Project Gutenberg's Kampagne in Frankreich, by Johann Wolfgang von Goethe

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org


Title: Kampagne in Frankreich

Author: Johann Wolfgang von Goethe

Release Date: February 2, 2006 [EBook #17664]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KAMPAGNE IN FRANKREICH ***




Produced by Andrew Sly






Kampagne in Frankreich

Johann Wolfgang von Goethe




Den 23. August 1792.

Gleich nach meiner Ankunft in Mainz besuchte ich Herrn von Stein den
lteren, kniglich preuischen Kammerherrn und Oberforstmeister, der
eine Art Residentenstelle daselbst versah und sich im Hass gegen
alles Revolutionre gewaltsam auszeichnete. Er schilderte mir mit
flchtigen Zgen die bisherigen Fortschritte der verbndeten Heere
und versah mich mit einem Auszug des topographischen Atlas von
Deutschland, welchen Jger zu Frankfurt unter dem Titel
"Kriegstheater" veranstaltet.

Mittags bei ihm zur Tafel fand ich mehrere franzsische Frauenzimmer,
die ich mit Aufmerksamkeit zu betrachten Ursache hatte; die eine --
man sagte, es sei die Geliebte des Herzogs von Orleans -- eine
stattliche Frau, stolzen Betragens und schon von gewissen Jahren, mit
rabenschwarzen Augen, Augenbraunen und Haar; brigens im Gesprch mit
Schicklichkeit freundlich. Eine Tochter, die Mutter jugendlich
darstellend, sprach kein Wort. Desto munterer und reizender zeigte
sich die Frstin Monaco, entschiedene Freundin des Prinzen von Cond,
die Zierde von Chantilly in guten Tagen. Anmutiger war nichts zu
sehen als diese schlanke Blondine: jung, heiter, possenhaft; kein
Mann, auf den sie's anlegte, htte sich verwahren knnen. Ich
beobachtete sie mit freiem Gemt und wunderte mich, Philinen, die ich
hier nicht zu finden glaubte, so frisch und munter ihr Wesen treibend
mir abermals begegnen zu sehen. Sie schien weder so gespannt noch
aufgeregt als die brige Gesellschaft, die denn freilich in Hoffnung,
Sorgen und Bengstigung lebte. In diesen Tagen waren die Alliierten
in Frankreich eingebrochen. Ob sich Longwy sogleich ergeben, ob es
widerstehen werde, ob auch republikanisch-franzsische Truppen sich
zu den Alliierten gesellen und jedermann, wie es versprochen worden,
sich fr die gute Sache erklren und die Fortschritte erleichtern
werde, das alles schwebte gerade in diesem Augenblick in Zweifel.
Kuriere wurden erwartet; die letzten hatten nur das langsame
Vorschreiten der Armee und die Hindernisse grundloser Wege gemeldet.
Der gepresste Wunsch dieser Personen ward nur noch bnglicher, als
sie nicht verbergen konnten, dass sie die schnellste Rckkehr ins
Vaterland wnschen mussten, um von den Assignaten, der Erfindung
ihrer Feinde, Vorteil ziehen, wohlfeiler und bequemer leben zu knnen.

Sodann verbracht' ich mit Smmerrings, Huber, Forsters und andern
Freunden zwei muntere Abende: hier fhlt' ich mich schon wieder in
vaterlndischer Luft. Meist schon frhere Bekannte, Studiengenossen,
in dem benachbarten Frankfurt wie zu Hause -- Smmerrings Gattin war
eine Frankfurterin -- smtlich mit meiner Mutter vertraut, ihre
genialen Eigenheiten schtzend, manches ihrer glcklichen Worte
wiederholend, meine groe hnlichkeit mit ihr in heiterem Betragen
und lebhaften Reden mehr als einmal beteuernd: was gab es da nicht
fr Anlsse, Anklnge, in einem natrlichen, angebornen und
angewhnten Vertrauen! Die Freiheit eines wohlwollenden Scherzes
auf dem Boden der Wissenschaft und Einsicht verlieh die heiterste
Stimmung. Von politischen Dingen war die Rede nicht, man fhlte, dass
man sich wechselseitig zu schonen habe: denn wenn sie republikanische
Gesinnungen nicht ganz verleugneten, so eilte ich offenbar, mit einer
Armee zu ziehen, die eben diesen Gesinnungen und ihrer Wirkung ein
entschiedenes Ende machen sollte.

Zwischen Mainz und Bingen erlebt' ich eine Szene, die mir den Sinn
des Tages alsobald weiter aufschloss. Unser leichtes Fuhrwerk
erreichte schnell einen vierspnnigen, schwer bepackten Wagen; der
ausgefahrne Hohlweg aufwrts am Berge her ntigte uns, auszusteigen,
und da fragten wir denn die ebenfalls abgestiegenen Schwger, wer vor
uns dahinfahre? Der Postillion jenes Wagens erwiderte darauf mit
schimpfen und Fluchen, dass es Franzsinnen seien, die mit ihrem
Papiergeld durchzukommen glaubten, die er aber gewiss noch umwerfen
wolle, wenn sich einigermaen Gelegenheit fnde. Wir verwiesen ihm
seine gehssige Leidenschaft, ohne ihn im Mindesten zu bessern. Bei
sehr langsamer Fahrt trat ich hervor an den Schlag der Dame und
redete sie freundlich an, worauf sich ein junges, schnes, aber von
ngstlichen Zgen beschattetes Gesicht einigermaen erheiterte.

Sie vertraute sogleich, dass sie dem Gemahl nach Trier folge und von
da baldmglichst nach Frankreich zu gelangen wnsche. Da ich ihr nun
diesen Schritt als sehr voreilig schilderte, gestand sie, dass auer
der Hoffnung, ihren Gemahl wieder zu finden, die Notwendigkeit,
wieder von Papier zu leben, sie hierzu bewege. Ferner zeigte sie ein
solches Zutrauen zu den verbndeten Streitkrften der Preuen,
sterreicher und Emigrierten, dass man, wr' auch Zeit und Ort nicht
hinderlich gewesen, sie schwerlich zurckgehalten htte.

Unter diesen Gesprchen fand sich ein sonderbarer Ansto; ber den
Hohlweg, worin wir befangen waren, hatte man eine hlzerne
Rinne gefhrt, die das ntige Wasser einer jenseits stechenden
oberschlchtigen Mhle zubrachte. Man htte denken sollen, die Hhe
des Gestells wre doch wenigstens auf einen Heuwagen berechnet
gewesen. Wie dem aber auch sei, das Fuhrwerk war so unmig obenauf
bepackt, Kistchen und Schachteln pyramidalisch bereinander getrmt,
dass die Rinne dem weiteren Fortkommen ein unberwindliches Hindernis
entgegensetzte.

Hier ging nun erst das Fluchen und Schelten der Postillione los, die
sich um so viel Zeit aufgehalten sahen; wir aber erboten uns
freundlich, halfen abpacken und an der anderen Seite des trufelnden
Schlagbaums wieder aufpacken. Die junge, gute, nach und nach
entschchterte Frau wusste nicht, wie sie sich dankbar genug benehmen
sollte; zugleich aber wuchs ihre Hoffnung auf uns immer mehr und
mehr. Sie schrieb den Namen ihres Mannes und bat instndig, da wir
doch frher als sie nach Trier kommen mssten, ob wir nicht am Tor
den Aufenthalt des Gatten schriftlich niederzulegen geneigt wren?
Bei dem besten Willen verzweifelten wir an dem Erfolg wegen Gre der
Stadt, sie aber lie nicht von ihrer Hoffnung.

In Trier angelangt, fanden wir die Stadt von Truppen berlegt, von
allerlei Fuhrwerk berfahren, nirgends ein Unterkommen; die Wagen
hielten auf den Pltzen, die Menschen irrten auf den Straen; das
Quartieramt, von allen Seiten bestrmt, wusste kaum Rat zu schaffen.
Ein solches Gewirr jedoch ist wie eine Art Lotterie, der Glckliche
zeiht irgendeinen Gewinn; und so begegnete mir Leutnant von Fritsch
von des Herzogs Regiment und brachte mich, nach freundlichstem
Begren, zu einem Kanonikus, dessen groes Haus und weitlufiges
Gehft mich und meine kompendise Equipage freundlich und bequemlich
aufnahm, wo ich denn sogleich einer genugsamen Erholung pflegte.
Gedachter junge militrische Freund, von Kindheit auf mir bekannt
und empfohlen, war mit einem kleinen Kommando in Trier zu verweilen
beordert, um fr die zurckgelassenen Kranken zu sorgen, die
nachziehenden Maroden, versptete Bagagewagen und dergleichen
aufzunehmen und sie weiter zu befrdern; wobei denn auch mir seine
Gegenwart zugute kam, ob er gleich nicht gern im Rcken der Armee
verweilte, wo fr ihn, als einen jungen strebenden Mann, wenig Glck
zu hoffen war.

Mein Diener hatte kaum das Notwendigste ausgepackt, als er sich in
der Stadt umzusehen Urlaub erbat; spt kam er wieder, und des anderen
Morgens trieb eine gleiche Unruhe ihn aus dem Haus. Mir war diese
seltsame Benehmen unerklrlich, bis das Rtsel sich lste: die
schnen Franzsinnen hatten ihn nicht ohne Anteil gelassen, er sprte
sorgfltig und hatte das Glck, sie auf dem groen Platz, mitten
unter hundert Wagen haltend, an der Schachtelpyramide zu erkennen,
ohne jedoch ihren Gemahl aufgefunden zu haben.

Auf dem Weg von Trier nach Luxemburg erfreute mich bald das Monument
in der Nhe von Igel. Da mir bekannt war, wie glcklich die Alten
ihre Gebude und Denkmler zu setzen wussten, warf ich in Gedanken
sogleich die smtlichen Dorfhtten weg, und nun stand es an dem
wrdigsten Platz. Die Mosel fliet unmittelbar vorbei, mit welcher
sich gegenber ein ansehnliches Wasser, die Saar, verbindet; die
Krmmung der Gewsser, das Auf- und Absteigen des Erdreichs, eine
ppige Vegetation geben der Stelle Lieblichkeit und Wrde.

Das Monument selbst knnte man einen architektonisch-plastisch
verzierten Obelisk nennen. Er steigt in verschiedenen, knstlerisch
bereinander gestellten Stockwerken in die Hhe, bis er sich zuletzt
in einer Spitze endigt, die mit Schuppen ziegelartig verziert ist und
mit Kugel, Schlange und Adler in der Luft sich abschloss.

Mge irgendein Ingenieur, welchen die gegenwrtigen Kriegslufe in
diese Gegend fhren und vielleicht eine Zeitlang festhalten, sich die
Mhe nicht verdrieen lassen, das Denkmal auszumessen, und, insofern
er Zeichner ist, auch die Figuren der vier Seiten, wie sie noch
kenntlich sind, uns berliefern und erhalten!

Wie viel traurige bildlose Obelisken sah ich nicht zu meiner Zeit
erreichten, ohne dass irgendjemand an jenes Monument gedacht htte!
Es ist freilich schon aus einer sptern Zeit, aber man sieht immer
noch die Lust und Liebe, seine persnliche Gegenwart mit aller
Umgebung und den Zeugnissen von Ttigkeit sinnlich auf die Nachwelt
zu bringen. Hier stehen Eltern und Kinder gegeneinander, man schmaust
im Familienkreis; aber damit der Beschauer auch wisse, woher die
Wohlhbigkeit komme, ziehen beladene Saumrosse einher, Gewerb' und
Handel wird auf mancherlei Weise vorgestellt. Denn eigentlich sind es
Kriegskommissarien, die sich und den Ihrigen dies Monument
errichteten, zum Zeugnis, dass damals wie jetzt an solcher Stelle
genugsamer Wohlstand zu erringen sei.

Man hatte diesen ganzen Spitzbau aus tchtigen Sandquadern roh
bereinander getrmt und alsdann, wie aus einem Felsen, die
architektonisch-plastischen Gebilde herausgehauen. Die so manchem
Jahrhunderte widerstehende Dauer dieses Monuments mag sich wohl aus
einer so grndlichen Anlage herschreiben.

       *       *       *       *       *

Diesen angenehmen und furchtbaren Gedanken konnte ich mich nicht
lange hingeben: denn ganz nahe dabei, in Grevenmachern, war mir das
modernste Schauspiel bereitet. Hier fand ich das Korps Emigrierte,
das aus lauter Edelleuten, meist Ludwigsrittern, bestand. Sie hatten
weder Diener noch Reitknechte, sondern besorgten sich selbst und ihr
Pferd. Gar manchen hab' ich zur Trnke fhren, vor der Schmiede
halten sehen. Was aber den sonderbarsten Kontrast mit diesem
demtigen Beginnen hervorrief, war ein groer, mit Kutschen und
Reisewagen aller Art berladener Wiesenraum. Sie waren mit Frau und
Liebchen, Kindern und Verwandten zu gleicher Zeit eingerckt, als
wenn sie den innern Widerspruch ihres gegenwrtigen Zustandes recht
wollten zur Schau tragen.

Da ich einige Stunden hier unter freiem Himmel auf Postpferde warten
musste, konnt' ich noch eine andere Bemerkung machen. Ich sa vor dem
Fenster des Posthauses, unfern von der Stelle, wo das Kstchen stand,
in dessen Einschnitt man die unfrankierten Briefe zu werfen pflegt.
Einen hnlichen Zudrang hab' ich nie gesehen: zu Hunderten wurden sie
in die Ritze gesenkt. Das grenzenlose Bestreben, wie man mit Leib,
Seel' und Geist in sein Vaterland durch die Lcke des durchbrochenen
Dammes wieder einzustrmen begehre, war nicht lebhafter und
aufdringlicher vorzubilden.

Vor Langeweile und aus Lust, Geheimnisse zu entwickeln oder zu
supplieren, dacht' ich mir, was in dieser Briefmenge wohl enthalten
sein mchte? Da glaubt' ich denn eine Liebende zu spren, die mit
Leidenschaft und Schmerz die Qual des Entbehrens in solcher Trennung
heftigst ausdrckte; einen Freund, der von dem Freund in der
uersten Not einiges Geld verlangte; ausgetriebene Frauen mit
Kindern und Dienstanhang, deren Kasse bis auf wenige Geldstcke
zusammengeschmolzen war; feurige Anhnger der Prinzen, die, das Beste
hoffend, sich einander Lust und Mut zusprachen; andere, die schon das
Unheil in der Ferne witterten und sich ber den bevorstehenden
Verlust ihrer Gter jammervoll beschwerten -- und ich denke, nicht
ungeschickt geraten zu haben.

ber manches klrte der Postmeister mich auf, der, um meine Ungeduld
nach Pferden zu beschwichtigen, mich vorstzlich zu unterhalten
suchte. Er zeigte mir verschiedene Briefe mit Stempeln aus entfernten
Gegenden, die nun den Vorgerckten und Vorrckenden nachirren
sollten. Frankreich sei an allen seinen Grenzen mit solchen
Unglcklichen umlagert, von Antwerpen bis Nizza; dagegen stnden
ebenso die franzsischen Heere zur Verteidigung und zum Ausfall
bereit. Er sagte manches Bedenkliche; ihm schien der Zustand der
Dinge wenigstens sehr zweifelhaft.

Da ich mich nicht so wtend erwies wie andere, die nach Frankreich
hineinstrmten, hielt er mich blad fr einen Republikaner und zeigte
mehr Vertrauen; er lie mich die Unbilden bedenken, welche die
Preuen von Wetter und Weg ber Koblenz und Trier erlitten, und
machte eine schauderhafte Beschreibung, wie ich das Lager in der
Gegend von Longwy finden wrde; von allem war er gut unterrichtet und
schien nicht abgeneigt, andere zu unterrichten. Zuletzt suchte er
mich aufmerksam zu machen, wie die Preuen beim Einmarsch ruhige und
schuldlose Drfer geplndert, es sei nun durch die Truppen geschehen
oder durch Packknechte und Nachzgler; zum Schein habe man's
bestraft, aber die Menschen im Innersten gegen sich aufgebracht.

Da musste mir denn jener General des Dreiigjhrigen Kriegs
einfallen, welcher, als man sich ber das feindselige Betragen seiner
Truppen in Freundesland hchlich beschwerte, die Antwort gab: "Ich
kann meine Armee nicht im Sack transportieren," berhaupt aber konnte
ich bemerken, dass unser Rcken nicht sehr gesichert sei.

Longwy, dessen Eroberung mir schon unterwegs triumphierend verkndigt
war, lie ich auf meiner Fahrt rechts in einiger Ferne und gelangte
den 27. August nachmittags gegen das Lager von Praucourt. Auf einer
Flche geschlagen, war es zu bersehen, aber dort anzulangen nicht
ohne Schwierigkeit. Ein feuchter, aufgewhlter Boden war Pferden und
Wagen hinderlich; daneben fiel es auf, dass man weder Wachen noch
Posten noch irgendjemand antraf, der sich nach den Pssen erkundigt
und bei dem man dagegen wieder einige Erkundigung htte einziehen
knnen. Wir fuhren durch eine Zeltwste, denn alles hatte sich
verkrochen, um vor dem schrecklichen Wetter kmmerlichen Schutz zu
finden. Nur mit Mhe erforschten wir von einigen die Gegend, wo wir
das herzoglich weimarische Regiment finden knnten, erreichten
endlich die Stelle, sahen bekannte Gesichter und wurden von
Leidensgenossen gar freundlich aufgenommen. Kmmerier Wagner und sein
schwarzer Pudel waren die ersten Begrenden; beide erkannten einen
vieljhrigen Lebensgesellen, der abermals eine bedenkliche Epoche mit
durchkmpfen sollte. Zugleich erfuhr ich einen unangenehmen Vorfall:
des Frsten Leibpferd, der Amaranth, war gestern nach einem
grsslichen Schrei niedergestrzt und tot geblieben.

Nun musste ich von der Situation des Lagers noch viel Schlimmeres
gewahren und vernehmen, als der Postmeister mir vorausgesagt. Man
denke sich's auf einer Ebene am Fu eines sanft aufsteigenden Hgels,
an welchem ein von alters her gezogener Graben Wasser von Feldern und
Wiesen abhalten sollte; dieser aber wurde so schnell als mglich
Behlter alles Unrats, aller Abwrflinge: der Abzug stockte,
gewaltige Regengsse durchbrachen nachts den Damm und fhrten das
widerwrtigeste Unheil unter die Zelte. Da ward nun, was die
Fleischer an Eingeweiden, Knochen und sonst beiseite geschafft, in
die ohnehin feuchten und ngstlichen Schlafstellen getragen.

Mir sollte gleichfalls ein zelt eingerumt werden, ich zog aber vor,
mich des Tags ber bei Freunden und Bekannten aufzuhalten und nachts
in dem groen Schlafwagen der Ruhe zu pflegen, dessen Bequemlichkeit
von frheren Zeiten her mir schon bekannt war. Seltsam musste man es
jedoch finden, wie er, obgleich nur etwa dreiig Schritte von den
Zelten entfernt, doch dergestalt unzugnglich bleib, dass ich mich
abends musste hinein und morgens wieder heraus tragen lassen.




Am 28. August.

So wunderlich tagte mir diesmal mein Geburtsfest. Wir setzten uns zu
Pferd und ritten in die eroberte Festung; das wohl gebaute und
befestigte Stdtchen liegt auf einer Anhhe. Meine Absicht war, groe
wollene Decken zu kaufen, und wir verfgten uns sogleich in einen
Kramladen, wo wir Mutter und Tchter hbsch und anmutig fanden. Wir
feilschten nicht viel und zahlten gut und waren so artig, als es
Deutschen ohne Tournre nur mglich ist.

Die Schicksale des Hauses whrend des Bombardements waren hchst
wunderbar. Mehrere Granaten hintereinander fielen in das
Familienzimmer, man flchtete, die Mutter riss ein Kind aus der Wiege
und floh, und in dem Augenblick schlug noch eine Granate gerade durch
die Kissen, wo der Knabe gelegen hatte. Zum Glck war keine der
Granaten gesprungen, sie hatten die Mbel zerschlagen, am Getfel
gesengt, und so war alles ohne weiteren Schaden vorbergegangen; in
den Laden war keine Kugel gekommen.

Dass der Patriotismus derer von Lognwy nicht allzu krftig sein
mochte, sah man daraus, dass die Brgerschaft den Kommandanten sehr
bald gentigt hatte, die Festung zu bergeben; auch hatten wir kaum
einen schritt aus dem Laden getan, als der innere Zwiespalt der
Brger sich uns genugsam verdeutlichte. Knigisch Gesinnte, und also
unsere Freunde, welche die schnell bergabe bewirkt, bedauerten, dass
wir in dieses Warengewlbe zufllig gekommen und dem schlimmsten
aller Jakobiner, der mit seiner ganzen Familie nichts tauge, so viel
schnes Geld zu lsen gegeben. Gleichermaen warnte man uns vor einem
splendiden Gasthof, und zwar so bedenklich, als wenn den Speisen
daselbst nicht ganz zu trauen sein mchte; zugleich deutete man auf
einen geringeren als zuverlssig, wo wir uns denn auch freundlich
aufgenommen und leidlich bewirtet sahen.

Nun saen wir alte Kriegs- und Garnisons-kameraden traulich und
froh wieder neben und gegen einander; es waren die Offiziere des
Regiments, vereint mit des Herzogs Hof-, Haus- und Kanzleigenossen;
man unterhielt sich von dem Nchstvergangenen, wie bedeutend und
bewegt es Anfang Mais in Aschersleben gewesen, als die Regimenter
sich marschfertig zu halten Order bekommen, der Herzog von
Braunschweig und mehrere hohe Personen daselbst Besuch abgestattet,
wobei des Marquis von Bouill als eines bedeutenden und in die
Operationen krftig eingreifenden Fremden zu erwhnen nicht vergessen
wurde. Sobald dem horchenden Gastwirt dieser Name zu Ohren kam,
erkundigte er sich eifrigst, ob wir den Herren kennten? Die meisten
durften es bejahen, wobei er denn viel Respekt bewies und groe
Hoffnung auf die Mitwirkung dieses wrdigen, ttigen Mannes
aussprach, ja es wollte scheinen, als wenn wir von diesem Augenblick
an besser bedient wrden.

Wie wir nun alle hier Versammelten uns mit Leib und Seele einem
Frsten angehrig bekannten, der seit mehreren Regierungsjahren so
groe Vorzge entwickelt und sich nunmehr auch im Kriegshandwerk, dem
er von Jugend auf zugetan gewesen, das er seit geraumer Zeit
getrieben, bewhren sollte, so ward auf sein Wohl und seiner
Angehrigen nach guter deutscher Weise angestoen und getrunken,
besonders aber auf des Prinzen Bernhards Wohl, bei welchem kurz vor
dem Ausmarsch Obristwachtmeister von Weyrach, als Abgeordneter des
Regiments, Gevatter gestanden hatte.

Nun wusste jeder von dem Marsch selbst gar manches zu erzhlen, wie
man, den Harz links lassend, an Goslar vorbei nach Northeim durch
Gttingen gekommen; da hrte man denn von trefflichen und schlechten
Quartieren, burisch-unfreundlichen, gebildet-missmutigen,
hypochondrisch-geflligen Wirten, von Nonnenklstern und mancherlei
Abwechslung des Weges und Wetters. Alsdann war man am stlichen Rand
Westfallens her bis Koblenz gezogen, hatte mancher hbschen Frau zu
gedenken, von seltsamen Geistlichen, unvermutet begegnenden Freunden,
zerbrochenen Rdern, umgeworfenen Wagen buntscheckigen Bericht zu
erstatten.

Von Koblenz aus beklagte man sich ber bergige Gegenden,
beschwerliche Wege und mancherlei Mangel und rckte sodann, nachdem
man sich im Vergangenen kaum zerstreut, dem Wirklichen immer nher;
der Einmarsch nach Frankreich in dem schrecklichsten Wetter ward als
hchst unerfreulich und als wrdiges Vorspiel beschrieben des
Zustandes, den wir, nach dem Lager zurckkehrend, voraussehen
konnten. Jedoch in solcher Gesellschaft ermutigt sich einer am
anderen, und ich besonders beruhigte mich beim Anblick der kstlichen
wollenen Decken, welche der Reitknecht aufgebunden hatte.

Im Lager fand ich abends in dem groen Zelt die beste Gesellschaft;
sie war dort beisammen geblieben, weil man keinen Fu heraussetzen
konnte; alles war gutes Muts und voller Zuversicht. Die schnelle
bergabe von Longwy besttigte die Zusage der Emigrierten, man werde
berall mit offenen Armen aufgenommen sein, und es schien sich dem
groen Vorhaben des revolutionren Frankreichs, durch die Manifeste
des Herzogs von Braunschweig ausgesprochen, zeigten sich ohne
Ausnahme bei Preuen, sterreichern und Emigrierten.

Freilich durfte man nur das wahrhaft bekannt Gewordene erzhlen, so
ging daraus hervor, dass ein Volk, auf solchen Grad verunreinigt,
nicht einmal in Parteien gespalten, sondern im Innersten zerrttet,
in lauter Einzelheiten getrennt, dem hohen Einheitssinn der edel
Verbndeten nicht widerstehen knne.

Auch hatte man schon von Kriegstaten zu erzhlen. Gleich nach dem
Eintritt in Frankreich stieen beim Rekognozieren fnf Eskadronen
Husaren von Wolfrat auf tausend Chasseurs, die von Sedan der unser
Vorrcken beobachten sollten. Die Unsrigen, wohl gefhrt, griffen an,
und da die Gegenseitigen sich tapfer wehrten, auch keinen
Pardonannehmen wollten, gab es ein grulich Gemetzel, worin wir
siegten, Gefangene machten, Pferde, Karabiner und Sbel erbeuteten,
durch welches Vorspiel der kriegerische Geist erhht, Hoffnung und
Zutrauen fester gegrndet wurden.

Am 29. August geschah der Aufbruch aus diesen halberstarrten Erd- und
Wasserwogen, langsam und nicht ohne Beschwerde: denn wie sollte man
Zelte und Gepck, Monturen und sonstiges nur einigermaen reinlich
halten, da sich keine Stelle fand, wo man irgendetwas zurechtlegen
und ausbreiten knnen!

Die Aufmerksamkeit jedoch, welche die hchsten Heerfhrer diesem
Abmarsch zuwendeten, gab uns frisches Vertrauen. Auf das strengste
war alles Fuhrwerk ohne Ausnahme hinter die Kolonne beordert, nur
jeder Regimentschef berechtigt, eine Chaise vor seinem Zug hergehen
zu lassen; da ich denn das Glck hatte, im leichten, offenen
Wgelchen die Hauptarmee fr diesmal anzufhren. Beide Hupter, der
Knig sowohl als der Herzog von Braunschweig, mit ihrem Gefolge
hatten sich da postiert, wo alles an ihnen vorbei musste. Ich sah sie
von weiten, und als wir herankamen, ritten Ihro Majestt an mein
Wglein heran und fragten in Ihro lakonischen Art, wem das Fuhrwerk
gehre? Ich antwortete laut: "Herzog von Weimar!" und wir zogen
vorwrts. Nicht leicht ist jemand von einem vornehmern Visitator
angehalten worden.

Weiterhin jedoch fanden wir den Weg hie und a etwas besser. In einer
wunderlichen Gegend, wo Hgel und Tal miteinander abwechselten, gab
es besonders fr die zu Pferde noch trockene Rume genug, um sich
behaglich vorwrts bewegen zu knnen. Ich warf mich auf das meine,
und so ging es freier und lustiger fort; das Regiment hatte den
Vortritt bei der Armee, wir konnten also immer voraus sein und der
lstigen Bewegung des Ganzen vllig entgehen.

Der Marsch verlie die Hauptstrae, wir kamen ber Arrancy, worauf
uns denn Chatillon l'Abbaye, als erste Kennzeichen der Revolution,
ein verkauftes Kirchengut, in halb abgebrochenen und zerstrten
Mauern zur Seite liegen blieb.

Nun aber sahen wir ber Hgel und Tal des Knigs Majestt sich eilig
zu Pferde bewegend, wie den Kern eines Kometen von einem langen,
schweifartigen Gefolge begleitet. Kaum war jedoch dieses Phnomen mit
Blitzesschnelle vor uns vorbei geschwunden, als ein zweites von einer
andern Seite den Hgel krnte oder das Tal erfllte. Es war der
Herzog von Braunschweig, der Elemente gleicher Art an und nach sich
zog. Wir nun, obgleich mehr zum Beobachten als zum Beurteilen
geneigt, konnten doch der Betrachtung nicht ausweichen, welche von
beiden Gewalten denn eigentlich die obere sei? Welche wohl im
zweifelhaften Falle zu entscheiden habe? Unbeantwortete Fragen, die
uns nur Zweifel und Bedenklichkeiten zurcklieen.

Was nun aber hierbei noch ernsteren Stoff zum Nachdenken gab, war,
dass man beide Heerfhrer so ganz frank und frei in ein Land
hineinreiten sah, wo nicht unwahrscheinlich in jedem Gebsch ein
aufgeregter Todfeind lauern konnte. Doch mussten wir gestehen, dass
gerade das khne persnliche Hingeben von jeher den Sieg errang und
die Herrschaft behauptete.

Bei wolkigem Himmel schien die Sonne sehr hei; das Fuhrwerk in
grundlosem Boden fand ein schweres Fortkommen. Zerbrochene Rder an
Wagen und Kanonen machten gar manchen Aufenthalt, hie und da
ermattete Fseliere, die sich schon nicht mehr fortschleppen konnten.

Man hrte die Kanonade bei Thionville und wnschte jener Seite guten
Erfolg.

Abends erquickten wir uns im Lager bei Pillon. Eine liebliche
Waldwiesenahm uns auf, der Schatten erfrischte schon, zum Kchfeuer
war Gestrpp genug bereit; ein Bach floss vorbei und bildete zwei
klare Bassins, die beide sogleich von Menschen und Tieren sollten
getrbt werden. Das eine gab ich frei, verteidigte das andere mit
Heftigkeit und lie es sogleich mit Pfhlen und Stricken umziehen.
Ohne Lrm gegen die Zudringlichkeiten ging es nicht ab. Da fragte
einer von unsern Reitern den andern, die eben ganz gelassen an ihrem
Zeug putzten: "Wer ist denn der, der sich so mausig macht?" -- "Ich
wei nicht," versetzte der andere, "aber er hat recht."

Also kamen nun Preuen und sterreicher und ein Teil von Frankreich,
auf franzsischem Boden ihr Kriegshandwerk zu treiben. In wessen
Macht und Gewalt taten sie das? Sie konnten es in eignem Namen tun,
der Krieg war ihnen zum Teil erklrt, ihr Bund war kein Geheimnis;
aber nun ward noch ein Vorwand erfunden. Sie traten auf im Namen
Ludwigs XVI., sie requirierten nicht, aber sie borgten gewaltsam. Man
hatte Bons drucken lassen, die der Kommandierende unterzeichnete,
derjenige aber, der sie in Hnden hatte, nach Befund beliebig
ausfllte: Ludwig XVI. sollte bezahlen. Vielleicht hat nach dem
Manifest nichts so sehr das Volk gegen das Knigtum aufgehetzt als
diese Behandlungsart. Ich war selbst bei einer solchen Szene
gegenwrtig, deren ich mich als hchst tragisch erinnere. Mehrere
Schfer mochten ihre Herden vereinigt haben, um sie in Wldern oder
sonst abgelegenen Orten sicher zu verbergen; von ttigen Patrouillen
aber aufgegriffen und zur Armee gefhrt, sahen sie sich zuerst wohl
und freundlich empfangen. Man fragte nach den verschiedenen
Besitzern, man sonderte und zhlte die einzelnen Herden. Sorge und
Frucht, doch mit einiger Hoffnung, schwebte auf den Gesichtern der
tchtigen Mnner. Als sich aber dieses Verfahren dahin auflste, dass
man die Herden unter Regimenter und Kompanien verteilte, den
Besitzern hingegen ganz hflich auf Ludwig XVI. gestellte Papiere
berreichte, indessen ihre wolligen Zglinge von den ungeduldigen,
fleischlustigen Soldaten vor ihren Fen ermordet wurden, so gesteh'
ich wohl: es ist mir nicht leicht eine grausamere Szene und ein
tieferer mnnlicher Schmerz in allen seinen Abstufungen jemals vor
Augen und zur Seele gekommen. Die griechischen Tragdien allein haben
so einfach tief Ergreifendes.




Den 30. August.

Vom heutigen Tag, der uns gegen Verdun bringen sollte, versprachen
wir uns Abenteuer, und sie blieben nicht aus. Der auf- und abwrts
gehende Weg war schon besser getrocknet, das Fuhrwerk zog
ungehinderter dahin, die Reiter bewegten sich leichter und
vergnglich.

Es hatte sich eine muntere Gesellschaft zusammengefunden, die, wohl
beritten, so weit vorging, bis sie einen Zug Husaren antraf, der den
eigentlichen Vortrab der Hauptarmee machte. Der Rittmeister, ein
gesetzter Mann, schon ber die mittleren Jahre, schien unsere Ankunft
nicht gerne zu sehen. Die strengste Aufmerksamkeit war ihm empfohlen:
alles sollte mit Vorsicht geschehen, jede unangenehme Zuflligkeit
klglich beseitigt werden. Er hatte seine Leute kunstmig verteilt,
sie rckten einzeln vor in gewissen Entfernungen, und alles begab
sich in der grten Ordnung und Ruhe. Menschenleer war die Gegend,
die uerste Einsamkeit ahnungsvoll. So waren wir, Hgel auf Hgel
ab, ber Mangiennes, Damvillers, Wawrille und Ormont gekommen, als
auf einer Hhe, die eine schne Aussicht gewhrte, rechts in den
Weinbergen ein Schuss fiel, worauf die Husaren sogleich zufuhren, die
nchste Umgebung zu untersuchen. Sie brachten auch wirklich einen
schwarzhaarigen, brtigen Mann herbei, der ziemlich wild aussah und
bei dem man ein schlechtes Terzerol gefunden hatte. Er sagte trotzig,
dass er die Vgel aus seinem Weinberg verscheuche und niemand etwas
zuleide tue. Der Rittmeister schien, bei stiller berlegung, diesen
Fall mit seinen gemessenen Orders zusammenzuhalten und entlie den
bedrohten Gefangenen mit einigen Hieben, die der Kerl so eilig mit
auf den Weg nahm, dass man ihm seinen Hut mit groem Lustgeschrei
nachwarf, den er aber aufzunehmen keinen Beruf empfand.

Der Zug ging weiter, wir unterhielten uns ber die Vorkommenheiten
und ber manches, was zu erwarten sein mchte. Nun ist zu
bemerken, dass unsere kleine Gesellschaft, wie sie sich den
Husaren aufgedrungen hatte, zufllig zusammengekommen, aus den
verschiedensten Elementen bestand; meistens waren es gradsinnige,
jeder nach seiner Weise dem Augenblick gewidmete Menschen. Einen
jedoch muss ich besonders auszeichnen, einen ernsten, sehr achtbaren
Mann von der Art, wie sie zu jener Zeit unter den preuischen
Kriegsleuten fter vorkamen, mehr sthetisch als philosophisch
gebildet, ernst mit einem gewissen hypochondrischen Zug, still in
sich gekehrt und zum Wohltun mit zarter Leidenschaft aufgelegt.

Als wir so weiter vor uns hinrckten, trafen wir auf eine so seltsame
als angenehme Erscheinung, die eine allgemeine Teilnahme erregte.
Zwei Husaren brachten ein einspnniges zweirdriges Wgelchen
den Berg herauf, und als wir uns erkundigten, was unter der
bergespannten Leinwand wohl befindlich sein mchte, so fand sich
ein Knabe von etwa zwlf Jahren, der das Pferd lenkte, und ein
wunderschnes Mdchen oder Weibchen, das sich aus der Ecke
hervorbeugte, um die vielen Reiter anzusehen, die ihren zweirdrigen
Schirm umzingelten. Niemand blieb ohne Teilnahme, aber die eigentlich
ttige Wirkung fr die Schne mussten wir unserm empfindenden Freund
berlassen, der von dem Augenblick an, als er das bedrftige Fuhrwerk
nher betrachtet, sich zur Rettung unaufhaltsam hingedrngt fhlte.
Wir traten in den Hintergrund; er aber fragte genau nach allen
Umstnden, und es fand sich, dass die junge Person, in Samogneux
wohnhaft, dem bevorstehenden Bedrngnis seitwrts zu entfernteren
Freunden auszuweichen willens, sich eben der Gefahr in den Rachen
geflchtet habe; wie in solchen ngstlichen Fllen der Mensch whnt,
es sei berall besser als da, wo er ist. Einstimmig ward ihr nun auf
das freundlichste begreiflich gemacht, dass sie zurckkehren msse.
Auch unser Anfhrer, der Rittmeister, der zuerst eine Spionerei hier
wittern wollte, lie sich endlich durch die herzliche Rhetorik des
sittlichen Mannes berreden, der sie denn auch, zwei Husaren an der
Seite, bis an ihren Wohnort einigermaen getrstet zurckgebrachte,
woselbst sie uns, die wir in bester Ordnung und Mannszucht bald
nachher durchzogen, auf einem Muerchen unter den Ihrigen stehend,
freundlich und, weil das erste Abenteuer so gut gelungen war,
hoffnungsvoll begrte.

Es gibt dergleichen Pausen mitten in den Kriegszgen, wo man durch
augenblickliche Mannszucht sich Kredit zu verschaffen sucht und eine
Art von gesetzlichem Frieden mitten in der Verwirrung beordert. Diese
Momente sind kstlich fr Brger und Bauern und fr jeden, dem das
dauernde Kriegsunheil noch nicht allen Glauben an Menschlichkeit
geraubt hat.

Ein Lager diesseits Verdun wird aufgeschlagen, und man zhlt auf
einige Tage Rast.

Den 31. morgens war ich im Schlafwagen, gewiss der trockensten,
wrmsten und erfreulichsten Lagersttte, halb erwacht, als ich etwas
an den Ledervorhngen ruaschen hrte und bei Erffnung derselben den
Herzog von Weimar erblickte, der mir einen unerwarteten Fremden
vorstellte. Ich erkannte sogleich den abenteuerlichen Grothaus,
der, seine Parteigngerrolle auch hier zu spielen nicht abgeneigt,
angelangt war, um den bedenklichen Auftrag der Aufforderung Verduns
zu bernehmen. In Gefolg dessen war er gekommen, unsern frstlichen
Anfhrer um einen Stabstrompeter zu ersuchen, welcher, einer solchen
besondern Auszeichnung sich erfreuend, alsobald zu dem Geschft
beordert wurde. Wir begrten uns, alter Wunderlichkeiten eingedenk,
auf das heiterste, und Grothaus eilte zu seinem Geschft; worber
denn, als es vollbracht war, gar mancher Scherz getrieben wurde. Man
erzhlte sich, wie er, den Trompeter voraus, den Husaren hinterdrein,
die Fahrstrae hinab geritten, die Verduner aber als Sansculotten,
das Vlkerrecht nicht kennend oder verachtend, auf ihn kanoniert;
wie er ein weies Schnupftuch an die Trompete befestigt und immer
heftiger zu blasen befohlen; wie er, von einem Kommando eingeholt und
mit verbundenen Augen allein in die Festung gefhrt, alldort schne
Reden gehalten, aber nichts bewirkt -- und was dergleichen mehr war,
wodurch man denn nach Weltart den geleisteten Dienst zu verkleinern
und dem Unternehmenden die Ehre zu verkmmern wusste.

Als nun die Festung, wie natrlich, auf die erste Forderung, sich zu
ergeben, abgeschlagen, musste man mit Anstalten zum Bombardement
vorschreiten. Der Tag ging hin, indessen besorgt' ich noch ein
kleines Geschft, dessen gute Folgen sich mir bis auf den heutigen
Tag erstrecken. In Mainz hatte mich Herr von Stein mit dem
Jgerischen Atlas versorgt, welcher den gegenwrtigen, hoffentlich
auch den nchstknftigen Kriegsschauplatz in mehreren Blttern
darstellte. Ich nahm das eine hervor, das achtundvierzigste, in
dessen Bezirk ich bei Longwy herein getreten war, und da unter des
Herzogs Leuten sich gerade ein Boler befand, so ward es zerschnitten
und aufgezogen und dient mir noch zur Wiedererinnerung jener fr die
Welt und mich so bedeutenden Tage.

Nach solchen Vorbereitungen zum knftigen Nutzen und augenblicklicher
Bequemlichkeit sah ich mich um auf der Wiese, wo wir lagerten und von
wo sich die Zelte bis auf die Hgel erstreckten. Auf dem groen,
grnen, ausgebreiteten Teppich zog ein wunderliches Schauspiel meine
Aufmerksamkeit an sich: eine Anzahl Soldaten hatten sich in einen
Kreis gesetzt und hantierten etwas innerhalb desselben. Bei nherer
Untersuchung fand ich sie um einen trichterfrmigen Erdfall gelagert,
der, von dem reinsten Quellwasser gefllt, oben etwa dreiig Fu im
Durchmesser haben konnte. Nun waren es unzhlige kleine Fischchen,
nach denen die Kriegsleute angelten, wozu sie das Gert neben ihrem
brigen Gepck mitgebracht hatten. Das Wasser war das klarste von der
Welt, und die Jagd lustig genug anzusehen. Ich hatte jedoch nicht
lange diesem Spiel zugeschaut, als ich bemerkte, dass die Fischlein,
indem sie sich bewegten, verschiedene Farben spielten. Im ersten
Augenblick hielt ich diese Erscheinung fr Wechselfarben der
beweglichen Krperchen, doch blad erffnete sich mir eine willkommene
Aufklrung. Eine Scherbe Steingut war in den Trichter gefallen.
Welche mir aus der Tiefe herauf die schnsten prismatischen Farben
gewhrte. Heller als der Grund, dem Auge entgegen gehoben, zeigte sie
an dem von mir abstehenden Rand die Blau- und Violettfarbe, an dem
mir zugekehrten Rande dagegen die rote und gelbe. Als ich mich darauf
um die Quelle ringsum bewegte, folgte mir, wie natrlich bei einem
solchen subjektiven Versuche, das Phnomen, und die Farben
erschienen, bezglich auf mich, immer dieselbigen.

Leidenschaftlich ohnehin mit diesen Gegenstnden beschftigt, machte
mir's die grte Freude, dasjenige hier unter freiem Himmel so frisch
und natrlich zu sehen, weshalb sich die Lehrer der Physik schon fast
hundert Jahre mit ihren Schlern in eine dunkle Kammer einzusperren
pflegten. Ich verschaffte mir noch einige Scherbenstcke, die ich
hineinwarf, und konnte gar wohl bemerken, dass die Erscheinung unter
der Oberflche des Wassers sehr bald anfing, beim Hinabsinken immer
zunahm, und zuletzt ein kleiner weier Krper, ganz berfrbt, in
Gestalt eines Flmmchens am Boden anlangte. Dabei erinnerte ich mich,
dass Agricola schon dieser Erscheinung gedacht und sie unter die
feurigen Phnomene zu rechnen sich bewogen gesehen.

Nach Tisch ritten wir auf den Hgel, der unseren Zelten die Ansicht
von Verdun verbarg. Wir fanden die Lage der Stadt als einer solchen
sehr angenehm, von Wiesen, Grten umgeben, in einer heitern Flche,
von der Maas in mehreren sten durchstrmt, zwischen nheren und
ferneren Hgeln; als Festung freilich einem Bombardement von allen
Seiten ausgesetzt. Der Nachmittag ging hin mit Errichtung der
Batterien, da die Stadt sich zu ergeben geweigert hatte. Mit guten
Fernglsern beschauten wir indessen die Stadt und konnten ganz genau
erkennen, was auf dem gegen uns gekehrten Wall vorging: mancherlei
Volk, das sich hin und her bewegte und besonders an einem Fleck sehr
ttig zu sein schien.

Um Mitternacht fing das Bombardement an, sowohl von der Batterie auf
unserm rechten Ufer als von einer andern auf dem linken, welche,
nher gelegen und mit Brandraketen spielend, die strkste Wirkung
hervorbrachte. Diese geschwnzten Feuermeteore musste man denn ganz
gelassen durch die Luft fahren und bald darauf ein Stadtquartier in
Flammen sehen. Unsere Fernglser, dorthin gerichtet, gestatteten
uns, auch dieses Unheil im einzelnen zu betrachten; wir konnten
die Menschen erkennen, die sich oben auf den Mauern dem Brand
Einhalt zu tun eifrig bemhten, wir konnten die frei stehenden,
zusammenstrzenden Gesparre bemerken und unterscheiden. Dieses alles
geschah in Gesellschaft von Bekannten und Unbekannten, wobei es
unsgliche, oft widersprechende Bemerkungen gab und gar verschiedene
Gesinnungen geuert wurden. Ich war in eine Batterie getreten, die
eben gewaltsam arbeitete, allein der frchterlich drhnende Klang
abgefeuerter Haubitzen fiel meinem friedlichen Ohr unertrglich: ich
musste mich bald entfernen. Da traf ich auf den Frsten Reu den XI.,
der mir immer ein freundlicher, gndiger Herr gewesen. Wir gingen
hinter Weinbergsmauern hin und her, durch sie geschtzt vor den
Kugeln, welche heraus zu senden die Belagerten nicht faul waren.
Nach mancherlei politischen Gesprchen, die uns denn freilich nur in
ein Labyrinth von Hoffnungen und Sorgen verwickelten, fragte mich
der Frst, womit ich mich gegenwrtig beschftige, und war sehr
verwundert, als ich, anstatt von Tragdien und Romanen zu vermelden,
aufgeregt durch die heutige Refraktionserscheinung, von der
Farbenlehre mit groer Lebhaftigkeit zu sprechen begann. Denn es
ging mir mit diesen Entwickelungen natrlicher Phnomene wie mit
Gedichten: ich machte sie nicht, sondern sie machten mich. Das einmal
erregte Interesse behauptete sein Recht, die Produktion ging ihren
Gang, ohne sich durch Kanonenkugeln und Feuerballen im mindesten
stren zu lassen. Der Frst verlangte, dass ich ihm fasslich machen
sollte, wie ich in dieses Feld geraten? Hier gereichte mir nun der
heutige Fall zu besonderem Nutzen und Frommen.

Bei einem solchen Mann bedurft' es nicht vieler Worte, um ihn zu
berzeugen, dass ein Naturfreund, der sein Leben gewhnlich im
Freien, es sei nun im Garten, auf der Jagd, reisend oder durch
Feldzge durchfhrt, Gelegenheit und Mue genug finde, die Natur im
groen zu betrachten und sich mit den Phnomenen aller Art bekannt zu
machen. Nun bieten aber atmosphrische Luft, Dnste, Regen, Wasser
und Erde uns immerfort abwechselnde Farberscheinungen, und zwar unter
so verschiedenen Bedingungen und Umstnden, dass man wnschen msse,
solche bestimmter kennen zu lernen, sie zu sondern, unter gewisse
Rubriken zu bringen, ihre nhere und fernere Verwandtschaft
auszuforschen. Hierdurch gewinne man nun in jedem Fach neue
Ansichten, unterschieden von der Lehre der Schule und von gedruckten
berlieferungen. Unsere Altvter htten, begabt mit groer
Sinnlichkeit, vortrefflich gesehen, jedoch ihre Beobachtungen nicht
fort- und durchgesetzt; am wenigsten sei ihnen gelungen, die
Phnomene wohl zu ordnen und unter die rechten Rubriken zu bringen.

Dergleichen war abgehandelt, als wir den feuchten Rasen hin und her
gingen; ich setze, aufgeregt durch Fragen und Einreden, meine Lehre
fort, als die Klte des einbrechenden Morgens uns an ein Biwak der
sterreicher trieb, welches, die ganze Nacht unterhalten, einen
ungeheueren wohlttigen Kohlenkreis darbot. Eingenommen von meiner
Sache, mit der ich mich erst seit zwei Jahren beschftigte und die
also noch in einer frischen, unreifen Grung begriffen war, htte ich
kaum wissen knnen, ob der Frst mir auch zugehrt, wenn er nicht
einsichtige Worte dazwischen gesprochen und zum Schluss meinen
Vortrag wieder aufgenommen und beifllige Aufmunterung gegnnt htte.

Wie ich denn immer bemerkt habe, dass mit Geschfts- und Weltleuten,
die sich gar vielerlei aus dem Stegreif mssen vortragen lassen und
deshalb immer auf ihrer Hut sind, um nicht hintergangen zu werden,
viel besser auch in wissenschaftlichen Dingen zu handeln ist, weil
sie den Geist frei halten und dem Referenten aufpassen, ohne weiteres
Interesse als eigene Aufklrungen; da Gelehrte hingegen gewhnlich
nichts hren, als was sie gelernt und gelehrt haben und worber
sie mit ihresgleichen bereingekommen sind. In die Stelle des
Gegenstandes setzt sich ein Wort-Kredo, bei welchem denn so gut zu
verharren ist als bei irgendeinem andern.

Der Morgen war frisch, aber trocken; wir gingen, teils gebraten,
teils erstarrt, wieder auf und ab und shaen an den Weinbergsmauern
sich auf einmal etwas regen. Es war ein Pikett Jger, das die Nacht
da zugebracht hatte, nun aber Bchse und Tornister wieder aufnahm,
hinab in die niedergebrannten Vorstdte zog, um von da aus die Wlle
zu beunruhigen. Einem wahrscheinlichen Tod entgegengehend, sangen
sie sehr libertine Lieder, in dieser Lage vielleicht verzeihbar.

Kaum verlieen sie die Sttte, als ich auf der Mauer, an der sie
geruht, ein sehr auffallendes geologisches Phnomen zu bemerken
glaubte: ich sah auf dem von Kalkstein errichteten weien Muerchen
ein Gesims von hellgrnen Steinen vllig von der Farbe des Jaspis
und war hchlich betroffen, wie mitten in diesen Kalkflzen eine so
merkwrdige Steinart in solcher Menge sich sollte gefunden haben.
Auf die eigenste Weise ward ich jedoch entzaubert, als ich, auf
das Gespenst losgehend, sogleich bemerkte, dass es das Innere von
verschimmeltem Brot sei, das, den Jgern ungeniebar, mit gutem Humor
ausgeschnitten und zu Verzierung der Mauer ausgebreitet worden.

Hier gab es nun sogleich Gelegenheit, von der, seitdem wir in
Feindesland eingetreten, immer wieder zur Sprache kommenden
Vergiftung zu reden; welche freilich ein kriegendes Heer mit
panischem Schrecken erfllt, indem nicht allein jede vom Wirt
angebotene Speise, sondern auch das selbstgebackene Brot verdchtig
wird, dessen innerer, schnell sich entwickelnder Schimmel ganz
natrlichen Ursachen zuzuschreiben ist.

Es war den 1. September frh um acht Uhr, als das Bombardement
aufhrte, ob man gleich noch immerfort Kugeln hinber und
herber wechselte. Besonders hatten die belagerten einen
Vierundzwanzig-Pfnder gegen uns gekehrt, dessen sparsame Schsse
sie mehr zum Scherz als Ernst verwendeten.

Auf der freien Hhe zur Seite der Weinberge, grad' im Angesicht
dieses grbsten Geschtzes, waren zwei Husaren zu Pferd aufgestellt,
um Stadt und Zwischenraum aufmerksam zu beobachten. Diese blieben die
Zeit ihrer Postierung ber unangefochten. Weil aber bei der Ablsung
sich nicht allein die Zahl der Mannschaft vermehrte, sondern auch
manche Zuschauer grad' in diesem Augenblick herbeiliefen und ein
tchtiger Klump Menschen zusammenkam, so hielten jene ihre Ladung
bereit. Ich stand in diesem Augenblick mit dem Rcken dem ungefhr
hundert Schritt entfernten Husaren- und Volkstrupp zugekehrt, mich
mit einem Freund besprechend, als auf einmal der grimmige,
pfeifend-schmetternde Ton hinter mir hersauste, so dass ich mich auf
dem Absatz herumdrehte, ohne sagen zu knnen, ob der Ton, die bewegte
Luft, eine innere psychische, sittliche Anregung dieses Umkehren
hervorgebracht. Ich sah die Kugel, weit hinter der auseinander
gestobenen Menge, noch durch einige Zune rikoschettieren. Mit groem
Geschrei lief man ihr nach, als sie aufgehrt hatte, furchtbar zu
sein; niemand war getroffen, und die Glcklichen, die sich dieser
runden Eisenmasse bemchtigt, trugen sie im Triumph umher.

Gegen Mittag wurde die Stadt zum zweiten Mal aufgefordert und erbat
sich vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit. Diese nutzten auch wir, uns
etwas bequemer einzurichten, um zu proviantieren, die Gegend umher
zu bereiten, wobei ich denn nicht unterlie, mehrmals zu der
unterrichtenden Quelle zurckzukehren, wo ich meine Beobachtungen
ruhiger und besonnener anstellen konnte; denn das Wasser war rein
ausgefischt und hatte sich vollkommen klar und ruhig gesetzt, um das
Spiel der niedersinkenden Flmmchen nach Lust zu wiederholen, und ich
befand mich in der angenehmsten Gemtsstimmung. Einige Unglcksflle
versetzten uns wieder bald in Kriegszustand.

