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+The Project Gutenberg EBook of Baumeister Solneß, by Henrik Ibsen
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Baumeister Solneß
+ Schauspiel in drei Aufzügen
+
+Author: Henrik Ibsen
+
+Translator: Sigurd Ibsen
+
+Release Date: December 2, 2007 [EBook #23679]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BAUMEISTER SOLNEß ***
+
+
+
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Uta Theiling and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+
+
+ Baumeister Solneß.
+
+ _Schauspiel in drei Aufzügen_
+
+ von
+
+ Henrik Ibsen.
+
+
+ Deutsch von
+
+ Sigurd Ibsen.
+
+ * * * * * * *
+
+
+Einzige vom Verfasser autorisierte deutsche Ausgabe.
+
+ Leipzig.
+
+ Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.
+
+
+ Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt.
+
+
+ * * * * * * *
+
+Für sämtliche Bühnen im ausschließlichen Debit von _Felix Bloch
+Erben_ in Berlin, von welchen allein das Recht der Aufführung zu
+erwerben ist.
+
+Für _Österreich-Ungarn_ ist das Aufführungsrecht nur durch
+Dr. _O. F. Eirich_ in _Wien_ zu erwerben.
+
+Für _Großbritannien_ und die _englischen Kolonien_: Dr. _Sylvain
+Mayer_, Rechtsanwalt, _London_, Temple E. C. I. Garden Court.
+
+Für _Amerika_: _Goldmark & Conried, New-York_, 13 W. 42 Street.
+
+Für _Schweden_, _Norwegen_ und _Finnland_: _Oskar Wijkander_,
+Königlicher Hofintendant, _Stockholm_.
+
+Für _Dänemark_: _Henrik Hennings_, Königliche Hofmusikalienhandlung,
+_Kopenhagen_.
+
+Für _Rußland_ und _Polen_: _P. Reldner_, Buch- und
+Musikalienhandlung, _Riga_.
+
+
+ _Sigurd Ibsen_. _Felix Bloch Erben_.
+
+
+ * * * * * * *
+ * * * * * *
+
+
+ Baumeister Solneß.
+
+
+ * * * * * *
+ * * * * * * *
+
+
+ Personen.
+
+ *Baumeister Halvard Solneß*.
+ *Frau Aline Solneß*, seine Gattin.
+ *Dr. Herdal*, Hausarzt.
+ *Knut Brovik*, ehemals Architekt, jetzt Assistent bei Solneß.
+ *Ragnar Brovik*, sein Sohn, Zeichner.
+ *Kaja Fosli*, seine Nichte, Buchhalterin.
+ *Fräulein Hilde Wangel*.
+ Einige Damen.
+ Volksmenge auf der Straße.
+
+
+ * * * * * * *
+ * * * * * *
+ * * * * * * *
+
+
+_Ort der Handlung_: das Haus des Baumeisters Solneß.
+
+ * * * * * * *
+
+ Rechts und links vom Schauspieler.
+
+ * * * * * * *
+
+
+
+
+ Erster Aufzug.
+
+
+_Ein einfach ausgestattetes Arbeitszimmer beim Baumeister Solneß._
+
+Eine Flügelthür an der Wand links führt zum Vorzimmer. Rechts ist
+die Thür zu den inneren Räumen des Hauses. An der Hinterwand eine
+offene Thür zum Zeichenzimmer. Im Vordergrund links ein Pult mit
+Büchern, Briefschaften und Schreibmaterialien. Oberhalb der Thür ein
+Ofen. In der Ecke rechts ein Sofa mit Tisch und ein paar Stühlen;
+auf dem Tische Wasserkaraffe und Glas. Ein kleinerer Tisch mit
+Schaukelstuhl und Lehnstuhl im Vordergrund rechts. Angezündete
+Arbeitslampen auf dem Tische im Zeichenzimmer, auf dem Tische in der
+Ecke und auf dem Pulte.
+
+ _Rechts und links vom Schauspieler._
+
+
+ Erster Auftritt.
+
+*Knut Brovik* und sein Sohn *Ragnar* sitzen im Zeichenzimmer mit
+Konstruktionen und Berechnungen beschäftigt. Knut Brovik ist ein
+schmächtiger alter Mann mit weißem Haar und Bart; er trägt einen
+etwas fadenscheinigen, aber sauber gehaltenen schwarzen Rock, eine
+Brille und eine weiße, etwas vergilbte Halsbinde. Ragnar Brovik ist
+in den dreißiger Jahren, gutgekleidet, blond, mit leicht vornüber
+gebeugter Haltung. *Kaja Fosli*, steht im Arbeitszimmer am Pulte, im
+Hauptbuche eintragend; sie ist ein zart gebautes junges Mädchen von
+einigen zwanzig Jahren, aber von kränklichem Aussehen; ein grüner
+Schirm schützt ihre Augen. Alle drei arbeiten eine Weile schweigend.
+
+*Knut Brovik* (erhebt sich plötzlich, wie von Angst getrieben, vom
+Zeichentische, atmet tief und mit Mühe, indem er zur Thüröffnung
+vorgeht). Nein, jetzt halt ich es bald nicht länger aus.
+
+*Kaja* (geht zu ihm hin). Es ist dir gewiß recht schlecht heut
+Abend, Onkel?
+
+*Brovik*. Ach, mir scheint, es wird schlimmer von Tag zu Tag.
+
+*Ragnar* (hat sich erhoben und kommt näher). Du solltest lieber
+heimgehen, Vater. Versuchen ein wenig zu schlafen --
+
+*Brovik* (ungeduldig). Zu Bett gehen vielleicht? Willst du denn, daß
+ich rein ersticke!
+
+*Kaja*. Aber dann mach doch einen kleinen Spaziergang.
+
+*Ragnar*. Ja, thu das. Ich begleite dich.
+
+*Brovik* (heftig). Ich geh nicht, ehe er kommt! Heut Abend red ich
+grad heraus mit -- (in verbissener Wut) mit ihm -- dem Prinzipal.
+
+*Kaja* (angstvoll). Ach nein, Onkel -- warte doch ja damit!
+
+*Ragnar*. Ja, lieber warten, Vater.
+
+*Brovik* (holt mühsam Atem). Ha -- ha --! Ich hab wohl keine Zeit,
+recht lange zu warten.
+
+*Kaja* (horchend). Still! Da hör ich ihn unten auf der Treppe!
+
+*Alle Drei* (gehen wieder an ihre Arbeit).
+
+(Kurze Pause.)
+
+*Baumeister Halvard Solneß* (tritt durch die Vorzimmerthür ein; er
+ist ein etwas älterer Mann, gesund und kräftig, mit kurzgehaltenem,
+krausem Haar, dunklem Schnurrbart und dunkeln dichten Augenbrauen,
+trägt eine graugrüne zugeknöpfte Jacke mit Stehkragen und breiten
+Aufschlägen, einen weichen grauen Filzhut und unter dem Arme ein
+paar Mappen).
+
+
+ Zweiter Auftritt.
+
+*Die Vorigen*. *Solneß*.
+
+*Baumeister Solneß* (an der Thür, weist gegen das Zeichenzimmer hin
+und fragt flüsternd). Sind sie fort?
+
+*Kaja* (leise, schüttelt den Kopf). Nein. (Sie legt den Augenschirm
+ab.)
+
+*Solneß* (geht durchs Zimmer, wirft seinen Hut auf einen Stuhl, legt
+die Mappen auf den Sofatisch und nähert sich dann wieder dem Pulte).
+
+*Kaja* (schreibt ununterbrochen, scheint aber nervös und unruhig).
+
+*Solneß* (laut). Was tragen Sie denn da ein, Fräulein?
+
+*Kaja* (zusammenfahrend). O es ist nur etwas, das --
+
+*Solneß*. Lassen Sie mich sehen, Fräulein. (Er beugt sich über sie,
+thut, als ob er im Hauptbuche nachsähe und flüstert:) Kaja?
+
+*Kaja* (schreibend, leise). Ja?
+
+*Solneß*. Warum nehmen Sie denn immer den Schirm da ab, wenn ich
+komme?
+
+*Kaja* (wie oben). Ich sehe ja so häßlich aus damit.
+
+*Solneß* (lächelnd). Und das wollen Sie nicht, Kaja?
+
+*Kaja* (blickt halb zu ihm auf). Nicht um alles in der Welt. Nicht
+in _Ihren_ Augen.
+
+*Solneß* (fährt ihr leicht über das Haar). Arme, arme kleine Kaja --
+
+*Kaja* (senkt den Kopf). Still -- sie könnten Sie hören!
+
+*Solneß* (geht nachlässigen Schrittes nach rechts, kehrt um und
+bleibt an der Thür des Zeichenzimmers stehen). War jemand da, der
+nach mir gefragt hat?
+
+*Ragnar* (erhebt sich). Ja, die jungen Leute, die die Villa gebaut
+haben wollen draußen bei Lövstrand.
+
+*Solneß* (brummend). Ach _die_? Ja, die müssen warten. Ich bin mit mir
+selber noch nicht im Reinen über den Plan.
+
+*Ragnar* (näher, etwas zögernd). Es wäre ihnen so sehr daran gelegen,
+die Zeichnungen bald zu bekommen.
+
+*Solneß* (wie oben). Ja, das versteht sich -- das wollen sie ja alle
+miteinander!
+
+*Brovik* (aufblickend). Sie sehnten sich nämlich so über alle Maßen
+danach, ihr eigenes Haus zu beziehen, sagten sie.
+
+*Solneß*. Jawohl, jawohl! Man kennt das! Und dann nehmen sie's so,
+wie es sich gerade trifft. Schaffen sich so'ne -- 'ne Wohnung. Eine
+Art von Zufluchtsort bloß. Aber kein Heim. Nein, ich danke! Mögen
+sie sich dann lieber an einen andern wenden. Sagen Sie ihnen das,
+wenn sie wiederkommen.
+
+*Brovik* (schiebt die Brille auf die Stirn hinauf und sieht ihn
+stutzend an). An einen andern? Würden Sie die Arbeit abgeben?
+
+*Solneß* (ungeduldig). Ja, ja doch, zum Teufel! Wenn's durchaus sein
+_muß_, dann -- Lieber das, als so ins Blaue hineinbauen.
+(Herausplatzend.) Denn ich kenne ja die Leute noch so wenig!
+
+*Brovik*. Die Leute sind solid genug. Ragnar kennt sie. Er geht mit
+der Familie um. Sehr solide Leute.
+
+*Solneß*. Ach, solid -- solid! Das ist's ja gar nicht, was ich meine.
+Du lieber Gott -- verstehen auch _Sie_ mich jetzt nicht mehr?
+(Heftig.) Ich will mit den fremden Menschen nichts zu schaffen haben.
+Mögen sie sich meinetwegen wenden, an wen sie wollen.
+
+*Brovik* (erhebt sich). Ist das Ihr Ernst?
+
+*Solneß* (mürrisch). Jawohl. -- Für dies eine Mal. (Er geht durchs
+Zimmer.)
+
+*Brovik* (wechselt einen Blick mit Ragnar).
+
+*Ragnar* (macht eine warnende Gebärde).
+
+*Brovik* (geht ins Vorderzimmer hinein). Gestatten Sie mir, ein paar
+Worte mit Ihnen zu reden?
+
+*Solneß*. Sehr gern.
+
+*Brovik* (zu Kaja). Geh da hinein derweile, du.
+
+*Kaja* (unruhig). Ach, aber Onkel --
+
+*Brovik*. Thu wie ich dir sage, Kind. Und schließ die Thüre hinter
+Dir zu.
+
+*Kaja* (geht zögernd ins Zeichenzimmer hinein, wirft verstohlen
+Solneß einen ängstlich bittenden Blick zu und schließt die Thür).
+
+*Brovik* (etwas gedämpft). Ich will nicht, daß die armen Kinder
+erfahren, wie schlecht es mit mir steht.
+
+*Solneß*. Sie sehen auch wirklich recht elend aus in diesen Tagen.
+
+*Brovik*. Mit mir ist's bald vorbei. Die Kräfte nehmen ab -- von
+einem Tag zum andern.
+
+*Solneß*. Setzen Sie sich ein wenig.
+
+*Brovik*. Wenn Sie erlauben?
+
+*Solneß* (rückt den Lehnstuhl ein wenig zurecht). Da, bitte. -- Nun?
+
+*Brovik* (hat mit Mühe Platz genommen). Ja, es handelt sich also um
+das da mit Ragnar. _Das_ ist das allerschwerste. Was soll mit ihm
+werden?
+
+*Solneß*. Ihr Sohn, der bleibt natürlich hier bei mir, so lange er
+nur will.
+
+*Brovik*. Aber das ist's ja eben, was er nicht will. Nicht so recht
+mehr _kann_ -- wie ihm scheint.
+
+*Solneß*. Nun, er wird denn doch ganz gut bezahlt, sollt ich meinen.
+Sollte er aber mehr verlangen, wäre ich nicht abgeneigt, ihm --
+
+*Brovik*. Nein, nein! Das ist's durchaus nicht. (Ungeduldig.) Aber
+er muß doch auch einmal Gelegenheit bekommen, auf eigene Hand zu
+arbeiten.
+
+*Solneß* (ohne ihn anzusehen). Glauben Sie, daß Ragnar dazu alle die
+rechten Anlagen hat?
+
+*Brovik*. Nein, sehen Sie, das ist ja eben das Entsetzliche, daß ich
+angefangen habe, an dem Jungen zu zweifeln. Denn Sie sagten ja nie
+soviel wie -- wie ein ermunterndes Wort über ihn. Aber dann scheint's
+mir wieder, es ist unmöglich anders. Er _muß_ die Anlagen haben.
+
+*Solneß*. Nun ja, er hat aber doch nichts gelernt -- recht gründlich.
+Außer dem Zeichnen, versteht sich.
+
+*Brovik* (blickt ihn mit geheimem Hasse an und sagt mit heiserer
+Stimme): _Sie_ hatten auch nicht recht viel vom Fach gelernt, damals,
+als Sie bei mir im Dienste standen. Aber _Sie_ machten sich dennoch
+auf den Weg. (Er holt mühselig Atem.) Und kamen vorwärts. Und
+überholten sowohl mich wie -- wie so viele andere.
+
+*Solneß*. Ja, sehen Sie, das fügte sich nun so für _mich_.
+
+*Brovik*. Darin haben Sie recht. Alles fügte sich für Sie. Dann
+können Sie's aber auch nicht übers Herz bringen, mich ins Grab gehen
+zu lassen -- ehe ich sehe, wozu Ragnar taugt. Und dann möchte ich
+die zwei ja auch gern verheiratet sehen -- ehe ich scheide.
+
+*Solneß* (unwirsch). Ist sie es, die's so haben will?
+
+*Brovik*. Kaja nicht so sehr. Aber Ragnar geht herum und redet jeden
+Tag davon. (Bittend.) Sie _müssen_ -- Sie _müssen_ ihm jetzt zu
+irgend einer selbständigen Arbeit verhelfen. Ich _muß_ etwas zu
+sehen bekommen, was der Junge gemacht hat. Hören Sie?
+
+*Solneß* (gereizt). Aber ich kann doch, zum Teufel, keine
+Bestellungen für ihn vom Mond herunterholen!
+
+*Brovik*. Er kann eine hübsche Bestellung bekommen, gerade jetzt.
+Eine große Arbeit.
+
+*Solneß* (unruhig, stutzend). _Er?_
+
+*Brovik*. Wenn Sie Ihre Zustimmung geben wollten.
+
+*Solneß*. Was ist denn das für eine Arbeit?
+
+*Brovik* (etwas zögernd). Er könnte die Villa zu bauen bekommen
+draußen bei Lövstrand.
+
+*Solneß*. _Die!_ Aber die soll ich ja selber bauen!
+
+*Brovik*. Ach, Sie haben ja keine besondere Lust dazu.
+
+*Solneß* (auffahrend). Keine Lust! Ich! Wer darf das sagen?
+
+*Brovik*. Das sagten Sie ja selbst in diesem Augenblicke.
+
+*Solneß*. Ach was, achten Sie nie auf das, was ich so -- _sage_. --
+Kann Ragnar die Villa zu bauen bekommen?
+
+*Brovik*. Jawohl. Er kennt ja die Familie. Und dann hat er -- nur so
+zum Spaß -- Zeichnungen gemacht und Überschläge und alles
+miteinander --
+
+*Solneß*. Und die Zeichnungen, mit denen sind sie zufrieden? Die
+Leute, die da wohnen sollen?
+
+*Brovik*. Gewiß. Wenn bloß Sie sie durchsehen wollten und sie
+gutheißen, dann --
+
+*Solneß*. Dann würden sie Ragnar ihr Heim bauen lassen?
+
+*Brovik*. Es gefiel ihnen so ausnehmend gut, das, was er draus
+machen wollte. Es schiene ihnen so etwas durchaus neues, sagten sie.
+
+*Solneß*. Aha! _Neues!_ Kein so altmodischer Plunder, wie _ich_ ihn
+zu bauen pflege!
+
+*Brovik*. Es schien ihnen etwas _anderes_.
+
+*Solneß* (in unterdrückter Erbitterung). Ragnar war's also, zu dem
+sie kamen, hier -- während ich fort war!
+
+*Brovik*. Sie kamen, um _Sie_ zu sprechen. Und dann um zu fragen, ob
+Sie vielleicht geneigt wären zurückzutreten --
+
+*Solneß*. Zurücktreten! Ich!
+
+*Brovik*. Im Falle Sie fänden, daß Ragnars Zeichnungen --
+
+*Solneß*. Ich! Zurücktreten vor Ihrem Sohn!
+
+*Brovik*. Von der Verabredung zurücktreten, meinten sie.
+
+*Solneß*. Ach was, das kommt ja auf eins hinaus. (Er lacht
+erbittert.) So, so! Halvard Solneß -- der soll jetzt anfangen
+zurückzutreten! Platz machen denen, die da jünger sind. Den
+Allerjüngsten vielleicht! Nur Platz machen! Platz! Platz!
+
+*Brovik*. Du lieber Gott, da ist doch wohl Platz genug für mehr als
+einen Einzigen.
+
+*Solneß*. O so reichlicher Platz ist denn doch nicht da. Na, dem mag
+nun sein wie ihm will. Aber ich trete niemals zurück! Weiche niemals
+vor irgend jemand! Niemals freiwillig! Niemals bei meinen Lebzeiten
+thu' ich so 'was!
+
+*Brovik* (erhebt sich mühsam). Soll ich denn aus dem Leben gehen
+ohne Zuversicht? Ohne Freude? Ohne Glauben und Vertrauen in Ragnar?
+Ohne ein einziges Werk von ihm zu sehen? Soll ich das?
+
+*Solneß* (wendet sich halb zur Seite und murmelt). Hm -- fragen Sie
+doch jetzt nicht mehr.
+
+*Brovik*. Doch. Antworten Sie mir darauf. Soll ich so ganz in Armut
+aus dem Leben gehen?
+
+*Solneß* (scheint mit sich selbst zu kämpfen; endlich sagt er mit
+gedämpfter, aber fester Stimme). Sie müssen aus dem Leben gehen, wie
+Sie's am besten wissen und können.
+
+*Brovik*. Mag's denn so sein. (Er geht durchs Zimmer.)
+
+*Solneß* (ihm nachgehend, halb verzweifelt). Ja, ich kann ja doch
+nicht anders, verstehen Sie! Ich bin nun einmal so, wie ich bin! Und
+umschaffen kann ich mich doch auch nicht!
+
+*Brovik*. Nein, nein -- das können Sie wohl nicht. (Er schwankt und
+bleibt am Sofatisch stehen.) Gestatten Sie, daß ich ein Glas Wasser
+trinke?
+
+*Solneß*. Bitte sehr. (Er schenkt ein und reicht ihm das Glas.)
+
+*Brovik*. Ich danke. (Er trinkt und stellt das Glas wieder hin.)
+
+*Solneß* (geht zur Thüre des Zeichenzimmers und öffnet sie). Ragnar
+-- Sie müssen Ihren Vater nach Hause begleiten.
+
+*Ragnar* (erhebt sich rasch).
+
+*Ragnar* und *Kaja* (gehen ins Arbeitszimmer).
+
+*Ragnar*. Was giebt's, Vater?
+
+*Brovik*. Reich mir den Arm. Und jetzt gehen wir.
+
+*Ragnar*. Jawohl. Mach du dich auch fertig, Kaja.
+
+*Solneß*. Fräulein Fosli muß zurückbleiben. Nur einen kleinen
+Augenblick. Ich habe einen Brief, der geschrieben werden muß.
+
+*Brovik* (mit einem Blick auf Solneß). Gute Nacht. Schlafen Sie wohl
+-- wenn Sie können.
+
+*Solneß*. Gute Nacht.
+
+*Brovik* und *Ragnar* (ab durch die Vorzimmerthüre).
+
+
+ Dritter Auftritt.
+
+*Solneß*. *Kaja*.
+
+*Kaja* (geht an das Pult hin).
+
+*Solneß* (steht mit gesenktem Kopf rechts am Lehnstuhl).
+
+*Kaja* (unsicher). Ist's ein Brief?
+
+*Solneß* (kurz). Ach, keine Spur. (Er blickt sie rauh an.) Kaja!
+
+*Kaja* (angstvoll, leise). Ja?
+
+*Solneß* (weist befehlend mit dem Finger auf den Fußboden).
+Herkommen! Gleich!
+
+*Kaja* (zögernd). Ja.
+
+*Solneß* (wie oben). Näher!
+
+*Kaja* (gehorcht). Was wollen Sie von mir?
+
+*Solneß* (blickt sie eine Weile an). Sind Sie's, der ich die
+Geschichte zu verdanken habe?
+
+*Kaja*. Nein, nein, glauben Sie das ja nicht!
+
+*Solneß*. Aber heiraten -- das wollen Sie ja jetzt.
+
+*Kaja* (leise). Ragnar und ich sind schon vier -- fünf Jahre
+verlobt, und da --
+
+*Solneß*. Und da meinen Sie, es muß ein Ende nehmen. Ist's nicht so?
+
+*Kaja*. Ragnar und der Onkel sagen, ich _soll_. Und da muß ich mich
+ja fügen.
+
+*Solneß* (in sanfterem Tone). Kaja, sind Sie nicht auch, im Grunde
+genommen, Ragnar ein bißchen gut?
+
+*Kaja*. Ich war Ragnar sehr, sehr gut -- einmal. -- Ehe ich hierher
+kam zu Ihnen.
+
+*Solneß*. Aber jetzt nicht mehr? Gar nicht mehr?
+
+*Kaja* (leidenschaftlich, faltet die Hände gegen ihn). Ach, Sie
+wissen es ja, jetzt bin ich bloß einem einzigen gut! Keinem andern
+in der ganzen Welt! Kann nie einem andern gut werden!
+
+*Solneß*. Ja, so sagen Sie. Und da gehen Sie trotzdem von mir fort.
+Lassen mich hier mit allem allein.
+
+*Kaja*. Aber dürfte ich denn nicht bei Ihnen bleiben, wenn auch
+Ragnar --?
+
+*Solneß* (abweisend). Nein, nein, das läßt sich durchaus nicht
+machen. Geht Ragnar weg und fängt er an, auf eigene Hand zu arbeiten,
+dann hat er Sie ja selber nötig.
+
+*Kaja* (ringt die Hände). Ach, mir kommt's vor, ich _kann_ mich von
+Ihnen nicht trennen! Das ist doch so rein, rein unmöglich, kommt's
+mir vor!
+
+*Solneß*. Dann sehen Sie zu, daß Sie Ragnar die dummen Einfälle da
+aus dem Kopfe bringen. Heiraten Sie ihn, soviel Sie wollen -- (Er
+verändert den Ton.) Ja, das heißt -- reden Sie ihm zu, daß er hier
+bleibt in seiner guten Stellung bei mir. Dann kann ich ja auch Sie
+behalten, liebe Kaja.
+
+*Kaja*. Ach ja, wie wunderschön war's, wenn sich's so machen ließe!
+
+*Solneß* (legt ihr beide Hände um den Kopf und flüstert). Denn ich
+_kann's_ ohne Sie nicht aushalten, begreifen Sie. Ich muß Sie um
+mich haben. Tag aus, Tag ein.
+
+*Kaja* (nervös hingerissen). Ach Gott! Ach Gott!
+
+*Solneß* (drückt ihr einen Kuß aufs Haar). Kaja -- Kaja!
+
+*Kaja* (sinkt vor ihm nieder). O wie gut sind Sie gegen mich! Wie
+unsäglich gut sind Sie!
+
+*Solneß* (heftig). Stehen Sie auf! So stehen Sie doch auf, zum --!
+Mir scheint, ich höre jemand! (Er hilft ihr auf.)
+
+*Kaja* (wankt ans Pult hin).
+
+*Frau Solneß* (erscheint in der Thüre rechts; sie ist mager und
+sieht abgehärmt aus, zeigt aber Spuren einstiger Schönheit; sie
+trägt blonde Hängelocken, ist elegant, vollständig schwarz gekleidet;
+sie spricht etwas langsam und mit klagender Stimme).
+
+
+ Vierter Auftritt.
+
+*Die Vorigen*. *Frau Solneß*.
+
+*Frau Solneß* (in der Thüröffnung). Halvard!
+
+*Solneß* (dreht sich um). Ach, du bist's, liebe --?
+
+*Frau Solneß* (mit einem Blick auf Kaja). Ich komme gewiß recht
+ungelegen, kann ich mir denken.
+
+*Solneß*. Durchaus nicht. Fräulein Fosli hat nur einen kleinen Brief
+zu schreiben.
+
+*Frau Solneß*. Jawohl, das sehe ich.
+
+*Solneß*. Was wolltest du denn von mir, Aline?
+
+*Frau Solneß*. Ich wollte nur sagen, daß Doktor Herdal im Eckzimmer
+drinnen ist. Kommst du vielleicht auch herein, Halvard?
+
+*Solneß* (blickt sie mißtrauisch an). Hm -- muß mich denn der Doktor
+so notwendig sprechen?
+
+*Frau Solneß*. Nein, so notwendig gerade nicht. Er kam, mir einen
+Besuch zu machen. Und dann möchte er natürlich dich auch begrüßen.
+
+*Solneß* (lacht leise). Kann mir's denken, jawohl. Na, dann mußt du
+ihn bitten, sich ein wenig zu gedulden.
+
+*Frau Solneß*. So kommst du also zu ihm herein nachher?
+
+*Solneß*. Vielleicht. Nachher -- nachher, liebe Aline. Nach einer
+kleinen Weile.
+
+*Frau Solneß* (wieder mit einem Blick auf Kaja). Gut, vergiß es aber
+ja nicht, Halvard. (Sie zieht sich zurück und schließt die Thüre.)
+
+
+ Fünfter Auftritt.
+
+*Solneß*. *Kaja*.
+
+*Kaja* (leise). Ach Gott, ach Gott -- die gnädige Frau denkt gewiß
+etwas schlechtes von mir!
+
+*Solneß*. Ach was, keinen Schein. Nicht mehr als gewöhnlich
+wenigstens. Es ist aber doch am besten, wenn Sie jetzt gehen, Kaja.
+
+*Kaja*. Ja, ja, jetzt _muß_ ich gehen.
+
+*Solneß* (streng). Und dann bringen Sie also die andere Geschichte
+da in Ordnung für mich. Hören Sie!
+
+*Kaja*. Ach, gebe Gott, daß es nur auf mich ankäme, dann --
+
+*Solneß*. Ich _will's_ geordnet wissen, sage ich! Und morgen soll's
+geschehen!
+
+*Kaja* (angstvoll). Geht's auf andere Weise nicht, will ich gern mit
+ihm ein Ende machen.
+
+*Solneß* (auffahrend). Ein Ende machen! Sind Sie rein toll geworden!
+Wollen Sie ein Ende machen?
