantwortete seinen pathetischen Erla&szlig; damit,
+da&szlig; ich ihm mein Taschenmesser aush&auml;ndigte, als habe er meinen Degen
+gefordert. Er mu&szlig;te lachen und schien sich darauf zu besinnen, da&szlig; ein
+Privatmann kein Rekrut und ein Deutscher kein englischer Untertan ist, auch
+erinnerte ich ihn daran, da&szlig; ein Verdacht kein Beweis und ich selbst kein
+verd&auml;chtiges Dokument sei.</p>
+
+<p>Sein Selbstbewu&szlig;tsein uniformierte sich wieder, als die Papiere gefunden
+wurden, und auf sein Ersuchen begleitete ich ihn im Ochsenwagen zum
+Regierungsgeb&auml;ude. Er war unterwegs h&ouml;flich, still und sehr ernst, und ich
+freute mich heimlich des gelungenen Plans meines Freundes. &Uuml;brigens sah
+nach diesem &ouml;ffentlichen Eingriff in die Privatrechte einer Reihe der
+Einwohner Mangalores das milit&auml;rische Aufgebot pl&ouml;tzlich um vieles
+gewichtiger aus. Von den Fenstern des Regierungsgeb&auml;udes aus erblickte ich
+drau&szlig;en auf dem Meere den niedrigen eckigen Umri&szlig; eines Kanonenbootes, das
+schwarz und drohend im stillen Blau schwamm, wie mit Kohle gezeichnet. Der
+unfreundliche Hof des Geb&auml;udes wimmelte von Soldaten. Einen Augenblick
+&uuml;berkam mich ein Gef&uuml;hl hei&szlig;er Besorgnis um Mangesche Raos Geschick. Die
+n&auml;chstliegenden Eindr&uuml;cke sind besonders dann die st&auml;rksten, wenn man die
+Aussichten der Parteien nicht &uuml;bersieht. Panjas totenblasses Gesicht ging
+mir wie ein Gespenst nach, er war wie versteinert am Gartentor
+zur&uuml;ckgeblieben, ich wu&szlig;te nicht, ob er meinen Befehl verstanden hatte,
+mich am Abend zu erwarten, und ich f&uuml;rchtete ernstlich, er w&uuml;rde irgend
+eine heldenm&uuml;tige Dummheit begehen.</p>
+
+<p>Nach einer zweist&uuml;ndigen Wartezeit, in welcher ich eine treuherzige
+Schildwache mit einer Reihe der furchtbarsten Dschungelm&auml;rchen in ihrem
+Glauben an Hexen und b&ouml;se Geister best&auml;rkte und sie mit<span class="pagenum"><a name="Page_256" id="Page_256">[256]</a></span> Zigaretten wieder
+beruhigte, erschien der Kollektor und verb&uuml;rgte sich dem englischen Oberst
+gegen&uuml;ber, der ihn begleitete, f&uuml;r meine Unschuld. Es mu&szlig;te wohl eine
+ausf&uuml;hrlichere Verhandlung &uuml;ber mich vorangegangen sein, der Beamte
+entschuldigte sich h&ouml;flich aber etwas gereizt bei mir, offenbar erinnerte
+er sich dessen, da&szlig; ich die Bekanntschaft Mangesche Raos seiner Vermittlung
+verdankte, und da&szlig; ich mich seit jenen Tagen nicht gut zu einem
+gef&auml;hrlichen Umst&uuml;rzler hatte auswachsen k&ouml;nnen. Es schien mir zudem aus
+allem hervorzugehen, da&szlig; man den Brahminen zu schonen w&uuml;nschte. Ein Rekrut
+machte sich auf den Weg, mein Pferd zu holen, und ich wurde etwas herzlos
+und beil&auml;ufig verabschiedet. Man war offenbar besch&auml;ftigt.</p>
+
+<p>Panja empfing mich gl&uuml;cklich und stolz, mir war, als sch&auml;mte er sich seiner
+&Auml;ngste, nun er mich wohlbehalten in unserm Hause wiedersah, aber weder
