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diff --git a/23679-8.txt b/23679-8.txt new file mode 100644 index 0000000..6039581 --- /dev/null +++ b/23679-8.txt @@ -0,0 +1,5331 @@ +The Project Gutenberg EBook of Baumeister Solneß, by Henrik Ibsen + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Baumeister Solneß + Schauspiel in drei Aufzügen + +Author: Henrik Ibsen + +Translator: Sigurd Ibsen + +Release Date: December 2, 2007 [EBook #23679] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BAUMEISTER SOLNEß *** + + + + +Produced by Norbert H. Langkau, Uta Theiling and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + + + Baumeister Solneß. + + _Schauspiel in drei Aufzügen_ + + von + + Henrik Ibsen. + + + Deutsch von + + Sigurd Ibsen. + + * * * * * * * + + +Einzige vom Verfasser autorisierte deutsche Ausgabe. + + Leipzig. + + Druck und Verlag von Philipp Reclam jun. + + + Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. + + + * * * * * * * + +Für sämtliche Bühnen im ausschließlichen Debit von _Felix Bloch +Erben_ in Berlin, von welchen allein das Recht der Aufführung zu +erwerben ist. + +Für _Österreich-Ungarn_ ist das Aufführungsrecht nur durch +Dr. _O. F. Eirich_ in _Wien_ zu erwerben. + +Für _Großbritannien_ und die _englischen Kolonien_: Dr. _Sylvain +Mayer_, Rechtsanwalt, _London_, Temple E. C. I. Garden Court. + +Für _Amerika_: _Goldmark & Conried, New-York_, 13 W. 42 Street. + +Für _Schweden_, _Norwegen_ und _Finnland_: _Oskar Wijkander_, +Königlicher Hofintendant, _Stockholm_. + +Für _Dänemark_: _Henrik Hennings_, Königliche Hofmusikalienhandlung, +_Kopenhagen_. + +Für _Rußland_ und _Polen_: _P. Reldner_, Buch- und +Musikalienhandlung, _Riga_. + + + _Sigurd Ibsen_. _Felix Bloch Erben_. + + + * * * * * * * + * * * * * * + + + Baumeister Solneß. + + + * * * * * * + * * * * * * * + + + Personen. + + *Baumeister Halvard Solneß*. + *Frau Aline Solneß*, seine Gattin. + *Dr. Herdal*, Hausarzt. + *Knut Brovik*, ehemals Architekt, jetzt Assistent bei Solneß. + *Ragnar Brovik*, sein Sohn, Zeichner. + *Kaja Fosli*, seine Nichte, Buchhalterin. + *Fräulein Hilde Wangel*. + Einige Damen. + Volksmenge auf der Straße. + + + * * * * * * * + * * * * * * + * * * * * * * + + +_Ort der Handlung_: das Haus des Baumeisters Solneß. + + * * * * * * * + + Rechts und links vom Schauspieler. + + * * * * * * * + + + + + Erster Aufzug. + + +_Ein einfach ausgestattetes Arbeitszimmer beim Baumeister Solneß._ + +Eine Flügelthür an der Wand links führt zum Vorzimmer. Rechts ist +die Thür zu den inneren Räumen des Hauses. An der Hinterwand eine +offene Thür zum Zeichenzimmer. Im Vordergrund links ein Pult mit +Büchern, Briefschaften und Schreibmaterialien. Oberhalb der Thür ein +Ofen. In der Ecke rechts ein Sofa mit Tisch und ein paar Stühlen; +auf dem Tische Wasserkaraffe und Glas. Ein kleinerer Tisch mit +Schaukelstuhl und Lehnstuhl im Vordergrund rechts. Angezündete +Arbeitslampen auf dem Tische im Zeichenzimmer, auf dem Tische in der +Ecke und auf dem Pulte. + + _Rechts und links vom Schauspieler._ + + + Erster Auftritt. + +*Knut Brovik* und sein Sohn *Ragnar* sitzen im Zeichenzimmer mit +Konstruktionen und Berechnungen beschäftigt. Knut Brovik ist ein +schmächtiger alter Mann mit weißem Haar und Bart; er trägt einen +etwas fadenscheinigen, aber sauber gehaltenen schwarzen Rock, eine +Brille und eine weiße, etwas vergilbte Halsbinde. Ragnar Brovik ist +in den dreißiger Jahren, gutgekleidet, blond, mit leicht vornüber +gebeugter Haltung. *Kaja Fosli*, steht im Arbeitszimmer am Pulte, im +Hauptbuche eintragend; sie ist ein zart gebautes junges Mädchen von +einigen zwanzig Jahren, aber von kränklichem Aussehen; ein grüner +Schirm schützt ihre Augen. Alle drei arbeiten eine Weile schweigend. + +*Knut Brovik* (erhebt sich plötzlich, wie von Angst getrieben, vom +Zeichentische, atmet tief und mit Mühe, indem er zur Thüröffnung +vorgeht). Nein, jetzt halt ich es bald nicht länger aus. + +*Kaja* (geht zu ihm hin). Es ist dir gewiß recht schlecht heut +Abend, Onkel? + +*Brovik*. Ach, mir scheint, es wird schlimmer von Tag zu Tag. + +*Ragnar* (hat sich erhoben und kommt näher). Du solltest lieber +heimgehen, Vater. Versuchen ein wenig zu schlafen -- + +*Brovik* (ungeduldig). Zu Bett gehen vielleicht? Willst du denn, daß +ich rein ersticke! + +*Kaja*. Aber dann mach doch einen kleinen Spaziergang. + +*Ragnar*. Ja, thu das. Ich begleite dich. + +*Brovik* (heftig). Ich geh nicht, ehe er kommt! Heut Abend red ich +grad heraus mit -- (in verbissener Wut) mit ihm -- dem Prinzipal. + +*Kaja* (angstvoll). Ach nein, Onkel -- warte doch ja damit! + +*Ragnar*. Ja, lieber warten, Vater. + +*Brovik* (holt mühsam Atem). Ha -- ha --! Ich hab wohl keine Zeit, +recht lange zu warten. + +*Kaja* (horchend). Still! Da hör ich ihn unten auf der Treppe! + +*Alle Drei* (gehen wieder an ihre Arbeit). + +(Kurze Pause.) + +*Baumeister Halvard Solneß* (tritt durch die Vorzimmerthür ein; er +ist ein etwas älterer Mann, gesund und kräftig, mit kurzgehaltenem, +krausem Haar, dunklem Schnurrbart und dunkeln dichten Augenbrauen, +trägt eine graugrüne zugeknöpfte Jacke mit Stehkragen und breiten +Aufschlägen, einen weichen grauen Filzhut und unter dem Arme ein +paar Mappen). + + + Zweiter Auftritt. + +*Die Vorigen*. *Solneß*. + +*Baumeister Solneß* (an der Thür, weist gegen das Zeichenzimmer hin +und fragt flüsternd). Sind sie fort? + +*Kaja* (leise, schüttelt den Kopf). Nein. (Sie legt den Augenschirm +ab.) + +*Solneß* (geht durchs Zimmer, wirft seinen Hut auf einen Stuhl, legt +die Mappen auf den Sofatisch und nähert sich dann wieder dem Pulte). + +*Kaja* (schreibt ununterbrochen, scheint aber nervös und unruhig). + +*Solneß* (laut). Was tragen Sie denn da ein, Fräulein? + +*Kaja* (zusammenfahrend). O es ist nur etwas, das -- + +*Solneß*. Lassen Sie mich sehen, Fräulein. (Er beugt sich über sie, +thut, als ob er im Hauptbuche nachsähe und flüstert:) Kaja? + +*Kaja* (schreibend, leise). Ja? + +*Solneß*. Warum nehmen Sie denn immer den Schirm da ab, wenn ich +komme? + +*Kaja* (wie oben). Ich sehe ja so häßlich aus damit. + +*Solneß* (lächelnd). Und das wollen Sie nicht, Kaja? + +*Kaja* (blickt halb zu ihm auf). Nicht um alles in der Welt. Nicht +in _Ihren_ Augen. + +*Solneß* (fährt ihr leicht über das Haar). Arme, arme kleine Kaja -- + +*Kaja* (senkt den Kopf). Still -- sie könnten Sie hören! + +*Solneß* (geht nachlässigen Schrittes nach rechts, kehrt um und +bleibt an der Thür des Zeichenzimmers stehen). War jemand da, der +nach mir gefragt hat? + +*Ragnar* (erhebt sich). Ja, die jungen Leute, die die Villa gebaut +haben wollen draußen bei Lövstrand. + +*Solneß* (brummend). Ach _die_? Ja, die müssen warten. Ich bin mit mir +selber noch nicht im Reinen über den Plan. + +*Ragnar* (näher, etwas zögernd). Es wäre ihnen so sehr daran gelegen, +die Zeichnungen bald zu bekommen. + +*Solneß* (wie oben). Ja, das versteht sich -- das wollen sie ja alle +miteinander! + +*Brovik* (aufblickend). Sie sehnten sich nämlich so über alle Maßen +danach, ihr eigenes Haus zu beziehen, sagten sie. + +*Solneß*. Jawohl, jawohl! Man kennt das! Und dann nehmen sie's so, +wie es sich gerade trifft. Schaffen sich so'ne -- 'ne Wohnung. Eine +Art von Zufluchtsort bloß. Aber kein Heim. Nein, ich danke! Mögen +sie sich dann lieber an einen andern wenden. Sagen Sie ihnen das, +wenn sie wiederkommen. + +*Brovik* (schiebt die Brille auf die Stirn hinauf und sieht ihn +stutzend an). An einen andern? Würden Sie die Arbeit abgeben? + +*Solneß* (ungeduldig). Ja, ja doch, zum Teufel! Wenn's durchaus sein +_muß_, dann -- Lieber das, als so ins Blaue hineinbauen. +(Herausplatzend.) Denn ich kenne ja die Leute noch so wenig! + +*Brovik*. Die Leute sind solid genug. Ragnar kennt sie. Er geht mit +der Familie um. Sehr solide Leute. + +*Solneß*. Ach, solid -- solid! Das ist's ja gar nicht, was ich meine. +Du lieber Gott -- verstehen auch _Sie_ mich jetzt nicht mehr? +(Heftig.) Ich will mit den fremden Menschen nichts zu schaffen haben. +Mögen sie sich meinetwegen wenden, an wen sie wollen. + +*Brovik* (erhebt sich). Ist das Ihr Ernst? + +*Solneß* (mürrisch). Jawohl. -- Für dies eine Mal. (Er geht durchs +Zimmer.) + +*Brovik* (wechselt einen Blick mit Ragnar). + +*Ragnar* (macht eine warnende Gebärde). + +*Brovik* (geht ins Vorderzimmer hinein). Gestatten Sie mir, ein paar +Worte mit Ihnen zu reden? + +*Solneß*. Sehr gern. + +*Brovik* (zu Kaja). Geh da hinein derweile, du. + +*Kaja* (unruhig). Ach, aber Onkel -- + +*Brovik*. Thu wie ich dir sage, Kind. Und schließ die Thüre hinter +Dir zu. + +*Kaja* (geht zögernd ins Zeichenzimmer hinein, wirft verstohlen +Solneß einen ängstlich bittenden Blick zu und schließt die Thür). + +*Brovik* (etwas gedämpft). Ich will nicht, daß die armen Kinder +erfahren, wie schlecht es mit mir steht. + +*Solneß*. Sie sehen auch wirklich recht elend aus in diesen Tagen. + +*Brovik*. Mit mir ist's bald vorbei. Die Kräfte nehmen ab -- von +einem Tag zum andern. + +*Solneß*. Setzen Sie sich ein wenig. + +*Brovik*. Wenn Sie erlauben? + +*Solneß* (rückt den Lehnstuhl ein wenig zurecht). Da, bitte. -- Nun? + +*Brovik* (hat mit Mühe Platz genommen). Ja, es handelt sich also um +das da mit Ragnar. _Das_ ist das allerschwerste. Was soll mit ihm +werden? + +*Solneß*. Ihr Sohn, der bleibt natürlich hier bei mir, so lange er +nur will. + +*Brovik*. Aber das ist's ja eben, was er nicht will. Nicht so recht +mehr _kann_ -- wie ihm scheint. + +*Solneß*. Nun, er wird denn doch ganz gut bezahlt, sollt ich meinen. +Sollte er aber mehr verlangen, wäre ich nicht abgeneigt, ihm -- + +*Brovik*. Nein, nein! Das ist's durchaus nicht. (Ungeduldig.) Aber +er muß doch auch einmal Gelegenheit bekommen, auf eigene Hand zu +arbeiten. + +*Solneß* (ohne ihn anzusehen). Glauben Sie, daß Ragnar dazu alle die +rechten Anlagen hat? + +*Brovik*. Nein, sehen Sie, das ist ja eben das Entsetzliche, daß ich +angefangen habe, an dem Jungen zu zweifeln. Denn Sie sagten ja nie +soviel wie -- wie ein ermunterndes Wort über ihn. Aber dann scheint's +mir wieder, es ist unmöglich anders. Er _muß_ die Anlagen haben. + +*Solneß*. Nun ja, er hat aber doch nichts gelernt -- recht gründlich. +Außer dem Zeichnen, versteht sich. + +*Brovik* (blickt ihn mit geheimem Hasse an und sagt mit heiserer +Stimme): _Sie_ hatten auch nicht recht viel vom Fach gelernt, damals, +als Sie bei mir im Dienste standen. Aber _Sie_ machten sich dennoch +auf den Weg. (Er holt mühselig Atem.) Und kamen vorwärts. Und +überholten sowohl mich wie -- wie so viele andere. + +*Solneß*. Ja, sehen Sie, das fügte sich nun so für _mich_. + +*Brovik*. Darin haben Sie recht. Alles fügte sich für Sie. Dann +können Sie's aber auch nicht übers Herz bringen, mich ins Grab gehen +zu lassen -- ehe ich sehe, wozu Ragnar taugt. Und dann möchte ich +die zwei ja auch gern verheiratet sehen -- ehe ich scheide. + +*Solneß* (unwirsch). Ist sie es, die's so haben will? + +*Brovik*. Kaja nicht so sehr. Aber Ragnar geht herum und redet jeden +Tag davon. (Bittend.) Sie _müssen_ -- Sie _müssen_ ihm jetzt zu +irgend einer selbständigen Arbeit verhelfen. Ich _muß_ etwas zu +sehen bekommen, was der Junge gemacht hat. Hören Sie? + +*Solneß* (gereizt). Aber ich kann doch, zum Teufel, keine +Bestellungen für ihn vom Mond herunterholen! + +*Brovik*. Er kann eine hübsche Bestellung bekommen, gerade jetzt. +Eine große Arbeit. + +*Solneß* (unruhig, stutzend). _Er?_ + +*Brovik*. Wenn Sie Ihre Zustimmung geben wollten. + +*Solneß*. Was ist denn das für eine Arbeit? + +*Brovik* (etwas zögernd). Er könnte die Villa zu bauen bekommen +draußen bei Lövstrand. + +*Solneß*. _Die!_ Aber die soll ich ja selber bauen! + +*Brovik*. Ach, Sie haben ja keine besondere Lust dazu. + +*Solneß* (auffahrend). Keine Lust! Ich! Wer darf das sagen? + +*Brovik*. Das sagten Sie ja selbst in diesem Augenblicke. + +*Solneß*. Ach was, achten Sie nie auf das, was ich so -- _sage_. -- +Kann Ragnar die Villa zu bauen bekommen? + +*Brovik*. Jawohl. Er kennt ja die Familie. Und dann hat er -- nur so +zum Spaß -- Zeichnungen gemacht und Überschläge und alles +miteinander -- + +*Solneß*. Und die Zeichnungen, mit denen sind sie zufrieden? Die +Leute, die da wohnen sollen? + +*Brovik*. Gewiß. Wenn bloß Sie sie durchsehen wollten und sie +gutheißen, dann -- + +*Solneß*. Dann würden sie Ragnar ihr Heim bauen lassen? + +*Brovik*. Es gefiel ihnen so ausnehmend gut, das, was er draus +machen wollte. Es schiene ihnen so etwas durchaus neues, sagten sie. + +*Solneß*. Aha! _Neues!_ Kein so altmodischer Plunder, wie _ich_ ihn +zu bauen pflege! + +*Brovik*. Es schien ihnen etwas _anderes_. + +*Solneß* (in unterdrückter Erbitterung). Ragnar war's also, zu dem +sie kamen, hier -- während ich fort war! + +*Brovik*. Sie kamen, um _Sie_ zu sprechen. Und dann um zu fragen, ob +Sie vielleicht geneigt wären zurückzutreten -- + +*Solneß*. Zurücktreten! Ich! + +*Brovik*. Im Falle Sie fänden, daß Ragnars Zeichnungen -- + +*Solneß*. Ich! Zurücktreten vor Ihrem Sohn! + +*Brovik*. Von der Verabredung zurücktreten, meinten sie. + +*Solneß*. Ach was, das kommt ja auf eins hinaus. (Er lacht +erbittert.) So, so! Halvard Solneß -- der soll jetzt anfangen +zurückzutreten! Platz machen denen, die da jünger sind. Den +Allerjüngsten vielleicht! Nur Platz machen! Platz! Platz! + +*Brovik*. Du lieber Gott, da ist doch wohl Platz genug für mehr als +einen Einzigen. + +*Solneß*. O so reichlicher Platz ist denn doch nicht da. Na, dem mag +nun sein wie ihm will. Aber ich trete niemals zurück! Weiche niemals +vor irgend jemand! Niemals freiwillig! Niemals bei meinen Lebzeiten +thu' ich so 'was! + +*Brovik* (erhebt sich mühsam). Soll ich denn aus dem Leben gehen +ohne Zuversicht? Ohne Freude? Ohne Glauben und Vertrauen in Ragnar? +Ohne ein einziges Werk von ihm zu sehen? Soll ich das? + +*Solneß* (wendet sich halb zur Seite und murmelt). Hm -- fragen Sie +doch jetzt nicht mehr. + +*Brovik*. Doch. Antworten Sie mir darauf. Soll ich so ganz in Armut +aus dem Leben gehen? + +*Solneß* (scheint mit sich selbst zu kämpfen; endlich sagt er mit +gedämpfter, aber fester Stimme). Sie müssen aus dem Leben gehen, wie +Sie's am besten wissen und können. + +*Brovik*. Mag's denn so sein. (Er geht durchs Zimmer.) + +*Solneß* (ihm nachgehend, halb verzweifelt). Ja, ich kann ja doch +nicht anders, verstehen Sie! Ich bin nun einmal so, wie ich bin! Und +umschaffen kann ich mich doch auch nicht! + +*Brovik*. Nein, nein -- das können Sie wohl nicht. (Er schwankt und +bleibt am Sofatisch stehen.) Gestatten Sie, daß ich ein Glas Wasser +trinke? + +*Solneß*. Bitte sehr. (Er schenkt ein und reicht ihm das Glas.) + +*Brovik*. Ich danke. (Er trinkt und stellt das Glas wieder hin.) + +*Solneß* (geht zur Thüre des Zeichenzimmers und öffnet sie). Ragnar +-- Sie müssen Ihren Vater nach Hause begleiten. + +*Ragnar* (erhebt sich rasch). + +*Ragnar* und *Kaja* (gehen ins Arbeitszimmer). + +*Ragnar*. Was giebt's, Vater? + +*Brovik*. Reich mir den Arm. Und jetzt gehen wir. + +*Ragnar*. Jawohl. Mach du dich auch fertig, Kaja. + +*Solneß*. Fräulein Fosli muß zurückbleiben. Nur einen kleinen +Augenblick. Ich habe einen Brief, der geschrieben werden muß. + +*Brovik* (mit einem Blick auf Solneß). Gute Nacht. Schlafen Sie wohl +-- wenn Sie können. + +*Solneß*. Gute Nacht. + +*Brovik* und *Ragnar* (ab durch die Vorzimmerthüre). + + + Dritter Auftritt. + +*Solneß*. *Kaja*. + +*Kaja* (geht an das Pult hin). + +*Solneß* (steht mit gesenktem Kopf rechts am Lehnstuhl). + +*Kaja* (unsicher). Ist's ein Brief? + +*Solneß* (kurz). Ach, keine Spur. (Er blickt sie rauh an.) Kaja! + +*Kaja* (angstvoll, leise). Ja? + +*Solneß* (weist befehlend mit dem Finger auf den Fußboden). +Herkommen! Gleich! + +*Kaja* (zögernd). Ja. + +*Solneß* (wie oben). Näher! + +*Kaja* (gehorcht). Was wollen Sie von mir? + +*Solneß* (blickt sie eine Weile an). Sind Sie's, der ich die +Geschichte zu verdanken habe? + +*Kaja*. Nein, nein, glauben Sie das ja nicht! + +*Solneß*. Aber heiraten -- das wollen Sie ja jetzt. + +*Kaja* (leise). Ragnar und ich sind schon vier -- fünf Jahre +verlobt, und da -- + +*Solneß*. Und da meinen Sie, es muß ein Ende nehmen. Ist's nicht so? + +*Kaja*. Ragnar und der Onkel sagen, ich _soll_. Und da muß ich mich +ja fügen. + +*Solneß* (in sanfterem Tone). Kaja, sind Sie nicht auch, im Grunde +genommen, Ragnar ein bißchen gut? + +*Kaja*. Ich war Ragnar sehr, sehr gut -- einmal. -- Ehe ich hierher +kam zu Ihnen. + +*Solneß*. Aber jetzt nicht mehr? Gar nicht mehr? + +*Kaja* (leidenschaftlich, faltet die Hände gegen ihn). Ach, Sie +wissen es ja, jetzt bin ich bloß einem einzigen gut! Keinem andern +in der ganzen Welt! Kann nie einem andern gut werden! + +*Solneß*. Ja, so sagen Sie. Und da gehen Sie trotzdem von mir fort. +Lassen mich hier mit allem allein. + +*Kaja*. Aber dürfte ich denn nicht bei Ihnen bleiben, wenn auch +Ragnar --? + +*Solneß* (abweisend). Nein, nein, das läßt sich durchaus nicht +machen. Geht Ragnar weg und fängt er an, auf eigene Hand zu arbeiten, +dann hat er Sie ja selber nötig. + +*Kaja* (ringt die Hände). Ach, mir kommt's vor, ich _kann_ mich von +Ihnen nicht trennen! Das ist doch so rein, rein unmöglich, kommt's +mir vor! + +*Solneß*. Dann sehen Sie zu, daß Sie Ragnar die dummen Einfälle da +aus dem Kopfe bringen. Heiraten Sie ihn, soviel Sie wollen -- (Er +verändert den Ton.) Ja, das heißt -- reden Sie ihm zu, daß er hier +bleibt in seiner guten Stellung bei mir. Dann kann ich ja auch Sie +behalten, liebe Kaja. + +*Kaja*. Ach ja, wie wunderschön war's, wenn sich's so machen ließe! + +*Solneß* (legt ihr beide Hände um den Kopf und flüstert). Denn ich +_kann's_ ohne Sie nicht aushalten, begreifen Sie. Ich muß Sie um +mich haben. Tag aus, Tag ein. + +*Kaja* (nervös hingerissen). Ach Gott! Ach Gott! + +*Solneß* (drückt ihr einen Kuß aufs Haar). Kaja -- Kaja! + +*Kaja* (sinkt vor ihm nieder). O wie gut sind Sie gegen mich! Wie +unsäglich gut sind Sie! + +*Solneß* (heftig). Stehen Sie auf! So stehen Sie doch auf, zum --! +Mir scheint, ich höre jemand! (Er hilft ihr auf.) + +*Kaja* (wankt ans Pult hin). + +*Frau Solneß* (erscheint in der Thüre rechts; sie ist mager und +sieht abgehärmt aus, zeigt aber Spuren einstiger Schönheit; sie +trägt blonde Hängelocken, ist elegant, vollständig schwarz gekleidet; +sie spricht etwas langsam und mit klagender Stimme). + + + Vierter Auftritt. + +*Die Vorigen*. *Frau Solneß*. + +*Frau Solneß* (in der Thüröffnung). Halvard! + +*Solneß* (dreht sich um). Ach, du bist's, liebe --? + +*Frau Solneß* (mit einem Blick auf Kaja). Ich komme gewiß recht +ungelegen, kann ich mir denken. + +*Solneß*. Durchaus nicht. Fräulein Fosli hat nur einen kleinen Brief +zu schreiben. + +*Frau Solneß*. Jawohl, das sehe ich. + +*Solneß*. Was wolltest du denn von mir, Aline? + +*Frau Solneß*. Ich wollte nur sagen, daß Doktor Herdal im Eckzimmer +drinnen ist. Kommst du vielleicht auch herein, Halvard? + +*Solneß* (blickt sie mißtrauisch an). Hm -- muß mich denn der Doktor +so notwendig sprechen? + +*Frau Solneß*. Nein, so notwendig gerade nicht. Er kam, mir einen +Besuch zu machen. Und dann möchte er natürlich dich auch begrüßen. + +*Solneß* (lacht leise). Kann mir's denken, jawohl. Na, dann mußt du +ihn bitten, sich ein wenig zu gedulden. + +*Frau Solneß*. So kommst du also zu ihm herein nachher? + +*Solneß*. Vielleicht. Nachher -- nachher, liebe Aline. Nach einer +kleinen Weile. + +*Frau Solneß* (wieder mit einem Blick auf Kaja). Gut, vergiß es aber +ja nicht, Halvard. (Sie zieht sich zurück und schließt die Thüre.) + + + Fünfter Auftritt. + +*Solneß*. *Kaja*. + +*Kaja* (leise). Ach Gott, ach Gott -- die gnädige Frau denkt gewiß +etwas schlechtes von mir! + +*Solneß*. Ach was, keinen Schein. Nicht mehr als gewöhnlich +wenigstens. Es ist aber doch am besten, wenn Sie jetzt gehen, Kaja. + +*Kaja*. Ja, ja, jetzt _muß_ ich gehen. + +*Solneß* (streng). Und dann bringen Sie also die andere Geschichte +da in Ordnung für mich. Hören Sie! + +*Kaja*. Ach, gebe Gott, daß es nur auf mich ankäme, dann -- + +*Solneß*. Ich _will's_ geordnet wissen, sage ich! Und morgen soll's +geschehen! + +*Kaja* (angstvoll). Geht's auf andere Weise nicht, will