+
+*Kaja* (verzweifelt). Lieber noch das. Denn ich _muß_ -- ich _muß_
+bei Ihnen bleiben dürfen! Ich _kann_ nicht von Ihnen gehen! Es wäre
+ja rein -- rein unmöglich!
+
+*Solneß* (platzt heraus). Aber zum Teufel -- was wird's mit Ragnar!
+Es ist ja eben Ragnar, den ich --
+
+*Kaja* (sieht ihn mit erschreckten Augen an). Ist's hauptsächlich
+wegen Ragnar, daß -- daß Sie --?
+
+*Solneß* (faßt sich). Ach nein, keine Spur, gewiß nicht! Sie
+begreifen aber auch gar nichts. (Sanft und leise.) Sie sind's
+natürlich, die ich dahaben will. Allererst Sie, Kaja. Aber gerade
+darum müssen Sie Ragnar zureden, daß er auch in seiner Stellung
+bleibt. Na, lassen Sie es gut sein -- und jetzt gehen Sie nach Hause.
+
+*Kaja*. Nun ja, gute Nacht also.
+
+*Solneß*. Gute Nacht. (Indem sie sich zum Gehen anschickt.) Ach,
+hören Sie mal! Sind Ragnars Zeichnungen drinnen?
+
+*Kaja*. Ich glaube. Wenigstens bemerkte ich nicht, daß er sie
+mitnahm.
+
+*Solneß*. Dann gehen Sie hinein -- und holen Sie sie mir. Ich könnte
+Sie vielleicht doch ein bißchen ansehen.
+
+*Kaja* (erfreut). Ach, thun Sie das doch ja!
+
+*Solneß*. Um Ihretwillen, liebe Kaja. Na, holen Sie sie mir also
+geschwind, hören Sie!
+
+*Kaja* (eilt ins Zeichenzimmer hinein, wühlt ängstlich in der
+Schublade herum, holt eine Mappe hervor und bringt sie). Da sind
+alle die Zeichnungen.
+
+*Solneß*. Schön. Legen Sie sie dorthin auf den Tisch.
+
+*Kaja* (legt die Mappe von sich). Gute Nacht also (bittend) und
+denken Sie gut und lieb von mir.
+
+*Solneß*. Ach, das thue ich ja immer. Gute Nacht, liebe kleine Kaja.
+(Er blickt verstohlen nach rechts.) So gehen Sie doch!
+
+*Frau Solneß* und *Doktor Herdal* (kommen durch die Thür rechts;
+Herdal ist ein älterer, wohlbeleibter Herr mit rundem, zufriedenem
+Gesicht, bartlos, hat dünnes helles Haar und trägt eine goldene
+Brille).
+
+
+ Sechster Auftritt.
+
+*Die Vorigen*. *Frau Solneß*. *Doktor Herdal*.
+
+*Frau Solneß* (noch in der Thüröffnung). Halvard, jetzt kann ich den
+Doktor nicht länger halten.
+
+*Solneß*. Na, kommen Sie nur herein.
+
+*Frau Solneß* (zu Kaja). Schon fertig mit dem Brief, Fräulein?
+
+*Kaja* (welche die Pultlampe herunterschraubt, verwirrt). Der
+Brief --?
+
+*Solneß*. Es war nur ein ganz kurzer Brief.
+
+*Frau Solneß*. Recht kurz muß er gewesen sein.
+
+*Solneß*. Bitte, gehen Sie nur, Fräulein Fosli. Und dann sind Sie
+morgen zu rechter Zeit wieder da.
+
+*Kaja*. Gewiß. -- Gute Nacht, gnädige Frau. (Ab durch die
+Vorzimmerthür.)
+
+*Frau Solneß*. Du kannst recht froh sein, Halvard, daß du das
+Fräulein da bekommen hast.
+
+*Solneß*. Ja freilich. Die läßt sich zu vielerlei Dingen verwenden.
+
+*Frau Solneß*. Es scheint so.
+
+*Herdal*. Tüchtig in der Buchführung nebenbei?
+
+*Solneß*. Na -- einige Übung hat sie sich immerhin angeeignet in den
+zwei Jahren. Und dann ist sie gutmütig und willig zu allem, was man
+von ihr verlangt.
+
+*Frau Solneß*. Das muß allerdings eine große Annehmlichkeit sein --
+
+*Solneß*. Das ist's auch. Besonders wenn man nicht verwöhnt ist in
+dieser Beziehung.
+
+*Frau Solneß* (mit mildem Vorwurf). Kannst du _das_ behaupten,
+Halvard?
+
+*Solneß*. Ach nein, nein, liebe Aline. Ich bitte um Verzeihung.
+
+*Frau Solneß*. Keine Ursache. -- Also Doktor, Sie kommen nachher
+wieder und trinken den Thee mit uns?
+
+*Herdal*. Sobald ich den Krankenbesuch da gemacht habe, komme ich.
+
+*Frau Solneß*. Sehr liebenswürdig. (Ab durch die Thüre rechts.)
+
+
+ Siebenter Auftritt.
+
+*Solneß*. *Doktor Herdal*.
+
+*Solneß*. Haben Sie Eile, Doktor?
+
+*Herdal*. Durchaus nicht.
+
+*Solneß*. Wir können also ein wenig miteinander plaudern?
+
+*Herdal*. Wird mir sehr angenehm sein.
+
+*Solneß*. Dann setzen wir uns. (Er weist dem Doktor den Platz im
+Schaukelstuhl an und setzt sich selbst in den Lehnstuhl; mit einem
+forschenden Blick.) Sagen Sie mir -- merkten Sie Aline etwas an?
+
+*Herdal*. Soeben, während sie hier war, meinen Sie?
+
+*Solneß*. Ja. Mir gegenüber. Merkten Sie etwas?
+
+*Herdal* (lächelnd). Na, hören Sie mal -- das _mußte_ man ja wohl
+merken, daß Ihre Frau -- hm --
+
+*Solneß*. Nun?
+
+*Herdal*. Daß Ihre Frau keine besondere Vorliebe hat für dieses
+Fräulein Fosli.
+
+*Solneß*. Weiter nichts? _Das_ habe ich schon selber bemerkt.
+
+*Herdal*. Und ein Wunder ist es ja eigentlich nicht.
+
+*Solneß*. Was denn?
+
+*Herdal*. Daß sie es nicht gerade gern sieht, wenn Sie da tagtäglich
+ein anderes Frauenzimmer um sich haben.
+
+*Solneß*. Nun, darin können Sie recht haben. Und Aline auch. Aber
+_das_ -- das kann nun einmal nicht anders sein.
+
+*Herdal*. Könnten Sie sich denn nicht einen Buchhalter anschaffen?
+
+*Solneß*. Den ersten besten Kerl? Nein, da dank' ich -- damit ist
+mir nicht gedient.
+
+*Herdal*. Aber wenn nun Ihre Frau --? So schwach, wie sie ist --
+Wenn sie's nun nicht aushält, die Sache mitanzusehen?
+
+*Solneß*. Na, dann mag's in Gottes Namen so sein -- hätt' ich
+beinahe gesagt. Ich muß Kaja Fosli behalten. Kann niemand anderen
+brauchen als gerade die.
+
+*Herdal*. Niemand anderen?
+
+*Solneß*. Nein, niemand anderen.
+
+*Herdal* (seinen Stuhl näher rückend). Jetzt hören Sie mal, lieber
+Herr Solneß. Erlauben Sie mir eine Frage ganz im Vertrauen?
+
+*Solneß*. Bitte.
+
+*Herdal*. Frauenzimmer, sehen Sie -- die haben in gewissen Dingen
+einen verflucht feinen Spürsinn --
+
+*Solneß*. Den haben sie. Das ist so wahr wie nur irgend etwas.
+Aber --?
+
+*Herdal*. Nun gut. Hören Sie weiter. Wenn nun Ihre Frau diese Kaja
+Fosli schlechterdings nicht ausstehen kann --?
+
+*Solneß*. Nun, was dann?
+
+*Herdal*. Hat sie dann nicht so 'nen -- 'nen ganz winzig kleinen
+Grund zu dieser unwillkürlichen Abneigung?
+
+*Solneß* (blickt ihn an und erhebt sich). Oho!
+
+*Herdal*. Nehmen Sie mir's nicht übel. Aber _hat_ sie das nicht?
+
+*Solneß* (kurz und bestimmt). Nein.
+
+*Herdal*. Nicht den allermindesten Grund also?
+
+*Solneß*. Keinen anderen Grund als ihr eigenes Mißtrauen.
+
+*Herdal*. Ich weiß, daß Sie in Ihrem Leben verschiedene Frauen
+gekannt haben.
+
+*Solneß*. Das leugne ich nicht.
+
+*Herdal*. Und auch, daß Sie einzelne davon ganz gern gehabt haben.
+
+*Solneß*. O ja, das auch.
+
+*Herdal*. Aber in dieser Sache mit Fräulein Fosli --? Hier ist also
+nichts derartiges mit im Spiele?
+
+*Solneß*. Nein. Absolut nichts -- _meinerseits_.
+
+*Herdal*. Aber von der andern Seite?
+
+*Solneß*. Danach, scheint mir, haben Sie kein Recht zu fragen,
+Doktor.
+
+*Herdal*. Es war der Spürsinn Ihrer Frau, von dem wir ausgingen.
+
+*Solneß*. Richtig. Und insofern -- (Er senkt die Stimme.) Alines
+Spürsinn, wie Sie's nennen -- der hat sich denn auch gewissermaßen
+erprobt.
+
+*Herdal*. Na -- sehen Sie wohl!
+
+*Solneß* (setzt sich). Doktor Herdal -- jetzt will ich Ihnen eine
+sonderbare Geschichte erzählen. Wenn Sie sie anhören wollen, heißt
+das.
+
+*Herdal*. Sonderbare Geschichten höre ich immer gern.
+
+*Solneß*. Nun gut. Sie entsinnen sich jedenfalls, daß ich Knut
+Brovik und seinen Sohn in meinen Dienst nahm -- damals, als es mit
+dem Alten so sehr bergab gegangen war.
+
+*Herdal*. Das ist mir so ziemlich bekannt, jawohl.
+
+*Solneß*. Denn sie sind im Grunde ein paar tüchtige Kerle, die
+beiden, wissen Sie. Sie haben Anlagen, jeder auf seine Art. Da bekam
+aber der Sohn den Einfall, sich zu verloben. Und nun, natürlich,
+wollte er auch heiraten -- und anfangen selber zu baumeistern. Denn
+alle miteinander denken sie nun einmal an solche Geschichten, die
+jungen Leute.
+
+*Herdal* (lachend). Sie haben in der That die üble Gewohnheit, daß
+sie gern einander kriegen wollen.
+
+*Solneß*. Gut. Damit konnte aber _mir_ nicht gedient sein. Denn
+Ragnar hatte ich ja selber nötig. Und den Alten auch. Der ist
+nämlich ausgezeichnet zu verwenden bei Berechnungen von Tragfähigkeit
+und Kubikinhalt -- und all dem Teufelszeug, wissen Sie.
+
+*Herdal*. Nun ja, das gehört wohl auch mit dazu.
+
+*Solneß*. Allerdings. Aber Ragnar, der wollte auf eigene Hand
+beginnen um jeden Preis. Da war alles Reden umsonst.
+
+*Herdal*. Dann blieb er ja aber trotzdem bei Ihnen.
+
+*Solneß*. Jetzt passen Sie nur auf. Eines Tages also, da kommt diese
+Kaja Fosli zu ihnen herauf, um etwas auszurichten. War früher nie
+hier gewesen. Und als ich sah, wie herzlich die zwei ineinander
+vergafft waren, da kam mir plötzlich der Gedanke: hätte ich nur das
+Mädchen hier im Bureau, dann bliebe vielleicht Ragnar auch bei mir
+sitzen.
+
+*Herdal*. Das war ein ganz erklärlicher Gedanke.
+
+*Solneß*. Gewiß. Damals aber ließ ich keine Silbe von so etwas
+fallen. Ich stand nur da und sah sie an -- und wünschte so recht
+beharrlich, ich hätte sie hier. Dann sagte ich ihr ein paar
+freundliche Worte -- sprach von ganz gleichgültigen Dingen. Und
+darauf ging sie.
+
+*Herdal*. Nun?
+
+*Solneß*. Den nächsten Tag aber, zur Abendzeit, als der alte Brovik
+und Ragnar heimgegangen waren, da kam sie wieder her zu mir und
+benahm sich, als hätte ich mit ihr eine Abrede getroffen.
+
+*Herdal*. Eine Abrede? Worüber?
+
+*Solneß*. Genau über das, was ich mir nur so gewünscht hatte. Wovon
+mir aber kein einziges Wort entschlüpft war.
+
+*Herdal*. Das war recht merkwürdig.
+
+*Solneß*. Ja, nicht wahr? Und nun wollte sie wissen, was sie hier zu
+thun bekäme. Ob sie den folgenden Morgen gleich anfangen dürfte. Und
+dergleichen mehr.
+
+*Herdal*. Glauben Sie nicht, daß sie es that, um mit ihrem Bräutigam
+beisammen zu sein?
+
+*Solneß*. Anfangs war das auch _meine_ Idee. Aber nein, so verhielt
+sich's nicht. _Ihm_ entglitt sie, sozusagen vollständig -- als sie
+erst hierher gekommen war zu mir.
+
+*Herdal*. Da glitt sie wohl zu Ihnen hinüber?
+
+*Solneß*. Ganz und gar. Ich merke, daß sie es fühlt, wenn ich hinter
+ihr bin und sie ansehe. Sie bebt und sie zittert, so oft ich nur in
+ihre Nähe komme. Was halten Sie davon?
+
+*Herdal*. Hm -- das läßt sich schon erklären.
+
+*Solneß*. Nun gut, aber dann das andere? Daß sie glaubte, ich hätte
+ihr gesagt, was ich bloß gewünscht und gewollt hatte -- so in aller
+Stille. Inwendig. Ganz für mich. Was sagen Sie _da_zu? Können Sie
+mir so etwas erklären, Herr Doktor?
+
+*Herdal*. Nein, darauf lasse ich mich nicht ein.
+
+*Solneß*. Das dachte ich mir im voraus. Darum habe ich bisher auch
+nie davon reden wollen. Aber auf die Dauer fällt mir die Sache
+verdammt lästig, begreifen Sie wohl. Da muß ich tagtäglich herumgehen
+und thun, als ob ich -- Und es ist ja eine Sünde gegen das arme Ding.
+(Heftig.) Aber ich _kann_ nicht anders. Denn rennt sie von mir fort
+-- so macht sich auch Ragnar auf den Weg.
+
+*Herdal*. Und Ihrer Frau haben Sie diesen ganzen Zusammenhang nie
+erzählt?
+
+*Solneß*. Nein.
+
+*Herdal*. Du lieber Gott, warum thun Sie denn das nicht?
+
+*Solneß* (sieht ihn fest an und sagt gedämpft). Weil's mir vorkommt
+wie -- wie so eine Art wohlthuende Selbstquälerei, wenn ich mir von
+Aline Unrecht geschehen lasse.
+
+*Herdal* (schüttelt den Kopf). Davon verstehe ich kein
+Sterbenswörtchen.
+
+*Solneß*. Ja, sehen Sie -- so trage ich doch gleichsam ein bißchen
+ab von einer bodenlosen, ungeheuern Schuld --
+
+*Herdal*. Ihrer Frau gegenüber?
+
+*Solneß*. Jawohl. Und das erleichtert ja immerhin das Gemüt ein
+wenig. Dann kann man eine Weile freier aufatmen, wissen Sie.
+
+*Herdal*. Nein, da begreif' ich, weiß Gott, kein Wort --
+
+*Solneß* (kurz abbrechend, indem er sich aufs neue erhebt). Schon
+gut -- reden wir nicht mehr davon. (Er geht nachlässigen Schrittes
+durchs Zimmer, kehrt um, bleibt am Tische stehen und blickt den
+Doktor mit einem launigen Lächeln an.) Jetzt, Doktor, meinen Sie
+wohl, daß Sie mich recht schön aufs Glatteis geführt haben?
+
+*Herdal* (etwas ärgerlich). Aufs Glatteis? Davon fasse ich _auch_
+nicht ein Tüpfelchen, Herr Solneß.
+
+*Solneß*. Ach, sagen Sie's nur rein heraus. Ich hab's ja doch sehr
+wohl bemerkt, hören Sie!
+
+*Herdal*. _Was_ haben Sie bemerkt?
+
+*Solneß* (gedämpft, langsam). Daß Sie da so ganz harmlos herumgehen
+und mich im Auge behalten.
+
+*Herdal*. Ich thäte das! Du lieber Himmel, warum sollte ich denn
+_das_ thun?
+
+*Solneß*. Weil Sie glauben, daß ich -- (Aufbrausend.) Na, zum Teufel
+-- weil _Sie_ von mir dasselbe glauben, was Aline glaubt!
+
+*Herdal*. Und was glaubt denn Ihre Frau von Ihnen?
+
+*Solneß* (sich wieder beherrschend). Sie hat angefangen, zu glauben,
+ich wäre so -- wie soll ich sagen -- krank.
+
+*Herdal*. Krank! Sie! Davon hat sie mir nie eine Silbe gesagt. Und
+was sollte Ihnen denn fehlen, bester Herr Solneß?
+
+*Solneß* (beugt sich über die Stuhllehne und flüstert). Aline geht
+mit der Idee herum, ich wäre verrückt. Das ist's, was sie glaubt.
+
+*Herdal*. Aber liebster, bester Herr Solneß --!
+
+*Solneß*. So wahr ich lebe, sie thut's --! So ist es. Und das hat
+sie auch Ihnen eingeredet. O ich versichere Sie, Doktor -- ich merke
+es Ihnen nur zu deutlich an. Ich laß mich nämlich nicht so leicht
+hinters Licht führen, will ich Ihnen sagen.
+
+*Herdal* (ihn verwundert anblickend). Niemals, Herr Solneß, --
+niemals ist mir der leiseste Gedanke an so etwas gekommen.
+
+*Solneß* (mit einem ungläubigen Lächeln). So? Wirklich nicht?
+
+*Herdal*. Nein, niemals! Und Ihrer Frau gewiß auch nie. Darauf,
+glaub ich, könnte ich getrost einen Eid ablegen.
+
+*Solneß*. Na, das sollen Sie doch lieber bleiben lassen. Denn
+gewissermaßen, sehen Sie, da -- da könnte sie wohl auch Grund haben,
+so was zu denken.
+
+*Herdal*. Nein, da muß ich gestehen --!
+
+*Solneß* (ihn unterbrechend, macht eine Handbewegung). Schon gut,
+lieber Doktor -- gehen wir auf die Sache nicht näher ein. Mag jeder
+seine Ansicht für sich behalten. (Er geht zu einer stillen
+Leutseligkeit über.) Aber hören Sie mal, Doktor -- hm --
+
+*Herdal*. Nun?
+
+*Solneß*. Wenn Sie nun also nicht glauben, daß ich -- so -- krank
+bin -- und verrückt -- und toll und so weiter --
+
+*Herdal*. Was dann, meinen Sie?
+
+*Solneß*. Dann bilden Sie sich natürlich ein, ich wäre ein
+außerordentlich glücklicher Mann?
+
+*Herdal*. Sollte das nur eine Einbildung sein?
+
+*Solneß* (lachend). I Gott bewahre, wo wollen Sie denn hin! Denken
+Sie nur -- der Baumeister Solneß zu sein! Halvard Solneß! Alle
+Achtung!
+
+*Herdal*. Nun, ich muß gestehen, _mir_ kommt's vor, als hätten Sie
+ganz unglaubliches Glück gehabt.
+
+*Solneß* (unterdrückt ein schwermütiges Lächeln). Das hab' ich auch.
+In _der_ Beziehung kann ich mich nicht beklagen.
+
+*Herdal*. Gleich anfangs, da brannte Ihnen ja die garstige alte
+Räuberburg nieder. Und das war doch wirklich eine große Chance.
+
+*Solneß* (ernst). Es war Alines Elternhaus, das da niederbrannte.
+Vergessen Sie _das_ nicht.
+
+*Herdal*. Für Ihre Frau muß es allerdings recht traurig gewesen sein.
+
+*Solneß*. Sie hat's heute noch nicht verwunden. In all' den dreizehn,
+vierzehn Jahren nicht.
+
+*Herdal*. Das, was hinterher kam, das war wohl der schwerste Schlag
+für sie.
+
+*Solneß*. Beides miteinander.
+
+*Herdal*. Aber Sie -- Sie selbst -- Sie schwangen sich dabei empor.
+Da hatten Sie angefangen wie ein armer Bursch vom Lande -- und jetzt
+stehen Sie da als der erste in Ihrem Fach. Wissen Sie was, Herr
+Solneß, _Sie_ haben wahrhaftig Glück gehabt.
+
+*Solneß* (mit einem scheuen Blick auf ihn). Jawohl, aber das ist's
+ja eben, wovor mir so entsetzlich graut.
+
+*Herdal*. Es graut Ihnen? Darum, weil Sie Glück haben?
+
+*Solneß*. Früh und spät ist mir angst und bang. Denn einmal muß doch
+wohl der Umschwung kommen, verstehen Sie.
+
+*Herdal*. Ach was! Woher sollte der Umschwung kommen?
+
+*Solneß* (fest und sicher). Der kommt von der Jugend.
+
+*Herdal*. Pah! Die Jugend! _Sie_ sind doch wohl nicht abgenutzt,
+sollt ich meinen. O nein -- Sie stehen jetzt so festgemauert da, wie
+vielleicht niemals zuvor.
+
+*Solneß*. Der Umschwung kommt. Ich ahne ihn. Und ich fühle, daß er
+näher rückt. Irgend einer drängt sich heran mit der Forderung: Tritt
+zurück vor _mir_! Und alle die andern stürmen ihm nach und drohen
+und schreien: Platz gemacht -- Platz -- Platz! Jawohl, passen Sie
+nur auf, Doktor. Eines Tages, da kommt die Jugend hierher und klopft
+an die Thür --
+
+*Herdal* (lachend). Na, du lieber Gott, was dann?
+
+*Solneß*. Was dann? Ja, dann ist's aus mit dem Baumeister Solneß.
+
+(Es klopft an die Thüre links.)
+
+*Solneß* (zusammenfahrend). Was ist denn _das_? Hörten Sie etwas?
+
+*Herdal*. Es klopfte jemand.
+
+*Solneß* (laut). Herein!
+
+*Hilde Wangel* (tritt durch die Vorzimmerthür ein; sie ist von
+mittlerer Größe, geschmeidig, fein gebaut, von der Sonne ein wenig
+gebräunt; Touristenanzug, das Kleid ein bißchen aufgeschürzt,
+umgeschlagenen Matrosenkragen, ein Seemannshütchen auf den Kopf,
+Ranzen auf dem Rücken, Plaid in einem Riemen, und mit einem langen
+Bergstock).
+
+
+ Achter Auftritt.
+
+*Die Vorigen*. *Hilde Wangel*.
+
+*Hilde Wangel* (geht mit freudefunkelnden Augen auf Solneß zu).
+Guten Abend!
+
+*Solneß* (sieht sie ungewiß an). Guten Abend --
+
+*Hilde* (lachend). Ich glaube fast, Sie erkennen mich nicht wieder!
+
+*Solneß*. Ich muß allerdings gestehen -- so im Augenblick --
+
+*Herdal* (nähert sich). Aber ich erkenne Sie wieder, Fräulein --
+
+*Hilde* (vergnügt). Ach, _Sie_ sind's --!
+
+*Herdal*. Ja freilich bin ich's. (Zu Solneß.) Wir trafen uns diesen
+Sommer im Hochgebirge. (Zu Hilde.) Was wurde denn später aus den
+übrigen Damen?
+
+*Hilde*. Ach die, die gingen nachher westwärts.
+
+*Herdal*. Denen war's gewiß nicht recht, daß wir abends den vielen
+Unsinn trieben.
+
+*Hilde*. Nein, recht wird's ihnen kaum gewesen sein.
+
+*Herdal* (mit dem Finger drohend). Und leugnen können Sie's auch
+nicht, daß Sie ein bißchen mit uns kokettierten.
+
+*Hilde*. Das war doch wohl amüsanter als dazusitzen und Strümpfe zu
+stricken mit all' den Weibern.
+
+*Herdal* (lachend). Darin bin ich mit Ihnen vollkommen einig.
+
+*Solneß*. Sind Sie diesen Abend angekommen?
+
+*Hilde*. Jawohl, soeben kam ich an.
+
+*Herdal*. Ganz allein, Fräulein Wangel?
+
+*Hilde*. Gewiß.
+
+*Solneß*. Wangel? Heißen Sie Wangel?
+
+*Hilde* (sieht ihn lustig-verwundert an). Ja freilich thu' ich das.
+
+*Solneß*. Dann sind Sie vielleicht eine Tochter vom Bezirksarzt oben
+in Lysanger?
+
+*Hilde* (wie oben). Ja, von wem sollte ich denn sonst die Tochter
+sein?
+
+*Solneß*. Nun, dann haben wir uns also da oben getroffen. Den
+Sommer, als ich dort war und den Turm baute für die alte Kirche.
+
+*Hilde* (etwas ernster). Ja freilich war's damals.
+
+*Solneß*. Nun, das ist lange her.
+
+*Hilde* (sieht ihn fest an). Genau zehn Jahre ist's her.
+
+*Solneß*. Und damals waren Sie wohl ein reines Kind, mein' ich.
+
+*Hilde* (leicht hinwerfend). Immerhin so zwölf, dreizehn Jahre alt.
+
+*Herdal*. Ist's das erste Mal, daß Sie hier in der Stadt sind,
+Fräulein Wangel?
+
+*Hilde*. Jawohl.
+
+*Solneß*. Und Sie kennen vielleicht niemand hier?
+
+*Hilde*. Niemand außer Ihnen. Und dann Ihre Frau.
+
+*Solneß*. So, _die_ kennen Sie auch?
+
+*Hilde*. Ein klein wenig nur. Wir waren einige Tage zusammen im
+Kurort --
+
+*Solneß*. Ach, im Hochgebirge.
+
+*Hilde*. Sie sagte, ich könnte sie besuchen, wenn ich einmal nach
+der Stadt käme. (Lächelnd.) Das hätte sie übrigens nicht nötig
+gehabt.
+
+*Solneß*. Daß sie davon gar nicht gesprochen hat --
+
+*Hilde* (stellt den Bergstock an den Ofen hin, schnallt den Ranzen
+ab und legt ihn mit dem Plaid aufs Sofa).
+
+*Herdal* (will ihr behilflich sein).
+
+*Solneß* (steht da und sieht sie an).
+
+*Hilde* (auf ihn zugehend). Nun, da bitt' ich also darum, diese
+Nacht hier bleiben zu dürfen.
+
+*Solneß*. Das läßt sich gewiß sehr wohl machen.
+
+*Hilde*. Ich habe nämlich keine anderen Kleider, als die, in denen
+ich gehe. Das heißt, etwas Wäsche im Ranzen habe ich auch. Die muß
+aber gewaschen werden; denn sie ist so sehr schmutzig.
+
+*Solneß*. Ach, da kann schon Abhilfe geschafft werden. Jetzt will
+ich nur gleich meiner Frau --
+
+*Herdal*. Dann mache ich meinen Krankenbesuch derweile.
+
+*Solneß*. Thun Sie das. Und später kommen Sie doch wieder.
+
+*Herdal* (lustig, mit einem Blick auf Hilde). Na, darauf können Sie
+Ihren Kopf zum Pfand geben! (Lachend.) Sie prophezeiten dennoch
+richtig, Herr Solneß!
+
+*Solneß*. Wie so!
+
+*Herdal*. Die Jugend kam also _doch_ und klopfte bei Ihnen an.
+
+*Solneß* (aufgeräumt). Aber freilich auf andere Art.