+seine Freude noch die eigene Erleichterung lie&szlig;en mich aufatmen. Es trieb
+mich den Rest des Tages hindurch in gro&szlig;er Unruhe von einem zum andern,
+nichts wollte mir gelingen, nichts besch&auml;ftigte mich ernstlich, ich wartete
+und wu&szlig;te nicht worauf.</p>
+
+<p>Gegen Abend schickte ich Panja zu Mangesche Rao. Er traf ihn nicht in
+seinem Hause an, aber ich erfuhr wenigstens, da&szlig; er auf freiem Fu&szlig; belassen
+worden war, ohne da&szlig; ich mich nun f&uuml;r eine Genugtuung oder f&uuml;r eine neue
+Besorgnis entschlie&szlig;en konnte.</p>
+
+<p>Aus diesen bedr&auml;ngenden Stunden ist mir ein kleiner Vorfall ohne Bedeutung
+so lebhaft im Ged&auml;chtnis geblieben, als habe meine Sorge sich einzig um ihn
+gedreht. In der kurzen D&auml;mmerung, als schon der Mond leuchtete, und ich mit
+meiner Zigarre im Liegestuhl auf der Veranda weilte, sah ich einen
+beweglichen Schatten am Gartentor. Ich beobachtete ihn eine Weile, ohne ihm
+Gewicht beizumessen, endlich rief ich Panja, der hinausging und gleich<span class="pagenum"><a name="Page_257" id="Page_257">[257]</a></span>
+darauf ein Kind zu mir brachte, das mich mit stillen Augen betrachtete und
+lange kein Wort wagte. Es war ein M&auml;dchen von etwa dreizehn Jahren, mit
+einem r&ouml;tlichen Kittel bekleidet, mit offenem Haar und seiner
+Gesichtsbildung nach den niederen Kasten angeh&ouml;rig. Mit Panjas Hilfe erfuhr
+ich bald die Geschichte und die Bitte meines sp&auml;ten Gastes, und mit einem
+heimlichen Schauer sah ich das junge Wesen pl&ouml;tzlich mit ganz anderen Augen
+an, als ich wu&szlig;te, da&szlig; es vor einigen Tagen Mutter geworden war. Man mu&szlig;
+erfahren haben, wie gew&ouml;hnlich solche F&auml;lle im tropischen Indien sind, um
+solcher Aussage ohne weiteres Glauben zu schenken. Die junge Mutter kam aus
+einem Dorfe im Flu&szlig;tal und bat mich um Schutz. Es handelte sich offenbar um
+eine Verwechslung meines Hauses mit der Missionsniederlassung.</p>
+
+<p>&bdquo;Es ist die Nacht der freien Liebe in ihrem Ort&ldquo;, erkl&auml;rte mir Panja.
+&bdquo;Einmal im Fr&uuml;hling mu&szlig; dort in ihrer Kaste jede Frau und jedes M&auml;dchen
+jedem Manne angeh&ouml;ren, der sie begehrt, das ganze Dorf heult und wimmert
+die Nacht hindurch, wie ein Sumpf mit Ertrinkenden, die zu ewiger Wollust
+verdammt sind. Es dauert, bis die Sonne am Erdrand erscheint, dann wird es
+still, und den Tag hindurch schlafen die Menschen. Das Kind ist aus Furcht
+geflohen.&ldquo;</p>
+
+<p>Panja f&uuml;hrte die junge Mutter in die Missionsschule hinunter, ich blieb mit
+den Grillen allein in der wei&szlig;schillernden Nacht, der letzten in Indien, an
+die ich klare Erinnerungen habe, denn am Morgen des hereinbrechenden neuen
+Tages stand ich vor der Leiche Mangesche Raos.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Ich wei&szlig;, da&szlig; ich im Morgengrauen aufs Pferd stieg, im Reiten meinen Rock
+kn&ouml;pfte und mir dessen bewu&szlig;t wurde, da&szlig; ich den Korkhelm vergessen hatte.