ich gern mit +ihm ein Ende machen. + +*Solneß* (auffahrend). Ein Ende machen! Sind Sie rein toll geworden! +Wollen Sie ein Ende machen? + +*Kaja* (verzweifelt). Lieber noch das. Denn ich _muß_ -- ich _muß_ +bei Ihnen bleiben dürfen! Ich _kann_ nicht von Ihnen gehen! Es wäre +ja rein -- rein unmöglich! + +*Solneß* (platzt heraus). Aber zum Teufel -- was wird's mit Ragnar! +Es ist ja eben Ragnar, den ich -- + +*Kaja* (sieht ihn mit erschreckten Augen an). Ist's hauptsächlich +wegen Ragnar, daß -- daß Sie --? + +*Solneß* (faßt sich). Ach nein, keine Spur, gewiß nicht! Sie +begreifen aber auch gar nichts. (Sanft und leise.) Sie sind's +natürlich, die ich dahaben will. Allererst Sie, Kaja. Aber gerade +darum müssen Sie Ragnar zureden, daß er auch in seiner Stellung +bleibt. Na, lassen Sie es gut sein -- und jetzt gehen Sie nach Hause. + +*Kaja*. Nun ja, gute Nacht also. + +*Solneß*. Gute Nacht. (Indem sie sich zum Gehen anschickt.) Ach, +hören Sie mal! Sind Ragnars Zeichnungen drinnen? + +*Kaja*. Ich glaube. Wenigstens bemerkte ich nicht, daß er sie +mitnahm. + +*Solneß*. Dann gehen Sie hinein -- und holen Sie sie mir. Ich könnte +Sie vielleicht doch ein bißchen ansehen. + +*Kaja* (erfreut). Ach, thun Sie das doch ja! + +*Solneß*. Um Ihretwillen, liebe Kaja. Na, holen Sie sie mir also +geschwind, hören Sie! + +*Kaja* (eilt ins Zeichenzimmer hinein, wühlt ängstlich in der +Schublade herum, holt eine Mappe hervor und bringt sie). Da sind +alle die Zeichnungen. + +*Solneß*. Schön. Legen Sie sie dorthin auf den Tisch. + +*Kaja* (legt die Mappe von sich). Gute Nacht also (bittend) und +denken Sie gut und lieb von mir. + +*Solneß*. Ach, das thue ich ja immer. Gute Nacht, liebe kleine Kaja. +(Er blickt verstohlen nach rechts.) So gehen Sie doch! + +*Frau Solneß* und *Doktor Herdal* (kommen durch die Thür rechts; +Herdal ist ein älterer, wohlbeleibter Herr mit rundem, zufriedenem +Gesicht, bartlos, hat dünnes helles Haar und trägt eine goldene +Brille). + + + Sechster Auftritt. + +*Die Vorigen*. *Frau Solneß*. *Doktor Herdal*. + +*Frau Solneß* (noch in der Thüröffnung). Halvard, jetzt kann ich den +Doktor nicht länger halten. + +*Solneß*. Na, kommen Sie nur herein. + +*Frau Solneß* (zu Kaja). Schon fertig mit dem Brief, Fräulein? + +*Kaja* (welche die Pultlampe herunterschraubt, verwirrt). Der +Brief --? + +*Solneß*. Es war nur ein ganz kurzer Brief. + +*Frau Solneß*. Recht kurz muß er gewesen sein. + +*Solneß*. Bitte, gehen Sie nur, Fräulein Fosli. Und dann sind Sie +morgen zu rechter Zeit wieder da. + +*Kaja*. Gewiß. -- Gute Nacht, gnädige Frau. (Ab durch die +Vorzimmerthür.) + +*Frau Solneß*. Du kannst recht froh sein, Halvard, daß du das +Fräulein da bekommen hast. + +*Solneß*. Ja freilich. Die läßt sich zu vielerlei Dingen verwenden. + +*Frau Solneß*. Es scheint so. + +*Herdal*. Tüchtig in der Buchführung nebenbei? + +*Solneß*. Na -- einige Übung hat sie sich immerhin angeeignet in den +zwei Jahren. Und dann ist sie gutmütig und willig zu allem, was man +von ihr verlangt. + +*Frau Solneß*. Das muß allerdings eine große Annehmlichkeit sein -- + +*Solneß*. Das ist's auch. Besonders wenn man nicht verwöhnt ist in +dieser Beziehung. + +*Frau Solneß* (mit mildem Vorwurf). Kannst du _das_ behaupten, +Halvard? + +*Solneß*. Ach nein, nein, liebe Aline. Ich bitte um Verzeihung. + +*Frau Solneß*. Keine Ursache. -- Also Doktor, Sie kommen nachher +wieder und trinken den Thee mit uns? + +*Herdal*. Sobald ich den Krankenbesuch da gemacht habe, komme ich. + +*Frau Solneß*. Sehr liebenswürdig. (Ab durch die Thüre rechts.) + + + Siebenter Auftritt. + +*Solneß*. *Doktor Herdal*. + +*Solneß*. Haben Sie Eile, Doktor? + +*Herdal*. Durchaus nicht. + +*Solneß*. Wir können also ein wenig miteinander plaudern? + +*Herdal*. Wird mir sehr angenehm sein. + +*Solneß*. Dann setzen wir uns. (Er weist dem Doktor den Platz im +Schaukelstuhl an und setzt sich selbst in den Lehnstuhl; mit einem +forschenden Blick.) Sagen Sie mir -- merkten Sie Aline etwas an? + +*Herdal*. Soeben, während sie hier war, meinen Sie? + +*Solneß*. Ja. Mir gegenüber. Merkten Sie etwas? + +*Herdal* (lächelnd). Na, hören Sie mal -- das _mußte_ man ja wohl +merken, daß Ihre Frau -- hm -- + +*Solneß*. Nun? + +*Herdal*. Daß Ihre Frau keine besondere Vorliebe hat für dieses +Fräulein Fosli. + +*Solneß*. Weiter nichts? _Das_ habe ich schon selber bemerkt. + +*Herdal*. Und ein Wunder ist es ja eigentlich nicht. + +*Solneß*. Was denn? + +*Herdal*. Daß sie es nicht gerade gern sieht, wenn Sie da tagtäglich +ein anderes Frauenzimmer um sich haben. + +*Solneß*. Nun, darin können Sie recht haben. Und Aline auch. Aber +_das_ -- das kann nun einmal nicht anders sein. + +*Herdal*. Könnten Sie sich denn nicht einen Buchhalter anschaffen? + +*Solneß*. Den ersten besten Kerl? Nein, da dank' ich -- damit ist +mir nicht gedient. + +*Herdal*. Aber wenn nun Ihre Frau --? So schwach, wie sie ist -- +Wenn sie's nun nicht aushält, die Sache mitanzusehen? + +*Solneß*. Na, dann mag's in Gottes Namen so sein -- hätt' ich +beinahe gesagt. Ich muß Kaja Fosli behalten. Kann niemand anderen +brauchen als gerade die. + +*Herdal*. Niemand anderen? + +*Solneß*. Nein, niemand anderen. + +*Herdal* (seinen Stuhl näher rückend). Jetzt hören Sie mal, lieber +Herr Solneß. Erlauben Sie mir eine Frage ganz im Vertrauen? + +*Solneß*. Bitte. + +*Herdal*. Frauenzimmer, sehen Sie -- die haben in gewissen Dingen +einen verflucht feinen Spürsinn -- + +*Solneß*. Den haben sie. Das ist so wahr wie nur irgend etwas. +Aber --? + +*Herdal*. Nun gut. Hören Sie weiter. Wenn nun Ihre Frau diese Kaja +Fosli schlechterdings nicht ausstehen kann --? + +*Solneß*. Nun, was dann? + +*Herdal*. Hat sie dann nicht so 'nen -- 'nen ganz winzig kleinen +Grund zu dieser unwillkürlichen Abneigung? + +*Solneß* (blickt ihn an und erhebt sich). Oho! + +*Herdal*. Nehmen Sie mir's nicht übel. Aber _hat_ sie das nicht? + +*Solneß* (kurz und bestimmt). Nein. + +*Herdal*. Nicht den allermindesten Grund also? + +*Solneß*. Keinen anderen Grund als ihr eigenes Mißtrauen. + +*Herdal*. Ich weiß, daß Sie in Ihrem Leben verschiedene Frauen +gekannt haben. + +*Solneß*. Das leugne ich nicht. + +*Herdal*. Und auch, daß Sie einzelne davon ganz gern gehabt haben. + +*Solneß*. O ja, das auch. + +*Herdal*. Aber in dieser Sache mit Fräulein Fosli --? Hier ist also +nichts derartiges mit im Spiele? + +*Solneß*. Nein. Absolut nichts -- _meinerseits_. + +*Herdal*. Aber von der andern Seite? + +*Solneß*. Danach, scheint mir, haben Sie kein Recht zu fragen, +Doktor. + +*Herdal*. Es war der Spürsinn Ihrer Frau, von dem wir ausgingen. + +*Solneß*. Richtig. Und insofern -- (Er senkt die Stimme.) Alines +Spürsinn, wie Sie's nennen -- der hat sich denn auch gewissermaßen +erprobt. + +*Herdal*. Na -- sehen Sie wohl! + +*Solneß* (setzt sich). Doktor Herdal -- jetzt will ich Ihnen eine +sonderbare Geschichte erzählen. Wenn Sie sie anhören wollen, heißt +das. + +*Herdal*. Sonderbare Geschichten höre ich immer gern. + +*Solneß*. Nun gut. Sie entsinnen sich jedenfalls, daß ich Knut +Brovik und seinen Sohn in meinen Dienst nahm -- damals, als es mit +dem Alten so sehr bergab gegangen war. + +*Herdal*. Das ist mir so ziemlich bekannt, jawohl. + +*Solneß*. Denn sie sind im Grunde ein paar tüchtige Kerle, die +beiden, wissen Sie. Sie haben Anlagen, jeder auf seine Art. Da bekam +aber der Sohn den Einfall, sich zu verloben. Und nun, natürlich, +wollte er auch heiraten -- und anfangen selber zu baumeistern. Denn +alle miteinander denken sie nun einmal an solche Geschichten, die +jungen Leute. + +*Herdal* (lachend). Sie haben in der That die üble Gewohnheit, daß +sie gern einander kriegen wollen. + +*Solneß*. Gut. Damit konnte aber _mir_ nicht gedient sein. Denn +Ragnar hatte ich ja selber nötig. Und den Alten auch. Der ist +nämlich ausgezeichnet zu verwenden bei Berechnungen von Tragfähigkeit +und Kubikinhalt -- und all dem Teufelszeug, wissen Sie. + +*Herdal*. Nun ja, das gehört wohl auch mit dazu. + +*Solneß*. Allerdings. Aber Ragnar, der wollte auf eigene Hand +beginnen um jeden Preis. Da war alles Reden umsonst. + +*Herdal*. Dann blieb er ja aber trotzdem bei Ihnen. + +*Solneß*. Jetzt passen Sie nur auf. Eines Tages also, da kommt diese +Kaja Fosli zu ihnen herauf, um etwas auszurichten. War früher nie +hier gewesen. Und als ich sah, wie herzlich die zwei ineinander +vergafft waren, da kam mir plötzlich der Gedanke: hätte ich nur das +Mädchen hier im Bureau, dann bliebe vielleicht Ragnar auch bei mir +sitzen. + +*Herdal*. Das war ein ganz erklärlicher Gedanke. + +*Solneß*. Gewiß. Damals aber ließ ich keine Silbe von so etwas +fallen. Ich stand nur da und sah sie an -- und wünschte so recht +beharrlich, ich hätte sie hier. Dann sagte ich ihr ein paar +freundliche Worte -- sprach von ganz gleichgültigen Dingen. Und +darauf ging sie. + +*Herdal*. Nun? + +*Solneß*. Den nächsten Tag aber, zur Abendzeit, als der alte Brovik +und Ragnar heimgegangen waren, da kam sie wieder her zu mir und +benahm sich, als hätte ich mit ihr eine Abrede getroffen. + +*Herdal*. Eine Abrede? Worüber? + +*Solneß*. Genau über das, was ich mir nur so gewünscht hatte. Wovon +mir aber kein einziges Wort entschlüpft war. + +*Herdal*. Das war recht merkwürdig. + +*Solneß*. Ja, nicht wahr? Und nun wollte sie wissen, was sie hier zu +thun bekäme. Ob sie den folgenden Morgen gleich anfangen dürfte. Und +dergleichen mehr. + +*Herdal*. Glauben Sie nicht, daß sie es that, um mit ihrem Bräutigam +beisammen zu sein? + +*Solneß*. Anfangs war das auch _meine_ Idee. Aber nein, so verhielt +sich's nicht. _Ihm_ entglitt sie, sozusagen vollständig -- als sie +erst hierher gekommen war zu mir. + +*Herdal*. Da glitt sie wohl zu Ihnen hinüber? + +*Solneß*. Ganz und gar. Ich merke, daß sie es fühlt, wenn ich hinter +ihr bin und sie ansehe. Sie bebt und sie zittert, so oft ich nur in +ihre Nähe komme. Was halten Sie davon? + +*Herdal*. Hm -- das läßt sich schon erklären. + +*Solneß*. Nun gut, aber dann das andere? Daß sie glaubte, ich hätte +ihr gesagt, was ich bloß gewünscht und gewollt hatte -- so in aller +Stille. Inwendig. Ganz für mich. Was sagen Sie _da_zu? Können Sie +mir so etwas erklären, Herr Doktor? + +*Herdal*. Nein, darauf lasse ich mich nicht ein. + +*Solneß*. Das dachte ich mir im voraus. Darum habe ich bisher auch +nie davon reden wollen. Aber auf die Dauer fällt mir die Sache +verdammt lästig, begreifen Sie wohl. Da muß ich tagtäglich herumgehen +und thun, als ob ich -- Und es ist ja eine Sünde gegen das arme Ding. +(Heftig.) Aber ich _kann_ nicht anders. Denn rennt sie von mir fort +-- so macht sich auch Ragnar auf den Weg. + +*Herdal*. Und Ihrer Frau haben Sie diesen ganzen Zusammenhang nie +erzählt? + +*Solneß*. Nein. + +*Herdal*. Du lieber Gott, warum thun Sie denn das nicht? + +*Solneß* (sieht ihn fest an und sagt gedämpft). Weil's mir vorkommt +wie -- wie so eine Art wohlthuende Selbstquälerei, wenn ich mir von +Aline Unrecht geschehen lasse. + +*Herdal* (schüttelt den Kopf). Davon verstehe ich kein +Sterbenswörtchen. + +*Solneß*. Ja, sehen Sie -- so trage ich doch gleichsam ein bißchen +ab von einer bodenlosen, ungeheuern Schuld -- + +*Herdal*. Ihrer Frau gegenüber? + +*Solneß*. Jawohl. Und das erleichtert ja immerhin das Gemüt ein +wenig. Dann kann man eine Weile freier aufatmen, wissen Sie. + +*Herdal*. Nein, da begreif' ich, weiß Gott, kein Wort -- + +*Solneß* (kurz abbrechend, indem er sich aufs neue erhebt). Schon +gut -- reden wir nicht mehr davon. (Er geht nachlässigen Schrittes +durchs Zimmer, kehrt um, bleibt am Tische stehen und blickt den +Doktor mit einem launigen Lächeln an.) Jetzt, Doktor, meinen Sie +wohl, daß Sie mich recht schön aufs Glatteis geführt haben? + +*Herdal* (etwas ärgerlich). Aufs Glatteis? Davon fasse ich _auch_ +nicht ein Tüpfelchen, Herr Solneß. + +*Solneß*. Ach, sagen Sie's nur rein heraus. Ich hab's ja doch sehr +wohl bemerkt, hören Sie! + +*Herdal*. _Was_ haben Sie bemerkt? + +*Solneß* (gedämpft, langsam). Daß Sie da so ganz harmlos herumgehen +und mich im Auge behalten. + +*Herdal*. Ich thäte das! Du lieber Himmel, warum sollte ich denn +_das_ thun? + +*Solneß*. Weil Sie glauben, daß ich -- (Aufbrausend.) Na, zum Teufel +-- weil _Sie_ von mir dasselbe glauben, was Aline glaubt! + +*Herdal*. Und was glaubt denn Ihre Frau von Ihnen? + +*Solneß* (sich wieder beherrschend). Sie hat angefangen, zu glauben, +ich wäre so -- wie soll ich sagen -- krank. + +*Herdal*. Krank! Sie! Davon hat sie mir nie eine Silbe gesagt. Und +was sollte Ihnen denn fehlen, bester Herr Solneß? + +*Solneß* (beugt sich über die Stuhllehne und flüstert). Aline geht +mit der Idee herum, ich wäre verrückt. Das ist's, was sie glaubt. + +*Herdal*. Aber liebster, bester Herr Solneß --! + +*Solneß*. So wahr ich lebe, sie thut's --! So ist es. Und das hat +sie auch Ihnen eingeredet. O ich versichere Sie, Doktor -- ich merke +es Ihnen nur zu deutlich an. Ich laß mich nämlich nicht so leicht +hinters Licht führen, will ich Ihnen sagen. + +*Herdal* (ihn verwundert anblickend). Niemals, Herr Solneß, -- +niemals ist mir der leiseste Gedanke an so etwas gekommen. + +*Solneß* (mit einem ungläubigen Lächeln). So? Wirklich nicht? + +*Herdal*. Nein, niemals! Und Ihrer Frau gewiß auch nie. Darauf, +glaub ich, könnte ich getrost einen Eid ablegen. + +*Solneß*. Na, das sollen Sie doch lieber bleiben lassen. Denn +gewissermaßen, sehen Sie, da -- da könnte sie wohl auch Grund haben, +so was zu denken. + +*Herdal*. Nein, da muß ich gestehen --! + +*Solneß* (ihn unterbrechend, macht eine Handbewegung). Schon gut, +lieber Doktor -- gehen wir auf die Sache nicht näher ein. Mag jeder +seine Ansicht für sich behalten. (Er geht zu einer stillen +Leutseligkeit über.) Aber hören Sie mal, Doktor -- hm -- + +*Herdal*. Nun? + +*Solneß*. Wenn Sie nun also nicht glauben, daß ich -- so -- krank +bin -- und verrückt -- und toll und so weiter -- + +*Herdal*. Was dann, meinen Sie? + +*Solneß*. Dann bilden Sie sich natürlich ein, ich wäre ein +außerordentlich glücklicher Mann? + +*Herdal*. Sollte das nur eine Einbildung sein? + +*Solneß* (lachend). I Gott bewahre, wo wollen Sie denn hin! Denken +Sie nur -- der Baumeister Solneß zu sein! Halvard Solneß! Alle +Achtung! + +*Herdal*. Nun, ich muß gestehen, _mir_ kommt's vor, als hätten Sie +ganz unglaubliches Glück gehabt. + +*Solneß* (unterdrückt ein schwermütiges Lächeln). Das hab' ich auch. +In _der_ Beziehung kann ich mich nicht beklagen. + +*Herdal*. Gleich anfangs, da brannte Ihnen ja die garstige alte +Räuberburg nieder. Und das war doch wirklich eine große Chance. + +*Solneß* (ernst). Es war Alines Elternhaus, das da niederbrannte. +Vergessen Sie _das_ nicht. + +*Herdal*. Für Ihre Frau muß es allerdings recht traurig gewesen sein. + +*Solneß*. Sie hat's heute noch nicht verwunden. In all' den dreizehn, +vierzehn Jahren nicht. + +*Herdal*. Das, was hinterher kam, das war wohl der schwerste Schlag +für sie. + +*Solneß*. Beides miteinander. + +*Herdal*. Aber Sie -- Sie selbst -- Sie schwangen sich dabei empor. +Da hatten Sie angefangen wie ein armer Bursch vom Lande -- und jetzt +stehen Sie da als der erste in Ihrem Fach. Wissen Sie was, Herr +Solneß, _Sie_ haben wahrhaftig Glück gehabt. + +*Solneß* (mit einem scheuen Blick auf ihn). Jawohl, aber das ist's +ja eben, wovor mir so entsetzlich graut. + +*Herdal*. Es graut Ihnen? Darum, weil Sie Glück haben? + +*Solneß*. Früh und spät ist mir angst und bang. Denn einmal muß doch +wohl der Umschwung kommen, verstehen Sie. + +*Herdal*. Ach was! Woher sollte der Umschwung kommen? + +*Solneß* (fest und sicher). Der kommt von der Jugend. + +*Herdal*. Pah! Die Jugend! _Sie_ sind doch wohl nicht abgenutzt, +sollt ich meinen. O nein -- Sie stehen jetzt so festgemauert da, wie +vielleicht niemals zuvor. + +*Solneß*. Der Umschwung kommt. Ich ahne ihn. Und ich fühle, daß er +näher rückt. Irgend einer drängt sich heran mit der Forderung: Tritt +zurück vor _mir_! Und alle die andern stürmen ihm nach und drohen +und schreien: Platz gemacht -- Platz -- Platz! Jawohl, passen Sie +nur auf, Doktor. Eines Tages, da kommt die Jugend hierher und klopft +an die Thür -- + +*Herdal* (lachend). Na, du lieber Gott, was dann? + +*Solneß*. Was dann? Ja, dann ist's aus mit dem Baumeister Solneß. + +(Es klopft an die Thüre links.) + +*Solneß* (zusammenfahrend). Was ist denn _das_? Hörten Sie etwas? + +*Herdal*. Es klopfte jemand. + +*Solneß* (laut). Herein! + +*Hilde Wangel* (tritt durch die Vorzimmerthür ein; sie ist von +mittlerer Größe, geschmeidig, fein gebaut, von der Sonne ein wenig +gebräunt; Touristenanzug, das Kleid ein bißchen aufgeschürzt, +umgeschlagenen Matrosenkragen, ein Seemannshütchen auf den Kopf, +Ranzen auf dem Rücken, Plaid in einem Riemen, und mit einem langen +Bergstock). + + + Achter Auftritt. + +*Die Vorigen*. *Hilde Wangel*. + +*Hilde Wangel* (geht mit freudefunkelnden Augen auf Solneß zu). +Guten Abend! + +*Solneß* (sieht sie ungewiß an). Guten Abend -- + +*Hilde* (lachend). Ich glaube fast, Sie erkennen mich nicht wieder! + +*Solneß*. Ich muß allerdings gestehen -- so im Augenblick -- + +*Herdal* (nähert sich). Aber ich erkenne Sie wieder, Fräulein -- + +*Hilde* (vergnügt). Ach, _Sie_ sind's --! + +*Herdal*. Ja freilich bin ich's. (Zu Solneß.) Wir trafen uns diesen +Sommer im Hochgebirge. (Zu Hilde.) Was wurde denn später aus den +übrigen Damen? + +*Hilde*. Ach die, die gingen nachher westwärts. + +*Herdal*. Denen war's gewiß nicht recht, daß wir abends den vielen +Unsinn trieben. + +*Hilde*. Nein, recht wird's ihnen kaum gewesen sein. + +*Herdal* (mit dem Finger drohend). Und leugnen können Sie's auch +nicht, daß Sie ein bißchen mit uns kokettierten. + +*Hilde*. Das war doch wohl amüsanter als dazusitzen und Strümpfe zu +stricken mit all' den Weibern. + +*Herdal* (lachend). Darin bin ich mit Ihnen vollkommen einig. + +*Solneß*. Sind Sie diesen Abend angekommen? + +*Hilde*. Jawohl, soeben kam ich an. + +*Herdal*. Ganz allein, Fräulein Wangel? + +*Hilde*. Gewiß. + +*Solneß*. Wangel? Heißen Sie Wangel? + +*Hilde* (sieht ihn lustig-verwundert an). Ja freilich thu' ich das. + +*Solneß*. Dann sind Sie vielleicht eine Tochter vom Bezirksarzt oben +in Lysanger? + +*Hilde* (wie oben). Ja, von wem sollte ich denn sonst die Tochter +sein? + +*Solneß*. Nun, dann haben wir uns also da oben getroffen. Den +Sommer, als ich dort war und den Turm baute für die alte Kirche. + +*Hilde* (etwas ernster). Ja freilich war's damals. + +*Solneß*. Nun, das ist lange her. + +*Hilde* (sieht ihn fest an). Genau zehn Jahre ist's her. + +*Solneß*. Und damals waren Sie wohl ein reines Kind, mein' ich. + +*Hilde* (leicht hinwerfend). Immerhin so zwölf, dreizehn Jahre alt. + +*Herdal*. Ist's das erste Mal, daß Sie hier in der Stadt sind, +Fräulein Wangel? + +*Hilde*. Jawohl. + +*Solneß*. Und Sie kennen vielleicht niemand hier? + +*Hilde*. Niemand außer Ihnen. Und dann Ihre Frau. + +*Solneß*. So, _die_ kennen Sie auch? + +*Hilde*. Ein klein wenig nur. Wir waren einige Tage zusammen im +Kurort -- + +*Solneß*. Ach, im Hochgebirge. + +*Hilde*. Sie sagte, ich könnte sie besuchen, wenn ich einmal nach +der Stadt käme. (Lächelnd.) Das hätte sie übrigens nicht nötig +gehabt. + +*Solneß*. Daß sie davon gar nicht gesprochen hat -- + +*Hilde* (stellt den Bergstock an den Ofen hin, schnallt den Ranzen +ab und legt ihn mit dem Plaid aufs Sofa). + +*Herdal* (will ihr behilflich sein). + +*Solneß* (steht da und sieht sie an). + +*Hilde* (auf ihn zugehend). Nun, da bitt' ich also darum, diese +Nacht hier bleiben zu dürfen. + +*Solneß*. Das läßt sich gewiß sehr wohl machen. + +*Hilde*. Ich habe nämlich keine anderen Kleider, als die, in denen +ich gehe. Das heißt, etwas Wäsche im Ranzen habe ich auch. Die muß +aber gewaschen werden; denn sie ist so sehr schmutzig. + +*Solneß*. Ach, da kann schon Abhilfe geschafft werden. Jetzt will +ich nur gleich meiner Frau -- + +*Herdal*. Dann mache ich meinen Krankenbesuch derweile. + +*Solneß*. Thun Sie das. Und später kommen Sie doch wieder. + +*Herdal* (lustig, mit einem Blick auf Hilde). Na, darauf können Sie +Ihren Kopf zum Pfand geben! (Lachend.) Sie prophezeiten dennoch +richtig, Herr