+
+*Herdal*. Allerdings. Ist nicht zu leugnen! (Ab durch die
+Vorzimmerthür.)
+
+
+ Neunter Auftritt.
+
+*Solneß*. *Hilde*. Dann *Frau Solneß*.
+
+*Solneß* (öffnet die Thüre rechts und spricht ins Seitenzimmer
+hinein). Aline! Sei so gut und komm' herein. Es ist ein Fräulein
+Wangel da, die du kennst.
+
+*Frau Solneß* (erscheint in der Thüröffnung). _Wer_ ist da, sagst
+du? (Sie erblickt Hilde.) Ach, Sie sind es, Fräulein? (Sie nähert
+sich und reicht ihr die Hand.) So sind Sie dennoch nach der Stadt
+gekommen.
+
+*Solneß*. Fräulein Wangel ist soeben angekommen. Und da möchte sie
+gern die Nacht über hierbleiben.
+
+*Frau Solneß*. Hier bei uns? Mit Vergnügen.
+
+*Solneß*. Um Ihre Sachen ein wenig auszubessern, verstehst du.
+
+*Frau Solneß*. Ich werde mich Ihrer annehmen, so gut ich kann. Das
+ist ja nur meine Pflicht. Ihr Koffer kommt wohl nach?
+
+*Hilde*. Ich habe keinen Koffer.
+
+*Frau Solneß*. Nun, das läßt sich schon ordnen, will ich hoffen.
+Jetzt müssen Sie aber hier bei meinem Mann vorlieb nehmen solange.
+Dann sorge ich inzwischen dafür, daß Ihnen ein Zimmer etwas
+behaglich hergerichtet wird.
+
+*Solneß*. Könnten wir nicht eine von den Kinderstuben nehmen? _Die_
+sind ja vollständig bereit.
+
+*Frau Solneß*. Das ginge wohl an. _Dort_ haben wir mehr als genug
+Platz. (Zu Hilde.) Setzen Sie sich doch und ruhen Sie sich ein
+bißchen aus. (Ab nach rechts.)
+
+
+ Zehnter Auftritt.
+
+*Solneß*. *Hilde Wangel*.
+
+*Hilde* (schlendert, die Hände auf dem Rücken, im Zimmer herum und
+sieht bald dieses, bald jenes an).
+
+*Solneß* (steht vorn am Tisch, ebenfalls die Hände auf dem Rücken,
+und folgt ihr mit den Augen).
+
+*Hilde* (bleibt stehen und sieht ihn an). Haben denn Sie mehrere
+Kinderstuben?
+
+*Solneß*. Drei Kinderstuben sind im Hause.
+
+*Hilde*. Ist's möglich? Dann haben Sie wohl schrecklich viele Kinder?
+
+*Solneß*. Nein. Wir haben keine Kinder. Aber jetzt können ja Sie
+hier das Kind sein einstweilen.
+
+*Hilde*. Für diese Nacht, ja. Ich werde nicht schreien. Ich will
+versuchen zu schlafen wie ein Stein.
+
+*Solneß*. Sie müssen in der That sehr müde sein, denk ich mir.
+
+*Hilde*. O nein! Aber trotzdem -- Es ist nämlich so furchtbar schön,
+so dazuliegen und zu träumen.
+
+*Solneß*. Träumen Sie oft so in der Nacht?
+
+*Hilde*. Jawohl! Fast immer.
+
+*Solneß*. Wovon träumen Sie denn _meistens_?
+
+*Hilde*. Das sag ich heut Abend nicht. Ein anderes Mal --
+vielleicht. (Sie schlendert wieder durchs Zimmer, bleibt am Pulte
+stehen und wühlt ein wenig in den Büchern und Papieren herum.)
+
+*Solneß* (nähert sich). Suchen Sie etwas?
+
+*Hilde*. Nein, ich sehe mir nur das alles an. (Sie dreht sich um).
+Es ist vielleicht nicht erlaubt?
+
+*Solneß*. O bitte.
+
+*Hilde*. Sind Sie's, der in dem großen Protokollbuch schreibt?
+
+*Solneß*. Nein, das thut die Buchhalterin.
+
+*Hilde*. Ein Frauenzimmer?
+
+*Solneß* (lächelnd). Ja freilich.
+
+*Hilde*. So eine, die Sie hier bei sich haben?
+
+*Solneß*. Gewiß.
+
+*Hilde*. Ist die verheiratet?
+
+*Solneß*. Nein, es ist ein Fräulein.
+
+*Hilde*. Ah so.
+
+*Solneß*. Aber jetzt heiratet sie wahrscheinlich bald.
+
+*Hilde*. Um so besser für das Fräulein.
+
+*Solneß*. Aber nicht eigentlich für mich. Dann hab ich nämlich
+niemand da, um mir zu helfen.
+
+*Hilde*. Könnten Sie denn keine andere finden, die ebenso gut wäre.
+
+*Solneß*. Vielleicht möchten _Sie_ hier bleiben und -- und ins
+Protokollbuch schreiben?
+
+*Hilde* (sieht ihn von oben bis unten an). Da kommen Sie schön an!
+Nein, ich danke -- davon wollen wir nichts wissen. (Sie schlendert
+wieder durchs Zimmer und setzt sich in den Schaukelstuhl.)
+
+*Solneß* (geht ebenfalls an den Tisch heran).
+
+*Hilde* (gleichsam fortfahrend). Denn hier kann man sich wohl auf
+andere Art zu schaffen machen, als mit so etwas. (Sie sieht ihn
+lächelnd an). Meinen Sie nicht auch?
+
+*Solneß*. Versteht sich. Vor allem da wollen Sie natürlich Einkäufe
+machen und sich recht schön herausputzen.
+
+*Hilde* (lustig). Nein, _das_, glaub ich, laß ich lieber bleiben.
+
+*Solneß*. So?
+
+*Hilde*. Jawohl; ich habe nämlich mein ganzes Geld durchgebracht,
+müssen Sie wissen.
+
+*Solneß* (lachend). Weder Koffer noch Geld also!
+
+*Hilde*. Keines von beiden. Aber ich pfeif drauf -- mir kann's jetzt
+gleich sein.
+
+*Solneß*. Sehen Sie, _das_ gefällt mir so recht an Ihnen.
+
+*Hilde*. Nur das?
+
+*Solneß*. Das eine mit dem andern. (Er setzt sich in den Lehnstuhl.)
+Lebt Ihr Vater noch?
+
+*Hilde*. Jawohl, der Vater lebt.
+
+*Solneß*. Und jetzt gedenken Sie vielleicht hier zu studieren?
+
+*Hilde*. Nein, die Idee ist mir nicht gekommen.
+
+*Solneß*. Aber Sie bleiben doch hier einige Zeit, hoffe ich?
+
+*Hilde*. Das hängt von den Umständen ab. (Sie sitzt eine Weile da
+und blickt ihn, während sie sich schaukelt, halb ernsthaft, halb mit
+unterdrücktem Lächeln an; darauf nimmt sie den Hut ab und legt ihn
+vor sich auf den Tisch.) Baumeister?
+
+*Solneß*. Ja?
+
+*Hilde*. Sind etwa Sie sehr vergeßlich?
+
+*Solneß*. Vergeßlich? Nicht daß ich wüßte.
+
+*Hilde*. Aber wollen Sie denn _gar_ nicht mit mir reden von dem, was
+da droben vorfiel?
+
+*Solneß* (einen Augenblick stutzig). Da droben in Lysanger?
+(Gleichgültig.) Nun, darüber ist doch nicht viel zu reden, scheint
+mir.
+
+*Hilde* (sieht ihn vorwurfsvoll an). Wie können Sie nur so was sagen!
+
+*Solneß*. Nun, dann reden Sie zu _mir_ darüber.
+
+*Hilde*. Als der Turm fertig war, da hatten wir eine große Feier in
+der Stadt.
+
+*Solneß*. Ja, _den_ Tag vergesse ich nicht so leicht.
+
+*Hilde* (lächelnd). Nicht? Das ist aber schön von Ihnen!
+
+*Solneß*. Schön?
+
+*Hilde*. Auf dem Kirchhof gab's Musik. Und viele, viele hundert
+Menschen. Wir Schulmädchen waren weiß gekleidet. Und alle
+miteinander hatten wir Fahnen.
+
+*Solneß*. Ach ja, die Fahnen -- deren erinnere ich mich nur zu gut!
+
+*Hilde*. Dann stiegen Sie geradeswegs am Gerüst empor. Direkt hinauf
+bis zur allerobersten Stelle. Und einen großen Kranz hatten Sie mit.
+Und den hängten Sie auf ganz oben am Wetterhahn.
+
+*Solneß* (kurz abbrechend). Ich war's damals so gewohnt. Das ist
+nämlich ein alter Brauch.
+
+*Hilde*. Es war so wundervoll spannend, da unten zu stehen und zu
+Ihnen hinaufzublicken. Denkt nur, wenn er jetzt abstürzte! Er --
+der Baumeister selber!
+
+*Solneß* (gleichsam ablenkend). Na, das hätte auch leicht geschehen
+können. Denn eine von den weißgekleideten Teufelsmädchen da -- die
+gebärdete sich so wild und schrie so zu mir hinauf --
+
+*Hilde* (freudestrahlend). »Es lebe der Baumeister Solneß!« Jawohl!
+
+*Solneß*. Und schwenkte ihre Fahne so unsinnig hin und her -- daß
+mir ganz wirr im Kopfe wurde vom Ansehen.
+
+*Hilde* (leiser, ernsthaft). Das Teufelsmädel -- das war ich!
+
+*Solneß* (richtet die Augen starr auf sie). Davon bin ich jetzt
+überzeugt. Das _müssen_ Sie gewesen sein.
+
+*Hilde* (wieder lebhaft). Es war ja so entsetzlich schön und
+spannend. Ich konnte mir nicht denken, daß es in der ganzen Welt
+einen Baumeister gebe, der einen so ungeheuer hohen Turm bauen
+könnte. Und dann, daß Sie selber droben standen, an der
+allerobersten Spitze! Ein wirklicher lebendiger Mensch! Und daß
+Ihnen gar nicht ein bißchen schwindlig wurde! Das war's eigentlich,
+wovor einem am allermeisten -- so -- schwindelte.
+
+*Solneß*. Woher wußten Sie denn so sicher, daß mir nicht --
+
+*Hilde* (abwehrend). O nein! Pfui! Das sagte mir mein Inneres. Denn
+sonst hätten Sie ja oben nicht singen können.
+
+*Solneß* (sie verwundert anblickend). Singen? Ich hätte gesungen?
+
+*Hilde*. Ja, das thaten Sie doch wirklich.
+
+*Solneß* (schüttelt den Kopf). Ich habe nie einen Ton gesungen in
+meinem Leben.
+
+*Hilde*. Doch. Damals sangen Sie. Es hörte sich an wie Harfen hoch
+oben.
+
+*Solneß* (gedankenvoll). Es ist doch etwas recht wunderliches --
+diese ganze Geschichte.
+
+*Hilde* (schweigt eine Weile, sieht ihn an und sagt gedämpft). Aber
+dann -- nachher -- da kam ja das _richtige_.
+
+*Solneß*. Das richtige?
+
+*Hilde* (funkelnd lebhaft). Ja, _daran_ brauch ich Sie wohl nicht zu
+erinnern?
+
+*Solneß*. O doch, erinnern Sie mich _daran_ auch ein wenig.
+
+*Hilde*. Entsinnen Sie sich nicht, daß für Sie ein großes Diner war
+im Klub?
+
+*Solneß*. Gewiß. Das muß denselben Nachmittag gewesen sein. Denn den
+Morgen darauf reiste ich ab.
+
+*Hilde*. Und vom Klub her waren Sie zu uns für den Abend geladen.
+
+*Solneß*. Das ist ganz richtig, Fräulein Wangel. Merkwürdig, wie gut
+Sie sich alle die Kleinigkeiten eingeprägt haben.
+
+*Hilde*. Kleinigkeiten! _Sie_ sind aber köstlich! War das auch
+vielleicht eine Kleinigkeit, daß ich _allein_ war in der Stube, als
+Sie kamen?
+
+*Solneß*. Waren _Sie_ das also?
+
+*Hilde* (ohne ihm zu antworten). Damals nannten Sie mich nicht
+Teufelsmädel.
+
+*Solneß*. Nein, das that ich hoffentlich nicht.
+
+*Hilde*. Sie sagten, ich wäre wunderschön in dem weißen Kleide. Und
+daß ich aussähe wie eine kleine Prinzessin.
+
+*Solneß*. Das thaten Sie gewiß auch, Fräulein Wangel. Und nebenbei
+-- so leicht und frei, wie ich mich an dem Tage fühlte --
+
+*Hilde*. Und dann sagten Sie, wenn ich erst groß wäre, sollte ich
+_Ihre_ Prinzessin sein.
+
+*Solneß* (lacht ein wenig). Ei, ei -- sagte ich das auch?
+
+*Hilde*. Jawohl, das thaten Sie. Und als ich dann fragte, wie lange
+ich warten sollte, da sagten Sie, Sie kämen in zehn Jahren wieder --
+wie ein Unhold -- und entführten mich. Nach Spanien oder irgend so
+einem Lande. Und dort würden Sie mir ein Königreich kaufen,
+versprachen Sie.
+
+*Solneß* (wie oben). Ja, nach einem guten Diner geht man immer sehr
+flott mit dem Gelde um. Aber _sagte_ ich denn das alles?
+
+*Hilde* (lacht leise). Freilich. Und Sie sagten auch, wie das
+Königreich heißen sollte.
+
+*Solneß*. Nun --?
+
+*Hilde*. Es sollte das Königreich Apfelsinia heißen.
+
+*Solneß*. Nun, das war ja ein appetitlicher Name.
+
+*Hilde*. Mir gefiel er aber gar nicht. Denn es war ja, als ob Sie
+sich über mich lustig machen wollten.
+
+*Solneß*. Das war aber doch gewiß nicht meine Absicht.
+
+*Hilde*. Nein, das war ja allerdings auch nicht anzunehmen. Nach
+dem, was Sie darauf thaten, da --
+
+*Solneß*. Was um Himmels willen that ich denn darauf?
+
+*Hilde*. Na, das fehlte gerade, daß Sie das auch vergessen hätten!
+Denn so etwas muß einer doch behalten, sollt ich meinen.
+
+*Solneß*. Bringen Sie mich nur ein wenig darauf, dann wird's
+vielleicht -- Nun?
+
+*Hilde* (blickt ihn fest an). Sie küßten mich, Baumeister!
+
+*Solneß* (erhebt sich mit offenem Munde). Ich that das?
+
+*Hilde*. Jawohl, das thaten Sie. Sie faßten mich mit beiden Armen
+und bogen mir den Kopf zurück und küßten mich. Vielmal nacheinander.
+
+*Solneß*. Aber ich bitte Sie, Fräulein Wangel --!
+
+*Hilde* (erhebt sich). Sie wollen es doch nicht leugnen?
+
+*Solneß*. Doch -- das leugne ich entschieden!
+
+*Hilde* (sieht ihn geringschätzig an). Ah so! (Sie dreht sich um und
+geht langsamen Schrittes dicht an den Ofen hin; dort bleibt sie
+stehen, den Blick abgewandt, regungslos, die Hände auf dem Rücken.)
+
+(Kurze Pause.)
+
+*Solneß* (nähert sich behutsam und bleibt hinter ihr stehen).
+Fräulein Wangel --?
+
+*Hilde* (schweigt, rührt sich nicht).
+
+*Solneß*. Stehen Sie doch nicht da wie eine Salzsäule. Was Sie da
+erzählten, das muß Ihnen geträumt haben. (Er legt die Hand auf ihren
+Arm). Hören Sie nur --
+
+*Hilde* (macht mit dem Arm eine ungeduldige Bewegung).
+
+*Solneß* (als ob ein Gedanke in ihm aufblitze). Oder sollte --!
+Warten Sie ein wenig --! Da steckt etwas tieferes dahinter, glauben
+Sie mir!
+
+*Hilde* (rührt sich nicht).
+
+*Solneß* (gedämpft, aber mit Nachdruck). Ich muß an das alles
+_gedacht_ haben. Ich muß es _gewollt_ haben. Es _gewünscht_, dazu
+_Lust_ gehabt. Und da -- Sollte es nicht so zusammenhängen?
+
+*Hilde* (schweigt noch immer).
+
+*Solneß* (ungeduldig). Na ja, zum Kuckuck -- dann hab ich's _gethan_!
+
+*Hilde* (dreht den Kopf ein wenig zur Seite, jedoch ohne ihn
+anzusehen). Sie gestehen also?
+
+*Solneß*. Jawohl. Alles, was Sie wollen.
+
+*Hilde*. Daß Sie die Arme um mich schlangen?
+
+*Solneß*. Jawohl!
+
+*Hilde*. Und mir den Kopf zurückbogen?
+
+*Solneß*. Sehr weit zurück.
+
+*Hilde*. Und mich küßten?
+
+*Solneß*. Ja, das that ich.
+
+*Hilde*. Vielmal nacheinander?
+
+*Solneß*. So viel Sie nur wollen.
+
+*Hilde* (dreht sich rasch zu ihm um und hat von neuem den
+freudenfunkelnden Ausdruck in den Augen). Nun, sehen Sie, da hab
+ich's _doch_ aus Ihnen herausgelockt!
+
+*Solneß* (verzieht den Mund zu einem kleinen Lächeln). Ja, denken
+Sie nur -- daß ich so was vergessen konnte.
+
+*Hilde* (wieder ein wenig schmollend, geht von ihm weg). Ach, _Sie_
+haben wohl so viele in Ihrem Leben geküßt, kann ich mir vorstellen.
+
+*Solneß*. Nein, _das_ müssen Sie doch nicht von mir glauben.
+
+*Hilde* (setzt sich in den Lehnstuhl).
+
+*Solneß* (bleibt stehen, indem er sich auf den Schaukelstuhl stützt
+und blickt sie spähend an). Fräulein Wangel?
+
+*Hilde*. Ja?
+
+*Solneß*. Wie war das doch? Was geschah denn weiter -- zwischen uns
+beiden, mein ich?
+
+*Hilde*. Da geschah ja gar nichts mehr. Das wissen Sie doch wohl.
+Denn dann kamen ja die andern Fremden, und dann -- pros't Mahlzeit!
+
+*Solneß*. Richtig! Die andern kamen. Daß ich auch das vergessen
+konnte.
+
+*Hilde*. Ach, Sie haben wahrhaftig nichts vergessen. Sie haben sich
+nur ein bißchen geschämt. So was vergißt einer doch nicht, sollt'
+ich meinen.
+
+*Solneß*. Nein, das sollte man ja annehmen.
+
+*Hilde* (wieder lebhaft, sieht ihn an). Oder haben Sie etwa auch
+vergessen, an welchem Tag es war?
+
+*Solneß*. An welchem Tag --?
+
+*Hilde*. Jawohl. An welchem Tag hängten Sie den Kranz am den Turm?
+Nun? Sagen Sie's gleich!
+
+*Solneß*. Hm -- das Datum hab' ich weiß Gott vergessen. Ich kann nur
+sagen, daß es vor zehn Jahren war. So zur Herbstzeit.
+
+*Hilde* (nickt mehrmals langsam mit dem Kopf). Es war vor zehn Jahren.
+Am neunzehnten September.
+
+*Solneß*. Das wird's gewesen sein. So -- so, das haben Sie auch noch
+behalten! (Er hält inne.) Aber warten Sie ein wenig --! Gewiß --
+heute haben wir auch den neunzehnten September.
+
+*Hilde*. Jawohl. Und die zehn Jahre sind um. Und Sie kamen nicht --
+wie Sie mir's versprochen hatten.
+
+*Solneß*. Versprochen? Womit ich Ihnen Angst gemacht hatte, meinen
+Sie wohl?
+
+*Hilde*. Es scheint mir nicht, daß _das_ etwas zum Angstmachen war.
+
+*Solneß*. Nun, dann war's also etwas, womit ich mich lustig machte?
+
+*Hilde*. Nur _das_ wollten Sie? Sich über mich lustig machen?
+
+*Solneß*. Na, oder sagen wir: ein wenig mit Ihnen scherzen. Ich weiß
+es, Gott verzeih mir, nicht mehr. Aber irgend so was ist es wohl
+gewesen. Denn Sie waren ja nur ein Kind damals.
+
+*Hilde*. O ein pures Kind war ich denn doch nicht. Nicht so ein
+angehender Backfisch, wie _Sie_ glauben.
+
+*Solneß* (sieht sie forschend an). Haben Sie die ganze Zeit wirklich
+in vollem Ernst gedacht, ich würde wiederkommen.
+
+*Hilde* (verhehlt ein halb neckisches Lächeln). Freilich! Das hatte
+ich mir von Ihnen erwartet.
+
+*Solneß*. Daß ich ins Haus kommen würde zu den Ihrigen und Sie
+mitnehmen?
+
+*Hilde*. Genau wie ein Unhold, jawohl.
+
+*Solneß*. Und Sie zur Prinzessin machen?
+
+*Hilde*. Das versprachen Sie mir ja.
+
+*Solneß*. Und Ihnen ein Königreich geben noch dazu?
+
+*Hilde* (blickt zur Decke empor). Warum denn nicht? Es brauchte ja
+nicht gerade so ein gewöhnliches richtiges Königreich zu sein.
+
+*Solneß*. Aber etwas anderes, was ebensogut wäre?
+
+*Hilde*. Mindestens ebensogut. (Sie sieht ihn ein wenig an.) Konnten
+Sie die höchsten Kirchtürme der Welt bauen, da mußten Sie wohl auch
+für so was wie ein Königreich Rat schaffen können -- dachte ich mir.
+
+*Solneß* (schüttelt den Kopf). Ich kann aus Ihnen nicht recht klug
+werden, Fräulein Wangel.
+
+*Hilde*. Nicht? Mir kommt das Ding so einfach vor.
+
+*Solneß*. Nein, ich kann nicht herausbringen, ob Sie das alles
+meinen, was Sie sagen. Oder ob Sie nur dasitzen und Unsinn treiben --
+
+*Hilde* (lächelnd). Mich lustig machen etwa? Wie damals Sie?
+
+*Solneß*. Ganz recht. Daß Sie sich lustig machen. Über uns beide.
+(Mit einem Blick auf sie.) Haben Sie lange gewußt, daß ich
+verheiratet bin?
+
+*Hilde*. Freilich, das habe ich die ganze Zeit gewußt. Warum fragen
+Sie danach?
+
+*Solneß* (leicht hinwerfend). Ach, es fiel mir nur so ein. (Er sieht
+sie ernst an und sagt gedämpft.) Warum sind Sie hergekommen?
+
+*Hilde*. Weil ich mein Königreich haben will. Jetzt ist ja die Frist
+um.
+
+*Solneß* (lacht unwillkürlich). Sie sind kostbar!
+
+*Hilde* (lustig). Heraus mit meinem Königreich, Baumeister! (Mit dem
+Finger klopfend.) Das Königreich auf den Tisch!
+
+*Solneß* (rückt den Schaukelstuhl näher und setzt sich). Ernsthaft
+gesprochen -- warum sind Sie hergekommen? Was wollen Sie eigentlich
+hier thun?
+
+*Hilde*. Nun, fürs erste will ich herumgehen und mir alles ansehen,
+was Sie gebaut haben.
+
+*Solneß*. Da können Sie lange herumlaufen.
+
+*Hilde*. Freilich, Sie haben ja so furchtbar viel gebaut.
+
+*Solneß*. Das hab' ich. Meist in den letzten Jahren.
+
+*Hilde*. Viele Kirchtürme auch? Solche ungeheuer hohe?
+
+*Solneß*. Nein. Ich baue jetzt keine Kirchtürme mehr. Und auch keine
+Kirchen.
+
+*Hilde*. Was bauen Sie denn _jetzt_?
+
+*Solneß*. Heimstätten für Menschen.
+
+*Hilde* (nachdenklich). Könnten Sie nicht auch über den Heimstätten
+da so'n wenig -- so Kirchtürme machen?
+
+*Solneß* (stutzt). Was meinen Sie _da_mit?
+
+*Hilde*. Ich meine -- etwas, was emporzeigt -- frei in die Luft
+hinauf. Mit dem Wetterhahn in schwindelnder Höhe.
+
+*Solneß* (grübelt ein wenig). Merkwürdig genug, daß Sie das sagen.
+Denn das ist's ja eben, was ich am allerliebsten möchte.
+
+*Hilde* (ungeduldig). Aber warum thun Sie's dann nicht?
+
+*Solneß* (schüttelt den Kopf). Die Menschen wollen's nicht so haben.
+
+*Hilde*. Denken Sie nur -- daß die das nicht wollen!
+
+*Solneß* (in leichterem Ton). Jetzt baue ich mir aber ein neues
+Heim. Hier gerade gegenüber.
+
+*Hilde*. Für Sie selber?
+
+*Solneß*. Jawohl. Es ist beinahe fertig. Und auf _dem_ ist ein Turm.
+
+*Hilde*. Ein hoher Turm?
+
+*Solneß*. Jawohl.
+
+*Hilde*. _Sehr_ hoch?
+
+*Solneß*. Die Leute werden gewiß sagen, daß er _zu_ hoch ist. Für
+ein Wohnhaus wenigstens.
+
+*Hilde*. Den Turm da will ich mir ansehen, gleich morgen früh.
+
+*Solneß* (sitzt da, das Kinn auf die Hand gestützt, und starrt sie
+an). Sagen Sie mir, Fräulein Wangel -- wie heißen Sie? Mit dem
+Vornamen, meine ich.
+
+*Hilde*. Ich heiße ja Hilde.
+
+*Solneß* (wie oben). Hilde? So?
+
+*Hilde*. Haben Sie denn _das_ nicht behalten? Sie nannten mich ja
+selber Hilde. Den Tag, da Sie ungezogen waren.
+
+*Solneß*. _Das_ that ich auch?
+
+*Hilde*. Damals sagten Sie aber: _kleine_ Hilde. Und das gefiel mir
+nicht.
+
+*Solneß*. So, das gefiel Ihnen nicht, Fräulein Hilde?
+
+*Hilde*. Nein. Bei _der_ Gelegenheit nicht. Übrigens -- »Prinzessin
+Hilde« -- Das wird sich ganz gut ausnehmen, scheint mir.
+
+*Solneß*. Gewiß. Prinzessin Hilde von -- von -- Wie hieß nur gleich
+das Königreich?
+
+*Hilde*. Ach was! Von _dem_ dummen Königreich will ich nichts
+wissen. Ich wünsche mir ein ganz anderes!
+
+*Solneß* (hat sich zurückgelehnt und blickt sie immer noch
+unverwandt an). Ist's nicht sonderbar --? Je mehr ich jetzt darüber
+nachdenke -- da kommt's mir vor, als wäre ich lange Jahre
+herumgegangen und hätte mich damit abgequält -- hm --
+
+*Hilde*. Womit?
+
+*Solneß*. Auf etwas zu kommen -- so etwas _Erlebtes_, von dem ich
+meinte, ich müßte es vergessen haben. Aber nie fand ich heraus, was
+das sein könnte.
+
+*Hilde*. Sie hätten einen Knoten ins Taschentuch machen sollen,
+Baumeister.
+
+*Solneß*. Dann hätte ich nur daran herumgegrübelt, was wohl der
+Knoten zu bedeuten hätte.
+
+*Hilde*. Ja ja, es giebt wohl auch _solche_ Unholde in der Welt.
+
+*Solneß* (steht langsam auf). Es war ein großes Glück, daß _Sie_
+jetzt kamen.
+
+*Hilde* (blickt ihn tief an). _War's_ ein Glück?
+
+*Solneß*. Denn ich saß hier so allein. Und starrte so ganz hilflos
+auf alle die Dinge. (Leiser.) Ich will Ihnen sagen -- ich habe
+angefangen solche Angst zu bekommen -- so entsetzliche Angst vor der
+Jugend.
