Project Gutenberg's Der Roman eines geborenen Verbrechers, by Antonino M.

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Title: Der Roman eines geborenen Verbrechers
       Selbstbiographie des Strafgefangenen Antonino M...

Author: Antonino M.

Editor: Augusto G. Bianchi

Translator: Friedrich Ramhorst

Other: Silvio Venturi

Release Date: September 16, 2007 [EBook #22630]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ROMAN EINES GEBORENEN ***




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  [Anmerkungen zur Transkription:

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  Rechtschreibung dem Original getreu bertragen. Lediglich einige
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  [Illustration: Portrait des Antonino M...

  Strafgefangener.

  Verurteilt: 5 Jahre Gefngnis wegen Mord. -- 3 Jahre Gefngnis wegen
  versuchten Mord. -- 1 Jahr Gefngnis wegen Bedrohung. -- 4 Jahre
  Strafcompagnie. -- 2 Monate Eisen wegen Flschung. -- 16 Jahre und 6
  Monate wegen versuchten Brudermord.]


                           Der Roman
                             eines
                    geborenen Verbrechers.


                       Selbstbiographie
                              des
                 Strafgefangenen Antonino M...

                              von
                        A.G.Bianchi.
       (Mitglied des _Corriere della Serra_ in Mailand)


          Zu wissenschaftlichen Zwecken herausgegeben
              mit einem psychiatrischen Gutachten
                         von Professor
                        Silvio Venturi
      Direktor der Provinzial-Irrenanstalt in Catanzaro.


 Autorisierte deutsche bersetzung von Dr. Friedrich Ramhorst.


                      Berlin und Leipzig
                    Alfred H. Fried & Cie.
                             1894.




Vorrede.


I.

Dieses Buch kann und soll nicht nach gewhnlichen Gesichtspunkten
beurteilt werden: Der Titel Roman ist subjektiv gerechtfertigt, insofern
die Empfindung, welche den Helden dieser Bltter veranlate, sie zu
schreiben, sicher nicht von der verschieden ist, welche viele
zeitgenssische Autoren veranlate, ihre Gedanken und Gefhle in einer
oft selbstbiographischen Form herauszugeben. Dostojewski's Schuld und
Shne, Zola's _Bte humaine_ und Gabriele d'Annunzio's _Giovanni
Episcopo_ und _l'Innocente_ sind die letzten Proben dieser
pathologischen Litteratur, wo die Genialitt der Verfasser zu einer
tiefen Intuition krankhafter Bewutseinsphasen sich erhebt und die Kunst
das Ansehen der Wahrheit erreicht.

In diesem Fall ist die Kunst arm, aber die Aufrichtigkeit ist vielleicht
grer, und die Unerfahrenheit des Verfassers dient dazu, ihr Relief zu
geben; denn wenn das Wahre sich hervorhebt und einen unverkennbaren
stilistischen Ausdruck annimmt, so kann das Unwahre nicht, wie bei den
berufsmigen Schriftstellern, den Firnis stilistischen Schmuckes oder
der angenehmen Tuschung erlangen.

So kommt es, da das, was nach der Absicht des Verfassers ein Kunstwerk
sein sollte, in der That ein wissenschaftliches Dokument geworden ist.

Der Verbrecher, diese antisoziale Individualitt kann sich mit Recht als
die _great attraction_ der zeitgenssischen Litteratur bezeichnen:
Feuilletonromane und Gerichtsberichterstattung, um nicht vom wirklichen
Kunstwerk zu reden -- alles dreht sich um den Verbrecher und die
verschiedenartigsten Gefhle werden wachgerufen; das gewhnliche
Interesse, das sich am Unwahrscheinlichen entzndet, das Mitleid mit dem
Unglck, die Hoffnung auf die Rehabilitation, der Fatalismus.

Auch die Wissenschaft ist der Frage nher getreten, und wenn die Kunst
das Interesse des Abenteuers dem des psychologischen Einzelfalls
hintanstellt, so tritt fr die Wissenschaft das Studium des Verbrechens
hinter dem Studium des Individuums zurck. Zwischen der Darstellung des
Verbrechers, wie sie von den alten und wie sie von den neuen
Schriftstellern gebt werden, ist genau derselbe Unterschied wie
zwischen dem althergebrachten Studium des Verbrechens, das durch die
Macht der Tradition noch in den Gesetzen herrscht, und der neuen
Wissenschaft, welche das Studium des Verbrechers fordert.

Aber die Wissenschaft hat notwendiger Weise vorerst in der Allgemeinheit
stehen bleiben mssen, sie mute Hunderte und aber Hunderte von
Verbrechern beobachten, um das mehr oder weniger hufige Wiederkehren
eines physischen oder psychischen Charakters zu erkennen, und aus diesen
Beobachtungen sind Theorien hergeleitet, welche nicht immer auf jeden
einzelnen Fall passen. Ebenso wie die Bewohner eines Landes nicht vllig
dem Nationaltypus entsprechen, ebenso wenig entsprechen die Insassen der
Gefngnisse dem Verbrechertypus.

Diese Mannigfaltigkeit der kriminellen Elemente, die nur eine Folge der
Mannigfaltigkeit der Ursachen ist, von denen die Menschengeschicke
abhngen, lie den Typus in der Vorstellung der Gelehrten unbestimmt und
unsicher erscheinen.

Lombroso, der eine graphische Reproduktion des typischen
Verbrecherschdels erlangen wollte, nahm seine Zuflucht zur
zusammengesetzten Photographie, indem er die zu einer Aufnahme ntige
Zeit in sechs Abschnitte teilte, und in jedem dieser Abschnitte einen
anderen Schdel vor das Objekt brachte. Auf diese Weise wiederholten
sich die jedem Schdel gemeinsamen Zge und kamen schrfer zum Ausdruck,
und whrend die Photographie nicht als die Reproduktion eines einzelnen
bezeichnet werden konnte, hnelte sie allen in ihren typischen
Elementen.

Der Typus ist eine synthetische Impression, hat Gratiolet gesagt. Und
Goethe definierte ihn als ein abstraktes und allgemeines Bild.

Geoffroy St.-Hilaire schrieb: Der Typus einer Art zeigt sich niemals
unseren Augen, er erscheint nur unserm Geist. Er ist eine Art festen und
gemeinsamen Mittelpunktes, um den sich die verschiedenen
Differenzierungen als Abweichungen und Schwankungen gruppieren.

Anderseits schien das Studium des Typus notwendiger als das des
Einzelfalls, da ja die synthetische Impression immer dem analytischen
Studium voraufgeht.

Heutzutage glaubt man diese synthetische Impression erreicht zu haben,
und der Verbrecher wird physisch und psychisch als ein Typus
beschrieben, der zwischen dem Wilden, dem Epileptiker und dem moralisch
Irrsinnigen rangiert.

Gegen diesen Glauben lehnt sich das analytische Studium auf. Nachdem die
typischen Verbrechercharaktere abstrakt beschrieben sind, lt sich
feststellen, wer als Verbrecher angesehen werden kann, und man kann zum
Studium des Individuums fortschreiten.

Das hat zuerst =Lombroso= erkannt, der in seinem Archiv zahlreiche
Einzelflle beschreibt und in seinem _Palimsesti del carcere_
verschiedene Selbstbiographien von Verbrechern verffentlicht hat. Aber
vielleicht ist das Studium immer ein hastiges gewesen, da es mehr dem
Zweck dienen mute, dem allgemeingiltigen Gesetz die Grundlage zu
liefern, als die Untersuchung der Einzelflle zu vertiefen und zu
beleben. Und daraus kann man keinen Vorwurf herleiten, die Wissenschaft
war dazu noch nicht reif und hatte anderes und dringlicheres zu thun.

Diese Verffentlichung soll einen Beitrag bilden zu dem Studium der
Verbrecherpersnlichkeit, einerseits durch den Bericht der Erlebnisse,
die der Verbrecher mit eigener Hand niedergeschrieben hat, andererseits
durch das Gutachten des berhmten Gelehrten Silvio Venturi, Professors
an der Universitt Neapel und Direktors des Irrenhauses zu Girifalco,
der Gelegenheit hatte, den Verbrecher zu beobachten und zu studieren.


II.

Der Held dieses Buches lebt und befindet sich zur Zeit in einem der
zahlreichen Gefngnisse des Knigreichs Italiens. Mit Rcksicht auf
seine Familie und seine Kinder habe ich seinen Namen nicht vollstndig
gegeben und die Namen vieler Persnlichkeiten verschwiegen. Wenn er von
dieser Verffentlichung wte, wrde er wahrscheinlich gegen diese
Unterdrckung protestieren, die doch nichts weiter ist als ein Akt der
Rcksicht gegen sein Unglck. Es ist unzweifelhaft, da er von der
Publikation seines Buches seine Rehabilitation erwarten wrde, denn er
nennt sich stets einen Unglcklichen, nie einen Schuldigen, und widmet
seine Denkwrdigkeiten, die so voll Schmutzigkeiten sind, dem Liebling
unter seinen Shnen.

Indessen sein Name existiert heute nicht mehr, statt dessen trgt er
eine Nummer, denn das Gesetz hat ihn jeder Persnlichkeit entkleidet,
und sein Name gehrt nur seinen armen Kindern. Die elementarste
Menschlichkeit mute mich veranlassen, den Namen eines Mannes zu
verschweigen, den das Gesetz der brgerlichen Rechte beraubt und die
Wissenschaft der moralischen Verantwortlichkeit bar erklrt hat.

Besser als sein Name wird seine Erzhlung und die im vorigen Jahre
aufgenommene Photographie wirken,[1] und das Zeugnis des Prof. Venturi
drfte jeden Zweifel ber die Authentizitt zerstreuen.

  [1] Dem Original ist das Bild des M... beigefgt.

Ich habe M... nicht gesehen und kann mir ein Urteil ber ihn nur aus dem
Kontrast bilden, welcher zwischen seiner Selbstbiographie und seinem
wirklichen Lebenslauf besteht.

Venturi, der berhmte Verfasser der _Degenerazioni psicosessuali_, der
bei dem letzten Proze gegen M... als Sachverstndiger hinzugezogen
wurde, hat sich lebhaft zum Studium des Helden hingezogen gefhlt; ihm
bergab M... das Manuskript seiner Denkwrdigkeiten, und auf diesem Wege
ist es an mich gelangt. Ich wrde es nicht verffentlicht haben, wenn
mir der wissenschaftliche Beistand des Psychiaters gefehlt htte, und
wenn dieser mich nicht in den Stand gesetzt htte, die objektive
Wahrheit gegenber der subjektiven Darstellung des M... festzustellen.

Nach den Ermittelungen Venturi's gebe ich im Folgenden eine Biographie
des M..., welche in vielen Fllen den Schlssel zum Verstndnis der
Selbstbiographie abgeben, deren Lcken ausfllen und die Flschungen
aufdecken wird, die entweder von einer ihm oft selbst unbewuten
irrtmlichen Auslegung der Dinge oder von der Verbrechereitelkeit
diktiert sind.


III.

Antonino M... wurde in Parghelia, Provinz Catanzaro, im Jahre 1850
geboren. Er ist heute 42 Jahre alt. Er war einer jener kleinen
Grundbesitzer, die fr die sdlichen Provinzen charakteristisch sind.
Seine Eltern sind tot; sein Vater starb im Alter von 45 Jahren an
Bauchfelltuberkulose (_tabes mesenterica_), die Mutter mit 37 Jahren in
der Entbindung. Der Vatersbruder starb als Verrckter, er hatte eine
bescheidene Bildung, aber glaubte, da er an Gelehrsamkeit und Weisheit
unerreicht dastehe, er litt an gelegentlichem Verfolgungswahn, so da er
mehrere Male in groe Erregung geriet, weil er meinte, da unter seinem
Bette Soldaten verborgen seien, die ihm nach dem Leben trachteten, und
da er sich von den Leuten, die nur in seiner Phantasie lebten, dadurch
befreien wollte, da er sein Haus ansteckte.

Eine Vaterschwester, die noch lebt, wird in der ganzen Stadt die
Verrckte genannt, sie fhrt ein einsiedlerisches Leben, flucht
unaufhrlich und luft aus dem Hause.

M... hat einen Bruder und eine Schwester, die gesund sind.

Im Alter von 10 Jahren wurde M... mehrere Monate krank, man hielt ihn
fr schwindschtig, aber er genas vollstndig. Er geno keinen anderen
Unterricht, als in der Elementarschule seiner Vaterstadt, einer Schule,
die vor dreiig Jahren als ein legalisierter Analphabetismus bezeichnet
werden kann. Das ist bemerkenswert, denn es macht die Proben von Genie,
die sich in der Selbstbiographie fanden, noch aufflliger.

Mit siebzehn Jahren begannen die Verhngnisse seines -- wie er es nennt
-- bejammernswerten Lebens. Eines Tages scho er auf ffentlichem Platz,
ohne ersichtlichen Grund, nur um eine seinem Bruder zugefgte Krnkung
zu rchen -- auf einen Landsmann, der sofort eine Leiche war. Der
Gerichtshof in Monteleone verurteilte ihn zu fnf Jahren Gefngnis.

Hier schlo er Freundschaft mit den berhmtesten Camorristen jener Zeit;
die berchtigsten kalabrischen Briganten, die in den Gefngnissen
Catanzaros saen, waren, wie er sagt, seine treuesten Freunde.

Er nahm an einem Aufstand im Gefngnis teil, der durch das Eingreifen
der Zivilbehrden von Catanzaro beigelegt wurde. Von hier aus kam er
nach Pizzo, dann nach Lucera di Puglia.

In Pizzo blieb er nur einen Monat, aber das gengte schon fr ihn, die
Strafgefangenen zu einem Fluchtversuch zu verleiten, der nur durch
Zufall milang.

Von Pizzo kam er nach Neapel in das Gefngnis del Carmine, wo er von dem
Haupt der Camorristen herzlich aufgenommen wurde. Fortan hatte er seinen
Genossen Liebe und Achtung und dem Masto blinden Gehorsam geschworen; er
war Mitglied der Camorra. Mit lebhaftem Verstand begabt, begriff er
rasch die Regeln der Gesellschaft, sein Name war bekannt und gefrchtet
wie der eines alten Genossen. Von Neapel kam er nach Foggia und dann
nach Lucera mit einigen Gefhrten, die ihn als Haupt der Camorra
anerkannten.

So fand er, ein Jngling noch, ehe er noch den Einflu der ersten Strafe
richtig gefhlt hatte, welche Verbrecher von nicht verdorbenen Anlagen
demtigt, im Gefngnis einen Ort, welcher der Entwickelung einer
verbrecherischen Persnlichkeit Vorschub leistet, die nur schlechter und
raffinierter aus dem Gefngnis heraus kommt: der impulsive und
blutdrstige Charakter hat dort oft Gelegenheit, hervorzubrechen und
nicht immer in richtiger Beziehung zu den Thatsachen, die entweder
falsch interpretiert werden oder sich als kleine Funken erweisen, welche
einen ganzen Brand entfachen, der von dem immer brennenden Herd ausgeht.
Wenig fehlte und er htte eines Tages den Krankenwrter erschlagen, der
nach seiner Darstellung in das Chinin Kalkstaub mischte.

Von Lucera, wo ihn das Sumpffieber heimsuchte, kam er nach der
Strafanstalt zu Neapel. Hier setzte er sich sofort mit den Camorristen
in Beziehung und nahm Teil an einem heftigen Kampf zwischen kalabrischen
und neapolitanischen Camorristen, einer wahren Schlacht, bei der
sechzehn ttlich verwundet, einem Wchter die Eingeweide ausgerissen,
zwei gettet und einer leicht verwundet wurde. Von Natur blutdrstig,
fand er im Kampf seine eigentliche Atmosphre. Als Camorrist ttowierte
er sich, indem er sich auf die Brust ein Losungswort der Camorra
schrieb: Tod der Schmach!


IV.

Nach verbter Strafzeit kehrte er nach Parghelia zurck, blieb hier
einen Monat und wurde dann Soldat. Auch als solcher setzte er sein
schlimmes Leben fort. Er duldete keine Vorwrfe, keine Tadel, verachtete
die Vorgesetzten, verlor ihre Achtung und zettelte Intriguen gegen sie
an. Seine gewaltthtige, blutdrstige, bsartige Natur wurde durch ein
bertriebenes Selbstgefhl angestachelt: berall witterte er
Nachstellung, Mangel an Respekt, Verrat; berall sah er Krnkungen und
Aufreizungen.

Zeitweilig war er ruhig und friedlich; whrend solcher immer kurzen
Periode war er freundlich gegen die Kameraden, die Vorgesetzten und
seine fern weilende Familie. Aber pltzlich war das vorbei, die Luft
nahm in seinen Augen eine andere Farbe an, und Zorn- und Wutausbrche,
Flche, Blut- und Rachedurst waren die Folgen, ohne einen anderen Grund,
als da ein Wort oder eine Handlung migedeutet wurde, die fr jeden
anderen ohne Belang gewesen wren.

Eines Tages gebot ein Vorgesetzter ihm Ruhe -- er ohrfeigte ihn und
versuchte ihn zu tten. Er wurde zu drei Jahren Gefngnis verurteilt;
nachdem diese verbt waren, kam er wieder zum Regiment. Er nderte sich
nicht. Die Perversitt seiner Empfindungen machte ihn zum Pderasten,
er knpfte mit einem Kameraden ein Verhltnis an. Er schrieb einen
anonymen Brief gegen seinen Sergeanten und verwundete seinen Kameraden
im Gesicht, und wurde zu einem weiteren Jahre verurteilt. Im Kerker
versuchte er mit einer halben Scheere, aus der er sich einen Dolch
gemacht hatte, einen Kameraden umzubringen, um sich wegen einer alten
Krnkung zu rchen, obschon der Gegenstand seines Hasses schon an sich
in einem Zustand war, der Mitleid htte einflen knnen. Von da kam er
zur zweiten und dann zur ersten Strafkompagnie in Venedig, wo er sich
durch sein tckisches und unverbesserliches Benehmen auszeichnete.
Strenger Arrest, langes Fasten ntzten nichts; fr ihn waren die Strafen
immer ungerecht; jeder mihandelte, miachtete ihn.

Schon um diese Zeit (1879) brach sein heftiger und wilder Ha gegen
seinen Bruder Michele los, der, wie er meinte, ihn vernachlssigte und
seinen Tod wnschte, um sich die vterliche Erbschaft anzueignen, die
schon zum grten Teil sich angeeignet zu haben er ihn beschuldigte. Die
ersten Zeichen dieses Hasses traten hervor, als er im Lazarett zu Cava
dei Tirreni war, wo er einen Brief seines Bruders, der Nachricht von ihm
verlangte, mit hlichen Worten und Hohngelchter empfing. Der einzige
Grund fr diese Zwietracht konnte in dem Temperament des M... gefunden
werden.

Bei der Strafkompagnie versuchte er eines Tages einen Lieutenant zu
ermorden, weil dieser ihn bestraft hatte. Er wartete, bis der
unglckliche Lieutenant Nachts die Ronde machte, und mit dem Dolch in
der Hand, den er sowohl als Gefangener wie als Soldat immer bei sich zu
tragen oder im Strohsack oder im Futter der Kleidung zu verbergen
pflegte, lauerte er Stunden lang; und nur dem Umstand, da der
Lieutenant von einem Kameraden gewarnt wurde, ist es zu danken, da der
Anschlag miglckte.

Der Mangel an moralischem Gefhl zeigt sich auch darin, da er eines
Tages einen Kameraden, einen Schreiber im Militrbureau, dazu verfhrte,
ihm eine nderung in dem Register zu gestatten, indem er das Datum
seiner Aushebung um ein Jahr zurckschrieb, um auf diese Weise ein Jahr
frher vom Militr loszukommen.

Durch diese Flschung gelang es ihm, ein Jahr frher verabschiedet zu
werden; auf der Heimreise bekam er Hndel mit den Eisenbahnbeamten und
um ein Haar wre es zur Schlgerei gekommen.

Die Flschung wurde entdeckt, und er wurde von der Militrverwaltung
reklamiert, darber entrstete er sich heftig, bewaffnete sich wie ein
richtiger Brigant und begab sich in die Wlder. Aber er sah ein, da er
auf diese Weise doch nicht durchkommen wrde und stellte sich der
Militrbehrde in Catanzaro, die ihn wieder nach Venedig zur
Strafkompagnie schickte. Durch eine gnstige Beurteilung des
Thatbestandes wurde er von der Anklage der Desertion freigesprochen.

Kaum wieder bei der Kompagnie, wurde er zu zwei Monaten Wasser und Brot
und zur Kettenstrafe verurteilt. Er hatte den Skorbut; nachdem er
geheilt war, kam er wieder in strengen Arrest bei Wasser und Brot und so
verbrachte er das ganze Jahr fast immer in Arrest und in Ketten.


V.

Im September 1882 kehrte er zu seiner Familie zurck, nachdem er
vierzehn Jahre lang im Gefngnisse und in der Strafkompagnie gewesen
war.

Zuerst empfindet M... selbst, da ihm Bruder und Schwgerin freundlich
entgegenkamen. Und in der That nahmen sie ihn liebevoll auf, lieen ihn
an ihrem Tische essen und gewhrten ihm, was ihre finanzielle Lage
gestattete. Nichts in der Selbstbiographie deutet an, woraus der Ha
gegen den Bruder entsprungen sein kann, er huft nur Schmhungen und
wste Schimpfreden gegen ihn. Aber wenn man die Antecedentien und den
Charakter des Antonino M... in Erwgung zieht, so begreift man, da
zwischen den Brdern keine Eintracht herrschen konnte. Antonino lebte im
Hause seines Bruders in unhaltbarem Zustande, er konnte nicht zeitlebens
wie ein Sohn von seiner Schwgerin zwei Soldi tglich fr Tabak entgegen
nehmen. Da er von sich eine bertriebene Meinung hatte und den Bruder
miachtete und ihn als Haupt der Familie hate, so mute Antonino
notwendiger Weise eines Tages das Bedrfnis fhlen, fortzuziehen und fr
sich allein zu leben und mit der Familie des Bruders vollstndig zu
brechen. Er that es, und um die Position zu befestigen, nahm er sich
eine Frau in der Person eines Mdchens aus Tropea, eines sanften,
zrtlichen Wesens, einer kleinen Madonna, die sich ihm zum Weibe gab,
besiegt von seiner Ueberredungskunst und von Mitleid mit seinem Unglck.

Neues Unheil hatte diese Verbindung im Gefolge.

Das knappe ererbte Vermgen konnte nicht ausreichen, auerdem hatte er
keinen Hang zur Arbeit, war liederlich, rauchte, trank und gefiel sich
darin, sich vor den andern beim Kaufen hervorzuthun. Sein Bruder stand
ihm immer als derjenige vor Augen, der den greren Teil des vterlichen
Vermgens geerbt hatte, daher sein Ha, sein unbndiger Neid, seine
Rachgier gegen ihn. Er erzhlt selbst einen weiteren Grund und dieser
bestand darin, da seine beiden Tanten zu Gunsten des Sohnes des Michele
testiert und so Antonino des zu erwartenden Erbteiles beraubt hatten.

So waren genug psychologische und thatschliche Motive vorhanden, um zu
begreifen, in welcher Gemtsverfassung Antonino gegen seinen Bruder war,
und frher oder spter mute der angesammelte Ha zum Ausbruch kommen.
Es war eine Lawine, die sich losgelst hatte, und immer wachsend, dem
Abgrund zurollte, die Hindernisse, die sich ihr in den Weg stellten,
zerstrend. Antonino, der sich mehr und mehr in seinen Zorn verbi,
machte kein Hehl aus seinem Ha, er sprach ffentlich davon und von
seinen Rachegedanken, und schrte dadurch noch mehr den Brand in seinem
Innern; vielleicht dienten auch die Ermahnungen der Vorsichtigen und die
Vorhaltungen der Ruhigen dazu, seine Lust am Schrecklichen und seine
Neigung zur Rache noch zu verstrken.

Sein argwhnisches Temperament war eine natrliche Folge seiner
Eitelkeit. Der bermigen Anmaung entsprach immer der Argwohn, da ihm
von seiten der andern nicht mit der ntigen Achtung begegnet werde und
daher die fortwhrende Tendenz, sich verfolgt zu glauben. Daher auch die
bertriebene falsche Auslegung der Worte, der Absichten, der Thaten
anderer, besonders der Personen, denen er strkere Aufmerksamkeit
schenkte und von denen er fr seinen Ha und seine Drohungen Krnkungen,
Beleidigungen, Verachtung und Unbill zu empfangen glaubte. Zuerst mute
die Schwgerin den Ausbruch des Sturmes spren. Eines Tages begab er
sich in das Haus seines Bruders, und man wei nicht aus welchem Grunde,
genug, er bedrohte sie mit einem Revolver, der Bruder kam dazu, und es
gelang ihm das Blutvergieen zu verhindern, aber Antonino brachte ihm
eine Biwunde in die Hand bei, mit welcher er ihm den Revolver entri.
Es erfolgte die Klage und trotz der heuchlerischen Verteidigung, der
demtigen Erklrungen und der wortreichen Beredsamkeit wurde Antonino zu
einem Monat Gefngnis verurteilt. Es wrde dieses Vorkommnisses nicht
bedurft haben, um Antonino zu allen Frevelthaten gegen seinen Bruder
fhig zu machen, aber es diente ihm in der ffentlichkeit als
Rechtfertigung fr seine schon offen ausgesprochenen Blut- und
Rachegedanken.

Von diesem Augenblick ab war das Leben des armen Michele eine
fortwhrende Angst und Aufregung; er traute sich nicht die Nase aus dem
Fenster zu stecken oder die Fe vor die Thr zu setzen, ohne die
berzeugung zu haben, da er von seinem Bruder gettet wrde, der ihm
_coram publico_ unaufhrlich nachstellte und den Augenblick nicht
erwarten konnte, wo er seinem Bruder den Rest geben wrde.

Antonino erklrte ffentlich: Was mache ich mir aus dem Gefngnis!? Ein
halber Tag oder zwanzig Jahre sind mir einerlei; ich werde Mann und Frau
umbringen und dann bin ich zufrieden.

Er wute, da die Freunde seines Bruders ihn durch einen Pfiff
herauszurufen pflegten, und so versuchte er eines Abends, ihn auf
dieselbe Weise an das Fenster zu locken. Aber der Bruder merkte, woher
der Pfiff kam, und antwortete nicht. Ein anderes Mal lauerte er ihm auf
und trat endlich mit einer Flinte bewaffnet in das Haus seines Bruders.

fter sah man ihn mit der Flinte am Fenster der Kche stehen und warten,
da der Bruder sich am Fenster seiner gegenber liegenden Kche zeige.
So fest stand bei ihm der Plan, da er Frau und Kinder fortschickte und
allein blieb, um sich ganz der berwachung seines Bruders und der
Ausfhrung des Mordes zu widmen. Und so trat denn endlich am 29.
September 1889 das ein, was =notwendig= eintreten mute.

Es war ein Sonntag, und Antonino M... pflegte alle Sonntag seine
Familie, die er leidenschaftlich liebte, in Tropea zu besuchen. Diesen
Sonntag blieb er in Parghelia; er wollte ein Ende machen. Er nahm eine
Doppelflinte, lud sie mit Schrot und mit einer Kugel und stellte sich
auf die Lauer. Aber der Bruder kam nicht, er war drben in der Kche mit
seiner Frau und einer Tante und zerkleinerte Holz. Antonino lief hinzu,
um in die Kche zu eilen, aber das Fenster war sehr hoch. Er nahm eine
Leiter, stellte sie ans Fenster, stieg hinauf, sah den Bruder bei der
Arbeit, nahm die Flinte und scho zweimal auf seinen Bruder, den er am
Kopfe verwundete.

Kaum war das Verbrechen verbt, so lud er von neuem und entfloh. Um
freien Durchgang zu haben, rief er: Platz da, Platz da! Niemand hielt
ihn an, denn alle kannten seinen blutdrstigen Charakter sowie seine
Geneigtheit zu Gewaltthtigkeiten, und wer ihn sah, floh entsetzt
beiseite.

Einen Monat lang hielt er sich verborgen, endlich am 27. Oktober 1889
wurde er in Monteleone auf offener Strae verhaftet, nicht ohne da er
vorher einen Verteidigungsversuch gemacht hatte, indem er an den
Staatsanwalt ein Schreiben gerichtet hatte, in welchem er die That als
das Werk eines Zufalls darstellte, in der Hoffnung, da diese plumpe
Verdrehung der Thatsache ihm irgendwie dienlich sein knnte.

Nachdem er dem Gefngnis zu Monteleone bergeben war, zweifelte man, ob
M... im Vollbesitz seiner geistigen Krfte sei, und er wurde daher der
Irrenanstalt zu Girifalco zur Beobachtung berwiesen. Bei dieser
Gelegenheit hatte Venturi ihn zu studieren, und das Resultat dieser
seiner Studien wird weiter unten abgedruckt.

Vor dem Gerichtshof zu Monteleone im April 1891 definierte Venturi ihn
als einen =geborenen Verbrecher=, einen Menschen, der sich der
Strafbarkeit seiner Handlungen nicht so voll bewut ist, wie es das
Gesetz erfordert, um eine Verurteilung aussprechen zu knnen. Er schlo
sein Gutachten folgendermaen:

M... wrde also nach dem geschriebenen Gesetz fr das begangene
Verbrechen nicht verantwortlich oder nur halbverantwortlich sein, da er
es nicht bei vollem Bewutsein und in voller Freiheit seines Willens
ausgefhrt hat.

_Quid faciendum!_

Wenn er als unverantwortlich erkannt wird, wird man ihn dann in
Freiheit lassen?

Er wrde versuchen, seinen Bruder wiederum zu ermorden, und ohne
Zweifel mit grerer Ruhe, da er seine Straflosigkeit kennt und sich
daher fr berechtigt hlt, mit der ganzen menschlichen Gesellschaft
aufzurumen. Soll man ihn in die Irrenstrafanstalt bringen, wie es das
Gesetz fr diejenigen vorschreibt, welche in einem krankhaften Hang zum
Verbrechen leben, und denen die Gelegenheit genommen werden soll, ein
Verbrechen zu wiederholen? Er wrde zeitlebens darin verbleiben mssen,
denn es ist nicht vorauszusehen, da M... mit der Zeit seine Natur
ndert, noch giebt es Heilmittel, die das bewirken knnen. Wie soll das
Ziel erreicht werden, welches das Gesetz im Auge hat, um einen sicheren
Schutz gegen das Verbrechen zu schaffen, ohne da deshalb die
Gesellschaft sich zu dem erlittenen Schaden noch mit der Sorge fr den
lebenslnglichen Unterhalt des Verbrechers belasten mte?

Die Antwort liegt mir auf den Lippen, aber ich will sie nicht
aussprechen, weil unsere Mondscheinromantik vorschreibt, auch die zu
lieben, die uns Bses thun, also gerade das Gegenteil von dem, was die
Natur thut, welche durch ihre ewigen Kmpfe eine reinigende Zuchtwahl
vornimmt.

Meine Herren Geschworenen, die Strafirrenanstalt in Italien ist ein
Unding. Thatsache ist, da die gefhrlichen Narren, die nicht fr
strafbar erkannt werden, wieder frei herumlaufen, oder wenn sie ins
Irrenhaus gebracht werden, mit Hilfe ihrer Advokaten bald wieder
herauskommen. Und das Gesetz begnstigt ihre Entlassung. Wenn M... zu
zehn Jahren verurteilt wird, so ist es so gut wie sicher, da er whrend
dieser Zeit die Gesellschaft nicht belstigen kann.

Bedenken Sie: der Bruder hofft, da er weder begnadigt wird, noch vor
der Zeit wegen guter Fhrung entlassen wird. Alles kann daraus folgen!

Ehe die Verhandlung geschlossen wurde, hielt M... eine
Verteidigungsrede, die zwei Stunden dauerte. Er sprach mit unerhrter
Emphase, er lie sich in seinem Gedankengang und in der Erregung so sehr
hinreien, da er in einen frmlichen Zustand der Raserei geriet, so da
man ihn beruhigen und die Sitzung unterbrechen mute. Das Publikum war
der Ueberzeugung, da er fr unzurechnungsfhig erklrt werden wrde;
der Bruder, der ihn von drauen hrte, flehte Gott, die
Sachverstndigen, die Geschworenen an, da er verurteilt werden mchte.
Wehe ihm, wenn er freigesprochen wurde. Er traute dem Panacee der
Strafirrenanstalt nicht.

Whrend der ganzen Verhandlung gegen M... war seine Familie, ein Engel
von Weib, und seine hbschen Kinder zugegen, und erschtterten durch ihr
unaufhrliches Weinen das Publikum. Er wurde unter der blichen Annahme
mildernder Umstnde zu sechzehneinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt.


VI.

Das ist der Mann, dessen Biographie ich verffentliche; das ist sein
Leben inmitten der Hilfsmittelchen, mit denen die Gesellschaft sich
einbildet, sich selbst verteidigen und verbrecherische Neigungen
unterdrcken und sogar bessern zu knnen.

Aber anstatt Betrachtungen anzustellen, will ich eine andere Seite
seiner Individualitt aufschlagen, ich meine die physische und
psychische Darstellung seiner Person. Und dazu gebe ich einem Manne das
Wort, der dazu besser berufen ist als ich, dem Professor Silvio Venturi,
welcher mit wissenschaftlicher Genauigkeit die besonderen
Charakteristika des M... darlegen wird.


Physische Untersuchung.

Wenige Tage nach der Einlieferung des M... in die Irrenanstalt zu
Girifalco schritt ich zu einer eingehenden Untersuchung, die folgendes
Resultat ergab.

=Allgemeiner Befund=: Krftiger Knochenbau, starkes Fettpolster,
Dolicocephale, Haar etwas sprlich, dunkelbraun, ab und zu mit weien
Fden durchzogen; ziemlich hohe Stirn mit Lngs- und Querfurchen. Die
Ohren gut gewachsen, aber leicht henkelfrmig, Gegenleisten kaum
vorhanden, mit Spuren des Darwin'schen Hckers. Die Augen in gleicher
Hhe, im linken Auge eine Nickhaut, Conjunktiva normal. Augenbrauen
normal, rechts strker geschwungen als links. Das Wangenjochbein tritt
wenig hervor, weil mit Fettpolster bedeckt, der Gesichtsausdruck ist
schlaff und welk. Die Zhne sind unterbrochen. Am Daumen der linken Hand
eine Narbe, die von einem schneidenden Werkzeug herrhrt, ebenso eine in
der Leistendrsengegend. Mehrfache Ttowierungen, auf dem rechten Arm:
_ors fuduli_, auf der Brust: _a morte l'infame_ (Tod der Schmach), auf
dem linken Arm _V_ und _K_, auf dem Rcken der rechten Hand _O_ und _F_.

=Craniometrie=:

_Diameter ant. post. maximus_      mm  191
_Diameter transversalis_           "   153
Kopfindex                          "    80
Horizontaler Umfang                "   550
Vorderer (halber) Umfang           "   275
Hinterer (halber) Umfang           "   275
_Curva longitudinalis_             "   300
_Curva transversalis_              "   220
_Diameter bifrontalis minimus_     "    95
Stirnhhe                          "    60

=Prosopometrie=:

Gesichtshhe                       mm  127
_Diameter bizigomaticus_           "   115
Gesichtsindex                      "    30

=Anthropometrie=:

Gre                              m  1,56
Weite der ausgestreckten Arme      "  1,58
Brustumfang                        cm   85
_Linea jugulo-xifoidea_            "    16
_Linea xifo-umbilicalis_           "    25
_Linea umbilico-pubica_            "    15,05
_Linea biiliaca_                   "    29
Lnge des Oberschenkels            "    68,05
Lnge des Unterschenkels           "    30
Krpergewicht                      kg   75,00

Kurzer dicker Hals -- die _fossae_ ober- und unterhalb des
Schlsselbeins mit Fettpolster bedeckt -- breite Brust, die
interkostalen Zwischenrume wenig sichtbar. -- Ausatmung auf beiden
Seiten der Brust gleichmig -- Anzahl der Atmungen siebzehn in der
Minute. Bei Perkussion und Auskultation der Brust ist weder vor noch
nach der Atmung etwas Abnormales zu bemerken.

=Blutumlauf=: Herzdmpfung von normaler Gre -- Herztne rein --
regelmiger und krftiger Pulsschlag -- normale Funktion der Arterien.

=Verdauungsapparat=: Zunge rein und feucht. -- Ab und zu leidet er an
Schmerzen in den Eingeweiden. -- Stuhlgang regelmig. -- Bauch weich
und unempfindlich gegen Druck.

=Geschlechtsapparat=: Geschlechtsorgane normal -- groe Hoden. Die
Untersuchung des Urins ergiebt folgendes Resultat: strohgelbe Farbe
-- saure Reaktion -- Eiwei und Zucker nicht vorhanden -- kohlensaure
Salze in geringer Menge -- alkalische und erdige Phosphate in normaler
Menge -- Chloride ziemlich selten. -- Bei mikroskopischer Untersuchung
erscheinen keine organischen Gebilde.

=Leberdmpfung= von normalem Umfang, indolent.

=Milzdmpfung= normal.

=Vasomotorische Erscheinungen=: Die hyperhmischen Linien des
Trousseau'schen Phnomens zeigen sich rasch und dauernd auf der Brust
wie auf dem Unterleib.

=Wrmeerzeugung= normal.

=Sensibilitt=:

=Tastgefhl=: Er fhlte die beiden Punkte des Aethesiometers als zwei

auf der Stirn      rechts in der Entfernung von 42 mm
 "   "    "        links  "   "      "       "  37 "
 "   "  Schulter   rechts "   "      "       "  86 "
 "   "    "        links  "   "      "       "  72 "
 "   "  Brust      rechts "   "      "       "  89 "
 "   "    "        links  "   "      "       "  82 "
 "  dem Unterleib  rechts "   "      "       "  77 "
 "   "    "        links  "   "      "       "  63 "
 "   "  Schenkel   rechts "   "      "       "  73 "
 "   "    "        links  "   "      "       "  69 "
 "  der Zunge      rechts "   "      "       "  39 "
 "   "    "        links  "   "      "       "  50 "

=Ortssinn=: Wenn man ihn an verschiedenen Punkten des Kopfes und der
Brust berhrt, so vermag er den Punkt anzugeben; auf dem Unterleib ist
eine Differenz von 4-5 cm vorhanden.

=Schmerzempfindung=: Einen einfachen Stich empfindet er in verschiedenen
Krpergegenden gleich gut.

=Wrmeempfindung=: Er fat rasch und sicher die Wrmeunterschiede
verschiedener Gegenstnde.

=Sehvermgen=: Auf dem rechten Auge normal, auf dem linken vermindert.
-- Farbensinn normal.

=Gehr=: Auf dem rechten Ohr hrt er das Ticken der Uhr nicht, selbst
wenn sie ihm direkt an das Ohr gelegt wird, auf dem linken nur in einer
Entfernung von 15-20 cm.

=Geruch=: Scheint nicht beeintrchtigt.

=Geschmack=: Bei Experimenten mit Chinin und Chlornatron konnte er den
Geschmack nicht angeben. -- Bei Chinin sagte er nach verschiedenen
Versuchen: Diese Substanz scheint mir einen bitteren Geschmack zu haben.

Von Zeit zu Zeit leidet er an Bauchschmerzen.

=Abnormale subjektive Sensationen=: Er klagt oft ber Schwindel und
heftigen Kopfschmerz -- in der linken Schlfe empfindet er auf einem
Raum von der Gre einer Hand oft ein Kribbeln, und es scheint ihm, als
ob die Haare sich daselbst struben.


Bewegungen.

Der Gang ist im Ganzen regelmig. Jede willkrliche Bewegung geschieht
leicht und vollstndig.

Die Pupillen sind zentral und rund, reagieren gut, aber nicht
gleichmig auf Licht- und Schmerzreiz; die linke rascher als die
rechte. Zunge und Lippen ruhig, starkes Zittern der Hnde.

=Reflexivbewegungen=: Unterleibreflex normal; Hodenmuskelreflex rechts
strker als links, Kniescheibenreflex lebhaft.

=Dynamometer=: r.H.35; l.H.35; beide Hnde 45.


Psychische Funktionen.

=Psychosensorielle Erscheinungen=: Die Wahrnehmung ist in der Periode
der Ruhe normal. Im Augenblick der Erregung scheint er Sinnesstrungen
unterworfen, er sieht seine Feinde, die ihn bedrohen und beleidigen.

=Gedankengang=: Wenn er ruhig ist, regelmig; in der Erregung zeigt er
fieberhafte und verworrene Verfolgungswahngedanken. Er spricht allein
gegen die vermeintliche Ursache seiner Leiden, schimpft, schreit und
flucht; lebhafte Einbildungskraft, gutes Gedchtnis. Er erinnert sich an
alle Einzelheiten seines Lebens, nur wenn man ihn nach seinen Verbrechen
fragt, will er sich nicht erinnern oder sie in einem Augenblick begangen
haben, wo er sich selbst nicht kannte. Aufmerksamkeit rasch und lebhaft.

=Stimmung=: Gewhnlich trbe, nachdenklich; fragt man ihn nach seinen
Verbrechen, so wird er zerknirscht, sttzt den Kopf und weint. Er denkt
liebevoll seiner Familie und sagt, da um seinetwillen Weib und Kinder
werden betteln gehen mssen.

=Willen und Instinkt=: Er ist gelehrig, hflich, fleiig. Er verkehrt
mit den ruhigeren seiner Gefhrten und vertrgt sich mit den andern.
Wenn ihn die gewhnlichen Anflle berkommen, ist er heftig, sonst
ruhig. Der Fortpflanzungstrieb ist normal; er ist ein starker Onanist.

=Bewutsein=: Er wei, da er im Irrenhaus ist, und auch, da er
beobachtet wird, um zu ermitteln, ob er irrsinnig ist. Er empfiehlt sich
der Gnade seiner Vorgesetzten und versucht sie auf alle Weise zu
berzeugen, da er sein Verbrechen in einem Augenblick des Wahnsinns
vollbrachte.

=Sprache und Schrift=: Er spricht rasch, gut und ziemlich formvoll,
ebenso wie er leicht und eindringlich schreibt, abgesehen von den
Fehlern, die von seinem geringen Bildungsgrad herrhren. Er macht
Gedichte von derbem und oft hochfliegendem Inhalt in sorgfltiger Form.
Die Stimme hat tiefe und krftige Frbung.

=Gesichtsausdruck=: Rundes volles Gesicht wie ein Fettkrmer. Die Augen
hlt er immer niedergeschlagen; wenn er erregt wird, bewegt er alle
Gesichtsmuskeln und begleitet seine Worte durch Gesten.

=Schlaf und Traum=: Er schlft gut und spricht nie im Traum.


M... wurde von Venturi einer mehrmonatigen Beobachtung unterworfen; ich
reproduziere seine Beobachtungen whrend dieses Zeitraums.

=Februar 1890.= Die ersten vier Tage nach seiner Einlieferung war er
erregt. Er sprach mit sich selbst, hauptschlich nachts, und fluchte auf
ein Frauenzimmer, das er die Ursache seines Unglcks nannte. Gefragt,
weshalb er im Irrenhause sei, antwortete er: =wegen einer verfluchten
Sau, die mich verfolgt. Da ich verrckt bin, sagten in Parghelia alle,
aber diese Hure, meine Schwgerin, hat die Schuld=. Er behauptet, sich
an sein Verbrechen nicht zu erinnern. Wenn er spricht, so schttelt er
den Kopf und alle Gesichtsmuskeln geraten in Bewegung. Nach einem Tage
wurde er ruhig, bat, da man die Zwangsjacke ihm abnehmen mchte und
versprach, sich gut zu fhren. Er mchte in der Schneiderstube
beschftigt werden. Wurde bewilligt. Er scheint das Handwerk im
Gefngnis etwas gelernt zu haben.

=Mrz 1890.= Der Angeklagte giebt keine Ursache zu Tadeln, er ist
hflich und fleiig. Am 11. Mrz erwachte er schlechter Laune, sprach
mit sich selbst, behauptete Stimmen zu hren und jene Frau zu sehen, die
er als sein Unglck bezeichnet. Er fluchte gegen diese Frau, knirschte
mit den Zhnen und bedrohte sie. Er hatte es auch mit einem Hauptmann zu
thun, den er nicht nennt, und der ihm zu drei Jahren Gefngnis verholfen
htte. Nach fnf Stunden der Erregung mit anscheinenden Hallucinationen
beruhigte er sich. Spter erklrte er auf Befragen, da er starkes
Kopfweh habe, und behauptet, sich an nichts zu erinnern. Nachher bat er
um Entschuldigung, wenn er vielleicht jemand beleidigt haben sollte. Am
12. ging er wieder in die Werkstatt.

=April 1890.= Immer ruhig, hflich, antwortet verstndig auf alle
Fragen; hatte keinen Anfall mehr. Heimlich schrieb er einen Brief, den
er durch einen anderen Kranken, der das Zutrauen der Vorgesetzten
besitzt, einer Person seiner Heimatstadt, die seine Familie kennt,
zustellen lassen wollte. Auch ein Brief an seine Frau war dabei, in dem
er ihr empfahl, guten Mut zu haben, denn er sei zufrieden mit seinen
Vorgesetzten. Er bat um etwas Geld, um sich Zigarren zu kaufen. Dann
fgte er hinzu: Sei unbesorgt und denke, da ich bald komme. Du weit,
was ich Dir mitteilen will. Ich ksse Papa und Mama die Hand, und lasse
die Verwandten gren. Ich ksse und segne meine Kinder, gre Vetter
S... Ich umarme Dich.

Am 14. gegen Abend war er sehr schlechter Laune; er sprach mit sich
selbst wie gewhnlich, so da man ihn nachts allein unterbringen mute;
er fluchte gegen die bekannte Frau, schlief sehr wenig. Am 15. war er
niedergeschlagen, promenierte auf dem Hof, weinte, sagte, da sein
Nervensystem in Aufregung sei und da er Ruhe brauche. Er schien
innerliches Fieber zu haben. Das Schreien und Lrmen der Gefhrten
verletzte seine Nerven; gegen Mittag wurde er wieder ruhig und verlangte
nach Arbeit.

Am 13. April wurde er aufgefordert, die Einzelheiten des versuchten
Brudermordes niederzuschreiben; anfangs wollte er nicht, dann, nachdem
man ihm gesagt hatte, da es ihm von Nutzen sein knnte, lie er sich
dazu bereit finden.[2] -- Mitten im Schreiben warf er die Feder weg, und
fing an zu schreien und zu fluchen, und Bruder, Schwgerin und Verwandte
zu bedrohen und zu verwnschen. Man mute ihn unschdlich machen. Auf
mehrmaliges Rufen antwortete er nicht; endlich kam er herein und sagte,
da er es mit den Spilingoten zu thun htte, mit denen er sich schlagen
wollte.

  [2] Der Bericht entspricht fast vollstndig der Darstellung im vierten
  Teil der Selbstbiographie, und wird hier daher nicht wiederholt.

Spter wurde er ruhiger, zu Mittag wies er das Essen zurck. Er sagte,
da er von den Schlgen, die er bekommen hatte, vollstndig gebrochen
sei und groe Schmerzen leide.

Dem Arzt gegenber beklagte er sich ber die Behandlung. Sie, sagte er,
lassen mich prgeln, da es eine Art hat, whrend ich mich um meine
Angelegenheiten kmmere; aber Sie werden es bereuen. Spter wurde er
ruhig wie gewhnlich und behauptete auf Befragen, sich an nichts zu
erinnern, bat auch um Entschuldigung, wenn er jemand beleidigt haben
sollte.

=7. Mai.= Er wurde von neuem genau untersucht, aber keinerlei
Vernderungen wahrgenommen.

Man sagte ihm, da er den Kopf eines Poeten habe; er antwortete rasch:
Was ntzt die Poesie? Dante starb in der Verbannung, Tasso im Hospital.
Er erinnerte sich an alle Einzelheiten seines Lebens, nur sagte er, da
ihm die Umstnde nicht gegenwrtig seien, welche zu dem Mord, den er in
seinem 17. Lebensjahr begangen hatte, fhrten.

=17. Mai.= Immer ruhig. Gestern beleidigte ihn ein Leidensgefhrte, er
prgelte ihn durch. Er wurde bestraft, aber war nicht emprt darber.
Seit einigen Tagen sucht er einen Gefhrten zur Flucht zu berreden. Auf
Fragen antwortet er zusammenhngend, spricht gut von seinen
Vorgesetzten, von denen er, wie er sagt, gut behandelt wird, erinnert
sich genau an die Einzelheiten seines Lebens; wenn man ihm eine von ihm
gehate Person nennt, stt er Flche und Verwnschungen aus. Er
arbeitet in der Schneiderstube und fhrt sich gut.

=Juni 1890.= Betragen wie gewhnlich; hflich, dienstfertig, gehorsam;
er ist es zufrieden, im Irrenhaus zu bleiben, wenn seine Vorgesetzten es
wollen. Er verlangt Lektre, versucht zu dichten, aber klagt selbst, da
ihm die dichterische Ader und der Schwung fehlt. Er versucht, die
Vorgesetzten sich geneigt zu machen und sie zu rhren, indem er sagt,
da seine Familie ohne ihn betteln gehen msse. Er schrieb einen langen
Brief an seine Frau, in dem er sich zufrieden und ergeben zeigt. Eines
Tages verlangte er ein Blatt Papier und schrieb einen Vers aus Dante:
und einen halb rhetorischen, halb wahnsinnigen Entwurf: Der Gedanke.

=Juli 1890.= Er arbeitet fleiig in der Schneiderstube, und sein
Benehmen ist in jeder Beziehung untadelhaft. In Worten und Briefen lobt
er die Vorgesetzten, da sie Mitleid mit einem armen Unglcklichen
haben. Seiner Frau schreibt er, unbesorgt zu sein und zu hoffen. Sorge
fr das Wohl unserer Kinder und achte darauf, da ihnen kein Schaden
zustt. Ich empfehle Dir, sagt er ein anderes Mal, immer heiter zu
sein und Dich mit Mut und Ergebung zu wappnen, und er prophezeit ihr
eine glckliche Zukunft. Er ist mit Allem und mit Allen zufrieden und
verlangt und wnscht nichts. --

Damit schliet die Beobachtungsperiode des M...


Diagnostische Erwgungen.

Nachdem so die Persnlichkeit des Antonino M... dargestellt ist, nachdem
auch seine physische Beschaffenheit mit Rcksicht auf die krperliche
Entwickelung und die Funktionen des vegetativen Lebens genau untersucht
ist, nachdem alles in Erwgung gezogen ist, was whrend der Zeit, wo er
in Observation war, in die Erscheinung getreten ist, wobei keine
Gelegenheit und kein Mittel unbenutzt gelassen sind, um normale
Veranlagung und krankhafte Neigungen zu entdecken, werden wir jetzt
alles darlegen, was zu einem diagnostischen Urteil ber den
Geisteszustand des M... fhren kann.

Wir fanden bei Antonino M...:

1. =Erbliche krankhafte Veranlagung.= Wir wollen auf die Mitteilungen
ber diesen Punkt kein Gewicht legen, da sie von der Ehefrau des M...
herstammen, die an der Verteidigung interessiert ist. Dennoch ist eine
Wahrscheinlichkeit vorhanden. Wie wir spter sehen werden, lt sich der
krankhafte Charakter des M... als ein Komplex von Anomalien der
Entwickelung darstellen, der nicht individuellen Ursprung haben kann,
sondern ihm von seiner Familie berkommen sein mu, insofern er nmlich,
abgesehen davon, da er sie schon in sehr jugendlichem Alter zeigt,
einen angestammten Mangel an dem Halt zeigt, vermittelst dessen Leute
aus gesunden Familien gewhnlich zum Gleichgewicht der geistigen Krfte
und der Nervenfunktionen gelangen.

2. =Gewohnheitsmigen Hang zum Verbrechen.= M... hat von seinem 18.
Jahr bis heute in einer ununterbrochenen Kette von Verbrechen gelebt,
die ohne Ausnahme alle nicht durch gengende, der Gesamtwirkung
entsprechende Motive erklrt sind.

Deshalb ist kein Zweifel, da man in M... eine Disposition zum
Verbrechen annehmen mu, die an seine Konstitution gebunden ist. Es
giebt keinen Fall, an dem man besser zeigen kann, da es Verbrecher
giebt, die es erst durch natrlichen Hang zum Verbrechen geworden sind.
Das zeigt auch die Erwgung, da er eine gewisse Art von Verbrechen und
keine anderen begeht; in seiner Persnlichkeit ist immer das Movens zu
einem Verbrechen gegeben, er findet in jeder gegebenen Bedingung der
Umgebung oder der Gesellschaft einen Anla, mit Gewaltthtigkeiten,
Aufruhr und Blutthaten zu antworten, und er kann deshalb aus den
verschiedensten Gesichtspunkten als der prgnanteste Typus des
antisozialen Menschen bezeichnet werden. Strafen, Leiden, Vorwrfe,
Entfernung vom Vaterland und den Angehrigen hatten keinen Einflu auf
die Ausbrche seiner Natur. Er war und ist eine Gestalt des
=instinktiven Verbrechers=, aus der Klasse der unmoralischen
blutdrstigen Verbrecher. Ich hebe die bemerkenswerte Thatsache hervor,
da M... keinen Hang zum Diebstahl gehabt zu haben scheint. Unter den
geborenen Verbrechern, den krankhaften Produkten individueller
Entwickelung oder konstitutioneller Krankheit mu man mehrere Typen
unterscheiden, welche gemeinsame und verschiedene Charakterzge haben,
die die Grenze zwischen den einzelnen bezeichnen, ohne deshalb die
Thatsache auszuschlieen, da in demselben Individuum ein gemischter
Typus auftreten kann. Nach den Ermittelungen hervorragender
Kriminalisten sondern sich die Diebe von den Mrdern und den Verbrechern
gegen die guten Sitten, welche letztere auch Mrder und Diebe sein
knnen, aber die Unterscheidung zwischen den beiden ersteren ist
hufiger. Das entspricht mit groer Deutlichkeit dem klinischen Typus,
den M... als Verbrecher der zweiten Klasse darstellt. Wir sagen das,
weil seine pderastischen Anwandlungen von besonderen Umstnden
hervorgerufen und vorbergehend waren, und nicht zu anderen sexuellen
Scheulichkeiten sich entwickelten, die sonst den Sexualperversen eigen
sind. Auch die Flschung, die er einmal beging, kann man nicht als dem
Diebestypus zuzuzhlen bezeichnen, denn die Absicht, in der er sie
beging, war vielmehr der Ausdruck eines Mangels an moralischem Gefhl,
als eine Tendenz zu den Verbrechen, zu welchen Verstellung,
Vorbereitung, Zhigkeit und gemeiner Charakter gehren. Der Umstand, da
M... sich auch in seiner Straf- und Dienstzeit wiederholt ber
Geldmangel beklagt, ohne da er, wenigstens soviel wir wissen, sich zum
Stehlen hat hinreien lassen, zeigt, wie sehr der besondere und
unbezwingliche Hang zum Verbrechen der natrliche Effekt seiner
Konstitution und nicht auerhalb seines Organismus wirkender Bedingungen
war. M... zeigt, abgesehen von einer besonderen Hartnckigkeit und einer
raschen Auffassungsgabe, die ihn unter seinen Gefhrten hervorragen lt
und ihm leicht die Mittel zum Verbrechen und zur Verteidigung in die
Hand giebt, eine der gewhnlichen Intelligenz der Verbrecher berlegene
Intelligenz, welche seinen Geist zu Urteilen allgemeinerer Art fhrt, so
da er den Rohstoff zu einem Schriftsteller und Philosophen in sich
trgt.

M... war und ist auch besonderer Affekte des Hasses und der Liebe fhig,
die an Intensitt, Art und Frbung sich sehr von denen unterscheiden,
welche bisweilen einen weniger unedlen Zug des gewhnlichen Verbrechers
bilden, bei dem es schon viel ist, wenn er inmitten der vielen Beweise
fr einen weitgehenden Mangel an moralischem Gefhl irgend eine
zrtliche Neigung oder eine anscheinende Edelmtigkeit entwickelt, wenn
er Personen oder Umstnden sich gegenber befindet, die sein Gelst oder
sein Interesse nicht reizen.

Man wei, in welche bertreibung eine gewisse Bewunderung fr die
Affekte und den Gromut der Verbrecher, besonders der Briganten,
ausgeartet ist. M... ist ein geborener Verbrecher, bei dem die Perioden,
wo er wild, grausam, heftig, falsch, verworfen, zornig, hochmtig,
argwhnisch &c. &c. ist, mit anderen abwechseln, wo er weniger wild
gewesen und sogar teilweise edelmtig und liebevoll ist. Deshalb mu man
festhalten, da M... als Verbrecher nicht von der Geburt allein den
ganzen Umfang seiner krankhaften moralischen Disposition habe. Der
geborene Verbrecher hat als krankhafte Individualitt seine Analogien
mit stark nervenkranken und seelenkranken Personen, bei denen die
Krankheit eine Folge von Entwickelungsanomalien infolge ererbter
Ursachen oder eine Folge von Einflssen degenerierender Art ist, die
sich im Verlauf des Lebens geltend machen. Insbesondere hat der geborene
Verbrecher Analogie mit dem Epileptiker und dem moralisch Irren. Wir
wollen sehen, worin bei M... diese Analogien bestehen.

3. =Anzeichen epileptischer Natur.= Diese finden sich berall in M...'s
Leben, und es gengt ganz allgemein, auf die exzessiven Zustnde
hinzuweisen, die immer die Handlungen und Gedanken des M... begleiteten.

M... hat alle moralischen Eigenschaften der Epileptiker -- er ist
cholerisch, aufbrausend, ausschweifend, grausam, verleumderisch,
argwhnisch, neidisch, eitel und bertrieben im Ha und in der Liebe.
Man kann sagen, da jede gute That und jedes Verbrechen aus der einen
oder der anderen krankhaften Eigenschaft seines Temperaments hergeleitet
werden kann. Und wenn M... ein geborener Verbrecher ist, weil bei ihm
das Verbrechen nicht nur gewohnheitsmig und unwiderstehlich und durch
unverhltnismige Anlsse hervorgerufen erscheint, sondern auch, weil
die Neigung zum Verbrechen mit der Entwickelung seiner physischen und
psychischen Persnlichkeit wuchs, und er sie erblich berkommen hatte
als Ausdruck einer unstten und krankhaften Naturanlage, so kann man
sagen, da sein Verbrechertum sich in seinen einzelnen Zgen immer durch
den Mechanismus epileptischer Momente manifestierte: M... ist ein
geborener Verbrecher, der regelmig unter der Wirkung epileptischer
Anflle Verbrechen begeht. Er stellt mit einem Wort die Form des
gewohnheitsmigen epileptischen Verbrechertums dar.

Ein Beweis fr die epileptische Natur des M... ist die Periodizitt, in
welcher sich sein krankhaftes Temperament uert, indem die Zeiten, wo
er ganz Zorn, Ha und Rachsucht ist, mit solchen abwechseln, wo er
sanft, freundlich, milde, verliebt &c. ist.

Aber nicht nur auf Ausdrcke des Temperaments beschrnkte sich die
psychische Epilepsie des M..., um diese psychische Epilepsie zu
besttigen, hatte er auch zuweilen wirkliche heftige Anflle einer
epileptischen Verrcktheit. Einmal, zur Zeit der Cholera, hatte M...
einen Augenblick des Deliriums, das man als eine vorbergehende
Verrcktheit epileptischer Natur bezeichnen kann. Ein ander Mal wurde er
zu Hause in seinem Zimmer aufgefunden als Opfer einer geistigen Strung,
die bald nachher sich entfernte.

In meiner Anstalt litt er dreimal an Anfllen weitergehender
Verrcktheit, die heftig auftraten und sich als Strungen des
Gedankenganges, Wutausbrche, schreckhafte Hallucinationen des Gefhls
und des Gehrs, Mordgelste charakterisierten, denen Schlafsucht,
Abgespanntheit, Niedergeschlagenheit und Kopfschmerz folgten.

Diese Anflle waren unzweifelhaft epileptischer Natur, weil sie sich
mehrere Male wiederholten und auf der Basis eines epileptischen
Temperaments und ererbter krankhafter Anlagen sich entwickelten.
Abgesehen davon, da sie im wesentlichen in schreckhaften Fiebern und
Gefhlshallucinationen bestanden.

4. =Vernderungen des moralischen Gefhls.= Das Leben des M... ist
bervoll von Versten gegen die Gefhle der Menschlichkeit, der
Verwandtschaftlichkeit und der Gerechtigkeit. Alle seine Verbrechen
stehen in keinem Verhltnis zu der Schuld des Opfers, in jedem Fall
zeigte er einen Mangel an Gerechtigkeitsgefhl und Mitleid. Er hate
seinen Bruder und seine Schwgerin, ohne da er in seinen Schriften auch
nur einen einzigen Grund dafr angeben kann und nur, weil er neidisch
auf sie ist, die frei und ruhig leben knnen; whrend der Bruder nie
seine verwandtschaftlichen Pflichten versumt zu haben scheint. Sein
Benehmen gegen seine Genossen im Gefngnis und im Heer, seine
Zugehrigkeit zur Camorra zeigen seine Perversitt zur Genge. Aber auch
hier greift dieselbe Ausnahme statt wie bei der verbrecherischen Natur
des M...; nicht in allen Fllen und nicht allen Dingen gegenber zeigte
er den Mangel an moralischem Gefhl. Unter gewissen Umstnden war er
menschlich, anstndig, edelmtig, und gewissen Personen zeigte er
lebhafte und andauernde Zrtlichkeit. In Foggia, wo er in enger
Freundschaft mit den Camorristen lebte, rettete er einen Gefhrten vor
der Rache der Camorra, er liebte und bewunderte den Hauptmann der
Strafkompagnie, war im allgemeinen ein guter Kamerad und liebte sein
Weib und seine Kinder mit seltener Kraft. Dies zeigt einerseits, da
M... nicht an einem vollstndigen Mangel moralischer Gefhlt litt, der
Bldsinn gewesen wre, und andererseits beweist es zur Evidenz, da die
Vernderungen des moralischen Gefhls an die Bedingungen geknpft waren,
die ich als epileptische bezeichnet habe und die bisweilen die ganze
Persnlichkeit des M... nach der einen oder anderen Richtung hin
verndern. Deshalb sttzen auch die nderungen des moralischen Gefhls
die Ansicht, da der gewohnheitsmige Hang zum Verbrechen, der stets in
ihm lebendig war, das Produkt bestimmter krankhafter Konditionen gewesen
sei, die sich auf die Manifestation der epileptischen Art beziehen,
welche intensive periodische nderungen der Persnlichkeit bewirken und
besondere Arten zu empfinden, zu wollen und zu handeln hervorbringen.
M... ist demnach nicht der geborene Verbrecher, der Verwandtschaft mit
dem Epileptiker und dem moralisch Irren hat, er ist vielmehr im
wesentlichen ein Epileptiker, welcher gewohnheitsmig kraft der
Anreizungen und der krankhaften Empfindungsart seiner epileptischen
Natur Verbrechen begeht.

Mit anderen Worten, in seinem Fall sind es nicht die Epilepsie oder der
moralische Irrsinn, welche das angeborene Verbrechertum
vervollstndigen, sondern umgekehrt, das Verbrechertum und der
moralische Irrsinn sind Ausdrucksweisen seiner Epilepsie.

5. =Geniale Momente.= Die Lektre der umfangreichen Schrift M...'s lt
erkennen, da er eine lebhafte Intelligenz besitzt, die ber das
Mittelma hinausgeht und von Zeit zu Zeit zu Geistesprodukten gelangt,
die genial genannt werden knnen. Das zeigt sich in seiner
wirkungsvollen, przisen, energischen Schreibweise, in der glcklichen
Wiedergabe einer Situation durch ein einziges Wort, in einzelnen
Dichtungen, in denen die krftige und glhende Auffassung geradezu
wunderbar ist. Auch darin zeigt sich wieder sein Temperament, welches in
jedem Fall excessiv, gigantisch ist, und welches sich gelegentlich zu
dem erhebt, was man gewhnlich Augenblicke der Inspiration nennt.

6. =Verfolgungs- und Grenwahnideen.= M... war ein Individuum, das die
Dinge von hervorragend subjektivem Standpunkt ansah. Er hatte seltene
Augenblicke der Ruhe, wo er bis zu einem gewissen Grad von seiner
eigenen Individualitt zu abstrahieren und die Dinge gerecht und billig
zu beurteilen vermochte.

Alle Personen, so uninteressant und unwichtig sie fr sein Leben auch
gewesen sein mgen, er beurteilte sie immer als Freunde oder Feinde
seines Ichs. Die Vorgesetzten, Gefhrten, Beamten, Wchter waren
entweder sehr schlechte oder sehr gute Leute. Entweder thaten sie ihm
Unbill an, oder sie erwiesen ihm Hflichkeiten. Eine solche Art zu
denken und zu urteilen ist den Personen eigen, die wir erblich belastet
nennen, und die nicht gengend Migung und Halt besitzen, soda sie
automatischen Handlungen und Reflexen leicht unterworfen sind. Es sind
Individuen, bei denen, wenn man so sagen darf, der Wille durch eine
besondere Art zu empfinden beherrscht wird, wodurch alle ihre Handlungen
eine gewisse Widerstandslosigkeit bekommen. Das klare Bewutsein lt
sie oft im Stich, wenn auch sonst Intelligenz und Urteilskraft vorhanden
ist, und sie urteilen ber eine Flle von Eindrcken, die durch ihre
vorschnelle, bertriebene und irrige Art zu empfinden geflscht werden.
In diesen Fllen hat das den Dingen gegenbergestellte Ich das
ausschlieliche bergewicht, und die Dinge sind oder sind nicht, je
nachdem wie dieser oder jener Empfindungsmodus in dem Individuum es
bestimmt. Je nachdem, ob sie entschlossen sind, die Dinge schmerzlich
oder angenehm zu erfassen, schaffen sie sich eine systematische
Disposition von grerer oder geringerer Intensitt, um von schwierigem
oder leichtem Temperament zu sein und sich verfolgt oder befriedigt zu
fhlen. Im allgemeinen wird jedoch aus der eben beschriebenen
Hypersthesie eine Gemtslage geschaffen, welche je nach den
Augenblicken oder den Dingen wechselt, und so folgen sich abwechselnd
angenehme und unangenehme Dispositionen. Der Exzessive, der von Natur
argwhnisch ist, ist gewhnlich auch hochmtig, der Verfolgte ist auch
stolz. Abgesehen von der Abnormitt des Geistes wre die Logik
vollkommen. M... hatte, gleichzeitig mit dem Glauben, berall verfolgt
oder geachtet, verraten oder geliebt zu werden, immer eine hohe Meinung
von seinem Wert und seinen Verdiensten, und eine Art selbstherrlicher
Gerechtigkeit, welches ihm oft das Verbrechen, welches er begeht, als
eine gerechte That erscheinen lt. Zuweilen erreicht seine Disposition
zum Argwohn und zum Hochmut den Grad eines wirklichen Deliriums. Der Ha
gegen den Bruder und die Schwgerin ist nicht mehr und nicht weniger als
ein Verfolgungswahn, denn er wuchs ohne einen Schatten gengenden Grunds
und nhrte sich von rein imaginren Ansichten. Der Zorn gegen den
zweiten Hauptmann der Strafkompagnie steigerte sich zur wahnsinnigen
Heftigkeit. Seine Beredsamkeit in der Verteidigungsrede vor dem
Militrgericht und dem Gerichtshof zu Monteleone zeigte krankhafte
Selbstberhebung. Welche Beziehungen hat nun diese Disposition zur
Verfolgungs- und Selbstberhebungswahnidee mit der epileptischen Natur,
dem gewohnheitsmigen Verbrechertum und dem moralischen Irrsinn des
M...? Wir haben gezeigt, da die Epilepsie nicht jene gewhnliche
unverhllte war, die sich in konvulsivischer Manifestation uert,
sondern da sie sich vielmehr darauf beschrnkt, eine sogenannte
psychische Epilepsie zu sein, die sich in gelegentlichen psychischen
Strungen uert.

Anstatt der Konvulsionen ist sie vorwiegend eine auf den Ausdruck des
epileptischen Temperaments beschrnkte Epilepsie. Sie ist eine, wie ich
es nenne, =diffuse= Epilepsie, will sagen, die Wirkung eines Moments
unvollstndiger Entwicklung der Epilepsie selbst, welche durch eine
Serie epileptischer Individualitten hindurch sich ausgestaltet, bis sie
den Gipfel der selbstthtigen Impulsion erreicht hat, die auf einen
beschrnkten Zeitraum (epileptischer Anfall) und einen bestimmten Sitz
im Gehirn beschrnkt ist; anderenteils ist sie bei M... auf der Staffel
der Ausgestaltung nicht mehr soweit zurck, da sie nicht in gewissen
epileptischen Anfllen zum Ausdruck gelangt, die als Zeichen ihrer
Unreife die Mglichkeit zeitlicher Beschrnkung und die rasche und
leichte Vernderlichkeit des Temperaments aufweisen. Daher die seltsame
Wandelbarkeit des M..., unmoralisch, grausam, sanft und poetisch. Der
argwhnische und selbstgefllige Habitus des M... ist nichts anderes als
der rudimentre Ausdruck jener psychischen Manifestationen, die whrend
des epileptischen Anfalls hyperbolische Wahnsinnsformen annehmen und
neue und akute Bewutseinszustnde und Handlungen schaffen.

Auch die Thatsache, da M...'s Dispositionen zum Delirieren nicht in
einem gewhnlichen Anfall ihren Ursprung hatten, sondern im Laufe der
Entwickelung seiner Person wuchsen und hierbei Gestalt und Intensitt
aus den Konditionen der anderen krankhaften Anzeichen gewannen, zusammen
mit der Erwgung, da die beiden Formen des Deliriums nicht wie bei der
gewhnlichen Entwickelung der Paranoia auf einander folgten, sondern
ohne logische Beziehung neben einander aufwuchsen als uerungen der
besonderen Disposition zur Reaktion, beweist, da sie nur uerungen der
degenerierten erblich berkommenen konstitutionellen Natur des M...
sind.