Solneß! + +*Solneß*. Wie so! + +*Herdal*. Die Jugend kam also _doch_ und klopfte bei Ihnen an. + +*Solneß* (aufgeräumt). Aber freilich auf andere Art. + +*Herdal*. Allerdings. Ist nicht zu leugnen! (Ab durch die +Vorzimmerthür.) + + + Neunter Auftritt. + +*Solneß*. *Hilde*. Dann *Frau Solneß*. + +*Solneß* (öffnet die Thüre rechts und spricht ins Seitenzimmer +hinein). Aline! Sei so gut und komm' herein. Es ist ein Fräulein +Wangel da, die du kennst. + +*Frau Solneß* (erscheint in der Thüröffnung). _Wer_ ist da, sagst +du? (Sie erblickt Hilde.) Ach, Sie sind es, Fräulein? (Sie nähert +sich und reicht ihr die Hand.) So sind Sie dennoch nach der Stadt +gekommen. + +*Solneß*. Fräulein Wangel ist soeben angekommen. Und da möchte sie +gern die Nacht über hierbleiben. + +*Frau Solneß*. Hier bei uns? Mit Vergnügen. + +*Solneß*. Um Ihre Sachen ein wenig auszubessern, verstehst du. + +*Frau Solneß*. Ich werde mich Ihrer annehmen, so gut ich kann. Das +ist ja nur meine Pflicht. Ihr Koffer kommt wohl nach? + +*Hilde*. Ich habe keinen Koffer. + +*Frau Solneß*. Nun, das läßt sich schon ordnen, will ich hoffen. +Jetzt müssen Sie aber hier bei meinem Mann vorlieb nehmen solange. +Dann sorge ich inzwischen dafür, daß Ihnen ein Zimmer etwas +behaglich hergerichtet wird. + +*Solneß*. Könnten wir nicht eine von den Kinderstuben nehmen? _Die_ +sind ja vollständig bereit. + +*Frau Solneß*. Das ginge wohl an. _Dort_ haben wir mehr als genug +Platz. (Zu Hilde.) Setzen Sie sich doch und ruhen Sie sich ein +bißchen aus. (Ab nach rechts.) + + + Zehnter Auftritt. + +*Solneß*. *Hilde Wangel*. + +*Hilde* (schlendert, die Hände auf dem Rücken, im Zimmer herum und +sieht bald dieses, bald jenes an). + +*Solneß* (steht vorn am Tisch, ebenfalls die Hände auf dem Rücken, +und folgt ihr mit den Augen). + +*Hilde* (bleibt stehen und sieht ihn an). Haben denn Sie mehrere +Kinderstuben? + +*Solneß*. Drei Kinderstuben sind im Hause. + +*Hilde*. Ist's möglich? Dann haben Sie wohl schrecklich viele Kinder? + +*Solneß*. Nein. Wir haben keine Kinder. Aber jetzt können ja Sie +hier das Kind sein einstweilen. + +*Hilde*. Für diese Nacht, ja. Ich werde nicht schreien. Ich will +versuchen zu schlafen wie ein Stein. + +*Solneß*. Sie müssen in der That sehr müde sein, denk ich mir. + +*Hilde*. O nein! Aber trotzdem -- Es ist nämlich so furchtbar schön, +so dazuliegen und zu träumen. + +*Solneß*. Träumen Sie oft so in der Nacht? + +*Hilde*. Jawohl! Fast immer. + +*Solneß*. Wovon träumen Sie denn _meistens_? + +*Hilde*. Das sag ich heut Abend nicht. Ein anderes Mal -- +vielleicht. (Sie schlendert wieder durchs Zimmer, bleibt am Pulte +stehen und wühlt ein wenig in den Büchern und Papieren herum.) + +*Solneß* (nähert sich). Suchen Sie etwas? + +*Hilde*. Nein, ich sehe mir nur das alles an. (Sie dreht sich um). +Es ist vielleicht nicht erlaubt? + +*Solneß*. O bitte. + +*Hilde*. Sind Sie's, der in dem großen Protokollbuch schreibt? + +*Solneß*. Nein, das thut die Buchhalterin. + +*Hilde*. Ein Frauenzimmer? + +*Solneß* (lächelnd). Ja freilich. + +*Hilde*. So eine, die Sie hier bei sich haben? + +*Solneß*. Gewiß. + +*Hilde*. Ist die verheiratet? + +*Solneß*. Nein, es ist ein Fräulein. + +*Hilde*. Ah so. + +*Solneß*. Aber jetzt heiratet sie wahrscheinlich bald. + +*Hilde*. Um so besser für das Fräulein. + +*Solneß*. Aber nicht eigentlich für mich. Dann hab ich nämlich +niemand da, um mir zu helfen. + +*Hilde*. Könnten Sie denn keine andere finden, die ebenso gut wäre. + +*Solneß*. Vielleicht möchten _Sie_ hier bleiben und -- und ins +Protokollbuch schreiben? + +*Hilde* (sieht ihn von oben bis unten an). Da kommen Sie schön an! +Nein, ich danke -- davon wollen wir nichts wissen. (Sie schlendert +wieder durchs Zimmer und setzt sich in den Schaukelstuhl.) + +*Solneß* (geht ebenfalls an den Tisch heran). + +*Hilde* (gleichsam fortfahrend). Denn hier kann man sich wohl auf +andere Art zu schaffen machen, als mit so etwas. (Sie sieht ihn +lächelnd an). Meinen Sie nicht auch? + +*Solneß*. Versteht sich. Vor allem da wollen Sie natürlich Einkäufe +machen und sich recht schön herausputzen. + +*Hilde* (lustig). Nein, _das_, glaub ich, laß ich lieber bleiben. + +*Solneß*. So? + +*Hilde*. Jawohl; ich habe nämlich mein ganzes Geld durchgebracht, +müssen Sie wissen. + +*Solneß* (lachend). Weder Koffer noch Geld also! + +*Hilde*. Keines von beiden. Aber ich pfeif drauf -- mir kann's jetzt +gleich sein. + +*Solneß*. Sehen Sie, _das_ gefällt mir so recht an Ihnen. + +*Hilde*. Nur das? + +*Solneß*. Das eine mit dem andern. (Er setzt sich in den Lehnstuhl.) +Lebt Ihr Vater noch? + +*Hilde*. Jawohl, der Vater lebt. + +*Solneß*. Und jetzt gedenken Sie vielleicht hier zu studieren? + +*Hilde*. Nein, die Idee ist mir nicht gekommen. + +*Solneß*. Aber Sie bleiben doch hier einige Zeit, hoffe ich? + +*Hilde*. Das hängt von den Umständen ab. (Sie sitzt eine Weile da +und blickt ihn, während sie sich schaukelt, halb ernsthaft, halb mit +unterdrücktem Lächeln an; darauf nimmt sie den Hut ab und legt ihn +vor sich auf den Tisch.) Baumeister? + +*Solneß*. Ja? + +*Hilde*. Sind etwa Sie sehr vergeßlich? + +*Solneß*. Vergeßlich? Nicht daß ich wüßte. + +*Hilde*. Aber wollen Sie denn _gar_ nicht mit mir reden von dem, was +da droben vorfiel? + +*Solneß* (einen Augenblick stutzig). Da droben in Lysanger? +(Gleichgültig.) Nun, darüber ist doch nicht viel zu reden, scheint +mir. + +*Hilde* (sieht ihn vorwurfsvoll an). Wie können Sie nur so was sagen! + +*Solneß*. Nun, dann reden Sie zu _mir_ darüber. + +*Hilde*. Als der Turm fertig war, da hatten wir eine große Feier in +der Stadt. + +*Solneß*. Ja, _den_ Tag vergesse ich nicht so leicht. + +*Hilde* (lächelnd). Nicht? Das ist aber schön von Ihnen! + +*Solneß*. Schön? + +*Hilde*. Auf dem Kirchhof gab's Musik. Und viele, viele hundert +Menschen. Wir Schulmädchen waren weiß gekleidet. Und alle +miteinander hatten wir Fahnen. + +*Solneß*. Ach ja, die Fahnen -- deren erinnere ich mich nur zu gut! + +*Hilde*. Dann stiegen Sie geradeswegs am Gerüst empor. Direkt hinauf +bis zur allerobersten Stelle. Und einen großen Kranz hatten Sie mit. +Und den hängten Sie auf ganz oben am Wetterhahn. + +*Solneß* (kurz abbrechend). Ich war's damals so gewohnt. Das ist +nämlich ein alter Brauch. + +*Hilde*. Es war so wundervoll spannend, da unten zu stehen und zu +Ihnen hinaufzublicken. Denkt nur, wenn er jetzt abstürzte! Er -- +der Baumeister selber! + +*Solneß* (gleichsam ablenkend). Na, das hätte auch leicht geschehen +können. Denn eine von den weißgekleideten Teufelsmädchen da -- die +gebärdete sich so wild und schrie so zu mir hinauf -- + +*Hilde* (freudestrahlend). »Es lebe der Baumeister Solneß!« Jawohl! + +*Solneß*. Und schwenkte ihre Fahne so unsinnig hin und her -- daß +mir ganz wirr im Kopfe wurde vom Ansehen. + +*Hilde* (leiser, ernsthaft). Das Teufelsmädel -- das war ich! + +*Solneß* (richtet die Augen starr auf sie). Davon bin ich jetzt +überzeugt. Das _müssen_ Sie gewesen sein. + +*Hilde* (wieder lebhaft). Es war ja so entsetzlich schön und +spannend. Ich konnte mir nicht denken, daß es in der ganzen Welt +einen Baumeister gebe, der einen so ungeheuer hohen Turm bauen +könnte. Und dann, daß Sie selber droben standen, an der +allerobersten Spitze! Ein wirklicher lebendiger Mensch! Und daß +Ihnen gar nicht ein bißchen schwindlig wurde! Das war's eigentlich, +wovor einem am allermeisten -- so -- schwindelte. + +*Solneß*. Woher wußten Sie denn so sicher, daß mir nicht -- + +*Hilde* (abwehrend). O nein! Pfui! Das sagte mir mein Inneres. Denn +sonst hätten Sie ja oben nicht singen können. + +*Solneß* (sie verwundert anblickend). Singen? Ich hätte gesungen? + +*Hilde*. Ja, das thaten Sie doch wirklich. + +*Solneß* (schüttelt den Kopf). Ich habe nie einen Ton gesungen in +meinem Leben. + +*Hilde*. Doch. Damals sangen Sie. Es hörte sich an wie Harfen hoch +oben. + +*Solneß* (gedankenvoll). Es ist doch etwas recht wunderliches -- +diese ganze Geschichte. + +*Hilde* (schweigt eine Weile, sieht ihn an und sagt gedämpft). Aber +dann -- nachher -- da kam ja das _richtige_. + +*Solneß*. Das richtige? + +*Hilde* (funkelnd lebhaft). Ja, _daran_ brauch ich Sie wohl nicht zu +erinnern? + +*Solneß*. O doch, erinnern Sie mich _daran_ auch ein wenig. + +*Hilde*. Entsinnen Sie sich nicht, daß für Sie ein großes Diner war +im Klub? + +*Solneß*. Gewiß. Das muß denselben Nachmittag gewesen sein. Denn den +Morgen darauf reiste ich ab. + +*Hilde*. Und vom Klub her waren Sie zu uns für den Abend geladen. + +*Solneß*. Das ist ganz richtig, Fräulein Wangel. Merkwürdig, wie gut +Sie sich alle die Kleinigkeiten eingeprägt haben. + +*Hilde*. Kleinigkeiten! _Sie_ sind aber köstlich! War das auch +vielleicht eine Kleinigkeit, daß ich _allein_ war in der Stube, als +Sie kamen? + +*Solneß*. Waren _Sie_ das also? + +*Hilde* (ohne ihm zu antworten). Damals nannten Sie mich nicht +Teufelsmädel. + +*Solneß*. Nein, das that ich hoffentlich nicht. + +*Hilde*. Sie sagten, ich wäre wunderschön in dem weißen Kleide. Und +daß ich aussähe wie eine kleine Prinzessin. + +*Solneß*. Das thaten Sie gewiß auch, Fräulein Wangel. Und nebenbei +-- so leicht und frei, wie ich mich an dem Tage fühlte -- + +*Hilde*. Und dann sagten Sie, wenn ich erst groß wäre, sollte ich +_Ihre_ Prinzessin sein. + +*Solneß* (lacht ein wenig). Ei, ei -- sagte ich das auch? + +*Hilde*. Jawohl, das thaten Sie. Und als ich dann fragte, wie lange +ich warten sollte, da sagten Sie, Sie kämen in zehn Jahren wieder -- +wie ein Unhold -- und entführten mich. Nach Spanien oder irgend so +einem Lande. Und dort würden Sie mir ein Königreich kaufen, +versprachen Sie. + +*Solneß* (wie oben). Ja, nach einem guten Diner geht man immer sehr +flott mit dem Gelde um. Aber _sagte_ ich denn das alles? + +*Hilde* (lacht leise). Freilich. Und Sie sagten auch, wie das +Königreich heißen sollte. + +*Solneß*. Nun --? + +*Hilde*. Es sollte das Königreich Apfelsinia heißen. + +*Solneß*. Nun, das war ja ein appetitlicher Name. + +*Hilde*. Mir gefiel er aber gar nicht. Denn es war ja, als ob Sie +sich über mich lustig machen wollten. + +*Solneß*. Das war aber doch gewiß nicht meine Absicht. + +*Hilde*. Nein, das war ja allerdings auch nicht anzunehmen. Nach +dem, was Sie darauf thaten, da -- + +*Solneß*. Was um Himmels willen that ich denn darauf? + +*Hilde*. Na, das fehlte gerade, daß Sie das auch vergessen hätten! +Denn so etwas muß einer doch behalten, sollt ich meinen. + +*Solneß*. Bringen Sie mich nur ein wenig darauf, dann wird's +vielleicht -- Nun? + +*Hilde* (blickt ihn fest an). Sie küßten mich, Baumeister! + +*Solneß* (erhebt sich mit offenem Munde). Ich that das? + +*Hilde*. Jawohl, das thaten Sie. Sie faßten mich mit beiden Armen +und bogen mir den Kopf zurück und küßten mich. Vielmal nacheinander. + +*Solneß*. Aber ich bitte Sie, Fräulein Wangel --! + +*Hilde* (erhebt sich). Sie wollen es doch nicht leugnen? + +*Solneß*. Doch -- das leugne ich entschieden! + +*Hilde* (sieht ihn geringschätzig an). Ah so! (Sie dreht sich um und +geht langsamen Schrittes dicht an den Ofen hin; dort bleibt sie +stehen, den Blick abgewandt, regungslos, die Hände auf dem Rücken.) + +(Kurze Pause.) + +*Solneß* (nähert sich behutsam und bleibt hinter ihr stehen). +Fräulein Wangel --? + +*Hilde* (schweigt, rührt sich nicht). + +*Solneß*. Stehen Sie doch nicht da wie eine Salzsäule. Was Sie da +erzählten, das muß Ihnen geträumt haben. (Er legt die Hand auf ihren +Arm). Hören Sie nur -- + +*Hilde* (macht mit dem Arm eine ungeduldige Bewegung). + +*Solneß* (als ob ein Gedanke in ihm aufblitze). Oder sollte --! +Warten Sie ein wenig --! Da steckt etwas tieferes dahinter, glauben +Sie mir! + +*Hilde* (rührt sich nicht). + +*Solneß* (gedämpft, aber mit Nachdruck). Ich muß an das alles +_gedacht_ haben. Ich muß es _gewollt_ haben. Es _gewünscht_, dazu +_Lust_ gehabt. Und da -- Sollte es nicht so zusammenhängen? + +*Hilde* (schweigt noch immer). + +*Solneß* (ungeduldig). Na ja, zum Kuckuck -- dann hab ich's _gethan_! + +*Hilde* (dreht den Kopf ein wenig zur Seite, jedoch ohne ihn +anzusehen). Sie gestehen also? + +*Solneß*. Jawohl. Alles, was Sie wollen. + +*Hilde*. Daß Sie die Arme um mich schlangen? + +*Solneß*. Jawohl! + +*Hilde*. Und mir den Kopf zurückbogen? + +*Solneß*. Sehr weit zurück. + +*Hilde*. Und mich küßten? + +*Solneß*. Ja, das that ich. + +*Hilde*. Vielmal nacheinander? + +*Solneß*. So viel Sie nur wollen. + +*Hilde* (dreht sich rasch zu ihm um und hat von neuem den +freudenfunkelnden Ausdruck in den Augen). Nun, sehen Sie, da hab +ich's _doch_ aus Ihnen herausgelockt! + +*Solneß* (verzieht den Mund zu einem kleinen Lächeln). Ja, denken +Sie nur -- daß ich so was vergessen konnte. + +*Hilde* (wieder ein wenig schmollend, geht von ihm weg). Ach, _Sie_ +haben wohl so viele in Ihrem Leben geküßt, kann ich mir vorstellen. + +*Solneß*. Nein, _das_ müssen Sie doch nicht von mir glauben. + +*Hilde* (setzt sich in den Lehnstuhl). + +*Solneß* (bleibt stehen, indem er sich auf den Schaukelstuhl stützt +und blickt sie spähend an). Fräulein Wangel? + +*Hilde*. Ja? + +*Solneß*. Wie war das doch? Was geschah denn weiter -- zwischen uns +beiden, mein ich? + +*Hilde*. Da geschah ja gar nichts mehr. Das wissen Sie doch wohl. +Denn dann kamen ja die andern Fremden, und dann -- pros't Mahlzeit! + +*Solneß*. Richtig! Die andern kamen. Daß ich auch das vergessen +konnte. + +*Hilde*. Ach, Sie haben wahrhaftig nichts vergessen. Sie haben sich +nur ein bißchen geschämt. So was vergißt einer doch nicht, sollt' +ich meinen. + +*Solneß*. Nein, das sollte man ja annehmen. + +*Hilde* (wieder lebhaft, sieht ihn an). Oder haben Sie etwa auch +vergessen, an welchem Tag es war? + +*Solneß*. An welchem Tag --? + +*Hilde*. Jawohl. An welchem Tag hängten Sie den Kranz am den Turm? +Nun? Sagen Sie's gleich! + +*Solneß*. Hm -- das Datum hab' ich weiß Gott vergessen. Ich kann nur +sagen, daß es vor zehn Jahren war. So zur Herbstzeit. + +*Hilde* (nickt mehrmals langsam mit dem Kopf). Es war vor zehn Jahren. +Am neunzehnten September. + +*Solneß*. Das wird's gewesen sein. So -- so, das haben Sie auch noch +behalten! (Er hält inne.) Aber warten Sie ein wenig --! Gewiß -- +heute haben wir auch den neunzehnten September. + +*Hilde*. Jawohl. Und die zehn Jahre sind um. Und Sie kamen nicht -- +wie Sie mir's versprochen hatten. + +*Solneß*. Versprochen? Womit ich Ihnen Angst gemacht hatte, meinen +Sie wohl? + +*Hilde*. Es scheint mir nicht, daß _das_ etwas zum Angstmachen war. + +*Solneß*. Nun, dann war's also etwas, womit ich mich lustig machte? + +*Hilde*. Nur _das_ wollten Sie? Sich über mich lustig machen? + +*Solneß*. Na, oder sagen wir: ein wenig mit Ihnen scherzen. Ich weiß +es, Gott verzeih mir, nicht mehr. Aber irgend so was ist es wohl +gewesen. Denn Sie waren ja nur ein Kind damals. + +*Hilde*. O ein pures Kind war ich denn doch nicht. Nicht so ein +angehender Backfisch, wie _Sie_ glauben. + +*Solneß* (sieht sie forschend an). Haben Sie die ganze Zeit wirklich +in vollem Ernst gedacht, ich würde wiederkommen. + +*Hilde* (verhehlt ein halb neckisches Lächeln). Freilich! Das hatte +ich mir von Ihnen erwartet. + +*Solneß*. Daß ich ins Haus kommen würde zu den Ihrigen und Sie +mitnehmen? + +*Hilde*. Genau wie ein Unhold, jawohl. + +*Solneß*. Und Sie zur Prinzessin machen? + +*Hilde*. Das versprachen Sie mir ja. + +*Solneß*. Und Ihnen ein Königreich geben noch dazu? + +*Hilde* (blickt zur Decke empor). Warum denn nicht? Es brauchte ja +nicht gerade so ein gewöhnliches richtiges Königreich zu sein. + +*Solneß*. Aber etwas anderes, was ebensogut wäre? + +*Hilde*. Mindestens ebensogut. (Sie sieht ihn ein wenig an.) Konnten +Sie die höchsten Kirchtürme der Welt bauen, da mußten Sie wohl auch +für so was wie ein Königreich Rat schaffen können -- dachte ich mir. + +*Solneß* (schüttelt den Kopf). Ich kann aus Ihnen nicht recht klug +werden, Fräulein Wangel. + +*Hilde*. Nicht? Mir kommt das Ding so einfach vor. + +*Solneß*. Nein, ich kann nicht herausbringen, ob Sie das alles +meinen, was Sie sagen. Oder ob Sie nur dasitzen und Unsinn treiben -- + +*Hilde* (lächelnd). Mich lustig machen etwa? Wie damals Sie? + +*Solneß*. Ganz recht. Daß Sie sich lustig machen. Über uns beide. +(Mit einem Blick auf sie.) Haben Sie lange gewußt, daß ich +verheiratet bin? + +*Hilde*. Freilich, das habe ich die ganze Zeit gewußt. Warum fragen +Sie danach? + +*Solneß* (leicht hinwerfend). Ach, es fiel mir nur so ein. (Er sieht +sie ernst an und sagt gedämpft.) Warum sind Sie hergekommen? + +*Hilde*. Weil ich mein Königreich haben will. Jetzt ist ja die Frist +um. + +*Solneß* (lacht unwillkürlich). Sie sind kostbar! + +*Hilde* (lustig). Heraus mit meinem Königreich, Baumeister! (Mit dem +Finger klopfend.) Das Königreich auf den Tisch! + +*Solneß* (rückt den Schaukelstuhl näher und setzt sich). Ernsthaft +gesprochen -- warum sind Sie hergekommen? Was wollen Sie eigentlich +hier thun? + +*Hilde*. Nun, fürs erste will ich herumgehen und mir alles ansehen, +was Sie gebaut haben. + +*Solneß*. Da können Sie lange herumlaufen. + +*Hilde*. Freilich, Sie haben ja so furchtbar viel gebaut. + +*Solneß*. Das hab' ich. Meist in den letzten Jahren. + +*Hilde*. Viele Kirchtürme auch? Solche ungeheuer hohe? + +*Solneß*. Nein. Ich baue jetzt keine Kirchtürme mehr. Und auch keine +Kirchen. + +*Hilde*. Was bauen Sie denn _jetzt_? + +*Solneß*. Heimstätten für Menschen. + +*Hilde* (nachdenklich). Könnten Sie nicht auch über den Heimstätten +da so'n wenig -- so Kirchtürme machen? + +*Solneß* (stutzt). Was meinen Sie _da_mit? + +*Hilde*. Ich meine -- etwas, was emporzeigt -- frei in die Luft +hinauf. Mit dem Wetterhahn in schwindelnder Höhe. + +*Solneß* (grübelt ein wenig). Merkwürdig genug, daß Sie das sagen. +Denn das ist's ja eben, was ich am allerliebsten möchte. + +*Hilde* (ungeduldig). Aber warum thun Sie's dann nicht? + +*Solneß* (schüttelt den Kopf). Die Menschen wollen's nicht so haben. + +*Hilde*. Denken Sie nur -- daß die das nicht wollen! + +*Solneß* (in leichterem Ton). Jetzt baue ich mir aber ein neues +Heim. Hier gerade gegenüber. + +*Hilde*. Für Sie selber? + +*Solneß*. Jawohl. Es ist beinahe fertig. Und auf _dem_ ist ein Turm. + +*Hilde*. Ein hoher Turm? + +*Solneß*. Jawohl. + +*Hilde*. _Sehr_ hoch? + +*Solneß*. Die Leute werden gewiß sagen, daß er _zu_ hoch ist. Für +ein Wohnhaus wenigstens. + +*Hilde*. Den Turm da will ich mir ansehen, gleich morgen früh. + +*Solneß* (sitzt da, das Kinn auf die Hand gestützt, und starrt sie +an). Sagen Sie mir, Fräulein Wangel -- wie heißen Sie? Mit dem +Vornamen, meine ich. + +*Hilde*. Ich heiße ja Hilde. + +*Solneß* (wie oben). Hilde? So? + +*Hilde*. Haben Sie denn _das_ nicht behalten? Sie nannten mich ja +selber Hilde. Den Tag, da Sie ungezogen waren. + +*Solneß*. _Das_ that ich auch? + +*Hilde*. Damals sagten Sie aber: _kleine_ Hilde. Und das gefiel mir +nicht. + +*Solneß*. So, das gefiel Ihnen nicht, Fräulein Hilde? + +*Hilde*. Nein. Bei _der_ Gelegenheit nicht. Übrigens -- »Prinzessin +Hilde« -- Das wird sich ganz gut ausnehmen, scheint mir. + +*Solneß*. Gewiß. Prinzessin Hilde von -- von -- Wie hieß nur gleich +das Königreich? + +*Hilde*. Ach was! Von _dem_ dummen Königreich will ich nichts +wissen. Ich wünsche mir ein ganz anderes! + +*Solneß* (hat sich zurückgelehnt und blickt sie immer noch +unverwandt an). Ist's nicht sonderbar --? Je mehr ich jetzt darüber +nachdenke -- da kommt's mir vor, als wäre ich lange Jahre +herumgegangen und hätte mich damit abgequält -- hm -- + +*Hilde*. Womit? + +*Solneß*. Auf etwas zu kommen -- so etwas _Erlebtes_, von dem ich +meinte, ich müßte es vergessen haben. Aber nie fand ich heraus, was +das sein könnte. + +*Hilde*. Sie hätten einen Knoten ins Taschentuch machen sollen, +Baumeister. + +*Solneß*. Dann hätte ich nur daran herumgegrübelt, was wohl der +Knoten zu bedeuten hätte. + +*Hilde*. Ja ja, es giebt wohl auch _solche_ Unholde in der Welt. + +*Solneß* (steht langsam auf). Es war ein großes Glück, daß _Sie_ +jetzt kamen. + +*Hilde* (blickt ihn tief an). _War's_ ein Glück? + +*Solneß*. Denn ich saß hier so allein. Und starrte so ganz hilflos +auf alle die Dinge. (Leiser.) Ich will Ihnen sagen -- ich habe +angefangen solche Angst zu bekommen -- so entsetzliche Angst vor der +Jugend. + +*Hilde* (wegwerfend). Pah -- vor der Jugend brauchen Sie doch keine +Angst zu haben! + +*Solneß*. Doch; gerade vor _der_. Darum hab' ich mich auch +eingeschlossen und eingeriegelt. (Geheimnisvoll.) Sie müssen nämlich +wissen, daß die Jugend herkommen wird und an die Thüre donnern. Daß +sie zu mir hereinstürmen wird. + +*Hilde*. Dann, meine ich, sollten Sie einfach hinausgehen und der +Jugend aufmachen. + +*Solneß*. Aufmachen? + +*Hilde*. Freilich. So daß die Jugend zu Ihnen hineindürfte. So in +aller Güte. + +*Solneß*. Nein, nein! Die Jugend -- sehen Sie -- die ist die +Wiedervergeltung. Sie geht dem Umschwung voran. Wie unter einer +neuen Fahne. + +*Hilde* (erhebt sich, blickt ihn an und sagt, indem es um ihre +Mundwinkel zuckt). Können Sie _mich_ zu etwas brauchen, Baumeister? + +*Solneß*. Ja, jetzt kann ich's wahrhaftig! Denn _Sie_ kommen auch -- +gleichsam unter einer neuen Fahne, scheint es mir. Jugend gegen +Jugend also --! + +*Doktor Herdal* (kommt durch die Vorzimmerthür herein). + + + Elfter Auftritt. + +*Die Vorigen*. *Doktor Herdal*. + +*Herdal*. Nun -- Sie und das Fräulein sind noch immer hier? + +*Solneß*. Wir beide haben vielerlei zu reden gehabt. + +*Hilde*. Altes und neues. + +*Herdal*. Wirklich? + +*Hilde*. O das ist sehr amüsant gewesen. Der Baumeister -- der hat +nämlich ein ganz unglaubliches Gedächtnis. Alle möglichen +Kleinigkeiten, deren entsinnt er sich auf der Stelle. + +*Frau Solneß* (kommt durch die Thüre rechts herein). + + + Zwölfter Auftritt. + +*Die Vorigen*. *Frau Solneß*. + +*Frau Solneß*. So, Fräulein Wangel, jetzt ist das Zimmer für Sie in +Ordnung. + +*Hilde*. Ach, wie lieb Sie gegen mich sind! + +*Solneß* (zu seiner Frau). Die Kinderstube? + +*Frau Solneß*. Jawohl, die mittlere. Aber zuerst wollen wir wohl zu +Tisch gehen. + +*Solneß* (nickt Hilde zu). Hilde, die soll in der Kinderstube +schlafen. + +*Frau Solneß* (sieht ihn an). Hilde? + +*Solneß*. Fräulein Wangel heißt nämlich Hilde. Ich habe sie gekannt, +als sie noch ein Kind war. + +*Frau Solneß*. Ei, was du sagst, Halvard. Also bitte, meine +Herrschaften. Der Tisch ist gedeckt. (Sie nimmt den Arm des Doktors +und geht mit ihm nach rechts hinaus). + +*Hilde* (hat inzwischen ihre Reiseeffekten zusammengerafft; leise +und schnell zu Solneß). Ist das wahr, was sie da sagten? _Können_ +Sie mich zu etwas brauchen? + +*Solneß* (nimmt ihr die Sachen weg). _Sie_ sind die, die ich am +schwersten vermißt habe. + +*Hilde* (blickt ihn mit froh erstaunten Augen an und schlägt die +Hände zusammen). Aber mein Gott --! + +*Solneß* (gespannt). Nun? + +*Hilde*. Dann _hab_ ich ja das Königreich! + +*Solneß* (unwillkürlich). Hilde --! + +*Hilde* (indem es wieder um ihre Mundwinkel zuckt). _Beinahe_ -- +hätt' ich fast gesagt. (Sie geht nach rechts hinaus.) + +*Solneß* (folgt ihr). + + * * * * * + + + + + Zweiter Aufzug. + + +_Ein hübsch ausgestatteter kleiner Salon beim Baumeister Solneß._ + +An der Hinterwand eine Glasthür auf die Veranda und den Garten +hinaus. Rechts eine stumpfe Ecke mit Erker, worin Blumenzierrat, +und an dem ein großes Fenster angebracht ist. Links ebenfalls eine +stumpfe Ecke; an dieser eine kleine Tapetenthür. An jeder Seitenwand +eine gewöhnliche Thür. Rechts vorn Konsoltisch mit großem +Spiegel. Blumen und Pflanzen in reicher Aufstellung. Links vorn +Sofa mit Tisch und Stühlen. Weiter zurück ein Bücherschrank. Vor +dem Erker ein Tischchen und ein paar Stühle. + +(Es ist früh vormittags.) + + + Erster Auftritt. + +*Solneß*. *Frau Solneß*. Dann *Kaja Fosli*. + +*Solneß* (sitzt am Tischchen, die Mappe Ragnar Broviks vor sich +aufgeschlagen; er blättert in den Zeichnungen und sieht einzelne +genau an). + +*Frau Solneß* (geht mit einer kleinen Wasserkanne unhörbaren +Schrittes herum und macht sich mit den Blumen zu schaffen; sie ist +schwarzgekleidet wie zuvor; ihr Hut, Mantel und Sonnenschirm liegen +auf einem Stuhl am Spiegel). + +*Solneß* (folgt ihr ein paar Mal unvermerkt mit den Augen. Keines +von beiden redet). + +*Kaja Fosli* (erscheint, leise auftretend, in der Thür links). + +*Solneß* (wendet den Kopf zu ihr hin und sagt in gleichgültigem Ton). +Ach, _Sie_ sind's? + +*Kaja*. Ich wollte nur melden, daß ich da wäre. + +*Solneß*. Schon gut. Ist Ragnar auch da? + +*Kaja*. Nein, noch nicht. Er mußte noch ein wenig zu Hause bleiben +und auf den Arzt warten. Aber nachher, da wollte er herkommen und +sich erkundigen -- + +*Solneß*. Wie steht's mit dem Alten heute? + +*Kaja*. Schlecht. Er läßt sich recht sehr entschuldigen, daß er den +Tag über liegen bleiben müßte. + +*Solneß*. Ach was, entschuldigen. Der soll nur ruhig liegen bleiben. +So, jetzt gehen Sie an Ihre Arbeit. + +*Kaja*. Jawohl. (Sie bleibt an der Thür stehen.) Wollen Sie +vielleicht mit Ragnar reden, wenn er kommt? + +*Solneß*. Nein -- ich wüßte nichts Besonderes. + +*Kaja* (nach links ab). + + + Zweiter Auftritt. + +*Solneß*. *Frau Solneß*. + +*Solneß* (blättert in den Zeitungen weiter). + +*Frau Solneß* (bei den Pflanzen). Ich möchte doch wissen, ob er nicht +_auch_ stirbt. + +*Solneß* (blickt zu ihr hin). Der auch? Wer denn noch? + +*Frau Solneß* (ohne zu antworten). Ja, ja, der alte Brovik -- der +stirbt jetzt wohl auch, Halvard. Paß nur auf. + +*Solneß*. Liebe Aline, möchtest du nicht ausgehen und dir ein wenig +Bewegung machen? + +*Frau Solneß*. Ja, das sollte ich wohl eigentlich thun. (Sie macht +sich fortdauernd mit den Blumen zu schaffen.) + +*Solneß* (über die Zeichnungen gebeugt). Schläft sie noch? + +*Frau Solneß* (sieht ihn an). Ist es Fräulein Wangel, an die du da +denkst? + +*Solneß* (gleichgültig). Sie kam mir so zufällig in den Sinn. + +*Frau Solneß*. Fräulein Wangel ist schon lange auf. + +*Solneß*. So -- so. + +*Frau Solneß*. Als ich drinnen war, da war sie damit beschäftigt, +ihre Sachen auszubessern. (Sie stellt sich vor den Spiegel hin und +setzt langsam den Hut auf). + +*Solneß* (nach einer kurzen Pause). So konnten wir dennoch von einer +Kinderstube Gebrauch machen, Aline? + +*Frau Solneß*. Allerdings. + +*Solneß*. Und das ist ja immerhin besser, als daß alles leer steht. + +*Frau Solneß*. Diese Leere ist entsetzlich. Darin hast du recht. + +*Solneß* (macht die Mappe zu, steht auf und nähert sich ihr). Du +wirst schon sehen, Aline, daß es hernach besser für uns wird. Viel +gemütlicher. Leichter zu leben. -- Besonders für dich. + +*Frau Solneß* (sieht ihn an). Hernach? + +*Solneß*. Ja, glaub mir, Aline -- + +*Frau Solneß*. Meinst du -- weil _sie_ hergekommen ist? + +*Solneß* (bezwingt sich). Ich meine natürlich -- wenn wir erst ins +neue Haus eingezogen sind. + +*Frau Solneß* (nimmt ihren Mantel). Ja, glaubst du das, Halvard? Daß +es _dann_ besser wird? + +*Solneß*. Ich kann mir's nicht anders denken. Und das glaubst doch +jedenfalls du auch? + +*Frau Solneß*. Ich glaube gar nichts von dem neuen Hause. + +*Solneß* (verstimmt). Das ist allerdings für mich verdrießlich zu +hören. Denn ich habe es doch wohl hauptsächlich um deinetwillen +gebaut. (Er will ihr beim Anziehen des Mantels behilflich sein). + +*Frau Solneß* (indem sie sich seiner Hilfe entzieht). Im Grunde +thust du doch viel zu viel um meinetwillen. + +*Solneß* (mit einer gewissen Heftigkeit). Nein, nein, so was darfst +du durchaus nicht sagen, Aline! Ich ertrage es nicht, solche Dinge +von dir zu hören! + +*Frau Solneß*. Nun, dann will ich es nicht mehr sagen, Halvard. + +*Solneß*. Aber ich bleib bei meiner Meinung. Du wirst schon sehen, +wie gut du dich zurechtfinden wirst da drüben im neuen Hause. + +*Frau Solneß*. Ach Gott -- ich mich zurechtfinden --! + +*Solneß* (eifrig). Doch, doch! Darauf kannst du dich verlassen! Denn +dort, siehst du -- dort ist so unglaublich viel, was dich an dein +eigenes Heim erinnern wird. + +*Frau Solneß*. An das, wo der Vater und die Mutter drin gewohnt +hatten. -- Und das dann abbrannte -- alles miteinander. + +*Solneß* (gedämpft). Ja, ja, du arme Aline. Das war für dich ein +furchtbar harter Schlag. + +*Frau Solneß* (in Klagen ausbrechend). Du magst bauen so viel und so +lange du nur willst, Halvard -- _mir_ baust du niemals ein richtiges +Heim mehr auf! + +*Solneß* (im Zimmer umhergehend). Nun, dann reden wir in Gottes +Namen nicht mehr von alledem. + +*Frau Solneß*. Wir pflegen ja sonst auch nie davon zu reden. Denn du +schiebst es nur von dir -- + +*Solneß* (bleibt plötzlich stehen und sieht sie an). _Ich?_ Und +warum sollt ich denn _das_ thun? Es von mir schieben? + +*Frau Solneß*. Ach, ich verstehe dich ja so wohl, Halvard. Du willst +mich ja so gern schonen. Und mich entschuldigen auch. Alles -- was +du nur kannst. + +*Solneß* (sie erstaunt anblickend). _Dich!_ _Dich_ entschuldigen! +Von dir _selber_ redest du, Aline! + +*Frau Solneß*. Ja, da muß doch wohl von mir die Rede sein. + +*Solneß* (unwillkürlich vor sich hin). _Das_ auch noch! + +*Frau Solneß*. Denn mit dem alten Hause -- mit dem mochte es noch +gehen, wie es wollte. Du lieber Gott -- wenn das Unglück nun einmal +da war, dann -- + +*Solneß*. Darin hast du recht. Fürs Unglück kann man nicht -- wie +die Leute sagen. + +*Frau Solneß*. Aber das Entsetzliche, das der Brand nach sich +zog --! _Das_ ist es! _Das_ ist es! + +*Solneß* (heftig). Nur nicht _daran_ denken, Aline! + +*Frau Solneß*. Doch, gerade _daran_ muß ich denken. Und endlich +einmal davon herausreden auch. Denn es kommt mir vor, als könnte ich +es nicht länger ertragen! Und dann, daß ich mir niemals selber +verzeihen darf --! + +*Solneß* (mit einem Ausbruch). Dir selber --! + +*Frau Solneß*. Ich hatte ja doch Pflichten nach zwei Seiten hin. +Sowohl gegen dich wie gegen die Kleinen. Ich hätte mich +unempfindlich machen sollen. Nicht den Schrecken so über mich Herr +werden lassen. Auch nicht den Kummer darüber, daß mir das Heim +abgebrannt war. (Sie ringt die Hände.) Ach, hätte ich nur gekonnt, +Halvard! + +*Solneß* (nähert sich, erschüttert, leise). Aline -- du mußt mir +versprechen, daß du solchen Gedanken nie mehr nachgehen wirst. +Versprich mir das ja! + +*Frau Solneß*. Ach Gott -- versprechen! Versprechen! Man kann ja +alles mögliche versprechen -- + +*Solneß* (preßt die Hände zusammen und geht im Zimmer umher). Ach, +es ist doch zum Verzweifeln! Niemals ein Sonnenstrahl! Nie soviel +wie nur ein Streiflicht ins Heim hinein! + +*Frau Solneß*. Hier _ist_ ja kein Heim, Halvard. + +*Solneß*. Ach nein, das ist nur zu wahr. (Schwermütig.) Und Gott +weiß, ob du nicht darin recht behältst, daß es im neuen Hause auch +nicht besser für uns wird! + +*Frau Solneß*. Das wird es nie werden. Ebenso leer. Ebenso öde. Dort +wie hier. + +*Solneß* (heftig). Aber um's Himmels willen, warum haben wir's dann +erst gebaut? Kannst du mir das erklären? + +*Frau Solneß*. Nein, darauf mußt du dir selber Antwort geben. + +*Solneß* (blickt mißtrauisch zu ihr hin). Was meinst du damit, Aline? + +*Frau Solneß*. Was ich meine? + +*Solneß*. Ja doch, zum Teufel --! Du sagtest es so sonderbar. Als ob +du dabei einen verborgenen Gedanken hättest. + +*Frau Solneß*. Nein, da kann ich dich wahrhaftig versichern -- + +*Solneß* (nähert sich ihr). Ist gar nicht nötig -- ich weiß schon, +was ich weiß. Und sehen und hören thu' ich auch, Aline. Darauf +kannst du dich verlassen! + +*Frau Solneß*. _Was_ denn aber? _Was_ denn? + +*Solneß* (stellt sich vor sie hin). Witterst du etwa nicht einen +tückischen versteckten Sinn in dem unschuldigsten Wort, das ich nur +sage? + +*Frau Solneß*. _Ich_, sagst du! Thue _ich_ das? + +*Solneß* (lacht). Hahaha! Das ist ja kein Wunder, Aline! Wenn du +dich mit einem kranken Mann im Hause abquälen mußt, dann -- + +*Frau Solneß* (angstvoll). Krank! Bist du krank, Halvard! + +*Solneß* (herausplatzend). Oder ein halbtoller Mann! Ein verrückter +Mann! Nenn' mich, wie du willst! + +*Frau Solneß* (greift nach der Stuhllehne und setzt sich). Halvard +-- um's Himmels willen --! + +*Solneß*. Aber ihr irrt euch beide. Sowohl du als der Doktor. So +steht's nicht mit mir. (Er geht auf und ab.) + +*Frau Solneß* (folgt ihm ängstlich mit den Augen). + +*Solneß* (geht zu ihr hin, ruhig). Im Grunde fehlt mir nicht das +Geringste. + +*Frau Solneß*. Nein, nicht wahr! Aber was hast du dann? + +*Solneß*. Die Sache ist die, daß ich manchmal fast zusammenbreche +unter dieser entsetzlichen Schuldenlast -- + +*Frau Solneß*. Schulden, sagst du! Aber du bist ja niemand etwas +schuldig, Halvard! + +*Solneß* (leise, bewegt). Doch -- ich bin in bodenloser Schuld -- +_dir_ gegenüber, Aline. + +*Frau Solneß* (erhebt sich langsam). Was steckt hier dahinter? Sag' +es lieber gleich. + +*Solneß*. Aber es _steckt_ ja nichts dahinter! Ich habe dir nie +etwas Böses zugefügt. Jedenfalls nicht mit Wissen und Willen. Und +trotzdem habe ich die Empfindung, als ob eine erdrückende Schuld +fortwährend auf mir lastete. + +*Frau Solneß*. Eine Schuld _mir_ gegenüber? + +*Solneß*. Am meisten dir gegenüber. + +*Frau Solneß*. Dann bist du dennoch -- krank, Halvard. + +*Solneß* (schwermütig). Das wird's wohl sein. Oder etwas ähnliches. +(Er blickt nach der Thüre rechts, die sich öffnet.) Da! Jetzt wird's +wieder hell. + +*Hilde Wangel* (kommt herein; sie hat an ihrem Anzug einzelnes +geändert; das Kleid ist herabgelassen). + + + Dritter Auftritt. + +*Die Vorigen*. *Hilde Wangel*. + +*Hilde*. Guten Morgen, Baumeister! + +*Solneß* (nickt ihr zu). Gut geschlafen? + +*Hilde*. Wundervoll! Wie in einer Wiege. O -- ich habe dagelegen und +mich gestreckt wie -- wie eine Prinzessin. + +*Solneß* (lächelt ein wenig). Wohlauf und munter also. + +*Hilde*. Das sollt ich meinen. + +*Solneß*. Jedenfalls auch geträumt? + +*Hilde*. Freilich. Das war aber unheimlich. + +*Solneß*. So? + +*Hilde*. Mir träumte nämlich, ich stürzte von einer ungeheuer hohen +steilen Felswand hinab. Träumen denn Sie nie so was? + +*Solneß*. O ja -- zuweilen, da -- + +*Hilde*. Es ist so entsetzlich spannend -- wenn einer so fällt und +fällt. + +*Solneß*. Es ist so ein eisiges Gefühl, scheint's mir. + +*Hilde*. Ziehen Sie die Beine in die Höhe, wenn's kommt? + +*Solneß*. So weit hinauf, wie ich nur kann. + +*Hilde*. Das thu' ich auch. + +*Frau Solneß* (nimmt ihren Sonnenschirm). Jetzt muß ich wohl in die +Stadt, Halvard. (Zu Hilde.) Und dann bring' ich Verschiedenes mit +nach Hause, was Sie nötig haben können. + +*Hilde* (will ihr um den Hals fallen). Ach, liebste reizende Frau +Solneß! Sie sind aber doch _zu_ lieb gegen mich! Furchtbar lieb -- + +*Frau Solneß* (abwehrend, sich losmachend). Ach, durchaus nicht. Das +ist ja einfach meine Pflicht. Und darum thue ich es so gern. + +*Hilde* (verdrossen, spitzt die Lippen). Übrigens meine ich, daß ich +mich ganz gut auf der Straße zeigen könnte -- so hübsch, wie ich's +jetzt zurechtgebracht habe. Oder _kann_ ich das etwa nicht? + +*Frau Solneß*. Aufrichtig gesprochen, glaube ich schon, daß Ihnen +die Leute ein wenig nachblicken würden. + +*Hilde* (geringschätzig). Pah! Weiter nichts? Das ist ja nur +spaßhaft. + +*Solneß* (übler Laune, die er zu verhehlen sucht). Ja, sehen Sie, +die Leute könnten aber auf die Idee kommen, _Sie_ wären auch +verrückt. + +*Hilde*. Verrückt? Giebt's denn so viele Verrückte in der Stadt? + +*Solneß* (zeigt auf seine Stirn). Da sehen Sie wenigstens _einen_ +von ihnen. + +*Hilde*. _Sie_ -- Baumeister! + +*Frau Solneß*. Aber bester Halvard! + +*Solneß*. Haben Sie denn _das_ noch nicht bemerkt? + +*Hilde*. Nein, das hab' ich allerdings nicht bemerkt. (Sie besinnt +sich und lacht ein wenig.) Oder doch -- in einem einzigen Punkt +vielleicht. + +*Solneß*. Nun, hörst du wohl, Aline? + +*Frau Solneß*. Was ist denn das für ein Punkt, Fräulein Wangel? + +*Hilde*. Nein, das sag' ich nicht. + +*Solneß*. Ach, sagen Sie's doch! + +*Hilde*. O nein -- so verrückt bin ich nicht. + +*Frau Solneß*. Wenn du mit Fräulein Wangel allein bist, dann sagt +sie es schon, Halvard. + +*Solneß*. So -- glaubst du? + +*Frau Solneß*. Ei gewiß. Du kennst sie ja doch so gut von früher. +Von der Zeit, da sie noch ein Kind war -- sagtest du. (Ab durch die +Thüre links.) + + + Vierter Auftritt. + +*Solneß*. *Hilde Wangel*. + +*Hilde* (nach einer kleinen Pause). Ihre Frau -- kann denn die mich +gar nicht leiden? + +*Solneß*. Kam es Ihnen vor, als ob ihr so etwas anzumerken war? + +*Hilde*. Merkten Sie's denn selber nicht? + +*Solneß* (ausweichend). Aline ist so menschenscheu geworden in den +letzten Jahren. + +*Hilde*. Das auch noch? + +*Solneß*. Aber wenn Sie sie erst recht kennen lernten -- Sie ist +nämlich so treu -- und gut -- und brav, im Grunde genommen -- + +*Hilde* (ungeduldig). Aber wenn sie das alles ist -- warum redet sie +denn dann von Pflicht? + +*Solneß*. Von Pflicht? + +*Hilde*. Sie sagte ja, sie wollte in die Stadt und mir etwas kaufen. +Weil es ihre _Pflicht_ wäre -- sagte sie. O ich kann das häßliche, +garstige Wort nicht ausstehen! + +*Solneß*. Warum denn nicht? + +*Hilde*. Es hört sich so kalt und spitzig und stechend an. Pflicht +-- Pflicht -- Pflicht. Finden _Sie_ das nicht auch? Daß es einen +gleichsam sticht? + +*Solneß*. Hm -- hab' drüber so genau nicht nachgedacht. + +*Hilde*. Doch! Und wenn sie so gut ist -- wie Sie von ihr behaupten +-- warum brauchte sie denn so was zu sagen? + +*Solneß*. Du lieber Gott, was hätte sie denn sagen sollen? + +*Hilde*. Sie hätte ja sagen können, daß sie es thäte, weil sie mich +so furchtbar gern hätte. So was hätte sie sagen können. Irgend etwas +recht Warmes und Herzliches, wissen Sie. + +*Solneß* (sieht sie an). Auf _die_ Art wollen Sie's also haben? + +*Hilde*. Ja, just auf _die_ Art. (Sie schlendert im Zimmer umher, +bleibt am Bücherschrank stehen und sieht sich die Bücher an.) Sie +haben aber viele Bücher. + +*Solneß*. 