Ein Offizier von der Artillerie suchte sein Pferd zu trnken, der
Wassermangel in der Gegend war allgemein; meine Quelle, an der er
vorbei ritt, lag nicht flach genug, er begab sich nach der nahe
flieenden Maas, wo er an einem abhngigen Ufer versank: das Pferd
hatte sich gerettet, ihn trug man tot vorbei.

Kurz darauf sah und hrte man eine starke Explosion im
sterreichischen Lager, an dem Hgel, zu dem wir hinaufsehen konnten;
Knall und Dampf wiederholte sich einige Mal. Bei einer Bombenfllung
war durch Unvorsichtigkeit Feuer entstanden, das hchste Gefahr
drohte; es teilte sich schon gefllten Bomben mit, und man hatte zu
frchten, der ganze Vorrat mcht ein die Luft gehen. Bald aber war
die Sorge gestillt durch rhmliche Tat kaiserlicher Soldaten, welche,
die bedrohende Gefahr verachtend, Pulver und gefllte Bomben aus dem
Zeltraum eilig hinaustrugen.

So ging auch dieser Tag hin. Am andern Morgen ergab sich die Stadt
und ward in Besitz genommen; sogleich aber sollte uns ein
republikanischer Charakterzug begegnen. Der Kommandant Beaurepaire,
bedrngt von der bedrngten Brgerschaft, die bei fortdauerndem
Bombardement ihre ganze Stadt verbrannt und zerstrt sah, konnte die
bergabe nicht lnger verweigern; als er aber auf dem Rathaus in
voller Sitzung seine Zustimmung gegeben hatte, zog er ein Pistole
hervor und erschoss sich, um abermals ein Beispiel hchster
patriotischer Aufopferung darzustellen.

Nach dieser so schnellen Eroberung von Verdun zweifelte niemand mehr,
dass wir bald darber hinausgelangen und in Chalons und Epernay uns
von den bisherigen Leiden an gutem Weine bestens erholen sollten. Ich
lie daher ungesumt die Jgerischen Karten, welche den Weg nach
Paris bezeichneten, zerschneiden und sorgfltig aufziehen, auch auf
die Rckseite weies Papier kleben, wie ich es schon bei der ersten
getan, um kurze Tagesbemerkungen flchtig aufzuzeichnen.




Den 3. September.

Frh hatte sich eine Gesellschaft zusammengefunden, nach der Stadt zu
reiten, an die ich mich anschloss. Wir fanden gleich beim Eintritt
groe frhere Anstalten, die auf einen lngeren Widerstand
hindeuteten: das Straenpflaster war in der Mitte durchaus aufgehoben
und gegen die Huser angehuft; das feuchte Wetter machte deshalb
das Umherwandeln nicht erfreulich. Wir besuchten aber sogleich die
namentlich gerhmten Lden, wo der beste Likr aller Art zu haben
war. Wir probierten ihn durch und versorgten uns mit mancherlei
Sorten. Unter andern war einer namens Baume humain, welcher, weniger
s, aber strker, ganz besonders erquickte. Auch die Drageen,
berzuckerte kleine Gewrzkrner in saubern, zylindrischen Deuten,
wurden nicht abgewiesen. Bei so vielem Guten gedachte man nun der
lieben Zurckgelassenen, denen dergleichen am friedlichen Ufer der
Ilm gar wohl behagen mchte. Kistchen wurden gepackt; gefllige,
wohlwollende Kuriere, das bisherige Kriegsglck in Deutschland zu
melden beauftragt, waren geneigt, sich mit einigem Gepck dieser Art
zu belasten, wodurch sich denn die Freundinnen zu Hause in hchster
Beruhigung berzeugen mochten, dass wir in einem Land wallfahrteten,
wo Geist und Sigkeit niemals ausgehen drfen.

Als wir nun darauf die teilweise verletzte und verwstete Stadt
beschauten, waren wir veranlasst, die Bemerkung zu wiederholen: dass
bei solchem Unglck, welches der Mensch dem Menschen bereitet, wie
bei dem, was die Natur uns zuschickt, einzelne Flle vorkommen, die
auf eine Schickung, eine gnstige Vorsehung hinzudeuten scheinen. Der
untere Stock eines Eckhauses auf dem Markt lie einen von vielen
Fenstern wohl erleuchteten Fayence-Laden sehen; man machte uns
aufmerksam, dass eine Bombe, von dem Platz aufschlagend, an den
schwachen steinernen Trpfosten des Ladens gefahren, von demselben
aber wieder abgewiesen, andere Richtung genommen habe. Der Trpfosten
war wirklich beschdigt, aber er hatte die Pflicht eines guten
Vorfechters getan: die Glanzflle des oberflchlichen Porzellans
stand in widerspiegelnder Herrlichkeit hinter den wasserhellen, wohl
geputzten Fenstern.

Mittags am Wirtstisch wurden wir mit guten Schpsenkeulen und Wein
von Bar traktiert, den man, weil er nicht verfahren werden kann, im
Land selbst aufsuchen und genieen muss. Nun ist aber an solchen
Tischen Sitte, dass man wohl Lffel, jedoch weder Messer noch Gabel
erhlt, die man daher mitbringen muss. Von dieser Landesart
unterrichtet, hatten wir schon solche Bestecke angeschafft, die man
dort flach und zierlich gearbeitet zu kaufen findet. Muntere,
resolute Mdchen warteten auf, nach derselben Art und Weise, wie sie
vor einigen Tagen ihrer Garnison noch aufgewartet hatten.

Bei der Besitznehmung von Verdun ereignete sich jedoch ein Fall, der,
obgleich nur einzeln, groes Aufsehen erregte und allgemeine
Teilnahme heran rief. Die Preuen zogen ein, und es fiel aus der
franzsischen Volksmasse ein Flintenschuss, der niemand verletzte,
dessen Wagestck aber ein franzsischer Grenadier nicht verleugnen
konnte und wollte. Auf der Hauptwache, wohin er gebracht wurde, hab'
ich ihn selbst gesehen: es war ein sehr schner, wohl gebildeter,
junger Mann, festen Blicks und ruhigen Betragens. Bis sein Schicksal
entschieden wre, hielt man ihn lsslich. Zunchst an der Wache war
eine Brcke, unter der ein Arm der Maas durchzog; er setzte sich aufs
Muerchen, blieb eine Zeitlang ruhig, dann berschlug er sich
rckwrts in die Tiefe und ward nur tot aus dem Wasser herausgebracht.

Diese zweite heroische, ahnungsvolle Tat erregte leidenschaftlichen
Hass bei den frisch Eingewanderten, und ich hrte sonst verstndige
Personen behaupten, man mchte weder diesem noch dem Kommandanten
ein ehrlich Begrbnis gestatten. Freilich hatte man sich andere
Gesinnungen versprochen, und noch sah man nicht die geringste
Bewegung unter den frnkischen Truppen, zu uns berzugehen.

Grere Heiterkeit verbreitete jedoch die Erzhlung, wie der Knig in
Verdun aufgenommen worden: vierzehn der schnsten, wohl erzogensten
Frauenzimmer hatten Ihro Majestt mit angenehmen Reden, Blumen und
Frchten bewillkommnt. Seine Vertrautesten jedoch rieten ihm ab, vom
Genuss Vergiftung befrchtend; aber der gromtige Monarch verfehlte
nicht, diese wnschenswerten Gaben mit galanter Wendung anzunehmen
und sie zutraulich zu kosten. Diese reizenden Kinder schienen auch
unseren jungen Offizieren einiges Vertrauen eingeflt zu haben;
gewiss, diejenigen, die das Glck gehabt, dem Ball beizuwohnen,
konnten nicht genug von Liebenswrdigkeit, Anmut und gutem Betragen
sprechen und rhmen.

Aber auch fr solidere Gensse war gesorgt: denn, wie man gehofft und
vermutet hatte, fanden sich die besten und reichlichsten Vorrte in
der Festung, und man eilte, vielleicht nur zu sehr, sich daran zu
erholen. Ich konnte gar wohl bemerken, dass man mit geruchertem
Speck und Fleisch, mit Reis und Linsen und andern guten und
notwendigen Dingen nicht haushltisch genug verfahre, welches in
unserer Lage bedenklich schien. Lustig dagegen war die Art, wie ein
Zeughaus, oder Waffensammlung aller Art, ganz gelassen geplndert
ward. In ein Kloster hatte man allerlei Gewehre, mehr alte als neue,
und mancherlei seltsame Dinge gebracht, womit der Mensch, der sich zu
wehren Lust hat, den Gegner abhlt oder wohl gar erlegt.

Mit jener sanften Plnderung aber verhielt es sich folgendermaen:
als nach eingenommener Stadt die hohen Militrpersonen sich von
den Vorrten aller Art zu berzeugen gedachten, begaben sie sich
ebenfalls in diese Waffensammlung, und indem sie solche fr das
allgemeine Kriegsbedrfnis in Anspruch nahmen, fanden sie manches
Besondere, welches dem einzelnen zu besitzen nicht unangenehm wre,
und niemand war leicht mit Musterung dieser Waffen beschftigt, der
nicht auch fr sich etwas herausgemustert htte. Dies ging nun durch
alle Grade durch, bis dieser Schatz zuletzt beinahe ganz ins Freie
fiel. Nun gab jedermann der angestellten Wache ein kleines Trinkgeld,
um sich diese Sammlung zu besehen, und nahm dabei etwas mit heraus,
was ihm anstehen mochte. Mein Diener erbeutete auf diese Weise einen
flachen, hohen Stock, der, mit Bindfaden stark und geschickt
umwunden, dem ersten Anblick nach nichts weiter erwarten lie, seine
Schwere aber deutete auf einen gefhrlichen Inhalt: auch enthielt
er eine sehr breite, wohl vier Fu lange Degenklinge, womit eine
krftige Faust Wunder getan htte.

So zwischen Ordnung und Unordnung, zwischen Erhalten und Verderben,
zwischen Rauben und Bezahlen lebte man immer hin, und dies mag es
wohl sein, was den Krieg fr das Gemt eigentlich verderblich
macht. Man spielt den Khnen, Zerstrenden, dann wieder den
Sanften, Belebenden; man gewhnt sich an Phrasen, mitten in dem
verzweifeltsten Zustand Hoffnung zu erregen und zu beleben; hierdurch
entsteht nun eine Art von Heuchelei, die einen besonderen Charakter
hat und sich von der pfffischen, hfischen, oder wie sie sonst
heien mgen, ganz eigen unterscheidet.

Einer merkwrdigen Person aber muss ich noch gedenken, die ich, zwar
nur in der Entfernung, hinter Gefngnisgittern, gesehen: es war der
Postmeister von Sainte Menehould, der sich ungeschickterweise von den
Preuen hatte fangen lassen. Er scheute keineswegs die Blicke der
Neugierigen und schien bei seinem ungewissen Schicksal ganz ruhig.
Die Emigrierten behaupteten, er habe tausend Tode verdient, und
hetzten deshalb an den obersten Behrden, denen aber zum Ruhm zu
rechnen ist, dass sie in diesem, wie in andern Fllens ich mit
geziemender Ruhe und anstndigem Gleichmut betragen.




Am 4. September.

Die viele Gesellschaft, die ab- und zuging, belebte unsere Zelte den
ganzen Tag; man hrte vieles erzhlen, vieles bereden und beurteilen,
die Lage der Dinge tat sich deutlicher auf als bisher. Alle waren
einig, dass man so schnell als mglich nach Paris vordringen msse.
Die Festungen Montmedy und Sedan hatte man unerobert sich zur Seite
gelassen und schien von der in dortiger Gegend stehenden Armee wenig
zu befrchten.

Lafayette, auf welchem das Vertrauen des Kriegsvolks beruhte, war
gentigt gewesen, aus der Sache zu scheiden; er sah sich gedrngt,
zum Feind berzugehen, und ward als Feind behandelt. Dumouriez, wenn
er auch sonst als Minister Einsicht in Militrangelegenheiten
beweisen hatte, war durch keinen Feldzug berhmt, und aus der Kanzlei
zum Oberbefehl der Armee befrdert, schien er auch nur jene
Inkonsequenz und Verlegenheit des Augenblicks zu beweisen. Von der
andern Seite verlauteten die traurigen Vorflle von der Hlfte des
Augusts aus Paris, wo, dem braunschweigschen Manifest zum Trutz, der
Knig gefangen genommen, abgesetzt und als Missetter behandelt
wurde. Was aber fr die nchsten Kriegsoperationen hchst bedenklich
sei, war am umstndlichsten besprochen.

Der waldbewachsene Gebirgsriegel, welcher die Aire von Sden nach
Norden an ihm herzuflieen ntigt, Fort d'Argonne genannt, lag
unmittelbar vor uns und heilt unsere Bewegung auf. Man sprach viel
von den Isletten, dem bedeutenden Pass zwischen Verdun und Sainte
Menehould. Warum er nicht besetzt werde, besetzt worden sei, darber
konnte man sich nicht vereinigen. Die Emigrierten sollten ihn einen
Augenblick berrumpelt haben, ohne ihn halten zu knnen. Die
abziehende Besatzung von Longwy hatte sich, so viel wusste man,
dorthin gezogen; auch Dumouriez schickte, whrend wir uns auf dem
Marsch nach Verdun und mit dem Bombardement der Stadt beschftigten,
Truppen quer ber durchs Land, um diesen Posten zu verstrken und den
rechten Flgel seiner Position hinter Grandpr zu decken und so den
Preuen, sterreichern und Emigrierten ein zweites Thermopyl
entgegenzustellen.

Man gestand sich einander die hchst unglckliche Lage und musste
sich in die Anstalten fgen, wonach die Armee, welche unaufhaltsam
gerade vorwrts htten dringen sollen, die Aire hinabziehen sollte,
um sich an den verschanzten Bergschluchten auf gut Glck zu
versuchen; wobei noch fr hchst vorteilhaft galt, dass Clermont den
Franzosen entrissen und von Hessen besetzt sei, welche, gegen die
Isletten operierend, sie wo nicht wegnehmen, doch beunruhigen
konnten.




Den 6. September.

In diesem Sinn ward nunmehr das Lager verndert und kam hinter Verdun
zu stehen; das Hauptquartier des Knigs, Glorieux, des Herzogs von
Braunschweig, Regret genannt, gab zu wunderlichen Betrachtungen
Anlass. An den ersten Ort gelangt' ich selbst durch einen
verdrielichen Zufall. Des Herzogs von Weimar Regiment sollte bei
Jardin Fontaine zu stehen kommen, nahe an der Stadt und der Maas; zum
Tor fuhren wir glcklich heraus, indem wir uns in den Wagenzug eines
unbekannten Regiments einschwrzten und von ihm fortschleppen lieen,
obgleich zu bemerken war, dass man sich zu weit entferne; auch htten
wir nicht einmal bei dem schmalen Weg aus der Reihe weichen knnen,
ohne uns in den Grben unwiederbringlich zu verfahren. Wir schauten
rechts und links, ohne zu entdecken, wir fragten ebenso und
erhielten keinen Bescheid; denn alle waren fremd wie wir und aufs
verdrielichste von dem Zustand angegriffen. Endlich auf eine
sanfte Hhe gelangt, sah ich links unten in einem Tal, das zu
guter Jahrszeit ganz angenehm sein mochte, einen hbschen Ort mit
bedeutenden Schlossgebuden, wohin glcklicherweise ein sanfter
grner Rain uns bequem hinunterzubringen versprach. Ich lie umso
eher aus der schrecklichen Fahrleise hinabwrts ausbiegen, als ich
unten Offiziere und Reitknechte hin und wider sprengen, Packwagen und
Chaisen aufgefahren sah; ich vermutete eins der Hauptquartiere, und
so fand sich's: es war Glorieux, der Aufenthalt des Knigs. Aber auch
da war mein Fragen, wo Jardin Fontaine liege, ganz umsonst. Endlich
begegnete ich, wie einem Himmelsboten, Herrn von Alvensleben, der
sich mir frher freundlich erwiesen hatte; dieser gab mir denn
Bescheid, ich solle den von allem Fuhrwerk freien Dorfweg im Tal bis
nach der Stadt verfolgen, vor derselben aber links durchzudringen
suchen, und ich wrde Jardin Fontaine gar bald entdecken.

Beides gelang mir, und ich fand auch unsere Zelte aufgeschlagen, aber
im schrecklichsten Zustand: man sah sie in grundlosen Kot versenkt,
die verfaulten Schlingen der Zelttcher zerrissen eine nach der
andern, und die Leinwand schlug dem ber Kopf und Schulter zusammen,
der darunter sein Heil zu suchen gedachte. Eine Zeitlang hatte man's
ertragen, doch fiel zuletzt der Entschluss dahin aus, das rtchen
selbst zu beziehen. Wir fanden in einem wohl eingerichteten Haus und
Hof einen guten neckischen Mann als Besitzer, der ehemals Koch in
Deutschland gewesen war; mit Munterkeit nahm er uns auf, im
Erdgeschoss fanden sich schne, heitere Zimmer, gutes Kamin, und was
sonst nur erquicklich sein konnte.

Das Gefolge des Herzogs von Weimar ward aus der frstlichen Kche
versorgt; unser Wirt verlangte jedoch dringend, ich solle nur ein
einziges Mal von seiner Kunst etwas kosten. Er bereitete mir auch
wirklich ein hchst wohlschmeckendes Gastmahl, das mir aber sehr bel
bekam, so dass ich wohl auch an Gift htte denken knnen, wenn mir
nicht noch zeitig genug der Knoblauch eingefallen wre, durch welchen
jene Schsseln erst recht schmackhaft geworden, der auf mich aber,
selbst in der geringsten Dosis, hchst gewaltsame Wirkung auszuben
pflegte. Das bel war bald vorbei, und ich hielt mich nach wie vor
desto lieber an die deutsche Kche, solange sie auch nur das mindeste
leisten konnte.

Als es zum Abschied ging, berreichte der gut gelaunte Wirt meinem
Diener einen vorher versprochenen Brief nach Paris an eine Schwester,
die er besonders empfehlen wolle; fgte jedoch nach einigem Hin- und
Widerreden gutmtig hinzu: "Du wirst wohl nicht hinkommen."




Den 11. September.

Wir wurden also, nach einigen Tagen gtlicher Pflege, wieder in das
schrecklichste Wetter hinausgestoen; unser Weg ging auf dem
Gebirgsrcken hin, der, die Gewsser der Maas und Aire scheidend,
beide nach Norden zu flieen ntigt. Unter groen Leiden gelangten
wir nach Malancourt, wo wir leere Keller und Kchen wirtlos fanden
und schon zufrieden waren, unter Dach, auf trockener Bank eine
sprliche, mitgebrachte Nahrung zu genieen. Die Einrichtung der
Wohnungen selbst gefiel mir; sie zeugte von einem stillen, huslichen
Behagen: alles war einfach naturgem, dem unmittelbarsten Bedrfnis
gengend. Dies hatten wir gestrt, dies zerstrten wir; denn aus der
Nachbarschaft erscholl ein Angstruf gegen Plnderer, worauf wir denn,
hinzueilend, nicht ohne Gefahr dem Unfug fr den Augenblick
steuerten. Auffallend genug dabei war, dass die armen unbekleideten
Verbrecher, denen wir Mntel und Hemden entrissen, uns der hrtesten
Grausamkeit anklagten, dass wir ihnen nicht vergnnen wollten, auf
Kosten der Feinde ihre Ble zu decken.

Aber noch ein eigneren Vorwurf sollten wir erleben. In unser erstes
Quartier zurckgekehrt, fanden wir einen vornehmen, uns sonst schon
bekannten Emigrierten. Er ward freundlich begrt und verschmhte
nicht frugale Bissen; allein man konnte ihm eine innere Bewegung
anmerken, er hatte etwas auf dem Herzen, dem er durch Ausrufungen
Luft zu machen suchte. Als wir nun, frherer Bekanntschaft gem,
einiges Vertrauen in ihm zu erwecken suchten, so beschrie er die
Grausamkeit, welche der Knig von Preuen an den franzsischen
Prinzen ausbe. Erstaunt, fast bestrzt, verlangten wir nhere
Erklrung. Da erfuhren wir nun: der Knig habe beim Ausmarsch von
Glorieux, unerachtet des schrecklichsten Regens, keinen berrock
angezogen, keinen Mantel umgenommen, da denn die kniglichen Prinzen
ebenfalls sich dergleichen Wetter abwehrende Gewande htten versagen
mssen; unser Marquis aber habe diese allerhchsten Personen, leicht
gekleidet, durch und durch gensst, trufelnd von abflieender
Feuchte, nicht ohne das grte Bejammern anschauen knnen, ja er
htte, wenn es ntze gewesen wre, sein Leben daran gewendet, sie in
einem trockenen Wagen dahin ziehen zu sehen, sie, auf denen Hoffnung
und Glck des ganzen Vaterlandes beruhe, die an eine ganz andere
Lebensweise gewhnt seien.

Wir hatten freilich darauf nichts zu erwidern, denn ihm konnte die
Betrachtung nicht trstlich werden, dass der Krieg, als ein Vortod,
alle Menschen gleich mache, allen Besitz aufhebe und selbst die
hchste Persnlichkeit mit Pein und Gefahr bedrohe.




Den 12. September.

Den andern Morgen aber entschloss ich mich, in Betracht so hoher
Beispiele, meine leichte und doch mit vier requirierten Pferden
bespannte Chaise unter dem Schutz des zuverlssigen Kmmerier Wagner
zu lassen, welchem die Equipage und das so ntige bare Geld
nachzubringen aufgetragen war. Ich schwang mit, mit einigen guten
Gesellen, zu Pferde, und so begaben wir uns auf den Marsch nach
Landres. Wir fanden auf Mitte Wegs Wellen und Reisig eines
abgeschlagenen Birkenhlzchens, deren innere Trockenheit die uere
Feuchte bald berwand und uns lohe Flamme und Kohlen, zur Erwrmung
wie zum Kochen genugsam, sehr schnell zum besten gab. Aber die schne
Anstalt einer Regimentstafel war schon gestrt: Tische, Sthle und
Bnke sah man nicht nachkommen, man behalf sich stehend, vielleicht
angelehnt, so gut es gehen wollte. Doch war das Lager gegen Abend
glcklich erreicht; so kampierten wir unsern Landres, gerade Grandpr
gegenber, wussten aber gar wohl, wie stark und vorteilhaft der Pass
besetzt sei. Es regnete unaufhrlich, nicht ohne Windsto; die
Zeltdecke gewhrte wenig Schutz.

Glckselig aber der, dem eine hhere Leidenschaft den Busen fllte!
Die Farbenerscheinung der Quelle hatte mich diese Tage her nicht
einen Augenblick verlassen; ich berdachte sie hin und wieder, um sie
zu bequemen Versuchen zu erheben. Da diktierte ich an Vogel, der sich
auch hier als treuen Kanzleigefhrten erwies, ins gebrochene Konzept
und zeichnete nachher die Figuren daneben. Diese Papiere besitz' ich
noch mit allen Merkmalen des Regenwetters und als Zeugnis eines
treuen Forschens auf eingeschlagenem, bedenklichem Pfad. Den Vorteil
aber hat der Weg zum Wahren, dass man sich unsicherer Schritte, eines
Umwegs, ja, eines Fehltritts noch immer gern erinnert.

Das Wetter verschlimmerte sich und ward in der Nacht so arg, dass man
es fr das hchste Glck schtzen musste, sie unter der Decke des
Regimentswagens zuzubringen. Wie schrecklich war da der Zustand, wenn
man bedachte, dass man im Angesicht des Feindes gelagert sei und
befrchten musste, dass er aus seinen Berg- und Waldverschanzungen
irgendwo hervorzubrechen Lust haben knne.




Vom 13. bis zum 17. September.

Traf der Kmmerier Wagner, den Pudel mit eingeschlossen, bei guter
Zeit mit aller Equipage bei uns ein: er hatte eine schreckliche Nacht
verlebt, war nach tausend anderen Hindernissen im Finstern von der
Armee abgekommen, verfhrt durch schlaf- und weintrunkene Knechte
eines Generals, denen er nachfuhr. Sie gelangten in ein Dorf und
vermuteten die Franzosen ganz nahe. Von allerlei Alarm gengstigt,
verlassen von Pferden, die aus der Schwemme nicht zurckkehrten,
wusste er sich denn so zu richten und zu schicken, dass er von dem
unseligen Dorf loskam und wir uns zuletzt mit allem mobilen Hab und
Gut wieder zusammenfanden.

Endlich gab es eine Art von erschtternder Bewegung und zugleich von
Hoffnung: man hrte auf unserm rechten Flgel stark kanonieren und
sagte sich: General Clerfiat sei aus den Niederlanden angekommen und
habe die Franzosen auf ihrer linken Flanke angegriffen. Alles war
uerst gespannt, den Erfolg zu vernehmen.

Ich ritt nach dem Hauptquartier, um nher zu erfahren, was die
Kanonade bedeute und was eigentlich zu erwarten sei. Man wusste
daselbst noch nichts genau, als dass General Clerfait mit den
Franzosen ahndgemein sein msse. Ich traf auf den Major von Weyrach,
der sich aus Ungeduld und Langeweile soeben zu Pferd setze und an die
Vorposten reiten wollte; ich begleitete ihn, und wir gelangten bald
auf eine Hhe, wo man sich weit genug umsehen konnte. Wir trafen auf
einen Husarenposten und sprachen mit dem Offizier, einem jungen,
hbschen Mann. Die Kanonade war weit ber Grandpr hinaus, und er
hatte Order, nicht vorwrts zu gehen, um nicht ohne Not eine Bewegung
zu verursachen. Wir hatten uns nicht lange besprochen, als Prinz
Louis Ferdinand mit einigem Gefolge ankam, nach kurzer Begrung und
Hin- und Widerreden von dem Offizier verlangte, dass er vorwrts
gehen solle. Dieser tat dringende Vorstellungen, worauf der Prinz
aber nicht achtete, sondern vorwrts ritt, dem wir denn alle folgen
mussten. Wir warne nicht weit gekommen, als ein franzsischer Jger
sich von fern sehen lie, an uns bis auf Bchsenschussweite
heransprengte und sodann umkehrend ebenso schnell wieder verschwand.
Ihm folgte der zweite, dann der dritte, welche ebenfalls wieder
verschwanden. Der vierte aber, wahrscheinlich der erste, schoss die
Bchse ganz ernstlich auf uns ab, man konnte die Kugel deutlich
pfeifen hren. Der Prinz lie sich nicht irren, und jene treiben auch
ihr Handwerk, so dass mehrere Schsse fielen, indem wir unsern Weg
verfolgten. Ich hatte den Offizier manchmal angesehen, der zwischen
seiner Pflicht und zwischen dem Respekt vor einem kniglichen Prinzen
in der grten Verlegenheit schwankte. Er glaubte wohl, in meinen
Blicken etwas Teilnehmendes zu lesen, ritt auf mich zu und saget:
"Wenn Sie irgendetwas auf den Prinzen vermgen, so ersuchen Sie ihn,
zurckzugehen, er setzt mich der grten Verantwortung aus: ich habe
den strengsten Befehl, meine angewiesenen Posten nicht zu verlassen,
und es ist nichts vernnftiger, als dass wir den Feind nicht reizen,
der hinter Grandpr in einer festen Stellung gelagert ist. Kehrt der
Prinz nicht um, so ist in kurzem die ganze Vorpostenkette alarmiert,
man wei im Hauptquartier nicht, was es heien soll, und der erste
Verdruss ergeht ber mich ganz ohne meine Schuld." Ich ritt an den
Prinzen heran und sagte: "Man erzeigt mir soeben die Ehre, mir
einigen Einfluss auf Ihro Hoheit zuzutrauen, deshalb ich um geneigtes
Gehr bitte." Ich brachte ihm darauf die Sache mit Klarheit vor,
welches kaum ntig gewesen wre: denn er sah selbst alles vor sich
und war freundlich genug, mit einigen guten Worten sogleich
umzukehren, worauf denn auch die Jger verschwanden und zu schieen
aufhrten. Der Offizier dankte mir aufs verbindlichste, und man sieht
hieraus, dass ein Vermittler berall willkommen ist.

Nach und nach klrte sich's auf. Die Stellung Dumouriez' bei Grandpr
war hchst fest und vorteilhaft; dass er auf seinem rechten Flgel
nicht anzugreifen sei, wusste man wohl; auf seiner Linken waren zwei
bedeutende Psse, La Croix aux Bois und Le Chne Populeux, beide wohl
verhauen und fr unzugnglich gehalten; allein der letzte war einem
Offizier anvertraut, einem dergleichen Auftrag nicht gewachsenen oder
nachlssigen. Die sterreicher griffen an: bei der ersten Attacke
blieb Prinz von Ligne, der Sohn, sodann aber gelang es, man
berwltigte den Posten, und der groe Plan Dumouriez' war zerstrt:
er musste seine Stellung verlassen und sich die Aisne hinaufwrts
ziehen, und preuische Husaren konnten durch den Pass dringen und
jenseits des Argonner Waldes nachsetzen. Sie verbreiteten einen
solchen panischen Schrecken ber das franzsische Heer, dass
zehntausend Mann vor fnfhundert flohen und nur mit Mhe konnten zum
Stehen gebracht und wieder gesammelt werden; wobei sich das Regiment
Chamborant besonders hervortrat und den Unsrigen ein weiteres
Vordringen verwehrte, welche, ohnehin nur gewissermaen auf
Rekognoszieren ausgeschickt, siegreich mit Freuden zurckkehrten und
nicht leugneten, einige Wagen gute Beute gemacht zu haben. In das
unmittelbar Brauchbare, Geld und Kleidung, hatten sie sich geteilt,
mir aber als einem Kanzleimann kamen die Papiere zugute, worunter
ich einige ltere Befehle Lafayettes und mehrere hchst sauber
geschriebene Listen fand. Was mich aber am meisten berraschte, war
ein ziemlich neuer "Moniteur". Dieser Druck, dieses Format, mit dem
man seit einigen Jahren ununterbrochen bekannt gewesen und die man
nun seite mehreren Wochen nicht gesehen, begrten mich auf eine
etwas unfreundliche Weise, indem ein lakonischer Artikel vom 3.
September mir drohend zurief: _Les Prussiens pourront venir  Paris,
mais ils n'en sortiront pas._ Also hielt man denn doch in Paris fr
mglich, wir knnten hingelangen; dass wir wieder zurckkehrten,
dafr mochten die oberen Gewalten sorgen.

Die schreckliche Lage, in der man sich zwischen Erde und Himmel
befand, war einigermaen erleichtert, als man die Armee zurcken und
eine Abteilung der Avantgarde nach der andern vorwrts ziehen sah.
Endlich kam die Reihe auch an uns: wir gelangten ber Hgel, durch
Tler, Weinberge vorbei, an denen man sich auch wohl erquickte. Man
kam sodann zu aufgehellter Stunde in eine freiere Gegend und sah in
einem freundlichen Tal der Aire das Schloss von Grandpr auf einer
Hhe sehr wohl gelegen, eben an dem Punkt, wo genannter Fluss sich
westwrts zwischen die Hgel drngt, um auf der Gegenseite des
Gebirgs sich mit der Aisne zu verbinden, deren Gewsser, immer dem
Sonnenuntergang zu, durch Vermittlung der Oise endlich in die Seine
gelangen; woraus denn ersichtlich, dass der Gebirgsrcken, der uns
von der Maas trennte, zwar nicht von bedeutender Hhe, doch von
entschiedenem Einfluss auf den Wasserlauf, uns in eine andere
Flussregion zu ntigen geeignet war.

Auf diesem Zug gelangte ich zufllig in das Gefolge des Knigs, dann
des Herzogs von Braunschweig; ich unterhielt mich mit Frst Reu und
andern diplomatisch-militrischen Bekannten. Diese Reitermassen
machten zu der angenehmen Landschaft eine reiche Staffage, man htte
einen van der Meulen gewnscht, um solchen Zug zu verewigen: alles
war heiter, munter, voller Zuversicht und heldenhaft. Einige Drfer
brannten zwar vor uns auf, allein der Rauch tut in einem Kriegsbild
auch nicht bel. Man hatte, so hie es, aus den Husern auf den
Vortrab geschossen und dieser, nach Kriegsrecht, sogleich die
Selbstrache gebt. Es ward getadelt, war aber nicht zu ndern;
dagegen nahm man die Weinberge in Schutz, von denen sich die Besitzer
doch keine groe Lese versprechen durften, und so ging es zwischen
Freund- und feindseligem Betragen immer vorwrts.

Wir gelangten, Grandpr hinter uns lassend, an und ber die Aisne und
lagerten bei Vaux les Mourons; hier waren wir nun in der verrufenen
Champagne, es sah aber so bel noch nicht aus. ber dem Wasser an der
Sonnenseite erstreckten sich wohl gehaltene Weinberge, und wo man
Drfer und Scheunen visitierte, fanden sich Nahrungsmittel genug fr
Menschen und Tiere, nur leider der Weizen nicht ausgedroschen, noch
weniger genugsame Mhlen; fen zum Backen waren auch selten, und so
fing es wirklich an, sich einem tantalischen Zustand zu nhern.




Am 18. September.

Dergleichen Betrachtungen anzustellen, versammelte sich eine groe
Gesellschaft, die berhaupt, wo es Halt gab, sich immer mit einigem
Zutrauen, besonders beim Nachmittagskaffee, zusammenfgte; sie
bestand aus wunderlichen Elemente, Deutschen und Franzosen, Kriegern
und Diplomaten, alles bedeutende Personen, erfahren, klug,
geistreich, aufgeregt durch die Wichtigkeit des Augenblicks, Mnner,
smtlich von Wert und Wrde, aber doch eigentlich nicht in den innern
Rat gezogen und also desto mehr bemht, auszusinnen, was beschlossen
sein, was geschehen knnte.

Dumouriez, als er den Pass von Grandpr nicht lnger halten konnte,
hatte sich die Aisne hinaufgzeogen, und da ihm der Rcken durch die
Isletten gesichert war, sich auf die Hhen von Sainte Menehould, die
Fronte gegen Frankreich gestellt. Wir waren durch den engen Pass
hereingedrungen, hatten uneroberte Festen: Sedan, Montmedy, Stenay,
im Rcken und an der Seite, die uns jede Zufuhr nach Beleiben
erschweren konnten. Wir betraten beim schlimmsten Wetter ein
seltsames Land, dessen undankbarer Kalkboden nur kmmerlich
ausgestreute Ortschaften ernhren konnte.

Freilich lag Reims, Chalons und ihre gesegneten Umgebungen nicht
fern, man konnte hoffen, sich vorwrts zu erholen; die Gesellschaft
berzeugte sich daher beinahe einstimmig, dass man auf Reims
marschieren und sich Chalons' bemchtigen msse; Dumouriez knne sich
in seiner vorteilhaften Stellung alsdann nicht ruhig verhalten, eine
Schlacht wre unvermeidlich, wo es auch sei: man glaubte sie schon
gewonnen zu haben.




Den 19. September.

Manches Bedenken gab es daher, als wir den 19. beordert wurden, auf
Massiges unsern Zug zu richten, die Aisne aufwrts zu verfolgen und
dieses Wasser sowohl als das Waldgebirge, nher oder ferner, linker
Hand zu behalten.

Nun erholte man sich unterwegs von solchen nachdenklichen
Betrachtungen, indem man mancherlei Zuflligkeiten und Ereignissen
eine heitere Teilnahme schenkte; ein wundersames Phnomen zog meine
ganze Aufmerksamkeit auf sich. Man hatte, um mehrere Kolonnen
nebeneinander fort zu schieben, die eine querfeldein ber flache
Hgel gefhrt, zuletzt aber, als man wieder ins Tal sollte, einen
steilen Abhang gefunden; dieser ward nun alsbald, so gut es gehen
wollte, abgebscht, doch blieb er immer noch schroff genug. Nun trat
eben zu Mittag ein Sonnenblick hervor und spiegelte sich in allen
Gewehren. Ich hielt auf einer Hhe und sah jenen blinkenden
Waffenfluss glnzend heranziehen; berraschend aber war es, als
die Kolonne an den steilen Abhang gelangte, wo sich die bisher
geschlossenen Glieder sprungweise trennten und jeder einzelne, so
gut er konnte, in die Tiefe zu gelangen suchte. Diese Unordnung gab
vllig den Begriff eines Wasserfalls: eine Unzahl durcheinander hin-
und wider blinkender Bajonette bezeichneten die lebhafteste Bewegung.
Und als nun unten am Fu sich alles wieder gleich in Reih' und Glied
ordnete und so, wie sie oben angekommen, nun wieder im Tal fortzogen,
ward die Vorstellung eines Flusses immer lebhafter; auch war diese
Erscheinung umso angenehmer, als ihre lange Dauer fort und fort durch
Sonnenblicke begnstigt wurde, deren Wert man in solchen
zweifelhaften Stunden nach langer Entbehrung erst recht schtzen
lernte.

Nachmittags gelangten wir endlich nach Massiges, nur noch wenige
Stunden vom Feind; das Lager war abgesteckt, und wir bezogen den fr
uns bestimmten Raum. Schon waren Pfhle geschlagen, die Pferde
drangebunden, Feuer angezndet, und der Kchenwagen tat sich auf.
Ganz unerwartet kam daher das Gercht, das Lager solle nicht
statthaben: denn es sei die Nachricht angekommen, das franzsische
Heer zeihe sich von Sainte Menehould auf Chalons; der Knig wolle sie
nicht entwischen lassen und habe daher Befehl zum Aufbruch gegeben:
ich suchte an der rechten Schmiede hierber Gewissheit und vernahm
das, was ich schon gehrt hatte, nur mit dem Zusatz: auf diese
unsichere und unwahrscheinliche Nachricht sei der Herzog von Weimar
und der General Heymann mit eben den Husaren, welche die Unruhe
erregt, vorgegangen. Nach einiger Zeit kamen diese Generale zurck
und versicherten, es sei nicht die geringste Bewegung zu bemerken;
auch mussten jene Patrouillen gestehen, dass sie das Gemeldete mehr
geschlossen als gesehen htten.

Die Anregung aber war einmal gegeben, und der Befehl lautete: die
Armee solle vorrcken, jedoch ohne das mindeste Gepck, alles
Fuhrwerk solle bis Maisons Champagne zurckkehren, dort eine
Wagenburg bilden und den, wie man voraussetzte, glcklichen Ausgang
einer Schlacht abwarten.

Nicht einen Augenblick zweifelhaft, was zu tun sei, berlie ich
Wagen, Gepck und Pferde meinem entschlossenen, sorgfltigen
Bedienten und setze mich mit den Kriegsgenossen alsobald zu Pferde.
Es war schon frher mehrmals zur Sprache gekommen, dass, wer sich in
einen Kriegszug einlasse, durchaus bei den regulierten Truppen,
welche Abteilung es auch sei, an die er sich angeschlossen, fest
bleiben und keine Gefahr scheuen solle: denn was uns auch da
betreffe, sei immer ehrenvoll; dahingegen bei der Bagage, beim Tross
oder sonst zu verweilen, zugleich gefhrlich und schmhlich. Und so
hatte ich auch mit den Offizieren des Regiments abgeredet, dass ich
mich immer an sie und womglich an die Leibschwadron anschlieen
wolle, weil ja dadurch ein so schnes und gutes Verhltnis nur immer
besser befestigt werden knne.

Der Weg war das kleine Wasser die Tourbe hinauf vorgezeichnet, durch
das traurigste Tal von der Welt, zwischen niedrigen Hgeln, ohne Baum
und Busch; es war befohlen und eingeschrft, in aller Stille zu
marschieren, als wenn wir den Feind berfallen wollten, der doch in
seiner Stellung das Heranrcken einer Masse von fnfzigtausend Mann
wohl mochte erfahren haben. Die Nacht brach ein, weder Mond noch
Sterne leuchteten am Himmel, es pfiff ein wster Wind; die stille
Bewegung einer so groen Menschenreihe in tiefer Finsternis war ein
hchst Eigenes.

Indem man neben der Kolonne herritt, begegnete man mehreren bekannten
Offizieren, die hin und wider sprengten, um die Bewegung des Marsches
bald zu beschleunigen, bald zu retardieren. Man besprach sich, man
heilt still, man versammelte sich. So hatte sich ein Kreis von
vielleicht zwlf Bekannten und Unbekannten zusammengefunden, man
fragte, klagte, wundete sich, schalt und rsonierte: das gestrte
Mittagessen konnte man dem Heerfhrer nicht verzeihen. Ein munterer
Gast wnschte sich Bratwurst und Brot, ein anderer sprang gleich mit
seinen Wnschen zum Rehbraten und Sardellensalat; da das alles aber
unentgeltlich geschah, fehlte es auch nicht an Pasteten und sonstigen
Leckebissen, nicht an den kstlichsten Weinen, und ein so vollkommnes
Gastmahl war beisammen, dass endlich einer, dessen Appetit bermig
rege geworden, die ganze Gesellschaft verwnschte und die Pein einer
aufgeregten Einbildungskraft im Gegensatz des grten Mangels ganz
unertrglich schalt. Man verlor sich auseinander, und der einzelne
war nicht besser dran als alle zusammen.




Den 19. September nachts.

So gelangten wir bis Somme Tourbe, wo man Halt machte; der Knig
war in einem Gasthof abgetreten, vor dessen Tre der Herzog von
Braunschweig in einer Art Laube Hauptquartier und Kanzlei errichtete.
Der Platz war gro, es brannten mehrere Feuer, durch groe Bndel
Weinpfhle gar lebhaft unterhalten. Der Frst Feldmarschall tadelte
einige Mal persnlich, dass man die Flamme allzu stark auflodern
lasse; wir besprachen uns darber, und niemand wollte glauben, dass
unsere Nhe den Franzosen ein Geheimnis geblieben sei.

Ich war zu spt angekommen und mochte mich in der Nhe umsehen, wie
ich wollte, alles war schon, wo nicht verzehrt, doch in Besitz
genommen. Indem ich so umherforschte, gaben mir die Emigrierten ein
kluges Kchenschauspiel: sie saen um einen groen, runden, flachen,
abglimmenden Aschenhaufen, in den sich mancher Weinstab knisternd
mochte aufgelst haben; klglich und schnell hatten sie sich aller
Eier des Dorfes bemchtigt, und es sah wirklich appetitlich aus, wie
die Eier in dem Aschenhaufen nebeneinander aufrecht standen und eins
nach dem andern zu rechter Zeit schlurfbar herausgehoben wurde. Ich
kannte niemand vond en edlen Kchengesellen, unbekannt mocht' ich sie
nicht ansprechen; als mir aber soeben ein lieber Bekannter begegnete,
der so gut wie ich an Hunger und Durst litt, fiel mir eine Kriegslist
ein, nach einer Bemerkung, die ich auf meiner kurzen militrischen
Laufbahn anzustellen Gelegenheit gehabt. Ich hatte nmlich bemerkt,
dass man beim Furagieren um die Drfer und in denselben tlpisch
geradezu verfahre: die ersten Andringenden fielen ein, nahmen weg,
verdarben, zerstrten, die folgenden fanden immer weniger, und was
verloren ging, kam niemand zugute. Ich hatte schon gedacht, dass man
bei dieser Gelegenheit strategisch verfahren und, wenn die Menge von
vorne hereindringe, sich von der Gegenseite nach einigem Bedrfnis
umsehen msse. Dies konnte nun hier kaum der Fall sein, denn alles
war berschwemmt; aber das Dorf zog sich sehr in die Lnge, und zwar
seitwrts der Strae, wo wir hereingekommen. Ich forderte meinen
Freund auf, die lange Gasse mit hinunterzugehen. Aus dem vorletzten
Haus kam ein Soldat fluchend heraus, dass schon alles aufgezehrt und
nirgends nichts mehr zu haben sei. Wir sahen durch die Fenster, da
saen ein paar Jger ganz ruhig; wir gingen hinein, um wenigstens auf
einer Bank unter Dach zu sitzen, wir begrten sie als Kameraden und
klagten freilich ber den allgemeinen Mangel. Nach einigem Hin- und
Widerreden verlangten sie, wir sollten ihnen Verschwiegenheit
geloben, worauf wir die Hand gaben. Nun erffneten sie uns, dass sie
in dem Haus einen schnen, wohl bestellten Keller gefunden, dessen
Eingang sie zwar selbst sekretiert, uns jedoch von dem Vorrat einen
Anteil nicht versagen wollten. Einer zog einen Schlssel hervor, und
nach verschiedenen weggerumten Hindernissen fand sich eine
Kellertre zu erffnen. Hinab gestiegen faden wir nun mehrere etwa
zweieimerige Fsser auf dem Lager; was uns aber mehr interessierte,
verschiedene Abteilungen in Sand gelegter gefllter Flaschen, wo der
gutmtige Kamerad, der sie schon durchprobiert hatte, an die beste
Sorte wies. Ich nahm zwischen die ausgespreizten Finger jeder Hand
zwei Flaschen, zog sie unter den Mantel, mein Freund desgleichen, und
so schritten wir, in Hoffnung baldiger Erquickung, die Strae wieder
hinaufwrts.

Unmittelbar am groen Wachfeuer gewahrte ich eine schwere, starke
Egge, setzte mich darauf und schob unter dem Mantel meine Flaschen
zwischen die Zacken herein. Nach einiger Zeit bracht' ich eine
Flasche hervor, wegen der mich meine Nachbarn beriefen, denen ich
sogleich den Mitgenuss anbot. Sie taten gute Zge, der letzte
bescheiden, da er wohl merkte, er lasse mir nur wenig zurck; ich
verbarg die Flasche neben mir und brachte bald darauf die zweite
hervor, trank den Freuden zu, die sich's abermals wohl schmecken
lieen, anfangs das Wunder nicht bemerkten, bei der dritten Falsche
jedoch laut ber den Hexenmeister aufschrieen; und es war, in dieser
traurigen Lage, ein auf alle Weise willkommener Scherz.

Unter den vielen Personen, deren Gestalt und Gesicht im Kreis vom
Feuer erleuchtet war, erblickt' ich einen ltlichen Mann, den ich zu
kennen glaubte. Nach Erkundigung und Annherung war er nicht wenig
verwundert, mich hier zu sehen. Es war Marquis von Bombelles, dem ich
vor zwei Jahren in Venedig, der Herzogin Amalie folgend, aufgewartet
hatte, wo er, als franzsischer Gesandter residierend, sich hchst
angelegen sein lie, dieser trefflichen Frstin den dortigen
Aufenthalt so angenehm als mglich zu machen. Wechselseitiger
Verwunderungsausruf, Freude des Wiedersehens und Erinnerung
erheiterten diesen ernsten Augenblick. Zur Sprache kam seien
prchtige Wohnung am groen Kanal: es war gerhmt, wie wir daselbst,
in Gondeln anfahrend, ehrenvoll empfangen und freundlich bewirtet
worden; wie er durch kleine Feste, gerade im Geschmack und Sinn
dieser, Natur und Kunst, Heiterkeit und Anstand in Verbindung
liebenden Dame, sie und die Ihrigen auf vielfache Weise erfreut,
auch sie durch seinen Einfluss manches andere, fr Fremde sonst
verschlossene Gute genieen lassen.

Wie sehr war ich aber verwundert, da ich ihn, den ich durch eine
wahrhafte Lobrede zu ergtzen gedachte, mit Wehmut ausrufen hrte:
"Schweigen wir von diesen Dingen! Jene Zeit liegt nur gar zu weit
hinter mir, und schon damals, als ich meine edlen Gste mit
scheinbarer Heiterkeit unterhielt, nagte mir der Wurm am Herzen:
ich sah die Folgen voraus dessen, was in meinem Vaterland vorging.
Ich bewunderte Ihre Sorglosigkeit, in der Sie auch die Ihnen
bevorstehende Gefahr nicht ahnten; ich bereitete mich im Stillen zur
Vernderung meines Zustandes. Bald nachher musst' ich meinen
ehrenvollen Posten und das werte Venedig verlassen und eine Irrfahrt
antreten, die mich endlich auch hierher gefhrt hat."

Das Geheimnisvolle, das man diesem offenbaren Heranzug von Zeit zu
Zeit hatte geben wollen, lie uns vermuten, man werde noch in dieser
Nacht aufbrechen und vorwrts gehen; allein schon dmmerte der Tag,
und mit demselben strich ein Sprhregen daher, es war schon vllig
hell, als wir uns in Bewegung setzten. Da des Herzogs von Weimar
Regiment den Vortrab hatte, gab man der Leibschwadron, als der
vordersten der ganzen Kolonne, Husaren mit, die den Weg unserer
Bestimmung kennen sollten. Nun ging es, mitunter im scharfen Trab,
ber Felder und Hgel ohne Busch und Baum; nur in der Entfernung
links sah man die Argonner Waldgegend; der Sprhregen schlug uns
heftiger ins Gesicht; bald aber erblickten wir eine Pappelallee, die,
sehr schn gewachsen und wohl unterhalten, unsere Richtung quer
durchschnitt. Es war die Chaussee von Chalons auf Sainte Menehould,
der Weg von Paris nach Deutschland; man fhrte uns drber weg und ins
Graue hinein.

Schon frher hatten wir den Feind vor der waldichten Gegend gelagert
und aufmarschiert gesehen, nicht weniger lie sich bemerken, dass
neue Truppen ankamen: es war Kellermann, der sich soeben mit
Dumouriez vereinigte, um dessen linken Flgel zu bilden. Die Unsrigen
brannten vor Begierde, auf die Franzosen loszugehen, Offiziere wie
Gemeine hegten den Glhenden Wunsch, der Feldherr mge in diesem
Augenblick angreifen; auch unser heftiges Vordringen schien darauf
hinzudeuten. Aber Kellermann hatte sich zu vorteilhaft gestellt, und
nun begann die Kanonade, von der man viel erzhlt, deren
augenblickliche Gewaltsamkeit jedoch man nicht beschreiben, nicht
einmal in der Einbildungskraft zurckrufen kann.

Schon lag die Chaussee weit hinter uns, wir strmten immerfort gegen
Westen zu, als auf einmal ein Adjutant gesprengt kam, der uns zurck
beordete: man hatte uns zu weit gefhrt, und nun erhielten wir den
Befehl, wieder ber die Chaussee zurckzukehren und unmittelbar an
ihre linke Seite den rechten Flgel zu lehnen. Es geschah, und so
machten wir Front gegen das Vorwerk La Lune, welches auf der Hhe,
etwa eine Viertelstunde vor uns, an der Chaussee zu sehen war. Unser
Befehlshaber kam uns entgegen; er hatte soeben eine halbe reitende
Batterie hinaufgebracht, wir erhielten Order, im Schutz derselben
vorwrts zu gehen, und fanden unterwegs einen alten Schirrmeister,
ausgestreckt, als das erste Opfer des Tags, auf dem Acker liegen. Wir
ritten ganz getrost weiter, wir sahen das Vorwerk nher, die dabei
aufgestellte Batterie feuerte tchtig.

Bald aber fanden wir uns in einer seltsamen Lage: Kanonenkugeln
flogen wild auf uns ein, ohne dass wir begriffen, wo sie herkommen
konnten; wir avancierten ja hinter einer befreundeten Batterie, und
das feindliche Geschtz auf den entgegen gesetzten Hgeln war viel
zu weit entfernt, als dass es uns htte erreichen sollen. Ich hielt
seitwrts vor der Front und hatte den wunderbarsten Anblick: die
Kugeln schlugen dutzendweise vor der Eskadron nieder, zum Glck nicht
rikoschettierend, in den weichen Boden hineingewhlt; Kot aber und
Schmutz bespritze Mann und Ross; die schwarzen Pferde, von tchtigen
Reitern mglichst zusammengehalten, schnauften und tosten, die ganze
Masse war, ohne sich zu trennen oder zu verwirren, in flutender
Bewegung. Ein sonderbarer Anblick erinnerte mich an andere Zeiten. In
dem ersten Glied der Eskadron schwankte die Standarte in den Hnden
eines schnen Knaben hin und wider; er hielt sie fest, ward aber vom
aufgeregten Pferd widerwrtig geschaukelt, sein anmutiges Gesicht
brachte mir, seltsam genug, aber natrlich, in diesem schauerlichen
Augenblick die noch anmutigere Mutter vor die Augen, und ich musste
an die ihr zur Seite verbrachten friedlichen Momente gedenken.

Endlich kam der Befehl, zurck- und hinab zu gehen; es geschah von
den smtlichen Kavallerie-Regimentern mit groer Ordnung und
Gelassenheit, nur ein einziges Pferd von Lottum ward gettet, da wir
brigen, besonders auf dem uersten rechten Flgel, eigentlich alle
htten umkommen mssen.