+Dar&uuml;ber kam mir in den Sinn, da&szlig; ich<span class="pagenum"><a name="Page_258" id="Page_258">[258]</a></span> bei meiner R&uuml;ckkehr den Schatten
+aufsuchen m&uuml;&szlig;te, und h&ouml;rte Panjas fremde Stimme, der mit meinem Pferd
+sprach, das er laufend am Z&uuml;gel f&uuml;hrte. Er schrie einen Ochsenkarren an,
+der uns in der N&auml;he des Stadttors den Weg versperrte, und ich sah einen
+kleinen gekr&uuml;mmten Mann, der &auml;ngstlich und mit b&ouml;sen, unterw&uuml;rfigen Augen
+seine Tiere in den Graben zerrte. Er hatte Maissch&ouml;&szlig;linge geladen und trat
+mit seinem nackten Fu&szlig; aufgeregt in die Weichen der schwerf&auml;lligen Ochsen.
+Hatte diese selbe Stimme Panjas nicht eben noch geschrien: Die Brahminen
+haben Mangesche Rao vergiftet?</p>
+
+<p>Es war noch nicht ganz hell im Haus des Toten. Der festgetretene Lehmboden
+vor der Veranda gl&auml;nzte feucht, am Zaun waren wei&szlig;e Ziegen angebunden, und
+die Palmenwedel sirrten im Morgenwind. Ich vernahm eine Stimme, die
+merkw&uuml;rdig gleichf&ouml;rmig klagte, immer in demselben Tonfall, die hellen
+Seufzer folgten einander mit dem ausgesto&szlig;enen Atem, und mein erster
+Gedanke war: So ist er nicht tot, ich werde ihn noch lebend finden.</p>
+
+<p>An der T&uuml;r zum Totenzimmer fl&uuml;chteten einige dunkle Gestalten, ich sah im
+Raum, dicht am Fenster, ein niedriges Lager, auf das das Morgenlicht fiel,
+gr&uuml;nlich und bla&szlig;, wie aus einem erl&ouml;schenden Scheinwerfer. Unter einem
+wei&szlig;en Tuch erkannte ich undeutlich die Umrisse einer gekr&uuml;mmten Gestalt,
+eine zur Faust verkrampfte Hand sah seitlich aus den Falten hervor und
+reckte sich, w&auml;chsern gef&auml;rbt, ein wenig aufw&auml;rts gebogen, in den fahlen
+Glanz des nahenden Tags empor.</p>
+
+<p>Ich schlug das Tuch zur&uuml;ck und lie&szlig; es sogleich wieder &uuml;ber das entstellte
+Gesicht zur&uuml;ckfallen. Das h&ouml;llische Gift, dem der Brahmine erlegen war,
+verr&auml;t sich selbst unzweifelhaft durch seine Wirkung und zugleich die
+heimt&uuml;ckische Macht derer, die es im Namen ihrer zu h&auml;mischen G&ouml;tzen
+herabgesunkenen Gottheit mischen.</p>
+
+<p>Als ich mich abwandte, begegnete ich Panjas Augen, und als er mein Gesicht
+sah, warf er sich zur Erde, als habe eine Faust ihn niedergeschlagen, und
+brach in ein Geheul aus wie ein Tier.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Auf der Basarstra&szlig;e hatte das bunte Leben des neuen Tages begonnen, die
+braunen, nackten Gestalten unter den farbigen Turbanen eilten in gewohnter
+Weise dahin, gesch&auml;ftig oder l&auml;ssig, bald von Lasten gebeugt, bald steif
+und w&uuml;rdig im vertrauten M&uuml;&szlig;iggang. Ein mohammedanischer H&auml;ndler, dem ich