's geht an. Ich hab mir hin und wieder einige angeschafft. + +*Hilde*. Lesen Sie auch in all den Büchern? + +*Solneß*. Früher probierte ich's. Lesen _Sie_? + +*Hilde*. O nein! Jetzt nie mehr. Denn den Zusammenhang find ich +_doch_ nie heraus. + +*Solneß*. Gerade so geht's mir auch. + +*Hilde* (geht wieder ein wenig herum, bleibt an dem Tischchen +stehen, öffnet die Mappe und blättert darin.) Haben _Sie_ das alles +gezeichnet? + +*Solneß*. Nein, das ist von einem jungen Mann, der bei mir +angestellt ist. + +*Hilde*. Einer, den _Sie_ selber ausgebildet haben? + +*Solneß*. Nun, er hat jedenfalls auch von _mir_ etwas gelernt. + +*Hilde* (setzt sich). Dann ist er wohl _sehr_ tüchtig? (Sie sieht +sich eine Zeichnung ein wenig an.) Ist er das nicht? + +*Solneß*. Nicht übel. Für _meinen_ Gebrauch da -- + +*Hilde*. Doch, doch! Der ist gewiß ungeheuer tüchtig. + +*Solneß*. Meinen Sie das den Zeichnungen ansehen zu können? + +*Hilde*. Ach, was kümmere ich mich um den Plunder! Aber wenn er bei +_Ihnen_ in der Lehre gewesen ist, dann -- + +*Solneß*. Ach, was _das_ betrifft -- Da giebt's viele, die von _mir_ +gelernt haben. Aber weiter bringen sie's darum doch nicht. + +*Hilde* (sieht ihn kopfschüttelnd an). Nein, wie _Sie_ dumm sein +können, das geht doch über meinen Verstand. + +*Solneß*. Dumm? Komme ich Ihnen denn so _sehr_ dumm vor? + +*Hilde*. Ja, wahrhaftig. Wenn Sie sich dazu hergeben, alle die Kerle +auszubilden, dann -- + +*Solneß* (stutzt). Nun? Und warum denn das nicht? + +*Hilde* (steht auf, halb im Ernst, halb lachend). Ach nein, +Baumeister! Wozu denn das! Kein anderer als Sie sollte bauen dürfen. +Sie ganz allein. Alles sollten Sie selber machen. Jetzt wissen Sie's. + +*Solneß* (unwillkürlich). Hilde --! + +*Hilde*. Nun? + +*Solneß*. Wie können Sie nur auf die Idee gekommen sein? + +*Hilde*. Halten Sie sie denn für so ganz verkehrt? + +*Solneß*. So war's nicht gemeint. Jetzt will ich Ihnen aber etwas +sagen. + +*Hilde*. Nun also? + +*Solneß*. Da hab' ich mich unablässig -- in der Stille und +Einsamkeit -- mit dem nämlichen Gedanken herumgebalgt. + +*Hilde*. Nun, das ist ja ganz natürlich, scheint mir. + +*Solneß* (sieht sie forschend an). Und das haben Sie jedenfalls +schon bemerkt. + +*Hilde*. Nein, das habe ich gar nicht bemerkt. + +*Solneß*. Aber vorhin -- als Sie sagten, Sie hielten mich für -- +verdreht? So in _einem_ Punkt --? + +*Hilde*. Ach, da dachte ich an etwas ganz anderes. + +*Solneß*. Und was war denn das andere? + +*Hilde*. Das kann Ihnen ja gleich sein, Baumeister. + +*Solneß* (entfernt sich). Na -- wie Sie wollen. (Er bleibt am Erker +stehen). Kommen Sie hierher, da zeige ich Ihnen etwas. + +*Hilde* (nähert sich). Was denn? + +*Solneß*. Sehen Sie -- da drüben im Garten --? + +*Hilde*. Ja? + +*Solneß* (zeigt hinaus). Gerade über dem großen Steinbruch --? + +*Hilde*. Das neue Haus, meinen Sie? + +*Solneß*. An dem gebaut wird, jawohl. Fast ganz fertig. + +*Hilde*. Es hat einen sehr hohen Turm, kommt's mir vor. + +*Solneß*. Das Gerüst ist noch dran. + +*Hilde*. Ist das Ihr neues Haus? + +*Solneß*. Jawohl. + +*Hilde*. Das Haus, in das Sie bald einziehen werden? + +*Solneß*. Jawohl. + +*Hilde* (sieht ihn an). Sind in dem Haus auch Kinderstuben? + +*Solneß*. Drei, ebenso wie hier. + +*Hilde*. Und keine Kinder. + +*Solneß*. Kommen auch keine. + +*Hilde* (mit einem halben Lächeln). Ja, hatt' ich da nicht recht --? + +*Solneß*. Worin --? + +*Hilde*. Darin, daß Sie _doch_ so -- ein wenig verrückt sind. + +*Solneß*. _Daran_ dachten Sie also? + +*Hilde*. Ja, an alle die leeren Kinderstuben. Da, wo ich drin +schlief. + +*Solneß* (gedämpft). Wir _haben_ Kinder gehabt -- Aline und ich. + +*Hilde* (blickt ihn gespannt an). Haben _Sie_ --! + +*Solneß*. Zwei kleine Jungen. Beide waren -- gleich alt. + +*Hilde*. Zwillinge also. + +*Solneß*. Ja, Zwillinge. Es ist jetzt elf oder zwölf Jahre her. + +*Hilde* (behutsam). Und beide sind also --? Die Zwillinge haben Sie +also jetzt nicht mehr? + +*Solneß* (still bewegt). Wir behielten sie nur so drei Wochen. Oder +nicht einmal so lange. (Mit einem Ausbruch.) Ach, Hilde, wie +unglaublich gut ist es für mich, daß Sie kamen! Jetzt habe ich doch +endlich jemand, mit dem ich reden kann. + +*Hilde*. Können Sie denn das nicht auch mit -- mit _ihr_? + +*Solneß*. Nicht von _dem_ da. Nicht so, wie ich will und muß. +(Schwermütig.) Und auch nicht von so vielem andern. + +*Hilde* (gedämpft). War's nur _das_, worauf Sie anspielten, als Sie +sagten, Sie brauchten mich? + +*Solneß*. _Das_ war's wohl am ehesten. Gestern jedenfalls. Denn +heute weiß ich nicht mehr so recht -- (Abbrechend.) Setzen wir uns +doch, Hilde. Setzen Sie sich da aufs Sofa -- so daß Sie den Garten +vor Augen haben. + +*Hilde* (setzt sich in die Sofaecke). + +*Solneß* (rückt einen Stuhl näher). Haben Sie Lust mich anzuhören? + +*Hilde*. Ja, ich höre Sie sehr, sehr gern an. + +*Solneß* (setzt sich). Dann will ich Ihnen also alles sagen. + +*Hilde*. Jetzt habe ich sowohl den Garten als Sie vor Augen, +Baumeister. So, nun erzählen Sie! Gleich! + +*Solneß* (zeigt gegen das Erkerfenster hin). Da draußen auf der +Anhöhe -- wo Sie also das neue Haus sehen -- + +*Hilde*. Ja? + +*Solneß*. Dort wohnten Aline und ich in den ersten Jahren. Da droben +lag nämlich damals ein altes Haus, das ihrer Mutter gehört hatte. +Und das bekamen wir nach ihr. Und den ganzen großen Garten, den +bekamen wir dazu. + +*Hilde*. War auf _dem_ Hause auch ein Turm? + +*Solneß*. Keine Spur von so etwas. Von außen nahm es sich aus wie +ein großer, häßlicher, dunkler Holzkasten. Aber inwendig war's doch +ganz nett und gemütlich. + +*Hilde*. Rissen Sie dann die alte Bude nieder? + +*Solneß*. Nein. Sie brannte ab. + +*Hilde*. Alles miteinander? + +*Solneß*. Jawohl. + +*Hilde*. War das für Sie ein rechtes Unglück? + +*Solneß*. Je nachdem man's nimmt. Als Baumeister kam ich auf den +Brand hin in die Höhe -- + +*Hilde*. Aber --? + +*Solneß*. Die zwei kleinen Jungen waren damals gerade geboren -- + +*Hilde*. Richtig -- die armen Zwillinge. + +*Solneß*. Sie kamen so gesund und kräftig zur Welt. Und wachsen +thaten sie, so daß man's förmlich sehen konnte von Tag zu Tag. + +*Hilde*. Kleine Kinder wachsen sehr rasch in den ersten Tagen. + +*Solneß*. Es war der herzigste Anblick, den einer sich nur gönnen +konnte, Aline mit den beiden daliegen zu sehen. -- Da kam aber die +Brandnacht -- + +*Hilde* (gespannt). Was geschah! Sagen Sie's doch. Kam jemand um? + +*Solneß*. Das nicht. Alle wurden wohlbehalten aus dem Hause +gerettet -- + +*Hilde*. Nun, aber was weiter --? + +*Solneß*. Der Schrecken hatte Aline so entsetzlich erschüttert. Der +Feuerlärm -- der Auszug aus dem Hause -- Hals über Kopf -- und das +noch dazu in der eisigen Nachtkälte -- Denn sie mußten ja +hinausgetragen werden, so wie sie dalagen. Sowohl sie als die +Kleinen. + +*Hilde*. Und die vertrugen's nicht? + +*Solneß*. Doch -- _die_ vertrugen's schon. Aber Aline bekam das +Fieber. Und das ging in die Milch über. Selber ihre Amme sein, das +hatte sie ja durchaus gewollt. Denn das wäre ihre Pflicht, sagte +sie. Und unsere beiden Kleinen, die -- (er preßt die Hände zusammen) +die -- oh! + +*Hilde*. _Das_ überstanden sie nicht? + +*Solneß*. Nein, _das_ überstanden sie nicht. Das war's, was sie uns +wegriß. + +*Hilde*. Das muß furchtbar hart für Sie gewesen sein. + +*Solneß*. Hart genug für mich. Aber zehn Mal härter für Aline. (Er +ballt die Fäuste in verhaltener Wut.) O daß so etwas vorfallen darf +in dieser Welt! Seit dem Tage, da ich sie verlor, baute ich ungern +Kirchen. + +*Hilde*. Vielleicht auch nicht gern den Kirchturm droben bei uns? + +*Solneß*. Gern nicht. Ich weiß noch, wie froh und leicht mir zu Mute +war, als der Turm da fertig war. + +*Hilde*. Das weiß ich auch. + +*Solneß*. Und jetzt baue ich nie -- nie mehr so etwas! Weder Kirchen +noch Kirchtürme. + +*Hilde* (nickt langsam). Nur Häuser, wo Leute drin wohnen können. + +*Solneß*. Heimstätten für Menschen, Hilde. + +*Hilde*. Aber Heimstätten mit hohen Türmen und Spitzen. + +*Solneß*. Das am liebsten. (Er geht zu einem leichteren Ton über). +Ja, sehen Sie -- wie gesagt -- der Brand, der brachte mich empor. +Als Baumeister, heißt das. + +*Hilde*. Warum nennen Sie sich nicht Architekt wie die andern? + +*Solneß*. Hab dazu nicht gründlich genug gelernt. Was ich kann, hab +ich meistenteils selber ausgeheckt. + +*Hilde*. Aber in die Höhe kamen Sie trotzdem, Baumeister. + +*Solneß*. Nach dem Brande, ja. Fast den ganzen Garten zerstückelte +ich in Bauplätze für Villen. Und dort durfte ich bauen, wie ich's +selber haben wollte. Und da ging's ja reißend schnell mit mir +vorwärts. + +*Hilde* (sieht ihn forschend an). _Sie_ sind gewiß ein sehr +glücklicher Mann. So, wie's Ihnen geht. + +*Solneß* (finster). Glücklich? Sagen _Sie_ das auch? Wie alle die +andern. + +*Hilde*. Das müssen Sie doch sein, mein ich. Wenn Sie nur aufhören +könnten an die zwei kleinen Kinder zu denken, dann -- + +*Solneß* (langsam). Die zwei kleinen Kinder -- von denen ist es +nicht so leicht loszukommen, Hilde. + +*Hilde* (ein wenig unsicher). Sind sie immer noch ein so großes +Hindernis? So lange, lange Zeit nachher? + +*Solneß* (sieht sie fest an, ohne zu antworten). Ein glücklicher +Mann, sagten Sie -- + +*Hilde*. Ja, aber _sind_ Sie denn das nicht -- im übrigen? + +*Solneß* (sieht sie fortdauernd an). Als ich Ihnen die Geschichte +vom Brande erzählte -- hm -- + +*Hilde*. Nun! + +*Solneß*. Kam Ihnen da nicht ein bestimmter Gedanke, der sich Ihnen +-- so ganz besonders aufdrängte? + +*Hilde* (besinnt sich vergebens). Nein. Was sollte denn _das_ für +ein Gedanke sein? + +*Solneß* (mit gedämpftem Nachdruck). Einzig und allein durch den +Brand konnte ich dazu kommen, Heimstätten für Menschen zu bauen. +Behagliche, trauliche, helle Heimstätten, wo Vater und Mutter und +die ganze Kinderschar leben könnten in dem sichern und frohen +Gefühl, daß es ein recht glückliches Los ist, _dazusein_ in dieser +Welt. Und am glücklichsten, einander anzugehören -- im Großen und im +Kleinen. + +*Hilde* (eifrig). Jawohl, ist denn aber das nicht für Sie ein +rechtes Glück, daß Sie solche reizende Heimstätten schaffen können? + +*Solneß*. Der Preis, Hilde. Der entsetzliche Preis, den ich bezahlen +mußte, um dazu zu kommen. + +*Hilde*. Werden Sie sich denn darüber _nie_ hinwegsetzen können? + +*Solneß*. Nein. Um dazu zu kommen, Heimstätten zu bauen für andere, +mußte ich verzichten -- für alle Zeiten darauf verzichten, selber +ein Heim zu haben. Ich meine ein Heim für die Kinderschar. Und für +Vater und Mutter auch. + +*Hilde* (behutsam). Aber _mußten_ Sie denn das? Für alle Zeiten, +sagen Sie? + +*Solneß* (nickt langsam). Das war der Preis für dieses Glück, von +dem die Leute so viel reden. (Er atmet schwer.) Das Glück da -- hm +-- _das_ Glück war nicht billiger zu erkaufen, Hilde. + +*Hilde* (wie oben). Aber kann's mit dem nicht doch noch wieder gut +werden? + +*Solneß*. Nie. Niemals. Das ist auch eine Folge vom Brande. Und von +Alines Krankheit darauf. + +*Hilde* (sieht ihn mit einem unbestimmbaren Ausdruck an). Und doch +bauen Sie immer noch alle die Kinderstuben. + +*Solneß* (ernst). Haben Sie nie gemerkt, Hilde, daß das Unmögliche +-- daß das einen gleichsam lockt und ruft? + +*Hilde* (denkt nach). Das Unmögliche? (Lebhaft.) Gewiß! Haben +_Sie's_ auch auf die Art? + +*Solneß*. Ja, so hab ich's. + +*Hilde*. Dann ist wohl auch in Ihnen so -- so etwas vom Unhold? + +*Solneß*. Warum gerade Unhold? + +*Hilde*. Nun, wie wollen denn _Sie_ so was nennen? + +*Solneß* (erhebt sich). Mag sein, daß Sie recht haben. (Heftig.) +Aber muß ich denn nicht zum Unhold _werden_ -- so wie's mir immer +und ewig in allem geht! In allem! + +*Hilde*. Wie meinen Sie das? + +*Solneß* (gedämpft, in innerer Erregung). Achten Sie auf das, was +ich Ihnen sage, Hilde. Alles, was mir vergönnt wurde zu wirken, zu +bauen, zu schaffen, Schönes, Trauliches -- Erhabenes auch -- (Er +ballt die Fäuste.) O es ist doch ein entsetzlicher Gedanke --! + +*Hilde*. _Was_ ist so entsetzlich? + +*Solneß*. Daß ich das alles unaufhörlich aufwägen muß. Dafür +bezahlen. Nicht mit Geld. Aber mit Menschenglück. Und nicht mit +meinem Glück allein. Mit dem Glücke anderer auch. Ja, da sehen +Sie's, Hilde! _Den_ Preis hat mich mein Künstlerplatz gekostet -- +mich und andere. Und Tag für Tag muß ich ansehen, wie der Preis +aufs neue für mich bezahlt wird. Wieder und wieder -- und immer +wieder! + +*Hilde* (erhebt sich und blickt ihn unverwandt an). Jetzt denken +Sie gewiß an -- an _sie_. + +*Solneß*. Ja. Meist an Aline. Denn Aline -- die hatte auch ihren +Beruf im Leben. Ebenso wohl, wie ich den meinigen. (Mit bebender +Stimme.) Aber ihr Beruf, der mußte verpfuscht, erdrückt, zermalmt +werden -- damit meiner mich vorwärts bringen könnte zu -- zu dem, +was aussieht wie ein großer Sieg. Denn das müssen Sie wissen. Aline +-- die hatte auch ihre Anlagen zum Bauen. + +*Hilde*. Sie? Zum Bauen? + +*Solneß* (schüttelt den Kopf). Keine Häuser und Türme und Pfeiler -- +nichts von dem, was ich selber treibe -- + +*Hilde*. Nun, aber _was_ denn? + +*Solneß* (weich und bewegt). Kleine Kinderseelen aufzubauen, Hilde. +Kinderseelen aufzubauen, so daß sie groß werden in Gleichgewicht und +in schönen edlen Formen. So daß sie sich erheben zu geraden +erwachsenen Menschenseelen. _Das_ war's, wozu Aline Anlagen hatte. +Und das alles, das liegt jetzt da. Ungebraucht -- und unbrauchbar +für immer. Und ohne das mindeste zu nützen. Genau wie die +Schutthaufen nach einem Brande. + +*Hilde*. Nun -- wenn's aber auch so wäre -- + +*Solneß*. Es _ist_ so. Es _ist_ so. Ich weiß es. + +*Hilde*. Nun gut, aber _Sie_ sind doch jedenfalls nicht schuld daran. + +*Solneß* (richtet den Blick auf sie und nickt langsam). Ja, wissen +Sie, _das_ ist eben die große entsetzliche Frage. _Das_ ist der +Zweifel, der an mir nagt -- früh und spät. + +*Hilde*. _Das?_ + +*Solneß*. Ja, setzen Sie mal den Fall, ich _wäre_ schuld daran. +Gewissermaßen wenigstens. + +*Hilde*. Sie! An dem Brand! + +*Solneß*. An allem. Alles miteinander. -- Und dann vielleicht -- +ganz unschuldig trotzdem. + +*Hilde* (sieht ihn besorgt an). Ach, Baumeister -- wenn Sie so etwas +sagen können -- dann sind Sie ja dennoch -- krank. + +*Solneß*. Hm -- werd wohl mein Leben lang auch nie recht gesund +werden in dem Stück. + +*Ragnar Brovik* (öffnet behutsam die kleine Thür in der Ecke links). + + + Fünfter Auftritt. + +*Die Vorigen*. *Ragnar Brovik*. + +*Hilde* (macht einige Schritte). + +*Ragnar* (Hilde erblickend). O -- Entschuldigen Sie, Herr Solneß -- +(Er will sich zurückziehen.) + +*Solneß*. Nein, nein, bleiben Sie nur. Dann ist's gethan. + +*Ragnar*. Ach ja -- wär's nur so weit! + +*Solneß*. Ihrem Vater geht's ja nicht besser, wie ich höre. + +*Ragnar*. Mit dem Vater geht's rasch abwärts. Und darum bitte ich +Sie recht inständig -- geben Sie mir ein paar gute Worte auf einem +von den Blättern! Etwas, was der Vater zu lesen bekommen kann, ehe +er -- + +*Solneß* (heftig). Sie dürfen mir von Ihren Zeichnungen nicht mehr +reden! + +*Ragnar*. Haben Sie sie angesehen? + +*Solneß*. Ja -- das hab ich. + +*Ragnar*. Und sie taugen nicht? Und ich tauge wohl auch nicht? + +*Solneß* (ausweichend). Bleiben Sie hier bei mir, Ragnar. Sie +sollen's bekommen, wie Sie's selber haben wollen. Dann können Sie +Kaja heiraten. Sorgenfrei leben. Glücklich vielleicht auch. Nur +denken Sie nie daran, auf eigene Hand zu bauen. + +*Ragnar*. Ja, da muß ich also heimgehen und das dem Vater sagen. +Denn das versprach ich ihm. -- _Soll_ ich das dem Vater sagen -- +ehe er stirbt? + +*Solneß* (mit sich selber ringend). Ach, sagen Sie ihm -- sagen Sie +ihm meinetwegen, was Sie wollen. Das beste ist, Sie sagen ihm gar +nichts! Ich _kann_ nicht anders handeln, als wie ich thue, Ragnar! + +*Ragnar*. Darf ich also die Zeichnungen mitnehmen? + +*Solneß*. Ja, nehmen Sie sie -- nehmen Sie sie nur! Sie liegen dort +auf dem Tisch. + +*Ragnar* (geht hin). Ich bin so frei. + +*Hilde* (legt die Hand auf die Mappen). Nein, nein, lassen Sie sie +liegen. + +*Solneß*. Warum denn? + +*Hilde*. Ich will sie nämlich auch ansehen. + +*Solneß*. Aber Sie _haben_ sie ja -- (Zu Ragnar.) Nun, lassen Sie +sie also hier liegen. + +*Ragnar*. Sehr gern. + +*Solneß*. Und dann gehen Sie gleich heim zu Ihrem Vater. + +*Ragnar*. Ja, das muß ich wohl. + +*Solneß* (wie verzweifelt). Ragnar -- Sie _dürfen_ von mir nicht +etwas verlangen, was ich nicht kann! Hören Sie, Ragnar! Sie _dürfen_ +das nicht! + +*Ragnar*. Nein, nein. Entschuldigen Sie -- (Er verbeugt sich und +geht zur Eckthür hinaus). + + + Sechster Auftritt. + +*Solneß*. *Hilde Wangel*. + +*Hilde* (sieht Solneß zornig an). Das war recht häßlich von Ihnen. + +*Solneß*. Meinen _Sie_ das auch? + +*Hilde*. Ja, furchtbar häßlich war's. Und hart und böse und grausam +noch dazu. + +*Solneß*. Ach, Sie begreifen nicht, was in _mir_ vorgeht. + +*Hilde*. Und doch -- Nein, _Sie_ sollen nicht so sein. + +*Solneß*. Sie sagten ja selbst eben erst, nur _ich_ sollte bauen +dürfen. + +*Hilde*. So was kann ich sagen. Aber _Sie_ dürfen's nicht. + +*Solneß*. Ich wohl am meisten. So teuer, wie ich meinen Platz +erkauft habe. + +*Hilde*. Nun ja -- mit etwas, was Sie häusliches Behagen nennen -- +und dergleichen. + +*Solneß*. Und mit meinem Seelenfrieden obendrein. + +*Hilde* (erhebt sich). Seelenfrieden! (Innig.) Ja, darin haben Sie +recht! Armer Baumeister -- Sie bilden sich ja ein, daß -- + +*Solneß* (von einem stillen Lachen geschüttelt). Setzen Sie sich nur +wieder, Hilde. Da erzähle ich Ihnen etwas Spaßhaftes. + +*Hilde* (gespannt, setzt sich). Nun also? + +*Solneß*. Es nimmt sich aus, wie ein lächerlich kleines Ding. Denn +die ganze Geschichte dreht sich bloß um eine Ritze in einer +Schornsteinröhre. + +*Hilde*. Weiter nichts? + +*Solneß*. Anfangs war's weiter nichts. (Er rückt einen Stuhl an den +Hildes näher heran und setzt sich.) + +*Hilde* (ungeduldig, klopft sich aufs Knie). Die Ritze in der +Schornsteinröhre also! + +*Solneß*. Ich hatte die Ritze in der Röhre bemerkt, lange bevor das +Feuer ausbrach. Jedesmal, wenn ich auf dem Dachboden droben war, sah +ich nach, ob sie noch da wäre. + +*Hilde*. Und das war sie? + +*Solneß*. Jawohl. Denn niemand anders wußte darum. + +*Hilde*. Und Sie sagten nichts? + +*Solneß*. Gar nichts. + +*Hilde*. Dachten auch nicht daran, die Röhre ausbessern zu lassen? + +*Solneß*. Dachte schon daran -- kam aber nie weiter. Jedesmal, wenn +ich mich dranmachen wollte, war's mir gerade, als ob sich eine Hand +dazwischen legte. Heute nicht, dachte ich. Morgen. Es wurde nie was +daraus. + +*Hilde*. Ja, warum waren Sie denn so eine Schlafmütze. + +*Solneß*. Weil mir allerlei im Kopf herumging. (Langsam und +gedämpft.) Durch die kleine schwarze Ritze in der Schornsteinröhre +könnte ich mich vielleicht emporschwingen -- als Baumeister. + +*Hilde* (blickt vor sich hin). Das muß spannend gewesen sein. + +*Solneß*. Unwiderstehlich fast. Ganz unwiderstehlich. Denn damals +kam mir alles so leicht und so einfach vor. Ich wollte, es sollte so +mitten im Winter sein. Ein wenig vor der Mittagsstunde. Ich sollte +draußen sein und Aline im Schlitten spazieren fahren. Die +Dienstboten zu Hause, die sollten stark geheizt haben. + +*Hilde*. Jawohl, denn an dem Tage sollte es wohl furchtbar kalt sein? + +*Solneß*. Schneidend kalt. Und da wollten sie's natürlich für Aline +recht warm und gemütlich herrichten, bis sie heimkäme. + +*Hilde*. Denn die friert gewiß leicht. + +*Solneß*. Ja, das thut sie. Und dann, auf dem Heimwege, sollten wir +den Rauch sehen. + +*Hilde*. Bloß den Rauch? + +*Solneß*. Zuerst den Rauch. Aber wenn wir das Gartenthor erreicht +hätten, dann sollte der ganze alte Holzkasten von lodernden +Feuermassen umhüllt sein. -- Auf _die_ Art wollte ich's haben, sehen +Sie. + +*Hilde*. Aber du lieber Gott, daß es so nicht kommen konnte! + +*Solneß*. Ja, das können Sie schon sagen, Hilde. + +*Hilde*. Jetzt hören Sie aber, Baumeister. Wissen Sie denn auch ganz +bestimmt, daß das Feuer von der kleinen Ritze im Schornstein +herrührte? + +*Solneß*. Im Gegenteil. Ich weiß ganz bestimmt, daß die Ritze im +Schornstein insofern mit dem Feuer gar nichts zu thun hatte. + +*Hilde*. _Was!