Nachdem wir uns denn aus dem unbegreiflichen Feuer zurckgezogen, von
berraschung und erstaunen uns erholt hatten, lste sich das Rtsel:
wir fanden die halbe Batterie, unter deren Schutz wir vorwrts zu
gehen geglaubt, ganz unten in einer Vertiefung, dergleichen das
Terrain zufllig in dieser Gegend gar manche bildete. Sie war von
oben vertrieben worden und an der andern Seite der Chaussee in einer
Schlucht heruntergegangen, so dass wir ihren Rckzug nicht bemerken
konnten; feindliches Geschtz trat an die Stelle, und was uns htte
bewahren sollen, wre beinahe verderblich geworden. Auf unseren Tadel
lachten die Burschen nur und versicherten scherzend, hier unter im
Schauer sei es doch besser.

Wenn man aber nachher mit Augen sah, wie eine solche reitende
Batterie sich durch die schreckbaren, schlammigen Hgel qualvoll
durchzerren musste, so hatte man abermals den bedenklichen Zustand zu
berlegen, in den wir uns eingelassen hatten.

Indessen dauerte die Kanonade immer fort: Kellermann hatte einen
gefhrlichen Posten bei der Mhle von Valmy, dem eigentlich das
Feuern galt; dort ging ein Pulverwagen in die Luft, und man freute
sich des Unheils, das er unter den Feinden angerichtet haben mochte.
Und so bleib alles eigentlich nur Zuschauer und Zuhrer, was im Feuer
stand und nicht. Wir hielten auf der Chaussee von Cahlons an einem
Wegweiser, der nach Paris deutete.

Diese Hauptstadt also hatten wir im Rcken, das franzsische Heer
aber zwischen uns und dem Vaterland. Strkere Riegel waren vielleicht
nie vorgeschoben, demjenigen hchst apprehensiv, der eine genaue
Karte des Kriegstheaters nun seit vier Wochen unablssig studierte.

Doch das augenblickliche Bedrfnis behauptet sein Recht selbst gegen
das Nchstknftige. Unsere Husaren hatten mehrere Brotkarren, die von
Chalons nach der Armee gehen sollten, glcklich aufgefangen und
brachten sie den Hochweg daher. Wie es uns nun fremd vorkommen
musste, zwischen Paris und Sainte Menehould postiert zu sein, so
konnten die zu Chalons des Feindes Armee keineswegs auf dem Weg zu
der ihrigen vermuten. Gegen einiges Trinkgeld lieen die Husaren von
dem Brot etwas ab, es war das schnste weie: der Franzos erschrickt
vor jeder schwarzen Krume. Ich teilte mehr als einen Laib unter die
zunchst Angehrigen, mit der Bedingung, mir fr die folgenden Tage
einen Anteil daran zu verwahren. Auch noch zu einer andern Vorsicht
fand ich Gelegenheit: ein Jger aus dem Gefolge hatte gleichfalls
diesen Husaren eine tchtige wollene Decke abgehandelt; ich bot ihm
die bereinkunft an, mir sie auf drei Nchte, jede Nacht fr acht
Groschen, zu berlassen, wogegen er sie am Tage verwahren sollte. Er
hielt dieses Bedingnis fr sehr vorteilhaft: die Decke hatte ihm
einen Gulden gekostet, und nach kurzer Zeit erhielt er sie mit Profit
ja wieder. Ich aber konnte auch zufrieden sein: mein kstlichen
wollenen Hllen von Longwy waren mit der Bagage zurckgeblieben, und
nun hatte ich doch bei allem Mangel von Dach und Fach auer meinem
Mantel noch einen zweiten Schutz gewonnen.

Alles dieses ging unter anhaltender Begleitung des Kanonendonners
vor. Von jeder Seite wurden an diesem Tag zehntausend Schsse
verwendet, wobei auf unserer Seite nur zweihundert Mann und auch
diese ganz unntz fielen. Von der ungeheuren Erschtterung klrte
sich der Himmel auf: denn man schoss mit Kanonen, vllig als wr' es
Pelotonfeuer, zwar ungleich, bald abnehmend, bald zunehmend.
Nachmittags ein Uhr, nach einiger Pause, war es am gewaltsamsten, die
Erde bebte im ganz eigentlichsten Sinn, und doch sah man in den
Stellungen nicht die mindeste Vernderung. Niemand wusste, was daraus
werden sollte.

Ich hatte so viel vom Kanonenfieber gehrt und wnschte zu wissen,
wie es eigentlich damit beschaffen sei. Langeweile und ein Geist, den
jede Gefahr zur Khnheit, ja zur Verwegenheit aufruft, verleitete
mich, ganz gelassen nach dem Vorwerk La Lune hinauf zu reiten. Dieses
war wieder von den Unsrigen besetzt, gewhrte jedoch einen gar wilden
Anblick: die zerschossenen Dcher, die herum gestreuten Weizenbndel,
die darauf hie und da ausgestreckten tdlich Verwundeten, und
dazwischen noch manchmal eine Kanonenkugel, die, sich herber
verirrend, in den berresten der Ziegeldcher klapperte.

Ganz allein, mir selbst gelassen, ritt ich links auf den Hhen weg
und konnte deutlich die glckliche Stellung der Franzosen
berschauen; sie standen amphitheatralisch in grter Ruh' und
Sicherheit, Kellermann jedoch auf dem linken Flgel eher zu
erreichen.

Mir begegnete gute Gesellschaft: es waren bekannte Offiziere vom
Generalstab und vom Regiment, hchst verwundert, mich hier zu finden.
Sie wollten mich wieder mit sich zurcknehmen, ich sprach ihnen aber
von besonderen Absichten, und sie berlieen mich ohne weiteres
meinem bekannten, wunderlichen Eigensinn.

Ich war nun vollkommen in die Region gelangt, wo die Kugeln herber
spielten; der Ton ist wundersam genug, als wr' er zusammengesetzt
aus dem Brummend es Kreisels, dem Butteln des Wassers und dem Pfeifen
eines Vogels. Sie waren weniger gefhrlich wegen des feuchten
Erdbodens: wo eine hinschlug, blieb sie stecken, und so ward mein
trichter Versuchsritt wenigstens vor der Gefahr des Rikoschettierens
gesichert.

Unter diesen Umstnden konnt' ich jedoch bald bemerken, dass etwas
Ungewhnliches in mir vorgehe; ich achtete genau darauf, und doch
wrde sich die Empfindung nur gleichnisweise mitteilen lassen. Es
schien, als wre man an einem sehr heien Ort und zugleich von
derselben Hitze vllig durchdrungen, so dass man sich mit demselben
Element, in welchem man sich befindet, vollkommen glich fhlt. Die
Augen verlieren nichts an ihrer Strke noch Deutlichkeit; aber es ist
doch, als wenn die Welt einen gewissen braunrtlichen Ton htte, der
den Zustand so wie die Gegenstnde noch apprehensiver macht. Von
Bewegung des Blutes habe ich nichts bemerken knnen, sondern mir
schien vielmehr alles in jener Glut verschlungen zu sein. Hieraus
erhellt nun, in welchem Sinn man diesen Zustand ein Fieber nennen
knne. Bemerkenswert bleibt es indessen, dass jenes grsslich
Bngliche nur durch die Ohren zu uns gebracht wird; denn der
Kanonendonner, das Heulen, Pfeifen, Schmettern der Kugeln durch die
Luft ist doch eigentlich Ursache an diesen Empfindungen.

Als ich zurck geritten und vllig in Sicherheit war, fand ich
bemerkenswert, dass alle jene Glut sogleich erloschen und nicht
das Mindeste von einer fieberhaften Bewegung brig geblieben
sei. Es gehrt brigens dieser Zustand unter die am wenigsten
wnschenswerten; wie ich denn auch unter meinen leiben und edlen
Kriegskameraden kaum einen gefunden habe, der einen eigentlich
leidenschaftlichen Trieb hiernach geuert htte.

So war der Tag hingegangen; unbeweglich standen die Franzosen,
Kellermann hatte auch einen bequemern Platz genommen; unsere Leute
zog man aus dem Feuer zurck, und es war eben, als wenn nichts
gewesen wre. Die grte Bestrzung verbreitete sich ber die Armee.
Noch am Morgen hatte man nicht anders gedacht, als die smtlichen
Franzosen anzuspieen und aufzuspeisen, ja mich selbst hatte das
unbedingte Vertrauen auf ein solches Heer, auf den Herzog von
Braunschweig zur Teilnahme an dieser gefhrlichen Expedition gelockt;
nun aber ging jeder vor sich hin, man sah sich nicht an, oder wenn es
geschah, so war es, um zu flucehn oder zu verwnschen. Wir hatten,
eben als es Nacht werden wollte, zufllig einen Kreis geschlossen, in
dessen Mitte nicht einmal wie gewhnlich ein Feuer konnte angezndet
werden; die meisten schwiegen, einige sprachen, und es fehlte doch
eigentlich einem jeden Besinnung und Urteil. Endlich rief man mich
auf, was ich dazu denke? Denn ich hatte die Schar gewhnlich mit
kurzen Sprchen erheitert und erquickt; diesmal sagte ich: "Von hier
und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr knnt
sagen, ihr seid dabei gewesen."

In diesem Augenblick, wo niemand nichts zu essen hatte, reklamierte
ich einen Bissen Bort von dem heute frh erworbenen; auch war von
dem gestern reichlich verspendeten Wein noch der Inhalt eines
Branntweinflschchens brig geblieben, und ich musste daher auf
die gestern am Feuer so khn gespielte Rolle des willkommenen
Wundertters vllig Verzicht tun.

Die Kanonade hatte kaum aufgehrt, als Regen und Sturm schon wieder
eindrangen und einen zustand unter freiem Himmel, auf zhem Lehmboden
hchst unerfreulich machten. Und doch kam, nach so langem Wachen,
Gemts- und Leibesbewegung, der Schlaf sich anmeldend, als die Nacht
hereindsterte. Wir hatten uns hinter einer Erhhung, die den
schneidenden Wind abhielt, notdrftig gelagert, als es jemanden
einfiel, man solle sich fr dies Nacht in die Erde graben und mit dem
Mantel zudecken. Hierzu machte man gleich Anstalt, und es wurden
mehrere Grber ausgehauen, wozu die reitende Artillerie Gertschaften
hergab. Der Herzog von Weimar selbst verschmhte nicht eine solche
voreilige Bestattung.

Hier verlangt' ich nun gegen Erlegung von acht Groschen die bewusste
Decke, wickelte mich darein und breitete den Mantel noch oben drber,
ohne von dessen Feuchtigkeit viel zu empfinden. Uly kann unter
seinem auf hnliche Weise erworbenen Mantel nicht mit mehr
Behaglichkeit und Selbstgengen geruht haben.

Alle diese Bereitungen warn wider den Willen des Obersten geschehen,
welcher uns bemerken machte, dass auf einem Hgel gegenber hinter
einem Busch die Franzosen eine Batterie stehen hatten, mit der sie
uns im Ernst begraben und nach Belieben vernichten konnten. Allein
wir mochten den windstillen Ort und unsere weislich ersonnene
Bequemlichkeit nicht aufgeben, und es war dies nicht das letzte Mal,
wo ich bemerkte, dass man, um der Unbequemlichkeit auszuweichen, die
Gefahr nicht scheue.




Den 21. September

waren die wechselseitigen Gre der Erwachenden keineswegs heiter und
froh, denn man ward sich in einer beschmenden, hoffnungslosen Lage
gewahr. Am Rand eines ungeheuren Amphitheaters fanden wir uns
aufgestellt, wo jenseits auf Hhen, deren Fu durch Flsse, Teiche,
Bche, Morste gesichert war, der Feind einen kaum bersehbaren
Halbzirkel bildete. Diesseits standen wir, vllig wie gestern, um
zehntausend Kanonenkugeln leichter, aber ebenso wenig situiert zum
Angriff; man blickte in eine weit ausgebreitete Arena hinunter,
wo sich zwischen Dorfhtten und Grten die beiderseitigen Husaren
herumtrieben und mit Spiegelgefecht bald vor-, bald rckwrts, eine
Stunde nach der andern, die Aufmerksamkeit der Zuschauer zu fesseln
wussten. Aber aus all dem Hin- und Hersprengen, dem Hin- und
Widerpuffen ergab sich zuletzt kein Resultat, als dass einer der
Unsrigen, der sich zu khn zwischen die Hecken gewagt hatte,
umzingelt und, da er sich keineswegs ergeben wollte, erschossen wurde.

Dies war das einzige Opfer der Waffen an diesem Tag; aber die
eingerissene Krankheit machte den unbequemen, drckenden, hilflosen
Zustand trauriger und frchterlicher.

So schlaglustig und fertig man gestern auch gewesen, gestand man
doch, dass ein Waffenstillstand wnschenswert sei, da selbst der
Mutigste, Leidenschaftlichste nach weniger berlegung sagen musste:
ein Angriff wrde das verwegenste Unternehmen von der Welt sein. Noch
schwankten die Meinungen den Tag ber, wo man ehrenthalben dieselbe
Stellung behauptete, wie beim Augenblick der Kanonade; gegen Abend
jedoch vernderte man sie einigermaen, zuletzt war das Hauptquartier
nach Hans gelegt und die Bagage herbeigekommen. Nun hatten wir zu
vernehmen die Angst, die Gefahr, den nahen Untergang unserer
Dienerschaft und Habseligkeiten.

Das Waldgebirg' Argonne von Sainte Menehould bis Grandpr war von
Franzosen besetzt; von dort aus fhrten ihre Husaren den khnsten,
mutwilligsten, kleinen Krieg. Wir hatten gestern vernommen, dass ein
Sekretr des Herzogs von Braunschweig und einige andere Personen der
frstlichen Umgebung zwischen der Armee und der Wagenburg waren
gefangen worden. Diese verdiente aber keineswegs den Namen einer
Burg, denn sie war schlecht aufgestellt, nicht geschlossen, nicht
genugsam eskortiert. Nun bengstete sie ein blinder Lrm nach dem
andern und zugleich die Kanonade in geringer Entfernung. Spterhin
trug man sich mit der Fabel oder Wahrheit, die franzsischen Truppen
seien schon den Gebirgswald herab auf dem Weg gewesen, sich der
smtlichen Equipage zu bemchtigen; da gab sich denn der von ihnen
gefangene und wieder losgelassene Lufer des General Kalckreuth ein
groes Ansehen, indem er versicherte, er habe durch glckliche Lgen
von starker Bedeckung, von reitenden Batterien und dergleichen einen
feindlichen Anfall abgewendet. Wohl mglich! Wer hat nicht in solchen
bedeutenden Augenblicken zu tun oder getan?

Nun waren die Zelte da, Wagen und Pferde; aber Nahrung fr kein
Lebendiges. Mitten im Regen ermangelten wir sogar des Wassers, und
einige Teiche waren schon durch eingesunkene Pferde verunreinigt:
das alles zusammen bildete den schrecklichsten Zustand. Ich wusste
nicht, was es heien sollte, al sich meinen treuen Zgling,
Diener und Gefhrten Paul Gtze von dem Leder des Reisewagens das
zusammengeflossene Regenwasser sehr emsig schpfen sah; er bekannte,
dass es zur Schokolade bestimmt sei, davon er glcklicherweise einen
Vorrat mitgebracht hatte; ja was mehr ist, ich habe aus den
Fustapfen der Pferde schpfen sehen, um einen unertrglichen Durst
zu stillen. Man kaufte das Brot von alten Soldaten, die, an
Entbehrung gewhnt, etwas zusammensparten, um sich am Branntwein zu
erquicken, wenn derselbe wieder zu haben wre.




Am 22. September

hrte man, die Generale Manstein und Heymann seien nach Dampiere in
das Hauptquartier von Kellermann, wo sich auch Dumouriez einfinden
sollte. Es war von Auswechseln der Gefangnen, von Versorgung der
Kranken und Blessierten zum Schein die Rede; im Ganzen hoffte man
aber mitten im Unglck eine Umkehr der Dinge zu bewirken. Seit dem
10. August war der Knig von Frankreich gefangen, grenzenlose
Mordtaten waren im September geschehen. Man wusste, dass Dumouriez
fr den Knig und die Konstitution gesinnt gewesen; er musste also
seines eignen Heils, seiner Sicherheit willen die gegenwrtigen
Zustnde bekmpfen, und eine groe Begebenheit wre es geworden, wenn
er sich mit den Alliierten alliiert und so auf Paris losgegangen wre.

Seit der Ankunft der Equipage fand sich die Umgebung des Herzogs von
Weimar um vieles gebessert, denn man musste dem Kmmerier, dem Koch
und andern Hausbeamten das Zeugnis geben, dass sie niemals ohne
Vorrat gewesen und selbst in dem grten Mangel immer fr etwas warme
Speise gesorgt. Hierdurch erquickt, ritt ich umher, mich mit der
Gegend nur einigermaen bekannt zu machen, ganz ohne Furcht: diese
flachen Hgel hatten keinen Charakter, kein Gegenstand zeichnete
sich vor andern aus. Mich doch zu orientieren, forscht' ich nach der
langen und hoch aufgewachsenen Pappelallee, die gestern so auffallend
gewesen war, und da ich sie nicht entdecken konnte, glaubt' ich mich
weit verirrt, allein bei nherer Aufmerksamkeit fand ich, dass sie
niedergehauen, weggeschleppt und wohl schon verbrannt sei.

An den Stellen, wo die Kanonade hingewirkt, erblickte man groen
Jammer: die Menschen lagen unbegraben, und die schwer verwundeten
Tiere konnten nicht ersterben. Ich sah ein Pferd, das sich in seinen
eigenen, aus dem verwundeten Leibe heraus gefallenen Eingeweiden mit
den Vorderfen verfangen hatte und so unselig dahinhinkte.

Im Nachhausereiten traf ich den Prinzen Louis Ferdinand im freien
Feld auf einem hlzernen Stuhl sitzen, den man aus einem untern Dorf
heraufgeschafft; zugleich schleppten einige seiner Leute einen
schweren, verschlossenen Kchenschrank herbei: sie versicherten, es
klappere darin, sie hofften, einen guten Fang getan zu haben. Man
erbrach ihn begierig, fand aber nur ein stark beleibtes Kochbuch, und
nun, indessen der gespaltene Schrank im Feuer aufloderte, las man die
kstlichsten Kchenrezepte vor, und so ward abermals Hunger und
Begierde durch eine aufgeregte Einbildungskraft bis zur Verzweiflung
gesteigert.




Den 24. September.

Erheitert einigermaen wurde das schlimmste Wetter von der Welt durch
die Nachricht, dass ein Stillstand geschlossen sei und dass man also
wenigstens die Aussicht habe, mit einiger Gemtsruhe leiden und
darben zu knnen; aber auch dieses gedieh nur zum halben Trost, da
man bald vernahm, es sei eigentlich nur eine bereinkunft, dass die
Vorposten Friede halten sollten, wobei nicht unbenommen bleibe, die
Kriegsoperationen auer dieser Berhrung nach Gutdnken fortzusetzen.
Dieses war ihre Stellung verndern und uns besser einschlieen
konnten, wir aber in der Mitte mussten still halten und in unserem
stockenden Zustand verweilen. Die Vorposten aber ergriffen diese
Erlaubnis mit Vergngen. Zuerst kamen sie berein, dass, welchem von
beiden Teilen Wind und Wetter ins Gesicht schlage, der solle das
Recht haben, sich umzukehren und, in seinen Mantel gewickelt, von
dem Gegenteil nichts befrchten. Es kam weiter: die Franzosen
hatten immer noch etwas Weniges zur Nahrung, indes den Deutschen
alles abging; jene teilten daher einiges mit, und man ward immer
kameradlicher. Endlich wurden sogar mit Freundlichkeit von
franzsischer Seite Druckbltter ausgeteilt, wodurch den guten
Deutschen das Heil der Freiheit und Gleichheit in zwei Sprachen
verkndet war; die Franzosen ahmten das Manifest des Herzogs von
Braunschweig in umgekehrtem Sinn nach, entboten guten Willen und
Gastfreundschaft, und ob sich schon bei ihnen mehr Volk, als sie von
oben herein regieren konnten, auf die Beine gemacht hatte, so geschah
dieser Aufruf, wenigstens in diesem Augenblick, mehr, um den
Gegenteil zu schwchen als sich selbst zu strken.




Zum 24. September.

Als Leidensgenossen bedauerte ich auch in dieser Zeit zwei hbsche
Knaben von vierzehn bis fnfzehn Jahren. Sie hatten, als Requirierte,
mit vier schwachen Pferden meine leichte Chaise bis hierher kaum
durchgeschleppt und litten stille, mehr fr ihre Tiere als fr
sich; doch war ihnen so wenig als uns allen zu helfen. Da sie um
meinetwillen jedes Unheil ausstanden, fhlte ich mich zu irgendeiner
Piett gedrungen und wollte jenes erhandelte Kommissbrot redlich mit
ihnen teilen; allein sie lehnten es ab und versicherten, dergleichen
knnten sie nicht essen, und als ich fragte, "was sie denn gewhnlich
genssen?" versetzten sie: "Du bon pain, de la bonne soupe, de la
bonne viande, de la bonne bire." Da nun bei ihnen alles gut und
bei uns alles schlimm war, verzieh ich ihnen gern, dass sie mit
Zurcklassung ihrer Pferde sich bald darauf davonmachten. Sie
hatten brigens manches Unheil ausgestanden, ich glaube aber,
dass eigentlich das dargebotene Kommissbrot sie zu dem letzten
entscheidenden Schritt, als ein furchtbares Gespenst, bewogen
habe. Wei und schwarz Brot ist eigentlich das Schibboleth, das
Feldgeschrei zwischen Deutschen und Franzosen.

Eine Bemerkung darf ich hier nicht unberhrt lassen: wir kamen
freilich zur ungnstigsten Jahrszeit in ein von der Natur nicht
gesegnetes Land, das aber denn doch seine wenigen, arbeitsamen,
ordnungsliebenden, gengsamen Einwohner allenfalls ernhrt. Reichere
und vornehmere Gegenden mgen eine solche freilich geringschtzig
behandeln; ich aber habe keineswegs Ungeziefer und Bettelherbergen
dort angetroffen. Von Mauerwerk gebaut, mit Ziegeln gedeckt sind die
Huser, und berall hinreichende Ttigkeit. Auch ist die eigentlich
schlimme Landstrecke hchstens vier bis sechs Stunden breit und hat,
sowohl an dem Argonner Waldgebirge her als gegen Reims und Chalons
zu, schon wieder gnstigere Gelegenheit. Kinder, die man in dem
ersten besten Dorfe aufgegriffen hatte, sprachen mit Zufriedenheit
von ihrer Nahrung, und ich durfte mich nur des Kellers zu Somme
Tourbe und des weien Brotes, das uns ganz frisch von Chalons her
in die Hnde gefallen war, erinnern, so schien es doch, als ob in
Friedenszeiten hier nicht gerade Hunger und Ungeziefer zu Hause
sein msse.




Den 25. September.

Dass whrend des Stillstandes die Franzosen von ihrer Seite ttig
sein wrden, konnte man vermuten und erfahren. Sie suchten die
verlorne Kommunikation mit Chalons wieder herzustellen und die
Emigrierten in unserm Rcken zu verdrngen oder vielmehr an uns
heranzudrngen; doch augenblicklich ward fr uns das Schdlichste,
dass sie, sowohl vom Argonner Waldgebirge als von Sedan und Montmedy
her, uns die Zufuhr erschweren, wo nicht vllig vernichten konnten.




Den 26. September.

Da man mich als auf mancherlei aufmerksam kannte, so brachte man
alles, was irgend sonderbar scheinen mochte, herbei; unter andern
legte man mir eine Kanonenkugel vor, ungefhr vierpfndig zu achten,
doch war das Wunderliche daran, sie auf ihrer ganzen Oberflche in
kristallisierten Pyramiden endigen zu sehen. Kugeln waren jenes Tags
genug verschossen worden, dass sich eine gar wohl hierber konnte
verloren haben. Ich erdachte mir allerlei Hypothesen, wie das Metall
beim Guss oder nachher sich zu dieser Gestalt bestimmt htte; durch
einen Zufall ward ich hierber aufgeklrt.

Nach einer kurzen Abwesenheit wieder in mein Zelt zurckkehrend,
fragte ich nach der Kugel; sie wollte sich nicht finden. Als ich
darauf bestand, beichtete man: sie sei, nachdem man allerlei an ihr
probiert, zersprungen. Ich forderte die Stcke und fand zu meiner
groen Verwunderung eine Kristallisation, die, von der Mitte
ausgehend, sich strahlig gegen die Oberflche erweitete. Es war
Schwefelkies, der sich in einer freien Lage ringsum musste gebildet
haben. Diese Entdeckung fhrte weiter, dergleichen Schwefelkiese
fanden sich mehr, obschon kleiner, in Kugel- und Nierenform, auch in
andern weniger regelmigen Gestalten, durchaus aber darin gleich,
dass sie nirgends angesessen hatten und dass ihre Kristallisation
sich immer auf eine gewisse Mitte bezog; auch waren sie nicht
abgerundet, sondern vllig frisch und deutlich kristallinisch
abgeschlossen. Sollten sie sich wohl in dem Boden selbst erzeugt
haben, und findet man dergleichen mehr auf Ackerfeldern?

Aber ich nicht allein war auf die Mineralien der Gegend aufmerksam;
die schne Kreide, die sich berall vorfand, schien durchaus von
einigem Wert. Es ist wahr, der Soldat durfte nur ein Kochloch
aufhauen, so traf er auf die klarste weie Kreide, die er zu seinem
blanken und glatten Putz sonst so ntig hatte. Da ging wirklich ein
Armeebefehl aus: der Soldat solle sich mit dieser hier umsonst zu
habenden notwendigen Ware soviel als mglich versehen. Dies gab nun
freilich zu einigem Spott Gelegenheit: mitten in den furchtbarsten
Kot versenkt, sollte man sich mit Reinlichkeits- und Putzmitteln
beladen; wo man nach Brot seufzte, sich mit Staub zufrieden stellen.

Auch stutzten die Offiziere nicht wenig, als sie im Hauptquartier
bel angelassen wurden, weil sie nicht so reinlich, so zierlich wie
auf der Parade zu Berlin oder Potsdam erschienen. Die Oberen konnten
nicht helfen; so sollten sie, meinte man, auch nicht schelten.




Den 27. September.

Eine etwas wunderliche Vorsichtsmaregel, dem dringenden Hunger zu
begegnen, ward gleichfalls bei der Armee publiziert: man solle
die vorhandenen Gerstengarben so gut als mglich ausklopfen,
die gewonnenen Krner in heiem Wasser so lange sieden, bis sie
aufplatzen, und durch diese Speise die Befriedigung des Hungers
versuchen.

Unserer nchsten Umgebung war jedoch eine bessere Beihilfe zugedacht.
Man sah in der Ferne zwei Wagen festgefahren, denen man, weil sie
Proviant und andere Bedrfnisse geladen hatten, gern zu Hilfe kam.
Stallmeister von Seebach schickte sogleich Pferde dorthin; man
brachte sie los, fhrte sie aber auch sogleich des Herzogs Regiment
zu; sie protestierten dagegen, als zur sterreichischen Armee
bestimmt, wohin auch wirklich ihre Psse lauteten. Allein man hatte
sich einmal ihrer angenommen; um den Zudrang zu verhten und sie
zugleich festzuhalten, gab man ihnen Wache, und da sie auch von uns
bezahlt erhielten, was sie forderten, so mussten sie auch bei uns
ihre eigentliche Bestimmung finden.

Eilig drngten sich zu allererst die Haushofmeister, Kche und ihre
Gehilfen herbei, nahmen von der Butter in Fsschen, von Schinken und
andern guten Dingen Besitz. Der Zulauf vermehrte sich, die grere
Menge schrie nach Tabak, der denn auch um teuren Preis hufig
ausgegeben wurde. Die Wagen aber waren so umringt, dass sich zuletzt
niemand mehr nhern konnte; deswegen mich unsere Leute und Reiter
anriefen und auf das dringendste baten, ihnen zu diesem notwendigsten
aller Bedrfnisse zu verhelfen.

Ich lie mir durch Soldaten Platz machen und erstieg sogleich, um
mich nicht im Gedrnge zu verwirren, den nchsten Wagen; dort
bepackte ich mich fr gutes Geld mit Tabak, was nur meine Taschen
fassen wollten, und ward, als ich wieder herab und spendend ins Freie
gelangte, fr den grten Wohltter gepriesen, der sich jemals der
leidenden Menschheit erbarmt hatte. Auch Branntwein war angelangt;
man versah sich damit und bezahlte die Bouteille gern mit einem
Laubtaler.




Den 27. September.

Sowohl im Hauptquartiere selbst, wohin man zuweilen gelanget, als bei
allen denen, die von dort herkamen, erkundigte man sich nach der Lage
der Dinge: sie konnte nicht bedenklicher sein. Von dem Unheil, das in
Paris vorgegangen, verlautete immer mehr und mehr, und was man
anfangs fr Fabeln gehalten, erschien zuletzt als Wahrheit
berschwnglich furchtbar. Knig und Familie waren gefangen, die
Absetzung dessen schon zur Sprache gekommen; der Hass des Knigtums
berhaupt gewann immer mehr Breite, ja schon konnte man erwarten,
dass gegen den unglcklichen Monarchen ein Prozess wrde eingeleitet
werden. Unsere unmittelbaren kriegerischen Gegner hatten sich eine
Kommunikation mit Chalons wieder erffnet, dort befand sich Luckner,
der die von Paris anstrmenden Freiwilligen zu Kriegshaufen bilden
sollte; aber diese, in den grsslichen ersten Septembertagen, durch
die reiend flieenden Blutstrme, aus der Hauptstadt ausgewandert,
brachten Lust zum Morden und Rauben mehr als zu reinem rechtlichen
Kriege mit. Nach dem Beispiel des Pariser Gruelvolks ersahen sie
sich willkrliche Schlachtopfer, um ihnen, wie sich's fnde,
Autoritt, Besitz oder wohl gar das Leben zu rauben. Man durfte sie
nur undiszipliniert loslassen, so machten sie uns den Garaus.

Die Emigrierten waren an uns herangedrckt worden, und man erzhlte
noch von gar manchem Unheil, das im Rcken und von der Seite
bedrohte. In der Gegend von Reims sollten sich zwanzigtausend Bauern
zusammengerottet haben, mit Feldgert und wild ergriffenen
Naturwaffen versehen; die Sorge war gor, auch diese mchten auf uns
losbrechen.

Von solchen Dingen ward am Abend in der Herzogs Zelt, in Gegenwart
von bedeutenden Kriegsobristen, gesprochen; jeder brachte seine
Nachricht, seine Vermutung, seine Sorge als Beitrag in diesen
ratlosen rat, denn es schien durchaus nur ein Wunder uns retten
zu knnen.

Ich aber dachte in diesem Augenblick, dass wir gewhnlich in
misslichen Zustnden uns gern mit hohen Personen vergleichen,
besonders mit solchen, denen es noch schlimmer gegangen; da fhlt'
ich mich getrieben, wo nicht zur Erheiterung doch zur Ableitung, aus
der Geschichte Ludwigs des Heiligen die drangvollsten Begebenheiten
zu erzhlen. Der Knig, auf seinem Kreuzzuge, will zuerst den Sultan
von gypten demtigen, denn von diesem hngt gegenwrtig das gelobte
Land ab. Damiette fllt ohne Belagerung den Christen in die Hnde.
Angefeuert von seinem Bruder Graf Artois, unternimmt der Knig einen
Zug das rechte Nilufer hinauf, nach Babylon-Kairo. Es glckt, einen
graben auszufllen, der Wasser vom Nil empfngt. Die Armee zeiht
hinber. Aber nun findet sie sich geklemmt zwischen dem Nil, dessen
Haupt- und Nebenkanlen; dagegen die Sarazenen auf beiden Ufern des
Flusses glcklich postiert sind. ber die greren Wasserleitungen zu
setzen wird schwierig. Man baut Blockhuser gegen die Blockhuser der
Feinde; diese aber haben den Vorteil des griechischen Feuers. Sie
beschdigen damit die hlzernen Bollwerke, Bauten und Menschen. Was
hilft den Christen ihre entschiedene Schlachtordnung, immerfort von
den Sarazenen gereizt, geneckt, angegriffen, teilweise in Scharmtzel
verwickelt. Einzelne Wagnisse, Faustkmpfe sind bedeutend, Herz
erhebend, aber die Helden, der Knig selbst wird abgeschnitten. Zwar
brechen die Tapfersten durch, aber die Verwirrung wchst. Der Graf
von Artois ist in Gefahr; zu dessen Rettung wagt der Knig alles. Der
Bruder ist schon tot, das Unheil steigt aufs uerste. An diesem
heien Tag kommt alles darauf an, eine Brcke ber ein Seitenwasser
zu verteidigen, um die Sarazenen vom Rcken des Hauptgefechtes
abzuhalten. Den wenigen da postierten Kriegsleuten wird auf alle
Weise zugesetzt, mit Geschtz von den Soldaten, mit Steinen und Kot
durch Trossbuben. Mitten in diesem Unheil spricht der Graf von
Soissons zum Ritter Joinville scherzend: "Seneschall, lasst das
Hundepack bellen und blken; bei Gottesthron!" -- so pflegte er zu
schwren -- "von diesem Tag sprechen wir noch im Zimmer vor den Damen."

Man lchelte, nahm das Omen gut auf, besprach sich ber mgliche
Flle, besonders hob man die Ursachen hervor, warum die Franzosen uns
eher schonen als verderben mssten: der lange ungetrbte Stillstand,
das bisherige zurckhaltende Betragen gaben einige Hoffnung. Diese zu
beleben, wagte ich noch einen historischen Vortrag und erinnerte mit
Vorzeigung der Spezialkarten, dass zwei Meilen von uns nach Westen
das berchtigte Teufelsfeld gelegen sei, bis wohin Attila, Knig der
Hunnen, mit seinen ungeheuren Heerhaufen im Jahr 452 gelangt, dort
aber von den burgundischen Frsten unter Beistand des rmischen
Feldherrn Atius geschlagen worden; dass, htten sie ihren Sieg
verfolgt, er in Person und mit allen seinen Leuten umgekommen und
vertilgt worden wre. Der rmische General aber, der die Burgunder
Frsten nicht von aller Furcht vor diesem gewaltigen Feind zu
befreien gedachte, weil er sie alsdann sogleich gegen die Rmer
gewendet gesehen htte, beredete einen nach dem andern, nach Hause zu
ziehen; und so entkam denn auch der Hunnenknig mit den berresten
eines unzhlbaren Volkes.

In eben dem Augenblick ward die Nachricht gebracht, der erwartete
Brottransport von Grandpr sei angekommen; auch dies belebte doppelt
und dreifach die Geister: man schied getrsteter voneinander, und
ich konnte dem Herzog bis gegen Morgen in einem unterhaltenden
franzsischen Buch vorlesen, das auf die wunderlichste Weise in meine
Hnde gekommen. Bei den verwegenen, frevelhaften Scherzen, welche
mitten in dem bedrngtesten Zustand noch Lachen erregten, erinnerte
ich mich der leichtfertigen Jger von Verdun, welche Schelmlieder
singend in den Tod gingen. Freilich, wenn man dessen Bitterkeit
vertreiben will, muss man es mit den Mitteln so genau nicht nehmen.




Den 28. September.

Das Brot war angekommen, nicht ohne Mhseligkeit und Verlust; auf den
schlimmsten Wegen von Grandpr, wo die Bckerei lag, bis zu uns heran
waren mehrere Wagen stecken geblieben, andere dem Feind in die Hnde
gefallen und selbst ein Teil des Transports ungeniebar: denn im
wsserigen, zu schnell gebackenen Brot trennte sich Krume von Rinde,
und in den Zwischenrumen erzeugte sich Schimmel. Abermals in Angst
vor Gift, brachte man mir dergleichen Laibe, diesmal in ihren inneren
Hohlungen hochpomeranzenfarbig anzusehen, auf Arsenik und Schwefel
hindeutend, wie jenes vor Verdun auf Grnspan. War es aber auch nicht
vergiftet, so erregte doch der Anblick Abscheu und Ekel; getuschte
Befriedigung schrfte den Hunger: Krankheit, Elend, Missmut lagen
schwer auf einer so groen Masse guter Menschen.

In solchen Bedrngnissen wurden wir noch gar durch eine unglaubliche
Nachricht berrascht und betrbt; es hie, der Herzog von
Braunschweig habe sein frheres Manifest an Dumouriez geschickt,
welcher, darber ganz verwundert und entrstet, sogleich den
Stillstand aufgekndigt und den Anfang der Feinseligkeiten befohlen
habe. So gro das Unheil war, in welchem wir staken, und noch
greres bevorsahen, konnten wir doch nicht unterlassen, zu
scherzen und zu spotten; wir sagten, da sehe man, was fr Unheil
die Autorschaft nach sich ziehe! Jeder Dichter und sonstige
Schriftsteller trage gern seine Arbeiten einem jeden vor, ohne dass
er frage, ob es die rechte Zeit und Stunde sei; nun ergehe es dem
Herzog von Braunschweig ebenso, der, die Freuden der Autorschaft
genieend, sein unglckliches Manifest ganz zur unrechten zeit wieder
produzierte.

Wir erwarteten nun, die Vorposten abermals puffen zu hren, man
schaute sich nach allen Hgeln um, ob nicht irgendein Feind
erscheinen mchte; aber es war alles so still und ruhig, als wre
nichts vorgegangen. Indessen lebte man in der peinlichsten
Ungewissheit und Unsicherheit, denn jeder sah wohl ein, dass wir
strategisch verloren waren, wenn es dem Feind im Mindesten einfallen
solle, uns zu beunruhigen und zu drngen. Doch deutete schon manches
in dieser Ungewissheit auf bereinkunft und mildere Gesinnung; so
hatte man zum Beispiel den Postmeister von Sainte Menehould gegen die
am 20. zwischen der Wagenburg und Armee weggefangenen Personen der
kniglichen Suite frei und ledig gegeben.




Den 29. September.

Gegen Abend setzte sich, der erteilten Order gem, die Equipage in
Bewegung; unter Geleit Regiments Herzog von Braunschweig sollte sie
vorangehen, um Mitternacht die Armee folgen. Alles regte sich, aber
missmutig und langsam; denn selbst der beste Wille gleitete auf dem
durchweichten Boden und versank, eh' er sich's versah. Auch diese
Stunden gingen vorber: Zeit und Stunde rennt durch den rausten Tag!

Es war Nacht geworden, und auch diese sollte man schlaflos zubringen;
der Himmel war nicht ungnstig, der Vollmond leuchtete, aber hatte
nichts zu beleuchten. Zelte waren verschwunden, Gepck, Wagen und
Pferde alles hinweg, und unsere kleine Gesellschaft besonders in
einer seltsamen Lage. An dem bestimmten Ort, wo wir uns befanden,
sollten die Pferde uns Aufsuchen; sie waren ausgeblieben. So weit wir
bei falbem Licht umher sahen, schien alles d' und leer; wir horchten
vergebens: weder Gestalt noch Ton war zu vernehmen. Unsere Zweifel
wogten hin und her; wir wollten den bezeichneten Platz lieber nicht
verlassen als die Unsrigen in gleiche Verlegenheit setzen und sie
gnzlich verfehlen. Doch war es grauerlich, in Feindesland, nach
solchen Ereignissen, vereinzelt, aufgegeben, wo nicht zu sein, doch
fr den Augenblick zu scheinen.

Wir passten auf, ob nicht vielleicht eine feindliche Demonstration
vorkomme, aber es rhrte und regte sich weder Gnstiges noch
Ungnstiges.

Wir trugen nach und nach alles hinterlassene Zeltstroh in der
Umgegend zusammen und verbrannten es, nicht ohne Sorgen. Gelockt
durch die Flamme, zog sich eine alte Marketenderin zu uns heran: sie
mochte sich beim Rckweg in den fernen Orten nicht ohne Ttigkeit
versptet haben, denn sie trug ziemliche Bndel unter den Armen. Nach
Gru und Erwrmung hob sie zuvrderst Friedrich den Groen in den
Himmel und pries den Siebenjhrigen Krieg, dem sie als Kind wollte
beigewohnt haben, schalt grimmig auf die gegenwrtigen Frsten und
Heerfhrer, die so groe Mannschaft in ein Land brchten, wo die
Marketenderin ihr Handwerk nicht treiben knne, worauf es denn doch
eigentlich abgesehen sei. Man konnte sich an ihrer Art, die Sachen zu
betrachten, gar wohl erlustigen und sich fr einen Augenblick
zerstreuen, doch waren uns endlich die Pferde hchst willkommen; da
wir denn auch mit dem Regiment Weimar den ahnungsvollen Rckzug
antraten.

Vorsichtsmaregeln, bedeutende Befehle lieen frchten, dass die
Feinde unserm Abmarsch nicht gelassen zusehen wrden. Mit Bangigkeit
hatte man noch am Tag das smtliche Fuhrwerk, am bnglichsten aber
die Artillerie, in den durchweichten Boden einschneidend, sich
stockend bewegen sehen; was mochte nun zu Nacht alles vorfallen? Mit
Bedauern sah man gestrzte, geborstene Bagagewagen im Bachwasser
liegen, mit Bejammern lie man zurckbleibende Kranke hilflos. Wo man
sich auch umsah, einigermaen vertraut mit der Gegend, gestand man,
hier sie gar keine Rettung, sobald es dem Feind, den wir links,
rechts und im Rcken wussten, belieben mchte, uns anzugreifen; da
dies aber in den ersten Stunden nicht geschah, so stellte sich das
hoffnungsbedrftige Gemt schnell wieder her, und der Menschengeist,
der allem, was geschieht, Verstand und Vernunft unterlegen mchte,
sagte sich getrost, die Verhandlungen zwischen den Hauptquartieren
Hans und Sainte Menehould seien glcklich und zu unseren Gunsten
abgeschlossen worden. Von Stunde zu Stunde vermehrte sich der Glaube;
und als ich Halt machen, die smtlichen Wagen ber dem Dorf St. Jean
ordnungsgem auffahren sah, war ich schon vllig gewiss, wir wrden
nach Hause gelangen und in guter Gesellschaft (_devant les Dames_)
von unseren ausgestandenen Qualen sprechen und erzhlen drfen. Auch
diesmal teilt' ich Freunden und Bekannten meine berzeugung mit, und
wir ertrugen die gegenwrtige Not schon mit Heiterkeit.

Kein Lager ward bezogen, aber die Unsrigen schlugen ein groes Zelt
auf, inwendig und auswendig umher die reichsten, herrlichsten
Weizengarben zur Schlafsttte gebreitet. Der Mond schien hell durch
die beruhigte Luft, nur ein sanfter Zug leichter Wolken war
bemerklich, die ganze Umgebung sichtbar und deutlich, fast wie am
Tage. Beschienen waren die schlafenden Menschen, die Pferde, vom
Futterbedrfnis wach gehalten, darunter viele weie, die das Licht
krftig wiedergaben; weie Wagenbedeckungen, selbst die zur Nachtruhe
gewidmeten weien Garben, alles verbreitete Helle und Heiterkeit ber
diese bedeutende Szene. Frwahr, der grte Maler htte sich
glcklich geschtzt, einem solchen Bild gewachsen zu sein.

Erst spt legt' ich mich ins Zelt und hoffte des tiefsten Schlafes zu
genieen; aber die Natur hat manches Unbequeme zwischen ihre
schnsten Gaben ausgestreut, und so gehrt zu den ungeselligsten
Unarten des Menschen, dass er schlafend, eben wenn er selbst am
tiefsten ruht, den gesellen durch unbndiges Schnarchen wach zu
halten pflegt. Kopf an Kopf, ich innerhalb, er auerhalb des Zeltes,
lag ich mit einem Mann, der mir durch ein grsslich Sthnen die so
ntige Ruhe unwiederbringlich verkmmerte. Ich lste den Strang vom
Zeltpflock, um meinen Widersacher kennen zu lernen: es war ein
braver, tchtiger Mann von der Dienerschaft, erlag, vom Mond
beschienen, in so tiefem Schlaf, als wenn er Endymion selbst gewesen
wre.

Die Unmglichkeit, in solcher Nachbarschaft Ruhe zu erlangen, regte
den schalkischen Geist in mir auf; ich nahm eine Weizenhre und
lie die schwankende Last ber Stirn und Nase des Schlafenden
schweben. In seiner tiefen Ruhe gestrt, fuhr er mit der Hand
mehrmals bers Gesicht, und sobald er wieder in Schlaf versank,
wiederholt' ich mein Spiel, ohne dass er htte begreifen mgen, woher
in dieser Jahreszeit eine Bremse kommen knne. Endlich bracht' ich es
dahin, dass er, vllig ermuntert, aufzustehen beschloss. Indessen war
auch mir alle Schlaflust vergangen: ich trat vor das Zelt und
bewunderte in dem wenig vernderten Bild die unendliche Ruhe am Rande
der grten, immer noch denkbaren Gefahr; und wie in solchen
Augenblicken Angst und Hoffnung, Kmmernis und Beruhigung
wechselweise auf- und abgaukeln, so erschrak ich wieder, bedenkend,
dass, wenn der Feind uns in diesem Augenblick berfallen wollte,
weder eine Radspeiche noch ein Menschengebein davonkommen wrde.

Der anbrechende Tag wirkte sodann wieder zerstreuend, denn da zeigte
sich manches Wunderliche. Zwei alte Marketenderinnen hatten mehrere
seidene Weiberrcke buntscheckig um Hfte und Brust bereinander
gebunden, den obersten aber um den Hals und oben darber noch ein
Halbmntelchen. In diesem Ornat stolzierten sie gar komisch einher
und behaupteten, durch Kauf und tausch sich diese Maskerade gewonnen
zu haben.




Den 30. September.

So frh sich auch mit Tagesanbruch das smtliche Fuhrwerk in Bewegung
setzte, so legten wir doch nur einen kurzen Weg zurck; denn schon um
neun Uhr hielten wir zwischen Laval und Wargemoulin. Menschen und
Tiere suchten sich zu erquicken, kein Lager ward aufgeschlagen. Nun
kam auch die Armee heran und postierte sich auf einer Anhhe;
durchaus herrschte die grte Stille und Ordnung. Zwar konnte man an
verschiedenen Vorsichtsmaregeln gar wohl bemerken, dass noch nicht
alle Gefahr berstanden sei: man rekognoszierte, man unterhielt sich
heimlich mit unbekannten Personen, man rstete sich zum abermaligen
Aufbruch.




Den 1. Oktober.

Der Herzog von Weimar fhrte die Avantgarde und deckte zugleich den
Rckzug der Bagage. Ordnung und Stille herrschten diese Nacht, und
man beruhigte sich in dieser Ruhe, als um zwlf Uhr aufzubrechen
befohlen ward. Nun ging aber aus allem hervor, dass dieser Marsch
nicht ganz sicher sei wegen Streifpartien, welche vom Argonner Wald
herunter zu befrchten waren. Denn wre auch mit Dumouriez und den
hchsten Gewalten bereinkunft getroffen gewesen, welches nicht
einmal als ganz gewiss angenommen werden konnte, so gerhorchte doch
damals nicht leicht jemand dem andern, und die Mannschaft im
Waldgebirge durfte sich nur fr selbstndig erklren, einen Versuch
machen zu unserm Verderben, welches niemand damals htte missbilligen
drfen.

Auch der heutige Marsch ging nicht weit; es war die Absicht, Equipage
und Armee zusammen sollten auch gleichen Schritt mit den
sterreichern und Emigrierten halten, die, uns zur linken Seite
parallel, gleichfalls auf dem Rckzug begriffen waren.

Gegen acht Uhr heilten wir schon, bald nachdem wir Rouvroy hinter uns
gelassen hatten; einige Zelte wurden aufgeschlagen, der Tag war schn
und die Ruhe nicht gestrt.

Und so will ich denn hier auch noch anfhren, dass ich in diesem
Elend das neckische Gelbde getan: man solle, wenn ich uns erlst und
mich wieder zu Hause she, von mir niemals wieder einen Klagelaut
vernehmen ber den meine freiere Zimmeraussicht beschrnkenden
Nachbargiebel, den ich vielmehr jetzt recht sehnlich zu erblicken
wnsche; ferner wollt' ich mich ber Missbehagen und Langeweile im
deutschen Theater nie wieder beklagen, wo man doch immer Gott danken
knne, unter Dach zu sein, was auch auf der Bhne vorgehe. Und so
gelobt' ich noch ein Drittes, das mir aber entfallen ist.

Es war noch immer genug, dass jeder fr sich selbst in dem Grad
sorget und Ross und Wagen, Mann und Pferd nach ihren Abteilungen
regelmig zusammenblieben, und so auch wir, sobald still gehalten
oder ein Lager aufgeschlagen ward, immer wieder gedeckte Tafeln und
Bnke und Sthle fanden. Doch wollte uns bednken, dass wir gar zu
schmal abgefunden wrden, ob wir uns gleich bei dem bekannten
allgemeinen Mangel bescheiden darein ergaben.

Indessen schenkte mir das Glck Gelegenheit, einem bessern Gastmahl
beizuwohnen. Es war zeitig Nacht geworden, jedermann hatte sich
sogleich auf die zubereitete Streue gelegt; auch ich war
eingeschlafen, doch weckte mich ein lebhafter, angenehmer Traum: denn
mir schien, als rch' ich, als genss' ich die besten Bissen, und
als ich darber aufwachte, mich aufrichtete, war mein Zelt voll des
herrlichsten Geruchs gebratenen und versengten Schweinefettes, der
mich sehr lstern machte. Unmittelbar an der Natur musste es uns
verziehen sein, den Schweinehirten fr gttlich und Schweinebraten
fr unschtzbar zu halten. Ich stand auf und erblickte in ziemlicher
Ferne ein Feuer, glcklicherweise oder dem Wind: von da her kam mir
die Flle des guten Dunstes. Unbedenklich ging ich dem schein nach
und fand die smtliche Dienerschaft um ein groes, blad zu Kohlen
verbranntes Feuer beschftigt, den Rcken des Schweins schon beinahe
gar, das brige zerstckt, zum Einpacken bereit, einen jeden aber
ttig und handreichend, um die Wrste bald zu vollenden. Unfern
des Feuers lagen ein paar groe Baumstmme; nach Begrung der
Gesellschaft setzt' ich mich darauf, und ohne ein Wort zu sagen, sah
ich einer solchen Ttigkeit mit Vergngen zu.

Teils wollten mir die guten Leute wohl, teils konnten sie den
unerwarteten Gast schicklicherweise nicht ausschlieen, und wirklich,
da es zum Austeilen kam, reichten sie mir ein kostbares Stck, auch
war Brot zu haben und ein Schluck Branntwein dazu: es fehlte eben
an keinem Guten. Nicht weniger ward mir ein tchtiges Stck Wurst
gereicht, als wir uns noch bei Nacht und Nebel zu Pferde setzten; ich
steckte es in meine Pistolenhalfter, und so war mir die Begnstigung
des Nachtwindes gut zustatten gekommen.




Den 2. Oktober.

Wenn man sich auch mit einigem Essen und Trinken gestrkt und den
Geist durch sittliche Trostgrnde beschwichtigt hatte, so wechselten
doch immer Hoffnung und Sorge, Verdruss und Scham in der schwankenden
Seele: man freute sich, noch am Leben zu sein; unter solchen
Bedingungen zu leben verwnschte man. Nachts um zwei Uhr brachen wir
auf, zogen mit Vorsicht an einem Wald vorbei, kamen bei Vaux ber die
Stelle unseres vor kurzem verlassenen Lagers und bald an die Aisne.
Hier fanden wir zwei Brcken geschlagen, die uns aufs rechte Ufer
hinberleiteten. Da verweilten wir nun zwischen beiden, die wir
zugleich bersehen konnten, auf einem Sand- Und Weidenwerder, das
lebhafteste Kchenfeuer sogleich besorgend. Die zartesten Linsen, die
ich jemals genossen, lange, rote, schmackhafte Kartoffeln waren bald
bereitet. Als aber zuletzt jene von den sterreichischen Fuhrleuten
aufgebrachten, bisher streng verheimlichten Schinken gar geworden,
konnte man sich genugsam wieder herstellen.

Die Equipage war schon herber; aber bald erffnete sich ein so
prchtiger als trauriger Anblick. Die Armee zog ber die Brcken,
Fuvolk und Artillerie, die Reiterei durch einen Furt, alle Gesichter
dster, jeder Mund verschlossen, eine grssliche Empfindung
mitteilend. Kamen Regimenter heran, unter denen man Bekannte,
Befreundete wusste, so eilte man hin, man umarmte, man besprach sich,
aber unter welchen Fragen, welchem Jammer, welcher Beschmung, nicht
ohne Trnen!

Indessen freuten wir uns, so marketenderhaft eingerichtet zu sein, um
Hohe wie Niedere erquicken zu knnen. Erst war die Trommel eines
allda postierten Piketts die Tafel, dann holte man aus benachbarten
Orten Sthle, Tische und machte sich's und den verschiedenartigsten
Gsten so bequem als mglich. Der Kronprinz und Prinz Louis lieen
sich die Linsen schmecken, mancher General, der von weitem Rauch sah,
zog sich darnach. Freilich, wie auch unser Vorrat sein mochte, was
solle das unter so viele? Man musste zum zweiten und dritten Mal
ansetzen, und unsere Reserve verminderte sich.