+seit langem schon versprochen hatte, ein B&uuml;ndel Ingwerwurzeln abzukaufen,
+die ich mitnehmen wollte, verfolgte mich lange. Am Tempelteich, in dem eine
+wei&szlig;e Mauer sich spiegelte, predigte ein fremder Pilger. Es roch nach
+verdunstendem Sprengwasser und Ochsen, die Sonne schien, die vereinzelten
+Palmen hoben sich schr&auml;g und still &uuml;ber den L&auml;rm der Stra&szlig;e und &uuml;ber die
+wei&szlig;en, flachen D&auml;cher der H&auml;user. Es begann warm zu werden.</p>
+
+<p>Als wir die hohe Palmenallee erreichten, die am Meer dahinf&uuml;hrt, und die
+Ger&auml;usche der Stadt im eint&ouml;nigen Rauschen des Wassers verklangen, gab ich
+Panja mein Pferd und schritt allein weiter. Eine M&uuml;digkeit, die Leib und
+Seele wie ein bitterer Strom durchdrang, lie&szlig; mich nach einer Weile
+innehalten, und ich lehnte mich an den Stamm eines Baums und schlo&szlig; die
+Augen.</p>
+
+<p>Da sah ich im Abendfrieden ein Dorf meiner deutschen Heimat. Der Holunder
+bl&uuml;hte am Zaun, es hatte geregnet, und die Luft war k&uuml;hl und feucht. Hoch
+auf dem Giebel eines Bauernhauses sang eine Amsel in der letzten Sonne, und
+die klare S&uuml;&szlig;igkeit ihrer Stimme erf&uuml;llte das ruhige Land mit Gl&uuml;ck.</p>
+
+<p class="title big" style="margin-bottom:3em">
+Ende
+</p>
+
+<hr style="width: 100%; margin-bottom:6em" />
+
+
+
+
+<p class="title" style="margin-top:1em">
+<span class="small">Im Verlag von R&uuml;tten &amp; Loening in Frankfurt a. M. erschien</span><br />
+Waldemar Bonsels<br />
+<span class="big">Menschenwege</span><br />
+Aus den Notizen eines Vagabunden<br />
+<span class="small">75. Tausend</span><br />
+Aus Urteilen der Presse:
+</p>
+
+<p>Als Dichtungen, mit sokratischer Methode gewertet, sind diese sieben
+Kapitel des Waldemar Bonsels das Reinste, Klingendste, Gew&auml;hlteste, was mir
+seit langem begegnete. Eine Keuschheit des Geistes ist in diesen
+Begegnungen, eine Zucht des Worts, eine Regie der F&uuml;hrung, die uns aus
+jeder Bedr&auml;ngnis der Gegenwart in das Lichtgeb&auml;ude eines geruhsam
+betrachtenden Willens f&uuml;hrt.</p>
+
+<p class="right">&bdquo;T&auml;gliche Rundschau&ldquo;, Berlin<br /></p>
+
+
+<p>Waldemar Bonsels ist der tiefgr&uuml;ndige Denker und k&uuml;nstlerisch reife
+Gestalter, der Dichter mit der umfassenden Menschenliebe und Wortf&uuml;hrer f&uuml;r
+eine neue, auf voraussetzungsloser G&uuml;te aufgebaute Weltordnung. Zu der
+Weisheit und Liebe, die sein neues Buch: &bdquo;Menschenwege, aus den Notizen
+eines Vagabunden&ldquo; ausstr&ouml;mt, gesellt sich als weiteres Geschenk die
+wahrhaft adelige Form der Sprache, in die der Dichter den Reichtum seiner
+Gedanken gefa&szlig;t hat.</p>
+
+<p>Gerade in unserer ha&szlig;erf&uuml;llten und ungerechten Zeit, die so viel