Dieser M... leidet demnach, um unser Urteil zusammen zu fassen, soweit
die historischen und psychologischen Beweise ergeben, an
nervs-psychischer Degeneration, welche sich durch dunkle, rudimentre
und vielfltige Manifestationen uert. Wenn die Epilepsie des M... sich
in der einen oder der anderen Weise mit groer Intensitt geuert
htte, so wrde sie eine geringere Mannigfaltigkeit der uerungen und
sich als isolierte Form gezeigt haben. So ist zu schlieen, da M...,
der im Grunde und hauptschlich Epileptiker ist, auch ein Verbrecher,
ein moralisch Irrsinniger, ein Genie und ein an Verfolgungs- und
Grenwahn Leidender ist.

Vielleicht wrden, wenn die degenerierte Natur des M... weniger
ausgesprochen wre, als sie es wirklich ist, die einzelnen krankhaften
Erscheinungen von der Epilepsie weniger in Abhngigkeit gestanden haben,
und wrden anstatt die Schwestern, vielmehr die Tchter einer
krankhaften Gesamterscheinung sein, die wegen der Differenzierung und
Entwicklung der einzelnen Symptome sich aufgelst htte, ohne uns zur
Erkenntnis zu gelangen. In dem Grade, wie die Epilepsie bei M...
herrschte, konnte sie, wenn nicht als die Wurzel, so doch als der Stamm
erscheinen, um den die krankhaften Erscheinungen hervortreten. Daher die
wichtige Erwgung, da die Disposition zum Verfolgungs- und Grenwahn
mchtig dazu beitrug, den epileptischen Mechanismus in Bewegung zu
setzen, durch den das Verbrechen ihm entsprang, insofern als diese
Disposition in ihm den Boden schuf fr die falsche Abschtzung, der die
Reaktion entsprach, die ihrerseits mit der Gre der Beleidigung in
keinem Verhltnis stand.

Wir wollen sehen, ob unser Urteil durch die physische Untersuchung
gesttzt wird, die wir wiederholt an M... angestellt haben.

7. =Anomalien im Krperbau.= Unsere sorgfltigen Untersuchungen haben
zunchst einige Anomalien im Krperbau entdeckt, welche zwar keinen
hohen Grad erreichen, die dennoch nicht bersehen werden drfen. Es
liegen vor:

     a) Leicht henkelfrmige Ohren.

     b) Spuren von Darwin'schem Hcker.

     c) Kurzschdel.

     d) Unterbrochene Zhne.

Diese Anomalien sind hervorragend atavistischer Natur, sie enthllen ein
Zurckbleiben in der krperlichen Entwicklung und erinnern an
anatomische Gebilde, die bei den Tieren ersichtlich sind, mit denen der
Mensch mglicherweise gleichen Ursprung hat. Der Kurzschdel wrde an
und fr sich wenig Bedeutung haben, aber sie gewinnt, weil M...
Kalabreser ist, wo der Langschdel die Regel ist, so da das Gegenteil
eine gewisse Rassendegeneration andeutet.

8. =Anomalien in der Sinnesempfindung.= Hier finden wir die grten
Anomalien. M... hat:

     a) Subansthesie des Tastgefhls am ganzen Krper, aber mehr auf
     der rechten Seite, mit Ausnahme der Zunge, wo sie auf der linken
     Seite grer ist.

     b) Verringerte Sehkraft auf dem rechten Auge.

     c) Fehlen des Gehrs auf der rechten und sehr schwaches Gehr auf
     der linken Seite.

     d) Sehr schwaches Geschmacksvermgen.

Diese Anomalien der Sinnesempfindungen haben Wert als funktionelle
Anomalien, die oft mit der Epilepsie verbunden sind.

9. =Ttowierungen.= Die Ttowierung ist bei M... ein klinisches
Phnomen, und hat einen hervorragenden psychologischen, soziologischen
und pathologischen Wert. Die Ttowierung erscheint bei den
Gefngnisinsassen, selten bei den Soldaten, welche Racheplne und
Erkennungszeichen unter der verbrecherischen Gesellschaft verabreden.
Fr den Schmerz, den die Ttowierung mit sich bringt und der gesunde
Personen davon zurckhlt, zeigen die Verbrecher eine gewisse
Unempfindlichkeit und setzen sich demselben freiwillig aus. Die
Ttowierung zeigt deutlich die Leichtfertigkeit und die Eitelkeit, die
dem gewohnheitsmigen Verbrecher eigen sind, und die in ihm
Gewissensbisse nicht aufkommen lassen und ihm eine Empfindung des eitlen
Ruhms und der berlegenheit verleihen.

10. =Subjektive Empfindungsstrungen.= Er leidet an Schwindel, heftigen
Kopfschmerzen, glaubt, da das Haar sich ihm strubt, und empfindet
nervse Abspannung in mehr oder minder naher Beziehung mit epileptischen
Vorkommnissen.

11. =Anomalien der Bewegung.= Unter dieser Rubrik verzeichnen wir:

     a) Schwachen Reflex der Pupillen;

     b) Zittern der Hnde;

     c) geringe dynamometrische Kraft.

Alle diese Eigentmlichkeiten sind den Familien der erblich
Degenerierten mit ungengender Entwickelung gemeinsam, von denen die
Bldsinnigen, die Nervsen, die Verbrecher, die moralisch Irrsinnigen
und die, welche leicht in frhzeitige Paranoia verfallen, herstammen.

Alle diese Anomalien vervollstndigen das Bild, welches die
historisch-psychische Betrachtung des M... ergab. Sie beweisen, da der
Krper des M... eine Verzgerung und Ungleichheit der Entwickelung
erfahren hat, aber diese Anomalien sind im einzelnen nicht gengend
entwickelt, um eine derselben besonders hervortreten zu lassen. Auch
hier hat sich die reversive Degeneration des M... auf einen
rudimentren Grad beschrnkt; daher das gleichzeitige Auftreten so
vieler funktioneller Manifestationen verschiedener oder unentwickelter
Natur.

Das pathologische Fundament der nervs-psychischen Anomalien des M...
haben wir hauptschlich in der Epilepsie gefunden, um welche sich als
symptomatische oder coordinierte Erscheinungen alle anderen reihen:
Verbrechertum, moralischer Irrsinn, Genialitt, Verfolgungs-und
Grenwahn. Das pathologisch-anatomische Fundament der Anomalie des
Krperbaues, der Sinnesempfindungen und der Bewegungen tritt nicht so
evident hervor, aber es ist ohne Zweifel die gehemmte Entwickelung der
morphologischen Konstitution der Nervenzentren. Wie die psychische
Epilepsie nicht bis zu den konvulsivischen Strungen vorschritt, so sind
auch die Strungen des anatomischen Baues rudimentr, auch mit Beziehung
zur Epilepsie, da sie nicht so weit gehen, dem Schdel die sonst bei den
anderen Formen der Epilepsie gewhnliche Form des Plattkopfes zu geben.
Das Benehmen des M... in dem Irrenhause war ein solches, wie man es nach
Kenntnis und Schtzung seiner Antecedentien erwarten konnte. M... war
intelligent, vielleicht glaubte er, da das Irrenhaus und das Urteil der
Irrenrzte allein ihn der Justiz entziehen knnte. Zuversichtlich und
selbstvertrauend hatte er den festen Vorsatz, zum Ziel zu gelangen. Auch
er hatte seine Periode gewhnlichen Simulantentums, worin sich die Eile,
das gewnschte Urteil zu erlangen, uerte. Aber sein scharfer Verstand
mag ihm gesagt haben, da er seine Position verdarb, und da in den
Augen der Psychiater die Simulation lcherlich und unwirksam ist.
Deshalb wechselte er seine Taktik und suchte durch sein Benehmen das
Wohlwollen und das Mitleid derer, die direkt oder indirekt einen Einflu
auf sein Urteil ben knnten, fr sich zu gewinnen.

Aber sein Leiden enthllte sich uns ohnehin, weil wir in den
unnachahmlichen und physischen Anomalien die volle bereinstimmung mit
den psychischen Anomalien fanden. Jeder begreift, wie sehr seine
Manuskripte Zeugnisse sind, die unser volles Vertrauen verdienen. In
ihnen zeigt sich, ohne da der Schreiber es gewollt hatte, die ganze
krankhafte Anlage seines Temperaments, und sie sind eine treue
Wiedergabe seines Charakters und eine genaue Formel der ganzen Dynamik,
die ihn immer wieder zum Verbrechen hintrieb.


Gesamturteil.

Wir halten es fr voll erwiesen, da M... ein durch erbliche Veranlagung
degenerierter Mensch ist, welcher Zeichen einer leichten anatomischen
und funktionellen Entwickelungshemmung und atavistische und
pathologische Zeichen aufweist, welche auf das Gebiet der nicht zur
vollen Reife gelangten Entwickelung gehren.

Genau gesprochen halten wir ihn befallen von Formen des instinktiven
Verbrechertums, des moralischen Irrsinns, des Verfolgungs- und
Grenwahns, welche alle, obgleich ursprnglich die Erzeugnisse der
reversiven Degeneration, von der Epilepsie beherrscht werden, an der
M... auch leidet, und auch diese ist, wie die anderen krankhaften
Erscheinungen, im rudimentren Zustande vorhanden.

Wir haben vorher gesagt, wie aus der Gesamtheit der krankhaften Natur
des M... die Beweggrnde zu seinen verbrecherischen Thaten entspringen
muten, denn er empfand und urteilte exzessiv, wie er auch subjektiv im
Handeln und Reagieren war. Er ttete, verwundete und beleidigte, weil er
sich beleidigt und verfolgt glaubte. Er ttete, verwundete und
beleidigte ohne Erregung und ohne Mitleid, weil er keine normale
Empfindung fr Moral und Mitleid hatte. Er ttete, verwundete und
beleidigte, wo kein gengender Grund dazu vorlag, denn in seinem
heftigen impulsiven Charakter kamen die hemmenden und migenden
Faktoren nicht gengend zur Geltung. Der Fall des versuchten
Brudermordes wird durch unsere Definierung des M... vollstndig erklrt.
Er hate seinen Bruder infolge seiner Verfolgungswahnidee und der
mangelhaften Art, verwandtschaftliche Liebe, Dankbarkeit und
Vertrglichkeit zu empfinden. Er bereitete das Verbrechen zhe und
umsichtig vor, infolge seines exzessiv reizbaren und rachschtigen
Temperaments. Er scho den unschuldigen Bruder mitten in die Brust, weil
in ihm Zorn und Ha blind, die Empfindungen verworren waren und jedes
Ma fehlte. Er bereitete seine Verteidigung mit Zhigkeit und
Verlogenheit vor, weil in ihm das ursprngliche Gefhl der
Selbsterhaltung riesenhaft berwog, jenes riesenhafte Gefhl, welches
alle anderen sozialen Gefhle in ihm verdrngt, soweit sie nicht seiner,
dem brgerlichen Leben widerstrebenden Natur sich anpassen. Er handelte
stets zum augenflligen Nachteil fr sich und die andern, oft auch unter
der Illusion des unmittelbaren eigenen Nutzens. Er war kein Verbrecher
aus Dummheit, denn er war intelligent; er war ein Verbrecher aus
Instinkt, in ihm war ein Charakter der Unordnung, des Schadens, des
sozialen Umsturzes personifiziert.

Er ist der Typus des Verbrechers, den die Gesellschaft =bsartig= nennt,
jener Typus, den die Lombrososche Doktrin zu leugnen drohte, und welcher
der gewhnlichen Ansicht von der Geiel entspricht, die Gott entsendet,
um die sndige Gesellschaft zu strafen.

In meinen Augen ist das in Wirklichkeit der Fall, denn wissenschaftlich
gesprochen ist er einer der Faktoren des sozialen Gleichgewichts, und er
blht und gedeiht in der Gesellschaft, wo sich die biologische
Notwendigkeit der Beschrnkung der Bevlkerung geltend macht. Die
flchtigen und seltenen Anzeichen des Genies in ihm deuten darauf hin,
da die Natur von demselben Stoff wie fr die abnormale Entwickelung die
Elemente jedes fr die Erhaltung des Gleichgewichts in der menschlichen
Gesellschaft bestimmten Instruments nimmt. M..., in dem die
Charakteristik des Verbrechers vorherrscht, wurde ein vorwiegend
negatives Element.

War M..., als er den Brudermord versuchte, in einem Zustand, da er
nicht das vom Gesetz erforderliche Bewutsein seiner strafbaren Handlung
hatte? Das wrde auer Zweifel sein, wenn er die That whrend einer den
epileptischen Anfllen vorausgehenden Verrcktheit begangen htte. Aber
er gebrauchte lange Vorbereitungen dazu, und in dieser Zeit wute er,
was er thun wollte und was er auch gethan hat, er wute es bis auf den
Tag und die Minute.

Aber war es wirkliches Bewutsein von seiner That, das M... hatte?

Wir unterscheiden zwei Bewutseinsformen, eine intellektuelle und eine
moralische. Da er die erstere hatte, ist klar -- aber die zweite? Hier
mu man das sogenannte moralische Bewutsein in der =Erkenntnis= der
Immoralitt einer Handlung und in der =Empfindung= dieser Immoralitt
unterscheiden.

Bei der ersten wei ein Individuum, da eine gewisse Handlung nicht nur
andern schdlich ist, sondern auch, da sie in der Gesellschaft, in der
er lebt, fr tadelnswert und verdammungswrdig gehalten wird; bei der
zweiten empfindet er einen instinktiven Schauder, die That zu begehen,
welche die Gesellschaft tadelt und verdammt. In der Regel existieren bei
der brgerlichen Erziehung beide Formen gleichzeitig neben einander.
Aber es ist mglich, da die Erkenntnis der Immoralitt vorhanden und
die =Empfindung= derselben nicht zur Ausbildung gelangt ist. Dies ist
der Fall bei dem Zustande der Anomalie in der Formation der geistigen
Persnlichkeit; bei den entgegengesetzten Zustnden der Dekadenz kann
das moralische Empfinden vorhanden sein, whrend die Erkenntnis
verschwunden oder verndert oder verdunkelt ist -- oder umgekehrt; diese
kann bleiben, whrend die Empfindung der Moralitt verloren,
abgeschwcht oder verndert sein kann. Auch knnen beide nicht gebildet,
oder schlecht gebildet, oder verfallen oder verndert sein.[3]

  [3] Vergl. mein Buch: _Degenerazioni psicosessuali_, das Kapitel
  Immoralitt.

Von grundlegender Bedeutung fr die strafgesetzliche Verantwortlichkeit
ist die Erkenntnis der Handlung; demgem mu diese Verantwortlichkeit
die Erkenntnis der Immoralitt voraussetzen und der Empfindung der
Immoralitt allmhlich nher kommen.

Hatte nun M... in dem Augenblick, wo er den Brudermord versuchte, die
Erkenntnis der Immoralitt seiner Handlung? Gewi, aber nicht
entsprechend der Erkenntnis, welche in der Gesellschaft, in der er
lebte, gewhnlich ist. Er wute, da die Gesellschaft seine Handlung
tadeln wrde, aber er wute bei sich selbst, da die anderen und nicht
er Unrecht hatten, und da er natrlicher Weise das Recht habe, das zu
thun, was er that. Ein Mensch von seinem Charakter hatte sich eine
eigene Welt gestaltet, die seinen eigenen Gedanken entspricht, und er
handelte in der Ueberzeugung, etwas zu thun, was von den andern getadelt
werden wrde, aber nicht von den Gesetzen der Gerechtigkeit, wie er sie
auffate. Er hatte, um es so auszudrcken, das intellektuelle Bewutsein
der juristischen Immoralitt seines Verbrechens, aber nicht die
eigentliche berzeugung der Immoralitt der That selbst. Es ist genau
die Sache wie mit einem Menschenfresser, der hier zu Lande einen
Menschen verzehren wrde: Er wei, da dies fr schndlich gehalten
wird, aber er selbst findet es in der Ordnung. Und da dieser Wilde nicht
von der Immoralitt berzeugt ist, als welche die andern seine Handlung
erklren, so kann sich in ihm, so lange diese seine Meinung andauert,
nicht eine Empfindung festsetzen, welche ihn spontan von seiner Handlung
zurckschrecken lassen wrde.

Das moralische Empfinden des M... wurde sicherlich nach dem Muster des
speziellen Begriffs der Moralitt, die er in sich trug, gebildet.

Heutzutage will das Gesetz, da nur die im intellektuellen Bewutsein
begangenen Handlungen bestraft werden, oder meint es mit dem allgemeinen
Wort Bewutsein auch das moralische Bewutsein? Wenn es auch dieses
fordert, so ist klar, da es dasselbe nach dem Muster desjenigen
verlangt, wie es das Erbteil der gesunden und normalen Gesellschaft ist,
und nicht wie es als Produkt irgend welcher krankhaften Geisteszustnde
erscheinen kann, und ohne Zweifel soll das Gesetz auch die Existenz des
moralischen Bewutseins fordern; denn das natrliche Fundament eines
jeden Gesetzes ist bei einem freien Volke die allgemeine berzeugung von
seiner moralischen Ntzlichkeit.

Hatte nun M..., als er die That beging, die volle Freiheit des Handelns?

Man kann sagen, er hatte sie weder ganz, noch fehlte sie ihm
vollstndig. Die freiwillige Handlung ist nicht ein freies Produkt des
Geistes. Sie ist das Resultat vorhergehender psychologischer Motive,
deren Intensitt einen analogen freiwilligen Akt als Resultat giebt, und
die Intensitt der psychologischen Motive und der darauf folgenden
Handlung steht in Beziehung mit der gewhnlichen Art zu empfinden und zu
urteilen und entspricht der Persnlichkeit.

Wir haben gesagt, da M... durch seine epileptische Anlage exzessiv,
heftig und impulsiv war. Daraus geht hervor, da die Freiheit, ber
welche M... anscheinend verfgte, keine eigentliche, sondern durch sein
Temperament beeinflut war. Es ist bekannt, da die Epileptiker leicht
zu bertriebener Reaktion hingerissen werden.

Der Wille ist der Ausdruck einer kordialen Funktion, er ist das Produkt
einer langsamen Evolutionsarbeit, welche als entfernte Antecedentien die
automatischen Bewegungen und als Vermittler die Reflexhandlungen hat.
Das, was automatisch und reflexiv ist, ist eine Nervenkraft, die noch
nicht so weit ausgestaltet ist, da sie ein Ausdruck bewuter Funktion
ist. Das, was in den Willensakten exzessiv ist, ist eine Nervenkraft,
die unter dem Impuls automatischer oder reflexiver Aktionen handelt.
Zwischen dem Willensakt und dem Urteil, das ihm vorhergeht, besteht bei
normalen Bedingungen ein quivalent der Intensitt; der Exze des
Willens stellt ein Gewicht dar, welches von auen dem Gleichgewicht
hinzugefgt ist, ebenso wie das Gegenteil bei der Willenlosigkeit der
Fall ist.

Die Epilepsie ist an sich selbst eine krankhafte Thatsache, welche einen
Zustand der ungengenden Willensentwickelung darstellt; sie ist der
Ausdruck der Permanenz automatischer oder halbreflexiver Einflsse. Um
so eher mischt sie sich in diejenigen Willensakte, die von dem Urteil
oder der Empfindung hervorgerufen sind, je weniger sie voll entwickelt,
d.h. je mehr sie diffus ist.

M... leidet an dem, was ich =diffuse Epilepsie= nenne, und was
gewhnlich epileptisches Temperament genannt wird, und deshalb knnen
seine Willensakte niemals richtig an der Intensitt der logischen
Motive, die sie hervorrufen, gemessen werden. Wenn er gegen seinen
Bruder gerechten Grund zum Ha zu haben glaubte, und wenn seine Vernunft
ihm das Urteil eingegeben hatte, sich zu rchen, so ging sein Wille
auerordentlich ber die Vorschriften der Vernunft hinaus, bis zum Mord.

Und deshalb war M... am Tage des Verbrechens nicht freier Herr seiner
Handlungen.

Demnach wrde M... im Sinne des Gesetzes nicht fr das begangene
Verbrechen verantwortlich gewesen sein, sondern entweder
unverantwortlich oder halb verantwortlich.

Ist er unverantwortlich oder halb verantwortlich?

Das sind Fragen, die gewhnlich dem Richter vorgelegt werden, der sie
lst, indem er die Umstnde, Thatsachen und Folgerungen sich in seiner
Weise zurechtlegt.

Der Irrenarzt hat nicht die subtilen und endlosen Unterscheidungen des
Rhetorikers oder Metaphysikers zur Verfgung, die ihm gestatten, die
Schuld oder das Verdienst an einer gegebenen Handlung zum Teil auf die
Seele und zum Teil auf den Krper zu verteilen.

Als ich mich dem dunklen Abgrund nherte, wo die Seelenthtigkeit sich
vollzieht, da hat mir die schwache Leuchte der Wissenschaft flchtig
einige der Faktoren enthllt, welche die grbsten uerungen des Geistes
bestimmen. Und dieses geringe Ergebnis gengte, um mich zu berzeugen,
da auch in der Thtigkeit des Geistes ein unabnderlicher Determinismus
herrscht, da unter gegebenen Umstnden besondere Aktionen bestimmte
notwendige Wirkungen hervorrufen. Aber in der langen Kette von Reizen,
welche jede Bewegung des Geistes bestimmt, vermag man nicht zu sagen,
wie weit eine Aktion durch eine andere aufgehoben oder beeinflut werden
kann.

Wenn in M... beim Begehen seines Verbrechens der Einflu realer uerer
Motive die Reaktion bestimmt, so wissen wir nicht, einerseits inwieweit
diese Motive Untersttzung oder Widerstand in seinem habituellen
Charakter fanden (d.h. in seiner gewhnlichen Art zu denken und zu
reagieren, die durch erbliche und erworbene Neigungen, welche allmhlich
aus der Erfahrung hergenommen werden, bewirkt ist), und inwieweit
andererseits die realen Motive einen Antrieb oder eine mehr oder minder
starke Frbung durch jenes Mittelma empfangen haben, welches
gewhnlichen Menschen zukommen wrde, die ungefhr in seiner Lage und
seinen Verhltnissen sich befinden. Wenn man also sagen wollte, da M...
bis zu dem oder jenem Grade die moralische Verantwortung fr sein
Verbrechen trage, so hiee das glauben machen, da man den Vorgang, der
sich in der Seele bis zum Zustandekommen eines bestimmten Willensaktes
abspielt, genau bersieht.

Der Wissenschaft soll man solche Fragen nicht vorlegen, sie gehren den
Metaphysikern und den Theologen, welche den Fu auf den festen Boden
setzen, der ihnen durch ein Axiom oder ein Dogma gegeben wird, und von
wo aus sie durch Syllogismen weiter schlieen. Uns fehlen beide
Prmissen.

Was heit verantwortlich oder unverantwortlich fr den Gelehrten?

Wir knnen bezglich des M... nur die Erklrung abgeben: das Verbrechen
erfolgte als Reaktion auf Motive, die zum groen Teil delirienartiger
Natur waren, und die in dem krankhaften Temperament des M... gnstige
Konditionen gefunden haben, um exzessive und unmoralische Wirkungen
hervorzubringen.

Ist M... strafbar oder nicht?

Auch auf diese Frage hat der Irrenarzt nicht zu antworten.

Der Begriff der Strafe, wie er vom Gesetzbuch verstanden wird, ist eine
soziale Konvention, welche, um angenommen zu werden, als notwendige
Voraussetzung die allgemeinen und besonderen Bedingungen hat, unter
welchen im allgemeinen Vertrge als giltig anerkannt werden. Dazu gehrt
in erster Linie die geistige Gesundheit des Kontrahenten.

In unserm Fall ist M... nicht gesund; folglich hat man mit Bezug auf ihn
nicht von einer Strafe zu sprechen. Vielmehr hat der Irrenarzt sich zu
fragen: Ist es mglich und wahrscheinlich, da er unter denselben oder
hnlichen Umstnden die That wiederholt, und glaubt die Behrde
eventuell ein Mittel zu finden, ihn fr die Gesellschaft unschdlich zu
machen?

Auf diese Frage antworten wir: M... wird nie von seiner Krankheit
gesunden und wird deshalb immer geneigt sein, die Verbrechen zu
wiederholen, von denen seine Existenz bis heute voll ist. Und deshalb
hat die Behrde, in der Ueberzeugung, da in dem vorliegenden Fall den
M... keine Schuld trifft und ihn darum keine Strafe treffen kann, dafr
zu sorgen, da er unschdlich gemacht werde.

Soll sie ihn in die Verbrecherirrenanstalt schicken?

Er mte an einen sicheren Ort gebracht werden, den er nicht eher
verlassen drfte, bis er unschdlich ist.

Wird das nie eintreten?

Man wird im Ernst nicht glauben, da das vermittelst der Heilkunst
geschehen kann, aber vielleicht knnte in dem Laufe der organischen
Entwicklung des M... ein Moment kommen, wo M... fr die Gesellschaft
unschdlich ist. Vielleicht knnte das Alter das herbeifhren.

Der erfahrene Mann, der mit der berwachung des M... vertraut ist,
knnte seiner Zeit beurteilen, ob der Fall eingetreten ist.

Und ohne den Makel der Schuld und ohne irgend eine Form der Strafe mte
M... der ffentlichkeit die Sicherheit bieten, da von ihm jetzt keine
den Mitmenschen nachteilige Handlung mehr ausgehen wird.

Wenn brigens der Gerichtshof die Sache anders auffat und M... zu einer
langen Kerkerstrafe verurteilt, so wrde der Irrenarzt sich dabei
beruhigen, da dem gefhrlichen Menschen, wenn auch vermittelst des
Gefngnisses, die Gelegenheit, weitere Verbrechen zu begehen, entzogen
wird.

Wenn ber der Kerkerthr nicht das Wort Strafe geschrieben stnde,
oder wenn, besser noch, diesem Wort eine vernnftigere Bedeutung
beigelegt wrde, wie etwa =Besserung= oder =Abwehr=, wieviel besser
wrde dann dieser Kerker sein als die Verbrecherirrenanstalt, aus der
ein geflliger Richter nach einem unqualifizierbaren Artikel des
gegenwrtigen Gesetzbuchs die gefhrlichen Menschen entlassen kann,
welche Mittel haben, sich ihm zu empfehlen.

Girifalco, Juli 1891.

                                     Prof. Silvio Venturi,
                              Direktor des Provinzial-Irrenhauses.


VII.

Das Gutachten Venturis beantwortet in so erschpfender Weise alle
Fragen, welche sich ber die pathologische Persnlichkeit des Antonino
M... erheben knnten, da ich kein Wort hinzufgen werde.[4]

  [4] Die Thatsache hat ihm Recht gegeben. Augenblicklich hat Venturi
  eine Tochter des Bruders des Antonino M... in Behandlung, die an
  sensoriellem Irrsinn leidet.

Venturi hatte gleichzeitig mit Lombroso darauf hingewiesen, da in dem
geborenem Verbrecher ein atavistisches Produkt, eine Fusion der
Epilepsie und des moralischen Irrsinns vorliegt. Spter, in seinem Buch
ber die _Degenerazioni psicosessuali_ stellte er als biologisches
Merkmal des instinktiven Verbrechertums (des geborenen Verbrechers
Lombrosos) nicht mehr die erbliche Perversitt, sondern die Tendenz der
Rasse und der Art zur Selbstvernichtung auf, vermittelst Individuen,
welche dazu gehren, und welche, indem sie sich selbst oder anderen
schaden, entgegengesetzt wie das Genie handeln.

Jetzt hat Venturi Gelegenheit, in M..., dessen Biographie ich
verffentliche, die wahrhafte Verkrperung des Typus des geborenen
Verbrechers vorzustellen, in welchem die Krankhaftigkeit und die
bsartige Tendenz zum Schlechten, die von selbst ohne erkennbaren Nutzen
fr den Handelnden, in Thtigkeit tritt, vereinigt sind, wodurch M...
als ein antibiologisches, antisoziales Wesen erscheint.

Dies vorausgeschickt gelange ich dazu, einige Worte ber die
Selbstbiographie des M... zu sagen.

Es ist nichts Gewhnliches, da die Verbrecher ihre Memoiren schreiben,
und ich will dreist behaupten, da der Fall einer so genauen und
detaillierten Schilderung, die mehrere Male unterbrochen und wieder
aufgenommen wird, uerst selten ist.

Professor Lombroso hat in seinen _Palimsesti del Carcere_ einige dieser
Schriften gesammelt, die alle sehr verworren sind und oft den Eindruck
der Verrcktheit machen. Zum groen Teil stammen sie von Verbrechern,
welche pathologisch dem M... hnlich, d.h. moralisch irre und
epileptisch sind.

M... ist kein Schriftsteller, um so wunderbarer ist seine mechanische
Art zu erzhlen und sein Versuch, den Ereignissen und den begleitenden
Umstnden eine gewisse objektive Darstellung zu verleihen. Er hat
Phantasie im berma, oft entdeckt man in der verschwommenen Form die
Tendenz, zu abstrakten Begriffen zu gelangen, aber, wie er sagt, seine
Feder vermag dem Faden seines Gedankens nicht zu folgen.

Wenn man ihn genauer definieren will, so ist er ein Graphomane; die
regelmige, gedrngte Schreibart, die in langen und geraden Linien
seine groen Bltter bedeckt, die Vorliebe fr gewisse Konstruktionen,
die Wiederkehr der Widmungen und die Wiederholung gewisser Phrasen in
einer gegebenen Form lassen es vermuten. Aber was mich in dieser Ansicht
noch mehr bekrftigt, sind folgende zwei Thatsachen.

1. Die vollstndige Nutzlosigkeit der Memoiren, die anstatt ihn zu
rechtfertigen bezglich der Verbrechen, wegen deren er bestraft wurde,
noch andere nicht minder schwere ans Licht bringen, wie z.B. das
schamlose Verhltnis mit dem Korporal Alfonso S... und den Mordversuch
auf den Lieutenant.

2. Die zweite Thatsache ist etwas verwickelter. Die Thtigkeit des
Schriftstellers richtet sich nach gewissen Graden der Kulturhhe und des
sozialen Nutzens. Ein Volk fngt an, Bcher zu besitzen, wenn es zu
einem gewissen Grade der Entwicklung gediehen ist, wo diese Form einer
prziseren geistigen Manifestation sich ihm als ein Fortschritt
darstellt. Die wilden Vlkerschaften schreiben keine Bcher, so lange
ihr Dach bedroht, ihr Lebensunterhalt drftig und ihr Leben stets
gefahrumgeben ist. Die Abessinier, welche doch das erste Volk Afrikas
sind, haben als ganze Litteratur einige Gebetbcher, welche nur von den
Priestern verstanden werden. Und die Buschmnner hatten einige Fabeln
und Sprichwrter in den Zeiten ihres Glcks, aber nach ihrem Verfall
verloren sie auch diese primitive Litteratur. So geht es auch mit den
Menschen. Wenn ein Individuum ohne Bildung, ohne hheres Wissen, dessen
Existenz stets eine Kette von Elend war, litterarisch thtig ist, so ist
das entschieden eine anormale Erscheinung.

Er mag ein Genie sein, aber da die Genies sich leider nicht an jeder
Straenecke finden, so wird er in 999 Fllen unter 1000 ein Narr sein.

Antonino M... konnte kein regelrechter Schriftsteller sein, da er es
auch nicht als Mensch war, hchstens konnte der Mangel an moralischem
Bewutsein ihm den Vorzug einer aufflligen innerlichen Aufrichtigkeit
geben ...

Unter diesem Gesichtspunkt sind seine Memoiren ein wichtiges Dokument
fr das Studium gewisser Aufrichtigkeiten alter und neuer
Schriftsteller. Von den Bekenntnissen J.J. Rousseau's bis zu den
Memoiren Casanovas, bis zu gewissen Hymnen Paul Verlaine's auf sein
_pch radieux_, um von anderen bel berufenen Zeitgenossen zu
schweigen, und bis zu dieser Selbstbiographie herab -- das
psychologische Phnomen ist immer dasselbe und lt sich in zwei Formeln
zusammenfassen: =Mangel an moralischem Bewutsein und Eitelkeit=.

Ich glaube, da die Intelligenz sehr wenig mit dem moralischen
Bewutsein zu thun hat: Pritchard, Pinel, Nicholson, Maudsley, Tamassia
-- alle stimmen darin berein, da sie bei den moralisch Irren den
Intellekt vollstndig in Ordnung fanden. Hchstens knnte nach Zelle,
Mac Ferland, Gray eine gewisse Schwche oder Unregelmigkeit vorliegen
oder nach Campagne eine Absonderlichkeit[5], die sich aber, wie Morel
bemerkt, in einem besonderen intellektuellen Habitus, in einer
Gewandtheit im Sprechen, Schreiben oder einer Kunstfertigkeit mit
Vorherrschung der Tendenz zum Paradoxen uern kann. Und Venturi glaubt,
da, whrend bei Verbrechern die gewhnliche Intelligenz mangelhaft ist,
die hhere Intelligenz nicht selten vorkommt.

  [5] Vgl. Lombroso: _L'uomo delinquente I_, S.600.

Das Wort Aufrichtigkeit ist eines von denen, deren Bedeutung oft
mibraucht werden: es kann nicht absolut verstanden werden, weil die
Aufrichtigkeit meist eine subjektive ist, sie ist, sozusagen dem Lgen
entgegengesetzt. Aufrichtigkeit besteht trotz gewisser konventioneller
Formen, wie z.B. die Scham, der Anstand &c., welche die Wahrheit
verbergen und dennoch nicht Lge genannt werden knnen; wie brigens
auch der Wilde und das Kind immer lgenhafter sind, als der zivilisierte
Mensch, trotzdem sie durch Scham oder Anstand nicht befangen sind.

Venturi macht gegenwrtig in einer Abhandlung, welche in der von Tonnini
in Palermo verffentlichten Revue erscheint, die Lge zum Gegenstand des
Studiums und fat sie als ein Phnomen der Degeneration auf, das seinen
Ursprung in den Familien hat, aus denen die Lgner hervorgehen. Ebenso
mchte ich sagen, weshalb knnte nicht auch die Aufrichtigkeit, wenn sie
sich mit unwiderstehlicher Tendenz und ohne Nutzen fr das Individuum
selbst uert, eine Thatsache degenerierter Anlage sein, eine jener
uerungen des Verbrecher-Charakters, der sich oft mit der Eitelkeit
vermengt, einer jener Defekte, deren die Verbrecher so voll sind?

Ich will hier keine Psychophysiologie der Aufrichtigkeit schreiben, um
so weniger, als es fr das, was ich sagen will, mir gengt, eine
anerkannte Wahrheit anzufhren: nmlich da wir mit Vernunft aufrichtig
sind, insofern wir unntze Vorurteile bekmpfen, aber da das keine
normale und gesunde Aufrichtigkeit mehr ist, die nicht die Bedeutung
fhlt, welche gewisse Gewohnheiten mit dem Gange der Entwicklung
genommen haben. Wer nicht den Druck der Scham empfindet, wenn er seine
sexuellen Schndlichkeiten aufdeckt und sich ohne Schaudern einer
Blutthat rhmt, der thut nicht mehr und nicht weniger als der Wilde, in
dem das Gefhl der Scham noch nicht erweckt ist und der barbarische
Krieger, der sich den Skalp der getteten Feinde als Trophe an den
Grtel hngt.

Diese Dinge mit liebevoller Genauigkeit zu erzhlen und mit Wohlgefallen
zu anatomisieren, das ist etwas, was der normale Mensch vergebens
versuchen wird. Jeder wird in seinem Leben seinen abnormalen Impuls
gehabt haben, aber er wird sich bemhen, ihn zu vergessen; und nicht
einmal einer besonderen Anstrengung wird es dazu bedrfen, denn bei den
nicht degenerierten Menschen unterdrckt die Vernunft, der kritische
Sinn gewissermaen automatisch die Abnormalitt des Aktes.

Den moralisch Irren fehlt dieser kritische Sinn, die Intelligenz
gehorcht den Impulsen und hemmt sie nicht, sie dient ihnen gern und
sucht sie zu rechtfertigen. Sie tten -- und sie werden beweisen, da
das Leben eines Menschen das eines andern wert ist. Sie verfhren ein
unerfahrenes Mdchen und verlassen es -- und sie werden das Recht der
freien Liebe predigen. Sie sind Pderasten -- und sie werden sagen, es
ist erlaubt, weil es mglich ist.

Im Leben stellt sich das deutlicher dar, als geschrieben. Denn beim
Schreiben schrft sich die Intelligenz, ein Schimmer von Verstndnis fr
das, was schndlich und unehrenhaft ist, bricht sich Bahn, es giebt
keinen Menschen, er sei denn Idiot, der so niedrig ist, da er nicht ein
Streben nach etwas besserem oder weniger Unvollkommenem fhlt. Aber ein
anderes ist die Moralitt, ein anderes die Erkenntnis des Moralischen.

Zuweilen giebt sich wohl ein solch kleiner Fonds von kritischem Sinn zu
erkennen, und daraus resultieren dann die lyrischen Stellen, die
anscheinenden Gewissensbisse. Aber die Erzhlung geht weiter, ohne
Rckhalt, und der Verfasser zeigt sich in der Aufdeckung der Thatsache,
so wie er wirklich ist, mit einer Selbstgeflligkeit, wie sie nur ein
Exhibitionist haben kann, der seine Geschlechtsorgane zeigt.

Die Eitelkeit ist das erste Agens; ihre autobiographischen Erzhlungen
entspringen der Vermutung, da sie hervorragend interessante Individuen
sind, und da ihre Erlebnisse groe Bedeutung haben. Und da sie einen
groen Teil ihres Seelenlebens ausmachten, so empfinden sie das
Bedrfnis, sie sich wieder vor ihr geistiges Auge zu fhren.

Es ist dasselbe Bedrfnis, welches viele ungebildete Menschen empfinden,
sich den Namen ihrer Geliebten oder ihre Verbrechen in die Haut zu
ttowieren. Es wird gengen, das schne Beispiel eines Verbrechers zu
zitieren, den Prof. Santangelo[6] beschreibt und der 106 Ttowierungen
auf dem Leib trug, aus denen man seinen ganzen Lebenslauf rekonstruieren
konnte.

  [6] Vgl. Lombroso: _Le pi recenti scoperte ed applicazioni dell'
  antropologia criminale_, Turin 1893.

M... ist ein vollendeter Typus des moralisch irren und epileptischen
Schriftstellers; der Mangel an kritischem Sinn und Gerechtigkeit tritt
klar hervor, und die Eitelkeit zeigt sich auf jeder Seite des Buches.
Wenn er studiert htte, wrde er als Schriftsteller manchem Zeitgenossen
ebenbrtig zur Seite treten. Die Kenntnis der Moral wrde tiefer gewesen
sein und festeren Halt gewonnen haben. Statt dessen mute er nun
notwendiger Weise auf dieser Stufe litterarischer Entwickelung stehen
bleiben, wo der Intellekt die Dinge in der Gestalt sieht, wie sie den
andern erscheinen; die unbewute Nachahmung hat noch nicht der
unmittelbaren selbstndigen Anschauung Platz gemacht, welche die
Originalitt ausmacht.

So ist fr ihn der groe Meister des Stils Francesco Mastriani, jener
populre Zola, der den Naturalismus zur Trivialitt und die Romantik zur
weichlichen Sentimentalitt herabgezogen hat.

Und diese Empfnglichkeit, diese unbewute Zugnglichkeit fr fremde
Einflsse zeigt sich besonders in seinen Dichtungen. Neue Wrter, die er
liest, bleiben ihm haften, wenn er ihnen auch nur schwer einen ihm
verstndlichen Sinn beizulegen vermag, den er durch eine
volksetymologische Deutung zu ermitteln und durch entsprechende
orthographische Abnderungen festzuhalten sucht.

Deshalb scheint mir, knnten diese Memoiren auch fr das Studium des
Phnomens eines in der Bildung begriffenen Schriftstellers von Interesse
sein.


VIII.

Und hiermit will ich schlieen.

Die Schule Lombrosos schreitet ihren Siegespfad weiter und schlgt die
neidische Polemik durch Thatsachen.

Und whrend auf dem Kriminalisten-Kongre in Brssel das Ende des
Verbrechertypus Lombrosos verkndet wurde, erschienen die _Degenerazioni
psicosessuali_ Venturis und lieferten den Beweis, da die italienischen
Gelehrten nicht auf eine Formel eingeschworen waren; und bei Schlu des
Kongresses zeigte die franzsische bersetzung der _Sociologia
criminale_ Ferris in ihrem neuen erweiterten Gewande, da nicht allein
der biologische, sondern auch der soziologische Faktor von den
Mitarbeitern Lombrosos studiert wurde, und dieser hat mit seinen _Nuove
Scoperte_ geantwortet, welche in ihrem Aufbau und in der Masse der
Thatsachen den Gang der italienischen Wissenschaft kennzeichnen. Und
whrend dieser Band erscheint, wird _la donna delinquente_ die Gegner
ermahnen, wofern sie nicht blind sind, im Negieren vorsichtig zu sein,
und dieses Werk wird den Beweis liefern, da hinter dem Meister eine
Reihe hoffnungsvoller Jnger stehe, unter denen mein Freund Guglielmo
Ferrero als der Ersten einer hervorragt.

Als ich nach Schlu des Kongresses meine Bemerkungen Gabriele Tarde
dargelegt hatte, und lange Erwiderungen von ihm empfing,[7] da brannte
ich vor Begier, wieder in die Arena hinabzusteigen, -- aber Lombroso
sagte mir: Nein, man mu mit Thaten, nicht mit Worten kmpfen!

  [7] Vgl. _Archives d'Antropologie_ und _Revue Scientifique_.

Diese Ermahnungen haben mich ganz besonders zu dieser Verffentlichung
veranlat, in der Hoffnung, da auch ich dazu beitragen knnte, der
Wahrheit eine Gasse zu ffnen, um die Zweifel und Spottreden zu
entkrften, welche verurteilen, ehe sie noch geprft haben; da auch ich
helfen knnte, unsere Strafgesetzbcher und Strafanstalten in einer den
Bedrfnissen des wirklichen Lebens angepaten Weise umzugestalten.

Besser als ich es vermag, wird die Selbstbiographie des M... den Leser
berzeugen, wie schlecht diese Institute funktionieren, die den
Verbrecher nicht blos bestraft, sondern auch gebessert der menschlichen
Gesellschaft zurckgeben sollten.

Antonino M... ist nicht durchweg der geborene Verbrecher Lombrosos,
denn, wie ich schon sagte, dieser ist ein Typus und jener ein
Individuum. Er beweist aber, wie Epilepsie und moralischer Irrsinn sich
im Verbrecher zusammenfinden. Und die direkten sozialen Ursachen seines
Verbrechertums wird man schwer finden knnen.

Als Gabriele Tarde[8] zusammen mit dem Dr. Lacassagne die Leitung der
neunten Serie des franzsischen Archives bernahm, da erffnete er sie
mit einer Verteidigung der soziologischen Kriterien, die den Stolz der
franzsischen Schule ausmachen, und er schlo mit der Weissagung einer
Vershnung in der objektiven Forschung nach der Wahrheit, die nur auf
Thatsachen sich grnden kann.

  [8] _Biologie et sociologie. Rponse  M.A.G. Bianchi._ S.3-19 der
  _Archives d'Antropologie criminelle_, Januar 1893.

Gabriele Tarde wird nicht leugnen knnen, da die Italiener sich
bemhen, ein gutes Beispiel der positiven Methode zu geben, vom
grundlegenden Werk des Meisters bis herab zu dem bescheidenen
popularisierenden Beitrag des letzten unter seinen Schlern.

25. April 1893.

                                        =A.G. Bianchi.=

     Es konnte nicht die Aufgabe der bersetzung sein, die Mngel,
     welche die ungengende allgemeine und litterarische Bildung des
     M... seiner Darstellung anhaften lie, zu beschnigen. Wenn der
     Herausgeber die Selbstbiographie mit Recht ein wissenschaftliches
     Dokument nennt, so durfte der bersetzer sich Krzungen und
     Milderungen des Ausdrucks nur in migem Umfange gestatten. Von
     einer bersetzung der Dichtungen des M... ist Abstand genommen,
     weil die pathologische Persnlichkeit des Verfassers aus dem
     Gebotenen hinlnglich erhellt, und das eingehende litterarische
     Studium, dessen das Werk des M... nach dem Hinweise Bianchi's wert
     ist, derselben entbehren kann.

                                               Dr.F.R.




Antonino M...

Selbstbiographie.




Erster Teil.

Mein erstes Unglck.


Vorbemerkungen.

Wer rund geboren wird, kann nicht viereckig sterben.

Der Stern, der Dir im Mutterleibe strahlte, wird Dir ins Grab folgen.

Wer blind geboren wird, der wird nie den Himmel schauen.

Wenn Du Dir heute den Arm brichst, wirst Du morgen zum Galgen geschickt.

Der erste Fehler fhrt zu einem Abgrund von Unheil.

Wer den Verstand nicht zu beherrschen wei, kommt gar rasch ins
Gefngnis.


Meinem lieben Shnchen Fernando Antonio.

                         Mein geliebter Junge!

Ich bin sehr unglcklich geworden und das rauhe Schicksal hatte niemals
Mitleid mit mir, nie wurde es mde, mich zu verfolgen, und von der Wiege
bis zum Grabe ist mir dieses elende und traurige Leben eine stndige
Marter.

Dir erzhle ich die Verhngnisse meines bejammernswerten Lebens, und
wenn Betrug und die Schmach dieser bsen Welt Dir die Schritte zu dem
rauhen Pfad in der menschlichen Gesellschaft erschlieen werden, dann
weine keine Thrne um das Andenken Deines unglcklichen Erzeugers, nein,
denn Weinen kommt den schwachen, feigen Herzen zu. -- Deines mu stark
und ruhig sein bei dem Anblick meines Unglcks; stark, stolz und
weltverachtend; aber lerne, o Sohn, auf dem geraden Weg der Tugend und
der Ehre wandeln, =lerne, mein ses Shnchen=[9] geduldig, ruhig und
kalt sein, im Einverstndnis und im Gegensatz mit der menschlichen
Gesellschaft, lerne, vorausschauend fr die Zukunft sein, ein Verchter
der Feigen, ein Sptter der Heuchler, eifere den groen und edlen Thaten
nach, sei ein liebreicher Bruder der Bekmmerten, ein Freund der
Gerechten und Ehrenhaften, gesittet und ehrfurchtsvoll gegen alle,
besonders gegen alte und rechtschaffene Leute, ein Freund der Armen, und
Deine Hand strecke sich gerne aus zum Trost der Elenden. Sei ehrlich und
anstndig im Sprechen und bilde Dir aus der Erziehung eine zweite Natur.

Liebe und achte Gott den Hchsten, bete zu ihm von Herzen in nchtlicher
Stille und mit der Stirn im Staube, bete zu ihm an den heiligen Sttten;
denn er, unser Gott, der Herrgott unserer Vter, wird Dir ein Fhrer und
ein Trster sein in den Widerwrtigkeiten des Lebens. Wende Dich an ihn
in Deinen Nten, in Deiner Bedrngnis, und Du wirst Trost, Kraft und
Ergebung finden.

Liebe, achte und habe Mitleid mit Deinem Nchsten, er ist von Deinem
Fleisch und Blut, er ist unglcklich und betrbt wie Du.

Wolle Deinen Schwestern wohl, ich lege es Dir an's Herz, und ich
beschwre Dich bei der Liebe, die ich zu Dir habe, bei den Thrnen, die
ich um Dich vergossen habe, bei den Kssen voll unaussprechlicher
Zrtlichkeit, die ich Dir gegeben, liebe sie von Herzen, hilf ihnen in
ihren Nten und sei ihnen ein zrtlicher Vater. Ja, nicht wahr, mein
lieber Junge, Du wirst Deine armen Schwestern lieben! Liebe sie, denn
ich liebe sie, so wie ich Dich nur lieben kann, und um sie vor Schande
zu bewahren, sollst Du Dein Leben auf's Spiel setzen, und tausend und
abertausend Mal wagen; wenn nicht, +verfluche+[10] ich Dich!!
Lerne aus meinem Leben ein Mensch sein, lerne geduldig leiden und Deine
Schritte zum Schnen, Guten, Besten lenken.

Fhre Deine Seele zur Ehre, zur Tugend, zur Weisheit.

Lies oft meine Briefe und klage mich der bertreibung, der
berspanntheit, der Unverschmtheit, der Tollheit an, wie es die thaten,
die mich kannten, und ich will Dir alles verzeihen; alles will ich Dir
vergeben, Dir, der Du der kstliche Edelstein meiner Seele warst, Dir,
dem Atem meines Lebens, dem Traum meiner Trume.

Parghelia, im Januar 1889.

                                              Dein Vater
                                             Antonino M...

  [9] Die gesperrt gesetzten Stellen sind im Manuskript unterstrichen.

  [10] Die fett gedruckten Stellen erscheinen im Manuskript grer und
  aufflliger geschrieben, als ob M... durch dieses Mittel den Worten
  mehr Nachdruck verleihen wollte.


Der Mord.

Am Mittage des 17. September des Jahres 1868 habe ich auf einem
ffentlichen Platze einen armen Menschen ermordet. Ich war damals
achtzehn Jahre alt, von erregbarem Temperament, von heiem Sinn, und ob
aus Antrieb des Zornes oder nicht[11], das schlechte Betragen jenes
Dummkopfes, meines Bruders, ist die Ursache gewesen, da ich einen
Menschen ermordete und mich kopfber in ein Meer von Schmach strzte.

  [11] Bemerkenswert ist der Zweifel ber die psychologische
  Beschaffenheit, in der der Totschlag vollbracht wurde. Dies ist
  lehrreich fr die Unterscheidungen in unserer Rechtsprechung.

Die rauchende Pistole in der Hand, mit verzerrtem Gesicht und klopfendem
Herzen schlich ich in das Haus des Herrn Francesco Antonio Calzona, der
mich mit dem Ausdruck der Achtung und des Mitleids empfing. Er gab mir
einen Strohhut, denn meiner war an dem Ort des blutigen Ereignisses
abgefallen, whrend ich mit dem Sohne des Ermordeten rang. Ich nahm
einen derben Knotenstock in die Hand, kletterte ber eine
Einfassungsmauer des Gartens und fing an, wie Kain ber das Feld zu
laufen, verfolgt von dem Gebell der Hunde, whrend ein entsetzliches
Rcheln mir zu folgen schien, das mir sagte:

Was hast Du gethan, Du +Mrder+?!

Am Abend jenes verhngnisvollen Tages begab ich mich nach Tropea zu
meinem Onkel, dem Doktor V..., der mich aufnahm und mich in einem
kleinen Schlupfwinkel hinter der Treppe versteckte; dort
zusammengekauert beschmutzte ich mich mit Spinnengewebe und Staub; man
schlo mich in meinem Versteck ein, so da ich in vlliger Dunkelheit
blieb; bald hrte ich eilige Schritte auf der Treppe, es waren die
Karabinieri, die, nachdem sie eine grndliche Haussuchung angestellt
hatten, davongingen, die Handschellen mit sich tragend.

Spt am Abend lie man mich aus dem engen Loch heraus, zog mir die
Uniform eines Fujgers an und mit meinen beiden Vettern zog ich in der
Richtung nach Coccorino ab. In jenem elenden Dorf, das fast von lauter
Verwandten von mir mtterlicherseits bewohnt wird, wurde ich mit Liebe
aufgenommen und man brachte mir alle erdenkliche Rcksicht entgegen.

Acht Monate lang blieb ich dort zwischen den Feigenbumen, fter machte
ich nchtliche Ausflge nach den benachbarten Drfern und nach
Parghelia, Nachts schlief ich auf Strohbndeln oder am Fue eines
Feigenbaumes.

Wollt ihr ein Bild von jenem Dorfe? Mit zwei Worten ist es rasch
geschildert. Dreiig schlecht gebaute und gedeckte Htten, alt und von
elendester Bauart, die Straen ein Haufen tierischen Unrats, so da man
sich den Hals bricht, wenn man nicht Acht giebt, wo man den Fu
hinsetzt; wie ein Riese beherrscht das ganze der Schloturm des Barons
Fabiani, des Herrn und Beschtzers der lndlichen Htten und ihrer
Bewohner.

Nichts anderes sieht man als einen Hain von Feigenbumen, deren
schmackhafte Frchte sehr beliebt sind; nicht weit von diesem
erbrmlichen Wohnort sieht man Coccorinello, an Leib und Seele jenem
verwandt. Die Einwohner beider Drfer sind elende Ackerarbeiter, zwei
oder drei Familien ausgenommen, die ein kleines Stck Land besitzen, mit
Feigenbumen von allen Arten, blutfarben, naturfarben und wei,
bepflanzt.

Der Pfarrer dient als Arzt und als Apotheker, er betrgt die armen
Kerle, schindet hier ein altes Huhn, da ein Paar Eier und dort einen
Korb mit Frchten.

Die Einwohner sind gutherzig, ehrerbietig und liebenswrdig gegen
Fremde, aber unwissend und aberglubisch.

Whrend ich in Coccorino im Hause meines Onkels Domenico weilte, eines
guten Alten, der dem Bacchus sehr ergeben war, waren mir diese
Verwandten sehr gewogen und wetteiferten darin, mir mein Versteck
weniger unertrglich zu machen; meine Base Caterinuzzo, das Faktotum der
Lagerrume und des Hauses des Barons Fabiani, regalierte mich oft mit
schmackhaftem Kuchen oder Kse oder anderen Sachen; sie hatte mich sehr
gerne und ich konnte aus dem Wohlwollen entnehmen, da ein wenig
=irdische= Liebe darin steckte. Sie war jung und nicht hlich, aber in
meiner kritischen Lage konnte ich mich um ihre bangen Seufzer wenig
kmmern.

Eines Tages kam meine Tante Domenica an, eine Schwester meiner Mutter,
mit ihrer Tochter Vincenzina, einer achtzehnjhrigen Jungfrau, schn wie
die Sonne, schn und verfhrerisch in der That, und wer sie kennt, wird
mich nicht Lgen strafen; sie kamen Geschfte halber aus Parghelia
hierher; mir kommt es nicht zu, die Nase in die Angelegenheiten der
Mutter und der Tochter zu stecken, die mir etwas launisch, aber durchaus
ehrbar schienen.

Vincenzina verliebte sich, so viel ich sehen konnte, in einen Vetter von
mir, Antonino del V... aus Coccorino; als ich sie sah, so frisch und
rosig, kam mir die Laune, ihr den Hof zu machen; wir sahen uns, wir
lchelten uns an, und unsere Herzen krampften sich zusammen; eines
Tages, als wir gerade allein waren, sagte ich ihr zitternd:

Vincenzina, ich liebe Dich!

Ich liebe Dich auch, antwortete sie errtend.

So wollen wir uns immer lieben? fragte ich.

Immer, immer, antwortete sie mit Thrnen in den Augen; aber Du wirst
nicht fortgehen, nicht wahr, Antonino?

Eine dichte Wolke flog ber meine Seele, mein Herz wurde kalt, ich war
vernichtet und stotterte:

Die Zeit ... die Wechselflle des Lebens ... es wre mglich ...

Wir liebten uns die Tage, die sie in Coccorino blieb, und ihre Mutter
war mit unserer Liebe zufrieden. Und wollt ihr es glauben? Niemand
dachte daran, da ich vom Gesetz verfolgt wurde, der Gefahr ausgesetzt,
eine Verurteilung zu zwanzig Jahren Zwangsarbeit zu erhalten, niemand
dachte daran, nicht einmal ich.

Nach einigen Tagen reisten meine Tante und ihre Tochter wieder ab, ich
will nicht von der bitteren Trennung sprechen; wir reichten uns die
Hnde; Vincenzina und ich kten uns und unsere Wangen bedeckten sich
mit heien Thrnen. Wir setzten unsere Liebe im Briefwechsel fort. Hei
und zrtlich waren die Briefe Vincenzinas, und heier und verliebter
waren die meinen, die ich ihr tglich zukommen lie. Es entstand eine
mchtige Eifersucht zwischen mir und meinem Vetter Antonino, dem ersten
Liebhaber Vincenzinas, den sie pltzlich verlie, indem sie mich an die
Stelle ihres ersten Liebhabers treten lie. Wenn nicht die Verhltnisse
gewesen wren, wer wei, was zwischen den leidenschaftlichen Liebhabern
vorgekommen wre.

Ich begab mich Nachts einige Male nach Parghelia in das Haus
Vincenzinas, dort in einem Winkel der Kammer neben einander sitzend,
schworen wir uns ewige Liebe, ewige Treue.

Eines Tages gelangte ein Freibrief auf acht Tage an mich, den mir Herr
Bruno Chimirri, mein Anwalt in Catanzaro schickte. Von einigen meiner
Vettern begleitet, begab ich mich nach meinem Hause in Parghelia.

Ich verga mitzuteilen, da whrend meiner Verborgenheit meine beiden
Schwestern sich mit zwei Spilingoten verheirateten, Antonio M... und
Giuseppe M..., beides Vettern. Die beiden Ehen wurden geschlossen, ohne
da ich etwas davon wute. Mein Onkel, der Priester Girolami M...,
Bruder meines verstorbenen Vaters, ein sehr gelehrter und
wissenschaftlicher Mann, aber unkundig der Rnke dieser Welt und
einfltig wie ein Kind, mchte ich sagen, willigte in die Ehe ein; man
lockte ihn dadurch, da man ihm zu verstehen gab, jene gewaltthtigen
Mnner seien Mordkerle und von allen gefrchtet, und da dadurch, da er
mit ihnen verwandt wrde, er und die Familie geachtet und gefrchtet
sein wrde. Armer blinder Herr!!...

Doch zu mir zurck und man verzeihe die Abschweifung.

Zu Hause fand ich Domenico M..., den Vater des eben erwhnten Antonio,
der trotzdem die Mtze eines Kapitns der Nationalgarde trug. An jenem
Tage aen und tranken wir vergngt, aber am Abend gingen meine Vettern
von Coccorino weg. Am folgenden Tage nach dem ersten Aufenthalt in
meinem Hause begab ich mich zu meiner Geliebten Vincenzina, und an jenem
Tage blieb ich bei ihnen zum Essen. Eine Tante von mir, eine Nonne, dumm
und boshaft wie Proserpina, brachte uns ein fettes Huhn, um mein letztes
Mahl mit Vincenzina zu feiern.

Jener Tag ist ein Tag der Freude und der Liebe fr mich gewesen; die
hbsche, rosige Hand meiner Geliebten reichte mir einen Flgel des
Huhnes dar, dann einen Becher voll schumenden Weins, indem sie mit der
grten Anmut von der Welt sagte:

Trink, Antonino, trink auf mein Wohl. Und ich trank begeistert,
berckt, indem ich ihr in die schwarzen leuchtenden Augen schaute.

Nachdem das Liebesmahl beendet, trat Vincenzina, ihre Mutter und ich zu
einer geheimen Ratssitzung zusammen und begannen zu erwgen, wie
Vincenzina und ich uns durch unlsbare Banden knpfen sollten. Nach
verschiedenen Meinungsuerungen wurde beschlossen, den Pfarrer zu rufen
und uns in Gegenwart zweier Zeugen heimlich zu verbinden. So geschah es.
Nachdem der ehrwrdige Erzpriester Don Girolamo Toccane gerufen war, ein
alter und hinflliger Mann, und zwei Zeugen, wurde er veranlat, sich zu
setzen. Kaum sa er, so pflanzte ich mich vor ihm auf und sagte mit
fester, deutlicher und lauter Stimme zu ihm:

Hochwrden, diese -- indem ich Vincenzina zeigte, ist meine
rechtmige Gattin.

Vincenzina erhebt sich und sagt mit gleicher Stimme:

Dies, Hochwrden, -- indem sie auf mich zeigte, Antonino M... ist
mein rechtmiger Gatte.

Wtend erhebt sich der Hochwrdige und fluchend und gestikulierend geht
er seiner Wege.

Ich verehrte Vincenzina einen Ring mit Diamanten und sie gab mir einen
Ring mit ihrem goldenen Haar.

Es nahte sich der Tag, wo ich nach Catanzaro abreisen und mich dem
Prfekten vorstellen mute.

Es wurde beschlossen, da Domenico M... _alias_ Stadtvorsteher und
Vincenzo M... _alias_ Beigeordneter mich nach Catanzaro begleiten
sollten. Es giebt in jenem Parghelia einige Brschchen, die sich als
Helden, als Mordkerle ersten Ranges aufspielen, die sich fr Wunder was
halten und nachher der Polizei Hlfe leisten, sie verteidigen und
beschtzen: gemeine, dumme, falsche Seelen! Sage ich unrecht, meine
teuren Landsleute?

Folgen wir dem Faden unserer Erzhlung und beschftigen wir uns nicht
mit jenen Dummkpfen, jenen Kanaillen von Spionen.

Von den Karabinieri begleitet, mute ich mitten durchs Dorf gehen, um zu
Vincenzina zu kommen und ihr das letzte Lebewohl zu sagen: wir kten
uns und unsere Thrnen flossen zusammen, sie fiel ohnmchtig in meine
Arme ...

Ich durchwanderte die ganze Gegend, von den Bewaffneten begleitet. In
Tropea empfing ein vierspnniger Wagen Domenico M..., Vincenzo M... und
mich, im Galopp fuhren wir durch Monteleone, ohne da jemand den Mund
aufthat.

In Catanzaro begeben wir uns zu meinen Anwlten, den Herren Bruno
Chimirri und Giacinto Oliverio.

Ich wurde dem Herrn Prfekten vorgefhrt, und nachdem dieser den
Haftbefehl ausgefertigt hatte, wurde ich durch einen Wchter der
ffentlichen Sicherheit in das Gerichtsgefngnis S.Giovanni geleitet.

Der Wachtmeister, Luigi S..., frher ein berchtigtes Mitglied der
Camorra, jetzt ein wtender Verfolger derselben, zeichnet mein
Signalement, Namen und Vornamen in ein groes Register ein, ein
Gefangenenwrter befiehlt mir, mich auszuziehen und eine sorgfltige und
grndliche Untersuchung ergeht ber meine Kleider und ber meine Person;
dann kleide ich mich wieder an und werde in das sogenannte Neue
Gefngnis gefhrt, wo man mich im Kassenzimmer lt. Es waren drei
Zimmer, von ungefhr zehn Gefangenen bewohnt, darunter ein alter Mnch
und zwei Priester, die wegen Beihlfe zum Raub angeschuldigt waren und
mehrere andere Brger wegen anderer Anschuldigungen. Unter dem Fenster,
wo ich weilte, und das durch ein vergittertes Mauerwerk gesichert war,
war ein kleiner Hofraum, wo ungefhr zwanzig berchtigte Briganten Luft
schpften, da waren die berchtigten Pietro Bianchi, Bulfalaro, Pietro
Lo Monaco, Perelli und andere, alle von den Assisen in Catanzaro zum
Tode verurteilt, die sich hier whrend der Berufung befanden, um nach
Besttigung des Urteils durch den Kassationshof nach Reggio Calabria
berfhrt zu werden, wo sie die sanfte Schneide des Henkerbeils zu
kosten bekommen, als Strafe fr ihre Ruberei[12].

  [12] Beachtenswert ist der Abscheu, den M... vor denjenigen zeigt, die
  nicht mehr und nicht weniger thaten, als er. Und bemerkenswert ist
  auch, wie er sein Vergehen vergessen hat, als ob es gar nicht
  geschehen wre.

Ich blieb zwei Monate in jenem Labyrinth des Jammers und erinnere mich,
da ich in eines der Fenster die Worte eingeschnitten hatte:

Antonino M..., zum Tode verurteilt.

Aus dem Neuen Gefngnis kam ich ins Alte Gefngnis, das demselben
benachbart ist; dort fand ich eine zweite Hlle, eine neue Brut elender
Gefangener.

Ich mhe mich ab, einen Begriff davon zu geben, aber es wrde die Feder
eines Eugne Sue oder eines Francesco Mastriani ntig sein, um hundert
dicke Bnde zu schreiben, um die Leidenschaften, die Charaktere und die
Herzen der Menschen zu schildern.

Ein groer und gerumiger Hofraum, der sechshundert Gefangene aufnehmen
konnte, und ringsum elf Zimmer wie feuchte dunkle Hhlen. Ein einziges
enges und niedriges Fenster mit zwei dicken Eisengittern liefert ein
fahles, trbes Licht, und wenn man mit dem Blick sucht, sieht man
drauen nichts als eine hohe massive Mauer; Luse und andere ekelhafte
Insekten kriechen scharenweise an den feuchten Wnden herum, ein
widriger Fulnisgeruch entstrmt dem Pflaster. Am Eingang der Hhle
waren zwei groe Gitter, eins von Eisen, das andere von Holz, und wenn
im rauhen Winter der Sturm raste, dann wurde in dem ekelhaften Loch ein
hllischer Tanz aufgefhrt. Die Bewohner der traurigen Gruft waren
hagere, drre, schimmelige, leichenhafte Gestalten, das Auge, der
Spiegel der Seele, war erloschen und lag tief in der Hhle.

Schlecht gekleidet, schlecht ernhrt, unsauber -- trotzdem waren diese
elenden Geschpfe des lieben Gottes lustig, die Feinde Gottes und seiner
gtigen Vorsehung.

Da waren zum Tode Verurteilte, zu zwanzig-, zehn-, fnfjhriger, zu
lebenslnglicher Zwangsarbeit Verurteilte, solche, die zu sechs Monaten,
zu einer Woche, zu einem Tage, zu einer Stunde verurteilt waren,
Angeschuldigte, die entsetzt dem Ende ihres Dramas entgegenschauten,
alles in buntem Gemisch durcheinander; zusammengekauert, eingeschlossen
in einen eisernen Ring, unter der unerbittlichen Hand des Unglcks und
unter der schweren Geiel der Gefngniswchter. Das war der Raum zu
ebener Erde.

Der obere Raum setzte sich aus fnf groen Zimmern zusammen, die an
dreihundert Gefangene enthalten konnten. Ein groer Sulengang mit
langen Eisengittern in Hufeisenform diente dazu, die Gefangenen der
oberen Wohnung aufzunehmen, wenn sie ihre Stunde frische Luft schpften,
und diente als Durchgang fr die Wrter und die Gefangenen; zur linken
des Eingangs war das Krankenzimmer, in zwei hher gelegenen Zimmern
wohnten die Wrter. Um die oberen Rume kennen zu lernen, braucht man
nur die unteren zu vergleichen, die ihnen gleich waren, was Schmutz und
Lebensfhrung betrifft; jedoch mit dem Unterschied, da man zu ebener
Erde mit dem Strohsack auf dem nackten Boden, oben dagegen auf Pritschen
lag; je zwei der fauligen und stinkigen Strohscke nahmen drei Gefangene
auf.

Die Nahrung war sehr schlecht; die Suppe ein ranziger, bitterer,
ekelhafter Brei, das Brot trocken, schwarz, widerlich; aber man achtete
diese Nahrung wenig oder gar nicht, denn Donnerstags und Sonntags
brachte jede Familie ihren verwandten Gefangenen einen gut gefllten
Quersack und Geld mit, das in der unten gelegenen Schenke ausgegeben
wurde.[13]

  [13] Um die Strafe exemplarischer und sittenbessernd zu machen.

Eines Morgens, als wir auf dem Hofe waren, zur Zeit der Freistunde,
befand ich mich im Sulengang, denn ich war in eines der oberen Zimmer
geschickt; es ertnt die Glocke als Zeichen, da die zum Luftschpfen
gewhrte Stunde vorbei war und jeder Gefangene in sein Gemach zurck
mute. Beim gewohnten Gerusch rhrt sich keiner, als ob man das
Klingeln der Glocke nicht gehrt htte; es lutet zum zweiten Mal;
dieselbe Gleichgiltigkeit bei den Gefangenen; nun stellten sich die
Wchter mit ihrem Oberhaupt im Kreise auf, schreiend und drohend. Ein
Schrei, ein drohendes Gebrll erscholl aus tausend Kehlen.

Nieder mit der Kanaille, nieder die Polizisten, schlagt den
Wachtmeister tot, schlagt die Wchter tot! Und zweitausend Augen
funkelten im Dunkeln und tausend spitze Eisen erhoben sich drohend in
die Luft. Der Wachtmeister und seine Untergebenen flohen schleunigst,
vernagelten die Eisengitter, eine Abteilung Soldaten mit aufgepflanztem
Bajonnett bewachte den Ausgang, zwei Kanonen wurden aufgefahren, die
Mndung nach dem Schlo S.Giovanni gerichtet.

Der Prfekt, von zwei anderen obrigkeitlichen Personen begleitet, kommt
hinzu, und alle gehen zusammen mit dem Wachtmeister auf den Sulengang,
dem wtenden Haufen gebietend, da jeder sich in seine Zelle begeben
solle.

Herunter! so ertnte es, hinaus mit dem Schurken! und tausend Eisen
leuchteten drohend zu dem Prfekten empor. Nun ersuchte der Beamte die
Menge einen Augenblick um Ruhe; er lie den Gefangenen Diogene Pierre
rufen und sprach mit ihm, whrend ein triumphierendes Lachen seine
trockenen Lippen umspielte.

Brder und Freunde, rief Pierre der schweigenden Menge zu, geht alle
hinein!

Schweigen folgte diesen Worten, die Menge zog sich zurck, wie eine
Viehherde in den Stall geht. Tags darauf wurde Diogene Pierre, der zum
Tode verurteilt war, ein berchtigter Ruber und Mitglied der Camorra,
seiner Anstalt bergeben, um die heimatliche Luft zu genieen; wenige
Tage spter durchbrach er ein Gitter des Gefngnisses und entfloh auf
das Land, in der Hoffnung, etwas zu seiner Zerstreuung zu finden, aber
er fand nur eine gute Kugel von dreiviertel Lot Blei, die ihm ins
Rckgrat gejagt wurde, soda er alsbald vor seinem Teufel stand, eine
Rechnung ber seine Heldenthat abzulegen. Nachdem Pierre aus dem
Gefngnis fort war, verlor die Verschwrung ihre Kraft und Khnheit; die
Camorristen, ungefhr vierzig an der Zahl, wurden in schrecklichen
dsteren Zellen in Eisen gelegt und ihrem Schicksal berliefert, wenn
sie verurteilt waren; unter scharfe Aufsicht gestellt, wenn sie in
Untersuchung waren. Mehr als alle hatte Francesco Pantano, dem die
Knochen tchtig mit der Zwangsjacke geschnrt wurden, zu leiden.