Wie nun unser Frst gern alles mitteilte, so hielten's auch seine
Leute, und es wre schwer, einzeln zu erzhlen, wie viel der
unglcklichen vorbeiziehenden Kranken durch Kmmerier und Koch
erquickt wurden.

So ging es nun den ganzen Tag, und so ward mir der Rckzug nicht etwa
nur durch Beispiel und Gleichnis, nein, in seiner vlligen
Wirklichkeit dargestellt und der Schmerz durch jede neue Uniform
erneuert und vervielfltigt. Ein so grauenvolles Schauspiel sollte
denn auch seiner wrdig schlieen: der Knig und sein Generalstab
ritt von weiten her, hielt an der Brcke eine Zeitlang still, als
wenn er sich's noch einmal bersehen und berdenken wollte, zog dann
aber am Ende den Weg aller der Seinen. Eben so erschien der Herzog
von Braunschweig an der andern Brcke, zauderte und ritt herber.

Die Nacht brach ein, windig aber trocken, und ward auf dem traurigen
Weidenkreis meist schlaflos zugebracht.




Den 3. Oktober.

Morgens um sechs Uhr verlieen wir diesen Platz, zogen ber eine
Anhhe nach Grandpr zu und trafen daselbst die Armee gelagert. Dort
gab es neues bel und neue Sorgen: das Schloss war zum Krankenhaus
umgebildet und schon mit mehreren hundert Unglcklichen belegt, denen
man nicht helfen, sie nicht erquicken konnte. Man zog mit Scheu
vorber und musste sie der Menschlichkeit des Feindes berlassen.

Hier berfiel uns abermals ein grimmiger Regen und lhmte jede
Bewegung.




Den 4. Oktober.

Die Schwierigkeit, vom Platz zu kommen, wuchs mehr und mehr; um den
unfahrbaren Hauptwegen zu entgehen, suchte man sich Bahn ber Feld.
Der Acker, von rtlicher Farbe, noch zher als der bisherige
Kreideboden, hinderte jede Bewegung. Die vier kleinen Pferde konnten
meine Halbchaise kaum erziehen, ich dachte sie wenigstens um das
Gewicht meiner Person zu erleichtern. Die Reitpferde waren nicht zu
erblicken; der groe Kchenwagen, mit sechs tchtigen bespannt, kam
an mir vorbei. Ich bestieg ihn, von Viktualien war er nicht ganz
leer, die Kchenmagd aber stak sehr verdrielich in der Ecke. Ich
berlie mich meinen Studien. Den dritten Band von Fischers
physikalischem Lexikon hatte ich aus dem Koffer genommen; in solchen
Fllen ist ein Wrterbuch die willkommenste Begleitung, wo jeden
Augenblick eine Unterbrechung vorfllt, und dann gewhrt er wieder
die beste Zerstreuung, indem es uns von einem zum andern fhrt.

Man hatte sich auf den zhen, hie und da quelligen roten Tonfeldern
notgedrungen unvorsichtig eingelassen; in einer solchen Falge musste
zuletzt auch dem tchtigen Kchengespann die Kraft ausgehen. Ich
schien mir in meinem Wagen wie eine Parodie von Pharao im Roten Meer,
denn auch um mich her wollten Reiter und Fuvolk in gleicher Farbe
gleicher Weise versinken. Sehnschtig schaut' ich nach allen
umgebenden Hgelhhen: da erblickt' ich endlich die Reitpferde,
darunter den mir bestimmten Schimmel; ich winkte sie mit Heftigkeit
herbei, und nachdem ich meine Physik der armen, krankverdrielichen
Kchenmagd bergeben und ihrer Sorgfalt empfohlen, schwang ich mich
aufs Pferd, mit dem festen Vorsatz, mich sobald nicht wider auf eine
Fahrt einzulassen. Hier ging es nun freilich selbstndiger, aber
nicht besser noch schneller.

Grandpr, das nun als ein Ort der Pest und des Todes geschildert war,
lieen wir gern hinter uns. Mehrere befreundete Kriegsgenossen trafen
zusammen und traten im Kreis, hinter sich am Zgel die Pferde
haltend, um ein Feuer. Sie sagen, dies sei das einzige Mal gewesen,
wo ich ein verdrielich Gesicht gemacht und sie wieder durch Ernst
gestrkt, noch durch Scherz erheitert habe.




Den 4. Oktober.

Der Weg, den das Heer eingeschlagen hatte, fhrte gegen Buzancy, weil
man oberhalb Dun ber die Maas gehen wollte. Wir schlugen unser Lager
unmittelbar bei Sivry, in dessen Umgegend wir noch nicht alles
verzehrt fanden. Der Soldat strzte in die ersten Grten und verdarb,
was andere htten genieen knnen. Ich ermunterte unsern Koch und
seine Leute zu einer strategischen Furagierung: wir zogen ums ganze
Dorf und fanden noch vllig unangetastete Grten und eine reiche,
unbestrittene Ernte. Hier war von Kohl und Zwiebeln, von Wurzeln und
andern guten Vegetabilien die Flle; wir nahmen deshalb nicht mehr,
als wir brauchten, mit Bescheidenheit und Schonung. Der Garten war
nicht gro, aber sauber gehalten, und ehe wir zu dem Zaun wieder
hinaus krochen, stellt' ich Betrachtungen an, wie es zugehe, dass in
einem Hausgarten doch auch keine Spur von einer Tre ins anstoende
Gebude zu entdecken sei. Als wir, mit Kchenbeute wohl beschwert,
wieder zurckkamen, hrten wir groen Lrm vor dem Regiment. Einem
Reiter war sein vor zwanzig Tagen etwa in dieser Gegend requiriertes
Pferd davon gelaufen, es hatte den Pfahl, an dem es gebunden gewesen,
mit fortgenommen; der Kavallerist wurde sehr bel angesehen, bedroht
und befehligt, das Pferd wiederzuschaffen.

Da es beschlossen war, den 5. in der Gegend zu rasten, so wurden wir
in Sivry einquartiert und fanden nach so viel Unbilden die
Huslichkeit gar erfreulich und konnten den franzsisch-lndlichen,
idyllisch-homerischen Zustand zu unserer Unterhaltung und Zerstreuung
abermals genauer bemerken. Man trat nicht unmittelbar von der Strae
in das Haus, sondern fand sich erst in einem kleinen, offenen,
viereckigen Raum, wie die Tre selbst das Quadrat angab; von da
gelangte man durch die eigentliche Haustre in ein gerumiges, hohes,
dem Familienleben bestimmtes Zimmer; es war mit Ziegelsteinen
gepflastert, links, an der langen Wand, ein Feuerherd, unmittelbar an
Mauer und Erde; die Esse, die den Rauch abzog, schwebte darber. Nach
Begrung der Wirtsleute zog man sich gern dahin, wo man eine
entschieden bleibende Rangordnung fr die Umsitzenden gewahrte.
Rechts am Feuer stand ein hohes Klappkstchen, das auch zum Stuhl
diente; es enthielt das Salz, welches, in Vorrat angeschafft, an
einem trocknen Platz verwahrt werden musste. Hier war der Ehrensitz,
der sogleich dem vornehmsten Fremden angewiesen wurde; auf mehrere
hlzerne Sthle setzten sich die brigen Ankmmlinge mit den
Hausgenossen. Die landsittliche Kochvorrichtung, _pot au feu_,
konnt' ich hier zum ersten Mal genau betrachten. Ein groer eiserner
Kessel hing an einem Haken, den man durch Verzahnungen erhhen und
erniedrigen konnte, ber dem Feuer; darin befand sich schon ein gutes
Stck Rindfleisch mit Wasser und Salz, zugleich aber auch mit weien
und gelben Rben, Porree, Kraut und andern vegetabilischen
Ingredienzien.

Indessen wir uns freundlich mit den guten Menschen besprochen,
bemerkt' ich erst, wie architektonisch klug Anrichte, Gossenstein,
Topf- und Tellerbretter angebracht seien. Diese nahmen smtlich den
lnglichen raum ein, den jenes Viereck des offenen Vorhauses inwendig
zur Seite lie. Nett und alles der Ordnung gem war das Gert
zusammengestellt; eine Magd oder Schwester des Hauses besorgte alles
aufs zierlichste. Die Hausfrau sa am Feuer, ein Knabe stand an ihren
Knien, zwei Tchterchen drngten sich an sie heran. Der Tisch war
gedeckt, ein groer irdener Napf aufgestellt, schnes weies Brot in
Scheibchen hinein geschnitten, die heie Brhe drber gegossen und
guter Appetit empfohlen. Hier htten jene Knaben, die mein
Kommissbrot verschmhten, mich auf das Muster von bon pain und bonne
soupe verweisen knnen. Hierauf folgte das zu gleicher Zeit gar
gewordene Zugemse, sowie das Fleisch, und jedermann htte sich an
dieser einfachen Kochkunst begngen knnen.

Wir fragten teilnehmend nach ihren Zustnden: sie hatten schon das
vorige Mal, als wir solange bei Landres gestanden, sehr viel
gelitten und frchteten, kaum hergestellt, von einer feindlichen
zurckziehenden Armee nunmehr den vlligen Untergang. Wir bezeigten
uns teilnehmend und freundlich, trsteten sie, dass es nicht lange
dauern werde, da wir, auer der Arrieregarde, die letzten seien, und
gaben ihnen Rat und Regel, wie sie sich gegen Nachzgler zu verhalten
htten. Bei immer wechselnden Sturm und Regengssen brachten wir den
Tag meist unter Dach und am Feuer zu, das Vergangene in Gedanken
zurckrufend, das Nchstbevorstehende nicht ohne Sorge bedenkend.
Seit Grandpr hatte ich weder Wagen noch Koffer noch Bedienten wieder
gesehen, Hoffnung und Sorge wechselten deshalb augenblicklich ab. Die
Nacht war herangekommen, die Kinder sollten zu Bett gehen; sie
nherten sich Vater und Mutter ehrfurchtsvoll, verneigten sich,
kssten ihnen die Hand und sagten: "Bon soir, Papa! Bon soir,
Maman!" mit wnschenswerter Anmut. Bald darauf erfuhren wir, dass
der Prinz von Braunschweig in unserer Nachbarschaft gefhrlich krank
liege, und erkundigten uns nach ihm. Besuch lehnte man ab und
versicherte zugleich, dass es mit ihm viel besser geworden, so dass
er morgen frh unverzglich aufzubrechen gedenke.

Kaum hatten wir uns vor dem schrecklichen Regen wieder ans Kamin
geflchtet, als ein junger Mann herein trat, den wir als den jngeren
Bruder unseres Wirts wegen entschiedener hnlichkeit erkennen
mussten; und so erklrte sich's auch. In die Tracht des franzsischen
Landvolks gekleidet, einen starken Stab in der Hand, trat er auf, ein
schner junger Mann. Sehr ernst, ja verdrielich wild sa er bei uns
am Feuer, ohne zu sprechen; doch hatte er sich kaum erwrmt, als er
mit seinem Bruder auf und ab, sodann in das nchste Zimmer trat. Sie
sprachen sehr lebhaft und vertraulich zusammen. Er ging in den
grimmigen Regen hinaus, ohne dass ihn unsere Wirtsleute zu halten
suchten.

Aber auch wir wurden durch ein Angst- und Zetergeschrei in die
strmische Nacht hinaus gerufen. Unsere Soldaten hatten unter dem
Vorwand, Furage auf den Bden zu suchen, zu plndern angefangen, und
zwar ganz ungeschickter Weise, indem sie einem Weber sein Werkzeug
wegnahmen, eigentlich fr sie ganz unbrauchbar. Mit Ernst und einigen
guten Worten brachten wir die Sache wieder ins gleiche: Denn es waren
nur wenige, die sich solcher Tat unterfingen. Wie leicht konnte das
ansteckend werden und alles drunter und rber gehen!

Da sich mehrere Personen zusammengefunden hatten, so trat ein
weimarscher Husar zu mir, seines Handwerks ein Fleischer, und
vertraute, dass er in einem benachbarten Haus ein gemstetes Schwein
entdeckt habe: er feilsche darum, knne es aber von dem Besitzer
nicht erhalten; wir mchten mit Ernst dazu tun, denn es wrde in den
nchsten Tagen an allem fehlen. Es war wunderbar genug, dass wir, die
soeben der Plnderung Einhalt getan, zu einem hnlichen Unternehmen
aufgefordert werden sollten. Indessen, da der Hunger kein Gesetz
anerkennt, gingen wir mit dem Husar in das bezeichnete Haus, fanden
gleichfalls ein groes Kaminfeuer, begrten die Leute und setzten
uns zu ihnen. Es hatte sich noch ein anderer weimarscher Husar,
namens Liseur, zu uns gefunden, dessen Gewandtheit wir die Sache
vertrauten. Er begann in gelufigem Franzsisch von den Tugenden
regulierter Truppen zu sprechen und rhmte die Personen, welche nur
fr bares Geld die notwendigsten Viktualien anzuschaffen verlangen;
dahingegen schalt er die Nachzgler, Packknechte und Marketender, die
mit Ungestm und Gewalt auch die letzte Klaue sich zuzueignen gewohnt
seien. Er wolle daher einem jeden den wohlmeinenden Rat geben, auf
den Verkauf zu sinnen, weil Geld noch immer leichter zu verbergen sei
als Tiere, die man wohl auswittere. Seine Argumente jedoch schienen
keinen groen Eindruck zu machen, als seine Unterhandlung seltsam
genug unterbrochen wurde.

An der fest verschlossenen Haustre entstand auf einmal ein heftiges
Pochen: man achtete nicht darauf, weil man keine Lust hatte, noch
mehr Gste einzulassen; es pochte fort, die klglichste Stimme rief
dazwischen, eine Weiberstimme, die auf gut Deutsch flehentlich um
Erffnung der Tre bat. Endlich erweicht, schloss man auf: es drang
eine alte Marketenderin herein, etwas in ein Tuch gewickelt auf dem
Arm tragend; hinter ihr eine junge Person, nicht hsslich, aber blass
und entkrftet, sie heilt sich kaum auf den Fen. Mit wenigen, aber
rstigen Worten erklrte die Alte den Zustand, indem sie ein nacktes
Kind vorwies, von dem jene Frau auf der Flucht entbunden worden.
Dadurch versumt, waren sie, misshandelt von Bauern, in dieser Nacht
endlich an unsere Pforte gekommen. Die Mutter hatte, weil ihr die
Milch verschwunden, dem Kind, seitdem es Atem holte, noch keine
Nahrung reichen knnen. Jetzt forderte die Alte mit Ungestm Mehl,
Milch, Tiegel, auch Leinwand, das Kind hineinzuwickeln. Da sie kein
Franzsisch konnte, mussten wir in ihrem Namen fordern, aber ihr
herrisches Wesen, ihre Heftigkeit gab unseren Reden genug
pantomimisches Gewicht und Nachdruck: man konnte das Verlangte nicht
geschwind genug herbeischaffen, und das Herbeigeschaffte war ihr
nicht gut genug. Dagegen war auch sehenswert, wie behnd sie verfuhr.
Uns hatte sie blad vom Feuer verdrngt; der beste Sitz war sogleich
fr die Wchnerin eingenommen, sie aber machte sich auf ihrem Schemel
so breit, als wenn sie im Haus allein wre. In einem Nu war das Kind
gereinigt und gewickelt, der Brei gekocht; sie ftterte das kleine
Geschpf, dann die Mutter, an sich selbst dachte sie kaum. Nun
verlangte sie frische Kleider fr die Wchnerin, indes die alten
trockneten. Wir betrachteten sie mit Verwunderung: sie verstand sich
aufs Requirieren.

Der Regen lie nach, wir suchten unser voriges Quartier, und kurz
darauf brachten die Husaren das Schwein. Wir zahlten ein Billiges;
nun sollte es geschlachtet werden; es geschah, und als im Nebenzimmer
am Tragebalken ein Kloben eingeschraubt zu sehen war, hing das
Schwein sogleich dort, um kunstmig zerstckt und bereitet zu werden.

Dass unsere Hausleute bei dieser Gelegenheit sich nicht verdrielich,
vielmehr behilflich und zuttig erwiesen, schien uns einigermaen
wunderbar, da sie wohl Ursache gehabt htten, unser Betragen roh und
rcksichtslos zu finden. In demselbigen Zimmer, wo wir die Operation
vornahmen, lagen die Kinder in reinlichen Betten, und aufgeweckt
durch unser Getse, schauten sie artig furchtsam unter den Decken
hervor. Nahe an einem groen zweischlfrigen Ehebett, mit grnem
Rasch sorgfltig umschlossen, hing das Schwein, so dass die Vorhnge
einen malerischen Hintergrund zu dem erleuchteten Krper machten. Es
war ein Nachtstck ohnegleichen. Aber solchen Betrachtungen konnten
sich die Einwohner nicht hingeben; wir merkten vielmehr, dass sie
jenem Haus, dem man das Schwein abgewonnen, nicht sonderlich
befreundet seien und also eine gewisse Schadenfreude hierbei obwalte.
Frher hatten wir auch gutmtig einiges von Fleisch und Wurst
versprochen; das alles kam der Funktion zu statten, die in wenig
Stunden vollendet sein sollte. Unser Husar aber bewies sich in seinem
Fach so ttig und behnd, wie die Zigeunerin drben in dem ihrigen,
und wir freuten uns schon auf die guten Wrste und Braten, die uns
von dieser Halbbeute zuteil werden sollten. In Erwartung dessen
legten wir uns in der Schmiedewerkstatt unseres Wirtes auf die
schnsten Weizengarben und schliefen geruhig bis an den Tag. Indessen
hatte unser Husar sein Geschft im Innern des Hauses vollendet, ein
Frhstck fand sich bereit, und das brige war schon eingepackt,
nachdem vorher den Wirtsleuten gleichfalls ihr Teil gespendet worden,
nicht ohne Verdruss unserer Leute, welche behaupteten: bei diesem
Volk sei Gutmtigkeit bel angewendet, sie htten gewiss noch Fleisch
und andere gute Dinge verborgen, die wir auszuwittern noch nicht
recht gelernt htten.

Als ich mich in dem innern Zimmer umsah, fand ich zuletzt eine Tre
verriegelt, die ihrer Stellung nach in einen Garten gehen musste.
Durch ein kleines Fenster an der Seite konnt' ich bemerken, dass ich
nicht irre geschlossen hatte: der Garten lag etwas hher als das Haus,
und ich erkannt' ihn ganz deutlich fr denselben, wo wir uns frh mit
Kchenwaren versehen hatten. Die Tre war verrammelt und von auen so
geschickt verschttet und bedeckt, dass ich nun wohl begriff, warum
ich sie heute frh vergebens gesucht hatte. Und so stand es in den
Sternen geschrieben, dass wir, ungeachtet aller Vorsicht, doch in das
Haus gelangen sollten.




Den 6. Oktober frh.

Bei solchen Umgebungen darf man sich nicht einen Augenblick Ruhe,
nicht das krzeste Verharren irgendeines Zustandes erwarten. Mit
Tagesanbruch war der ganze Ort auf einmal in groer Bewegung: die
Geschichte des entflohenen Pferdes kam wieder zur Sprache. Der
gengstigte Reiter, der es herbeischaffen oder Strafe leiden und zu
Fu gehen sollte, war auf den nchsten Drfern herumgerannt, wo man
ihm denn, um die Plackerei selbst loszuwerden, zuletzt versicherte,
es msse in Sivry stecken; dort habe man vor so viel Wochen einen
Rappen ausgehoben, wie er ihn beschreibe; unmittelbar vor Sivry
habe nun das Pferd sich losgemacht, und was sonst noch die
Wahrscheinlichkeit vermehren mochte. Nun kam er, begleitet von einem
ernsten Unteroffizier, der, durch Bedrohung des ganzen Ortes, endlich
die Auflsung des Rtsels fand. Das Pferd war wirklich hinein nach
Sivry zu seinem vorigen Herrn gelaufen; die Freude, den vermissten
Haus- und Stallgenossen wieder zu sehen, sagen sie, sei in der
Familie grenzenlos gewesen, allgemein die Teilnahme der Nachbarn.
Knstlich genug hatte man das Pferd auf einen Oberboden gebracht und
hinter Heu versteckt; jedermann bewahrte das Geheimnis. Nun aber ward
es, unter Klagen und Jammern wieder hervorgezogen, und Betrbnis
ergriff die ganze Gemeinde, als der Reiter sich darauf schwang und
dem Wachtmeister folgte. Niemand gedachte weder eigener Lasten noch
des Keineswegs aufgeklrten allgemeinen Geschickes: das Pferd und
der zum zweiten Mal getuschte Besitzer waren der Gegenstand der
zusammengelaufenen Menge.

Eine augenblickliche Hoffnung tat sich hervor: der Kronprinz von
Preuen kam geritten, und indem er sich erkundigen wollte, was die
Menge zusammengebracht, wendeten sich die guten Leute an ihn mit
Flehen, er mge ihnen das Pferd wieder zurckgeben. Es stand nicht in
seiner Macht, denn die Kriegslufe sind mchtiger als die Knige; er
lie sie trostlos, indem er sich stillschweigend entfernte.

Nun besprachen wir wiederholt mit unsern guten Hausleuten das Manver
gegen die Nachzgler; denn schon spukte das Geschmei hin und wieder.
Wir rieten: Mann und Frau, Magd und Geselle sollten in der Tre
innerhalb des kleinen Vorraums sich halten und allenfalls ein Stck
Brot, einen Schluck Wein, wenn es gefordert wrde, auswendig reichen,
den eindringenden Ungestm aber standhaft abwehren. Mit Gewalt
erstrmten dergleichen Leute nicht leicht ein Haus; einmal
eingelassen aber werde man ihrer nicht wieder Herr. Die guten
Menschen baten uns, noch lnger zu bleiben, allein wir hatten an uns
selber zu denken: das Regiment des Herzogs war schon vorwrts und der
Kronprinz abgeritten; dies war genug, unsern Abschied zu bestimmen.

Wie klglich dies gewesen, wurde uns noch deutlicher, als wir, bei
der Kolonne angelangt, zu hren hatten, dass der Vortrab der
franzsischen Prinzen gestern, als er eben den Pass Le Chne Populeux
und die Aisne hinter sich gelassen, zwischen les Grandes und les
Petites Armoises von Bauern angegriffen worden; einem Offizier solle
das Pferd unterm Leib gettet, dem Bedienten des Kommandierenden eine
Kugel durch den Hut gegangen sein. Nun fiel mir's aufs Herz, dass in
vergangner Nacht als der brbeiige Schwager ins Haus trat, ich einer
solchen Ahnung mich nicht erwehren konnte.




Zum 6. Oktober.

Aus der gefhrlichen Klemme waren wir nun heraus, unser Rckzug
jedoch noch immer beschwerlich und bedenklich, der Transport unseres
Haushaltes von Tag zu Tage lstiger; denn freilich fhrten wir ein
komplettes Mobiliar mit uns: auer dem Kchengert noch Tisch und
Bnke, Kisten, Kasten und Sthle, ja ein paar Blechfen. Wie sollte
man die mehreren Wagen fortbringen, da der Pferde tglich weniger
wurden! Einige fielen, die berbliebenen zeigten sich kraftlos. Es
blieb nichts brig, als einen wagen stehen zu lassen, um die andern
fortzubringen. Nun ward geratschlagt, was wohl das Entbehrlichste
sei, und so musste man einen mit allerlei Gert wohl bepackten Wagen
im Stich lassen, um nicht alles zu entbehren. Diese Operation
wiederholte sich einige Mal, unser Zug ward um vieles kompendioser,
und doch wurden wir aufs neue an eine solche Reduktion gemahnt, da
wir uns an den niedrigen Ufern der Maas mit grter Unbequemlichkeit
fortschleppten.

Was mich aber in diesen Stunden am meisten drckte und besorgt
machte, war, dass ich meinen Wagen schon einige Tage vermisste. Nun
konnt' ich mir's nicht anders denken, als mein sonst so resoluter
Diener sei in Verlegenheit geraten, habe seine Pferde verloren, und
andere zu requirieren nicht vermocht. Da sah ich denn in trauriger
Einbildungskraft meine werte bhmische Halbchaise, ein Geschenk
meines Frsten, die mich schon so weit in der Welt herumgetragen, im
Kot versunken, vielleicht auch ber Bord geworfen, und somit, wie ich
da zu Pferde sa, trug ich nun alles bei mir. Der Koffer mit
Kleidungsstcken, Manuskripten jeder Art und manches durch Gewohnheit
sonst noch werte Besitztum, alles schien mir verloren und schon in
die Welt zerstreut.

Was war aus der Brieftasche mit Geld und bedeutenden Papieren
geworden? Aus sonstigen Kleinigkeiten, die man an sich herumsteckt?
Hatte ich das alles nun recht umstndlich und peinlich durchgedacht,
so stellte sich der Geist aus dem unertrglichen Zustand bald wieder
her. Das Vertrauen auf meinen Diener fing wieder an, zu wachsen, und
wie ich vorher umstndlich den Verlust gedacht, so dacht' ich nunmehr
alles durch seine Ttigkeit erhalten und freute mich dessen, als lg'
es mir schon vor Augen.




Den 7. Oktober.

Als wir eben auf dem linken Ufer der Maas aufwrts zogen, um an die
Stelle zu gelangen, wo wir bersetzen und die gebahnte Hauptstrae
jenseits erreichen sollten, gerade auf dem sumpfigsten Wiesenfleck,
hie es, der Herzog von Braunschweig komme hinter uns her. Wir
heilten an und begrten ihn ehrerbietig; er heilt auch ganz nahe vor
uns stille und sagte zu mir: "Es tut mir zwar leid, dass ich Sie in
dieser unangenehmen Lage sehe, jedoch darf es mir in dem Sinn
erwnscht sein, dass ich einen einsichtigen, glaubwrdigen Mann mehr
wei, der bezeugen kann, dass wir nicht vom Feind, sondern von den
Elementen berwunden worden."

Er hatte mich in dem Hauptquartier zu Hans vorbeigehend gesehen und
wusste berhaupt, dass ich bei dem ganzen traurigen Zug gegenwrtig
gewesen. Ich antwortete ihm etwas Schickliches und bedauerte noch
zuletzt, dass er, nach so viel Leiden und Anstrengung, noch durch die
Krankheit seines frstlichen Sohnes sei in Sorgen gesetzt worden,
woran wir vorige Nacht in Sivry groen Anteil empfunden. Er nahm es
wohl auf, denn dieser Prinz war sein Liebling, zeigte sodann auf ihn,
der in der Nhe hielt; wir verneigten uns auch vor ihm. Der Herzog
wnschte uns allen Geduld und Ausdauer, und ich ihm dagegen eine
ungestrte Gesundheit, weil ihm sonst nichts abgehe, uns und die gute
Sache zu retten. Er hatte mich eigentlich niemals geliebt, das musste
ich mir gefallen lassen; er gab es zu erkennen, das konnt' ich ihm
verziehen: nun aber war das Unglck eine milde Vermittlerin geworden,
die uns auf eine teilnehmende Weise zusammenbrachte.




Den 7. und 8. Oktober.

Wir hatten ber die Maas gesetzt und en Weg eingeschlagen, der aus
den Niederlanden nach Verdun fhrt; das Wetter war furchtbarer als
je, wir lagerten bei Consenvoye. Die Unbequemlichkeit, ja das Unheil
stiegen aufs hchste: die Zelte durchnsst, sonst kein Schirm, kein
Obdach; man wusste nicht, wohin man sich wenden sollte; noch immer
fehlte mein Wagen, und ich entbehrte das Notwendigste. Konnte man
sich auch unter einem Zelt bergen, so war doch an keine Ruhestelle zu
denken. Wie sehnte man sich nicht nach Stroh, ja nach irgendeinem
Brettstck, und zuletzt blieb doch nichts brig, als sich auf den
kalten, feuchten Boden niederzulegen!

Nun hatte ich aber schon in vorigen gleichen Fllen mir ein
praktisches Hilfsmittel ersonnen, wie solche Not zu berdauern
sei; ich stand nmlich so lange auf den Fen, bis die Knie
zusammenbrachen, dann setzt' ich mich auf einen Feldstuhl, wo ich
hartnckig verweilte, bis ich niederzusinken glaubte, da denn jede
Stelle wo man sich horizontal ausstrecken konnte, hchst willkommen
war. Wie also Hunger das beste Gewrz bleibt, so wird Mdigkeit der
herrlichste Schlaftrunk sein.

Zwei Tage und zwei Nchte hatten wir auf diese Weise verlebt, als der
traurige Zustand einiger Kranken auch Gefunden zugute kommen sollte.
Des Herzogs Kammerdiener war von dem allgemeinen bel befallen, einen
Junker, vom Regiment hatte der Frst aus dem Lazarett von Grandpr
gerettet; nun beschloss er, die beiden in das etwa zwei Meilen
entfernte Verdun zu schicken. Kmmerier Wagner wurde ihnen zur Pflege
mitgegeben, und ich sumte nicht, auf gndigste vorsorgliche
Anmahnung, den vierten Platz einzunehmen. Mit Empfehlungsschreiben
and en Kommandanten wurden wir entlassen, und als beim Einsitzen der
Pudel nicht zurckbleiben durfte, so ward aus dem sonst so beliebten
Schlafwagen ein halbes Lazarett und etwas Menagerieartiges.

Zur Eskorte, zum Quartier- und Proviantmeister erhielten wir jenen
Husaren, der, namens Liseur, aus Luxemburg gebritg, der Gegend
kundig, Geschick, Gewandtheit und Khnheit eines Freibeuters
vereinigte; mit Behagen ritt er vorauf und machte dem mit sechs
starken Schimmeln bespannten Wagen und sich selbst ein gutes Ansehen.

Zwischen ansteckende Kranke gepackt, wusst' ich von keiner
Apprehension. Der Mensch, wenn er sich getreu bleibt, findet zu jedem
Zustand eine hilfreiche Maxime; mir stellte sich, sobald die Gefahr
gro ward, der blindeste Fatalismus zur Hand, und ich habe bemerkt,
dass Menschen, die ein durchaus gefhrliche Metier treiben, sich
durch denselben Glauben gesthlt und gestrkt fhlen. Die
mahomedanische Religion gibt hiervon den besten Beweis.




Den 9. Oktober.

Unsere traurige Lazarettfahrt zog nun langsam dahin und gab zu
ernsten Betrachtungen Anlass, da wir in dieselbe Heerstrae fielen,
auf der wir mit so viel Mut und Hoffnung ins Land eingetreten waren.
Hier berhrten wir nun wieder dieselbe Gegend, wo der erste Schuss
aus den Weinbergen fiel, denselben Hochweg, wo uns die hbsche Frau
in die Hnde lief und zurckgefhrt worden; kamen an dem Muerchen
vorbei, von wo sie uns mit den Ihrigen freundlich und zur Hoffnung
aufgeregt begre. Wie sah das alles jetzt anders aus! Und wie
doppelt unerfreulich erschienen die Folgen eines fruchtlosen Feldzugs
durch den trben Schleier eines anhaltenden Regenwetters!

Doch mitten in diesen Trbnissen sollte mir gerade das Erwnschteste
begegnen. Wir holten ein Fuhrwerk ein, das mit vier kleinen,
unansehnlichen Pferden vor uns herzog; hier aber gab es einen Lust-
und Erkennungsauftritt, denn es war mein Wagen, mein Diener. "Paul!"
rief ich aus, "Teufelsjunge, bist du's! Wie kommst du hierher?"
Der Koffer stand geruhig aufgepackt an seiner alten Stelle: welch
erfreulicher Anblick! Und als ich mich nach Portefeuille und anderem
hastig erkundigte, sprangen zwei Freunde aus dem Wagen, geheimer
Sekretr Weyland und Hauptmann Vent. Das war eine gar frohe Szene des
Wiederfindens, und ich erfuhr nun, wie es bisher zugegangen.

Seit der Flucht jener Bauerknaben hatte mein Diener die vier Pferde
durchzubringen gewusst und sich nicht allein von Hans bis Grandpr,
sondern auch von da, als er mir aus den Augen gekommen, ber die
Aisne geschleppt und immer so fort verlangt, begehrt, furagiert,
requiriert, bis wir zuletzt glcklich wieder zusammentrafen und nun,
alle vereint und hchst vergngt, nach Verdun zogen, wo wir genugsame
Ruhe und Erquickung zu finden hofften.

Hierzu hatte denn auch der Husar weislich und klglich die besten
Voranstalten getroffen: er war voraus in die Stadt geritten und hatte
sich, bei der Flle des Dranges, gar bald berzeugt, dass hier
ordnungsgem, durch Wirksamkeit und guten Willen eines Quartieramts,
nichts zu hoffen sei; glcklicherweise aber sah er in dem Hof eines
schnen Hauses Anstalten zu einer herannahenden Abreise, er sprengte
zurck, bedeutete uns, wie wir fahren sollten, und eilte nun, sobald
jene Partei heraus war, das Hoftor zu besetzen, dessen Schlieen zu
verhindern und uns gar erwnscht zu empfangen. Wir fuhren ein, wir
stiegen aus, unter Protestation einer alten Haushlterin, welche,
soeben von einer Einquartierung befreit, keine neue, besonders ohne
Billett, aufzunehmen Lust empfand. Indessen waren die Pferde schon
ausgespannt und im Stall, wir aber hatten uns in die oberen Zimmer
geteilt; der Hausherr, ltlich, Edelmann, Ludwigsritter, lie es
geschehen: weder er noch Familie wollten von Gsten weiter wissen, am
wenigsten diesmal von Preuen auf dem Rckzug.




Den 10. Oktober.

Ein Knabe, der uns in der verwilderten Stadt herumfhrte, fragte mit
Bedeutung: ob wir denn von den unvergleichlichen Verduner Pastetchen
noch nicht gekostet htten? Er fhrte uns darauf zu dem berhmtesten
Meister dieser Art. Wir traten in einen weiten Hausraum, in welchem
groe und kleine fen ringsherum angebracht waren, zugleich auch in
der Mitte Tisch und Bnke zum frischen Genuss des augenblicklich
Gebacknen. Der Knstler trat vor, sprach aber seine Verzweiflung
hchst lebhaft aus, dass es ihm nicht mglich sei, uns zu bedienen,
da es ganz und gar an Butter fehle. Er zeigte die schnsten Vorrte
des feinsten Weizenmehls; aber wozu ntzten ihm diese ohne Milch und
Butter! Er rhmte sein Talent, den Beifall der Einwohner, der
Durchreisenden und bejammerte nur, dass er gerade jetzt, wo er sich
vor solchen Fremden zuzeigen und seinen Ruf auszubreiten Gelegenheit
finde, gerade des Notwendigsten ermangeln msste. Er beschwor uns
daher, Butter herbeizuschaffen, und gab zu verstehen, wenn wir nur
ein wenig Ernst zeigen wollten, so sollte sich dergleichen schon
irgendwo finden. Doch lie er sich fr den Augenblick zufrieden
stellen, als wir versprachen, bei lngerem Aufenthalt von Jardin
Fontaine dergleichen herbeizuholen.

Unsern jungen Fhrer, der uns weiter durch die Stadt begleitete und
sich ebenso wohl auf hbsche Kinder als auf Pastetchen zu verstehen
schien, befragten wir nach einem wunderschnen Frauenzimmer, das sich
eben aus dem Fenster eines wohl gebauten Hauses herausbog. "Ja,"
rief er, nachdem er ihren Namen genannt, "das hbsche Kpfchen mag
sich fest auf den Schultern halten: es ist auch eine von denen, die
dem Knig von Preuen Blumen und Frchte berreicht haben. Ihr Haus
und Familie dachten schon, sie wren wieder obendrauf, das Blatt
aber hat sich gewendet, jetzt tausch' ich nicht mir ihr." Er sprach
hierber mit besonderer Gelassenheit, als wre es ganz naturgem und
knne und werde nicht anders sein.

Mein Diener war von Jardin Fontaine zurckgekommen, wohin er, unsern
alten Wirt zu begren und den Brief an die Schwester zu Paris
wiederzubringen, gegangen war. Der neckische Mann empfing ihn
gutmtig genug, bewirtete ihn aufs beste und lud die Herrschaft ein,
die er gleichfalls zu traktieren versprach.

So wohl sollt' es uns aber nicht werden; denn kaum hatten wir den
Kessel bers Feuer gehngt, mit herkmmlichen Ingredienzien und
Zeremonien, als eine Ordonnanz herein trat und im Namen des
Kommandanten, Herrn von Courbire, freundlich andeutete, wir mchten
uns einrichten, morgen frh um acht Uhr aus Verdun zu fahren. Hchst
betroffen, dass wir Dach, Fach und Herd, ohne uns nur einigermaen
herstellen zu knnen, eiligst verlassen und uns wieder in die wste
schmutzige Welt hinaus gestoen sehen sollten, beriefen wir uns auf
die Krankheit des Junkers und Kammerdieners, worauf er denn meinte,
wir sollten diese baldmglichst fortzubringen suchen, weil in der
Nacht die Lazarette geleert und nur die vllig intransportablen
Kranken zurckgelassen wrden.

Uns berfiel Schrecken und entsetzen; denn bisher zweifelte niemand,
dass von Seiten der Alliierten man Verdun und Longwy erhalten, wo
nicht gar noch einige Festungen erobern und sichere Winterquartiere
bereiten msse. Von diesen Hoffnungen konnten wir nicht auf einmal
Abschied nehmen; daher schien es uns, man wolle nur die Festung von
den unzhligen Kranken und dem unglaublichen Tross befreien, um sie
alsdann mit der notwendigen Garnison besetzen zu knnen. Kmmerier
Wagner jedoch, der das Schreiben des Herzogs dem Kommandanten
berbracht hatte, glaubte das Allerbedenklichste in diesen Maregeln
zu sehen. Was es aber auch im ganzen fr einen Ausgang nhme, mussten
wir uns diesmal in unser Schicksal ergeben und speisten geruhig den
einfachen Topf in verschiedenen Abstzen und Trachten, als eine
andere Ordonnanz abermals herein trat und uns beschied, wir mchten
ja ohne Zaudern und Aufenthalt morgen frh um drei Uhr aus Verdun zu
kommen suchen. Kmmerier Wagner, der den Inhalt jenes Briefs an den
Kommandanten zu wissen glaubte, sah hierin ein entschiedenes
Bekenntnis, dass die Festung den Franzosen sogleich wieder wrde
bergeben werden. Dabei gedachten wir der Drohung des Knaben,
gedachten der schnen geputzten Frauenzimmer, der Frchte und Blumen
und betrbten uns zum ersten Mal recht herzlich und grndlich ber
eine so entschieden misslungene, groe Unternehmung.

Ob ich schon unter dem diplomatischen Korps echte und
verehrungswrdige Freunde gefunden, so konnt' ich doch, sooft ich sie
mitten unter diesen groen Bewegungen fand, mich gewisser neckischen
Einflle nicht enthalten; sie kamen mir vor wie Schauspieldirektoren,
welche die Stcke whlen, Rollen austeilen und in unscheinbarer
Gestalt einhergehen, indessen die Truppe, so gut sie kann, aufs beste
herausgestutzt, das Resultat ihrer Bemhungen dem Glck und der Laune
des Publikums berlassen muss.

Baron Breteuil wohnte gegen uns ber; seit der Halsbandsgeschichte
war er mir nicht aus den Gedanken gekommen. Sein hass gegen den
Kardinal von Rohan verleitete ihn zu der furchtbarsten bereilung;
die durch jenen Prozess entstandene Erschtterung ergriff die
Grundfesten des Staates, vernichtete die Achtung gegen die Knigin
und gegen die obern Stnde berhaupt: denn leider alles, was zur
Sprache kam, machte nur das gruliche Verderben deutlich, worin der
Hof und die Vornehmeren befangen lagen.

Diesmal glaubte man, er habe den auffallenden Vergleich gestiftet,
der uns zum Rckzug verpflichtete, zu dessen Entschuldigung man
hchst gnstige Bedingungen voraussetzte: man versicherte, Knig,
Knigin und Familie sollten freigegeben und sonst noch manches
Wnschenswerte erfllt werden. Die Frage aber, wie diese groen
diplomatischen Vorteile mit allem brigen, was uns doch auch bekannt
war, bereinstimmen sollten, lie einen Zweifel nach dem andern
aufkeimen.

Die Zimmer, die wir bewohnten, waren anstndig mbliert; mir fiel ein
Wandschrank auf, durch dessen Glastren ich viele regelmig
beschnittene gleiche Hefte in Quart erblickte. Zu meiner Verwunderung
ersah ich daraus, dass unser Wirt als einer der Notablen im Jahre
1787 zu Paris gewesen; in diesen Heften war seine Instruktion
abgedruckt. Die Migkeit der damaligen Forderungen, die
Bescheidenheit, womit sie abgefasst, kontrastierten vllig mit den
gegenwrtigen Zustnden von Gewaltsamkeit, bermut und Verzweiflung.
Ich las diese Bltter mit wahrhafter Rhrung und nahm einige
Exemplare zu mir.




Den 11. Oktober.

Ohne die Nacht geschlafen zu haben, waren wir frh um 3 Uhr eben im
Begriff, unsern gegen das Hoftor gerichteten Wagen zu besteigen, als
wir ein unberwindliches Hindernis gewahr wurden; denn es zog schon
eine ununterbrochene Kolonne Krankenwagen zischen den zur Seite
aufgehuften Pflastersteinen durch die zum Sumpf gefahrene Stadt. Als
wir nun so standen, abzuwarten, was erreicht werden knnte, drngte
sich unser Wirt, der Ludwigsritter, ohne zu gren, an uns vorbei.
Unsere Verwunderung ber sein frhes und unfreundliches Erscheinen
ward aber bald in Mitleid verkehrt; denn sein Bedienter, hinter ihm
drein, trug ein Bndelchen auf dem Stock, und so ward es nur allzu
deutlich, dass er, nachdem er vier Wochen vorher Haus und Hof wieder
gesehen hatte, es nun abermals, wie wir unsere Eroberungen, verlassen
musste.

Sodann ward aber meine Aufmerksamkeit auf die bessern Pferde vor
meiner Chaise gelenkt; da gestand denn die liebe Dienerschaft, dass
sie die bisherigen schwachen, unbrauchbaren gegen Zucker und Kaffee
vertauscht, sogleich aber in Requisition anderer glcklich gewesen
sei. Die Ttigkeit des gewandten Liseurs war hierbei nicht zu
verkennen; auch durch ihn kamen wir diesmal vom Fleck: denn er
sprengte in eine Lcke der Wagenreihe und hielt das folgende Gespann
so lange zurck, bis wir sechs- und vierspnnig eingeschaltet waren;
da ich mich denn frischer Luft in meinem leichten Wgelchen abermals
erfreuen konnte.

Nun bewegten wir uns mit Leichenschritt, aber bewegten uns doch; der
Tag brach an, wir befanden uns vor der Stadt in dem grtmglichen
Gewirr und Gewimmel. Alle Arten von Wagen, wenig Reiter, unzhlige
Fugnger durchkreuzten sich auf dem groen Platz vor dem Tor. Wir
zogen mit unserer Kolonne rechts gegen Etain, auf einem beschrnkten
Fahrweg mit Grben zu beiden Seiten. Die Selbsterhaltung in einem so
ungeheuren Drange kannte schon kein Mitleiden, keine Rcksicht mehr:
nicht weit vor uns fiel ein Pferd vor einem Rstwagen, man schnitt
die Strnge entzwei und lie es liegen. Als nun aber die drei brigen
die Last nicht weiterbringen konnten, schnitt man auch sie los, warf
das schwer bepackte Fuhrwerk in den Graben, und mit dem geringsten
Aufenthalt fuhren wir weiter und zugleich ber das Pferd weg, das
sich eben erholen wollte, und ich sah ganz deutlich, wie dessen
Gebeine unter den Rdern knirschten und schlotterten.

Reiter und Fugnger suchten sich von der schmalen, unwegsamen
Fahrstrae auf die Wiesen zu retten; aber auch diese waren zugrunde
geregnet, von ausgetretenen Grben berschwemmt, die Verbindung der
Fupfade berall unterbrochen. Vier ansehnliche, schne, sauber
gekleidete franzsische Soldaten wateten eine Zeitlang neben unseren
wagen her, durchaus nett und reinlich, und wussten so gut hin und her
zu treten, dass ihr Fuwerk nur bis an die Knorren von der
schmutzigen Wallfahrt zeugte, welche die guten Leute bestanden.

Dass man unter solchen Umstnden in Grben, auf Wiesen, Feldern und
Angern tote Pferde genug erblickte, war natrliche Folge des
Zustands; bald aber fand man sie auch abgedeckt, die fleischigen
Teile sogar ausgeschnitten -- trauriges Zeichen des allgemeinen
Mangels!

So zogen wir fort, jeden Augenblick in Gefahr, bei der geringsten
eigenen Stockung selbst ber Bord geworfen zu werden; unter welchen
Umstnden freilich die Sorgfalt unseres Geleitsmanns nicht genug zu
rhmen und zu preisen war. Dieselbe bettigte sich denn auch zu
Etain, wo wir gegen Mittag anlangten und in dem schnen, wohl
gebauten Stdtchen durch Straen und auf Pltzen ein Sinn
verwirrendes Gewimmel um und neben uns erblickten: die Masse wogte
hin und her, und indem alles vorwrts drang, ward jeder dem anderen
hinderlich. Unvermutet lie unser Fhrer die Wagen vor einem wohl
gebauten Haus des Marktes halten; wir traten ein, Hausherr und Frau
begrten uns in ehrerbietiger Entfernung.

Man fhrte uns in ein getfeltes Zimmer auf gleicher Erde, wo im
schwarz-marmornen Kamin behagliches Feuer brannte. In dem groen
Spiegel darber beschauten wir uns ungern: denn ich hatte noch immer
nicht die Entschlieung gefasst, meine langen Haare kurz schneiden zu
lassen, die jetzt wie ein verworrener Hanfrocken umher quollen; der
Bart, strauchig, vermehrte das wilde Ansehen unserer Gegenwart.

Nun aber konnten wir, aus den niedrigen Fenstern den ganzen Markt
berschauend, unmittelbar das grenzenlose Getmmel beinahe mit Hnden
greifen. Aller Art Fugnger, Uniformierte, Marode, gesunde aber
trauernde Brgerliche, Weiber und Kinder drngten und quetschten sich
zwischen Fuhrwerk aller Gestalt; Rst- und Leiterwagen, Ein- und
Mehrspnner; hunderterlei eigenes und requiriertes Gepferde,
weichend, anstoend, hinderte sich rechts und links. Auch Hornvieh
zog damit weg, wahrscheinlich geforderte, weggenommene Herden. Reiter
sah man wenig; auffallend aber waren die eleganten Wagen der
Emigrierten, vielfarbig lackiert, vergoldet und versilbert, die ich
wohl schon in Grevenmachern mochte bewundert haben. Die grte Not
entstand aber da, wo die den Markt fllende Menge in eine zwar gerade
und wohl gebaute, doch verhltnismig viel zu enge Strae ihren Weg
einschlagen sollte. Ich habe in meinem Leben nichts hnliches
gesehen; vergleichen aber lie sich der Anblick mit einem erst ber
Wiesen und Anger ausgetretenen Strom, der sich nun wieder durch enge
Brckenbogen durchdrngen und im beschrnkten Bett weiter flieen
soll.

Die lange, aus unsern Fenstern bersehbare Strae hinab schwoll
unaufhaltsam die seltsamste Woge; ein hoher zweisitziger Reisewagen
ragte ber der Flut empor. Er lie uns an die schnen Franzsinnen
denken; sie waren es aber nicht, sondern Graf Haugwitz, den ich mit
einiger Schadenfreude Schritt vor Schritt dahinwackeln sah.




Zum 11. Oktober.

Ein gutes Essen war uns bereitet, die kstlichste Schpsenkeule
besonders willkommen; an gutem Wein und Brot fehlte es nicht, und so
waren wir, neben dem grten Getmmel, in der schnsten Beruhigung:
wie man auch wohl der strmenden See, am Fu eines Leuchtturms auf
dem Steindamm sitzend, der wilden Wellenbewegung zusieht und dort und
da ein Schiff ihrer Willkr preisgegeben. Aber uns erwartete in
diesem gastlichen Haus eine wahrhaft herzergreifende Familienszene.

Der Sohn, ein schner junger Mann, hatte schon einige Zeit,
hingerissen von den allgemeinen Gesinnungen, in Paris unter den
Nationaltruppen gedient und sich dort hervorgetan. Als nun aber die
Preuen eingedrungen, die Emigrierten mit der stolzen Hoffnung eines
gewissen Sieges herangelangt waren, verlangten die nun auch
zuversichtlichen Eltern dringend und wieder dringend, der Sohn solle
seine dortige Lage, die er nunmehr verabscheuen msse, eiligst
aufgeben, zurckkehren und diesseits fr die gute Sache fechten. Der
Sohn, wider Willen, aus Piett, kommt zurck, eben in dem Moment, da
Preuen, sterreicher und Emigrierte retirieren; er eilt
verzweiflungsvoll durch das Gedrnge zu seinem Vaterhaus. Was soll er
nun anfangen? Und wie sollen wir ihn empfangen? Freude, ihn wieder zu
sehen, Schmerz ihn in dem Augenblick wieder zu verlieren, Verwirrung,
ob Haus und Hof in diesem Sturm werde zu erhalten sein. Als junger
Mann dem neuen Systeme gnstig, kehrt er gentigt zu einer Partei
zurck, die er verabscheut, und eben als er sich in diese Schicksal
ergibt, sieht er diese Partei zugrunde gehen. Aus Paris entwichen,
wei er sich schon in das Snden- und Todesregister geschrieben; und
nun im Augenblick soll er aus seinem Vaterland verbannt, aus seines
Vaters Haus gestoen werden. Die Eltern, die sich gern an ihm letzen
mchten, mssen ihn selbst wegtreiben, und er, in Schmerzenswonne des
Wiedersehens, wei nicht, wie er sich losreien soll; die Umarmungen
sind Vorwrfe, und das Scheiden, das vor unsern Augen geschieht,
schrecklich.

Unmittelbar vor unserer Stubentre ereignete sich das alles auf der
Hausflur. Kaum war es still geworden und die Eltern hatten sich
weinend entfernt, als eine Szene, fast noch wunderbarer,
auffallender, uns selbst ansprach, ja in Verlegenheit setzte und,
obgleich herzergreifend genug, uns doch zuletzt ein Lcheln
abntigte. Einige Bauersleute, Mnner, Frauen und Kinder, drangen in
unsere Zimmer und warfen sich heulend und schreiend mit zu Fen. Mit
der vollen Beredsamkeit des Schmerzes und des Jammers klagten sie,
dass man ihr schnes Rindvieh wegtreibe, sie schienen Pchter eines
ansehnlichen Gutes; ich solle nur zum Fenster hinaussehen: eben
treibe man sie vorbei, es htten Preuen sich derselben bemchtigt;
ich solle befehlen, solle Hilfe schaffen. Hierauf trat ich, um mich
zu besinnen, ans Fenster, der leichtfertige Husar stellte sich hinter
mich und sagte: "Verzeihen Sie! Ich habe Sie fr den Schwager des
Knigs von Preuen ausgegeben, um gute Aufnahme und Bewirtung zu
finden. Die Bauern htten freilich nicht hereinkommen sollen; aber
mit einem guten Wort weisen Sie die Leute an mich und schein
berzeugt von meinen Vorschlgen."

Was war zu tun? berrascht und unwillig nahm ich mich zusammen und
schien ber die Umstnde nachzudenken. Wird doch, sagt' ich zu mir
selbst, List und Verschlagenheit im Krieg gerhmt! Wer sich durch
Schelme bedienen lsst, kommt in Gefahr, von ihnen irregefhrt
zu werden. Ein Schakal, unntz und beschmend, ist hier zu
vermeiden. Und wie der Arzt in verzweifelten Fllen wohl noch ein
Hoffnungsrezept verschreibt, entlie ich die guten Menschen mehr
pantomimisch als mit Worten; dann sagt' ich mir zu meiner Beruhigung:
Hatte doch bei Sivry der echte Thronfolger den bedrngten Leuten ihr
Pferd nicht zusprechen knnen, so drfte sich der untergeschobene
Schwager des Knigs wohl verzeihen, wenn er die Hilfsbedrftigen mit
irgendeiner klugen, eingeflsterten Wendung abzulehnen suchte.

Wir aber gelangten in finsterer Nacht nach Spincourt; alle Fenster
waren hell, zum Zeichen, dass alle Zimmer besetzt seien. An jeder
Haustre ward protestiert von den Einwohnern, die keine neuen Gste,
von den Einquartierten, die keine Genossen aufnehmen wollten. Ohne
viel Umstnde aber drang unser Husar ins Haus, und als er einige
franzsische Soldaten in der Halle am Feuer fand, ersuchte er sie
zudringlich, vornehmen Herren, die er geleite, eine Platz am Kamin
einzurumen. Wir traten zugleich herein; sie warne freundlich und
rckten zusammen, setzten sich aber bald wieder in die wunderliche
Positur, ihre aufgehobenen Fe gegen das Feuer zu strecken. Sie
liefen auch wohl einmal im Saal hin und wider und kehrten bald in
ihre vorige Lage zurck, und nun konnt' ich bemerken, dass es ihr
eigentliches Geschft sei, den unteren Teil ihrer Gamaschen zu
trocknen.