_ + +*Solneß*. Es ist völlig erwiesen, daß das Feuer in einer +Kleiderkammer ausbrach -- in einem ganz andern Teil des Hauses. + +*Hilde*. Ja, was faseln Sie denn dann immerfort von der ewigen Ritze +im Schornstein! + +*Solneß*. Darf ich noch ein wenig mit Ihnen weiterreden, Hilde? + +*Hilde*. Ja, wenn Sie nur vernünftig reden wollen -- + +*Solneß*. Ich will's versuchen. (Er rückt seinen Stuhl näher.) + +*Hilde*. Also heraus mit der Sprache, Baumeister. + +*Solneß* (vertraulich). Glauben Sie nicht auch, Hilde, daß es +einzelne auserkorene, auserwählte Menschen giebt, denen die Gnade +verliehen wurde und die Macht und die Fähigkeit, etwas zu +_wünschen_, etwas zu _begehren_, etwas zu _wollen_ -- so beharrlich +und so -- so unerbittlich -- daß sie es zuletzt bekommen _müssen_. +Glauben Sie das nicht? + +*Hilde* (mit einem unbestimmbaren Ausdruck in den Augen). Wenn _das_ +der Fall ist, dann werden wir schon einmal sehen -- ob _ich_ zu den +Auserkorenen gehöre. + +*Solneß*. _Allein_ wirkt einer so große Dinge nicht. O nein -- die +Helfer und die Diener -- die müssen schon auch dabei sein, wenn's zu +was werden soll. Aber die kommen nie von selber. Man muß sie recht +beharrlich rufen. So inwendig, verstehen Sie. + +*Hilde*. Was sind denn das für Helfer und Diener? + +*Solneß*. Ach, davon können wir ein anderes Mal reden. Bleiben wir +jetzt bei der Geschichte mit dem Brand. + +*Hilde*. Glauben Sie nicht, daß der Brand trotzdem gekommen wäre -- +wenn Sie ihn auch _nicht_ herbeigewünscht hätten? + +*Solneß*. Hätte das Haus dem alten Knut Brovik gehört, _dem_ wär's +gar nie so gelegen abgebrannt. Davon bin ich überzeugt. Denn der +versteht nicht die Helfenden zu rufen, und die Dienenden auch nicht. +(Unruhig, steht auf.) Sehen Sie, Hilde -- ich bin's also doch, der +daran schuld ist, daß die zwei Kleinen das Leben einbüßen mußten. +Und bin ich nicht auch etwa daran schuld, daß Aline nicht zu dem +geworden ist, was sie werden sollte und konnte. Und was sie am +liebsten wollte. + +*Hilde*. Ja, wenn es nun aber bloß diese Helfer und Diener sind, +dann --? + +*Solneß*. Wer rief die Helfer und Diener? Das that _ich_! Und da +kamen sie und unterwarfen sich meinem Willen. (In steigender +Erregung.) _Das_ ist's, was die Leute »Glück haben« nennen. Aber +_ich_ will Ihnen sagen, wie das Glück empfunden wird! Es wird +empfunden wie eine große hautlose Stelle hier auf der Brust. Und die +Helfer und Diener nehmen Hautfetzen von andern Menschen, um _meine_ +Wunde zu schließen! Aber die Wunde heilt doch nicht zu. Nie -- +niemals! Ach, wenn Sie wüßten, wie das zuweilen saugt und brennt. + +*Hilde* (sieht ihn aufmerksam an). Sie _sind_ krank, Baumeister. +Schwer krank, glaub ich fast. + +*Solneß*. Sagen Sie verrückt, denn das meinen Sie ja. + +*Hilde*. Nein, am Verstande, glaub ich, fehlt Ihnen weiter nichts. + +*Solneß*. Wo fehlt's mir denn? Heraus damit! + +*Hilde*. Ob die Sache nicht _die_ ist, daß Sie mit einem kränklichen +Gewissen zur Welt gekommen sind. + +*Solneß*. Mit einem kränklichen Gewissen? Was ist denn das für ein +Teufelszeug? + +*Hilde*. Ich meine, daß das Gewissen bei Ihnen recht schwächlich +ist. So -- zart gebaut. Daß es keinen Stoß verträgt. Daß es das, was +schwer ist, nicht heben noch tragen kann. + +*Solneß* (brummend). Hm! Wie sollte dann das Gewissen sein, wenn ich +fragen darf? + +*Hilde*. Bei Ihnen möchte ich am liebsten, daß das Gewissen so -- so +recht robust wäre. + +*Solneß*. So? Robust? Na. Haben _Sie_ vielleicht ein robustes +Gewissen? + +*Hilde*. Ich glaube schon. Ich habe wenigstens nichts anderes +gemerkt. + +*Solneß*. Ist wohl auch nicht sonderlich auf die Probe gestellt +worden, denk ich mir. + +*Hilde* (indem es um ihre Mundwinkel zuckt). Nun, so leicht war's +doch nicht, vom Vater fortzugehen, den ich so ungeheuer gern habe. + +*Solneß*. Ach was! Für einen Monat oder zwei -- + +*Hilde*. Ich komme gewiß niemals wieder heim. + +*Solneß*. Niemals? Warum gingen Sie denn von ihm fort. + +*Hilde* (halb im Ernst, halb neckisch). Haben Sie schon wieder +vergessen, daß die zehn Jahre um sind? + +*Solneß*. Ach, Unsinn. War zu Hause irgend etwas los? Nun? + +*Hilde* (ernsthaft). Es _war_ dieses Etwas in meinem Innern, was +mich herjagte und mich herpeitschte. Und was mich lockte und anzog +zu gleicher Zeit. + +*Solneß* (eifrig). Da haben wir's! Da haben wir's, Hilde! Auch in +Ihnen wohnt ein Unhold. Wie in mir. Denn es ist der Unhold in einem, +sehen Sie -- der ist es, der die Mächte herbeiruft. Und dann _muß_ +man nachgeben -- man mag wollen oder nicht. + +*Hilde*. Ich glaube beinahe, Sie haben recht, Baumeister. + +*Solneß* (geht im Zimmer umher). O es giebt in der Welt so +erstaunlich viele Teufelchen, die einer nicht sieht, Hilde. + +*Hilde*. Teufelchen auch noch? + +*Solneß* (bleibt stehen). Gutmütige Teufelchen und bösartige +Teufelchen. Blondhaarige Teufelchen und schwarzhaarige. Wenn man nur +immer wüßte, ob's die blonden sind oder die schwarzen, die einen in +ihrer Gewalt haben! (Er schlendert herum.) Ja, dann wäre das Ding +ganz einfach! + +*Hilde* (folgt ihm mit den Augen). Oder wenn man ein recht kräftiges, +von Gesundheit strotzendes Gewissen hätte. So daß man sich das +_getraute_, was man am liebsten _möchte_. + +*Solneß* (bleibt am Konsoltische stehen). Ich meinerseits glaube, +daß die meisten in dem Punkt ebenso große Schwächlinge sind wie ich +selber. + +*Hilde*. Mag schon sein. + +*Solneß* (lehnt sich an den Tisch). In den Sagenbüchern -- Haben Sie +von den alten Sagenbüchern etwas gelesen? + +*Hilde*. Freilich! Zu der Zeit, da ich noch Bücher las -- + +*Solneß*. In den Sagenbüchern wird von Wikingern berichtet, die nach +fremden Ländern segelten und plünderten und Häuser in Brand steckten +und Männer totschlugen -- + +*Hilde*. Und Weiber gefangen nahmen -- + +*Solneß*. Und sie bei sich behielten -- + +*Hilde*. Und auf den Schiffen mit nach Hause nahmen -- + +*Solneß*. Und mit ihnen verfuhren wie -- wie die schlimmsten Unholde. + +*Hilde* (sieht mit einem halbverschleierten Blick vor sich hin). Mir +scheint, das mußte spannend sein. + +*Solneß* (mit einem kurzen brummenden Lachen). Weiber zu fangen? +Jawohl. + +*Hilde*. Gefangen zu _werden_. + +*Solneß* (sieht sie einen Augenblick an). Ach so. + +*Hilde* (gleichsam abbrechend). Aber wo wollen Sie denn mit den +Wikingern hinaus, Baumeister? + +*Solneß*. Ja, sehen Sie, _die_ Kerle hatten ein robustes Gewissen! +Wenn die wieder heimkamen, dann konnten sie fressen und saufen, als +wenn nichts geschehen wäre. Und lustig wie Kinder waren sie auch +noch. Und dann die Weiber! Die wollten manchmal gar nicht wieder von +ihnen fort. Können Sie so was begreifen, Hilde? + +*Hilde*. Die Weiber begreife ich ausgezeichnet. + +*Solneß*. Oho! Könnten Sie etwa selber ebenso handeln? + +*Hilde*. Warum denn nicht? + +*Solneß*. Mit so einem -- Gewaltthäter zusammenleben -- freiwillig? + +*Hilde*. Wenn's ein Gewaltthäter wäre, den ich recht lieb gewonnen +hätte, dann -- + +*Solneß*. Könnten Sie denn so einen Menschen lieb gewinnen? + +*Hilde*. Ach Gott, das steht doch nicht bei einem selber, wen man +lieb gewinnen soll. + +*Solneß* (sieht sie nachdenklich an). Ach nein -- _das_ entscheidet +wohl der Unhold, der in einem wohnt. + +*Hilde* (mit einem halben Lachen). Und dann alle diese merkwürdigen +Teufelchen, mit denen Sie so gut bekannt sind. Sowohl die +blondhaarigen als die schwarzhaarigen. + +*Solneß* (mit Wärme, in gedämpftem Ton). Dann wünsche ich Ihnen, daß +die Teufelchen mit Schonung für Sie wählen, Hilde. + +*Hilde*. Für mich _haben_ sie schon gewählt. Ein für allemal. + +*Solneß* (blickt sie tief an). Hilde -- Sie sind wie ein wilder +Waldvogel. + +*Hilde*. Durchaus nicht. Ich verstecke mich nicht im Gebüsch. + +*Solneß*. Nein, das thun Sie wohl nicht. Da sind Sie eher noch einem +Raubvogel ähnlich. + +*Hilde*. Das noch eher -- vielleicht. (Mit großer Heftigkeit.) Und +warum kein Raubvogel? Warum sollte ich nicht auch auf Raub ausgehen? +Die Beute an mich reißen, zu der ich Lust habe? Wenn ich sie nur +packen kann mit meinen Krallen. Und die Oberhand behalten. + +*Solneß*. Hilde -- wissen Sie, was Sie sind? + +*Hilde*. Ja, ich bin gewiß so ein sonderbarer Vogel. + +*Solneß*. Nein; Sie sind wie ein anbrechender Tag. Wenn ich Sie +ansehe -- dann ist's mir, als blickte ich gegen Sonnenaufgang. + +*Hilde*. Sagen Sie mir, Baumeister -- wissen Sie bestimmt, daß Sie +mich nie gerufen haben? So inwendig? + +*Solneß* (leise und langsam). Ich glaube fast, ich muß es gethan +haben. + +*Hilde*. Was wollten Sie von mir? + +*Solneß*. _Sie_ sind die Jugend, Hilde. + +*Hilde* (lächelnd). Die Jugend, vor der sie solche Angst haben? + +*Solneß* (nickt langsam). Und die ich doch im Grunde so sehnlich +herbeiwünsche. + +*Hilde* (erhebt sich, geht zum Tischchen hin, holt die Mappe Ragnar +Broviks, hält ihm die Mappe hin). Die Zeichnungen also -- + +*Solneß* (kurz, abweisend). Legen Sie das Zeug weg! Ich habe es +lange genug angesehen. + +*Hilde*. Aber Sie sollten ja etwas für ihn daraufschreiben. + +*Solneß*. Daraufschreiben! In meinem Leben thu' ich's nicht. + +*Hilde*. Aber wenn nun der arme alte Mann im Sterben liegt! Könnten +Sie da nicht ihm und dem Sohn eine Freude machen, ehe sie sich +trennen? Und vielleicht könnte er dann auch dazu kommen, nach den +Zeichnungen zu bauen. + +*Solneß*. Ja, das ist's ja eben, was er kann. Das wird er sich schon +gesichert haben, der -- der Monsieur. + +*Hilde*. Aber du lieber Gott -- wenn sich's so verhält -- können Sie +dann nicht ein klein bißchen lügen? + +*Solneß*. Lügen? (Wütend). Hilde -- gehen Sie weg von mir mit Ihren +Teufelszeichnungen! + +*Hilde* (zieht die Mappe ein wenig zurück). Nanu -- beißen Sie mich +doch nicht. -- _Sie_ reden von Unholden. Mir kommt's vor, Sie +betragen sich selber wie ein Unhold. (Sie sieht sich um.) Wo haben +Sie Feder und Tinte? + +*Solneß*. Giebt's nicht hier im Zimmer. + +*Hilde* (will hinaus). Aber draußen beim Fräulein haben Sie doch -- + +*Solneß*. Bleiben Sie, wo Sie sind, Hilde! -- Ich sollte lügen, +sagten Sie. Nun ja, seinem alten Vater zuliebe könnte ich das +immerhin thun. Denn den habe ich einmal erdrückt. Über den Haufen +geworfen. + +*Hilde*. Den auch? + +*Solneß*. Ich brauchte Platz für mich selber. Aber dieser Ragnar -- +der darf um keinen Preis in die Höhe kommen. + +*Hilde*. Das wird er wohl auch nie, der arme Kerl. Wenn er nichts +taugt, dann -- + +*Solneß* (näher, sieht sie an und flüstert). Kommt Ragnar Brovik in +die Höhe, dann schlägt er _mich_ zu Boden. Erdrückt mich -- wie +ich's mit seinem Vater that. -- + +*Hilde*. Erdrückt er _Sie_? Taugt er denn? + +*Solneß*. Ja, darauf können Sie sich verlassen, daß _der_ taugt! +_Der_ ist die Jugend, die bereit steht, bei mir anzuklopfen. Und dem +ganzen Baumeister Solneß den Garaus zu machen. + +*Hilde* (sieht ihn mit stillem Vorwurf an). Und trotzdem wollen Sie +ihm den Weg versperren. Pfui, Baumeister! + +*Solneß*. Er hat Herzblut genug gekostet, der Kampf, den ich +durchgemacht habe. -- Und dann habe ich Angst, daß die Helfer und +Diener mir nicht mehr gehorchen. + +*Hilde*. Dann müssen Sie's auf eigene Faust versuchen. Da ist nichts +anderes zu thun. + +*Solneß*. Hoffnungslos, Hilde. Der Umschwung kommt. Etwas früher +oder etwas später. Denn die Wiedervergeltung, die ist unerbittlich. + +*Hilde* (angstvoll, hält sich die Ohren zu). Reden Sie doch nicht +so! Wollen Sie mir das Leben nehmen! Mir das nehmen, was mir mehr +ist als das Leben! + +*Solneß*. Und was ist denn _das_? + +*Hilde*. Sie groß zu sehen. Sie zu sehen mit einem Kranz in der +Hand. Hoch, hoch oben auf einem Kirchturm. (Wieder ruhig.) Nun, +jetzt heraus mit dem Bleistift. Denn einen Bleistift haben Sie doch +bei sich? + +*Solneß* (nimmt seine Brieftasche heraus). Da habe ich einen. + +*Hilde* (legt die Mappe auf den Sofatisch). Gut. Und jetzt, +Baumeister, setzen wir uns, wir zwei. + +*Solneß* (setzt sich an den Tisch). + +*Hilde* (hinter ihm, beugt sich über die Stuhllehne). Und jetzt +schreiben wir etwas auf die Zeichnungen hinauf. Etwas recht, recht +Liebes und Warmes schreiben wir. Für diesen häßlichen Roar -- oder +wie er nun heißt. + +*Solneß* (schreibt einige Zeilen, wendet den Kopf und blickt zu ihr +auf). Ich möchte etwas wissen, Hilde. + +*Hilde*. Nun? + +*Solneß*. Wenn Sie also volle zehn Jahre auf mich gewartet haben -- + +*Hilde*. Was dann? + +*Solneß*. Warum schrieben Sie mir nie? Dann hätte ich Ihnen +antworten können. + +*Hilde* (schnell). Nein, nein! Das war's gerade, was ich nicht haben +wollte. + +*Solneß*. Warum nicht? + +*Hilde*. Ich fürchtete, das Ganze könnte mir dabei unter den Händen +zusammenbrechen. -- Aber wir sollten ja auf die Zeichnungen etwas +hinaufschreiben, Baumeister. + +*Solneß*. Ja freilich. + +*Hilde* (beugt sich vornüber und sieht zu, während er schreibt). Wie +warm und gut und herzig. O wie ich ihn hasse -- wie ich ihn hasse, +diesen Roald -- + +*Solneß* (schreibend). Haben Sie nie jemand so recht gern gehabt, +Hilde? + +*Hilde* (hart). Was sagten Sie? + +*Solneß*. Ob Sie nie jemand recht gern gehabt haben? + +*Hilde*. Jemand anderen, meinen Sie wohl? + +*Solneß* (blickt zu ihr auf). Jemand anderen, jawohl. Haben Sie das +nie? In diesen zehn Jahren? Niemals? + +*Hilde*. O ja, dann und wann. Wenn ich recht wild auf Sie war, weil +Sie nicht kamen. + +*Solneß*. Da hatten Sie andere auch gern? + +*Hilde*. Ein klein wenig. Eine Woche oder zwei. Du lieber Gott, +Baumeister, Sie wissen ja doch, wie sich's mit so was verhält. + +*Solneß*. Hilde -- in welcher Absicht sind Sie hergekommen? + +*Hilde*. Verlieren Sie doch die Zeit nicht mit dem vielen Reden. Der +arme alte Mann ist vielleicht schon am Sterben. + +*Solneß*. Antworten Sie mir, Hilde. Was wollen Sie von mir? + +*Hilde*. Ich will mein Königreich haben. + +*Solneß*. Hm -- (Er blickt flüchtig nach der Thür links und fährt zu +schreiben fort). + +*Frau Solneß* (erscheint gleichzeitig; sie trägt einige Pakete). + + + Siebenter Auftritt. + +*Die Vorigen*. *Frau Solneß*. + +*Frau Solneß*. Da habe ich einige Kleinigkeiten für Sie mitgebracht, +Fräulein Wangel. Die großen Pakete werden später nachgeschickt. + +*Hilde*. O das war aber _doch_ lieb von Ihnen! + +*Frau Solneß*. Einfach meine Pflicht. Weiter gar nichts. + +*Solneß* (liest das, was er geschrieben hat, durch). Aline! + +*Frau Solneß*. Ja? + +*Solneß*. Sahst du, ob sie -- die Buchhalterin draußen war? + +*Frau Solneß*. Ja natürlich war _die_ da. + +*Solneß* (legt die Zeichnungen in die Mappe hinein). Hm -- + +*Frau Solneß*. Sie stand am Pulte, wie sie immer thut -- wenn _ich_ +durchs Zimmer gehe. + +*Solneß* (steht auf). Dann will ich's ihr also geben. Und ihr sagen, +daß -- + +*Hilde* (nimmt ihm die Mappe weg). Ach nein, gönnen Sie doch mir die +Freude! (Sie geht zur Thür, dreht sich aber dann um.) Wie heißt sie? + +*Solneß*. Sie heißt Fräulein Fosli. + +*Hilde*. Ach, das hört sich ja so frostig an! Mit dem Vornamen, +meine ich? + +*Solneß*. Kaja -- glaube ich. + +*Hilde* (öffnet die Thür und ruft hinaus). Kaja! Kommen Sie herein. +Schnell! Der Baumeister will mit Ihnen reden. + +*Kaja Fosli* (kommt herein und bleibt an der Thür stehen). + + + Achter Auftritt. + +*Die Vorigen*. *Kaja Fosli*. + +*Kaja* (sieht ihn verschüchtert an). Da bin ich --? + +*Hilde* (reicht ihr die Mappe). Da, Kaja! Sie können die Sachen +mitnehmen. Denn jetzt hat der Baumeister daraufgeschrieben. + +*Kaja*. Ach, endlich! + +*Solneß*. Geben Sie's dem Alten so rasch wie möglich. + +*Kaja*. Ich gehe gleich damit nach Hause. + +*Solneß*. Thun Sie das. Und jetzt kann ja Ragnar dazu kommen, zu +bauen. + +*Kaja*. Ach, darf er herkommen, um Ihnen zu danken für alles, was -- + +*Solneß* (hart). Ich mag keinen Dank! Sagen Sie ihm das von mir. + +*Kaja*. Jawohl, das werde ich -- + +*Solneß*. Und sagen Sie ihm zugleich, daß ich ihn hernach nicht mehr +nötig habe. Und Sie auch nicht. + +*Kaja* (leise, mit bebender Stimme). Mich auch nicht! + +*Solneß*. Von nun an werden Sie sich ja um andere Dinge kümmern +müssen. Und das ist ja nur in der Ordnung. Na, jetzt gehen Sie also +mit den Zeichnungen nach Hause, Fräulein Fosli. Schnell! Hören Sie! + +*Kaja* (wie oben). Jawohl, Herr Solneß. (Ab.) + + + Neunter Auftritt. + +*Solneß*. *Frau Solneß*. *Hilde Wangel*. + +*Frau Solneß*. Gott, hat _die_ tückische Augen. + +*Solneß*. Die! Das arme dumme Gänschen. + +*Frau Solneß*. O -- mir macht sie nichts weis, Halvard. Kündigst du +ihnen wirklich? + +*Solneß*. Gewiß. + +*Frau Solneß*. Ihr auch? + +*Solneß*. Wolltest du's nicht selber so haben? + +*Frau Solneß*. Daß du aber _die_ entbehren kannst --? Na, du wirst +schon eine in der Hinterhand haben, Halvard. + +*Hilde* (lustig). Ja, _ich_ tauge jedenfalls nicht dazu, am +Schreibpult zu stehen. + +*Solneß*. Na, laß gut sein, Aline -- das wird sich schon finden. +Jetzt sollst du nur daran denken, ins neue Heim einzuziehen -- so +schnell wie's geht. Heut Abend hängen wir den Kranz hinauf, (zu +Hilde) ganz oben auf die Turmspitze. Was sagen Sie dazu, Fräulein +Hilde? + +*Hilde* (starrt ihn mit funkelnden Augen an). Das wird entsetzlich +schön sein, Sie wieder so hoch oben zu sehen. + +*Solneß*. Mich! + +*Frau Solneß*. Ach Gott, Fräulein Wangel, stellen Sie sich doch +nicht so etwas vor. Mein Mann -- so _schwindelig_ wie _der_ ist! + +*Hilde*. Schwindelig! Nein, das ist er doch wahrhaftig nicht! + +*Frau Solneß*. O doch, das ist er. + +*Hilde*. Ich habe ihn ja aber selber ganz oben auf einem hohen +Kirchturm gesehen! + +*Frau Solneß*. Davon habe ich allerdings die Leute reden hören. Aber +das ist rein unmöglich -- + +*Solneß* (heftig). Unmöglich -- unmöglich, jawohl! Ich stand aber +_doch_ droben! + +*Frau Solneß*. Wie kannst du nur so was sagen, Halvard? Du verträgst +es ja nicht einmal, auf den Balkon hinauszugehen, droben im ersten +Stock. So bist du ja immer gewesen. + +*Solneß*. Du könntest vielleicht heut Abend etwas anderes erleben. + +*Frau Solneß* (angstvoll). Nein, nein! Das werde ich doch mit Gottes +Hilfe niemals erleben. Gleich schreibe ich dem Doktor. Der wird dich +schon davon abbringen. + +*Solneß*. Aber Aline --! + +*Frau Solneß*. Ja, du bist ja doch krank, Halvard! Das _kann_ ja +nichts anderes sein! Ach Gott -- ach Gott! (Sie eilt nach rechts ab.) + + + Zehnter Auftritt. + +*Solneß*. *Hilde Wangel*. + +*Hilde* (sieht ihn gespannt an). Ist es wahr? + +*Solneß*. Daß ich schwindelig bin? + +*Hilde*. Daß _mein_ Baumeister sich nicht _getraut_ -- nicht so hoch +steigen _kann_, wie er selber baut? + +*Solneß*. Sehen Sie das Ding von _der_ Seite an? + +*Hilde*. Ja. + +*Solneß*. Ich glaube, es ist bald kein Winkelchen in mir, das vor +Ihnen sicher sein kann. + +*Hilde* (blickt zum Erkerfenster hin). Da oben also. Ganz oben -- + +*Solneß* (näher). In der obersten Turmkammer könnten Sie wohnen, +Hilde. -- Könnten's dort haben wie eine Prinzessin. + +*Hilde* (mit einem unbestimmbaren Gemisch von Ernst und Scherz). Ja, +das haben Sie mir ja versprochen. + +*Solneß*. Hab ich das eigentlich? + +*Hilde*. Pfui, Baumeister! Sie sagten, ich sollte Prinzessin werden. +Und daß ich von Ihnen ein Königreich bekommen sollte. Und dann +faßten Sie -- Na, mehr sag' ich nicht! + +*Solneß* (behutsam). Sind Sie ganz gewiß, daß es nicht so ein Traum +war -- eine Einbildung, die sich bei Ihnen festgesetzt hat? + +*Hilde* (unwirsch). Sie _thaten's_ am Ende gar nicht? + +*Solneß*. Weiß es kaum selber. (Leiser.) Aber _das_ weiß ich jetzt +allerdings, daß ich -- + +*Hilde*. Daß Sie --? Sagen Sie's gleich! + +*Solneß*. Daß ich's hätte thun _sollen_. + +*Hilde* (mit kühner Zuversicht). _Sie_ waren in Ihrem Leben nie +schwindelig! + +*Solneß*. Heut Abend hängen wir also den Kranz hinauf -- Prinzessin +Hilde. + +*Hilde* (mit einem bittern Zug um den Mund). Über Ihr neues Heim, +jawohl. + +*Solneß*. Über das neue Haus. Das niemals ein _Heim_ wird für +_mich_. (Ab durch die Verandathür.) + +*Hilde* (sieht mit einem verschleierten Blick ins Leere hinaus und +flüstert vor sich hin; man hört nur die Worte:) Entsetzlich +spannend -- -- + + * * * * * + + + + + Dritter Aufzug. + + +Eine große breite Veranda vor dem Wohnhause des Baumeisters Solneß. + +Ein Teil des Hauses mit einem Ausgang zur Veranda ist links +sichtbar; vor dieser rechts ein Geländer. Rückwärts, an der schmalen +Seite der Veranda, führt eine Treppe hinunter zum tiefer gelegenen +Garten. Große alte Bäume im Garten strecken ihre Äste über die +Veranda gegen das Haus hin aus. Ganz rechts, zwischen den Bäumen, +erblickt man den untersten Teil der neuen Villa, um dessen Turmbau +das Gerüst noch steht. Im Hintergrund ist der Garten von einem alten +Steckenzaun begrenzt. Außerhalb des Zauns eine Straße mit niedrigen +verfallenen Häuschen. Auf der Veranda eine Gartenbank längs der +Hauswand, und vor der Bank ein länglicher Tisch; an der anderen +Seite des Tisches ein Lehnstuhl und einige Taburetts. Alle Möbel +sind geflochten. + +Abendhimmel mit sonnenbeleuchteten Wolken. + + + Erster Auftritt. + +*Frau Solneß*. *Hilde Wangel*. + +*Frau Solneß* (die in einen großen weißen Kreppshawl gehüllt ist, +ruht im Lehnstuhl und starrt nach rechts hinüber). + +*Hilde Wangel* (kommt nach einer Weile die Gartentreppe herauf; sie +ist gekleidet wie letzthin und hat ihr Hütchen auf; an der Brust +trägt sie ein Sträußchen von gewöhnlichen Wiesenblumen). + +*Frau Solneß* (wendet den Kopf ein wenig). Sind Sie im Garten +herumgewesen, Fräulein Wangel? + +*Hilde*. Jawohl, ich habe mich da unten umgesehen. + +*Frau Solneß*. Auch Blumen gefunden, wie ich sehe. + +*Hilde*. Freilich. Von denen ist ja mehr als genug da. Zwischen den +Büschen drin. + +*Frau Solneß*. Wirklich? So spät im Jahre? Ich komme ja fast nie +hinunter. + +*Hilde* (kommt näher). Was Sie sagen! Laufen Sie denn nicht jeden +Tag in den Garten hinunter? + +*Frau Solneß* (mit einem matten Lächeln). Ich »laufe« nirgends mehr +hin. Jetzt nicht mehr. + +*Hilde*. Aber gehen Sie denn nicht dann und wann hinunter, um all +der Herrlichkeit einen Besuch zu machen? + +*Frau Solneß*. Es ist mir alles so fremd geworden. Ich fürchte mich +beinahe davor, es wiederzusehen. + +*Hilde*. Ihren eigenen Garten! + +*Frau Solneß*. Es kommt mir vor, als ob er nicht mehr _mein_ wäre. + +*Hilde*. Ach, was ist denn _das_ für --! + +*Frau Solneß*. Nein, nein, das ist er nicht. Es ist nicht wie +damals, als der Vater und die Mutter noch lebten. Es ist +jammerschade, wie viel sie vom Garten weggenommen haben. Denken Sie +nur -- da haben sie ihn zerstückelt -- und Häuser gebaut für fremde +Menschen. Leute, die ich nicht kenne. Und _die_ können mich von +ihren Fenstern aus beobachten. + +*Hilde* (mit einem hellen Ausdruck im Gesicht). Frau Solneß? + +*Frau Solneß*. Ja? + +*Hilde*. Darf ich ein bißchen bei Ihnen bleiben? + +*Frau Solneß*. Sehr gern, wenn Sie nur Lust dazu haben. + +*Hilde* (rückt ein Taburett zum Lehnstuhl hin und setzt sich). Ah -- +hier kann man sich sonnen, so recht wie eine Katze. + +*Frau Solneß* (legt die Hand leicht auf ihren Nacken). Das ist schön +von Ihnen, daß Sie bei _mir_ sitzen wollen. Ich dachte, Sie wollten +zu meinem Mann hinein. + +*Hilde*. Was sollte ich bei ihm thun? + +*Frau Solneß*. Ihm helfen, dachte ich mir. + +*Hilde*. O nein. Übrigens ist er nicht drinnen. Er ist da drüben bei +den Arbeitsleuten. Er sah aber so grimmig aus, daß ich mir nicht +getraute, ihn anzureden. + +*Frau Solneß*. Ach, im Grunde hat er ein so mildes und weiches Gemüt. + +*Hilde*. _Der!