Meine Verteidiger kamen einige Male, um mich zu sehen; sie gaben mir
wenig Hoffnung ber den Ausgang meiner Sache; umsoweniger, da die
Anklage auf Mord mit Vorbedacht und mit Nachstellung lautete.

Ich blieb acht Monate in der Misthhle zu Catanzaro, bis eine Abteilung
der Karabinieri in schleunigem und besonderem Auftrag mich fesselte, um
mich nach Monteleone zu bringen; dort war eine besondere Sitzung der
Assisen erffnet und wurden alle, welche an der Ueberfhrung teilnahmen,
in ffentlicher Verhandlung abgeurteilt und ich mit ihnen.

Es war der 1. August des Jahres 1869; gefesselt ging ich zwischen zwei
Karabinieri nach Tiriolo ab, zu Fu. In diesen Hundstagen mute ich
sechs Stunden marschieren, der Sonnenglut ausgesetzt; um Mittag kam ich
in Tiriolo an, mde und matt, ohne Geld und halb tot vor Hunger und
Durst; ich hatte nur Schwarzbrtchen, die man mir gegeben hatte, als ich
den Kerker zu Catanzaro verlie, aber was ntzten sie mir?

Mir war die Kehle zugeschnrt, ausgetrocknet, da ich mit Mhe und Not
etwas salziges Wasser schlucken konnte; die Nacht habe ich auf einer
groben Pritsche geschlafen; Tags darauf wurde ich von den Bewaffneten in
der Richtung nach Maida gefhrt und machte wieder fnf oder sechs
Stunden angestrengten Marsches; dort warfen sie mich in eine Hhle,
welche die Hhle von Maida genannt wird. Ein breites langes Fenster mit
zwei ungeheueren Gittern versehen, ffnet sich nach einer Terrasse hin,
gegenber lag eine =Spinnerei=; dieses Fenster war brusthoch, sowohl von
innen wie von auen. Da lag ich in der finsteren Hhle, gewi wrde ich
sterben, ehe ich nach Monteleone kam; seit zwei Tagen war mein armer
Magen vllig leer, die Kehle geschlossen und so ausgetrocknet, da ich
kaum sprechen konnte. Von unserm Herrgott und den Heiligen verlassen,
wie konnte ich die Nacht durchleben, um morgen wieder fnf oder sechs
Stunden Wegs zu machen. Und ich beklagte mich ber Gott und seine
Vorsehung.

Ich Dummkopf!

Die Vorsehung Gottes verlt die Geschpfe nie, nein, sie verlt sie
nicht, der irregelenkte Mensch wird von dem Blick des gttlichen
Schpfers verfolgt.[14]

  [14] Dieser asketische Fatalismus begegnet sich mit dem
  aberglubischen Fatalismus, von dem M... eine Probe in den
  Vorbemerkungen zum ersten Teil giebt, wie z.B.: Der Stern, der Dir
  im Mutterleibe strahlte, wird Dir ins Grab folgen.

  Beide kontrastieren dann mit dem nicht seltenen Hinweise auf die
  Mglichkeit einer Entwicklung des Intellekts, durch Arbeit und
  Anstrengung des Verstandes, in welche M..., man mchte sagen durch
  unbewute Intuition, verfllt. In denselben Vorbemerkungen sagt er:
  Wer den Verstand nicht zu beherrschen wei, kommt gar rasch ins
  Gefngnis, und in dem Brief an seinen Sohn fgt er hinzu: Bilde Dir
  aus der Erziehung eine zweite Natur.

Unter meinem Fenster ging eine gute Alte vorbei, sie sah mich und
lchelte mich an, indem sie sagte: Du hier! Dein Papa und Deine Mama
wissen nichts! O, ich eile zu ihnen, ich werde es ihnen sagen! Und
hinkend lief sie davon. Ich hielt sie fr verrckt oder albern, und gab
nichts auf das, was sie mir gesagt hatte.

Es vergingen keine zwei Stunden, als ein edler Greis mit langem weien
Bart sich vor mein Fenster stellte und mich lchelnd ansah. Ich fragte
ihn:

Herr! wnschen Sie etwas von mir?

Nichts, antwortete er freundlich, aber bitte, knnten Sie mir sagen,
woher Sie sind und wie Sie heien? Nachdem ich ihn befriedigt hatte,
fragte ich ihn:

Wrden Sie mir den Grund Ihrer Fragen nennen?

Wissen Sie, braver Jngling, sagte er, Sie hneln vollstndig meinem
Sohne Peppino, wenn Sie in mein Haus kmen, wrden meine Frau und meine
Shne Sie fr ihn halten; ich wundere mich, wie die Natur Sie meinem
Sohne so hnlich hat machen knnen; wissen Sie, fgte er hinzu, nachdem
er mich aufmerksam angesehen hatte, ich beglckwnsche mich dazu, ich
bin darber froh; was ich fr Sie thun kann, werde ich thun, wie meinem
Sohn; nachher werde ich ihn hierher fhren, ich will, da er Sie
umarme.

Er ging dann, nachdem er mir die Hand gereicht hatte, indem er kaum die
Thrnen zurckhielt, die ihm in seine himmlisch schnen Augen traten.

Nicht lange darauf lie der Wrter mich in sein Zimmer treten, ein
Jngling und jener edle Greis waren da, sie sahen mich zwei Minuten lang
an, dann wandte sich der Vater an den Sohn und sagte:

Wohlan, Peppino, umarme ihn!

Der liebe junge Mann warf sich in meine Arme, wir kten uns wiederholt
innig, der Greis, dem die Thrnen ber die blassen Wangen rannen, kte
mich mehrere Male, indem er sagte:

Mein Sohn, ich segne Dich!

Sie wollten von meinem Unglck hren, und als sie erfuhren, da ich seit
drei Tagen nichts gegessen hatte, waren sie sehr betrbt. Ich sagte zu
ihm:

Herr, knnte ich Ihren Namen wissen, damit er sich meiner Seele
einprge, weil ich Ihnen heien Dank schulde?

Ja, mein Sohn, ich heie Francesco R..., dies, auf seinen Sohn
zeigend, ist mein geliebter Sohn Peppino, wir stehen ganz zu Ihrer
Verfgung.

Dank, Herr, Dank fr Ihr edles Herz; mir gengt die vterliche
Zrtlichkeit, die Sie mir erwiesen haben und zu wissen, da die
Vorsehung ihre elenden Geschpfe nicht verlt.

Sie gingen, indem sie sagten, da sie bald zurckkehren wrden.

Am Mittag kamen sie mit einem Diener zurck, der einen groen Korb auf
dem Kopf trug.

Herr Francesco sagte zu mir:

Mein Sohn, ich gehe zu meiner Familie zurck, ich habe heute viel zu
thun, wir werden uns heute Abend wiedersehen; mein Sohn bleibt hier, um
mit Dir zu speisen und zu plaudern. Er drckte mir die Hand und ging.

Der Gefangenenwrter machte eine schne Tafel zurecht, wir setzten uns
zu Dreien nieder und fingen heiter an zu essen und von dem
ausgezeichneten Wein zu trinken. Eine schne Geflgelsuppe, zwei
gesottene Hhner, ein Kalbsbraten, gebratene Eier, Kse und viel Obst
machten unser Mahl aus. Wir sprachen von vielerlei Dingen und Peppino
sagte oft zu dem Wrter:

Geben Sie mir diesen teuren Gefangenen, damit er heute Abend bei mir
schlft und da ich ihn meiner lieben Mama zeigen kann.

Der Wrter wollte es nicht zugeben.

Peppino schenkte mir ein Paket toskanischer Cigarren.

Abends kam der edle Herr wieder und sagte zu mir:

Ich habe mit dem Offizier der Karabinieri, einem guten Freunde von mir,
gesprochen, und habe ihn gebeten, alles daran zu setzen, da Sie morgen
nicht abreisen mssen und ein paar Tage hier bleiben knnen. Wir begaben
uns zu der Station der Karabinieri, wo er, nachdem man meine Papiere
untersucht, mich zu seinem Leidwesen wissen lie, da er mir nicht
dienlich sein knne, da es unmglich sei; Sie mssen bermorgen auf dem
Gericht zu Monteleone sein, da Ihre Sache verhandelt wird. Das schmerzte
mich nicht wenig, denn ich hatte den Vorschlag gemacht, morgen meine
Frau mitzubringen; da ich ihr von Ihnen erzhlt hatte, uerte sie den
lebhaftesten Wunsch, Sie zu sehen.

Er erkundigte sich, ob ich gegessen und getrunken habe; wenn ich etwas
bentigte, solle ich es ihn wissen lassen.

Herr, sagte ich, ich mibrauche Ihre Menschenfreundlichkeit, aber die
absolute Notwendigkeit, in der ich bin, lt mich anspruchsvoll sein ...

Nein, nein, antwortete er erregt, sprechen Sie, sprechen Sie, wir
stehen ganz zu Ihrer Verfgung.

Ich brauche fnf Lire, um den dringendsten Bedrfnissen zu begegnen,
wenn ich in Pizzo und in Monteleone sein werde.

Peppino, sagte der Vater zu dem Sohn, geh' nach Hause und versorge
den braven Jngling mit Geld. Peppino steckt die Hand in die Tasche,
leert seine Geldtasche, nimmt zwei Fnflirenoten und giebt sie mir.

Nein, nein, ruft der Vater, mein Sohn, das ist zu wenig, geh' nach
Hause und versorge Deinen Bruder mit Geld.

Ich danke, Herr, sage ich, ich danke, das ist zu viel, fnf Lire
gengen mir.

Und ich sage, da es zu wenig ist, sagte Herr Francesco erregt, geh'
nach Hause, sonst ...

Herr, ich nehme nicht einen Centesimo mehr an; wenn Sie auf Ihren
Vorschlag bestehen, bin ich gezwungen, die zehn Lire zurckzugeben.

Nun wohl, dann nehmen Sie dies kleine Geschenk an, als Pfand meiner
Liebe fr Sie, und indem er einen goldenen Ring vom Finger nahm,
steckte er ihn an meine Hand -- und ich bitte Sie, ihn oft anzusehen
und sich meiner zu erinnern. Wenn Sie etwas bedrfen sollten, so
erinnern Sie sich an Francesco R..., und wenn ich die wenigen Tage, die
mir noch verbleiben, vollendet habe, dann werde ich es meinen Shnen als
Vermchtnis lassen, Ihrer zu gedenken, um Ihnen bei jeder Not
beizustehen. Morgen werden Sie nach Pizzo abreisen, mein Sohn wird Sie
vor dem Gefngnis mit einem Wagen und einem Kutscher erwarten, ich habe
Sie den Karabinieri warm empfohlen und hoffe, Sie werden keine
unangenehme Reise haben. Er umarmte mich und kte mich mehrere Male,
mich mit vterlicher Zrtlichkeit an die Brust drckend.

Tags darauf in der Frhe reiste ich, nachdem ich Peppino umarmt hatte,
von dannen.

In Monteleone kam ich am Abend des vierten August an, am folgenden Tage
sollte ich den Assisen vorgefhrt werden.

Der Anwalt Herr Chimirri kam zu mir und sagte mir, da er in Geschften
in Monteleone sei und da er aus reinem Zufall erfahren habe, da meine
Sache verhandelt werden solle. Meine Verwandten waren nicht gekommen,
Entlastungszeugen waren nicht vorhanden; so erwarteten mich denn zwanzig
Jahre Zwangsarbeit.

Herr Chimirri kam nicht in Verlegenheit, die Schlauheit der Advokaten
geht weit.

Geben Sie mir rasch vier Personen aus Ihrer Heimat an, die entweder tot
oder im Ausland sind.

Pasquale Colace fu Francesco, Leonardo Calzona di Francesco Antonio,
Marco Colace fu Francesco Antonio, Antonino Mazzitelli di Vincenzo.

Er schrieb die armen Verstorbenen in sein Notizbuch und ging.

Ich werde in den Gerichtssaal gefhrt, nehme auf der Anklagebank Platz,
die Geschworenen werden ausgelost, als alles in Ordnung ist und ich
verhrt worden bin, werden die Belastungszeugen gerufen, deren acht
waren, die Rache gegen mich schnoben und mich als einen wahren Mrder
hinstellten. Es werden die Entlastungszeugen gerufen, der Gerichtsdiener
ffnet die Thr des Zeugenzimmers und ruft:

Pasquale Colace fu Francesco.

Nicht erschienen.

Marco Colace fu Francesco Antonio.

Nicht erschienen.

Leonardo Calzona di Francesco Antonio.

Nicht erschienen.

Antonino Mazzitelli di Vincenzo.

Nicht erschienen.

Beim Aufruf fehlen alle, Herr Vorsitzender.

Wer wei, ob diese armen Toten wissen, da sie vor dem Gericht zu
Monteleone eine lcherliche unsinnige Macht darstellen.

Mein Verteidiger erhebt sich und protestiert.

Die Entlastungszeugen fehlen, ich kann die Verhandlung nicht
fortsetzen.

Herr Prsident! ruft einer der gegnerischen Partei, diese Zeugen sind
lange vorher gestorben, ehe der Angeklagte das Verbrechen beging.

Sie sind tot? sagte mein Verteidiger, so werden wir sehen, ob sie auf
Kosten des Angeklagten aus dem Hllenrachen gezogen werden sollen, um
ihre Aussage abzugeben, oder ob ein anderer Entlastungsbeweis angetreten
werden soll.

Alle lachten bei dieser Rede des Herrn Chimirri, der Vorsitzende lutet
und sagt:

Die Verhandlung ist geschlossen.

Alle blieben mit langer Nase sitzen und ich wurde ins Gefngnis gefhrt.

Ich erinnere mich nicht, welcher Streit sich zwischen mir und einem
Gefangenenwrter entspann, -- ich geriet in Zorn und gab ihm eine
Ohrfeige, wodurch ich mir vierzehn Tage Wasser und Brot zuzog, whrend
der Oberwchter De Cola, der halb blind war, mir sagte:

Das haben Sie gut gemacht, der Wrter war eine Kanaille.


Fnf Jahre.

Am Mittag des 17. November 1869, vierzehn Monate nach dem blutigen
Ereignis, verurteilte der Hof der Assisen zu Monteleone mich zu der
Strafe von fnf Jahren Gefngnis und zu den Kosten des Urteils, wegen
Totschlags, begangen im Zorn und infolge schwerer Aufreizung.

Ich schrieb an Herrn Francesco R... in Tiriolo, teilte ihm die gegen
mich erkannte Strafe mit und schickte ihm eine Anweisung ber zehn Lire,
das Geld, welches er mir geliehen hatte, als ich das dortige Gefngnis
verlie.

Ich bewahre noch seinen Brief auf, als heiliges Pfand meiner Dankbarkeit
gegen ihn.

Folgendermaen lautet der Brief des Herrn R...:

     Mein gottgesegneter Sohn!

     Ihre Verurteilung hat mich nicht wenig betrbt, und betrbt sind
     auch meine Frau und meine Shne.

     Ich danke Ihnen fr die Empfindungen edlen Wohlwollens, die Sie in
     Ihrem Schreiben bekunden und bitte Sie zu glauben, da unsere Liebe
     zu Ihnen immer dieselbe ist wie in dem Augenblick, da wir zuerst
     das Glck hatten, Sie zu sehen. Ich schicke Ihnen die Anweisung
     ber zehn Lire zurck, und mir mifllt Ihre Handlungsweise; ich
     hatte den Wunsch, Ihnen Geld zu schicken, aber ich mchte Ihr
     Ehrgefhl nicht verletzen, da ich Sie als sehr zartfhlend erkannt
     habe; doch bitte ich Sie, sich in jedem Augenblick an mich zu
     wenden, wo Sie etwas ntig haben, mit Vergngen und ohne jeden
     Eigennutz werde ich Ihnen schreiben, wie nur ein zrtlicher Vater
     es vermag.

     Bewahren Sie uns immer Ihre Liebe, wie auch wir Sie immer lieben
     werden. Ihr zrtlicher Brief ist wiederholt von mir gelesen worden
     und unsere Herzen sehnen sich danach, Sie zwischen uns zu sehen.
     Fassen Sie Mut, fnf Jahre vergehen schnell, verlassen Sie sich auf
     die gttliche Vorsehung, die, wie Sie selbst sagen, ihre Geschpfe
     nie verlt.

     Wenn Sie frei sind, vergessen Sie nicht den Alten in Maida, kommen
     Sie und berraschen Sie uns, ja? Und werde ich unter der Zahl der
     Lebenden sein, um Sie wieder zu umarmen? Wenn ich fehlen sollte,
     werden meine Shne Sie statt meiner umarmen.

     Geben Sie oft Nachricht von sich und Ihrem Aufenthalt, fordern Sie
     immer etwas von mir. Meine Frau ist betrbt, Sie nicht gesehen zu
     haben, sie weint bei Ihrem Brief.

     Empfangen Sie die Gre meiner Familie, Peppino umarmt Sie und
     sagt, da er Sie dort besuchen will.

     Ich ksse Sie von Herzen und segne Sie.

     Maida, den 2. Dezember 1869.

                          Ihr zrtlicher Vater
                                         Francesco R...

In der Zwischenzeit, whrend ich mich im Gefngnis zu Catanzaro befand,
heirateten meine Schwestern, und mein Bruder verheiratete sich mit
Micheline M..., einer Spilingotin, der Schwester eines von denen, die
meine Schwestern geheiratet hatten. Whrend diese Brut und der Dummkopf,
mein Bruder, sich auf den Festen Hymens ergtzten, Wein tranken und das
halbe Erbteil verpraten, das mein unglcklicher Vater ihnen
hinterlassen hatte, seufzte ich rmster in den finsteren Hhlen zu San
Giovanni in Catanzaro.

Ich wei nicht, wie lange ich im Gefngnis zu Monteleone blieb. Jener
gute Alte, mein Onkel, der Priester Girolamo M... kam oft, mich
besuchen, wobei er Micheline, das Weib meines Bruders als einen Engel
schilderte, und er pflegte sie einen himmlischen Engel zu nennen, und
sagte, da sie schn und krftig sei. Ich konnte daraus entnehmen, da
er an der famosen Micheline etwas fand, das ihn erregte und ihm einen
heimlichen Kitzel verursachte, so alt er war, oder da er etwas
elastisches gesehen habe, worber er den Kopf verlor. Der arme Thor!

Micheline M..., die Tochter des Schurken Betta, die verbissene Schlerin
der Grundstze des berchtigten +Ruina+, ein Engel an Leib und Seele!!

Wir werden seiner Zeit von diesem Engel sprechen und dann werden die
Spilingoten und meine Landsleute mir Gerechtigkeit widerfahren lassen.

Es kam Befehl vom Ministerium, da achtzig Gefangene aus dem Gefngnis
Calabriens nach Lucera do Puglia gefhrt werden sollten, um dort ihre
Strafe zu verben, und in dieser Zahl war ich mit inbegriffen.

In meiner Abteilung waren wir neun in einem Zuge. Wir reisten ber Pizzo
und in jenem Gefngnis sollten wir den Tag erwarten, wo der Dampfer kam,
der uns nach Neapel bringen sollte. In Pizzo beauftragte meine Familie
meinen Verwandten, Michela M..., damit, alles mgliche zu thun
vermittelst rztlicher Zeugnisse, da ich an jenem Tage nicht mit
abreiste. Ich blieb einen Monat im Gefngnis zu Pizzo, alle andern
Gefangenen waren in Lucera angekommen, ich allein fehlte. Im Gefngnis
zu Pizzo waren in dem Zimmer, wo ich wohnte, noch fnfzehn oder zwanzig
Gefangene, meistens zu Kettenstrafen verurteilt, die nach dem Bagno
gefhrt werden sollten, die andern waren Angeklagte und standen unter
schwerem Verdacht.

Man kam berein, einen Fluchtversuch zu machen, und im Fall des
Gelingens auf das Land zu fliehen. Man fing an, an dem Abtritt zu
arbeiten, es war nur ntig, das Loch in der Mauer so zu erweitern, da
ein Mann knapp hindurch ging. Wir verschafften uns die zu dieser Arbeit
geeigneten Eisen und begannen in aller Ruhe zu arbeiten, und wenn Abends
der Wrter kam, um die Gefangenen zu zhlen, dann leuchtete er auch mit
einer Laterne auf den Abtritt, um die Mauer zu inspizieren; aber wir
waren schlauer als er, und wenn wir einen Teil des Tages gearbeitet
hatten, brachten wir alles wieder mit Kot und Erde in Ordnung, da es
aussah, als sei nichts zerstrt; nachher, nach der abendlichen
Inspektion, gingen wir wieder mit unseren Eisen ins Werk. Wir arbeiteten
fnf oder sechs Tage, so da an der Auenseite nur noch der Kalk an der
Mauer blieb, der nach einem Hammerschlag nachgegeben htte.

Wir hielten Rat: diese Nacht muten wir fliehen, aber ein starkes
Hindernis stellte sich uns entgegen, denn nahe dem Ort, wo die Flucht
statthaben sollte, stand die Schildwache.

Was war zu thun?

Wir beschlossen, das Los zu werfen, und wer herauskam, sollte die Mauer
sprengen, sich rasch auf die Schildwache strzen und sie niederschlagen,
ohne da sie Alarm machen konnte. Nachdem wir gelost hatten, wollte das
Schicksal, da ein gewisser Luigi Martelli aus Catanzaro bestimmt wurde,
der zu zwanzigjhriger Zwangsarbeit verurteilt war; der zweite sollte
ich sein, dann die andern der Reihe nach.

Den ganzen Tag beratschlagten wir, jeder von uns war mit einem langen
dreieckigen Dolch bewaffnet.

Abends kam der Wrter zu dem gewhnlichen Besuch, zhlte die Gefangenen,
und als er vor dem Gefangenen Farabella vorbeikommt, ffnet dieser die
Tabaksdose, die er in der Hand hatte und sagt zu dem Wrter:

Herr Ciccio, nehmen Sie eine Prise?

Ciccio nahm die Prise und sagte:

Ich danke, Farabella.

Er ging auf den Abtritt, untersuchte die Mauern und entfernte sich.

Es konnte ungefhr sechs Uhr sein, als eine Abteilung Soldaten mit
aufgepflanztem Gewehr und Karabinieri das Haus umstellten. Die Thr
unseres Zimmers ffnet sich, es tritt der Chef mit zehn Karabinieri mit
aufgepflanztem Bajonett herein, wir mssen uns paarweise in Reihen
aufstellen, wir werden untersucht und es wird entdeckt, da wir mit
langen Dolchen bewaffnet sind.

Der Anfhrer stt von auen mit einem Gewehrkolben gegen die Mauer des
Abtritts und die schwache Kalkkruste geht in Stcke.

Der Abtritt wird untersucht, unsere Arbeit entdeckt, man findet die
Meiel, die Stangen und Hmmer, die im Kot begraben lagen. Wir werden
mit Eisen und Handschellen und starken Ketten gebunden und der Chef der
Wache frgt:

Wer heit hier Antonino M...?

Ich, Herr, antwortete ich.

Wchter, befiehlt der Anfhrer, lassen Sie den Gefangenen M... in das
obere Zimmer gehen, aber bewachen Sie ihn gut!

Dank meinem Verwandten Michele Accorinti ging ich frei aus, denn nachher
habe ich erfahren, da die armen Teufel tchtig geprgelt wurden und als
am folgenden Tage der Dampfer auf der Rhede vorbei kam, muten sie unter
strenger Aufsicht nach ihrem Bestimmungsort abreisen; die
Angeschuldigten nach Monteleone mit warmen Empfehlungen von dem Direktor
und dem Chef.

Ich verga dem Leser mitzuteilen, da ich whrend der Zeit, da ich in
dem Gefngnis zu Catanzaro war, eine lebhafte Korrespondenz mit
Vincenzina unterhielt und da, als ich in Monteleone ankam, mein Onkel,
der Priester und meine Verwandten mir drohten, da sie mich meinem
Schicksal berlassen wrden, wenn ich Vincenzina nicht verliee -- alles
nur Verschwrung der Schurken aus Spilinga, die hofften, da ich mit der
Zeit eine ihrer Tchter heiraten wrde, um mich in Schimpf und Schande
zu bringen, wie sie es mit dem Laffen, meinem Bruder, gemacht hatten.

Ich war gezwungen, mich zu fgen, und dann dachte ich: Ich komme vor
Gericht unter einer nicht leichten Anschuldigung, wer wei, was fr
Folgen mir in der Hinsicht begegnen knnen. Die arme Vincenzina mute
inzwischen warten, wer wei wie lange. Wer kann die Wechselflle des
Lebens erforschen?

Wenn ich die Strafe verbt hatte, mute ich Soldat werden und zwar
erster Klasse des Jahrgangs 1850. Was konnte mir beim Militr begegnen?
Unter einem so strengen Regiment war es bei meinem erregbaren
Temperament leicht mglich, da ich neuer Schande entgegenging.

Ich schrieb Vincenzina einen Brief, in welchem ich ihr mein trauriges
Migeschick und die harte Folgezeit, die mir bevorstand, mitteilte; ich
bat sie, mir meine Schwche zu verzeihen, und sagte, da wenn die
Vorsehung mir geholfen htte, bald in meine Heimat zurckzukehren, ich
nicht verfehlt haben wrde, ihr die Hand zu reichen, und da ich sie
noch immer liebte.

Ich sandte ihr ihren Ring zurck, indem ich sie bat, den meinen meiner
Familie zuzustellen, um meine Verwandten zu befriedigen, die so emprt
gegen uns seien.

Die arme Vincenzina antwortete mir, da sie alles so gemacht, wie ihr
befohlen, da sie meine traurige Lage beklage, da sie mich als ihren
Vetter immer lieben werde und da fr mich, als ihren Verlobten, ihre
Liebe ewig, unerschtterlich sei, da sie ber mein trauriges
Migeschick weine und da sie fr meine Befreiung bete.

Jetzt wollen wir den Faden meiner Erzhlung wieder aufnehmen. Am Sonntag
nach dem, an welchem meine Gefhrten abgereist waren, reiste ich nach
Neapel ab, begleitet von drei Karabinieri und einem Genossen, der zu
fnfzehnjhriger Zwangsarbeit verurteilt war. Er war nach dem Bagno in
Favignana bestimmt und hie Luigi Perrone aus der Provinz Cosenza und
war aus wohlhabender Familie; als Angehriger der Camorra war er wegen
gewisser Vergehen, die er im Gefngnis zu Cosenza verbt hatte, von
dieser Sekte dazu verurteilt, da ihm das Gesicht zerschnitten werde,
aber bis zu diesem Augenblick hatte noch kein Picciotto die Ehre gehabt,
das fertig zu bekommen.

Er gestand mir, da er in Neapel im Gefngnis del Carmina nicht mit mir
in das Durchgangszimmer kommen wollte, aus Furcht, da ich ihn
verunstaltete, weil die Camorristen von seiner Durchreise benachrichtigt
waren und da er dem Oberwchter davon Mitteilung machen wolle.

Ich bat ihn mit mir zu kommen, da ich dafr einstehen wrde, da ihm
nichts begegnen soll, es sei nicht schicklich fr einen anstndigen
Picciotto, sich mit dem Oberwrter ins Einvernehmen zu setzen; eine noch
schlimmere Sache knne fr ihn eintreten, wenn er im Bagno sein wrde;
da es meine Sorge sein solle, ihn der Gesellschaft in Favignana zu
empfehlen, wo ich verschiedene Mitglieder kannte, und ich nannte ihm
einige gute Camorristen von Ruf, die meine engsten Freunde waren.[15]

  [15] Hieraus geht hervor, da der Mord, wegen dessen M... unter
  Bercksichtigung aller mildernden Umstnde verurteilt war, nicht seine
  einzige Unthat war, so gerne er auch seine Beziehungen zur Camorra
  bergeht.

Auf mein Zureden willigte er ein; in Neapel angekommen, im Gefngnis del
Carmina, traten wir in das Durchgangszimmer ein: ein groes Gemach mit
gewlbten Bogen und Sulen, ich glaube, in alten Zeiten ist es eine
Klosterkirche gewesen; hier waren ungefhr zweihundert Passagiere, die
Tag fr Tag, ja Augenblick fr Augenblick nach ihrem Bestimmungsort
abreisten, whrend andere Zge von dreiig oder fnfzig Gefangenen, ihre
Stelle einnahmen -- es war ein hllisches Kommen und Gehen.

Ich fand in diesem Raum einen gewissen Sansosti da Serra S.Bruno, einen
berchtigten Camorristen und ein Haupt der Gesellschaft, der zu
lebenslnglichem Kerker verurteilt war und noch die Entscheidung eines
anderen Prozesses erwartete, wegen eines im Bagno zu Piombino begangenen
Mordes. Er war wie ein zum Galgen Bestimmter gekleidet: rote Jacke und
Mtze und grne Hosen; an den Fen schleppte er mhsam zwei lange
Ketten und groe eiserne Ringe, die ein hllisches Gerusch machten.
Sansosti war ein alter Bekannter von mir, der, nachdem er mich kaum
gesehen hatte, herbeieilte, um mich zu umarmen und mir ins Ohr zu
flstern:

Das Stichwort?

Liebe und Achtung den Gefhrten, blinder Gehorsam dem Masto.

Liebe und Achtung hast Du, blinden Gehorsam wirst Du mir gegenber
beobachten. Wir kten uns, er gab mir zwei Cigarren und wir setzten
uns auf die Pritsche.

Nun, teurer Genosse, sagte er, erzhle mir, wie es den Gefhrten in
Catanzaro und Monteleone geht, ich mchte ber gar vieles unterrichtet
sein.

Lieber Sansosti, die Gefhrten sind zerstreut, jener Verrter Diogene
Perri hat sie verraten.

Dann erzhlte ich ihm das ganze Abenteuer mit Perri, seinen Tod und wie
es den Camorristen in Catanzaro gegangen war, indem ich ihn genau ber
viele andere Angelegenheiten der Camorra unterrichtete. Dann sagte er:

Und jener elende Perrone, hat man ihn nicht vorbeikommen sehen?

Es mu erwhnt werden, da Sansosti den Perrone nur dem Namen nach
kannte; denn als Perrone sich im Gefngnis zu Catanzaro befand, war er
allein in einer Zelle eingeschlossen, aus Furcht, da die Camorristen
ihn ermordeten, und Sansosti hatte ihn niemals gesehen.

Mir scheint, er ist abgereist, antwortete ich Sansosti.

Das glaube ich nicht, bei Gott nicht. Seit sechs Monaten erwarte ich
ihn schon, jeden Gefangenenzug, der ankommt, beobachte ich und erkundige
mich nach jedem, der ankommt und abgeht; man sagte mir, da er noch
nicht fort sei und Du M..., hol's der Teufel, hast ihn in keinem
Gefngni getroffen? Weit Du, was unsere Brder im Gefngnis zu Cosenza
beschlossen haben? Wer den Picciotto Luigi Perrone verstmmelt, wird,
wenn er =nicht Camorrist= ist, sofort =Picciotto di mala vita=; gehrt
er zur Camorra, so avanziert er zwei Grade; ist er Picciotto, so wird
er =Camorrist=, ist er Camorrist, so wird er eigentlicher Camorrist; ist
es der =Masto= oder auch ein Haupt der Gesellschaft, so soll er von
allen und fr alles unantastbar sein und berall in seinem Kreise als
Haupt der Gesellschaft anerkannt werden. Noch hat keiner von uns das
Glck gehabt, aber beim Blute der Madonna, er mu hier vorbei, noch ist
er nicht zurck ..., und jener Jngling, der mit Dir kam, wer ist er?

Ein Freund von mir, ein braver Junge, Nicht-Mitglied der Camorra; zu
zehn Jahren Gefngnis verurteilt und nach der Anstalt in Aversa
bestimmt.

Aber sage mir, M..., glaubst Du, da dieser ehrlose Perrone noch lange
hat, ehe er hier durchkommt?

Ich glaube, da er mit einer anderen Abteilung kommen wird, denn in
Pizzo habe ich erfahren, da er in Catanzaro krank lag.

Sehr wohl; jetzt, wenn Du etwas brauchst, verfge auch ber uns; wir
sind hier elf Genossen, mit Dir sind wir zwlf.

Lieber Sansosti, wrdest Du mir einen Gefallen thun, wenn ich Dich
darum bitte?

Sicher, bei Gott, mein Bruder!

Wohlan, hre mich an, und dann mach' mit mir, was Du willst. Ich,
lieber Sansosti, bin nicht mehr der, als welchen Du mich einst gekannt
hast; ich bin zu fnf Jahren verurteilt und habe mir vorgenommen, in
Frieden in mein Haus zurckzukehren. Jetzt bin ich es mde, von der
Camorra sprechen zu hren, von Picciotti, von Rechten und Pflichten. Der
wahre Camorrist, der wahre Picciotto ist der, welcher geduldig seine
Strafe verbt und dann zurckkehrt, um seine Freiheit zu genieen,
anstatt in diesen entsetzlichen unheilvollen Hhlen alt zu werden.

Mir recht, mein lieber M..., ich habe Mitleid mit Dir, thu' was Du
willst; ich will Dir Deinen schnen Entschlu nicht von der Seele
reien; aber heute Abend wirst Du mit mir speisen, damit ich Dich der
Gesellschaft vorstellen kann.

Mach' was Du willst, Sansosti, aber es wrde besser sein, mich von
dieser Vorstellung zu entbinden.

Nein, nein; ich will es.

Wir erhoben uns und schritten durch das von Schmutz und Ungeziefer
starrende Zimmer. Perrone, der rmste, sa in einem Winkel, in seinem
Mantel eingehllt und zitterte bis in das Mark seiner Knochen, doch
nicht vor Klte, sondern vor Furcht.

Kaum hatte ich dem berchtigten Camorristen entfliehen knnen, dem
Verchter der Menschen und der Natur, als ich mich Perrone nherte; ich
fand ihn bleich, entsetzt; ich sprach ihm Mut zu und teilte ihm mit, da
er von niemand gekannt sei und da die Dinge eine gute Wendung nhmen.
Der rmste kte mir die Hnde und umklammerte meine Knie, whrend zwei
heie Thrnen auf meine Finger niederfielen.

Abends, um die achte Stunde, wurde eine Tafel auf einer Pritsche
errichtet; wir acht Gefangenen setzten uns, denn ein Picciotto konnte
nicht die Ehre haben, mit den Camorristen zusammen zu essen; am unteren
Ende der Tafel wurde ihnen etwas gereicht. Whrend die Zhne und die
Magen arbeiteten, sagte Sansosti:

Ich stelle der Gesellschaft einen neuen Genossen, M..., vor, meinen
Landsmann, den ich genau kenne; er ist hier auf der Durchreise. Die
Camorristen drckten mir die Hnde und kten mir die Wange, dasselbe
that ich. Wir aen vergngt und tranken viel, das Mahl war reichlich,
der Wein vorzglich; dann zndeten wir die Cigarren an, gingen im Zimmer
umher und sprachen von Schandthaten der Camorra.

Und wer trug die Kosten dieser ungeheuerlichen Komdie? Es waren die
armen Unglcklichen, die nicht der berchtigten Sekte der Camorra
angehrten.

Ich knnte viele Episoden mitteilen, welche die verhrtetsten Gemter
erschauern machen wrden, aber meine Absicht, meine Pflicht, und weil
ich nicht meineidig werden will, erlauben es mir nicht, und ich bergehe
sie, um nicht den Menschen und seinen Schpfer zu verfluchen.[16]

  [16] Was fr moralische Widersprche in diesem Manne! Erst sagte er,
  da er sich anstndig halten wolle, um ruhig nach seinem Hause
  zurckzukehren, dann it und trinkt er vergngt und spricht von den
  Schandthaten der Camorra. Er enthllt unter Namensnennung
  camorristische Beschlsse und verschanzt sich dann hinter seiner
  Pflicht als Camorrist und hinter der Ehrfurcht vor Gott, um nicht von
  weiterem zu erzhlen.

  Vielleicht ist seine Ascetik nur eine Folge der Camorra. Die alte
  Camorra war in der That sehr aberglubisch und religis; ihre
  Mitglieder trugen Medaillen und Rosenkrnze und eine der
  camorristischen Zeremonien, nmlich die, um sich unsichtbar zu machen,
  vollzog sich in der Weise, da man sich eine Wunde am Arm beibrachte
  und die geweihte Hostie darber legte.

Nachts berieten Perrone und ich, was am folgenden Tage geschehen sollte,
wenn er mit lauter Stimme von dem Gefangenenwrter zum Aufbruch
aufgerufen werden wrde.

Am Morgen nherte ich mich dem Ausgangsgitter und sprach mit dem Wrter,
den ich fragte, ob er heute beim Aufruf der Gefangenen, die fort mssen,
zugegen sein werde. Er antwortete bejahend; darauf teilte ich ihm mit,
da ein Gefhrte von mir, der heute abreisen mte, sich groer Gefahr
aussetzte, wenn er entdeckt wrde, und ich bat ihn, mir den Gefallen zu
thun, wenn der Name Perrone an die Reihe kme, statt dessen den meinigen
zu rufen, worauf Perrone, der von dem Plan unterrichtet sei, das Zimmer
verlassen wrde; auf diese Weise wrde er fr heute gerettet sein. Der
Wrter gab meiner Bitte gern nach, er vermerkte mit Bleistift die Namen
auf der Karte und sagte:

Es ist in Ordnung, frchten Sie nichts, Sie sind ein heller Kopf.

Mittag kam heran, das Gitter wird geffnet, der Wrter tritt mit einer
Abteilung von zwanzig Gefangenen herein, er hlt ein Blatt Papier in den
Hnden und ruft drohend:

Ruhe, Ruhe!

Als die Ruhe hergestellt ist, hlt er sich das Blatt vor Augen und liest
laut das Verzeichnis der Gefangenen vor, die abreisen muten. Perrone
stand an dem Ausgangsgitter, der Wrter rief ungefhr zehn Namen auf,
dann rief er:

M...

Perrone strzte hinaus und stieg eilig die Treppe hinauf, whrend ein
anderer Wrter unten rief:

Hierbleiben! Wohin? Hierbleiben, zum Teufel!

Die aufgerufenen Gefangenen gingen hinaus, das Gitter wird geschlossen,
ich ging mit Sansosti auf und ab, der zu mir sagte:

Jetzt glaube ich's; er ist noch nicht durchgekommen, soviel ist sicher.
Der elende Perrone, hier mu er durch; hier werden wir unsere Rechnung
glatt machen, da es in Calabrien nicht mglich war, was sagst Du, M...?

Ich glaube es, ich glaube es gern; wenn er noch nicht durch ist, mu er
noch kommen, -- wenn er nicht mit der Eisenbahn transportiert wird.

Mit der Eisenbahn? Du meinst, da ihn die Regierung zum Vergngen in
Italien herumreisen lassen wird?

Wenn er noch nicht durch ist, erwiderte ich, mu er sicher hier
vorbei -- aber, lieber Sansosti, was geht es Dich an, da Perrone dem
Haupt der Gesellschaft, dem Guardavalle, das Gesicht mit einem Messer
aufschnitt? Was fr ein Interesse hast Du daran, Dich in diese Dinge zu
mischen! Gengen Dir nicht die traurigen Strafen und die Leiden, die er
jetzt duldet?

Welche Strafen, welche Leiden? Und bist Du M..., der so spricht? Hast
Du Dich seit den zwei Jahren so verndert? Haben wir nicht geschworen,
die Schmach zu bekmpfen? Habe ich Dir nicht die Worte auf die Brust
eingeschnitten: Tod der Schmach! Hast Du nicht mit Deinen Genossen
geschworen, die Schmach auszurotten!?

O, damals waren andere Zeiten, ein anderes Herz schlug mir damals in
der Brust, und glaube mir, Sansosti, nachdem ich die Strafe erhalten
habe, habe ich Mitleid mit allen Unglcklichen und Entehrten, ich liebe
sie alle wie meine Brder, die Guten und die Bsen, die Armen und die
Reichen, ob sie Genossen der Camorra sind oder nicht.

Nein, M..., nein; die Schmachvollen sind immer schmachvoll, sie
verdienen keine Rcksicht und kein Mitleid. Erinnerst Du Dich, als ich
Dir im Gefngnis zu Catanzaro einen Sto gab? Damals kannte ich Dich
nicht; und Du, der Du die Beleidigung empfandest, verschafftest Dir ein
scharfes Eisen, um mich zu ermorden, whrend ich auf dem Abtritt meine
Bedrfnisse verrichtete. Und warum? Weil ich Dich beleidigt hatte, und
heute willst Du nicht, da ein Elender, der die ganze Camorra beleidigt,
verstmmelt wird.

Das waren die Gesprche, die ich mit diesem Galeerenhunde fhrte in den
drei Tagen, die ich im Gefngnis del Carmine war.

Ich allein, gefesselt und von zwei Karabinieri begleitet, fuhr mit der
Eisenbahn in einem Wagen dritter Klasse nach Foggia, machte in Benevento
Rast und setzte Tags darauf meine Reise fort. Im Gefngnis zu Foggia
wurde ich in ein Zimmer zu ebener Erde gebracht; hier traf ich einige
dreiig Gefangene.

Man mu wissen, da ich ein groes dickes Buch bei mir trug, in dessen
Einband eine lange Messerschneide verborgen war, hnlich der, mit
welcher die Lmmer geschlachtet werden; dieses Buch und das Messer hatte
mir ein Camorrist im Gefngnis zu Pizzo geschenkt. Ich trug es bei mir,
um unter Umstnden Gebrauch davon zu machen ... Kaum war ich in dem
Zimmer, als ich mir einen halben Liter Wein bringen lie, den ich mit
zwei Soldi bezahlte, denn der Liter kostete vier Soldi, ein
ausgezeichneter Barlettawein, denn damals war die Traubenkrankheit noch
nicht in Apulien aufgetreten.

Ich habe mich auf eines der Fenster gesetzt, das von auen mit
Holzfachwerk verkleidet ist, damit man nicht sehen soll, was drauen
vorgeht; ruhig und friedlich trinke ich meinen halben Liter Wein, um den
Magen zu wrmen, der seit zwlf Stunden trocken war. Whrend ich den
Gttertrank schlrfte, freute ich mich, da ich mde war und mich an
einem mir unbekannten Ort befand. Ein hbscher bartloser Jngling von
sechszehn bis siebzehn Jahren, anstndig gekleidet und aufgeputzt wie
ein Dmchen, mit einer schief auf den Kopf gestlpten roten Kappe, wie
sie im Gefngnis zu Catanzaro angefertigt werden, mit Flittern von
verschiedener Farbe geschmckt, nhert sich mir und sagt:

Freund, knnte ich die Ehre haben, Ihnen zwei Worte sagen zu drfen?

Auch hundert, antwortete ich mit verdrielicher Stimme.

Hier ist die Societa del Diritto, sie mchte etwas von Ihnen
beanspruchen.

Haben Sie ein wenig Geduld, mein lieber Picciotto, nachher werden Sie
bedient, aber sagen Sie mir, wer sind Sie?

Ich bin ein Picciotto di sgarro.

Schn. Haben die das Amt des Picciotto _du jour_?

Zu dienen.

Dann thun Sie mir den Gefallen und sagen Sie dem Camorristen _du jour_,
da ich um eine Unterredung mit ihm bitten lasse.

Wir haben hier keinen Camorristen _du jour_, das Haupt der Gesellschaft
macht hier alles.

Wie? rief ich verwundert aus, eine Societa del Diritto, die aus mehr
als zwei Genossen besteht, hat keinen Camorristen _du jour_? Das ist mir
neu, sehr neu, trotzdem ich nicht gerade wenig wei.

Wir machen hier alles selbst, wir beraten alles zusammen, und je mehr
einer wei, desto besser ist es fr ihn.

Bravo, mein Picciotto, bravo, tausendmal bravo! Wir machen alles selbst
-- also alles macht ihr selbst! Ihr braucht niemand Rechenschaft zu
geben von dem, was ihr thut. Was fr eine Bande seid ihr denn? Nicht
bel: wir machen alles selbst. Dann werden also auch die Picciotti bei
Euch zur Versammlung zugelassen?

Natrlich; der Picciotto wird zuerst zugelassen.

Nun sagen Sie mir, lieber Picciotto, welches sind die Pflichten eines
Picciotto di sgarro, seine Funktionen und die Beziehungen, die er zur
Gesellschaft haben soll?

Das wei ich nicht, denn ich kann weder lesen noch schreiben, ich
gehorche den Befehlen, die mir meine Genossen geben.

Nun, dann will ich es Ihnen sagen. Die Pflichten eines Picciotto di
sgarro sind, entweder zu betrgen oder betrogen zu werden; haben Sie
verstanden?... Aber nun marsch! Nachher werden wir uns wiedersehen!

Er ging verdrielich ab. Fnfzehn Gefangene nahmen ihn in die Mitte und
umringten ihn. Es waren die Camorristen, welche die Gesellschaft
ausmachten und ich glaube, da der elende Picciotto erzhlte, was ihm
bei mir begegnet war.

Ich ma den Kreis mit den Blicken und schtzte die Hallunken ab. Ich bin
allein, dachte ich, aber ich habe ein Messer, ich bin bewaffnet, kann
ich es darauf ankommen lassen, ich allein, es mit jenen fnfzehn
Hallunken aufzunehmen? Und wenn jene auch bewaffnet seien, und bessere
Waffen haben als ich? Sie sind fnfzehn, ich allein; wenn ich einen
Genossen htte, der mir den Rcken decken wrde -- ja, dann wrde sich
das Schauspiel ndern. Dann knnte man es wagen; aber allein, allein
geht es nicht; ich mu die Klugheit siegen lassen und abwarten.

Der Picciotto erscheint wieder und sagt:

Die Gesellschaft mchte sich von Ihnen etwas spendieren lassen.

Sagen Sie mir, lieber Picciotto, sind Sie verurteilt?

Noch nicht.

Sind Sie angeschuldigt?

Zu dienen.

Wo wird Ihre Sache verhandelt?

In Lucera.

Schn, knnte ich die Ehre haben, Ihren Namen zu erfahren?

Paolo Pescari, zu dienen.

Sehr schn.

Ich knpfte meine Weste auf, ffnete das Hemd und zog ein Amulet der
Madonna del Carmine hervor, das ich um den Hals trug. Ich ffnete es und
nahm eine Fnflirenote heraus, die ich dem Picciotto mit den Worten
reichte:

Bitte, das gengt fr Ihre Gesellschaft; aber Sie, erinnern Sie sich,
da sie Ihnen ein Calabreser Namens M... gegeben hat.

Ich danke, ich werde es nicht vergessen.

Man glaubt nicht, was in meinem Herzen vorging und was ich auf den
Lippen hatte, die Nacht ergriff mich ein heftiges Fieber mit
Delirien.[17]

  [17] Diese Thatsache ist von groem diagnostischen Wert und lt in
  M... einen Epileptiker vermuten. Man mu beachten, da er nicht emprt
  ist, weil er sich der Camorra beugen mu, sondern weil es sich um eine
  falsche Camorra handelt.

Ich blieb fnf Tage in jenem Flecken und dachte: Was werden meine
Gefhrten sagen und die, welche mich gekannt haben, wenn sie erfahren,
da ich im Gefngnis zu Foggia fr die Camorra habe bezahlen mssen?

Wo sollte ich mich verbergen?[18]

  [18] Man ersieht daraus, wie stark die Verbrechereitelkeit bei M...
  war, trotz seiner Beteuerungen gegenber dem Camorristen Sansosti.

Sie werden sagen: Jeder Vogel liebt sein Nest.

Und je mehr ich daran dachte, um so mehr stieg mir das Blut zum Kopfe.

In Lucera angekommen, schlo man mich in das Gefngnis San Domenico, in
ein Zimmer, wo zwanzig Calabreser waren, lauter Bekannte von mir. Man
mu beachten, da in Lucera drei Gefngnisse waren: das
Gerichtsgefngnis, das Gefngnis San Francesco und San Domenico, die
alle dicht bei einander liegen.

Folgendermaen war das Gefngnis San Domenico beschaffen: Zwei lange
Zimmer mit je einem Fenster, die auf den Brgersteig an der schnen
breiten Strae inmitten der Stadt hinaus gingen. Die Fenster waren
mannshoch, mit zwei groen Gittern und einem Netz aus Gueisen versehen;
zwei andere Fenster gingen auf einen kleinen Hof hinaus; zwischen den
beiden Zimmern lag der Wachtraum, etwas weiter oben das Zimmer der
Wrter mit dem Amtszimmer des Oberwrters, des Peppino Crigna.

Wir waren einundzwanzig Mann, liebten uns als gute Unglcksgefhrten und
halfen uns gegenseitig.

Von dem, was mir damals im Gefngnis zu Foggia begegnete, sagte ich
meinen Genossen nichts, denn ich konnte einem camorristischen Gericht
unterworfen und bestraft werden.

Zwar spricht Francesco Mastriani in seinen Romanen ausfhrlich von der
Camorra, aber die Camorra der alten Zeiten ist etwas ganz anderes als
die von heute, alles ist verndert, die Gesetze, Einrichtungen,
Kleidung, Arbeiten, Jargon, Rechte und vieles andere; nur der alte Name
ist von frherher geblieben und sonst nichts. Jedes mal, wenn eine
Abteilung von Gefangenen ankam, stellte ich mich an's Fenster des
Hofraumes, um zu sehen, ob der Picciotto aus Foggia ankme, aber zwei
Monate lang erwartete ich ihn vergebens. Eines Tages, als ein Zug von
nur wenigen Gefangenen ankommt, hre ich einen Wrter rufen:

Transport aus Foggia!

Ich trete an's Fenster, blicke und suche mit dem Auge und sehe den
Picciotto aus Foggia, mit seiner schief aufgestlpten roten Kappe.

Ich rufe den Wrter Peppino, der mein Freund ist, da ich ihm tglich
zwei Brote liefere, die er mir mit fnfzehn Centesimi bezahlt.

Peppino, sprach ich, jener Bursche mit der schiefen roten Mtze ist
Paolo Pescari, mein lieber Freund; haben Sie die Gte, ihn nach der
Untersuchung in mein Zimmer zu schicken.

Wrter Cicciotto, sagt der Oberwrter zu einem in der Nhe stehenden
Wrter, wenn Sie den Paolo Pescari durchsucht haben, lassen Sie ihn
hier hereinkommen.

Sehr wohl, antwortet der Wrter.

Ich begab mich wieder zu meinen Gefhrten und erzhlte ihnen mein
Abenteuer im Gefngnis zu Foggia, wobei ich nicht die fnf Lire verga,
die ich dem falschen Picciotto gegeben hatte.

Die wackeren Genossen gerieten in groe Wut, der eine wollte ihn tten,
der andere die Nase abschneiden, der dritte das Gesicht verstmmeln
-- alle fluchten und drohten durcheinander, die Fuste streckten sich in
die Hhe und die Messer wurden hervorgezogen.

Ich mute sie bitten, sich zu beruhigen und das zu thun, was ich dachte.

Liebe Genossen, sagte ich, wir wollen ihn weder tten, noch
verstmmeln; das thut man nicht mit einem armen Burschen, der so elend
ist wie wir; ich will Euch ein Mittel angeben, eine famose Posse
aufzufhren, wobei keiner zu leiden braucht. -- Bildet eine
camorristische Gesellschaft, ernennt ein Haupt, whlt die Camorristen,
die Picciotti, die Novizen, stellt eine richtige Societa di diritto dar;
wenn der Picciotto Pescari eintritt, dann fragt ihn erst nach den
Aufnahmerechten, dann nach den Wohnungsrechten; das brige werde ich
machen: wenn Ihr in Zukunft Rechenschaft ber Euer Benehmen ablegen
mt, so stehe ich fr alles ein; ich brge fr alles, was daraus folgen
kann; aber ich bitte Euch, die Hand in der Tasche zu lassen und nicht
das Messer gegen den gemeinen falschen Picciotto zu gebrauchen; ich
werde mich beiseite halten und keinen Anteil an der Komdie nehmen und
ihr mt mich gleichgiltig behandeln.

Sie traten zusammen und thaten, was ich angeordnet hatte.

Der Picciotto Paolo Pescari tritt ein und sagt:

Heil den Genossen!

Er verhunzte das Losungswort oder kannte es nicht, es lautete statt
dessen:

Heil und Frieden den Genossen, Achtung Allen!

Statt sich das Haar zu gltten oder das Kinn zu berhren, rckte er die
Mtze auf dem Kopf zurecht. Im Zimmer wurde er von den hungrigen Kerlen
umzingelt, in der Hand trug er einen groen Sack, der von einem
ergriffen wurde, der das Amt des Zimmerkehrers hatte und der den Sack
auf das Bett warf.

Die Kerle erkundigten sich, woher er kme, wessen er angeklagt sei, wer
sein Verteidiger wre, ob er diesen oder jenen Camorristen oder
Picciotto kannte. Zitternd und nachdenklich antwortete er auf die
Fragen.

Ich lag auf meinem Bette, mit dem Rcken auf dem Strohsack und rauchte
eine Pfeife. Als mir der Bursche reif und durch das Hin- und Herfragen
gengend verwirrt schien, erhob ich mich, trat an das Fenster und rief:

Frau M..., Frau M...!

Es war die Wrterin, die auf Kosten der Gefangenen gehalten wurde, und
die mir wegen verschiedener kleiner Geflligkeiten zugethan war.

Die M... kommt, tritt an das Gitter und sagt:

Was giebt es, mein lieber M...?

Nichts, aber ich mchte wissen, wieviel Geld der Gefangene Paolo
Pescari im Bureau deponiert hat.

Sofort, sagte sie und ging. Bald kam sie wieder und sagte:

Der Gefangene Paolo Pescari hat im Bureau dreiig Lire deponiert.

Ich wei, liebe M..., ich kann mich auf Dich verlassen, wie Du auf mich
und meine Genossen. Wenn Du nachher kommst, um die Rechnungen zu
schreiben, so beachte, da Paolo Pescari Dir eine Nota von dreiig Lire
berreichen wird, fnfzehn sind fr Dich, die andern fnfzehn werde ich
fr Essen, Trinken und Rauchen ausgeben, hast Du begriffen?

M..., Du wirst mich um meine Stellung bringen.

Du wirst nichts verlieren, verla' Dich auf mich.

Ich rechne darauf, M...

Schn, sind wir einig?

Ja, wir sind einig.

Ich setzte mich auf mein Bett, nahm ein Blatt Papier und schrieb mit
groer deutlicher Schrift:

=Kostenrechnung fr den Gefangenen Paolo Pescari.=

   Kalbfleisch, 20 Portionen           L.  5,--
   Kuchen,      20     "               "   5,--
   20 Liter Wein  5 Soldi             "  10,--
   Gemse                              "   2,--
   Rauch- und Schnupftabak, Cigarren   "   8,--
                                      ----------
                                       L. 30,--

Nachdem ich diese Nota geschrieben hatte, rief ich einen Genossen und
sagte:

Achte auf das, was ich Dir sage und mache folgendes: Dies ist eine Nota
ber 30L., die der neue Picciotto der M... geben sollte, wenn sie nach
den Rechnungen kommt; ich habe alles mit ihr abgemacht.

Schn, M..., ich habe verstanden, heute wird gegessen und getrunken.

Ich bergab die Nota einem Genossen, der die andern von meinem Werk
unterrichtete.

Als die Speisestunde kam, sagte ein Picciotto der neuen Gesellschaft zu
Pescari:

Freund, ist es mir gestattet, mit Erlaubnis dieser Herren eine Bitte
auszusprechen?

Auch zwei, erwiderte Pescari khn. Sie traten in einen Winkel des
Zimmers; der neue Picciotto, mit der Mtze auf dem rechten Ohr, die
rechte Hand in das Hemd gesteckt, sagt zu Pescari:

Freund, die Gesellschaft mchte von Ihnen etwas spendiert haben, lt
sich das machen?

Ich bin ebenfalls Picciotto.

Nein, Du bist ein Hallunke! Und wenn Du noch einmal das Wort
wiederholst, das Du eben gesagt hast, so schlage ich Dir die Zhne aus
dem Maul!

Aber erlauben Sie! Ich ...

Du bist ein Hallunke! Sei still und muckse nicht, sonst ...

Die Wrterin kommt und unterbricht das lcherliche Duett, das ich gern
zu Ende fhren she.

Nun, was Sie auch seien; fassen Sie Mut, heute trinken wir eine Flasche
zusammen, aber sei still, sonst schlage ich Dir den Schdel ein.

Und vom Du ging es zum Sie ber und wieder zum Du.

Er giebt ihm einen derben Sto, nimmt ihn am Arm und fhrt ihn nach dem
inneren Gitter, wo gewhnlich die Rechnungen geschrieben wurden; alle
einundzwanzig standen dort zusammen.

Ein Calabreser berreicht der Wrterin die Nota und sagt:

Unser Freund Pescari, der berhmte Picciotto aus Foggia, will uns heute
ein Festessen geben, hier ist der Speisezettel, nicht wahr, Pescari?

Ja, Herr!

Ein anderer Calabreser antwortete statt des Gefragten.

Die Wrterin bertrgt den Zettel in ein groes Register, giebt ihn
zurck und geht fort.

Sofort verbrannte ich den mit meiner Hand geschriebenen Zettel.

Alle reihten sich um Pescari und bestrmten ihn mit camorristischen
Fragen und Redensarten.

M..., M..., heute giebt's ein Fest; alle Teufel! Der volle Korb, die
gute Waare, Wein aus Barletta! M..., M..., hier ist Ihr Fenchel und Ihr
halber Liter!

Es war der Wirt, der aus vollem Halse brllte, da es in der Wlbung
widerhallte.

Ich eile an das Gitter und nehme den halben Liter Wein, meinen Becher
und den Fenchel entgegen. Dieser halbe Liter und der Fenchel wurden mir
tglich von dem Wirt verehrt.

Jeder meiner Leser wird wissen wollen, warum der Wirt mir den halben
Liter und den Fenchel verehrte, nicht wahr?

Eure Neugier soll befriedigt werden.

Als ich zuerst in das Gefngnis gebracht wurde, hatte ich einen Streit
mit dem Wirt gehabt wegen zwei Soldi Tabak, der nicht richtig im Gewicht
war; ein Wort gab das andere, bis ich ihm den Becher ber den Kopf
schlug, da er fast in Stcke ging; von da ab konnten meine Genossen ihn
nicht mehr sehen; jedes mal, wenn er kam, erscholl es aus allen drei
Zimmern:

Hinaus mit dem Schuft, hinaus mit dem Lump!

Der Direktor rief mich und bat mich, dem Wirt zu verzeihen und dafr zu
sorgen, da meine Gefhrten ruhig seien, sonst mte er den Wirt
wechseln.

Der Oberwrter rief mich in Gegenwart der Wrter, wir blinzelten uns zu,
und er sagte mir:

M..., so lange Sie in diesem Gefngnis sind, gebe ich Ihnen tglich
einen halben Liter vom besten Wein und einen Fenchel oder irgend ein
anderes Gemse, sind Sie zufrieden?

Schn, aber hte Dich, Dein Versprechen zu brechen.

Eher will ich es dem Teufel brechen, aber nicht Ihnen. Dies ist der
Grund, weshalb der brave Wirt mir den halben Liter und den Fenchel gab;
jetzt kann es weiter gehen.

Meine Genossen machten eine Rechnung von fnfzehn Lire, whrend die
anderen fnfzehn Lire der Wrterin M... zu gute kamen.

Sie warfen die Strohscke zur Erde und stellten aus den Pritschen und
den Stndern eine groe Tafel her und deckten das Betttuch darber; die
zusammengerollten Strohscke dienten als Sitze, vor sich stellten sie
die Npfe und eine groe Flasche mit Wein; so aen sie und tranken sie,
die Becher voll schumenden Weines, und oft kten sich die
Tischgenossen auf die Lippen. Ich sa auf meinem Bett, a meinen Fenchel
und schlrfte meinen halben Liter Wein; der arme Pescari sa auf dem
Fenster und sah mich heimlich an, whrend er oft und schmerzlich
seufzte.

M..., beehren Sie uns doch und speisen Sie mit, riefen die
Tischgenossen.

Ich danke sehr, meine lieben Freunde.

Sie aen und tranken mit vollem Munde, sprachen laut und verworren
durcheinander, brachten Trinksprche aus in ihrer kalabresischen
Mundart, da man vor Lachen platzen konnte; ein wahres Teufelsbacchanal;
einer sang, der andere lachte wie verrckt, der dritte erzhlte Spe
und berichtete aus seiner Heimath, und diese tolle Posse spielte sich ab
auf Kosten des halbverhungerten, betrbten Pescari.

Die Suppe kam, ich nahm meine und a sie[19], Pescari nahm die seinige
und stellte sie unter sein Bett, die andern wiesen sie zurck, indem sie
sagten:

Heute brauchen wir den Brei nicht, gebt ihn den Armen; uns geht es
vorzglich.

  [19] Es ist merkwrdig, wie M... sich hier als Rcher der verletzten
  Moral aufspielt, man mchte sagen, da er die Rolle des
  Uninteressierten hervorkehren will, whrend er vielleicht nur seinem
  Spitzbubeninstinkt gehorcht, um nicht als der Urheber dieser
  Camorraszene entdeckt zu werden. Man thut gut, nicht zu vergessen, da
  der ganze Zorn gegen Pescari nicht davon herrhrt, da er die Camorra
  herausgefordert hatte, sondern sich fr einen Camorristen ausgegeben
  hatte, ohne es zu sein. Man mchte glauben, da M..., obgleich er es
  nicht bekennen will, ein Haupt der Camorra gewesen ist. Seine
  Handlungsweise ist dieselbe, wie sie Pucci (_Archivio di Psichiatria_,
  V.Jahrgang 1884) und Alongi (_La camorra Studio di Sociologia
  criminale, Torino, Bocca 1890_) bei den Huptern der Camorra
  beschreiben.

Bis auf den Abend dauerte das Mahl meiner Genossen. Sie erhoben sich von
der Tafel mit vollem Magen und weinerhitzten Kpfen; jeder hatte eine
gute Zigarre zwischen den Zhnen und blies mchtige Rauchwolken von
sich. Sie umringten den unglcklichen Pescari und fingen die alten
Fragen ber seinen Proze, seinen Anwalt, ber Camorristen und Picciotti
wieder an. Ich trat ans Fenster und sagte einem Wrter, der vorbeiging:

Haben Sie die Gte, mir den Wrter di A... zu rufen, ich mchte ihn
sprechen.

Alsbald erschien di A...

Dieser Wrter war ein armer, alter Mann, Vater von neun Tchtern, arm
wie Hiob, so da er die Gefangenen um ein Stck Schwarzbrot anbettelte.
Er war mir gewogen, weil ich ihm Brot und etwas Tabak gegeben hatte,
auch einige Npfe voll Brei oder Reis[20].

  [20] Man sieht, wieviel dem System eines Spezialkorps fr die
  Gefngniswache widerspricht. Es existiert militrische Disziplin, aber
  der Soldat wird von den Gefangenen unterhalten, und sucht aus seinem
  traurigen Geschft soviel wie mglich herauszuschlagen.

Was giebt's, M..., wnschen Sie etwas?

Sagen Sie, di A..., kann ich mich auf Sie verlassen?

Gewi, wie ich mich auf Sie verlassen habe.

Nun, so hren Sie mich an und thun Sie, was ich Ihnen sage: Hier ist
ein Sack mit Kleidern, ich wei nicht, was fr welche; sie sind uns hier
unbequem, und ich mchte, da sie wegkommen; wollen Sie das
bernehmen?

Aber wem gehrt der Sack?

Dem Teufel, der Dich holen soll!

Schn, schn, ich habe verstanden; spter, M..., beim Dunkelwerden.

Sehen Sie zu, da Sie sich entfernen, sobald Sie glauben, da es
gelingt, ohne da der Oberwrter Sie bemerkt; klopfen Sie mit dem
Schlssel an das Gitter und pfeifen Sie, um mich zu benachrichtigen.

Machen Sie, da uns keiner sieht, sonst M..., bin ich ruiniert.

Pescari stand hinten im Zimmer, umgeben von den zwanzig Kerlen, sein
Bett, unter dem er den umfangreichen Sack niedergelegt hatte, war nahe
der Ausgangsthr.

Der Schlssel klopft auf das Eisengitter, ich gehe ans Fenster und di
A... sagte mir:

Bringen Sie die Leiche an die Thr, ich ffne rasch und Sie geben sie
mir.

Die Thr war wie gesagt nahe dem Bett, wo der Sack war, ich ergreife ihn
unbeobachtet und gehe zur Thr, die halb geschlossen ist, eine Spalte
ffnet sich und eine runzlige, knochige, vertrocknete Hand streckt sich
aus, um den Sack entgegen zu nehmen, darauf schliet sich die Thr ohne
das geringste Gerusch.

Ich unterrichte meine Genossen von dem, was ich gemacht hatte.

Die Nacht bricht herein, die Thr ffnet sich geruschvoll, man hrt das
Klirren des Schlsselbundes, der Oberwrter mit fnf Wrtern treten ein,
zwei tragen brennende Laternen; einer mit einer runden Eisenstange
tritt an's Gitter und klopft eine prchtige Polka. Wir waren alle auf
den Beinen, jeder am Fuende seines Bettes, die Mtze in der Hand. Der
Oberwrter ruft die Namen auf und wendet sich an den Stubenltesten:

Wie viel sind es?

Zweiundzwanzig, antwortet er.

Zweiundzwanzig, wiederholte der Vorgesetzte.

Er wollte gehen, als Paolo Pescari, der famose Picciotto der Camorristen
in Foggia, derselbe, welcher den Mut gehabt hatte, mir gegenber zu
treten, um mich nach den Regeln der Camorra zu fragen[21], der, welcher
sich als Guappo aufspielte mit der schief aufgesetzten Mtze, aus der
Thr floh und zwischen den Soldaten hindurch in das Wachtzimmer lief,
indem er rief:

Hilfe, Hilfe, sie wollen mich ermorden!

  [21] Das ist das groe Verbrechen. M..., der dem Sansosti erklrte,
  da er auf den rechten Lebenspfad zurckkehren und von der Camorra
  nichts mehr wissen wolle, obgleich er sie wer wei wie oft zu seinen
  Gunsten in Anspruch genommen hat, kehrt aus bloem Wunsch nach Rache
  zu ihr zurck. Das Unrecht des Pescari, das ersieht man aus dem
  folgenden, war, sich als Guappo aufgespielt zu haben, ohne es
  wirklich zu sein. Daraus ersieht man, wie die verbrecherische
  Assoziation, wovon die Camorra ein Beispiel bildet, ein Versuch der
  antisozialen Elemente ist, um andere soziale Kriterien aufzustellen,
  die ihrem Temperament mehr entsprechen.

Die Wrter und der Oberwrter eilen hinzu, fassen ihn und fragen ihn,
was er habe, welches Gespenst er gesehen habe.

Ich will nicht in diesem Zimmer bleiben, die Kalabresen wollen mich
ermorden.

Dann lat sein Bett in das andere Zimmer schaffen, befahl der
Oberwrter, und er mge zu seinen Genossen kommen, wenn ihm schon der
kalabresische Dialekt nicht gefllt; aber eigentmlich ist es, heute
Morgen schienen sie so befreundet und jetzt liegt das Gegenteil vor;
oder er ist betrunken: er hat dreiig Lire ausgegeben, um sich mit
seinen Freunden lustig zu machen und ein Glas in ihrer Gesellschaft zu
trinken, und jetzt luft er in das Zimmer und schreit, da sie ihn
ermorden wollen. Ja, in der That, nett, sehr nett: entweder ist er
verrckt oder betrunken -- oder M... ist ein vollendeter Schurke.

Paolo Pescari wird mit seinem Bett in das andere Zimmer gebracht, und
wir schrieen:

Hoch der Picciotto der Camorristen aus Foggia, der Lumpenbande. Hinaus
mit dem Schuft; Dir haben wohl die fnf Lire gefallen, Du Kanaille; aber
jetzt hast Du mit uns zu thun; aber glaube es, wir werden uns
wiedersehen! und Heulen, Pfeifen und Grimassen begleiteten ihn
triumphierend in das andere Zimmer.

Es war ein Teufelslrm, der Wrter konnte nicht mehr lachen und rief:

Seid still! Was fr eine Hllenzucht ist das hier!

Eine Menge Einwohner von Lucera drngte sich unter den Fenstern der
beiden Zimmer und auf der Strae. Fragen und Antworten gehen hin und
her, man will den Grund des Lrms wissen, die Wachtsoldaten laden ihre
Flinten.

Auf die Ste, Pfiffe und Grimassen folgten Lieder in kalabresischer
Mundart: man sang die halbe Nacht hindurch; dann legten sie sich mde,
betrunken auf die Erde und schnarchten wie eine Sauheerde, und ich,
glaubt es mir, wanderte die ganze Nacht umher mit einem Dolch und
bewachte die Schlafenden aus Furcht vor einer berraschung oder einem
Streich, den man ihnen spielen knnte, und ich freute mich, sie so
liegen zu sehen, einer ber dem andern, mit aufgesperrtem Munde, wie sie
schnarchten, schnarchten! Tags darauf wurde ich vom Direktor gerufen,
der zu mir sagte:

Sie, mein braver junger Mann, durften nicht erlauben, da Ihre
Landsleute den Gefangenen Pescari um seine Kleider und sein Geld
brachten; sagen Sie mir gewissenhaft, wie die Sache gekommen ist.

Herr Direktor, ich kann Ihnen nichts sagen; als der Gefangene Pescari
in mein Zimmer eintrat, umarmte und kte er sich mit allen meinen
Gefhrten, als ob sie seit langer Zeit Freunde gewesen seien; ich kannte
ihn nicht und blieb auf meinem Bett sitzen und rauchte meine Pfeife. Sie
haben angefangen zu reden, zu fragen und zu antworten und was wei ich
sonst noch. Um die Speisestunde sagte Pescari, da er auf seine Kosten
ein leckeres Mahl geben wolle, um sich zu zerstreuen, er verlangte
alles, was zum Schreiben ntig ist, um eine Aufstellung zu machen, was
er kaufen wolle. Dann kam die Wrterin und er gab ihr seine Aufstellung,
die Wrterin fragte: das wollen Sie alles kaufen? Er sagte ihr, alles,
das ist das Menu; dann ging ich und kmmerte mich um meine Sachen.