Gar bald aber erschienen sie mir als bekannt: es waren eben
dieselbigen, die heute frh neben unserm Wagen im Schlamm so zierlich
einher traten. Nun, frher als wir angelangt, hatten sie schon
am Brunnen die untersten Teile gewaschen und gebrstet, trockneten
sie nunmehr, um morgen frh neuem Schmutz und Unrat galant
entgegenzugehen. Ein musterhaftes Betragen, an das man sich in
manchen Fllen des Lebens wohl wieder zu erinnern hat! Auch dacht'
ich dabei meiner lieben Kriegskameraden, die den Befehl zur
Reinlichkeit murrend aufgenommen hatten.

Doch uns dergestalt untergebracht zu haben, war dem klugen,
dienstfertigen Liseur nicht genug; die Fiktion des Mittags, die sich
so glcklich erwiesen hatte, ward khnlich wiederholt: die hohe
Generalsperson, der Schwager des Knigs, wirkte mchtig und vertrieb
eine ganze Masse guter Emigrierten aus einem Zimmer mit zwei Betten.
Zwei Offiziere von Khler nahmen wir dagegen in demselben Raum auf,
Ich aber begab mich vor die Haustre zu dem alten erprobten
Schlafwagen, dessen Deichsel, diesmal nach Deutschland gekehrt, mir
ganz eigene Gedanken hervorrief, die jedoch durch ein schnelles
Einschlummern gar bald abgeschnitten wurden.




Den 12. Oktober.

Der heutige Weg erschien noch trauriger als der gestrige: ermattete
Pferde waren fter gefallen und lagen mit umgestrzten Wagen hufiger
neben der Hochstrae auf den Wiesen. Aus den geborstenen Decken der
Rstwagen fielen gar niedliche Mantelscke, einem Emigriertenkorps
gehrig, hervor; das bunte, zierliche Ansehen dieses herrenlosen,
aufgegebenen Gutes lockte die Besitzlust der Vorbeiwandernden, und
mancher bepackte sich mit einer Last, die er zunchst auch wieder
abwerfen sollte. Daraus mag denn wohl die Rede entstanden sein, auf
dem Rckzug seien Emigrierte von Preuen geplndert worden.

Von hnlichen Vorfllen erzhlte man auch manches Scherzhafte. Ein
schwer beladener Emigrantenwagen war ebenermaen an einer Anhhe
stecken geblieben und verlassen worden. Nachfolgende Truppen
untersuchen den Inhalt, finden Kstchen von miger Gre, auffallend
schwer, belstigen sich gemeinschaftlich damit und schleppen sie mit
unsglicher Mhe auf die nchste Hhe. Hier wollen sie nun in die
Beute und in die Last sich teilen: aber welch ein Anblick! Aus jedem
zerschlagenen Kasten fllt eine Unzahl Kartenspiele hervor, und die
Goldlustigen trsten sich im wechselseitigen Spott durch Lachen und
Possen.

Wir aber zogen durch Longuyon nach Longwy; und hier muss man, indem
die Bilder bedeutender Freudenszenen aus dem Gedchtnis verschwinden,
sich glcklich schtzen, dass auch widerwrtige Gruelbilder sich vor
der Einbildungskraft abstumpfen. Was soll ich also wiederholen, dass
die Wege nicht besser wurden, dass man nach wie vor zwischen
umgestrzten wagen abgedeckte und frisch ausgeschnittene Pferde aber-
und abermals rechts und links verabscheute! Von Bschen schlecht
bedeckte, geplnderte und ausgezogene Menschen konnte man oft genug
bemerken, und endlich lagen auch die vor dem offenen Blick neben der
Strae.

Uns sollte jedoch auf einem Seitenweg abermals Erquickung und
Erholung werden, dagegen aber auch traurige Betrachtungen ber den
Zustand des wohlhabenden, gutmtigen Brgers in schrecklichem,
diesmal ganz unerwartetem Kriegsunheil.




Den 13. Oktober.

Unser Fhrer wollte nicht freventlich seine braven, wohlhabenden
Verwandten in dieser Gegend gerhmt haben; er lie uns deshalb einen
Umweg machen ber Arlon, wo wir in einem schnen Stdtchen, bei
ansehnlichen und wackern Leuten, in einem wohl gebauten und gut
eingerichteten Haus, von ihm angemeldet, gar freundlich aufgenommen
wurden. Die guten Personen freuten sich selbst ihres Vetters,
glaubten gewisse Besserung und nchste Befrderung schon in dem
Auftrag zu sehen, dass er uns mit zwei Wagen, so viel Pferden und,
wie er ihnen glauben gemacht hatte, mit vielem Geld und Kostbarkeiten
aus dem gefhrlichsten Gewirr herauszufhren beehrt worden. Auch wir
konnten seiner bisherigen Leitung das beste Zeugnis geben, und ob wir
gleich an die Bekehrung dieses verlorenen Sohnes nicht sonderlich
glauben konnten, so waren wir ihm doch diesmal so viel schuldig
geworden, dass wir auch seinem knftigen Betragen einiges Zutrauen
nicht ganz verweigern durften. Der Schelm verfehlte nicht, mit
schmeichelhaftem Wesen das Seinige zu tun, und erhielt wirklich in
der Stille von den braven Leuten ein artiges Geschenk in Gold. Wir
erquickten uns dagegen an gutem, kaltem Frhstck und dem
trefflichsten Wein und beantworteten die Fragen der freilich auch
sehr erstaunten, wackeren Leute wegen der wahrscheinlichen nchsten
Zukunft so schonend als mglich.

Vor dem Haus hatten wir ein paar sonderbare Wagen bemerkt, lnger und
teilweise hher als gewhnliche Rstwagen, auch an der Seite mit
wunderlichen Anstzen geformt. Mit rege gewordener Neugier fragte ich
nach diesem seltsamen Fuhrwerk; man antwortete mir zutraulich, aber
mit Vorsicht: es sei darin die Assignatenfabrik der Emigrierten
enthalten, und bemerkte dabei, was fr ein grenzenloses Unglck
dadurch ber die Gegend gebracht worden. Denn da man sich seit
einiger Zeit der echten Assignate kaum erwehren knne, so habe man
nun auch, seit dem Einmarsch der Alliierten, diese falschen in Umlauf
gezwungen. Aufmerksame Handelsleute htten dagegen sogleich, ihrer
Sicherheit willen, diese verdchtige Papierware nach Paris zu senden
und sich von dorther offizielle Erklrung ihrer Falschheit zu
verschaffen gewusst; dies verwirre aber Handel und Wandel ins
Unendliche: denn da man bei den echten Assignaten sich nur zum Teil
gefhrdet finde, bei den falschen aber gewiss gleich um das Ganze
betrogen sei, auch beim ersten Anblick niemand sie zu unterscheiden
vermge, so wisse kein Mensch mehr, was er geben und was er empfangen
solle; dies verbreite schon bis Luxemburg und Trier solche
Ungewissheit, Misstrauen und Bangigkeit, dass nunmehr von allen
Seiten das Elend nicht grer werden knne.

Bei allen solchen erlittenen und noch zu frchtenden Unbilden zeigen
sich diese Personen in brgerlicher Wrde, Freundlichkeit und gutem
Benehmen zu unserer Verwunderung, wovon uns in den franzsischen
ernsten Dramen alter und neuer Zeit ein Abglanz herber gekommen ist.
Von einem solchen Zustand knnen wir uns in eigener vaterlndischer
Wirklichkeit und ihrer Nachbildung keinen Begriff machen. Die petite
ville mag lcherlich sein, die deutschen Kleinstdter sind dagegen
absurd.




Den 14. Oktober.

Sehr angenehm berrascht fuhren wir von Arlon nach Luxemburg auf der
besten Kunststrae und wurden in diese sonst so wichtige und
wohlverwahrte Festung eingelassen wie in jedes Dorf, in jeden
Flecken. Ohne irgend angehalten oder befragt zu werden, sahen wir uns
nach und nach innerhalb der Auenwerke, der Wlle, Grben,
Zugbrcken, Mauern und Tore, unserm Fhrer, der Mutter und Vater hier
zu finden vorgab, das weitere vertrauend. berdrngt war die Stadt
von Blessierten und Kranken, von ttigen Menschen, die sich selbst,
Pferde und Fuhrwerk wieder herzustellen trachteten.

Unsere Gesellschaft, die sich bisher zusammengehalten hatte, musste
sich trennen; mir verschaffte der gewandte Quartiermeister ein
hbsches Zimmer, das aus dem engsten Hfchen, wie aus einer
Feueresse, doch bei sehr hohen Fenstern genugsames Licht erhielt.
Hier wusste er mich mit meinem Gepck und sonst gar wohl einzurichten
und fr alle Bedrfnisse zu sorgen; er gab mir den Begriff von den
Haus- und Mietleuten des Gebudes und versicherte, dass ich gegen
eine kleine Gabe so bald nicht ausgetrieben und wohl behandelt werden
sollte.

Hier konnt' ich nun zum ersten Mal den Koffer wieder aufschlieen und
mich meiner Reisehabseligkeiten, des Geldes, der Manuskripte wieder
versichern. Das Konvolut zur Farbenlehre bracht' ich zuerst in
Ordnung, immer meine frheste Maxime vor Augen: die Erfahrung zu
erweitern und die Methode zu reinigen. Ein Kriegs- und Reisetagebuch
mocht' ich gar nicht anrhren. Der unglckliche Verlauf der
Unternehmung, der noch Schlimmeres befrchten lie, gab immer neuen
Anlass zum Wiederkuen des Verdrusses und zu neuem Aufregen der
Sorge. Meine stille, von jedem Gerusch abgeschlossene Wohnung
gewhrte mir wie eine Klosterzelle vollkommenen Raum zu den ruhigsten
Betrachtungen, dagegen ich mich, sobald ich nur den Fu vor die
Haustre hinaussetzte, in dem lebendigsten Kriegsgetmmel befand und
nach Lust das wunderlichste Lokal durchwandeln konnte, das vielleicht
in der Welt zu finden ist.




Den 15. Oktober.

Wer Luxemburg nicht gesehen hat, wird sich keine Vorstellung
von diesem an- und bereinander gefgten Kriegsgebude machen.
Die Einbildungskraft verwirrt sich, wenn man die seltsame
Mannigfaltigkeit wieder hervorrufen will, mit der sich das Auge des
hin und her gehenden Wanderers kaum befreunden konnte. Plan und
Grundriss vor sich zu nehmen wird ntig sein, nachstehendes nur
einigermaen verstndlich zu finden.

Ein Bach, Petrus genannt, erst allein, dann, verbunden mit dem
entgegenkommenden Fluss, die Elze, schlingt sich manderartig
zwischen Felsen durch und um sie herum, bald im natrlichen Lauf,
bald durch Kunst gentigt. Auf dem linken Ufer liegt hoch und flach
die alte Stadt; sie, mit ihren Festungswerken nach dem offenen Lande
zu, ist andern befestigten Stdten hnlich. Als man nun fr die
Sicherheit derselben nach Westen Sorge getragen, sah man wohl ein,
dass man sich auch gegen die Tiefe, wo das Wasser fliet, zu
verwahren habe; bei zunehmender Kriegskunst war auch das nicht
hinreichend, man musste, auf dem rechten Ufer des Gewssers, nach
Sden, Osten und Norden auf ein- und ausspringenden Winkeln
unregelmiger Felspartien neue Schanzen vorschieben, ntig immer
eine zur Beschtzung der andern. Hieraus entstand nun eine Verkettung
unbersehbarer Bastionen, Redouten, halber Monde und solches Zangen-
und Krakelwerk, als nur die Verteidigungskunst im seltsamsten Fall zu
leisten vermochte.

Nichts kann deshalb einen wunderlichern Anblick gewhren, als das
mitten durch dies alles am Fluss sich hinab ziehende enge Tal, dessen
wenige Flchen, dessen sanft oder steil aufsteigende Hhen zu Grten
angelegt, in Terrassen abgestuft und mit Lusthusern belebt sind; von
wo aus man auf die steilsten Felsen, auf hoch getrmte Mauern rechts
und links hinaufschaut. Hier findet sich so viel Gre mit Anmut, so
viel Ernst mit Lieblichkeit verbunden, dass wohl zu wnschen wre,
Poussin htte sein herrliches Talent in solchen Rumen bettigt.

Nun besaen die Eltern unseres lockeren Fhrers in dem Pfaffental
einen artigen abhngigen Garten, dessen Genuss sie mir gern und
freundlich berlieen. Kirche und Kloster, nicht weit entfernt,
rechtfertigte den Namen dieses Elysiums, und in dieser geistlichen
Nachbarschaft schien auch den weltlichen Bewohnern Ruh' und Friede
verheien, ob sie gleich mit jedem Blick in die Hhe an Krieg, Gewalt
und Verderben erinnert wurden.

Jetzt nun aber aus der Stadt, wo das unselige Kriegsnachspiel
mit Lazaretten, abgerissenen Soldaten, zerstckten Waffen,
herzustellenden Achsen, Rdern und Lafetten, zugleich mit sonstigen
Trmmern aller Art aufgefhrt wurde, in eine solche Stille zu
flchten, war hchst wohlttig; aus den Straen zu entweichen, wo
Wagner, Schmiede und andere Gewerke ihr Wesen ffentlich unermdet
und geruschvoll trieben, und sich in das Grtchen im geistlichen Tal
zu verbergen, war hchst behaglich. Hier fand ein Ruh- und
Sammlungsbedrftiger das willkommenste Asyl.




Den 16. Oktober.

Die allen Begriff bersteigende Mannigfaltigkeit der auf- und
aneinander getrmten, gefgten Kriegsgebude, die bei jedem Schritt
vor- oder rckwrts, auf- oder abwrts ein anderes Bild zeigten,
riefen die Lust hervor, wenigstens etwas davon aufs Papier zu
bringen. Freilich musste diese Neigung auch wieder einmal sich regen,
da seit so viel Wochen mir kaum ein Gegenstand vor die Augen
gekommen, der sie geweckt htte. Unter andern fiel es sonderbar auf,
dass so manche gegeneinander ber stehende Felsen, Mauern und
Verteidigungswerke in der Hhe durch Zugbrcken, Galerien und gewisse
wunderliche Vorrichtungen verbunden waren. Irgendjemand vom Metier
htte dieses alles mit Kunstaugen angesehen und sich mit
Soldatenblick der sichern Einrichtung erfreut; ich aber konnte nur
den malerischen Effekt ihr abgewinnen und htte gar zu gern, wre
nicht alles Zeichnen an und in den Festungen hchlich verpnt, meine
Nachbildungskrfte hier in bung gesetzt.




Den 19. Oktober.

Nachdem ich nun also mehrere Tage in diesen Labyrinthen, wo Naturfels
und Kriegsgebu wetteifernd seltsam steile Schluchten gegeneinander
aufgetrmt und daneben Pflanzenwachstum, Baumzucht und Luftgebsch
nicht ausgeschlossen, mich sinnend und denkend einsam genug herum
gewunden hatte. Fing ich an, nach Hause kommend, die Bilder, wie sie
sich der Einbildungskraft nach und nach einprgten, aufs Papier zu
bringen, unvollkommen zwar, doch hinreichend, das Andenken eines
hchst seltsamen Zustandes einigermaen festzuhalten.




Den 20. Oktober.

Ich hatte Zeit gewonnen, das kurz Vergangene zu berdenken, aber je
mehr man dachte, je verworrener und unsicherer ward alles vor dem
Blick. Auch sah ich, dass wohl das Notwendigste sein mchte, sich auf
das unmittelbar Bevorstehende zu bereiten. Die wenigen Meilen bis
Trier mussten zurckgelegt werden; aber was mochte dort zu finden
sein, da nun die Herren selbst mit andern Flchtlingen sich
nachdrngten!

Als das Schmerzlichste jedoch, was einen jeden, mehr oder weniger
resigniert wie er war, mit einer Art von Furienwut ergriff, empfand
man die Kunde, die sich nicht verbergen lie, dass unsere hchsten
Heerfhrer mit den vermaledeiten, durch das Manifest dem Untergang
gewidmeten, durch die schrecklichsten Taten abscheulich dargestellten
Aufrhrern doch bereinkommen, ihnen die Festungen bergeben mussten,
um nur sich und den Ihrigen eine mgliche Rckkehr zu gewinnen. Ich
habe von den Unsrigen gesehen, fr welche der Wahnsinn zu frchten
war.




Den 22. Oktober.

Auf dem Weg nach Trier fand sich bei Grevenmachern nichts mehr von
jener galanten Wagenburg; de, wst und zerfahren lagen die Anger,
und die weit und breiten Spuren deuteten auf jenes vorbergegangene
flchtige Dasein. Am Posthaus fuhr ich diesmal mit requirierten
Pferden ganz im stillen vorbei, das Briefkstchen stand noch auf
seinem Platz, kein Gedrnge war umher, man konnte sich der
wunderlichsten Gedanken nicht erwehren.

Doch ein herrlicher Sonnenblick belebte soeben die Gegend, als mir
das Monument von Igel, wie der Leuchtturm einem nchtlich
Schiffenden, entgegenglnzte.

Vielleicht war die Macht des Altertums nie so gefhlt worden als an
diesem Kontrast: ein Monument, zwar auch kriegerischer Zeiten, aber
doch glcklicher, siegreicher Tage und eines dauernden Wohlbefindens
rhriger Menschen in dieser Gegend.

Obgleich in spter Zeit, unter den Antoninen, erbaut, behlt es immer
noch von trefflicher Kunst so viel Eigenschaften brig, dass es uns
im ganzen anmutig-ernst zuspricht und aus seinen, obgleich sehr
beschdigten Teilen das Gefhl eines frhlich-ttigen Daseins
mitteilt. Es hielt mich lange fest; ich notierte manches, ungern
scheidend, da ich mich nur desto unbehaglicher in meinem erbrmlichen
Zustand fhlte.

Doch auch jetzt wechselte schnell wieder eine freudige Aussicht in
der Seele, die blad darauf zur Wirklichkeit gelangte.




Den 23. Oktober.

Wir brachten unserm Freunde, Leutnant von Fritsch, den wir auf seinem
Posten widerwillig zurckgelassen, die erwnschte Nachricht, dass er
den Militr-Verdienstorden erhalten habe, mit Recht, wegen einer
braven Tat, und mit Glck, ohne an unserm Jammer teilgenommen zu
haben. Die Sache verhielt sich aber also.

Die Franzosen, weil sie uns weit genug ins Land vorgedrungen, uns in
bedeutender Entfernung, in groer Not wussten, versuchten im Rcken
einen unvermuteten Streich. Sie nherten sich Trier in bedeutender
Anzahl, sogar mit Kanonen. Leutnant von Fritsch erfhrt es, und mit
weniger Mannschaft geht er dem Feind entgegen, der, ber die
Wachsamkeit stutzend, mehr anrckende Truppen befrchtend, nach
kurzem Gefecht sich bis Merzig zurckzieht und nicht wieder
erscheint. Dem Freund war das Pferd blessiert, durch dieselbe Kugel
sein Stiefel gestreift, dagegen er aber auch, als Sieger
zurckkehrend, aufs beste empfangen wird. Der Magistrat, die
Brgerschaft erzeigen ihm alle mgliche Aufmerksamkeit; auch die
Frauenzimmer, die ihn bisher als einen hbschen jungen Mann gekannt,
erfreuen sich nun doppelt an ihm als einem Helden.

Sogleich berichtet er seinem Chef den Vorfall, der, wie billig, dem
Knig vorgetragen wird, worauf denn der blaue Kreuzstern erfolgt. Die
Glckseligkeit des braven Jnglings, dessen lebhafteste Freude
mitzufhlen, war ein ungemeiner Genuss; ihn hatte das Glck, das uns
vermied, in unserm Rcken aufgesucht, und er sah sich fr den
militrischen gehorsam belohnt, der ihn an einer unttigen Lage zu
fesseln schien.




Den 24. Oktober.

Der Freund hatte mir bei jenem Kanonikus abermals Quartier
verschafft. Auch ich war von der allgemeinen Krankheit nicht ganz
frei geblieben und bedurfte daher einiger Arznei und Schonung.

In diesen ruhigen Stunden nahm ich sogleich die kurzen Bemerkungen
vor, die ich bei dem Monument zu Igel aufgezeichnet hatte.

Soll man den allgemeinsten Eindruck aussprechen, so ist hier Leben
dem Tod, Gegenwart der Zukunft entgegengestellt und beide
untereinander im sthetischen Sinn aufgehoben. Dies war die herrliche
Art und Weise der Alten, die sich noch lange genug in der Kunstwelt
erhielt.

Die Hhe des Monuments kann 70 Fu betragen, es steigt in mehreren
architektonischen Abteilungen obeliskenartig hinauf: erst der Grund,
auf diesem ein Sockel, sodann die Hauptmasse, darber eine Attike,
sodann ein Fronton und zuletzt eine wundersam sich aufschlingende
Spitze, wo sich die Reste einer Kugel und eines Adlers zeigen. Jede
dieser Abteilungen ist mit den Gliedern, aus denen sie besteht,
durchaus mit Bildern und Zierraten geschmckt.

Diese Eigenschaft deutet denn freilich auf sptere Zeiten: denn
dergleichen tritt ein, sobald sich die reine Proportion im Ganzen
verliert, wie denn auch hier daran manches zu erinnern sein mchte.

Dessen ungeachtet muss man anerkennen, das dieses Werk auf eine erst
kurz vergangene, hhere Kunst gegrndet ist. So waltet denn auch ber
das Ganze der antike Sinn, in dem das wirkliche Leben dargestellt
wird, allegorisch gewrzt durch mythologische Andeutungen. In dem
Hauptfeld Mann und Frau von kolossaler Bildung, sich die Hnde
reichend, durch eine dritte, verloschene Figur, als einer Segnenden,
verbunden. Sie stehen zwischen zwei sehr verzierten, mit bereinander
gestellten tanzenden Kindern geschmckten Pilastern.

Alle Flchen sodann deuten auf die glcklichsten
Familienverhltnisse, berein denkende und -wirkende Verwandte,
redliches, genussreiches Zusammenleben darstellend.

Aber eigentlich waltet berall die Ttigkeit vor; ich getraue mir
jedoch nicht alles zu erklren. In einem Feld scheinen sich
Geschft-berlegende Handelsleute versammelt zu haben; offenbar aber
sind beladene schiffe, Delphine als Verzierung, Transport auf
Saumrossen, Ankunft von waren und deren Beschauen, und was sonst noch
Menschliches und Natrliches mehr vorkommen drfte.

Sodann aber auch im Zodiak ein rennendes Pferd, das vielleicht
vormals Wagen und Lenker hinter sich zog, in Friesen, sodann
sonstigen Rumen und Giebelfeldern Bacchus, Faunen, Sol und Luna, und
was sonst noch Wunderbares Knopf und Gipfel verzieren und verziert
haben mag.

Das Ganze ist hchst erfreulich, und man knnte, auf der Stufe, wo
heutzutage Bau- und Bildkunst stehen, in diesem Sinn ein herrliches
Denkmal den wrdigsten Menschen, ihren Lebensgenssen und Verdiensten
gar wohl errichten. Und so war es mir denn recht erwnscht, mit
solchen Betrachtungen beschftigt, den Geburtstag unserer verehrten
Herzogin Amalie im Stillen zu feiern, ihr Leben, ihr edles Wirken und
wohl Tun umstndlich zurckzurufen; woraus sich denn ganz natrlich
die Aufregung ergab, ihr in Gedanken einen gleichen Obelisk zu widmen
und die smtlichen Rume mit ihren individuellen Schicksalen und
Tugenden charakteristisch zu verzieren.




Trier, den 25. Oktober.

Die mir nunmehr gegnnte Ruh' und Bequemlichkeit benutzte ich nun,
ferner manches zu ordnen und aufzubewahren, was ich in den wildesten
Zeiten bearbeitet hatte. Ich rekapitulierte und redigierte meine
chromatischen Akten, zeichnete mehrere Figuren zu den Farbentafeln,
die ich oft genug vernderte, um das, was ich darstellen und
behaupten wollte, immer anschaulicher zu machen. Hierauf dacht' ich
denn auch, meinen dritten Teil von Fischers physikalischem Lexikon
wieder zu erlangen. Auf Erkundigung und Nachforschen fand ich endlich
die Kchenmagd im Lazarett, das man mit ziemlicher Sorgfalt in einem
Kloster errichtet hatte. Sie litt an der allgemeinen Krankheit, doch
waren die Rume luftig und reinlich; sie erkannte mich, konnte aber
nicht reden, nahm den Band unter dem Haupt hervor und bergab mir ihn
so reinlich und wohl erhalten, als ich ihn berliefert hatte, und ich
hoffe, die Sorgfalt, der ich sie empfahl, wird ihr zugute gekommen
sein.

Ein junger Schullehrer, der mich besuchte und mir verschiedene der
neuesten Journale mitteilte, gab Gelegenheit zu erfreulichen
Unterhaltungen. Er verwunderte sich, wie so viel andere, dass ich von
Poesie nichts wissen wolle, dagegen auf Naturbetrachtungen mich mit
ganzer Kraft zu werfen schien. Er war in der Kantischen Philosophie
unterrichtet, und ich konnte ihm daher auf den Weg deuten, den ich
eingeschlagen hatte. Wenn Kant in seiner "Kritik der Urteilskraft"
der sthetischen Urteilskraft die teleologische zur Seite stellt, so
ergibt sich daraus, dass er andeuten wolle: ein Kunstwerk solle wie
ein Naturwerk, ein Naturwerk wie ein Kunstwerk behandelt und der Wert
eines jeden aus sich selbst entwickelt, an sich selbst betrachtet
werden. ber solche Dinge konnte ich sehr beredet sein und glaube,
dem guten jungen Mann einigermaen genutzt zu haben. Es ist
wundersam, wie eine jede Zeit Wahrheit und Irrtum aus dem kurz
Vergangenen, ja dem lngst Vergangenen mit sich trgt und schleppt,
muntere Geister jedoch sich auf neuer Bahn bewegen, wo sie sich's
denn freilich gefallen lassen, meist allein zu gehen oder einen
Gesellen auf eine kurze Strecke mit sich fortzuziehen.




Tier, den 26. Oktober.

Nun durfte man aber aus solchen ruhigen Umgebungen nicht
heraustreten, ohne sich wie im Mittelalter zu finden, wo
Klostermauern und der tollste unregelmigste Kriegszustand
miteinander immerfort kontrastierten. Besonders jammerten
einheimische Brger sowie zurckkehrende Emigrierte ber das
schreckliche Unheil, was durch die falschen Assignaten ber Stadt und
Land gekommen war. Schon hatten Handelshuser gewusst, dergleichen
nach Paris zu bringen, und von dort die Falschheit, vllige
Ungltigkeit, die hchste Gefahr vernommen, sich mit dergleichen nur
irgend abzugeben. Dass die echten gleichfalls dadurch in Misskredit
gerieten, dass man bei vlliger Umkehrung der Dinge auch wohl die
Vernichtung aller dieser Papiere zu frchten habe, fiel jedermann
auf. Dieses ungeheure bel nun gesellte sich zu den brigen, so dass
es vor der Einbildungskraft und dem Gefhl ganz grenzenlos erschien:
ein verzweiflungsvoller Zustand, demjenigen hnlich, wenn man eine
Stadt vor sich niederbrennen sieht.




Trier, den 28. Oktober.

Die Wirtstafel, an der man brigens ganz wohl versorgt war, gab auch
ein Sinne verwirrendes Schauspiel: Militrs und Angestellte, allerart
Uniform, Farben und Trachten, im stillen missmutig, auch wohl in
uerungen heftig, aber alle wie in einer gemeinsamen Hlle
zusammengefasst.

Daselbst begegnete mir ein wahrhaft rhrendes Ereignis. Ein alter
Husarenoffizier, mittlerer Gre, grauen Bartes und Haares und
funkelnden Auges, kam nach Tisch auf mich zu, ergriff mich bei der
Hand und fragte: ob ich denn das alles auch mit ausgestanden habe?
Ich konnte ihm einiges von Valmy und Hans erzhlen, woraus er
sich denn gar wohl das brige nachbilden konnte. Hierauf fing
er mit Enthusiasmus und warmem Anteil zu sprechen an, Worte,
die ich nachzuschreiben kaum wage, des Inhalts: es sei schon
unverantwortlich, dass man sie, deren Metier und Schuldigkeit es
bleibe, dergleichen Zustnde zu erdulden und ihr Leben dabei
zuzusetzen, in solche Not gefhrt, die vielleicht kaum jemals erhrt
worden; dass aber auch ich -- er drckte seine gute Meinung ber
meine Persnlichkeit und meine Arbeiten aus -- das htte mit erdulden
sollen, darber wollt' er sich nicht zufrieden geben. Ich stellte
ihm die Sache von der heiteren Seite vor, von der Seite, mit meinem
Frsten, dem ich nicht ganz unntz gewesen, mit so vielen wackren
Kriegsmnnern, zu eigner Prfung diese wenigen Wochen her geduldet zu
haben; allein er blieb bei seiner Rede, indessen ein Zivilist zu uns
trat und dagegen erwiderte: man sei mir Dank schuldig, dass ich das
alles mit ansehen wollen, indem man sich nun gar wohl von meiner
geschickten Feder Darstellung und Aufklrung erwarten knne. Der alte
Degen wollte davon auch nichts wissen und rief: "Glaubt es nicht, er
ist viel zu klug! Was er schreiben drfte, mag er nicht schreiben,
und was er schreiben mchte, wird er nicht schreiben."

brigens mochte man kaum hie und da hinhorchen, der Verdruss war
grenzenlos. Und wie es schon eine verdrieliche Empfindung erregt,
wenn glckliche Menschen nicht ablassen, uns ihr Behagen
vorzurechnen, so ist es noch viel unausstehlicher, wenn uns ein
Unheil, das wir selbst aus dem Sinn schlagen mchten, immer
wiederkuend vorgetragen wird. Von den Franzosen, die man hasste, aus
dem Land gedrngt zu sein, gentigt, mit ihnen zu unterhandeln, mit
den Mnnern des 10. Augusts sich zu befreunden, das alles war fr
Geist und Gemt so hart, als bisher die krperliche Duldung gewesen.
Man schonte der obersten Leitung nicht, und das Vertrauen, das man
dem berhmten Feldherrn so lange Jahre gegnnt hatte, schien fr
immer verloren.




Trier, den 29. Oktober.

Als man sich nun auf deutschem Grund und Boden wieder fand und
aus der ungeheuersten Verwirrung zu entwickeln hoffen durfte,
traf uns die Nachricht von Custinens verwegenen und glcklichen
Unternehmungen. Das groe Magazin zu Speyer war in seine Hnde
geraten, er hatte darauf gewusst, eine bergabe von Mainz zu
bewirken. Diese Schritte schienen die grenzenlosesten bel nach sich
zu ziehen, sie deuteten auf einen auerordentlichen, so khnen als
folgerechten Geist, und da musste denn schon alles verloren sein.
Nichts fand man wahrscheinlicher und natrlicher, als dass auch schon
Koblenz von den Franken besetzt sei -- und wie sollten wir unsern
Rckweg antreten! Frankfurt gab man in Gedanken gleichfalls auf;
Hanau und Aschaffenburg an einer, Kassel an der anderen Seite
sah man bedroht, und was nicht alles zu frchten! Vom unseligen
Neutralittssystem die nchsten Frsten paralysiert, desto
lebendig-ttiger die von revolutionren Gesinnungen ergriffene Masse.
Sollte man, wie Mainz bearbeitet worden, nicht auch die Gegend und
die nchst anstoenden Provinzen zu Gesinnungen vorbereiten und die
schon entwickelten schleunig benutzen? Das alles musste zum Bedanken,
zur Sprache kommen.

fters hrt' ich wiederholen: sollten die Franzosen wohl ohne groe
berlegung und Umsicht, ohne starke Heeresmacht solche bedeutende
Schritte getan haben? Custinens Handlungen schienen so khn als
vorsichtig; man dachte sich ihn, seine Gehilfen, seine Obern als
weise, krftige, konsequente Mnner. Die Not war gro und Sinne
verwirrend, unter allen bisher erduldeten Leiden und Sorgen ohne
Frage die grte.

Mitten in diesem Unheil und Tumult fand mich ein verspteter
Brief meiner Mutter, ein Blatt, das an jugendlich-ruhige,
stdtisch-husliche Verhltnisse gar wundersam erinnerte. Mein Oheim,
Schff Textor, war gestorben, dessen nahe Verwandtschaft mich von der
ehrenhaft wirksamen Stelle eines Frankfurter Ratsherrn bei seinen
Lebzeiten ausschloss, worauf man, herkmmlich lblicher Sitte gem,
meiner sogleich gedachte, der ich unter den Frankfurter Graduierten
ziemlich weit vorgerckt war.

Meine Mutter hatte den Auftrag erhalten, bei mir anzufragen: ob ich
die Stelle eines Ratsherrn annehmen wrde, wenn mir, unter die
Losenden gewhlt, die goldene Kugel zufiele? Vielleicht konnte eine
solche Anfrage in keinem seltsamern Augenblick anlangen als in dem
gegenwrtigen; ich war betroffen, in mich selbst zurckgewiesen,
tausend Bilder stiegen mir auf und lieen mich nicht zu Gedanken
kommen. Wie aber ein Kranker oder Gefangener sich wohl im Augenblick
an einem erzhlten Mrchen zerstreut, so wahr auch ich in andere
Sphren und Jahre versetzt.

Ich befand mich in meines Grovaters Garten, wo die reich mit
Pfirsichen gesegneten Spaliere des Enkels Appetit gar lstern
ansprachen und nur die angedrohte Verweisung aus diesem Paradies, nur
die Hoffnung, die reifste, rotbckigste Frucht aus des wohlttigen
Ahnherrn eigner Hand zu erhalten, solche Begierde bis zum endlichen
Termin einigermaen beschwichtigen konnte.

Sodann erblickt' ich den ehrwrdigen Altvater um seine Rosen
beschftigt, wie er gegen die Dornen mit altertmlichen Handschuhen,
als Tribut berreicht von Zoll befreiten Stdten, sich vorsichtig
verwahrte, dem edlen Laertes gleich, nur nicht wie dieser sehnschtig
und kummervoll. Dann erblickt' ich ihn im Ornat als Schulthei, mit
der goldnen Kette, auf dem Thronsessel unter des Kaisers Bildnis;
sodann leider im halben Bewusstsein einige Jahre auf dem Krankenstuhl
und endlich im Sarg.

Bei meiner letzten Durchreise durch Frankfurt hatte ich meinen Oheim
im Besitz des Hauses, Hofes und Gartens gefunden, der als wackrer
Sohn, dem Vater gleich, die hheren Stufen freistdtischer Verfassung
erstieg. Hier, im traulichen Familienkreis, in dem unvernderten, alt
bekannten Lokal riefen sich jene Knabenerinnerungen lebhaft hervor
und traten mir nun neukrftig vor die Augen.

Sodann gesellten sich zu ihnen andere jugendliche Vorstellungen, die
ich nicht verschweigen darf. Welcher reichstdtische Brger wird
leugnen, dass er, frher oder spter, den Ratsherrn, Schff und
Brgermeister im Auge gehabt und, seinem Talent gem, nach diesen,
vielleicht auch nach minderen Stellen emsig und vorsichtig gestrebt:
denn der se Gedanke, an irgendeinem Regiment teilzunehmen, erwacht
gar bald in der Brust eines jeden Republikaners, lebhafter und
stolzer schon in der Seele des Knaben.

Diesen freundlichen Kindertrumen konnt' ich mich jedoch nicht lange
hingeben; nur allzu schnell aufgeschreckt, besah ich mir die
ahnungsvolle Lokalitt, die mich umfasste, die traurigen Umgebungen,
die mich beengten, und zugleich die Aussicht nach der Vaterstadt
getrbt, ja verfinstert. Mainz in franzsischen Hnden, Frankfurt
bedroht, wo nicht schon eingenommen, der Weg dorthin versperrt und
innerhalb jener Mauern, Straen, Pltze, Wohnungen, Jugendfreunde,
Blutverwandte vielleicht schon von demselben Unglck ergriffen, daran
ich Longwy und Verdun so grausam hatte leiden sehen -- wer htte
gewagt, sich in solchen Zustand zu strzen!

Aber auch in der glcklichsten Zeit jenes ehrwrdigen Staatskrpers
wre mir nicht mglich gewesen, auf diesen Antrag einzugehen; die
Grnde waren nicht schwer auszusprechen. Seit zwlf Jahren genoss ich
eines seltenen Glckes, des Vertrauens wie der Nachsicht des Herzogs
von Weimar. Dieser von der Natur hchst begnstigte, glcklich
ausgebildete Frst lie sich meine wohlgemeinten, oft unzulnglichen
Dienste gefallen und gab mir Gelegenheit, mich zu entwickeln, welches
unter keiner andern vaterlndischen Bedingung mglich gewesen wre;
meine Dankbarkeit war ohne Grenzen, so wie die Anhnglichkeit an die
hohen Frauen Gemahlin und Mutter, an die heranwachsende Familie, an
ein Land, dem ich doch auch manches geleistet hatte. Und musste ich
nicht zugleich jenes Zirkels neu erworbener hchst gebildeter Freunde
gedenken, auch so manches andern huslich Lieben und Guten, was sich
aus meinen treu beharrlichen Zustnden entwickelt hatte! Diese bei
solcher Gelegenheit abermals erregten Bilder und Gefhle erheiterten
mich auf einmal in dem betrbtesten Augenblick: denn man ist schon
halb gerettet, wenn man aus traurigster Lage im fremden Land einen
hoffnungsvollen Blick in die gesicherte Heimat zu tun aufgeregt wird;
so genieen wir diesseits auf Erden, was uns jenseits der Sphren
zugesagt ist.

In solchem Sinn begann ich den Brief an meine Mutter, und wenn sich
diese Beweggrnde zunchst auf mein Gefhl, auf persnliches Behagen,
individuellen Vorteil zu beziehen schienen, so hatt' ich noch andere
hinzuzufgen, die auch das Wohl meiner Vaterstadt bercksichtigten
und meine dortigen Gnner berzeugen konnten. Denn wie sollt' ich
mich in dem ganz eigentmlichen Kreis ttig wirksam erzeigen, wozu
man vielleicht mehr als zu jedem andern treulich herangebildet sein
muss? Ich hatte mich seit so viel Jahren zu Geschften, meinen
Fhigkeiten angemessen, gewhnt, und zwar solchen, die zu stdtischen
Bedrfnissen und Zwecken kaum verlangt werden mchten. Ja, ich durfte
hinzufgen, dass, wenn eigentlich nur Brger in den rat aufgenommen
werden sollten, ich nunmehr jenem Zustand so entfremdet sei, um mich
vllig als einen Auswrtigen zu betrachten.

Dieses alles gab ich meiner Mutter dankbar zu erkennen, welche sich
auch wohl nichts anderes erwartete. Freilich mag dieser Brief spt
genug zu ihr gelangt sein.




Trier, den 29. Oktober.

Mein junger Freund, mit dem ich gar manche angenehme
wissenschaftliche und literarische Unterhaltung genoss, war auch im
Geschichtlichen der Stadt und Umgebung gar wohl erfahren. Unsere
Spaziergnge bei leidlichem Wetter waren deshalb immer belehrend,
und ich konnte mir das Allgemeinste merken.

Die Stadt an sich hat einen auffallenden Charakter: sie behauptet,
mehr geistliche Gebude zu besitzen als irgendeine andere von
gleichem Umfang, und mchte ihr dieser Ruhm wohl kaum zu leugnen
sein; denn sie ist innerhalb der Mauern von Kirchen, Kapellen,
Klstern, Konventen, Kollegien, Ritter- und Brdergebuden belastet,
ja erdrckt, auerhalb von Abteien, Stiftern, Kartausen blockiert,
ja belagert. Dieses zeugt denn von einem weiten geistlichen
Wirkungskreis, welchen der Erzbischof sonst von hier aus beherrschte;
denn seine Dizes war auf Metz, Toul und Verdun ausgedehnt. Auch dem
weltlichen Regiment fehlt es nicht an schnen Besitztmern, wie denn
der Kurfrst von Trier auf beiden Seiten der Mosel ein herrliches
Land beherrscht; und so fehlt es auch Trier nicht an Palsten, welche
beweisen, dass zu verschiedener Zeit von hier aus die Herrschaft sich
weit und breit erstreckte.

Der Ursprung der Stadt verliert sich in die Fabelzeit; das
erfreuliche Lokal mag frh genug Anbauende hierher gelockt haben. Die
Trevirer waren ins Rmische Reich eingeschlossen, erst Heiden, dann
Christen, von Normannen und von Franken berwltigt, und zuletzt ward
das schne Land dem Rmisch-Deutschen Reiche einverleibt.

Ich wnschte wohl, die Stadt in guter Jahreszeit, an friedlichen
Tagen zu sehen, ihre Brger nher kennen zu lernen, welche von jeher
den Ruf haben, freundlich und frhlich zu sein. Von erster
Eigenschaft finden sich in diesem Augenblick wohl noch Spuren, von
der zweiten kaum; und wie sollte Frhlichkeit sich in einem so
widerwrtigen Zustand erhalten!

Freilich, wer in die Annalen der Stadt zurcksieht, findet
wiederholte Nachricht von Kriegsunheil, das diese Gegend betroffen,
da das Moseltal, ja der Fluss selbst dergleichen Zge begnstigt.
Attila sogar aus dem fernsten Osten hatte mit seinem unzhlbaren
Heere Vor- und Rckzug, wie wir, durch diese Flussregion genommen.
Was erduldeten die Einwohner nicht im Dreiigjhrigen Kriege, bis zu
Ende des siebzehnten Jahrhunderts, indem sich der Frst an
Frankreich, als den nachbarlichsten Alliierten, angeschlossen hatte
und darber in langwierige sterreichische Gefangenschaft geriet.
Auch an inneren Kriegen erkrankte die Stadt mehr als einmal, wie es
berall in bischflichen Stdten sich ereignen musste, wo der Brger
mit geistlich-weltlicher Obergewalt sich nicht immer vertragen konnte.

Mein Fhrer, indem er mich geschichtlich unterrichtete, machte mich
auf Gebude der verschiedensten Zeit aufmerksam, wovon das meiste
kurios und daher wohl merkwrdig schien, weniges aber dem
Geschmacksurteil erfreulich zusagte, wie vorher an dem Monumente zu
Igel gerhmt werden konnte.

Die Reste des rmischen Amphitheaters fand ich respektabel; da aber
das Gebude ber sich selbst zusammengestrzt und wahrscheinlich
mehrere Jahrhunderte als Steinbruch behandelt war, lie sich
nichts entziffern. Bewundernswert jedoch war noch immer, wie die
Alten, ihrer Weisheit gem, groe Zwecke mit migen Mitteln
hervorzubringen suchten und die Naturgelegenheit eines Tals zwischen
zwei Hgeln zu nutzen gewusst, wo die Gestalt des Bodens an
Exkavation und Substruktion dem Baumeister vieles glcklich ersparte.
Wenn man nun von den ersten Hhen des Martisberges, wo diese Ruine
gelegen, etwas weiter aufsteigt, so sieht man ber alle Reliquien der
Heiligen, ber Dom, Dcher und Schirme nach dem Apolloberg hinber,
und so behaupten beide Gtter, den Merkur zur Seite, ihres Namens
Gedchtnis: die Bilder waren zu beseitigen, der Genius nicht.

Zu Betrachtung der Baukunst frherer Mittelzeit bietet Trier
merkwrdige Monumente: ich habe von solchen Dingen wenige Kenntnis,
und sie sprechen nicht zum gebildeten Sinn. Mich wollte der Anblick
bei einiger Teilnahme verwirren; manches davon ist verschttet,
zerstckt, zu anderem Gebrauch gewidmet.

ber die groe Brcke, auch noch im Altertum gegrndet, fhrte man
mich im heitersten Moment, hier nun sieht man deutlich, wie die Stadt
auf einer mit ausspringendem Winkel nach dem Fluss zudrngenden
Flche, welche denselben gegen das linke Ufer hinweist, erbaut ist.

Nun berschaut man vom Fu des Apolloberges Fluss, Brcke, Mhlen,
Stadt und Gegend, da sich denn die noch nicht ganz entlaubten
Weinberg, sowohl zu unsern Fen als auf den ersten Hhen des
Martisberges gegenber, gar freundlich ausnahmen, anschaulich
machten, in welcher gesegneten Gegend man sich befinde, und ein
Gefhl von Wohlfahrt und Behagen erweckten, welches ber den
Weinlndern in der Luft zu schweben scheint. Die besten Sorten
Moselwein, die uns nun zuteil wurden, schienen nach diesem berblick
einen angenehmern Geschmack zu haben.




Trier, den 29. Oktober.

Unser frstlicher Heerfhrer kam an und nahm Quartier im Kloster St.
Maximin. Diese reichen und sonst berglcklichen Menschen hatten denn
freilich schon eine gute Zeit her groe Unruhe erduldet: die Brder
des Knigs waren dort einquartiert gewesen, und nachher war es nicht
wieder leer geworden. Eine solche Anstalt, aus Ruh' und Frieden
entsprungen, auf Ruh' und Friede berechnet, nahm sich freilich unter
diesen Umstnden wunderlich aus, da, man mochte noch so schonend
verfahren, ein gewaltiger Gegensatz des Ritter- und Mnchtums sich
hervortat. Der Herzog wusste jedoch hier wie berall, selbst als
ungebetener Gast, durch Freigebigkeit und freundliches Betragen sich
und die Seinigen angenehm zu machen.

Mich aber sollte auch hier der bse Kriegsdmon wieder verfolgen.
Unser guter Obrist von Gotsch war gleichfalls im Kloster
einquartiert; ich fand ihn zur Nacht seinen Sohn bewachend und
besorgend, welcher an der unglcklichen Krankheit gleichfalls hart
daniederlag. Hier musst' ich nun wieder die Litanei und Verwnschung
unseres Feldzugs aus dem Mund eines alten Soldaten und Vaters
vernehmen, der die smtlichen Fehler mit Leidenschaft zu rgen
berechtigt war, die er als Soldat einsah und als Vater verfluchte.
Auch die Isletten kamen wieder zur Sprache, und es musste wirklich
ein jeder, der sich diesen unseligen Punkt deutlich machte, durchaus
verzweifeln.

Ich erfreute mich der Gelegenheit, die Abtei zu sehen, und fand ein
weitlufiges, wahrhaft frstliches Gebude; die Zimmer von
bedeutender Gre und Hhe, und die Fuboden getfelt, Samt und
damastne Tapeten, Stuckatur, Vergoldung und Schnitzwerk nicht
gespart, und was man sonst in solchen Palsten zu sehen gewohnt ist,
alles doppelt und dreifach in groen Spiegeln wiederholt.

Auch ward den einquartierten Personen ganz wohl dahier; die Pferde
jedoch konnten nicht smtlich untergebracht werden, sie mussten unter
freiem Himmel aushalten, ohne Lagersttte, Raufen und Trge.
Unglcklicherweise waren die Futterscke gefault, und so musste der
Hafer von der Erde aufgeschnopert werden.

Wenn aber die Stallungen unbedeutend waren, so fand man die Keller
desto gerumiger. Noch ber die eigenen Weinberge genoss das Kloster
die Einnahme von vielen Zehnten. Freilich mochte in den letzten
Monaten gar manches Stckfass geleert worden sein, es lagen deren
viele auf dem Hof.




Den 30. Oktober

gab unser Frst groe Tafel: drei der vornehmsten geistlichen Herren
waren eingeladen, sie hatten kstliches Tischzeug, sehr schnes
Porzellanservice hergegeben; von Silber war wenig zu sehen, Schtze
und Kostbarkeiten lagen in Ehrenbreitstein. Die Speisen von den
frstlichen Kchen schmackhaft zubereitet; Wein, der uns frher hatte
nach Frankreich folgen sollen, von Luxemburg zurckkehrend, ward hier
genossen; was aber am meisten Lob und Preis verdiente, war das
kostbarste weie Brot, das an den Gegensatz des Kommissbrots bei Hans
erinnerte.

Ich hatte mich, als ich nach Trierscher Geschichte in diesen Tagen
forschte, notwendig auch um die Abtei St. Maximin bekmmern mssen;
ich konnte daher mit meinem geistlichen Nachbar ein ganz
auslangendes, geschichtliches Gesprch fhren. Das hohe Alter des
Stifts ward vorausgesetzt; dann gedachte man seiner mannigfaltig
wechselnden Schicksale, der nahen Lage des Stifts and er Stadt,
beiden Teilen gleich gefhrlich; wie es denn im Jahr 1674
niedergebrannt und vllig verwstet wurde. Von dem Wiederaufbau und
der allmhlichen Herstellung in den gegenwrtigen Zustand lie ich
mich auch unterrichten. Dazu konnte man viel Gutes sagen und die
Anstalten preisen, welches der geistliche Herr auch gern vernahm;
von den letzten Zeiten aber wollte er nichts Rhmliches wissen: die
franzsischen Prinzen waren da lange im Quartier gelegen, und man
hatte von manchem Unfug, bermut und Verschwendung zu hren.

Bei Abwechslung des Gesprchs daher ging ich wieder ins
Geschichtliche zurck; als ich aber der frheren Zeit erwhnte, wo
das Stift sich dem Erzbischof gleichgesetzt und der Abt Reichsstand
des Rmisch-Deutschen Reichs gewesen, wich er lchelnd aus, als wenn
er eine solche Erinnerung in der neusten Zeit fr verfnglich halte.

Die Sorge des Herzogs fr sein Regiment ward nun ttig und klar; denn
als die Kranken zu Wagen fortzubringen unmglich war, so lie der
Frst ein Schiff mieten, um sie bequem nach Koblenz zu transportieren.

Nun aber kamen andere auf eine eigene Weise presshafte Kriegsmnner
an. Auf dem Rckzug hatte man gar blad bemerkt, dass die Kanonen
nicht fortzubringen seien: die Artilleriepferde kamen um, eines nach
dem andern, wenig Vorspann war zu finden, die Pferde, auf dem Hinzug
requiriert, beim Herzug geflchtet, fehlten berall. Man griff zu der
letzten Maregel: Von jedem Regiment musste eine starke Anzahl Reiter
absitzen und zu Fu wandern, damit das Geschtz gerettet werde. In
ihren steifen Stiefeln, die zuletzt nicht mehr durchhalten wollten,
litten diese braven Menschen bei dem schrecklichen Wege unendlich;
aber auch ihnen erheiterte sich die Zeit, denn es ward Anstalt
getroffen, dass auch sie zu Wasser nach Koblenz fahren konnten.




November.

Mein Frst hatte mir aufgetragen, dem Marquis Lucchesini aufzuwarten,
eine Abschiedsempfehlung auszusprechen und mich nach einigem zu
erkundigen. Bei spter Abendzeit, nicht ohne einige Schwierigkeiten,
ward ich bei diesem mir frher nicht ungewogenen, bedeutenden Mann
eingelassen. Die Anmut und Freundlichkeit, mit der er mich empfing,
war wohlttig; nicht so die Beantwortung meiner Fragen und Erfllung
meiner Wnsche. Er entlie mich, wie er mich aufgenommen hatte, ohne
mich im mindesten zu frdern, und man wird mir zutrauen, dass ich
darauf vorbereitet gewesen.

Als ich nun die Abfahrt jener kranken und ermdeten Reiter eifrig
betreiben sah, ergriff mich gleichfalls das Gefhl, es sei wohl am
besten getan, einen Ausweg auf dem Wasser zu suchen. Sehr ungern lie
ich meine Chaise zurck, die man mir aber nach Koblenz nachzusenden
versprach, und mietete ein einmnniges Boot, wo mir denn beim
Einschiffen meine smtlichen Habseligkeiten, gleichsam vorgezhlt,
einen sehr angenehmen Eindruck machten, indem ich sie mehr als einmal
verloren glaubte oder zu verlieren frchtete. Zu dieser Fahrt
gesellte sich ein preuischer Offizier, den ich als alten Bekannten
aufnahm, dessen ich mich als Pagen gar wohl erinnerte und dem seine
Hofzeit noch gar deutlich vorschwebte; wie er mir denn gewhnlich den
Kaffee wollte prsentiert haben.

Das Wetter war leidlich, die Fahrt ruhig, und man erkannte die Anmut
dieser Wohltat umso mehr, je mhseliger auf dem Landweg, der sich dem
Fluss hie und da nherte, die Kolonnen dahin zogen oder auch wohl von
Zeit zu Zeit stockend verweilten. Schon in Trier hatte man geklagt,
dass bei so eiligem Rckmarsch die grte Schwierigkeit sei, Quartier
zu finden, indem gar oft die einem Regiment angewiesenen Ortschaften
schon besetzt gefunden worden, wodurch groe Not und Verwirrung
entstehe.