+
+*Hilde* (wegwerfend). Pah -- vor der Jugend brauchen Sie doch keine
+Angst zu haben!
+
+*Solneß*. Doch; gerade vor _der_. Darum hab' ich mich auch
+eingeschlossen und eingeriegelt. (Geheimnisvoll.) Sie müssen nämlich
+wissen, daß die Jugend herkommen wird und an die Thüre donnern. Daß
+sie zu mir hereinstürmen wird.
+
+*Hilde*. Dann, meine ich, sollten Sie einfach hinausgehen und der
+Jugend aufmachen.
+
+*Solneß*. Aufmachen?
+
+*Hilde*. Freilich. So daß die Jugend zu Ihnen hineindürfte. So in
+aller Güte.
+
+*Solneß*. Nein, nein! Die Jugend -- sehen Sie -- die ist die
+Wiedervergeltung. Sie geht dem Umschwung voran. Wie unter einer
+neuen Fahne.
+
+*Hilde* (erhebt sich, blickt ihn an und sagt, indem es um ihre
+Mundwinkel zuckt). Können Sie _mich_ zu etwas brauchen, Baumeister?
+
+*Solneß*. Ja, jetzt kann ich's wahrhaftig! Denn _Sie_ kommen auch --
+gleichsam unter einer neuen Fahne, scheint es mir. Jugend gegen
+Jugend also --!
+
+*Doktor Herdal* (kommt durch die Vorzimmerthür herein).
+
+
+ Elfter Auftritt.
+
+*Die Vorigen*. *Doktor Herdal*.
+
+*Herdal*. Nun -- Sie und das Fräulein sind noch immer hier?
+
+*Solneß*. Wir beide haben vielerlei zu reden gehabt.
+
+*Hilde*. Altes und neues.
+
+*Herdal*. Wirklich?
+
+*Hilde*. O das ist sehr amüsant gewesen. Der Baumeister -- der hat
+nämlich ein ganz unglaubliches Gedächtnis. Alle möglichen
+Kleinigkeiten, deren entsinnt er sich auf der Stelle.
+
+*Frau Solneß* (kommt durch die Thüre rechts herein).
+
+
+ Zwölfter Auftritt.
+
+*Die Vorigen*. *Frau Solneß*.
+
+*Frau Solneß*. So, Fräulein Wangel, jetzt ist das Zimmer für Sie in
+Ordnung.
+
+*Hilde*. Ach, wie lieb Sie gegen mich sind!
+
+*Solneß* (zu seiner Frau). Die Kinderstube?
+
+*Frau Solneß*. Jawohl, die mittlere. Aber zuerst wollen wir wohl zu
+Tisch gehen.
+
+*Solneß* (nickt Hilde zu). Hilde, die soll in der Kinderstube
+schlafen.
+
+*Frau Solneß* (sieht ihn an). Hilde?
+
+*Solneß*. Fräulein Wangel heißt nämlich Hilde. Ich habe sie gekannt,
+als sie noch ein Kind war.
+
+*Frau Solneß*. Ei, was du sagst, Halvard. Also bitte, meine
+Herrschaften. Der Tisch ist gedeckt. (Sie nimmt den Arm des Doktors
+und geht mit ihm nach rechts hinaus).
+
+*Hilde* (hat inzwischen ihre Reiseeffekten zusammengerafft; leise
+und schnell zu Solneß). Ist das wahr, was sie da sagten? _Können_
+Sie mich zu etwas brauchen?
+
+*Solneß* (nimmt ihr die Sachen weg). _Sie_ sind die, die ich am
+schwersten vermißt habe.
+
+*Hilde* (blickt ihn mit froh erstaunten Augen an und schlägt die
+Hände zusammen). Aber mein Gott --!
+
+*Solneß* (gespannt). Nun?
+
+*Hilde*. Dann _hab_ ich ja das Königreich!
+
+*Solneß* (unwillkürlich). Hilde --!
+
+*Hilde* (indem es wieder um ihre Mundwinkel zuckt). _Beinahe_ --
+hätt' ich fast gesagt. (Sie geht nach rechts hinaus.)
+
+*Solneß* (folgt ihr).
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+ Zweiter Aufzug.
+
+
+_Ein hübsch ausgestatteter kleiner Salon beim Baumeister Solneß._
+
+An der Hinterwand eine Glasthür auf die Veranda und den Garten
+hinaus. Rechts eine stumpfe Ecke mit Erker, worin Blumenzierrat,
+und an dem ein großes Fenster angebracht ist. Links ebenfalls eine
+stumpfe Ecke; an dieser eine kleine Tapetenthür. An jeder Seitenwand
+eine gewöhnliche Thür. Rechts vorn Konsoltisch mit großem
+Spiegel. Blumen und Pflanzen in reicher Aufstellung. Links vorn
+Sofa mit Tisch und Stühlen. Weiter zurück ein Bücherschrank. Vor
+dem Erker ein Tischchen und ein paar Stühle.
+
+(Es ist früh vormittags.)
+
+
+ Erster Auftritt.
+
+*Solneß*. *Frau Solneß*. Dann *Kaja Fosli*.
+
+*Solneß* (sitzt am Tischchen, die Mappe Ragnar Broviks vor sich
+aufgeschlagen; er blättert in den Zeichnungen und sieht einzelne
+genau an).
+
+*Frau Solneß* (geht mit einer kleinen Wasserkanne unhörbaren
+Schrittes herum und macht sich mit den Blumen zu schaffen; sie ist
+schwarzgekleidet wie zuvor; ihr Hut, Mantel und Sonnenschirm liegen
+auf einem Stuhl am Spiegel).
+
+*Solneß* (folgt ihr ein paar Mal unvermerkt mit den Augen. Keines
+von beiden redet).
+
+*Kaja Fosli* (erscheint, leise auftretend, in der Thür links).
+
+*Solneß* (wendet den Kopf zu ihr hin und sagt in gleichgültigem Ton).
+Ach, _Sie_ sind's?
+
+*Kaja*. Ich wollte nur melden, daß ich da wäre.
+
+*Solneß*. Schon gut. Ist Ragnar auch da?
+
+*Kaja*. Nein, noch nicht. Er mußte noch ein wenig zu Hause bleiben
+und auf den Arzt warten. Aber nachher, da wollte er herkommen und
+sich erkundigen --
+
+*Solneß*. Wie steht's mit dem Alten heute?
+
+*Kaja*. Schlecht. Er läßt sich recht sehr entschuldigen, daß er den
+Tag über liegen bleiben müßte.
+
+*Solneß*. Ach was, entschuldigen. Der soll nur ruhig liegen bleiben.
+So, jetzt gehen Sie an Ihre Arbeit.
+
+*Kaja*. Jawohl. (Sie bleibt an der Thür stehen.) Wollen Sie
+vielleicht mit Ragnar reden, wenn er kommt?
+
+*Solneß*. Nein -- ich wüßte nichts Besonderes.
+
+*Kaja* (nach links ab).
+
+
+ Zweiter Auftritt.
+
+*Solneß*. *Frau Solneß*.
+
+*Solneß* (blättert in den Zeitungen weiter).
+
+*Frau Solneß* (bei den Pflanzen). Ich möchte doch wissen, ob er nicht
+_auch_ stirbt.
+
+*Solneß* (blickt zu ihr hin). Der auch? Wer denn noch?
+
+*Frau Solneß* (ohne zu antworten). Ja, ja, der alte Brovik -- der
+stirbt jetzt wohl auch, Halvard. Paß nur auf.
+
+*Solneß*. Liebe Aline, möchtest du nicht ausgehen und dir ein wenig
+Bewegung machen?
+
+*Frau Solneß*. Ja, das sollte ich wohl eigentlich thun. (Sie macht
+sich fortdauernd mit den Blumen zu schaffen.)
+
+*Solneß* (über die Zeichnungen gebeugt). Schläft sie noch?
+
+*Frau Solneß* (sieht ihn an). Ist es Fräulein Wangel, an die du da
+denkst?
+
+*Solneß* (gleichgültig). Sie kam mir so zufällig in den Sinn.
+
+*Frau Solneß*. Fräulein Wangel ist schon lange auf.
+
+*Solneß*. So -- so.
+
+*Frau Solneß*. Als ich drinnen war, da war sie damit beschäftigt,
+ihre Sachen auszubessern. (Sie stellt sich vor den Spiegel hin und
+setzt langsam den Hut auf).
+
+*Solneß* (nach einer kurzen Pause). So konnten wir dennoch von einer
+Kinderstube Gebrauch machen, Aline?
+
+*Frau Solneß*. Allerdings.
+
+*Solneß*. Und das ist ja immerhin besser, als daß alles leer steht.
+
+*Frau Solneß*. Diese Leere ist entsetzlich. Darin hast du recht.
+
+*Solneß* (macht die Mappe zu, steht auf und nähert sich ihr). Du
+wirst schon sehen, Aline, daß es hernach besser für uns wird. Viel
+gemütlicher. Leichter zu leben. -- Besonders für dich.
+
+*Frau Solneß* (sieht ihn an). Hernach?
+
+*Solneß*. Ja, glaub mir, Aline --
+
+*Frau Solneß*. Meinst du -- weil _sie_ hergekommen ist?
+
+*Solneß* (bezwingt sich). Ich meine natürlich -- wenn wir erst ins
+neue Haus eingezogen sind.
+
+*Frau Solneß* (nimmt ihren Mantel). Ja, glaubst du das, Halvard? Daß
+es _dann_ besser wird?
+
+*Solneß*. Ich kann mir's nicht anders denken. Und das glaubst doch
+jedenfalls du auch?
+
+*Frau Solneß*. Ich glaube gar nichts von dem neuen Hause.
+
+*Solneß* (verstimmt). Das ist allerdings für mich verdrießlich zu
+hören. Denn ich habe es doch wohl hauptsächlich um deinetwillen
+gebaut. (Er will ihr beim Anziehen des Mantels behilflich sein).
+
+*Frau Solneß* (indem sie sich seiner Hilfe entzieht). Im Grunde
+thust du doch viel zu viel um meinetwillen.
+
+*Solneß* (mit einer gewissen Heftigkeit). Nein, nein, so was darfst
+du durchaus nicht sagen, Aline! Ich ertrage es nicht, solche Dinge
+von dir zu hören!
+
+*Frau Solneß*. Nun, dann will ich es nicht mehr sagen, Halvard.
+
+*Solneß*. Aber ich bleib bei meiner Meinung. Du wirst schon sehen,
+wie gut du dich zurechtfinden wirst da drüben im neuen Hause.
+
+*Frau Solneß*. Ach Gott -- ich mich zurechtfinden --!
+
+*Solneß* (eifrig). Doch, doch! Darauf kannst du dich verlassen! Denn
+dort, siehst du -- dort ist so unglaublich viel, was dich an dein
+eigenes Heim erinnern wird.
+
+*Frau Solneß*. An das, wo der Vater und die Mutter drin gewohnt
+hatten. -- Und das dann abbrannte -- alles miteinander.
+
+*Solneß* (gedämpft). Ja, ja, du arme Aline. Das war für dich ein
+furchtbar harter Schlag.
+
+*Frau Solneß* (in Klagen ausbrechend). Du magst bauen so viel und so
+lange du nur willst, Halvard -- _mir_ baust du niemals ein richtiges
+Heim mehr auf!
+
+*Solneß* (im Zimmer umhergehend). Nun, dann reden wir in Gottes
+Namen nicht mehr von alledem.
+
+*Frau Solneß*. Wir pflegen ja sonst auch nie davon zu reden. Denn du
+schiebst es nur von dir --
+
+*Solneß* (bleibt plötzlich stehen und sieht sie an). _Ich?_ Und
+warum sollt ich denn _das_ thun? Es von mir schieben?
+
+*Frau Solneß*. Ach, ich verstehe dich ja so wohl, Halvard. Du willst
+mich ja so gern schonen. Und mich entschuldigen auch. Alles -- was
+du nur kannst.
+
+*Solneß* (sie erstaunt anblickend). _Dich!_ _Dich_ entschuldigen!
+Von dir _selber_ redest du, Aline!
+
+*Frau Solneß*. Ja, da muß doch wohl von mir die Rede sein.
+
+*Solneß* (unwillkürlich vor sich hin). _Das_ auch noch!
+
+*Frau Solneß*. Denn mit dem alten Hause -- mit dem mochte es noch
+gehen, wie es wollte. Du lieber Gott -- wenn das Unglück nun einmal
+da war, dann --
+
+*Solneß*. Darin hast du recht. Fürs Unglück kann man nicht -- wie
+die Leute sagen.
+
+*Frau Solneß*. Aber das Entsetzliche, das der Brand nach sich
+zog --! _Das_ ist es! _Das_ ist es!
+
+*Solneß* (heftig). Nur nicht _daran_ denken, Aline!
+
+*Frau Solneß*. Doch, gerade _daran_ muß ich denken. Und endlich
+einmal davon herausreden auch. Denn es kommt mir vor, als könnte ich
+es nicht länger ertragen! Und dann, daß ich mir niemals selber
+verzeihen darf --!
+
+*Solneß* (mit einem Ausbruch). Dir selber --!
+
+*Frau Solneß*. Ich hatte ja doch Pflichten nach zwei Seiten hin.
+Sowohl gegen dich wie gegen die Kleinen. Ich hätte mich
+unempfindlich machen sollen. Nicht den Schrecken so über mich Herr
+werden lassen. Auch nicht den Kummer darüber, daß mir das Heim
+abgebrannt war. (Sie ringt die Hände.) Ach, hätte ich nur gekonnt,
+Halvard!
+
+*Solneß* (nähert sich, erschüttert, leise). Aline -- du mußt mir
+versprechen, daß du solchen Gedanken nie mehr nachgehen wirst.
+Versprich mir das ja!
+
+*Frau Solneß*. Ach Gott -- versprechen! Versprechen! Man kann ja
+alles mögliche versprechen --
+
+*Solneß* (preßt die Hände zusammen und geht im Zimmer umher). Ach,
+es ist doch zum Verzweifeln! Niemals ein Sonnenstrahl! Nie soviel
+wie nur ein Streiflicht ins Heim hinein!
+
+*Frau Solneß*. Hier _ist_ ja kein Heim, Halvard.
+
+*Solneß*. Ach nein, das ist nur zu wahr. (Schwermütig.) Und Gott
+weiß, ob du nicht darin recht behältst, daß es im neuen Hause auch
+nicht besser für uns wird!
+
+*Frau Solneß*. Das wird es nie werden. Ebenso leer. Ebenso öde. Dort
+wie hier.
+
+*Solneß* (heftig). Aber um's Himmels willen, warum haben wir's dann
+erst gebaut? Kannst du mir das erklären?
+
+*Frau Solneß*. Nein, darauf mußt du dir selber Antwort geben.
+
+*Solneß* (blickt mißtrauisch zu ihr hin). Was meinst du damit, Aline?
+
+*Frau Solneß*. Was ich meine?
+
+*Solneß*. Ja doch, zum Teufel --! Du sagtest es so sonderbar. Als ob
+du dabei einen verborgenen Gedanken hättest.
+
+*Frau Solneß*. Nein, da kann ich dich wahrhaftig versichern --
+
+*Solneß* (nähert sich ihr). Ist gar nicht nötig -- ich weiß schon,
+was ich weiß. Und sehen und hören thu' ich auch, Aline. Darauf
+kannst du dich verlassen!
+
+*Frau Solneß*. _Was_ denn aber? _Was_ denn?
+
+*Solneß* (stellt sich vor sie hin). Witterst du etwa nicht einen
+tückischen versteckten Sinn in dem unschuldigsten Wort, das ich nur
+sage?
+
+*Frau Solneß*. _Ich_, sagst du! Thue _ich_ das?
+
+*Solneß* (lacht). Hahaha! Das ist ja kein Wunder, Aline! Wenn du
+dich mit einem kranken Mann im Hause abquälen mußt, dann --
+
+*Frau Solneß* (angstvoll). Krank! Bist du krank, Halvard!
+
+*Solneß* (herausplatzend). Oder ein halbtoller Mann! Ein verrückter
+Mann! Nenn' mich, wie du willst!
+
+*Frau Solneß* (greift nach der Stuhllehne und setzt sich). Halvard
+-- um's Himmels willen --!
+
+*Solneß*. Aber ihr irrt euch beide. Sowohl du als der Doktor. So
+steht's nicht mit mir. (Er geht auf und ab.)
+
+*Frau Solneß* (folgt ihm ängstlich mit den Augen).
+
+*Solneß* (geht zu ihr hin, ruhig). Im Grunde fehlt mir nicht das
+Geringste.
+
+*Frau Solneß*. Nein, nicht wahr! Aber was hast du dann?
+
+*Solneß*. Die Sache ist die, daß ich manchmal fast zusammenbreche
+unter dieser entsetzlichen Schuldenlast --
+
+*Frau Solneß*. Schulden, sagst du! Aber du bist ja niemand etwas
+schuldig, Halvard!
+
+*Solneß* (leise, bewegt). Doch -- ich bin in bodenloser Schuld --
+_dir_ gegenüber, Aline.
+
+*Frau Solneß* (erhebt sich langsam). Was steckt hier dahinter? Sag'
+es lieber gleich.
+
+*Solneß*. Aber es _steckt_ ja nichts dahinter! Ich habe dir nie
+etwas Böses zugefügt. Jedenfalls nicht mit Wissen und Willen. Und
+trotzdem habe ich die Empfindung, als ob eine erdrückende Schuld
+fortwährend auf mir lastete.
+
+*Frau Solneß*. Eine Schuld _mir_ gegenüber?
+
+*Solneß*. Am meisten dir gegenüber.
+
+*Frau Solneß*. Dann bist du dennoch -- krank, Halvard.
+
+*Solneß* (schwermütig). Das wird's wohl sein. Oder etwas ähnliches.
+(Er blickt nach der Thüre rechts, die sich öffnet.) Da! Jetzt wird's
+wieder hell.
+
+*Hilde Wangel* (kommt herein; sie hat an ihrem Anzug einzelnes
+geändert; das Kleid ist herabgelassen).
+
+
+ Dritter Auftritt.
+
+*Die Vorigen*. *Hilde Wangel*.
+
+*Hilde*. Guten Morgen, Baumeister!
+
+*Solneß* (nickt ihr zu). Gut geschlafen?
+
+*Hilde*. Wundervoll! Wie in einer Wiege. O -- ich habe dagelegen und
+mich gestreckt wie -- wie eine Prinzessin.
+
+*Solneß* (lächelt ein wenig). Wohlauf und munter also.
+
+*Hilde*. Das sollt ich meinen.
+
+*Solneß*. Jedenfalls auch geträumt?
+
+*Hilde*. Freilich. Das war aber unheimlich.
+
+*Solneß*. So?
+
+*Hilde*. Mir träumte nämlich, ich stürzte von einer ungeheuer hohen
+steilen Felswand hinab. Träumen denn Sie nie so was?
+
+*Solneß*. O ja -- zuweilen, da --
+
+*Hilde*. Es ist so entsetzlich spannend -- wenn einer so fällt und
+fällt.
+
+*Solneß*. Es ist so ein eisiges Gefühl, scheint's mir.
+
+*Hilde*. Ziehen Sie die Beine in die Höhe, wenn's kommt?
+
+*Solneß*. So weit hinauf, wie ich nur kann.
+
+*Hilde*. Das thu' ich auch.
+
+*Frau Solneß* (nimmt ihren Sonnenschirm). Jetzt muß ich wohl in die
+Stadt, Halvard. (Zu Hilde.) Und dann bring' ich Verschiedenes mit
+nach Hause, was Sie nötig haben können.
+
+*Hilde* (will ihr um den Hals fallen). Ach, liebste reizende Frau
+Solneß! Sie sind aber doch _zu_ lieb gegen mich! Furchtbar lieb --
+
+*Frau Solneß* (abwehrend, sich losmachend). Ach, durchaus nicht. Das
+ist ja einfach meine Pflicht. Und darum thue ich es so gern.
+
+*Hilde* (verdrossen, spitzt die Lippen). Übrigens meine ich, daß ich
+mich ganz gut auf der Straße zeigen könnte -- so hübsch, wie ich's
+jetzt zurechtgebracht habe. Oder _kann_ ich das etwa nicht?
+
+*Frau Solneß*. Aufrichtig gesprochen, glaube ich schon, daß Ihnen
+die Leute ein wenig nachblicken würden.
+
+*Hilde* (geringschätzig). Pah! Weiter nichts? Das ist ja nur
+spaßhaft.
+
+*Solneß* (übler Laune, die er zu verhehlen sucht). Ja, sehen Sie,
+die Leute könnten aber auf die Idee kommen, _Sie_ wären auch
+verrückt.
+
+*Hilde*. Verrückt? Giebt's denn so viele Verrückte in der Stadt?
+
+*Solneß* (zeigt auf seine Stirn). Da sehen Sie wenigstens _einen_
+von ihnen.
+
+*Hilde*. _Sie_ -- Baumeister!
+
+*Frau Solneß*. Aber bester Halvard!
+
+*Solneß*. Haben Sie denn _das_ noch nicht bemerkt?
+
+*Hilde*. Nein, das hab' ich allerdings nicht bemerkt. (Sie besinnt
+sich und lacht ein wenig.) Oder doch -- in einem einzigen Punkt
+vielleicht.
+
+*Solneß*. Nun, hörst du wohl, Aline?
+
+*Frau Solneß*. Was ist denn das für ein Punkt, Fräulein Wangel?
+
+*Hilde*. Nein, das sag' ich nicht.
+
+*Solneß*. Ach, sagen Sie's doch!
+
+*Hilde*. O nein -- so verrückt bin ich nicht.
+
+*Frau Solneß*. Wenn du mit Fräulein Wangel allein bist, dann sagt
+sie es schon, Halvard.
+
+*Solneß*. So -- glaubst du?
+
+*Frau Solneß*. Ei gewiß. Du kennst sie ja doch so gut von früher.
+Von der Zeit, da sie noch ein Kind war -- sagtest du. (Ab durch die
+Thüre links.)
+
+
+ Vierter Auftritt.
+
+*Solneß*. *Hilde Wangel*.
+
+*Hilde* (nach einer kleinen Pause). Ihre Frau -- kann denn die mich
+gar nicht leiden?
+
+*Solneß*. Kam es Ihnen vor, als ob ihr so etwas anzumerken war?
+
+*Hilde*. Merkten Sie's denn selber nicht?
+
+*Solneß* (ausweichend). Aline ist so menschenscheu geworden in den
+letzten Jahren.
+
+*Hilde*. Das auch noch?
+
+*Solneß*. Aber wenn Sie sie erst recht kennen lernten -- Sie ist
+nämlich so treu -- und gut -- und brav, im Grunde genommen --
+
+*Hilde* (ungeduldig). Aber wenn sie das alles ist -- warum redet sie
+denn dann von Pflicht?
+
+*Solneß*. Von Pflicht?
+
+*Hilde*. Sie sagte ja, sie wollte in die Stadt und mir etwas kaufen.
+Weil es ihre _Pflicht_ wäre -- sagte sie. O ich kann das häßliche,
+garstige Wort nicht ausstehen!
+
+*Solneß*. Warum denn nicht?
+
+*Hilde*. Es hört sich so kalt und spitzig und stechend an. Pflicht
+-- Pflicht -- Pflicht. Finden _Sie_ das nicht auch? Daß es einen
+gleichsam sticht?
+
+*Solneß*. Hm -- hab' drüber so genau nicht nachgedacht.
+
+*Hilde*. Doch! Und wenn sie so gut ist -- wie Sie von ihr behaupten
+-- warum brauchte sie denn so was zu sagen?
+
+*Solneß*. Du lieber Gott, was hätte sie denn sagen sollen?
+
+*Hilde*. Sie hätte ja sagen können, daß sie es thäte, weil sie mich
+so furchtbar gern hätte. So was hätte sie sagen können. Irgend etwas
+recht Warmes und Herzliches, wissen Sie.
+
+*Solneß* (sieht sie an). Auf _die_ Art wollen Sie's also haben?
+
+*Hilde*. Ja, just auf _die_ Art. (Sie schlendert im Zimmer umher,
+bleibt am Bücherschrank stehen und sieht sich die Bücher an.) Sie
+haben aber viele Bücher.
+
+*Solneß*. 's geht an. Ich hab mir hin und wieder einige angeschafft.
+
+*Hilde*. Lesen Sie auch in all den Büchern?
+
+*Solneß*. Früher probierte ich's. Lesen _Sie_?
+
+*Hilde*. O nein! Jetzt nie mehr. Denn den Zusammenhang find ich
+_doch_ nie heraus.
+
+*Solneß*. Gerade so geht's mir auch.
+
+*Hilde* (geht wieder ein wenig herum, bleibt an dem Tischchen
+stehen, öffnet die Mappe und blättert darin.) Haben _Sie_ das alles
+gezeichnet?
+
+*Solneß*. Nein, das ist von einem jungen Mann, der bei mir
+angestellt ist.
+
+*Hilde*. Einer, den _Sie_ selber ausgebildet haben?
+
+*Solneß*. Nun, er hat jedenfalls auch von _mir_ etwas gelernt.
+
+*Hilde* (setzt sich). Dann ist er wohl _sehr_ tüchtig? (Sie sieht
+sich eine Zeichnung ein wenig an.) Ist er das nicht?
+
+*Solneß*. Nicht übel. Für _meinen_ Gebrauch da --
+
+*Hilde*. Doch, doch! Der ist gewiß ungeheuer tüchtig.
+
+*Solneß*. Meinen Sie das den Zeichnungen ansehen zu können?
+
+*Hilde*. Ach, was kümmere ich mich um den Plunder! Aber wenn er bei
+_Ihnen_ in der Lehre gewesen ist, dann --
+
+*Solneß*. Ach, was _das_ betrifft -- Da giebt's viele, die von _mir_
+gelernt haben. Aber weiter bringen sie's darum doch nicht.
+
+*Hilde* (sieht ihn kopfschüttelnd an). Nein, wie _Sie_ dumm sein
+können, das geht doch über meinen Verstand.
+
+*Solneß*. Dumm? Komme ich Ihnen denn so _sehr_ dumm vor?
+
+*Hilde*. Ja, wahrhaftig. Wenn Sie sich dazu hergeben, alle die Kerle
+auszubilden, dann --
+
+*Solneß* (stutzt). Nun? Und warum denn das nicht?
+
+*Hilde* (steht auf, halb im Ernst, halb lachend). Ach nein,
+Baumeister! Wozu denn das! Kein anderer als Sie sollte bauen dürfen.
+Sie ganz allein. Alles sollten Sie selber machen. Jetzt wissen Sie's.
+
+*Solneß* (unwillkürlich). Hilde --!
+
+*Hilde*. Nun?
+
+*Solneß*. Wie können Sie nur auf die Idee gekommen sein?
+
+*Hilde*. Halten Sie sie denn für so ganz verkehrt?
+
+*Solneß*. So war's nicht gemeint. Jetzt will ich Ihnen aber etwas
+sagen.
+
+*Hilde*. Nun also?
+
+*Solneß*. Da hab' ich mich unablässig -- in der Stille und
+Einsamkeit -- mit dem nämlichen Gedanken herumgebalgt.
+
+*Hilde*. Nun, das ist ja ganz natürlich, scheint mir.
+
+*Solneß* (sieht sie forschend an). Und das haben Sie jedenfalls
+schon bemerkt.
+
+*Hilde*. Nein, das habe ich gar nicht bemerkt.
+
+*Solneß*. Aber vorhin -- als Sie sagten, Sie hielten mich für --
+verdreht? So in _einem_ Punkt --?
+
+*Hilde*. Ach, da dachte ich an etwas ganz anderes.
+
+*Solneß*. Und was war denn das andere?