Nachdem das Essen gekommen war, machten sie aus ihren Bettstellen eine
groe Tafel, dann setzten sie sich nieder und lieen die Zhne arbeiten
und tranken frhlich und auf das Wohl des Paolo Pescari, des berhmten
Picciotto, wie sie ihren Genossen in ihren Trinksprchen nannten. Ich
bin eingeladen worden, aber habe nicht annehmen wollen; nach dem Essen,
das lange dauerte, schenkten sie mir eine Zigarre. Das habe ich gesehen
und kann ich besttigen.

Aber Pescari sagt, da er einen Sack mit Kleidern in das Zimmer
gebracht hat, auch dieser ist verschwunden.

Ich, Herr Direktor, habe keinen Sack gesehen, und dann vermag ich auch
nicht zu glauben, da meine Landsleute fhig sind zu stehlen. Wenn sie
ihn gestohlen haben, mu er sich in dem Zimmer finden, das beste ist,
wenn Sie eine Untersuchung vornehmen; wenn er da ist, wird er sich
finden und Sie werden den Dieb bestrafen; wenn er nicht da ist, so mu
der Gefangene Paolo Pescari ein Verleumder sein und schwer bestraft
werden[22]. Ist meine Ansicht nicht logisch, Herr Direktor?

  [22] Auch dies ist eine charakteristische Bemerkung. Man mchte sagen,
  da M... die ganze Gemeinheit der Verleumdung kennt, gerade in dem
  Augenblick, wo er eine schlimme Intrigue anzettelt.

Sehr logisch und verstndig.

Der Direktor, der Oberwrter und die Wrter begaben sich in mein Zimmer
und jeder Gefangene stellte sich mit der Mtze in der Hand am Fue
seines Bettes auf.

Kalabreser, sprach der Direktor, Ihr seid alle brave junge Leute, ich
habe viel Nachsicht mit Euch gehabt, weil Ihr fern von Eurer Heimat
seid, und glaubt mir, ich will Euch wohl, aber heute habt Ihr mir einen
Kummer verursacht, den ich von Euch nicht erwartet htte[23]. Gestern
ist der Gefangene Pescari hier hereingekommen. Er sagt, da Ihr ihn mit
Gewalt veranlat habt, dreiig Lire auszugeben, das einzige Geld, das er
hatte; dann hatte er, als er hereinkam, einen Sack mit Kleidern bei
sich, auch dieser Sack ist inzwischen verschwunden. Ist das wahr, was
Pescari behauptet?

  [23] Diese wohlwollende, fast furchtsame Redensart ist keine
  bertreibung. Die Camorra behauptet sich noch heute in den sdlichen
  Gefngnissen, dank dieser Hflichkeit der Gefngnisdirektoren. Diese
  armen Breaukraten wissen, da in einer Epoche politischer Wandlungen
  das beste, was sie thun knnen, ist, ihren Vorgesetzten keinen rger
  zu machen.

  Wenn sie durch die Energie ihrer Maregeln ble Laune erregt und sich
  der Gefahr eines Aufstandes ausgesetzt htten, so htten sie den
  Schaden einer Versetzung gehabt. Wenn sie dagegen ihren Gefangenen
  gegenber ruhig blieben, konnten sie ihr Leben unbemerkt verbringen.
  Es ist brigens nicht lange her, da infolge eines Aufstandes in einem
  Bagno das Ministerium eine Untersuchung angeordnet hatte. Es handelte
  sich um eine durch das Essen veranlate Unzufriedenheit. Wenn es sich
  um einen Bauernaufstand gehandelt htte, htte man die Leute
  eingesperrt und die einzige Untersuchung, die angestellt worden wre,
  wre die durch die Gerichtsbehrde gewesen, welche ihr Urteil
  ausgesprochen htte, ohne da das Essen besser geworden wre.

Zwanzig Stimmen erwiderten auf einmal:

+Der Gefangene Pescari ist ein Hallunke!+ Er ist ein Dieb, ein Lgner!
Und alle schrieen sie durcheinander, da die Schildwache, welche
vorbeiging, die Wache zu den Waffen rief.

Ein Haufe von Luceranern rief von auen:

Die Kalabreser tten die ganze Wache, sie empren sich, sie wollen
fliehen.

Der Direktor und die Wrter gehen eilig fort, die Thr heftig
zuschlieend, und wir lachen, heulen und singen.

So schlo die Posse, und Paolo Pescari, der Picciotto mit der schiefen
Mtze, bezahlte die Zeche der Camorra mit dreiig Lire und einem Sack
neuer Kleider, die etwa fnfzig Lire wert sein mochten; so bezahlte er
teuer die fnf Lire, die ich ihm im Gefngnis zu Foggia gegeben hatte.

+Wer schlecht handelt, verdient es noch schlechter.+

Von dem Sack mit Kleidern hatten die Kalabreser wenig, sie kamen ganz
dem armen Wrter zu Gute.

In dem anderen Zimmer waren zwei neapolitanische Camorristen, meine
Bekannte, sie erkundigten sich nach dem Geschehenen, und als sie
erfuhren, da er sich den Namen und die Eigenschaften eines Picciotto
beigelegt habe, whrend er durch ein bekanntes Zeichen und etwas
anderes, das ich nicht sagen darf, kenntlich war, wollten sie ihn
verstmmeln; aber ich wollte es nicht und bat sie, ihn nicht zu
berhren, da seine Strafe gengend sei; aber er bekam eine ordentliche
Tracht Prgel und Futritte.

So standen die Dinge vorzglich. Man lebte im Gefngnis wie ein Frst
und nie kam mir der Wunsch, frei zu sein[24]; ich hatte die Freiheit
vollstndig vergessen, als ob ich sie nie genossen htte, und Spielen,
Singen und Schwelgen war unser Leben; aber der liebe Gott will es
anders; unsere Fehler sollen nicht durch Spielen, Singen und Schwelgen
vergolten werden. Das Wechselfieber fing an zu wten, die armen
Kalabreser wurden ein Opfer dieser Krankheit; der im Gefngnis San
Francesco befindliche Krankensaal war von Leidenden berfllt. Dieser
Krankensaal war luftig, sauber, mit guten Betten, reiner Wsche und
wollenen Matratzen; man befand sich hier sehr wohl. Der Krankenwrter,
ein Hallunke erster Klasse, Soldat im Detachement von Monteleone war
wegen Diebstahls vom dortigen Gerichtshof zu drei Jahren Gefngnis
verurteilt worden, und als unwrdig fr den Heerdienst mit den
Kalabresen nach Lucera beordert worden; die anderen vier Unterwrter
waren reine Kalabresen.

  [24] Dies ist ein sehr wichtiges Argument, ein neuer Beweis dafr, was
  die positive Schule immer behauptet hat, da das Gefngnis so, wie es
  in der klassischen Schule hergerichtet ist, die voll Sentimentalitt
  war, nicht bleiben kann. Man halte diese Worte des M... mit den andern
  zusammen, die Lombroso gesammelt hat (_Palimsesti del Carcere_): Ich
  bin glcklicher als St. Petrus. Hier werden wir von Lakaien bedient.
  Welches Wohlleben! Hier ist es besser wie auf dem Lande. -- Triumph!
  Ich bin wegen Diebstahls verhaftet, an dem ich unschuldig bin. Lebt
  wohl Freunde. Thut mir um der Barmherzigkeit willen den Gefallen,
  flieht nicht aus diesem Gefngnis, hier it, trinkt und schlft man
  und braucht nicht zu arbeiten -- und man wird folgenden Ausruf eines
  Gefangenen nicht ganz ungerechtfertigt finden: Hier behandelt man uns
  zu gut und bt zu viel Rcksicht. Und den Schlu aus diesen Prmissen
  hat der berhmte Dieb Leblanc sehr gut zu ziehen gewut, der dem
  Polizeiprfekten Gisquet sagen mute:

  Wenn ich nicht Dieb aus Beruf wre, wrde ich es aus Neigung sein.
  Ich habe alle Vorteile und Nachteile der anderen Berufszweige gegen
  einander abgewogen und gefunden, da das Stehlen immer noch das beste
  ist ... Ich wei wohl, da wir im Gefngnis enden knnen, aber von
  18000 Dieben, die in Paris sind, ist nicht ein Zehntel im Gefngnis,
  folglich genieen wir neun Jahre in Freiheit gegen eines im Gefngnis.
  Und wo ist der Arbeiter, der nicht eine arbeitslose Periode hat?...
  Und wenn wir schlielich eingekerkert werden, so leben wir auf Kosten
  der andern, man kleidet, speist und wrmt uns, und alles zu Lasten
  derer, die wir bestohlen haben. Und ich gehe noch weiter: Whrend
  unseres Aufenthaltes auf der Galeere oder im Gefngnis vervollkommnen
  wir uns und bereiten neue Mittel, die uns Erfolg verbrgen, vor.

Es ist meine Pflicht, das Benehmen des vorzglichen Direktors Herrn B...
zu rhmen, der daran dachte, den Kalabresen die Dienststellen zu
berweisen. Die Unterwrter hatten einen Lohn von sechs Lire monatlich,
einen halben Liter Wein tglich und die Krankenkost, ausgenommen das
Brot, welches sie =gemeinschaftlich hatten=[25].

  [25] Viele der Stellen, die im Manuskript unterstrichen waren und in
  gesperrtem Druck erscheinen, waren es augenscheinlich in der Absicht,
  sie als den Schreiber nicht befriedigend und darum einer Korrectur
  bedrftig zu kennzeichnen. Vielleicht rhrt das Unterstreichen auch
  von Personen her, denen das Manuskript zum Lesen gegeben wurde.

Die Zimmerltesten waren alle Kalabresen und hatten einen Lohn von drei
Lire monatlich, ebenso die Zimmerkehrer.

Die Kche waren Gefangene, sie genossen die Freiheit, begaben sich mit
einem Wrter in die Stadt, um Einkufe zu machen und den Kessel, aus dem
die Suppe gereicht wurde, aus einem Gefngnis ins andere zu tragen; sie
bekamen sechs Lire monatlich, ohne das, was sie stahlen. Die
kalabresischen Gefangenen wurden vom Direktor sehr geliebt und geachtet,
wie auch von den Wrtern und den apulischen Gefangenen -- sie waren
gefrchtet, denn mehr als einer war in den Krankensaal gekommen, um sich
den Kopf oder eine Wunde zwischen den Rippen verbinden zu lassen.

Das Wechselfieber suchte uns heim, uns arme hilflose Geschpfe!

Der Krankensaal war voll von Kranken, so da alle fnfunddreiig Betten
belegt waren und die andern in den Zimmern selbst behandelt werden
muten. Mehr als zwanzig lieen ihr Leben, ob nun der elende Arzt, ein
schlfriges Vieh, die Ursache war oder die nicht regelrechte Medizin
oder Verpflegung; Thatsache ist, da die rmsten erbarmungslos sterben
muten.

Auch ich wurde ein Opfer des Fiebers und kam in den Krankensaal; ich war
so hinfllig, da ich das Essen nicht verdauen konnte und es wieder
ausbrach, wenn ich es kaum gegessen hatte, lange und starke Delirien
berkamen mich. Das Chinin hatte keine gengende Kraft mehr, um das
traurige bel zu entfernen, in der Milz empfand ich heftige Stiche und
brennende Schmerzen. Einige Tage, als ich im Krankensaal war, bemerkte
ich, wie der Oberwrter mit seinem Messer den Kalk von der Wand
abkratzte und ihn mit dem Chinin mischte; das entsetzte und emprte mich
nicht wenig, so da ich eine Eisenstange aus dem Bett losri und ihm
zwei gute Hiebe ber den Rcken und auf den Kopf gab, so da er wie ein
Mondschtiger auf der Erde herumrollte; wenn mir nicht ein anderer
Kranker den Arm gehalten htte und mich nicht, um Hilfe rufend, wie mit
eisernen Klammern umschlossen htte, dann htte ich ihn sicher kalt
gemacht.

Es kam alles zur Kenntnis des Direktors, der ihn sofort aus dem
Krankensaal entfernen lie, whrend einige Tage darauf ein Kalabreser
ihn mit der Klinge eines Rasiermessers gehrig auf beide Wangen
zeichnete, so da er ein Auge verlor -- zum Andenken an seine
Schndlichkeit.

Ein alter kalabresischer Priester, der zu sechs Jahren Gefngnis
verurteilt war, bernahm den Posten als Oberwrter.

Zwischen dem Direktor, dem Arzt und dem Chef der Wache wurde beraten und
beschlossen, da die vom Wechselfieber ergriffenen Kalabreser nach der
Strafanstalt geschickt werden sollten.

Es wurde in diesem Sinne ans Ministerium geschrieben, nach wenigen Tagen
begannen sie, nach ihrem Bestimmungsort abzureisen.

Ich blieb allein zurck, aber die zwanzig Betten der Kalabreser in
meinem Zimmer wurden mit apulischen Gefangenen belegt.

Krank und elend wie ein Leichnam bat ich den Direktor, mich nicht
abreisen zu lassen, denn eine bessere Pflege und so gute Vorgesetzte
fand ich nicht wieder.

Die zwanzig Apulier waren smtlich Angeschuldigte, Landleute, unwissend
und dumm; keiner konnte lesen und schreiben; ich besorgte tglich ihre
Briefe, wurde ihr Schreiber, machte mich zu ihrem Schulmeister, um ihren
blden Verstand einigermaen zu schrfen, besorgte die Briefe an ihre
Familien, ihre Anwlte, die Bittschriften an den Staatsanwalt, um die
Entscheidung ihrer Sachen zu beschleunigen; dafr beschenkte mich der
eine mit Wein, der andere mit Cigarren, der dritte mit Obst und
Ewaaren; sie liebten und achteten mich wie einen Gott. Wenn ihre
Familien nach Lucera kamen, um ihre Anverwandten zu sehen, so brachten
sie in ihren Ranzen Kse und andere schne Sachen mit. Sie nahmen alles,
legten es auf mein Bett und sagten:

Meister, alles dies gehrt Ihnen, machen Sie damit, was Ihnen am besten
dnkt.[26]

  [26] Dies besttigt die Vermutung, da M... ein Haupt der Camorra war.
  Die Halbbildung einzelner Gefangener war eine derartige, da sie sie
  gegenber dem Analphabetismus der Menge stark und mchtig machte. Es
  gengt, ber diesen Gegenstand das Kapitel bei Alongi zu lesen:
  _Camorristi letterati e causidici_ (a.a.O.). Der Titel Meister,
  der M... gegeben wurde, ist gerade der, den man den Huptern der
  Camorra gab.

Und ich verteilte es unter alle, und sie waren dankbar und zufrieden.

Die vollstndigste Harmonie und Liebe herrschte unter uns, ich fhlte
mich glcklich, mich unter so vielen guten Jnglingen zu sehen.

Der Direktor ruft mich und sagt:

M..., Sie sind von nun an Zimmerltester in Ihrer Stube.

Ich danke, antwortete ich, aus persnlichen Grnden kann ich dieses
Amt nicht annehmen, was brauchen wir einen Zimmerltesten, wenn wir eine
Familie sind und uns alle wie die Brder lieben?

Es ist der Regel wegen, ein Zimmerltester mu sein, und Sie mssen es
werden.

Wie Sie meinen, Herr Direktor.

Den anderen Zimmerltesten gab er monatlich drei Lire; mir wies er auf
mein Konto alle Monate fnf Lire an, zwlf Lire hatte ich von Hause
monatlich, fnf gab mir der Direktor, mit siebzehn Lire monatlich ging
es mir vorzglich.[27]

  [27] Und dann sagt man, da die Gefngnisse Strafanstalten sind, bei
  diesen bermigen Lobsprchen!

Ich blieb acht Monate bei diesen braven Apuliern; das Fieber verlie
mich nicht, ich sah aus wie Haut und Knochen, meine Augen lagen tief in
den Hhlen und waren halb erloschen, die Wangen drr und eingefallen,
ohne physische und geistige Kraft.

Der Arzt ordnete an, da ich in das Gerichtsgefngnis berfhrt wrde,
der Luftvernderung wegen; ich kam dorthin und da die Zimmer zu ebener
Erde feucht und dunkel waren, wurde ich noch krnker.

Whrend ich in diesem Gefngnis war, ereignete sich ein Vorfall, den ich
erzhlen mchte.

Ein alter Mann und sein Sohn wurden in ffentlicher Verhandlung
abgeurteilt; der Gerichtshof verurteilte den Vater zu fnfzehn, den Sohn
zu zehn Jahren Zwangsarbeit; der Alte sagte zum Vorsitzenden:

Diese fnfzehn Jahre werden Sie fr mich abmachen!

Als sie ins Gefngnis gebracht waren, war der Alte heiter und lchelnd,
als ob er in Freiheit gesetzt wre und sagte, da er mit der Strafe
zufrieden sei. Abends gingen alle in den Hof, um Luft zu schpfen; der
Alte wollte nicht mitkommen und blieb allein im Zimmer; aus dem Strick,
an dem die Lampe hing, machte er eine Schleife, befestigte sie an einem
groen Nagel, an dem die Lampe in die Hhe gezogen wurde, steckte den
Kopf hinein und baumelte sich auf wie eine Wurst.[28] Nachdem die
Freistunde beendet ist, treten wir ins Zimmer und sehen den Alten
baumeln, mit der Zunge aus dem Halse, mit hervorgequollenen Augen und
leichenblassem Gesicht. Er war tot!

  [28] Die moralische Unempfindlichkeit des M... wird durch seine
  Ausdrucksweise besttigt. Fr ihn ist nur das schndlich, was zu
  seinem Nachteil geschieht. Hingegen bezeichnet er als gut die
  Wunden, die er einem andern beibringt, die Hiebe mit einer
  Eisenstange, die er auf den Kopf eines Krankenwrters niedersausen
  lie.

Der Richter und die anderen Beamten kamen, er wurde abgeschnitten und
weggetragen.

Der anwesende Staatsanwalt nhert sich dem Nagel an der Wand, um ihn zu
untersuchen und findet folgende mit Bleistift in groen Lettern
geschriebene Worte:

Der Schurke von Staatsanwalt wird die fnfzehn Jahre Zwangsarbeit fr
mich abmachen; er sei verflucht!

Ich wurde zum Gefngnis San Domenico zurckgebracht, aber das verfluchte
Fieber hatte sich bei mir festgebissen.

Man erlaubt mir, in die Stadt zu gehen, ich begebe mich in ein Wirtshaus
und esse, und gehe dann auf dem Lande spazieren, betrachte die Natur,
die Schlechtigkeit der Menschen, die Gte und Barmherzigkeit Gottes;
aber die Gunst, die mir der brave Signor B... erweist, ist vergebens,
denn ich werde immer krnker und immer strker werden die brennenden
Schmerzen in der Brust.

Der Arzt und der Direktor ersuchten mich, eine Eingabe an das
Ministerium zu machen, um nach Kalabrien berfhrt zu werden; der
Direktor versprach mir, mein Gesuch zu untersttzen und alles zu thun,
da meine Bitte erhrt werde. Ich reichte das Gesuch ein; nach einigen
Tagen sollte ich mit einem besonderen Transport abreisen.

Der Direktor gab mir bekannt, da ich den Rest meiner Strafe in Trogen
verben sollte.

Zwanzig Monate war ich in Lucera gewesen; gesund, krftig und lebensfroh
kam ich hin, elend, schwach und sterbenskrank ging ich von dannen.

Ich umarmte meine lieben Genossen, empfing fnfundvierzig Lire, die auf
meinem Konto standen, steckte mir zwanzig Chininpillen in die Tasche und
nachdem ich mich von den guten Vorgesetzten verabschiedet hatte, reiste
ich mit Thrnen auf den hageren Wangen im Wagen nach Foggia ab, von zwei
Karabinieri begleitet.

In diesem Gefngnis, wo der Gefangene Paolo Pescari, der Picciotto aus
Foggia, mir die fnf Lire abgenommen hatte, nahm ich nachts die zwanzig
Chininpillen ein, ein letzter Versuch, das Fieber zu bannen.

Tags darauf reiste ich mit der Eisenbahn nach Neapel, so dieselbe Reise
zurckmachend, die ich vor einundzwanzig Monaten hin gemacht hatte.

Man sperrte mich in das Gefngnis del Carmine in Neapel, wo ich den
unglcklichen Perrone vor dem Messer des berhmten Camorristen Sansosti
gerettet hatte.


In der Strafanstalt.

Ich blieb eine Nacht in dem Durchgangszimmer des Gefngnisses del
Carmine in Neapel und fand dort eine camorristische Gesellschaft von
Neapolitanern und Sizilianern; sie wuten von meinem Kommen und kannten
die Erkennungsrechte.[29] Am Morgen wurde ich in das Amtszimmer des
Wachtmeisters gerufen, wo ich zwei Karabinieri fand, die mich
transportieren sollten; man gab mir mein Geld, das ich bei meinem
Eintritt abgegeben hatte, fesselte mich und fort ging's. Wir nahmen auf
einem Wagen Platz, whrend ein Karabiniere sagte:

Der Weg ist recht lang.

  [29] Die Erkennungsrechte sind die Handlungen, durch welche der
  neuangekommene Camorrist zeigt, da er die Autoritt des Vorgesetzten
  und die camorristische Hierarchie anerkennt.

Der Kutscher fragte:

Wohin geht es?

Nach der Strafanstalt Santa Maria Apparente, erwiderte ein
Karabiniere.

Wie? sagte ich verwundert, Santa Maria Apparente? Sie irren, ich soll
nach Kalabrien.

Nach Kalabrien?

Er ffnet seine Tasche, die er an der Seite hatte, nimmt eine
Papierrolle heraus, untersucht sie und sagt:

Wie heien Sie?

M..., Antonino mit Vornamen.

Zu wieviel Jahren sind Sie verurteilt?

Fnf Jahre.

Von den Assisen zu Monteleone?

Zu Monteleone.

Wer hat Ihnen gesagt, da Sie nach Kalabrien sollten?

Der Direktor des Gefngnisses in Lucera, wo ich war.

Der Direktor hat Sie zum besten gehabt.

Zum besten gehabt! Wie mir in jenem Augenblicke war, kann ich nicht
beschreiben, ich ergab mich in mein grausames Schicksal.

Wir kamen in der Strafanstalt an; der Oberwrter und andere Wrter
bemchtigen sich meiner, fhren mich in ein leeres Zimmer und lassen
mich eine gute halbe Stunde warten, dann werde ich in das Bureau des
Chefs der Wache gerufen, der meinen Namen und Vornamen, Signalement
u.s.w. in ein dickes, staubiges Register eintrgt, dann fragt er:

Haben Sie Geld?

Etwas.

Schn, geben Sie es hier ab.

Er nahm mein Geld und legte es auf den Tisch.

Sie heien M..., nicht wahr? Von jetzt ab verlieren Sie diesen Namen
und heien Nummer =fnfhundertneunundneunzig=. Begriffen?

Ja.

Wenn Sie wieder frei sind, erhalten Sie den Namen Ihres Vaters wieder.

Er lutet eine Glocke, die auf dem Tisch steht, sofort erscheint ein
Wrter.

Sie befehlen?

Fhren Sie den Gefangenen ins Bad.

Vorwrts, 599, kommen Sie mit! sagt der Wrter.

Ich folgte ihm durch mehrere Korridore, bis er ein eisernes Gitter
ffnet und schliet.

Grabesstille herrschte in diesen Mauern, sie schienen von niemandem
bewohnt zu sein.

Der Wrter fhrt mich in mein Zimmer, wo ein Untergebener, zwei
Gefangene und eine mit frischem und krystallklarem Wasser gefllte Wanne
sich befanden.

Schnell, 599, sagt der Wrter, kleiden Sie sich aus und steigen Sie
ins Bad!

Ich kleide mich aus und setze mich in die Wanne; das Wasser ging mir bis
an die Schultern, glcklicherweise waren wir in der heien Jahreszeit.
Nachdem ich fnf Minuten im Wasser gewesen war, um mir etwas zu
verschaffen, das ich nicht nennen darf, fingen die zwei Gefangenen, die
jeder eine rauhe Brste in der Hand hatten, an, mich zu =striegeln= und
=striegelten= mich ungefhr eine halbe Stunde lang, dann sagte der
Beamte:

Genug; 599, kommen Sie heraus.

Ich kletterte aus der Wanne und stand nackt und triefend da. Nicht
zufrieden damit, da sie mir die Schultern und den Rcken =gestriegelt=
hatten, wollten sie mir jetzt noch die Beine, den Bauch und den ganzen
brigen Krper striegeln. Ich trockne mich mit einem Tuch ab und denke:
Was zum Teufel ist das fr ein Ort, wo die Christenmenschen wie die
Pferde gestriegelt werden; das mute ich erst noch erleben, ehe ich
sterbe: mich in einen Bottich mit Wasser zu setzen und mich zu
striegeln! Schn, reizend, wahrhaftig!!!

Hier stelle ich ein in die Schwemme gerittenes Pferd dar, ich bin
neugierig, was sie von mir wollen.

Kleiden Sie sich an, sagt der Beamte, dort sind Ihre Kleider.

Es war ein vollstndiger Anzug mit einem Paar neuer Schuhe, einem Hemd,
einer kaffeebraunen Cravatte, einer Jacke, Weste, Hosen und einer Mtze,
alles dunkelbraun.

Ich kleide mich an und frage dann:

Und meine Kleider?

Sind im Lagerraum, sagt der Beamte. Wenn Ihre Strafzeit zu Ende ist,
bekommen Sie sie zurck.

Sie fhrten mich durch dieselben Korridore, wir stiegen verschiedene
Treppen hinauf und man schlo mich in eine Zelle ein, indem man mir
sagte:

Nachher wird der Arzt kommen, um Sie zu untersuchen, auch der Barbier
wird kommen, um Sie zu scheeren und zu rasieren; dieser Schnurrbart
steht Ihnen nicht! --

Bald nachher ffnete sich die Thr, zwei Gefangene brachten mir das Bett
und Decken, dann erscheint der Barbier, der ein Gefangener war. Ich
setze mich auf das Bettgestell und der Barbier beginnt sein Werk; mitten
in der Arbeit sagt er:

Ich wei, wer Sie sind -- das Losungswort?

Recht und Brderlichkeit, antworte ich.

Recht und Brderlichkeit werden Sie finden. Das Haupt der Gesellschaft,
D.Gennarino, mit der Registernummer 188, lt Sie gren.

Bestellen Sie ihm meinen Gru.

Wenn Sie etwas brauchen -- nachher wird ein Wrter kommen, dem teilen
Sie es mit.

Sehr wohl, gren Sie die Genossen.

Wir erwarteten Sie, wir wuten von Ihrem Kommen, aus Lucera hatte man
es uns geschrieben.[30]

  [30] Diese Dinge, so unwahrscheinlich sie sind, bestehen noch von
  einem Gefngnis zum andern, die Camorra unterhlt noch ihre
  Verbindungen, indem sie sich der Auswechslung von Gefangenen und sogar
  der Versetzung von Wrtern bedient.

  Das Haupt der Camorra, schreibt Pucci (_Archivio di Psichiatria_;
  a.a.O.), mu von allen Neuigkeiten, die in den verschiedenen
  Zimmern vorkommen, unterrichtet sein; diese Informationen werden durch
  Billets ermittelt, und wenn das nicht mglich ist, wird eine Krankheit
  fingiert und man begiebt sich in das Zimmer, wo das Haupt sich
  befindet. Die Weise, in der M... von diesen Dingen spricht, als ob
  sie die natrlichsten von der Welt wren, ist der beste Beweis, wie
  sie eingewurzelt waren. Auch dem Zellengefngnis ist es nicht mglich
  gewesen, das bel zu beseitigen. Ich habe in dieser Hinsicht
  Gefangene, Wachtbeamte und gut unterrichtete Personen gefragt,
  schreibt Alongi (_La Camorra, Turin, Bocca 1890_), und alle
  versicherten mich bereinstimmend, da die Camorra in den
  sditalienischen und sizilianischen Gefngnissen noch existiert und
  mchtig ist. Die neuerlichen Prozesse in Bari gegen die _Mano
  fraterna_ beweisen es.

  Die Erzhlung des M... ist ferner ein neuer Beweis fr das, was
  Lombroso in seinen _Palimsesti del Carcere_ (_Turin, Bocca 1891_) zu
  beweisen versucht hat, da gerade die Ziele der Zellengefngnisse
  diejenigen sind, die am wenigsten erreicht werden. Die vollstndige
  Abgeschlossenheit wird sich nimmer erreichen lassen: was fr Mittel
  man auch anwenden mag, man wird immer gegen die instinktive Schlauheit
  der Verbrecher ankmpfen mssen, gegen den Scharfsinn, den die
  Einsamkeit entwickelt, indem sie ihm das erste und ntigste Element,
  die Geduld, verleiht. _Le gnie c'est de la patience_, hat Buffon
  geschrieben, und obgleich diese Maxime bekmpft worden ist, so ist
  doch unleugbar, da die erzwungene Einsamkeit zum Nachdenken und
  Sinnen anregt. Und so gelangt der Verbrecher dahin, den besten
  Anordnungen, der strengsten berwachung nur raffiniertere Mittel
  entgegenzustellen. Und es verlohnt sich hier, eine Stelle aus Alongi
  zu citieren, ber den heutigen Stand der Mittel, durch welche von
  einer Zelle zur andern korrespondiert wird. Der Post- und
  Telegraphendienst von einer Zelle zur andern, vom Gefngnis nach
  auerhalb, ist mit einer Genauigkeit eingerichtet, die
  bewunderungswrdig wre, wenn sie nicht entsetzlich wre. Lange
  Gesprche und lange Mitteilungen gelangen von einem Saal zum andern;
  es giebt ein Alphabet mit den Fingern, eines mittelst Schlagens an die
  Mauern. Jeder Saal hat seine Telegraphenbeamten. Man wird einwerfen,
  da dies System nur bei zwei aneinanderstoenden Slen bequem ist.
  Aber man vergit, da jeder Saal seine Telegraphenbeamten hat, so da
  ein von einem Saal zum andern befrdertes Telegramm bequem bis zum
  entferntesten gelangen kann. Aber das erfordert Zeit! Und fehlt die
  vielleicht dem Gefangenen? Wie kann er die Stunden der Mue besser
  anwenden? Und was liegt an einer oder zwei Stunden, wenn man sich auf
  diese Weise mit einem Mitangeklagten unterhalten kann, den die Justiz
  in ihrem unendlichen Scharfsinn geschickt isoliert zu haben glaubt.
  Man glaubt kaum, wie sehr der Kerker und die Mssigkeit, die dort
  herrscht, den Geist der Geduld, List und scharfsinnige Verschlagenheit
  entwickeln. Die konventionellen Mittel, Chiffern und Zeichen, welche
  die Verliebtheit zweier Liebenden ersonnen hat, um sich trotz der
  vielugigsten und eiferschtigsten Wachsamkeit zu verstndigen, sind
  ein Kinderspiel im Vergleich zu den Erfindungen der Gefngnisse. Die
  Sume und Nhte der Wsche sind wahre Postkisten, die lange
  Papierstreifen enthalten, vermittelst deren die Korrespondenz der
  Gefangenen mit einer Przision und Heimlichkeit hin und hergeht, die
  man im amtlichen Postdienst nicht findet. Und wenn Ihr sie gefunden
  habt, so knnt Ihr nichts lesen, denn die Tinte wird durch
  Citronensure ersetzt, die blos an der Wrme erscheint, und wenn Ihr
  auch das wit, so ntzt es Euch nichts, denn die Worte haben eine
  nher vereinbarte Bedeutung, auch sie sind Chiffern, zu denen Euch der
  Schlssel fehlt.

  Und dies ist keine bertreibung; es ist bekannt, was fr vorzgliche
  Kommunikationsmittel fr Mitteilungen sowohl im Zellengefngnis zu
  Mailand, wie in der Generala zu Turin die Leitungsrhren der Heizung
  und die Latrinen waren.

  Und um diese schon etwas lange Anmerkung zu schlieen, will ich hier
  eine Probe des seltsamen telegraphischen Alphabets geben, das in den
  Gefngnissen im Gebrauch ist. Die Zahlen geben die Schlge an.

  1--1=a; 1--2=b; 1--3=c; 2--1=g; 2--3=h; 3--1=m; 3--2=n; 4--1=r;
  4--2=s; 4--3=t u.s.w.

Damit ging der Barbier weg, der Schneider kam, um mir auf den linken
rmel der Jacke die Nummer 599 in groen roten Ziffern zu nhen, die auf
ein viereckiges Stck Tuch gestempelt waren.

Ihr Losungswort? sagte er.

Recht und Brderlichkeit.

Ihr Landsmann Borghese, mit der Registernummer 56, grt Sie und freut
sich, Sie zu umarmen, er ist Haupt der Gesellschaft und freut sich,
einen neuen Adepten aufzunehmen; spter wird sich ein Wrter zu Ihrer
Verfgung stellen.

Ich danke meinem Landsmann von Herzen und unterwerfe mich seinen
Befehlen, aber bitte sagen Sie mir, warum hat man mich hierher
geschickt?

Die Vorschriften der Anstalt gebieten es; jeder Neuling mu in einer
Zelle abgesondert werden und wird behandelt wie alle anderen
Gefangenen: jeden Morgen spricht der Arzt vor, um den Ankmmling genau
zu untersuchen, aus Besorgnis, da irgend eine ansteckende Krankheit
sich entwickeln knnte. Wenn der Monat der Einzelhaft um ist, macht der
Arzt dem Direktor Mitteilung; ist der Neuankmmling krank, so wird er im
Krankenhaus untergebracht, ist er gesund, so kommt er mit den anderen
Gefangenen zusammen.

So mu ich einen Monat hier bleiben?

Gewi.

Wenn ich daran dachte, da ich einen Monat hier allein in der engen
Zelle eingeschlossen verbringen sollte, dann emprte sich mein Gemt und
ich verfluchte wiederholt den Direktor des Gefngnisses zu Lucera, Herrn
B...[31], der mich zum besten gehabt hatte, wie jener Karabiniere sagte.

  [31] Charakteristisch fr den geborenen Verbrecher ist seine geringe
  Zuneigung. M..., der erst nur begeisterte Worte und Segenswnsche fr
  den Direktor des Gefngnisses in Lucera hatte, verflucht ihn jetzt
  wiederholt. Wahrscheinlich machte dieser den M... glauben, da er nach
  Kalabrien gebracht werden solle, um ihn gutwillig zur Abreise zu
  bestimmen, da M... in seiner Eigenschaft als einflureicher und
  gefrchteter Camorrist irgend welchen Aufstand htte hervorrufen
  knnen.

Man mu wissen, da ich, nachdem ich in Foggia fortging und die zwanzig
Chininpillen genommen hatte, kein Fieber mehr hatte; ich glaube, es ist
die Luftvernderung gewesen. Der Arzt kam, Herr Biondi, ein
Neapolitaner, ein schner Mann mit langem schwarzen Bart und einer
blitzenden Brille auf der Adlernase; ich mu mich nackt ausziehen, und
er untersucht mich langsam von Kopf bis zu Fu, bald meine Haut, bald
meine Augen, Nase, Stirn und so weiter betrachtend; dann legt er das Ohr
an meine Brust und meinen Rcken und sagt:

Sagen Sie drei!

Drei, drei, drei, sage ich.

Und ich denke, warum drei und nicht vier oder zwanzig oder hundert. Will
sich der elende Schler Aeskulaps ber mich lustig machen? Und ich war
im Begriff, ihm einen Schlag auf die Brille zu geben.[32]

  [32] Ein echt verbrecherischer Zug, der sich durch nichts
  rechtfertigen lt.

Was fr eine Krankheit haben Sie gehabt?

Das Wechselfieber, einundzwanzig Monate lang.

Wo waren Sie?

In Lucera della Puglia.

Sie sind sehr zurckgekommen, wir werden Sie aber gesund machen, hier,
da Sie nach dem Reglement nicht in das Krankenhaus drfen; fassen Sie
Mut, bald sind Sie geheilt.

Er ging, ich blieb allein mit meinen schwarzen Gedanken. Ich bekam
Krankenkost und der Wchter sagte:

D.Gennarino, 188, Gesellschaftshaupt, fragt an, ob Sie irgend etwas
brauchen.

Ich mchte rauchen.

Rauchen! Tabak und Cigarren sind hier streng verboten; in den Anstalten
darf nicht einmal der Direktor rauchen, wir nicht, keiner, auch nicht
Viktor EmanuelII. Wenn Sie Schnupftabak wnschen, knnen Sie ihn haben
und welche Sorte Sie wollen.

Dann bitte ich um etwas Schnupftabak.

Und was wollen Sie essen und trinken?

Nichts, sagen Sie Gennarino meinen Dank und meinen Gru.

Es soll geschehen; fassen Sie Mut, Ihre Genossen wachen ber Ihr
Wohlergehen.

Aber sagen Sie mir, wie viel Gesellschaftshupter sind hier?

Es sind hier zwei Parteien in der Anstalt, die Kalabreser und die
Neapolitaner.

Damit ging er.

Bei Gott! dachte ich, da liegt der Hase im Pfeffer! Hier heit es
neutral sein, sonst giebt es ein Unheil. Also sei vernnftig, lieber
M...! Also es sind zwei Parteien hier, Kalabreser und Neapolitaner!

Der Wrter kam und brachte mir etwas Schnupftabak und bestellte Gre
von den neapolitanischen und sizilianischen Camorristen.

Am Abend bekam ich die zweite Suppe, denn hier gab es tglich zwei
Suppen und zwei Brote. Der Wrter sagte:

Das Gesellschaftshaupt Borghese, Ihr Landsmann und seine Gefhrten
lassen Sie gren; falls Sie etwas wnschen, mchten Sie es mir sagen.

Ich danke Ihnen und brauche nichts.

Doch ich will die Sache kurz machen.

Einen Monat wohnte ich in der Zelle, jeden Morgen kam der Arzt oder der
Wundarzt, um mich wie gewhnlich zu untersuchen, wobei er mir von Zeit
zu Zeit ein Flschchen Medizin verschrieb. Der =Reporter= der beiden
=camorristischen= Parteien erschien regelmig, ich aber war klug und
sagte, da ich nichts brauchte. Als der Monat der Einzelhaft um war,
wurde ich in das Krankenhaus gebracht, um meinen schlechten
Gesundheitszustand zu bessern.

Hier suchte mich D.Gennarino mit seinen Genossen auf, erzhlte mir
Wunder was fr Schlechtigkeiten von Borghese und meinen Landsleuten und
versuchte mir einzureden, da ich zu ihnen gehren msse.

Ich gab ihnen zu verstehen, da es meine feste Absicht sei, neutral zu
bleiben, und da ich es nicht fr anstndig und eines ehrenhaften Mannes
fr wrdig halte, gegen meine Landsleute zu konspirieren, und da es
auch fr ein Mitglied der ehrenhaften Sekte der Camorra sich nicht
schicke, gegen die Anhnger seiner Gesellschaft aufzutreten, da ich sie
alle gleichmig liebte und achtete als meine Genossen und
Leidensgefhrten, und erinnerte an einen Artikel unseres Statuts,
welcher besagt:

     Wenn sich ein Zwiespalt der Parteien in der Camorra und unter den
     Camorristen zeigt, so kann jeder Genosse sich neutral zeigen, ohne
     irgend ein Gesetz zu verletzen. Artikel151. Gezeichnet: Cirillo
     Capucci, Ettore Longo, G.Buongiovanni.

                                       Gestempelt.[33]

[Illustration]

  [33] Dies ist das Facsimile des Stempels, der sich im Manuskript des
  M... fand. Es ist unverstndlich. Man erblickt zwei Degen, ein Auge
  und andere Zeichen, die ich vergebens mit den camorristischen
  Ttowierungen und den Verbrecherhieroglyphen in Einklang zu bringen
  versucht habe.

Sie haben Recht, lieber Freund, sagte mir das Gesellschaftshaupt,
aber Sie drfen auch fr Ihre Landsleute nicht Partei nehmen.

Nein, ich bin neutral und der Freund und Bundesgenosse aller.

Ihre Hand!

Hier ist sie!

Wir schttelten uns die Hnde und sahen uns in die Augen. Abends kam
Borghese, der berhmte Camorrist, aus Reggio di Calabria; nachdem er
wegen eines in Procida verbten Verbrechens fnfzehn Jahre im dortigen
Bagno gewesen war, war er zu zehn Jahren Gefngnis verurteilt; er war
der Meister der Schneiderstube und hatte eine kleine Einnahme von
monatlich zwanzig Lire, ohne irgend etwas zu thun, und erfreute sich
nicht geringer Achtung und Rcksicht von Seiten seiner Vorgesetzten.[34]

  [34] Ein neuer Beweis fr das, was ich von der Schwche der Beamten
  der Camorra gegenber gesagt habe.

Landsmann und Genosse, sagte er, nachdem er mich umarmt hatte, ich
freue mich, Sie zu sehen, ein neuer Genosse wird unserer Gesellschaft
eingereiht werden; verlangen Sie aber auch, wenn Sie etwas brauchen. Es
schmerzt mich, Sie leiden zu sehen, aber bald hoffe ich, werden Sie so
gesund und blhend sein, wie Sie jetzt krank sind. Ich habe mit dem
Herrn Direktor gesprochen, Sie werden ebenfalls zu mir in die
Schneiderstube kommen. Die elenden Kanaillen, die Neapolitaner, werden
wir ber die Klinge springen lassen!!!

Mein teurer Landsmann, ich nehme fr niemand Partei; ich liebe und
achte Sie wie einen anderen Menschen, und das ist meine Pflicht; alle
meine Genossen mu ich gleichmig lieben und achten.

Es fiel mir schwer, den erbitterten Feind der Neapolitaner zu
berzeugen, da ich auf alle Flle neutral bleiben wolle.

Endlich sagte er:

Nun wohl, Landsmann, machen Sie, was Sie fr gut halten, ich habe kein
Recht, Sie zu zwingen; aber wenn Sie etwas brauchen, so verlassen Sie
sich auf mich; wenden Sie sich nicht an die Neapolitaner! Sind wir
einig?

Ja, wir sind einig, erwiderte ich.

Ich blieb zwei Monate in dem Krankenhaus, umgeben von den
Aufmerksamkeiten der Neapolitaner und der Kalabreser. Dann wurde ich an
den Direktor, Herrn Luigi M... di Aversa, gewiesen, einem Manne von
gutem Herzen, einem wahren Vater der Gefangenen. So treffen sich bse
und gute Menschen auf dem Pfade des Unglcks. Luigi M... war der Typus
eines Edelmannes; eine zrtliche Mutter ist nicht so liebevoll, geduldig
und freundlich gegen ihre Kindlein, wie jener Luigi M... gegen uns Shne
des Unglcks, uns traurige, blogestellte Geschpfe war.

Wie geht es, 599? fragte er, als er meiner ansichtig wurde.

Herr Direktor, es geht gut, Gott sei Dank.

Und ich sage mir Glck dazu, wie Ihnen selbst; ich hrte, es ging Ihnen
schlecht, als Sie hierherkamen?

O, Herr Direktor, sehr schlecht.

Armer Unglcklicher! Zwei Thrnen traten ihm in die Augen. Sie haben
gelitten, aber hier wird es Ihnen gutgehen, wenn Sie meinen Rat anhren.
Vertrauen Sie auf Gott, er ist unser Vater und verlt uns nicht. Ich
will Ihnen eine Mahnung zu Teil werden lassen, aber ich bitte Sie,
nehmen Sie sie nicht bel. Sie sind Mitglied der Camorra, das ist fr
einen anstndigen jungen Mann nicht schicklich; ich bin berzeugt, da
man Sie durch Versprechungen und hochtrabende Redensarten dazu verleitet
hat; aber es ist ein Verderben, es ist der schlpfrige Weg, der direkt
zum bel fhrt. Wir haben hier in der Anstalt traurige Vorkommnisse
gehabt wegen dieser verwnschten Sekte, die hier in zwei Parteien
gespalten ist, die sich tglich mit dem Messer zu Leibe gehen; sie
wissen nicht, wieviel Kummer sie uns dadurch verursachen, oder sie
wollen es nicht wissen. Tausendmal habe ich sie gebeten, wie nur ein
zrtlicher Vater seine Shne bitten kann, diese Streitigkeiten zu
lassen, sich einander zu lieben, wie es Leidensgefhrten zukommt; aber
ich habe nicht das Glck gehabt, verstanden zu werden. Sie zwangen mich
zur Strafe: fnf Gefangene sind in kurzer Zeit in das Gerichtsgefngnis
berfhrt worden, um sich wegen Mord und Krperverletzung zu
verantworten. Glauben Sie, 599, solche Handlungen, die unter meiner
Leitung vorkommen, betrben mich und ich werde schlecht belohnt fr die
Liebe und das Wohlwollen, das ich ihnen erweise.

Der brave Mann war untrstlich.

Sie, 599, werden mir keinen Anla zum Mifallen geben, nicht wahr?

Nein, Herr Direktor, ein so edles Herz wie Ihres verdient Achtung,
Ergebenheit und Dankbarkeit.

Brav! Auch Sie haben ein edles Herz. Wenn Sie etwas brauchen, so wenden
Sie sich direkt an mich und Sie werden einen Vater finden. Eine Zeitlang
werden Sie in der Schneiderstube beschftigt werden; spter werden Sie
dem Schreiber des Krankenhauses als Gehilfe beigegeben werden; dort wird
es Ihnen gefallen, und Sie werden vor den bsen Genossen geschtzt
sein.

Ich danke Ihnen fr Ihre Freundlichkeit, ich hatte nicht gehofft, hier
einen so edelmtigen, menschenfreundlichen Mann zu finden; ich werde fr
Ihr Wohlergehen zu Gott beten.

Thun Sie das, ich habe es ntig.

Ein Wrter fhrte mich in das Magazin; er gab mir einen zinnernen Napf,
einen hlzernen Lffel und eine ebensolche Gabel, ein Litergef aus
Zinn und einen irdenen Becher, reines Handtuch, reine Kleider und eine
Schuhbrste, trotzdem die Schuhe nie geputzt wurden, da es streng
verboten war und sie die natrliche Lederfarbe tragen muten. Ich habe
nicht begreifen knnen, weshalb man mir eine Schuhbrste gab, wenn ich
von einer Schuhbrste keinen Gebrauch machen konnte. Dann gab man mir
ein zinnernes Becken und ein viereckiges Stck Pappe mit der Nummer 599,
die ich am Kopfende meines Bettes anbringen mute. Der Wrter fhrte
mich in ein groes Zimmer, ich blicke ber die Thr und lese in groen
Lettern: Schlafzimmer der Schneider. Der Zimmerkehrer stellte mir das
Bett und die anderen Sachen zurecht, und danach fhrte der Wrter mich
zum Arbeitszimmer der Schneider. So gut ich kann und in dunklen Farben
will ich die Anstalt hier beschreiben. Von der ueren Treppe
herkommend, trifft man auf zwei einander gegenber liegende Bureaux, das
zur rechten gehrt dem Rechnungsfhrer, das zur linken dem Direktor.
Fnf Meter weiter trifft man ein groes hohes eisernes Gitter, durch
welches man auf einen finsteren, etwa fnfundzwanzig Meter langen
Korridor gelangt, der rechts und links mit Zimmern besetzt ist, wo die
Gefangenenwrter schlafen; ferner sind dort die Zimmer der Schreiber und
einige Lagerrume. Am Ende des Korridors ist ein zweites Gitter, dem
ersteren hnlich; dann kommt ein krummer Gang und ein Hofraum, etwa
zwlf Meter lang und acht Meter breit; in diesem Hof sind zwei mit Erde
gefllte Becken, in denen Bumchen und Blumen wachsen. Wenn die
Gefangenen sich auf diesen Hof begeben, um Luft zu schpfen, eine Stunde
abends und eine Stunde morgens, so gehen sie paarweise in langer Reihe
um diese Becken herum; fr die, welche mde sind und nicht mitgehen
wollen, sind an der Wand mehrere steinerne Sitze angebracht. Hier
bewegen sich die Kalabreser und eine fnf Meter hohe Mauer trennt diesen
Hof von einem andern, wo sich die Neapolitaner und die Sizilianer
bewegen.

Frher waren beide Hfe ein einziger gewesen, da aber die beiden
Parteien sich gebildet hatten, hielt der verdienstvolle Direktor es fr
gut, ihn zu trennen, damit sich die feindlichen Parteien nicht tglich
umbrachten. Die Fenster der Schlafzimmer der Schneider, Former und
Tischler gingen nach diesem Hofe hinaus. Am Ende des Hofes stand die
Kapelle, wo der Priester, Signor Domenico Borzelli, ein gelehrter und
geistreicher Mann, Sonntags die Messe las und von Camorra und Picciotti
predigte. Wir wenden uns zurck, ein kleiner Gang, ein kurzer Korridor,
zur rechten die Zimmer der Schneider, Former und Tischler, und die
Zimmer der Zimmerkehrer und Kche, zur linken die Arbeitszimmer der
Weber und eine Treppe, eine groe Bibliothek, die Bcher ber Reisen in
Innerafrika und Asien enthielt und zum Gebrauch der Gefangenen diente,
an der Wand der Bibliothek hing eine Pendeluhr.

Wenn die Werkstatt der Weber passirt war, befand man sich einem langen
Korridor gegenber, der zur rechten und zur linken etwa zwanzig Zellen
hatte, deren jede sechs Gefangene fate, wo die Neapolitaner und die
Kalabreser schliefen. Wir wenden uns zurck, begeben uns in den Korridor
der Bibliothek und stehen einer Treppe gegenber, wir gehen hinauf und
befinden uns in einem dunklen Korridor, auf dessen beiden Seiten lange
Reihen-Zellen fr sechs Personen: hier schliefen Kalabreser,
Neapolitaner, Abruzzen und Sizilianer.

An der Thr jeder Zelle war ein kleines Pfrtchen, von wo aus der Wrter
sie Tag und Nacht bersehen konnte, und in jeder Zelle war ein groes
langes Fenster mit einem Gitter aus Gueisen, vier dicke eiserne
Stangen. Links von diesem Korridor eine massive Thr, ein kurzer gerader
Gang und acht dunkle Zellen, die Strafzellen. Ich blieb neun Monate in
der Schneiderwerkstatt, wo ich Schnupftcher, Handtcher &c. sumte, ich
verdiente das ansehnliche Gehalt von 6 Centesimi tglich,
hundertundachtzig Centesimi monatlich, aber wir Gefangenen konnten unser
Geld nicht ausgeben; nur Schnupftaback gab es beim Oberwchter zu
kaufen, soviel man wollte. Rauchtabak und Cigarren waren streng
verboten, und es rhrte mich, als ich sah, wie einige etwas
Schnupftabak in ein Tuch banden und sich den Knuel in den Mund
steckten, um den Tabak zu kauen. Ich versuchte es ebenfalls, aber in
zwei Tagen schwoll mir der Gaumen und das Zahnfleisch an und wurde
rissig, so da ich diese neue Art zu kauen aufgab.

Ich wurde der Gehilfe des Schreibers des Krankenhauses, eines braven
Burschen aus Benevent, mit dem ich lange Zeit wie mit einem Bruder
lebte. Ich hatte Krankenkost, eine Suppe, ein gutes Stck gebratenes
Fleisch, einen Becher Wein und Morgens ein Weibrod, Abends Mehl- oder
Reissuppe, Fleisch oder zwei Eier, Kse, Brod und einen Becher Wein; es
ging mir gut und ich hatte mehr Freiheit als die anderen Gefangenen.

Soll ich eine Episode erzhlen, die Euch erschauern lassen wird? So
hrt:

Eines Tages traf ein Jngling von vierzehn Jahren in der Anstalt ein,
aus der Provinz Salerno, er war zu drei Jahren verurteilt, rosig und
frisch. Nach einem Monat Einzelhaft wurde er in die Schneiderwerkstatt
geschickt, wo ich mich befand. Mehrere kalabresische und abruzzische
Camorristen fingen an, ihm den Hof zu machen und die Eifersucht
bemchtigte sich der elenden Sodomiten. Eines Abends lschten sie die
Lampe aus, die mitten im Zimmer brannte und blieben im Dunkeln; ich
ahnte, was fr ein Unglck kommen sollte, sprang im Hemde aus dem Bett,
steckte die Hand in meinen Strohsack und holte ein langes krummes
Messer heraus, das gut geschrft und gespitzt war, und auf dem Bettrand
sitzend, hielt ich Wacht.

Die Lampe wird wieder angezndet und zwei mit langen Dolchen bewaffnete
Camorristen fingen an, in grtem Stillschweigen zu fechten, das Blut
flo in Strmen aus ihren Wunden, aber stets herrschte Scherzton, die
Kmpfenden waren entblt, die brigen Gefangenen saen auf ihren
Betten. Mit furchtbarer Gewandtheit springen sie hin und her, jetzt sich
beugend, jetzt einen Sto parierend, auf einmal fllt einer der
Gefangenen, erhebt sich wieder und rollt mitten in das Zimmer; der
andere strzt sich auf ihn, setzt ihm das Knie auf die Brust, hlt mit
der rechten den bewaffneten Arm des Gefallenen und stt mit der Linken
wiederholt seinen Dolch dem Unglcklichen in Hals und Brust. Mit Blut
bespritzt erhebt er sich, ffnet das Fenster und ruft die dienstthuende
Wache.

Was giebt's? antwortet ein Mann von drauen.

Rufen Sie einen zweiten Wchter, um Nummer 336 in die Totenkammer zu
bringen.

Die Wchter mit ihrem Chef eilen herbei, sehen das entsetzliche
Schauspiel und erbleichen, der blutgetrnkte Leichnam wurde
fortgeschleppt, der Mrder in eine Zelle geschafft, -- wir schlossen in
jener Nacht kein Auge.

Tags darauf wurde der vierzehnjhrige Jngling, die unfreiwillige
Ursache des blutigen Ereignisses, in seinem eigenen Bette schwer
verstmmelt gefunden. Der Leib war ihm bis zum Nabel aufgespalten, er
war bewutlos und starb am Abend, unaufhrlich nach seiner Mutter
rufend. Wenn ich alles erzhlen wollte, wrden Euch vor Grausen die
Haare sich struben und das Blut in den Adern gerinnen, aber die gute
Sitte, die Rcksicht auf den Leser verbietet es.[35]

  [35] Man beachte, da er selbst ein Sodomit ist, wie sich in der Folge
  zeigen wird.

Meint Ihr, da Tags darauf von dem traurigen Ereignis gesprochen wurde?
Niemals, als ob nichts passiert wre; wenn man jemand fragte, so
antwortete man ganz trocken:

Ich wei nichts, kmmern Sie sich um Ihre eigenen Sachen.

Ein ander Mal ermordete ein Sizilianer einen armen Wchter in der
Schneiderwerkstatt mittelst einer Scheere, weil er ihm untersagt hatte,
laut zu sprechen.

In der Werkstatt sollte die grte Ruhe herrschen, alle Gebote wurden
bertreten; man sprach, lachte und scherzte, in dem Schlafzimmer durfte
nur halblaut gesprochen werden, statt dessen herrschte dort ein
Hllenlrm, weil der Direktor nie Strafen verhngte. Es war strenge
Vorschrift, da alle arbeiten sollten: aber niemand kmmerte sich darum,
der eine blieb in seinem Zimmer, der andere ging zwar in die Werkstatt,
aber arbeitete nicht.

Einmal wurden zwei Gefangene, ein Abruzze und ein Neapolitaner, krank;
nachdem der Arzt gekommen war, wurden sie in das Krankenhaus geschickt,
dort ziehen sie in Gegenwart des Arztes ihre Messer und stechen auf
einander los; der Wrter, der sie trennen sollte, erhielt einen
tchtigen Messerstich in den Unterleib, der eine der Kmpfenden eine
ttliche Wunde, der andere eine leichte Schmarre; bei einem neuen
Versuch, sie zu trennen geht der Medizinkasten in Stcke, das
Schreibpult des Arztes fllt um, und die in einander verbissenen Gegner
waren noch nicht vom Blut gesttigt.

Ein ander Mal war ich auf dem Hof, um Luft zu schpfen, als ein Mann von
der andern Seite der Mauer ruft:

+Ihr elenden Kalabreser!+

Das war kein Ruf, sondern ein Kampfsignal. Dreiig Kalabreser klettern
auf die Mauer, die Waffen in der Hand, ein wtender Angriff erfolgt, man
kmpft Mann gegen Mann; das Blut fliet in Strmen; der Wchter, der
Direktor, eine Abteilung Soldaten eilen herbei; sie drohen Feuer zu
geben, wenn die Gefangenen nicht auseinander gehen -- vergebens. Mit
aufgepflanztem Bajonett gehen sie auf die blutdrstigen Tiger los.
Sechszehn blieben zum Tod verwundet liegen, ein Gefangenenwchter mit
den Eingeweiden in den Hnden, zwei Neapolitaner tot, einer leicht
verwundet, und Gennarino, das Haupt der Gesellschaft der Neapolitaner,
mit zerfetztem Gesicht, mit blutbefleckten Hnden, kmpft wie ein
Rasender mit Borghese, dem Haupt der Kalabreser, der trotz Stichwunden
im Gesicht und in der Brust den Dolch meisterhaft handhabte.

Das sind die Wirkungen der Camorra und die schweren Folgen der Spaltung
in zwei feindliche Parteien. Elf Neapolitaner und Kalabreser wurden in
das Gefngnis gebracht, um wegen Totschlags und schwerer
Krperverletzung verurteilt zu werden. +Arme Thoren!!+

Der brave Direktor jammerte, er sagte, er wolle die Anstalt verlassen,
da seine Liebe und sein Interesse fr die Gefangenen so schlecht belohnt
wrden. Nach diesem blutigen Kampf herrschte Frieden und fnf Monate
lang war alles ruhig; und es ist recht so, da nach dem Sturm die
Windstille folgt, und die gequlten Herzen sich beruhigen knnen.
Inzwischen kam Befehl vom Ministerium, da die Gefangenen, die sich gut
gefhrt htten, nach der Insel Caprera gebracht wrden, um dort
Erdarbeiten auszufhren.

Der Direktor verfiel darauf, die kalabresischen und neapolitanischen
Camorristen abzuschicken, teils, um sich die Sache vom Halse zu
schaffen, teils um ihnen Gelegenheit zu geben, sich in aller Ruhe nach
Belieben umzubringen.

Zweiunddreiig reisten ab, aber nach wenigen Tagen kehrten sie zurck,
da sie sich nicht gut gefhrt hatten; andere kamen hin und blieben dort.
Von neuem sind die feindlichen Parteien wieder zusammen und ein
Gefangener aus Benevent entfacht den Streit wieder, indem er Borghese
einen Messerstich in den Rcken giebt, im Auftrage D.Gennarinos, der
von seinem Leiden wieder hergestellt war. Das erbitterte die Partei der
Kalabreser sehr, und sie schworen blutige Rache. Ich schlief in dem
Zimmer, wo Borghese und andere Camorristen waren, mir gefiel es da
nicht, heute oder morgen konnte ich in einen Kampf verwickelt werden, so
da ich keinen heilen Knochen behielt; ich lie den Direktor rufen und
bat ihn, mich in eine der unteren Zellen zu bringen; er willigte gern
ein und lobte mein Betragen.

Ich kam in eine Zelle, wo fnf Gefangene waren, zwei brave
neapolitanische Schuster und drei sizilianische Former; hier war ich in
Frieden, den ganzen Tag war ich im Krankenhause, wo ich dem Schreiber
half: Abends plauderten und scherzten wir in der Zelle wie gute
Kameraden, und liebten einander von ganzem Herzen.

Es besteht die Vorschrift, da ein Gefangener, der whrend der Zeit, wo
auf dem Hof spazieren gegangen wird, den Abtritt benutzen mu, einen
Zettel heraushngt, auf dem das Wort Besetzt steht; und auf dessen
Rckseite das Wort Frei sich befindet, welches sichtbar zu machen ist,
wenn er seine Bedrfnisse befriedigt hat. Wenn ein Gefangener das Wort
Besetzt vorfindet, mu er warten und darf die Thr des Abtritts unter
keinen Umstnden ffnen, widrigenfalls er schwerer Strafe entgegensieht.
Nun geschah es, da ein Sizilianer auf den Abtritt ging und das Wort
Besetzt herausgehngt hatte; nachher verga er, den Zettel umzudrehen.
Ein Former, der nachher kommt, findet das Wort Besetzt und wartet,
aber aus dem Abtritt kommt niemand heraus, so da ihm der Gedanke kommt,
die Nr.448 ist tot. Ich stehe dabei und berste vor Lachen, whrend der
Dummkopf eine halbe Stunde steht und wartet. Ich kann mich nicht mehr
lassen; er stiert den Zettel an, wie ein Gespenst, das ihm zu sagen
scheint: Hinweg, komm' nicht heran! Der arme Teufel verzehrt sich in
seinen Nten; endlich kann er den inneren Drang nicht mehr halten und es
passiert ihm etwas; in seinem Zorn und um zu sehen, ob die Nr.448 tot
ist, ffnet er die Thr und bleibt wie gebannt stehen -- der Abtritt ist
leer, Nr.448 ist nicht da; wie ein Rasender eilt er zu den Gefangenen,
sucht und findet Nr.448, nhert sich ihm und giebt ihm eine riesige
Ohrfeige mit den Worten:

+Verfluchter Dummkopf, warum hast Du den Zettel nicht umgedreht?+

Auf diesen Gewaltakt strzten einige Landsleute der 448 hinzu und
verabfolgten dem Missethter einige Ohrfeigen: das zndet, man ergreift
die Waffen, und wenig fehlte, so wre eine zweite Schlacht gefolgt; so
endete die Sache mit einigen leichten Verwundungen.

Mein Verwandter Cosmo M..., der in Neapel wohnte, suchte mich auf und
war trostlos, als er mich so elend und abgemagert sah; er stellte sich
mir zur Verfgung, wenn mir etwas fehlen sollte und gab mir seine
Visitenkarte und seine Adresse. Durch einen Gefangenenwchter
bermittelte er mir ein Pckchen Rauchtaback, eine Pfeife und
Zndhlzchen; der Wchter brachte sie mir heimlich, so da ich mir
Nachts eine Pfeife leisten konnte. Ich teilte den Tabak in zwei Hlften,
die ich in mein Taschentuch einwickelte und versteckte, die eine im
Kopfende, die andere im Fuende meines Strohsackes, die Pfeife und die
Zndhlzer verbarg ich da, wo ich meine Waffen hielt. Nach zwei Tagen
wurde eine Untersuchung veranstaltet, whrend die Gefangenen in den
Werksttten waren; man begiebt sich in meine Zelle, untersucht den
Strohsack und findet eine Hlfte mit Tabak.

Der Direktor kommt und sagt mir:

Woher haben Sie diesen Tabak?

Das kann ich auf keinen Fall sagen.

Wissen Sie, da der Rauchtabak hier streng verboten ist?

Nur zu gut.

Ich mte Sie mit vierzehn Tagen Wasser und Brot bestrafen, aber
diesmal will ich Ihnen verzeih'n, hten Sie sich in Zukunft.

Und ich ging frei aus. Ich erfuhr, da derselbe Wchter, der mir den
Tabak gebracht hatte, den Verrter gespielt hatte. Der Tabak war unter
den Wchtern verteilt worden. Ich brachte in Erfahrung, da Tags darauf
eine neue Untersuchung stattfinden solle, wobei die andere Hlfte des
Tabaks gefunden werden sollte. Am Abend nehme ich den Rest des Tabaks
und verstecke ihn in dem Strohsack eines Genossen ohne dessen Wissen;
dann flle ich ein Taschentuch mit Koth und stecke es in meinen
Strohsack. Tags darauf gingen wir wie gewhnlich in die Werkstatt. Die
Untersuchung erfolgt, man findet Waffen aller Art, man begiebt sich in
meine Zelle und derselbe Wchter, der mir den Tabak brachte und ihn
nachher entdeckte, strzt wie ein Hungriger hinein auf meinen
Strohsack, steckt die Hand hinein und holt das zusammengerollte Tuch
hervor, zeigt es seinen Genossen, drckt es mit vterlicher Liebe an die
Brust und sagt:

Hier ist die Leiche!

Der Kot spritzt ihm in's Gesicht, ber die Brust und die Hnde, entsetzt
starrt er die Leiche an, whrend die andern durcheinander riefen:

Prchtig, wahrhaftig reizend; was fr eine kostbare Bartwichse! Und der
schne Geruch; Dich hat man schn herausgeputzt! Und sie bersten vor
Lachen.

Der arme Wchter mit dem beschmierten Gesicht warf das Tuch emprt auf
den Korridor und wischte sich das Gesicht, die Hnde und die Brust ab.
In der Werkstatt wurde viel ber das Abenteuer gelacht, ich wei nicht,
ob der Direktor davon erfahren hat, jedenfalls lie er mich nicht rufen.
Inzwischen lief die Strafzeit des Schreibers im Krankenhaus ab, und ich
nahm seine Stelle ein mit zwlf Lire monatlich, eben so viel bekam ich
von Hause, so da ich im Ganzen vierundzwanzig Lire hatte, die mir
gutgeschrieben wurden. Wir konnten unser Geld nicht ausgeben, sondern
zuweilen uns nur einen Kse, ein Ei oder einen grnen Salat leisten, was
uns dann verrechnet wurde. Aber endlich gab der Direktor unserm
Verlangen nach, da wir mehrere Male die Kost verweigerten, und wir
konnten uns kaufen, was wir wollten, aber Wein nicht mehr als einen
fnftel Liter, und Liqueur war streng untersagt. Als der gute Direktor
sah, da Ruhe in der Anstalt herrschte, lie er uns eine Musikkapelle
bilden, wozu er selbst die Instrumente kaufte. Wir waren siebzehn
Musiklehrlinge, ein tchtiger neapolitanischer Meister kam zwei mal
tglich, drei Stunden Morgens und drei Stunden Abends, um uns zu
unterrichten, wofr er vom Direktor monatlich hundertfnfzig Lire
erhielt. Wir lernten rasch, machten uns Notenpulte und alle Abend
spielten wir ein paar Stunden auf dem Hof in Gegenwart der Wache, des
Direktors und des Rechnungsfhrers, die sich ber unsere schnen
Leistungen freuten.

Der Prfekt, der Syndikus und andere behrdliche und angesehene Personen
wollten uns eines Tages spielen hren und lobten das Werk des Direktors.
Die Auffhrung ging nach Wunsch, wir freuten uns an unserem friedlichen
Dasein und liebten einander, whrend die Rasenden, die in das
Gerichtsgefngnis gebracht waren, zu fnf bis zehn Jahren Zuchthaus
verurteilt wurden. Die armen Thoren!!...

Ob es ein ehernes Gesetz der menschlichen Natur, des Schicksals oder der
Hand Gottes ist -- es ist ein Verhngni, da der ins Unglck geratene
Mensch nicht lange sich am Frieden, an der Ruhe, an einem Lcheln
erfreuen soll. Es ist uns armen Sterblichen nicht gestattet, dem Willen
der Gottheit nachzuforschen und ist uns Verruchten und Verachteten nicht
erlaubt, in dem geheimnisvollen Drama des Lebens dem leitenden Grunde,
dem Unerforschlichen nachzuspren und zu ergrnden, woher das Elend und
die Schande in dem sinnlosen Leben so vieler Millionen bser Menschen,
die sich mit sardonischem Lcheln ber alles hinwegsetzen. Geschick,
Fgung, Glck, Schande, Unglck -- dunkle, sinn- und verstandlose Worte,
Abstraktionen unseres Geistes, ein eingebildeter Traum unserer Trume...
Traum und Hirngespinnst ist alle Philosophie und Sophisterei, des
Gottesleugners wie des Zweiflers, des Heiden und Christen, des
Materialisten und des Rechtglubigen, des Gelehrten und des Unwissenden,
des Reichen wie des Armen; alles, alles, das All im All, ein
unerbittlicher Traum unserer Trume ist das menschliche Leben, sein
tragischer Verlauf, seine schlafwandelnden Abenteuer; und wenn ich
glaubte am Ziel zu sein und den unsinnigen Traum deiner Trume erfate,
den dsteren Traum der Todesangst, den rchelnden Traum des Sterbenden,
dann empfing ich den Urquell deiner Trume und aller Trume deines
krperlichen und geistigen Schlafwandelns, die du schlielich in die
Metamorphose des ewigen Traumes umwandeltest. Das ist das Leben, das ist
das eherne Geschick, das grausame Verhngnis, das herzlose Schicksal,
das traurige Unglck. Das ist der Traum der Weisen und der des
Urmenschen; der grliche Traum des Reichen und der hungrigen Armen. Das
ist der unabnderliche Lauf des menschlichen Lebens. Und setzt sich der
irdische Traum in der Ewigkeit fort? Der tiefe Abgrund, der das
trumende Schlafwandeln scheidet, weist darauf hin, da dort in der
Welt, in die man geht und aus der man nicht zurckkehrt, fortgetrumt
wird; aber es ist kein Traum mehr im Schlaf. O nein, es sind wachende
Trume, Trume aus dem vergangenen Leben, Trume von deinen
Leidenschaften, deinen Wahnvorstellungen, von dem Schmutz und der
Schndlichkeit, mit der du dich beflecktest, als du einstmals trumtest;
ein Traum ist deine kleinmthige Schwche, hartnckige Unwissenheit,
Trume sind die hlichen Schauspiele deiner verderbten Liebe, deiner
ungeheuerlichen Neigungen!!

Das ist weltliche Philosophie, das ist das Problem des Lebens und des
Todes, das ist die Lsung unseres Dramas. Gefllt's Euch? Scheint's Euch
paradox? Wollt Ihr daraus lernen? Soll ich's Euch sagen? Aber nehmt
keinen Ansto daran.

Nehmt den scheulichsten, den ungeheuerlichsten, den dstersten Traum
heraus aus den Trumen Eures Traums.

Der Gedanke ist der Dichter, der das hat wahr machen mssen, was ich
behaupte.

Ein Traum war mein Lebenslauf hienieden und wer kann die Geheimnisse
desselben ergrnden? Wer kann die Zukunft erforschen und voraussehen?
Ein hchstes Wesen.