Die Uferansichten der Mosel waren lngs dieser Fahrt hchst
mannigfaltig; denn obgleich das Wasser eigensinnig seinen Hauptlauf
von Sdwest nach Nordost richtet, so wird es doch, da es ein
schikanses gebirgisches Terrain durchstreift, von beiden Seiten
durch vorspringende Winkel bald rechts bald links gedrngt, so dass
es nur im weitlufigen Schlangengang fortwandeln kann. Deswegen ist
denn aber auch ein tchtiger Fhrmeister hchst ntig; der unsere
bewies Kraft und Gewandtheit, indem er bald hier einen vorgeschobenen
Kies zu vermeiden, sogleich aber dort den an steiler Felswand
herflutenden Strom zu schnellerer Fahrt khn zu benutzen wusste. Die
vielen Ortschaften zu beiden Seiten gaben den muntersten Anblick; der
Weinbau, berall sorgfltig gepflegt, lie auf ein heiteres Volk
schlieen, das keine Mhe schont, den kstlichen Saft zu erzielen.
Jeder sonnige Hgel war benutzt, bald aber bewunderten wir schroffe
Elsen am Strom, auf deren schmalen vorragenden Kanten, wie auf
zuflligen Naturterrassen, der Weinstock zum allerbesten gedieh.

Wir landeten bei einem artigen Wirtshaus, wo uns eine alte Wirtin
wohl empfing, manches erduldete Ungemach beklagte, den Emigrierten
aber besonders alles Bse gnnte. Sie habe, sagte sie, an ihrem
Wirtstisch gar oft mit Grauen gesehen, wie diese gottesvergessenen
Menschen das liebe Brot kugel- und brockenweise sich an den Kopf
geworfen, so dass sie und ihre Mgde es nachher mit Trnen
zusammengekehrt.

Und so ging es mit gutem Glck und Mut immer weiter hinab bis zur
Dmmerung, da wir uns denn aber in das mandrische Flussgewinde, wie
es sich gegen die Hhen von Montroyal herandrngt, verschlungen
sahen. Nun berfiel uns die Nacht, bevor wir Trarbach erreichen oder
auch nur gewahren konnten. Es ward stockfinster, eingeengt wussten
wir uns zwischen mehr oder weniger steilem Ufer, als ein Sturm,
bisher schon ruckweise verkndigt, gewaltsam anhaltend hereinbrach:
bald schwoll der Strom im Gegenwind, bald wechselten abprallende
Windste niederstrzend mit wtendem Sausen; eine Welle nach der
anderen schlug ber den Kahn, wir fhlten uns durchnsst. Der
Schiffmeister barg nicht seine Verlegenheit; die Not schien immer
grer, je lnger sie dauerte, und der Drang war aufs hchste
gestiegen, als der wackere Mann versicherte, er wisse weder wo er
sei, noch wohin er steuern solle.

Unser Begleiter verstummte, ich war still in mir gefasst. Wir
schwebten in der tiefsten Finsternis, nur manchmal wollte mir
schienen, dass Massen ber mir doch noch etwas dunkler als
der verfinsterte Himmels ich dem Auge bemerkbar machten; dies
gewhrte jedoch wenig Trost und Hoffnung: zwischen Land und Fels
eingeschlossen zu sein, drang sich immer ngstlicher auf. Und so
wurden wir im Stockfinstern lange hin und her geworfen, bis sich
endlich in der Ferne ein Licht und damit auch Hoffnung auftat. Nun
ward nach Mglichkeit drauf los gesteuert und gerudert, wobei sich
Paul nach Krften ttig erwies.

Endlich stiegen wir in Trarbach glcklich ans Land, wo man uns in
einem leidlichen Gasthof Henne mit Reis alsobald anbot. Ein
angesehener Kaufmann aber, die Landung von Fremden in so tiefer
strmischer Nacht vernehmend, ntigte uns in sein Haus, wo wir bei
hellem Kerzenschein, in wohl geschmckten Zimmern englische schwarze
Kunstbltter, in Rahm und Glas gar zierlich aufgehangen, mit Freude,
ja mit Rhrung gegen die kurz vorher erduldeten finsteren
Gefhrlichkeiten begrend erblickten. Herr und Frau, noch junge
Leute, beeiferten sich, uns gtlich zu tun; wir genossen des
kstlichsten Moselweins, an dem sich mein Gefhrte, der eine
Wiederherstellung freilich am ntigsten haben mochte, besonders
erquickte.

Paul gestand, dass er schon Rock und Stiefel ausgezogen, um, wenn wir
scheitern sollten, uns durch Schwimmen zu erretten; wobei er sich
denn freilich nur allein mchte durchgebracht haben.

Kaum hatten wir uns getrocknet und geletzt, als es in mir schon
wieder zu treiben anfing und ich fortzueilen begehrte. Der
freundliche Wirt wollte uns nicht entlassen, sondern verlangte
vielmehr, wir sollten den morgenden Tag noch zugeben, versprach auch
von einer benachbarten Hhe die weiteste, schnste Aussicht be rein
bedeutend Gelnde und manches andere, was uns zur Erquickung und
Zerstreuung htte dienen knnen. Aber es ist wunderbar: wie sich der
Mensch an ruhige Zustnde gewhnt und in denselben verharren mag, so
gibt es auch eine Gewhnung zum Unruhigen; es war in mir die Ntigung
zu einem rollenden Forteilen, der ich nicht gebieten konnte.

Als wir daher fortzueilen im Begriff standen, ntigte uns der wackere
Mann noch zwei Matratzen auf, damit wir im Schiff wenigstens einige
Bequemlichkeit htten; die Frau gab solche nicht gerne her, welches
ihr, da der Barchent neu und schn, gar nicht zu verdenken war. Und
so ereignet sich's oft in Einquartierungsfllen, dass bald der eine,
bald der andere Gatte dem aufgedrungenen Gast mehr oder weniger wohl
will.

Bis Koblenz schwammen wir ruhig hinunter, und ich erinnere mich nur
deutlich, dass ich am Ende der Fahrt das schnste Naturbild gesehen,
was mir vielleicht zu Augen gekommen. Als wir gegen die Moselbrcke
zu fuhren, stand uns dieses schwarze mchtige Bauwerk krftig
entgegen; durch die Bogenffnungen aber schauten die stattlichen
Gebude des Tals, ber der Brckenlinie sodann das Schloss
Ehrenbreitstein im blauen Duft durch und hervor. Rechts bildete die
Stadt, an die Brcke sich anschlieend, einen tchtigen Vorgrund.
Dieses Bild gab einen herrlichen, aber nur augenblicklichen Genuss,
denn wir landeten und schickten sogleich gewissenhaft die Matratzen
unversehrt an das von den wackeren Trarbachern uns bezeichnete
Handelshaus.

Dem Herzog von Weimar war ein schnes Quartier eingerumt, worin auch
ich ein gutes Unterkommen fand. Die Armee rckte nach und nach heran;
die Dienerschaft des frstlichen Generals traf ein und konnte nicht
genug von den Unbilden erzhlen, die sie erleiden mssen. Wir
segneten uns, die Wasserfahrt eingeschlagen zu haben, und die
glcklich berstandene Windsbraut schien nur ein geringes bel gegen
eine stockende und berall gehinderte Landfahrt.

Der Frst selbst war angekommen, um den Knig versammelten sich viele
Generale. Ich aber, in einsamen Spaziergngen den Rhein hin,
wiederholte mir die wunderlichen Ereignisse der vergangenen Wochen.

       *       *       *       *       *

Ein franzsischer General, Lafayette, Haupt einer groen Partei, vor
kurzem der Abgott seiner Nation, des vollkommensten Vertrauens der
Soldaten genieend, lehtn sich gegen die Obergewalt auf, die allein
nach Gefangennehmung des Knigs das Reich reprsentiert; er
entflieht, seine Armee, nicht strker als 23000 Mann, bleibt ohne
General und Oberoffiziere, desorganisiert, bestrzt.

Zur selbigen Zeit betritt ein mchtiger Knig, mit einem 80000 Mann
starken verbndeten Heer, den Boden von Frankreich; zwei befestigte
Stdte, nach geringem Zaudern, ergeben sich.

Nun erscheint ein wenig gekannter General, Dumouriez; ohne jemals
einen Oberbefehl gefhrt zu haben, nimmt er, gewandt und klug, eine
sehr starke Stellung; sie wird durchbrochen, und doch erreicht er
eine zweite, wird auch daselbst eingeschlossen und zwar so, dass der
Feind sich zwischen ihn und Paris stellt.

Aber sonderbar verwickelte Zustnde werden durch anhaltendes
Regenwetter herbeigefhrt; das furchtbare alliierte Heer, nicht
weiter als sechs Stunden von Chalons und zehn von Reims, sieht sich
abgehalten, diese beiden Orte zu gewinnen, bequemt sich zum Rckzug,
rumt die zwei eroberten Pltze, verliert ber ein Drittel seiner
Mannschaft, und davon hchstens 2000 durch die Waffen, und sieht sich
nun wieder am Rhein. Alle diese Begegnisse, die an das Wunderbare
grenzen, ereignen sich in weniger als sechs Wochen, und Frankreich
ist aus der grten Gefahr gerettet, deren seien Jahrbcher jemals
gedenken.

Vergegenwrtige man sich nun die vielen tausend Teilnehmer an solchem
Missgeschick, denen das grimmige Leibes- und Seelenleiden einiges
Recht zur Klage zu geben schien, so wird man sich leicht vorstellen,
dass nicht alles im stillen abgetan ward, und so sehr man sich auch
vorzusehen gedachte, doch aus einem vollen Herzen der Mund zuzeiten
berging.

Und so begegnete denn auch mir, dass ich an groer Tafel neben einem
alten trefflichen General sa und vom Vergangenen zu sprechen mich
nicht ganz enthielt, worauf er mir, zwar freundlich, aber mit
gewisser Bestimmtheit antwortete: "Erzeigen Sie mir morgen frh die
Ehre, mich zu besuchen, da wir uns hierber freundlich und aufrichtig
besprechen wollen." Ich schien es anzunehmen, blieb aber aus und
gelobte mir innerlich, das gewohnte Stillschweigen so bald nicht
wieder zu brechen.

Auf der Wasserfahrt sowie auch in Koblenz hatte ich manche Bemerkung
gemacht zum Vorteil meiner chromatischen Studien; besonders war mir
ber die epooptischen Farben ein neues Licht aufgegangen, und ich
konnte immer mehr hoffen, die physischen Erscheinungen in sich zu
verknpfen und sie von andern abzusondern, mit denen sie in
entfernterer Verwandtschaft zu stehen schien.

Auch kam mir des treuen Kmmerier Wagner Tagebuch zu Ergnzung des
meinigen gar wohl zustatten, das ich in den letzten Tagen ganz und
gar vernachlssigt hatte.

Des Herzogs Regiment war herangekommen und kantonierte in den Drfern
gegen Neuwied ber. Hier bewies der Frst die vterlichste Sorgfalt
fr seine Untergebenen: jeder einzelne durfte seine Not klagen, und
soviel nur mglich ward abgestellt und nachgeholfen. Leutnant von
Flotow, in der Stadt auf Kommando stehend und dem Wohltter am
nchsten, erwies sich ttig und hilfreich. Dem Hauptbedrfnis an
Schuhen und Stiefeln wurde dadurch abgeholfen, dass man Leder kaufte
und die im Regiment sich findenden Schuster unter den Meistern der
Stadt arbeiten lie. Auch fr Reinlichkeit und Zierde war gesorgt,
gelbe Kreide angeschafft, die Kolletts gesubert und gefrbt, und
unsere Reiter trabten wieder ganz schmuck einher.

Meine Studien jedoch sowohl als die heitere Unterhaltung mit den
Kanzlei- und Hausgenossen wurden gar sehr belebt durch den Ehrenwein,
welcher, von trefflicher Moselsorte, unserem Frsten vom Stadtrat
gereicht ward und welchen wir, da der Frst meist auswrts speiste,
zu genieen die Erlaubnis hatten. Als wir Gelegenheit fanden, einem
von den Gebern darber ein Kompliment zu machen, und dankbar
anerkannten, dass sie sich bei solcher Gelegenheit um unsertwillen
mancher guten Flasche berauben wollen, vernahmen wir die Erwiderung:
dass sie uns dies und noch viel mehr gnnten und nur die Fsser
bedauerten, welche sie an die Emigrierten wenden mssen, welche zwar
viel Geld, aber auch viel Unheil ber die Stadt gebracht, ja den
Zustand derselben vllig umgekehrt; besonders aber wollte man
ihr Betragen gegen den Frsten nicht rhmen, an dessen Stelle
sie sich gewissermaen gesetzt und gegen seine Willen khnlich
Unverantwortliches unternommen.

In der letzten, Unheil drohenden Zeit, war er auch nach Regensburg
abgereist, und ich schlich, zu schner heiterer Mittagsstunde, an
sein Schloss hin, das auf dem linken Rheinufer, etwas oberhalb der
Stadt, wunderschn, seitdem ich diese Gegen nicht betreten, aus der
Erde gewachsen war. Es stand einsam und als die allerneuste, wenn
auch nicht architektonische, doch politische Ruine da, und ich hatte
nicht den Mut, mir von dem umherwandelnden Schlossvogt den Eingang zu
gewinnen. Wie schn war die nhere und weitere Umgebung, wie angebaut
und gartenreich der Raum zwischen Schloss und Stadt, die Aussicht den
Rhein stromauf ruhig und besnftigend, gegen Stadt und Festung aber
prchtig und aufregend.

In der Absicht, mich bersetzen zu lassen, ging ich zur fliegenden
Brcke, ward aber aufgehalten oder hielt mich vielmehr selbst auf, in
Beschauung eines sterreichischen Wagentransportes, welcher nach und
nach bergesetzt wurde. Hier ereignete sich ein Streit zwischen einem
preuischen und sterreichischen Unteroffizier, welcher den Charakter
beider Nationen klar ins Licht setzte.

Vom sterreicher, der hierher postiert war, um die mglich schnelle
berfahrt der Wagenkolonne zu beaufsichtigen, aller Verwirrung
vorzubeugen und deshalb kein anderes Fuhrwerk dazwischen zu lassen,
verlangte der Preue heftig eine Ausnahme fr sein Wgelchen, auf
welchem Frau und Kind mit einigen Habseligkeiten gepackt waren. Mit
groer Gelassenheit versagte der sterreicher die Forderung, auf die
Order sich berufend, die ihm dergleichen ausdrcklich verbiete; der
Preue ward heftiger, der sterreicher wo mglich gelassener; er litt
keine Lcke in der ihm empfohlenen Kolonne, und der andere fand sich
einzudrngen keinen Raum. Endlich schlug der Zudringliche an seinen
Sbel und forderte den Widerstehenden heraus: mit Drohen und
Schimpfen wollte er seinen Gegner ins nchste Gsschen bewegen, um
die Sache daselbst auszumachen; der hchst, ruhige, verstndige Mann
aber, der die Rechte seines Postens gar wohl kannte, rhrte sich
nicht und hielt Ordnung nach wie vor.

Ich wnschte diese Szene wohl von einem Charakterzeichner aufgefasst,
denn wie im Betragen so auch in Gestalt unterschieden sich beide: der
Gelassene war stmmig und stark, der Wtende -- denn zuletzt erwies
er sich so -- hager, lang, schmchtig und rhrig.

Die auf diesen Spaziergang zu verwendende Zeit war zum Teil schon
verstrichen, und mir vertrieb die Frucht vor hnlichen Retardationen
bei der Rckkehr jede Lust, das sonst so geliebte Tal zu besuchen,
das doch nur das Gefhl schmerzlichen Entbehrens erregt und mich
fruchtlos zu Betrachtung frherer Jahre aufgeregt htte; doch stand
ich lange hinberschauend, friedlicher Zeiten mitten im verwirrenden
Wechsel irdischer Ereignisse treulich eingedenk.

Und so traf es zufllig, dass ich von den Maregeln zum ferneren
Feldzug auf dem rechten Ufer nher unterrichtet ward. Des Herzogs
Regiment rstete sich, hinberzuziehen; der Frst selbst mit seiner
ganzen Umgebung sollte folgen. Mir bangte vor jeder Fortsetzung des
kriegerischen Zustandes, und das Fluchtgefhl ergriff mich abermals.
Ich mchte dies ein umgekehrtes Heimweh nennen, eine Sehnsucht ins
Weite statt ins Enge. Ich stand, der herrliche Fluss lag vor mir: er
geleitete so sanft und lieblich hinunter, in ausgedehnter breiter
Landschaft; er floss zu Freunden, mit denen ich, trotz manchem
Wechseln und Wenden, immer treu verbunden geblieben. Mich verlangte
aus der fremden, gewaltsamen Welt an Freundesbrust, und so mietete
ich, nach erhaltenem Urlaub, eilig einen Kahn bis Dsseldorf, meine
noch immer zurckbleibende Chaise Koblenzer Freunden empfehlend, mit
Bitte, sie mir hinabwrts zu spedieren.

Als ich nun mit meinen Habseligkeiten mich eingeschifft und sogleich
auf dem Strom dahin schwimmen sah, begleitet vom getreuen Paul und
einem blinden Passagier, welcher gelegentlich zu rudern sich verband,
heilt ich mich fr glcklich und von allem bel befreit.

Indessen standen noch einige Abenteuer bevor. Wir hatten nicht lange
flussabwrts gerudert, als zu bemerken war, dass der Kahn ein starkes
Leck haben msse, indem der Fhrmann von Zeit zu Zeit das Wasser
fleiig ausschpfte. Und nun entdeckte ich erst, dass wir, bei
bereilt unternommener Fahrt, nicht bedacht hatten, wie auf die weite
Strecke hinab vom Koblenz bis Dsseldorf der Schiffer nur ein altes
Boot zu nehmen pflegt, um es unten als Brennholz zu verkaufen und,
sein Fhrgeld in der Tasche, ganz leicht nach Hause zu wandern.

Indessen fuhren wir getrost dahin. Eine sternhelle, doch sehr kalte
Nacht begnstigte unsere Fahrt, als auf einmal der fremde Ruderer
verlangte, ans Land gesetzt zu werden, und sich mit dem Schiffer zu
streiten anfing, an welcher Stelle es denn eigentlich fr den Wandrer
am vorteilhaftesten sei; worber sie sich nicht vereinigen konnten.

Unter diesen Hndeln, die mit Heftigkeit gefhrt wurden, strzte
unser Fhrmann ins Wasser und wurde nur mit Mhe herausgezogen. Nun
konnte er bei heller, klarer Nacht nicht mehr aushalten und bat
dringend um die Erlaubnis, bei Bonn anfahren zu drfen, um sich zu
trocknen und zu erwrmen. Mein Diener ging mit ihm in eine
Schifferkneipe, ich aber beharrte, unter freiem Himmel zu bleiben,
und lie mir ein Lager auf Mantelsack und Portefeuille bereiten. So
gro ist die Macht der Gewohnheit, dass mir, der ich die letzten
sechs Wochen fast immer unter freiem Himmel zugebracht hatte, vor
Dach und Zimmer graute. Diesmal aber entstand daraus fr mich ein
neues Unheil, welches man freilich htte vorhersehen sollen: den Kahn
hatte man zwar soweit als mglich auf den Strand gezogen, aber nicht
so weit, dass er nicht durch das Leck noch htte Wasser einnehmen
knnen.

Nach einem tiefen Schlaf fand ich mich mehr als erfrischt, denn das
Wasser war bis zu meinem Lager gedrungen und hatte mich und meine
Habseligkeiten durchnsst. Ich war daher gentigt, aufzustehen, das
Wirtshaus aufzusuchen und mich in Tabak schmauchender, Glhwein
schlrfender Gesellschaft so gut als mglich zu trocknen, worber
denn der Morgen ziemlich herankam und eine versptete Reise durch
frisches Rudern eifrig beschleunigt wurde.




Zwischenrede


Wenn ich mich nun so, in der Erinnerung, den Rhein hinunter schwimmen
sehe, wsst' ich nicht genau zu sagen, was in mir vorging. Der
Anblick eines friedlichen Wasserspiegels, das Gefhl der bequemen
Fahrt auf demselben lie mich nach der kurz vergangenen Zeit
zurckschauen wie auf einen bsen Traum, von dem ich mich soeben
erwacht fnde; ich berlie mich den heitersten Hoffnungen eines
nchsten gemtlichen Zusammenseins.

Nun aber, wenn ich mitzuteilen fortfahren soll, muss ich eine andere
Behandlung whlen, als dem bisherigen Vortrag wohl geziemte: denn wo
Tag fr Tag das Bedeutendste vor unsern Augen vorgeht, wenn wir mit
so viel Tausenden leiden und frchten und nur furchtsam hoffen, dann
hat die Gegenwart ihren entschiedenen Wert und, Schritt vor Schritt
vorgetragen, erneut sie das Vergangene, indem sie auf die Zukunft
hindeutet.

Was aber in geselligen Zirkeln sich ereignet, kann nur aus einer
sittlichen Folge der uerungen innerlicher Zustnde begriffen
werden: die Reflexion ist hier an ihrer Stelle, der Augenblick
spricht nicht fr sich selbst, Andenken an das Vergangene, sptere
Betrachtungen mssen ihn dolmetschen.

Wie ich berhaupt ziemlich unbewusst lebte und mich vom Tag zum Tage
fhren lie, wobei ich mich, besonders die letzten Jahre, nicht bel
befand, so hatte ich die Eigenheit, niemals weder eine nchst zu
erwartende Person noch eine irgend zu betretende Stelle voraus zu
denken, sondern diesen Zustand unvorbereitet auf mich einwirken zu
lassen. Der Vorteil, der daraus entsteht, ist gro: man braucht von
einer vorgefassten Idee nicht wieder zurckzukommen, nicht ein
selbstbeliebig gezeichnetes Bild wieder auszulschen und mit
Unbehagen die Wirklichkeit an dessen Stelle aufzunehmen; der Nachteil
dagegen mag wohl hervortreten, dass wir mit Unbewusstsein in
wichtigen Augenblicken nur herumtasten und uns nicht gerade in jeden
ganz unvorhergesehenen Zustand aus dem Stegreif zu finden wissen.

In eben dem Sinn war ich auch niemals aufmerksam, was meine
persnliche Gegenwart und Geistesstimmung auf die Menschen wirke, da
ich denn oft ganz unerwartet fand, dass ich Neigung oder Abneigung
und sogar oft beides zugleich erregte.

Wollte man nun auch dieses Betragen als eine individuelle Eigenheit
weder loben noch tadeln, so muss doch bemerkt werden, dass sie im
gegenwrtigen Fall gar wunderliche Phnomene, und nicht immer die
erfreulichsten, hervorbrachte.

Ich war mit jenen Freunden seit vielen Jahren nicht zusammengekommen;
sie hatten sich getreu an ihrem Lebensgang gehalten, dagegen mir das
wunderbare Los beschieden war, durch manche Stufen der Prfung, des
Tuns und Duldens durchzugehen, so dass ich, in eben der Person
beharrend, ein ganz anderer Mensch geworden, meinen alten Freunden
fast unkenntlich auftrat.

Es wrde schwer halten, auch in spteren Jahren, wo eine freiere
bersicht des Lebens gewonnen ist, sich genaue Rechenschaft von jenen
bergngen abzulegen, die bald als Vorschritt, bald als Rckschritt
erscheinen und doch alle dem Gott gefhrten Menschen zu Nutz und
Frommen gereichen mssen. Ungeachtet solcher Schwierigkeiten aber
will ich, meinen Freunden zuliebe, einige Andeutung versuchen.

Der sittliche Mensch erregt Neigung und Liebe nur insofern, als man
Sehnsucht an ihm gewahr wird: sie drckt Besitz und Wunsch zugleich
aus, den Besitz eines zrtlichen Herzens und den Wunsch, ein gleiches
in andern zu finden; durch jenes zeihen wir an, durch dieses geben
wir uns hin.

Das Sehnschtige, das in mir lag, das ich in frheren Jahren
vielleicht zu sehr gehegt und bei fortschreitendem Leben krftig zu
bekmpfen trachtete, wollte dem Mann nicht mehr ziemen, nicht mehr
gengen, und er suchte deshalb die volle, endliche Befriedigung.

Das Ziel meiner innigsten Sehnsucht, deren Qual mein ganzes Inneres
erfllte, war Italien, dessen Bild und Gleichnis mir viele Jahre
vergebens vorschwebte, bis ich endlich durch khnen Entschluss die
wirkliche Gegenwart zu fassen mich erdreistete. In jenes herrliche
Land sind mir meine Freunde gern auch in Gedanken gefolgt, sie haben
mich auf Hin- und Herwegen begleitet; mchten sie nun auch nchstens
den lngeren Aufenthalt daselbst mit Neigung teilen und von dort mich
wieder zurck begleiten, da sich alsdann manches Problem fasslicher
auflsen wird.

In Italien fhlt' ich mich nach und nach kleinlichen Vorstellungen
entrissen, falschen Wnschen enthoben, und an die Stelle der
Sehnsucht nach dem Land der Knste setzte sich die Sehnsucht nach der
Kunst selbst: ich war sie gewahr geworden, nun wnscht' ich sie zu
durchdringen.

Das Studium der Kunst, wie das der alten Schriftsteller, gibt uns
einen gewissen Halt, eine Befriedigung in uns selbst: indem sie unser
Inneres mit groen Gegenstnden und Gesinnungen fllt, bemchtigt sie
sich aller Wnsche, die nach auen strebten, hegt aber jedes wrdige
Verlangen im stillen Busen; das Bedrfnis der Mitteilung wird immer
geringer, und wie Malern, Bildhauern, Baumeistern, so geht es auch
dem Liebhaber: er arbeitet einsam, fr Gensse, die er mit andern zu
teilen kaum in den Fall kommt.

Aber zu gleicher Zeit sollte mich noch eine Ableitung der Welt
entfremden, und zwar die entschiedenste Wendung gegen die Natur, zu
der ich aus eigenstem Trieb auf die individuellste Weise hingelenkt
worden. Hier fand ich weder Meister noch Gesellen und musste selbst
fr alles stehen. In der Einsamkeit der Wlder und Grten, in den
Finsternissen der dunklen Kammer wr' ich ganz einzeln geblieben,
htte mich nicht en glckliches, husliches Verhltnis in dieser
wunderlichen Epoche lieblich zu erquicken gewusst. Die "Rmischen
Elegien," die "Venezianischen Epigramme" fallen in diese Zeit.

Nun aber sollte mir auch ein Vorgeschmack kriegerischer
Unternehmungen werden: denn, der schlesischen, durch den
Reichenbacher Kongress geschlichteten Kampagne beizuwohnen beordert,
hatte ich mich in einem bedeutenden Land durch manche Erfahrung
aufgeklrt und erhoben gesehen und zugleich durch anmutige
Zerstreuung hin- und hergaukeln lassen, indessen das Unheil der
franzsischen Staats-Umwlzung, sich immer weiter verbreitend,
jeden Geist, er mochte hin denken und sinnen, wohin er wollte, auf
die Oberflche der europischen Welt zurckforderte und ihm die
grausamsten Wirklichkeiten aufdrang. Rief mich nun gar die Pflicht,
meinen Frsten und Herrn erst in die bedenklichen, bald aber
traurigen Ereignisse des Tags abermals hinein zu begleiten und das
Unerfreuliche, das ich nur gemigt meinen Lesern mitzuteilen gewagt,
mnnlich zu erdulden, so htte alles, was noch Zartes und Herzliches
sich ins Innerste zurckgezogen hatte, auslschen und verschwinden
mgen.

Fasse man dies alles zusammen, so wird der Zustand, wie er
nachstehend skizzenhaft verzeichnet ist, nicht ganz rtselhaft
erscheinen; welches ich umso mehr wnschen muss, da ich ungern dem
Trieb widerstehe, diese vor vielen Jahren flchtig verfassten Bltter
nach gegenwrtiger Einsicht und berzeugung umzuschreiben.




Pempelfort, November 1792.

Es war schon finster, als ich in Dsseldorf landete und mich
daher mit Laternen nach Pempelfort bringen lie, wo ich nach
augenblicklicher berraschung die freundlichste Aufnahme fand;
vielfaches Hin- und Hersprechen, wie ein solches wieder Sehen
aufregt, nahm einen Teil der Nacht hinweg.

Den nchsten Tag war ich durch Fragen, Antworten und Erzhlen
bald eingewohnt: der unglckliche Feldzug gab leider genugsame
Unterhaltung, niemand hatte sich den Ausgang so traurig gedacht.
Aber auch aussprechen konnte niemand die tiefe Wirkung eines beinahe
vierwchentlichen furchtbaren Schweigens, die sich immer steigernde
Ungewissheit bei dem Mangel aller Nachrichten. Eben als wre das
alliierte Heer von der Erde verschlungen worden, so wenig verlautete
von demselben; jedermann, in eine grssliche Leere hineinblickend,
war von Furcht und ngsten gepeinigt, und nun erwartete man mit
Entsetzen die Kriegslufe schon wieder in den Niederlanden, man sah
das linke Rheinufer und zugleich das rechte bedroht.

Von solchen Betrachtungen zerstreuten uns moralische und literarische
Verhandlungen, wobei mein Realismus, zum Vorschein kommend, die
Freunde nicht sonderlich erbaute.

Ich hatte seit der Revolution, mich von dem wilden Wesen einigermaen
zu zerstreuen, ein wunderbares Werk begonnen, eine Reise von sieben
Brdern verschiedener Art, jeder nach seiner Weise dem Bund dienend,
durchaus abenteuerlich und mrchenhaft, verworren, Aussicht und
Absicht verbergend, ein Gleichnis unseres eigenen Zustandes. Man
verlangte eine Vorlesung, ich lie mich nicht viel bitten und rckte
mit meinen Heften hervor; aber ich bedurfte auch nur wenig Zeit, um
zu bemerken, dass niemand davon erbaut sei. Ich lie daher meine
wandernde Familie in irgendeinem Hafen und mein weiteres Manuskript
auf sich selbst beruhen.

Meine Freunde jedoch, die sich in so vernderte Gesinnung nicht
gleich ergeben wollten, versuchten mancherlei, um frhere Gefhle
durch ltere Arbeiten wieder hervorzurufen, und gaben mir "Iphigenie"
zur abendlichen Vorlesung in die Hand; das wollte mir aber gar nicht
munden, dem zarten Sinn fhlt' ich mich entfremdet; auch von andern
vorgetragen, war mir ein solcher Anklang lstig. Indem aber das Stck
gar blad zurckgelegt ward, schien es, als wenn man mich durch einen
hheren Grad von Folter zu prfen gedenke. Man brachte "dipus auf
Kolonos," dessen erhabene Heiligkeit meinem gegen Kunst, Natur und
Welt gewendeten, durch eine schreckliche Kampagne verhrteten Sinn
ganz unertrglich schien; nicht hundert Zeilen hielt ich aus. Da
ergab man sich denn wohl in die Gesinnung des vernderten Freundes:
fehlte es doch nicht an so mancherlei Anhaltepunkten des Gesprchs.

Aus den frheren Zeiten deutscher Literatur ward manches einzelne
erfreulich hervorgerufen, niemals aber drang die Unterhaltung in
einen tieferen Zusammenhang, weil man Merkmale ungleicher Gesinnung
vermeiden wollte.

Soll ich irgendetwas Allgemeines hier einschalten, so war es schon
seit zwanzig Jahren wirklich eine merkwrdige Zeit, wo bedeutende
Existenzen zusammentrafen und Menschen von einer Seite sich
aneinander schlossen, obgleich von der andern hchst verschieden:
jeder brachte einen hohen Begriff von sich selbst zur Gesellschaft,
und man lie sich eine wechselseitige Verehrung und Schonung gern
gefallen.

Das Talent befestigte seinen erworbenen Besitz einer allgemeinen
Achtung, durch gesellige Verbindungen wusste man sich zu hegen und zu
frdern, die errungenen Vorteile wurden nicht mehr durch einzelne,
sondern durch die bereinstimmende Mehrheit erhalten. Dass hierbei
eine Art Absichtlichkeit durchwalten musste, lag in der Sache; so
gut wie andere Weltkinder verstanden sie, eine gewisse Kunst in
ihre Verhltnisse zu legen: man verzieh sich die Eigenheiten, eine
Empfindlichkeit heilt der andern die Wage, und die wechselseitigen
Missverstndnisse blieben lange verborgen.

Zwischen diesem allen hatte ich einen wunderlichen Stand: mein
Talent gab mir einen ehrenvollen Platz in der Gesellschaft, aber
meine heftige Leidenschaft fr das, was ich als wahr und naturgem
erkannte, erlaubte sich manche gehssige Ungezogenheit gegen
irgendein scheinbar falsches Streben; weswegen ich mich auch mit den
Gliedern jenes Kreises zu Zeiten berwarf, ganz oder halb vershnte,
immer aber im Dnkel des Rechthabens auf meinem Weg fortging. Dabei
behielt ich etwas von der Ingenuitt des Voltaireschen Huronen noch
im spteren Alter, so dass ich zugleich unertrglich und
liebenswrdig sein konnte.

Ein Feld jedoch, in welchem man sich mit mehr Freiheit und
bereinstimmung erging, war die westliche, um nicht zu sagen
franzsische Literatur. Jacobi, indem er seinen eigenen Weg wandelte,
nahm doch Kenntnis von allem Bedeutenden, und die Nachbarschaft der
Niederlande trug viel dazu bei, ihn nicht allein literarisch,
sondern auch persnlich in jenen Kreis zu ziehen. Er war ein sehr
wohlgestalteter Mann, von den vorteilhaftesten Gesichtszgen, von
einem zwar gemessenen, aber doch hchst geflligen Betragen,
bestimmt, in jedem gebildeten Kreis zu glnzen.

Wundersam war jene Zeit, die man sich kaum wieder vergegenwrtigen
knnte. Voltaire hatte wirklich die alten Bande der Menschheit
aufgelst; daher entstand in guten Kpfen eine Zweifelsucht an dem,
was man sonst fr wrdig gehalten hatte. Wenn der Philosoph von
Ferney seine ganze Bemhung dahin richtete, den Einfluss der
Geistlichkeit zu midnern und zu schwchen, und hauptschlich Europa
im Auge behielt, so erstreckte de Pauw seinen Eroberungsgeist ber
fernere Weltteile; er wollte weder Chinesen noch gyptern die Ehre
gnnen, die ein vieljhriges Vorurteil auf sie gehuft hatte. Als
Kanonikus von Xanten Nachbar von Dsseldorf, unterhielt er ein
freundschaftliches Verhltnis mit Jacobi. Und wie mancher andere
wre nicht hier zu nennen!

Und so wollen wir doch noch Hemsterhuis einfhren, welcher, der
Frstin Gallitzin ergeben, in dem benachbarten Mnster viel
verweilte. Dieser ging nun von seiner Seite mit Geistesverwandten auf
zartere Beruhigung, auf ideelle Befriedigung aus und neigte sich, mit
platonischen Gesinnungen, der Religion zu.

Bei diesen fragmentarischen Erinnerungen muss ich auch noch Diderots
gedenken, des heftigen Dialektikers, der sich auch eine Zeitlang in
Pempelfort als Gast sehr wohl gefiel und mit groer Freimtigkeit
seine Paradoxen behauptete.

Auch waren Rousseaus und Naturzustnde gerichtete Aussichten diesem
Kreis nicht fremd, welcher nichts ausschloss, also auch mich nicht,
ob er mich gleich eigentlich nur duldete.

Denn wie die uere Literatur auf mich in jngeren Jahren gewirkt,
ist an mehreren Orten schon angedeutet. Fremdes konnt' ich wohl in
meinem Nutzen verwenden, aber nicht aufnehmen; deshalb ich mich denn
ber das Fremde mit andern ebenso wenig zu verstndigen vermochte.
Ebenso wunderlich sah es mit der Produktion aus: diese heilt immer
gleichen Schritt mit meinem Lebensgang, und da dieser selbst fr
meine nchsten Freunde meist ein Geheimnis blieb, so wusste man
selten mit einem meiner neuen Produkte sich zu befreunden, weil man
denn doch etwas hnliches zu dem schon Bekannten erwartete.

War ich nun schon mit meinen sieben Brdern bel angekommen, weil sie
Schwester Iphigenie nicht im mindesten glichen, so merkt' ich wohl,
dass ich die Freunde durch meinen Gro-Cophta, der lngst gedruckt
war, sogar verletzt hatte; es war die Rede nicht davon, und ich
htete mich, sie darauf zu bringen. Indessen wird man mir gestehen,
dass ein Autor, der in der Lage ist, seine neuesten Werke nicht
vortragen oder darber reden zu drfen, sich so peinlich fhlen muss
wie ein Komponist, der seine neusten Melodien zu wiederholen sich
gehindert fhlte.

Mit meinen Naturbetrachtungen wollte es mir kaum besser glcken: die
ernstliche Leidenschaft, womit ich diesem Geschft nachhing, konnte
niemand begreifen, niemand sah, wie sie aus meinem Innersten
entsprang; sie hielten dieses lbliche Bestreben fr einen
grillenhaften Irrtum, ihrer Meinung nach konnt' ich was Besseres tun
und meinem Talent die alte Richtung lassen und geben. Sie glaubten
sich hierzu um desto mehr berechtigt, als meine Denkweise sich an die
ihrige nicht anschloss, vielmehr in den meisten Punkten gerade das
Gegenteil aussprach. Man kann sich keinen isolierteren Menschen
denken, als ich damals war und lange Zeit blieb. Der Hylozoismus,
oder wie man es nennen will, dem ich anhing und dessen tiefen Grund
ich in seiner Wrde und Heiligkeit unberhrt lie, machte mich
unempfnglich, ja unleidsam gegen jene Denkweise, die eine
tote, auf welche Art es auch sei, auf- und angeregte Materie
als Glaubensbekenntnis aufstellte. Ich hatte mir aus Kants
Naturwissenschaft nicht entgehen lassen, dass Anziehungs- und
Zurckstoungskraft zum Wesen der Materie getrennt werden knne;
daraus ging mir die Urpolaritt aller Wesen getrennt werden knne;
daraus ging mir die Urpolaritt der Erscheinungen durchdringt und
belebt.

Schon bei dem frheren Besuch der Frstin Gallitzin mit Frstenberg
und Hemsterhuis in Weimar hatte ich dergleichen vorgebracht, ward
aber, als wie mit gotteslsterlichen Reden, beiseite und zur Ruhe
gewiesen.

Man kann es keinem Kreis verdenken, wenn er sich ins ich selbst
abschliet, und das taten meine Freunde zu Pempelfort redlich. Von
der schon ein Jahr gedruckten "Metamorphose der Pflanzen" hatten sie
wenig Kenntnis genommen, und wenn ich meine morphologischen Gedanken,
so gelufig sie mir auch waren, in bester Ordnung und, wie es mir
schien, bis zur krftigsten berzeugung vortrug, so musste ich doch
leider bemerken, dass die starre Vorstellungsart, nichts knne
werden, als was schon sei, sich aller Geister bemchtigt habe. In
Gefolg dessen musst' ich denn auch wieder hren, dass alles Lebendige
aus dem Ei komme, worauf ich denn mit bitterem Scherz die alte Frage
hervorhob: ob denn die Henne oder das Ei zuerst gewesen? Die
Einschachtelungslehre schien so plausibel und, die Natur mit Bonnet
zu kontemplieren, hchst erbaulich.

Von meinen "Beitrgen zur Optik" hatte auch etwas verlautet, und ich
lie mich nicht lange bitten, die Gesellschaft mit einigen Phnomenen
und Versuchen zu unterhalten, wo mir denn ganz Neues vorzubringen
nicht schwer fiel: denn alle Personen, so gebildet sie auch waren,
hatten das gespaltene Licht eingelernt und wollten leider das
lebendige, woran sie sich erfreuten, auf jene tote Hypothese
zurckgefhrt wissen.

Doch lie ich mir dergleichen eine Zeitlang gern gefallen, denn ich
heilt niemals einen Vortrag, ohne dass ich dabei gewonnen htte;
gewhnlich gingen mir unterm Sprechen neue Lichter auf, und ich
erfand im Fluss der Rede am gewissesten.

Freilich konnte ich auf diese Weise nur didaktisch und dogmatisch
verfahren, eine eigentlich dialektische und konversierende Gabe war
mir nicht verliehen. Oft aber trat auch eine bse Gewohnheit hervor,
deren ich mich anklagen muss: da mir das Gesprch, wie es gewhnlich
gefhrt wird, hchst langweilig war, indem nichts als beschrnkte,
individuelle Vorstellungsarten zur Sprache kamen, so pflegte ich den
unter Menschen gewhnlich entspringenden bornierten Streit durch
gewaltsame Paradoxe aufzuregen und ans uerste zu fhren. Dadurch
war die Gesellschaft meist verletzt und in mehr als einem Sinn
verdrielich. Denn oft, um meinen Zweck zu erreichen, musst' ich das
bse Prinzip spielen, und da die Menschen gut sein und auch nicht
gut haben wollten, so lieen sie es nicht durchgehen: als Ernst
konnte man es nicht gelten lassen, weil es nicht grndlich, als
Scherz nicht, weil es zu herb war; zuletzt nannten sie mich einen
umgekehrten Heuchler und vershnten sich bald wieder mit mir. Doch
kann ich nicht leugnen, dass ich durch diese bse Manier mir manche
Person entfremdet, andere zu Feinden gemacht habe.

Wie mit dem Zauberstbchen jedoch konnte ich sogleich alle bsen
Geister vertreiben, wenn ich von Italien zu erzhlen anfing. Auch
dahin war ich unvorbereitet, unvorsichtig gegangen; Abenteuer fehlten
keineswegs, das Land selbst, seine Anmut und Herrlichkeit hatte
ich mir vllig eingeprgt, mir war Gestalt, Farbe, Haltung jener
vom gnstigsten Himmel umschienen Landschaft noch unmittelbar
gegenwrtig. Die schwachen Versuche eigenen Nachbildens hatten das
Gedchtnis geschrft, ich konnte beschreiben, als wenn ich's vor mir
she: von belebender Staffage wimmelte es durch und durch, und so war
jedermann von den lebhaft vorbei gefhrten Bilderzgen zufrieden,
manchmal entzckt.

Wnschenswert wre nunmehr, dass man, um die Anmut des Pempelforter
Aufenthalts vollkommen darzustellen, auch die rtlichkeit, worin dies
alles vorging, klar vergegenwrtigen knnte. Ein freistehendes
gerumiges Haus, in der Nachbarschaft von weitlufigen wohl
gehaltenen Grten, im Sommer ein Paradies, auch im Winter hchst
erfreulich. Jeder Sonnenblick war in reinlicher, freier Umgebung
genossen; abends oder bei ungnstigem Wetter zog man sich gern in die
schnen groen Zimmer zurck, die, behaglich, ohne Prunk
ausgestattet, eine wrdige Szene jeder geistreichen Unterhaltung
darboten. Ein groes Speisezimmer, zahlreicher Familie und nie
fehlenden Gsten gerumig heiter und bequem, lud an eine lange Tafel,
wo es nicht an wnschenswerten Speisen fehlte. Hier fand man sich
zusammen, der Hauswirt immer munter und aufregend, die Schwestern
wohlwollend und einsichtig, der Sohn ernst und hoffnungsvoll, die
Tochter wohl gebildet, tchtig, treuherzig und liebenswrdig, an die
leider schon vorbergegangene Mutter und an die frheren Tage
erinnernd, die man vor zwanzig Jahren in Frankfurt mit ihr zugebracht
hatte. Heinse, mit zur Familie gehrig, verstand, Scherze jeder Art
zu erwidern, es gab Abende, wo man nicht aus dem Lachen kam.

Die wenigen einsamen Stunden, die mir in diesem gastfreisten aller
Huser brig blieben, wendete ich im Stillen an eine wunderliche
Arbeit. Ich hatte whrend der Kampagne neben dem Tagebuch poetische
Tagesbefehle, satirische Ordres du jour aufgezeichnet; nun wollte ich
sie durchsehen und redigieren, allein ich bemerkte bald, dass ich,
mit kurzsichtigem Dnkel, manches falsch gesehen und unrichtig
beurteilt habe, und da man gegen nichts strenger ist als gegen erst
abgelegte Irrtmer, es auch bedenklich schien, dergleichen Papiere
irgendeinem Zufall auszusetzen, so vernichtete ich das ganze Heft in
einem lebhaften Steinkohlenfeuer; worber ich mich nun insofern
betrbe, als es mir jetzt viel wert zur Einsicht in den Gang der
Vorflle und die Folge meiner Gedanken darber sein wrde.

In dem nicht weit entfernten Dsseldorf wurden fleiige Besuche
gemacht bei Freunden, die zu dem Pempelforter Zirkel gehrten; auf
der Galerie war die gewhnliche Zusammenkunft. Dort lie sich eine
entschiedene Neigung fr die italienische Schule spren, man zeigte
sich hchst ungerecht gegen die niederlndische; freilich war der
hohe Sinn der ersten anziehend, edle Gemter hinreiend. Einst hatten
wir uns lange in dem Saal des Rubens und der vorzglichsten
Niederlnder aufgehalten; als wir heraustraten, hing die Himmelfahrt
von Guido gerade gegenber. Da rief einer begeistert aus: "Ist
es einem nicht zumute, als wenn man aus einer Schenke in gute
Gesellschaft kme!" An meinem Teil konnt' ich mir gefallen lassen,
dass die Meister, die mich noch vor kurzem ber den Alpen entzckt,
sich so herrlich zeigten und leidenschaftliche Bewunderung erweckten;
doch sucht' ich mich auch mit den Niederlndern bekannt zu machen,
deren Tugenden und Vorzge im hchsten Grade sich hier den Augen
darstellten: ich fand mir Gewinn fr ganze Leben.

Was mir aber noch mehr auffiel, war, dass ein gewisser Freiheitssinn,
ein Streben nach Demokratie sich in die hohen Stnde verbreitet
hatte; man schien nicht zu fhlen, was alles erst zu verlieren sei,
um zu irgendeiner Art zweideutigen Gewinnes zu gelangen. Lafayettes
und Mirabeaus Bste, von Houdon sehr natrlich und hnlich gebildet,
sah ich hier gttlich verehrt, jenen wegen seiner ritterlichen und
brgerlichen Tugenden, diesen wegen Geisteskraft und Rednergewalt. So
seltsam schwankte schon die Gesinnung der Deutschen; einige waren
selbst in Paris gewesen, hatten die bedeutenden Mnner reden hren,
handeln sehen und waren, leider nach deutscher Art und Weise, zur
Nachahmung aufgeregt worden, und das gerade zu einer Zeit, wo die
Sorge fr das linke Rheinufer sich in Furcht verwandelte.

Die Not schien dringend: Emigrierte fllten Dsseldorf, selbst die
Brder des Knigs kamen an. Man eilte, sie zu sehen; ich traf sie
auf der Galerie und erinnerte mich dabei, wie sie durchnsst bei
dem Auszug aus Glorieux gesehen worden. Herr von Grimm und Frau
von Bueil erschienen gleichfalls. Bei berfllung der Stadt hatte
sie ein Apotheker aufgenommen: das Naturalienkabinett diente zum
Schlafzimmer, Affen, Papageien und andres Getier belauschten den
Morgenschlaf der liebenswrdigsten Dame, Muscheln und Korallen
hinderten die Toilette, sich gehrig auszubreiten. Und so war das
Einquartierungsbel, das wir kaum erst nach Frankreich gebracht
hatten, wieder zu uns herbergefhrt.

Frau von Coudenhoven, eine schne, geistreiche Dame, sonst die Zierde
des Mainzer Hofes, hatte sich auch hierher geflchtet. Herr und Frau
von Dohm kamen von deutscher Seite heran, um von den Zustnden nhere
Kenntnis zu nehmen.

Frankfurt war noch von den Franzosen besetzt, die Kriegsbewegungen
hatten sich zwischen die Lahn und das Taunusgebirge gezogen; bei
tglich abwechselnden, bald sichern bald unsichern Nachrichten war
das Gesprch lebhaft und geistreich; aber wegen streitenden
Interesses und Meinungen gewhrte es nicht immer eine erfreuliche
Unterhaltung. Ich konnte einer so problematischen, durchaus
ungewissen, dem Zufall unterworfenen Sache keinen Ernst abgewinnen
und war mit meinen paradoxen Spen mitunter aufheiternd, mitunter
lstig.

So erinnerte ich mich, dass an dem Abendtisch der Frankfurter Brger
mit Ehren gedacht ward: sie sollten sich gegen Custine mnnlich und
gut betragen haben; ihre Auffhrung und Gesinnung, hie es, steche
gar sehr ab gegen die unerlaubte Weise, wie sich die Mainzer betragen
und noch betrgen. Frau von Coudenhoven, in dem Enthusiasmus, der sie
sehr gut kleidete, rief aus: sie gbe viel darum, eine Frankfurter
Brgerin zu sein. Ich erwiderte: das sei etwas Leichtes; ich wisse
ein Mittel, werde es aber als Geheimnis fr mich behalten. Da man
nun heftig und ehftiger in mich drang, erklrt' ich zuletzt, die
treffliche Dame drfe mich nur heiraten, wodurch sie augenblicklich
zur Frankfurter Brgerin umgeschaffen werde. Allgemeines Gelchter!

Und was kam nicht alles zur Sprache! Als einst von der unglcklichen
Kampagne, besonders von der Kanonade bei Valmy die Rede war,
versicherte Herr von Grimm, es sei von meinem wunderlichen Ritt ins
Kanonenfeuer an des Knigs Tafel die Rede gewesen. Wahrscheinlich
hatten die Offiziere, denen ich damals begegnete, davon gesprochen;
das Resultat ging darauf hinaus, dass man sich darber nicht wundern
msse, weil gar nicht zu berechnen sei, was man von einem seltsamen
Menschen zu erwarten habe.

Auch ein sehr geschickter, geistreicher Arzt nahm teil an unsern
Halbsaturnalien, und ich dachte nicht in meinem bermut, dass ich
seiner so bald bedrfen wrde. Er lachte daher zu meinem rger laut
auf, als er mich im Bett fand, wo ein gewaltiges rheumatisches bel,
das ich mir durch Verkltung zugezogen, mich beinahe unbeweglich
festhielt. Er, ein Schler des Geheimrat Hofmann, dessen tchtige
Wunderlichkeiten von Mainz und dem kurfrstlichen Hof aus bis weit
hinunter den Rhein gewirkt, verfuhr sogleich mit Kampfer, welcher
fast als Universalmedizin galt. Lschpapier, Kreide darauf gerieben,
sodann mit Kampfer bestreut, ward uerlich, Kampfer gleichfalls, in
kleinen Dosen, innerlich angewandt. Dem sei nun, wie ihm wolle, ich
war in einigen Tagen hergestellt.

Die Langeweile jedoch des Leidens lie mich manche Betrachtung
anstellen, die Schwche, die aus einem bettlgrigen Zustand gar
leicht erfolgt, lie mich meine Lage bedenklich finden: das
Fortschreiten der Franzosen in den Niederlanden war bedeutend und
durch den Ruf vergrert, man sprach tglich und stndlich von neu
angekommenen Ausgewanderten.

Mein Aufenthalt im Pempelfort war schon lang genug, und ohne die
herzlichste Gastfreiheit der Familie htte jeder glauben mssen, dort
lstig zu sein. Auch hatte sich mein Bleiben nur zufllig verlngert:
ich erwartete tglich und stndlich meine bhmische Chaise, die ich
nicht gern zurcklassen wollte; sie war von Trier schon in Koblenz
angekommen und sollte von dort bald weiter herab spediert werden; da
sie jedoch ausblieb, vermehrte sich die Ungeduld, die mich in den
letzten Tagen ergriffen hatte. Jacobi berlie mir einen bequemen,
obgleich an Eisen ziemlich schweren Reisewagen. Alles zog, wie man
hrte, nach Westfalen hinein, und die Brder des Knigs wollten dort
ihren Sitz aufschlagen.

Und so schied ich denn mit dem wunderlichsten Zwiespalt: die Neigung
hielt mich in dem freundlichsten Kreis, der sich soeben auch hchst
beunruhigt fhlte, und ich sollte die edelsten Menschen in Sorgen und
Verwirrung hinter mir lassen, bei schrecklichem Weg und Wetter mich
nun wieder in die wilde, wste Welt hinauswagen, von dem Strom mit
fortgezogen der unaufhaltsam eilenden Flchtlinge, selbst mit
Flchtlingsgefhl.

Und doch hatte ich Aussicht unterwegs auf die angenehmste Einkehr,
indem ich so nahe bei Mnster die Frstin Gallitzin nicht umgehen
durfte.




Duisburg, November.

Und so fand ich mich denn abermals, nach Verlauf von vier Wochen,
zwar viele Meilen weit entfernt von dem Schauplatz unseres ersten
Unheils, doch wieder in derselben Gesellschaft, in demselben Gedrnge
der Emigrierten, die nun, jenseits entschieden vertrieben, diesseits
nach Deutschland strmten, ohne Hilfe und ohne Rat.