+
+*Hilde*. Das kann Ihnen ja gleich sein, Baumeister.
+
+*Solneß* (entfernt sich). Na -- wie Sie wollen. (Er bleibt am Erker
+stehen). Kommen Sie hierher, da zeige ich Ihnen etwas.
+
+*Hilde* (nähert sich). Was denn?
+
+*Solneß*. Sehen Sie -- da drüben im Garten --?
+
+*Hilde*. Ja?
+
+*Solneß* (zeigt hinaus). Gerade über dem großen Steinbruch --?
+
+*Hilde*. Das neue Haus, meinen Sie?
+
+*Solneß*. An dem gebaut wird, jawohl. Fast ganz fertig.
+
+*Hilde*. Es hat einen sehr hohen Turm, kommt's mir vor.
+
+*Solneß*. Das Gerüst ist noch dran.
+
+*Hilde*. Ist das Ihr neues Haus?
+
+*Solneß*. Jawohl.
+
+*Hilde*. Das Haus, in das Sie bald einziehen werden?
+
+*Solneß*. Jawohl.
+
+*Hilde* (sieht ihn an). Sind in dem Haus auch Kinderstuben?
+
+*Solneß*. Drei, ebenso wie hier.
+
+*Hilde*. Und keine Kinder.
+
+*Solneß*. Kommen auch keine.
+
+*Hilde* (mit einem halben Lächeln). Ja, hatt' ich da nicht recht --?
+
+*Solneß*. Worin --?
+
+*Hilde*. Darin, daß Sie _doch_ so -- ein wenig verrückt sind.
+
+*Solneß*. _Daran_ dachten Sie also?
+
+*Hilde*. Ja, an alle die leeren Kinderstuben. Da, wo ich drin
+schlief.
+
+*Solneß* (gedämpft). Wir _haben_ Kinder gehabt -- Aline und ich.
+
+*Hilde* (blickt ihn gespannt an). Haben _Sie_ --!
+
+*Solneß*. Zwei kleine Jungen. Beide waren -- gleich alt.
+
+*Hilde*. Zwillinge also.
+
+*Solneß*. Ja, Zwillinge. Es ist jetzt elf oder zwölf Jahre her.
+
+*Hilde* (behutsam). Und beide sind also --? Die Zwillinge haben Sie
+also jetzt nicht mehr?
+
+*Solneß* (still bewegt). Wir behielten sie nur so drei Wochen. Oder
+nicht einmal so lange. (Mit einem Ausbruch.) Ach, Hilde, wie
+unglaublich gut ist es für mich, daß Sie kamen! Jetzt habe ich doch
+endlich jemand, mit dem ich reden kann.
+
+*Hilde*. Können Sie denn das nicht auch mit -- mit _ihr_?
+
+*Solneß*. Nicht von _dem_ da. Nicht so, wie ich will und muß.
+(Schwermütig.) Und auch nicht von so vielem andern.
+
+*Hilde* (gedämpft). War's nur _das_, worauf Sie anspielten, als Sie
+sagten, Sie brauchten mich?
+
+*Solneß*. _Das_ war's wohl am ehesten. Gestern jedenfalls. Denn
+heute weiß ich nicht mehr so recht -- (Abbrechend.) Setzen wir uns
+doch, Hilde. Setzen Sie sich da aufs Sofa -- so daß Sie den Garten
+vor Augen haben.
+
+*Hilde* (setzt sich in die Sofaecke).
+
+*Solneß* (rückt einen Stuhl näher). Haben Sie Lust mich anzuhören?
+
+*Hilde*. Ja, ich höre Sie sehr, sehr gern an.
+
+*Solneß* (setzt sich). Dann will ich Ihnen also alles sagen.
+
+*Hilde*. Jetzt habe ich sowohl den Garten als Sie vor Augen,
+Baumeister. So, nun erzählen Sie! Gleich!
+
+*Solneß* (zeigt gegen das Erkerfenster hin). Da draußen auf der
+Anhöhe -- wo Sie also das neue Haus sehen --
+
+*Hilde*. Ja?
+
+*Solneß*. Dort wohnten Aline und ich in den ersten Jahren. Da droben
+lag nämlich damals ein altes Haus, das ihrer Mutter gehört hatte.
+Und das bekamen wir nach ihr. Und den ganzen großen Garten, den
+bekamen wir dazu.
+
+*Hilde*. War auf _dem_ Hause auch ein Turm?
+
+*Solneß*. Keine Spur von so etwas. Von außen nahm es sich aus wie
+ein großer, häßlicher, dunkler Holzkasten. Aber inwendig war's doch
+ganz nett und gemütlich.
+
+*Hilde*. Rissen Sie dann die alte Bude nieder?
+
+*Solneß*. Nein. Sie brannte ab.
+
+*Hilde*. Alles miteinander?
+
+*Solneß*. Jawohl.
+
+*Hilde*. War das für Sie ein rechtes Unglück?
+
+*Solneß*. Je nachdem man's nimmt. Als Baumeister kam ich auf den
+Brand hin in die Höhe --
+
+*Hilde*. Aber --?
+
+*Solneß*. Die zwei kleinen Jungen waren damals gerade geboren --
+
+*Hilde*. Richtig -- die armen Zwillinge.
+
+*Solneß*. Sie kamen so gesund und kräftig zur Welt. Und wachsen
+thaten sie, so daß man's förmlich sehen konnte von Tag zu Tag.
+
+*Hilde*. Kleine Kinder wachsen sehr rasch in den ersten Tagen.
+
+*Solneß*. Es war der herzigste Anblick, den einer sich nur gönnen
+konnte, Aline mit den beiden daliegen zu sehen. -- Da kam aber die
+Brandnacht --
+
+*Hilde* (gespannt). Was geschah! Sagen Sie's doch. Kam jemand um?
+
+*Solneß*. Das nicht. Alle wurden wohlbehalten aus dem Hause
+gerettet --
+
+*Hilde*. Nun, aber was weiter --?
+
+*Solneß*. Der Schrecken hatte Aline so entsetzlich erschüttert. Der
+Feuerlärm -- der Auszug aus dem Hause -- Hals über Kopf -- und das
+noch dazu in der eisigen Nachtkälte -- Denn sie mußten ja
+hinausgetragen werden, so wie sie dalagen. Sowohl sie als die
+Kleinen.
+
+*Hilde*. Und die vertrugen's nicht?
+
+*Solneß*. Doch -- _die_ vertrugen's schon. Aber Aline bekam das
+Fieber. Und das ging in die Milch über. Selber ihre Amme sein, das
+hatte sie ja durchaus gewollt. Denn das wäre ihre Pflicht, sagte
+sie. Und unsere beiden Kleinen, die -- (er preßt die Hände zusammen)
+die -- oh!
+
+*Hilde*. _Das_ überstanden sie nicht?
+
+*Solneß*. Nein, _das_ überstanden sie nicht. Das war's, was sie uns
+wegriß.
+
+*Hilde*. Das muß furchtbar hart für Sie gewesen sein.
+
+*Solneß*. Hart genug für mich. Aber zehn Mal härter für Aline. (Er
+ballt die Fäuste in verhaltener Wut.) O daß so etwas vorfallen darf
+in dieser Welt! Seit dem Tage, da ich sie verlor, baute ich ungern
+Kirchen.
+
+*Hilde*. Vielleicht auch nicht gern den Kirchturm droben bei uns?
+
+*Solneß*. Gern nicht. Ich weiß noch, wie froh und leicht mir zu Mute
+war, als der Turm da fertig war.
+
+*Hilde*. Das weiß ich auch.
+
+*Solneß*. Und jetzt baue ich nie -- nie mehr so etwas! Weder Kirchen
+noch Kirchtürme.
+
+*Hilde* (nickt langsam). Nur Häuser, wo Leute drin wohnen können.
+
+*Solneß*. Heimstätten für Menschen, Hilde.
+
+*Hilde*. Aber Heimstätten mit hohen Türmen und Spitzen.
+
+*Solneß*. Das am liebsten. (Er geht zu einem leichteren Ton über).
+Ja, sehen Sie -- wie gesagt -- der Brand, der brachte mich empor.
+Als Baumeister, heißt das.
+
+*Hilde*. Warum nennen Sie sich nicht Architekt wie die andern?
+
+*Solneß*. Hab dazu nicht gründlich genug gelernt. Was ich kann, hab
+ich meistenteils selber ausgeheckt.
+
+*Hilde*. Aber in die Höhe kamen Sie trotzdem, Baumeister.
+
+*Solneß*. Nach dem Brande, ja. Fast den ganzen Garten zerstückelte
+ich in Bauplätze für Villen. Und dort durfte ich bauen, wie ich's
+selber haben wollte. Und da ging's ja reißend schnell mit mir
+vorwärts.
+
+*Hilde* (sieht ihn forschend an). _Sie_ sind gewiß ein sehr
+glücklicher Mann. So, wie's Ihnen geht.
+
+*Solneß* (finster). Glücklich? Sagen _Sie_ das auch? Wie alle die
+andern.
+
+*Hilde*. Das müssen Sie doch sein, mein ich. Wenn Sie nur aufhören
+könnten an die zwei kleinen Kinder zu denken, dann --
+
+*Solneß* (langsam). Die zwei kleinen Kinder -- von denen ist es
+nicht so leicht loszukommen, Hilde.
+
+*Hilde* (ein wenig unsicher). Sind sie immer noch ein so großes
+Hindernis? So lange, lange Zeit nachher?
+
+*Solneß* (sieht sie fest an, ohne zu antworten). Ein glücklicher
+Mann, sagten Sie --
+
+*Hilde*. Ja, aber _sind_ Sie denn das nicht -- im übrigen?
+
+*Solneß* (sieht sie fortdauernd an). Als ich Ihnen die Geschichte
+vom Brande erzählte -- hm --
+
+*Hilde*. Nun!
+
+*Solneß*. Kam Ihnen da nicht ein bestimmter Gedanke, der sich Ihnen
+-- so ganz besonders aufdrängte?
+
+*Hilde* (besinnt sich vergebens). Nein. Was sollte denn _das_ für
+ein Gedanke sein?
+
+*Solneß* (mit gedämpftem Nachdruck). Einzig und allein durch den
+Brand konnte ich dazu kommen, Heimstätten für Menschen zu bauen.
+Behagliche, trauliche, helle Heimstätten, wo Vater und Mutter und
+die ganze Kinderschar leben könnten in dem sichern und frohen
+Gefühl, daß es ein recht glückliches Los ist, _dazusein_ in dieser
+Welt. Und am glücklichsten, einander anzugehören -- im Großen und im
+Kleinen.
+
+*Hilde* (eifrig). Jawohl, ist denn aber das nicht für Sie ein
+rechtes Glück, daß Sie solche reizende Heimstätten schaffen können?
+
+*Solneß*. Der Preis, Hilde. Der entsetzliche Preis, den ich bezahlen
+mußte, um dazu zu kommen.
+
+*Hilde*. Werden Sie sich denn darüber _nie_ hinwegsetzen können?
+
+*Solneß*. Nein. Um dazu zu kommen, Heimstätten zu bauen für andere,
+mußte ich verzichten -- für alle Zeiten darauf verzichten, selber
+ein Heim zu haben. Ich meine ein Heim für die Kinderschar. Und für
+Vater und Mutter auch.
+
+*Hilde* (behutsam). Aber _mußten_ Sie denn das? Für alle Zeiten,
+sagen Sie?
+
+*Solneß* (nickt langsam). Das war der Preis für dieses Glück, von
+dem die Leute so viel reden. (Er atmet schwer.) Das Glück da -- hm
+-- _das_ Glück war nicht billiger zu erkaufen, Hilde.
+
+*Hilde* (wie oben). Aber kann's mit dem nicht doch noch wieder gut
+werden?
+
+*Solneß*. Nie. Niemals. Das ist auch eine Folge vom Brande. Und von
+Alines Krankheit darauf.
+
+*Hilde* (sieht ihn mit einem unbestimmbaren Ausdruck an). Und doch
+bauen Sie immer noch alle die Kinderstuben.
+
+*Solneß* (ernst). Haben Sie nie gemerkt, Hilde, daß das Unmögliche
+-- daß das einen gleichsam lockt und ruft?
+
+*Hilde* (denkt nach). Das Unmögliche? (Lebhaft.) Gewiß! Haben
+_Sie's_ auch auf die Art?
+
+*Solneß*. Ja, so hab ich's.
+
+*Hilde*. Dann ist wohl auch in Ihnen so -- so etwas vom Unhold?
+
+*Solneß*. Warum gerade Unhold?
+
+*Hilde*. Nun, wie wollen denn _Sie_ so was nennen?
+
+*Solneß* (erhebt sich). Mag sein, daß Sie recht haben. (Heftig.)
+Aber muß ich denn nicht zum Unhold _werden_ -- so wie's mir immer
+und ewig in allem geht! In allem!
+
+*Hilde*. Wie meinen Sie das?
+
+*Solneß* (gedämpft, in innerer Erregung). Achten Sie auf das, was
+ich Ihnen sage, Hilde. Alles, was mir vergönnt wurde zu wirken, zu
+bauen, zu schaffen, Schönes, Trauliches -- Erhabenes auch -- (Er
+ballt die Fäuste.) O es ist doch ein entsetzlicher Gedanke --!
+
+*Hilde*. _Was_ ist so entsetzlich?
+
+*Solneß*. Daß ich das alles unaufhörlich aufwägen muß. Dafür
+bezahlen. Nicht mit Geld. Aber mit Menschenglück. Und nicht mit
+meinem Glück allein. Mit dem Glücke anderer auch. Ja, da sehen
+Sie's, Hilde! _Den_ Preis hat mich mein Künstlerplatz gekostet --
+mich und andere. Und Tag für Tag muß ich ansehen, wie der Preis
+aufs neue für mich bezahlt wird. Wieder und wieder -- und immer
+wieder!
+
+*Hilde* (erhebt sich und blickt ihn unverwandt an). Jetzt denken
+Sie gewiß an -- an _sie_.
+
+*Solneß*. Ja. Meist an Aline. Denn Aline -- die hatte auch ihren
+Beruf im Leben. Ebenso wohl, wie ich den meinigen. (Mit bebender
+Stimme.) Aber ihr Beruf, der mußte verpfuscht, erdrückt, zermalmt
+werden -- damit meiner mich vorwärts bringen könnte zu -- zu dem,
+was aussieht wie ein großer Sieg. Denn das müssen Sie wissen. Aline
+-- die hatte auch ihre Anlagen zum Bauen.
+
+*Hilde*. Sie? Zum Bauen?
+
+*Solneß* (schüttelt den Kopf). Keine Häuser und Türme und Pfeiler --
+nichts von dem, was ich selber treibe --
+
+*Hilde*. Nun, aber _was_ denn?
+
+*Solneß* (weich und bewegt). Kleine Kinderseelen aufzubauen, Hilde.
+Kinderseelen aufzubauen, so daß sie groß werden in Gleichgewicht und
+in schönen edlen Formen. So daß sie sich erheben zu geraden
+erwachsenen Menschenseelen. _Das_ war's, wozu Aline Anlagen hatte.
+Und das alles, das liegt jetzt da. Ungebraucht -- und unbrauchbar
+für immer. Und ohne das mindeste zu nützen. Genau wie die
+Schutthaufen nach einem Brande.
+
+*Hilde*. Nun -- wenn's aber auch so wäre --
+
+*Solneß*. Es _ist_ so. Es _ist_ so. Ich weiß es.
+
+*Hilde*. Nun gut, aber _Sie_ sind doch jedenfalls nicht schuld daran.
+
+*Solneß* (richtet den Blick auf sie und nickt langsam). Ja, wissen
+Sie, _das_ ist eben die große entsetzliche Frage. _Das_ ist der
+Zweifel, der an mir nagt -- früh und spät.
+
+*Hilde*. _Das?_
+
+*Solneß*. Ja, setzen Sie mal den Fall, ich _wäre_ schuld daran.
+Gewissermaßen wenigstens.
+
+*Hilde*. Sie! An dem Brand!
+
+*Solneß*. An allem. Alles miteinander. -- Und dann vielleicht --
+ganz unschuldig trotzdem.
+
+*Hilde* (sieht ihn besorgt an). Ach, Baumeister -- wenn Sie so etwas
+sagen können -- dann sind Sie ja dennoch -- krank.
+
+*Solneß*. Hm -- werd wohl mein Leben lang auch nie recht gesund
+werden in dem Stück.
+
+*Ragnar Brovik* (öffnet behutsam die kleine Thür in der Ecke links).
+
+
+ Fünfter Auftritt.
+
+*Die Vorigen*. *Ragnar Brovik*.
+
+*Hilde* (macht einige Schritte).
+
+*Ragnar* (Hilde erblickend). O -- Entschuldigen Sie, Herr Solneß --
+(Er will sich zurückziehen.)
+
+*Solneß*. Nein, nein, bleiben Sie nur. Dann ist's gethan.
+
+*Ragnar*. Ach ja -- wär's nur so weit!
+
+*Solneß*. Ihrem Vater geht's ja nicht besser, wie ich höre.
+
+*Ragnar*. Mit dem Vater geht's rasch abwärts. Und darum bitte ich
+Sie recht inständig -- geben Sie mir ein paar gute Worte auf einem
+von den Blättern! Etwas, was der Vater zu lesen bekommen kann, ehe
+er --
+
+*Solneß* (heftig). Sie dürfen mir von Ihren Zeichnungen nicht mehr
+reden!
+
+*Ragnar*. Haben Sie sie angesehen?
+
+*Solneß*. Ja -- das hab ich.
+
+*Ragnar*. Und sie taugen nicht? Und ich tauge wohl auch nicht?
+
+*Solneß* (ausweichend). Bleiben Sie hier bei mir, Ragnar. Sie
+sollen's bekommen, wie Sie's selber haben wollen. Dann können Sie
+Kaja heiraten. Sorgenfrei leben. Glücklich vielleicht auch. Nur
+denken Sie nie daran, auf eigene Hand zu bauen.
+
+*Ragnar*. Ja, da muß ich also heimgehen und das dem Vater sagen.
+Denn das versprach ich ihm. -- _Soll_ ich das dem Vater sagen --
+ehe er stirbt?
+
+*Solneß* (mit sich selber ringend). Ach, sagen Sie ihm -- sagen Sie
+ihm meinetwegen, was Sie wollen. Das beste ist, Sie sagen ihm gar
+nichts! Ich _kann_ nicht anders handeln, als wie ich thue, Ragnar!
+
+*Ragnar*. Darf ich also die Zeichnungen mitnehmen?
+
+*Solneß*. Ja, nehmen Sie sie -- nehmen Sie sie nur! Sie liegen dort
+auf dem Tisch.
+
+*Ragnar* (geht hin). Ich bin so frei.
+
+*Hilde* (legt die Hand auf die Mappen). Nein, nein, lassen Sie sie
+liegen.
+
+*Solneß*. Warum denn?
+
+*Hilde*. Ich will sie nämlich auch ansehen.
+
+*Solneß*. Aber Sie _haben_ sie ja -- (Zu Ragnar.) Nun, lassen Sie
+sie also hier liegen.
+
+*Ragnar*. Sehr gern.
+
+*Solneß*. Und dann gehen Sie gleich heim zu Ihrem Vater.
+
+*Ragnar*. Ja, das muß ich wohl.
+
+*Solneß* (wie verzweifelt). Ragnar -- Sie _dürfen_ von mir nicht
+etwas verlangen, was ich nicht kann! Hören Sie, Ragnar! Sie _dürfen_
+das nicht!
+
+*Ragnar*. Nein, nein. Entschuldigen Sie -- (Er verbeugt sich und
+geht zur Eckthür hinaus).
+
+
+ Sechster Auftritt.
+
+*Solneß*. *Hilde Wangel*.
+
+*Hilde* (sieht Solneß zornig an). Das war recht häßlich von Ihnen.
+
+*Solneß*. Meinen _Sie_ das auch?
+
+*Hilde*. Ja, furchtbar häßlich war's. Und hart und böse und grausam
+noch dazu.
+
+*Solneß*. Ach, Sie begreifen nicht, was in _mir_ vorgeht.
+
+*Hilde*. Und doch -- Nein, _Sie_ sollen nicht so sein.
+
+*Solneß*. Sie sagten ja selbst eben erst, nur _ich_ sollte bauen
+dürfen.
+
+*Hilde*. So was kann ich sagen. Aber _Sie_ dürfen's nicht.
+
+*Solneß*. Ich wohl am meisten. So teuer, wie ich meinen Platz
+erkauft habe.
+
+*Hilde*. Nun ja -- mit etwas, was Sie häusliches Behagen nennen --
+und dergleichen.
+
+*Solneß*. Und mit meinem Seelenfrieden obendrein.
+
+*Hilde* (erhebt sich). Seelenfrieden! (Innig.) Ja, darin haben Sie
+recht! Armer Baumeister -- Sie bilden sich ja ein, daß --
+
+*Solneß* (von einem stillen Lachen geschüttelt). Setzen Sie sich nur
+wieder, Hilde. Da erzähle ich Ihnen etwas Spaßhaftes.
+
+*Hilde* (gespannt, setzt sich). Nun also?
+
+*Solneß*. Es nimmt sich aus, wie ein lächerlich kleines Ding. Denn
+die ganze Geschichte dreht sich bloß um eine Ritze in einer
+Schornsteinröhre.
+
+*Hilde*. Weiter nichts?
+
+*Solneß*. Anfangs war's weiter nichts. (Er rückt einen Stuhl an den
+Hildes näher heran und setzt sich.)
+
+*Hilde* (ungeduldig, klopft sich aufs Knie). Die Ritze in der
+Schornsteinröhre also!
+
+*Solneß*. Ich hatte die Ritze in der Röhre bemerkt, lange bevor das
+Feuer ausbrach. Jedesmal, wenn ich auf dem Dachboden droben war, sah
+ich nach, ob sie noch da wäre.
+
+*Hilde*. Und das war sie?
+
+*Solneß*. Jawohl. Denn niemand anders wußte darum.
+
+*Hilde*. Und Sie sagten nichts?
+
+*Solneß*. Gar nichts.
+
+*Hilde*. Dachten auch nicht daran, die Röhre ausbessern zu lassen?
+
+*Solneß*. Dachte schon daran -- kam aber nie weiter. Jedesmal, wenn
+ich mich dranmachen wollte, war's mir gerade, als ob sich eine Hand
+dazwischen legte. Heute nicht, dachte ich. Morgen. Es wurde nie was
+daraus.
+
+*Hilde*. Ja, warum waren Sie denn so eine Schlafmütze.
+
+*Solneß*. Weil mir allerlei im Kopf herumging. (Langsam und
+gedämpft.) Durch die kleine schwarze Ritze in der Schornsteinröhre
+könnte ich mich vielleicht emporschwingen -- als Baumeister.
+
+*Hilde* (blickt vor sich hin). Das muß spannend gewesen sein.
+
+*Solneß*. Unwiderstehlich fast. Ganz unwiderstehlich. Denn damals
+kam mir alles so leicht und so einfach vor. Ich wollte, es sollte so
+mitten im Winter sein. Ein wenig vor der Mittagsstunde. Ich sollte
+draußen sein und Aline im Schlitten spazieren fahren. Die
+Dienstboten zu Hause, die sollten stark geheizt haben.
+
+*Hilde*. Jawohl, denn an dem Tage sollte es wohl furchtbar kalt sein?
+
+*Solneß*. Schneidend kalt. Und da wollten sie's natürlich für Aline
+recht warm und gemütlich herrichten, bis sie heimkäme.
+
+*Hilde*. Denn die friert gewiß leicht.
+
+*Solneß*. Ja, das thut sie. Und dann, auf dem Heimwege, sollten wir
+den Rauch sehen.
+
+*Hilde*. Bloß den Rauch?
+
+*Solneß*. Zuerst den Rauch. Aber wenn wir das Gartenthor erreicht
+hätten, dann sollte der ganze alte Holzkasten von lodernden
+Feuermassen umhüllt sein. -- Auf _die_ Art wollte ich's haben, sehen
+Sie.
+
+*Hilde*. Aber du lieber Gott, daß es so nicht kommen konnte!
+
+*Solneß*. Ja, das können Sie schon sagen, Hilde.
+
+*Hilde*. Jetzt hören Sie aber, Baumeister. Wissen Sie denn auch ganz
+bestimmt, daß das Feuer von der kleinen Ritze im Schornstein
+herrührte?
+
+*Solneß*. Im Gegenteil. Ich weiß ganz bestimmt, daß die Ritze im
+Schornstein insofern mit dem Feuer gar nichts zu thun hatte.
+
+*Hilde*. _Was!_
+
+*Solneß*. Es ist völlig erwiesen, daß das Feuer in einer
+Kleiderkammer ausbrach -- in einem ganz andern Teil des Hauses.
+
+*Hilde*. Ja, was faseln Sie denn dann immerfort von der ewigen Ritze
+im Schornstein!
+
+*Solneß*. Darf ich noch ein wenig mit Ihnen weiterreden, Hilde?
+
+*Hilde*. Ja, wenn Sie nur vernünftig reden wollen --
+
+*Solneß*. Ich will's versuchen. (Er rückt seinen Stuhl näher.)
+
+*Hilde*. Also heraus mit der Sprache, Baumeister.
+
+*Solneß* (vertraulich). Glauben Sie nicht auch, Hilde, daß es
+einzelne auserkorene, auserwählte Menschen giebt, denen die Gnade
+verliehen wurde und die Macht und die Fähigkeit, etwas zu
+_wünschen_, etwas zu _begehren_, etwas zu _wollen_ -- so beharrlich
+und so -- so unerbittlich -- daß sie es zuletzt bekommen _müssen_.
+Glauben Sie das nicht?
+
+*Hilde* (mit einem unbestimmbaren Ausdruck in den Augen). Wenn _das_
+der Fall ist, dann werden wir schon einmal sehen -- ob _ich_ zu den
+Auserkorenen gehöre.
+
+*Solneß*. _Allein_ wirkt einer so große Dinge nicht. O nein -- die
+Helfer und die Diener -- die müssen schon auch dabei sein, wenn's zu
+was werden soll. Aber die kommen nie von selber. Man muß sie recht
+beharrlich rufen. So inwendig, verstehen Sie.
+
+*Hilde*. Was sind denn das für Helfer und Diener?
+
+*Solneß*. Ach, davon können wir ein anderes Mal reden. Bleiben wir
+jetzt bei der Geschichte mit dem Brand.
+
+*Hilde*. Glauben Sie nicht, daß der Brand trotzdem gekommen wäre --
+wenn Sie ihn auch _nicht_ herbeigewünscht hätten?
+
+*Solneß*. Hätte das Haus dem alten Knut Brovik gehört, _dem_ wär's
+gar nie so gelegen abgebrannt. Davon bin ich überzeugt. Denn der
+versteht nicht die Helfenden zu rufen, und die Dienenden auch nicht.
+(Unruhig, steht auf.) Sehen Sie, Hilde -- ich bin's also doch, der
+daran schuld ist, daß die zwei Kleinen das Leben einbüßen mußten.
+Und bin ich nicht auch etwa daran schuld, daß Aline nicht zu dem
+geworden ist, was sie werden sollte und konnte. Und was sie am
+liebsten wollte.
+
+*Hilde*. Ja, wenn es nun aber bloß diese Helfer und Diener sind,
+dann --?
+
+*Solneß*. Wer rief die Helfer und Diener? Das that _ich_! Und da
+kamen sie und unterwarfen sich meinem Willen. (In steigender
+Erregung.) _Das_ ist's, was die Leute »Glück haben« nennen. Aber
+_ich_ will Ihnen sagen, wie das Glück empfunden wird! Es wird
+empfunden wie eine große hautlose Stelle hier auf der Brust. Und die
+Helfer und Diener nehmen Hautfetzen von andern Menschen, um _meine_
+Wunde zu schließen! Aber die Wunde heilt doch nicht zu. Nie --
+niemals! Ach, wenn Sie wüßten, wie das zuweilen saugt und brennt.