Welche Komdie bieten unsere unglcklichen Vter hier auf dieser
Erdkugel dar? Die Komdie des Bsen, den Traum des Unglcks, der
Krankheit. Welche Komdie stellen wir dar? Die Komdie des Scheulichen,
den widerlichen Traum unserer Schande, unserer Verderbtheit.

Welche Komdie werden unsere Nachkommen darstellen?

Die Komdie des Betruges, der Sophisterei, den grlichen Traum der
Ungeheuerlichkeit.

Was ist die Geschichte? Eine verderbliche Komdie, die von den Trumen
der Sterblichen erzhlt, den Trumen, die sie auf dem groen Theater der
Erdkugel dargestellt haben.[36]

  [36] Der Abschnitt, mit dem dieses Kapitel schliet, trgt
  unzweifelhaft den Stempel der Verrcktheit an sich; aber man sieht
  ein, da der erste Entwurf alles andere als vulgr ist -- es ist
  derselbe, den Shakespeare durch den Mund einer seiner Persnlichkeiten
  ausgesprochen hat, welche an die Unendlichkeit der Welt denkt und sie
  mit der unendlichen Kleinheit des Menschen, mit der Relativitt aller
  seiner Abstraktionen in Gegensatz stellt. Auch die Shakespeare'sche
  Persnlichkeit versinnbildlicht die menschliche Thtigkeit in einer
  Reihe von Trumen.

  Aus einer Sammlung von poetischen Manuskripten des M... nimmt der
  Herausgeber hier zwei heraus, welche rein philosophische Themen
  behandeln und welche von der seltsamen Verbrecherphantasie eine
  Vorstellung geben.


Ha!!!...

Wir stehen im Jahre 1873 und ich befand mich in der Strafanstalt zu
Neapel, als ein tausendkpfiges Ungeheuer tausende von Opfern in einem
Augenblick dahinraffte, die Cholera, die furchtbare Cholera. Ja, die
Cholera, dieser unheimliche Wanderer, das entsetzliche, tausendkpfige
Ungeheuer rafft tausende von Opfern in einem Augenblick dahin.

Neapel, das schne, lachende Neapel, die Parthenope von einstmals, ist
von der Cholera berfallen, und in welcher Weise! Der Tod der herrlichen
Gegend, der grausame Tod mit der unerbittlichen Sichel, mhte seine
Opfer rasch dahin, keine Spur hinterlassend. Es war Sonntag, wir
arbeiteten nicht, wir hatten die heilige Messe und eine lange Predigt
des Hanswursts von Pfarrer Herrn Borz...[37] gehrt. Wir hatten die
Kapelle verlassen, da strzt ein armer Gefngniswchter, Vater von neun
Kindern, gegen die Thr der Kapelle, stt einen verzweifelten Schrei
Ha! aus und fllt wie vom Blitz getroffen auf der Schwelle nieder, als
ob er ohnmchtig geworden wre; aus dem Munde quoll ihm ein grnlicher
Schleim, sein Gesicht und seine Hnde wurden rotblau; er wird ins
Krankenhaus gebracht, der Arzt kommt und findet ihn als Leiche,
zusammengekrmmt und mit weit geffneten glsernen Augen.

  [37] Derselbe, den er vorher als einen gelehrten und geistreichen
  Mann bezeichnete.

Die Cholera, sagt der Arzt.

Nun wurden in der Anstalt ernstliche Vorsichtsmaregeln getroffen; die
Werksttten wurden in Schlafrume umgewandelt, und in den Zimmern, wo
bisher zehn Gefangene waren, blieben nur fnf, wo sechs waren, nur
drei, und die Betten wurden auseinandergerckt.

In einem groen Raum wurden die leicht Erkrankten untergebracht, in der
Schneiderstube, die hher lag als die anderen Werksttten und Zimmer,
die schwer Erkrankten, welche von vier Gefangenen bedient wurden, die
fnf Lire tglich bekamen und essen und trinken konnten, was sie
wollten. Eine auerordentliche Reinlichkeit herrschte in der ganzen
Anstalt; wir =rauchten= den ganzen Tag, die Zimmerthren waren Tag und
Nacht geffnet; die Kapelle spielte hufig; am Tage und in der Nacht
wachten je zwei rzte, und der menschenfreundliche Direktor nahm seine
Frau und einen Sohn von zehn Jahren in der Anstalt auf. Es war ein
frmliches Schlachtfeld; wir bewaffneten uns mit Kanonen, Mitrailleusen,
Flinten, Revolvern, Pistolen, geraden und krummen Sbeln, Bajonetten und
Dolchen -- kurz, wir waffnen uns und rsten uns, da wir unbesiegbar
sind und nehmen mchtig Lebensmittel und Munition ein; alles, um Mann
gegen Mann das entsetzliche vielkpfige Ungeheuer, die Cholera, zu
bekmpfen. In dem tdlichen Kampf mit der Stadt war dieses grliche
Ungeheuer khn und dreist geworden, es kmpfte gelassen und schritt
durch die Palste der Reichen, die bescheidenen Huser der Arbeiter und
die Htten der Elenden dahin; es lie sich gierig in der herrlichen
Strae Corso Vittorio Emanuele nieder und griff mit mchtigem Ansturm
unsere Burg an, die wir unerschrocken verteidigten gegen das Ungeheuer,
das mit schwarzen Leichen umgeben war; da erscholl ein Geheul aus
tausend Kehlen; ein Schrei der Verzweiflung rang sich aus der Brust von
sechshundert Gefangenen; der furchtbare Drache hatte Bresche gelegt in
unsere Mauern und mit blutrnstigen Augen schwang er seine unerbittliche
von Blut befleckte Sichel -- nur Sieger, nie besiegt, nur triumphierend,
nie niedergeschmettert -- und doch boten wir dem Feinde noch Trotz.

Am Tage nach dem Tode des Wchters aen zwei Genossen gemeinschaftlich
aus einer Schssel etwas Reis, da erhebt sich der eine zitternd, tastet
an der Mauer entlang und beginnt sich zu erbrechen; unter wilden
Schmerzen, mit rauher angstvoller Stimme stt er ein Ha aus und fllt
wie vom Blitz getroffen zu Boden. Er wurde aufgehoben und in das Zimmer
der Erkrankten getragen, bald darauf war er eine kalte Leiche und
schwarz am ganzen Krper.

Herr Direktor, welche Krankheit darf ich bei Nr.119 verzeichnen?

Cholera!

Ich war von Furcht ergriffen und vor Schrecken gelhmt, denn Tag und
Nacht mute ich die rzte begleiten und die Mittel niederschreiben, die
sie verordneten.

Die Kost wurde gewechselt; wir erhielten Morgens trockenen Mehlteig mit
geschabtem Kse und ein schnes Stck gebratenes Fleisch, sowie einen
mchtigen Becher Wein; Abends Kalbsbraten, Weibrot und einen Becher
Wein; beim Schlu des Tages jeder ein Glas mit Chinin versetzten
Rosenliqueur.

Die Streitigkeiten der camorristischen Partei verloren an Heftigkeit,
die Feindseligkeiten und die Rnke hrten auf, man dachte daran, sich
gegenseitig zu lieben und das Ungeheuer zu bekmpfen, das uns zu
verzehren drohte.

Inzwischen war der Saal der Erkrankten berfllt; viele starben ohne
Erbarmen, nachdem sie aus ihrem ausgetrockneten Halse das letzte Ha
ausgestoen hatten.

Da emprten sich die Gefangenen.

+Gift!!+ riefen sie.

Sie verschworen sich gegen die rzte, den Direktor, die Wache, wollten
die Bureaux berfallen und die Beamten morden.

Die Frau des Direktors, eine ausgezeichnete Dame aus feiner
neapolitanischer Familie, begab sich mit ihrem geliebten Shnchen auf
den Hof, in die Zellen und ermahnte mit thrnenden Augen die Rasenden
zur Geduld, zum Mut und zur Ergebung.

Der Direktor bat weinend und mit vor Entsetzen gestrubten Haaren um
Frieden; nicht ein Gift sei es, wie sie meinten, sondern eine ttliche
Krankheit, welche die Stadt bedrohe und Tausende von Opfern fordere.

Der Rechnungsfhrer begab sich nach Castellamare, wo er eine Ladung
Citronen kaufte, die unter den Gefangenen verteilt wurden.

Lob, ewiges Lob gebhrt dem edlen und christlichen Herzen des Direktors
Cav. Luigi M... di Aversa, Lob, unvergngliches Lob seiner edlen
Gemahlin, der Zierde christlicher Tugend. Tag und Nacht begaben sich
beide in die Zellen der Erkrankten, und salbten die schwarzen Krper der
Leidenden mit wohlriechenden Dften, reinigten sie vom Schmutz, und die
edle Herrin umfing die unglcklichen Sterbenden und murmelte ein Gebet,
whrend ein Strom eklen Erbrechens ihr ber Brust und Hnde ging. O Du
Deines Heilandes wrdiges Weib! Edles Mutter- und Frauenherz; meine
Feder ist zu schwach, um Deine heiligen Tugenden zu schildern, Deinen
unerschrockenen Mut, Deine Selbstverleugnung, eine Ruhmespalme ist Dir
im Himmel gewi, und sicher hat der Schpfer, wenn er Dein heiliges und
frommes Wirken sah, sich gefreut, da er Dich in die Welt gesandt hat.

Den ganzen Tag ging sie mit einem Korb voll Obst, Biskuit, einer
Rumflasche umher; wandelte durch die Zellen, gab dem eine Frucht, jenem
ein Stck Citrone, dem dritten ein Glas Rum und sprach:

Mut, meine lieben Shne, Gott will unsere Geduld auf die Probe
stellen.

Brot und Braten warfen wir auf den Hof und auf die Korridore, der Hunger
war verloren, jeder war satt, die Cholera hatte uns gesttigt. Es war
ein Leben, das ich nicht fortsetzen konnte; am Tage immer mit den rzten
unterwegs, Nachts vier oder fnf Mal in den Zimmern umher; ich fhlte
mich wie vernichtet.

Im Bureau des Krankenhauses war das Depot des Weines und der Liqueure,
die ich morgens und Abends an sechshundert Gefangene austeilen mute.

Ich mache dem Direktor Mitteilung, da ich mich in mein Zimmer
zurckziehen mchte, da ich dieses Leben nicht mehr aushalten knne.

Nein, antwortete er, als der Wind still war, da wollten Sie fahren;
nun mssen Sie auch im Sturme ausharren -- ich werde Ihnen zwei Genossen
als Helfer beigeben.

Die Apotheke befand sich in der Anstalt selbst, im Krankenhause; der
Oberwrter, ein braver Mann aus Piombini, der zu zwanzig Jahren
verurteilt war, wute mit Arznei gut Bescheid und that als Apotheker
Dienste.

Zwei oder drei starben jede Nacht, nichts als ein schmerzliches Ha
ausstoend. Sie wurden sofort in einen gemeinschaftlichen Kasten
=eingesargt= und hinausgebracht, um mit den andern, die in der Stadt
starben, zusammen begraben zu werden. Die Gefangenen wuten nicht, wer
oder wieviel starben oder erkrankt waren.

Einige Tage war Waffenstillstand, die heimtckische Krankheit schien des
entsetzlichen Mordens mde zu sein, und wir Verschonten dankten Gott.

Und dann? Das unerbittliche tausendkpfige Ungeheuer war nicht mde, es
schpfte nur Atem, um sich gieriger als zuvor zu erheben. In Neapel, in
der Anstalt neue Opfer; da verdoppelte sich die Sorgfalt und
verdoppelten sich die Mittel, um den Drachen zu bekmpfen.

Verzweiflung und Entsetzen herrschten in den Herzen, die einer
Dolchspitze und einer Messerschneide furchtlos entgegenblickten.

Eines Morgens fragte ich den Doktor Biondi:

Herr Doktor, was mu man thun, um sich vor der entsetzlichen Krankheit
zu bewahren?

Immer Wein und Liqueur trinken, nie Wasser, und im Essen und Trinken
sehr mig sein.

Wein und Liqueur hatte ich zu meiner Verfgung, mig zu sein, hing von
mir selbst ab. Ich fing an, nicht wenig zu trinken, Tag und Nacht trank
ich im berma. Bisweilen hatte ich starkes Fieber mit heftigen
Schmerzen im Unterleib und im Magen, mein Kopf schien sich umzudrehen,
als ob ich im Strudel des Meeres wre, kraftlos hielt ich mich mit Mhe
auf den geschwollenen Beinen. Ich begab mich zu dem Chirurgen Herrn C...
und lie mich untersuchen.

Sie haben ein pferdemiges Fieber, rief er aus.

Ja, ich fhle mich sehr krank und leide heftige Schmerzen im
Unterleib.

Wie ist die Verdauung?

Seit vier oder fnf Tagen schlecht.

Und Sie haben nichts gesagt?

Was sollte ich ... die Furcht vor der Cholera.

Ich kann Ihnen jetzt keine Purgiermittel geben. Gehen Sie in's
Krankenhaus, wir werden sehen.

Ich ging in's Krankenhaus, ein anderer bernahm nun meinen Posten.

Diese abgefeimte Bestie von einem Chirurgen verschrieb mir Chinin, kaum
hatte ich es genommen, als sich das Fieber zum Delirium steigerte; den
Abend und die Nacht erbrach ich mich unaufhrlich und litt an
fortwhrenden Durchfllen, so da ich Bett, Betttuch und alles, was in
meiner Nhe war, beschmutzte; vor meinem geistigen Auge erschienen
Gespenster, Schatten, Grber und Grfte.

Am Morgen kam Dr. Biondi, der Arzt, um mich zu untersuchen.

Cholerasymptome, sagte er, er mu in das Zimmer der Cholerakranken
gelegt werden.

Ich gehe nicht, rief ich, ich will nicht! Genossen, ich verlasse mich
auf Euch![38]

  [38] Ein weiterer Beweis, da M... ein einflureiches Haupt der
  Camorra war.

Borghese und einige Kalabreser und Neapolitaner waren zur Stelle.

Zu den Cholerakranken darf er nicht kommen, beschwor Borghese den
Arzt, sonst steht heute Abend die Anstalt in Flammen.

Er soll nicht! riefen die andern.

Wir morden die rzte, den Direktor und die Wache, drohte der Genarius.

599 soll hier bleiben und von uns bedient werden, sagten einige
Neapolitaner, wehe dem, der ihn anrhrt.

Der Direktor kommt, und es wird entschieden, da ich im Krankenhaus
bleibe, whrend zwei Kalabreser mich am Tage und zwei Neapolitaner des
Nachts bedienen sollen.

Der Arzt Biondi beklagte sich ber den Chirurgen, weil dieser mir Chinin
verschrieben hatte; er sagte, da er mich gettet habe und befahl dem
Chef der Wache, da keiner mit mir sich abgeben solle, da ich unter
seiner eigenen Behandlung stnde.

Nachts wurde es schlimmer mit mir; grliche Gespenster, furchtbare
Grfte mit Gespenstern und Ungeheuern standen vor mir und qulten mich;
ich hrte nichts mehr; ein eiserner Ring schlo meine Eingeweide ein; in
Zwischenrumen litt ich an Erbrechen und Durchfllen, ich konnte mich
nicht bewegen und mit vieler Anstrengung und Vorsicht mute ein Genosse
mich hin und her wenden; ich lag im Sterben.

Nach der Arznei wurde mir bel -- aber was bedeutete das! Zwei Tage und
zwei Nchte wute ich nichts von mir -- ich war tot!

Nach achtundvierzig Stunden heftigen Fiebers gewann ich soweit die
Herrschaft ber meine Sinne wieder, da ich mir meine kritische Lage
klar machen konnte.

Der Arzt kommt, er sperrt den Mund auf, sieht den Krankenwrter an und
spricht mit ihm und den Gefhrten, die mich bedienten; ich hrte nichts,
denn ich war gnzlich taub, aber ich sah, wie der Wrter kopfnickend
sein Einverstndnis mit dem ausdrckte, was der Arzt sagte. Als der Arzt
ging, fragte ich, was er gesagt habe. Man wollte es mir anfangs nicht
sagen, bis auf mein wiederholtes Bitten einer meiner Genossen mir
Folgendes aufschrieb:

Der Doktor sagte, da es sehr schlecht mit Ihnen steht, und da Sie
vielleicht heute Nacht sterben werden, da der Priester gerufen werden
solle, um Ihnen die letzte Trstung der Religion zu spenden.

Ein elektrischer Schlag htte mich nicht so erschttern knnen, wie die
Worte, die ich las und die mein Todesurteil enthielten; mit
bermenschlicher Kraft erhebe ich mich im Bett, die Augen weit geffnet,
die Arme mit drohend geballten Fusten gegen ein groes Kruzifix
ausgestreckt und rufe:

Und Du, Christus, Du Gott, willst es zugeben, da ich am Ende meiner
Strafzeit sterbe, da ich sterbe, fern von meiner Heimat, in diesen
Mauern, im Kerker! da ich an der Cholera sterbe, niedergebeugt vom
Unglck, im Fieber meiner Leiden! Und Du lebst? O Gott, Gott, ist es
wahr, da Du lebst? Sagen es nicht Millionen von Schlafwandelnden? Ist
nicht das Firmament das Werk Deines Willens, entzndet sich nicht der
leuchtende Glanz des Tagesgestirns an Deinem Blick? Rauschen es nicht
die tosenden Meere, da Du lebst? Der thrichte Zweifler leugnet Dich
mit dem Wort, aber in seiner Brust klingt es trumend: +Ein Gott lebt!+

Und Du, der Du lebst, lt mich sterben, den letzten Schrei aus
trockener Kehle ausstoen! Nein, das wirst Du nicht, das kannst Du nicht
thun! Ist es denn nicht wahr? Bist Du denn nicht der zrtliche Vater
aller Deiner Geschpfe; ist Deine Geduld nicht lang, wie die
Jahrhunderte lang sind? Und Du lssest zu, da ich sterbe? Nein, das
kannst Du nicht!

Am Abend kam der Pfarrer und fragte mich ich wei nicht was, denn ich
war taub, ich antwortete nur ja, ohne zu verstehen, was er wollte. Der
Krankenwrter sagte ihm, da ich taub sei von dem Chinin, das der
Chirurg mir verordnet hatte, und da er mir seinen Wunsch aufschreiben
mge. Darauf schrieb er:

Der Pfarrer fragt Sie, ob Sie beichten wollen in Anbetracht der groen
Gefahr, in der Sie schweben.

Jetzt habe ich keine Lust zu beichten, sagte ich emprt; wenn ich
wieder gesund bin, dann will ich beichten.

Ehrwrden machte ein langes Gesicht, lie den Kopf sinken und ging ab.

Diese Nacht, diese entsetzliche Nacht, in der mein Todesurteil vollzogen
werden sollte, fluchte ich unaufhrlich jenem Christus am Kreuze. Meine
Genossen suchten mich zu beruhigen, aber vergebens; ich verwnschte mit
lauter Stimme die Natur, die Welt und den Himmel; ich frchtete mich zu
schlafen, um vielleicht in den ewigen Schlaf hinber zu schlummern. Im
Fieber verging mir die verhngnisvolle Nacht. Am Morgen sagte der Arzt,
nachdem er mich untersucht hatte:

St. Petrus scheint Ihr Freund zu sein, er hat die Himmelsthr nicht
ffnen wollen -- oder vielmehr die Pforten der Hlle waren eingerostet,
so da Cerberus sie nicht ffnen konnte. Jetzt werden Sie leben, das
schwre ich bei meinem Seelenheil.

Die Gefahr war vorber; Christus, dem ich so glhend geflucht hatte,
hatte sich meiner erbarmt und gesprochen:

Lebe und leide!

Ich erhielt ein Telegramm von meiner Familie, die Nachricht ber mich
wnschte. Der Direktor brachte es und er telegraphierte, da ich genesen
sei und demnchst selbst schreiben wrde.

Infolge der sorgfltigen Pflege, die mir der treffliche Professor Biondi
angedeihen lie und der warmen Hilfe von seiten meiner Genossen,
besserte sich mein Zustand bald, aber ich war taub; ich applizierte mir
zwei spanische Fliegen hinter die Ohren, aber sie halfen nichts.

Ich nahm mir vor, wenn ich taub bliebe, die Bestie, den Chirurgen, zu
ermorden.

Dann lie ich mir eine Blase im Nacken ziehen, was viel Wirkung hatte,
indem ich allmhlich das Gehr wieder erlangte. Eine spanische Fliege
legte ich auf die Schlfe, eine zweite hinter die Ohren und auf diese
und andere Weise erlangte ich endlich das Gehr wieder. Ich zhlte die
an der Cholera Gestorbenen, es waren neunundsechszig, mit dem Shnchen
des Direktors siebenzig; der Erkrankten waren zweihundert
zweiundzwanzig. Als ich ganz geheilt war, lie ich den Direktor rufen
und bat ihn, mich meiner Pflicht als Schreiber zu entbinden, und mir zu
gestatten, mich in meine Zelle zurckzuziehen, da ich dringend Ruhe
brauche. Ich wollte dort die Bcher aus der Bibliothek lesen und die
sieben Monate, die ich noch abzumachen hatte, in Frieden verbringen. Er
willigte ein und ich zog mich in eine der unteren Zellen zurck.

Die Cholera hrte auf; das tausendkpfige Ungeheuer zog weiter, und
hinter sich lie es Jammer, Trauer und Entsetzen.

In meiner Zelle waren sechs brave Genossen, fnf davon erkrankten, ich
allein las und schrieb und dachte ber die trben Traumbilder des
menschlichen Lebens nach.

Mir geschah etwas, das ich mitteilen mchte.

Eines Tages, gegen Abend, als meine Gefhrten bereits von der Arbeit
zurckgekommen waren und ich ruhig in meiner Zelle in einem Winkel lag
und meine Pfeife rauche, ffnete sich die Thr mit Gerusch und ich
mute die brennende Pfeife in die Tasche verstecken.

599, sagt der Wchter, geben Sie mir die Cigarre.

Ich habe keine Cigarre.

Rasch, geben Sie mir die Cigarre, Sie haben geraucht.

Ich habe nicht geraucht und habe keine Cigarre.

Sie haben geraucht, ich habe es gesehen und den Tabaksgeruch gerochen.

Sie irren sich.

Ich irre mich nicht, geben Sie mir die Cigarre.

Und er kam nher um die Hand in meine Tasche zu stecken, da erhebe ich
rasch die Hand und versetze ihm eine mchtige Ohrfeige.

Nach diesem niedertrchtigen Streich nimmt der Wchter das Schlsselbund
und will sich auf mich strzen, ich trete einen Schritt zurck, nehme
eine Fechterstellung an und reie die Pfeife aus der Tasche; der arme
Wchter hlt sie fr einen Dolch, schliet die Thr, rennt den Korridor
entlang und ruft um Hlfe.

Der Chef der Wache mit einigen Leuten eilt herbei und ich werde in eine
Strafzelle gefhrt.

Wenn ein Gefangener etwas verbrochen hatte, fand ein frmliches Verhr
statt, bei dem der Direktor als Vorsitzender, der Rechnungsfhrer als
Anklger und der Pfarrer als Verteidiger fungierte.

Ich werde in das Bureau des Direktors gefhrt, die Zeugen werden
aufgerufen und leugnen, da ich dem Wchter eine Ohrfeige gegeben und
ihn mit bewaffneter Hand angegriffen habe, vielmehr habe der Wchter
mich beleidigt und ich mich nur mit Worten verteidigt. Ich werde zu
vierzehn Tagen Wasser und Brot verurteilt und in Ketten gelegt, der
Wchter erhlt zwei Monate Wachtdienst und sein Lohn wird fr diese Zeit
gespart.

Nachdem die Strafe verbt ist, kehre ich in meine Zelle zurck, der
Wchter wird nach einer andern Strafanstalt versetzt.

Drei Monate fehlen noch bis zu meiner Befreiung, da werde ich vom
Direktor gerufen, der sagt: 599, Sie mssen noch drei Monate verben,
wo wollen Sie Ihr Domizil aufschlagen?

In Parghelia, meinem Geburtsort.

Als noch zwei Monate fehlen, rief der Direktor mich und sagte:

599, Sie mssen noch zwei Monate verben; wenn Sie wollen, lassen Sie
sich den Bart und die Haare wachsen. Als der Tag der Freiheit sich
nherte, konnte ich Nachts nicht mehr schlafen und baute Luftschlsser.
Meine Gefhrten thaten sich zusammen, um ein prunkvolles Mahl zu
veranstalten und so meine Freiheit zu feiern.

Der Direktor wurde um seine Erlaubnis gebeten, da wir uns alle in einem
groen Zimmer zusammen finden durften, um den letzten Tag meiner
Gefangenschaft zu feiern, als Beweis unserer Treue, Liebe und Achtung.
Am Vorabend vor meiner Befreiung waren wir einundzwanzig vereint, und
aen und tranken heiter, die Trinksprche galten alle mir, die einen
wnschen mir Glck, die andern langes Leben, und alle diese Wnsche
kamen aus aufrichtigen aber unglcklichen Herzen; wir hatten Kuchen,
Sigkeiten, Liqueure, Caffee und auch die so sehr verbotenen Cigarren.
Am Abend umarmten und kten wir uns, Thrnen feuchteten mir die Wangen,
whrend einer sagte:

599, denken Sie an mich im Reich der Lebenden.

Ein anderer:

Werden Sie mir schreiben, um mich zu trsten?

Ein dritter umarmte mich und flsterte mir ins Ohr:

Werden wir uns wiedersehen, Genosse?

Am Morgen wurde ich von den Gefangenen unbeobachtet nach dem Bureau des
Rechnungsfhrers gebracht, man gab mir mein Geld und einen Brief an den
Delegierten in Neapel. Ich verga zu erwhnen, da ein Landsmann, der
Spediteur Cosmo C... in Neapel, mir einen Anzug besorgt hatte, den ich
nunmehr statt der Gefngnistracht anlegte.

Der Direktor kam, fragte mich, ob ich etwas vorzubringen hatte, und
hielt mir dann eine schne Predigt, wie ich mich in Zukunft betragen
solle.

Ein Schutzmann erscheint, ich ksse dem braven Direktor die Hand und
gehe mit dem Schutzmann eine lange Treppe hinauf, ein groes massiv
eisernes Gitter ffnet sich und ich befinde mich auf der Strae. Will
man es glauben? Ich konnte nicht mehr gehen; meine Augen schmerzten von
dem Licht, das Blut jagte in den Adern und am ganzen Krper hatte ich
ein Jucken, als ob ich die Krtze htte. Wenn man lange die Freiheit
verloren hat, wei man, wie s sie ist.

Wir gingen zum Delegato, der mich in ein Register eintrug und dann
sagte:

Wann wollen Sie reisen?

Ich mchte einige Tage hier bleiben.

Schn, wenn Sie reisen wollen, holen Sie Ihren Pa und das Reisegeld
ab.

Ich suchte Leonardo und Cosmo C... auf, besuchte einige Freunde und
nachdem ich mich fnf Tage vergngt hatte, ging ich zum Delegato, der
mir meinen Pa und das Reisegeld gab.

Tags darauf reiste ich mit dem Dampfschiff ab und nach vierundzwanzig
Stunden angestrengter Reise kam ich nach Pizzo, wo ich mit dem Wagen
nach Monteleone fuhr. Dort versuchte ich, einen Wagen zu finden, um mich
nach Tropea zu begeben, aber ein Wagen war augenblicklich nicht zu
haben.

Da traf ich vier Seminaristen, denen ich mich anschlo und die ich
fragte:

Wohin gehen Sie?

Nach Tropea, antwortete einer.

Und haben Sie einen Wagen? fragte ich.

Nein. Hier wohnt der Bischof Vaccari, mit dem ich zusammen fahre; meine
drei Gefhrten hier fahren mit dem Lastwagen, der unser Gepck zum
Seminar bringt.

Dann gestatten Sie, da ich mitfahre.

Sie willigten gern ein und wir verabredeten Zeit und Ort, wo wir uns
treffen wollten.

Ich mchte dem freundlichen Bischof die Hand kssen.

Kommen Sie mit, und Sie werden ihn sehen.

Sie fhrten mich in das Haus des Apothekers Ortona, wir treten in eines
der Zimmer und ich sehe den Bischof wie eine Wurst gekrmmt im Bett
liegen; er sagte zu dem Priester Ortona, dem Bruder des Apothekers:

Ich bin mde, ich habe von der Reise gelitten.

Ich trat ans Bett und kte ihm die Hand.

Wo sind Sie her, braver junger Mann? fragte er.

Aus Tropea.

Und woher kommen Sie?

Aus Neapel, ich war auf dem Colleg.

Der Apotheker unterbrach unser Gesprch, das wer wei was fr ein Ende
htte nehmen knnen.

Nun kommt mit mir zum Essen, sagte Ortona. Die vier Seminaristen
erheben sich und folgen dem Hausherrn, ich stehe ebenfalls auf, werfe
dem Bischof einen Blick zu und begebe mich mit den andern in ein groes
Zimmer, einen wahren Speisesaal. Wir setzen uns zu Tisch, jeder erhlt
eine halbe Literflasche Wein, es kommt eine Schssel mit Kse, eine
andere mit Schinken, dazu frisches Brot. Ich esse von allem, trinke noch
eine Flasche Wein, dann gehen wir; ich in einen Gasthof, um zu ruhen,
denn schlafen kann ich nicht -- wer aus dem Gefngnis kommt, gewhnt
sich nur langsam wieder an den Schlaf der Freiheit.

Tags darauf fuhren die drei Seminaristen und ich auf dem Lastwagen ab,
der mit Decken und Matratzen belegt war; als wir nach einem Ort namens
Piozzi kamen, sehe ich hinter uns einen Menschen herlaufen; ich lasse
den Wagen anhalten und wir sehen, da es Silvestro C... ist, der nach
Monteleone gegangen war, dort aber keinen Wagen gefunden hatte und nun
sechs Stunden gelaufen war, um uns einzuholen -- ein nettes Vergngen!

In Tropea verlie ich die Seminaristen und ihren Wagen und ging mit
Silvestro C... in einen Gasthof. Dort fanden wir einen schurkischen
Mnch, der sich uns anschlo; wir lieen uns Wrstchen braten und Wein
und Brot bringen und aen und tranken zu drei.

Nachher wollte der schurkische Mnch nicht bezahlen; Silvestro C..., vom
Wein umnebelt, fngt an zu lallen, der Mnch antwortet ihm ebenfalls
lallend.

Silvestro C... glaubt, da der Mnch ihn verhhnt und fngt an zu
schimpfen, auf den Mnch, die Priester, den Papst und die ganze
Klerisei.

Der Mnch wird nun auch zornig und benennt C... mit hlichen Worten,
sie fassen sich an, ziehen sich hin und her und lallen.

Za--ah--le Du!

Nein, za--ah--le Du!

Ich za--a--ah--le nicht!

Ich za--a--ah--le die H----lfte!

Nein, Du za--a--ahlst all--les!

Nein, u--nd ich za--a--ahle ni--ichts!

Wa--arum willst Du nicht za--a--ahlen?

Nein -- nein, es geht mich nichts a--an!

Dann za--ahlen wir zusa--ammen!

Ja, za--a--ahlen wir zusammen!




Zweiter Teil.

Meine Dienstzeit.

     Ein klassischer Schriftsteller, eine wissenschaftliche Abhandlung
     wird von gebildeten, gelehrten, wissenschaftlichen Menschen
     verstanden; eine gewhnliche Darstellung, die leicht geschrieben
     ist, wird sowohl vom gebildeten, gelehrten, wissenschaftlichen
     Menschen, wie vom unwissenden Mann aus dem Volke verstanden: sonach
     ist es besser, sich beiden als blos einem verstndlich zu machen.


Vorbemerkungen.

Wer unklug ist, findet im Soldatenspielen den Samen der Gelehrsamkeit.

Der Soldat legt seinen Verstand ab, bevor er die Kaserne betritt.

Schande, Feigheit, Trug, Falschheit, Mibruche, Qulereien und Tyrannei
sind der Teil des Soldaten.

Und wenn Du Dich beklagst, kommst Du auf die Galeere.

Sklaverei und Soldatenspielen sind Geschwister.

Der Heeresdienst ist ein bel, das innen und auen schadet.

Willst Du verdammt sein? Werde Soldat!


An mein liebes Shnchen Francesco Antonio.

                       Mein heigeliebter Junge!

Fr Dich allein schreibe ich diese schmerzensreichen Abenteuer meines
Lebens, das durch vierzehn lange Jahre eines furchtbaren Geschickes und
durch heftige Schmerzen und Unglcksflle zerrissen ist. In diesen
Zeilen, die von meiner heien Liebe zu Dir diktiert sind, findest Du die
traurigen Wechselflle des menschlichen Lebens und die raschen
Wandlungen dieser schmutzigen, unsauberen, bsen Welt.

Mgen Dir diese Denkwrdigkeiten als Schule auf dem schlpfrigen Pfade
in der Welt dienen, als Warnung vor der heuchlerischen Gesellschaft, als
Fhrer in den Banden der Freundschaft, als Zgel in den malosen
Leidenschaften, als Beruhigung im Unglck, als Ermutigung und
Unterwerfung in die Schicksalsschlge des Lebens.

Du wirst diese meine Briefe durchlesen, Du wirst, mein geliebter Sohn,
das Ergebnis meiner Leiden betrachten und mit einem Herzen voll
kindlicher Liebe wirst Du den beklagen, der Dir das Leben gab, der Dich
Jahre hindurch in seinen Armen trug, der Dir soviel Ksse gab, wie
Sterne am Himmel stehen, und der mit berstrmender Liebe Deine ersten
Schritte lenkte, denn Du allein warst der kostbare Edelstein meiner im
Unglck verbitterten Seele.

Um Dich habe ich manche lange und kalte Winternacht durchwacht und hier,
in diesen vterlichen Armen, habe ich Dich ganze Nchte lang gewiegt;
ich sprte keinen Frost; der Schlaf floh meine Augen und nimmer mde,
nimmer berdrssig, habe ich Dich gewiegt. Ja, mein geliebter Sohn, ich
war glcklich, Dich an meine Brust zu drcken, in der Stille der Nacht,
wenn drauen der kalte, eisige Wind raste und an unserem Fenster
rttelte, dann war ich glcklich und zufrieden und sang Dich in den
Schlaf.[39]

Parghelia, den 20. Juni 1888.

                              Dein zrtlicher Vater

                                           Antonino M...

  [39] Hier folgt ein italienisches Wiegenlied.


Die Abreise.

Nach sechs langen Jahren der Gefangenschaft, wie ich im ersten Teil
dieser Erzhlung berichtet habe, erblickte ich am 16. November 1874 die
Freiheit wieder.

Am 27. Januar 1875 hatte ich das Unglck, Soldat[40] werden zu mssen,
denn aus der Klasse 1850 wurde ich der Klasse 1855 berwiesen und auf
zwlfjhrige Dienstzeit in das zwanzigste Infanterieregiment
eingestellt.

  [40] Dieser Teil der Selbstbiographie des M... ist ein Beweis zu
  Gunsten derer, welche behaupten, da Verbrecher nicht in die Armee
  aufgenommen werden sollten.

  Die Frage ist als Gefhls- und als Ntzlichkeitsfrage behandelt
  worden. Ich bergehe den ersten Gesichtspunkt, weil sich darber nicht
  verhandeln lt: ein Heer braucht namentlich in Friedenszeiten einen
  hohen Grad sittlicher Reife in seinen Bestandteilen, um in Ermangelung
  eines unmittelbaren Nutzens eine Existenzberechtigung zu haben.

  In Kriegszeiten kommt es auf solche Moralitt weniger an und niemand
  wrde sich darum kmmern; Sergi hat in seinem _Eroismo e criminalit_
  gezeigt, wie ein Verbrecher bisweilen zu heroischen Thaten sich
  erheben kann. Der Mangel an Voraussehung schwcht bei ihm das Gefhl
  der Gefahr ab.

  Ich will mich auf den zweiten Punkt beschrnken: da es nutzlos und
  unthunlich sei, Verbrecher in die Armee aufzunehmen, und zwar auf der
  Basis elementarer Grnde des Positivismus.

  Wenn man zugiebt, da der Verbrecher ein pathologischer und anormaler
  Typus ist, weshalb wird diese moralische Abnormitt nicht ebenso in
  Betracht gezogen, wie so viele andere, die physischer Natur sind?
  Individuen, die eine Mibildung der Fe zeigen, werden
  ausgeschlossen, und man sollte die nicht zurckweisen, welche eine
  tiefgehende Abnormitt der Seele zeigen?

  Man wird sagen: Es ist schwer, diese Abnormitt festzustellen. Und ich
  antworte: Zugegeben; aber so schwer es auch sein mag, in der groen
  Mehrzahl der Flle ist ein unfehlbares Kennzeichen gegeben -- die
  Strafen, welche die zur Aushebung sich vorstellenden Leute erlitten
  haben -- oder wenn sie schon Soldaten sind, die Vergehen, welche sie
  sich zu Schulden kommen lassen. Der Verbrecher wird als ein
  antisoziales Element definiert, d.h., er wendet sich gegen die
  Ordnungsgrundstze, die zur Existenz einer gegebenen Gesellschaft
  notwendig sind: er will sich deren Zwang nicht unterwerfen und findet
  sie fr sein eigenes Temperament und seine eigenen Neigungen zu eng.
  Ist es nun nicht widersinnig, einen solchen Widerstrebenden in die
  Schranken eines Organismus wie die Armee einzustellen, die durch eine
  noch viel straffere Disziplin als die, welche in der gewhnlichen
  Gesellschaft herrscht, regiert wird? Heit das nicht, aus einem Narren
  einen Philosophen machen wollen? Sowohl der Narr wie der Verbrecher
  sind individualistische bertreibungen, Wesen, deren Verstand oder
  moralisches Empfinden sich den Bedingungen des sozialen Leben, den
  Vorschriften, die der Egoismus auf Gegenseitigkeit diktiert, nicht
  anpassen knnen.

  Man wirft ein: Auch das Gefngnis und das Irrenhaus sind Institute,
  die von eiserner Disziplin regiert werden, aber jeder sieht ein, da
  die Zusammenstellung mit dem Heer nicht mglich ist. Dieses hat im
  Staat eine opportunistische, jenes eine, im wesentlichen utilitarische
  Funktion. Die Armee wird verschwinden knnen und mssen; die
  Gefngnisse werden ihr Aussehen ndern, wenn der Begriff der Strafe
  durch den der Abwehr abgelst worden ist; die Irrenhuser werden in
  Sttten der Pflege und der Hut umgewandelt werden, da die Gesellschaft
  nur stets, auch in ihren fortgeschrittensten Formen, den Begriff der
  Selbstverteidigung aufrecht halten und erweitern mu, weil dies zur
  Entwickelung der gesunderen und normaleren Krfte beitrgt. Die
  soziale Disziplin ist ein absolutes Bedrfnis, die militrische
  Disziplin ein relatives Bedrfnis.

  Nun kann die Ausbildung derer, welche Strafen von einer gewissen
  Schwere erlitten, helfen, das Heer sicher zu stellen. Ich lege nicht
  viel Wert darauf, weil es eine Wahrheit ist, von der wir uns in diesen
  letzten Jahren berzeugt haben. Misdea, Serghetti, Scaranari, Marino,
  Missivoli und endlich Pasquala Torres haben dem Heer noch mehr
  geschadet als zwanzig Friedensjahre. Andererseits ist bekannt, da das
  Kriegsministerium das Aushebungsgesetz in dem Sinne reformieren will,
  da diejenigen ausgeschlossen bleiben und dem kniglichen Heer nicht
  angehren knnen, welche zu Kerkerstrafe und zu Gefngnis nicht unter
  fnf Jahren verurteilt sind, whrend das zur Zeit in Kraft befindliche
  Gesetz nur die wegen irgend eines Verbrechens zu Zwangsarbeit
  Verurteilten und die zu Zuchthaus und Gefngnis wegen Verbrechen
  schwerer Art Verurteilten ausschliet.

  Doch sollten auch die zu geringen Strafen Verurteilten besonders
  behandelt werden, indem sie whrend des Dienstes mit der Waffe einer
  besonderen Abteilung zugewiesen werden, wie es in Frankreich und
  Deutschland blich ist.

  Dazu wird nun noch ein Reglement treten, welches gleichzeitig die
  berweisung derjenigen Personen in eine besondere Abteilung verfgt,
  die sich =whrend der Dienstzeit= schwerer Vergehen schuldig machten.
  Dasselbe Ministerium anerkennt in dem der Kammer schon vorgelegten
  Bericht die Ntzlichkeit solcher Verfgungen, indem es hervorhebt, da
  man nicht erst jetzt darauf verfallen sei, sondern schon in einem dem
  Senat am 10. Juni 1884 vorgelegten Gesetzentwurf des Ministers General
  Ferrero, in dem von einem Spezialkorps die Rede war.

  Damit, das wird jeder einsehen, wird die Frage verschoben, aber nicht
  gelst. Es schliet zwar die schlimmsten Verbrecher aus, aber zu viele
  umfat es gar nicht, oder umfat sie mit einer Verschrfung der
  Disziplin. Wenn heute der Verbrecher seine Strafe verbt hat, wird er
  veranlat sein, die besondere Behandlung, die er erfhrt, als eine
  Ungerechtigkeit zu betrachten und den Fatalismus der Schuld zu
  verstrken, von dem die Seiten M...'s voll sind. Er wird als Soldat
  eine strengere Disziplin und daher mit grter Wahrscheinlichkeit die
  Bestrafung finden. Ist das gerecht und logisch?

  Ist im sozialen Leben die moralische oder intellektuelle Inferioritt
  einer Person nicht eine Entschuldigung fr uns? Von einem Bauern
  verlangen wir gewisse uerungen des Zartgefhls nicht, die wir bei
  einer gebildeten Person fordern; von jenem dulden wir, was bei dieser
  eine Beleidigung wre.

  Wenn man bei einer Spezialdisziplin annimmt, da diese Individuen
  Verbrecher sind und wenn man sie nur deshalb als Soldaten betrachtet,
  weil sie sich dem Recht, welches das Land ber sie hat, nicht
  entziehen knnen, so mte man sie wenigstens dem gewhnlichen
  Gesellschaftscodex unterstellen, anstatt sie unter den militrischen
  Codex zu bringen.

  Der Grundsatz der Ausschlieung, nach der vorher erlittenen Strafe
  beurteilt, hat fr mich keinen Wert. Der Soldat kommt immer im
  jugendlichen Alter zur Aushebung; wenn er ein Verbrecher war, so war
  es in seinen Jugendjahren, wo einerseits das Strafgesetzbuch und
  andererseits das Mitleid der Geschworenen ihm alle mglichen
  mildernden Umstnde zubilligen.

  Das sieht man aus der ersten Strafe des M... wegen Mordes, wo die
  berlegung und die Nachstellung nicht hinderten, da die Strafe auf
  fnf Jahre beschrnkt wurde, und man sieht es aus den Antecedentien
  aller Soldaten, die in diesen letzten Jahren erschossen oder dem
  Kerker bergeben wurden. Alle hatten Strafen erlitten und keiner hatte
  vom Dienst befreit werden knnen. Die angeblichen fnf Jahre wrden in
  der That zwanzig bis dreiig Jahren Gefngnis gleichkommen. Vier
  Krperverletzungen und drei Widersetzlichkeiten gegen die
  Polizeiorgane wrden weniger gelten als ein versuchter Mord, und zwar
  fr einen Soldaten, fr den das Spezialgesetzbuch des Heeres die
  Erschieung von hinten sanktioniert, wenn er nur mit bewaffneter Hand
  seinen Vorgesetzten bedroht.

  Die Bltter des M... knnen dazu ermahnen, eine offene und wirkliche
  Lsung zu finden, die einerseits dem Heere ntzt und andererseits den
  Postulaten des gesellschaftlichen Positivismus entspricht.

  In dieser Anmerkung, das begreift jeder, habe ich eine solche Lsung
  nur andeuten knnen.

Ich reiste nach Florenz, um zu meinem Regiment zu kommen.

In diesem Regiment war ein Landsmann von mir, Signor Pietropaolo A...,
Lieutnant; diesem wrdigen und wohlverdienten Herrn wurde ich empfohlen;
und er wies mich der achten Kompagnie zu: das Unglck schien mir
anzuhngen; diese Kompagnie war die meist gequlte vom ganzen Regiment
und bestand aus Leuten, die sich nicht durch gute Fhrung hervorthaten.

Als Signor Pietropaolo von meiner Ankunft hrte, kam er in mein Quartier
und hielt mir eine Vorlesung ber die Art und Weise, wie ich mich zu
benehmen htte; er empfahl mich den Vorgesetzten, meinem Hauptmann und
den Lieutenants, mit denen ich zu thun hatte.

Tags darauf erhielt ich das Gewehr, den Sbel, die Patronentaschen und
was sonst noch dazu gehrt; dann wurde ich mit den anderen Rekruten auf
den Exerzierplatz gefhrt, wo ein Korporal und ein Sergeant uns
unterrichtete; sobald einer sich irrte oder ein Kommando schlecht
ausfhrte, wurde er geschimpft und mihandelt, und oft hrte man solche
Worte:

Sie sind ein Rindvieh, ein Dummkopf, Sie sind ein Schweinehund! und
hnliche Schmhungen. Mir stieg das Blut zu Kopf, wenn ich sah, wie ein
unwissender Vorgesetzter uns so behandeln konnte.

(Hier fehlen im Manuskript einige Bltter.)

Ich stand an meinem Bett, hatte Helm und Grtel abgelegt und suchte
meine Mtze, die ich am Morgen an die Wand gehngt hatte. Inzwischen
stellte sich die Kompagnie in Reih und Glied auf und da ich weiter
suche, kommt der Korporal C... auf mich zu und fragt mich wtend,
weshalb ich mich nicht auf meinen Platz begebe.

Ich suche meine Mtze, die ich heute Morgen hier aufgehngt habe.

Sie wissen nicht, was Sie sagen; Sie verlieren immer etwas.

Ich habe noch nie etwas verloren; aber meine Mtze finde ich nicht.

Schweigen Sie! Passen Sie besser auf, Sie Schweinehund! Was meinen Sie
denn, wer Sie sind, Sie Galgenschwengel?

Mir stieg das Blut zu Kopf, ich verlor meine Kaltbltigkeit, wtend wie
eine Hyne sprang ich ihm an den Hals, gab ihm eine mchtige Ohrfeige
und schttelte ihn hin und her wie ein Rohr.

Der Korporal verliert das Gleichgewicht und fllt hin, ich werfe mich
mit voller Kraft auf ihn, halte ihn an der Gurgel fest und ziehe einen
Dolch aus der Tasche, um ihn zu ermorden -- in diesem Augenblick strzt
sich ein Haufe von Offizieren und Gemeinen auf mich, reien uns
auseinander und ich werde in die Wachtstube gefhrt, wo man mich mit
Schimpfreden berschttet, um mich dann unter einer Eskorte von acht
Chargierten mit aufgepflanztem Bajonett ins Gefngnis zu fhren.

Tags darauf suchte mich Signor Pietropaolo auf; Thrnen standen ihm in
den Augen, er beklagte den Vorfall und sagte, da er alles thun werde,
um die Gefahr abzuwenden; dann ging er, nachdem er mir zwei Cigarren
gegeben und einen zrtlichen Blick auf mich geworfen hatte.

Eingeschlossen, allein, sah ich mehrere Tage hindurch niemand;
unvertraut mit den militrischen Gesetzen wute ich nicht, was aus mir
werden sollte und machte mich auf alles gefat. Signor Pietropaolo kam
wieder und sagte lchelnd:

Ich habe alles besorgt; morgen wirst Du in Freiheit gesetzt werden,
aber versprich mir, da Du Dich gut fhren willst.

Je nach den Umstnden, antworte ich.

In der folgenden Nacht, etwa um ein Uhr, wird die Thr meines
Gefngnisses geffnet; ich frchtete, da man mir etwas bses thun werde
und schickte mich an, mich zu verteidigen.

Es war der Hauptmann, der mich herausrief. Ich folgte, er fhrte mich
auf den Hof, eintniges Schweigen herrschte ringsum, nur unterbrochen
durch die Schritte der Schildwache; der silberne Mond stand am
Himmelsbogen.

Der Herr Oberst verzeiht Ihnen diesmal, morgen werden Sie in Freiheit
gesetzt; aber ich empfehle Ihnen, sich gut zu fhren, dann werden Sie in
drei Monaten die Korporaltressen bekommen.

Ich danke Ihnen, Herr Hauptmann und bitte Sie, dem Herrn Oberst
ebenfalls meinen Dank zu sagen; wenn ich nicht gereizt worden wre,
wrde ich einen solchen Schritt nicht gethan haben, aber --

Genug, genug, seien Sie in Zukunft ruhiger. -- Korporal, fhren Sie den
Mann ins Gefngnis.

Ich wurde wieder eingeschlossen, tausend Gedanken durchzogen mein Gehirn
und ungeduldig erwartete ich die Stunde meiner Befreiung.

Tags darauf wartete ich angstvoll, jedes Gerusch gab mir einen Stich
ins Herz; aber niemand kam, auch der Lieutenant Pietropaolo nicht. Es
wurde Abend, endlich hre ich den Schlssel klirren, die Thr ffnet
sich und ein Sergeant, den ich nicht kenne, sagt:

Auf, M..., schnell, es geht los; alles ist bereit.

Ich folge ihm, auf dem Hof steht ein verschlossener Wagen, von drei
schwarzen Pferden gezogen, die ungeduldig scharren und wiehern; auf dem
Bock sitzt ein Soldat mit aufgepflanztem Bajonett, vier andere Soldaten,
zwei Korporale und zwei Sergeanten, alle mit aufgepflanztem Bajonett,
standen um den Wagen herum.

Rasch, M..., steigen Sie ein und machen Sie sich's bequem, sagte ein
Sergeant in befehlerischem Ton.

Beim Anblick einer solchen bewaffneten Macht ward ich bestrzt und wute
nicht, was geschah; ein Sergeant lie mich in den Wagen hinein und nahm
an meiner Seite Platz, die beiden anderen Pltze nahmen zwei Korporale
ein; ich sehe mich verstndnislos um und frage mich, ob ich trume, ob
man eine Komdie mit mir auffhren will?... Der Wagen setzt sich in
Bewegung, hlt an, fhrt weiter, hlt wieder an und rast dann im Galopp
davon; neben mir und vor mir sehe ich die unbeweglichen, kalten
Gesichter der Soldaten, deren Augen auf mich gerichtet sind und die
schweigend die Gewehre zwischen den Knieen halten. Drauen sehe ich eine
Abteilung Soldaten, die dem Wagen folgte.

Endlich ermanne ich mich, den Sergeanten zu fragen, wohin man mich
fhrt.

Das werden Sie spter sehen; wir sind jetzt am Ziel.

Aber der Herr Hauptmann hat mir doch gesagt, ich wrde heute frh in
Freiheit gesetzt werden; wozu denn jetzt dieser Unsinn?

Der Herr Hauptmann hat Sie zum Besten gehabt, antwortet lachend der
Sergeant.

Zum Besten gehabt! rufe ich aus.

Ja, er hat Sie zum Besten gehabt.

Ich fange an nachzudenken, wo ich dies Wort schon einmal gehrt habe,
und ich erinnere mich, da es der Karabiniere mir sagte, als ich in die
Strafanstalt zu Neapel abgefhrt wurde.

Dies ist das zweite Mal, denke ich, da man mich zum Besten hat, zum
dritten Mal soll es bei Gott nicht geschehen!

Bald darauf hielt der Wagen an, eine Stimme fragte:

Wer ist da?

Ein Gefangener wird eingeliefert, entgegnete eine andere Stimme.

Darauf entstand ein Fragen und Antworten, das ich nicht unterscheiden
konnte; der Wagen setzt sich langsam in Bewegung, hlt an; der Schlag
wird geffnet und ich werde mit unfreundlicher Stimme zum Aussteigen
aufgefordert.

Ich steige aus und werde unter Bedeckung ins Gefngnis gefhrt, ein
Sergeant trgt meinen Namen und mein Signalement in ein Register ein.

Sie sind der thtlichen Insubordination angeklagt, begriffen?

Sehr wohl, aber gestern und heute Nacht habe ich es nicht begriffen!

Schweigen Sie, und schwatzen Sie nicht, sagte der Sergeant wtend.

Die Soldaten von meinem Regiment zogen ab, ohne mich eines Blickes zu
wrdigen.

Man fhrte mich in meine Zelle, ein groes Zimmer zu ebener Erde in der
Festung Abasso, hier war auch das Militrgericht. In diesem Zimmer
befanden sich etwa zwanzig Angeschuldigte von verschiedenen
Waffengattungen.

Als ich den rohen, unwissenden Soldaten entrckt und unter
Leidensgefhrten war,[41] fhlte ich mich von einer schweren Last
befreit, ich berblickte meine kritische Position und zermarterte mir
das Gehirn, weshalb Signor Pietropaolo und der Hauptmann bei seinem
nchtlichen Besuch mir gesagt haben knnten, da ich befreit werden
wrde, whrend ich jetzt im Gegenteil geheimnisvoll ins Gefngnis
gebracht wurde. Wozu diese elende Komdie. Schuftige, lgnerische
Menschen, die dafr bezahlt werden, da sie heucheln!... Wann wird man
ihnen ihre von Bosheit befleckte Maske vom Gesicht reien knnen?

  [41] Ein Beweis fr das Gefhl der Zusammengehrigkeit, das
  Familiengefhl, das unter den Verbrechern existiert.

O meine Seele, was trauerst Du? Denke an die Vergangenheit, erinnere
Dich an die Seufzer und die Leiden, damit ich dereinst mit den Farben
der Wahrheit das Bild meines Unglcks entwerfen und die Unwissenheit der
engherzigen, selbstschtigen Despoten schildern kann. --

Erinnere Dich an die Thaten eines unseligen, verworfenen Tyrannen!
Verknde, wenn Du es vermagst, die Handlungen des Autokraten, der,
vterliche Gefhle und kindliche Liebe miachtend, auf dem
Scheiterhaufen des Vaterlandes die jugendliche Hoffnung Italiens als
Brandopfer darbrachte, der die Sttzen darbender Familien vom huslichen
Heerd hinwegri, der Industrie die Kraft des Fortschritts raubte, um das
erhabene Andenken der Freiheit zu schnden, und dem Bajonett, dem
Galgen und der Galeere das Recht gab, den letzten Gedanken der
Unglcklichen zu Todesseufzern zu gestalten.

Du allein, o meine Seele, kannst in den Tagen des Unglcks die Klagen
deuten, welche in diesem Kreise ertnen, wo Leiden, Kummer, Qualen und
der Wille eines gesetzlich sanktionierten Vatermrders die jugendlichen
Hoffnungen aus dem Herzen des jungen Soldaten reien, um die fern
weilenden Familien in Verzweiflung zu strzen.

Nach drei Tagen suchte mich der Lieutenant Pietropaolo auf, er war
trostlos ber mein Schicksal und sagte, da der Oberst anfnglich die
Absicht gehabt habe, mir zu verzeihen, in Anbetracht meiner Vorstrafen
aber vorgezogen htte, mich vor ein Kriegsgericht zu stellen; er flte
mir Mut ein und sagte, da er meine Verteidigung vor Gericht bernehmen
wolle.

Ich gab meine Aussage vor dem Untersuchungsrichter ab; am 13. Juli 1875
sollte die Verhandlung stattfinden.

Signor Pietropaolo kam wieder zu mir und teilte mir unter Thrnen mit,
da seine arme Mutter krank sei, da er infolge dessen Urlaub genommen
habe und da statt seiner der Advokat C..., der erste in Florenz, meine
Verteidigung fhren werde.

Der 13. Juli erschien; vier Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett unter
Fhrung eines Sergeanten brachten mich zum Gerichtssaal; dort fand ich
den Advokaten C..., einen schnen Mann mit langem schwarzem Bart. Er
trat auf mich zu und sagte:

Mut, M..., heute werden Sie frei sein; der Vorsitzende und die Richter
sind gute Freunde von mir, der Staatsanwalt ist ein Bekannter von mir
-- was brauchen Sie zu frchten?

Ich, Herr Advokat, frchte nichts, und wenn es auch sicher wre, da
mir schweres Unglck bevorsteht, ich bin gewhnt zu leiden, lange habe
ich an den Brsten des Unglcks gelegen; Mut glaube ich zu haben, meine
Seele zittert nicht in den Zeiten des Migeschicks.

Brav, M..., heute werden wir bei mir eine Flasche trinken.

Wenn wir nur nicht Fiasko machen! antwortete ich.

Ich setze mich auf die Anklagebank, zum zweiten Mal in meinem Leben;
meine Personalien und Antecedentien werden verlesen; der Staatsanwalt
vergleicht mich mit den Rubern Kalabriens, der Verteidiger empfiehlt
mich mit Stentorstimme der Gnade der Richter.

Nach einer Stunde erscheint der Gerichtshof, der sich zur Beratung
zurckgezogen hat, wieder, und ich werde wegen Insubordination und
thtlichen Widerstandes gegen einen Vorgesetzten zu drei Jahren
Militrgefngnis und zu den Kosten des Verfahrens verurteilt.

Der Gerichtshof entfernt sich, ich werde ins Gefngnis zurckgefhrt;
unterwegs treffe ich den Advokaten C...

Nun, M..., wir mssen Berufung einlegen; das Urteil ist ungerecht, ich
werde es aufheben lassen, ich werde --

Sachte, Herr Advokat, unterbreche ich ihn, kennen Sie nicht die Fabel
von der Katze und der Maus?

Was Fabel, was Maus? Man hat Ihnen Unrecht gethan, wir mssen
appellieren.

Hren Sie mich einen Augenblick an, Herr Advokat, und dann appellieren
Sie, so viel Sie wollen.

Es war einmal ein Kater, der unter seinen nahen Verwandten eine arme
kleine Maus hatte; diese rief: Onkel, Onkel; aber der gerufene Kater
hrte die sanfte Stimme der kleinen Maus nicht. Als die andern Muse das
jmmerliche Rufen hrten, sagten sie: Ihr eigener Onkel lt sie so
verzweifelt schreien; wenn, was Gott verhte, wir mit den Grausamen
zusammen kmen, die wir fremd sind, wrden wir sicher umgebracht
werden.

Sie, Herr C..., haben gesagt, da der Vorsitzende und die Richter Ihre
besten Freunde, da der Staatsanwalt ein alter Bekannter von Ihnen wre,
da also mit Rcksicht auf Sie, auf Ihre Freundschaft, die freundlichen
Beamten mich freisprechen wrden -- nicht wahr?

Aber erlauben Sie, ich hatte nicht geglaubt --

Wenn Sie es nicht geglaubt haben, so doch ich, also --

Werden wir appellieren!

Weiser Mann, verschonen Sie mich mit dem Appellieren; warten Sie die
Moral meiner Fabel ab und dann appellieren Sie zweimal, wenn Sie
wollen.

Wenn die Richter mit Rcksicht auf Sie mir die gelinde Strafe von drei
Jahren auferlegten; wenn, was Gott verhte, der brave Herr Lieutenant
Pietropaolo mich an irgend einen anderen Anwalt empfohlen htte, der
keine freundschaftlichen Beziehungen mit den gndigen Beamten
unterhalten, was fr eine Strafe wrde ich dann bekommen haben? Lassen
wir die Possen, Herr Advokat, mit dem Militrgericht ist nicht zu
spaen, ich bin zu drei Jahren verurteilt und werde sie in Frieden
abmachen! Die Schlauheit der Advokaten ist gro, aber die Schlauheit der
Beamten ist grer.

Nein, bei allen Teufeln, wir mssen appellieren!

Noch einmal, appellieren Sie soviel und so oft Sie wollen -- ich
nicht!

Nach einigen Tagen wurde ich in das Militrgefngni zu Savona gebracht,
wo jeder Gefangene zehn Stunden tglich angestrengt arbeiten mute. Es
war dort eine Druckerei, eine Weberei, eine Schneider-, Schuhmacher-,
Tischler-, Klempner- und Matratzenmacherwerkstatt, eine Falz- und
Gummiranstalt und mehrere andere kleinere Betriebe.

Ich kam zuerst in die Schneiderwerkstatt; hier blieb ich acht Monate,
nhte Hosen, Jacken, Hemden, Bettwsche und Taschentcher und verdiente
tglich zwlf Centesimi.

Dann kam ich in die Falzerei, wo ich drei Monate blieb und tglich
fnfzehn Centesimi verdiente.

Von da kam ich in die Druckerei, einen groen langen Raum mit fnfzehn
groen und zwanzig kleinen Pressen, ich mute das groe Rad einer
Maschine drehen und bekam tglich zwanzig Centesimi; sechs Monate blieb
ich dabei und im Schwei meines Angesichts, arbeitend wie ein Ochse am
Pflug, verdiente ich mein Brot und meinen Kse; nach diesen schweren
sechs Monaten kam ich an eine Presse, wo ich mit einem braven jungen
Toskaner zusammen arbeitete.

Meine schwache Feder strubt sich, all' die Leiden und Qualen und
Kmmernisse aufzuzhlen, die ich in diesen harten zweieinhalb Jahren
erduldet habe, ein Visconti Venosta, ein de Amicis, ein Francesco
Mastriani knnte hunderte von Bnden damit fllen.

Italien hatte das Unglck, seinen Herrscher Viktor EmanuelII.[42] zu
verlieren, und die armen Gefangenen erlebten die Freude, da ihnen bei
der Thronbesteigung Knig HumbertI. sechs Monate =der Strafe= durch
eine allgemeine Amnestie nachgelassen wurden; am 19. Januar wurde durch
das Kriegsgericht meine Strafe um sechs Monate gekrzt.

  [42] Kurz vorher hat er ihn einen Autokraten, einen gesetzlich
  sanktionirten Vatermrder genannt.

Da somit meine Strafe am 19. Januar 1878 verbt war, verlie ich das
Militrgefngni in Savona und wurde nach Nocera bei Salerno geschickt,
wo sich mein Regiment befand. In Neapel machte ich Halt, um mich zwei
Tage zu ruhen und nach zweieinhalb Jahren die lang entbehrte Freiheit zu
genieen. Ich erreichte mein Regiment; an der Kasernenthr fragte mich
der wachthabende Lieutenant:

Kommen Sie vom Urlaub?

Nein, antwortete ich, ich komme aus dem Gefngnis zu Savona.

Kommen Sie herein und gehen Sie zu Ihrer Kompagnie -- die wievielte ist
es?

Die achte.

Korporal, fhren Sie diesen Soldaten zur achten Kompagnie!


Ein Schurke. -- Unschuldig verurteilt.

Als der Feldwebel V... von meiner Kompagnie mich in meiner schlechten
Kleidung und in dem durch die langen Leiden verursachten
heruntergekommenen Zustand sah, betrachtete er mich einige Minuten lang
und sagte dann, sich erhebend:

Wie, M..., so sind Sie heruntergekommen?

Das Brot der Unglcklichen schmeckt bitter.

Wissen Sie, M..., sagte er in miachtendem Tone, da Sie sich zwei
Tage versumt haben; alle Soldaten und Offiziere wissen das, denn wir
erwarteten mit Ungeduld Ihre Rckkehr. Der Kommandant ist von der
Versptung unterrichtet, ich kann nichts thun, um Ihnen eine Bestrafung
zu ersparen.

Ich danke Ihnen, Herr Feldwebel, wenn der Herr Kommandeur meint, da
ich gefehlt habe, so wird er mich bestrafen und ich werde meine Strafe
geduldig tragen.

Tags darauf wurde ich vom Hauptmann dem Obersten vorgefhrt.

Endlich! rief dieser, als er mich sah, endlich! Sie kommen etwas
spt, zwei Tage zu spt!

Herr Oberst, erwiderte ich mit unterwrfiger Stimme, ich habe in
Neapel Rast gemacht, ich war zu mde, um die Reise fortsetzen zu
knnen.

So reden sich faule Zahler aus, sagte der Schuft von Hauptmann.

Nun, sagte der gtige Oberst in vterlichem Tone, ohne auf die
hhnische Bemerkung des Hauptmanns einzugehen, ich verzeihe Ihnen, aber
ich empfehle Ihnen, sich von heute ab gut zu fhren; ich wei es nur zu
gut, das Soldatenleben ist voll Leiden; aber wenn Sie brav sind, sollen
Sie in drei Monaten die Korporaltressen haben -- versprechen Sie es
mir.

Herr Oberst, ich bin nicht gewhnt, leicht zu versprechen, aber Ihnen
verspreche ich, brav zu sein und meine Pflicht zu thun unter der
Bedingung aber, da ich nicht von meinen Vorgesetzten gereizt und da
ich nicht als Sklave, Dummkopf und Schweinehund behandelt werde, wie es
die Korporale zu thun lieben.

Sehen Sie, Herr Hauptmann, wandte sich der Oberst an meinen
Vorgesetzten; das heit nicht kommandieren; die ganze Schuld liegt an
den Unteroffizieren, das wei ich; Sie mssen sie im Auge haben,
berwachen und ermahnen. ber diesen Soldat wnsche ich tglich
unterrichtet zu werden.

Dann wendete er sich an mich.

Haben Sie verstanden? Sie werden hier alle mgliche Rcksicht finden,
aber fr Ihre Versptung mssen Sie eine leichte Strafe bekommen
-- einstweilen haben Sie bis auf weiteres Kasernenarrest.

Der Hauptmann teilte seinen Untergebenen den Wunsch des Obersten mit,
ich wollte mich gerade niedersetzen, um meiner Familie meinen neuen
Aufenthaltsort zu schreiben, als ich in die Wachtstube gerufen wurde.
Ich stelle mich dem dienstthuenden Lieutenant vor, der mir sagt:

Der Herr Oberst hat befohlen, da Sie in Arrest mssen.

Aber, Herr Lieutenant, ich habe nichts gethan, der Herr Oberst hat mir
die Versptung verziehen.

Er zeigt mir eine schriftliche Ordre mit der eigenhndigen Unterschrift
des Obersten, ich lese sie und sage:

Es ist richtig, jeder Fehler verdient seine Strafe.

Der diensthabende Sergeant fhrte mich in strengen Arrest ab; das
Arrestlokal lag neben dem fr einfachen Arrest bestimmten Raum.

Hier fand ich einen Korporal aus meiner Kompagnie, mit Namen Alfonso
S... Wir sahen uns an und verstanden uns, und unsere Augen schworen sich
ttlichen Ha.

Wie heien Sie? fragte der Korporal mich, whrend ich in dem Zimmer
auf und ab ging. Woher kommen Sie, weswegen haben Sie Arrest?

Was wollen Sie? antwortete ich gereizt, sind Sie
Untersuchungsrichter?

Der Korporal S... setzte sich nachlssig auf seine Pritsche.

Es kam die Stunde, wo unser Brot gebracht wurde, S... erhielt auch Kse
und Cigarren; er lud mich ein, mit ihm zu essen; ich lehnte wiederholt
ab -- schlielich, um nicht unhflich zu erscheinen, nahm ich
widerwillig an; aber mein Herz ekelte sich vor dem gemeinen Zwitter.

Zehn Tage bei Wasser und Brot verbrachte ich mit diesem schweinischen
Ungeheuer, zehn Nchte voll schndlichsten Schmutzes, den zu beschreiben
die Feder sich strubt, der meinen Namen als Sohn Adams mit Kot bedeckt,
da ich mein Antlitz mit schwarzer Larve verhllen mochte. O Mensch, Du
Ebenbild Gottes, Herrscher der Natur, Traum des Idealen, Gottheit des
Schnen, warum bist Du so verderbt?

Diese zehn Tage und diese zehn hllischen Nchte kann nur das rohe und
schmutzige Gemt des ausschweifendsten geilsten Lstlings unter allen
hllischen Wesen sich vorstellen; nein, auch dieses nicht, und wenn es
das vermchte, so wrde es erschaudern ob solcher Unfltigkeit.

.....

Der Korporal S... wurde in Freiheit gesetzt, seine Strafe war
abgelaufen, ich mute noch fnf Tage im Arrest bleiben.

Endlich war auch meine Strafe verbt, ich wurde befreit und der achten
Kompagnie wieder zugefhrt; dort setzte ich die bisherige geile
Freundschaft, die schndliche Buhlerei mit dem S... fort.

Der Lieutnant Pietropaolo war zu uns abkommandiert, er suchte mich auf
und machte mir lebhafte Vorstellungen.

Einst als ich mich ihm gegenber ber das Soldatenleben beklagte, sagte
er:

                            +Tte Dich!!+

Ich setzte die heimliche Buhlerei mit dem Korporal S... fort. Abends
gingen wir zusammen spazieren, und da ich in Nocera unbekannt war, so
fhrte S... mich; spter gingen wir in eine abgelegene Schnke, tranken
einen oder zwei Liter herben Wein, wobei S...  immer bezahlte;[43]
.............................
.............................
.............................
.............................
.............................
.............................
.............................

  [43] Die Verlagshandlung der deutschen Ausgabe sah sich hier gentigt,
  eine auf den pderastischen Umgang bezgliche Stelle zu streichen.

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.............................
................... Wir traten in die Grotte mit dem dicht belaubten
Gestruch, und dort, im Dunkeln, unter dem gestirnten Himmelszelt, im
Schweigen der Natur, sndigten, sndigten wir entsetzlich![44]

  [44] Vielleicht ist eine Gegenberstellung dieses ungebildeten M...
  mit einem der begabtesten Dichter und Schriftsteller der Decadence,
  Paul Verlaine, der wegen Verletzung eines seiner sodomitischen Freunde
  verurteilt ist, nicht unangebracht. Auch M... wird poetisch, wie
  Verlaine, wenn er von seiner Verworfenheit erzhlt.

  Da sie auf das freie Land gehen, um ihren Lastern zu frhnen, ist
  auch ein charakteristischer Zug dieser Menschen. Sighele schreibt:
  Fast mehr noch als die Tribaden lieben es die Pderasten, ihre Laster
  mit der seltsamen und starken Wollust des Schmerzes zu vereinen. Sie
  empfinden es als ein Bedrfnis, ihrem widernatrlichen Instinkt die
  Empfindung der Gefahr hinzuzufgen, und wenn sie nicht soweit gehen,
  da sie fr ihr Leben frchten mchten, so suchen sie wenigstens fr
  ihre Ehre etwas zu riskieren.