_ + +*Frau Solneß*. Sie kennen ihn eben noch nicht recht, Fräulein Wangel. + +*Hilde* (sieht sie mit Wärme an). Sind Sie jetzt froh, daß Sie ins +neue Haus hinüberziehen sollen? + +*Frau Solneß*. Ich _sollte_ froh sein. Denn Halvard will es ja so +haben -- + +*Hilde*. O nicht gerade aus _dem_ Grunde, scheint mir. + +*Frau Solneß*. Doch, doch, Fräulein Wangel. Denn das ist ja nur +meine Pflicht, mich _ihm_ zu unterwerfen. Aber manchmal fällt es so +schwer, den Sinn zum Gehorsam zu zwingen. + +*Hilde*. Ja, _das_ muß gewiß schwer fallen. + +*Frau Solneß*. Das können Sie mir glauben. Wenn man nicht ein +besserer Mensch ist, als ich, dann -- + +*Hilde*. Wenn man soviel Schweres durchgemacht hat, wie Sie -- + +*Frau Solneß*. Woher wissen Sie das? + +*Hilde*. Ihr Mann sagte es. + +*Frau Solneß*. Mir gegenüber berührt er _die_ Dinge so selten. -- +Ja, das können Sie mir glauben, Fräulein Wangel, ich habe mehr als +genug durchgemacht in meinem Leben. + +*Hilde* (blickt sie teilnehmend an und nickt langsam). Arme Frau +Solneß. Zuerst hatten Sie ja den Brand -- + +*Frau Solneß* (mit einem Seufzer). Ach ja. All das meinige ging +dabei zu Grunde. + +*Hilde*. Und dann kam ja etwas noch Schlimmeres. + +*Frau Solneß* (sieht sie fragend an). Noch schlimmer? + +*Hilde*. Das Allerschlimmste. + +*Frau Solneß*. _Was_, meinen Sie? + +*Hilde* (leise). Sie verloren ja die beiden Kleinen. + +*Frau Solneß*. Ach, _die_. Ja, sehen Sie, das war aber etwas ganz +anderes. Das war ja eine höhere Fügung. Und wenn so etwas kommt, da +muß man sich unterwerfen. Und Gott danken obendrein. + +*Hilde*. Thun Sie denn das? + +*Frau Solneß*. Nicht immer, leider. Ich weiß ja sehr wohl, daß es +meine Pflicht wäre. Aber ich _kann_ es trotzdem nicht. + +*Hilde*. Nein, das kommt mir auch ganz natürlich vor. + +*Frau Solneß*. Und oftmals muß ich ja mir selber sagen, daß es eine +gerechte Strafe war -- + +*Hilde*. Warum denn? + +*Frau Solneß*. Weil ich nicht standhaft genug war im Unglück. + +*Hilde*. Aber ich begreife nicht, wie -- + +*Frau Solneß*. Ach nein, Fräulein Wangel -- reden wir nicht mehr von +den zwei Kleinen. Über die sollen wir uns bloß freuen. Die haben es +ja jetzt so gut, wie man es nur wünschen kann. Nein, es sind die +_kleinen_ Verluste im Leben, die einem wehe thun bis in die Seele +hinein. Wenn man das alles verliert, was andere Leute fast für gar +nichts achten. + +*Hilde* (legt die Arme auf ihre Knie und blickt mit warmem Mitgefühl +zu ihr auf). Liebste Frau Solneß -- erzählen Sie mir davon. + +*Frau Solneß*. Wie ich Ihnen sagte. Lauter Kleinigkeiten. Da +verbrannten zum Beispiel alle die alten Porträts an den Wänden. Und +alle die alten seidenen Kleider, die der Familie Gott weiß wie lange +gehört hatten. Und die Spitzen der Mutter und der Großmutter -- die +verbrannten auch. Und denken Sie nur -- die Schmucksachen! +(Schwermütig.) Und dann alle die Puppen. + +*Hilde*. Die Puppen? + +*Frau Solneß* (mit thränenerstickter Stimme). Ich hatte neun +wunderschöne Puppen. + +*Hilde*. Und die verbrannten auch? + +*Frau Solneß*. Alle miteinander. Ach, wie ich mir das zu Herzen nahm. + +*Hilde*. Hatten Sie denn alle die Puppen aufgehoben von der Zeit an, +da Sie klein waren? + +*Frau Solneß*. Aufgehoben, nein. Ich und die Puppen, wir blieben +immer beisammen. + +*Hilde*. Nachdem Sie erwachsen waren? + +*Frau Solneß*. Ja, lange nachher. + +*Hilde*. Auch nachdem Sie verheiratet waren? + +*Frau Solneß*. O ja. Wenn _er_ nicht dabei war, da -- Dann +verbrannten sie ja aber, die armen Dinger. _Die_ zu retten, da +dachte niemand dran. Ach, das ist ein trauriger Gedanke. Sie dürfen +mich deshalb nicht auslachen, Fräulein Wangel. + +*Hilde*. Ich lache durchaus nicht. + +*Frau Solneß*. Auf ihre Art waren _die_ ja auch lebendige Wesen, +sozusagen. Ich trug sie unter dem Herzen. Wie ungeborene kleine +Kinder. + +*Doktor Herdal* (den Hut in der Hand, erscheint in der Verandathür +und erblickt Frau Solneß und Hilde). + + + Zweiter Auftritt. + +*Die Vorigen*. *Doktor Herdal*. + +*Herdal*. Na, Sie sitzen so im Freien und holen sich eine Erkältung, +gnädige Frau? + +*Frau Solneß*. Die Luft ist heut so herrlich mild. + +*Herdal*. 's geht an. Aber ist hier im Hause etwas los? Ich bekam +ein Briefchen von Ihnen. + +*Frau Solneß* (erhebt sich). Jawohl, es ist etwas, worüber ich +notwendig mit Ihnen reden muß. + +*Herdal*. Gut. Dann gehen wir vielleicht hinein. (Zu Hilde.) Heute +auch in Gebirgsuniform, Fräulein? + +*Hilde* (steht auf, lustig). Freilich! In vollem Wichs! Heut will +ich aber nicht in die Höhe, um mir's Genick zu brechen. Wir beide, +Doktor, wir bleiben hübsch da und sehen uns das Ding von unten an. + +*Herdal*. _Was_ sollen wir uns ansehen? + +*Frau Solneß* (erschrocken, leise zu Hilde). Still, still -- um +Gottes willen! Da kommt er. Sehen Sie doch zu, daß Sie ihn von dem +Einfall abbringen. Und seien wir Freundinnen, Fräulein Wangel. +Können wir das nicht sein? + +*Hilde* (fällt ihr stürmisch um den Hals). Ach, könnten wir das nur! + +*Frau Solneß* (macht sich gelinde los). So -- lassen Sie es nur gut +sein! Da kommt er, Doktor! Ich möchte mit Ihnen reden. + +*Herdal*. Betrifft es _ihn_? + +*Frau Solneß*. Ja freilich betrifft es _ihn_. Gehen wir nur hinein. + +*Frau Solneß* und *Doktor Herdal* (gehen ins Haus hinein). + +*Baumeister Solneß* (kommt fast gleichzeitig die Gartentreppe +herauf). + + + Dritter Auftritt. + +*Solneß*. *Hilde Wangel*. + +*Hilde* (nimmt einen ernsten Ausdruck an). + +*Solneß* (mit einem Blick auf die Thür, die behutsam von innen +zugemacht wird). Haben Sie bemerkt, Hilde, daß sie weggeht, sobald +ich komme? + +*Hilde*. Ich habe bemerkt, daß Sie sie weg_scheuchen_, sobald Sie +kommen. + +*Solneß*. Mag sein. Dafür kann ich aber nichts. (Er sieht sie +aufmerksam an.) Frieren Sie, Hilde? Sie sehen wenigstens so aus. + +*Hilde*. Ich kam soeben von einem Grabgewölbe herauf. + +*Solneß*. Was soll das heißen? + +*Hilde*. Daß es mich frostig angeweht hat, Baumeister. + +*Solneß* (langsam). Ich glaube, ich verstehe -- + +*Hilde*. Weswegen sind Sie jetzt hier? + +*Solneß*. Ich sah da drüben, daß Sie hier waren. + +*Hilde*. Dann sahen Sie aber auch _sie_? + +*Solneß*. Ich wußte, daß sie gleich gehen würde, wenn ich käme. + +*Hilde*. Thut Ihnen das recht leid, daß sie Ihnen so aus dem Wege +geht? + +*Solneß*. Gewissermaßen empfinde ich es auch als eine Erleichterung. + +*Hilde*. Daß Sie sie nicht unmittelbar vor Augen haben? + +*Solneß*. Jawohl. + +*Hilde*. Daß Sie nicht immer wieder sehen, wie sie sich die +Geschichte mit den Kleinen zu Herzen nimmt? + +*Solneß*. Ja. Darum am meisten. + +*Hilde* (geht, die Hände auf dem Rücken, zum Geländer hin, bleibt +dort stehen und blickt über den Garten hinaus). + +*Solneß* (nach einer kurzen Pause). Sprachen Sie lange mit ihr? + +*Hilde* (steht unbeweglich da, ohne zu antworten). + +*Solneß*. _Lange_, frag ich? + +*Hilde* (schweigt). + +*Solneß*. Wovon redete sie denn, Hilde? + +*Hilde* (schweigt noch immer). + +*Solneß*. Die arme Aline! Es wird wohl von den Kleinen gewesen sein. + +*Hilde* (wird von einem nervösen Zucken durchfahren, dann nickt sie +schnell ein paar Mal hintereinander). + +*Solneß*. Sie verwindet es niemals. Ihr Lebtag verwindet sie's +nicht. (Er nähert sich Hilde.) Jetzt stehen Sie wieder da wie eine +Salzsäule. So standen Sie gestern Abend auch da. + +*Hilde* (dreht sich um und sieht ihn mit großen Augen an). Ich reise +ab. + +*Solneß* (in scharfem Ton). Sie reisen ab! + +*Hilde*. Ja. + +*Solneß*. Das erlaube ich aber nicht! + +*Hilde*. Was soll ich jetzt noch _hier_? + +*Solneß*. Nur daß Sie _da_ sind, Hilde! + +*Hilde* (mißt ihn mit dem Blick). Wär nicht übel. Dabei würde es +wohl kaum sein Bewenden haben. + +*Solneß* (unüberlegt). Um so besser! + +*Hilde* (heftig). Ich _kann_ nichts Böses vorhaben gegen eine, die +ich _kenne_! Ich kann ihr nichts nehmen, was ihr gehört. + +*Solneß*. Wer sagt denn, daß Sie das sollen? + +*Hilde* (ohne zu antworten). Bei einer Fremden, ja! Das ist etwas +ganz anderes. Wenn's eine wäre, die ich in meinem Leben nie gesehen +hätte. Aber bei einer, der ich nahe gekommen bin --! Nein! O nein! +Pfui! + +*Solneß*. Ja, aber etwas anderes habe ich ja auch nicht gesagt! + +*Hilde*. Ach, Baumeister, Sie wissen recht gut, wie's gehen würde. +Und darum reise ich auch ab. + +*Solneß*. Und was soll aus _mir_ werden, wenn Sie fort sind? Wofür +habe ich nachher noch zu leben? + +*Hilde* (mit dem unbestimmbaren Ausdruck in den Augen). Mit _Ihnen_ +hat's jedenfalls keine Not. Sie haben ja Ihre Pflichten ihr +gegenüber. Leben Sie doch für die Pflichten. + +*Solneß*. Zu spät. Diese Mächte -- diese -- diese -- + +*Hilde*. Teufelchen -- + +*Solneß*. Jawohl, die Teufelchen! Und der Unhold in mir auch. Die +haben ihr alles Lebensblut abgezapft. (Er lacht in Verzweiflung.) +_Meinem Glück_ zulieb thaten Sie es! Ja freilich! (Schwermütig.) Und +jetzt ist sie tot -- um meinetwillen. Und ich bin bei lebendigem +Leibe an die Tote gekettet. (In wilder Angst.) _Ich_ -- _ich_, der +ein freudeloses Leben nicht tragen _kann_! + +*Hilde* (geht auf die andere Seite des Tisches hinüber und setzt +sich auf die Bank; die Ellbogen auf der Tischplatte ruhend, den Kopf +auf die Hände gestützt, sieht sie ihn eine Weile schweigend an). Was +werden Sie denn das nächste Mal bauen? + +*Solneß* (schüttelt den Kopf). Glaub nicht, daß es was rechtes mehr +wird. + +*Hilde*. Keine so trauliche glückliche Heimstätten für Mutter und +Vater? Und für die Kinderschar? + +*Solneß*. Möchte wissen, ob so was vonnöten sein wird hernach. + +*Hilde*. Armer Baumeister! Und da haben Sie volle zehn Jahre daran +gearbeitet -- das Leben sozusagen darauf eingesetzt -- nur darauf. + +*Solneß*. Da haben Sie recht, Hilde. + +*Hilde* (platzt heraus). Ach, wie kommt mir doch das alles so albern +vor! Wirklich so albern --! + +*Solneß*. Was meinen Sie? + +*Hilde*. Daß einer nach seinem eigenen Glück nicht greifen darf. +Nach seinem eigenen Leben nicht! Bloß weil jemand dazwischen steht, +den man kennt! + +*Solneß*. Jemand, an dem man nicht vorbei darf. + +*Hilde*. Ich möchte wissen, ob man das im Grunde nicht _dürfte_. +Aber trotzdem -- Ach, wenn man doch die ganze Geschichte verschlafen +könnte! (Sie legt die Arme flach auf den Tisch, läßt die linke Seite +des Kopfes auf den Händen ruhen und schließt die Augen.) + +*Solneß* (dreht den Lehnstuhl um und setzt sich an den Tisch). Haben +_Sie_ ein trauliches glückliches Heim, Hilde -- droben bei Ihrem +Vater? + +*Hilde* (unbeweglich, antwortet gleichsam halb schlafend). Nur +einen Käfig hatte ich. + +*Solneß*. Und Sie wollen durchaus nicht wieder hinein? + +*Hilde* (wie oben). Der Waldvogel will nie hinein in den Käfig. + +*Solneß*. Lieber jagen in freier Luft -- + +*Hilde* (noch immer wie oben). Der Raubvogel jagt am liebsten. + +*Solneß* (läßt den Blick auf ihr ruhen). Wer doch Wikingertrotz im +Leibe hätte -- + +*Hilde* (mit ihrer gewöhnlichen Stimme, indem sie die Augen +aufschlägt, sich aber nicht rührt). Und das andere? Nennen Sie's! + +*Solneß*. Ein robustes Gewissen. + +*Hilde* (richtet sich lebhaft auf der Bank empor; ihre Augen haben +aufs neue den freudefunkelnden Ausdruck; sie nickt ihm zu). Ich weiß, +was Sie das nächste Mal bauen werden! + +*Solneß*. Da wissen Sie mehr, als ich selber, Hilde. + +*Hilde*. Ja, die Baumeister, die sind ja so dumm. + +*Solneß*. Und was wird's denn werden? + +*Hilde* (nickt wieder). Das Schloß. + +*Solneß*. Was für ein Schloß? + +*Hilde*. _Mein_ Schloß natürlich. + +*Solneß*. Jetzt wollen Sie gar ein Schloß haben? + +*Hilde*. Sind Sie mir nicht ein Königreich schuldig, wenn ich fragen +darf? + +*Solneß*. Das behaupten Sie wenigstens. + +*Hilde*. Schön. Das Königreich sind Sie mir also schuldig. Und zu +einem Königreich gehört doch wohl ein Schloß, soviel ich weiß. + +*Solneß* (immer aufgeräumter). Ja, das pflegt ja sonst der Fall zu +sein. + +*Hilde*. Gut, dann bauen Sie mir's also! Gleich! + +*Solneß* (lachend). So auf der Stelle? -- Das auch noch? + +*Hilde*. Freilich! Denn jetzt sind sie um -- die zehn Jahre. Und ich +will nicht länger warten. Also -- heraus mit dem Schloß, Baumeister! + +*Solneß*. Es ist kein Spaß, Ihnen etwas schuldig zu sein, Hilde. + +*Hilde*. Das hätten Sie früher bedenken sollen. Jetzt ist es zu +spät. Also -- (sie klopft auf die Tischplatte) das Schloß auf den +Tisch! Es ist _mein_ Schloß! _Gleich_ will ich's haben! + +*Solneß* (mehr im Ernst, beugt sich näher zu ihr hinüber, die Arme +auf dem Tisch). Wie haben Sie sich denn eigentlich das Schloß +vorgestellt, Hilde? + +*Hildes* (Blick verschleiert sich allmählich; sie starrt gleichsam +in sich selbst hinein). Mein Schloß soll hoch oben liegen. Sehr hoch +soll es liegen. Und frei nach allen Seiten hin. So daß ich weit +hinausblicken kann -- weit hinaus. + +*Solneß*. Und ein hoher Turm soll wohl dazu gehören? + +*Hilde*. Ein ungeheuer hoher Turm. Und ganz oben auf dem Turm ein +Söller. Und auf dem will ich stehen -- + +*Solneß* (greift sich unwillkürlich an die Stirn). Daß Sie daran +Gefallen finden können, in so schwindelerregender Höhe zu stehen -- + +*Hilde*. O gewiß! Gerade dort oben will ich stehen und die andern +ansehen -- die, die Kirchen bauen. Und Heimstätten für Mutter und +Vater und die Kinderschar. Und _Sie_ dürfen auch hinaufkommen und +sich's ansehen. + +*Solneß* (gedämpft). Darf der Baumeister zur Prinzessin hinaufkommen? + +*Hilde*. Wenn der Baumeister _will_. + +*Solneß* (noch leiser). Dann, glaube ich, kommt der Baumeister. + +*Hilde* (nickt). Der Baumeister -- der kommt. + +*Solneß*. Wird aber nie mehr bauen -- der arme Baumeister. + +*Hilde* (lebhaft). Doch. Zu zweien werden wir sein. Und dann bauen +wir das Herrlichste -- das Allerherrlichste, was es auf Erden giebt. + +*Solneß* (gespannt). Hilde -- sagen Sie mir, was das ist! + +*Hilde* (sieht ihn lächelnd an, schüttelt den Kopf ein wenig, spitzt die +Lippen und spricht wie zu einem Kinde). Die Baumeister -- die sind +sehr -- sehr dumme Leute. + +*Solneß*. Ja freilich sind sie dumm. Aber jetzt sagen Sie mir, was +das ist! Das, was Sie das Herrlichste auf Erden nennen. Und was wir +zwei miteinander bauen sollen? + +*Hilde* (schweigt eine Weile, dann sagt sie mit einem unbestimmbaren +Ausdruck in den Augen). Luftschlösser. + +*Solneß*. Luftschlösser? + +*Hilde* (nickt). Luftschlösser, jawohl! Wissen Sie, was so ein +Luftschloß für ein Ding ist? + +*Solneß*. Sie sagen ja, es ist das Herrlichste auf Erden. + +*Hilde* (erhebt sich heftig und macht eine wegwerfende Handbewegung). +Ja, versteht sich! Luftschlösser -- die sind ja so bequeme +Zufluchtsorte. Und auch so bequem zu bauen (sie sieht ihn höhnisch +an), besonders für die Baumeister, die ein -- schwindliges Gewissen +haben. + +*Solneß* (erhebt sich). Von heute an bauen wir zwei miteinander, +Hilde. + +*Hilde* (mit einem halb zweifelnden Lächeln). So'n _richtiges_ +Luftschloß? + +*Solneß*. Jawohl. Mit einer Grundmauer darunter. + +*Ragnar Brovik* (kommt aus dem Hause heraus; er trägt einen +großen grünen Kranz, der mit Blumen und Seidenbändern geschmückt +ist). + + + Vierter Auftritt. + +*Die Vorigen*. *Ragnar Brovik*. + +*Hilde* (mit einem Freudenausbruch). Der Kranz! O das wird +entsetzlich schön werden! + +*Solneß* (verwundert). Kommen denn _Sie_ mit dem Kranz, Ragnar? + +*Ragnar*. Ich hatte es dem Werkmeister versprochen. + +*Solneß* (erleichtert). Nun, dann geht's jedenfalls Ihrem Vater +besser? + +*Ragnar*. Nein. + +*Solneß*. Ermunterte ihn das nicht, was ich geschrieben hatte? + +*Ragnar*. Es kam zu spät. + +*Solneß*. Zu spät! + +*Ragnar*. Als sie es mitbrachte, war er nicht mehr bei Besinnung. Er +hatte einen Schlaganfall gehabt. + +*Solneß*. Aber so gehen Sie doch zu ihm heim! Seien Sie doch bei +Ihrem Vater! + +*Ragnar*. Er braucht mich nicht mehr. + +*Solneß*. Aber Sie müssen doch wohl bei ihm sein. + +*Ragnar*. _Sie_ sitzt an seinem Bett. + +*Solneß* (etwas unsicher). Kaja? + +*Ragnar* (blickt ihn finster an). Kaja -- jawohl. + +*Solneß*. Gehen Sie nach Hause, Ragnar. Zu ihr sowohl, als zu ihm. +Geben Sie _mir_ den Kranz. + +*Ragnar* (unterdrückt ein spöttisches Lächeln). Sie wollen doch +nicht selber --? + +*Solneß*. Ich will selber damit hinüber gehen. (Er nimmt ihm den +Kranz ab.) Und jetzt gehen Sie nach Hause. Wir haben Sie heute nicht +nötig. + +*Ragnar*. Ich weiß, daß Sie mich hernach nicht nötig haben. Aber +heute bleibe ich da. + +*Solneß*. Na, bleiben Sie da, wenn Sie's durchaus wollen. + +*Hilde* (am Geländer). Baumeister -- hier will ich mich hinstellen, +um Ihnen zuzusehen. + +*Solneß*. Mir! + +*Hilde*. Das wird entsetzlich spannend werden. + +*Solneß* (gedämpft). Davon reden wir zwei später, Hilde. (Er geht +mit dem Kranz fort, die Treppe hinab und durch den Garten hin.) + + + Fünfter Auftritt. + +*Ragnar Brovik*. *Hilde Wangel*. + +*Hilde* (blickt Solneß nach; darauf wendet sie sich zu Ragnar). Mir +scheint, Sie hätten ihm schon mit ein paar Worten danken können. + +*Ragnar*. Ihm danken? _Dem_ hätte ich danken sollen? + +*Hilde*. Ja, das hätten Sie doch wahrhaftig thun sollen! + +*Ragnar*. Da müßte ich wohl eher noch _Ihnen_ danken. + +*Hilde*. Wie können Sie so was sagen? + +*Ragnar* (ohne ihr zu antworten). Aber nehmen Sie sich nur in acht, +Fräulein! Denn _den_ kennen Sie noch nicht recht. + +*Hilde* (feurig). O _ich_ kenne ihn am allerbesten! + +*Ragnar* (lacht erbittert). Ihm danken, der mich jahrelang +niedergehalten hat! Der den Vater dazu gebracht hat, an mir zu +zweifeln. Der mich selber dazu gebracht hat -- Und das alles nur +um --! + +*Hilde* (wie von einer Ahnung durchzuckt). Um --? Sagen Sie mir's +gleich! + +*Ragnar*. Um sie bei sich behalten zu können. + +*Hilde* (springt auf ihn zu). Das Fräulein am Pult? + +*Ragnar*. Ja. + +*Hilde* (drohend, mit geballten Händen). Es ist nicht wahr! Sie +verleumden ihn! + +*Ragnar*. Ich wollte es auch nicht glauben bis heute -- als sie's +selber sagte. + +*Hilde* (wie außer sich). _Was_ sagte sie! Ich will's wissen! Gleich! +Gleich! + +*Ragnar*. Sie sagte, er beherrschte ihr ganzes Sinnen und Trachten. +Alle ihre Gedanken gehörten nur ihm allein. Sie sagt, daß sie +niemals von ihm lassen kann. Daß sie hier bleiben will, wo _er_ +ist -- + +*Hilde* (mit sprühenden Augen). Das darf sie nicht! + +*Ragnar* (gleichsam forschend). Wer wird sie daran hindern? + +*Hilde* (schnell). Er will's _auch_ nicht haben! + +*Ragnar*. Nein, natürlich nicht. Jetzt verstehe ich ja die ganze +Geschichte. Hernach würde sie wohl nur -- lästig fallen. + +*Hilde*. Gar nichts verstehen Sie -- wenn Sie so was reden können! +Nein, ich will Ihnen sagen, warum er das Fräulein festhielt. + +*Ragnar*. Und warum denn? + +*Hilde*. Um _Sie_ behalten zu können. + +*Ragnar*. Hat er Ihnen das gesagt? + +*Hilde*. Nein, es ist aber so! Es _muß_ so sein! (Ungestüm.) Ich +will -- ich _will_, daß es so sein soll! + +*Ragnar*. Und gerade als _Sie_ kamen -- da ließ er sie fahren. + +*Hilde*. _Sie_ -- Sie selber sind's, den er hat fahren lassen! Was, +glauben Sie wohl, kümmert der sich um fremde Fräulein? + +*Ragnar* (nachdenklich). Sollte er mich denn die ganze Zeit +insgeheim gefürchtet haben? + +*Hilde*. _Der_ sich fürchten! So eingebildet sollten Sie denn doch +nicht sein. + +*Ragnar*. O er muß doch schon lange gemerkt haben, daß _ich_ auch +was tauge. Übrigens -- furchtsam -- das ist er nun einmal von Natur, +wissen Sie. + +*Hilde*. _Er!