+
+*Hilde* (sieht ihn aufmerksam an). Sie _sind_ krank, Baumeister.
+Schwer krank, glaub ich fast.
+
+*Solneß*. Sagen Sie verrückt, denn das meinen Sie ja.
+
+*Hilde*. Nein, am Verstande, glaub ich, fehlt Ihnen weiter nichts.
+
+*Solneß*. Wo fehlt's mir denn? Heraus damit!
+
+*Hilde*. Ob die Sache nicht _die_ ist, daß Sie mit einem kränklichen
+Gewissen zur Welt gekommen sind.
+
+*Solneß*. Mit einem kränklichen Gewissen? Was ist denn das für ein
+Teufelszeug?
+
+*Hilde*. Ich meine, daß das Gewissen bei Ihnen recht schwächlich
+ist. So -- zart gebaut. Daß es keinen Stoß verträgt. Daß es das, was
+schwer ist, nicht heben noch tragen kann.
+
+*Solneß* (brummend). Hm! Wie sollte dann das Gewissen sein, wenn ich
+fragen darf?
+
+*Hilde*. Bei Ihnen möchte ich am liebsten, daß das Gewissen so -- so
+recht robust wäre.
+
+*Solneß*. So? Robust? Na. Haben _Sie_ vielleicht ein robustes
+Gewissen?
+
+*Hilde*. Ich glaube schon. Ich habe wenigstens nichts anderes
+gemerkt.
+
+*Solneß*. Ist wohl auch nicht sonderlich auf die Probe gestellt
+worden, denk ich mir.
+
+*Hilde* (indem es um ihre Mundwinkel zuckt). Nun, so leicht war's
+doch nicht, vom Vater fortzugehen, den ich so ungeheuer gern habe.
+
+*Solneß*. Ach was! Für einen Monat oder zwei --
+
+*Hilde*. Ich komme gewiß niemals wieder heim.
+
+*Solneß*. Niemals? Warum gingen Sie denn von ihm fort.
+
+*Hilde* (halb im Ernst, halb neckisch). Haben Sie schon wieder
+vergessen, daß die zehn Jahre um sind?
+
+*Solneß*. Ach, Unsinn. War zu Hause irgend etwas los? Nun?
+
+*Hilde* (ernsthaft). Es _war_ dieses Etwas in meinem Innern, was
+mich herjagte und mich herpeitschte. Und was mich lockte und anzog
+zu gleicher Zeit.
+
+*Solneß* (eifrig). Da haben wir's! Da haben wir's, Hilde! Auch in
+Ihnen wohnt ein Unhold. Wie in mir. Denn es ist der Unhold in einem,
+sehen Sie -- der ist es, der die Mächte herbeiruft. Und dann _muß_
+man nachgeben -- man mag wollen oder nicht.
+
+*Hilde*. Ich glaube beinahe, Sie haben recht, Baumeister.
+
+*Solneß* (geht im Zimmer umher). O es giebt in der Welt so
+erstaunlich viele Teufelchen, die einer nicht sieht, Hilde.
+
+*Hilde*. Teufelchen auch noch?
+
+*Solneß* (bleibt stehen). Gutmütige Teufelchen und bösartige
+Teufelchen. Blondhaarige Teufelchen und schwarzhaarige. Wenn man nur
+immer wüßte, ob's die blonden sind oder die schwarzen, die einen in
+ihrer Gewalt haben! (Er schlendert herum.) Ja, dann wäre das Ding
+ganz einfach!
+
+*Hilde* (folgt ihm mit den Augen). Oder wenn man ein recht kräftiges,
+von Gesundheit strotzendes Gewissen hätte. So daß man sich das
+_getraute_, was man am liebsten _möchte_.
+
+*Solneß* (bleibt am Konsoltische stehen). Ich meinerseits glaube,
+daß die meisten in dem Punkt ebenso große Schwächlinge sind wie ich
+selber.
+
+*Hilde*. Mag schon sein.
+
+*Solneß* (lehnt sich an den Tisch). In den Sagenbüchern -- Haben Sie
+von den alten Sagenbüchern etwas gelesen?
+
+*Hilde*. Freilich! Zu der Zeit, da ich noch Bücher las --
+
+*Solneß*. In den Sagenbüchern wird von Wikingern berichtet, die nach
+fremden Ländern segelten und plünderten und Häuser in Brand steckten
+und Männer totschlugen --
+
+*Hilde*. Und Weiber gefangen nahmen --
+
+*Solneß*. Und sie bei sich behielten --
+
+*Hilde*. Und auf den Schiffen mit nach Hause nahmen --
+
+*Solneß*. Und mit ihnen verfuhren wie -- wie die schlimmsten Unholde.
+
+*Hilde* (sieht mit einem halbverschleierten Blick vor sich hin). Mir
+scheint, das mußte spannend sein.
+
+*Solneß* (mit einem kurzen brummenden Lachen). Weiber zu fangen?
+Jawohl.
+
+*Hilde*. Gefangen zu _werden_.
+
+*Solneß* (sieht sie einen Augenblick an). Ach so.
+
+*Hilde* (gleichsam abbrechend). Aber wo wollen Sie denn mit den
+Wikingern hinaus, Baumeister?
+
+*Solneß*. Ja, sehen Sie, _die_ Kerle hatten ein robustes Gewissen!
+Wenn die wieder heimkamen, dann konnten sie fressen und saufen, als
+wenn nichts geschehen wäre. Und lustig wie Kinder waren sie auch
+noch. Und dann die Weiber! Die wollten manchmal gar nicht wieder von
+ihnen fort. Können Sie so was begreifen, Hilde?
+
+*Hilde*. Die Weiber begreife ich ausgezeichnet.
+
+*Solneß*. Oho! Könnten Sie etwa selber ebenso handeln?
+
+*Hilde*. Warum denn nicht?
+
+*Solneß*. Mit so einem -- Gewaltthäter zusammenleben -- freiwillig?
+
+*Hilde*. Wenn's ein Gewaltthäter wäre, den ich recht lieb gewonnen
+hätte, dann --
+
+*Solneß*. Könnten Sie denn so einen Menschen lieb gewinnen?
+
+*Hilde*. Ach Gott, das steht doch nicht bei einem selber, wen man
+lieb gewinnen soll.
+
+*Solneß* (sieht sie nachdenklich an). Ach nein -- _das_ entscheidet
+wohl der Unhold, der in einem wohnt.
+
+*Hilde* (mit einem halben Lachen). Und dann alle diese merkwürdigen
+Teufelchen, mit denen Sie so gut bekannt sind. Sowohl die
+blondhaarigen als die schwarzhaarigen.
+
+*Solneß* (mit Wärme, in gedämpftem Ton). Dann wünsche ich Ihnen, daß
+die Teufelchen mit Schonung für Sie wählen, Hilde.
+
+*Hilde*. Für mich _haben_ sie schon gewählt. Ein für allemal.
+
+*Solneß* (blickt sie tief an). Hilde -- Sie sind wie ein wilder
+Waldvogel.
+
+*Hilde*. Durchaus nicht. Ich verstecke mich nicht im Gebüsch.
+
+*Solneß*. Nein, das thun Sie wohl nicht. Da sind Sie eher noch einem
+Raubvogel ähnlich.
+
+*Hilde*. Das noch eher -- vielleicht. (Mit großer Heftigkeit.) Und
+warum kein Raubvogel? Warum sollte ich nicht auch auf Raub ausgehen?
+Die Beute an mich reißen, zu der ich Lust habe? Wenn ich sie nur
+packen kann mit meinen Krallen. Und die Oberhand behalten.
+
+*Solneß*. Hilde -- wissen Sie, was Sie sind?
+
+*Hilde*. Ja, ich bin gewiß so ein sonderbarer Vogel.
+
+*Solneß*. Nein; Sie sind wie ein anbrechender Tag. Wenn ich Sie
+ansehe -- dann ist's mir, als blickte ich gegen Sonnenaufgang.
+
+*Hilde*. Sagen Sie mir, Baumeister -- wissen Sie bestimmt, daß Sie
+mich nie gerufen haben? So inwendig?
+
+*Solneß* (leise und langsam). Ich glaube fast, ich muß es gethan
+haben.
+
+*Hilde*. Was wollten Sie von mir?
+
+*Solneß*. _Sie_ sind die Jugend, Hilde.
+
+*Hilde* (lächelnd). Die Jugend, vor der sie solche Angst haben?
+
+*Solneß* (nickt langsam). Und die ich doch im Grunde so sehnlich
+herbeiwünsche.
+
+*Hilde* (erhebt sich, geht zum Tischchen hin, holt die Mappe Ragnar
+Broviks, hält ihm die Mappe hin). Die Zeichnungen also --
+
+*Solneß* (kurz, abweisend). Legen Sie das Zeug weg! Ich habe es
+lange genug angesehen.
+
+*Hilde*. Aber Sie sollten ja etwas für ihn daraufschreiben.
+
+*Solneß*. Daraufschreiben! In meinem Leben thu' ich's nicht.
+
+*Hilde*. Aber wenn nun der arme alte Mann im Sterben liegt! Könnten
+Sie da nicht ihm und dem Sohn eine Freude machen, ehe sie sich
+trennen? Und vielleicht könnte er dann auch dazu kommen, nach den
+Zeichnungen zu bauen.
+
+*Solneß*. Ja, das ist's ja eben, was er kann. Das wird er sich schon
+gesichert haben, der -- der Monsieur.
+
+*Hilde*. Aber du lieber Gott -- wenn sich's so verhält -- können Sie
+dann nicht ein klein bißchen lügen?
+
+*Solneß*. Lügen? (Wütend). Hilde -- gehen Sie weg von mir mit Ihren
+Teufelszeichnungen!
+
+*Hilde* (zieht die Mappe ein wenig zurück). Nanu -- beißen Sie mich
+doch nicht. -- _Sie_ reden von Unholden. Mir kommt's vor, Sie
+betragen sich selber wie ein Unhold. (Sie sieht sich um.) Wo haben
+Sie Feder und Tinte?
+
+*Solneß*. Giebt's nicht hier im Zimmer.
+
+*Hilde* (will hinaus). Aber draußen beim Fräulein haben Sie doch --
+
+*Solneß*. Bleiben Sie, wo Sie sind, Hilde! -- Ich sollte lügen,
+sagten Sie. Nun ja, seinem alten Vater zuliebe könnte ich das
+immerhin thun. Denn den habe ich einmal erdrückt. Über den Haufen
+geworfen.
+
+*Hilde*. Den auch?
+
+*Solneß*. Ich brauchte Platz für mich selber. Aber dieser Ragnar --
+der darf um keinen Preis in die Höhe kommen.
+
+*Hilde*. Das wird er wohl auch nie, der arme Kerl. Wenn er nichts
+taugt, dann --
+
+*Solneß* (näher, sieht sie an und flüstert). Kommt Ragnar Brovik in
+die Höhe, dann schlägt er _mich_ zu Boden. Erdrückt mich -- wie
+ich's mit seinem Vater that. --
+
+*Hilde*. Erdrückt er _Sie_? Taugt er denn?
+
+*Solneß*. Ja, darauf können Sie sich verlassen, daß _der_ taugt!
+_Der_ ist die Jugend, die bereit steht, bei mir anzuklopfen. Und dem
+ganzen Baumeister Solneß den Garaus zu machen.
+
+*Hilde* (sieht ihn mit stillem Vorwurf an). Und trotzdem wollen Sie
+ihm den Weg versperren. Pfui, Baumeister!
+
+*Solneß*. Er hat Herzblut genug gekostet, der Kampf, den ich
+durchgemacht habe. -- Und dann habe ich Angst, daß die Helfer und
+Diener mir nicht mehr gehorchen.
+
+*Hilde*. Dann müssen Sie's auf eigene Faust versuchen. Da ist nichts
+anderes zu thun.
+
+*Solneß*. Hoffnungslos, Hilde. Der Umschwung kommt. Etwas früher
+oder etwas später. Denn die Wiedervergeltung, die ist unerbittlich.
+
+*Hilde* (angstvoll, hält sich die Ohren zu). Reden Sie doch nicht
+so! Wollen Sie mir das Leben nehmen! Mir das nehmen, was mir mehr
+ist als das Leben!
+
+*Solneß*. Und was ist denn _das_?
+
+*Hilde*. Sie groß zu sehen. Sie zu sehen mit einem Kranz in der
+Hand. Hoch, hoch oben auf einem Kirchturm. (Wieder ruhig.) Nun,
+jetzt heraus mit dem Bleistift. Denn einen Bleistift haben Sie doch
+bei sich?
+
+*Solneß* (nimmt seine Brieftasche heraus). Da habe ich einen.
+
+*Hilde* (legt die Mappe auf den Sofatisch). Gut. Und jetzt,
+Baumeister, setzen wir uns, wir zwei.
+
+*Solneß* (setzt sich an den Tisch).
+
+*Hilde* (hinter ihm, beugt sich über die Stuhllehne). Und jetzt
+schreiben wir etwas auf die Zeichnungen hinauf. Etwas recht, recht
+Liebes und Warmes schreiben wir. Für diesen häßlichen Roar -- oder
+wie er nun heißt.
+
+*Solneß* (schreibt einige Zeilen, wendet den Kopf und blickt zu ihr
+auf). Ich möchte etwas wissen, Hilde.
+
+*Hilde*. Nun?
+
+*Solneß*. Wenn Sie also volle zehn Jahre auf mich gewartet haben --
+
+*Hilde*. Was dann?
+
+*Solneß*. Warum schrieben Sie mir nie? Dann hätte ich Ihnen
+antworten können.
+
+*Hilde* (schnell). Nein, nein! Das war's gerade, was ich nicht haben
+wollte.
+
+*Solneß*. Warum nicht?
+
+*Hilde*. Ich fürchtete, das Ganze könnte mir dabei unter den Händen
+zusammenbrechen. -- Aber wir sollten ja auf die Zeichnungen etwas
+hinaufschreiben, Baumeister.
+
+*Solneß*. Ja freilich.
+
+*Hilde* (beugt sich vornüber und sieht zu, während er schreibt). Wie
+warm und gut und herzig. O wie ich ihn hasse -- wie ich ihn hasse,
+diesen Roald --
+
+*Solneß* (schreibend). Haben Sie nie jemand so recht gern gehabt,
+Hilde?
+
+*Hilde* (hart). Was sagten Sie?
+
+*Solneß*. Ob Sie nie jemand recht gern gehabt haben?
+
+*Hilde*. Jemand anderen, meinen Sie wohl?
+
+*Solneß* (blickt zu ihr auf). Jemand anderen, jawohl. Haben Sie das
+nie? In diesen zehn Jahren? Niemals?
+
+*Hilde*. O ja, dann und wann. Wenn ich recht wild auf Sie war, weil
+Sie nicht kamen.
+
+*Solneß*. Da hatten Sie andere auch gern?
+
+*Hilde*. Ein klein wenig. Eine Woche oder zwei. Du lieber Gott,
+Baumeister, Sie wissen ja doch, wie sich's mit so was verhält.
+
+*Solneß*. Hilde -- in welcher Absicht sind Sie hergekommen?
+
+*Hilde*. Verlieren Sie doch die Zeit nicht mit dem vielen Reden. Der
+arme alte Mann ist vielleicht schon am Sterben.
+
+*Solneß*. Antworten Sie mir, Hilde. Was wollen Sie von mir?
+
+*Hilde*. Ich will mein Königreich haben.
+
+*Solneß*. Hm -- (Er blickt flüchtig nach der Thür links und fährt zu
+schreiben fort).
+
+*Frau Solneß* (erscheint gleichzeitig; sie trägt einige Pakete).
+
+
+ Siebenter Auftritt.
+
+*Die Vorigen*. *Frau Solneß*.
+
+*Frau Solneß*. Da habe ich einige Kleinigkeiten für Sie mitgebracht,
+Fräulein Wangel. Die großen Pakete werden später nachgeschickt.
+
+*Hilde*. O das war aber _doch_ lieb von Ihnen!
+
+*Frau Solneß*. Einfach meine Pflicht. Weiter gar nichts.
+
+*Solneß* (liest das, was er geschrieben hat, durch). Aline!
+
+*Frau Solneß*. Ja?
+
+*Solneß*. Sahst du, ob sie -- die Buchhalterin draußen war?
+
+*Frau Solneß*. Ja natürlich war _die_ da.
+
+*Solneß* (legt die Zeichnungen in die Mappe hinein). Hm --
+
+*Frau Solneß*. Sie stand am Pulte, wie sie immer thut -- wenn _ich_
+durchs Zimmer gehe.
+
+*Solneß* (steht auf). Dann will ich's ihr also geben. Und ihr sagen,
+daß --
+
+*Hilde* (nimmt ihm die Mappe weg). Ach nein, gönnen Sie doch mir die
+Freude! (Sie geht zur Thür, dreht sich aber dann um.) Wie heißt sie?
+
+*Solneß*. Sie heißt Fräulein Fosli.
+
+*Hilde*. Ach, das hört sich ja so frostig an! Mit dem Vornamen,
+meine ich?
+
+*Solneß*. Kaja -- glaube ich.
+
+*Hilde* (öffnet die Thür und ruft hinaus). Kaja! Kommen Sie herein.
+Schnell! Der Baumeister will mit Ihnen reden.
+
+*Kaja Fosli* (kommt herein und bleibt an der Thür stehen).
+
+
+ Achter Auftritt.
+
+*Die Vorigen*. *Kaja Fosli*.
+
+*Kaja* (sieht ihn verschüchtert an). Da bin ich --?
+
+*Hilde* (reicht ihr die Mappe). Da, Kaja! Sie können die Sachen
+mitnehmen. Denn jetzt hat der Baumeister daraufgeschrieben.
+
+*Kaja*. Ach, endlich!
+
+*Solneß*. Geben Sie's dem Alten so rasch wie möglich.
+
+*Kaja*. Ich gehe gleich damit nach Hause.
+
+*Solneß*. Thun Sie das. Und jetzt kann ja Ragnar dazu kommen, zu
+bauen.
+
+*Kaja*. Ach, darf er herkommen, um Ihnen zu danken für alles, was --
+
+*Solneß* (hart). Ich mag keinen Dank! Sagen Sie ihm das von mir.
+
+*Kaja*. Jawohl, das werde ich --
+
+*Solneß*. Und sagen Sie ihm zugleich, daß ich ihn hernach nicht mehr
+nötig habe. Und Sie auch nicht.
+
+*Kaja* (leise, mit bebender Stimme). Mich auch nicht!
+
+*Solneß*. Von nun an werden Sie sich ja um andere Dinge kümmern
+müssen. Und das ist ja nur in der Ordnung. Na, jetzt gehen Sie also
+mit den Zeichnungen nach Hause, Fräulein Fosli. Schnell! Hören Sie!
+
+*Kaja* (wie oben). Jawohl, Herr Solneß. (Ab.)
+
+
+ Neunter Auftritt.
+
+*Solneß*. *Frau Solneß*. *Hilde Wangel*.
+
+*Frau Solneß*. Gott, hat _die_ tückische Augen.
+
+*Solneß*. Die! Das arme dumme Gänschen.
+
+*Frau Solneß*. O -- mir macht sie nichts weis, Halvard. Kündigst du
+ihnen wirklich?
+
+*Solneß*. Gewiß.
+
+*Frau Solneß*. Ihr auch?
+
+*Solneß*. Wolltest du's nicht selber so haben?
+
+*Frau Solneß*. Daß du aber _die_ entbehren kannst --? Na, du wirst
+schon eine in der Hinterhand haben, Halvard.
+
+*Hilde* (lustig). Ja, _ich_ tauge jedenfalls nicht dazu, am
+Schreibpult zu stehen.
+
+*Solneß*. Na, laß gut sein, Aline -- das wird sich schon finden.
+Jetzt sollst du nur daran denken, ins neue Heim einzuziehen -- so
+schnell wie's geht. Heut Abend hängen wir den Kranz hinauf, (zu
+Hilde) ganz oben auf die Turmspitze. Was sagen Sie dazu, Fräulein
+Hilde?
+
+*Hilde* (starrt ihn mit funkelnden Augen an). Das wird entsetzlich
+schön sein, Sie wieder so hoch oben zu sehen.
+
+*Solneß*. Mich!
+
+*Frau Solneß*. Ach Gott, Fräulein Wangel, stellen Sie sich doch
+nicht so etwas vor. Mein Mann -- so _schwindelig_ wie _der_ ist!
+
+*Hilde*. Schwindelig! Nein, das ist er doch wahrhaftig nicht!
+
+*Frau Solneß*. O doch, das ist er.
+
+*Hilde*. Ich habe ihn ja aber selber ganz oben auf einem hohen
+Kirchturm gesehen!
+
+*Frau Solneß*. Davon habe ich allerdings die Leute reden hören. Aber
+das ist rein unmöglich --
+
+*Solneß* (heftig). Unmöglich -- unmöglich, jawohl! Ich stand aber
+_doch_ droben!
+
+*Frau Solneß*. Wie kannst du nur so was sagen, Halvard? Du verträgst
+es ja nicht einmal, auf den Balkon hinauszugehen, droben im ersten
+Stock. So bist du ja immer gewesen.
+
+*Solneß*. Du könntest vielleicht heut Abend etwas anderes erleben.
+
+*Frau Solneß* (angstvoll). Nein, nein! Das werde ich doch mit Gottes
+Hilfe niemals erleben. Gleich schreibe ich dem Doktor. Der wird dich
+schon davon abbringen.
+
+*Solneß*. Aber Aline --!
+
+*Frau Solneß*. Ja, du bist ja doch krank, Halvard! Das _kann_ ja
+nichts anderes sein! Ach Gott -- ach Gott! (Sie eilt nach rechts ab.)
+
+
+ Zehnter Auftritt.
+
+*Solneß*. *Hilde Wangel*.
+
+*Hilde* (sieht ihn gespannt an). Ist es wahr?
+
+*Solneß*. Daß ich schwindelig bin?
+
+*Hilde*. Daß _mein_ Baumeister sich nicht _getraut_ -- nicht so hoch
+steigen _kann_, wie er selber baut?
+
+*Solneß*. Sehen Sie das Ding von _der_ Seite an?
+
+*Hilde*. Ja.
+
+*Solneß*. Ich glaube, es ist bald kein Winkelchen in mir, das vor
+Ihnen sicher sein kann.
+
+*Hilde* (blickt zum Erkerfenster hin). Da oben also. Ganz oben --
+
+*Solneß* (näher). In der obersten Turmkammer könnten Sie wohnen,
+Hilde. -- Könnten's dort haben wie eine Prinzessin.
+
+*Hilde* (mit einem unbestimmbaren Gemisch von Ernst und Scherz). Ja,
+das haben Sie mir ja versprochen.
+
+*Solneß*. Hab ich das eigentlich?
+
+*Hilde*. Pfui, Baumeister! Sie sagten, ich sollte Prinzessin werden.
+Und daß ich von Ihnen ein Königreich bekommen sollte. Und dann
+faßten Sie -- Na, mehr sag' ich nicht!
+
+*Solneß* (behutsam). Sind Sie ganz gewiß, daß es nicht so ein Traum
+war -- eine Einbildung, die sich bei Ihnen festgesetzt hat?
+
+*Hilde* (unwirsch). Sie _thaten's_ am Ende gar nicht?
+
+*Solneß*. Weiß es kaum selber. (Leiser.) Aber _das_ weiß ich jetzt
+allerdings, daß ich --
+
+*Hilde*. Daß Sie --? Sagen Sie's gleich!
+
+*Solneß*. Daß ich's hätte thun _sollen_.
+
+*Hilde* (mit kühner Zuversicht). _Sie_ waren in Ihrem Leben nie
+schwindelig!
+
+*Solneß*. Heut Abend hängen wir also den Kranz hinauf -- Prinzessin
+Hilde.
+
+*Hilde* (mit einem bittern Zug um den Mund). Über Ihr neues Heim,
+jawohl.
+
+*Solneß*. Über das neue Haus. Das niemals ein _Heim_ wird für
+_mich_. (Ab durch die Verandathür.)
+
+*Hilde* (sieht mit einem verschleierten Blick ins Leere hinaus und
+flüstert vor sich hin; man hört nur die Worte:) Entsetzlich
+spannend -- --
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+ Dritter Aufzug.
+
+
+Eine große breite Veranda vor dem Wohnhause des Baumeisters Solneß.
+
+Ein Teil des Hauses mit einem Ausgang zur Veranda ist links
+sichtbar; vor dieser rechts ein Geländer. Rückwärts, an der schmalen
+Seite der Veranda, führt eine Treppe hinunter zum tiefer gelegenen
+Garten. Große alte Bäume im Garten strecken ihre Äste über die
+Veranda gegen das Haus hin aus. Ganz rechts, zwischen den Bäumen,
+erblickt man den untersten Teil der neuen Villa, um dessen Turmbau
+das Gerüst noch steht. Im Hintergrund ist der Garten von einem alten
+Steckenzaun begrenzt. Außerhalb des Zauns eine Straße mit niedrigen
+verfallenen Häuschen. Auf der Veranda eine Gartenbank längs der
+Hauswand, und vor der Bank ein länglicher Tisch; an der anderen
+Seite des Tisches ein Lehnstuhl und einige Taburetts. Alle Möbel
+sind geflochten.
+
+Abendhimmel mit sonnenbeleuchteten Wolken.
+
+
+ Erster Auftritt.
+
+*Frau Solneß*. *Hilde Wangel*.
+
+*Frau Solneß* (die in einen großen weißen Kreppshawl gehüllt ist,
+ruht im Lehnstuhl und starrt nach rechts hinüber).
+
+*Hilde Wangel* (kommt nach einer Weile die Gartentreppe herauf; sie
+ist gekleidet wie letzthin und hat ihr Hütchen auf; an der Brust
+trägt sie ein Sträußchen von gewöhnlichen Wiesenblumen).
+
+*Frau Solneß* (wendet den Kopf ein wenig). Sind Sie im Garten
+herumgewesen, Fräulein Wangel?
+
+*Hilde*. Jawohl, ich habe mich da unten umgesehen.
+
+*Frau Solneß*. Auch Blumen gefunden, wie ich sehe.
+
+*Hilde*. Freilich. Von denen ist ja mehr als genug da. Zwischen den
+Büschen drin.
+
+*Frau Solneß*. Wirklich? So spät im Jahre? Ich komme ja fast nie
+hinunter.
+
+*Hilde* (kommt näher). Was Sie sagen! Laufen Sie denn nicht jeden
+Tag in den Garten hinunter?
+
+*Frau Solneß* (mit einem matten Lächeln). Ich »laufe« nirgends mehr
+hin. Jetzt nicht mehr.
+
+*Hilde*. Aber gehen Sie denn nicht dann und wann hinunter, um all
+der Herrlichkeit einen Besuch zu machen?
+
+*Frau Solneß*. Es ist mir alles so fremd geworden. Ich fürchte mich
+beinahe davor, es wiederzusehen.
+
+*Hilde*. Ihren eigenen Garten!
+
+*Frau Solneß*. Es kommt mir vor, als ob er nicht mehr _mein_ wäre.
+
+*Hilde*. Ach, was ist denn _das_ für --!
+
+*Frau Solneß*. Nein, nein, das ist er nicht. Es ist nicht wie
+damals, als der Vater und die Mutter noch lebten. Es ist
+jammerschade, wie viel sie vom Garten weggenommen haben. Denken Sie
+nur -- da haben sie ihn zerstückelt -- und Häuser gebaut für fremde
+Menschen. Leute, die ich nicht kenne. Und _die_ können mich von
+ihren Fenstern aus beobachten.
+
+*Hilde* (mit einem hellen Ausdruck im Gesicht). Frau Solneß?
+
+*Frau Solneß*. Ja?