Eines Tages teilte der schndliche Zwitter mir mit, da er den Feldwebel
unserer Kompagnie ttlich hate, weil dieser, der einst sein glhender
Liebhaber gewesen, ihn verlassen habe und ihn tglich tadelte und
Strafen aussetzte[45] und weil er, als er befrdert werden sollte, durch
eine falsche Strafanzeige jenes Feldwebels zu vierzehn Tage strengen
Arrestes verurteilt worden war; infolgedessen war seine Befrderung
ausgeschlossen und sein fester Entschlu war, sich zu rchen.

  [45] Ein weiterer Beweis fr die Mischung von Liebe und Ha. Die
  natrliche Liebe stillt im Besitz der Strme die Leidenschaften und
  gewinnt im Affekt ihr Gleichgewicht. Die widernatrliche Liebe kann
  naturgem keinen normalen Abschlu und kein Gleichgewicht haben.

Nachdem er mir meine Ehre genommen hatte, sagte er, nachdem er mich
acht Monate lang betrogen hatte, verlie er mich, er konnte mich nicht
mehr sehen! Der Undankbare! Einst sagte er, da er mich liebte, er
nannte mich seine se Alfonsine; ..........
.............................
.............................
.........[46] Er ist es gewesen, der mich durch Vorspiegelungen und
Versprechungen verfhrt hat, ach! und wie habe ich ausgehalten; mir war
als ob ich mit einem eisernen Pfahl gespalten wurde und mehrere Monate
habe ich an Blutungen gelitten; der Schndliche! als er genug hatte, hat
er mich verlassen!

  [46] Man erkennt die weibische Natur der passiven Pderasten an ihrer
  Sprechweise.

Was willst Du, mein lieber S..., sagte ich, Du bist schn und
verfhrerisch wie ein Weib; der Feldwebel V... hat es verstanden;
nachher ist er Deiner berdrssig geworden und hat Dich sitzen lassen.

Ich will mich rchen. Ich beabsichtige ihm einen anonymen Brief von
Beleidigungen und Drohungen zu schreiben.

Nein, mein reizender S..., das geht nicht; der Feldwebel V... wrde
ber Deine Thorheit lachen, und wenn es entdeckt wird, wrdest Du
streng bestraft werden. Ich empfehle Dir einen einfacheren und
natrlicheren Weg, um zu Deinem Ziel zu kommen.

Und der wre?

Ich meine, lieber S..., es wre das Beste, wenn Du den Feldwebel
irgendwo einmal Abends auflauertest, und ihm ein paar ordentliche
Sbelhiebe ber den Kopf und die Schultern giebst; wenn Du da entdeckt
wrdest, was ich brigens fr sehr schwer halte, so httest Du
wenigstens die Genugthuung, da Du ihm den Schdel oder die Knochen
eingeschlagen httest, und httest Ersatz fr Deinen ruinierten
Krperteil.

O nein, das kann ich nicht, dazu habe ich weder Mut noch Kraft.

Und Du willst Soldat sein!

Warum willst Du mich nicht rchen? Du weit, wie sehr ich Dich liebe;
und ich meine, es ist die Pflicht des zweiten Liebhabers, die
Beleidigungen des ersten zu rchen.[47]

  [47] Auch die Feigheit ist, wie Sighele zeigt, ein Charakteristikum
  der passiven Pderasten und Tribaden. -- Sie bedienen sich der neuen
  Eroberung fast stets, um sich fr den Verrat der vorhergehenden zu
  rchen.

Ich sage es Dir rund heraus, mir fehlt der Mut dazu.

Weit Du, S..., Du patest besser ins Bordell als in die Kaserne; man
sollte Dir einen Unterrock anziehen, aber nicht eine Uniform; was meinst
Du dazu?

Du willst immer scherzen, M...; da ich mich Dir hingab, weil ich Dich
liebe, meinst Du, ich knnte mich auch einem andern hingeben?

Und wenn Dir ein anderer besser gefllt, als ich, wrdest Du ihn da
nicht an meine Stelle rcken lassen?

Sicher!

Du bist wie die Knigin Karoline von Neapel, die nie mde wurde, ihre
Liebhaber zu wechseln.

Ich wei von keiner Knigin und von keiner Karoline; ich wei nur, da
ich dem Feldwebel einen Brief schreiben, und ihn beleidigen und bedrohen
will.

Unsinn mit Deinem Brief, Du wirst thun was ich sage und nicht was Du
denkst.

Es ist mir unmglich, ich habe nicht einmal den Mut gehabt, ihn mir
abzuschtteln, als er damals bei mir war, -- im Gegenteil!

Er setzte mir so lange mit dem anonymen Brief zu, da ich seinem Drngen
nicht widerstehen konnte; eines Abends sagte ich zu ihm:

Gieb mir Papier und Bleistift, ich werde Dir den Brief vorschreiben,
nachher kannst Du ihn abschreiben. Er gab mir sein Notizbuch und ich
schrieb:

Denke an den 23ten!!!

Am 23ten war S... in Folge der falschen Anzeige des V... mit strengem
Arrest bestraft worden.

Er nahm das Blatt Papier, las die von meiner Hand geschriebenen Zeilen
und sagte:

Ist das wenig! Ich will es ihm ordentlich besorgen!

Nun, acht Monate lang hat er es ja ordentlich verdient!

M..., ich lasse mich nicht beleidigen!

Na, nachher werde ich es wieder gut machen.[48]

  [48] Aus der cynischen Ausdrucksweise des M... geht hervor, wie wenig
  echt sein Abscheu gegen seinen Gefhrten war.

Sprich nicht so, wir wollen die Sache mit Verstand machen ...

Ganz recht, wir wollen es mit Verstand machen, wie der Feldwebel.

Ich mag Dich nicht mehr leiden, ich hasse Dich. Nein, ich liebe Dich,
ich liebe Dich..., rasch M..., einen Ku!

            Und zitternd kte er mich auf die Lippen ...

Und zitternd kte er mich auf die Lippen ...

Weit Du, mein liebes Milchgesicht, und mit der Hand streichelte ich
ihm das Kinn und die purpurnen Lippen, die eine Zeile sagt soviel wie
zwei ganze Seiten.

Wir gingen zu unserer laubbewachsenen Grotte und besiegelten den Brief
an den Feldwebel V... auf unsere Weise.

Nach einigen Tagen wurde ich von einem traurigen Leiden ergriffen, ich
stellte mich dem Stabsarzt vor, der mich auf die Krankenstation brachte,
die sich in derselben Kaserne befand. Nach fnf Tagen fhlte ich heftige
Schmerzen und das bel griff weiter um sich.

Am Morgen des sechsten Tages kam ein Sergeant mit zwei bewaffneten
Soldaten zu mir, auf Befehl des Obersten wurde ich ins Gefngnis
gebracht, in denselben Raum, wo der schndliche S... mich zur Snde
verleitete.

Wer diese einfachen und ungeschminkten Zeilen liest, der mge meinen
Zustand ermessen: ich raste, ich fluchte, ich raufte mir die Haare, bi
mir in die Hnde, rannte mit dem Kopf gegen die Wnde; wenn mich jemand
gesehen htte, er htte mich fr verrckt gehalten -- so verbrachte ich
den Tag und sah niemand als den Sergeant, der mir meine Suppe und Wasser
brachte.

Noch trauriger war die Nacht, die ich auf der alten Pritsche zubrachte;
meine Schmerzen nahmen zu, und mir war, als ob der kranke Krperteil von
tausend Nadeln durchbohrt wrde.

In meiner Kompagnie war ein Landsmann von mir, Namens Antonio P...,
genannt Catanzaro, der noch am Leben ist und die Wahrheit meiner
Erzhlung bezeugen kann: ich versuchte jedes Mittel, um ihn zu sprechen
und zu erfahren, weshalb man mich ins Gefngnis gebracht hatte, aber es
war vergebens.

So vergingen drei Tage und drei Nchte in grausamen Qualen, endlich am
vierten Tage ffnet sich die Thr, S... tritt lchelnd und heiter ein,
die Thr schliet sich und S... bleibt als Gefangener bei mir. Ich
fragte ihn:

Kannst Du mir sagen, warum ich hier bin?

Der Soldat Gir... hat Dich verraten, er hat dem Oberst unser Verhltnis
mitgeteilt und wir kommen zur Strafkompagnie; aber Gir... ist nicht
hier, er hat einfachen Arrest; aber wenn wir auch zur Strafkompagnie
kommen, das thut nichts.

Wer mich liest, mge ermessen, von welchen Gedanken blutiger Rache gegen
den Gir... ich erfllt war.[49] Bald darauf wird S... abgerufen, ich bin
wieder allein, in der finsteren Ungewiheit ber meine Lage. Ich lasse
mir den Arzt kommen, er untersucht mich kaum und verspottet mich; mit
Wut im Herzen lege ich mich auf meine Pritsche.

  [49] Die blutige Rache erscheint bei M... als die natrlichste Sache
  in der Welt.

Am Abend lt man mich heraus, um Luft zu schpfen; ich komme mit den
andern Soldaten zusammen, die im einfachen Arrest sind; ich suche mit
dem Blick, um Gir... zu finden, mit blutrnstigen Augen sah ich ihn an,
wie ein hungriger Lwe seine Beute, ehe er sie im Rachen hat.

Es regnete, wir Gefangenen standen alle unter einem Schutzdach, nahe dem
Gefngnis, ich sphe in das Wachtzimmer hinein und sehe meinen Landsmann
Antonio P..., genannt Catanzaro, ich winke ihn zu mir herein, und
flstere ihm zu:

Kannst Du mir ein scharfes Messer geben?

Er steckte die Hand in die Tasche, holt ein altes Messer heraus und
sagt:

Da, mach' es nicht stumpf!

Mit diesem alten Messer, ohne Schrfe und Spitze gehe ich in meine Zelle
zurck, um es zu prfen, ich finde es fr meine Zwecke unbrauchbar, aber
ich denke: du wirst es versuchen, und wenn es glckt, bist du gercht
und die verwnschte Dienstzeit hat ein fr alle Mal ein Ende.

Ich begab mich zu den anderen Soldaten und suchte den Gir..., ich
nherte mich ihm, er suchte mir zu entfliehen und behielt mich im Auge;
mehr und mehr berzeugte ich mich, da er die Ursache meiner Leiden sei,
mit einem Sprunge war ich bei ihm, fate ihn an der Brust und rief:

Elender, so rcht sich Deine Schndlichkeit!

Mit dem alten losen Messer schnitt ich ihm schnell mehrere Male durchs
Gesicht und stie es ihm in die Kehle, dann klappt das Messer zu und
schneidet mir zwei Finger entzwei; ich mu meine Beute loslassen, aber
verfolge sie wtend in den Hof, jedoch vergebens: die Schildwache ruft
Heraus!, die wachthabenden Soldaten eilen herbei, das Gewehr in der
Hand, der Lieutenant mit gezogenem Sbel ruft:

Halt, M..., halt, oder ich lasse schieen!

Wtend wie eine Hyne, der man ihr Opfer entrissen, entble ich meine
Brust, wende mich um und brlle, whrend der Schaum mir vorm Munde
steht:

Hier ist meine Brust, lassen Sie schieen, aber rasch, ich sterbe gern,
wenn ich unter der Knechtschaft der Tyrannen leben mu.[50]

  [50] Das ist Wahnsinn; man beachte auch, da die Tyrannei in diesem
  Fall darin besteht, ihn an der Ausbung der Pderastie zu behindern.
  Es ist sehr wohl mglich, da M... diese Worte wirklich gesprochen
  hat; die Thatsache ist bekannt genug, da der mrderische Impuls sich
  in einen selbstmrderischen verwandelt, besonders bei den
  Epileptikern.

Nunmehr versucht der Lieutenant es im Guten:

M..., kommen Sie zu sich, gehen Sie in Ihre Zelle, niemand soll Ihnen
ein Haar krmmen, ich schwre es bei meinen Tressen.

Durch diese Worte beruhigt ging ich zurck, die Thr meiner Zelle schlo
sich hinter mir und ich blieb allein mit meinen trben Gedanken. Mein
erster Gedanke war, das alte Messer aus dem Wege zu bringen, um den, der
es mir gegeben hatte, nicht bloszustellen; ich sehe mich um und suche,
aber finde keinen geeigneten Ort; es aus dem Fenster werfen, hiee es
den Vorgesetzten direkt in die Hnde liefern, denn das Fenster ging auf
den Hof hinaus; aber ist es ein geheimnisvolles Gesetz des Zufalls,
Gottes oder des hllischen Teufels: die Heibltigen und Kopflosen
werden gewhnlich vom Zufall in ihren Gefahren, ihrem Migeschick
begnstigt. So gelang es mir, das Messer zwischen die Bretter meiner
Thr, die eine Art Doppelthr war, zu bringen und so das _corpus
delicti_ zu entfernen.

Nachts erschienen mehrere Offiziere und Chargierte, ich wurde an Hnden
und Fen gefesselt und mit Schmhreden berhuft, von denen mir nur
eine zu Gemt ging. Ein Lieutenant schlug mich mit der Scheide auf den
Arm und sagte:

Wenn ich dabei gewesen wre, htte ich Dich durchbohrt.

Bisher haben Sie mich mit Ihrem langen Sbel noch nicht durchbohrt und
werden auch schwerlich dazu kommen, erwiderte ich rasch.

Mrder, Lump! rief er zornig und gab mir eine Ohrfeige.

Pfui, Elender, zischte ich, Elender, einen gefesselten Menschen zu
ohrfeigen! Und ich fuhr in die Hhe, um ihn zu beien.

Die ganze Nacht sa ich gefesselt auf meiner Pritsche, meine Schmerzen
waren furchtbar, unerhrt; aber sie drckten mich nicht nieder -- ich
dachte an die Ohrfeige und nahm mir fest vor, wenn der Lieutenant mir
wieder zu nahe kommen sollte, ihm die Nase abzubeien.

Am Abend des folgenden Tages wurde ich nach dem Hof gebracht, das ganze
Regiment war aufgestellt, ein Dienstwagen mit einem krftigen Maultier
bespannt, stand bereit; ich stieg ein, sechs Soldaten, vier Sergeanten
und ein Offizier reihen sich darum. Der Wagen setzt sich in Bewegung, er
hlt an; die vier Sergeanten nehmen neben mir Platz; der Wagen setzt
sich von neuem in Bewegung und fhrt einen Halbkreis im Hof; ich wende
mich den schweigenden Truppen zu und gre kalt und lchelnd mit der
Hand und ein Ausruf erscholl aus allen Kehlen, ein Ausruf der
Bewunderung.[51]

  [51] Klassische Verbrechereitelkeit.

Der Wagen verlie die Kaserne in Begleitung der bewaffneten Soldaten.
Nach zwei Stunden kamen wir in Cava dei Tirreni an, wo das
Militrlazarett war; hier wurde ich in die Kleiderkammer gefhrt, ein
Sergeant trug mich in ein Register ein und befahl mir, mich auszuziehen.

Whrend ich das that, nherte sich einer der Sergeanten, die mich
eskortiert hatten, und flsterte seinen Kameraden einige Worte ins Ohr.

Herr Sergeant, sagte ich, es ist berflssig, da mein Sergeant mich
Ihnen empfiehlt. Ich bin ein schlechter Soldat, ich komme vors
Kriegsgericht, und wenn es mir glcken sollte, auszureien, so wrde ich
nicht erst Lebewohl sagen, deshalb behalten Sie mich im Auge.

Alle lachten und ich lachte mit.

Ich kleidete mich aus, legte ein Hemd von rauher Leinwand, ein Paar
wollene Hosen an, die mit Flicken aller Art, in allen Farben, bedeckt
waren, auerdem waren sie zu weit und vier Handbreit zu lang, aber ich
krempelte sie um und so leisteten sie dieselben Dienste, dazu zog ich
ein Paar Pantoffeln an, die Simson gepat htten, sowie ein Rock, der
mir bis auf die Fersen hing und mit Blut und Eiter befleckt war, so da
mir bel wurde; auf den Kopf stlpe ich mir eine Mtze, die bis ber
die Ohren geht; so im Paradeanzug stelle ich mich den beiden Sergeanten
vor:

Nun, was meinen Sie, knnte ich nicht auf der Bhne auftreten? Das wre
zu nett! Wenn Sie erlauben, wrde ich als wandernder Mime gleich
losziehen.

Und ich trllerte ein Liedchen; beide lachten aus vollem Halse.

Ein Sanittskorporal fhrte mich in meine neue Wohnung. Es war eine
Zelle, die etwas lnger war als mein Bett, ein kleines Fenster mit
Gitter und einem Drahtnetz gesichert, ging auf das Feld hinaus, ein
anderes groes breites vergittertes Fenster auf einen Korridor, eine
hlzerne Bank, ein zinnerner Napf, ein ebensolcher Becher und ein
Holzsessel machten das bescheidene Mobiliar aus.

Am folgenden Morgen hre ich einen neapolitanischen Gru sagen, die Thr
meiner Zelle ffnet sich und herein tritt ein Stabsarzt mit einem
Sergeanten, man reit mir die Bettdecke weg, der Arzt befhlt und
besieht mich und sagt dann:

Hier mssen wir schneiden, ein Stck abschneiden!

Alle Wetter, Herr Doktor, was sagen Sie? rief ich aus, schneiden Sie
mir lieber den Kopf ab.

Haben Sie den Dreck so lieb?

Er ist mein Abgott, und das Entzcken meiner armen Nerven.

Lachend und trllernd ging er ab, die Thr wird geschlossen und ich
bleibe allein. Der Stabsarzt war ein Dreiiger, heiter und sorglos, er
scherzte gern mit mir und oft sagte er:

Sie haben eine gute Natur, ein frhliches und starkes Gemt; wenn ich
in Ihrer Haut steckte, wrde ich keine vierundzwanzig Stunden leben.

Zur Essenszeit kam der Sergeant mit einem Lazarettgehilfen und brachte
mir etwas Salbe auf Papier, etwas gelbes Wasser in einem Becher, meine
Suppe und mein Brot.

Damit reiben und waschen Sie die Wunde; wenn etwas passiert, rufen Sie
nur aus dem Fenster.

Ich blieb allein, und obgleich ich mich kaum bewegen konnte, mute ich
mich selbst besorgen. Ich kletterte aus dem Bett und kroch auf der Erde
zu dem Kbel hin, um mich selbst zu bedienen, mich selbst zu kurieren!
Wenn mir dann oft die Krfte zu erlahmen schienen, dann sagte ich mir
oft:

Mut, M..., Mut! Auch dieses Drama wird sein Ende haben; und ich lachte,
ich lachte wie ein Wahnsinniger.

Um nicht zu weitschweifig zu werden und so viel unntzes Zeug zu
erzhlen, komme ich zum Ntigsten.

Eines Tages, um Mittag, da ich mich gerade niedergelegt hatte und im
Begriff war, einzuschlafen, hre ich, wie an mein Fenster geklopft wird,
ich ffne die Augen und sehe einen Stock, der an das Gitter klopft, ich
erhebe mich von meiner Pritsche und klettere, mir die Schmerzen
verbeiend, auf die Bank, die unter dem Fenster steht, und was erblicke
ich? Ein reizendes junges Mdchen, siebenzehn Jahre alt, schn wie eine
Madonna, mit schwarzen schmachtenden Augen, das goldene Haar in Zpfen
gebunden und auf dem Kopf durch ein rotes Tuch bedeckt, die Stirn
marmorwei und keusch.

Was wnschen Sie, mein liebes Frulein? fragte ich.

Und sie sagte:

Sie sind hier allein, Sie Armer! Wissen Sie, ich habe Mitleid mit den
Soldaten; ich habe einen Bruder bei der Kapelle des 90.Regiments. Wenn
Sie wten, wie ich Sie beklage ... haben Sie eine Mutter, einen
Vater?... woher sind Sie?

Ich bin verwaist, meine Eltern sind lange tot ... ich bin aus Kalabrien
und sehr unglcklich.

O Sie Armer! beklagte mich das reizende Geschpf. Verwaist! Fern von
der Heimat im Gefngnis eingeschlossen, ohne Hlfe, von allen verlassen
-- sie weinte heie Thrnen -- aber wissen Sie, verlieren Sie das
Vertrauen nicht, der liebe Gott lebt fr uns Unglcklichen und er
verlt uns nicht, wenn wir auf ihn und seine Vorsehung vertrauen. Sagen
Sie, Bruder, und erlauben Sie, da ich Sie von jetzt ab mit diesem sen
Namen nenne; was haben Sie begangen und wie lange mssen Sie hier
bleiben?

Ich wei nicht, weswegen ich hier bin, aber ich glaube, ich werde hier
zwei Monate lang bleiben mssen.

Es schmerzt mich, Sie so leiden zu wissen, aber ich werde Sie zu
trsten versuchen, und Ihnen Gesellschaft leisten, ich werde meinen Papa
und meine Mama mitbringen; ich werde Gott fr Sie bitten so lange, bis
ich das Glck habe, Sie frei zu sehen. Und wenn Ihnen jetzt etwas fehlt,
so ffnen Sie Ihr zerrissenes Herz Ihrer armen Schwester.

Ich mchte ein Licht und Streichhlzer haben, weil man mich Abends im
Dunkeln lt, sowie etwas Papier, eine Feder und Halter, um meiner
Familie zu schreiben und sie um etwas Geld zu bitten.

Nachher werde ich alles bringen, seien Sie nicht mehr traurig.

Am Mittag kam sie mit ihrem Vater, ihrer Mutter und einem kleinen
Bruder, und brachte mir etwas Fleisch, Kse, Pasteten, Wein, zwei
Cigarren und ich wei nicht was sonst noch.

Ich ffnete das Drahtnetz und reichte meinen Napf heraus, so wurde nach
und nach der ganze Vorrat hereingeschafft. Teresina bat mich dann, sie
als meine liebe Schwester anzureden; ich that, wie sie mir sagte; sie
sprach so freundlich und teilnahmsvoll zu mir und ermahnte mich,
geduldig und mutig im Unglck zu sein. Dann gingen sie alle wieder fort,
schmerzerfllt ber mein Migeschick.

Ich schrieb mehrere Male an den =Ehrenmann=, meinen Bruder, und bat ihn,
mir fr meine dringendsten Bedrfnisse etwas Geld zu schicken, aber auf
alle meine Briefe, die ich durch Teresina zur Post besorgen lie,
empfing ich keine Antwort.

Traurig und trge schlichen meine Tage dahin, meine Schmerzen nahmen zu,
immer war ich allein, immer eingeschlossen, nie konnte ich ein einziges
Mal nur frische gesunde Luft atmen; der ekelhafte Geruch der Salbe und
meiner Exkremente verursachte mir Schmerzen in Kopf und Brust.

Wiederholt bat ich den Arzt, den Lazarettinspektor, da sie mir eine
Stunde Bewegung auf dem Hof gestatten mchten -- sie antworteten:

+Wir knnen es nicht!+

Mein einziger Trost war das unaussprechliche Glck, tglich mehrere Male
Teresina zu sehen, die mir zu essen, trinken und rauchen brachte, alles
was ich wnschte. Eines Tages schrieb sie mir folgenden Brief, den ich
noch aufbewahre als Pfand meiner Ergebenheit und Dankbarkeit; durch
ihren Bruder hatte sie ihn mir geschickt:

     Mein lieber Bruder!

     Gestern konnte ich nicht kommen, Sie zu besuchen, ich war mit
     Hausarbeiten beschftigt, deshalb schreibe ich, damit Sie mir sagen
     sollen, wenn Sie etwas brauchen; das Essen und das andere schicke
     ich durch meinen Bruder.

     Schon lange wollte ich Ihnen etwas sagen, aber ich hatte keinen Mut
     dazu, das persnlich zu thun, deshalb schreibe ich es jetzt und
     bitte, es mir nicht bel deuten zu wollen.

     Sie wissen, da die Zuneigung, die ich zu Ihnen habe und immer
     haben werde, daher rhrt, da ich ein lebhaftes Mitgefhl habe fr
     alle, welche leiden, und besonders fr Sie, der Sie leidend und von
     allen verlassen sind; der bloe Gedanke daran erpret mir Thrnen
     und zerreit mir das Herz. Ich wei aus den Reden meines Vaters,
     da mein Mitleid mit den armen Soldaten mir zuweilen anders
     ausgelegt wird, aber ich bin nun einmal so: ich liebe die
     Unglcklichen und die Leidenden, aber mit heiliger, reiner,
     schwesterlicher Liebe, und deshalb mssen Sie mich ebenfalls als
     Schwester lieben, denn wenn Sie irgend welche andere bsen
     Absichten htten, dann mte ich aufhren, Ihnen gut zu sein.

     Seien Sie nicht traurig, da Ihr Bruder nicht auf Ihre Briefe
     antwortet, vielleicht hat er sie nicht erhalten oder irgend ein
     Umstand hindert ihn am Schreiben, und was fehlt Ihnen denn auch?
     Bin ich nicht hier? Ich werde Ihnen mit allem zur Seite stehen, so
     lange Sie hier sind, wenn Sie dann frei sind, dann suchen Sie mich
     auf und ich werde glcklich sein, Sie zu sehen.

     Ich bete tglich zu Gott, da er Ihre Schmerzen lindern mge, und
     mein armes Herz sagt mir, da Sie bald in Freiheit sein werden. Und
     beten auch Sie in Ihrer Zelle zu ihm, inmitten Ihrer Schmerzen und
     Kmmernis, denn das Gebet der Unglcklichen dringt bald zu unserm
     Heiland; beten Sie auch fr mich.

     Fassen Sie Mut, verzagen Sie nicht, alles ist vergnglich, alles
     ist ein schrecklicher und abscheulicher Traum.

     Nehmen Sie meinen schwesterlichen Gru und denken Sie oft an Ihre
     arme Schwester

                                          Teresina M...

     Cava dei Tirreni, 8. Mai 1878.

Meine Antwort:

     Aus dem Militrlazarett zu Palermo in Cava dei Tirreni, 9. Mai 1878.

     Meine zrtliche Schwester!

     Ich wei nicht, wie ich Ihnen Ihre heilige Liebe vergelten soll;
     der Dank allein kann mich nicht entlasten fr die innere Zuneigung,
     die Sie mir so edelmtig entgegenbringen. Meine Liebe zu Ihnen ist
     heilig und fromm; ich liebe Sie, wie nur die Engel Gott lieben und
     verehren knnen. Ich war verloren, Sie haben in meiner Brust hohe
     und reine Gefhle entfacht; ich war dem Wahnsinn nahe, mich zu
     tten, Sie, die Sie die Schnheit der Engel tragen, haben mir mein
     armes Herz wieder geffnet fr die Schnheit des Schpfers; Ihre
     silberhelle Stimme hat mich von dem Abgrund meines Nichts
     zurckgerufen und mich ermahnt, mein Migeschick zu tragen und zu
     berwinden.

     Wieviel Dank schulde ich Ihnen! Wie kann ich all' das Gute
     vergelten?

     Ich werde unaufhrlich zu Gott beten, im Unglck und im Wohlleben,
     da er Sie beschtzt und Sie erhlt zum Wohle der Unglcklichen und
     Leidenden.

     Mir ist jetzt wohl, nur krampft mein Herz sich zusammen, wenn ich
     Sie nicht sehe, wenn Ihre Stimme mich nicht der Bangigkeit, dem
     Trbsinn entreit.

     Den ganzen Tag stehe ich am Fenster meiner elenden Zelle und
     erwarte Sie, bei jedem Gerusch erbebt mein Herz, das Sie so
     zrtlich liebt.

     Dank, Teresina, unendlichen Dank fr Ihre Gte, die mir ewig
     unvergelich bleiben wird. Nun kommen Sie, um mich zu trsten,
     empfehlen Sie mich den Ihrigen und vergessen Sie nicht

                                     Ihren Sie liebenden
                                        Antonino M...

Eines Morgens sagte der Arzt zu mir:

Machen Sie sich etwas fein, der Auditeur will Sie sprechen.

Ich sollte mich fein machen! Seit zwei Monaten hatte ich weder die
Bett- noch andere Wsche gewechselt, zwei Monate lang hatte ich mir
nicht Gesicht und Hnde gewaschen, denn das Wasser war mir so knapp
zugemessen, da es kaum gengte, den Durst zu lschen. Ich war voll von
+Lusen+, von Lusen jeder Art und Gre; das Bett, die Zelle, meine
Kleider, meine Person wimmelten davon; mein Haar war lang und struppig,
der Bart nicht geschnitten und voll Schmutz: ich sah aus wie ein Wilder.

Zwei Karabinieri fhrten mich zum Auditeur; als wir allein waren, mute
ich mich setzen, und er fragte mich:

Wissen Sie, wessen Sie angeklagt sind?

Weil ich den Soldaten Gir... verwundet habe.

Nein, hier handelt es sich nicht um Krperverletzung, sondern um einen
anonymen Brief.

Davon wei ich keine Silbe; ich habe keinen anonymen Brief
geschrieben.

Der Beamte entfaltete ein Blatt, das vor ihm auf dem Tische lag und
holte einen Brief heraus, den er mir berreichte.

Ich nahm den Brief aus dem Umschlag und las:

     =Denken Sie an das traurige Ereignis vom 23.=

Dann nahm ich den Umschlag und las die Aufschrift:

     An den Herrn Feldwebel V... von der 8. Kompagnie
     20. Infanterie-Regiments
                                     Nocera.

Der Leser mge ermessen, was in diesem Augenblick in meinem Herzen
vorging und welchen Entschlu ich fate.

Nun? fragte ich.

Nun, knnen Sie mir sagen, was diese Worte bedeuten, worauf die Zahl 23
anspielt? Der Korporal S... hat den Brief Ihrem Obersten berreicht und
erklrt, da Sie ihm denselben gegeben htten, damit er ihn zur Post
besorgen solle.

Herr Auditeur, ich erklre, da das eine Unwahrheit ist; das ist nicht
meine Handschrift, und wenn ich den Brief doch geschrieben htte, wozu
htte ich ihn dann dem Korporal S... zur Besorgung bergeben? Konnte ich
nicht selbst auf die Post gehen? Auf den ersten Blick mu doch klar
werden, da hier ein Geheimnis, eine Schndlichkeit zu Grunde liegt!

Der Auditeur nahm meine Aussage zu Protokoll und lie mich zum Vergleich
mit der Handschrift des Briefes einige Zeilen schreiben; ich
unterschrieb das Protokoll und wurde in meine Zelle zurckgefhrt. Was
ich in diesen Tagen dachte, wei nur Gott allein, ich war in eine
Schlinge verwickelt, aus der ich mich nicht befreien konnte, ich
zermarterte mein Hirn, um den Schlssel des Geheimnisses zu finden, aber
vergebens, und so dachte ich: warten wir die Entwickelung dieses
rtselhaften Dramas ab.

Eines Tages beschwerte ich mich bei dem Arzt, da die Luse mich beinahe
lebendig auffren und entsetzt ordnete dieser verweichlichte Feigling
an, da ich gewaschen und umgekleidet wrde. Ich bekam ein reines Bett,
man ordnete mein Haupt- und Barthaar, man wusch und striegelte mich, wie
in der Strafanstalt zu Neapel und gab mir saubere Kleidung.

Meine Teresina verlie mich nicht, lange Stunden sa sie unter meinem
Fensterchen und trstete mich mit ihren Ermahnungen und sanften
Ratschlgen. Gott segne sie und lasse ihr seine Gnade zukommen, der
edelmtigen Seele.

Eines Morgens sagte der Arzt zu mir:

M..., nachher werden Sie den Besuch des Herrn Generals bekommen, ich
empfehle Ihnen, sich anstndig zu betragen und nicht soviel zu
sprechen.

Gut, sagte ich, schon lange wollte ich eins von diesen groen Tieren
sehen, endlich ist die Stunde gekommen, und besser spt als nie, sagt
ein altes Sprichwort. Am Mittag hrte ich Gerusch und Stimmengewirr
auf dem Korridor, die Thr ffnet sich und ein groer Mensch in
Generalsuniform mit dem Obersten und verschiedenen rzten des Lazaretts
tritt herein, whrend andere drauen warten.

Wie heien Sie? fragte der General mit grober rauher Stimme, indem er
mich vom Kopf bis zum Fu musterte.

M..., Antonino M... vom 70. Infanterieregiment, zur Zeit hier im
Lazarett in Behandlung.

Weswegen sind Sie angeklagt?

Ich wei es nicht, ich glaube, ich bin unschuldig, und ungerechter
Weise be ich in dieser schmutzigen Zelle, von Guten und Bsen
verlassen, von Gelehrten und Unwissenden verworfen, von Mchtigen und
Elenden erniedrigt, von Tyrannen und Sklaven geqult, von ...[52]

  [52] Wer ein Irrenhaus besucht hat, wird mehr als einen gefunden
  haben, der ihm so antwortete und durch seine geschwollene
  Ausdrucksweise sein Unglck zu adeln suchte. Diese Grosprecherei ist
  fr die Wahnsinnigen charakteristisch.

Genug, genug! Sie haben nur auf das zu antworten, was Sie gefragt
werden.

Herr General haben mich gefragt und ich glaubte, es sei meine Pflicht,
mit klaren Worten zu antworten.

Schweigen Sie! Antworten Sie nur auf das, was ich sage, und sonst
nichts. -- Wie geht es Ihnen hier?

Sehr schlecht, Herr; zwei Monate liege ich in diesem Jammerloch, von
Gott und allen Heiligen verlassen; zwei Monate lang atme ich diese
blen Dnste, die mir die Lunge zerfressen; unendlich oft habe ich den
Herrn Oberst gebeten, gefleht, angebettelt, mir eine einzige Stunde
frische Luft zu gestatten -- er hat es nicht gewhrt. Tage lang wurde
mein armer Krper von Ungeziefer gereizt, ich war voll, bervoll von
Lusen.

Schweigen Sie, so spricht man nicht zu einem Vorgesetzten; ich werde
Sie in Eisen legen lassen!

O, Herr, hren Sie mich an, erfllen Sie meine einzige Bitte; ich flehe
Sie an, gewhren Sie mir eine einzige Stunde am Tage in freier Luft, auf
dem Hof!

Nein, das geht nicht; Sie sind Gefangener, ich kann es nicht erlauben.

O dann, Herr, rief ich wtend, dann lassen Sie mich lieber
niederschieen, anstatt mich langsam hinzumorden; machen Sie ein Ende
mit dieser verfluchten Dienstzeit!

Fluchend gingen sie fort, die Thr fiel krachend in's Schlo.

Als ich allein war, erfaten mich die Furien der Hlle, ich war
entschlossen mich zu tten und htte mich nicht die Stimme meiner
Teresina an's Fenster gerufen, wer wei, welche Schandthat ich befangen
htte!

Gegen Abend wurde mir meine Suppe gebracht und die Thr wurde
aufgelassen; ich a die Suppe und berlegte, endlich stand ich auf und
ging hinaus und setzte mich zu den anderen Kranken auf den Hof.

Die Wachtposten sahen mich, aber keiner hielt mich an.

So ging es mehrere Tage und schon hatte ich die Absicht gefat, einen
Fluchtversuch zu machen, die Ringmauer war von innen nur mannshoch --
wie sie von auen war, das wute ich nicht, aber wenn ich auch frchten
mute, mir Hals und Beine zu brechen, ich war entschlossen, einen
Versuch zu machen.

Am Morgen, nachdem ich diesen Entschlu gefat hatte, kam mein Arzt und
teilte mir mit, da ich in das Krankenhaus des Zivilgefngnisses zu
Salerno berfhrt werden wrde.

Ich machte Einwendungen, da ich noch zu krank sei, aber er sagte, da
mir ein Wagen gestellt werden wrde.

Man brachte mir meine Kleider, ich kleidete mich an, zwei Karabinieri
begleiteten mich zur Polizeistation; dort stand ein offener Wagen
bereit, und daneben zwei andere Karabinieri und ein Frauenzimmer in den
Dreiigern, das ich fr eine =Prostituierte= hielt, worin ich mich nicht
tuschte.

Die Karabinieri lieen das Frauenzimmer einsteigen und wollten mich auf
den Bock schieben.

Ich weigerte mich standhaft, indem ich sagte, da der Wagen fr mich und
nicht fr sie und ihre Dirne sei und nach langem Hin- und Herstreiten,
wobei der Karabiniere mir den Arm mit der Handfessel zusammenschnrte,
da mir beinahe die Adern zerschnitten wurden, wurde mir endlich der
Platz neben dem Weibe eingerumt.

Nach mehreren Stunden Fahrt kamen wir in Salerno an. Als wir in die
Stadt einfahren, laufen die Einwohner aus den Schenken heraus und treten
an die Fenster und schreien:

Seht den Soldaten, mit dem schnen Frulein ist er ausgerckt, aber sie
haben ihn gefat! Und Lachen, Spotten und Pfeifen tnt hinter mir her.

Ich werde zum Kriegsgericht abgefhrt, ein Karabiniere meldet mich dem
Staatsanwalt, ich werde hereingerufen und wen erblicke ich! Den
Staatsanwalt Herrn T..., denselben, der in Florenz die Staatsanwaltschaft
vertrat, wo ich zu drei Jahren Gefngnis verurteilt wurde.

Er sieht mich an und lacht, dann sagt er:

Das ist das zweite Mal, da Sie vor mir erscheinen, Sie scheinen Pech
zu haben.

Was soll ich machen, Herr Staatsanwalt? Das Geschick des Menschen ist
unbegreiflich, das Unglck verfolgt mich -- und sehen Sie, Herr
Staatsanwalt, wie eng mir die Karabinieri die Handfesseln geschnrt
haben, meine Hnde sind ganz geschwollen, ist das nicht unrecht?

Lassen Sie sehen, und er nahm meine Hand, nein, sie sind gar nicht
eng, im Gegenteil, sie scheinen zu weit zu sein.

Ich danke Ihnen fr Ihre Versicherung; das Lamm, das sich mit dem Wolf
einlt, geht seinem Tode entgegen. Es scheint mein Verhngnis, da mir
alles in die Quere geht.

Der Herr Staatsanwalt lacht, die Karabinieri lachen mit, und, um ihnen
einen Gefallen zu thun, lache auch ich, aber es war ein bses giftiges
Lachen.

Er stellt mir den Schein fr das Gefngnis aus, dann sagt er:

Seien Sie vernnftig, M..., Sie scheinen unter keinem guten Stern
geboren zu sein.

Ich wurde in das Zivilgefngnis eingeliefert, weil es in Salerno kein
Militrgefngnis giebt und ich fhlte mich glcklich, weil es mich an
die alten Zeiten erinnerte, wo ich noch nicht Soldat war.

Nach einigen Tagen wurde ich meinem Verteidiger vorgestellt, einem
jungen zwanzigjhrigen Mann, der die Advokatenkarrire macht, er empfing
mich freundlich und ich erzhlte ihm alle Einzelheiten meines
Verhltnisses zu dem elenden Korporal S... und alles, was ich von dem
anonymen Brief wute. Er machte mir gute Hoffnungen und ging.

Ich dachte immer an die Zuneigung, die jene Teresina M... mir
entgegengebracht hatte, und es zerri mir das Herz, wenn ich dachte, da
ich das Lazarett hatte verlassen mssen, ohne sie noch einmal sehen und
ihr meinen neuen Aufenthaltsort mitteilen zu knnen; ich hatte ihr noch
einmal danken wollen und daher schrieb ich ihr folgenden Brief:

     Meine liebe Schwester!

     Meine Seele ist von Qualen zerrissen, whrend ich Ihnen schreibe,
     um Ihnen mitzuteilen, da ich ohne jedes Vorwissen in dieses
     Gefngnis gebracht worden bin, so da ich keine Zeit mehr hatte,
     Sie zu benachrichtigen. Wo auch das Schicksal mich zu leben
     verdammen mag, mein erster Gedanke gilt Ihnen, die Sie ein Teil
     meiner Existenz sind. Wegen eines Vergehens, das ich nicht begangen
     habe, wegen der Schandthat eines bartlosen Jnglings, mu ich hier
     dulden, aber ich vertraue auf die gttliche Gerechtigkeit, wie Sie
     es mir geraten haben und werde fr Sie, fr Ihr Wohlergehen zu Gott
     beten.

     Sobald ich wei, was aus meinem Proze geworden ist, werde ich Sie
     benachrichtigen.

     Empfangen Sie meinen Gru und vergessen Sie nicht

                Ihren unglcklichen Sie liebenden Bruder
                                          Antonino M...

     Aus dem Gerichtsgefngnis zu Salerno, 20. Juni 78.

Nachdem ich den Brief geschrieben hatte, fehlten mir die zwanzig
Centesimi, um ihn zu frankieren, ich wandte mich an einen Kranken, um
sie mir zu leihen, und da er sich weigerte, so wandte ich das Recht der
Camorra an und zwang ihn dazu. Ich gab den Brief zur Post und wartete
angstvoll auf Antwort, aber meine Hoffnungen wurden getuscht.

Es fiel mir ein, meinem Bruder zu schreiben und ihn um Untersttzung zu
bitten; ich schilderte ihm meine kritische Lage und meinen traurigen
Zustand; nach einigen Tagen empfing ich folgenden liebenswrdigen Brief,
der seiner Dummheit ganz wrdig war.

     Lieber Bruder!

     Ich empfing Deinen Brief und bedaure Deine Lage; aber an allem bist
     Du selbst schuld und wer an seinem bel schuld ist, der mu sich
     selbst beklagen.

     Du hast durch Dein schlechtes Verhalten unsere ganze Familie
     entehrt, so da ich nicht mehr den Mut habe, aus dem Hause zu
     gehen. Der Lieutenant P... war hier auf Urlaub und erzhlte
     schauderhafte Dinge von Dir, Dinge, da wir alle uns nicht auf der
     Strae zeigen mgen -- und das alles um Deinetwillen.

     Du sagst, ich soll Dir etwas schicken? Zunchst, wenn ich etwas
     htte, wrde ich es Dir nicht schicken, denn Du verdienst es nicht
     und wir haben Dir frher viel Geld nach dem Gefngnis geschickt;
     zweitens aber sind wir hier im grten Elend, meine Kinder gehen
     nackt und blo und sterben vor Hunger; ich gehe nicht aus, weil ich
     keine Schuhe habe und meine Hosen keinen Boden mehr haben -- was
     soll ich Dir da schicken? Freue Dich, da Du tglich Deine Suppe
     und Dein Brot umsonst hast.

     Du brauchst uns nicht mehr zu schreiben, wir haben nichts mehr mit
     Dir zu thun; wir klagen ber unser Unglck wie Du ber Deines.

                                      Dein Bruder
                                           Michele M...

     Parghelia, den 3. Juli 1878.

Das war das Gesudel, das mein Bruder, dieser Dummkopf, der Gatte der
Donna Michela, genannt die ...-Sau, entworfen und geschrieben hatte.

Wer ihn kennt, der mge sagen, wie ich ihn schildern soll, diesen dummen
Schweinehund. Meine Landsleute kennen ihn und bezeichnen ihn als
dreckig, falsch, engherzig, bsartig, als einen Schwindler, einen
Dummkopf, einen Schweinhund, ein Vieh, das um hundert Grad unter dem
suischsten und schmutzigsten Vieh auf Erden steht.

Er sagt, da er mir ins Gefngnis so viel Geld geschickt hat, und ich
behaupte und stelle unter Beweis, da ich whrend meiner langen
dreizehnjhrigen Leidenszeit, die ich zum grten Teil wegen seiner
Dummheit erdulden mute, wie ich es in meinem =Ersten Unglck= gezeigt
habe, von diesem gemeinen Schuft nicht mehr als zwlf Lire monatlich
bekam, nur ein einziges Jahr hindurch, das letzte meiner Pein, schickte
er mir dreiig Lire, weil der Elende wute, da ich bald zurckkehren
wrde.

Und sprecht, meine lieben Landsleute, wenn er mir monatlich die
gottgesegneten zwlf Lire schickte, hat er das von seinem Vermgen? Hat
mein unglcklicher Vater mich bei seinem Tode enterbt? Wenn seine Shne
Hunger leiden, ist das meine Schuld? Wenn er keine ganzen Hosen auf dem
Leibe hat, wenn er sich keine Schuhe kaufen kann, ist das auch meine
Schuld?

Sprecht rund heraus, was Ihr meint, liebe Landsleute, Euch rufe ich als
unparteiische Richter an.

Der dreckige Brief rgerte mich nicht wenig und ich nahm mir vor, nicht
mehr zu schreiben.

Ich erhielt die Anklageschrift von der Staatsanwaltschaft, welche mich
als den Verfasser des anonymen Briefes erklrte.

Es kam der Tag, wo die Verhandlung stattfand, zwei Karabinieri fhrten
mich zum Gerichtssaal, ich nehme auf der Anklagebank Platz, mein junger
Verteidiger war zur Stelle und mit ihm der Zivilanwalt Herr di Leo, der
erste von Salerno.

Der Gerichtshof trat ein, jeder nahm seinen Platz ein, die Akten wurden
gelesen, meine Vorstrafen festgestellt, der Staatsanwalt T... war zur
Stelle, mit seiner groen schwarzen Toga angethan, und lie mich nicht
aus den Augen.

Nach den gewhnlichen Formalitten fragte mich der Prsident:

Was haben Sie auf die Anklage zu erwidern? Ist es wahr, da Sie dem
Korporal S... einen Brief zur Besorgung bergeben haben?

Gromtiger Herr Richter, antwortete ich, von dem Verbrechen, dessen
man mich anklagt, wei ich nichts. Es ist unwahr, da ich dem S... einen
Brief zur Besorgung bergeben habe; es ist eine schwarze Verleumdung und
eine Snde und Schande; ich schwre es vor Gott und vor den Menschen.
Ich knnte mich leicht vor diesem S... schtzen, aber ich will von
Dingen nicht reden, die eine so gebildete Zuhrerschaft entsetzen wrde;
ich will nur meine Ehrenhaftigkeit betonen.

Ich bin unschuldig, ich bin unschuldig und Sie als hervorragende
Militrs und gelehrte Juristen werden einen Unschuldigen nicht wegen der
niedertrchtigen Verdchtigung eines Schurken verurteilen wollen, der
nicht wert ist, da er zur menschlichen Gesellschaft zhlt.

Mein Herz sagt mir, da Sie mich verurteilen werden; aber mein Herz
sagt mir auch, da bald Licht in dieses grausige Geheimnis kommen wird,
und dann -- o dann ist es zu spt und Sie werden es bereuen, da Sie
einen Unschuldigen verurteilt, einen Menschen hingemordet haben.

Und wer sagt Ihnen, da ich schuldig bin?

Der Korporal S..., S..., dieses verworfene Geschpf, S..., dieser
passive Pderast, der schndliche Sodomit, der Abschaum der Menschheit,
der Auswurf der Natur! S..., ein ehrloses, sinnloses Wesen ... Soll ich
das beweisen, soll ich es ihn mit eigenem Munde aussprechen lassen?

Und Sie knnten wollen, da ich den Schlingen der Bosheit und
Schndlichkeit zum Opfer falle? Mu ich erst diesen Zwitter S... zeugen
lassen?

O, ich schaudere bei dem Gedanken, und eine schwarze eiserne Larve
mte unsere und der ganzen Armee Gesichter bedecken, wenn das geschehen
sollte.

Seien Sie gerecht, nur um Gerechtigkeit, nicht um Gnade flehe ich, ich,
der arme, unschuldige Mann, ich fordere von dem unerbittlichen Schwerte
des Gesetzes, von den unbestechlichen Richtern, ein Urteil, das durch
Argwhnungen und betrgerische Verdchtigungen nicht beeinflut ist
-- der Schuldige verlangt Gnade, Verzeihung, Erbarmen!

Machen Sie, in deren Hnde das Gesetz gelegt ist, da diese mit dem
Banner Italiens geweihte Halle, die das Entsetzen der Bsen und ein Hort
der Gerechten ist, nicht dem Betrug, der Flschung eines verworfenen
Schurken dienstbar werde.[53]

  [53] Diese wahnsinnigen Tiraden erinnern an die Verteidigungsrede, die
  der Soldat Francesco Torres vor dem Militrgericht zu Mailand hielt.
  Zwischen beiden ist eine groe Familienhnlichkeit. Und das beweist,
  was Lombroso aufgezeichnet hat, da nmlich der Begriff der sozialen
  Gerechtigkeit im Keime vorhanden ist; M... erklrt sich als einen
  reinen, unschuldigen Mann, als ob er nicht an dem pderastischen
  Verhltnisse beteiligt wre, das M... dem S... in so glhenden Worten
  vorwirft, als ob er ihm nicht den anonymen Brief diktiert und noch
  schlimmeres angeraten htte.

  Es ist derselbe Fall wie bei dem Straenruber, den Lombroso
  (_Palimsesti del carcere_) beschrieben hat, der, um seine Unschuld zu
  erweisen, den Schauplatz der Straenruber zeichnete, wobei er den
  unmittelbaren Empfnger einer Uhrkette darstellte, die ein anderer
  gemeinschaftlich mit der Uhr eines Passanten aus der Tasche gerissen
  hatte. Und darber war geschrieben: =Ich bin unschuldig.= -- Das
  Kriterium der Unschuld bestand darin, da er als Ruber beider
  Gegenstnde angeklagt war, whrend er nur die Kette genommen hatte.

Genug M..., genug, unterbrach mich der Prsident, das Gesetz ist fr
alle gleich.

Der Feldwebel V... wird gerufen und sagt aus:

Ich hatte mit dem Gemeinen M... nichts zu thun gehabt, er war ein guter
Untergebener, ich habe ihm mehrere Male Geld geliehen, das er mir
spter zurckgab, ich kann nicht begreifen, weshalb er mir den Brief
htte schreiben sollen.

Der Korporal S... wird gerufen und sagt aus:

Ich war mit M... sehr befreundet, er vertraute mir manches an, und
dabei schimpfte er auf den Feldwebel V...

Weshalb that er das? fragte der Prsident.

Ich glaube, das hat er mir nicht gesagt, oder ich habe es vergessen;
aber ich wei, da er ihn hate. Eines Abends sagte er: Ich gebe Dir
einen Brief, willst Du mir den Gefallen thun und ihn zur Post besorgen?
Ich versprach es, er gab mir den Brief; ich las die Aufschrift und
vermutete, da Schmhungen und Drohungen darin enthalten sein konnten;
darauf war ich unentschlossen, was ich thun sollte, vier Tage behielt
ich den Brief bei mir, M... fragte mich mehrere Male, ob ich ihn
abgeschickt hatte und ich sagte immer ja; endlich wurde M... krank und
kam ins Lazarett, und da entschlo ich mich, die Sache dem Herrn Oberst
zu melden.

Ich lasse den S... fragen, wo ich ihm den Brief bergeben haben soll, er
antwortet, in einem Wirtshaus um ein Uhr Mittags. Herr Prsident, sage
ich, es scheint mir ein Unding, da ich um ein Uhr Mittags, wo ich zwei
Freistunden vor mir hatte, einen so gefhrlichen Brief einem Andern zur
Besorgung bergeben haben sollte. Weshalb gab ich ihn denn nicht selbst
zur Post? Wer hinderte mich daran?

Die Richter nickten verstndnisinnig zu meinen Worten, der Staatsanwalt
erhebt sich, hlt seine Anklage aufrecht und beantragt schlielich vier
Jahre Gefngnis.

Darauf ergreift mein jugendlicher Verteidiger das Wort, widerlegt der
Reihe nach die Ausfhrungen des Staatsanwalts und unterzieht dann den
S... einer Beurteilung, in der er ihn in den schwrzesten Farben
schildert, ihn einen falschen Verleumder, einen ehrlosen Schurken nennt;
er stellt den Richtern ernste und sorgfltige Erwgung des Falles
anheim.

Nunmehr endet der Advokat di Leo und ruft, indem er sich das Gesicht mit
den Hnden bedeckt:

Man mte sich das Gesicht verhllen, um, ohne zu errten, die
Schandthaten des S... aufzuzhlen; und er trgt noch die Tressen! Soll
ich Ihnen das schmutzige Verhltnis dieses Ungeheuers mit dem armen M...
vorenthalten? Nein, darum lassen Sie die Thren schlieen, denn was ich
mitzuteilen habe, pat nicht fr das Ohr der ffentlichkeit.

Herr Prsident, stellen Sie beide gegenber und lassen Sie den
unglcklichen M... ihn fragen, ob er sich an die Vergangenheit erinnert,
an die laubverhllte Grotte, an den strengen Arrest, an die Klagen des
S... ber den Feldwebel V..., der ihm einen Blutflu verursacht hatte,
=ber das Verhltnis Beider, um ihn dann zu verfolgen=; ob er sich
erinnert, wie er sagte: =Nachdem er mir die Ehre geraubt und mich acht
Monate lang genossen hat, verlie er mich, um mich zwei Jahre lang zu
mihandeln, er nannte mich seine se Alfonsine u.s.w.=

Wollen Sie noch mehr! Soll ich noch weiter whlen in diesem Abgrund von
Schmutz und Kot? Sehen Sie ihn sich an, meine Herren, seht ihn an, den
Korporal S..., wie er bleich, zitternd und gebeugt dasteht, wie er
weint! Meinen Sie, da er Reue ber seine Schandthat fhlt! Nein, meine
Herren, solche verworfenen Geschpfe empfinden keine Reue, weil sie kein
Herz haben.

Und er schliet mit dem Ersuchen um ein freisprechendes Urteil.

Der Gerichtshof zieht sich zurck und erscheint nach drei Stunden
wieder. Ich mu mich erheben, der Prsident liest das Urteil vor: wegen
Insubordination werde ich zu einem Jahr Militrgefngnis verurteilt.
Meine Verteidiger waren auer sich, das Publikum ging zischend hinaus,
und ich blieb kalt und unbeweglich angesichts dieser furchtbaren Komdie
stehen. Sie wollten appellieren, ich wollte nicht, um nicht mehr von
diesen Dingen sprechen zu hren; dann wurde ich in das Gefngnis
zurckgefhrt.

In mein armes unglckliches Taschenbuch schrieb ich die Worte ein:
Antonino M... vom 20. Infanterie-Regiment ist am 18. Juni 1878 vom
Militrgericht zu Salerno unschuldig zu einem Jahre Gefngnis
verurteilt, wegen der Schndlichkeit des Korporals Alfonso S...

Eines Tages werde ich in das Wachtzimmer gefhrt und wen sehe ich?
Teresina's Vater; ich werfe mich an seine Brust, wir umarmen und kssen
uns wie Vater und Sohn; der arme Greis weinte heie Thrnen, er brachte
mir einen Brief von Teresina, den zunchst der Chef der Wache las und
abstempelte. Wir sprachen von gar manchen Dingen, er erzhlte mir, da
seit meiner pltzlichen Abreise Teresina keinen ruhigen Augenblick mehr
gehabt habe und tglich von mir spreche und mein Unglck beklagte.

Als ich ihm mitteilte, da ich zu einem Jahr verurteilt wre, drckte
der gute Alte mir lange und fest die Hand; wer vermchte zu sagen, wie
viel Liebe und Schmerz in diesem Hndedruck lagen.

Er gab mir acht Lire, die mir Teresina schickte, ich wollte sie um
keinen Preis nehmen, aber da er sagte, da es Teresina Schmerz bereiten
wrde, wenn ich sie zurckwiese, so mute ich sie wohl oder bel
behalten. Wir verabschiedeten uns und er ging, ohne seine Thrnen
verbergen zu knnen. Teresina schrieb mir:

     Mein heigeliebter Bruder!

     Ich habe Ihren Brief erhalten und lange, lange geweint.

     Ich wollte hinkommen, um Sie zu sehen, aber meine Eltern haben es
     nicht erlauben wollen.

     Ich bete stets zu Gott, da ich Sie bald wieder gesund und frei
     sehe, denn erst dann kann ich wieder frhlich werden.

     Ich schicke Ihnen acht Lire, das einzige Geld, das wir armen Leute
     zu Hause haben; fr den Augenblick werden sie gengen, spter, wenn
     Sie dort bleiben, werde ich selbst kommen und recht viel
     mitbringen.

     Schreiben Sie mir oft, lassen Sie mich nicht in Trauer verharren.
     Vertrauen Sie auf Gott, der uns heimsucht und trstet. Wir sind
     allzumal Snder und mssen ben. Die Mutter Gottes mge zu Ihrem
     Haupte wachen und Sie vor jedem Ungemach behten.

     Nehmen Sie meinen schwesterlichen Gru und vergessen Sie nicht

                                     Ihre arme Schwester
                                        Teresina M...

     Cava dei Tirreni 22. Juni 1878.

Auf diesen Brief antwortete ich:

     Innig geliebte Schwester!

     Als ich Ihren guten alten Vater sah, habe ich vor Rhrung geweint,
     wir haben uns umarmt, haben lange von Ihnen gesprochen, und er hat
     mir Ihren Kummer bei meinem Fortgehen von da geschildert.

     Beten Sie zu Gott um meinetwillen, beten Sie zu ihm mit aller
     Kraft, denn es thut mir not.

     Tausend Dank, liebste Schwester, ewigen Dank fr Ihre
     Freundlichkeit.

     Ihr Vater hat mir acht Lire gegeben und gesagt, da Sie sie mir
     schicken, ich habe sie angenommen aus Liebe zu Ihnen mit dem
     Wunsche, sie eines Tages zurckgeben zu knnen. Das Gericht hat
     mich verurteilt, aber ich schwre Ihnen, liebe Schwester, ich bin
     unschuldig an dem Verbrechen, dessen ich angeklagt worden bin, und
     Sie glauben es, nicht wahr? Ja, Sie sind die einzige, die mich fr
     unschuldig hlt.

     Binnen kurzem werde ich von hier abreisen, um die hchst ungerechte
     Strafe zu verben, die mir jene Richter auferlegt haben; wohin ich
     komme wei ich nicht, und von da aus werde ich wohl nicht schreiben
     knnen, da ich nur an Verwandte, die meinen Namen tragen, schreiben
     darf, aber ich werde es doch versuchen. Ihnen gehrt mein
     gekrnktes und verbittertes Herz, Ihnen meine ewige Ergebenheit,
     gren Sie die Ihrigen und denken Sie oft an den unglcklichen
     Gefangenen im Militrlazarett zu Cava dei Tirreni.

                                  Ihr ergebenster Bruder
                                      Antonino M...

     Geschrieben im Gerichtsgefngnis zu Salerno

     25. Juni 1878.

Einen Monat verbrachte ich in diesen Gefngnismauern in nicht geringem
Schmerz; mge der, welcher mich wrdigt, diese schmucklosen Bltter zu
lesen, die ohne Zusammenhang, ohne Gelehrsamkeit, ohne Grammatik
niedergeschrieben sind, ermessen, in welchem Zustand ich war und was fr
traurige Gedanken mir durch den Kopf gingen.

Das Auge des Allmchtigen sah ernst auf mich hernieder und las in den
Fasern meines Herzens meine Demut und Ergebenheit.

Der Mensch, der seinem Bruder Bses thut, wird unglcklich, elend,
verworfen, und grausam qult ihn ein innerer Drang, der gegen ihn selbst
zeugt; das steinharte Herz zersplittert, erdrckt von der Gewalt des
eigenen Gewissens und frher oder spter leuchtet ein silberner Glanz in
dem tiefsten, finstersten Abgrund des Unglcks.

Eines Morgens im Monat Juni 1878 sa ich auf meinem Bett, den Kopf
zwischen den Hnden und dachte an die Vergangenheit, klagte ber Gott
und seine Vorsehung, dachte an die Schndlichkeit des Korporals S..., an
die Schlingen, die mir gelegt waren, dachte an den Brief, den der
Hallunke von meinem Bruder mir geschrieben hatte, dachte an die heie
Liebe Teresina's, an die acht Lire, die sie mir geschickt hatte, an das
Militrgericht zu Salerno, an den Prsidenten, an den Staatsanwalt Herrn
T..., an meinen Verteidiger, an die kalten Richter, dachte an meine
Unschuld, an meine ungerechte Strafe, dachte an S...

Da rief eine Stimme an dem Gitter:

M..., M..., Sie werden verlangt!

Verwirrt stehe ich auf und eile an das Gitter.

Es war ein Sergeant von meiner Kompagnie, der mit einem nach Salerno
detachierten Bataillon hergekommen war; er sagte:

M..., hol's der Teufel, ich habe das Individuum entdeckt, das mit
eigener Hand den Brief an den Feldwebel V... geschrieben hat, S... soll
den Brief diktiert haben, als Sie nicht zugegen waren. Ich habe den
Namen vergessen, aber aus dem, was ich Ihnen sagen werde, knnen Sie
leicht das Ntige ermitteln, nur nennen Sie meinen Namen nicht, denn
beim Militr kann alles schief gehen.

Lassen Sie sich nach Nocera bringen, dort gehen Sie zur Strada Porteri,
bis Sie einen groen Palast mit groem Thorweg sehen, daselbst befindet
sich ein Hofraum mit mehreren Steinsitzen und dort wohnt ein junger
Bursche von zwlf bis vierzehn Jahren, blond, blauugig und anstndig
gekleidet, dieser hat den Brief nach S...'s Diktat geschrieben. Sie sind
unschuldig, wei der Teufel, und es ist nicht hbsch, einen Unschuldigen
wegen der Schurkereien eines andern zu verurteilen.

Er empfahl mir die grte Verschwiegenheit und ging.

Ich berlegte lange: Sollte das alles wahr sein? Und wenn auch, wrde
ich es beweisen knnen? Denn beweisen mute ich es, wenn ich Anzeige
erstattete, sonst lief ich Gefahr, wegen falscher Anschuldigung
mindestens zu fnf Jahren verurteilt zu werden. Was war zu thun?

Endlich entschlo ich mich, alles zu gewinnen oder alles zu verlieren,
und ich erstattete die Anzeige gegen S... wegen Meineides, indem ich
mitteilte, da ich die Person des Briefschreibers, die auf S...'s Befehl
gehandelt habe, bezeichnen knnte, wenn ich nach Nocera gefhrt werde.

Nach zwei Tagen suchte der Staatsanwalt mich auf und sagte: ob ich
meiner Sache so sicher sei, da ich mir sonst schlimme Folgen zuziehen
konnte. Ich bejahte es und so erschienen Tags darauf zwei Karabinieri,
die mich gefesselt nach Nocera schafften; hier angekommen, nahmen sie
mir die Fesseln ab und lieen mich frei gehen, wobei sie mir in kurzer
Entfernung folgten.

Ich kannte Nocera wenig und erst recht nicht die Strae, welche der
Sergeant mir bezeichnet hatte, aber ich verlie mich auf den Zufall.

Ich gehe die Hauptstrae hinunter und dann erinnere ich mich, hier war
ich an dem Abend mit S..., wo wir erst Wein tranken und dann so
furchtbar sndigten, ich gehe eine Viertelstunde weiter, endlich komme
ich an ein kleines Haus, hier rede ich eine Frau an, die vor der Thr
sitzt:

Liebe Frau, haben Sie Kinder?

Ja, zwei Shne.

Wie alt sind Ihre Shne?

Einer dreiig, der andere siebenundzwanzig.

Kennen Sie einen Jungen, der hier wohnen soll, er ist blond und
blauugig, aus guter Familie!

Nein, den kenne ich nicht, antwortete sie trocken.

Nach langem Suchen endlich fand ich einen groen Palast mit weitem
Eingang, der auch im brigen nach der Beschreibung pate, die jener
Sergeant mir gegeben hatte. Und jetzt erblickte ich auch einen jungen
Burschen, der pfeifend die Treppe herunterkam; mir wird hei und kalt,
meine Hnde zittern, in den Ohren summt es mir.

Ich nhere mich ihm -- er ist blond, mit blauen Augen, gut gekleidet.

Bitte, sagte ich, knnen Sie mir nicht sagen, ob vor fnf oder sechs
Monaten ein Korporal hier war, der Sie einen Brief abschreiben lie?

Ja, ich erinnere mich, da ein Korporal hier war, der mich eine Zeile
auf ein Blatt Papier schreiben lie; dann mute ich die Adresse auf ein
Couvert schreiben, den Namen wei ich nicht mehr, aber es war ein
Feldwebel; ich sagte, da ich mich nicht kompromittieren wollte; er
erwiderte, da es sich um einen einfachen Scherz handelte, den er mit
dem Feldwebel, seinem Freunde, machen wollte.

Nun sagen Sie, war ich dabei?

Ich habe nie das Vergngen gehabt, Sie zu sehen.

Wer war denn zugegen, als der Brief geschrieben wurde?

Drei Jungen, die hier in der Nhe wohnen.

Die Karabinieri kamen hinzu und fragten, ob ich ihn gefunden hatte.

Diogenes mit seiner Laterne suchte Menschen und fand keine; ich mit
meinem Brotbeutel an der Seite habe gefunden, was ich suchte. Hier ist
der brave junge Mann, der die Schandthat des S... entlarven wird.

Nun wurden die anderen Knaben hinzugerufen und wir alle begaben uns zur
Polizei; die Zeugen wurden in ein besonderes Zimmer gefhrt; der
Polizeibeamte nimmt meine Aussage zu Protokoll.

Auf dem Korridor macht sich ein Gerusch bemerkbar, die Thre ffnet
sich, ein Feldwebel tritt herein und meldet, da der Korporal S... zur
Stelle ist.

Er soll hereinkommen, befiehlt der Beamte.

Und S... trat ein, mit bleichem hageren Gesicht, mit erloschenem Auge
und thrnendem Blick, niedergebeugt und abgefallen.

Ist es zu glauben? Er that mir leid!

Ich sah ihn mitleidig an und sagte:

Bist Du nun zufrieden, Elender?

Ruhe, rief der Beamte.

Ich wurde hinausgefhrt und nach einer halben Stunde wieder eingelassen;
S... weinte bitterlich und sagte schluchzend zu mir:

M..., verzeihe mir, nur aus bergroer Liebe zu Dir habe ich gefehlt;
ich wre glcklich, wenn ich mit Dir zusammen meine Strafe verben
knnte, um Dich noch mehr lieben zu knnen.

Ruhe! rief der Beamte wieder.

Wir wurden jeder in eine Ecke des Zimmers gestellt, alsdann trat
Francesco Crudele di Antonio, der blonde Jngling, ein.

Kennen Sie den Soldaten wieder, der Ihnen vor fnf Monaten einen
anonymen Brief an den Feldwebel V... vom 20. Infanterie-Regiment
diktiert hat?

Crudele sah uns an, dann sagte er:

Ja, ich kenne ihn.

Nun, so zeigen Sie ihn.

Er ging auf den Korporal S... zu, zeigte mit der Hand auf ihn und sagte:

Dieser ist es gewesen.

Und kennen Sie den andern Soldaten?

Nein, ich habe ihn vor heute nie gesehen.

Die anderen Knaben besttigten seine Aussage.

Sie haben einen armen Soldaten ins Unglck gestrzt, sagte der Beamte
zu S..., aber es wird Ihnen teuer zu stehen kommen.

Herr, sagte ich zu dem Beamten, ich verzeihe ihm, er thut mir leid,
ich verzeihe ihm von ganzem Herzen.

Haben Sie verstanden, S...? Er verzeiht Ihnen, aber die unerbittliche
Schrfe des Gesetzes wird Ihr falsches, grausames, schndliches Herz zu
treffen wissen.

S... weinte, er bereute, gern htte er das Wort im Busen bewahrt, es war
zu spt.


Die Hand Gottes. -- Ungerechtigkeit.

Eine Abteilung Soldaten fhrte den schluchzenden Alfonso S... fort; ich
wurde in die Kaserne geleitet.

Man hat Sie unschuldig verurteilt, sagte ein Karabiniere, wegen der
Schndlichkeit dieses Korporals hat man Ihnen ein Jahr Gefngnis
auferlegt; was fr eine Bande ist denn der Gerichtshof; was fr
Murmeltiere von Richtern haben Sie getroffen?! Da sieht man, wie man
beim Militr Hals ber Kopf verurteilt wird.

Ich habe es den Richtern gesagt, da ich unschuldig sei, und ihnen
prophezeit, da meine Unschuld bald ans Tageslicht kommen wrde.

Nun, machen Sie sich keine Gedanken; das Urteil mu rckgngig gemacht
werden.

Tags darauf reisen wir nach Salerno ab; ich werde in mein Gefngnis
zurckgefhrt, der Staatsanwalt sucht mich auf und sagt wtend:

Zum Teufel, warum haben Sie das nicht gleich gesagt? Damals wollten Sie
verurteilt sein, jetzt beteuern Sie Ihre Unschuld. Mit Ihrer
Hartnckigkeit haben Sie das ganze Unheil angerichtet, den Gerichtshof
haben Sie in eine schne Verlegenheit gebracht, jetzt mssen Sie an das
Ministerium schreiben und um Erla der Strafe einkommen.

Verzeihung, Herr Staatsanwalt, wir wollen die Rollen nicht verwechseln.
Ich habe es den Richtern geweissagt, da ich verurteilt werden wrde,
aber da bald meine Unschuld sonnenklar zu Tage treten msse. Die
Richter waren taub, als ich rief: Ich bin unschuldig, ich bin
unschuldig.

Sie glaubten nur dem elenden Korporal S...

Jetzt kommen Sie und erzhlen mir Geschichten, die kein Esel glaubt;
anstatt mich zu bedauern, beklagen Sie sich ber mich, da Sie mich
verurteilt haben -- wissen Sie, da unser Herrgott die Geduld dabei
verlieren knnte? Wie sollte ich sprechen, wo ich alles noch nicht
wute! Erst nach meiner Verurteilung habe ich das erfahren.

Und wer hat Ihnen das alles enthllt?

Die Hand Gottes.

Oder des Teufels, antwortete er grinsend.

Wenige Tage spter wurde der Korporal S... in das Gefngnis eingeliefert
und zwar in den oberen Raum, wo die andern militrischen Angeschuldigten
waren; es war uns strenge verboten, mit ihm zu verkehren.

Als ich wute, da S... mir nahe war, im selben Hause, als ich
berlegte, da ich um seinetwillen unschuldig ein Jahr lang leiden
mute, da kochte mir das Blut in den Adern, mein rachebrtender Kopf
glich einem Vulkan, und mein entsetzlicher Durst nach persnlicher
Vergeltung marterte mein Inneres, und wenn ich ihm in Nocera verziehen
hatte, so hatte ich ihm damit die Strenge des Gesetzes ersparen wollen,
aber nicht die Rache, die in meiner Macht lag, und die ich plante, nun
wo er mir so nahe in die Hand gegeben war.[54] Ich war mit dem Wrter
befreundet: ich bat ihn, mir ein scharfes Eisen zu besorgen und er
verschaffte mir eine groe scharfe und spitze Scheere, von der ich den
Zapfen herausnahm, so da ich im Besitz zweier prchtiger Dolche war;
die eine Hlfte verbarg ich auf dem Abtritt, die andere in der
Innentasche meiner Jacke.