+Schmerzliches und Bitteres &uuml;ber uns gebracht hat, wirkt ein so ganz aus
+Seeleng&uuml;te, Milde und feierlichem Ernst gestimmtes Werk wie eine
+Offenbarung, in der wir den tieferen Sinn unseres Lebens wie eine
+Verhei&szlig;ung von neuem erkennen.</p>
+
+<p class="right">&bdquo;Stra&szlig;burger Post&ldquo;</p>
+
+
+<p>Eine Vertiefung des Geistigen, eine Verinnerlichung des Seelischen und eine
+Umh&uuml;llung des Ganzen mit einer Atmosph&auml;re des mystisch Reinen und Frohen,
+eines ins H&ouml;chste gerichteten Sinnes, spricht aus dieser Dichtung, da&szlig; es
+sie sch&auml;digen hie&szlig;e, wollte man versuchen, die Linien nachzuziehen. Es ist
+eine &uuml;ber alle dogmatischen Satzungen erhobene, freie Religiosit&auml;t, die als
+einziges Ziel das Unverg&auml;ngliche hat, um das sich seit Anbeginn der Kosmos
+mit seinen Menschlein bewegt: Gott.</p>
+
+<p class="right">&bdquo;Frankfurter Zeitung&ldquo;</p>
+
+
+<p>&Uuml;ber aller Wirklichkeit der bunten Lebensgeschehnisse dieses Buches steht
+leuchtend die Wahrheit, die der Dichter in prophetischem Geiste verk&uuml;ndet.
+Seine neue Betrachtung der Welt erw&auml;chst allein aus dem Glauben an eine
+reine Menschlichkeit. Dieser Vagabund ist die Verk&ouml;rperung der Sehnsucht
+der neuen Jugend.</p>
+
+<p class="right">&bdquo;Hannoverscher Courier&ldquo;</p>
+
+<hr style="width: 100%;" />
+
+
+
+
+<p class="title">
+<span class="small">Urteile der Presse &uuml;ber:</span><br />
+Waldemar Bonsels<br />
+<span class="big">Indienfahrt</span>
+</p>
+
+<p>Ich gestehe offen, da&szlig; mir noch niemals ein so formvollendetes,
+k&uuml;nstlerisch durchdachtes und von Sch&ouml;nheit &uuml;berquellendes Buch unter die
+Augen gekommen ist.</p>
+
+<p class="right">&bdquo;Der Bund&ldquo;, Bern</p>
+
+
+<p>Waldemar Bonsels' Buch ist nicht nur das Sch&ouml;nste, was ich je &uuml;ber Indien
+gelesen habe, auch ohne R&uuml;cksicht auf den Gegenstand mu&szlig; ich es zu den
+wenigen gro&szlig;en Kunstwerken der Literatur der Gegenwart z&auml;hlen, die an sich
+vollkommen sind. In meiner tiefen Ergriffenheit m&ouml;chte ich auf dieses Buch
+alle die Lobspr&uuml;che h&auml;ufen, wie sie schlagwortartig bei Anerkennungen
+wiederkehren.</p>
+
+<p class="right">&bdquo;Die Hilfe&ldquo;, Berlin</p>
+
+
+<p>Es ist unm&ouml;glich, die Glut dieses Buchs aus Rausch, Fieber, Weisheit und
+Liebe zu zergliedern! Das Erlebnis Indien ist f&uuml;r Waldemar Bonsels das
+Erlebnis der Natur ohne Konventionen, ohne Zivilisation, ohne
+Mechanisierung des Lebens. Der Dichter durchstreift den Dschungel, immer
+auf der Suche nach reiner ungetr&uuml;bter Natur, voll Qual und Lust, voll Gr&ouml;&szlig;e
+und Einsamkeit. So wird der Leser vom stofflichen Reiz, vom Interessanten
+zur Philosophie, zur Betrachtung, zum Miterleben einer Dichtung geleitet,