Zu Mittag in dem Gasthof etwas spt angekommen, sa ich am Ende der
langen Tafel; Wirt und Wirtin, die mir als einem Deutschen den
Widerwillen gegen die Franzosen schon ausgesprochen hatten,
entschuldigten, dass alle guten Pltze von diesen unwillkommenen
Gsten besetzt seien. Hierbei wurde bemerkt, dass unter ihnen, trotz
aller Erniedrigung, Elend und zu befrchtender Armut, noch immer
dieselbe Rangsucht und Unbescheidenheit gefunden werde.

Indem ich nun die Tafel hinaufsah, erblickt' ich ganz oben, quer vor,
an der ersten Stelle einen alten, kleinen, wohlgestalteten Mann von
ruhigem, beinahe nichtigem Betragen. Er musste vornehm sein, denn
zwei Nebensitzende erwiesen ihm die grte Aufmerksamkeit, whlten
die ersten und besten Bissen, ihm vorzulegen, und man htte beinahe
sagen knnen, dass sie ihm solche zum Mund fhrten. Mir bleib nicht
lange verborgen, dass er, vor Alter seiner Sinne kaum mchtig,
als ein bedauernswrdiges Automat den schatten eines frheren
wohlhabenden und ehrenvollen Lebens kmmerlich durch die Welt
schleppe, indessen zwei Ergebene ihm den Traum des vorigen Zustandes
wieder herbeizuspiegeln trachteten.

Ich beschaute mir die brigen: das bedenklichste Schicksal war auf
allen Stirnen zu lesen, Soldaten, Kommissre, Abenteurer vielleicht
zu unterscheiden; alle waren still, denn jeder hatte sein eigene Not
zu bertragen, sie sahen ein grenzenloses Elend vor sich.

Etwa in der Hlfte des Mittagmahles kam noch ein hbscher junger Mann
herein, ohne ausgezeichnete Gestalt oder irgendein Abzeichen; man
konnte an ihm den Fuwanderer nicht verkennen. Er setzte sich still
gegen mir ber, nachdem er den Wirt um ein Kuvert begrt hatte, und
speiste, was man ihm nachholte und vorsetzte, mit ruhigem Betragen.
Nach aufgehobener Tafel trat ich zum Wirt, der mir ins Ohr sagte:
"Ihr Nachbar soll seine Zeche nicht teuer bezahlen!" Ich begriff
nichts von diesen Worten, aber als der junge Mann sich nherte und
fragte: was er schuldig sei? erwiderte der Wirt, nachdem er sich
flchtig ber die Tafel umgeschaut, die Zeche sei ein Kopfstck. Der
Fremde schien beteten und sagte, das sei wohl ein Irrtum, denn er
habe nicht allein ein gutes Mittagsessen gehabt, sondern auch einen
Schoppen Wein; das msse mehr betragen. Der Wirt antwortete darauf
ganz ernsthaft, er pflege seine Rechnung selbst zu machen, und die
Gste erlegten gerne, was er forderte. Nun zahlte der junge Mann,
entfernte sich bescheiden und verwundert; sogleich aber lste mir der
Wirt das Rtsel. "Dies ist der erste von diesem vermaledeiten Volk,"
rief er aus, "der Schwarzbrot gegessen hat: das musste ihm zugute
kommen."

In Duisburg wusst' ich einen einzigen alten Bekannten, den ich
aufzusuchen nicht versumte: Professor Plessing war es, mit dem sich
vor vielen Jahren ein sentimental-romanhaftes Verhltnis anknpfte,
wovon ich hier das Nhere mitteilen will, da unsere Abendunterhaltung
dadurch aus den unruhigsten Zeiten in die friedlichsten Tage versetzt
wurde.

"Werther," bei seinem Erscheinen in Deutschland, hatte keineswegs,
wie man ihm vorwarf, eine Krankheit, ein Fieber erregt, sondern
nur das bel aufgedeckt, das in jungen Gemtern verborgen lag.
Whrend eines langen und glcklichen Friedens hatte sich eine
literarisch-sthetische Ausbildung auf deutschem Grund und Boden,
innerhalb der Nationalsprache, auf das schnste entwickelt; doch
gesellte sich bald, weil der Bezug nur aufs Innere ging, eine gewisse
Sentimentalitt hinzu, bei deren Ursprung und Fortgang man den
Einfluss von Yorik-Sterne nicht verkennen darf: wenn auch sein Geist
nicht ber den Deutschen schwebte, so teilte sich sein Gefhl um
desto lebhafter mit. Es entstand eine Art zrtlich-leidenschaftlicher
Asketik, welche, da uns die humoristische Ironie des Briten nicht
gegeben war, in eine leidige Selbstqulerei gewhnlich ausarten
musste. Ich hatte mich persnlich von diesem bel zu befreien gesucht
und trachtete nach meiner berzeugung andern hilfreich zu sein; das
aber war schwerer, als man denken konnte: denn eigentlich kam es
drauf an, einem jeden gegen sich selbst beizustehen, wo denn von
aller Hilfe, wie sie uns die uere Welt anbietet, es sei Erkenntnis,
Belehrung, Beschftigung, Begnstigung, die Rede gar nicht sein
konnte.

Hier mssen wir nun gar manche, damals mit einwirkende Ttigkeiten
stillschweigend bergehen, aber zu unseren Zwecken macht sich ntig,
eines andern groen, fr sich waltenden Bestrebens umstndlicher zu
gedenken.

Lavaters Physiognomik hatte dem sittlich-geselligen Interesse eine
ganz andere Wendung verliehen. Er fhlte sich im Besitz der
geistigsten Kraft, jene smtlichen Eindrcke zu deuten, welche des
Menschen Gesicht und Gestalt auf einen jeden ausbt, ohne dass er
sich davon Rechenschaft zu geben wsste; da er aber nicht geschaffen
war, irgendeine Abstraktion methodisch zu suchen, so heilt er sich am
einzelnen Fall und also am Individuum.

Heinrich Lips, ein talentvoller junger Knstler, besonders geeignet
zum Portrt, schloss sich fest an ihn, und sowohl zu Haus als auf der
unternommenen Rheinreise kam er seinem Gnner nicht von der Seite.
Nun lie Lavater, teils aus Heihunger nach grenzenloser Erfahrung,
teils umso viel bedeutende Menschen als mglich an sein knftiges
Werk zu gewhnen und zu knpfen, alle Personen abbilden, die nur
einigermaen durch Stand und Talent, durch Charakter und Tat
ausgezeichnet ihm begegneten.

Dadurch kam denn freilich gar manches Individuum zur Evidenz, es
ward etwas mehr wert, aufgenommen in einen so edlen Kreis; seine
Eigenschaften wurden durch den deutsamen Meister hervorgehoben, man
glaubte, sich einander nher zu kennen: und so ergab sich's aufs
sonderbarste, dass mancher einzelne in seinem persnlichen Wert
entschieden hervortrat, der sich bisher im brgerlichen Lebens- und
Staatsgang ohne Bedeutung eingeordnet und eingeflochten gesehen.

Diese Wirkung war strker und grer, als man sie denken mag:
ein jeder fhlte sich berechtigt, von sich selbst, als von einem
abgeschlossenen, abgerundeten Wesen, das Beste zu denken, und in
seiner Einzelheit vollstndig gekrftigt, hielt es ich auch wohl fr
befugt, Eigenheiten, Torheiten und Fehler in den Komplex seines
werten Daseins mit aufzunehmen. Dergleichen erfolg konnte sich umso
leichter entwickeln, als bei dem ganzen Verfahren die besondere
individuelle Natur allein, ohne Rcksicht auf die allgemeine
Vernunft, die doch alle Natur beherrschen soll, zur Sprache kam;
dagegen war das religise Element, worin Lavater schwebte, nicht
hinreichend, eine sich immer mehr entscheidende Selbstgeflligkeit
zu mildern, ja es entstand bei Frommgesinnten daraus eher ein
geistlicher Stolz, der es dem natrlichen an Erhebung auch wohl
zuvortrat.

Was aber zugleich nach jener Epoche folgerecht auffallend hervorging,
war die Achtung der Individuen untereinander. Namhafte ltere Mnner
wurden, wo nicht persnlich, doch im Bild verehrt; und es durfte auch
wohl ein junger Mann sich nur einigermaen bedeutend hervortun, so
war alsbald der Wunsch nach persnlicher Bekanntschaft rege, in deren
Ermangelung man sich mit seinem Portrt begngte; wobei denn die mit
Sorgfalt und gutem Geschick aufs genauste gezogenen Schattenriss
willkommene Dienste leisteten. Jedermann war darin gebt, und kein
Fremder zog vorber, den man nicht abends an die Wand geschrieben
htte; die Storchschnbel durften nicht rasten.

"Menschenkenntnis und Menschenliebe" waren uns bei diesem Verfahren
versprochen; wechselseitige Teilnahme hatte sich entwickelt,
wechselseitiges Kennen und Erkennen aber wollte sich so schnell nicht
entfalten: zu beiden Zwecken jedoch war die Ttigkeit sehr gro, und
was in diesem Sinn von einem herrlich begabten jungen Frsten, von
seiner wohlgesinnten, geistreich-lebhaften Umgebung fr Aufmunterung
und Frdernis nah und fern gewirkt ward, wre schon zu erzhlen, wenn
es nicht lblich schiene, die Anfnge bedeutender Zustnde einem
ehrwrdigen Dunkel anheim zu geben. Vielleicht sahen die Kotyledonen
jener Saat etwas wunderlich aus; der Ernte jedoch, woran das
Vaterland und die Auenwelt ihren Anteil freudig dahin nahm, wird
in den sptesten Zeiten noch immer ein dankbares Andenken nicht
ermangeln.

Wer Vorgesagtes in Gedanken festhlt und sich davon durchdringt,
wird nachstehendes Abenteuer, welches beide Teilnehmende unter
dem Abendessen vergnglich in der Erinnerung belebten, weder
unwahrscheinlich noch ungereimt finden.

Zu manchem andern, brieflichen und persnlichen Zudrang erheilt ich
in der Hlfte des Jahrs 1776, von Wernigerode datiert, Plessing
unterzeichnet, ein Schreiben, vielmehr ein Heft, fast das
Wunderbarste, was mir in jener selbstqulerischen Art vor Augen
gekommen: man erkannte daran einen jungen, durch Schulen und
Universitt gebildeten Mann, dem nun aber sein smtlich Gelerntes zu
eigener innerer, sittlicher Beruhigung nicht gedeihen wollte. Eine
gebte Handschrift war gut zu lesen, der Stil gewandt und flieend,
und ob man gleich eine Bestimmung zum Kanzelredner darin entdeckte,
so war doch alles frisch und brav aus dem Herzen geschrieben, dass
man ihm einen gegenseitigen Anteil nicht versagen konnte. Wollte
nun aber dieser Anteil lebhaft werden, suchte man sich die Zustnde
des Leidenden nher zu entwickeln, so glaubte man statt des Duldens
Eigensinn, statt des Ertragens Hartnckigkeit und statt eines
sehnschtigen Verlangens abstoendes Wegweisen zu bemerken. Da ward
mir denn, nach jenem Zeitsinn, der Wunsch lebhaft rege, diesen jungen
Mann von Angesicht zu sehen; ihn aber zu mir zu bescheiden, hielt ich
nicht fr rtlich. Ich hatte mir, unter bekannten Umstnden, schon
eine Zahl von jungen Mnnern aufgebrdet, die, anstatt mit mir auf
meinem Wege einer reineren, hheren Bildung entgegenzugehen, auf dem
ihrigen verharrend, sich nicht besser befanden und mich in meinen
Fortschritten hinderten. Ich lie die Sache indessen hngen, von der
Zeit irgendeine Vermittelung erwartend.

Da erhielt ich einen zweiten, krzern, aber auch lebhafteren,
heftigeren Brief, worin der Schreiber auf Antwort und Erklrung drang
und, sie ihm nicht zu versagen, mich feierlichst beschwor.

Aber auch dieser wiederholte Sturm brachte mich nicht aus der
Fassung; die zweiten Bltter gingen mir so wenig als die ersten zu
Herzen, aber die herrische Gewohnheit, jungen Mnnern meines Alters
in Herzens- und Geistesnten beizustehen, lie mich sein doch nicht
ganz vergessen.

Die um einen trefflichen jungen Frsten versammelte weimarsche
Gesellschaft trennte sich nicht leicht, ihre Beschftigungen und
Unternehmungen, Scherze, Freuden und Leiden waren gemeinsam. Da ward
nun zu Ende Novembers eine Jagdpartie auf wilde Schweine,
notgedrungen auf das hufige Klagen des Landvolks, im Eisenachschen
unternommen, der ich, als damaliger Gast, auch beizuwohnen hatte;
ich erbat mir jedoch die Erlaubnis, nach einem kleinen Umweg mich
anschlieen zu drfen.

Nun hatte ich einen wundersamen geheimen Reiseplan. Ich musste
nmlich, nicht nur etwa von Geschftsleuten, sondern auch von vielen
am Ganzen teilnehmenden Weimarern fter den lebhaften Wunsch hren,
es mge doch das Ilmenauer Bergwerk wieder aufgenommen werden. Nun
ward von mir, der ich nur die allgemeinsten Begriffe vom Bergbau
allenfalls besa, zwar weder Gutachten noch Meinung, doch Anteil
verlangt, aber diesen konnt' ich an irgendeinem Gegenstand nur durch
unmittelbares Anschauen gewinnen. Ich dachte mir unerlsslich, vor
allen Dingen das Bergewesen in seinem ganzen Komplex, und wr'
es auch nur flchtig, mit Augen zu sehen und mit dem Geiste zu
fassen; denn alsdann nur konnt' ich hoffen, in das Positive weiter
einzudringen und mich mit dem Historischen zu befreunden. Deshalb
hatt' ich mir lngst eine Reise auf den Harz gedacht. Und gerade
jetzt, da ohnehin diese Jahrszeit in Jagdlust unter freiem Himmel
zugebracht werden sollte, fhlte ich mich dahin getrieben. Alles
Winterwesen hatte berdies in jener Zeit fr mich groe Reize, und
was die Bergwerke betraf, so war ja in ihren Tiefen weder Winter noch
Sommer merkbar; wobei ich zugleich gern bekenne, dass die Absicht,
meinen wunderlichen Korrespondenten persnlich zu sehen und zu
prfen, wohl die Hlfte des Gewichtes meinem Entschluss hinzufgte.

Indem sich nun die Jagdlustigen nach einer andern Seite hin begaben,
ritt ich ganz allein dem Ettersberge zu und begann jene Ode, die
unter dem Titel "Harzreise im Winter" solange als Rtsel unter meinen
kleineren Gedichten Platz gefunden. Im dstern und von Norden her
sich heranwlzenden Schneegewlk schwebte hoch ein Geier ber mir.
Die Nacht verblieb ich in Sondershausen und gelangte des andern Tags
so bald nach Nordhausen, dass ich gleich nach Tisch weiter zu
gehen beschloss, aber mit Boten und Laterne nach mancherlei
Gefhrlichkeiten erst sehr spt in Ilfeld ankam.

Ein ansehnlicher Gasthof war glnzend erleuchtet, es schien ein
besonderes Fest darin gefeiert zu werden. Erst wollte der Wirt mich
gar nicht aufnehmen: die Kommissarien der hchsten Hfe, hie es,
seien schon lange hier beschftigt, wichtige Einrichtungen zu treffen
und verschiedene Interessen zu vereinbaren, und da dies nun glcklich
vollendet sei, gben sie heute Abend einen allgemeinen Schmaus. Auf
dringende Vorstellung jedoch und einige Winke des Boten, dass man mit
mir nicht bel fahre, erbot sich der Mann, mir den Bretterverschlag
in der Wirtsstube, seinen eigentlichen Wohnsitz, und zugleich sein
wei zu berziehendes Ehebett einzurumen. Er fhrte mich durch das
weite, hell erleuchtete Wirtszimmer, da ich mir denn im Vorbeigehen
die smtlichen munteren Gste flchtig beschaute.

Doch sie smtlich zu meiner Unterhaltung nher zu betrachten, gab mir
in den Brettern des Verschlags eine Astlcke die beste Gelegenheit,
die, seine Gste zu belauschen, dem Wirte selbst oft dienen mochte.
Ich sah die lange und wohl erleuchtete Tafel von unten hinauf, ich
berschaute sie, wie man oft die Hochzeit von Kana gemalt sieht;
nun musterte ich bequem von oben bis herab also: Vorsitzende, Rte,
andere Teilnehmende und dann immer so weiter, Sekretarien, Schreiber
und Gehilfen. Ein glcklich geendigtes beschwerliches Geschft schien
eine Gleichheit aller ttig Teilnehmenden zu bewirken, man schwatzte
mit Freiheit, trank Gesundheiten, wechselte Scherz und Scherz, wobei
einige Gste bezeichnet schienen, Witz und Spa an ihnen zu ben;
genug, es war ein frhliches, bedeutendes Mahl, das ich bei dem
hellsten Kerzenscheine in seinen Eigentmlichkeiten ruhig beobachten
konnte, eben als wenn der hinkende Teufel mir zur Seite stehe und
einen ganz fremden Zustand unmittelbar zu beschauen und zu erkennen
mich begnstigte. Und wie dies mir nach der dstersten Nachtreise
in den Harz hinein ergtzlich gewesen, werden die Freunde solcher
Abenteuer beurteilen. Manchmal schien es mir ganz gespensterhaft,
als sh' ich in einer Berghhle wohlgemute Geister sich erlustigen.

Nach einer wohl durchschlafenen Nacht eilte ich frhe, von einem
Boten abermals geleitet, der Baumannshhle zu; ich durchkroch sie und
betrachtete mir das fortwirkende Naturereignis ganz genau. Schwarze
Marmormassen, aufgelst, zu weien kristallinischen Sulen und
Flchen wieder hergestellt, deuteten mir auf das fortwebende Leben
der Natur. Freilich verschwanden vor dem ruhigen Blick alle die
Wunderbilder, die sich eine dster wirkende Einbildungskraft so gern
aus formlosen Gestalten erschaffen mag; dafr blieb aber auch das
eigne wahre desto reiner zurck, und ich fhlte mich dadurch gar
schn bereichert.

Wieder ans Tageslicht gelangt, schrieb ich die notwendigsten
Bemerkungen, zugleich aber auch mit ganz frischem Sinn die ersten
Strophen des Gedichtes, das unter dem Titel "Harzreise im Winter" die
Aufmerksamkeit mancher Freunde bis auf die letzten Zeiten erregt hat;
davon mgen denn die Strophen, welche sich auf den nun blad zu
erblickenden wunderlichen Mann beziehen, hier Platz finden, weil sie
mehr als viele Worte den damaligen liebevollen Zustand meines Innern
auszusprechen geeignet sind.

    Aber abseits, wer ist's?
    Ins Gebsch verliert sich sein Pfad,
    Hinter ihm schlagen
    Die Struche zusammen,
    Das Gras steht wieder auf,
    Die de verschlingt ihn.

    Ach, wer heilt die Schmerzen
    Des, dem Balsam zu Gift ward?
    Der sich Menschenhass
    Aus der Flle der Liebe trank?
    Erst verachtet, nun ein Verchter,
    Zehrt er heimlich auf
    Seinen eignen Wert
    In ungengender Selbstsucht.

    Ist auf deinem Psalter,
    Vater der Liebe, ein Ton
    Seinem Ohre vernehmlich,
    So erquicke sein Herz!
    ffne den umwlkten Blick
    ber die tausend Quellen
    Neben dem Drstenden
    In der Wste!

Im Gasthof zu Wernigerode angekommen, lie ich mich mit dem Kellner
in ein Gesprch ein; ich fand ihn als einen sinnigen Menschen, der
seine stdtischen Mitgenossen ziemlich zu kennen schien. Ich sagt'
ihm darauf, es sei meine Art, wenn ich an einem fremden Ort
ohne besondere Empfehlung anlangte, mich nach jngern Personen
zu erkundigen, die sich durch Wissenschaft und Gelehrsamkeit
auszeichneten; er mge mir daher jemanden der Art nennen, damit ich
einen angenehmen Abend zubrchte. Darauf erwiderte ohne weiteres
Bedenken der Kellner: es werde mir gewiss mit der Gesellschaft des
Herrn Plessing gedient sein, dem Sohn des Superintendenten; als Knabe
sei er schon in Schulen ausgezeichnet worden und habe noch immer den
Ruf eines fleiigen guten Kopfs, nur wolle man seine finstere Lauen
tadeln und nicht gut finden, dass er mit unfreundlichem Betragen sich
aus der Gesellschaft ausschliee. Gegen Fremde sei er zuvorkommend,
wie Beispiele bekannt wren; wollte ich angemeldet sein, so knne es
sogleich geschehen.

Der Kellner brachte mir bald eine bejahende Antwort und fhrte mich
hin. Es war schon Abend geworden, als ich in ein groes Zimmer des
Erdgeschosses, wie man es in geistlichen Husern antrifft, hineintrat
und den jungen Mann in der Dmmerung noch ziemlich deutlich
erblickte. Allein an einigen Symptomen konnt' ich bemerken, dass die
Eltern eilig das Zimmer verlassen hatten, um dem unvermuteten Gast
Platz zu machen.

Das hereingebrachte Licht lie mich den jungen Mann nunmehr ganz
deutlich erkennen: er glich seinem Brief vllig, und so wie jenes
Schreiben erregte er Interesse, ohne Anziehungskraft auszuben.

Um ein nheres Gesprch einzuleiten, erklrt' ich mich fr einen
Zeichenknstler von Gotha, der wegen Familienangelegenheiten in
dieser unfreundlichen Jahrszeit Schwester und Schwager in
Braunschweig zu besuchen habe.

Mit Lebhaftigkeit fiel er mir beinahe ins Wort und rief aus: "Da Sie
so nahe an Weimar wohnen, so werden Sie doch auch diesen Ort, der
sich so berhmt macht, fters besucht haben!" Dieses bejaht' ich ganz
einfach und fing an, von Rat Kraus, von der Zeichenschule, von
Legationsrat Bertuch und dessen unermdeter Ttigkeit zu sprechen;
ich verga weder Musus noch Jagemann, Kapellmeister Wolf und einige
Frauen und bezeichnete den Kreis, den diese wackern Personen
abschlossen und jeden Fremden willig und freundlich unter sich
aufnahmen.

Endlich fuhr er etwas ungeduldig heraus: "Warum nennen Sie denn
Goethe nicht?" Ich erwiderte, dass ich diesen auch wohl in gedachtem
Kreis als willkommenen Gast gesehen und von ihm selbst persnlich als
fremder Knstler wohl aufgenommen und gefrdert worden, ohne dass
ich weiter viel von ihm zu sagen wisse, da er teils allein, teils in
andern Verhltnissen lebe.

Der junge Mann, der mit unruhiger Aufmerksamkeit zugehrt hatte,
verlangte nunmehr, mit einigem Ungestm, ich solle ihm das seltsame
Individuum schildern, das so viel von sich reden mache. Ich trug
ihm darauf mit groer Ingenuitt eine Schilderung vor, die fr mich
nicht schwer wurde, da die seltsame Person in der seltsamsten Lage
mir gegenwrtig stand, und wre ihm von der Natur nur etwas mehr
Herzenssagazitt gegnnt gewesen, so konnte ihm nicht verborgen
bleiben, dass der vor ihm stehende Gast sich selbst schildere.

Er war einige Mal im Zimmer auf und ab gegangen, indes die Magd
herein trat, eine Flasche Wein und sehr reinlich bereitetes kaltes
Abendbrot auf den Tisch setzte; er schenkte beiden ein, stie an und
schluckte das Glas sehr lebhaft hinunter. Und kaum hatte ich mit
etwas gemigteren Zgen das meinige geleert, ergriff er heftig
meinen Arm und rief: "O verzeihen Sie meinem wunderlichen Betragen!
Sie haben mir aber so viel Vertrauen eingeflt, dass ich Ihnen alles
entdecken muss. Dieser Mann, wie Sie mir ihn beschreiben, htte mir
doch antworten sollen! Ich habe ihm einen ausfhrlichen, herzlichen
Brief geschickt, ihm meine Zustnde, meine Leiden geschildert, ihn
gebeten, sich meiner anzunehmen, mir zu raten, mir zu helfen, und
nun sind schon Monate verstrichen, ich vernehme nichts von ihm;
wenigstens htte ich ein ablehnendes Wort auf ein so unbegrenztes
Vertrauen wohl verdient."

Ich erwiderte darauf, dass ich ein solches Benehmen weder erklren
noch entschuldigen knne; so viel wisse ich aber aus eigener
Erfahrung, dass ein gewaltiger, sowohl ideeller als reeller Zudrang
diesen sonst wohlgesinnten, wohlwollenden und hilfsbereiten jungen
Mann oft auerstand setze, sich zu bewegen, geschweige zu wirken.

"Sind wir zufllig so weit gekommen," sprach er darauf mit einiger
Fassung, "den Brief muss ich Ihnen vorlesen, und Sie sollen urteilen,
ob er nicht irgendeine Antwort, irgendeine Erwiderung verdiente."

Ich ging im Zimmer auf und ab, die Vorlesung zu erwarten, ihrer
Wirkung schon beinahe ganz gewiss, deshalb nicht weiter nachdenkend,
um mir selbst in einem so zarten Fall nicht vorzugreifen. Nun sa er
gegen mir ber und fing an, die Bltter zu lesen, die ich in- und
auswendig kannte, und vielleicht war ich niemals mehr von der
Behauptung der Physiognomisten berzeugt, ein lebendiges Wesen sei in
allem seinem Handeln und Betragen vollkommen bereinstimmend mit sich
selbst, und jede in die Wirklichkeit hervorgetretene Monas erzeige
sich in vollkommener Einheit ihrer Eigentmlichkeiten. Der Lesende
passte vllig zu dem Gelesenen, und wie dieses frher in der
Abwesenheit mich nicht ansprach, so war es nun auch mit der
Gegenwart. Man konnte zwar dem jungen Mann eine Achtung nicht
versagen, eine Teilnahme, die mich denn auch auf einen so
wunderlichen Weg gefhrt hatte: denn ein ernstliches Wollen sprach
sich aus, ein edler Sinn und Zweck; aber obschon von den zrtlichsten
Gefhlen die Rede war, blieb der Vortrag ohne Anmut, und eine ganz
eigens beschrnkte Selbstigkeit tat sich krftig hervor. Als er nun
geendet hatte, fragte er mit Hast, was ich dazu sage? Und ob ein
solches Schreiben nicht eine Antwort verdient, ja gefordert htte?

Indessen war mir der bedauernswrdige Zustand dieses jungen Mannes
immer deutlicher geworden: er hatte nmlich von der Auenwelt
niemals Kenntnis genommen, dagegen sich durch Lektre mannigfaltig
ausgebildet, alle seine Kraft und Neigung aber nach innen gewendet
und sich auf diese Weise, da er in der Tiefe seines Lebens kein
produktives Talent fand, so gut als zugrunde gerichtet; wie ihm denn
sogar Unterhaltung und Trost, dergleichen uns aus der Beschftigung
mit alten Sprachen so herrlich zu gewinnen offen steht, vllig
abzugehen schien.

Da ich an mir und andern schon glcklich erprobt hatte, dass in
solchem Falle ein rasche glubige Wendung gegen die Natur und ihre
grenzenlose Mannigfaltigkeit das beste Heilmittel sei, so wagt' ich
alsobald den Versuch, es auch in diesem Fall anzuwenden und ihm daher
nach einigem Bedenken folgendermaen zu antworten:

"Ich glaube zu begreifen, warum der junge Mann, auf den Sie so viel
Vertrauen gesetzt, gegen Sie stumm geblieben: denn seine jetzige
Denkweise weicht zu sehr von der Ihrigen ab, als dass er hoffen
drfte, sich mit Ihnen zu verstndigen zu knnen. Ich habe selbst
einigen Unterhaltungen in jenem Kreis beigewohnt und behaupten hren:
man werde sich aus einem schmerzlichen, selbstqulerischen, dsteren
Seelenzustand nur durch Naturbeschauung und herzliche Teilnahme
an der ueren Welt retten und befreien. Schon die allgemeinste
Bekanntschaft mit der Natur, gleichviel von welcher Seite, ein
ttiges Eingreifen, sei es als Grtner oder Landbewohner, als Jger
oder Bergmann, ziehe uns von uns selbst ab; die Richtung geistiger
Krfte auf wirkliche, wahrhafte Erscheinungen gebe nach und nach das
grte Behagen, Klarheit und Belehrung; wie denn der Knstler, der
sich treu an der Natur halte und zugleich sein Inneres auszubilden
suche, gewiss am besten fahren werde."

Der junge Freund schien darber sehr unruhig und ungeduldig, wie
man ber eine fremde oder verworrene Sprache, deren Sinn wir nicht
vernehmen, rgerlich zu werden anfngt. Ich darauf, ohne sonderliche
Hoffnung eines glcklichen Erfolges, eigentlich aber um nicht zu
verstummen, fuhr zu reden fort. "Mir, als Landschaftsmaler," sagte
ich, "musste dies zu allererst einleuchten, da ja meine Kunst
unmittelbar auf die Natur gewiesen ist; doch habe ich seit jener Zeit
emsiger und eifriger als bisher nicht etwa nur ausgezeichnete und
auffallende Naturbilder und Erscheinungen betrachtet, sondern mich zu
allem und jedem liebevoll hingewendet." Damit ich mich nun aber
nicht ins Allgemeine verlre, erzhlte ich, wie mir sogar diese
notgedrungene Winterreise, anstatt beschwerlich zu sein, dauernden
Genuss gewhrt; ich schilderte ihm, mit malerischer Poesie und doch
so unmittelbar und natrlich, als ich nur konnte, den Vorschritt
meiner Reise, jenen morgendlichen Schneehimmel ber den Bergen,
die mannigfaltigsten Tageserscheinungen, dann bot ich seiner
Einbildungskraft die wunderlichen Turm- und Mauerbefestigungen von
Nordhausen, gesehen bei hereinbrechender Abenddmmerung, ferner die
nchtlich rauschenden, von des Boten Laterne zwischen Bergschluchten
flchtig erleuchtet blinkenden Gewsser und gelangte sodann zur
Baumannshhle. Hier aber unterbrach er mich lebhaft und versicherte,
der kurze Weg, den er daran gewendet, gereue ihn ganz eigentlich;
sie habe keineswegs dem Bild sich gleichgestellt, das er in seiner
Phantasie entworfen. Nach dem Vorhergegangenen konnten mich solche
krankhafte Symptome nicht verdrieen: denn wie oft hatte ich erfahren
mssen, dass der Mensch den Wert einer klaren Wirklichkeit gegen ein
trbes Phantom seiner dstern Einbildungskraft von sich ablehnt.
Ebenso wenig war ich verwundert, als er auf meine Frage: wie er sich
denn die Hhle vorgestellt habe? Eine Beschreibung machte, wie kaum
der khnste Theatermaler den Vorhof des Plutonischen Reiches
darzustellen gewagt htte.

Ich versuchte hierauf noch einige propdeutische Wendungen, als
Versuchsmittel einer zu unternehmenden Kur; ich ward aber mit der
Versicherung, es knne und solle ihm nichts in dieser Welt gengen,
so entschieden abgewiesen, dass mein Innerstes sich zuschloss und ich
mein Gewissen durch den beschwerlichen Weg, im Bewusstsein des besten
Willens, vllig befreit und mich gegen ihn von jeder weiteren Pflicht
entbunden glaubte.

Es war schon spt geworden, als er mir den zweiten, noch heftigern,
mir gleichfalls nicht unbekannten brieflichen Erlass vorlesen wolle,
doch aber meine Entschuldigung wegen allzu groer Mdigkeit gelten
lie, indem er zugleich eine Einladung auf morgen zu Tisch im Namen
der Seinigen dringend hinzufgte; wogegen ich mir die Erklrung auf
morgen ganz in der Frhe vorbehielt. Und so schieden wir friedlich
und schicklich. Seine Persnlichkeit lie einen ganz individuellen
Eindruck zurck. Er war von mittlerer Gre, seine Gesichtszge
hatten nichts Anlockendes, aber auch nichts eigentlich Abstoendes,
sein dsteres Wesen erschien nicht unhflich, er konnte vielmehr fr
einen wohlerzogenen jungen Mann gelten, der sich in der Stille auf
Schulen und Akademien zu Kanzel und Lehrstuhl vorbereitet hatte.

Heraustretend fand ich den vllig aufgehellten Himmel von Sternen
blinken, Straen und Pltze mit Schnee berdeckt, blieb auf einem
schmalen Steg ruhig stehen und beschaute mir die winternchtliche
Welt. Zugleich berdacht' ich das Abenteuer und fhlte mich fest
entschlossen, den jungen Mann nicht wieder zu sehen: infolge dessen
bestellt' ich mein Pferd auf Tagesanbruch, bergab ein anonymes,
entschuldigendes Bleistiftblttchen dem Kellner, dem ich zugleich
so viel Gutes und Wahres von dem jungen Mann, den er mir bekannt
gemacht, zu sagen wusste; welches denn der gewandte Bursche mit
eigner Zufriedenheit gewiss wohl benutzt haben mag.

Nun ritt ich an dem Nordosthang des Harzes, im grimmigen, mich zur
Seite bestrmenden Stberwetter, nachdem ich vorher den Rammelsberg,
Messinghtten und die sonstigen Anstalten der Art beschaut und ihre
Weise mir eingeprgt hatte, nach Goslar, wovon ich diesmal nicht
weiter erzhle, da ich mich knftig mit meinen Lesern darber
umstndlich zu unterhalten hoffe.

Ich wsste nicht, wie viel Zeit vorbergegangen, ohne dass ich etwas
weiter von dem jungen Mann gehrt htte, als unerwartet an einem
Morgen mir ein Billett ins Gartenhaus bei Weimar zukam, wodurch
er sich anmeldete; ich schrieb ihm einige Worte dagegen, er
werde mir willkommen sein. Ich erwartete nun einen seltsamen
Erkennungsauftritt, allein er blieb, herein tretend, ganz ruhig
und sprach: "Ich bin nicht berrascht, Sie hier zu finden; die
Handschrift Ihres Billetts rief mir so deutlich jene Zge wieder ins
Gedchtnis, die Sie, aus Wernigerode scheidend, mir hinterlieen,
dass ich keinen Augenblick zweifelte, jenen geheimnisvollen Reisenden
abermals hier zu finden."

Schon dieser Eingang war erfreulich, und es erffnete sich ein
trauliches Gesprch, worin er mir seine Lage zu entwickeln trachtete
und ich ihm dagegen meine Meinung nicht vorenthielt. Inwiefern sich
seine inneren Zustnde wirklich gebessert hatten, wsst' ich nicht
mehr anzugeben, es musste aber damit nicht so gar schlimm aussehen,
denn wir schieden nach mehreren Gesprchen friedlich und freundlich;
nur dass ich sein heftiges Begehren nach leidenschaftlicher
Freundschaft und innigster Verbindung nicht erwidern konnte.

Noch eine Zeitlang unterhielten wir ein briefliches Verhltnis; ich
kam in den Fall, ihm einige reelle Dienste zu leisten, deren er sich
denn auch bei gegenwrtiger Zusammenkunft dankbar erinnerte, sowie
denn berhaupt das Zurckschauen in jene frheren Tage beiden Teilen
einige angenehme Stunden gewhrte. Er, nach wie vor immer nur mit
sich selbst beschftigt, hatte viel zu erzhlen und mitzuteilen.
Ihm war geglckt, im Lauf der Jahre sich den Rang eines geachteten
Schriftstellers zu erwerben, indem er die Geschichte lterer
Philosophie ernstlich behandelte, besonders derjenigen, die sich
zum Geheimnis neigt, woraus er denn die Anfnge und Urzustnde der
Menschen abzuleiten trachtete. Seine Bcher, die er mir, wie sie
herauskamen, zusendete, hatte ich freilich nicht gelesen; jene
Bemhungen lagen zu weit von demjenigen ab, was mich interessierte.

Seine gegenwrtigen Zustnde fand ich auch keineswegs behaglich: er
hatte Sprach- und Geschichtskenntnisse, die er so lange versumt und
abgelehnt, endlich mit wtender Anstrengung erstrmt und durch dieses
geistige Unma sein Physisches zerrttet. Zudem schienen seine
konomischen Umstnde nicht die besten, wenigstens erlaubte sein
miges Einkommen ihm nicht, sich sonderlich zu pflegen und zu
schonen; auch hatte sich das dstere jugendliche Treiben nicht
ganz ausgleichen knnen: noch immer schien er einem Unerreichbaren
nachzustreben, und als die Erinnerung frherer Verhltnisse
endlich erschpft war, so wollte keine eigentlich frohe Mitteilung
stattfinden. Meine gegenwrtige Art, zu sein, konnte fast noch
entfernter von der seinigen als jemals angesehen werden. Wir schieden
jedoch in dem besten Vernehmen, aber auch ihn verlie ich in Furcht
und Sorge wegen der drangvollen Zeit.

Den verdienten Merrem besuchte ich gleichfalls, dessen schne
naturhistorische Kenntnisse alsbald eine frohere Unterhaltung
gewhrten. Er zeigte mir manches Bedeutende vor, schenkte mir sein
Werk ber die Schlangen, und so ward ich aufmerksam auf seinen
weitern Lebensgang, woraus mir mancher Nutzen erwuchs; denn das ist
der hchst erfreuliche Vorteil von Reisen, dass einmal erkannte
Persnlichkeiten und Lokalitten unsern Anteil zeitlebens nicht
loslassen.




Mnster, November 1792.

Der Frstin angemeldet, hoffte ich gleich den behaglichsten Zustand,
allein ich sollte noch vorher eine zeitgeme Prfung erdulden:
denn, auf der Fahrt von mancherlei Hindernissen aufgehalten,
gelangte ich erst tief in der Nacht zur Stadt. Ich heilt nicht fr
schicklich, durch einen solchen berfall gleich beim Eintritt die
Gastfreundschaft in diesem Grad zu prfen; ich fuhr daher an einen
Gasthof, wo mir aber Zimmer und Bett durchaus versagt wurde: die
Emigrierten hatten sich in Masse auch hierher geworfen und jeden
Winkel gefllt. Unter diesen Umstnden bedachte ich mich nicht lange
und brachte die Stunden auf einem Stuhl in der Wirtsstube hin, immer
noch bequemer als vor kurzem, da beim dichtesten Regenwetter von Dach
und Fach nichts zu finden war.

Auf diese geringe Entbehrung erfuhr ich den andern Morgen das
Allerbeste. Die Frstin ging mir entgegen, ich fand in ihrem Haus zu
meiner Aufnahme alles vorbereitet. Das Verhltnis von meiner Seite
war rein, ich kannte die Glieder des Zirkels frher genugsam, ich
wusste, dass ich in einen frommen sittlichen Kreis herein trat, und
betrug mich darnach. Von jener Seite benahm man sich gesellig, klug
und nicht beschrnkend.

Die Frstin hatte uns vor Jahren in Weimar besucht, mit von
Frstenberg und Hemsterhuis; auch ihre Kinder waren von der
Gesellschaft. Damals verglich man sich schon ber gewisse Punkte und
schied, einiges zugeben, anderes duldend, im besten Vernehmen. Sie
war eines der Individuen, von denen man sich gar keinen Begriff
machen kann, wenn man sie nicht gesehen hat, die man nicht richtig
beurteilt, wenn man eben diese Individualitt nicht in Verbindung
sowie im Konflikt mit ihrer Zeitumgebung betrachtet. Von Frstenberg
und Hemsterhuis, zwei vorzgliche Mnner, begleiteten sie treulich,
und in einer solchen Gesellschaft war das Gute sowie das Schne
immerfort wirksam und unterhaltend. Letzterer war indessen gestorben,
jener, nunmehr umso viel Jahre lter, immer derselbe verstndige,
edle, ruhige Mann; und welche sonderbare Stellung in der Mitwelt!
Geistlicher, Staatsmann, so nahe, den Frstenthron zu besteigen.

Die ersten Unterhaltungen, nachdem das persnliche Andenken frherer
Zeit sich ausgesprochen hatte, wandten sich auf Hamann, dessen Grab,
in der Ecke des entlaubten Gartens, mir bald in die Augen schien.

Seine groen, unvergleichlichen Eigenschaften gaben zu herrlichen
Betrachtungen Anlass, seine letzten Tage jedoch bleiben ungesprochen:
der Mann, der diesem endlich erwhlten Kreis so bedeutend und
erfreulich gewesen, ward im Tod den Freunden einigermaen unbequem;
man machte sich ber sein Begrbnis entscheiden, wie man wollte, so
war es auer der Regel.

Den Zustand der Frstin, nahe gesehen, konnte man nicht anders als
liebevoll betrachten: sie kam frh zum Gefhl, dass die Welt uns
nichts gebe, dass man sich in sich selbst zurckziehen, dass man in
einem innern, beschrnkten Kreis um Zeit und Ewigkeit besorgt sein
msse. Beides hatte sie erfasst; das hchste Zeitliche fand sie im
Natrlichen, und hier erinnere man sich Rousseauscher Maximen ber
brgerliches Leben und Kinderzucht. Zum einfltigen Wahren wollte man
in allem zurckkehren, Schnrbrust und Absatz verschwanden, der Puder
zerstob, die Haare fielen in natrlichen Locken. Ihre Kinder lernten
schwimmen und rennen, vielleicht auch balgen und ringen. Diesmal
htte ich die Tochter kaum wieder gekannt. Sie war gewachsen
und stmmiger geworden, ich fand sie verstndig, liebenswert,
haushlterisch, dem halb klsterlichen Leben sich fgend und widmend.
So war es mit dem zeitlich Gegenwrtigen; das ewige Knftige hatten
sie in einer Religion gefunden, die das, was andere lehrend hoffen
lassen, heilig beteuernd zusagt und verspricht.

Aber als die schnste Vermittlung zwischen beiden Welten entsprosste
Wohlttigkeit, die mildeste Wirkung einer ernsten Aszetik: das Leben
fllte sich aus mit Religionsbung und wohl tun; Migkeit und
Gengsamkeit sprach sich aus in der ganzen huslichen Umgebung; jedes
tgliche Bedrfnis ward reichlich und einfach befriedigt, die Wohnung
selbst aber, Hausrat und alles, dessen man sonst bentigt ist,
erschien weder elegant noch kostbar; es sah eben aus, als wenn man
anstndig zur Miete wohne. Eben dies galt von Frstenbergs huslicher
Umgebung: er bewohnte einen Palast, aber einen fremden, den er seinen
Kindern nicht hinterlassen sollte. Und so bewies er sich in allem
sehr einfach, mig, gengsam, auf innerer Wrde beruhend, alles
uere verschmhend, so wie die Frstin auch.

Innerhalb dieses Elementes bewegte sich die geistreichste,
herzlichste Unterhaltung, ernsthaft, durch Philosophie vermittelt,
heiter durch Kunst, und wenn man bei jener selten von gleichen
Prinzipien ausgeht, so freut man sich, bei dieser meist
bereinstimmung zu finden.

Hemsterhuis, Niederlnder, fein gesinnt, zu den Alten von Jugend auf
gebildet, hatte sein Leben der Frstin gewidmet, sowie seine
Schriften, die durchaus von wechselseitigem Vertrauen und gleichem
Bildungsgang das unverwstlichste Zeugnis ablegen.

Mit eigener scharfsinniger Zartheit wurde dieser schtzenswerte Mann
dem Geistig-Sittlichen sowie dem Sinnlich-sthetischen unermdet
nachzustreben geleitet. Muss man von jenem sich durchdringen, so soll
man von diesem immer umgeben sein; daher ist fr einen Privatmann,
der sich nicht in groen Rumen ergehen und selbst auf Reisen einen
gewohnten Kunstgenuss nicht entbehren kann, eine Sammlung
geschnittener Steine hchst wnschenswert: ihn begleitet berall das
Erfreulichste, ein belehrendes Kostbares ohne Belstigung, und er
geniet ununterbrochen des edelsten Besitzes.

Um aber dergleichen zu erlangen, ist nicht genug, dass man wolle; zum
Vollbringen gehrt, auer dem Vermgen, vor allen Dingen Gelegenheit.
Unser Freund entbehrte dieser nicht: auf der Scheide von Holland und
England wohnend, die fortdauernde Handelsbewegung, die darin auch
hin und her wogenden Kunstschtze beobachtend, gelangte er nach und
nach durch Kauf- und Tauschversuche zu einer schnen Sammlung von
etwa siebzig Stcken, wobei ihm Rat und Belehrung des trefflichen
Steinschneiders Natter fr die sicherste Beihilfe galt.

Diese Sammlung hatte die Frstin zum grten Teil entstehen sehen,
Einsicht, Geschmack und Liebe daran gewonnen und besa sie nun als
Nachlass eines abgeschiedenen Freundes, der in diesen Schtzen immer
als gegenwrtig erschien.

Hemsterhuis' Philosophie, die Fundamente derselben, seinen Ideengang
konnt' ich mir nicht anders zu eigen machen, als wenn ich sie in
meine Sprach bersetzte. Das Schne und das an demselben Erfreuliche
sei, so sprach er sich aus, wenn wir die grte Menge von
Vorstellungen in einem Moment bequem erblicken und fassen; ich aber
musste sagen: das Schne sei, wenn wir das gesetzmig Lebendige in
seiner grten Ttigkeit und Vollkommenheit schauen, wodurch wir,
zur Reproduktion gereizt, uns gleichfalls lebendig und in hchste
Ttigkeit versetzt fhlen. Genau betrachtet, ist eins und eben
dasselbe gesagt, nur von verschiedenen Menschen ausgesprochen, und
ich enthalte mich, mehr zu sagen; denn das Schne ist nicht sowohl
leistend als versprechend, dagegen das Hssliche, aus einer Stockung
entstehend, selbst stocken macht und nichts hoffen, begehren und
erwarten lsst.

Ich glaubte mir auch den "Brief ber die Skulptur" hiernach meinem
Sinn gem zu deuten; ferner schien mir das Bchlein "ber das
Begehren" auf diesem Weg klar: denn wenn das heftig verlangte Schne
in unsern Besitz kommt, so hlt es nicht immer im einzelnen, was es
im ganzen versprach, und so ist es offenbar, dass dasjenige, was uns
als Ganzes aufregte, im einzelnen nicht durchaus befriedigen wird.

Diese Betrachtungen waren umso bedeutender, als die Frstin ihren
Freund heftig nach Kunstwerken verlangen, aber im Besitz erkalten
gesehen, was er so scharfsinnig und liebenswrdig in obgemeldetem
Bchlein ausgefhrt hatte. Dabei hat man freilich den Unterschied zu
bedenken, ob der Gegenstand des fr ihn empfundenen Enthusiasmus
wrdig sei: ist er es, so muss Freude und Bewunderung immer daran
wachsen, sich stets erneuen; ist er es nicht ganz, so geht das
Thermometer um einige Grade zurck, und man gewinnt an Einsicht, was
man an Vorurteil verlor. Deshalb es wohl ganz richtig ist, dass man
Kunstwerke kaufen msse, um sie kennen zu lernen, damit das Verlangen
aufgehoben und der wahre Wert festgestellt werde. Indessen muss
auch hier Sehnsucht und Befriedigung in einem pulsierenden Leben
miteinander abwechseln, sich gegenseitig ergreifen und loslassen,
damit der einmal Betrogene nicht aufhre, zu begehren.

Wie empfnglich die Soziett, in der ich mich befand, fr solche
Gesprche sein mochte, wird derjenige am besten beurteilen, der von
Hemsterhuis' Werken Kenntnis genommen hat, welche, in diesem Kreis
entsprungen, ihm auch Leben und Nahrung verdankten.

Zu den geschnittenen Steinen aber wieder zurckzukehren, war
mehrmals hchst erfreulich, und man musste dies gewiss als einen der
sonderbarsten Flle ansehen, dass gerade die Blte des Heidentums
in einem christlichen haus verwahrt und hochgeschtzt werden sollte.
Ich versumte nicht, die allerliebsten Motive hervorzuheben, die aus
diesen wrdigen, kleinen Gebilden dem Auge entgegen sprangen. Auch
hier durfte man sich nicht verleugnen, dass Nachahmung groer,
wrdiger, lterer Werke, die fr uns ewig verloren wren, in diesen
engen Rumen juwelenhaft aufgehoben worden; und es fehlte fast an
keiner Art. Der tchtigste Herkules, mit Efeu bekrnzt, durfte seinen
kolossalen Ursprung nicht verleugnen; ein ernstes Medusenhaupt,
ein Bacchus, der ehemals im Medicischen Kabinett verwahrt worden,
allerliebste Opfer und Bacchanalien und zu allem diesen die
schtzbarsten Portrte von bekannten und unbekannten Personen mussten
bei wiederholter Betrachtung bewundert werden.

Aus solchen Gesprchen, die ungeachtet ihrer Hhe und Tiefe nicht
Gefahr liefen, sich ins Abstruse zu verlieren. Schien eine
Vereinigung hervorzugehen, indem jede Verehrung eines wrdigen
Gegenstandes immer von einem religisen Gefhl begleitet ist. Doch
konnte man sich nicht verbergen, dass die reinste christliche
Religion mit der wahren bildenden Kunst immer sich zwiespltig
befinde, weil jene sich von der Sinnlichkeit zu entfernen strebt,
diese nun aber das sinnliche Element als ihren eigentlichsten
Wirkungskreis anerkennt und darin beharren muss. In diesem Geist
schrieb ich nachstehendes Gedicht augenblicklich nieder:

    Amor, nicht das Kind, der Jngling, der Psychen verfhrte,
      Sah im Olympus sich um, frech und der Siege gewohnt;
    Eine Gttin erblickt' er, vor allen die herrlichste Schne,
      Venus Urania war's, und er entbrannte fr sie.
    Ach! Die Heilige selbst, sie widerstand nicht den Werben,
      Und der Verwegene hielt fest sie im Arme bestrickt.
    Da entstand aus ihnen ein neuer lieblicher Amor,
      Der dem Vater den Sinn, Sitte der Mutter verdankt.
    Immer findest du ihn in holder Musen Gesellschaft,
      Und sein reizender Pfeil stiftet die Liebe der Kunst.

Mit diesem allegorischen Glaubensbekenntnis schien man nicht ganz
unzufrieden; indessen blieb es auf sich selbst beruhen, und
beide Teile machten sich's zur Pflicht, von ihren Gefhlen und
berzeugungen nur dasjenige hervorzukehren, was gemeinsam wre und zu
wechselseitiger Belehrung und Ergtzung, ohne Widerstreit, gereichen
knnte.

Immer aber konnten die geschnittenen Steine als ein herrliches
Mittelglied eingeschoben werden, wenn die Unterhaltung irgend
lckenhaft zu werden drohte. Ich von meiner Seite konnte freilich nur
das Poetische schtzen, das Motiv selbst, Komposition, Darstellung
berhaupt beurteilen und rhmen, dagegen die Freunde dabei noch ganz
andere Betrachtungen anzustellen gewohnt waren. Denn es ist fr den
Liebhaber, der solche Kleinodien anschaffen, den Besitz zu einer
wrdigen Sammlung erheben will, nicht genug zur Sicherheit seines
Erwerbs, dass er Geist und Sinn der kstlichen Kunstarbeit einsehe
und sich daran ergtze, sondern er muss auch uerliche Kennzeichen
zu Hilfe rufen, die fr den, der nicht selbst technischer Knstler im
gleichen Fach ist, hchst schwierig sein mchten. Hemsterhuis hatte
mit seinem Freunde Natter viele Jahre darber korrespondiert, wovon
sich noch bedeutende Briefe vorfanden. Hier kam nun erst die Steinart
selbst zur Sprache, in welcher gearbeitet worden, indem man sich der
einen in frhern, der andern in folgenden Zeiten bedient; sodann war
vor allen Dingen eine grere Ausfhrlichkeit im Auge zu halten,
wo man auf bedeutende Zieten schlieen konnte, so wie flchtige
Arbeit bald auf Geist, teils auf Unfhigkeit, teils auf Leichtsinn
hindeutete, frhere oder sptere Epochen zu erkennen gab. Besonders
legte man groen Wert auf die Politur vertiefter Stellen und glaubte
darin ein unverwerfliches Zeugnis der besten Zeiten zu sehen. Ob aber
ein geschnittener Stein entschieden antik oder neu sei, darber wagte
man keine festen Kriterien anzugeben; Freund Hemsterhuis habe selbst
nur mit Beistimmung jenes trefflichen Knstlers sich ber diesen
Punkt zu beruhigen gewusst.