_ Das machen Sie andern weis! + +*Ragnar*. Gewissermaßen _ist_ er furchtsam. Er, der große Baumeister. +Andere Leute um ihr Lebensglück zu bringen -- wie er's meinem Vater +und mir gethan hat -- davor hat er keine Furcht. Aber bloß ein +armseliges Gerüst hinaufzuklettern -- Gott bewahre ihn vor so einem +Wagestück! + +*Hilde*. O Sie hätten ihn nur so hoch oben sehen sollen -- so +himmelhoch, wie ich ihn einmal gesehen habe! + +*Ragnar*. Das hätten Sie gesehen? + +*Hilde*. Ja, das kann ich Sie versichern. Und wie frei und kühn er +dastand, als er den Kranz an der Wetterfahne befestigte! + +*Ragnar*. Ich weiß, daß er es _einmal_ in seinem Leben gewagt hat. +Ein einziges Mal. Wir Jüngeren haben so oft davon gesprochen. Aber +keine Macht der Welt wird ihn dazu bewegen, das Ding zu wiederholen. + +*Hilde*. Heute wiederholt er es! + +*Ragnar* (höhnisch). Glauben Sie doch das nicht. + +*Hilde*. Wir werden's schon erleben! + +*Ragnar*. Das werden weder Sie noch ich erleben. + +*Hilde* (unbändig). Ich _will_ es erleben! Ich will und muß es +erleben! + +*Ragnar*. Er thut's aber nicht. Er getraut sich's einfach nicht. +Denn die Schwäche hat er nun einmal -- er, der große Baumeister. + +*Frau Solneß* (kommt aus dem Hause auf die Veranda hinaus). + + + Sechster Auftritt. + +*Die Vorigen*. *Frau Solneß*. + +*Frau Solneß* (sieht sich um). Ist er nicht da? Wo ist er +hingegangen? + +*Ragnar*. Herr Solneß ist drüben bei den Arbeitern. + +*Hilde*. Er ging mit dem Kranze hin. + +*Frau Solneß* (angstvoll). Mit dem Kranze! Ach Gott -- ach Gott! +Herr Brovik -- Sie müssen zu ihm hinüber! Sorgen Sie dafür, daß er +wieder herkommt! + +*Ragnar*. Soll ich ihm sagen, daß die gnädige Frau ihn zu sprechen +wünschen? + +*Frau Solneß*. Ach ja, thun Sie das, bitte. -- Nein, nein -- sagen +Sie ihm nichts von _mir_. Sagen Sie nur, es wäre jemand da. Und daß +er gleich kommen müßte. + +*Ragnar*. Sehr wohl. Ich werde es ihm ausrichten, gnädige Frau. (Er +geht fort, die Treppe hinab durch den Garten.) + + + Siebenter Auftritt. + +*Frau Solneß*. *Hilde Wangel*. + +*Frau Solneß*. Ach, Fräulein Wangel, Sie können sich nicht +vorstellen, welche Angst ich seinetwegen ausstehe. + +*Hilde*. Ist denn die Sache gar so gefährlich? + +*Frau Solneß*. O das begreifen Sie doch. Denken Sie nur -- wenn es +sein Ernst wäre! Wenn er nun wirklich auf das Gerüst hinaufstiege! + +*Hilde* (gespannt). Glauben Sie, daß er's thut? + +*Frau Solneß*. Ach, man kann ja nicht wissen, was ihm einfällt. Der +könnte zu allem fähig sein. + +*Hilde*. Aha, _Sie_ glauben vielleicht auch, daß er nicht so -- so +recht --? + +*Frau Solneß*. Ja, ich weiß wahrhaftig nicht mehr, was ich von ihm +glauben soll. Der Doktor hat nur nämlich so vielerlei erzählt. Und +wenn ich außerdem an gewisse Dinge denke, die ich ihn habe sagen +hören -- + +*Doktor Herdal* (steckt den Kopf durch die Thür). + + + Achter Auftritt. + +*Die Vorigen*. *Doktor Herdal*. + +*Herdal*. Kommt er nicht bald? + +*Frau Solneß*. Ich glaube, doch. Ich habe wenigstens nach ihm +geschickt. + +*Herdal* (näher). Sie werden aber wohl hineingehen müssen, gnädige +Frau -- + +*Frau Solneß*. Nein, nein. Ich bleibe hier, um Halvard zu erwarten. + +*Herdal*. Es sind aber einige Damen gekommen -- + +*Frau Solneß*. Ach Gott, das auch noch! Und gerade jetzt! + +*Herdal*. Sie möchten nämlich gar zu gern die Feierlichkeit mit +ansehen. + +*Frau Solneß*. Ja, dann muß ich wohl doch zu ihnen hineingehen. Denn +das ist ja meine Pflicht. + +*Hilde*. Könnten Sie sich denn nicht bei den Damen entschuldigen +lassen? + +*Frau Solneß*. Nein, das geht durchaus nicht an. Da sie nun einmal +gekommen sind, ist es ja meine Pflicht, sie zu empfangen. Bleiben +aber _Sie_ draußen derweile -- und reden Sie mit ihm, wenn er kommt. + +*Herdal.* Und halten Sie ihn durch Gespräch auf, so lange es nur +möglich ist. + +*Frau Solneß*. Thun Sie das ja, liebes Fräulein Wangel. Halten Sie +ihn so fest, wie Sie nur können. + +*Hilde*. Wäre es nicht besser, wenn Sie das selber thäten? + +*Frau Solneß*. Du lieber Gott -- _meine_ Pflicht wäre es ja +eigentlich. Wenn man aber Pflichten hat nach so vielen Seiten hin -- + +*Herdal* (in den Garten hinausblickend). Da kommt er! + +*Frau Solneß*. Und in dem Augenblick muß ich gerade hinein. + +*Herdal* (zu Hilde). Sagen Sie ihm nichts davon, daß ich da bin. + +*Hilde*. O nein! Ich werde schon etwas anderes ausfindig machen, +worüber ich mit dem Baumeister schwatzen kann. + +*Frau Solneß*. Und halten Sie ihn ja fest. Ich glaube, _Sie_ können +das am besten. + +*Frau Solneß* und *Doktor Herdal* (gehen ins Haus hinein). + +*Hilde* (bleibt auf der Veranda stehen). + +*Baumeister Solneß* (kommt die Gartentreppe hinauf). + + + Neunter Auftritt. + +*Solneß*. *Hilde Wangel*. + +*Solneß*. Es soll jemand da sein, höre ich, der mich sprechen will. + +*Hilde*. Jawohl, das bin ich, Baumeister. + +*Solneß*. So, _Sie_ sind's, Hilde. Ich fürchtete schon, es könnten +Aline und der Doktor sein. + +*Hilde*. _Sie_ sind gewiß überhaupt recht furchtsam! + +*Solneß*. Glauben Sie? + +*Hilde*. Die Leute sagen, Sie fürchten sich davor, auf den Gerüsten +herumzukrabbeln. + +*Solneß*. Nun, mit _dem_ Ding hat's so seine eigene Bewandtnis. + +*Hilde*. Aber sich davor fürchten -- das thun Sie also? + +*Solneß*. Ja, das thue ich. + +*Hilde*. Fürchten Sie, daß Sie herunterfallen könnten und sich's +Genick brechen? + +*Solneß*. Nein, das nicht. + +*Hilde*. Was denn aber? + +*Solneß*. Ich fürchte die Wiedervergeltung, Hilde. + +*Hilde*. Die Wiedervergeltung? (Sie schüttelt den Kopf.) Das +verstehe ich nicht. + +*Solneß*. Setzen Sie sich. Dann werde ich Ihnen etwas erzählen. + +*Hilde*. Ja, thun Sie das! Gleich! (Sie setzt sich auf ein Taburett +am Geländer und blickt ihn erwartungsvoll an.) + +*Solneß* (wirft seinen Hut auf den Tisch). Sie wissen ja -- das +erste, womit ich anfing, das waren Kirchenbauten. + +*Hilde* (nickt). Das weiß ich. + +*Solneß*. Denn, sehen Sie, als Junge war ich in einem frommen Hause +auf dem Lande aufgewachsen. Und da meinte ich denn, es könnte für +mich gar nichts Höheres geben, als diese Kirchenbauerei. + +*Hilde*. Ja, warum denn nicht? + +*Solneß*. Und das darf ich schon sagen -- ich baute diese kleinen +ärmlichen Kirchen mit einem so ehrlichen und warmen und innigen +Gemüt, daß -- daß -- + +*Hilde*. Daß --? Nun? + +*Solneß*. Daß ich meine, er hätte wohl mit mir zufrieden sein können. + +*Hilde*. _Er?_ Welcher _er_? + +*Solneß*. Er, für den die Kirchen bestimmt waren, natürlich! Er, dem +zum Ruhm und zu Ehren sie gebaut waren. + +*Hilde*. Ach so! Aber wissen Sie denn so bestimmt, daß -- daß er +nicht -- so -- mit Ihnen zufrieden war? + +*Solneß* (höhnisch). _Er_ mit _mir_ zufrieden! Wie können Sie nur so +reden, Hilde? Er, der es zuließ, daß der Unhold in mir herumrumorte +nach eigenem Gutdünken. Er, der ihnen gebot an Ort und Stelle zu +sein Tag und Nacht, um mir zu dienen -- all diesen -- diesen -- + +*Hilde*. Teufelchen -- + +*Solneß*. Jawohl, von allen Arten. O nein, das bekam ich schon zu +fühlen, daß er mit mir nicht zufrieden war. (Geheimnisvoll.) _Das_, +sehen Sie, war eigentlich der Grund, weshalb er das alte Haus +niederbrennen ließ. + +*Hilde*. War _das_ der Grund? + +*Solneß*. Ja, begreifen Sie denn das nicht? Er wollte mir +Gelegenheit bieten, ein ganzer Meister zu werden in meinem Fach -- +ihm um so ruhmvollere Kirchen zu bauen. Anfangs verstand ich nicht, +wo er hinauswollte. Aber dann, auf einmal, ging mir ein Licht auf. + +*Hilde*. Wann war das? + +*Solneß*. Es war, als ich den Kirchturm baute droben in Lysanger. + +*Hilde*. Das dachte ich mir. + +*Solneß*. Denn, sehen Sie, Hilde, droben in dem fremden Städtchen, +dort konnte ich meinen Grübeleien ungestört nachhängen. Und da sah +ich's denn so klar, warum er mir meine Kleinen genommen hatte. Er +hatte es gethan, damit ich von nichts anderem gebunden wäre. Nicht +von so was wie Liebe und Glück, verstehen Sie. Ich sollte nur +Baumeister sein. Nichts anderes. Und mein ganzes Leben sollte ich +damit zubringen, für ihn zu bauen. (Er lacht.) Aber daraus wurde +freilich nichts. + +*Hilde*. Was thaten Sie denn? + +*Solneß*. Zuerst erforschte und prüfte ich mich selbst -- + +*Hilde*. Und dann? + +*Solneß*. Dann that ich das _Unmögliche_. _Ich_ wie _er_! + +*Hilde*. Das Unmögliche? + +*Solneß*. Ich hatte es niemals zuvor vertragen, hoch und frei +hinaufzusteigen. Aber an _dem_ Tage konnte ich es. + +*Hilde* (springt auf). Ja, ja, das konnten Sie! + +*Solneß*. Und als ich ganz oben stand und den Kranz an die +Wetterfahne hängte, da sprach ich zu ihm: jetzt höre mich an, du +Mächtiger! Von heute an will ich auch freier Baumeister sein. Auf +meinem Gebiet. Wie du auf dem deinigen. Nie mehr will ich Kirchen +für dich bauen. Nur Heimstätten für Menschen. + +*Hilde* (mit großen funkelnden Augen). _Das_ war der Gesang, den ich +hoch oben hörte. + +*Solneß*. Aber nachher bekam er Wasser auf seine Mühle. + +*Hilde*. Was meinen Sie _damit_? + +*Solneß* (sieht sie mißmutig an). Heimstätten für Menschen zu bauen +-- das ist keine fünf Pfennig wert, Hilde. + +*Hilde*. So urteilen Sie jetzt? + +*Solneß*. Jetzt sehe ich's nämlich ein. Die Menschen haben die +Heimstätten da gar nicht nötig. Jedenfalls nicht um glücklich zu +sein. Und ich hätte auch so ein Heim nicht nötig gehabt. Wenn ich +eins besessen hätte, heißt das. (Mit einem leisen erbitterten +Lachen.) Sehen Sie, das ist der ganze Abschluß, soweit ich +zurückblicke. Nichts gebaut, im Grunde genommen. Und auch nichts +geopfert, um zum Bauen zu _kommen_. Nichts, gar nichts -- alles +miteinander. + +*Hilde*. Und niemals wollen Sie etwas neues bauen hernach. + +*Solneß* (lebhaft). Doch, gerade jetzt will ich anfangen! + +*Hilde*. Was denn? Was denn? Sagen Sie mir's gleich! + +*Solneß*. Das einzige, von dem ich glaube, daß Menschenglück darin +wohnen kann -- _das_ will ich jetzt bauen. + +*Hilde* (sieht ihn fest an). Baumeister -- jetzt denken Sie an +unsere Luftschlösser. + +*Solneß*. An die Luftschlösser, jawohl. + +*Hilde*. Ich fürchte, es würde Ihnen schwindelig werden, ehe wir +halbwegs kämen. + +*Solneß*. Nein, nicht wenn ich mit Ihnen Hand in Hand gehe, Hilde. + +*Hilde* (mit einem Anflug von unterdrücktem Zorn). Nur mit mir? +Sollen denn nicht noch andere mit dabei sein? + +*Solneß*. Wer denn sonst noch, meinen Sie? + +*Hilde*. O -- zum Beispiel diese Kaja da am Pult. Das arme Ding -- +wollen Sie nicht die auch mitnehmen? + +*Solneß*. Aha. War _sie's_, von der Aline vorhin mit Ihnen redete? + +*Hilde*. Ist es wahr oder nicht? + +*Solneß* (heftig). Auf so was antworte ich Ihnen nicht! Ganz und +unbedingt sollen Sie an mich glauben! + +*Hilde*. Zehn Jahre lang habe ich so felsenfest an Sie geglaubt. + +*Solneß*. Sie sollen fortfahren an mich zu glauben! + +*Hilde*. Ja, wenn ich Sie wieder oben sehe, hoch und frei! + +*Solneß* (schwermütig). Ach, Hilde -- so stehe ich nicht im +Alltagsleben da. + +*Hilde* (leidenschaftlich). Ich will es! Ich will es! (Bittend.) Nur +noch ein einziges Mal, Baumeister! Thun Sie das _Unmögliche_ noch +einmal! + +*Solneß* (blickt sie tief an). _Wenn_ ich es versuche, Hilde, dann +will ich oben zu ihm sprechen, wie ich's damals that. + +*Hilde* (in steigender Spannung). Was wollen Sie ihm sagen? + +*Solneß*. Ich will ihm sagen: höre mich, großmächtiger Herr -- du +magst nun über mich urteilen nach eigenem Ermessen. Aber hernach +baue ich bloß das Herrlichste auf Erden -- + +*Hilde* (hingerissen). Ja -- ja! + +*Solneß*. Baue es mit einer Prinzessin zusammen, die ich lieb habe -- + +*Hilde*. Ja, sagen Sie ihm das! Sagen Sie ihm das! + +*Solneß*. Gewiß. Und dann will ich ihm sagen: jetzt gehe ich +hinunter und umschlinge sie mit den Armen und küsse sie -- + +*Hilde*. Viele Male! Sagen Sie's! + +*Solneß*. Viele, viele Male, werde ich sagen. + +*Hilde*. Und dann --? + +*Solneß*. Dann schwenke ich meinen Hut und steige wieder hinunter +auf die Erde -- und thue, wie ich ihm sagte. + +*Hilde* (mit ausgestreckten Armen). Jetzt sehe ich Sie wieder so, +wie damals, als ich Gesang hörte hoch oben! + +*Solneß* (sieht sie mit gesenktem Kopfe an). Wie sind Sie zu dem +geworden, was Sie sind, Hilde? + +*Hilde*. Wie haben Sie mich zu dem gemacht, was ich bin? + +*Solneß* (kurz und fest). Die Prinzessin soll ihr Schloß bekommen. + +*Hilde* (jubelnd, in die Hände klatschend). Ach, Baumeister --! Mein +wunder -- wunderschönes Schloß! Unser Luftschloß! + +*Solneß*. Mit einer Grundmauer darunter. + +*Eine Menschenmenge* (die nur undeutlich zwischen den Bäumen +erblickt wird, hat sich auf der Straße versammelt). + +(In der Ferne, hinter dem neuen Hause ertönt Musik von +Blasinstrumenten.) + +*Frau Solneß* (die einen Pelzkragen um hat, *Doktor Herdal*, der +ihren weißen Shawl auf dem Arme trägt, und *einige Damen* kommen auf +die Veranda hinaus. *Ragnar Brovik* kommt gleichzeitig vom Garten +hinauf). + + + Zehnter Auftritt. + +*Die Vorigen*. *Frau Solneß*. *Doktor Herdal*. *Ragnar Brovik*. +*Einige Damen*. + +*Frau Solneß*. Soll es auch Musik geben? + +*Ragnar*. Jawohl, gnädige Frau. Es ist der Verein der Bauarbeiter. +(Zu Solneß.) Der Werkführer läßt sagen, er wäre jetzt bereit, mit +dem Kranze hinaufzugehen. + +*Solneß* (nimmt seinen Hut). Gut. Ich gehe selber hinüber. + +*Frau Solneß* (angstvoll). Was willst du drüben, Halvard? + +*Solneß* (kurz). Ich muß drunten sein bei den Leuten. + +*Frau Solneß*. Ja, drunten, nicht wahr? Nur drunten. + +*Solneß*. Ich bin's ja so gewohnt. So im Alltagsleben. (Er geht +fort, die Treppe hinab, durch den Garten.) + + + Elfter Auftritt. + +*Die Vorigen* ohne Solneß. + +*Frau Solneß* (am Geländer, ruft ihm nach). Bitte aber doch ja den +Mann, recht vorsichtig zu sein, wenn er hinauf soll! Versprich mir +das, Halvard. + +*Herdal* (zu Frau Solneß). Sehen Sie nun, daß ich recht hatte? Er +denkt nicht mehr an das tolle Zeug. + +*Frau Solneß*. Ach, wie ist mir's leicht ums Herz. Zweimal sind uns +jetzt Leute heruntergefallen. Und beide waren auf der Stelle tot. +(Sie wendet sich zu Hilde.) Herzlichen Dank, Fräulein Wangel, daß +Sie ihn so gut festhielten. _Ich_ hätte ihn sicher nie herumgebracht. + +*Herdal* (lustig). Ja -- ja, Fräulein Wangel, _Sie_ verstehen schon +einen festzuhalten, wenn Sie den Vorsatz haben! + +*Frau Solneß* und *Doktor Herdal* (gehen zu den *Damen* hin, die +näher der Treppe stehen und über den Garten hinausblicken). + +*Hilde* (bleibt am Geländer im Vordergrund stehen). + +*Ragnar* (geht zu ihr hin, mit unterdrücktem Lachen, halblaut). +Fräulein -- sehen Sie alle die jungen Leute draußen auf der Straße? + +*Hilde*. Gewiß. + +*Ragnar*. Es sind die Kameraden, die gekommen sind, um sich den +Meister anzusehen. + +*Hilde*. Warum wollen sie ihn denn ansehen? + +*Ragnar*. Sie wollen mit ansehen, wie er sich nicht getraut, auf +sein eigenes Haus hinaufzusteigen. + +*Hilde*. So, _das_ wollen die grünen Jungen! + +*Ragnar* (mit höhnischem Grollen). Der hat uns jetzt so lange unten +gehalten. Nun wollen wir uns ansehen, wie _er_ auch einmal +gefälligst unten bleibt. + +*Hilde*. Das bekommen Sie nicht zu sehen. Diesmal nicht. + +*Ragnar* (lächelt). So? Wo bekommen wir ihn denn zu sehen? + +*Hilde*. Hoch -- hoch oben an der Wetterfahne werden Sie ihn sehen! + +*Ragnar* (lacht). Der! Wer's glaubt, wird selig! + +*Hilde*. Er _will_ auf die Turmspitze und folglich werden Sie ihn +dort auch sehen. + +*Ragnar*. Er _will_, jawohl! Das glaub ich sehr gern. Er _kann_ aber +einfach nicht. Es würde ihm wirr im Kopfe werden, lange bevor er +halbwegs käme. Er müßte herunterkriechen auf allen Vieren! + +*Herdal* (hinüber zeigend). Sehen Sie! Da klimmt der Werkführer die +Leitern hinauf. + +*Frau Solneß*. Und dann hat er wohl auch noch den Kranz zu tragen. +Ach, wenn er sich doch jetzt nur in acht nähme! + +*Ragnar* (starrt ungläubig hin und ruft). Aber das ist ja --! + +*Hilde* (in Jubel ausbrechend). Es ist der Baumeister selber! + +*Frau Solneß* (schreit entsetzt auf). Ja, es ist Halvard! Ach! du +lieber Gott --! Halvard! Halvard! + +*Herdal*. Still! Rufen Sie ihn nicht! + +*Frau Solneß* (halb von Sinnen). Ich will zu ihm hin! Er muß +herunterkommen! + +*Herdal* (hält sie fest). Niemand darf sich rühren! Keinen Laut! + +*Hilde* (unbeweglich, folgt Solneß mit den Augen). Er steigt, +steigt. Immer höher. Immer höher. Sehen Sie! Sehen Sie nur! + +*Ragnar* (in atemloser Spannung). Jetzt _muß_ er umkehren. Da ist +nichts anderes möglich. + +*Hilde*. Er steigt, steigt. Jetzt ist er bald oben. + +*Frau Solneß*. O ich vergehe vor Angst. Ich halte den Anblick nicht +aus! + +*Herdal*. Dann sehen Sie doch nicht hin. + +*Hilde*. Da steht er auf den obersten Brettern! Ganz oben! + +*Herdal*. Niemand darf sich rühren. Hören Sie! + +*Hilde* (jubelt in stiller Innigkeit). Endlich! Endlich! Jetzt sehe +ich ihn wieder groß und frei! + +*Ragnar* (fast sprachlos). Aber das ist ja -- + +*Hilde*. So habe ich ihn vor mir gesehen alle die zehn Jahre lang. +Wie sicher er dasteht! Entsetzlich spannend ist es trotzdem. Sehen +Sie! Jetzt hängt er den Kranz um die Turmspitze! + +*Ragnar*. Das ist, wie wenn man etwas ganz Unmögliches mit ansähe. + +*Hilde*. Ja, das ist ja eben das _Unmögliche_, was er jetzt thut! +(Mit unbestimmbarem Ausdruck in den Augen.) Sehen Sie jemand anderen +bei ihm droben? + +*Ragnar*. Es ist kein anderer da. + +*Hilde*. Doch, da ist einer, mit dem er Worte wechselt. + +*Ragnar*. Sie irren sich. + +*Hilde*. Und den Gesang hoch oben, den hören Sie auch nicht? + +*Ragnar*. Es muß der Wind in den Baumwipfeln sein. + +*Hilde*. Ich höre den Gesang. Einen gewaltigen Gesang! (Sie ruft in +wildem Jubel.) Da, da! Jetzt schwenkt er den Hut! Er grüßt herunter! +Ach, so grüßt ihn doch wieder! Denn jetzt, jetzt ist es vollbracht! +(Sie entreißt dem Doktor den weißen Shawl, schwenkt ihn und schreit +aufwärts.) Es lebe der Baumeister Solneß! + +*Herdal*. Hören Sie auf! Hören Sie auf! Um Gottes willen --! + +*Die Damen* (auf der Veranda schwenken die Taschentücher). + +(Von der Straße her ertönen Hochrufe; plötzlich verstummen sie, und +die Volksmenge bricht in einen Schrei des Entsetzens aus; zwischen +den Bäumen sieht man deutlich, wie ein Menschenkörper mit Brettern +und Holzstücken zusammen herunterstürzt.) + +*Frau Solneß* und die *Damen* (gleichzeitig). Er fällt! Er fällt! + +*Frau Solneß* (schwankt, sinkt ohnmächtig nach rückwärts und wird +unter allgemeinem Rufen und Wirrwarr von den Damen aufgefangen). + +*Die Menschenmenge* (auf der Straße durchbricht den Zaun und stürmt +in den Garten hinein). + +*Herdal* (eilt gleichfalls hinunter). + +(Kurze Pause.) + +*Hilde* (starrt unverwandt aufwärts und sagt wie versteinert:) +_Mein_ Baumeister. + +*Ragnar* (hält sich zitternd am Geländer fest). Er muß zerschmettert +sein. Auf der Stelle getötet. + +*Eine Dame* (während Frau Solneß in das Haus hineingetragen wird). +Laufen Sie zum Doktor hinunter -- + +*Ragnar*. Kann kein Glied rühren -- + +*Eine andere Dame*. Dann rufen Sie doch wenigstens jemandem zu! + +*Ragnar* (versucht zu rufen). Wie steht's? Ist er am Leben? + +*Eine Stimme* (vom Garten her). Der Baumeister ist tot! + +*Andere Stimmen* (näher). Der ganze Kopf zerschmettert. Gerade in +den Steinbruch heruntergefallen. + +*Hilde* (wendet sich zu Ragnar und sagt leise): Jetzt kann ich ihn +droben nicht sehen. + +*Ragnar*. Entsetzlich war das. Er vermochte es also doch nicht. + +*Hilde* (wie in stillem irrem Triumph). Aber bis zur Spitze kam er. +Und ich _hörte_ Harfen hoch oben. (Sie schwenkt den Shawl aufwärts +und schreit mit wilder Innigkeit.) _Mein_ -- _mein_ Baumeister! + + + _Ende._ + + + * * * * * + + + + +[Hinweis der Bearbeiter: +Offensichtliche Satzfehler wurden berichtigt. *Fettgedruckter* und +_gesperrter_ Text ist im e-Book entsprechend wiedergegeben.] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Baumeister Solneß, by Henrik Ibsen + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BAUMEISTER SOLNEß *** + +***** This file should be named 23679-8.txt or 23679-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/3/6/7/23679/ + +Produced by Norbert H. Langkau, Uta Theiling and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit http://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. 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