+deren Gegenstand ein wirkliches Land ist, und aus einer Summe von
+Eindr&uuml;cken wird ein phantastisches, gro&szlig;artiges und k&uuml;hnes Gem&auml;lde des
+Lebens, wie es &uuml;berall aus Gott flie&szlig;t und zu seinem Urgrund zur&uuml;ckflutet.</p>
+
+<p class="right">&bdquo;M&auml;rz&ldquo;, M&uuml;nchen</p>
+
+
+<p>Bonsels zeigt <i>sein</i> Indien, das Indien eines Menschen, der mit durstiger
+Seele durch die W&auml;lder und Berge zieht. So, aus dem Pers&ouml;nlichen heraus,
+erwacht dieses Land mit einer Lebendigkeit vor unseren Augen, als st&uuml;nden
+wir selber auf seiner Erde, als qu&ouml;lle der Dunst seiner Fr&uuml;he und die Glut
+indischen Mittags vor uns aus dem Boden mit all seinen Gefahren und
+mystischen Verlockungen. Mir scheint dies wirklich die einzige Methode zu
+sein, mit der ein Land deskriptiv zu erfassen ist. Man darf nicht mit der
+Kamera und dem Lot auf solch eine Reise gehen, sondern mit einer Seele;
+einer Seele, die hell sein mu&szlig; wie ein Spiegel, der die Sonne aufnimmt und
+widerstrahlt aus der Begrenztheit seiner Dinghaftigkeit in die
+Unbegrenztheit seelischen Erlebnisses.</p>
+
+<p class="right">&bdquo;Berliner Tageblatt&ldquo;</p>
+
+<hr style="width: 100%;" />
+
+
+
+
+<p class="title">
+<span class="small">Im Verlag von Schuster &amp; Loeffler in Berlin erschienen:</span><br />
+Waldemar Bonsels<br />
+<span class="big">Die Biene Maja und ihre Abenteuer</span><br />
+<span class="small">315. Auflage</span>
+</p>
+
+<p>Gebt dieses Buch euren Kindern; es ist ein herrliches Buch!</p>
+
+<p class="right">&bdquo;Die deutsche Frau&ldquo;, Berlin</p>
+
+
+<p>Es ist das Werk eines Dichters und Sehers, der eine gro&szlig;e Offenbarung &uuml;ber
+das tiefste Wesen der Dinge zu verk&uuml;nden hat.</p>
+
+<p class="right">&bdquo;Stra&szlig;burger Post&ldquo;</p>
+
+
+
+<p class="title">
+Waldemar Bonsels<br />
+<span class="big">Das Anjekind</span><br />
+Eine Erz&auml;hlung<br />
+<span class="small">49. Auflage</span>
+</p>
+
+<p>In diesem Buche schl&auml;gt das Herz einer dichterischen Wahrhaftigkeit, das zu
+schlagen nie aufh&ouml;ren wird. Es ist ein Einklang zwischen Natur und Mensch
+dargestellt, wie er ergreifender kaum gedacht werden kann.</p>
+
+<p class="right">&bdquo;Hannoverscher Courier&ldquo;</p>
+
+
+
+<p class="title">
+Waldemar Bonsels<br />
+<span class="big">Himmelsvolk</span><br />
+Ein Buch von Blumen, Tieren und Gott<br />
+<span class="small">240. Auflage</span>
+</p>
+
+<p>Dies zarte, berauschende Buch ist ein Buch des K&auml;mpfens, des Sieges und des
+Untergangs. Alle Entwicklungen des Buches, sein inneres Ereignis, wird
+dargestellt in Unterhaltungen mit Blumen, in Gespr&auml;chen von Tieren, deren
+Ernst von einer kaum glaubbaren, niegekannten Heiterkeit getragen ist.