  [54] Die Unterscheidung eines Wahnsinnigen, die nur gemacht wird, um
  einen verbrecherischen Impuls zu beschnigen.

Ich mu bemerken, da eine Treppe von etwa einem Dutzend Stufen nach dem
Hof fhrte, die dem Raum benachbart war, wo S... sich befand; auf diesem
Hof gingen die Gefangenen spazieren.

Ich berlegte: zu der Zeit, wo der Arzt den Kranken seinen Besuch macht,
bleibt das Gitter offen, die dienstthuende Wache begleitet den Arzt auf
seinen Besuchen, mein Bett steht nicht weit von der Thr, ich werde
leicht unbeobachtet hinauskommen, dann steige ich die Treppe hinauf,
eile in den Garten, strze mich auf den elenden S... und mache ihn mit
einem einzigen Stich kalt und damit der ganzen verfluchten Dienstzeit
ein Ende; aber es gilt keine Zeit zu verlieren.[55]

  [55] Das ist das Mitleid, das er fr S... empfindet.

Die ganze Nacht konnte ich nicht schlafen, Morpheus, der friedliche
Gott, floh meine Lider, Fieberhitze durchstrmte mein Blut, mein Kopf
glhte wie eine Esse, so stritten die Gedanken an die Rache, die
Vergangenheit, an die ungeheuerliche ruchlose Zukunft durcheinander.[56]
Aber nach Gottes Willen wurde es Tag und auf die trben Gedanken der
Nacht folgten die trben Gedanken des Tages ...

  [56] Ein Beweis fr die epileptische Natur des Verbrechers.

Der Arzt kam, der Besuch begann, die Wache begleitete ihn; als ich mich
unbeobachtet glaube, eilte ich zu dem Gitter und auf die Treppe; schon
war sie halb passiert, als ein Wchter mir begegnete und sagte:

Wohin, M...?

In die Kche, sagte ich und versuchte vorbei zu kommen.

Das geht nicht, Sie drfen nicht in die Kche gehen, kehren Sie um, Sie
kommen nicht vorbei.

Ich will vorbei oder ich steche Dich nieder.

Auf keinen Fall! Zu Hilfe! Zu Hilfe!

Wir umfaten uns, er drngte mich zurck, ich stie ihn vorwrts. Als
ich mich verloren glaubte, zog ich die halbe Scheere heraus, entwand
mich seinen Armen und war im Begriff, ihm einen tchtigen Stich in den
Unterleib beizubringen, als mich eine Hand mit unwiderstehlicher Gewalt
zurckri, so da ich die Treppe herabrolle; wie eine angeschossene
Hyne sprang ich auf, da erhielt ich einen derben Schlag auf den Arm,
die Scheere entfiel meiner Hand.

Ich wurde festgenommen und zurckgebracht, ich bewaffnete mich mit der
anderen Hlfte der Scheere, entschlossen, den Ersten, der mir den
geringsten Anla geben wrde, niederzustechen. Am selben Tage kam der
Staatsanwalt zu mir und sagte:

Ich verstehe Ihre Rachegedanken, aber niemand darf selbst Vergeltung
ben, das ist Sache des Gesetzes. Sie haben unrecht gehandelt; wenn der
Gerichtshof Sie verurteilte, so wird derselbe Gerichtshof das Urteil
aufzuheben wissen, ein Versehen kann immer wieder gut gemacht werden,
aber nicht so, wie Sie es anfangen.

Aber Herr Staatsanwalt, ich wollte in die Kche, der Wchter hat mich
schlecht behandelt und ich ...

Morgen werden Sie abreisen, verstanden? Ich hatte Ihre Abreise bisher
hinausgeschoben, weil ich Ihnen die Genugthuung verschaffen wollte, da
Sie persnlich der Verhandlung gegen S... beiwohnen knnten, aber jetzt
sehe ich, es ist besser, wenn Sie fortkommen; wenn gegen S... verhandelt
wird, werden Sie hergebracht werden. Also halten Sie sich morgen
bereit.

Herr Staatsanwalt, Sie haben Recht, ich habe gefehlt, verblendet von
meinen Rachegedanken; ich wollte S... ermorden; aber jetzt verspreche
ich Ihnen ruhig zu sein; wenn ich ihn jetzt bei mir htte, wrde ich ihm
kein Haar krmmen, deshalb bitte ich Sie, lassen Sie mich hier.

Sie werden morgen reisen; hier wrde es ein Unglck geben, wir kennen
Sie lange genug.

Ich mute mich fgen, Tags darauf brachten mich zwei Karabinieri nach
Taranto.

Hier ging es mir sehr schlecht; die Luft war verpestet, das Essen elend,
das Wasser einer alten stickigen Cisterne entnommen, die von ekelhaftem
Getier wimmelte.

Flhe gab es wie Sand am Meer, Milliarden groer Flhe, deren Bi
furchtbar war.

Lange, dunkle, enge, niedrige Korridore waren unsere Schlafrume, in
denen wir eine Nacht verweilten.

Zehn Stunden Arbeit und Exerzieren war unsere Arbeit, schwere Lasten
muten wir tragen; in einem Winkel des Hofes war ein Berg groer
schwerer Steine, und whrend die eine Hlfte der Strafgefangenen
exerzierte, mute die andere Hlfte die Steine in die andere Ecke des
Hofes tragen; dann muten wir tiefe Gruben auswerfen und sie wieder
zuschtten; kleine Steine luden wir auf Karren und fuhren sie nach einer
Ecke des Hofes, dann schafften wir sie wieder zurck. Es war ein Leben
wie die Verrckten, die Narren, und verrckter und nrrischer waren die,
welche es uns befahlen.[57]

  [57] Denselben Gedanken drckt Dostojewski in seinen Erinnerungen aus
  dem Hause der Toten aus. Er sagt, da, wenn man jemand ntigen wrde,
  dieselbe Arbeit immer zu verrichten und wieder zu zerstren, er
  wahnsinnig werden wrde, weil die Ntzlichkeit, sei sie auch im
  Verhltnis zur Arbeit nur gering, dasjenige sei, was die Arbeit
  rechtfertigt.

Im Sommer unter der kochenden Hitze der Sonne, die uns das Gehirn
versengte, da es streng verboten war, im Schatten der Einfassungsmauer
zu arbeiten; im Winter unter der entsetzlichen Klte, dem klatschenden
Regen, dem Sturm ausgesetzt, da uns Hnde und Gesicht anschwollen, da
es streng verboten war, sich an der Dezember-, Januar- und Februarsonne
zu wrmen -- so konnte man krank niedersinken; so sorgten jene
teuflischen Menschenfreunde fr unser Wohlergehen; verflucht seien
sie!!!

Fortwhrend geqult, schlecht gekleidet, ungengend ernhrt, unsauber,
zehn Stunden tglich mit schwerer Arbeit geplagt -- es war ein Leben, um
sich umzubringen. Wiederholt wurde ich in eine einsame Zelle in Ketten
gelegt und an die Wand gebunden, weil ich whrend des zehnstndigen
Exerzierens einige Male gesprochen hatte. Es wrde ein Mann von Genie,
von Bildung und Gelehrsamkeit seine Feder leihen mssen, um die Gruel
dieser elenden Gruft zu schildern, um die schndlichen tyrannischen
Herzen jener Tyrannen und die Selbstverleugnung, den Mut, die
Ergebenheit der armen Kinder des Unglcks zu kennzeichnen.

+Italien!+ Du groer Name, Du groe, freie und unabhngige Nation! Aber
die meisten, die Du so als freigebige Mutter ernhrst, sind Tyrannen,
Despoten, Schinder, und dadurch, da Du sie duldest, erniedrigst Du Dich
zur ehrlosen, hndischen, gemeinen Dirne.

Sechs Monate meiner Strafe waren verstrichen, ich stellte mich dem
Kommandanten vor und sagte ihm, da ich unschuldig verurteilt wre, er
antwortete:

Faule Ausrede!

Ich bat ihn, mir zu gestatten, da ich eine Eingabe an das
Militrgericht zu Salerno richtete, und er erlaubte es.

Nach drei langen Monaten wurde mir von der Staatsanwaltschaft die
Mitteilung, da der Korporal Alfonso S... am 2. Januar 1879 zu sieben
Jahren Gefngnis und zur Degradation verurteilt worden sei und zwar
wegen Insubordination, begangen durch Absendung eines anonymen Briefes
an den Feldwebel V... und wegen falscher und verleumderischer Aussagen
gegen mich. Von meiner Vernehmung war vom Gericht abgesehen worden.

Und wer entschdigte mich fr das Jahr Gefngnis, das nun bald verbt
war? Wer trstete mich fr die Leiden, die ich erduldet?

                           +Die Hand Gottes.+

Und wenn wir der Hand Gottes blindlings und unerschtterlich vertrauen,
dann schtzen wir uns davor, uns in den entsetzlichen, dunklen Abgrund
des Nichts zu strzen.

Es ist nicht wahr, da die Hand Gottes schwer auf uns Menschen lastet
und wenn wir das glauben, so beleidigen wir die Majestt des Ewigen.

Es ist ein Geheimnis, ein unlsbares Rtsel wie Belsazars +Menetekel+.

Ich bat den Kommandanten, da er mir erlauben mchte, an Teresina M...
zu schreiben, da sie eine nahe Verwandte von mir sei, er gab es nicht
zu.

Das Jahr meiner Pein ging zu Ende, und das Gewissen und das Ehrgefhl
jener Richter hatte nicht gesprochen, ich hatte wegen der Schndlichkeit
des S... leiden mssen und wegen der Unaufmerksamkeit eines tauben,
stumpfsinnigen, kindischen Gerichtshofs!...

Am Morgen des 17. Juni 1879 wurde ich entlassen und von einigen
Karabinieri der ersten Strafkompagnie auf dem Lido zu Venedig
berliefert.

Gem Artikel 130 des Aushebungsgesetzes wurde ich der Klasse 1879
zugeschrieben.

Diese Strafkompagnie enthielt zweihundert Soldaten verschiedener
Waffengattungen, und von verschiedenen Armeekorps; es wurden solche
Soldaten einrangiert, welche unwrdig waren, dem Heere anzugehren und
welche sich durch unlautere Handlungen, schlechtes Betragen und
umstrzlerische Bestrebungen gegen das Vaterland entehrt hatten.

Hier fand ich zu meinem Unglck einen Soldaten Gir..., einen Vetter des
Gir..., den ich beim Regiment schlecht behandelt hatte, er war durch
seinen Vetter ber mich unterrichtet, so da man in der Strafkompagnie
meine Antecedentien kannte.

Als ich auf dem Lido angekommen und in den Serail genannten Teil der
Kaserne untergebracht war, geriet die ganze Strafkompagnie in Bewegung,
einzelne Soldaten kamen heran, sahen mich an und liefen davon.

Gir... trat mit seinen piemontesischen Landsleuten zusammen und sie
verabredeten sich, mir einen Streich zu spielen.

Einige Soldaten, die aus der Gefngniszeit her eng mit mir befreundet
waren, brachten mir zu essen sowie Wein und Cigarren.

Ein Freund von mir, ein Genuese Namens Civ... verriet mir den Anschlag
der Piemontesen, die sich rchen wollten, weil ich ihren Landsmann, den
Vetter Gir...'s beim Regiment mihandelt hatte.

Mir mifiel das sehr, denn ich hatte mir fest vorgenommen, alles
geduldig zu ertragen und dann meinen Abschied zu nehmen, aber mein bser
Stern folgte mir bis an die lachenden Ufer der Lagune.

+Was thun?+

Wenn ich still bin, so glauben sie, da ich Furcht habe und reizen mich
erst recht; wenn ich ihnen entgegentrete, so knnen die schlimmsten
Folgen daraus entstehen: ich war zwischen Scylla und Charybdis, gute und
bse Gedanken kmpften in mir mit einander; nach langem Nachdenken
beschlo ich den Kampf aufzunehmen und dem Schicksal die Frage zu
stellen: Welchen Schlu hat dieses

                            +dstere Drama?+




Dritter Teil.

In der Strafkompagnie.

     Ein klassischer Schriftsteller, eine wissenschaftliche Abhandlung
     wird von gebildeten, gelehrten, wissenschaftlichen Menschen
     verstanden; eine gewhnliche Darstellung, die leicht geschrieben
     ist, wird sowohl vom gebildeten, gelehrten, wissenschaftlichen
     Menschen, wie vom unwissenden Mann aus dem Volke verstanden; sonach
     ist es besser, sich beiden als blos einem verstndlich zu machen.


Unter den vielen Inseln, die Venedig umgeben, dehnt sich stlich von der
Stadt eine Landzunge aus, welche vom adriatischen Meer besplt wird und
den Namen Lido trgt; sie hat die besondere Aufgabe, vermittelst starker
Befestigungswerke den Feind an einem Flottenangriff auf die Stadt zu
hindern. Aber auer seiner Bestimmung als Bollwerk gegen feindliche
Angriffe und auer seiner Eigenschaft als Vergngungsort in den Tagen
des Friedens, ist der Lido der Aufenthaltsort derer, welche sich zu
Sklaven einer unsinnigen Disziplin gemacht haben und verurteilt sind, in
stetem Leiden und unter besonderen Strafen dahin zu leben. Blhende
Akazien, grnende Felder, lachende klare Seen und was es sonst
Herrliches in der Natur giebt, schmckt diese Gegend im Sommer, wo sie
Scharen von Besuchern empfngt. Verborgen blht die Rose zwischen den
Bschen, wenn der Morgenstrahl der Sonne die Erde kt und die Vgel
ihre sehnschtigen Melodien ertnen lassen -- und in den dsteren Zellen
der Kaserne seufzt der Verworfene.

Die trge Welle der Adria bricht sich am Lido, sie liebkost in
wollstigen Umarmungen die schnen venezianischen Sylphiden und erglht
unter ihrem verliebten Blick -- und sie fhrt die Klagen und Thrnen der
Unseligen, die im Elend leben, mit sich hinweg. Lange habe ich hier dem
Willen eines Tyrannen mich beugen mssen und weinen mssen, fern von
meinen Lieben, und kmpfen mssen, um die Grundpfeiler meiner Zukunft
wieder aufzurichten.

Wenn die Sonne in goldiger Glut hinter den Bergen versank, und wenn sie
in rosigen Farben wieder emporstieg, meine Seele vermochte es nicht zu
trsten, und so oft auch die Natur sich ihres Schmuckes entkleidete und
von neuem ihr schimmerndes Bltengewand anlegte -- es vermehrte nur die
Empfindung meines Leidens.

O arme Seele, was hoffest Du? Denke an den Jammer und die Seufzer, damit
ich mit den Farben der Wahrheit ein Bild meines Unglcks und der
Unwissenheit der selbstschtigen Tyrannen entwerfen kann.

Denke an die unselige verworfene Knechtherrschaft! Schildere, wenn Du es
vermagst, die Thaten jenes Despoten, der vterliche Gefhle und
kindliche Liebe miachtend auf dem Scheiterhaufen des Vaterlandes die
jugendliche Hoffnung Italiens als Brandopfer darbrachte, der die Sttzen
darbender Familien vom huslichen Herd hinwegri, der Industrie die
Kraft des Fortschritts raubte, um das erhabene Andenken der Freiheit zu
schnden, um dem Bajonett, dem Galgen und den Galeeren das Recht zu
geben, den letzten Gedanken des Unglcklichen zu Todesseufzern zu
gestalten.

Du allein, o meine Seele, kannst in den Tagen meines Glckes die Klagen
deuten, welche in dieser Sphre ertnten, wo Kummer, Qualen, Ketten und
der Wille eines gesetzmigen Mrders den Herzen der jungen Soldaten
alle Hoffnung entrissen und die fern weilenden Familien ins Unglck
strzten.

Wie gesagt mifiel mir der Anschlag der Piemontesen sehr, und ich bat
meinen Freund Civ... mir irgend eine Waffe zu verschaffen, um mich
ntigenfalls verteidigen zu knnen; er brachte mir einen langen
dreieckig geschliffenen Dolch.

Am folgenden Morgen wurde ich zum Kommandanten gerufen, mit meinem Dolch
an der Brust begab ich mich zu ihm. Er empfing mich mit Schmhreden,
aber ich sagte:

Herr Kommandant, ich bin nicht gewhnt, Vorwrfe zu hren; wenn Sie
meinen, da ich gefehlt habe, so haben Sie ja Kerker und Ketten zur
Verfgung.

Wissen Sie, M..., ich bin Familienvater, ich liebe die Soldaten wie
meine Shne und strafe nur, wenn ich dazu gezwungen werde: deshalb
nehmen Sie es mir nicht bel, meine Verweise sind die eines Vaters und
glauben Sie mir, ein Vorwurf ist besser, wie acht Tage bei Wasser und
Brot. Ich wnschte von Herzen, da Ihr alle in Blde Eure Familien,
Freunde und Bekannten wiedersehen knntet. Sie sind ein verstndiger
junger Mann, und es wre eine Snde, Sie im Unglck umkommen zu lassen.
Deshalb seien Sie vernnftig, bis jetzt haben Sie sehr viel zu leiden
gehabt und ich beklage Sie, denn das ist meine Natur. Deshalb wenden Sie
sich an mich, wenn Ihnen irgend etwas fehlt, oder wenn Ihre Vorgesetzten
Sie schlecht behandeln. Sind wir einig? Dann seien Sie ruhig, fhren Sie
sich gut und halten Sie sich von den schlechten Elementen fern, deren es
hier nur zu viele giebt; thun Sie Ihre Pflicht, und nehmen Sie Rcksicht
auf mich.

Guar... Signor Battista aus der Markgrafschaft Ligurien war ein
vorzglicher, edler Vorgesetzter, aus vornehmer Familie, von Haus aus
reich, wegen einer unglcklichen Liebe war er ins Heer eingetreten und
war zur Zeit Hauptmann.

Er war ein zrtlicher Vater den Soldaten gegenber, menschenfreundlich,
wohlwollend, human; er hatte eine Frau und zwei Shne. -- Die
Strafkompagnie war eine Lust fr uns: eine Stunde am Tage wurde
exerziert und dann gespielt, gesungen, gescherzt, gelrmt -- kurz, wir
machten, was wir wollten.

Tags darauf sagten meine Bekannten zu mir:

M..., nimm Dich in Acht, Dir wird es schlimm gehen.

Es war fr mich ein ewiges Hin- und Herschwanken -- wie konnte ich das
Leben fassen mit dem Gedanken, jeden Tag berfallen zu werden.

Endlich entschlo ich mich, der Sache ein Ende zu machen.

Am Abend saen die Soldaten im Hof und plauderten in Gruppen oder
spielten Ball, Dame und Domino oder promenierten hin und her -- kurz,
jeder war auf seine Weise beschftigt.

Ich rief meinen Freund C... und lie mir den Gir... zeigen, der
hauptschlich den Anschlag gegen mich angezettelt hatte.

Er fhrte mich unter einen Sulengang und zeigte mir einen langen
hageren Soldaten, der in einer Zelle arbeitete. Ein kurzer schrecklicher
Entschlu fuhr mir durch den Kopf, ich trat auf den Pfosten der Zelle
und rief ihn heraus. Er kam, ich stellte mich vor ihn auf; die Rechte
hielt hinter dem Rcken den Dolch bereit.

Also Sie sind die Seele der Verschwrung gegen mich, Sie wollen mir ans
Leben? Sie sind ein Schurke, wissen Sie das, rufen Sie Ihre Landsleute,
damit ich denen dasselbe sagen kann!

Ich schwang meinen Dolch und war im Begriff, ihm den Leib
aufzuschlitzen, als eine eiserne Faust meinen Arm umklammerte, whrend
Gir... angstvoll rief:

M..., was machen Sie?! ich bin unschuldig! Ich habe nie von Ihnen
gesprochen.

Sie sind ein Schurke, wir mssen ein Ende machen.

Auf unser lautes Gesprch kamen viele Soldaten hinzu, die sich um uns
aufstellten und gespannt das Ende des Dramas erwarteten.

M..., was machen Sie? rief der, welcher mich festgehalten hatte. Ich
bin Esp..., Ihr Freund und Landsmann, beruhigen Sie sich, M..., Sie
machen sich unglcklich.

Am folgenden Morgen wurde ich zum Kommandanten gerufen, ich erzhlte ihm
freimtig alles, was vorgekommen war.

Der Ehrenmann war trostlos und beklagte sich, da ich ihn nicht von
Anfang an unterrichtet htte. Er versammelte die Piemontesen und meine
Landsleute auf dem Hof und sprach eine Stunde lang zu ihnen, wie nur ein
zrtlicher Vater zu seinen geliebten Shnen unter so traurigen Umstnden
sprechen kann.

Und jetzt, schlo der wrdige Offizier, jetzt gebt Euch das Pfand des
Friedens, der Eintracht, der Brderlichkeit. Gir..., umarmen Sie Ihren
Kameraden M...

Wir kten und umarmten uns, Gir... hielt seine Thrnen mit Mhe zurck.

Morgen ist Sonntag, sagte der Hauptmann, ein Festtag fr Euch. Ihr
werdet Euch zusammenthun, jeder giebt einen Lire, Herr Lieutenant G...
hat Befehl, fr Euch ein Festmahl zu veranstalten, zehn Flaschen
Toskanerwein gebe ich dazu. Aus Euren Tischen werdet Ihr eine Tafel
zusammenstellen, die Bnke knnen als Sitze dienen, fr Tischwsche,
Glser u.s.w. werde ich sorgen, und Ihr werdet zu Ehren des Friedens,
der Einigkeit, der Brderlichkeit essen und trinken. Sie, M..., sammeln
das Geld und liefern es an Herrn Lieutenant G..., wer kein Geld hat, mag
sich an mich wenden. Sie, Gir..., nehmen M... unter den Arm und gehen
spazieren. Rhrt Euch!

Ein Beifallsturm, Hndeklatschen und Hochrufen folgte diesen Worten.

Am folgenden Tage wurde eine groe Tafel im Hof hergerichtet, wie der
edle Hauptmann befohlen hatte; hundertundzwanzig Soldaten, sechs
Sergeanten und fnf Korporale nahmen an dem prunkvollen, reichlichen
Mahl teil, die Becher fllten sich mit schumendem Toskanerwein; die
Flaschen standen aufmarschiert, als wollten sie sagen: Nimm mich hin --
die Glser kreisten unter den Tischgenossen. Der Hauptmann, der
Lieutenant, die Feldwebel und Sergeanten waren alle zugegen; sie fllten
unsere Becher immer von neuem, Trinksprche wurden ausgebracht, wir
tranken zu Ehren des Hauptmanns, der Offiziere, wir tranken auf die
Brderlichkeit, die Einigkeit, den Frieden, wir tranken auf unsere
Gesundheit, Hochrufe, Hndeklatschen und Lachen ertnte aus der
freudigen Gesellschaft, und ich brachte einen langen Trinkspruch in
Versen aus.

Zwei Monate verbrachte ich in dieser Strafkompagnie ohne irgend welche
Strung, geliebt und geachtet von meinen Vorgesetzten und Kameraden, ich
hatte mich ber meine vergangenen Leiden getrstet und geno ein
friedliches, nachdenkliches Leben in Spiel und Scherz mit meinen
Genossen.

Eines Tages rief mich der Kommandant und teilte mir mit, da meine
Familie sich beschwert habe, da ich so lange nicht geschrieben habe und
trug mir auf, sofort von meinem Verbleiben und Befinden Nachricht nach
Hause zu geben.

Seitdem ich den unliebenswrdigen, schmutzigen Brief meines Bruders
bekommen hatte, hatte ich nicht mehr geschrieben, und es war beinahe
zwei Jahre her, da die Meinen ohne Nachricht von mir waren; wenn nun
der Hallunke von meinem Bruder auf einmal so heies Verlangen nach mir
zeigte, so hatte das keinen anderen Grund, als da er hoffte, ich sei
tot, und er knne sich in den Besitz des Wenigen setzen, das mein
unglcklicher Vater mir hinterlassen hatte. Das war der Gedanke des
elenden Wurmes, der jeden Augenblick auf die Nachricht von meinem
Hinscheiden wartete; aber Gott, das unsichtbare Wesen, der die
verborgensten Falten der menschlichen Herzen siehet, spottete der
thrichten und boshaften List des durchtriebenen Schurken.

Da mein Hauptmann befahl, durfte ich nicht zgern, wie konnte ich auch,
da er mich tglich mit Beweisen seines Wohlwollens berhufte. So
schrieb ich denn folgenden Brief:

     Geliebter Schwachkopf!

     Denkst Du noch an den schnen Brief, den Du mir nach Salerno
     schriebst? An den Brief, der Deiner wrdig war, deiner Dummheit,
     deiner Hartherzigkeit? -- Nun, ich danke, es geht mir sehr gut,
     trotz aller Wnsche derer, die mich hassen. Ich habe hier alles:
     Liebe, Achtung, Wohlwollen, und das gengt mir, um mich wohl zu
     fhlen. Morgens bekomme ich eine prchtige schmackhafte Suppe und
     ein groes Stck gutes Brot, das mehr als genug fr mich ist;
     Abends ein Stck Kalbfleisch; ich habe viel freie Zeit und manche
     Vergngungen: Spiel, Musik, Theater, Tanz, Lektre, u.s.w., und
     was will man mehr?

     Wir leben hier auf einer Insel nahe der Knigin der Meere, einer
     groen, schnen, lachenden, grnenden Insel; oft fahren wir auf
     unseren Gondeln nach Venedig hinber, ohne etwas zu zahlen, wir
     lustwandeln auf der lachenden weiten Piazza di San Marko; wir
     schkern mit den rosigen, schnen Venezianerinnen, wir trinken
     unser Bier, unsern Wermut, den Du noch nicht einmal versucht hast
     und den Du nicht kennst; wir trinken schimmernden Toskanerwein, --
     was will man mehr!

     Wir haben Geld genug, schne Bankscheine, um uns vergngen zu
     knnen und Du armer Tropf, teilst mit Deinen armen Kindern den
     Hunger!

     Unser Kommandant ist ein Prachtmensch, ein wahrer Vater der
     Soldaten, die Vorgesetzten sind alle Ehrenmnner, was kann man mehr
     verlangen?

     Wir sind glcklich, wahrhaft glcklich. Das mge Dir gengen. Und
     wenn Du an unserem Glck teilnehmen willst, so komme her; das Ufer
     des adriatischen Meeres wird edelmtig genug sein, um den
     verworfensten, elendesten, schmutzigsten Wurm aufzunehmen, der auf
     Erden herumkriecht.

     Lido, Venedig 10. April 1879.

                                             Dein (!)
                                          Antonino M...

Und was ich meinem Bruder schrieb, war die Wahrheit; uns Soldaten fehlt
nichts, es war alles wahr.

Wir hatten eine prchtige Kapelle, die auf Verlangen im Hof spielte, oft
wurde getanzt; Donnerstags und Sonntags spielten wir auch Theater. Mit
unseren Tchern und Decken steckten wir auf dem Hof einen groen
viereckigen Raum ab, in einem Zimmer wurde geprobt, Kostme fertigten
wir selbst an, fnfzehn Soldaten oder mehr machten die Schauspieler, wir
hatten einen Impresario, einen Direktor, einen Regisseur u.s.w., das
ntige Geld wurde alle Woche von den Soldaten, Offizieren und Gefreiten
gesammelt; einmal hatten wir fnfhundertzwlf Lire und achtundachtzig
Centesimi; der Hauptmann hatte allein zweihundertfnfzig Lire gegeben!!!

Ich erinnere mich, da ich einmal in einer Posse die Rolle des Briganten
Gasparone spielte, ich war als kalabresischer Ruber gekleidet, mit
hohem Hut, Stulpstiefeln, Hose und Jacke mit groen vergoldeten Knpfen
geschmckt, zwei Patrontaschen an den Seiten, eine doppellufige Flinte
ber dem Rcken, einen groen Revolver und einen langen Dolch an der
Seite; es war eine brillante Rolle; die Offiziere, die Chargierten,
Herren und Damen wohnten der Vorstellung bei, und ebenso Handwerker und
Bauern. Donnerstags und Montags gab es alles in berflu: Rum, Wermut,
Bier, Wein und Cigarren, so da es fr die ganze Woche reichte; alles
wurde von den Offizieren und Brgern gegeben. Ich ging oft nach Venedig
und blieb dort ganze Tage; wenn ich mich auf den Weg machte, und mich
dem Hauptmann meldete, um die Erlaubnis einzuholen, dann sagte er:

+Haben Sie Geld?+

Ich habe einen Lire, und das gengt fr einen Tag.

Nein, in Venedig ist das nichts, und er nahm einen Fnflireschein
heraus und gab ihn mir.

Seine Brse war stets fr alle geffnet, und wenn man ihm das Geld
wiedergeben wollte, dann fluchte und wetterte er und drohte uns in
Arrest zu schicken! Der Ehrenmann litt an Asthma und Nachts mute er von
der Seite seiner lieben Gemahlin aufstehen, um ins Freie zu laufen, um
Luft zu schpfen.[58]

  [58] Wie Venturi in seinem Gutachten bemerkt, begegnen sich bei M...
  die bertreibung des Hasses mit der bertreibung der Zuneigung, und so
  wird wahrscheinlich die Wirklichkeit der Erzhlung des M... in nicht
  wenigen Punkten widersprechen.

Ein Lieutenant, ein Landsmann von ihm, sagte, da er achtzigtausend Lire
jhrliche Rente habe, aber er machte kein Aufheben von seinem Reichtum,
den er zum Besten der Armen und Unglcklichen verwandte; wegen seiner
groen Zuneigung zu den Soldaten war er wiederholt bestraft worden und
wre ohnedies schon bedeutend avanziert. Derselbe Lieutenant erzhlte
mir einige Episoden aus dem Leben dieses merkwrdigen Mannes, von denen
ich einige mitteilen will.

Als Hauptmann Guar... noch Lieutenant in Ravenna war, verliebte er sich
in ein Mdchen aus dem Volke, er heiratete sie, nachdem er sie mit einem
Vermgen von fnfundzwanzigtausend Lire ausgestattet hatte. Er lebte
glcklich mit dem jungen Weib, das er mit allen Fasern seines Herzens
liebte; die Frucht dieser Liebe war ein Shnchen, das Ebenbild des
Glckes seines Vaters. Da wurde ihm gesagt, da seine Gattin ihn betrog.

Unmglich, antwortete er, Virginie, meine geliebte Virginie kann mich
nicht verraten. Er hatte ein Duell mit einem anderen Lieutenant, der
ihm mitgeteilt hatte, da seine Virginie ein unerlaubtes Verhltnis mit
einem Lasttrger hatte -- der arme Lieutenant wurde von Guar...
erstochen.

Eines Morgens teilte er seiner Virginie mit, da er verreisen msse; er
kehrte aber um und versteckte sich neben ihrem Schlafgemach, so da er
hren konnte, was dort vorging.

Lange stand er so und wartete; Virginie war mit ihren huslichen
Angelegenheiten beschftigt.

Endlich gegen Abend hrte er Ksse, er lauschte und vernahm folgende
Worte:

Ettore, ser Ettore, ich liebe dich wahnsinnig; ich mchte dich immer
in meinen Armen halten, der schweigsame Offizier langweilt mich, ich
liebe ihn nicht. La uns fliehen, Ettore, nach Verona; da knnen wir in
Freiheit unser Glck genieen.

Nein se Virginia, noch ist nicht die Zeit dazu ... Wie schn Du bist,
gieb mir einen Ku!

Er hrte ihre Ksse, und das Blut erstarrte ihm in den Adern.

Es wurde still, Seufzer und Ksse wechselten mit einander; G... blickt
durch eine Spalte und sieht seine Virginia in wollstiger Umarmung mit
ihrem Geliebten.

Er eilt hinaus, klopft an die Thr seines Schlaf-Gemaches, niemand
antwortet. Endlich ruft er:

Mach' auf, Virginia, ich bin es, Dein Gatte.

Die Thr wird geffnet, Virginia erscheint und sagt:

Wie, Du bist nicht fort?

Nein, ich wollte Deinen Ettore sehen!

Hier bin ich, antwortete Ettore, eine Waffe in der Hand haltend. Sie
befehlen?

Nichts, lieber Ettore, antwortete der Lieutenant, nur Ihre Hand.

Sie reichten sich die Hnde, Virginia lag auf den Knieen und zerflo in
Thrnen. Herr G... ffnete sein Portefeuille, nahm zehn
Tausendlirescheine heraus, reichte sie Virginia und sagte:

Bitte, nehmen Sie und gehen Sie mit Ihrem Ettore; mein Sohn bleibt bei
mir.

Ettore und Virginia nahmen sich bei der Hand und gingen, G... wurde
ohnmchtig aufgefunden, wie er seinen Sohn in den Armen hielt.

Als er Hauptmann beim zehnten Infanterie-Regiment in Bologna war, traf
er eines Abends einen Zahlmeister, der ihm klagte, da er sich das Leben
nehmen msse, da ihm sechstausend Lire aus der Kasse fehlten, Guar...
nahm die Kassenschlssel, ffnete sein Portefeuille, gab dem Zahlmeister
sechs Tausendlirescheine und sagte nur:

Nehmen Sie, die Kasse stimmt jetzt, seien Sie vernnftig!

Nach Gottes Fgung starb Virginia wenige Jahre spter arm und elend in
einem Irrenhaus; G... heiratete ein anderes Mdchen aus dem Volke von
schlechten Gewohnheiten und unregelmigem Lebenswandel. Ehe er sie
heiratete, sagte er:

Clelia -- so hie sie, ich lege meinen Reichtum, mein Herz, meine
Ehre, meinen guten Ruf in Deine Hnde; willst Du mir treu sein, willst
Du ein neues Leben beginnen?

Sie versprach es und er erhob sie zur Herrin seines Lebens; sie gebar
ihm ein ses Tchterchen; der blonde Ludovico, der Sohn der Virginia,
der jetzt zehn Jahr alt war, war immer bei ihm, und oft, so sagte man,
umarmte er ihn und weinte, weinte herzbrechend.

Folgen wir dem Faden unserer Erzhlung.

Eine Nacht war ich auf Wache, ich hatte etwas viel getrunken, es war im
Sommer, ich litt unter der Hitze, und ob es daher kam oder von dem Wein,
ich wurde sehr mde, setzte mich nieder und schlief mit dem Gewehr im
Arme ein. Bald darauf werde ich geweckt, jemand klopft mich auf die
Schulter; ich springe auf und sehe den Hauptmann.

Das ist unrecht, Sie drfen sich nicht vom Schlaf bermannen lassen
-- es ist ein schweres Verbrechen, auf Wache zu schlafen. -- Ist Ihnen
nicht wohl?

Nein, Herr Hauptmann, ich habe starke Kopfschmerzen.

So rufen Sie den dienstthuenden Sergeant und geben Sie mir so lange Ihr
Gewehr.

Ich gab ihm mein Gewehr, er nahm es und ging damit hin und her, ich ging
zur Wachtstube und kam mit dem Sergeant zurck. Der Hauptmann sagte ihm,
da ich krank sei und befahl, mich ablsen zu lassen.

So geschah es, ein anderer nahm meinen Posten ein, ich ging in's Bett.

Derartiges kam fter vor, der Hauptmann bestrafte nie; die Soldaten, die
im sesten Schlummer ihr Bett verlassen muten, klagten nicht, sondern
erwiesen sich als gute Kameraden.

Man mu wissen, da ein Soldat, der auf Wache einschlft, mit sechs
Monaten Kerker bestraft wird.

Es wrde die Feder eines Francesco Mastriani erfordern, und die anderer
Mnner von Genie, um diese Strafkompagnie und ihre Mitglieder zu
beschreiben, und um meine klassischen Abenteuer whrend der vier langen
Jahre, die ich dort war, zu schildern; dicke wundersame Bnde lieen
sich darber schreiben. Ich beschrnke mich darauf, die
bemerkenswerteren und unterhaltenden Vorflle kunstlos
niederzuschreiben, und bitte Euch, Nachsicht zu ben, denn ich habe
wenig oder nichts gelernt und kenne fast nichts, deshalb bitte ich den
wohlwollenden und gebildeten Leser um Nachsicht.

Unser acht Soldaten schlossen uns in enger Freundschaft zusammen: meine
Gefhrten waren intelligente und gebildete junge Leute; einige Stunden
des Tages studierten wir zusammen, besprachen wissenschaftliche Fragen
mit regem Eifer, lasen Romane, weltgeschichtliche Darstellungen und
Zeitungen, und organisierten eine regelrechte Polemik untereinander: wir
machten Verse, Oktaven, Kanzonen, Sonette, die unter einander gelesen,
kritisiert, verbessert und umgearbeitet wurden; zur Poesielehre hatte
ich einen gewissen Neapolitaner Carlo Frol... Pag..., in der Litteratur
unterrichtete mich Luigi Mastr..., ebenfalls ein Neapolitaner, in der
Kritik und Geschichte ein Piemontese Namens Alt...

Ich empfing einen Brief von meinem Bruder, in welchem er mich wegen
meiner Gefngnisstrafe zu Salerno bedauerte und seine Freude darber
aussprach, da es mir gut gehe (der elende Fuchs!). Er schickte mir
zwlf Lire und seitdem schrieben wir uns alle Monat und ich bekam
regelmig meine zwlf Lire.

Eines Abends waren wir im Wirtshaus; zwischen dem Wirt und einem
Kameraden von mir, einem gewissen Angelo M..., erhob sich ein Streit, in
dessen Verlauf der Wirt auf einmal sagte:

Ihr seid alle Galeeren-Sklaven, Zuchthusler, eine verkommene Bande!

Diese uns allen ins Gesicht geschleuderte Beleidigung mute gercht
werden, ich nahm das Glas und schlug dem Unverschmten mit aller Gewalt
auf den Kopf. Das war das Signal zu einem allgemeinen Kampf, Flche und
Drohungen schallten durch die Luft, und wenn nicht einige Sergeanten
hinzugekommen wren und der Wirt sich eingeschlossen htte, wer wei was
fr Unheil entstanden wre.

Dem armen Wirt war der Schdel zerschlagen, ich wurde acht Tage bei
Wasser und Brot eingesperrt.

ber meiner Zelle sa ein gewisser Liur... in Arrest, der mir durch eine
Spalte in der Wand von seinem Essen etwas zusteckte. Er war in
Untersuchung, weil er eine anonyme Anzeige gegen unsern Hauptmann
geschrieben hatte, zwei Soldaten hatten ihn denunziert; ein gewisser
Scar... aus Bologna und ein Cec... aus Benevento. Der Lieutenannt Gui...
war in die Affaire mit verwickelt; bald darauf wurde er durch ein
Kriegsgericht abgesetzt; zrnend zog er ab, er war in Zivilkleidung und
als er vor der Kaserne stand, zog er seinen Sbel aus der Hose heraus
und zerbrach ihn ber das Knie. Ein neapolitanischer Soldat Namens
Per..., der dies sah, spuckte ihm ins Gesicht und sagte:

Du bist ein elender Hund!

Whrend ich im Gefngnis sa, hrte ich eines Morgens ein Gerusch, als
ob zwei Personen mit einander kmpften und vernahm die Stimme eines
Kameraden, der sagte:

Er hat mich an die Gurgel gepackt, er wollte mich erwrgen.

Mein Kamerad hatte von seinen Landsleuten eine Mitteilung erhalten;
whrend er sie las, war der aufsichtsfhrende Sergeant gekommen und
hatte ihm das Blatt wegreien wollen; Liur... aber hatte das Papier in
den Mund gesteckt, deshalb hatte der Sergeant ihn an den Hals gefat.

Die Sache wurde gemeldet und Liur... wegen Insubordination vor Gericht
gestellt; er bat mich, als Entlastungszeuge zu dienen.

Mein Arrest ging zu Ende, ich wurde in Freiheit gesetzt; ich erkundigte
mich nach dem Schicksal des Liur..., niemand wute, da er das anonyme
Schreiben verfat hatte, nur Cec... und Scar... traten gegen ihn auf,
und beide waren von frherher mit ihm verfeindet.

Ich dachte: Bin ich nicht auch angeklagt und ungerecht verurteilt
worden? Hatte denn jenes schndlichste Ungeheuer, der Korporal S...,
Recht mit seiner Aussage? Ist es nicht denkbar, da auch Liur...
unschuldig verdchtigt und verleumdet war? Gengt die berzeugung von
der Schuld eines Menschen, um ihn zu verurteilen und ist ein solches
Urteil wissenschaftlich und unanfechtbar?[59]

  [59] Der gewhnliche Refrain, der immer zum Vorteil des belthters
  ausschlgt. Ich kannte einen Verbrecher, der wegen Diebstahls
  angeklagt, antwortete: Die Verhltnisse sprechen freilich gegen mich,
  aber ich gebe den Diebstahl nicht eher zu, bis man mir die Sache
  zeigt, die ich gestohlen haben soll. -- Und als er spter eines Mordes
  angeklagt war, wollte er, da man ihm die Person zeige, die ihn hatte
  morden sehen.

Ich beschlo der Sache auf den Grund zu gehen, und da ich sah, da
Cec... und Scar... ein Herz und eine Seele waren, so nahm ich mir vor,
den einen durch den andern entlarven zu lassen.

Ich rief den Soldaten Cec... und sagte:

Cec..., wir sind gute Freunde, ich wei, da Du aus guter Familie bist;
hier in der Kompagnie sind lauter ungebildete Burschen, lauter
entlassene Strflinge (als ob ich aus dem Colleg herkme); wie wre es,
wenn wir ein treues Freundschaftsbndnis schlssen und zusammen lebten?

Mit Vergngen, lieber M..., aber ich mu Scar... sprechen, mit dem ich,
wie du weit, seit langem zusammen lebe.

Sehr wohl, sprich mit Scar...

Am Abend sah man uns alle drei zusammen essen und trinken, die
Freundschaft war besiegelt. So vergingen mehrere Tage, Liur... war nach
dem Militrgefngnis zu Venedig geschafft und hatte mich als
Entlastungszeugen angegeben; der Tag der Verhandlung kam immer nher.

Ich sagte beim Promenieren zu Cec...:

Cec..., Du giebst viel Geld fr den Scar... aus, der ein Schwindler
ist; mir, der ich Dein Bestes will, mifllt das; es ist eine Schande,
da Du Dich von dem Heuchler ausbeuten lt.

Weit Du, M..., Du hast Recht; Scar... ist ein scheinheiliger Hund, er
ist mir zwanzig Lire schuldig, die ich mir doch nicht aus dem Bein
schneiden kann.

Was, ihm, der rmer ist wie Hiob, hast Du zwanzig Lire geborgt, nun,
heute Abend mu er sie Dir wieder geben.

Am Abend waren wir wieder alle drei zusammen in einer Schenke: nachdem
wir unser krgliches Mahl verzehrt hatten, verlangte Cec... sein Geld;
Scar... legte sich auf's Beteuern, da er nichts habe, Cec... wurde
wtend und das Ende vom Liede war eine groe Schlgerei zwischen beiden,
von der der Wirt den grten Schaden hatte, denn sein ganzes Geschirr,
Flaschen und Glser gingen in die Brche. Als bittere Feinde schieden
sie.

Nach zwei Tagen machte ich mich an Scar... heran und sagte:

Ich will Dir ein Geheimnis mitteilen, das Dir sehr ntzlich sein kann,
aber verrate mich nicht.

Nein, M..., auf keinen Fall, Du bist ein guter Freund, der Cec... ist
ein ungebildeter Hansnarr.

Cec... sagte mir, da Du ihn angestachelt httest zu sagen, da Du
gesehen httest, wie Liur... die anonyme Anzeige gegen unsern Hauptmann
geschrieben hatte; da er ...

Der Schndliche! unterbrach er mich, der Mrder, der Verrter; er hat
mich verleitet, das zu sagen; ich wute von nichts, ich habe nichts
gesehen.

Nun schn, Scar..., hre mich an und unterbrich mich nicht: Cec...
sagte, da Du die direkte Ursache von Liur...'s Ruin bist, wenn das die
Richter wten, wrde es Dir schlecht ergehen, und er teilte mir mit,
da er vor Gericht aussagen will, da Du ihn zu der falschen
Beschuldigung verfhrt httest.

Ganz im Gegenteil, der Verrter hat mich verfhrt, er hat den armen
Liur... ruiniert.

Whrend ich mit Scar... sprach, beobachtete Cec... uns von weitem und
verzehrte sich vor Neugier, und als wir uns endlich trennten, eilte er
zu mir heran und fragte, was wir miteinander gehabt htten.

Scar... hat mir einen Brief gezeigt und vorgelesen, sagte ich, den er
dem Verteidiger Liur...'s schicken will, in dem er seine erste Aussage
widerruft und zu Deinen Ungunsten aussagen will.

Diese Worte wirkten wie ein Donnerschlag, Cec... geriet in furchtbare
Erregung und wollte von Scar... Genugthuung verlangen, aber ich hielt
ihn zurck und sagte:

Cec..., hre zu; wir wollen vor dem Militrgericht eine schne Posse
auffhren: Du darfst nicht sagen, da Du die Absicht des Scar... kennst;
ich werde mich bei dem Wirt erkundigen, ob er im Auftrage Scar...'s
einen Brief an Liur...'s Verteidiger besorgt hat, und wenn das der Fall
ist, mut Du in Deiner Aussage dieses Abenteuer des Scar... erzhlen und
mich und den Wirt als Zeugen anrufen; auf diese Weise wird er entlarvt
sein und als Verleumder erkannt werden.

Vorzglich, M..., vorzglich ausgedacht.

So bleibt es dabei.

Der Verhandlungstag war herangekommen, wir waren zehn Zeugen, darunter
der Wirt; wir warteten im Zeugenzimmer. Ich rief Cec... zu mir heran und
sagte:

Es ist alles wahr, der Wirt vertraute mir an, da er vor einigen Tagen
in Scar...'s Auftrag einen Brief an Liur...'s Verteidiger besorgt hat.
Vergi nicht, Cec..., alles vor Gericht zu erzhlen und rufe mich und
den Wirt zu Zeugen an.

Die Zeugen wurden aufgerufen, endlich auch ich. Ich sagte aus:

Ich befand mich in der Arrestzelle, in der andern Zelle war Liur...,
der sich fast tglich beklagte, da er von den Chargierten so viel
auszuhalten htte. Eines Morgens hrte ich ein Gerusch, als ob zwei
Menschen miteinander ringen und hrte, wie Liur... sagte: Er hat mich
an die Gurgel gepackt, er wollte mich erwrgen. -- Das ist alles, was
ich aussagen kann.

Sagen Sie, M..., fragte der Prsident, ist es wahr, da Sie dem
Soldaten Cec... gesagt haben, da der Soldat Scar... Ihnen einen Brief
gezeigt habe, der an den Herrn Verteidiger des Liur... gerichtet war,
und in dem er den Verteidiger bat, dem Liur... mitzuteilen, da er seine
erste Aussage verwerfen wolle. Ist das wahr, da Sie das alles gesagt
haben?

Wie, Herr Prsident, antwortete ich, indem ich den Dummen spielte,
ich verstehe nicht, was Sie fragen.

Der Prsident wiederholte das ganze Gewsch.

Ich! antwortete ich entrstet, ich soll das dem Cec... gesagt haben?
Das ist eine Verleumdung, eine freche Lge! Ich habe nie mit Cec... ber
die ganze Angelegenheit gesprochen, er mu getrumt haben oder reif fr
die Zwangsjacke sein!

Cec... wird aufgerufen und erzhlt die ganze Geschichte.

Was? rufe ich emprt, Du bist ein Betrger, ein elender Verleumder,
Du hast den armen Liur... auf die Anklagebank gebracht![60]

  [60] Und dabei glaubt er ein gutes Werk zu thun, weil er den Liur...
  retten will, und weil dieser unter hnlicher Anklage steht, wie M...
  selbst, als er unschuldig verurteilt wurde, erfindet er eine Reihe von
  Unwahrheiten und stellt andere als Verleumder hin. Eine merkwrdige
  Auffassung vom Guten!

Der Prsident verweist uns zur Ruhe, der Staatsanwalt erklrt selbst,
die Anklage nicht aufrecht erhalten zu knnen, der Verteidiger spricht
lange und eindringlich und bittet um Gerechtigkeit fr seine Klienten.

Der Gerichtshof zieht sich zurck und nach langer Beratung wird Liur...
freigesprochen.

Ich teilte meinem edelmtigen Hauptmann mit, da ich von dem Gericht zu
Salerno unschuldig verurteilt worden sei und bat ihn, eine Eingabe zu
untersttzen, da mir dieses Jahr auf meine Dienstzeit angerechnet
wrde.

Er willfahrte gern, setzte selbst die Eingabe auf, lie sich Abschriften
der Urteile geben und schickte sie an das Kriegsministerium. Wir
warteten lange vergeblich, er schrieb noch einmal und erhielt die
Antwort, da ein Urteil nur durch eine andere gerichtliche Entscheidung
aufgehoben werden knne, da meinem Ersuchen demnach nicht stattgegeben
werden knne.

So waren meine Hoffnungen zerstrt und ich mute mich in das Geschick
fgen. Ich wurde nach Rom geschickt, um in der Druckerei des Kommandos
der Strafabteilung zu arbeiten. Es war ein groer Arbeitsraum in dem
Kommandogebude, drei Maschinen und acht Pressen machte die Druckerei
aus, ich mute mit einem Zivilisten zusammen an einer Presse arbeiten
und bekam auer der Soldatenkost fnfzig Centesimi tglich. Hier blieb
ich zwei Monate, whrend dieser Zeit schlo ich enge Freundschaft mit
dem Bureauschreiber. Eines Tages sagte ich zu ihm:

Rom..., so hie er, wre es nicht mglich, im Bureau eine hbsche
kleine Flschung zu machen, die mir sehr ntzlich sein knnte?

Was fr eine Flschung? rief er, die Augen aufreiend und mich
anstarrend.

Im Register stehe ich unter der Klasse 1869 verzeichnet, knnten wir
daraus nicht 1868 machen?

Was fr einen Unsinn verlangst Du, willst Du mich auf die Galeere
bringen?

Was Unsinn, was Galeere, ich sehe, da Du noch ein Neuling in diesen
Dingen bist.

An jenem Tage wollte er nicht einwilligen, aber ich lie nicht nach, bis
ich ihn verfhrt.

Eines Abends waren wir in einem Wirtshaus, ich veranlate ihn mehr zu
trinken als gewhnlich und als es mir schien, da der Weinrausch ihn
umnebelt hatte, fing ich von neuem von der Flschung an.

Wir gingen hinaus, er sagte:

M..., warte ein wenig, ich will sehen, ob jemand im Bureau ist.

Er kam taumelnd wieder heraus, die Sache ging gut.

Komm, sagte er, im Bureau ist niemand.

Wir gingen die Treppe hinauf, ich gab ihm eine Cigarre, wir traten in
das Bureau; er schlug das Register auf, ich suchte meinen Namen, bei dem
die Jahreszahl 1869 eingetragen war, mit einem Federmesser kratzte ich
die unverschmte 9 aus und setzte eine liebliche 8 an die Stelle.

Wir brachten alles wieder in Ordnung, darauf gingen wir in ein Caf und
dachten ber unsere That nach.

Nach zwei Monaten wurde ich wieder von Rom fortgeschickt und kam zum
Lido zurck.

Kaum wieder bei der Kompagnie wurde ich sofort einem der Forts
zugeteilt, welche Venedig umgeben.

Die Aufgabe der zum Dienste in den Forts detachierten Soldaten war:
niemand ohne Erlaubnis des Chefs der Wache einzulassen, die Bollwerke
tglich und einige Male Nachts zu berwachen, zu verhindern, da irgend
wer topographische Aufnahmen der Gegend machte, niemand an den
Festungsgraben kommen zu lassen und das Fischen darin zu verhindern; das
Fort sauber zu halten und auf das Losungswort zu antworten.

Ich wurde nach dem Fort San Andrea, unweit dem Lido geschickt; dieses
Fort war ganz von Wasser umgeben; ein Boot, das von einigen Schiffern,
Soldaten aus meiner Kompagnie, bedient wurde, lag in der Nhe vor Anker;
der Chef der Wache war ein alter Veteran.

Hier fhrten wir ein patriarchalisches Leben, in der fortwhrenden
Einsamkeit betrachtete man tglich die Schlechtigkeit der Menschen, die
Schnheit der silbernen Lagunen, die Ungeheuerlichkeit dieser bsen
Welt, die Schnheit des klaren venetianischen Himmels; hier sah man
Venedig in seiner ganzen Gre, die flinken Gondeln huschten zu
hunderten ber die klare, krystallhelle Flut, man sah den Lido mit
seinen hohen Bollwerken und groen Kanonen, man sah die anderen Forts,
die wie kleine Erdhgel hier und da verstreut lagen.

Ein groes Genie wrde dazu gehren, um diese entzckenden Wunder der
Natur und der Menschenhand zu beschreiben.

Ich blieb mehrere Monate in diesem Fort, las Romane und schrieb einige
Sachen, die ich meinem Freunde in der Kompagnie zur Korrektur schickte.

Dann kam Befehl von der Strafabteilung, da die Detachements in den
Forts abwechseln sollten, indem jeder Soldat acht Tage lang dableiben
sollte; infolge dessen mute ich, sehr gegen meinen Wunsch, wieder zur
Kompagnie zurck und ein anderer nahm meinen Posten ein.

Wie es kam, mag Gott wissen, genug, unser edler Hauptmann Guar... wurde
als Direktor des Militrgefngnisses nach Savona versetzt.

Wir waren darber sehr ungehalten und beklagten den schmerzlichen
Verlust lebhaft.

An seine Stelle kam der Hauptmann Alessandro Ter..., ein bestialischer,
bsartiger Mensch. Dieser Henker hatte Weib und Kinder; er war ein
schrecklicher unerbittlicher Schinder, ein bestialischer Mensch, eine
Bestie von Natur und Charakter, launisch, hmisch, bockbeinig wie ein
Esel; immer bereit, Bses zu thun, wurde er eine wahre Geiel fr uns
arme Soldaten. Nach soviel Freuden solche Leiden: so wechselt das
menschliche Leben, so ndern sich die Dinge in einem Augenblick.

Zehn Stunden tglich ward exerziert mit dem Gewehr im Arm und dem
Tornister auf dem Rcken.

Unsere Soldaten hatten Zndnadelgewehre, ein altes Modell, welches nicht
scho, krumme, unbrauchbare Flinten ohne Bajonett; wenn wir ausgingen,
durften wir nur den Grtel umschnallen, keinen Sbel, statt des Helmes
trugen wir die Mtze.

Wie gesagt: zehn Stunden tglich exerzieren, im Sommer unter der
sengenden Sonnenglut, im Winter im Schnee, im Regen, im Schmutz -- und
wie auch das Wetter war, immer muten wir zehn Stunden exerzieren.

Eine eiserne Disziplin spannte uns wie mit einem Ring zusammen,
unaufhrlich regnete es Strafen, die Arrestzellen waren berfllt,
rostige und schimmelige Ketten wurden den rmsten angelegt, sechzig Tage
muten sie bei Wasser und Brod schmachten, viele wurden vor ein
Kriegsgericht gestellt und zu langjhrigen Strafen verurteilt.

Theater, Musik, Spiel, Gesang, Lachen und Scherzen -- alles war vorbei;
wehe dem, der noch daran dachte und sich nicht dem eisernen Willen des
herzlosen Tyrannen, des unerbittlichen Schinders beugte.

                          +Er sei verflucht!+

Die Offiziere, seine Untergebenen, waren eine Aasbande, die fr
krglichen Sold gekauft war; die Chargierten folgten dem Beispiel der
schndlichen Bestie, sie hoben frech ihr Haupt, das Hauptmann Guar... in
den Staub gebeugt hatte. Sie erstatteten falsche Anzeigen,
ungeheuerliche erlogene Meldungen und er, der legitime Schinder
verurteilte stets, ohne Erbarmen, er hrte auf keinen Einwand, sondern
sagte: Der Soldat legt seinen Verstand vor dem Kasernenthor ab!

                          +Er sei verflucht!+

Weil ich whrend des Exerzierens mit meinem Nachbar ein einziges Wort
gesprochen hatte, verurteilte er mich zu dreiig Tagen strengem Arrest
bei Wasser und Brot.

                          +Er sei verflucht!+

Ein so trauriges Leben fhrten wir unter dem Kommando des Hauptmanns
Alessandro Ter... verfluchten Angedenkens, nach soviel Glck, Frieden
und Frhlichkeit gerieten wir in Trbsal, Kummer und Unglck.

Das Essen war schlecht, ungeniebar, der Mehlbrei war trocken und
schwarz, das Fleisch stinkig, das Brot trocken, schwarz und ungar, alles
war schlecht, nach soviel Glck gerieten wir in soviel bel.[61]

  [61] Diese bertreibung _in pejus_ bildet den logischen Gegensatz zu
  der vorherigen optimistischen bertreibung. Jeder begreift, da die
  Lebensbedingungen sich nicht so sehr ndern konnten. Dieser
  leidenschaftliche Gigantismus ist charakteristisch fr die
  Epileptiker.

Ich wiederhole es, es wrde die Feder der grten Mnner erfordern, um
die Schndlichkeiten, die Grausamkeiten, die Schindereien zu schildern,
deren der Hauptmann Alessandro Ter... uns aussetzte.

                          +Er sei verflucht!+

Meine Freunde Frol..., Mastr..., Perlil..., Ata... und andere junge
Leute von Bildung und Wissen wurden ein Opfer dieser Bestie in Uniform,
dessen Gattin, Frau Matilde, kein anderes Bestreben hatte, als ihm
tglich ein neues Horn auf den Kopf zu pflanzen; sie hielt es mit dem
Feldwebel, und er, der uniformierte Hahnrei wute alles und war stolz
auf die prchtigen Hrner, die auf seiner Mrderstirne prangten.

Drei lange Jahre verbrachte ich in diesem Labyrinth des Jammers, Gott
wei wie; ich war pnktlich und aufmerksam im Dienst, aber mehrere Male
wurde ich von dem Hauptmann Alessandro Ter... wegen nichtiger Vorwnde
in strengen Arrest geschickt, und verbrachte zwanzig, ja dreiig Tage
bei Wasser und Brot.

                          +Er sei verflucht!+

Ein niedertrchtiger Lieutenant, mit einem Gesicht wie ein Affe, ein
Lilliputaner, Antonio Car..., eine Bestie noch unter dem Vieh, der nicht
einmal italienisch sprechen konnte, sondern nur seinen breiten
piemontesischen Dialekt kauderwlschte, hatte es auf mich abgesehen und
tadelte und meldete mich, wo er konnte.

Eines Tages meldete er mich, weil ich ihn angesehen hatte, ohne ihn zu
gren und dieser Schinder, Alessandro Ter..., verurteilte mich zu
fnfundzwanzig Tagen strengem Arrest bei Wasser und Brot.

                          +Er sei verflucht!+

Aus dem Arrest entlassen, nahm ich mir vor, der verfluchten Dienstzeit
einen groen, tragischen Abschlu zu geben, so sehr hatte mich die
Strafe erbittert. Ich ging in eine Schenke und go mir einen Liter Wein
in den Magen, und als ich merkte, da die Weindnste mich umnebelten,
ging ich nach Hause, holte meinen Dolch und legte mich angekleidet zu
Bett. Der Lieutenant mit dem Affengesicht hatte die Ronde; er mute
gegen Mitternacht in mein Zimmer kommen, um zu sehen, ob alles still war
und ob die Lampen ordentlich brannten.

Kurz vor Mitternacht erhob ich mich und stellte mich auf der Treppe auf,
wo der Offizier vorbei mute, entschlossen, ihm, sobald ich ihn sah, in
den Rcken zu springen und ihn zu durchbohren.

Ich hrte Schritte und glaubte, die Zeit sei gekommen, aber es war mein
Kamerad Mastr..., der sich, weil er auf Wache war und es grimmig kalt
war, seine Decke geholt hatte -- wrde er entdeckt, so wren ihm
vierzehn Tage Wasser und Brot gewi, auf Anordnung des hochedlen
Hahnreis Alessandro Ter...

                          +Er sei verflucht!+

Ohne ein Wort zu sagen ging Mastr... vorbei, kam mit seiner Decke zurck
und ging wieder heraus. Es war Winter, es schneite in groen Flocken, im
Hof lag der Schnee zwei Handbreit hoch und unaufhrlich senkten sich die
Flocken herunter.

Alles war still, einfrmig drangen die Schritte des Nachtpostens an mein
Ohr.

Der Lieutenant kam nicht, schon war es ein Uhr, die Grabesstille, das
Schneien, das Dunkel und die jetzt lauten, jetzt verhallenden Schritte
der Schildwache machten mir Furcht, vor meinem furchtbaren Entschlu
wurden Herz und Seele matt.

Jetzt schlug es zwei, ein verteufelter Lrm entstand in der Wachtstube,
ein Kommen und Gehen von Soldaten, Waffengeklirr, ich trat an die
Fensterbrstung und sah zur Wachtstube herein, da erblickte ich
bewaffnete Soldaten, zwei Korporale und einen Sergeanten; sie kamen
herein unter Anfhrung des Lieutenants mit dem Affengesicht, sie stiegen
die Treppe hinauf.

Die Sache ist nicht richtig, dachte ich, ziehe die Stiefel aus und renne
barfu in meine Kammer.

Den Dolch versteckte ich in dem Strohsack, entkleidete mich rasch und
zog die Bettdecke ber, dann that ich, als ob ich friedlich schlief. Der
Lieutenant trat ein mit seiner Begleitung, die Betten wurden gezhlt, an
mein Bett trat er heran, lftete die Bettdecke und sah mich an.

Am andern Morgen, als uns in der Instruktionsstunde das neue Gewehr,
Modell 1870 Wetterli, erklrt wurde, rief der Lieutenant mich heraus.

M..., sagte er, als wir allein waren, Sie haben gestern Nacht
versucht, mich zu ermorden.

Ich, Herr Lieutenant! ich htte versucht, Sie, einen Vorgesetzten zu
ermorden?

Genug, M..., ich wei alles, bedenken Sie, da ich eine zahlreiche
Familie zu ernhren habe, die ohne mich, da ich kein Vermgen habe, ihr
Brot auf der Strae erbetteln mte. Ich meinerseits habe gefehlt, indem
ich Sie fter getadelt und gemeldet habe, Sie, indem Sie das groe
Verbrechen auf sich luden, mich ermorden zu wollen. Jetzt ist alles aus,
ich werde die Sache begraben sein lassen, thun Sie dasselbe, wir wollen
gute Freunde bleiben, einverstanden, M...?

Ja, Herr Lieutenant, antwortete ich.

Von diesem Augenblick ab war der Lieutenant zuckers zu mir und bte
alle mglichen Rcksichten gegen mich.

Und wie hatte er es erfahren, da ich ihn tten wollte?

Mein Kamerad Mastr... hatte mich gesehen, als er seine Decke holte und
aus dem Umstande hatte er meine Absicht erraten; er begab sich zu dem
Lieutenant und benachrichtigte ihn, bat ihn aber, unter keinen Umstnden
seinen Namen zu sagen; denn wenn er ihn jetzt warnte, so geschhe es, um
ihn vor Schaden zu bewahren; morgen knne man ihn auf die Folter spannen
und er wrde kein Wort sagen.

Drei Jahre verbrachte ich so im Elend, oft und aus nichtigen Grnden
wurde ich bestraft, viele wurden vor ein Kriegsgericht gestellt und
gingen jahrelangen Kerkerstrafen entgegen.

Nachts, anstatt zu schlafen, lag ich wach und qulte mein Hirn, um nicht
in irgend eine Schlinge zu geraten.

Nie werde ich die Kaltbltigkeit meines Freundes Frol... vergessen.

Eines Abends saen wir in der Schenke, mehrere Soldaten und ein Sergeant
von unserer Kompagnie, und sprachen bei einem Becher Wein und einem
Stck Brot ber Politik, dabei war Frol... anderen Sinnes als der
Sergeant, sie gerieten in Wortwechsel und schlielich gab der schuftige
Sergeant dem Frol... eine mchtige Ohrfeige auf die rosige Wange.
Frol... blieb ruhig und kalt, lchelnd bat er den Wirt um eine Schssel
mit Wasser, stellte sie vor dem Sergeanten auf, wusch sich das Gesicht,
fllte sein Glas und stie mit dem Sergeanten an, indem er sagte:

Trinken wir auf das Wohl der Armee und auf uns armen Snder!

Der Sergeant wollte nicht Bescheid thun, mit schamrotem Gesicht ging er
von dannen.

Der Vorfall kam dem Hauptmann zu Ohren, er rief Frol..., fate ihn am
Arm und sagte:

Sie sind ein schlechter Soldat, ein neapolitanischer Trotzkopf, aber
wir werden Ihnen Ihren Starrsinn austreiben: Sie haben dreiig Tage
strengen Arrest bei Wasser und Brot, damit Sie Ihren Hauptmann
Alessandro Ter... nicht vergessen.

                          +Er sei verflucht!+


Die Entdeckung.

Ein ministerieller Erla ordnete an, da die Soldaten der
Strafkompagnie, die mit mehr als sechs Monaten Gefngnis bestraft waren
und der Aushebungsklasse 1868 angehrten, auf dauernden Urlaub entlassen
werden sollten. Die hiervon betroffenen Soldaten freuten sich und sahen
ungeduldig der Stunde entgegen, wo sie dieser Hlle entrinnen konnten;
auch ich freute mich, aber nicht ganz aufrichtig, denn ich wute, da
etwas dabei nicht ganz in Ordnung war. Infolge meiner Sparsamkeit hatte
ich mir eine ganze Ausstattung angeschafft, die ich, nachdem ich
dreizehn Jahre lang von Hause entfernt war, gut gebrauchen konnte. Denn
zu Hause war ich sicher, nichts vorzufinden, wie wre das mglich, da
mein Bruder vor =Hunger starb= und =im tiefsten Elend= sa. +Der
rmste!!...+

Endlich kam das Verzeichnis der Soldaten, welche auf dauernden Urlaub
gingen, sie wurden zusammengerufen und ich mit; mein Herz schlug heftig,
die Beine trugen mich kaum, mein Geist war trbe und verwirrt. Warum?
Ich wute es selber kaum.

Unsere Uniform wurde uns ausgezogen, nur den Drillichanzug behielten
wir, auch die Waffen wurden uns abgenommen und jedem von seinem Guthaben
acht Lire und fnfzig Centesimi abgezogen. Den ganzen Tag herrschte ein
Kommen und Gehen, wir waren sechsundachtzig Mann.

Am Abend wurde uns der Pa ausgestellt, unser Guthaben ausgezahlt und
das Fahrgeld fr die Eisenbahn bergeben. Als der Hauptmann mich sah,
sagte er:

Es thut mir leid, da Sie schon fortgehen, ich htte Sie gerne noch
etwas lnger hier gehabt, damit Sie Ihren Hauptmann Alessandro Ter...
nicht vergessen.

                    +Er sei tausend Mal verflucht!+

Am nchsten Sonntag reiste ich, nachdem ich meine Kameraden umarmt
hatte, von Venedig dritter Klasse nach Bologna ab; die meisten fuhren
nach Florenz, ich allein mit einem Gefhrten nach Ancona.

Ich hatte noch eine Anzahl Zehnlirenoten; in Bologna gingen wir in eine
Schenke, dort lie ich mir einen Bettler kommen und schenkte ihm meinen
Drillichanzug, whrend ich mich in meinen schnen Zivilanzug kleidete.
Dem Bettler schenkte ich alles, Hose, Jacke, Binde, Mtze, ja sogar das
Taschentuch, um durch nichts mehr an den Hauptmann Alessandro Ter...
erinnert zu werden.

                    +Er sei tausend Mal verflucht!+

Dann gab ich ihm eine Zweilirenote und sagte:

Da, i und trink, und wenn jemand Dich fragt, wer Du bist, dann sage,
Du bist aus der ersten Strafkompagnie entlassen.

Als der Bettelsoldat fort war, sagte mein Kamerad:

Dem hast Du was schnes eingebrockt!

Wieso?

Weil er, ehe noch eine Stunde verstrichen ist, verhaftet sein wird.

Unmglich!

Tags darauf reiste mein Gefhrte nach Ancona ab; ich fuhr nicht mit,
nicht eigentlich um mir Bologna anzusehen, sondern weil es mir Vergngen
machte, allein und von niemandem gekannt, zu reisen.

Nach vier Tagen fuhr ich nach Ancona, und depeschierte an meinen Bruder
um Geld, worauf ich eine telegraphische Anweisung ber zwanzig Lire
empfing; dann reiste ich weiter.

In Taranto blieb ich zwei Tage, hier schrieb ich in mein Taschenbuch,
da ich auf Ministerialerla vom 7. Juni 1881 am 14. Juni 1881 auf
dauernden Urlaub entlassen sei; in Bari hielt ich mich zwei Tage auf,
von Foggia aus telegraphierte ich wieder an meinen Bruder um Geld; hier
blieb ich sechs Tage, da ich einen Unglcksgefhrten traf, mit dem ich
in Lucera zusammen im Gefngnis gewesen war. Am siebenten Tage ging ich
zum Bahnhof; gerade wollte ich nach Polenza abfahren, als der Schaffner,
welcher die Fahrkarten zu durchlochen hat, mich nach meinem Billett
fragte, und nachdem ich es ihm gezeigt hatte, sagte:

Sie sind Soldat?

Ja.

Und haben Sie die Erlaubnis, in Zivil zu reisen?

Nein.

Nun, dann ziehen Sie Uniform an, oder bezahlen wie jeder andere
Zivilist, so kann ich Sie nicht mitfahren lassen.

Ich widersprach, der Kontrolleur kam herzu und gab mir unrecht. Ich
mute aussteigen und berlegte was zu thun sei. Ich htte mich ja bei
der Militrbehrde melden knnen, aber in meinem Pa war angegeben, da
ich wegen schlechter Fhrung unter Aufsicht stand.