+
+*Hilde*. Darf ich ein bißchen bei Ihnen bleiben?
+
+*Frau Solneß*. Sehr gern, wenn Sie nur Lust dazu haben.
+
+*Hilde* (rückt ein Taburett zum Lehnstuhl hin und setzt sich). Ah --
+hier kann man sich sonnen, so recht wie eine Katze.
+
+*Frau Solneß* (legt die Hand leicht auf ihren Nacken). Das ist schön
+von Ihnen, daß Sie bei _mir_ sitzen wollen. Ich dachte, Sie wollten
+zu meinem Mann hinein.
+
+*Hilde*. Was sollte ich bei ihm thun?
+
+*Frau Solneß*. Ihm helfen, dachte ich mir.
+
+*Hilde*. O nein. Übrigens ist er nicht drinnen. Er ist da drüben bei
+den Arbeitsleuten. Er sah aber so grimmig aus, daß ich mir nicht
+getraute, ihn anzureden.
+
+*Frau Solneß*. Ach, im Grunde hat er ein so mildes und weiches Gemüt.
+
+*Hilde*. _Der!_
+
+*Frau Solneß*. Sie kennen ihn eben noch nicht recht, Fräulein Wangel.
+
+*Hilde* (sieht sie mit Wärme an). Sind Sie jetzt froh, daß Sie ins
+neue Haus hinüberziehen sollen?
+
+*Frau Solneß*. Ich _sollte_ froh sein. Denn Halvard will es ja so
+haben --
+
+*Hilde*. O nicht gerade aus _dem_ Grunde, scheint mir.
+
+*Frau Solneß*. Doch, doch, Fräulein Wangel. Denn das ist ja nur
+meine Pflicht, mich _ihm_ zu unterwerfen. Aber manchmal fällt es so
+schwer, den Sinn zum Gehorsam zu zwingen.
+
+*Hilde*. Ja, _das_ muß gewiß schwer fallen.
+
+*Frau Solneß*. Das können Sie mir glauben. Wenn man nicht ein
+besserer Mensch ist, als ich, dann --
+
+*Hilde*. Wenn man soviel Schweres durchgemacht hat, wie Sie --
+
+*Frau Solneß*. Woher wissen Sie das?
+
+*Hilde*. Ihr Mann sagte es.
+
+*Frau Solneß*. Mir gegenüber berührt er _die_ Dinge so selten. --
+Ja, das können Sie mir glauben, Fräulein Wangel, ich habe mehr als
+genug durchgemacht in meinem Leben.
+
+*Hilde* (blickt sie teilnehmend an und nickt langsam). Arme Frau
+Solneß. Zuerst hatten Sie ja den Brand --
+
+*Frau Solneß* (mit einem Seufzer). Ach ja. All das meinige ging
+dabei zu Grunde.
+
+*Hilde*. Und dann kam ja etwas noch Schlimmeres.
+
+*Frau Solneß* (sieht sie fragend an). Noch schlimmer?
+
+*Hilde*. Das Allerschlimmste.
+
+*Frau Solneß*. _Was_, meinen Sie?
+
+*Hilde* (leise). Sie verloren ja die beiden Kleinen.
+
+*Frau Solneß*. Ach, _die_. Ja, sehen Sie, das war aber etwas ganz
+anderes. Das war ja eine höhere Fügung. Und wenn so etwas kommt, da
+muß man sich unterwerfen. Und Gott danken obendrein.
+
+*Hilde*. Thun Sie denn das?
+
+*Frau Solneß*. Nicht immer, leider. Ich weiß ja sehr wohl, daß es
+meine Pflicht wäre. Aber ich _kann_ es trotzdem nicht.
+
+*Hilde*. Nein, das kommt mir auch ganz natürlich vor.
+
+*Frau Solneß*. Und oftmals muß ich ja mir selber sagen, daß es eine
+gerechte Strafe war --
+
+*Hilde*. Warum denn?
+
+*Frau Solneß*. Weil ich nicht standhaft genug war im Unglück.
+
+*Hilde*. Aber ich begreife nicht, wie --
+
+*Frau Solneß*. Ach nein, Fräulein Wangel -- reden wir nicht mehr von
+den zwei Kleinen. Über die sollen wir uns bloß freuen. Die haben es
+ja jetzt so gut, wie man es nur wünschen kann. Nein, es sind die
+_kleinen_ Verluste im Leben, die einem wehe thun bis in die Seele
+hinein. Wenn man das alles verliert, was andere Leute fast für gar
+nichts achten.
+
+*Hilde* (legt die Arme auf ihre Knie und blickt mit warmem Mitgefühl
+zu ihr auf). Liebste Frau Solneß -- erzählen Sie mir davon.
+
+*Frau Solneß*. Wie ich Ihnen sagte. Lauter Kleinigkeiten. Da
+verbrannten zum Beispiel alle die alten Porträts an den Wänden. Und
+alle die alten seidenen Kleider, die der Familie Gott weiß wie lange
+gehört hatten. Und die Spitzen der Mutter und der Großmutter -- die
+verbrannten auch. Und denken Sie nur -- die Schmucksachen!
+(Schwermütig.) Und dann alle die Puppen.
+
+*Hilde*. Die Puppen?
+
+*Frau Solneß* (mit thränenerstickter Stimme). Ich hatte neun
+wunderschöne Puppen.
+
+*Hilde*. Und die verbrannten auch?
+
+*Frau Solneß*. Alle miteinander. Ach, wie ich mir das zu Herzen nahm.
+
+*Hilde*. Hatten Sie denn alle die Puppen aufgehoben von der Zeit an,
+da Sie klein waren?
+
+*Frau Solneß*. Aufgehoben, nein. Ich und die Puppen, wir blieben
+immer beisammen.
+
+*Hilde*. Nachdem Sie erwachsen waren?
+
+*Frau Solneß*. Ja, lange nachher.
+
+*Hilde*. Auch nachdem Sie verheiratet waren?
+
+*Frau Solneß*. O ja. Wenn _er_ nicht dabei war, da -- Dann
+verbrannten sie ja aber, die armen Dinger. _Die_ zu retten, da
+dachte niemand dran. Ach, das ist ein trauriger Gedanke. Sie dürfen
+mich deshalb nicht auslachen, Fräulein Wangel.
+
+*Hilde*. Ich lache durchaus nicht.
+
+*Frau Solneß*. Auf ihre Art waren _die_ ja auch lebendige Wesen,
+sozusagen. Ich trug sie unter dem Herzen. Wie ungeborene kleine
+Kinder.
+
+*Doktor Herdal* (den Hut in der Hand, erscheint in der Verandathür
+und erblickt Frau Solneß und Hilde).
+
+
+ Zweiter Auftritt.
+
+*Die Vorigen*. *Doktor Herdal*.
+
+*Herdal*. Na, Sie sitzen so im Freien und holen sich eine Erkältung,
+gnädige Frau?
+
+*Frau Solneß*. Die Luft ist heut so herrlich mild.
+
+*Herdal*. 's geht an. Aber ist hier im Hause etwas los? Ich bekam
+ein Briefchen von Ihnen.
+
+*Frau Solneß* (erhebt sich). Jawohl, es ist etwas, worüber ich
+notwendig mit Ihnen reden muß.
+
+*Herdal*. Gut. Dann gehen wir vielleicht hinein. (Zu Hilde.) Heute
+auch in Gebirgsuniform, Fräulein?
+
+*Hilde* (steht auf, lustig). Freilich! In vollem Wichs! Heut will
+ich aber nicht in die Höhe, um mir's Genick zu brechen. Wir beide,
+Doktor, wir bleiben hübsch da und sehen uns das Ding von unten an.
+
+*Herdal*. _Was_ sollen wir uns ansehen?
+
+*Frau Solneß* (erschrocken, leise zu Hilde). Still, still -- um
+Gottes willen! Da kommt er. Sehen Sie doch zu, daß Sie ihn von dem
+Einfall abbringen. Und seien wir Freundinnen, Fräulein Wangel.
+Können wir das nicht sein?
+
+*Hilde* (fällt ihr stürmisch um den Hals). Ach, könnten wir das nur!
+
+*Frau Solneß* (macht sich gelinde los). So -- lassen Sie es nur gut
+sein! Da kommt er, Doktor! Ich möchte mit Ihnen reden.
+
+*Herdal*. Betrifft es _ihn_?
+
+*Frau Solneß*. Ja freilich betrifft es _ihn_. Gehen wir nur hinein.
+
+*Frau Solneß* und *Doktor Herdal* (gehen ins Haus hinein).
+
+*Baumeister Solneß* (kommt fast gleichzeitig die Gartentreppe
+herauf).
+
+
+ Dritter Auftritt.
+
+*Solneß*. *Hilde Wangel*.
+
+*Hilde* (nimmt einen ernsten Ausdruck an).
+
+*Solneß* (mit einem Blick auf die Thür, die behutsam von innen
+zugemacht wird). Haben Sie bemerkt, Hilde, daß sie weggeht, sobald
+ich komme?
+
+*Hilde*. Ich habe bemerkt, daß Sie sie weg_scheuchen_, sobald Sie
+kommen.
+
+*Solneß*. Mag sein. Dafür kann ich aber nichts. (Er sieht sie
+aufmerksam an.) Frieren Sie, Hilde? Sie sehen wenigstens so aus.
+
+*Hilde*. Ich kam soeben von einem Grabgewölbe herauf.
+
+*Solneß*. Was soll das heißen?
+
+*Hilde*. Daß es mich frostig angeweht hat, Baumeister.
+
+*Solneß* (langsam). Ich glaube, ich verstehe --
+
+*Hilde*. Weswegen sind Sie jetzt hier?
+
+*Solneß*. Ich sah da drüben, daß Sie hier waren.
+
+*Hilde*. Dann sahen Sie aber auch _sie_?
+
+*Solneß*. Ich wußte, daß sie gleich gehen würde, wenn ich käme.
+
+*Hilde*. Thut Ihnen das recht leid, daß sie Ihnen so aus dem Wege
+geht?
+
+*Solneß*. Gewissermaßen empfinde ich es auch als eine Erleichterung.
+
+*Hilde*. Daß Sie sie nicht unmittelbar vor Augen haben?
+
+*Solneß*. Jawohl.
+
+*Hilde*. Daß Sie nicht immer wieder sehen, wie sie sich die
+Geschichte mit den Kleinen zu Herzen nimmt?
+
+*Solneß*. Ja. Darum am meisten.
+
+*Hilde* (geht, die Hände auf dem Rücken, zum Geländer hin, bleibt
+dort stehen und blickt über den Garten hinaus).
+
+*Solneß* (nach einer kurzen Pause). Sprachen Sie lange mit ihr?
+
+*Hilde* (steht unbeweglich da, ohne zu antworten).
+
+*Solneß*. _Lange_, frag ich?
+
+*Hilde* (schweigt).
+
+*Solneß*. Wovon redete sie denn, Hilde?
+
+*Hilde* (schweigt noch immer).
+
+*Solneß*. Die arme Aline! Es wird wohl von den Kleinen gewesen sein.
+
+*Hilde* (wird von einem nervösen Zucken durchfahren, dann nickt sie
+schnell ein paar Mal hintereinander).
+
+*Solneß*. Sie verwindet es niemals. Ihr Lebtag verwindet sie's
+nicht. (Er nähert sich Hilde.) Jetzt stehen Sie wieder da wie eine
+Salzsäule. So standen Sie gestern Abend auch da.
+
+*Hilde* (dreht sich um und sieht ihn mit großen Augen an). Ich reise
+ab.
+
+*Solneß* (in scharfem Ton). Sie reisen ab!
+
+*Hilde*. Ja.
+
+*Solneß*. Das erlaube ich aber nicht!
+
+*Hilde*. Was soll ich jetzt noch _hier_?
+
+*Solneß*. Nur daß Sie _da_ sind, Hilde!
+
+*Hilde* (mißt ihn mit dem Blick). Wär nicht übel. Dabei würde es
+wohl kaum sein Bewenden haben.
+
+*Solneß* (unüberlegt). Um so besser!
+
+*Hilde* (heftig). Ich _kann_ nichts Böses vorhaben gegen eine, die
+ich _kenne_! Ich kann ihr nichts nehmen, was ihr gehört.
+
+*Solneß*. Wer sagt denn, daß Sie das sollen?
+
+*Hilde* (ohne zu antworten). Bei einer Fremden, ja! Das ist etwas
+ganz anderes. Wenn's eine wäre, die ich in meinem Leben nie gesehen
+hätte. Aber bei einer, der ich nahe gekommen bin --! Nein! O nein!
+Pfui!
+
+*Solneß*. Ja, aber etwas anderes habe ich ja auch nicht gesagt!
+
+*Hilde*. Ach, Baumeister, Sie wissen recht gut, wie's gehen würde.
+Und darum reise ich auch ab.
+
+*Solneß*. Und was soll aus _mir_ werden, wenn Sie fort sind? Wofür
+habe ich nachher noch zu leben?
+
+*Hilde* (mit dem unbestimmbaren Ausdruck in den Augen). Mit _Ihnen_
+hat's jedenfalls keine Not. Sie haben ja Ihre Pflichten ihr
+gegenüber. Leben Sie doch für die Pflichten.
+
+*Solneß*. Zu spät. Diese Mächte -- diese -- diese --
+
+*Hilde*. Teufelchen --
+
+*Solneß*. Jawohl, die Teufelchen! Und der Unhold in mir auch. Die
+haben ihr alles Lebensblut abgezapft. (Er lacht in Verzweiflung.)
+_Meinem Glück_ zulieb thaten Sie es! Ja freilich! (Schwermütig.) Und
+jetzt ist sie tot -- um meinetwillen. Und ich bin bei lebendigem
+Leibe an die Tote gekettet. (In wilder Angst.) _Ich_ -- _ich_, der
+ein freudeloses Leben nicht tragen _kann_!
+
+*Hilde* (geht auf die andere Seite des Tisches hinüber und setzt
+sich auf die Bank; die Ellbogen auf der Tischplatte ruhend, den Kopf
+auf die Hände gestützt, sieht sie ihn eine Weile schweigend an). Was
+werden Sie denn das nächste Mal bauen?
+
+*Solneß* (schüttelt den Kopf). Glaub nicht, daß es was rechtes mehr
+wird.
+
+*Hilde*. Keine so trauliche glückliche Heimstätten für Mutter und
+Vater? Und für die Kinderschar?
+
+*Solneß*. Möchte wissen, ob so was vonnöten sein wird hernach.
+
+*Hilde*. Armer Baumeister! Und da haben Sie volle zehn Jahre daran
+gearbeitet -- das Leben sozusagen darauf eingesetzt -- nur darauf.
+
+*Solneß*. Da haben Sie recht, Hilde.
+
+*Hilde* (platzt heraus). Ach, wie kommt mir doch das alles so albern
+vor! Wirklich so albern --!
+
+*Solneß*. Was meinen Sie?
+
+*Hilde*. Daß einer nach seinem eigenen Glück nicht greifen darf.
+Nach seinem eigenen Leben nicht! Bloß weil jemand dazwischen steht,
+den man kennt!
+
+*Solneß*. Jemand, an dem man nicht vorbei darf.
+
+*Hilde*. Ich möchte wissen, ob man das im Grunde nicht _dürfte_.
+Aber trotzdem -- Ach, wenn man doch die ganze Geschichte verschlafen
+könnte! (Sie legt die Arme flach auf den Tisch, läßt die linke Seite
+des Kopfes auf den Händen ruhen und schließt die Augen.)
+
+*Solneß* (dreht den Lehnstuhl um und setzt sich an den Tisch). Haben
+_Sie_ ein trauliches glückliches Heim, Hilde -- droben bei Ihrem
+Vater?
+
+*Hilde* (unbeweglich, antwortet gleichsam halb schlafend). Nur
+einen Käfig hatte ich.
+
+*Solneß*. Und Sie wollen durchaus nicht wieder hinein?
+
+*Hilde* (wie oben). Der Waldvogel will nie hinein in den Käfig.
+
+*Solneß*. Lieber jagen in freier Luft --
+
+*Hilde* (noch immer wie oben). Der Raubvogel jagt am liebsten.
+
+*Solneß* (läßt den Blick auf ihr ruhen). Wer doch Wikingertrotz im
+Leibe hätte --
+
+*Hilde* (mit ihrer gewöhnlichen Stimme, indem sie die Augen
+aufschlägt, sich aber nicht rührt). Und das andere? Nennen Sie's!
+
+*Solneß*. Ein robustes Gewissen.
+
+*Hilde* (richtet sich lebhaft auf der Bank empor; ihre Augen haben
+aufs neue den freudefunkelnden Ausdruck; sie nickt ihm zu). Ich weiß,
+was Sie das nächste Mal bauen werden!
+
+*Solneß*. Da wissen Sie mehr, als ich selber, Hilde.
+
+*Hilde*. Ja, die Baumeister, die sind ja so dumm.
+
+*Solneß*. Und was wird's denn werden?
+
+*Hilde* (nickt wieder). Das Schloß.
+
+*Solneß*. Was für ein Schloß?
+
+*Hilde*. _Mein_ Schloß natürlich.
+
+*Solneß*. Jetzt wollen Sie gar ein Schloß haben?
+
+*Hilde*. Sind Sie mir nicht ein Königreich schuldig, wenn ich fragen
+darf?
+
+*Solneß*. Das behaupten Sie wenigstens.
+
+*Hilde*. Schön. Das Königreich sind Sie mir also schuldig. Und zu
+einem Königreich gehört doch wohl ein Schloß, soviel ich weiß.
+
+*Solneß* (immer aufgeräumter). Ja, das pflegt ja sonst der Fall zu
+sein.
+
+*Hilde*. Gut, dann bauen Sie mir's also! Gleich!
+
+*Solneß* (lachend). So auf der Stelle? -- Das auch noch?
+
+*Hilde*. Freilich! Denn jetzt sind sie um -- die zehn Jahre. Und ich
+will nicht länger warten. Also -- heraus mit dem Schloß, Baumeister!
+
+*Solneß*. Es ist kein Spaß, Ihnen etwas schuldig zu sein, Hilde.
+
+*Hilde*. Das hätten Sie früher bedenken sollen. Jetzt ist es zu
+spät. Also -- (sie klopft auf die Tischplatte) das Schloß auf den
+Tisch! Es ist _mein_ Schloß! _Gleich_ will ich's haben!
+
+*Solneß* (mehr im Ernst, beugt sich näher zu ihr hinüber, die Arme
+auf dem Tisch). Wie haben Sie sich denn eigentlich das Schloß
+vorgestellt, Hilde?
+
+*Hildes* (Blick verschleiert sich allmählich; sie starrt gleichsam
+in sich selbst hinein). Mein Schloß soll hoch oben liegen. Sehr hoch
+soll es liegen. Und frei nach allen Seiten hin. So daß ich weit
+hinausblicken kann -- weit hinaus.
+
+*Solneß*. Und ein hoher Turm soll wohl dazu gehören?
+
+*Hilde*. Ein ungeheuer hoher Turm. Und ganz oben auf dem Turm ein
+Söller. Und auf dem will ich stehen --
+
+*Solneß* (greift sich unwillkürlich an die Stirn). Daß Sie daran
+Gefallen finden können, in so schwindelerregender Höhe zu stehen --
+
+*Hilde*. O gewiß! Gerade dort oben will ich stehen und die andern
+ansehen -- die, die Kirchen bauen. Und Heimstätten für Mutter und
+Vater und die Kinderschar. Und _Sie_ dürfen auch hinaufkommen und
+sich's ansehen.
+
+*Solneß* (gedämpft). Darf der Baumeister zur Prinzessin hinaufkommen?
+
+*Hilde*. Wenn der Baumeister _will_.
+
+*Solneß* (noch leiser). Dann, glaube ich, kommt der Baumeister.
+
+*Hilde* (nickt). Der Baumeister -- der kommt.
+
+*Solneß*. Wird aber nie mehr bauen -- der arme Baumeister.
+
+*Hilde* (lebhaft). Doch. Zu zweien werden wir sein. Und dann bauen
+wir das Herrlichste -- das Allerherrlichste, was es auf Erden giebt.
+
+*Solneß* (gespannt). Hilde -- sagen Sie mir, was das ist!
+
+*Hilde* (sieht ihn lächelnd an, schüttelt den Kopf ein wenig, spitzt die
+Lippen und spricht wie zu einem Kinde). Die Baumeister -- die sind
+sehr -- sehr dumme Leute.
+
+*Solneß*. Ja freilich sind sie dumm. Aber jetzt sagen Sie mir, was
+das ist! Das, was Sie das Herrlichste auf Erden nennen. Und was wir
+zwei miteinander bauen sollen?
+
+*Hilde* (schweigt eine Weile, dann sagt sie mit einem unbestimmbaren
+Ausdruck in den Augen). Luftschlösser.
+
+*Solneß*. Luftschlösser?
+
+*Hilde* (nickt). Luftschlösser, jawohl! Wissen Sie, was so ein
+Luftschloß für ein Ding ist?
+
+*Solneß*. Sie sagen ja, es ist das Herrlichste auf Erden.
+
+*Hilde* (erhebt sich heftig und macht eine wegwerfende Handbewegung).
+Ja, versteht sich! Luftschlösser -- die sind ja so bequeme
+Zufluchtsorte. Und auch so bequem zu bauen (sie sieht ihn höhnisch
+an), besonders für die Baumeister, die ein -- schwindliges Gewissen
+haben.
+
+*Solneß* (erhebt sich). Von heute an bauen wir zwei miteinander,
+Hilde.
+
+*Hilde* (mit einem halb zweifelnden Lächeln). So'n _richtiges_
+Luftschloß?
+
+*Solneß*. Jawohl. Mit einer Grundmauer darunter.
+
+*Ragnar Brovik* (kommt aus dem Hause heraus; er trägt einen
+großen grünen Kranz, der mit Blumen und Seidenbändern geschmückt
+ist).
+
+
+ Vierter Auftritt.
+
+*Die Vorigen*. *Ragnar Brovik*.
+
+*Hilde* (mit einem Freudenausbruch). Der Kranz! O das wird
+entsetzlich schön werden!
+
+*Solneß* (verwundert). Kommen denn _Sie_ mit dem Kranz, Ragnar?
+
+*Ragnar*. Ich hatte es dem Werkmeister versprochen.
+
+*Solneß* (erleichtert). Nun, dann geht's jedenfalls Ihrem Vater
+besser?
+
+*Ragnar*. Nein.
+
+*Solneß*. Ermunterte ihn das nicht, was ich geschrieben hatte?
+
+*Ragnar*. Es kam zu spät.
+
+*Solneß*. Zu spät!
+
+*Ragnar*. Als sie es mitbrachte, war er nicht mehr bei Besinnung. Er
+hatte einen Schlaganfall gehabt.
+
+*Solneß*. Aber so gehen Sie doch zu ihm heim! Seien Sie doch bei
+Ihrem Vater!
+
+*Ragnar*. Er braucht mich nicht mehr.
+
+*Solneß*. Aber Sie müssen doch wohl bei ihm sein.
+
+*Ragnar*. _Sie_ sitzt an seinem Bett.
+
+*Solneß* (etwas unsicher). Kaja?
+
+*Ragnar* (blickt ihn finster an). Kaja -- jawohl.
+
+*Solneß*. Gehen Sie nach Hause, Ragnar. Zu ihr sowohl, als zu ihm.
+Geben Sie _mir_ den Kranz.
+
+*Ragnar* (unterdrückt ein spöttisches Lächeln). Sie wollen doch
+nicht selber --?
+
+*Solneß*. Ich will selber damit hinüber gehen. (Er nimmt ihm den
+Kranz ab.) Und jetzt gehen Sie nach Hause. Wir haben Sie heute nicht
+nötig.
+
+*Ragnar*. Ich weiß, daß Sie mich hernach nicht nötig haben. Aber
+heute bleibe ich da.
+
+*Solneß*. Na, bleiben Sie da, wenn Sie's durchaus wollen.
+
+*Hilde* (am Geländer). Baumeister -- hier will ich mich hinstellen,
+um Ihnen zuzusehen.
+
+*Solneß*. Mir!
+
+*Hilde*. Das wird entsetzlich spannend werden.
+
+*Solneß* (gedämpft). Davon reden wir zwei später, Hilde. (Er geht
+mit dem Kranz fort, die Treppe hinab und durch den Garten hin.)
+
+
+ Fünfter Auftritt.
+
+*Ragnar Brovik*. *Hilde Wangel*.
+
+*Hilde* (blickt Solneß nach; darauf wendet sie sich zu Ragnar). Mir
+scheint, Sie hätten ihm schon mit ein paar Worten danken können.
+
+*Ragnar*. Ihm danken? _Dem_ hätte ich danken sollen?
+
+*Hilde*. Ja, das hätten Sie doch wahrhaftig thun sollen!
+
+*Ragnar*. Da müßte ich wohl eher noch _Ihnen_ danken.
+
+*Hilde*. Wie können Sie so was sagen?
+
+*Ragnar* (ohne ihr zu antworten). Aber nehmen Sie sich nur in acht,
+Fräulein! Denn _den_ kennen Sie noch nicht recht.
+
+*Hilde* (feurig). O _ich_ kenne ihn am allerbesten!
+
+*Ragnar* (lacht erbittert). Ihm danken, der mich jahrelang
+niedergehalten hat! Der den Vater dazu gebracht hat, an mir zu
+zweifeln. Der mich selber dazu gebracht hat -- Und das alles nur
+um --!
+
+*Hilde* (wie von einer Ahnung durchzuckt). Um --? Sagen Sie mir's
+gleich!
+
+*Ragnar*. Um sie bei sich behalten zu können.
+
+*Hilde* (springt auf ihn zu). Das Fräulein am Pult?
+
+*Ragnar*. Ja.
+
+*Hilde* (drohend, mit geballten Händen). Es ist nicht wahr! Sie
+verleumden ihn!
+
+*Ragnar*. Ich wollte es auch nicht glauben bis heute -- als sie's
+selber sagte.
+
+*Hilde* (wie außer sich). _Was_ sagte sie! Ich will's wissen! Gleich!
+Gleich!
+
+*Ragnar*. Sie sagte, er beherrschte ihr ganzes Sinnen und Trachten.
+Alle ihre Gedanken gehörten nur ihm allein. Sie sagt, daß sie
+niemals von ihm lassen kann. Daß sie hier bleiben will, wo _er_
+ist --
+
+*Hilde* (mit sprühenden Augen). Das darf sie nicht!
+
+*Ragnar* (gleichsam forschend). Wer wird sie daran hindern?
+
+*Hilde* (schnell). Er will's _auch_ nicht haben!
+
+*Ragnar*. Nein, natürlich nicht. Jetzt verstehe ich ja die ganze
+Geschichte. Hernach würde sie wohl nur -- lästig fallen.
+
+*Hilde*. Gar nichts verstehen Sie -- wenn Sie so was reden können!
+Nein, ich will Ihnen sagen, warum er das Fräulein festhielt.
+
+*Ragnar*. Und warum denn?
+
+*Hilde*. Um _Sie_ behalten zu können.
+
+*Ragnar*. Hat er Ihnen das gesagt?
+
+*Hilde*. Nein, es ist aber so! Es _muß_ so sein! (Ungestüm.) Ich
+will -- ich _will_, daß es so sein soll!
+
+*Ragnar*. Und gerade als _Sie_ kamen -- da ließ er sie fahren.
+
+*Hilde*. _Sie_ -- Sie selber sind's, den er hat fahren lassen! Was,
+glauben Sie wohl, kümmert der sich um fremde Fräulein?
+
+*Ragnar* (nachdenklich). Sollte er mich denn die ganze Zeit
+insgeheim gefürchtet haben?
+
+*Hilde*. _Der_ sich fürchten! So eingebildet sollten Sie denn doch
+nicht sein.