+Jedes Wort aber scheint hingeschrieben in gro&szlig;er Leidenschaft, tief erf&uuml;hlt
+und in dem Willen, durch sein Werk beizutragen zu einer kommenden,
+reineren, alles auf das Erleben stellenden, um Gott wissenden Menschheit.</p>
+
+<p class="right">&bdquo;Berliner B&ouml;rsen-Courier&ldquo;</p>
+
+<hr style="width: 100%;" />
+
+
+
+
+<p class="title">
+<span class="small">Im Verlag von Schuster &amp; Loeffler in Berlin erschienen:</span><br />
+Waldemar Bonsels<br />
+<span class="big">Wartalun</span><br />
+Eine Schlo&szlig;geschichte<br />
+<span class="small">56. Auflage</span>
+</p>
+
+<p>&hellip;das ist der Sinn des Geschehens zu Wartalun, einer Geschichte von so
+hohem dichterischen Gewicht, da&szlig; ich sie nach den Ma&szlig;en anderer Romane
+nicht messen m&ouml;chte. Der sie schuf, ist ein gro&szlig;er K&uuml;nstler, wer sie liest,
+empf&auml;ngt eines der sch&ouml;nsten, um Natur- und Menschengeheimnis gewebten
+Gedichte. Es klingt wie Urweltrauschen durch dies Buch, Winde, B&auml;ume,
+Tiere, die Erde selbst scheint zu reden, und das Tun der Irdischen ist wie
+ein Glied der gro&szlig;en unendlichen Kette, die alles Leben bewegt.</p>
+
+<p class="right">&bdquo;M&uuml;nchen-Augsb. Abendzeitung&ldquo;</p>
+
+
+<p class="title">
+Waldemar Bonsels<br />
+<span class="big">Der Tiefste Traum</span><br />
+Eine Erz&auml;hlung<br />
+<span class="small">46. Auflage</span>
+</p>
+
+<p>Ein Stimmungszauber geht von dem Buche aus, der die Sinne mit lockender
+Gewalt zur innigsten Anteilnahme zwingt. Der eigenartige Zauber liegt auf
+der rein menschlichen Seite des tiefen Problems, und die ganze Entwicklung
+der beiden Charaktere ist einzig darauf gerichtet, alles in eine ungemein
+vertiefte und goldverkl&auml;rte Harmonie ausklingen zu lassen.</p>
+
+<p class="right">&bdquo;Generalanzeiger f&uuml;r Elberfeld&ldquo;</p>
+
+
+<p class="title">
+Waldemar Bonsels<br />
+<span class="big">Don Juan</span><br />
+Eine epische Dichtung<br />
+<span class="small">7. Tausend<br />
+Erschienen 1919</span>
+</p>
+
+
+
+
+<div class="ppnote">
+
+<p><b>Anmerkung:</b> Gegen&uuml;ber dem Originaltext wurden folgende &Auml;nderungen vorgenommen:</p>
+
+<p>Buchseite 132: &bdquo;k&uuml;hl um seine Stirn wehte&ldquo; wurde geändert in: &bdquo;k&uuml;hl um meine Stirn wehte&ldquo;.<br />
+Buchseite 134: &bdquo;Maisor&ldquo; wurde geändert in &bdquo;Maisur&ldquo;.<br />
+Buchseite 154: &bdquo;Mangolore&ldquo; wurde geändert in &bdquo;Mangalore&ldquo;.<br />
+Buchseite 168: &bdquo;Upanangadi&ldquo; wurde geändert in &bdquo;Uppanangadi&ldquo;.<br />
+Buchseite 191: &bdquo;Kumadary&ldquo; wurde geändert in &bdquo;Kumardary&ldquo;.<br />
+Buchseite 199: &bdquo;Malealym&ldquo; wurde geändert in &bdquo;Malayalam&ldquo;.<br />
+Buchseite 224: &bdquo;Indier&ldquo; wurde geändert in &bdquo;Inder&ldquo;.<br />
+Buchseite 230: &bdquo;Indier&ldquo; wurde geändert in &bdquo;Inder&ldquo;.</p>
+
+<p>Ein neuer Absatz wurde begonnen:</p>
+
+<p>Buchseite&nbsp;&nbsp;54: vor &bdquo;Die Nacht sank nieder&ldquo;<br />
+<span class="invisible">Buchseite</span>&nbsp;&nbsp;76: vor &bdquo;Wir besichtigten die Boote&ldquo;<br />
+<span class="invisible">Buchseite</span>&nbsp;&nbsp;78: vor &bdquo;Gegen Mitternacht&ldquo;<br />
+<span class="invisible">Buchseite</span>&nbsp;&nbsp;80: vor &bdquo;Wir hatten viel Umst&auml;nde&ldquo;<br />
+<span class="invisible">Buchseite</span>&nbsp;119: vor &bdquo;Goy sann nach&ldquo;<br />
+<span class="invisible">Buchseite</span>&nbsp;122: vor &bdquo;Ich sah Panja weinen&ldquo;<br />