Als Zivilist zu bezahlen kostete viel Geld und das hatte ich nicht, in
Foggia konnte ich nicht bleiben -- was war da zu thun?

Endlich fate ich mir ein Herz und begab mich zur Militrbehrde, wo der
Oberst mir den Vermerk in den Pa schrieb, da ich Zivilkleider tragen
drfe. Erleichtert ging ich von dannen, tags darauf reiste ich nach
Polenza, von da nach Catanzaro und dann nach Pizzo. Von hier lie ich
mich in einem Boot nach meinem Heimatort rudern; mein Neffe Francesco
Antonio, der lteste Sohn meines Bruders erwartete mich. Ich betrete das
Haus meines verstorbenen Vaters, es war Abend und die Nacht brach heran,
mein Bruder umarmte mich und weinte vor rger, da er gewnscht hatte,
da ich das vterliche Dach nie wieder gesehen htte; aber ihm lachte ja
noch der se Trost, da ich von Mrderhand fiel oder an der
Schwindsucht in irgend einem Krankenhause verendete.

Wie Du elend aussiehst, sagte er, tiefen Schmerz heuchelnd.

Das macht nichts lieber Bruder; so sieht das Unglck aus, es ist das
Werk des Hauptmanns Alessandro Ter..., +der tausendmal verflucht sei+;
aber bald werde ich mich erholt haben; ich war schon elender als jetzt,
und unter Eurer Pflege werde ich bald wieder frisch und rund sein, eine
Zigeunerin hat mir in Genua prophezeit, da ich ein Baum sei, der in
jedem Sturm zerzaust wrde, aber da ich mich bald wieder mit Blten und
hellem Grn bekleiden wrde.

Ich fand sechs kleine dreckige Kinderchen vor, zerlumpt, barfu, halbtot
vor Hunger und Durst -- es waren die Kinder meines Bruders.

Ich sah seine wrdige Gemahlin, Donna Michela, ein Weib wie ein
Krassier, wenn sie ging, zitterte der Boden unter ihrem groen,
schweren Fu, sie war kurzsichtig und kniff die Augen zusammen, wenn sie
mich ansah; stets hingen ihr die fetten Brste aus dem geffneten
schmutzigen und zerrissenen Kleid heraus.

Ich fand zwei alte kindisch gewordene boshafte Nonnen vor, es waren die
Schwestern meines armen verstorbenen Vaters.

Mehrere Tage hindurch qulte eine schreckliche Krankheit ein Glied
meines Krpers, ich legte mich zu Bett und rief den Doktor Antonino di
Vita, doch die Schmerzen wurden strker und zerrissen mir das Herz. Als
ich endlich auf dem Wege der Besserung war, erhielt der Brgermeister
unserer Stadt die niederschmetternde Nachricht, da ich auf Anordnung
der Militrbehrde sofort zurck geschickt werden solle, da ich
irrtmlich auf dauernden Urlaub gegangen sei.

Dieser Befehl wurde mir mitgeteilt, meine Verzweiflung kannte keine
Grenzen, mehrere Male setzte ich den kalten Lauf meines Revolvers an die
Schlfe und war im Begriff mir den Kopf zu zerschmettern, aber ein
anderer Gedanke kam dazwischen und sagte: Lebe und leide!

Ich schickte ein rztliches Attest, da ich nicht reisen knne und bekam
vierzehn Tage Aufschub.

Nach diesen vierzehn Tagen mute ich abreisen, um unter die Knechtschaft
des Tyrannen zurckzukehren, um noch einmal in jenem Labyrinth in Jammer
und Pein zu leben, wo Arrest und Kettenhaft, Wasser und Brot herrschen
und jener schndliche Hauptmann Alessandro Ter...

                    +Er sei tausend Mal verflucht!+

Ich bewaffne mich wie ein Brigant, eine Doppelbchse ber die Schulter,
einen Revolver an der Seite, zwei Pistolen in der Tasche, einen langen
Dolch und Sbel, Patronen, Pulver und Schrot trug ich in einer alten
Patronentasche, so begab ich mich in die bergigen Gefilde von Daffina,
entschlossen, die Karabinieri ber den Haufen zu schieen, wenn sie mich
verfolgen sollten.

Die Zeit war um, wo ich mich in Catanzaro htte melden mssen, jetzt war
ich Deserteur.

Nach sieben Tagen entschlo ich mich, das Schicksal walten zu lassen,
ich ging nach Catanzaro und stellte mich der Militrbehrde. Hier gab
man mir mein Reisegeld und ich machte denselben Weg zurck, den ich vor
zwanzig Tagen gefahren war.

Ich trug den Tod im Herzen, die Abteilungen dritter Klasse waren voll
von Soldaten, die frhlich sangen; auf den Stationen war ein Drngen,
ein Gehen und Kommen, Ein- und Aussteigen, Umarmen, Begren; frhlich,
jauchzend trennten sich die Kameraden, es war die Klasse 1868, die
entlassen war; nur ich, der ich derselben Klasse zugehrte, mute zum
Regiment zurck! Welch trbes Verhngnis konnte mich erwarten unter der
Herrschaft des ausgemachten Hahnreis, des Hauptmanns Alessandro Ter...?

                    +Er sei tausend Mal verflucht!+

Was in mir vorging, das vermag keine Feder zu beschreiben; denn gewisse
Schmerzen fhlt man zwar, aber man kann sie nicht uern; die Furien der
Hlle bemchtigten sich meiner, ich fluchte wie ein Verdammter, ich
zerbi mir die Hnde, die Arme, ich ri mir das Haar aus und rannte mit
dem Kopf gegen die Wand, ich schlug mir mit den Fusten vor die Stirn
und stopfte mir die Finger in die Ohren, um nicht den Gesang, das
Stimmengewirr zu hren; ich war neidisch auf deren Glck, ich wnschte
taub und blind zu sein.

Nach einer langen und anstrengenden Reise kam ich auf dem Lido an, es
war ein Uhr Nachts, ich ging zu meiner Kaserne und klopfte an die
eisenbeschlagene Thr, ein Fenster ffnet sich und der wachthabende
Sergeant sagt:

Wer ist da?

Ich -- ist hier Wohnung fr mich?

Nicht bel, meinen Sie, hier sei ein Gasthaus?

Ja, aber ein unfreiwilliges.

Wer sind Sie denn?

Wer soll ich sein!

Wie heien Sie?

Antonino!

Sind Sie verrckt?

Man mchte es meinen.

Woher kommen Sie?

Von Hause.

Und zum Teufel, was wollen Sie denn?

Was ich gesagt habe.

Und das ist?

Hier wohnen.

Hier wohnen nur Soldaten.

Ich bin Soldat.

Bei welchem Regiment?

Ich gehrte nicht zum Regiment.

Also zur Kompagnie?

Ja.

Zu welcher?

Zur ersten.

Zur Strafkompagnie?

Ja, zur Strafkompagnie!

So warten Sie!

Er ffnete die Thr, fuhr mir mit der Nase in's Gesicht und sagte dann:

Ah, Sie sind es, geliebter M..., seien Sie mir willkommen!

Ich trete ein, der Hauptmann wird gerufen und erscheint mit dem
Lieutenant _du jour_.

Nun, pate es Ihnen nicht zu kommen, sagte der Hauptmann, Sie
scheinen zu glauben, da wir hier dazu da sind, um auf Sie zu warten;
Sie miserabler Kerl! Das werden wir Ihnen anstreichen. Fhren Sie ihn
sofort in Arrest und schlieen Sie ihn krumm!

Tags darauf wurde mir bekannt gemacht, da ich vor ein Kriegsgericht
gestellt werden wrde und nach einigen Tagen, die mit Schmhungen
seitens des gottverfluchten Hauptmanns Alessandro Ter... ausgefllt
waren, brachte man mich in das Militrgefngnis zu Venedig. Der
Untersuchungsrichter vernahm mich, ich sagte aus, da ich krank gewesen
sei und deshalb meine Zeit berschritten habe. Nach einiger Zeit kam der
Untersuchungsrichter wieder und berhufte mich mit Schimpfreden; er
hatte sich von meinem Arzt, dem Doktor Antonino di V... und dem
Brgermeister meiner Heimatstadt mitteilen lassen, da ich meinen Urlaub
berschritten habe.

Nun war ich verloren und erklrte mich der Desertion fr schuldig.

Mein Verteidiger kam, ein Marineoffizier, Signor Lodovico L... und
sagte:

Sie sind stark belastet, weil Sie sich selbst bezichtigt haben, ich
sehe wenig Aussicht fr Sie.

Herr Lieutenant, sagte ich, ich wei, da ich verloren bin, aber man
mu vorsichtig operieren und versuchen, die harten Herzen der Richter zu
erweichen, und ich erzhle ihm in lebhaften Farben meine langen und
schmerzlichen Leiden; sie gingen ihm zu Herzen und zwei groe helle
Thrnen fielen aus seinem schnen Auge.[62]

  [62] Wiederum die gewhnliche bertreibung der Zuneigung, die der
  bertreibung des Hasses entspricht.

Sie rmster, beklagte er mich, soviel haben Sie gelitten und Sie
leben noch! Ja, braver junger Mann, erzhlen Sie den Richtern diese
rhrende Geschichte, und sicher, sie werden Mitleid fhlen. Ich wute
nicht, da das menschliche Leben soviel Unglck und Schande birgt, da
das Schicksal einen Menschen so verfolgen kann. Sie rmster!

Er drckte mir zrtlich die Hand und ging erschttert von dannen.

Der Untersuchungsrichter kam von neuem und teilte mir mit, da der
Staatsanwalt beabsichtigte, den Brgermeister meiner Vaterstadt, den
Doktor Antonino di V... und den Wachtmeister der Karabinieri zu Tropea
zur Verhandlung laden zu lassen. Das wunderte mich nicht wenig, denn was
fr einen Zweck hatte es, da ich mein Verbrechen selbst zugab. Es konnte
mir nur Schaden bringen, denn sie wrden auf der Eisenbahn zweiter
Klasse fahren und das mute ich bezahlen -- wozu nun diese Kosten
verursachen?

Mehrere Tage verbrachte ich deshalb in Sorgen.[63]

  [63] Sollte es nicht vielleicht die Furcht gewesen sein, da die
  Beamten sein Treiben in den Bergen von Daffina verrieten?

Am Morgen des Verhandlungstages befand ich mich mit den anderen Soldaten
auf dem Hof, als der Wachtmeister aus Tropea erschien. Er sah mich und
die Soldaten durchdringend an, ging dann auf den Abtritt und sah uns
wieder an.

Man fhrte mich in das Gerichtsgebude, das neben dem Gefngnis lag; ich
nahm auf der Anklagebank Platz, der Staatsanwalt, in seine groe
schwarze Toga gekleidet, sah mich an und ein spttisches Lcheln
umspielte seine krummen Lippen.

Die Richter nahmen ihre Pltze ein; der Vorsitzende war der Oberst vom
8. Infanterie-Regiment; mein Verteidiger sah mich mit thrnenfeuchtem
Blick an.

Der Prsident sagte:

Stehen Sie auf, M... und sagen Sie uns, weshalb Sie der Aufforderung,
zum Regiment zurckzukehren, nicht Folge geleistet haben.

Erlauchter Herr Prsident, mein gndiger Herr Richter! Sie haben einen
unglcklichen Menschen vor sich, der vierzehn lange Jahre hindurch vom
Geschick grausam verfolgt worden ist, vierzehn entsetzliche Jahre lang
hat meine Seele keine Ruhe gefunden; beim Zivil bin ich zu sechs Jahren
Gefngnis verurteilt, die ich in dsteren Kerkermauern unter schwersten
Entbehrungen verbracht habe -- als Soldat bin ich in Florenz aus
nichtigen Grnden zu drei Jahren Arrest verurteilt, und in dem
Pandmonium zu Savona habe ich sie abgebt und mein Leben dadurch um
zwanzig Jahre verkrzt.

In Salerno wurde ich unschuldig verurteilt, unschuldig in Gott, wegen
der Schndlichkeit eines Korporals und der Blindheit der Richter, und
unschuldig, ja unschuldig, meine Herren, sperrt man mich ein langes Jahr
in eine entsetzliche Festung.

Der ehrenwerte Herr Staatsanwalt wei, da ich die Wahrheit sage, er
kann es bezeugen, da ich unschuldig war, er hat selbst die Verurteilung
des Korporals Alfonso S... beantragt, wegen Verleumdung und falscher
Aussage wider mich. Der Herr Staatsanwalt kennt meine schmerzensreichen
Abenteuer; er war bei allen meinen Verurteilungen zugegen, und ich habe
wie ein wrackes Schiff, das den schumenden Wogen berlassen ist,
titanenhaft kmpfen mssen, um nicht unterzugehen. Was wollen Sie jetzt
noch, weshalb verfolgt mich die unerbittliche Schrfe des Gesetzes?

Wollen Sie mein erbrmliches Leben?

Nehmen Sie es, meine Herren, nehmen Sie es hin; ich gebe es Ihnen,
nehmen Sie mich ganz, diesen Haufen von Knochen, an dem das Unglck sein
Werk gethan, die Seele, die ...

Genug, M..., genug! Beruhigen Sie sich, wir sind nicht von Stein,
unterbrach mich der Prsident gerhrt.

Meine glhenden Worte hatten Bresche gelegt in den Herzen der Richter,
das zahlreich anwesende Publikum weinte, mein Spiel war gewonnen.

Meine Vorstrafen wurden verlesen, aber mehr als alles schmerzte mich das
Fhrungszeugnis, das mir der Hauptmann, Alessandro Ter... ausstellte.

                          +Er sei verflucht!+

Der Wachtmeister der Karabinieri wurde aufgerufen und gefragt:

Kennen Sie den Soldaten M...?

Ja, Herr Prsident.

Wissen Sie, weshalb er desertierte?

Meines Erachtens, Herr Prsident, ist M... kein Deserteur.

Wieso?

Weil er von seiner Vaterstadt bis nach Catanzaro sechs Tage gebraucht
hat.

Wie? Sechs Tage? rief der Prsident aus, und er sagt selbst, da er
drei Tage gebraucht hat.

Wenn er die Eisenbahn benutzt htte, aber diese Linie soll erst gebaut
werden.

Er steckte die Hand in die Tasche seines Rockes und holte ein Blatt
heraus, das er dem Prsidenten mit den Worten reichte:

Hier ist meine Reiseroute, ich habe sechs Etappen von Tropea nach
Catanzaro markiert.

Der Prsident sah die Karte an, dann wandte er sich an mich und sagte:

M..., erinnern Sie sich, wieviel Tage Sie gebraucht haben?

Genau nicht.

Dann sagen Sie das, und sagen Sie nicht, da Sie drei Tage gebraucht
haben.

Damit wurde die Anklage wegen Desertion hinfllig. Der Prsident sagte
noch, wie meine soziale Stellung in meiner Heimat sei, was fr eine
Meinung er von mir habe und der Ehrenmann sagte:

Seine Landsleute beklagen ihn und nennen ihn einen Unglcklichen, vom
Schicksal nur zu sehr Heimgesuchten!

                           +Gott segne ihn!+

Der Staatsanwalt sprach bewegliche Worte zu meinen Gunsten, weil er die
Ungerechtigkeit, die er mir vor dem Kriegsgericht zu Palermo angethan
hatte, wieder gutmachen wollte, und er schlo damit, da er seine
Anklage nicht aufrecht erhalten knne.

Mein Anwalt sagte bewegt:

Es ist unntig, da ich spreche; mein Client hat unsere Herzen gerhrt
und ich empfehle ihn Ihrer Gte und Gnade.

Der Gerichtshof zog sich zurck, der Staatsanwalt nherte sich der
Schranke der Anklagebank und sagte:

Heute verdienen Sie das Jahr von Palermo.

Das Jahr ist verloren.

Sie werden freigesprochen werden.

Ich habe nichts verbrochen.

Nehmen Sie sich in Zukunft in Acht.

Wohl mglich!

Der Gerichtshof trat wieder ein, ringsum herrschte das grte Schweigen;
meine Freisprechung wurde durch den Mund des Prsidenten verkndet.

Laute Hoch- und Bravorufe ertnten aus dem Publikum, ich sprang ber die
Schranken, eilte auf meinen Verteidiger zu und gab ihm einen lauten
glhenden Ku auf die Hand, und htten die Umstnde es erlaubt, so htte
ich dasselbe dem edlen Wachtmeister der Karabinieri zu Tropea, dem Herrn
+Luigi Scr...+ gethan; die Hochrufe und das Beifallklatschen ertnten
von neuem, und so schlo das rhrende Schauspiel.


Ein Jahr.

Ich kam zur Kompagnie zurck, meine Unglcksgefhrten umarmten mich,
aber der Kommandant schmhte mich heftig und sagte:

Haben Sie Ihren Hauptmann Alessandro Ter... vergessen?

                    +Er sei tausend Mal verflucht!+

Ein Befehl der Strafabteilung im Kriegsministerium verurteilte mich zu
der harten Strafe von sechzig Tagen Wasser und Brot in Ketten.

Ich mute mich fgen, man schlo mich in eine dunkle Zelle und legte mir
schwere Ketten um die Hand-und Fugelenke, ich glaube keine Feder und
keine Phantasie vermag meinen Zustand zu schildern und ich berlasse es
dem gtigen Leser, je nach seiner Einbildungskraft sich eine Vorstellung
davon zu machen. Wiederholt wurde ich krank, und der Stabsarzt, ein
Landsmann von mir, sagte:

Es ist nichts, trinken Sie ein Glas Meerwasser, der Sergeant wird
aufpassen, da es geschieht, und es wird Ihnen gut bekommen -- aber
Gott, der allgerechte Richter vergalt ihm diese Schndlichkeit nach
seinem eigenen Rezept.

Es war im Monat Juli des Jahres 1881, der schndliche Stabsarzt begab
sich an die Seekste, um seine verfluchte Seele zu erfrischen; zwei
Fhrleute, die mit ihrem Boot in der Nhe waren, fragten, ob sie ihn
begleiten sollten, wenn er hinausschwimmen wolle, er lehnte es ab, die
Schiffer zogen sich in eine Strohhtte zurck und schliefen ein.

Es war gegen Mittag, der Lieutenant zog sich aus, setzte sich einen
groen Strohhut auf und glitt ber das Wasser; die Schiffer wachten auf
und sahen den Strohhut auf dem Wasser, sie dachten, der Lieutenant mu
viel Hitze haben, denn es dauerte eine Stunde und er kam nicht heraus;
endlich fahren sie mit ihrem Boot an den Strohhut heran, der aber
hinwegtrieb; einer streckt nun die Hand aus und ergreift den Hut -- der
Lieutenant war verschwunden. Die Schiffer begaben sich nach dem Kasino
und erzhlten den Vorfall.

Alle Soldaten, Offiziere, Chargierten begaben sich nach der Kste und
stellten sich am Ufer auf, und warteten, ob der Lieutenant den Wogen
entsteigen wird, wie einst Venus dem Meeresschaum. Fnf Tage und fnf
Nchte dauerte das, der Kommandant fuhr nach Venedig und hielt Vortrag,
darauf wurde die ganze Bucht mit Schiffen aller Art nach dem elenden
kleinen Lieutenant abgesucht und endlich am siebenten Tage wurde er zehn
Kilometer von der Kste aufgefischt -- unfrmig, ein ekler Haufen, ohne
Augen.

Er wurde auf dem Lido begraben; als die Soldaten an seinem Grab
vorbeigingen, spuckte jeder aus und sandte ihm einen Fluch in die
geweihte Erde nach, dem Stabsarzt Ger..., der Seewasser zu verschreiben
liebte.

                          +Er sei verflucht!+

Mein Arrest ging zu Ende, meine Kameraden nahmen mich unter die Arme und
schafften mich nach dem Lazarett in Venedig, ich litt am Skorbut -- zwei
Monate lang blieb ich dort.

Kaum war ich wieder in der Kompagnie, als der Oberst mich zu zwanzig
Tagen Arrest bei Wasser und Brot verurteilte, aber der Hauptmann Ter...
behielt mich dreiig Tage in Arrest, damit ich mich stets an ihn
erinnere, den charmanten Hahnrei Alessandro Ter...

                          +Er sei verflucht!+

Ich fgte mich und ging in Arrest, sogleich kam der Hauptmann, schimpfte
und schmhte mich und sagte hohnlachend:

Sie leben hier wie ein Frst, Sie werden dick und fett wie ein Schwein,
ich werde darber nachdenken, wie ich Sie hier immer behalten kann.

Soll ich die Qulereien erzhlen, die er mich erdulden lie? So hrt!

Als ich eines Nachts auf Wache stand, nhert sich eine Gestalt, die
Laternen verlschen, ein heftiger Sturm schien die Kaserne in ihren
Grundfesten erschttern zu wollen.

Wer da? rufe ich.

Ronde! antwortet die Gestalt.

Sie drfen nicht nher kommen, ich mu Sie erst dem dienstthuenden
Offizier melden.

Schweigen Sie, ich bin es, ich kann passieren.

Ich kenne Sie nicht, zurck!

Er ging, am andern Morgen wurde ich zu dreiig Tagen Wasser und Brot
verurteilt.

Warum?

Weil ich meine Pflicht gethan hatte.

Wer war die Gestalt?

Der Hauptmann Alessandro Ter...

                    +Er sei tausend Mal verflucht!+

+Weiter!+

Eines Tages war ich in der Kaserne konsigniert, ich wute es nicht, ich
ging aus und als ich zurckkam, sagt mir ein Sergeant:

Sie kommen in Arrest.

Ich war zu zwanzig Tagen bei Wasser und Brot verurteilt, auf Befehl des
Hauptmanns Alessandro Ter...

                    +Er sei tausend Mal verflucht!+

+Weiter!+

Eines Sonntags war Inspektion, wir standen paarweise auf dem Hof, auf
Kommando muten die Tornister heruntergenommen werden, und der Hauptmann
durchsuchte alles auf das genaueste.

Als der Schinder mir gegenber stand, nahm er mir die Mtze ab, um zu
sehen, ob das Futter sauber war, dann lie er mich die rmel
zurckschlagen und der Teufel wollte, da die Naht des Futters ein wenig
aufgetrennt war.

Weshalb ist das nicht genht? sagte er.

Ich habe es nicht gesehen, Herr Hauptmann.

Faule Ausreden; ich werde dafr sorgen, da Sie es sehen, und Sie
werden mir dankbar sein. Sergeant, sagte er, sich an einen Chargierten
wendend, fhren Sie ihn in Arrest, dort werden seine Augen schrfer.

Er verurteilte mich zu vierzehn Tagen bei Wasser und Brod, und tglich
kam er in meine Zelle und sagte:

Wie es scheint, Sie sehen schon besser, bin ich nicht ein guter
Augenarzt! Wenn Sie einmal wieder nicht sehen knnen, dann wenden Sie
sich an Ihren Hauptmann Alessandro Ter...

                    +Er sei tausend Mal verflucht!+

+Weiter!+

Eines Morgens werde ich krank, ich hatte Fieber und der Arzt verschrieb
mir etwas und ordnete zwei Tage Ruhe an.

Der Hauptmann hob diese Anordnung auf und schickte mich fnfundzwanzig
Tage in Arrest bei Wasser und Brot, indem er sagte, ich htte das Fieber
selbst herbeigefhrt, um vom Dienst dispensiert zu werden.

Er besuchte mich im Arrest und sagte:

Statt der zwei Tage Ruhe, habe ich Ihnen fnfundzwanzig bewilligt, ich
hoffe Sie werden mir dankbar sein.

                    +Er sei tausend Mal verflucht!+

Ich wrde nie fertig werden, wenn ich alle die ungerechten, grausamen
Sachen aufzhlen wollte, die mir der verfluchte Schinder, der +groe
Hahnrei Hauptmann Alessandro Ter...+ und seine schndlichen Trabanten
auferlegt haben.

                   +Sie seien tausend Mal verflucht!+


Schlu.

Nach sovielen Jahren der Leiden und nachdem ich so lange titanisch
gekmpft hatte, wurde ich verabschiedet, und an dem Tage, wo ich fr
immer die elende Behausung verlassen sollte, die mich gefangen hielt, da
weitete sich mein Herz; an dem Tage, da ich die eiserne Disziplin
abstreifte und das elende Leben ein Ende hatte, wo ich in stiller
Ergebung die Bedrckung der Vorgesetzten hatte ertragen mssen -- in
jener Stunde des Jubels, in jenem Augenblick, wo ich die Unglcklichen,
die Kranken und Schmachtenden verlassen mute, da wieder schnrte sich
meine Brust zusammen, ein Schluchzen entrang sich meinem Munde, ich
umarmte meine Leidensgefhrten zum letzten Mal und ging von dannen, ohne
den heien Strom meiner Thrnen zurckhalten zu knnen.

Zwei Empfindungen kmpften in mir; der Schmerz, die Unglcklichen
verlassen zu mssen und die Sehnsucht, meine Angehrigen wieder zu
umarmen.

Ich sollte die Scholle wieder sehen, wo ich als Kind mit meinen
Altersgenossen gespielt hatte, und ein leuchtender Stern ging mir auf,
die Erfllung lang gehegter Hoffnungen verkndend. +Lebe wohl, Lido!
Lebewohl, du fruchtbare Kste der Knigin der Meere.+ Du allein kennst
all die Unthaten, die uns heimgesucht, dir allein, dem Pandmonium der
Schande und Schmach sende ich meinen letzten Gru, der deinen Opfern
Trost bringen mge!

O +Serraglio+ (die Kaserne der ersten Strafkompagnie), wo ich meinen
Namen in Blut niedergeschrieben habe, ich gre Dich! Mge in deine
dstern Hhlen, wo das Eisen des Despotismus die Fden des Lebens im
Frhling der Jahre und in der Blte jugendlicher Hoffnungen
zerschneidet, eines Tages auch der Ruf der Freiheit denen ertnen, die
unter der Schndlichkeit dulden!

Lebt wohl, ihr belaubten Haine, die ihr gegrnt habt und verwelkt seid
wie meine Schmerzen, lebt wohl ihr Felder, die ich mit meinen Thrnen
betaute.

Leb' wohl, du trbe Woge der Adria; wie oft hast du im schumenden
Strudel deiner ewigen Fluten meine Thrnen, das Echo meiner Leiden,
hinabgezogen! Ich gre dich, unseliges Gestade!... Und wenn mir eine
Erinnerung in die Seele geprgt ist, so wird es die von der Qual sein,
welche ich erlitt unter der drckenden Herrschaft der Tyrannen und der
blutdrstigen Hyne, des Hauptmanns Alessandro Ter... --

                   +Er sei tausend Mal verflucht!+ --

Unter der Herrschaft eines Despoten, der Italiens Volk knechtet, da die
blumige Erde rot von Blut und feuchten Thrnen wird, jene Erde, welche
die Wiege der Knste und Wissenschaften sein sollte, die immer wieder
unter dem Zepter der Gemeinen gebeugt und dem Gelst nach feilem Ruhme
geopfert wurde.




Vierter Teil.[64]

Getuschte Hoffnungen.

  [64] In diesem letzten Teil der Schrift des M... wird der Leser einen
  wahren Verfolgungswahn, eine wahnsinnige Erregung und einen Verfall
  des Intellekts beobachten. Ich verffentliche ihn, weil er die
  Psychologie des Typus mit groer Treue zeigt, den leidenschaftlichen
  Gigantismus, welcher das Erbteil der Epileptiker ist, wiedergiebt, und
  gleichzeitig die Geschichte des M... abschliet, indem er sein letztes
  Verbrechen in gewisser Weise erklren hilft.

  Dieser Teil entbehrt auch der sinngemen Anordnung; er besteht aus
  leidenschaftlichen Impressionen, die nicht von realen und
  augenflligen Thatsachen, sondern von Hallucinationen hervorgerufen
  sind, wie sich aus dem Proze ergab und wie M... in einem Augenblick
  der Ruhe selbst zu erkennen scheint, wofr der Brief an den Bruder,
  der am Schlusse verffentlicht ist, Beweis ablegt.


Vorbemerkungen.

Der Mensch denkt, Gott lenkt.

Besser, den Teufel zur Seite haben, als ein schlechtes Weib.

Unselig der Gatte, der sich des Friedens willen dem Unterrock beugt.

Wer Pech angreift besudelt sich.


An mein liebes Shnchen Francesco Antonio.

                    Mein einzig geliebter Junge![65]

Dies ist der dritte und vielleicht der letzte Brief, den ich Dir
hinterlasse, und ich glaube, dies ist auch der letzte Teil meiner
Erzhlung, mit dem ich die traurigen und seltsamen Abenteuer meines
Lebens abschliee.

Meine Angehrigen qulten mich furchtbar, fortwhrend lebte ich in
Aufregung, sie beleidigten mich durch rauhe Worte und reizten mich auf
tausenderlei Weisen, wrdig einer Vettel, wrdig der Tochter Spilingas,
die von dem berchtigten Ruina und den Schweinehndlern von Monte Poro
grogezogen ist.

Deine Landsleute werden einmal entscheiden zwischen mir und dem elenden
Scheusal, der mein Bruder heit, dem ehrlosen, ruchlosen, engherzigen,
verrterischen Wicht; die Gesellschaft wird, wenn meine Erzhlung das
Licht erblicken wird, urteilen ber meine Handlungen und die des
niedertrchtigen Michele M..., ber das unsaubere Betragen seines
wrdigen Weibes, der Schlerin des berchtigten Ruina, der berhmten
Tochter des berhmten Schweinehndlers von Poro, des Weibes, das
sittenlos, geschwtzig, schmutzig, unwrdig ist, den geheiligten Namen
Mutter zu tragen, wie wir im Verlauf dieser Erzhlung sehen werden.

Alles wirst Du hren, mein lieber Francesco, und Deine Landsleute werden
es besttigen.

Ttlichen Ha sollst Du hegen gegen diese gemeine Brut, ich befehle es
Dir; bekmpfe sie, wenn Du kannst, bis ins zehnte Glied und Deinen
Shnen, Deinen Enkeln bermache mein Gebot; ein ewiger Vernichtungskrieg
mu zwischen beiden Familien herrschen, das befehle ich Dir, bis von
Deinem oder von ihrem Geschlecht kein Spro mehr brig ist -- dann werde
ich vom Hllenrand aus Dich segnen, werde Deine Kinder und Kindeskinder
segnen und mein teuflisches Lachen wird die Kommenden erbeben lassen.

                                      Dein Vater
Mai, 1888.                                 Antonino M...

  [65] Da er die einzelnen Teile seiner Schriften mit einem Brief an
  den Sohn beginnt, ist ein Charakteristikum des Graphomanen.


Wieder daheim.

So bin ich denn erlst von den schweren Ketten meines traurigen
Unglcks, erlst von dem grausamen Druck der Militrzeit, unter dem ich
vierzehn lange Jahre geschmachtet habe.

Ich bin im Schoe meiner Familie, in meiner lieben Heimatstadt
Parghelia, in der Umgebung meiner Wohlthter, meiner lieben Landsleute,
die alle freundlich, liebevoll und edelmtig gegen mich sind.

Wir stehen im Monat September 1882.

Ich umarmte meinen Bruder, seine Sprlinge; ich sah seine wrdige
Gattin an, und ein neues Leben erschlo sich vor mir, ein Leben voll
zrtlicher Familienbande, ein Leben des Jubels, des Friedens, der
brderlichen Liebe.

+Es war ein Traum, ein entsetzlicher Traum!!+

Gleich am ersten Tage sagte ich meinem Bruder, da ich Liebe,
Freundlichkeit und Wohlwollen gebrauche, da ich vierzehn Jahre alles
hatte entbehren mssen, da ich physischer und moralischer Hilfe
bedrftig sei, und da Mitleid mit notthue, bis ich mich an das neue
Leben gewhnt hatte; ich erklrte ihm rund heraus, da er allein die
Zgel der Familie halten solle, da er das einzige Oberhaupt sein solle,
um mit Sinn und Verstand alles zum Guten zu lenken; da ich alles dazu
beitragen wolle, fr das Wohl seiner Kinder zu wirken, da Harmonie und
Friede zwischen uns herrschen, und eine weise Sparsamkeit im Haushalt
walten msse; nur um zwei Soldi fr Tabak bat ich ihn, da dies das
einzige Laster ist, dem ich ergeben bin.

Ich bin mig im Essen, und der Mensch, der lange im Unglck gelebt hat,
mu es sein. Ein Bohnengericht, eine Suppe und ein Stck schwarzes Brot
gengten mir, wenn ich das hatte, da dnkte ich mich ein Papst oder ein
Prinz -- mit einem Salat, oder einigen Tomaten war ich glcklich.

Nie bin ich ein =Fresser= gewesen, die Sparsamkeit hat meine Kehle und
meinen Magen stets regiert, nie bin ich lecker gewesen -- ob die Suppe
zu viel oder zu wenig gesalzen war -- stets habe ich sie mit gleichem
Appetit verzehrt.

Ich mu immer noch daran denken, wie ich in Neapel im Gefngnis sa, und
der Reis schlecht gekocht und schlecht gewrzt war; damals schttete ich
meine Portion in einen groen Napf, aus dem wir uns sonst zu waschen
pflegten, belegte mir ein groes Stck Schwarzbrot damit und verzehrte
es mit dem grten Appetit der Welt.

Meine schwache Feder mge ein Bild geben von den Familienmitgliedern,
ihren Charakterzgen und inneren und ueren Eigenschaften, damit man
sich eine klare Vorstellung machen kann von den Personen, die in dieser
schmutzigen Komdie auftreten.

Michele M..., Familienoberhaupt, Hauptperson meines Dramas.

Ein Mann in den Vierzigern, mit argwhnischem, vorsichtigem, unruhigem
Auge. Auf den ersten Blick sagt man: das ist ein Verrter, ein
kleinlicher Sophist, eine niedrige Seele, ein Schwindler von Natur, ein
Skeptiker, ein Haufen von Scheulichkeit. Michela M..., aus Spilinga,
die Gattin des erwhnten Michele, die Schlerin des berchtigten Ruina,
die Tochter des Schweinehndlers von Monte Poro, eine abgetakelte
Fregatte, mit der Kraft eines hungrigen Riesen, regelmig gebaut, dick
und fett; die Haare braun und struppig, die Stirn breit und flach, die
Augen glanzlos; sie ist kurzsichtig und weitsichtig zu gleicher Zeit,
sie blickt mit halbgeffneten Augen und kneift sie zusammen, als ob sie
den Blick in eine Ecke des Auges konzentrieren will; sie sieht ber ihre
ungeheure Nase nicht heraus, die Unterlippe verschwimmt mit dem Kinn zu
einer Fettmasse. Die Ohren sind lang und breit, die Wangen fettig und
rot gefleckt, die Backenknochen vorstehend; der Mund ist gro und krumm,
die Oberlippe schmal, trocken, blutlos, die Zhne schwarz und schief,
der Hals dick und stark und zwei starke Brste hangen aus dem Schlitz
des schmutzigen Hemdes und Kleides heraus, die immer offen stehen, denn
sie sagt, sie ist zu fett; die Hand ist kurz und schmierig.

Was meint Ihr dazu? Und ich erzhle die Wahrheit, die reine Wahrheit,
die mehr als einmal durch Zeugen erwiesen ist, und ich bin gewi, ganz
gewi, da wenn meine Erzhlung nur einer der Bestien in die Hnde
fllt, die in diesem schmutzigen Drama eine Rolle spielen, sie trotz
aller ihrer Bestialitt nur sagen kann: Er erzhlt nur die reine
Wahrheit.

Fnf Kinder, zwei Knaben und drei Mdchen.

Francesco Antonio, der erste Sohn, ein verweichlichter Lmmel, der, wenn
er geht, mit dem Kopf wackelt, als ob er einen Schlaganfall gehabt hat;
er wiegt sich hin und her und wackelt mit den Hinterbacken, wie seine
wrdige Mutter Donna Michela: wie die Mutter, so der Sohn.

Das lteste Mdchen, jetzt siebenzehnjhrig, mit denselben Grundstzen
wie ihre Mutter, die brave, wrdige Donna Michela, geschwtzig und
liederlich.

Die andern schmutzige und hungrige Murmeltiere.

Hierauf knnen wir den Faden unserer ekelhaften Geschichte wieder
aufnehmen.

Zunchst begegnete mir mein Bruder und seine wrdige Gattin, wie seine
Shne mit Liebe. Wir aen zusammen, und ich schlief in einem mir
gehrigen Zimmer, das seiner Wohnung benachbart war.

Mehrere Tage ging die Sache gut, ich liebte meinen Bruder und seine
schmutzigen Kinder; tglich empfing ich zwei Soldi fr Tabak.

Die starke Donna Michela lief den ganzen Tag mit den bloen Brsten
herum, und es gefiel ihr, sie profanen Blicken zu zeigen, whrend sie
mit den Hinterbacken schaukelte.

Mein Bruder sagte zu ihr:

Michela, steck' die Kltze weg!

Das halte ich nicht aus, sagte sie schamhaft, indem sie ihren Hintern
liebkoste. Dann zog sie sich die Strmpfe aus, so da der groe, lange
und breite Fu in seinem ganzen Schmutz sichtbar wurde, setzte sich
nieder, hob den Rock auf und fing an Flhe zu fangen: der Sohn und die
Tochter standen dabei und lachten und freuten sich ber ihre Mama. Welch
schnes Beispiel, welche Schamhaftigkeit!

Ich rgerte mich. Ja ich, der ich an jede Art von Laster und Schmutz
gewhnt war, nahm Ansto an der ekelhaften Scene.

Eines Tages begab sich meine Tante, die Nonne und ich nach Mandaradoni,
einem kleinen Dorf, wo wir gemeinschaftlich einen Acker hatten;
unterwegs fragte ich sie:

Habt Ihr Euer Testament gemacht?

Ja, sagte sie mit erloschener Stimme, das haben wir gemacht.

In welcher Weise, wenn man fragen darf?

Wir haben Euch Beiden alles vermacht.

Aber in welcher Weise?

Wir haben Euch Beiden alles vermacht.

Mehr konnte ich nicht herausbringen; aber als wir heim gingen, fragte
ich sie noch einmal und drohte ihr, wenn sie es mir nicht sagte, sie auf
der Strae zu lassen und allein nach Hause zu gehen.

Da erfuhr ich, da sie alles meinem Neffen Francesco Antonio, dem Sohn
des Michele M... vermacht hatten; auf Anraten des Kanonikus Scord...,
ihres Beichtvaters, den Michele M... dazu gebraucht hatte, war das erste
Testament umgestoen worden.

Eines Tages saen wir bei Tisch, die eine Tante nahm das Essen wie
gewhnlich mit den Fingern aus der Schssel.

Scher' Dich vom Tisch, geh und fri' mit den Schweinen! rief Donna
Michela.

Diese Unverschmtheit emprte mich nicht wenig, und der elende
Schwachkopf Michele stimmte ihr zu; das durfte die dreckige widerliche
Tochter des Schweinehndlers von Monte Poro wagen, die arme alte Nonne
so anzureden, die Tochter des verstorbenen Antonino M..., genannt der
Baronetto! Ich war still aus Klugheit, aber ich stand im Begriff, ihr
einen Faustschlag auf ihre dicke Nase zu versetzen.

Jeden Tag, jeden Augenblick herrschte Zank zwischen Donna Michela und
dem alten Schwachkopf, sie schimpfte ihren Mann mit unfltigen Worten,
und er schluckte das alles in stillem rger hinunter. Diese hlichen
Szenen mifielen mir und als ich dem Schwachkopf das sagte und ihn zur
Rede stellte, antwortete er:

Was willst Du? Sie ist aus Spilinga und in dem Schmutz des
Schweinehndlers von Spilinga aufgewachsen, und vollgepfropft und
vollgestopft mit den Ansichten ihres vieledlen Onkels Ruina, der auch so
ein Schwein ist! Sie hat mir gedroht, mich von ihren Brdern umbringen
zu lassen.

Was, und das glaubst Du? Du frchtest, da die halbblinden Spilingoten
Dich umbringen? Aber Mensch, Du bist ein Weib oder ein Hornvieh, Du
frchtest Dich, da Deine Michela Dich knnte ermorden lassen! Und von
wem? Von den Spilingoten? Eher glaube ich, da Donna Michela Dich selbst
umbringt, mit ihren dicken, fetten Hinterbacken!

Ich frchte mich vor ihren Brdern.

Elender Wicht, feiger Bruder! Was ntzt Dir das Leben, wenn Du nicht
einmal soviel Mut hast!

Die elende Bestie erzhlte mir, in welcher Weise er von den Brdern der
Michela geqult, gergert und geschunden wurde.

Eines Tages gingen der Schwachkopf und ich nach Spilinga, um meine
Schwestern zu besuchen; die eine hatte den Antonio M... zum Mann, ber
diese kann ich mich nicht beklagen, sonst fehlte es ja nicht an
Gelegenheit, aber er kmmerte sich nie um meine Angelegenheiten.

Ich mute vor Lachen bersten, als ich den Giuseppe, den groen, dicken
Giuseppe sah, den Mann meiner anderen Schwester. Nach seinem
riesenhaften, kolossalen Aussehen machte er zuerst den Eindruck wie ein
groes Tier beim Gericht, ein Kolo von Knochen, Fleisch und Nerven,
eine lebende Maschine; eine groe Nase hatte er, mit mchtiger Brille,
die er sich mit wichtiger Miene aufklemmte, als ob er Wunder was wre,
aber es war nur Albernheit, denn =ein dicker Mann, ein dummer Mann=, wie
das Volk sagt; selbst in meinen langen Unglckszeiten sah ich nicht ein
so dummes Vieh, wie meinen stumpfsinnigen Schwager, den groen Giuseppe.

Fr gewhnlich ritt er seinen Maulesel, als fahrender Ritter; das arme
Tier! alle Halbjahr wurde es gepfndet und von den Karabinieri nach
Tropea gebracht, gepfndet wegen rckstndiger Steuern, das unglckliche
nichtsahnende Vieh, das aber weniger dumm und unwissend ist als sein
Herr, dies Erzvieh!

Er hatte struppiges Haar, eine Stirn, Augen wie ein hungriger Wolf,
einen nufarbenen Bart, dicke Lippen, einen groen, krummen Mund,
hliche Zhne, einen Hals wie ein Stier und ein Gesicht wie ein
verunglckter Hanswurst; damit ist seine physische Beschaffenheit
geschildert, was die moralische betrifft, so war er ein ausgemachter
Esel, ein liederlicher Schreier, ein gemeiner Verrter, ein schmutziger
Filz, auf dem Mist geboren und bestimmt, dereinst auf dem Mist zu
verenden.

Meine Schwestern kamen mir freundlich entgegen, sie sprechen nur von
Schweinereien, Keilereien, Prgeln, Faustschlgen, Ohrfeigen, Futritten
u.s.w.: Sage mir, mit wem Du umgehst und ich werde Dir sagen, wer Du
bist.

Nach zwei Tagen war ich mde, ihre Renommistereien, Donquixoterien
anzuhren, ich kehrte zurck, und lachte ber ihre Albernheiten und
beklagte den armen Schwachkopf, der soviel Angst vor ihnen hatte.

Ganze Tage lang lief Donna Michela herum mit ihren bloen Brsten, die
aus dem Schlitz des Kleides heraushingen, und lag im Fenster, um sich zu
zeigen, immer hatte sie die Hnde im Scho oder streichelte ihre
wackelnden Hinterbacken. Nie nahm sie eine Nadel in die Hand und sie
that wohl daran, denn sie konnte doch den Faden nicht einfdeln. Auch
kochen konnte sie nicht, wo htte sie in Spilinga kochen lernen sollen;
ich mu noch lachen, wie sie mir einmal ein Hemd geflickt hatte, es war
ein Meisterwerk, das nach Paris oder New-York auf die Ausstellung
gehrt htte; nie sah man sie spinnen oder stricken oder ein Mbel
abwischen, wie es einer guten, fleiigen Hausfrau zukommt; sie wusch
weder sich noch ihre Kinder, die voll Dreck und Lusen und Schmutz
herumliefen.

Sie war gewohnt, ihren lieben Mann mit Ohrfeigen, Futritten und
Schimpfworten zu behandeln, sie beherrschte alle im Hause, die Einnahmen
und Ausgaben gingen durch ihre Hand, und wenn der schwachkpfige Affe
sich fr zwei Soldi Tabak kaufen wollte, mute er sein liebes Weibchen
erst bitten, ehe sie es ihm unter einer Flut von Schimpfworten gewhrte.

Ich, der ich sie kannte und richtig schtzte, htete mich vor ihr und
war entschlossen, wenn sie mir zu nahe kme, ihr einen Schlag ins
Gesicht oder einen Tritt in den Hintern zu geben. Ich bat den armen
Schwachkopf wiederholt, sich als Mann zu zeigen, und den dreckigen
Unterrock, den er sich hatte ber den Kopf stlpen lassen, abzuwerfen.
Meine Ermahnungen waren fruchtlos, er konnte nicht los, er sa fest drin
und lie sich Leib und Seele fesseln, der rmste!

Jeden Augenblick schrie, zankte, fluchte und schimpfte sie; einmal, als
gerade die krftige Faust der Donna Michela dem armen Schwachkopf auf
die Nase sauste, warf sich meine Tante, die alte kindische Nonne
dazwischen: ein mchtiger Futritt schleuderte sie auf das Pflaster, da
sie die Beine in die Luft streckte; aber schnellfig erhob sie sich
wieder und sprang wieder zwischen die kmpfenden Gatten, ein neuer
Futritt, ein Schlag ins Gesicht brachte sie wieder aus der Schulinie;
ich stand dabei und wartete gespannt auf das Ende dieser liebevollen
Eheszene, und lachte, lachte aus vollem Halse.

                           +Ein edles Weib!+

Nie habe ich in Stadt und Land ein so niedertrchtiges Weibsstck
gesehen, wie Donna Michela, einen solchen Haufen von Gemeinheit und
Schmutz.

O Mastriani, Du httest die Scheulichkeit dieses verkommenen Geschpfes
schildern mssen, und Du httest ein Meisterwerk geschaffen, das Deine
Bettlerin, Deine Geheimnisse, tausendfach bertroffen htte; ich
wei nichts und kann nichts, meine Feder vermag meinen Gedanken nicht zu
folgen; aber andererseits, eine einfache Schilderung wird auch vom
einfachen Menschen verstanden, der die Schriften eines Dante, eines di
Vico, eines Manzoni und anderer Genies nicht fassen wrde.

Und noch eines! Ich glaube, da der Schriftsteller sich dem Thema
anpassen mu, das er darzustellen hat; wenn man ber Philosophie
schreibt, braucht man Verstand, ber Geschfte, Gedchtnis, und ber
Litteratur, Kunst und Industrie, so braucht man Nachdenken und
Kenntnisse -- aber ich schreibe die Abenteuer der suischen Donna
Michela und des schmutzigen Schwachkopfes, deshalb mu ich suisch und
schmutzig schreiben.

Habe ich recht, Francesco Mastriani?

Tglich sagte ich dem Schwachkopf, da es so nicht weiter gehe, da ich
Ruhe und Frieden brauchte und nicht Zank und Streit sehen mchte, er
war betrbt, trostlos und sagte:

Was soll ich machen, ich habe das Unglck, einen Satan zum Weib zu
haben.

Ich wurde krank; allein, von allen verlassen, mute ich meine Schmerzen
dulden.

Der Doktor di V... kam, niemand war da, ihm einen Stuhl anzubieten; er
sagte:

Wie, Nino, Du bist allein hier? Deine Tante, die krftige Donna Michela
kmmert sich nicht um Dich?

Nein, ich bin allein, von allen verlassen, wie Sie sehen.

Er untersuchte mich, verordnete mir Umschlge von Lattich und ging
betrbt von dannen.

Ich mute aufstehen, mich in die Kche schleppen, und selbst die
Lattichbltter kochen, ein Tuch zurecht machen und die Umschlge
anlegen.

Und whrend dieser drei Tage, die ich krank war, wollten sie mich
verhungern lassen, ja verhungern!

Ich wurde wieder gesund und ging meinem gewhnlichen Leben und
huslichen Gewohnheiten nach, ich kam zum Essen; oben am Tisch sa die
brave Donna Michela, die Brste hingen heraus, das Haar baumelte ihr bis
auf die Nase, die Hnde waren dreckig und schwarz, das Kleid schmierig
und zwei Rotzlichter flossen ihr aus der Nase; ihre halbverhungerten
Kinder waren auch da, mit ihren Kpfen voller Patz und Luse, ihren
Rotznasen und Triefaugen; gierig schmatzend schlangen sie den elenden
Fra hinunter.

Tglich beklagte sich der Schwachkopf bei dem ppigen Mahl, da er etwas
im Essen fand, lange Haare, Stcke Stroh oder Holz, Fliegen oder
Mistkfer; dann wieder schimpfte er, da das Essen nicht gar oder
versalzen war, und seine Klagen waren gerechtfertigt, wie ich bezeugen
kann, aber Donna Michela sagte:

Wenn Dir das Essen schmeckt, so i; wenn nicht, geh in's Wirtshaus.

Eine alte schiele Vettel mit eitertriefenden Augen, schmierig und
schmutzig zum berma trug das Essen auf, das sie und die suische Donna
Michela gekocht hatte.

Ich konnte nicht ber meine zwei Soldi fr Tabak verfgen, ich durfte
kein Stck Brot annehmen; alles ging durch die Hnde der Donna Michela,
ich war immer zurckhaltend gegen das bsartige Weibstck und lie mich
nicht mit ihr ein. In meinem Bruder Michele fand ich die ganze
Erbrmlichkeit des Mannes, in der Donna Michela die ganze Schlechtigkeit
des Weibes.

Ich berlegte, was mir von einem Tag zum andern bei diesen beiden
Dummkpfen begegnen konnte, hauptschlich von der Verworfenheit und
Bosheit der Spilingotin, und ich beschlo, mich von ihnen zu trennen.

Als rcksichtsvoller Mensch teilte ich meinem Bruder mit, da ich mich
von ihnen trennen und fr mich allein leben wollte. Mein Bruder willigte
ein, und so gingen wir auseinander.

Ich dachte ernstlich ber meine Lage nach und fand sie hchst traurig;
in allem mute ich mich allein bedienen, -- that ich das nicht, so war
ich in vierzehn Tagen voller Luse.

Mein Bruder liebte in mir nicht den Bruder, sondern seinen Vorteil, er
wre froh gewesen, wenn ich mir den Hals gebrochen htte, damit er noch
das Wenige nehmen knnte, das mir mein verstorbener Vater hinterlassen
hatte; um seines Vorteils willen htte der hinterlistige Mensch, mit
seinem Herzen so schwarz wie die Nacht, seine Shne verraten oder
umgebracht, um seines Vorteils willen htte er sein Weib zur Hure
gemacht, um seines Vorteils willen htte er seine Ehre dahingegeben,
wenn er eine besessen htte, ja sein Leben.

Und verdient dieses Vieh den Namen Mensch?

Du unersttliche Bestie, Du Vieh unter dem Vieh, Du wrdest Deine Ehre
um Deines Vorteils willen verraten, Deine Kinder verschachern, Dein
schmutziges Weib verkaufen, Du Erbrmlicher, Du boshafte Bestie unter
den Bestien, Du wrdest Gott, Vaterland und Familie verraten um Deines
Vorteils willen, feile Bestie!

Und Du bist Schullehrer in dieser Stadt, und stiehlst der Gemeinde und
den armen Familienvtern das Geld; Du bist Lehrer! Was verstehst Du
denn, Du, der von Dummheit, Gemeinheit und Bosheit strotzest, was weit
Du, was kannst Du? Deiner Frau den Unterrock tragen, das kannst Du!

Dieses dreckige Schwein ist Lehrer! Meine armen Landsleute!

Ich wollte das Gemt meines Bruders auf die Probe stellen und stellte
mich verrckt, ich fing an mit den Armen umherzufuchteln, das Gesicht zu
verzerren und mit stieren, glsernen Augen in eine Ecke zu blicken; ich
a wenig und auf Fragen antwortete ich gar nicht oder unsinnig.

Eines Tages war ich allein in meinem Zimmer, ich ging hin und her,
gestikulierte und zog Grimassen; mein Bruder und sein niedriges Weib
guckten durch die Thrspalte, sahen was ich machte und lachten vergngt;
mein Bruder sagte zu seiner Ehehlfte: Er ist verrckt, total
verrckt; und Donna Michela antwortete lachend.

Nun war ich entschlossen, fr immer mit diesen schndlichen Bestien zu
brechen und nur an mich und meine Zukunft zu denken.

Ich sprach mit Herrn Francesco Antonio Z... und bat ihn, meinem Bruder
mitzuteilen, da ich die Absicht htte, mich von ihm zu trennen.

Mein Bruder war traurig ber die Trennung, denn er sah seine Hoffnungen
getuscht, aber ich blieb fest und wir gingen auseinander. Nun ich
allein war, dachte ich an Gegenwart und Zukunft: allein konnte ich nicht
wie ein Mensch leben; ich brauchte Liebe, Beistand, Gesellschaft; ich
entschlo mich, ein Weib zu nehmen und auf des Himmels Fgung droben zu
bauen. -- Der arme Diego P... teilte meinem Bruder mit, da ich sein
liebes Tchterchen zur Frau verlangt htte und da er nach sorgfltiger
Erkundigung ber mich eingewilligt habe.

Mein Bruder war anfnglich vernichtet; als er wieder zu sich kam,
versuchte er, den P... umzustimmen, indem er ihm sagte, da ich
verrckt, ein Strfling, ein Schuft, ein Mordgeselle, ein Trunkenbold
und ich wei nicht was sonst noch, sei.

Aber trotz meines lieben Bruders und seines Weibes, trotz der
Spilingoten heiratete ich meine liebe Vincenzina und machte sie zur
Herrin meines Herzens und meiner Hoffnungen.

Meine Schwester schrieb an Herrn Diego P... und nannte seine Tochter
eine Dirne; die Spilingoten, mein Bruder, sein Weib, meine Verwandten
fielen ber mich her und Monate lang wurde ich von den Verfolgungen
dieser verfluchten Brut geqult.

Da ich mich nicht mehr halten und in meinem niedergeschlagenen Geist
keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte, so ging ich alle Abend nach
der Droguerie Cal..., wo sich die Honoratioren von Parghelia zusammen
fanden; ihnen stellte ich mein Unglck vor und bat sie:

Meine Herren, ich kehre zur Gesellschaft zurck, geben Sie mir einen
Rat; meine Verwandten beleidigen mich schwer, und ich erzhle ihnen,
was ich zu erdulden hatte; die braven, ehrenwerten Herren rieten mir zur
Klugheit und ich folgte ihren vorzglichen Ratschlgen wrtlich.

Dann begab ich mich nach der Pharmacie des V... und auch hier bat ich
die Herren um Rat.

Die Donna Michela kam mir fter mit den Fusten ins Gesicht, ich litt es
geduldig und noch viel, viel mehr, so da ich tagelang erzhlen knnte.
-- Mein unglcklicher Onkel starb und hinterlie mir zwei Zimmer, die
mit denen meines Bruders gemeinschaftlichen Eingang hatten. Und wollt
Ihr es glauben? Eines Abends, als ich nach Hause kam, verschlossen sie
mir die Thr, ich klopfte mehrere Male; aber von innen hrte ich mehrere
Stimmen rufen: Fort, Du Mrder! Dies ist nicht Dein Haus! Und sie
brllten, so laut sie konnten. Und meint Ihr, da ich mich erregte?
Nein, ruhig zog ich zur Droguerie Cal... und erzhlte dort den Vorfall
und bat die Herren um Rat, und sie rieten mir, zum Brgermeister zu
gehen und im Namen des Gesetzes Einla zu fordern; das that ich, und so
konnte ich unter meinem Dach schlafen.

Als ich im Gefngnis war und zu fnf Jahren verurteilt war, heiratete
meine Schwester, mein Bruder heiratete auch, und das vterliche Erbteil
gelangte zur Verteilung.[66]

  [66] Hier bricht die Erzhlung ab.


An eine Seele.

Du bist im Jenseits, entweder im Reiche der Glcklichen oder im tiefen
Abgrund der Snde; glaube es, meine Seele, mein Gedanke, meine
Erinnerungen an ehemals sind mir ein furchtbarer Traum; denkst du noch
an den unheilvollen Tag? An jenen Augenblick, wo unsere Snden sich
vereinten, um gegen die Natur zu kmpfen, trotz der schwachen, irdischen
Materie; -- sprich, o meine Seele, hast du mich denn damals verflucht?
Hast du den Hauch eines leuchtenden Augenblicks empfunden? Kannten sich
unsere Seelen in der unermelichen Leere des thers? Und du weissagtest,
da unsere Seelen mit einander kmpfen werden? Und wer wei es? Du
sicherlich nicht, und wenn ein Funke des Bewutseins im Spiegel deiner
Seele erschienen ist, so ist er nicht von mir ausgegangen -- nein, schn
und hlich kann nicht eins sein, nicht der Traum und das Wachen, der
Geist der Hlle und des Lichtes; die Finsternis kann nicht das Gestirn
des Tages erzeugen.

Es ist die Wahrheit. Und du, o meine Seele, siehst du mich von dort,
schauen deine Augen das geheimnisvolle Drama des nichtigen Daseins?
Siehst du es, das Ich des ewigen Lebens? Kannst du durch den ungeheuren
Raum schweifen, durch die Unendlichkeit fliegen und meiner Seele dich
nahen?

Wer wei? Es ist ein Geheimnis.

In dem Traum meiner Trume hast du mir die Arbeit meines Lebens gezeigt:
du hast befohlen und ich habe gehorcht.

Das sind diese Bltter, die ich ohne deinen Hauch nicht htte verfassen
knnen. Du forderst sie, du hast sie verlangt, und ich glaube mich einer
alten Schuld entledigen zu mssen, wie ich sie dir darbiete, sie sind
dein, dir gehren sie nach Recht und deinem Wunsch.

Weit du, wie ich dieses mein Werk eingeteilt habe? In vier Teile.

Im ersten Teil sind schmerzensreiche Erlebnisse und ich widme sie dir
unter dem Namen: =Mein erstes Unglck=.

Den zweiten und dritten Teil, der meine Leiden als Soldat darstellt,
betitelte ich: =Meine Dienstzeit=.

Den vierten Teil, der Familienerlebnisse schildert, betitelte ich:
=Getuschte Hoffnungen=.

Du meine Seele hast mich begeistert im Unglck und in der Trbsal, du
hast mir groe und edle Gefhle eingehaucht. Ich bin dir dankbar. Nimm
diese rmlichen Bltter an als Pfand meiner Dankbarkeit und deines
gtigen Verzeihens, und sei nachsichtig und mild, wenn du mich liebst,
wie du es immer warst.

Wenn ich ein gutes Werk vollbracht hatte, so stnde es mir nicht zu, es
zu beurteilen, aber glaube mir, ich habe nur danach gestrebt, ein gutes
Werk zu vollbringen.

Verzeihe mir, meine Seele, in meinem Eifer und verzeihe in deinem
Edelmut dem Unglcklichen, der dir so viel Leid zugefgt hat.

Parghelia, 20. Februar 1889.

                                         Stets der Deine
                                         Antonino M...


                   Erlauchte und gndige Richter![67]

  [67] Das folgende ist ein Teil der Verteidigungsrede des M..., als er
  wegen Mordversuches auf seine Schwgerin vor Gericht stand.

Widerwillig habe ich auf der Anklagebank Platz nehmen mssen, um mich
gegen eine Anklage zu verteidigen, welche in schwarzen und tragischen
Farben mein geliebter Bruder, Michele M..., gegen mich vorgebracht hat.
Ich verteidige mich mit klaren Beweismitteln, um die Schndlichkeit und
Dummheit einiger Spilingoten zu entlarven, und die Feigherzigkeit,
Unwissenheit und den schlechten Charakter meines vorbesagten Bruders an
das Licht der Gerechtigkeit zu bringen, ich nehme die Aufgabe auf mich,
die hufigen Leiden, die Qualen und Heimsuchungen klarzulegen, die ich
acht lange Jahre von diesem elenden Spilingoten habe erdulden mssen.

Ich bitte Sie flehentlich, meine Herren Richter, mir das Wort zu
gestatten, bis ich meine Aufgabe erfllt habe, da ich diese Aufgabe
keinem Anwalt anvertrauen wollte und zwar aus den folgenden Grnden.

1) um mir keine Kosten zu machen; da ich ein armer Familienvater bin,
habe ich es fr besser gehalten, meinen armen Kindern ein Stck Brot zu
geben, als es in den gierigen Rachen eines Advokaten zu werfen.

2) niemand vermag besser als ich die Kraft und die Wrme der
Verteidigung zu empfinden, und niemand kennt besser als mein gequltes
Herz die Leiden und die Schmhungen, die Drohungen und die Krnkungen,
die mein lieber Bruder und seine wrdige Gattin Donna Michela mir
zugefgt haben.

Am Mittag des 17. September 1868 gab mir mein Bruder eine groe Pistole
in die Hand und sagte:

Geh', tte ihn!

Ich war damals ein Jngling, von erregbarem Temperament, ich ergriff die
ttliche Waffe und habe auf ffentlichem Platze einen armen Menschen
gettet.

Die gndigen Richter zu Monteleone verurteilten mich zu fnf Jahren
Gefngnis, whrend der Anstifter nur meinetwillen frei ausging, da ich
leugnete, da er mich zu der unseligen That angeregt hatte.

Ob mittelbar oder unmittelbar, mein lieber Bruder war die Ursache, da
ich einen armen Menschen ermordet habe und einer langen Zeit zwischen
dsteren Kerkermauern entgegenging.

Aber die Hand Gottes wacht ber unseren Geschicken. Die fnf Jahre
verstrichen, ich wurde Soldat im kniglichen Heer; dort habe ich mich
nicht so gefhrt, wie ich sollte (ich mchte nicht, da die ehrenwerten
Spilingoten nebst meinem engherzigen Bruder erst ihr Urteil darber
abgeben; das hiee mich feige zeigen; nein, meine mndliche Erklrung
mge Ihnen gengen). Wie gesagt, beim Militr habe ich mich nicht brav
gefhrt, zweimal wurde ich verurteilt und ein Jahr war ich bei der
Strafkompagnie. Das ist das, was die Spilingoten Ihnen vorstellen
wollen, in dem Glauben, da sie auf diese Weise Ihre leuchtende
Urteilskraft blenden, wie sie es mit so viel anderen gethan haben.

Nachdem ich wieder zu Hause war, war es mein fester Entschlu, bei
meinem Bruder zu bleiben.

Es war im September des Jahres 1882, ich umarmte meinen Bruder, seine
Zglinge, ich sah seine Gattin an, und ein neues Leben erschlo sich vor
mir, ein Leben voll zrtlicher Familienbande, ein Leben des Jubels, des
Friedens, der brderlichen Liebe.

          +Es war ein Traum, ein entsetzlicher Traum!!...+[68]

  [68] Hier folgt die Wiederholung derselben Worte, die im Anfang dieses
  Kapitels sich befinden.

Und nun, meine gndigen Herren Richter, bitte ich um Gerechtigkeit, ich
erklre mich fr nichtschuldig, ich frchte die Anklage meines Bruders
und den Einflu seiner Verwandten nicht.

Er behauptet, da ich ihn in die Hand gebissen habe, das ist falsch,
eine schwarze Verleumdung, fragen Sie, meine Herren, ob er nicht gern
lgt, fragen Sie seine Landsleute.

Einen Menschen fr schuldig halten, ist das wirklich ein Urteil?

Mir erbrigt nur, dem Michele M... eine letzte Antwort zu geben, und ich
will mich eines Dichterworts bedienen --

Den grimmen Wogen sucht er zu entfliehen ...




Anhang.


No. 307. Strafanstalt zu Lucca. Brief des Gefangenen Antonino M...[69]

  [69] Dieser Brief des Antonino M... bildet ein merkwrdiges und
  wichtiges psychologisches Dokument. Zwar giebt ihm der Bruder eine
  ziemlich einfache Deutung, da er nmlich dazu dienen soll, sein
  Mitleid zu wecken, um die weitere Sendung der fnfzehn Lire monatlich
  zu erreichen, aber es ist unleugbar, da im Stil eine gewisse
  berzeugung sich bemerkbar macht. M... hat immer einen Hang zur
  Religiositt, zum Mystizismus gezeigt, das beweisen seine spekulativen
  Versuche, und auch sein zur Ascetik neigender Fatalismus. Die
  vollstndige Einsamkeit und etwaige religise Lektre mssen auf
  seinen -- was Form und Abstraktion anbelangt -- leicht
  suggestionierten Geist ein, man kann wohl sagen, psychologisches
  Wunder bewirkt haben. Die Tendenz seines leidenschaftlichen
  Gigantismus, die Venturi in seinem Gutachten so vorzglich
  hervorgehoben hat, und welche bergnge und halbe Maregeln nicht
  zult, und in Antithesen lebt, scheint ihn auch hier zum Exze
  gefhrt zu haben.

  Vielleicht war der mchtigste Faktor die Unmglichkeit, sich zu
  bewegen. Wenn der Teufel =alt= wird, so wird er Eremit, sagt das
  Sprichwort, und es ist bekannt, da die Dirnen, wenn sie altern, unter
  die Betschwestern gehen: dasselbe scheint mit M... der Fall zu sein.
  Und da er ein Epileptiker ist, so ist dabei nichts zu lachen, es wrde
  vielmehr eine besondere psychische Bildung vorliegen, wie bei dem Koch
  Berardi, der, nachdem er gemordet hat, mit Skapularen behngt, im
  Namen der Religion den Knig schmht.

  Bei der Psychologie der Heiligen, mit der Professor Lombroso sich
  beschftigt, wird er sich sicher mit diesem seltsamen Zusammenhang
  auseinandersetzen mssen. Es gengt, an den Epileptiker Sankt Paulus
  und so viele andere Menschen zu erinnern, die in der Blte ihrer Jahre
  einen verworfenen Lebenswandel fhrten, und im Alter heilig gesprochen
  wurden, um zu begreifen, da das Phnomen nicht ungewhnlich ist und
  in anderer Form auf dem Gebiet der Pathologie der Seele wiederkehrt.

     Den 18. September 1892.

     Teurer, edelmtiger Bruder!

     Gern htte ich Dir schon frher geschrieben, wenn es erlaubt
     gewesen wre. Wir haben einen neuen Direktor bekommen, eine groe
     edle Seele, und auf meine Bitte hat er mir gern gestattet, Dir zu
     schreiben. Seit mehreren Tagen liege ich zu Bett wegen
     Nervenschwche; meine Beine wollen mich nicht mehr tragen; und was
     ich fr Schmerzen habe, wei nur Gott im Himmel, aber grer und
     schlimmer sind meine moralischen Schmerzen. Seit einem Jahre bin
     ich in dieser Zelle und verbringe meine traurigen Tage damit, Gott
     den Herrn anzuflehen um Vergebung fr meine groen Verbrechen, fr
     meine Thorheiten, meine schlechten Handlungen, meine Verworfenheit.
     Wenn Du mich sehen knntest, wrde Dein gerechter Zorn dahin
     schwinden, und Du wrdest weinen, da Du mir nicht verziehen hast
     -- denn Du wrdest nur einen Schatten Deines Bruders sehen, in
     einem Jahr ist mein Haar und mein Bart grau geworden bei dem
     Gedanken an meine Verworfenheit; zu sehr haben mir die angedrohten
     Strafen des Herrn das Herz zerrissen und nur zu gerecht ist seine
     Rache. Mein Leib ist krank und hinfllig unter seiner Geiel
     geworden; ich finde keinen Frieden in mir, wenn ich an meine
     schwere Sndenschuld denke. Zu gro ist meine Verworfenheit, und
     alle meine Kraft reicht nicht aus, um Gott zu vershnen; Tag und
     Nacht lastet der Druck meiner Snden auf meiner Seele.

     Ich habe Gott von mir gewiesen und mir mein Elend selbst
     geschaffen, deshalb leide ich gerecht.

     Ich wei, da Gott mir diese schwere Zchtigung zufgt, und da Du
     lieber Bruder, und alle meine Angehrigen, die ihr so gut und so
     edelmtig seid, von Gott als Werkzeug seines Willens ausersehen
     seid, um einen Verderbten, einen Verbrecher, einen Verworfenen zu
     strafen. Ich denke an die alten Zeiten, wo der Herrgott die ganze
     Welt wegen eines meinem hnlichen Verbrechen gestraft hat[70] und
     ich erkenne, da in allen seinen Werken die furchtbare
     Gerechtigkeit herrscht. Diese Gerechtigkeit hat mich getroffen und
     Tag und Nacht liege ich mit der Stirn im Staube und flehe um
     Mitleid, um Verzeihung.

     Bald wird meine arme Seele vor ihrem Richter stehen -- und deshalb
     fhle ich die Pflicht in mir, Dich von ganzem Herzen demtig um
     Verzeihung zu bitten, fr alles bel und alle Undankbarkeit, die
     ich Dir neun Jahre lang erwiesen habe, auch Dein liebes Weib, Deine
     Shne, unsere lieben Schwestern, alle unsere Landsleute bitte ich
     um Verzeihung, und bereue alles ble, das ich gethan, allen Kummer,
     den ich verursacht habe. Ich wrde leichter sterben, wenn ich Dir
     die Hand kssen knnte, die Hand, die mir so lange Jahre hindurch
     nur Gutes erwiesen hat. Ich erklre, da bei allen unsern
     Streitigkeiten stets ich die Ursache, der Missethter gewesen bin.
     Deinen Edelmut habe ich stets mit Undankbarkeit und Schlechtigkeit
     vergolten. Verzeih' mir, um der bitteren Schmerzen willen, die ich
     leide. Ich verzeihe allen und insbesondere auch den Zeugen, die
     falsch geschworen haben.

     Mein lieber Bruder, um unserer lieben Eltern willen verzeihe mir!!
     Ich umarme und ksse Dich und alle die Unseren, verzeiht mir von
     Herzen.

                            Dein unglcklicher Bruder
                                           Antonino M...

     Gesehen. Der Direktor der Strafanstalt zu Lucca.

  [70] Er meint die Sndflut, welche den Mord Abels durch Kain rchte.




Druck von A.Seydel & Cie., BerlinC., Neue Friedrichstr.48.





End of the Project Gutenberg EBook of Der Roman eines geborenen Verbrechers, by 
Antonino M.

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ROMAN EINES GEBORENEN ***

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Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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