Ich konnte nicht verbergen, dass ich hier in ein ganz frisches Feld
gerate, wo ich mich hchst bedeutend angesprochen fhle und nur die
Krze der Zeit bedaure, wodurch ich die Gelegenheit mir abgeschnitten
sehe, meine Augen sowohl als den innern Sinn auch auf diese
Bedingungen krftiger zu richten. Bei einem solchen Anlass uerte
sich die Frstin heiter und einfach: sie sei geneigt, mir die
Sammlung mitzugeben, damit ich solche zu Hause mit Freunden und
Kennern studieren und mich in diesem bedeutenden Zweig der bildenden
Kunst, mit Zuziehung von Schwefel- und Glaspasten, umsehen und
bestrken mchte. Dieses Anerbieten, das ich fr kein leeres
Kompliment halten durfte und fr mich hchst reizend war, lehnt' ich
jedoch dankbarlichst ab; und ich gestehe, dass mir im Innern die Art,
wie diese Schatz aufbewahrt wurde, eigentlich das grte Bedenken
gab. Die Ringe waren in einzelnen Kstchen, einer allein, zwei, drei,
wie es der Zufall gegeben hatte, nebeneinander gesteckt: es war
unmglich, beim Vorzeigen am Ende zu bemerken, ob wohl einer fehle;
wie denn die Frstin selbst gestand, dass einst, in der besten
Gesellschaft ein Herkules abhanden gekommen, den man erst spterhin
vermisst habe. Sodann schien es bedenklich genug, in gegenwrtiger
Zeit sich mit einem solchen Wert zu beschweren und eine hchst
bedeutende, ngstliche Verantwortung zu bernehmen. Ich suchte daher
mit der freundlichsten Dankbarkeit die schicklichsten ablehnenden
Grnde vorzubringen, welche Einrede die Freundin wohlwollend in
Betracht zu ziehen schien, indem ich nun um desto eifriger die
Aufmerksamkeit auf diese Gegenstnde, insofern es sich nur
einigermaen schicken wollte, zu lenken suchte.

Von meinen Naturbetrachtungen aber, die ich, weil auch wenig Glck
fr sie hier am Ort zu hoffen war, eher verheimlichte, war ich doch
gentigt einige Rechenschaft zu geben. Von Frstenberg brachte zur
Sprache, dass er mit Verwunderung, welche beinahe wie Befremden
aussah, hie und da gehrt habe, wie ich der Physiognomik wegen
die allgemeine Knochenlehre studiere, wovon sich doch schwerlich
irgendeien Beihilfe zu Beurteilung der Gesichtszge des Menschen
hoffe lasse. Nun mocht' ich wohl bei einigen Freunden, das fr einen
Dichter ganz unschicklich gehaltene Studium der Osteologie zu
entschuldigen und einigermaen einzuleiten, geuert haben, ich sei,
wie es denn wirklich auch an dem war, durch Lavaters Physiognomik in
dieses Fach wieder eingefhrt worden, da ich in meinen akademischen
Jahren darin die erste Bekanntschaft gesucht hatte. Lavater selbst,
der glcklichste Beschauer organisierter Oberflchen, sah sich, in
Anerkennung, dass Muskel- und Hautgestalt und ihre Wirkung von dem
entschiedenen inneren Knochengebilde durchaus abhngen msse,
getrieben, mehrere Tierschdel in sein Werk abbilden zu lassen und
selbige mir zu einem flchtigen Kommentar darber zu empfehlen. Was
ich aber gegenwrtig hiervon wiederholen oder in demselben sinn
zugunsten meines Verfahrens aufbringen wollte, konnte mir wenig
helfen, indem zu jener Zeit ein solcher wissenschaftlicher Grund
allzu weit ablag und man, im augenblicklichen geselligen Leben
befangen, nur den beweglichen Gesichtszgen, und vielleicht gar nur
in leidenschaftlichen Momenten, eine gewisse Bedeutung zugestand,
ohne zu bedenken, dass hier nicht etwa blo ein regelloser Schein
wirken knne, sondern dass das uere, Bewegliche, Vernderliche als
ein wichtiges, bedeutendes Resultat eines innern entschiedenen Lebens
betrachtet werden msse.

Glcklicher als in diesen Vortrgen war ich in Unterhaltung grerer
Gesellschaft: geistliche Mnner von Sinn und Verstand, heranstrebende
Jnglinge, wohlgestaltet und wohlerzogen, an Geist und Gesinnung viel
versprechend, waren gegenwrtig. Hier whlte ich unaufgefordert die
rmischen Kirchenfeste Karwoche und Ostern, Fronleichnam und Peter
Paul; sodann zur Erheiterung die Pferdeweihe, woran auch andere Haus-
und Hoftiere teilnehmen. Diese Feste waren mir damals nach allen
charakteristischen Einzelheiten vollkommen gegenwrtig, denn ich
ging darauf aus, ein "rmisches Jahr" zu schreiben, den Verlauf
geistlicher und weltlicher ffentlichkeiten; daher ich denn auch,
sogleich jene Feste nach einem reinen, direkten Eindruck darzustellen
imstande, meinen katholischen frommen Zirkel mit meinen vorgefhrten
Bildern ebenso zufrieden sah als die Weltkinder mit dem Karneval. Ja,
einer von den Gegenwrtigen, mit den Gesamtverhltnissen nicht genau
bekannt, hatte im Stillen gefragt: ob ich denn wirklich katholisch
sei? Als die Frstin mir dieses erzhlte, erffnete sie mir noch ein
anderes: Man hatte ihr nmlich vor meiner Ankunft geschrieben, sie
solle sich vor mir in Acht nehmen; ich wisse mich so fromm zu
stellen, dass man mich fr religis, ja fr katholisch halten knne.

"Geben Sie mir zu, verehrte Freundin," rief ich aus, "ich stelle
mich nicht fromm, ich bin es am rechten Ort; mir fllt nicht schwer,
mit einem klaren, unschuldigen Blick alle Zustnde zu beachten und
sie wieder auch ebenso rein darzustellen. Jede Art fratzenhafte
Verzerrung, wodurch sich dnkelhafte Menschen nach eigener
Sinnesweise an dem Gegenstand versndigen, war mir von jeher zuwider.
Was mir widersteht, davon wend' ich den Blick weg, aber manches, was
ich nicht gerade billige, mag ich gern in seiner Eigentmlichkeit
erkennen: da zeigt sich denn meist, dass die andern ebenso recht
haben, nach ihrer eigentmlichen Art und Weise zu existieren, als ich
nach der meinigen." Hierdurch war man denn auch wegen dieses Punkts
aufgeklrt, und eine freilich keineswegs zu lobende heimliche
Einmischung in unsere Verhltnisse hatte gerade im Gegenteil, wie sie
Misstrauen erregen wollte, Vertrauen erregt.

In einer solchen zarten Umgebung wr' es nicht mglich gewesen, herb
oder unfreundlich zu sein; im Gegenteil fhlt' ich mich milder als
seit langer Zeit, und es htte mir wohl kein greres Glck begegnen
knnen, als dass ich nach dem schrecklichen Kriegs- und Fluchtwesen
endlich wieder fromme menschliche Sitte auf mich einwirken fhlte.

Einer so edlen, guten, sittlich-frohen Gesellschaft war ich jedoch in
einem Punkt ungefllig, ohne dass ich selbst wei, wie es zugegangen
ist. Ich war wegen eines glcklichen, freien, bedeutenden Vorlesens
berhmt, man wnschte mich zu hren, und da man wusste, dass ich die
"Luise" von Vo, wie sie im Novemberheft des "Merkur" 1784 erschienen
war, leidenschaftlich verehrte und sie gerne vortrug, spielte man
darauf an, ohne zudringlich zu sein; man legte das Merkurstck unter
den Spiegel und lie mich gewhren. Und nun wsst' ich nicht zu
sagen, was mich abhielt; mir war wie Sinn und Lippe versiegelt, ich
konnte das Heft nicht aufnehmen, mich nicht entschlieen, eine Pause
des Gesprchs zu meiner und der andern Freude zu nutzen, die Zeit
ging hin, und ich wundere mich noch ber diese unerklrliche
Verstocktheit.

Der Tag des Abschieds nahte heran: man musste doch sich einmal
trennen. "Nun," sagte die Frstin, "hier gilt keine Widerrede! Sie
mssen die geschnittenen Steine mitnehmen, ich verlange es." Als ich
aber meine Weigerung auf das hflichste und freundlichste fort
behauptete, sagte sie zuletzt: "So muss ich Ihnen denn erffnen,
warum ich es fordere. Man hat mir abgeraten, Ihnen diesen Schatz
anzuvertrauen, und eben deswegen will ich, muss ich es tun; man hat
mir vorgestellt, dass ich Sie doch auf diesen Grad nicht kenne, um
auch in einem solchen Fall von Ihnen ganz gewiss zu sein. Darauf habe
ich," fuhr sie fort, "erwidert: Glaubt ihr denn nicht, dass der
Begriff, den ich von ihm habe, mir lieber sei als diese Steine?
Sollt' ich die Meinung von ihm verlieren, so mag dieser Schatz auch
hinterdrein gehen." Ich konnte nun weiter nichts erwidern, indem
sie durch eine solche uerung in eben dem Grad mich zu ehren und
zu verpflichten wusste. Jedes brige Hindernis rumte sie weg;
vorhandene Schwefelabgsse, katalogisiert, waren zu Kontrolle,
sollte sie ntig befunden werden, in einem sauberen Kstchen mit den
Originalen eingepackt, und ein sehr kleiner Raum fasste die leicht
transportablen Schtze.

So nahmen wir treulich Abschied, ohne jedoch sogleich zu scheiden;
die Frstin kndigte mir an, sie wolle mich auf die nchste Station
begleiten, setze sich zu mir im Wagen, der ihrige folgte. Die
bedeutenden Punkte des Lebens und der Lehr kamen abermals zur
Sprache: ich wiederholte mild und ruhig mein gewhnliches Credo, auch
sie verharrte bei dem ihrigen. Jedes zog nun seines Weges nach Hause;
sie mit dem nachgelassenen Wunsch, mich wo nicht hier, doch dort
wieder zu sehen.

Diese Abschiedsformel wohl denkender freundlicher Katholiken war mir
nicht fremd, noch zuwider: ich hatte sie oft bei vorbergehenden
Bekanntschaften in Bdern und sonst meist von wohlwollenden, mir
freundlichst zugetanen Geistlichen vernommen, und ich sehe nicht ein,
warum ich irgendjemand verargen sollte, der wnscht, mich in seinen
Kreis zu ziehen, wo sich nach seiner berzeugung ganz allein ruhig
leben und, einer ewigen Seligkeit versichert, ruhig sterben lsst.

       *       *       *       *       *

Durch Vorsorge, auf Anregung der edlen Freundin, ward ich von dem
Postmeister nicht allein rasch gefrdert, sondern auch durch
Laufzettel weiter angemeldet und empfohlen, welches angenehm und
hchst notwendig war. Denn ich hatte bei schner, freundschaftlicher,
friedlicher Unterhaltung vergessen, dass Kriegsflucht mir nachstrme;
und leider fand ich unterwegs die Schar der Emigrierten, die sich
immer weiter nach Deutschland hineindrngte und gegen welche die
Postillione ebenso wenig als am Rhein gnstig gesinnt waren. Gar oft
kein gebahnter Weg, man fuhr blad hben bald drben, begegnete und
kreuzte sich. Heidegebsch und Gestruche, Wurzelstumpfen, Sand, Moor
und Binsen, eins so unbequem und unerfreulich wie das andere. Auch
ohne Leidenschaftlichkeit ging es nicht ab.

Ein Wagen blieb stecken, Paul sprang geschwind herab und zu Hilfe:
er glaubte, die schnen Franzsinnen, die er in Dsseldorf in den
traurigsten Umstnden wieder angetroffen, seien abermals im Fall,
seines Beistandes zu bedrfen. Die Dame hatte ihren Gemahl nicht
wieder gefunden und war, in dem Strudel des Unheils mit fortgerissen
und gengstigt, endlich ber den Rhein geworfen worden.

Hier aber in dieser Wste erschien sie nicht: einige alte ehrwrdige
Damen forderten unsere Teilnahme. Als aber unser Postillion halten
und mit seinen Pferden dem dortigen Wagen zu Hilfe kommen sollte,
weigerte er sich trotzig und sagte, wir sollten nur zu unserm eignen,
mit Silber und Gold genugsam beschwerten Wagen ernstlich sehen, damit
wir nicht etwa stecken blieben oder umgeworfen wrden; denn ob er es
gleich mit uns redlich meine, so stnd' er doch in dieser Wstenei
fr nichts.

Glcklicherweise, unser Gewissen zu beschwichtigen, hatte sich eine
Anzahl westflischer Bauern um jenen Wagen versammelt und gegen ein
bedungenes gutes Trinkgeld ihn wieder auf den fahrbaren Weg gebracht.

An unserm Fuhrwerk war freilich das Eisen das Schwerste, und der
kostbare Schatz, den wir mit uns fhrten, so leicht, um in einer
leichten Chaise nicht bemerkt zu werden. Wie lebhaft wnscht' ich mir
mein bhmisches Wgelchen herbei! Gleichwohl gab mir jenes Vorurteil,
welches wichtige Schtze bei uns voraussetzte, doch immer eine Art
von Unruhe. Wir hatten bemerkt, dass ein Postillion dem andern die
Notiz von berschwere des Wagens und die Vermutung von Geld und
Kostbarkeiten jederzeit berlieferte. Nun aber wurden wir wegen
vorausgeschickter Postzettel, deren richtige Stunde wir ohnehin des
schlechten Wetters wegen nicht einhielten, auf jeder Station eilig
vorwrts gedrngt und ganz eigentlich in die Nacht hinaus gestoen,
da uns denn wirklich der bngliche Fall begegnete, dass der
Postillion in dsterer Nacht schwur, er knne das Ding nicht weiter
fortbringen, und an einer einsamen Waldwohnung stillhielt, deren
Lage, Bauart und Bewohner schon beim hellsten Sonnenschein htten
Schaudern erregen knnen. Der Tag, selbst der grauste, war dagegen
erquicklich: man reif das Andenken der Freunde hervor, bei denen man
vor kurzem so trauliche Stunden zugebracht; man musterte sie mit
Achtung und Liebe, belehrte sich an ihren Eigenheiten und erbaute
sich an ihren Vorzgen. Wie aber die Nacht wieder hereinbrach, da
fhlte man sich schon wieder von allen Sorgen umstrickt in einem
kummervollen Zustand. Wie dster aber auch in der letzten und
schwrzesten aller Nchte meine Gedanken mochten gewesen sein, so
wurden sie auf einmal wieder aufgehellt, als ich in das mit hundert
und aber hundert Lampen erleuchtete Kassel hinein fuhr. Bei diesem
Anblick entwickelten sich vor meiner Seele alle Vorteile eines
brgerlich-stdtischen Zusammenseins, die Wohlhbigkeit eines
jeden einzelnen in seiner von innen erleuchteten Wohnung und die
behaglichen Anstalten zu Aufnahme der Fremden. Diese Heiterkeit
jedoch ward mir fr einige Zeit gestrt, als ich auf dem prchtigen
tageshellen Knigsplatz an dem wohlbekannten Gasthof anfuhr: der
anmeldende Diener kehrte zurck mit der Erklrung, es sei kein Platz
zu finden. Als ich aber nicht weichen wollte, trat ein Kellner sehr
hflich an den Schlag und bat in schnen franzsischen Phrasen um
Entschuldigung, da es nicht mglich sei, mich aufzunehmen. Ich
erwiderte darauf in gutem Deutsch, wie ich mich wundern msse, dass
in einem so groen Gebude, dessen Raum ich gar wohl kenne, einem
fremden in der Nacht die Aufnahme verweigert werden wolle. "Sie sind
ein Deutscher!" rief er aus, "das ist ein anderes!" und sogleich
lie er den Postillion in das Hoftor hereinfahren. Als er mir
ein schickliches Zimmer angewiesen, versetzte er: er sei fest
entschlossen, keinen Emigrierten mehr aufzunehmen. Ihr Betragen sei
hchst anmaend, die Bezahlung knauserig; denn mitten in ihrem Elend,
da sie nicht wssten, wo sie sich hinwenden sollten, betrgen sie
sich noch immer, als htten sie von einem eroberten Land Besitz
genommen. So schied ich nun in gutem Frieden und fand auf dem Weg
nach Eisenach weniger Zudrang der so hufig und unversehens heran
getriebenen Gste.

Meine Ankunft in Weimar sollte auch nicht ohne Abenteuer bleiben; sie
ereignete sich nach Mitternacht und gab Anlass zu einer
Familienszene, welche wohl in irgendeinem Roman die tiefste
Finsternis erhellen und erheitern wrde.

Nun fand ich das von meinem Frsten mir bestimmte, erneuerte, wohl
eingerichtete Haus schon meistens bewohnbar, ohne dass mir die Freude
ganz versagt gewesen wre, bei dem Ausbau mit- und einzuwirken. Die
Meinigen entgegneten mir munter und gesund, und als es an ein
Erzhlen ging, kontrastierte freilich der heitere, ruhige Zustand, in
welchem sie die aus Verdun gesendeten Sigkeiten genossen, mit
demjenigen, worin wir, die sie in paradiesischen Zustnden glaubten,
mit aller denkbaren Not zu kmpfen hatten. Unser stiller huslicher
Kreis war nun umso reicher und froher abgeschlossen, indem Heinrich
Meyer, zugleich als Hausgenosse, Knstler, Kunstfreund und
Mitarbeiter, zu den Unsrigen gehrte und an allem Belehrenden sowie
an allem Wirksamen krftigen Anteil nahm.

Das weimarsche Theater bestand seit dem Mai 1791; es hatte sowohl den
Sommer genannten Jahres als auch den des laufenden in Lauchstdt
zugebracht und sich durch Wiederholung damals gangbarer, meist
bedeutender Stcke schon ziemlich gut zusammengespielt. Ein Rest der
Bellomoschen Gesellschaft, also schon aneinander gewhnter Personen,
gab den Grund; andere teils schon brauchbare, teils viel
versprechende Glieder fllten schicklich und gemchlich die
entstandene Lcke.

Man kann sagen, dass es damals noch ein Schauspielerhandwerk gab,
wodurch befhigt, sich Glieder entfernter Theater gar bald in
Einklang setzten, besonders wenn man so glcklich war, fr
die Rezitation Niederdeutsche, fr den Gesang Oberdeutsche
herbeizuziehen; und so konnte das Publikum fr den Anfang gar wohl
zufrieden sein. Da ich teil an der Direktion genommen, so war es mir
eine unterhaltende Beschftigung, gelind zu versuchen, auf welchem
Weg das Unternehmen weitergefhrt werden knnte. Ich sah gar bald,
dass eine gewisse Technik aus Nachahmung, Gleichstellung mit andern
und Routine hervorgehen konnte; allein es fehlte durchaus an dem, was
ich Grammatik nennen drfte, die doch erst zum Grund liegen muss, ehe
man zu Rhetorik und Poesie gelangen kann. Da ich auf diesen
Gegenstand zurckzukehren gedenke und ihn vorlufig nicht gern
zerstckeln mchte, so sage ich nur so viel: dass ich eben jene
Technik, welche sich alles aus berlieferung aneignet, zu studieren
und auf ihre Elemente zurckzufhren suchte und das, was mir klar
geworden, in einzelnen Fllen, ohne auf ein Allgemeines hinzuweisen,
beobachten lie.

Was mir bei diesem Unternehmen aber besonders zustatten kam, war der
damals berhand nehmende Natur- und Konversationston, der zwar hchst
lobenswert und erfreulich ist, wenn er als vollendete Kunst, als eine
zweite Natur hervortritt, nicht aber, wenn ein jeder glaubt, nur sein
eigenes nacktes Wesen bringen zu drfen, um etwas Beifallswrdiges
darzubieten. Ich aber benutzte diesen Trieb zu meinen Zwecken, indem
ich gar wohl zufrieden sein konnte, wenn das angeborne Naturell sich
mit Freiheit hervortat, um sich nach und nach, durch gewisse Regeln
und Anordnungen, einer hhern Bildung entgegenfhren zu lassen. Doch
darf ich hiervon nicht weiter sprechen, weil was getan und geleistet
worden, sich erst nach und nach aus sich selbst entwickelte und also
historisch dargestellt werden musste.

Umstnde jedoch, die fr das neue Theater sich hchst gnstig
hervortaten, miss ich krzlich anfhren. Iffland und Kotzebue blhten
in ihrer besten Zeit, ihre Stcke, natrlich und fasslich, die einen
gegen ein brgerlich rechtliches Behagen, die andern gegen eine
lockere Sittenfreiheit hingewendet; beide Gesinungen waren dem Tage
gem und erhielten freudige Teilnahme; mehrere noch als Manuskript
ergtzten durch den lebendigen Duft des Augenblicks, den sie mit sich
brachten. Schrder, Babo, Ziegler, glcklich energische Talente,
lieferten bedeutenden Beitrag; Bretzner und Jnger, ebenfalls
gleichzeitig, gaben anspruchslos einer bequemen Frhlichkeit Raum.
Hagemann und Hagemeister, Talente, die sich auf die Lnge nicht
halten konnten, arbeiteten gleichfalls fr den Tag und waren, wo
nicht bewundert, doch als neu geschaut und willkommen. Diese
lebendige, sich im Zirkel herumtreibende Masse suchte man mit
Shakespeare, Gozzi und Schiller Geister zu erheben; man verlie die
bisherige Art, nur Neues zum nchsten Verlust einzustudieren, man war
sorgfltig in der Wahl und bereitete schon ein Repertorium vor,
welches viele Jahre gehalten hat. Aber auch dem Mann, der uns diese
Anstalt grnden half, mssen wir eine dankbare Erinnerung nicht
schuldig bleiben. Es war F. J. Fischer, ein Schauspieler in Jahren,
der sein Handwerk verstand, mig, ohne Leidenschaft, mit seinem
Zustand zufrieden, sich mit einem beschrnkten Rollenfach begngend.
Er brachte mehrere Schauspieler von Prag mit, die in seinem Sinn
wirkten, und wusste die einheimischen gut zu behandeln, wodurch ein
innerer Friede sich ber das Ganze verbreitete.

Was die Oper anlangt, so kamen uns die Dittersdorfischen Arbeiten auf
das Beste zustatten. Er hatte mit glcklichem Naturell und Humor fr
ein frstliches Privattheater gearbeitet, wodurch seinen Produktionen
eine gewisse leichte Behaglichkeit zuteil ward, die auch uns zugute
kam, weil wir unser neues Theater als eine Liebhaber-Bhne zu
betrachten die Klugheit hatten. Auf den Text, im rhythmischen und
prosaischen Sinn, wendete man viel Mhe, um ihn dem oberschsischen
Geschmack mehr anzueignen; und so gewann diese leichte Ware Beifall
und Abgang.

Die aus Italien wiedergekehrten Freunde bemhten sich, die leichteren
italienischen Opern jener Zeit, von Paesiello, Cimarosa, Guglielmi
und andern, herberzufhren, wo denn zuletzt auch Mozarts Geist
einzuwirken anfing. Denke man sich, dass von diesem allem wenig
bekannt, gar nichts abgebraucht war, so wird man gestehen, dass die
Anfnge des weimarschen Theaters mit den jugendlichen Zeiten des
deutschen Theaters berhaupt oder zugleich eintraten und Vorteile
genossen, die offenbar zu einer natrlichen Entwickelung aus sich
selbst den reinsten Anlass geben mussten.

Um nun aber auch Genuss und Studium der anvertrauten Gemmensammlung
vorzubreiten und zu sichern, lie ich gleich zwei zierliche
Ringkstchen verfertigen, worin die Steine mit einem Blick bersehbar
nebeneinander standen, so dass irgendeine Lcke sogleich zu bemerken
gewesen wre; worauf alsdann Schwefel- und Gipsabgsse in Mehrzahl
verfertigt und der Prfung durch stark vergrernde Linsen
unterworfen wurden, auch vorhandene Abdrcke lterer Sammlungen
vorgesucht und zu Rate gezogen. Wir bemerkten wohl, dass hier fr uns
das Studium der geschnittenen Steine zu grnden sei; wie gro aber
die Vergnstigung der Freundin gewesen, wurde erst nach und nach
eingesehen.

Das Resultat mehrjhriger Betrachtung sei deshalb hier eingeschaltet,
weil wir wohl schwerlich unsere Aufmerksamkeit so bald wieder auf
diesen Punkt wenden drften.

Aus innern Grnden der Kunst sahen sich die weimarschen Freunde
berechtigt, wo nicht alle, doch bei weitem die grte Anzahl dieser
geschnittenen Steine fr echt antike Kunstdenkmale zu halten, und
zwar fanden sich mehrere darunter, welche zu den vorzglichsten
Arbeiten dieser Art gerechnet werden durften. Einige zeichneten sich
dadurch aus, dass sie als wirklich identisch mit ltern
Schwefelpasten angesehen werden mussten; mehrere bemerkte man, deren
Darstellung mit andern antiken Gemmen zusammentraf, die aber deswegen
immer noch fr echt gelten konnten. In den grten Sammlungen kommen
wiederholte Vorstellungen vor, und man wrde sehr irren, die einen
als Original, die andern als moderne Kopien anzusprechen.

Immer mssen wir dabei die edle Kunsttreue der Alten im Sinn tragen,
welche die einmal glcklich gelungene Behandlung eines Gegenstandes
nicht oft genug wiederholen konnte. Jene Knstler hielten sich fr
original genug, wenn sie einen originellen Gedanken aufzufassen und
ihn auf ihre Weise wieder darzustellen Fhigkeit und Fertigkeit
empfanden. Mehrere Steine zeigten sich auch mit eingeschnittenen
Knstlernamen, worauf man seit Jahren groen Wert gelegt hatte. Eine
solche Zutat ist wohl immer merkwrdig genug, doch bleibt sie meist
problematisch: denn es ist mglich, dass der Stein alt und der Name
neu eingeschnitten sei, um dem Vortrefflichen noch einen Beiwert zu
verleihen.

Ob wir uns nun gleich hier wie billig alles Katalogisierens
enthalten, da Beschreibung solcher Kunstwerke ohne Nachbildung wenig
Begriff gibt, so unterlassen wir doch nicht, von den vorzglichsten
einige allgemeine Andeutungen zu geben.

Kopf des Herkules. Bewundernswrdig in Betracht des edlen, freien
Geschmacks der Arbeit, und noch mehr zu bewundern in Hinsicht auf die
herrlichen Idealformen, welche mit keinem der bekannten Herkuleskpfe
ganz genau bereinkommen und eben dadurch die Merkwrdigkeit dieses
kstlichen Denkmals noch vermehren helfen.

Brustbild des Bacchus. Arbeit, wie auf den Stein gehaucht, und in
Hinsicht auf die idealen Formen eines der edelsten antiken Werke.
Es finden sich in verschiedenen Sammlungen mehrere diesem hnliche
Stcke, und zwar, wenn wir uns recht erinnern, sowohl hoch als tief
geschnitten; doch ist uns noch keines bekannt geworden, welches vor
dem gegenwrtigen den Vorzug verdiente.

Faun, welcher einer Bacchantin das Gewand rauben will. Vortreffliche
und auf alten Monumenten mehrmals vorkommende Komposition, ebenfalls
gut gearbeitet.

Eine umgestrzte Leier, deren Hrner zwei Delphine darstellen, der
Krper oder, wenn man will, der Fu Amors Haupt, mit Rosen bekrnzt;
zu derselben ist Bacchus' Panther, in der Vorderpfote den Thyrsusstab
haltend, zierlich gruppiert. Die Ausfhrung dieses Steins befriedigt
den Kenner, und wer zarte Bedeutung liebt, wird gleichfalls seine
Rechnung finden.

Maske, mit groem Bart und weit geffnetem Mund; eine Efeuranke
umschlingt die kahle Stirn. In seiner Art mag dieser Stein einer der
allervorzglichsten sein, und ebenso schtzbar ist auch

Eine andere Maske mit langem Bart und zierlich aufgebundenen Haaren;
ungewhnlich tief gearbeitet.

Venus trnkt den Amor. Eine der lieblichsten Gruppen, die man sehen
kann, geistreich behandelt, doch ohne groen Aufwand von Flei.

Cybele, auf dem Lwen reitend, tief geschnitten: ein Werk, welches
als vortrefflich den Liebhabern durch Abdrcke, die fast in allen
Pastensammlungen zu finden sind, genugsam bekannt ist.

Gigant, der einen Greif aus seiner Felsenhhle hervorzieht. Ein Werk
von sehr vielem Kunstverdienst und als Darstellung vielleicht ganz
einzig. Die vergrerte Nachbildung desselben finden unsere Leser vor
dem Voschen Programm zu der Jenaischen A. L. Z. 1804, IV. Band.

Behelmter Kopf im Profil, mit groem Bart. Vielleicht ist's eine
Maske; indessen hat sie im geringsten nichts Karikaturartiges,
sondern ein gedrungenes heldenmiges Angesicht, und ist vortrefflich
gearbeitet.

Homer, als Herme, fast ganz von vorne dargestellt und sehr tief
geschnitten. Der Dichter erscheint hier jnger als gewhnlich, kaum
im Anfang des Greisenalters; daher diese Werk nicht allein von Seiten
der Kunst, sondern auch des Gegenstandes wegen schtzbar ist.

In Sammlungen von Abdrcken geschnittener Steine wird oftmals der
Kopf eines ehrwrdigen bejahrten Mannes mit langem Bart und
Haaren angetroffen, der -- jedoch ohne dass Grnde dafr angegeben
werden -- das Bildnis des Aristophanes sein soll. Ein hnlicher, nur
durch unbedeutende Abweichungen von jenem sich unterscheidender Kopf
ist in unserer Sammlung anzutreffen und in der Tat eins der besten
Stcke.

Das Profil eins Unbekannten ist vermutlich ber der Augenbraune
abgebrochen gefunden und in neuerer Zeit wieder zum Ringstein
zugeschliffen worden. Groartiger und lebenvoller haben wir nie
menschliche Gestalt auf dem kleinen Raum einer Gemme dargestellt
gesehen, selten den Fall, wo der Knstler ein so unbeschrnktes
Vermgen zeigte. Von hnlichem Gehalt ist auch

Der ebenfalls unbekannte Portrtkopf mit bergezogener Lwenhaut;
derselbe war auch so wie der vorige ber dem Auge abgebrochen, allein
das Fehlende ist mit Gold ergnzt.

Kopf eines bejahrten Mannes von gedrungenem, krftigem Charakter, mit
kurz geschornen Haaren. Auerordentlich geistreich und meisterhaft
gearbeitet; besonders ist die khne Behandlung des Barts zu bewundern
und vielleicht einzig in ihrer Art.

Mnnlicher Kopf oder Brustbild ohne Bart, um das Haar eine Binde
gelegt, das reich gefaltete Gewand auf der rechten Schulter geheftet.
Es ist ein geistreicher, krftiger Ausdruck in diesem Werk und Zge,
wie man gewohnt ist dem Julius Csar zuzuschreiben.

Mnnlicher Kopf, ebenfalls ohne Bart, die Toga, wie bei Opfern
gebruchlich war, ber das Haupt gezogen. Auerordentlich viel
Wahrheit und Charakter ist in diesem Gesicht, und kein Zweifel, dass
die Arbeit echt alt und aus den Zeiten der ersten rmischen Kaiser
sei.

Brustbild einer rmischen Dame; um das Haupt doppelte Flechten von
Haaren gewunden, das Ganze bewunderungswrdig fleiig ausgefhrt und
in Hinsicht des Charakters voll Wahrheit, Behaglichkeit, Naivitt,
Leben.

Kleiner, behelmter Kopf, mit starkem Bart und krftigem Charakter,
ganz von vorne dargestellt und schtzbare Arbeit.

Eines neuern vortrefflichen Steines gedenken wir zum Schluss: das
Haupt der Meduse in dem herrlichsten Karneol. Es ist solches der
bekannten Meduse des Sosikles vollkommen hnlich, und geringe
Abweichungen kaum zu bemerken. Allerdings eine der vortrefflichsten
Nachahmungen antiker Werke: denn fr eine solche mchte er unerachtet
seiner groen Verdienste doch zu halten sein, da die Behandlung etwas
weniger Freiheit hat und berdies ein unter dem Abschnitt des Halses
angebrachtes N doch wohl auf eine Arbeit von Natter selbst schlieen
lsst.

An diesem Wenigen werden wahre Kunstkenner den hohen Wert der
gepriesenen Sammlung zu ahnen vermgen. Wo sie sich gegenwrtig
befindet, ist uns unbekannt; vielleicht erhielte man hierber einige
Nachricht, die einen reichen Kunstfreund wohl anreizen knnte, diesen
Schatz, wenn er verkuflich ist, sich zuzueignen.

Die weimarschen Kunstfreunde zogen, solange diese Sammlung in ihren
Hnden war, allen mglichen Vorteil daraus. Schon in dem laufenden
Winter gab sie der geistreichen Gesellschaft, welche sich um die
Herzogin Amalie zu vereinigen pflegte, ausgezeichnete Unterhaltung.
Man suchte sich in dem Studium geschnittener Steine zu begrnden,
wobei uns das Wohlwollen der trefflichen Besitzerin sehr zustatten
kam, indem sie uns mehrere Jahre diesen Genuss gnnte. Doch ergtzte
sie sich kurz vor ihrem Ende noch an der schnen anschaulichen
Ordnung, worin sie die Ringe in zwei Kstchen auf einmal, wie sie
solche nie gesehen, vollstndig gereiht wieder erblickte und also des
geschenkten groen Vertrauens sich edelmtig zu erfreuen hatte.

Auch nach einer andern Seite wendeten sich unsere Kunstbetrachtungen.
Ich hatte die Farben genugsam in unterschiedenen Lebensverhltnissen
beobachtet und sah die Hoffnung, auch endlich ihre Kunstharmonie,
welche zu suchen ich eigentlich ausgegangen war, zu finden. Freund
Meyer entwarf verschiedene Kompositionen, wo man sie teils in einer
Reihe, teils im Gegensatz zu Prfung und Beurteilung aufgestellt sah.

Am klarsten ward sie bei einfachen landschaftlichen Gegenstnden, wo
der Lichtseite immer das Gelbe und Gelbrote, der Schattenseite
das Blau und Blaurote zugeteilt werden musste, aber wegen
Mannigfaltigkeit der natrlichen Gegenstnde gar leicht durchs
Braungrne und Blaugrne zu vermitteln. Auch hatten hier schon groe
Meister durch Beispiel gewirkt, mehr als im Historischen, wo der
Knstler bei Wahl der Farben zu den Gewndern sich selbst berlassen
bleibt und in solcher Verlegenheit nach Herkommen und berlieferung
greift, sich auch wohl durch irgendeine Bedeutung verfhren lsst und
dadurch von wahrer harmonischer Darstellung fters abgeleitet wird.

Von solchen Studien bildender Kunst fhle ich mich denn doch
gedrungen, wieder zum Theater zurckzukehren und ber mein eigenes
Verhltnis an demselben einige Betrachtungen anzustellen, welches
ich erst zu vermeiden wnschte. Man sollte denken, es sei die beste
Gelegenheit gewesen, fr das neue Theater und zugleich fr das
deutsche berhaupt als Schriftsteller auch etwas von meiner Seite zu
leisten: denn, genau besehen, lag zwischen oben genannten Autoren und
ihren Produktionen noch mancher Raum, der gar wohl htte ausgefhrt
werden knnen; es gab zu natrlich einfacher Behandlung noch
vielfltigen Stoff, den man nur htte aufgreifen drfen.

Um aber ganz deutlich zu werden, gedenk' ich meiner ersten
dramatischen Arbeiten, welche, der Weltgeschichte angehrig, zu sehr
ins Breite gingen, um bhnenhaft zu sein; meine letzten, dem tiefsten
inneren Sinn gewidmet, fanden bei ihrer Erscheinung wegen allzu
groer Gebundenheit wenig Eingang. Indessen hatte ich mir eine
gewisse mittlere Technik eingebt, die etwas mig Erfreuliches dem
Theater htte verschaffen knnen; allein ich vergriff mich im Stoff,
oder vielmehr ein Stoff berwltigte meine innere sittliche Natur,
der allerwiderspenstigste, um dramatisch behandelt zu werden.

Schon im Jahr 1785 erschreckte mich die Halsbandsgeschichte wie das
Haupt der Gorgone. Durch dieses unerhrt frevelhafte Beginnen sah ich
die Wrde der Majestt untergraben, schon im voraus vernichtet, und
alle Folgeschritte von dieser Zeit an besttigten leider allzu
sehr die furchtbaren Ahnungen. Ich trug sie mit mir nach Italien
und brachte sie noch geschrfter wieder zurck. Glcklicherweise
ward mein "Tasso" noch abgeschlossen, aber alsdann nahm die
weltgeschichtliche Gegenwart meinen Geist vllig ein.

Mit Verdruss hatte ich viele Jahre die Betrgereien khner Phantasten
und absichtlicher Schwrmer zu verwnschen Gelegenheit gehabt und
mich ber die unbegreifliche Verblendung vorzglicher Menschen bei
solchen frechen Zudringlichkeiten mit Widerwillen verwundert. Nun
lagen die direkten und indirekten Folgen solcher Narrheiten als
Verbrechen und Halbverbrechen gegen die Majestt vor mir, alle
zusammen wirksam genug. Um den schnsten Thron der Welt zu
erschttern.

Mir aber einigen Trost und Unterhaltung zu verschaffen, suchte ich
diesem Ungeheuren eine heitere Seite abzugewinnen, und die Form der
komischen Oper, die sich mir schon seit lngerer Zeit als eine der
vorzglichsten dramatischen Darstellungsweisen empfohlen hatte,
schien auch ernstern Gegenstnden nicht fremd, wie an "Knig Theodor"
zu sehen gewesen.

Und so wurde denn jener Gegenstand rhythmisch bearbeitet, die
Komposition mit Reichardt verabredet, wovon denn die Anlagen einiger
tchtigen Bass-Arien bekannt geworden; andere Musikstcke, die auer
dem Kontext keine Bedeutung hatten, blieben zurck, und die Stelle,
von der man sich die meiste Wirkung versprach, kam auch nicht
zustande: das Geistersehen in der Kristallkugel vor dem schlafend
weissagenden Cophta sollte als blendendes Final vor allen glnzen.

Aber da waltete kein froher Geist ber den Ganzen, es geriet ins
Stocken, und um nicht alle Mhe zu verlieren, schreib ich ein
prosaisches Stck, zu dessen Hauptfiguren sich wirklich analoge
Gestalten in der neuen Schauspielergesellschaft vorfanden, die denn
auch in der sorgfltigsten Auffhrung das Ihrige leisteten.

Aber eben deswegen, weil das Stck ganz trefflich gespielt wurde,
machte es einen um desto widerwrtigern Effekt. Ein furchtbarer und
zugleich abgeschmackter Stoff, khn und schonungslos behandelt,
schreckte jedermann, kein Herz klang an; die fast gleichzeitige Nhe
des Vorbildes lie den Eindruck noch greller empfinden, und weil
geheime Verbindungen sich ungnstig behandelt glaubten, so fhlte
sich ein groer respektabler Teil des Publikums entfremdet, so wie
das weibliche Zartgefhl sich vor einem verwegenen Liebesabenteuer
entsetzte.

Ich war immer gegen die unmittelbare Wirkung meiner Arbeiten
gleichgltig gewesen und sah auch diesmal ganz ruhig zu, dass diese
letzte, an die ich so viel Jahre gewendet, keine Teilnahme fand; ja
ich ergtzte mich an einer heimlichen Schadenfreude, wenn gewisse
Menschen, die ich dem Betrug oft genug ausgesetzt gesehen, khnlich
versicherten, so grob knne man nicht betrogen werden.

Aus diesem Ereignis zog ich mir jedoch keine Lehre; das, was mich
innerlich beschftigte, erschien mir immerfort in dramatischer
Gestalt, und wie die Halsbandsgeschichte als dstre Vorbedeutung,
so ergriff mich nunmehr die Revolution selbst als die grsslichste
Erfllung: den Thron sah ich gestrzt und zersplittert, eine groe
Nation aus ihren fugen gerckt und nach unserm unglcklichen Feldzug
offenbar auch die Welt schon aus ihren Fugen.

Indem mich nun dies alles in Gedanken bedrngte, bengstigte, hatte
ich leider zu bemerken, dass man im Vaterland sich spielend mit
Gesinnungen unterhielt, welche eben auch uns hnliche Schicksale
vorbereiteten. Ich kannte genug edle Gemter, die sich gewissen
aussichten und Hoffnungen, ohne weder sich noch die Sache zu
begreifen, phantastisch hingaben; indessen ganz schlechte Subjekte
bittern Unmut zu erregen, zu mehren und zu benutzen strebten.

Als ein Zeugnis meines rgerlich-guten Humors lie ich den
"Brgergeneral" auftreten, wozu mich ein Schauspieler verfhrte,
namens Beck, welcher den Schnaps in den "beiden Billetts" nach
Florian mit ganz individueller Trefflichkeit spielte, indem selbst
seine Fehler ihm dabei zustatten kamen. Da ihm nun diese Maske so gar
wohl anstand, brachte man des gedachten kleinen, durchaus beliebten
Nachspiels erste Fortsetzung, den "Stammbaum" von Anton Wall, hervor,
und als ich nun auf Proben, Ausstattung und Vorstellung dieser
Kleinigkeit ebenfalls die grte Aufmerksamkeit wendete, so konnte
nicht fehlen, dass ich mich von diesem nrrischen Schnaps so
durchdrungen fand, dass mich die Lust anwandelte, ihn nochmals zu
produzieren. Dies geschah auch mit Neigung und Ausfhrlichkeit; wie
denn das gehaltreiche Mantelsckchen ein wirklich franzsisches war,
das Paul auf jener Flucht eilig aufgerafft hatte. Inder Hauptszene
erwies sich Malkolmi als alter wohlhabender, wohlwollender
Bauersmann, der sich eine gesteigerte Unverschmtheit als Spa auch
einmal gefallen lsst, unbertrefflich und wetteiferte mit Beck in
wahrer, natrlicher Zweckmigkeit. Aber vergebens! Das Stck brachte
die widerwrtigste Wirkung hervor, selbst bei Freunden und Gnnern,
die, um sich und mich zu retten, hartnckig behaupteten: ich sei
der Verfasser nicht, habe nur aus Grille meinen Namen und einige
Federstriche einer sehr subalternen Produktion zugewendet.

Wie mich aber niemals irgendein ueres mir selbst entfremden konnte,
mich vielmehr nur strenger ins Innere zurckwies, so blieben jene
Nachbildungen des Zeitsinnes fr mich eine Art von gemtlich
trstlichem Geschft. Die "Unterhaltungen der Ausgewanderten,"
fragmentarischer Versuch, das unvollendet Stck "Die Aufgeregten"
sind ebensoviel Bekenntnisse dessen, was damals in meinem Busen
vorging; wie auch spterhin "Hermann und Dorothea" noch aus
derselbigen Quelle flossen, welche denn freilich zuletzt erstarrte.
Der Dichter konnte der rollenden Weltgeschichte nicht nacheilen und
musste den Abschluss sich und andern schuldig bleiben, da er das
Rtsel auf eine so entschiedene als unerwartete Weise gelst sah.

Unter solchen Konstellationen war nicht leicht jemand, in so weiter
Entfernung vom eigentlichen Schauplatz des Unheils, gedrckter als
ich; die Welt erschien mir blutiger und blutdrstiger als jemals, und
wenn das Leben eines Knigs in der Schlacht fr tausende zu rechnen
ist, so wird es noch viel bedeutender im gesetzlichen Kampf. Ein
Knig wird auf Tod und Leben angeklagt: da kommen Gedanken in Umlauf,
Verhltnisse zur Sprache, welche fr ewig zu beschwichtigen sich das
Knigtum vor Jahrhunderten krftig eingesetzt hatte.

Aber auch aus diesem grsslichen Unheil suchte ich mich zu retten,
indem ich die ganze Welt fr nichtswrdig erklrte, wobei mir denn
durch eine besondere Fgung "Reineke Fuchs" in die Hnde kam. Hatte
ich mich bisher an Straen-, Markt- und Pbelauftritten bis zum
Abscheu bersttigen mssen, so war es nun wirklich erheiternd, in
den Hof- und Regentenspiegel zu blicken: denn wenn auch hier das
Menschengeschlecht sich in seiner ungeheuchelten Tierheit ganz
natrlich vortrgt, so geht doch alles, wo nicht musterhaft, doch
heiter zu, und nirgends fhlt sich der gute Humor gestrt.

Um nun das kstliche Werk recht innig zu genieen, begann ich
alsobald eine treue Nachbildung; solche jedoch in Hexametern zu
unternehmen, war ich folgenderweise veranlasst.

Schon seit vielen Jahren schrieb man in Deutschland nach Klopstocks
Einleitung sehr lssliche Hexameter; Vo, indem er sich wohl auch
dergleichen bediente, lie doch hie und a merken, dass man sie besser
machen knne, ja er schonte sogar seine eigenen vom Publikum gut
aufgenommenen Arbeiten und bersetzungen nicht. Ich htte das gar
gern auch gelernt, allein es wollte mir nicht glcken. Herder und
Wieland waren in diesem Punkte Latitudinarier, und man durfte der
Voschen Bemhungen, wie sie nach und nach strenger und fr den
Augenblick ungelenk erschienen, kaum Erwhnung tun. Das Publikum
selbst schtzte lngere Zeit die Voschen frheren Arbeiten, als
gelufiger, ber sie spteren; ich aber hatte zu Vo, dessen Ernst
man nicht verkennen konnte, immer ein stilles Vertrauen und wre, in
jngeren Tagen oder anderen Verhltnissen, wohl einmal nach Eutin
gereist, um das Geheimnis zu erfahren. Denn er, aus einer zu ehrenden
Piett fr Klopstock, wollte, solange der wrdige, allgefeierte
Dichter lebte, ihm nicht geradezu ins Gesicht sagen: dass man in der
deutschen Rhythmik eine striktere Observanz einfhren msse, wenn
sie irgend gegrndet werden solle. Was er inzwischen uerte, waren
fr mich sibyllinische Bltter. Wie ich mich an der Vorrede zu den
Georgiken abgeqult habe, erinnere ich mich noch immer gerne, der
redlichen absicht wegen, aber nicht des daraus gewonnenen Vorteils.

Da mir recht gut bewusst war, dass alle meine Bildung nur praktisch
sein knne, so ergriff ich die Gelegenheit, ein paar tausend
Hexameter hinzuschreiben, die bei dem kstlichsten Gehalt selbst
einer mangelhaften Technik gute Aufnahme und nicht vergnglichen Wert
verleihen durften. Was an ihnen zu tadeln sei, werde sich, dacht'
ich, am Ende schon finden; und so wendete ich jede Stunde, die mir
sonst brig blieb, an eine solche schon innerhalb der Arbeit
vorlufig dankbare Arbeit, baute inzwischen und mbilierte fort, ohne
zu denken, was weiter mit mir sich ereignen wrde, ob ich es gleich
gar wohl voraussehen konnte.

So weit wir auch ostwrts von der groen Weltbegebenheit gelegen
waren, erschienen doch schon diesen Winter flchtige Vorlufer
unserer ausgetriebenen westlichen Nachbarn; es war, als wenn sie
sich umshen nach irgendeiner gesitteten Sttte, wo sie Schutz
und Aufnahme fnden. Obgleich nur vorbergehend, wussten sie
durch anstndiges Betragen, duldsam-zufriedenes Wesen, durch
Bereitwilligkeit, sich ihrem Schicksal zu fgen und durch irgendeine
Ttigkeit ihr Leben zu fristen, dergestalt fr sich einzunehmen,
dass durch diese einzelnen die Mngel der ganzen Masse ausgelscht
und jeder Widerwille in entschiedene Gunst verwandelt wurde. Dies
kam denn freilich ihren Nachfahrern zeugte, die sich spterhin in
Thringen festsetzten, unter denen ich nur Mounier und Camille Jordan
zu nennen brauche, um ein Vorurteil zu rechtfertigen, welches man fr
die ganze Kolonie gefasst hatte, die sich, wo nicht den Genannten
gleich, doch derselben keineswegs unwrdig erzeigte.

brigens lsst sich hierbei bemerken, dass in allen wichtigen
politischen Fllen immer diejenigen Zuschauer am besten dran sind,
welche Partei nehmen: was ihnen wahrhaft gnstig ist, ergreifen sie
mit Freuden, das Ungnstige ignorieren sie, lehnen's ab oder legen's
ob oder legen's wohl gar zu ihrem Vorteil aus. Der Dichter aber, der
seiner Natur nach unparteiisch sein und bleiben muss, sucht sich von
den Zustnden beider kmpfenden Teile zu durchdringen, wo er denn,
wenn Vermittlung unmglich wird, sich entschlieen muss, tragisch zu
endigen. Und mit welchem Zyklus von Tragdien sahen wir uns von der
tosenden Weltbewegung bedroht!

Wer hatte seit seiner Jugend sich nicht vor der Geschichte des Jahres
1649 entsetzt, wer nicht vor der Hinrichtung Karls I. geschaudert und
zu einigem Troste gehofft, dass dergleichen Szenen der Parteiwut sich
nicht abermals ereignen knnten! Nun aber wiederholte sich das alles,
grulicher und grimmiger, bei dem gebildetsten Nachbarvolke wie vor
unsern Augen, Tag fr Tag, Schritt fr Schritt. Man denke sich,
welchen Dezember und Januar dijenigen verlebten, die, den Knig zu
retten, ausgezogen waren und nun in seinen Prozess nicht eingreifen,
die Vollstreckung des Todesurteils nicht hindern konnten.

Frankfurt war wieder in deutschen Hnden; die mglichsten
Vorbereitungen, Mainz wieder zu erobern, wurden eifrigst besorgt. Man
hatte sich Mainz genhert und Hochheim besetzt. Knigstein musste
sich ergeben. Nun aber war vor allen Dingen ntig, durch einen
vorlufigen Feldzug auf dem linken Rheinufer sich den Rcken frei
zu machen. Man zog daher am Taunusgebirge hin auf Idstein, ber
das Benediktinerkloster Schnau nach Kaub, sodann ber eine wohl
errichtete Schiffbrcke nach Bacharach; von da an gab es fast
ununterbrochene Vorpostengefechte, welche den Feind zum Rckzug
ntigten. Man lie den eigentlichen Hunsrck rechts, zog nach
Stromberg, wo General Neuwinger gefangen wurde. Man gewann Kreuznach
und reinigte den Winkel zwischen der Nahe und dem Rhein; und so
bewegte man sich mit Sicherheit gegen diesen Fluss. Die Kaiserlichen
waren bei Speyer ber den Rhein gegangen, und man konnte die
Umzingelung von Mainz den 14. April abschlieen, wenigstens vorerst
die Einwohner mit Mangel, als dem Vorlufer grerer Not, in Angst
setzen.

Diese Nachricht vernahm ich zugleich mit der Aufforderung, mich an
Ort und Stelle zu zeigen, um, wie frher an einem beweglichen bel,
so nun an einem stationren teilzunehmen. Die Umzingelung war
vollbracht, die Belagerung konnte nicht ausbleiben; wie ungern ich
mich dem Kriegstheater abermals nherte, berzeuge sich, wer etwa die
zweite nach meinen Skizzen radierte Tafel in die Hand nimmt. Sie ist
einem sehr genauen Federumriss nachgebildet, den ich wenige Tage vor
meiner Abreise sorgfltig auf Papier gebracht hatte. Mit welchem
Gefhl, sagen die wenigen dazu gedichteten Reimzeilen:

    Hier sind wir denn vorerst ganz still zu Haus,
    Von Tr zu Tre sieht es lieblich aus;
    Der Knstler froh die stillen Blicke hegt,
    Wo Leben sich zum Leben freundlich regt.
    Und wie wir auch durch ferne Lande ziehn,
    Da kommt es her, da kehrt es wieder hin;
    Wir wenden uns, wie auch die Welt entzcke,
    Der Enge zu, die uns allein beglcke.






End of the Project Gutenberg EBook of Kampagne in Frankreich, by 
Johann Wolfgang von Goethe

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KAMPAGNE IN FRANKREICH ***

***** This file should be named 17664-8.txt or 17664-8.zip *****
This and all associated files of various formats will be found in:
        http://www.gutenberg.org/1/7/6/6/17664/

Produced by Andrew Sly

Updated editions will replace the previous one--the old editions
will be renamed.

Creating the works from public domain print editions means that no
one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
(and you!) can copy and distribute it in the United States without
permission and without paying copyright royalties.  Special rules,
set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark.  Project
Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
charge for the eBooks, unless you receive specific permission.  If you
do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
rules is very easy.  You may use this eBook for nearly any purpose
such as creation of derivative works, reports, performances and
research.  They may be modified and printed and given away--you may do
practically ANYTHING with public domain eBooks.  Redistribution is
subject to the trademark license, especially commercial
redistribution.



*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
Gutenberg-tm License (available with this file or online at
http://gutenberg.org/license).


Section 1.  General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
electronic works

1.A.  By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement.  If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
permission of the copyright holder found at the beginning of this work.

1.E.4.  Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5.  Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6.  You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
word processing or hypertext form.  However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
form.  Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7.  Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8.  You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
that

- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH F3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