+<span class="invisible">Buchseite</span>&nbsp;122: vor &bdquo;Erst nach Tagen&ldquo;<br />
+<span class="invisible">Buchseite</span>&nbsp;132: vor &bdquo;Mir war die Nachricht willkommen&ldquo;<br />
+<span class="invisible">Buchseite</span>&nbsp;185: vor &bdquo;Ich begriff aufs neue&ldquo;<br />
+<span class="invisible">Buchseite</span>&nbsp;199: vor &bdquo;Er erhob sich&ldquo;<br />
+<span class="invisible">Buchseite</span>&nbsp;223: vor &bdquo;Die Sonne trieb ihr buntes Spiel&ldquo;</p>
+
+</div>
+
+<hr class="full" />
+<p>***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK INDIENFAHRT***</p>
+<p>******* This file should be named 24377-h.txt or 24377-h.zip *******</p>
+<p>This and all associated files of various formats will be found in:<br />
+<a href="http://www.gutenberg.org/dirs/2/4/3/7/24377">http://www.gutenberg.org/2/4/3/7/24377</a></p>
+<p>Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.</p>
+
+<p>Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.</p>
+
+
+
+<pre>
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+<a href="http://www.gutenberg.org/license">http://www.gutenberg.org/license)</a>.
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS,' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://www.gutenberg.org/about/contact
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's
+eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII,
+compressed (zipped), HTML and others.
+
+Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over
+the old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
+VERSIONS based on separate sources are treated as new eBooks receiving
+new filenames and etext numbers.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+<a href="http://www.gutenberg.org">http://www.gutenberg.org</a>
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+EBooks posted prior to November 2003, with eBook numbers BELOW #10000,
+are filed in directories based on their release date. If you want to
+download any of these eBooks directly, rather than using the regular
+search system you may utilize the following addresses and just
+download by the etext year.
+
+<a href="http://www.gutenberg.org/dirs/etext06/">http://www.gutenberg.org/dirs/etext06/</a>
+
+ (Or /etext 05, 04, 03, 02, 01, 00, 99,
+ 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90)
+
+EBooks posted since November 2003, with etext numbers OVER #10000, are
+filed in a different way. The year of a release date is no longer part
+of the directory path. The path is based on the etext number (which is
+identical to the filename). The path to the file is made up of single
+digits corresponding to all but the last digit in the filename. For
+example an eBook of filename 10234 would be found at:
+
+http://www.gutenberg.org/dirs/1/0/2/3/10234
+
+or filename 24689 would be found at:
+http://www.gutenberg.org/dirs/2/4/6/8/24689
+
+An alternative method of locating eBooks:
+<a href="http://www.gutenberg.org/dirs/GUTINDEX.ALL">http://www.gutenberg.org/dirs/GUTINDEX.ALL</a>
+
+*** END: FULL LICENSE ***
+</pre>
+</body>
+</html>
diff --git a/24377-h/images/signet.png b/24377-h/images/signet.png
new file mode 100644
index 0000000..463129d
--- /dev/null
+++ b/24377-h/images/signet.png
Binary files differ
diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt
new file mode 100644
index 0000000..6312041
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
diff --git a/README.md b/README.md
new file mode 100644
index 0000000..864588d
--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #24377 (https://www.gutenberg.org/ebooks/24377)