+
+*Ragnar*. O er muß doch schon lange gemerkt haben, daß _ich_ auch
+was tauge. Übrigens -- furchtsam -- das ist er nun einmal von Natur,
+wissen Sie.
+
+*Hilde*. _Er!_ Das machen Sie andern weis!
+
+*Ragnar*. Gewissermaßen _ist_ er furchtsam. Er, der große Baumeister.
+Andere Leute um ihr Lebensglück zu bringen -- wie er's meinem Vater
+und mir gethan hat -- davor hat er keine Furcht. Aber bloß ein
+armseliges Gerüst hinaufzuklettern -- Gott bewahre ihn vor so einem
+Wagestück!
+
+*Hilde*. O Sie hätten ihn nur so hoch oben sehen sollen -- so
+himmelhoch, wie ich ihn einmal gesehen habe!
+
+*Ragnar*. Das hätten Sie gesehen?
+
+*Hilde*. Ja, das kann ich Sie versichern. Und wie frei und kühn er
+dastand, als er den Kranz an der Wetterfahne befestigte!
+
+*Ragnar*. Ich weiß, daß er es _einmal_ in seinem Leben gewagt hat.
+Ein einziges Mal. Wir Jüngeren haben so oft davon gesprochen. Aber
+keine Macht der Welt wird ihn dazu bewegen, das Ding zu wiederholen.
+
+*Hilde*. Heute wiederholt er es!
+
+*Ragnar* (höhnisch). Glauben Sie doch das nicht.
+
+*Hilde*. Wir werden's schon erleben!
+
+*Ragnar*. Das werden weder Sie noch ich erleben.
+
+*Hilde* (unbändig). Ich _will_ es erleben! Ich will und muß es
+erleben!
+
+*Ragnar*. Er thut's aber nicht. Er getraut sich's einfach nicht.
+Denn die Schwäche hat er nun einmal -- er, der große Baumeister.
+
+*Frau Solneß* (kommt aus dem Hause auf die Veranda hinaus).
+
+
+ Sechster Auftritt.
+
+*Die Vorigen*. *Frau Solneß*.
+
+*Frau Solneß* (sieht sich um). Ist er nicht da? Wo ist er
+hingegangen?
+
+*Ragnar*. Herr Solneß ist drüben bei den Arbeitern.
+
+*Hilde*. Er ging mit dem Kranze hin.
+
+*Frau Solneß* (angstvoll). Mit dem Kranze! Ach Gott -- ach Gott!
+Herr Brovik -- Sie müssen zu ihm hinüber! Sorgen Sie dafür, daß er
+wieder herkommt!
+
+*Ragnar*. Soll ich ihm sagen, daß die gnädige Frau ihn zu sprechen
+wünschen?
+
+*Frau Solneß*. Ach ja, thun Sie das, bitte. -- Nein, nein -- sagen
+Sie ihm nichts von _mir_. Sagen Sie nur, es wäre jemand da. Und daß
+er gleich kommen müßte.
+
+*Ragnar*. Sehr wohl. Ich werde es ihm ausrichten, gnädige Frau. (Er
+geht fort, die Treppe hinab durch den Garten.)
+
+
+ Siebenter Auftritt.
+
+*Frau Solneß*. *Hilde Wangel*.
+
+*Frau Solneß*. Ach, Fräulein Wangel, Sie können sich nicht
+vorstellen, welche Angst ich seinetwegen ausstehe.
+
+*Hilde*. Ist denn die Sache gar so gefährlich?
+
+*Frau Solneß*. O das begreifen Sie doch. Denken Sie nur -- wenn es
+sein Ernst wäre! Wenn er nun wirklich auf das Gerüst hinaufstiege!
+
+*Hilde* (gespannt). Glauben Sie, daß er's thut?
+
+*Frau Solneß*. Ach, man kann ja nicht wissen, was ihm einfällt. Der
+könnte zu allem fähig sein.
+
+*Hilde*. Aha, _Sie_ glauben vielleicht auch, daß er nicht so -- so
+recht --?
+
+*Frau Solneß*. Ja, ich weiß wahrhaftig nicht mehr, was ich von ihm
+glauben soll. Der Doktor hat nur nämlich so vielerlei erzählt. Und
+wenn ich außerdem an gewisse Dinge denke, die ich ihn habe sagen
+hören --
+
+*Doktor Herdal* (steckt den Kopf durch die Thür).
+
+
+ Achter Auftritt.
+
+*Die Vorigen*. *Doktor Herdal*.
+
+*Herdal*. Kommt er nicht bald?
+
+*Frau Solneß*. Ich glaube, doch. Ich habe wenigstens nach ihm
+geschickt.
+
+*Herdal* (näher). Sie werden aber wohl hineingehen müssen, gnädige
+Frau --
+
+*Frau Solneß*. Nein, nein. Ich bleibe hier, um Halvard zu erwarten.
+
+*Herdal*. Es sind aber einige Damen gekommen --
+
+*Frau Solneß*. Ach Gott, das auch noch! Und gerade jetzt!
+
+*Herdal*. Sie möchten nämlich gar zu gern die Feierlichkeit mit
+ansehen.
+
+*Frau Solneß*. Ja, dann muß ich wohl doch zu ihnen hineingehen. Denn
+das ist ja meine Pflicht.
+
+*Hilde*. Könnten Sie sich denn nicht bei den Damen entschuldigen
+lassen?
+
+*Frau Solneß*. Nein, das geht durchaus nicht an. Da sie nun einmal
+gekommen sind, ist es ja meine Pflicht, sie zu empfangen. Bleiben
+aber _Sie_ draußen derweile -- und reden Sie mit ihm, wenn er kommt.
+
+*Herdal.* Und halten Sie ihn durch Gespräch auf, so lange es nur
+möglich ist.
+
+*Frau Solneß*. Thun Sie das ja, liebes Fräulein Wangel. Halten Sie
+ihn so fest, wie Sie nur können.
+
+*Hilde*. Wäre es nicht besser, wenn Sie das selber thäten?
+
+*Frau Solneß*. Du lieber Gott -- _meine_ Pflicht wäre es ja
+eigentlich. Wenn man aber Pflichten hat nach so vielen Seiten hin --
+
+*Herdal* (in den Garten hinausblickend). Da kommt er!
+
+*Frau Solneß*. Und in dem Augenblick muß ich gerade hinein.
+
+*Herdal* (zu Hilde). Sagen Sie ihm nichts davon, daß ich da bin.
+
+*Hilde*. O nein! Ich werde schon etwas anderes ausfindig machen,
+worüber ich mit dem Baumeister schwatzen kann.
+
+*Frau Solneß*. Und halten Sie ihn ja fest. Ich glaube, _Sie_ können
+das am besten.
+
+*Frau Solneß* und *Doktor Herdal* (gehen ins Haus hinein).
+
+*Hilde* (bleibt auf der Veranda stehen).
+
+*Baumeister Solneß* (kommt die Gartentreppe hinauf).
+
+
+ Neunter Auftritt.
+
+*Solneß*. *Hilde Wangel*.
+
+*Solneß*. Es soll jemand da sein, höre ich, der mich sprechen will.
+
+*Hilde*. Jawohl, das bin ich, Baumeister.
+
+*Solneß*. So, _Sie_ sind's, Hilde. Ich fürchtete schon, es könnten
+Aline und der Doktor sein.
+
+*Hilde*. _Sie_ sind gewiß überhaupt recht furchtsam!
+
+*Solneß*. Glauben Sie?
+
+*Hilde*. Die Leute sagen, Sie fürchten sich davor, auf den Gerüsten
+herumzukrabbeln.
+
+*Solneß*. Nun, mit _dem_ Ding hat's so seine eigene Bewandtnis.
+
+*Hilde*. Aber sich davor fürchten -- das thun Sie also?
+
+*Solneß*. Ja, das thue ich.
+
+*Hilde*. Fürchten Sie, daß Sie herunterfallen könnten und sich's
+Genick brechen?
+
+*Solneß*. Nein, das nicht.
+
+*Hilde*. Was denn aber?
+
+*Solneß*. Ich fürchte die Wiedervergeltung, Hilde.
+
+*Hilde*. Die Wiedervergeltung? (Sie schüttelt den Kopf.) Das
+verstehe ich nicht.
+
+*Solneß*. Setzen Sie sich. Dann werde ich Ihnen etwas erzählen.
+
+*Hilde*. Ja, thun Sie das! Gleich! (Sie setzt sich auf ein Taburett
+am Geländer und blickt ihn erwartungsvoll an.)
+
+*Solneß* (wirft seinen Hut auf den Tisch). Sie wissen ja -- das
+erste, womit ich anfing, das waren Kirchenbauten.
+
+*Hilde* (nickt). Das weiß ich.
+
+*Solneß*. Denn, sehen Sie, als Junge war ich in einem frommen Hause
+auf dem Lande aufgewachsen. Und da meinte ich denn, es könnte für
+mich gar nichts Höheres geben, als diese Kirchenbauerei.
+
+*Hilde*. Ja, warum denn nicht?
+
+*Solneß*. Und das darf ich schon sagen -- ich baute diese kleinen
+ärmlichen Kirchen mit einem so ehrlichen und warmen und innigen
+Gemüt, daß -- daß --
+
+*Hilde*. Daß --? Nun?
+
+*Solneß*. Daß ich meine, er hätte wohl mit mir zufrieden sein können.
+
+*Hilde*. _Er?_ Welcher _er_?
+
+*Solneß*. Er, für den die Kirchen bestimmt waren, natürlich! Er, dem
+zum Ruhm und zu Ehren sie gebaut waren.
+
+*Hilde*. Ach so! Aber wissen Sie denn so bestimmt, daß -- daß er
+nicht -- so -- mit Ihnen zufrieden war?
+
+*Solneß* (höhnisch). _Er_ mit _mir_ zufrieden! Wie können Sie nur so
+reden, Hilde? Er, der es zuließ, daß der Unhold in mir herumrumorte
+nach eigenem Gutdünken. Er, der ihnen gebot an Ort und Stelle zu
+sein Tag und Nacht, um mir zu dienen -- all diesen -- diesen --
+
+*Hilde*. Teufelchen --
+
+*Solneß*. Jawohl, von allen Arten. O nein, das bekam ich schon zu
+fühlen, daß er mit mir nicht zufrieden war. (Geheimnisvoll.) _Das_,
+sehen Sie, war eigentlich der Grund, weshalb er das alte Haus
+niederbrennen ließ.
+
+*Hilde*. War _das_ der Grund?
+
+*Solneß*. Ja, begreifen Sie denn das nicht? Er wollte mir
+Gelegenheit bieten, ein ganzer Meister zu werden in meinem Fach --
+ihm um so ruhmvollere Kirchen zu bauen. Anfangs verstand ich nicht,
+wo er hinauswollte. Aber dann, auf einmal, ging mir ein Licht auf.
+
+*Hilde*. Wann war das?
+
+*Solneß*. Es war, als ich den Kirchturm baute droben in Lysanger.
+
+*Hilde*. Das dachte ich mir.
+
+*Solneß*. Denn, sehen Sie, Hilde, droben in dem fremden Städtchen,
+dort konnte ich meinen Grübeleien ungestört nachhängen. Und da sah
+ich's denn so klar, warum er mir meine Kleinen genommen hatte. Er
+hatte es gethan, damit ich von nichts anderem gebunden wäre. Nicht
+von so was wie Liebe und Glück, verstehen Sie. Ich sollte nur
+Baumeister sein. Nichts anderes. Und mein ganzes Leben sollte ich
+damit zubringen, für ihn zu bauen. (Er lacht.) Aber daraus wurde
+freilich nichts.
+
+*Hilde*. Was thaten Sie denn?
+
+*Solneß*. Zuerst erforschte und prüfte ich mich selbst --
+
+*Hilde*. Und dann?
+
+*Solneß*. Dann that ich das _Unmögliche_. _Ich_ wie _er_!
+
+*Hilde*. Das Unmögliche?
+
+*Solneß*. Ich hatte es niemals zuvor vertragen, hoch und frei
+hinaufzusteigen. Aber an _dem_ Tage konnte ich es.
+
+*Hilde* (springt auf). Ja, ja, das konnten Sie!
+
+*Solneß*. Und als ich ganz oben stand und den Kranz an die
+Wetterfahne hängte, da sprach ich zu ihm: jetzt höre mich an, du
+Mächtiger! Von heute an will ich auch freier Baumeister sein. Auf
+meinem Gebiet. Wie du auf dem deinigen. Nie mehr will ich Kirchen
+für dich bauen. Nur Heimstätten für Menschen.
+
+*Hilde* (mit großen funkelnden Augen). _Das_ war der Gesang, den ich
+hoch oben hörte.
+
+*Solneß*. Aber nachher bekam er Wasser auf seine Mühle.
+
+*Hilde*. Was meinen Sie _damit_?
+
+*Solneß* (sieht sie mißmutig an). Heimstätten für Menschen zu bauen
+-- das ist keine fünf Pfennig wert, Hilde.
+
+*Hilde*. So urteilen Sie jetzt?
+
+*Solneß*. Jetzt sehe ich's nämlich ein. Die Menschen haben die
+Heimstätten da gar nicht nötig. Jedenfalls nicht um glücklich zu
+sein. Und ich hätte auch so ein Heim nicht nötig gehabt. Wenn ich
+eins besessen hätte, heißt das. (Mit einem leisen erbitterten
+Lachen.) Sehen Sie, das ist der ganze Abschluß, soweit ich
+zurückblicke. Nichts gebaut, im Grunde genommen. Und auch nichts
+geopfert, um zum Bauen zu _kommen_. Nichts, gar nichts -- alles
+miteinander.
+
+*Hilde*. Und niemals wollen Sie etwas neues bauen hernach.
+
+*Solneß* (lebhaft). Doch, gerade jetzt will ich anfangen!
+
+*Hilde*. Was denn? Was denn? Sagen Sie mir's gleich!
+
+*Solneß*. Das einzige, von dem ich glaube, daß Menschenglück darin
+wohnen kann -- _das_ will ich jetzt bauen.
+
+*Hilde* (sieht ihn fest an). Baumeister -- jetzt denken Sie an
+unsere Luftschlösser.
+
+*Solneß*. An die Luftschlösser, jawohl.
+
+*Hilde*. Ich fürchte, es würde Ihnen schwindelig werden, ehe wir
+halbwegs kämen.
+
+*Solneß*. Nein, nicht wenn ich mit Ihnen Hand in Hand gehe, Hilde.
+
+*Hilde* (mit einem Anflug von unterdrücktem Zorn). Nur mit mir?
+Sollen denn nicht noch andere mit dabei sein?
+
+*Solneß*. Wer denn sonst noch, meinen Sie?
+
+*Hilde*. O -- zum Beispiel diese Kaja da am Pult. Das arme Ding --
+wollen Sie nicht die auch mitnehmen?
+
+*Solneß*. Aha. War _sie's_, von der Aline vorhin mit Ihnen redete?
+
+*Hilde*. Ist es wahr oder nicht?
+
+*Solneß* (heftig). Auf so was antworte ich Ihnen nicht! Ganz und
+unbedingt sollen Sie an mich glauben!
+
+*Hilde*. Zehn Jahre lang habe ich so felsenfest an Sie geglaubt.
+
+*Solneß*. Sie sollen fortfahren an mich zu glauben!
+
+*Hilde*. Ja, wenn ich Sie wieder oben sehe, hoch und frei!
+
+*Solneß* (schwermütig). Ach, Hilde -- so stehe ich nicht im
+Alltagsleben da.
+
+*Hilde* (leidenschaftlich). Ich will es! Ich will es! (Bittend.) Nur
+noch ein einziges Mal, Baumeister! Thun Sie das _Unmögliche_ noch
+einmal!
+
+*Solneß* (blickt sie tief an). _Wenn_ ich es versuche, Hilde, dann
+will ich oben zu ihm sprechen, wie ich's damals that.
+
+*Hilde* (in steigender Spannung). Was wollen Sie ihm sagen?
+
+*Solneß*. Ich will ihm sagen: höre mich, großmächtiger Herr -- du
+magst nun über mich urteilen nach eigenem Ermessen. Aber hernach
+baue ich bloß das Herrlichste auf Erden --
+
+*Hilde* (hingerissen). Ja -- ja!
+
+*Solneß*. Baue es mit einer Prinzessin zusammen, die ich lieb habe --
+
+*Hilde*. Ja, sagen Sie ihm das! Sagen Sie ihm das!
+
+*Solneß*. Gewiß. Und dann will ich ihm sagen: jetzt gehe ich
+hinunter und umschlinge sie mit den Armen und küsse sie --
+
+*Hilde*. Viele Male! Sagen Sie's!
+
+*Solneß*. Viele, viele Male, werde ich sagen.
+
+*Hilde*. Und dann --?
+
+*Solneß*. Dann schwenke ich meinen Hut und steige wieder hinunter
+auf die Erde -- und thue, wie ich ihm sagte.
+
+*Hilde* (mit ausgestreckten Armen). Jetzt sehe ich Sie wieder so,
+wie damals, als ich Gesang hörte hoch oben!
+
+*Solneß* (sieht sie mit gesenktem Kopfe an). Wie sind Sie zu dem
+geworden, was Sie sind, Hilde?
+
+*Hilde*. Wie haben Sie mich zu dem gemacht, was ich bin?
+
+*Solneß* (kurz und fest). Die Prinzessin soll ihr Schloß bekommen.
+
+*Hilde* (jubelnd, in die Hände klatschend). Ach, Baumeister --! Mein
+wunder -- wunderschönes Schloß! Unser Luftschloß!
+
+*Solneß*. Mit einer Grundmauer darunter.
+
+*Eine Menschenmenge* (die nur undeutlich zwischen den Bäumen
+erblickt wird, hat sich auf der Straße versammelt).
+
+(In der Ferne, hinter dem neuen Hause ertönt Musik von
+Blasinstrumenten.)
+
+*Frau Solneß* (die einen Pelzkragen um hat, *Doktor Herdal*, der
+ihren weißen Shawl auf dem Arme trägt, und *einige Damen* kommen auf
+die Veranda hinaus. *Ragnar Brovik* kommt gleichzeitig vom Garten
+hinauf).
+
+
+ Zehnter Auftritt.
+
+*Die Vorigen*. *Frau Solneß*. *Doktor Herdal*. *Ragnar Brovik*.
+*Einige Damen*.
+
+*Frau Solneß*. Soll es auch Musik geben?
+
+*Ragnar*. Jawohl, gnädige Frau. Es ist der Verein der Bauarbeiter.
+(Zu Solneß.) Der Werkführer läßt sagen, er wäre jetzt bereit, mit
+dem Kranze hinaufzugehen.
+
+*Solneß* (nimmt seinen Hut). Gut. Ich gehe selber hinüber.
+
+*Frau Solneß* (angstvoll). Was willst du drüben, Halvard?
+
+*Solneß* (kurz). Ich muß drunten sein bei den Leuten.
+
+*Frau Solneß*. Ja, drunten, nicht wahr? Nur drunten.
+
+*Solneß*. Ich bin's ja so gewohnt. So im Alltagsleben. (Er geht
+fort, die Treppe hinab, durch den Garten.)
+
+
+ Elfter Auftritt.
+
+*Die Vorigen* ohne Solneß.
+
+*Frau Solneß* (am Geländer, ruft ihm nach). Bitte aber doch ja den
+Mann, recht vorsichtig zu sein, wenn er hinauf soll! Versprich mir
+das, Halvard.
+
+*Herdal* (zu Frau Solneß). Sehen Sie nun, daß ich recht hatte? Er
+denkt nicht mehr an das tolle Zeug.
+
+*Frau Solneß*. Ach, wie ist mir's leicht ums Herz. Zweimal sind uns
+jetzt Leute heruntergefallen. Und beide waren auf der Stelle tot.
+(Sie wendet sich zu Hilde.) Herzlichen Dank, Fräulein Wangel, daß
+Sie ihn so gut festhielten. _Ich_ hätte ihn sicher nie herumgebracht.
+
+*Herdal* (lustig). Ja -- ja, Fräulein Wangel, _Sie_ verstehen schon
+einen festzuhalten, wenn Sie den Vorsatz haben!
+
+*Frau Solneß* und *Doktor Herdal* (gehen zu den *Damen* hin, die
+näher der Treppe stehen und über den Garten hinausblicken).
+
+*Hilde* (bleibt am Geländer im Vordergrund stehen).
+
+*Ragnar* (geht zu ihr hin, mit unterdrücktem Lachen, halblaut).
+Fräulein -- sehen Sie alle die jungen Leute draußen auf der Straße?
+
+*Hilde*. Gewiß.
+
+*Ragnar*. Es sind die Kameraden, die gekommen sind, um sich den
+Meister anzusehen.
+
+*Hilde*. Warum wollen sie ihn denn ansehen?
+
+*Ragnar*. Sie wollen mit ansehen, wie er sich nicht getraut, auf
+sein eigenes Haus hinaufzusteigen.
+
+*Hilde*. So, _das_ wollen die grünen Jungen!
+
+*Ragnar* (mit höhnischem Grollen). Der hat uns jetzt so lange unten
+gehalten. Nun wollen wir uns ansehen, wie _er_ auch einmal
+gefälligst unten bleibt.
+
+*Hilde*. Das bekommen Sie nicht zu sehen. Diesmal nicht.
+
+*Ragnar* (lächelt). So? Wo bekommen wir ihn denn zu sehen?
+
+*Hilde*. Hoch -- hoch oben an der Wetterfahne werden Sie ihn sehen!
+
+*Ragnar* (lacht). Der! Wer's glaubt, wird selig!
+
+*Hilde*. Er _will_ auf die Turmspitze und folglich werden Sie ihn
+dort auch sehen.
+
+*Ragnar*. Er _will_, jawohl! Das glaub ich sehr gern. Er _kann_ aber
+einfach nicht. Es würde ihm wirr im Kopfe werden, lange bevor er
+halbwegs käme. Er müßte herunterkriechen auf allen Vieren!
+
+*Herdal* (hinüber zeigend). Sehen Sie! Da klimmt der Werkführer die
+Leitern hinauf.
+
+*Frau Solneß*. Und dann hat er wohl auch noch den Kranz zu tragen.
+Ach, wenn er sich doch jetzt nur in acht nähme!
+
+*Ragnar* (starrt ungläubig hin und ruft). Aber das ist ja --!
+
+*Hilde* (in Jubel ausbrechend). Es ist der Baumeister selber!
+
+*Frau Solneß* (schreit entsetzt auf). Ja, es ist Halvard! Ach! du
+lieber Gott --! Halvard! Halvard!
+
+*Herdal*. Still! Rufen Sie ihn nicht!
+
+*Frau Solneß* (halb von Sinnen). Ich will zu ihm hin! Er muß
+herunterkommen!
+
+*Herdal* (hält sie fest). Niemand darf sich rühren! Keinen Laut!
+
+*Hilde* (unbeweglich, folgt Solneß mit den Augen). Er steigt,
+steigt. Immer höher. Immer höher. Sehen Sie! Sehen Sie nur!
+
+*Ragnar* (in atemloser Spannung). Jetzt _muß_ er umkehren. Da ist
+nichts anderes möglich.
+
+*Hilde*. Er steigt, steigt. Jetzt ist er bald oben.
+
+*Frau Solneß*. O ich vergehe vor Angst. Ich halte den Anblick nicht
+aus!
+
+*Herdal*. Dann sehen Sie doch nicht hin.
+
+*Hilde*. Da steht er auf den obersten Brettern! Ganz oben!
+
+*Herdal*. Niemand darf sich rühren. Hören Sie!
+
+*Hilde* (jubelt in stiller Innigkeit). Endlich! Endlich! Jetzt sehe
+ich ihn wieder groß und frei!
+
+*Ragnar* (fast sprachlos). Aber das ist ja --
+
+*Hilde*. So habe ich ihn vor mir gesehen alle die zehn Jahre lang.
+Wie sicher er dasteht! Entsetzlich spannend ist es trotzdem. Sehen
+Sie! Jetzt hängt er den Kranz um die Turmspitze!
+
+*Ragnar*. Das ist, wie wenn man etwas ganz Unmögliches mit ansähe.
+
+*Hilde*. Ja, das ist ja eben das _Unmögliche_, was er jetzt thut!
+(Mit unbestimmbarem Ausdruck in den Augen.) Sehen Sie jemand anderen
+bei ihm droben?
+
+*Ragnar*. Es ist kein anderer da.
+
+*Hilde*. Doch, da ist einer, mit dem er Worte wechselt.
+
+*Ragnar*. Sie irren sich.
+
+*Hilde*. Und den Gesang hoch oben, den hören Sie auch nicht?
+
+*Ragnar*. Es muß der Wind in den Baumwipfeln sein.
+
+*Hilde*. Ich höre den Gesang. Einen gewaltigen Gesang! (Sie ruft in
+wildem Jubel.) Da, da! Jetzt schwenkt er den Hut! Er grüßt herunter!
+Ach, so grüßt ihn doch wieder! Denn jetzt, jetzt ist es vollbracht!
+(Sie entreißt dem Doktor den weißen Shawl, schwenkt ihn und schreit
+aufwärts.) Es lebe der Baumeister Solneß!
+
+*Herdal*. Hören Sie auf! Hören Sie auf! Um Gottes willen --!
+
+*Die Damen* (auf der Veranda schwenken die Taschentücher).
+
+(Von der Straße her ertönen Hochrufe; plötzlich verstummen sie, und
+die Volksmenge bricht in einen Schrei des Entsetzens aus; zwischen
+den Bäumen sieht man deutlich, wie ein Menschenkörper mit Brettern
+und Holzstücken zusammen herunterstürzt.)
+
+*Frau Solneß* und die *Damen* (gleichzeitig). Er fällt! Er fällt!
+
+*Frau Solneß* (schwankt, sinkt ohnmächtig nach rückwärts und wird
+unter allgemeinem Rufen und Wirrwarr von den Damen aufgefangen).
+
+*Die Menschenmenge* (auf der Straße durchbricht den Zaun und stürmt
+in den Garten hinein).
+
+*Herdal* (eilt gleichfalls hinunter).
+
+(Kurze Pause.)
+
+*Hilde* (starrt unverwandt aufwärts und sagt wie versteinert:)
+_Mein_ Baumeister.
+
+*Ragnar* (hält sich zitternd am Geländer fest). Er muß zerschmettert
+sein. Auf der Stelle getötet.
+
+*Eine Dame* (während Frau Solneß in das Haus hineingetragen wird).
+Laufen Sie zum Doktor hinunter --
+
+*Ragnar*. Kann kein Glied rühren --
+
+*Eine andere Dame*. Dann rufen Sie doch wenigstens jemandem zu!
+
+*Ragnar* (versucht zu rufen). Wie steht's? Ist er am Leben?
+
+*Eine Stimme* (vom Garten her). Der Baumeister ist tot!
+
+*Andere Stimmen* (näher). Der ganze Kopf zerschmettert. Gerade in
+den Steinbruch heruntergefallen.
+
+*Hilde* (wendet sich zu Ragnar und sagt leise): Jetzt kann ich ihn
+droben nicht sehen.
+
+*Ragnar*. Entsetzlich war das. Er vermochte es also doch nicht.
+
+*Hilde* (wie in stillem irrem Triumph). Aber bis zur Spitze kam er.
+Und ich _hörte_ Harfen hoch oben. (Sie schwenkt den Shawl aufwärts
+und schreit mit wilder Innigkeit.) _Mein_ -- _mein_ Baumeister!
+
+
+ _Ende._
+
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+[Hinweis der Bearbeiter:
+Offensichtliche Satzfehler wurden berichtigt. *Fettgedruckter* und
+_gesperrter_ Text ist im e-Book entsprechend wiedergegeben.]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Baumeister Solneß, by Henrik Ibsen
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BAUMEISTER SOLNEß ***
+
+***** This file should be named 23679-8.txt or 23679-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/2/3/6/7/23679/
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Uta Theiling and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
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+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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